Walther Harich Jean Paul     1925 H. Haessel · Verlag · Leipzig   Meinem Vater gewidmet     Vorrede Nach unfaßbaren Gesetzen tauchen von Zeit zu Zeit die Großen der Geschichte aus Dunkel und Vergessenheit wieder ans Licht. Das vorliegende Buch steht unter dem gleichen Gesetz, das Jean Paul jetzt, hundert Jahre nach seinem Tode, wieder in unser Gesichtsfeld rückt. Hundert Jahre würde es dauern, prophezeite der glühende Börne, bis »sein schleichend Volk« ihm nachgekommen ist. Heut ist es so weit. Die Erschütterungen des Weltkriegs und der Nachkriegsjahre haben den Boden gelockert. Wir sind bereit, Jean Paul zu empfangen. Nachträglich ist es leicht erklärt, wie dieser große Dichter uns so lange entschwinden konnte. Von der größten Epoche deutscher Dichtung – viel größer als heute unsre Zünftigen ahnen – nahmen wir bisher nur auf, was durch Fleiß oder Intellekt überliefert werden kann. Untersank alles, zu dessen Aufnahme es eines aufgelockerten Menschentums bedarf. Untersank die seit Klopstock, in Hamann, Herder, Jean Paul nach einer deutschen Form suchende Bewegung. Das Feld beherrscht Goethe als Repräsentant einer im Persönlichkeitskultus hängenden Gesellschaftsschicht, und Kant, der den Mythos tötete. Persönlichkeit als Repräsentant formaler Bildung, Wissenschaft als logische Durchdringung der Welt. Der Zusammenbruch offenbarte, was uns fehlt: nicht Tüchtigkeit und Wissen, sondern Totalität und Herz. Jean Paul ist nur nachzuleben, nicht auf eine Formel zu 6 bringen. So mußte er, wie die Träger des Mythos jener Zeiten, uns entschwinden. Die Formel vererbte sich auf Kind und Kindeskinder, das Wesen entzog sich uns. Es ist nicht lehr- und lernbar, durch keine Tüchtigkeit, nur durch umfassendes Menschentum zu umgreifen. Jean Paul ist eine Welt. Wer ihr Zentrum nicht erfaßt, dem muß er überladen, zerstreut, barock erscheinen. Wer ihn begriffen hat, für den hat er den Formenreichtum der Gotik und das Allumfassende der Liebe. Er dient nicht seinem Werk, sondern seiner Sendung. Deshalb ist es schwerer, ihn zu lesen als einen Dichter, der nichts als sein Werk will. Er aber drückt sich selbst und sein Wesen, und damit das Wesen aller Dinge, im Werk aus. Es ist nur der Mittler zu seiner Welt voller Liebe und Geist. Aus unberührtem Neuland aufsteigend, durchdringt er die verschiedenen Schichten alten und neuen Bildungsgutes, die über Europa lagern. Wie ein Schwimmer stößt er ruckweise vorwärts, durch den Rationalismus, den Pietismus, durch Goethe und Schiller und die junge Romantik hindurch, um an allen diesen Stationen sich selbst zu verwirklichen. In ihm antwortet gewissermaßen die ewige Natur auf alle Fragen und Probleme des Geistes, und antwortet in unübersehbaren Bänden. Er ist nicht irgendein großer Dichter, sondern wie eine Naturkraft, und er hat die Weite einer Welt. Was uns heute aus der Exotik kommt und uns müde und überladene Europäer wie eine Offenbarung erschüttert, auch das liegt schon alles in ihm. Wie die Erde scheint er durch die Weisheit Laotses und die Stärke der Inder hindurchgegangen zu sein. Der Waldzauber Wolfram von Eschenbachs, seines Landsmanns, schwingt in ihm fort, und er lebt wie einer der Jünglinge der neuesten Jugendbewegung. Er hat die Kuriosa des Menschengeschlechts aus allen nur möglichen 7 verschollenen Büchern und Urkunden aufgelesen; das Schrifttum aller Zeiten und Völker ist ihm vertraut, am vertrautesten aber die Urtatsachen des Lebens, Geburt und Tod, Liebe und Freundschaft. Er malt die Erschütterungen des ungeheuren Schmerzes und die Entzückungen sich umklammernder Seelen. Er führt die Beladenen und Verstoßenen an die auch für sie gedeckten Tafeln der kleinen Freuden. Er löst die Landschaft in kosmische Gewalten auf, und sieht die Menschheit wie einen Salpeter, der an verschimmelte Wände anschießt. Der Blickwinkel eines Käfers und die Weltschau eines Gottes sind ihm gleich vertraut. Wie stellt sich das Werk Jean Pauls dar? Wenn man die Elemente dieses Werks auseinanderlegte, müßte man glauben, die Rudimente eines großen Lyrikers vor sich zu haben. Von solcher Intensität ist seine Sprache, von solcher Losgelöstheit sind seine Bilder, so gedrängt, »gedichtet« das Leben. Und doch entlädt er seine Gesichte in sechs gigantischen Romanen und ihrem Bände erfüllenden Beiwerk. In zwei theoretischen Werken, über Dichtkunst und Erziehung, die beiden Leitpunkte seines Daseins. Und in unüberschaubaren Schriften satirischen, philosophischen, politischen Inhalts. Aber dies alles ist nur der empirische Leib seiner metaphysischen Schau, wie der Kandidat und spätere Legationsrat Richter nur die empirische Gestalt des metaphysischen Menschen Jean Paul ist. Dahinter steht die Welt und das Wesen, zur reinsten Form geläutert, unbelastet von bloßem Stoff und Ungeformtem. Eine Welt wie die empirische, aber notwendig und Geist geworden, verwandelt durch ein Herz, das durch Liebe und Kraft schöpferisch ward. Und doch wieder in den Leib der Sprache und der Gestalten eingegangen, daß man den metaphysischen Jean Paul nur begreift, wenn man den empirischen erfaßt hat. 8 Unaufhaltsam wälzt sich der Strom seines Schaffens vorwärts, aber schließlich doch zu Einzelwerken gerinnend. Nicht ganz kann alles von den großen Abschnitten, als die seine einzelnen Werke sich darstellen, erfaßt werden. Unendliches Beiwerk säumt die Ufer. Aber das Werk ist die Form der dichterischen und geistigen Manifestation. Die einzelnen großen Werke werden deshalb im Vordergrund unsrer Darstellung stehen, und sie dürfen es, wenn wir wissen, daß sie das Letzte und Größte bei ihm, aber nicht alles sind. Ein unendlich mühsamer Prozeß ging voraus, ehe die Welt Jean Pauls sich zu ihrer Form, zum Werk, verdichtete. Den gleichen Weg muß die nachschaffende Darstellung zurückverfolgen. Es wäre leichter, wenn man allgemeine Kenntnis des Materials wenigstens in den Grundzügen voraussetzen dürfte. Wer aber weiß heute etwas von Jean Paul? Wer hat auch nur seine Hauptwerke gelesen, ja kennt auch nur ihre Titel? Sind doch sogar die meisten seiner Schriften nicht einmal im Buchhandel zu haben. Wir durften also nichts voraussetzen und müssen, unsre Darstellung belastend, Stoff sogar als Selbstzweck herantragen. Schon einmal, bei E. T. A. Hoffmann, leistete ich diese Kärrnerarbeit. Eine undankbare Aufgabe! Und allem widerstrebend, was unsre hoch entwickelte literarästhetische Methode endlich erobert hat. Fort von der Empirie zur Deutung des metaphysischen Phänomens! Aber die empirische Gestalt muß vorliegen, wenn man über sie hinaus will. Hier aber ist erst die Gestalt zu erobern, noch lange nicht »Literaturgeschichte als Problemgeschichte« zu schreiben. Der diese Forderung erhob, beschenkte uns mit dem ersten bedeutenden und tiefen Werk über Hamann, aber mit dem Ergebnis, daß Hamann heute genau so wenig im 9 Bewußtsein der Zeit vorhanden ist wie vordem. Gundolf, Unger, Walzel, Korff und andere haben eine Höhe der reinen Anschauung erklommen, die sie den schöpferischen Geistern nähert. Sie sind in die Tiefe der Persönlichkeiten und der Dinge gedrungen und haben letzte Erkenntnis des Schöpferischen gegeben. Aber eines scheint dabei in Gefahr: das einmalige und ganz persönliche Erlebnis der einzelnen Dichter, ihre Gestalt. Das Schöpferische wird ins Typische projiziert, die bestimmten Umrisse verdämmern. Diltheys Typenlehre und Wölfflins Prinzipien stehen an den Toren der neuen Literaturgeschichtsschreibung. Nach der langweiligen Empirie der Scherer-Schmidtschen Schule eine ungeheure Bereicherung, Vordringen zum gesetzmäßig notwendigen Ablauf des Geschehens. Aber die unerhörte Einmaligkeit der Gestalt darf darüber nicht vergessen werden. Mag noch so Feines über den Wechsel der Stile, die Kategorien des Ästhetischen ermittelt werden, der Mensch bleibt dennoch Träger aller Stile und allen Erlebens. Nicht der empirische Mensch, aber doch der, dessen empirische Erscheinung Sinnbild metaphysischen Geschehens ist. Jedenfalls, wo Neuland angepflügt wird, mag die Gestalt in die erste Linie gerückt werden, die Gestalt des Menschen und seines Werkes. Aber Mensch und Werk stehen nicht für sich, sondern in einer Umwelt, die ihrer Erscheinung erst Sinn gibt. Die Methode der neueren Literaturgeschichtsschreibung ist von der Philosophie und der bildenden Kunst her beeinflußt worden. So wird der Dichter vorzugsweise in Stil- und Geistzusammenhänge hineingehoben. Das hat nicht nur Berechtigung, sondern auch Notwendigkeit, aber man scheint mir damit noch immer nicht seine Einmaligkeit erfassen zu können, sondern auch hier dem Typischen zuzudrängen. 10 Stammeszugehörigkeit, Blut und Geschichte erst ordnen die einzelne Erscheinung in einen überpersönlichen Zusammenhang ein. Es ist Josef Nadler, der zuerst auf diese Dinge hinwies. Auf dieser Ebene, von Blut, Landschaft, Lage, geistiger und politischer Situation bestimmt, entfaltet sich erst die Persönlichkeit in ihrer Begrenzung und Weite. Die geschichtlichen Zusammenhänge, nicht die ästhetischen Kategorien geben der Gestalt Relief. Dichtung ist Kunst: Erst vom übergeordneten Begriff her empfängt jedes Ding seine Wertung. Kunst von Leben, Leben von Gott. Wir haben daher Jean Paul in seine historische, ja politische Situation hineingestellt, aber nur, weil jede empirische Situation Ausdruck einer metaphysischen ist. Es ist also mehr der »Roman« Jean Pauls, dem ich zudränge, als einer Auflösung seines Wesens in Stilgeschichte und Typenlehre. Er soll leben, mit seiner magern Blondheit durch seine ersten Bücher stürmen, in Hemdärmeln vor der Tasse Kaffee als kleiner Schulmeister am bekramten Tisch sitzen, behäbig geworden und beruhigt seines Innern Widersprüche in Valt und Wult (»Flegeljahre«) nachzeichnen. Und er soll es unbeschadet tun, weil wir in ihm immer das Walten eines drängenden Geistes spüren, das Ringen der Sehnsucht, die am Ausgang des 18. Jahrhunderts die Welt in Revolutionen und Kriegen durcheinanderwirbelte. Man weiß nichts von Jean Paul, oder die wenigen, die etwas von ihm wissen, könnten bequem mit Namen genannt werden. Und dennoch gibt es über ihn eine beträchtliche Literatur. An der Hand seiner Tagebücher könnte Tag für Tag seines Lebens verfolgt werden. Von seinem Neffen Richard Otto Spazier stammt eine Biographie, die in ihrer Art ein Meisterstück ist, und bis ans Ende des 19. Jahrhunderts sind immer wieder Jean Paul-Biographien geschrieben 11 worden, die es allerdings weniger sind. Niemand hat sich um diese Literatur bekümmert. Heute würde Spaziers Darstellung vielleicht manchen interessierten Leser finden. Aber naturgemäß enthält sie Unrichtigkeiten und unüberwindliche Längen, von der mangelhaften Wertung der Werke ganz zu schweigen. Dennoch kommt man um diese Biographie nicht herum, sie liegt auch unsrer Darstellung zugrunde wie allen späteren Arbeiten über den Dichter. In neuerer Zeit hat sich Eduard Berend mit Jean Paul beschäftigt, und in seinen Arbeiten wächst nun in der Tat ein Standardwerk heran, wie es fast allen Dichtern sonst längst beschieden ist. Von den vier dicken Bänden seiner »Briefe Jean Pauls« sind zwei erschienen, der dritte war mir durch die Liebenswürdigkeit des Verlages Georg Müller wenigstens in den Druckfahnen zugänglich. Diese Ausgabe der Briefe, mit aufschlußreichen Anmerkungen versehen, soll den Grundstock einer Gesamtausgabe der Werke bilden. Weder die erste Reimersche Ausgabe noch die zweite enthält sämtliche Schriften, geschweige denn die verschiedenen Fassungen und Lesarten. Nur der mit Jean Paul Vertraute vermag die Schwierigkeit eines Unternehmens zu ahnen, an das Berend herangegangen ist. Eduard Berend besorgte auch die erste größere Auswahl von den Werken Jean Pauls. Lange nicht alles Wichtige ist in ihr enthalten, aber wenigstens so viel, daß man sich auch von seiner Vielseitigkeit wieder ein Bild machen kann. Diese Berendsche Ausgabe muß heute in die Hand nehmen, wer sich mit Jean Paul zu beschäftigen gedenkt. Die stille Hoffnung, mit der ich meine Darstellung in die Welt sende, ist die, daß sich das Interesse an Jean Paul so steigert, daß sich endlich ein Verleger findet, der dem hervorragenden Forscher Berend bei seinem Plan einer Gesamtausgabe mit allen Mitteln hilft. Zur Ergänzung der 12 Berendschen Auswahl wird man am besten die von Richard Benz unter dem Titel »Blumen-, Frucht- und Dornenstücke« in erlesener Auswahl herausgegebenen kleinen Dichtungen Jean Pauls heranziehen. Eine ausführliche Bibliographie befindet sich am Schluß meiner Darstellung. Neben der Biographie Spaziers waren es in erster Linie die Hinweise Berends, die mich nennenswert unterstützten. In meiner Wertung Jean Pauls glaube ich durchaus eigne Wege gegangen zu sein. Ich bin mir bewußt, daß die vorliegende Arbeit nur einen ersten Versuch darstellt. Jean Paul bedarf einer nicht minder großen Literatur als Goethe. Eine unendliche Fülle von Problemen muß noch durchgearbeitet werden, ehe er endgültig bezwungen ist. Aber es ist ja nicht einmal so wichtig, daß die Philologen Arbeit bekommen, als daß das deutsche Volk endlich einen seiner ganz großen Dichter in sich aufnimmt. Zur Lektüre Jean Pauls hinzuleiten, durch die Fülle seines Schaffens einige Richtwege festzulegen, ist mein Hauptbestreben gewesen. Königsberg in Preußen, im Januar 1925 Dr. Walther Harich .         Inhaltsverzeichnis Kindheit und erste Jugend Gymnasiast und Student (Abelard und Heloise – Lob der Dummheit – Grönländische Prozesse) Der Satirenschreiber (Grönländische Prozesse I und II – Auswahl aus den Papieren des Teufels – Andachtsbüchlein) Durchbruch (Launigte Phantasie von J. P. Hasus – Was der Tod ist – Auswahl aus den Papieren des Teufels – Bayerische Kreuzerkomödie – Mitwörterbuch – Rede des toten Christus, daß kein Gott sei) Die unsichtbare Loge Idyllen (Fälbels Reise – Schulmeisterlein Wuz – Freudels Klaglibell – Die Mondfinsternis – Der Mond – Quintus Fixlein) Hesperus (Der Genius) Siebenkäs (Biographische Belustigungen – Salathkirchweih in Obersees – Blumen-, Frucht- und Dornenstücke – Die Vorrede) Weimar (Geschichte meiner Vorrede zur zweiten Auflage des Quintus Fixlein) Abschied von Hof (Jubelsenior – Kampanertal – Erklärung der Holzschnitte) Wanderjahre (Palingenesien – Fata in und vor Nürnberg – Briefe Jean Pauls – Konjekturialbiographie – Über Charlotte Corday – Clavis Fichtiana – Heimliches Klagelied jetziger Männer – Gianozzos Seebuch – Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht) Titan Vorschule der Ästhetik und Levana Flegeljahre Politische Schriften (Freiheitsbüchlein – Friedenspredigt – Dämmerungen für Deutschland – Über den Gott in der Geschichte – Krieg-Erklärung gegen den Krieg – Kleine Schriften) Idyllen und Humoresken (Museum – Herbstblumine – Bücherschau – Mein Aufenthalt in der Nepomukskirche – Doppelheerschau in Großlausau – Schmelzles Reise nach Flätz – Dr. Katzenbergers Badereise – Briefwechsel mit Rektor Seemaus – Leben Fibels) Der Komet (Vorreden – Über das Immergrün unsrer Gefühle – Der Papierdrache – Leichenrede auf die Jubelmagd Regine Tanzberger) Letzte Jahre (Wider das Überchristentum – Selina) Bibliographie     Kindheit und erste Jugend Am 15. Februar 1763 schloß der Hubertusburger Frieden den Siebenjährigen Krieg ab. Preußen, der Träger des aufgeklärten Absolutismus, behauptete sich in seinem Bestand. Ein neues Buch deutscher Geschichte, die ersten stürmischen Kapitel hinter sich, nahm seinen Fortgang. Das seit dem Dreißigjährigen Kriege zerrissene Reich, wüster Tummelplatz verantwortungsloser Dynastien, engherzigen und habgierigen Adels, schutzlose Beute äußerer Feinde, mußte den neuen Ausgangspunkt staatlicher Ordnung anerkennen. Quer durch das deutsche Chaos zog und festigte sich das neue Rückgrat Preußen, ein erstes organisches Gebilde, das seit dem auseinandergleitenden Mittelalter auf deutschem Boden sich zeigte. Mochten die Reste des alten Reiches gegen Preußen im Felde gelegen haben, über ganz Deutschland hin fühlte man doch, daß die im Norden befestigte staatliche Ordnung ein erster Ansatzpunkt war, den Schutt der alten Zeit zu beseitigen, und gab, wie Goethe, seiner »fritzischen« Gesinnung Ausdruck. Nach sieben Kriegsjahren stand fest, daß von Norden ein neuer Odem durch Deutschland wehte. Wenn man die Bilanz zog, war zwar auch hier mancher Verlust zu buchen, der unmittelbar sich bemerkbar machte. Der preußisch-baltische Kreis blieb zerrissen. Die von Friedrich I. versäumte Gelegenheit, die baltischen Provinzen sich untertan zu machen, war auch jetzt nicht einzuholen gewesen. Im Gegenteil: russische 16 Truppen hatten Jahre hindurch Königsberg besetzt. Wenn auch die geistigen Fäden herüber- und hinüberspielten, Hamann, Herder, Hippel nach altem Brauch ihre Lehr- und Wanderjahre in den Ostseeprovinzen absolvierten – so verhinderte doch die politische Zerrissenheit des deutschen Ostens sie, mit Kant an der Spitze einen preußisch-baltischen Kulturkreis als Gegengewicht gegen die Berliner und sächsische Aufklärung zu bilden, und sie standen einsam und vereinzelt in der geistigen Entwicklung da, zu deren Träger mehr und mehr das Berlin Friedrichs des Großen wurde. Berlin als Träger aber bedeutete die Aufklärung. Man ist heute gewohnt, von der Folgezeit her auf den deutschen Rationalismus als auf eine erstarrte und schwunglose Epoche zurückzublicken. Damit verkennt man den befreienden Zug, den die Aufklärung in das deutsche Leben, Geistes- wie politisches Leben, brachte. Nachdem jahrhundertelang ein Macht- und Raubkampf sinnlos hin und her getobt hatte, bei dem der Deutsche, mindestens das deutsche Volk, schutzloses Opfertier brutaler Vergewaltigung gewesen war, trat die Aufklärung, verkörpert durch einen siegreichen Staat, als Idee eines von Optimismus getragenen Fortschritts der Menschheit auf. Die gottgewollten Gewalten, unter deren Schutz bisher jeder Egoismus der Großen und Herren sich hatte ergehen können, verloren ihre zwingende Kraft. Vernunft trat an die Stelle des historisch Überlieferten. Geburt und Macht bedeuteten nunmehr nicht nur Vorrechte, sondern auch Verpflichtungen. Der Mensch als freies Vernunftwesen fühlte sich als Träger der den staatlichen und sozialen Ordnungen zugrunde liegenden Verträge. Ein ungeheurer Fortschritt in dem sozialen Bewußtsein, ein erster Schritt, das Reich der Vernunft über die Erde auszubreiten, Wohlstand und Zivilisation zu steigern, die 17 Völker zu bilden, mit Vorurteilen aufzuräumen, unter deren Gewalt Städte und Dörfer in Brand gesteckt, Felder verwüstet worden waren. Eine Neuordnung der Welt schien nahe bevorzustehen und mindestens erreichbar. War Vernunft nicht selbst die Waffe und zugleich die Entscheidung, von der nur an sie selbst zu appellieren war? Konnte anderes als Böswilligkeit sich ihrem Siegeszuge über die Erde entgegenstellen? Ein Hauch von sieghaftem Diesseitsoptimismus ging mit dieser Bewegung durch die Lande, verbunden mit selbstsicherer Kampffreudigkeit, einer Lust am Disputieren, die an die Zeiten der Reformation erinnerte. Der Ausspruch Ulrich von Huttens: »Es ist eine Lust zu leben!« hätte der Wahlspruch manch eines der rationalistischen Führer in Preußen, Sachsen oder Frankreich sein können. Diese Stimmung und geistige Einstellung fand in der von den Mächten anerkannten Behauptung des aufgeklärten preußischen Staatswesens durch den Hubertusburger Frieden ihre Bekräftigung. Gegenüber dem Deutschland des Friedens von Osnabrück, diesem Deutschland der Territorialdynastien, des » cujus regio, ejus religio «, hatte sich ein Neues durchsetzen können: ein Königreich der Gewissensfreiheit und mustergültigen Verwaltung. Ein Zentralpunkt der Volksbildung, der rationell durchorganisierten Wirtschaft. Eine Stätte, die die Geister anzog und Mittelpunkt einer neuen Kultur zu sein verhieß; ein zweites Athen, das von den Alten nicht ohne Geschick den klassischen Faltenwurf absah und seinen Parnaß zu bevölkern verstand. Zwar, noch ehe die Sonne der Aufklärung wenigstens ganz Deutschland überstrahlte, kündigten sich bereits neue Spannungen zwischen der diesseitsfreudigen Gegenwart und einer nahen Zukunft an. Schon 1759 waren Hamanns, 18 des nordischen Magus, »Sokratische Denkwürdigkeiten« erschienen. Kant, der ein Jahr vor Ausbruch des Krieges, gewissermaßen die naturwissenschaftliche Grundlegung der Aufklärung, seine »Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels«, herausgegeben hatte, arbeitete jetzt an seinen »Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen« und näherte sich schon hier in langsamem aber bewußtem Anmarsch dem Kampfplatz, auf dem er der Allherrschaft der Vernunft die vernichtende Niederlage beibringen sollte. In Frankfurt rang ein vierzehnjähriger Knabe mit dem Gretchenerlebnis. In langen Gesprächen ließ der junge Herder von Hamann sich unterweisen. Die ganze vernünftige Weltordnung erschütternd aber war bereits Rousseau am Horizont aufgetaucht und rief sein »Zurück zur Natur!« in die abendländische Zivilisation. Ein Kampfruf, der selbst in Kant eine Revolution hervorrief und dem er gerade in seiner Schrift über das »Gefühl des Erhabenen und Schönen« ein Echo gab. So lagen schon Spannungen in der Luft, ehe die Aufklärung sich mit Nicolais »Allgemeiner deutscher Bibliothek« 1765 in Berlin zu langem Bleiben einrichtete. Aber noch nirgends, außer von Hamann, wurden diese Gegensätze als feindliche empfunden, eher als Erweiterung und Bereicherung. Unaufhaltsam schien der Siegeszug der Vernunft und griff schon auf jenes preußenfeindliche oder dem neuen Geist abgekehrte Deutschland über, das seine länger als jahrhundertalten Formen in stumpfer Stetigkeit bewahrte. Hier war allerdings nur langsam und in zähem Ringen Boden zu gewinnen. Kaum ein größerer Gegensatz als das straff auf Leistung und rationelle Ausnutzung organisierte Preußen und die ganz anders gestimmte Welt etwa der österreichischen 19 Erblande, an deren zäher Beharrlichkeit einige Jahrzehnte später selbst Josephs II. Reformpläne scheitern sollten. Als die Welt der kleinen Duodezfürstentümer mit ihren landständischen Grafen und Herren, die über ihre Bauern wie über Sklaven verfügten, Untertanen noch immer als Kanonenfutter verkauften und nach Willkür Pfarrer, Gerichtshalter und Lehrer vozierten. Wenn in Preußen Pfarrer und Lehrer sich als Träger des Staatswillens und Pioniere der allgemeinen Bildung fühlen konnten, hier waren sie die Ärmsten der Armen, jeder Willkür preisgegeben, einem Schicksal des Hungers und der Demütigungen bestimmt. Wenig wurde die soziale Stellung durch die Zugehörigkeit zu einer der verschiedenen Konfessionen beeinflußt. Das Herrenrecht stand bei Protestanten wie Katholiken an erster Stelle in allen den kleinen Staaten und Fürstentümern, die noch im Schatten des Osnabrücker Friedens lebten. Wohl aber mußte die Konfession dem bloßen Dasein eine verschiedene Färbung geben. Die katholischen Länder waren immerhin durch ihre Kirche in einen größeren Zusammenhang hineingestellt, die protestantischen aber hatten als Schicksal nur, was ihnen der Umkreis ihres Ländchens davon bot, und das war wenig mehr als bloßes vegetatives Dasein. Je weniger sie in Probleme geistiger und politischer Entwicklung verflochten waren, je weniger sie sich an Fortschrittsideen und sozialen Idealen entzünden konnten, desto näher standen ihnen die Urprobleme des Lebens. Keine Begeisterung oder innere Inanspruchnahme vermochte sie über das Erlebnis des Hungers und der Not, der Liebe oder des Gewissens hinwegzuschnellen. Sie standen in keiner andern Entwicklung als der allgemein menschlichen von der Wiege bis zum Grabe. Geburt und Tod, das waren die Pole ihres äußern und innern Daseins. Sie lebten das Leben der ausgelieferten Kreatur, 20 hingegeben dem Wechsel der Jahreszeiten, des Mißwachses oder der gerüttelten Ernte, des Glücks und des Unglücks, wie es ihnen aus einer Laune der Erde, des Himmels oder ihrer Oberen zukam. Seit Jahrhunderten, genauer: seit die religiösen und konfessionellen Fragen aufgehört hatten, ins Innerste des Menschen zu greifen, war hier ein Reservoir menschlichen Daseins aufgespeichert, von Urerlebnissen erfüllt, von einer jungfräulichen Unberührtheit des Geistes, von den Kräften einer jungen und unverbrauchten Rasse, die sich bei der ersten Berührung mit den geistigen Mächten der Zeit wie eine Springflut ins Land ergießen mußte. Ganz anders mußte sie sich geben als etwa Goethe, der Erbe einer jahrhundertalten rheinischen Kultur, der das Dasein nur als Form und Gesellschaft kannte, in eine bewußte, vergeistigte Atmosphäre erhoben. Aus diesen von Geschichte und geistiger Entwicklung abseits gelassenen Bezirken mußte ein Strom des Daseins selber in die alte Kultur einbrechen, stärker an Urerlebnissen, an Vertrautheit mit der Schwere und Eigenart der Dinge, dem mühseligen Alltag, dem fluchbeladenen Menschen. Was durch die Einwirkung einer Epoche von umwälzenden naturwissenschaftlichen Entdeckungen und einer an der Scholastik geschulten rationalistischen Philosophie bereits spezialisiert und differenziert war, was sich durch Einfluß und Vorbild des französischen Hofes bereits verfeinert und vergeistigt hatte, das mußte nun aus einer neuen Schicht den Ansturm einer Ganzheit und Ungebrochenheit des Lebens aufnehmen. Wir kennen aus eigner Anschauung einen solchen Zusammenprall alter Bildungsmächte mit jungem unverbrauchtem Volkstum aus der russischen Literatur. Wie dort die Zivilisation des Westens mit der aufgespeicherten Kraft der russischen Erde sich berührte und unter dieser Berührung die 21 langen Romanreihen Dostojewskis und Tolstois erwuchsen, so erhob sich jetzt aus den bis dahin brachliegenden Schichten gerade der protestantischen Länder des alten Reichs, ohne Tradition, eine Reihe von schöpferischen Geistern, die in das ihnen dargebotene Erbe hineinwuchsen und zugleich ein Neues hineintrugen: das Gefühl von der zusammenhängenden Totalität des Lebens, das ihnen noch nicht in Teilgebiete und Einzelprobleme zerfallen war. Aus dem Herzen Deutschlands, aus Schichten, die der seit alters auf die deutsche Kultur einwirkenden Latinität des Südens und Westens entrückter waren, mehr unmittelbar und geradezu aus dem Boden stieg die neue Generation und zugleich in gewissem Sinne sogar neue Rasse der Hölderlin, Hegel, Schelling, auf denen noch ungeteilt die Schwere einer ganzen Welt lastete, die von ihnen neu zu gliedern und neu zu verteilen war. Von ihnen konnte keiner, nicht einmal theoretisch, die Kultur der Alten als unübertreffliches Vorbild und Muster hinnehmen. Und wo es, wie bei Hölderlin, der Fall schien, da war Griechentum nur Maske für das eigne Volk, um dessen Form und Sinn sie rangen. Sie, die aus ungeformten Schichten stiegen, waren weniger als Goethe geneigt, vorhandene Bildungen und Formen anzuerkennen, vielmehr getrieben, ihr Wesen auszusprechen und in Form nur das Vehikel ihrer Gedanken zu sehen. So schufen sie neue Formen der lyrischen oder philosophischen Weltschau, dem Rhythmus der Dinge nachgehend. Es lag an dem deutschen Schicksal, daß die deutsche Kultur dualistisch gerichtet war, Sein und Sollen darin auseinanderklafften, Diesseits und Jenseits feindlich gegeneinanderstanden. Aus der Berührung der jungen germanischen Stämme mit der spätrömischen Zivilisation war die deutsche Kultur erwachsen. Zwei Zeitalter, zwei Weltanschauungen 22 waren hier ineinandergeschoben. Über das Volksempfinden legte sich eine Bildungsschicht, die ihre Wurzeln im romanischen Süden hatte, nicht in der heimischen Erde. In Recht und Religion, in Bildung und Sitte machte diese Zweiheit sich bemerkbar. Auch die Aufklärung war von Zivilisationsbewußtsein getragen, ja, in ihr wirkte sich der Geist der spätrömischen Zivilisation vielleicht erst ganz aus. Alle Erscheinungen vor das Forum der Vernunft, der ratio , zu ziehen, war in hohem Maße romanisches, nicht deutsches Bedürfnis, war wiederum Angelegenheit einer in Rom wurzelnden Bildungsschicht, die wie in Winckelmann, und nach ihm in Goethe, auf griechische Kultur zurückzugehen glaubte, während sie dem Geist der römischen Kaiserzeit erlag. Nicht nur als katholische Kirche wirkte Rom in Deutschland fort, nicht weniger bedeutend waren die Nachwirkungen der spätrömischen Zivilisation, in der die jungen germanischen Stämme sich verfangen hatten und die dann auf dem Umweg über die fränkischen Könige auf die Bildung des deutschen Lebens einwirkte. Wenn Luther das Joch Roms abzuschütteln bemüht war, so brach in ihm eine volkhafte Bewegung aus deutschem Boden hervor; aber als Vorläufer der Aufklärung wiederum ersetzte er nur das Rom der Päpste durch das Rom seiner Kaiser und bereitete in Deutschland die Herrschaft der Vernunft, der mythoslosen ratio einer überalterten Zivilisation vor. Katholische Kirche und rationalistische Zivilisation, beide umklammerten als romanisch-lateinisches Erbe das deutsche Wesen, wenn nach einem fast tausendjährigen Überbauen durch romanische Begriffe von Kultur, Kirche, Staat, Recht überhaupt noch von einem deutschen Wesen die Rede sein konnte. Aber trotz allem war es da. Freilich nicht repräsentiert durch die Dynastien der kleinen Territorien, die nach dem 23 Pariser Vorbild sich richteten, und nicht einmal durch die Führer der geistigen Oberschicht, die in den Anschauungen einer rationalistischen Zivilisation befangen waren und die Sache der Aufklärung zur ihrigen machten. Es war da in den von der Latinität und ihren Auswirkungen noch unberührten Schichten, in dem gemeinen Volk, und darin vor allem in jenen Ländern, die noch im Bann der lutherischen Befreiungstat standen. Was aus diesen Schichten im zusammenstürzenden Mittelalter als Ruf nach einem deutschen Kaisertum immer wieder hervorbrach, nach einem starken Kaisertum gegen die Gewalt und Willkür der Territorialherren, das war die Sehnsucht nach deutscher Einheit und Auswirkung deutscher Wesenheit, das Verlangen nach einer deutschen Kultur, die die fremden Bildungs- und Begriffsschichten abwarf und aus der deutschen Erde und deutschen Eigenart emporwuchs. Aus den von der Latinität unberührten Schichten allein also konnte das Ringen um die deutsche Form kommen. Entsprechend der geistigen Lagerung setzte im fernen Preußen diese Bewegung ein. Kant, von allen am meisten mit dem Rationalismus verwachsen, wurde dennoch sein Zermalmer. Hamann, durch die Erschütterung seines Londoner Aufenthalts aufgerüttelt aus dem zivilisatorischen Handelsgeist, der ihn in Riga umfangen hatte, stellte der Aufklärung die Innerlichkeit und Intensität seines religiösen Gefühls entgegen. Herder stieg zu den Quellen der Geschichte nieder und zeigte die historischen Formen als nicht aus der Vernunft, sondern aus der Seele der Völker erwachsen auf. In diesen Vertretern des Ostens fand die aus dem Herzen Deutschlands und aus bisher unberührten Schichten aufsteigende neue Generation ihre Wegbahner. Um nur Württemberg zu nennen: Schiller, zur ehernen Dichterposaune 24 der kantischen Philosophie berufen, ging als erster voran. Hegel, Hölderlin (beide 1770 geboren) und Schelling (1775) folgten ihm. Unter der Berührung mit den geistigen Mächten der Zeit wuchsen die Söhne der von der römischen Kirche wie von der Aufklärung abseits liegenden protestantischen Länder in den deutschen Geist ein, nachdem Gestalten wie Schubart oder, in Sachsen, Günther den Boden gelockert hatten. Die einzige Tradition, deren sie teilhaftig waren, war Luthers Ringen um die deutsche Form gewesen, und dieses Ringen fand nun in der folgenden Periode des deutschen Idealismus und der deutschen Romantik seine Fortsetzung. Hierin wuchsen die ostpreußischen Denker mit den aus dem mittel- und süddeutschen Protestantismus stammenden Denkern und Dichtern zusammen, wie sehr im Verlauf der Entwicklung auch jeder seine eigne Individualität auswirken sollte. Von den verschiedensten Seiten strömte neues Leben in die deutsche Dichtung ein. Die höchste Vollendung konnte sie in Goethe, dem Sohn der freien Reichsstadt am Main und Erben der germanisch-romanischen Verschmelzung, erreichen. Hier aber war in der vollkommenen Blüte der Sinn einer Entwicklung geschlossen. Das Ringen um die Formwerdung eines neuen Reiches, an oder vor dessen Anfängen wir immer noch stehen, entstieg andern Bezirken. Die großen Ostpreußen gingen voraus und bahnten den kommenden Weg. Die katholischen Länder des Südens blieben abseits. Als aber die über Europa hingehende Welle der Aufklärung die bisher vom Zeitgeist unberührten Schichten der protestantischen Länder Süd- und Mitteldeutschlands erreichte, da strömten aus unverbrauchtem Volkstum die Begabungen in das deutsche Geistesleben ein und bildeten mit einer Fülle überquellender Werke die neue Front. An Schiller und Hölderlin, Hegel und Schelling sahen wir, 25 wie Württemberg in die deutsche Geistesentwicklung einschwenkte. Es war nicht die einzige Landschaft, die zu geistigem Selbstbewußtsein erwachte. Wenige Wochen nach dem Abschluß des Hubertusburger Friedens wurde in Wunsiedel im Fürstentum Baireuth Jean Paul geboren und in ihm der Dichter, der die Probleme seiner Zeit und eines aus unberührter Tiefe aufsteigenden neuen Volkstums am treuesten austragen sollte. Wir zogen die russische Literatur als Vergleich heran. Wie unter der Berührung der westlichen Kultur mit der russischen Erde die langen Romanreihen Dostojewskis und Tolstois längs des breiten Saums dieser Berührung aufrauschten, so begleiten Jean Pauls fast unübersehbare Werke sein Hineinwachsen in die geistigen Strömungen der Zeit. Aus bisher unberührten Schichten aufsteigend, einzig von der Tradition der lutherischen Befreiungstat getragen, riß er das deutsche Leben an entscheidender Wende in sich hinein und stellte es als Gestalt wieder heraus. Die Aufklärung, die großen Ostpreußen, das Genietum, Goethe, Schiller, Fichte und die Romantik, mit allen hat er sich auseinandergesetzt und aus der Berührung mit ihnen die Verwirklichung des deutschen Menschen gewonnen. Den Kulturoptimismus der Aufklärung vermochte er als der einzige unter den Großen der Zeit mit dem Nationalbewußtsein der Romantik, den seelischen Überschwang der Genieperiode mit der Hingebung an die Wirklichkeit zu versöhnen. Weil er in die wechselnden Ströme des Geistes immer sein Dasein hineintrug, das Haften an den Urtatsachen des Lebens. »Wer mich rein und recht beurteilen will,« schrieb Jean Paul in den Vorarbeiten zu seiner Selbstbiographie, »muß mich in meinem Ganzen nehmen.« Und rührte damit an die Hauptschwierigkeit, die sich seiner Würdigung in einem 26 Zeitalter des Spezialistentums entgegenstellen mußte. Das 19. Jahrhundert hat nur die Schätze der Vergangenheit zu bergen verstanden, die einer Teiluntersuchung sich erschlossen, die durch den Buchstaben mitgeteilt werden konnten. Es sah die intellektuellen Probleme, aber die Totalität eines Lebens und das bloße Dasein entzog sich seinem Zugriff. Weder erkannte es die Verschmelzung von Jean Pauls titanischer Hingerissenheit mit den wirklichen Lebensströmen der Zeit, noch, daß er seine Idyllen als den Schacht des unversiegbaren Lebens in ein umfassendes Weltbild hineinstellte. Man glaubte ihn als formlosen Stürmer und Dränger abtun zu können oder ihn zum Idylliker beschneiden zu müssen. Beides war er nicht, weil er beides war. Wir haben die geistige Konstellation bei seiner Geburt, wenige Wochen nach dem Hubertusburger Frieden, zu skizzieren versucht: Der Norden Deutschlands war von der europäischen Aufklärungswelle durchflutet. Im Osten bereitete sich schon die geschichtlich-heroische Weltauffassung des deutschen Idealismus vor. Die abseits liegenden Länder des süd- und mitteldeutschen Protestantismus, bis dahin vom Osnabrücker Frieden beschattet, unter dem Druck kleiner Despoten seufzend, hoben sich, berührt von der Aufklärung in die deutsche Entwicklung und das deutsche Geistesleben hinein. Unter dieser Konstellation wurde Johann Paul Friedrich Richter zu Wunsiedel im Fichtelgebirge als Sohn des Tertius (dritter Lehrer) und Organisten Johann Christian Richter an dem verheißungsvollen Datum des 21. März 1763 geboren.   Jean Pauls Heimat ist einer der düstersten und entlegensten Landstriche Deutschlands. Ein kärglicher Boden ernährt mühsam seine spärlichen Bewohner. Hochgelegen, am Fuß 27 scharf abfallender Berge, heftigen Winden ausgesetzt, treten die Winter hier mit verheerender Strenge auf. Frühlings- und Sommersehnsucht zieht sich durch Jean Pauls Werk hindurch. Von seinen in bunter Fülle schwellenden Landschaften bot ihm seine Heimat den Zauber der Farben und die phantastischen Linien. Wenn die dunklen Fichtenwälder auf den Säumen des Gebirges im Sonnenuntergang erglühten, die Nebelmeere über den sumpfigen Tälern standen, dann durfte er in der Tat die mythische Landschaft erschauen, in der seine Gestalten leben. Immer spielen seine Romane am Fuß der Gebirge, die seine Kindheit und Jugend umstanden, und wenn er sie in ferne Gegenden verlegt, so allenfalls an den Saum der Alpen, weil Gottes Schöpferhand ihm im Zug der Berge am sinnfälligsten sich darstellte und er in Gottes Schöpfung seine Gestalten eingebettet wissen wollte. Politisch gehörte Wunsiedel – Jean Paul nennt das Städtchen in richtigerer Fassung Wonsiedel – zum Fürstentum Baireuth, das wenige Jahre nach seiner Geburt mit Ansbach vereinigt wurde. 1791 kamen beide an Preußen, 1810 an Bayern. Dieser mehrfache Wechsel ist auf Jean Pauls Werk nicht ohne Einfluß geblieben. Die Eifersucht erbberechtigter Dynastien bildet ein ständiges Thema seiner Romane. In der rücksichtslosen Ländergier, die selbst vor Verbrechen in bürgerlichem Sinne nicht zurückschreckt, faßte er die ihm verhaßten Territorialdynastien bei ihrem angreifbarsten Punkte. Mit der Mehrzahl seiner Landsleute atmete er auf, als das Land an Preußen fiel und der Willkür seiner Fürsten entzogen wurde, wenn auch die Mätressenwirtschaft Friedrich Wilhelms II. zunächst wenig verlockende Aussichten bot. Man kann sagen, daß Jean Paul aus dem Herzen Deutschlands stammt. Denn das Fichtelgebirge ist die 28 Grenzscheide von Nord- und Süddeutschland. Nach allen Richtungen hin entsendet es deutsche Ströme. Aber Jean Pauls Heimat ist auch Grenzland, berührt sich mit slawischem Volkstum und weist wendischen Einschlag auf. So gehört auch das Fürstentum Baireuth zu dem deutsch-slawischen Ostraum, der um die Mitte des 18. Jahrhunderts eine so überraschende Anzahl genialer Köpfe hervorbrachte. Sei es, daß ein Tropfen wendischen oder slawischen Blutes die schlummernden Kräfte aufweckte oder in blutfremder Nachbarschaft gerade das eigne Volkstum sich rein und stark bewahrte, jedenfalls hat sich auch in Jean Paul eine Grenzscheide der Rassen als fruchtbar erwiesen. Sein Festhalten an der Sippe, am kleinen, von seinem Wesen ausgefüllten Raum, sein Hang zum »Nestmachen«, wie er es selber nennt, scheint wendische oder slawische Blutmischung bei ihm durchscheinen zu lassen. Aber wiederum konnte ihn das germanische Schweifen in die Ferne erfassen. Vielleicht war es überhaupt eine neue Rassenmischung, die in ihm und vielen seiner großen Zeitgenossen auftauchte und schon in Erscheinungen wie Günther, Bürger oder Schubart zutage trat. Eine Vermischung germanischer Erobererstämme mit irgendwelchen älteren autochthonen Bewohnern des Landes, die im Gegensatz zu der rein germanischen Oberschicht, etwa durch Goethe repräsentiert, nun aus der Tiefe sich hob und in die bisherige Herren- und Bildungsschicht eindrang. So wenig beweisbar im exakt wissenschaftlichen Sinne solche Vermutungen sind, so stützen sie sich doch auf augenscheinliche Tatsachen und Gegensätze des Wesens, die kaum anders als durch Rassengegensätze erklärt werden können. Jean Pauls Familie war seit Generationen im Fichtelgebirge ansässig. Sein Großvater Johann Richter lebte als Rektor, Kantor und Organist in Neustadt am Kulm. »An 29 dieser gewöhnlichen baireuthischen Hungerquelle für Schulleute stand der Mann (der zuvor Kantor in Rehau gewesen war) fünfunddreißig Jahre lang und schöpfte.« Mit einem Strich wird hier das Elend der armen Theologen umrissen, die in der oft vergeblichen Hoffnung auf eine Pfarrstelle als Schullehrer, Kantoren, Organisten ihr Leben für ein Jammergehalt fristeten, einen bewunderungswürdigen Heroismus des Entbehrens an den Tag legten und in furchtbarster Armut Kinder zeugten, denen wieder das gleiche Los bevorstand. Als der Großvater im Sterben lag, brachten die Eltern den fünf Monate alten Jean Paul in beschwerlicher Fußwanderung zu dem Großvater, daß er ihn segne. »Ich wurde in das Sterbebett hineingereicht, und er legte die Hand auf meinen Kopf.« In solchem tagtäglichen Elend, in strenger Einteilung jedes Bissens Brot, wuchs Jean Paul heran. Die Überzeugung, wie jämmerlich die Kreatur Mensch in die Hand des Höchsten gegeben ist, mußte sich ihm in die Brust schneiden. Wie Vertriebene irrten diese Menschen durch das Leben, an ewiges Unglück gewöhnt. Und wenn ein stiller Augenblick des Glücks oder der Weihe sich über sie ausgoß, mußten sie ihn nicht mit Tränen in den Augen empfangen? Mußte nicht selbst jede Erhöhung schmerzhaft die wundgestoßene Seele berühren? Jean Paul läßt seine Gestalten ungewöhnlich viel weinen. Im Glück und Unglück entstürzen Tränenströme ihren Augen. Es war nicht allein sentimentales Übermaß der Epoche, es war die durch Hungern und Entbehren überreizte Außenfläche, die jede Berührung bis zur schmerzhaften Erschütterung empfand. Bewegter als des Großvaters war das Leben des Vaters. Am 16. Dezember 1727 in Neustadt am Kulm geboren, besuchte er das Lyzeum in Wunsiedel als sogenannter 30 Alumnus oder »armer Schüler« und darauf das Gymnasium poeticum in Regensburg. Hier wurde seine starke musikalische Begabung entdeckt. »In der Kapelle des damaligen Fürsten von Thurn und Taxis, des bekannten Kenner und Gönner der Musik, konnte er der Heiligen, zu deren Anbetung er geboren war, dienen.« Später brachte es Johann Christoph Richter sogar zum beliebten Kirchenkomponisten des Fürstentums. Jean Paul erzählt, wie sein Vater im Lärm der Stube ohne Zuhilfenahme eines Instruments an den Winterabenden seine Partituren schrieb. Dennoch wagte der junge Künstler nicht den extravaganten Schritt, sein Leben der geliebten Kunst anzuvertrauen, sondern studierte in Jena und auf der baireuther Landesuniversität Erlangen Theologie, plagte sich bis zu seinem 32. Lebensjahr in St. Georgen bei Baireuth als Hauslehrer ab und erhielt 1760 den Posten eines Organisten und Tertius in Wunsiedel, die Frucht eines fast zehnjährigen Wartens auf Anstellung. Ein verhältnismäßig immer noch günstiges Geschick. »Er lebte auf Flügeln«, sagt Jean Paul von seinem Vater und bezeichnet damit das Hinreißende und Hingerissene seines Wesens. Ein Meister geselligen Scherzes, wurde er schon in Baireuth Liebling adliger Familien, und erregte durch seine außergewöhnliche Kanzelberedsamkeit Aufsehen. Ein Umstand, dem er wahrscheinlich nicht nur seine verhältnismäßig frühe Anstellung sondern auch seine Frau zu verdanken hat. In Hof im Vogtland verliebte er sich in Sophie Rosine Kuhn, die Tochter des wohlhabenden Tuchmachers Johann Paul Kuhn, und führte die Geliebte am 13. Oktober 1761 in sein Schulhäuschen in Wunsiedel als Gattin heim. Daß es ohne größeren Widerstand seitens ihrer Verwandten abging, war wohl der eindrucksvollen und 31 bedeutenden Erscheinung des jungen Schulmeisters zu verdanken. Denn im allgemeinen hätte ein junger Theologe vergeblich bei einem wohlhabenden Tuchmacher angeklopft. Man wird sich indessen das Vermögen der mütterlichen Familie nicht als zu groß vorstellen dürfen. Nach der Erbteilung blieb für Sophie Rosine herzlich wenig übrig. Und auch die gesellschaftliche Stellung kann nicht bedeutend gewesen sein. Auf den Jahrmärkten hielt Johann Paul Kuhn selbst in seinem Verkaufsstand seine Waren feil, und seiner Tochter fehlte es an jeder Bildung. Dennoch hat sich die Familie Kuhn sicherlich in engem Krämerstolz über den studierten Hungerleider erhaben gefühlt. Eine ältere Schwester ist bald nach der Geburt gestorben, so daß Johann Paul Friedrich Richter als Erstgeborner galt. »Gern bin ich in dir geboren, Städtchen am langen hohen Gebirge, dessen Gipfel wie Adlerhäupter zu uns niedersehen!« schreibt er von Wunsiedel. Zeit seines Lebens hat er an Wunsiedel mit treuer Liebe gehangen und die Stadt seiner ersten Kinderjahre mit bunten Phantasiefarben ausgeschmückt. Noch bei seinem ersten Hervortreten als Schriftsteller übersandte er ein Exemplar der »Grönländischen Prozesse« der Ratsbibliothek der Stadt. Aufgesucht hat er sie allerdings erst wieder im Alter, seinem Grundsatz gemäß, sich poetische Erinnerungen nicht durch eine vielleicht nüchterne Gegenwart zu gefährden. Nur durch wenige Tatsachen ist Wunsiedel bekannt geworden. Im Jahr 1462 verteidigte es sich mit Erfolg gegen ein Heer von 10000 Hussiten. Jean Paul erwähnt diesen Beweis der Tapferkeit seiner Mitbürger voller Stolz. 1795 wurde der Ermorder Kotzebues, Karl Sand, »der schwärmerischste deutsche Jüngling neuester Zeit«, wie Jean Pauls erster Biograph Richard Otto Spazier schreibt, in 32 Wunsiedel geboren. Wenn auch Jean Paul sich von der mörderischen Gewalttat abgewendet hat, die Kampfeinstellung Sands für die deutsche Freiheit und Einheit teilte er. In ihr trafen die beiden berühmt gewordenen Söhne der Stadt zusammen. Einen Tag nach seiner Geburt wurde der kleine Fritz, wie er genannt wurde, vom Senior (ältesten Pfarrer) Apel getauft. Seine Taufpaten waren der mütterliche Großvater Johann Paul Kuhn und der Buchbinder Johann Friedrich Thieme, »der damals nicht wußte, welchem Mäzen seines Handwerks er seinen Namen verlieh.« Daß der Tag seiner Geburt der Anfang des Frühlings war, konnte auf einen Dichter nicht ohne Eindruck bleiben. »In dem Monate,« schreibt Jean Paul über sein Geburtsdatum, »wo mit ihm noch die gelbe und graue Bachstelze, das Rotkehlchen, der Kranich, der Rohrammer und mehrere Schnepfen und Sumpfvögel anlangten, nämlich im März; – und zwar an dem Monattage, wo, falls man Blüten auf seine Wiege zu streuen hatte, gerade dazu das Scharbock- oder Löffelkraut und die Zitterpappel in Blüte traten, desgleichen der Ackerährenpreis oder Hühnerbißdarm, nämlich am 21. März; – und zwar in der frühesten frischesten Tagzeit, nämlich am Morgen um eineinhalb Uhr; was aber alles krönt, war, daß der Anfang seines Lebens zugleich der des damaligen Lenzes war.« Der 21. März blieb für den Dichter zeitlebens ein Tag symbolischer Bedeutung, ihm nahte er geheiligt und gereinigt und schrieb ihm eine schicksalwendende Kraft zu. Eine mit dunklen Bedeutungen spielende Mystik, der er sich gern ergab, knüpfte er mit Vorliebe an den Lenzanfang. Man kann sagen, daß sein ganzes Werk eine Apotheose des Frühlings ist, wie fast alle seine Helden im Frühling des Lebens stehen und der Sommerseligkeit zureifen. »So viel 33 ist gewiß,« schrieb er noch im März 1822, »die Tag- und Nachtgleiche, in der ich geboren bin, ist Bild, wenn nicht Grund einer geistigen in mir – Phantasie und Reflexion sind sich ziemlich gleich zugewogen, so vielleicht moralisch gut und böse und zuletzt wohl Schicksale.« Und: »Das einzig Wunderbare, was sich bei meiner Geburt zutrug, war, daß der Tag und die Nacht gleich waren, als Vorspiel meines Doppelstils« (des humoristischen und des heroischen). So war Jean Paul mit der Natur und einer phantastischen Ausdeutung des Frühlingsanfangs verwachsen. Schon die scherzhaften Sätze über die Flora und Fauna seines Geburtstages zeigen die tiefe Vertrautheit mit allem, was da kreucht und fleucht, und ebenso magisch gebunden wie an das Datum seiner Geburt blieb er an die Stätte seiner ersten Tage. Bevor er zum Selbstbewußtsein erwachte, siedelte die Familie nach Joditz über, wohin der Vater von der Freifrau von Plotho in Zedtwitz, geborne Bodenhausen, als Pfarrer voziert war. Joditz, ein kleines Dorf an der Saale, zwei Meilen von Hof entfernt, nahm nun den allmählich zum Bewußtsein Erwachenden auf, um ihn bis zu seinem dreizehnten Lebensjahr zu beherbergen. »Die Saale, gleich mir am Fichtelgebirge entsprungen, war mir bis dahin nachgelaufen . . . Der Fluß ist das Schönste, wenigstens das Längste von Joditz, und läuft um dasselbe an einer Berghöhe vorüber, das Örtchen selber aber durchschneidet ein kleiner Bach mit seinem Stege kreuzweise. Ein gewöhnliches Schloß und Pfarrhaus möchten das Bedeutendste von Gebäuden da sein. Die Umgegend ist nicht über zweimal größer als das Dörfchen, wenn man nicht steigt.« Mit diesen wenigen Strichen zeichnet Jean Paul den Ort, der ihm eine Welt umschloß und in dem sein Leben wie sein Schaffen bis an sein Ende wurzeln 34 sollte. Kaum eines seiner Werke, das nicht die Joditzer Kindheit zum Ausgangspunkt hätte. Unauslöschlich bleiben die Dorferinnerungen in seinem Gemüt haften. Weder Leipzig noch Berlin noch sonst ein Ort der großen Welt hat ihm geben können, was das einsame Dorf im Fichtelgebirge ihm gab. »Lasse sich doch kein Dichter in einer Hauptstadt gebären und erziehen,« schreibt er in seiner Selbstbiographie, »sondern wo möglich, in einem Dorfe, höchstens in einem Städtchen.« Nachdem er von den kalten Zonen ungekannter und ungeliebter Menschen in der Stadt gesprochen, fährt er fort: »Aber im Dorfe liebt man das ganze Dorf und kein Säugling wird da begraben, ohne daß jeder dessen Namen und Krankheit und Trauer weiß; die Joditzer haben sich alle ineinander hineingewohnt und hineingewöhnt; – und dieses herrliche Teilnehmen an jedem, der wie ein Mensch aussieht, . . . brütet eine verdichtete Menschenliebe aus, und die rechte Schlagkraft des Herzens. – Und dann, wenn der Dichter aus seinem Dorfe wandert, bringt er jedem, der ihm begegnet, ein Stückchen Herz mit, und er muß weit reisen, eh' er endlich damit auf den Straßen und Gassen das ganze Herz ausgegeben hat.« Die verdichtete Menschenliebe hat das Dorf ihm in der Tat mitgegeben, und er selber ist der Dichter, der aus seinem Dorfe wanderte und jedem ein Stückchen Herz mitbrachte. Nicht allein denen, die ihm begegneten, sondern allen seinen Tausenden von Lesern, denen er sich in bewußter und seliger Offenbarung, in einer Art edelster Schamlosigkeit hingab. In seiner Selbstbiographie hat Jean Paul die Schwere seiner Kindheit, wahrscheinlich aus Ehrfurcht vor der geheiligten Gestalt seines Vaters, gemildert und durchsonnt. Nur im Werk kann man hier und dort durch die Dichtung 35 die Wahrheit hindurchahnen, und viel von der Bitterkeit, mit der Vult in den »Flegeljahren« von seinen Eltern spricht, wird sich in seiner eignen Seele geregt haben. Dem Vater waren wohl schon in Joditz, zum mindesten in den letzten Jahren, die Schwingen zerbrochen, und an die Stelle des liebenswürdigen Gesellschafters war mehr und mehr der»strenge Gesetzprediger«, der harte und uneinsichtige Erzieher getreten. Gegenüber dem Pfarrhaus lag die Wohnung des Schulmeisters, in der Fritz mit seinem Bruder Adam den ersten Unterricht genoß. Mit dem Abcbuch in der Hand betrat er die hohe Schule »in einer grüntafftenen Haube, aber schon in Höschen (die Schulmeisterin ersetzte öffentlich dabei meine schwachen Händchen).« Mit dem freundlichen Lehrer – alle diese Gestalten wird er später nicht müde liebevoll auszumalen – teilte er die Spannung des Vogelfangs mit dem zum Fenster hinausgehaltenen Finkenkloben oder dem Zuggarn auf dem Vogelherde draußen. Besonders erinnerte er sich »der langen ausgestopften Zapfen aus Leinwand, welche in kleinen durch die Holzwand gebohrten Luftlöchern steckten und die man nur herauszuziehen brauchte, um in den offenen Mund die herrlichsten Erfrischungen von Luft aus dem Froste draußen einzunehmen.« Auch hier wieder diese Vertrautheit mit den Elementen, die kleinen Erlebnisse, die in ihrer Gebundenheit an das dürftige aber naturhafte Material Welten in sich schließen, wie das Atemholen an den Luftlöchern der Holzwand. Aber die ihn beglückende Schulzeit fand ein jähes Ende, weil »ein langer Bauernsohn . . . mich mit dem Einlegmesser ein wenig auf die Fingerknöchel geschlagen.« Infolgedessen nahm der ängstliche Vater die Söhne aus der Schule, um sie nun allein zu unterrichten. »Mir gegenüber mußt' ich 36 jeden Winter die Schulkinder in einen Hafen einlaufen sehen, der mir versperrt war.« Der Unterricht des Vaters bestand darin, daß er den Söhnen vier Stunden vor-, und drei Stunden nachmittags aus dem Katechismus, der Bibel, Wörterbüchern und Langens Grammatik zum Auswendiglernen aufgab und sie außerdem während des Winters vollständig ans Haus fesselte. Ganze Jahre lang hat Jean Paul, solange der Winter dauerte, den engen geschlossenen Raum überhaupt nicht verlassen dürfen, oder doch nur gelegenheitsweise, wenn es im Dorf etwas Besseres zu tun gab. Im Sommer ging es nur wenig besser. Es war gar nichts Leichtes, »an einem blauen Juniustag, wo der Alleinherrscher Vater nicht zu Hause war, sich selber in einen Winkel festzusetzen und gefangenzunehmen und zwei oder drei Seiten von Vokabeln desselben Buchstabens oder ähnlichen Klanges in den Kopf einzuprägen und einzubauen.« »Man muß sich nicht wundern, wenn mein Bruder Adam deshalb immer Schläge von solchen Tagen davontrug.« Von sich kann er berichten, daß er niemals geschlagen wurde, denn »er wußte immer das Seinige.« Schon hier trat die staunenswerte Begabung des Knaben hervor. Für Fritz gab es keine Aufgabe, die er nicht mit Feuereifer aufgriff. Er lernte mit einem unersättlichen Heißhunger, auch wenn es sich nur um das Auswendiglernen eines Vokabelbuchs oder grammatischer Regeln handelte. Wo er auch hinkam, überall erregte sein Wissen begreifliches Aufsehen. Was ihm auch vorgehalten wurde, es war für ihn ein Zipfelchen der großen Welt der Gelehrsamkeit, und er ruhte nicht, bis er wenigstens alles ihm Erreichbare völlig in sich eingeschlungen hatte. Seine Aufnahmefähigkeit war grenzenlos, sein Gedächtnis umfassend wie das eines Halbwilden. In ihm schlummerte nicht nur der große Dichter, sondern 37 auch eine der ganz großen intellektuellen Begabungen, wie gerade jene Zeit ihrer in Hegel, Schelling, Wilhelm von Humboldt hervorgebracht hat. Dennoch litt er unter den Erziehungsgrundsätzen seines Vaters. Aber vielleicht war diese Erziehung seiner Natur gemäß. Er lernte nach Glück hungern und jede freie Stunde unter dem Sonnenhimmel als köstliches Geschenk aufnehmen. Und wenn er Monate hindurch in ein Zimmer gebannt war, so verwuchs er mit allen Adern wenigstens in den kleinen Ausschnitt der Welt, der ihm geboten war. Und dieser kleine Ausschnitt war ja auch nicht ein beliebiges Zimmer, nach einer Willkür des Überflusses und zufällig ornamentalen Gesichtspunkten ausgestattet, sondern es war ein von Fülle berstender Lebensumkreis, unter dem Gesetz der Notwendigkeit stehend. Wir sehen die Familie in dem einen Wohnzimmer versammelt, wenn draußen der Januarwind von den Höhen niedertobt. Der Vater sitzt wie gewöhnlich in der Fensternische und lernt an der Sonntagspredigt. (Übergroße Gewissenhaftigkeit verbot ihm, sich auf seine Improvisationsgabe zu verlassen.) Die drei Söhne »Fritz (das bin ich selbst) und Adam und Gottlieb (denn Heinrich kam erst gegen das Ende des Joditzer Idyllenlebens dazu) trugen abwechselnd die volle Kaffeetasse zu ihm, um noch froher die leere zurückzuholen, weil der Träger aus ihr die ungeschmolzenen Reste des gegen Husten genossenen Kandiszucker frei aus ihr nehmen durfte. Draußen deckte zwar der Himmel alles mit Stille zu, den Bach, durch Eis, das Dorf mit Schnee; aber in der Wohnstube war Leben, unter dem Ofen ein Taubenschlag, an den Fenstern Zeisige- und Stieglitzenhäuser, auf dem Boden die unbändige Bullenbeißerin, unsere Bonne, der Nachtwächter des Pfarrhofs, und ein Spitzhund, und der artige Scharmantel, ein Geschenk der 38 Frau von Plotho, – und darneben die Gesindestube mit zwei Mägden; und weiter gegen das andre Ende des Pfarrhauses der Stall mit allem möglichen Rind-, Schwein- und Federvieh und dessen Geschrei; unsere auch vom Pfarrhofe umschlossene Drescher könnt' ich mit ihren Flegeln auch rechnen. So von lauter Gesellschaft umgeben, brachte nun leicht der ganze männliche Teil der Wohnstube den Vormittag mit Auswendiglernen zu, nahe neben dem weiblichen Kochen.« Ein sinnvoller Lebenskreis rundet sich hier um den jungen Betrachter, dem die Vertrautheit mit dem Alltag, seinem Gerät und seinen Gewohnheiten eine unschätzbare Mitgift des elterlichen Pfarrhauses war. Wenn die Dämmerung sank, schloß sich der Kreis noch enger zusammen. Der Vater ging auf und ab, »und die Kinder trabten unter seinem Schlafrock nach Vermögen an seinen Händen.« Unter dem Gebetläuten wurde ein Lied gesungen. »Die Abendglocke ist gleichsam der Dämpfer der überlauten Herzen und ruft, als der Kuhreigen der Ebene, die Menschen von ihren Läufen und Mühen in das Land der Stille und des Traums.« Die Fensterläden wurden geschlossen und von der Gesindestube her kam der erwartete »Mondaufgang« des Talglichts. Während der Vater an seinen Partituren arbeitete, saßen die Kinder spielend am langen Schreib- und Eßtisch, ja sogar auch unter ihm. »Unter die Freuden, welche auf immer der schönen Kinderzeit nachsinken, gehört auch die, daß zuweilen ein so grimmiges Frostwetter eintrat, daß der lange Tisch der Wärme wegen an die Ofenbank geschoben wurde; und wir lauerten den ganzen Winter über auf dies frohe Ereignis.« Von Zeit zu Zeit kam die alte Botenfrau, mit Schnee behangen, mit ihrem Frucht- und Fleisch- und 39 Warenkorbe in die Gesindestube, und vor den kleinen Augen breitete sich im Auszug einiger Butterwecken aller Reichtum und Glanz der fernen Stadt. Oder die Viehmagd erzählte am Spinnrocken in der Gesindestube beim Licht des Kienspans Märchen und Schauergeschichten, die auf den reizbaren Knaben tiefen Eindruck machten, so daß er klappernd vor Frost und Angst im Bett lag, bis der Vater, mit dem er das Bett teilte, zur Ruhe ging. Oder auch in der Kirche, wenn er dem Vater die Bibel in die Sakristei nachtrug, lag die nachstürzende Geisterwelt auf seinem Nacken, und in grausigen Fluchtsprüngen suchte er die Tür der schützenden Sakristei zu erreichen. Diese enge Nachbarschaft alles Lebendigen, dieses Versammeltsein von Hunden und Vögeln in der menschlichen Stube, dieses Schlafen im gleichen Bett, will uns heute unappetitlich und unhygienisch erscheinen. Aber um die bessere Hygiene tauschten wir doch das Glück der warmen Hautberührung und die kreatürliche Zusammengehörigkeit, die damals Gemeinbesitz war. Seit ein jedes Familienmitglied Anspruch auf sein gesondertes Arbeitszimmer erhebt, ist einer der tiefsten Schachte menschlichen Glücks ausgelaufen. Wer noch, aus unteren Schichten emporsteigend, daran Teil hatte wie Jean Paul, nahm seelische Kräfte in sein Leben mit, über die der aus Herren- und Bildungsschichten Stammende nicht mehr verfügt. Darum starb Goethe in verlorener Einsamkeit, Jean Paul aber im Arm der Seinen. Und die Armut, die ihn auch später mit Mutter und Brüdern in ein Zimmer pferchte, ließ ihn doch nie bis zur Verzweiflung unglücklich werden, weil er den Reichtum menschlicher Nähe auszukosten verstand. – Wie eine Befreiung wirkte nach der winterlichen Abgeschlossenheit der anbrechende Frühling. »Was das heißt, 40 auf einmal nicht nur aus Stadtmauern, welche viel Feld umschließen, sondern aus Hofmauern, und zwar sogar über das ganze Dorf, hinwegzukommen in mauerfreie Bezirke hinaus und in das Dorf von oben zu sehen, in das man nicht von unten gesehen!« schreibt er. Ackern, Säen, Pflanzen, Mähen, Heumachen, Kornschneiden, Ernten – ein Reigen von Frühlings- und Sommerfesten tanzt vorüber. »Die Morgen glänzen mir noch mit unvertrocknetem Tau«, an denen er dem Vater den Kaffee in den Pfarrgarten trug, der außerhalb des Dorfes lag. Das Auswendiglernen wurde jetzt im Grase liegend betrieben. Abends begleiten die Kinder die Mutter zu den Salatbeeten und den Beerensträuchern, und das Herrlichste: man konnte zur Nacht essen, ohne Licht anzuzünden! Die kleinen Freuden des unsterblichen Quintus Fixlein und des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wuz, sie haben an den Sommertagen des Knaben ihre Fackeln entzündet. Die Zeit der ersten Liebe nahte. Es war ein kleines gleichaltriges Bauernmädchen mit eirundem pockennarbigen Gesicht, das sein Herz gefangen nahm, Augustina Römer geheißen. Zu einer Liebeserklärung kam es zwar nicht, aber in der Kirche sah er sie von seinem Pfarrstuhl aus in ihrem Weiberstühlchen sitzen und konnte ihren Anblick nicht satt bekommen. Wenn sie Abends die Weidekühe nach Hause trieb, die er am Geläut kannte, so kletterte er auf die Hofmauer, um sie zu sehen und heranzuwinken, und lief dann wieder hinab an den Torweg, um ihr etwas Eßbares, Zuckermandeln oder sonst etwas Köstliches, zuzustecken. »Leider trieb er's in manchem Sommer nicht dreimal zu solchem Glück«, und in all den Jahren kam er nicht einmal dazu, ihr die Hand zu drücken, geschweige denn sie zu küssen. Aber noch als die Familie nach Schwarzenbach gezogen war, 41 übersandte er der heimlich und glühend Geliebten durch einen Boten selbstverfertigte Potentatenbilder, die er mit Fett und Ruß nach ihrem gemalten Leben gezeichnet und mit dem Farbenkästchen täuschend illuminiert hatte. Besondere Oasen bildeten die Sonntage. Schon am taufrischen Morgen holte Fritz Rosen aus dem Pfarrgarten, um die Kanzel des Vaters zu schmücken. Nach der Kirche durfte er den Fronbauern, die wochüber in der pfarrherrlichen Landwirtschaft tätig gewesen, das reichlich ausfallende Halbpfundbrot überbringen und Freude austeilen. Die festlichste Abwechslung aber brachte der Besuch der Pfarrleute Hagen aus dem nahe gelegenen Köditz, die unter der Predigt erschienen. Spätabends, nach einem Tag voller Freuden und Spiele, begleitete das Joditzer Pfarrhaus das Köditzer bis weit über das Dorf hinaus, und eine solche Seligkeit erfüllte den Knaben dabei, daß das verlängerte Abschiednehmen und Begleiten von Freunden in den Abend hinein ein immer wiederkehrendes Thema seiner späteren Romane wurde. Auch ward den Köditzern der Besuch erwidert, und das freie Spielen mit einem gleichaltrigen Kameraden im befreundeten Hause bedeutete lange nachwirkende Seligkeit. Hier errang er auch die ersten Lorbeeren, wenn er vor den Pfarrleuten pathetisch des Vaters letzte Sonntagspredigt wiederholen mußte und glänzend abschnitt. Eine besondere Rolle spielte in dem kleinen Leben naturgemäß die Familie des Patronatsherrn Freiherrn von Plotho auf Zedtwitz. Plotho war preußischer Gesandter beim Regensburger Reichstag gewesen. Goethe erwähnt ihn in seiner Beschreibung der Krönung Josephs II. und bemerkt, daß sein Auftreten dem Bilde entsprach, das sich die Frankfurter von dem Vertreter des großen Preußenkönigs gemacht hatten. Jedesmal wenn der Vater »bei Hofe« 42 gewesen, setzte er Frau und Kinder in ländliches Erstaunen über hohe Personen und deren Hofzeremoniell, über Speisen und Eisgruben und Schweizerkühe. Berichtete voller Stolz, wie er aus dem Domestikenzimmer sehr bald zur Tafel gezogen wurde, wenn auch daran die bedeutendsten Rittergutsbesitzer des Vogtlandes saßen und aßen. Jeden Gründonnerstag holte eine prächtige Kutsche den Pfarrer als Beichtvater zur Abendmahlfeier der Herrschaft ab, und die Kinder wurden, bis der Vater fertig war, darin mit ihren Entzückungen im Dorfe ein wenig herumgefahren. Einmal aber wurde Fritz mit nach Zedtwitz genommen, drückte der Freiherrin den zeremoniellen Kuß auf ihr Kleid und empfing in dem Schloßpark die ersten Eindrücke von vornehmen Gärten, in denen er später im Werk wie im Leben heimisch werden sollte. Erlebnisreicher waren die Gänge nach dem großelterlichen Hof, weil sie mit den Wundern der Stadt verbunden waren. Den Quersack auf dem Rücken ging es zuerst durch gewöhnliche reizlose Gegenden, dann durch einen Wald und darin über einen brausenden Fluß voller Felsstücke, »bis endlich auf einer Felderhöhe die Stadt mit zwei Brudertürmen und mit der Saale in der Talebene den begnügsamen kleinen Boten übermäßig überschüttete und ausfüllte. Vor einem Höhleneingang nahe an der Vorstadt, in welchen der Sage nach sich die Höfer im Dreißigjährigen Kriege geflüchtet hatten, ging er mit dem kindlichen Schauer vor allen Kriegen und Marterzeiten vorüber; und die nahe Tuchwalkmühle erweiterte mit ihren fortdauernden Donnerstößen und den unbändigen Maschinenbalken seine Dorfseele weit und groß genug, um die Stadt geräumiger darein aufzunehmen.« Zum erstenmal auf diesen Fahrten packte ihn die Fülle der Welt und die grenzenlose Verlorenheit alles Lebendigen auf ihr. »Noch erinnert er sich eines Sommertages, wo ihn, da er auf der Rückkehr gegen zwei Uhr die sonnigen beglänzten Bergabhänge und die ziehenden Wogen auf den Ährenfeldern und die Laufschatten der Wolken überschaute, ein noch unerlebtes gegenstandsloses Sehnen überfiel, das aus mehr Pein und wenig Lust gemischt und ein Wünschen ohne Erinnern war. Ach es war der ganze Mensch, der sich nach den himmlischen Gütern des Lebens sehnte, die noch unbezeichnet und farbelos im tiefen weiten Dunkel des Herzens lagen und welche sich unter den einfallenden Sonnenstreifen flüchtig erleuchteten. Es gibt eine Zeit der Sehnsucht, wo ihr Gegenstand noch keinen Namen trägt und sie nur sich selber zu nennen vermag.« Es war ein Augenblick des inneren Erwachens, wie es ihn wohl um dieselbe Zeit zum erstenmal erschüttert hatte. »Nie vergeß ich die noch keinem Menschen erzählte Erscheinung in mir, wo ich bei der Geburt meines Selbstbewußtseins stand, von der ich Ort und Zeit anzugeben weiß. An einem Vormittag stand ich als ein sehr junges Kind unter der Haustür und sah nach der Holzlege, als auf einmal das innere Gesicht, ich bin ein Ich, wie ein Blitzstrahl vom Himmel vor mich fuhr und seitdem leuchtend stehenblieb: da hatte mein Ich zum ersten Male sich selber gesehen und auf ewig.« Er war in das erschreckende und erhebende Bewußtsein der Individuation eingegangen. – Diese Gänge nach der Stadt, die in Zeiten der Not einige Male auch im strengsten Winter zurückgelegt werden mußten, waren »wahre Subsidiengänge«. Die Mutter gab dem Knaben nur einige wenige Geldstücke für die Großeltern mit – »es sollte nicht alles hergeschenkt erscheinen!« –, wofür die Großmutter, »spendend gegen Tochter und Enkel, und nur kargend gegen die übrige Welt, den Quersack mit 44 allem füllte, was etwan auf dem jedesmaligen Küchenzettel stand«. Wenn er dem ernsten langen Großvater hinter seinem Webestuhl die Hand geküßt und den offiziellen Mutterbrief überreicht hatte – »der Vater war zum Bitten zu stolz« –, so gab er das mitgebrachte Geld öffentlich ab und empfing heimlich hinter der Tür auf dem Gang von der Großmutter die reichlichen Gaben und konnte Nachmittags mit vollem Tornister und mit den Zuckermandeln für die geliebte Augustina, höchst erfreut über das elterliche Proviantschiff auf dem Rücken, nach Hause traben. Den Höhepunkt der Stadtfreuden bildete aber der Höfer Jahrmarkt, zu dem die Großeltern jedesmal die zarte Tochter mit Fritz in einer Kutsche kommen ließen. »Wie Kaisern sonst Ehrentrünke geschickt wurden, so wurde die Mutter stets mit süßem Wein von ihren Eltern empfangen, und der Sohn ging mit etwas davon im Kopfe zum damaligen Haarkräusler Silberer. Dieser kühlte von außen den Kopf durch Brenneisen ab und durch An- und Umschrauben der Lockenwickel; aber desto frischer, neuer und weißer kam er dann mit Locken und Toupee aus dem Pudergestöber zum Mittagsmahle zurück, das nicht bedeutend sein konnte, weil der Großvater sehr bald auf das Rathaus hinter den Verkauftisch seiner Tücherballen eilen mußte . . . . Nun wurde der Nachmittag herrlich und aufsichtfrei und übertäubt und überglänzt unter dem bunten und lauten Getümmel der Menschen und Waren verbracht.« Für den von der Großmutter empfangenen Groschen konnte er »alles kaufen«, einiges Eingekaufte in das leere, unheimliche Haus tragen, in dem den Nachmittag über niemand anwesend war, und sich wieder in das bunte Gewühl mischen. Die vornehmsten und schönsten Damen hatte er umsonst an den Fenstern, zeichnete jedoch keine als Favoritin aus, sondern kaufte 45 Zuckermandeln und Rosinen für die viehweidende Augustina in Joditz. Wenn die Lust und der Lärm unter den Abendstrahlen am lautesten wurde, mußte er freilich nach Hause, weil der Großvater nach dem Verkaufen um sieben Uhr aß und alles beisammen sein mußte. Nach dem Essen aber ging es noch einmal hinaus, wo die Janitscharenmusik durch die Straßen zog. Unvergeßlich blieb dem Dorfkind dieser erste Eindruck von Trommeln, Querpfeifen und Janitscharenbecken. »In mir, der ich unaufhörlich nach Tönen lechzte, entstand ordentlich ein Tonrausch . . . Am meisten griffen die Querpfeifen in mich ein durch melodischen Gang in der Höhe . . . So klang mir bei der russischen Feldmusik das hohe scharfe Dareinpfeifen der kleinen Pfeifchen fast fürchterlich, als eine zum Schlachten rufende Bothmäuspfeife, ja als ein grausames Früh-Tedeum für künftiges Blutlassen.« – Die Sommerfreuden gipfelten im Herbst. »Ein phantastischer Mensch . . . genießt im Herbste neben diesem selber noch voraus den Winter mit seiner Häuslichkeit und den Frühling mit seinen poetischen Fernmalereien.« Mochte der Knabe selig im Freien schweifen, er strebte doch immer wieder in umfriedetes Gehege, um aus diesem sich desto feuriger hinauszusehnen. Er hatte und behielt eine Vorliebe zum »Häuslichen, zum Stilleben, zum geistigen Nestmachen. Er ist ein häusliches Schaltier, das sich recht behaglich in die engsten Windungen des Gehäuses zurückschiebt und verliebt, nur daß es jedesmal die Schneckenschale weit offen haben will.« Er selber spricht von einem närrischen Bunde zwischen Fernsuchen und Nahesuchen. Wenn er in den großen Taubenschlag auf dem Dache hineinstieg, so war er in diesem Zimmer voll Zimmerchen oder Taubenhöhlen ordentlich wie zu Hause. Er baute ein kleines Fliegenhaus, 46 und wenn er die unzähligen Fliegen in diesem weiten Lustschloß treppauf, treppnieder in alle großen Zimmer und dann gar in die niedlichen Erkerchen laufen sah: so machte er sich eine Vorstellung von ihrer häuslichen Glückseligkeit und wünschte selber darin an den Fenstern mitzulaufen. »Aber auch als Schriftsteller hat er später diesen Haus- und Winkelsinn fortbehalten, in Wutz und Fixlein und Fibel; und noch sieht der Mann voll Sehnsucht jedes nette niedrige Schieferhäuschen von zwei Stockwerkchen mit Blumen vor den Fenstern und einem Hausgärtchen, das man bloß vom Fenster heraus besprengt.« Es war das Fränkische in ihm, was sich in dieser Vorliebe bemerkbar machte. Derselbe Geist, der die Erker und traulichen Winkel aus den Fachwerkhäusern vortrieb und der uns heute noch ans Biedermeier bindet. Aber weder Jean Pauls noch unser Geist erschöpft sich in diesem Hang zur traulichen Geborgenheit. »Denn«, so fährt der Selbstbiograph fort, »nur das enge Menschliche kann ihm nicht klein genug, aber die große Natur nicht zu ausgedehnt sein.« Ein Wink zur Beurteilung seiner idyllischen Dichtungen, in denen so gern das »eigentlich« Jean Paulische gesehen wird. Neben dem engen Menschlichen stand ihm immer die Größe der Welt, von der wiederum der schweifende Menschengeist ein Teil ist und seine eigenen gigantischen Maße hat. Man kann denken, mit welcher Eindrucksfähigkeit der reizbare Knabe die Boten des Herbstes aufnahm: »das erste Dreschen, die lauten Krähenzüge in die Wälder, der Zugvögel Schreien oder Blasen zu, Aufbruch«. Er beobachtet, daß im Herbst die schreienden Gänse in Herden gehen. Er holt mit Vater und Bruder die Kartoffeln von einem Acker über der Saale und erklettert an dem Haselnußgebüsche die besten Nüsse. Der dickzweigige 47 Muskatellerbirnbaum im Pfarrhofe, dessen herbstliche Fruchtgehänge die Kinder schon lange herunterzuschütteln suchten als künstliches Fallobst, wird vom Vater endlich abgeobstet, und – die herrlichste Vorbereitung! – für das nahende Weihnachtsfest wird am Andreasabend eine kleine abgehauene Birke, noch blühend und grünend, vom alten Holzhauer in die Stube geschleppt und in einen weiten Topf mit Wasser und Kalk gepflanzt, damit sie gerade zur Weihnachtszeit, wenn goldene Früchte an sie gehangen werden, die rechten grünen Blätter trüge. Dort steht sie nun den dunklen Dezember über, und jedes neue Blättchen, das sie ausstreckt, ist ein Uhrzeiger des nahenden Festes. Das Weihnachtsfest selbst hingegen, dem soviel Vorfreude sich entgegenreckte, blieb für Fritz mit einem Flor von Wehmut behangen. Am Vorabend gingen die Kinder mit hochgespannten Erwartungen schlafen. Am frühen Morgen wurde der Baum geschmückt und die Gaben ausgebreitet, und wenn die Kinder, noch im Morgengrauen, herunterkamen, fanden sie Lichterglanz und Geschenke. Der Knabe unterdrückte den aufsteigenden Seufzer der Trauer, weil er fühlte, daß er sich vor der Mutter »im höchsten Grade freudig zeigen« müsse. Und auch der Vater kam »an dem Christmorgen wie mit einem Trauerflor bedeckt aus seiner Stube in die lustige leuchtende Wohn- und Gesindestube herab«, beteiligte sich auch nicht an den Vorbereitungen des Festes, für das Fritz nun wieder der Hauptregisseur gewesen war. – Neben diesen Idyllen der Jahreszeiten ging der graue Alltag mit Darben und Auswendiglernen her. Wohl nie wurden wie bei Jean Paul einem wissenshungrigen Knaben Steine statt Brot geboten. Für seine Übersetzungen ins Lateinische fand er keinen Korrektor, und die Gespräche in 48 Langens Grammatik, die er von vorne nach hinten und umgekehrt auswendig kannte, »weissagt' ich mir deutsch aus Sehnsucht ihres Inhalts«. In einer lateinisch geschriebenen Grammatik der griechischen Sprache studierte er durstig und hungrig das Alphabet. Von Geschichte oder Naturgeschichte, Rechtschreibung oder Rechnen lernte er in Joditz kein Wort. Außer einem orbis pictus und einem »Gespräche der Toten« betitelten Buch erhielt er, bei allem angestrengtesten Lernen, keine andere geistige Nahrung als etwa die »Baireuther Zeitung«, die der Vater monatlich oder vierteljährlich von seiner Patronatsherrin, der Baronin Plotho, geschenkt erhielt. Dennoch wußte der Knabe aus ihr viel zu berichten, und wenn ein neuer Zeitungsband von ihm verschlungen war, trug er seine veralteten Neuigkeiten ins Joditzer Schloß zu der alten Frau von Reitzenstein und hielt ihr Vortrag über das Gelesene rein aus dem Gedächtnis, ohne ein Wort von den Welthändeln zu verstehen. Wie er es später sein Schulmeisterlein Wuz machen ließ, so verfertigte er sich damals selber eine eigene Bibliothek von lauter eigenen Sedezwerkchen, die er aus Papierabschnitzeln des Vaters zurechtschnitt. »Der Inhalt war theologisch und protestantisch und bestand jedesmal aus einer aus Luthers Bibel abgeschriebenen kleinen Erklärnote unter einem Verse.« So zimmerte er sich aus zufälligen Funden seine eigene gelehrte Welt zurecht, und nur eine Kunst erschloß sich ihm unmittelbar, und ihr wurde seine ganze Seele aufgetan: die Musik. »Wenn der Schulmeister die Kirchenbesucher mit Finalkadenzen heimorgelte: so lachte und hüpfte mein ganzes kleines gehobenes Wesen wie in einen Frühling hinein; oder wenn gar am Morgen nach den Nachttänzen der Kirchweihe, welchen mein Vater am nächsten Sonntage lauter donnernde Bannstrahlen 49 nachschickte, zu seinem Leidwesen die fremden Musikanten samt den gebänderten Bauerpurschen unseres Pfarrhofes mit Schalmeien und Geigen vorüberzogen: so stieg ich auf die Pfarrhofmauer, und eine helle Jubelwelt durchklang meine noch enge Brust, und Frühlinge der Lust spielten darin mit Frühlingen, und an des Vaters Predigten dacht' ich mit keiner Silbe. Stunden widmete ich auf einem alten verstimmten Klavier, dessen Stimmhammer und Stimmeister nur das Wetter war, dem Abtrommeln meiner Phantasien, welche gewiß freier waren als irgend kühne in ganz Europa, schon darum, weil ich keine Note kannte und keinen Griff und gar nichts; denn mein so klavierfertiger Vater wies mir keine Taste und Note.« Man kann fragen, weshalb der Vater an einen Sohn, auf dessen außerordentliche Begabung er stolz war, so wenig Mühe wandte. Jean Paul sagt entschuldigend, es wären »Fehler des Kopfes, nicht des Willens« gewesen. Aber den Hauptgrund bildete wohl die innere Gebrochenheit des Mannes durch Not und Sorgen. Wenn man ihn wochüber seine Sonntagspredigten auswendig lernen sieht, ihn, der wenige Jahre vorher noch durch seine Predigten in Baireuth und Hof Aufsehen erregt hatte, so kann man den armen Mann nicht verdammen, sondern nur bemitleiden. Er hatte nicht mehr die innere Kraft, seine Söhne anzuregen und ihren Bildungsgang nennenswert zu überwachen. Kaum daß er ihnen Grammatiken und Wörterbücher zum Auswendiglernen zu reichen und das Gelernte mechanisch abzuhören vermochte. Als Fritz ihm die Liebesgeschichte der Roxane erzählt, die er in seiner Abwesenheit in dem verbotenen Bücherschrank gefunden und gelesen, läßt er es stillschweigend hingehen. Welche Gedanken mochten in dem vorzeitig gealterten Manne vor sich gehen, wenn er im Pfarrgarten 50 an seinen Predigten arbeitete und neben ihm die Söhne ihre grammatischen Regeln auswendig lernten? Es war kaum mehr als ein stumpfes Wohlbehagen an Wärme und Sonne, dem er sich, ohne Aussicht auf bessere Zeiten, überließ. Der Leidensweg des baireuther Theologen hatte ihn zermürbt, und vergebens sah der gläubige Blick seines ältesten Sohnes zu ihm als zu seinem Gott auf, dort Grundsätze und sinnvolles Planen vermutend, wo nur noch ein aufgebrauchter Mensch seine Müdigkeit hinter tyrannischer Maske versteckte. So kam auch für den armen Dorfpfarrer die Berufung auf eine reichere Stelle zu spät. Die Pfarrstelle in Schwarzenbach an der Saale hatten abwechselnd der Graf von Schönburg-Waldenburg und die Baronin von Plotho zu besetzen. Der Zufall wollte es, daß, als der alte Pfarrer Barnickel in Schwarzenbach starb, diesmal Richters Gönnerin an der Reihe war. So wurde er voziert. Ein Umschwung des Geschicks hätte eintreten können. Aus dem »Quintus Fixlein« wissen wir, wie entscheidend eine solche Vozierung in das Leben der armen Hungerleider eingreifen kann. Man hätte also meinen können, daß seine Berufung nach Schwarzenbach jubelnde Freude in dem armen Dorfpfarrer ausgelöst hätte. Aber »ernst und traurig brachte er die Freudenpost«, und die Trennung von der alten Gemeinde stand im Vordergrund. Jean Paul war im dreizehnten Lebensjahr, als »das stille, ruhige, unbegaffte, einfache Stilleben des Dorfes« hinter ihm versank und die Familie nach Schwarzenbach übersiedelte.   Schwarzenbach ist ein »kleines Städtchen oder großer Marktflecken« an der Saale. Es hatte viel vor Joditz voraus: »einen Pfarrer und einen Kaplan – einen Rektor und 51 einen Kantor – ein Pfarrhaus voll kleiner Stuben und zwei große. Diesem gegenüber zwei große Brücken mit der dazugehörigen Saale – und auch gleich daneben das Schulhaus, so groß (wenn nicht größer) wie der ganze Joditzer Pfarrhof, und unter den Häusern noch ein Rathaus, nicht einmal gerechnet das lange leere Schloß.« Gerade mit dem neuen Pfarrer trat auch ein neuer Rektor sein Amt an. Werner war ein Mann nicht tiefen Wissens, aber feuriger Beredsamkeit, die nach Gegenständen suchte, um sich an ihnen zu entzünden. Er wurde der hauptsächliche Lehrer des Knaben, der in dem neuen Ort endlich in eine regelrechte Schule kam. Werner hatte den Grundsatz, sich nicht lange bei grammatikalischen Vorbereitungen aufzuhalten, sondern seine Schüler nach Durchnahme des Nötigsten sogleich in die Lektüre der Klassiker einzuführen. Fritz mußte den Sprung von Langens Grammatik in den Cornelius Nepos tun, und es ging. Für ihn war eine Methode geeignet, die die meisten andern Schüler von Fortschritten geradezu ausschloß. So ging es im Griechischen nach notdürftigstem Erlernen der Deklination und Konjugation sogleich an die Lektüre des Neuen Testaments, und ein Jahr später folgte die Lektüre des ersten Buches Mosis im Original. Die Schulstube faßte »Abcschützen, Buchstabierer, Lateiner, große und kleine Mädchen, welche wie an einem Treppengerüste eines Glashauses oder in einem alten römischen Theater, vom Boden bis an die Wand hinauf saßen und Rektor und Kantor samt allem dazugehörigen Schreien, Summen, Lesen und Prügeln in sich. Die Lateiner machten gleichsam eine Schule in der Schule.« Der lernbegierige Fritz wurde im Umsehen zum Mittelpunkt des Unterrichts, denn sein »fliegendes Fortschreiten« gab dem Rektor die 52 Bestätigung von der Richtigkeit seiner Theorie, die im allgemeinen Basedowschen Grundsätzen folgte. Fritz »verliebte sich ordentlich in das hebräische Sprach- und Analysiergerümpel und Kleinwesen . . . und borgte aus allen schwarzenbachischen Winkeln hebräische Sprachlehren zusammen, um über die diakritischen Punkte, die Vokabeln, die Akzente und dergleichen alles aufgehäuft zu besitzen, was bei jedem einzelnen Worte analysierend aufzutischen ist . . . Was noch von des Quintus Fixlein Treibjagd in einer hebräischen Foliobibel nach größeren, kleineren, umgekehrten Buchstaben geschrieben steht, läßt sich wörtlich mit allen Umständen auf Pauls eigenes Leben anwenden.« In Schwarzenbach erhielt er auch endlich Unterricht im Klavierspiel. Kantor Gressel brachte ihm einige Tanzstücke und die gewöhnlichsten Choralgriffe und Generalbaßziffern bei. Aber auch auf diesem Gebiet wuchs Fritz im Handumdrehen über seinen Lehrer hinaus, stürzte sich mit Feuereifer in die neue Welt und lernte die musikalische Grammatik: den Generalbaß, durch viel Phantasieren und Notenspielen »etwa so, wie wir die deutsche durch Sprechen«. Das erste Buch, das er damals in die Hand bekam, war der »Robinson Crusoe«, der ihn »bis zum körperlichen Verzücken« hinriß. Es war eines Abends am Fenster, als die Entzückungen der ersten spannenden Lektüre ihn trafen. Schillers »Geisterseher« wiederholte später nur die halbe Wirkung«, und ein zweiter Roman, »Veit Rosenstock« von Otto, »vom Vater gelesen und verboten«, wiederholte ebenfalls nur »die Hälfte jener Begeisterung«. »Nur als Plagiator und Bücherdieb genoß er ihn aus der väterlichen Studierstube, solange bis der Vater wiederkam – einmal las er ihn unter einer Wochenpredigt des Vaters in einer leeren Empore auf dem Bauche liegend.« 53 Das für ihn einschneidendste Begebnis aber war die Bekanntschaft mit dem Kaplan Völkel, der von den Talenten des Knaben so eingenommen war, daß er auf seine Mittagsruhe verzichtete, um sich zwei Stunden nach dem Essen einem freiwillig erteilten Unterricht in Philosophie und Geographie zu widmen. Zum erstenmal wurde Jean Paul in diesen Stunden von der »Aufklärung« genannten Bewegung berührt, in deren Gedankengängen er sich anderthalb Jahrzehnte bewegen sollte. Gottscheds Werk »Erste Gründe der gesamten Weltweisheit« erquickte ihn »bei aller Trockenheit und Leerheit doch wie frisches Wasser durch die Neuheit«. Völkel vermittelte ihm die erste Bekanntschaft mit der rationalistischen Theologie, die sich in Gottesbeweisen und einem verstandesmäßigen Begutachten von Gottes Schöpfung und Plänen erging. Das in kausalen Zusammenhang gebrachte und systematisch durchgedachte Weltgebäude mußte auf den Knaben einen unendlichen Eindruck machen. Äußere Einwirkung und innere Anlage begegneten sich hier. »Die Schwärmerei«, schreibt Jean Paul einmal in einem späteren Tagebuch, »ist im männlichen Alter am schönsten, in das sie gewöhnlich bei phantasiereichen Köpfen fällt, wenn sie in der Jugend systematisierten.« Der ganze Überschwang Jean Pauls wandte sich in der Tat während seiner Jugend und Jünglingszeit allem Systematischen zu und verschloß sich jedem Schwärmen. Er begann als ein Fanatiker systematischen Denkens, und dieser Umstand war es auch, der ihn fragen ließ, ob er zum Dichter oder zum Philosophen geboren. Es war wohl persönliche Anlage, die ihm erst spät den Sinn für die Fülle des Gegebenen erschloß und die Schwungfedern seiner Seele löste. Aber diese Anlage fiel mit der Entwicklung der Zeit zusammen, die aus der nüchternen Starrheit des Rationalismus zur Schwärmerei der Sturm- 54 und Drangperiode sich entwickelte, und eine Entwicklung, die von einer ganzen Periode getragen wird, ist in jedem Fall mehr als ein anormaler Einzelfall, ist Ausdruck eines notwendigen Vorwärtsschreitens von der Erkenntnis zum Leben. Gerade in Jean Paul sehen wir das Ringen jener Zeitenwende um seinen Ausdruck. Anderthalb Jahrzehnte drehte er sich in dem Käfig rationalistischen Denkens, von dessen Ungenüge schon dunkel bewegt, bis in der »Unsichtbaren Loge« der selige Übertritt erfolgte. Er selber mußte noch einmal an sich die Begrenztheiten der Vernunft schmerzvoll durchkosten. Dazu riß er die Welt der Aufklärung in sich hinein, um auf ihren letzten Grund zu kommen. Es war derselbe Weg von der reinen zur praktischen Vernunft, den Kant zurücklegte. Und wie ihn der Ostpreuße Gottsched in diese Welt hineinführte, so erlöste ihn der Ostpreuße Herder daraus, der große Entfeßler der Seele. Von den Randgebieten der Aufklärung kam ihr die äußerste Zuspitzung und die Überwindung. Unter der Anleitung des Kaplans Völkel lernte Jean Paul sich in den Gedankensystemen der rationalistischen Theologie bewegen. »Er gab mir nämlich den Beweis ohne Bibel zu führen auf, z. B. daß ein Gott sei oder eine Vorsehung usw. Dazu erhielt ich ein Oktavblättchen, worauf nur mit unausgeschriebenen Sätzen, ja mit einzelnen Worten, durch Gedankenstriche auseinandergehalten, die Beweise und Andeutungen aus Nösselt und Jerusalem oder andern standen. Diese verzifferten Andeutungen wurden mir erklärt, und aus diesem Blatt entfalteten sich, wie nach Goethens botanischem Glauben, meine Blätter. Mit Wärme fing ich jeden Aufsatz an, mit Lohe hört ich auf.« Schon hier begann das seltsame Schauspiel, das noch seine ersten Bücher der Welt geben sollten, wie ein Feuergeist seine Inbrunst in 55 nüchternen Antithesen und Witzspielereien auszugeben versuchte, bis ihm die Unzulänglichkeit des Beweises und geistreichen Witzes sich dartat und der Weg zum Gefühl, eine neue Eroberung des Menschengeistes, sich groß und weit ihm auftat. So sehr ihn der Unterricht Völkels erst auf das rechte Geleise schob, so gewann doch Jean Pauls Hang, sich jeder dauernden Einwirkung zu entziehen, die Fesseln abzuwerfen und auf eigene Faust in das neu erschlossene Gelände hineinzurasen, die Oberhand. Er brach auch die Unterrichtsstunden bei dem Kaplan plötzlich ab. Der äußere Anlaß war für den Knaben bezeichnend: Völkel hatte ihn in die Geheimnisse des Schachspiels eingeweiht, das von da ab ein Lieblingsspiel Jean Pauls blieb, obwohl er es auch später darin zu keiner besonderen Fertigkeit brachte. Der Unterricht pflegte durch eine Partie Schach beendet zu werden. Einmal ließ Völkel, wohl aus Vergeßlichkeit, eine versprochene Partie ausfallen. Fritz, der trotz Kopfschmerzen in Hoffnung auf das Schachspiel zur Stunde gekommen war, blieb von da ab fort. Sein Verhältnis zu Völkel blieb im übrigen das denkbar beste. Mit Freuden machte er zwischen ihm und dem Vater den Boten, und »mit Liebeblicken und Freudepulsen sah ich ihn fast nach jeder Kindtaufe . . . bei meinem Vater einspringen und – ich las oder arbeitete nicht weit von ihrem Sprechtische – den halben oder ganzen Abend da verplaudern; aber ich hatte mir, wie gesagt, das Schachbrett in den Kopf gesetzt und blieb weg«. In diese Schwarzenbacher Zeit fällt auch der erste Kuß, den Jean Paul nicht ohne Anwendung persönlichen Mutes einer Mitschülerin Katharina Bär auf die Lippen drückte. Am Schulkarneval, einer Feier, die den ganzen Fastnachtvormittag einnahm, konnte er mit ihr den unregelmäßigen Hopstanz machen, nachdem er sie bis dahin aus der Ferne 56 bewundert hatte. In der Klasse saß sie hoch oben auf der hintersten Bank, und wie einst zu Augustina in der Kirche schmachtete er nun zu ihr von seinem Schulsitz hinauf. Er sah sie täglich, wenn sie mit ihrem schneeweißen Schürzchen und Häubchen über die lange Brücke dem Pfarrhause entgegenlief, stürzte im Fluge über den Pfarrhof, die kleine Treppe hinab, um die Vorbeilaufende abzufangen, was immer mißglückte. Der Sohn des verstorbenen Pfarrers war es, der ihn zu einem Heldenstück verführte. Im Dunkeln schlich Fritz sich aus dem Pfarrhaus, überquerte die Brücke und ging geradeswegs in das Haus, worin die Geliebte mit ihrer armen Mutter wohnte. Unter irgendeinem Vorwande gelang es dem mutigeren Freund, Katharina herunterzulocken. Auf der dunklen Treppe durfte er zum erstenmal ein lang geliebtes Wesen an Mund und Brust drücken. »Weiter wüßt' ich auch nichts zu sagen, es war eine Einzigperle von Minute, die nie da war, nie wiederkam; eine ganze sehnsüchtige Vergangenheit und ein Zukunfttraum war in einen Augenblick zusammen eingepreßt; und im Finstern hinter den geschlossenen Augen entfaltete sich das Feuerwerk des Lebens für einen Blick und war dahin . . . . Wortströme konnten mein Paradies nicht ersäufen; denn blüht es nicht noch heute fort, bis an diese Feder heran und aus ihr heraus?« Alle tiefen Seligkeiten des ersten Kusses in seinen Romanen haben von diesem Erlebnis auf der dunklen Treppe etwas mitbekommen, das ihn nicht weniger erschütterte, und in keinem profaneren Sinne, als jenes Ereignis, mit dem er seine Selbstbiographie beschließt: das erste Abendmahl. Mochte er damals über Gottesbeweise und aufgeklärte Theologie für sein Alter erstaunliche Aufsätze schreiben können, die kirchliche Einsegnung nahm er mit heißer Seele 57 auf, und so tief war das Erlebnis des ersten Abendmahls, daß er die Empfindungen, die ihn damals durchwogten, später seinem Helden Gustav in der »Unsichtbaren Loge« ins Herz legte. »Wie oft ging ich vor dem Beichtsonnabende unter den Dachboden hinauf und kniete hin, um zu bereuen und zu büßen! Und wie wohl tat es dann, an dem Beichttage selber, noch allen geliebten Menschen, Eltern und Lehrern, mit stammelnder Zunge und überfließendem Herzen alle Fehler abzubitten und diese und sich dadurch gleichsam zu entsühnen.« »Mein Herz und Sinn und Feuer war bloß dem Himmel, der Seligkeit und dem Empfange des Heiligsten hingegeben, der sich mit meinem Wesen vereinigen sollte; und die Seligkeit ging bis zum körperlichen Gefühlblitze der Wundervereinigung . . . . Die Erinnerung der Seligkeit, wie ich alle Kirchgänger mit Liebe ansah und alle in mein Inneres aufnahm, hab' ich bis jetzo lebendig und jugendlich frisch in meinem Herzen aufbewahrt. Die weiblichen Mitgenossinnen des heiligen Tisches wurden nur mit ihren Brautkränzen als Bräute Christi nicht nur geliebter, sondern auch heiliger; und ich schloß sie alle in ein so weites reines Lieben ein, daß auch die von mir geliebte Katharina nach meiner Erinnerung nicht anders von mir geliebt wurde als alle übrigen.« Es ist schwer festzustellen, zu welcher Zeit Fritz sich innerlich von dem Vater löste und bewußt, abgetrennt von seiner Familie, sein eigenes Leben zu führen begann. Die wirtschaftlichen Verhältnisse waren trotz des größeren Gehalts die denkbar schlechtesten. Vier Söhne wuchsen jetzt in dem kleinen Pfarrhaus heran und zwei Töchter, die wohl früh gestorben sind. Von den Subsidiengängen zu den Großeltern nach Hof ist jetzt keine Rede mehr, sei es, weil der Vater sich seinen Schwiegereltern entfremdet hatte, oder daß auch 58 hier die Mittel nicht mehr so reichlich flossen wie früher. Die zweite Tochter der Großeltern war mit einem Gerichtsadvokaten und Goldarbeiter Riedel in Hof verheiratet. Es scheint, daß Riedels schon damals bei den Großeltern ihren Einfluß gegen die Familie der älteren Tochter aufboten. Jedenfalls nahm mit der Übersiedlung nach Schwarzenbach die Not der Pfarrleute nicht ab, sondern eher zu. In dieser Zeit machte der Knabe, dessen außerordentliche Begabung nicht unbemerkt blieb, eine der wichtigsten Bekanntschaften seines Lebens: mit dem Pfarrer Erhard Friedrich Vogel in Rehau, einem kleinen Dorfe bei Hof und Schwarzenbach, in dem bereits der Großvater Richter vor seiner Berufung nach Neustadt am Kulm als Organist gewirkt hatte. Vogel war für einen Pfarrer der kleinen Gemeinden des Fichtelgebirges eine Aufsehen erregende Erscheinung. In ihm zog der Geist der Aufklärung in die bis dahin von jeder geistigen Bewegung unberührt gebliebene Landschaft ein. Er gehörte der »heterodoxen« Richtung an und war entschiedener Rationalist und Feind der ängstlich dogmatischen Auslegung des Christentums. Mit Eifer verfolgte er die literarische und wissenschaftliche Entwicklung der Zeit und verfügte über eine ungewöhnlich reichhaltige Bibliothek. Ein Wunder in jener entlegenen Gegend. Diese Bibliothek stellte er dem jungen Jean Paul zur Verfügung, dem nun auf einmal die Tore der Wissenschaft sich weit öffneten. Für die nächsten Jahre bleiben die von Vogel erhaltenen Bücher das Hauptereignis seines Lebens. Bei seinem jahrelang empfundenen Bücherhunger begnügte er sich nicht, sich in einzelne Wissenszweige zu vertiefen, sondern gewohnt, aufzunehmen, was sich ihm nur an geistiger Nahrung bieten wollte, stürzte er sich auf Werke aus allen Zweigen des menschlichen Wissens. Diese Art zu lesen behielt er 59 sein Leben lang bei. Es war die Folge seines unüberwachten Studienganges. Wohl kein Schriftsteller jener Zeit hat auch nur annähernd über einen gleichen Wissensschatz aus allen Gebieten verfügt wie Jean Paul, und wie eine ungeheure Last schleppt er dieses Wissen und diese Belesenheit auch durch seine Schöpfungen. Seine eigentümliche Neigung, alles Gelesene festzuhalten, entwickelte sich damals ebenfalls aus den äußeren Umständen. Da er Bücher immer nur leihweise erhielt, litt er unter der Angst, die Frucht aller seiner Anstrengungen verrinnen zu sehen, und begann jene Exzerptensammlungen, die bis zu seinem Tode wie Lawinen anschwollen. Schon in der letzten Schwarzenbacher Zeit füllten seine Exzerpte dicke Bände von mehreren hundert Seiten. Wir können seine Lektüre an der Hand dieser Auszüge stets aufs genaueste verfolgen, wenn ein Menschenleben ausreichen würde, diesen Allesverschlinger auf allen seinen Wegen zu begleiten. Theologische Werke, zu deren Durcharbeitung schon der Kaplan Völkel den Grund legte, herrschen vor. Nur daß die Anzahl der gelesenen Schriften jetzt unter dem Einfluß und der Beihilfe Vogels ins Grandiose schwillt. Bald kommen naturwissenschaftliche und ästhetische Schriften hinzu. Den zweiten Exzerptenband füllen medizinische, juristische, geschichtliche und allgemeinwissenschaftliche Abhandlungen. Die Richtung des Ganzen ist durch den rationalistischen Charakter der Zeit gegeben. Neben Gellert ist Nicolai, das Haupt der Berliner Schule, mit seinem Erziehungsroman »Sebaldus Nothanker« vertreten. In Hutchesons »Untersuchungen unserer Begriffe von Schönheit und Tugend« spielt auch bereits die englische Literatur hinein, die die deutsche jener Zeit so befruchtete. Eine derartige Aufnahmefähigkeit in jugendlichem Alter hat etwas Erschreckendes an sich. Aber Vogels Bibliothek 60 vermittelte ihm die erste Berührung mit seiner, mit der von ihm seit Jahren ersehnten und ergierten Welt. Und hinter dem Verbrauch an Büchern stand ein nicht mehr zu zügelnder Drang nach Erkenntnis. Die ganze Welt der Aufklärung hatte er noch einmal bis in ihre Tiefen auszukosten, um sie dann zu überwinden. Wenn ihn noch eben bei seiner kirchlichen Einsegnung das Mysterium des Glaubens erschüttert hatte, so brannten ihm jetzt die Zweifel an der kirchlichen Heilslehre in der Seele. Ein lückenloses System von kausaler Geschlossenheit mußte er sich aufbauen, um Grund in der Welt und in sich zu finden. Von dem mystisch veranlagten Rektor Werner und dem orthodoxen Vater wandte er sich in seinen Zweifeln zu den heterodoxen jungen Theologen Vogel und Völkel, und beide nahmen den so viel jüngeren in ihren Bund auf, weil sie, ein unvergänglicher Ruhmestitel für sie, als erste den Genius Jean Pauls auch in seiner Knabengestalt erkannten. Inzwischen war Jean Paul sechzehn Jahre alt geworden. Am Tage nach seinem Geburtstag hielt er den eben geborenen Sohn des Rektors Werner über die Taufe. Die Geburt des Kindes hatte der Mutter das Leben gekostet. So traten dem Jüngling Geburt und Tod in unmittelbarer Nachbarschaft entgegen. Ein Nachhall dieser Taufe findet sich noch im »Quintus Fixlein«, wie alle Erschütterungen seiner Kinder- und Knabenzeit lebenslang in ihm und seinen Werken fortwirkten. Zur selben Zeit entschloß sich der Vater endlich, ihn auf das Gymnasium nach Hof zu geben, damit er sich für das Studium der Theologie vorbereite. Zu Ostern 1779 kam er in die Stadt, die der Traum seiner Kindheit gewesen war.   Gymnasiast und Student 61 Fritz glaubte die Aufnahmeprüfung schlecht bestanden zu haben. Die regellose Art des bisher genossenen Unterrichts hätte einen einigermaßen kläglichen Ausfall der Aufnahmeprüfung in ein richtiges Gymnasium nicht weiter verwunderlich erscheinen lassen. Aber zu seiner und des Vaters Überraschung war der Rektor Kirsch über das ungewöhnliche Wissen des Knaben erstaunt und wollte ihn sogleich in die oberste Klasse aufnehmen. Der Vater aber setzte es durch, daß Fritz nur auf die mittlere Prima aufgenommen wurde, hier allerdings nicht, wie bei Neuaufgenommenen üblich, den letzten Platz, sondern einen besseren erhielt. Christian Otto, Jean Pauls späterer Freund, der mit ihm gleichzeitig das Hofer Gymnasium besuchte, gibt von den Lehrern, deren Unterricht Jean Paul nun zwei Jahre zu genießen hatte, keine sehr einnehmende Schilderung: »Keiner der beiden Männer, welche die Primaner unterrichteten, hatte das großartige Talent, reinen wissenschaftlichen Eifer und Dankbarkeit in den Schülern zu erwecken. Ihre ärmliche Besoldung war wohl vornehmlich daran schuld.« Das armselige Los der Theologen und Schulmänner im Fürstentum Baireuth drückte den gesamten Stand und seine Arbeitsfreudigkeit auf eine kümmerliche Stufe herab, und die Männer, die Zeit ihres Lebens bitterste Not litten und durch den ständigen Anblick ihrer darbenden Familie niedergedrückt waren, hatten in den seltensten Fällen noch Kraft genug, 62 erzieherisch und wissenschaftlich auf ihre Schüler einzuwirken. »Der erste und bedeutendste«, schreibt Otto, »war der Rektor Kirsch, der andere der Konrektor Rennebaum. Keiner von beiden hatte Lehrtalent und besonders Liebe zur Jugend.« Kirsch beschäftigte sich mit Vorliebe mit den orientalischen Sprachen. Seine Kenntnisse, obwohl sie dem Knaben selber bald oberflächlich erschienen, waren nicht ohne Umfang. Er langweilte seine Schüler nicht mit Wiederholungen, sondern eilte wie im Fluge vorwärts, »so wie auch die alten Autoren unter seiner Leitung meistenteils kursorisch gelesen wurden«. Jean Paul war vorzüglich im Anfang mehr auf den Unterricht des Konrektors Rennebaum angewiesen, der wohl für einen Schüler von seiner Begabung noch ungeeigneter war. Rennebaum ging langsam und zögernd vorwärts und konnte dem kleinen Fritz Richter, der schon manches gelesen und gedacht, was nicht nur seinen Mitschülern, sondern auch seinen Lehrern noch ganz fremd war, nichts darreichen als unerträgliche Langeweile. Erst als Student entdeckte Jean Paul für sich die Welt der lateinischen Klassiker, die ihm der schlechte Unterricht auf der Schule verleidet hatte. Das grellste Licht auf die Hofer Schulverhältnisse wirft aber Ottos Beschreibung des französischen Unterrichts. Diesen erteilte ein ärmlich besoldeter ehemaliger Tapetenwirker, der das Französische unrichtig aussprach und fehlerhaft schrieb. Für Lehrer wie Schüler war nur ein einziges französisches Buch vorhanden, das der Lehrer auf der großen Tafel aufstellte. Der Reihe nach mußten sich die einzelnen Primaner zu ihm hinsetzen, um ein Pensum zu übertragen, während die übrigen zwanzig oder dreißig unbeaufsichtigt sich die Zeit mit Unfug vertrieben. Die Bevorzugung, die Fritz seitens des Rektors entgegengebracht wurde, mußte natürlich die Mitschüler von 63 Anfang an gegen ihn einnehmen. Er, der in der Einsamkeit aufgewachsen war, fern von gleichaltrigen Gespielen, mit dem eigenartigen Entwicklungsgang eines aus dem Durchschnitt herausfallenden Knaben, mußte auch von seinem ersten Auftreten an befremdend und fast beängstigend auf seine Kameraden wirken, die in Geselligkeit und Stadtluft sich gegenseitig abgeschliffen hatten. Christian Otto schildert den späteren Freund, wie er in einer dorfmäßigen, neuen und doch vernachlässigten Kleidung, mit treuherzig unbefangenem Anstand unter die Primaner getreten sei. Sein freimütiges Entgegenkommen sei für zudringlich gehalten worden, sein in sich gekehrter, auf die äußere Erscheinung unaufmerksamer Sinn habe den Spott herausgefordert, sein begeistert nach oben gerichteter Blick sei ihnen schielend erschienen, und so seien die Mitschüler ihm gleich seine »Hussiten« geworden, wie es Jean Paul im Hinblick auf die Hussitenbelagerung seiner Heimatstadt Wunsiedel nannte. Gleich am ersten Unterrichtstage wurde Jean Paul das Opfer der erbarmenslosen Arglist aufgebrachter Jugend. Der ihm gespielte Streich ging dem Knaben um so näher, als er von dem einzigen Primaner ausging, dem er von früher her bekannt war, namens Reinhart. Reinhart redete dem neuen Mitschüler ein, daß jeder neu Eintretende dem französischen Lehrer die Hand zu küssen habe. Arglos, da er an die Sitte des Handkusses von Kindheit auf gewöhnt war, trat Fritz auf den alten Tapetenwirker zu, um die vermeintlich schuldige Pflicht zu erfüllen. Der Sprachmeister, an Spott und Verhöhnung seitens der Schüler gewöhnt, überhäufte den gänzlich Erstaunten mit Haß- und Wutausbrüchen und verließ unter dem Gelächter der Klasse fluchend und tobend die Stube. Nicht nur der Mißbrauch seines arglosen Vertrauens traf 64 Fritz ins tiefste Herz, sondern vor allem der Umstand, daß er in den Augen seiner neuen Mitschüler einer kriechenden Demütigung fähig gewesen war. Er hat Reinhart diesen Streich nie vergeben und bis zu seinem Tode jeden Umgang mit ihm gemieden, obwohl sie später in Baireuth zusammen lebten. Ein eigenartiger Zufall wollte es, daß Reinhart, der in Baireuth Prediger wurde, nach Jean Pauls Tode an seinem Grabe die Leichenrede zu halten hatte. Anderer Übergriffe erwehrte sich Jean Paul mit leichter Mühe. In jeder Woche mußten zwei der unteren Primaner die diensttuenden Brüder oder die Excurrentes machen, die Stunden ausrufen und das Frühstücksbrot für die ganze Klasse herbeischaffen. Da man den Neuling nur als unteren Primaner anerkennen wollte, obwohl er als mittlerer aufgenommen war, suchte man ihn zu diesem Dienst zu zwingen. Er aber stand stumm und trotzig mit gesenkten und geschlossenen Händen da und weigerte sich, das Geld zum Broteinkauf entgegenzunehmen, so daß schließlich die richtigen Excurrentes ihres Amtes walten mußten. Seine entschlossene Haltung blieb auf die Dauer nicht ohne Wirkung, und allmählich errang er die Achtung und Zuneigung seiner Mitschüler. Ein besonderer Vorfall gab ihm sogar die unumstrittene Führerstellung innerhalb der Klasse. Konrektor Rennebaum war auf den Einfall geraten, öffentliche Disputierübungen anzustellen, wobei er sich die Stelle des immer siegreichen Präses vorbehielt, während Primaner die Rollen des Respondenten und des Opponenten erhielten. Fritz war bei einer solchen Disputation Opponent, als eine Thesis aus der Dogmatik zur Diskussion stand. Der Akt sollte nun planmäßig so verlaufen, daß das kirchliche Dogma neugestärkt und bewiesen aus dem Kampf der Meinungen hervorgehe und 65 Präses und Respondent als Sieger über den Opponenten triumphierten. Jean Paul war aber der Meinung, daß man bei Disputierübungen wie bei allem Forschen nach der Wahrheit unbekümmert um das Resultat so lange fortopponieren müsse, als man Gründe anzubringen wisse. Niemand auf der Schule hatte bis dahin eine Ahnung von seinen überragenden theologischen Kenntnissen, die er unter der Anleitung seiner Gönner Völkel und Vogel erworben. Zum ersten Male konnte er nun die Schätze seines heterodoxen Wissens zur Schau stellen, und er tat es mit einem sachlichen Eifer, daß er den zur These erhobenen Kirchenartikel in Kürze zu Fall brachte. Der Konrektor wie der als Respondent tätige Primaner waren auf einen derartigen Widerstand bei weitem nicht gefaßt und mit den theologischen Streitfragen nicht annähernd so vertraut wie Jean Paul. Der Respondent war bald zum Schweigen gebracht, und auch der Präses so in die Enge getrieben, daß ihm schließlich nichts übrigblieb, als dem siegreichen Opponenten Schweigen zu gebieten und das Katheder plötzlich und unwillig zu verlassen. Diese Niederlage des Konrektors wurde von den Primanern als ihr eigener Sieg aufgefaßt, und Jean Paul blieb von da ab von allen Neckereien verschont und galt als das geistige Haupt der ganzen Klasse. Die Angelegenheit hatte aber für ihn noch eine andere Folge: Die öffentliche Meinung der engherzigen und bigotten Höfer brandmarkte den jugendlichen Opponenten als Freigeist und Atheisten und verdammte seine heterodoxen Äußerungen auf das erbittertste. Von da ab blieb Jean Paul für seine Landsleute gezeichnet, und die verunglückte Disputation war der erste Anlaß für die gehässige Geringschätzung, mit der ihm seither von den Höfern begegnet wurde. 66 Jean Pauls Vater, der sicherlich auf seiten des Konrektors und der Hofer gestanden hätte, erlebte diesen Vorfall nicht mehr. Wenige Wochen, nachdem sein Sohn das Gymnasium bezogen hatte, starb er am 15. April 1779 in Schwarzenbach. Der Tod enthob ihn den schweren Konflikten mit dem eigenwillig sich entwickelnden Fritz, die jedenfalls nicht lange ausgeblieben wären. Wir haben kein Zeugnis darüber, wie des Vaters Tod auf den Jüngling wirkte. Vielleicht kann man aus seinem Schweigen schließen, daß er mehr das Gefühl einer Befreiung als eines Verlustes gehabt hat. Ja, bei seinem pietätvollen Sinn ist es nicht ausgeschlossen, daß seine Entfremdung mit dem Vater ihn später seine selbstbiographischen Aufzeichnungen mit dem Zeitpunkt abbrechen ließ, in dem er einen gewissen Gegensatz nicht mehr hätte verschweigen können. Die seit längerer Zeit bestehende Entfremdung zwischen Vater und Sohn hätte sich in den nächsten Jahren sicher zum feindlichen Gegensatz verschärft. Die Aufgabe des theologischen Studiums hätte des Vaters äußersten Widerspruch herausgefordert, und mit dem literarischen Beruf seines Sohnes hätte er sich jedenfalls erst nach dessen großen Erfolgen einverstanden erklärt. Die schmerzvolle innere Loslösung von den Seinen war Jean Paul zwar nicht erspart geblieben, aber er brauchte wenigstens die feindliche Zuspitzung des Generationsgegensatzes nicht zu erleben. Mochte ihm also der Tod des Vaters manchen inneren Konflikt ersparen, so war er doch von den furchtbarsten Folgen für die zurückgebliebene Familie. Mit dem Tode des Ernährers begann der zehnjährige »trojanische« Krieg mit der Armut, den Jean Paul mit einer atridenhaften Ausdauer zu bestehen hatte. Der Vater hinterließ fünf Söhne und Schulden, die allmählich aus den nicht unbeträchtlichen Einkünften der Schwarzenbacher Pfarre getilgt werden 67 sollten. Aber diese Einkünfte hatte der Verstorbene nur drei Jahre und drei Monate bezogen. Die Schulden waren noch lange nicht bezahlt, die Familie nicht aus der größten Dürftigkeit herausgehoben. Diese Folgen machten sich für Jean Paul selbst zunächst noch nicht bemerkbar. Nach wie vor lebte er im Hause der noch immer als wohlhabend geltenden Großeltern Kuhn in Hof, von deren Unterstützung die zurückgebliebene Familie in Schwarzenbach nun völlig abhängig war. Die Großeltern hatten Sophia Rosina besonders in ihr Herz geschlossen, und hauptsächlich die Großmutter hatte mit Unterstützungen der an den theologischen Hungerleider verheirateten Tochter niemals gekargt. Es kann nicht verwundern, daß die jüngere Tochter Christiana Maria, an den Gerichtsadvokaten und Goldarbeiter Riedel in Hof verheiratet, die einseitige Bevorzugung ihrer älteren Schwester als ungerecht empfand. Aus diesem Verhältnis sollten sich bald nach dem Tode der Großeltern die unliebsamsten Folgen ergeben. Das großväterliche Testament, das der ältesten Tochter im voraus ein Haus zugesprochen hatte, wurde von der Familie Riedel angefochten. Ein langwieriger und mit Haß geführter Erbschaftsprozeß verschlang die Werte, die der verwaisten Familie Richter den Lebensunterhalt gewähren sollten. Diese das menschliche Verhältnis der Verwandten vergiftenden Gegensätze spannen sich bald nach dem Tode des Schwarzenbacher Pfarrers an, um mit der gänzlichen Mittellosigkeit aller Beteiligten zu enden. – Jean Paul lernte bereits in seiner Gymnasialzeit seine späteren Freunde Christian Otto und Johann Bernhard Herrmann kennen, jedoch ohne daß es zu einem besonderen Freundschaftsbund mit ihnen gekommen wäre. Aber die Freundschaft mit Adam Lorenz von Oerthel, die ihm für 68 Jahre zum ausschließlichen Herzenserlebnis wurde, begann schon damals und riß sein Herz aus den Umklammerungen des rationalistischen Zeitalters heraus. Während er in Aufsätzen und Schulreden dem Geist der Berliner Aufklärung opferte, gab er sich, von der sentimentalen Siegwartepoche ergriffen, den Seligkeiten einer überschwenglichen Jugendfreundschaft hin. Während in seinen Arbeiten der nüchterne Diesseitsoptimismus der heterodoxen Aufklärung um seinen Ausdruck rang, war sein Herz von der Jenseitsseligkeit des Millerschen »Siegwart« ergriffen und schwärmte mit dem Helden von Hippels »Lebensläufen in aufsteigender Linie« auf Kirchhöfen von überirdischer Liebe und Freundschaft. Eine seltsame Vorwegnahme seiner späteren Romanepoche. Der Herzensüberschwang, dessen prophetischer Künder er viele Jahre später werden sollte, fand damals in ihm seine ersten, noch scheuen und keuschen Töne. Jahre hindurch müssen wir Jean Paul noch bei seinem Ringen um die rationalistische Weltanschauung beobachten. Von seinem hingegebenen Freundschaftsgefühl für Adam von Oerthel aus verstehen wir erst, wie eiskalt und fremd ihn diese Welt der Aufklärung, die übermächtig auf den jugendlich Wehrlosen eindrang, angerührt haben muß, welche Berge von Fremdheit und Widerwillen ihn bedrückt haben müssen, ehe er endlich den Zugang zu der ihm eigenen Welt des Herzens fand. Es war schließlich des Freundes Tod, der ihm die Ketten des Rationalismus abzuwerfen die Kraft gab, und es waren des Freundes und seiner geliebten Beata Gestalten, die den Reigen seiner Dichtungen eröffneten. Mit vollen Segeln trieb der bisher von allen Beglückungen des Gemeinschaftslebens Ferngehaltene auf den Ozean beseligender Freundschaftshingabe hinaus. Adam von Oerthel war über eine angeborene Hypochondrie 69 hinaus unglücklich. Sein Vater, der Kammerrat von Oerthel, war einer jener kaltherzigen, erfolggierigen Emporkömmlinge, die Jean Paul später fast in jedem seiner großen Romane gezeichnet hat. Von Hause aus Kaufmann in Hof, hatte er durch Geiz und nicht immer reinliche Geschäfte ein Vermögen zusammengebracht, das ihn schließlich in den Stand setzte, die Güter Töpen, Hohen- und Tiefendorf (nördlich von Hof) und damit den Adel und den Kammerratstitel zu erwerben. Auch in seinem neuen Stande blieb er als Geizhals berüchtigt und sah von dem Standpunkt des erfolgreichen Selfmademannes auf jedes Bildungsbestreben hinab. Seinen Sohn ließ er in Leipzig darben, so daß Adam trotz seines reichen Vaters als Student kaum weniger Not gelitten hat als Jean Paul. Schon während der Schulzeit muß sich der Gegensatz zwischen Vater und Sohn bemerkbar gemacht haben. Ein Gegensatz, den auch die feinfühlige Mutter Adams nicht überbrücken konnte. Zu diesen, den zarten und gemütstiefen Jüngling beschwerenden Familienverhältnissen trat die Liebe zu der ein Jahr älteren Beata von Spangenberg von dem benachbarten Gut Venzka hinzu, eine Liebe, die schon durch das Alter Beatens zur Hoffnungslosigkeit verurteilt war, und von der Beata selbst wohl erst spät erfahren hat. In schwärmenden Gesprächen mit dem Freunde mag der unglücklich Liebende die Erfüllung seiner Sehnsucht in ein besseres Jenseits verlegt und seinem Dasein die Kirchhofsstimmung gegeben haben, die seinem weichen Innern entsprach und die ein frühzeitiger Tod bereits als Schatten vorauswarf. Oerthel wohnte als Höfer Gymnasiast in einem kleinen Gartenhause, das der Vater ihm in ärmlicher Gegend gemietet hatte. Es lag an einem Arm der von Bäumen umsäumten Saale inmitten der Gärten, die zum Flußufer 70 hinuntergingen, mit romantischem Blick auf eine Vorstadtinsel, baumreiche Gärten und einen heiteren Wiesengrund. »Anmutig, ja entzückend«, schreibt Christian Otto, »mußte dieser Aufenthalt für befreundete Jünglinge sein, wenn sie sich vertraulich miteinander unterhielten oder mit Klavierspiel und Singen vergnügten oder der Musik zuhörten, die aus der Nachbarschaft zu ihnen hertönte. Den höchsten Reiz mußte neben der Poesie der Jugend . . . der Einfluß des Zeitalters gewähren, in welchem wertherisiert, siegwartisiert und nach dem täglichen schmerzlich-süßen Genuß einer für verdienstlich und heilig gehaltenen Sentimentalität getrachtet wurde.« Am 11. Oktober 1780 verließen die beiden Freunde das Gymnasium. Wenige Tage vorher war der Großvater Kuhn gestorben, und wieder knüpfte sich ein Todesfall an einen Lebensabschnitt Jean Pauls. Es waren wohl die baldige Trennung und des Großvaters Sterben, die Jean Paul den einzigen uns erhaltenen Brief jener schwärmerischen Periode eingaben, der uns einen Blick in die Gefühlswelt der Freunde vermittelt. Den Winter über bis zur Abreise nach Leipzig verlebte der junge Mulus bei seiner Mutter in Schwarzenbach. Und hier war es, wo er im Gedenken an den entfernten Freund seinen ersten, der sentimentalen Periode opfernden Roman »Abelard und Heloise« schrieb. Millers »Siegwart«, Hippels »Lebensläufe« und Rousseaus »Neue Heloise« haben bei diesem Frühwerk Pate gestanden. Zugleich sind aber Züge aus dem Erleben der beiden Freunde hineingeflochten. Die Natur- und Himmelsschwärmerei der Jünglinge ist in Abelard verkörpert, der die Einsamkeit sucht, um in seligem Entzücken am Busen der Natur zu ruhen. Von der Welt, in der nur der Verstand gilt und das Herz zertreten wird, zieht er sich zurück, um 71 seinen Empfindungen zu leben. Sein Vater schickt ihn auf ein Gymnasium, damit er sich auf die Universität vorbereite. Hier durchschaut er die Lehrer bald als hohle Tröpfe, die sich von Wind nähren und das Herz verwelken lassen. In den Schülern findet er die getreuen Kopien der mangelhaften Originale. Diese Eindrücke werden auf der Universität verstärkt. Die Studenten verbringen ihre Zeit mit Nichtigkeiten, und ihr Streben ist nur auf Erlangung einer erträglichen Dienststelle gerichtet. Nur wenige gibt es, die den Drang des Geistes in sich spüren. »Mit allgewaltiger Geniekraft fallen sie über die Wissenschaften her – blicken tief ins Innerste – fliegen Adlerflug – leuchten Sonnenglanz.« In dieser Stimmung naht ihm Heloise. »Eine Sonnennacht voll Freuden, wie sie im Himmel nur sind«, erlebt er in den Armen der Geliebten. Allein auf Befehl des tyrannischen Vaters soll Heloise einen ihr verhaßten Mann heiraten. Auf dem Kirchhofe am Grabe eines armen Mädchens, das wegen des Verlustes ihres Geliebten in den Tod gegangen ist, schwören sie sich ewige Treue. Abelard bezieht die Universität, aber sie trennen sich in der Hoffnung, wenn nicht auf Erden, so im Tode vereinigt zu werden. Heloises Bräutigam muß wegen eines Duells fliehen. Abelard jauchzt bei der Nachricht. Aber bald darauf muß er vernehmen, daß der fliehende Bräutigam vor seiner Flucht die Geliebte tödlich verwundet hat. Heloise fordert Abelard auf, ihr bald in die Ewigkeit zu folgen, und stirbt. Er versucht vergeblich, sich auf ihrem Grabe durch die »Kälte des Nachtgeistes« töten zu lassen und erschießt sich. Ein halbes Jahr später sah Jean Paul auf dieses erste erzählende Werk als auf eine verfehlte Jugendarbeit zurück. Er urteilte durchaus objektiv über den Roman, fand die Sprache des Herzens getroffen und die Naturschilderungen 72 gelungen, vermißte aber die fehlende Verwicklung und die scharfe Charakterzeichnung und verurteilte die unwahre Darstellung der Liebesempfindung.   »Mit allgewaltiger Geniekraft fallen sie über die Wissenschaften her – blicken tief ins Innerste – fliegen Adlerflug –«, das war schon das Bild, wie es Jean Paul von dem eigenen Studententum vorschwebte. Nach dem Vorbilde des Vaters, den Traditionen der Familie und den Vorstellungen der älteren Freunde Vogel, Werner und Völkel war es selbstverständlich, daß er das Studium der Theologie ergriff. Aber Jean Paul hatte wohl schon damals nicht die Absicht, nach dem Amt eines Tertius oder Landpfarrers zu streben. Der Gedanke, Schriftsteller zu werden, stand wohl schon, ehe er die Universität bezog, in seinem Kopfe fest. Erst seit wenigen Jahrzehnten hatte sich der Schriftstellerstand von Universität und sonstigen Staatsämtern losgelöst. Als einer der ersten hatte Lessing und nach ihm Hamann der Welt das Leben eines freien Geistes vorgelebt. Es war der Sieg der Aufklärung, daß Menschen ohne bestimmtes Amt in ihrem eigentlichen Wirkungsfeld ihr Leben ihrer Feder anvertrauten, um mit allen Kräften im Reiche des Geistes zu wirken. Nur ein solches Leben konnte Jean Paul locken, hatte er doch bereits seit langem den Schwerpunkt seines Daseins vom unmittelbaren Erleben fort in die Welt des geschriebenen Wortes verlegt. Was als ein fast naiver Egoismus immer deutlicher an ihm zutage trat, es war diese immer stärker sich entwickelnde Neigung, vom Leben nur Stoff für schriftstellerische Darstellung zu erraffen. Er lebte nicht mehr vom Empirischen aus, sondern unter den großen Formen des Geistes, in den er tiefer und tiefer 73 eindrang. Von seinem starken inneren Erleben her ordneten sich ihm auch seine Schicksale und äußeren Erlebnisse. Er brach von den Prinzipien des Lebens her in das Leben ein und formte es nach seinem Maß. Sein Leben wie sein Arbeiten wurde zum unaufhörlichen Schöpfungsprozeß. Kants erkenntnistheoretischen Subjektivismus, der bald einen starken Eindruck auf ihn machen sollte, ja den er trotz seiner Jugend als einer der ersten verstand, war schon vor Erscheinen der Kritik der reinen Vernunft die Norm seines Lebens, das er von seinem Subjekt aus aufbaute. Wohl kein Mensch hat derartige Massen von Gedanken zu Papier gebracht wie Jean Paul. Diese unaufhörliche Produktionsarbeit hatte bereits eingesetzt, ehe er das Gymnasium besuchte. Schreiben war ihm fast wie Atmen geworden, und er schrieb immer, wenn nicht das Leben unaufschiebbare Ansprüche an ihn stellte und ihn zwang, in Dasein und gesprochenem Wort zu verwirklichen, was er sonst schrieb. Die Resultate seines Denkens und Schaffens trug er mit einer grandiosen Selbstverständlichkeit und Rücksichtslosigkeit in das Leben hinein. Er lebte in einer dauernden Hochspannung des Gefühls, fraß die Menschen und warf sie achtlos und fast ohne es zu bemerken beiseite, wenn sie seinem Sturmschritt nicht mehr zu folgen vermochten. Die Menschen kamen und gingen in seinem Leben, ohne daß er dessen Acht hatte. Er war ein Virtuos der Freundschaft, aber die entschwundenen Freunde entschwanden auch seinem Bewußtsein. Adam von Oerthel, der seinem Herzen Jahre hindurch am nächsten gestanden hatte, wurde im Alter von ihm mit seinem späteren Freunde Friedrich von Oerthel verwechselt, und auf den Namen seiner Braut Karoline von Feuchtersleben konnte er sich einige Jahre nach seiner Entlobung nicht mehr besinnen. Immerwährendes Geben und Sichfortschenken war 74 ihm Bedürfnis. Ein Dämon trieb ihn von innen her, und die Außenwelt sank vor seinem Bewußtsein zurück. Die Menschen, die ihm sein Leben lang nahestanden, mußten sich mit aller Gewalt an ihn klammern. Wären sie zurückgeblieben, er wäre sich des Verlustes kaum bewußt geworden. Man kann sehr viel gegen eine solche Lebenshaltung einwenden, aber sie allein befähigte ihn, alles, was in ihm war und wirkte, restlos zu verwirklichen und in seinem Werk einen Menschen aufzubauen, der ganz er war und sich der ganzen Welt zum Geschenk gab, wenn die einzelnen Objekte seiner Hingabe wechselten. Was wie ein gesteigerter Egoismus aussah, das war in Wirklichkeit die grandioseste Hingabe des ganzen Menschen. Er lebte nicht für den einzelnen Freund, aber er lebte die große Freundschaft allen Menschen vor. Er hat vielleicht nicht ein einziges Mal wahrhaft und ernst geliebt, wenn man seine Haltung den einzelnen Mädchen und Frauen gegenüber betrachtet. Aber er lebte in einer ständigen Liebe, weit über das jedesmalige Objekt hinaus, und lebte deshalb der Welt das Leben des großen Liebenden vor, an dem alle Liebenden von Jahrhunderten sich entflammen können. Wenn er seit frühester Jünglingszeit fast nur noch im geschriebenen Wort zu leben schien, so darf man doch das Verhältnis von Werk und Wesen bei ihm nicht verkennen. Er lebte im Geist und von innen her, aber das einzelne Werk, das vielleicht zu schreibende Buch war ihm nie höchster Zweck, war ihm immer nur Mittel, sein Wesen zu verwirklichen. Er arbeitete ununterbrochen und konnte sich später bei seinen Dichtungen mit Feilen und Umarbeiten nicht genug tun. Aber es war nie die ästhetische und formelle Vollendung des Werks, was er erstrebte – alle seine Dichtungen sind ein 75 glühender und ungebändigter Ausbruch seines Innern –, sondern die Sichtbarmachung und Verwirklichung seines Wesens. Und gerade darin liegt das Geheimnis seiner unendlichen Fruchtbarkeit. Er war kein moderner Künstler, wie ihn uns in vollendetster Gestalt Flaubert dargestellt hat, dem das ästhetische Werk letzten Endzweck des Lebens bedeutete –, sondern in ihm lebte noch etwas von den großen namenlosen Künstlern der Gotik, die ohne Ruhmgier und Werkbesessenheit im Geiste und im Wesen lebten und denen gerade deshalb die unendliche Fülle der Gestalten und Formen erwuchs in selbstverständlichem und unhastigem, aber fortwährendem Reifen. Was von seinem Schaffen der Welt sichtbar geworden ist, ist nur ein Teil alles dessen, was er geschrieben hat, und eine Biographie, die ihm auf allen Pfaden folgen wollte, würde Bände und Bände füllen müssen. Allein die Vorarbeiten zu seinen satirischen Erstlingsbüchern, den »Grönländischen Prozessen« und den »Teufelspapieren«, nehmen mehr Raum ein als mehrere seiner längsten Romane. Und alle diese Aufzeichnungen waren zum Aufbau seines Lebenswerkes notwendig. Aber man würde dem Dichter keinen Gefallen erweisen, wollte man sie im einzelnen analysieren. In diesen zahlreichen Aufsätzen, Ausarbeitungen, Schulreden arbeitete Jean Paul sich durch das Weltbild seiner Zeit hindurch. Wenn nur diese vorbereitenden Jugendarbeiten, unter denen sich ganze Aphorismenbände voll glänzender psychologischer Beobachtung befinden, erhalten wären, würde sein Name sich eine Stellung in der Literaturgeschichte neben Rabener, Liscow und Lichtenberg etwa errungen haben, aber Jean Paul würde heute, wie alle diese Satiriker des Aufklärungszeitalters, nicht mehr zum Leben zu erwecken sein. »Die Schwärmerei«, heißt es in einer 76 Tagebuchaufzeichnung, »ist im männlichen Alter am schönsten, in das sie gewöhnlich bei phantasiereichen Köpfen fällt, wenn sie in der Jugend systematisierten.« Dieser Ausspruch gibt Jean Pauls Entwicklung in Kürze an. Ein pro domo geschriebener Ausspruch. Aber dennoch bezeichnet er die Entwicklung jener Zeit und vielleicht jede Entwicklung zu vollem Menschentum. Gerade das phantasievolle Kind ist am meisten damit beschäftigt, sich des Andrangs der Dinge durch Systematisieren zu erwehren, und je aufnahmefähiger und bereiter es ist, desto schwerer wird es zur Sprache des eigenen Herzens vorzudringen imstande sein. Aber erst wenn wirklich der ganze Reichtum der Erscheinungen aufgenommen und aufgehoben wurde, wird die dann frei hervorquellende Phantasie in sich ihr Feuer und ihren Wert tragen und nicht Erzeugnis vorübergehender Jugendlichkeit sein. Die Stürmer und Dränger waren im Alter Gescheiterte oder Philister, aber das Feuer aus dem Herzen Jean Pauls zündet über das Jahrhundert hinweg. Die Bibliothek des Pfarrers Vogel in Rehau war auch während der beiden Gymnasialjahre in Hof das hauptsächliche Bildungsmittel des Jünglings über den kärglichen Unterricht unzulänglicher Lehrer hinaus. Die Muluszeit in Schwarzenbach unterbrach diese Studien nicht. Übungen und Abhandlungen wurden dem älteren Freunde zur Beurteilung vorgelegt, von seiner Bibliothek befand sich nach wie vor ein stattlicher Bruchteil in Jean Pauls Zimmer. Als Bücherbote ging wohl damals schon ein jüngerer Bruder zwischen Schwarzenbach und Rehau hin und her. Eine Briefstelle aus jener Zeit, die von Hippels bekanntlich anonym erschienenem Buch »Über die Ehe« handelt, läßt aufhorchen: »Es hat eine frappante Ähnlichkeit mit den Lebensläufen nach aufsteigender Linie.« Jean Paul hatte also damals bereits Instinkt 77 und Urteil genug, um den Königsberger Hippel auch in dem neuen Gewande herauszukennen. Von den großen Sternen, die später seinem Weg vorausleuchten sollten, ging ihm hier also Gottlieb Theodor von Hippel als erster auf. Auch unter den erhaltenen Aphorismen knüpft einer an Hippel an, dem er auch als Dichter bereits in seinem Jugendroman den Tribut gezollt. Auffallend ist die Klarheit, mit der Jean Paul seine Schreibversuche oder »Übungen im Denken«, wie er sie selbst nannte, beurteilte. In einer Vorbemerkung zu einem seiner Schreibhefte vom 29. November 1780 schrieb er, daß diese Versuche nur für ihn seien als Übungen, »um's einmal zu können«. Das Ziel der Schriftstellerlaufbahn stand ihm also schon Monate vor der Abreise nach Leipzig fest. Die Schwarzenbacher Muluszeit blieb hauptsächlich der Lektüre und schriftstellerischen Versuchen gewidmet. In den Januar fällt der Roman »Abelard und Heloise«. Auch dem Hauswirt der Familie, Aktuar Vogel, einem Verwandten des Pfarrers, scheint er nähergetreten zu sein, denn bald wechselte er von Leipzig aus Briefe mit ihm. Auch der Aktuar Vogel sollte später eine Rolle in seinem Leben spielen. Selbstverständlich war auch eine herzliche Fortsetzung des Verkehrs mit seinem früheren Lehrer und Gevatter, dem Rektor Werner. Werners Einfluß war es auch, daß als Universität schließlich Leipzig bestimmt wurde. Der Rektor versicherte, daß Leipzig ihm die besten Aussichten zum Fortkommen eröffne. In dieser großen aufblühenden Handelsstadt würde es ein Leichtes sein, sich durch Freitische und Stundengeben – »Informationen« nannte man es damals – durchzuschlagen, und Jean Paul brauche von Hause kaum mehr als ein Armutszeugnis mitzubringen. Nach Wunsiedel wurde an den Stadtsyndikus Ruß geschrieben, damit er sich beim Superintendenten Esper für 78 Empfehlungen zu Freitischen und Stipendien verwende. So war nur etwas noch zu tun: die Prüfung vor dem Konsistorium in Baireuth abzulegen, die für alle vorgeschrieben war, die eine auswärtige Universität – Landesuniversität war Erlangen – beziehen wollten. Ein Verwandter lieh ihm zu dieser bedeutsamen Reise ein Pferd, das einzige, das Jean Paul in seinem Leben bestiegen hat. Aber nach altem Brauch mußte diese Reise zu Pferde zurückgelegt werden. So trabte der Jüngling denn stolz durch den blühenden Frühling der Stadt entgegen, die für ihn später so bedeutsam werden sollte. In den »Flegeljahren« hat er später diesen Ritt und den Gaul geschildert, welcher »vielleicht aus den Zeiten der Apokalypse stammte und längst statt des eigenen immer nur fremdes Fleisch trug«. Wenige Wochen später, am 19. Mai 1781, traf er in Begleitung des Höfer Rektors Kirsch und des Freundes Oerthel in Leipzig ein und wurde am gleichen Tag als Student der Theologie immatrikuliert.   Jean Paul hatte gedacht, in eine glänzende Welt einzutreten und sich endlich bedeutenden und berühmten Männern nähern zu können. Statt dessen saß er nach der Abreise des Rektors Kirsch einsam und verlassen in der großen Stadt mit seinem Freunde Oerthel in der Dachkammer des Hauses Petersstraße 2, im Gasthof zu den drei Rosen. Der Gastwirt Körner vermietete ihm das Zimmer für sechzehn Reichstaler, aber unter der Bedingung, daß er es jedesmal zur Messe freimache, weil dann die Zimmer naturgemäß günstiger zu vermieten waren. Oerthel, der das Nebenzimmer bewohnte, war durch den Geiz seines Vaters in keiner besseren Lage. Zwar konnte man in Leipzig wohlfeil leben, für 793 achtzehn Pfennige gab es bereits ein Mittagessen, aber mit den erwarteten Freitischen und der Möglichkeit, sich durch Informationen Geld zu verdienen, war es nichts. Die Professoren, an die die Freunde sich wandten, zuckten bedauernd die Achseln: » Lipsius vult exspectari «. Immerhin war Jean Pauls Lage den Sommer über noch nicht geradezu beängstigend. Großmutter Kuhn war damals noch imstande, die Familie ihrer Lieblingstochter vor augenblicklicher Not zu schützen. Erst im Herbst spitzten sich die Verhältnisse zu. Dennoch war Jean Paul vom ersten Tage an enttäuscht. Er sah sofort, daß von allen seinen Träumen sich nichts würde verwirklichen lassen. Die Welt, der er mit offenen Armen entgegengeeilt war, zeigte sich nicht geneigt, ihn an ihr Herz zu ziehen. Der ungewandte, wenig elegant gekleidete Kleinstädter fühlte überall Geringschätzung und Abwehr. Vor seinen Augen spielte sich das große Leben ab. Durch Fenster, vor Theatern und den modischen Gasthäusern tat er kleine Einblicke in die ihm verschlossene Welt der Leipziger Gesellschaft. Die Professoren fand er von eitlen Gecken umlagert und für den ärmlich Gekleideten unnahbar. Der erste Brief an Rektor Werner spiegelt seine Enttäuschung: »Die Stadt ist schön; wenn man eine Stadt schön nennet, die große Häuser und lange Gassen hat – für mich ist sie noch einförmig. Und die herrliche Gegend – die Sie mir versprachen – die find' ich um Leipzig herum nicht. Überall ein ewiges Einerlei – keine Täler und Hügel – völlig entblößt von dem Reize, der mir die Gegend, wo Sie noch wohnen, sonst so angenehm machte.« Schon hier bricht die Sehnsucht nach der Landschaft seiner Heimat durch, die er bis dahin mit keinem Worte je erwähnt hatte. In der Steinwüste der Großstadt lernte er sie zum ersten Male sehen. 80 »Die Mode ist der Tyrann, der diese Stadt beherrscht. Alles gleiset und schimmert von außen – so die Studenten –, aber von innen, wie ich einen schon kennengelernt habe, fehlt es an Kopf und Herz.« Diese Briefstelle erinnert an die entsprechenden Partien in seinem Jugendroman. Richtig hatte er das Gros damaliger studentischer Jugend voraus geschildert. Aber wie er diesem Gros die wenigen entgegensetzte, die »mit allgewaltiger Geniekraft über die Wissenschaften herfallen«, so rettete er sich selber mit kurzem Entschluß aus den niederziehenden Eindrücken in seine Studien. Auch hier schien er wie früher das Schwergewicht auf das Selbststudium zu legen. Er hörte zwar Kollegien, für die er infolge seines Armutszeugnisses nichts zu bezahlen brauchte, aber er, der aus jedem gelesenen Buch seitenlange Exzerpte auszog, notierte nichts von dem Gehörten. Nur einer seiner Lehrer machte Eindruck auf ihn: der Arzt, Anthropologe und Philosoph Ernst Platner, bei dem er Logik, Metaphysik und Ästhetik hörte. »Um Ihnen diesen zu malen,« schreibt er an Vogel, »müßt ich er selbst oder noch mehr sein . . . Er hat schon viele Streitigkeiten gehabt und noch mehr Feinde sich zugezogen. Er wurde einmal vor das Konsistorium zu Dresden gefordert, um sich wegen der Beschuldigung des Materialismus zu verantworten. Wenn man ihm etwas weniger Schuld geben kann, so ist es dieses: er ist der erklärteste Feind des Materialismus; man muß seine Aphorismen nicht gelesen, nicht verstanden haben, um es nicht zu wissen.« Und nun folgt jener verbissene Satz, der zum erstenmal die Satirenstimmung, in der Jean Paul sich Jahre hindurch bewegen sollte, vorweg nimmt: »Doch es war ein Konsistorium; und dieses hat recht, mit mehr Ehre dumm und mit mehr Heiligkeit boshaft zu sein als andere Menschen.« 81 Der Streit zwischen Orthodoxie und Heterodoxie steht also noch immer im Vordergrund seines Denkens. Natürlich für einen jungen Studenten der Theologie, der er immer noch war. Aber er beginnt doch bereits, seine Fühlhörner nach allen Richtungen hin auszustrecken, den Geist des Rationalismus als ein Ganzes, eine geschlossene Weltanschauung zu begreifen, die keineswegs auf das Gebiet der Theologie beschränkt ist. An dem verstorbenen Juristen Hommel rühmt er: »Neulich kannt' ich ihn nur als einen vorzüglichen Juristen – jetzt kenn' ich ihn als einen wahren Menschen, scharfsinnigen Philosophen. Unsterblich hat sich der Mann um Sachsen verdient gemacht. Durch seine scharfsinnigen Gründe, seine warme Beredsamkeit bracht' er's dahin, daß die Infamiestrafen aufgehoben worden sind, daß die Tortur, diese schwarze Geburt der Unwissenheit und des Fanatismus und der Grausamkeit, in kursächsischen Ländern abgeschafft ist – und daß die Anzahl der Hinrichtungen der Menschen gering ist. Ja, er soll sogar, wie man mich versichert hat, sehr auf die gänzliche Abschaffung der Todesstrafe gedrungen, und 's soll nur sein Tod die Ursache gewesen sein, daß er dieses Unternehmen nicht ganz zustande brachte. Edler Mann! Wie sehr verdient deine Asche die Tränen und die Verehrung jedes Menschen!« Hier zeigt sich die Aufklärung in ihrer ehrwürdigen Verbindung mit der Humanität, in ihrem Kampf um Freiheit und Menschenrecht, in dem Jean Paul einer der gewaltigsten Streiter werden sollte. Platner war es, der ihm auch die ersten Schauer vor dem Dichterwort vermittelte. Niemals vorher finden wir, daß ein Dichter ihn im Innersten gepackt hätte. Platner verhilft ihm dazu. In den Entwürfen zur Selbstbiographie findet sich die Aufzeichnung: »Eindruck bei Platner der Stelle aus dem Sturm: 82 Wir sind von solchem Stoff, Aus dem der Traum besteht, um unser kleines Leben Liegt ringsumher ein Schlaf. –« Und ein andermal: »Die Stelle bei Shakespeare: ›mit Schlaf umgeben‹, von Platner ausgesprochen, erschuf ganze Bücher von mir.« Die Verlorenheit des menschlichen Daseins im Meer des Ewigen, wie er es empfand mit seinem scharf ausgeprägten Gefühl für das Transzendente des Lebens, schlägt uns aus diesem Shakespearewort entgegen, und es ist kein Zufall, daß gerade diese Stelle eines Dichterwerkes ihn zum erstenmal mit dumpfem Schauern anrührte. Während gerade Platner ihn immer tiefer in die Welt des Rationalismus hineinführte, begann sich in seinem Innern bereits eine neue Welt aufzubauen. Nicht zu seinem augenblicklichen Glück, denn um so tötender mußte ihn der Geist der Aufklärung bedrücken, dessen er sich noch lange nicht zu erwehren vermochte. Theologische Vorlesungen hört er bei dem stillen und sanften Professor Morus, sodann bei Dathe, von dessen Vorlesungen er weniger entzückt ist als von seinen Büchern. Auch der Philologe Ernesti vermag ihn nicht zu fesseln, und nach dessen Tode fällt er scharfe Urteile über diese Hauptleuchte der Leipziger Universität. Vorlesungen über Moral bei Wieland, über Geometrie und Trigonometrie bei Geler, über die englische Sprache bei Hempel, über Johannes bei Magister Weber vervollständigten seinen Studienplan. Gerade bei den Vorlesungen des Theologen Morus empfindet er den Widerspruch zwischen dem gesunden Menschenverstand und der erzwungenen Lehrmeinung der Dozenten. »Der größte Fehler, den die Freiheit des Denkens in Sachsen findet, ist, daß die Großen, die Adligen noch nicht aufgeklärt sind. In Sachsen wird jedes freie Buch konfisziert. Morus 83 ist unstreitig nicht orthodox. Er hat schon viele Verfolgungen erlitten; und eben dieses macht ihn behutsam und hindert ihn, seine Meinung frei herauszusagen . . . In seiner Dogmatik trägt er bei streitigen Punkten die Meinungen der entgegengesetzten Parteien vor – er überläßt den Zuhörern die Entscheidung. Und wer wollte da nicht aus der Stärke seiner Gründe auf der einen Seite herausbringen, welches seine wahre Meinung sei.« Aber diese wahre Meinung frei herauszusagen war den Lehrern der akademischen Jugend verwehrt. Wenn Platner auch vorübergehend seine Begeisterung erwecken konnte, im allgemeinen fühlte er sich von dem Lehrbetrieb der Universität zurückgestoßen und ernüchtert. Was er am heißesten ersehnte: den persönlichen Verkehr mit einem großen Manne, das vermochte ihm Leipzig nicht zu geben. Immer wieder irren seine Gedanken um diesen Wunsch. »Ein großer Mann ist am größten in seiner Stube und noch größer in sich selbst. Draußen in der Welt blendet er nur und verschießt feurige Strahlen, man muß näher bei ihm sein, um Wärme von ihm zu empfangen.« Er glaubt, daß das, was er von den Professoren im Hörsaal vernimmt, nicht ihrer Weisheit letzter Schluß sein könne. Immer vermutet er Größeres dahinter, was sie in der Öffentlichkeit verschweigen müssen, und ist verbittert, daß ihm dieses Letzte wegen seiner Armut verschlossen ist. Er phantasiert sich in den Verkehr mit einem großen Manne hinein. Aber auch hier sieht er unüberwindliche Hindernisse. Kein Mann könne eines Jünglings Freund sein, weil der Jüngling mit dem Manne, dem er Ehrfurcht schuldig sei, nicht von sich selbst reden könne. Warum erkennt man das Genie eines jungen Menschen nicht so leicht? »Man beurteilt ihn nur aus dem, was er merkt, nicht aus dem, was er denkt.« »Um ihn 84 kennenzulernen, müßt ihr das Schulgesicht ablegen und auf eurem Gesicht den männlichen Ernst mit der jugendlichen Freundlichkeit vertauschen. Er wird dann begierig, durch seine Offenheit euren Beifall zu verdienen; seine Strahlen des Genies wird er nicht mit dem Schleier der Gewohnheit verdecken. Im entgegengesetzten Falle seht ihr ihn nicht, wie er ist, sondern wie ihr ihn vermutet; er sagt euch dann nicht seine Gedanken, sondern die, von denen er glaubt, daß ihr sie erwarten werdet.« Eine reife und bittere Psychologie für einen jungen Genius, der sich von jeder Mitteilung an einen Führer ausgeschlossen sieht. Aber er hat diese psychologische Einsicht später genützt und ist zahlreichen Jünglingen der Gedankenheber gewesen, den er selbst vermissen mußte. Daß seine älteren Höfer und Schwarzenbacher Freunde, die Vogel, Völkel, Werner und Kirsch, diese Führer nicht waren, darüber hatte der Jüngling wohl bald keinen Zweifel mehr, und Vogel selbst erkannte es, und mehr noch: er sagte es frei heraus: »Sie können noch dereinst mehr Verdienst um mich haben, als ich gegenwärtig um Sie gehabt habe. Heben Sie diese Weissagung auf!« schrieb er ihm gleich in einem der ersten Briefe nach Leipzig und grüßte so als erster den jungen aufstrebenden Genius. Wenn Jean Paul mit solchen Aufzeichnungen, wie denen über das Verhältnis des genialen Jünglings zum großen Manne, ungeduldig gegen das Schicksal seiner Verlassenheit und Einsamkeit aufbegehrte, so ließ er sich keineswegs in seinen Arbeiten aufhalten. Mit Heißhunger nahm er ganze Literaturen in sich auf. In dieser ersten Leipziger Zeit drang er zu den eigentlichen literarischen Quellen der deutschen Aufklärung, zu den englischen Schriftstellern, vor. Pope und Young waren es, die ihn durch ihre Formvollendung und 85 ihre leichte und mondäne Satire entzückten. Nicht der Young der »Nachtgedanken«, sondern der Young der Satiren. Hauptsächlich bot ihm aber Pope, diese Inkarnation des nüchternen englischen Rationalismus, eine Fülle von Anregungen. Die Abhandlung »Etwas über den Menschen«, die er im Sommer 1781 verfaßte, ist wohl auf die Lektüre von Popes » Essay on Man « zurückzuführen, und wenn er ein halbes Jahr später, auf Erasmus' » Encomium moriae « zurückgehend, ein »Lob der Dummheit« schrieb, so ist auch manches von Popes » The Dunciad « (von dunce  = Dummkopf) in diesen Aufsatz, wie überhaupt in die Arbeiten der nächsten Jahre, eingeflossen. Von den englischen rationalistischen Dichtern fand er endlich auch den Zugang zu jener andern zurückliegenden rationalistischen Literatur, die ihm auf der Schule durch den schlechten Unterricht seiner Lehrer verleidet worden war: der lateinischen. Cicero und Seneca – »ich liebe diese beiden jetzt über alles und gäbe ihre Lektüre um keines der besten deutschen Bücher. Die nachgeahmten Satiren eines Pope reißen mich hin; ich fand sie im Original, im Horaz, noch schöner; seine Kritik der Vernunft ist ein Meisterwerk; Horaz de arte poetica ebenso. Jetzt lieb' ich die lateinischen Autoren; ich habe das dumme Vorurteil fahren gelassen, von welchem ich durch eine sehr schlechte Information von meinem lateinischen Lehrmeister bin angesteckt worden« Und in diesem Zusammenhang dürfen auch die Franzosen nicht fehlen: »Jetzt les' ich die französischen Bücher lieber als deutsche. Der Witz eines Voltaire, die Beredsamkeit eines Rousseau, der prächtige Stil eines Helvezius, die feinen Bemerkungen eines Toussaints – alles dies treibt mich zum Studium der französischen Sprache.« Die Luft von Klein-Paris, wie Leipzig genannt wurde, machte sich bemerkbar. 86 »Sonst las ich bloß philosophische Schriften; jetzt noch lieber witzige, beredte, bilderreiche.« Wie Goethe in Leipzig fünfzehn Jahre früher von der gefälligen Welt des Alexandriners eingefangen wurde, so ging es jetzt Jean Paul mit der rationalistischen Satire, der lateinischen, und ihrer Nachahmer aus dem 18. Jahrhundert. Mit Verwunderung wird man Rousseaus Namen in diesem Zusammenhang antreffen. Ganz anders hatte Rousseaus »Neue Heloise« auf den Gymnasiasten und Mulus gewirkt, als er der schwärmerischen Periode in seinem Jugendroman »Abelard und Heloise« opferte. Man sollte meinen, daß die Lektüre des Sturmvogels der französischen Revolution die rationalistische Kruste des Studenten sprengen und ihn in einen Strudel überströmenden Lebensgefühls hineinreißen würde. Es war die Zeit, wo Rousseaus Einfluß auf Pestalozzi, Basedow und die Philanthropisten bezwingend wirkte. Aber ganz anders nahm Jean Paul ihn auf. Nicht sein edler Zorn, seine Anklage der menschlichen Gesellschaft, der Kultur des 18. Jahrhunderts wirkte auf ihn ein. Er preist seine »Beredsamkeit«, und in seinen Exzerptenheften machte er Auszüge von Beschreibungen vornehmer Lebenskreise, die ihm verschlossen waren und in die hineinzublicken ihn noch immer sehnsüchtig verlangte. So schrieb er sich eine über zwanzig engbeschriebene Seiten lange Darstellung des geselligen Lebens in der großen Pariser Welt ab, wohl in dem dunklen Gefühl, daß er solche Schilderungen einmal zu eigener Darstellung gebrauchen würde. Aber wenige Monate später berührte ihn doch von ferne die eigentümliche Größe Rousseaus. Etwa im September 1781 schreibt er im »Tagebuch meiner Arbeiten«: »Wir haben große Geister gehabt, aber noch keine großen Menschen. Alle unsere Genies schwingen sich durch ihren Verstand über diese 87 Erde weg – wir sehen traurig ihrem Fluge nach und bedauern, nur Menschen zu sein; wir verehren sie, aber wir lieben sie nicht sehr. Allein eine Ausnahme ist da: Rousseau. – Seine Fähigkeiten machten ihn zum großen Mann – – sein Herz zum großen Menschen.« Er ahnt, daß es etwas Höheres gibt als den Geist des Rationalismus: das Feuer, die bestehenden Verhältnisse umzuschmelzen. Er, der sein Herz unverhüllt in die Welt werfen sollte, ahnt in dem großen Schweizer einen Vorgänger. Aber der Anhauch dieses Geistes schmilzt ihn selber noch nicht um. Während all dieser Arbeiten und Eindrücke rissen die Fäden nach der Heimat nicht ab. Der geistige Austausch mit dem Pfarrer Vogel wurde fortgesetzt, wobei der junge Student allmählich die Führerrolle übernahm. Von dem geistigen Zentralpunkt der großen Stadt übermittelte er dem abgelegenen Dorfpfarrer die literarischen Neuerscheinungen. »Zur Messe kommen verschiedene wichtige Bücher heraus: Kants Kritik der Vernunft; witzig, frei und tiefgedacht!« heißt es in dem Brief vom 17. September 1781. Er besorgte dem Mentor Bücher und wichtige Rezensionen. Aber auch die familiären Verhältnisse in Schwarzenbach erforderten seine ständige Aufmerksamkeit. Gegen Ende des Sommers brach der zehnjährige trojanische Krieg mit der Armut in ganzer Heftigkeit los. Aktuar Vogel, der Hauswirt der Familie Richter, hatte versucht, auf dem Wege über seinen jungen Freund Jean Paul und dessen Freund Adam Oerthel Gerichtshalter des Kammerrats von Oerthel zu werden. Dieser aber wollte offenbar seinen alten Gerichtshalter, einen Advokaten Klingsohr, behalten. Zwischen Aktuar Vogel und Jean Paul wurden über den Gegenstand einige Briefe gewechselt, die nicht zum Ziele führten. Im Herbst war Vogel noch immer 88 nicht Gerichtshalter der Oerthelschen Güter. Im August kündigte er plötzlich Frau Richter ihre Schwarzenbacher Wohnung in seinem Hause. Bei der später hundertfach bewährten Freundschaft des Aktuars für Jean Paul und die Seinen kann diese Kündigung kaum in böser Absicht erfolgt sein. Vielleicht war er selbst durch Not gezwungen, sich nach zahlungskräftigeren Mietern umzusehen. Es scheint auch, daß Frau Richter selber Schwarzenbach verlassen wollte, um zu ihrer Mutter nach Hof zu ziehen. Durch das Testament ihres verstorbenen Vaters, des Tuchfabrikanten, waren ihr in Hof zwei Häuser vermacht worden, und sie konnte hoffen, dort wenigstens die Wohnungsmiete zu sparen. Aber ihre Verwandten Riedel hatten die Gültigkeit des Testaments angefochten, und so war der Besitz der Häuser wiederum in Frage gestellt. Jean Paul riet dringend, in Schwarzenbach zu bleiben, wo man auf die Hilfe bewährter Freunde rechnen konnte, während die Familie in Hof gänzlich fremd war und auch keinen Anspruch auf behördliche Unterstützung hatte. Die Verhältnisse der Großmutter hatten sich inzwischen seit dem Tode ihres Mannes fortdauernd verschlechtert, so daß eine Hilfe von dieser Seite nicht mehr zu erwarten war. Sorge bereitete auch die wenig hoffnungsvolle Entwicklung seiner Brüder. Rektor Werner beklagte sich über ihre Faulheit. Er bat ihn ausdrücklich, streng zu sein. Aber diese strengere Behandlung hatte die entgegengesetzten Folgen, wie wir noch sehen werden. Unter dem Druck der Verantwortung als ältester Sohn und Haupt der Seinen tat Jean Paul nun einen Schritt von unerwarteter Kühnheit: Er brach kurz entschlossen sein Studium ab, um als freier Schriftsteller sein Brot zu verdienen. Bei seiner Lage konnte dieser Entschluß fast wie 89 Wahnsinn erscheinen. Von keiner Seite hatte man ihm irgendwelche Hoffnung gemacht, daß er in absehbarer Zeit auch nur das Geringste mit literarischer Arbeit verdienen würde. Was er an Manuskripten einzusetzen hatte, ging nicht über einige Aufsätze hinaus, für deren Annahme keinerlei sichere Aussicht bestand. Aber schließlich waren die pekuniären Aussichten eines völlig mittellosen Studenten der Theologie auch gleich Null. Es ist, als ob er eine Bilanz ziehen wollte, wenn er im September in einem Brief an Rektor Werner noch einmal die Unmöglichkeit hervorhebt, Informationen und Freitische zu erhalten. »Ich habe hier noch keine Information, keinen Tisch, keine Bekanntschaft mit Studenten, noch gar nichts. Es ist eben nicht ganz leicht, Zutritt bei den Professoren zu erhalten. Diejenigen, die eigentlich berühmt sind und deren Liebe mir nötig genug wäre, sind von einem Haufen Geschäfte umringt, von einer Menge von andern vornehmen Personen . . ., von einem Schwarm niederer Schmeichler umlagert, daß jeder, den nicht sein Kleid und sein Stand empfiehlt, nur erst mit Mühe ihr Bekannter wird . . . . Bedenk' ich noch die Menge von armen Studenten, die sich, Hunger auf ihrem Gesichte, so leicht verraten, die Menge von schlechten Studenten, die den menschlichen Professor hintergehen und ihn gegen die besseren hart machen, so kann ich mir das ganze Phänomen erklären.« Es ist der Verzweiflungsschrei eines, der sich am Ende aller Aussichten sieht. Und nun kommt ein Satz, der auf den Entschluß, mit allem dem ein Ende zu machen, vorbereitet. »Demungeachtet geben Sie Ihre Hoffnung nicht auf; ich werde all diese Schwierigkeiten überwinden, ich kann sie zum Teil; allein ich brauch' es nicht. Hier komm' ich auf das Rätsel, dessen Auflösung Sie so begierig erwarteten und welches ich meiner Mama nur dunkel angegeben. Allein jetzt ist's ebensowenig noch 90 aufgelöst.« Des Rätsels Auflösung war diese: er hatte einen längeren Aufsatz »Etwas über den Menschen«, der ihn den Sommer über beschäftigt hatte, an Christian Boie, den Herausgeber des »Deutschen Museum« in Göttingen, gesandt und wartete von Tag zu Tag auf Annahme und Honorar. Dieser Aufsatz sollte seine Schriftstellerkarriere einleiten. Einige Wochen später erhielt er den Aufsatz zurück. Dennoch begann er sich als Schriftsteller zu fühlen und suchte seine veränderte Stellungnahme zur Welt auch äußerlich zu dokumentieren, inneres Wesen und äußeres Bild seiner Erscheinung miteinander in Einklang zu bringen. Wenn er den Hauch einer neuen Zeit in sich fühlte und als Autor der offiziell herrschenden Orthodoxie den Krieg erklärte, so glaubte er auch in seiner Kleidung den Gegensatz betonen zu müssen, und wählte dazu eine Tracht, die in unsern Tagen wiederum als Kampftracht einer jungen aufsteigenden Generation in Mode gekommen ist: den heute sogenannten Schillerkragen. Ende August schrieb er an seine Mutter: »Dafür schicken Sie mir lieber seine Oberhemde, keine Unterhemde brauch ich nicht; aber jene müssen à la Hamlet gemacht sein. Bei Ihnen wird dies niemand verstehen; das heißt nämlich, vorn bei der Brust müssen sie offen sein, daß man den bloßen Hals und die Brust sehen kann; das ist hier Mode.« Allein gerade weil es jeder Mode ins Gesicht schlug, entblößte er Hals und Brust, und ein halbes Jahr darauf schnitt er kurz entschlossen den Zopf ab und ließ offenes Haar frei im Winde wehen. Und ebenso machte er aus seiner von dem Zeitgebrauch abweichenden Rechtschreibung nunmehr ein System und erhob zum Grundsatz, was früher nur bequemer Gebrauch gewesen war. Schon in der Muluszeit war er in der 91 Schreibart eigene Wege gewandelt. Er hatte das Dehnungs-h und die Verdoppelung der Konsonanten wie Vokale verpönt. In einem Brief an Pfarrer Vogel vom November 1781 verteidigt er seine Schreibweise gegen die Angriffe des Mentors mit rationalistischen Gründen. Er geht von dem zufälligen augenblicklichen Stand der Sprachentwicklung aus, ohne auf ihre Geschichte und Stammeszugehörigkeit Rücksicht zu nehmen, und huldigt dem verflachenden und rationalistischen Prinzip, die Schriftzeichen der Klangform anzugleichen. Er, den später Grimms Wörterbuch der deutschen Sprache als einen der größten Sprachschöpfer anführt, der aus dem Sprachbewußtsein des Volkes und der Sprache selbst neues Sprachgut in Menge ans Licht hob, er zeigte sich in seinem Aufklärungszeitalter als der folgerichtigste Rationalist, um so mehr, als Rationalismus eine ihm wesens- und blutfremde Anschauung war. Jeden Gedanken an Mythos und Sinn einer Sprache hätte er damals radikal abgelehnt. Zuckt er doch über den Mystiker Krusius und seine Anhänger die Achseln: »Man ist im Jahr 1781 zu aufgeklärt, um ganz Krusianer zu sein, wenigstens zu klug, um es zu sagen.« Schon in einem früheren Brief an Rektor Werner heißt es: »Ich würde nur das arbeiten, was mir gefiele . . .« Jetzt, wenige Wochen später, kommt an Pfarrer Vogel die Absage seines theologischen Studiums: »Es wird mir schwer, Ihnen gewisse Dinge zu sagen, da sie sich ohne den Schein von Stolz und Prahlerei kaum sagen lassen: aber es wird mir leicht, es zu sagen, wenn ich mich erinnere, daß Sie mich zu gut kennen, um da mich stolz zu vermuten, wo ich's nicht sein kann, oder da zu finden, wo man's bloß zu sein scheint. Ich habe mir die Regel in meinen Studien gemacht, nur das zu treiben, was mir am angenehmsten ist, für was ich am wenigsten ungeschickt bin, und was ich jetzt schon nützlich 92 finde oder halte. Ich habe mich oft betrogen, wenn ich dieser Regel gefolgt bin: allein ich hab' es nie bereut, in einen Irrtum gefallen zu sein, der . . . Das studieren, was man nicht liebt, das heißt, mit dem Ekel, mit der Langweile und dem Überdruß kämpfen, um ein Gut zu erhalten, das man nicht begehrt, das heißt, die Kräfte, die sich zu etwas anderm geschaffen fühlen, umsonst an eine Sache verschwenden, wo man nicht weit kommt, und sie der Sache entziehn, in der man Fortgänge machen würde. ›Aber eben dadurch verdienst du dein Brot‹ ist der elendeste Einwurf, der gemacht werden kann. Ich wüßte keine Sache in der Welt, durch welche man sich nicht Brot erwerben könnte. Ich will das verschweigen, daß der nie so weit kommt, der sich in seinen Studien bloß die Erwerbung eines notwendigen Bedürfnisses zum Endzweck setzt –, ›allein in dem einen mehr, in dem andern weniger!‹ Dies zugegeben; so weiß ich nicht, ob ich in dem mein Brot erwerben werde, wozu ich keine Kräfte fühle, keine Lust empfinde, und in welchem ich also nur wenig Fortgänge mache, oder in dem, in welchem mich mein Vergnügen anspornt, mir meine Kräfte forthelfen . . . – Man muß ganz für eine Wissenschaft leben, ihr jede Kraft, jedes Vergnügen, jeden Augenblick aufopfern, und sich mit den andern nur deswegen beschäftigen, insofern sie der unsrigen eine Folie verschaffen. Und entgeht mir durch die sonderbare Verwicklung von äußeren Umständen der unbedeutende Nutzen, der jedem schlechten Kopf sein Ziel ist, so wird mir das wahrlich wieder zehnfach ersetzt, daß ich in der Betreibung meiner Wissenschaft die Seelenwollust genieße, die aus jeder Beschäftigung mit Wahrheiten quillt, den Reiz empfinde, den für mich jede Äußerung meiner Kräfte hat, und vielleicht auch die Ehre genieße, die ihm über kurz oder lang zuteil wird. Dies ist meine Verteidigung.« 93 Selten ist ein so folgenschwerer Entschluß unter so schwierigen Umständen mit mehr Heroismus gefaßt und begründet worden. Mochte das Gedankenbild Jean Pauls noch von dem Rationalismus abhängig sein, der Heroismus seiner persönlichen Haltung weist weit darüber hinaus. Die Sätze, in denen er seinem Mentor den Abschluß seines Brotstudiums begründet, sollten jedem Erzieher und jedem jungen Menschen vor Augen stehen. Mit der Souveränität innerer Größe weist Jean Paul hier jede Halbheit des Lebens von sich zurück, die fast in jeder Generation den größten Teil kraftvoller Jugend verschlingt. Nur das Leben kann Früchte tragen, das aus dem Ganzen gelebt, das mit Leidenschaft für eine Sache eingesetzt wird. Wo die Öffentlichkeit der Halbheit jener Kompromißnaturen anvertraut ist, die die innere Berufung des sicheren Weges halber aufgeben, hat der Weg noch stets in den Abgrund geführt. Widriger können Umstände nicht sein als die, unter denen Jean Paul dem Ruf seiner Natur folgte. Er brach alle Brücken, die zur sicheren Futterkrippe führten, ab in dem Bewußtsein, daß seine eigentlichen Fähigkeiten den Menschen rascher und sicherer an das erstrebte Ziel tragen als ein ungeliebter Beruf. Und wenn sein Weg durch Hungerjahre führte, so sollte sich doch zeigen, wie sehr er mit seiner Überzeugung recht hatte. Die Ablehnung seines Aufsatzes machte ihn bei dem einmal eingeschlagenen Wege nicht wankend. Er steigerte seine Bemühungen. Nicht mehr Aufsätze, ein ganzes Buch wollte er schreiben, um durch das Honorar der Not zu steuern. Bei den Vorbildern, unter deren Einfluß er stand, war er sich über Stoff und Form bald im klaren. Auch hierin opferte er dem Geist des Rationalismus, daß er ein Werk zu schreiben gedachte, nicht aus irgendeinem inneren Anlaß, sondern 94 um eben ein Werk zu schreiben. Es konnte nichts anders als eine Satire werden. Das Vorbild dazu fand er in des streitbaren Erasmus » Encomium moriae «, wozu der starke Einfluß Popes kam. Die Schrift des großen Humanisten war in der Tat dazu angetan, seinem Herzen die Zunge zu lösen. Mit vernichtender Ironie wendet sich Erasmus gegen die Krebsschäden seines Zeitalters. Poeten, Redner, Juristen, Gelehrte, Höflinge, Fürsten, ihnen allen hält er den Spiegel vor und trifft sie mit den Geißelhieben seiner Rede. Er züchtigt die Grammatiker, die von ihrer Gelehrsamkeit einen so hohen Begriff haben und doch den Knaben nur dummes Zeug beibringen. Am unbarmherzigsten – und hier kam er Jean Pauls Einstellung am meisten entgegen – verfolgt er »das stinkende Kraut der Theologen«, die »mit ihrem nichtsnutzigen Geschwätz Zeugs zusammenstottern, das kein Mensch verstehen kann, als wer auch so ein Stottermatz ist«. Die »Sauerei, Unwissenheit, Grobheit und Unverschämtheit der Mönche«, die gottlosen Päpste, die Christus durch ihr fluchwürdiges Leben noch einmal ermorden, über sie alle gießt er die Lauge seines Spotts und seiner Entrüstung aus. Es ist immerhin bezeichnend für Jean Paul, daß er auf dieses streitbare Vorbild einer kulturkämpferischen Zeit zurückging und nicht völlig dem Einfluß der gegenstandslosen und spielerischen Satire der Engländer unterlag. Das Thema der Dummheit beschäftigte Jean Paul bereits seit dem Sommer 1779, doch kam er damals über flüchtige Skizzierung des Gegenstandes nicht hinaus. In den beiden Vorarbeiten seines »Lobes der Dummheit«, den Aufsätzen »Von der Dummheit« und »Unterschied zwischen dem Narren und dem Dummen« führte er den Griffel der Satire schon sicherer, ja in der Anordnung des Stoffes war er 95 sogar glücklicher als in dem größeren zur Veröffentlichung bestimmten Gemälde. Wie Erasmus führt er die Dummheit redend ein und läßt sie in witziger Rede nachweisen, wie sehr sie die Wohltäterin der Menschen sei. Im ersten Teil werden die Vorzüge des Dummen vor dem Weisen behandelt. Mit ausgezeichneter Ironie wird nachgewiesen, wie die Dummheit die Gesundheit des Körpers und der Seele befördere und wie in richtigem Instinkt die Gelehrten, Mächtigen und Reichen die Weisheit bekämpften. Im zweiten Teil werden die ironischen Ausfälle spezieller. Auf Frauen, Fürsten, Höflinge, Theologen, Juristen, Ärzte, Dichter, Philologen, kurzum, auf alle Träger des geistigen und öffentlichen Lebens richten sich ihre Pfeile. Besonders heftig werden die Fürsten mitgenommen. Nur der Zensur wegen ist bemerkt, daß die Schilderung nicht mehr auf das 18. Jahrhundert passe. Gerade in seiner Heimat hätte manche Anspielung ins Schwarze getroffen. Im übrigen ist die Schrift für unsern heutigen Geschmack genau so ungenießbar wie die übrige Satirenliteratur des 18. Jahrhunderts, und nur der Name Jean Pauls zwingt uns, uns mit ihr zu beschäftigen und wenigstens Tendenz und Inhalt festzustellen. Den Winter über war der junge Schriftsteller mit dem »Lob der Dummheit« beschäftigt und glaubte mit Recht, ein Buch geschrieben zu haben, das hinter den üblichen Machwerken der Zeit nicht zurückstand. Es war eine Zeit des Elends und Hungerns für ihn. Schon im Dezember war er trotz der unzureichenden Hilfe Oerthels, der jeden Bissen mit ihm teilte und des Freundes wegen in Schulden geriet, von allen Mitteln entblößt und mußte die Mutter, die selbst infolge des Erbschaftsprozesses in der übelsten Lage war, um Geld anflehen. Damals war Frau Richter bereits zu ihrer Mutter in die Klostergasse nach Hof übergesiedelt. Aber 96 auch die Großmutter konnte nicht mehr nennenswert helfen. »Ich weiß, wie nötig Sie es jetzt brauchen. Allein helfen Sie mir nur jetzt; ich denke, Sie sollen mir nachher mit Gottes Hilfe länger nicht helfen dürfen. Es muß gehen; vielleicht hilft mir das Mittel, das ich im Kopfe habe, zu Gelde. Allein jetzt muß ich Geld haben; ich wüßte wahrlich nicht, was ich anfangen sollte, wenn Sie mir entweder keines schickten oder mich doch lange warten ließen.« Im Februar oder März 1782 war er mit dem »Lob der Dummheit« fertig. Durch einen Bekannten spielte er das Manuskript dem Professor Seidlitz in die Hand und glaubte, dessen Beifall und Protektion errungen zu haben. Er schwelgte in der Hoffnung, wenigstens hundert Taler Honorar zu erhalten und den Sommer über davon leben zu können. An Vogel schrieb er über seine Pläne: »Ich will Bücher schreiben, um Bücher kaufen zu können; ich will das Publikum belehren (erlauben Sie diesen falschen Ausdruck wegen der Antithese), um auf der Akademie lernen zu können . . . Ich änderte nun die Art meines Studierens; ich las witzige Schriftsteller, den Seneca, den Ovid, den Pope den Young, den Swift, den Voltaire, den Rousseau, den Boileau, und was weiß ich alles? – Erasmus Encomium moriae brachte mich auf den Einfall, die Dummheit zu loben. Ich fing an; ich verbesserte; ich fand da Hindernisse, wo ich sie nicht suchte, und da keine, wo ich sie erwartete; und endigte an dem Tage, wo ich Ihren schätzbaren Brief bekam.« Er übersandte mit dem Brief dem alten Freunde das Manuskript. »Ich werde Ihnen den größten Dank abstatten, wenn Sie mir, ehe ich das Manuskript dem Verleger überlasse, einige Nachricht in Ansehung des Wertes desselben, des Akkords mit dem Verleger usw. erteilen, und noch mehr, wenn Sie die auffallendsten Fehler desselben anzeigen.« Aber auch 97 diesmal sollten seine Hoffnungen zu Wasser werden. Er erhielt das Manuskript einige Wochen später von dem Buchhändler zurück. Zum Osterfest fuhr er nach Hof und bot die Schrift von dort aus dem Verleger Weygand an, auch dieses Mal vergeblich. Es muß ein trauriges Fest gewesen sein, und nichts von der freudigen Stimmung des »Quintus Fixlein« lag über dem Wiedersehn mit der Mutter. Im März war die Großmutter Kuhn gestorben und damit der letzte Hinterhalt der Familie geschwunden. Selbst den alten Freund Vogel besuchte er nicht, bat ihn nur um einige Bücher, die der stets Hilfsbereite ihm schickte. Das Wetter war rauh und winterlich. Im Schneetreiben hatte er mit Oerthel die Reise gemacht, und als er am 2. Mai mit dem Freunde zurückfuhr, lag der Winter noch immer über den Höhen des Fichtelgebirges. So verflossen die Tage in der Heimat inhaltleer, und nur einem wird er während dieses Ferienaufenthalts nähergetreten sein: dem neuen Freunde Johann Bernhard Hermann, mit dem er seit Anfang des Jahres Briefe wechselte. Oerthel und Hermann sind die beiden großen Erlebnisse in Jean Pauls Jugendzeit. Oerthel hatte ihm in der Gymnasiastenzeit den kurzen Vorfrühling einer sentimentalen Epoche geschenkt, und sein früher Tod löste ihm endlich die Dichtersprache. Hermann schenkte ihm nicht weniger. Seine zerrissene Persönlichkeit vermittelte Jean Paul das Erlebnis eines tragischen Realismus, eines Leidens an den erdgebundenen Diesseitigkeiten, in die die Sinne sich dennoch in Ekel und Wollust einwühlen. Hermann war zwei Jahre vor Jean Paul als Sohn eines armen Zeugmachers in Hof geboren worden. Ein Jahr nach Jean Paul hatte er das Hofer Gymnasium verlassen, 98 zusammen mit den beiden ältesten Brüdern Otto. Schon bis zum Schulabgang war er also um etwa drei Jahre hinter Jean Paul in seinem Entwicklungsgange zurückgeblieben. Nicht aus mangelnder Begabung, sondern aus drückendster Armut, die ihn immer wieder von regelmäßigem Schulbesuch ausschloß und zu niedrigsten Arbeiten zwang. Täglich mußte er in dem väterlichen Betrieb eine bestimmte Menge Garn abspulen, überdies seine kleineren Geschwister warten, bevor er daran denken konnte, seine Schulausarbeitungen zu machen oder selbst Unterricht zu geben, um sich das Schulgeld zu verdienen. Eine glühende Liebe zu den Wissenschaften ließ ihn das Martyrium einer solchen Jugend ertragen, aber nicht ohne schwere Schädigungen seiner Gesundheit, die seinen frühen Tod unter qualvollen Umständen herbeiführten. Hermann war der größte Gegensatz zu dem zarten und weltschmerzlerischen Oerthel, und es ist leicht zu verstehen, daß eine Freundschaft mit diesem eine engere Verbindung mit jenem nahezu ausschloß. Ob Jean Paul bereits während seiner Gymnasiastenzeit mit Hermann in näheren Beziehungen stand, ist fraglich. Ganz eindruckslos konnte eine solche Erscheinung den jungen Dichter kaum lassen, und wahrscheinlich hat er ihn zum mindesten wissenschaftlich schon früh beeinflußt. Der krassen Art entsprechend, mit der sich Hermann mit den Realitäten des Lebens abfand, gehörte den Naturwissenschaften seine eigentliche Neigung, und auf diesem Gebiet muß er schon früh erstaunliche Kenntnisse gesammelt haben. Trotz seines unregelmäßigen Entwicklungsganges veröffentlichte er bereits mit neunzehn Jahren zwei naturwissenschaftliche Schriften, »Über die Mehrzahl der Elemente« und »Über Licht, Feuer und Wärme«, und es ist anzunehmen, daß auch schon in seiner Schulzeit naturwissenschaftliche 99 Gedankengänge ihn vorwiegend beschäftigten. Eine Reihe von Abhandlungen, die Jean Paul bereits als Gymnasiast und Mulus schrieb oder skizzierte, scheint auf Hermanns Einfluß zurückzugehen: »Ein Ding ohne Kraft ist nicht möglich« – »Ist die Welt ein perpetuum mobile ?« – »Wie sich der Mensch, das Tier, die Pflanze und die noch geringeren Wesen vervollkommnen« u. a. Dennoch bezeugt die formelle Anrede der Freunde in den Briefen, daß sie sich erst später nähergekommen sein können. Nach seinem Abgang von der Schule schlug sich Hermann eine Zeitlang mit Informationen durch und war gegen Ende des Jahres 1781 als Lehrling in die Fischersche Apotheke in Hof eingetreten. Bald darauf beginnt der Briefwechsel mit Jean Paul, der bis zum Tode Hermanns im Jahre 1790 unausgesetzt geführt wurde. In einem Brief vom 9. Januar1782 bestürmte Jean Paul den neu gewonnenen Freund, den verzweifelten Entschluß, Apotheker zu werden, aufzugeben und sich in Leipzig dem Studium der Medizin zu widmen. »Durch Informieren kommen Sie fort, welches die große Anzahl der Studenten hier ernährt.« Ein Satz, der zu denken gibt. Unmittelbar nachdem Jean Paul seinen Beratern die Unmöglichkeit, sich in Leipzig durch Informationen durchzuschlagen, auseinandergesetzt, rät er Hermann, der, wie er wußte, nicht die geringste Summe einzusetzen hatte, sein Glück ganz auf die Möglichkeit von Informationen in Leipzig zu setzen. Dieser Widerspruch ist, wenn man nicht annehmen will, daß Jean Paul gewissenlos handelte, nur dadurch zu erklären, daß er selbst seine Zeit nicht durch Stundengeben vergeuden, sondern ganz auf sein Werk konzentrieren wollte. Ein Entschluß, den er selbst in Zeiten furchtbarster Not mit der ihm eigenen Zähigkeit aufrechterhielt. 100 Während der kurzen Ferientage wird das brieflich angebahnte Freundschaftsverhältnis zwischen den beiden durch ähnliches Schicksal Verbundenen persönlich bekräftigt worden sein. Es war der einzige Gewinn seines ersten Besuches in der Heimat. Unmittelbar nach der Abreise starb der Gerichtsadvokat und Goldarbeiter Riedel, der Prozeßgegner der Familie Richter, und der gehässige Erbschaftsprozeß nahm damit ein Ende, nachdem er den Wohlstand der Familie zerrüttet hatte. Nunmehr konnte Frau Richter darangehen, ihre Mittel zu überschauen und flüssig zu machen. Die Bibliothek ihres Mannes wurde an die Vierlingsche Buchhandlung um ein Geringes verkauft. Alter Hausrat, der sich noch in Schwarzenbach befand, wurde durch Vermittlung des Rektors Werner versteigert. In den Händen des Kammerrats von Oerthel befand sich noch der Kaufschilling von einem Bauerngut, das der Großvater Kuhn seinerzeit verkauft hatte. Mutter und Sohn teilten sich jetzt in das Geld, das sie nunmehr ohne Gefahr der Beschlagnahme durch die Gerichte an sich nehmen konnten. Die Summe half dem gänzlich Mittellosen über den Sommer hinweg. Es waren klägliche Brocken, die das Schicksal den Unglücklichen hinwarf, aber sie linderten wenigstens für den Augenblick die furchtbarste Not. In Leipzig blieb ihm für den Augenblick nichts zu tun, als das zurückgekehrte Exemplar des »Lobes der Dummheit« noch einmal durchzusehen. Später beschrieb er dem Pfarrer Vogel die Szene mit dem hervorgeholten Manuskript, das ihm selbst nicht mehr gefallen wollte. »›Da lieg' im Winkel,‹ sprach ich mit pathetischer Miene zum kleinen Richter, ›wo die Schulexerzitien liegen; denn du bist selbst ein halbes. Ich will dich vergessen: denn die Welt würde dich ohnehin vergessen haben. Du bist zu jung, um alt zu werden.‹« Er fand 101 die Sprache mit Antithesen überladen. Die wenigen Wochen hatten hingereicht, ihn die Mängel seiner ersten größeren Arbeit sehen zu lassen. Es ist außerordentlich bezeichnend für Jean Paul, daß er die Flinte nicht ins Korn warf, sondern mit kurzem Entschluß sich sofort an die Ausarbeitung eines neuen Buches machte, das auch im Umfang das »Lob der Dummheit« um ein Mehrfaches übertreffen sollte. Er war wie ein Spieler, der den Verlust durch Verdoppelung des Einsatzes auszugleichen sucht und die Gewißheit des Erfolges mit visionärer Sicherheit vor sich sieht. In sechs Monaten schuf er »einen nagelneuen Satyr«, die »Grönländischen Prozesse«. Dieses erste Buch Jean Pauls, das gedruckt werden sollte, wurde unter den größten Entbehrungen geschrieben. »Denken Sie sich den verdrießlichen Mißklang zwischen dem Belachen fremder Torheiten und dem Unmut über das eigene Schicksal.« Es war eine Gigantenleistung, nicht als Werk, aber in der Überwindung der inneren und äußeren Hemmnisse. Jean Paul ist sein Leben lang stolz darauf gewesen, diesen seinen Erstling mit neunzehn Jahren in sechs Monaten sich abgerungen zu haben. Er selbst empfand ja erst später in ganzem Umfang den Widerstreit dieser rationalistischen Satire zu seinem Wesen. Er quälte sich in eine Schreibweise, die ihm im Grunde zuwider war, zwang sich ein Lachen ab, das in spielerischen Antithesen seinen Ausdruck fand und nicht Heiterkeit, sondern allenfalls leere Bewunderung seines Geistes erregen konnte. Er, der kaum einen Blick aus seiner Studierstube, aus seinen Büchern hinaus getan hatte, forderte das Leben in seinen glänzendsten Erscheinungen vor das Forum seines Witzes und schraubte sich zu einem überlegenen, blasierten Standpunkt empor. Höfe und Höflinge, Gelehrte und Akademien 102 forderte er heraus. Über Weiber und Staatsmänner ergoß sich sein Spott. Und währenddessen sah er immer sich selbst, mit Hunger und Entbehrungen ringend, nach Teilnahme am Leben erst begierig, in seiner einsamen Dachstube, neben sich Wand an Wand den Freund, der seine Armut teilte und die Reinschrift besorgte, weil Jean Paul nicht deutlich genug für den erhofften Setzer zu schreiben fürchtete. Vierzig Jahre später schilderte Jean Paul in der Vorrede zur zweiten Auflage die Situation, in der das Buch entstand. »Während dieses schriftstellerischen Umgangs nahm der Winter mit seiner und – meiner Armut zu.« Während das Manuskript bei den Verlegern herumreiste, »stand der Vater viel von dem aus, was man im gemeinen Leben ungeheizte Öfen und ungesättigte Magen nennt«. Nur mit äußerster Anspannung des letzten Willens konnte er ein Manuskript vollenden, das so gar nicht seine poetischen Schöpferkräfte aufrief und nur literarischen Gedankenspielereien Raum verstattete. Er mußte zusehen, wie seine Lage von Tag zu Tag hoffnungsloser wurde und wie die Armut der Seinen zu Hause stieg. Sein um ein Jahr jüngerer Bruder Adam war, nicht mehr fähig, das Elend zu ertragen, fortgelaufen und trieb sich als Barbiergehilfe in der Welt umher. Wenige Wochen darauf war er Soldat und Wundarzt bei einem Regiment geworden. Jean Paul suchte die Mutter zu trösten: »Er kann an einen guten Herrn geraten sein . . . tausend wandern wie er in der Welt herum.« Die Mutter macht dem ältesten Sohne Vorwürfe, daß dessen Strenge den Bruder fortgetrieben. Er verteidigt sich: »Mir aber können Sie die Schuld nicht beimessen, daß er fort ist. Wegen meiner Vermahnung hat er sich nicht fortgemacht, sondern weil Sie ihm durch mich schreiben ließen, er solle sich jetzt nicht auf Ihre Hilfe verlassen.« Gottlieb, der fünf 103 Jahre jüngere, sitzt zu Hause herum und kann wegen Mangel aller Mittel nichts unternehmen. Jean Paul rät, ihn zu einem Kaufmann in die Lehre zu geben, aber auch dazu fehlt es an Ausstattung und Beziehungen. Er beschwört die Mutter, das Haus zu verkaufen. Es ist das letzte Besitztum, aber die Not scheint ihm den Gipfel erreicht zu haben. »Es wird doch Leute geben, bei denen es sich gut zu Miete wohnen läßt. Bedenken Sie die Steuern und die Gaben, die Sie jetzt geben müssen. Rechnen Sie dazu, daß 800 fl. jährlich 40 fl. Interesse tragen; ferner, daß dieses baufällige Haus von Tag zu Tag baufälliger wird.« Er selbst muß die Mutter mit Bitten um Geld bestürmen. »Ich will nicht von Ihnen Geld, um meinen Speiswirt zu bezahlen, dem ich 24 Reichstaler schuldig bin, oder meinen Hauswirt, dem ich 10 Reichstaler, oder andere Schulden, die über 6 Reichstaler ausmachen – zu allen diesen Posten verlang ich von Ihnen kein Geld; ich will sie stehen lassen bis zu Michaelis, wo ich diese Schulden und die noch künftig zu machenden, unfehlbar zu bezahlen instand gesetzt sein werde. – Also zu dieser großen Summe verlange ich von Ihnen keine Beihilfe – aber zu folgender müssen Sie mir Ihre Hilfe nicht abschlagen. Ich muß alle Wochen die Wäscherin bezahlen, die nicht borgt, ich muß zu früh Milch trinken; ich muß meine Stiefel vom Schuster besohlen lassen, der ebenfalls nicht borgt; muß meinen zerrissenen Biber ausbessern lassen vom Schneider, der gar nicht borgt – muß der Aufwärterin ihren Lohn geben, die natürlich auch nicht borgt – und dies muß ich nur jetzt alles bezahlen, und bis auf Michael noch weit mehr. Nun sehen Sie, zur Bezahlung dieser Sachen werden Sie mir doch wohl hilfliche Hand leisten können – ich wüßte gar nicht, was ich anfangen sollte, wenn Sie mich stecken ließen. Glauben Sie denn, daß ich Sie mit Bitten 104 plagen würde, wenn ich es nicht höchst nötig hätte. Ich mag ja auch nicht viel; acht Taler sächsisch Geld sollen mich zufriedenstellen, und gewiß werd' ich dann Ihre Hilfe nicht mehr so nötig haben. Denn das dürfen Sie nicht glauben, daß mein Mittel, Geld zu erwerben, nichts tauge, weil es etwan noch nicht angeschlagen hat. O nein! Durch eben dieses getraue ich mich zu erhalten, und es kommt nur auf den Anfang an.« Im August stieß er diesen Hilfeschrei aus. Vier Monate sollte es noch dauern, bis die Erlösung kam. Er trug das Manuskript selbst zu den Verlegern und ertrug mit dem Schwinden der Hoffnung die beißend empfundene Schmach der Ablehnung. Eine glückliche Stunde brachte ihn auf den Gedanken, das Buch der Post anzuvertrauen und bei auswärtigen Verlegern das Glück zu versuchen, das ihm in Leipzig immer wieder den Rücken kehrte, und es war nur natürlich, daß er auf den Verleger Gottlieb Theodor von Hippels verfiel, dessen »Lebensläufe in aufsteigender Linie« und dessen Buch »Über die Ehe« ihn vielfach angeregt hatten, ja in dem er Zeiten hindurch sein eigentliches Vorbild sah. Dieser Verleger, der Buchhändler Voß in Berlin, war durch die Bekanntschaft mit Hippels Werken wohl überhaupt der einzige, der die Werte des Erstlingsbuches zu erkennen vermochte. Von hier kam denn nun endlich, wenn nicht die endgültige Rettung, so doch der erste warme Sonnenstrahl der Anerkennung, der dem Kämpfenden den bereits verdorrenden Mut für einige Jahre wieder stärkte. Als Jean Paul wie seit Wochen am 10. Dezember 1782 wartend in seinem kalten Stübchen saß, »klopfte endlich an der kalten Stube das Schreiben an, welches berichtete, daß der ehrwürdige Buchhändler Voß, der Verleger und Freund Lessings und Hippels, die beißige Erstgeburt mit Liebe in seinem 105 Handelsgewerbhaus aufnähme und sie so ausrüsten werde, daß sie zur Ostermesse in Leipzig zu den andern gelehrten Kreistruppen und enfants perdus stoßen könne. – Was er denn auch redlich, wenigstens zu meinem Vorteil, gehalten«. Die Ankunft dieses Briefes war einer jener Augenblicke, die bis zu seinem Lebensende in ihm fortschwangen. Voß bot ihm in dem Briefe ein Honorar von fünfzehn Louisdor an. Jean Paul bat, die Summe auf sechzehn Louisdor zu erhöhen. »Shandy war ein Freund der ungeraden Zahlen, ich bin einer der geraden.« Sein Antwortschreiben an Voß ist von der ganzen zurückgehaltenen Seligkeit eines jungen Schriftstellers erfüllt, der an seinen ersten Verleger schreibt. Aber es war auch hohe Zeit, daß das Verlagsangebot an ihn herantrat. »Sie werden daher nicht Mangel an Höflichkeit, sondern nur Mangel an Geld in der Bitte finden, daß Sie mir noch vor den Feiertagen das Honorarium schicken möchten.« Mit seiner Antwort übersandte er auch den bis dahin zurückgehaltenen Schluß des Manuskripts, in dem sich die Stelle befindet: »Bis hierher hab' ich etwas zu sagen verschoben, was vielleicht jeder Leser schon auf der ersten Seite erraten, nämlich dies: daß der Verfasser dieser Skizzen noch jünger ist als die, die ihn rezensieren werden.« Er hatte gefürchtet, daß das Eingeständnis seiner Jugendlichkeit den Verleger abschrecken könnte. Am 17. Dezember bereits erhielt er von Voß sechzehn Louisdor für sein Buch. Der Druck ging schnell vorwärts. Schon am 20. Februar 1783 konnte der glückliche Autor ein Freundschaftsexemplar an Pfarrer Vogel schicken. »Gottlob! nun ist der steile Berg erstiegen; ich ziehe den Hut ab und das Schnupftuch heraus und wische mir den Schweiß von der heißen Stirne.« 106   Der Satirenschreiber Auch als Jean Paul mit seinen Romanen in seine eigentliche dichterische Welt vorgestoßen war, blieb er seiner Satirendichtung bis zu einem gewissen Grade treu. Als Dichter rang er mit dem Urerlebnis, als Satirenschreiber immer noch mit den Bildungserlebnissen, die ihn in seiner Jugend erfüllt hatten. In seinem stark entwickelten Lebensoptimismus, in seinem Glauben an die Verbesserungsfähigkeit der Welt, an die»Behebbarkeit des Übels« trug er das Ideenerbe der Aufklärung bis zu seinem Tode in sich aus. In den eingeschobenen Extrablättern, seinen satirischen Abschweifungen, die alle seine ernsten Dichtungen durchziehen und immer wieder unterbrechen, rang er mit dem literarischen Erbe der Zeit, die ihm die ersten und stärksten Eindrücke vermittelt hatte. Wir haben heute den Eindruck, als beginne mit unserer klassischen Epoche eine ganz neue Zeit der Dichtung, die von allem Vorhergehenden durch einen starken Trennungsstrich unterschieden wäre. Dieser Trennungsstrich ist aber erst durch die Romantik und ihre scharfe Kampfeinstellung gegen den Rationalismus gezogen worden, und zum Unglück für das deutsche Volk wurden dadurch Traditionen aufgegeben, deren Fortwirkung uns vor vielem hätte bewahren können. Jean Paul ist der einzige Träger der geistigen Tradition der Aufklärung, der ihr Bildungsgut bis weit ins 19. Jahrhundert hinein mit sich führte. Das machte ihn 107 selbst Goethe, der auf der Höhe der Bildung seiner Zeit zu stehen glaubte, und Schiller gegenüber, der allzu einseitig an Kant orientiert war, überlegen. Und als er sich in seiner »Vorschule der Ästhetik« mit den praktischen künstlerischen Problemen der Zeit theoretisch auseinandersetzte, konnte dieses unsterbliche Werk lediglich deshalb keine Wirkung ausüben, weil allen Lesern der Zeit die Universalität des Geistes und der Bildung des 18. Jahrhunderts fehlte, um Jean Pauls Gedankengänge in allen ihren Tiefen zu überschauen. Neben ihm sind alle die Dichter und Schriftsteller der Zeit auf philosophisch-ästhetischem Gebiet mehr oder weniger harmlose Dilettanten. Wie ein Koloß ragt die »Vorschule der Ästhetik« unter den theoretisierenden Schriften hervor, und selbst von Lessing wird ihre Bedeutung nicht überschattet. In der »Vorschule der Ästhetik« hat sich Jean Paul fast zwanzig Jahre später mit dem Bildungsgut der Aufklärung auseinandergesetzt, das ihn zur Zeit seiner »Grönländischen Prozesse« beherrschte. Von hier aus erst verstehen wir, wie er Jahre um Jahre seines Lebens an das Schreiben von Satiren wenden konnte, die uns heute völlig ungenießbar geworden sind und die zur Zeit ihres Erscheinens ebenfalls bereits in eine fremde Welt hineinragten. Im ersten Band der »Vorschule« gibt er ein Beispiel ironischer Behandlung eines Gedankenganges. Zuerst führt er einige ironische Mustersätze über die Parteiigkeit und Unsachlichkeit der Kunstrichter an: »Es ist angenehm zu bemerken, wieviel eine gewisse parteilose Kälte gegen die Poesie, welche man unsern besten Kunstrichtern nicht absprechen darf, dazu beiträgt, sie aufmerksamer auf die Dichter selbst zu machen, so daß sie ihre Freunde und Feinde unbefangener 108 schätzen und ausfinden ohne die geringste Einmischung poetischer Nebenrücksicht. Ich finde sie hierin, insofern sie mehr der Mensch und Gärtner als dessen poetische Blume besticht, nicht sehr von den Hunden verschieden, welche eine kalte Nase und Neigung gegen Wohlgerüche zeigen, desgleichen gegen Gestank, die aber einen desto feinern Sinn für Bekannte und für Feinde und überhaupt für Personen (z. B. Hasen) beweisen, anstatt für Sachen.« Man wird die feine Eleganz dieser Sätze erst deutlich spüren, wenn man denselben Gedanken in der »falschen und überall gewöhnlichen Manier« ausgedrückt findet, von der Jean Paul ein Muster folgen läßt: »Man muß gestehen und alle Welt weiß, daß die Herren Kunstrichter zwar nicht für poetische Schönheiten (das ist ja eine lächerliche Kleinigkeit), aber doch für jeden, wer so unter der Hand ihr Feinsliebchen oder ihr Feind ist, eine gar herrliche Spürnase haben. Meine Ehrenmänner sind hier baß den Hunden zu vergleichen (doch mit allem Respekt und ohne Vergleichung gesprochen), welche usw.« Schon der Anfang »man muß gestehen« oder »alle Welt weiß« in ihrer abgebrauchten Schablonenhaftigkeit zeigen im Vergleich zu dem »Es ist angenehm zu bemerken« der ersten Fassung den Gegensatz zwischen Klischee und Stil. Sodann das ironische »Das ist ja eine lächerliche Kleinigkeit« in der Parenthese und der Ausdruck »Ehrenmänner« mahnen an das Niveau heutiger Wahlkampfschreibweise. Jean Paul führt in der Folge das vollständige »ironische Idiotikon von wenigen Worten« auf, das er aus einer Reihe deutscher Rezensionen gezogen. Er schreibt: »Die Substantiva sind: Patron, Ehrenmann, häufiger Herr, Freund, 109 Gast, Hochgelahrter, Hochweiser, ferner häufige Diminutiva als Scheinzeichen der Liebe, z. B. Pröbchen. – Die Adjektiva sind stets die höchst lobenden: geschickte, unvergleichliche, werteste, hochgelahrte, treffliche, artige, weidliche, leckere, behagliche . . . – Die Adverbia sind: ganz, gar, baß, höchlich, ungemein, unfehlbar, augenscheinlich. Endlich braucht die After-Ironie noch gern das Pronomen mein , unser , ›mein Held‹. – Theologische Ausdrücke wie: fromm, erbaulich, gesalbt, Salbung; Kernsprüche, und veraltete wie: baß, gar schön, behaglich, männiglich usw. stehen im größten ironischen Ansehen, weil beide einen spaßhaften Ernst zu haben scheinen.« Aus diesen angeführten Gedankengängen wird ersichtlich, daß Jean Paul und die Zeit der dichterischen Satire in der ironischen Behandlung eines Gedankens nicht eine leicht zur Hand liegende Waffe, sondern ein Problem der Darstellung sah. Nicht in übliche Schablone zu fallen, sondern neue Bilder zu schleifen, das Sprachgut zu vermehren, darin sah auch schon der neunzehnjährige Satirenschreiber seine Aufgabe. Aus einem gleichzeitigen Brief an Oerthel geht hervor, wie ihm stilistische Darstellung ein Problem war, über dessen Bedeutung und Umfang er genaueste Kenntnis hatte. Fast zwanzig Jahre später unterzieht er in der »Vorschule« die satirische Literatur einer kritischen Durchsicht, von Aristophanes über Shakespeare bis zu den Franzosen, Engländern und Deutschen des 18. Jahrhunderts. Boileau, Helvetius, Swift, Sterne, Lichtenberg, Rabener analysiert er mit genialer Intuition und zeigt an ihnen den tiefgreifenden Unterschied zwischen Satire, Scherz, Ironie und Humor auf. Man hat es bei dieser Betrachtungsweise zwar nicht durchweg mit Dichtung zu tun, aber doch mit einer aufs feinste ausgearbeiteten Kunstpoesie, deren Genuß höchst subtile 110 Geschmacksnerven voraussetzte, wie sie uns heute längst abhanden gekommen sind. In dem Stadium der Reife, in dem er seine »Vorschule« schrieb, hat er auf seine ersten satirischen Versuche nicht ohne Verachtung zurückgesehen. Er spricht nicht ausdrücklich darüber, kaum daß man es aus seiner Vorrede zur zweiten Auflage der »Grönländischen Prozesse« herauslesen kann. Aber es ist doch in erster Linie gegen sein »Lob der Dummheit« gerichtet, wenn er schreibt: »Ebenso verwerflich ist Erasmus' Selbstrezensentin (nämlich die Narrheit, die er redend einführt), erstlich als ein leeres, abstraktes Ich, d. h. als Nicht-Ich, und dann, weil statt lyrischen Humors oder strenger Ironie die Narrheit nur Kollegienhefte der Weisheit aussagt, die aus dem Souffleurbuch noch lauter vorschreiet als jene Kolumbine selber.« Es war ganz im Stile des 18. Jahrhunderts, daß Jean Pauls erste Bücher ohne irgendeinen inneren Drang gezeugt wurden. Wie Erasmus gegen die Schäden seiner Zeit, scheint auch Jean Paul in seinen Satiren fast von einer Art revolutionären Pathos erfüllt. Der Freiheit eine Gasse zu brechen, scheint der Zweck dieser satirischen Aufsätze, die gegen die Vertreter der Staatsreligion, der Staatsgewalt und der Gesellschaft gerichtet sind und diese Mächte bis in die abstoßendsten Vergleiche hineinzerren. Und doch ist diese Tendenz nur literarischer Vorwand. Erst später, als Jean Paul sich innerlich zu seinen großen Schöpfungen befreit hatte, klangen auch in seiner Gegnerschaft gegen die Zeitgötzen echte revolutionäre Töne auf. Der Zweck seiner Satiren waren sie selbst, das heißt: war Erfüllung der Kunstregeln im herrschenden Geschmack. So wie die Anakreontiker die Liebe und den Wein beim Wasserglase und am Schreibtisch besangen, so wurde das revolutionäre Pathos vom freien englischen Volk oder 111 von den Franzosen, die im Begriff standen, sich zu befreien, übernommen, um künstliche Antithesen daraus zu formen. Es war ein völlig anderes als revolutionäres Interesse, das bei Jean Paul hinter seinen ersten Schriften stand. Fast lyrischer Natur. Denn es galt, das Leben in Vergleichen und Bildern einzufangen und zu bezwingen, reine Kunstform zu geben. Nicht durchweg ist dieses Ziel erreicht. Dreißig Jahre später tadelte Jean Paul selbst, daß sich Spottzorn mit der Lust, Bußpredigt mit dem Lustspiel, falsche Ironie mit echter Strafrede gemischt habe. Von echter Satire entfernte sich die Darstellung um so weiter, je weniger der Dichter seinen Stoff beherrschte. Der erste, längste und beste der Aufsätze, die in den »Grönländischen Prozessen« vereinigt sind, behandelt ein Gebiet, auf dem Jean Paul sich trotz seiner Jugend einigermaßen zu Hause fühlen konnte. Bei dieser Satire »Gegen die Schriftsteller« konnte er am meisten aus Eigenem schöpfen; hier hatte er eigene Nöte, eigene Unzulänglichkeiten, eigene Lächerlichkeiten in Fülle zur Verfügung. Wenn er satirisch die leiblichen Triebe als Ursprung der Poesie anführt: Hunger, Krankheit und Geschlechtstrieb, so wollte er damit wohl die Parasiten der Literatur, sogar sich selber treffen, der er aus Not und Lebensgier zur Feder gegriffen, aber er drückte doch zugleich die materialistische Grundanschauung des Rationalismus aus. Auch in der zweiten Satire des Buches, »Über die Theologen«, stand er noch auf eigenem Boden. Aus dem väterlichen Hause, aus dem Verkehr mit Pfarrer Vogel, aus dem eigenen Studium waren ihm die Schattenseiten des theologischen Berufs zur Genüge bekannt. Er wußte um den dummen Stolz, um die Engstirnigkeit und Kaltherzigkeit dieser »Mitarbeiter am Weinberg«, die jeden freien 112 Gedanken aus Furcht vor dem Konsistorium und um die Futterkrippe unterdrückten. Besonders in dem »Superintendenten« schuf er ein fast mit individuellen Zügen ausgestattetes Exemplar dieser Gattung von theologischen Vorgesetzten: »Einige zwar meinen, er ziehe das orthodoxe Schafkleid wie andere Leute die Sonntagskleider nur einmal an; er ist aber seiner Frömmigkeit das Geständnis schuldig, daß er unausgesetzt ein treuer Freund des Schafseins gewesen.« »Er ist so heilig, daß er tugendhaft zu sein nicht nötig hat, daher er auch seltener in die glänzenden als nichtglänzenden Laster der Heiden verfällt.« In den folgenden Satiren »Über den groben Ahnenstolz« und »Über Weiber und Stutzer« wagte Jean Paul sich auf ein ihm gänzlich entlegenes Gebiet. Hier führte keine eigene Erfahrung dem jungen Schriftsteller neuen Stoff der Darstellung zu. Die Bilder sind krampfhaft und ins Geschmacklose verzerrt. Es fehlt der Reichtum des eigenen Erlebens, der die ersten Aufsätze immerhin noch erträglich erscheinen läßt. Diese letzten Satiren nähren sich lediglich von literarischen Vorbildern, die peinlich übersteigert sind. Einige Seiten »Aus einem zweiten Lobe der Narrheit« und »Über die Konfiskation der Bücher« schließen das Bändchen. Man kann heute niemand mehr die Lektüre der »Grönländischen Prozesse« empfehlen, und dennoch hat Jean Paul nicht umsonst sechs Monate über diesen nicht allzu zahlreichen Seiten zugebracht. Alle Bilder und Gleichnisse sind auf das Letzte geschliffen, und die Fülle der Einfälle ist außerordentlich. Er ruhte nicht, bis ihm jeder Satz Genüge tat. »Lieber Gott!« schrieb er an Oerthel, »wie unendlich klein wären meine Anlagen ohne die Verbesserungen des Fleißes!« Auch seine späteren Bücher, die wie von selbst aus ihm herausgeflossen erscheinen, sind mit derselben unendlichen Mühe 113 von ihm zu Papier gebracht. Aber nirgends können wir diese Qual des langsamen Gebärens so genau verfolgen als bei seinem ersten Bändchen. Er schrieb eben nie ins Ungefähr, sondern immer bewußte Kunstprosa, von ihm mühsam aufgebaut und gefügt, alle Assoziationen der gewollten Richtung zubiegend. Daher kommt das Polyphone in seine Schreibweise, das so viele Leser abschreckt und es ihm allein ermöglichte, die Fülle der Ideen zu bergen. Aus der Qual des mühsamen Suchens nach dem adäquaten Ausdruck kam ihm auch das Mißtrauen gegen den augenblicklichen Einfall. Wie sein Vater, der ein trefflicher Kanzelredner war, dennoch seine Predigten auswendig lernte, so suchte Jean Paul sich systematisch zu erarbeiten, was er dem Zufall der Eingebung nicht überlassen wollte. Wieviel pedantischer Unsinn ist über seine Sammlungen von treffenden Ausdrücken, Bildern, Synonymen usw. geschrieben worden! Er wollte diese Aufzeichnungen sicher nicht als Zettelkasten benutzen, sondern wie ein redlicher Künstler arbeitete er unausgesetzt, bloß schriftlich, an seinem Werkzeug, um es blank zu halten und zu verbessern. Zu dem Reichtum seiner Ausdrucksweise, zu der virtuosen Behandlung der Sprache legten die »Grönländischen Prozesse« den ersten Grund. Sie waren auch der erste Versuch seiner später bis zum funkelnden Witz ausgearbeiteten Satire, die nicht nur seine ernsten Werke durchsetzte, sondern erst möglich machte.   In Hippel und Hamann sah Jean Paul seine unmittelbaren Vorbilder. Und es war wohl auch die äußere Ähnlichkeit seiner Satiren mit Hippels Buch »Über die Ehe« (z. B. daß die Vorrede an den Schluß angehängt ist), die Voß zur 114 Annahme des Erstlingsbuches bewog. Aber hinter den beiden Ostpreußen standen doch noch andere Mächte des Geistes. Mochte Hippels Witz auch so frei schalten, daß er unbeschadet des schriftstellerischen Wertes die Tendenz der ersten Auflage seines Buches »Über die Ehe« in der zweiten ins Gegenteil verkehren konnte, so ging doch immerhin die moderne Frauenemanzipation von diesem Buche aus, und schon die romantische Frau, die mit kühnem Geist von der Welt des Mannes Besitz ergreift, wäre ohne Hippels Einfluß kaum möglich gewesen. Und Hamann vollends schlug mit der dunklen Gewalt seiner sibyllinischen Schriften die erste Bresche in das Jahrhundert der Aufklärung, und hinter seiner Satire stand der ganze Ernst eines Kassandrarufes. Hamann wie Hippel drängten aus dem 18. Jahrhundert hinaus, während Jean Paul es noch zu erfüllen trachtete. Diesseitsoptimismus und Weltbürgerstimmung erfüllten seine Aufsätze, aber nicht mehr (oder schon) als treibende Tendenz, sondern als Literatur. »Übrigens halt' ich von der Liebe zum Vaterland nicht viel«, schrieb er in dieser Zeit an einen Dr. Doppelmayer in Schwarzenbach, der sich an ihn gewandt hatte. Er fand, »daß sich die Liebe eines Landes wenig mit seiner Aufklärung vertrage«. Und seine Briefe an Vogel durchklingt das Leitmotiv: ». . . seitdem ich an allem zweifle.« Es ist der Geist des zugespitzten Rationalismus, der in diesen Briefstellen sein Gebiet absteckt. »Ich bin aus einem Paulus ein Saulus geworden.« In Hof sprach es sich rasch herum, daß der junge Richter ein Buch geschrieben habe, das in allernächster Zeit herauskommen werde. Auch die Mutter hörte davon, daß ihr Sohn für sein Buch fünfzig Reichstaler erhalten haben solle. Obwohl das Honorar sechsundneunzig Reichstaler ausmachte, 115 leugnete Jean Paul ab. Er war in einer schlimmen Lage. Einesteils hätte er zu gern aus berechtigtem Autorenstolz seiner Mutter gegenüber das von Voß erhaltene Honorar so hoch als möglich angegeben, andererseits verbot ihm berechtigter Egoismus, das volle Honorar zu nennen, da sonst die Ansprüche der Höfer Familie ihn um einen Teil des Geldes gebracht haben würden, dessen er zum Fortarbeiten dringend bedurfte. Eine Fülle von Schulden war zu bezahlen, und außerdem schien es im Interesse der künftigen Produktion dringend geboten, den Lebensstandard hier und da zu erhöhen. Jean Paul merkte es selbst am deutlichsten, daß die Enge seiner Lebenshaltung nicht wenig zu der Schärfe seiner Schreibweise beitrug. Nur ein breiteres Leben konnte hier ausgleichen und runden. So mietete er sich im Frühsommer eine kleine Sommerwohnung im Garten seines Wirtes vor dem Tore, um die so lange entbehrte Berührung mit der Natur wiederzugewinnen. Der literarische Erfolg ihres Sohnes konnte die Mutter in Hof nur mäßig beglücken. Sie fragte ihn an, was es für Bücher seien, die er schreibe, und als sie erfuhr, daß es spaßhafte Bücher oder Satiren wären, drang sie auf Fortsetzung des theologischen Studiums. Es ist eine Tatsache, daß sich Menschen des gemeinen Volkes unter einem Büchermacher nichts vorstellen können. Nur Honorare überzeugen sie davon, daß Büchermachen eine christliche Beschäftigung ist, und auch diese eigentlich nicht. Frau Richter war nicht geneigt, auf ihre Lieblingsidee, den Sohn von der heimatlichen Kanzel predigen zu hören, zu verzichten. Während der Pfingstferien, hatte sie sich ausgedacht, sollte Jean Paul zum erstenmal als Kandidat der Theologie die Kanzel in Hof besteigen. Er antwortete ihr Anfang April 1783: »Fast mußte ich lachen, da Sie mir den erbaulichen Antrag tun, mich 116 in Hof in der Spitalkirche z. B. vor alten Weibern und armen Schülern mit einer erbaulichen Predigt hören zu lassen. Denken Sie denn, es ist soviel Ehre, zu predigen? Die Ehre kann jeder miserable Student erhalten, und eine Predigt kann einer im Traume machen. Ein Buch zu machen ist doch wohl zehnmal schwerer.« Und auf ihre nochmalige Ermahnung, zwei Wochen später: »Sie glauben, es ist so leicht, ein satirisches Buch zu schreiben. Denken Sie denn, daß alle Geistlichen in Hof eine Zeile von meinem Buch verstehen, geschweige denn machen können? . . . Wenn ich nun Theologie studiert hätte, von was wollt' ich mich denn nähren? . . . Ich getraue mich noch, Bücher zu schreiben, wo ich für ein einziges so kleines wie das jetzige 300 Reichstaler sächsisch bekomme.« Am 20. Februar bereits hatte Jean Paul das erste Exemplar seines Buches an Pfarrer Vogel schicken können. Aber er war schon in der Arbeit für das zweite Bändchen, das Voß zur Michaelismesse herauszubringen versprochen hatte und auf das er im Mai einen stattlichen Vorschuß gab. In diesem zweiten Bändchen suchte Jean Paul die Fehler des ersten zu vermeiden. »Mein Buch hat tausend Fehler und ist mit Gleichnissen, wie das Lob der Dummheit mit Antithesen, überladen«, schrieb er an Vogel. Aber wenn er auch Fehler zu vermeiden sich angelegen sein ließ, so steht das zweite Bändchen doch hinter dem ersten zurück. Man erkennt den Schweiß der Arbeit hinter der angestrebten Leichtigkeit und Witzigkeit. Im ersten Aufsatz untersucht Jean Paul die Frage, ob dem Genie oder der Kritik zu folgen sei. Für die Wichtigkeit der Regeln und der Kritik führt er neunundzwanzig Gründe in Form von Gleichnissen an, um sie durch zweiunddreißig das Gegenteil beweisende Gründe zu widerlegen. Man sieht, 117 daß hier die rationalistische Methode zum reinen Spiel ausgeartet ist, und begreift, wie notwendig die Zeit einer kritischen Überlegung über die Reichweite der Vernunft überhaupt bedurfte. Die übrigen Teile des Bändchens bewegen sich, wenn auch mit neuen und reichen Bildern und Gleichnissen, in dem Gebiet des ersten Bändchens. Manches unter den Epigrammen, die den Schluß bilden, ist reizvoll, ohne das Ganze heben zu können. Und doch klingt in den letzten Epigrammen zum erstenmal ein Ton auf, der Jean Pauls spätere Entwicklung vorwegnimmt und aus der Nachbarschaft der kalten Satire fortdrängt. Ein Bild von Tod und Auferstehen, wie es Jean Paul später immer wieder gebraucht: »Gleich den meisten Raupen kriecht der Mensch eine Zeitlang auf der Erde umher, wird dann von der Erde in der hölzernen Verpuppung des Sarges aufgenommen, ruhet da einen Winter, durchbricht endlich im Frühling die Puppe und flattert aus der harten Erde mit neuer und unverletzter Schönheit hervor.« Entgegen der sonstigen Sprachbehandlung in dem Bändchen ist dem Bild nicht das Äußerste an Verdichtung und Prägnanz abgewonnen worden. Eher herrscht das Bestreben liebevollen Ausmalens vor. Und das Bild selbst ist eingebettet in die rationalistische Anschauung von der Unzulänglichkeit der Metaphysiker, Dichter und Theologen. Es heißt in diesem »Ernsthaften Epigramm«, das schon durch seine Überschrift auf seinen ungewöhnlichen Stimmungsgehalt hinweist, etwa: Wenn man schon dem Lehrsatz der Theologen von der Auferstehung der Toten eine schöne Form geben wollte, dann müßte sie etwa so aussehen. Und nun folgt das angeführte Gleichnis, das den rationalistischen Rahmen sprengt und fast wider den Willen des Verfassers den 118 Hymnus von Tod und Auferstehen anhebt. Ein erster Akkord, der sieben Jahre später Jean Pauls gesamtes Schaffen durchschwingen sollte. – Wir dürfen vorwegnehmen, daß die Aufnahme des Buches keineswegs den kühnen Träumen seines Verfassers und auch nicht den Erwartungen des Verlegers entsprach. Das Zeitalter der Satire war vorüber, und Bemühungen um die mehr oder minder reine Form des Witzes mußten eine Welt kalt lassen, an der der Sturm und Drang junger Genies vorübergebraust war. In Hof lösten die»Grönländischen Prozesse« allgemeines Kopfschütteln aus, und so ganz unrecht können wir den Höfern nicht geben. Schon der Titel mußte befremden. Jean Paul erklärt ihn damit, daß in Grönland die Parteien ihre Streitigkeiten durch gegenseitiges Satirisieren abmachen. Es lag in seiner Auffassung des Witzes, das Nächste mit dem Fernsten zu verbinden (Witz ist, heißt es in der »Vorschule der Ästhetik«, die Bemerkung des Verhältnisses zwischen entfernten Ideen, während der Tiefsinn die Bemerkung des Verhältnisses zwischen den nächsten ist), es lag in seiner Auffassung vom Wesen des Witzes, daß er die entlegensten Tatsachen und Merkwürdigkeiten des Daseins aus ihrem Winkel hervorholte, um sie in einen überraschenden Zusammenhang zu stellen. Er übersah, daß der schöpferische Witz diesen Zusammenhang wirklich erlebbar machen, daß er wie ein Blitz von einem Pol zum andern springen muß, um die wirklich bestehende Verwandtschaft des scheinbar Entferntesten aufzuzeigen. Seine ersten Satiren aber blieben bei der Zusammenstellung des Außergewöhnlichen stehen und suchten das Tertium in ausgeklügelten Eigenschaften. Immer geistvoll und ausgesucht, immer aber auch im eigentlichen Verstande des Wortes »weit hergeholt«. Diese Anhäufung von Seltsamkeiten – im Titel ist 119 eigentlich schon das ganze Buch enthalten – mußte bei der Lektüre einen fatalen Geschmack hinterlassen und war wenig geeignet, die Leser nach neuer Nahrung von gleicher Art begierig zu machen. Ja, für Jean Paul selbst bedeutete sein Erstlingswerk keine Befreiung. Nichts von glücklicher Schöpferfreude ist bei ihm während seiner Arbeit bemerkbar. Selbst als er in der neuen Gartenwohnung vor dem Tor das zweite Bändchen zum Abschluß brachte, klingt kein Ton innerer Befriedigung in seinen Äußerungen auf. Im Gegenteil, ganz verschieden von der Schärfe seines satirischen Stils, scheinen weichere Stimmungen in ihm die Oberhand zu gewinnen. »Aber mein Herz ist mir hier so voll, daß ich schweige«, schreibt er an Vogel. Und an späterer Stelle: »In künftigen Briefen, auf die ich mehrere Zeit wenden kann, will ich Ihnen vom Skeptizismus und von meinem Ekel an der tollen Maskerade und Harlequinade, die man Leben nennt, schreiben.« Es ist die Stimmung, die ihn während der nächsten Jahre beherrschte, solange er krampfhaft seine Natur vergewaltigte. An einem kleinen Erlebnis in seinem Garten erhielt er einen Vorgeschmack dessen, was ihm für die nächsten Jahre bevorstand. Ein Magister Gräfenhain nahm an der Kleidung des jungen Genies Anstoß, und da der Magister der bessere Zahler war, stellte sich Herr Körner, der Wirt, auf dessen Seite und verbot Jean Paul das Betreten des Gartens, falls er nicht seine Kleidung den allgemeinen Sitten anpasse. Es half Jean Paul wenig, daß er einen hochfahrenden Brief an den Magister schrieb. »Sie verachten meinen geringen Namen, aber merken Sie ihn auch; denn Sie werden das letztere nicht lange getan haben, ohne das erstere mehr zu tun.« Wie nah dünkte sich der Dichter der Zeit, daß die Magister seinen Namen mit Ehrfurcht nennen würden, und 120 wie fern war sie ihm noch! Bald sollten ihm noch ganz andere Proben bevorstehen. Es war bei seinem nächsten Besuch in der Heimat, daß er zum erstenmal die Mißachtung der Höfer in ganzer Breite an sich zu fühlen bekam. Zu Pfingsten besuchte er seine Mutter, um bis Ende August bei den Seinen zu verweilen. Wenn die Mutter sich ausgemalt hatte, wie an diesem Pfingstfest ihr Sohn von der Kanzel herunter predigen und die Bewunderung der Höfer erwecken würde, so war sie sicher durch die allgemeine Mißachtung, die die »Grönländischen Prozesse« dem jungen Verfasser eintrugen, am meisten betroffen. Kommerzienrat Maier, Inhaber der Vierlingschen Buchhandlung, hatte das Buch in seinem Laden ausliegen, und die braven Höfer, wenn sie es sich auch nicht kauften, warfen neugierige Blicke hinein. Sie werden gefunden haben, daß ein Grünschnabel ihre höchsten Ideale, die bekanntlich Spießbürger immer dann haben, wenn eine neue Werttafel aufgestellt wird, in den Schmutz zog. Gegen die Mächte des Glaubens, des Staates, der Gesellschaft war hier das Geschütz einer niederziehenden Satire aufgefahren. Und wie vollends mußte die Person des Verfassers mit der freien Brust und dem frei wehenden Lockenhaar auf eine Gesellschaft wirken, für die der Zopf noch eine ewige Institution war! Jean Paul schilderte den Eindruck seiner Person in einem Brief an den Freund Oerthel, der in Leipzig geblieben war. Er gebrauchte das Bild einer Stadt, in der die Honoratioren einen Esel an ihrer Narrenkappe tragen, und eines fremden Ankömmlings, der statt des Esels einen Maulesel als Zeichen trägt. »Der Superintendent sagte bei seinem Anblick: der junge Mensch verachtet die Geistlichen, denn er verachtet die Esel; Gott bessere sein Herz! – und vorher 121 seinen Zwölffingerdarm, sagte der rote Doktor darauf; der ja mit altem Unrat seinen Kopf verrückt . . . Die Weiber sagten: der Mensch ist ein affektierter Affe, denn er hat keinen Esel. Alle Bürger sagten: wer keinen Esel trägt, ist ein Esel; dieser Kerl trägt sogar einen Maulesel, er ist also, Gott sei bei uns! ein Maulesel.« Man kann annehmen, daß es sich bei dem »Superintendenten« um den wirklichen handelte, denn ein Superintendent war ja in der Tat in dem Satirenbuch arg mitgenommen worden. Auch der »rote Doktor« scheint der Wirklichkeit zu entsprechen. Es gab in Hof zwar keinen roten, wohl aber einen schwarzen und einen weißen Doktor. So wurden nämlich die beiden praktizierenden Brüder Joerdens genannt, von denen der ältere, der weiße Doktor, Stadtphysikus, der jüngere, der schwarze Doktor, Landphysikus in Hof war. Diese beiden Ärzte gehören zu dem Bilde der Stadt, in der Jean Paul bald so viele Märtyrerjahre verleben sollte. Aber es blieb nicht bei der allgemeinen Mißachtung der gleichgültigen Menschen. Auch Pfarrer Vogel im nahen Rehau drückte sein Mißfallen an dem anstößigen Äußeren seines bisherigen Schützlings aus, und es gab einen harten Zusammenstoß der Ansichten, der das freundschaftliche Herüber und Hinüber empfindlich störte. Auch die Schwarzenbacher Freunde ärgerten sich über das Auftreten des jungen Menschen. Völkel, der einstige Kaplan, der in seinen freien Mittagstunden dem Knaben freiwilligen Unterricht in Philosophie und heterodoxer Theologie gegeben hatte, war inzwischen Nachfolger des Pfarrers Richter geworden. Neben ihm stand Aktuar Vogel, der noch immer nicht die Stelle eines Gerichtshalters bei Kammerrat von Oerthel einnahm, und der Amtsverwalter Kletterer. Dieser Kreis freier und interessierter Menschen hatte sich sicher nicht wenig auf den 122 jungen Feuergeist gefreut, als er der Stadt seiner Schülerjahre einen Besuch abstattete. Aber über das genialisch forcierte Äußere konnten auch sie sich nicht hinwegsetzen. Die entblößte Brust und der abgeschnittene Zopf blieben ein Stein des Anstoßes, und die Schwarzenbacher verstärkten die Partei des Pfarrers Vogel, mit dem es einen erregten Briefwechsel gab. Jean Paul fühlte sich bei seinem damaligen Aufenthalt weder in Hof noch auch vielleicht in seiner Haut besonders wohl. Nur mit dem Freunde in Leipzig verband ihn ein reger Briefwechsel. Hermann, der ihm gerade in dieser Zeit viel hätte sein können, war nicht anwesend. Alle andern Verbindungen waren problematisch geworden. Es war wohl Geldnot, die ihn an das mütterliche Haus so lange Zeit fesselte. Der Vorschuß, den Voß auf den zweiten Band der »Grönländischen Prozesse« gegeben hatte, war nahezu aufgebraucht und neues Honorar stand erst bei Herauskommen des Buches zu erwarten. An dem Manuskript wurde in Hof immer noch gefeilt, aber von dieser Arbeit ging kaum Befriedigung aus. Der Rationalismus mit seinem ihm wesensfremden Lebensstil hielt die Kräfte seines Herzens gefesselt. Ohne es zu wissen, wartete er auf die Befreiung und mußte doch seiner Umgebung gegenüber eine Weltanschauung verteidigen, die ihn innerlich erdrosselte. Kein Wunder, daß er den Ausweg in der Liebe suchte. Sophie Ellrodt, vier Jahre älter als er, war die Tochter des Stadtvogtes in Helmbrechts. Bruder Gottlieb war bei dem Stadtvogt als Schreiber untergekommen, und auf diesem Wege hatte Jean Paul das ländlich starke, naturfrische, aber kaum gebildete Mädchen kennengelernt und sich bald mit ihr verlobt. Ein jüngerer Bruder Sophies, der das Höfer Gymnasium besuchte, besorgte die Briefe der Liebenden. Ein 123 kleines Wäldchen bei Leopoldsgrün, zwischen Hof und Helmbrechts, war ihr Treffpunkt. Keine Jugendseligkeit überkam den jungen Bräutigam, und das Wäldchen von Leopoldsgrün hat wohl kaum dionysischen Taumel der Liebenden gesehen. Jean Pauls Briefe an seine Freundin halten sich durchaus im Stil seiner Satiren, sind voller Antithesen und Gleichnisse, und kein Naturton durchbricht die abgezirkelte Prosa. Auf seiten Sophies war wohl der größere Gefühlseinsatz. Ihre Gedanken sind erfüllt von den kleinen Listigkeiten eines liebenden Mädchens, das sich aus dem Hause stehlen muß, ohne Verdacht zu erregen. Sie überdenkt Pläne und Ausreden. Der »schwarze Doktor« hat dem kleinen Ellrodt den Mittagstisch aufgekündigt, weil dieser »bald käme, bald nicht käme«. Jean Paul schlägt vor, daß Sophie in die Stadt komme, um ihrem Bruder einen neuen Mittagstisch zu besorgen. Aber Sophie durchdenkt den Fall genauer: Wie habe sie es denn erfahren können, daß der schwarze Doktor den Tisch kündigen will? Werden ihre Eltern nicht Verdacht schöpfen? So kommt sie wieder nur bis in das Wäldchen. Aber während sie hier ängstlich jeden ihrer Schritte überlegt, reift in ihr ein großer Plan: sie wird nach Leipzig in Stellung gehen, um dem Geliebten nahe zu sein. In wenigen Tagen steht seine Abreise bevor. Noch einmal wird sie verzögert, weil Jean Paul sein ganzes Geld der Mutter geben muß und sie es ihm erst in Tagen wieder geben kann. Noch einmal treffen sich die Liebenden in dem Wäldchen. Dann reist er nach Leipzig. Aber von Leipzig aus sah Jean Paul die ganze Angelegenheit mit andern Augen an. Er macht Ausflüchte wegen ihrer Stellung, und als sie ihn für wenige Tage um den Ring bittet, den sie ihm geschenkt, da ihre Eltern ihn 124 vermissen, benutzt er die Gelegenheit, den Erzürnten zu spielen und die Verlobung zu lösen. Ein verschnörkelter Abschiedsbrief in Rokokostil endet sein erstes Verlöbnis. »Also ist der Vorhang zerrissen, auf dem so viele Hoffnungen gemalet standen? Und unsere Liebe mit den Blumen verblüht, mit denen sie ihr kurzes Dasein anfing?« In Hof entsteht allerhand Gerede über die Verlobung, von der erst nach ihrer Lösung einiges bekannt wird. Die Mutter fragt mehrmals nach Sophie in ihren Briefen. Vielleicht hofft sie von der Liebe des Sohnes Umkehr und Fortsetzung des theologischen Studiums. Er aber antwortet sarkastisch und ablehnend. Bruder Gottlieb muß die Stellung in Helmbrechts aufgeben. Kleine Gehässigkeiten züngeln dem ausgebrannten Feuer hinterher.   In Leipzig umfing ihn die alte trostlose Welt. Novemberstimmung lag über dem Abschied von Sophie. Leipzig » vult exspectari «. Noch einmal versuchte er, den Dämon dieser Stadt zu bezwingen. In den gedruckten Satirenbändchen glaubte er die Mittel in der Hand zu haben, sich seinen Anteil an dem festlichen Leben der Stadt und ihren künstlerischen und gesellschaftlichen Genüssen zu erzwingen. Ende Oktober 1783 erhielt er das erste Exemplar des zweiten Bändchens und bekam den Rest des Honorars, das ganze 126 Reichstaler betrug. Für eine Weile glaubte er seinen Lebensunterhalt sichergestellt, jedenfalls so lange, bis ein neues Buch von ihm die Presse verlassen würde. Schon hatte er eine Reihe neuer Satiren vollendet, die zu einer neuen Sammlung unter dem Titel »Auswahl aus den Papieren des Teufels« zusammengestellt werden sollten. Nun aber kamen Schlag auf Schlag die Mißerfolge. 125 Zuerst scheiterte der Versuch, gesellschaftlich in Leipzig festen Fuß zu fassen. Voller Hoffnung übersandte er die »Grönländischen Prozesse« dem liebenswürdigen Hauptmann Friedrich von Blankenburg, einem bereits alten Manne, der sich durch einen Roman und eine Reihe kleinerer Schriften einen Namen gemacht hatte und im Leipziger Literaturleben eine gewisse Rolle spielte. Jean Paul hatte Blankenburgs »Versuch über den Roman« in seinem zweiten Bändchen erwähnt, sogar mit Angabe des Verlages und der Jahreszahl, und man gewinnt fast den Eindruck, daß dies ausdrücklich zu dem Zweck geschehen wäre, Beziehungen zu Blankenburg anzuknüpfen. Aber gerade diese Erwähnung in einem unklaren Zusammenhang und in einem zweifelhaften Buch mochte den alten Herren, der an Huldigungen der jüngeren Generation nicht mehr gewöhnt war und wohl eher eine Verulkung vermutete, mißtrauisch machen. Jedenfalls antwortete er nicht. Nur wenig besser ging es ihm mit Christian Felix Weiße, der in Leipzig als Kreissteuereinnehmer wohnte. Man sieht schon an der Auswahl der Schriftsteller, an die Jean Paul sich wandte, daß er noch ganz in einer entschwundenen Zeit lebte. Um Weiße lag der Glanz alter Tradition. Er war noch mit Lessing und der Neuberin bekannt gewesen, hatte einen (durch Goethe verewigten) Streit mit Gottsched gehabt, war mit Gellert und Rabener befreundet gewesen und hatte sich nach gescheiterten Bemühungen um das deutsche Drama der Schäferpoesie des Rokoko und den Kinderbüchern zugewandt. Dieser freundliche alte Herr empfing Jean Paul, ging mit ihm seine Satiren durch und tadelte, bei allgemeiner Anerkennung, daß der Scheinernst der Satire nicht durchgehalten sei. Jean Paul glaubte, in Weiße den langgesuchten älteren Berater und Freund gefunden zu haben. 126 In einer neuen Arbeit vermied er die von diesem gerügten Fehler und sandte sie ihm nach einiger Zeit zu. Aber Weiße ließ nichts mehr von sich hören. Das kaum geöffnete Tor schloß sich wieder. Jean Paul stand einsamer als zuvor in der fremden Stadt. Eine herunterziehende Kritik der »Grönländischen Prozesse« in dem »Leipziger Allgemeinen Bücherverzeichnis« war vollends geeignet, ihm jede Hoffnung zu nehmen. »Die Sucht, witzig zu sein, reißt ihn durch das ganze Werkchen so sehr hin, daß wir nicht zweifeln, die Lektüre desselben werde jedem vernünftigen Leser gleich beim Anfang so viel Ekel erregen, daß er sich, solches aus der Hand zu legen, genötigt sehen wird.« Es ist dieselbe Besprechung, deren Jean Paul noch in der Vorrede zur zweiten Auflage dreißig Jahre später im Unmut gedenkt. Diese Kritik entsprach nur der allgemeinen Aufnahme des Buches durch das Publikum. Voß lehnte es ab, einen dritten Band der Satiren oder ein neues Satirenbuch des Verfassers zu verlegen. Mit den fertigen »Teufelspapieren« ging Jean Paul wieder wie einst auf die Verlegersuche. Inzwischen war das Honorar für die »Grönländischen Prozesse« nahezu aufgebraucht, und hinter dem Suchenden drängte die Not. Noch einmal wandte er sich an Weiße mit der Bitte, sein Bändchen bei seinem Freund Reiche, dem Besitzer der Weidmannschen Buchhandlung, unterzubringen. Auch dieser Brief blieb unbeantwortet, obwohl Jean Paul unmißverständlich auf seine dringende Not hingewiesen hatte. Am 22. Mai versuchte er sein Glück bei dem Rigaer Buchhändler Hartknoch, dem Verleger Herders, der die Leipziger Messe besuchte. Diesen originellen, aber in seinem Ausgang für Jean Paul beschämenden Versuch hat er später genau in den »Flegeljahren« geschildert. Er suchte Hartknoch auf 127 und überreichte ihm einen Brief, in dem er sein Manuskript zum Druck anbietet. Er hatte sich ausgemalt, wie Hartknochs Gesicht sich allmählich zum Lachen verziehen, wie das Überraschende der Situation sie beide in einem Augenblick zu Freunden machen würde. Aber Hartknochs korrektes Gesicht veränderte sich während der Lektüre nicht. Am Ende sagte er nur kalt, er bedaure, überlaufen zu sein, und schlage kleinere Buchhändler vor. Noch einmal glaubte er mit Reiche einen direkten Versuch wagen zu sollen. Aber wiederum blieb sein Brief unbeantwortet. Nicht besser ging es mit auswärtigen Größen, die er sich bis zum Schluß aufgehoben hatte in der Hoffnung, daß ihm auch diesmal, wie bei seinem ersten Werkchen, das Glück aus der Ferne lachen würde. Aber weder Nicolai noch Lichtenberg, der in Göttingen eine Professur hatte, beantworteten seine Hilferufe. Eine Satire »Zerstreute Betrachtungen über das dichterische Sinken«, die er für Lichtenbergs »Magazin« gedacht hatte, wanderte in seine Dachstube zurück. Hingegen konnte sie im Oktober desselben Jahres (1784) in Archenholz' »Literatur- und Völkerkunde« erscheinen, die im Laufe der nächsten Jahre mehrere Aufsätze aus seiner Feder brachte. Archenholz, heute noch als Geschichtsschreiber des Siebenjährigen Krieges bekannt, übte damals hauptsächlich durch sein Buch »England und Italien« Einfluß aus, das auch Jean Pauls Begeisterung für das freie England zum Teil mitbestimmte. Nicht minder wichtig war für ihn die Verbindung mit August Gottlieb Meißner, der sich durch »Skizzen« und seinen historischen Roman »Alzibiades« einen Namen gemacht hatte und damals in Dresden (zusammen mit Canzler) eine Zeitschrift »Für ältere Literatur und neuere Lektüre« herausgab. Auch bei Meißner gelang es, einige kleinere Arbeiten anzubringen. Meißner, der ein Jahr später 128 eine Professur in Prag erhielt, äußerte sich 1805 über die damaligen Arbeiten Jean Pauls folgendermaßen: »Ich stand mit ihm schon vor sechzehn Jahren in Briefwechsel und hätte mir damals wahrlich eher, daß die Sonne bei meinen Lebzeiten im Norden aufgehen, als daß er ein Lieblingsschriftsteller unserer Damen werden würde , werden könne , eingebildet. Ich ließ, weil wahrlich seine Briefe trefflich waren, ein paar seiner Aufsätze . . . einrücken, und niemand wollte sie lesen.« Nach diesen Äußerungen kann es nicht wundernehmen, daß er es ablehnte, sich für die »Teufelspapiere« bei den ihm bekannten Verlegern Dyk und Breitkopf zu verwenden. Die kleinen Erfolge mit Archenholz und Meißner mochten das drohende Unheil aufhalten, abwenden konnten sie es nicht. Die Mittel Jean Pauls waren völlig erschöpft. Lediglich weil er seinen Hauswirt Körner und seinen Speisewirt Weinert eine Zeit hindurch mit dem Honorar aus den »Grönländischen Prozessen« bar bezahlt hatte, gewährte man ihm noch Kredit. Aber es war klar, daß diese Quelle eines Tages versiegen würde. Im Juni verkaufte seine Mutter endlich das von den Großeltern geerbte Haus. Es kann kaum mehr als eine Kleinigkeit gebracht haben, denn es war verwohnt und reparaturbedürftig. Eine namhafte Hilfe erwuchs für ihn aus diesem Verkauf nicht. Die wenigen Honorare für die Zeitschriftenbeiträge, die sich über lange Monate verteilten, gingen in wenigen Tagen darauf. Ein Ausweg war nicht abzusehen. Vielleicht achtete Jean Paul in seinem Streben nach glänzenderen Bekanntschaften das Geschenk der Freundschaft zu gering, das ihm in reichem Maße zuteil wurde. Noch immer Wand an Wand mit ihm lebte sein Herzensfreund Oerthel, und Hermann studierte unter fast noch schlimmeren 129 Verhältnissen in der gleichen Stadt. Ein junger Student Schütze aus Hamburg gesellte sich öfter zu den Freunden, wenn sie in der Abenddämmerung auf ihrem Zimmer zusammensaßen. Seiner und Oerthels, der bei Erscheinen der »Teufelspapiere« schon gestorben war (Hermann weilte damals noch unter den Lebenden), gedenkt Jean Paul am Schluß des Buches: »Und du, lieber Sch(ütze) in H(amburg), wenn du dächtest, der V(erfasser) d(er) G(rönländischen) P(rozesse) oder R(ichter) könne dich und deine dichterische Schwermut und das Abreisen im b(osischen) Garten in L(eipzig) vergessen, irrtest besonders. Ich wollte hier noch einen anreden, der beim Anfange dieses Buches noch in diesem träumenden und stummen und mit bunten Dünsten um uns her spielenden Leben war: aber die zitternde Brust hat keine Stimme und die Toten stehen hoch gegen ziehende Schatten unter den Wolken, und eine Ephemere zerrinnt doch nur ein wenig früher als die andere . . .« Von diesen Sätzen, die sein letztes Satirenbuch beschließen, kann man vielleicht einen Schluß auf die Stimmung ziehen, die die letzten Monate in Leipzig beherrschte. Hermann berichtet in einem Brief dieser Zeit über die wunderlich mißtrauische Gereiztheit Jean Pauls. Sie kann nicht in Erstaunen setzen, denn die Qual des hoffnungslosen Wartens muß seine Nerven bis zum äußersten gespannt haben. Diese Leipziger Zeit war vielleicht noch schlimmer als das übliche Martyrium der armen Theologen des Fürstentums Baireuth. Wie war es möglich, diese Zeit zu überwinden? In einem kleinen Heft, das er sein »Andachtsbüchlein« nannte, rang er mit der Verzweiflung und gewann schreibend die stoische Haltung, die ihn über diese Monate hinübertrug. »Jedes Übel ist eine Übungsaufgabe«, heißt es darin, »und ein Lehrer der Standhaftigkeit. – Es wäre ein 130 unmögliches Wunder, wenn dich keines anfiele; stelle dir daher seine Ankunft vor; jeden Tag mache dich auf viele gefaßt. – Denke dir das Weltenheer und die Plagen auf diesem Weltstäubchen. – Was ist sechzig Jahre Schmerz gegen Ewigkeit?« Oder er suchte sich über seine Mißerfolge zu trösten: »Die meisten Menschen urteilen so elend; warum willst du von einem Kinde gelobt werden? – Niemand achtet dich in einem Bettlerrock; sei also nicht auf eine Achtung stolz, die man dem Kleide bezeugt.« In diesen Aufzeichnungen schlug der Puls seines wahren Wesens, reiner als in den Satiren. »Jeden Tag mache dich auf viele Wunder gefaßt«, hatte er in das Trostbüchlein eingetragen, aber keines wollte sich ereignen. Die Michaelismesse mit neuen Versuchen, Verleger zu gewinnen, war vorüber. Jeden Mittag mahnte die Speisewirtin: »Nun, Herr Richter, ist denn das Goldschiff noch nicht angekommen?« Aber es kam kein Goldschiff, ja, es war nicht einmal eines zu erwarten. Das Abendbrot bestand aus einem Buch, etwas trockenem Brot und getrockneten Pflaumen. Er verzehrte es im Spazierengehen und stierte gierig in die mit elegantem Leben erfüllten Kuchengärten hinein, von denen er ausgeschlossen war. Jeden Tag deutlicher wurde ihm der Kredit aufgesagt. Seine Lage war verzweifelt. Er konnte nicht in Leipzig bleiben, weil er kein Geld hatte. Er konnte aber auch nicht nach Hof fahren, um am Tisch der Mutter wenigstens Obdach und Nahrung zu finden, weil seine Schulden ihn hielten. Wie ein drohendes Gespenst standen die Schulden vor seinem Auge. Schon sah er sich mit Gefängnis bedroht. In dieser Lage ergriff er den einzigen Ausweg, der ihm blieb: die Flucht. Das Geld zur Abreise sollten ihm die kleinen, von Meißner angenommenen Arbeiten verschaffen. Am 131 19. Oktober bat er den Herausgeber um ein möglichst hohes Honorar. »Ich bin arm; und bin es jetzt, da mir so viele unreife Hoffnungen zugrunde gegangen, mehr als jemals und als vermutlich künftighin. . . . Ich will Leipzig etwa in acht Tagen verlassen; ich darf hoffen, Sie tragen dazu bei, daß ich es kann.« Etwa drei Wochen darauf wurde der Plan ausgeführt. Mit Recht konnte er annehmen, daß sich sein Hauswirt seiner Abreise widersetzen und auch den Speisewirt benachrichtigen würde, wenn er von seiner Abreise das geringste ahnte. Oerthel mußte vorsichtig in der Dämmerung den Koffer aus dem Hause tragen. Er selbst machte sich durch einen angehängten Zopf und einen Hut, den er sonst nie trug, nach Möglichkeit unkenntlich. Es herrschte bereits eine ziemliche Kälte. Oerthel hatte ihm seinen Mantel zu der beschwerlichen Fahrt geborgt. Mit hochgeschlagenem Kragen schlich er sich durch die Straßen, immer voll Angst, einem seiner Gläubiger zu begegnen. Vor dem Tore auf der Landstraße wartete Oerthel mit dem Koffer auf ihn. Hier ließ er sich von dem vorüberfahrenden Postwagen aufnehmen und reiste, für alle Fälle unter dem Namen des Freundes Hermann, der Heimat zu, dem verhaßten und nun doch einzig möglichen Asyl.   Am 16. November 1784, ungefähr ein Jahr nach dem Bruch mit Sophie, traf er in Hof ein. Trotz des von Oerthel geborgten Mantels hatte er sich auf der Reise die Hand angefroren. Nur einen flüchtigen Blick warf er in die kleine Wohnung, in der er künftig mit seiner Familie hausen sollte. Schon am nächsten Tag eilte er nach Töpen, dem Gute des Kammerrats, um Grüße von Adam zu bestellen. Dann erst richtete er sich bei der Mutter ein. 132 Das Haus in der Klostergasse war im Sommer verkauft worden, und Richters hatten nur ein einziges Stübchen für sich behalten. (Erst im August 1786 konnten sie in die neue Wohnung »Auf dem Graben« ziehen.) In dieser Stube, die er mit der Mutter und den Brüdern teilte, mußte er seinen Schreibtisch aufschlagen. Nicht einen Augenblick war er allein. Ständig umknarrte ihn das Geräusch des ärmlichen Haushalts. Sehr bald wurde es ihm klar, daß er einen schlechten Tausch gemacht hatte. Außer dem eignen umgab ihn hier das Elend der ganzen verarmten Familie. Wenn sein Mittagessen in Leipzig auch nur geborgt war, so war es doch reichlich und regelmäßig gewesen. Hier sah er, daß er, verglichen mit der Lebenshaltung seiner Familie, dort wie ein Fürst gelebt hatte. Seiner schäbigen Kleidung war er sich dort kaum bewußt geworden, hier sah er sich auf einmal von zerlumpten Menschen umgeben, die die Seinen waren. Die Mahlzeiten bestanden meistens nur aus Salat mit trockenem Brot. »Wenn einmal ein Gulden ins Haus kam,« pflegte er später zu erzählen, »so war unter uns ein solcher Jubel, daß wir die Fenster hätten einschlagen mögen.« Dazu kam die ihm verhaßte Stadt, eine Stadt »mit grauen Haaren«, wie er sie nannte. Mit düsteren Straßen lag sie in einem engen, freudlosen Talkessel. Nur die baumumkränzten Ufer der Saale bildeten einige hübsche Partien. Dies war die Gegend, in der einst Adam von Oerthel als Gymnasiast sein kleines Gartenhäuschen bewohnt hatte und an die ihn einige angenehme Erinnerungen knüpften. Das Schlimmste aber war der eingeengte und nur auf Erwerb gerichtete Sinn der Höfer, kleiner Kaufleute und Fabrikanten, unter denen er erst allmählich einige befreundete Familien fand. 133 In dieser Umgebung sollte er die nächsten Jahre seines Lebens zubringen, noch immer mit der Ausarbeitung der »Teufelspapiere« beschäftigt, die er immer und immer wieder umschrieb. Schon am 5. Dezember schrieb er an Oerthel nach Leipzig: »Seit meiner Abreise hab' ich zwölf Bogen umgearbeitet, die neu gearbeiteten ungerechnet.« Ein Dämon zwang ihn, in dieser ihm im Grunde widerstehenden Manier fortzufahren, in der er immer noch am ehesten seine Ziele erreichen zu können hoffte. Dabei hatte er schon von Leipzig aus an Meißner über Leute geschrieben, die »oft mehr aus Nachahmerei als aus angeborener Neigung« sich aufs Spotten verlegten. Welch ein Kontrast zwischen dem satirischen Lachen seiner Arbeiten und der eignen Lage. Welch ein Kontrast aber auch zwischen seinem weicher und weicher werdenden Gemüt und dieser Spottsucht, die mit der satirischen Geißel um sich schlug. Im »Siebenkäs« hat er später die Zeit geschildert, in der die »Teufelspapiere« entstanden. Der furchtbare Kampf mit der drückendsten Armut, die ein Stück des Hausgeräts nach dem andern ins Leihamt wandern ließ, und der noch schlimmere Kampf der in einen Raum gepreßten Menschen gegeneinander. Die Mutter, ewig mit geräuschvollen Hausarbeiten beschäftigt, und daneben in der gleichen Kammer er, den Kopf in seine Manuskripte gebeugt, nicht hören wollend, was um ihn vorging. Eine ungeheure Kunst der Konzentration entwickelte sich in ihm. Christian Otto schildert den Freund in dieser unglücklichen Epoche: Auch jetzt habe ihm sein hohes Selbstvertrauen und seine Gemütsruhe und selbst Freudigkeit nicht gefehlt, die nur eine ungemeine Geisteskraft und eine ununterbrochene Geistesrichtung nach dem Höchsten gewähren könne. Durch sie allein wäre es ihm möglich gewesen, alle Gedanken, die sich auf die unwillkommenen 134 Äußerlichkeiten des Lebens bezögen, mit Blitzesschnelle abzuschneiden, und alle Not, in der er war und die ihn täglich umgab, als sei sie nicht da oder nie dagewesen, zu vergessen; wobei er zuweilen mit einer schmerzlichen Bewegung der Hand über die Stirn einen Ideengang, den er zu beseitigen sich bestrebt, gleichsam ab- und hinweggestreift habe. Wenn jemals ein Dichter, so lebte Jean Paul in jener Zeit ein heroisches Leben der Menschheit vor. Nicht daß er von Not und Elend umgeben war, ist das Erschütternde daran, sondern dieses Hinwegstreifen des Elends mit einer Handbewegung. Er fuhr mit der Hand über die Stirn, mit einer schmerzlichen, nicht mit einer gleichgültigen Bewegung, und war durch Willensakt wieder in der Welt seiner Gedanken. Was er in dem Leipziger Trostbüchlein geschrieben hatte, hier lebte er es. Man muß den Aufsatz »Die Kunst immer heiter zu sein«, der später in den »Papierdrachen« aufgenommen wurde, lesen, um zu wissen, welcher Heroismus hier am Werke war, das Leben eines großen Menschen aufzubauen. Nur eines Dinges bedurfte er, um sein Gleichgewicht aufrechtzuerhalten: des Kaffees. Bis in seine spätesten Jahre trank er ständig während der Arbeit starken Kaffee. Dazu wußte er sich immer noch die Mittel zu verschaffen. Mit Vogel stellte sich das alte gute Verhältnis bald wieder her. Das letztemal hatten Kleidung und abgeschnittener Zopf ihre Beziehungen ernstlich getrübt. Jetzt wurde seine Eigenwilligkeit von den Freunden gutwillig anerkannt. Vogel freute sich um so mehr seiner Gesellschaft, als er damals selbst an einem satirischen Buch arbeitete, das im nächsten Frühling bei Lübeck in Baireuth erscheinen sollte. Jean Paul gab ihm den Titel: »Raffinerieen für raffinierende Theologen«. 135 Das Herüber und Hinüber von Hof nach Rehau wurde wieder aufgenommen. Wie ehemals machte einer der jüngeren Brüder den Brief- und Bücherboten, und Vogels Bibliothek wurde wieder zu Jean Pauls »Akademie«. Öfters verbrachte der Jüngling einige Tage in Vogels Hause, wo ihn die Pfarrerin auch leiblich pflegte und mit neuen Kräften in sein Elend entließ. Einige trügerische Hoffnungen auf Verleger für die »Teufelspapiere« zerrannen bald. Ein Leipziger Leihbibliothekar Seiler, dem Jean Paul noch zwölf Taler schuldete, hatte sich erboten, sein Manuskript bei einem Verleger unterzubringen. Es wurde nichts daraus, und eine Zeitlang hatte Jean Paul den freundlichen Mann sogar im Verdacht, daß er sich nur seines Manuskriptes als Pfand für das ihm geschuldete Geld bemächtigen wolle. Ebensowenig gelang es, den Höfer Buchhändler, der erst Hoffnungen gemacht hatte, zur Übernahme des Werkes zu bewegen. Ein neuer Versuch, den Oerthel in Leipzig mit den umgearbeiteten Satiren bei Reiche machen mußte, scheiterte gleichfalls. Neben allem Elend zerrte die Erfolglosigkeit seiner Arbeiten immer wieder an seinen Nerven und riß die alte Wunde immer von neuem auf. Den Winter und den nächsten Sommer über wanderte das Manuskript in der Welt umher. Von den »Grönländischen Prozessen« fielen ebenfalls in Gestalt von absprechenden Kritiken noch Schatten in dieses trostlose Dasein. Das Schlimmste vielleicht war, die Not der Seinen nicht lindern zu können und noch fortgesetzt dem Freunde Ungelegenheiten zu bereiten. Oerthel war in Schulden geraten, weil er alles entbehrliche Geld und mehr an Jean Paul geliehen hatte. Dieser konnte nicht einmal seine Briefe an ihn frankieren und stand bei jeder Sendung in dem Konflikt, 136 nichts von sich hören zu lassen oder dem Freund neue Opfer aufzubürden. So ging der schlimmste Winter vorüber. Der Frühling brachte wenigstens einige Bewegungsfreiheit. Im März fuhr er nach Schwarzenbach, die dortigen Freunde zu besuchen. Wie zu Vogel ergaben sich diesmal auch zu den Schwarzenbacher Freunden rein herzliche Beziehungen. Der Streit über Zopf und Kleidung wurde vorläufig beiseitegelegt. Zu Ostern kehrte Oerthel aus Leipzig nach Töpen zurück. Die Nähe des Freundes trug wesentlich dazu bei, Jean Pauls Stimmung zu heben. Er bedurfte ständig eines Menschen, der an allem seinigen Anteil nahm und völlig in ihm aufging. Er sprudelte im Verkehr ständig von bizarren Einfällen über, für die er einen Hörer brauchte. Oft verweilte er jetzt in Töpen, wo er in der Mutter des Freundes eine von ihm hochverehrte Gönnerin gewann, während der von ihm verachtete und fast gehaßte Kammerrat ihm fremd blieb. Er konnte bald nach Mitternacht aufstehen, den Freund in Töpen aus dem Bett holen und zu einem Frühspaziergang zwingen. Am Vormittag saß er dann schon wieder in Hof über seinen Manuskripten, die er auch auf seinen Wanderungen innerlich nie verließ. Damals wird er sich auch an die Familie von Spangenberg angeschlossen haben, die das Töpen benachbarte Gut Venzka besaß. Adam von Oerthel zog es mit tausend Fäden dorthin, wo die von ihm in seiner Jugend angebetete Beata von Spangenberg ihre Jugend verbracht hatte. Noch jetzt war ihr Namenstag ein Festtag der Freunde. Inzwischen war sie längst die Frau eines Amtmanns Schäfer. Dafür bemühte sich ihre jüngere Schwester Wilhelmine, ausgezeichnet durch eine griechische Nase, über die Jean Paul gern spottete, offensichtlich um den jungen Erben von Töpen und Hohen- und Tiefendorf. 137 Trotz dieser grünenden Oasen blieb das Elend seiner Lage sich gleich. Noch immer war es ihm nicht gelungen, auch nur einen Heller zu verdienen. Im Juli mußte er sogar die Überraschung erleben, daß sein Leipziger Speisewirt Weinert, der von Zeit zu Zeit einen Mahnbrief geschickt hatte, in Hof auftauchte, um das ihm schuldige Geld einzutreiben. Es war für Jean Paul ein furchtbarer Tag. Unmöglich konnte er den Mann, der ihm gutmütig über ein Jahr lang Kredit gewährt hatte, ohne Bezahlung fortschicken, und Weinert war auch keineswegs geneigt, sich leicht zufriedenzugeben. Jean Paul wandte sich in seiner Not an Joerdens, den »schwarzen Doktor«. Dieser schlug ihm die Bitte um ein Darlehen glatt ab. Da griffen die Brüder Otto ein und befriedigten den Gläubiger für einige Zeit. Dieser Vorfall legte den Grund zu der lebenslangen Freundschaft, die Jean Paul mit den Brüdern, hauptsächlich mit dem jüngeren Christian, verbinden sollte. Albrecht und Christian Otto, die Söhne des Höfer Vesperpredigers, hatten wie Jean Paul das Höfer Gymnasium besucht und es fast gleichzeitig mit ihm verlassen. Auch in Leipzig hatten die Mitschüler zusammen studiert, ohne daß sich nähere Beziehungen zwischen ihnen ergeben hätten. Wiederum ungefähr gleichzeitig mit Jean Paul hatten die Ottos Leipzig verlassen und Anfang 1885 in Hof eine juristische Kanzlei eröffnet, die sich gut anließ. Der Vorfall mit Weinert führte bald zu näherer Bekanntschaft. Bei dieser Gelegenheit gewannen die Brüder Einblick in Jean Pauls trostlose Lage und zugleich in seinen unbeschreiblichen Heroismus. Im weiteren Verlauf der Angelegenheit lernten sie auch seine gänzliche Hilflosigkeit in praktischen Dingen kennen. Weinert nämlich, als er sah, daß sein Schuldner opferwillige Freunde hatte, tauchte immer wieder mit neuen 138 Forderungen auf, da Jean Paul nicht mehr wußte, wieviel der Speisewirt von ihm zu verlangen hatte. Wie ein Alpdruck lagen diese immer erneuten Forderungen Weinerts auf Jean Paul, bis ihn die juristisch geschulten Brüder von dem Quälgeist befreiten. Immerhin hatte Weinert bereits das Mehrfache von dem, was er zu erhalten hatte, aus dem Armen herausgepreßt. Den Oktober brachte Jean Paul bei Aktuar Vogel in Schwarzenbach zu. Sein Aufenthalt dort hatte einen besonderen Anlaß: Der dortige Freundeskreis: Vogel, Völkel und Amtsvorsteher Kletterer wollten ein gemeinsames Buch herausgeben, zu dem sie auch von Jean Paul Beiträge erwarteten. Er sagte zu. Es war ihm wohl ein kleines Zeichen der Anerkennung, daß wenigstens die literarisch interessierten Männer seiner Heimat sich um ihn bemühten. Auch Pfarrer Vogel hatte ihn gebeten, ihm für den zweiten Band seiner »Raffinerieen« einige Beiträge zu geben. Im Höfer »Intelligenzblatt« hingegen glückte es ihm erst im Jahre 1788, mit einer Satire vertreten zu sein. Seine Beiträge für die Schwarzenbacher Sammlung »Mixturen für Menschenkinder aus allen Ständen« zeichnete er mit H., einer Abkürzung für den sich selbst verspottenden Namen J. P. F. Hasus, unter welchem er in der letzten Fassung der »Teufelspapiere« auftritt. So entstand nicht zum wenigsten durch sein Beispiel in der Umgegend von Hof doch eine Art von literarischem Leben, das für die Beteiligten seine mannigfachen Freuden hatte. Briefe und Anregungen flogen von Freund zu Freund. Man konnte sich über allerhand Gerede belustigen. Zum Beispiel, wenn das Gerücht auftauchte, daß die natürlich anonym erschienenen »Raffinerieen« von Vogel, Völkel und Richter gemeinsam verfaßt wären, oder wenn festgestellt werden konnte, daß 139 Vogel in seinem Buch fünf Gleichnisse aus den »Grönländischen Prozessen« gestohlen hatte. Mit dem Oktoberaufenthalt in Schwarzenbach war der Sommer mit seinen Freuden vorübergegangen, und die Kälte schloß den gerne Schweifenden wieder in das Zimmer mit seiner Familie zusammen. Von Herder aus Weimar, an den Jean Paul sich gewandt hatte, kam ein Manuskript ohne Erfolg zurück. Herbstmelancholie erfaßte den Hoffnungslosen. Er glaubte sogar an schwerer Lungenerkrankung zu leiden, was ihm der medizinkundige Hermann in einem von Zynismus strotzenden Brief ausredete. Ohne Unterbrechung hielt ihn das häusliche Elend wieder gefaßt. Ununterbrochen wurde an den alten Satiren gefeilt, wurden neue erdacht. Nur für die Mutter abgefaßte Bittschreiben, etwa an die Patronatsfamilie von Reitzenstein, die sich der Familie ihres alten Pfarrers ein wenig annahm, brachten eine niederdrückende Abwechslung in die Stube, in der die verschiedensten Menschen nebeneinander herlebten. In diesem Winter wurden die »Teufelspapiere« wiederum umgearbeitet und wanderten bei Verlegern herum. Verschiedene andere Aufsätze entstanden, wurden in die Welt geschickt, so einer zu Wieland, dem Herausgeber des »Merkur«, nach Weimar. Einiges Honorar lief von den »Mixturen« ein, und gewiß hat Pfarrer Vogel auch einige Beiträge Jean Pauls für den zweiten Band seiner »Raffinerieen« honoriert. Die Mitarbeit am Höfer »Intelligenzblatt« scheiterte wiederum. Aus älteren Satiren wurde noch einmal ein drittes Bändchen zu den »Grönländischen Prozessen« zusammengestellt. Auch diesmal lehnte Voß in Berlin ab. Im März 1786 kam die abschlägige Antwort von Wieland. Meißner hatte seine Prager Professur angetreten und zog sich von Jean Paul zurück. Nur Archenholz nahm wieder einen 140 Aufsatz, »Von der Verarbeitung der menschlichen Haut« für seine nunmehr bei Göschen erscheinende Zeitschrift an. Von einigen leicht aufgeklärten Mißverständnissen mit Vogel und den Schwarzenbacher Freunden abgesehen, waren dies die einzigen Erlebnisse des Winters, der nicht enden wollte. Das Frühjahr schien eine günstige Entscheidung zu bringen: Der Buchhändler Beckmann in Gera nahm die »Teufelspapiere« zum Verlag an, aber es dauerte noch drei Jahre, ehe sie erschienen. Monate lang zogen sich allein die Kontroversen über den Titel hin, den Beckmann durchaus in »Faustin« umgeändert wissen wollte. Der Zustand des Manuskriptes mit seinen vielen Korrekturen, Einschachtelungen, Zusätzen erschwerte gleichfalls den Druck, und endlich glaubte Jean Paul das ganze Manuskript noch einmal umschreiben zu müssen, als neue Erlebnisse ihn bereichert hatten. Auch wenn nun endlich der lang gesuchte Verleger da war, so wurde dieser Sommer doch der schlimmste von allen. Die alte Wohnung mußte endlich geräumt werden, aber es fehlte das Geld zum Umzug. Demütige Bittbriefe mußten geschrieben werden. Der Stadtsyndikus Ruß von Wunsiedel wurde um Unterstützung angegangen und der Umweg über seine Frau nicht gescheut. »Sollten sich Dieselben nicht mehr an die älteste Kuhnin des Tuchmachers Kuhn erinnern, von der Sie eine so gute Freundin waren?« »Nun muß ich zu Jacobi, künftigen Montag aus meinem Logis ausziehen, und da ich noch das vorige Vierteljahr Miete schuldig bin, so muß ich auch 15 Gulden fränkisch zahlen, sonst lassen mir die Leute, die hier ohnehin so grob und ohne Mitleid sind, nichts verabfolgen.« Der August sah die Familie in der neuen Wohnung beim Stadtgerber Beyer »Auf dem Graben«. Aber die Verhältnisse blieben die alten. Den kommenden Winter glaubte 141 Jean Paul in dieser Umgebung nicht mehr ertragen zu können. Er sann auf einen Ausweg, und schließlich nistete sich in seinem Kopf der Plan fest, nach Töpen zu gehen, um dort Christian, des Freundes jüngeren Bruder, zu erziehen. Schon im Februar 1785 hatte er den kleinen Oerthel liebgewonnen. Damals schrieb er über ihn an den Freund: »Dein kleiner Bruder wird mehr, als er sonst versprach; er lieset die Bücher aus der Lesegesellschaft von selbst in den Nebenstunden und begreift und fragt vortrefflich.« In dieser Beobachtung tritt zum erstenmal Jean Pauls erzieherisches Interesse hervor. Auf seinen zahlreichen Besuchen in Töpen beschäftigte er sich oft mit dem Knaben, und dieser faßte eine warme Zuneigung zu dem Freunde des Bruders, die Jean Paul wohl zuerst seinen Plan eingab. Schüchtern, in französischer Sprache, bat er Oerthel, seinem Vater diesen Gedanken nahezubringen, und schon nach wenigen Tagen drang er auf Antwort. »Wenn du am Mittwoche nicht kommest: so sei doch so gut und gebe mir auf meinen Brief eine geschriebene Antwort; sie kann – damit ich dir jeden Vorwand des Stillschweigens abschneide – in bloßes Ja oder Nein ganz wohl zusammengepresset werden.« Man sieht seine Ungeduld und die ängstliche Spannung, ob es ihm gelingen werde, den Ausweg ins Freie zu finden. Und vielleicht hat ihn nicht weniger als der Ausweg aus seiner unerträglichen Lage die Aufgabe angezogen, die ihn in Töpen erwartete. Jäh wurde die Spannung durch Oerthels plötzlichen Tod am 13. Oktober abgerissen. Jean Paul eilte zu dem Sterbenden, und der Freund verschied in seinen Armen. Kein Ereignis in seinem Leben hat auf ihn einen stärkeren Eindruck gemacht als der Tod Adam von Oerthels. Aus 142 Dürftigkeit und Elend hatte er sich immer wieder in seine geistige Welt emporgerissen, auch wenn die Qual der zerschundenen Kreatur mehr und mehr in seine letzten Arbeiten eindrang. In Oerthels Tod aber stand das vernachlässigte Leben mit furchtbarer Drohung auf und offenbarte in der Erleuchtung eines blitzartigen Ereignisses die Ohnmacht alles Lebendigen. Zum erstenmal fuhr der Strahl in seinen eigensten Lebenskreis. Es war nicht so wie beim Knaben, als sein Vater oder sein Großvater starb, daß das Ereignis des Todes durch Wände von ihm getrennt, gleichsam in einer andern Welt, der Welt der Erwachsenen, vor sich ging und ihn nur sein fernster Schatten streifte. Diesmal erkaltete ihm der Nächsten einer in den eignen Armen, sah er unmittelbar in brechende Augen, und zum erstenmal durchschaute er die Künstlichkeit seiner geistigen Welt und ihre Entferntheit von den Urproblemen des Daseins. Eine Ader in seinem Innern war gesprungen, ein Suchen nach einer neuen Form hub in ihm an, das nicht enden sollte, bis sein Tun zwischen Leben und Geist die engsten Beziehungen gespannt. Unter Todesahnungen hatte Oerthel die letzten Jahre seines Lebens verbracht. Ein seltsamer Einfall tauchte anderthalb Jahre vorher in dem Briefwechsel der Freunde auf: Oerthel litt unter der Vorstellung von der kosmischen Verbundenheit alles Seins und konnte des Gedankens nicht Herr werden, daß seine Gesundung vielleicht einen Bewohner des Sirius auf magische Weise mit Krankheit bedrohe. Deutliches Anzeichen, daß schon damals sein Lebensnerv durchschnitten war und er Tod und Leiden für seinen Anteil an der Welt ansah. Die düstere Schwärmerei ihrer Knabenjahre lastete immerwährend auf ihm und legte auch über Jean Pauls Leben einen dunklen Schleier. Sein Tod ließ 143 dem Freunde die Zeit wieder erstehen, da er mit ihm an den Ufern der Saale sich den Träumen einer todbeschatteten Melancholie ergeben hatte, und seine Gedanken begannen, an die Tage seines Jugendromans von Abelard und Heloise wieder anzuknüpfen. Wenige Wochen später siedelte er nach Töpen als Lehrer Christians über. 144   Durchbruch Noch in den »Grönländischen Prozessen« war es zu erkennen, wie Jean Pauls Stellung zu den Zeitproblemen rein literarischer Natur war. Des Freundes Sterben schuf auch darin Wandel. Der furchtbare Ernst des Lebens rührte an seine Seele. Aus dem Zeitalter der Enzyklopädisten trat Europa in die Ära der französischen Revolution ein, die auch das geistige Deutschland in seine Wirbel hineinriß. Am 17. August 1786 war Friedrich der Große gestorben. Ein europäisches Ereignis. Mit ihm war die Epoche des aufgeklärten Despotismus zu Ende. »Um Ihnen im ersten Augenblicke des Gefühls zu melden, daß der Koloß und Riese unter den Königen gefallen ist: noch unter keiner Krone war ein solcher Kopf und unter keinem Sterne schlug ein solches Herz«, schrieb Jean Paul unter dem ersten Eindruck der Kunde an Aktuar Vogel nach Schwarzenbach. Langsam kamen die Massen Europas ins Schieben, nach neuer Formung zu suchen. Die europäische Menschheit hub ihre große Wanderschaft an, auf der sie bis zum heutigen Tage nicht zur Ruhe gekommen ist. Wo war die Stellung des deutschen Geistes zu den Ereignissen, die sich langsam vorbereiteten? Der Sturm und Drang hatte den Auftakt gegeben mit seiner radikalen Bekämpfung der menschlichen Gesellschaft. Rousseaus Fanatismus geisterte über den Erdteil. Nur wenige Jahre war es her, daß aus dem protestantischen Schwaben Schiller 145 seinen Donnerruf » In Tyrannos « erhoben hatte. Dicht hintereinander waren die Schläge gefallen: »Die Räuber«, »Fiesco«, »Kabale und Liebe«. Die Akkorde, die Goethe aus Shakespeare-Begeisterung im Götz angeschlagen hatte, hallten auf einmal als furchtbar ernste Gewitterstimmung aus allen deutschen Winkeln zurück. Vorüber war der billige Optimismus der rationalistischen Periode. Der heilige Ernst des Blutes und der Geschichte stieg aus den Tiefen der Erde. Eine neue Rasse fast, wuchs es in die Ereignisse hinein. Ein starkes volkhaftes Moment trennte die Gegenwart scharf von dem Kosmopolitismus der jüngsten Vergangenheit ab. Das war keine Erscheinung, die etwa an Völkergrenzen gebunden gewesen wäre. Überall, in Frankreich wie in Deutschland, erwachte ein »Volk« zum Bewußtsein der eignen Kraft, der eignen Geschichte, beide bereit, sich blutig zu umarmen, und die Literatur ging den Geschehnissen, die in der Luft lagen, voran. Auf einmal standen Klopstocks Bardengesänge und Hermannsdramen in einem neuen Zusammenhang. Man sah den Gang der Entwicklung, wo man früher schrullige Seltsamkeiten und Sackgassen vermutet hatte. Herders Aufsätze und Schriften von deutscher Baukunst und der Volkspoesie standen auf einmal als Drehpunkte der Menschheitsentwicklung da. Berlin, das Zentrum des Rationalismus, der Sammelpunkt der führenden Geister, sank zur Bedeutungslosigkeit herab. Von der Peripherie, von Königsberg her, dem Königsberg der Kant und Hamann, aus dem Schwaben der Schiller, Hegel, Schelling, aus dem Weimar Herders brach das neue Ethos der Zeit in das knisternde Gefüge. Jean Paul, der arme und halb aus Mitleid aufgenommene Hauslehrer in einem öden Gut bei Hof im Fichtelgebirge, sammelte die Strahlen der Zeit in sich ein. Noch immer rang er in seiner Satirendichtung mit den Schatten 146 der rationalistischen Kunstpoesie, aber er war doch der Ersten einer, der das Wehen der neuen Zeit begriff. Gewiß war es damals nichts Leichtes, nach der Kritik der reinen Vernunft bereits die Ziele zu erkennen, die Kant im Auge hatte. Jean Paul faßte sie. »Ich weiß aber nicht, wie Platner ihn mit Hume vergleichen können, da er nichts weniger als ein Skeptiker ist«, schrieb er schon im Februar 1785 an Oerthel. Das war das Entscheidende: daß Kant der Periode eines unfruchtbaren Skeptizismus ein Ende setzte und nach der Reichweite der Vernunft überhaupt zu fragen begann. Wie eine Befreiung hatte die »Metaphysik der Sitten« auf den im Irrgarten der Vernunft taumelnden Jüngling gewirkt. Unter dem Eindruck der Lektüre fand er das bekanntgewordene Wort über Kant in einem Brief an Vogel: »Kant ist nicht ein Licht der Welt, sondern ein ganzes strahlendes Sonnensystem auf einmal.« Und in einem Brief an Hermann nannte er ihn »den Kometen, auf dem der Jüngste Tag flammt, und der die Himmelsstufen zum Spaß auf und nieder springt«. Niemand hatte so unmittelbar nach Erscheinen der Kritik dem ostpreußischen Genius eine solche Begrüßung darzubringen vermocht, und wenn sie nur in kurzen Briefstellen bestand, die Jahrzehnte hindurch unbekannt blieben: einmal arbeiteten sie sich doch ans Licht und beleuchteten nachträglich die ersten Schritte der kritischen Philosophie. Jean Pauls Stellung zum Kritizismus hat später Wandlungen durchgemacht. Mit heißer Seele ergriff er in ihm das bahnbrechend Neue, aber die Verflüchtigung des »Dinges an sich«, die mehr und mehr in den Vordergrund trat, war gegen seine innerste Natur, und gegen die Zuspitzung der kantischen Philosophie in Fichte schrieb er später seine » Clavis Fichtiana «. Was die Jenenser Romantiker von Fichte 147 fort zu Schelling führte: die Vernachlässigung des Menschen, die Ableitung der Natur als eines untergeordneten Nicht-Ich, dasselbe Empfinden begründete Jean Pauls Stellung gegen ein System, das die ungeheure Realität der Außenwelt antastete. Kleist reagierte später auf die kantische Philosophie mit innerem Zusammenbruch. Jean Paul schrieb gegen sie seine » Clavis Fichtiana « und hetzte sie unermüdlich in Satiren zu Tode. Es war die gleiche Auflehnung des mit der Erde Verbundenen gegen den Geist einer Systematik, die sie in Denkformen auflösen wollte. Schon in Töpen fand sich Jean Paul zur Klarheit seiner Stellung hindurch. Sie konnte trotz allem nicht in der Nachfolge Kants bestehen. Goethe freilich fand, seit er aus Italien zurückgekehrt war, seinen Platz im kantischen System. Seine Scheidung von Form und Stoff, von Kunst und Leben ermöglichten dies. Wie Kant war er geschichtlichem Denken abgeneigt und glaubte an die Stabilität der menschlichen Institutionen. Jean Paul aber mußte sich ganz von selbst jener von Hamann ausgehenden Richtung zuwenden, die die Auflösung der Lebenstotalität ablehnte und das Dasein nur in seiner Gesamtheit als Offenbarung begreifen konnte. Es war Herder, der in dem Jüngling die größten Erschütterungen erregte und seinem Denken und Leben für immer die Richtung gab. Im Jahre 1788, als Jean Paul noch in Töpen weilte, fuhr der Vergötterte auf seiner Reise nach Italien, der ersten größeren Station, Koburg, sich nähernd, dicht an Jean Pauls Aufenthaltsort vorüber und einige Jahre später sogar durch Hof. Hätte Jean Paul davon gewußt, kein Weg wäre ihm zu weit, kein Wetter zu schlecht gewesen, dem Reisewagen Herders sich zu nahen. Noch in den »Flegeljahren« führte er diese Möglichkeit der Begegnung liebevoll aus. 148 Wie mannigfach wirft die Zeit Menschen und Schicksale durcheinander! Einige Tage später traf Herder in Augsburg mit dem damals achtundzwanzigjährigen Dalberg, Domherrn zu Worms, Trier und Speier zusammen, der auch in Jean Pauls Leben bedeutungsvoll eingreifen sollte. Wie begegneten sich unsichtbar in diesen Tagen Jean Pauls und Herders Anschauungen, wenn Herder von Nürnberg aus über Dürer nach Hause schrieb: »Solch ein Maler möchte ich auch gewesen sein.« »O wie haben die Fürsten den Geist der deutschen Nation verkannt, unterdrückt, verschlemmt und vergeudet.« Damals stand Herder auf der Höhe seines Ruhms und seines Lebens. Aber schon machte sich ein leiser Umschwung der Zeit bemerkbar, standen dunkle Widerstände rings um ihn auf. Die ersten Bände der »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit« waren erschienen und hatten seine Ideenwelt in einem großen Bilde umrissen. Ein Lebenswerk, das alle Ströme eines Lebens in sich einfing und ihnen Sinn gab. Ein Lebenswerk in einem höheren, damals erst geschaffenen Sinne, nicht nur im Sinne eines umfassend gefügten Gedankenbaus, sondern als Ausdruck eines Denkens, Fühlens, Wollens zugleich, eines Werkes, in dem ein ganzer Mensch mit seinem Schicksal sich offenbarte. Damals nahm noch Goethe an Herders Briefen, die Karoline Herder ihm vorwies, den stärksten Anteil und lobte Herders »gute Art und das rein gewaschene Auge, mit dem er alles sah«, und so vielfach sah, da er, Goethe, immer nur eine Sache sähe. Es war wie immer bei Goethe der treffende Ausdruck: Er sah im Einzelnen die Welt, während Herder sein Auge über das Weltganze schweifen ließ. Und dennoch trieb das geistige Dasein schon in einer neuen Richtung. Unerheblich und rein komisch war es 149 freilich, wenn der Patriarch der Aufklärung, der alte Moses Mendelssohn, äußerte: »Ich fürchte, ich fürchte, es steckt Schwärmerei dahinter.« Aber auch die Jenaische Allgemeine Literaturzeitung brachte ablehnende Besprechungen im Januar und November 1785. Über den ersten dieser Aufsätze schrieb Knebel an Herder: »Ich habe mich gestern Abend noch über den Artikel, der Ihre Ideen betrifft, etwas geärgert, ich kann es nicht leugnen. Er ist gewiß von so einem illustren Dummkopf, einem Professor, der die Weisheit nach Maß und Elle zuschneidet. Wie schade wäre es, wenn ein so gelehrter Esel Sie nur um einen Schritt in Ihrem Wege störte und Ihnen eine Stunde Zeit verdürbe. Freilich mag es der lichtscheuen Fledermaus wehe tun, wenn sie sich nicht wie der große Vogel des Tages erheben kann.« Diese »lichtscheue Fledermaus« war niemand anders als Kant. In Kants Kritiken des Herderschen Hauptwerks kreuzten sich zwei Weltanschauungen, die ohne Ausgleich scharf gegeneinanderstehen. Der Erkenntnisdichter stieß hier auf den Erkenntnistheoretiker. Intuitives Welterfassen auf kritische Methode. In diesem Kampf konnte es keine Entscheidung geben, denn freilich als Wissenschaft war Kants Methode weit überlegen. Aber was Herder wollte, war ja gar nicht reine Wissenschaft. Er lehnte es ja gerade ab, mit Hilfe bloßer Erkenntnis die Welt einfangen zu wollen, und wie weit er von bloßer Wissenschaft entfernt war, zeigte in voller Klarheit die Aufreihung seiner »Gedanken« in der kantischen Darstellung. Das war nicht Herder mehr, was Kant in den »Ideen« als Herders Gedankengefüge erkennen wollte; das war eine metaphysische Begriffsspekulation, die Herder zu allererst abgelehnt haben würde. Aber was der grimmige Knebel für die Afterweisheit eines »illustren Dummkopfs« hielt, das schlug in Wahrheit die 150 erste Bresche in die Welt Herders, das »erledigte« ihn in der Tat für die kommenden Menschenalter. In Kant siegte die Wissenschaft, das heißt der spezialisierte Mensch, über den allumfassenden Menschen. Hamann wie Herder schickten eine »Metakritik« als Warnung hinterher. Die Erkenntnis aus der Einheit des Menschen herausisolieren zu wollen und auf ihr das Weltbild zu errichten, erschien ihnen als der verhängnisvolle Grundirrtum Kants und der Zeit. Hatten sie recht? Die Beantwortung dieser Frage schließt das Urteil über die Entwicklung des deutschen Geistes und das Schicksal des deutschen Volkes seither ein. Wenn man in gesteigerter Tüchtigkeit und Differenzierung den Endzweck menschlicher Gemeinschaft erblickt, kann man sich bejahend zu dem Sieg der kritischen Methode stellen, wobei noch zu bemerken ist, daß es sich bei dieser Wertung um die Auswirkung Kants, nicht völlig um ihn selbst handelt. Aber als menschlicher Typus war er der Träger des fortgesetzten Rationalismus, des rein logisch orientierten Verstandesmenschen, der die Eigenschwere der Welt verflüchtigte, der die Frage nach dem Ding an sich als interesselos offen ließ. Durch den Kritizismus konnte nur eine Periode der strengen und exakten Wissenschaft und Technik eingeleitet werden. Nur wenige damals sahen, daß die Welt in der Verfolgung der kritischen Philosophie veröden und auseinanderbersten mußte. Zu diesen wenigen gehörten Hamann, Herder und als dritter Friedrich Jacobi. Aber diese wenigen wurden in den entscheidenden achtziger und neunziger Jahren beiseitegeschoben. Letzten Endes war dieser Konflikt nur ein Kapitel in der tausendjährigen Geschichte des deutschen Volkes überhaupt. Ein Abschnitt von dem schmerzvollen Wege der germanischen Stämme zur Deutschwerdung. Wie einst den Frühstämmen 151 römische Kirche und römisches Recht aufgezwungen worden war, – wie in der Aufklärung spätrömische Zivilisation Luthers Suchen nach einem deutschen Glauben überwunden hatte, so siegte auch diesmal römische Begrifflichkeit über deutsches Natur- und Allgefühl, römischer Staatsbegriff über deutsches Volksbewußtsein und deutsche Reichsidee. Das aber ist der unvergängliche Sinn jener Gestalten von Klopstock, Hamann bis zu Jean Paul, und über sie hinaus in ihrer Wirkung bis zu den Männern der Paulskirche: daß in ihnen die deutsche Sehnsucht nach der ihr eigentümlichen Form ihre Verwirklichung fand. Aus der Ganzheit eines umfassenden und jeder Spezialisierung spottenden Weltgefühls wurde hier aus der Tiefe deutscher Volkstümlichkeit heraus deutsches Leben gelebt, das, wenn es nach Völkerfrieden und Menschheitsversöhnung die Fahnen aussteckte, immer noch tausendfach deutscher war (auch im realpolitischen Sinne!) als alles, was als »staatserhaltend« und »streng national« seither auf den Plan trat und doch immer nur die Interessen der Territorialstaaten und ihrer Dynastien vertrat. Nur eine Zeit, die an voraussetzungslose Wissenschaft und überzeitliche und übervolkhafte Erkenntnis glaubte, konnte an Erscheinungen wie Hamann und Herder vorübergehen. Im Lichte dieser Wissenschaft freilich mußte ihr Stern verlöschen, aber diese Wissenschaft raubte uns zugleich den Sinn für das, was sie waren, ohne uns einen Ersatz für die Weite und menschliche Tiefe ihrer Weltschau zu reichen. – In Töpen trug Jean Paul diesen Konflikt der Weltanschauungen zur vollen Klarheit aus. Schon in der Leipziger Zeit hatte er das Urteil gefällt, daß die Zeit keine großen Menschen habe. »Wir haben große Geister gehabt, aber noch keine großen Menschen. Alle unsere Genies 152 schwingen sich durch ihren Verstand über diese Erde weg . . . Allein eine Ausnahme ist da: Rousseau – Seine Fähigkeiten machen ihn zum großen Mann – sein Herz zum großen Menschen.« Hier ist zum erstenmal das Ideal eines geistigen Führers gekennzeichnet, wie Jean Paul ihn ersehnte. Nicht die höchste Steigerung intellektueller Begabung schwebte ihm vor, sondern der große Mensch, das heißt einer, der mit Denken, Fühlen, Wollen zugleich der Zeit dient, ohne auch in seinem Leben diese drei notwendigen Seelenfunktionen des Menschen voneinander zu trennen und isoliert auszubilden. In Töpen wurde er sich darüber klar, daß dieses sein Ideal nicht von Kant, sondern nur von Herder erfüllt wurde. »Edler Mann, gegen den ich nicht den Mut habe, höflich zu sein«, schrieb er schon von Hof aus an Herder. Und bald darauf: »Mir tat es allzeit wohl, wenn ich die Sonne mit einem menschlichen Gesicht im Kalender gemalet sah. Diese Art von Menschsein milderte ihren Glanz und brachte sie den Menschen näher . . . Aber Sie haben ja ein Menschenangesicht! und vielleicht doch auch für mich.« Trotz mehrmaliger vergeblicher Versuche unternimmt er immer wieder das Wagnis, sich dem angebeteten Verfasser der »Ideen« zu nähern. Wie wenig sollte er sich getäuscht haben. Nur daß er dann schließlich in Herder nicht mehr den thronenden Sonnengott, sondern einen vom Schicksal übergangenen und verkannten Menschen antraf. »O wie haben die Fürsten den Geist der deutschen Nation verkannt, unterdrückt, verschlemmt und vergeudet« schrieb Herder von Nürnberg an seine Karoline. Und rührte damit an eine Saite, die so mannigfach zur gleichen Zeit in Jean Paul anschlug. Das Fürstentum Baireuth war mehr als Jahrhunderte lang von seinen Fürsten ausgesogen worden 153 und hatte fürstlichen Übermut in ganz besonderem Grade an sich erfahren. Die Erinnerung daran lag noch in aller Herzen. Nie wieder seit den römischen Cäsaren haben sich Menschen in dieser Weise mit allen ihren übelsten Instinkten ausleben können wie die deutschen Fürsten des Barock. Ihre Geschichte ist eine Geschichte der Laster und Verbrechen, und noch zu Jean Pauls Zeiten seufzte das Land unter der Schuldenlast, die zum Bau der Prunkschlösser und zur Befriedigung schamloser Lüste gehäuft war. Untertanen wurden zur Unterdrückung der amerikanischen Freiheit, wie in Hessen so auch von den Baireuther Markgrafen, um Geld verkauft. Bauern und Stadtbevölkerung lebten in dürftigster Armut. Der Stand der Theologen war ja nicht der einzige, der zeitlebens am Hungertuch zu nagen hatte. Bettler durchzogen in Scharen das Land. Und über dem Elend der Massen füllte pomphafter Prunk die zauberhaften Paläste, die aus Tränen errichtet waren. Hatte Jean Paul bis dahin in diesen Zuständen willkommenen Stoff zur Satire gesehen, obwohl ihm eigene Not den ganzen furchtbaren Ernst dieser Verhältnisse täglich vor Augen führte, so schlug doch jetzt erst die Flamme in sein Herz und entzündete dort brennende Sucht, zu helfen und zu bessern. Es war ja auch nicht nur, daß einige Ländchen durch despotische und verschwenderische Regierungsweise ausgesogen wurden. Viel verhängnisvoller war die Rolle der kleinen Dynastien für das deutsche Schicksal gewesen. Sie zerrissen das deutsche Reich, sich zwischen Volk und Reichsgewalt schiebend und die Einheit des Volkes von innen her zerstückelnd. Der Ruf nach dem deutschen Kaiser, es war seit einem halben Jahrtausend der Ruf nach starker Reichsgewalt gewesen und immer gegen das Willkürregiment der Territorialstaaten erhoben. Das Volk in seiner Not, die Bauern 154 bei ihren Aufständen: sie riefen alle nach dem Kaiser, niedergeknüppelt von den Herren, die sich deutscher Volkseinheit widersetzten, nicht nur Waffengewalt, auch alle Mittel geistiger Überredung und einer erstarrten Kirche aufbietend. »Eine Demokratie ist eine Theokratie, denn vox populi vox dei «, lautet ein Aphorismus aus jener Zeit, und in der Tat konnte Jean Paul kaum einer andern Ansicht sein, als die dem Schreckensregiment kleiner Despoten die Herrschaft eines geeinten Volkes entgegensetzt. Hier rühren wir an die junge Wurzel jener Bewegung, die später den Ruf nach Einheit mit dem Ruf nach Freiheit ihrer Natur gemäß vereinen mußte. Denn sie entkeimte der Sehnsucht nach der deutschen Verwirklichung. Wenn man die Verhinderer deutscher Einheit und Freiheit traf, dann räumte man zugleich die Hindernisse deutschen Volkstums hinweg und machte den Weg für die Entwicklung frei. Dieser Wille steht von nun ab immer hinter seinen Satiren: die Verwirklichung der Herderschen »Humanität«. Das hebt ihren Spott zum heiligen Gelächter. Die Territorialgewalten und die schützend vor ihnen aufgebaute orthodoxe Theologie, diese Drachen vor der Schatzkammer der deutschen Verwirklichung, ins Herz zu treffen, um den Weg zu bahnen. Der Aufenthalt auf dem Gute des Kammerrats von Oerthel war durchaus geeignet, solche Gedanken zur Reife zu bringen. Geiz und Habgier hatten in dem Kammerrat den schönen Bund mit Titelsucht und Bigotterie geschlossen. Ein Zusammenstoß mit dem Töpener Pfarrer Morus, der Jean Paul auf der Landstraße zur Rede stellte, weil er Atheist und Materialist sei, mochte den besonderen Anstoß zur endgültigen Ausarbeitung einer Satire bilden, die bereits im Oktober 1787 an Archenholz geschickt werden konnte. Es war die »Launigte Phantasie von J. P. F. Hasus«. Später als 155 »Scherzhafte Phantasie« in die »Herbst-Blumine« aufgenommen. Schon aus dem Jahre 1784 stammte die erste Niederschrift der kleinen Arbeit. Jetzt aber wurde sie mit frischem Feuer erfüllt und einer Kunst der Handhabung satirischen Stils, die Jean Paul erst gewann, da er über die Satire hinauswuchs. Von einem Hinausfallen aus dem satirischen Scheinernst, den noch der alte Weiße bei den »Grönländischen Prozessen« getadelt hatte, war jetzt keine Rede mehr. Mit strenger Selbstzucht wurde die Tonart des Ganzen durchgehalten, das aufschäumende Temperament immer wieder in die Form gepreßt, so daß die Glieder der Sätze nicht mehr wie früher nur mit Bildern und Gleichnissen, sondern mit Energie und Empörung geladen sind. Nicht mehr von weit waren die Vergleiche herbeigeholt, sondern aus der Vorstellungswelt der von der Satire Getroffenen genommen und schon in dieser Wahl die Kupplung zwischen Tyrannei und heuchlerischer Kirche gekennzeichnet. Gleich einer der ersten Sätze: »Wenn dem Throne des Lammes im Himmel der Thron des Wolfes auf Erden korrespondiert, so erfreue man sich über das Gute dabei: daß schon hienieden jedes Reich in ein seliges Reich der Schatten (nach dem Aussehen der Untertanen) zu verwandeln ist.« Diese elenden Gestalten der ausgesogenen Bauern wanken durch die ganze Satire. Ihrer war er erst in Töpen inne geworden. Er vergaß diesen Anblick nicht mehr bis zum Tode, und er kehrt in seinen Dichtungen immer wieder. »Wie die Engländer«, heißt es in der »Phantasie«, »den städtischen Palast mit einer künstlich wilden Einöde umringen: so fehlet in jenen Ländchen selten einem prächtigen Landhause, das etwan dem Hofe gehöret, die Nachbarschaft der schönsten, natürlichen unbebauten Wüsten und Wildnisse, die den Bauern gehören. Wie ferner 156 die englischen Gärten . . . durch eingefallne, halb angebrannte Gebäude, durch aufgestellte Galgen und Torturwerkzeuge, durch Beschreibung der schrecklichsten Begebenheiten auf steinernen Pfeilern, kopieren: so möcht ich doch wohl manchen fragen, ob es nicht so glückliche und diesen Gärten nachgearbeitete Länder gebe, in denen niedergebrannte Wohnungen, Ruinen und Galgen für die Bewohner der letzteren, jedem Postwagen vielleicht so zahlreich entgegenlaufen, daß sie die lange und wohltätige Hand leicht verraten, die sie zu solchen Tiergärten umgeändert.« Auch den Kriegen gelten die Geißelhiebe seiner Satire, und ihren Opfern, den Soldaten. Über Jean Pauls Ansichten vom Kriege wird in einem späteren Zusammenhange zu sprechen sein. Er hat über ihn das Tiefste gesagt, was je kriegsbegeisterte Jünglinge oder je begeisterte Pazifisten über ihn gesagt haben. Aber der Krieg selbst wurde ihm erst später zum Problem, als die Napoleonischen Kriege die Welt erschütterten. Was ihn in seinen Satiren und auch in der »Scherzhaften Phantasie« ergreift, ist das Schicksal des durch Zwang ausgehobenen Soldaten, dieses unglücklichsten Opfers des Despotismus und seiner Kabinettskriege. Für die Tragödien, die sich hier in Kasernen und auf Schlachtfeldern abspielten, hat Jean Paul die ersten Augen gehabt. Wachsendes historisches und politisches Interesse hatte vielleicht seinen Grund in der Freundschaft mit Christian Otto, die unmittelbar nach Oerthels Tod einsetzte und bis zum Tode Jean Pauls fortdauern sollte. Des Freundes Sterben blieb eines der ganz großen, eingreifenden Erlebnisse Jean Pauls. Aber seine Vitalität bedurfte eines neuen Freundes, der an seinen Arbeiten und Empfindungen ständigen Anteil nahm, dem er jedem Augenblick seine Seele ergießen konnte. Niemand war für diese Freundesrolle geeigneter als 157 Christian Otto. Von heißer Liebe zu allen Idealen erfüllt, entbehrte seine Natur dennoch eines schöpferischen Momentes. Durch seine Freundschaft für Jean Paul erhielt sein Leben erst Inhalt und Erfüllung, und in viel stärkerem Maße müssen wir ihn den Freund des Dichters nennen, als es etwa Hippel für E. T. A. Hoffmann war. Er gab sein Eigenleben völlig an den Freund hin, und dies in einem Maße, daß wir Jean Paul ohne Otto hinfort nicht mehr denken können. Im Laufe der nächsten Jahre freilich finden wir Otto noch mit eignen Arbeiten juristischen und historischen Inhalts beschäftigt. Seine »Einleitung zu einer Geschichte des europäischen Gleichgewichts« zeigt große und tiefe Gesichtspunkte und faßt das Problem bei der Wurzel. In der Folge aber lebte er nur noch für den Freund. Welchen starken Anteil der freisinnige Otto bereits an der »Scherzhaften Phantasie« nahm, zeigt der Schluß des Aufsatzes: »Ich könnte, sagte ich zu meinem Freunde Otto, diese Phantasie in Druck geben. – Warum? sagte er.« – Ein merkwürdiger Schluß, schon ganz voll Jean Paulischer Eigenwilligkeit. Am 19. Oktober ging die Satire an Archenholz ab und erschien im Mai des nächsten Jahres in seiner Zeitschrift »Neue Literatur- und Völkerkunde«. Archenholz war der Aufsatz nicht unwillkommen, und der Verfasser des Werkes »England und Italien« mochte in Jean Paul mit Recht Geist von seinem Geiste vermuten. Etwas später schrieb Jean Paul an ihn: »Sie haben das Verdienst, uns aus unsern monarchischen Ketten und Banden aufzurütteln, durch das Beispiel eines Volkes, das sich frei bewegt . . . Möge es Ihnen nie an Zeit . . . fehlen, unserm Frühlingsgefühl (das, wie Gewächse unter Steinen, unter Thronen kränkelt) durch lebende Beispiele, nicht vage Bruder Redners Predigten Luft und Sonne zu geben.« 158 In Leipzig wie in Hof hatte Jean Paul in seiner eignen Dürftigkeit die Not seines Lebens erfahren. In Töpen gewann er Einblick in wirtschaftliche Zusammenhänge. Er lernte den Betrieb einer Gutsverwaltung kennen, und wie scharf er in ihn hineinsah, bezeugt der Umstand, daß er sich in seinem ersten Roman, der »Unsichtbaren Loge«, selbst als Gerichtshalter eines Gutes einführt und mannigfaches Detail einer solchen Tätigkeit gibt. Aber seine veränderten Lebensumstände mußten doch auch andre Töne in ihm aufklingen lassen. Zum erstenmal seit Jahren war er wenigstens der unmittelbaren Not enthoben und in reiche Verhältnisse gestellt. Mochte auch sein Erzieherberuf einen großen Teil seiner Zeit in Anspruch nehmen, so verfügte er doch endlich über einen eignen Raum und Stunden, die ihm selbst gehörten. An allen altvertrauten Stätten, auf denen er mit dem verstorbenen Freund gewandelt, konnte er verweilen und unaufgeschreckt durch die tägliche Lebensmisere wachsen lassen, was sich an Empfindungen in ihm regen wollte. Vielleicht ward er sich jetzt erst dessen bewußt, was das ständige Knarren eines Haushalts und Geschwätzes um seinen Schreibtisch an aufsteigenden Welten erdrosselt hatte. Wahrscheinlich war es überhaupt der ständige Druck, unter dem er lebte, das ständige Geräusch und Leben um ihn, das ihn gezwungen hatte, sich krampfhaft in seine Satiren zu verbeißen. Wieviel reicher umströmten ihn in Töpen die Gedanken und Empfindungen, wuchsen seine Satiren in die Tiefe. Und zum erstenmal konnte er hier aus reiner Empfindung heraus schaffen. Der kleine Aufsatz »Was der Tod ist« zeigt die ungeheure Umwandlung, die in Töpen mit ihm vorgegangen war. Der Aufsatz wurde später umgearbeitet und als »Der Tod eines Engels« dem »Quintus Fixlein« beigegeben. Den Engel der letzten Stunde, den wir den Tod nennen, verlangt es, 159 einmal selbst das Sterben der Menschen, dem er so oft beigewohnt, am eignen Leibe auszukosten. Auf dem Schlachtfeld, das von Wunden und Qualen dampft, liegt ein Jüngling, dessen Brust zerschmettert ist, und über ihn hat sich die weinende Braut geworfen. In dieses schwindende Leben geht der Todesengel ein und leidet zum Schmerz des Sterbens den Schmerz der Trennung vom Geliebten. »Da überdachte er sanft das schwere Menschenleben . . . . tief rührte ihn die menschliche Tugend und er weinte aus unendlicher Liebe gegen die Menschen, die unter dem Anbellen ihrer eignen Bedürfnisse, unter herabgesunkenen Wolken, hinter langen Nebeln auf der einschneidenden Lebensstraße dennoch vom hohen Sonnenstern der Pflicht nicht wegblicken, sondern die liebenden Arme in ihrer Finsternis ausbreiten für jeden gequälten Busen, der ihnen begegnet, und um die nichts schimmert als die Hoffnung, gleich der Sonne in der alten Welt unterzugehen, um in der neuen aufzugehen.« Diese kleine Dichtung, die in der deutschen Literatur seit Klopstock nicht mehr gehörte Töne einer kosmischen Schau in sich barg, sandte er, zusammen mit einer Satire »Ob man den Pöbel aufklären dürfe« an Herder mit der Bitte, sie in Wielands »Merkur« unterzubringen. Ende Oktober mahnte er noch einmal. »Ich kann meine unberufene Vermehrung und Unterbrechung Ihrer Geschäfte mit nichts entschuldigen, als mit dem Vertrauen auf helfende und vertrauende Humanität.« Von seiner Armut hatte er Herder bereits früher geschrieben. Ganz stark glaubte er unter Berufung auf die »Humanität« ihres Verkünders an das Tor pochen zu dürfen. Hätte Herder seine Briefe wirklich erhalten, er würde wahrscheinlich auch diesmal Jean Pauls Arbeiten mit einem kurzen Höflichkeitsvermerk zurückgesandt haben. Nicht aus Mangel an Hilfsbereitschaft sondern an Zeit. Es war sein 160 Schicksal, stets durch eine Flut von Berufsgeschäften überlastet zu sein. Aber diesmal befand er sich in Italien, und Karoline Herder empfing Jean Pauls Sendung. Infolge dieses Zufalls wurde sie die erste Frau, deren Herz Jean Paul eroberte. Es war die kleine Dichtung »Was der Tod ist«, die sie für den unbekannten Verfasser gefangennahm. »Ihr zweites Stück, was der Tod ist, hat mir so innig wohl gefallen; ich hätte beinahe Ihren wahren Namen anstatt Hasus darunter gesetzt.« Sie traf damit ins Schwarze, denn Jean Paul war in der Tat im Begriff, den Satirenschreiber »Hasus« zu überwinden und als eignes Wesen unmaskiert in die Welt zu treten. Karoline hatte die Aufsätze wie gebeten an Wieland geschickt, sie aber von ihm zurückerhalten. Einmal für ihren unbekannten Schützling tätig, hatte sie dann mit größerem Erfolg versucht, die beiden Arbeiten bei Boie, dem Herausgeber des »Deutschen Museum« in Göttingen anzubringen. Indessen ging das »Museum« gerade damals ein, und nur in das letzte Heft konnte noch schnell die Dichtung »Was der Tod ist« eingerückt werden. Die Satire sandte sie notgedrungen zurück, und es wird ihr wahrscheinlich nicht allzu leid getan haben, für diese Arbeit nicht sorgen zu können. Karolines Brief machte Jean Paul überglücklich. Zum erstenmal ergriff er mit einer Arbeit das Herz einer von ihm schon durch die Verbindung mit dem vergötterten Herder verehrten Frau. Sein Name war in Herders Hause mit Anerkennung genannt worden, und es mußte ihm ein deutlicher Wink sein, daß er diese Auszeichnung nicht durch eine Satire, sondern durch die erste kleine ernste Dichtung erreichte, die er nur wie eine Nebenarbeit mit leichterer Mühe geschrieben hatte. Immer näher rückte der Entschluß, den Satirenschreiber ganz abzuwerfen, um in echten Dichtungen 161 Herzen zu rühren. Sein bis dahin ausschließlich männlicher Verkehr hatte ihm überhaupt die Rolle des Spottenden so lange erträglich sein lassen. Jetzt, da er zum erstenmal in die Nähe des weiblichen Elements kam, mußte die rauhe Außenschale hinsinken. Es war vor allem der Verkehr mit den Frauen und Mädchen von Venzka, dem benachbarten Gut der befreundeten Familie von Spangenberg, der tiefe Wandlungen in ihm hervorrief. Ja, von den Freunden wurde sogar sein ein Jahr später erfolgter Entschluß, seine eigenwillige Tracht aufzugeben und wieder zum Zopf zurückzukehren, auf die Rechnung Wilhelmines von Spangenberg gesetzt. Heinrich von Spangenberg, der jüngste Sohn der Familie, etwa zwölf Jahre jünger als Jean Paul, hat später über des Dichters Verkehr in Venzka folgende Schilderung gegeben: »Während seines Aufenthalts in Töpen und später in Hof war Jean Paul öfters in dem nur eine Stunde von Töpen und zwei Stunden von Hof entfernten Gute Venzka und dort der Familie von Spangenberg sehr willkommen, die er schon in früher Jugend kannte . . . Mit einem Buche in der Hand, worin er im Gehen zu lesen pflegte, kam er gewöhnlich in den Abendstunden dahin, ging aber früh, nicht selten vor Tagesanbruch, im stillen wieder fort. Vorzüglich gern unterhielt er sich mit der Frau von Spangenberg und ihrer jüngsten Tochter, und obgleich er fast so zu sprechen pflegte, wie er schrieb, so hatte dies in seinem Munde doch nichts Gesuchtes oder Erzwungenes. So äußerte er unter anderm einmal beim Abschied: »Es wäre jämmerlich, wenn ich sagen wollte, es wäre mir angenehm, bei Ihnen gewesen zu sein – denn wie wenig will das sagen!« Die angeborene Sanftmut und Milde, die in seinem Wesen lag, ging auch auf seine Worte über, die durch seinen Baireuther Dialekt 162 einen ganz eigentümlichen Reiz erhielten; und sein lebhafter, stets beschäftigter Geist bewog ihn, sich über jede neue Idee mitzuteilen, welche sich in ihm regte.« Auffallend, und auch von anderer Seite hervorgehoben, ist die betonte Sanftmut und Milde seines Wesens. Sie erst macht uns seine Erscheinung ganz wahr und deutlich. Dieser Feuergeist, der ständig hingerissen war und andere hinriß, hatte in seinem Verhältnis zu allen Menschen eine zarte Liebe und Rücksichtnahme. Er war eine jener wahrhaft starken Naturen, die des äußerlichen Betonens von Kraft nicht bedürfen. Er stürmte gegen die Mächte der Zeit an, aber aus einem Herzen voller Liebe heraus, und seine Kraft war unbeweglich wie jene höchste Kraft, die Laotse preist. In seinem letzten Roman »Der Komet« hat er sich selbst beschrieben, wie er damals als Kandidat Richter auf den Landstraßen zwischen Hof und Töpen einherrannte: »einen dürren Jüngling mit offener Brust und fliegendem Haar und mit einer Schreibtafel in der Hand«. So konnte man ihn »singend im Trabe laufen« sehen. Zur höchsten Fertigkeit ausgebildet war seine Kunst, im Gehen zu lesen, die allein die Verbindung unendlicher Spaziergänge mit der Bewältigung einer staunenswert vielseitigen Lektüre erklärt. Wie früher Oerthel war jetzt Christian Otto seinem Leben der Nächste, und es besteht kein Zweifel, daß Jean Paul diesen Freunden ein Übermaß von Freundschaft und Hingabe entgegengebracht hat. Aber einem andern fühlte er sich doch noch tiefer und dämonischer verbunden, und während die Freunde um seine Liebe rangen, so rang er um die Freundschaft dieses einen, die ihm erst nach jahrelanger Mühe zuwuchs. »Ich werde wohl nicht eher ruhen, als bis ich mich mit ihm verloben dürfen«, schrieb er schon Anfang 1785 über Hermann an Oerthel. »Ich spiele auf die 163 Gewohnheit der Morlakken an, bei denen ein Paar Freunde sich ordentlich kopulieren und feierlich einsegnen läßt . . . An etwas Körperliches müssen alle unsere Empfindungen sich halten und das griechische Feuer der Freundschaft würde gewiß bei uns noch häufiger sein, wenn es sich noch von der körperlichen Schönheit mit nährte . . . Daß sich dieses Feuer zuletzt mit einem Sinnenküzel und -triller endigt, kann nur dem anstößig sein, der das Geschlechtsvergnügen an sich für etwas Niedriges hält. Wer die Reinheit und Höhe kennt, zu der einige unserer Empfindungen nur ein- oder zweimal im ganzen Leben getrieben werden; wer das Hinkende, Niedrige, Mangelhafte, Kraftlose, Flüchtige und Unbeständige, das unsere edlen Empfindungen immer entstellet, mit den Idealen zusammenhält, die in seiner Seele davon liegen: der muß gestehen, daß dieses Leben ein elendes Spiel- und Flickwerk ist und daß wir bestimmt sind, hier auf der Folter unserer Wünsche und des Gefühles unseres Unvermögens zu liegen, wofern es nicht ein zweites wahres Leben gibt, wo unsere Empfindungen aus einem ungesunden dunstvollen Winterhaus ins Freie und in die Strahlen einer größeren Frühlingssonne kommen, wo die Freundschaft die Flügel der Liebe nimmt.« Bei Hermann kam nun allerdings griechische Schönheit zu den Vorzügen seines Geistes, und so beständig schwebte Jean Paul das Antlitz des Freundes vor, daß er sich Hermanns ihm ähnliche und gleich ihm schöne Schwester, wie er einmal schreibt, nicht als seine Braut vorstellen könne, da er die Empfindung haben würde, mit ihm, Hermann, verbunden zu sein. Jean Paul war vom Eros in seiner tiefsten und schönsten Gestalt erfaßt, und erst heute läuft er nicht Gefahr, mißverstanden zu werden, da wieder einmal eine deutsche Jugend auf männliche Gemeinschaft gestellt ist. 164 Männliche Gemeinschaft, wie sie seit Klopstock im Hainbund und ähnlichen Bünden in Erscheinung trat, war auch die Lebensatmosphäre Jean Pauls. Wohl nie hat ein Dichter tiefere Worte über die Frau ausgesprochen als er, nie seinen Mädchengestalten größere Zartheit und vergehendere Umrisse gegeben als er. Das tiefere Erlebnis aber kam ihm von der Freundschaft, und gerade weil er der Welt der Frau sich nur mit der Peripherie seines Wesens näherte, behielt diese Welt für ihn den Schmelz der Unberührbarkeit. Seine schönsten Mädchengestalten werden von der Wirklichkeit zerbrochen und zerrinnen unter der Spannung ihres eigenen Gefühls. Gemeinschaft kam ihm nur vom Freunde. Seit hundert Jahren ist uns das Gefühl der Freundschaft fremd, und es war wohl nicht zum wenigsten die öde Nivellierung zwischen den Geschlechtern, die unsere Kultur so jämmerlich verarmen ließ. Wie bequem ist es und jedes Gefühl an der Wurzel abtötend: alle Empfindungen auf den Gegensatz der Geschlechter zurückzuführen, als wenn es keine höhere Spannung von Mensch zu Mensch gäbe als das biologische Gesetz. Jean Paul lebte in einer männlichen Welt, die gerade deshalb voller Spannung und Empfindung war. Gerade deshalb konnte sie den Umkreis unserer auf Männlichkeit gestellten Kultur erfüllen und umfassen, ohne der geschlechtlichen Erotik als eines Empfindungsersatzes zu bedürfen. Aber wie die Welt des Mannes war auch seine Welt voller Hinneigung zu der ewig unbegreiflichen Welt der Frau, die erst durch ihre Unbegreiflichkeit ihre ganze mystische Tiefe und Schönheit erhält, und der mit vager Angleichung am allerschlechtesten gedient ist. Gerade weil Jean Paul ständig in männlichem Lebenskreise weilte, erschloß sich ihm die Natur des Weibes in ihrem zauberischen Glanz. Das ist das Geheimnis seines Verhältnisses zu den Geschlechtern: 165 er umwarb und umspielte die Frau; aber ihr Höchstes erschloß sie ihm nicht im Besitz, vor dem er bis in sein Mannesalter zurückbebte, sondern in ihrer Unberührbarkeit. Sein Schaffen und Menschsein aber ruhte in seiner Freundschaft. Zwischen Venzka und Töpen flogen seine und Wilhelmines Briefe hin und her. Aber die stärkere Seite seines Gefühls gehörte doch Hermann, der gerade damals unsagbar schwere Zeiten durchmachte. Wir verließen den Unglücklichen bei Jean Pauls Flucht aus Leipzig. Damals hatte er den Koffer des Fliehenden gepackt und war ihm auch sonst behilflich gewesen. Aber noch immer stand er dem Freundschaftswerben des Mitschülers kühl gegenüber, und erst in der Töpener Zeit zeigen ihre Briefe das vertrauliche Du. Inzwischen war Hermanns Not in Leipzig auf das Äußerste gestiegen. Ein Hofer Stipendium war ihm entzogen worden, und lange bemühten sich die Brüder Otto vergeblich, ihm zu helfen. Um nur das Leben zu fristen, zog er auf die Stube zweier jüdischer Studenten; die er bei ihren Arbeiten unterstützen mußte und in deren Gesellschaft ihm nicht immer sehr wohl war. Dazu kam, daß sein Körper infolge der Entbehrungen und Überarbeitung von Kindheit an seine Widerstandsfähigkeit einzubüßen begann. Durch wochenlange Fußreisen, auf denen er bei Bauern umsonst unterkroch, suchte er sich über die Zeit der höchsten Not hinwegzubringen. Aber völlig krank und ausgehungert kehrte er von ihnen zurück. Eine Menge wissenschaftlicher Entwürfe hielt ihn ständig im Atem. Im April 1786 schickte er seine » Epistola gratulatoria ad M. Joannem Wilelmum Link « nach Hof, und einige Wochen später folgte seine unter dem anagrammatischen Pseudonym N. H. Marne in Leipzig erschienene Schrift 166 »Über die Anzahl der Elemente«. Ein Jahr später, als Jean Paul bereits ein halbes Jahr in Töpen weilte, kam er nach Hof zurück und wurde bei dem preußischen Rittmeister von Wessenig Hauslehrer. Es war nur eine kurze Ruhepause für den Unsteten, den es nie lange an einer Stelle hielt. Kurze Zeit darauf ging er auf die Baireuther Landesuniversität Erlangen. Hierhin schrieb ihm Jean Paul den für die Folgezeit so außerordentlich wichtigen Satz: »Ich bin des Teufels, wenn ich nicht einmal deinen ganzen Charakter in einen Roman pflanze.« Denn in der Tat sollte Hermanns Charakter nicht nur in einem Roman Jean Pauls vorkommen, sondern eine ganze Seite seines gesamten Schaffens mit ihren wichtigsten Gestalten, bis zu Leibgeber, Schoppe und Dr. Katzenberger hin, erfüllen. Aber in Erlangen geriet er von neuem in furchtbare Not. Eine von den Ottos versprochene Unterstützung blieb aus, und er drohte, aufs Geratewohl davonzulaufen. Der Plan einer Dozentur in Erlangen für Chemie und Physik zerrann an den dürftigen Lebensumständen des genialen Mannes. Jean Paul schrieb ihm zur Zeit, da er ganz niedergedrückt war und die alte Hypochondrie von ihm Besitz ergriff: »Zu andern muß man sagen: sei, was du scheinst; zu dir: scheine, was du bist. Erdulde noch einmal wie ein Mann das Alpdrücken des Schicksals.« Und nun kommt die wundervolle Stelle, die schon den ganzen Jean Paul in dem Glanz seiner wie aus lichter Höhe quellenden Sprache enthält: »Es wird dich einmal jemand bei Namen nennen, du wirst die Augen aufschlagen und statt der quetschenden Gespenster die Sonne erblicken.« Aber Hermann sollte jene Sonne nicht mehr erblicken. Auch in Erlangen hielt es ihn nicht. Sein zweites Buch war inzwischen erschienen, »Über Feuer, Licht und Wärme«. 167 Es brachte keine Wendung in sein Leben. Mit einer von ihm geliebten Geheimtuerei enthielt er den Freunden vor, wohin er sich wenden wollte oder deutete es nur mysteriös an. Am 6. September traf er nach einer von schrecklichen Kolikanfällen begleiteten Fußreise in Göttingen ein. Es war die Stadt, die er nicht mehr verlassen sollte. Inzwischen war es Jean Pauls jahrelangem Bemühen endlich geglückt, die volle und ungeteilte Freundschaft Hermanns zu erringen. Im August 1788 schrieb Hermann ihm, daß man wenigstens einen Menschen sich wünsche, mit dem man ganz aufrichtig sein könne, mit dem man wie mit einem alles durchsehenden Gotte müsse umgehen können, und dieser eine sei er, Richter! aber noch nicht länger als seit etwa drei Vierteljahren, in seinen Augen. Vielleicht durch diesen Satz erst wurde ihm der Freund zu einem zweiten Ich. Er fühlte sich magisch mit ihm verbunden. In seinem späteren Schaffen warf er beider Wesen in einen Schmelztiegel zusammen und legte die Masse wiederum in die beiden Ichs auseinander, die die Pole seines wie Hermanns Wesen bildeten. Im Leibgeber und Siebenkäs, in Walt und Vult waltet die Liebe zu Hermann. Ein widriges Geschick hatte den zartesten Menschen in das härteste Leben gestoßen, und der Zufall brachte es mit sich, daß Hermanns Hang zu den Naturwissenschaften ihn zum medizinischen Studium führte. So kamen zu dem eigenen Elend noch tägliche Eindrücke fremder Not und fremden Leidens. Die vielfältigen Möglichkeiten von Erkrankungen und körperlichen Qualen umstanden ihn immerwährend, und er reagierte auf diese Eindrücke mit Hypochondrie oder einem Zynismus, in dem sein Ekel an den Widrigkeiten des Daseins sich Luft machte. Von Erlangen aus hatte er eine Schilderung seines Praktikums in Geburtshilfe dem Freunde 168 geschickt, die von Zynismen strotzte. Je scheuer er dem Weibe gegenüberstand, um so tiefer mußte es ihn verletzen, sich mit dem Mechanismus des weiblichen Körpers zu befassen. Zum erstenmal hatte er in der Erlanger Klinik den Zeigefinger in eine lebendige Vulva stecken müssen. »Wie wird mir's gehen, wenn ich einmal bei meiner Frau mit dem eilften Finger touchieren soll.« Seitdem hörte er nicht mehr auf, auf das Mechanische beim Liebesvorgang anzuspielen, und der gleich scheue und zart empfindende Jean Paul, in die Seele des Freundes hinein verletzt, antwortete in der gleichen Tonart, auch er vor diesen Eindrücken in zynische Redewendungen sich flüchtend. »Wo bist du jetzt eigentlich in Condition?« fragt Hermann aus Göttingen an. »In Schwarzenbach oder in Venzka? Ha! ha! jetzt fällt mir wie neu auf einmal die griechische Nase und die so fein geschlängelte Mundeslinie ein; ja, ja, du hast recht: Noscitur ex labiis, quantum sit virginis antrum; noscitur ex naso, quanta sit hasta tua. – Und das Hirschberger Bier dazu! Potz Sapperment, da brauchst du weiter keine Aphrodisiaca . Und hinc illae lacrimae , daher die Verbergung deines straubichten Haares.« (Es war eine Anspielung auf den damals bereits wieder angelegten Zopf.) Oder Hermann schrieb, als er schließlich in Göttingen ein Unterkommen als Hofmeister eines französischen Grafen gefunden hatte, von dessen »unbändiger Gabe zu forzen«, gegen die Hermann mit einer strengen Diät zu Felde zog. Und Jean Paul antwortete in drastischen Purzelbäumen. In diesen Briefstellen wurde die Gestalt Ottomars aus der »Unsichtbaren Loge« geboren, der von den Widrigkeiten des Daseins Zerrissene, und Dr. Katzenberger warf seinen Schatten voraus. In das Töpener Jahr, von dem wir so wenig Einzelheiten wissen, drängten sich die Eindrücke zusammen, die den Grund 169 eines völlig neuen Jean Paul legten: Die Person Hermanns, die ihm hier als dichterische Gestalt aufging. Die Vertiefung des historisch politischen Blicks. Kant, Herder, und damit auch der Dritte nicht fehle, der ihm fast der Wichtigste werden sollte: Friedrich Jacobi. Anfang 1788 hatte Pfarrer Vogel seine neue Stelle als Superintendent in dem romantisch gelegenen Arzberg angetreten und seinem alten Schüler und Schützling von dort zum erstenmal über Friedrich Jacobi geschrieben, der in Nicolais Allgemeiner deutscher Bibliothek gerade wegen seines Streites mit Mendelssohn heftig angegriffen wurde. Noch vor wenigen Jahren hatte Jean Paul sich mit der ersten Fassung der »Scherzhaften Phantasie« an Nicolai gewandt. Jetzt war ihm kein Zweifel mehr, daß er mit der Berliner Aufklärung nichts mehr zu tun hatte. Mit vollem Herzen ergriff er für Jacobi Partei. Schon in den »Teufelspapieren« trat er warm für dessen »Vermischte Schriften« ein, um in der »Unsichtbaren Loge« den Hymnus auf ihn anzustimmen, der mit seinem vertieften Offenbarungsglauben und seiner Gegnerschaft gegen Kant und Fichte für ihn der Philosoph wurde. Und endlich sollte mit dem Druck der »Teufelspapiere« auch äußerlich die alte Periode zu Ende gebracht und eine neue eingeleitet werden. Noch einmal hatte er das Manuskript umgearbeitet und seinem neu gewonnenen Lebensstandpunkt möglichst angeglichen. In den ersten Monaten des Jahres 1789 – Jean Paul war inzwischen ein Sechsundzwanzigjähriger geworden; mit zwanzig Jahren hatte er das Buch begonnen! – machte sich Beckmann in Gera an den Druck, den er vor drei Jahren versprochen hatte, und im Mai konnte Jean Paul nach sieben langen Jahren erzwungenen Schweigens endlich einmal wieder Dedikationsexemplare an seine Freunde versenden. 170 Nicht sogleich hatte das Buch den Titel getragen, unter dem es das Licht der Welt erblicken sollte, wenn man die Teilnahme ganz weniger Leser – der Erfolg blieb noch hinter den »Grönländischen Prozessen« zurück – so nennen kann. Beckmann hatte auf einem möglichst auffallenden Titel bestanden, zuerst »Faustin« vorgeschlagen, und erst allmählich hatte sich die Bezeichnung »Auswahl aus den Papieren des Teufels« herausgebildet. Um diesen Titel zu erklären, setzte Jean Paul der Schrift das »Aviso des Juden Mendel« voraus, in welchem Mendel erklärt, das Buch unter den nachgelassenen Papieren des ihm verschuldeten J. P. F. Hasus gefunden und beschlagnahmt zu haben. Eigentlich aber habe nicht Hasus das Buch geschrieben, der ein sanfter, milder Mann gewesen sei, sondern der Teufel, der sich nachts, wenn Hasus schlief, seines Körpers bemächtigt habe. (Kennzeichnung der dem Dichter so schwer gefallenen Rolle des herzlosen Spötters!) Gleich der Anfang zeigt den unendlichen Fortschritt gegen das erste Satirenbuch. Eine feste Situation ist umrissen, und an sie knüpft die Satire an. Mit der ganzen Rücksichtslosigkeit gegen sich selber, die später noch viel auffälliger zutage trat, hat Jean Paul in der Person des Hasus sich selbst herausgestellt. Er ist dieser Hasus, in den der Teufel fuhr, um sich seines schlafenden Körpers zu bedienen. Und zugleich werden die Kulissen der Wirklichkeit beiseitegeräumt und der Blick, wenn auch nur scherzend, ins Kosmische gewendet. Auf einem höheren Planeten will Hasus einst gelebt und dort alle die großen Werke geschrieben haben, die heute auf der Erde unter fremdem Namen gehen. Swift, Sterne und überhaupt die größten Schriftsteller hätten vor ihm den Planeten verlassen und mit ihrem vorzüglichen Gedächtnis auf der Erde dann die Bücher niedergeschrieben und als 171 eigene ausgegeben, die er allein dort oben verfaßt. Das Märchen von der Tonne und der Tristram Shandy wären von ihm, und ebenso die Werke Herders. Hätte man diese Wahrheit früher gewußt, so wäre das Schicksal aller dieser Werke nicht so traurig gewesen, und »besonders die ausgesuchten, die ein gewisser H. Herder ganz frei unter seinem Namen edieret, wären dem traurigen Lose entkommen, daß man sie jetzt in mehr als Einem Kreise Deutschlands, bei allen ihren offenbarsten Merkmalen und Gerüchen eines höhern ätherischen Vaterlandes, bei ihren Sonnensystemen strahlender Gedanken, bei einem Ausdruck, der Blüten und Früchte zugleich trägt, gleichwohl in das Register der Werke einschreibt, die wirklich auf dieser Erde und von einem hiesigen Menschen wären erzeugt worden«. Es war das erste öffentliche Bekenntnis zu Herder, als sein Stern bereits zu sinken begann, und es muß zu Ehren Jean Pauls wie Herders gleich hier vorausgenommen werden, daß auch, als Herder von seiner Zeit gänzlich vergessen und verstorben war, Jean Paul am Schluß seiner »Vorschule der Ästhetik« sein Bekenntnis zu dem großen Ostpreußen erneuerte und sein größtes theoretisches Werk in einen Panegyrikus auf Herder austönen ließ. Im allgemeinen wird man die ablehnende Haltung auch bei diesem Buch durchaus begreifen können. Und doch sind Dinge darin, die nur einem großen Dichter und Denker einfallen konnten. In der Zeitsatire wurde weit über das damals Übliche hinausgegangen. Noch hatte kein Schriftsteller der neuen Epoche aus dem von Frankreich her kommenden populären Materialismus die Folgerung des mechanischen Menschen gezogen, im Anschluß etwa an La Mettries Buch » L'homme machine «. Es war den »Teufelspapieren« vorbehalten, uns den Automaten als 172 Menschenersatz vorzusetzen, und Herr von Kempele, der seine künstlichen Spiel und Sprechmenschen vorführt, ist die wohlgelungene Ironisierung einer herzlosen gesellschaftlichen Konvention, wie sie einige Jahrzehnte später im Anschluß an Jean Paul von E. T. A. Hoffmann gegeißelt werden sollte. Oder der launige Einfall, den Romanen und Dramen andere Schlußkapitel und sechste Akte anzuhängen und so eine Unzahl guter Menschen wie Siegwart und Werther oder Schillersche Helden vom Tode aufzuerwecken, ist schon ungemein lustig. Und welche Souveränität in der Sprachbehandlung! Wie Jean Paul in dem noch nicht zwei Seiten langen Aufsatz »Warum ich kein Jesuit geworden?« die Triebe und Gründe gegeneinander aufmarschieren läßt, dafür konnte freilich seine Zeit noch kein Verständnis haben. Aber die Virtuosität Morgensterns ist hier bereits erreicht, wenn nicht übertroffen. Oder das grandiose Bild beim Anblick des Luftfahrers Blanchard: wie er ihn über sich sieht als schwimmenden toten Hecht oder als Styliten auf einer Säule von Luft, oder den über sich Schwebenden mit Treibeis und sich mit Grundeis vergleicht – das hat bereits den großartigen Wurf, mit dem der reife Jean Paul seine Bilder aufschleudert. »Habermanns große Tour um die Welt« mit ihren weit auseinandergerissenen Schauplätzen und dem Durcheinanderwirbeln von Ort und Zeit hat Jean Paul selbst besonders geschätzt. Es gewährte ihm, wie er an Christian Otto schrieb, besonderes Vergnügen, »das rechte Bein am arktischen und das linke am antarktischen Pol zu haben«. Aber die Zeitgenossen schüttelten über diesen vorweggenommenen Expressionismus die Köpfe. Hier, wie an so vielen Stellen des Buches, war Saat ausgestreut, die erst später aufgehen konnte. Wieviel aber nimmt die Schrift schon vom späteren Jean Paul vorweg! Erwähnen wir nur noch die Figur des 173 reisenden Bratschisten Habermann, in dem schon der ganze Flötenspieler Vult steckt. Unmittelbar an die »Teufelspapiere« schloß Jean Paul eine andere kleinere Arbeit an, die sich im Stil wenig von dem ersten Buch unterscheidet, nur vielleicht noch verwirrender und reicher ist: die »Baierische Kreuzerkomödie«. War schon in den »Teufelspapieren« eine in Hogarths Stil gehaltene Dorfkomödie aufgetaucht, so wurde diese ganze Arbeit gewissermaßen als eine Dorfkomödie aufgebaut, in die die Bauern für einen Kreuzer hineingehen können. Aber dieser Rahmen wird alsbald auch wieder zersprengt, denn »mit dem plombierten Titel will ich nichts haben als etwa – Käufer«, heißt es in der Vorrede. Trotz einzelner lustiger und geistreicher Einfälle ist das Ganze, ebensowenig wie die »Teufelspapiere«, für uns heute nicht mehr recht genießbar. Nur eine Satire daraus, »Meine lebendige Begrabung«, von einem Zynismus, der schon den »Dr. Katzenberger« vorwegnimmt, verdient ausgenommen zu werden, schon weil hier zum erstenmal jenes Motiv des Scheinsterbens auftaucht, das einige Jahre später im »Siebenkäs« zu erschütternder Größe gesteigert wiederkehren sollte. Ein Verleger fand sich für die »Baierische Kreuzerkomödie« nicht. Erst nach Jean Pauls Tode wurde sie von seinem Neffen Förster im »Papierdrachen« herausgegeben. Mit diesen Hinweisen auf Jean Pauls damalige Arbeiten haben wir ihren Reichtum keineswegs erschöpft, sondern nur durch die wachsenden Wälder seiner Produktion einige Richtwege festgelegt. Ständig entstanden neue Satiren, wurden an Meißner und an Archenholz oder später an Bartuch für das»Journal des Luxus und der Moden« gesandt, kamen zurück oder wurden gedruckt. Weiter rannte die Satirendichtung gegen den Despotismus der kleinen Fürsten an oder 174 die Modetorheiten der Frauen oder die menschlichen Schwächen der Geistlichen. Witzige Einfälle jagten einander, von denen heute noch humoristische Zeitschriften einige Jahre zu leben hätten. Und ganz versiegte der Strom niemals. Noch in den spätesten Werken wird die Darstellung immer wieder durch »Extrablätter« oder andere Einschiebsel unterbrochen. Der »Witz« in dem tiefen Sinne der »Vorschule der Ästhetik«, das heißt der einmalige Einfall, der wie ein Blitzstrahl durch ganze Welten fährt und die fernsten Dinge miteinander verbindet, blieb für Jean Paul dasselbe, was andern Dichtern die Lyrik ist. Später näherten sich diese Einfälle auch in der Form der sogenannten »Streckverse« der lyrischen Gattung. Es war beschwingte Prosa, von einem lyrisch »witzigen« Einfall genährt, wobei wir bei dem Wort »Witz« nie an die heute herrschende banale Bedeutung des Worts zu denken haben. Hier wurden die auffälligen Erscheinungen des Daseins wirklich bis in ihre tiefste Wurzel verfolgt und gaben ihr Äußerstes an Essenz alles Lebens her.   Zwei unmittelbar aufeinanderfolgende Ereignisse erschütterten von neuem Jean Pauls Lebensbahn. Mitte April 1789 ging sein Bruder Heinrich, damals neunzehn Jahre alt, aus Verzweiflung über das Elend seiner Familie, das er nicht mehr ertragen konnte, in die Saale und wurde als Leiche herausgefischt. Und höchstens zwei Wochen später mußte Jean Paul Töpen verlassen und in die Stube der Mutter zurückkehren. »Oerthel mußte,« schrieb er am 28. April schon von Hof aus höhnend an Hermann, »nachdem er sich und seinen Wald diesen harten Winter hingefristet, aus Alimentenmangel seinen ihm so teuren Hofmeister abdanken und kann nie mehr daran denken, einen neuen zu bestreiten.« 175 Ob allein des Kammerrats allbekannter Geiz die Ursache der Kündigung war, wissen wir nicht. Unmittelbar nach Jean Pauls Fortgang begann jedenfalls ein unerquickliches Gezänk über Oerthelsche Bücher, die Jean Paul wohl an Bekannte verliehen hatte und nicht sogleich zurückgeben konnte. » A celui, qui m'a connu et oublié! « schrieb Jean Paul an seinen einstigen Schüler, den kleinen Christian von Oerthel. Aber es stellte sich heraus, daß Christian mit alter Liebe an ihm hing, nur hatte ihm der Vater die Korrespondenz mit dem in Töpen Verfemten verboten. Dafür schrieb der Kammerrat selber: »Schicken Sie dahero mir das widerrechtlich mitgenommene sowohl als eigenmächtig verliehenes, und bezahlen Sie, was Sie schon lang zu tun versprochen, dann bleiben Sie, was Sie in Ihrem Geiste sein mögen. Bei Unterlassung eines als des andern werde sodenn notgedrungen meine Messures schon zu nehmen wissen.« Jean Paul antwortete durch Übersendung eines Dedikationsexemplares. »Da ich das Glück habe, mit einer Gilde und Garnitur von Gläubigern umzogen in der Welt herumzugehen: so kann ich Sie, da das Kreditorenkorps nicht so viel wie Sie allein besitzt, nicht eher bezahlen, als bis ich die minder reichen bezahlt habe.« Noch den Winter über zog sich der Streit um fehlende Bücher hin, und man wird in diesem Punkte Jean Paul von einer gewissen Sorglosigkeit nicht freisprechen können. Auch Christian glaubte er sich wiederholt entfremdet, und das war das eigentlich Unangenehme für ihn. Aber sein alter Schüler ließ trotz des Korrespondenzverbotes keine Gelegenheit beiseite, an den geliebten Lehrer zu schreiben. Noch im März nächsten Jahres richtete er an ihn einen langen und ausführlichen Brief, glaubte nur von einem Besuch in Töpen abraten zu müssen, da er leider »für einen kleinen Ausbruch des Unwillens meines lieben Vaters, 176 da er sich so leichte nicht lenken läßt«, nicht einstehen könne. Jean Paul hat das schmerzliche Erlebnis eines so brutalen und ungebildeten und dabei der höchsten Ehrenstellen genießenden Menschen wie des Kammerrats nur schwer verwunden. Diese Gestalt schrieb sich ihm in die Brust und sollte immer wieder in seinen Dichtungen auftauchen, von dem Kommerzienagenten Röper in der »Unsichtbaren Loge« an bis zum Kaufmann Neupeter in den »Flegeljahren«. Jean Paul hauste nun wieder in dem alten Zimmer, und es mochte sogar ein gewisser Reiz für ihn darin liegen, von dem zeitfressenden Unterricht entbunden zu sein und sich wieder ganz seinen Arbeiten widmen zu können. Jedenfalls drängte er nicht fort, und selbst als seine Schwarzenbacher Freunde, Pfarrer Völkel, der inzwischen zum Kommissionsrat avancierte Vogel und, eine neue Erscheinung, Amtsverwalter Clöter, ihm die Erziehung ihrer Kinder in Schwarzenbach antrugen, sagte er zwar zu, verschob aber die Übernahme des Amtes bis zum Frühling des nächsten Jahres. Vielleicht war es der Tod des Bruders, der ihn zum Bleiben bei der Mutter zwang. Einige Wochen nach der Übersiedelung erschienen die »Teufelspapiere«. Noch in seinem letzten Werk, dem »Komet«, macht sich Jean Paul über die gänzliche Erfolglosigkeit des Buches lustig. Damals aber verwand er den Mißerfolg seines zweiten Werkes nur schwer. Vielleicht war es die Kritik des Pfarrers Vogel in Arzberg, die den Briefwechsel zwischen ihnen fast vier Jahre zum Schweigen brachte. Schon früher hatte ihm, bei Durchsicht der ersten Aufsätze, Vogel den Rat gegeben: »Schreiben Sie lieber einen philosophisch pädagogischen Roman, oder etwas über die Religionen in der Welt; das bringt Ihnen Beifall auf Erden und eine Stelle neben Rousseau im Himmel«, und er hatte sich der Kritik Gleims 177 über die »Grönländischen Prozesse« angeschlossen: Sie wären so voll Witz, daß man vor Witz möchte des Teufels werden. An den »Teufelspapieren« tadelte Vogel ihre Schwerverständlichkeit. Und zur gleichen Zeit riet Archenholz, dem die »Baierische Kreuzerkomödie« überschickt war, lieber einen Roman zu schreiben. Wie aber konnte sich Jean Paul, der kaum mit kleinen Aufsätzen fertig zu werden glaubte, vermessen, eine ganze Welt aus sich herauszustellen! Von neuem ging er daran, sein Handwerkszeug zu überprüfen und zu verbessern. Damals entstanden die später so oft berufenen Hefte, die von tausend Aufzeichnungen wimmelten und die höchste Meisterschaft der Sprachbehandlung anstrebten, von der Jean Paul sich noch immer weit entfernt glaubte. »Kettengebirge der Arbeit« stiegen vor seinen Augen auf. Das Leipziger »Andachtsbüchlein« wurde fortgesetzt mit einem Buch, dem er den Titel »Studierreglement« gab. »Lebensregeln«, »Lebensmarschroute«, »Observante« steht über den einzelnen Heften, in denen er sich strenge Vorschriften über die Einteilung, die Diät seines Tages und eine Art zu übender Selbstdisziplinierung machte. Was immer ihm einfiel, wurde von nun an eingezeichnet, einer Anregung von Herders »Humanitätsbriefen« folgend. »Gedanken«, »Bemerkungen über uns närrische Menschen«, »Satiren«, »Ironieen«, »Launen«, »Torheiten«. Zu allen diesen Heften, die durch Fülle bald unübersichtlich wurden, mußten Inhaltsverzeichnisse angelegt werden. Das Hauptgewicht lag auf einem synonymen Wörterbuch, dem »Mitwörterbuch«. Allein für »Besser werden« fand er darin gegen 40 verschiedene Ausdrücke, für »Verschlimmerung« gar 184, für »Sterben« 200. Auf den genauesten charakteristischen Ausdruck arbeitete er ständig hin. Seine Sprache pflügt sich wie in schwerem Boden durch das Land. Hinter dem kleinsten Satz steht eine Fülle von Assoziationen, 178 die alle aufs feinste ausgewogen sind. Vielleicht war es die Arbeit an dieser Technik der Sprache, die ihn trotz des verführerischen Angebots der Schwarzenbacher so lange in Hof zurückhielt. Denn alles bei ihm war dem Gedanken, ein großer Dichter zu werden, untergeordnet, und immer blieb ihm im Grunde etwas von der Anschauung des Rationalismus über die Lehr- und Lernbarkeit der Kunst. Nicht daß mangelnde Begabung ersetzt werden oder Dichtung nach seiner Anschauung des großen Menschen entbehren könnte, aber die Technik war trotz aller Begabung nach seiner Anschauung immer zu erweitern. Was wie ein Zeitresiduum erscheint, war in Wahrheit die Tradition einer großen Kultur, die ihn weiter trug als jeden anderen. Kein Dichter seiner ganzen Epoche, der sich – vielleicht Hölderlin ausgenommen – an Beherrschung der Sprache mit ihm hätte vergleichen können. Auf einer höheren Ebene stand er, als ihn das alte Höfer Leben wieder umfing. Zwar äußerlich war nichts gebessert. Er war noch immer »der Kandidat Richter«, den man wohl im allgemeinen für einen verbummelten Studenten ansah. Empfindlich war, daß nicht nur das Honorar für die »Teufelspapiere« sehr klein ausfiel, sondern von Beckmann auch noch in einer minderwertigen Münze bezahlt wurde. Hierüber und über die Fülle von Druckfehlern hatte er berechtigte Klage zu führen, die ihm nichts half. Wieder mußte er für den Haushalt der verarmten Familie betteln, für Brennmaterial sorgen, Briefe schreiben. Und nur die Möglichkeit, jeden Tag das Bündel zu schnüren und nach Schwarzenbach zu gehen, machte das Leben in Hof für ihn erträglich. Außerdem war die Familie nicht nur durch den Tod Heinrichs kleiner geworden. Bruder Gottlieb war in Naila beim Bezirksamt als Schreiber untergekommen und schickte von Zeit 179 zu Zeit, kraft einer angenehmen Verbindung mit einer Fleischerstochter, ein Stück fettes Schöpsenfleisch. Diese Verbindung blieb übrigens nicht ohne Folgen. Das Taufregister von Naila verzeichnet, während Gottliebs Briefe von einer »Heirat« berichteten, unterm 30. Mai 1791 die Geburt eines »Hurenkindes«. »Mutter: Katharina Hagenin, ledige jüngste Tochter des Fleischhackermeisters etc.  . . . Vater: Johann Gottlieb Richter, Skribent beim hiesigen Vogtei-Amt, ein unwürdiger Pfarrerssohn von Schwarzenbach an der Saal.« Auch der fortgelaufene Bruder Adam befand sich längere Zeit als Barbier in Naila, vielleicht von Gottliebs nahrhafter Verbindung angelockt. Das war das Milieu, unter dem Jean Paul stand, wenn er bei seiner Familie wohnte. Eine heroische Selbstzucht mußte sich als eiserner Panzer um seine Brust legen, um hier nicht zu erliegen. Ein neuer Freund tauchte in dem Kandidaten Wernlein auf. Er heiratete später eine Schwester der Ottos. Jetzt war er Hauslehrer bei der Familie eines Kaufmanns Herold, deren Töchter in Jean Pauls Leben keine unwichtige Rolle spielen sollten. Amöne Herold wurde für Jahre seine beste Freundin, und mit ihrer jüngeren Schwester Karoline war er sogar eine Zeit hindurch verlobt. Schließlich verheiratete sich Amöne, die geistig Bedeutendste des freundschaftlichen Höfer Zirkels, mit Christian Otto und wurde dadurch auch dem Leben Jean Pauls endgültig eingefügt. Aber dieses vielfache Hin und Her der Herzensbeziehungen spann sich erst allmählich an. Noch lange stand die Freundschaft zu Christian Otto, Hermann und Wernlein, der ihn besonders durch seine philosophischen Kenntnisse und Interessen anzog, völlig im Vordergrund seines Lebens, und der noch immer fortgesetzte briefliche und persönliche Verkehr mit Spangenbergs in Venzka nahm ihn so gefangen, daß er der 180 Freundinnen in Hof erst allmählich gewahr wurde. Er lebte gewissermaßen in zwei ganz voneinander verschiedenen Tonarten. Mit den an ihm hängenden und gleichstrebenden Jünglingen verkehrte er im Stil seiner Satiren mit ihren kühnen Vergleichen und Bildern. Wir können uns vorstellen, daß er hier schon durch seine drastische Ausdrucksweise eine Quelle steter Belebung war. Vielleicht kennzeichnet es ein wenig seinen Gesprächston mit den Freunden, wenn er an Archenholz schreibt: er hätte für seine Kreuzerkomödie das Honorar eines englischen Hengstes für den Gebrauch seines Geschlechts fordern wollen. Welch andere Töne, wenn er einer der neuen Freundinnen ins Stammbuch schreibt: »Wie einer, der die Sonne untergehen sah, von Hügel zu Hügel klettert, um ihren Untergang noch einmal zu sehen, und wie jede neue Höhe ihm den Untergang wiederholet: so zieht der arme Sterbliche von Hoffnung zu Hoffnung und tritt höher, um von den Freuden, die untergesunken, noch einmal Strahlen ins Angesicht zu bekommen und ihren Untergang weniger zu verschieben als zu verdoppeln. Tritt höher und stoße die Erde zurück: so geht keine Freude und keine Sonne mehr unter, sondern beide stehen. – Diese vierzehn Zeilen habe ich gemacht, nicht um Sie an mich – sondern um mich an Sie zu erinnern, wenn ich in der Abendsonne spazieren gehe und an die Menschen denke, die ihr und ihrem Abschied ähnlich.« – Hier steht der auf den Hügeln der Heimat rings um die Stadt Schweifende vor uns, dem die Natur ringsum mit ihren Bildern zum Abbild seines inneren Lebens wurde oder der die eigenen Qualen und Erhebungen riesengroß in den Kosmos projizierte. Der Sommer in Hof ging vorüber. Draußen wandelte er auf den Bergen und im Innern auf den »Kettengebirgen der 181 Arbeit«. Von Zeit zu Zeit besuchte er die Venzkaer Freunde. »Denn die Flitterwochen, die ich unter den Karwochen dieses Lebens genieße, bestehen meistens aus Tagen, die ich in Venzka verbracht«, schrieb er an seinen Freund Spangenberg, und es war wohl keine leere Höflichkeit. Der Verkehr in Venzka soll es ja auch gewesen sein, der ihn den alten Zopf wieder anlegen ließ. Es war der Frieden, den das junge Genie mit der menschlichen Gesellschaft machte, und nach seiner Art konnte er diesen Frieden nicht ohne einen besonderen Traktat vorübergehen lassen. Zunächst an die Brüder Otto mag wohl das folgende »Avertissment« gerichtet worden sein: »Endesunterschriebener steht nicht an, bekannt zu machen, daß, da die abgeschnittenen Haare so viel Feinde haben wie die roten; und da die nämlichen Feinde zugleich es von der Person sind, worauf sie wachsen; da ferner so eine Tracht in keiner Rücksicht christlich ist, weil sonst Personen, die Christen sind, sie haben würden; und da besonders dem Endesunterschriebenen seine Haare so viel geschadet wie dem Absalom die seinigen, wiewohl aus umgekehrten Gründen; und da ihm unter der Hand berichtet worden, daß man ihn ins Grab zu bringen suche, weil da die Haare unter keiner Scheere wüchsen: so macht er bekannt, daß er freiwillig so lange nicht passen will. Es wird daher einem gnädigen hochedelgeborenen pp Publikum gemeldet, daß Endes Unterzeichneter gesonnen ist, am nächsten Sonntage in verschiedenen wichtigen Gassen mit einem kurzen falschen Zopfe zu erscheinen und mit diesem Zopfe gleichsam wie mit einem Magnete und Seile der Liebe und Zauberstabe sich in den Besitz der Liebe eines jeden, er heiße wie er wolle, gewaltsam zu setzen.« Durch die skurrile Art, mit der er die Angelegenheit behandelt, schimmert deutlich der Ernst hindurch. In 182 einem fast neun Jahre durchgeführten Kampf, der ihm schon den Genuß seiner Leipziger Gartenwohnung verkümmert hatte, gab er dem Drängen der Freunde und den Forderungen der Welt nach. Ein Symbol des Kampfes gegen die Gesellschaft sank hin, und er merkte bald die für ihn wohltätigen Folgen. »Ich habe mich enthülset und meinen bisher broschierten Leib in Franzband eingebunden«, schreibt er an Vogel. »Meinen Hals presset jetzt das Zilizium und der Ringkragen einer Binde und meine Haare laufen in ein Suffixum und einen accentus acutus aus, den man hie zu Lande einen Zopf nennt. Ich merke aber sehr, daß andere Menschen, seit ich meinen alten Adam ausgezogen, gegen mich den neuen bessern angezogen.« Während er diese Zeilen an den alten Freund und Berater schrieb, erhielt er die Tochter des Postmeisters von Hof, Renate Wirth, als Schülerin und kam somit mit dem jungen Mädchen in nähere Verbindung, die für ihn in den nächsten Jahren die wichtigste Herzensverbindung sein sollte. Die Familie Wirth gehörte wohl zu den ersten, die gegen ihn einen neuen Adam anzog, wie er sich ausgedrückt hatte. Und dennoch lag es wohl mehr an seinen Arbeiten als an den neuen Bekanntschaften, daß er die Übersiedlung nach Schwarzenbach noch immer hinauszog. Zu Neujahr hatte er zu kommen versprochen, aber der Anfang des neuen Jahres sah ihn immer noch in Hof und keineswegs mit Umzugsvorbereitungen beschäftigt. Vielleicht war durch das Bemühen seiner Freunde, vorzüglich Ottos, die größte Not seiner Familie gelindert, und die vielen Einladungen, die er nach Venzka und Arzberg erhielt, mochten ihn das häusliche Elend nicht so sehr fühlen lassen. Da wurde dieses Dasein jäh unterbrochen durch den Tod Hermanns, der am 3. Februar 1790 in Göttingen erfolgt war. Obwohl dieses Ereignis 183 vorausgesehen werden konnte, traf es ihn doch mit der ganzen Wucht einer plötzlichen Katastrophe. Ein Göttinger Freund des Verstorbenen gab ihm die erste Nachricht und übersandte ihm einen Brief, den Hermann an ihn zu schreiben begonnen hatte, und den der Tod mitten im Satz abbrach. Er beschwor ihn, den Nachlaß des Freundes zu betreuen und seine Papiere ihm zu übermitteln, der »wie ein Abgebrannter um den Aschenhaufen geht und die geretteten Überbleibsel seiner vorigen Freuden auflieset«. »Als mein Bruder starb,« schrieb er an den Amtsverwalter Clöter in Schwarzenbach, die erneute Verzögerung seiner Übersiedlung erklärend, »glaubt ich nicht, daß noch ein Tag kommen könnte, der das Herz mehr zerquetschte; aber der Tag kam, Hermann starb an seiner mit einem Steckfluß beschließenden Hypochondrie, mein von der Natur geliebter, vom Glück gehaßter Freund.« Eine Welt von Schmerzen und Ahnungen drang auf ihn ein. Er fühlte, daß ihm etwas Ungeheures geschehen war, viel mehr als beim Tode Oerthels, und über ein Jahr lang irrte er um den schriftlichen Nachlaß des Geliebten, um aus ihm sein Bild erstehen zu lassen. Ein Denkmal wollte er ihm aus des Freundes eigenen Schriften und kühnen Systemen errichten, bis er einsah, daß es unmöglich war. Aus einer Neuordnung und Herausgabe der Hermannschen Schriften wurde nichts, und wir bleiben über seine eigentliche Bedeutung im Dunkeln. Vielleicht war er einer jener Unglücklichen, früh Entrissenen vom Schlage der Weininger, nur daß sein Werk noch nicht zu Ende gediehen war. So leuchtet er nicht mit eigenem Licht in die Zukunft hinein, und nur daß er in einigen Gestalten unsterblicher Werke weiterlebt, ist seine Unsterblichkeit. Leibgeber und Siebenkäs und Vult und Dr. Katzenberger steigen aus seinem Grabe, mit ihren Wurzeln von seinem Blut sich nährend. 184 Anfang März endlich erklärte sich Jean Paul zur Übersiedlung nach Schwarzenbach bereit. Amtsverwalter Clöter stellte ein Fuhrwerk und sandte, statt eines Koffers, eine – Tonne, die die Habseligkeiten des neuen Schulmeisters aufzunehmen hatte. Unter glücklicheren Auspizien als die Abreise aus Töpen stand diese neue Fahrt. Clöter, auf Jean Pauls mythisch verankerten und mit ein wenig Selbstverspottung geübten Aberglauben ironisch anspielend, riet, doch ja zur Reise die Zeit des zunehmenden Mondes abzuwarten. Jean Paul, den Ton aufnehmend, antwortete indes zukunftsfreudig, »daß, da die Erde der Mond des Mondes sei, dieselbe bei jenes Abnehmen zunähme, mithin auch er im zunehmenden Licht der Erde und folglich des Stückchens, das man Schwarzenbach nenne, dort ankäme.« Und in der Tat sollte das Stückchen Erde, das Schwarzenbach heißt, bald für ihn in zunehmendem Lichte liegen. Diesmal ging es nicht in einen fremden Haushalt. Die Erfahrungen von Töpen hatten ihn belehrt. Clöter wollte den von ihm fast allzu stürmisch geliebten Jüngling ganz in sein Haus ziehen, aber Jean Paul stellte die Bedingung, daß er in einem kleinen Schulmeisterhäuschen untergebracht würde und abwechselnd bei den Freunden zu Tisch erschiene. Seine innere und äußerliche Unabhängigkeit wollte er diesmal nicht wieder aufs Spiel setzen. Um aber den für seine erzieherischen Pläne notwendigen Zusammenschluß sicherzustellen, wurde beschlossen, daß Erzieher, Eltern und Zöglinge jeden Mittwoch in einem Gasthaus, außerhalb des Ortes in einem malerischen Birkenwäldchen gelegen, zusammenkommen sollten. In welchem Geiste er diese Zusammenkünfte aufgefaßt wissen wollte, zeigte seine bald nach der Übersiedelung entstandene »Birkenpredigt mit ihren vier Seligpreisungen und dem Schlußsatz: ›Verdammt sind bloß 185 die, die keinen Spaß verstehen; denn diese verstehen auch keinen Ernst.‹« Schon damals also hatte Jean Paul eine Einrichtung im Sinne, die wir heute als »Elterntage« bezeichnen würden. Aber Elterntage in welchem Geiste! Jean Paul war sich darüber klar, und er hat es in der»Levana« deutlich genug ausgesprochen, daß die wichtigste Voraussetzung einer Jugenderziehung erzogene Eltern sind. Von dem Geiste seines Unterrichts sollte ein Hauch in die Häuslichkeit seiner Zöglinge zurückschlagen. Das Entscheidende aber scheint, daß bei diesem erzieherischen Reformwerk der Humor nicht ausgeschaltet, sondern gerade diese Kraft fruchtbar gemacht wurde. Wieviel heiligernste Reformpläne sind seitdem, zum großen Teil an Jean Pauls Gedanken anschließend, ins Werk gesetzt worden. Ihnen allen aber fehlte es an der beschwingenden Kraft des Humors, die Jean Paul in so reichem Maße zur Verfügung stand. In dieser Berührung mit einer ganzen, ihm anvertrauten Kinderschar entdeckte der junge geniale Erzieher auch in sich Neuland. Nicht wie eine Last, des Broterwerbs halber, übernahm er die ihm gestellte Aufgabe, und er improvisierte auch keineswegs frisch darauf los. Was ihm als Erziehung vorschwebte, hatte sich ihm wohl schon in Töpen zu Grundsätzen verdichtet, die allerdings dort um so weniger auszuführen waren, als er auf den Geist der Häuslichkeit seines Zöglings keinen Einfluß hatte. Diesmal hatte er sich diesen Einfluß durch kluge Maßregeln gesichert und wahrte ihn bis zum Ende seiner Schwarzenbacher Zeit. Wir werden uns mit der Art seiner Erziehung, die er fünfzehn Jahre später in seiner»Levana«, einem der wichtigsten Werke der Pädagogik, zusammenfaßte, noch ausführlich zu beschäftigen haben. Denn diese Tätigkeit leitete unmittelbar in seine große Dichtung über. 186 Seine Schülerschar setzte sich aus sieben Kindern zusammen. Sechs Knaben im Alter von sieben bis fünfzehn Jahren und einem neunjährigen Mädchen. Der älteste Knabe war der Sohn des Kommissionsrats Vogel, zwei andere waren Söhne des Pfarrers Völkel, der einst sein Lehrer gewesen war. Die andern Kinder gehörten zur Familie des Amtsverwalters Clöter. Clöter hatte als Husar mit Blücher zusammen den Siebenjährigen Krieg mitgemacht und vor längerer Zeit einen Eisenhammer, den sogenannten Wendenhammer, in Schwarzenbach erworben. Außerdem war er Fürstlich Schönburgischer Amtsverwalter in Förbau und Schwarzenbach und im ganzen wohl einer der wohlhabendsten Bürger des Marktfleckens. An Jean Paul hing er mit einer für den weit älteren Mann fast rührenden Verehrung, aber auch der Dichter bewahrte ihm Zeit seines Lebens ein verehrendes Angedenken. Zweiundzwanzig Jahre später empfahl er ihn dem in München wohnenden Freunde Jacobi. Zu dem selbständigen Leben, das zu führen er sich vorgenommen hatte, gebrach es ihm zunächst an jeder Art von Ausstattung. »Beim Antritt meines Schwarzenbacher Schulamts muß ich das gewöhnliche Inventarium übernehmen, das in Stiefeln, Strümpfen, Schnupftüchern und ein paar Kreuzern Geld besteht. Aus diesen vier Artikeln fehlt mir nun besonders der erste, der zweite, der dritte und der vierte«, schrieb er an die immer hilfsbereiten Brüder Otto. Auch auf diese hoffnungsreiche Abreise warf der Mangel seinen drückenden Schatten, und Jean Paul nahm die Hilfe seiner Freunde keineswegs leicht oder gleichgültig entgegen. »Der Brief ist vergnügter als ich,« fährt er fort, »und ich fühle meine beschwerliche Zudringlichkeit darum nicht minder.« Der 28. Geburtstag aber sah ihn über alle Schwierigkeiten hinweg in dem neuen Wirkungskreis, mit dem sich ihm eine 187 neue Welt eröffnete. Wohl nahm die Erziehertätigkeit einen großen Teil seiner Zeit und Kraft in Anspruch, aber er fühlte sich doch frei und unabhängig. Wo der Tag nicht ausreichte, nahm er die Nacht zu Hilfe, um alle auf ihn einstürmenden Ansprüche zu bewältigen. Nach allen Seiten hin blieben die Fäden ausgesponnen. Mit Venzka unterhielt er immer noch einen regen Briefwechsel. Die Hofer Freunde, allen voran Christian Otto und die Familie Wirth, besuchten ihn des öfteren in seiner Klause, und er wanderte ihnen entgegen oder mit ihnen zurück bis an die Tore Hofs, immer noch seinen Weg verlängernd, um die Trennung hinauszuschieben. Eine Birke zwischen Hof und Schwarzenbach war der gewöhnliche Treffpunkt mit Otto, von wo sie dann in mannigfachen Gesprächen über tausend Gegenstände weiterwanderten. Seine Lebensweise hatte etwas Fliegendes bekommen. Wie seine Definition des Witzes schuf er Beziehungen zwischen den fernsten Dingen, an alle Dinge mit überschäumender Seele anbrandend. Wie wirkte er damals auf die Menschen um sich? Das Zeugnis Spangenbergs wurde bereits angeführt. Damals aber fehlte ihm noch die lebendige Gemeinschaft mit einem größeren Kreis, der erst in Hof sich um ihn schloß. Erst hier entwickelten sich seine großen gesellschaftlichen Talente. Seine Freundin Helene Köhler, Tochter des einen der einander abwechselnden Bürgermeister von Hof, schreibt über ihn: »Bei einer gemeinschaftlichen Landpartie lernten wir Richter durch Christian Otto kennen, der ihn uns als seinen besten Freund vorstellte. Meine Mutter, bei ihrer großen Empfänglichkeit für alles Gute, war von dem genialen Jüngling bezaubert, und sein glänzender Humor, in welchem sich zu zeigen er die Liebenswürdigkeit hatte, riß sie zu der lebhaftesten Bewunderung hin. Wie war dies auch anders 188 möglich? Witz, Geist, Gedankenfülle, Empfindungsglut sprudelten mit nie zu erschöpfender Fülle aus ihm; alles ward von seinem mächtigen Geiste ergriffen, und wir fühlten, daß wir noch nie einen solchen Nachmittag verlebt hatten. Von nun an kam Richter in unser Haus, und wir wußten bei näherer Bekanntschaft nicht, ob wir mehr seinen Geist bewundern oder seinen Charakter lieben sollten. Kindlich bis zur Naivität, war er immer bescheiden, offen und gut. Liebenswürdig, fremd in den gewöhnlichsten Dingen des Lebens, ließ er sich mit rührender Gutmütigkeit den Spott über kleine Ungeschicklichkeiten gefallen; so scharf seine Feder und seine Worte treffen konnten, nie war er wahrhaft verletzend, nie traute er jemandem eine böse Absicht zu; sein heiterer genügsamer Sinn nahm willig jede kleine Freude auf, und ihn ergötzte, was andere oft kaum bemerkten. Für die Welt war er ein Gegenstand der Bewunderung und des Ruhms, aber für diejenigen, die das Glück hatten, ihm als Jüngling nahezustehen, blieb er stets der Inbegriff des Edlen und Reinen . . . »Es begann in unserm Hause eine schöne genußreiche Zeit, an welche ich noch jetzt, nachdem alle Stürme des Lebens über mein Haupt gegangen sind und so viele schöne Erinnerungen entlaubt haben, mit süßer Wehmut zurückdenke. Christian Otto war und blieb unter seinen Brüdern der innigste Freund Richters . . . Richter liebte jenen um so mehr, je häufiger er Gelegenheit hatte, ihm Schonung und Nachsicht zu beweisen; denn Christian Otto hatte eine etwas krankhafte, hypochondrische Natur; es kamen Tage des Trübsinns und der üblen Laune über ihn, wo er mit schonender Rücksicht und Freundschaft behandelt werden mußte, und niemand verstand dies besser als Richter . . . Wir waren alle jung, lebensfroh, zufrieden; wir ergötzten uns an 189 Gesellschaftsspielen, bei welchen das witzige Schreibespiel obenan stand, und die reinste Heiterkeit herrschte in unsern Abendzirkeln, die oft in den verschiedenen Häusern wechselten. »Richter arbeitete mit bewunderungswürdigem Fleiße. In der stillen Holunderlaube des kleinen idyllischen Häuschens am Schloßplatz entstanden viele jener Blätter, welche sich bald zu dem reichen Kranz des Ruhmes winden sollten, der das Haupt des gefeierten Dichters schmückte.« Auch Amöne Herold, dem Dichter weit enger verbunden als Helene Köhler, hat später Schilderungen Jean Pauls veröffentlicht. Sie schildert zunächst sein unbefriedigtes Dasein in Töpen: »Denn sobald seine Lehrstunden, die er gewissenhaft abwartete, vorbei waren, eilte er ins Freie, am liebsten in den Wald, legte sich hier unter den ersten besten Baum, starrte unverwandt Wald und Himmel an, zog dann und wann ein weißes Blatt Papier aus der Tasche, schrieb darauf einzelne Worte und eilte nicht selten gleich nach dem Schreiben fort, um zu Hause Gedanken und Bilder, die er sich dort nur angedeutet hatte, weiter auszuführen und auszumalen. Jedem, der ihm unterwegs begegnete, wich er schon von weitem aus; mußte er aber ja einem Bekannten oder Freunde stichhalten, blieb er so einsilbig und kalt, daß man ihn gern wieder sich selbst überließ. Überhaupt suchte er damals nie Umgang, sondern floh ihn vielmehr und galt deshalb für den größten Sonderling, mit dem niemand gern verkehrte. Wer ihn aber näher kennenlernte, fand stets Gelegenheit, Geist und Witz an ihm zu bewundern.« Es ist ein Bild aus seiner zopffreien Zeit, da noch Mißtrauen und Menschenverachtung ihn beherrschten. Wie anders er im Grunde schon damals war, zeigt das Bild, das Spangenberg von ihm entwarf. Bald sollte aber seines Wesens strahlender Kern auch für andere sichtbar werden. Die gleiche 190 Amöne Herold beschreibt ihn auch in der späteren Zeit im Kreis der Freunde und Freundinnen: »Oft, wenn wir uns in der Dämmerstunde um ihn versammelt und er sich und uns mit seinen Phantasieen auf dem Klavier in solche wehmütige Stimmung gebracht, daß uns die Tränen über das Gesicht liefen und er vor Rührung nicht weiterspielen konnte, brach er schnell ab, setzte sich zu uns und sprach uns von seiner Zukunft, seinen Reisen, seiner Frau, die er irgendwo finden würde und die lange schon auf ihn passe, von seinen Kindern (meist waren es drei) und seinem ganzen häuslichen Glück; dann prophezeite er auch wohl, aber immer mit der Miene, mit der er Späße sagte, was er noch für ein großer Mann werden und alle Welt von allen Welten zu ihm kommen und nach ihm fragen würde, wenn er nur erst aus dem Höfer Druck in einen andern mehr hineinkommen, und es würde von ihm im ganzen Lande die Rede sein, und die Höfer würden – dies waren seine Worte – noch große Augen machen über ihre jetzigen kleinen, und Fürstinnen und Prinzessinnen würden uns noch einmal um das Glück seiner Gesellschaft beneiden, – was uns alles freilich sehr unglaublich vorkam.« Von den Freundinnen war es Renate Wirth, die allmählich sein Interesse am stärksten gefangennahm. »Renate versteht mich«, trug er in sein Tagebuch ein. Er schreibt Briefe an sie, als sie, wie oft, in Baireuth bei seiner Tante zu Besuch ist. Zum erstenmal tritt Baireuth in sein Gesichtsfeld als himmlisches Eldorado, nach dem seine Gedanken hinfliegen. Er hört von den zauberischen Lustschlössern, der Fantaisie und Eremitage, und phantastische Vorstellungen davon nisten sich in seinem Innern fest. Mit Sehnsucht wartet er auf ein Zusammensein mit ihr. Liebt er sie? Er hat es vielleicht selbst des öfteren geglaubt. Aber in seiner Liebe ist etwas, 191 das die Wirklichkeit flieht. Auch hier hat sein Leben etwas Fliegendes. Er stößt in den Bannkreis des Weiblichen hinein und liebt die Person, die ihm diesen Bannkreis am stärksten verkörpert. Seine Liebe wie sein Wesen sind musikalisch. Die Musik tritt wieder in den Vordergrund. Seit seiner Kinderzeit hatte er kaum die schwarzweißen Tasten berührt. Erst in Venzka stand ihm wieder ein Flügel zur Verfügung. Jetzt phantasiert er im Kreise der Freundinnen, schreibt von seinen »Klavierfingern«, und vielleicht waren es sogar Klavierstunden, die er Renate gegeben hatte. Musik wurde ihm in dieser Zeit zum unmittelbaren Ausdruck seines Innern. Beim Phantasieren kamen ihm die Gedanken, und aus seinem nahen Verhältnis zur Musik erst sollten sich seine eigentlichen Schöpfungen losrollen. Anders als bei Goethe, dessen Schaffen auf seinem Verhältnis zur bildenden Kunst basierte. Darin lag nicht einmal die zufällige Verschiedenheit zweier gleichmäßig nebeneinanderstehender Typen, eines musikalischen und eines plastischen Typus, sondern die Verschiedenheit zweier Welten. Plastik war die Kunst des klassischen Altertums gewesen, Musik war der künstlerische Ausdruck der nordisch christlichen Völker. Wenn der Glaube der Alten sich zu Götterstatuen von vollendetem Ebenmaß verdichtete, der Glaube der Nordländer hatte sich von je zum Anstaunen von Naturgewalten erweitert. Goethe war der Träger einer geistigen Tradition, die sich aus der Wiege der europäischen Kultur, aus Hellas, herleitete. Das Anstaunen der Naturgewalten, die Auflösung des Daseins in das Wogen des Rhythmus und der Töne, das stieg von neuem aus der Erde auf, schlug Brücken durch die anerzogene und angewandelte Kulturschicht hindurch zu dem Urgrund der nordischen Seele. Auch Goethe ward dem Werden der Natur hingegeben, aber ihn lockte das plastisch sich Bildende und Entwickelnde in ihr. 192 Die Klarheit ihrer Formen, wie ihre Geschichte sich in einem Zwischenkieferknochen manifestierte, das war es, was ihn ergriff. Wie anders Jean Paul! In seinem letzten Roman schilderte er sich selber in seinem Verhältnis zur Natur. »Bleibt wohl schön Wetter, mein Herr?« fragt im »Kometen« der Reisemarschall Worble den Kandidaten Richter, und der antwortet: daß es in fünf Minuten wehen würde, weil der Mond dann eben über Amerika kulminiere. Täglich viermal bezeichne der Mond mit einer kleinen Wetteränderung, und wär' es die Verdünnung des Gewölks oder ein neuer anderer Wind, seine Bahn, nämlich erstens bei seinem Aufgange, zweitens bei seinem Untergange, drittens bei seiner Kulmination über uns und viertens bei seiner Kulmination über Amerika. So belauscht Jean Paul das Hineinragen des Kosmos in unsere Atmosphäre, und es ist ihm mehr als eine Spielerei mit Zahlen und Größen. Etwas von der Naturandacht Keplers oder des Kopernikus ist in ihm lebendig, von diesem Geiste des Nordens, der sich der überlieferten Sternenlehre bemächtigt, die ihm durch die Überlieferung des Altertums fast unverstanden zugetragen wird, und sie aufnimmt, sich anverwandelt und aus ihr das neue kosmische Weltbild schafft. Das ist Jean Paul als »Wetterprophet«, wie ihn seine Freunde scherzhaft nannten. Er lebte unter dem Bann des Sternenjahres, und in jedem Augenblick war er sich der Himmelskonstellation bewußt und empfand Wärme und Winde als aus dem großen Weltenraum zu ihm kommend. Man staunt vielleicht, daß der Jüngling, dessen Schriften und Sprache gelehrte Männer wie den Pfarrer Vogel vor Rätsel stellten, Verständnis bei einem Kreis sechzehnjähriger Mädchen suchte. Und doch ward es ihm zuteil. Mit der Empfängnisfähigkeit der ersten Jugend nahmen die Freundinnen 193 ihn und alles Seinige auf. Die aufnehmende Genialität des weiblichen Geschlechts wurde ihm zum Erlebnis. Was er nur bei wenigen Männern fand, das floß diesen Mädchen in ihrer Gesamtheit zu. Eine weiche und in ihren Möglichkeiten unendliche Welt erschloß sich ihm. Und so wie er es wollte: nicht nur in intellektuell festgelegten Ergebnissen, sondern als Totalität und Leben in der Gesamtheit. Dieser Höfer Kreis war bereits typisch für seine spätere große Wirkung: wenige und auserwählte Männer verstanden ihn, aber der Frauenwelt löste er die Seele. Er zog keine einzelne besonders an sich heran. In ihrer Gesamtheit waren sie der große Gegenpol seiner männlichen Welt. In diesen Frühjahrswochen schrieb er das Großartigste, was er vielleicht überhaupt je geschrieben hat. Es war ein nicht allzulanger Aufsatz: »Des toten Shakespeare Klage, daß kein Gott sei.« Bald aber hob er diesen Einfall noch höher in die Welt des Geistes. Shakespeare war gewiß ihm und seiner Zeit ein Gott, aber die letzte und höchste Erkenntnis und tiefste Klage, die mußte doch von einem noch Größeren ausgesprochen werden, und so schrieb er den Aufsatz um und gab ihm den Titel: »Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei.« »Da träumte mir, ich erwache auf dem Gottesacker. Der Nachthimmel ist ausgeleert, die Gräber sind aufgetan, und die Türen des Gebeinhauses gehen unter unsichtbaren Händen auf und ab. Hoch oben donnert der Fall der Lawinen und unter der Erde der erste Tritt eines unermeßlichen Erdbebens. Die Kirche schwankt auf und nieder von zwei Mißtönen, die sich in ihrem berstenden Innern bekämpfen. Das Blei der Fenster schmilzt hernieder. Durch den Strom der Schatten wird er in das Innere der Kirchen getragen. Alle Schatten stehen um den Altar und statt des Herzens 194 zittert ihnen die Brust. Einer, der eben erst gestorben, hebt die Hände, aber die Arme verlängern sich und lösen sich ab, und die Hände fallen gefaltet hinweg. Am Gewölbe oben steht das Zifferblatt der Ewigkeit, das sein eigner Zeiger ist, nur ein schwarzer Finger zeigt darauf. Auf dem Altar steht Christus, und alle Schatten rufen ihn an: ›Christus! ist kein Gott?‹ Er antwortet: ›Es ist keiner!‹ Es strömt vom Weltgebäude herab sein angstvolles Rufen: ›Vater, wo bist du?‹ dem keine Stimme antwortet. ›Wir sind alle Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater.‹ Er schaut in das mit tausend Sonnen durchbrochene Weltgebäude herab, gleichsam in das um die ewige Nacht gewühlte Bergwerk, in dem die Sonnen wie Grubenlichter und die Milchstraßen wie Silberadern gehen. ›Wann zerschlagt ihr das Gebäude und mich?‹ ›Zufall, weißt du dich selber, wenn du mit Orkanen durch das Sternen-Schneegestöber schreitest und eine Sonne um die andere auswehest?‹ Und er schreit nach seinem Erdendasein, da er den unendlichen Vater noch hatte. ›Ach, ihr überglücklichen Erdenbewohner, ihr glaubt ihn noch. Vielleicht gehet jetzt eure Sonne unter und ihr fallet unter Blüten, Glanz und Tränen auf die Knie und ihr hebt die gefalteten Hände empor.‹ Aber rings ist nur reibendes Gedränge der Welten, Fackeltanz der himmlischen Irrlichter, und liegen die Korallenbänke schlagender Herzen. Die Ringe der Riesenschlange der Ewigkeit heben sich, fallen nieder und umfassen das All doppelt, es zu zermalmen, und ein Glockenhammer zerschlägt die letzte Stunde der Zeit . . . als ich erwachte.« Niedersinkt er, Gott anzubeten in freudigem Weinen, und der Glaube an ihn ist Gebet. Die Sonne glimmt tief unter den vollen Kornähren, und der Mond steigt friedlich im Morgen ohne Aurora auf. Die Erde streckt die kurzen Flügel aus und lebt wie alles vor dem unendlichen Vater. – 195 Ward je ein größeres Fragezeichen errichtet und über dem Weltgebäude stehengelassen?? Werden wir wie die Toten des Traumes vergeblich nach dem Vater suchen und ist das All ein leerer sinnloser Zufall, in dem »die Eimer auf- und niedersteigen?« Aber diese Frage ist nebensächlich neben dem ungeheuern Bild, das den Grund der Erde aufreißt. Das furchtbare Entsetzen über die Sinnlosigkeit des Lebens kommt wie ein Alpdruck über uns. Der panische Schrecken der Alten gesteigert zum kosmischen Entsetzen. In die niederdrückenden Bilder von den Korallenbänken der schlagenden Herzen, der auf- und niedertanzenden Kirche, diese Erdrindenerscheinung Leben gepreßt. Das alles stellt sich von nun an über alles Leben, auf dem Weltgebäude steht nun immer Christus und erhebt den Ruf: »Vater, wo bist du?«, auch wenn wir mit gefalteten Händen beim Untergang der Sonne niedersinken. Der Ton, der zum erstenmal in der kleinen Abhandlung »Was der Tod ist« angeschlagen war und Karoline Herder ergriffen hatte, der wuchtete jetzt wie der Klang einer Riesenglocke über das All. Im Frühjahr 1789 war das Vogtland von drei Erdbeben heimgesucht worden, und Jean Paul hatte das unterirdische Stoßen und Dröhnen mit seiner ganzen Dichterphantasie in sich aufgenommen. Zum erstenmal mag ihn hier das kosmische Entsetzen befallen haben, das er in seine Dichtung projizierte. Der Gedanke, daß mechanische Gewalt alles Seelische durcheinanderzuwirbeln vermag, hat sich ihm tief ins Herz gebohrt und unvergänglichen Eindruck hinterlassen. Wenn Naturgewalt seelisches Leben zu vernichten vermag – und wer wollte nicht bei einem Erdbeben für Augenblicke spüren, daß es wirklich so ist! –, dann konnte auch die Welt ohne Gott, das ist: ohne Sinn sein, und wir zerstäubten in Atome, statt ewigem Verein entgegenzuwallen. 196 In seiner Weltanschauung hatte er das Entweder-Oder der Systeme überwunden. In einem Brief an den neuen philosophischen Freund Wernlein, den ersten, mit dem er wirklich und sachgemäß philosophieren konnte, drückt er es aus: »Ich habe Hochachtung vor jedem Unsinn, weil er von und in einem Menschen ist und weil jeder Unsinn bei näherer Umleuchtung Gründe verrät, die seine Annahme entschuldigen . . . das nützlichste Buch wäre eines, das die Vernunftmäßigkeit alles menschlichen Unsinns darstellte.« Deshalb konnte er in seinem visionären Traum keine Entscheidung fällen, denn jenes »nützlichste Buch« lebte mit seinen Resultaten in seinem Innern. Es war die entwicklungsgeschichtliche Aufhebung alles Bestehenden und Gewesenen in einen höheren Zusammenhang, wie sie ihm Herders Anschauung darbot, Hegels Entwicklungsphilosophie bereits vorausnehmend. Gewaltiges staute sich in ihm an, hinter dem die Satirenschreiberei nun gänzlich zurücktrat. »Indes ich hier mit meinem pädagogischen Quentlein wuchere,« schreibt er im Juli an Otto, »und Einem Orte nütze: tu ich wieder allen übrigen Orten den wirklichen Schaden, daß ich nichts Satirisches hecke. Ich werde mich wahrhaftig schlecht bei der klugen Welt entschuldigen, wenn ich mich mit den vielen Bänden bloß entworfener Satiren, die ich jede Stunde gerichtlich niederlegen kann, zu decken meine.« Er schickt dem Freund ein Verzeichnis solcher entworfener Satiren und bittet, ihm einige der darin aufgeführten Entwürfe zur Ausarbeitung zu bestimmen. Otto wählte »Florian Fälbels Reise mit seinen Primanern« und »Weibliche Ohnmachten« aus, die Jean Paul denn auch in der Folge ausarbeitete. Aber sein Herz weilte doch schon bei einem andern Plan. Schon in dem Brief an Otto spricht er von »dem Romane, an dem ich laiche«, und bald sollte dieser Vorwurf greifbare Gestalt annehmen. 197 Indessen zog sein ganzes Leben an seinem innern Blick vorüber, wie in dem deutlichen Gefühl, daß er vor einer neuen Periode stand. Es geschah in dem Augustbrief an Wernlein. »Seit vielen Jahren schrieb ich nicht so viel Ernsthaftes als im heurigen. Außer Ihnen muß noch, da ich obendrein von Tag zu Tag wieder mich zum zwölften Jahre zurückbegebe, in dem man am weichsten, entweder das Machen eines Romanes daran schuld sein oder das Spielen desselben.« »O, wenn Sie mir vor zehn Jahren einen solchen (Brief) geschenkt hätten, wo ich meine Arme um jeden ephemerischen Freund so innig schlug wie um einen perennierenden – wo ich keinen Menschen kannte, nicht einmal den nächsten, mich selbst, alle aber liebte . . .« Immer tiefer wandern seine Gedanken zurück in die Zeit der ersten aufkeimenden Arbeiten mit ihrer Leipziger Trostlosigkeit. Er spricht von dem Heerrauch, der im Jahre 1783 über weiten Teilen Mitteldeutschlands lagerte wie ein dumpfer Druck. »Im Heerrauchsjahr wölkte dieser Seelenheerrauch (der Skeptizismus) meine so sehr ein, daß mir keine Wissenschaft mehr schmeckte und ich ein Buch mit scharfsinnigem Unsinn lieber las als eines mit schlichtem Menschenverstand, weil ich bloß noch las, um meine Seele zu üben, nicht aber zu nähren.« Wie in eine dunkle Wolke blickte er in die Zeit seiner Satirenschreiberei zurück, das Herz schon voll von dem Roman, an dem er schreibt oder den zu leben ihm bevorsteht. Er war in Venzka zu Besuch gewesen, und vielleicht mag des früh verstorbenen Oerthel gedacht worden sein. Denn unmittelbar darauf sandte er einige Aufsätze an Beate Schäfer, geb. von Spangenberg, Oerthels einzige Liebe. »Meine Absicht war aber auch nur, mir selbst einen Gefallen zu tun, damit ich prahlen und sagen könnte, ich habe an das vortrefflichste Frauenzimmer, das ich in meinem närrischen bloß tockierten 198 Leben gesehen, einen kurzen Brief geschrieben.« Wenige Tage darauf fand das »Examen« seiner Zöglinge statt in dem oft besuchten Birkenwäldchen. »Wie man nämlich von dem jüngsten Richtstuhl in den Himmel übertritt: so wurde unser Examen mit einem Tanz im hiesigen Walhalla verknüpft. Was mich noch in dieser Minute selbst wundert, ist, daß der Examinator selbst mittanzte, und er muß nicht nur zuviel getrunken gehabt haben.« Mit vollem Herzen strömte er in die Kinderwelt ein, die ihm in seinen Zöglingen von neuem sich darbot. Das eigene Kinderland gewann er wieder, aus dem ihm immer die eigentliche Schöpferkraft kam. »Über die verwelkten Kindheitsjahre strömt auf uns ein Wohlgeruch herüber, der schwer zu erklären ist«, fährt er an Wernlein fort. Schon suchte er in dem mehrmals erwähnten Roman, an dem er »laiche«, die Gestalten der eigenen Kindheit zu beschwören. In diesen fröhlichen Sommermonaten, im ständigen Verkehr mit den geliebten Zöglingen, in neuer Freiheit und edelstem Wirken geschah, was er selbst »den seligen Übertritt in die unsichtbare Loge« nannte. Eine ganze Welt erfüllte er zum erstenmal mit seinem Hauch. Über die Erde fühlte er sich emporgetragen und selbst den kosmischen Kräften eingereiht. Nach einigen Monaten der Arbeit empfand er es an einem Abend besonders deutlich, so daß es sich ihm in Worte faßte, die wenigstens einen Schimmer des innern Erlebens einfangen, das ihm die Welt aus den alten Angeln hob. Am 15. November trug er in das Tagebuch ein: »Wichtigster Abend meines Lebens; denn ich empfand den Gedanken des Todes, daß es schlechterdings kein Unterschied ist, ob ich morgen oder in dreißig Jahren sterbe.« Oder am nächsten Tag: »Ich richtete mich wieder auf, daß der Tod das Geschenk einer neuen Welt sei und die unwahrscheinliche 199 Vernichtung ein Schlaf.« Es war die Antwort, die er sich selbst auf das Fragezeichen seines »toten Christus« gab. Nicht nur so zu deuten, daß ihn die Sicherheit der eigenen Unsterblichkeit in diesen zwei totengleich zugebrachten Tagen überkam, sondern daß er sich selbst als ewige Einheit, als unvergängliche Monade erkannte, von der das Erdenleben nichts fortnehmen und zu der es nichts hinzutun konnte. Es war gleichgültig, was er schrieb und wieviel er schrieb. Er und die Welt war ewig, und kein Sonnenstäubchen ging verloren oder hinzuzugewinnen. Alle Keime enthielten schon Blüte und Frucht. Es war die Befreiung vom Werkwahnsinn der Zeit, der damals die größten Geister selbst erfaßte. Er wollte nichts werden und schaffen, nur sein und ewig sein und in sich hineinströmen lassen und wieder herausströmen nach kosmischem Gesetz. Und gerade dadurch wurde seine Welt so weit und reich. 200   Die unsichtbare Loge »Alles, was ich tue, wenn ich von Kriegs- oder anderer Not lese, der ich nicht abhelfen kann, ist nicht zu fluchen oder zu jammern oder untätig zu sein, sondern recht tätig: nämlich – da alle dieses Elend nur aus der Immoralität mehrerer Individuen entsprungen – recht zu verwünschen und zu vermeiden die kleinste Immoralität in mir, da jede sich in fremden Wunden endigt.« Hunderte von Malen hat Jean Paul sich über das Verhältnis eigener Immoralität zu fremden Leiden in seinen Dichtungen ausgesprochen, schärfer aber hat er es nie formuliert als in diesem Aphorismus aus seiner letzten Zeit. Es gibt nur eine Tat fremdem Leid gegenüber, will dieser – im »Papierdrachen« mitgeteilte – Aphorismus sagen: keine mit dem Schwerte in der Hand oder mit Haß im Herzen, sondern nur das Besinnen auf unsern eigenen Anteil an jeder Schuld auf Erden. Es ist das »Jeder ist an Allem schuldig!« der russischen Kirche, wie es von Dostojewski in der europäischen Literatur wieder heimisch gemacht wurde. Tiefstes Geheimnis christlicher Ethik, das zum erstenmal über das Jahrhundert der Aufklärung hinweg von Jean Paul wieder gelehrt und gelebt wurde. »Zu verwünschen und zu vermeiden die kleinste Immoralität in mir, da jede sich in fremden Wunden endigt.« Mit einer ungeheuren kosmischen Verantwortung wird hier das sittliche Verhalten beladen, ganz anders als bei Kant, dessen kategorischer Imperativ von jeder Rückwirkung auf die 201 Wirklichkeit abstrahiert. Diese »fremden Wunden« sind das ungeheuer Neue in der Formulierung Jean Pauls. Er konnte von keiner Auswirkung immoralischen Verhaltens absehen, gerade aus den fremden Wunden mußte ihm der starke Antrieb zur Sittlichkeit kommen. Die Welt mit ihren unzähligen Leiden taucht in das Gesichtsfeld des moralischen Menschen, mit den blutenden Wunden der Schlachtfelder und den ungetrockneten Tränen der Armen und Verfolgten. Und hinter allen diesen Wunden stehen Haß und Gier des Menschen, alle sind durch irgendeine Immoralität hervorgerufen, die irgendeiner Lust auf freventliche Weise frönen zu dürfen glaubte. Ein ungeheurer Wille zur Moralität, zur Tugend, muß aus dieser Einstellung hervorwachsen. Kant hob den sittlichen Menschen aus dem Bereich des Empirischen ins Absolute, aber der Tugendwille einer ganzen Zeit, einer ganzen Literatur, erwuchs doch in viel höherem Grade aus jener Belastung des menschlichen Verhaltens mit der ungeheuren Verantwortung gegenüber dem Gesamtleid der Welt. »Und ihr, entsetzlichen Seelen,« heißt es in der Unsichtbaren Loge, »die ihr einen Fehltritt . . . unter eure Vorzüge und eure Freuden rechnet, die ihr die Unschuld nicht . . . verliert, sondern fremde mordet . . . was werdet ihr noch aus unserm Jahrhundert machen? – Ihr gekrönten, gestirnten, turnierfähigen, infulierten Hämmlinge! . . . in euren Ständen hat Verführung keinen Namen mehr, keine Bedeutung . . . – aber in unsere mittleren Stände, auf unsere Lämmer schießet ihr Greif- und Lämmergeier nicht herab . . . Nur in einem Jahrhundert wie unseres, wo man alle schönen Gefühle stärkt, nur das der Ehre nicht, kann man die weibliche, die bloß in Keuschheit besteht, mit Füßen treten und wie der Wilde einen Baum auf immer umhauen, um 202 ihm seine ersten und letzten Früchte zu nehmen . . . Das, was der Scharfrichter am Manne tut, vollstreckest du an einem armen Geschöpfe, das seinen Henker liebt und bloß seine unverhältnismäßige Phantasie nicht bändigen kann . . . Und solche Opfer, welche die männlichen Hände mit einem ewigen Halseisen an die Unehre befestigt haben, stehen in den Gassen Wiens zweitausend, in den Gassen von Paris dreißigtausend, in den Gassen von London fünfzigtausend . . . Sanftes, treues aber schwaches Geschlecht! . . . gerade im Jahrhundert eurer Verschönerung vereinigen sich alle Schriftsteller, Künstler und Große zu einem Wald von Giftbäumen, unter denen ihr sterben sollt, und wir schätzen einander nach den meisten Brunnen- und Kelchvergiftungen für eure Lippen!« Noch nie war der Jammer der Kreatur in der deutschen Dichtung derart zum Ausdruck gebracht worden, und neben diesem kühn an die Wand geworfenen Bilde erhob sich nun das Gelöbnis der Sittlichkeit; keiner Moralität ins Absolute, sondern in die Wirklichkeit hinein. Menschheitsgewissen wurde lebendig, sah den ungeheuren Komplex des Lebens als organische Einheit, sah die Menschheit unter den Geißelhieben der Gewaltigen und Herren stöhnen. Hier mit einem Werk von überzeugender Gewalt einzugreifen, nicht im Sinne politischen Pathos', aber im Sinne eines Appells an die Seelen, das stand Jean Paul vor Augen, als er seinen ersten großen Roman entwarf. In ihm durchdrangen sich der Wille zur Darstellung mit dem Willen zur Umwandlung menschlicher Gemeinschaft. Dichter wollte er sein, aber einer, der sein Leben voll einsetzte für die Sache der Menschheit, die zu führen ihm auferlegt war. In dem Bilde, das ihm vorschwebte, durften die Großen dieser Erde nicht fehlen. An ihnen hatte sich seine Satire schon 203 überreichlich erprobt. Er sah die Landesfürsten nun nicht in der Gestalt der großen Preußenkönige vor sich, deren größtem er noch wenige Jahre zuvor in seinen Briefen ein Denkmal gesetzt hatte, sondern er sah sie als die kleinen Parasiten an dem Körper des deutschen Volkes, in der Gestalt dieser eigenartigen deutschen Duodezfürsten des Barock und des Absolutismus, der alle üblen Instinkte durch Fortfall jeglicher Hemmungen in ihnen zum Ausbruch gebracht hatte. Sie, die infolge der deutschen Ohnmacht und der geschichtlichen Entwickelung keine Gelegenheit hatten, einer großen politischen Idee zu dienen und deshalb in schamloser Ausnutzung ihrer Gewalt auf Kosten ihrer Völker ein schrankenloses Genußleben führten, umstellt von gewissenlosen Dienern, die an ihrem Raub sich bereicherten, – diese Gestalten hatte Jean Paul allerdings in den eigenen Landesfürsten deutlich vor Augen. Und der Zufall wollte, daß der drohende Erbfolgestreit noch besonders das Augenmerk der Bevölkerung von dem Baireuther Hof auf den benachbarten preußischen lenkte. Schon Friedrichs des Großen Schwester, deren bekannte Briefe eine freilich mit Vorsicht zu genießende Fundgrube kulturgeschichtlicher Eindrücke sind, hatte sich als Markgräfin von Baireuth eine Generation vor Jean Paul unauslöschlich in die Entwickelung der kleinen Residenz eingeschrieben. In einem Zeitraum von kaum zwanzig Jahren wurden fast alle die Schlösser in der Hauptstadt des Landes und ihrer näheren Umgebung mit den Mitteln eines kaum 180 000 Einwohner zählenden Landes errichtet, die noch heute das Bild Baireuths bestimmen. Das alte Schloß und die neue Residenz, die beiden Lustschlösser Eremitage und Fantaisie, die zu den prunkvollsten Baudenkmälern jener an Prunk reichen Zeit gehören, sie alle waren über dem Elend einer unsagbar 204 armen Bevölkerung errichtet worden. Durch die Verwandtschaft des landesväterlichen Hofes mit dem großen Preußenkönig waren schon damals die Augen nach Berlin gerichtet. Anläßlich eines Besuches Friedrichs bei seiner Schwester war jene herrliche Allee entstanden, die noch heute an Haus Wahnfried und der Rollwenzlei vorüber nach der Eremitage führt. Nun aber wurde das Verhältnis zwischen dem Baireuther und dem Berliner Hof aktuell. Mit Markgraf Alexander drohte die Linie der fränkischen Hohenzollern auszusterben, und es stand zu erwarten, daß nach seinem Tode das Land an die preußischen Hohenzollern fallen würde. Der Berliner Hof erfreute sich damals keiner großen Beliebtheit. Nach dem Tode des großen Königs waren Verschwendungssucht und Mätressenwirtschaft eingerissen. Die Geliebte Friedrich Wilhelms des Dicken, wie ihn der Volksmund nannte, die übelberüchtigte Gräfin Lichtenau, war auch in Baireuth bekannt geworden, und man setzte auf einen Thronwechsel keine allzu großen Hoffnungen. Im Volke bildete sich sogar das Gerücht von einem wahren Thronerben, der auf Betreiben des erbgierigen Berliner Hofes in fernen Landen sittlich und körperlich verdorben und untüchtig gemacht worden sei, oder die Sehnsucht der Bevölkerung mochte sich auch an eine erdachte Idealgestalt halten, die von der Erbfolge ausgeschlossen irgendwo ein Kaspar-Hauser-Schicksal erlitt. Noch ehe Jean Paul seinen ersten Roman vollendete, wurde übrigens das Schicksal des Landes entschieden. Am 8. Februar 1792 fiel das Fürstentum an Preußen. Diese dynastischen Verhältnisse spiegeln sich mit den Gerüchten, die sie im Gefolge hatten, auch in der »Unsichtbaren Loge«. Haß und Habgier zerfleischen die Mitglieder der fürstlichen Familie. Der gerade zur Regierung gekommene Fürst beneidet dem Bruder die Apanage und haßt den Arzt, der 205 den unglücklichen Prinzen vom Tode errettet hat. Und abseits der Hofgesellschaft wächst in der Tat einer heran, ein unehelicher Sohn des alten Fürsten, der Kapitän Ottomar, der, durch seine Geburt von der Thronfolge ausgeschlossen, die stärksten Herrschertugenden sein eigen nennt und sich, zur Untätigkeit verdammt, in wilden Ausbrüchen verzehrt. Vielleicht lag es im Plan des nicht vollendeten Romans, daß Ottomar dennoch zur Herrschaft gelangen sollte. Vielleicht war er der echte Sohn des verstorbenen Fürsten und auf Betreiben des benachbarten Hofes, der in dem Kraftvollen den Gegner witterte, vertauscht worden. Leise Andeutungen zu einer solchen Fortführung des Romans sind vorhanden. Die Geschichte der fränkischen Hohenzollern, die Jean Paul zum mindesten auf der Schule bekannt geworden ist, bot zu einer solchen Auffassung der Erbfolge sogar einen merkwürdigen Präzedenzfall: Im Jahre 1726 war mit dem Tode des Markgrafen Georg Wilhelm die regierende Linie erloschen. Der erbberechtigte Weferlingensche Nebenzweig hatte sich in seinem Familienhaupt Christian Heinrich durch eine preußische Pension abfinden lassen und auf die Erbfolge verzichtet. Christian Heinrich war noch vor dem Markgrafen Georg Wilhelm im Jahre 1708 gestorben, aber er hatte einen Sohn, der weitab von dem Treiben der Dynastien in Einsamkeit aufwuchs. Als nach dem Tode Georg Wilhelms sich die preußischen Hohenzollern zur Übernahme der Erbschaft anschickten, auf den Erbfolgeverzicht Christian Heinrichs bauend, tauchte unvermutet dessen Sohn Georg Friedrich Karl auf und machte seine Ansprüche mit Erfolg geltend. Vom Volksmund als »Markgraf Säbelbein« bezeichnet, regierte er noch ungewöhnlich lange und verschwenderisch. Seine Schwiegertochter war Friedrichs des Großen Schwester, die ihn mit den scheußlichsten Farben in ihren Briefen gezeichnet hat. 206 Vielleicht sind von dieser Geschichte gewisse Vorstellungen in die Gestalt des Kapitäns Ottomar eingeflossen. In jedem der drei Romane, mit denen Jean Paul den großen Wurf eines deutschen Erziehungsromans versucht: in der »Unsichtbaren Loge«, im »Hesperus« wie im »Titan«, taucht der Gedanke auf, den Helden oder einen der Helden auf einen Thron zu setzen. Es war die letzte Konsequenz des Erziehungsgedankens, der alle Werke Jean Pauls durchtränkt. Zu welchem Ziele sollten seine Helden erzogen werden? Er nahm das größte und äußerste Ziel: zum Herrscher oder Führer eines Volkes. Aber keineswegs ausschließlich in der Luft der Höfe durfte dieses Erziehungswerk vor sich gehen. Die Hofluft war nach den Anschauungen Jean Pauls vielmehr die stärkste Probe, in der der Held sich zu bewähren hatte. Menschlichkeit, reines Gefühl für die Not der Beherrschten, enges Verschmolzensein mit den großen Idealen der Geschichte und des Lebens, höchste »Tugend« in dem erörterten Sinne, – das alles konnten seine Helden nur in einem bürgerlichen Kreise gewinnen, unter Verhältnissen, in denen sich das wirklich menschliche Dasein mit Elend und Liebe, mit Tod und Freude ihnen öffnete. Die Hofgesellschaften, ja schon die Reichen waren des unmittelbaren Erlebens bar. Nur in der bürgerlichen Gesellschaft gab es Natürlichkeit und Gemeinschaft, Glück und Unglück. Das Leben, wie es ihn jetzt umgab, da er in seiner Gesellschaft von Freunden dem von ihm ideal erfaßten Erzieherberuf nachgehen durfte, da ein Kreis von Jünglingen und Mädchen mit ihm schwärmte und liebte und litt, – ein solcher Kreis war ihm das Leben selbst, zum mindesten die hohe Schule des Lebens. Jede Erziehung muß auf ein Ideal hin gerichtet sein. Niemand wußte das besser als Jean Paul selbst. Das Leben des künstlerischen Betrachters oder des Menschen der Tat: 207 diese beiden Möglichkeiten schwebten ihm vor. Man hat seiner Erziehung den Vorwurf gemacht, daß er seine Kinder zu Dichtern zu erziehen suche und ihnen das nahe Verhältnis zur praktischen Wirklichkeit raube. Jean Paul war stets zu sehr von dem ihm selbst vorschwebenden Lebensideal gefesselt, als daß nicht dieses immer wieder seine erzieherischen Absichten im Grunde bestimmen sollte. Was er wollte, war aber dennoch etwas anderes. Schon sein Bevorzugen der realen Fächer zeigt, daß er seine Zöglinge zum mindesten nicht zu künftigen Dichtern und Gelehrten erziehen wollte . Aber dennoch modelte er alle seine Gestalten, der Dichtung und der Erziehung, sich selbst unbewußt, nach seinem Ebenbild. Und genau, wie seine jungen Schüler den Eindruck frühreifer junger Gelehrten erwecken, genau so sind seine Helden junge Dichter, und statt zum wirkenden Leben geführt zu werden, weichen sie der Wirklichkeit in das Reich der Träume aus. Jean Paul kannte diese Gefahr. Es war der Grund, weshalb er versuchte, seine Helden zu Herrschern emporzuführen. Zweimal durchkreuzte die eigene Veranlagung seine Absichten. Weder Gustav, der Held der »Unsichtbaren Loge«, noch Viktor, der Held des »Hesperus«, treten am Ende ihrer Erziehung wirkend ins Leben hinaus. Sie sind Dichter und Träumer, allerdings von einer umfassenden Art dichterischen Menschentums. Erst in Albano, dem Helden des »Titan«, gelang der große Wurf. Albano wächst zu den höchsten Herrschertugenden heran, zu Umsicht, Reife, Menschenkenntnis und Liebe. In der »Unsichtbaren Loge« waren die Lebensideale noch am meisten auseinandergehalten und daher am wenigsten miteinander verschmolzen. Es lag an der Vielheit der Eindrücke, die Jean Paul sämtlich in seinem Erstling zu 208 verarbeiten trachtete. In dem ersten Schwarzenbacher Sommer tauchte der Plan des Romans in ihm auf. Ganz plötzlich mochte es ihm aufgehen, daß sein eigenes Dasein wie ein Roman vor ihm lag. War er selber nicht eine Romanfigur, wie sie nicht besser zu ersinnen war, mit seinen starken Eigenheiten, der Unsicherheit, dem Fliegenden seiner Existenz? Er sah sich in seinem kleinen Schulmeisterhäuschen sitzen, mit kargen Möbeln ausgestattet, gegen das grelle Sonnenlicht eine Landkarte vor das Fenster spannend. Der seltsame Verfasser der »Grönländischen Prozesse« und der »Teufelspapiere«, die niemand lesen wollte und die seine Erscheinung mit einem Nimbus von Bedenklichkeit und erwählter Narrheit umgaben. Dazu seine Erlebnisse im Hause des Kammerrats von Oerthel. Habgier und Brutalität prallten hier zusammen mit der Reinheit eines idealen Strebens. Der Tod zweier Freunde, der ihn aufs tiefste erschüttert hatte. Sein Umherirren auf den Bergen, seine Wanderungen zwischen Hof, Venzka, Töpen und Schwarzenbach, und jetzt die ersten Liebeserlebnisse mit den Höfer Freundinnen. Die Liebesfreundschaft mit Renate Wirth. Er im Kreis der Hofer Gesellschaft, auf dem Klavier phantasierend und erzählend, daß die Zuhörerinnen gespannt an seinen Lippen hingen: das war schon ein Leben, es in einen Roman zu pflanzen. Welche größere Konzeption er auch auszuarbeiten sich anschickte, immer mußte die eigene Gestalt darin auftreten, weil er sich selbst allzu gierig an alles Menschliche im weiten Umkreis heftete und daran haftenblieb. Er selbst war der eine Ausgangspunkt des Romans. In sich selbst hatte er die erste der Hauptgestalten vor sich. Aber die eigentliche Empfängnis kam ihm wohl doch von der Figur Hermanns. Schon am 20. Mai 1788 hatte er nach Erlangen an den Freund geschrieben: »Ich bin des Teufels, wenn ich 209 nicht einmal deinen ganzen Charakter in einen Roman pflanze.« Immer tiefer hatte sich später die Gestalt seines »von der Natur geliebten, vom Schicksal gehaßten« Freundes ihm ins Herz geschrieben, und besonders ein Wesenszug in Hermanns Lebensgeschichte war es, der ihn erschüttert hatte: daß dieser von der Natur zu den höchsten wissenschaftlichen Aufgaben bestimmte Jüngling sich infolge gemeiner Not immer wieder auf niederziehende Tätigkeit angewiesen sah, um bloß das nackte Leben zu fristen. Ein »verhinderter« Großer, so stand er ihm vor Augen, einer, der berufen war und dem Ruf infolge äußerer Hemmungen nicht folgen konnte. Und ganz plötzlich mochte ihm diese Gestalt zusammenschmelzen mit der Gestalt eines Thronprätendenten, den äußere Hindernisse von der Thronfolge ausschließen und der statt Großes zu wirken, sich in Untätigkeit und Ohnmacht verzehren muß, indes Minderwertige im Besitz der Macht schwelgen und das Land zugrunde richten. So ging Hermann als Kapitän Ottomar in den Romanplan ein. Noch von anderer Seite floß der »Unsichtbaren Loge« Stoff zu. Ein Erziehungsroman schwebte Jean Paul vor. Ein Mensch sollte von Kindheit an der menschlichen Vollendung zugeführt werden. Gerade die Beschreibung der Kindheit und ersten Jugend mußte den Jüngling besonders interessieren. Er wußte ja noch nichts von den besonderen Erlebnissen des reifen, des alternden Mannes. Er kannte den Tod, aber nicht die ausgereifte zweite Hälfte des Daseins. Der Schwerpunkt lag ganz natürlich auf der ersten Entwickelung. Hier konnte der Dichter aus dem Reichtum der eigenen Kindheit ohne Aufhören spenden. Das erste Erwachen in Wunsiedel, die bukolischen Jahre in Joditz konnten wiedererstehen, vom Zauber der kindlichen Phantasie 210 vergoldet. Aber im Grunde wollte er doch noch anderes, brauchte er eine Figur außerhalb seiner Selbst, die er den Lebensweg hinanführte. Er selbst war ja inzwischen Erzieher geworden, sah in die Kindheitsdämmerung von einem erhöhten Standpunkt bereits hinein. Aus seinen Zöglingen mußte ihm die Hauptfigur seines Erziehungsromans zuwachsen. In Christian Oerthel hatte er einst das Idealbild eines Knaben vor sich zu haben geglaubt. Von diesem ersten Schüler sah er sich getäuscht und verlassen seit dem Zerwürfnis mit dem Kammerrat, wenn er auch später erkannte, daß es nur das Gebot des Vaters war, was den Knaben von ihm ferngehalten. Durch diesen Konflikt mußte ihm das Verhältnis des Erziehers zu seinem Schüler nur teurer, problematischer, umstrittener werden. In Schwarzenbach war es nun besonders Georg Clöter, den er unter seinen Schülern am meisten liebte. Auf ihn verwandte er die größten Energien und durfte hoffen, in diesem Knaben das hohe, starke und reine Bild der Menschheit aufzurichten, das ihm vorschwebte. Vielleicht flossen ihm auch Züge aus allen seinen Schülern zu, jedenfalls gewann er aus dem Verkehr des Lehrers mit seinen Zöglingen die Hauptgestalt des Romans: Gustav. Es waren also drei Helden, die den Gang des Buches bestimmten: Gustav, der Schüler; Jean Paul selbst als Erzieher und schweifender Jüngling; Hermann Ottomar als verhinderter Thronprätendent. Erst im »Titan« gelang es ihm, alle diese Eindrücke in eine einzige Gestalt: Albano zusammenzufassen. Die drei Welten, die er gestalten wollte, zerlegte er dort in ein Nacheinander der Geschichte, schilderte den den höchsten Zielen zustrebenden Jüngling, rückgreifend die Jahre des Knaben mit ihrem keuschen Enthusiasmus, und schließlich die Entwickelung zum Manne. Ließ den Jüngling 211 durch das Reich einer schwärmerischen und über die Wirklichkeit hinausgreifenden Liebe gehen, ließ ihn dem titanischen Drang einer dämonischen Frau erliegen, um ihn schließlich der Verbindung mit Idoine entgegenzuleiten, ein Verhältnis, das bei aller Köstlichkeit fähig war, in die Wirklichkeit einzugehen, und ließ schließlich nach dieser dreifachen Entwickelung seinen Helden den Thron als höchste Aufgabe gewinnen. In dieser Gliederung einer Jugendentwickelung war alles eingefangen, was in der »Unsichtbaren Loge« noch durcheinanderdrängte. In diesem ersten Roman standen sich drei Repräsentanten gegenüber, von denen jeder als eine nächste Stufe des andern angesehen werden konnte. Drei Gewichte des Werks, die sich gegenseitig aufhoben. Dieser Roman mußte Torso bleiben. Gustavs Liebe zu Beate war Traum und Schwarmliebe, konnte wohl in das »Neben dem Leben« einer Dichterstube hinleiten aber nicht in die schaffende Wirklichkeit, wie sie Jean Paul stets als höchstes Betätigungsfeld des harmonischen Menschen vorschwebte. Die nächste Stufe, die Gustav hätte durchschreiten müssen, die der dämonischen Unrast, war bereits in Ottomar vorweggenommen, und die endgültige Überwindung dieser Vorstufe schöpferischen Lebens, wirklichkeitsdurchtränkte Lebensgemeinschaft, war für Jean Paul noch unerprobtes und unerreichbares Gebiet. Er mußte den Roman abbrechen, als er dem von ihm eigentlich erstrebten Gebiet sich zuwandte. Und doch ist die »Unsichtbare Loge« ein geschlossenes und sich selbst erfüllendes Werk geworden, fast mehr als der äußerlich vollendete »Hesperus«. Das hängt mit Jean Pauls Stellung zur Dichtung überhaupt zusammen. Ihm waren Form und Inhalt nicht zu trennende Gebiete. Der Welt, die sich ihm erschloß und die ihn zur Gestaltung hinriß, suchte er nicht die äußerlich glatte architektonische Form zu geben, 212 die sie zu ihrem Abschluß brauchte. Natürlich war es auch ihm nicht unbekannt, daß jede Handlung bis zu einem gewissen Punkte hingeführt werden muß, um den Anschein der Vollendung zu gewinnen. Ein Roman soll eine abgeschlossene Welt darstellen und fest umgrenzen. Aber Jean Pauls innere Wesenheit widerstrebte einem umschließenden Rahmen. Ihm waren Welt und Leben unendlich. Menschen und Situationen steigen auf und sinken nieder, und nicht immer kommt der Augenblick, da sie, wie in einem Opernschluß, zum Kreis sich runden. Personen, die in der Kindheit wichtig und voller Schicksal sind, treten später zurück, ohne wieder als greifbare Gestalt aufzutauchen. Selten führt der erste Kuß ins Brautbett, selten begleitet die erste Freundschaft ein Leben bis zur Bahre. »Wir werden nichts mehr von ihr hören«, sagt Jean Paul von der anmutigen Schäferin Regine, mit der Gustav den ersten Kuß tauscht. »So wird es durch das ganze Buch fortgehen, das wie das Leben voll Szenen ist, die nicht wieder kommen.« Ein Realismus der Darstellung, der seit jeher Bestandteil deutscher Dichtung war. Erst durch das Bildungsgut der Antike wurde der architektonische Aufbau in der deutschen Literatur heimisch. Die alte Sage wie der Roman des 17. und 18. Jahrhunderts noch läßt Menschen und Situationen fallen und hebt sie nach Belieben, oder vielmehr nach dem Gesetz innerer Wahrheit wieder auf. Das Leben ist »voll Szenen, die nicht wieder kommen«. Und dennoch hinterlassen diese untertauchenden Personen und Begebenheiten etwas, das über ihre besondere und äußere Prägung hinausgeht. Sie setzen Materie in dynamische Schwingung, die dynamisch weiterschwingt. Sie sind Vorboten anderer Szenen, die sich auf anderer Ebene wiederholen. Sie kommen nicht wieder, aber das Unfaßbare an 213 ihnen wirkt fort. Sie haben sich dem Tonkörper des Menschen eingeprägt und müssen von nun an jeden neuen Ton beeinflussen. Und diese dynamische oder musikalische Wirkung festzuhalten, das wird zu Jean Pauls eigentlicher Kunst. Nicht an der bildenden Kunst ist sein Formgefühl erwachsen, sondern an der Musik, und zwar an einer Musik, soweit sie nicht »gefrorene Architektur«, sondern Melos ist. Gerade damals bildete sich in der Musik die sogenannte Sonatenform aus, und diese Entwickelung der musikalischen Formensprache durch Philipp Emanuel Bach und Joseph Haydn war Jean Paul keineswegs fremd. Aber seine epische Kunst basierte doch mehr auf dem polyphonen Gefüge der Melodieführung Johann Sebastian Bachs. Mit der Sonatenform bildete sich damals das der Musik innewohnende dramatische Moment aus. Ihr Aufbau entspricht genau dem Aufbau des klassischen Dramas, wie es sich in Deutschland hauptsächlich in Schiller durchsetzte. Erstes und zweites Thema, Durchführung, Koda: das entspricht der Exposition der beiden ersten Akte des Dramas, der Verwickelung des dritten, der Fortführung der Handlung im vierten und der Katastrophe im fünften Akt. Episch hingegen war die Polyphonie des alten Bach mit ihrer Hinneigung zu Fuge und Variation. Ihr inneres Gesetz hieß nicht, in zwei Themen zwei Welten gegeneinander zu führen und aus ihrem Gegensatz die Katastrophe zu türmen, sondern eine Melodie sich entwickeln zu lassen, sie Welten, Spannungen, verschiedene Ebenen durchlaufen zu lassen, bis sie endlich bereichert von Zuflüssen und Schicksal noch einmal in donnernder Größe dahinbraust und verklingt. Epischen Wesens ist das Gesetz dieser Führung eines unendlichen Melos'. Unendlich, weil es wie die Welt kein Ende hat und nur aufhört, da es seine Kraft entladen hat und nicht, weil ein Weg zu Ende ist 214 Auf dieser dynamischen Form des polyphonen Melos' beruht das Wesen der Kunst Jean Pauls, und vielleicht ist es im höheren Sinne kein Zufall, wenn hundert Jahre später der nur wenige Stunden von Jean Pauls Geburtsort entfernt geborene Max Reger von dem gleichen Formgefühl geleitet und an Bachs Melos anknüpfend eine neue Periode musikalischer Formenentwickelung einleitete. Es ist das Strömen einer unendlichen Melodie, das auch Jean Pauls Dichtungen kennzeichnet. Ein ewiges Auf- und Niederwogen der Stimmung, ein Anheben und Wiederversinken, und nur, wie auch Bachs oder jede Musik schließlich doch dem Kadenzierungsprinzip unterliegt, findet sich in seinen Dichtungen so etwas wie ein Konflikt und seine Lösung, weil größere Massen dieses Haltepunktes benötigen. An sich bedarf er eines solchen »Knotens« nicht, er vermag ohne ihn immer neue Massen vorzuschieben in immer größerer Wölbung und Dichte. Seine weniger umfangreichen Dichtungen entraten eines solchen Knotens ganz. Ein Aufsatz wie etwa die Rede des toten Christus bewegt sich um kein anderes Zentrum als das einer ungeheuren kosmischen Verzweiflung. Wenige Töne werden durchgehalten, in immer stärkerem Brausen fährt die entsetzte Welt dahin. Auf einmal ist alles zu Ende. Deshalb müssen von Natur alle Werke Jean Pauls in irgendeinem Sinne Torso bleiben, auch wenn sie äußerlich vollendet sind. Deshalb sind aber auch alle diese Bruchstücke dennoch ein künstlerisch Ganzes. Die Kraft des dichterischen Einfalls hat sich entladen. Das Leben läuft in unendlichem Strom, an dessen Ufer wir noch eben gestanden haben, weiter, und doch hat sich etwas geschlossen. Aus dem Wellengewoge des Lebens ist ein Wellenberg mit einer großen Bewegung zu Ende gekommen. Wir atmen auf, 215 obwohl das unendliche Strömen um uns nicht abreißt. Es ist wie auf den Bildern der frühen Impressionisten, die zuerst Baumstämme mit dem Bildrahmen abschneiden oder selbst von einem lebenden Pferd nur den Kopf oder einen Teil des Rumpfes geben. Gerade dadurch zeigt sich ein Ausschnitt des Daseins in seinem eigenen Rhythmus. Auf Schürzung und Auflösung eines Knotens hat Jean Paul stets außerordentlich wenig Gewicht gelegt. Man hat daraus geschlossen, daß ihm das Erfinden einer äußeren Handlung ungewöhnlich schwer falle. Er selbst betont in seiner »Vorschule der Ästhetik« später die Schwierigkeit gerade dieses Teils der dichterischen Produktion, und doch ist das Fortführen der Handlung in seinen Romanen nicht etwas Mißglücktes. Ungeheures allerdings mutet er uns oft zu, Verwickelungen, die über jede Möglichkeit hinausgehen. Wenn er es aber tut, hat er seine bestimmte künstlerische Absicht. Das Seelische, das unter den sichtbaren Beziehungen der Menschen hergeht, macht er sichtbar, indem er aus Träumen und Halluzinationen, aus Verwechselungen und Mißverständnissen seine Situationen aufbaut. Und oft sind sie nur scheinbar unmöglich, vielmehr mit allen feinsten Einzelzügen der Wirklichkeit abgelauscht und nur ungewöhnlich, weil niemand vor ihm die Kühnheit hatte, so zu sehen und so zu komponieren. Der Knoten in der äußeren Handlung der »Unsichtbaren Loge« ist vielleicht darin zu suchen, daß der Kommerzienagent Röper Gustav die Hand Beatens verweigert. Aber welch geringe Rolle spielt dieser Knoten in der Komposition! Er ist kaum mehr als ein retardierendes Moment, indem diese Weigerung mit andern Gründen gemeinsam das Wiedersehen der Liebenden nach ihrem ersten Sichfinden einige Tage hinausschiebt, bis –, allerdings bis es zu spät 216 und Gustav Beate verloren hat. Nicht mehr. Die Handlung selbst ist das Auf- und Niederwogen der Stimmungen und der von ihnen getragenen Menschen. Sie gewinnt ihren Rhythmus aus andern Bezirken als aus denen äußerer Verwickelungen, die im Grunde nur das Chaos des Innern widerspiegeln. Was aber ist die eigentliche Substanz des Romans? Schon in der »Unsichtbaren Loge« schwebte Jean Paul das Ziel vor, das er im »Titan« zuerst erreichte: die Erziehung eines Menschen zu harmonischem umfassenden Menschentum. Nicht zur Persönlichkeit im Sinne Goethes. Goethes Persönlichkeit ruht in sich, ist ein ins Absolute erhobenes Menschentum, wie Kants kategorischer Imperativ ins Absolute erhobene Sittlichkeit ist. Jean Paul verzichtet nicht auf die Bindung des Menschen ans Leben. Wir sahen, wie er die Sittlichkeit mit einer kosmischen Verantwortung belastete. Der harmonische Mensch, die Erfüllung der Humanität im Sinne Herders, konnte ihm nur im großen Wirken in die Welt hinein gegeben werden. Das »Jeder ist an Allem schuldig« der christlichen Ethik war umzugestalten in die reinigende Kraft des sittlichen Menschen: sein Selbst hinzugeben, um sein Selbst zu gewinnen. Nur an der größten Aufgabe kann der größte Mensch sich entfalten. Handle so, gestaltete Jean Paul den kantischen Imperativ für sich um, als wenn du Herrscher wärest und alle Verantwortung der Erde auf dir läge. Erziehung zur höchsten Sittlichkeit, das Lebendigmachen der Tugend, – das ist die Substanz Jean Paulscher Dichtung, der alles andere untergeordnet ist. Kant löste die Sittlichkeit aus der Totalität des einheitlichen Menschen ab von seinen andern Funktionen. Er zerlegte den Menschen in ein denkendes, wollendes und fühlendes Wesen und gab jedem Teil sein eigenes Gesetz. Jean Paul 217 aber nahm den Menschen in seiner Totalität. Denken, Fühlen, Wollen, alles wollte er durchtränkt wissen von dem Glauben an göttliche Weltordnung, oder genauer: einem Glauben, der göttliche Weltordnung wirkt. Ein Mensch, dessen Willen über seine andern Funktionen hinaus entwickelt ist, war ihm nicht mehr zur Verkörperung dieser höchsten schöpferischen Tugend fähig. Aus allzu hartem Material ist nichts Vollendetes mehr zu formen. Weichheit und Eindrucksfähigkeit der Seele waren ihm die Voraussetzungen der menschlichen Vollendung. Das von heiligem Glauben erfüllte Gemüt allein glaubte er, wenn es durch Schicksal geläutert würde, der Vollendung und dem höchsten Beruf zuführen zu dürfen. Das Erfülltsein von diesem heiligen Glauben war ihm die einzige Voraussetzung. »Nie liebte ich Gott und die Tugend mehr«, sagt Beate im Augenblick der Liebeserfüllung. Bis zu dieser Ebene leitete Jean Paul die Handlung hin. Aber ursprünglich sollte sie weiterschwingen, nicht nur bis zum Glauben und der Liebe des Guten, sondern zu seiner Verwirklichung in der menschlichen Gemeinschaft: im Staat. Dieser Entwickelung breitete er den Schauplatz der Erde. Nie wieder hat ein Dichter nach Jean Paul die Erde so mit kosmischem Allgefühl überströmt. »Wir und dieses Räupchen stehen unter und in drei allmächtigen Meeren, unter dem Luftmeer, unter dem Wassermeer und unter dem elektrischen Meere; gleichwohl sind die brausenden Wogen dieser Ozeane, diese Meilen-Wellen, die ein Land zerreißen können, so geglättet, so bezähmet, daß der heutige Sabbath-Tag herauskömmt.« Der nach der Stellung des Mondes die Richtung der Winde voraussagte, stand immer unter den Gesetzen der Natur, fühlte das Rauschen der himmlischen Kräfte im Luftmeer und das Ziehen der Gewalten über unsern Häuptern. Das Verlorene des Lebens auf der Kruste der Erde war 218 ihm ständig neues und starkes Erlebnis. Er spürte die ewige Bewegung der Gebirge und das Aufsteigen der Erdschichten aus der Tiefe. Er sah die biologischen Gesetze im Leben der Menschen walten, und jedes Wort und jede Geste war ihm in Mythos getaucht. Aus diesen Elementen: dem Leben und Tod zweier Freunde, der eigenen Gestalt, seinen Erlebnissen in Venzka und Töpen, seinem kosmischen Allgefühl und der Last kosmischer Verantwortung – aus alle diesem schuf er sein erstes größeres Werk.   Dem eigentlichen Roman ist eine Vorrede vorausgesetzt. Nicht ohne Absicht wird sie in die Gegend von Wunsiedel verpflanzt. »Ich wollte den Vorredner anfangs in Sichersreuth oder Alexandersbad bei Wonsiedel verfertigen, wo ich mir das Podagra wieder in die Füße hinunterbaden wollte, das ich mir bloß durch gegenwärtiges Buch zu weit in den Leib hinaufgeschrieben.« Aus den Tagen seiner Kindheit sollte sein erster dichterischer Aufstieg erfolgen. Er verklärte in der »Unsichtbaren Loge« die ihm ans Herz gewachsene Gegend des Fichtelgebirges und griff auf Wunsiedel und seine romantische Umgebung zurück. In tiefem Tal liegt die Stadt, hart unter der Steilwand des Katharinenberges, auf der malerisch eine Schloßruine Stadt und Tal überragt. Über den Berg schleppt sich der Weg nach Alexanderbad, das wieder im Tal liegt. Wie die Glieder einer Fuge ziehen sich die Talschluchten durch das Gebirge, suchen, fliehen sich, wachsen ineinander. Wälder hängen über Felsenschroffen, unendlich dehnt sich vor den Höhen das Land in romantischem Wechsel. Immer weiter schweift der Blick, neue und immer neue Gebirgsketten entsteigen dem Horizont. Grüne Wiesen und Felder sind über die Hügel gebreitet, und im Herbst oder 219 Winter liegt der Nebel in schweren Tüchern um die Kuppen und schleicht wie eine Herde über das Land. Eine merkwürdige Landschaft, die keiner vergißt, der sie einmal besuchte. Romantische, tief eingerissene Bergschluchten tun sich auf, als ob sie ins Erdinnere hineinliefen. Düstere Wälder nehmen zu stundenlangem Wandel auf. Dann wieder kann der Frühling die Täler in ein Blütenmeer verwandeln, und über die Erde ist fast südlicher Himmel ausgespannt. Seit den ersten Kindheitstagen hatte Jean Paul diese Stätten nicht wieder besucht, aber die Landschaft war ihm im Gedächtnis hängengeblieben. Alle seine Romane spielen in ihr, vereinigen ihre düstere Entlegenheit mit dem romantischen Zauber der Gebirge und den freundlichen Idyllen ihrer Dörfer. Diese Gegend benennt er mit Namen in seiner Vorrede zur »Unsichtbaren Loge«. Er fingiert zu schreiben, während er sich in einer Sänfte auf den Fichtelberg tragen läßt. Erst oben auf der höchsten Höhe will er hinaussteigen und den Frühling ringsum mit einem Male über sich kommen lassen. Während der Fahrt schreibt er die eigentliche Vorrede nach Art seiner Satiren, sich mit den Rezensenten und der französischen Schreibart auseinandersetzend. Endlich ist er oben angekommen, aber mit einer Binde vor den Augen tritt er hinaus. »Erhabene Paradiese liegen um mich ungesehen.« »Nun tritt auch die Erdensonne auf die Erdengebirge und von diesen Felsenstufen in ihr heiliges Grab; die unendliche Erde rückt ihre großen Glieder zum Schlafe zurecht und schließet ein Tausend ihrer Augen um das andere zu. Ach, welche Lichter und Schatten, Höhen und Tiefen, Farben und Wolken werden draußen kämpfen und spielen und den Himmel mit der Erde verknüpfen, sobald ich hinaustrete (noch ein Augenblick steht zwischen mir und dem Elysium), so stehen alle Berge vor der zerschmolzenen Goldstufe, der Sonne 220 überflossen da – Goldadern schwimmen auf den schwarzen Nacht-Schlacken, unter denen Städte und Täler überflossen liegen – Gebirge schauen mit ihren Gipfeln gen Himmel, legen ihre festen Meilenarme um die blühende Erde, und Ströme tropfen von ihnen, seitdem sie sich aufgerichtet aus dem uferlosen Meer – Länder schlafen an Ländern, und unbewegliche Wälder an Wäldern, und über der Schlafstätte der ruhenden Riesen spielet ein gaukelnder Nachtschmetterling und ein hüpfendes Licht, und rund um die große Sonne zieht sich wie um unser Leben ein hoher Nebel. – – Ich gehe jetzo hinaus und sink' an die sterbende Sonne und an die entschlafende Erde. – – Ich trat hinaus – –« Weit über der einschlummernden Heimat, von den Gipfeln des Schneebergs tritt Jean Paul in die Welt. Nie ist dieses erste Hinaustreten eines Dichters in einem größeren Symbol erblickt worden. Wer nur die Vorrede des Buches bis hierher las, mußte erkennen, daß ein Gewaltiger sich die Binde von den Augen gerissen hatte und hinausgetreten war. Wie immer in seinen Romanen beginnt Jean Paul mit einer höchst seltsamen Situation, die einen Teil der Geschichte im voraus bestimmt. Herr Oberstforstmeister von Knör will seine schöne und kluge Tochter Ernestine nur einem Freier geben, der sie im Schachspiel besiegt. Seine dem Herrnhutismus zugeneigte Gattin hingegen stellt für die zukünftige Ehe die Bedingung, daß das erste Kind nach Herrnhuter Weise die ersten acht Jahre unter der Erde verbringe. Rittmeister von Falkenberg freit um Ernestine. Er kann sie zwar nicht im Spiel besiegen, aber sie hilft ihm durch List. Eine von ihr abgerichtete Katze wirft das Schachspiel um, und des Rittmeisters gerade anwesender Freund, Dr. Fenk, behauptet, daß der Rittmeister diese letzte Partie unweigerlich gewonnen haben würde. Ehe die Anwesenden recht zur Besinnung 221 kommen, ist die Verlobung geschlossen. Ernestine folgt Falkenberg auf sein Erbgut Auenthal. Gustav, das erste Kind dieser Ehe, soll unter der Erde erzogen werden. Ein Herrnhuter Geistlicher, der Genius genannt, leitet diese seltsame Erziehung. Eine alte Felsenhöhle im Garten nimmt den Genius mit seinem Zögling und einem Pudel auf. Mit den ersten Eindrücken des Knaben beginnt die eigentliche Erzählung. Auf eigenartige Weise bereitet der Herrnhuter seinen Schüler auf die Oberwelt vor. »Wenn du gestorben bist, so sterb' ich auch mit und wir kommen in den Himmel«, womit der Genius die Oberfläche der Erde meint. Mit dem ganzen Reichtum Jean Paulscher Poesie wird dieses Hinaustreten aus dem Dunkeln geschildert. Wie von Himmelsstrahlen scheint die Erde, die dem Knaben überirdisches Gefilde ist, übergossen. Die folgende Kindheit ist ein Abbild von Jean Pauls eigenen Joditzer Jahren. Wie er sich dort in die kleine Schäferin Augustine verliebte, so verliebt sich Gustav in Regine und tauscht, hier über Jean Pauls Erlebnis hinausgehend, mit ihr den ersten Kuß. Von eingreifender Wirkung für ihn ist die Einsegnung und das erste Abendmahl. Wir kennen diese Szenen bereits aus seiner Kindheitsgeschichte. Ein Zwischenfall unterbricht das ruhige Dahingleiten der Tage: Der Knabe ist eines Tages verschwunden und wird erst Tage später von einer vorüberfahrenden Kutsche wieder im elterlichen Hause abgesetzt, ohne daß sich ein Anhaltspunkt für die Entführer ergäbe. Vielleicht könnte der Vater, Rittmeister von Falkenberg, den Zusammenhang vermuten. Falkenberg hat in früheren Jahren ein Liebesverhältnis mit einer jungen Scheerauer Dame unterhalten, deren Frucht, ein Knabe, spurlos verschwand. Seine Geliebte heiratete später einen geizigen und übelbeleumundeten 222 Emporkömmling, den Kommerzienagenten von Röper. Zwischen dem verschwundenen Knaben und Gustav soll eine weitgehende Ähnlichkeit bestehen, die offenbar von dem gleichen Vater herrührt. Als Gustav in das elterliche Schloß zurückgebracht wird, ist ihm ein Bildnis mitgegeben worden, das zunächst wie ein Porträt Gustavs aussieht, nach dem beigefügten Brief aber das Bildnis des verstorbenen oder verschwundenen Sohnes der unbekannten Entführerin sein soll. Falkenberg vermutet, daß die Unbekannte seine einstige Geliebte, die Gattin Röpers, ist und das Bild seinen verschollenen ersten Sohn darstellt. Der Roman löst übrigens diese Fragen nicht mehr, sondern bricht vor der Auflösung ab. Den Winter verbringen Falkenbergs in der nahen Stadt Scheerau. Diesmal treibt den Rittmeister noch ein besonderer Grund in die Residenz. Der Fürst schuldet ihm 13 000 Taler; für soviel Geld nämlich hatte er seiner abgesetzten Geliebten, der Mutter seines natürlichen Sohnes, des Kapitäns Ottomar, das Rittergut Ruhestatt gekauft, das nun Ottomar gehört. Falkenberg hofft von dem Fürsten das Geld zu erhalten. Als aber der Reisewagen, in dem nun zum erstenmal auch Gustav sich der Stadt nähert, anlangt, begegnet ihm bereits der fürstliche Wagen, in dem das Gedärm des verstorbenen Fürsten zur Beisetzung gefahren wird. Mit dem soeben erst den Thron besteigenden jungen Fürsten bedarf es erneuter Verhandlungen, die allerdings nicht zur Zurückzahlung der schuldigen 13 000 Taler, aber doch dazu führen, daß der Fürst Gustav eine Stelle in seinem Kadettenhause verspricht. Der Rittmeister wohnt mit seiner Familie wie jedes Jahr im Hause des Professors Hoppedizel, eines zu allerlei Spaß aufgelegten Mannes, der auch gleich mit einem besonders drastischen Einfall seiner Laune hervortritt. Auf der Reise ist dem Falkenbergschen Wagen ein 223 Abenteuer zugestoßen: Im Walde trafen sie einen Knaben, dem eine Bettlerin beide Augäpfel angeschnitten hat, um mit dem Blinden betteln zu gehen. In Scheerau stellt es sich heraus, daß Amandus, das ist dieser Knabe, ein Sohn Dr. Fenks, des alten Freundes des Rittmeisters, ist. Fenk hatte sich in Begleitung des Kapitäns Ottomar in Italien aufgehalten, war aber vor kurzer Zeit zurückgekehrt. Es gelingt ihm, die Augen seines Sohnes, über dessen Mutter wir übrigens nichts erfahren – Fenk scheint Junggeselle zu sein –, zu retten. Die beiden Knaben werden die innigsten Freunde. Aber schon bald zeigt sich bei den Kinderspielen die furchtbare Reizbarkeit des kränklichen Amandus, zu dem der hypochondrische Adam von Oerthel und vielleicht auch ein wenig Christian Otto mit seiner leichten Verletzbarkeit beigetragen haben. Auf einem Konzert in der Stadt lernt Jean Paul, der Verfasser der »Teufelspapiere«, auch das »Einbein« genannt, da er als literarischer Vertreter des Teufels mit einem Quadratfuß ausgestattet gedacht wird, Gustav kennen und ist nicht weniger von ihm entzückt, als einst der richtige Kandidat Richter von Christian von Oerthel entzückt war. Herr von Falkenberg engagiert das »Einbein« als Erzieher Gustavs auf sein Gut, und dieser übersiedelt freudig im Frühjahr mit der Familie und dem Zögling nach Auenthal. Jean Pauls Schwester Philippine bleibt als Erzieherin der kleinen Tochter im Hause der Residentin von Bouse in Scheerau zurück. Jean Paul verbreitet sich des längeren über seine Erziehungsgrundsätze, die uns noch in anderm Zusammenhange beschäftigen werden. Scheerau wird immer im Auge behalten und einiges daraus mitgeteilt, da die Stadt bald der Schauplatz der Handlung werden wird. Eigenartig ist die Beschreibung der Scheerauer »Gewürzinseln und 224 Molucken«. Es sind dieses Inseln von geringem Umfang in einem künstlich angelegten See, als dessen Vorbild der Brandenburger Weiher bei Baireuth genannt wird. Es gibt hier Sumatra, Zeylon und das schöne Amboina, und als stattliche Kauffahrteiflotten kreuzen Boote zwischen den Inseln, beladen mit den Gewürzen und Erzeugnissen jener ferneren wirklichen Molucken. Als Herr der größten dieser Flotten wird uns nun der Kommerzienagent von Röper, der »unvollkommene Charakter«, geschildert. Es ist im Grunde ein nur mit einigen phantastischen Zügen ausgestattetes Bild des Kammerrats von Oerthel. Jean Paul verlegt die Geburt Röpers nach Italien in den Kirchenstaat und läßt ihn mit Hecheln und Mäusefallen handelnd nach Deutschland kommen. Dort beleiht er gegen Pfand und bereichert sich in kurzer Zeit mit allen möglichen, auch betrügerischen Mitteln. Sein schmutziger Geiz wird besonders hervorgehoben. So kauft er sich am Ende jeder Woche ein Pfund Fleisch, das er die Woche über auskocht, um es endlich am Sonntag zu verspeisen, wenn schon das neue Pfund im Schranke liegt. Den größten Gewinst zieht er als Kommerzienagent des Scheerauer Fürsten, der ihm das Monopol für den Handel mit den Südseeprodukten auf der künstlichen Südsee überläßt. In die Höhe gekommen, macht er »seine Liebeserklärung dem reichsten und geizigsten Vater einer schönen Tochter«, welche die Liebe gegen einen Offizier, eben den Rittmeister von Falkenberg, zum letzten Schritte hingerissen hat. »Die Tochter haßte seine Liebeserklärung. Aber der Charakter bemächtigte sich ihrer sträubenden Hand, zog sie daran zum Altar, schraubte den Ring ihr an und pfählte ihre Hand in seine. Ihr zweites Kind war sein erstes.« Das erste ist bekanntlich jener verschwundene Knabe, der mit Gustav eine so auffallende Ähnlichkeit hat, daß dessen Porträt für das 225 seinige gelten kann. Das zweite Kind von Röpers Frau aber ist die bildschöne Beate, die auf Röpers Gut Maußenbach, einem Nachbargute von Auenthal, heranwächst. Jean Paul gibt Beaten Klavierstunden und hat sich in sie verliebt. In dieser Gestalt wachsen also Beate von Spangenberg, Adam von Oerthels einstige Jugendliebe, und Renate Wirth zusammen. Der hypochondrische Amandus, das Ebenbild Adam von Oerthels, entbrennt in einer heißeren Liebe als der immer ein wenig satirisch vorgetragenen des »Einbeins« zu Beate. Der Roman wiederholt also die Wirklichkeit des Lebens, nur mit dem Unterschiede, daß Beate hier die Tochter des geizigen Emporkömmlings und ihr dem Tode geweihter Liebhaber der Sohn des Dr. Fenk ist. Beate ist die erste jener gefühlvollen Mädchengestalten, in denen Jean Paul sein Höchstes gegeben hat. Eine Vorgängerin der Liane aus dem »Titan«. Auch Beatens Liebe wird den Helden nicht zur menschlichen Vollendung führen können. Sie repräsentiert die Vorstufe des überwallenden, allzu zarten Gefühls über die feindlichen Kräfte des Lebens. Die schönste und rührendste Vorstufe sicherlich, aber eben nur eine Vorstufe des eigentlichen starken Lebens. »Auch an dieser Beate seh ich's wieder, daß der weibliche Leib und Geist zu zart und zu wallend, zu fein und zu feurig für geistige Anstrengung sind und daß beide sich nur durch die immerwährende Zerstreuung der häuslichen Arbeit erhalten . . . Eine Frau, wenn sie Schillers Feuerseele hätte, stürbe, wenn sie damit eines seiner Stücke machte, im fünften Akt selber mit nach.« Dr. Fenk schreibt diese Worte in seinem Brief an das »Einbein«, in dem er ihm von den Vorgängen in Scheerau Mitteilung macht. Zugleich berichtet er von dem ungünstigen Einfluß, den das Hofleben auf Jean Pauls bei der Residentin von Bouse zurückgelassene Schwester 226 Philippine ausübt. Philippine sei kokett geworden, und es sei höchste Zeit, daß sie dem »giftigen Hüttenrauche« des Hoflebens wieder entzogen würde. Inzwischen spiegelt Jean Pauls Aufenthalt in Auenthal sein Leben wider, wie er es einst in Töpen und dem benachbarten Venzka geführt. Mit einer Gesellschaft von Edelleuten reitet er nach Maußenbach herüber, wo man den geizigen Röper bei der jährlichen Erbhuldigung durch seine Bauern überraschen will. Röper verschanzt sich gewöhnlich hinter den dicken Spiegelscheiben seiner Fenster, um jeden Besuch, sobald er ihn durchs Fenster erblickt, abwehren zu können. Diesmal wird er aber beim Huldigungsakt im Hofe angetroffen und muß sich zur Bewirtung seiner ungebetenen Gäste bequemen. Als man ins Schloß tritt, findet man im Innern bereits einen Gast vor, der mit Beate in eifriger Unterhaltung begriffen ist: den Kammerherrn von Oefel, in dem Jean Paul alle üblen Eigenschaften des Hofmannes zusammenfaßt. Dummkopf und Intrigant, Schöngeist und Verführer, Narr und gefährlich. Er ist im Auftrag der Residentin von Bouse gekommen, um Beate zur Residentin einzuladen, bei der bekanntlich bereits Philippine sich aufhält. Die Residentin bewohnt eine halbe Stunde von Scheerau entfernt das sogenannte neue Schloß Marienhof, während Oefel das alte Schloß gemietet hat, das mit dem neuen durch geheime Gänge verbunden ist. Man sieht, daß dem Dichter hier die beiden Schlösser von Baireuth vorschweben, die er bei seiner Abschlußprüfung vor dem Baireuther Konsistorium gesehen hatte, ehe er die Universität Leipzig bezog. Mit der Einladung verbindet Oefel den selbstsüchtigen Plan, Beate, die sein Entzücken geweckt hat, in seine Nähe zu bringen. Frau Röper nimmt die Einladung für ihre Tochter an, Beate siedelt nach Marienhof über. Wir werden sehen, daß Beate im Gegensatz 227 zu Philippine durch die Intrigen und Gefahren des Hoflebens ohne Schaden hindurchgeht. Bei diesem improvisierten Fest in Maußenbach bittet der Rittmeister von Falkenberg den einflußreichen Kammerherrn, die baldige Aufnahme Gustavs in das Scheerauer Kadettenhaus zu befürworten. Oefel verspricht es und hält Wort. Schon vierzehn Tage darauf kommt Professor Hoppedizel den neuen Kadetten aus Auenthal abholen. Jean Paul faßt an dieser Stelle noch einmal Gustavs Gestalt im Bilde zusammen. »Gustav war jetzt in der Mitte des schönsten und wichtigsten Jahrzehnts der menschlichen Flucht ins Grab, im zweiten nämlich. Dieses Jahrzehnt des Lebens besteht aus den längsten und heißesten Tagen; und . . . so kocht sich an der Jünglingglut zwar die Liebe reif, die Freundschaft, der Wahrheit-Eifer, der Dichtergeist, aber auch die Leidenschaften mit ihren Giftzähnen und Giftblasen. In diesem Jahrzehnt schleicht das Mädchen aus ihren durchlachten Jahren weg und verbirgt das trübere Auge unter derselben hängenden Trauerweide, worunter der stille Jüngling seine Brust und ihre Seufzer kühlt, die für etwas Nähers steigen als für Mond und Nachtigall.« – Mit einer Zauberposse, als umgehendes Gespenst, führt sich Professor Hoppedizel in Auenthal ein. Die falsche Gespenstererscheinung hat auf Gustav die Wirkung, daß er in der nächsten Nacht den Geisterruf des Genius aus dem Garten zu hören vermeint. »Ein Eisberg fiel auf seine starrende Haut in der ersten Sekunde; aber in der zweiten glühte er wieder ab, gab seine Arme dem Tode und dem Freunde und schlug das Auge an einer Luftstelle unter dem Mondblenden ein, um etwas zu sehen. – Die zwei Welten waren nun für ihn in eine zusammengefallen; gefaßt erwartete er den Freund aus der Welt hinter den Sonnen und wollte an eine Ätherbrust stürzen mit einer 228 von Erde.« Es war dasselbe Zusammenfallen der Welten, das Jean Paul selbst vor kurzem durchlebt hatte und das ihn in tagelangen Schauern gefangenhielt. In den nächsten Tagen fährt Gustav mit Hoppedizel zur Stadt. Jean Paul bleibt in Auenthal auf Einladung Falkenbergs. »Ich sollte in seinem Schlosse so lange advozieren und satirisieren als ich wollte.« Aber im Frühjahr zieht er mit seiner aus Scheerau zurückgekehrten Schwester, an deren Stelle bei der Residentin von Bouse endgültig Beate getreten ist, in das Häuschen des Auenthaler Schulmeisters Wuz. Das Leben Wuz', das als besondere Idylle dem Roman beigeheftet wurde, spielt von nun an mit seiner heiteren Behaglichkeit auch in die Begebenheiten des Romans hinein. Während sich hier in Auenthal die Idylle entwickelt, macht Gustav im Kadettenhause schwere Zeiten durch. Er ist nicht für den Soldatenstand geschaffen. Sein Herz sehnt sich nach fruchtbarerer Betätigung als der zerstörenden des Krieges. Das Lärmende der militärischen Erziehung ist ihm verhaßt. »Zum Essen, zum Schlafen, zum Wachen wurden sie, wie das Parterre eines Dorfkomödianten zusammengetrommelt. Im Marschschritt und hinter dem Kommandowort erstieg diese Miliz den Speisesaal als ihren Wall und nahm von der Festung nichts weg als die Mundporzion für einen halben Tag. Der Kommandozuck riß sie von ihren Stühlen auf und lenkte sie zur Zitadelle wieder hinaus. Man konnte Nachts die Schritte eines einzigen Kadetten zählen und man wußte die aller übrigen, weil der kommandierende Luftstoß diese Räder auf einmal trieb.« Am peinlichsten war dem fühlenden Jüngling aber das Beten auf Kommando. »Der österreichische Soldat hatte bis Anno 1756 zwei und siebzig Handgriffe zu lernen, nicht um damit den Feind zu schlagen sondern den Satan«, berichtet Jean Paul beiläufig. 229 In den wenigen ihm überlassenen einsamen Stunden flieht Gustav in den Park des »Stillen Landes« – so heißt der englische Garten um Marienhof –, um hier zu sinnen und an seine Freunde zu schreiben. Sehnsüchtig lauscht er dem Posthorn nach, das ihn erinnert, daß es »aus den eckigen, spitzigen, verwitternden, unorganisch zusammengeleimten Schutthaufen der getöteten Natur, die eine Stadt heißen«, noch hinausgehe »in das pulsierende, drängende, knospende Gewühl der nicht ermordeten Natur«. Mit Entsetzen malt er sich einen jener sinnlosen Kriege der damaligen Politik aus. »Ach! seitdem es keinen Tod mehr für, sondern nur wider das Vaterland gibt; seitdem ich, wenn ich mein Leben preisgebe, keines errette, sondern nur eines binde; seitdem muß ich wünschen, daß man mir, wenn mich der Krieg einmal ins Töten hineintrommelt, vorher die Augen mit Pulver blind brenne, damit ich in die Brust nicht steche, die ich sehe, und die schöne Gestalt nicht bedaure, die ich zerschnitze, und nur sterbe aber nicht töte.« – »Die Offiziere sehen, daß Gustav keiner werden will.« Aber der Wunsch des Vaters, »der bloß den stürmenden Krieger liebt«, ist gegen ihn. Inzwischen wird Jean Paul Gerichtshalter des Kommerzienagenten Röper in Maußenbach. Röper hat sich mit seinem alten Gerichtshalter verzankt und das »Einbein« angeworben. Der Verfasser der »Teufelspapiere« sitzt gerade mit der Familie seines neuen Brotherrn am Tisch – auch Beate ist aus der Residenz auf einen Tag herübergekommen –, als Gustav in dienstlicher Eigenschaft erscheint. Er reitet einem von zwei Husaren eskortierten Wagen mit Getreide voraus, der an der Grenze abgefangen wurde, als er gerade das Getreide zollfrei herüberschmuggeln wollte. Nach Aussage der Ertappten handelt es sich um einen Wagen 230 des Röperschen Gutes. Röper läßt den jungen Kadetten grob an, besonders als sich herausstellt, daß der Wagen nur einem Pächter gehört und der Röpersche Wagen also unbemerkt über die Grenze gekommen ist. Mit reißenden Gefühlen stürzt Gustav aus dem Zimmer. Es war dies das erste Zusammentreffen zwischen ihm und Beate. Die Feindschaft zwischen dem Röperschen und dem Falkenbergschen Hause ist durch diesen Vorfall eröffnet. Aber noch von einer andern Seite trägt dieser Vorfall dem jungen Kadetten Leid ein. Sein Herzensfreund Amandus, der Beate liebt, wird von Eifersucht ergriffen. Mit der Hellsichtigkeit des Nervenkranken spürt er die innere Verbindung, die von Gustav zu Beate bei ihrer ersten Begegnung sich schlang. Amandus vermutet, daß Gustav schon lange mit Beate in heimlicher Verbindung sei und ihn täusche. Unterstützt wird dieser Verdacht durch eine seltsame Beobachtung. Gustav verreist regelmäßig von Zeit zu Zeit auf fünf Tage. Niemand kennt seinen Aufenthalt während dieser unerklärlichen Abwesenheit. Das »Einbein« selbst bekennt, darüber im Dunkeln zu tappen. Wie sich später herausstellt, hängt diese heimliche Reise mit der Entführung Gustavs in seiner Kinderzeit zusammen. Er ist in geheime Beziehungen verstrickt worden, die ihn unter anderm auch mit Ottomar in Verbindung gebracht haben. Zum erstenmal taucht hier das Motiv einer unsichtbaren Gesellschaft auf, nach der der Roman benannt ist. Amandus dringt in den Freund, ihm das Geheimnis zu verraten, der aber ist durch Eid gebunden, und seine Zunge muß auch dem Freund gegenüber stumm bleiben. Der erste ernste Konflikt zerreißt die Freundschaft der Jünglinge. Amandus glaubt, daß Gustavs Reise mit Beate in Zusammenhang stehe. Mit widerstreitenden Gefühlen gehen die Freunde in den Park um Marienhof. 231 Gustav weist dem Eifersüchtigen jenes geheimnisvolle Porträt auf, das er von der Entführung in seiner Kindheit zurückbrachte und das wahrscheinlich ein Bild seines Halbbruders, des Sohnes von Falkenberg und der Frau von Röper, ist. Auch im Röperschen Hause ist ein solches Bild vorhanden, und Beate hat es oft in stillen Stunden betrachtet, in Trauer um ihren unbekannten, seit langem verschollenen Bruder, über den sie naturgemäß wenig oder nichts weiß. Bei ihrem letzten Aufenthalt in Maußenbach fand sie das Bild nicht wieder vor, weil ihr Vater es zufällig entdeckt und versteigert hatte, da er es für ein Porträt des ihm verhaßten Gustav hielt. Während die Freunde das Porträt betrachten und, sich auf einer Wiese lagernd, es neben sich liegen haben, will es der Zufall, daß Beate durch den Park des »Stillen Landes« geht. Sie stutzt beim Anblick der beiden unvermuteten Gäste. Eine rasche Bewegung zeigt ihr das Porträt, das sie unwillkürlich für das verlorene hält. Sie nimmt es an sich, dankt für die Übermittlung des ihr abhanden gekommenen Gegenstandes und geht weiter, ehe die Freunde recht zur Besinnung kommen. Dieser Vorfall hat Amandus' Verdacht gegen Gustav verstärkt. Er glaubt nun bestimmt zu wissen, daß die beiden im Einverständnis miteinander sind, und löst sich von Gustav unter Verwünschungen und Beleidigungen. Der Kammerherr von Oefel, der bis dahin als Offizier im Kadettenhaus Dienst getan hatte, kehrt nach einiger Zeit in den Hofdienst zurück, weil er dort in kurzem als Gesandter an einen benachbarten Hof geschickt werden soll, um dort für den Fürsten eine Prinzessin zu freien. Dieser Auftrag ist um so schwieriger, als auch ein anderer Hof sein Auge auf die gleiche Prinzessin geworfen hat und sie durchaus dem Scheerauischen Hof abspenstig machen will. (Hier spielt 232 der Erbfolgestreit um Baireuth hinein.) Als seinen Legationssekretär hatte nun Oefel niemand anderen als Gustav ausersehen. Oefel selbst nämlich arbeitete an einem Roman, der die Begebenheiten am Scheerauer Hof behandelt, und glaubt Gustav als Helden dieses Romans gebrauchen zu können. Er nimmt ihn also in diplomatischem Dienst in das alte Schloß mit, teils um selbst Beaten näher zu sein, teils um durch Gustav seine Geliebte, die Residentin von Bouse, von der er annimmt, daß sie sich in den hübschen Jungen verlieben würde, von seiner Person abzulenken. Gustav kommt um so lieber mit ihm in den diplomatischen Dienst, als er damit dem verhaßten Militärdienst entgehen kann. Erst vor kurzem hat er der Ehrloserklärung eines Offiziers beiwohnen müssen, die ihn aufs höchste erschütterte. »Zwei Tage war er krank, und seine Phantasieen schleiften ihn in die Räuber-Katakomben des Inhaftierten hinein.« Gustav ist sich darüber klar, daß er durch seine Übersiedlung in das alte Schloß, in dessen nächster Nachbarschaft Beate wohnt, dem Verdacht des Freundes Nahrung geben wird. Aber in einer seltsamen Umkehrung seines Gefühls bestimmt ihn das erst recht, der Aufforderung Oefels zu folgen. Noch einmal macht er den Versuch, sich dem Freunde zu nähern. Er beschwört seine Schuldlosigkeit und bittet Amandus, ihm zur Versöhnung die Hand zu reichen. Der aber ergreift eine medizinische Färberfaust, die auf dem Tisch seines Vaters, des Dr. Fenk, liegt, und reicht sie voller Hohn dem ehemaligen Freunde hin. »Der Haß überlief wie ein Schauer das liebreichste Herz, das sich noch in einer menschlichen Brust verblutete – Gustav zerstampfte auf der Erde seine Liebe und seinen Haß und ging verstummt mit erstickten Gefühlen aus dem Hause.« Immer fester aber legt sich um Gustav und Beate das noch unsichtbare Band 233 ihrer Zusammengehörigkeit. Der Eifersuchtsausbruch des Freundes lenkt seine Gedanken immer heftiger auf Beate. Gustavs Zimmer in dem alten Schloß geht auf den Park hinaus. Er kann durch sein Fenster beobachten, wenn Beate die Parkwege entlanggeht und zurückkommt. Zu stolz und zu verbissen in eine kaum beginnende Liebe, verschmäht er, ihr nachzugehen, aber er sucht wenigstens ihre Lieblingswege auf und freut sich über die Spuren ihrer Füße auf den Gängen oder im Rasen. Daß auch ihre Gedanken um seine Person kreisen, nimmt er um so weniger an, als er glaubt, daß sein dienstliches Auftreten in Maußenbach ihn auch ihr verfeindet habe. Diese Annahme wird noch verstärkt, als ihm über den Dr. Fenk eines Tages das von Beate mitgenommene Porträt zurückgeschickt wird mit einigen kurzen Zeilen von Frau von Röper: man hätte das Bild zunächst für ein in Maußenbach abhanden gekommenes gehalten, später aber entdeckt, daß auf dem Rücken des Bildes der Name Falkenberg stünde. Auch der Fürst, der wie eine Reihe anderer Männer eine Liäson mit der Residentin hat, verliebt sich in Beate und beginnt ihr den Hof zu machen in einer nicht mißzuverstehenden Art. Zunächst bittet er, sie am nächsten Vormittag frisieren zu dürfen, was er bei der Bouse fast täglich tut, da er sich in der Langweile des Hoflebens auf diese Zerstreuung gelegt hat. Beate ist entsetzt. Sie empfängt den Fürsten schüchtern und verängstigt und entläuft ihm schließlich. Gustav beschäftigt sich im Park stark mit Zeichnen. Gerade hat er eine Venusgruppe mit seinem Stift abgerissen, als die Residentin hinzukommt und seine Kunst bewundert. Ihre prächtige Erscheinung, durch alle Mittel einer hohen Kultur gesteigert, bleibt nicht ohne Eindruck auf ihn. Er verspricht ihr, den ganzen Park für sie abzuzeichnen. Sie lädt ihn in 234 ihre Gemächer ein, und dort trifft er zum drittenmal mit Beate zusammen. Es steigert die beiderseitige Verwirrung, daß die Bouse die beiden jungen Menschen für Geschwister hält. Sie hat nämlich das von Röper versteigerte Porträt an sich gebracht, das sie für Gustavs hält oder doch zu halten vorgibt. Der Vormittag endet damit, daß die Residentin dem jungen Künstler selbst zu einem Bilde zu sitzen verspricht. Er malt sie an einem Vormittag, da Beate nicht bei ihr ist, aber schon am selben Abend soll er der immer bewußter Geliebten auf einem Souper bei der Bouse begegnen. Vor dem Essen stehen sie in einer Fensternische beieinander. Zwei Gärtnerkinder, mit denen sie beide oft gespielt, ahmen vor dem Fenster in kindlichem Spiel den jungen Herrn und das gnädige Fräulein nach und küssen sich in kindlicher Zuneigung. Zum erstenmal sinken ihre Seelen – sie fühlen es beide – einander entgegen. »In einem Augenblick unaussprechlicher Zärtlichkeit sahen ihre Seelen, daß sie einander – suchten.« Das beginnende Souper reißt sie auseinander. Oefel führt Beate zu Tisch und bezieht ihre holde Verwirrung auf sich. Gustav bricht frühzeitig aus der Gesellschaft auf. Unterwegs begegnet ihm ein Bote mit einem Brief von Amandus an ihn. Der Freund ist auf den Tod erkrankt und bittet ihn, zu seinem Sterbelager zu kommen. Ganz plötzlich wird Gustav aus seinen Träumen durch diese Botschaft emporgerissen. Er eilt zu Amandus, an dessen Bett der untröstliche Vater bereits weilt. Der Augenblick des Wiedersehens reißt alle Hemmnisse ihrer Freundschaft zwischen ihnen nieder. Freund und Freund sinken einander in die Arme. Aber der Sterbende hat noch einen besonderen Wunsch: Noch einmal will er Beate sehen. Fenk eilt, sie zu holen. Sie kommt mit ihrer Mutter. Amandus bittet, ihn mit Beate und dem 235 Freund allein zu lassen. Der Sterbende legt beider Hände ineinander, beteuernd, daß sie als die einzigen Menschen einander wert wären, und beschwört sie, sich zu lieben. »Hier zog der fallende Körper die fliehende Seele zurück; ein Tropfe in seinem Auge verkündigte die schwere Erinnerung an seine zertrümmerten Tage; drei Herzen bewegten sich heftig; drei Zungen erstarrten; diese Minute war zu erhaben für den Gedanken der Liebe, bloß die Gefühle der Freundschaft und der andern Welt waren groß genug für die große Minute.« Wie ein schreckender Blitz ist die Bitte des Sterbenden in die Herzen der beiden gefahren und deckt alle aufkeimende Liebe im Augenblick zu. Beate verläßt das Zimmer. Eine Mondfinsternis verdunkelt draußen den Himmel. Ein vorüberfahrender Leichenzug wirft grelle Fackellichter an die Wände des Zimmers. In Gustavs Armen stirbt der Freund, wie Jean Paul es einst bei Adam von Oerthels Sterben erlebt hatte. Mit allem Grausen und Entsetzen und dem Gefühl grenzenloser Erhabenheit läßt er den Toten sanft auf sein Lager zurückgleiten. Amandus wird begraben. Der Eremitenberg im »Stillen Land« soll seinen Sarg aufnehmen. Eine entzweifallende Rose, eine durchlöcherte Puppe, ein sich ausspannender Schmetterling sind auf den Sarg gemalt. Der kinderlose Vater stützt sich mit Kopf und Hand auf die Pyramide. Nach dem Begräbnis schreibt Gustav an den niedergebrochenen Dr. Fenk, bietet ihm seine Freundschaft für den Verlorenen an und – bittet ihn um einige Alltagskleider des Verstorbenen. »Er fühlte wie ich, daß Alltagkleider die besten Schattenrisse, Gipsabgüsse und Pasten eines Menschen sind, den man lieb gehabt und der aus ihnen und dem Körper heraus ist.« – »Morgen will ich kommen, um meinen Freund zu einer 236 Reise auf die nächsten Tage mitzunehmen, damit wir den vergangenen aus dem Wege gehen«, schreibt Fenk nach einigen Tagen an Gustav. Der begleitet den älteren Freund auf eine Dienstreise. Gestärkt kehren sie nach einiger Zeit zurück, und ihr Weg führt sie an Ruhestatt, dem Rittersitz Ottomars, vorüber. Der Tempel ist erleuchtet. Im Innern der Kirche finden sie eine Trauerversammlung. Auf der Bahre liegt ausgestreckt ein Toter, den sie nicht erkennen. Nach der Trauerfeier nahen sie sich der Leiche. Es ist Ottomar, dessen Rückkehr aus Italien und Tod ihnen gleich überraschend kommt. Von diesem neuen Schlage ist Fenk ins innerste Herz getroffen. Still kehrt er um und setzt seine Reise allein fort. Gustav wagt ihn nicht zu begleiten. Erst jetzt begann in Gustav die seltsame Szene am Totenbett des Freundes nachzuwirken. Das Gedenken an Amandus mischte sich mit dem Bilde der Geliebten. In feierlicher Stimmung sucht er die Totenpyramide auf dem Eremitenberg auf. Von der seelischen Erschöpfung der letzten Tage sinkt er wie tot an ihrem Fuß nieder. Hier ist es, wo Beate den Schlummernden findet. Eine jener ganz großen Szenen Jean Paulscher Kunst beginnt, weit über die Alltäglichkeit hinauswachsend, von einer Tiefe der Empfindung getragen, die jedes Wort wie aus einer höheren Welt genommen erscheinen läßt. Der Schlafende träumt, und da er erwacht und Beate neben sich sieht, glaubt er gestorben zu sein, und hemmungslos, im freien Gefühl der Reinheit und Erhabenheit seiner Liebe, spricht er Worte der Hingabe aus. Unter der andringenden Gewalt seines Geständnisses sinkt sie für einen Augenblick in Ohnmacht nieder. Höchstes Vergehen in gegenseitiger Umarmung winkt. »Beate, wir sterben jetzt, und wenn wir tot sind, sag ich dir meine Liebe und umarme dich.« Zu hoch für diese Welt scheint das Gefühl, das einem 237 höheren Himmel aufgespart werden muß. »Die erhabene Minute verging, die seligste fing an; Beate erhob ihr Haupt und zeigte Gustav und dem Himmel auf dem zurückgebogenen Antlitz das irre überweinte Auge, die erschöpfte Seele, die verklärten Züge und alles, was die Liebe und die Tugend und die Schönheit in Einen Himmel dieser Erde drängen können. – – Da kam der überirdische durch tausend Himmel auf die Erde fallende Augenblick hier unten an, der Augenblick, wo das menschliche Herz sich zur höchsten Liebe erhebt und für zwei Seelen und für zwei Welten schlägt, der Augenblick vereinigte auf ewig die Lippen, auf denen alle Erdenworte erloschen.« Seit sie von dem Hügel in ihre Wohnungen zurückkehrten, fing das Räderwerk des Hoflebens Gustav von neuem ein. Beate aber fuhr am nächsten Morgen nach Maußenbach, hauptsächlich um ihrer Mutter um den Hals zu fallen und ihr alles zu gestehen. Frau von Röper sucht die Tochter von dem Törichten dieser Leidenschaft zu überzeugen. Nie würde ihr Vater, der längst anders über sie bestimmt, diese Verbindung mit der ihm verhaßten Familie zulassen. Beate aber kehrt fest entschlossen nach Scheerau zurück, allen Hindernissen zum Trotz ihre Liebe durchzusetzen. Auch sie fängt der Lärm des Hoflebens ein. Ein Theaterstück soll aufgeführt werden, das Herr von Oefel zu festlichem Anlaß gedichtet. Gerade ihr ist, wie auch Gustav, eine der Hauptrollen zugedacht worden. Unter den Vorbereitungen des Festes kommen die Liebenden nicht zueinander. Kaum daß sie sich bei der Residentin einmal sehen. Unter deren scharfem Blick suchen sie ihre Liebe zu verbergen, aber die Bouse errät alles, und um so größer ist ihr Wunsch, Gustav in ihre Arme zu locken. Mit einer hohen Meisterschaft bereitet Jean Paul auf Gustavs Fall vor. Mit ewiger Glut brennt seine Liebe zu 238 Beate, und doch verfängt er sich wie ein Kind im Netz der raffinierten Verführerin, ohne deren Ziel zu ahnen. Bei der Aufführung steckt er Beaten, als er ihr in seiner Rolle ein Schreiben zu überreichen hat, einen wirklichen Brief zu. Sie erkennt seine List sofort, aber die Überraschung läßt sie doch in eine rasch vorübergehende Ohnmacht sinken. Nach dem Spiel muß sie sich zurückziehen. Gustav, das Herz ganz von ihr erfüllt, gibt sich der Lust des Abends hin. Immer verliebter wird er, »ohne zu wissen in wen«. Die Residentin ist »keine von den Koketten, die die Sinne früher zu bewegen suchen als das Herz«. Dieser Kunst, die mit den tiefsten Empfindungen spielt, fällt er zum Opfer. Infolge eines Unfalls mit dem Wagen muß er die Bouse nach Hause begleiten. Er geht mit ihr hinauf. Sie will ihm einige Bilder in ihrem Boudoir zeigen. Sie täuscht Verlassenheit und Tiefe des Gefühls vor, und er erliegt ihr, halb im Gedenken an Beate. Beate hat inzwischen eine andere Versuchung glücklicher und stärker abgewiesen. Der Fürst ist in ihr Zimmer gedrungen, aber sie hat ihn abzuwehren vermocht. Während ihr Freund in den Armen der Bouse liegt, gibt sie sich der süßen Lektüre seines Briefes hin, den er ihr zugesteckt hat. Jean Paul hat inzwischen sein idyllisches Leben im Hause des Schulmeisters Wuz fortgesetzt. Unausgesetzt arbeitet er an dem Roman, den er schreibt und dem er als Zuschauer beiwohnt. Es ist wohl Wirklichkeit, wenn er darstellt, wie ihn die Arbeit an dem Werk aussaugt. Es sind Flaubertsche Verzweiflungsrufe, die er ausstößt. »Wer dankt mir's, daß ich Szenen aufstelle, die den Prospektmaler beinahe umbringen, und biographische Seiten schreibe, die auf mich nicht viel besser wirken wie vergiftete Briefe? Wer weiß es . . ., daß ich in diesem biographischen Lustschloß, das mein 239 Mausoleum werden wird, oft Zimmer und Wände übermale, die mir Puls und Athem dergestalt benehmen, daß man mich einmal tot neben meiner Malerei liegen finden wird?« Aber gleich ins Groteske fallend, fährt er fort: »Muß ich nicht, wenn ich in die Schlagweite des Todes gerate, aufspringen, durch die Stube zirkulieren und mitten in den zärtlichsten oder erhabensten Stellen abschnappen und die Stiefel an meinen Beinen wixen, oder Hut und Hosen auskehren, damit es mir nur den Atem nicht versetzt, und doch wieder mich daran machen und so auf eine verdammte Art zwischen Empfindsamkeit und Stiefelwixen wechseln? – Ihr verdammten Kunstrichter allzumal!« Aber die Nöte nehmen doch zu. Er fühlt sich krank, und auch dies wird der Wirklichkeit entsprechen, daß eine lähmende Hypochondrie ihn überfällt. Wir wissen bereits, daß ihn Hermann zu seinen Lebzeiten oft aus dieser Niedergeschlagenheit durch irgendeinen drastischen Ratschlag herausreißen mußte. Es ist Fenk, der ja die eine Seite des Hermannschen Wesens verkörpert, welcher ihm klarmacht, daß sein Leiden in erster Reihe in Hypochondrie besteht, und ihm vor allem das viele Kaffeetrinken verbietet. Wie neugeboren macht er sich von neuem an die Arbeit. Etwas muß nachgetragen werden, was sich noch vor Gustavs Fall zutrug. Eine überaus merkwürdige Erscheinung ängstigte die Bewohner der Schlösser und der Stadt Scheerau. Man hatte in der verlassenen Kirche in Ruhestatt die Orgel spielen hören und den toten Ottomar im Leichengewand gesehen, wie er die Orgeltasten bewegte. Fenk war der erste, der Aufklärung erhielt, und zwar durch einen Brief Ottomars selbst. »Nie hab' ich einen Sektor oder Sonntag so traurig angefangen als heute«, schreibt Jean Paul. Er gibt Ottomars Brief wieder, und es ist eines von jenen 240 verzweifelten Schreiben, wie er sie von Hermann öfters erhalten hat. Ottomar ist nur scheintot gewesen und hat sich unter genauen Anweisungen in der Familiengruft beisetzen lassen, da er weiß, daß ihm die Ruhe des Grabes am besten bekommt. Aber es ist doch ein freventliches Spiel mit dem Tode, das er getrieben hat. »Ich bin seitdem lebendig begraben worden«, schreibt er an Fenk. »Ich habe mit dem Tode geredet und er hat mich versichert, es gebe weiter nichts als ihn. – Als ich aus meinem Sarg heraus war, so hat er die ganze Erde dafür hineingelegt und mein bißchen Freude oben darauf . . . Seitdem stehen vor mir alle Stunden wie leere Gräber hin, die mich oder meine Freunde auffangen!« Er mußte erfahren, daß niemand sich ungestraft auf die Bahre legt. Tiefstes Entsetzen über das irdische Dasein erfüllt ihn. »Wenn ich nun wäre tot geblieben: so wär' also das, was ich jetzo bin, der Zweck gewesen, weswegen ich für diese lichtervolle Erde und sie für mich gebauet war? . . . und wenn ich mir noch dreißig Jahre weiß mache, daß ich lebe, dann legen sie mich doch wieder hierher – die heutige Nacht kommt wieder – ich bleibe aber in meinem Sarg: und dann?« Eine düstere Totenstimmung hat ihn befallen. Wir sind ihr schon einmal bei Jean Paul begegnet, in jenem kleinen Aufsatz »Meine lebendige Begrabung« aus der »Bairischen Kreuzerkomödie«, in dem er zum erstenmal mit dem Gedanken der Todesspielerei sich beschäftigt. Im »Siebenkäs« sollte dieses Motiv im großen Maßstab dann durchgeführt werden, aber überhaupt stehen Jean Pauls Dichtungen immer irgendwie unter dem Eindruck einer Todesberührung, und ihre gewaltige Kraft steht mit einer inneren Überwindung des Todesschreckens im Zusammenhang. Gustav, der auf seinen fünftägigen, periodisch wiederkehrenden Reisen offenbar mit Ottomar bekannt geworden ist, 241 sucht den Auferstandenen in seinem Schloß Ruhestatt auf. Mit Symbolen der Vergänglichkeit hat sich der Rastlose umgeben. Darunter gehört, daß er sich nur von Kindern, diesen Verkörperungen einer vorüberfliegenden Jugend, bedienen läßt. In einem Saal stehen aus Wachs nachgebildet die Gestalten seiner Lieben. Wer gestorben ist, bekommt einen schwarzen Strauß in die Hand. »Auch die Wachsfiguren reden ewig nimmer«, sagt Ottomar. »Sie sind nicht einmal bei uns – wir selber sind nicht beisammen – Fleisch- und Bein-Gitter stehen zwischen den Menschenseelen, und doch kann der Mensch wähnen, es gäbe auf der Erde eine Umarmung, da nur Gitter zusammenstoßen und hinter ihnen die eine Seele die andere nur denkt?« Diese verzweifelnde trostlose Stimmung liegt über dem Schloß. Auch Fenks Anwesenheit, des immer lustigen, kann den traurigen Geist des Ortes nicht verscheuchen. Gustavs Fall, den Gustav selbst dem »Einbein« mitteilt, hat alle Verbindungen zwischen den Liebenden zerrissen. Ein trostloser Winter liegt über der Stadt. Gustav verbrachte ihn in Hoppedizels Haus mit seinen Eltern. »Er mattete seinen Kopf ab, um sein Herz abzumatten und ein anderes zu vergessen . . . . und zehrte durch Einsperren, Denken, Sehnen seine Lebensblüten ab, die kaum der Frühling wieder nachtreiben oder übermalen kann.« Auch Beate hat bei ihren Eltern in Maußenbach einen Winter voller Trostlosigkeit und Traurigkeit hinter sich. Im Frühling geht sie auf Betreiben Dr. Fenks nach Lilienbad, um dort zu baden. Dort lebt sie allein mit einem Kammermädchen, und sucht die Rosen auf ihren hingemordeten Wangen vergeblich wieder zum Blühen zu bringen. Es ist der Dr. Fenk, der die ganze Gesellschaft in Lilienbad zusammenbringt. Er selbst mit dem »Einbein« 242 will dorthin gehen, und ihnen soll Gustav sich anschließen. In kaum eingestandener Hoffnung, Beate dort wiederzusehen, willigt Gustav ein. Nach der verzweifelten Stimmung des Winters blüht ein unsagbar herrlicher Frühling auf, als die drei Freunde in Lilienbad einrücken. Wir ahnen voraus: dort werden die Liebenden sich wiederfinden, und alles wird in ein Meer der Wonne münden. An der Schilderung dieses Frühlings in Lilienbad und dieses Wiedersehens zwischen Gustav und Beate erweist sich die ganze hohe Kunst Jean Pauls. Kein geschickt geschürzter »Knoten« ist aufzulösen. Beate wird ihm, der sie aufs Herzblut verwundet hat, verzeihen. Wie könnte sie anders! Wiedersehen und Versöhnung werden zusammenfallen. Aber wie wird dieses Wiedersehen vorgetragen! Durch welche Himmel wird das Motiv sich verzehrender und verzeihender Liebe getrieben! »Der heutige Morgen hatte die ganze Auenthaler Gegend unter ein Nebelmeer gesetzt. Der Wolkenhimmel ruhte auf unsern tiefen Blumen aus. Wir brachen auf und gingen in diesen fließenden Himmel hinein, in welchen uns sonst nur die Alpen heben. An dieser Dunstkugel oben zeichnete sich die Sonne wie eine erblassende Nebensonne hinein; endlich verlief sich der weiße Ozean in lange Ströme – auf den Wäldern lagen hangende Berge, jede Tiefe deckten glimmende Wolken zu, über uns lief der blaue Himmelzirkel immer weiter auseinander, bis endlich die Erde dem Himmel seinen zitternden Schleier abnahm und ihm frei ins große ewige Angesicht schaute.« Ohne jedes handwerkliche Spannungsmotiv geht die Schilderung weiter. Die Sonne war hinabgerückt, als die Freunde in Lilienbad ankommen. Still liegen die kleinen Hütten nebeneinander. Auch an Beatens Hütte gehen sie vorüber, »an deren Fenster ein Blumentopf mit einem einzigen Vergißmeinnicht noch vom 243 Begießen tröpfelte.« Wir spüren die Nähe des geliebten Wesens und daß jetzt alles sich zum besten wenden muß. Beate und Gustav begegnen sich am Brunnen, vermeiden aber alles, was über höfliche Anrede hinausgeht. Am nächsten Sonntag wird ein gemeinsamer Spaziergang nach Ruhestatt beschlossen, weil dort in der Gutskirche, in der vor kurzem Ottomar aufgebahrt lag, ein berühmter Kanzelredner predigen soll. Fenk, das »Einbein«, Philippine und Beate und Gustav machen sich auf den Weg. »Als jetzt die Mühle der Schöpfung mit allen Rädern und Strömen rauschte und stürmte, wollten wir in süßer Betäubung kaum gehen, es war uns überall wohl.« Die schattige Kirche nimmt die Wanderer auf. Der Prediger »trug die Vergebung der menschlichen Fehler vor – wie hart die Menschen auf der einen Seite, und wie zerbrechlich sie auf der andern wären: wie sehr jeder Fehler sich ohnehin am Menschen blutig räche und gleich einem Nervenwurme den durchfresse, den er bewohne, und wie wenig also ein anderer das Richteramt der Unversöhnlichkeit zu verwalten habe«. Hier schlägt das Thema der Jean Paulschen Ethik wiederum durch: beim Anblick von Leiden nichts zu tun als zu vermeiden »jede Immoralität in mir«. Ein freundlicher Wirtsgarten, in dem Fenk bereits ein Mittagessen bereitgestellt hat, beherbergt die Freunde. Ein Nachmittagsspaziergang wird durch ein Gewitter unterbrochen. Ein Zufall, oder kein Zufall, treibt Beate und Gustav unter dem gleichen Baum zusammen, der Schutz gegen den Regen bieten soll. Blick und Träne zeigt seinem wortlosen Flehen, daß sie ihm vergeben hat. »Sie standen und schwiegen in unendliche Dankbarkeit und Entzückung verloren – er nahm endlich, zitternd vor hochachtender Freude, ihren Arm und erreichte uns.« Die unendliche Seligkeit des nächsten Tages breitet sich 244 vor uns aus. Doktor Fenk hat die Freunde in sein Landhaus auf der »Insel Teidor« in jener künstlichen Südsee eingeladen. Niemals wieder wurde nach Jean Paul ein solcher Tag beschrieben. »Die Erdkugel schien eine helle aus Dünsten und Lüften herausgehobene Mondkugel zu sein – die Berg- und Waldspitzen standen nackt im tiefsten Blau, sozusagen ungepudert von Nebeln – alle Aussichten waren uns nähergerückt und der Dunst war vom Glase, wodurch wir sahen, abgewischt.« Ein wolkenloser Tag, einer wie er nur über der Erde scheint, bevor das Wetter umschlägt. Jean Paul fingiert zu schreiben, während sich die Ereignisse dieses Tages, die eigentlich keine sind, vor ihm abspielen, und den Rest in später Nacht, noch umfangen von dem Traum dieses Tages, nachzutragen. Gegen Abend kommt auch Ottomar. »Er sieht immer aus wie ein Mann, der an etwas weites denkt, der jetzt nur ausruhet, der die hereinhängende Blume der Freude abbricht, weil ihn seine fliehende Gondel vor ihr vorüberreißet, nicht weil er daran denkt. Er hat noch seine erhaben leise Sprache und sein Auge, das den Tod gesehen. Immer noch ist er ein Zahuri, der durch alles Blumengeniste und alle Graspartien der Erde durchschauet und zu den unbeweglichen Toten hinabsieht, die unter ihr liegen.« Aber heute geht auch er, wenn auch nur stumm, in die Seligkeit des Tages ein. Wie im Traum läßt Jean Paul die Erinnerungen und Gestalten des Abends und der Nacht in uns aufsteigen und dahingleiten. Nichts geschieht, und doch trägt es uns wie auf Seraphsschwingen fort. Leben ist aufgelöst in Ewigkeit, und unter der Freude schwinden alle Umrisse der Dinge dahin. Alpenechos und Waldhörner rufen von fern. »Im Osten stiegen Sterne, im Westen sanken Sterne, mitten im Himmel zersprangen kleine von der Erde abgesandte Sternchen – aber die Ewigkeit stand stumm und groß 245 neben Gott und alles verging vor ihr und alles entstand vor ihm. Das Feld des Lebens und der Vergänglichkeit hing nahe und tief über uns wie Ein Blitz herein, und alles Große, alles Überirdische, alle Verstorbene und alle Engel hoben unsern Geist in ihren blauen Kreis und sanken ihm entgegen.« In dieser Nacht schwebte ein singendes Wesen durch das Tal von Lilienbad. Abgerissene unverständliche Laute strömten von seinen Lippen. Es war der »Genius«, der einst wiederzukehren versprochen hatte und der jetzt Gustav suchte, um ihn zu mahnen. »O Lilienbad, du bist nur einmal auf der Welt; und wenn du noch einmal vorhanden bist, so heißest du V–zka«, schließt Jean Paul diesen »Sektor«. Ein Brief von Fenk unterbricht die Seligkeit dieser Tage. Wieder hat Gustav seine fünftägige Reise antreten müssen. Ein Streich von Hoppedizel ist zum Unglück ausgeschlagen. Der Professor wollte Auenthal als Räuber überfallen und mit einer Leiter in das Haus eindringen. Zufällig fällt dieser fingierte und scherzhafte Einbruch mit einem richtigen zusammen. Die Räuber werden entdeckt und verfolgt, und bei dieser Verfolgung stößt man auf eine unterirdische Höhle, in der sich vermummte Gestalten, unter ihnen Gustav, befinden. Die Gesellschaft, offenbar ist es die »Unsichtbare Loge«, wird gefangengenommen. Fenk ist zu Ottomar geeilt. Dieser will das Geheimnis der ausgehobenen Gesellschaft dem Freund verraten und dann sterben. Er erzählt Fenk alles. Der fängt den Rasenden in den Armen auf. »Ein Aufsprung,« schreibt Fenk an Jean Paul, »ein Flug an mich – eine umarmende Zerdrückung – ein Schlag an die Wand – ein Schuß aus ihr. – Er lebt aber noch.« Dies ist der Schluß der »Unsichtbaren Loge«. 246 Oft, noch kurz vor seinem Tode sogar, versprach Jean Paul, das Werk zu beenden, aber im Ernst hat er wohl nie daran gedacht. Zu viele Motive hatten die drei ersten Bändchen seines ersten Romans aufgerührt, als daß er hoffen konnte, sie sämtlich zu einem befriedigenden Abschluß zu führen. Wahrscheinlich hatte er vor, Ottomar im Kampf um den Thron des Landes, der ihm vielleicht doch irgendwie zustand, untergehen zu lassen. Vielleicht sollte sogar Gustav, der in diesem Fall vielleicht gar nicht der Sohn des Rittmeisters von Falkenberg war, vielleicht vom Genius vertauscht war, den umkämpften Thron besteigen. Dann hätte Gustav noch eine lange innere Entwickelung vor sich gehabt. In diesem Fall konnte auch die zarte Beate nur ein Vorspiel für die eigentliche Erfüllung seines Lebens sein. Offenbar ist Beate dem Tode geweiht, wie später ihr Ebenbild Liane im »Titan«. Dann mußte Gustav noch seiner »Linda« und seiner »Idoine« begegnen. Welche Rolle die »Unsichtbare Loge«, die er ähnlich wie etwa die geheimnisvolle Turmgesellschaft im »Wilhelm Meister« sich dachte, bei diesen Verwickelungen und Auflösungen spielen sollte, darüber war sich vielleicht Jean Paul selbst noch nicht im klaren. In einem Brief an Christian Otto behauptete er, als er mehrere Titel für den Roman zur Wahl stellte, nicht zu wissen, was der dann endgültig gewählte Titel eigentlich solle. Das ist wohl nur eine kleine Schriftstellerkoketterie gewesen, denn eine geheimnisvolle Gesellschaft treibt von Beginn an in dem Roman ihr Wesen. Mehrere Male ist von einer Person mit sechs Fingern an der Hand die Rede. Falkenbergs Diener Robisch, ein verdächtiger Geselle, scheint schon früh der geheimen Gesellschaft auf die Spur gekommen zu sein. Er tritt in den Dienst Röpers und hat bei der Aufdeckung des geheimen Schlupfwinkels seine Hand im Spiele. Auch der 247 verschollene Sohn Falkenbergs und der Frau von Röper bedarf noch der Aufklärung. Es wäre nicht einmal unmöglich, daß es sich bei ihm wie bei Gustav um Söhne des Fürsten handelt. Der Schluß des »Hesperus« zeigt, wie kompliziert Jean Paul einen Roman anlegen konnte und mit welch geringem Grad von Wahrscheinlichkeit hier nur herumgetastet werden kann. Mit dem Untertitel benannte Jean Paul sein Werk »Mumien«, und diesen Titel gebraucht er selbst vorzugsweise, wenn er von seinem romantischen Erstling spricht. An die Vergänglichkeit des Daseins sollte erinnert werden. Alle Gestalten stehen hier als Sinnbilder des Todes, und das Schloß Ottomars spiegelt diesen Gedanken am deutlichsten wieder. Aber viele andere Figuren, Beate, Amandus und wer weiß noch wer alles, sind vom Tode gezeichnet. Von dieser Ottomarschen Perspektive aus konnte Jean Paul das ganze Leben in diesem Buch, und vielleicht unter dem Eindruck Hermanns überhaupt, nur als das Durcheinanderspielen künstlich belebter Mumien erscheinen. Der Gedanke der eigenen Vergänglichkeit und Hinfälligkeit spielt mehrfach deutlich hinein. Ohne Vorbild, ohne Vergleich trat die »Unsichtbare Loge« in ihre Zeit. Noch nie waren Töne von derartiger Zartheit aus der Harfe eines Lyrikers geströmt, nie wieder seit Klopstocks reifen Oden war eine derartige Gewalt der Sprache erreicht worden. Hier schien aber auch zum erstenmal jene Forderung erfüllt, die einst Jean Paul als junger Student an den großen Führer der Zeit legte: daß nicht Verstand und Einbildungskraft, daß nur das große Herz den großen Mann mache. Hinter dieser unerhörten Prosa stand ein unerhört reiner Mensch. Ein ungeheures Ethos durchpulst den Roman. Diese Fülle der Bilder, diese Tiefblicke in das 248 menschliche Herz, sie waren nicht allein durch sprachliche Kultur und Zucht, sie waren allein dem Herzen erreichbar, das sich liebend alles Lebendigen annahm. Jene seinen Bemerkungen, in denen Goethe einen ganzen Menschen einzufangen vermag, hier kamen sie nicht vereinzelt, hier rauschten sie wie ein Strom dahin und spülten das Verborgenste und Niegesehene an die Oberfläche. Kein Ton ist in der deutschen Dichtung seit Jean Paul erklungen, der sich nicht schon in diesem Roman fände, neben dessen Reichtum sich fast die ganze Literatur des 19. Jahrhunderts wie eine Epigonenangelegenheit ausnimmt. Das erhabene Pathos eines Stefan George, die Zartheit eines Rilke, die Weltweite eines Dostojewski, die Empörung eines Zola, die Eindringlichkeit eines Ibsen und was alles man anführen wollte, alles ist in Jean Paul bereits vorhanden. Sein Werk ist nicht, auch sein erster Roman nicht, nur das Werk eines beliebig begabten Dichters. In ihm rang eine Welt, eine Menschheit, ein aus der Tiefe steigendes Volk sich zum Ausdruck durch. Die Welle der Aufklärung hatte bisher unberührtes Neuland berührt und aus dem Schlummer gerissen. Jetzt stieg es wie eine neue Rasse fast aus dem Boden, stellte selbst unüberschaubare Welt aus sich heraus mit allen Gründen und Sonnen einer Welt. Neue und unerhörte Kontingente tauchten in das Licht der Dichtung. Mühelos wurde die Erde in ihrer Achse bewegt. Wenn Gustav aus seiner achtjährigen Finsternis heraustritt und die Erde für den Himmel ansieht, so wurde hier in der Tat durch einen Dichter die Erde unter neue Perspektiven gestellt. Wenn Kopernikus der Erde ihre Stellung im unendlichen Raum angewiesen hatte, hier wurde diese Stellung inmitten des grenzenlosen Luftozeans aus Finsternis zum erstenmal mit dem Gefühl ergriffen, alles Irdische ins Kosmische gewandt. Und wie ist diese Weltschau, die 249 eigentlich erst in Jean Paul seelischer Allgemeinbesitz wurde, ins menschliche Dasein projiziert! »Sie standen auf zwei entfernten Himmeln, zu einander über den Abgrund herüber gelehnt und einander auf dem zitternden Boden umklammernd, um nicht loslassend zwischen die Himmel hinunter zu stürzen«, schreibt er von den Liebenden des ersten Kusses. Genau so küssen sich Liebende zum erstenmal. Sie stehen wirklich in Einsamkeit auf zwei entfernten Himmeln, jeder für sich mit der ungeheuren Einmaligkeit seines Erlebens, und sie halten sich, um nicht hinunterzustürzen von ihren gleitenden Sternen. Auf jeder Seite fast überrascht uns ein solches Bild von nie dagewesener Sichtbarkeit. Hier erst begreift man den Sinn jenes jahrelangen Ringens mit der Sprache, jener »Kettengebirge der Arbeit«, die das »Mitwörterbuch« aufwarf. Und dann die unerhörte Ehrlichkeit der Darstellung! Hier war epischer Fluß in stetem Dahinströmen, losgelöst von den Hemmungen des Innern. Aber immer »erzählt«, vorgetragen von einem, der ständig Rechenschaft davon gibt, wie sich die Bilder und Gestalten vor seinem Auge entwickeln. Keine verlogene Unterstellung, aber auch keine vorgetäuschte Objektivität. Ein fortwährendes Leben mit den Gestalten des Romans, ein ewiges Sichauseinandersetzen mit ihnen, ein fast schamloses Herausstellen der eigenen Person, um das ganze Herz ausgießen zu dürfen. Die Welt, die vor uns ausgebreitet wird, ist im tiefsten Sinne Heimat. Jean Paul wußte genau, weshalb er den heimatlichen Boden nie auf längere Zeit verließ. Keine Gegend der Erde kann derart in ihrer Totalität ergriffen werden wie das Land der eigenen Kindheit. Hier konnte er Stände und Menschen durcheinandermischen und alle an sicherem Bande führen, von dem Fürsten bis zum 250 Schulmeisterlein Wuz, von dem trefflichen Rittmeister von Falkenberg (»Behalte deinen gesunden Nord-Ost-Atem!« schreibt er von ihm) bis zu dem phantastischen »Einbein«. Stadt und Land, Schloß und Hütte erschließen ihre Geheimnisse und liegen alle mit ihren Bergen und Tälern auf der einen Ebene der Dichtung. Aus welchen Elementen der Roman sich kristallisierte, sahen wir bereits. Hervorzuheben ist noch die doppelt gebrochene Gestalt Hermanns. Sein durch Armut und Krankheit verhindertes Wirken haben wir in Ottomar wiedererkannt. Aber auch an den Dr. Fenk gab er Wichtigstes ab. Dieser Mann des leichtbeschwingten Humors, den das Leid nicht bändigt, der aus Zartheit immer zum drastischen Zynismus neigt, der edelste Freund und immer Retter in der Not, – er sollte sich bald zu einer noch größeren Gestalt auswachsen: zu Leibgeber im »Siebenkäs« und Schoppe im »Titan«. Auch die Örtlichkeiten der Dichtung haben wir bereits im allgemeinen identifiziert. Maußenbach, das Gut des Kommerzienagenten, ist Töpen. Auenthal halb Joditz, halb Venzka. Lilienbad, in dem die Seligkeit der Liebenden sich anhebt, ist halb Venzka, halb das bei Venzka gelegene Bad Steben, das Jean Paul öfters mit Spangenbergs besucht hat. In Scheerau erkennen wir Hof wieder. Wenn es von den Scheerauern heißt: »Sie hassen schöne Wissenschaften so sehr wie sich untereinander – unfähig gesellschaftliches Vergnügen zu entbehren, zu veranstalten, zu genießen, unfähig zu wagen, einander offen zu hassen und zu lieben und zu ertragen, bohren sie sich in ihre Geldhügel und achten öffentlich den Reichsten und geheim den Verwandten oder gar niemand – ohne Geschmack und ohne Patriotismus und ohne Lektüre«, – so sind damit die Hofer gemeint, wie sie Jean Paul und Hermann mit ihrer Mißachtung und ihrem 251 kleinen Haß das Leben sauer machten. Da Scheerau auch Residenz ist, so sind auch Züge von Baireuth hineingeflossen. Das »Stille Land« hat offenbar Züge der Baireuther Eremitage oder Fantaisie, die beide von Jean Paul damals noch nicht gekannt waren, von denen er nur aus Beschreibungen etwas wußte. Diese Orte enthüllen sich erst genauer im »Siebenkäs«. Am 29. Februar 1792 war die »Unsichtbare Loge« beendet. In einem Gefühl von instinktartiger Gewißheit sandte er das Manuskript an Karl Philipp Moritz, den Verfasser des »Anton Reiser«, nach Berlin. Einer jener Briefe, wie deren Jean Paul einige zwanzig bereits geschrieben hatte, begleitete die Sendung. Nach Absendung verreiste er für einige Zeit nach Steben und Venzka. Als er nach Schwarzenbach zurückkehrte, fand er zwei Briefe von Moritz vor. Im zweiten stand: »Und wenn Sie am Ende der Erde wären, und müßt' ich hundert Stürme aushalten, um zu Ihnen zu kommen: so fliege ich in Ihre Arme! Wo wohnen Sie? Wie heißen Sie? Wer sind Sie? Ihr Werk ist ein Juwel; es haftet mir, bis sein Urheber sich mir näher offenbart!« Erst später erfuhr Jean Paul, daß Moritz bei der ersten Lektüre ausgerufen hatte: »Das begreife ich nicht. Das ist ganz etwas Neues. Das ist noch über Goethe!« 252   Idyllen Jean Paul hatte als einer der Ersten einen Blick für das Verhängnisvolle der deutschen Kultur, nach dem Muster entlegener Völker und Zeiten das Gerüst des eigenen Geistes zu errichten. In seiner »Vorschule der Ästhetik« hat er sich später mit dem Geist der Alten auseinandergesetzt, aber schon früh beginnen seine Bemühungen, die Schicht der uns aufgepfropften Latinität zu durchdringen und im nordischen Bildungsgut das eigene Erdreich aufzuschürfen und ans Licht zu bringen. Zwei Völker bestimmten noch immer das Gesicht des geistigen Europa: England und Frankreich. Bekannt ist Jean Pauls Abneigung gegen den französischen Einfluß, dem die deutschen Höfe und die deutsche Gesellschaft hemmungslos erlegen waren. Schon als Student, in einer kurzen Periode, da er der französischen Eleganz zuneigte, war ihm die Abhängigkeit des französischen Geistes von der spätrömischen Zivilisation aufgegangen. Bald hatte er sich den englischen Schriftstellern zugewendet, die der Umklammerung der Latinität weniger erlegen waren. Dieses alte Inselvolk hatte das germanische Erbe besser und reiner bewahrt als der Kontinent, und von hier kam ihm die Kraft, abseits einer der Latinität zugeneigten Kultur nach der eigenwüchsigen Form zu suchen. Jean Paul stand dadurch von vornherein in einem bewußten Gegensatz zu der allgemeinen Geistesrichtung der Zeit. Sowohl Goethe wie die deutsche Romantik in ihren 253 Anfängen suchte das Erbe der Griechen zu verwalten und zu vermehren. Jean Paul hingegen stieg in sein Inneres nieder, um aus bisher unentdeckten Schachten neues Metall ans Tageslicht zu heben. Es sollte verhängnisvoll für ihn werden. Das Erbe der Alten zeigte sich als stärker, und man maß den um eine eigene Form Ringenden nach einem Maß, das gerade er ablehnte. Die seit einem Jahrhundert verschüttete deutsche Seele begrub auch ihn in Vergessenheit und Unverständnis. Dieses Bemühen, die fremdartigen Schichten, die uns überwachsen hatten, hinwegzuräumen und den reinen Boden des Menschlichen, das ist für ihn: des deutschen Wesens bloßzulegen, waren der Hauptantrieb seiner Erziehertätigkeit. Pestalozzi und Basedow haben den Erzieher Jean Paul stark beeinflußt und ihm vielleicht erst die Wege gewiesen, die er später in seiner groß angelegten Erziehlehre »Levana« ausbaute. Aber was ihn über seine Vorgänger hinaushob, war ein Kulturprogramm, das die menschliche Erziehung zugleich ins Geistige hineinprojizierte. Hinter seiner Erziehungsmethode stand das Idealbild einer volkhaften, eigenwüchsigen Kultur. Seine großen Romane sind als pädagogische Romane angelegt, der Erziehungsgedanke bleibt oberster Leitpunkt ihres Dichterischen. Immer handelte es sich in ihnen um die innere Gestaltung, das ist: Bildung eines Volkes. Wenn er Dichter sein wollte, so erstrebte er dieses Ziel in einem umfassenden Sinne als Seher und Lehrer. Schon in der »Unsichtbaren Loge« nehmen erzieherische Fragen einen großen Raum ein. Was er später in der »Levana« didaktisch auseinanderlegte, das breitet schon sein erster Roman in poetisch verklärtem Lichte auseinander. Der Genius erzieht seinen Zögling unter der Erde nach sorgsam mitgeteilten Grundsätzen, und als Jean Paul, die Romanfigur, selber Gustavs 254 Erziehung übernimmt, spricht er sich auf wiederum nicht weniger als fünfzehn Seiten über Erziehung aus. »Abscheulich ist's, daß auch schon unsere Kinder lesen und sitzen und den Steiß zur Unterlage und Basis ihrer Bildung machen sollen. Das belehrende Buch ersetzt ihnen den Lehrer nicht, das belustigende das gesündere Spielen nicht.« Er will die Freiheit der Kleinen nur ungemerkt, aber mit fester Hand leiten und zu festgesteckten Zielen führen. »Wir Erwachsene ständen den abscheulichen Schulzwang unserer Abkommenschaft keine Woche aus, so vernünftig wir sind; gleichwohl muten wir es ihren mit Ameisen gefüllten Adern zu.« Der Erzieher wird hier zum Anwalt der Jugend, und weil er es im Grunde war und seine Zöglinge es merkten, deshalb allein konnte er ihnen die größten Leistungen abgewinnen. Den modernen Gedanken, durch Spielen zu lehren, hat er sich bereits vollkommen zu eigen gemacht, aber ihm auch eine Fassung gegeben, die allein ihn zu rechtfertigen vermag: »Spielender Unterricht heißt nicht, dem Kinde Anstrengungen ersparen und abnehmen, sondern eine Leidenschaft in ihm erwecken, welche ihm die stärksten aufnötigt und erleichtert.« Mit solchen Gedanken durchbrach er die übliche Schablone der Jugenderziehung, unter der er selber gelitten, und nicht in einem fachwissenschaftlichen Werke, sondern in einem Roman; aber wieder nicht als spielender Ästhet, sondern als praktischer Erzieher. Das ist seine pädagogische Bedeutung: daß er diese Grundsätze mehreren Generationen von Lesern immer wieder einhämmerte, und es in einer überredenden Art, aber mit der ganzen tiefen Menschenkenntnis des idealen Erziehers tat. Schon in der »Unsichtbaren Loge« legte er auch die erste Bresche in die bis dahin als allgemeingültig hingenommene humanistische Erziehung. Es hing mit seiner geistigen 255 Einstellung überhaupt zusammen, daß er sie nicht als das Alleinseligmachende hinnehmen wollte. Er bestreitet ihre bildende Kraft und stellt zum Beweise seiner Behauptung die Gestalten der Vertreter klassischer Bildung vor unser Auge. »O ihr Konrektoren und Gymnasiarchen, die ihr über die Devalvation der Alten winselt und greint, wenn sie noch Augen hätten, sie würden über eure Valvation weinen! – Es gehören andere Herzen und Seelenflügel (nicht bloße Lungenflügel) dazu, als in euren pädagogischen Rümpfen stecken, um einzusehen, warum die Alten Plato den Göttlichen nannten, warum Sophokles groß und die Anthologen edel sind.« »Die Muster haben ja selber ohne Muster geschrieben und Polyklets Bildsäule wurde nach keiner Polyklets-Bildsäule geregelt. Trotz dem Studium der geschriebenen Antiken lag sonst in Deutschland und liegt noch in Italien die dichtende Schöpferkraft auf dem Siechbett.« »Die Griechen und Römer wurden Griechen und Römer ohne die formale Bildung von griechischen und lateinischen Autoren – sie wurden es durch Regierung und Klima.« Hier ist das Ziel angedeutet: frei von fremdem Muster aus unsern Bedingungen heraus die uns entsprechende Form zu gewinnen. »Die Muster haben ja selber ohne Muster geschrieben.« Er weiß, daß kein Muster, und stünde es noch so hoch, die Kraft ersetzen kann, die aus dem eigenen Innern quillt. Diese Kraft auszulösen durch eine Erziehung, die immer nur die vorhandenen Seelenkräfte freimachen will, ist das große Thema Jean Paulscher Dichtung. Aber dieses Problem hatte auch eine andere Seite, die in den mitgeteilten Sätzen bereits angedeutet ist: die »Rektoren und Gymnasiarchen«, die der deutschen Jugend das Bildungsgut der Griechen und Römer zu vermitteln haben und selbst diesem Geist der Alten so ferne stehen. Man konnte 256 diese Bemühungen der deutschen Schulmänner um das Erbe der Alten ebensogut unter dem Gesichtspunkt der Karikatur ansehen, als unter dem der Idylle. Das boshafte Auge konnte bemerken, welche Zerrbilder gerade die Beschäftigung mit den Alten aus guten deutschen Schulmeisternaturen machte; das gütige Auge des Idyllendichters konnte die Leiden und Freuden eines deutschen Schulmeisterlebens mit liebevoller Sorgfalt vor uns hinstellen und aufweisen, wie weltverschieden das weite deutsche Land mit seinen verstreuten Dörfern und kleinen Städten von der gedrängten Polis Athen oder der Weltstadt Rom war. Nach beiden Richtungen hin hat Jean Paul sich betätigt. Als die gelungenste Karikatur des mit Griechentum geladenen Schultyrannen hat er uns seinen Rektor Florian Fälbel geschenkt, und die Idylle des deutschen Schulmeisterlebens in den unsterblichen Gestalten des vergnügten Schulmeisterleins Maria Wuz und seines Quintus Fixlein für alle Zeiten festgehalten. Schon am 15. Juli 1790 lag der Plan des Florian Fälbel in Jean Pauls Kopfe fertig. Der Titel steht als erster in einer Reihe von Plänen, die er an Christian Otto schickte mit der Bitte, ihm diejenigen zu bezeichnen, die er ihm zur fertigen Ausarbeitung aufgäbe. Der Fälbel war unter den von Otto bezeichneten Stücken. Im Dezember schickte Otto dem Freunde nach Schwarzenbach einige Aufzeichnungen, die ursprünglich für das Höfer Intelligenzblatt bestimmt waren. Darunter befand sich das geschriebene Porträt des damaligen Quartus am Höfer Gymnasium, späteren Rektors Helfrecht. Jean Paul quittiert darüber in seinem Schreiben vom Weihnachtsabend 1790: »Deine Schwefelpaste vom Quartusgesicht werd ich wirklich zu nichts brauchen können als einmal zu einem Plagiat; irgendeiner Satire (und wär's die von Fälbels Primanerreise) häng ich dieses Medaillon um.« 257 Damit ist das Urbild des köstlichen Rektors Fälbel bezeichnet. Helfrecht hat sich später in der Satire offenbar schnell erkannt, zumal in ihr seine Beschreibung des Fichtelgebirges namentlich angeführt wird, und mit einem anonymen Pasquill geantwortet, dem er eine echt schulmeisterlich pseudopoetische Einkleidung gab: »Shakal, der schöne Geist. Fragment einer Biographie aus dem vierzehnten Jahrhundert, von dem Araber Albezor.« Shakal ist natürlich Jean Paul. Im Februar des nächsten Jahres hatte Jean Paul den »Fälbel« in Arbeit genommen. Er schreibt darüber an Otto: »Ich habe bisher jede satirische Personage wie eine Pfänderstatue angesehen, die man mit allem Möglichen besteckt und umhängt: Du gewöhntest mich halb davon ab; aber desto kahler steht vielleicht alles da, besonders mein armer Fälbel, an den ich, ohne Deine kritische Ordnung des Heils, sicher alles Närrische gepicht und geheftet hätte, was von den weitesten Sprüngen der Phantasie wäre aufzutreiben und zu erspringen gewesen.« Es kostete Jean Paul demnach einige Mühe, eine Gestalt ohne viele Seitensprünge sauber herauszuarbeiten und einen Einfall lediglich auf sich selbst zu stellen. Indes schlug der angewandte Selbstzwang der kleinen Arbeit zum Besten aus. »Des Rektors Florian Fälbels und seiner Primaner Reise nach dem Fichtelberg« ist ein Kabinettsstück der Porträtkunst geworden, das auch heute noch dem Durchschnittsleser unmittelbar einleuchtet. Die kleine Schrift gibt sich als Aufsatz eines Schulrektors im Michaelisprogramm seines Gymnasiums. »Mein lateinisches Osterprogramm, das erweisen sollte, daß schon die ältesten Völker und Menschen, besonders die Patriarchen und klassischen Autoren, sich auf Reisen gemacht – von welchen letzteren ich nur den Xenophon und Cäsar, die zwei tapfersten 258 Stilisten, mit ihren Armeen wieder zitiere –, führet vielleicht einige Autoritäten auf, die den Schulmann decken, der mit seinen Untergebenen kurze Ausflüge in deutsche Kreise tut.« So beginnt Florian Fälbel seine Ausführungen. Die Tonart ist damit gegeben: die innere Unsicherheit, die sich mit überlieferter Autorität deckt; die innere Unwahrhaftigkeit, die den Schulausflug mit der Fahrt der Zehntausend in Parallele stellt; schon im Stil das trotzende Prunken mit gleißender Gelehrsamkeit. Diese Tonart wird durchgehalten. Die Darstellung ist die eines Gymnasialprogramms der damaligen und mancher folgenden Zeit. Die »scherzhaften« Umschreibungen für die den Rektor auf der Fahrt ins Fichtelgebirge begleitenden Primaner, wie »Nomaden« oder »Hopliten«, die Ausdrücke klassischer Autoren, hier auf eine Schulfahrt angewandt, die lateinischen Sprechübungen während des »geübten« Naturgenusses, das erstrebte und nach Kommando eingeübte »weltmännische« Betragen: tausend Züge, mit dem schwerfälligen Sprachschatz des bornierten Schulmannes zum unfreiwilligen Ausdruck gebracht, heben fast jedes Wort als eine Pointe heraus. Natürlich ist die ganze Tour ohne sachgemäße Vorbereitung unternommen worden und muß im entscheidenden Moment abgebrochen werden. Das Reisegeld reicht nicht. Fälbel läßt seine Tochter Kordula bei dem Thiersheimer Wirt zum Pfande und tritt mit seinen Primanern den Rückweg an. Über den Rahmen einer bloßen Humoreske ragen die üblen Charaktereigenschaften des Rektors hinaus. Nicht als Stilwidrigkeit, denn sie verdeutlichen das satirische Porträt durch lebendige Züge. Fälbel ist nicht allein borniert, pedantisch, geizig, er ist herzlos und von einer unbewußten, aber deshalb nicht weniger empörenden Gleichgültigkeit gegenüber fremdem Leid. Das tritt schon in seinem Verhältnis zu 259 Kordula zutage, die er wie ein Küchensudel behandelt und ausnutzt, einer adligen Familie zur schrankenlosen Ausbeutung überlassen will, und die er einfach als Pfand bei einem fremden Gastwirt daläßt. Noch viel krasser tritt sein Mangel an Mitgefühl bei der Erschießung eines armen ungarischen Deserteurs hervor, vor dessen qualvoller Todesangst er mit seinen Primanern Sprechübungen im Lateinischen veranstaltet. Vor den Machtmitteln des Staates knickt der eingebildete Pedant in heuchlerischer Anerkennung zusammen. Mit der lateinischen Syntax zerstreut er »glücklich jedes Mitleiden mit dem Malefikanten, gegen das sich schon die Stoiker so deutlich erklären, und das ich nur dem schwächeren Geschlechte zugute halte; daher wird es der Billige mit dem Augentauwetter meiner Tochter wegen des Inkulpaten nicht so genau nehmen.« An diesen Stellen ergreift dann Jean Paul selbst das Wort, um Kordulas und aller niedergedrückten Töchter und Frauen Partei zu nehmen. »Ihr Vater ließ, wie die meisten Schulleute,« schreibt er von der Tochter des Gymnasiarchen, »durch die Römer verwöhnt, nichts einer Frau zu, als daß der Körper ein Koch wurde und die Seele eine Köchin.« »Oh, es ist mir jetzt, als säh' und hört' ich in alle eure Häuser hinein, wo ihr, Väter und Ehemänner mit vierschrötigem Herzen und dickstämmiger Seele, beherrschet, abhärtet und einquetschet die Seele, die euch lieben will und hassen soll . . . o ihr milden, weichen, unter schweren, finstern Schnee gebückten Blumen, was will ich euch wünschen, als daß der Gram, eh ihr mit besudelten, entfärbten, zerdrückten Blättern verweset, euch mit den Knospen umbeuge und abbreche für den Frühling einer anderen Erde? – Und ihr seid schuld, daß ich mich nicht so freuen kann, wenn ich zuweilen eine zartfühlende, unter einer ewigen Sonne blühende Schwester von euch finde, eine hauchende 260 Blume im Wonnemond: denn ich muß denken an diejenigen von euch, deren ödes Leben eine in einer düsteren Obstkammer durchfrorene Dezembernacht ist.« Was nicht in den Rahmen dieser engen Charakterstudie einging, das tat sich hier als Programm des Autors, als Schrei aus dem Werk heraus kund. Es war das alle Werke Jean Pauls beherrschende Thema: sein Mitleid mit der von den Wirtschaftsansprüchen des Lebens und gefühlloser Männer niedergebeugten Frauenseele. Und ebenso aus dem Werk heraustretend nahm er sich des armen füsilierten Deserteurs an, dessen rührende Geschichte er in einer Einschaltung gibt. Hier läßt seine Form noch die Sicherheit ihrer kalten Beherrschung vermissen, und doch freuen wir uns dieser die Form sprengenden Einschiebsel des enthusiastischen Jünglings, der mit rousseaugroßem Mitleid die Welt der Erniedrigten und Beleidigten umfaßt und für sie predigt, wenn ihr Schicksal nicht ins künstlerisch gerundete Bild zu fassen geht. Später, in »Des Feldpredigers Attila Schmelzle Reise nach Flätz«, hat er diese Form der Satire musterhaft durchkomponiert und gleichfalls in einer unfreiwilligen Beichte eine Welt eingefangen, um sie mit ewiger Lächerlichkeit behaftet wieder zu entlassen, ohne die Einheit der Diktion zu durchbrechen. Aber auch der Rektor Fälbel bereits ist das Virtuosenstück einer Charakterstudie. Das große Vorbild der Alten, ihre heroische Lebensführung, wurde hier in komischen Gegensatz zu seinem Bekenner und Nachahmer gestellt. Ein Typus, unter dem er in seiner Jugend genug gelitten hatte, ward hier mit satirischem Behagen abgetan. Im Februar 1791, also während der Arbeit an der »Unsichtbaren Loge«, hat Jean Paul wahrscheinlich die kleine Arbeit beendet, um sie vor der Drucklegung 1795 noch einmal, nach Ottos Vorschlägen, gründlich durchzuarbeiten. 261 Eine ungeheure Arbeitslast lag auf den Schultern des jungen Schulmeisters. Damals trat die Aufgabe an ihn heran, Hermanns Schriften für eine Veröffentlichung zu bearbeiten. Wenn er sich für den Namen des Freundes etwas von einer solchen Herausgabe versprochen hätte, wäre er wahrscheinlich dennoch mit Eifer an die Arbeit gegangen. Aber ihn leitete das Gefühl, Wichtigeres zu tun zu haben. Darauf beruht nicht zum wenigsten Jean Pauls ungeheure Leistungsfähigkeit, daß er es verstand, sich von scheinbaren Pflichten freizumachen, um seine Kraft für Wesentliches einsetzen zu können. Was ihm als Egoismus ausgelegt werden kann und ausgelegt worden ist, ist im Grunde die gesammelte Konzentration auf das eigene Schaffen. »Die wenigen, der Ermüdung, der Informazion und der Gesundheit abgegeizten Stunden,« schreibt er über seine Inanspruchnahme durch eigene Tätigkeit, »geben mir diese Elastizität nicht – meine eignen Arbeiten, denen ich nicht entsagen kann, wenn ich nicht meine Abhängigkeit und den Druck der immer sich erneuernden Bedürfnisse verewigen will, teilen sich schon in jene paar Stunden.« Auch hier sieht man, wie ernst der Dichter seinen Erzieherberuf auffaßte. Man kann sagen, daß er völlig in ihm aufging und das eigene Schaffen sogar ganz im Schatten dieser Beschäftigung mit der Kinderseele stand, aus der ihm die stärkste Kraft zuströmte. Es gehört durchaus zu dem Bilde, das wir uns von Jean Paul machen wollen, daß wir uns auch seine kleine »Winkelschule«, wie er selbst sie nannte, ansehen. Seine Schülerschar setzte sich, wie bereits gesagt, aus sechs Knaben im Alter von sieben bis fünfzehn Jahren und einem neunjährigen Mädchen zusammen. Wie streng durchdacht seine Erziehungsmethode war, kann man schon daraus ersehen, daß, als er sie viele Jahre später in seiner »Levana« 262 didaktisch auseinandersetzte, sie noch durchaus die gleiche war, nach der er in Schwarzenbach unterrichtet hatte. Nur seine Grundsätze über die Erziehung der kleineren und unmündigen Kinder hatte er zur Zeit der »Levana« inzwischen an den eigenen Kindern erproben können. Was er aber in der zweiten Hälfte des Werkes über den Unterricht schreibt, beruht durchaus auf den Schwarzenbacher Erfahrungen. In der »Unsichtbaren Loge« konnte es auffallen, welchen Wert er auf die frühzeitige Anwendung des Zeichenunterrichts legt. Musik wachse der jungen Seele von selbst zu, aber des Zeichenunterrichts bedürfe sie, um in ein enges Verhältnis zur Wirklichkeit der Dinge zu kommen. Also gerade zur Praxis des Lebens wollte er seine Schüler erziehen, sie zu tüchtigen Menschen und nicht zu Träumern machen. Dazu gehört aber, daß die jungen Menschen zuerst einmal echte Kinder sind und nicht Karikaturen der Erwachsenen. Die Kindheit hat ihren eigenen Wert in sich und ihre eigenen Gesetze und Schmerzen und Freuden. »Ist denn die Kindheit nur der mühselige Rüsttag zum genießenden Sonntag des späteren Alters, oder ist sie nicht selber eine Vigilie dazu, die ihre eigenen Freuden bringt?« Dieser Satz allein stellt die ganze bis dahin gültige Erziehungsmethode auf den Kopf. Nicht das Alte Testament, wie es gewöhnlich der Fall ist, dürfe an den Toren des jungen Lebens stehen. Naturgeschichte, Geschichten aus der Geschichte, Geographie, Reisen, Rechnen, Geometrie wären die gesundesten Voressen der kindlichen Seele. Vom Naheliegenden, leicht in Gebrauch zu Nehmenden wäre auszugehen. Das Französische ist dem Lateinischen, das Sprechen den grammatischen Regeln voranzustellen. »Wir sind jetzt aus den philologischen Jahrhunderten heraus, wo die lateinische Sprache alle gelehrte Schlafröcke und Schlafmützen von Irland bis Sizilien in 263 einen Bund zusammenknüpfte, und wo man kein Gelehrter sein konnte, ohne ein Inventarium alles griechischen und lateinischen Hausrats und einen Küchen- und Waschzettel dieser klassischen Leute im Kopfe zu führen.« Die Hauptschwierigkeit der alten Sprachen käme daher, daß sie zu früh betrieben würden. Für das Nächstliegende und das Anwendbare interessiere sich das Kind in erster Linie. Sicher hat Jean Paul mit diesen Beobachtungen recht. Der Lerneifer seiner Schüler zeigt, wie eng seine belebende Methode die Kinder an ihn band. Nicht selten standen sie besonders früh auf, um ihren Lehrer noch in den Frühstunden mit besonderen Ausarbeitungen zu erfreuen. Leo Vogel brachte einmal 135 Bogen Aufsätze. Aber hier zeigt sich bereits die Gefahr, der ein Dichter als Erzieher selten entgehen wird: die Hinneigung zur schriftlichen Fixierung, die gerade bei Jean Paul sehr nahelag. Er wollte die Zöglinge zum Handgreiflichen anleiten und er endete bei einem Übermaß schriftlicher Ausarbeitungen. Er wollte seine Kinder zum »Witz« anleiten, und er erreichte schriftliche Ausarbeitungen über den Witz. Um diese Anleitung zum Witz im Jean Paulschen Sinne drehte sich ein großer Teil seines Unterrichts. Durch den geweckten Witz dachte er dem jugendlichen Geist die Schwerfälligkeit, das Haften am fixierten Ausdruck zu benehmen. Er wollte sie anregen, das Entfernteste mit dem Nächsten zu verbinden, eine Kunst, die er selbst unübertrefflich handhabte. Wenn er solche Gegenüberstellungen wie »Frühstück« und »Spätstück« macht, so drang er damit allerdings zu dem eigentümlichen Leben des Wortes vor und belud es mit neuer Bedeutung und Eigenart. Ganz dicht kam er bei diesen Bemühungen bis an die Schwelle des Richtigen. Es fehlte ihm nur das Erlebnis des 264 Etymologischen, um auf diesem Wege den Kindern das tiefste Verständnis für Sprache und Wort zu erschließen. Man sieht ihn auf dem Wege umhertasten, dem Geist der Schüler die letzte Beweglichkeit und Geschmeidigkeit zu geben, und es ist ganz sicher, daß er ihnen mit seinen Witzübungen eine ungeahnte Welt erschlossen hat. Was aber schließlich herauskam, waren solche Bonmots, wie sie in der »Bonmots-Anthologie« seiner Schüler aufgezeichnet sind, etwa: »Die Maultiere, die von Pferden und Eseln entstehen, sind die Kreolen, die aus der Ehe eines Amerikaners und einer Europäerin entstehen.« Oder: »Das Gehen ist ein immerwährendes Fallen.« Oder: »Die lutherische Religion und die Renntiere vertragen die Wärme des Südens nicht.« Man sieht mit einem Blick: es war der Satirenschreiber, der hier dem Seelenlöser in den Weg trat. Und ein wenig mochte er sich vielleicht im Rektor Fälbel selbst verspotten, wenn er mit Übungen, denen eine gewisse Schablone und Pedanterie nicht abzustreiten ist, Gelenkigkeit des Geistes zu erzielen suchte. Und dennoch würde man Unrecht tun, die Mangelhaftigkeit der Ausführung seinen Grundsätzen als Schuld aufzubürden. In der Praxis machte ihm seine überstarke Persönlichkeit und Eigenart einen Strich durch die Rechnung. Der Dichter konnte von der schriftlichen Fixierung nicht abkommen, der Satirenschreiber blieb mit der Ausführung seiner Ideen im 18. Jahrhundert stecken, das über seiner eigenen Kindheit gewaltet hatte. Aber dennoch lag in diesen Erziehungsgrundsätzen eine Zukunft verborgen, die heute noch lange nicht erreicht ist, nicht zum wenigsten deshalb, weil es Erzieher von dem Ausmaß Jean Pauls immer nur in kleiner Anzahl geben wird. Wie er auf Kinder wirkte, davon legen seine Kinderfreundschaften noch in seinen 265 spätesten Jahren Zeugnis ab und die geradezu beispiellose Liebe, die die eigenen Kinder für ihren Vater hatten. Eine Liebe, die seinem einzigen Sohne zum Verhängnis werden sollte. Er lebte mit seinen Kindern, er trug ihnen hundertfach gesteigertes Leben zu und ließ die Eltern an diesem Leben teilnehmen, oder vielmehr: er drängte es den Eltern auf. Wie ein Prophet wirkte er in dem kleinen Menschenkreise, überall die blühende Seele weckend und zum Lichte kehrend, und vielleicht hat er auf die Eltern noch stärker eingewirkt als auf seine Zöglinge. Die Mittwochnachmittage in dem kleinen Birkengasthof draußen waren allen Teilnehmern unvergeßlich. Die »Birkenpredigt«, die er dort einmal hielt, atmet den frischen Geist einer lebensvollen Freudigkeit, die über alle Kümmernisse des Daseins siegt. Weit hinter ihm lag Hof mit seinen peinlichen Erinnerungen, und nur der Kreis der Freunde und Freundinnen zog ihn immer wieder in die Stadt. In diesen Lebensumständen wurde die »Unsichtbare Loge« geschrieben, in den wenigen Stunden, die sein Beruf ihm freiließ, entstanden die Gesichte eines Dichters voll unerschöpflichem Reichtum, und wohl mochte er fühlen, daß diesmal sein Eintritt in die Welt der Großen sich unaufhaltsam vorbereitete. Gerade weil er sich über diese schweigende Welt seiner Heimat, die so verloren in den Tälern des Fichtelgebirges lag, zu erheben im Begriff stand, gerade deshalb konnte er sie mit einer liebenden Seele umfassen. Was um ihn lag, das war Dasein schlechthin. Es gibt eine Windstille, die sich manchmal für Jahre oder Jahrzehnte über einen kleinen Erdteil legt. Ringsum brausen die Stürme der Geschichte, und große Ereignisse bereiten sich vor. Aber neben den Ländern, die der Sturm der neuen Schichtung und Geschichte 266 schon ergreift, liegen andere noch im tiefsten Dämmerschlaf. Von Frankreich her drohte die Revolution, in Berlin hatte die Aufklärung ihren Höhepunkt überschritten und begann die Zeit sich neuen Zielen zuzuwenden, indes die kleinen protestantischen Duodezfürstentümer noch immer im Schatten des Westfälischen Friedens lagen. Nur wenige Geister hatte die Welle der Aufklärung ergriffen, nur in wenigen Briefstellen einiger geistig besonders Bewegter wurde der westlichen Revolution Erwähnung getan. Im allgemeinen lag das Land im Schlummer und spann sein kärgliches Dasein, fern von aufreizenden Einflüssen und Einwirkungen. Wie in verlorenes Kinderland mußte Jean Paul seinen Blick über den stillen Frieden dieser Täler schweifen lassen. So hatte er gelebt, bevor der Geist ihn ergriff und ihn in die Zusammenhänge eines höheren Daseins verflocht. Essen und Sonnenschein, häusliche Wärme, Geburt und Tod, Not und Freude, das waren die großen Ereignisse in diesem Dasein voll epischen Dahingleitens. Kinder wuchsen auf und trieben im Schatten der Erwachsenen, die kaum anders waren als Kinder, ihre kindlichen Spiele. Die Jahreszeiten formten in ewiger Gebundenheit an dem Leben des Tages. Groß war das Elend und gering zugemessen die Freude, und doch lag alles in der Riesenhand eines Gottes, war geborgen in Einfalt und schlichtem Sinn und der Unbeirrbarkeit des gegebenen Daseins. Wie vom Himmel kam Not und Teuerung. Man dachte nicht menschlicher Gier und Eigennutzes. Kein Schrei der Empörung stieg aus gequältem Herzen. Mit der Gelassenheit des Naturereignisses wurde hingenommen, was von irgendwoher kam. Geist ist immer voller Empörung, aber Dasein voll frommer Geduld. Mit solchen Augen blickte Jean Paul von seiner ländlichen Klause in das Leben rings um ihn. Jetzt, da er den 267 inneren und äußeren Abstand zu diesem Dasein gewonnen hatte, konnte er nicht anders als in gläubiger Sehnsucht seinen Blick nach diesem Leben voller Ergebung zurückwenden. Er selbst war einer gewesen wie diese vielen, die mit dem Glück und der Not der Kreatur dahinlebten. Monatelang hatten seine Mahlzeiten aus trockenem Brot und Salat bestanden. Er kannte die Seligkeit, die ein gewonnener Taler über eine Familie ausschütten kann, größer als ein Goldregen über das Leben der Reichen. In diese Bezirke ergebener Menschlichkeit reichte nichts von den geistigen Kämpfen hinein, nichts von den Erschütterungen, die ringsum die Welt in Brand setzten. Eine ungeheure Kunst schien ihm das Leben dieser Armen und doch fast einzig Reichen. Schlicht und evangelisch lief es dahin. Nicht Not und Tod brachte solche Herzen außer sich, sie ruhten immer an der Brust der großen Gegebenheit, die Leben hieß. Ein solches Dasein zu schildern, mußte ihn reizen, je mehr er mit einem Teil seiner Seele noch immer an ihm hing. Schon in der »Unsichtbaren Loge« wurde liebevoll des Schulmeisterlein Wuz gedacht. Das »Einbein« wohnt in seinem Hause, nimmt teil an seinem Familienleben, vereinigt sich zu Freudenfesten mit diesen Menschen, läßt uns Blicke in das schmale und doch so reiche Glück dieses Familienkreises tun. Aber Jean Paul wollte mehr, wollte in einer besonderen Dichtung ein solches Leben in seiner Totalität vor uns aufrollen, und er tat es in dem »Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wuz in Auenthal«. Der »Wuz« (Jean Paul schreibt in späteren Jahren auch manchmal »Wutz«) ist eine der bekanntesten Dichtungen Jean Pauls geworden. Man nahm das Enge und Idyllische darin für einen besonders gelungenen Ausdruck seines 268 Gemüts. Aber man versteht doch den Dichter nicht, wenn man diese seine Idyllendichtung nicht in den großen Zusammenhang seiner Weltschau einordnet. Gewiß ist Jean Paul, schon von Blut, auch ein Vertreter jenes »altfränkischen« behaglichen Geistes, der uns heute so paradiesisch und so entlegen anmutet. Aber er selbst hat an diesem »altfränkischen« Geiste doch nur das vorübergehende Behagen, das wir heute an ihm haben. Er sah weit tiefer. »Tief im Menschen ruhet etwas unbezwingliches, das der Schmerz nur betäubt, nicht besiegt«, heißt es am Schluß des »Wuz«. Hier ist der tiefe Grund bezeichnet, auf dem Jean Pauls Idyllendichtung beruht: das unbezwingliche Ich, das tief im Menschen ruht, das durch ein Jahrhundert der Unrast, der Gier verschüttet werden kann und sich doch immer wieder herausarbeiten wird. Es ist das »Tao« des ewigen, des chinesischen Volkes, das wir als aus der Exotik kommend heute bestaunen, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß es vor einem Jahrhundert noch auch in unserm Besitz war. Das unerschöpfliche Glücksreservoir des bloßen menschlichen Daseins. Am 17. Februar 1791 weilte Jean Paul in Hof und schickte durch einen Boten Otto den Anfang des »Wuz«, den er unmittelbar nach den ersten Versuchen der »Unsichtbaren Loge« niedergeschrieben haben muß. »Bei diesen mit unendlicher Wollust empfangenen und gezeugten 4 Bogen bedenke 1) daß es in 10 Tagen geschah, 2) und in gestohlenen Stunden vor und nach der Schule, 3) daß es so viel ist, als schlägst du das Ei auf und besiehest das rinnende Hühnchen, 4) und daß es dürre Knospen und Vorübungen sind, damit unser Einer so gut einen Roman in die Welt setzen könnte als H. Thylo, 5) und was ein Vorredner noch beibringt. Suche im Wuz keinen eitlen 269 eingeengten Orbilius, sondern nur ein in sich vergnügtes Ding.« Am 12. März konnte er dem Freunde bereits den Schluß der Dichtung übersenden. Bis zum letzten Buchstaben hält die glückliche Stimmung des Anfangs an. Auch die Schlußbogen sind »mit unendlicher Wollust« gezeugt. Damals hatte Jean Paul wohl auch nicht beabsichtigt, den Sohn des glücklichen Schulmeisterleins Maria in der »Unsichtbaren Loge« auftreten zu lassen. Erst nach der Ausarbeitung dieses Sektoren, ward ihm klar, daß der »Wuz« als Ganzes dem Roman anzuhängen war. Eine Vorübung für den ersten größeren Roman sollte diese »Art Idylle«, wie der Untertitel besagt, sein. Aber er wurde bald ein in sich ruhendes Ganzes. Nur die Wiederbelebung der eigenen Kinderzeit, die ja auch in der Kindheit Gustavs vorgenommen wurde, läßt den Gedanken einer Vorarbeit aufkommen. Aber wie oft hat Jean Paul sich seitdem in die entschwundenen Kindertage zurückversetzt. Hier floß ihm ein unerschöpfbarer Born der Poesie. Fast jedes Dichterleben hat eine solche Zeit, bei der es den Hebel nur anzusetzen braucht, um den Strom in Fluß zu bringen. Für Hölderlin war es die Zeit mit Susette Gontard, für Hoffmann das Bamberger Julia-Erlebnis. Es ist bezeichnend für Jean Paul, daß er im Quellgebiet allen Lebens: in seiner Jugend, am meisten zu Hause war und aus ihr immer neue Schöpferkraft ihm zuströmte. »Wie war Dein Leben und Sterben so sanft und meerstille, Du vergnügtes Schulmeisterlein Wuz!« so hebt die Dichtung an, und diese Atmosphäre von meeresstillem Dahingleiten, nur innerem Jubeln klingt bis zum letzten Wort durch. Mit seligem Zurückschauen breitet Jean Paul das Land der Kindheit vor uns aus, wie es ihm einst in Joditz sich abspielte, nur bewußter ins gleichbleibend Heitere 270 getaucht. Wie es der Dichter selbst getan hatte, arbeitet sich Maria Wuz die eigene Bibliothek. Alle Bücher, deren Titel er erfährt, muß er emsig selbst schreiben, selber heften und in die Reihe stellen. Werthers Leiden schreibt er selbst und Rousseaus Bekenntnisse und überhaupt alle Bücher, die einst Jean Pauls Begeisterung erweckten, wenn er sie aus der Bibliothek des Pfarrers Vogel heimlich hinter dem Rücken des Vaters las. Mit zehn Jahren verpuppt Wuz sich in einem Alumnus und oberen Quintaner der Stadt Scheerau. Eine furchtbare Zeit würde für jeden andern anbrechen, nicht so für ihn. Er kennt die einzig wahre Kunst, glücklich zu sein, und außerdem allerlei kleine Kunstgriffe, diese Kunst zu unterstützen. Dazu braucht man sich nur am Abend eines noch so großen Leidtages im Bett zusammenzukrümmen, die Knie bis zum Nabel emporzuziehen und zu sprechen: »Siehst du, Wuz, es ist doch vorbei.« Und wenn man überdies noch dafür gesorgt hat, daß man morgens fröhlich aufwacht, weil man sich irgend etwas Angenehmes für die Morgenstunde aufhob: einen gebackenen Kloß oder ein Kapitel aus dem Robinson, dann kann nichts Irdisches mehr schrecken. Das Wichtigste aber dieser Kunst, immer glücklich zu sein, ist, daß man sich verliebt. Wie einst der kleine Jean Paul in Augustina, verliebt sich Wuz in Justel. Hier aber wird der Verliebte beim Wort genommen. Justel ist die ihm ewig Bestimmte, und eines Tages wird er sie zum Altar führen. Wie Jean Paul muß Wuz die verschiedenen Stadien der Liebe durchmachen. Ihr Schnupftuch spielt eine große Rolle. Später schenkt er ihr aus Ruß selbstgemalte Bilder von großen Potentaten, oder er darf ihr einen Leckerbissen zustecken. Wenn er am Sonntag aus der Stadt kommt, um das väterliche Dorf zu besuchen, sieht er schon 271 von Weitem durch das Parterrefenster Justine sitzen, die da alle Sonntag einen ordentlichen Brief setzen lernt. Seine Seligkeit ist grenzenlos, daß er sie sehen und schüchtern um sie herumgehen wird. Wuz wäre Primaner geworden und hätte durch eine große akademische Laufbahn als erster die Reihe der Wuze durchbrochen, die seit undenklichen Zeiten als Schulmeister in Auenthal sitzen, wenn der Vater nicht plötzlich gestorben wäre. Der Patron wollte zunächst seinem Koch die Stelle geben, aber er fand keinen Nachfolger – für den Koch, und so fiel die Wahl auf den kleinen Wuz. Er besteht das Examen vor dem Superintendenten aufs beste, kann das griechische Vaterunser herbeten und hernach das lateinische Symbolum Athanasii . Am 13. Mai geht er als Alumnus aus dem Alumneum heraus und als öffentlicher Lehrer in sein Haus hinein, und am 9. Julius wird er Justel als Lehrersfrau heimführen. Acht elysäische Wochen vor der Hochzeit. »Bloß für das Meisterlein funkelte der ganze niedergetauete Himmel auf gestirnten Auen der Erde.« Hochwichtige Zwischenstationen teilen die Zeit bedeutend ein und verlängern das Glück des Wartens. Am 29. Mai fungiert er zum erstenmal bei einer Kindtaufe und darf eine stattliche Summe von mehreren Kreuzern in sein Einnahmebuch eintragen. »Es ist mein saurer Schweiß«, sagt er eine halbe Stunde nach dem Aktus und trinkt vom Gelde zur ungewöhnlichen Stunde ein Nößel Bier. Das Herrlichste aber ist der Sonntag, »der in einer Glorie brennt, die kaum auf ein Altarblatt geht«. Unter tausend Menschen allein zu orgeln, ein wahres Erbamt zu versehen und den geistlichen Krönungsmantel dem Senior überzuhängen! Das Allerherrlichste aber sind die Vorbereitungen zur Hochzeit. Er selbst tut alles und jedes, schleppt aus dem Pfarrhaus vier geborgte Sessel herbei, das zinnerne Tafelservice, bei 272 dem die Salatiere, die Sauciere, die Assiette zu Käse und die Senfdose ein einziger Teller sind, der vor jeder Rolle abgescheuert werden wird. Er spült mit Wasserschwällen jeden Bettpfosten und den Fensterstock, rupft Hühner und Enten, spaltet Kaffee und Bratenholz und die Braten selbst in der blauen Schürze seiner Schwiegermutter, die Haare in Papilloten eingeflochten und den Zopf wie ein Eichhornschwänzchen emporgebunden, ist überall und vorn und hinten: »denn ich mache nicht alle Sonntage Hochzeit«. In der Nacht wacht er siebenmal auf, um sich siebenmal auf den Tag zu freuen, und steht zwei Stunden zu früh auf, »um beide Minute für Minute aufzuessen«. Und als sich endlich im vollen Putz die Brautleute gegenüberstehen, stoßen sie da nicht so »möbliert und überpudert auf einander, daß sie nicht das Herz haben, sich Guten Morgen zu bieten? Denn haben beide in ihrem Leben etwas prächtigeres und vornehmeres gesehen als sich einander heute?« Die Hochzeitsgesellschaft erscheint: Die Seniorin nieset und hustet der Dorf-La-Bonne die neuesten Personalien vor. Der Senior sieht aus wie ein Schoßjünger des Schoßjüngers Johannes. Der Präfekt schießet als Elegant herum und ist von niemand zu erreichen, geschweige denn zu übertreffen. Jean Paul setzt diese Schilderung nicht durch Wuz' ganzes Leben fort; er fühlt, daß hier nur die Höhepunkte gegeben werden dürfen. »Ich hätte überhaupt«, fährt er bald nach Wuzens Hochzeit fort, »wenig vom ganzen Manne gewußt«, wenn ihn nicht die inzwischen alt gewordene Justine eines Tages angesprochen hätte, da ihr Mann gerade vom Schlage gerührt ist. So lernt er das alte Schulmeisterlein nur in seinem Tode kennen. Aber dieser Tod ist eine der zartesten und rührendsten Szenen, die je geschrieben wurden. Wuz läßt sich sein Kinderspielzeug ans Bett reichen und sinkt 273 wieder in sein Kinderreich zurück. Seine größte Krankenlabung wird sein alter Kalender, der ihn sein Leben lang begleitet hat mit seinen abscheulichen zwölf Monatkupfern. In ihren Vignetten zieht noch einmal sein Leben mit allen seinen Jahreszeiten an ihm vorüber, ehe er die Augen zum letzten Schlummer schließt. Der Glöckner ist gestorben, seine Justel muß die Glocken bedienen. »Wie die Witwe im stummen Kirchturm mit rinnenden Augen das Seil unten reißt, so fühlt ich unser aller Nichts und schwur, ein so unbedeutendes Leben zu verachten, zu verdienen und zu genießen.« Zu weltumfassender Liebe hatte sich der Satirenschreiber durchgerungen. »Suche im Wuz keinen eingeengten Orbilius«, hatte er an Otto geschrieben. Vielleicht lag bei einigen Stellen der ersten Bogen das Mißverständnis nahe, Wuz als einen satirisch behandelten, engstirnig pedantischen Schulmeister nach Art des Rektors Fälbel aufzufassen. Aber weit lag diese Absicht von Jean Pauls damaliger Stimmung ab. In seinem noch immer fortgeführten Andachtsbüchlein berichtet er über ein kleines Erlebnis, das wie nichts anderes seine liebevolle Einstellung zu Menschen und Dingen wiedergibt. Gereizt durch unzarte Neckereien, schreibt er, wollte er gerade wieder zur Waffe der persönlichen Satire greifen, da sah er zufällig ins ruhende Angesicht eines Knaben, und der Gedanke an künftige Leiden, die darauf wohnen, und an die Tränen, welche seine Augen noch vergießen würden, brach den aufsteigenden Zorn; die Leiden der ganzen Menschheit durchzuckten ihn, und er hätte keinem, der ihr angehört, in den bitteren Kelch seines Lebens noch einen Gallentropfen gießen können. Beruhigt ging er, doch mit dem Entschluß, seine Rechte fortan fest aber sanft zu behaupten, nach Hause. 274 Es läßt sich denken, daß er in solcher Stimmung, oder mehr als Stimmung: unter solcher Gewalt des Eindrucks vom Leiden des Lebens, unter einer Gestalt wie der seines Rektors Fälbel fast physisch litt und sich mit um so größerer Liebe in die Welt des armen, vergnügten Schulmeisterleins Wuz eingrub. »Ich will daher Euch mehr Freude machen«, schreibt er in sein Tagebuch. »Aufgebend meine großen Pläne, will ich mich darauf beschränken, Euch zu erheitern, und meine komische Kraft dazu anwenden, nicht mehr, wie bisher, Euch zu quälen! Wie ich daher selbst auch für mich in solchen Augenblicken mit meiner Kunst heiter zu sein und mich mit allen Beschränkungen zu begnügen, ihnen Freude abzugewinnen wußte: will ich auch meine Nebenmenschen zu beglücken suchen durch die Mitteilung des Gewinns meines bisherigen Lebens, der nach und nach von der Phantasie neben dem Witz ausgesonderten Kunst: Trost, Heiterkeit und Freude selbst an den beschränktesten Lebensverhältnissen zu finden.« Es konnte nur die Stimmung weniger Monate sein, in der er auf größere Arbeiten Verzicht leisten zu sollen glaubte, eine nur vorübergehende Unterbrechung an der »Unsichtbaren Loge«. Trotz dieses Bekenntnisses zwang es ihn immer wieder zu den großen Romanplänen zurück. Nur in seinem umfassenden Weltbild hatten diese idyllischen und heiterkomischen Ausschnitte eines beschränkten Daseins ihren Sinn. Er rang um das Beharren in der »altfränkischen« Atmosphäre und um das Hinaustreten mit titanischen Schöpfungen. Bei seinem mit berstendem Leben gefüllten Innern konnte es nicht zweifelhaft sein, wo die Entscheidung lag, aber mit einem kleinen Teil seines Wesens blieb er dennoch immer jener kleinen Welt verhaftet, aus der jedoch jeden Augenblick heraustreten zu können, ihm Notwendigkeit war. 275 Eine jener kleineren Arbeiten, mit denen er nur zu erfreuen und zu erheitern versuchte, war auch »Des Amtsvogts Josua Freudel Klaglibell gegen seinen verfluchten Dämon«. Die aus dem November 1790 stammende Urschrift führt den Untertitel »Schilderung eines Zerstreueten«. Es handelt sich also auch bei dieser Arbeit wie beim »Fälbel« um ein Charakterporträt, diesmal aber, in liebender Stimmung geschrieben, nur dem rein Komischen ohne bitteren Beigeschmack dienend. Allzu deutlich wird man durch den Amtsvogt Freudel, dessen »Dämon« eben in seiner Zerstreutheit liegt, an Vischers »Auch Einer« erinnert, um diese Parallele nicht wenigstens zu erwähnen. Dem Amtsvogt gerät aus Zerstreutheit alles verkehrt. Da er aber natürlich seine Zerstreutheit nicht wahrhaben will, vielmehr verächtlich von zerstreuten Menschen spricht, schiebt er alles Unglück einem Dämon zu, der ihn verfolge. Auch einer, der unter der Tücke des Objekts zu leiden hat. Ein »Antiwuz«, wie Jean Paul ihn selber nennt, einer, der in jedem Trunk einen Tropfen Galle herausschmeckt. Wie Fälbel muß dieser Antiwuz sich durch unfreiwillige Entblößung seines Wesens selber charakterisieren. Erst in diesen Porträts erlangte Jean Paul die Meisterschaft der rein durchgeführten Satire, die einst Christian Felix Weiße an dem jungen Studenten vermißt hatte und die sich anzueignen seitdem Jean Pauls höchstes Bemühen war. Unendlich viel von seinen reifsten und spätesten Arbeiten hat seine Wurzel in dieser ersten Periode seines Schaffens. Alles, was er einmal mit heißem Herzen ergriffen hatte, wirkte in ihm weiter fort. Seine damalige Hinneigung zur französischen Eleganz der Darstellung, zur witzigen Ironisierung, sie wirkte in diesen Charakterbildern, den Fälbel, Freudel und später dem Feldprediger Schmelzle und zahlreichen Gestalten seiner Romane nach, noch zu 276 einer Zeit, da er sonst jeden französischen Einfluß bereits bewußt überwunden hatte. Eine Szene aus dem Leben des zerstreuten Amtsvogts besonders hat Jean Paul bis ans Ende für besonders gelungen gehalten, und noch in der »Vorschule der Ästhetik« bekennt er, sie nicht lesen zu können, ohne sich vor Lachen zu schütteln, wie er bei ihrer Ausarbeitung vor Lachen kaum fortschreiben konnte. Es ist die Szene, in der Freudel auf der Kanzel bei seiner Probepredigt während des stillen Vaterunsers ganz seine Predigt und die andächtigen Zuhörer vergißt, in tiefes Nachdenken versinkt, und als er seiner Vergeßlichkeit endlich inne wird, sich von der Kanzel herunterschleicht und nur die Perücke auf dem Betpult liegen läßt, so daß die Gemeinde immer noch fort glauben muß, er knie im Gebet, bis endlich der Küster, als es allzulange gedauert, hinaufkommt und dem Publikum die im Stich gelassene Perücke vorweisen muß. Für solche komischen Szenen hat Jean Paul zeitlebens viel übriggehabt. Diese Vorliebe stammte aus seiner Beschäftigung mit der englischen Literatur in seinen entscheidenden Jahren. Stets hielt er eine Menge von derartigen Entwürfen bereit, um sie im gegebenen Fall anzuwenden. Aber im Tiefsten lockten ihn doch ganz andere Ziele. Je ernster er das Leben anschaute, aus je tieferen Erlebnissen seine Dichtung ihre Kraft gewann, um so mehr zog es ihn zur Darstellung und Verklärung dieses im Weltenraum verlorenen menschlichen Daseins. Der Klang des Herzens, der ihn aus seinen Satiren in die Welt seiner Romane geführt hatte, er drang auch in seine kleineren Arbeiten ein. Immer mehr gewannen sie die Atmosphäre jener Rede des toten Christus, die am Beginn dieser neuen Periode seines Schaffens steht. Der Ausarbeitung seines ersten Romans immer noch ausweichend in jene kleineren Satiren und 277 Humoresken, neigte er doch mehr und mehr auch hier zu dem heiligen Ernst, der seit der Todesnacht im November 1790 von seinem Wesen Besitz ergriffen hatte. Am 3. Januar 1791 übersandte er Renate Wirth einen Neujahrsgruß, dem er die Gestalt eines Traumes gab. »Ehe der Schöpfer die Seele der R—a, mit dem Körper umlaubt, auf die Erde ziehen hieß, traten die zwei Genien vor den Schöpfer, die verborgen um jeden Menschen fliegen«; der schwarze Genius mit dem seelenmörderischen Auge, der sie mit den Nichtigkeiten des Lebens verführen will. Und der gute Genius, der sie beschützen will. Er kniet vor Gott nieder: »Umblüme und umkränze die schöne Seele mit einem schönen Körper: unbesudelt soll einmal diese Hülle von ihr fallen – gib ihr ein großes Auge: die Falschheit soll es nicht verdrehen – leg' ein weiches Herz in ihren Busen: es soll nicht zerfallen, eh es für die Natur und Tugend geschlagen.« Es siegt der gute Genius, und sie fliegen miteinander auf die Erde nieder, gehasset und begleitet vom bösen Genius. – »O du, für die ich dieses schrieb, denk' an mich und an dieses Blatt – und wenn einmal meine Stimme, über der Erde entfernt oder unter ihr verstummt, nicht mehr zu dir reicht: so höre sie auf diesem Blatte – und wenn einmal mein fortgewandertes oder ausgemodertes Auge nicht mehr sieht, ob du glücklich bist: so werde nie unglücklich.« Zu einem neuen Werke war in diesem Neujahrsschreiben der Grund gelegt. Es enthielt den Keim zu der Vorrede zur zweiten Auflage des »Quintus Fixlein«, und zwar im besonderen Sinne zu der in dieser Vorrede mitgeteilten Erzählung »Die Mondfinsternis«. Jean Paul hat diese Vorrede erst im August 1796 geschrieben, als er aus Weimar zurückkehrte. Sie enthält die große Auseinandersetzung mit Goethe und der 278 Frühromantik, aus der dann der endgültige Plan des »Titan« herauswachsen sollte. Es mag wohl auch der Einfluß Herders gewesen sein, der in den dem »Quintus Fixlein« beigegebenen Erzählungen fortwirkte. An Karoline Herder hatte er ja einst seine erste Erzählung dieser Art, »Was der Tod ist«, geschickt, und sie war als die erste deutsche Frau von dieser Seite des Jean Paulschen Schaffens im Tiefsten ergriffen worden. Aber diese Beigaben zum »Quintus Fixlein« und dieser selbst, obwohl erst Januar 1795 beendet, tragen doch die Stimmung der Zeit weiter, da Jean Paul am »Wuz« arbeitete und der tiefe Gehalt der »Unsichtbaren Loge« sich herausschälte. Wenn er später die genannte Vorrede in die poetische Erzählung »Die Mondfinsternis« ausklingen lassen wollte, so brauchte er dazu nur auf den Neujahrsglückwunsch für Renate Wirth zurückzugreifen und die darin angeschlagenen Töne weiterschwingen zu lassen. »Auf den Lilienfluren des Mondes wohnet die Mutter der Menschen mit allen ihren zahllosen Töchtern in stiller ewiger Liebe.« Wenn der Schattenzeiger der Ewigkeit auf ein neues Jahrhundert zeigt, dann schlägt der Blitz eines heißen Schmerzes durch die Brust der Mutter der Menschen, denn die geliebten Töchter, die noch nicht auf der Erde waren, müssen ihre Körper anziehen und unter die Menschen gehen, und nur die unbefleckten kehren wieder auf den Mond zu der großen Mutter zurück. Der Zeiger der Ewigkeit nahet dem achtzehnten Jahrhundert, die Welt erdröhnt unter dem Donnerschlage. Der böse Genius des Jahrhunderts ruft laut nach seinen Opfern. Maria, die geliebteste Tochter, löst sich weinend vom mütterlichen Busen. »O Allliebender, nimm dich ihrer an!« Der böse Genius und der Genius der Religion ringen miteinander. Als leuchtender Jüngling zieht der gute Genius mit den Schwestern zur Erde nieder. »Wenn 279 euch nach einer schönen Tat . . . ein süßes Sehnen euer Herz ausdehnt, wenn in der Sternennacht und vor dem Abendrot euer Auge an einer unaussprechlichen Wonne zergeht . . .: dann bin ich in euern Herzen und geb' euch das Zeichen, daß ich euch umarme und daß ihr meine Schwestern seid.« Die Riesenschlange des Bösen fällt über die Erde zurück und zerbricht wie eine hereingebogene Wasserhose über einem Schiffe, flicht sich in tausend Schlingen und Knoten gerunzelt, erwürgend und fangend, durch alle Völker der Erde. »Und das Richtschwert zuckte wieder, aber das Nachtönen des durchflogenen Äthers währte länger.« Hier werden die Kulissen der Wirklichkeit beiseitegeräumt und das menschliche Dasein in die ungeheure Ewigkeit gerückt. In immer neuen Bildern stellt Jean Paul die Frage nach dem Woher? und beantwortet sie immer von neuem mit der kosmischen Verantwortung der Sittlichkeit. Vielleicht verstehen wir heute dieses Entflammtsein für Tugend und Reinheit nicht mehr recht. Dann aber wehe uns! wenn wir es nicht mehr verstehen. Die Jünglinge und Mädchen jener Zeit entbrannten für diese Ideale und schwärmten miteinander für sie, ohne wie die Schwärmenden unserer Tage mit einem Auge nach der Sünde zu schielen. Aus ähnlicher Einstellung, und wie die »Mondfinsternis« offenbar angeregt durch Herders Paramythien, erwuchsen die beiden andern Beigaben zum »Quintus Fixlein«. Die erste Erzählung »Der Tod eines Engels« ist die weitere Ausarbeitung der seinerzeit an Herder übersandten Erzählung »Was der Tod ist«, die in Boies »Museum« erschienen war. Auch die zweite Beigabe »Der Mond« hatte eine Vorstufe in dem September 1790 an Herder übersandten Aufsatz »Das Leben nach dem Tode«. Wie die »Mondfinsternis« mit Renate Wirth zusammenhing, so war »Der 280 Mond« für Helene Köhler gedacht, die im Sommer 1792 eine andere Fassung von Jean Paul zum Geschenk erhielt. In der Buchausgabe des »Quintus Fixlein« ist die Erzählung der »Pflegeschwester Philippine« gewidmet. Wir gehen also nicht fehl, wenn wir in Helene Köhler das Urbild der liebenswürdigen Philippine aus der »Unsichtbaren Loge«, der Schwester des »Einbeins«, vermuten. Wiederum lebt in dieser Monderzählung jene kosmische kopernikanische Weltanschauung, die in Jean Paul ihre ersten dichterischen Blüten trieb. Zu der Silberscheibe des Mondes herüber spannt die – wie der Untertitel sagt – »phantasierende Geschichte«. »Denn im Monde wohnen ja«, sagt Rosamunde zu ihrem Geliebten Eugenius, »die kleinen Kinder dieser Erde, und ihre Eltern bleiben so lange unter ihnen, bis sie selber so mild und ruhig sind wie die Kinder, und dann ziehen sie weiter.« Eugenius und Rosamunde haben sich, zerquält und bedrückt, von der Welt zurückgezogen und sind auf die Höhe der Berge gestiegen, um dort über allem Erdenleben zu wohnen. Ihr blasses Kind hat sie begleitet. Einen Tag lang wandern die Schwachen. Jetzt sind sie müde. Das Kind spielt, in einem Ringe von Blumen eingefaßt, an eine Sonnenuhr gelehnt. Eugenius läßt die ersten Harmonikatöne wie Schwäne in den reinen Alpenhimmel fließen. Als Rosamunde aus ihrer Entzückung über das Spielen des Kindes und das Fließen der Töne den Blick erhebt, ist das Kind eingeschlafen und tot. Eugenius stirbt ihm nach, und da er mild und ruhig ist, kommt er mit seinem Kinde auf den Mond und sieht über sich die weiße große Scheibe der Erde. Träume ziehen zwischen den Liebenden zwischen Mond und Erde, bis nach Qualen des Wartens der Engel der Ruhe auch Rosamunde herüberholt und die drei Liebenden vereinigt. 281 Erst die unsagbare zarte Poesie der Sprache gibt der kleinen Erzählung ihren Wert. Der Vorwurf ist romantisch und die Wirklichkeit übersteigend. Die Darstellung aber verklärt nur das Wirkliche einer tiefen Trauer und Müdigkeit. Wie Eugenius sein Kind bestattet, oder wie er vom Mond auf die Erdscheibe sieht, das überwindet durch die lebende Anschauung, durch die dem wirklichen Dasein abgenommenen Einzelzüge alles Phantastische des Stoffes. So begräbt weinende Trauer ihr Kind, so sehnen sich Liebende über Welten zueinander. So werden sie nach ihrem Glauben vereint sein in höherer Gemeinschaft. Man entsinnt sich der schönen Worte, mit denen Helene Köhler in ihrem Alter Jean Pauls Persönlichkeit beschrieben hat. Es muß etwas von der Zartheit dieser Monderzählung in ihr gewesen sein. »Warum sollt ich Phantasieen über den Mond einer Person nicht dedizieren« schrieb Jean Paul ihr im Juli 1792 bei Übersendung des Manuskripts, »die so viele Ähnlichkeit mit ihm hat und die ebenso wie er sanfte, milde, sich in die Nacht der Bescheidenheit verhüllende und magische an Vergangenheit und Zukunft erinnernde Strahlen wirft?« In die »Mondfinsternis« klang die Vorrede zur zweiten Auflage des »Quintus Fixlein« aus. Die beiden Erzählungen »Der Tod eines Engels« und »Der Mond« wurden als »Mußteil für Mädchen« dem Buche beigegeben. »Einige Jus de tablette für Mannspersonen« machten den Beschluß des »Quintus Fixlein«. Von diesen » Jus de tablette « haben wir die beiden wichtigsten Bestandteile, den »Rektor Fälbel« und den »Amtsvogt Freudel« bereits erörtert. Die andern Teile waren mehr theoretisierender Art. »Über die natürliche Magie der Einbildungskraft« und »Es gibt weder eine eigennützige noch eine Selbstliebe, sondern nur eigennützige 282 Handlungen« halten sich in dem Bereich der Hunderte von ähnlichen Aufsätzen, wie sie Jean Paul fortwährend produzierte und seinen größeren Arbeiten beifügte oder einschob. Auf seine Ansichten über die Liebe, wie er sie in dem zweiten Aufsatz zum erstenmal niedergelegt hat, wird in anderm Zusammenhang noch zurückzukommen sein. Wie aber stand es um den Hauptstock des Buches, um den alle diese Beigaben sich nur herumrankten? Erst nach Beendigung des »Hesperus«, des zweiten der großen Romane Jean Pauls, wurde der »Quintus Fixlein« im Juli 1794 begonnen und im Januar des nächsten Jahres beendet. Und doch gehört er seiner ganzen Art nach zu den zahlreichen Arbeiten, die dem Dichter während der Ausarbeitung der »Unsichtbaren Loge« aufgingen. Ein so unbedeutendes Leben zu verachten, zu verdienen und zu genießen, hatte er am Schluß des »Wuz« geschworen, und es ist der Nachklang dieser Stimmung, die im »Quintus Fixlein« weiterschwingt, ja man könnte den versonnenen Quintus fast als eine Wiederholung des vergnügten Schulmeisterleins ansprechen. Die dazwischenliegende Arbeit an den beiden umfangreichen Romanen hat nur insoweit auf die Darstellung eingewirkt, als das spätere Werk durchweg epischer gehalten, das Stimmungsmäßige mehr von der lyrischen Betrachtung ins Gegenständliche gehoben ist. Jugend, Hochzeit und Tod waren im »Wuz« die dargestellten Stationen. Hier ist die Handlung auf drei Jahre zusammengedrängt, gibt die Kindheitsgeschichte, ohne die freilich Jean Paul auch hier nicht auskommen kann, als Erinnerung und Fortwirkung. Statt des ergeben heiteren Sterbens ist ein fast magisches Ringen mit dem Tod getreten. Den Fixleins soll es bestimmt sein, am 32. Geburtstag zu sterben. Auch unser Quintus steht unter dem Bann dieser Bestimmung. 283 Als sich durch den zufälligen Fund einer Urkunde herausstellt, daß er jetzt erst 32 Jahre alt wird, während er annahm, den fatalen Termin seit einem Jahr hinter sich zu haben, ergreift ihn der Todesschauer und wirft ihn nieder. Wieder spielt hier der Dichter mit dem Tode in seiner erschütternden Weise, die aus einer vagen Annahme letzte Todesqualen herauszupressen versteht. So ist der Bogen weiter gespannt als im »Wuz«, die Idylle durch weit mehr Atmosphären getrieben. Auch der »Quintus Fixlein« klingt in das Gelöbnis aus, dieses kleine bürgerliche Leben nicht zu achten aber zu lieben, aber dieses Schulmeisterleben ist hier doch weit realistischer gefaßt und in der Tat weit weniger »geachtet« und fast mehr geliebt als im »Wuz«. Klarer und genauer ist der Charakter des Helden umschrieben. Er ist wirklich eng und voller Devotion, nicht nur voller Ergebung wie Wuz. Fixlein wird um sich nicht diese helle, immer fröhliche Lebensfreude verbreiten wie Wuz, er wird nicht einmal sonderlich aus der Reihe der Lehrer und Pfarrherren des Fürstentums Flachsenfingen herausfallen. Aber gerade das ist seine poetische Stärke. Nicht mehr in einem besonders liebenswürdigen Einzelfall wird dieses kleine bürgerliche Leben erfaßt, sondern in seiner Allgemeinheit, und siehe: trotz aller Enge und Lächerlichkeit und Pedanterie kann man auch hier schließlich sagen: es ist schön. Enger als der »Wuz« schloß sich der Quintus an Jean Pauls eigene Verhältnisse und Erinnerungen an. Die Flachsenfinger Schule, an der Fixlein bei Beginn der Erzählung seit vierzehn Tagen als Quintus, das heißt als fünfter Lehrer wirkt, ist natürlich das Höfer Gymnasium. Fixleins Heimatdorf Hukelum ist aus Jean Pauls Joditzer Erinnerungen gewonnen, und die Familie des Patrons hat von den 284 Patronen des Vaters, den Plothos auf Zedwitz, die Farben erhalten. Stadt und Land wurden durcheinandergemischt durch die damals übliche Laufbahn des akademischen Theologen, der an den Schulen und Gymnasien des Fürstentums seine Lehrer- und Hungerjahre absolvierte, bis ihm schließlich, wenn das Glück günstig war, eine Rektorstelle in der Stadt oder eine Pfarre auf dem Lande zufiel. Von der Gnade einflußreicher Gönner, entweder im Ratskollegium der Stadt oder eines Kirchen- und Schulpatrons auf dem Lande, hing das Schicksal eines solchen armen Hungerleiders in jedem Falle ab. Jean Pauls Vater war es im Vergleich zu vielen andern noch gut ergangen, denn er hatte in der Baronin Plotho, wie Fixlein in der Baronin von Aufhammer, eine Gönnerin, die ihm, wenn auch freilich zu spät, die Schwarzenbacher Pfarre verschaffte. Als Vorbild für die rührende Gestalt der Mutter des Quintus hatte Jean Paul seine eigene Mutter vor Augen, und er malte ihr Bild liebevoll mit all den rührenden Zügen aus, mit denen die ehemals wohlhabende Fabrikantentochter all ihr Elend trug. Bis ins einzelnste hat Jean Paul in Frau Fixlein seine Mutter nachgebildet, so wenn er sie die Nachricht vom Tode der Patronin dem Sohne auf dem Wäschezettel übersenden läßt, oder wenn sie den Bettelstudenten von ihrer Suppe reicht, da sie an ihren in Leipzig hungernden Sohn denken muß. Man sieht, wie der Dichter der erlebten Wirklichkeit alle die kleinen Züge entlehnt hat, die seine Idyllen so lebenswahr machen. Das kleine Gärtnerhäuschen, aus dem Frau Fixlein sehnsüchtig zum Pfarrhaus hinübersieht, es ist das kleine Schwarzenbacher Häuschen, das Frau Richter bewohnte, als sie nach dem Tode des Mannes das dortige Pfarrhaus räumen mußte. Freilich hatte Jean Paul damals den Herzenswunsch seiner Mutter, ihn predigen zu hören, mit Spott und Verachtung 285 zurückgewiesen, aber dennoch hatte er diesen rührenden Zug im Herzen bewahrt und ausgetragen und legte ihn jetzt der Mutter Fixleins ins Herz. Auch das Weihnachtsfest, wie es in Joditz gefeiert wurde, erhält in Fixleins Leben seinen Platz. Mit allen Einzelheiten entsteht vor unsern Augen das Leben dieser armen Theologenfamilien, das Jean Paul am eigenen Leibe mit allen seinen Leiden und Freuden erfahren hatte. Nicht einmal des Bruders Heinrich, den das Elend der Familie in die Saale trieb, ist in der Dichtung vergessen. Nur läßt er den Bruder des Quintus durch einen Unglücksfall in den Eisschollen versinken und glättet so das allzu Schreiende des Selbstmordes. Die äußeren Begebenheiten der kleinen Dichtung sind rasch erzählt. Quintus wandert zu Beginn der Hundsferien zu seiner Mutter nach Hukelum. Erinnerungen der Jugendzeit steigen dort vor ihm auf und durchtränken die Ferientage mit heiterem Glück. Wir lernen Fräulein Thienette kennen, eine arme Verwandte der Aufhammers, die mit ihren sechsundzwanzig Jahren allein in dem großen verlassenen Schloß sitzt, der nicht gerade reichlich fließenden Gnade ihrer Verwandten anheimgegeben. Ein Besuch des jungen Quintus bei Frau von Aufhammer zeigt uns die drückende Abhängigkeit des armen Schulmanns von seinen Gönnern. Herr von Aufhammer hat seine Hand ganz von Fixlein abgezogen, weil er annahm, daß dieser seinen Hund nach ihm getauft habe. Alle Entschuldigungen und Erklärungen verfangen nichts. Der Baron läßt nicht mit sich spaßen und hat geschworen, den jungen Mann nie wiederzusehen. Seine Frau hingegen hat ihn vielleicht gerade deshalb besonders in ihr Herz geschlossen. Sie belohnt ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit, verschafft ihm über Erwarten schnell das Konrektorat an der Flachsenfinger Schule, in das er überraschend 286 vom Quintus aufrückt, schenkt ihm sogar zu Weihnachten eine Wanduhr und setzt ihn, als sie stirbt, zum Erben eines großen Himmelbettes und einer Anzahl Dukaten ein. Ein besonderer Gönner Fixleins in der Stadt ist Herr Metzgermeister Steinberger, der Typus eines urehrlichen, prächtigen Charakters, dessen Vorbild wir mit einigen Veränderungen vielleicht im Amtsverwalter Clöter zu suchen haben. Er unterstützt Fixlein auf eine besondere wohlwollende Art, indem er ihm nicht Geld schenkt sondern gegen Zinsen borgt, die er den jungen Lehrer wieder durch gut bezahlte Stunden bei seiner Tochter verdienen läßt. Besonders entzückend ist die Szene, als Meister Steinberger seiner Tochter die Liebe zu Fixlein kurzerhand mit dem Krummholz austreibt, da ein Gelehrter eine ganz andere Frau verdiene. Als der alte Hukelumer Senior Astmann gestorben ist, erhält Fixlein eigentlich nur infolge einer Verwechselung seine Pfarre, und ebenso auch wieder fast eigentlich nur infolge eines Irrtums die Hand des Fräulein Thienette, die der junge Pfarrer im Ernst nie zu begehren gewagt hätte. Alles ist gut. Vor ihm tut sich die Dorfseligkeit auf. Fixlein besteigt die Kanzel und das Ehebett. Wieder werden die Vorbereitungen zur Hochzeit mit besonderer Liebe vor uns ausgebreitet. Ein Leben voller Seligkeit scheint zu beginnen, bis bei der Investitur ins Amt, die gewöhnlich erst fast ein Jahr nach dem eigentlichen Amtseintritt erfolgt, der Tod sich drohend in das Leben voller Seligkeit hineinneigt. Und zwar in doppelter Gestalt. Einmal ist es jener alte Aberglaube, nach dem die Fixleins nur zweiunddreißig Jahre alt werden, zum andern die nahende Niederkunft Thienettens, die Todesgedanken aufrührt. Jean Paul führt sich wiederum selber in die Handlung ein, indem er mit der Kommission nach Hukelum kommt und vorläufig dort bleibt. Er ist es, der Fixlein von dem 287 unheilvollen Glauben befreit und seine psychische Erkrankung mit psychischen Mitteln heilt. Fixlein genest, Thienette gebiert ihr Kind. Nachdem die Handlung durch Furcht und Todesangst hindurchgegangen, biegt sie wiederum in den fröhlichseligen Alltag ein. Aber dieser Verlauf der Handlung gibt keinen Begriff von der Stimmung, die über der kleinen Dichtung liegt. Was vom »Wuz« gesagt wurde, das gilt auch hier. Nicht nur in die persönliche Kindheit des Dichters wird der Blick eröffnet, es taut vor unsern Augen etwas wie die unberührte Kindheit einer ganzen Landschaft auf. »Dasein« erschließt sich uns, unbelastet von menschlicher Gier und Hast. Wenn im Wuz ein einzelnes Menschenleben in seiner Allgeborgenheit gezeigt wird, so tut sich hier die Allgeborgenheit des Lebens überhaupt vor uns auf. Aber dennoch muß man auch diese Dichtung in das Ganze von Jean Pauls Weltschau einordnen. Als er den Plan zum »Quintus Fixlein« faßte, trug er ein kleines Erlebnis in sein Tagebuch ein: Er findet in der Kirche, auf dem Chor, wo die Knaben stehen, ein verwelktes falbes Rosenblatt. »Großer Gott! was halte ich da anders als ein geringes Blatt mit ein wenig Staub daran, und auf diesem geringfügigen Dinge wird meiner Phantasie ein ganzes Paradies gereicht! Der ganze Sommer, der in meinem Kopfe wohnet, hält sich auf diesem Blatte auf! Ich denke an die schönen Sommertage, wo diese Blätter fielen, wo der Knabe durch das Kirchenfenster den Teil des blauen Himmels und die vorüberziehenden Wolken sah . . . Ach, gütiger Gott! Du säst überall das Vergnügen hin und gibst jedem Wesen eine Freude an die Hand!« Aus dieser Stimmung erwuchs ihm der »Quintus Fixlein«, nicht als Inbegriff des Lebens überhaupt und Inhalt seiner Dichtung, sondern wie ein kleines Rosenblatt mit ein wenig Staub 288 daran, und damit ein ganzes Paradies. Nicht das beschränkt Idyllische ist auch hier das Wesentliche Jean Paulscher Dichtung, sondern das Herzbewegende, das Weltumfassende, das sich hier mit einem so dürftigen Teil der Schöpfung begnügen konnte, um es mit dem Gebirge seines Geistes zu belasten. 289   Hesperus Am 29. Februar 1792 war die »Unsichtbare Loge« beendet. Anderthalb Jahre lang hatte Jean Paul mit dem Stoff gerungen. Zweifel über Zweifel kamen ihm, immer wieder suchte er dem allzu großen Vorwurf in andere Arbeiten auszuweichen. »Wuz«, die »Mondfinsternis«, die phantasierende Geschichte: »Der Mond«, »Rektor Fälbel«, »Amtsvogt Freudel« – es waren alles Anzeichen des schweren Ringens gewesen. Nach welcher Seite hin später Jean Paul sein Werk ausbauen mochte, in jenen anderthalb Jahren, da er mit der »Unsichtbaren Loge« rang, war der Grund dazu gelegt worden. In dieser Zeitspanne, da ihm die Berührung mit der Kinderseele immer neue Kräfte zuführte und hinwegnahm, wurde der Umkreis seiner Welt zum erstenmal völlig durchmessen. Sein Drang nach weltumfassenden Riesenentwürfen setzte sich gegen das eng umfriedete »altfränkische« Element in ihm ab. Rein auf zarteste Empfindung gestellte romantisierende Poesie gegen den gestrafften epischen Stil. Aufklärung, Sturm und Drang, beginnende Romantik wirbelten in seinem Innern durcheinander. Was sich später in drei Seiten des deutschen Geistes zerlegte, bei ihm war es noch verbunden und verschmolzen und suchte nach dem angemessenen Stil in Leben und Werk. Fülle und Zucht spannten sich als Pole gegeneinander. Am 25. Februar, als das Manuskript noch Lücken aufwies, übersandte er es an Otto. Wahrscheinlich fehlte noch der 290 Schluß, der durch Fenks Brief über Gustavs Gefangennahme und Ottomars heroischen Entschluß zu den nächsten Teilen hinüberleiten sollte, die dann nie mehr geschrieben wurden. Der Brief an Otto vom 25. zeigt jedenfalls, daß Jean Paul die Arbeit für beendet ansah. »Endlich ist nach einem Jahr die konvulsivische Geburtszeit meines Romans vorüber. Ich wollte Dir tausend Dinge sagen; folglich kann ich gar keines. – Wo fang ich an? – In der künftigen Woche, wo ich nichts zu tun habe, will ich über meinen und alle Romane reden. – Apropos: auf dem Titel des meinigen steht mit »romantische Biographie«. – Ich konnte es nimmer erwarten, ihn Dir zu geben – also bekömmst Du ihn mit allen Lücken, mit allen Mängeln, die ich selber sehe und aus Minuten-Armut stehen lassen muß, und mit leeren Seiten und ohne satirische und philosophasterische Depressionen. Ich will es doch noch einmal sagen: daß ich ihn noch nicht korrigiert habe und daß die letzten – der erste Ausbruch aus meiner Konzeptfeder sind. – Wie ein Vieh habe ich diese Woche geschrieben – der Appetit ist längst fort – je näher man dem Ende kömmt, desto krampfhafter schreibt man und ich, der ich sonst alle 2 Tage schrieb, brütete täglich 2 mal daran.« In rasender Spannung wartet er auf das Urteil des Freundes, hofft, daß Otto ihm bis zum nächsten Sonnabend geschrieben haben werde. Zwei Tage später setzt er den Brief fort. »Ich wollte noch 1000 Dinge sagen – meine unvorteilhafte Lage für einen Romanschreiber – daß ich ferner keinen einzigen lebenden Charakter brauchen können, kaum etwas vom alten Oerthel ausgenommen – daß ich leider die obersten Stände, die ich selber nicht gesehen, zu schildern mich erfrecht . . . und daß ich alle Szenen, sie mögen immer meine Kräfte überstiegen haben, doch geschildert, anstatt daß 291 andre darüber wegspringen. Denn es gibt eine Menge Mittel, den Leser um die Schilderung mißlicher Szenen zu bringen. – Übrigens ist dieses Pack ein corpus vile , an dem ich das Romanenmachen lernte: ich habe jetzt etwas besseres im Kopfe! – ist an den auf anderes Papier geschriebenen Szenen nichts – dem Eintritt aus der Erde in die Erde – an der Szene auf einem Berg in einem Park während eine Orgel geht – an denen mit der Residentin, die mich die meiste Mühe gekostet und noch größere kosten werden – an der Badzeit, an dem Tage auf der Molukke Teidor – so ist der ganze Bettel nichts wert. – Bloß die zwei Hauptcharaktere hatt ich darin zu entwickeln Zeit. Behandle mich mit Strenge, aber doch nur mit so vieler als der Wert des Buches aushält: hält er gar keine aus, so mußt Du mich loben. – Wenn nur die – Tage weg wären! Ich versichere Dich, ich werde zu Hause ordentlich erröten wenn ich mir denke, jetzt ist er da, jetzt da!« Wenige Tage darauf legte er die Feder aus der Hand. »29. Februar«, heißt es im Tagebuch. »Am Tage nach dem Schaltjahr war das letzte Blatt meines Romans geboren, dessen Bildung ein Jahr dauerte.« Noch einmal waren während des Briefes an Otto die Hauptszenen des Romans an ihm vorübergezogen, von Gustavs romantischem Eintritt auf die Oberfläche der Erde an der Hand des freundlichen Genius bis zu jener Sommernacht in Dr. Fenks Häuschen in der künstlichen Südsee. Man sieht, er hatte diese Szenen auf besonderem Papier gesondert ausgearbeitet. Gleichzeitig bedeutete der Brief aber auch bereits die innere Loslösung von dem Werk, mit dem er, wie er schreibt, ein Jahr, in Wirklichkeit aber über anderthalb Jahre gelebt hatte. Und doch war die unter dem Schreiben erwartete Befreiung nicht eingetreten. Zu schwer 292 lastete das Schicksal seiner früheren Bücher auf ihm. Konnte er anders denken, als daß nun wieder eine Zeit bitterster Enttäuschungen vor ihm lag? Verlegersuche, Zurückweisungen, wie sie seit den »Grönländischen Prozessen« sein Schaffen begleitet hatten. Hinzu kam eine steigende Unrast, die sein Dasein aufwühlte. In der »Unsichtbaren Loge« hatte er die Liebe zu Beate geschildert, wie er sie an dem verstorbenen Jugendfreunde Oerthel beobachtet hatte. Nun brannte er selbst, nicht von Liebe, aber von Sehnsucht nach ihr. Übermächtig stieg sein Verlangen nach einem Menschen, der ihm, dem er angehören konnte, hoch. Ein Thema, das mehr und mehr sein Schaffen, seine Briefe und seine Gespräche durchdringt. Die furchtbare Einsamkeit des Alleinseins erschreckte ihn. Er wurde nicht müde, sich auszumalen, wie er in die fremde Welt eines andern Wesens hineinströmen würde. Je ferner er schon durch seine unvollkommene wirtschaftliche Lage der Begründung eines eigenen Hausstandes war, desto mehr sehnte er sich nach bürgerlicher Gebundenheit und menschlichem Glück in vollkommener Gemeinschaft. Um Renate Wirth und Amöne Herold kreisten seine Gedanken, mit Helene Köhler versuchte er jene höchste innere Übereinstimmung zu gewinnen, die ihm vorschwebte. Aber er mußte bemerken, daß unter den Hofer Freundinnen keine war, die jenen Gipfelpunkt höchster Vollkommenheit, wie er ihn ersehnte, bedeutete. Damals war es ihm noch nicht klar, daß seine Sehnsucht jede Wirklichkeit überstieg, daß er einem Phantom nachjagte, das die Erde ihm nicht bieten konnte. Daß nur die Dichtung ihm, dem Sehenden und alles Wissenden, die Erfüllung darreichen konnte, die die Erde nur dem weniger Durchschauenden bietet. Es ist ein Beweis von der kosmischen Verankerung seines Ungenüges, daß ihm später die glänzenden Frauengestalten der großen Welt nicht 293 geben konnten, was er bei seinen bürgerlichen Freundinnen vergeblich suchte. Eine quälende Spannung kam in den Verkehr mit ihnen. Zerwürfnisse mit den Eltern zerrissen das harmonische Verhältnis. Sein Mangel an einer festen und gesicherten Stellung im bürgerlichen Leben mochte verwirrend hinzukommen. Er selbst bebte vor einem bindenden Wort zurück oder fühlte sich zurückgestoßen. Voll schwellender Empfindungen lief er von Schwarzenbach in die Stadt. »Im Konzert, Wut zu Tanz«, lautet eine der zahlreichen Tagebucheintragungen. »Vertraulicher Dialog mit Renate.« Und einige Monate später: »Die Liebe zur Heroldin wächst oder entsteht.« Aber das heilige Ineinanderschmelzen von zwei Welten blieb ihm versagt. Um so mehr mußte es seine nächste Dichtung durchschwingen. Schon die »Unsichtbare Loge« hatte den schicksalhaften Bann der Liebe zu gestalten versucht. Aber das Zueinanderfinden von Gustav und Beate war doch noch andern, mehr erzieherischen Zielen untergeordnet gewesen. Noch nicht genug Hindernisse waren zwischen den Liebenden aufgetürmt. Im Grunde sollte ja Beate nur nach dem unausgeführten Plan des Ganzen eine Vorstufe für Gustav bedeuten. In dem Augenblick, da die feindlichen Gewalten sich gegen die Liebenden wandten, war Beate ja schon dem Tode anheimgegeben und die Kraft des Dichters im ersten Anlauf zerstoben. Noch einmal ein solches Schicksal anspinnen und durch alle Hindernisse hindurch zur seligen Erfüllung führen; die im ersten Roman noch wahllos schweifenden Gedanken bewußter dem fester erfaßten Ziele hinzuwenden – das mußte nach den inneren Spannungen, die sich in der »Unsichtbaren Loge« nur teilweise entladen hatten, reizen. »Ich habe jetzt etwas besseres im Kopfe«, heißt es schon in dem Briefe an Otto vom 27. Februar, also zu einer Zeit, als die 294 »Unsichtbare Loge« noch nicht völlig beendet war. Nichts anderes konnte dieses »bessere« sein als ein neuer Roman, sein zweiter, der »Hesperus«. Und doch wären die ersten Blüten dieser Ranken im Frühfrost der vergeblichen Anstrengung dahingesunken, wenn nicht von Karl Philipp Moritz die erste begeisterte Anerkennung aus der großen Welt gekommen wäre, und mit ihr zugleich die endgültige pekuniäre Entlastung und Befreiung von den drückenden Sorgen. Es wurde bereits im vorletzten Kapitel angedeutet, mit welcher Begeisterung Moritz Jean Pauls Brief und das Manuskript seines ersten Romans aufnahm. Nur schwer war er von seinen Angehörigen zur Lektüre bewogen worden. Als er aber endlich Richters Brief aufmachte, so heißt es in der Schilderung dieses Vorgangs von seinem Bruder, da hellte sich bei den ersten Zeilen sein Auge auf. Kaum konnte er das Manuskript von der Post erwarten, so tief hatte ihn die innere Verwandtschaft mit dem Briefschreiber gleich bei den ersten Worten gepackt. Das sei kein unbekannter Gelehrter, meinte er, das sei Goethe, Herder oder Wieland, irgendeiner, der ihn durch eine fremde Hand in Versuchung führen wolle. Und als er einige Blätter des Romans gelesen hatte, rief er enthusiastisch aus. das begreife er nicht; das sei noch über Goethe; es sei ganz etwas Neues! Zwei Tage brachte er über der Lektüre zu und las am dritten, dem ersten Pfingstfeiertage, auf dem Observatorium, das er sich auf dem Dach seines Hauses hatte anbringen lassen, mit begeisterter und gerührter Stimme die Auferstehungsszene Gustavs seinen Brüdern und seiner Braut vor. Jean Paul hatte, als er das Manuskript an Moritz schickte, nicht ahnen können, daß Moritz sich gerade mit der Schwester des bekannten Buchhändlers und Verlegers 295 Matzdorff verlobt hatte und so in der Lage war, seiner Begeisterung sogleich durch Vermittlung eines glänzenden Verlagsangebotes Ausdruck zu geben. Im August sandte Jean Paul dem neugewonnenen Freunde den »Wuz« nach, der dem Roman in der Buchausgabe angehängt werden sollte. Moritz antwortete begeistert: »Der Wutz' Geschichte verfaßt hat, ist nicht sterblich! – wir werden und müssen uns bald sehen! – Ihnen sind hier mehr Herzen eröffnet, als Sie wissen und glauben!« Zugleich sandte Moritz im Auftrag seines Schwagers die ersten 30 Dukaten von den 100, die dieser als Honorar angewiesen hatte. Die »Grönländischen Prozesse« wie die »Teufelspapiere« waren anonym erschienen. Der Verfasser hatte sich gescheut, seinen Namen mit den witzigen Büchern, die ihm persönlich den Vorwurf der Herzlosigkeit eintragen konnten, in Verbindung zu bringen. Oder hatte er in intuitiver Voraussicht des Kommenden den endgültigen Schriftstellernamen für die Bücher aufgespart, in denen er in endgültiger Gestalt dem Publikum unter die Augen treten würde? Er fühlte, daß die »Unsichtbare Loge« das erste der Bücher einer langen Reihe war, die seinen Namen unsterblich machen würden. Unter welchem Namen wollte er in diese Unsterblichkeit eingehen? Er wählte: »Jean Paul«. Bereits im Mai 1792, noch ehe er also das Buch an Moritz abgesandt, hatte er sich in einer Gelegenheitsarbeit, einem Hochzeitsgedicht für eine Freundin von Friederike Otto, der Schwester Christians, als »Jean Paul« bezeichnet. Es war der Gleichklang mit den Vornamen Rousseaus, der unter der abgekürzten Bezeichnung Jean Jacques über die Herzen Europas wie ein Sturm dahingefahren war. Kein größeres Vorbild konnte er wählen als den großen Franzosen, den einzigen »großen Menschen« der Zeit, den sein Herz groß macht über die Gewalt 296 seines Geistes hinaus, wie Jean Paul es bereits in der Leipziger Zeit formuliert hatte. Wie Rousseau wollte er als Sturmwind über die Erde dahinbrausen, an den Herzen und den menschlichen und staatlichen Institutionen rüttelnd. Sein bürgerlicher Name Richter schien ihm nicht zweckentsprechend, jedenfalls konnte er ihn sich nicht mehr vorstellen ohne in Verbindung mit dem vorgesetzten »Jean Paul«. Als Jean Paul bezeichnete er sich also auf dem Titelblatt seines ersten Romans, und nur die Vorrede mit der Unterschrift »Jean Paul Friedrich Richter« und der Ortsbezeichnung »Auf dem Fichtelgebirg« lüfteten den Schleier der Anonymität. Jean Paul wollte also wohl zunächst seinen Schriftstellernamen französisch ausgesprochen wissen, aber bald bürgerte sich das gut deutsche »Paul« ein, und es ist bezeugt, daß in des Dichters eigener Familie die Aussprache »Paul« und nicht etwa »Poll« üblich war. Mit einer ungleich größeren Gewalt als vor einigen Jahren durch Karoline Herder sah sich der Dichter durch Moritz in der Gemeinschaft der großen Geister der Zeit willkommen geheißen. Weit sprang sein Herz auf und rief der eigentlichen Heimat des Genies den Gruß zu. Es war, als sänken alle lästigen Bande, die ihn an untergeordnete Menschen gebunden hatten, zurück. Mit einem Schlage sah er sich in höhere Zusammenhänge gehoben. Der Verfasser des »Anton Reiser«, der Freund Goethes, war sein Freund, mehr noch: sein begeisterter Bewunderer geworden. Die bedeutendste aus dem deutschen Pietismus herausgewachsene Erscheinung hatte, wenn auch nur einen Augenblick lang, sein Werk über Goethe gestellt. »Sie sollten den tonigten böotischen Boden kennen, in den mich das Schicksal gepflanzt und gedrückt, die allgemeine Kälte um mich her, gegen alles was den Menschen über den Bürger hebt.« Mit weit offenen Armen wächst 297 er Moritz entgegen. Erschütternd ist das Geständnis: »Wenn Sie mein Land kennten: so könnten Sie verstehen, wie einem Bewohner desselben 2 glühende Blättchen taten!« Jetzt erst wurde er sich des Drückenden und Unwürdigen seiner Lage ganz bewußt, und im Augenblick der Freude mochte er sogar ungerecht gegen seine Freunde und Freundinnen werden und gegen den Naturklang, den ihm sein Land bot, in dem er aufgewachsen war und der das Höchste in ihm entbunden hatte. »Kuhglocken wirkten oft so viel auf mich als Harmonikaglocken; aber es kam nicht von dem, was ich dabei hörte, sondern was ich dabei dachte.« Aber wieviel Tieferes hatten die Kuhglocken der heimatlichen Berge in ihm ausgelöst als die fehlenden Harmonikaglocken der Romantik! Moritz wurde mit einem Schlage sein Vertrauter. Auf einer weit höheren Ebene konnte er ihm sich mitteilen als Otto. Er wußte, daß Moritz die Seligkeit schöpferischer Stunden verstand. An ihn und nicht an Christian Otto schickte er unmittelbar nach Fertigstellung die »Sieben letzten Worte«, die den Beschluß des »Wuz« und damit des zweiten Bändchens der »Unsichtbaren Loge« machen sollten. »Ich werde selten eine Stunde haben, wo mein Herz so hoch schlug, wo mir fast alle Sinnen so vergingen wie in der Geburtsstunde jener 7 Worte«. Mochte Ottos Urteil in vielem einzelnen noch so treffend sein, jetzt trat es zurück hinter der Seligkeit, von einem Dichter gleich ihm selber verstanden zu werden. Erst mit Moritz' Freundschaft erhielt der Roman für Jean Paul seine befreiende Kraft. Noch voll von der Stimmung der Tage in Lilienbad, frei von drückenden Sorgen gab er sich dem Genuß der so lange ersehnten »Sabbathwochen« hin, wie er sie bald in seinem nächsten Buch schildern sollte. Fast das erste war, daß er eine größere Summe des 298 erhaltenen Geldes auf eine Neuausstattung seines Äußern verwandte, und gewiß hat der in den ärmlichsten Verhältnissen lebende kleine Schulmeister allein in dieser Möglichkeit einen Akt der Befreiung genossen. »Liebe Renata,« schreibt er der nach Baireuth zu ihrer Tante gereisten Freundin, »auch Sie müssen von der Seite des Herzens den alten Flausrock erst aus seinem Buche kennen lernen. Jetzt bei so vielem Golde und Silber wäre der Flausrock ein Narr, wenn er vernünftig bliebe; aber das tu ich schon nicht, sondern ich habe über 40 rth. schon aufgewandt, meinen alten Körper und Adam zu konvertieren und zu verzinnen, wie ich denn nächstens Ihnen in Baireuth mich mit Bänderschuhen und dreieckigem Hut und Gesicht präsentieren will. – Es ist alles mein Ernst und in 14 Tagen erblick ich die Eremitage und die Renata, die vielleicht nicht viel hineinkömmt.« Er hielt Wort. Schon am 2. September schreibt er ihr aus Baireuth ein französisches Billett. Am Tage vorher ist er zu Fuß, um 4 Uhr morgens »traurig unter dem Mond« aufbrechend, mit seinem Bruder angelangt. »Froh Abends«, berichtet das Tagebuch, »Lebensläufe geholt.« Wahrscheinlich also hat er noch einmal Hippels »Lebensläufe in aufsteigender Linie«, dieses Urbild des sentimentalen Romans, durchflogen, ehe er sich an sein zweites Werk machte. Der geplante Besuch der Eremitage wird durch ein Gewitter verhindert, aber am nächsten Morgen wandert er, an der Rollwenzlei vorüber, die ihm später so vertraut werden sollte, nach dem fürstlichen Lustschloß mit seinem Zaubergarten, die Stätten aufsuchend, an denen er Teile der »Unsichtbaren Loge« hatte spielen lassen. »Traurigkeit, daß ich schon fort muß . . . . Vormittag ging mein geliebter Eleve Oerthel in die andere Welt . . . Die Empfindung unserer Lebensflucht drückt mich nieder.« 299 Wieder war einer zu den Schatten hinabgestiegen, der ihm nahegestanden hatte. Eremitage, Renate, die Vergänglichkeit des »Menschensalpeters, der anschießt«, wie er es in den »Sieben letzten Worten« zum »Wuz« ausdrückt – aus alledem wob sich die Stimmung seines ersten Aufenthalts in Baireuth, den er mit wachen Sinnen genoß. In wenigen Tagen schreibt er Renate bereits wieder aus Schwarzenbach. »Baireuth und meine paar vertrauten Minuten darin liegen jetzt vom Abendrot der Erinnerung vergüldet vor mir.« »Gute Renate, ich bin heute zu ernsthaft. Denn am nämlichen Montagsmorgen, wo ich in der Eremitage künstliche Ruinen bestieg und bewunderte, fiel 12 Stunden weit das schönste Herz, das noch über diese kotige Erde ging, in ewige Ruinen zusammen – – mein guter Oerthel starb an Blattern. Niemand als ich weiß, was in seinem Kopf und Herzen, die nun auf immer der Sargdeckel und die Töpener Kirche überdeckt, für Tugend und Kenntnisse und Knospen und Blüten verborgen lagen. Sehen Sie, so sieht man, eh man 30 Jahre alt ist, die Lieblinge unsers Innern einsinken – so steht vor dem verarmenden Menschen ein Grab ums andere auf, und der Greis sieht die Sonne bloß unter Totenhügeln auf- und untergehen.« Der Tod des einstigen Schülers drückte ihn in eine jener Stimmungen nieder, über die er an Moritz schrieb: »Ich habe Stunden, nicht Tage, wo Ottomarische Ideen mich niederfällen.« Schon während seines Baireuther Besuchs hatte Jean Paul die Arbeit an seinem zweiten Roman, dem »Hesperus«, begonnen, aber die stärksten stofflichen Anregungen sollten ihm erst während des Schreibens kommen. Renate stand an den Toren des Werks, aber im Verlauf der Arbeit wurde sie von Amöne Herold abgelöst. »Ach, Dir allein war meine brennende Seele offen, als der Hesperus aus ihr quoll«, 300 schrieb er einige Jahre später an Amöne, die während der Hesperusarbeit mehr und mehr von ihm Besitz ergriff. Und hier scheint es sogar, als wenn Jean Paul zum erstenmal von wirklicher Leidenschaft ergriffen worden. Unter den Freundinnen war Amöne die am wenigsten schöne aber klügste. Vielleicht daß die zurückhaltende Sprödigkeit ihres Wesens den Dichter am heftigsten anzog und ihn sogar weiter vortrug, als er wollte und Amöne es zu gestatten geneigt war. Es gab Mißhelligkeiten und erregte Briefe. Jean Paul glaubte sich selbst bestrafen zu müssen damit, daß er sie nicht mehr sieht. Aber es ist unmöglich. »Ich würde dann nicht bloß viele fremde, und meine eigenen Freuden zerrütten, Zusammenkünfte stören und alle schönen Örter fliehen müssen: sondern dieser Entschluß wäre nichts als eine versteckte Absicht, mich zu rächen und Sie zu quälen. – – Das will ich nie, das kann ich nie, das hat die Person nie verdienet, die mir so viele schöne Stunden gegeben und der ich nichts vorzuwerfen habe als meine Ungenügsamkeit.« »Es war bloß Unsinn der Empfindung, zu versichern, daß ich nur die Wahl hätte zwischen Haß und Kälte. – Es ist noch jetzt Unwahrheit, zu versichern, daß ich eh ich noch alle unsere Gegenden verlasse, mein eigenes Herz bezwungen haben werde.« Das Tagebuch berichtet ergänzend von »leidenschaftlichen Szenen mit Amöne«. »Ich machte von den Zeichen ihrer Freundschaft zu eigennützige Auslegungen.« Einige Tage später: »Das Spiel ist aus. Ich zerrütte alles durch meine Wut, alles entschieden zu sehen.« »16. Jenn. Merkwürdigster Abend meines Lebens, da ich im Konzert unter dem Taumel, den Musik und Tanz über mich häufte, in ihr eine doppelte Entdeckung machte und ein vom Schicksal zerschnittenes Herz wider meinen Willen zusammenquetschte. – 17. Ging ich am Morgen zu ihr: rote Augen 301 und die Fiebernacht zeigten die jammernde Seele. – 19. Jenn. sagt ich meinem teuren Freund die Entdeckung. – Mein Zurückprallen, da meine Vermutungen falsch und meine Hoffnungen zertrümmert waren. – Ich rase zu ihr und bekenne alles und will mich trennen von der geliebten Gestalt auf ewig. Ich laufe durch die Nachtkälte hin und her – mit den bittersten Tränen; lege mich im Finstern aufs Ottoische Klavier. Die Augen wurden von etwas anderm bedeckt als vom Schlaf.« Endlich im Februar: »Völlige Gleichgültigkeit gegen sie.« Erst allmählich lief nach diesen Stürmen das freundschaftliche Verhältnis wieder in die alten Bahnen ein. Aber etwas blieb zwischen ihnen doch zerrissen. Die Zeit seiner sich anspinnenden Liebe mit ihrem Zauber lag ungelöst hinter ihm. Solche Abende wie der des Jahresendes blieben in seinem Herzen haften. Damals hatte er in das Tagebuch eintragen können: »Blieb in Herolds Hause bis 2 Uhr; schönste Abend meines kargen Lebens; ein gesungenes Wort von ihr ›Die Tage sind nicht mehr‹ beklemmt mich zu Tränen . . . Schöner letzter Tag. Neujahrswunsch an H.« Als er von diesem schönsten Abend nach Hause kam, hatte er ihr noch in der Nacht den erwähnten Neujahrswunsch geschrieben. »Für meine Freundin Amöne am Ende des Jahres 1792.« Es eine kurze poetische Erzählung »Der Genius«. In der Mitternacht, die zwischen zwei Jahren liegt, wird die Sanduhr des alten umgestürzt – Alle Genien der schlafenden Menschen ziehen in den Mond und fallen nieder vor dem Throne des Höchsten. Jeder Genius führet hinter sich die 365 Wolken, durch die er seinen Menschen zog. Amönes Genius fleht zum Höchsten: da der Mensch doch eine versunkene Wasserpflanze ist, die ihre erschütterten gepreßten Blüten mühsam über die Wellen hebt, ihn über seinen Schützling fallen zu lassen 302 wie eine finstre Wolke, die nicht weichen will, in der Gestalt eines Gedankens, in der Gestalt eines Liedes, in der Gestalt eines Traumes mit liebendem Zittern und sie liebend zwingen zu weinen, damit er ihr das Zeichen gebe, daß ihr guter Genius sie umarmt habe. »Das Schicksal antwortet nie.« – »Mein Genius fliegt neben deinem und seine Wolken decken, wenn Güsse in ihnen liegen, einen tiefen Schatten auf die des meinigen und einen Purpurwiderschein, wenn Abendgold sie überzieht.« Wenige Wochen später kam es zu den »leidenschaftlichen Szenen«, die die einzige große Liebe seiner Jünglingsjahre begruben. Es war ein ungeheures Glück für Jean Paul, daß er im »Hesperus« die Stimmung solcher Abende, wie den des Jahresendes mit Amönens Gesang, unmittelbar wiedergeben konnte. Als Victor Klothilde singen hört, da packt ihn das gleiche Weh und treibt ihn in den Garten hinaus und ringt ihm einen Brief ab, diesmal nicht an Klothilde selber, aber an ihren gemeinsamen Lehrer Dahore oder Emanuel. Und wenig später wiederholen sich die leidenschaftlichen Auftritte, wiederholt sich der ungeheure Schmerz um die ewige Aussichtslosigkeit seiner Liebe zu der Angebeteten, die dem Freunde angehört. Während er den »Hesperus« schrieb, führte auch das Schicksal auf seltsame Weise den Roman fort, in dem er selbst mitspielte. Ja, als hätte der Dichter seherisch in das Innere seiner Gestalten und ihrer Vorbilder geblickt, schien er im Buche nur vorwegzunehmen, was sich gleich darauf in Wirklichkeit zutrug. Die seltsame Einkleidung des Romans: daß ihm nämlich die Begebenheiten erst während des Schreibens zugetragen werden, entfernt sich gar nicht so weit von der Wirklichkeit. Zwei Jahre nach jenem Silvesterabend im Heroldschen Hause schrieb Jean Paul 303 selber den über Amönens und Christian Ottos Liebe entscheidenden Brief an den Freund. Er übersandte ihm Tagebuchblätter, die Amöne ihm anvertraut hatte, und schrieb dazu: »Ich setze zu den Schilderungen ihres Tagebuchs keine dazu; jetzt wirst Du glauben, daß ihr gespanntes trübes Aussehen in Gesellschaften nicht verheimlichter kämpfender Groll sondern daß er das Zurückpressen der überwältigenden Rührung ist. – Gib mir Deine Antwort wie Du willst, mündlich, schriftlich, schweigend; aber verzeih mir diese eiligen ohne Wage des Ausdrucks hingeschriebenen Bogen. – Es war meine Pflicht: ich konnte es nicht länger ansehen dieses allmähliche Versinken aus einem Schmerz in den andern, diese zergehende Erweichung des Herzens, in das jetzt die Töne des Konzerts zu schmerzhaft tief einschneiden und das in allen Büchern nicht mehr die kleinste Ähnlichkeit mit seiner Geschichte aushält.« Am gleichen Tage schrieb er an Amöne selbst, und seine Worte lesen sich wie eine Charakterisierung Klothildens, der Heldin des »Hesperus«: »Nur ich und noch jemand, den ich Ihnen wohl nicht zu nennen brauche, erkennen Sie vielleicht ganz, und vorher war es Wernlein, Ihr letzter und einziger Lehrer, der der verkannten Seele ihre Rechte gab. Nur das beste Herz konnte nicht zum bittersten werden unter den immerwährenden pädagogischen Mißhandlungen und unter lauter sarkastischen Umgebungen. Ich sehe und bewundere Ihre stille Ergebung in die väterliche Härte, Ihre unbegreifliche Geduld mit allen Giftmischereien der Anspielungen und Taten, Ihre häusliche und außerhäusliche Sanftmut mit Ihrer gewöhnlichen Raschheit und Lebendigkeit, über die Sie so viele Gewalt bei kränkenden Zufällen haben. Sie sind aus meiner Bekanntschaft die einzige Ihres Geschlechts, der ich jedes Wort heilig glauben darf und die in den mißlichsten 304 Lagen zu keiner Wendung Zuflucht nimmt als höchstens zum Schweigen . . . Verschiedene Stellen des von Ihnen erhaltenen Tagesbuchs schrieb ich ohne Ihr Wissen ab, aber mit Ihrem nachfolgenden Ja–Nein, obwohl ohne Ihren Auftrag gab ich sie weiter. Ich habe wie vor Gott gehandelt und auch Otto nichts verborgen; und dieser Brief ist meine erste gewißgute Handlung in diesem Jahr.« Auch die äußeren Lebensumstände Klothildens sind denen der Freundin nachgebildet. Auch Amöne hatte unter der »väterlichen Härte« zu leiden. Ihr Vater war, wenn auch nicht ohne Witz und Geist, so doch ein unerträglicher Tyrann in seinem Hause, und es bedurfte der ganzen Sanftmut und Seelenstärke Amönens, einer Katastrophe auszuweichen. Wenn auch nur diese wenigen Andeutungen vorhanden sind, können wir doch annehmen, daß der Vater sie für seine Zwecke rücksichtslos ausnutzte und seine Tochter in die schwersten Konflikte hineintrieb. Aber noch ein anderer Hinweis in diesem Briefe lenkt unsere Aufmerksamkeit auf sich: der auf Amönens einstigen Lehrer, Friedrich Wernlein, der zur Zeit, als Jean Pauls und seine Freundschaft begann, bei Herolds Hauslehrer war. Wir entsinnen uns des großen und bedeutenden Briefes an ihn, der die Arbeit an der »Unsichtbaren Loge« einleitete und in dem Jean Paul das Fazit seines bisherigen Lebens zog. Wernlein war der einzige seiner Freunde, der ihm an philosophischer Bildung gleichkam. Mit Wollust stürzte sich der Dichter in den Briefwechsel mit dem jungen Kandidaten, der ihm innerlich fast noch näher als Otto stand und der vielleicht überhaupt der einzige der Höfer Freunde war, mit dem er sich in seinen letzten Zielen verbunden fühlte. (Otto war ihm doch immer mehr ein bloßes Echo der eigenen Worte.) Mannigfache Anschauungen verknüpften die beiden. An Wernlein waren Jean 305 Pauls Ausführungen über die Überschätzung des Studiums der Alten, die hernach in der »Unsichtbaren Loge« ihren Platz fanden, gerichtet worden. In dem Briefwechsel mit Wernlein hatte sich Jean Paul zu seinen philosophischen Überzeugungen durchgerungen. Wernlein wirkte seit Anfang 1791 als Kollaborator am Gymnasium in Neustadt a. d. Aisch, und die plötzliche Entfernung mochte das Bild, das Jean Paul von ihm im Herzen trug, noch verstärken. Jedenfalls war es von jetzt ab einer seiner Lieblingspläne, den Freund hinter den Bergen aufzusuchen, und wohl auch Amöne bangte sich nach dem verständnisvollen Lehrer, der ihr der liebste gewesen und der ihren starken philosophischen Neigungen reichliche Nahrung geboten hatte. Die beiderseitige Zuneigung zu dem Fernen mußte ein neues Band zwischen Jean Paul und Amöne weben. Wenn auch im »Hesperus« der gemeinsame Lehrer Klothildens und Viktors nicht in allem Wernleins Züge trug, so hat doch Wernlein vieles zu seiner Gestalt gegeben: die philosophische, der herrschenden Zeitströmung abgekehrte Einstellung und die gemeinsame Liebe der Liebenden zu ihm. Und wohl mag es ein Lieblingsplan Jean Pauls gewesen sein, mit der Freundin zu Wernlein zu pilgern, um dort Tage in philosophischen Gesprächen hinzubringen, die er über alles liebte und zu denen sich ihm in Hof und der näheren Umgebung keine Gelegenheit bot. Aber noch von anderer Seite zog Emanuel oder Dahore Nahrung an sich. Bereits in der »Unsichtbaren Loge« hatte Jean Paul in dem Genius einen idealen Erzieher gestaltet. Der Genius war aus dem Herrnhutismus herausgewachsen, aber er trug doch bereits deutlich Züge, die über den deutschen Pietismus hinaus nach Indien wiesen. So lag es nahe, diese Gestalt ganz in einen indischen Weisen umzuwandeln. 306 Man brauchte damals nicht Welten zu überbrücken wie heute. Vieles im Pietismus neigte dem Indischen sich zu. Wenige Jahre später (1808) begründete bekanntlich Friedrich Schlegel, auch hier wieder einer Anregung Herders folgend, mit seiner Schrift »Über die Sprache und Weisheit der Indier« die deutsche Indienforschung, die in ihrem weiteren Verlauf von so einschneidender Bedeutung für den deutschen Geist werden sollte. Auch Schlegel drang, von der durch Herder inspirierten »Sakuntala«-Übersetzung von Georg Forster angeregt, von der mystischen Erfassung des Protestantismus zu den Indiern vor. Ohne Herder und Schleiermacher wäre dieser Schritt für ihn unmöglich gewesen. Es war nur eine wenn auch höchst geniale und dichterische Vorwegnahme der späteren Entwickelung, wenn Jean Paul seinen dem Herrnhutismus entwachsenden Genius als indischen Weisen auftreten ließ. Inzwischen aber hatte er ja selbst mit einem der bedeutendsten Vertreter des Pietismus, mit Karl Philipp Moritz, Freundschaft geschlossen. Mit der Intuition der Freundesliebe erkannte Jean Paul das Weiche und Schwärmerische in Moritz, soweit es ihn nicht bereits in dessen Büchern, vor allem in dem Roman »Andreas Hartknopfs Predigerjahre«, ergriffen hatte, der zwei Jahre vorher erschienen war. Wenn Wernlein einige der äußeren Umstände zu der Gestalt Emanuel-Dahores hergab, alles übrige empfing der angebetete Lehrer von Moritz, und vollends Moritzens plötzlicher Tod am 26. Juni 1793, also mitten in der Arbeit an dem Roman, mußte seine Gestalt ins Ungeheure vergrößern. Jean Paul empfing die Todesnachricht, als er gerade unvergeßlich schöne Tage in Neustadt und Baireuth hinter sich hatte. Außer der Todesnachricht fand er in Schwarzenbach die ersten Exemplare der »Unsichtbaren Loge« vor. Zum 307 erstenmal, anders als in den beiden Satirenbüchern, hatte er sich in einer Gestalt herausgestellt, zu der er sich freudig bekennen konnte. Schon im Herbst 1792 hatte er von Baireuth aus an Renate schreiben können: »Mein Roman wird zu Michaelis mit Kupfern von Chodowiezky in Berlin sehr schön gedruckt.« Aber etwas anderes ist es doch – zumal jungen Mädchen gegenüber –, einen Vertrag in der Tasche zu haben oder ein fertiges Buch auf den Tisch legen zu können. In die Erschütterung über den Tod des ungekannten Freundes mischte sich die Freude über die empfangenen Exemplare. Bei dieser Gelegenheit mußte er wohl eines Mannes gedenken, an den er seit fast vier Jahren nicht mehr geschrieben hatte: des Pfarrers Vogel in Arzberg. Als er kurz vorher seine Briefe neu geordnet hatte, waren ihm die Vogelschen wieder in die Hände gefallen. »Meine Jugendliebe zum Jugendfreund Pfarrer in Arzberg kömmt wieder und ich bereue mein eitles und undankbares Betragen«, hatte er dem Tagebuch anvertraut. Vogel beantwortete die Übersendung des neuen Buches mit der alten Herzlichkeit und voller Begeisterung für die »Unsichtbare Loge«. Inzwischen war die Arbeit am »Hesperus« bereits vorgeschritten. Moritz hatte sie nicht mehr zu Gesicht bekommen können, Christian Otto war wieder der einzige und erste Kritiker. Ende Juli oder Anfang August 1793 schickte Jean Paul ihm den ersten Teil: sechzehn Kapitel und einen Schalttag. »Der Tod des Moritz ist am meisten schuld, daß ich Dir das Buch gebe, damit Du mir wieder Lust zum Fortsetzen gibst – zumal da mich eine Person im Buche beständig an ihn erinnert.« Diese Person war natürlich Emanuel-Dahore. »Meine ganze gegenwärtige Seele ist mit allem Inneren, was mich glücklich und nicht glücklich macht, und was Du nicht mit dem äußern kleinen Bürgerleben und 308 meinem äußern Schein vermengen darfst, diese ist so wie die Wirkungen der Tage, durch die ich ging, in diese Blätter und die künftigen hineingedrückt; ich fühle aber täglich mehr, wie jeder Bogen, den ich schreibe, mich fähiger macht, entweder glücklicher oder bekümmerter zu werden.« »Wenn Du hinausgelesen – zumal das was im Januar und Februar geschrieben ist, wo mich Entschluß und Schicksal in einer steten Erschütterung erhielt – so wirst Du mit einem, der seine innere Lage in immer größeres Mißverhältnis mit den meisten äußern bringt und dessen Seelennerven jetzt bloß liegen, weil er sich die Haut davon wegschreibt, so wirst Du mit einem solchen vielleicht eine gelindere Rechnung halten als er selber mit sich halten sollte. Auch dieses wird vorübergehen und wenn man sich weich schreiben kann, wird man sich auch wieder hart schreiben können.« Man entsinnt sich der Ereignisse im Januar und im Februar des Jahres, von denen er schreibt, daß sie ihn in einer steten Erschütterung erhielten. Es war die Liebe zu Amöne und die leidenschaftlichen Auseinandersetzungen, die sie im Gefolge hatte. Die Briefstelle zeigt, daß er unter dem unmittelbaren Eindruck der Geschehnisse über die Begegnung zwischen Viktor und Klothilde geschrieben hatte. Aber die Erschütterungen, die ihm aus dem Freundinnenkreise kommen sollten, waren noch keineswegs beendet. Ende des Sommers verlobte er sich mit Karoline Herold, der Schwester Amönens. Was ihn an dieses erst fünfzehnjährige Mädchen band, ist schwer zu sagen. Seine Briefe an sie sind weit weniger schwärmerisch als an die älteren Freundinnen. Vielleicht wollte er durch diese Bindung allen Anfechtungen entgehen; vielleicht sich vor einer wieder erwachenden Leidenschaft zu Renate Wirth flüchten, die ihm doch während der ganzen Jahre am nächsten stand. Wir gehen wohl nicht fehl, wenn 309 wir diese Verlobung mit Karoline als eine Antwort auf die Verlobung Renatens mit dem älteren der Brüder Otto auffassen. Es war hierbei zu Eifersuchtsszenen gekommen. Christoph Otto hatte beobachtet, wie sich Jean Paul von seiner Braut verabschiedete, offenbar mit einem Kuß, und ihr das Zusammensein mit Jean Paul verboten. Renate mußte ihn bitten, sie nicht mehr zu besuchen. »Hätte ich doch Beredsamkeit genug, ihm ein Verhältnis zu erklären, das er immer mit so falschen Augen betrachtet . . . Leben Sie wohl, – Glücklicher als ich, durch den Besitz einer andern Freundschaft. Darf ich mich auch nie öffentlich Ihre Freundin nennen, so werde ich nie aufhören, mit Ehrfurcht an eine Freundschaft zu denken, die so oft mein Trost war.« Am 9. März 1795 fand die Hochzeit zwischen Christoph Otto und Renate statt. Die neuen Verhältnisse glichen die aufgeregten Wogen allmählich wieder aus, aber nicht ohne daß ein bitteres Gefühl in Jean Pauls Brust zurückblieb. »Dieser erste Teil«, schrieb Jean Paul im Juli 1793 an Otto über den »Hesperus«, »zwirnt nur das Garn, aus dem ich die Geschichte webe. – Er wird, da ich darin nur für meine Schwelgereien besorgt gewesen, bloß für die Minorität, ja nur für die Minimität sein. – Er wird zu heftig sein. Meine Lieblingsgerichte werden zu oft wiederzukehren scheinen.« Man bemerkt den durchgreifenden Unterschied in der Einstellung des neuen Romans gegenüber der »Unsichtbaren Loge«. Dort wollte Jean Paul ein Weltgebäude errichten. Alle in ihm widerstreitenden Ideen sollten sich zu einem Ganzen runden, der Held den höchsten Zielen zugeführt werden. Diesmal schrieb der Dichter sich ganz persönliche Nöte vom Herzen, schwelgte in großen Empfindungen. Das Thema Liebe, seit dem ersten Romanversuch aus der Muluszeit gewaltsam zurückgedrängt, brach 310 riesenhaft hervor. Was ihn seit dem Silvesterabend erschütterte, ihn seiner selbst nicht mehr mächtig umtrieb, das sollte den »Hesperus« erfüllen. Die »Schwelgereien«, die er sich seit zehn Jahren verboten hatte, hier gab er ihnen Raum im Werk. In der »Unsichtbaren Loge« herrschte die Freundschaft vor, jetzt trat die Liebe an ihre Stelle, und die Freundschaft zwischen Viktor und Flamin wurde sogar durch diese Liebe bedroht, in einem viel höheren Grade als die Freundschaft zwischen Gustav und Amandus durch die Liebe zu Beate. Erst jetzt war Jean Paul fähig, alle Enpfindungen auf ihren Gipfelpunkt zu treiben, da er am eigenen Leibe die Gewalt der Leidenschaften erfahren hatte. So finden wir sein ganzes Erleben vor und während der Niederschrift im »Hesperus« vor. Wie Amöne zwischen Christian Otto und Jean Paul stand, so steht Klothilde zwischen Viktor und Flamin. Und in den Eifersuchtsszenen, zu denen Flamin sich hinreißen läßt, spiegelt sich auch die Eifersucht Christoph Ottos, der seiner Braut Renate das Zusammensein mit Jean Paul verbieten wollte. Wie aber Jean Paul, von Liebe zu Amöne ergriffen, sich mit Karoline Herold verlobt, so fällt Viktor, da seine Leidenschaft zu Klothilde hoffnungslos erscheint, in die Schlingen Joachimes. Aber noch einer andern Voraussetzung des Romans müssen wir gedenken. Schon in den Satiren hatte sich der junge Jean Paul gegen die Mißwirtschaft der Fürsten gewandt, und der Kampf gegen sie war einer der Angelpunkte seines Denkens gewesen. In der »Unsichtbaren Loge« bewegte sich seine Schilderung noch völlig auf dem Niveau seiner Satiren, etwa der »Scherzhaften Phantasie« von J. P. F. Hasus. Inzwischen war die französische Revolution losgebrochen. Im August 1792 waren die Tuilerien erstürmt, am 21 Januar 1793 war Ludwig XVI. hingerichtet worden. 311 Danton und Robespierre entfalteten in Paris ihr Schreckensregiment. Es war klar, daß diese Ereignisse auf Jean Paul den tiefsten Eindruck machen mußten. Im März 1793 versprach er in einem Brief an Otto, »zu Ostern 1794 einige Winke über das Terzianfieber der Weltrevolution« zu geben, und er schreibt von den Fürsten: »da sie die ihrem Stande eigene Unverschämtheit besitzen, Torheiten und Ungerechtigkeiten zu gleicher Zeit zu begehen und einzusehen: so bringt sie kein Licht, so wenig wie den Papst, sondern nur das Schütteln von ihren Throngipfeln herab.« Das waren andere Töne als nur satirische, und sie sollten wohl ursprünglich den ganzen Hesperus durchschwingen. Dennoch unterschied sich schließlich die Schilderung des Hofes in dem neuen Roman nicht allzusehr von der früheren Tonart, und nur die jungen Engländer, die sich in dem Hause des Pfarrers Eymann einquartiert haben, tragen in ihren Reden diese Tonart fort. Von ihnen wird auch in der Todesnacht Emanuels der Pulverturm in die Luft gesprengt als weithin leuchtendes Fanal der Freiheit. Im übrigen macht sich auch in der Schilderung des Flachsenfinger Hofes bemerkbar, daß Jean Paul von Höfen und höfischen Sitten eine genauere Vorstellung erhalten hatte. Wenige Tage, bevor sein erster Roman beendet war, war das Fürstentum Baireuth durch Erbfolge in preußischen Besitz gekommen. Am 8. Februar 1792 fand in Hof die feierliche Huldigung der Beamten vor dem König von Preußen statt. Zum erstenmal konnte Jean Paul bei dieser Gelegenheit einen richtigen König beobachten. Und bald darauf wurde er Zeuge eines zweiten höfischen Vorgangs, den er im »Hesperus« wirklichkeitsgemäß wiedergegeben hat. Die satirische Schilderung von der Übergabe der fürstlichen Braut Agnola in Großkussewitz ist ein getreuer Bericht der Zeremonien, die 312 Anfang Mai 1792 anläßlich der Vermählung der Prinzessin Karoline von Parma mit dem Prinzen Maximilian von Sachsen in Hof, der Grenzstadt zwischen Baireuth und Sachsen, stattfanden. Im »Hesperus« läßt der Dichter seiner Prinzessin sogar ihre südliche Herkunft. Mit der Wollust des Autors stürzt er sich auf diese Begebenheiten als auf Fundgruben seiner Darstellung.   Schon bei der »Unsichtbaren Loge« fiel die ungeheure Verwicklung der verschiedenartigsten Verhältnisse zwischen den einzelnen Personen auf. Sie tritt uns im »Hesperus« noch gesteigert entgegen. Aber sie ist bei Jean Paul nicht Selbstzweck, versinnbildlicht nur die Atmosphäre, die um jeden einzelnen seiner Menschen liegt. Das Durcheinander von Beziehungen verschiedenster Art, in das das Leben die einzelnen Menschen verwirrt, wird durch diese romanhaften Verflechtungen zum Ausdruck gebracht. Das Leben knüpft die Fäden kaum weniger zahlreich und verworren, als es in Jean Pauls Romanen geschieht, wenn auch auf andere Weise. Um aber dieses verschiedenartige Verflochtensein des Lebens darstellen zu können, bedarf es in der Dichtung eines Untergrundes von dunklen Verwachsungen und Verflechtungen. Die Erlebnisformen einer Generation werden bereits in der früheren Generation angesponnen. Beziehungen zwischen den vergangenen oder vergehenden Menschen spiegeln sich im Leben der gegenwärtigen als Schicksal. Nicht immer freilich kommt es im wirklichen Dasein zu Verknüpfungen des Blutes, Kindervertauschungen, Wechselehen. Man kann nur in seltenen Fällen damit rechnen, daß Liebende sich auf einmal als Geschwister erkennen müssen. Aber nur, weil die 313 meisten Gedanken nicht zur Ausführung kommen und die meisten Wünsche keine Erfüllung finden. Wenn nur ein Teil der konventionellen und pekuniären Hemmungen, die sich dem Wollen des Menschen entgegenstemmen, fortfiele, würden in der Tat die Beziehungen zwischen den verschiedensten Menschen genau so vielfach und verwirrend sein wie in den Romanen Jean Pauls. Man kann mit gutem Grund sagen, daß Jean Paul zwar die bestehende Wirklichkeit überbietet, wenn er überhaupt die damals an den Höfen bestehenden Verhältnisse wirklich überbietet, aber kaum über den Bereich der Möglichkeit hinausgeht. Im »Hesperus« wird der Ideenkomplex der »Unsichtbaren Loge« noch einmal aufgenommen, aber auf den Umkreis von vornherein beschränkt, der in dem ersten Roman wirklich umschritten war. Der Plan des ersten Romans reichte weiter, wollte in dem Verhältnis zwischen Gustav und Beate nur eine Vorstufe künftiger Entwickelung des Helden sehen. Diesmal sollte in dieser ersten Liebe des Helden sein Schicksal umgriffen werden. Gustav sollte, wenigstens in der endgültigen Fassung, nicht zu der höchsten Aufgabe eines Menschen, zum Herrscherberuf, geführt werden. Deshalb war es nicht nötig, ihn nach Erfüllung seiner ersten romantischen Liebe noch eine zweite, wirklichkeitsnähere erleben zu lassen. In dem einen Liebesschicksal konnte Jean Paul sich diesmal ausschwelgen und deshalb zwischen die Pole der Sehnsucht und Erfüllung eine ganze Welt legen. Er brauchte den Charakter des Helden nicht höher zu treiben, als er von Anfang an war. Viktor ist fertig, wie er zuerst auftritt. Er wird im Verlauf der Handlung vielleicht bereichert aber nicht mehr entwickelt. Er ist in viel höherem Sinne als Gustav das Ebenbild Jean Pauls selber, der auch als kein anderer aus den erotischen Verwicklungen jener Jahre heraustrat, 314 Weichheit und Stärke sollten in dem Helden zum Bunde verflochten werden, und sie sind es von Anfang an. In Viktor ist aber auch zum ersten Male jene für Jean Paul selber so charakteristische Zweiheit von Humor und Empfindung verwirklicht, die bereits auf das Zwillingspaar der »Flegeljahre« hinweist. Gustav war noch vom Zeitalter der Sentimentalität umfangen, Viktor ist seine Überwindung, nicht in dem Sinne, daß er die edle Schwärmerei des Herzens durch Härte ersetzt hätte, aber seiner seelischen Eindrucksfähigkeit steht eine seltene Kraft des Gemüts und ausgebildete Reife des Verstandes zur Seite. Alle Empfindungen durchklingen sein Wesen in voller Stärke, aber es erliegt nicht mehr der Welt, sondern hat die umwandelnde Kraft der männlichen Stärke. Er ist Arzt, aber wenn er wie Gustav dem Offizierberuf bestimmt wäre, so würde er sicher ein guter Offizier sein und den Zweck auch dieses Berufs zu vertiefen und zu erfüllen vermögen. Die Figur Viktors allein beweist die Unhaltbarkeit der Auffassung, daß Jean Paul lediglich ein Vertreter des sentimentalen Zeitalters wäre. Allerdings stellt er ein Menschenideal auf, das von unserer entseelten Zeit nicht erfüllt zu werden vermag, weil wir im Betonen der äußeren Embleme der Kraft die Kraft selbst sehen und die Mächte der Seele ignorieren zu dürfen glauben. Überwindung der Sentimentalität besteht aber nicht in dürftiger Seelenarmut, sondern im Ausgleich der starken Empfindungen mit dem schaffenden umwandelnden Willen. Nur eine entseelte Zeit darf in Jean Pauls Menschenideal süßliche Empfindelei erblicken. Von seiner Zeit aus betrachtet, bedeuten seine Idealgestalten die innere Überwindung des sentimentalen Zeitalters. Von ungeheuren seelischen Kräften und Empfindungen fühlten seine Leser sich getragen, und nicht zum mindesten hierauf beruhte die Stärke 315 seiner Wirkung immerhin auf ein Geschlecht, das die Schlachten der Befreiungskriege schlug. Viktor verspottet ausdrücklich die Sentimentalität und erklärt sie für die März- oder Naßgalle am menschlichen Acker, für eine immer naßbleibende Stelle, auf der alles verfaule. Er verspottet die flachen Köpfe, die zu Herzen werden und uns statt der Ideen nur Tränen geben. Gerade sein Humor – als der »humoristische Liebling« wird er bezeichnet – ist außerordentlich stark ausgeprägt. Wir hören von seinen humoristischen Rösselsprüngen, seiner Lust zu Tollem und Kindischem. Er mißfällt zunächst sogar Klothilde, die ihn für allzu satirisch und boshaft hält. Hier wird auf Jean Pauls satirischen Hang angespielt, der ihm zunächst die Frauen entfremdete. Bezeichnend ist auch für den Helden wie für den Autor sein Hinuntersteigen zu Hanswürsten, Fuhrleuten, Matrosen und Kindern. Viktor liest mit Begeisterung den »Wuz«, diesen »Flügelmann der Freudenhandgriffe«, und lernt von ihm, daß entweder nichts in diesem Leben wichtig ist oder alles. So charakterisiert tritt Viktor von Anfang an im Roman auf, und es sind nur die schweren und ernsten Schicksale im Verlauf des Buches, die seinem Wesen die dunkleren Farben zumischen. Über den Charakter seiner Partnerin Klothilde ist wenig mehr zu sagen. Sie ist durch ihre Ähnlichkeit mit Amöne hinreichend gekennzeichnet. Auch sie ist nicht durchaus eine Vertreterin der Sentimentalität. Gerade die Herrschaft ihres Verstandes über ihre Empfindsamkeit wird gerühmt. Auch bei ihr sind es erst die schweren und ernsten Erlebnisse, die ihrem Wesen die jugendliche Frische nehmen und ihr Herz bloßlegen. Gerade darauf beruht der Reiz ihrer Gestalt, daß ihr Schicht auf Schicht die Sicherheit und Stärke genommen werden und ihr Wesen immer rührender hervortritt. Von 316 Anfang an ist sie die alles Wissende, des Lords Vertraute und in alle Geheimnisse der Geschichte eingeweiht. Sie weiß, daß Flamin, der sie liebt, ihr Bruder ist, und eine fast übermenschliche Stärke gehört dazu, sich in diesen Wirrnissen des Herzens zu behaupten. Eine Stärke, die weniger die eines Helden als eben die eines stark empfindenden Mädchens ist. Zwischen Viktor und Klothilde steht Flamin. Er gilt für den Sohn des »Hofkaplans« Eymann, ist aber in Wirklichkeit der Sohn des Fürsten Januar und der Nichte des Lords. Flamin ist völlig Tatmensch. Als Soldat will er, der wie er glaubt Bürgerliche, Ruhm gewinnen, um Klothilde heimführen zu können. Sein Beruf als Regierungsrat sagt ihm nur wenig zu. Er ist jähzornig, edel, gutmütig, mehr Natur als Geist. In einem der Schüler Jean Pauls wird er sein Vorbild haben, vielleicht in dem gerade verstorbenen jungen Oerthel. Mit einer Idylle fast setzt der Roman ein. Wir befinden uns in St. Lüne, einem Badedorf bei der Residenz Flachsenfingen, und zwar im Hause des Pfarrers Eymann. Dieser Pfarrer mit dem noch zu erklärenden Titel Hofkaplan ist von dem Geschlechte der Freudel, ein »Anti-Wuz«, »auch einer«, dem alles zum Unglück ausschlägt, stets verfolgt von der Tücke des Objekts. So führt er einen hoffnungslosen Kampf gegen die Ratten des Pfarrhauses, denen er mit Trommeln und andern Mitteln beikommen will, ohne etwas anderes als Unheil anzustiften. Seine Frau, die Pfarrerin, ist eine jener mütterlichen Idealgestalten, wie sie Jean Paul immer wieder mit sorgfältiger Liebe umrissen hat. Wir lernen Flamin kennen, den die Pfarrerleute selbst für ihren Sohn halten, und Agathe, ihre Tochter, eine liebende und prächtige Tochter und Schwester. In der Küche wirkt, von niemandem beachtet, Apollonia, die »Küchen-Appel«. In 317 der Wiege schreit Eymanns jüngster Sproß, dessen Tauffest bevorsteht. Zu dieser Taufe wird Viktor, oder auch Horion oder Sebastian genannt, erwartet, der Sohn des mächtigen Lords, der, seit langem mit dem Fürsten Januar befreundet und ihm verwandt, großen Einfluß auf die Geschicke des Fürstentums hat. Lord Horion wird sich mit seinem Sohne bei Eymanns treffen. Der Lord ist vom Star befallen und will sich von Viktor, der sich in England zum geschickten Arzt herangebildet hat, im Pfarrhaus operieren lassen. Die Operation gelingt, der Lord erhält sein Augenlicht wieder. Dem Pfarrhause gegenüber liegt das Schloß des Oberstkammerherrn Le Baut. Le Baut wohnt dort mit seiner zweiten Frau und einer Tochter aus erster Ehe, Klothilde. Das Fräulein Le Baut und die Pfarrerstochter Agathe sind in herzlicher Freundschaft verbunden. Daß Flamin von unglücklicher Liebe zu Klothilde entbrannt ist, wurde bereits gesagt. Das Landleben hat die Schranken des Standes zwischen den Kindern des Pfarrhauses und Klothilde niedergerissen. Wenn auch Le Baut und seine Gattin nicht auf gleichem Fuß mit dem Pfarrer und seiner Familie verkehren, so dulden sie doch wohlwollend die Freundschaft der Kinder. In übersichtlicher Klarheit scheint sich die Geschichte vor uns zu entwickeln. Aber schon das zweite Kapitel zeigt, daß wir es mit den verwickeltsten Verhältnissen von der Welt zu tun haben. Zunächst wird Jean Paul selbst in die Handlung eingeführt. Er sitzt auf der Insel St. Johannis in den »ostindischen« Gewässern im Fürstentum Scheerau, wie sie uns aus der »Unsichtbaren Loge« bekannt sind. Durch einen Hund, den Spitzius Hofmann, erhält er von den Ereignissen der Geschichte Kunde. Daher die Bezeichnung der einzelnen Kapitel als »Hundsposttage«, wie überhaupt zuerst der 318 Roman heißen sollte. Die Berichte, aus denen Jean Paul den Roman zusammenstellt, sind mit »Knef« unterzeichnet, woraus wir mühelos auf den humorvollen Dr. Fenk aus der »Unsichtbaren Loge« als Absender schließen können. Durch die Hundspost erfahren wir nun auch einen Teil der Vorgeschichte des »Hesperus«. Danach hat Januar, der Fürst von Flachsenfingen, in Frankreich drei uneheliche Söhne: den Walliser, den Brasilier und den Calabrier, und einen Sohn, den Mosge (Monsieur), der irgendwo auf den sieben Inseln der künstlichen ostindischen Gewässer verborgen sein soll. In England verliebte sich Januar in die schöne Nichte seines Freundes, des Lord Horion. Sie gebar ihm einen fünften Sohn, den sogenannten Infanten. Der Oberstkammerherr, der die Nichte des Lords gleichfalls liebt, heiratet sie und datiert die Heirat um drei Quatember zurück. Offenbar hat sich der Fürst mit Einwilligung des Kammerherrn Le Baut und unter seiner Maske bei der Lady eingeschlichen. Als die Lady von ihrem Oheim, dem Lord, darüber aufgeklärt wird, verläßt sie ihren Gatten und flüchtet nach England. Die Tochter, die sie ihrem Gatten geboren hat, Klothilde, muß sie ihm zurückgeben, aber der »Infant«, ihr Sohn von dem Fürsten her, bleibt bei ihr und wird von ihr erzogen. Der Fürst will, daß auch seine drei andern Söhne dort mit dem Infanten zusammen erzogen werden, aber sie werden geraubt und entführt und schweifen später als »Gelehrte und Semperfreie« in der Welt umher. Pfarrer Eymann hat als Reiseseelsorger den Fürsten auf seinen verschiedenen Reisen begleitet. In England lernte er als eine Freundin der Lordnichte seine spätere Frau kennen. Er heiratete sie, und sie gebar ihm noch in England einen Sohn, nämlich Flamin. Flamin wurde bei der Lady zusammen mit dem Infanten und Viktor, dem Sohne des Lords, 319 erzogen. Ihr Erzieher war ein indischer Weiser namens Dahore. Übrigens wird aus jener Zeit noch berichtet, daß der Infant an den Blattern unheilbar erblindete. Le Baut war bei dem Fürsten in Ungnade gefallen und lebte seitdem mit seiner zweiten Frau und seiner Tochter Klothilde auf seinem Gute St. Lüne. Den Reisepfarrer Eymann, der mit ihm in Ungnade gefallen war und der deshalb die ihm versprochene Stelle als Hofkaplan in Flachsenfingen nicht erhielt, stellte er als Pfarrer in St. Lüne an. Diese Vorgeschichte lüftet den Schleier der sonderbaren Beziehungen, in denen die verschiedenen Menschen zueinander stehen. Damit ist die Grundlage für die Entwickelung des Romans gegeben. Noch wissen wir nicht, daß Flamin eigentlich der fälschlich blindgesagte Infant ist. Wirklich erblindet ist vielmehr der wirkliche Sohn Eymanns, der irgendwo im Verborgenen leben soll. Flamin selbst ahnt nicht, daß er der Bruder der von ihm geliebten Klothilde ist. Viktor, auf den Klothilde von Anfang an tiefen Eindruck macht, achtet in ihr die Geliebte seines Herzensfreundes Flamin. Ihm selbst unbemerkt wächst im Innern eine tiefe Leidenschaft zu Klothilde heran. Sie würde von ihm nicht beachtet und jedenfalls mit aller Kraft unterdrückt werden, wenn er nicht auf einmal durch seinen Vater, den Lord, erführe, daß Klothilde und Flamin Geschwister sind und die Liebe Flamins also ein Irrtum des brüderlichen Gefühls ist. Mit einem Schlage wird er sich jetzt seiner Leidenschaft zu Klothilde bewußt und zugleich in einen schweren Konflikt hineingerissen. Mit Flamin hat er bei dem Wiedersehen in St. Lüne den Schwur unverbrüchlicher Freundesliebe getauscht. Wenn er sich Klothilden nähert, muß er dem Freunde als der verächtlichste Verräter an ihrer Freundschaft erscheinen. Lüften darf er ihm das Geheimnis seines verwandtschaftlichen 320 Verhältnisses zu Klothilde nicht, da er dem Vater unverbrüchliches Schweigen gelobt hat. Dem Phantom des Freundes muß er seine Liebe opfern. Bis zu diesem Punkte führt uns der erste Teil des »Hesperus«. In einem prachtvollen Aufbau entsteht vor unsern Augen dieser eine ganze Anzahl von Personen einschließende Konflikt. Der Spaziergang der Freunde, ihr Treueschwur auf der Baumkanzel, von der man weit in das Land hinein sieht; das erste Auftreten Klothildens, von der wir sogleich ahnen, daß sie tief in Viktors Schicksal eingreifen wird. Die Gesellschaft im Schlosse Le Bauts. Das Auftreten des Junkers Matthieu, des Sohnes des regierenden Ministers von Schleunes am Flachsenfinger Hof. Der Tauftag im Pfarrhause. Das Handbillett des Fürsten Januar, das Flamin zum Regierungsrat ernennt und ihn, wie Flamin wähnt, der erträumten Verbindung mit Klothilde wieder einen Schritt näher bringt. Die Gespräche mit Klothilde, die von ihrem Lehrer Emanuel in Maienthal erzählt. Magisch wirkt der Name Emanuels auf Viktor ein. Er fühlt, daß ihn das Schicksal irgendwie mit diesem von Klothilde geliebten und angebeteten Mann verknüpft hat, ohne bisher zu ahnen, daß Emanuel sein eigener geliebter Lehrer Dahore ist. Schon hier zeigt sich Viktors beginnende Liebe zu Klothilde, deren leiseste Herzensregung ihm heilig und vertraut ist. Dann die unvergeßliche Szene, da Viktor unter dem Gesange Klothildens das Zimmer verlassen muß, weil ihn der Anprall der Empfindungen überwältigt, und er oben in seinem Zimmer den ersten Brief an Emanuel schreibt und sich dem Unbekannten an die Brust wirft: Das alles zieht wie anhebendes Schicksal an unserm Auge vorüber und schlägt uns in magischen Bann. Klothilde wird in der Klosterschule von Maienthal erzogen. 321 Gerade ist ihre liebste Freundin, Giulia von Schleunes, des Junkers Matthieu Schwester, gestorben und hat ihr Herz durch ihren Tod allzu tief verwundet. Auch hier spinnen sich wieder Fäden zur »Unsichtbaren Loge«. Giulia ist offensichtlich Beate, deren früher Tod in dem ersten Roman angedeutet wird und die hier als unendlich rührender Schatten über der ganzen Handlung des Romans herzieht. Klothilde erzählt von ihrem Leben in Maienthal, von dem Leben Emanuels, der mit einem bildschönen erblindeten Jüngling Julius in einer selbst erbauten Lindenhütte wohnt. Wir ahnen, daß dieser blinde Julius der an den Blattern erblindete Sohn des Pfarrers, oder nach den bisherigen Enthüllungen der Vorgeschichte, der erblindete Infant ist. Schon langsam von den Strudeln der nahenden Begebenheiten erfaßt, verlebt Viktor in St. Lüne seine »Sabbathwochen«. Es war dasselbe traumhaft glückliche Umherschlendern, das Jean Paul selbst in diesen Wochen nach dem erlösenden Brief Karl Philipp Moritzens gefangenhielt. Ein Brief des Lords unterbricht die Stille des ländlichen Idylls. Viktor wird als Hofarzt an den Flachsenfinger Hof gehen. Die Braut des Fürsten, die italienische Prinzessin Agnola, wird in Großkussewitz feierlich eingeholt. Der Lord kommt mit Januar durch St. Lüne. Viktor wird ihm vorgestellt und von seinem Vater zur »Insel der Verheißung« befohlen, wo er ihm wichtige Enthüllungen zu machen hat. Inzwischen läuft die Antwort Emanuels auf Viktors Brief ein. Seltsam klingen die Stimmungen durcheinander: die Welt des indischen, lebenabgekehrten Weisen und des fürstlichen Hofes. Viktor wandert allein nach Kussewitz, um Zeuge des höfischen Schauspiels der Übergabe der italienischen Prinzessin zu werden und von dort nach der Insel der Verheißung zu gehen. Die Wanderung nach Kussewitz ist wiederum eines 322 der unerklärlichen Wunder Jean Paulscher Dichtung. Wir kennen den Zauber solcher Wanderungen bereits aus der »Unsichtbaren Loge«. Aber hier ist er noch größer geworden. Einsame Wanderungen des Dichters im Ungestüm seiner Erlösung durch den Erfolg des ersten Romans, die glückerfüllte Losgelöstheit von aller Erdenschwere, das blumenhafte Dahintaumeln im All, – alles das ist doch erst jetzt in ihm lebendig geworden. So gibt sich Viktor noch einmal vor dem Eingespanntsein des Hoflebens einem grenzenlosen Schweifen hin. Die Freiheit ungemessener Tage umfängt ihn. Wie auf Flügeln eilt er durch das Land. Die Landschaft des Fichtelgebirges kreist in großen Ringen um ihn her. Im Freien schläft er ein, kommt in der Dämmerung in das Dorf. Eine neue Perspektive ist rings aufgebaut. Viktor wohnt bei dem alten Zeidler Lind. Vor seinen Augen rollt sich das bizarre Schauspiel der Brautübergabe ab. Er sieht Agnola, die Prinzessin, und verliebt sich traumhaft spielerisch in sie. Ein italienischer Händler Tostato verkauft Bijouterien. Er besticht ihn und verkauft als italienischer Händler verkleidet der Prinzessin eine Uhr, in die er einen Zettel mit einer verblümten Liebeserklärung hineingeklebt hat. Noch einmal ist Viktor der »humoristische Liebling«, der in leichtem Spiel das Leben einfängt. Noch einmal verkündet er seine heitere Auffassung der »Simultan- oder Tutti-Liebe«: »Wenn nun in diesen ehelustigen und ehelosen Zeiten ein Jüngling, der noch auf seine Messiasin wie ein Jude passet und der noch ohne den höchsten Gegenstand des Herzens ist, von ungefähr mit einer Tanzhälfte . . . hundert Seiten in den Wahlverwandtschaften oder in den Hundposttagen lieset – oder mit ihr über den Kleebau oder Seidenbau oder über Kants Prolegomena drei bis vier Briefe wechselt – oder ihr fünfmal den Puder mit dem Pudermesser von der Stirne kehrt – 323 oder neben und mit ihr betäubende Säbelbohnen anbindet – oder gar in der Geisterstunde (die ebenso oft zur Schäferstunde wird) über den ersten Grundsatz der Moral uneins wird: so ist so viel gewiß, daß der besagte Jüngling . . . ein wenig toll tun und für die besagte Mitarbeiterin . . . etwas empfinden muß, das zu warm ist für die Freundschaft und zu unreif für die Liebe, das an jene grenzt, weil es mehrere Gegenstände einschließt, und an diese, weil es an dieser stirbt . . . Diese Universalliebe ist ein ungegliederter Fausthandschuh, in den, weil keine Verschläge die vier Finger trennen, jede Hand leichtlich hineinfährt – in die Partialliebe oder in den Fingerhandschuh drängt sich nur eine einzige Hand.« Unter dem Lesen der »Unsichtbaren Loge« kommt Viktor an das Ufer des Sees, in dem die Insel der Verheißung liegt. Keine Brücke führt hinüber. Der Lord ist bereits da und erwartet den Sohn »mit einem Ernst, der seine Freundlichkeit überhüllte, und mit einer Rührung, die noch mit seiner gewöhnlichen Kälte rang«. Durch Bewegen eines Steines hebt sich eine eiserne Brücke aus dem Wasser, die die beiden hinüberführt. Geheimnisvolle Wälder und künstliche Anpflanzungen nehmen sie auf. Durch die Flöre steigen fünf Gewitterableiter in den Himmel auf, ein Regenbogen aus zwei ineinandergekrümmten Wasserstrahlen schwebt flimmernd am Gezweige. Als der Lord den Sohn in ein Birkengebüsch hineinzieht, beginnt die lallende Totenzunge eines Orgeltremulanten zu tönen. In dem Gebüsch liegt ein Grab mit einem schwarzen Marmorstein, auf dem ein überschleiertes blutloses Herz und die bleichen Worte stehen: Es ruht. Es ist das Grab Marys, der Gattin des Lords. »Nie schauderte Viktor so: nie sah er auf einem Gesicht eine solche chaotisch wechselnde Welt von fliehenden, kommenden, 324 kämpfenden, vergehenden Empfindungen; nie starrte ein solches Eis der Stirne und Augen über krampfhaften Lippen – und ein Vater sah so aus, und ein Sohn empfand es nach.« Ottomarstimmung liegt über den Worten des Lords: »Glaube nicht, daß ich besonders gerührt bin – glaube nicht, daß ich eine Freude begehre oder einen Schmerz verwünsche – ich lebe nun ohne Hoffnung und sterbe nun ohne Hoffnung.« Neben dem Grabe der Gattin will er begraben werden, und dann soll auch auf seinem weißen Herzen in schwarzer Schrift stehen: Es ruht! Im Spiegel des blankgeschliffenen Steins erscheint dem Jüngling einen Augenblick das verehrte Antlitz seines Lehrers Dahore. Hier ist es, daß der Lord dem Sohn, der bei der Asche der Toten Schweigen gelobt; einen Teil der Vorgeschichte offenbart. Flamin ist der Sohn des Fürsten, kenntlich an dem apfelartigen Mal unter dem Schulterblatt. Die drei andern Söhne des Fürsten leben als Gelehrte und Semperfreie in der Welt umher. Es ist der Sohn des Kaplans, der an den Blattern erblindete und seitdem im Verborgenen lebt. (Also der Julius Emanuels?) Der Mosge lebe verborgen auf den sieben Inseln der künstlichen Südsee. Als der Lord erblindete, habe er mit Hilfe Klothildens die Korrespondenz mit der Lady und den Lehrern der Söhne geführt. Hierbei sei das Geheimnis leider in die Hand eines uneingeweihten und gefährlichen Menschen geraten: Junker Matthieu, der Sohn des Ministers Schleunes, habe sich eingeschlichen und in Erfahrung gebracht, daß Flamin der Sohn des Fürsten sei. Seitdem habe er mit Erfolg die Freundschaft Flamins gesucht. Der Minister sei mit dem Sohne im Bunde, und beide suchten aus ihrer Mitwissenschaft Vorteil zu schlagen und bereiteten irgendeine Intrige vor. 325 Ungeheure Umwälzungen bringen diese Enthüllungen in Viktors Innerm mit sich. Jetzt weiß er, nicht nur, daß Klothilde frei ist und keine Freundschaft ihm ihre Liebe verwehren kann, er weiß auch, daß Klothilde selbst um ihr geschwisterliches Verhältnis zu Flamin unterrichtet ist und den überschwenglichen Bruder mit schwesterlich liebender Hand abzuwehren sucht. Er eilt zu Emanuel nach Maienthal, umarmt in ihm den alten und geliebten Lehrer Dahore. In Entzückung und Beklemmung schwillt sein Herz. Er gesteht Emanuel seine Liebe zu Klothilde, reißt sich von ihm und dem sanften blinden Flötenspieler Julius los und eilt nach St. Lüne zurück. Wieder umfängt uns die Szenerie des Anfangs, aber alles ist anders geworden. Mit andern Augen betrachtet er nun die quälende Liebe Flamins und die sorgende Zärtlichkeit Klothildens. Der Schwur verschließt ihm die Lippen. Trotz allem ist seine Liebe zu Klothilde ja Verrat am Freunde. Dennoch kann er sich nicht losreißen, zieht seine Abreise nach Flachsenfingen in die Länge, denn er fühlt, daß er das liebvertraute Pfarrhaus mit seinen geliebten Personen nie wieder so friedlich wiedersehen wird. Die kommenden Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Endlich trennt er sich von den Freunden. An einem Sommerabend geleiten sie ihn hinaus, immer wieder umkehrend, immer wieder einander von den nächsten Hügeln noch grüßend. In der Residenz wohnt er beim Apotheker Zeusel, einem charakterlosen komischen Männchen, der von Stadt- und Hofklatsch lebt. Ihm gegenüber beim Stadtsenior wohnt Flamin, der als Regierungsrat gleichfalls nach Flachsenfingen übergesiedelt ist. Sie können sich in die Fenster sehen und miteinander sprechen. Aber was Viktor bisher mit Seligkeit erfüllt hätte, das wird ihm jetzt zur Qual, da er die wichtigsten Dinge dem Freund geheimhalten muß. 326 Fürst Januar wohnt in einem einfachen Palast. Er ist zu bequem, um die Anstrengungen des Hoflebens auf sich zu nehmen. Das gesellschaftliche Leben des Hofes hat vielmehr der Haushalt des Ministers von Schleunes übernommen. Die junge Fürstin Agnola wohnt im Paulinum, dem alten Schloß. Wiederum sehen wir hier die Baireuther Verhältnisse vor uns, die Jean Paul nunmehr genau aus eigenem Augenschein kennt. Viktor beginnt seine Tätigkeit als Hofarzt damit, daß er den Fürsten zu einer Inkognitoreise durch sein Land überredet. Er vermag ihm allerlei Neues zu zeigen, ohne aber den Fürsten zu durchgreifenden Änderungen bewegen zu können. Denn die Fürsten können nach dem Ausdruck Jean Pauls zu gleicher Zeit Unrecht begehen und einsehen. Die kleine Fahrt endet für Viktor in St. Lüne. Klothildens Geburtstag wird gefeiert. Den Höhepunkt des Tages bildet ein Konzert, wie es Jean Paul kurz vorher in Hof selbst erlebte. Der Mundharmonikaspieler Franz Koch und der Virtuose auf der Viole d'Amour Karl Stamitz, die der Dichter, wahrscheinlich in Gegenwart Amönens, hörte, machten einen derart starken Eindruck auf ihn, daß er die Wirklichkeit im Roman nicht überbieten zu können glaubte und das Konzert der beiden Künstler mit vollem Namen und allen Einzelheiten in den Geburtstag Klothildens hineinflocht. Wieder gab er hier eine jener »Schwelgereien« des Herzens, an denen der »Hesperus« so reich ist. Flamin bleibt die innere Bewegung des Freundes nicht verborgen. Er ahnt seine Leidenschaft für Klothilden. Matthieu scheint ihn überdies aufzustacheln. Auch die Eltern vermuten, daß Viktor sich ihrer Tochter zu nähern beabsichtige, und fragen Klothilde geradezu, wie sie sich zu einer Werbung Viktors stellen würde. Klothilde antwortet, die eigene Liebe schamhaft verhüllend und das Geheimnis von Flamins Abstammung 327 bewahrend, mit einem »Nein!«, was Viktor bald genug erfährt. In toter, leerer Stimmung geht er nach Flachsenfingen zurück. Ein Briefwechsel mit Emanuel ist seine einzige Freude, da er Klothilde sich für ewig verloren glaubt. Es naht die Zeit, da die Äpfel draußen reif werden, und mit ihnen wird das Muttermal auf Flamins Schulterblatt sichtbar. Viktor vermutet, daß Matthieu die Zeit benutzen wird, um sich durch den Augenschein des Males von Flamins Abstammung zu überzeugen. Er will Flamin davor bewahren und schlägt ihm vor, nach St. Lüne zu gehen. Aber in einer Unterredung muß er erfahren, daß Matthieu bereits unter einem Vorwand das Mal gesehen und zur Heilung eines eingeredeten Leidens dem Fürstensohn ein Pflaster auf den Rücken gepappt hat. Mit Schrecken sieht Viktor, daß das Geheimnis in der Tat im Besitz des gefährlichen Junkers ist. In seiner Verzweiflung über die Aussichtslosigkeit seiner Liebe gibt sich Viktor dem oberflächlichen Hofleben hin und beginnt mit Joachime, der Schwester Matthieus, zu tändeln. Auch hierin entspricht der Charakter des Helden seinem Vorbild Jean Paul, den die Aussichtslosigkeit seiner Liebe zu Amöne und vielleicht zu Renate zur Verlobung mit der blutjungen und farblosen Karoline trieb. Es war eine Anklage gegen sich selbst, der Jean Paul in diesem Teil des »Hesperus« stattgab. Viktor verkehrt ständig im Schleunesschen Hause und redet sich ein, dem eifersüchtigen Flamin dieses Opfer bringen zu müssen. Aber er ist von Neigung zu der schönen Joachime keineswegs ganz frei. Sie ist geistvoll und nicht gerade schlecht, wenn auch kokett, aber besonders fehlt ihr der Adel echter Liebe und Tiefe. In diese Situation tritt Klothilde hinein, die als Hofdame der Fürstin nach Flachsenfingen gekommen ist. Vielleicht ist Klothilde bereits von 328 Neigung zu Viktor ergriffen. Dann muß sie ihrerseits ihre Liebe für aussichtslos halten, da sie Viktor, weitab vom ernsten Geiste Emanuels, in den Banden Joachimens sieht und außerdem erfahren hat, daß er ihre Berufung an den Hof zu hintertreiben versuchte. Ein magisches Suchen der Seelen beginnt zwischen ihnen. Viktor überschreit sein Herz in dem Hineinstürzen in den Strudel der Vergnügungen. Dennoch versteht die bleiche Klothilde ihn und behandelt ihn mit zarter Rücksicht. »Tarantelwochen« nennt Viktor im Gegensatz zu den herrlich-ernsten Sabbatwochen diese Zeit. Endlich, während einer Vorstellung der »Iphigenie«, in der gleichfalls Bruder und Schwester sich unheilvoll begegnen, läßt Viktor die Hülle fallen und gesteht Klothilden sein Wissen um die Geheimnisse von Flamins Herkunft. Eine rührende und zarte Freundschaft spinnt sich zwischen den Unglücklichen an. »Wer nicht das Sparrwerk und Zellenwerk des Menschenherzens kennt, den nimmt es wunder, daß Viktors Freundschaft gegen Klothilde ein ganzes Honiggewirke von Liebe für Joachime in seine Zellen eintrug.« Es ist der gleiche Vorgang, der in der »Unsichtbaren Loge« Gustav in die Arme der Residentin trieb und den seine persönlichen Kritiker wie Otto und selbst Wernlein nicht als psychologisch richtig anerkennen wollten, obwohl er von höchster innerer Wahrheit ist. Ein Gespräch zwischen Joachime, Viktor und ihrem Bruder über die Liebe gibt Viktor Gelegenheit, die heiße innere bürgerliche Liebe mit all ihrem Zauber der kalten höfischen Liebe entgegenzusetzen. Hier sieht man, wie Jean Paul sein Thema auf immer höherer Ebene aufzunehmen und durchzuführen vermag. Dieses Gespräch ist in gewissem Sinne ein Gegenstück zu den Ausführungen über die Simultan- und Tutti-Liebe. Viktors Einstellung hat sich wesentlich gewandelt. Das drittemal, man fühlt es deutlich, wird die eigentliche 329 Liebe selbst in Erscheinung treten und die Handlung fortführen. Inzwischen scheint sich allerdings die Handlung ganz ins Höfische zu wenden. Der ränkesüchtige Matthieu beginnt Klothilden nachzustellen, und Viktor steht dicht vor einer Liebeserklärung an Joachime. Zwischen die weitere Entwickelung hat Jean Paul einen bedeutenden »Schalttag« eingeschoben, wie er im »Hesperus« die »Extrablätter« benennt. »Über die Wüste und das gelobte Land des Menschengeschlechts.« Man wird oft vergeblich die innere Verbindung zwischen solchen Einschiebseln und dem Gang der Handlung suchen. Hier aber steht der Schalttag an bedeutsamer Stelle, und er untersucht das Problem des Fortschritts des Menschengeschlechts und das Ziel des ewigen Friedens. Etwas ungeheuer Revolutionäres steckt in diesen Betrachtungen, die die Problemstellung eines Spengler vorausnehmen und überholen. »Unsre Wetterprophezeiungen aus der gegenwärtigen Temperatur«, heißt es, »sind logisch richtig und historisch falsch, weil neue Zufälle, ein Erdbeben, ein Komet die Ströme des ganzen Dunstkreises umwenden . . . Noch liegen vier Weltteile voll angeketteter wilder Völker – ihre Kette wird täglich dünner – die Zeit schließet sie los – welche Verwüstungen, wenigstens Veränderungen, müssen diese nicht auf dem kleinen bowling-green unserer kultivierten Länder anrichten? – Gleichwohl müssen alle Völker der Erde einmal zusammengegossen werden und sich in gemeinschaftlicher Gärung abklären, wenn einmal dieser Lebens-Dunstkreis heiter werden soll.« Aus der Ungleichheit der nebeneinander wohnenden Kulturen und Machtverhältnisse wird alles Unheil der Geschichte und jedes Verbrechen der Völker hergeleitet. »Ein ewiges Gleichgewicht von Europa setzt ein Gleichgewicht der vier übrigen Weltteile voraus, welches man, kleine 330 Vibrationen abgerechnet, unsrer Kugel versprechen kann. Man wird künftig ebensowenig einen Wilden als eine Insel entdecken . . . Noch steht ein Gespenst aus Mitternacht da, das weit in die Zeiten des Lichts hereinreicht – der Krieg. Aber den Wappenadlern wachsen Krallen und Schnabel so lange, bis sie sich wie Eberhauer krümmen und sich selber unbrauchbar machen . . . Dieses lange Gewitter, das schon seit 6 Jahrtausenden über unserer Kugel steht, stürmt fort, bis Wolken und Erde einander mit einem gleichen Maß von Blitzmaterie vollgeschlagen haben.« Ein ungeheurer Optimismus rüttelt hier an den bestehenden Ordnungen. »Die Astronomie verspricht der Erde eine ewige Frühling-Tag- und Nachtgleiche; und die Geschichte verspricht ihr eine höhere: vielleicht fallen beide ewige Frühlinge ineinander.« Es ist der Optimismus des 18. Jahrhunderts, der in Herders Humanitätslehre und in Kants Schrift »Vom ewigen Frieden« seinen beherrschenden Gipfel erreichte. Aber hier wird dieser Optimismus nicht mehr von dem kindlichen Zutrauen zur Macht der Vernunft getragen, hier werden die kosmischen Gesetze und ein ungeheurer Überblick über die Gesamtoberfläche der Erde hinzugezogen, um das Ethos eines allmenschlichen Zieles zu stützen. »Wenn diese Festzeit kömmt, dann sind unsre Kindeskinder – nicht mehr.« Unermeßliche Erschütterungen hat die Erde noch durchzumachen, ehe alle Völker auf eine gemeinsame Ebene des Rechts und der Gesittung gebracht sind, und ein unerschütterlicher Wille ist nötig, um dieses Ziel auch nur als Ziel zu zeigen. Ein ungeheures Ethos steht hinter diesen Betrachtungen, die uns im Zusammenhange mit Jean Pauls politischen Schriften noch beschäftigen werden. Ein revolutionäres Grundgefühl bricht hervor, wiederum wie überhaupt Jean Pauls Tugendbegriff von einer Weltverantwortung getragen. Wie ein 331 Block stehen diese Ausführungen mitten in dem Roman, ehe er zur Revolutionsdichtung wird. – Joachime und Matthieu kommen von einem Ausflug nach Kussewitz und St. Lüne zurück und sind gegen Viktor wie ausgewechselt. Offenbar haben sie im Fenster des Pfarrhauses Viktors Wachsbüste gesehen, die am Tag vor seiner Abreise angefertigt wurde, und sie für Viktor selber gehalten. Viktor aber ist nicht sicher, ob sie in Kussewitz nicht seinen Scherz mit der Verkleidung und dem in die Uhr geklebten Zettel an die Fürstin in Erfahrung gebracht haben. Er fühlt, daß sich die Dinge einer Entscheidung zuspitzen. Vor der bereits beschlossenen Liebeserklärung an Joachime hat ihn der Zufall der kleinen Reise bewahrt. Sein Gefühl für Klothilde hätte ihn kaum davon zurückhalten können, denn immer klarer wird es ihm, daß sie den blinden Flötenspieler Julius liebt. Seine scherzhafte Verkleidung in Kussewitz liegt Viktor schwer auf der Seele. Jeden Augenblick kann die Entdeckung kommen, jeden Augenblick der übermütige Zettel gefunden und die Handschrift erkannt werden. Ganz plötzlich wird Viktor zur Fürstin gerufen, und zu seinem Schrecken ist auch der Kussewitzer Händler Tostato dort. Viktor fühlt sich verloren, da der Italiener der Fürstin von der scherzhaften Verkleidung ihres jetzigen Leibarztes erzählt. Aber die Wirkung ist anders, als Viktor geglaubt hat. Die Uhr hat Agnola längst, ohne sie zu öffnen, an Joachime weitergeschenkt. Sie weiß nur von der Verkleidung Viktors und schließt auf eine heimliche Leidenschaft Viktors zu ihr. Mit den Mitteln einer der Südländerin zu Gebote stehenden Koketterie nähert sie sich dem Hofarzt. Infolge eines seltenen Zufalls muß Viktor, um sich aus einer augenblicklichen Verlegenheit zu ziehen, sie küssen, aber sein kühler Abschied zeigt der Fürstin, daß 332 seine Leidenschaft zu ihr nur die Laune eines Augenblicks gewesen. Durch diesen Vorfall glaubt Viktor seine Stellung am Hof völlig erschüttert. Auch Joachime und Matthieu muß er sich zu Feinden machen. Aus spöttischen Bemerkungen Matthieus glaubt Viktor entnehmen zu können, daß Joachime den Zettel in der Uhr gefunden, die Handschrift erkannt und die Liebeserklärung auf sich bezogen hat. Viktor hält es für notwendig, sie aufzuklären und ihr den scherzhaften Vorfall zu erzählen. Jetzt erst fällt der Zettel aus dem Uhrgehäuse. Joachime ist wütend, und durch die Erzählung hat er sich völlig in ihre Hand gegeben. Er weiß, daß sie im gegebenen Augenblick die Waffe gegen ihn rücksichtslos gebrauchen wird. Inzwischen sind in St. Lüne große Veränderungen vor sich gegangen. Drei Engländer sind im Hause des Hofkaplans eingekehrt, wilde, freiheitstrunkene Gesellen, von dem Weltfieber der Revolution ergriffen und von Freiheit und Fürstensturz träumend. Unschwer vermutet man in ihnen die drei Söhne des Fürsten, die verschwunden waren und als »Gelehrte und Immer-Freie« durch die Welt schweifen. Das Bild der englischen Freiheit, wie es Jean Paul aus Archenholzs Reisebuch »England und Italien« kannte, hat den drei Gestalten die Farben gegeben. In Verzweiflungsstimmung geht Viktor nach St. Lüne. Er lebt im Pfarrhause mit den drei Engländern und Flamin zusammen. Die revolutionäre Wildheit der drei Freiheitsschwärmer ist ganz seiner Stimmung angemessen. Im Handumdrehen ist er ein Herz und eine Seele mit ihnen, und auch Flamin wird von ihrer Freiheitsbegeisterung erfaßt. Ein ungekannter Geist belebt auf einmal das stille Haus des guten Hofkaplans, dem bei den Reden seiner Gäste gar nicht geheuer ist. Ganz andere Gäste beherbergt das Schloß. Dort weilen außer 333 Klothilde noch Matthieu und Joachime. Den Verwickelungen, denen Viktor entgehen wollte, ist er somit gerade entgegengegangen. Zu seiner Verzweiflung kommt hinzu, daß der schwatzhafte Apotheker Zeusel ihn über die Intrigen der Schleunesschen Gesellschaft aufgeklärt hat: Matthieu hätte ein Verhältnis mit der Fürstin. Jetzt wolle er sich mit Klothilde vermählen, um sie dem Fürsten, der eine Neigung zu der Hofdame gefaßt hätte, auszuliefern. Damit hätte die Schleunessche Familie den Fürsten und die Fürstin an sich gefesselt. Viktor kann für sich diese Aufklärungen noch dahin ergänzen, daß man ihn und Flamin auseinanderbringen wird, um auch diesen, den »Infanten«, ganz in die Hand zu bekommen. Er merkt, daß er im Mittelpunkt einer riesenhaft angesponnenen Intrige steht, die sich im Grunde gegen seinen Vater, den Lord, richtet. Le Baut, glaubt er, wird leicht zur Einwilligung zu bekommen sein, damit er die Gunst des Fürsten wiedererlange, aus der ihn der Einfluß des Lords gerissen hat. So ist die innere Situation in St. Lüne, die sich nach außenhin wie die Feiertage eines festlich und heiter gestimmten Freundeskreises gibt. Aus dieser Stimmung hat Jean Paul eine Partie des Romans geschaffen, die zu den größten Dichtungen der Weltliteratur gehört. Voll innerer Spannung verrinnen die Feiertage. Klothilde soll in das Pfarrhaus zum Abendessen kommen. Punsch erhitzt die Gemüter. Von unsinniger Leidenschaftlichkeit ergriffen, rast Viktor auf den Wartturm, rast herunter, zecht weiter. Die Freiheitsdisputationen der Tage beherrschen das Gespräch. In fast irrer Verzweiflung schleppt er seine Wachsstatue herbei, stellt sie vor sich hin, steigt auf einen Stuhl und hält seiner leblosen Büste eine Leichenrede, dämonisch das eigene Leben verfluchend. Diese Szene des Rasenden, 334 angefeuert durch die geschickt dazwischengeworfenen Bemerkungen des hämischen Matthieu, sind von einer ungeheuren Größe. Noch nie, und vielleicht nie wieder, wenn nicht etwa bei Dostojewski, fand die innere Zerrissenheit eines Menschen derartigen Ausdruck. Das Sichspiegeln im Angesicht des eigenen Todes, wie es den zweiten Teil des »Siebenkäs« so grandios beherrscht, ist hier zu einer unüberbietbaren Höhe getrieben. Weinend liegt Viktor in seinem Zimmer. Weinend im Schloß ihm gegenüber Klothilde, die Zeuge dieses unerhörten Ausbruchs sein mußte. Sie glaubt ihn im Fenster liegen zu sehen. Es ist aber nur das Wachsbild, vor dem ihre Tränen niederrinnen. Am nächsten Tag erscheint wiederum Franz Koch mit seiner Maultrommel und deckt die zerrissenen Herzen mit unendlicher Rührung zu. In Flachsenfingen gibt die Fürstin einen Ball. Die ganze St. Lüner Gesellschaft ist gezwungen, dazu herüberzufahren. In der Nacht fährt Klothilde in Viktors Schlitten. Ungeheure Spannungen sind zwischen den Liebenden. Endlich kommt es zur Aussprache. Das Unerhörte wird Ereignis: Klothilde liebt ihn und hat ihn seit langem geliebt und verstanden. Voll unendlicher Trauer ist ihre Seligkeit. Rings sind Hindernisse getürmt. Am nächsten Tag fährt Klothilde nach Maienthal, Viktor nach Flachsenfingen zurück. – – Eine neue Welt ist angegangen. Briefwechsel mit Emanuel und Klothilde. Die zwei Gefahren: der verfeindete Hof und Flamin recken sich vor den Liebenden auf. Viktor lebt still für sich, liest Kant, Jakobi und Epiktet. Mechanisch verrichtet er den Hofdienst. Zu Pfingsten will er nach Maienthal gehen, um mit Emanuel und Klothilde vereinigt zu sein. Er sucht Flamin auf und teilt ihm seinen Entschluß mit. Flamin rast. Gerade vor einem Jahr verbanden sich die Freunde durch einen Schwur zu ewiger Treue. Aber Viktor 335 ist durch einen Eid gebunden, er kann Flamin nicht über sein nahes geschwisterliches Verhältnis zu Klothilde aufklären, andererseits auch nicht mehr auf ein Zusammensein mit der Geliebten verzichten. Er schwört dem Freund, daß er ihm treu ist, auch wenn alle Anzeichen dagegen sprechen. Zu des Hofkaplans Geburtstag gehen sie beide nach St. Lüne. Wieder finden große Gespräche mit den drei Engländern über Freiheit und Weltentwickelung statt. Wenn auch nicht mit der Leidenschaft des vorigen Zusammenseins, so doch mit größerer Klarheit und Durchdachtheit wird, genau wie gleichzeitig von Goethe in seinen »Lehrjahren«, das Gebäude des Sozialismus in unerhörter Voraussicht vorweggenommen. In diesen Freiheitsgedanken finden sich Viktor und Flamin wieder. Versöhnt kehren sie nach Flachsenfingen zurück. Und nun beginnt die Seligkeit von Maienthal. Der ganze Zauber der Fichtelgebirgslandschaft wird vor uns ausgebreitet. Berge und Täler fangen die Festtage in ihren Wellen ein. Im Frieden des Lindenhauses glätten sich die Wogen der Erregung unter dem Flötenspiel des Blinden und dem sanften Wesen Emanuels. Man wandelt durch den märchenhaften Abteigarten, der einst vom Lord angelegt wurde. Hinter einer Blütenlaube, die ihn magisch anzog, findet Viktor die Geliebte, die dort auf ihn gewartet. Noch immer liegt die leise Traurigkeit über ihrem Glück. Am Nachmittag vereinigt ein Spaziergang die ganze Gesellschaft. In einem Dorf weilt der eine der drei Engländer. Er hat eine Bande Prager Musikanten angeworben, deren Klänge weithin die Fröhlichen anlocken. Man muß sich hierbei erinnern, daß Böhmen bereits tief in die Täler des Fichtelgebirges einschneidet und böhmische Musikkapellen in Jean Pauls Heimat nichts Seltenes waren, gewissermaßen zum Feiertagsbilde der festlichen Täler gehörten. Von einem Berg aus 336 sehen die Spaziergänger den fernen See mit der Insel der Verheißung liegen. Unendliches Weh und Glück zugleich preßt die Brust der Liebenden. Ein Regen kommt. Viktor und Klothilde suchen eine Laube auf und genießen das Glück des Alleinseins. Am dritten Pfingstfeiertag wird der Engländer mit seinen Musikanten nach Maienthal kommen, und das ganze Dorf wird ein Fest feiern. Aus der Seligkeit der einzelnen steigt nun der selige Taumel eines ganzen Dorfes, löst sich in Seelentrunkenheit und schläft ein unter den Klängen eines Adagios. Jener letzte Glückstag auf Teidor in der »Unsichtbaren Loge« wiederholt sich hier in ausgedehnteren Dimensionen. Eine beispiellose innere Kraft treibt den Freudentaumel durch tausend Register. Schmerz, Seligkeit, Sehnsucht, Tod und Leben stoßen mit schmalen Grenzen aneinander. Das Fest schwingt in den vierten Pfingsttag hinein. Dem blinden Julius ist Emanuels Vater erschienen. Emanuel deutet es als Vorboten seines Todes, dessen Stunde er kennt und den Seinen mitgeteilt hat. Aber Matthieu ist jener selige Geist gewesen, der dem Blinden erschien. Man weiß jetzt, daß Unheil die Tage von Maienthal umschleicht. Am Abend verweilen die Liebenden am Grabe Giulias, als Flamin, rasend vor Wut, auf einmal hervorstürzt. Es fallen Schüsse. Er verschwindet. Klothilde ist in Ohnmacht gefallen. Im Arm des Freundes erwacht sie. Ein Abschied um Mitternacht endet die Tage dieses unbeschreiblichen Pfingstfestes. Viktor ist nach Flachsenfingen zurückgekehrt. Der Fürst ist kalt zu ihm, die Fürstin eisig. Viktor geht nach St. Lüne und bewirbt sich beim Oberstkammerherrn Le Baut um Klothildes Hand. Er erhält sie. In eisiger Förmlichkeit geht die Verlobung vor sich. Flamins Schüsse haben jede Verbindung mit dem Pfarrhaus unmöglich gemacht. Wie eine Mauer 337 steht es zwischen dem Schloß und dem Häuschen Eymanns. Nur einmal treffen sich Klothilde und die Pfarrerin zu einem von niemand gesehenen Spaziergang. Emanuels Todesstunde naht. Er bittet Klothilde, zu ihm zu kommen, aber sie muß es dem Lehrer verweigern, weil die Erschütterung dieses Todes sie unfehlbar vernichten würde. Viktor allein wird dem Sterben des Geliebten beiwohnen. Fast glaubt er noch immer, daß Emanuel am Leben bleiben werde, aber als er nach Maienthal kommt, sieht er freilich, daß der Tod Emanuels Gesicht schon gezeichnet hat. Er weiß jetzt, Emanuel wird in der Stunde sterben, die er seit langem für seinen Tod vorausgesagt. Wieder hebt eine der größten Partien an, die vielleicht je geschrieben wurden. Die Abschiedswege um das Tal, der Abschied auf dem Berg, das schon gegrabene Grab des Inders und dann die furchtbare Todesnacht selber. Ein Gewitter dröhnt und quirlt Himmel und Erde durcheinander. Eine furchtbare Explosion erschüttert die Luft. Es ist der Pulverturm, den der eine Engländer als Zeichen der erwachenden Weltbefreiung in die Luft gesprengt hat. Grausige Szenen dazwischen mit dem »tollen Totengebein«, einem wahnsinnigen Krüppel, der in der furchtbaren Nacht um den Sterbenden tollt. Der Blinde kommt, und sie tragen Emanuel, den sie schon gestorben glauben, zu seinem Grabe. Dort erwacht er noch einmal. Noch immer weiß man nicht, ob er wirklich sterben wird oder ob nur der Paroxysmus der Todeserwartung ihn vorübergehend niederwarf. Emanuel glaubt sich gestorben und in einem schöneren Jenseits. Die Mondscheibe hält er für die Erde über sich. Eine paradiesische Beschreibung der Sommernacht verkehrt die Erde zum Himmel. Emanuel erzählt seinen Traum von der auflösenden großen Wonne. Er stirbt. Es ist das Ergreifende an diesem Tod, daß der dem Leben abgekehrte Weise 338 dennoch der Angst der Kreatur unterworfen ist. Er will sterben, und dennoch packt ihn der Todesschrecken. Ein neues Geheimnis hat der Sterbende aufgedeckt: Viktor ist nicht der Sohn des Lords, sondern des Pfarrers Eymann. Der Blinde hingegen ist, was Viktor zu sein glaubte. Mit dieser Nachricht glaubt Viktor sich nun ganz von seinem bisherigen Leben geschieden. Vier Tage trauert er mit Julius in der Lindenhütte Emanuels und an seinem Grabe, dann führt er den Blinden mit sich nach Flachsenfingen. Die Vergangenheit ist für ihn tot. Auch Klothilden entsagt er, da ihr Vater ihm, dem Bürgerlichen, die Hand der Tochter verweigern würde. Aber das nicht allein ist der Grund seiner Entsagung. Er fühlt allzusehr den Unstern, der über dieser Liebe hing. In Obermaienthal sieht er die Kutsche Le Bauts. Die Pfarrerin und Klothilde sind auf dem Wege nach England. Furchtbares hat sich während des Todeskampfes von Emanuel ereignet: Le Baut ist im Duell erschossen, Flamin im Gefängnis, Matthieu geflohen. Eine letzte Unterredung mit Klothilde zeigt die trostlose Hoffnungslosigkeit ihrer Liebe. Eine erschütternde »Über-die-Welt-hinaus«-Stimmung liegt über ihnen, etwas Wehmütig-Überirdisches, das eigentlich von Anfang an der Grundton dieser Liebe war. Morgens um vier Uhr langt er mit Julius in Flachsenfingen an. In der Residenz erfahren wir Näheres. Matthieu hat Flamin aufgehetzt, Le Baut zu fordern, da er die ihm bereits zugesagte Hand seiner Tochter einem andern gegeben hätte. Ein vermummtes Duell fand statt, bei dem Matthieu, überraschend dazwischentretend, den Oberstkammerherrn erschoß. Flamin, der also unschuldig im Gefängnis sitzt, hat den Entschluß gefaßt, sich für die Idee der Freiheit zu opfern. Vor dem Tode will er das Volk zur Freiheit aufrufen und dann sterben. Aus seinem Blute, glaubt er, wird die Revolution 339 geboren werden. Der Engländer, der in der Nacht nach Kussewitz zu Matthieu reitet, der dort versteckt ist, sprengt unterwegs den Pulverturm als Signal der kommenden Ereignisse in die Luft. Es ist die Explosion, die den sterbenden Emanuel niederwarf. Matthieu hat den Engländern verraten, daß Flamin der Sohn des Fürsten ist. Viktor rast ohnmächtig in seiner Wohnung. Er hat von Flamins Todeswillen gehört, läßt sich dem Fürsten melden, um den Freund zu retten, wird aber kalt abgefertigt. Matthieu kommt nach Flachsenfingen zurück, um Flamin zu retten. Er offenbart dem Fürsten, daß Flamin sein Sohn ist, und hetzt Januar gegen den Lord und Viktor auf. Zum Beweis für Viktors Untreue berichtet er die Geschichte von dessen Verkleidung bei der Übergabe der Braut in Kussewitz und dem in die Uhr gesteckten Zettel. Der Italiener Tostato wird verhört, Hofkaplan Eymann ins Schloß befohlen. Der Minister selbst eilt nach St. Lüne und teilt den Damen Le Bauts Flamins Abstammung mit. Klothilde und die Pfarrerin sind von ihrer Reise zurückgekehrt, und mit ihnen kam die Lady, Klothildens und Flamins Mutter, die Nichte des Lords. Flamin wird befreit. Selig stürzt er zu Klothilde und umarmt sie als Schwester. Viktor lebt mit dem Blinden fern von allen Menschen und Ereignissen. Er hat nur den einen Gedanken, Flamin zu befreien. Eine Stunde vor seinem Tode darf er das Geheimnis von Flamins Abstammung verraten. Jetzt will er es an den Tag bringen und dann sterben. Durch die Revolutionskrämpfe der Handlung klingt seine Opferbereitschaft. Als Gerücht hört er von den Aufklärungen, die inzwischen durch Matthieu und die Engländer erfolgt sind. Jetzt will er leben für seine Mutter, die Pfarrerin, die in Flamin den geliebten Sohn verlor. Er stürzt nach St. Lüne. Auf der Lindenkanzel, 340 auf der die Freunde sich ewige Treue geschworen, sinken nun Viktor und Flamin einander in die Arme, und auch das letzte Hindernis, das die Liebenden trennte: die bürgerliche Abstammung Viktors, wird hinweggeräumt. Klothilde wußte als Vertraute des Lords längst, daß Viktor der Sohn der Pfarrersleute und nicht des Lords ist. Ihre Mutter, die Lady, segnet ihren Bund. Der eigentliche Roman ist damit beschlossen. Zur völligen Lösung aller Hindernisse bedarf es jedoch noch der Person des Lords, und dieser ist unauffindbar. Viktors italienischer Bedienter pflegte die Briefe an den Lord zu besorgen, ist aber auf einmal verschwunden. Jean Paul greift auf die humoristische Einkleidung des Ganzen zurück. Er selbst, Jean Paul, der Empfänger der Hundsposten, begibt sich von seinem Wohnsitz in den künstlichen Molucken nach Flachsenfingen, um dort die Zueignung des Romans zu schreiben. In Hof stößt er auf den Lord, der in prachtvoller Kalesche durch das Land fährt. Auf der Weiterfahrt wird Jean Paul im Walde überfallen und mit verbundenen Augen verschleppt. Er findet sich auf der Insel der Verheißung wieder. Dort löst sich alles im Augenblick. Der verschwundene italienische Bediente Viktors ist niemand anders als der Absender der Hundsposten Knef, eigentlich Dr. Fenk. Der unerkannt auf den sieben Inseln lebende Mosge, der fünfte Sohn des Fürsten, ist nun auch gefunden, nämlich in der Person Jean Pauls selber, der von seiner hohen Abstammung keine Ahnung hatte. Flamin und die drei Engländer sind seine Brüder. Der Lord hat dem Fürsten bereits alle Geheimnisse entdeckt. Noch einmal vereinigt sich die ganze Gesellschaft in Maienthal. Der Tod des Lords bildet den ernsten Schlußakkord des Buches. Auf das Marmorherz über seinem längst bereiteten Grabe werden 341 die Worte geschrieben, nach denen das rastlose Herz des gewaltigen Mannes seit langem sich sehnte: »Es ruht!« Die aus dem Rahmen des Ganzen herausfallende Auflösung des Schlusses, die gewissermaßen vorwegnimmt, was wenige Jahre später als »romantische Ironie« von Friedrich Schlegel heiliggesprochen wurde, wird unbefriedigt lassen. Dieser willkürliche Schluß löst eigentlich den ganzen Roman als Dichtung auf. Die Abneigung des Dichters gegen den üblichen Romanschluß mit seiner glücklichen Auflösung aller Hindernisse tritt in dieser Travestierung hervor. Fast mit einem trivialen Witz wird eine Handlung beschlossen, die den Leser durch alle Höhen und Tiefen der Empfindungen riß. Aber zugleich ist dieser Schluß für Jean Paul ungeheuer charakteristisch. Er empfindet seine Dichtung nicht als aufgebauten und der Wirklichkeit eingeordneten Roman, der sich nun, den Gesetzen der Wirklichkeit entgegen, in allen Teilen zum Schlusse runden müßte. Wir haben hervorgehoben, wie seine Form nicht aus der Architektur, sondern aus einem musikalischen Gefühl heraus geboren ist. Musik hat kein Ende, so kann auch sein Roman kein Ende haben, kann nicht im hergebrachten Sinne »schließen«, in der wörtlichen und übertragenen Bedeutung verstanden. Und wenn er sich dennoch einer eingewurzelten Vorstellung nachgebend schließt, so will der Dichter wenigstens andeuten, daß diese Form seinen Intentionen nicht entspricht. Er travestiert sie. Freilich ist damit noch nichts gewonnen, sondern sogar der musikalische Charakter der ihm eigenen Form zerstört. Auch hierin weist der »Hesperus« über sich hinaus. Gerade an diesem unglücklichen Schluß erkennen wir, daß Jean Paul seine Form noch nicht ganz gefunden, daß er noch einmal, zum dritten Male, nach ihr suchen wird, ehe sie uns im »Titan« in Vollkommenheit begegnet. 342 Wir sind in unserer Darstellung der Linie der Begebenheiten gefolgt und mußten am Ende feststellen, daß diese Linien nicht zum beruhigenden Ende geführt werden. Aber das zeigt nur, daß die lineare Führung nicht das Wesentliche dieses Werkes ist. Wesentlich ist es in der Gruppierung der Massen, die wie Wolkengestalten oder wie Gebirge an uns vorüberziehen, und von dieser Einstellung aus ist die Komposition in der Tat etwas Ungeheures. Noch nie ward solcher Reichtum in einen verhältnismäßig engen Raum gepreßt. In der »Vorschule der Ästhetik« unterscheidet Jean Paul drei Klassen von Romanen, die italienische, deutsche und niederländische. Im »Hesperus« sind sie alle enthalten. Die niederländische in der ländlichen Idylle des Pfarrhauses, die deutsche in der Empfindsamkeit seiner Helden, die italienische in dem hohen Schwung der Darstellung, dem titanischen Streben der Hauptgestalten. Alle diese Elemente durchdringen hier einander. Man halte nur einmal die poetisch verklärte Welt von Maienthal, die festliche Todessehnsucht Emanuels gegen den Freiheitsrausch der drei Engländer in St. Lüne und die Totenrede Viktors vor seinem Bild. Wie dann in der Todesstunde des Inders diese Welten ineinanderwogen, der in die Luft gesprengte Pulverturm den Sterbenden niederschmettert wie das Gewitter einer höheren Welt. Wie diese Explosion zugleich ein Zeichen von dem eingekerkerten Flamin ist, der sich für die Freiheit opfern und vom Schafott herab das Volk zur Revolution aufrufen will: solches Vorbei- und Ineinandertaumeln von Stoffmassen war vor Jean Paul noch nie gewagt worden. Man hat immer den Eindruck, daß der Höhepunkt erreicht sei, und dennoch geht es gerade dann in schwindelnder Kurve aufwärts. Wenn man die Sicht zu verlieren fürchtet, gerade dann steigen von den Horizonten ganz neue Welten und 343 Aussichten in den Gesichtskreis. Etwa die drei Pfingsttage in Maienthal sind lehrreich für Jean Pauls schöpferische Kraft. Mit dem Sichfinden der Liebenden in der verwachsenen Laube glaubt man den Höhepunkt der Tage von Maienthal erreicht zu haben. Aber sie haben noch gar nicht begonnen, haben überhaupt erst in der Laube während des Regenspaziergangs die erste Stufe erreicht, und noch eine Unendlichkeit geht es aufwärts bis zu dem Taumel des Kinderfestes, bis zu Viktors seligem Einschlafen im Freien, und noch immer steigend und steigend bis zu dem mitternächtigen Abschied der Liebenden auf Giulias Grab. Der »Hesperus« ging nun allerdings wirklich noch weit über die »Unsichtbare Loge« hinaus. »Das ist etwas ganz Neues, das ist noch über Goethe!« hatte Karl Philipp Moritz bei dem ersten Eindruck der »Unsichtbaren Loge« ausgerufen. Aber erst im »Hesperus« trat dieses ganz Neue völlig in die Erscheinung. Schon der erste Roman wirkte auf einige wenige wie eine Offenbarung, der »Hesperus« aber riß das ganze Volk hin. Mit einem Schlage wurde Jean Paul zum berühmtesten Dichter seiner Zeit, und eigentlich blieb er den weiten Schichten der Bevölkerung immer der Dichter des »Hesperus«. Das ist das Tragische auch des im vollen Glanze des Ruhmes stehenden Jean Paul. Ein gewaltiger Weg lag noch vor ihm, nur die erste Stufe seines großen Schaffens hatte er eben erst erstiegen, aber die Zeit folgte ihm nicht weiter. Im Strahlenglanz des Ruhms blieb er unverstanden und gedemütigt, mochte er auch seine Kunst höher und höher spannen. Für die Welt bedeutete jedes folgende seiner Werke fast eine Enttäuschung. Das aber war erst das Schicksal der späteren Jahre. Nach dem »Hesperus« fühlte er nur, daß seine Sonne in den Zenith gestiegen war. 344   Siebenkäs Am 3. Mai 1794 zog Jean Paul von Schwarzenbach nach Hof zurück. Die beiden ältesten seiner Scholaren kamen auf das Baireuther Gymnasium, und sein Schwarzenbacher Lehrauftrag war erledigt. Wenn dem Dichter jetzt auch für eine nahe Zukunft ganz andere Aussichten sich öffneten, war seine Notlage noch keineswegs gehoben. Trotz der jubelnden Aufnahme der »Unsichtbaren Loge« durch Moritz ging das Werk fast eindruckslos am Lesepublikum vorüber. Moritz war tot, und sein Schwager Matzdorff legte der Honorierung des »Hesperus« den geringen Erfolg der »Unsichtbaren Loge« zugrunde. Er glaubte für die erste Auflage nicht mehr als 200 Taler anlegen zu dürfen und erbot sich, bei einer eventuellen zweiten Auflage 1 Friedrichsdor für den Bogen zu zahlen. »Nun kann man 4, 5 Hundsposttage verwenden, bis man der guten Braut nur etwas an den Rumpf oder an die Ohrläppchen gekauft habe«, schreibt Jean Paul an den Verleger mit Hinblick auf seine Verlobte Karoline Herold. Er mußte nicht nur wieder mit der Mutter und einigen Brüdern das enge Stübchen teilen, sondern auch von neuem Schüler suchen, um nur leben zu können. Wie in Schwarzenbach richtete er, diesmal für die jüngeren Geschwister seiner Freundinnen, einen Schulkursus ein, der ihm nach wie vor die Hälfte der Kraft raubte. Immer wieder begegnen wir in seinen Briefen dem Hinweis auf seine wartenden Schüler, die ihn zum Abbrechen des Schreibens zwingen, und man kann wohl annehmen, daß ihm das 345 Unterrichten nicht mehr dieselbe Freude machte wie vor einigen Jahren, da sein Dichtergenius von ihm jetzt völlig Besitz ergreifen wollte. Diesmal folgten dem Ende des Romans keine seligen »Sabbathwochen«, auch drückte ihn der mißglückte Schluß des »Hesperus« nieder. Nur auf seine seelischen »Schwelgereien« hatte er in dem Werk bedacht sein wollen, aber er hatte übersehen, daß er diesem Erguß von Empfindungen einen Plan zugrunde gelegt hatte, der nur durch ein umfassendes Lebensganzes erfüllt werden konnte. Die »Unsichtbare Loge« war ein Bruchstück geblieben und dennoch mehr vollendet als der »Hesperus«, dessen Verlegenheitsschluß nicht darüber hinwegtäuschen konnte, daß das Werk innerlich Fragment geblieben war. Hinter der Gestalt seines Helden Viktor stand kein Lebensprogramm; keine besondere Stufe war erklommen worden; das Sichfinden der Liebenden stand nicht als Sinnbild eines schöpferischen Lebens da, das sich nun mit der Erfüllung der Sehnsucht dem Helden auftat. Das alles war auch in der »Unsichtbaren Loge« nicht der Fall gewesen, aber dieses Buch gab sich dafür ehrlich als Fragment, während der unglückliche Schluß des »Hesperus« die Unvollkommenheit nur desto peinlicher hervorhob. Mehr als je mußte Jean Paul darauf brennen, im dritten Anlauf sein eigentliches Meisterstück zu liefern. Der Plan des »Titan« beschäftigt ihn mehr und mehr. Immer deutlicher taucht er in den Briefen auf, aber mit bewußter Zucht wird er zurückgewiesen. Noch eine Reihe von Jahren will Jean Paul der Vorbereitung auf dieses Lebenswerk widmen, das den ursprünglichen Plan der »Unsichtbaren Loge« mit stärkeren Mitteln ausführen soll. Er fühlt, daß er selber in seinem Leben erst eine höhere Stufe erreichen muß, um einen Helden zur höchsten hinführen zu können. 346 Für das Streben nach Erfüllung einer Liebe hatte er im »Hesperus«, ja bereits in dem ersten Roman den vollkommenen Ausdruck gefunden. Aber immer deutlicher war ihm bewußt, daß erst der Besitz der Liebe und ihre Erfüllung den Mann reift. Wenn er die Totalität des Lebens umspannen wollte, dann mußte er selbst in den Besitz der Liebe kommen, das heißt zur Ehe, und sich mit ihren Problemen auseinandersetzen. Das Bild seiner zukünftigen Ehe auszumalen, liebte er seit Jahren, aber noch immer war er von diesem Ziele weit entfernt. Als er sich mit Karoline verlobte, war es ihm wohl von Beginn an klar gewesen, daß dieses halbe Kind nicht der Mensch war, mit dem er in Gemeinschaft ein ganzes langes Leben verbringen würde. Vielleicht hatte er von Schwarzenbach aus noch glauben können, daß ein näheres Zusammensein die fehlende seelische Gemeinschaft zwischen ihnen herstellen würde. Nach seiner Übersiedelung nach Hof mußte er indessen einsehen, daß das nähere Zusammensein sie nur mehr und mehr voneinander entfernte. Schon im Sommer hatte Amöne leise Andeutungen darüber machen müssen, daß sich ihre Schwester in seiner Abwesenheit nicht sonderlich liebevoll über ihren Verlobten ausspreche. Anfang Dezember folgte dann der förmliche Bruch. »Ich sehe schon, es wird mir bei Ihnen gehen, wie es – –« hatte Karoline, den Satz nicht beendend, zu Jean Paul gesagt, offenbar auf Amönens, Helenens und Renatens Verhältnis zu ihm anspielend. Sie mochte seit langem die Empfindung haben, daß es ihr nicht gelingen würde, den umschwärmten Dichter auf die Dauer an sich zu ketten, und hatte vielleicht auf einen baldigen Bruch hingearbeitet. Ob dieser Bruch, als er eintrat, Jean Paul übermäßig erschütterte? Es ist kaum anzunehmen. »Aber lostrennen werd' ich mich durch eine stufenweise Absonderung von Ihrem Hause (wo mich ohnehin eines ums 347 andere beleidigt), wie am Ende von Hof«, schreibt er ihr in der Antwort auf ihren Absagebrief. Und fügt den charakteristischen Satz hinzu: »O es wird dir wehe tun, es wird dein Auge und dein Herz auseinanderdrücken, wenn du einmal zu Ostern in meinem Buche meine Seele wiederfinden wirst, die du so kalt von deinem Herzen wegdrückst.« Nur »stufenweise« wollte er sich von dem Hause der Braut entfernen. Es beweist, wie gleichgültig er im Grunde die Auflösung der Verlobung nahm, da er sich und Karoline unbekümmert weiterem Verkehr und Anschauen aussetzte. Auch von Hof gedachte er sich also damals schon »stufenweise« zu entfernen. Sein Leben hatte in Baireuth ein anderes und verlockenderes Zentrum gefunden. Als sich ihm in der Residenz neue Kreise erschlossen und er dort mit einem Enthusiasmus aufgenommen wurde, der in der Tat von der Art, mit der man ihm in Hof begegnete, außerordentlich abwich, schrieb er ins Tagebuch: »Am fremden Orte bekömmt man einen Stolz, der gegen die alten Bekannten zürnt. Ich sah, wie leicht es mir wird, mich einzuführen, und verwünschte die Verschwendung meines Werts bei den Hofer Leuten.« Und fast wörtlich das gleiche schrieb er an Amöne: »Der arme Jean Paul hat überhaupt bisher sein Herz zu sehr verschwendet und zu sehr Hof für die ganze Welt gehalten.« Bereits im Juli des vorigen Jahres, als Jean Paul, noch im »Hesperus« schwelgend, auf der Reise zu Wernlein nach Neustadt einige Tage in Baireuth weilte, war ihm die Stadt zu seinem »Maienthal« geworden. »Ich fahre in einem Freudenmeer auf und ab und seh' darin weder Himmel noch Erde mehr«, hatte er an Renate geschrieben, deren zahlreiche Baireuther Beziehungen ihm die dortigen Kreise erschlossen. Es war Karoline von Flotow, die Tochter eines Baireuther 348 Kammerdirektors, die im Fluge sein Herz eroberte. »Die kleine Flotowin ist schön – himmlisch – ebenso unschuldig als bescheiden – ebensogut gebildet im Gesichte als im Geiste«, schrieb er an Renate, und diese schickte ihm in das Baireuther Paradies diesen Gruß: »O gewiß: ihr seid die schönsten Stunden meines Daseins, wo ich mich mit Ihnen, Freund, über dieses schwüle Leben hinüberschwang und mich voll der süßesten Hoffnungen an einen Ort dachte, wo wir uns alle lieben werden – und alle glücklich sind.« »Die Flotowin soll (Sonne und Mond wegen) der Regenbogen oder die Iris heißen«, schwärmte Jean Paul von der Herzensfreundin seiner Freundin weiter. Er bat Renate, ihm am nächsten Sonntag einen Brief für die Flotowin zu übersenden, »in diesem Brief ihr meine tolle Bitte zu schreiben oder auch nicht – damit ich beim Empfange des ihrigen etwas in Händen habe, womit ich ihn gleich bezahle.« Ein Schwelgen in herrlichen Tagen folgt. Auf der Rückreise von Wernlein geht es noch einmal über Baireuth, und im September wird die Reise wiederholt. »Du liebes Baireuth, auf einem so schön gearbeiteten, so grün angestrichenen Präsentierteller von Gegend einem dargeboten – man sollte sich einbohren in dich, um nimmer herauszukönnen.« »Seit neun Uhr bin ich im Feuer: nicht weil ich die Flotowin gesehen (das geschieht erst abends um sieben Uhr), sondern weil ich draußen war und weil mir Mehringer aus ihrem Tagebuch die von ihm diebisch kopierten Stellen über Hof vorlas. O fesseln und achten Sie diese Karoline! Ihr ganzes Leben und zwanzig Städte legen kein zweites solches schönes Herz an Ihres: dieses warme Herz bleibt Ihnen ewig, wenn Sie es nicht abreißen, es ruht an Ihrer Seele schlagend und glühend so lange wie die Tugend.« Er kann nicht aufhören, von der »Iris« zu schreiben, immer wieder kreisen seine Gedanken 349 um dieses junge Mädchen, das ihm für Monate der Inbegriff der Baireuther Seligkeit wird. »Nur aber noch dieses Wort: Das liebevolle Betragen Mandels und der Iris gegen mich setzt ein großes von Ihnen gegen mich voraus und ich sehe überall recht gut Ihre gute Hand mir andere Hände geben.« Karoline von Flotow sollte aus seinem Leben wieder verschwinden, aber es scheint doch, daß sie noch lange in ihm fortwirkte. Die Seligkeit der Tage mit ihr schwingt in Siebenkäsens Liebe zu Natalie fort, und wie hier so im »Siebenkäs« umfängt Baireuth liebevoll den aus Hof Fliehenden. Fast wichtiger aber sollte die Freundschaft mit dem »Mandel« genannten Freunde Renatens für Jean Paul werden. Emanuel Samuel junior, der später den Namen Osmund annahm, war ein junger jüdischer Kaufmann, der sich durch seine außergewöhnliche Begabung vom kleinen Hausierer in kurzer Zeit zum angesehenen Handelsherrn aufgeschwungen hatte. Als Jean Paul ihn kennenlernte, hatte er gerade durch zwei Offiziere eine lebensgefährliche Mißhandlung erfahren, die ihn zeitlebens schwerhörig machte. Emanuels geniale Natur überraschte den jungen Dichter aufs höchste. Bald verband ihn eine herzliche Freundschaft mit dem edlen Juden. Schon der Name Emanuel schien ihm anzudeuten, daß ihm hier gewissermaßen eine Fortsetzung der durch den Tod unterbrochenen Freundschaft mit Moritz winkte. Wenn er Moritz in der Erscheinung des Inders Emanuel festgehalten hatte, so kamen ihm jetzt von dem Juden Emanuel unmittelbare orientalische Eindrücke, die der in das Schrifttum seines Volkes tief eingedrungene Freund ihm darreichte. Wie Otto bleibt Emanuels Gestalt zeitlebens mit Jean Paul verknüpft, aber während Otto vollständig in dem Freunde aufging, bewahrte Emanuel seine Selbständigkeit und blieb 350 zwischen ihnen der Gebende und Anregende. Durch den Einfluß orientalischer Anschauung wurde Jean Paul nennenswert bereichert. Wieder darf er jetzt mit einem Freunde lange philosophische Briefe wechseln, und diesmal ist es nicht nur die zeitgenössische Philosophie wie in dem Briefwechsel mit Wernlein, sondern eine ganz neue Welt ergreift ihn. Mehr als zwanzig Jahre später hat Goethe, der unendlich feine Beobachter, in den »Noten und Abhandlungen« zu seinem »Westöstlichen Diwan« auf das orientalische Element bei Jean Paul hingewiesen. Was er hier ausführt, paßt nun allerdings bereits genau auf Jean Pauls Schreibweise auch vor seiner Bekanntschaft mit Emanuel, und Goethe geht wohl überhaupt fehl, eine besondere Vertrautheit mit orientalischen Schriftstellern bei Jean Paul anzunehmen. Es ist vielmehr jenes unbeirrbare Ruhen im Zentralpunkt allen Lebens, das die besondere Seelenlage noch des deutschen Pietismus wie der Dichter des Orients bildet, und damit verbunden jener Reichtum der Einfälle, die nur dem in sich Gesammelten kommen, was Goethe für Einwirkung des Orients nahm. Aber immerhin ersieht man aus der verwandten Einstellung, wie wichtig Jean Paul die Kenntnis des jüdischen Wesens und Schrifttums und der jüdischen Religion sein mußte. Goethe macht über das orientalische Element bei Jean Paul folgende Ausführungen: »Ein Mann, der des Orients Breite, Höhen und Tiefen durchdrungen, findet, daß kein deutscher Schriftsteller sich den östlichen Poeten und sonstigen Verfassern mehr als Jean Paul Richter genähert habe. Dieser Ausspruch schien zu bedeutend, als daß wir ihm nicht gehörige Aufmerksamkeit hätten widmen sollen; auch können wir unsere Bemerkungen darüber um so leichter mitteilen, als wir uns nur auf das oben weitläufig Durchgeführte 351 beziehen dürfen. Allerdings zeugen, um von der Persönlichkeit anzufangen, die Werke des genannten Freundes von einem verständigen, umschauenden, einsichtigen, unterrichteten, ausgebildeten und dabei wohlwollenden, frommen Sinne. Ein so begabter Geist blickt, nach eigentlichst orientalischer Weise, munter und kühn in seiner Welt umher, erschafft die seltsamsten Bezüge, verknüpft das Unverträgliche, jedoch dergestalt, daß ein geheimer ethischer Faden sich mitschlinge, wodurch das Ganze zu einer gewissen Einheit geleitet wird. Wenn wir nun vor kurzem die Naturelemente, woraus die älteren und vorzüglichsten Dichter des Orients ihre Werke bildeten, angedeutet und bezeichnet, so werden wir uns deutlich erklären, indem wir sagen: daß, wenn jene in einer frischen einfachen Religion gewirkt, dieser Freund hingegen in einer ausgebildeten, überbildeten, verbildeten, vertrackten Welt leben und wirken und ebendaher sich anschicken muß, die seltsamsten Elemente zu beherrschen. Um nun den Gegensatz zwischen der Umgebung eines Beduinen und unseres Autors mit wenigem anschaulich zu machen, ziehen wir aus einigen Blättern die bedeutendsten Ausdrücke: Barrierentraktat, Extrablätter, Kardinäle, Nebenrezeß, Billard, Bierkrüge, Reichsbänke, Sessionsstühle, Prinzipalkommissarius, Enthusiasmus, Zepterqueue, Bruststücke, Eichhornbauer, Agioteur, Schmutzfink, Inkognito, Kolloquia, kanonischer Billardsack, Gipsabdruck, Avancement, Hüttenjunge, Naturalisationsakte, Pfingstprogramm, Maurerisch, Manualpantomime, Amputiert, Supranumerar, Bijouteriebude, Sabbaterweg usw. »Wenn nun diese sämtlichen Ausdrücke einem gebildeten deutschen Leser bekannt sind oder durch das Konversationslexikon bekannt werden können, gerade wie dem Orientalen die Außenwelt durch Handels- und Wallfahrtskarawanen, so dürfen wir kühnlich einen ähnlichen Geist für berechtigt 352 halten, dieselbe Verfahrungsart auf einer völlig verschiedenen Unterlage walten zu lassen. Gestehen wir also unserm so geschätzten als fruchtbaren Schriftsteller zu, daß er, in späteren Tagen lebend, um in seiner Epoche geistreich zu sein, auf einen durch Kunst, Wissenschaft, Technik, Politik, Kriegs- und Friedensverkehr und -verderb so unendlich verklausulierten, zersplitterten Zustand mannigfaltigst anspielen müsse, so glauben wir die ihm zugesprochene Orientalität genugsam bestätigt zu haben.« Goethe macht im weiteren Verlauf seiner Note auf das Gefährliche dieses Verbindens der verschiedensten Gegenstände miteinander für den Prosaisten aufmerksam. Dem Poeten der gebundenen Sprache, sagt er, verzeihe man alles wegen eines unerwarteten Reimes; beim Prosaschriftsteller komme alles auf das Individuum an, das ein solches Wagstück unternimmt. »Ist es ein Mann wie Jean Paul, als Talent von Wert, als Mensch von Würde, so befreundet sich der angezogene Leser sogleich; alles ist erlaubt und willkommen.« Goethe hat hier mit seinem intuitiven Geiste den Nerv Jean Paulschen Schaffens berührt. Dieses Heranziehen des Stofflichen aller Art, um es zum Weltbilde zusammenzuschließen, ist in der Tat ein hervorragendes Kennzeichen Jean Paulscher Prosa wie jeder bedeutsamen Dichtung überhaupt. Wenn kleinere Geister sich immer wieder an diesem Überreichtum gestoßen haben und überladene Geschmacklosigkeit in dieser Häufung finden wollten, so rühmt gerade ein Kenner wie Goethe das Maß an diesem »Talent von Wert«, diesem »Menschen von Würde«. Es entgeht ihm aber das Wichtigste: daß nämlich Jean Pauls Prosa in ihrem strengen Bau nicht durchaus Prosa, sondern durchweg stilisierte Sprache ist, die allein diesen Andrang von Bildern und Gleichnissen auszuhalten und zu tragen vermag. Und 353 vielleicht hatte jener Kenner, der Goethen auf das orientalische Moment bei Jean Paul aufmerksam machte, etwas völlig anderes gemeint als das, was Goethe auf seine Weise aufgriff, nämlich jenes ruhige Beharren im Absoluten, das ohne weiteres die Brücke zu den Mysterien der asiatischen Religionen fand. Goethe selbst hatte sich ja in seinem »Westöstlichen Diwan« auf den nahen Orient der Mittelmeerländer beschränkt. Wäre er in den fernen Orient vorgedrungen, so hätte er bei weitem mehr Vergleichspunkte mit Jean Paul gefunden, wie sie offenbar dem von ihm zitierten Kenner vorschwebten. Aber die Bereicherung, die Jean Paul durch seinen Verkehr mit Emanuel empfing, läßt sich nicht fortstreiten. Es war eine Freundschaft ganz eigener Art, anders als Jean Paul ihr sonst begegnete. Zeitlebens kam es nicht zu dem zutraulichen Du, mit dem der Dichter gern seine sonstigen Freunde auszeichnete. Die Schwerhörigkeit Emanuels, die ihm den Gebrauch eines Hörrohrs aufzwang, mochte dazu beitragen, eine gewisse Distanz zwischen den Freunden aufrechtzuerhalten, ohne daß dadurch die Herzlichkeit ihrer Beziehungen gemindert wurde. Bei Emanuel pflegte Jean Paul zu wohnen, wenn er sich wie jetzt öfters in Baireuth aufhielt, und der behagliche Luxus einer reichen Häuslichkeit blieb gewiß nicht ohne Eindruck auf ihn. Besonders aber mußte sich Jean Paul von dem Interesse angezogen fühlen, das die Baireuther an seinem Schaffen nahmen. Hier waren seine Bücher früher als er selbst bekannt, während die guten Hofer es als eine Auszeichnung für ihn auffaßten, wenn sie überhaupt seine Bücher lasen, die er ihnen ins Haus trug. Damals mochte zum erstenmal der Gedanke in ihm aufsteigen, sich »stufenweise« von Hof zu lösen und in das anregendere, südlichere, freundlichere Baireuth überzusiedeln. 354 Ein neuer Freund, den er hier fand, war der Hofrat Schäfer, Erzieher des jungen Prinzen Lichnowsky. In der Mutter des Prinzen, der Fürstin Christiane Lichnowsky, lernte Jean Paul zum erstenmal eine Vertreterin der großen Welt kennen, die ihn so bald als Heimatberechtigten aufnehmen sollte. »Sie ist täglich bei Schäfer«, schrieb er im Sommer 1795 an Otto. »Da ihr mein ›Hesperus‹ recht ist (sie lieset bloß Engländer, weil sie einmal einen heiraten wollte; und es ist schade, daß sie die deutsche Lektüre nicht aus demselben Grunde sucht): so wollte sie als eine Gönnerin der Gelehrsamkeit den Gelehrten vor sich hinhaben, der den ›Hesperus‹ in den Himmel gesetzt. Es tat dem Gelehrten Schaden, daß die Gasse der Präsentierteller war, auf dem er ihr hingehalten wurde. Ich und Schäfer begegneten ihr. Was tat's? Ich setzte mich den andern Morgen hin und verbrachte ihn himmlisch mit ihr, indem ich nichts geringers zeugte als ein poetisches – zehn Seiten langes punctum saliens , das ihr Nachmittags zum ewigen Gebrauch Schäfer überreichte. Die Bescheidenheit verbeut mir, Dir die Art zu sagen, wie die hohe Person das punctum aufnahm. Nachmittags erschien der salierende Punktmacher selber und war bis Abends mit diesem hohen Haupte und mit seinem kahlen unter Einer Stubendecke. Gestern ging sie und Schäfer und die 2 Kinder und die Niece (sie trägt noch ihre schönen Augen, aber ich muß sie auch etwan zu sehr vorgelobet haben) zwei Stunden spazieren und Paul wandelte mit . . . Sie hat eine vollkommen schöne Taille, große Augen, proporzionierte Züge und solche feste Teile: man schwebt bei ihr zwischen den logischen Urteilen, sie war und sie ist schön, mitten inne, und es käme bloß auf sie an, daß man eines ergriffe und festhielte. Sie drückt sich genau, bestimmt, leicht und kurz und fein aus; aber das Fein-Fein-Fein (wie 355 der beste Zucker heißet), worauf ich immer passe, ist eher bei Leuten beiderlei Geschlechts in unsern Ständen zu finden.« Das punctum saliens , das Jean Paul der Fürstin überreichen ließ, ist der Aufsatz »Traum im Traum«, der bald darauf dem »Siebenkäs« eingefügt wurde. Man hat deshalb die Fürstin mit der Natalie im »Siebenkäs« in Zusammenhang gebracht. Aber eine ganze Anzahl von Äußerungen über die Lichnowsky widerspricht dem. Jean Paul hat auch nicht die geringste Spur einer Neigung zu ihr gefaßt und stand ihr vollkommen objektiv gegenüber. »Ich bin froh,« schreibt er an Schäfer, »daß die Alexanderin – die ich im Ganzen ich weiß kaum warum liebhabe – Ihnen wieder aus der Sonne getreten ist, die sie Ihnen, wenn Sie sich diogenisch sonnen wollten, bis auf die letzten Strahlen verbauete.« Und an Otto mit Übersendung des »Traum im Traum«: »Du mußt nur bedenken, daß es recht schwer ist, Dichterei, Lob und Wahrheit auf einmal anzubringen. Übrigens wußt ich schon damals, daß der Ton darin für erhabene Leute wie die Fürstin nicht passe, bei denen nichts anders erhaben sein darf.« Das war nicht der Ton, den Jean Paul hatte, wenn er von einer Erscheinung wirklich entflammt war. »Der Nutzen, mit einer Fürstin umzugehen, ist der, man fässet doch den Mut, mit ihren Kammerjungfern umzugehn«, heißt es in dem Briefe an Otto. Mit Bewußtsein lehnte also der Dichter jede allzu starke Annäherung an die Fürstin und ihren Stand ab, wie er das »Fein-Fein-Fein« des Ausdrucks für die Leute »in unsern Ständen« in Anspruch genommen hatte. Bei einer Beate von Spangenberg und einer Karoline von Flotow verlief die Grenze, die er seinem Empfindungsleben setzte. Dennoch hat der Verkehr mit der Fürstin sicher einen gewissen Eindruck auf ihn gemacht. Er, der verarmt und unerkannt in äußerster Bedrängnis seine Jugend verlebt 356 hatte, mußte das gesellschaftliche Steigen als Sieg seiner Persönlichkeit betrachten, auf den er stolz war. Und wenn er seinen Armenadvokaten in Baireuth sich mit der adligen Natalie verbinden läßt, so war dies ein Nachzeichnen der eigenen Lebenskurve, die er durch den Verkehr mit der Fürstin aufs neue als aufsteigend empfand. Schon bei der Übersendung des ersten Manuskriptteils des »Hesperus« im Sommer 1793 an Otto schrieb Jean Paul, daß sein drittes Buch »in der Groschengallerei und auf dem Parterre« spielen werde. Damals also dachte er bereits an seinen »Quintus Fixlein«, den »Wuz in einem höhern Stande«, wie er ihn einmal nennt. Als er wieder mit der Mutter und den Brüdern in der ärmlichen Stube hauste, mußte ihn das Thema eines solchen ärmlichen Lebens von neuem reizen. Der Sommer ging mit mancherlei Zerstreuungen vorüber, brachte die Zuspitzung des Verhältnisses mit Karoline; der Herbst noch einmal herrliche Baireuther Tage. Erst der Winter mit seiner Not ließ ihn wieder an die Arbeit gehen. Am 15. Januar 1795 starb Pfarrer Völkel in Schwarzenbach. »Das Totenbild des armen Pfarrers stand den ganzen Nachmittag vor meinem Schreibtisch,« schreibt er an Otto, und dieses »Totenbild« mochte nicht wenig dazu beitragen, seine Gedanken auf das armselige Leben eines kleinen Landpfarrers zu konzentrieren und dem »Quintus Fixlein« neue Farben beizumischen. Vierzehn Tage später schon schickt er an Otto das Manuskript. »Hier ist wieder ein Geschichtchen, worüber ich hier weniger anzumerken habe als Du vielleicht . . . Es ist eilig und unter ungewohnten Störungen gemacht und unter meinem Zudrängen auf meine allerneueste Biographie, nach der ich ordentlich lechze.« Ende März schickte er dann das vollendete und durch die Beigaben und Mußteile ergänzte Manuskript. Er hatte 357 gefürchtet, in der kleinen Idylle »dümmer und matter« zu erscheinen im Vergleich zu dem gewaltigen Stoff des »Hesperus«. Aus dieser Befürchtung heraus hatte er die ursprünglich reine Idylle erweitert und namentlich im zweiten Teil, in Fixleins Ringen mit dem Tode, vielleicht unter dem Eindruck von Völkels Sterben, ernstere Töne angeschlagen, als er ursprünglich beabsichtigt haben mochte. Der Vertrag über den »Hesperus« konnte ihn kaum locken, auch den »Quintus Fixlein« an Matzdorff zu geben. Dennoch räumte er dem Berliner Verleger in Dankbarkeit das Vorkaufsrecht ein. »Sie haben daher allzeit das Vorkaufsrecht bei allen meinen künftigen Manuskripten: nehmen Sie sie nicht, so haben wir nur weniger Geschäfte, nicht weniger Liebe. Ich werde Ihnen nächstens ein kleines leichter geschriebenes Bändchen wieder anbieten: ich bin nur heute zu eilig.« Es war Jean Paul nicht unlieb, daß Matzdorff diese Aufforderung im Drange der Meßgeschäfte übersah. Er wandte sich im Mai durch Vermittelung des Hofrats Schäfer an den Baireuther Buchhändler Lübeck. Lübeck erklärte sich zur Übernahme bereit, zahlte 200 Gulden, und im November konnte Jean Paul die Dedikationsexemplare verschicken. So sehr auch der Plan des »Titan« zum sofortigen Ausarbeiten hindrängte, Jean Paul hielt sich mit dem Beginn dieses Werkes, das sein größtes werden sollte, zurück und mochte es vielleicht nicht ungern sehen, daß andere Arbeiten sich dazwischendrängten. Am 8. Mai schrieb er an Otto über den Plan einer neuen Arbeit, die ihm unterm Spazierengehen aufgegangen war. Wir entsinnen uns, wie er nach hartem innerem Kampf den Gedanken, Hermanns Schriften herauszugeben, abgewiesen hatte. Noch immer peinigte ihn das Gefühl, dem Schatten des toten Freundes eine Ehrenpflicht nicht erfüllt zu haben. Aus diesem Schuldbewußtsein stieg 358 der neue Plan auf. »Eben komm' ich von einem Spaziergang, wo mir etwas Kühnes durch den Kopf gefahren ist, wozu ich Dein Ja bedarf, dessen Verweigerung mir der größte Tort wäre. Es betrifft den Hermann. Du weißt, daß sein größter Gehalt nicht in den paar von ihm abgesprungenen Goldglimmern seiner Schriften, sondern in der ganzen Textur und Kristallisation seines Wesens und Charakters besteht. Um ihn also darzustellen, muß man weder bloß jene geben noch diesen bloß beschreiben. Denn kein Charakter kann in toten vagen Zügen, sondern bloß in Handlungen und Reden nachgebildet werden – kurz nur dramatisch. Das Kühne ist also, daß ich ihn mit seinem Namen geradezu in eine (schon entworfene) romantische nicht kleinliche Geschichte einführe, wo er, nicht weit von der Hauptperson, ohne viel Handlung seinen ganzen Charakter ausbreitet. Freilich ist diese Geschichte nicht im geringsten seiner wirklichen verwandt. Er soll darin, in diesem Rauche von einem Hohlspiegel, lebendig werden und sich regen, soweit es meine arme Hand vermag. Ich werde mich um kein Urteil in Hof bekümmern, wenn deines es nicht ratifiziert. Dann füg' ich (trotz dem Schaden, den ich der Illusion tue) dem Buche einen Anhang bei, wo ich das Wahre seiner Geschichte und einige zusammengedrängte Aufsätze (indes ich viele seiner Meinungen in das Buch verstreue) als eine Frage gebe, ob man mehr wolle. Das Honorar des Anhangs und alles dessen, was er erfindet im Buch, gehöret natürlich seinem Vater und wird dadurch größer, weil ich für mein Buch (zumal jetzt) mehr erhalte als für seines. Ich mag Dir die Stiche nicht vorzählen, die mir bisher die Erscheinung seines Vaters oder der Gedanke an ihn durch die Seele gab – und doch war ich an zwei eiserne Ketten gebunden – 1. an meine Bedürfnisse, die mir durchaus keine halbjährige Unterbrechung meiner eigenen 359 Schreibereien vergönnten – 2. an den jetzigen philosophischen Geschmack, dem seine Metaphysik halb zuwider, halb nicht neu genug ist, da er zu wenig las. Der bloße Stil war, da die meisten Philosophen jetzt nicht einmal seinen haben, seinen Schriften nicht am meisten nachteilig. Kurz ich konnte bisher unmöglich das zu jeder Arbeit unentbehrliche Feuer bei der Besorgnis erhalten, daß der bloß philosophische Richterstuhl mit den Erwartungen unzufrieden sein werde, die mein Lob des Verfassers so hoch spannen mußte. Ich weiß, Du trennst meine Verehrung seiner Genialität von dem Urteil über seine Werke. So konnt' ich z. B. in dem ins Reine geschriebenen im 1. Teil nicht fünf auffallende Gedanken finden. Schreib' mir heute noch, weil jetzt meine ganze aufgerüttelte Phantasie zuckt und brüten will – schreibe mir auch noch einige Kautelen – Und schicke mir (aber auch bald) einige seiner Briefe, wenn Dein Urteil sie nötig findet. In der idealistischen Geschichte aber bleibt er Doktor und Grafenhochmeister. Ich lechze ordentlich nach der ersten Zeile, wo sein Name vorkömmt.« Wer sollte bei diesem Brief nicht an Leibgebers Gestalt im »Siebenkäs« denken! Wenn Leibgeber und Siebenkäs dort ihre Namen vertauschen, wenn gleich im Beginn, bei Siebenkäsens Hochzeit, in der Rede Leibgebers der sprühende bizarre Geist des toten Freundes vor uns ausgebreitet wird, so wissen wir, daß wir im »Siebenkäs« die Verwirklichung dieses Briefes an Otto zu suchen haben, auch wenn in der Dichtung nicht der Name Hermanns genannt und keine seiner Schriften dem Buche angehängt wird. In diesem Brief haben wir die Geburtsstunde des »Siebenkäs« vor uns. Aber Jean Paul war damals von dem Plan des Romans noch weit entfernt. Einem ganz andern Buche dachte er des Freundes Gestalt einzufügen: den»Biographischen 360 Belustigungen unter der Gehirnschale einer Riesin«. Tatsächlich beginnt der erste Entwurf dieses neuesten Buches mit Hermanns Gestalt, wie er sie in dem Brief an Otto angedeutet hatte. Doch auch hier mußte er einsehen, daß sich der Gedanke nicht verwirklichen ließ. Eine Figur, halb als Romanfigur, halb als Wirklichkeit aufgefaßt, mußte die Einheit jedes Werkes zersprengen. Er ließ also vorläufig den Gedanken an Hermann überhaupt fallen und gab sich dem Schaffen der Biographischen Belustigungen hin, die in mancher Beziehung eine Vorstudie zu dem großen »Kardinalroman« sind. Im August 1795 finden wir ihn an der Arbeit, und am 24. Februar 1796 wurde die kurze Vorrede geschrieben. Das Werk besteht aus sechs »Belustigungen« und einem satirischen »Appendix«. Der Anfang knüpft an den »Hesperus« an: Jean Paul wohnt in Flachsenfingen als appanagierter Prinz, als den ihn der Schluß des »Hesperus« kenntlich gemacht hat. Weil in Flachsenfingen noch Winter, in Waldkappel aber bereits Frühling ist, fährt er im geschlossenen Wagen mit heruntergelassenen Wagenfenstern dorthin, um sich auf einmal vom Frühling überströmen zu lassen. Es sind seine Fahrten nach dem südlicher gelegenen Baireuth aus dem rauheren Hof, auf die er hier anspielt, und man wird auch an die Vorrede zur »Unsichtbaren Loge« denken müssen. Wir erinnern an den musikalischen Aufbau des Jean Paulschen Werks, der zugleich im tiefsten Sinne episch ist. Der Dramatiker gestaltet und überwindet eine Welt, und sie ist damit für ihn erledigt. Der Epiker hält sich an die Begebenheiten des Daseins. Was sich aber begeben hat, ist nie erledigt, es wirkt im kosmischen Zusammenhange ewig weiter und kann immer wieder auf einer andern Ebene neu erscheinen. So kehren die Motive und Gestalten des Jean Paulschen Werks immer wieder und ordnen sich in neue 361 Zusammenhänge ein. War es in der Vorrede zur »Unsichtbaren Loge« das erste Heraustreten des Dichters, das in der Fahrt auf den Fichtelberg seinen symbolischen Ausdruck fand, so besagt das gleiche Motiv nun des Dichters Sehnsucht in eine wärmere Atmosphäre. Es nimmt die Gestalten und Motive seines bisherigen Schaffens auf, aber es erledigt sie nicht, sondern hebt sie nur auf die höhere Ebene des inzwischen Erreichten. Die Landschaft ist die uns bereits bekannte des Fichtelgebirges, aber Jean Paul verlegt den Schauplatz wie im »Hesperus« in den deutschen Südwesten, auch hier in gebirgige Gegenden. Er wollte die Handlung auch hier näher an die von der Revolution ergriffenen Länder legen. So läßt er seine Frühlingsfahrt über ein Schlachtfeld zwischen Franzosen und Aristokraten führen, um an dem Gegensatz der vor unsern Augen erstehenden Schlacht und des über das öde Feld kommenden Hochzeitszuges die in Gegensätzen zerrissene Zeit auferstehen zu lassen. Was ihn in Waldkappel vor allem anzieht, ist die Riesenstatue der »Jungfer Europa«, die von dem Fürsten des Landes in Rivalität gegen den Hessen-Kasselschen Herkules errichtet wurde. (Der neue Freund Schäfer war Hessen-Kasselischer Hofrat und hat Jean Paul wahrscheinlich das Herkulesstandbild in Kassel in Erinnerung gerufen.) Eine »Jungfern-Schröpf- und Europas-Steuer«, deren Schilderung zu den besten satirischen Darstellungen Jean Pauls gehört, brachte die Mittel zu diesem Kolossalbauwerk zusammen. Von den Höhen des Gebirges grüßte schon der Frühling, indes der Wagen unten noch durch den tiefen Morast gezogen wird. Ein inneres und äußeres Durchringen zur nächtlichen Frühjahrseligkeit, ein gewaltiger Jean Paulischer Ausbruch, beschließt die erste »Belustigung«. Die zweite bringt die Beschreibung der Statue, in deren 362 Monumentalkopf Jean Paul nunmehr die mit der dritten Belustigung anhebende eigentliche Erzählung schreibt. In diesem erhöhten Standpunkt hoch über dem Menschengewühl schwebte ihm offenbar bereits etwas Ähnliches vor, wie er es später bei einem der ersten Entwürfe des »Titan« auszuführen versuchte: Als Luftschiffer Gianozzo wollte er dort die Begebenheiten von der Höhe herab schildern. Später gab er freilich diesen Gedanken auf und begnügte sich damit, des »Luftschiffers Gianozzo Seebuch« in den Anhang aufzunehmen. Gewiß sind die »Biographischen Belustigungen« nur ein Nebenwerk Jean Pauls, aber man kann doch bei diesem Dichter nicht zwischen seinen Werken einen derartigen Unterschied machen wie etwa bei E. T. A. Hoffmann. Auch die entlegensten Arbeiten Jean Pauls enthalten immer seine ganze poetische Kraft. Nur die Übersichtlichkeit und Kürze der Darstellung vermag uns zu zwingen, uns auf die Hauptlinien seines Schaffens zu beschränken. Die Abendstimmung über den Hängen am Fuß der Riesin Europa zum Beispiel ist von einer Gewalt der Landschafts- und Stimmungsschilderung, über die nur ein Jean Paul verfügt. Nachdem ein Jahrhundert an diesen Schätzen blind vorübergegangen, scheint jetzt eine Zeit zu kommen, da sich Hunderte und Tausende an solchen Schilderungen, wie sie auch immer wieder in den »Biographischen Belustigungen« vorkommen, Labung trinken werden. Die eigentliche Geschichte knüpft an die Revolution an, die schon im »Hesperus« eine große Rolle spielte. Und vielleicht sind sogar die Personen zum Teil die gleichen. Wie wir in der Giulia des »Hesperus« die bereits verstorbene Beate der »Unsichtbaren Loge« wiederzuerkennen glaubten, so haben wir in dem Grafen Lismore, dem Helden der »Biographischen Belustigungen«, offenbar den Lord Horion in seinen 363 Jugendtagen vor uns und in seiner Geschichte die Geschichte seiner Liebe zu Mary, die auf der Insel der Verheißung begraben liegt. Graf Lismore hat sich von dem sphinxartigen Ungeheuer der französischen Revolution anlocken lassen. Das blutige Jahr 1793, das »Stufenjahr der Freiheit«, ist vorüber. Der Graf will Frankreich verlassen, angewidert von dem Blutrausch der Bewegung, der er seine Kraft gewidmet, und nach seiner schottischen Heimat zurückkehren. In Rouen warten die Gräfin von Mladotta und ihre blutjunge Tochter auf ihn. Graf Mladotta mußte mit Hunderten seiner Stammesgenossen die Guillotine besteigen. Lismore will die beiden Frauen retten und nach Schottland mit hinübernehmen. Er hat zu Adeline eine heftige Neigung, die er hinter einer freundschaftlichen Zuneigung für die Mutter zu verstecken sucht. Er heilt durch Berührung den zitternden Arm der alten Gräfin, die einen Schlaganfall erlitten hatte. (Hier spielt Jean Paul auf die eigene Heilkraft an, mit der er öfters Bekannte durch bloße Berührung seiner Hand heilte oder zu heilen suchte.) Es ist nicht leicht für den Grafen, den Übergang von der Mutter zur Tochter zu finden, die sich ihm in kindlicher Verehrung zuneigt und von einer Leidenschaft für ihn weltenfern zu sein scheint. Im Abenddämmern einer Echolandschaft gelingt es ihm endlich, ihre Zuneigung zu erwecken. Hinter dem Schicksal der drei Menschen steht immer groß und sphinxhaft die Geschichte der Zeit. »Wenn der Krieg seinen Ameisen- oder Maulwurfspflug auf unserer Kugel einsetzt und mit einer Pflugschar, welche Länder durchschneidet, die aufgeworfenen Ameisenhügel, die man Städte nennt, aushebt, umstürzt und zerreibt, so schämt man sich beinahe, die Wunde einer einzelnen Ameise anzumerken«, beginnt die vierte »Belustigung«. Immer spielt das große Thema der Revolution in das Leben der drei Menschen hinein. Die 364 Gräfin Mladotta stirbt und hat als ihren letzten Wunsch der Tochter anvertraut, daß sie des Grafen Lismore Frau werde. Aber gerade dieser letzte Wunsch scheint sich als unüberwindliches Hindernis zwischen Lismore und seine Braut zu stellen. Zwar folgt sie ihm in seine düstere schottische Heimat, aber ganz von Trauer um ihre Mutter erfüllt und nicht den Übergang zur Lust des Lebens und der Liebe findend. Erschwerend kommt der Haß seiner Schwester Jane Gladuse hinzu, die sich durch des Bruders geplante Heirat in ihrem Erbe geschmälert sieht. Die Hochzeit wird auf den Frühling angesetzt, aber der Glasgower Winter macht Adeline immer kränklicher. Der Graf ist verzweifelt, er sieht nicht, daß Adeline ihn liebt und nur die Scham ihr den Mund verschließt. Den Frühling bringen die Verlobten auf Lismores Gut zu. Auf diese Frühlingstage hat der Graf seine ganze Hoffnung gesetzt. Über dem herrlichen See, einer Insel gegenüber, gibt es ein Echo, das ganz wie jenes bei Rouen ist, da Adeline sich ihm ergab. Abends sucht er mit ihr das Wasserhaus am See auf. Er hat einen Waldhornisten mitgenommen, der von einer weit in den See ragenden Landzunge das Echo der Berge wecken soll. In dem kleinen Wasserhaus ringt Lismore mit der Toten, die die Seele seiner Geliebten gebannt hält. Eine wunderbare Stimmung erfüllt den Abend. Fast scheint die letzte Starre von Adeline fortzutauen. Arm in Arm gehen sie zu dem Gutshaus zurück, »aber sie küßten sich nicht«. Zwei Seiten über die grenzenlose Einsamkeit des Menschen beschließen die Geschichte des Grafen und Adelinens. Wir erfahren nichts mehr von ihnen. Statt dessen tut sich das bunte Leben des satirischen Appendix auf. Die Leser und Leserinnen klagen gegen Jean Paul wegen der fortwährenden Unterbrechungen in seinen 365 Romanen durch Extrablätter und andere satirische Einschiebsel. Gerade an dieser Stelle, da die Geschichte Adelinens und des Grafen Lismore plötzlich abgebrochen ist, scheint diese fingierte Klagschrift besonders am Platze. Jean Paul verteidigt sich in einer Rede, die tief in die Natur seines Schaffens hineinleuchtet. »Nicht nur die Wahrheit besteht aus allen Menschensystemen zusammengenommen . . . sondern auch das rechte Herz ist aus allen ungleichen Gefühlen gebaut und trägt ein Weltall nicht als Krone sondern als Stufe.« Man wird kaum eine bessere Begründung für das Durcheinander in Jean Pauls Werken finden als diesen Hinweis auf die Buntheit des Lebens selber. Jean Paul war sich des Unorganischen seiner Einschiebsel vollkommen bewußt. Er pflegte in den Exemplaren für seine Freundinnen mit Bleistift auszustreichen, was sie nicht zu lesen brauchten, und bezeugt damit selbst das Willkürliche seiner Einschiebungen. Vielleicht könnte man, um Jean Paul einzubürgern, seine Romane, wie es kein Geringerer als Hermann Hesse mit dem »Titan« gemacht hat, zunächst einmal von den allzu willkürlichen Zutaten reinigen. Und doch wird man es nicht gerne tun. Erst wenn man die Romane mit all ihrem Drum und Dran gelesen hat, gewinnt man den Eindruck, eine Welt durchwandert zu haben. Es war nicht durchaus reine Willkür, die Jean Paul zu seinen Zutaten veranlaßte, es war auch der künstlerische Wille, das Tempo seiner Bücher dadurch zu regulieren und ihnen den weltumfassenden Charakter zu geben. Seine Romane sollten Abbilder seines Herzens sein und als solche alle Systeme der Wahrheit einschließen. Zugleich wurde durch die Unterbrechungen das musikalische Wesen seines Gesamtwerks unterstrichen. Tausende von Beziehungen wurden durch die Extrablätter von seinen Gestalten zum Denken und Erleben der Zeit geknüpft. Motive 366 wurden aufgenommen und fallen gelassen und traten an unerwarteter Stelle von neuem hervor. Ja selbst in Werken wie den »Biographischen Belustigungen«, die an sich fast nur ein wirres Durcheinander sind, rundet sich das Ganze immer noch zum Kosmos, zur geordneten Welt, weil, wie Goethe es an Jean Paul rühmt, ein ethisches Band alle Erscheinungen umschlingt. Im übrigen gesteht Jean Paul in seiner Verteidigungsrede den Leserinnen zu, was er ihnen in der Praxis seines Lebens erlaubte: die Satiren zu überschlagen. Nach dieser Einleitung beginnt der eigentliche Appendix: »Die Salatkirchweih in Obersees«. Man muß einen Kirchweihtag im Fichtelgebirge erlebt haben, um zu wissen, wie genau der Wirrwarr dieser Kirchweih in Obersees der Wirklichkeit abgelauscht ist. Die ersten Eindrücke zu dieser Schilderung mag Jean Paul von den Höfer Jahrmärkten erhalten haben, die sich seiner Kinderseele unauslöschlich einprägten. Wenn die Städte und Flecken und Dörfer von dem bunten Jahrmarktstreiben erfüllt sind, wenn die Bewohner in hellen Scharen von Ort zu Ort pilgern, die Täler in den Marktplätzen zusammenströmen, das ganze Gebirge wie ein jubilierender Karneval erscheint, – wenn von jenseits der Grenze aus den böhmischen Bergen, dem nahen Eger etwa, fremdartige Gestalten herbeieilen, Musikkapellen und Banden, und sich unter das deutsche Volk ein ganz andersartiges Volkstum mischt: dann gewinnt man die Eindrücke, die der Salatkirchweih zugrunde liegen. Vor allem mögen es die Scharen von Bettlern gewesen sein, die immer wieder in solchen Schilderungen Jean Pauls auftauchen und die zu seiner Zeit, bei dem unseligen Zustand des Landes, für das Fichtelgebirge und seine Volksfeste sicher besonders charakteristisch gewesen sind. Wieder führt sich Jean Paul selbst in die Handlung ein. 367 Der Jurispraktikant Weyermann hat die Gerichtshalterei Obersees bekommen, die der Kaufmann Oehrmann (offenbar der Kammerrat von Oerthel oder sein Ebenbild Röper aus der »Unsichtbaren Loge«) zu vergeben hat. Unter der Maske des neuen Gerichtshalters führt sich Jean Paul bei dem Schloßverwalter von Obersees ein. Aber er erweckt den Verdacht, ein Hochstapler zu sein, und vermag sich nur mühsam herauszulügen. Angeekelt von der eigenen Lüge rennt er hinaus und stürzt sich in das Gewühl der Kirchweih. Eine heitere Liebesgeschichte schlingt sich durch. Der Lehrer und Organist Schnäzler, in manchem eine angedeutete Selbstkarikatur Jean Pauls, liebt die schöne Eva des Schloßverwalters. Schnäzler ist selbst ein Dichter, und schon deshalb schlägt sich Jean Paul auf seine Seite, gegen den Adjunktus Graukern, auf den er noch einen besonderen Haß hat, weil dieser ihn entlarven wollte. Er tritt als Werber für Schnäzler auf und es gelingt ihm, die ein wenig stupide Schloßverwalterstochter ihrem Liebhaber geneigt zu machen. Sie nimmt ihn, aus keinem andern Grunde, als weil ihr gut zugeredet wird. Ein Realismus in der Darstellung des Weiblichen, der in jener Zeit einzig dastehen dürfte. Zur Hauptperson aber wird der Bettler Zaus, den Jean Paul tot am Wegrande findet. Er zwingt die Bauern, den Bettler zu begraben, und hält selbst am offenen Grabe dieses vom Dasein Zerzausten die Leichenrede. Ein unendlich mühseliges Leben breitet er vor uns aus, eine furchtbare Anklage für alle, die im Reichtum sitzen. Wenn er in seinem nächsten Buch seinen Helden Siebenkäs als Armenadvokaten auftreten läßt, so verdiente er sich selbst mit der Totenrede für den verhungerten Bettler diese Amtsbezeichnung. Über Büchner bis zu Gerhart Hauptmann schwang sich dieses anklagende und verzeihende Ethos Jean Pauls fort, das bald nach der 368 Niederschrift der Totenrede im »Siebenkäs« seinen vollendeten Ausdruck finden sollte. Inzwischen war der »Quintus Fixlein« erschienen und hatte sich wie der »Hesperus« im Sturm die Herzen der Leser erobert. Schon nach einem Jahr wurde eine zweite Auflage notwendig, für die Jean Paul dann die berühmte Vorrede schrieb. Sie soll uns nach seiner Rückkehr von Weimar beschäftigen, da sie eine Auseinandersetzung mit der Geisteswelt von Weimar ist. Aber schon vor und während der Niederschrift der »Biographischen Belustigungen« lockte ihn Weimar an, und er spielte mit dem Gedanken einer Reise dorthin. Kurz vorher hatte er die »Unsichtbare Loge«, ein Jahr nach ihrem Erscheinen, an Goethe gesandt, der mit keiner Silbe antwortete. Im Juni 1795 schickte er dem Heros der deutschen Dichtung den »Hesperus« mit einem von tiefster Verehrung erfüllten Schreiben. Goethe sandte den Roman nach wohl kaum mehr als flüchtigem Durchlesen an Schiller mit den Worten: »Hierbei ein Tragelaph (Hirschbockskäfer) von der ersten Sorte.« Wenige Tage nach dem Brief an Goethe vertiefte sich Jean Paul in Baireuth in die Bilder der beiden Großen von Weimar. »Ach ich habe Lips großen Kupferstich von Goethe gesehen und ich hätte mit den lebendigen Lippen auf die himmlischen – gestochenen fallen mögen. – Schillers Parträt oder vielmehr seine Nase daran schlug wie ein Blitz in mich ein: es stellet einen Cherubim mit dem Keime des Abfalls vor und er scheint sich über alles zu erheben, über die Menschen, über das Unglück und über die – Moral. Ich konnte das erhabene Angesicht, dem es einerlei zu sein schien, welches Blut fließe, fremdes oder eigenes, gar nicht satt bekommen.« Es war derselbe Eindruck von Schillers Persönlichkeit, wie er ihn durch den gegenwärtigen Mann in Weimar bestätigt fand. Eine ungewöhnliche Auffassung des Dramatikers, die 369 aber tief in Schillers Wesen hineinleuchtet. Bereits im Februar des Jahres hatte er den gerade erschienenen ersten Band des »Wilhelm Meister« gelesen. »Ich las gestern in Einem fort daran und es hinaus um neuneinhalb Uhr: und als es das schlug, war der Frühling wieder vorbei, ich war wieder von Neustadt zurück und von Venzka und langte wieder auf dem harten Bette auf Stühlen an.« Goethes Roman, der den eigentlichen Anfang der romantischen Bewegung machte, hatte also wohl Jean Paul in ein Reich schöner Träume entführt und gab Anlaß, daß seine Blicke sich wieder nach Weimar wandten, aber von besonderer Wirkung auf sein Schaffen ist die Lektüre nicht gewesen, wie schon der Werther fast eindruckslos an ihm vorübergegangen war. Noch eines seltsamen Bekannten Jean Pauls müssen wir hier gedenken. Es war der bildungseifrige Barbiergehilfe Rolsch, der an den Dichter der »Unsichtbaren Loge« und des »Hesperus« einen von Verehrung überströmenden Brief schrieb und mit dem Jean Paul seither im Briefwechsel blieb. Rolsch war inzwischen als Barbier nach Weimar gepilgert. Im Juni 1795 fragte Jean Paul diesen seltsamen Freund an, ob Wieland, Herder und Goethe jetzt in Weimar anzutreffen seien. Vielleicht beschäftigte ihn nur das Schicksal des an Goethe übersandten Exemplars des »Hesperus«, aber es scheint, daß er schon damals eine Weimarer Reise für die allernächste Zeit plante, die dann ein Jahr später unter weit romantischeren Umständen Wirklichkeit werden sollte. Inzwischen war Matzdorff durch den Erfolg des »Hesperus« überrascht worden und hatte allen Anlaß zu bedauern, daß ihm der »Quintus Fixlein« entgangen war. Er könne es unmöglich ruhig mit ansehen, schrieb er, wie andere da ernten, wo er gesät habe. Jean Paul entschuldigte sich damit, daß Matzdorff seine Anfrage betreffs des Buches nicht 370 beantwortet habe, machte sich aber anheischig, ihn durch ein anderes kleines Werkchen zu entschädigen. Unter den verschiedenen vorgeschlagenen Titeln wählte Matzdorff »Blumen-, Frucht- und Dornenstücke«. Ob damals schon der zweite Titel des Büchleins »Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs« feststand, ist ungewiß. Aber Jean Paul hatte wohl von Anfang an vor, in dem neuen Werk nur ein Gegenstück zum »Quintus Fixlein« zu schaffen, da es ja den Verleger in erster Linie für den entgangenen »Quintus« entschädigen sollte. Vorläufig jedoch gehörten seine Energien den »Biographischen Belustigungen«. Jedoch schon nach dem sechsten Kapitel, das er für gelungen hielt, erlahmte sein Interesse an dieser Zwischenarbeit, deren Risse er, so gut es ging mit dem Appendix verstopfte, und wandte sich den Dornenstücken zu. »Ich habe jetzt kaum Zeit zu niesen,« schreibt er am 16. September an Otto, »so setzt mir der Berliner zu. Denn die Dornenstücke – eine närrische Biographie in meiner Manier – müssen fertig gefärbt werden.« Am 9. November war er bereits erheblich vorgeschritten. »Diese Lieferung wird wahrscheinlich die letzte schriftstellerische Plage sein, die ich Dir in diesem Jahr mache. Du gehst dann einem langen Sabbathjahr entgegen . . . Dein voriges Blättchen hat, Einmal ausgenommen, überall recht gehabt im Erraten und im Beweisen . . . Das obige Einmal bezieht sich auf deine Konjektur über die Hochzeitrede: sie fiel mir erst vier Zeilen nach ihrem Anfang ein – wenige Einfälle ausgenommen, fuhr mir die Rede, wie sie ist, heraus – sie wurde mir so leicht, daß ich sie . . . nicht das Herz hatte umzugießen, aus Angst, sie werde noch einmal so dick – und für den Leibgeber kann wegen der künftigen großen Kardinalbiographie nichts toll genug sein, ob er dort gleich nur eine Nebenrolle bekömmt – und das Gefühl eines 371 Humoristen, wie Er sein soll, drückt sich weniger bei einzelnen Fällen als bei der Übersicht des ganzen Geschlechtes richtig aus.« Noch immer glaubte er, es nur mit einer kleinen Zwischenarbeit zu tun zu haben. Die eigentliche Durchführung sollte Leibgeber erst in dem geplanten Kardinalroman, dem »Titan«, erhalten. Aber schon am Ende des Jahres mußte er einsehen, daß ihm das Werk unter den Händen anschwoll. »Wenn ich die kleinste Schleuse aufziehe, so schießet so viel Wasser zu, daß allzeit mehr Räder in Gang kommen und also mehr gemahlen wird, als ich wollte. – Das körperliche Uhrgehäuse zerspringt, – so viel, daß ich sterbe, ohne mein halbes Ich aus- oder abgeschrieben zu haben.« Mitte Februar 1796 schickte Matzdorff die Autorexemplare des ersten Bändchens, und die Wasser strömten immer noch durch die Schleusen. Im März übersandte er – allerdings lag die Arbeit an den »Biographischen Belustigungen« zum Teil dazwischen – an Otto neue Teile des Manuskripts. »Hier schick' ich dir Wenig vom Buch und ich werde noch einige Wochen brauchen, bis ich das erreichen und schicken kann, womit die Hauptsache und das Mittelstück vom Titel gerechtfertigt und eine kleine Perspektive auf den Ausgang geöffnet ist. Kurz ich habe noch fünf, sechs Bogen zu der Sache, womit ich das Buch anzuheben gedachte.« Einen Monat später scheint er am Ende. »Etwas mag auf mich mein künftiger ›Titan‹ wirken, aus dem mir Leibgeber mit Glorie wie ein vom Aufgange vergrößerter Stern herüberleuchtet. – Und dieses ›Titans‹ wegen hab' ich jetzt kaum das Herz, mich Naturschilderungen zu überlassen: dort drinnen sollen sie alle brennen und funkeln, und ich hebe sie auf – es ist aber einfältig . . . Die Szene mit Natalie in der Fantaisie liegt wie eine sanfte Mondnacht auf mir und ich freue mich, wenn ich einmal in Baireuth die Stätten besuchen werde: ich hätt' in meinen 372 andern Büchern nur auch mehr meinem Gefühle, das mir solche Szenen vergeblich rein vorhielt, mehr folgen sollen als der Sucht, eine Musaik von böhmischen Steinen zusammenzulegen.« Am nächsten Tage endlich konnte das Ende des Manuskripts an Matzdorff abgehen.   Jean Paul hatte dem verstorbenen Freunde Hermann ein Denkmal errichten wollen, indem er ihn als Helden in den »Biographischen Belustigungen« einführte, unter seinem vollen Namen und mit einigen seiner Aufsätze als Anhang. Er errichtete dem Freunde ein ragenderes Mal im »Siebenkäs«, indem er aus Ingredienzen seines Wesens die unsterbliche Gestalt Leibgebers mischte. Schon in der »Unsichtbaren Loge« hatte er aus Charakterbestandteilen Hermanns einige der wichtigsten Figuren des Romans gewonnen: den Humoristen Fenk und den am Leben verzweifelnden Ottomar. Von beiden hatte Hermann zu gleichen Teilen. Es war der Zynismus des Realisten, des freien Geistes, der sich keine Schranken setzen ließ und dem die ganze Welt Objekt seiner Forschung bedeutete. Ein ungeheures Über-den-Dingen-Stehen zeichnete ihn aus, und diese Freiheit des Ungebundenen und nicht zu Bindenden trat als souveräner Humor, als freies Spielen mit den Mächten des Lebens in Erscheinung. Indem Jean Paul diese Gestalt als den Humoristen Fenk herausstellte, befreite er sich selbst von dem haltlos Spielerischen, dem Satiriker, der in ihm steckte. Er war Hermanns Wesensverwandter gewesen; kein Ton im Herzen des Freundes, der nicht auch in ihm widergeklungen hätte. Es war nicht nur ein Akt der Freundespietät, wenn er Hermann in seinen Gestalten immer wieder auferstehen ließ, es war in gleichem Maße ein Akt der Selbstbefreiung. Seit er im Leben festen 373 Fuß gefaßt hatte, waren ihm die Ottomarschen Seiten in seinem und des Freundes Charakter nicht mehr in dem Maße gefährlich, daß hier ein solcher Befreiungsakt notwendig gewesen wäre. Der Ausbruch nihilistischer Verzweiflung, wie er noch in Ottomar zum Ausdruck kommt, hatte aufgehört, seine Gefahr zu sein. Was in ihm noch davon lebendig war, hatte er sich in jener Leichenrede Viktors vor dem eigenen Bilde in der Verzweiflungsnacht von St. Lüne vom Herzen geschrieben. Aber gefährlich blieb ihm noch immer der Humorist und Satiriker. Mit ihm hatte er sich ständig auseinanderzusetzen. Nicht nur, daß er immer wieder die Neigung zeigte, alle Illusionen in den eigenen Schöpfungen zu durchbrechen, durch einen Witz die ganze von ihm selbst mühsam getürmte Welt zu zerblasen, er opferte als Satiriker auch einer allgemeineren Gefahr des Schaffenden überhaupt: nichts ganz ernst zu nehmen, sich in Freiheit über die Wirklichkeit zu erheben und mit Menschen und Dingen ein verbrecherisch ästhetisches Spiel zu treiben. Es war die »romantische Ironie«, die wenige Jahre später als ästhetisches Prinzip zur Herrschaft gelangte. Jean Paul empfand den gefährlichen Zauber einer solchen rein ästhetischen Einstellung an sich selber, und ihre Überwindung hat ihn Jahrzehnte fast ausschließlich beschäftigt. Junker Matthieu im »Hesperus« ist die erste Gestalt, in der er diesem ästhetisierenden Spielen mit Lebenswerten entgegentrat. Im »Titan« steigerte er sie zu der faszinierenden und doch so abgründigen Erscheinung Roquairols, sie nunmehr schon genauer und bewußter nach dem Bilde der ersten Romantiker formend. Innerlich aber hängen Matthieu und Roquairol mit den Humoristen Fenk und Leibgeber zusammen. Auch in ihnen lebt die Gefahr, die Schwere des Daseins im Spiel aufzuheben, und wenn sie ein richtiger Takt und eine belebende 374 Kraft des Gemüts vor den Ausschreitungen der beiden Junker sichert, so beruht diese Einschränkung nur auf ihrer individuellen, nicht ihrer grundsätzlichen Einstellung zum Dasein. Schon Gestalten wie Matthieu und Roquairol sind nicht ohne verführerischen Reiz. Welch ein Zauber muß aber erst von innerlich befreiten Personen ausgehen, wenn sie noch überdies mit allen Vorzügen des Gemüts ausgestattet sind wie Fenk und Leibgeber! Hier naht der radikale Skeptizismus in seiner verführerischsten Gestalt, von dem Nimbus innerer Tragik umleuchtet. Denn es ist Tragik, und vielleicht die bitterste, die es geben kann, aus dem Kreislauf des Lebens, aus der Wärme menschlicher Gemeinschaft durch einen Zwang des Intellekts ausgeschlossen zu sein und dennoch alle Bereitschaft für diese menschliche Gemeinschaft in sich zu tragen. Es ist die Tragik des Humoristen, der die Menschen und Dinge in ihrer Zwecklosigkeit, in ihrem Ausgegossensein liebt und nicht mehr ganz zu ihnen gehört. In einer solchen Gestalt den Schatten des Freundes zu beschwören, das allerdings mußte Jean Paul, auf dem noch immer das Schuldgefühl Hermann gegenüber lastete, im höchsten Maße reizen, besonders wenn er sich damit eigene geistige Nöte von der Seele schreiben konnte. In Fenk hatte er das Problem nur oberflächlich angeschnitten, jetzt wollte er es durch endgültige Gestaltung bannen. Je mehr ihm die Anregung dazu durch Hermann gekommen war, desto weiter allerdings mußte er sich gerade hierbei von den äußeren Umrissen der Gestalt Hermanns entfernen. Hermann war schön gewesen. Schon bei Fenk hatte Jean Paul der Gestalt des Humoristen eine gute Dosis Häßlichkeit beigemengt. Ottomar freilich konnte mit allen körperlichen Vorzügen ausgestattet erscheinen, aber Hermann war ja nicht nur Ottomar, er war eben zu einem starken Teil seines Wesens Humorist 375 und Zyniker, und als solcher durfte er unmöglich über den Zauber äußerer Schönheit verfügen. So gab der Dichter dem Zyniker Leibgeber eine groteske Häßlichkeit und unterstrich dieselbe noch durch den Bullenbeißer Saufinder. Zugleich zog er aus dem zynischen Naturalismus Hermanns die äußerste Konsequenz. Leibgeber glaubt weder an Gott noch an Unsterblichkeit. Das ist der tiefste Schatten, der über der Freundschaft des Armenadvokaten und Leibgebers lastet. Und doch gab Jean Paul dem kaum noch Zweifelnden etwas ausgesprochen Gottnahes. Gott lebt auch in seinem Verächter, vielleicht gerade in ihm. Wie eine Naturgewalt stürmt Leibgeber durchs Leben. Keine menschliche Institution vermag ihn zu fesseln. Er verachtet Frauen und Liebe, kommt und geht wie ein Gewitter. Er hat nie recht jung ausgesehen, sein Gang ist hinkend, sein Herz schlägt unter einer zottigen Bärenbrust. Frei, namenlos, unbekannt muß er leben. Eine kleine Stadt ist ihm ein Greuel, ein Amt eine drückende Last. Er hat keine Bedürfnisse, weder nach Wohlleben noch nach äußeren Ehren. Zum Zeichen der Freundschaft tauschen die Freunde den Namen, und eigentlich ist es auch berechtigt, daß Leibgeber und nicht der heiter stille Armenadvokat den grotesken Namen Siebenkäs führt. Diese Gestalt sollte den »Kardinalroman Titan« beleben. Es war eine Vorwegnahme, ihn dem »Siebenkäs« einzufügen, und doch trieb erst diese Figur die Dichtung weiter. Ohne sie wäre der »Siebenkäs« ein artiges Gegenstück zum »Quintus Fixlein« geworden, mit ihr setzte er die große epische Linie des Jean Paulschen Gesamtwerks fort. Jean Paul wäre auch gar nicht mehr in der Lage gewesen, eine reine Idylle zu schreiben. Wohl »liebte und verachtete« er das kleinbürgerliche Dasein, aber ihn selbst zog es in die große Welt, seitdem ihm Baireuth sich eröffnet hatte. 376 Auch die Idylle, fühlte er, mußte er von Grund aus überwinden, um zu großen Zielen frei zu werden. Die Idylle war seine Gefahr wie die Satire. Das »Altfränkische« lag ihm im Blut, aber er mußte darüber hinaus, um ein Deuter und Seher der Zeit zu werden. Noch einmal konnte er wohl liebevoll die enge kleine Welt seiner Heimat umfassen, ja er ging in diesem Roman noch weiter zurück als in allen seinen letzten Büchern. Dort hatte er als der kleine Dorfschulmeister gelebt, sich am Kleinen erfreuend und Kleinem hingegeben, eine Winkelexistenz, die ihren eigenen Wert und ihre eigene Würde haben mochte. Diesmal aber ging er in die Zeit seines allergrößten Elends zurück: in die Zeit, da er, von den Mitbürgern verachtet, ohne einträgliches Amt, ohne das Notwendigste zu besitzen, in der kleinen Höfer Stube, zusammengedrängt mit Mutter und Brüdern, seine »Teufelspapiere« schrieb, selbst ein Armer und ein Anwalt der Armen. Einer, dem die allgemeine Not das Herz zerriß, ohne je die Hand zur Hilfe bieten zu können, indes er die Reichen (Kammerrat von Oerthel) am Schweiße der Ärmsten sich mästen sah. Er ging zurück auf die armseligen Gestalten, die ihn damals umstanden hatten: die armen Schullehrer und Landpfarrer und Rektoren, auf die Frauen, die wie seine Mutter in Wirtschaftssorgen ohne Hoffnung zerrieben wurden, auf die heimliche und uneingestandene Feindschaft, die zwischen den Nächsten aus dem zu engen Beieinanderwohnen erwuchs und das Leben mit kleinen Gehässigkeiten vergiftete. Seltsam, wie dieses klarste Werk Jean Pauls mißverstanden wurde. Man hielt sich an die »niederländische« Kleinmalerei des ersten Teils, empfand das Mittelstück, das Scheinsterben Siebenkäsens, als geschmacklos und die Vereinigung des Helden mit Natalie als unwahrscheinlich. Eine 377 solche Auffassung hat aber mit dem »Siebenkäs« kaum etwas zu tun. Gewiß griff er noch einmal auf die Jahre seines größten Elends zurück, und unter seiner Malerhand gewann selbst diese Not des kleinen Lebens einen goldenen Schimmer. Aber in erster Linie stieß er diese Zeit von sich ab. »O da ist mir, als wenn ich Hof abschütteln möchte wie ein Erdenleben, um nur den inneren Frieden zu gewinnen«, schrieb er schon im November 1794 an seine Braut, und dieser Satz faßt vielleicht am besten die Stimmung des Romans zusammen. Es ist eine Auferstehungsdichtung, ein Stirb und Werde, das er hier gestaltet hat. Das kleine enge Hofer Dasein abschütteln wie ein Erdenleben! So schüttelt Siebenkäs seines Daseins Enge ab, um in das große Leben hinauszutreten, und er tut es in dem größten Symbol, das es für ein solches »Abschütteln« geben kann: er stirbt und aufersteht als ein neuer Mensch. Dieses Stirb und Werde schwingt sich durch Jean Pauls ganze bisherige Dichtung. Schon in der »Bayerischen Kreuzerkomödie« fanden wir den seltsamen Aufsatz »Meine lebendige Begrabung«, in dem er mit einem kaum überbietbaren Zynismus von seinem Scheintod spricht. Hier schon waltet Leibgebers gottverdammendes und doch gottnahes Wesen. Als er den Plan zur »Unsichtbaren Loge« faßte, ergriff ihn an jenem Novemberabend des Jahres 1790 der Gedanke des Todes und der Unsterblichkeit. »Ich richtete mich wieder auf,« trug er am nächsten Tag in das Tagebuch ein, »daß der Tod das Geschenk einer neuen Welt sei und die unwahrscheinliche Vernichtung ein Schlaf.« So steht der Gedanke der Auferstehung an den Toren seines Schaffens, und nicht nur in dem Sinne, daß er nach dem wirklichen Tode ein neues Leben zu gewinnen hoffte, sondern auch in der Auffassung des Lebens als eines fortwährenden Sterbens und 378 Wiedergeborenwerdens. Ottomar in der »Unsichtbaren Loge« läßt er lebendig das Entsetzen des Sterbens erfahren. »Ich bin seitdem lebendig begraben worden«, schreibt Ottomar an Fenk. »Ich habe mit dem Tode geredet, und er hat mich versichert, es gebe weiter nichts als ihn.« Und ähnlich, wenn auch nicht geradezu in dieser krassen Gestalt, läßt er den Quintus Fixlein mit dem Tode ringen und auferstehen. Der Gedanke des Todes war so mächtig in Jean Paul, bricht immer wieder mit so elementarer Gewalt in seinen Dichtungen durch, daß wir wissen, es war für ihn kein anderer Weg, ihn zu überwinden, als sich mit ihm vertraut zu machen. Die großen Ideen treten in seinen Dichtungen zurück hinter die Urerlebnisse des bloßen Daseins. Es hing das aufs engste mit seiner entbehrungsreichen Jugend zusammen. Das primitive Dasein umgab ihn in solcher Stärke, daß er ihm zeitlebens verhaftet blieb. Nicht durch eine überpersönliche Idee war der Todesgedanke von ihm zu überwinden, nur durch das Elementarerlebnis von der Einsicht seiner Notwendigkeit. Durch einen Aberglauben ließ er den Quintus Fixlein die Grenze des Todes streifen. Im »Siebenkäs«, der das Gegenstück dazu bilden sollte, mochte er Ähnliches von vornherein vorgesehen haben. Aber unter den Händen wuchs ihm das Werk weit darüber hinaus. Er hatte wohl von Anfang an eine Verwickelung entworfen, die nur durch den Scheintod des Helden gelöst werden konnte. Nun aber wurde dieses »Mittelstück« der eigentliche Drehpunkt des Ganzen. Das Scheinsterben des Helden steht für sich da, ja es ist sogar nachher unnötig, da Lenette im Kindbett stirbt. Worauf es ankommt, ist dieses: das Abschütteln des alten Lebens und das Auferstehen zu einem neuen in Freiheit und Liebe. 379 Nie hat ein Dichter seine Seelenlage deutlicher zum Ausdruck gebracht als Jean Paul im »Siebenkäs«. Er steht wirklich im Begriff, Hof zu verlassen und sich in Baireuth festzusetzen, von wo ihn ein neues höheres Leben herüberwinkt. »Die frohen Wirbel der Freundschaft und der Natur allda ziehen mich in immer engere Kreise und endlich gar in den Mittelpunkt hinein nach Baireuth«, schreibt er im August 1795 an Emanuel. Wir kennen die schwelgerischen Tage, die er dort verlebt hatte und deren Zauber ihn immer wieder aufs neue in diese Stadt ziehen mußte. So spielt auch der Roman zwischen Hof und Baireuth. Den Namen Hof muß er freilich in der Dichtung in Kuhschnappel verwandeln und nach Schwaben verlegen, aber Baireuth stellt er unter seinem richtigen Namen und mit seinem ganzen wundervollen Lokalkolorit dar. Die Eremitage und die Fantaisie erblühen unter seiner Darstellung, sogar des Dörfchens Johannis neben der Eremitage wird Erwähnung getan. In Hof steigen die Freunde in dem heute noch bestehenden Gasthof »Zur Sonne« ab, und so genau ist Jean Paul in der Beschreibung der Örtlichkeiten, daß er, da er Kuhschnappel nach Schwaben verlegt, den Helden über Bamberg nach Baireuth führt. Als Leibgeber und Siebenkäs nach der Katastrophe sich trennen müssen und noch ein Stück Weges miteinander gehen, läßt er sie ihren Weg von Baireuth über Hof nehmen, und ihren endgültigen Abschied verlegt er auf die kahle Höhe von Töpen, jenem Ort, der mit dem Leben des Verfassers der »Teufelspapiere« aufs engste verknüpft ist. Wohl mochte er bei diesem Abschied der Freunde, der ein ewiger ist, an den Tod Adam von Oerthels denken, das erste erschütternde Ereignis, das ihn aus dem Satirenschreiben auferweckte. Der Abschied der Freunde ist von einer herzzerreißenden Traurigkeit. Hier erst offenbart 380 sich die tiefe Ethik des Scheinsterbens und das Unerbittliche auch des Scheintodes, weil er die verbundenen Herzen auf ewig auseinanderreißt. In Lenette, der Frau des Armenadvokaten, hat Jean Paul seinen lebenswahrsten Frauencharakter geschaffen. Das Urbild Lenettens ist seine Mutter, und das Zusammenleben des armen Siebenkäs mit seiner jungen Frau ist genau dem Zusammenleben der Frau Richter mit ihrem nach bürgerlicher Auffassung aus der Bahn geratenen Sohn nachgebildet. Lenette ist brav und engelrein, bescheiden und gehorsam, sie geht in den kleinen Sorgen des Haushalts völlig auf. Jedes geistige Leben ist ihr verschlossen. Hilflos steht sie den Scherzen und Anspielungen des Mannes gegenüber. Neben dem geistig Gegründeten ist sie die Banalität des Lebens in ihrer rührendsten Gestalt. Sie verehrt ihren Mann, aber mit einer übergroßen Schüchternheit, und von Anfang an sehen wir die Katastrophe kommen: Wenn erst ihre Befangenheit mit der blinden Verehrung nachgelassen hat, wird sie hilflos vor der Erscheinung ihres Gatten stehen, das Ungewöhnliche seiner Existenz nicht begreifend und bald verachtend. Man ahnt es schon an ihrer Abneigung gegen Leibgeber, der zu der Hochzeit des Freundes herbeigeeilt ist. So verabscheuungswürdig ihr dieser Atheist und Humorist von Anfang an ist, genau so verabscheuungswürdig wird ihr Siebenkäs erscheinen, wenn die Ehrfurcht vor dem angetrauten Gatten von ihr abgefallen ist. Und bald beginnt sich ihr Mißtrauen zu regen. Siebenkäs und Leibgeber haben zum Zeichen der Freundschaft ihren Namen getauscht. Lenette erfährt davon zufällig durch einen Fremden, und es erscheint ihrem kleinen Kopf wie ein Verbrechen, da sie ja nun nicht einmal recht weiß, ob sie Frau Siebenkäs oder Frau Leibgeber ist. Erst der Rektor Stiefel kann sie 381 beruhigen. Zu diesem alltäglichen und banalen Schulmann hat sie ein unbegrenztes Vertrauen. Stiefel ist langweilig, pedantisch, aufgeblasen und eitel, dafür von einer rechtschaffenen Güte, und er hat einen einträglichen Beruf und einen Titel, alles Dinge, deren Mangel sie bei ihrem eigenen Mann schmerzlich empfindet. Als Brautwerber hat der Schulrat Lenette nach Kuhschnappel geleitet. Er ist ihr mit seiner braven Spießigkeit wie ein Stück ihrer Heimat, aus der er sie hergeholt hat. Zwischen diesen Menschen spielt auf engem Raum der Roman. Schon die Flitterwochen bringen Trübungen. Durch den Namenstausch wird Siebenkäs um seine Erbschaft gebracht, die er seinem Vormund, dem Heimlicher von Blaise, anvertraut hatte. Auf diese Erbschaft hat der Armenadvokat seine Hoffnung gesetzt. Unmittelbar nach der Hochzeit tritt Mangel am Notwendigsten ein. In seiner Not beschließt er, ein Buch, die »Teufelspapiere«, zu schreiben. Das Buch erfüllt Lenette mit Ehrfurcht, der Titel aber mit Schaudern. Bei dieser Schriftstellerei gibt es die ersten ernsten Ehekonflikte. Lenette muß den ganzen Tag in dem kleinen Zimmer scheuern und herumwirtschaften, was Siebenkäs wiederum im Arbeiten behindert. Es ist rührend, mit welcher liebenden Geduld er ihr die Grundbegriffe geistiger Konzentration beibringt. Sie kann es nicht verstehen, daß Schrubbern und Scheuern auf einmal Sünde sein soll. Die Not macht sich immer drückender bemerkbar, ein Stück des Hausrats nach dem andern muß aufs Leihhaus wandern. Um ihren grillierten Kattunrock kämpft sie mit aller Kraft, während sie sich gleichgültig entschließt, den Verlobungsstrauß zu opfern. Siebenkäs gibt das einen Stich durchs Herz. Zum erstenmal fühlt er, daß sie ihn nicht mehr liebt oder vielleicht nie geliebt hat. Ein Vogelschießen, mit der 382 ganzen Kunst Jean Paulscher Kleinmalerei geschildert, hält das Verhängnis noch einmal eine Weile auf. Siebenkäs erschießt einen erheblichen Gewinn, von dem der Haushalt eine Weile bestritten werden kann. Eine Festtafel vereinigt die glücklichen Bewohner des Hauses miteinander. Das gewonnene Schwein wird verzehrt. Liebevoll malt Jean Paul die kleinbürgerlichen Typen aus. Erst gegen den Hintergrund ernster seelischer Konflikte gestellt, gibt diese kleine Welt ihren ganzen Zauber her. Aber das Unheil ist nicht aufzuhalten. Siebenkäs muß mehr und mehr erkennen, daß Lenette in den Schulrat verliebt ist. Lenettes Geburtstag läßt das alte Glück noch einmal aufflackern, aber beide schleppen schwer an den Ketten, mit denen sie unwiderruflich aneinander gefesselt sind. Da trifft ein Brief Leibgebers ein, der den Freund nach Baireuth bestellt, und hier lernt Siebenkäs Natalie kennen. Eine freie, leichte Atmosphäre umfängt den bedrückten Armenadvokaten. Immer tiefer verfängt er sich in der Leidenschaft für die heroische, vornehme Geliebte. Natalie hat Jean Paul in den unbestimmten schimmernden Farben seiner sonstigen Heldinnen gehalten, aber gerade dadurch wirken diese Gestalten so poetisch und zart. Es ist der Duft einer weichen und feinen Welt, der um sie liegt, und sie stehen vor uns mit einem Glanz umflossen, wie der Liebende die Geliebte empfindet. Wer eine Lenette charakterisieren kann, wie es Jean Paul tat, dem sollte man nicht Mangel an Sicherheit des Zeichenstiftes vorwerfen. In der Art, wie sich Lenette uns gibt, erscheint die mit scharfen Sinnen beobachtete Frau. Die Geliebte aber naht in dem unbestimmten Schimmer Nataliens wie eine duftumflossene Welt, und wie eine Welt senkt sich die Liebe Nataliens auf den gequälten Siebenkäs hernieder. Leibgeber rät, sich von Lenette scheiden 383 zu lassen. Siebenkäs bebt vor diesem Gedanken zurück. So bleibt nichts anderes übrig, als daß Siebenkäs eine tödliche Krankheit fingiert, einen leeren Sarg statt seiner begraben läßt und selbst an Leibgebers Stelle die Inspektorstelle bei einem Grafen übernimmt, um Natalie zu heiraten. Widerstrebend geht Siebenkäs auf diesen Plan ein. Wohl spürt er das Zynische in dem scheinbaren Sterben, aber ihn verlangt allzu gewaltig nach wirklichem Tod und Wiedergeburt aus den Qualen der letzten Zeit, um nicht unwiderstehlich von dem Gedanken Leibgebers ergriffen zu werden. Mit dem Gedanken des Todes im Herzen, kehrt Siebenkäs in das Elend seiner Häuslichkeit zurück. Lenettens Eifersucht erleichtert ihm die Ausführung des Plans. Er weiß, daß sie nach seinem Scheintode mit Stiefel sich trösten wird. Alles Entsetzen wirklichen Sterbens umfängt ihn, wenn er sich Lenettens Zukunft an der Seite Stiefels ausmalt. Die Sterbeszene ist von einer grausigen Tiefe. Alle Farben seelischer Qual vereinigen sich zu diesem Vorgang, der wie ein Scherz anhebt und mit allem Entsetzen wirklichen Sterbens sich abspielt. Gestalten wie aus dem »Inferno«, mit satirischem Stift gestrichelt und doch von der Unbarmherzigkeit von Höllenbewohnern, sammeln sich um das Totenlager. Der Doktor Oelhafen, der seinen Titel Obersanitätsrat nicht umsonst führt, sondern für Geld. Der Landschreiber Börstel, eine eingedorrte Schnecke mit scheuem, rundem, horchendem Knopfplattenangesicht voll Hunger, Angst und Aufmerksamkeit. Der Frühprediger Reuel, der dem Sterbenden ins Gesicht sagt: er sei ein rechter Teufelsbraten und eben gar. Siebenkäs wird von Qualen gefoltert. »Ich bin's satt, satt, satt – ich mache nun keinen Spaß mehr – in zehn Minuten sag' ich meine letzte Lüge und sterbe, und wollte Gott, es wäre keine!« Er befiehlt dem Freund, kein 384 Licht nach seinem Tode neben ihn zu stellen. »Ich werde meine Augen nicht beherrschen können, und unter der Larve kann ich sie doch nicht weinen lassen, wie sie wollen.« Während der Sarg in die Erde gesenkt wird, wandert Siebenkäs nach der Fantaisie, um sich zwischen Hof und Baireuth mit dem Freunde zu treffen. Noch einmal ersteht vor uns die Landschaft, die dem Dichter so viel gegeben. Es kommt das letzte Zusammentreffen der Freunde auf dem Bindlocher Berg und ihre Trennung bei Töpen. Leibgeber geht, um in der Ferne zu verschwinden. Siebenkäs aber tritt bei dem Grafen in Vaduz Leibgebers Stelle an. Noch einmal kehrt er nach Kuhschnappel zurück, aber von Lenette findet er nur einen Grabhügel. Sie ist bei der Geburt eines Kindes gestorben. Jetzt erst fühlt er sich frei. Natalie erscheint in Vaduz, das Herz noch voll von Trauer um den gestorbenen Geliebten. Anstatt Leibgebers findet sie den Totgeglaubten. Die Wiedersehensszene vereinigt die Liebenden auf immer. »Wir bleiben beisammen!« Firmian stammelte: »O Gott! o du Engel – im Leben und im Tode bleibst du bei mir.« –»Ewig, Firmian!« sagte leiser Natalie; und die Leiden unseres Freundes waren vorüber.   Man könnte den Roman analysieren, sogar von einer Schuld und Sühne des Helden sprechen. Etwa sagen, daß Siebenkäs erst wirklich befreit ist, seit er es über sich gewann, den Grafen in Vaduz von seinem Scheinsterben in Kenntnis zu setzen. Aber mit solcher Begrifflichkeit dringt man nicht in Jean Pauls Inneres. Seine Menschen leben nicht um Probleme und ihre Lösungen herum, sondern sie durchleben Komplexe, werden durch ganze Welten hindurchgetrieben, ehe sie auf der Ebene der Erfüllung anlangen. 385 Geradeaus schreitet die Handlung vorwärts, durch Lebensschichten hindurch. Die letzte berührt sich nur musikalisch mit der ersten des Ausgangs durch die Ähnlichkeit der Motive und Menschen. An Dichte und Atmosphäre ist sie ganz anders, und andere Gesetze walten in ihr. Es ist das Suchen nach diesen Gesetzen eines befreiten höheren Lebens, das den Roman vorwärtstrieb. Noch einmal umfaßt Jean Paul seine Entwickelung vom verbissenen und gequälten Satirenschreiber bis zum Eintritt in die Seligkeit von Baireuth. Die Frage erhebt sich: Wird er selbst in der großen Welt, in die er nun unmittelbar eintreten soll, heimisch werden, wird er in ihr neue Ziele gewinnen? Bringt er es fertig, wie sein Armenadvokat, der Welt, die hinter ihm liegt, abzusterben, um in der klareren und dünneren Luft eines rein geistigen Daseins, wie Goethe und Schiller, luftige Zelte aufzuschlagen? Oder wie wird alles werden? Hier lag ein Problem von solcher Schwere vor, daß es Jean Paul erst in Jahren begreifen sollte. Es handelt sich auch hier in einem eminenten Sinne um die Frage nach der Verwirklichung des deutschen Geistes. Kann große deutsche Dichtung (daß Jean Paul einer ihrer Vertreter war, hatte er nun bewiesen) den Boden, in dem sie wurzelt, zurückstoßen und in die reine Form europäischer Geistigkeit eingehen? Oder ist sie den Kräften der Erde ewig verbunden? Goethe hatte den letzten Schritt gewagt, von einem Verkünder gotischer Besessenheit war er zum europäischen Menschen aufgestiegen, das Kulturerbe des Altertums austragend und nach einer Form suchend, die von der absoluten Allgemeingültigkeit einer Kulturepoche war. Aber hatte er damit nicht schon aufgehört, an der deutschen Verwirklichung zu arbeiten; suchte er damit noch nach einer Form, die Ausdruck einer Zeit und eines Volkes überhaupt war; machte er sich nicht damit lediglich zum Gipfel, 386 wenn auch zu einem überragenden Gipfel einer einzigen Zeit, vielleicht sogar Modeperiode, die etwa mit »Empire« zu umreißen ist? Jetzt, nachdem Siebenkäs gestorben und auferstanden war, war es für Jean Paul an der Zeit, Goethe zu begegnen, um seine in naher Zukunft liegenden Ziele an diesem Koloß abzuklären in Hinneigung oder Widerspruch. Über diese Frage sollte die allernächste Zukunft entscheiden. Bevor wir Jean Paul auf seinem Wege nach Weimar begleiten, müssen wir noch einen Blick auf die andern Arbeiten werfen, die er dem »Siebenkäs« mitgab. Ursprünglich sollte der Roman ja nur ein kleines Seitenstück zum »Quintus Fixlein« werden, und wie diesem dachte er auch der neuen Idyllendichtung eine Reihe kleinerer Arbeiten beizuschließen, um gegenüber dem »Hesperus«, der seinen Siegeszug angetreten hatte, nicht »dümmer und matter« zu erscheinen. Schon durch den Titel »Blumen-, Frucht- und Dornenstücke« zeigte er an, daß es sich nicht nur um eine einzelne Geschichte, sondern um einen Komplex mehrerer Dichtungen handeln sollte. Als »Dornenstücke« standen in dem Ganzen die Berichte von »Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel«, wie der vollständige Untertitel der ersten Ausgabe lautete. Als Blumenstücke fügte er zwei kleinere Arbeiten bei, von denen wir die erste bereits kennen. Es ist die »Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei«. Jener Aufsatz, den er einst in ursprünglicher Fassung als Rede des toten Shakespeare an Herder geschickt hatte. Das zweite Blumenstück ist die der Fürstin Lichnowsky gewidmete kleine Erzählung »Der Traum im Traume«. Er träumt, er stünde in der zweiten Welt, und die Mutter Gottes sehne sich nach der Nähe des Menschengeschlechtes. In einem Traum wird die Erde herbeigezogen, und Maria 387 erlebt den Schmerz der Auseinandergerissenen und den Schmerz des Greises, der nicht sterben kann, und den Schmerz des zu früh Abgerufenen. Aber der Traum zeigt der Himmelsmutter auch die Seligkeit des irdischen Mutterglücks. Von der schönen Entzückung wird sie erweckt und fällt sanft erbebend um ihren eigenen Sohn. Und auch den irdischen Träumer weckt die Entzückung. »Aber nichts war verschwunden als das Gewitter: denn die Mutter, die im Traum das kindliche Herz an ihres gedrückt, lag noch auf der Erde in der schönen Umarmung – und Sie lieset diesen Traum und verzeiht vielleicht dem Träumer die Wahrheit.« Man erkennt die Dedikation an die fürstliche Mutter, mit deren verzärtelnder Erziehungsmethode übrigens Jean Paul ebensowenig wie der Prinzenerzieher Hofrat Schäfer sympathisierte. Das dem zweiten Bändchen beigegebene »Fruchtstück« greift auf die Personen des »Hesperus« zurück. Es handelt sich um einen Brief des Doktors Viktor an Kato, den einen jener drei englischen Brüder aus dem »Hesperus«. Fast sämtliche Personen des Romans machen am 20. März, also einen Tag vor Jean Pauls Geburtstag, der zugleich das Fest des beginnenden Frühlings ist, eine Kahnfahrt auf dem Rhein. Außer den beiden andern englischen Brüdern sind noch Klothilde und Jean Paul anwesend. Man entsinnt sich, daß Jean Paul den Schauplatz nach dem Südwesten Deutschlands verlegt hatte, um den von der Revolution ergriffenen Ländern näher zu sein. Den Hauptinhalt der kleinen Schrift bildet ein Gespräch »Über die Verwandlung des Ich in das Du, Er, Ihr und Sie«, also um die Frage des Altruismus und der Duldsamkeit. Echt Jean Paulisch wird als die »letzte und beste Frucht, die spät in einer immer warmen Seele zeitigt«, genannt die »Weichheit gegen den Harten – Duldung gegen den Unduldsamen – Wärme gegen den 388 Ichsüchtler – und Menschenfreundschaft gegen den Menschenfeind«. In einem mythischen Erfassen des eigenen Geburtstags klingt die Schrift aus, die wohl eine der schwächeren Jean Pauls ist und dennoch eine Summe von dichterischen Schönheiten in sich vereinigt. Außerdem ist dem Buch noch ein kleines »Intelligenzblatt der Blumenstücke« beigefügt, nämlich ein Dank an »Septimus Fixlein«. Unter diesem Pseudonym hatte ein unbekannter Verehrer Jean Paul nach dem Erscheinen seines »Hesperus« eine für seine damaligen Verhältnisse beträchtliche Geldsumme zugehen lassen. In der zweiten, 1817 erschienenen Auflage konnte mitgeteilt werden, daß der unbekannte Freund niemand anders als der gütige Dichtervater Gleim gewesen war. Die wichtigste Beigabe des Romans aber war die Vorrede. Sie erzählt, wie der Dichter am Weihnachtsabend 1794 in der Stadt Scheerau (bekanntlich die Residenz in der »Unsichtbaren Loge«) zu dem Kaufmann Jakob Oehrmann in Scheerau (wir kennen ihn aus der »Salatkirchweih in Obersees«) eintritt, um ihm wichtige Wiener Briefe zu bringen. Wie ein idyllisches Verhältnis ihn mit Oehrmanns Tochter Pauline verbindet. Diese Tochter, die der Vater in die Walkmühle seines Geschäfts eingespannt hat, darf nämlich keine Bücher lesen, und so verdorrt ihre arme kleine Seele. Jean Paul aber ist bei seinen Besuchen ihre Leihbibliothek. Er erzählt ihr nämlich alle Romane, die er gerade unter der Feder hat, und so auch den gegenwärtigen, nachdem er den Vater durch Gespräche über Philosophie und Literatur eingeschläfert. Diese Vorrede ist selbst eine Dichtung von echt Jean Paulschem Reiz, aber sie ist mehr: sie will zugleich die tiefste Tendenz seines Schaffens erklären: die gequälten Herzen aufzurichten und zu erlaben. Sein Herz fließt über 389 von Mitleid mit diesen vom Leben zerzausten Geschöpfen, die von dem geschäftlichen Egoismus des männlichen Geschlechts aufgebraucht werden wie eine geringe Ware. Sie will er erlösen, ihnen ihr Wesen klarlegen und aus den Zerschundenen heimliche Prinzessinnen machen. Wir kennen bereits diese Töne, nicht nur aus den großen Romanen, sondern auch etwa aus seinen Bemerkungen zu dem Programm des Rektors Florian Fälbel, wo er in Cordula, der Tochter des herzlosen und pedantischen Schulmannes, eine solche sanfte, vom Leben und der väterlichen Gewalt geknickte Blume darstellt. Solche Töne sind auch in der modernen Literatur, etwa von Peter Altenberg, wieder angeschlagen worden. Aber was hier eine ästhetische Spielerei ist, hatte bei Jean Paul einen ungeheuer ernsten realen Hintergrund. Im Schicksal seiner Mutter hatte er das Leben dieser unter der Härte der Not verkümmerten Geschöpfe kennengelernt, und vielleicht sah er auch unter seinen Freundinnen manche unter der Gewalt eines ungebildeten rohen Vaters leiden. Wir dürfen bei der Beurteilung dieser Seite des Jean Paulschen Schaffens nicht vergessen, daß er von der Schattenseite des Lebens herkam und die Macht der niederdrückenden Armut kannte. Was heute als dekadenter Hang, sich auszuleben, sich darstellt, das war in Jean Pauls Leben furchtbare Wirklichkeit. Überall lebten sie rings um ihn herum, diese Pauline Oehrmanns, in den kleinen Städten und Dörfern des Fichtelgebirges von jedem geistigen Dasein abgetrennt. Seit seine dichterische Kraft durchgebrochen war, kannte er keine höhere und beglückendere Aufgabe, als diese niedergedrückten Geschöpfe mit dem erquickenden Tau seines Wortes aufzurichten. Auch hierin war er der Dichter der Armen, und seine Hauptwirksamkeit beruhte auf der gewaltigen Stimme, mit der er die vom Leben Erdrosselten 390 auf die vollbesetzten Tische der Lebensfreude hinwies. »Meine jetzige Fähigkeit, den Mädchen zu vergeben. O Gott, mache mich sanfter und fester zugleich!« schrieb er einmal in sein Tagebuch zur Zeit, als er sich von Karoline löste. Unmittelbar nach der Vorrede für den »Siebenkäs« erfaßte ihn die Welt Weimars. Unmittelbar nach Weimar kehrte er in der Vorrede zur zweiten Auflage des »Quintus Fixlein« in diese Welt zurück. Hier war der Boden, auf dem er sich mit dem Geist seiner Zeit auseinanderzusetzen hatte, auf dem allein er »sanfter und fester zugleich« werden konnte. 391   Weimar Um Weimar kreisten Jean Pauls Gedanken. Unter dem Einfluß von Karl Philipp Moritz war Herder hinter Goethe ein wenig zurückgetreten. Moritz hatte mit Goethe in Italien unvergeßliche Zeiten verlebt, und es war nur natürlich, daß er Jean Pauls Blicke wieder auf den Großen von Weimar lenkte. Wir sahen im vorigen Kapitel, welchen Eindruck Goethes und Schillers Bildnisse auf Jean Paul gemacht hatten. Dicht hintereinander hatte er Goethe die »Unsichtbare Loge« und den »Hesperus« übersandt, freilich ohne eine Antwort zu erhalten, aber es war wohl in erster Linie Goethe, der ihn nach Weimar, diesem »Keblah der Seele«, wie er an Wieland schrieb, zog. Wenn Karl Philipp Moritz länger gelebt hätte, so wäre es ihm wohl bald zum Bewußtsein gekommen, welcher unüberbrückbare Abgrund zwischen Jean Paul und Goethe klaffte. Mit seinen Worten nach der ersten Lektüre der »Unsichtbaren Loge«: »Das ist etwas ganz Neues, das ist noch über Goethe!« hatte er eigentlich schon den tiefen Unterschied zwischen beiden Dichtern anerkannt und war auf Jean Pauls Seite getreten. Sein plötzlicher Tod überhob ihn der peinlichen endgültigen Stellungnahme. Auf eine allgemeine Stellungnahme und Auseinandersetzung spitzten sich gerade in diesem Jahr 1796 die Verhältnisse zu. Bekanntlich brachte dieses Jahr auch den endgültigen Bruch zwischen Goethe und Herder, der nur die Einleitung zu andern Auseinandersetzungen, zum Beispiel zwischen Goethe und dem Kapellmeister Reichardt auf Gibichenstein, bildete. 392 Goethe wuchs sich mehr und mehr zum Repräsentanten des alten Europa aus. Die alte Bildungs- und Herrenschicht, die über den erwachenden Völkern lagerte, fand in seiner allem Völkischen und vom Volke her Bewegten abgeneigten Persönlichkeit ihren stärksten Ausdruck. Er glaubte, im Griechentum seine starke Wurzel gefunden zu haben, aber es war Spätrom, das in seiner von jedem Volksbewußtsein losgelösten Persönlichkeit und der von ihm vertretenen Schicht über Europa schattete. Mochte diese Persönlichkeit noch so stark und groß sein, sie konnte die Zeit nicht aufhalten und verbreiterte nur durch ihre Bedeutung den unheilvollen Riß in der europäischen Entwickelung, bis er im allgemeinen Zusammenbruch zutage trat. Wie immer in bewegten Zeiten, gab es Abtrünnige und Überläufer auf beiden Seiten. Ein Teil des Adels war den neuen Ideen zugeneigt. Der Herrenstand begann deutliche Zeichen der Zersetzung zu tragen. Ein literarischer Libertinismus machte sich breit, der zum großen Teil in Angehörigen der Adelskaste seine Vertreter hatte. Mochte der Adel in Frankreich bis zur Revolution noch so wenig durch Sittengesetze gebunden gewesen sein, er war doch im Rahmen seines Standes geblieben. Abenteuerlust und Leidenschaft wurden befriedigt, doch innerhalb der Grenzen, die Sitte und Herkommen setzte. Und ähnlich war es in Deutschland gewesen. Nun aber lockerten sich die festen Bindungen. Auch aus dem Adelsstande trat das Individuum mit dem Anspruch heraus, sich voll auszuleben. Die Höfe hatten das denkbar schlechteste Beispiel gegeben. Selbst in Weimar, unter den Augen Goethes, war es nicht anders als überall. Die Literatur und der mit ihr verbundene Individualismus hatte entfesselnd gewirkt, besonders auf die Frauenwelt. Zwischen dem alten Herrenstand und der Bewegung, die aus 393 dem Volke sich emporhob mit neuen aber festen Bindungen, bildete sich nun eine neue Schicht heraus: eine entwurzelte, verliterarisierte Gesellschaft. Entfesselte Männer und Frauen, die sich hemmungslos dem neuen »Geist« hingaben, alle Schranken der Sitte niederrissen und sich ausleben wollten in literarischen und körperlichen Neigungen. Die Saat des Sturmes und Dranges ging auf. Riesenvermögen gaben die Mittel her. Mit Freiheitsideen kokettierend, gab man sich den geistigen und leiblichen Trieben hin, von dem Vermögen des Volkes zehrend, für dessen Rechte man einzutreten sich und andern vorspiegelte. Diese literarische Zwischenschicht machte nun auf den Dichter des »Hesperus« und des »Quintus Fixlein« förmlich Jagd. Hier witterte man die Sensationen, deren man bedurfte, um das schale Leben wieder interessant zu finden. Etwas Parzivalhaftes war an dem aus entlegenen Landstrichen auftauchenden Dichter. Kein Wunder, daß sich der Zaubergarten Klingsors ihm auftat. In seinen Helden wie Gustav und Klothilde fand man die idealisierten Abbilder der eigenen Person. Ihre Leidenschaften, auf denen noch der Tau der Unberührtheit lag, wollte man auch leben, womöglich jedes Jahr wieder. Von den ernsten und heiligen Zielen Jean Pauls nahm man so gut wie nichts ins Bewußtsein auf. Man berauschte sich an seinem Ethos, nahm die zauberischen Ekstasen seines Werks. Es war ein ungeheures Mißverständnis, das den Dichter und Anwalt der Armen in kurzer Zeit zum Mittelpunkt der adligen literarischen Kreise machte. Mit Parzivalreinheit ging Jean Paul unangefochten durch diese Welt hindurch. Er lebte in ihr, aber sie berührte ihn nicht. Kein Gran seines Wesens gab er ihr zuliebe auf, ja er hat alle diese Menschen, die sich an seine Rockschöße 394 hefteten, mit der Grobheit behandelt, die sie verdienten, die ihnen aber wieder nur eine neue Sensation war. Riesenvermögen und Grafschaften wurden ihm zu Füßen gelegt. Er schlug sie aus und reichte schließlich die Hand einem schlichten Bürgermädchen zum Bunde. Und dennoch ging er freudig in diese Welt ein, als sie sich ihm, unmittelbar nach dem »Hesperus«, auftat. Am 11. Januar 1796 reiste der Berliner Justizassessor Hans Georg von Ahlefeldt von Baireuth, wo er seiner angebeteten »Minette«, Wilhelmine von Kropff, zu Füßen gelegen hatte, nach Berlin zurück und besuchte in Hof den »genialen Humoristen Richter«. Bei Champagner wurde die Freundschaft geschlossen und besiegelt. Im Handumdrehen duzten sich beide jungen Männer und blieben lebenslange Freunde. Ahlefeldt weihte den Dichter in sein Verhältnis zu Minette, der Frau des Oberstleutnants von Kropff im Regiment v. Unruh in Baireuth, ein. Sie wäre die Klothilde des »Hesperus«. Ein reger Briefwechsel geht zwischen den drei Personen hin und her, und als Jean Paul seine Pfingstfeiertage in Baireuth verlebt, jene denkwürdigen »Hesperuspfingsten«, wie er diesen Baireuther Aufenthalt nennt, lernt er Minette von Angesicht kennen. Diesmal ist er nicht mehr, wie noch bei der Fürstin Lichnowsky, der Anbeter, sondern der Angebetete. Minette fährt ihm bis Berneck entgegen. Sie verfehlen sich, weil Jean Paul zu Fuß gewandert ist und einen andern Weg einschlug. In Baireuth verbringt er einige Tage mit ihr. »Anlangend die schöne Klothilde,« schreibt er an Otto, »so ist alles prächtig und so: Sie fuhr mir Donnerstags bis Berneck entgegen und schickte, da es nichts war, einen noch unerbrochenen in Hof liegenden Brief. Sonnabends früh war nach meiner Ankunft mein erster Griff nach einer Feder, um mich auf fünf Uhr selber vorzuladen. Sie sandte mir sogleich 395 durch den Bedienten ein Billett, worin sie meinen Stundenzeiger um zwei Stunden zurückdrehte: ›Wir wollen alle beide um drei Uhr durch die Eremitage fahren.‹ Ich trabte denn ins untere Stockwerk des Reizensteinischen Hauses und trat durch zwei schöne Zimmer ins dritte, wo sie neben zwei Nachtigallen und neben dem halbverhangenen und unverblümten Fenster saß. Ich sage dir, könnt' ich sie schildern, so hattest du einen ganz neuen weiblichen Charakter im Kopf oder gar im Herzen. Sie hat keine gebogene noch gerade sondern wellenhafte Nase – einen halb übers Gesicht zergangenen Widerschein der Morgenröte und nichts als Schönheiten auf dem Gesicht, dem bloß ein wenig das weibliche Oval abgeht – die schönste veredelte Berliner Aussprache . . . Ihre Stuhl- und Fensterreden waren voll Menschenliebe. Festigkeit, Sanftmut – sie duzet sich Gott weiß mit welcher Prinzessin und war am . . . Hofe, also ist sie gerade so bestimmt und ungeniert, nur talentvoller und herzlicher als die Wiener Fürstin. Du solltest sie gehen sehen. Sie hatte meine Loge ungebunden vor sich liegen und klagte über den zögernden Buchbinder, und zugleich gebunden aus der Lesegesellschaft und gab mir gleich die zehnte Seite des ersten Teils zum Beurteilen oder Verurteilen vor.« Er fährt mit ihr im Wagen durch die Anlagen der Eremitage, verbringt den nächsten Tag mit ihr, lernt ihren Mann kennen. »Ihr Mann ist ein gutmütiger Pommer: sie sagt, sie sei ohne Liebe in der Ehe, doch durch die Achtung für ihn glücklich.« Eine Ehe wie die bekannte der Frau von Stein. Herr von Ahlefeldt versorgt ihr Dasein mit der notwendigen Romantik, ohne übrigens den Frieden ihrer Ehe mit dem »gutmütigen Pommern« (richtiger Braunschweiger) zu zerstören. Sie schreibt an Jean Paul von Ahlefeldts Liebe, »die nie erwidert werden kann, ihn den Guten, Edlen unglücklich macht 396 und meine Tage oft trübt«. Jean Paul schwelgt in dem vornehmen Verkehr, der kultivierten Umgebung, den halb verdunkelten Zimmern. Es ist die Welt, nach der sich schon der junge Leipziger Student gesehnt hat. Wie werden diese Menschen, so fragt man sich, dem Andrang einer neuen Welt standhalten? Noch liegt der ungeminderte Glanz sonnbestrahlter Vergangenheit auf ihnen. Aber schon grollt es in der Tiefe. Im Januar hatte Jean Paul an Otto aus Baireuth geschrieben: »Die Staatsinquisition hier liegt wie Bleiplatten auf Kopf und Brust und es laufen eigentliche mouchards herum. Alles seufzt, keiner spricht. Gleichwohl ist ein Auskulant Geier aus Erlang hier, der öffentlich in Redouten Freiheit und Gleichheit predigt, der gleich seinen zwei Klientinnen schon siebenmal hinausgeworfen wurde, und der das achte Mal wieder auftritt. Er stellet den Soldaten Dinge vor, die sie nicht anhören dürfen, solange sie nicht Sansculotten im bildlichen Sinne sind. Völderndorf ließ ihn . . .« Wir erfahren aus dem Briefkonzept nicht, was der Regierungspräsident von Völderndorf, mit dem Jean Paul übrigens später befreundet wurde, mit dem Aufsässigen machen ließ. Jedenfalls wurde den Soldaten des Herrn von Kropff bereits die Revolution gepredigt, während seine Frau mit dem Justizassessor von Ahlefeldt schwärmende Briefe schrieb. Die Zeit war in Zersetzung begriffen. Es tat not, nach neuen Formen zu suchen, die Bewegung in geordnete Bahnen zu zwingen. Aber wie diese Menschen mühelos den Geist von Sturm und Drang in sich aufnahmen, ebenso mühelos saugten sie wenige Jahrzehnte später das Narkotikum der Heiligen Allianz in sich ein. Die wichtigen Probleme blieben ungelöst. Goethe hatte die Bildungsschicht von den großen Bewegungen weg zur Beschränkung auf die eigene Persönlichkeit hingeleitet. Aber mit 397 den großen Zielen sanken auch die Persönlichkeiten dahin, und übrigblieb allein die leere Macht, hinter der keine Idee mehr stand, und ein Repräsentantentum, das nichts mehr repräsentierte. Noch ein anderer Vertreter des literarisch interessierten Adels trat zur gleichen Zeit in den engeren Freundeskreis Jean Pauls ein: Friedrich von Oerthel, und so eng schloß sich Jean Paul an ihn, daß der neue Freund ihm später mit seinem Jugendintimus Adam von Oerthel fast zu einer Person verschmolz. Friedrich von Oerthel – auch sein Vater war Besitzer eines Rittergutes und erst nachträglich geadelt – hatte eine Reihe von Schriften verfaßt, unter denen seine Arbeit »Über Humanität; ein Gegenstück zu des Präsidenten von Kotzebue Schrift vom Adel« wenige Jahre vor der Bekanntschaft mit Jean Paul erschienen war. In der von Oerthel angegriffenen Schrift hatte Kotzebue den Verfasser der »Grönländischen Prozesse« wegen seiner Ausfälle gegen den Adel einen elenden Witzling genannt. Daß Oerthel gegen diese Schrift Kotzebues aufgetreten war, mochte Jean Paul von Anfang an für den neuen Freund einnehmen. Mit vollem Herzen ergab er sich der anziehenden Bekanntschaft, die bis zu Oerthels geistiger Umnachtung ungetrübt andauerte. Weit wichtiger aber als diese neuen Bekanntschaften sollte für Jean Paul der Brief werden, den er am 8. März 1796 von einer Weimarer Dame ganz überraschend erhielt, da seine Gedanken mehr und mehr um Weimar kreisten. Charlotte von Kalb, die einstige Freundin Schillers und Hölderlins, schrieb ihm: »In den letzten Monaten wurden hier Ihre Schriften bekannt. Sie erregten Aufmerksamkeit, und vielen waren sie eine sehr willkommene Erscheinung. Mir gaben sie die angenehmste Unterhaltung, und die schönsten 398 Stunden der Vergangenheit verdanke ich dieser Lektüre, bei der ich gern verweilte; und in diesem Gedankentraume schwanden die Bildungen Ihrer Phantasie, gleich lieblichen Phantomen aus dem Geisterreiche, meiner Seele vorüber. Oft ward ich durch den Reiz und Reichtum Ihrer Ideen so innig beglückt! Dankbar ergriff ich die Feder. Aber wie unbedeutend wäre dies Zeichen von einer Unbekannten gewesen! Also untersagte ich mir, an Sie zu schreiben, bis in einer glücklichen Stunde ich Ihr Lob von Männern hörte, die Sie längst kennen und verehren. Dann ward der Vorsatz von Neuem in mir rege. Jetzt ist es nicht mehr die einsame Blume der Bewunderung, die ich Ihnen übersende: sondern der unverwelkbare Kranz, welchen Beifall und Achtung von Wieland und Herder Ihnen wand. Wieland hat vieles im »Hesperus« und »Quintus« ausnehmend gefallen; er nennt Sie unsern Yorik, unsern Rabelais. Das reinste Gemüt, den höchsten Schwung der Phantasie, die reichste Laune, die oft in den überraschendsten, anmutigsten Wendungen sich ergießt: dies Alles erkennt er mit innigster Freude in Ihren Schriften. »Vor einigen Tagen lasen wir in Gesellschaft das Programm vom Rektor Freudel. Sonst wirken Satiren, auf mich wenigstens, beschränkend. Mit kaltem Sinn schwingen die meisten ihre Geißel willkürlich, oder der gereizte Affekt bewaffnet ein Vorurteil gegen das andere – Ihrem Blicke hingegen hat sich ein weiter Horizont eröffnet; Ihr Herz achtet jedes Glück der Empfindung, jede Blume der Phantasie. Es ist eine helle Fackel, mit der Sie die Torheiten und Unarten beleuchten, und Scherz, Gefühl und Hoffnung folgen stets diesem Lichte Ihres Geistes. – Sie finden hier noch mehrere Freunde, deren Namen ich Ihnen auch nennen muß. Herr von Knebel, der Übersetzer der Elegien des Properz 399 in den Horen, Herr von Einsiedel und von Kalb. Ihre Schriften gehören zu ihrer Lieblingslektüre, die noch lange ihr Lesepult zieren. Ja wir hoffen, daß bei dieser Empfänglichkeit für Welt- und Menschenkenntnis und diesem Talent, seine Individualitäten zu zeichnen, Sie uns noch viele Werke Ihrer Feder schenken werden. – Leben Sie wohl, beglückt durch die Freuden der Natur, erhöht durch die Genüsse der Kunst, und machen Sie uns mit Idealen bekannt, die den Dichter ehren und den Leser veredeln werden!« Jean Paul war wie von einem elektrischen Schlage berührt. Umgehend übersendet er den »überraschenden« Brief an Otto, will ihn aber in einigen Stunden wiederhaben. Fieberhaft arbeitet er nun am Schluß des »Siebenkäs«. Der arme Advokat lernt auf der Baireuther Fantaisie seine Natalie kennen, das große Leben berührt ihn. »Der Mai wird mich nach Leipzig und Weimar in freundschaftliche Arme führen«, schreibt Jean Paul schon Anfang April an Emanuel. Weit ist seine Seele den neuen Freunden geöffnet. Minette zieht in sein Herz. Oerthel lockt von Leipzig her. Allem voran aber steht der geplante Besuch in Weimar, wo die Titanen dieser Erde ihn sehnsüchtig erwarten. Im Mai schreibt Charlotte von Kalb wieder: »Keiner weiß und darf es wissen, daß Sie mir geschrieben und ich an Sie als mein Mann, der auch jetzo trauret, daß er vergeblich Sie erwartet hat, in acht Tagen muß er verreisen. Keiner weiß als ich, daß wir Sie hier in Weimar erwarten dürfen; doch ist es fast das Zeichen unseres Grußes: Ist Richter noch nicht hier? Sind Sie krank oder haben Sie nicht meinen Brief vom 1. oder 2. April erhalten?« Immer dringender wird der Ruf, der ihn nach Weimar ziehen will. »Zwei Dritteile des Frühlings sind vorüber, wie ich eben im Kalender sehe, die Bäume stehen noch unbelaubt 400 im schönen Park, die Nachtigall hat noch nicht gesungen, und – Sie waren noch nicht hier. Alle Zeichen des Frühlings bleiben aus! Welches erwartet die andern? Er könnte kommen mit edlem Reiz, der Bäume Pracht, der Blüten Duft, der Vögel Liebgesang, der Lüfte lindem Fächeln – für Ihre Freunde war er nicht gewesen, wenn Sie uns nicht erscheinen . . . Iffland ist fort, und Wieland reist in einigen Tagen nach der Schweiz, im September will er wieder hier sein. Herder, Knebel, Einsiedel sind hier, die einer unbefangenen hohen Freude über die Vollkommenheit eines andern fähig sind.« Hier ist es zum erstenmal ausgesprochen. Wer war in Weimar keiner »unbefangenen hohen Freude über die Vollkommenheit eines andern« fähig? Goethe! Und das ist der tiefste Grund, aus dem alle diese Briefe steigen: Man hat einen neuen großen Dichter, und will ihn heranziehen, um ihn gegen Goethe auszuspielen. Jean Paul ahnt nichts von den neuesten Vorgängen in Weimar. Und wenn er von dem Bruch mit Goethe und Schiller gehört hätte, so würde er vielleicht Bedenken gehabt haben, sich dieser unheilvollen Atmosphäre anzuvertrauen. Gewiß, er gehört zu denen, die ihn rufen und nicht zu dem Gewaltigen, der auf dem Weimarer Parnaß thront. Wieland steht ihm näher, und am nächsten der alte Abgott seines Herzens: Herder! Und doch wäre es ihm vermessen erschienen, sich gegen Goethe ausspielen zu lassen. Das hätte er unter allen Umständen vermieden. Endlich sagt er zu. »Ich komme nicht als ein bescheidener Mann, sondern als ein demütiger nach Weimar«, schreibt er. »Ach ich bin so wenig und komme vor Herder!« Jetzt, da die Reise Wirklichkeit wurde, trat doch Herders Gestalt allen andern voran. Es wäre nur natürlich gewesen, wenn er nach 401 dem enthusiastischen Briefwechsel mit Charlotte auch vor der persönlichen Begegnung mit ihr ein leises Bangen verspürt hätte. Aber kein Gedanke kam ihm, daß seine persönliche Gegenwart nicht halten könnte, was seine Werke versprochen. Allen den andern, die doch an Titanennähe gewohnt waren, trat er als Sieger entgegen. Nur Herder gegenüber hatte er Furcht, oder besser: Ehrfurcht.   Jean Paul konnte also nicht ahnen, daß er geradeswegs den Feinden Goethes in die Arme lief. Vor seinem Eintritt in Weimar müssen wir uns klarmachen, wie dort die Dinge lagen. Schon während Herders italienischer Reise war der erste Mißklang in das Verhältnis der großen Männer gekommen, aber noch jahrelang bildeten Goethe, Schiller und Herder ein Triumvirat, dessen Geschlossenheit undurchbrechbar erschien. Herder wurde zu lebhafter Mitarbeit an den »Horen« herangezogen, und es war nur natürlich, daß er mehrere seiner schönen Arbeiten der befreundeten Zeitschrift übergab. In den Anschauungen der drei Großen schien völlige Übereinstimmung obzuwalten. Mit Entzücken las Schiller in Herders Humanitätsbriefen seine Darstellung der griechischen Plastik. »Das ist das so sehr Auszeichnende darin (und was auch schon das Prädikat der Humanität eigentlich ausdrückt), daß Sie Ihren Gegenstand nicht mit isolierten Gemütskräften auffassen, nicht bloß denken, nicht bloß anschauen, nicht bloß fühlen, sondern zugleich fühlen, denken und anschauen, das heißt mit der ganzen Menschheit aufnehmen und ergreifen.« Eigentlich hätte hier schon der tiefe Gegensatz der Meinungen zutage treten müssen. Das Griechentum Herders war ein anderes als das Goethes und 402 Schillers. Die beiden Dioskuren sahen in Hellas die der europäischen Menschheit aufgestellte ewiggültige Gesetzestafel. Herder sah auch im Griechentum nur die Einmaligkeit einer ungeheuren Blütezeit, und hatte damit von seinem Wesen viel mehr erfaßt als die beiden. In dem Schluß der »Vorschule der Ästhetik« hat Jean Paul ausführlich über Herders griechische Anschauung gesprochen, wie schon das erste Buch der »Vorschule« das Griechentum im Herderschen Sinne umgreift. »Griechenland war ihm das Höchste«, schreibt er im Schluß der »Vorschule« unter dem Eindruck von Herders Tod, »und wie allgemein auch sein episch-kosmopolitischer Geschmack lobte und anerkannte – sogar seines Hamanns Stil – so hing er doch, zumal im Alter, wie ein vielgereister Odysseus nach der Rückkehr aus allen Blütenländern, an der griechischen Heimat am innigsten. Er und Goethe allein (jeder nach seiner Weise) sind für uns die Wiederhersteller oder Winkelmanne des singenden Griechentums, dem alle Schwätzer voriger Jahrhunderte nicht die Philomelenzunge hatten lösen können.« »War er kein Dichter,« sagt er einige Seiten vorher von dem vergötterten Freund, »so war er bloß etwas Besseres, nämlich ein Gedicht, ein indisch-griechisches Epos, von irgendeinem reinsten Gott gemacht.« An diesen Gedanken anknüpfend kann er fortfahren: »Herder war gleichsam nach dem Leben griechisch gedichtet . . . Daher kam seine griechische Achtung für alle Lebensstufen.« Hiermit hat er die Griechenliebe Herders am tiefsten erfaßt. Für Goethe und Schiller bedeutete Griechentum ein künstlerisches Programm. Herder aber war Grieche seinem innersten Wesen nach, ohne seine Achtung »für alle Lebensstufen« zu verlieren. Es war die Universalität seines Geistes, die ihn davor bewahrte, und diese Universalität führte den ersten Konflikt 403 mit Schiller herbei. Herders Anschauung von der griechischen Plastik kam von seinem geschichtlichen Erfassen des Griechentums her, nicht von systematischer Ästhetik wie bei Schiller. In dem Aufsatz »Iduna oder der Apfel der Verjüngung«, den Herder für die »Horen« beizusteuern gedacht hatte, offenbarte sich der Gegensatz der Meinungen. In diesem Aufsatz setzt Herder, seiner geistigen Einstellung gemäß, auseinander, wieviel für geistige Entwickelung und für die Dichtung eines Volkes eine dem eigenen Sprachgeist und dem eigenen Volkstum entwachsene, selbsterlebte Mythologie bedeutet. Darin beruhte gerade die Stärke der Griechen, daß ihre Kultur aus dem Schatz alter Volksvorstellungen schöpfen könne. Uns Deutschen ist der Zusammenhang mit der eigenen Mythologie abhanden gekommen. »Wie nun, wenn aus der Mythologie eines benachbarten Volkes, auch deutschen Stammes, uns hierüber ein Ersatz käme, der für unsere Sprache gleichsam geboren sich ihr ganz anschlösse und ihrer Dürftigkeit an ausgebildeten Fiktionen abhülfe, wer würde ihn von sich stoßen?« Als einen solchen Schatz von ausgebildeten Stammesvorstellungen empfiehlt er den deutschen Dichtern die nordische Mythologie. Man kann sich nicht wundern, daß Schiller voller Ablehnung antwortet. Wenn nämlich die Poesie, setzt er auseinander, aus dem Leben, aus der Zeit, aus dem Wirklichen hervorgehe, dann hätte Herder wohl recht. Dann entscheide für jene nordischen Gebilde ihre Verwandtschaft mit unserm germanischen Geiste. Aber diese Voraussetzung wird von Schiller auf das heftigste bestritten. »Es läßt sich, wie ich denke, beweisen, daß unser Denken und Treiben, unser bürgerliches, politisches, religiöses, wissenschaftliches Leben und Wirken wie die Prosa der Poesie entgegengesetzt ist.« Die Übermacht der Prosa im Ganzen unseres Zustandes wäre 404 zu entschieden und zu groß, als daß der poetische Geist darüber Meister und Herr werden könnte, er könne nur davon angesteckt und zugrunde gerichtet werden. Daher verlangt Schiller statt enger Verbindung vielmehr strengste Scheidung zwischen der poetischen und der wirklichen Welt. Hierin liege gerade der Einzigkeitswert der griechischen Mythologie für die deutsche Kunst. Daher scheint es ihm gerade ein Gewinn für den dichterischen deutschen Geist, »daß er seine eigene Welt formiert und durch die griechischen Mythen der Verwandte eines fernen, fremden und idealischen Zeitalters bleibt, da ihn die Wirklichkeit nur beschmutzen würde«. Man übersieht gewöhnlich das wirklichkeitfliehende Moment bei unsern Klassikern. Hier ist es einmal deutlich und in seiner ganzen grandiosen Einseitigkeit formuliert. Durch die Berührung mit der eigenen Wirklichkeit, mit den ihm verwandten mythologischen Vorstellungen, könne der deutsche dichterische Geist nur beschmutzt werden. Bis zu diesem erschreckenden Grade geht Schillers Abneigung gegen die deutsche Überlieferung. Was sollte Herder gegenüber dieser Verstiegenheit anfangen? Für ihn war es ja selbstverständlich, daß die Dichtung »aus dem Leben, aus der Zeit, aus der Wirklichkeit hervorgehen« müsse. Es ist die gleiche Einstellung, die wir immer wieder bei Jean Paul finden, so wenn er in der »Unsichtbaren Loge« schreibt, daß die Griechen ohne das Vorbild der Griechen gebildet haben, und daß ihre Kunst aus Stammesart, Klima und Verfassung hervorgegangen ist. Herder schwieg und gab die Mitarbeit an den »Horen« auf. Dieser Zusammenstoß mit Schiller offenbarte den angesammelten Konfliktsstoff viel deutlicher als der Anlaß, der zum endgültigen Bruch mit Goethe führte. Dieser Anlaß ist für alle Beteiligten ganz außergewöhnlich peinlich. 405 Als Herder einen Ruf an die Göttinger Universität erhielt, hatte ihm Goethe in aufrichtiger Freundschaft abgeraten, von Weimar fortzugehen. Die ersehnte Muße für seine Arbeiten würde er auch in Göttingen nicht finden, vielmehr wie überall so auch dort auf Kabalen und Intrigen stoßen. In den Verhandlungen mit dem Herzog wurde die Amtstätigkeit Herders nennenswert erleichtert, sein Gehalt erhöht und, als wichtigstes, die Zusicherung gegeben, daß der Herzog für die Kosten des Studierens seiner Kinder und für deren Unterkommen sorgen werde. Gerade dieser letzte Punkt war es, der Herder zum Bleiben in Weimar bestimmte. Man kann wohl sagen, daß der Fortgang Herders ein unersetzlicher Verlust für das Herzogtum gewesen wäre. Im Kirchen- und Schulwesen hat er schlechthin Mustergültiges geschaffen. Sein Amtseifer war so groß, daß er fast alle Kleinarbeit sogar an sich riß, wenn er sie nicht in den besten Händen wußte, und unter der Last der Amtsgeschäfte zu erliegen drohte. Er war einer jener Menschen, die stets das Äußerste an Kraft hergeben müssen und dann noch nicht von sich befriedigt sind. Darin mochte Goethe recht haben, daß Herder auch in Göttingen keine Muße für seine Schöpfungen aufgebracht haben würde. Er war nicht der Mensch, um den herum es Frieden und Muße gab, und auch an der Universität würde sein Feuereifer alle Arten von Amtsgeschäften und Reformplänen an sich gerissen haben. Wie dem auch sein mochte: es gelang, Herder in Weimar zu halten. Inzwischen wuchsen die Söhne, für deren Unterhalt aufzukommen der Herzog sich verpflichtet hatte, heran. Gottfried hatte 1792, August 1794 die Universität bezogen. Wilhelm und Adalbert waren ebenfalls an der Reihe. Die Kosten waren erheblich, und Herders sahen sich auf einmal in arger 406 Bedrängnis. Zu allem Unglück ließ sich das Blatt mit den Zusicherungen des Herzogs nicht finden. Angst und Aufregung stiegen hoch im Herderhaus. Schließlich wurde es gefunden. Nun gab es Unterhandlungen, Erbitterung, Zurückweisungen. Die energische Frau Karoline nahm, wie immer in praktischen Angelegenheiten, das Wort. Mutterangst um ihre Söhne, Bitterkeit um ihren Mann gab ihren Worten eine unangenehme Schärfe. Man ist im Herderhaus allmählich überzeugt, daß man durch leere Versprechungen an der Nase geführt und um das sichere Glück in Göttingen betrogen worden ist. Die Gegner machen den Einwand, daß der Herzog, da er die Mittel hergeben soll, bei der Berufswahl der Söhne hätte zu Rate gezogen werden müssen. Die Eltern hätten den Lebensweg der Söhne allein bestimmt, jetzt, da sie Geld brauchten, wende man sich an den Herzog. Eine leere Ausflucht, denn in dem Übereinkommen ist nichts davon enthalten, daß der Herzog sich ein Mitbestimmungsrecht vorbehalten habe. Man würde es ihm vielleicht nicht einmal eingeräumt haben. Der Fall liegt ganz klar. Es handelt sich um beträchtliche Summen. Gottfried kostet jährlich 350 Taler, Adalbert 300, Wilhelm und August haben für ihre Schweizer Reise und Aufenthalt 1250 Taler gebraucht. Die Schwierigkeit ist die, daß das Geld in den herzoglichen Kassen nicht disponibel ist. Herder ist durch die Angelegenheit völlig gebrochen. »Ich befürchte oft die unangenehmsten, traurigsten Folgen«, schreibt Karoline. »Gewiß ist es, daß mein Mann physisch diesen Zustand nicht mehr lange ertragen kann.« Goethe ist tief bewegt und verspricht Hilfe. Die Herzogin Luise, stets die Zuflucht und Hoffnung der Herders, will alles tun, was in ihren Kräften steht. Der Herzog macht einen Vergleichsvorschlag: er will für Gottfried die Kosten der Promotion bezahlen und August, 407 der das Bergfach studiert, in einer seiner Kanzleien unterbringen, Adalbert auf Gütern im Eisenachschen verwenden. Karoline wagt diese Vorschläge nicht einmal ihrem Mann mitzuteilen. Sie wendet sich an die Herzogin in einem Brief, der drohend anklagende Töne enthält. Herder hätte sich in Erfüllung der Abreden aufgerieben, hätte »seine Pflicht mehr als er durfte erfüllt«. Seine Durchlaucht werden nun auch von ihrer Seite den Kontrakt erfüllen. Noch deutlicher schreibt sie an Goethe. »Dulden Sie nicht, daß der Herzog sein Versprechen so schnöde brechen will. Hier ist es Ihre Pflicht, des Herzogs Ehre und Moralität zu retten.« Sie pocht mit Ungestüm auf ihr Recht. »Wir brauchen Geld und müssen es vom Herzog erhalten.« Kein Zweifel, Karoline hatte die Tonart überspannt. Aber es wäre die Pflicht der Überlegenen gewesen, Unrecht gutzumachen und die Äußerungen der gereizten Frau zurechtzurücken. Statt dessen kam von Goethe ein Brief, der wie ein Peitschenschlag ins Gesicht wirkt: Herders hätten die rechte Zeit der Erinnerung beim Herzog versäumt, da sie über die Söhne bestimmten, ohne ihn zu fragen. Ein Fürst, der für fremde Jünglinge die Kosten der Bildung trage, verlange ein Recht auf Mitsprechen. Die revolutionären Familiengesinnungen der Herders erleichtern nicht eben des Fürsten Wohlwollen und Hilfe. Er erwähnt »Ihren Wahn, als wenn Sie im vollkommensten Rechte stünden, Ihre Einbildung, als wenn niemand außer Ihnen Begriff von Ehre, Gefühl von Gewissen habe«. »Der Schaden liegt viel tiefer.« Und nun kommen jene grausamen Sätze, die um so grausamer sind, da sie wirklich in Herders tragische Einstellung hineinleuchten, aber mit harter, liebloser Hand: »Ich bedaure Sie, daß Sie Beistand von Menschen suchen müssen, die Sie nicht lieben und kaum schätzen, an deren Existenz Sie keine 408 Freude haben und deren Zufriedenheit zu befördern Sie keinen Beruf fühlen . . : Freilich ist es bequemer, in extremen Augenblicken auf Schuldigkeit zu pochen, als durch eine Reihe von Leben und Betragen das zu erhalten, wofür wir doch einmal dankbar sein müssen.« Und jener schonungslose Hieb für Karoline: »Glauben Sie doch, daß man hinter allen Argumenten Ihr Gemüt durchsieht.« Die Geldangelegenheit wurde notdürftig geschlichtet. Für Gottfried erhielt Herder 600 Taler, für August, Rinaldo und Emil vier Jahre lang jährlich je 200 Taler. Diese Summen blieben hinter Herders Ansprüchen zurück, waren aber doch so hoch, daß sie akzeptiert werden mußten. Der Bruch mit Goethe blieb endgültig. Er wurde für Herders zum kalten, bis zur Niederträchtigkeit herzlosen Egoisten. Mag man dieses Urteil in seiner Verallgemeinerung auch unberechtigt nennen, so kann man doch Herder eine gewisse Berechtigung zu dieser Auffassung nicht absprechen. Alles, was von Goethe ausging, wird ihm von jetzt ab verhaßt. »Die Mariannen und Philinen, diese ganze Wirtschaft ist mir verhaßt«, schreibt er, und an anderer Stelle: »Vielleicht an keinem Orte Deutschlands setzt man sich über zarte moralische Begriffe, ich möchte sagen, über die Grazie unserer Seele, in manchem so weit weg als hier, und damit entgeht dem armen Menschen der größte Reiz seines Lebens, und es erklingen sehr falsche Dissonanzen.« Es ist nicht Pastorenmoral, in die Herder sich hier hineinflüchtet, sondern Anklage gegen das Jahrhundert. Auch hier berührt er sich wieder mit Jean Paul, der in der »Unsichtbaren Loge« die donnernde Anklage erhebt: »Und ihr, entsetzlichen Seelen . . . Was werdet ihr noch aus unserm Jahrhundert machen? . . . und gerade im Jahrhundert eurer Verschönerung vereinigen sich alle Schriftsteller, Künstler und Große zu einem Wald von 409 Giftbäumen, unter denen ihr sterben sollt.« So erscholl seine Klage über das Hinmorden weiblicher Tugend. »Alle Schriftsteller, Künstler und Große«, das ging damals nicht zum wenigsten gegen Goethe. Inzwischen war Goethe durch Moritzens Einfluß bei ihm mehr und mehr in den Vordergrund getreten. Ja man kann vermuten, daß Goethes und Schillers Gestalten hinter dem Plan seines »Kardinalromans«, des lange gehegten »Titan«, standen und ihn erfüllen sollten. Das Schicksal dieses Romans stand jetzt auf dem Spiel, als er sich Weimar näherte. Noch ahnte er nicht den Bruch zwischen Herder und Goethe, aber die Auseinandersetzung nahte. Würde sein Roman ein »Titan« oder ein »Anti-Titan« werden? Das war die Frage.   Am 9. Juni früh geht Jean Paul, von einem Boten begleitet, der sein Gepäck trägt, von Hof ab. Otto begleitet ihn ein Stück des Weges. In den letzten Tagen ist er bei den verschiedenen Hofer Freunden herumgereicht worden. Herolds gaben ein Mittagessen zu Ehren des Scheidenden. Er nahm es an, da es im Garten stattfand. Einen Termin für sein Eintreffen hatte er der Kalb nicht angegeben. Vom Wetter sollte die Reise abhängen. Die erste Nacht verbringt er in Schleiz. Weil er zu Fuß kommt, räumt ihm der Wirt nur die allgemeine Gaststube zum Übernachten ein. Von dort geht's nach Jena. »Über den Orlagrund geht keine Schönheit der Welt – ausgenommen die lebendigen, die in doppeltem Sinne darübergehen.« Über Kahla trifft er nachmittags um vier Uhr in Jena ein. Auch dort gibt der Erbprinzwirt dem bestaubten Wanderer nur ein Loch. »Aus dem Ort, wo du so viel Literaturzeitungen bekömmst, schick' ich Dir nun die illiterarische.« Immer weilen seine Gedanken 410 bei Christian Otto, dem er die Ereignisse jedes Tages mitteilt. Von Jena nimmt er Postpferde. »Auch hab' ich's des Kerls wegen getan, der unterwegs keinen Kreuzer verzehrte, der nicht vorher in meinem Beutel lag, und der auf sieben Tage gemietet nur vier bedurfte.« Aber er will wohl bei seinem Einzug in Weimar nicht wieder wie ein wandernder Handwerksbursche behandelt werden. Am nächsten Tag kann er der Kalb aus dem Gasthof den Zettel schicken: »Endlich, gnädige Frau, hab' ich die Himmelstore aufgedrückt und stehe mitten in Weimar.« Über die folgenden Tage kann es kein anschaulicheres Bild geben als Jean Pauls Briefe selbst. Am 12. Juni, Sonntags, um sieben Uhr morgens schreibt er an Otto über seine ersten Eindrücke: »Gott sah gestern doch einen überglücklichen Sterblichen auf der Erde, und der war ich – ach, ich war es so sehr, daß ich wieder an die Nemesis denken mußte, und daß mich Herder mit dem deus averuncus tröstete. – Ich kann mit meinem Schreiben nicht so lange warten, bis ich Dir einen Brief schicke; ich will nur etwas sagen. Gestern ging ich um elf Uhr – weil ihr Einladungsbillett mich zweimal verfehlte – zur Ostheim (es ist die Schwester der Baireutherin und ich glaube fast meine auch). Ich hatte mir im Billett eine einsame Minute zur ersten ausbedungen, ein cœur-à-cœur ( tête-à-tête ). Sie hat zwei große Dinge, große Augen, wie ich noch keine sah, und eine große Seele. Sie spricht gerade so, wie Herder in den Briefen der Humanität schreibt. Sie ist stark, voll, auch das Gesicht – ich will Dir sie schon schildern. Drei Viertel der Zeit brachte sie mit Lachen hin – dessen Hälfte aber nur Nervenschwäche ist – und ein Viertel mit Ernst, wobei sie die großen, fast ganz zugesunkenen Augenlider himmlisch in die Höhe hebt, wie wenn Wolken 411 den Mond wechselweise verhüllen und entblößen. (Ich schere mich um keine Richtigkeit des Ausdrucks aus Mangel an Zeit, ich will Dir bloß viel schreiben.) ›Sie sind ein sonderbarer Mensch‹, das sagte sie mir dreißigmal. Ach, hier sind Weiber! Auch habe ich sie alle zum Freunde, der ganze Hof bis zum Herzog lieset mich. – Ich aß aus Ursachen nicht bei ihr; sie schrieb meine Ankunft dem Knebel (Kammerherrn bei der Herzogin). Um drei Uhr kam ich wieder, und der auch. Er ist ein Hofmann im Äußeren, aber soviel Wärme und Kenntnisse, so einfach. Alle meine männlichen Bekanntschaften hier – ich wollte, diese nicht allein – fingen sich mit den wärmsten Umarmungen an. Du findest hier nichts vom jämmerlich Gezierten in Hof, von der jämmerlichen Sorge um die Mode – ich wollt', ich hätte den grünen Talar behalten, oder bloß den blauen Stutzrock noch einmal wenden lassen. Er wollte mich zu Herder, und heute mittags zum Essen zu Goethe führen; aber ich blieb bei dem Vorsatz des cœur-à-cœur (wenn ich nämlich jemand zum erstenmal sehe). – (Heute Mittags aß ich allein bei der Ostheim.) Gegen fünf Uhr gingen wir in Knebels Garten: unterwegs fuhr uns Einsiedel entgegen, der mich geradezu beim Kopf nahm und der nur drei Worte sagen konnte, weil er die Herzogin in die Komödie begleiten mußte, nachher aber sogleich wiederkam. Nach einigen Minuten sagte Knebel: ›Wie sich das alles himmlisch fügt, dort kömmt Herder und seine Frau mit den zwei Kindern.‹ – Und wir gingen ihm entgegen, und unter dem freien Himmel lag ich endlich an seinem Mund und an seiner Brust, und ich konnte vor erstickender Freude kaum sprechen, und nur weinen, und Herder konnt' mich nicht satt umarmen. Und als ich mich umsah, waren die Augen Knebels auch naß . . . Mit Herder bin ich jetzt so gut bekannt wie mit Dir. Er wollte schon 412 längst an mich schreiben; und als er und seine Frau, die mich herzlich liebt – sie ist eine nur anders modifizierte Ostheim – durch Hof reiseten, wollten sie mich besuchen. Ich wollt', ich könnte so unverschämt sein, daß ich Dir alles sagen könnte. Er lobte fast alles an meinen Werken, sogar die ›Grönländischen Prozesse‹. – Er sieht nicht so edel aus, wie ich mir ihn dachte; spricht aber so, wie er in den ›Humanitätsbriefen‹ schreibt. Er sagte, so oft er den ›Hesperus‹ gelesen, so wär' er zwei Tage zu Geschäften untauglich gewesen. An der Abhandlung über die Phantasie gefällt ihm alles. Er drückte mir immerfort die Hand. Und ich sagte immer, da wir alle nebeneinander saßen, ›wenn nur mein Otto da wäre und es hörte‹. (Knebel und Herder wollen mir die berühmtesten Bücher zum Lesen, z. B. den Moniteur mit merkantilischer Gelegenheit schicken.) Herder liebt die Satire unendlich und hat sie, zumal die Ironie, mehr im Munde als den Ernst. Er fragte mich bei den meisten Stellen meiner Bücher um die Veranlassung dazu: er gab mir ein erdrückendes Lob, das Sprechen von Deinem Paul mag etwan, obwohl in Intervallen, fünf Stunden den ganzen Abend gedauert haben. ›Ich bekäme Sündenbezahlung,‹ sagten alle, ›da der Meister und die Horen zu 4,5 Ldor den Bogen abgehen.‹ ›Ich würde jetzt in Deutschland am meisten gelesen; in Leipzig hätten alle Buchhändler Kommissionen auf mich.‹ Wieland hat mich dreimal gelesen, sie bedauerten alle, daß er aus dem Zirkel fehlte. Herder erzählte, daß der alte Gleim den ganzen Tag und die ganze Nacht fortgelesen. Er will mich heute Briefe von Hamann an sich lesen lassen. – Er spricht von Kants System im höchsten Grade – verächtlich. – Von seinen eigenen Werken sprach Herder mit einer solchen Geringschätzung, die einem das Herz durchschnitt, daß man kaum das Herz hatte, 413 sie zu loben: er will nicht einmal die Ideen fortsetzen. ›Das Beste ist, was ich ausstreiche‹, sagt er, weil er nämlich nicht frei schreiben darf, denn er denkt von der christlichen Religion was ich und Du. – Abends aßen wir alle bei der Ostheim und tranken 2erlei Wein und Nigges (ein milderer Bischoff). Sie sind alle die eifrigsten Republikaner. Denke Dir den unter Wein, Ernst, Spott, Witz und Laune verschwelgten Abend und die Vormitternacht; ich machte so viel Satiren auf die Fürsten wie bei Herold, kurz, ich war so lustig wie bei Euch. Heute isset die ganze XXger Union bei Herder. Die Franzosen schicken einen Teil der italienischen Armee an den Rhein und bedecken so mit vier freundschaftlichen Flügeln von Armeen die österreichische Straußenbrut. – Beim Himmel! jetzt hab' ich Mut – ich getraue mir, mit dem 44ten Herrn zu sprechen und noch mehr mit dem Bürgermeister Oerthel, Köhler und deren Sippschaft. – Ich habe Dir nach nicht ⅓ erzählt. – Aber ein bitterster Tropfen schwimmt in meinem Heidelberger Freudenbecher: was Jean Paul gewann, das verliert die Menschheit in seinen Augen: ach, meine Ideale von größeren Menschen! – Ich will Dir's schon erklären. – Aber alle meine Bekanntschaften tun beinahe nichts als den Wert meines geliebten Bruders O. vergrößern, und bleib' ich ewig der Deine.« Jean Paul ist in die Gesellschaft der Großen eingetreten und hat seinen Eintritt mit einer Ernüchterung aller seiner idealen Vorstellungen von großen Menschen bezahlt. Er glaubte seine Idealgestalten wie Götter über dem irdischen Gewimmel thronend, und sah sie nun als Menschen, denen man widerspricht und die sich selbst widersprechen. Und zugleich mußte er erfahren, wie auf dem Weimarer Parnaß Neid und Mißgunst so recht zu Hause sind. Vielleicht hatte 414 er an die Dreieinigkeit der drei Götter Goethe, Herder und Schiller geglaubt, und erfuhr nun von den stattgehabten Zerwürfnissen und überhaupt manches Menschliche-Allzumenschliche. Es läßt sich denken, daß in der angeregten Unterhaltung manches sarkastische Wort des verbitterten Herder gegen Goethe ausgestoßen wurde, und sicherlich wurde auch das Verhältnis zwischen Goethe und Schiller mit beißenden Anmerkungen versehen. Wie mag sich der kleinstädtische, weltunerfahrene Dichter zwischen diesen im Hofleben und allen seinen Intrigen versierten Menschen, neben der gewandten und an den Verkehr mit den größten Geistern gewohnten Charlotte von Kalb (die Jean Paul nur bei ihrem Mädchennamen Ostheim nennt) ausgenommen haben? Eine kleine Nachschrift zu dem soeben mitgeteilten Brief besagt: »Man glaubt hier am Hofe, ich sei an einem gewesen, und Knebel schloß es aus den Partikularitäten, und ich konnt' ihm selber nicht recht sagen, wo ich sie aufgegabelt.« Der grimme Knebel hat sich sicherlich nicht über den Kleinstädter lustig gemacht. Es war die natürliche Kraft und Anmut Jean Pauls, die Wärme und Liebe auf alle Anwesenden anstrahlte. Wenn der Tag bis in die Nacht hinein in der ausgelassensten Stimmung verlief, so war es sicher in erster Linie Jean Pauls Verdienst. Erschütternd tritt Herders ehrwürdige Gestalt in dem Brief hervor. Mit welchen Gefühlen mochte der Verkannte sich an die Freundesbrust des jugendlichen Dichters geworfen haben, der ihn wie einen Gott verehrte, da sein Leben gerade mit allen seinen stolzen Zielen in Trümmer sank! Wenige Tage darauf, am 18. Juni, fährt Jean Paul in seiner Schilderung fort: »Du hast hoffentlich einen Brief aus Jena und einen aus Weimar vom Sonnabend. Das späte Datum des dritten sagt 415 Dir mein freudetrunkenes Leben an; mich schnellet gleichsam ein Blütengipfel in den andern hinein. Ich habe in Weimar zwanzig Jahre in wenigen Tagen verlebt – meine Menschenkenntnis ist wie ein Pilz mannshoch in die Höhe geschossen. Ich werde Dir von Meerwundern, von ganz unbegreiflichen, unerhörten Dingen (keinen unangenehmen) zu erzählen haben, aber nur Dir allein. Ich sehe keine Möglichkeit, Dir nur eine Duodezerzählung von meiner Universalhistorie zu schenken. Ich brauche fast so viele Tage als Seiten, um Dir nicht diesen Weg, sondern diese Flur meines Lebens zu malen. Ich bin ganz glücklich, Otto, ganz , nicht bloß über alle Erwartung, auch über alle Beschreibung, und nichts fehlet mir mehr in der weiten Welt als Du, aber auch nur Du. – Heute eß ich bei Goethe – gestern früh war ich mit der Ostheim zur Herzogin-Mutter nach Tiefurt geladen, und ich werde nächstens bei ihr essen. Die Herzogin ist Wielands Freundin, und ihr sanftes Tiefurt – ein Lautenzug unter den sonst schreienden englischen Anlagen – beider würdig. Was ich mit ihr gesprochen habe, davon mündlich! Bei Herder habe ich zwei Abende gegessen und verlebt und war fast alle Tage an seiner Seite. Ostheim steht fast mit allen großen Deutschen in Briefwechsel und mit allen Weimarern in Verbindung, und ich könnte alles bei ihr sehen, wenn ich wollte, da sie es invitierte. Aber wir beide bleiben jeden Abend ganz allein zusammen. Sie ist ein Weib wie keines, mit einem allmächtigen Herzen, mit einem Felsen-Ich, eine Woldemarin – ihre Fehler kommen nur auf meine Zunge, nicht auf mein Papier. – Ich lege Dir ihren heutigen (inostensiblen) Brief an mich bei, da sie nach Jena ging, um die Krebs-Amputation einer Freundin durch ihre Nähe zu lindern. Er ist ein Rätsel, das ich Dir mündlich löse.« 416 Am nächsten Tage abends setzt er den Brief fort: »Schon am zweiten Tage warf ich hier mein dummes Vorurteil für große Autores ab, als wären's andere Leute; hier weiß jeder, daß sie wie die Erde sind, die von weitem am Himmel als leuchtender Mond dahinzieht und die, wenn man die Ferse auf ihr hat, aus boue de Paris besteht und einigem Grün ohne Juwelennimbus. Ein Urteil, das ein Herder, Wieland, Goethe fällt, wird so bestritten wie jedes andere, das noch abgerechnet, daß die drei Turmspitzen unserer Literatur einander – meiden. Kurz, ich bin nicht mehr dumm. Auch werd' ich mich jetzt vor keinem großen Mann mehr ängstlich bücken, bloß vor dem Tugendhaftesten. Gleichwohl kam ich mit Scheu zu Goethe. Die Ostheim und jeder malte ihn ganz kalt für alle Menschen und Sachen auf der Erde – Ostheim sagte, er bewundert nichts mehr, nicht einmal sich – jedes Wort sei Eis, zumal gegen Fremde, die er selten vorlasse – er habe etwas steifes, reichsstädtisches Stolzes – bloß Kunstsachen wärmen noch seine Herzensnerven an (daher ich Knebel bat, mich vorher durch einen Mineralbrunnen zu petrifizieren und zu inkrustieren, damit ich mich ihm etwan im vorteilhaftesten Lichte einer Statue zeigen könnte) – (Ostheim rät mir überall Kälte und Selbstbewußtsein an). Ich ging, ohne Wärme, bloß aus Neugierde. Sein Haus (Pallast) frappiert, es ist das einzige in Weimar in italienischem Geschmack, mit solchen Treppen, ein Pantheon voll Bilder und Statuen, eine Kühle der Angst presset die Brust – endlich tritt der Gott her, kalt, einsilbig, ohne Akzent. Sagt Knebel z. B., die Franzosen ziehen in Rom ein. ›Hm!‹ sagt der Gott. Seine Gestalt ist markig und feurig, sein Auge ein Licht (aber ohne eine angenehme Farbe). Aber endlich schürete ihn nicht bloß der Champagner, sondern die Gespräche über die Kunst, Publikum etc. sofort 417 an, und – man war bei Goethe. Er spricht nicht so blühend und strömend wie Herder, aber scharfbestimmt und ruhig. Zuletzt las er uns – d. h. spielte er uns (sein Vorlesen ist nichts als ein tieferes Donnern vermischt mit dem leisen Regengelispel: es gibt nichts ähnliches) – ein ungedrucktes herrliches Gedicht vor, wodurch sein Herz durch die Eiskruste die Flammen trieb, so daß er dem enthusiastischen Jean Paul (mein Gesicht war es, aber meine Zunge nicht, wie ich denn nur von Weitem auf einzelne Werke anspielte, mehr der Unterredung und des Beleges wegen) die Hand drückte. Beim Abschied tat er's wieder und hieß mich wiederkommen. Er hält seine dichterische Laufbahn für beschlossen. Beim Himmel, wir wollen uns doch lieben. Ostheim sagt, er gibt nie ein Zeichen der Liebe. 1 000 000 Sachen hab' ich Dir von ihm zu sagen. Auch frisset er entsetzlich. Er ist mit dem feinsten Geschmack bekleidet. Ich kann hier, wenn ich will, an allen Tafeln essen. Ich kam noch zu keinem Menschen, ohne geladen zu sein. Als ich ankam am Tore, wurd' es ordentlich der Herzogin gemeldet, und am andern Tage wußt' es jeder. – Ich lebe fast bloß von Wein und englischem Bier. – Die Karaktere ›Joachime, Matthieu (der besonders) und Agnola‹ werden hier für wahre gehalten und gefielen gerade am meisten. Im Klub stritt man, ob Flachsenfingen ein Abriß von Wien oder Mannheim wäre wegen des Lokalen – Wieland war des höhnischen Dafürhaltens, Flachsenfingen liege in Deutschland sehr zerstreuet. – Ich schicke Dir diese Zeichnungen des Heiligenscheins, den sie hier um meinen kahlen Scheitel führen, darum ohne alle Scham nach Hof, erstlich damit Du es weitererzählest (denn ich werde alles zusammen nur Dir erzählen, der Du mich 418 nie verkannt, und bloß zu sehr geachtet hast, aber (auch aus Ekel an der langen Geschichte) keinem weiter in Hof, wo mir so oft Unrecht widerfuhr, daß ich, wenn Du nicht da wärst, geradezu hier sitzen bliebe). Ich schreibe eilig und ohne Ordnung, vergib es mir, Bruder. Weibliche Bekanntschaften hab' ich wenig gemacht, wenn ich die Kanzelerin Koppenfels in Rohrbach – ein Landgut, auf das ich mit der Ostheim fuhr – ausnehme, die Jeschausen (Hofdame), die Fräulein Imhof (und die Mutter), die Frau von Stein, von Werther, 2 Fräulein von Seebach, von Beust, die Schauspielerin Schröder. Hier sind alle Mädgen schön.«   Sonntags. 19. Jun. »Ich wollt', ich äße nicht beim Oberkonsistorialrat Bötticher (abends bin ich bei Herder, Bertuch hat eine prächtige Tochter. Gotter habe ich im Schauspiel gesehen), dessen Schreibfinger und Briefe durch das ganze gelehrte Deutschland langen und der alle französische und englische Journale um sich liegen hat, um die Auszüge für die Literaturzeitung daraus zu machen. Auch fertigt er die Übersicht über die Ernte der Literatur. Wenn man diesen gelehrten Wenzel (denn gelehrt ist er bis zum Übermaße) in den Händen hat, so kann man den halben Spielteller voll Bibliotheken erbeuten. Ich könnte z. B. durch ihn wie durch die Ostheim ganze Kästen Bücher aus der Göttinger Bibliothek bekommen. Er schließet einen Brief von mir an Wieland bei, der ein Kompliment an mich durch seinen Sekretär gestern im Lear abgeben ließ. – Bötticher drängt sich mit Kletten-Häkchen an jeden Fremden aus Eitelkeit. – Meine gute Ostheim hat 6 Bout. Wein und englisches Bier für mich zum Frühstück zu Oerthel geschickt – ach, Du weißt ja kein Wort, daß ich bei diesem logiere, prächtiger als in meinem Leben. 419 Am Dienstag zog ich in sein von Bäumen bewachtes und dem göttlichen Parke nahes Haus (er lebt nicht bei seiner Mutter und Schwester). 2 Zimmer, besser meubliert als eines im Modejournal, füllet mein Ich an und seines stößet an sie. Sogar fertige Couverts aus dem Industrie-Comptoir – 100 zu 10 gr. – wovon hier eines zur Probe umgeschlossen ist, liegen vor mir. In jedem Zimmer ein Licht – einen kehrenden, wichsenden, klopfenden Bedienten (an Stelle meines frère servant ) – alles, alles, sogar der Nachtstuhl am Bette, bis auf die kleinste Aufmerksamkeit ist erschöpft, und ich und er leben wie Brüder, er lacht sich über mich und ich über ihn tot. Gestern Mittag aß ich bei seiner Mutter und Schwester, die den zwei Ohren zwei Himmel gibt, den des Spiels und des Gesangs; vorgestern war ich nachmittags bei ihnen zum erstenmal, im bunten Dunstkreise fast lauter schöne Mädgen. – Sogar in Paris soll nicht so viel Freiheit von gêne sein als hier: du führst niemand, du küssest keine Hand (du müßtest denn dabei nicht aufhören wollen), du machst bloß eine stumme Verbeugung, du sagst vor und nach dem Essen nichts. Das ist der Ton des Adels, der des Bürgers soll wie meine Halsbinden oft gesteift und gestärkt sein. Apropos, Matzdorff hat mich den 4ten Jun. zu Gevatter gebeten: ich führe also an jeder Hand eine Pauline. Worüber man hier klagt, ist geschminkter Egoismus und ungeschminkter Unglaube – darum tut ihnen eine Seele, die beides nicht hat, so wohl wie ein warmer Tag. Binde Fantaisie und Eremitage in Einen Park zusammen: Du hast keine Vorstellung von dem majestätischen einfachen hiesigen. Er ist ein Händelsches Alexanders(Ariadne)fest, und Tiefurt ein Adagio.« – Wenige Tage später, am 23. Juni, berichtet er kurz: »Ich will meinen künftigen Athem durch folgendes 420 Gastwirtsprotokoll ersparen: Sonnabends Mittags aß ich im Gasthof, abends bei der Ostheim, zwischen Einsiedel, Knebel, Mde Herder, – Sonntags Mittags solo bei der Ostheim, abends bei Herder – Montags solo bei der Ostheim, abends auch – Dienstag bat mich Knebel, ich war aber schon bei Oerthel, abends bei der ewigteueren Ostheim – Mittwochs aß ich bei der Geheimbde Rätin v. Koppenfels in Rohrbach, abends bei Oerthel – Donnerstag Tiefurt bei der Herzogin, Ostheim, Ostheim, Ostheim – Freitag bei Goethe, abends bei Oerthel – Sonnabend bei dessen Mutter und Tochter – Sonntag bei Bötticher, abends bei Herder – Montag bei Oerthel, Knebel – Dienstag Oerthel, abends bei der Frau und mitessend Fräulein von Seebach, abends aß ich bei Herder – ach, ein schöner Abend, der nicht wiederkömmt und wo ich in die Augen des hier erkaltenden Herders Tränen trieb – Mittwoch aß ich bei dem Geheimbden Rat v. Koppenfels – Donnerstag (heute) bei Goethe . . . Die Lust wirret die Tage in einen Flock, in dem alle Fäden sind, ausgenommen den der Ariadne.« Wenige Tage darauf schrieb er aus Jena: »Ich trat gestern vor den felsigten Schiller, an dem wie an einer Klippe alle Fremde zurückspringen; er erwartete mich aber nach einem Brief von Goethe. Seine Gestalt ist verworren, hartkräftig, voll Ekstase, voll scharfer schneidender Kräfte, aber ohne Liebe. Er spricht beinahe so vortrefflich als er schreibt. Er war ungewöhnlich gefällig und setzte mich (durch seinen Antrag) auf der Stelle zu einem Kollaborator der Horen um – und wollte mir eine Naturalisazionsakte in Jena einbereden.« – Jean Paul konnte also mit seiner Aufnahme durch Goethe wie durch Schiller zufrieden sein, ja es bestanden Aussichten, daß die Dioskuren ihn als Dritten in ihren Bund zuließen. 421 Schillers Aufforderung, an den Horen mitzuarbeiten, läßt darauf schließen. Sowohl Goethe wie Schiller fingen an, sich vereinsamt zu fühlen. Der Bruch mit Herder konnte auch an ihnen nicht wirkungslos vorübergehen. In Jean Paul schien ihnen ein Ersatz zu winken, den Verlust an Popularität in Deutschland wieder einzubringen. Vergegenwärtigen wir uns, was zwischen Goethe und Schiller über Jean Paul bisher hin und her geschrieben war. Am 10. Juni 1795 hatte Goethe das von Jean Paul erhaltene Exemplar des »Hesperus« an Schiller geschickt mit den Worten: »Hierbei ein Tragelaph von der ersten Sorte.« Schiller hatte bereits am 12. Juni geantwortet: »Das ist ein prächtiger Patron, der Hesperus, den Sie mir neulich schickten. Er gehört ganz zum Tragelaphen-Geschlecht, ist aber dabei gar nicht ohne Imagination und Laune, und hat manchmal einen recht tollen Einfall, so daß er eine lustige Lektüre für die langen Nächte ist. Er gefällt mir noch besser als die Lebensläufe.« Goethe schrieb am 18. Juni zurück: »Es ist mir angenehm, daß Ihnen der neue Tragelaph nicht ganz zuwider ist; es ist wirklich schade für den Menschen, er scheint sehr isoliert zu leben und kann deswegen bei manchen guten Partieen seiner Individualität nicht zur Reinigung seines Geschmacks kommen. Es scheint leider, daß er selbst die beste Gesellschaft ist, mit der er umgeht. Sie erhalten noch zwei Bände dieses wunderlichen Werks.« Inzwischen war der »Hesperus« auch in den andern Kreisen Weimars bekanntgeworden. Am 15. Dezember 1795 schreibt Goethe über das Aufsehen, das dieser Roman bei den Weimarern gemacht hat, an Schiller: »Übrigens sind gegenwärtig die Hundsposttage das Werk, worauf unser feineres Publikum seinen Überfluß von Beifall ergießt; ich wünschte, daß der arme Teufel in Hof bei diesen traurigen Wintertagen 422 etwas Angenehmes davon empfände.« Zwei Tage darauf antwortet Schiller: »Daß in Weimar jetzt die Hundsposttage grassieren, ist mir ordentlich psychologisch merkwürdig; denn man sollte sich nicht träumen lassen, daß derselbe Geschmack so ganz heterogene Massen vertragen könnte, als diese Produktion und Clara du Plessis (von Lafontaine) ist. Nicht leicht ist mir ein solches Beispiel von Charakterlosigkeit bei einer ganzen Sozietät vorgekommen.« Im Juni 1796 kam Jean Paul dann selbst nach Weimar. Nachdem Goethe ihn durch seinen von Jean Paul geschilderten Besuch kennengelernt hatte, schrieb er dem Jenenser Freunde: »Fast hätte ich vergessen zu sagen, daß Richter hier ist. Er wird Sie mit Knebeln besuchen und Ihnen gewiß recht wohl gefallen.« Das war die Empfehlung, die Jean Paul in der Schilderung seines Besuches bei Schiller erwähnt. Am 22. Juni schreibt Goethe wiederum über Jean Paul: »Richter ist ein so kompliziertes Wesen, daß ich mir die Zeit nicht nehmen kann, Ihnen meine Meinung über ihn zu sagen; Sie müssen und werden ihn sehen, und wir werden uns gern über ihn unterhalten. Hier scheint es ihm übrigens wie seinen Schriften zu gehen; man schätzt ihn bald zu hoch, bald zu tief, und niemand weiß das wunderliche Wesen recht anzufassen.« Den Eindruck, den er von Jean Pauls Besuch empfangen hatte, faßte Schiller in die Worte: »Vom Hesperus habe ich Ihnen noch nichts geschrieben. Ich habe ihn ziemlich gefunden, wie ich ihn erwartete; fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist, voll guten Willens und herzlich geneigt, die Dinge außer sich zu sehen, nur nicht mit dem Organ, womit man sieht. Doch sprach ich ihn nur einmal und kann also wenig von ihm sagen.« Goethe gab dann über den seltsamen Gast das Schlußurteil: »Es ist mir doch lieb, daß Sie Richtern gesehen haben; seine 423 Wahrheitsliebe und sein Wunsch, etwas in sich aufzunehmen, haben mich auch für ihn eingenommen. Doch der gesellige Mensch ist eine Art von theoretischem Menschen, und wenn ich es recht bedenke, so zweifle ich, ob Richter im praktischen Sinne sich jemals uns nähern wird, ob er gleich im Theoretischen viele Anmutung zu uns zu haben scheint.« – Einen Tag, bevor Goethe diese Äußerung niederschrieb, hatte Jean Paul Weimar verlassen. »Diese dreiwöchentliche Stelle in meiner Lebenslaufbahn ist eine Bergstraße, die eine neue Welt in mir anfängt«, heißt es in dem letzten Brief an den Hofer Freund. »Wenn ich nur die Hälfte meiner hiesigen Geschichte so lange behielte, bis ich sie in Dein Gedächtnis übergeschüttet hätte!« Die Briefe an Otto geben zwar die äußeren Umrisse seiner Weimarer und Jenaer Tage, aber Jean Paul hatte selbst die Empfindung, daß das Eigentliche nur in langen Gesprächen gesagt werden dürfe. »Alles, was schönere und mehre Saiten und Nachklänge in Deiner und meiner Seele findet, sag' ich Dir mündlich: weil gerade das Schlechteste sich am kürzesten sagen läßt – also mündlich das Andere.« Dieses in den Briefen Verschwiegene konnte sich nur um seine endgültige Entscheidung für Goethe oder für Herder drehen. Wir wissen, wie diese Entscheidung ausfallen mußte. Goethe selbst bemerkte bereits, daß es ihm nicht gelungen war, den Fremdling der Gegenseite abspenstig zu machen. Er hat es gewollt. Irgendeinem ihm fremden Dichter hätte er nicht mit dem Aufgebot seiner ganzen lebendigen Vortragskunst ein Gedicht von sich vorgelesen. Und auch Schiller hatte es entschieden darauf abgesehen, auf Jean Paul Eindruck zu machen. Der Eindruck, den Goethe und Schiller in Jean Paul erweckten, war nach seinen brieflichen Äußerungen in der Tat stark, aber er bekam das Vorzeichen, das 424 erst über den Wert und Unwert eines Eindrucks entscheidet, doch von der andern, Goethe abgekehrten Seite. Die erschütternde Gestalt Herders, der seine eigenen Werke verachtet, daß »es einem das Herz durchschnitt«, siegte über die Dioskuren, die selbstherrlich der Entwickelung ihren Weg vorschreiben zu können glaubten. Goethe bemerkte, daß die seltsame Erscheinung, die ihm wohl ein Euphorionerlebnis hätte verschaffen können, ihm entglitt. »So zweifle ich, ob Richter im praktischen Sinne sich uns jemals nähern wird, ob er gleich im Theoretischen viele Anmutung zu uns zu haben scheint.« Dieses abschließende Wort drückte den inneren Kampf in Jean Paul aus und seine Entscheidung. Was war nun das Eigentliche, das Jean Paul von Goethe und Schiller abrücken ließ? Nichts anderes als die Kunstanschauung, die uns in jenem Brief Schillers auf Herders letzten Horenbeitrag begegnet ist. Die Poesie geht nicht aus dem Leben, aus der Zeit, aus dem Wirklichen hervor, hatte Schiller damals geschrieben. Der deutsche dichterische Geist könne durch die Berührung mit der Wirklichkeit nur beschmutzt werden. Es ist kaum denkbar, daß Herder dem jüngeren Freunde dieses Schreiben Schillers nicht gezeigt, daß er nicht zum mindesten ihm die Kunstanschauungen Schillers in diesem Sinne auseinandergesetzt hat. Er hatte noch mehr getan: ihm Briefe Hamanns zu lesen gegeben und ihm bei dieser Gelegenheit sicherlich seine tiefgründigen Einwürfe gegen das kantische System auseinandergesetzt, worin Hamann ihm so restlos beipflichtete, ja worin er ihm entschieden vorangegangen war. »Hier sende ich Hamanns Schriften wieder,« schreibt Jean Paul an Karoline Herder, »in denen wie auf den Alpen alle Zonen und Jahreszeiten nahe beieinander liegen.« Es war die Universalität des Geistes, mehr noch des Herzens, die ihn bei Hamann wie 425 bei Herder wieder von neuem aufs tiefste ergreifen mußte, neben der ihn die formale, lebenabgewandte Kunstauffassung Goethes und Schillers nur abstoßen konnte. Bei allen den Weimarer Freunden, von Herders bis zu Corona Schröter, von Charlotte bis zu Knebel, hatte er die gleiche Meinung, die gleiche Empörung über Goethes Kälte gefunden. Kein Wunder, daß diese Auffassung immer mehr von ihm Besitz ergriff. Knebel hatte versprochen, ihm seine Übersetzung der Elegien des Properz nach Hof zu senden. Am 3. August schreibt Jean Paul ihm, daß er von dem Buche geträumt hätte. Es wäre noch nicht da. »Jetzt indes braucht man einen Tyrtäus mehr als einen Properz.« Das ging gegen die weltabgewandte Haltung Goethes, zum mindesten wurde dieser Satz von den Weimarer Freunden dahin gedeutet. Schon am 10. August antwortete Goethe mit einem Beitrag für die Horen: »Der Chinese in Rom«. Einen Chinesen sah ich in Rom: die gesamten Gebäude Alter und neuerer Zeit schienen ihm lästig und schwer. Ach! so seufzt' er, die Armen! ich hoffe, sie sollen begreifen, Wie erst Säulchen von Holz tragen des Daches Gezelt, Daß an Latten und Pappen, Geschnitz und bunter Vergoldung Sich des gebildeten Auges feinerer Sinn nur erfreut. – Siehe, da glaubt' ich im Bilde so manchen Schwärmer zu schauen, Der sein luftig Gespinst mit der soliden Natur Ewigem Teppich vergleicht, den echten reinen Gesunden Krank nennt, daß ja nur Er heiße, der Kranke, gesund. Er schickt das Gedicht an Schiller mit den Worten: »Hier ein kleiner Beitrag; ich habe nichts dagegen, wenn Sie ihn brauchen können, daß mein Name darunter stehe. Eigentlich hat 426 eine arrogante Äußerung des Herrn Richter, in einem Briefe an Knebel, mich in diese Disposition gesetzt.« Die Überschrift macht das Ziel des Spottverses deutlich. Für die Eingeweihten konnte, besonders mit Goethes Unterschrift, kein Zweifel darüber herrschen, wer unter dem »Chinesen in Rom« zu verstehen war. Und vielleicht war das Bild nicht einmal so übel, denn wie in einer ihm völlig wesensfremden Welt war Jean Paul in Weimar herumgezogen, seine in entlegener Gegend gewachsenen Maßstäbe an das deutsche Kulturzentrum herantragend. Noch deutlicher wurde Goethe in einigen Xenien, die er dem »Chinesen« unmittelbar folgen ließ. In dieser Xenienreihe beschäftigt er sich zunächst mit dem Breslauer Gymnasialdirektor Manso, den er als Nachfolger Wielands dessen caput mortuum nennt. Drei Xenien aus dieser Reihe sind es, die in unsern Zusammenhang gehören: Prosaische Reimer.         Wieland, wie reich ist dein Geist! Das kann man nun erst empfinden, Sieht man, wie fad und wie leer dein caput mortuum ist. Jean Paul Richter. Hieltest du deinen Reichtum nur halb so zu Rate, wie jener Seine Armut, du wärst unsrer Bewunderung wert. An seinen Lobredner. Meinst du, er werde größer, wenn du die Schultern ihm leihest? Er bleibt klein wie zuvor, du hast den Höcker davon. Schiller antwortete umgehend: »Der Chinese soll warm in die Druckerei kommen; das ist die wahre Abfertigung für dieses Volk.« Man sieht den selbstherrlichen Hochmut, der aus diesen Worten herausklingt. Auch in Goethes Xenien 427 war wieder der Gegensatz zwischen Goethe und Jean Paul, wenn auch nicht in der Tiefe erfaßt, so doch angedeutet. Die leere Dürftigkeit eines bloßen Nachahmers war Goethe immerhin noch respektabler als die quellende Überfülle Jean Pauls. Es war die immer beibehaltene Einstellung der Dioskuren zu den andern Größen der Zeit, die sie unbedenklich abzufertigen bemüht waren oder mit dem ersten Besten zusammenwarfen. Im nächsten Jahr schreibt Schiller an Goethe: »Ich möchte wissen, ob diese Schmidt, diese Richters, diese Hölderlins absolut und unter allen Umständen so subjektivisch, so überspannt, so einseitig geblieben wären, ob es an etwas Primitivem liegt, oder ob nur der Mangel einer ästhetischen Nahrung und Einwirkung von außen und die Opposition der empirischen Welt, in der sie leben, gegen ihren idealischen Hang diese unglückliche Wirkung hervorgebracht hat.« Dieser Art waren die gehässigen Urteile, die die zünftigen Literaturgeschichtler über hundert Jahre lang immer wieder von Goethe und Schiller abgeschrieben haben, den deutschen Geist um seine tiefsten und eigentlichen Erlebnisse betrügend. Mit den Weimarer Tagen hatte sich die große Welt für Jean Paul eröffnet. Von überall strömten ihm jetzt Beziehungen und Kundgebungen zu, zumal von den Menschen, die sich von Goethe und Schiller zurückgestoßen fühlten. Ein Brief Schlichtegrolls, des Herausgebers des bekannten Nekrologs, brachte dem Dichter des »Hesperus«, wie er schreibt, »zu den Vorfrühlingstagen die Schmetterlinge und Blumen mit«. Ende 1797 bat Schlichtegroll ihn gar zum Gevatter. Der Lyriker Kosegarten schrieb gleichfalls einen überschwenglichen Brief an Jean Paul, teilte ihm mit, daß er vor einiger Zeit eine Jean Paul preisende Elegie an Schiller für dessen Almanach gesandt, sie aber zurückerhalten hätte, obwohl Schiller 428 von ihm weit schwächere Stücke unbedenklich angenommen. »Nicht dem Werte des Gesangs sondern des Gegenstandes mußt er die Stelle Ihrer andern Gedichte versagen«, antwortete Jean Paul. Einsiedel schickt Dramen und bittet um Beurteilung. Unter den Verehrerinnen seines Genius fehlen nicht Sophie von Laroche und Lavater. Eine Prinzessin Hohenlohe will ihm durch Vermittelung des alten Freundes Spangenberg die Erziehung ihrer Kinder anvertrauen. Mit doppelter Liebe hängen sich die alten Freunde an ihn. Amöne und sogar seine frühere Braut Karoline Herold wie Renate, die inzwischen Mutter geworden ist, muß er immer aufs neue seiner alten Liebe versichern. Emanuel besucht er mehrere Male in Baireuth und wird wie ein Fürst von ihm aufgenommen. Zwei Freudentage verlebt er in Arzberg bei Pfarrer Vogel, und gewiß wurde jener alten Prophezeiung Vogels gedacht, daß dieser ihm einmal mehr zu verdanken haben werde als er ihm. Dem alten Rektor Werner in Schwarzenbach, der gerade in den kümmerlichsten Verhältnissen lebt, schickt er eine Geldsumme, die dieser einst seiner darbenden Mutter geborgt, gerade im rechten Augenblick zurück. Für seine ganze alte Umwelt, an der er so schwer gelitten und der er doch so viel zu verdanken hat, wird er zum Freudenbringer. Selbst Friedrich von Oerthel, bei dessen Bruder er in Weimar gelebt hatte und von dessen Mutter und Schwester er so liebevoll aufgenommen wurde, gehört jetzt schon zu den alten Freunden. Im Spätsommer kommt Oerthel für einige Wochen nach Hof und verliert sein Herz an Amöne. Jean Paul steht ihm bei den inneren Kämpfen schlichtend und tröstend bei. Noch immer lebt er mit seiner alten Mutter zusammen, aber wie anders ist jetzt sein Dasein in dem stillen und verhaßten Hof geworden! 429 Es liegt in der Natur der Dinge, daß feindliche Äußerungen sich wie Klingen in der Luft zu kreuzen pflegen. Jean Paul konnte nicht ahnen, daß seine Briefstelle über Properz und Tyrtäus den Unmut Goethes erregt hatte. Er wußte noch nichts von dem »Chinesen in Rom« und den Xenien, die nicht nur ihn heruntersetzten, sondern auch, in dem dritten mitgeteilten Xenien, jeden treffen sollten, der für ihn eintrat. Es war aber natürlich, daß auch er sich, nach Hof zurückgekehrt, mit dem Geist von Weimar auseinandersetzte. Er tat es in der bereits erwähnten »Geschichte meiner Vorrede zur zweiten Auflage des ›Quintus Fixlein‹«. Wir werden sehen, von welcher eminenten Bedeutung die Weimarer Tage für sein weiteres Schaffen waren. Den Plan zum »Titan« trug er bereits im Kopf, als er nach Weimar kam. Herder und Charlotte von Kalb warfen ihm den alten Plan über den Haufen. Etwas ganz Neues, Großes war ihm aufgegangen. In der Kalb war ihm zum erstenmal das titanische Weib, seine Titanide, begegnet. In Goethe und Schiller hatte er titanische Menschen kennengelernt. Schon in seinen Beschreibungen, die er an Otto zu Papier brachte, ist das titanische Moment bei den Dioskuren scharf herausgearbeitet. Ja, schon die Bilder der beiden Großen, die er vor der Weimarer Reise in Baireuth zu Gesicht bekommen hatte, hatten ihm den starken Eindruck vermittelt, den die persönliche Berührung nur verdeutlichen konnte. »Schillers Portrait oder vielmehr seine Nase daran schlug wie ein Blitz in mich ein: es stellet einen Cherubim mit dem Keime des Abfalls vor und er scheint sich über alles zu erheben, über die Menschen, über das Unglück und über die – Moral. Ich konnte das erhabene Angesicht, dem es einerlei zu sein schien, welches Blut fließe, fremdes oder eigenes, gar nicht satt bekommen«, hatte er damals an Otto geschrieben. Und wenn er 430 den Ritter Gaspard im »Titan« beschreibt, tut er es fast mit den gleichen Worten: »Ein Cherub mit dem Keime des Abfalls, ein verschmähender gebietender Geist stand da, der nichts lieben konnte, nicht sein eigenes Herz, kaum ein höheres, einer von jenen Fürchterlichen, die sich über die Menschen, über das Unglück, über die Erde und über das – Gewissen erheben, und denen es gleich gilt, welches Menschenblut sie hingießen, ob fremdes oder ihres.« Das Titanenerlebnis reifte aus. Schon im Juli konnte er in einem der ersten Briefe aus Hof an Charlotte schreiben: »Der ›Titan‹ hat seine Raupenhülse zerrissen.« Aber dieses Erlebnis konnte sich nur in großen Formen entladen. Im Vordergrund stand vorläufig jene Kunstanschauung Goethes und Schillers, die zu dem Zerwürfnis mit Herder geführt hatte. Wenn er im »Titan« den Erbprinz Luigi »mit der artistischen Kälte des Galerieinspektors« vor seinen Kunstwerken stehen läßt oder wenn er von dem Kunstrat Fraischdörfer spricht, »der sein Gesicht, wie die Draperie der Alten, in einfache edle große Falten geworfen hatte«, dann steht Goethe vor unsern Augen, wie ihn Charlotte von Kalb geschildert: »ganz kalt für alle Menschen und Sachen auf der Erde – er bewundert nichts mehr, nicht einmal sich – jedes Wort sei Eis – bloß Kunstsachen wärmen noch seine Herznerven an«. Oder das seltsam feierliche Haus am Frauenplan steht vor uns: »mit solchen Treppen, ein Pantheon voller Bilder und Statüen, eine Kühle der Angst presset die Brust«. Die formale Kunstbildung, die sich durch die Berührung mit der Wirklichkeit nur beschmutzt fühlen kann, – das war der Punkt, wo Jean Pauls Widerspruch einhakte. Wie ein Alpdruck lastete diese Auffassung auf ihm. Von ihrem Eindruck mußte er sich zuerst befreien, und er tat es durch die Berührung mit der ihm vertrauten Welt. 431 In der Geschichte meiner Vorrede zur zweiten Auflage des ›Quintus Fixlein‹ bog er noch einmal in den Kreis ein, der ihn bis zur Weimarer Reise liebevoll umfangen hatte. Wie hatte er im »Siebenkäs« die ihm von Kindesbeinen an vertraute Landschaft mit Abschiedsschwelgereien durchsetzt! Der Weg von Hof nach Baireuth, auf dem ihm nun allmählich durch seine Pilgerfahrten von dem rauhen Gebirge nach der Baireuther Ebene jeder Baum und jedes Haus lieb geworden war, schloß für ihn Schicksal ein. Noch einmal glaubte er diesen Weg im Werke gehen zu müssen. Auf diesem Wege von dem steinigen, »grauhaarigen« Hof nach dem befreienden Baireuth, von wo die weite Welt sich ihm geöffnet hatte, läßt er die Entscheidung fallen. Hier muß zwischen sinnbildlichen Gestalten, sinnbildlich für sein bisheriges Schaffen und für das Neue, das ihm begegnet ist, die große Auseinandersetzung stattfinden. Schon einige Male hatte er in entscheidenden Wendungen auf einen solchen Weg als einen symbolischen Schauplatz den Tumult des Innern verlegt. Während der Vorrede zur »Unsichtbaren Loge« läßt er sich auf den Fichtelberg, den beherrschenden Gipfel der heimischen Landschaft, emportragen. In der Vorrede zu den »Biographischen Belustigungen« deutet er den Weg aus dem gebirgigen Winter in den Baireuther Frühling an. Inzwischen war ihm die Landschaft noch inniger ans Herz gewachsen als Schauplatz der Leiden seines Armenadvokaten. Hier waren die Freunde vor ihrer endgültigen Trennung den letzten gemeinsamen Weg gegangen. Auf der Höhe von Bindloch hatten sie den ewigen, durch immer neue Umarmungen hinausgezögerten, quälenden Abschied voneinander genommen. Auf diesem Weg läßt Jean Paul nun die Geschichte seiner Vorrede spielen. Mit allen seinen Stationen ersteht er für uns. Mit dem 432 Dichter wandern wir durch Münchberg, das malerisch mit seinen Häusern aus dem Tal die Hügel hinanklettert. Durch das anmutige Gefrees, durch Bindloch, wo die Straße in jähem Fall zu Tal schießt. An dieser für Fuhrwerke gefährlichen Stelle erinnert eine rohe Skulptur in ländlichem Stil an die Braut, die von dem durchgehenden Wagen zu Tode gerädert wurde, als sie gerade in die Arme ihres Bräutigams fuhr. Wir sinken mit dem Wandernden »in das grünende Tempe von Berneck hinein«. Der Weg mit allen seinen Ortschaften, dem Auf und Nieder seines Ganges, begleitet uns, während der Dichter die Vorrede zu schreiben vorgibt. Am frühen Morgen ist er von Hof aufgebrochen. Unter dem Schlagbaum sieht er von hinten eine davonfahrende Schöne und eilt ihr nach, um sie auf der nächsten Station womöglich einzuholen und ihr ins Gesicht zu sehen. Da der Wald sie seinem Anblick entzieht, nimmt er die Schreibtafel zur Hand und beginnt mit der Vorrede, die den blumenreichen und selbstherrlichen Stil zeitgemäßer Vorreden leicht travestiert. »Allein jetzt ging hinter mir die Sonne auf . . . Als mich die Straße immer höher über die Täler hob, wurd' ich zweifelhaft, wem ich treu bleiben sollte – ob der erhabenen Allee und Kolonnade von Bergen, die ich linker Hand, oder dem magischen vis-à-vis mit dem gebildeten Kopfe, das ich geradeaus vor mir hatte.« An Vorreden ist jedenfalls vorderhand nicht zu denken. An dem Rabenhügel von Münchberg geht es vorbei. Wieder wird ein Stück der Vorrede versucht, aber von den Hügeln steigt der Kunstrat Fraischdörfer aus Haarhaar, der unter dem Galgen botanisiert hat, und redet ihn an. Damit ist die Arbeit an der Vorrede für längere Zeit unterbrochen. Die Figur Fraischdörfers ist, wie bereits erwähnt, eine Vorwegnahme aus dem »Titan«. Es ist jener Kunstrat, der dort »sein Gesicht, wie die Draperie 433 der Alten, in einfache edle große Falten geworfen« hat. Also eine Personifikation der uns bekannten Goethe-Schillerschen Kunstanschauung, wie sie Herder und Jean Paul notwendig erscheinen mußte. Vielleicht ist bei dieser Gestalt im einzelnen sogar an August Wilhelm Schlegel gedacht, der sich damals innig an Goethe angeschlossen hatte und den Freunden wie eine Inkarnation jener Goethe-Schillerschen Kunstansichten erschien. Wie es sich auch um das persönliche Vorbild zum Kunstrat Fraischdörfer verhalten mag, in ihm wird jedenfalls die formalästhetische Auffassung von Kunst, wie sie in so entschiedenem Gegensatz zu den Anschauungen des Herder-Jean Paulschen Kreises stand, dargestellt. Die Unterhaltung zwischen dem wandernden Jean Paul und Fraischdörfer bringt nun die große Auseinandersetzung mit der wirklichkeitsfeindlichen Theorie Goethes und Schillers. Der Wanderer stellt sich dem fragenden Kunstrat als »Quintus Fixlein« vor, dessen Biographie Jean Paul gerade geschrieben habe und von der er weiß, daß der Kunstrat sie nächstens in einem gelehrten Journal rezensieren werde. Das Gespräch geht also ganz natürlich auf Jean Pauls Werke über, die dem Kunstrat ein Dorn im Auge sind. In den Äußerungen Fraischdörfers entwickelt Jean Paul dann vor uns jene formalästhetischen Kunstanschauungen. Fraischdörfer ist zum Beispiel über die Häuser von Münchberg erbost. Sie müßten entweder alle auf der Höhe oder alle im Tal stehen. Das organische Ineinanderwachsen von Landschaft und Siedlung liegt ihm vollkommen fern. »Er fragte mich, ob Gebäude etwas anders als architektonische Kunstwerke wären, die mehr zum Beschauen als zum Bewohnen gehörten und in die man nur mißbrauchweise zöge, weil sie gerade wie Flöten und Kanonen hohl gebohrt wären.« »Er zeigte das Lächerliche, sich in einem Kunstwerk einzuquartieren, und 434 sagte, es sei so viel, als wollte man Heems Gefäße zu Käsenäpfen und Federtöpfen verbrauchen, oder den Laokoon zum Baßgeigenfutteral und die medizeische Venus zur Haubenschachtel aushöhlen.« Er gesteht frei, »es mach' ihm als Artisten kein Mißvergnügen, wenn eine ganze Stadt in Rauch aufginge«. Kurzum, »der formlose Former vor mir achtet am ganzen Universum nichts als daß es ihm sitzen kann – er würde wie Parrhasius und jener Italiener Menschen foltern, um nach den Studien und Vorrissen ihres Schmerzes einen Prometheus und eine Kreuzigung zu malen – der Tod eines Söhnchens ist ihm nicht unerwünscht, weil die Asche des Kleinen in der Rolle einer Elektra einem Polus weiter hilft als drei Komödienproben – das unzählige Landvolk ist doch von einigem Nutzen in ländlichen Geschichten . . . und der General Orlof hilft den Bataillen und Seemalern mit den nötigen Akademien aus, mit Schlachtfeldern und aufgesprengten Schiffen«. Am deutlichsten kennzeichnet sich der Gegensatz an den ganz weimarisch gefaßten Worten Fraischdörfers: »es gäbe weiter keine schöne Form als die griechische, die man durch Verzicht auf die Materie am leichtesten erreiche«. Das ist allerdings ein Satz, wie er dem Briefwechsel Goethes und Schillers direkt entnommen sein könnte. Dieses Ausgehen auf die einfach-schöne Linie, dieses unbarmherzige Unterdrücken der Lebenswirklichkeit zugunsten eines ästhetischen Genießens weniger Menschen, das ist es, was den Dichter wie den Ethiker Jean Paul an den Weimarer Großen am meisten empört. Das volle, reiche Leben mit seinen Qualen und seinen Freuden findet er hier vergewaltigt, Wahrheit und Wirklichkeit unterdrückt um eines seelenlosen Schönheitsideals willen, das einmal unter ganz besonderen Verhältnissen bei einem harmonisch glücklichen Volke Ereignis wurde. Zu diesen 435 Anschauungen muß Jean Paul in einem unüberbrückbaren Gegensatz stehen, denn ihre Konsequenz ist nichts anders als die strikte Ablehnung des Humors im deutschen und englischen Sinne. »Vollends Humor,« sagt Fraischdörfer, »dieser sei ebenso verwerflich als ungenießbar, da er bei keinem Alten eigentlich anzutreffen sei.« Der Humor ist aber für Jean Paul gerade das Höchste der Dichtung. In ihm findet er Leben und Wirklichkeit am meisten in ihrer Fülle und ihrem metaphysischen Widerspruch zum Ausdruck gebracht. Humor freilich in einem umfassenderen Sinne, als es der heutige Sprachgebrauch will. Faßte doch Jean Paul auch seine großen Romane noch als Humoristische Dichtung auf, wie er sich selbst zeitlebens in erster Linie als Humoristen bezeichnet wissen wollte. Humor bedeutet für ihn die Quelle alles Dichterischen. Er legt denn auch sofort dem Kunstrat seine Auffassung des Humoristischen dar: »daß die krumme Linie des Humors zwar schwerer zu rektifizieren sei, daß er aber nichts Regelloses und Willkürliches vornehme . . . daß er mit dem Tragischen die Form und die Kunstgriffe, obwohl nicht die Materie teile – daß der Humor (nämlich der ästhetische, der vom praktischen so verschieden und zertrennlich sei, wie jede Darstellung von ihrer dargestellten oder darstellenden Empfindung) nur die Frucht einer langen Vernunft-Kultur sei, und daß er mit dem Alter der Welt, sowie mit dem Alter eines Individuums wachsen müsse«. Hier wird der Gegensatz zwischen dem jünglinghaften Formensinn der Alten und dem durch ein Weltalter getrennten Formensinn der christlich nordischen Moderne aufgezeigt. Durch die unendlichen Seelenerlebnisse der neueren Zeit erst ist der Sinn frei geworden für die Tiefen des Lebens, und frei, sie in ihrem Widerspiel zu umfassen. Erst von der krummen Linie des Humors kann die 436 Formenfülle der modernen Seele umgriffen werden. Der Humor begnügt sich nicht mit farblosen Idealgestalten griechischer Prägung. Die ganzen Zwischenstufen von Gut und Böse finden in der humoristischen Darstellung ihren Ausdruck, während das griechische Schönheitsideal sich mit allgemeinen Idealcharakteren begnügen müsse. »Auch wird es einer engen Phantasie schwerer, sich in unvollkommene Charaktere zu denken als in vollkommene und sich für sie zu interessieren.« Gerade mit seinen unvollkommenen Menschen hatte Jean Paul Neuland erobert und erst allen diesen vom Leben niedergedrückten und verstümmelten Charakteren, von denen die Welt voll ist, dichterische Teilnahme gewonnen. Gerade hierin konnte er mit Recht seine größte Leistung sehen. Mit dem griechischen Maßstab gemessen, den er für einen modernen Dichter als viel zu eng empfand, mußte dieser Eroberungszug in neues Gebiet als barbarischer Rückschritt erscheinen. Auch hier, und hier gerade im entscheidenden Punkte wurde der Kampf um die deutsche Verwirklichung aufgenommen, um das Eingehen der modernen Vielfältigkeit in dichterische und künstlerische Gebilde. Wie stark bewußt Jean Paul diesen Gegensatz nach Weimar empfand, zeigt die Andeutung, daß er schon damals den Plan gefaßt, seinen und Herders Standpunkt gegenüber der gräzisierenden Zeitströmung theoretisch zu fundieren. »Ich werde einmal in einem kritischen Werkchen geschickt dartun, daß alle deutsche Kunstrichter (den neuesten ausgenommen) den Humor nicht bloß jämmerlich zergliedern, sondern auch (was ich nicht vermutet hätte, da das Vergnügen an der Schönheit durch die Unwissenheit in ihrer Anatomie so sehr gewinnt) noch erbärmlicher genießen.« Aus dem Plan dieses »Kritischen Werkchens« sollte sich Jahre darauf die »Vorschule der Ästhetik« entwickeln. Der neueste Kunstrichter war natürlich Herder, und die deutschen 437 Kunstrichter, die die Werke eines deutschen Humoristen nur so jämmerlich genießen können, unter denen waren natürlich Goethe und Schiller und ihr Anhang gemeint, die verständnislos Jean Pauls künstlerischer Erscheinung gegenüberstanden. Und als ob Jean Paul bereits das dritte jener Goetheschen Xenien, das sich gegen den Rezensenten des »Hesperus« in der Allgemeinen Literaturzeitung richtete, gelesen hätte, legt er Fraischdörfer die Worte in den Mund: »so begreife man nicht, wie der Rezensent der Literaturzeitung ihn noch dazu wegen der Wahl solcher zweideutiger Materien, wie z. B. Gottheit, Unsterblichkeit der Seele, Verachtung des Lebens usw. preisen könne«. Mit einem flammenden Ausbruch stellt sich der Dichter zu seiner eigenen Welt, wenn er dem Kunstrat innerlich zuruft: »Du sollst weder meine Reißfeder noch mein Auge von dem Eisgebirge der Ewigkeit abwenden, an dem die Flammen der verhüllten Sonne spielen, noch vom Nebelstern der zweiten Welt, die so weit zurückliegt und nur die Parallaxe einer Sekunde hat, und von allem, was die fliegende Hitze des fliegenden Lebens mildert, und was den in der Puppe zusammengekrümmten Flügel öffnet und was uns wärmt und trägt!« Während dieser Auseinandersetzungen haben die Wanderer Berneck erreicht. Der Reisewagen der schönen Fremden hält vor dem Wirtshaus, und gerade will die Dame einsteigen, als sie Jean Paul erkennt und mit Namen begrüßt. Nun bemerkt Fraischdörfer, daß er nicht mit dem »Quintus Fixlein« gewandert ist, dessen Lebensgeschichte er rezensieren will, sondern mit dem Verfasser dieser Lebensgeschichte selber, und verschwindet mit einem Fluch. Die schöne Unbekannte ist aber niemand anders als Paulline Oehrmann, die wir aus der Vorrede zum »Siebenkäs« bereits kennen. Wir 438 entsinnen uns, wie Jean Paul ihr unter dem Einschlafen ihres Vaters den Inhalt seiner Romane zu erzählen pflegte, um sie über ihr trauriges und an Eindrücken armes Leben hinwegzuschwingen. Freudig begrüßt sie den Freund, der zu ihr in den Wagen steigt. Paulline hat sich inzwischen verlobt, und zwar gleichfalls mit einem Bekannten des Lesers: dem Gerichtshalter Weyermann, dem wir im »Siebenkäs« und in dem Appendix zu den »Biographischen Belustigungen«, der »Salathkirchweih zu Obersees«, bereits begegneten. In Paulline Oehrmann nun findet Jean Paul gewissermaßen zu seiner eigenen Welt zurück, die er gegen den gräzisierenden Kunstrat zu verteidigen hatte. Paulline ist einer jener »unvollkommenen Charaktere«, die nur der Griffel des Humoristen festzuhalten vermag, und eine jener vom Leben Niedergebeugten, die Jean Paul wieder aufrichten, deren Leid er ins Wort erlösen will. Visavis der glücklichen Braut fährt er dem Kunstrat davon. »Hinter unsern grünen Bergen lag die Wüste der Kinder Israel und vor uns das gelobte Land der sanften Baireuther Ebene.« Seine Gedanken malen das harte Schicksal Paullinens aus, die nun von der unbarmherzigen Hand des Vaters in die des unbarmherzigen Mannes geht und auf deren Blütenträume sich bald der Mehltau der Ehe senken wird. »Du weißt nicht, daß dein schönes Herz etwas Besseres und Wärmeres braucht als Blut und dein Kopf höhere Träume, als die das Kopfkissen beschert – daß die duftenden Blumenblätter deiner Jugend sich nun zu geruchlosen Kelchblättern zusammenziehen, zum Honiggefäße für den Mann, der jetzt bald von dir weder ein weiches Herz noch einen lichten Kopf, sondern nur rohe Arbeitfinger, Läuferfüße, Schweißtropfen, wunde Arme und bloß eine ruhende paralytische Zunge 439 fordern wird . . . Die Sonne wird für dich ein herunterhängender Ballonofen und Stubenheizer der Welt, und der Mond eine Schusters-Nachtkugel auf dem Lichthalter einer Wolke – der Rhein trocknet in dir zur Schwemme und zum Schwenkkessel deines Weißzeugs ein und der Ozean zum Heringsteich . . . und ein Universalgenie stellest du dir um nicht viel, aber um etwas gescheuter vor als deinen Eheherrn.« – »Du bist zu etwas Besserem geschaffen, aber du wirst es nicht werden (wofür dein armer Weyermann nichts kann, dem es der Staat selber nicht besser macht). Und so wird der Tod deine von den Jahren entblätterte Seele voll eingedorrter Knospen antreffen, und er erst wird sie unter einen günstigeren Himmelsstrich verpflanzen.« Mit diesen wenigen Sätzen wird die Tragödie des Alltags vor uns entrollt. »O sei nicht so fröhlich, armes Opfer!« ruft er der unter eingebildetem Brautglück erblühten Paulline zu. Überwältigt von dem Leid der menschlichen Kreatur, nimmt er seine Schreibtafel vor und schreibt für Paulline jene Erzählung »Die Mondfinsternis« nieder, die einst aus dem Neujahrsglückwunsch für Renate Wirth Anfang Januar 1791 entstanden war. Wir wissen jetzt: es war das Schicksal Renates, das er in Paulline Oehrmann festhielt. An der Erinnerungssäule des Bindlocher Tales steigen die Fahrenden aus, und er liest Paulline unter dieser »Siegessäule der Marter« einer Braut die kleine Dichtung vor von den drei guten Menschen, die sich über die Erde hinaussehnten und auf dem sanften Mond vereinigt werden zu ewigem Beisammensein. Erst durch Paullines rührende Gestalt wird die Abrechnung mit Weimar vollständig. Der kalten Formenkunst der beiden Dioskuren stellt Jean Paul den Reichtum an inneren Tragödien, die schweren Erschütterungen des Leids 440 gegenüber, die rings gestapelt sind. Welche unmeßbaren dichterischen Schätze barg allein das Alltagsschicksal einer Paulline Oehrmann! Wie viel harrte hier des lösenden Dichterworts! Durch Liebe die Welt zu begreifen und zu überwinden, das tritt als die innere Mission des Dichters hervor. Für Jean Paul bedeutete diese Geschichte einer Vorrede einen Abschied. Der »Kardinalroman« erfüllte ihn schon. Ich bin »in den Webstuhl des ›Titan‹ eingekerkert«, schreibt er an Lübeck, den Verleger des »Quintus Fixlein«. Der Welt Goethes und Schillers wollte er ein riesengroßes Abbild seiner Welt entgegensetzen. Die stille Welt des »Siebenkäs« und der Idyllen hatte jetzt in den Hintergrund zu treten. Aber immer blieb sie um ihn, sollte ihn während des Wachsens des »Titans« begleiten und ihn dann wieder in ihre Arme schließen. Ihn, der über allen Kultur- und Geistesproblemen im tiefsten Grunde der »Armenadvokat« blieb. 441   Abschied von Hof Im Herbst kreuzten sich die feindlichen »Xenien« Goethes mit Jean Pauls »Geschichte meiner Vorrede« wie Klingen in der Luft. Die Geister schieden sich. Jean Paul war ja nicht der einzige, den die kriegerischen Dioskuren angegriffen hatten. Besonders verübelte man ihnen im andern Lager die Bosheit gegen den alten würdigen Gleim. Der »Altvater«, wie er sich selbst gern nannte, war in den »Xenien« mit dem alten Peleus verglichen worden, dem leider die spannende Kraft und die Schnelle mangele, die »einst des Grenadiers herrliche Saiten belebt«. Gleim beklagte sich bei Herders und bezeichnete die »Xenien« als »reißende Wölfe, ärger als die Jakobiner«. »Ja! wohl recht Katz- und Katerbalgerei, solche! . . . wir haben mehr solcher Katzbalgereien durchlebt und wissen, was aus ihnen wird. Menschenfeindschaft, Unmenschlichkeit wird aus ihnen.« Karoline rät, »die verdorrten Gemüter in ihrem Talent übermütig und sich einzig fühlen zu lassen«. Herder bedauert, jemals nach Weimar gekommen zu sein, denn er sei nebenher tiefer von Goethe verwundet worden als durch alles, was in den »Xenien« stehe, und man kann ihm recht geben, wenn wir des Goetheschen Briefes anläßlich seiner Forderungen an den Herzog gedenken. Im Gegensatz zu Goethe wird nun Gleim als Seher Gottes, als Priester der Humanität und der Grazien erhoben. »Nur wer den Geist Christi hat, schreibt so wie er.« Gleim seinerseits erhebt Jean Paul in den Himmel. 442 Vor kurzem erst hat er ja unter dem Pseudonym eines Septimus Fixlein eine erhebliche Geldsumme an Jean Paul nach Hof geschickt, wofür dieser in den Blumenstücken dankt. Durch den »Siebenkäs« wird Gleim in seiner Meinung bestärkt, daß hier »mehr als Shakespeare« sei. Jean Paul wird ihm zum »Gottmenschen«, wächst aus der Ebene der Literatur und Dichtung für ihn empor in jene höheren Bezirke erlösten und erlösenden Menschentums. Jean Paul selbst schreibt an Oerthel über die Angriffe gegen ihn: »Goethes Charakter ist fürchterlich: das Genie ohne Tugend muß dahin kommen.« Dennoch lehnt er es ab, Goethe zu antworten. »Ich antworte nie einem Menschen, der meinen Charakter nicht antastet; wiewohl G. nur satirisches Kurzgewehr hat und ich Langgewehr.« Man muß ihm recht geben. Neben der Art, wie Jean Paul Gegner durch Satire zu erledigen vermag, ist die Satire Goethes flach und witzlos. Kurze Zeit vorher hat ihn der Kapellmeister Reichardt aufgesucht und einige Tage in Hof mit ihm verbracht. »Von Goethe hat er mir viel Neues, aber lauter Schlimmes erzählt.« »Fürchterlich weh tat es meinem Herzen, daß G. ein so nahes wie das des guten Reichardts durchlöchern konnte.« An die Kalb schreibt er im November: »Schillers Furien-Almanach hat mehr Salz als Farben: alles darin ist klein, ausgenommen das Kleine, die Epigramme. Ich werde nie etwas darüber sagen, so sehr die Mißhandlung eines Reichardt, Hermes etc. einen Bluträcher aufruft; aber der genialische Egoismus, der heftigste unter allen, verdient im allgemeinen ätzende Farben und breite Striche. Doch habe ich gegen Goethe und Schiller ebensoviel Liebe als eigentliches Mitleid mit ihren eingeäscherten Herzen.« Der Bruch zwischen Goethe und Reichardt war bekanntlich 443 dem mit Herder kurz vorausgegangen. Es war die verschiedene Stellung zur französischen Revolution, die die bisher innig befreundeten Männer auseinanderbrachte. Ein Sohn Reichardts hatte bekanntlich in Paris Dienste bei der Revolutionsarmee genommen, um bald darauf zu fallen. Reichardt, der durch seine genialen Vertonungen Goethescher Lieder neben Zelter am meisten dazu beigetragen hat, daß Goethe als Liederdichter eine Stelle im Herzen des deutschen Volkes errang, hatte sich nach seinem Abschied als Königlicher Kapellmeister in Berlin auf dem Giebichenstein bei Halle niedergelassen, wo er mit seinem Familienkreis bald zum Mittelpunkt der jungen romantischen Schule wurde. Nebenbei bekleidete er das Amt eines Salzinspektors, und in dieser Eigenschaft hatte ihn eine Dienstreise nach Hof geführt. In seinem Journal »Deutschland« beschrieb er sein Zusammentreffen mit Jean Paul in fingierten Briefen an seine Frau. Er lernte ihn in einem Konzert im Hofer Rathaus kennen. »So wenig vorteilhaft auch der erste Eindruck war, den mir sein äußeres Wesen und sein, wie es mir im ersten Augenblicke schien, gesucht witziger Ausdruck machte, so ließ ich mich doch nicht abschrecken, sondern bat ihn um die Zusage, mit mir den Abend freundlich zuzubringen. Er willigte gern ein, versprach später zu kommen, und ich eilte wieder zu meinem Schreibtische. »Gegen neun Uhr kam Richter, wie es schien, mit einer Reihe von humoristischen Einfällen ausgerüstet; indes paßte alles, was er sagte, immer sehr gut und witzig auf die augenblicklichen Veranlassungen, und ich ward bald gewahr, daß wirklich eine sonderbar rastlos wirkende Seele in ihm sei, die mit einer ganz eigenen Phantasie alles, was sie berührte, auf eine sonderbare Weise zuspitzte. Sein sonderbares äußeres Wesen setzte mich anfänglich fast in 444 Verlegenheit: er schlurrte in zu weiten Schuhen die Stube auf und ab, mit langem, geradem, fast hintenübergebogenem Rücken und in die Höhe geworfenem Kopfe, dessen kahle Glatze er mit der rechten flachen Hand oft bedeckte; sein ganzes Gesicht sah wie der personifizierte (englische) Humor aus. Über die Sonderbarkeit unseres Zusammentreffens gerade an jenem Orte, unseres Beisammenseins in einem Zimmer, das im Winter auch wieder gewöhnlich zu Konzerten angewandt würde, jagten sich witzige Einfälle und echt sentimentalische Ausdrücke. »Das Essen kam, er wollte sich nicht zu Tische setzen; er hätte längst gegessen, er wäre keiner Abweichung von seiner gewöhnlichen Diät fähig; in Hof kämen die guten Leute nur abends nach Tische zusammen, um ein lustiges Glas Wein miteinander zu trinken. Wir setzten uns also zum Glase Wein gegeneinander über. Mit dem festen Sitz und der geraden Richtung mit Aug' in Auge schien mehr Ruhe in sein Wesen zu kommen. Ich brachte ihn auf Weimar, wo er sich in diesem Frühjahr einige Zeit aufgehalten hatte, und nun enthüllte sich immer mehr eine schöne gefühlvolle Seele und ein rein auffassender Geist in ihm. Die treffendsten Urteile über jene merkwürdigen Menschen, die ich seit vielen Jahren zu kennen glaube, und denen der unbefangene Mensch tief in die Seele geblickt hatte, setzten mich oft in Erstaunen. Bei ganz herrlichen Sachen, die er über Goethes göttliches Genie und über dessen moralischen Charakter sagte, fuhr mir durch die Seele, daß er ihn wie ich und Du zusammen beurteilen und damit gerade am richtigsten träfe. Es fiel ihm auf, daß ich eine lebhafte Rührung unterdrückte; er dringt in mich, ihm nichts zu verschweigen, und ich sage ihm ganz unbefangen, ich wünschte in diesem Augenblick, daß mein liebes Weib mit uns wäre und ihren schönen 445 Anteil an unserm Gespräch nähme – und nun stürzen dem Menschen die hellen Tränen aus den Augen; er springt auf, umfaßt mich, weiß sich nicht zu lassen, der schönste poetische Ausdruck einer überströmenden Empfindung ergießt sich aus ihm über die Seligkeit, einen Mann zu sehen, der in solchem Augenblick sich sein Weib zur Seite wünschen kann. – Ich müßte Bogen vollschreiben, um Dir nur einige Begriffe von seinem Enthusiasmus zu geben. – Er läßt mich nicht los, ich muß ihm von Dir erzählen; ich muß ihn etwas aus Deinen Briefen lesen lassen; er will Dir schreiben, gleich auf der Stelle, er muß nach Giebichenstein. – Wahrlich, ich kann mich in diesem Augenblick nicht genug wundern, daß ich die Szene so lange ohne Widerwillen habe ertragen können, und es ist mir der sicherste Beweis, daß sein Enthusiasmus ebenso wahr gewesen ist als die Liebe, die das Wort aussprach. Der ganze Mensch ist mir auch wieder ein Beweis für die alte Bemerkung, daß die verschiedensten Menschen sehr wohl miteinander existieren können, wenn bei beiden nur Wahrheit zum Grunde liegt. »Beim Scheiden gegen Mitternacht mußte ich ihm zusagen, daß ich heute bei ihm einige Stunden zubringen und dann einige liebe Familien des Orts mit ihm besuchen wollte, in deren Mitte er sein einfach-glückliches Leben verlebt. Und davon komme ich jetzt mit der angenehmsten Rührung und Befriedigung her. Ja, guter lieber Jean Paul, das hat dich zum Menschen gemacht, der du bist, daß du mit solchen lieben, herzigen, rein empfänglichen Menschen in traulicher Liebe lebst; daß du Raum hast in deiner weiten, ungeweißten Bodenstube mit deiner braven alten Mutter und dem jungen wackeren Bruder; daß dir der altväterische Stuhl und Tisch, an dem du vielleicht zuerst dich aufrichtetest und die ersten jugendlichen Züge hinmaltest, noch nicht zu 446 altmodisch geworden; und daß so deine ganze Umgebung dich durch nichts aus dir selber herauszieht, du so in seliger Abgeschiedenheit mit dir selbst wie mit deinem besten Freunde lebst. Wie du in Hof lebst, um jährlich daraus zu verreisen, so reise auch nur stets, um gerne und immer lieber wieder in dein Element, den lieben trauten Kreis, zurückzukehren und uns eine Welt aus deinem Innern darzustellen.« Man spürt bei diesem Bericht die Feder des gewandten Journalisten, der mit leichter Mühe seine Eindrücke zu Papier bringt und im allgemeinen das richtige Bild trifft, wenn ihm auch die Dämonie einer starken Künstlerpersönlichkeit verschlossen ist. Niemand würde in dieser Beschreibung den Jean Paul wiedererkennen, dessen Persönlichkeit noch stärker auf die verwöhntesten Frauen seiner Zeit wirkte als seine Werke, und doch hat Reichardt richtig gesehen. Nur wenig später sandte Lavater den Porträtisten Pfenninger zu Jean Paul, um für seine physiognomischen Studien eine genaue Unterlage zu gewinnen. Das Bild Pfenningers ist erhalten, und man muß ihm um so größere Bedeutung beimessen, als es jeder rein künstlerischen Absicht fern sich streng an die Wirklichkeit hielt. Lavater schrieb an Pfenninger, als er ihm den Auftrag gab: »Also zeichnen Sie mir ihn im Profile . . . Ich möchte ganz mathematisch genau die Form und die Zurücklage der Stirn haben – besonders den Umriß des oberen Augenlids. – Hier liegt der Hesperus – dann die Mittellinie des Mundes – mit der Höhle der Unterlippe, wo die Humoristik ihr Rosenbette hat. Messen Sie mir genau – wie in einem Visum und Repertum von geschworenen Visitatoren – die Länge der Perpendikularlinie vom Aug' zur Lippe – und wie oft die Profilbreite des Mundes sich bis oben an das Auge umschlagen läßt – – alles bestimmt, getreulich und ohne Gefahr.« 447 Das Bild Pfenningers ist erhalten, aber welch einen andern Menschen zeigt es uns, als wir ihn uns noch vor kurzem unter dem dichterischen Jüngling vorstellen konnten! Schon seit einem Jahr liebte Jean Paul es, von seiner Glatze in seiner selbstironisierenden Art zu sprechen. Auf dem Bilde sehen wir es deutlich: er war über seine Jahre hinaus alt, und wir müssen Reichardt glauben, wenn er von der steifen Haltung und dem in die Höhe geworfenen Kopfe spricht. Die hohe Stirn ist stark zurückgebogen, aber kein blondes Lockenhaar weht über ihr. Eine streng nach hinten gezogene, in einen Zopf endende Frisur. Die Nase sticht spitz nach vorn. Harte Falten liegen um den Mund. Es könnte sein, daß er damals wie der »personifizierte englische Humor« ausgesehen hat. Wir fühlen: dies ist nicht mehr der feurige Jüngling, den wir nach Baireuth und Weimar wandern sahen. Die Probleme des Lebens und Schaffens haben ihn in ihre Walkmühle genommen. Und dennoch ging eine dämonische Kraft von ihm aus, und der Geist muß diese Züge wunderbar belebt haben. »Lächle nicht,« schreibt die Kalb ihm, »Du lächelst zu schön! Die Töne, die Dein Gemüt ohne Worte gibt, sind süßer wie Harmonikaklang – ich will still sein – still.« Das durchgearbeitete Antlitz, die korrekt steife Haltung und dieses berückende Lächeln – ein seltsamer Zwiespalt in der einen Person. Wir können daraus ersehen, daß es nicht kokettierende Sentimentalität ist, wenn Jean Paul immer wieder betont, daß er früh verbraucht ist, daß die Jahre des Elends seinen Körper zu früh ausgezehrt haben. Es war der flammende Geist, der dem müden Körper das letzte an Ausdrucksgewalt abpreßte und jeder begegnenden Seele das Äußerste an Enthusiasmus abnötigte. Er selbst war wie seine Schulmeisterlein Wuz und Fixlein zermahlen worden, indes sich sein Geist noch den »Titan« 448 mit seinem Überschwang der Kräfte abrang. Das dürfen wir bei dem Folgenden nicht vergessen, welchen Anblick er bereits in seinem dreiunddreißigsten Lebensjahr bot. Die Veröffentlichung der Reichardtschen Aufzeichnungen konnte Jean Paul keineswegs angenehm sein. Aus dem Kreis seiner Freunde kamen mißliebige Äußerungen. Auch Reichardt hatte sehr scharf zwischen Goethes göttlichem Talent und seinem Charakter unterschieden, eine Unterscheidung, die damals allen Gegnern Goethes geläufig war. Goethe selbst wird diese Spitze im Zusammenhang mit Jean Pauls Person nicht gerade erfreut aufgenommen haben. Es sollte sich an Herder wie an Jean Paul schwer rächen, daß sie mit allerhand ephemeren Leuten in eine gemeinsame Parteistellung kamen. Das Publikum gewöhnte sich daran, diese beiden großen Männer im Zusammenhang mit Geistern niederen Ranges wie Gleim, Hermes oder Reichardt zu nennen, mit denen sie kaum etwas zu tun hatten. Besonders nach Äußerungen Herders konnte es den Anschein gewinnen, als ob hier eine im alten Sinne orthodoxe Haltung dem freigeistigen Heidentum Goethes gegenüberstände. Das mochte bei Gleim und seinen Freunden der Fall sein. Herder wie Jean Paul waren von jeder engen Orthodoxie weit entfernt. Aber ebensosehr waren sie sich des scharfen Schnittes bewußt, den das Christentum mit seinem ungeheueren Gefühlsreichtum zwischen die Antike und die neue nordische Zeit gelegt hatte. Jede Art von Materialismus mußten Herder wie Jean Paul ablehnen. Als sich einmal das Gerücht verbreitete, daß Herder Materialist geworden wäre, antwortete Jean Paul einer Freundin, die ihn darüber befragt hatte: »Herders Geist ist ein lebendiges Sternensystem, seine Wege sind Milchstraßen und sein Herz eine warme Sonne: wie könnte ein solcher Geist den Tempel der Schöpfung in eine 449 Begräbniskapelle des Geistes und den erhabenen Isisschleier der Geisterwelt in einen Leichenschleier verwandeln? Der Materialismus ist das Blutgericht der Geisterwelt: er könnte eher alle Irrtümer haben als den tödlichsten.« Weder zum aufgeklärten Materialismus noch zu einem Goetheschen Heidentum führte eine Brücke von Herder und Jean Paul. Die seelische Vertiefung durch ein fast zweitausendjähriges Christentum konnte er nicht in einem Fluge überspringen wollen. Er bejahte die Erschütterungen, die die Menschheit inzwischen erfahren hatte. »Es geht uns eben wunderbar damit«, schreibt ihm Karoline über seine Arbeiten. »Das ganze Gebäude ist mit lauter kleinen einzelnen Heiligenbildern erfüllt. Das Gemüt und der Geist verweilen dabei gerührt, gestärkt, belustigt, erhoben, wir möchten das Ganze erfassen und sind unwillig, daß wir unter den tausend Empfindungen nicht weiterkommen. Wenn Sie das Münster in Straßburg gesehen hätten, so würden Sie mich verstehen und mir dieses Gleichnis nicht mißdeuten. – Vielleicht ist der Geist jenes Baumeisters in Ihnen wiedergekommen, und weil wir der steinernen Bilder nicht so nötig haben als der geistigen, so baut er nun aus Materialien der jetzigen Zeit, was sie bedarf, im Geschmack der vorigen.« Gerade von Herders Seite konnte es am ersten erkannt und ausgesprochen werden: dieser gotische Charakter des Jean Paulschen Schaffens, der ihn von der gräzisierenden Richtung Goethes und Schillers immer weiter entfernen mußte. Gotisch, himmelan strebend, mit zitternder Seele nach Gott und der Unsterblichkeit langend und verlangend, war auch die »Geschichte meiner Vorrede«. Aber gerade dieser Grundakkord seines Schaffens sollte ihn nun mit der Person in Widerspruch bringen, die ihm damals am allernächsten stand: mit Charlotte von Kalb. Ihr hatte Jean Paul die der Vorrede angefügte Erzählung 450 »Mondfinsternis« übersandt in der Erwartung, daß gerade diese kleine Dichtung als Quintessenz seines Wesens sie aufs innigste berühren würde. Die »Woldemarin«, wie Jean Paul sie nach Jacobis Roman zu bezeichnen pflegte, empörte sich gegen das Gebot der Keuschheit, das hier erhoben wird. Sie schwieg einige Monate lang, um im Oktober endlich ihren stürmischen Gefühlen Worte zu geben: »Das Ködern mit dem Verführen! Ach, ich bitte, verschonen Sie die armen Dinger und ängstigen Sie ihr Herz und ihr Gewissen nicht noch mehr! Die Natur ist schon genug gesteinigt. Ich ändere mich nie in meiner Denkart über diesen Gegenstand. Ich verstehe diese Tugend nicht und kann um ihretwillen keinen heiligsprechen. Die Religion hier auf Erden ist nichts anderes als die Erhaltung und Entwickelung der Kräfte und Anlagen, die unser Wesen erhalten hat. Keinen Zwang soll das Geschöpf dulden, aber auch keine ungerechte Resignation. Immer lasse der kühnen, kräftigen, reifen, ihrer Kraft sich bewußten und ihre Kraft brauchenden Menschheit ihren Willen; aber die Menschheit und unser Geschlecht ist elend und jämmerlich! Alle unsere Gesetze sind Folgen der elendesten Armseligkeit und Bedürfnisse, und selten der Klugheit. Liebe bedürfte keines Gesetzes. Die Natur will, daß wir Mütter werden sollen; – vielleicht nur, damit wir, wie einige meinen, Euer Geschlecht fortpflanzen! Dazu dürfen wir nicht warten, bis ein Seraph kommt – sonst ginge die Welt unter. Und was sind unsere stillen, armen, gottesfürchtigen Ehen? – Ich sage mit Goethe und mehr als Goethe: unter Millionen ist nicht Einer, der nicht in der Umarmung die Braut bestiehlt.« Einen solchen elementaren Ausbruch einer titanischen Weibsnatur hatte Jean Paul nicht erwartet. Von dieser Seite glaubte er an unbedingte Zustimmung zu allem, was ihm 451 aus der Seele kam. Diese Frau aber wollte ihr Schicksal. Zum erstenmal kam er mit ihrer Titanennatur in unmittelbare Berührung, und dieser bloße Brief Charlottens mußte den immer gehegten Plan zu dem »Titan« wieder ein Stück vorwärtsstoßen. Wie Titanen waren ihm Goethe und Schiller erschienen, Engel »mit dem Keime des Abfalls« im Antlitz. Ihnen zur Seite trat jetzt die titanische Frau, die ihrem Schicksal und dem Manne erliegen will. »Die Natur will, daß wir Mütter werden!« hatte sie ihm zugerufen. »Ich verstehe diese Tugend nicht und kann um ihretwillen keinen heiligsprechen!« Auch um eine solche Weibnatur mußte der Roman sich drehen, um eine Frau, die an der Überkraft ihrer Genialität und Phantasie erliegt. Auch diesem Geschlecht war der Spiegel vorzuhalten. Auch in seinen weiblichen Trägern der Handlung mußte aus dem »Titan« ein »Anti-Titan« werden. Charlottens Brief schuf die Gestalt der Titanide Linda, die im Roman an ihrer Überkraft zugrunde geht. »Ich habe der Kalb die ›Mondfinsternis‹ aus der Vorrede geschickt«, schreibt Jean Paul unmittelbar nach dem Empfang ihres Briefes an Otto. »Hier in diesem Briefe ist ihre ganze exzentrische Kraft. Aber über ihr Einmengen in mein ästhetisches Leben will ich ihr einmal für immer die entschiedenste Meinung sagen.« Es dauerte lange, ehe sich das alte Verhältnis mit Charlotte wiederherstellte. Inzwischen ging ein neuer weiblicher Stern am Himmel Jean Pauls auf. Julie von Krüdner, damals im ganzen Zauber ihrer reifen Jugend stehend, hatte sich von ihrem Gatten, dem russischen Gesandten am Kopenhagener Hofe, scheiden lassen. Im August 1796 besuchte sie, 32 Jahre alt, den Dichter in Hof, vielleicht eine der merkwürdigsten Personen, die ihm auf seinem Lebenswege begegnet sind. Julie von Krüdner kannte alle Welt. Mit fast allen Größen der Zeit ist sie befreundet 452 gewesen. Eine fast welthistorische Rolle spielte sie später als Freundin und Beraterin des russischen Kaisers Alexander in den Befreiungskriegen, dessen religiöse Schwärmerei zum großen Teil auf ihren Einfluß zurückzuführen ist. An ihrem Leben wird besonders deutlich, wie der Sturm und Drang des 18. Jahrhunderts sich allmählich in den Geist der Heiligen Allianz umwandelte. Noch vor Ausbruch der Befreiungskriege spielte sie in Königsberg, in den Kreisen um Max von Schenkendorff, eine bedeutende Rolle, auch hier schon ganz Schwärmerin und Theosophin geworden, wie sie denn als christliche Bekehrerin durch die Lande reiste, bis sie endlich den russischen Kaiser in ihre mystisch schwärmerische Welt einspann. Eine Zeitgenossin nennt sie eine Madonna, eine Mater dolorosa . Sie wäre keine Schönheit, aber schön. Sie bewundert ihre ätherisch schlanke, wunderliebliche Gestalt voll Musik in allen ihren Bewegungen, ihr lockiges Haar, das feine Oval des Gesichts, oder »was immer sonst Holdseliges und Inniges in Schmerz und Liebe verklärt hienieden geblüht«. Kein Wunder, daß diese Frau auf Jean Paul den allerstärksten Eindruck machte. Eine Seele, wie er sie kaum im Pantheon seiner Ideale gesehen, schreibt er über sie an den Freund Oerthel. Er schreibt ihr Briefe voll schwärmerischer Entzückung. Sein Traum von Frauentugend ist wahr geworden. Sie kennt nur das Bedürfnis, Wahrheit zu hören und besser zu werden, fühlt das heiße Verlangen, Menschenglück zu fördern. Aufs wärmste empfiehlt er Julie nach Weimar an Karoline Herder. Oerthel warnt vor ihr. Aber nach dem Wiedersehen in Baireuth schreibt ihm Jean Paul: »Du hast Deinen Prozeß gegen die Krüdner verloren. Ich blätterte zwei Abende in ihrem Herzen. Den ersten warfst Du noch immer Schneeballen in mein Altarfeuer. Den zweiten sah ich die idealische Seele . . . Lasse mich nichts mehr sagen, sie hat meine 453 Seele erobert, ich sehe ihre Sonnen- und Sommerflecken des Weltlebens, ihre übertriebene Selbstachtung, ihre weiblichen Niederlagen, aber ich sehe auch den fliegenden glühenden Geist.« Von Baireuth fuhr sie nach der Schweiz. Die beiden sollten sich erst Jahre darauf in Berlin wiedersehen. Sie schreiben sich Briefe, wie damals alle Welt durch einen regen Briefwechsel miteinander verbunden ist. Wilhelmine von Kropff, Charlotte von Kalb, Julie von Krüdner, dazu die alten Hofer Freundinnen, die noch immer ihre Rechte auf den Jugendfreund geltend machten, ja damals erst die schönsten und zartesten Briefe von ihm empfingen, – eine Inanspruchnahme des Gefühls, die den Strom des Schaffens notwendig zurückdrängen mußte. Noch immer war er an die eigentliche Arbeit des »Titan« nicht herangegangen. Erst wollte er Eindrücke sammeln und selbst die Lebensstufen erreichen, die er seinen Helden in diesem »Kardinalwerk« hinanzuführen beabsichtigte. Über den vielfachen Beziehungen seines Lebens, die so plötzlich von ihm Besitz ergriffen hatten, dürfen wir den unentwegt feststehenden Plan seines größten Romanes nicht ganz aus dem Auge verlieren. In seinen Erlebnissen wuchs das Werk immer unsichtbar weiter. Der Gang seines Lebens entspricht dem Gang des Romans. In gewissem Sinne war es der Plan der »Unsichtbaren Loge«, der hier wieder aufgenommen wurde. Auch damals sollte der Held über eine Periode sentimentaler Schwärmerei und romantischer Liebe zu den höchsten menschlichen Aufgaben hingeführt werden. Jean Paul hatte nur den ersten Teil vollendet, nur die Geschichte dieser ersten schwärmerischen Liebe gegeben, nicht mehr den notwendigen Untergang der Heldin und das Emporsteigen des Helden auf eine höhere Ebene, obwohl auch das wohl schon in dem Plan des Romans gelegen hatte. Jetzt erst, nach den Eindrücken in 454 Weimar und der Freundschaft mit den Titanidennaturen Charlottens und Juliens, war es ihm möglich, diese nächste höhere Durchgangsstation näher zu bestimmen: Der Held mußte auch durch eine titanische Epoche hindurch, an titanischen Gestalten sich abklären. Der erste Teil des »Titans« konnte ungefähr dem Verlauf des »Hesperus« entsprechen. Dann aber mußten die Eindrücke der Weimarer Reise und der neuen Bekanntschaften bestimmend hervortreten, der Held seine Titanide finden. Aber auch die Verbindung mit ihr konnte nichts Endgültiges sein. Bei dem Standpunkt jenes angeführten Briefes von Charlotte von Kalb konnte Jean Paul nicht haltmachen. Auch die Titanide, die in frevelnder Überhebung die Gesetze der menschlichen und göttlichen Satzung übertritt, auch sie muß zugrunde gehen, und erst eine dritte Verbindung, dem ersten Ideal wieder verwandt (wie Liane und Idoine sich gleichen), dürfte als endgültig angesehen werden. Genau die gleichen Stufen, wie Jean Pauls eigenes Leben sie hintereinander zurücklegte. Zuerst die Verbindung mit den Höfer Freundinnen Renate, Amöne und Karoline. Sodann sein Verkehr mit den Titanengestalten wie Charlotte von Kalb und Julie von Krüdner. Darüber suchte er nach etwas Höherem: einer Verbindung, die in gewissem Sinne wieder an seine Höfer Verhältnisse anknüpfte aber, kräftiger und bedeutender als sie, auch über sie hinausragte. So arbeitete er sich durch die titanischen Frauengestalten, die seine Person in eigentümlich magischer Weise anzog, hindurch, um sich schließlich mit seiner Heirat in den bürgerlichen Kreisen endgültig festzusetzen.   Vor der Reise nach Weimar waren die Schläge dicht hintereinandergefallen. Nur wenige Jahre hatten die »Unsichtbare Loge« mit dem »Wuz«, hatten den »Hesperus«, den 455 »Quintus Fixlein«, den »Siebenkäs« gereift. In den »Biographischen Belustigungen« hatte sich der reiche Strom zum erstenmal in Beiwerk vergeudet. Die »Geschichte der Vorrede« war nach Weimar ein verheißungsvoller Auftakt gewesen. Man hätte erwarten können, daß der »Titan« in einem oder spätestens zwei Jahren folgte und zu neuen großartigen Schöpfungen überleitete. Aber es war nicht der Fall. Ein großer Teil der produktiven Kraft wurde durch die geradezu beispiellose Korrespondenz aufgesogen, die ihre Fäden über ganz Deutschland und in die verschiedensten Schichten hinzog. Dazu kam die Bearbeitung des »Hesperus«, des »Quintus Fixlein«, von denen Neuauflagen nötig wurden. Jean Paul feilte und besserte mit aller Kraft an ihnen. Er mochte das Gefühl haben, daß, was im ersten Ansturm Deutschland erobert hatte, einer späteren Kritik nicht standhalten würde, und fühlte den vorhandenen Werken gegenüber die Verpflichtung, sie gegen alle Stürme der Zeit zu sichern. Man kann nicht leugnen, daß seine Verbesserungen durchgreifend und wirklich Verbesserungen waren. Aber es bedeutete doch bereits ein Rückwärtsschauen, daß er sich mit 33 Jahren die Zeit zu Arbeiten nahm, die bei andern großen Dichtern erst die Altersjahre erfüllen. Vielleicht glaubte Jean Paul, daß er mit dem »Titan« einen unübersteigbaren Gipfelpunkt erklimmen würde, über den es kein Hinaus mehr gab, und vielleicht wollte er dieses wichtige Werk so spät wie möglich in sein Leben hineintreiben. Jedenfalls ist es auffallend, wie er immer wieder dem Beginn dieser Arbeit ausweicht und andere Pläne sich dazwischenschieben läßt. Für alle diese Arbeiten, in die er gewissermaßen vor dem »Titan« hineinflüchtet, sei vorweg bemerkt, daß sie, wie alles, was er seit der »Unsichtbaren Loge« schrieb, reich an überwältigenden Schönheiten sind. Er hat eine Beherrschung der 456 Sprache erlangt, die für seine Zeit einzigartig ist, und in alle Partien bis in die kleinsten Metaphern hinein entlud er die Glut und große Liebe seines Herzens. Wie ein gewaltiger Strom rauscht auch diese Nebenproduktion dahin, und doch fehlt allen diesen Arbeiten etwas, das erst seine großen Werke geben: die einmalige große Konzeption, das Gerinnen eines Lebensabschnitts zum abgeschlossenen, gerundeten Werk. Das zu betonen, ist gerade heute wichtig, da man auf das Stilgeschichtliche und Typische einen durchaus gerechtfertigten, aber vielleicht doch allzu ausschließlichen Wert legt. Es sind die großen Werke, die das Profil eines Künstlers umreißen und die die Stufen seines Erlebens sichtbar machen. So bedeutet es für den Lebensabschnitt des Dichters keinen Fortschritt, daß seine Produktion nach allen Richtungen hin ausgreift und die Sammlung zum geschlossenen Werk vermissen läßt. Ebensowenig als es einen Gewinn bedeutet, wenn von jetzt ab jeder persönliche Einfluß, der ihm kommt, durch eine ganze Reihe von Personen ausgeübt wird. Die eine Charlotte von Kalb hätte ihm sicherlich mehr gegeben als die lange Reihe seiner adligen Anbeterinnen, die sich fortgesetzt verlängern sollte. Das erste der kleineren Werke, wie sie jetzt in bunter Fülle entstehen, ist der »Jubelsenior«, den er im Herbst 1796 ausarbeitete. Wiederum sucht er hier die Idylle des deutschen Pfarrhauses darzustellen, nicht ganz unbeeinflußt von Vossens »Luise«, die er kurz vorher gelesen hatte. Wenn er in den letzten Werken die gerade Linie einzuhalten versucht hatte, so überschlug er sich jetzt förmlich in Einschiebseln und Unterbrechungen, von denen jede bedeutend ist und die man doch im Ganzen lieber missen würde. Bei dem Helden der Idylle, dem Senior von Neulandpreis, hat Jean Paul vielleicht ein wenig an Herder gedacht. Fünfzigjähriges Amtsjubiläum und zugleich 457 das Fest der fünfzigjährigen Ehe (hier entgegen unserm Sprachgebrauch als »Silberhochzeit« bezeichnet) stehen bevor. Das Zusammentreffen der beiden Jubiläen umreißt mit einem Schlage das rührende Leben des Seniors. Sein Lieblingswunsch, seinen Sohn Ingenuin als seinen Nachfolger zu begrüßen, scheint ebenfalls in Erfüllung zu gehen, denn nur wenige Wochen vor der Jubelfeier bringt der Konsistorialbote die lange erhoffte Vokation. Aber noch mehr häufen sich die Freudenfeste. Alithea, die Pflegetochter des Hauses, verrät, daß sie an Ingenuin ein mehr als geschwisterliches Interesse nimmt. In herrlicher, überquellender Hesperusstimmung offenbaren die beiden Liebenden unter den Birken des nahen Hügels einander ihr Herz. Zum Unglück stellt es sich jetzt heraus, daß der Konsistorialbote ein Betrüger war. In der Not wendet man sich an das ältliche Fräulein von Sackenbach, die einst Hofdame am Flachsenfingenschen Hofe war, sich dort in den Maître de plaisirs , einen Herrn von Esenbeck, verliebt hatte, von ihm aber im Stich gelassen war. Dieses ältliche Mädchen auf dem nahen Schlosse geht man um Hilfe an. Das Fräulein ist von der Not des liebenden Paares erschüttert und bittet ihren ungetreuen Liebhaber, sich beim Fürsten für Ingenuin zu verwenden. Jetzt tritt wie im »Quintus Fixlein« Jean Paul selbst auf den Plan. In langen Szenen, denen man eine verstaubte Rokoko-Sentimentalität nicht absprechen kann, bewegen sich das ältliche Fräulein und der Hofmann umeinander. Der Schluß steht wieder auf der Höhe Jean Paulscher Darstellung. Vor uns entrollen sich die Bilder des glücklichen Familienlebens. In prachtvoller Steigerung ersteht vor uns der Kirchgang des jungen Paares. Ergreifende Töne über das unglückliche Schicksal des armen verlassenen und unvermählt gebliebenen Fräuleins werden angeschlagen. Dieses vom 458 Leben übergangene Dasein steht als traurige Folie hinter dem Festjubel im Pfarrhaus. Den Höhepunkt bildet das Festmahl. Die Hochzeiten des Schulmeisterleins Maria Wuz und Fixleins stehen vor uns auf mit ihren so belanglosen und doch so köstlichen Entzückungen. Ein »Appendix des Appendix«, »meine Christnacht«, schlägt die uns bereits bekannten Töne über das Elend der »befrachteten, gekrümmten Schulleute« und die Seligkeit entschwundener Jugend an, »wo die Wirklichkeit größer und lichter war als der gedrückte enge Wunsch in der Kinderbrust«. Fast programmatisch steht diese kleine Dichtung in dem Durcheinander der Nachweimarer Zeit. Jean Paul wollte durchaus das, was in ihm durch den Verkehr mit den Titanen beiderlei Geschlechts aufgewühlt war, getrennt halten von seinem eigenen Lebensgebiet. »Erst im ›Titan‹ spielet meine biographische Truppe wieder auf dem kalten Montblanc der vornehmen Welt«, schrieb er an Charlotte. In Erkenntnis des untergeordneten Charakters der vorliegenden Idylle nannte er sie mit Absicht nicht »Biographie« wie seine Romane, sondern bezeichnete sie nur als »Appendix«. Gab die kleine Arbeit auch nicht einem seiner bekannten Verleger, sondern dem Leipziger Buchhändler Beygang, der ihn durch Vermittelung Oerthels um ein Buch gebeten hatte. Obwohl sich Jean Paul darüber klar war, es hier nur mit einer Nebenarbeit zu tun zu haben, die hauptsächlich das Lesepublikum in Spannung auf seinen »Titan« erhalten sollte, ließ er doch sein volles Herz in die kleine Dichtung einströmen. »Großer Genius der Liebe!« spricht er angesichts des unbeholfenen jungen Paares, »ich achte dein heiliges Herz, in welcher toten oder lebendigen Sprache, mit welcher Zunge, mit der feurigen Engelszunge oder mit einer schweren es auch spreche; und ich will dich nie verkennen, du magst 459 wohnen im engen Alpental oder in der Schottenhütte oder mitten im Glanze der Welt, und du magst den Menschen Frühlinge schenken oder hohe Irrtümer oder einen kleinen Wunsch, oder ihnen Alles, Alles nehmen!« Schon Ludwig Börne hob diese Stelle als einen vom Dichter sich selbst geleisteten Schwur heraus, dem er nie untreu geworden wäre. Meisterhaft ist auch die Schilderung komischer Situationen, die zu reizvollen Genrebildern geballt sind. Man braucht nur an jene Szene zu denken, als der Verführer Esenbeck während des langen Kirchenliedes bei Alithea im Pfarrhause ist und die Zeit, die ihm für das Zusammensein mit dem schönen, unschuldigen Kinde bleibt, nach den durch das Fenster herübertönenden Strophen des Kirchenliedes berechnet. Entzückend sind auch die zahlreichen selbstbiographischen Stellen, so wenn Ingenuin die Rezension seines Buches, das er als »heterodox« vor dem Vater verbergen muß, immer wieder unterbrochen zu Ende liest. Hier bringt Jean Paul die Rezension über seinen »Hesperus« in der Allgemeinen Literaturzeitung hinein, die für Goethe der Anlaß zu jenem dritten von uns mitgeteilten Xenion wurde. Für seine damaligen Leser außerordentlich interessant mußten auch seine »Zirkel- oder Hirtenbriefe« sein, in denen er in den damals tobenden Streit über die kritische Philosophie eingreift. Wie in der »Geschichte der Vorrede« verheißt er auch hier bereits »kritische Briefe über den Humor, den Witz, den Roman und die Satire«, ein Versprechen, das er später durch seine »Vorschule der Ästhetik« weit überholen sollte. Seine Theatereindrücke in Weimar, wo er zum erstenmal einer richtigen Aufführung beigewohnt hatte, führten zu dem Einschiebsel »Gravamina der deutschen Schauspielergesellschaften, die mörderischen Nachstellungen der deutschen Tragiker betreffend«, zu dem es in der »Supplik der Schikanederschen Truppe« in 460 der Kreuzerkomödie bereits eine Vorstufe gab. In der satirischen Einkleidung verbirgt sich eine durchaus ernsthafte Abhandlung. Schon dieser flüchtige Überblick zeigt, welche Fülle von Gedanken und Eindrücken in diese kleine Dichtung hineingearbeitet worden ist, und sie war auch keineswegs von seinem persönlichen Erleben losgelöst. Schon der Schlußausruf des Buches: »Freiheit, ferner Freiheit, endlich Freiheit!« gibt seine damalige Grundstimmung wieder, die von den unglücklichen Koalitionskriegen gegen das revolutionäre Frankreich bestimmt ist. Tiefer aber noch greift der Gegensatz zwischen dem armen Schloßfräulein und dem glücklichen Liebespaar in seine Vergangenheit. Gerade angesichts der günstigen Wendung, die sein Leben genommen hatte, kehrten seine Gedanken immer wieder zu den trüben Tagen des Elends zurück. Gerade damals schrieb er an Oerthel, alle die alten Qualen von neuem aufrührend: »Ich wollte Dir noch viel sagen, zum Beispiel, daß ich Hof und meiner Lage nichts zu verdanken hatte als Härte, daß ich hier die ersten zehn Jahre ganz allein und verachtet – nur meine Ottos ausgenommen, wovon mich besonders Christian vor 10 Jahren behandelt wie jetzt – lebte, daß kein Mädgen mich ansah, daß ich überall Haß, zumal im Heroldschen Hause fand, daß ich in Leipzig abends nie mehr zu essen hatte als für 6 Pfennige, daß ich in Hof samt meiner Mutter nichts zu essen immer zu fürchten hatte, und daß wir (aber sei Du die Göttin der Verschwiegenheit) vom Verkaufe alter Papiere für die Hofer zuletzt lebten – daß ich doch trotz der kalten literarischen Aufnahme meiner Satiren meinen Plan nicht änderte – daß ich unter Geizhälsen, Kleinstädtern stand, aber mein Herz nie beugen ließ – und daß ich doch, du gutes tröstendes Geschick, nie holdere, elysischere Tage 461 hatte (obwohl nur in meiner Brust und unter dem blauen Himmel) als damals. Die Augen treten mir über, welche vergebliche, nie gekannte Liebe damals in meinem jugendlichen Herzen verglühte und erstarb.« Dieser Brief kam nicht von ungefähr. Neben ihm stehen andere, in denen er auch den Freundinnen über alte Zeiten schreibt. Vielleicht hatte er, der alle empfangenen Briefe sorglich zu sammeln pflegte, alte Briefe an die Höfer Freundinnen wieder vorgenommen. Dann war ihm wohl auch jener an Helene Köhler aus dem Sommer 1792 in die Hände gefallen, in dem er ihr ihre Ehefeindschaft auszureden versuchte, fast mit den gleichen Worten, die er im »Jubelsenior« für das Leid des armen sitzengebliebenen Schloßfräuleins fand. Für Helene Köhler hatte er auch bereits in dem gleichen Sommer 1792 einen »Beweis für die Unsterblichkeit der Seele« niedergeschrieben. Auch an diese Gedankenskizze sollte er jetzt eine größere Arbeit anschließen, die ihn für den Rest des Winters beschäftigte. Es war »Das Kampanertal oder über die Unsterblichkeit der Seele«. Die kleine Dichtung, denn um eine solche und nicht um eine Abhandlung handelt es sich, führt uns in die französischen Pyrenäen, in das herrliche Tal des oberen Adour, das nach dem Marktflecken Kampan benannt ist. In diesem Naturparadies feiert Baron Wilhelmi seine Vermählung mit Gione. Nach der Trauung wandelt die Hochzeitsgesellschaft durch das Tal. Unter den Wandelnden befinden sich Jean Paul selbst, Giones Schwester Nardine, Jean Pauls Freund, der Titularrittmeister Karlson, der Hauskaplan und ein kritischer Philosoph. Schon in einem Briefe an Emanuel hatte Jean Paul den Gang seiner Gedanken angedeutet: »Gerade das Bessere im Menschen, das heißt sein Hunger nach einer hier unsichtbaren Tugend, Freude und Weisheit verbürgt ihm seine 462 Verpflanzung in eine reichere Welt.« Und genau so heißt es im Schluß der Gespräche über die Unsterblichkeit: »Die innere Welt in uns ist das Universum der Tugend, der Schönheit und der Wahrheit; sie ist aber nach keinem Vorbilde von uns erschaffen, sondern wir erkennen sie; sie braucht eine höhere Welt, als sich an einer Sonne wärmt, eine andere jenseits des Universums, eben diese aber ist unsere wahre Heimat, in welche wir nach dem Tode versetzt werden.« Schon dieser Gedanke zeigt, daß Jean Paul hier keineswegs daran denkt, in der kleinen Dichtung Philosophie zu treiben. Er will nicht durch Gründe überzeugen, sondern überreden, die in ihm wohnende Anschauung zum Erlebnis bringen. Es ist eine Schrift für Frauen, die von der wissenschaftlichen Philosophie nicht erfaßt, deren Zweifel von erkenntniskritischen Systemen nicht behoben werden. Jean Paul, für den die Unsterblichkeit der Grundakkord seines Lebens und Schaffens war, wußte aus seinem Verkehr mit zahlreichen Frauen, wie gerade in dieser wichtigsten aller Fragen Zweifel und Skrupel ein Menschenleben vergiften können, ohne daß die Schulphilosophie das erlösende Wort fände. Ja, im Grunde richtete sich die kleine Dichtung gerade gegen das Abstrakte und Abstruse des kantischen Denkens und der kantischen Schule, zu der Jean Paul jetzt mehr und mehr in Kampfstellung geraten sollte. Diese Stellungnahme gegen Kant, d. h. gegen eine Philosophie, die das ganze kommende Jahrhundert beherrschte, war im tiefsten Grunde auf den Einfluß Herders zurückzuführen. Nicht in dem Sinne, daß die Freundschaft mit Herder, dem alten Kantgegner, Jean Pauls Einstellung zu philosophischen Fragen bestimmt hätte, sondern es war Herder, der im Anschluß an seinen großen Lehrer Hamann das Erlebnis- und Wirklichkeitsfeindliche des kantischen Denkens herausgefühlt und 463 ihm die Totalität des ungebrochenen Lebensgefühls entgegengestellt hatte. Kant zerlegte den menschlichen Geist in Denken, Fühlen und Wollen. Aber nicht auf künstlich isolierte Geistesfunktionen glaubte Herder die Erkenntnis gründen zu dürfen, sondern allein auf den einheitlichen Geist und seine Erkenntniskraft. Und genau so ging Jean Paul in seiner Dichtung über die Unsterblichkeit der Seele nicht vom kritisch begrifflichen Denken aus, sondern von dem inneren Schauen des Menschen. Mochte diese Art dem ganzen neunzehnten Jahrhundert naiv und unwissenschaftlich erscheinen, wie ihm der ganze Gedankenbau Hamanns und Herders naiv und unwissenschaftlich erschien – Jean Paul tat doch nichts anderes, als den Sinn sprechen zu lassen, auf den alle großen Weltanschauungen gegründet sind: die intuitive Erkenntniskraft der Seele. Es ist bezeichnend für ihn, daß er gerade umgekehrt schloß, als es gewöhnlich geschieht. Er geht von dem Grunderlebnis aus, daß nicht die Seele abhängig vom Körperlichen ist, sondern umgekehrt der Seele eine die Materie aufbauende Kraft innewohnt. Er zeigt, wie der innere Mensch durch sein Wollen die Einwirkungen des Körpers zu überwinden vermag, wie ein zerstörter Körper durch eine ihm zugeführte frappante Idee auch in seinem zerstörten Geistesleben wieder hergestellt werden kann. Gerade das Dasein geistig freier und ausgebildeter Menschen mache die Idee gänzlicher Vernichtung unsinnig und widerlich, während man sonst eher geneigt ist, in der irdischen Hinfälligkeit und Trostlosigkeit auf den Ausgleich in einer höheren Welt zu schließen. Nicht aus Unzulänglichkeit und Verzweiflung läßt er die Notwendigkeit einer höheren Welt aufsteigen, sondern aus Schönheit und Kraft, und ganz für diese Anschauung bezeichnend ist der Beweis oder vielmehr nicht der Beweis – 464 denn zu beweisen lehnt er ja gerade ab –, sondern gewissermaßen die Versinnlichung dieser seiner Anschauung. Es verbreitet sich das Gerücht von dem Tode eines herrlichen, der Hochzeitsgesellschaft bekannten Menschen, einer körperlich schönen und geistig edlen Jungfrau. Als alle sie tot glauben, erscheint sie plötzlich selbst und überzeugt die Anwesenden durch ihre Erscheinung von dem Gräßlichen und Abscheulichen einer Vorstellung, die diese herrliche Bildung vernichtet denkt. Durch den schönsten Tag und das herrlichste Tal der Erde hat uns der Dichter hindurchgeführt. Am Abend besteigen Dichter und Heldin die Mongolfiere in überbrausendem Lebensgefühl, um den Sternen näher zu sein, die die Pyrenäen bekränzen. In diesem zauberischen Bilde das Vernichtungsgefühl der Kreatur in siegreicher Schönheit und Kraft überwindend. Der Schwerpunkt der kleinen Schrift aber liegt in der Überwindung des Kantianers, der in die Handlung eingeführt ist. Hier kommt der Denker Jean Paul zu Wort, der immer noch Dichter ist und den gerade deshalb sein Denken weiter trägt als den Schulphilosophen. Die »Clavis Fichtiana«, in der er einige Jahre später gegen die äußerste Zuspitzung des kantischen Systems polemisierte, ist hier bereits in nuce vorhanden. Diese immer mehr in den Vordergrund tretende Feindschaft gegen Kant und seine Schule ist für Jean Paul im höchsten Grade schicksalhaft. In dem Kantianismus hat er, gleich Hamann und Herder, eine größere Gefahr für die Zeit gesehen als in jedem Un- oder Aberglauben, weil sie die Frage nach dem Ding an sich, d. h. nach der lebendigen Wirklichkeit an der Wurzel abschnitt. Das »Kampanertal« ist auf seltsame Weise verflochten mit einer andern Dichtung Jean Pauls, die zu seinen abruptesten 465 und willkürlichsten gehört: der »Erklärung der Holzschnitte unter den zehn Geboten des Katechismus«. An den Holzschnitten zu den zehn Geboten in dem in Ansbach und Baireuth eingeführten kleinen Katechismus schildert er in humoristisch satirischer Form, offenbar in Anlehnung an die Lichtenbergschen Erklärungen zu Hogarths Holzschnitten, die Beförderung eines Salzrevisors (man denkt an Reichardts Besuch) zum Bettmeister. In einer späteren Periode hat der Dichter im »Leben Fibels« diesen Gedanken wieder aufgenommen, indem er der in den Baireuther Schulen eingeführten Schulfibel einen Verfasser unterlegte und dessen Leben humoristisch und dichterisch abwandelte. In der Erklärung der Holzschnitte wollte er wohl zunächst den sinnlosen Religionsunterricht geißeln, wie er damals an den Schulen gehandhabt wurde. Die Holzschnitte stellen die Verbrechen dar, gegen die die Gebote sich wenden. Sie sollten abschrecken, verführten aber durch die sinnliche Darstellung geradezu zu ihrer Übertretung. Gleichzeitig konnte er in der Satire seine gegnerischen Kunst- und Bilderdiener polemisch geißeln, wie es bereits in der »Geschichte meiner Vorrede« geschehen war. Auch hier erscheint wiederum der Kunstrat Fraischdörfer, und wie dieser auch hier wieder als Verkörperung der Weimarer Kunstanschauungen fungiert, zeigt der fingierte Hinweis, daß er die Erklärungen zu den Holzschnitten in Weimar erhalten habe. Im Ganzen völlig verfehlt, enthält die kleine Schrift doch eine Menge vortrefflicher Einzelheiten, die gerade auf dem Gebiet der politischen Satire liegen. »Das Ganze ist ein flüchtiger Spaß, ein Vehikel von Einfällen, keine Biographie«, schrieb Jean Paul an Otto. »In das öde katechetische Bilderkabinett ist keine biographische Succession zu bringen, außer wenn man, wie du rätst, die zehn Bilder bloß so unzusammenhängend gebraucht wie die 466 Romanciers die chodowieckischen.« Wie man sieht, war der Dichter selbst dieser Arbeit bald überdrüssig. Er gab das Buch dem Geraer Verleger Hennings, der ihm durch Spangenberg empfohlen war.   Das »Kampanertal«, für die Zweifel zarter weiblicher Wesen zunächst gedacht, wurde sehr rasch zum Lieblingsbuch seiner Verehrerinnen, deren Schar immer noch wuchs. Ein derartiges Ausgeben des Gefühls in einen umfangreichen Briefwechsel, ein derartiges Fortschenken persönlicher Energien an so zahlreiche Persönlichkeiten, von denen eine oder zwei genügt hätten, um dem Dichter das Erlebnis der großen Welt zuzuführen, konnte natürlich für Jean Pauls Produktion nicht günstig sein. Wenn er dennoch fortgesetzt neue Damen der großen Welt an sich heranzog und sich ihnen widmete, mußte ein Erlebnis besonderer Art dahinterstecken. Schon der Leipziger Student hatte diese Hinneigung zur eleganten Welt. Wenn er seitenlange Beschreibungen des Pariser Gesellschaftslebens aus Rousseaus Schriften auszog, wenn er immer wieder Versuche machte, in der Leipziger Gesellschaft festen Fuß zu fassen, wenn es ihn ganz offensichtlich immer wieder zu dem Verkehr mit adligen Personen drängte, so war das nicht nur eine Reaktion auf seine untergeordnete gesellschaftliche Stellung, sondern mehr. Es hing mit seiner Auffassung des Dichterberufs zusammen. In ihm lag die Anschauung, daß der Sänger nicht nur mit dem König gehen solle, sondern selbst eine Art Herrscher ist. Ja man kann geradezu sagen, daß in diesen Seiten Jean Pauls ein verdrängtes Wunschbild der eigenen Person durchbricht. Im Schluß des »Hesperus« läßt er sich selbst als Prinz offenbar werden und führt diese, vielleicht nur anscheinend satirisch aufgefaßte Rolle auch in 467 den nächsten Werken fort. Als Prinz erscheint er in den »Biographischen Belustigungen«, und im »Titan« läßt er seinen Lieblingshelden Albano auf den Thron gelangen. Einen Thron konnte Jean Paul nun freilich für seine Person nicht erringen, aber einzelne Embleme des Herrscherberufs waren ihm zugänglich, und diese ergriff er in voller Freude über das Erreichte. Ein Psychoanalytiker würde vielleicht sein Spielen mit Potentatenbildern in früher Kindheit zur Stützung dieser Auffassung heranziehen können. Auch die überragende Stellung des Vaters, der immer der Erste, wenn auch nur in Wunsiedel, Joditz oder Schwarzenbach war, mochte in diesen Königsträumen weiterschwingen. Im Schaffen entlud sich dieses verdrängte Wunschbild keineswegs ganz glücklich etwa im Schluß des »Hesperus«. Im Leben setzte es sich in ein eigentümliches Repräsentationsbedürfnis um. Wer Jean Pauls Haltung seit seinen großen Erfolgen aufmerksam beobachtet, der fühlt es deutlich, daß er nicht nur das Bedürfnis, sondern geradezu die Pflicht empfindet, zu repräsentieren. Das tritt nicht allein in seinem Verkehr mit den adligen Anbeterinnen seiner Person und seiner Werke hervor, sondern selbst gegenüber seinem Werk, soweit es damals vorhanden ist. In seinen Romanen hatte er eine Welt ins Leben gerufen, seine Helden und Heldinnen waren gewissermaßen seine Vasallen. Immer wieder läßt er sie in neuen Werken auftreten. Der Hofstaat von Flachsenfingen ist gewissermaßen sein eigener Hof, der immer wieder in Erscheinung tritt, genau wie seine eigene Person immer wieder als Deus ex machina in seinen Arbeiten auftaucht. Die hochgestellten Personen, die ihm begegnen, sind gewissermaßen Figuren seiner Werke. Er empfindet eine lebhafte Freude daran, wenn Wilhelmine von Kropff sich als Klothilde bezeichnet. Wo die ihm bekannten Damen der großen 468 Welt noch nicht als Individuum oder als Charakter in seinen Werken vorhanden sind, wie Charlotte von Kalb, da wird er sie bei der nächsten Gelegenheit seinem Werk einverleiben. Er ist es gewohnt, über Minister und Kammerherren in seinen Romanen zu verfügen. So müssen sie auch in seinem Leben dastehen. Er wird mit dem Regierungspräsidenten von Völderndorf befreundet und faßt ihn sofort als Typus eines idealen Staatsmannes in sein Leben ein, wie er es in der Folgezeit noch mit mehreren machte. Er scheut keine Mühe, alle Personen der herrschenden Kaste an sich heranzuziehen und zu halten. Unter dem ausgebreiteten Briefwechsel leidet seine Produktion, und doch führt er ihn fort, zum Teil mit Personen, die er nicht gesehen hat oder denen er erst in Jahren wieder flüchtig begegnen wird. Es ist kein Zweifel, daß das verdrängte Wunschbild des Herrschers von ihm seit der Weimarer Reise mehr und mehr Besitz ergreift und daß ein großer Teil seiner Arbeitsenergien in die Scheinbefriedigung dieses Wunschbildes abströmt. Aber die Psychoanalyse rührt doch nur an den mechanischen Ablauf der äußeren Maschinerie der Triebe, nicht an den Kern der metaphysischen Persönlichkeit. Gewiß können wir mit ihrer Methode die Entwickelung Jean Pauls auf einige interessante Formeln bringen, aber in Wirklichkeit wurde doch die Erscheinung Jean Pauls aus tieferen Gründen als aus seinem Triebleben gespeist. Mochte ein verdrängtes Wunschbild der eigenen Person einige Seiten seiner Dichtung schärfer hervorkehren, so war es doch ein metaphysisch bestimmtes Idealbild, das er der deutschen Jugend vorhalten wollte, wenn er seine Helden zur höchsten menschlichen Aufgabe: zum Herrscherberuf, hinanführte. Und die jahrelange Entspannung nach dem Weimarer Aufenthalt war ein notwendiger Rückschlag nach der gesteigerten Produktion der 469 letzten Jahre. Wohl hatte er ein erobertes Reich zu repräsentieren und auszubauen, aber zugleich legte er in diesen Jahren, da er nach allen Richtungen hin die Fäden spann, den Grund zu seiner größten und umfassendsten Dichtung. Aber viel mehr noch: alles, was er bis dahin geschaffen hatte, stand ja nicht um seiner selbst willen da. Immer wieder betonte er es, und zuletzt noch in seiner großartigen Apostrophe zu dem Geist der Liebe im »Jubelsenior«, daß er mehr und Höheres erstrebte als nur Dichterwerk, daß er Menschen erlösen und Leid mindern wollte. Noch eben hatte das »Kampanertal« ganz im Dienst dieser Aufgabe gestanden. Mochten sich vorwiegend Frauen der Adelsklasse an ihn herandrängen, auch sie brauchten ihn und bedurften seines klärenden Wortes und seiner lösenden Persönlichkeit. Für die alten Höfer Freundinnen sorgte er nicht weniger als für diese entfesselten Naturen. Auch der Barbiergehilfe Roltsch hatte ja nicht vergeblich an ihn geschrieben, und er erlebte wohl überhaupt die größte Freude, wenn Mühselige und Beladene ihm nahten. Ein Konrektor Fischer überbrachte ihm ein zerlesenes Exemplar des »Hesperus«, das drei Gefangenen auf den preußischen Festungen Glatz, Spandau und Magdeburg, Namens Leipziger, Contessa und Serboni, Stunden der Tröstung und Rührung verschafft hatte. Ein Königsberger Ehepaar, das das einzige Kind verloren hatte, bat ihn um ein Wort des Trostes und schrieb, daß sie schon während des Schreibens an ihn und in der Aussicht auf den Empfang eines Blättchens von seiner Hand sich unendlich beruhigt fühlten. Für ein von einem Soldaten des Herrn von Kropff verführtes Mädchen verwandte er sich und erwirkte wenigstens die Zahlung von Alimenten. Das alles geschah im Sinne seines Dichtertums, wie er es erstrebte. Zum inneren Erlebnis hätte er der Fülle seiner ganzen Beziehungen nicht 470 bedurft, ja er war sich darüber vollkommen klar, daß er durch diese persönliche Inanspruchnahme auch von seiner Arbeitskraft opferte. Dennoch gab er sich immer wieder hin, eine höhere Mission in sich fühlend als eine bloß literarische. Durch Julie von Krüdner hatte er ihre Freundin Henriette von Schuckmann, die Schwester des späteren preußischen Ministers, kennengelernt. War es zunächst nur die Verehrung der gemeinsamen Freundin, die die beiden zusammenführte, so knüpfen sich doch bald auch starke persönliche Verbindungen an. Henriette war eines jener unglücklichen alternden Mädchen, wie Jean Paul gerade eines im »Jubelsenior« dargestellt hatte. Auch ihr, da sie zu ihrem sterbenden Vater nach Mecklenburg fahren mußte, sandte der Dichter Briefe voll erhebenden Trostes. Auch dieser Briefwechsel zog sich durch einige Jahre hindurch. Die bedeutendste und einschneidenste Freundschaft war aber die mit Emilie von Berlepsch. Jean Paul hatte gerade mit der Ausarbeitung des »Titan« begonnen, als diese neue Freundin dazwischenfuhr. Anfang Juli 1797 traf Emilie in Hof ein. In Weimar hatte sie mit der Herzogin Amalie wie mit Herders freundschaftlich verkehrt und unter lebhafter Zustimmung namentlich Herders Dramen und andere Dichtungen von sich vorgelesen. Das gleiche hatte sie in Göttingen getan. Von Karoline Böhmer, der späteren Gattin A. W. Schlegels und Schellings, haben wir einen Bericht über ihr dortiges Auftreten. Karoline spottet darin, daß sie für ihre Vorlesungen junge Herren werbe und die alten mit aristokratischen Zauberkünsten zwinge. Auch über ihre »Elisabethstracht aus dem Carlos« spottet sie. An diesem Spott mochte manches berechtigt erscheinen. Emilie von Berlepsch hatte bereits eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Im Jahre 1755 geboren, war sie mit siebzehn Jahren mit dem hannöverschen Hofrichter und Landrat von Berlepsch 471 verheiratet worden. Die Ehe wurde sehr bald unglücklich. Den Sommer verbrachte Emilie regelmäßig auf Schloß Berlepsch, während ihr Gatte in Hannover wohnte, verbrauchte Unsummen Geldes und hatte für alle Schöngeister der Zeit stets ein offenes Haus, so daß schon damals Gerüchte über ihren Lebenswandel sich verbreiteten. Seit Anfang der neunziger Jahre befand sie sich regelmäßig auf Reisen, wurde jedoch erst 1797 von ihrem Gatten endgültig geschieden. Trotz der hämischen Urteile der Frau von Stein und anderer über sie muß der Zauber dieser Frau sehr stark gewesen sein. Jean Paul erlag ihm vollständig. Seine Mutter war gerade in dieser Zeit schwer erkrankt. »Jetzt geb' ich ihr mit Wissen des D. Rheinwein. Meine Sache ist jetzt, mehr für ihren Gaumen als Magen zu sorgen: denn ich errate das Schicksal«, schreibt er in diesen Tagen an Otto. Trotzdem widmete er seine ganze Zeit der neuen Freundin. Gerade für seinen »Titan« versprach er sich von diesem neuen Titanidenerlebnis Ungeheures. Trotz des bedenklichen Zustandes der Mutter reiste er zu Emilie, die nach Eger und Franzensbad gefahren war. Dort schreckte ihn schon am nächsten Tage die Nachricht vom Tode der Mutter empor. Er reiste nach Hof, um die beklagenswerte alte Frau, die gerade an der Schwelle einer besseren Zeit hinweggerafft wurde, zu begraben. Schwer lag es ihm auf der Seele, daß er, der allen zu helfen gewohnt war, gerade im Sterben die Mutter allein ließ. Und mit unendlicher Rührung erfüllte ihn ein kleines Büchlein, das er in ihrem Nachlaß fand. »Was ich ersponnen«, hatte die Mutter auf die Vorderseite geschrieben, und der Inhalt bestand aus der Aufzählung der wenigen Pfennige, die die ärmste durch Spinnen in der Zeit vom März 1793 bis zum September 1794 verdient hatte. Drei Tage lang nach dem Begräbnis trug er »dem Schmerze die schwersten Steuern« ab, 472 dann kehrte er nach Franzensbad zurück, um im Verkehr mit Emilie über den Verlust hinwegzukommen. »Du hast vielleicht schon gelesen,« schrieb er kurz darauf an Oerthel, »daß das Geschick meine gute Mutter, deren opferndes Herz ich ein wenig belohnen und erfreuen wollte, mit einer langsamen stumpfen Sense von meiner Seele und von diesem Leben abgeschnitten. Ach ich würd' ihr gern die Ruhe gönnen, hätte die Arme sie früher gehabt, ohne das Grab. Nunmehr ist Hof düster, eng und ein drückender umschließender Schacht für mich.« Mit der Mutter war der Faden durchgeschnitten, der ihn noch an Hof gefesselt hatte. Wohin sollte er nun seine Schritte lenken? Das Nächstliegende war Weimar, aber die dortigen Verhältnisse hatten sich immer trüber entwickelt. Herder hatte sich nach dem Bruch mit Goethe von aller Welt zurückgezogen, und vielleicht mochte Jean Paul sogar ein näheres Zusammensein mit dem verehrten Manne fürchten. Sicher ging er auch Goethe aus dem Wege, wenn er den Gedanken, nach Weimar zu ziehen, endgültig verwarf. In den letzten Monaten des Höfer Aufenthalts selbst setzte er sich noch einmal in einem Brief an Karoline Herder mit Goethe auseinander. Herders hatten ihm die dritte Sammlung der »Christlichen Schriften« übersandt. »Goethe dichtete früher so,« schrieb Jean Paul ihnen zurück;»aber nun liebt er den Stoff nirgends mehr als an seinem Leibe und quälet uns mit seinen ausgetrockneten Weisen à la grec . Ich hoff' es irgendwo einmal darzutun, daß wir das Maximum in den bildenden und zeichnenden Künsten, das erreichbar ist von Einem Volk und von Wenigen, mit dem Maximum der Dichtkunst vermengen, das die Kenntnisse und die Jahrhunderte erhöhen und erschweren müssen. Eine Apollos Gestalt ist für die Erde vollendet; aber kein Gedicht kann es sein, da unsere mit den 473 Jahrhunderten wachsende Rezeptivität wenigstens an den Stoff höhere Forderungen macht: unsere Augen bleiben für die Statuen, aber unsere Geister wachsen höhern Gedichten entgegen.« Auch Jean Paul wollte höhern Gedichten entgegenwachsen, als sie ihm noch in Hof werden konnten. Die Anläufe zum »Titan«, die aus den letzten Hofer Monaten stammen, mißglückten, wie er selbst bemerkte. Den Herbst hatte er für den Fortzug aus Hof und aus seiner Jugend festgesetzt. Seine Wahl fiel auf Leipzig. Das » Leipzig vult exspectari! «, das ihm so oft während seiner Studentenzeit in den Ohren geklungen hatte, wollte er noch einmal versuchen. Zudem mußte sein jüngster Bruder eine Universität besuchen, und welche andere konnte er dafür ausfindig machen als die, die ihn selbst so schwer enttäuscht hatte und die er nun noch einmal auf die Probe stellen wollte! Am 29. Oktober führte ihn der Wagen aus Hof und aus dem Lande seiner Jugend hinaus. 474   Wanderjahre Jean Paul war überzeugt, daß er nie wieder in die Gegend seiner Jugendjahre zurückkehren würde. Er nahm gründlich Abschied und besuchte sogar Frau von Plotho auf Zedtwitz. In Gera blieb er einen Tag. Es war der Erscheinungsort seiner »Teufelspapiere«. Merkwürdigerweise hatte ihm vor kurzem durch Spangenbergs Vermittelung wiederum ein Geraer Verleger den Vorschlag unterbreitet, dieses Buch, dessen erste Auflage längst zu Makulatur verarbeitet war, in zweiter Auflage herauszugeben. Mit dem Buchhändler Heinsius, der diesen kühnen Vorschlag gemacht hatte, besprach Jean Paul den Plan, den er bald in Leipzig in Angriff nehmen wollte. Nach Leipzig kam er diesmal nicht mehr als unbekannter Student. Seine Erscheinung bildete für die Stadt der Buchhändler eine Sensation. Zunächst stieg er bei Beygang, dem Verleger des »Jubelsenior« ab, bezog aber bald seine Wohnung, die ihm Freund Oerthel, wiederum in der Petersstraße, besorgt hatte. Abends besuchte er eines der berühmten Gewandhauskonzerte. Zum erstenmal in seinem Leben glaubte er Musik zu hören, so überwältigend war der Eindruck. Am nächsten Tag nahm er an einer Opernaufführung teil. Zehn Weimarer Bühnen gäbe er für diese Oper, schrieb er begeistert an Otto. Schon an dem ersten Abend bekam er einen Begriff davon, was ihn in Leipzig erwartete. »Wie dem Adam die Tiere« wurden ihm »die Leute präsentiert, aber bloß weil ich einen 475 Namen hatte.« »Noch um acht Uhr abends kam zu mir ein Mensch ohne Hut mit struppigem Haar, aphoristischer Stimme und Rede, frei und sonderbar: Thieriot, ein Violinist und Philolog, und schien ein Sonderling, weil er mich für einen hielt. Sein zweites Wort war: er bitte mich, das Logis zu verlassen, weil er mit mir unter einem Dache wohnen und öfter wiederkommen wolle, und fragte, wie ich an einen Ort ziehen könne, der mich nächstens langweilen würde.« Thieriot, der sich ein wenig stürmisch bei seinem Lieblingsdichter einführte, wurde im Laufe der Zeit beherrschter und ein wirklich guter Freund Jean Pauls. Aber er war nur eine der vielen Gestalten, die sich um den berühmten Mann drängten. Im Museum lernte er Schelling kennen, der ihm jedoch ebensowenig gefiel, wie die ganze »verfluchte philosophische Horde«. Leider scheint er sich mit dem jungen Genie, das bald darauf seinen ungeheuren Aufstieg als Philosoph der Romantik begann, nicht genügend eingelassen zu haben. Schellings Bekanntschaft mit den Brüdern Schlegel, die mehr und mehr das rote Tuch für ihn wurden, trug wohl erheblich zu seiner Abneigung bei. Die ihm am meisten befreundete Familie war naturgemäß zunächst die seines Freundes Oerthel, der in Belgershain ein schönes Landhaus bewohnte. Beiden Ehegatten war er bereits von Hof aus nähergetreten. Oerthel hatte sich Jean Pauls keusche Haltung und seelische Hoheit, wie er sie namentlich im »Hesperus« ausgedrückt fand, so zu eigen gemacht, daß er die bittersten Skrupel empfand, als er eine körperliche Liebe zu seiner damaligen Braut bei sich feststellen mußte. Jean Paul hatte den Freund mit liebendem Zartsinn getröstet und auch in andern diskreten Angelegenheiten des jungen Paares beraten und gedeutet. Kein Wunder, daß sich die junge Frau ihm mit besonderer Liebe 476 erschloß. Außer Oerthels waren es noch zwei Häuser, zu denen der junge Student einst vergeblich den Zugang gesucht hatte und die sich ihm nun mühelos auftaten: das des alten Steuereinnehmers Weiße, der ihm die ersten literarischen Ratschläge bei den »Grönländischen Prozessen« erteilt hatte, und seines einstigen Lehrers, des Philosophen Platner. Von Weißes ehrwürdiger Gestalt war er zunächst begeistert, aber bald fühlte er den Unterschied ihrer Anschauungen. Lieb blieb ihm Weißes schöne Tochter, und auch im Hause Platners, dessen unausstehliche Eitelkeit er bald bemerkte, waren es auf die Dauer die Töchter, die ihn immer wieder dorthin zogen. Kotzebue besuchte ihn und lud ihn zum Essen ein. »Wider mein Erwarten ist seine Rede schlaff, geistlos, ohne Umfassen, wie sein Auge; auf der andern Seite scheint er weniger boshaft zu sein, als fürchterlich schwach; das Gewissen findet in seinem Breiherzen keinen massiven Grund, um einzuhaken.« »Es übersteigt meine Federkraft, Dir ein räsonnierendes Verzeichnis meiner übrigen Bekannten zu geben. Eher die feinen, nicht überfüllten, etwas kostbaren und leckerhaften soupées möcht' ich Dir malen . . . Es ist seit der Neujahrsmesse, daß ich eine geräucherte Wurst kochen lasse (die nur in der Messe zu haben ist), um Abends, wenn ich einmal zu Hause soupierte, etwas zu haben. Noch liegt von der Wurst das volle Endchen und der Bindfaden auf dem Lager – nun schließe!« Dieses Schreiben stammte vom 21. Februar. Die Wurst hatte also anderthalb Monate überdauert. Mit einer neuen Menschenklasse wurde Jean Paul in Leipzig bekannt: dem reichen Kaufmannsstande. Mit Adel und kleinem Bürgertum hatte er Feste gefeiert und gelebt, aber der reiche Handelsstand war ihm bisher fremd geblieben. Es gelang ihm nicht sonderlich, sich in seine Art 477 hineinzufinden. Was ihm noch in den ersten Tagen als Kunstverständnis entgegengetreten war, zeigte sich bald als Achtung vor dem Erfolg und dem Namen, der seinen merkantilen Wert hatte. Die Festessen der großen Buchhändler entbehrten für ihn des menschlich festlichen Grundes und der geistigen Haltung. Das machte sich bald störend bemerkbar und war wohl der eigentliche Grund, der ihn bald wieder das Ränzel schnüren ließ. Menschlich warm konnte der Vorkämpfer des Bürgertums nur bei dem freieren Verkehrston des aufgelockerten Adels oder in seinen kleinbürgerlichen Kreisen werden. Die geistige und menschliche Enge des Handelsstandes schnürte ihn ein, wie ihn der Hofer Geist eingeschnürt hatte. Die lauten Festlichkeiten, die ihm zu Ehren veranstaltet wurden, erschienen ihm bald leer und störend. Das Leipziger Leben blieb ohne Einfluß auf sein Schaffen. Wo er die Typen reicher Kaufleute in seinen Werken brauchte, behielten sie die Prägung der Kommerzienagenten Röper und Neupeter (»Flegeljahre«), wie sie ihm in dem Kammerrat von Oerthel auf Töpen entgegengetreten waren. Einer der starken Anziehungspunkte von Leipzig für ihn war Emilie von Berlepsch gewesen, die sich in Leipzig niederzulassen versprochen hatte. In der zweiten Dezemberhälfte kam sie und sorgte dafür, daß Jean Pauls Winter reich an Aufregungen war. Gerade daß ihre Liebe zu ihm frei von Sinnlichkeit sei, hatte Jean Paul an dieser Freundin besonders gerühmt. Er sollte aber bald merken, daß sich die alternde Frau mit mehr als geistigen Armen an ihn klammerte. Schon in Baireuth hatte sie ihm den Vorschlag gemacht, ihre Freundin, ein Fräulein Heidegger aus der Schweiz, zu heiraten und zu dritt einen Haushalt zu bilden. Jetzt kam sie auf diesen unsinnigen Vorschlag zurück und in einer Form, der Jean Paul keinen Zweifel darüber ließ, daß 478 sie es selbst auf ihn abgesehen hatte. Jean Paul setzte ihren Vorschlägen einen »verhärteten peinlichen Widerstand« entgegen. »Sie bekam über meine Erklärungen Blutspeien, Ohnmachten, fürchterliche Zustände; ich erlebte Szenen, die noch keine Feder gemalt.« Mitte Januar arbeitete er an einer Leibgebersatire, als sein »Inneres auseinanderging«. Er eilte zu ihr und versprach, sie zu heiraten. »Sie will tun, was ich will; will mir das Landgut kaufen, wo ich will, am Neckar, am Rhein, in der Schweiz, im Voigtland.« Jean Paul verlebte Tage kühler Resignation. Sie heiraten, bedeutete den Schlußstrich unter seine Jugend, völligen Verzicht auf alles, was er noch selbst zu erleben hoffte, da er es hundertmal geschrieben: das Glück aufblühender Liebe, seliges Sichfinden mit einem Mädchen, das durch ihn zur Frau wird und an seiner Seite reift. Otto glaubte, zuraten zu müssen. Was er im Leben aufgäbe, würde ihm die Kunst ersetzen. Gerade das ungelebte Leben würde sich ins Werk umsetzen und ihn zu den höchsten Schöpfungen tragen. Jean Paul stand ernstlich am Scheidewege. Er fragte sich, ob ihm überhaupt das Glück junger Liebe zuteil werden könne, da es ihm so lange ausgeblieben. Otto wies ihn auf seine Ansichten über die Simultan- und Tutti-Liebe hin: ». . . und darum wird Dir Deine Verbindung ein dichterisches Jünglingstum, Deine Tutti-Liebe, Deine Sehnsucht nach einem unerlangten unbefriedigten Ehestande, ganz rein bleiben.« Otto kannte den Freund. Er sah voraus, daß die bürgerliche Ehe, die Jean Paul so heiß ersehnte, ihm nur Kämpfe und Enttäuschungen bringen würde. Aber Jean Paul hätte sich selbst die Lebenswurzel und damit auch die Quelle seiner Dichtung abgeschnitten, wenn er eingewilligt hätte. Es gelang ihm; Emilie zu beruhigen und zur allmählichen Resignation hinüberzuführen. Sie rang sich zur Freundschaft durch und steckte ihre 479 Ansprüche an seine Liebe zurück. Eine Reise nach Dresden sollte den neuen Freundschaftsbund besiegeln. »Ende Mai gehe ich mit der Berlepsch nach Dresden, Seifersdorf, Tharand und auf der Elbe nach Wörlitz. Sie wohnt im Sommer in Gohlis, und hält für mein dichterisches Seildrehen und Seiltanzen eine untere Stube offen und parat . . . Ich hatte zwei aus der glühendsten Hölle gehobne Tage, und nun schließt sich ihr zerschnittenes Herz sanft wieder zu und blutet weniger. Ich bin frei, frei, frei und selig!« Unter diesen Stürmen konnte von großem Schaffen keine Rede sein, und schon aus den Leipziger Tagen hätte Jean Paul ersehen können, was ihn in einer Ehe mit Emilie für Aufregungen erwarteten. Was er in den Monaten des ausgehenden Winters schrieb, war nicht besser und nicht schlechter als alles, was er nach der bedeutenden »Geschichte der Vorrede« in Hof zu Papier gebracht hatte. Es war der mit dem Geraer Buchhändler Heinsius besprochene Plan einer Umarbeitung der »Teufelspapiere«, der ihn in Leipzig hauptsächlich beschäftigte. Allerdings waren es kaum einige Bogen des alten Buches, die er zu den »Palingenesieen« oder »Jean Pauls Fata und Werke vor und nach Nürnberg« verwandte. Er machte ein völlig neues Buch daraus. »Palingenesieen« war nicht nur für diese Arbeit die richtige Bezeichnung, sondern für das ganze Schaffen dieser Zeit. Ein neues Erlebnis, das ihn zu einem neuen Werke gezwungen hätte, lag nicht vor. Der »Titan« lag noch immer in weiter Ferne. Es konnte sich für Jean Paul jetzt nur darum handeln, sein errungenes Reich zu behaupten und auszubauen. Er war erschöpft. Mochte er selbst in dem neuen Buch von dem uns bekannten Stich des von Lavater entsandten Malers Pfenninger scherzhaft behaupten, daß er ihn zu alt darstelle, so zeigt sich doch schon das beständige Hervorkehren dieses Umstandes, wie Jean 480 Paul unter diesem Zu alt Erscheinen litt. Später setzte eine neue Periode der schöpferischen Kraft ein, augenblicklich stand er am Ende eines Abschnitts, von dem er sich noch immer nicht durch einen Willensentschluß trennen konnte. Es lag nahe, die vergessenen »Teufelspapiere« mit den Personen des »Siebenkäs« zu verbinden. Der Armenadvokat hatte bekanntlich während seiner Ehe mit Lenette das Buch geschrieben. Aus dieser Verbindung ließ sich etwas Witziges machen, und sie lag zugleich ganz in der Richtung, die sein Schaffen seit den letzten Arbeiten genommen hatte. Siebenkäs will, dies ist der äußere Rahmen des neuen Buches, seine »Teufelspapiere« neu herausgeben. Da er als Vaduzer Inspektor aber keine Zeit dazu findet, beauftragt er seinen Freund Jean Paul mit dieser Arbeit. Jean Paul will die Arbeit auf seiner Reise von Leipzig nach Nürnberg erledigen, wie wir ihn schon öfter seine Arbeiten in den Rahmen einer Reise fassen sahen. Jean Paul unternimmt diese Reise, weil er sich mit seiner Frau Hermine gezankt habe. Es ist nur ein Mißverständnis, das zwischen den Ehegatten vorgefallen ist. Durch das ganze Buch hindurch zieht sich die Liebe des Ehemanns, der immer wieder auf die Post schickt, um einen lange sehnlichst erwarteten Brief Hermines zu erhalten, und bei allen Natureindrücken an das geliebte Weib denkt. Wie schon der »Jubelsenior« ist auch das neue Buch ein Hymnus auf die eheliche Liebe. In diesen Partien mag Jean Paul sich aus den Wirrungen mit Emilie herausgekämpft haben, denn eine bürgerliche Vollehe stand als leuchtendes Lebensziel ihm ständig vor Augen. Wie auf seiner Reise nach Weimar läßt er sich durch einen Boten sein Gepäck nachtragen. Wie dort soll der Bote sich selbst beköstigen, wird aber von seinem Mietherrn immer wieder freigehalten. Wie in Jena weigern sich auch auf dieser Reise die Gastwirte, dem unscheinbaren Fußgänger 481 gute Zimmer zu geben. Der Bote, der »Hornrichter Stuß«, hat die Erlaubnis erhalten, noch andere Aufträge nach Nürnberg zu übernehmen. Ein Refugié, Graf Baraillon, schickt durch ihn seiner verarmten Tochter, die sich in Nürnberg kümmerlich vom Westensticken nährt, ein Paket mit. In der Eile werden die Pässe verwechselt, Jean Paul schreitet als Graf Baraillon in Nürnberg ein, was ihn, wie er fürchtet, in Verwickelungen mit dem Nürnberger Magistrat bringt. Aber er wird nicht durch den Gerichtsboten einer hohen Obrigkeit vorgeführt, sondern seine Freunde haben sich nur einen Scherz mit ihm gemacht. Der Vertreter der Obrigkeit ist niemand anders als der Schulrat Stiefel, und als zweiter Jean Paul tritt der Armenadvokat selbst herein. In einer Laube des Harsdörfferschen Parks findet er sogar Hermine, die mit Natalie nach Nürnberg gekommen ist. Die schönste Versöhnung der Ehegatten wird gefeiert. In liebendem Verein des Paares klingt das Buch aus. Diese Einkleidung, die er den »Teufelspapieren« gab, war durchaus neu. Im übrigen wurde der satirische Grundcharakter des Buches beibehalten. Die Objekte der Satire hatten sich zum Teil stark verändert. Auch hier wird noch gegen die Zustände im damaligen Deutschland polemisiert. Es finden sich die Scharen der Bettler wieder und die Übergriffe der kleinen Duodezdespoten. Auch der langweilige Gerichtsgang des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wird zum Gegenstand des Spottes. Aber das Hauptziel ist jetzt doch die wirklichkeitsfeindliche Ästhetenrichtung der Weimarer Dioskuren und die Kantische Schule. Zum erstenmal nicht nur, sondern als erstem Denker überhaupt geht ihm der Zusammenhang Kants mit der französischen Revolution auf. Die Vernachlässigung des Ding an sich in der Kantischen Erkenntniskritik und die Vergewaltigung der Wirklichkeit durch 482 die Pariser Schreckensmänner, die Zerlegung der menschlichen Funktionen bei Kant in isolierte Kategorien und das Zerreißen der kulturellen Zusammenhänge gibt sich ihm als der nur andere Ausdruck der gleichen Einstellung. Was in der »Geschichte meiner Vorrede« nur angedeutet wurde, ist hier im einzelnen ausgeführt. Die Satiren sind zum Teil den »Teufelspapieren« entnommen, aber sie haben jetzt ein anderes Ziel bekommen. Überall sind sie in die jetzige Welt Jean Pauls eingespannt. So wird Habermann, dessen große »Tour um die Welt« hier in neuem Gewande auftritt, mit Leibgeber zu einer Person verschmolzen. Hier werden also Brücken von den »Teufelspapieren« bis zum »Titan« gespannt. Wagenseils »Chronik von Nürnberg« hat offenbar den Dichter bei der neuen Einkleidung der Satiren beeinflußt. Aus der Berührung der jungen Romantiker Tieck und Wackenroder mit dem alten Nürnberg nahm bekanntlich die romantische Schule ihren Ausgang. Auch Jean Paul steht diesem alten Stadtwesen nicht verständnislos gegenüber, aber ihm gibt das alte Nürnberg doch in erster Linie Stoff zur Satire. Er zieht ein ungemein geistloses Meistersingerlied heran, um in die Worte auszubrechen: »Wo ist hier Schwulst oder nordischer Bilderschwall? Wo spricht hier der Dichter selber? Mit reiner Griechheit und mit völliger besonnener Herrschaft über sein Feuer stellet er bloß das Objektive dar.« Es ist die bekannte Art seiner Polemik gegen Goethe und Schiller. Zugleich wird hier ein Unterschied der geistigen Richtungen deutlich. Die junge Romantik, die sich liebevoll in das deutsche Mittelalter versenkte, wollte aus der Gegenwart in eine herrlich erscheinende Vergangenheit hineinflüchten, aus der sie die unserer Zeit entschwundenen organischen Bindungen wieder heraufbeschwören zu können meinte. Jean Paul aber drängt 483 aus den ständischen Bindungen des Mittelalters, das ja noch in seiner Heimat durchaus fühlbar und vorhanden war, hinaus zu neuen Zeitzielen. Er ist zu ungebrochen, um sich romantisch am Quell der Vergangenheit zu berauschen. Auch hier wie überall erstrebt er Leben und Wirklichkeit, nicht magischen Traum. Wo die alten Denkmäler deutscher Größe noch lebendig sind, erschließen sie auch ihm ihren Zauber. In den Harsdörfferschen Park verlegt er die Hochstunden seiner Handlung, und die Frühlingsfeier auf der Insel Schütt ist die bedeutendste und schönste Partie des Buches. Der Schwerpunkt liegt aber durchaus auf den »Fata«, wie er die biographische Einkleidung bezeichnet, und nicht auf den »Werken«, wie die eingestreuten Satiren benannt sind. Nicht nur äußerlich betritt er mit den angeführten Personen den Boden seiner bisherigen Dichtung. Auch die Stimmung, die über vielen Partien des Buches liegt, ist die sehnsüchtig schwermütige seiner Romane und Idyllen. Rührend tritt die Figur des armen Fräuleins von Baraillon hervor, die er vor den Zudringlichkeiten eines Gecken, nach dem Muster der Rosa von Meyern aus dem »Siebenkäs«, rettet. An den »Siebenkäs« erinnert auch die Verknüpfung der fränkischen Gegend mit den Personen des Romans. So gegenwärtig stand ihm die vor kurzem verlassene Landschaft seiner Jugendjahre vor Augen, daß er von einer nicht niederzukämpfenden Sehnsucht nach den alten Stätten ergriffen wurde. An seinem fünfunddreißigsten Geburtstag beendete er die Arbeit an den »Palingenesieen«. Schon Anfang April 1798 eilte er nach Hof, um dort vierzehn Tage bei Otto zu verbringen. Noch einmal mußte er sich schwer von der Vaterstadt losreißen, um nun allerdings lange nicht mehr wieder dorthin zurückzukehren. Nur wenige Wochen nach der Hofer Reise blieb er in 484 Leipzig. Während der Messe wurde er derart von lästigen Besuchern in Anspruch genommen, »als ständ er außer dem Tore mäße entweder zwei Schuhe oder acht«. Es kann ihm nur lieb gewesen sein, daß Emilie von Berlepsch ihn drängte, die ins Auge gefaßte Reise nach Dresden in der Pfingstwoche anzutreten. Auch hier sollte sich zeigen, daß Jean Paul in seiner Welt zu feste Wurzeln geschlagen hatte, als daß neue und starke Eindrücke ihn noch zu ändern vermochten. Unter dem bunten Wechsel der Erscheinungen auf der Oberfläche hielt ihn während dieser ganzen Jahre die Welt des »Titan« gebannt. Hunderte von Menschen gingen an seinen Augen vorüber, ohne daß sie ihm ein wesentliches Erlebnis zu schenken vermocht hätten. Der Plauensche Grund, Tharand, keine der landschaftlichen Perlen in der Umgegend Dresdens machte besonderen Eindruck auf ihn. Am ehesten noch das unscheinbare Seifersdorfer Tal, weil es ihn am meisten an die Landschaft seiner Heimat erinnerte, die ihm nun für immer mit den Gestalten seiner Werke bevölkert war und von der er innerlich nicht mehr loskommen konnte. Und genau so ergebnislos war sein Besuch der berühmten Dresdener Galerie. Wie eine neue Welt, schrieb er an Otto, drängte sich der Saal mit den Abgüssen der Antike in ihn und suchte die alte, gewohnte Welt zu erdrücken. »So oft ich künftig über große oder schöne Gegenstände schreibe, werden diese Götter vor mich treten und mir die Gesetze der Schönheit geben. Jetzt kenne ich die Griechen und vergesse sie nie mehr.« Der Unterschied »zwischen der Schönheit eines Menschen und der Schönheit eines Gottes« war ihm an diesen Abgüssen offenbar geworden. Aber er wurzelte mit seinen Empfindungen zu stark auf der Erde, und die Schönheit des Menschen mußte ihm doch über die Schönheit eines Gottes gehen. Der 485 augenblickliche Eindruck war stark, aber er überwältigte ihn nicht. Die alte gewohnte Welt blieb ihm lebendiger und näher. Unter den Göttergestalten sah er den Faun. »Leider hat sogar der gemilderte Faun Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit.« Der Faun bleibt ihm als Bestandteil auch der griechischen Götterwelt im Gedächtnis haften. Die »affektlosen schönen« Formen sinken zurück vor der Wirklichkeit, die auch hier noch waltet. »Ich habe die fürstliche heilige Familie nebst dem plattgedrückten Hoftroß in der katholischen Kirche an der Himmelfahrtstagfeier gesehen, wo zugleich das Kind einer Prinzessin hineingetragen wurde, das die Trompeten taub bliesen gegen künftige Bitten; ich habe dabei meine demokratischen Zähne zerknirscht, am meisten über das gekrümmte Schwarzenvolk in Dresden, das nicht schön, nicht edel, nicht lesbegierig, nicht kunstbegierig ist, sondern nur höflich.« Dennoch trat er auch hier gerade mit dem Adel in nähere Beziehungen. Der Geheime Rat von Broizem, der Minister von Wurm, Herr von Einsiedel aus Weimar, ein Freiherr von Manteuffel, der spätere preußische Präsident, luden ihn zu Tisch. Bei Manteuffel traf er mit Karoline Schlegel zusammen. Karoline teilte ihren Eindruck schleunigst dem Gatten mit, und es ist der Nachhall dieses Zusammentreffens, wenn Friedrich Schlegel bald darauf an Schleiermacher schreibt: »Friedrich Richter ist ein vollendeter Narr und hat gesagt, der ›Meister‹ sei gegen die Regeln des Romans. Auf die Anfrage, ob es denn eine Theorie desselben gebe und wo man sie habhaft werden möchte, antwortete die Bestie: ›Ich kenne eine, denn ich habe eine geschrieben.‹« Karoline hat wohl das Gespräch mit Jean Paul nur unvollkommen wiedergegeben. Jean Pauls Gedanken bewegten sich seit langem um die Niederschrift einer solchen Theorie des Romans, die er dann einige Jahre später in seiner »Vorschule der Ästhetik« wirklich geben sollte. 486 Damals kann er kaum behauptet haben, ein solches Buch bereits geschrieben zu haben. Aber, wie schon die Briefe an Otto zeigen, befand er sich mit den Brüdern Schlegel damals in offener Gegnerschaft. Galt es doch allgemein als sicher, daß er in seinem Kunstrat Fraischdörfer niemand andern als August Wilhelm Schlegel habe darstellen wollen. Eine Auffassung, deren Richtigkeit Jean Paul übrigens persönlich bei jeder Gelegenheit bestritt. Der Zufall wollte es, daß fast zur gleichen Zeit der junge Referendar Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann in Dresden weilte. Auch auf ihn machten die Schätze der dortigen Galerie vorübergehenden Eindruck, den er, genau wie Jean Paul, durch die ihm näherliegende christlich-romantische Welt bald überwand. Drei schöne Tage verlebte Jean Paul in Königsbrück bei der ihm bereits aus Leipzig bekannten Gräfin Münster. Vorübergehend verliebte er sich in die »ungemein schöne« Frau von Ledebur. Mit Emilie und den beiden genannten Damen besuchte er von hier aus das »himmlische« Seifersdorfer Tal, das ihn an die Landschaft seiner Romane erinnerte und ihm fast den einzig bleibenden Eindruck auf dieser Reise machte. In Leipzig fand er seinen Bruder Samuel nicht mehr vor. Derselbe hatte das gesamte Bargeld Jean Pauls in Höhe von hundert Talern an sich genommen und war entflohen. Diesen Schlag überwand der getäuschte Bruder nur schwer, aber er brachte ihn doch wieder mehr zu sich selber und ließ ihn von den Zerstreuungen des Lebens mehr in sich zurückziehen. Die angenehmen Bilder der Dresdener Reise traten langsam vor seine Seele. Wieder genoß er in behaglicher Ruhe einige »Sabbathwochen«, wie sie ihm seit der Vollendung des »Hesperus« nicht mehr zuteil geworden waren. Er saß in dem »parat gehaltenen« Stübchen Emiliens in Gohlis vor 487 seinem Arbeitstisch und flog von dort »wie ein halbfreier Vogel aus in die Gärten und Milchinseln . . . und behielt einen sanften Herbstsonnenschein mit ruhigen Wünschen ohne Wolken in seiner Seele«. Zum erstenmal gelangen ihm in dieser Zeit größere Partien aus dem »Titan«, und schon nahm er sich vor, zur Ostermesse 1799 mit mehreren Bändchen des so lange dem Publikum versprochenen Romans zu erscheinen. Aber Leipzig war ihm doch zu unlieb geworden, als daß er es länger in dieser Stadt ausgehalten hätte. Schon Mitte Juli brach er zu einer neuen Reise auf. Zunächst besuchte er den früheren Kapellmeister Friedrich Reichardt in seinem prachtvollen Landhaus auf dem Giebichenstein. Man sollte annehmen, daß sich Jean Paul gerade bei Reichardts besonders wohl fühlen mußte. Reichardts Haus wurde einige Jahre später nicht zum wenigsten durch seine schönen Frauen zum Mittelpunkt des romantischen Kreises. Schleiermacher, Steffens, die Brüder v. Raumer gingen hier aus und ein. Tieck selbst, als Schwager Reichardts, verbrachte oft Wochen und Monate in dem gastlichen Hause, das zu der naheliegenden Universität Halle die regsten Beziehungen unterhielt. Jean Paul aber gestand, daß ihn nur wenig mit Reichardt verknüpfe, daß sie wie »Weltpole« einander entfernt wären. Auch den Modedichter und Vielschreiber, den Verfasser unzähliger schlüpfriger Unterhaltungsgeschichten, Lafontaine, besuchte er, und ebenso den prachtvollen Niemeyer, der als Konsistorialrat und Professor der Theologie in Halle lebte und ein Jahr darauf Direktor der Franckeschen Stiftungen wurde. Von Halle reiste Jean Paul nach Halberstadt zum »Dichtervater« Gleim, der ihm seit Jahren das regste Interesse entgegengebracht hatte. Gleim empfing ihn aufs herzlichste. »Setz ihn dir aus Feuer und Offenheit, Redlichkeit und Mut und 488 preußischem Vaterlandseifer und Sinn für jede erhöhte Regung zusammen, und gib ihm noch zum breitesten literarischen Spielraum einen ebenso breiten politischen.« Aber es gab doch auch Ungleichheiten der Anschauung, die Jean Paul störend empfand, während er sie im Gespräch mit dem ehrwürdigen Greise schonend umging. So wagte er nur einige leichte Bemerkungen, als Gleim die Leiden Ludwigs XVI. mit denen Christi verglich. Eine tiefe Niedergeschlagenheit war das eigentliche Ergebnis dieses Besuches, trotz der herzlichen Aufnahme durch den so viel älteren Freund. Er fühlte, wie allein er im Grunde stand und daß er »den Bestrebungen, ihn zu loben, zu lieben und zu erraten, nur mit zusehen« könne. Auf der Rückreise blieb er wiederum einige Tage auf dem Giebichenstein. Schon Ende Juli kehrte er nach Leipzig zurück. Hier ergriff ihn von neuem der Strudel der Geselligkeit. Hauptsächlich verkehrte er mit der Familie Weiße, so daß er mit Weißes schöner Tochter Dorothea geradezu als verlobt galt. Ein Graf Moltke brachte ihm Grüße von Baggesen und Jacobi. Zahlreiche Frauen zogen an ihm vorüber, deren Herzen er, lesend oder auf dem Klavier phantasierend, im Sturm eroberte. In diesen Wochen erschienen die »Palingenesieen«, aber zugleich erfuhr er von Schlegels heftigen Angriffen gegen ihn im Athenäum. »Schlegel hat mich in seinem Athenäum angegriffen, wie er es Klopstock, Fr. Jacobi, Lessing, Garve u. a. gemacht hat . . . Ich habe freilich durch seine kraftvolle Frau, mit der ich in Dresden ein ganzes Souper verstritt, mit meinen Brandkugeln seine losgebrannt.« Hieraus können wir entnehmen, wie die Dresdener Unterhaltung Karolinens mit der »Bestie« Jean Paul in Wirklichkeit verlaufen war. Mehr und mehr sehnte er sich aus Leipzig fort. In einem Brief an Otto gestand er, daß er die letzte Reise 489 unternommen, um sich Halberstadt als künftigen Aufenthaltsort anzusehen. So herzlich ihn Gleim aufgenommen hatte, so wenig konnte er sich doch entschließen, in seine Nähe zu ziehen. Immer deutlicher wurde es ihm, daß Weimar sein eigentliches Ziel war. Schon Ende 1797 hatte er über Herder geschrieben: »Die Herder schrieb mir über die gemarterte Einsamkeit ihres Mannes. ›Er ist nun hier völlig auf sich selbst reduziert. Er betäubt manche unangenehme Gefühle durch ununterbrochene Arbeit. Lassen Sie nur von Ihrer Himmelsbahn manchmal ein Blättchen herüberfliegen zu den Mutlosen.‹« Die Gestalt des vom Schicksal gepeinigten Mannes blieb vor seinem Auge stehen. Mit Herder allein glaubte er leben zu können. Auch die Entfernung des dennoch immer geliebten Bruders trieb ihn von Leipzig fort. Fortgesetzte Lügen des Entlaufenen konnten sein Herz nicht völlig von ihm lösen. »Ach mein Bruder mit dem weichsten Herzen und dem besten Kopfe liegt unter der Erde neben dem Wasser«, klagte er, des ertrunkenen Heinrich gedenkend, und doch setzte er dem Treulosen eine feste Unterstützung aus und wollte ihn in Jena weiterstudieren lassen. Aber die verwaiste Wohnung wurde ihm unerträglich. Mitte August machte er sich auf die Reise, um sich Weimar noch einmal anzusehen. Vielleicht glaubte er sogar, mit Goethe in ein erträgliches Verhältnis zu kommen. »Er urteilt über den ›Hesperus‹ günstig, wie ich einmal von Ahlefeld hörte und Dir nicht sagen wollte – ferner, er sähe doch, daß es mir mit dem Guten Ernst wäre – er bekäme aber Gehirnkrämpfe von dem Werfen aus einer Wissenschaft in die andere – ich zeige mein Wissen zu sehr; er wisse auch ein wenig, liefere aber nur das Resultat; – und wenn er über das Irdische in den Himmel gehoben sei, kommt auf einmal wieder ein Spaß!« – Am 22. August schrieb er an 490 Otto aus Jena, Schiller empfing ihn nicht, sondern schützte Krankheit vor. Aber Schütze nahm sich seiner an und machte ihn mit den zahlreichen Größen in Jena bekannt. »Am gelehrten Mittwochs-souper aßen Loder, Batsch, der jüngere Hufeland, Fichte, die andern weiß ich nicht. Fichte ist klein (ich dachte mir ihn lang) bescheiden und bestimmt, aber ohne genialische Auszeichnung.. – Schlegel, gegen den Fichte und alle sprachen – wie hier (in Weimar) – und welches Gebrüder Wieland die Dioskuren, nach der Heinsischen Übersetzung, nennt, nämlich die Götterbuben, oft sagt er Zwillingsbuben, weil sie ihn nur einen ästhetischen Ökonomen nennen – ist philologischer Redakteur der Literaturzeitung, und darum tritt aus diesem Wetterhäuschen kein anzeigendes Wettermännchen, das anzeigte, was ich gemacht oder neuerdings Herder, dessen Briefe über die Humanität und andere Schriften ziemlich liegen.« Schon hier wird also das Verschweigungssystem gegen Jean Paul und Herder sichtbar, das für ein Jahrhundert und länger zwei der größten Geister aus dem Bewußtsein des deutschen Volkes ausscheiden sollte. Am nächsten Tag war er in Weimar und wurde zu Tisch gleich von der Herzogin Amalie mit Beschlag belegt. Der Abend vereinigte ihn dann endlich mit Herders. Bei der jungverehelichten Tochter der Berlepsch lernte er unter anderen Frau von Wolzogen, die Verfasserin der »Agnes von Lilien« kennen. »Ihr Äußeres ist in Dicke und Physiognomie der Abguß von meiner Kalb, die leider jetzt auf ihrem Landgute ihre höchste myopische Blindheit mit Ergeben trägt und zu meiner Freude den hiesigen Winter mitfeiert. Die Wolzogen ist klar, unbefangen, nicht-preziös, unschriftstellerisch, kurz man liebt sie.« Die Augenerkrankung der Kalb ist vielleicht nicht ohne Einfluß auf die Erblindung Lianens im »Titan« gewesen. 491 Diesmal wurde auch Wieland besucht, der bei Jean Pauls erster Weimarer Reise in der Schweiz gewesen war. Am Sonnabend ging es nach Osmannstädt, dem Landsitz Wielands, hinaus. »Wieland ist ein schlanker, aufgerichteter, mit einer roten Schärpe und einem Kopftuch umbundener, sich und andere mäßigender Nestor, viel von sich sprechend aber nicht stolz – ein wenig aristippisch und nachsichtig gegen sich wie gegen andre – voll Vater- und Gattenliebe – aber von den Musen betäubt, daß ihm einmal seine Frau den Tod eines Kindes 10 Tage soll verborgen haben – inzwischen nicht genialisch über diese Reichsstadtwelt erhoben, nicht tief eingreifend wie etwan Herder – vortrefflich im Urteil über die bürgerlichen, und weniger im Urteilen über die menschlichen Verhältnisse. »Bei Wieland mußt ich wegen meines weitvergitterten Sommerornats in der häßlichen Kälte seinen Rock anziehen – den mir beim 2ten Dortsein der gute Patriarch sogleich selber brachte, heute fuhr ich mit ihm zurück – und seine rote Nabelgurt umschnüren und ging wie der Alte im Haus herum. Gott schenke jedem Dichter eine so anstellige, weich anfassende, feste, nachsehende und nachlaufende, biedere klare Frau. Da im Reichsanzeiger über die Ruhr von Erkältung gelesen wurde: brachte sie mir warme Strümpfe aus Angst.« Jean Paul fühlte sich in dem behaglichen Dichterheim sogleich wie zu Hause, wozu die verschiedenen Töchter nicht wenig beitrugen. »Schöne Herzen, aber mit den Gesichtern will's nicht fort.« Es waren dieselben Töchter, unter denen etwa fünf Jahre später der junge Heinrich von Kleist Tragödien aufrührte. Man machte Jean Paul den Vorschlag, ganz nach Osmannstädt überzusiedeln, in das gegenüberliegende Haus zu ziehen und sich von Wielands »für Geld« beköstigen zu 492 lassen. »Allein das geht nicht, weil zwei Dichter nicht ewig zusammenpassen – weil ich keine Kette, und wäre sie aus Duft an der bloßen Mondglut geschmiedet, anhaben will – und weil ich gewiß weiß, daß ich in der Einsamkeit und der Gesellschaft darauf am Ende eine von seinen Töchtern heiraten würde, welches gegen meinen Plan ist.« Auch hier sträubte er sich wieder gegen ein Festlegen, so sehr es ihn nach Ehe und Ruhe verlangte. Naturgemäß traf er auch diesmal in Weimar mit einer Menge Menschen zusammen, lernte Professor Meier, »den tiefen Maler und Kunstkenner«, kennen, den eigentlichen Berater Goethes in allen Kunstangelegenheiten. »Außen und als Mensch unbedeutend«, schreibt er über ihn. War mit Corona Schroeter und der schönen Amalie Imhof zusammen, noch mehrere Male bei der Herzoginmutter. »Ich komme eben wieder von einem Diner bei Herder und saß mehrere Stunden mit ihm allein in einer Laube. O lieber Otto, wie soll ich Dir diesen großen Geist auf der rechten Anhöhe zeigen, vor dem mein kleiner sich spanisch und türkisch beugt – diesen durchgötterten Menschen, der den Fuß auf dieser Welt und Kopf und Brust auf der andern hat – sein Wiegen der Arme, wenn ihn Musik und Gesang auflösen, und sein trunknes schwimmendes Auge – sein Erfassen aller Zweige des Baumes der Erkenntnis – wiewohl er nur Massen nicht Teile ergreift und statt des Baumes den Boden schüttelt, worauf dieser steht. Ich habe schon oft Abends mit Tränen Abschied genommen; und er liebt mich gewiß. – Er schreibt nächstens eine Metakritik Kants, der sich, wie er sagt, vor Hamann tief gebogen haben soll.« Es war Herder, der ihn den Gedanken, nach Weimar zu ziehen, endlich zum Beschluß erheben ließ. Immer deutlicher fühlte er, daß er an die Seite dieses Mannes gehörte. 493 Auch Goethe wurde besucht, »der mich mit ganz stärkerer Verbindlichkeit und Freundlichkeit aufnahm als das erstemal: ich war dafür freier, kühner und weniger voll Liebe und darum in mich gegründeter. Er fragte mich nach der Art meiner Arbeiten, weil es völlig seinen Kreis überschreite, – wie mir Fichte gefallen. Auf letzteres: ›es ist der größte neue Scholastiker – zum Poeten wird man geboren, aber zum Philosophen kann man sich machen, wenn man irgendeine Idee zur transzendenten fixen macht – die Neueren machen das Licht zum Gegenstand, den es doch nur zeigen soll.‹ – Er wird nach 4 Monaten den Faust vollenden; er sagt, ›er könne 6 Monate seine Arbeit voraussagen, weil er sich zu einer solchen Stimmung der Stimmung durch geistige und leibliche Diätetik vorbereite.‹ – Schiller säuft 6 Lot Kaffee auf eine Tasse und braucht Malaga und alles – nicht jeder ist in Kaffee so mäßig als ich.« Goethe schrieb einige Tage später an Schiller über Richters Besuch. Nachdem er über die Schwierigkeit gesprochen, in die rechte Stimmung zum Dichten zu kommen, fährt er fort: »Denn da hat mir neulich Freund Richter ganz andere Lichter aufgesteckt, indem er mich versicherte (zwar freilich bescheidentlich und in seiner Art sich auszudrücken), daß es mit der Stimmung Narrenspossen seien, er brauche nur Kaffee zu trinken, um, so grade von heiler Haut, Sachen zu schreiben, worüber die Christenheit sich entzücke. Dieses und seine fernere Versicherung: daß alles körperlich sei, lassen Sie uns künftig zu Herzen nehmen, da wir denn das Duplum und Triplum von Produktionen wohl an das Tageslicht fördern werden. Übrigens wird dieser edle Freund sich künftigen Winter gleichfalls in Weimar niederlassen, und hat schon ein Quartier über unsrer kleinen Maticzek gemietet. Ich bin recht neugierig, wie ihm dieses theatralische Hausamalgan bekommen wird.« 494 Man sieht, wie Goethe Jean Pauls Äußerungen eine leichte boshafte Drehung gibt. Gerade über Schillers Gebrauch von Narkotiken beim Schaffen hatte sich Goethe offenbar ausgelassen. Ein Quartier aber hatte Jean Paul in der Tat bereits gemietet. »Mit Meublen und Betten, auf dem Markte«, für 50 rtl. Noch einmal kehrte er nach Leipzig zurück, aber nur, um seine Sachen zu holen. Wie auf der Hinreise nach Weimar machte er auch jetzt in Weißenfels einen kurzen Aufenthalt und besuchte die Eltern des Dichters Novalis, der selber in jener Zeit in Freiberg studierte. »Ich kam doch erst heute an,« schreibt Jean Paul aus Leipzig am 6. September an Otto, »weil die Hardenbergsche Familie in Weißenfels mich gestern bei den Mittags- und Abendessen behielt. Der Alte war nicht da, er ist Salinendirektor; aber das schadete seiner Frau und den 2 Töchtern nichts, wovon die eine der Gräfin Moltke ähnlich sieht und die andere etwas unbeschreiblich Poetisches im Leben und im Auge hat, das wie Hermann seines, mit gesenktem Kopfe, sinnend und verdeckt aufblickt und welches meine Werke oft naßgemacht. Alle Salzherren, – z. B. Salinendirektoren, Salzdirektoren (wie Reichard) Salzfaktoren und Salzrevisoren – haben ihr Schönes.« In Leipzig erwarteten ihn wieder peinliche Nachrichten von seinen Brüdern. Nicht nur der entlaufene Samuel, auch Gottlieb hatte dumme Streiche gemacht, die Jean Paul eine Menge Geld kosteten. »Gräßlich wie ein böser Genius tritt mir jetzt dieses Wesen nach.« Das neue Ereignis in Hof, an dem Jean Paul regen Anteil nahm, war die Verlobung von Friederike Otto mit Wernlein, den er allerdings inzwischen mit andern Augen als den verklärten der Jugendfreundschaft anzusehen gelernt hatte. Das Wichtigste aber war, daß der »Titan« Fortschritte machte. Am 20. September abends war 495 der erste Teil des neuen Werkes vollendet, wenn auch in einer vorläufigen Fassung. Kaum zwei Wochen später hörte er mit der Arbeit wieder auf. »Der ›Titan‹ kommt mit vier Bänden erst zur Ostermesse 1800 heraus, weil die 2 Filial- und Supplementbände wieder eine, der titanischen entgegengesetzte Fixleinsche, und mich und den Leser erholende Historie enthalten.« Statt dessen meldete sich eine neue kleine Dichtung: »Jean Pauls Briefe samt einem kurzen Abriß meiner zukünftigen Avantüren«. »Die Idee ist neu. Ich beschreibe meine wahre künftige (mutmaßliche) Geschichte, Heirat, Haushalt, Alter, Tod als künftig, in Briefen an – Dich.« Es war die spätere »Konjekturalbiographie«, die in Weimar ausgearbeitet werden sollte. Werfen wir noch einen kurzen Blick über die Stellung Jean Pauls im literarischen Leben dieser Zeit. Auf der einen Seite hatte er sich die Liebe und Verehrung weiter Kreise erworben. Thümmel, ein erfolgreicher Modeschriftsteller Wielandscher Richtung, besuchte ihn begeistert in Leipzig. Hartknoch, der Freund und Verleger Herders und Klingers, bei dem er einst seinen verunglückten Versuch mit den »Teufelspapieren« gemacht hatte, gestand ihm, daß er eigentlich der Lektüre des »Hesperus« die Rettung vor der Verbannung nach Sibirien verdanke. Dieses Werk hatte ihm die Kraft gegeben, sich gegen die Anschuldigungen der russischen Regierung wirkungsvoll zu verteidigen, nachdem er bereits die Flinte ins Korn geworfen. Jacobi, einer der tiefsten Geister jener Zeit, liebte ihn seit anderthalb Jahren und kannte keinen größeren Wunsch, als mit Jean Paul bekannt zu werden. Von überallher kamen Briefe und Bezeugungen der Verehrung. Aber diese vielseitigen Sympathien wurden aufgewogen durch die erklärte Feindschaft der Brüder Schlegel. Karolinens Bericht über ihr Zusammentreffen mit dem 496 Dichter in Dresden hatte die Empörung der Schlegel auf ihn gelenkt. Im »Athenäum« hatte Friedrich Schlegel endlich offen gegen Jean Paul Stellung genommen. Der strenge Künstler, schrieb er, hasse ihn »als das blutrote Himmelszeichen der vollendeten Unpoesie der Nation und des Zeitalters«. »Seine Frauen haben rote Augen und sind Exempel, Gliederfrauen zu psychologisch-moralischen Reflexionen über die Weiblichkeit oder die Schwärmerei.« Nur »an den grotesken Porzellanfiguren seines wie Reichstruppen zusammengetrommelten Bilderwitzes« könne man sich ergötzen. »Seine Madonna ist eine empfindsame Küstersfrau und Christus erscheint wie ein aufgeklärter Kandidat. Je moralischer seine poetischen Rembrandts sind, desto mittelmäßiger und gemeiner; je komischer, desto näher dem Besseren; je dithyrambischer und je kleinstädtischer, desto göttlicher; denn seine Ansicht des Kleinstädtischen ist vorzüglich gottesstädtisch.« Gerade mit dem letzten Satz hatte Schlegel ins Schwarze getroffen, nur daß er das Klein- und Gottesstädtische, gerade dieses »Göttliche« bei Jean Paul, nicht genügend bewertete. »Sein Schmuck besteht in bleiernen Arabesken im Nürnberger Stil.« Gewiß, aber diese mittelalterliche Fülle ist ja gerade ein Vorzug Jean Pauls. Das war deutsche Vielfalt gegenüber der gräzisierenden Linie, der Schlegel sich damals noch verschrieben hatte. Die Schlegel waren geschickte Literaten, und es war mißlich, es mit ihnen verdorben zu haben. Jean Paul fühlte die Gefahr. Auch die »Jenaische Allgemeine Literaturzeitung«, die seinen »Hesperus« noch überschwenglich gelobt hatte, war ihm durch Friedrich Schlegel, der das philologische Ressort an ihr verwaltete, verlorengegangen. Der ängstliche Böttiger, der unter Wieland den »Merkur« leitete, wagte den »Jubelsenior«, die »Holzschnitte« und das »Kampanertal« nur mit 497 sauersüßer Miene anzuzeigen, und die Oerthelsche Entgegnung auf Schlegels Angriffe aufzunehmen, mußte ihm von Wieland erst ausdrücklich befohlen werden. »Wer will mir«, schrieb Jean Paul an Otto, »jetzt mit seinem Saulsspieße nachkommen, da ich jetzt nach Wielands Glauben selber das größte Publikum habe.« Aber er mochte wohl fühlen, daß die Gunst des Publikums veränderlich ist. Auch auf philosophischem Gebiet war die feindliche Linie im Vorrücken. Fichte hatte die ganz im Fahrwasser Kants schwimmenden Einleitungen in seine Wissenschaftslehre sowie die ebenfalls kritizistische Schrift »Über den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltregierung« veröffentlicht. Hamann, Herder, Jacobi wurden in den Hintergrund gedrängt. Jean Paul fühlte alles dieses genauer als irgend jemand, und er beschloß, etwas dagegen zu unternehmen. Am 13. Oktober 1798 schrieb er aus diesem Anlaß seinen ersten Brief an Friedrich Jacobi: »Verehrtester Lehrer meines Innersten! – So oft dieses in der Philosophie einen Feind antrifft, so denk ich an Sie als an den königlichen Beschützer seines Glaubens und will mein Schreiben nicht länger verschieben. Und jetzt tu ich's genötigt, da ich in der neuesten Äußerung des Fichteschen Spinozismus drei Harmonieen ohne einen supramundanen Harmonisten finde, die der Sinnenwelt, die der moralischen und eine dritte prästabilierte, nach Art der drei Tonleitern, der enharmonischen, der diatonischen und chromatischen. – Sie können aus meinen Werken nur wenig erraten, wie viel mein Herz und mein innerer Tag den Ihrigen schuldig ist. Und wie mich die jetzige fuga pleni , der transzendente Fohismus, der gern jeden Welten- und Kometenkern in einen Nebel zertreiben will, traurig und beklommen macht: so erhebt mich wieder jedes aufgespürte Gerücht irgend eines 498 Werks, das Sie der Asthenie des Jahrhunderts entgegensetzen. Jetzt in diesem Wolfsmonat der Literatur, wo eine ästhetische (Schlegelsche) Erhebung über die Erhebung alles Positive unter Termenschnee vergräbt, und wo man an der moralischen Welt wie am Monde nur die vergasete Seite sieht, indes die abgekehrte – nach Kant aber nur beim Monde – Luft und Auen hat, da ist Ihre Dichtkunst und Ihre Philosophie, – gleichsam Circenses et panis , – uns unentbehrlich, nämlich Ihre Fortsetzung derselben. Da ich jetzt nach Weimar ziehe, so dacht ich oft an den Plan und Wunsch einer Monatsschrift gegen das jetzige philosophische Laternisieren alles (innern) Lebendigen – und zwar müßte diese Anbetung des Göttlichen durch 3 Weisen aus Morgenland geschehen, durch Sie, und Herder, dem ich noch nichts davon gesagt – und – da immer ein Mohr dabei ist – durch mich. O Verehrtester! schon dieses Schreiben erfrischt mich; wie würde mich Ihr Anblick erquicken, da doch der Traum des Vorbilderns erblasset vor dem Wachen der Gegenwart! – Verzeihen Sie mir den Ton, der von der Vertraulichkeit meines Herzens mit Ihren Schriften die seinige entlehnt! Ich wollte meinen Aufenthalt in Leipzig, gleichsam wie die Jahrszeit mit einem magischen Nachsommer beschließen. – Vergönnen Sie meinen innigsten Wünschen eine Antwort: so bitt' ich Sie daher, sie an Herder abgehen zu lassen, weil ich nach Weimar ziehe und wär' es nur eben dieses allseitigen Geistes wegen, für welchen der Äther das sensorium commune aller Wahrheiten und Wissenschaften ist. – Wenn je meine Seele am Schlusse eines Briefes die herzlichsten Wünsche für ein fremdes Glück und Leben tat: so ist es an diesem!« 499 Leider wurde aus der von Jean Paul geplanten Zeitschrift nichts. Jacobi lehnte seine Mitarbeit ab, und so blieb die von Hamann, Herder, ihm und Jean Paul vertretene Richtung ohne ein eigenes Organ, das wenigstens der breiteren Öffentlichkeit das Bestehen einer gemeinsamen Front angezeigt hätte. Herder trug noch einige Zeit den Gedanken einer solchen Zeitschrift, die »Aurora« genannt werden sollte, weiter, zeigte sie sogar als künftig erscheinend an, aber schließlich wurde der ganze Gedanke leider fallen gelassen. Ende Oktober fuhr Jean Paul »wieder in einen neuen Weltteil hinein«, wie er an Oerthel schrieb.   Auf dem Markte, beim Sattlermeister Kühnholdt hatte Jean Paul seine Wohnung bezogen. Im gleichen Hause wohnte, wie schon Goethe angedeutet, die Sängerin Maticzek. »Sie ist eine reine geradbrechte Person von Philine, und ohne Schönheit. Indes ist's für mich eine Gymnastik des Witzes. Sie lacht und singt mehr als sie spricht, und mit Recht. Sie erzählte mir, daß sie Goethen gefragt, wie sie mich zu empfangen habe und sie wolle mir trillernd entgegentanzen. ›Kind, mach's wie bei mir und sei natürlich‹, sagt er.« In seiner Klause aber fühlte er sich auch auf die Dauer äußerst wohl. »Mein größtes Labsal außer Herder hier ist meine Hausfrau. Nie war ich so Stuben-glücklich. Ich will nur etwas von unserm Verhältnis anführen: ein an sich geräumiger Nachttopf wollte doch nicht zulangen, wenn ich gerade schrieb, weil er und das Tintenfaß wie natürlich in umgekehrtem Verhältnis voll und leer werden. Die Frau sah, daß ich oft die Treppe in der Kälte hinab mußte. Sie brachte mir also einen ganz neuen Bowlenmäßigen getragen, bei dem ich 8 Seiten schreiben kann.« 500 Über allerhand Herzenserlebnisse hatte er dem Freunde nach Hof wieder zu berichten. Weißes Tochter, mit der ihn die Fama bereits verlobt hatte, war er entgangen. »Für Dorothea ward ich kein Hermann. – Eine andere, heißere Verwickelung, die immer sinnlicher wurde, löste sich gerade durch den Abschied, ohne es zu sehr geworden zu sein.« Aber Weimar sollte ihm in dieser Beziehung keine Ruhe geben. »Der Teufel zieht mir die verdammtesten Wolfsgruben über den Lebensweg – besonders dadurch, daß entweder nur die andere Person liebt oder ich.« Nach den verschiedensten Richtungen hin fühlte Jean Paul sich gezogen. Im Hinblick auf den »Titan« beobachtete er aufs schärfste den Hof und das Leben und Treiben an ihm. Niemals wird der Herzog selber von ihm erwähnt. Goethe wird in der berechtigten Annahme, daß beide zu verschieden waren, ein Zusammentreffen verhindert haben. Auch blieb Jean Pauls Freundschaft mit Herder dem Herzog natürlich nicht verborgen, und auch er hatte wohl keine Lust, mit einem Manne in Berührung zu kommen, dessen republikanische Gesinnung noch ausgesprochener war als die Herders. Jean Paul seinerseits wird sich von dem unbekümmerten Liebesleben des Herzogs abgestoßen gefühlt haben. Bekanntlich hatte die Herzogin ihrem Gemahl völlige Freiheit gegeben und sich selbst von ihm zurückgezogen. Alles Dinge, die Jean Paul verächtlich und zuwider waren. Für seinen »Kardinalroman« wuchs ihm also von allen Seiten Stoff zu, und dennoch hielt er ihn immer noch zurück. Durch den nahen Verkehr mit Herder blieb die Philosophie bei ihm im Vordergrund. Schon das »Kampanertal« war im Grunde eine philosophische Arbeit gewesen. In den »Palingenesieen« nahm die Polemik gegen Kant und seine Schule einen breiten Raum ein. In seiner neuesten Schrift »Jean Pauls 501 Briefe und bevorstehender Lebenslauf« sollte es nicht anders sein. Zu stark wirkte der an der Metakritik arbeitende Herder auf ihn ein. Alle diese von Philosophie erfüllten Arbeiten jener Periode stehen naturgemäß nicht in einer Linie mit Jean Pauls großen Dichtungen. Aber auch diese Arbeiten gehören zu seinem Bilde. Herder schätzte gerade das an ihm, daß er sein Herz voll in die Kämpfe der Zeit warf und ganz von der vornehmen Zurückhaltung Goethes dem werdenden Zeitgeist gegenüber abwich. »Ich gebe alle künstlich metrische Form hin gegen seine Tugend, seine lebendige Welt, sein fühlendes Herz«, sagte er von ihm. Er pries »seinen immer schaffenden Genius; er bringt wieder neues frisches Leben, Wahrheit, Tugend, Wirklichkeit in die verlebte und mißbrauchte Dichtkunst«. Das war die Warte, von der aus Jean Paul gesehen werden wollte. Karoline hat später den engen Verkehr ihres Gatten mit Jean Paul geschildert. »Er kam,« schreibt sie, »wie von der gütigen Vorsehung gesandt, gerade zu der Zeit zu Herder, wo dieser von den Einen politischer und philosophischer Grundsätze wegen gänzlich verkannt, von Andern übermütig verlassen und beinahe vergessen ward. Die glücklichen Abendstunden, wo Richter bei uns war, seine immer heitre jugendliche Seele, sein Feuer, sein Humor, die Lebhaftigkeit, womit er sich über alles, was vorkam, mit Herder unterhielt, gab ihrem Zusammensein immer neues Leben. So sehr verschieden zuweilen ihre Ansichten über eine Sache waren, so waren sie doch in den Grundsätzen und den Empfindungen immer eines . . . Reichhaltige Unterredungen entstanden hierüber, so über Richters damalige Manier, unbeschadet Herders Hochachtung für ihn. Vielmehr hielt er seinen Genius, seinen reichen, überströmenden Dichtergeist weit und hoch über die gemütlosen, bloß in und für die Formen 502 dargestellten poetischen Produkte der damaligen Zeit, welche er: Brunnen ohne Wasser nannte.« Jean Paul selbst schrieb über seine Zusammenkünfte mit Herder an Otto: »Gewöhnlich komme ich Abends vor 7 Uhr nach dem Arbeiten zur Frau; dann gehen wir oder ich hinauf zu ihm, und bis zum Essen glüht Auge und Mund usw. bis halb elf Uhr.« Unsichtbar wuchs unter der Oberfläche der »Titan« immer weiter. Mit glühendem Auge lauschte er an der Tafel der Herzoginmutter, wenn sie ihm von den oberitalienischen Landschaften, von Isola Bella, Neapel, Ischia und dem Epomeo erzählte. Damals ging ihm die Notwendigkeit auf, den Roman in dieser heroischen Landschaft beginnen zu lassen. Aber er ließ diese Eindrücke reifen. Zunächst flüchtete er wieder in eine kleinere Arbeit, die während der ersten ganz glücklichen Wochen in Weimar niedergeschrieben wurde. Die »Briefe«, die die Konjekturalbiographie einleiten, haben wieder großenteils die philosophische Polemik gegen Kant und seine Schule, gegen die Schlegelsche Ästhetik und die Schäden der Zeit zum Inhalt. Hier verbindet er die einzelnen Briefe oder Satiren, denn im Grunde war er zu dieser ihm seit Jugend gewohnten Form immer mehr zurückgekehrt, nicht mehr wie in den letzten Arbeiten durch eine Handlung. Aber auch sie greifen die Fäden der früheren Dichtungen wieder auf, sind an Personen in Kuhschnappel und an Viktor, den Helden des »Hesperus«, gerichtet und geben ihm Gelegenheit, die altbekannten Figuren wiederum in neuen Szenen an dem Auge des Lesers vorüberzuführen. Artistisch sind die Briefe ungemein reizvoll. Nie hat seine Satire schärfer getroffen, nie ist seine Beobachtung reicher gewesen als hier. Die von Herder empfangene Kampfstellung gegen die Gesellschaft findet vortrefflichen Ausdruck. Daneben aber gibt er auch tiefe psychologische Erkenntnisse über die Frauen, 503 und Beigaben wie die bekannte »Der Unglückliche in der Neujahrsnacht« – übrigens wie die benachbarte Erzählung für Kinder gedacht – erheben sich zu dichterischer Höhe. Anziehender ist uns der zweite Teil des Buches: die Konjekturalbiographie. In sieben an Otto gerichteten Briefen erzählt er von seinem Leben, wie er es in stillen Stunden sich ausmalt von dem Augenblick an, da er die Geliebte seiner Seele gefunden, bis zum Tode. In rührenden Zügen malt er ein bescheidenes und doch so reiches Glück, wie er es bereits den Hofer Freundinnen oft vorfabuliert hatte. In dieser Bescheidung auf einen einfachen, schlichten Gang seines Daseins lag zugleich ein Protest gegen das laute Leben, das ihn seit Jahren umfangen hatte. Es war eine durch Willensakt erzwungene Rückkehr zur Idylle, die er hier gab, mit dem ganzen verführerischen Zauber seiner dichterischen Kraft. Er schwelgte im Ausmalen glücklicher Stimmungen und liebegebundener Ehe. Ein kleines Gütchen Mittelspitz sollte ihn und die Seinen aufnehmen. Vielleicht hat er damals selbst an den Ankauf eines solchen Gütchens gedacht, das infolge seiner Einnahmen durchaus im Bereich der Möglichkeit lag. Aber es war ein Traum neben dem Leben, den er hier gestaltete. Die Umgebung, die er sich selbst gewählt hatte, sollte ihn noch lange nicht zur Ruhe kommen lassen. Wie sollte er auch in Weimar leben können, ohne in alle Intriguen dieser seltsamen Stadt verwickelt zu werden. Schon die Freundschaft mit Herder mußte ihn in solche verwickeln. Leider fanden sich zu den in Weimar vereinsamten Freunden nur Geister zweiten und niederen Ranges als Bundesgenossen. Der einzige mochte noch Wieland sein, der gleichfalls von dem Feuer der Metakritik ergriffen wurde. Aber Gleim und der alte Weiße waren doch bereits eine 504 bedenkliche Bundesgenossenschaft. Knebel hatte sich mit der Sängerin Luise von Rudorf verheiratet und das aufgeregte Weimar mit dem stilleren Ilmenau vertauscht. Er lavierte vorsichtig zwischen den Parteien, war sowohl Herders wie Goethes vertrauter Freund. Die Kluft zwischen Jean Paul und Goethe vertiefte sich wieder. Bei Frau von Wolzogen stritt er sich bis in die tiefe Nacht mit Schiller herum, ein andermal, bei Charlotte von Kalb, sogar mit Schiller und Goethe gleichzeitig. Weil er »Champagner und einen Vulkan« im Kopfe hatte, war er kühner als je und sagte Goethe unangenehme Dinge, worauf dieser eine Viertelstunde empfindlich den Teller drehte. Später speiste er noch einmal mit Goethe bei Schütz in Weimar. Aber er konnte sich nicht wundern, daß die beiden Heroen »frostig« gegen ihn wurden. Auch seinen Verkehr mit Kotzebue mochten sie ihm übelnehmen. Jean Paul milderte sein Urteil über diesen literarischen Abenteurer in manchen Punkten, empfing mehrfach seinen Besuch und ließ sich sogar dessen Stücke zur Begutachtung geben. Seine Berührung mit dem eigentlichen Hof war nur flüchtig. Wenn er bei seinem ersten Aufenthalt den freien Ton in Weimar gelobt hatte, so wurde er jetzt bald eines Besseren belehrt. Bei den Konzerten zum Beispiel hatten bürgerliche Personen nur zur Galerie Zutritt. Man ließ ihm sagen, daß er den Zutritt zum Saale erhalten würde, wenn er einen Degen anlegte. Er aber weigerte sich und nahm an den Konzerten nur von der Galerie aus teil. Ein solches Benehmen war nicht geeignet, ihn dem Herzog selber angenehm zu machen. Der Herzogin wie dem Erbprinzen hatte er sich einmal vorstellen lassen, schrieb jedoch einige Tage später an Otto: »Mit der Herzogin und Ihm bin ich ganz außer Verhältnis.« Nur bei dem Besuch der Königin Luise in 505 Weimar kam er wieder mit der Herzogin in Berührung. Die Lobsprüche der anwesenden Fürstin von Thurn und Taxis und des Prinzen Georg von Mecklenburg veranlaßten die Herzogin, daß sie ihn im Park zurückrufen ließ, »viel zu gnädig« mit ihm sprach und ihn nach dem »Titan« fragte. »Du hast keine Vorstellung,« schrieb er an Otto, »wie hier um ein Eckchen Regenschirm vom Thronhimmel geschoben und gestoßen wird; ich sehe im Regen der Gruppe zu und bleibe Philosoph.« Jean Paul hat sich, wie überhaupt niemals, so auch in Weimar nicht um die Hochgestellten bemüht. Bereits im 18. Jahr, schrieb er an Otto, sei er Republikaner gewesen, und noch jetzt finde er einen Mut und eine Denkart gegen die Fürsten in sich, die er eben bei den großen Männern in Weimar nicht so bemerkt. »Überhaupt steige ich ja in die Nester der höheren Stände nur der Weiber wegen hinauf, die da, wie bei den Raubvögeln, größer sind als die Männchen.« Eine wichtige Stelle, die sein Verhalten den hochgestellten Frauen gegenüber von Grund aus erleuchtet. Im März 1799 brachte er acht Tage, die ihm zu Festtagen wurden, in Gotha zu. Bereits im Sommer des vorigen Jahres hatte er, Schlichtegrolls wegen, Gotha aufsuchen wollen. Diesmal zog ihn der genialische Erbprinz August dorthin. An diesem Hofe öffnete ihm sein Verhältnis zu Goethe die Bahn. Goethe hatte sich mehrfach mißachtend über den Gothaer Hof ausgesprochen, insbesondere über den Erbprinzen. An der herzoglichen Tafel zog denn Jean Paul seinerseits auf Weimar los, wie er schreibt, und fand völlige Billigung seiner Ansichten auch bei dem Herzog Ernst Ludwig. Eine zweite Reise nach Gotha, die ihn auch über Erfurt, Eisenach und auf die Wartburg führte, bereicherte wiederum seinen Bekanntenkreis. 506 Zum »Titan« floß ihm unaufhörlich Stoff zu und immer deutlicher formte sich ihm die Tendenz des Ganzen. An Friedrich Jacobi, mit dem ihn jetzt ein fortgesetzter Briefwechsel verband und mit dem er sich duzte, schrieb er über den Kardinalroman: »Mein ›Titan‹ ist und wird gegen die allgemeine Zuchtlosigkeit des Säkulums gewaffnet, gegen dieses Umherbilden ohne ein punctum saliens – gegen jede genialische Plethora, d. i. Parzialität – gegen die ästhetische (artistische) und philosophische Trennung des Ichs von der Beschauung, als müsse nicht diese auf jenes wirken, es voraussetzen, nur durch dasselbe gelten und darin früher und später wohnen als in der Abstraktion. Beinahe jede Superfötation und jedes hors d'œuvre der menschlichen Natur soll im »Titan« Spielraum für die eigenen Fehler finden.« Hier ist es ausgedrückt: Weimar mit seiner Superfötation des Gehirnlichen, aber auch Kant mit seiner Trennung des Ichs von der Beschauung sollten im »Titan« gegeißelt werden. Roquairol lebte damals schon in ihm, allen voran aber griff Charlotte von Kalb immer wieder als Titanide in die Handlung seines Innern ein. Seltsam wie in Jean Pauls Dasein die verschiedenen Welten sich durchdrangen. In seiner behaglich stillen Stube am Markt träumte er von den Seligkeiten einer schlichten bürgerlichen Liebe, und wenige Schritte nur hatte er hinaus zu tun, um mitten im Wirbel der großen Welt zu stehen. Und es zog ihn hinaus in diese große Welt. Noch ehe das Jahr 1799 begann, nahte ihm, nun von seiten der Kalb, die Versuchung, die er in der Berlepsch gerade noch überwunden hatte. Am 28. Dezember 1798 schrieb er an Otto: »Durch meinen bisherigen Nachsommer wehen jetzt die Leidenschaften. Jene Frau – künftig heiße sie die Titanide, weil ich dem Zufall nicht traue – die von Weimar zuerst 507 nach Hof an mich schrieb, die ich dir bei meinem ersten Hiersein als eine Titanide malte, mit der ich, wie du weißt, einmal eine Szene hatte, wo ich (wie in Leipzig) im Pulvermagazin Tabak rauchte, diese ist seit einigen Wochen vom Lande zurück und will mich heiraten und sich scheiden.« Kurz nach einem Souper sagte sie es ihm in unverblümter Klarheit. »Meine moralischen Einwürfe gegen die Scheidung wurden durch die 10jährige Entfernung des Mannes widerlegt, und durch den früheren Vorsatz für Schiller – von den drei Kindern bliebe nur eines, das schönste, klügste Mädgen – alle Güter sind die ihrigen – und als ich auf kameralistische Indemnisation des Mannes und der Kinder (präliminarisch) drang, war alles ihre Meinung.« Er setzte diesen Plänen ein festes Nein entgegen, aber Charlotte drang mit »Größe, Glut und Beredsamkeit« dagegen. »So bestand ich eisern darauf, daß sie keinen Schritt für, wie ich keinen gegen die Sache tun solle. Denn sie glaubt, ihre Schwester und deren Mann, der Präsident, und ihre Verwandten würden alles tun, ach im März wäre alles vorbei, nämlich die Hochzeit.« »Ich habe endlich Festigkeit des Herzens gelernt – ich bin ganz schuldlos – ich sehe die hohe genialische Liebe, die ich dir hier nicht mit diesem schwarzen Wasser malen kann – aber es passet nicht zu meinen Träumen.« Das war das Entscheidende: »Es passet nicht zu meinen Träumen.« Bei Dorothea Weiße wie bei den Töchtern Wielands hatte er mit sich ringen müssen. Bei den Titaniden stand das Nein! von vornherein bei ihm fest. Der kommenden, der erträumten Liebe sparte er sich auf. »O Emilie, du sprachst mir die Liebe ab, und nur dieser opfer ich Stand und Reichtum schon zum 2ten mal!« Anfang Januar 1799 konnte er berichten: »Zweitens hab' ich jetzt mit der Titanide ein Elysium ohne Schwaden, alles ist leicht und recht und 508 gelöset.« »Sogar ihren Mann liebt sie jetzt mehr; und ich mauere hoff' ich einige aus dem Altar ihrer Ehe, Liebe gefallne Steine wieder ein.« Aber auch abgesehen von den Titanidenerlebnissen nahm er fortwährend Neues in sich auf. Nicht Goethe und Schiller, sondern Herder führte ihn zu den Griechen, und er studierte sie als eine einmalige Erscheinung, nicht als ewig gültige Norm. Die Eindrücke, die er in der Dresdener Galerie gehabt, kehrten stärker zurück. »Ich lese den Homer und die Tragiker mit einer namenlosen Wonne. Sophokles ist (Shakespeare ausgenommen) ein Siebengestirn (auch er hat nur 7 Stücke) und die Neuern sind Nebelsternlein.« Wenn er im »Titan« Herder als den sanften griechischen Baumeister Dian auftreten läßt, so wurde jetzt der Grund dazu gelegt. Zu den modernen »Nebelsternlein« gehörte für ihn auch Schiller. »Der 2te Teil des Wallensteins ist mit großer Pracht (über 400 rtl. neue Kleider, weil alles echt war) abgespielt, er ist vortrefflich, passabel und langweilig und falsch. Die schönste Sprache – kräftige poetische Stellen – einige gute Szenen – keine Charaktere – keine fortströmende Handlung – oft ein dramatisierter Zopf oder Essig – 3faches Interesse – und kein Schluß.« Schiller benutzte die Lorbeeren des Wallenstein, um sich der Titanide wieder zu nähern. Er »sagte schon dreimal zu ihr: wir müssen miteinander nach Paris. (Hier ist alles revolutionär-kühn und Gattinnen gelten nichts. Wieland nimmt im Frühling, um aufzuleben, seine erste Geliebte, die La Roche ins Haus, und die Titanide stellte seiner Frau den Nutzen vor«.) Immer deutlicher schälte sich Jean Paul das Bild der Zeit heraus, das er in seinem Kopfe trug. Er fühlte, daß die Welt einer Erneuerung dringend bedurfte. Aber vergeblich sah er sich nach den neuen Kräften um. Weder von der französischen Revolution noch 509 von den anerkannten geistigen Führern der Nation waren sie zu erwarten. Mitten im Hochstand der deutschen »klassischen« Zeit fühlte er, daß die alte Welt im Niederbrechen war. Schon vom Giebichenstein aus hatte er an Otto über die Furcht vor Revolutionen als einem deutlichen Symptom des Kommenden geschrieben: Reichardt »erzählt mir, daß in Berlin das alte Unwesen durch die Souffleurs der alten Regierung wieder angehe. Die unnötige Furcht der Revolution tut gerade so viel Schlimmes als vorher Gutes: ein ganzes Spionen-Departement ist öffentlich errichtet auf dem alten Pariser Fuß, das unter allen Verkleidungen Hör- und Sehröhre ansetzt und den Staat zu einem Schallgewölbe macht. Wer dem Abbé Sieyes nur nachsieht, der wird angegeben; so wie auf eine niedrige Weise Stände und der König unter dem Huldigungsschwur bloß auf den Franzosen sahen.« Solche Ausschnitte illustrieren aufs beste die Stimmung, die über der Zeit lag. Im Anfang hatte Jean Paul wie Herder und viele andere von der Pariser Revolution das Kommen des Neuen erwartet. Jetzt, in Weimar, schrieb er die bedeutungsschweren Worte nieder: »So viel ist gewiß, eine geistigere und größere Revolution als die politische, und nur ebenso mörderisch wie diese, schlägt im Herz der Welt. Daher ist das Amt eines Schriftstellers, der ein anderes Herz hat, jetzt so nötig und braucht so viel Behutsamkeit. Ich nehme in meine Brust keine Veränderungen auf, aber desto mehr in mein Gehirn.« Auch diese Revolution, die unbemerkt im Herzen der Welt schlägt, wollte er in den »Titan« aufnehmen, der sich ihm immer mehr zur großen Abrechnung mit der Zeit auswuchs. Inzwischen mochte er alles, was ihn politisch bewegte, doch noch einmal in eine Gestalt zusammenfassen. In den Junitagen 1799 schrieb er eine seiner schönsten Arbeiten nieder: den 510 Aufsatz »Über Charlotte Corday«. Auch hier war Abrechnung mit der Zeit, auch hier stand ein Titanidenerlebnis im Mittelpunkt. Aber in Charlotte Corday hatte das Titanidentum eine Größe erreicht, zu der er sich in seiner Darstellung nicht mehr kritisch zu stellen brauchte. Nicht als Sinnbild einer niedergehenden Zeit erschien sie ihm, sondern als Vertreterin überzeitlichen Heldentums überhaupt. Hier konnte er sich rückhaltlos in seiner Darstellung hingeben. Zum ersten und letztenmal in seinem Leben gab er ein streng umrissenes geschichtliches Bild ohne Abschweifungen und Ausweichungen. Er erzählt die Geschichte des heldenmütigen Mädchens mit einer Ruhe und Konzentration, die man Jean Paul am wenigsten zutrauen möchte. Zeigt das allmähliche Anwachsen ihres Entschlusses, den Bluthund Marat, den Vernichter republikanischer Freiheit, zu töten, schildert die Tat selbst, immer auf den tiefsten Grund ihres Wesens tauchend und ihre Heldenseele heraushebend, und schließlich ihren letzten Gang zum Schafott. »Es ist bekannt, daß die Heldin darauf einen ganzen Monat lang ihren Vorsatz schweigend in der Brust bewahrte. Aber wie leicht und klein mußten ihr in dieser Zeit die Spiele und Plagen des Lebens erscheinen, wie frei ihr Herz, wie rein jede Tugend, wie klar jede Ansicht! Sie stand jetzt auf dem höchsten Gebirge und sah die Wetterwolken nur aus der Tiefe, nicht aus der Höhe kommen, und sich von ihnen kaum verhüllt und benetzt, indes die andern, die tiefen Menschen auf dem Boden, ängstlich nach dem Gewölke aufblickten und auf dessen Schlag harrten. – Der edle Krieger, der handelnde Republikaner, der gottbegeisterte Mensch, sie haben diese hohe Stellung, die so sehr für alles häusliche Einnisten in bequeme, warme Freuden entschädigt und erkältet.« Mit wenigen Strichen ist die Höhenlage dieses Entschlusses 511 umrissen. Eine Darstellung, halb voll gegenständlicher Ruhe, halb voll Pathos, trägt das Ganze. »Darauf begab sie sich zu Marat mit der doppelten Gewißheit, jetzo sterbe er unter ihren Händen, und zugleich sie selber unter den Händen des Volkes.« Alles ist klar und groß in dieser Seele, die sich für das Volk zum Opfer bringt. Der Pöbel will sie auf dem Wege ins Gefängnis umbringen, sie fällt in Ohnmacht. »Als sie wieder zu sich kam, war sie in Verwunderung, daß der Pöbel sie noch leben lassen und daß dieser, den sie für eine Zusammensetzung von Kannibalen gehalten, dem Gesetz gehorcht hatte.« Hier liegt die ganze Kritik an ihrer Tat. Sie wollte das Volk, die Republik, von der Schreckensherrschaft befreien, und sie sah nicht, daß sie nur einen einzelnen mordete, der ihr zufällig der Inbegriff alles Entsetzlichen erschien. Sie hatte das Doppelgesicht aller Dinge nicht erkannt. Auch ihre Tat traf nicht die Wurzel, nur einen Zweig. Aber ihr Heldentum bleibt bestehen. Eines andern Helden noch gedenkt er bei ihrer Gestalt, der ihr nachzuleben und nachzusterben wußte, des Deutschen Adam Lux, der sich in Paris in die Strudel der Revolution stürzte und in ihnen unterging. »Er hatte aber in seiner Katos-Brust mehr mitgebracht, als er finden konnte im damaligen Pariser Blutsumpf: eine ganze römische und griechische Vergangenheit und Rousseaus eingesognen Geist und die Hoffnung einer steigenden, siegenden Menschheit.« Aber diese Ideale werden von der Wirklichkeit »ausgeplündert«. Es bleibt ihm nichts, als gegen das Schreckensregiment zu protestieren und selbst den Tod zu suchen. »Und kein Deutscher vergesse ihn! – Aber wie wird alles im Rauschen der fortziehenden Zeit übertäubt und vergessen! Welche hohen Gestalten stiegen nicht aus dem unreinen Strome und glänzten und sanken, wie Wasserpflanzen in die Höhe gehen, um zu blühen, und dann, mit Früchten beladen, untersinken.« In der kleinen Schrift ist Jean Pauls ganze Abrechnung mit der Revolution enthalten, sein Freiheitshymnus und sein Klagegesang über die Entartung der Freiheit, in der sinnbildlichen Handlung des politischen Mordes eingefangen. Für Charlotte Corday nimmt der Dichter das höchste Recht in Anspruch. Sie »bekämpfte und durchbohrte nicht als Bürgerin einen Staatsbürger, sondern als Kriegerin in einem Bürgerkriege einen Staatsfeind, folglich nicht als Einzelne einen Einzelnen, sondern als gesundes Partei-Mitglied ein abtrünniges, krebshaftes Glied.« Darin, aber nur darin liegt ihre Rechtfertigung. Wie Jean Paul sonst über den politischen Mord dachte, zeigt eine Anmerkung, die er einer späteren Auflage der kleinen Schrift beigab. In eigentümlicher Weise wurde die »Charlotte Corday« mit der Tat des gleichfalls in Wunsiedel geborenen Studenten Sand verknüpft, der ein begeisterter Verehrer Jean Pauls und insbesondere seiner Schrift »Über Charlotte Corday« war. Jean Paul schüttelte aber die Bluttat Sands, der bekanntlich Kotzebue ermordete, von sich ab. »Der Unseligst-Verblendete raubte ein doppeltes Leben – das fremde und seine, denn jeder Mörder ist Selbstmörder – nicht für Handlungen, sondern für Meinungen, und stellte so sich selber zu etwas Schrecklichern als zu einem Inquisitionstribunal auf; denn er war zugleich Richter . . . Ankläger, Zeuge und Scharfrichter und strafte am Leben sein Opfer im Winkel, ohne Defensor und Verhör, ohne Aufschub, ohne die Fristen, welche dem größten Übeltäter die Menschlichkeit gern bewilligt zur Abrechnung mit den Seinigen und sich, und unter dem Mitgefühl eigner Schuldlosigkeit und fremder Sündengewalt.« Die eigentliche Schilderung Charlotte Cordays ist in ein 513 Gespräch zwischen dem regierenden Grafen von —ß, seinem Ministerpräsidenten und Jean Paul eingekleidet. Reiner und größer hätte wohl die bloße Schilderung der heldischen Mörderin allein gewirkt, aber Jean Paul legte Gewicht darauf, jede solche Schöpfung in eine, in seine ganze Welt einzufügen. Und dieses »Halbgespräch am 17. Juli«, wie er es nennt, enthält des Bedeutenden genug, um sich selbst zu rechtfertigen. Von der Rechtmäßigkeit, für große Zwecke sein eigenes Leben gegen ein fremdes einzusetzen, wird hier gesprochen, und Jean Paul nimmt für große Ziele dieses Recht in Anspruch. Denn: »Wir wollen wirklich etwas; wir wollen die Stadt Gottes nicht bloß bewohnen, sondern auch vergrößern.« Und nun spricht er von jener Erscheinung, die damals zuerst die Augen der Welt auf sich lenkte: von Napoleon Bonaparte, in dem er die Revolution sich anheben fühlte, die »geistiger und größer als die politische und nur ebenso mörderisch«, im Herzen der Welt bereits unhörbar schlug. Was er mit jener Briefstelle meinte, wird hier offenbar, wo er von ästhetischen und sittlichen Genies spricht, die beide allein die Welt ändern und der fortlaufenden Verflachung wehren. »Alle Größen und Berge in der Geschichte, an denen nachher Jahrhunderte sich lagerten und ernährten, hob das vulkanische, anfangs verwüstende Feuer solcher Übermenschen, z. B. Bonaparte Frankreich durch Vernichtung des nur durch Schwächen vernichtenden Direktoriums, kühn auf einmal aus dem Wasser. Allerdings häufen sich auch leere Korallen endlich zu Riffs und Inseln zusammen; aber diese kosten ebenso viel Jahrhunderte, als sie dauern und beglücken.« Der Feuerreformator aber muß »die zeugenden Jahrhunderte des trägen Werdens zum Vorteile der genießenden durch eine Kraft ersetzen, welche jedesmal fällend und bauend zugleich ist«. Auch in späteren Jahren, als 514 Napoleon Deutschland überrannt hatte und geknechtet hielt, bewahrte sich Jean Paul etwas von dem Sinn für die große Sendung des Eroberers. Gewiß stand der Dichter zu seinem Volk, und niemand konnte den Befreiungskrieg mit glühenderer Seele verfolgen als er. Aber er behielt doch immer, im Gegensatz zur Romantik, den Sinn für das Neue und Heilsame, das Napoleon Europa wie Deutschland gegeben hatte. Wir werden bei seinen politischen Schriften noch darauf zu sprechen kommen. Von der ersten Jugend an war Jean Paul im Zweifel gewesen, ob ihn das Schicksal zum Dichter oder zum Philosophen bestimmt habe. In der Tat verfügte er über eine ungemeine philosophische Bildung. Ganz entschieden waren die starken philosophischen Interessen dem Dichter Jean Paul hinderlich. Immer wieder mengten sich philosophische Gedankengänge in seine Pläne, und wenn man verfolgt, was alles er in seinen »Titan« hineingeheimnissen wollte, kann man wohl einen Schrecken bekommen über die Gefahren, denen diese größte Dichtung Jean Pauls ausgesetzt war. Gott sei Dank kam er bald auf den Gedanken, alles Philosophische und Satirische in besondere Supplementbände zu tun, so daß der eigentliche Roman von dem Beiwerk nicht belastet wird. Es war ein Glück, daß sich diese Form ihm allmählich herausschälte. Dem Plan nach sollte sogar seine große Auseinandersetzung mit Fichte, in dem er mehr und mehr die äußerste Zuspitzung des kantischen Denkens sah, in den »Titan« einbezogen werden. Ins Jahr 1799 fiel der bekannte Atheismusstreit, der Fichte seine Jenaer Professur kostete. Trotz aller Gegnerschaft konnte Jean Paul in diesem Streit, der um die Freiheit der deutschen Wissenschaft ging, natürlich nur Fichtes Partei ergreifen. »Er schmerzt mich, da er edel ist«, schreibt er am 515 4. Juni an Jacobi, »und hülflos und da der bleiche Minister Voigt nicht wert ist, sein Diener zu sein, geschweige sein Mäzen.« Und nun kommt diese scharfe Anklage gegen Goethe, die von allen immer wieder erhoben wird, deren Schicksal ganz oder zum Teil jemals in Goethes Händen lag. »Goethe – über den ich Dir ein Oktavbändchen zufertigen möchte – ist Gott gleich, der nach Pope eine Welt und einen Sperling mit gleichem Gemüte fallen sieht, um so mehr, da er keines von beiden schafft; aber seine Apathie gegen fremde Leiden nimmt er schmeichelnd für eine gegen die seinigen.« Es ist natürlich fraglos, daß Goethe in dem Atheismusstreit ebenfalls Fichtes Partei ergriffen hat, obwohl es zweifellos erscheint, daß er manches unterlassen hat, was Fichtes hartes Schicksal hätte mildern können. Vielleicht hätte der Vorfall alle Parteien noch einmal zu vereinigen vermocht. Aber zwischen Jean Paul, Herder und Jacobi auf der einen Seite und Goethe, Schiller, Fichte und Kant auf der andern Seite stand Herders Metakritik, deren gegen Kant gerichtete Tendenz sich in dem kleinen Weimar natürlich herumgesprochen hatte. Es war auch kein Geheimnis, daß Jean Paul mit seinem enormen philosophischen Wissen Herder bei der Metakritik mit allen Kräften unterstützte. So wenig Goethe sich sonst um Philosophie oder um Kant bekümmern mochte, seit der Metakritik schien ihm in Kant ein heiliges Palladium angegriffen zu sein, und er belegte alle, die Herder in seinem Tun unterstützten, mit dem großen Bann. Es waren in der Tat Weltanschauungen, die sich hier gegeneinander absetzten. Der Zufall wollte, daß der alte Streitpunkt zwischen Herder und dem Herzog, nämlich die Erziehung der Herderschen Söhne, von neuem akut wurde. Bekanntlich hatten Herders Ansprüche zu dem endgültigen Bruch zwischen ihm und Goethe geführt. Durch Jean Pauls Vermittelung sollten nun 516 Herders Söhne ohne des Herzogs Beihilfe in guten Positionen untergebracht werden. Ein Grund mehr, um zwischen Jean Paul und Goethe eisige Feindschaft eintreten zu lassen. Jean Paul schrieb in dieser Angelegenheit an seinen Baireuther Freund Emanuel am 11. August 1799: »Der Herzog erhielt ihn (Herder) nur hier unter dem Versprechen der Vorsorge für seine Kinder. Ein Sohn, Adalbert, studierte Ökonomie im Holsteinschen – und dann im Preußischen. (Ich erzähl' alles nur kurz.) Darauf kam er auf ein herzogliches Gut in Oberweimar; wo er einem Schleicher und Tropfen, dem Ökonomen des dasigen Viehstandes, subordiniert war, indes er als 2ter Ökonom alles Andere und Weitläuftige zu regieren hatte. Schon dieses Leben unter einer rohen Unterordnung und die Einschränkung seiner Talente und die Verkennung derselben – da der Schleicher erschlich – quälte einen Abkömmling so zarter Eltern und diese am meisten. Jetzt – vergeben Sie mir die Sprünge! – soll er (das will der Herzog, um vielleicht seiner Zusage der Unterstützung leichter loszuwerden) die junge Pächterswitwe heiraten, die leichtsinnig ist und die ihren Mann beerbet hätte, wäre sie schwanger nachgeblieben; was aber ausblieb. Sohn und Eltern verachten die Verbindung; der Herzog macht diese zur Bedingung der Zusage und – Herder nimmt den Sohn zurück. Herder schrieb nach Sachsen um Verwalterstellen für ihn, die er aber jetzt gerade am Ende der ökonomischen Geschäfte schwerer finden wird. Nun hat er unter den Hoffnungen auf die sächsischen Antworten noch eine andre Hoffnung nötig, die auf Ihre Antwort bauet. Den Sohn ins Haus zu nehmen, säh einer Absetzung gleich – da der Herzog nie die andre Ursache erraten lassen würde – und überhaupt, mein Emanuel, die Bitte ist diese: können Sie ihn nicht auf einige Monate (bis er in Sachsen angestellt ist als Ökonomieverwalter, oder was noch 517 besser wäre, im Baireuthischen und durch Sie) nach Baireuth oder zu sich nehmen und ihn als Gesellschafter und Schüler Ihrer Güterzerschlagungen erwählen? Ach ich nahm heute von den Eltern . . . einen scharfen Höllenstein vom nackten Herzen weg, da ich ihnen in Ihre menschenfreundliche Seele hinein die günstige Aufnahme der Bitte vereidete. Sie konnten noch mit keiner Handlung 4 Menschen (mich eingerechnet) auf einmal schöner beglücken als mit dieser. Der metallene Thron ruht wie immer auf roten Herzen und hier liegt gerade das großschlagende meines Herders unter den scharfen Zacken.« Dieser Brief wirft ein seltsames Licht auf den Herzog und die Art, wie er sich seiner übernommenen Verpflichtungen entledigen wollte. Wir haben um so weniger Anlaß, an den Tatsachen zu zweifeln, da sie durchaus in den Rahmen der Zeit passen, in der Fürsten mit ihren Untertanen beliebig schalten zu können glaubten. Zum Glück ging Emanuel auf den Vorschlag sofort ein und nahm Herders Sohn zu sich. Ein Stein fiel den Eltern von der Seele, aber das Verhältnis der beteiligten Personen zueinander besserte dieser Ausgang der Sache naturgemäß nicht. Unterdessen hatte sich Jean Paul intensiv mit Fichtes Schriften beschäftigt. Der Briefwechsel mit Jacobi zeigt, wie tief dieses Studium ging. In Fichte sah er den fundamentalen Gegensatz zu seinen eigenen Anschauungen, und zwar bis zu dem Grade, daß, wenn er einen Gegensatz zu der eigenen Person in seinem Werk darzustellen hatte, er ihn gar nicht anders denn als Fichteaner darstellen zu können glaubte. Die ganze Weimarer Zeit über beschäftigte er sich mit dem »Titan«. Schon zwischen Siebenkäs und Leibgeber hatte es Gegensätze der Weltanschauung gegeben. Während der Armenadvokat Jean Pauls eigene Weltanschauung vertritt, 518 war der schweifende Leibgeber Atheist und Leugner der Unsterblichkeit. Dieser Gegensatz mußte sich jetzt unter den vielen philosophischen Eindrücken vertiefen. Leibgeber sollte ja in der Gestalt des Schoppe im »Titan« zu neuem Leben erstehen. Nichts lag näher, als ihn zum Fichteaner zu machen. Die kühne Vermessenheit, mit der Fichte das Ich zum Mittelpunkt der Welt macht, mochte diesem in sich selbst ruhenden schroffen Charakter am besten anstehen. Auch Schoppe alias Leibgeber gehörte ja in seiner »Einkräftigkeit« zu jener titanischen Welt, die in dem Roman gegeißelt werden sollte. Und auch Fichte, dessen Persönlichkeit Jean Paul nur anerkennen konnte, war ein Titan im Jean Paulschen Sinne. In seiner stolzen, folgerichtigen »Einkräftigkeit«, wie Jean Paul es nannte, mußte auch er ad absurdum geführt werden, an seiner Einsamkeit zerschellen. Aber in ihm war ein Idealcharakter darzustellen, wie er in Fichte vor Jean Paul vielleicht erst während des Atheismusstreites aufwuchs. Alles, was ihm an Fichte verehrungswürdig erschien, das sollte in Leibgeber oder Schoppe zur Gestalt werden. Dazu aber war es nötig, erst einmal alles abzustoßen, was ihm an Fichte unausstehlich erschien. Diesem Zweck diente die Schrift » Clavis Fichtiana seu Leibgeberiana «, die später dem »Komischen Anhang zum Titan« beigegeben wurde, zunächst aber, Ostern 1800, als selbständiges Buch erschien. Man kann vom wissenschaftlichen, d. h. kantischen Standpunkt aus die Gedankengänge Jean Pauls wie Herders in dessen Metakritik als naiv und unbeträchtlich abtun. Aber dieser Standpunkt, die kritische Scheidung in Erkennen, Fühlen und Wollen wurde ja gerade als rationalistisch abgelehnt. Wenn Kants erkenntnistheoretische Begriffsetzung für ein Jahrhundert siegte, so waren damit die Einwände seiner Hauptgegner noch nicht widerlegt, vor allem nicht Hamanns 519 Metakritik, der den kantischen Kritizismus als durchaus künstlichen Bau aus dem Wesen der Sprache heraus erklärt. Man konnte sich wohl ein Jahrhundert hindurch an Hamann vorbeidrücken, aber heute gewinnt mit einem neuen Lebensgefühl Hamanns Lehre wieder an Boden. Nur in Gemeinschaft mit Hamanns Metakritik ist Herders Metakritik und Jean Pauls » Clavis Fichtiana « zu beurteilen. Das Werk Hamanns war, auch wenn es erst später erschien – lange nach Hamanns 1788 erfolgtem Tode –, Herder wie Jean Paul jedenfalls im Manuskript bekannt. Ihre Gedanken basieren auf Hamann und setzen ein Gedankengefüge voraus, das den Lesern und Beurteilern der » Clavis Fichtiana « unbekannt war. Dennoch kann man sagen, daß Jean Pauls Angriff auf Fichte das Wesentliche in Fichtes Lehre nicht trifft. Jean Paul verwechselt den Fichteschen Ichbegriff mit dem Solipsismus. Natürlich konnte Fichte nicht meinen, daß das einzelne, individuelle Ich zuerst die Welt mit ihrem ganzen Inhalt erschafft. Auch die individuellen Inhalte werden durch Fichte dem Ich ja noch entzogen. Es ist ein durchaus überindividuelles, rein erkenntnistheoretisches Ich, das Fichte setzt. Und gegen dieses Ich setzte Jean Paul vergeblich den gesunden Menschenverstand ein. »Seit dem 13. Jahr trieb ich Philosophie,« schrieb Jean Paul in dieser Zeit an Jacobi, »warf sie im 25. weit weg von mir aus Skepsis und holte sie wieder zur Satire – und später näherte mich ihr, aber blöde, das Herz.« Mit diesen Worten wird Jean Pauls Verhältnis zur Philosophie, auch soweit es sich in der Schrift gegen Fichte ausdrückt, am besten gekennzeichnet. Das gerade ist das Wichtigste an der » Clavis Fichtiana «, daß wir aus ihr erkennen, wie das Herz des Dichters doch über den Kopf des Philosophen die Oberhand gewonnen hat. Das Herz ist allzu 520 beteiligt, nicht an seinem Denken, aber an einem dichterischen Verhältnis zur Welt, als daß Philosophie für Jean Paul noch eine mögliche Betätigung hätte sein können. In der » Clavis Fichtiana « schrieb er sich aber endlich frei zu reiner dichterischer Arbeit. Ohne daß seine philosophischen Gedanken in dieses Gefäß geronnen wären, hätte der »Titan« in seinen wichtigsten und entscheidenden Partien nicht zu dieser Zeit entstehen können. Aber es war, als hätten sich alle Frauen der Welt gegen den »Titan« verschworen. Die von Charlotte von Kalb her drohenden Gewitter hatten sich verzogen. Die Titanide hatte sich zur Freundschaft durchgerungen. Charlotte nahm sogar Jean Pauls Jugendfreundin Amöne, die sie eine Zeitlang von dem Dichter geliebt glaubte, zu sich ins Haus. Es waren unvergeßliche Wochen für Amöne, aber sie trugen nicht dazu bei, sie dem Jugendfreunde, der ihr trotz aller Freundschaftsversicherungen dennoch entglitten war, wieder zu nähern. Ganz neue Sterne tauchten auf, die Jean Pauls Ruhe ernstlich bedrohen sollten. Der erste war Josephine von Sydow, die sich im März 1799 zuerst mit einem anonymen Schreiben näherte. Josephine hatte, wie alle diese Frauen, wechselvolle Schicksale hinter sich. Im Süden Frankreichs geboren, war sie in ihrem sechzehnten Lebensjahr mit einem Herrn von Montbart in Berlin verheiratet worden. Bereits nach einem Jahr hatte sie ihren Mann verlassen, um sich der Schriftstellerei zu widmen. Ein junger Offizier der Blücherhusaren, Herr von Sydow, war ihr nächstes Erlebnis. Sie folgte dem neuen Gatten nach der Garnison Belgard in Pommern, wo er eine Schwadron kommandierte. Aber auch hier zog sie sich bald von ihrem Gatten auf ihr bei Belgard gelegenes Landgut zurück, mit literarischen Arbeiten beschäftigt. In dieser Zeit machte ihr Seelsorger sie auf den »Hesperus« 521 aufmerksam, und wie gewöhnlich weckte auch bei ihr die Lektüre des Buches den glühenden Wunsch, sich dem Verfasser zu nähern. Einer jener Briefwechsel begann, der wie ein seelischer Austausch zwischen Liebenden erscheint. Sie schickt ihm ihr Bild, er ist hingerissen. Die Leidenschaft ihrer Briefe steigert sich. Aber schon Ende Mai lernt er am Hofe von Hildburghausen Caroline von Feuchtersleben kennen, in der er das langgesuchte Ideal gefunden zu haben glaubt. Noch vor kurzem hatte er sich in der Konjekturalbiographie seine Ehe mit einem schlichten bürgerlichen Mädchen ausgemalt. Vielleicht war es ein kurzer Besuch in Hof, vielleicht die Anwesenheit Amönes in Weimar und Kalbsrieth, dem Gute Charlottens, die ihm das Schimärische solcher Träume gezeigt hatte. Er mochte wohl die Empfindung haben, aus der kleinbürgerlichen Welt trotz aller seiner Wünsche hinausgewachsen zu sein. Einer Verbindung mit Caroline von Feuchtersleben trat er jedenfalls fast sofort in Gedanken näher, wozu die Verbindung mit dem Hildburghausener Hofe, der ihn auf das liebevollste aufnahm, beigetragen haben mag. Ende Mai schrieb er an Otto aus Hildburghausen: »Hier sitz' ich nun seit einer Woche, und recht weich. Es ist und war so. Ich korrespondierte schon mehrmals mit einer Caroline von Feuchtersleben, die hier ist, und dieser versprach ich zu kommen. (Denke nur nicht, daß jetzt etwas wichtiges kommt, nämlich eine Braut!) Sie ist ein edles, tieffühlendes, männlichfestes, vom Schicksal verwundetes, ziemlich schönes Mädgen, das mir seine silhouettierte Gestalt und Taille mit einer schwarzen Blumenkette schickte (letztere sollte um mich herum), woraus ich sogleich schloß, sie müsse am Hofe gewesen sein welches sie auch war als Vicaria einer Hofdame. Fatal ist's – und im Grunde gar nicht –, daß sie im Sprechen zu spielend und leicht ist, wie im Schreiben zu ernst. Sie lebt 522 bei ihrer Mutter, Schwester und dem Bruder, und ich sitze meistens dort, wenn ich nicht am Hofe bin, welches außer den Mahlen häufig der Fall ist. Hier fängt es an, allmählich wichtig zu werden. Erstlich denke Dir, male Dir die himmlische Herzogin mit schönen kindlichen Augen – das ganze Gesicht voll Liebe und Reiz der Jugend – mit einer Nachtigallen-Stimmritze – und einem Mutterherz – dann denke Dir die noch schönere Schwester, die Fürstin von Thurn und Taxis, welche beide mit mir an einem Tage mit den gesunden frohen Kindern ankamen. (Erlasse mir die Männer!) Mit der von Solms wollte ich in einem Kohlenbergwerk hausen, dürft ich ihren Galan da vorstellen. Diese Wesen lieben und lesen mich recht herzlich und wollen nur, daß ich noch 8 Tage bleibe, um die erhaben-schöne 4te Schwester, die Königin von Preußen, zu sehen; Gott wird es aber verhüten. Ich bin auf Mittag und Abends für immer gebeten. Der Herzog, ein wenig borniert aber gutmütig, machte anfangs nicht viel Fait von mir; aber jetzt ist er mir recht gut, und er merkte an, daß ich mir zuwenig Spargel genommen und gab mir außer diesem noch die ersten Hirschkolben zu essen, die nicht sonderlich sind. Gestern habe ich vor dem Hofe – phantasiert. Du erschrickst; aber ich habe seit anderthalb Jahren phantasiert vor Gleim, Weiße, Herder, vor der Herzoginmutter passimque . – Auch hier habe ich eine anständige Brüder- und Schwestergemeinde; und kann der Zinzendorf sein. – Nein, es wäre Undank, wenn ich nicht die Liebe meiner Deutschen für den reichsten Lohn meiner Federfechterei hielte. Ich studiere an diesem Höfgen doch die Kurialien mehr ein für meine Biographieen: Wenn alles aus den Vorzimmern in den Speisesaal zieht: so schreitet das kurze Kammerjunker- und sonstige Volk (und ich mithin mit) wie die Schule vor 523 der Bahre voraus und die fürstlichen gepaarten Personen schleifen nach. Wieland aber (das erzählt er mir selber mit Spaß über seine Unwissenheit) gedachte anfangs höflich zu sein und ging nicht voran, sondern fügte sich zum Nachtrab und kam so zugleich mit den Fürstenpaaren an. Übrigens was ich mir durch den Hof am Gasthofs-Essen und Trinken erspare, das trägt der Bader wieder fort, weil ich den verdammten Kinn-Igel öfter scheren lassen muß.« Es war das erstemal, daß Jean Paul längere Zeit an einem Hof verbrachte, und dieser Aufenthalt hat entschieden seine Reize für ihn gehabt, wie aus seiner langen Schilderung der Etikette ersichtlich ist. Aber allmählich trat doch der Hof hinter Caroline von Feuchtersleben zurück. Als er im Juli auf der Reise nach Gotha die Wartburg kennenlernte, dachte er an sie: »Wenn ich eine Stunde bei Ihnen hätte, wie sie für uns gehört, eine Stunde, wo die Seele verklärt und zerfließend sich der ähnlichen zeigt und öffnet, und wo einmal um uns nichts wäre als eine untergehende Sonne oder ein aufgehender Mond – als ich auf der Wartburg stand und über die aufgerollte Karte von Wäldern und Bergen hinsah und als ich mit der Menge durch einen herunterwachsenden Hain nach Hause ging, worein die Abendsonne vergoldete Bäume und Zweige pflanzte und als mein Herz in Jugendkraft die Welt aufnahm: so drang doch ein Seufzer in die glückliche Brust und er fragte mich, warum bist du allein? – Neben Dir hätt er mich nicht gefragt . . . Gute Seele, weißt denn Du, wie ich Dich liebe?« Das war freilich für Jean Paul noch keine eigentliche Liebeserklärung. Zur gleichen Zeit schrieb er an Otto: »Ach die Gegend von Eisenach, die Wartburg usw. drückte mit ihren Reizen mein Herz. Welche jugendliche feurige Himmel liegen in meiner Brust. Wie werd' ich lieben! Wie werd' ich glühen! Wie kann ich 524 leiden! – – Das alles fuhr mit seinen Händen durch mich. Erinnere mich an die Tochter des Direktor Tschirpe; denn ich kenne deine Abneigung vor langen schriftlichen Erzählungen. – Ferner fand und gewann ich eine geistreiche, von Wieland unter dem Namen Psyche besungne Frau – v. Bechtolsheim – und eine Holländerin v. Banhuisen, ein Mädchen mit welschen Augen und Augenbrauen; mit beiden fuhr ich Nachts um 12 Uhr durch die glühenden Sternbilder der Johanniswürmgen von der Ruhl zurück.« So sind seine Briefe von immer neuen Entzückungen über immer neue weibliche Wesen erfüllt. Mit Josephine von Sydow will er sich im Winter in Berlin treffen. »Ach Josephine, welchen Mai verheißet uns der Winter!« Aber aus allen Gestalten schält sich doch immer deutlicher Caroline von Feuchtersleben heraus. Der Hof schien ein Interesse daran zu nehmen, die schöne ehemalige Hofdame dem berühmten Gast zu verbinden. Vielleicht um etwaige Bedenken der adelsstolzen Familie von vornherein zu zerstreuen, wird Jean Paul zum Legationsrat ernannt. Er ist selig. In allen Briefen kommt seine Freude über den erworbenen Rang zum Durchbruch. Er will den »Titan«, dessen erster Band zur Drucklegung bereitliegt, den vier Schwestern auf dem Thron widmen. »Aber beleidigt sie der »Titan« nicht? Und ist nicht schon diese Frage ein Kerker des Schwungs?« Aber er entscheidet sich doch dafür, das Buch den fürstlichen Schwestern zu dedizieren. »Sogar der furchtsame Herder und Böttiger sind für das Dedizieren; die Satiren gehen noch dazu die Fürstinnen nichts an – (nur Fürsten).« Wieder der Unterschied, den er zwischen den hochgestellten Frauen und ihren Männern macht. Im Oktober sollte die Entscheidung fallen. Schon vorher hatte er den Gedanken gefaßt, sich mit Caroline zu verloben. Herders begleiteten ihn bis Ilmenau. Der Hof war gerade 525 im Begriff, nach dem Jagdschloß Seidingstadt überzusiedeln. Ein paar Minuten vor dem Einsteigen konnte er noch die Herzogin sprechen. Dann sucht er Caroline auf. Zum erstenmal einem Mädchen gegenüber hat er das Gefühl, nicht so rein zu sein, wie er möchte. »Bei ihrer moralischen Zartheit fühlt man, daß man leider in Weimar lange gewesen. Sie würde, wenn ich mit ihr verbunden wäre, mein ganzes Wesen bis auf den kleinsten Flecken ausreinigen.« Er geht unangemeldet zu ihr. Sie wurde von der Magd aus dem Garten geholt. »Sie kam fast sprachlos und schrieb es dem – Laufen zu, welches glaublich genug ist.« Dann wird er zur Herzogin geholt. Einige Tage darauf ist er zum Tee zum Minister Koppenfels eingeladen. Eine »dicke hohle Frau v. Beulwitz« führt der Teufel dazwischen. Sie gehen alle eine Treppe höher zu Frau von Beck, Carolinens Schwester. »Bei dieser Beck war nun der geheizte Ofen im größern Zimmer – dann das, worin die Gesellschaft war; aber die zwei Türen waren offen für den Durchzug der Feuerung. Ich meines Orts begab mich oft ins größere, dunklere, wärmere Zimmer; und C. kam nach. Hier gingen wir auf und ab, und häufig vor der hellen bevölkerten Öffnung vorbei; aber immer seltener; blieben länger am Ofen – sie sagte mir ihr Herz und sank mit ihrem Kopf an meines, und ich gab ihrem Auge den ersten Kuß.« – »Ihre Farbe ist weiß und blaßrot, die Stirn poetisch und weiblich-rund, die Augenbrauen stark (zu sehr fast), die Augen schwarz, die Nase das Gegenteil einer kleinlichen und kurzen, die Lippen originell beschnitten, das Kinn kräftig erhoben; kurz alles deutet auf Bestimmtheit; trotz der Schönheit.« So beschreibt er sie dem Freunde. Das Zusammentreffen nach dem ersten Kuß pflegt für das Verhältnis zweier Menschen ausschlaggebend zu sein. 526 Es fiel zwischen den beiden Liebenden höchst unglücklich aus. »Sie war den ganzen Abend schneidend-anspielend, hart und außer sich, wie ich's nie sah.« Irgend etwas rebellierte in Caroline gegen die Verbindung. Vielleicht ihr adliges Blut gegen das durch und durch bürgerliche Gehaben des Bräutigams. Die Aussöhnung folgte auf dem Fuße, aber ein peinliches Gefühl mag in Jean Paul zurückgeblieben sein. Der von allen Frauen Vergötterte fühlte sich durch dieses erste Zurückweichen verletzt. Wenige Tage später reiste er nach Weimar zurück. Carolines Nichte Auguste, die er bei Herders unterbrachte, da sie zur höheren Ausbildung nach Weimar sollte, begleitete ihn. Eine der seltsamsten Bräutigamszeiten beginnt. Während Caroline der Mutter und den Verwandten gegenüber ihre Liebe in schweren Kämpfen durchsetzt und schließlich die Einwilligung der Mutter erreicht, führt Jean Paul in Weimar sein altes Leben fort. Charlotte von Kalb freilich, durch die Verlobung um den letzten Rest ihrer Hoffnung gebracht, zieht sich von dem Angebeteten zurück und überläßt Schiller ihre Weimarer Wohnung. Ein seltsames Verhängnis waltet über dieser Feuerseele, die die größten Geister der Zeit geliebt hat und von ihnen allen um eines alltäglicheren Glückes willen zurückgestoßen wurde. Auch Emilie von Berlepsch tritt noch einmal hervor. Diese Frau ist kaum weniger unglücklich als Charlotte gewesen. In Schottland hat sie noch einmal ihr immer wiederkehrendes Erlebnis gehabt, von einem jüngeren Manne zurückgestoßen zu werden. In aufwallendem Mitgefühl will Jean Paul sie nach seiner Verheiratung in sein Haus nehmen, ihren alten Traum verwirklichend, da sie ihn mit ihrer Schweizer Freundin verheiraten und zu dem Paare ziehen wollte. Aber bald werden Jean Pauls Briefe über diesen Punkt ausweichend. Caroline 527 hat ihn gebeten, ihm seinen Briefwechsel mit den zahlreichen Freundinnen nicht mehr mitzuteilen. »Liebe sie alle, schreibe an alle,« ruft sie ihm zu, »sei ein warmer Freund aller guten weiblichen Seelen, aber – sage mir nichts mehr davon.« Jean Paul wird zum erstenmal gewahr, daß eine Braut oder Frau andere Ansprüche an ihn zu stellen berechtigt ist als eine Freundin. Er läßt Emilie von Berlepsch fallen, zieht in einem Brief eine unzarte Parallele zwischen ihren letzten Erlebnissen in Schottland und den Leipziger Auftritten. Nur eine, Josephine von Sydow, fühlt sich durch die Verlobung nicht berührt. Diese Südfranzösin scheidet mit der Klarheit ihrer Rasse die Liebe des Freundes und die des Bräutigams. Zur Frühjahrsmesse 1800 will Jean Paul nach Leipzig und von dort nach Berlin fahren, um Josephine endlich kennenzulernen. Die beiden malen sich ihr Zusammentreffen in glühenden Farben aus. Unterdessen hat Caroline den Hauptwiderstand ihrer Familie besiegt. Die Mutter wenigstens hat zu der Verlobung ihre Einwilligung gegeben. Aber sie lehnt es ab, den Bräutigam in Hildburghausen zu empfangen. Wenn das Paar einige Jahre verheiratet ist, will sie einmal zum Besuch hinfahren. Nicht mehr. Jean Paul kann also nicht aus der Hand der Mutter die Braut entgegennehmen. Ein Umstand, der ihn schmerzlich berührt. Hildburghausen ist ihm seit dieser Zeit verschlossen. Wir können die Wirkung dieser Widerstände auf den Dichter nicht hoch genug anschlagen. Die ganze Welt überbietet sich in Liebesbezeugungen zu ihm. Er hat die Erlaubnis erhalten, »den vier schönen und guten Schwestern auf dem Thron« den »Titan« zu widmen, ja die Königin Luise von Preußen hat ihn ausdrücklich auffordern lassen, nach Berlin zu kommen. Fürsten und Prinzessinnen 528 bemühen sich um seine Freundschaft, die schönsten und reichsten Frauen liegen ihm zu Füßen. Nur die eine adelsstolze Familie von Feuchtersleben verschließt sich ihm, da er Caroline ehelichen will. Es kann gar nicht anders sein, als daß ihn dieses Verhältnis im höchsten Grade verstimmen muß. Jean Paul fühlt selbst, daß ihm eine baldige Verheiratung notwendig ist. Seine Nerven sind bis zum Reißen gespannt. Unter den unerhörten Anspannungen des Schaffens hat seine Gesundheit empfindlich gelitten. Er hat sich an Stimulantien gewöhnt. Der übermäßige Kaffeegenuß ist vom Biertrinken abgelöst worden. Er äußert selbst, daß er in einem Jahr tot sein wird, wenn er länger das schwere englische Bier trinkt, wie es in Weimar allein zu haben ist. Durch Otto und durch Emanuel läßt er sich von Baireuth das Bier aus dem Dorf St. Johannis bei Baireuth kommen, das er besser verträgt. Die jugendliche Geschmeidigkeit des Jünglingskörpers ist dahin. Er setzt den Bauch des an den Schreibtisch gefesselten geistigen Arbeiters an. Sein Gesicht wird rund, sein Körper ungefüge. Diese Wandlung geht im Lauf weniger Jahre vor sich. Man deutet dieses Fettwerden gewöhnlich falsch, faßt es als bürgerliche Behäbigkeit auf. Nichts falscher als das! Es ist die beginnende Auflösung eines dem Schaffen zum Opfer gebrachten Körpers. Das Herz, von den Erregungen des Schreibens mitgenommen, kann den immer mehr anschwellenden Körper nicht mehr durchpumpen, arbeitet immer mühevoller gegen die sich ansetzenden Massen an. Nicht Alltagsbehäbigkeit bestimmt diesen Prozeß, sondern das Aufsaugen des Bluts und der Kräfte durch das Gehirn. Dabei scheint die Arbeit der letzten Jahre ergebnislos. Für die Leserwelt ist er immer noch der Verfasser des 529 »Hesperus«. Selbst der unendlich reifere und größere »Siebenkäs« hat sich neben dem den Instinkten der Zeit entgegenkommenden »Hesperus« nicht durchsetzen können. Die dazwischenliegenden Arbeiten sollten das Interesse für den »Titan« wachhalten, aber sie hatten das Publikum ermüdet. Jean Paul befand sich seit der ersten Rückkehr aus Weimar in einer Krisis, die ihm seine Verlobung mit Caroline erst recht deutlich machte. Dazu kamen Bedenken, vor allem von den Herders, ob es ratsam sei, allein auf schriftstellerische Einnahmen hin einen Familienstand zu gründen. Gleim versuchte, dem Dichter in Berlin eine Präbende zu erwirken, aber vergeblich. Wenigstens übersandte er aus eigenen Mitteln dem Bräutigam die Summe von 500 Talern als Beihilfe für die Ausstattung, auch hier wieder sich als echter »Dichtervater« bewährend. Vielleicht aber lenkte diese Gabe erst Jean Pauls Aufmerksamkeit auf das Unsichere seiner Lage. Caroline hatte währenddessen ihr ganzes Selbst aufgegeben und sich mit allen Gedanken und Träumen in den Dienst des Geliebten gestellt. Sie war es auch, die eine Zusammenkunft in Ilmenau ins Werk setzte, um Jean Paul endlich wieder von Angesicht zu sehen. Am 2. Mai fand diese Zusammenkunft nach halbjähriger Trennung statt. Caroline war von ihrer Schwester, Frau von Beck, begleitet, Jean Paul kam in Gesellschaft des Herderschen Ehepaares. Dieses Zusammensein führte zur Auflösung des Verlöbnisses. Ein zwingender Grund lag für Jean Paul kaum vor, das Leben der ihn anbetenden Verlobten auf immer zu zerstören. Im allgemeinen wird es der Ärger über die adelsstolze Arroganz der Familie gewesen sein, der ihn das Verlöbnis aufheben ließ. Wie sehr Jean Paul selbst unter der Trennung gelitten hat, zeigt sein vierzehntägiges Schweigen gegen Otto, 530 dem er erst am 16. Mai die Entlobung ankündigte. Herders waren aufs äußerste vor den Kopf gestoßen. Noch im August erging sich Herder in einem Brief an Caroline von Feuchtersleben in heftigen Anklagen gegen den Ungetreuen. Das Zusammentreffen in Ilmenau habe ihn in der Überzeugung bestärkt, daß Jean Paul einer wahren Liebe nicht fähig sei. Möge er sein Dichterleben fortsetzen und die Liebe schildern, möge er, wozu ihn die Musen beriefen, »aller Frauen Mann sein«, schreibt er an die völlig Gebrochene. Herders, die einzigen Augenzeugen, treten in dem Zerwürfnis jedenfalls auf die Seite der Verlassenen. Es war Jean Pauls Schicksal, sich nach den Freuden einer harmonischen Ehe zu sehnen, ohne ihrer teilhaftig werden zu können. Die Musen hatten ihn dazu berufen, »der Mann aller Frauen« zu sein. Er mußte der Welt das Leben des großen Liebenden vorleben, ohne daß ihm das Schicksal die Möglichkeit gab, die Erfüllungen der Liebe auszukosten. Nur schwer konnte Caroline sich an den Gedanken ihres unwiderbringlichen Verlustes gewöhnen. Immer wieder versuchte sie, Jean Paul durch Briefe umzustimmen. Sie war nach Würzburg zu ihrem Onkel gefahren, der das Haupthindernis ihrer Verlobung gewesen war. Sie wußte diesen schwierigen Verwandten umzustimmen, als Jean Paul in Berlin schon anderen Sonnen nachging. Rührend sind ihre Briefe an Herders, in denen sie ihre Bundesgenossen weiß. Für Jean Paul stand sein Nein unerbittlich fest. Neue Bekannte traten in seinen Kreis und entrückten ihn dem peinlichen Erlebnis. Wichtig war es, daß er noch in den letzten Wochen seines Weimarer Aufenthalts Fühlung zu der jungen romantischen Schule in Jena gewann. Bekanntlich waren die Romantiker schon vor dem Atheismusstreit von Fichte abgerückt und 531 sahen in dem glänzenderen Schelling den Philosophen ihrer Schule. Auch zu Schelling fand Jean Paul kein Verhältnis, obwohl er dessen erste Bücher mit Eifer las. Vor allem trug aber das sich immer mehr lockernde Verhältnis der Schlegels zu Goethe dazu bei, sie Jean Paul anzunähern. Und er erlebte die Freude, daß Friedrich Schlegel seinen geliebten Friedrich Jacobi für den tiefsten Geist der Gegenwart erklärte. »Herr von Hardenberg – ein Fichtianer, es ist der Novalis im Athenäum – war entzückt« über Jacobis offenen Brief an Fichte, wie Jean Paul dem Dichterphilosophen bereits im Januar 1800 schreiben konnte. Novalis »erzählte mir vor einem Jahr in Leipzig, wie es mit Friedrich Schlegel, dessen Freund er ist, gegangen sei. Er habe (verzeihe mir einige unheilige Worte) alle deine Werke auf einmal studiert, verschlungen, gepriesen, gesagt, er werde in seinem Leben keine solche Zeile machen können; darauf sich immer tiefer hineingearbeitet und endlich sei ihm Licht über den Woldemarschen Egoismus aufgegangen usw. Der Spitzbube ist dir gut, wie mir, ob er mich gleich zu skalpieren versucht«. Anderthalb Tage blieb Jean Paul mit dem jüngeren Schlegel auf seinem Zimmer, um sich mit ihm zu unterhalten, als dieser im Mai ausdrücklich Jean Pauls wegen nach Weimar herübergekommen war. Jean Paul faßte seine Eindrücke über Friedrich Schlegel in einem Brief an Otto zusammen: »Wir haben uns leicht verständigt. Er liebte mich und meine Werke von jeher – im neuesten Athenäum nahm er schon viele Invektiven zurück – und jetzt mehr und ich ihn; er ist kindlich, sanft und genialisch-auffassend; aber er ist in der Philosophie und Gelehrsamkeit 10mal seichter als ich gedacht; er konnte mir auf meine Anti-Fichtianismen so wenig antworten, daß ich glaube, er kennt nicht einmal das ganze System.« – Einige Jahre sollte 532 Jean Paul mit den jungen Romantikern Hand in Hand gehen. Es war die Zeit, in der die junge Bewegung wirklich schöpferisch war. Als sie sich zu einem historisierenden Katholizismus verknöcherte und den Geist der Heiligen Allianz gebar, kehrte er ihr den Rücken. Aber das Bündnis mit ihr sollte doch einen hellen Schimmer auf seinen Berliner Aufenthalt werfen. Schiller berichtete dem ins Bad gefahrenen Goethe unterm 5. Mai: »Noch habe ich vernommen, daß zwischen Friedrich Schlegel, der kürzlich hier war, und Jean Paul eine große Freundschaft sich anknüpft.« Man sieht, der Nachrichtendienst in Weimar arbeitete rasch und umfassend. Höchst amüsant muß es für den Dichter des »Hesperus« gewesen sein, als ihn dieser Tage der durch ihn dort verherrlichte Mundharmonikaspieler Franz Koch besuchte. Er »dankte mir für seine Empfehlung im Hesperus (wegen des Glücks in allen Städten); ich werde mit in den Anschlagzettel gesetzt . . . Er klagt, daß noch ein Pseudoharmoniker auch auf den ›Hesperus‹ reise«. Wenige Wochen nach dem unglücklichen Zusammentreffen in Ilmenau reiste Jean Paul, wie er es sich seit langem vorgenommen, über Leipzig nach Berlin. In den letzten Tagen des Mai traf er in der preußischen Hauptstadt ein und stieg bei Kommerzienrat Matzdorff, seinem alten Verleger, der auch den »Titan« wieder zum Verlag erhalten hat, ab. Ein neuer Kulturkreis umfing ihn. »Berlin warf mir ein oder ein paar Universa an den Kopf.« »Das edle Brandenburger Tor mit seinen Säulen und seinem Triumphwagen öffnet groß die Kolossenreihe der Paläste. Nur die Einwohner, sogar die Einwohnerinnen sind einfach gekleidet. In keiner deutschen Stadt ist die Achtung für das Gesetz, worin alle Freiheit besteht, sogar beim König, größer als 533 hier.« Mit diesen wenigen Worten ist der Geist der preußischen Hauptstadt am besten gekennzeichnet. Es war noch immer das Berlin Friedrichs des Großen, das Berlin der Aufklärung, das er betrat. In dem erst kurze Zeit zu Preußen gehörenden Fürstentum Baireuth hatte sich der Preußengeist noch nicht durchsetzen können. In Weimar war keine Spur von ihm vorhanden. In Berlin aber fand er alles auf diese preußische Sachlichkeit und prunklose Tüchtigkeit gestellt. Dabei eine Reihe hervorragender Köpfe. Im Theater führte Iffland ihm zu Ehren den Wallenstein auf, mit der Unzelmann, Fleck und sich selbst in der Titelrolle. In der von Fasch begründeten Singakademie wohnte er einem Konzert bei. Matzdorff versammelte seinem Gaste zu Ehren »ein Pack Gelehrter«, darunter den wie ein Fossil der Vorzeit in die Gegenwart ragenden »langweiligen« Nicolai, das Haupt der alten Berliner Aufklärung. Besondere Freude bereitete ihm das Zusammentreffen mit dem alten Freunde Ahlefeldt, der noch immer als Regierungsassessor in Berlin wohnte. Die gelehrte Welt nahm ihn mit offenen Armen auf. Der Dichter aber versparte sich die gelehrten Köpfe für seinen bald geplanten längeren Aufenthalt auf. Berlin bot des Interessanten so viel, daß er beschloß, den nächsten Winter dort zuzubringen. Besondere Bedeutung maß er aber seinem Verkehr mit dem Hofe bei. Gehörte doch die von den Berlinern schwärmerisch verehrte Königin Luise zu den vier »Klugen und schönen Schwestern auf dem Thron«, denen der »Titan« gewidmet war. Unmittelbar nach seiner Ankunft übersandte er der Königin den soeben erschienenen ersten Band des Romans. Am folgenden Tage bereits wurde er nach Sanssouci eingeladen. »Ich habe das große Sanssouci und die schöne Königin gesehen und bei ihr gegessen. Warum hat sie zwei Throne, da ihr zum Herrschen an dem Throne 534 der Schönheit genug sein konnte?« schreibt er an Otto, und in einem späteren Briefe: »Ich sprach und aß in Sanssouci mit der gekrönten Aphrodite, deren Sprache und Umgang ebenso reizend ist als ihre edle Musengestalt. Sie stieg mit mir überall auf der heiligen Stätte herum, wo der Geist des Erbauers sich und Europa beherrscht hatte. Geheiligt und gerührt stand ich in diesem Tempel des aufgeflogenen Adlers.« Auch bei dem Minister von Alvensleben war er mehrfach zu Tisch gebeten. Einmal blieb er hier länger als es vorgesehen war, und kam auf diese Weise zu spät zu einem ihm zu Ehren von dem Konsistorialrat Zöllner veranstalteten Essen in dem Splittgerberschen Garten. Die Gäste hatten mit dem Essen bereits begonnen. Nur an der unteren Tafel war zufällig ein Platz freigeblieben. Hierher setzte er sich aufs Geratewohl und geriet durch diesen Zufall neben seine spätere Gattin, Karoline Mayer, die Tochter eines in Berliner Juristen und Gelehrtenkreisen hochgeachteten Obertribunalrats. »Zöllner lud 40 Menschen in der Yorksloge zusammen meinetwegen – Viel Haare erbeutete ich (eine ganze Uhrkette von drei Schwestern Haaren) und viele gab mein eigener Scheitel her, so daß ich eben so wohl von dem leben wollte – wenn ich's verhandelte – was auf meiner Hirnschale wächset als was unter ihr.« Die drei Schwestern, die ihm diese sinnige Kette schenkten, waren eben die Töchter Mayers. Als sich Jean Paul neben Karoline setzte, ahnte er nicht, welchen glühenden Wunsch er dem jungen Mädchen erfüllte, die ihn bereits heimlich liebte. Auch sie hatte bereits schwere Erlebnisse hinter sich. Die Ehe ihrer Eltern war unglücklich gewesen. Bei der Scheidung war die seltsame Vereinbarung getroffen worden, daß die vier Töchter abwechselnd eine Woche bei der Mutter, einer geborenen von Germershausen, und eine bei dem Vater verbringen sollten. Die eigentliche 535 Erziehungsgewalt lag in den Händen des Vaters, der den Mädchen eine fast männliche gelehrte Erziehung geben ließ. Durch das eigentümliche Verhältnis der Eltern waren die Kinder über ihre Jahre hinaus gereift. Minna, die älteste, war mit dem in Dessau lebenden Hofrat Karl Spazier, dem Begründer und Herausgeber der vielgenannten Zeitschrift »Die elegante Welt«, verheiratet. Ernestine, die zweite Schwester, verlobte sich während Jean Pauls Berliner Aufenthalt mit dem in Leipzig wohnenden Dichter August Mahlmann. Karolines erste Liebe hatte einer dem Hause gegenüberwohnenden Schauspielerin gegolten, der sie den ganzen Enthusiasmus ihrer vierzehn Jahre geschenkt hatte. Das strenge Gebot des Vaters hatte diesem Verkehr aus irgendeinem Grunde ein Ende gesetzt. »Zum ersten Mal«, schrieb Karoline in ihrem ersten Brief an Jean Paul, »hatte ich hier Glück und Schmerz gekostet . . . alles war lau, war kalt; unbefriedigt und ermüdet verschloß ich mich in mich selbst.« Dann hatte sie einem jungen Menschen ihre Liebe geschenkt, der sich mit einer andern verheiratete. Sie rettete sich in die Liebe zu der Erkorenen des Geliebten. In stumpfer Resignation hatte sie sich dann mit einem Vetter verlobt. »Ein guter, einfacher Mensch glaubt sein Glück in der Vereinigung mit mir zu finden«, schrieb sie in dem erwähnten ersten Brief an Jean Paul. In dieser Zeit machten die Bücher Jean Pauls auf sie einen umstürzenden Eindruck. Mit demütiger Liebe, die ihr das ganze Leben hindurch geblieben ist, neigte sie sich vor seinem Geist, der alles Edle und Große in ihr weckte. Als Jean Paul sie nach dem Festmahl in der Yorksloge bei ihrem Vater besuchte, küßte sie ihm die Hand und gleich darauf schrieb sie ihm: »Ich möchte Sie anbeten, vor Ihnen knieen, wie man vor Gott sich beugt.« Diese Liebe teilte Karoline aber mit vielen Mädchen und 536 Frauen, die in den Bannkreis Jean Pauls gerieten, und auch eine so hingebende und sich selbst aufopfernde Liebe, wie sie Karoline Mayer ihm entgegenbrachte, war für ihn nichts Ungewöhnliches. Sie war ihm zunächst nur eine Verehrerin unter vielen, sehr vielen andern, und nichts spricht dafür, daß er sie besonders beachtet hat. Im Gegenteil, andere Erlebnisse nahmen ihn völlig gefangen. In Frau Bernard, geb. Gad, fand er eine alte Bekannte aus Franzensbad wieder, wo er mit Emilie von Berlepsch während des Todes seiner Mutter geweilt hatte. Ein kurzer Briefwechsel hatte sich damals mit der klugen und geistvollen Jüdin angesponnen. Auch jetzt ließ ihn ihr Zauber nicht ganz unberührt. »Im Tiergarten bei Bernard blieb ich eine Nacht und rauchte meine Pfeife und ging rein von dannen, und Gott sei Dank, aber nicht mir.« Hier scheint er zum erstenmal mit der körperlichen Liebe gespielt zu haben, die ihm bis dahin immer noch fremd geblieben war. Kurz vorher hatte er an Otto über das weibliche Geschlecht einige Sätze geschrieben, die zu seinen bisherigen Anschauungen im Widerspruch stehen. »In der höchsten Liebe sind die besten Mädchen wie die guten. Anders: jetzt weiß ich's gewiß: aus Liebe sind sie alle, alle sinnlich, und es kommt nur auf die Schlechtigkeit, gehaltene Stufenfolge und das besonnene Feuer des Mannes an, jede, die ihn heftig liebt, zum letzten Punkt zu führen, weil diesen die Natur mit ebenso vielem Recht begehrt wie den Kuß, und weil der Punkt nicht an und für sich, sondern nur unter Bedingungen (wie Essen und Trinken und Küssen) unmoralisch ist, indes die Lüge usw. es unter jeder ist . . . Liebe aus Sinnlichkeit hat die Bessere nicht, aber wohl Sinnlichkeit aus Liebe . . . Diese Kenntnis muß ich Dir sagen, macht einen eigentlich nicht sonderlich moralisch bei diesem Geschlecht, weil man dabei auf keine Subsidien zu rechnen hat als auf 537 seine eigne. – Ich habe entscheidende Erfahrungen, und bin bloß über die Art verlegen, wie ich öffentlich die Mädgen hierüber warnen soll.« Eine ungeheuer bezeichnende Briefstelle für Jean Paul, der sich auch bei seiner neuen Erkenntnis sogleich als Prophet und Retter der weiblichen Reinheit und zu ihrem Schutz verpflichtet fühlte. Die Bernard, geborene Gad, war nicht die einzige, die seiner eigenen Männlichkeit nachstellte. In dieser Zeit lernte er eine der reizendsten Frauengestalten jener an berückenden Frauen nicht gerade armen Zeit kennen. Es war die junge Helmine von Klencke, damals mit einem Baron von Hastfer verheiratet und in Scheidung liegend, später mit dem bekannten Orientalisten von Chézy verheiratet. Als Helmina von Chézy ist sie später auch literarisch, hauptsächlich als Verfasserin des von Carl Maria von Weber komponierten Operntextes »Euryanthe«, bekannt geworden. Überdies war Helmine eine Enkelin der bekannten Anna Karschin, der »märkischen Sappho«, wie sie scherzweise genannt wurde. Helmine war eine der ältesten Verehrerinnen Jean Pauls, obwohl sie an Jahren die jüngste war. Sie stand erst im siebzehnten Lebensjahre, als sie mit dem Dichter persönlich bekannt wurde. Schon mit vierzehn Jahren, also wenige Jahre nach Erscheinen, hatte sie die »Unsichtbare Loge« gelesen und den entscheidenden Eindruck ihres Lebens von dem Buche empfangen. Nach der Lektüre des »Hesperus« hatte sie an Jean Paul einen Brief geschrieben, in dem sie ihn den ethisch-religiösen Erlöser des Romans nannte. Es muß auffallen, wie dieses junge Mädchen Jean Paul bereits mit den wertenden Augen Herders betrachtete. Die Zeit, heißt es in ihrem Briefe, hätte vor lauter Anbetung der Form und lauter Sinnlichkeit die Empfänglichkeit für das geistig Schöne verloren, er aber weise in seinen Werken als Magnetnadel 538 und Polarstern zu Gott. Dieser Brief war durch Ahlefeldt vermittelt worden. Jean Paul hatte zwar nicht geantwortet, wünschte nun aber die Schreiberin kennenzulernen. »Wir waren alle beseligt«, schreibt Helmine. »Jean Pauls Erscheinung hatte nichts Auffallendes; seine einfache Kleidung paßte zu seinem Gesicht und seinem Wesen. Auf seiner Stirn thronte Licht, auf seinen Lippen Anmut und Milde. Seine hellblauen Lippen [Augen?] leuchteten in sanfter Glut. Vielleicht würde seine Erscheinung einem Unkundigen nichts von seinem Genius verraten haben. Ernst, Anstand, viel natürliche Anmut blickten daraus hervor, durch ihre Anspruchslosigkeit selbst war sie gewinnend.« In diesem zauberhaften Wesen, mit dem er befreundet blieb, sah Jean Paul lange Zeit seine Liane. Auch die berühmte Rahel lernte er gleich bei seinem ersten Berliner Aufenthalt kennen, und obwohl sie ihn nach seinen Schriften ursprünglich nicht leiden konnte, erlag auch sie dem Zauber seiner Persönlichkeit. »Seine Stirn ist von Gedanken wie von Kugeln durchschossen«, schreibt sie. Aber die Frauen umspielten ihn in ganzen Scharen. Auf der Insel Pichelswerder gab es ein großes Fest. »Ich wurde angebetet von den Mädgen, die ich früher angebetet hätte. Himmel! welche Einfachheit, Offenheit, Bildung und Schönheit! Auf der herrlichen Insel Pichelswerder (2½ Meilen von Berlin) fand ich so viele schöne Freundinnen auf einmal, daß es einen ärgerte, weil jeder Anteil den andern aufhob.« In diesem Durcheinander von Gestalten nahte sich ihm die letzte jener Titaniden, mit der ihn ein Verhältnis voll geistiger Erotik verknüpfen sollte. Die Gräfin Henriette von Schlabrendorf, eine Freundin der Rahel, war es, die seine letzte Junggesellenzeit verschönte. Auch bei ihr ließ es Jean Paul nicht zum physischen Genuß der Liebe kommen. Er mochte wohl 539 fühlen, daß er, sobald er einmal nachgab, einem schrankenlosen Libertinismus in der Liebe verfallen würde. Aber mit der Gräfin kam es doch zu schwülen Situationen, wie sie Jean Paul noch nicht erlebt hatte. Sie begleitete ihn mehrmals nach Gotha. »Wir sind jetzt bei dem Hände-Anfassen mit eingemischtem leichten Drücken«, berichtet er an Otto. Aber einige Tage darauf wird es hitziger. Sie sitzen auf dem Sofa nebeneinander und legen »in Sekunden Wochen« zurück. Er spielt mit ihrem Brillantkollier, sie öffnet die ihren Busen verhüllenden Spitzen. »Ihr Globulus hatte die Farbe und die Weichheit der Wolken-Flocken.« Sie drückt den Wunsch aus, an ihm zu schlafen. »Ich hatte in meinem schlafenden Kopfe fast das ganze schlagende Herz droben.« »Denke Dir mich unter dem Bilde eines Hasens, den der Jäger in immer näheren Kreisen umschleicht.« An eine eheliche Verbindung mit Henriette denkt er nicht, wohl aber bringen ihn die schwülen Situationen auf andere Gedanken: »Das Schicksal wird mich doch nicht in Goethes Pferdefuß-Stapfen jagen wollen, oft überleg' ich's freilich, aber es ist nicht daran zu denken; sogar in einer solchen Un-Ehe sänn ich wieder auf Ehe.« »Es ist freilich komisch zu denken, daß meine Treppe zum Ehebette (nach Dir) unendlich=lang sein soll. Ich sorg' indes, in Berlin spring' ich hinein; aber es muß bloß ein sanftes Mädgen darin liegen, das mir etwas kochen kann und das mit mir weint und lacht. Mehr begehr' ich gar nicht.« Und an Gleim schrieb er das gleiche: »Mein Herz will die häusliche Stille meiner Eltern, die nur die Ehe gibt. Es will keine Heroine – denn ich bin kein Heros – sondern nur ein liebendes sorgendes Mädchen; denn ich kenne jetzt die Dornen an jenen Pracht- und Fackeldisteln, die man genialische Weiber nennt.« Wie das Ende eines Lebensabschnittes klingt 540 dieses Wort: »Denn ich bin kein Heros.« Aus der Welt der Heroen und Titaniden, in die er sich seit den ersten Studentenjahren hineingesehnt hatte, sehnt er sich jetzt wieder hinaus. Der erste Band des »Titan« ist erschienen. Jetzt noch eine stille Stelle, wo er das Werk zu Ende bringen kann, dann wird er wieder in die Welt seiner Kindheit und zu seiner Jugendlandschaft zurückkehren. Immer deutlicher neigt sich sein Weg diesem Ziele zu. Neben allen diesen neuen Eindrücken ging der Verkehr mit Josephine von Sydow, die ihn eigentlich nach Berlin gezogen hatte, weiter. Von allen seinen Freundinnen war sie die uneigennützigste. »Meine Sydow hat meine verehrte Achtung mitgenommen«, schrieb er gleich in den ersten Berliner Tagen über die Freundin. »Welches Weib! Südliche Naivetät (bis zum Komischen), südliches Feuer, Festigkeit, Weichheit und ein treues, deutsches Auge.« Caroline von Feuchtersleben hatte wohl angenommen, daß Josephine an ihre Stelle treten würde, aber auch hier zog sich Jean Paul im gegebenen Augenblick zurück. Es war ihm um das Hineintauchen in die Titanenwelt zu tun, nicht um das Beharren in ihr. Auf der Rückreise von Berlin besuchte er in Dessau Spaziers, also die älteste der Mayerschen Schwestern. Carl Spazier stand im Begriff nach Leipzig überzusiedeln, um dort seine »Elegante Welt« zu begründen und zu leiten. Jean Paul schloß mit Spazier, von dem er damals noch nicht glaubte, daß er bald zu ihm in verwandtschaftliche Beziehungen treten würde, eine herzliche Freundschaft, die leider der schon nach einigen Jahren erfolgte Tod Spaziers abbrach. Noch einer persönlichen Berührung sei erwähnt. Durch Minnas Heirat und Weggang aus Berlin war der Kreis der Mayerschen Schwestern zerrissen worden. An Minnas Stelle trat gerade zur Zeit der Anwesenheit Jean Pauls 541 eine andere Minna, die Tochter des von Glogau nach Berlin versetzten Obertribunalrats Dörffer. Sie war die Braut und Cousine des jungen Ernst Theodor Willhelm Hoffmann, der im Frühjahr 1800 sein Assessorexamen bestanden hatte und kurz vor dem Auftreten Jean Pauls in Berlin nach Posen in sein neues Amt gereist war. Wiederum wie einige Jahre vorher in Dresden gingen die beiden innerlich zueinander gehörenden Dichter dicht aneinander vorüber. Von Posen aus entlobte sich Hoffmann bekanntlich mit seiner Cousine, und in dem Freundeskreis der Mayerschen Mädchen wurde sein Name fortan nur mit Abscheu genannt. In diesem seltsamen Zusammentreffen lag der eigentliche Grund, weshalb es zwischen Jean Paul und Hoffmann nicht zu einer herzlichen Freundschaft gekommen ist, zu der eigentlich alle Vorbedingungen gegeben waren. Weimar war ihm verhaßt geworden. Herders empfingen ihn nicht mit der alten Wärme. Das Ereignis von Ilmenau spielte immer noch in seine Weimarer Beziehungen hinein. Noch immer konnte sich Caroline nicht mit ihrem Verlust abfinden. Die Gräfin Schlabrendorf war nur wie ein Nachklang einer Periode, die er sehnlichst zu überwinden wünschte. Dieser Drang, sich aus den Gefahren erotischer Verstrickungen herauszuziehen, kommt in einer kleinen Arbeit zum Durchbruch, die er vielleicht bereits in Berlin entworfen hatte, jedenfalls in der Zwischenzeit in Weimar nun ausführte. Es war »Das heimliche Klaglied jetziger Männer«. An einem Einzelfall zeigt er auf, wie ein einziger Fehltritt das Lebensglück einer ganzen Familie zerstören kann. Der Gang der Handlung ist der, daß ein Konsistorialrat Perefixe eine Liebesnacht mit der durchreisenden Ninette gefeiert hat. Perefixe heiratet seine Braut Josephine, Ninette den Berggeschworenen Traupel. Ninettes Tochter, die entzückende zarte Cara, 542 ist also das Kind des Konsistorialrats, der in seiner Ehe einen braven und tüchtigen Sohn Wolfgang zeugt. Ninette versucht ihre Tochter Cara zu ihrem leichtsinnigen Ebenbilde heranzuziehen, aber unberührt geht das junge Mädchen durch alle Gefahren hindurch, bis es der Konsistorialrat endlich durchsetzt, daß Cara als Pflegetochter in sein Haus kommt. Wolfgang, ihr Bruder, den sie für ihren bloßen Pflegebruder hält, kommt aus dem Kriege nach Hause. Die beiden jungen Menschen verlieben sich ineinander. Perefixe muß seiner Gattin seinen lange zurückliegenden Fehltritt mit Ninette offenbaren und den Sohn mit in das Geheimnis hineinziehen. Die beiden Liebenden werden durch ihre verwandtschaftliche Blutverknüpfung grausam getrennt. Der kleinen Geschichte, obwohl auch sie viel von dem Zauber Jean Paulscher Poesie enthält und in ihrer Menschengestaltung meisterhaft ist, fehlt doch die psychologische Vertiefung. Wenn Cara von ihrem brüderlichen Verhältnis zu Wolfgang erführe, würde sicher ihre Liebe zur reinen brüderlichen sich gewandelt haben und ein schmerzhafter Schnitt wäre nicht nötig gewesen. Man merkt dem kleinen Werk an, daß Jean Paul sich zu einer moralisierenden Tendenz zwang. Der »Anti-Titan« ragt in diese kleine Arbeit zerstörend hinein. Die glück- und menschentumfressende Sinnengier der Zeit, wie sie dem Dichter nicht nur in Weimar, sondern jetzt auch in Berlin entgegengetreten war, wollte er treffen, aber er überspannte das Einmalige eines solchen seltsamen Zusammentreffens zu einem allgemeinen Klaglied. Auch das Gelegenheitsmäßige des »Heimlichen Klaglieds der jetzigen Männer« zeigt, daß Jean Paul sich in Weimar nicht mehr zu Hause fühlte. Wahrscheinlich meint er mit der Kleinstadt »Krähwinkel«, in der er die Geschichte spielen läßt, keinen andern Ort als Weimar selber. Kotzebue hat später 543 diese außerordentlich glückliche Bezeichnung für eine kleine Stadt mit vielen skandalösen Aufregungen, deutlich auf Weimar zielend, von Jean Paul übernommen. Schon mit diesem Namen kehrte Jean Paul der Stadt den Rücken zu. Anfang Oktober siedelte er nach Berlin über, wo er bei Ahlefeldt in der Friedrichstraße abstieg. Sofort ergriff ihn wieder das Großstadtleben, so daß er erst nach Wochen dem Freunde in Hof von seinem Leben Nachricht geben konnte. Diesmal trat er auch zu den Gelehrtenkreisen der Residenz in Beziehungen. Und hier war es vornehmlich die Berliner Romantik, die ihn fesselte. Friedrich Schlegel bahnte ihm hier die Beziehungen. Tieck und sein Schwager Bernhardi nahmen ihn freundschaftlich auf. Zu Buri, dem großen Maler, war er schon in Weimar in enge Beziehungen getreten. Buri hatte ihn dort, wie Goethen, gemalt. Auch der Maler Genelli zog ihn an, und ebenso waren es Schleiermacher und Fichte, an denen er in Berlin nicht gut vorbei konnte, obwohl er zu diesen erst spät ein inneres Verhältnis gewann. Seinem Zusammentreffen mit Fichte, den er eben erst in seiner » Clavis Fichtiana « so hart angegriffen hatte, sahen die Berliner Gelehrtenkreise mit besonderer Spannung entgegen. Er traf den Philosophen, den er bereits in Jena flüchtig kennengelernt hatte, spät in der Nacht auf einer Gesellschaft. Im Augenblick waren die beiden Antipoden in eine stundenlange Unterhaltung verstrickt, die damit endete, daß Fichte seinen bisherigen Widersacher zu besuchen versprach. Auch im weiteren Verlauf ihrer Bekanntschaft blieben Jean Pauls Gefühle dem großen Philosophen gegenüber ein Gemisch von Abneigung und Bewunderung. Er findet Fichte »einseitig bis zur Magerkeit des Sinns«, spricht aber von seiner »Granit-Stirn und Nase, so knochig und felsern, wie die wenigen Gesichter, die alles ändern, nur nicht sich«. »Gleichwohl bleibt sein Gesicht herrlich 544 und, wie das Rückenmark, eine Fortsetzung oder Ankündigung des Gehirns.« Unter seinen neuen Bekannten fehlten natürlich auch nicht der »berühmte Herz und dessen große gelehrte Frau«. Die berühmte Henriette aber machte auf ihn, obwohl er viel in ihrem Hause verkehrte, keinen sonderlichen Eindruck, und in einem Brief an Jacobi stellt er sie tief unter Charlotte von Kalb. In Berlin prallte die junge Romantik noch mit der alten Aufklärung zusammen. Noch immer saß Nicolai mit seiner Allgemeinen deutschen Bibliothek in Berlin, als schon der Sturm und Drang über die Lande gebraust war, als die ersten Romantiker sich bereits von Goethe lösten. Der Rationalismus war das Schicksal des jungen Königreiches Preußen gewesen. Dieses östliche deutsche Kolonialland, das erst durch harte Arbeit dem deutschen Kulturkreis gewonnen war, war ja in seiner Art eine Schöpfung dieser Ratio selber. Die Bevölkerung war hier künstlich und durch Willensakt angesiedelt worden. Rationalismus war die naturgemäße Weltanschauung dieses Landstrichs, der kein Blühen und Wachsen von der Tiefe heraus kannte. Erst allmählich hatte ein künstlich hierher verpflanztes Volkstum in diesem kargen Boden Wurzeln geschlagen und wuchs nun auch seinerseits in das deutsche Bildungsleben hinein. Herder war die erste Stimme gewesen, die aus dem Osten laut die schlafengegangenen Mächte und Kräfte des deutschen Mittelalters aufrief. Er lebte das Schicksal der jungen Romantiker im voraus, die in ihrem Drang nach dem Westen plötzlich auf die Zeugen und Reste des herrlichen deutschen Mittelalters stießen und hier die Heimat ihres Geistes witterten. Überwindung des Rationalismus wurde jetzt zum Feldgeschrei der jungen Generation, und selbst Kant und Fichte, die von dem mittleren und südlichen Deutschland aus noch als letzte und grandioseste 545 Ausläufer dieses Rationalismus erscheinen mochten, wirkten hier, in ihrer Heimat, gerade umgekehrt als Überwindung dieser Aufklärung. Darin liegt auch der tiefere Grund, weshalb es jetzt und gerade in Berlin für Jean Paul möglich wurde, zu Fichte in ein neues Verhältnis zu kommen. Tiefer als die Romantiker freilich im allgemeinen sah er die rationalistische Einstellung des Kritizismus, aber er mußte auch erkennen, daß er mit Fichte, das heißt der äußersten Zuspitzung des kantischen Denkens, ein gut Stück Weges gemeinsam gehen konnte. Er schwenkte sichtbar in die romantische Front ein, so sehr, daß eine spätere literaturgeschichtliche Betrachtungsweise ihn geradezu als zur romantischen Schule gehörig ansehen konnte. Und in der Tat war ja der »Titan« wirklich ein romantischer Roman. Zwar bekämpfte er die überwiegend ästhetische Einstellung auch der Romantik, aber in Jean Paul lebte ja selber ein Zug zu dieser titanischen Lebensauffassung. Er wollte einen »Anti-Titan« schreiben, aber er hatte sich doch seit Jahren unter Titanen bewegt und mit Titaniden Schicksale gehabt. Er wollte von vornherein allen diesen seinen Erlebnissen ein negatives Vorzeichen geben, aber diese Erlebnisse selbst waren dennoch tatsächlich vorhanden gewesen und nicht aus seinem Leben wegzudenken. Wenn im »Titan« die »Einkräftigkeit« Roquairols, wie er es nennt, zur äußersten Spitze und ad absurdum getrieben wurde, so war auch bei ihm diese »Einkräftigkeit« vorhanden, ja im gewissen Sinne hat er sie niemals ganz überwinden können. So klingen seit seiner Berührung mit der Berliner Romantik auch in seinen Schriften mehr und mehr romantische Töne an. Er lernte, die Aufklärung, in der die Wurzeln seiner Bildung ruhten, mit den Augen der jungen Romantiker sehen, und seine Satire galt jetzt nicht mehr Fichte und den 546 übrigen Kantianern, sondern Nicolai und dem Rationalismus. Auch von hierher flossen Gedankenströme in den »Titan« hinein, an dessen zweitem Band er arbeitete. Ganz deutlich trat die neue Einstellung aber an einer Arbeit hervor, die sich in dem Berliner Winter aus den Titanplänen ablöste und Eigendasein gewann: in »Des Luftschiffers Gianozzo Seebuch«. Schon im »Kampanertal« hatte sich Jean Paul am Schluß der Gespräche in einer Montgolfiere über die Erdfläche in kühnem Fluge erhoben. Es berührt eigentümlich, wie er schon dort in kurzen Hinweisen alles vorwegnahm, was auch in unserer die Luft beherrschenden Zeit über die Seligkeit des Fluges je geschrieben worden ist. Als er den herrlich-phantastischen Schluß des »Kampanertals« schrieb, mag ihm der Gedanke gekommen sein, diese Flugseligkeit in größeren Partien darzustellen. Aber er beschränkte sich nicht auf die Darstellung eines für damalige Zeiten imaginären Fliegens. Er ergriff zugleich den faustischen Zug einer titanischen Zeit in seiner letzten und äußersten Zuspitzung. Erst in Berlin konnte er die dazu nötigen Eindrücke gewinnen, erst dort erhielt er Fühlung mit dem wogenden Rhythmus einer aufblühenden Großstadt, die von allen Seiten her Abenteurerexistenzen in sich einschlang. Einen starken Hang zum phantastischen Umfassen der Welt in ihren äußersten Polen hatte er immer in sich verspürt. Wir entsinnen uns, was er über Habermanns große Tour in seinen »Teufelspapieren« schrieb: »So ein Vergnügen, womit ich Habermanns Reise machte, indem ich das rechte Bein am arktischen Pole und das linke am antarktischen hatte, gibt's schwerlich mehr.« In den »Palingenesieen« hatte er dann Habermann mit Leibgeber-Schoppe zu einer Person zusammengezogen, und wenn er jetzt in seinem »ungestümen, durchreißenden« Gianozzo den 547 Abenteurertypus, der auch in ihm lebendig war, gestalten wollte, so lag es nahe, daß er wiederum Leibgebern eine neue Gestalt lieh, eben die des kühnen Luftseglers. Manches spricht dafür, daß er Leibgeber im »Titan« sich von Zeit zu Zeit in die Lüfte schwingen lassen wollte, um von der riesigen Luftperspektive aus auf das kleine Menschengewimmel unten herniederzuschauen. Ein Einfall, der so recht in die Titanendichtung und zu dem fliegenden Wesen des immer wieder sich jedem Zufassen entziehenden Leibgebers gepaßt haben würde. Aber er mochte wohl fürchten, die Dichtung allzusehr zu überladen, und so arbeitete er den Gianozzo gesondert aus, um ihn als Ganzes dem satirischen Anhang zum »Titan« einzuverleiben. Als eigene Aufzeichnungen des kühnen Luftfahrers gibt sich dieses »Seebuch«. Die Vorrede gibt die geistige Haltung des Ganzen an: »Der ungestüme, durchreißende Gianozzo, satt seines prosaischen Jahrhunderts ohne Theokratie und eines Lebens ins Deutsche übersetzt – so recht erbittert von der allgemeinen freundlichen Auswechslung gegenseitiger Lüge und Tücke – recht feind dem schwankenden Halblob aller Parteien und dem schlaffen Bündnisknüpfen . . . – anbetend jede derbe Kraft und die Hände ausstreckend nach dem Äther der Freiheit – dieser Mensch, den die Sättigung an der tiefen Kerker- und Gassenluft aufgejagt in die Bergluft . . .«; dieser Mensch vereinigt allerdings in sich den ganzen Trotz eines Titanen gegen ein erschlafftes Zeitalter. Mit seiner Gondel hängt er freizügig in der Luft, an keine Schranke gebunden, überall hineinfahrend unter diese »statistischen kleinstädtischen Achtzehnjahrhunderter ohne Geister und Religion«. Hier sind zum erstenmal Töne der jungen romantischen Bewegung angeschlagen. »Zeitalter ohne Theokratie und ohne Religion« – das ist wie von Novalis oder 548 dem jungen Friedrich Schlegel gesagt. In vierzehn »Fahrten« schildert Gianozzo dem Freunde Graul – »dieser Name ist viel besser als dein letzter, Leibgeber« – seine Abenteuer. Diese Abenteuer selbst könnten nun allerdings wieder den Satiren der »Teufelspapiere« entnommen sein, wenn die Richtung der Satire sich nicht inzwischen in der angedeuteten Weise verändert hätte. Sie ist gegen die preußische Aufklärung hingewendet. »Himmel!« schreibt er von den Bewohnern der guten Stadt Mülanz, »es waren aufgeklärte Achtzehnjahrhunderter – sie standen ganz für Friedrich II., für die gemäßigte Freiheit und gute Erholungslektüre und einen gemäßigten Deismus – und eine gemäßigte Philosophie – sie erklärten sich sehr gegen Geistererscheinungen, Schwärmerei und Extreme – sie lasen ihren Dichter sehr gern als ein Stilistikum zum Vorteil der Geschäfte und zur Abspannung vom Soliden – . . . sie hatten die große Sphinx, die uns das Rätsel des Lebens aufgibt, totgemacht und führten den ausgestopften Balg bei sich und mußten es für ein Wunder halten, daß ein anderer eines annimmt.« Das ist alles dem Ausdrucksschatz der Romantik entnommen oder nimmt ihn vielmehr vorweg. Denn in dieser Klarheit war die Einstellung der Romantiker zu der Zeit damals noch nie gefaßt worden. Erst von jetzt ab wird diese Sprache zum notwendigen Requisit der romantischen Satire, sich bis zu E. T. A. Hoffmann steigernd. Aber in diesen satirischen Ausfällen liegt nicht der Schwerpunkt der Arbeit. Es ist das grandiose Naturgefühl, das in die Luftperspektive emporgerissen wird, die Überschau der Erdrindenerscheinung Leben von der Höhe eines wahrhaft titanischen Daseins aus, das diese Nebenarbeit zum Dichtwerk erhebt. Kaum ist etwas Großartigeres geschrieben worden als die Beschreibung einer solchen Fahrt. 549 »Viertehalbtausend Fuß tief rannte die weite Erde – ich glaubte festzuschweben – unter mir dahin, und ihr breiter Teller lief mir entgegen, worauf sich Berge und Holzungen und Klöster, Marktschiffe und Türme und künstliche Ruinen und wahre von Römern und Raubadel, Straßen, Jägerhäuser, Pulvertürme, Rathäuser, Gebeinhäuser so wild und eng durcheinander herwarfen, daß ein vernünftiger Mann oben denken mußte, das seien nur umhergerollte Baumaterialien, die man erst zu einem schönen Park auseinanderziehe.« Und dann die Schilderung des überflogenen Lebens: Überall und zu gleicher Zeit spielen »Theater mit aufgezogenen Vorhängen«. Hier wird einer Landes verwiesen, dort desertiert einer, hier wird in brennendfarbigen Wiesen gemähet, dort knien Weiber am Wege vor Kapellen. Ein Schieferdecker besteigt den Stadtturm, ein Pfarrsohn guckt aus dem Schalloch; ein lachender trabender Wahnsinniger muß eingefangen werden. Tausend solche Bilder des Lebens gleiten vorüber. Oben aber schweigt alles und ist groß und tot und droht fast. »Gott weiß, welcher gewaltige böse oder gute Geist hier in dieser stillen Höhe dem Treiben grimmig-grinsend oder weinend-lächelnd zusieht und die Tatzen ausstreckt oder die Arme, und ich frage eben nichts nach ihm . . .« Hier ist Steigerung des Lebens, nicht aus findiger Technikergeschicklichkeit, sondern aus titanischem Drang, der sich über die Erde schwingt. Von grausiger Wucht eine Begegnung auf der Höhe des Brockens: Eine weiße flatternde Erscheinung springt den Berg hinauf. Die Augen sind geschlossen, das Haar schwarz, die Augenbrauen borstig, die Nase gebogen groß, die Arme haarig, die Bärenbrust unbedeckt und der ganze Nachtwandler – im Hemde. Die Erscheinung faßt das Hemd mit beiden Händen an und beginnt zu tanzen. Endlich rennt sie, die 550 Arme emporgehoben, davon. Es ist Freund Graul oder Leibgeber, der auf dem verhexten Berg, aus dem Brockenwirtshaus nachts kommend, dieses schauerliche Menuett tanzt. Und in der gleichen grausigen Wildheit das Ende Gianozzos: Sein Luftschiff gerät in ein Gewitter. Über dem Rheinfall von Schaffhausen wird es vor den Augen Leibgebers vom Blitz zerrissen. Es gibt keinen Eindruck vom Flugzeug herab, der in Jean Pauls Schilderungen nicht schon vorweggenommen wäre. Der Blick von oben her in eine tobende Schlacht und Gianozzos Eingreifen in den Kampf mit rasenden Steinwürfen – oder wie er hoch über einer Festung schwebt, in sie von oben hineinsehend und sie bedrohend – das sind Lufterlebnisse, mit einer Eindringlichkeit dargestellt, die kein Tagebuch eines Kampffliegers aus dem Weltkriege überbieten kann. Natürlich spielen auch Gestalten seiner Romane wieder in die Handlung hinein. In der romantischen Felsenlandschaft begegnet ihm Theresa, die auf den Geliebten wartet, den er von seiner Höhe auf weißem Roß durch die Berge schon heransprengen sieht. Das ist wie Linda, die Titanide aus dem »Titan«. Oder er senkt sich in dem Garten von Lilar nieder, sieht Dian, der sich im Flötental abkühlt. Er überfliegt die Baireuther Fantaisie und das Seifersdorfer Tal, alle geliebten Gegenden mit seinem Blick umspannend. Wirkliches Flugerlebnis ist in der Dichtung. Der Geist, der so mit Räumen zu spielen verstand, mußte auch die großen Gliederungen der Zeit zu überschauen versuchen. Es war kaum anders möglich, als daß der Umschwung des Jahrhunderts stärksten Eindruck auf Jean Paul machte. Wir kennen die Aufzeichnung Schillers aus der Neujahrsnacht 1800, in der er das kommende Jahrhundert prophetisch zu durchdringen versuchte. Auch er wittert einen 551 völligen Umschwung der Zeit und ein drohendes Näherkommen feindlicher Gewalten. Jean Paul verbrachte die Neujahrsnacht in Tiefurt bei der Herzogin Amalie, und zur Feier des kommenden Jahrhunderts wurde ein Drama von Kotzebue von Liebhabern auf der Tiefurter Bühne gespielt. (Sehr zum Ärger Goethes und Schillers!) Auch dieser Neujahrsnacht hatte Jean Paul eine kleine Gelegenheitsarbeit gewidmet: die »Huldigungspredigt vor und unter dem Regierungsantritt der Sonne, gehalten am Neujahr 1800 vom Frühprediger dahier«. Aber nicht in dieser belanglosen Gelegenheitsarbeit konnten seine Gedanken zur Jahrhundertwende sich erschöpfen. Erst im Laufe des nächsten Jahres schrieb er die kleine Dichtung nieder, die Schillers prophetischen Aufzeichnungen an die Seite zu setzen ist: »Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht«. Wieder versetzt er sich in seinen Gedanken nach dem erträumten Gütchen Mittelspitz und denkt Hermine an seine Seite: seine erträumte Gattin, wie er sie uns in den »Palingenesieen« vorführte. Hermine ist ausgegangen, und er bleibt, von Migräne und Übermüdung geplagt, allein in seinem Arbeitszimmer, und nun erscheinen ihm die wunderbaren Gestalten, die zu ihm von dem kommenden Jahrhundert sprechen. Ein langer, bleicher, in einen schwarzen Mantel gehüllter Jüngling, ein Mädchen, der Liane aus dem »Titan« ähnlich, und, auf dem Kanapee Platz nehmend, eine unheimliche Schwedenmaske mit einem Sprachrohr in der Hand. Noch andere Gestalten, die sich im Hintergrund verlieren oder nur zeitweilig sichtbar werden. »Mein Name ist Pfeifenberger«, fängt der Schwedenkopf an, der in erster Linie das Gespräch führt. Es sind seltsame Voraussagen des Kommenden, die in dieser Traumdichtung Wort werden. Die Völker und die Weiber und die Neger und die Liebe werden frei 552 werden, prophezeit Pfeifenberger. Sprachgelehrte werden in allen Bibliotheken nach einer Edda und nach einer Bibel forschen, und ein künftiger Schiller wird das Neue Testament lesen, um sich in die Charaktere eines Christen und Theisten täuschend zu setzen und dann beide auf das Theater. Seltsame Streiflichter werden über die kommenden Jahrhunderte geworfen. Gespenstische Worte glimmen auf, verblüffend durch Treffsicherheit, abirrend ins Phantastische. Alle Völker der Erde, die Russen wie die Kamtschadalen, werden in den Kulturkreis hineinwachsen und eigene Literaturen hervorbringen. Wie ein Alpdruck gleitet das Gespräch fort. Am großartigsten ist die Vision des Letzten Menschen, der auf einem Berg unter dem Äquator das Ende der Erde erwartet. Eine Uhr mit sieben umeinander wirbelnden Zeigern führt der Jüngling als Zeitmesser bei sich. Diese Uhr vermittelt den unheimlichen Eindruck, den das Fliegen der Zeit in der stillen nächtlichen Stube macht. »In die hinter fünf, sechs Jahrtausenden liegende Vergangenheit zurückzuschauen, gibt uns mutige Jugendgefühle . . .; hingegen vorauszublicken weit über unsern letzten Tag hinweg, und unzählige Jahrtausende herziehn zu sehen, die unsern bemooseten Spiel- und Begräbnisplatz immer höher überschneien und aufs neue Städte und Gärten und auf diese wieder neuere und so ungemessen fort aufschichten, dieses ewige immer tiefere Eingraben und Verbauen verfinstert und belastet uns das freie Herz.« Und diese Stimmung eines vagen Blicks in die kommenden Jahrtausende, dieses Belastetwerden von immer neuen Kulturen und neuen Schichten, die sich über uns ansammeln, ist hier getroffen und reißt uns in ihre Abgründigkeit und Endlosigkeit hinein. Endlich verschwinden die Gestalten. Das neue Jahrhundert holt zum Schlage aus. Elf Schläge durchzittern die Luft, nur 553 der zwölfte Schlag bleibt aus. In diesem jähen Abreißen des Schlagens, diesem plötzlichen Stillestehen der Zeit vor dem dunkel drohenden neuen Jahrhundert, ist eine so unheimlich grausige Stimmung eingefangen, daß alles dahinter zurückbleibt, was E. T. A. Hoffmann je an Spukhaftem gedichtet hat. Sanft wird das Grausige aufgelöst. Hermine, die Gattin, kommt nach Hause, und siehe, es ist erst elf Uhr. Nun erst weicht der Spuk völlig aus dem Raum. Die »wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht« wurde wie der Gianozzo bereits in Berlin, in der Wohnung Ahlefeldts, geschrieben. Die kleine Dichtung ist eine der erschütterndsten Gaben Jean Pauls. Inzwischen war der Dichter in ein neues Stadium seines Lebens eingetreten. Er hatte sich mit Karoline Mayer verlobt. In seiner Konjekturalbiographie hatte Jean Paul prophezeit: »Meine Schwiegereltern sind gewiß die Leute nicht, die mich hindern, am dritten Pfingsttage mit Ring und Kranz vor den Altar zu dringen.« Eine Brautzeit von mehreren Monaten hatte der Dichter sich immer vorbehalten, um diese köstliche Zeit nach Herzen auszukosten. Was ihn zu dem endgültigen Schritte bewogen hatte, ist nicht zu ermitteln. Noch wenige Wochen vor der Verlobung führt er die »drei herrlichen Töchter des Geheimrats Mayer« nur unter einer Menge anderer Bekannten an. Zudem wußte er, daß Karoline noch immer mit ihrem Vetter verlobt war. Diese Verlobung gab endlich den Ausschlag. Karoline schüttete zuerst ihrem Vater ihr Herz aus, der ihren Entschluß, die Verlobung mit dem ihr gleichgültigen Mann zu lösen, segnete. Darauf fragte sie Jean Paul selber, ob sie ihrer Pflicht oder ihrem Gewissen folgen solle. Dieser schrieb ihr am 30. Oktober: »So unparteiisch und kalt, als hätte ich Sie nie gesehen, will ich Ihnen die Antwort meines Gewissens geben. Sie ist: Sie 554 dürfen sich trennen, und Ihr Herr Vater hat Recht.« Etwa zehn Tage später bewarb sich Jean Paul schriftlich bei ihrem Vater um ihre Hand. Umgehend erhielt er die Einwilligung. Schon die nächsten Wochen zeigten der Braut, daß ihre Ehe nicht dornenlos sein würde. Nach seiner Art ließ sich Jean Paul durch seine Verlobung nicht abhalten, seinen umfangreichen Verkehr mit den verschiedensten Frauen und Mädchen fortzusetzen. Die Hofkreise luden ihn auch weiter ohne seine Braut zu Gast, und er folgte diesen Einladungen. Von der Königin Luise kam den Liebenden übrigens der erste Hausrat: ein silbernes Tee- und Kaffeeservice. Karoline wird unter den ersten kleinen Vernachlässigungen ihres Bräutigams schweigend gelitten haben. Sie lernte es allmählich, sich in das gewöhnliche Schicksal der Frau eines berühmten Mannes zu finden. Wie die Verlobung auf Jean Paul selber wirkte, davon geben seine Arbeiten während dieser Zeit die beste Auskunft. Seit dem ersten Aufenthalt in Weimar war seine Produktion reißend bergab gegangen. Ein neuer Schwung beseelte jetzt den »Gianozzo« und die »wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht«. Die »Wanderjahre« liefen ihrem Ende zu. Jean Paul drängte dem heimatlichen Boden entgegen. Was er in der »Geschichte meiner Vorrede zur zweiten Auflage des Quintus Fixlein« versprochen hatte, als er sich mit dem Geist von Weimar auseinandersetzte, das konnte er jetzt Tat werden lassen. Über vier Jahre hatte er sich bei den Titanen aufgehalten. Noch war das meiste des Kardinalromans, der die Ernte dieser Zeit enthalten sollte, zu Papier zu bringen. Dann erst konnte die Entscheidung über die endgültige Künstlerphysiognomie Jean Pauls fallen. Wie schon bei seiner Verlobung mit Caroline von Feuchtersleben beschlich ihn auch jetzt die Sorge um die Zukunft. Sein Ruhm hatte den Zenith erklommen, aber wohl mochte 555 er sich die Frage vorlegen, ob seine Beliebtheit bei der Lesewelt anhalten würde. Schon damals hatte Gleim ihm geraten, sich um eine Präbende bei dem Berliner Hof zu bewerben. Jetzt glaubte Jean Paul es an der Zeit, eine solche Bewerbung einzureichen. In der Eingabe an den König fand sich folgender Satz: »Da mir mein Ziel, den gesunkenen Glauben an Gott, Tugend und Unsterblichkeit wieder zu erheben, und die in dieser egoistischen revolutionären Zeit erkaltete Menschenliebe zu erwärmen, da mir dieses Ziel lieber sein muß als jeder andre Lohn und Zweck: so opferte ich dem höheren Ziel jedes andere, Zeit und Gesundheit, auf und zog gern die längere Anstrengung dem reicheren Gewinste vor.« Fast scheint es so, als wenn Jean Paul wirklich zeitweilig diesem Streben nachging. Erzählungen wie »Das heimliche Klaglied jetziger Männer« scheinen völlig im Dienst dieser Tendenz zu stehen. Aber wie konnte seine reiche Künstlerpersönlichkeit auf diese moralistische Formel gebracht werden! Mit Absicht hatte er sich wohl, dem bigotten Preußenkönig zuliebe, zweideutig ausgedrückt. Wohl kündete sein Dichten von Gott, Menschenliebe und Unsterblichkeit, aber der reaktionäre Ton, der in den Worten seines Gesuches liegt, paßte unmöglich zu seinem Schaffen. Noch waren ja die revolutionären Partien seines »Hesperus« in aller Gedächtnis, und niemand, der ihn überhaupt mit einiger Aufmerksamkeit las, konnte an den Satiren vorbei, die sich in erster Linie – wenn auch nicht so sehr bei seinen letzten Arbeiten – gegen die Territorialdynastien richteten und die Qualen des deutschen Volkes unter der Willkürherrschaft seiner Despoten an die Wand warfen. Aber man muß in Jean Pauls Worten doch mehr als eine bloße Zweideutigkeit sehen. Sie enthalten in Wirklichkeit das Programm, das sich ein Jahrzehnt später die Romantik zu eigen machte und das sich zu 556 dem Geist der Heiligen Allianz auswuchs. Was ursprünglich die lodernde Flamme begeisterten Menschentums war, das schlug später jedes freie Menschentum in Bande. Die Verbindung von Gott und Unsterblichkeit mit dem preußischen Staatsgedanken wirkte sich in unheilvoller Weise aus, und gerade die Romantiker wie die Brüder Schlegel oder Zacharias Werner waren es, die durch diese Ideenverbindung das lebendige Volksbewußtsein unterhöhlten. Jean Pauls Gesuch an den König ist ein eigentümlich frühzeitiger Beweis für die reaktionäre Richtung, die in der Romantik unsichtbar verborgen war. Jean Paul hatte diesen Gegensatz zu seinem eigenen Denken ganz richtig erkannt, und nur sein näherer Verkehr mit Novalis, Schlegel und Fichte und der persönliche Glanz, der von den jungen Romantikern ausging, hatte ihn das Trennende übersehen lassen. In seinem Gesuch begegnete er sich, wenn auch nur im Wort, mit den Gedankengängen eines Friedrich Wilhelm III. und eines Metternich. Ein großzügiger Staatsmann hätte die Gelegenheit ergriffen, seiner Regierung einen der beliebtesten und größten Namen des damaligen Deutschland zu verbinden. Friedrich Wilhelm III. besaß diesen Blick nicht. Zu vieles in Jean Pauls Werken mochte ihn stören. Ein Kotzebue war ihm bald darauf willkommen. Das Gesuch eines Jean Paul lehnte er mit ein paar höflichen und nichts versprechenden Worten ab. Die Königin war gegen diese Entscheidung ihres Gemahls offenbar machtlos. Auf Jean Pauls Freundinnen wirkte seine Verlobung verschieden. Die Gräfin Schlabrendorf, die allen Ernstes ihre Heirat mit dem Dichter geplant hatte, erkrankte bei der Nachricht. Vorübergehend tröstete sie sich durch eine Verlobung mit Ahlefeldt, die indessen bald aufgehoben wurde. Herzliche Freundschaftsbezeugungen kamen von Julie von Krüdener, 557 die sich gerade in Berlin aufhielt und den Verkehr mit Jean Paul sofort aufnahm. Am tiefsten war Caroline von Feuchtersleben getroffen. Als Jean Paul sie später nach der Hochzeit anfragte, ob sie nicht mit ihm und seiner Frau zusammenkommen wollte, schrieb Caroline an ihre glücklichere Rivalin die ergreifenden Worte: »Haben Sie Mut genug, eine Unglückliche zu sehen, so kommen Sie.« Josephine von Sydow trat langsam aus Jean Pauls Gesichtskreis. Emilie von Berlepsch verheiratete sich fast gleichzeitig mit einem Domänenrat und mehrfachen Rittergutsbesitzer. Helmine von Klencke, die spätere Chézy, hatte sich keine Hoffnungen auf Jean Paul gemacht. Ihre Scheidung mit dem Baron Hastfer wurde in jener Zeit gerade ausgesprochen. Sie freute sich der wiedergewonnenen Freiheit und wünschte dem jungen Paar aus vollem Herzen Glück. Jean Paul hatte von Anfang an nicht die Absicht, sich in Berlin für längere Zeit niederzulassen. »Hätte Berlin Berge und bitteres Bier, so trät ich nicht aus seinen magischen Kreisen.« So aber verließ er mit seiner jungen Frau unmittelbar nach der Hochzeit am 27. Mai 1801 die Stadt. Die Reise ging über Dessau zunächst nach Weimar, wo das Paar Jean Pauls alte Junggesellenwohnung bei der Frau Kühnholdt auf dem Marktplatz bezog. »Gott sei gelobt, nun bin ich zufrieden!« rief Herder aus, als er Karoline erblickte. »Ja, Sie sind es, was er haben muß!« Die Herderin schrieb an Gleim: »Er ist ein Liebling der Vorsehung; sie hat ihm die Hälfte seines Herzens, das Weib, das ganz für ihn geboren scheint, zugeführt. Sie ist gesund an Leib und Seele, ist munter, häuslich, liebenswürdig und ohne alle Schminke.« Herders waren durch diese Heirat wieder vollkommen ausgesöhnt. Auch die Herzogin Amalie empfing das Paar. Dort lernte Karoline auch den alten ehrwürdigen Wieland kennen. 558 Wieland äußert sich folgendermaßen: »Sie hat ohne schön zu sein, eine seelvolle ansprechende aber anspruchslose Physiognomie, eine niedliche Figur, scheint eine ganz unverdorbne Blume, und man wird ihr auf den ersten Anblick gut. Herder und seine Frau haben sie wie ihr eignes Kind liebgewonnen und ebendasselbe ist auch mir begegnet.« Am 16. Juni ging die Reise weiter über Gotha, wo bei Schlichtegrolls Aufenthalt genommen wurde, nach dem neuen Wohnsitz Meiningen. Im Hause der Geheimrätin Zink in der Unteren Marktgasse wurde Wohnung genommen. In einigen Tagen schon arbeitete Jean Paul an dem »Titan« weiter. 559   Titan Seit seinem ersten Aufenthalt in Weimar war Jean Pauls Produktion unaufhörlich bergab gegangen. Aber wie hätte es auch anders sein können! Was er auch immer an der Oberfläche agieren mochte, in der Tiefe gerann die großartigste dichterische Konzeption jener Zeit zu festen Formen. Er hatte sich mit den Großen dieser Erde eingelassen und hatte ihnen seinen Tribut gezollt. Aber im Grunde war er als ein Verräter in eine ihm fremde Welt eingedrungen. Er hatte mit den Titanen und Titaniden am Tisch gesessen, aber nur, um dann endlich seinen »Anti-Titan« schreiben zu können. Er hatte seine Zeit durchmessen in allen Höhen und Tiefen, nun forderte er sie in die Schranken. Seit dem Jahre 1792 hatte er unaufhörlich den Plan mit sich umhergetragen. Schon die »Unsichtbare Loge« hatte er mehr und mehr als eine Vorarbeit für den »Kardinalroman« aufgefaßt. Als er den »Hesperus« schrieb, schied er sorgsam aus dieser rein romantisch zu haltenden Arbeit alles aus, was nur in den umfassenden Plan seines größten Werkes hineingehörte, und sammelte es in Studienbüchern, denen er die Überschrift »Das Genie« gab. Von Ottomar, der titanenhaft gegen das Mißverhältnis zwischen Außenwelt und innerer Berufung angeht, spannte sich hier der Bogen zum »Titan«. Die lebenskräftigste und entscheidende Gestalt des Werkes, Roquairol, war hier schon konzipiert, in den Studienbüchern der folgenden Jahre 1793 bis 1795 der ganze Plan in seinen 560 Grundzügen durchmessen. Und doch konnte Jean Paul sich immer noch nicht entschließen, an die endgültige Niederschrift zu gehen. Noch immer hatte er das Gefühl, nicht reif genug zu sein, in seinem eigenen Leben noch nicht alle die Stufen durchgangen zu haben, die er seinen Helden hinanführen wollte. Im Juli 1797 las er Emilie von Berlepsch die erste Jobelperiode in Bad Eger vor, als seine Mutter in Hof den Todeskampf kämpfte. Aber auch jetzt wieder legte er das begonnene Werk zurück. Noch ganz andere Gewalten mußten auf ihn einstürmen, noch ganz andere Erlebnisse mußten ihm Situationen und Charaktere an die Hand geben, ehe der Plan in voller Klarheit vor ihm lag. Mit der ganzen Zeit wollte er abrechnen, mit Goethe und Schiller wie mit der Romantik. Er fühlte, wie Goethe in seinem »Wilhelm Meister« gewissermaßen seine Gesamtschau der Zeit gegeben hatte. Keinem geringeren Werke als den »Lehrjahren« wollte er den »Titan« entgegensetzen. Das Ungeheure des Planes lähmte immer wieder seine Hand. Und als er sich endlich an die Niederschrift gemacht, brach – genau wie beim »Hesperus« – noch von allen Seiten Stoff ein. Es ließe sich im einzelnen verfolgen, wie seine Verlobung mit Caroline von Feuchtersleben und ihr Kampf mit ihrer Familie für ihre Liebe die Gestalt der Liane und ihr Schicksal bestimmte. Wie die Titaniden, mit denen er rang, ihm Einzelzüge zutrugen. Zum Beispiel finden wir bei Linda, der eigentlichen Titanide des Romans, Charlotte von Kalbs seltsame Nachtblindheit wieder, wie die nervöse Erblindung Charlottens zur Zeit seines zweiten Aufenthalts in Weimar bereits Lianens Erblindung beeinflußt hat. Novalis und Friedrich Schlegel haben durch ihre Gestalten auf das Werk eingewirkt, und nicht zum wenigsten Fichte, und gerade der Fichte des Atheismusstreites. Und er, Jean Paul selbst, 561 hat sich in dem Werk manifestiert. Wie sein Held Albano ging er zur Zeit des ersten Entwurfs die Welt an. Ganz der kühne Jüngling, der mit einer großen Tat die Sterne vom Himmel herunterholen will. Und als er das Werk endlich beendete, war er schon fast wie sein Bibliothekar Schoppe alias Leibgeber geworden, fest und unerbittlich in seiner Welt wurzelnd. Über zehn Jahre hatte er dem Kardinalwerk, wie er den Titan von Beginn an nannte, gewidmet. Die Zwischenwerke hatten nur den einen Zweck, das Publikum auf dieses Werk in Spannung zu halten und seinem Schöpfer den materiellen Unterhalt zu sichern. Die Hofer Jugendfreundinnen hatten am Beginn des Werks gestanden. Deutlich sind die mit Renate Wirth und Amöne und Karoline Herold verbrachten Jahre herauszukennen. Ja, in Froulay, dem Vater Lianens, wird man sogar noch den Kaufmann Herold, Amönens und Karolinens strengen und ein wenig boshaften Vater herausfinden können. Idoine, bei der der Roman endet, trägt bereits die Züge von Karoline Mayer. Die Entwickelung von zehn und mehr Jahren ist in dieser großartigen Konzeption eingefangen, und eine Entwickelung, die wirklich noch im Fließen ist. Der »Titan« umschließt noch die ganze Entwickelung Jean Pauls von den ersten Satiren über die Idyllen bis zu der italienisch-heroischen Haltung der Hauptgeschichte. Der »Titan« ist im Grunde der Roman, der Jean Paul bereits bei der »Unsichtbaren Loge« vorschwebte. Es besteht deshalb eine Ähnlichkeit des Stoffes, auch mit dem »Hesperus«, die in die Augen springt. In allen drei Romanen handelt es sich um den Entwickelungsgang eines Helden von der ersten Kindheit bis zur Reife des Mannes. In allen drei Romanen ist der Held in wunderbare Verhältnisse eingesponnen, von tausend Rätseln umgeben, die sich erst 562 im Laufe der Geschichte klären. Immer ist eine politische Verwickelung zugrunde gelegt. Wenn in der »Unsichtbaren Loge« und im »Hesperus« das eigentümliche Erbverhältnis zwischen den preußischen und den fränkischen Hohenzollern eine Rolle spielte, so ist diesmal offenbar die alte Rivalität zwischen den Fürsten von Baireuth und denen von Ansbach zugrunde gelegt. Im »Titan« werden die Fürstentümer Hohenfließ, mit der Residenz Pestiz, und Haarhaar genannt. Der Hof von Haarhaar wartet auf das Aussterben der Hohenfließer Linie. Um dieses Aussterben zu beschleunigen hat man sogar den Erbprinzen von Hohenfließ in frühem Alter, indem man seinen vorzeitigen Hang zu geschlechtlichen Ausschweifungen unterstützte, um seine Manneskraft gebracht. Und zwar war es der Deutsche Herr von Bouverot, der dieses teuflische Unternehmen in Italien leitete. Zeuge dieser Freveltat wurde der Ritter Gaspard de Cesara. Cesara befreundete sich indessen bald darauf mit dem Hohenfließer Fürstenpaar, das ihn bei seiner Bewerbung um die Tochter des römischen Fürsten di Lauria unterstützte. Cesara trat um so eifriger auf die Hohenfließer Seite über, als der Hof von Haarhaar ihm kurz vorher einen Korb gegeben hatte, als er sich dort um die Hand einer Prinzessin bewarb. Der Zufall wollte, daß beide Frauen in Italien ungefähr zu gleicher Zeit niederkamen. Die Fürstin von Hohenfließ gebar ein Zwillingspaar: Albano, den Helden des Romans, und die Prinzessin Julienne. Die Gräfin Cesara wurde von einer Tochter, Linda oder Severina genannt, entbunden. Um Albano den Nachstellungen des Haarhaarer Hofes zu entziehen, wurde er als Sohn des Grafen de Cesara ausgegeben und in seinen ersten Jahren mit Linda zusammen auf der Isola bella im Lago maggiore erzogen. Später in die Nähe der Residenz Pestiz nach 563 Blumenbühl in das Haus des Landschaftsdirektors von Wehrfritz gebracht. Weil er aber bald seinem Vater, dem Fürsten, allzu ähnlich wurde, durfte er nie nach der Residenz Pestiz selbst hinein, bis das hohe Alter das Aussehen des Fürsten genügend verändert habe. Bei diesem Austausch der Kinder hatte Cesara die Bedingung gestellt, daß seine Tochter Linda einst mit Albano verbunden würde. Damit sie nicht als Albanos Schwester gelte, wurde sie mit der Mutter nach Spanien geschickt, wo sie den Namen de Romeiro annahm und als Nichte und Mündel des Grafen galt. Kein trautes geschwisterliches Verhältnis sollte sich zwischen den beiden füreinander bestimmten Menschen bilden, vielmehr wurden sie gegenseitig von vornherein mit einer romantischen Gloriole füreinander umgeben, damit sie später, wenn sie sich sähen, mit Leidenschaft einander zustrebten. Damit dieses desto gewisser einträte, setzte Cesara einen großen geheimnisvollen Apparat in Bewegung. Durch magische Weissagungen und zauberische Erscheinungen wurde Albanos Interesse früh für die ihm verheißene Linda wachgerufen. Der Graf bediente sich hierbei seines Bruders, eines lügenhaften Charlatans, der bauchreden konnte und unter der Maske eines »sterbenden Vaters«, d. h. eines einer besonderen Sekte angehörenden Mönches, dem Helden erschien und immer von neuem seinen Sinn auf Linda di Romeiro lenkte. Weil Albano aber wußte, daß er eine Schwester hatte – es war die Prinzessin Julienne, aber er mußte eigentlich Linda dafür halten –, wurde ihm auf magische Weise durch den »sterbenden Vater« der Tod seiner Schwester Severina de Cesara geweissagt und durch den Vater bestätigt. Bei dem schlechten Gesundheitszustand des Erbprinzen Luigi war anzunehmen, daß Albano der Erbe des Thrones sein würde. Cesara hatte also nichts Geringeres 564 im Sinne, als durch seine Tochter Linda seine Nachkommen auf einen deutschen Fürstenthron zu bringen. Diese seltsamen Verhältnisse liegen dem Roman zugrunde. Albano, der Fürstensohn und Thronerbe, wächst als Graf de Cesara in dem idyllisch gelegenen Blumenbühl heran. Seine Pflegeeltern, der wackere Landschaftsdirektor von Wehrfritz und dessen Frau Albine – dem Rittmeister von Falkenberg und dessen Frau aus der »Unsichtbaren Loge« und dem Pfarrer Eymann und seiner Frau aus dem »Hesperus« entsprechend – ahnen selbst nicht, daß der mutmaßliche Thronerbe sich in ihrem Hause befindet. Auf den Wunsch von Albanos vorgetäuschtem Vater, dem Grafen Cesara, geben sie ihm eine strenge Erziehung, die durch den schwerfälligen Schulmeister Wehmeier und den eleganten Tanzmeister Falterle unterstützt wird. Sehnsuchtsvoll wenden sich Albanos Gedanken nach der nahen Lindenstadt Pestiz, deren Betreten ihm verboten ist und die dadurch eine besondere Anziehungskraft für den Knaben bekommt. Ein inniges geschwisterliches Verhältnis verbindet ihn mit der ländlichen und treuherzigen Pflegeschwester Rabette von Wehrfritz, die an dem älteren und schöneren Bruder mit herzlicher Liebe hängt. Zwei Kinder aus der verhangenen Stadt sind es, um die Albanos Gedanken frühzeitig kreisen: die Kinder des Ministers von Froulay, Roquairol und Liane. Auch ihr Lehrer ist der elegante Tanzmeister Falterle, und der Wichtigtuer verfehlt nicht, mit den Fortschritten der Ministerkinder zu prahlen. Insbesondere weiß er von den literarischen Großtaten Roquairols zu berichten, der schon als Knabe alle Rollen der zeitgenössischen Dramen und der Tragödien Shakespeares zu agieren versteht und selbst bereits Theaterstücke verfertigt. In Roquairol sieht Albano seinen 565 vorbestimmten Freund, in dessen Arme er einmal fliegen wird, sobald er nach Pestiz darf. Ebenso heiß aber greift seine Sehnsucht nach Liane von Froulay. Er liebt sie schon, da er sie noch nie gesehen, aus den Schilderungen des Tanzmeisters. Er erfährt, daß Froulay, der Minister, mit allen Mitteln strenger Erziehung darauf bedacht ist, sie zu einem überirdisch schönen Geschöpf zu entwickeln. Ihre Gesundheit ist zart, ihr Gemüt von anschmiegender Weichheit. Niemand ahnt die Gedanken des Knaben, niemand vermag vorauszuschauen, daß sich schon hier bei den seltsamen Verwickelungen eine Tragödie anspinnt. Denn wenn eines Tages Albano Liane wirklich lieben sollte, wird das Schicksal die beiden auseinanderreißen, weil der Jüngling für den Thron und für Linda bestimmt ist. Ihren Gipfelpunkt erreicht die Schwärmerei des Knaben für den ersehnten Freund Roquairol, als dieser auf einer Redoute sich aus rasender Liebe zu Linda von Romeiro, die vorübergehend in Pestiz weilt, vor ihren Augen erschießen will. Er verwundet sich zwar nur und wird gerettet, aber auf Albano macht diese Tat einen überwältigenden Eindruck. Vielleicht hofft man, daß durch diesen Vorfall seine Aufmerksamkeit gerade auf Linda gerichtet werden würde. Er aber klagt um den heroischen Bruder, der für eine Leidenschaft sein Leben hinzuwerfen vermag, und weint um die zarte Schwester, der der Bruder fast das Herz zerbrochen hat. Endlich ist diese durchsehnte Kindheit vorüber. Auf Wehrfritzens Gut erscheint Schoppe, der von jetzt ab die Erziehung des Knaben leiten soll. Schoppe und der Landbaumeister Dian, ein Grieche von Geburt, begleiten den Jüngling nach Oberitalien. Dort, auf der Isola bella, wo er die ersten Kinderjahre verlebte, soll er dem Vater begegnen. Mit der Blütenpracht des Lago maggiore setzt die Handlung ein – die Kindheitsgeschichte ist hinter diesen überschwenglichen Tagen, 566 mit denen die eigentliche Geschichte beginnt, eingeschoben. – Albano begegnet hier seinem Vater, dem Ritter von Cesara, der ihm das romantische Testament seiner verstorbenen Mutter bekanntmacht. Unter dieser Mutter versteht Albano natürlich die verstorbene Gräfin Cesara, während es sich in Wirklichkeit um die verstorbene Fürstin von Hohenfließ handelt. Hier ist es auch, wo der »sterbende Vater« ihm den Tod der Schwester Severina verkündet und ihm Linda di Romeiro verheißt. Auf der Isola bella stößt auch der zweite Erzieher zu ihm, der korrekte aber vornehme und sympathische Lektor Augusti, der gewissermaßen die Rolle des Tanzmeisters Falterle fortsetzt, während der bizarre und eigenwillige Schoppe mehr an die Stelle Wehmeiers tritt. Übrigens ist Augusti in der Residenz Pestiz bereits bekannt und ein besonderer Freund des Froulayschen Hauses, insbesondere der Ministerin und ihrer Tochter Liane. Bald nach der Rückkehr aus Italien darf Albano nach Pestiz übersiedeln. Zur selben Zeit stirbt der alte Fürst und Luigi besteigt den Thron. Der erste Besuch, den Albano mit dem Lektor Augusti in der Residenz macht, ist zu Luigi, dessen kalter Kunstsinn – der Prinz ist von italienischen Bildern umgeben, über die er mit artistischer Kälte redet – ihn anwidert, wie alles, was mit einem Hof zusammenhängt. Zu der Prinzessin Julienne hingegen, von der er nicht ahnt, daß sie seine Schwester ist, faßt er eine herzliche Zuneigung, um so mehr, da Julienne die beste Freundin der noch immer schwärmerisch geliebten Liane ist. Der nächste Besuch gilt dem Hause des Ministers. Auch Froulay widert ihn an. Die Ministerin stößt er durch die Schroffheit und Härte seiner Urteile zurück. Liane bekommt er nicht zu Gesicht, da sie infolge eines das Innerste aufwühlenden Ausspruchs Roquairols an der Leiche des toten Fürsten ihr 567 Augenlicht verloren hat. Aber von ferne sieht er sie unter den Fontänen stehen, deren Wasser ihre Gesundheit wiederherstellen sollen. Am nächsten Tag schleicht er in den Park, um das blinde Antlitz, das ihm träumend seit Jahren vor Augen stand, in der Nähe zu sehen. Er sieht ihre zarte, fast durchsichtige Gestalt, die blütenreine Stirn, das verdunkelte Auge, und die Traumliebe wird zur Wirklichkeit. Jetzt weiß er, daß er sie ewig lieben wird. Den Hauptmann Roquairol sieht er zum erstenmal beim Prunkbegräbnis des alten Fürsten, wie er vor dem Sarge her das Freudenpferd reitet, und kann diese vom Leben verzehrte Gestalt nicht aus dem Herzen bringen. Er schwört sein Freund zu werden und schreibt ihm einen Brief. Roquairol antwortet, daß er sich auf dem Maskenball ihm zu erkennen geben wird. Zwischen Blumenbühl und Pestiz liegt das fürstliche Lustschloß Lilar in einem feenhaften Garten. Wieder haben wir uns diesen fürstlichen Garten etwa in der Art der Baireuther Fantaisie oder Eremitage vorzustellen. Mit Brücken, die hoch durch die Lüfte gehen oder zwischen den Baumwipfeln dahinführen, mit Grotten und Wasserkünsten entzückt der Teil, der Elysium genannt wird. Der andere Teil, Tartarus, beherbergt alle Schauer des Entsetzens von einem künstlichen Schlachtfeld an bis zu unheimlichen Katakomben und Totengrüften. In diesem Tartarus, dicht an dem Altar, auf dem das Herz des alten Fürsten beigesetzt ist, treffen sich Albano und Roquairol zum erstenmal und besiegeln ihre ewige Freundschaft mit Treueschwüren. Albano glaubt, daß der Freund annehmen könnte, daß Linda zwischen ihnen steht. Denn das Gerücht von den dunklen Weissagungen auf der Isola bella ist bekannt geworden. Feierlich schwört Albano dem neuen Freunde, daß er Linda nie lieben werde, und gesteht ihm seine Liebe zu dessen Schwester Liane. 568 In Lilar lebt in einem griechischen Häuschen die Familie Dians, des Griechen, der noch immer in Rom weilt, um dort im Auftrage des Fürsten und des Deutschen Herren Bouverot alte Bilder zu suchen. Albano besucht Chariton, Dians Frau, und ihre kleinen Kinder. Der Zufall will es, daß auch Liane gerade bei ihrer Freundin Chariton zu Gast ist. Zum erstenmal sieht Albano in das wiederhergestellte Auge der Geliebten. Ein heiterer Spaziergang in dem romantischen Elysium webt die ersten Fäden zwischen den Seelen. Inzwischen aber hat der Minister beschlossen, Liane an den Deutschen Herren Bouverot zu verloben, der sehr reich ist, in kurzer Zeit seinen Abschied aus dem Orden nehmen und Liane heiraten will. Die Ministerin widersetzt sich dem Plan und beschließt, Liane für einige Zeit nach Blumenbühl zu Wehrfritz zu geben. Um diesen Besuch einzuleiten, wird die ländliche Rabette von ihr eingeladen. Zwischen den Mädchen spinnt sich eine herzliche Freundschaft an, und als der Minister für einige Tage verreist ist, fährt Liane mit Rabette nach Blumenbühl. Albano hat inzwischen die Bekanntschaft des alten ehrwürdigen Hofgeistlichen Spener gemacht, der im Donnerhäuschen in Lilar wohnt. Spener ist einer der wenigen, die um Albanos hohe Abkunft wissen. Mit väterlicher Liebe nimmt er sich des glühenden Jünglings an, und dieser, müde des höfischen Lebens in der Residenz, bezieht für einige Zeit das Donnerhäuschen in Lilar, schon um der Geliebten in Blumenbühl näher zu sein. Eine elysische Zeit beginnt. In Lilars Zaubergarten finden sich die Liebenden, und neben ihnen finden sich Roquairol und Rabette. Den Hauptmann, der alle Sensationen des Lebens und der Phantasie durchkostet hat, zieht auf einmal die ländliche unbefangene Unschuld Rabettens an, und sie ergibt sich ihm willig, in scheuer Bewunderung zu ihm aufsehend. Ein Zauberland umfängt die 569 Liebenden. Zwischen Blumenbühl und dem Donnerhäuschen fliegen die zarten Briefe hin und her. Herrliche Spaziergänge mit allem Zauber einer wunderbaren Natur füllen die Tage, süße Träume gehen durch die Nächte. Aber einmal muß aus diesem Traumleben Wirklichkeit werden. Liane und Albano kehren in die Stadt zurück. Der Einwilligung der Eltern glauben beide sicher zu sein. Der Minister und seine Frau ahnen nichts von Albanos hoher Geburt, und die Liebenden wissen nicht, welche Hindernisse ihnen entgegengetürmt sind. Froulay selbst glaubt, daß Cesara zu dieser Verbindung niemals seine Einwilligung geben wird und gibt sie infolgedessen auch nicht. Überdies steht sein bereits dem Deutschen Herren gegebenes Versprechen seiner Einwilligung im Wege. Die Ministerin, die gegen Albanos hohe und schroffe Art eine Abneigung hat, ist zum erstenmal der Ansicht ihres Gatten. Ein Brief des Grafen Cesara, der die Entscheidung bringen soll, geht über die ganze Angelegenheit wie über eine belanglose Bagatelle hinweg, obwohl Gaspard fest entschlossen ist, im Ernstfall mit fester Hand dazwischenzufahren. Die Liebenden verleben qualvolle Wochen. Mit allen Mitteln gesellschaftlicher Konvenienz wird Liane dem Grafen Albano verborgen. Dieser rast und tobt. Die Entscheidung aber kommt von einer ganz andern Seite. Der ehrwürdige Spener hat von der unglücklichen Liebe der beiden erfahren. In der Kirche von Lilar weiht er Liane in das Geheimnis von Albanos hoher Geburt ein. Nun muß sie ihm entsagen, ohne ihm den Grund nennen zu dürfen. In einer von den Eltern gestatteten Unterredung nimmt sie ihr Wort zurück. Fürchterlich braust der unglückliche Jüngling auf und verläßt sie mit schmähendem Wort. Von neuem senkt sich über Lianens Augen der dunkle Schleier. Blind wird sie nach Hause geführt. 570 Inzwischen hat sich Fürst Luigi mit einer Haarhaarer Prinzessin verheiratet. Die Einzugsfeierlichkeiten der neuen Fürstin nehmen das Interesse gefangen. Ein sonderbarer Umstand macht Liane der neuen Fürstin besonders wert: sie ähnelt täuschend ihrer Lieblingsschwester, der Prinzessin Idoine, die sich in die Einsamkeit zurückgezogen hat, eine ihr angetragene Standesheirat stolz verschmähend. Fruchtbare Beschäftigung liebend hat Idoine ein Landgut Arkadien nach ihren eigenen Idealen eingerichtet und verwaltet es mit fast männlicher Klugheit. Albano kommt einmal auf der Reise, die er in der Verzweiflung über seine zerrissene Liebe mit Schoppe unternimmt, in die Nähe dieses Gutes. Aber voller Angst, dem Ebenbilde Lianens zu begegnen, kehrt er um. Er selbst ist der Fürstin liebgeworden. Denn sie ist jene Prinzessin, die der Haarhaarer Hof seinem Vater, dem Grafen Cesara, einst verweigerte. Albano weiß um diese Vergangenheit und bemitleidet das arme Opfer höfischer Konvenienz, das nun den kranken und unmännlichen Hohenfließer Fürsten heiraten mußte. Erst später erfährt er, daß die Fürstin nicht so sehr zu bedauern ist, da sie sich hemmungslos ihren koketten Neigungen überläßt. Von dieser Fürstin erhofft Albano Hilfe für seine ermordete Liebe, und sie läßt ihn in dem Glauben, daß sie ihm helfen werde, während sie ihm schon selbst mit ihren Koketterien nachstellt. Liane aber siecht dahin. Zwar ist ihr Augenlicht wiedergekehrt, aber von ihrem Krankenlager soll sie nicht mehr erstehen. In der Sterbestunde wird Albano an ihr Lager geholt. Das Geheimnis, das sie von ihm trennte, nimmt sie in das Grab mit. Durch den Tod der Geliebten ist Albano völlig niedergeschmettert. Er verfällt in hitziges Fieber und wird durch eine Gewaltkur gerettet, die der treue Schoppe herbeiführt. Prinzessin Idoine, Lianens täuschendes Ebenbild, tritt vor das 571 Lager des Fiebernden und gibt ihm Frieden. Er glaubt wirklich, in einer Vision die gestorbene Geliebte gesehen zu haben, und genest. Der nächste Tag schon findet ihn auf der Reise nach Italien. Roquairol hat inzwischen Rabette um ihre Unschuld gebracht und dieses in einem von dämonischer Zerstörungswut erfüllten Brief Albano selbst mitgeteilt. Ihre Freundschaft ist damit zu Ende. Voll Ekel wendet sich Albano von dem haltlosen Phantasten ab. Ein Duell vermeidet er mit Rücksicht auf Roquairols Schwester, die damals noch unter den Lebenden weilte. So läßt Albano, als er nach Italien geht, lauter ausgebrannte Krater der Liebe und Freundschaft hinter sich zurück. Die Reisegesellschaft besteht aus dem Ritter de Cesara, der Fürstin, dem Deutschen Herren von Bouverot und dem Jüngling. In Rom stößt Dian zu ihnen. Diese italienische Reise ist der innere Drehpunkt der Handlung. Wie wird Albano auf die Berührung mit der Antike reagieren? Unvermeidlich drängt sich die Parallele zu Goethes italienischer Reise auf. Goethe machte auf italienischem Boden die entscheidende Wendung von der Gotik zur formklaren Latinität. Dem lebendigen Strömen drangvoller Zeit entzog er sich und flüchtete in die Unberührtheit der reinen ästhetischen Form. Ähnlich verhalten sich Albanos Reisebegleiter. Sie werden von einem Kunstenthusiasmus ergriffen. Anders der Jüngling. Er ist der einzige, den der Geist der Alten wirklich in voller Größe packt. Aber dieser Geist setzt sich bei ihm nicht in lebenabgewandte Bewunderung vergangener Formen um, auf ihn wirkt die lebenverwandelnde Kraft der Antike als Kultur der Kraft und ruft ihn zur Tat. Tat war der Geist, der diese Ruinen baute, weltumspannend die Kraft, die noch im ausgehenden Mittelalter die Kuppeln der Dome wölbte. Das französische Volk ist zur Freiheit erwacht. Der Kampf 572 des alten morschen Feudaleuropa gegen die neue Freiheit wird entbrennen. Auf der Höhe des Kapitols faßt Albano den Entschluß, an die Seite der Freiheitskämpfer zu treten. Wieder bricht hier der fundamentale Unterschied der persönlichen Stellung zur Antike durch. Es sind im letzten Grunde wieder Goethe und Herder, die sich in des Jünglings Seele feindlich begegnen. Goethe als romantische Nachempfindung einer versunkenen Welt, Herder als wahrhaftige Erneuerung eines dahingeschwundenen Geistes, nicht durch Nachahmung äußerer Formen, sondern durch weltverwandelnde Tat. Von Rom fährt die Reisegesellschaft nach Deutschland zurück, zum Teil durch eine lebensgefährliche Erkrankung des Fürsten Luigi zurückberufen. Nur Albano und Dian reisen nach Neapel weiter. Mit prachtvollen Farben ist diese südliche Zauberwelt gemalt. (Die Beschreibungen der Herzogin Amalie gaben Jean Paul die Unterlagen.) Aufs neue taucht jener seltsame Mönch auf, der Albano in gauklerischem Spiel weissagt, daß er auf der Insel Ischia die Schwester finden würde. Es ist der Ritter de Cesara, der Albanos Leben durch die Gaukelstimme zu lenken sucht. Jetzt hält er den Jüngling für reif, Linda zu begegnen. Auf der Insel Ischia trifft Albano die Prinzessin Julienne und ihre Freundin Linda di Romeiro. Gaspard de Cesara hat richtig vorausgesehen. Die beiden Menschen sind wie füreinander bestimmt. Bei der ersten Begegnung lieben sie sich, der feurige Jüngling und die stolze titanenhafte Spanierin. Wie Welten brausen sie ineinander, und als sich Linda und Albano gefunden haben, gibt sich Julienne dem Jüngling als seine Schwester zu erkennen. Selig gleiten die Tage dahin. Wie ein vergangener Traum erscheint die sanfte Liebe zu Liane neben der lodernden Flamme dieser Leidenschaft. Gaspard de Cesara scheint am Ziel seiner Pläne. 573 In Pestiz gibt Cesara dem Sohne die Einwilligung zu der Verbindung mit Linda. Aber ein neues Hindernis taucht auf. Ihr Titanencharakter widerstrebt der bürgerlichen und endgültigen Bindung. Sie will den Geliebten lieben aber sich nicht mit unlöslichen Ketten an ihn schmieden lassen. Cesara sucht die Heirat zu beschleunigen. Schließlich gibt Linda seinem Drängen nach, aber zu spät. Ein furchtbares Ereignis ist inzwischen eingetreten. Mit neuem Auge sah Albano an Lindas Seite alle die Stätten wieder, auf denen sich sein bisheriges Leben abgespielt hatte. Wieder durchwandert er den Garten von Lilar, besucht er die Pflegeeltern in Blumenbühl. Wie eine Ruine tritt ihm Rabette, das Opfer Roquairols entgegen. Roquairol scheint sich von neuem um Rabette zu bemühen, aber es ist nur, um dort Albanos Briefe in die Hand zu bekommen und des ehemaligen Freundes Handschrift genau kopieren zu lernen. Noch immer lodert in ihm die Leidenschaft zu Linda, vor deren Augen er sich schon als Knabe zu erschießen versuchte. Ein teuflischer Plan ist in seinem Innern gereift. Er will die Nachtblindheit Lindas benutzen und sie unter Albanos Maske verführen, um seine Leidenschaft zu kühlen und die beiden von ihm hassend geliebten Menschen zu verderben. Die Fürstin, die von Albano zurückgewiesen wurde und sich an ihm rächen will, unterstützt diesen teuflischen Plan. Als Albano und Linda sich vorübergehend überworfen haben, schreibt Roquairol ihr mit Albanos Handschrift einen Brief und bittet sie, ihn am Abend im Flötental von Lilar zu erwarten. Hier verführt er die Unglückliche in einer alle Leidenschaften seines kranken Herzens aufwühlenden Szene. Die Titanide glaubt, sich dem Geliebten in freier Hingebung zu schenken, als sie ihn auf ewig verloren hat. Am nächsten Tag hat Roquairol den Hof und alle Freunde 574 zur Aufführung seines Theaterstücks »Der Trauerspieler« eingeladen. In frevelndem Zynismus hat er die Begebenheiten des letzten Jahres, die Liebe Albanos und Lianens, Albanos und Lindas und seine eigene Leidenschaft für die Stolze in seinem Stück behandelt, und auch jenen Abend dargestellt, da Linda das Opfer seines teuflischen Betruges wird. Niemand von den Zuschauern ahnt die fürchterliche Wahrheit seines Stückes, in dem der Rasende die eigene Rolle spielt. Am Schluß läßt er den Helden sich erschießen, und er selbst macht aus dem Spiel blutige Wirklichkeit und zerschmettert sich auf der Bühne mit einer Revolverkugel den Kopf. Das nächste Zusammentreffen der Liebenden offenbart ihnen die furchtbare Wahrheit. »Ich bin Roquairols Witwe!« ruft Linda aus. »Und das bleibst du!« antwortet Albano hart und geht fort. Wie ein Kirchhof liegt sein bisheriges Leben um ihn her. Jetzt wird er in den Krieg gehen. Aber wie in harten Gewitterschlägen wird die geladene Atmosphäre gereinigt. Fürst Luigi stirbt. Albanos Abstammung wird offenbar. Er ist der Erbe des Throns. Die Aufklärungen überstürzen sich. Wahres mischt sich mit Falschem. Schoppe selbst glaubt entdecken zu müssen, daß Linda und Albano Geschwister sind. In furchtbarer Spannung löst sich der Knoten durch das Testament von Albanos Mutter, die, wie er jetzt erst ganz überraschend erfährt, nicht die Gräfin de Cesara sondern die alte verstorbene Fürstin ist. Linda, die mit Cesara geflüchtet ist, wird als Tochter des Ritters de Cesara festgestellt. In dieses wilde Durcheinander fällt der Tod Schoppes in dem Augenblick, als sein alter Freund Siebenkäs ihn aufsucht. In Albano selbst drängt es zur inneren Klärung. An Lianens Grab begegnet er Idoine, die zu ihrer Schwester, der Fürstin gereist ist. Zum erstenmal sieht 575 Albano das Ebenbild seiner ersten Geliebten, seit sie ihm in den Fieberträumen als Retterin erschien. Jetzt wird es ihm klar, daß er immer Idoine liebte. Daß Idoine von Liebe zu ihm ergriffen war, wußte Julienne, die treue liebende Schwester, schon lange. Am Abend, da Luigi in der Blumenbühler Kirche beigesetzt wird, gehen die drei liebenden Menschen durch die Zaubernacht von Lilar. Albano und Idoine finden sich. Versunken stehen sie Arm in Arm beieinander. Julienne ruft die Liebenden auf: »Schauet auf zum schönen Himmel! der Regenbogen des ewigen Friedens blüht an ihm, und die Gewitter sind vorüber, und die Welt ist so hell und grün – wacht auf, meine Geschwister!«   »Titan sollte heißen Anti-Titan,« schrieb Jean Paul am 8. September 1803 an Friedrich Jacobi; »jeder Himmelsstürmer findet seine Hölle; wie jeder Berg zuletzt seine Ebene aus seinem Tale macht. Das Buch ist der Streit der Kraft mit der Harmonie. Sogar Liane, Schoppe müssen durch Einkräftigkeit versinken; Albano streift daran und leidet wenigstens.« Hier ist der Sinn des »Kardinalwerkes« eindeutig festgelegt. Um den Streit zwischen Harmonie, das heißt zwischen allseitiger Ausbildung des Menschen, und einseitiger Kraft, das heißt Einkräftigkeit, handelt es sich. Man könnte bei diesen Worten fast an Goethes Lebensprogramm denken. Aber gerade die Abrechnung mit Goethe sollte hier vollzogen werden. Zwar schließt auch Goethes Persönlichkeitsbegriff die Harmonie und den Gegensatz zu jeder »Einkräftigkeit« ein. Aber das war ja gerade aufzuzeigen, daß Goethes »Harmonie« eine einseitig ästhetisch fundierte Einkräftigkeit ist. Zu Harmonie, wie Jean Paul sie verstand, gehörte volles Umfassen auch der zeitlichen 576 Strömungen und auch kämpferischen Menschentums. Verzicht auf die deutsche Verwirklichung war schon Herausfallen aus dem harmonischen Kreis des Daseins, der immer wieder durch Tat gerundet werden muß. Wir sprachen schon davon, wie anders Jean Paul seinen Helden auf die Berührung mit der Antike reagieren läßt als Goethe. Hier, in der Reise Albanos nach Italien, war die Welt Jean Pauls in offensichtlicher und bewußter Parallele gegen die Gedankenwelt Goethes abgegrenzt. Bei Jean Paul das Erstarken an einer heroischen Vergangenheit, bei Goethe das Hineinflüchten in eine vergangene Formenwelt. Aber nicht nur in diesem Schnittpunkt wird der Gegensatz deutlich, durch den ganzen Roman zieht er sich greifbar hindurch. In den »Wilhelm Meister« hatte Goethe das Theater als wichtigstes Bildungselement hineinbezogen. Welche andere Rolle spielt das Theater im »Titan«! Die charakterlose Selbstbespiegelung eines sich selbst verbrennenden Phantasten, eines Selbstmörders, eines, der nur vom Widerschein der Kunst und der Sensation lebt: das war das Theater im »Titan«. Schärfer konnte der Gegensatz nicht mehr gespannt werden. Die Begebenheiten des Romans hatten alles Gedankliche in sich eingesogen. Die hinter dem Werk stehende Idee ist restlos Form und Schicksal geworden. Äußerlich betrachtet, hatte sich der Dichter nicht allzu weit von der »Unsichtbaren Loge« und dem »Hesperus« entfernt. Aber ein Neues war hinzugetreten. In seinen Personen und ihren Handlungen hatte sich die Gedankenwelt seiner Zeit manifestiert. Wohl stehen die Personen mit ihren Schicksalen für sich da und sind Menschen, die als solche im Innersten ergreifen. Aber sie sind zugleich Träger der Ideen der Zeit. Klassik und Romantik, Sturm und Drang und Aufklärung spiegeln sich in ihnen wider, und alle empfangen sie aus der Hand des 577 Schicksals ihren Lohn. Zwar wird es ein vergebliches Bemühen bleiben, die einzelnen Personen mit den großen Zeitgenossen zu personifizieren. Weder ist der Ritter Gaspard de Cesara Goethe oder Schiller, noch kann man in Dian Herder, in Roquairol Friedrich Schlegel oder gar Brentano erkennen, noch haben wir in dem Kunstrat Fraischdörfer August Wilhelm Schlegel zu sehen. Der »Titan« ist kein Schlüsselroman. Aber die Welt, wie sie an der Jahrhundertwende von den Großen des Geistes repräsentiert wird, die finden wir in dem Roman wieder. Und auf einen tiefgreifenden Unterschied zu Goethes »Wilhelm Meister« sei gleich hier hingewiesen: Bei Goethe werden die Personen immer mehr Repräsentanten einer Weltanschauung, werden immer ärmer an individuellem Leben. Ganz anders im »Titan«! Auch hier setzt sich die Welt Jean Pauls deutlich gegen die Welt Goethes ab. Er gibt Schicksal und Erschütterung. Seine Menschen sind. Eine Glut der Leidenschaft ist über das Ganze ausgegossen, neben der der »Wilhelm Meister« als eine rein gehirnliche Angelegenheit wirkt. Goethe projiziert seine Gedanken auf die Fläche zeichnerischer Darstellung, Jean Paul aber gibt die dynamisch geladene dreidimensionale Welt schwingender Tonkörper. Seine Menschen sind Bild und Rede in einem, stehen wie Welten voller Atmosphäre da, bedeuten nicht nur, sondern wirken sich aus. Jean Paul nennt die Dinge nicht nur beim Namen, er zaubert sie hervor. Wenn wir die beiden repräsentablen Romane ihrer Zeit, den »Titan« und die »Lehrjahre«, als Kunstwerke miteinander vergleichen, so kann gar keine Frage sein, daß der »Titan« das ungleich gewichtigere Werk ist. Wie aber kommt es nun, daß der »Titan« über ein Jahrhundert lang vergessen werden konnte, während die »Lehrjahre« heute noch als der Bildungsroman jener 578 Jahrhundertwende ihren Platz behaupten? Gerade infolge der menschlichen Schwere des »Titan«! Gerade deswegen, weil er ein tiefes künstlerisches Werk ist, wird er nicht mit dem Gehirn allein durchmessen. Hier prägt sich kein gedankliches Fazit dem Gedächtnis ein, hier ist alles auf seelische Erschütterung angelegt. Nur mühsam kann man den Gang der Handlung aus den geballten Stimmungen herausnehmen, ohne das Wertvolle zu zerstören. Die Gedankenwelt ist in die Begebenheiten und die Charaktere kunstvoll eingesenkt. Die Umwälzungen, die Albano durchlebt, müssen auch vom Leser durchlebt werden in blitzhafter Schnelle, oder er hält statt der durchmessenen Welten einen romantischen Stimmungsroman in der Hand, der sich nicht wesentlich von der »Unsichtbaren Loge« oder dem »Hesperus« unterscheidet. Wir haben unserer Untersuchung mit Absicht die nackte Handlung vorangestellt, um sie jetzt mit der darin verborgenen Gedankenwelt zu erfüllen. In der bloßen Handlung mochte uns noch die Welt der ersten Romane Jean Pauls umfangen. Jetzt werden wir sehen, welche gedanklichen Tiefen durch diese Handlung aufgewühlt werden. Sie erschließen sich in den einzelnen Charakteren. Wir wissen aus den früheren Kapiteln, in welchem Lichte Jean Paul Goethe und Schiller erschienen. »Goethe, der mit der gleichen Ruhe eine Welt und einen Sperling fallen sieht«, – schrieb er anläßlich des Atheismusstreits über ihn, und die Worte, mit denen er Gaspard de Cesara charakterisiert, sind fast die gleichen, die er von Schiller gebrauchte, als er ihn das erstemal sah: »Ein Cherub mit dem Keime des Abfalls, ein verschmähender, gebietender Geist stand da, der nichts lieben konnte, nicht sein eigenes Herz, kaum ein höheres, einer von jenen Fürchterlichen, die sich über die Menschen, über das Unglück, über die Erde und über das – 579 Gewissen erheben, und denen es gleich gilt, welches Menschenblut sie hingeben, ob fremdes oder ihres.« So tritt Cesara uns zum erstenmal entgegen. Nicht als eine Maske für Goethe oder Schiller, aber immerhin als eine Verkörperung ihrer kalten heroischen Einstellung zu Menschen und zum Leben. Die Urteile, die nach dem Erscheinen der »Xenien« durch die literarische Welt liefen, haben an der Gestalt Gaspards gearbeitet. Wenn Jean Paul den Ritter anredet: »O Gaspard, stehest denn du in der Frontloge und nicht auch auf dem Theater?« so konnten diese Worte direkt an Goethe oder Schiller mit seiner »felsigten Nase« gerichtet sein. Dieser Grundeinstellung entspricht Gaspards Charakter in der weiteren Handlung des Romans. Er will die Begebenheiten einem bestimmten Ziele zubiegen, aber fast scheint ihm das Spiel mit Menschen Bedürfnis. Mit unbarmherziger Kälte schiebt er sie hin und her, sie tanzen an den Fäden, die er in Händen hält. Das Ziel selbst ist reiner Egoismus: Er will seine Nachkommen auf einem Throne sitzen sehen. Mit der gleichen Kälte trennt er sich von seiner Frau, verbirgt er seiner Tochter Linda den Vater, mit der er Bouverots teuflischem Spiel zusieht, das dem Erbprinzen Luigi Gesundheit und Mannheit und fast das Leben kostet. Als er in Rom seine Pläne durch Albano einen Augenblick durchkreuzt glaubt, greift er zur Pistole und würde den Jüngling unbarmherzig niedergeknallt haben, wenn der Irrtum sich nicht im gleichen Augenblick herausgestellt hätte. Das Wohl des Landes ist ihm ein leerer Begriff, Menschheit ein Phantom, dem er nicht opfert. Nur wenig versöhnt mit der Unbarmherzigkeit seines harten Herzens die Kühnheit seiner Pläne und die virtuose Gelassenheit, mit der er die Fäden zu lenken versteht. Goethes Dienst am Weimarer Herzoghause und die Rolle, die Goethe bei dem Streit zwischen dem Herzog und Herder 580 spielte, mag Jean Paul vorgeschwebt haben, wenn er Gaspards Bemühen um den Hof von Hohenfließ darstellt. Nie kommt dem Ritter der Gedanke, die feindlichen Fürstenhäuser durch eine Verbindung zwischen Albano und Idoine zu versöhnen und beiden Ländern den Frieden zu geben. Mit einer ein Leben lang durchgehaltenen Folgerichtigkeit zerstört er die Pläne des ihm verhaßten Hofes von Haarhaar, nur weil dieser ihn in seinem Selbstgefühl verletzt hat. (Das Verhältnis Goethes zu dem Hof von Gotha?) Er kann es über sich gewinnen, der Vertraute der Fürstin zu sein, deren Hand er einstmals erstrebte, nur in dem sicheren Wissen, daß er einmal alle ihre Pläne durchkreuzen wird. Fürst Luigi, der »ausgebrannte Menschenkrater«, ist Geist von seinem Geiste. Seit seiner Thronbesteigung, und vielleicht früher, weiß er, daß Albano sein Bruder ist. Und dennoch vermag er ihn mit gleichgültiger Kälte zu behandeln. Mit derselben Kälte, mit der er seine Frau, die Fürstin, zum Werkzeug seiner Rache am Haarhaarer Hof macht, einer Rache, die erst wirksam wird, wenn er die Augen schließt, und die er mit grausamer Freude kommen sieht. Ihnen zur Seite steht der Minister Froulay. Auch er hat die kalte und zynische Menschenverachtung zu seinem Lebensprinzip gemacht. Liane modelt er zum willigen Werkzeug seiner Pläne, nicht achtend, daß er sie einem frühen Tode zuführt. Eine Verbindung des engelreinen Geschöpfes mit dem Wüstling Bouverot, den überdies noch das Ordensgelübde zur Ehelosigkeit verpflichtet, ist ihm als Mittel gerade gut genug, um seine zerrütteten Finanzen in Ordnung zu bringen. Wichtig an dieser Gruppierung ist die Stellung dieser Menschen zur Kunst. Erst dadurch steigern sie sich aus zufälligen Schurken zu einem Lebensprinzip. Erst hier sieht man, worin die »Einkräftigkeit« dieser Menschen besteht. Nicht daß sie 581 Verbrecher sind, ist das Furchtbare an ihnen, sondern daß sie Ästheten sind. Wenn Luigi »mit der Kälte des Galerieinspektors und Anatomikers« seine Antikensammlung betastet, wenn der Kunstrat Fraischdörfer, uns bereits aus der »Geschichte meiner Vorrede« bekannt, sein Gesicht, »wie die Draperie der Alten in einfache edle große Falten« wirft, wem sollte da nicht Jean Pauls erster Besuch bei Goethe einfallen! Mit Spitzen gegen Goethe ist überhaupt die ganze Darstellung gespickt. Wenn Jean Paul von Albano schreibt: »so wollt er künftig wenigstens Minister werden . . . und in den Feierstunden nebenbei ein großer Dichter und Weltweiser«, so war das ein deutlicher Hieb gegen den Weimarer Heros. Und ebenso die Charakteristik Roquairols: »Er stürzte sich in gute und böse Zerstreuungen und Liebeshändel und stellte hinterher alles auf dem Papier und Theater wieder dar, was er bereute oder segnete, und jede Darstellung höhlte ihn tiefer aus.« Oder jenes kraftvolle Reagieren Albanos auf die Ruinenwelt Roms, in der er nicht begreift, »wie in Rom, im wirklichen Rom ein Mensch nur genießen und vor dem Feuer der Kunst weich zerschmelzen kann, anstatt sich schamrot aufzumachen und nach Kräften und Taten zu ringen«. Hier wird es deutlich, wie er bei diesen ästhetischen Libertins in den Kern der Goetheschen Weltanschauung trifft und wie er mit der Schärfe eines Pamphlets heraushebt, was sich unter dem Persönlichkeitsbegriff zu verstecken pflegt. Nicht daß er Goethe und Schiller die Schurkereien eines Bouverot oder Froulay vorwerfen wollte, er zeigte nur mit unerbittlicher Schärfe diese kühle menschenverachtende Einstellung in ihrer letzten Konsequenz. Zeigte das herzlose Menschentum, das sich in der Nachfolge dieser Einstellung mit Notwendigkeit entwickeln muß. Dem »Wilhelm Meister« hielt er hier gewissermaßen seine Kehrseite entgegen, zeigte die 582 »Einkräftigkeit« des anscheinend harmonisch gerundeten ästhetischen, weltabgekehrten Typus. Es war nicht einmal verbrecherische Anlage, die das Tun dieser Menschen bestimmte, sondern es war ein Mangel, Mangel an bewegender Menschenliebe, die sie abhielt, an Gottes irdischer Stadt zu bauen. Noch ist in diesen Gaspard, Bouverot, Froulay, Luigi nicht jene Bewegung getroffen, die um die Jahrhundertwende ihren kräftigen Aufschwung nahm: die Romantik, wie sie sich in Friedrich Schlegel und Brentano manifestierte und wie sie ihrem Wesen nach zur »romantischen Ironie« sich langsam zuspitzen mußte. Erst in dieser »romantischen Ironie« war die ästhetische Einstellung auf die höchste Spitze getrieben, war zu einem giftigen Geschwür geworden, das das Empfinden der Zeit von innen her anfressen und zerstören mußte. In Roquairol ist dieser zersetzende Zeitgeist, der damals fast die gesamte literarische Welt beherrschte, Gestalt geworden. Wir haben im vorigen Kapitel Jean Pauls Stellung zur Romantik kennengelernt und haben gesehen, daß starke Verbindungsbrücken zwischen ihm und dieser jungen Bewegung vorhanden waren. Aber es war die schöpferische Romantik, die die seelischen Bindungen des Mittelalters wiederherzustellen suchte, die auf Erneuerung des deutschen Volkstums ausging, die ihren lebendigen Impuls von Herder empfangen hatte – es war diese Seite der Romantik, zu der Jean Paul sich rechnete, nicht jene rationalistische Zuspitzung des ästhetischen Prinzips, die alles Lebendige in Spiel und Spiegel auflöste. Von dieser Entartung trennte er sich entsetzt. Auf philosophischem Gebiet kämpfte er, als er an seinem ersten Band arbeitete, gegen die Verlegung des geistigen Schwerpunktes in das Fichtesche Ich. Dieses Heraustreten aus den Dingen mußte das innere Gleichgewicht aufheben, die Welt zum farbigen Spiel herniederziehen, mußte 583 schließlich das Ich selbst zersetzen. Dieser auflösenden Romantik setzte er im »Titan« die glänzende Gestalt Roquairols als Warnung entgegen. Glänzend noch in allen seinen Lastern und Schwächen. Nicht umsonst ließ er den Helden Albano an dieser vom Leben zerfressenen Gestalt sich entflammen. Auch Roquairol ist ein Titan oder ein Pseudotitan. Ganz auf das Ungewöhnliche gestellt, verbrennt sein Leben sich selber und jauchzt in rasendem Wahn den zerflatternden Fetzen des Seins nach. Ein gigantisches Spielen mit den eigenen Lebenskräften, ein geniales Spiegeln im eigenen Werk, ein Hinwegbrausen über alle menschlichen Schranken. Gaspard oder Bouverot haben keinen Gott in der Brust. Roquairol hat ihn, aber er muß ihn verhöhnen und gegen ihn freveln. Wir kennen ihn ganz, seit er das erstemal im Roman auftaucht: als der Knabe, der alle Rollen der Weltliteratur zu agieren weiß; als Selbstmörder aus wahnsinniger Liebe, und nicht allein Selbstmörder, sondern einer, der seine mörderische Selbstzerstörungssucht vor aller Welt auf einem Maskenfest herausschreit, einer, der sich in der Sensation erst zu erleben vermag und der immer sich selbst erleben muß. Und das zweitemal: wenn er beim Prunkbegräbnis des alten Fürsten das Freudenpferd im Trauerzuge reitet, unter dem Ernst des Leichenbegängnisses die grinsende Grimasse einer konventionellen Freude zum äußersten Ausdruck steigert, wie der klaffende Widerspruch des Daseins selbst erscheint und sein Gefallen an diesem Schein einer ganzen Stadt sichtbar macht. Dieser Mensch fühlt nicht mehr, er erlebt nur noch in der literarischen Darstellung, in der Vortäuschung eines Gefühls, im Wortrausch. Und diesen Wortrausch schüttet er über die Menschen um sich aus. Ihm ist kein Schwur, kein Mensch mehr heilig. Eines Theatereffektes wegen wird er den Freund 584 verraten, die Geliebte vernichten und sich selbst die Kugel in den Kopf schießen. Das aber ist nur das Schema dieser Gestalt. Sie selbst funkelt in jedem Wort, in jeder Tat. Wenn er unter der Maske Albanos sich der betrogenen Linda nähert, füllt er noch jedes Wort mit teuflischer Zweideutigkeit. Selbst der Brief, den er mit Albanos Handschrift an Linda schreibt, kann durch die zynische Offenheit entsetzen, mit der er die Wahrheit fast ganz deutlich ausdrückt, so daß Linda ihn beinahe verstehen muß. Was er auch sagt und was er auch tut, immer wirbelt er Stimmungen und seelische Reflexe hoch, die sich in buntem Spiel jagen. Ja, er kann die Wahrheit über sich selber in schneidender Schärfe ausdrücken, um in der Pose des Zynikers zu brillieren. Bis zur äußersten Grenze fast verführerischen Glanzes hat Jean Paul diesen Charakter herangetrieben. Fast nähert er sich dem Idealbild eines dämonisch Schaffenden. Fast hat er die Wirkung Werthers, der die Jünglinge in den Tod nachzieht. Und manchmal ist er wirklich die Gestalt gewordene Tragödie des schaffenden Künstlers mit ihrem notwendigen Drang zur Selbstbespiegelung und Selbstzersetzung, zur Auflösung jeder Empfindung in ihre Elemente, zum Durchkosten aller Gegensätze des Lebens. Mit der Vollständigkeit einer Kategorientafel fast werden die »Einkräftigen« vor uns aufgereiht. Man sieht, wie lange Jean Paul den Plan des »Titan« mit sich herumgetragen hatte. Bis in die erste Zeit seines Schaffens strecken sie ihre Wurzeln. Wie viele dieser Gestalten gehen auf den Jugendfreund Hermann zurück! Selbst Roquairol kann auf Hermann zurückgeführt werden. Im Ottomar der »Unsichtbaren Loge« tauchte zuerst jenes dämonische Rasen gegen die Grenzen der menschlichen Natur auf. Roquairol ist ein gesteigerter 585 Ottomar, dessen Rasen in sich selbst zurückschlägt, wie ja auch Ottomar schon mit dem Tode zu spielen liebte. Auf Hermann geht aber auch jene Reihe von Gestalten zurück, die mit dem Dr. Fenk in der »Unsichtbaren Loge« anhebt und sich zum Leibgeber des »Siebenkäs« erweitert. Die Höhepunkte des Leibgeberschicksals hatte Jean Paul mit Bedacht für den »Titan« aufgehoben. Hier erst sollte sich diese Gestalt in ganzer Breite entfalten. Schon bei der Besprechung des »Luftschiffers Gianozzo« hatten wir darauf hingewiesen, daß auch Gianozzo ursprünglich nur eine neue Verwandlung Leibgebers sein sollte. Als Jean Paul diese Gestalt dann zu einer besonderen Arbeit herauslöste, führte er Leibgeber unter dem Namen Graul dort ein. In wie vielen Gestalten und Verwandlungen sich Leibgeber aber auch zeigen mag, er ist von Beginn an unverkennbar derselbe. Schon »Habermanns große Tour um die Welt« zeigt seine Züge. Seither lebt er mit seinem Bullenbeißer Saufinder in einer ganzen Reihe Jean Paulscher Werke. Im »Titan« tritt er als Bibliothekar Schoppe auf und wird erst am Schluß des Buches von dem hinzukommenden Armenadvokat Siebenkäs identifiziert. Aber alle Leser des »Siebenkäs« müssen ihn von Anfang an erkennen. Eigentlich ist Schoppe ein Fremdkörper im Roman, und wirklich tritt er in ganz ausgedehnten Partien fast gar nicht hervor. Er ist Humorist und widerstrebt seinem Wesen nach dem hohen Stil des »Titan«. Deshalb nimmt er mit seinen Grotesken den meisten Raum im Anfang ein, der noch am ehesten idyllisch-humoristischen Charakter trägt. Und mit seinem erschütternden Ende im Schluß des Buches. Schon im »Siebenkäs« hatte Leibgeber seine eigene, von dem Freunde abweichende Weltanschauung. Er war Atheist und leugnete die Unsterblichkeit. Inzwischen hatte sich Jean Paul mit 586 Fichtes Philosophie auseinandergesetzt, und nichts lag näher, als diese schroffe, die Welt vergewaltigende Philosophie mit Leibgeber in Verbindung zu bringen. Die » Clavis Fichtiana « legte er ihm in den Mund, und im Roman selbst läßt er ihn als Fichteaner auftreten. Es war das größte Kompliment, das Jean Paul seinem Gegner Fichte machen konnte, und zeigt, wie er selbst mehr und mehr von dem eigenwilligen gigantischen Charakter dieser Philosophie ergriffen wurde. Der Fichteanismus ist der innere Angelpunkt Schoppes. Sein unbedingtes Freiheitsbedürfnis hängt aufs engste mit Fichtes Ichphilosophie zusammen. Und auch der Humor dieses von jeder Bindung mit der Welt selbstherrlich losgelösten Menschen ist nur die Frucht des unbedingten In-sich-selber-Ruhens. Von aller Eitelkeit ist er nicht nur frei, sondern in einem Grade frei, daß die Möglichkeit eines solchen Grades selbst in Staunen setzt. Auch Schoppe läßt sich von seinem Innern zu den letzten Grenzen hinreißen (hierin ein Gegenstück zu Roquairol). Es gibt keine noch so bizarre Situation, der er auswiche. Auch er ist Zyniker, aber im veredelten Sinne des Diogenes. Und die Hauptsache: er braucht keine Zuschauer seines phantastischen Tuns. Die Einfälle strömen ungesucht aus ihm hervor, und er muß ihnen nachgeben. So besteigt er nachts die Kanzel einer verlassenen Kirche und hält sich selbst die Predigt, bis ihn der Irrsinn des Lebens zu Tränen erschüttert und er hilflos niedersinkt. Und dieser Mann mit dem unbedingten Unabhängigkeitsbedürfnis muß von Liebe zu Linda ergriffen werden, daß sie ihn durch und durch schüttelt. Er trägt das kummerschwere Herz in die Einsamkeit, den Blick der Geliebten fliehend, leidend unter der Lächerlichkeit seines Zustands. Es ist das erste Zeichen des nahenden Zerfalls. Das »Ich« Fichtes beginnt ihn zu verfolgen. Wenn er die Landstraße entlang geht, muß er auf 587 einmal seine Beine ansehen, und es rührt ihn schauerlich an, daß ein Ich unter ihm daherschreitet. Oder er hebt des Nachts seine Hand hoch und fühlt das nahe und fremde Ich, dem diese Hand gehört. Aus den Spiegeln grinst es ihn an, und als der Armenadvokat Siebenkäs ihn aufsucht und in einer Kirche trifft, schmettert ihn die Ähnlichkeit des Freundes zu Boden. Er glaubt, »der Ich« komme ihn holen, und stirbt. Der Gigantenkampf Schoppes gegen den Tod gehört zu den erschütterndsten Partien, die Jean Paul geschrieben hat. Durch den Mund Siebenkäs', der selbst ja eigentlich Leibgeber heißt und nur den Namen mit dem Freund vertauscht hat, erfahren wir Näheres von seinem Leben. Er stamme aus Holland und heiße eigentlich Kees, welchem Namen er erst das Seven oder Sieben vorgesetzt habe. Wie es sich aber auch verhalten mag: keine näheren Bestimmungen können die unergründliche Heimatlosigkeit dieses die ganze Welt durchwandernden Sonderlings fortnehmen. Wie er während eines Sturmes auf dem Meere geboren ist, so bleibt er unverankert. Auch Schoppe sinkt durch Einkräftigkeit dahin. Sein sprödes Wesen kann sich der Welt nicht amalgamieren. Das Ich, auf das sein Leben gestützt ist, bricht in sich selbst zusammen. Auch er ist ein Anti-Titan, dessen grenzenloser Drang kein Objekt findet, um daran zu wurzeln. Schoppes Titanengestalt oder Anti-Titanengestalt ist die eigentlich schöpferische Kritik Jean Pauls an der Philosophie Fichtes. An ihrer Einkräftigkeit vergeht auch die eigentliche Titanide, die dem Werk den Namen gegeben hat: Linda. Zu dieser Gestalt ballte Jean Paul alle die Frauen zusammen, die ihm während der letzten Jahre begegnet waren, allen voran Charlotte von Kalb. In Linda setzte er sich mit diesen Frauen auseinander. Gott und Menschenliebe legte er als die hohen Maßstäbe an diese Gestalt an, und sie erwies sich als zu 588 klein, trotz aller funkelnden Pracht des Geistes und Körpers. Wie eine Erscheinung heroischer Vorwelt ragt Linda in die Zeit hinein. Selbst Schoppe verfällt dem Zauber ihrer echten Kraft. Es ist nicht allein der ränkevolle Betrug Roquairols, an dem Linda zugrunde geht. Ihr Fall ist tief in ihrem Wesen verankert. Den menschlichen und göttlichen Satzungen glaubt sie trotzen zu können. Nur in freier Liebe will sie sich dem Geliebten hingeben. Damit hat sie die Gefahr der ruchlosen Täuschung heraufbeschworen. Wir entsinnen uns des Briefes, den Charlotte von Kalb im Oktober 1798 an Jean Paul schrieb: »Liebe bedarf keines Gesetzes, die Natur will, daß wir Mütter werden sollen.« Es war das erstemal gewesen, daß die Stimme des entfesselten Weibes an Jean Pauls Ohr drang. »Ich sage mit Goethe, und mehr als Goethe,« hatte die Titanide ihm damals geschrieben, »unter Millionen ist nicht Einer, der nicht in der Umarmung die Braut bestiehlt.« Dieser Brief war Lindas Geburtsstunde gewesen. Mochte die Freiheitsgeste der Frau noch so erhaben sein, irgendwie rüttelte sie an den Grundmauern des Ewigbestehenden. Zu den Einkräftigen gehört auch Liane. Gerade in Gestalten wie Liane glaubte man das eigentliche weibliche Ideal des Dichters zu erkennen. Aber Jean Paul erhebt sich weit über den Horizont des sentimentalen Romans. Nicht nur, daß eine Gestalt wie Liane in solcher Zartheit und Transparenz der Farben ohne Vergleich in der Literatur dasteht, sondern auch sie ist ein Bild, wenn auch das rührendste und magisch schönste, das er warnend der Zeit vorhält. Auch hier berührt er eine Seite der Romantik: die in Novalis verkörperte. Wie sich Novalis dem Leben langsam abtötete, um seiner Braut Sophie von Kühn nachzusterben, wie sich nach ihm die Nazarener der Wirklichkeit entschlugen, so lebt auch schon Liane 589 diese Liebe des Todes. Nicht nur ihr zarter Körper bestimmt sie frühzeitigem Verfall, sie will auch von Anbeginn an ihrer Freundin Karoline nachsterben, die ihr in die Ewigkeit vorangegangen ist. Jean Paul war in Leipzig mit Novalis zusammengewesen und hatte mehrmals die Familie Hardenberg in Weißenfels besucht. Novalis war am 25. März 1801 gestorben. Sein Tod kann kaum noch Lianes Gestalt beeinflußt haben, aber fast gleichzeitig mit seinem Todesentschluß legte Jean Paul Lianens Tod für den »Titan« fest. Ursprünglich sollte sie am Leben bleiben und Albano, nach dessen Umweg über Linda, gewinnen. Mit magischer Gleichzeitigkeit vollzog sich bei Novalis und bei Lianens Gestalt die Wendung zum Tode. Alle diese Gestalten überschreiten gewaltsam die natürlichen Grenzen des Lebens. Aber der ganze Plan des Romans selbst begreift etwas von dem seltsam krausen Barockwillen der Zeit in sich. Das Bündnis Albano-Idoine ist von Anfang an das naturgegebene. Welch ein Aufwand von Zauberkünsten, Weissagungen, Verwickelungen, Beeinflussungen, um gegen diese naturgegebene Verbindung eine Ehe Albano-Linda durchzusetzen! Auch damit wurde der Nerv dieser spielerischen, die Natur verkünstelnden Zeit getroffen. Im »Wilhelm Meister« setzt die seltsame Turmgesellschaft ihre Pläne durch, im »Titan« wird das naturgegebene Verhältnis hergestellt. Im »Wilhelm Meister« herrscht als künstlerisches Prinzip der Anordnung der Kreis, im »Titan« das musikalische Melos, wird die Entwickelungslinie durch die verschiedenen Gruppierungen der Menschen zueinander weitergeführt. Der Schluß knüpft nicht an den Anfang an, sondern erhebt eine dem Anfang ähnliche Gruppierung auf eine höhere Ebene. Ein einziges Thema: das der Entwickelung des Helden, wird durch alle diese verschiedenen Gruppierungen der einzelnen 590 Gestalten, wie bei einer Fuge, hindurchgetrieben. Diese Gruppierungen entsprechen einander bei stetem Wechsel. Albanos Jugendlehrer, Wehmeier und Falterle, werden abgelöst durch die entsprechenden Schoppe und Augusti. Auch die Geliebten Albanos haben ihre ständigen Begleitfiguren: Liane-Julienne, Liane-Rabette, Linda-Julienne, Idoine-Julienne. Auch die Gegner Albanos wechseln in bestimmter Abstufung. Um Liane bewirbt sich Bouverot, um Linda Roquairol. Der Gegenspieler gegen eine Verbindung Albanos mit Idoine ist von Anfang an Gaspard. In gegnerischer Kunstanschauung stehen sich gegenüber die Gruppen: Fraischdörfer, Gaspard, Luigi, Fürstin und Albano, Schoppe, Dian. Man sieht: mit jeder Weiterentwickelung des Romans verschiebt sich die Perspektive, aber immer wieder zu ähnlichen Gruppierungen und Gegengruppen. Bisher haben wir aber erst die Titanen oder die Pseudo-Titanen betrachtet, in denen Jean Paul der Zeit den Spiegel vorhielt. Wo liegen nun aber die wahren Werte der Zeit? Außer bei Albano und Idoine allein bei Dian, das heißt bei Herder. Wenn Gaspard, Luigi und die Fürstin etwa die Welt Goethes und Schillers verkörpern, Roquairol und seine Schwester Liane die Romantik, Schoppe Fichte, so steht Dian für Herder da. »Da er für jedes Individuum, Alter und Volk eine andre gleichschwebende Temperatur annahm und in der heiligen Menschennatur keine Saite zu zerschneiden, sondern nur zu stimmen fand«, heißt es gleich im Anfang von Dian. Es ist eine Charakteristik Herders, die Jean Paul mit diesen Worten gibt, und zugleich setzt er diesen Herderschen Geist der »Einkräftigkeit« der Zeit entgegen. Keine Saite in der heiligen Menschennatur zu zerschneiden, sondern sie alle zum Akkord zu stimmen: das ist gewissermaßen das Ziel, dem Dian den geliebten Schüler zuführt. Was Jean Paul Herder 591 zu verdanken hat, das läßt er seinen Helden dem stillen Griechen Dian verdanken: »Er führte ihn mit begeisterter Ehrfurcht in die heilige Welt des Homers und des Sophokles ein; und ging mit ihm unter die höhern, ganz entwickelten, von einseitiger ständischer Kultur noch unverrenkten, schön gegliederten Menschen dieses Zwillings-Prometheus, die wie Salomo für alles Menschliche, für Lachen, Weinen, Essen, Fürchten ihre Zeit hatten und bloß die rohe Grenzenlosigkeit flohen; die auf den Altären aller Götter opferten, aber auf dem der Nemesis zuerst.« »Er führte ihn nicht in den Steinbruch vor die Kalkgrube und auf den Zimmerplatz der Metaphysik, sondern sogleich in das damit fertiggemachte schöne Bethaus, sonst die natürliche Theologie genannt. Er ließ ihn keine eiserne Schlußkette Ring nach Ring schmieden, sondern er zeigte sie ihm als hinunterreichende Brunnenkette, woran die auf dem Boden sitzende Wahrheit herauf-, oder als eine vom Himmel hängende Kette, woran von den Untergöttern (den Philosophen) Jupiter heruntergezogen werden soll. Kurz, das Skelett und Muskeln-Präparat der Metaphysik versteckt er in den Gottmensch der Religion.« Das alles ist Herder, das ist die Weltschau, die er in seinen Schriften eröffnet, das ist, was er Jean Paul im Gespräch unaufhörlich mitteilte. Hier war Natur, Harmonie und Ungemeines in Einem. Aus dieser Einstellung ergab sich auch die tiefere und richtigere Einstellung zur Antike, wie sie in Albano unter Dians Leitung während seiner italienischen Reise lebendig werden sollte. Hier ergab sich auch ganz unproblematisches einfaches Menschenglück, wie es in Dians kleinem Häuschen in Lilar heimisch war mit einer liebend ergebenen Frau und heiteren wohlgebildeten Kindern, wie sie das düstere Pfarrhaus hinter dem hohen Kirchendach in Weimar in gleicher Weise beherbergte. Lehre und Leben 592 Herders wurden dem Zeitalter rasender Besessenheit entgegengestellt. Tiefes Vertrautsein mit allen Kulturen und warmes Wurzeln in dem Erdreich eines gesättigten Daseins. Das bedeutet Dian im »Titan«. Und es bedeutet zugleich das Lebensziel, dem Albano zureift. Albano ist der Held des »Titan«, also eines Erziehungsromans. Man hat den passiven Charakter eines solchen Helden, nach dem Muster des Wilhelm Meister, als Norm für den Erziehungsroman überhaupt aufgestellt. An dem Helden sollen sich die Bildungserlebnisse auswirken, ihn ausprägen und sich ihm einprägen. Aber es ist nur der Goethesche Erziehungsroman, für den die Forderung dieser passiven Haltung des Helden gilt, wenn es nicht überhaupt mehr eine Entschuldigung als eine Forderung ist. Albano ist nicht passiv. Zwar vollbringt er im Laufe des Romans keine besonderen Taten, aber dennoch handelt er, und immer aus einer großen Seele heraus. Hier offenbart sich vielleicht am deutlichsten der Unterschied zwischen dem Goetheschen Persönlichkeitsbegriff und dem Idealmenschen Jean Pauls. Jean Paul kannte die Gefahr: seine eigene Person seinen Helden zu unterschieben, sie nicht als werdende Tatmenschen, die im Leben stehen sollen, sondern als werdende Dichter darzustellen. In der »Unsichtbaren Loge« wie im »Hesperus« erlag er dieser Versuchung. Weder Gustav noch Viktor erreichen die höchste Stufe lebendiger Tatwirklichkeit. Im »Titan« aber ist der große Wurf gelungen. Albano bildet sich zum ganzen Menschen, zu einem Manne, der zur höchsten und allseitigsten Wirksamkeit berufen ist. Keine Spur davon, daß in ihm ein verkappter Dichter steckt. Auch die im tiefsten Grunde repräsentative Persönlichkeit, die das Bildungsideal Goethes ausmacht, überholt er weit. Albano wird kein Repräsentant der Bildung seiner Zeit. Gerade diese Zeitbildung 593 bekämpfte ja Jean Paul mit aller Kraft. Albano ist die einzige Gestalt innerhalb der abendländischen Literatur, die einer Jugend als allseitiges Ideal eines wirkenden Menschen nahe gebracht ist. Jedes verkappte Literatenideal ist hier überwunden. Durch die Bildung seiner Zeit ist Albano in Schicksal und Wort hindurchgegangen. Völlig gleichgültig ist, was von Wissen an ihm haftenblieb. Seine Kunsturteile mögen im einzelnen vielleicht falsch sein. Niemals aber werden sie dilettantisch werden. Ganze Wissenszweige mögen ihm verborgen geblieben sein. Dennoch ist er ein Herr auch über die Wissenden. Gaspard sagt einmal in Rom zu ihm: »Es gibt einige wackere Naturen, die gerade auf der Grenze des Genies und des Talentes stehen, halb zum tätigen, halb zum idealischen Streben ausgerüstet – dabei von brennendem Ehrgeize. – Sie fühlen alles Schöne und Große gewaltig und wollen es aus sich wieder erschaffen; aber es gelingt ihnen nur schwach; sie haben nicht wie das Genie eine Richtung nach dem Schwerpunkt, sondern stehen selber im Schwerpunkte, so daß die Richtungen einander aufheben. Bald sind sie Dichter, bald Maler, bald Musiker; am liebsten lieben sie in der Jugend körperliche Tapferkeit, weil sich hier die Kraft am kürzesten und leichtesten durch den Arm ausspricht. Daher macht sie früher alles Große, was sie sehen, entzückt, weil sie es nachzuschaffen denken, später aber ganz verdrüßlich, weil sie es doch nicht vermögen. Sie sollten aber einsehen, daß gerade sie, wenn sie ihren Ehrgeiz früh einzulenken wissen, das schönste Los vielartiger und harmonischer Kräfte gezogen; sowohl zum Genusse alles Schönen als zur moralischen Ausbildung und zur Besonnenheit ihres Wesens scheinen sie recht bestimmt zu sein, zu ganzen Menschen; 594 wie etwan ein Fürst sein muß, weil dieser für seine allseitige Bestimmung allseitige Richtungen und Kenntnisse haben muß.« Was der spanische Ritter hier zeichnet, ist der ewige deutsche Jüngling, wie er seit Beginn einer deutschen Kultur in allen Generationen sich wiederholt. Zwischen Genie und Talent stehend wie die deutsche Rasse im allgemeinen, nach allen Richtungen hin die Arme ausstreckend, im Gefühl einer besonderen Sendung, und schließlich doch unbefriedigt und »verdrüßlich«, weil sie das Große nicht erzwangen, das ihnen gestaltlos vorschwebte, und sich zu Begrenztem erst in der Resignation entschlossen. In allen Generationen gibt es bei uns die jungen Himmelsstürmer und die »verdrüßlichen« Alten, denen die Blütenträume nicht reiften. »Sie sollten aber einsehen, daß gerade sie, wenn sie ihren Ehrgeiz früh einzulenken wissen, das schönste Los vielartiger und harmonischer Kräfte gezogen.« Hier erst rühren wir an den tiefsten Kern des »Titan«, hier erst wird das Erziehungsprogramm dieses Entwickelungsromans deutlich. Er faßt den deutschen Jüngling bei seiner größten Gefahr, seinen Ehrgeiz zu spät einzulenken, und er überwindet diese Gefahr durch die Idealgestalt Albanos, der rechtzeitig, von Künstlern und Kunstwerken umgeben, allen Kunstidealen entsagt, oder sie gar nicht erst aufkommen läßt, und der seine kriegerische Ruhmbegierde niederzwingt, als ihm eine handgreifliche Aufgabe zuteil wird. Und es ist gar nicht notwendig, daß diese Aufgabe in einem Fürstentum besteht. Um welchen Wirkungskreis immer es sich handle, er wird ihn als »ganzer Mensch« antreten. Und nicht im Gefühl verdrießlicher Resignation. Das gerade ist ja das Unglück des Deutschen, daß er sich zur beschränkten Aufgabe immer erst als ein Verzichtender bequemt. Daher die unpersönliche Tüchtigkeit bei uns, daher aber auch der 595 Mangel an zielbewußtem Idealismus und menschlicher Liebe. Ganzes Menschentum an der kleinsten Stelle, Freiheitsbewußtsein und tiefste Verantwortlichkeit, das ist das Ziel, das Jean Paul in seinem Helden erreicht. Die vom Leben erzwungene Resignation führt zu Lakaientum und Unpersönlichkeit, wie von ihnen Deutschland überfließt in allen Ständen und Schichten. Und noch etwas ist von Jean Paul nicht vergessen: Albano hielt sich bis zur Aufklärung seiner Geburt für einen Spanier. Nun aber ergreift ihn das Gefühl, ein Deutscher zu sein. »Er gehört nun einer deutschen Heimat an!« jubelt es aus ihm hervor. »Die Menschen um ihn sind seine Landesverwandte!« Aber dieses Gefühl der Stammesverwandtschaft genügt ihm nicht. Deutschsein muß erst umgesetzt werden in die hohen Ideale deutschen Wesens. »Die ahnenden Ideale – – nur Taten geben dem Leben Stärke, nur Maß ihm Reiz.« »Warum ging ich denn nicht auch unter wie jene, die ich achtete?« fragt er sich in der Stunde der Entscheidung. »Wallete in mir nicht auch jener Schaum des Übermaßes und überzog die Klarheit?« Dann aber kommt das Bewußtsein, das ihn über die Toten, über die »Anti-Titanen« erhebt: »Nein, ich brauche nicht nachzusinnen, warum sank ich nicht auch mit unter.« Der Blick auf die ruhende Lindenstadt Pestiz sagt es ihm: er blies mit Kraft diesen »Schaum des Übermaßes« von seiner Seele ab, er blieb demütig vor einem Höheren. Nun ist er reif, Idoine zu begegnen, dem Wirklichkeit gewordenen Leben des Traumbildes Liane. Höchstes Sinnbild der ins Leben eingehenden Jugendideale: die Geliebte der Jugend naht ihm in erhobener, gesteigerter Gestalt. 596   Vorschule der Ästhetik – Levana Der »Titan« gab den Wanderjahren Jean Pauls ihren Sinn. Die vielfachen und anscheinend unsinnigen Verstrickungen, in die er sich mit der großen Welt eingelassen hatte, wurden durch dieses Wunderwerk gerechtfertigt. Das Werk erst spricht über das Leben des Künstlers das Urteil. Von dem Werk aus erschien nun selbst ein so zersplittertes Leben, wie es Jean Paul in den letzten Jahren geführt hatte, als notwendig und bedeutungsreich. Mit der Beendigung des »Titan« war diesem Leben in der großen Welt der Vorwand und der ernste Untergrund entzogen, und folgerichtig zog sich der Dichter in seine alte Welt zurück, von der aus er einst nach Weimar den kühnen Vorstoß gemacht hatte. Noch manches aus der Meininger Zeit mußte in das Werk eingehen. Zunächst zeigte ihm die eigene Ehe, zu welchem Ziel er seinen Helden Albano hinlenkte. Von Karoline gingen viele Züge in das Bild Idoines ein. Oder sah er seine Frau nur so wie sie ihm für das Werk notwendig erschien? Lange Monate jedenfalls lebte er verzaubert in dem Hörselberg seiner jungen Ehe, ehe die ersten Stoßseufzer des Ehemannes kundwurden. Aber länger als einige Monate hat es nicht gedauert, daß er die Ehe als die große Erfüllung seines Daseins ansah. Und doch sah er endgültig ein, daß diese Ehe ihm notwendig war. Sie setzte seinem schweifenden Hang in die Ferne ein Ende. Die Triebe der Simultanliebe verkümmerten und wurden besonnener ins Werk hineingeleitet. Noch 597 einmal setzte mit den Ehejahren in Meiningen eine neue große Epoche seiner Schaffenskraft ein. Und doch fühlt man, und fühlte in erster Linie Jean Paul selbst, daß mit dem erreichten Ziele etwas in ihm zu Ende gelaufen war. Je gedrängter und gedichteter der Strom seines Schaffens nun dahinfloß, um so mehr erlosch die glänzende Kraft seiner Persönlichkeit. Das Werk zehrte den Menschen auf. In vollen Wagen war noch eine unermeßlich reiche Ernte einzubringen, aber keine neue Saat mehr sproßte auf den neu geackerten Feldern. Die ersten Jahre standen noch unter dem Zeichen des »Titan«, von dem kaum die Hälfte unter Dach gebracht war, als der junge Ehemann in der neuen Meininger Wohnung sich an den Schreibtisch setzte. Manche Eindrücke konnten in dem Werk noch verwertet werden. Zum erstenmal wurde er in der neuen Stadt mit einem regierenden Haupte eng befreundet. Herzog Georg errang sich erst allmählich die Sympathie des Dichters, dann aber verband die beiden eine Freundschaft, die Jean Paul wie den Herzog aufs höchste ehrte. Jedes steife Hofzeremoniell war geschwunden. Jean Paul verkehrte auf dem Schloß wie bei einer befreundeten Familie, und der Herzog selbst besuchte ihn und nahm sogar einmal sein Mittagessen bei ihm ein. Der in den letzten Bänden des »Titan« auftauchende Prinzengarten ist wohl der gewöhnliche Sommeraufenthalt des Herzogs, das Schloß Liebenstein. Und die Bühne, auf der Roquairol seinen »Trauerspieler« aufführt, ist wohl die Liebhaberbühne in Meiningen, deren Leitung sich der Herzog selbst vorbehielt, als echter Vorfahr seines Enkels, der in der Entwickelung des deutschen Theaters Epoche machen sollte, und auf der er sogar gelegentlich selbst auftrat. Das schöne Verhältnis zwischen Herzog und Dichter wird wohl am besten durch die sogenannte »Hunde-Supplik« charakterisiert. 598 Seit der Übersiedlung nach Meiningen hielt sich Jean Paul einen Spitzhund, der von da ab zu den von ihm unzertrennlichen Suffixen seiner Person gehörte. Man kann sich heute Jean Paul ohne seinen Spitz nicht mehr vorstellen. Mit dem Hund an der Seite machte er seine gewohnten Spaziergänge nach Welkershausen oder Grimmenthal, und von dem Spitz war er begleitet, wenn er einige Jahre später seine täglichen Gänge zu der durch ihn weltberühmt gewordenen Rollwenzlei bei Baireuth machte. So bildete sich erst jetzt die Gestalt aus, in der Jean Paul sich dem Bewußtsein der kommenden Zeit einprägen sollte. Auch von andern Seiten erhielt der »Titan« noch Zustrom. Schon in Berlin war der die ganze Welt bereisende Rumäne Cosmeli dem Dichter nähergetreten. Diese moderne Abenteurergestalt hat offenbar manches zu der Figur des Gianozzo beigetragen. In Meiningen tauchte Cosmeli, aus Holland und Frankreich kommend, bei Jean Paul wieder auf. »Sein Toben lösete sich bei mir ins Weinen auf; ich liebe ihn sehr durch diesen Vulkanrauch hindurch«, schrieb Jean Paul über den exzentrischen Gast. Aber noch ein anderer Freund kam gerade zur rechten Zeit, um noch einige Züge in den letzten Teil des »Titan« hineinzugeben: Jean Pauls schwärmerischer Verehrer seit seiner Leipziger Zeit, der Philologe und Violinist Thierot, mit dem der Briefwechsel nie eingeschlafen war. Trotz aller Wertschätzung rechnete Jean Paul auch ihn zu den Roquairolnaturen, die, wie er über Thierot schrieb, »durch eine zu frühe Saturation mit Wissen eigentlich kein Bedürfnis des Wissens kannten und das Sein mehr des Scheins wegen verlangen«. Gerade zu den letzten Partien des »Titan«, in denen Roquairols »Trauerspieler« im Mittelpunkt steht, mußte dem Dichter noch mancher Zug des vergeblich gegen seine Virtuoseneitelkeit ankämpfenden Thierot willkommen sein. Aber 599 dieser Freund spannte auch bereits die Brücke zu dem neuen Roman, der immer mehr in den Vordergrund trat: den »Flegeljahren«. Hier aber haben wir es mit den letzten persönlichen Eindrücken des Dichters zu tun, die er ins Werk umsetzte. Im allgemeinen war er mit Stoff saturiert, und die neuen Freunde und Bekannten, die er noch fand, konnte er nicht mehr seinem innersten Wesen als Ausdruck anverwandeln. Mehr und mehr legt sich der Schwerpunkt seines Lebens ins Werk. Wohl war es bedeutsam für ihn, daß er durch Johann Arnold Kanne in Verbindung mit jener von Schelling ausgehenden mystischen Richtung kam, die hauptsächlich für die Erforschung der östlichen Religionen von epochemachender Bedeutung werden sollte. Aber ihm selbst trug auch diese Bekanntschaft nichts Neues mehr zu. Sein Weltbild war gerundet und konnte nur noch im einzelnen Ergänzungen oder Bestätigungen erfahren. Kanne nahte sich Jean Paul als Bittsteller. Unter Beifügung seiner »Blätter von Aleph bis Knuph« bat er um »Rat, Tadel, Titel, einen Buchhändler und – Geld«, schon in dieser ersten Annäherung eine Probe seiner Bizarrerie gebend. Jean Paul empfahl ihn als Prinzenerzieher an einem seinem Herzog befreundeten Hof, obwohl es ihn störte, daß Kanne allzusehr »sein und Schlegels Urang-Utang« sei. Kanne füllte die ihm verschaffte Stelle nur mangelhaft aus. »Der trotzig schlaffe Kanne . . . taugt zu nichts weniger als zu einem Prinzenlehrer – eher – einem Prinzen selber«, schrieb er später. Eine Stelle und damit die Möglichkeit, ungestört seiner Produktion zu leben, verschaffte Jean Paul auch dem in Roßdorf bei Meiningen lebenden Ernst Wagner, der durch seinen gleichfalls an den »Wilhelm Meister« anknüpfenden Erziehungsroman »Willibalds Ansichten des Lebens« Beachtung erringen sollte. Der Herzog machte 600 Wagner auf Jean Pauls Fürsprache zu seinem Kabinettssekretär. Neue Freunde fand Jean Paul in dem Meininger Konsistorialpräsidenten Heim, der eine auch von Goethe geschätzte Mineraliensammlung besaß, und einem Hauptmann von Türke. Ein Fräulein von Hähndrich war in Meiningen seine besondere Freundin. Aber den Verkehr mit einer Reihe kongenialer Naturen fing der Dichter in dem stilleren Meiningen bald an zu vermissen. Häufige Reisen sollten ihm Ersatz bringen, aber sie befriedigten ihn nicht völlig. Zweimal reiste er mit dem Herzog nach Weimar. Das erstemal begleitete Karoline ihn. Auch Charlotte von Kalb kam von dem nahen Waltershausen, wo sie sich für immer niedergelassen hatte, herüber. Das erschütternde Erlebnis dieser im Juli 1802 unternommenen Reise war das Zusammentreffen mit Herder. Herders Tage waren gezählt. Der Freund traf ihn gänzlich gebrochen an. Seine Vermögensverhältnisse hatten sich derart verschlechtert, daß er sich von Jean Paul Geld leihen mußte, das er später nur mit Schwierigkeiten zurückgeben konnte. Auf der zweiten Reise, im Januar 1803, sah er Herder zum letztenmal. Wie früher verplauderte er die Abende mit ihm und fand in der Herderschen Familie sein altes »Lebens-Italien«. Herder selbst aber war »leibes- und seelenkrank, sein geistiges wie körperliches Auge siech«. Bis in den Winter hinein schleppte sich der Märtyrer seiner Jahrhundertsendung. Am 18. Dezember 1803 schloß er für immer die Augen. Die einzigartige Tragödie seines Lebens war ausgelitten. »Für mich ist Weimar auch begraben«, schrieb Jean Paul an Herders Frau. Und er hat in der Tat den ihm verhaßt gewordenen Ort nie wieder besucht. Merkwürdigerweise trat er gerade bei seinem letzten Weimarer Aufenthalt Schiller ein wenig näher. Bei einem Souper disputierte er »hinter dem gebogenen nackten Rücken der 601 Imhof« eifrig mit Schiller und gewann ihn dabei »wieder etwas lieb«. Seine allgemeine Stellung zu Weimar wurde dadurch nicht geändert. Amalie von Imhoff selbst äußerte sich über Jean Paul: »Er scheint mir ruhiger und zusammenhängender geworden zu sein, wir vertrugen uns recht gut zusammen, was sonst nicht der Fall war, da er mich früher der Kälte beschuldigte. Ich habe seitdem auch manches erfahren und gelitten, und mein Gemüt ist vielleicht weicher geworden, so stimmten wir besser zusammen.« Zwischen den beiden Weimarer Reisen wurde Jean Pauls sehnlichster Wunsch, Vater zu werden, erfüllt. Der Brief an Otto, unmittelbar nach der Entbindung geschrieben, ist eins der schönsten menschlichen Dokumente des Dichters. »Am Morgen erklärte die Hebamme,« schrieb Jean Paul am 20. September 1802 dem Freunde, »(eine in Jena echt ausgelernte,) daß nach zwei Stunden die Entbindung sein würde. Um eilf Uhr erfolgte letztere mit einem göttlichen Töchterlein. Himmel, Du wirst entzückt auffahren wie ich, als mir die Hebamme mein zweites Liebstes wie aus der Wolke gehoben vorhielt, die blauen Augen offen, mit schöner weiter Stirn, kußlippig, herzhaft rufend, mit dem Näschen meiner Frau. – Gott steht bei einer Entbindung; wer ihn da nicht findet, bei diesem unbegreiflichen Mechanismus des Schmerzes, bei dieser Erhabenheit seines Maschinenwesens und bei der Niederwerfung unserer Abhängigkeit, der findet ihn nie! – Ich verhehlte, um zu schonen, meiner Frau die weinende Entzückung, so weit ich konnte, wovon sie doch viel bekam und erwiderte. In der einsamen Stube hatte ich (die kühne Wahrheit zu reden) – ach wie sehnt ich mich nach dir oder Emanuel! – nur meine Entzückung und Gott und den Spitz. Wie ein Donnerschlag durchfährt die erste Erblickung Mark und Bein! Und nun jetzt, da meine Karoline so gesund daliegt, ihre 602 Entzückung! . . . Nur meiner Karoline wegen wünscht ich einen Jungen; ich aber sagt ihr, daß mir ein Mädchen lieber wäre: weil die Elternerziehung an einem Knaben (das Universum und die Vergangenheit sind seine Hofmeister) wenig vermöchte, aber an einem Mädchen alles, das an dieser festen, reinen, hellen Mutter nichts werden kann als der zweite Diamant. Nun ist's gut und die Welt wieder offen, und der Himmel und ich haben meine Frau wieder! Mitten in den Wehen heute brachte sie mir doch mein Frühstück von Pflaumenkuchen. Ach wie lernt ich die armen Weiber wieder achten und bedauern.« Das Mädchen wurde Emma genannt, und außer Otto waren auch der Herzog von Meiningen und die Herzoginmutter Amalie von Weimar unter den Paten. Man darf vorausnehmen, daß Emma die Erwartungen, die der glückliche Vater an sie knüpfte, voll erfüllte. Fast zugleich mit dem ältesten Kinde erblickten die letzten Kapitel des »Titan« das Licht der Welt. Seltsam wie das Auf und Nieder von Jean Pauls Leben sich in diesem Jahr kreuzte. Noch war er in voller Aufwärtsbewegung. Sein Haus sollte sich noch mehr und blühender erfüllen, sein Werk sich gerade in den letzten Jahren noch ausbreiten wie ein prangender Baum. Und doch war der Höhepunkt dieses Lebens bereits überschritten. Gerade mit der Veröffentlichung des »Titan« beginnt die eigentliche Tragödie seines Lebens. Hier müssen wir nachholen, daß die Wirkung des durch ein Jahrzehnt gehegten Kardinalromans nicht den Erwartungen entsprach, die Jean Paul an ihn geknüpft hatte. Es hing wohl in erster Linie damit zusammen, daß die vier Bände in jahrelangen Abständen einander gefolgt waren. Jean Paul selbst hatte durch fortgesetzte Hinweise auf den »Titan« die Erwartungen aufs höchste gespannt. Selbst seine Freunde waren 603 enttäuscht. Mit Otto hatte es gleich bei dem ersten Band das erste ernste Zerwürfnis gegeben. Von da ab hatte Jean Paul aufgehört, seine Manuskripte vor der Veröffentlichung dem Freunde zu unterbreiten. Aber auch Männer wie Jacobi und der Däne Baggesen, mit dem Jean Paul seit einer Reihe von Jahren in anregendem Verkehr stand, waren von dem ersten Bande tief enttäuscht gewesen. Wir müssen uns in Erinnerung rufen, daß dieser erste Band noch allzuviel von Jean Pauls alter Manier enthielt. Die Stilarten der Darstellung waren gemischt. Das Heroische der ersten Jobelperiode kontrastierte auffallend mit den humoristischen Szenen im Hause des Doktor Sphex, in dem Jean Paul kaum über den niederen Humor des Professors Hoppediezel in der »Unsichtbaren Loge« hinausgekommen war. Die Kindheitsgeschichte Albanos führte wieder tief in die alte idyllische Welt, die man in den früheren Arbeiten bereits überwunden geglaubt hatte. Über das Schicksal Lianens und Albanos, Roquairols und Rabettens war es über die ersten Andeutungen nicht hinausgekommen. Wenn man diesen ersten Band mit den kühnen Plänen in Verbindung brachte, in denen Jean Paul seiner Zeit den Spiegel hatte vorhalten wollen, dann kann man wohl eine Enttäuschung auch der Wohlmeinenden verstehen. Man glaubte es wieder mit einem sentimentalen Roman zu tun zu haben. Und als dann in großen Abständen die nächsten Bände erschienen, war das Interesse erlahmt. Man brachte die Handlung nicht mehr zu einem Ganzen zusammen, man übersah die sorglich von Beginn an angelegten Minen, die nun in die Luft gingen, und fühlte sich von dem katastrophalen Schluß vergewaltigt. Tieck äußerte, daß der »Titan« nur ein verdickter Cramer sei, dieses Werk in eine Reihe mit einem der flachsten und tränenseligsten Modeschriftsteller stellend. Jacobi warf den vierten Band, entsetzt über die 604 moralische Vernichtung Lindas, zu Boden. Wenn diese äußersten Ausbrüche des Unwillens sich auch mit der Zeit legten, so hatte doch gerade Jean Pauls größte Schöpfung ihn einsam gemacht. Einsamer, als es die Gegnerschaft der Goetheschen und romantischen Schule zuwege gebracht hatte. Die Weltgeschichte holte zu vernichtenden Schlägen aus. Das Geschlecht, schreibt Richard Otto Spazier, das der Schlacht von Jena entgegenging, konnte ein Titanengeschlecht und sein Schicksal nicht ertragen. Dasselbe Geschlecht hatte Herder in Armut und Unverständnis sterben lassen. Jean Paul hielt allein über einer absterbenden Zeit die Wache.   Es war eine unter diesen Umständen leicht begreifliche innere Unruhe, die Jean Paul nach kurzer Zeit von Meiningen forttrieb. Der Herzog versuchte ihn zu halten. Sie sollen hier bleiben     Und schreiben Und sollen haben     An Gaben Frei Porto von Baireuther Bier, Nicht weniger ein frei Quartier Nebst Büchern, die Sie lesen wollen. So dichtete der Herzog, um den Dichter in seiner Residenz zu halten. Aber Jean Paul verlangte es nach Veränderung. Sogar an Weimar dachte er, aber er gab den Gedanken bald wieder auf, nicht zum wenigsten, weil ihm das dortige Bier nicht bekam. Das Bier begann eine immer größere Rolle in seinem Leben zu spielen. Er behauptete in einem Brief an Emanuel, »gewisse Calciniereffekte mit bloßem natürlichen Feuer ohne äußeres gar nicht machen zu können, denn Glas 605 wolle ein anderes Feuer als etwa ein Braten«. Es hätte nahe gelegen, direkt in den Produktionsort seines Lieblingsbieres zu ziehen, aber aus irgendeinem unerklärlichen Grunde stellte er den Gedanken zurück und wählte als Aufenthaltsort, allen überraschend, Coburg. Am 4. Juni 1803 langte er in Coburg an und bezog die im voraus gemietete Wohnung im Grunerschen Hause in der Gymnasiumsgasse. Was ihn nach Coburg zog, war in erster Linie der dortige Minister von Kretschmann, in dem Jean Paul einen genialen Staatsmann zu finden hoffte. Eines solchen Wirken in der Nähe zu beobachten, schien ihm allein einen Wechsel seines Wohnortes wert. Aber gerade der Minister, mit dem Jean Paul sofort in einen regen persönlichen Verkehr trat, sollte ihm bald den Aufenthalt in Coburg zuwider machen. Wohl hatte sich Kretschmann um die Ordnung der Finanzen des Landes große Verdienste erworben, aber er hatte allem Anschein nach seine eigenen Finanzen bei dieser Gelegenheit mitgeordnet. In Wangenheim erstand dem allmächtigen Staatsmann ein heftiger Gegner. Zunächst siegte Kretschmann, und Wangenheim, mit dem Jean Paul auch inzwischen in nähere Verbindung gekommen war, wurde verbannt. Erst nach dem Tilsiter Frieden erreichte auch Kretschmann das Verhängnis. Eine Revision seiner Amtsführung stellte eine Reihe von Unregelmäßigkeiten fest, die ihn seine Stellung kosteten. Jean Paul stand beim Beginn dieses Kampfes zwischen den beiden Parteien. Der Hof verhielt sich dem Dichter gegenüber sehr zurückhaltend. Alle diese Umstände warfen von vornherein über den Coburger Aufenthalt dunkle Schatten. Jean Paul nahm sich fast unmittelbar nach seinem Einzug vor, nicht lange in der Stadt zu bleiben, die seinen Erwartungen so gar nicht entsprach. Immerhin war die kurze Coburger Zeit voll von 606 Ereignissen. Tief von Jean Paul betrauert starb im Dezember, fast gleichzeitig mit Herder, auch der Herzog von Meiningen. Und in Coburg wurde dem Dichter auch der langersehnte Sohn geboren. »Ein Mann liebt doch einen Jungen ganz verflucht stark«, rief der glückliche Vater aus. Aber trotz des neuen Familienglücks siedelte man bereits im August 1804 nach Baireuth über, wo Jean Paul nun endlich bis zu seinem Ableben bleiben sollte. Kurz vor der Übersiedlung nach Baireuth unternahm Jean Paul eine Reise nach Erlangen. Auf Veranlassung der Frau von Kalb wollte er mit dem dortigen Professor der Theologie Le Pique und Professor Mehmel, dem Herausgeber der Erlanger Literaturzeitung, Fühlung gewinnen. Aus der Feder Le Piques haben wir einen Bericht über Jean Pauls Persönlichkeit, der ihn uns zu jener Zeit in den lebendigsten Farben vor Augen stellt. Le Pique schreibt: »Am Dienstag nach Pfingsten kam . . . Romer zu mir und erzählte mir folgendes: Gestern, als sie – Romer, Meinecke, Walther – im Welsischen Garten gewesen, sei ein Fremder dahin gekommen von so auffallendem Äußern, daß mehrere sich versucht gefühlt hätten, ihre Divinationsgabe in Absicht seines Herkommens, Standes und Amtes in Unkosten zu setzen. Der eine habe gesagt: es ist ein Barbier, der andere: nein, es ist ein empfindsamer Reisender, der seine Reisebeschreibung drucken läßt usw. Durch Mehmel, den er aufgesucht und mit den Worten: ›Sie haben einen gelben Rock an, also werden Sie der Professor Mehmel sein; ich heiße Richter, oder, wenn Ihnen der Name bekannter sein sollte, Jean Paul‹, angeredet habe, sei er ihnen als dieser vorgestellt worden. Sie seien darauf zu Memminger gegangen, wo er, Romer, den Gedanken gefaßt habe, mir ein Billett zu schreiben und mich zum Kommen einzuladen; allein da sich 607 viele Menschen zugedrängt hätten, sei das Haus bald zum Wirtshause geworden, und so habe er es unterlassen. Jean Paul sei sehr wohl aufgeräumt gewesen und würde noch mehr gesprochen haben, wenn ihn – Mehmel hätte zum Worte kommen lassen. Dieser habe sich auf eine ganz widerwärtige Art benommen, immerfort in seiner Manier geschwatzt und bis zur Unart dem trefflichen Geiste gegenüber Hochmut geübt. So sei er Richter immer ins Wort gefallen, sogar einmal mit dem schönen Kompliment: ›Ich weiß, ich verstehe Ihren Sinn schon, ehe Sie ihn aussprechen.‹ Richter habe ihm, wiewohl vergebens, auf alle Art zu wehren gesucht, sogar durch Phrasen vom Kaliber der folgenden: ›Aber Sie lassen mich ja gar nicht zum Worte kommen; freilich, wenn Sie in einem fort reden, muß ich schweigen (die Uhr herausnehmend und vor sich hinlegend): ich gebe Ihnen fünf Minuten Zeit zu reden; hernach müssen Sie mich reden lassen‹ usw. Romer überbrachte mir mehre Äußerungen Jean Pauls über berühmte Männer, z. B. Herder, den er fast vor allen andern ehrte: dieser sei an Weimar gestorben, wo jetzt ein elender Geist herrsche, alle Liebe, aller höhere Sinn verloschen sei; auch Schiller habe jetzt diesen Ort verlassen und sich nach Berlin begeben [kam bekanntlich nicht zur Ausführung]. Goethe sei der unmitteilsamste Mann; wenn er einmal sage: ›Wir haben heute einen schönen Maitag‹, das sei schon viel. (Hiermit stimmt aber eine andere Äußerung nicht wohl überein, daß nämlich die Schlegel viele Gedanken in ihren Schriften Goethen im Umgang abgeborgt hätten.) »Um zehn Uhr . . . trat Mehmel in mein Haus und an seiner Seite, begleitet von einem trefflichen Spitz, dieser Jean Paul, dessen Äußeres mir allerdings bei dem ersten Anblick die Seltsamkeit seines inneren Menschen in etwas abspiegelte. 608 Zuerst von seinem äußersten Äußeren! Er trug Stiefel, lange Hosen, jedoch nicht lang genug, um in die Stiefel hinabzureichen, eine nicht sehr weiße Weste, einen blauen, schon etwas verschlissenen Rock mit schwarzsamtnem Kragen. Er ist von mittlerer Größe und recht wohl gebaut. Sein Gesicht ist nicht schön, jedoch auch nicht unangenehm; en profil gefiel er mir viel besser als en face  . . . Seine Augen sind blau; es herrscht in ihnen kein flammendes oder blitzendes, sondern ein düster und matt glühendes Feuer. Doch sehen sie nicht starr, sondern rollen vielmehr, wiewohl nicht auf die äußern Gegenstände verschweifend, in unsteter Bewegung. Seine Stirne ist ungewöhnlich hoch . . . Er hat eine starke Glatze; nicht in der Farbe, welche schwärzlich ist, sondern in dem Wuchse gleicht sein Haupthaar Professor Daubs. Er ist nicht gerade dick, doch auch gar nicht so mager, als ich mir nach einer Äußerung in den ›Biographischen Belustigungen‹ vorgestellt hatte, wo er sagt, er habe nicht so viel Fett auf dem Leibe, daß man damit eine Nachtlaterne so lange brennend erhalten könne, als die meisten Polizeiverordnungen begehrten, nämlich von 10 bis 1 Uhr. Aber sein Fleisch ist aufgedunsen und schwammigt, welches besonders an den Händen, die viel zittern, auffällt. (Er ist jetzt 41 Jahre alt.) In der Art, seinen Körper zu tragen, herrscht eine eigne Beweglichkeit, die jedoch sehr verschieden ist von der trippelnden mancher Stutzer, besonders der vorigen Zeit, wo petit maître weniger treffend durch Zierbengel übersetzt ward als heutzutage. Er verändert jeden Augenblick seine Stellung, oder hebt wenigstens einen Fuß um den andern auf, geht hin und wieder usw. Seine Mundart, die vogtländische, klingt nicht sonderlich angenehm; als ich ihn Mädichen, Bändichen sagen hörte, konnte ich mich des Gedankens an die jenaischen Kümmeltürken nicht erwehren. 609 »Was den Inhalt seiner Gespräche betrifft, so merkte ich, wiewohl ich ihn hocherfreut hörte und er auch nicht zurückhaltend schien, doch bald, daß seine Bücher ohne Vergleich geistreicher, voll tieferen Sinns und Gehalts seien als seine mündlichen Unterhaltungen. Er brachte mir ein Kompliment der Frau von Kalb, die er besucht und die ihn vermocht hatte, hierher zu reisen. Um ein Gespräch einzuleiten, erwähnte ich, wiewohl es mir entsetzlich widerstrebt, mit einem Schriftsteller gleich von seinen Büchern anzufangen, daß wir nach dem Meßkatalog ein neues Werk von ihm zu erwarten hätten. Es sei schon gedruckt, sagte er und fügte scherzend hinzu, es sei eigen, daß man in einem hübschen Zimmer oder bei einem eleganten Gastmahle oder an einem Hofe sich ordentlich nicht getraue, den Titel dieses Buches (die Flegeljahre) bei ihrem Namen zu nennen. Ich weiß selbst nicht, warum ich es nicht getan hatte. Vom »Titan« sagte er, dieser sei sehr mißverstanden und manches mit Unrecht getadelt worden, weil man vergessen habe, was schon der Titel sage, daß hier meistens titanische Menschen aufträten, deren Kraft sich an der Möglichkeit zerstieße und die notwendig untergehen müßten. Schoppes Tod sei ihm sehr nahe gegangen, doch werde er ihn wieder auferwecken. Ich äußerte, daß mir die Statuten des kritischen Fraisgerichts (im zweiten Bande des Titan) mit zu dem Besten zu gehören schienen, was wir von ihm hätten; er schien damit zufrieden und nannte mir, um mich bei diesem Gedanken zu bestärken, ein paar berühmte Männer (Herder und Jacobi), deren vorzüglichen Beifall jene Schrift erhalten habe. Da mir, fuhr er fort, die gedachten Statuten so wohl gefallen hätten, so mache er mich auf eine größere Schrift, in welcher dieselben Gegenstände behandelt würden, aufmerksam: auf seine Programme zur Ästhetik welche auf Michaelis zu Hamburg herauskämen und jetzt in 610 Jena gedruckt würden. Mehmel nach seiner gewöhnlichen Zudringlichkeit fragte: ›Könnten wir die einzelnen Bogen nicht bekommen?‹ – Jean Paul: ›Wenn Ihnen soviel daran gelegen ist, will ich Ihnen wohl von Zeit zu Zeit mehrere zusammen zuschicken.‹ – ›Oh, tun Sie es doch! Sie sollen sie richtig wieder zugeschickt erhalten.‹ – Jean Paul: ›Wozu? Ich brauche sie nicht mehr. Doch ja, Sie können mir sie als Emballage wieder zuschicken und etwa Ihre Kritik hineinpacken.‹ »Die Rede kam auf Tieck, von dem er mit Liebe sprach. Daß er ihn aber doch nicht in einem Sinne mit uns ehre und liebe, bewährte sich mir dadurch, daß er der kleinen leichten Liedchen und der scherzhaften Partien als des Vorzüglichsten in seinen Werken erwähnte. Mehmel drängte mich, einige der Stücke, die ich Euch mitgeteilt, zu lesen, was mir nicht angenehm war, weil Tieck so sehr gewünscht hatte, sie möchten niemand außer dem engsten freundschaftlichen Kreise mitgeteilt werden . . . Ich fragte ihn, ob er die Rheingegenden kenne. Nein, war die Antwort, aber er gedenke sie noch kennenzulernen, und die Schweiz und Italien. Er eile aber mit diesen Reisen nicht und wolle sie lieber machen, wenn er älter sei, um sich bei dem Erkalten des innern poetischen Lebens an den Schönheiten der äußern Welt zu erwärmen . . . »Als Jean Paul von mir wegging, blieb, indem er schon an der Treppe war, sein Hund etwas zurück. ›Spitz!‹ rief er. ›Das ist doch nicht der Spitzius Hofmann?‹ fragte ich. ›Nein, aber (mit einer ganz komischen Bedeutsamkeit) er kann schwimmen! (er könnte also, hieß das, wohl eine gute Hundspost abgeben!) und es geschieht vielleicht, daß ich um seinetwillen einen Anhang zum ›Hesperus‹ schreibe.‹ Als ich ihm vor unserm Abschied meinen Wunsch zu erkennen gab, er möchte sich hier länger aufgehalten haben, sagte er: ›Ich komme jetzt oft!‹« 611 Mittags wurde bei Professor Memminger ein Mahl zu Ehren des Gastes gehalten. In Le Piques Beschreibung heißt es weiter: »Wir hielten ein sehr angenehmes Mahl. Jean Paul schien wiederum recht wohl gelaunt; wenn ich indessen nach seinen Schriften erwartet hatte, er würde im Umgange ebenso humoristisch sein wie in jenen, hier wie dort würde ein Einfall den andern jagen und der Witz nach allen Richtungen hin Funken sprühen: so ward auch diesmal, so interessant auch seine Unterhaltung und so anziehend, ja rührend mir das Anspruchslose und Gemütliche in seinem Wesen war, meine Erwartung bei weitem nicht erfüllt. Hier nur einiges, was mir gerade aus den Gesprächen einfällt. Von Bonaparte sagte er, bis zum Anfange und während der Krönungsfeierlichkeiten sei er gewiß seines Lebens sicher; das sei eine hohe Lust für die Franzosen, die sie sich nicht würden nehmen lassen. – Die Vortrefflichkeit und der geistige Reichtum seien in der jetzigen Literaturwelt die größte Sünde; nur die Schlechtigkeit, Mittelmäßigkeit und Armut fänden Lob und Gnade. Er sei von allen kritischen Tribunalen pro prodigo erklärt und verdammt. – Ein Hund wurde zur Stube hinausgejagt. ›Es ist doch meiner nicht!‹ fragte er ganz hastig. Der lag mit Walthers unterm Tische. Beide knurrten ein bißchen. ›Der Freimütige und der Elegante!‹ sagte er. [Auf Kotzebues Zeitschrift ›Der Freimütige‹ und Spaziers ›Elegante Welt‹ anspielend.[ Mehmel, ohne wahrscheinlich etwas dabei zu denken, sagte: ›Der Ihrige ist also wohl der Freimütige?‹ – ›Was?‹ fuhr er wie unwillig auf; ›das bitte ich mir aus!‹ Gelinder setzte er hinzu: ›Meiner kann schon darum nicht der Freimütige sein, weil sein Herr der Schwager des Herausgebers der Eleganten Zeitung ist.‹ Von Kotzebue sagte er, sein Haß gegen Weimar und Jena komme von der tiefen Verachtung her, worin er bei allen braven Menschen 612 gestanden; besonders habe Herder ihn ganz unsäglich verachtet und ihn nie an sich gelassen, so sehr er auch gedrängt habe. – Herder habe den größten Widerwillen gegen die Schillerschen Stücke gehabt ( vide das letzte Blatt der Adrastea). Mit jenem umzugehen, sei köstlich gewesen, weil er jeden Gedanken, den man ihm geboten, mit der größten Lebhaftigkeit und der eigentümlichsten Kraft aufzufassen und fortzubilden gewußt habe.« In diesen Schilderungen des braven Theologen beobachten wir Jean Paul im harmlosen Gespräch mit harmlosen Menschen, denen er sich ohne sonderliche Gedanken hingab. Wie anders aber erscheint er hier als in den früheren Schilderungen! Er saß nicht mehr mit den Göttern an einem Tisch. Statt der enthusiastischen Bewunderung, die man ihm bisher entgegengebracht hatte, fand er freundliche oder gar laue Zustimmung. Nicht mehr wie eine Naturgewalt brach er in Menschen ein. Keine Sendung trug ihn mehr und hieß ihn die Herzen aufwühlen. Wie ein braver Philister fast saß er mit Philistern am Tisch und kannegießerte über berühmte Männer, mehr milde und freundlich, von rührender Anspruchslosigkeit, als sprühend und fortreißend. Und wie anders ist von den Werken die Rede, die er gerade unter der Feder hat! Früher gab es stundenlanges Sprechen darüber, intimste Mitteilungen über Szenen und Charaktere. Das alles hat aufgehört. Jetzt wächst das Werk stumm in der Einsamkeit, am Schreibtisch oder irgendwo im Freien, wo der Dichter die Arbeitsstatt sich errichtet. In Coburg war es das Gartenhaus auf der vorderen Kuppe des sogenannten Adamiberges, wo er bei schönem Wetter zu arbeiten pflegte. In Baireuth bevorzugte er die durch ihn berühmt gewordene Rollwenzlei. Jeden Morgen, soweit es das Wetter erlaubte, pilgerte er dorthin, im grauen Rock, eine Blume im Knopfloch, eine 613 Mappe unter dem Arm, den Stock in der Hand, auf dem Haupt die Mütze mit dem großen Schild, begleitet von seinem Spitz. War das Wetter schlecht, so verließ er oft vier Tage hintereinander nicht das Haus. Schon während des Frühstücks, das er allein in seinem Zimmer einnahm, begann die Arbeit, die ununterbrochen fortdauerte. Übrigens schloß er sich, auch während der angestrengtesten Tätigkeit, von seiner Familie nicht ängstlich ab. Oft ging er zu den Kindern oder zu seiner Frau, aber immer kehrte er bald wieder zu seiner Arbeit zurück, die ihm von Jahr zu Jahr schwerer fiel und ein immer größeres Aufgebot an Kraft von ihm verlangte. In kurzer Zeit war aus dem glühenden Feuergeist ein Eigenbrödler geworden, der sich seltsam genug in der menschlichen Gesellschaft ausnahm. Immer weniger legte er auf sein Äußeres Gewicht. Die nicht mehr ganz weiße Weste, von der Le Pique erzählt, wird für ihn bezeichnend. Karoline schreibt in der ersten Zeit ihrer Ehe an ihren Vater, daß Jean Paul immer wieder seinen alten abgetragenen Schlafrock trüge, obwohl ein schöner neuer im Schrank hänge. So ist es mit allem. Sein Rock ist ständig abgetragen, seine Wäsche nie ganz sauber. Diese äußeren Kleinigkeiten des Lebens vermag er je länger um so weniger zu meistern. Wie sein Fleisch schwammicht und aufgedunsen wird, so überläßt er auch seine Kleidung sich selber. Es ist etwas Müdes und Verbrauchtes in ihm. Le Pique stellt fest, daß ihm in seinem 41. Jahre die Hände zittern wie einem Greise. Kaffee und Bier haben seine Organe abgenutzt. Immer unähnlicher wird er den alten Bildern, die es von ihm gibt. Und dennoch trug dieser absterbende Baum jetzt erst seine größten und reifsten Früchte. Auch die beiden letzten und entscheidenden Bände des »Titan« muß man zu dieser großen Schaffensperiode rechnen, die er jetzt Schlag für Schlag, wie 614 vor mehr als zehn Jahren die ersten großen Romane und Idyllen von der »Unsichtbaren Loge« bis zum »Siebenkäs«, Werk auf Werk hervorbrachte.   Wie die vier Seiten einer gewaltigen Pyramide türmen sich die vier Werke: Titan, Flegeljahre, Vorschule der Ästhetik und Levana. Im »Titan« hatte Jean Paul mit der Zeit und ihren Überkräften abgerechnet. In den »Flegeljahren«wandte er sich wieder seiner ihm eigentlichen Welt, den Armen und Vertriebenen des Lebens, zu. In der »Vorschule der Ästhetik« setzte er sich ästhetisch mit der Zeit und ihren Überkräften auseinander. In der »Levana« tauchte er in die Welt der Kinderseele hinab, auch hier der Unmündigen und Verkannten sich annehmend. So stehen also »Titan« und »Vorschule« in einer Reihe, »Flegeljahre« und »Levana« in der andern. Aber wiederum war der Erziehungsgedanke im »Titan« die eigentliche Wurzel, derselbe Gedanke, der die »Levana« erfüllte. Also auch »Titan« und »Levana« gehören in eine gemeinsame Reihe. Und die »Vorschule der Ästhetik« enthielt zugleich die Grundlegung des Jean Paulschen Humors, der in den »Flegeljahren« seine herrlichste Frucht treiben sollte. Also wiederum »Vorschule« und »Flegeljahre« stehen in einer gemeinsamen Reihe. Alle vier Werke erst gemeinsam schneiden sich in der Idee des Jean Paulschen Gesamtschaffens. Diese vier Werke entstehen infolgedessen auch neben- und durcheinander. Schon in Berlin, vor seiner Heirat, beschäftigte Jean Paul sich mit den »Flegeljahren«, also noch vor dem dritten Bande des »Titan«. Endgültig begann er das Buch dann unmittelbar nach der Beendigung des »Titan«. Aber er hatte kaum die Hälfte der »Flegeljahre« geschrieben, 615 als er den Roman unterbrach, um in raschen Zügen die »Vorschule der Ästhetik« niederzuschreiben, deren Grundgedanken ihn seit fast zehn Jahren beschäftigt hatten. An die »Flegeljahre« und die »Vorschule« schloß sich dann unmittelbar die »Levana« an. Aus dem »Titan« kennen wir die Grundideen, die Jean Paul in dieser reichsten Periode seines Schaffens zum Ausdruck bringen wollte. Gegen die einseitig ästhetische Einstellung des Goethe-Schillerschen Kreises und gegen die Überspannung des ästhetischen Gedankens in der Romantik war der »Titan« gerichtet. In den Schicksalen und Charakteren seiner Helden hatte er der die Zeit beherrschenden Ästhetik den Spiegel vorgehalten, in Dian und Albano seine Ideale verkündet. In dem Kernproblem der Zeit: der Ausdeutung der Antike, hatte er die beiden gegnerischen Strömungen in der italienischen Reise seiner Hauptgestalten gegeneinandergesetzt. Genau die gleiche Gedankenwelt treffen wir in der »Vorschule der Ästhetik« an. Was er im »Titan« in Schicksal und Charaktere projizierte, gab er in diesem theoretischen Werk als Grundprobleme der Kunst. Man hat gegen die »Vorschule« den Einwand erhoben, daß Jean Paul statt einer Ästhetik nur eine Poetik gibt, das heißt, daß er sich auf die Klarlegung poetischer Probleme beschränkt und die andern Künste kaum vorübergehend berührt. Das ist richtig, aber er gab in seinem Buch doch auch mehr als nur die Grundlegung einer Poetik. Er führte in die Probleme der Kunst überhaupt ein und stellte Kunst, auch wenn er nicht alle ihre Erscheinungsformen berücksichtigte, zum erstenmal allgemein unter die Optik des Lebens und des Geistes. So hatte er ein gewisses Recht, sein Buch eine Vorschule der Ästhetik zu nennen. Eher kann man dem Werk den Vorwurf der Systemlosigkeit machen. Aber gerade in der losen Bindung 616 seiner Einfälle, in der Voraussetzungslosigkeit, mit der er jedesmal neu zum Grund der Erscheinungen niedertaucht, liegt sein Hauptreiz. Und mag sich in den einzelnen Gängen kein geschlossenes System herausentwickeln, so ist es doch eine geschlossene Weltschau, die alle ihre Teile durchdringt. Die Gedankenmassen einer ganzen Zeit und einer unvergleichlich reichen Persönlichkeit werden hier unter wenigen ganz großen Gesichtspunkten neu gruppiert. Dabei kam, wie bereits in früheren Kapiteln, zum Beispiel im Zusammenhang mit Jean Pauls Satirendichtung, hervorgehoben, dem Dichter seine genaue Kenntnis der Literatur des 18. Jahrhunderts ungemein zugute. Ganz anders als seine Zeitgenossen wurzelte er infolge seiner Entwickelung abseits des großen Lebens in der literarischen Tradition einer Kunstpoesie, die viel genauer gedanklich durchformt war als die moderne Literatur seit dem Sturm und Drang. In der Moderne waren die einzelnen Dichtungsarten durcheinandergeraten, hatten zwar an seelischem Reichtum gewonnen, aber an Kultur der Form und des geformten Wortes eingebüßt. Goethe zum Beispiel wäre kaum imstande gewesen, eine Poetik auch nur in bloßen Leitbegriffen zu skizzieren. Über Grundbegriffe der Dichtung, über Humor, Witz, Satire etwa, hätte er sich kaum fruchtbar auslassen können. Lessing war der letzte Beherrscher der Grundbegriffe einer streng gedanklich fundierten Poetik, und erst im Anschluß an Jean Paul sollten in neuerer Zeit wieder Beherrscher dieser eingeschlafenen Welt wie Wolfgang Menzel oder Friedrich Theodor Vischer auftreten. Die Leitpunkte der Schrift entsprechen genau der Anordnung des »Titan«. In dem ersten »Programm«, wie Jean Paul die einzelnen Abteilungen der Vorschule bezeichnet, stellt er die »poetischen Nihilisten« und die »poetischen Materialisten« einander entgegen. Schon diese Definitionen zeigen 617 die Frontstellung an. Unter Nihilisten versteht er jene Kunstrichtung, deren Formensprache des Untergrundes der Wirklichkeit entbehrt. Es ist der gleiche Vorwurf, den er von jeher der Weimarischen Schule machte und den er jetzt, entsprechend dem »Titan« (»Liane«), auch auf die Romantiker von der Reinheit und Durchsichtigkeit eines Novalis ausdehnt. Unter den Materialisten fertigt er die platten rationalistischen Nachahmer der Natur, wie Hermes, Brockes oder Gellert, ab. Auch gegen Kants Ästhetik wendet er sich. Kant suchte, wie das rein sittlich Gute, so auch das ästhetisch Vollendete durch Isolierung des Begriffs. Jean Paul hingegen hat als obersten Leitpunkt ständig das Leben selbst im Auge. »Dem Nihilisten mangelt der Stoff und daher die belebte Form; dem Materialisten mangelt belebter Stoff und daher wieder die Form, kurz, beide durchschneiden sich in Unpoesie.« Der rechte Dichter »wird begrenzte Natur mit der Unendlichkeit der Idee umgeben, und jene wie auf einer Himmelsfahrt in diese verschwinden lassen.« Damit war kurz umrissen, was Jean Paul unter Dichtung oder Kunst überhaupt versteht. Schon hier wird die Methode des Buches klar: er leitet nicht Begriffe aus Begriffen ab, sondern sucht durch Bilder und Metaphern sein Ideal der Kunst erlebbar zu machen. Er baut nicht ein lückenloses System der ästhetischen Werte auf, sondern er fügt Stein auf Stein sein Kunsterlebnis in das Leben ein, wie es von jedem klar gefühlt und erlebt wird. In dem zweiten Programm untersucht er die »Stufenfolge poetischer Kräfte«. Die Phantasie spricht er als das eigentliche Organ der Poesie an, anknüpfend an seinen Aufsatz »Von der natürlichen Magie der Einbildungskraft« aus den Beigaben zum »Quintus Fixlein«. Die Phantasie oder »Bildungskraft« führt uns nun schon tiefer in das Wesen 618 der Dichtung und des Dichters ein. Die »Grade der Phantasie« werden untersucht, und das Programm endet bei den »passiven Genies«. Karl Philipp Moritz stellt er den passiven Genies voran. »Auch Novalis und viele seiner Muster und Lobredner gehören unter die genialen Mannweiber, welche unter dem Empfangen zu zeugen glauben.« Bis dicht an das Genie selbst hat uns diese Untersuchung herangeführt. Dem Genie ist nun das dritte Programm gewidmet, und hiermit treten wir in den eigentlichen Tempel ein. »Der Glaube von instinktmäßiger Einkräftigung des Genies konnte nur durch die Verwechselung des philosophischen und poetischen mit dem Kunsttriebe der Virtuosen kommen und bleiben.« Ein fundamentaler Satz, der die Untersuchung über das Genie einleitet. Auch hier wieder die Frontstellung gegen die »Einkräftigkeit«, die den »Titan« durchzieht. Gerade die »Vielkräftigkeit«, die »Besonnenheit« wird in Jean Pauls Geniebegriff in den Vordergrund gerückt. Aber hinter dieser Besonnenheit schwingen die verschiedensten Kräfte und Strömungen. »Die geniale Ruhe gleicht der sogenannten Unruhe, welche in der Uhr bloß für das Mäßigen, und dadurch für das Unterhalten der Bewegung arbeitet. Was fehlte unserm großen Herder bei einem solchen Scharf-, Tief- und Viel- und Weit-Sinne zum höhern Dichter? Nur die letzte Ähnlichkeit mit Platon; daß nämlich seine Lenkfedern ( pennae retrices ) im abgemessenen Verhältnis gegen seine gewaltigen Schwungfedern ( remiges ) gestanden hätten.« Gerade das Übermaß dessen, was man für gewöhnlich Genialität nennt, wird hier an dem geliebtesten Freunde als ein Mangel an wahrer Genialität, als Mangel an »Besonnenheit«, angemerkt. Aber diese Besonnenheit wird nun auch sofort abgegrenzt gegen die »Sündige Besonnenheit«, die »Ruchlose Geistesgegenwart« der »ausgeleerten Selbstlinge jetziger Zeit« oder der 619 rhetorischen und humanistischen Welt, die »in ihren frechen, kalten Anleitungen, wie die schönsten Empfindungen darzustellen sind, besonnene Gliedermänner wie aus Gräbern zu Exempeln« hervorholt. Durch den »Instinkt des Unbewußten und die Liebe dafür« wird die wahrhaft geniale Einstellung gegen diese ruchlose Kälte abgegrenzt. Aber die ganze Tiefe des Genies erschließt sich erst in seiner Zweiweltigkeit, in seinem Hineinreichen in die Bezirke des Metaphysischen. Es ist klar, daß Jean Paul sein Genie hier nach seinem Bilde formt. Aber hatte er nicht die Berechtigung, sich als eine besondere Inkarnation des deutschen Genius anzusprechen? Stellte er nicht in besonderem Grade die deutsche Verwirklichung dar? Und so ersteht vor unserm Auge denn auch ein Geniebegriff mit deutschen Zügen. Diese Verbindung der Treue gegen die Natur, des Verwurzeltseins in höheren Welten, diese Verbindung erst macht Jean Pauls Genie zum Inbegriff des deutschen Wesens. Wie er in Albano das Idealbild des deutschen Jünglings zeichnete, so zeigt er jetzt das Idealbild des deutschen Genies. »Wenn es aber Menschen gibt,« schreibt er von ihm, »in welchen der Instinkt des Göttlichen deutlicher und lauter spricht als in andern; – wenn er in ihnen das Irdische anschauen lehrt (anstatt in andern das Irdische ihn); – wenn er die Ansicht des Ganzen gibt und beherrscht: so wird Harmonie und Schönheit von beiden Welten widerstrahlen und sie zu einem Ganzen machen, da es vor dem Göttlichen nur Eines und keinen Widerspruch der Teile gibt. Und das ist der Genius; und die Aussöhnung beider Welten ist das sogenannte Ideal. Nur durch Himmelskarten können Erdkarten gemacht werden; nur durch den Standpunkt von oben herab (denn der von unten hinauf schneidet ewig den Himmel mit einer breiten Erde entzwei) entsteht uns eine ganze Himmelskugel, und die 620 Erdkugel selber wird zwar klein, aber rund und glänzend darin schwimmen.« Dem Instinkt also spricht er die Entscheidung über den letzten Wert des Genius zu und hebt damit das eigentlich Geniale aus den äußeren Gaben und Talenten in die himmlische Heimat. Genie ist unerklärbar und unberechenbar, es ist eine Angelegenheit des Instinktes, der Gabe. Wieder stehen wir hier an einem Drehpunkt allgemeiner Begriffe. Die Sturm- und Drangperiode hatte den Geniebegriff der Renaissance aufgenommen, verstand unter Genie jenes »Genialische«, das nach Jean Paul Herder zuviel hatte, führte außerdeutsches Gut in das Seelenleben des Volkes ein und leitete zu dem »einkräftigen« Geniebegriff der Romantik über. In der Jean Paulschen Fassung wird der alte deutsche Meistersinn wieder lebendig, der wohl in die Niederungen des Lebens eindringen kann, sie aber von dem höchsten Standpunkt aus betrachtet und in ein Lebensganzes hineinstellt. Das bloße Talent kann uns die Armut, den Kampf mit dem bürgerlichen Leben, nur zeigen, »als müßten wir die Not wirklich erleben«. »Wenn hingegen der Genius uns über die Schlachtfelder des Lebens führt: so sehen wir so frei hinüber, als wenn der Ruhm oder die Vaterlandsliebe vorausginge mit den zurückflatternden Fahnen; und neben ihm gewinnt die Dürftigkeit wie vor einem Paar Liebenden eine arkadische Gestalt.« Hier denken wir an Jean Pauls eigene Idyllendichtung, aber darüber hinaus an die großen Meister des deutschen Mittelalters. »Auf diese Weise versöhnet, ja vermählt er – wie die Liebe und die Jugend – das unbehülfliche Leben mit dem ätherischen Sinn, so wie am Ufer eines stillen Wassers der äußere und der abgespiegelte Baum aus Einer Wurzel nach zwei Himmeln zu wachsen scheinen.« In den folgenden Teilen werden die »griechische oder 621 plastische Dichtkunst« und die »romantische Dichtkunst« einander entgegengestellt. Auch hier wieder wird das Griechentum Herders gegen das Griechentum des Goethe- und Schillerschen Kreises abgegrenzt. Nicht als eine überzeitliche Norm wird bei Jean Paul das Griechentum begriffen, sondern aus seinen besonderen Bedingungen heraus verstanden. Was hier, mit den Augen Herders gesehen, über Griechentum gesagt wird, reicht viel tiefer hinab als alles, was seit Lessing die idealistisch klassische Epoche hervorbrachte. Jean Paul und seiner Zeit fehlten freilich noch die historischen Grundbegriffe. Er konnte noch nicht erkennen, daß das Griechentum Goethes im Grunde von spätrömischen Zivilisationsmomenten überwuchert war, wie ja bereits Lessings Laokoon das griechische Bildungsideal aus einer spätrömischen Skulptur abgeleitet hatte. Der große Abschnitt der Vorschule »Über die griechische oder plastische Dichtkunst« ist die letzte Abhandlung der Zeit, die das historische Griechentum an ihren Wurzeln faßt. Unmittelbar nach ihr versiegte der Herdersche Geist in Deutschland. Was durch diesen großen Welthistoriker und Jean Paul erarbeitet war, ging unter in der »griechenzenden« Nachahmung einer unwirklichen und konstruierten »Antike« und mußte in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts durch Nietzsche erst wieder erobert werden. Aber unsere Schulen und Bildungsanstalten sind noch heute von diesem »griechenzenden« Ideal der Antike besessen, das zu leerem und formalem Kunstenthusiasmus hinführt statt zu lebendiger Erneuerung aus griechischem Geiste. Dem Freiheitsgefühl des griechischen Menschen werden die abgestorbenen Instinkte der spätrömischen Kaiserzeit untergelegt, als hätte nie ein Herder die lebendigen Quellen des Griechentums erschlossen und in die deutsche Seele hineingeleitet. Jean Paul gibt von dem griechischen Menschen und der 622 griechischen Welt ein tief in das Bewußtsein dringendes Bild. »Ein Land, wo alles verschönert wurde, von der Kleidung bis zur Furie,« schreibt er schon ganz mit Nietzschescher Feder, »so wie in heißen Ländern in Luft und Wäldern jede Gestalt, sogar das Raubtier, mit feurigen prangenden Bildungen und Farben fliegt und läuft, indes das kalte Meer unbeholfne, zahllose und einförmige, das Land nachäffende graue Ungestalten trägt.« Aus dieser Wurzel des Lebens leitet er die Sättigung des griechischen Menschen mit Schönheit ab, und aus der engen Verbundenheit mit ihrer dem gleichen Boden entwachsenen Mythologie ihre Dichtkunst. »Mit der Mythologie war ihnen eine vergötterte Natur, eine poetische Gottes-Stadt sogleich gegeben, welche sie bloß zu bewohnen und zu bevölkern, nicht aber erst zu erbauen brauchten.« Wer denkt nicht an jene Anregungen Herders, die uns fehlende Mythologie durch Übernahme der nordischen Mythologie zu ersetzen, in seinem für die »Horen« geplanten Aufsatz, der den eigentlichen Bruch mit Schiller und im weiteren Verlauf mit Goethe einleitete! In dieser Auffassung der Mythologie als eines lebendigen Bestandteils im Leben eines Volkes oder eines künstlich nachzuahmenden Gestaltenmaterials stehen sich zwei diametral entgegengesetzte Weltanschauungen gegenüber. Nachahmung der Antike oder Erneuerung des antiken Heroismus. Wie im »Titan« die Berührung mit der Antike auf dem ehrwürdigen Boden Roms Albano zur Tat aufruft und seine Reisebegleiter zu einem leeren Kunstenthusiasmus. Genau das gleiche wiederholt sich in der »Vorschule der Ästhetik«. Zu entscheidenden Momenten für die innere Einstellung zum Griechentum werden für Jean Paul jene Bestandteile der griechischen Seele, die Nietzsche später die »dionysischen« nannte. Auch diese Dionysoslehre des modernen Denkers ist 623 hier schon vorausgenommen. Die »Qual des Strebens« gehört für Jean Paul durchaus zum Griechentum. »In Satyrs und Portraits« legten die Alten diese unruhige Qual hinein. »Es gibt keine trübe Ruhe, keine stille Woche des Leidens, sondern nur die des Freuens, weil auch der kleinste Schmerz regsam und kriegerisch bleibt.« Und am Ende dieses Bildes von Hellas steht jener Dichter, der in der Tat Jean Paul am meisten anziehen mußte: Aristophanes. »Der wie alle großen Komiker sittlich verkannte Aristophanes, dieser patriotische Demosthenes im Sockus, läßt ja wie ein Moses seinen Froschregen auf den Euripides nur zur Strafe seiner schlaffen und erschlaffenden Sittlichkeit fallen – weniger bestochen als Sokrates von dessen Sittensprüchen bei vorwaltender Unsittlichkeit im Ganzen – und verschont dagegen mit dem kleinsten rauhen Anhauche nicht etwan seinen gekrönten Liebling Aeschylos, sondern den religiösen Sophokles, welcher selber dem Euripides, wie Shakespeare dem Dichter Ben Johnson, große Achtung bewiesen.« Und nun kommt jener höhnische Ausruf gegen den oberflächlichen Geist der leeren Griechenanbeter, die sich in Entrüstung über den »die griechische Götterwelt niederziehenden Euripides« nicht genugtun können: »Stünde nun ein solcher von Aristophanes sittlich verurteilter Euripides in den jetzigen Ländern wieder auf; was würden die Länder machen? Ehrenpforten zu einem Ehrentempel für ihn; denn, würden sie sagen, es darf uns wohltun, endlich einmal den Wiederhersteller reiner Sittlichkeit auf unsern besudelten Bühnen zu begrüßen.« Darum also war es Jean Paul in erster Linie zu tun: zu zeigen, welch ein Widerspruch zwischen der Griechenbegeisterung seiner Zeit und ihrem eigenen Verhalten unter ähnlichen Umständen klafft. Der griechischen Kunst wird die »romantische« entgegengesetzt, das heißt im allgemeinen die Kunst der christlich 624 nordischen Völker. Aber der Bogen wird auch bis zur Edda einerseits, bis zur indischen Poesie andererseits ausgespannt, ja selbst im Griechentum werden romantische Stimmungen festgestellt. Was Jean Paul unter romantischer Kunst versteht, geht aus der Bewußtheit hervor, mit der er immer wieder das Christentum mit seiner seelischen Bereicherung als die große Grenzscheide zwischen der Antike und der Neuzeit kennzeichnet. Wir fanden schon in seiner ersten Auseinandersetzung mit dem Geist von Weimar den eigentlichen Gedanken, der auch hier wieder Leitpunkt seiner Darstellung ist: daß die bildende Kunst in dem vorwiegend plastisch gestimmten Griechentum ihre höchste und vielleicht abschließende Vollendung gefunden hat, daß aber die fortgesetzte seelische Bereicherung in der Dichtung zu immer reicheren und vielfarbigeren Gebilden führen müsse, und daß hier in der gesteigerten Differenzierung ein Ende erst mit dem Ende der Menschheit abzusehen ist. Wie das Griechentum aus der Natur seines Landes abgeleitet wird, so ist der bewölkte Himmel des Nordens die eigentliche Heimat der romantischen Poesie. Seit Klopstock beginnen wir wieder, uns dieser eigentümlichen Natur unserer Poesie voller Stolz bewußt zu werden, und von Klopstock ab rechnet Jean Paul den ungeheuren Aufschwung der deutschen Dichtung, die zu immer höheren und reicheren Gedichten führen würde. Rittergeist und Christentum, Sterndeuterei und Aberglauben im höheren Sinne rechnet Jean Paul zu den Grundkräften der romantischen Poesie und führt als Musterbeispiele dieser Gattung Herders »Legenden«, Gozzi, den »Wilhelm Meister« und einige Werke Klingers an. Wie vereinsamt Jean Paul sich damals bereits fühlte, geht aus seiner Bemerkung hervor, daß er die Deutschen »für die romantische Poesie zu schwer und fast für die 625 plastische geschickter« hält. Mochte er damals bereits voraussehen, daß die gräzisierende Richtung über eine deutsche Verwirklichung, wie sie ihm vorschwebte, triumphierte? Mit dem sechsten Programm beginnt er die eigentliche Poetik. »Über das Lächerliche«, »Über die humoristische Dichtkunst«, »Über den epischen, dramatischen und lyrischen Humor« nennt er die folgenden Untersuchungen, die das Beste enthalten, was je über die komische oder humoristische Dichtung geschrieben worden ist. Zu diesen Teilen strömte ihm der Stoff aus seinem gesamten Schaffen in Fülle zu. Wir sahen bereits bei Besprechung seiner ersten Satirenbände, wie klar ihm schon damals die feinsten Unterscheidungen des Stils waren. Die metaphysische Grundlegung des Humors ist vielleicht die eigentliche Leistung der Vorschule. Im Humor handelt es sich um ein Endliches, welches auf das Unendliche angewandt wird. Der Humor ist das »umgekehrt Erhabne«. Er ist die Parodie des Großen durchs Kleine, er verknüpft und mißt mit der kleinen Welt die unendliche, er adelt die Narrheit zur Weisheit. Er vernichtet das Endliche durch den Kontrast mit der Idee, die hinter aller Endlichkeit steht. Er erniedrigt das Kleine und setzt ihm das Große an die Seite, er erhöht das Kleine und setzt ihm das Große zur Seite und vernichtet so das Große wie das Kleine. Für den Humor gibt es keine einzelne Torheit, keine Toren, sondern nur Torheit und eine tolle Welt. Darin liegt die Totalität des Humors. Aber noch weiter: der Humor ist im Grunde seines Wesens ernst, weil er das tragische Durchschauen des Weltganzen ist. Immer aber, obwohl voll höchster, unerreichter Objektivität, ist der Humor verbunden mit der zugespitzesten Subjektivität, weil das Ich, obwohl erhoben zum Welten-Ich, stets der Träger des Humors ist. So wächst der Humor zum höchsten Lyrismus auf, weil er aus Einfällen von göttlicher 626 Gnade seine Welt erbaut. Der Humor ist aber auch die höchste Sinnlichkeit. Ein Einfall eines witzigen Bildes wiegt hundert erdachte und künstliche Allegorien auf. Diese Ausführungen gipfeln in der Darlegung der »Notwendigkeit deutscher witziger Kultur«. Niemals war Humor in diesem tiefen Sinne behandelt worden, wie es hier durch Jean Paul zum erstenmal geschah. Erst in diesem Erfassen des Humors rundete sich seine »Vorschule der Ästhetik« zu der Grundlegung einer den Kern des deutschen Wesens ausdrückenden Poetik. Hier war der deutschen Dichtung ein neuer Schwerpunkt, fern von der griechischen Schönheitslinie, geschaffen worden. Darin liegt die tiefe Bedeutung der Kunsteinstellung Jean Pauls. Schon in der »Geschichte meiner Vorrede« hatte er dem Kunstrat Fraischdörfer gegenüber die krause und zackige Linie des Humors ausgespielt und zum erstenmal auf seine Absicht hingewiesen, seine ästhetischen Anschauungen in einer Abhandlung niederzulegen. Schon damals wußte der Dichter also, daß im Humor der Kernpunkt nicht nur seiner Anschauungen, sondern seines Schaffens lag. Der Rationalismus hatte dem deutschen Geist seine Anmut und Beweglichkeit genommen. »Bei den Deutschen sind die Ideen wand-, band-, niet- und nagelfest; der Witz aber gibt uns Freiheit, indem er Gleichheit vorher gibt. Er ist für den Geist, was für die Scheidekunst Feuer und Wasser ist: chemica non agunt nisi soluta , nur entbundene Körper schaffen neue. Er ist von Natur ein Geister- und Götterleugner, er ist der verkleidete Priester, der jedes Paar kopuliert; er nimmt an keinem Wesen Anteil, sondern nur an dessen Verhältnissen; er achtet und verachtet nichts, alles ist ihm gleich, sobald es gleich und ähnlich wird. Wenn der Geist sich ganz frei gemacht hat, wenn der Kopf nicht eine tote Polterkammer, sondern ein Polterabend der Brautnacht geworden, wenn zwar 627 ein Chaos da ist, aber darüber ein heiliger Geist . . . wenn dieser Dithyrambus des Witzes . . . den Menschen mehr mit Licht als mit Gestalten füllt: dann ist ihm durch die allgemeine Gleichheit und Freiheit der Weg zur dichterischen und philosophischen Freiheit und Erfindung aufgetan.« Hier schlagen sich wieder Gedankenbrücken zu jenem andern Gebiet, das ebenfalls im Mittelpunkt von Jean Pauls Schaffen steht: der Erziehung. Von hier aus erst verstehen wir, weshalb er den Witz für eines der großen Erziehungsmittel hält und weshalb er in seiner Schwarzenbacher Winkelschule geradezu Anleitung zur Erfindung von Witz und zur Hervorbringung von Gedankenblitzen gab. Auch in der »Levana oder Erziehlehre« sollte der Witz den eigentlichen Kern- und Lösepunkt des ganzen Systems bilden. Er war Jean Pauls großes Erziehungsmittel zur geistigen Freiheit und zugleich zur Bindung des Spieltriebes und der andern Triebe. Man kann den Gedankengängen der Vorschule nicht in alle Einzelheiten hinein folgen, obwohl gerade der zweite Teil mit dem überwältigenden Reichtum seines Materials dazu reizt. Auch darin nimmt Jean Paul die spätere Romantik vorweg, daß er hier zum erstenmal den Versuch unternimmt, die Entwickelung der Literatur historisch zu deuten. Im allgemeinen wird der Romantik das Verdienst zuerkannt, die moderne Geschichtsforschung begründet zu haben. Aber auch diese Seite der Romantik geht auf Herder zurück, der als erster mit historischem Blick an die Vergangenheit herantrat. Als Beginn der Literaturgeschichte bezeichnet man gewöhnlich das berühmte siebente Buch von Goethes »Dichtung und Wahrheit«. Aber unendlich sorgfältiger und unter viel tiefer greifenden Gesichtspunkten rollt Jean Paul Literaturgeschichte vor uns auf, und vorwiegend von der 628 humoristischen Dichtung, von Aristophanes an bis zu den Engländern des 18. Jahrhunderts, gibt er eine fast lückenlose Überschau. Nur selten greift Jean Paul in seinen Darlegungen auf seine eigenen Gestalten zurück, aber alle, die ihm am Herzen liegen, finden hier ihre metaphysische Grundlegung. In den Ausführungen über den Humor ist es vornehmlich sein Liebling Schoppe alias Leibgeber, dessen Lebensstationen hinter Jean Pauls Ausführungen deutlich vor unser Auge treten. Auf der Basis des eigenen Schaffens beruhen auch die Ausführungen über »Charaktere«, über die »Geschichtsfabel des Drama und des Epos«, über den »Roman«, über die »Lyra«, über den »Stil und die Darstellung«. Hier gibt er uns intime Einblicke in die Werkstatt des Dichters, die auch heute noch, nach mehreren Perioden des großen deutschen Romans, neu wie am ersten Tag sind. In dem »Fragment über die deutsche Sprache« hat er den Rationalismus, der seine ersten Versuche einer eigenen Orthographie bestimmte, von Grund aus überwunden. Hier ist er ganz jener deutsche Dichter geworden, der aus dem Sprachgut des Volkes neue Wendungen und Verbindungen an die Oberfläche des Schriftdeutschs hob. »Unsre Sprache schwimmt in einer so schönen Fülle, daß sie bloß sich selber auszuschöpfen und ihre Schöpfwerke nur in drei reiche Adern zu senken braucht, nämlich der verschiedenen Provinzen, der alten Zeit und der sinnlichen Handwerkssprache.« Daß er diese Schöpfwerke in Bewegung gesetzt hat, zeigt der Reichtum seiner eigenen Sprache. Den Programmen angehängt sind »Drei Vorlesungen in Leipzig«. Hier ist der systematische Aufbau eines theoretischen Werkes verlassen, und Jean Paul ergeht sich in freiem Schweifen seiner Phantasie über literarische Fragen seiner Zeit. Auch diese drei Vorlesungen sind Fundgruben 629 ästhetischer Einsicht, und hier springt es ganz besonders ins Auge, daß man nicht ohne Schaden Jean Paul aus dem Bilde unserer klassischen Epoche einfach fortgelassen hat. Wieviel vertiefter ist hier die Satire gegen die Aufklärung und ihr Organ, die Allgemeine deutsche Bibliothek Nicolais, als in der Polemik der romantischen Schule! Und wie treffend ist die stilistische Untersuchung der Schillerschen Lehrgedichte! Eine »kurze Nachschrift oder Nachlese der Vorlesung über Schiller« beschließt die erste oder Misericordias-Vorlesung. »Seine eigentliche romantische Tragödie ist weniger die von so vielen Gemeinheiten der Menschen und des Lebens umschattete ›Jungfrau von Orleans‹ als ›Wallenstein‹, worin Erde und Sterne, das Überirdische (nämlich der Glaube daran) und alles große Irdische gleichsam zwischen Himmel und Erde die Blitze ziehen und laden, welche tragisch auf die Seelen niederfallen und das Leben erschüttern.« Welch ein Abstand der Reife in dieser kurzen Bemerkung zu den noch heute gültigen Kommentaren! Die zweite oder Jubilate-Vorlesung schließt mit einer Nachlese über die »Dichtinnen«. So bezeichnet Jean Paul nach dem Sprachreformer Wolke, dessen Eigenheiten er mehr und mehr annimmt, die Dichterinnen. (Da »Dichterin« eigentlich »Frau eines Dichters« bedeutet.) In dem dem Aufsatz zugrunde liegenden Studienheft heißt die Aufschrift »Jüdinnen«. Jean Paul wendete sich also offenbar an die jüdischen Dichterinnen des Berliner romantischen Kreises, gewissermaßen an eine Art von Titaniden. Die dritte, die Kantate-Vorlesung, endet in den bereits erwähnten Hymnus auf Herder, auf dessen noch frisches Grab Jean Paul diesen duftenden Ehrenkranz niederlegte. Nicht ohne Absicht sind diese drei Nachlesen oder Vorlesungen gegeneinandergestellt. Schiller, Titaniden, Herder. Noch einmal wurde also auch hier der 630 Ideenkreis des »Titan« durchschritten oder wenigstens angedeutet. Wie anders sollte Jean Paul auch sein Werk ausklingen lassen als mit dem hymnischen Panegyrikus auf den angebeteten Freund! Nie hat ein Genius Schöneres über einen andern Genius geschrieben. Die Vorlesung ist eingekleidet in ein Gespräch mit einem schönen Jüngling, der Herder mit den geistigen Waffen Schillers angreift. Ob der Jüngling Schiller selbst sein soll, erscheint zweifelhaft. Jean Paul läßt einmal durchblicken, daß es sich um eine Gestalt aus seinen Romanen handle. Wie er Victor, den Helden des »Hesperus«, oftmals in späteren Gesprächen auftreten läßt, so kann er hier das gleiche mit Albano im Auge gehabt haben, und es ist nicht einmal so abwegig, wenn er dem stolzen Jüngling eine Kunsttheorie in den Mund legt, die an Schillers »ästhetische Erziehung des Menschen« erinnert. Das aber ist nebensächlich neben dem Hauptinhalt des Gespräches. Hier wird Herders Gestalt mit allen ihren glänzenden Eigenschaften, aber auch mit ihren Begrenzungen noch einmal liebevoll umfaßt. »Der edle Geist . . . wurde von entgegengesetzten Zeiten und Parteien verkannt: doch nicht ganz ohne seine Schuld; denn er hatte den Fehler, daß er kein Stern erster oder sonstiger Größe war, sondern ein Bund von Sternen, aus welchem sich dann jeder ein beliebiges Sternbild buchstabiert . . . . Menschen mit vielartigen Kräften werden immer, die mit einartigen selten verkannt; jene berühren alle ihres Gleichen und ihres Ungleichen, diese nur ihres Gleichen.« Wieder klingt das Thema von der »Einkräftigkeit« an. Herder war kein »Einkräftiger«, und darin bestand seine unerreichte Größe. Aber er war zu vielkräftig. Seine »Schwungfedern« waren allzu gewaltig neben seinen »Lenkfedern«,wie er es im Beginn der Vorschule ausdrückt. Darum fehlte ihm die »Besonnenheit«, die gesammelte Kraft des Genies. So war er 631 weniger ein Dichter als ein Gedicht, »ein indisch-griechisches Epos von irgendeinem reinsten Gott gemacht«. Er »war gleichsam nach dem Leben griechisch gedichtet«. Und »daher kam seine griechische Achtung für alle Lebensstufen, seine zurechtlegende epische Weise in allen seinen Werken, welche als ein philosophisches Epos alle Zeiten, Formen, Völker, Geister mit der großen Hand eines Gottes unparteiisch vor das säkularische Auge (das Jahre nur an Jahrhunderten ausmißt) und also auf die weiteste Bühne führt«. Hier ist Herders Sendung und Persönlichkeit in einem Satze durchmessen. Dieses große philosophische Epos war vor dem inneren Auge Jean Pauls noch einmal aufgeschlagen, als er diesen Satz niederschrieb. Er sah den vor sich, der die Tore des Jahrhunderts geöffnet hatte in die ganze freie große weite Welt. Er sah diese große Seele freier und weiter als die jenes Genius, den er einst in Straßburg an der Hand in das Land der Dichtung eingeführt hatte. Mit Bitterkeit mußte er an das einsame Ende des großen Lenkers und Leiters denken, wie Herder an das Ende seines Führers Hamann gedacht hatte. »Wenn er seinen Hamann als einen zürnenden Propheten, als einen dämonischen Geist schilderte, den er sogar über sich stellte (wiewohl Hamann weniger griechisch und beweglich und leicht blühend und organisch-zergliedert war), und wenn man mit Schmerzen hörte, wie ihm in dessen Grab seine rechte Welt und Freundschaftsinsel nachgesunken: so wurde man aus seiner Sehnsucht inne, daß er innerlich (nach einem höchsten Ideale) viel schärfer über die Zeit richte, als es äußerlich seine Duldung und Allseitigkeit verriet; daher geht durch seine Werke eine geheime, bald sokratische, bald horazische Ironie, die nur seine Bekannten verstehen. Er wurde überhaupt wenig, nur im Einzelnen anstatt im Ganzen gewogen und erwogen; und erst auf der Demantwage der 632 Nachwelt wird es geschehen, auf welche die Kiesel nicht kommen werden, womit die rohen Stilistiker, die noch roheren Kantianer und rohe Poetiker ihn halb steinigen, halb erleuchten wollten.« Die Gestalt dieses ein Jahrhundert hindurch verkannten Sehers steht am Ende der »Vorschule der Ästhetik«. Fast symbolhaft dafür, daß auch dieses Werk untertauchen sollte in einem Strom, der es nicht zu tragen vermochte. Die »Demantwage der Nachwelt« wog doch, auch in diesem Fall, nur die Kiesel, die man gegen Jean Paul geschleudert hatte, und nicht den tiefen Gehalt dieses Werks. Fortgetragen vom Strom der Zeit wurde eine andere Ästhetik, die von Kant und Schiller her ihre Richtung erhielt. Die eine ganze schwere Hälfte jener großen Periode der klassischen deutschen Dichtung ging damit für ein Jahrhundert dem deutschen Bewußtsein verloren. Hölderlin, Kleist, E. T. A. Hoffmann, Büchner – sie alle wurzelten in dem deutschen Kunstgefühl, das in der Vorschule seinen fundamentalen Ausdruck gefunden hatte. Über sie alle ging der Strom der Zeit hinweg. Heute tauchen sie, einer nach dem andern, aus den Strudeln hervor, am letzten der Geist, der sie alle umfaßt.   Nicht ohne Absicht hatte Jean Paul für seine Ästhetik den pädagogischen Namen »Vorschule« gewählt. Schon durch diese Bezeichnung wurde deutlich, daß es sich bei seinen theoretischen Werken wie bei seinen Dichtungen nicht um rein ästhetische Werte und Kategorien allein, sondern um etwas Höheres: um Menschentum handelte. Schon bei der Vorschule sahen wir, wie erst in dieser letzten großen Schaffensperiode das gesamte Leben Jean Pauls von seinen ersten Anfängen an seinen großen Sinn bekam. Auch seine Satirendichtung, 633 die der Gegenwart so fern schien, war eine notwendige Entwickelungsstufe für ihn gewesen, und nicht nur in persönlicher Beziehung, sondern hier war der Grund zu der Metaphysik seines Humors gelegt worden. Aber auch seine pädagogischen Bestrebungen, die so zahlreiche Jahre seines Lebens ausgefüllt hatten, strömten jetzt in den Hauptstrom seines Schaffens ein. Pädagogische Ziele waren schon der Leitpunkt der »Unsichtbaren Loge« gewesen. Schon hier hatte er ein erzieherisches Programm wenigstens in großen Hauptlinien festgelegt. Eine Erziehungslehre, oder wie er jetzt als Anhänger des Sprachreformers Wolke schrieb: eine »Erziehlehre« sollte jetzt die eine große Seite der vierseitigen Pyramide werden, die sein Gesamtwerk darstellt. Wir sprachen schon davon, wie die vier Hauptwerke dieser Hauptperiode seines Schaffens, zwei Romane und zwei theoretische Werke, sich gegenseitig stützen. Ein ungeheurer Ideenkomplex ward hier viermal in der Betrachtung und in der Gestaltung durchmessen. Wenn wir den obersten Leitpunkt aller vier Werke nennen wollen, so war es die Abkehr von der Zeit, dieser kantisch-goethisch-schillerisch-romantisch gestimmten Zeit, der noch einmal, wenn auch schon zu spät, ein aus einer Wurzel organisch erwachsenes, umfassendes Menschentum entgegengesetzt wurde. Im »Titan« wie in der »Vorschule der Ästhetik« fanden wir die Gestalten wie die Gedankengänge deutlich um diesen obersten Gesichtspunkt geordnet. Aber auch in dem Erziehungswerk Jean Pauls, in seiner »Levana«, wird es deutlich ausgesprochen. Als Ziel jeder Erziehung wird »die Erhebung über den Zeitgeist« genannt. »Es ist der Geist der Ewigkeit, der jeden Geist der Zeit richtet und überschauet. Und was sagt er über die jetzige? Sehr harte Worte . . . Etwas, sagt er, müsse in unserer Zeit untergegangen sein, weil sogar das gewaltige Erdbeben der Revolution, vor welchem jahrhundertelang – wie 634 bei physischen Erdbeben – unendlich viel Gewürm aus der Erde kroch und sie bedeckte, nichts Großes hervorbrachte und nachließ, als am gedachten Gewürme schöne Flügel. Der Geist der Ewigkeit, der das Herz und die Welt richtet, spricht strenge aus, welcher Geist den jetzigen Begeisterten der Sinne und den Feueranbetern der Leidenschaften fehle, der heilige des Überirdischen . . . Der Sinn und Glaube für das Außerweltliche, der sonst unter den schmutzigsten Zeiten seine Wurzeln forttrieb, gewinnt in reiner Luft keine Früchte. Wenn sonst Religion im Kriege war, so ist jetzt nicht einmal in der Religion mehr Krieg – – aus der Welt wurde uns ein Weltgebäude, aus dem Äther ein Gas, aus Gott eine Kraft, aus der zweiten Welt ein Sarg. Endlich hält noch der Geist der Ewigkeit uns unsere Schamlosigkeit vor, womit wir die leidenschaftliche Brunst des Zorn, des Liebe und des Gierfeuers, deren sich alle Religionen und die alten Völker und die großen Menschen enthielten und schämten, als ein Ehrenfeuerwerk in unserm Dunkel spielen lassen; und sagt, daß wir, nur in Haß und Hunger noch lebendig, wie andere zerfallende Leichen, eben nur die Zähne unverweslich behalten, die Werkzeuge beides, der Rache und des Genusses.« Ein ungeheueres Bild der Gegenwart, das hier gegen den Geist der Ewigkeit gehalten wird. Eine Kritik, so unerbittlich, so schonungslos, so in den innersten Kern treffend, daß wir auffahren. Ein Bild unserer eigenen Zeit glauben wir vor uns aufgerollt, und fragen nur erstaunt: ob das Furchtbare schon damals Geltung hatte wie in unsern Tagen. Und doch! Mochte vieles noch unter der Maske verborgen geblieben sein, damals legten sich ja die Fundamente zu unserer abstoßenden Gegenwart, und Jean Paul erkannte bereits durch die dünnen Erdschichten diese Fundamente hindurch, die damals sich erst undeutlich unter der Oberfläche abzeichneten. 635 Noch war es ein leidenschaftliches Titanentum mit dem ganzen verführerischen Glanz eines solchen, das den Zeitgeist verkörperte. Aber »Leidenschaftlichkeit gehört eben recht zum Siechtum der Zeit, nirgend wohnt so viel Aufbrausung, Nachlaß, Weichheit gegen sich, und unerbittliche Selbstsucht gegen andere, als auf dem Krankenbette. – Auf diesem liegt aber das Jahrhundert.« Ein eigentümliches Erziehungsbuch, das nicht nur Knaben und Mädchen, das in den jungen Menschen das ganze Jahrhundert erziehen will. Nicht ein leichtfaßliches Vademecum für Lehrer und Hauslehrer, ein Welt- und Zeitkompendium vielmehr, »weswegen dieses in der Form als mein ernsthaftestes angesehen werden mag«, schreibt Jean Paul von diesem Buch. Sein »ernsthaftestes« Buch. Ein Dichter, der zu den großen der Weltliteratur gehört, hält ein Erziehungsbuch für sein ernsthaftestes Werk. Und wer es liest, dem drängt sich sehr bald die Überzeugung auf, daß es nicht eine Schrulle ist, die ihn dieses Buch so ernst nehmen läßt. Noch in seinen Dichtungen handelt es sich um die Welt des schönen Scheins. Hier aber bricht der Sitten- und Gesetzesprediger durch jenen Schein, auch noch durch den der künstlerischen Darstellung hindurch. Hier gibt er ungeschminkt sein heiliges Ethos. Hier sagt er, wie er gelesen und verstanden werden will in seinen Dichtungen. Noch den »Titan« konnte man als Dichtung lesen, sich von ihm erschüttern und begeistern lassen, die »Levana« aber wendet sich geradeswegs an das Gewissen der Zeit ohne Umschweif und ohne Hülle. An den Toren seiner geistigen Entwickelung hatte Rousseau gestanden wie an den Toren der Zeit. Ein neues Naturevangelium war von dem großen Genfer ausgegangen. Aber der Sturm war ohne die tiefe Wirkung vorübergebraust. Wohl hatte eine Revolution seitdem die Welt in Erschütterung versetzt, aber die 636 Wiedergeburt des Menschengeschlechtes, nach der Jean Paul seit den ersten Sturmzeichen der Zeit ausgeschaut hatte, war nicht erfolgt. Nur die alten Formen waren in Staub zerfallen, und gerade dieses Auseinanderfallen, das im Anfang wie der Beginn eines neuen Menschentums ausgesehen hatte, war der Beginn eines katastrophalen Niedergangs gewesen. Noch einmal mußte man bei Rousseau anfangen. Rousseaus »Emile« »zuerst und zuletzt«, sagt Jean Paul. Und dann Basedow, »der Verleger und Übersetzer Rousseaus in Deutschland«, und schließlich Pestalozzi, »der stärkende Rousseau des Volks«. Diese drei sind seine Eideshelfer. Levana, »die mütterliche Göttin, die den Vätern Väterherzen gibt«, schwebt über dem Buch. Die Erhebung über den Zeitgeist ist als das oberste Ziel jeder Erziehung bereits hervorgehoben worden und damit Tendenz und Umfang der »Levana« umschrieben. Aber Jean Paul füllt diesen Rahmen nun mit einer bis in die kleinsten Kunstgriffe hinein durchgeführten Erziehungslehre. Nicht nur die idealen Ziele werden aufgestellt, sondern auch der Weg zu ihnen mit einer Sachkenntnis aufgezeigt, die Jean Paul in eine Reihe mit den größten Namen der Pädagogik stellt. Es springt förmlich in die Augen, daß jene kleinen hygienischen Maßregeln, zu denen sich heute nach Jahrzehnten genauer Messungen und psychologischer Beobachtungen die Kunst der Kinderpflegerinnen durchgefunden hat – z. B. Kinder ohne Kopfkissen liegen zu lassen – bereits alle in der »Levana« aufzufinden sind. Maßregeln der Ernährung und Körperpflege, die heute nur von den fortgeschrittensten Kinderärzten zum Entsetzen von Großmüttern vertreten werden, sind von Jean Paul bereits bei seinen eigenen Kindern, zum Teil sehr gegen den Willen Karolinens, angewandt worden, und mit einem Erfolg, der seinen Grundsätzen recht gegeben 637 hat. Ja, Ideen, die heute erst auftauchen, wie die der »Zuchtwahl«, sind bereits von Jean Paul mit aller Wärme vertreten worden. Man lese nur, was er über die empörende Vernachlässigung der Zuchtwahl bei den Kulturvölkern schreibt. Wie er überhaupt die Erziehung der Kinder bei den Eltern beginnen läßt. Schon in Schwarzenbach war es sein erstes Bestreben gewesen, auf die Eltern seiner Zöglinge Einfluß zu gewinnen. Hier hält er den Eltern einen Spiegel vor, zeigt auf, welche teils verlogen idealen Erziehungsziele, teils egoistischen, ja niederträchtigen Bestrebungen bei der landesüblichen Erziehung durcheinanderquirlen. Noch weit weniger als bei der »Vorschule« ist es bei der »Levana« möglich, den einzelnen Gedankengängen zu folgen. Große Partien haben wir bereits bei früheren Abschnitten von Jean Pauls Leben behandelt. Wir kennen die Bedeutung, die er dem Witz für die Erziehung beilegte, bereits von seiner Schwarzenbacher Winkelschule her, und aus der »Unsichtbaren Loge« seine Abneigung gegen das humanistische Gymnasium. In diesen großen Fragen fügt sich die »Levana« genau in den Rahmen von Jean Pauls uns bekanntem Kulturprogramm ein. Neu aber ist seine Art, uns in die Kinderseele hineinzuversetzen. Niemand könne wissen, schreibt er, ob er in seinem Kinde nicht einen künftigen Höllengott der Menschheit oder einen Schutz- und Lichtengel derselben vor sich habe, oder an welchen gefährlichen Stellen der Zukunft sich der Zauberer, der in ein kleines Kind verwandelt vor ihm spielt, sich aufrichte als Riese. Hier ist zum erstenmal die ungeheure Gewalt, die in der kommenden Generation zu unsern Füßen spielt, begriffen. Zwei Reden stehen am Anfang des Werks, die eine, daß die Erziehung überflüssig, eine Gegenrede, daß sie wichtig ist. Beide Standpunkte heben sich nicht gegenseitig auf, sondern 638 kommen zu dem Begriff einer richtigen Erziehung. Worin kann man erziehen? In welchen Fragen muß man sich bescheiden? Die Individualität des Kopfes zum Beispiel soll wachsen. Hier ist jeder Anlage, die nach Betätigung drängt, nur Stoff zuzuführen, und niemals zuviel. Wenn jemand ein Maler werden will, steht etwa zu fürchten, daß er ein zu großer Maler werden würde? Aber die Individualität des Herzens muß gebeugt oder gelenkt werden. Jede Kraft zwar sei heilig, und keine dürfe beschnitten werden, aber jeder Einzelkraft sei eine Gegenkraft zu erwecken, die sie in das richtige Gleichgewicht bringe. Zu unterscheiden sei zwischen Wollkraft und Begehrkraft. Es gäbe in unserm Zeitalter fast nur noch Begehrkräfte. Die Wollkraft aber müsse in erster Linie entwickelt werden. Das heimliche Ideal, das jedem jungen Menschen von seiner Zukunft innewohne, müsse belebt und gefördert werden. Gerade hier sei die Wollkraft zu stärken. Aus ihr entfalte sich dann schließlich die Kraft der Liebe und der Religion. Liebe und Religion, auf diese beiden Grundkräfte der Seele ist die Erziehung vor allem zugeschnitten. In jedem Kinde wohne ein starkes metaphysisches Verlangen. Aber nicht äußerlich solle die Religion dem Kinde nahegebracht werden. Zu vermeiden sei alles, was Unlust dagegen erwecken könne, zum Beispiel ein laut gesprochenes Tischgebet. Die große Rolle, die der Einsegungstag bei den Kindern spiele, sei auszunutzen. Hier, wie überall, schöpft Jean Paul aus der Erfahrung seiner eigenen Kindheit. Wie früh lagen bei ihm die entscheidenden Erlebnisse, die sich nach seiner skeptischen Periode wieder in sein Bewußtsein hineindrängten! Es scheint, als wenn die ersten Kindheitseindrücke lebenslang in ihm lebendig waren, so genau vermag er sich in die Kinderseele hineinzuversetzen. Das ist das Wichtigste in dieser Schrift: 639 daß diese Erziehungslehre fast vom Standpunkt des Kindes aus geschrieben erscheint; jedenfalls mit einer minutiösen Kenntnis des Kindes. Wie modern mutet es an, was er über Spielzeug schreibt! Das beste Spielzeug ist eines, das die kindliche Phantasie vor Aufgaben stellt, zum Beispiel Sand oder ein Stück Holz. Die künstlichen und kostbaren Spielzeuge sättigen die Phantasie, statt sie anzuregen, und ertöten diese lebendigmachende Kraft. Bedeutsam ist auch jener Abschnitt, der von dem Beginn der Erziehung handelt. »Die Erziehung beginnt beim ersten Athemzug des Kindes, nicht früher.« Damit werden alle Beeinflussungen im Mutterleibe zurückgewiesen. Mutter und Kind sind während der Tragmonate nur durch Blut, nicht durch Nervenverwandtschaft miteinander verbunden. Vor jeder übernatürlichen Beschleunigung der Entwicklung wird gewarnt. Keine künstliche Gymnastik erwecke allzufrüh die Sinne. Man hüte sich aber auch davor, die Kinder zu erschrecken und ihre Phantasie mit Schreckgestalten zu erregen, etwa durch den schwarzen Mann oder den Knecht Ruprecht. Denn »alle Schrecken der Kindheit kommen im Traum wieder, die Entzückungen im späteren Wachen«. Die Lebensfreude also soll gesteigert werden, aber man verwechsle nicht Freudigkeit mit Genuß. Die Spiele teilt Jean Paul ein in Spiele der lernenden Kraft, bei denen mechanische und akustische Erscheinungen im Vordergrund stehen. In Spiele der gestaltenden Kraft, also die richtigen Kinderspiele, bei denen Phantasie in Erscheinung umgesetzt wird. Und in Spiele der Passivität, bei denen das Kind »bezüglich Gestalt und Ton nimmt und gibt«. Zu diesen Spielen, die das Kind mit sich allein unternimmt, treten die Spiele mit Sachen. Diese Sachen sollen immer die Phantasie anregen, nicht einengen. Die Bilderbücher etwa enthalten Geschichten und Handlungen, 640 nicht bloß einzelne Tiere, mit denen das Kind nichts anfangen kann. Die eigentliche Lebenspraxis beginnt auf dem Spielplatz. Diese erste Gesellschaft von Kindern könne gar nicht ernst genug genommen werden. Hier bilde sich der junge Charakter am ersten aus. Zu entfernen sei jedes Nachäffen der Erwachsenen. Kinderbälle zum Beispiel seien eine Angelegenheit des Teufels, aber kindliche Tänze seien zu pflegen. Eines der wichtigsten Erziehungsmittel sei die Musik. Im Singen seien die Kinder früh zu üben. Die Regeln über Strafen und die Art, zu befehlen, sind ungemein instruktiv. Jean Paul verbietet das Fortzürnen nach der Strafe, so sehr er Entschiedenheit im Befehlen verlangt. Das Ge- und Verbieten sei kurz und entschieden und sei niemals mit Gründen verbunden. Das Kind solle nicht einsehen, sondern gehorchen lernen. Das zweite Bändchen gibt die Anleitungen zur physischen Erziehung. Als Hausbuch war ja die ganze Schrift gedacht. Nicht nur im großen wollte Jean Paul mit der »Levana« den Geist des deutschen Hauses beeinflussen, sondern den Eltern auch eine Reihe von bewährten Regeln geben, die ihnen in jedem konkreten Fall zu Diensten standen. Das zweite Bändchen wird mit einem Feldzug gegen die Ammenarroganz eröffnet. Wir wissen es meistens heute nicht mehr aus Erfahrung, welch despotisches Regiment die Ammen in den meisten Häusern ausübten, indem sie in Hinblick auf ihre Milch die unerhörtesten Ansprüche stellten. Demgegenüber betont Jean Paul, daß durch Milch nichts Geistiges übertragen würde, ja, er schlägt sogar Bresche in die Anschauung, als ob ein Kind durchaus der Brusternährung bedürfe. Sein eigenes kräftigstes Kind wäre fast durchweg mit der Flasche ernährt worden. Im übrigen empfiehlt er sogar baldigen Übergang zur gemischten Kost. Wichtig ist, daß er 641 das nächtliche Einsingen der Kinder verpönt. Wie es erst seit einigen Jahren üblich geworden, empfiehlt er, die Kinder zur Nachtzeit nicht aufzunehmen. Sie würden bald durchschlafen, und die Kräfte der Mutter würden geschont bleiben. Man muß es jedem einzelnen überlassen, wieviel er von diesen Erziehungsgrundsätzen für sich selbst aufnehmen will. Jedenfalls ist es erstaunlich, wie Jean Paul sich bereits mit den modernsten Methoden der Kindererziehung berührt. Zwei weitere Bruchstücke beschäftigen sich mit der »weiblichen Erziehung« und der »sittlichen Bildung der Knaben«. Auch hier gibt es fast auf jeder Seite neue und wirksame Kunstgriffe der Einwirkung auf die heranwachsende Jugend und psychologische Blicke von seltener Tiefe. Zwei Bruchstücke »Entwicklung des geistigen Bildungstriebes« und »Ausbildung des Schönheitssinnes« schließen das Werk ab. Ein letztes Bruchstück zeigt uns noch einmal die rührenden Gestalten der Kinder, deren häufiger Anblick uns wesenslose Menschen leider allzusehr gegen das Wunder ihrer Erscheinung abgestumpft hat. »Ein erstes Kind auf der Erde würde uns als ein wunderbarer ausländischer Engel erscheinen, der, ungewohnt unserer fremden Sprache, Miene und Luft, uns sprachlos und scharf, aber himmlischrein anblickte wie ein Raphaelisches Jesuskind.« »So werden uns täglich aus der stummen unbekannten Welt diese reinen Wesen auf die wilde Erde geschickt, und sie landen bald auf Sklavenküsten, Schlachtfeldern, in Gefängnissen zur Hinrichtung, bald in Blütentälern und auf reinen Alpenhöhen an, bald im giftigsten, bald im heiligsten Jahrhundert; und suchen nach dem Verlust des einzigen Vaters den adoptierenden hier unten.« Diese reine Anschauung des Kindes durchklingt das ganze Buch. Damit haben wir aber lange nicht alle Gedanken 642 aufgezählt, die die »Levana« enthält. Was alles in den Bereich der Erziehung fällt, wird hier von einem Dichtergenius erörtert in einer hohen, leidenschaftlichen Sprache. Gleich im Anfang taucht das Problem auf, daß das deutsche Volk, das eigentlich erziehende, so ungeheuer viel über Erziehung schreibe und so ungeheuer wenig zu einer Reform der Erziehung beitrage. Im Verhältnis zum Altertum sei die Erziehung geradezu vernachlässigt worden. Der Staat bekümmere sich absolut nicht mehr in irgendeinem schöpferischen Sinne um Erziehungsfragen, ja, er könne es im Grunde gar nicht, da er selbst aufgehört habe, eine von Idealen erfüllte Volksgemeinschaft zu sein. In solchen Sätzen spiegelt sich der Tiefstand staatlichen Lebens in Deutschland vor der Schlacht bei Jena wider. Wäre die »Levana« einige Jahre später, unter dem Eindruck der preußischen Reformen, geschrieben worden, so wäre wohl ein Kapitel über Staatserziehung hinzugetreten. Aber auch hier hätte Jean Paul jenen fundamentalen Satz aufrechterhalten: »Gleichwohl ist der Mensch früher als der Bürger«, und kein Staatsideal hätte ihn davon abgehalten, entsprechend seinen Humanitätsidealen, dem Menschlichen vor dem Primat des Staates die erste Stelle zu geben. Nicht den Staat als Erzieher hätte er in den Vordergrund gerückt, sondern er hätte, dem ersten Anlauf der preußischen Reformer gemäß, den Staat aus einem frei entwickelten Menschentum heraus entstehen lassen. Erst die kommenden Jahre sollten Jean Paul das Staatserlebnis bringen. Es fand in der »Levana« keine Stelle mehr. Gegen den Schluß des Buches kommt Jean Paul noch einmal auf die Notlage der Lehrer im damaligen Deutschland zu sprechen. England gibt einem Subrektor ein Gehalt von sechstausend Talern, während in Preußen das Höchstgehalt der Schulmeister zweihundertundfünfzig Taler beträgt. Im 643 Baireuthischen fällt es noch schmäler aus. In hohnvoller Satire zieht Jean Paul den Schluß auf den Stand der Erziehung im freien England und in Deutschland. Hier rührt er an einen der Gründe, weshalb das englische und das deutsche Volk sich so verschieden entwickelten. Dort stand der Lehrstand im hohen Ansehen, als er bei uns noch hungerte und in allgemeiner Verachtung stand. Und nicht mit Unrecht rügt gerade Jean Paul, daß die Erziehung in Deutschland ausschließlich in der Hand der Theologen liegt. Gerade Jean Paul, der eine Erneuerung des religiösen Bewußtseins für eines der allerwichtigsten Erziehungsideale ansah. Welches Menschenidealbild Jean Paul in seiner »Levana« vorschwebte, wissen wir aus seinen Dichtungen, vorzüglich aus dem »Titan«. Es war seine Gefahr, statt in der Wirklichkeit wurzelnder Menschen nur künftige Gelehrte oder Schriftsteller zu erziehen. Wir sahen in der »Unsichtbaren Loge« wie im »Hesperus«, daß Jean Paul dieser Gefahr nicht immer entronnen ist. Aber im »Titan« schuf er in Albano das Idealbild des wahren deutschen Jünglings, und dieses Idealbild schwebt ihm auch in der »Levana« ständig vor Augen. Zur Wirklichkeit wollte er erziehen, zur Allkräftigkeit des Geistes und der Neigungen. Und diesem Ziele sollte der Lehrplan dienen, den er für den Entwicklungsgang seiner Knaben entwarf. Er war der erste, der in das alleinseligmachende humanistische Gymnasium die Bresche schlug. Wie so oft, war er auch hier seiner Zeit um ein Jahrhundert voraus, und der Lehrgang, den er in der »Levana« entwirft, deckt sich ungefähr mit dem der heutigen Realschulen. Ja, er geht zum Teil noch weiter. Das Englische will er unter den Fremdsprachen an die erste Stelle gerückt wissen. Dazu kommt eine besondere Hinneigung zu den Realien. »Gebt der Naturlehre und Naturgeschichte, der Stern-, der Meßkunde . . . 644 Höhr- und Lehrstellen in den Gymnasien – folglich den Knaben zehnmal mehr Freude, als sie an der Aufwickelung der verschleiernden Mumienbinden der antiken Grazien haben.« Im Mittelpunkt des Unterrichts aber soll die deutsche Sprache stehen. »Sollen wir denn alle Schönheiten gleich Vasen und Urnen aus Gräbern holen? Widersinn ist es, anstatt an einheimischen, verwandten, jungen Schönheiten den Sinn für fremde, alte hinauf zu bilden und im Auslande früher als im Mutterlande erzogen zu werden.« Nicht durch das Exponieren des Tyrtäus, sondern durch Einführung in Klopstocks Gesänge soll das heilige Feuer der Vaterlandsliebe angeblasen werden. Und welche Gewalt der eigenen Sprache, schreibt er, würde sich bilden, »wenn man schon zur Zeit, wenn die Schullehrer sonst Pindare und Aristophanesse traktieren, in Klopstock oder Voß, Goethe oder Schiller einführte«. Nur an den eigenen Dichtern, an der eigenen Geschichte erbaut sich die Jugend. So biegt auch hier die »Levana« wieder in den Ideenkreis des »Titan« ein. Genau wie Albano durch die Berührung mit der Antike im Herderschen Geiste zur Tat und nicht zu einem leeren formalen Ästhetizismus aufgerufen wird, so wollte er auch in der »Levana« die Berührung mit der Antike in lebendige Bewegung umsetzen. »Die Alten nicht kennen, heißt eine Ephemere sein, welche die Sonne nicht aufgehen sieht, nur untergehen«, schreibt er, aber er wollte »diese kanonischen Schriften des Geistes« nicht zu Buchstabier- und Lesebüchern entheiligt wissen. »Nimmermehr kann die zarte, unauflösliche Schönheitsgestalt genossen werden, wenn das grammatische Zerteilen sie, gleich der mediceischen Venus, in dreizehn Bruchstücke und dreißig Trümmer zerbröckelt.« Ein heroischer Antrieb sollte den deutschen Jünglingen aus der Antike kommen, damit sie im edelsten Sinne deutsch würden. 645 Das ist der tiefe Sinn seines idealen Lehrplanes. – In der »Levana« hatte Jean Paul das deutsche Buch geschrieben. Mit einem Schlage wurde diese »Erziehlehre«, trotz der umwälzenden kriegerischen Ereignisse, die ihrem Erscheinen unmittelbar folgten, zum allgemeinen Tagesgespräch. Eine Welt sank bei Jena in Trümmer. Aber eine neue Generation entnahm den Schlachten dieses Werkes, das die höchsten idealen Forderungen mit der liebevollsten Behandlung der Kleinigkeiten des Alltags verband, bereits die Kräfte zu neuem Aufstieg. Noch einmal sollte über den Trümmern des alten Preußen ein neuer idealer Geist der Freiheit und Humanität die Fahne entfalten. Es ist falsch, wenn man den inneren Aufbau Preußens mit Kants kategorischem Imperativ in Verbindung bringt. Herder und Jean Paul waren die treibenden Kräfte hinter den Reformen, die den Geist der Freiheitskriege entzündeten, und gerade die »Levana« trug in Tausenden von Exemplaren diesen Geist eines vaterländischen Ideals in die deutschen Häuser. Man hat, wie so vieles, diese Wirkung der »Levana« vergessen. Von ihr erst brach neues Leben in die Romantik ein und führte sie aus mittelalterlichen Träumen in die deutsche Wirklichkeit zurück. 646   Flegeljahre Mit der metaphysischen Grundlegung des Humors im zweiten Teil der »Vorschule der Ästhetik« war Jean Paul bereits in jene Welt geraten, die seine ersten Schaffensjahre erfüllt hatte und der er sich jetzt auf der Höhe seiner Schaffenskraft noch einmal mit Wollust näherte. In dem Roman »Notarius Gottwalt« oder »Notarius Blitz« oder, wie dann als endgültiger Titel festgesetzt wurde: »Flegeljahre« wollte er Wuz, Fixlein und Siebenkäs vereinigen und übertreffen. Selbst im »Titan« hatte er sich idyllischer Beimischungen nicht völlig entschlagen. Die Jugendgeschichte Albanos hätte getrost in einem idyllischen Roman ihren Platz finden können. War nun die Idylle, auf die Jean Paul immer wieder zurückgriff, vielleicht doch seine eigentliche Welt? Sicher in dem Sinne, daß ihm hier am leichtesten Stoff zuströmte. Ein Jahrzehnt hatte er sich in der großen Welt bewegen müssen, ehe ihm die Lebensatmosphäre des »Titan« geläufig genug war, um sie ins Werk bannen zu können. Und doch war Jean Paul weit mehr als ein bloßer Idylliker. Die entsprechenden Ausführungen in der »Vorschule« zeigen, welche höheren, metaphysischen Welten er am kurzen Hebelarm der Idylle bewegte. Nicht auf ein bloßes Nachmalen der »Schlachtfelder des Lebens« wollte er sich beschränken lassen. Er sprach es deutlich aus, welche großen Tendenzen er mit seiner Idyllendichtung verfolgte: »Wenn hingegen der Genius uns über die ›Schlachtfelder des Lebens‹ führt: so sehen wir so 647 frei hinüber, als wenn der Ruhm oder die Vaterlandsliebe vorausginge mit den zurückflatternden Fahnen; und neben ihm gewinnt die Dürftigkeit wie vor einem Paar Liebenden eine arkadische Gestalt.« Diese arkadische Verklärung des irdischen Kampfschauplatzes, darauf kam es ihm an. Er wollte nicht in der Genremalerei steckenbleiben, sondern die irdischen Bezirke hochreißen in das verklärte Licht der höheren Weltschau, daß die Bäume am Wasser, wie er es in der Vorschule ausdrückt, aus einer Wurzel in zwei Himmel wachsen. Durch welche Welten war er hindurchgegangen, ehe er sich in den »Flegeljahren« nun wieder den ersten Stoffen zuwandte, die ihn erschüttert hatten! Mit dem Geist der Zeit hatte er sich auseinandergesetzt, die zeitgenössische Dichtung und Philosophie vor sein Forum gezogen. Durch das Bildungsgut einer ganzen Welt hatte er sich hindurchgefressen, sich in die heroischen Bezirke des Titanentums erhoben. Wie hatte er sich in die ihm eigene Welt zurückgesehnt! Schon mitten in der Arbeit am »Titan« waren seine Gedanken in den Plan der »Flegeljahre« ausgewichen. Noch vor seiner Heirat hatte er mit den Studienbüchern zu diesem Roman begonnen in dem sicheren Gefühl, daß Karoline ihn aus der Titanenwelt wieder in die Welt des Bürgers zurückführen würde. Mit eiserner Willensanstrengung hatte er die Arbeit am »Titan« erst zu Ende geführt, dann, als er beglückt die »Flegeljahre« von neuem begonnen, noch einmal die Idylle unterbrochen, um in der »Vorschule der Ästhetik« seine Waffen zu überprüfen. Erst als im August 1804 das theoretische Werk vollendet war, hatte er die »Flegeljahre« beendet, sein Werk zu seinem zweiten Pole rundend und ausfüllend. Mit den »Flegeljahren« kehrte Jean Paul zu seinen »Maria Wuz«, »Quintus Fixlein« und »Siebenkäs« zurück. Aber der 648 Weg, den er seitdem zurückgelegt hatte, hinterließ doch zahlreiche Spuren. In jenen früheren Werken hatte es sich um Probleme des reinen »Daseins« gehandelt. Von Bildungserlebnissen war diese Welt frei gewesen. Aber die »Flegeljahre«, so sehr sie sich im reinen Dasein bewegten und es künstlerisch erschöpften, enthalten doch auch ein Problem, das über das reine Dasein hinausragt. Wie im »Titan« in den einzelnen Gestalten Vertreter zeitgenössischer Weltanschauungen aufgetreten waren, so bargen auch Walt und Vult, die beiden Helden der »Flegeljahre«, Weltanschauungsgegensätze in sich, in denen die Gegensätze der Zeit inbegriffen waren. Vult, der schweifende Humorist, verkörperte doch nicht nur Jean Pauls zweites, das humoristische Ich, im Gegensatz zu Walt, der reinen Dichternatur in ihm, sondern in gewissem Sinne waren hier wiederum Zeittypen gegeneinandergestellt. Eine starke, ja eine tragische Spannung der Zeit lag dieser Zweiteilung zugrunde. Walt und Vult verkörperten die zwei Seiten Jean Paulschen Wesens, aber sie waren doch wieder im Sinne des »Titan« auch »einkräftige« Gestalten, zum Untergang bestimmt. Zwei Brüder, sich aufs schönste ergänzend, sich gegenseitig hebend und steigernd, kämpfen sie den ganzen Roman hindurch um harmonische Vereinigung. Sie suchen das Glück harmonischen Zueinandergehörens und müssen schließlich auseinandergehen, jeder den andern seinem Schicksal überlassend. Der Riß, der durch das deutsche Volk geht und der Jean Paul wie keinem zweiten in ganzer Breite aufgegangen war, dokumentierte sich in diesem vergeblichen Ringen der Brüder um ihre Liebe. In dem persönlichen Zwiespalt der eigenen Natur hatte Jean Paul den Zwiespalt der Zeit und seines Volkes eingefangen. Der im Heimatboden Wurzelnde und die heimische Scholle Verklärende auf der einen Seite, der Entwurzelte und frei Schweifende auf der andern 649 Seite, – dieser Gegensatz faßte den Zwiespalt deutschen Wesens noch tiefer und hoffnungsloser als jener Gegensatz der Weltanschauungen, wie er im »Titan« zutage getreten war. Hier verfing sich uraltes germanisches Schicksal, das zwischen Liebe zur Scholle und zwischen grenzenlosem Schweifen umherirrt und nicht die eigene Gestalt zu finden vermag. Hinter dem Gegensatz der beiden Brüder schwingen diese unvereinbaren Gegensätze der deutschen Natur in der Tiefe mit. Das macht den Zauber des Werks aus, und gerade je weniger die Bedeutung dieses Gegensatzes bewußt wird, um so unbegrenzter und allgemeingültiger wird er empfunden. Dieser Gegensatz ist ganz in das Schicksal der Brüder eingegangen, und dieses Schicksal wiederum hält Jean Pauls eigene geistige Entwickelung umschlossen. Walt und Vult verkörpern die zwei Seiten seines Wesens und seiner dichterischen Produktion: die ernste und die humoristische. Beide hatten um die Seele des aufwachsenden Dichters gerungen. Vielleicht wäre Jean Paul geradeswegs auf der Leipziger Universität, an seinen Jugendroman »Abälard und Heloise« anknüpfend, solch ein innerlicher, das alltägliche Dasein verklärender Dichter wie Walt geworden, wenn ihn nicht jene geistige Bewegung ergriffen hätte, die damals in Deutschland die herrschende war: der Rationalismus. Schon im Beginn unseres Buches haben wir hervorgehoben, daß man gewöhnlich den deutschen Rationalismus zu eng faßt. Er hatte im Grunde seines Wesens nicht jenes spießbürgerliche, dünkelhafte Moment in sich, das man ihm heute beilegt und unter dem man ihn heute zu umfassen meint. Immerhin standen Männer wie Lessing in seiner Front. Im Grunde bedeutete Rationalismus die uneingeschränkte Herrschaft der Vernunft, bedeutete Aufklärung die Loslösung der menschlichen Institutionen von den Banden 650 des historisch Gewordenen, des Blutes, der Rasse. Rationalismus war eine Weltbewegung, die ihre Wurzel in dem sich auflösenden spätrömischen Kaiserreich hatte. Nach Deutschland verpflanzt, fiel der Aufklärung auch hier die Rolle zu, die geschichtlichen Bindungen aufzulösen und den Geist an die Stelle des Blutes und der Rasse zu setzen. Es handelte sich um die Auflockerung alten historischen Bodens im guten wie im schlimmen Sinne. Geist stand hier gegen kleinliche und egoistische Hemmung, freies Schweifen gegen die Gebundenheit der Scholle, ein idealistischer Menschheitsbegriff gegen Volk und Landschaft. Dieser Gegensatz enthielt bereits den Zwiespalt, unter dem der junge Jean Paul in Leipzig und später litt. Europäertum und heimische Landschaft, Geist und Liebe, Losgelöstheit und völkische Gebundenheit kämpften um seine Seele, und in letzter Zuspitzung: Humor und dichterische Verklärung. Wie waren diese Mächte früher in der mittelalterlichen deutschen Seele miteinander verbunden gewesen! Der Dichter an der Schwelle des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert konnte sie nicht mehr miteinander verschmelzen. Er fühlte ihre in der Tiefe liegende gemeinsame Wurzel. Wohl gelang es ihm, beide noch hier und dort ineinanderströmen zu lassen. Das Lachen mit der Träne im Wappen war sogar die eigentliche Domäne seines Schaffens. Und doch fühlte er bereits den Widerriß zwischen Ernst und Humor. Mitten in seinem Wesen tat sich ein Erdspalt auf, die Welt klaffte auseinander. Es war Abgrund im Wesen seines Volkes, den er deutlich spürte. Zwei Gewalten gingen in ihm einander an. Ein Dämon zwang ihn, den Gesang seiner Darstellung irgendeines bizarren Einfalls halber zu unterbrechen. So stark war dieser Dämon, daß er ihn selbst den »Titan« mit Purzelbäumen zu umpflanzen zwang, und er konnte sich nicht anders retten, als daß er den vier ernsten Bänden satirische 651 Anhänge gab, um wenigstens die Einheit dieser tragischen Begebenheiten zu retten. Beide Mächte waren gleich stark in ihm. Mochte der liebende Ernst sich allmählich in schwerem Ringen bei ihm durchsetzen, so mußte er doch immer wieder in das kalte Bad der Satire untertauchen, zum Schaden des Ganzen, wie er selbst deutlich fühlte. Das virtuosische Spiel mit dem glänzenden Einfall; die freie Unendlichkeit, die das liebevoll gehegte Endliche verschlang, – um diesen Zwiespalt kam er nicht herum. Wir verstehen jetzt, daß er erst diese Partien der »Vorschule der Ästhetik« hinter sich haben mußte, ehe er die »Flegeljahre« vollenden konnte, in denen dieser Zwiespalt zum Schicksal wird. Es war kein Zurückgleiten in die unproblematische Welt seiner früheren Idyllendichtung, es war im Gegenteil das Hochreißen dieser anscheinend so idyllischen Welt in die Höhe seiner tiefen und fast verzweifelten Fragestellung. Auch hier, wie im »Titan«, handelte es sich um die katastrophale Spannung innerhalb des deutschen Wesens. Das aber war jetzt das Große an dem neuen Werk, noch über den »Titan« hinausgehend: daß er diese Probleme in ganz unproblematisches »Dasein« hineinprojizierte, daß er sie nicht auf ihre letzte Formel, aber auf ihr letztes und schlichtestes Sein zurückführte; keine geistigen Gegensatzwelten aufbaute, sondern einfach das Leben zweier Brüder darstellte, von denen der eine, Walt, eine innerliche, besinnliche Dichternatur, der andere, Vult, ein schweifender Virtuose ist. Beide Brüder suchen ineinander zu schmelzen in dem richtigen Gefühl, daß sie nur in Lebensgemeinschaft das Leben meistern können, daß jeder für sich etwas entbehren muß: Walt die Beherrschung der alltäglichen Kleinigkeiten, Vult die tiefe Liebe zu allem Menschlichen. Wie die Brüder um diese ideale Lebensgemeinschaft ringen, wie sie zusammenziehen, um ganz füreinander zu leben, ja sogar ein einziges Buch miteinander 652 zu schreiben, das ihre Doppelnatur zur Einheit binden soll, – wie sie sich dem ungeachtet doch immer weiter voneinander entfernen und schließlich auseinandergehen, – das ist der Inhalt dieses merkwürdigen Romans, der ein humoristischer ist gerade dadurch, daß er die tiefe Verlorenheit des Humors in dieser endlichen Welt zur Darstellung bringt, und ein heilig ernster gerade dadurch, daß er die komischen Seiten eines unbeholfenen und ausgelieferten Dichtertums aufzeigt. So stellt sich dieser Roman, von allen Jean Paulschen der einfachste und eingängigste, im Grunde als der komplizierteste und problematischste heraus. Er wurde niedergeschrieben, als der Dichter schon die »Levana«, dieses »deutscheste« seiner Werke, unter dem Herzen trug. Und diese beiden Bücher: »Flegeljahre« und »Levana«, gehören zueinander. In ganz unproblematischer Freiheit geben sie die letzten, wieder schlicht und einfach gewordenen Resultate eines ganzen problematischen Daseins. Gegen den humoristischen, lebenauflösenden Einfall ist der Roman gewendet. Aber er strotzt von den bizarrsten Einfällen eines sich überschlagenden Humors. Man kennt die Freude Jean Pauls an komischen Situationen. Er wurde nicht müde, solche Situationen zu erfinden und für alle Fälle in seinen Studienbüchern bereitzustellen. Es ist das Erbe der englischen Humoristen, die auf ihn frühzeitig Eindruck machten, einen Eindruck, der durch das ganze Leben fortwirkte. Jean Paul liebt es, mit einer solchen komischen Situation mitten in die Handlung hineinzuspringen und sie langsam von diesem Schnittpunkte aus aufzurollen. (Im Gegensatz zu E. T. A. Hoffmann, der meistens harmlos und alltäglich beginnt und erst allmählich den Leser in die Schlingen seiner immer krauser werdenden Phantasie lockt.) – Der Beginn der »Flegeljahre« ist ein Meisterstück in der Erfindung einer 653 solchen Situation. Ihr Geheimnis ist, daß sie nicht nur an sich von überwältigender Komik ist, sondern zugleich einen fruchtbaren Ausgangspunkt für die Handlung bildet, die sich aus dieser Situation loszurollen hat. Der Roman beginnt mit der Eröffnung des van der Kabelschen Testaments. Sieben Erben des reichen Herrn van der Kabel, des Krösus der Residenz Haslau, haben sich mit ihrem Depositionsschein auf dem Rathause von Haslau eingefunden. Als Oberexekutor des Testaments fungiert der regierende Bürgermeister selbst. Herr van der Kabel hat aber folgendermaßen testiert: Die sieben anwesenden Erben, da sie oft versichert haben, daß ihnen an der Person des Erblassers mehr gelegen als an seinem Vermögen, erhalten vorderhand – nichts. Ausgenommen das Haus in der Hundegasse, welches jenem Verwandten zufallen soll, der früher als die übrigen sechs Nebenbuhler eine oder ein paar Tränen über den Dahingeschiedenen vergießen kann vor einem löblichen Magistrate, der es protokolliert. Bei dieser Bestimmung hält der Testamentsvollstrecker im Vorlesen inne, um mit dem ganzen Gericht aufzumerken, wer zuerst die begehrten Tränen vergösse. Alle Sieben versuchen durch ernstes Sinnen ihr Pumpwerk in Bewegung zu setzen. Nur Flitte, der Elsässer, springt vor Vergnügen hoch und schwört, nicht imstande zu sein, bei einem solchen Spaß zu weinen. Der Kaufmann Neupeter sieht aus wie eine kranke Lerche, die man mit einem eingeölten Stecknadelkopf – das Haus war der Knopf – klistiert. Der Buchhändler Pasvogel denkt an alles Rührende, was er teils im Verlag, teils in Kommission hat. Der Polizeiinspektor Harprecht macht Flitten auf das Unzulängliche seines Tuns aufmerksam: falls er Lachtränen ins Auge bekomme, würden sie ihm nicht das Haus zutreiben. Der lustige Flitte aber antwortet, daß er nur zum Spaß, nicht aus ernsten 654 Absichten lache. Der Frühprediger Flachs sieht aus wie ein reitender Betteljude, mit welchem der Hengst durchgeht. Der Kirchenrat Glanz, gewöhnt, sich früher als seine Zuhörer zu rühren, fängt eine erbauliche Rede zu Ehren des Toten an. Aber noch ehe er sich vor seinen Zuhörern gerührt hat, ruft der Frühprediger Flachs, betrübt aufstehend: »Ich glaube, meine verehrtesten Herren, – ich weine.« Ihm schwimmt demnach auf einer Zähre das Haus in den Beutel. Der Vollstrecker fährt im Lesen des Testaments fort. Zum Haupterben setzt Herr van der Kabel einen Jüngling aus dem Dorf Elterlein ein, von dem er zweimal im Dunkeln eine Tat sah und einmal am Tage ein paar Worte hörte. Auf diesen Jüngling baue er nun ewig. Er habe dreißigmal mehr im Kopfe, als er selbst von sich denke. »Nur hat er das Böse, daß er erstlich ein etwas klastischer Poet ist, und daß er zweitens . . . auch am Stundenzeiger schiebt, um den Minutenzeiger zu drehen. Es ist nicht glaublich, daß er je eine Studenten-Mausefalle aufstellen lernt; und wie gewiß ihm ein Reisekoffer, den man ihm abgeschnitten, auf ewig aus den Händen wäre, erhellet daraus, daß er durchaus nicht zu spezifieren wüßte, was darin gewesen und wie er ausgesehen.« Dieser Jüngling heißt Gottwalt Peter Harnisch und ist der Schulzensohn von Elterlein. Hiermit ist uns der Hauptheld der »Flegeljahre« vorgestellt. Kabel, sein Gönner nach dem Tode, aber will ihn zum Charakter und zur Weltgewandtheit erziehen. Deshalb hat er in das Testament Bestimmungen aufgenommen, durch die sich Walt das Erbe erst verdienen muß. Er soll einen Tag Klavierstimmer sein, ein Vierteljahr Notarius, einen Monat lang das Gärtchen des Erblassers als Obergärtner bestellen, einen Hasen schießen, als Korrektor zwölf Bogen durchsehen, eine Meßwoche mit Herrn Buchhändler Pasvogel beziehen; er soll bei jedem 655 der Akzessiterben eine Woche lang wohnen und alle Wünsche des zeitigen Mietherren, soweit sie sich mit seiner Ehre vertragen, gut erfüllen; er soll eine Woche auf dem Lande Schule halten und endlich ein Pfarrer werden. Dann erhält er mit seiner Vokation zum Pfarrer die Erbschaft ausgehändigt. Für jedes Versehen in diesen verschiedenen Stationen wird ihm ein Teil des Erbes entzogen und jenem Akzessiterben zugeschrieben, in dessen Dienst der Fehler begangen worden ist. Man sieht voraus: das Testament ist so angelegt, daß dem weltunkundigen Jüngling am Ende aller dieser Stationen nichts bleiben wird. Aber an Welt- und Menschenkenntnis wird er so viel gewonnen haben, daß er als reifer Mensch und vielleicht als ein Dichter aus diesem Erbgang hervorgeht. Damit ist der Gang des Romans bestimmt. Aber auch der Roman selbst wird testamentarisch gefordert. Es solle ein Schriftsteller gewonnen werden, der die Geschichte des Erben aufschreibt. Für jedes Kapitel solle dieser Autor ein Stück aus dem Kunst- und Naturalienkabinett des Erblassers erhalten. Als dieser Autor wird natürlich J. P. F. Richter ausgewählt. Nach den ihm zufallenden Stücken der Kabelschen Sammlung benennt er die einzelnen Kapitel, etwa »Bleiglanz« oder »Katzensilber aus Thüringen«. Die Testamentsszene ist zugleich das erste Kapitel des Romans, die Antwort des Autors auf die ehrenvolle Aufforderung des Testamentvollstreckers das zweite. Im dritten Kapitel » Terra miraculosa Saxoniae « macht uns der Autor mit einer Dichtung des Universalerben bekannt, die zugleich ein Kabinettstück Jean Paulscher Kleinkunst ist, wie sie uns den Helden in seiner Liebe für das idyllische Landpfarrerleben vorführt. »Das Glück eines schwedischen Pfarrers« ist der Aufsatz betitelt und etwa mit den Farben von Jean Pauls Konjekturalbiographie ausgeführt. Wir fühlen: wenn Walt die verschiedenen 656 Stationen seines Erbganges hinter sich hat, dann kann ihm wohl das ländliche Glück zuteil werden, das er hier als einen unerfüllbaren Traum aufgezeichnet hat. Das eigenartige Testament hat wie ein Lauffeuer die Stadt durchmessen. Mancher junge Mann sattelt ein Pferd, um nach Elterlein zu reiten und den Erben zu sehen. Er ist aber immer auf die Felder oder in die Berge gelaufen. Der General von Zablocki, der ein Rittergut im Dorfe Elterlein hat, läßt seinen Verwalter in die Stadt kommen, um ihn über den Erben auszufragen. In Haslau ist gerade ein reisender Flötenspieler van der Harnisch angekommen, den viele für den Erben halten, da dieser ja Harnisch heißen solle. Der Wirt zum weichen Krebs erzählt seinen Gästen, daß der Schulz in Elterlein tatsächlich Harnisch hieße. Er hätte zwei Söhne. Der eine wäre ein Spitzbube und im vierzehnten Jahre mit einem Flötenspieler, wie dieser Herr van der Harnisch, durchgegangen. Über den zweiten könne der Herr Kandidat Schomaker, der ja Schulmeister im Dorfe Elterlein sei, die beste Auskunft geben. Der Schulmeister ist in der Tat gerade anwesend und berichtet über den sagenhaften Erben, der sein früherer Schüler wäre. Er sei edel von Gesinnung und mache vortreffliche Gedichte, die Walt selbst Streckverse nenne, die ihrer Natur nach aber Polymeter wären. Bei diesen Worten fängt der reisende Flötenspieler Feuer. Denn er ist niemand anders als der einst seinen Eltern davongelaufene Zwillingsbruder Walts, selbst Quoddeusvult, kurz Vult genannt, und er ist nach Jahren wieder in die Heimat gekommen aus Liebe zu dem Bruder. Wie man sieht hatte Jean Paul hier einen seiner eigenen Brüder im Auge, dem er nun im Roman die eine Hälfte des eigenen Wesens gab. Zwei Brüder und sogar Zwillingsbrüder, beide Repräsentanten der zwei verschiedenen Naturen Jean Pauls selber, 657 und beide zugleich Ausdruck der beiden miteinander unvereinbaren Seiten des deutschen Wesens. Walt: blond, versonnen, gutmütig und schwerfällig, eine rennende, schmale, jubelnde Figur, wie er beschrieben wird, ganz jener Kandidat Richter, der durch die Berge von Töpen und Schwarzenbach irrte. Vult: mit schwarzem Haar und schwarzen Augen, ungebärdig, händelsüchtig, pockennarbig und stämmig. Vult hat sogar gewisse Roquairolzüge, die Jean Paul wohl seinem Freunde Thieriot entnahm, zu denen er aber auch bei sich selbst das Vorbild fand. Walt repräsentiert das reine Dichtertum Jean Pauls, Vult seinen Humor, sein freies Schweifen, seine boshafte Satire. So haßt Vult den Adel, die Schauspieler und die Ehe, während Walt voller Ehrfurcht zu diesen Institutionen aufschaut. Vult besucht sein Heimatdorf, dem er als Knabe entlaufen ist. Voller Grimm denkt er an seine Kindheit im Hause des strengen Vaters und der beschränkten Mutter zurück. Hier begegnet uns Jean Pauls eigene Kindheit in einem andern Licht, wie er sie gewiß auch des öfteren angesehen hat und wie sie in seiner Selbstbiographie darzustellen ihm die Waltische Pietät verbot. Vult kommt gerade, ohne sich zu erkennen zu geben, in Elterlein an, als Walt der damaligen Sitte gemäß in seinem Elternhause das juristische Staatsexamen ablegt. Bei dieser Gelegenheit erfährt er auch von dem Testament des Herrn van der Kabel. Vult, der in einem Baume versteckt Zeuge dieses Vorganges ist, beschließt sofort, dem unpraktischen Bruder zu helfen und ihn glücklich durch die Gefahren der einzelnen Bestimmungen hindurchzulancieren. Bald kann er sich dem Bruder eröffnen. Walt reitet am nächsten Tage nach Haslau. Es ist jener Ritt, der erste und letzte, den Jean Paul zu seiner Prüfung vor dem Baireuther Konsistorium als Mulus unternahm. Vult weiß es einzurichten, daß er 658 dem Bruder unterwegs begegnet. In dem »Wirtshaus zum Wirtshaus« treffen die Brüder zusammen, und auf einem Abendspaziergang zu dem Kirchhof gibt sich Vult dem Bruder zu erkennen. Seliges Jubilieren erfüllt diese Szene. Wie aber hat sich Walt auch nach einem Freundesherzen und nach der großen Welt gesehnt, die sich ihm jetzt auftut! Gerade am Tage vor seinem Examen hatte er eine Begegnung, die wie ein herrlicher Auftakt zu einem Leben voll Freiheit und Reichtum ist. An einem Fichtenwäldchen nahe dem Dorf fand er eine Kutsche und unweit davon einen »bejahrten Mann mit kranken Augen, der die schöne Gegend im Sonnenuntergang ansah.« Niemand anders als Herder ist mit diesem Mann gemeint, der ja einst durch Hof fuhr und, wie er Jean Paul bei dem ersten Zusammentreffen in Weimar erzählte, beinahe ausgestiegen wäre, um den jungen Dichter, der so schwärmerische Briefe an ihn geschrieben, zu besuchen. Seitdem hatte Jean Paul sich immer wieder dieses Zusammentreffen, das so viel für ihn bedeutet haben würde, ausgemalt. In den »Flegeljahren« lieh er seinem Helden dieses Erlebnis, das so nahe an ihm vorbeigegangen war. Walt hatte an der Ähnlichkeit mit veröffentlichten Kupferstichen sogleich den großen Mann erkannt, der hier als »der deutsche Plato« bezeichnet wird. In seliges Entzücken versetzt es ihn nun, daß dieser bedeutenden Begegnung mit dem Abgott der eigenen Seele sogleich die schicksalsvolle mit dem lange ersehnten und vermißten Bruder folgt. Einen Abend und die Nacht verleben die Brüder in der ersten Freude ihres Wiedersehens. Am nächsten Vormittag kommt der Vater die Chaussee entlang gegangen und nimmt den jungen Notarius nach Haslau mit, während Vult, um dem Vater nicht zu begegnen, verschwunden ist. Walt steigt bei dem Kaufmann Neupeter ab, wo er eine 659 kleine Wohnung gemietet hat. Dann muß er auf das Rathaus gehen, um sich dort den Miterben vorzustellen. Von dem Bürgermeister werden ihm die einzelnen Bestimmungen der Erbschaft noch einmal vorgelesen. Er glaubt, allen Anforderungen leicht nachkommen zu können. Noch immer in Seligkeit über das Leben, das sich ihm aufgetan, über die Erbschaft, die ihm winkt, über die Zukunft und die Gegenwart richtet er sich in seinen Zimmern bei Neupeter häuslich ein. Die Wohnung ist mit dem scheußlichsten Rumpelzeug bestellt, er aber hält die Einrichtung für zu reich und bequem. Während er noch damit beschäftigt ist, seine Habe, die ihm nachgefahren worden, unterzubringen, tritt Vult in das Zimmer. Die wenigen miteinander verlebten Stunden haben schon den ganzen Gegensatz der beiden Brüder ans Licht gebracht. Vult ist ein Filou und Menschenkenner und -verächter. Um zu einem in Haslau geplanten Konzert größeren Zulauf zu haben, hat er ein Inserat aufgesetzt, in dem er bekannt gibt, daß er schwer augenkrank ist, und er wird noch mehrere Inserate folgen lassen, um schließlich das Konzert als Blinder zu geben. Walt kann kaum seinen Unmut über diese Lügen zurückhalten, aber mit brüderlicher Liebe sieht er über diese »Narben des Reiselebens« hinweg. Die Brüder haben verabredet, einen gemeinsamen Roman zu schreiben, den sie »Hoppelpoppel oder das Herz« nennen wollen. Vult offenbart sich als der Verfasser der »Grönländischen Prozesse«, und Jean Paul zeigt hier also deutlich, welche Seite seines Wesens er durch Vult verkörpert wissen will. Freudig macht sich Walt an die Arbeit an dem Roman, dessen poetische und ernste Teile er übernommen hat, während Vult die satirischen und humoristischen Bestandteile schreiben will. So beginnt das Haslauer Leben für Walt mit herrlichen Aussichten. Zugleich ist es das erste Stadium seines Erbganges, den er 660 begonnen. Nach den Bestimmungen soll er abwechselnd bei den Erben wohnen und ihnen zu Diensten sein und außerdem eine Zeitlang das Notariat ausüben. Er ahnt noch nichts von den schweren Gefahren, von denen er umgeben ist. Vult, der gerissene, warnt ihn. So selig auch Walt über den wiedergefundenen Bruder ist, so ist seine Sehnsucht nach einem wirklichen Herzensfreund durch den Bruder noch keineswegs befriedigt. So sehnte sich einst auch der junge Leipziger Student über die Freundschaft der Oerthel und Hermann hinaus nach engeren und höheren Bindungen, und die Freunde mögen auch damals, wie jetzt Vult, mit Bitterkeit dieses Unbefriedigtsein durch ihren Verkehr vermerkt haben. An einem Sonntagnachmittag geht Walt in das Rosental, ein Vergnügungsetablissement, das an das gleichnamige Leipzigs erinnert. Die ganze vornehme Welt von Haslau ist dort versammelt. Walt erregt als Haupterbe van der Kabels allgemeines Aufsehen. Der stets lustige und verschuldete Elsässer Flitte, wie erinnerlich einer der Akzessiterben, erregt seine Sympathie. Durch Flittes Vermittelung lernt er auch die Neupeterschen Damen kennen, in deren Hause er wohnt. Aber sein ganzes Herz wird angezogen von einem feurig schönen Jüngling, der zu Roß ins Rosental gekommen ist und durch seine im Vorübergehen von Walt aufgefangenen Worte über Philosophie, Dichtung und Schiffsbau seine Bewunderung erregt. Es ist der Graf Klothar. Vult sieht mit Bitterkeit zu, wie der geliebte Bruder im Kielwasser dieser stolzen Fregatte segelt und keinen Blick von dem Herrlichen abwendet, während der junge Graf sich durch Walts Anstaunen lediglich belästigt fühlt. Der Graf wohnt in einem Gartenhause. Wult besucht jetzt täglich diesen Garten, um den Angeschwärmten zu treffen, findet aber keine Gelegenheit, sich ihm zu nähern. Eines 661 Morgens bestellt ihn ein Bote des Generals Zablocki, dem bekanntlich die eine Hälfte des Dorfes Elterlein gehört, heraus zu einem Notariatsakt, wenige Stunden später wird er durch den gleichen Boten wieder abbestellt. An der Wirtstafel erfährt er, daß die Eheklauseln zwischen Wina Zablocki und dem Grafen Klothar aufgesetzt werden sollten. Wie erstaunt er über diese Verbindung zwischen den beiden Menschen, denen sein Herz gehört. Wina hat ihn nämlich einst in seiner Knabenzeit als kleines Mädchen besucht, als er krank an den Blattern lag und fast erblindet war, und ihre Stimme war ihm unvergeßlich geblieben. Seit jener Zeit bewohnte die kleine Wohltäterin in seinem Herzen eine heilige Kammer. Und nun war sie gar die Verlobte des Grafen Klothar! An der Wirtstafel erfuhr er auch, daß es mit der Verlobung des Grafen und Winas eine besondere Bewandtnis und mancherlei Schwierigkeiten hatte. Der General und seine Tochter waren Katholiken. Die in Dresden wohnende Mutter gehörte der protestantischen Kirche an. Protestantisch war auch der Graf. In dem Ehekontrakt war also vieles zu bedenken, und der junge Notar vermutete, daß infolge dieser Schwierigkeiten die Aufsetzung des Instruments noch hinausgeschoben worden wäre. Auf anderm Wege suchte er sich den beiden geliebten Menschen zu nähern. Das Testament schrieb ihm ja vor, einen Tag lang Klaviere zu stimmen. Als Klavierstimmer gedachte er, mit Klothar oder Wina in Verbindung zu kommen. Aber unter allen, die sich auf sein Inserat gemeldet hatten, waren weder sein Mietherr, der Kaufmann Neupeter, noch Zablocki, noch der Graf. Das einzige Ergebnis des Stimmtages war, daß er nach den Bestimmungen des Testaments durch 32 zerrissene Saiten um 32 Beete auf dem Erbgrundstück ärmer geworden war. Indessen ergab sich bald eine Gelegenheit, dem Grafen 662 bekannt zu werden. Neupeter hatte Geburtstag und lud seinen Mietmann zu einem Diner ein, auf dem auch Klothar anwesend war. In dem Tischgespräch glaubt Walt an des Grafen innerste Seele gerührt zu haben, ohne zu bemerken, daß der Graf nur leichthin Konversation gemacht. Nach dem Essen geht man im Park spazieren. Auch hier sucht Walt sich dem Herrlichen vergeblich zu nähern. Hingegen findet er einen von dem Grafen verlorenen Brief von Winas Hand. Auf Vults Konzert sieht er die Göttin seiner Träume dann endlich selbst. Flitte zeigt sie ihm neben Raphaela Neupeter. Vom ersten Augenblick an weiß er, daß sie die Liebe seines Lebens ist. Durch den aufgefundenen Brief hofft er, sich ihr oder ihrem Bräutigam nähern zu können. Er sucht das Haus des Generals auf, wird aber nur von diesem selbst empfangen und gibt ihm den Brief ab. Der General ersieht aus dem Schreiben seiner Tochter an den Grafen, daß dieser einen Religionswechsel von seiner Braut verlangt, und löst darauf die Verbindung. Nichtsdestoweniger fährt Walt fort, den Grafen zu lieben, der durch ihn das Teuerste, wie er denkt, verloren. Vult heckt einen Plan aus, wie Walt ganz nahe an den Grafen herankommen könne. Er will dem Grafen als Flötenspieler von Adel seine Aufwartung machen und im Park vor ihm musizieren. Walt könne von ihm als Freund und Verwandter gleichen Namens, also als Adliger, mitgebracht werden. Auf Vults Stube wird der Bruder mit Hilfe eines Friseurs in einen vornehmen Reisenden verwandelt. So suchen die beiden den Grafen auf. Und wirklich: da Klothar den Notar für einen Standesgenossen hält, überläßt er ihm seine Hand zum Druck und ist im Begriff, ihn als Freund anzunehmen, als Walt in seiner Ehrlichkeit sich zu erkennen gibt. Der Graf braust auf. Fast kommt es zu einem Duell zwischen Klothar und Vult. Im Augenblick durchschaut 663 Walt die ganze innere Hohlheit seines Idols. Die Brüder kehren in Vults Stube zurück. Walt entledigt sich seiner Verkleidung. Vult flicht ihm den alten bürgerlichen Zopf, und Tränen strömen den beiden ungesehen aus den Augen. In unendlich zartem Überwallen gesteht Vult seine Eifersucht auf den Grafen. Ein neues Herzensband schlingt sich um die brüderlichen Herzen. Bald erhält Walt Gelegenheit, in das Haus des Generals Zablocki zu kommen. Dieser gibt ihm erotische Memoiren zu kopieren. Täglich sitzt Walt in dem Zimmer, in der Nachbarschaft der geliebten Wina, und öfters kann er ihre Singstimme hören, die ihn zu Liebestraumkühnheiten begeistert. Wina hat den Grafen, wie sich herausstellt, nicht sonderlich geliebt, sondern sich mehr aus treuer Kindesliebe mit ihm verlobt, weil sie mit seinem Reichtum dem verschuldeten Vater zu helfen gedachte. Die Trennung erschüttert sie deshalb auch nicht allzusehr. Die Nähe der Geliebten dauert übrigens für Walt nicht lange. Schon nach einigen Tagen fährt Wina mit ihrem Vater zur Leipziger Messe. Unterdessen hat der lustige Flitte, von Schulden bedrängt, sich zu einem ebenso lustigen wie durchtriebenen Streich entschlossen. Wegen seiner Gläubiger wohnt er in einem Glockenturm, durch enge und steile Treppen vor lästigen Besuchen geschützt. Als aber jetzt selbst diese Treppen ihn nicht mehr vor dem Ruin bewahren können, fingiert er zu sterben und läßt Walt als Notar kommen, um sein Testament aufzusetzen. Selbst Neupeter, dessen Tochter Raphaela er heiraten möchte und die er längst gewonnen, ist in diesem Testament bedacht, um den Vater zur Einwilligung zu bringen. Mit einem Arzt, dem er Geld schuldig ist, ist verabredet worden, daß dieser ihn nach dem Testament durch eine Wunderkur retten wird, so daß der Arzt sich durch einen erhöhten Ruf bezahlt machen 664 kann. Walt ahnt von diesem durchtriebenen Streich nicht das mindeste. Mitleidig sieht er Raphaela Neupeter weinend im Garten stehen und geht zu ihr, um sie über den Verlust des Geliebten zu trösten. Aber das weiße Schnupftuch des Türmers, das verabredete Zeichen für Flittes Tod, will nicht am Turm erscheinen. Seit Winas Abreise hat Walt selbst einige Reisetage geplant, weil ihn die von Wina verlassene Stadt bedrückt. Eines Tages wandert er ins Freie, sieht Pestiz von fern liegen und die Chaussee, die nach Leipzig führt. Die fernen Pestizer und Lindengebirge liegen zwischen ihm und Wina, deren Bild ihn ständig umschwebt. Er gibt sich der Seligkeit des Wanderns hin, offen allen Eindrücken, die in ihn einströmen. Kein Kind, das ihn nicht entzückte, kein Bettler, dem er nicht aus geträumtem Überfluß abgäbe. Die mit Beeten gesäumten Felder lachen und jubeln, und jede Wirtsmahlzeit wird ihm zu einer Opferfeier. Er sieht Brautwagen und Kirchen, Bildermänner und Geburtshelfer, und alle spiegeln ihm tausendfältig das schöne eilende Leben. Aber seine Reise ist von seltsamen Zeichen begleitet. In einem Dorfe redet ihn der Wirt bei Namen an. In einem andern findet er in einem Kinderschreibheft seinen Namen eingeschrieben. In einem Bilderbuch ist ein Januskopf mit seinem und Vults Gesicht eingezeichnet, und als er in einer ihm gänzlich unbekannten Stadt Altfladungen umherschlendert, gibt ihm der Postreiter einen Brief von Vult ab. Vult aber schreibt, daß er alle bisherigen Stationen von Walts Reise lebhaft geträumt habe und deshalb mit Erfolg nach Altfladungen an ihn schreiben könne. Selbst von der unheimlichen Maske, der Walt in dem Wirtshaus eben begegnet ist, weiß Vult schon. Er sagt voraus, daß die Maske abends um acht Uhr das Zimmer verlassen und eine Stelle im Garten bezeichnen werde, an der Walt 665 dann einige alte Friedrichsdors finden werde. Und wirklich trifft alles ein. In einem Maulwurfshügel findet Walt die alten verrosteten Geldstücke. Aber weiter ist ihm der Weg prophezeit: An Joditz wird er nächsten Tages vorübergehen, St. Lüne links liegenlassen, dann durch eine Landschaft voller Lustschlösser nach Rosenhof kommen, nachdem er auf einer Fähre die schäumende Rosana überquert. Man sieht, daß Jean Paul hier in den romantischen Namen seiner Romane und des eigenen Lebens wühlt. In dem Gasthaus ist auch eine Theatertruppe eingekehrt, mit der der unheimliche Maskenherr allerhand Scherze treibt. Die Naive der Truppe, Jakobine Pamsen mit Namen, tut es Walt an. Da die Truppe am nächsten Tag nach Rosenhof geht, um dort zu spielen, wird er den Voraussagen von Vults Brief folgen und ebenfalls nach Rosenhof gehen. An der Fähre stößt er unvermutet auf den Reisewagen des Generals Zablocki, der mit seiner Tochter von Haslau nach Leipzig fährt. Seine Seligkeit ist grenzenlos. Der General lädt ihn zum Essen im Gasthof ein und läßt ihn nach der Mahlzeit sogar mit der Tochter allein, weil er im Garten die hübsche Jakobine Pamsen getroffen hat. Köstliche, verschwärmte Minuten, bis der Liebende selbst in die Hände Jakobinens fällt. Während einer Nachtmusik dringt sie unter einem Vorwand in sein Zimmer. Walt hat keinen andern Gedanken, als ihren guten Ruf zu schützen. Schon will er, um einen etwaigen Eindringling, der vielleicht Böses von der schönen Schäkerin denken könnte, abzuhalten, die Tür verriegeln, als die seltsame Maske von draußen ins Zimmer geworfen wird und Jakobine mit einem Aufschrei flüchtet. Für den nächsten Morgen ist mit dem General und Wina eine Bergpartie verabredet. Unter einem Wasserfall treffen sich die Blicke Walts und Winas. Beide fühlen sich wie in 666 einen Himmel gehoben. Ein Scherzwort des Generals reißt ihre Herzen auseinander. Man kehrt nach Rosenhof zurück. Der Wagen des Generals ist reisefertig, und im Augenblick ist die kleine Gesellschaft mit allen leise angesponnenen Beziehungen auseinandergerissen. An einem Tag läuft er, Wina im Herzen, nach Haslau zurück. Aus dem Schalloch des Turms guckt lustig der wiederhergestellte Flitte. Vult galt der erste Besuch. Es stellte sich heraus, daß Vult den Bruder auf Schritt und Tritt begleitet hatte. Er war der seltsame Mann in der Maske gewesen, er hatte die Friedrichsdors, die Walt in der Erde fand, kurz vorher dort eingegraben, er hatte die Maske ins Zimmer geworfen, als Walt von Jakobine beinahe um seine Unschuld gebracht worden wäre, was sehr bedenklich, weil es ihn nach den Bestimmungen des van der Kabelschen Testaments um die Hälfte der Erbschaft gebracht hätte. Immerhin wurde ihm in der gleich darauf abgehaltenen Erbschaftssession für zehn nachweisbare Notariatsfehler genügend abgezogen; nämlich jeder der sieben Akzessiterben durfte sich aus dem Kabelschen Wäldchen vor der Stadt zehn Bäume abholzen. Walt beschloß, die nächste Zeit, da Vult nach Rosenhof gereist war, um dort ein Konzert zu geben, dazu zu benutzen, eine neue Station der ihm auferlegten Erbpflichten zu absolvieren, und er wählte die sechste Klausel, nach der er bei jedem der Erben je eine Woche lang wohnen sollte. Als ersten Mietherrn ersah er den fröhlichen Flitte, welcher denn auch froh in einem Kaffeehause zwei schöne Zimmer mietete, um mit Walt und auf Kosten des Nachlasses eine schöne Woche zu verleben. Mit einer Umarmung und einem guten Frühstück ging die Woche an. Noch nie hatte Walt ein Leben wie das des fröhlichen Elsässers kennengelernt. Es war ein Tändeln und Tänzeln von einem Zimmer, von einem Bekannten 667 zum andern. Die Hauptzeit aber brauchte Flitte, um seine andrängenden Gläubiger hinzuhalten. Das Kaffeehaus mußte wegen des mahnenden Wirts schon am zweiten Tage gewechselt werden. Man zog in die leere Wohnung des Dr. Hut, jenes Arztes, der durch seine Wunderkur an Flitte berühmt geworden war. Aber auch hierher folgten die Gläubiger nach und drangsalierten zu Walts Qual den unschuldigen freigebigen Menschen. Am Nachmittag des letzten Tages nahm Flitte seinen testamentarischen Mietmann zu Raphaela mit, die er zum Geburtstag ihrer Mutter malen wollte. Hier ereilt den Elsässer das Verhängnis in Gestalt eines Kaufmanns aus Marseille, der einen Wechsel Flittes einkassieren kommt. Auch Vult kommt in diesem Augenblick aus Rosenhof zurück. Flitte hat kein Geld und soll in den Schuldturm, wenn er nicht wenigstens einen Bürgen stelle. Walt erklärt sich zur Bürgschaft bereit. Vult tobt gegen diesen Entschluß, aber Walt bleibt fest. Der Marseiller Kommis verläßt befriedigt das Haus. Nur Vult ahnt, daß sein gutmütiger Bruder durch die Bürgschaft sein gesamtes Erbe aufs Spiel gesetzt hat. Immerhin ist die Erbstation bei Flitte ohne eine Einbuße am Erbe absolviert. Kurze Zeit darauf kommt Vult auf den Gedanken, zu dem Bruder auf das Zimmer zu ziehen, teils aus Liebe, teils wegen des gemeinschaftlichen Romans, an dem sie noch immer schreiben, teils wegen des ersparten Mietzinses. Das Zusammenleben der Brüder, das nun beginnt, ist vielleicht das Innigste und Schönste, was Jean Paul überhaupt geschrieben hat. Jean Paul beginnt die Schilderung dieses Winters mit einem Tagebuch Vults, in dem dieser den eigentlichen Zweck seines Hinüberziehens angibt: Auch er liebt Wina und hat sich das Fenster in Walts Zimmer zum Sitz ausersehen, um in den Garten hineinsehen zu können, in dem Wina oft mit 668 ihrer Freundin Raphaela wandelt. Walts Liebe zu Wina ist ihm unbekannt geblieben, vielmehr glaubt er den Bruder in Raphaela verliebt. In diesem Zimmer, durch eine künstliche Theaterwand in zwei Teile geteilt, spielt sich nun, ähnlich wie in der kleinen Wohnung des Armenadvokaten im »Siebenkäs«, der Roman dieses Zusammenlebens der beiden Brüder ab, die sich immer mehr ineinander zu versenken suchen und doch immer mehr, schon durch die gemeinschaftliche Liebe zu Wina, von der keiner von beiden weiß, voneinander entfernen. Tagüber schreiben sie an dem Roman »Hoppelpoppel oder das Herz«. Draußen legt sich der Winter auf den Garten. Die Einkünfte der Brüder hören auf. Vult verdient nichts mit Konzerten, Walt bekommt keine Notariatsakte zu machen. In ihrer Not beschließen sie, den ersten Teil des Manuskriptes an einen Verleger zu senden. Ihre Wahl fällt auf Herrn Dyk in Leipzig, bei dem ja bereits der Leipziger Student mit Manuskripten hausiert hatte. Vult trägt das Paket mit einem stolzen Begleitschreiben auf die Post, »um einmal wieder die Welt zu sehen«. Überhaupt werden die Leipziger Zeiten wieder durch den Dichter beschworen. Walt geht in die Hofkirche, um Eindrücke der großen Welt zu gewinnen und sie desto sicherer in dem Roman abmalen zu können. Es ist genau wie damals, als der junge Richter Wand an Wand mit seinem Oerthel in der Petersstraße wohnte und seine Manuskripte in der Welt umherirren ließ. In der Enge seiner kleinen Zimmerwelt ist Walt überglücklich. Vult hingegen drängt es allmählich wieder ins Leben zurück. Er geht in der Dämmerung aus, besucht Kaffeehäuser und Lustbarkeiten. Walt muß sich dabei überraschen, daß ihm die Einsamkeit süßer schmeckt, wenn der Bruder ausgegangen ist. Ungestört kann er dann seinen Träumereien nachhängen. Wir ahnen, daß das Siebenkäs-Lenette-Schicksal 669 sich dunkel zwischen den Brüdern aufrichtet. Wie aber wird es weiter werden, da eines Tages Wina wieder in der Stadt ist und jeden Tag im Garten erscheinen kann? Vorderhand aber erschien der Setzer des Buchhändlers Pasvogel, um den ersten Korrekturbogen zu bringen, von denen Walt nach den Bestimmungen des Testaments zwölf zu korrigieren hatte. Diesmal ging es mit einundzwanzig Fehlern ab. Vult bot indessen das Manuskript der Brüder Herrn Pasvogel selber an und machte es dabei, wie es Jean Paul auf der Leipziger Messe einst mit dem Verleger Hartknoch gemacht hatte: daß er dem Buchhändler einen Brief überreichte, als dessen Verfasser er dann selbst auf einmal vor ihm stand. Die Antwort Pasvogels ist der wirklichen Hartknochs nachgezeichnet. Statt eines freundlichen Einverständnisses weist der Buchhändler kühl ab und hat noch nicht einmal den Witz verstanden. Aber es kommt wirklich der Tag, da die Zofe Winas im Hause erscheint und Raphaela Neupeter einen Brief der Freundin bringt und an Walt einen Brief des Generals selbst, der ihn auffordert, im Abschreiben der erotischen Memoiren forzufahren. Einen ganzen Tag lang hat Walt im Hause des Generals zu tun. Ein letzter Tag, aber er bringt den Stein ins Rollen. Wina setzt sich zu dem Abschreiber und verrät deutlich ihr Interesse an seiner Person. Aber schließlich wissen wir nicht, ob sie über ihn nicht nur die Verbindung mit Vult sucht. Wina will ihre Freundin Raphaela zum Neujahrstag durch ein Ständchen in der ersten Frühe überraschen. Vult, so hat sie sich ausgedacht, soll ihren Gesang mit seiner Flöte unterstützen. Aber zugleich soll Vult, den sie für den Verfasser der gefühlvollen Streckverse in der »Haslauer Zeitung« hält, ein solches Gedicht verfassen und in Musik setzen. Ganz überrascht ist Walt, daß auch Vult Streckverse im Blatt 670 veröffentlicht habe. Wina sagt ihm einen auf, und es ist ein von Walt selbst verfaßter, den er nun von den Lippen der Geliebten genießt. Als Wina hört, daß Walt alle Polymeter gemacht, »blühte sie auf wie das Morgenrot, das die Sonne verspricht«. Nun bittet sie ihn, ein Gedicht für Raphaela zu machen, das Vult komponieren soll und das sie mit Begleitung der Flöte am Neujahrsmorgen singen wird. Walt verspricht alles und noch mehr. Auch Vult sieht hinter Winas Vorschlag ein Land der Verheißung aufdämmern. Nichts anders kann er glauben, als daß Wina den Weg zu ihm sucht. Beide Brüder arbeiten nebeneinander, um in das Neujahrskarmen ihr ganzes Herz hineinzulegen. Gegen Abend wird der Teich des Gartens unter ihrem Fenster von Schnee gesäubert, und die drei Mädchen treten mit Schlittschuhen heraus, um Eis zu laufen. Wie der Blitz ist Vult unten, läßt sich von einem Kommis Neupeters ein Paar Schlittschuhe geben und mischt sich in den Lauf der Mädchengestalten mit kühnen Bogen und Kurven. Walt steht, das Gedicht und die Komposition unter dem Rock, am Ufer und bewundert den Lauf des Bruders, der in immer kühnerem Schwung Wina umgleitet und einfängt. Vult merkt nicht, daß Wina immer wieder dem unbeweglichen Bruder am Ufer zustrebt. Dieser selbst wagt es nicht zu bemerken. Kaum vermag er vor innerer Erregung der Geliebten das Lied einzuhändigen. Ein Zablockischer Diener kommt und zerstört die Idylle. Aber der Neujahrsmorgen liegt mit aller seiner Verheißung vor ihnen beiden. Das alte Jahr verbringen die Brüder bei einer Flasche Sekt, für die Vult seinen Kredit in dem Gasthaus aufgeboten hat. Morgens um vier Uhr hat Engelberta Neupeter, Raphaelas Schwester, sie herunter bestellt, weil das Ständchen beginnen soll. Engelberta und Wina sind bereits in das 671 Feuerhäuschen am Teich hineingeschlüpft. Vult überredet den Bruder, die Musik lieber aus der Ferne zu hören, da sie dann besser klinge. Er geht zu den Mädchen und hat sich fest vorgenommen, Wina seine Liebeserklärung während des gemeinsamen Musizierens zu machen. Aber wie anders verläuft alles, als der siegesgewisse Vult gedacht. Wina erfaßt, als sie seine Reden verstanden, seine Hand und sagt, daß sie ihre Liebe ihm, wenn sie ihn liebte, stolz gestehen würde. Aber ihr Herz gehöre einem andern. Ernst setzt Vult seine Flöte zusammen, und sie beginnen mit dem Lied. Walt ist in das Rindenhäuschen getreten, um Winas Gesang zu lauschen. Nach dem Lied tritt auch die Sängerin hinein und findet Walt »mit dem Auge auf dem Monde, mit dem Geiste in dem blauen Äther«. Er sinkt vor ihr nieder, sie legt die Hand auf seine Haare. Sie hebt ihn sanft auf. Raphaela stürzt herein, um zu danken. Schweigend gehen die Brüder auf ihr Zimmer. Am Montag sollte Walt die Geliebte wiedersehen. Aber die Redoute wird durch Landestrauer verschoben. Die Brüder leben, ohne zu sprechen, nebeneinander her. Vult rast und verwünscht Stadt und Quartier. Die Armut beginnt auch Walt zu drücken, da er zur Redoute einen Maskenanzug haben muß. Zum Unglück kommt das Manuskript von einem Buchhändler wieder zurück. Eines Tages erscheint Flitte und bietet Walt zum Maskenfest im Namen Raphaelas das Berghabit ihres Vaters als Kostüm an. Bis dahin hat Vult geglaubt, daß Walt in Raphaela verliebt wäre. Nun sieht er an Flittes freundschaftlichem Verhalten, daß vielmehr der lustige Elsässer und Raphaela ein Paar sind, und plötzlich dämmert ihm die Erkenntnis, daß er bei Wina von seinem eigenen Bruder ausgestochen ist. Auf der Redoute, schwört er sich selber, dahinterzukommen. 672 Am Balltage verläßt Vult bereits morgens die gemeinsame Wohnung. Walt muß sein kärgliches Mahl allein einnehmen. Abends kleidet er sich in das Berghabit Neupeters und bindet nur noch eine blaue Fuhrmannsschürze aus dem Besitz Vults unter. Voller Erwartung betritt er den Festsaal. Wilde, Ritter, Geistliche, Mohren, Göttinnen, Juden, Tiroler, Soldaten umschwirren ihn. Am meisten zieht ihn ein herumrutschender Riesenstiefel an, der sich selbst trägt. Ein altväterischer Schulmeister mit einem Riesenbakel sieht ihn strafend an, so daß er sich scheu in die Menge zurückzieht. Noch immer hat er weder Vult noch Wina gesehen. Endlich trifft er eine Schäferin und eine Nonne und erkennt in ihnen Raphaela und Wina. Flitte entführt Raphaela zum Tanz, er steht mit Wina allein und tanzt nun auch mit ihr fort. Aber Wina muß für sein Tanzen ihre ganze große Nachsicht aufbringen, denn er tanzt naturgemäß abscheulich. Dennoch läßt sie ihm auch den nächsten Tanz, den er, in einem Zuge von Tanzen und Dahingleiten schwärmend, mit ihr herunterrast. Endlich ruft ihn eine weibliche Maske, die Hoffnung darstellend, von hinten an. Es ist Vult, der ihn in ein Nebenzimmer lockt. Erfreut will er den Bruder umarmen, dieser aber wehrt ab und beschwört ihn nur, die Maske mit ihm zu tauschen. Eine seltsam heiße Wüstendürre und Fieberhitze bricht hinter Vults Maske hervor. Walt kann natürlich nicht anders, als dem Wunsch des Bruders willfahren. Nur wegen des Englischen, den er mit Wina tanzen wollte, trägt er Bedenken. Aber Vult redet ihm zu, ihn, den Tanzgewandten, mit Wina in seiner Maske tanzen zu lassen. Alle Erklärungen seines Vorhabens werde er ihm morgen geben. Walt willigt, wenn auch widerstrebend, ein. Sie tauschen die Kleider. Vult tanzt den Englischen mit Wina, die überraschend auffährt, als sie die plötzlich hervorbrechende Tanzkunst ihres 673 Partners, den sie für Walt hält, innewird. Im Augenblick hat der von seiner Liebesverzweiflung Getriebene das Ja ihrer Liebe von ihr heraus. Hingerissen legt sie sich in seinen Arm, in immer kühnerem Umschwingen sich drehend. An den Englischen schließt sich der Walzer. Selig wiegt sie sich in den Armen des vorgetäuschten Geliebten, und dunkel ahnt uns, daß es im Grunde doch nicht der lebenabgewandte, eigenbrötlerische Notar ist, dem ihre Liebe gehört, daß hier beim Tanz etwas Neues in ihr wach wird, weit über den Traum ihrer Liebesphantasie hinaus in ihr Blut zurückschlagend. Walt ist inzwischen von einer andern Maske ins Nebenzimmer gelockt worden. Hier reißt sie ihm und sich die Masken ab, und es ist die Schauspielerin Jakobine Pamsen, die vor ihm steht. Ehe er zur Besinnung kommt, hat sie ihre Lippen auf seinen Mund gedrückt. In dem Augenblick betritt der General Zablocki, der der alten Bekannten aus Rosenhof nachgeschlichen ist, den Raum. Walt entläuft in den Saal zurück, mit Mühe in der Eile die Maske vorbindend. Vult und Wina aber sind verschwunden. Vult ist nach Hause geeilt und hat hier einen Abschiedsbrief an Walt zu schreiben angefangen. Noch einmal stellt er ihre beiden Charaktere gegeneinander und zieht das Fazit ihres Zusammenseins: »Ich lasse dich, wie du warst, und gehe, wie ich kam.« »Wir beide waren uns einander ganz aufgetan, so wie zugetan ohnehin . . . aber vergebens schreibe ich außen ans Glas meinen Charakter mit leserlichen Charakteren: du kannst doch innen, weil sie umgekehrt erscheinen, nichts lesen und sehen als das Umgekehrte. Und so bekommt die ganze Welt fast immer sehr lesbare, aber umgekehrte Schrift zu lesen.« Eine verzweifelnde Bitterkeit faßt ihn während des Schreibens. Die beiden Seiten von Jean Pauls 674 eigenem Charakter halten hier ihre große Abrechnung, und siehe: Jean Paul selbst ist hier bitter gegen sich selber geworden. Wohl hat er in Walt sein eigenes Dichtertum, dieses treuherzige, schwerfällige Dichtertum verkörpert. Aber recht, im tiefsten Sinne recht, gibt er doch jenem frei schweifenden Geist, der unter allen Anstrengungen und Bitternissen der Welt sich selbst treu bleibt, tausendfach gehetzt und gejagt, mit Schwielen des schweren Lebens überdeckt und voller Wunden, und unglücklich das Leben, das ungebrochene Dasein der unangreifbaren Wina-Naturen liebend und von ihnen verkannt und zurückgestoßen und nur unter fremder Maske ihnen das Ja ihrer Liebe entreißend, fast stehlend. Das Roquairol-Motiv in neuer Beleuchtung. Während er noch schreibt, hört er den Bruder vom Feste kommen. Er stellt sich schlafend. In Tanzseligkeit kommt Walt vom Fest zurück, Melodien vor sich hinsingend und ihnen Liebesworte unterlegend. Vult, um packen zu können, stellt sich schlafwandlerisch und packt unter sinnlosen Redensarten seine Sachen zusammen. Als er fertig ist, scheint er wie aus einem Traum zu erwachen. Mit Mühe kann ihm der Bruder beibringen, wo er ist, dann sinken sie beide in Schlaf. Auf einmal wacht Walt auf und weckt Vult, um ihm einen Traum zu erzählen, den er eben gehabt: Wie ein Chaos wollte die unsichtbare Welt auf einmal alles gebären, Bäume wuchsen aus Blumen, Wolkensäulen mit Gesichtern und Blumen brachen auf. Über weitem leeren Meer schwamm das Weltenei. Ein Strom mit der Leiche der Venus fährt durchs Meer. Es schneit helle Sterne, der Himmel wird leer, an Stelle der Mittagssonne leuchtet eine Morgenröte. Aus dem Meergrunde steigen wie aus Bergwerken unzählige Menschen auf und werden geboren. Eine dicke Grubennacht quillt ihnen nach. Auf einmal ist nichts als ein stilles glattes 675 Meer. Aus dem Meer aber bricht die »böse Feindin« wie Licht durch Glas und redet also: Ich soll dir das älteste Märchen erzählen, aber das uralte Märchen wohnt tief in der hintersten Weltecke. Auf einmal liegt es das Meer hinauf voller reißender Tiere, die im Schlafe sprechen und einander von uraltem Blutdurst und Heißhunger erzählen. Der bösen Feindin wachsen ihre Floßfedern zu riesengroßen Schwingen auf. Der Träumer versinkt in die geflügelten Wogen eines wolkenhohen Meeres, schneidet wie ein Pfeil durch die lange Wüste, immer in der gläsernen Fläche. Draußen liegt »das rechte Land«, von dem leise Töne kommen. Tief hinten im Lande steigen Welten hoch, in der Mitte dreht sich ein Spinnrad, an das die Sterne gereiht sind. An einer Lilie hängt ein Bienenschwarm, eine schwarze Nachtblume wächst gierig in den Himmel. Im rechten Lande schläft alles, nur die Liebe träumt. Ein scharf blitzendes Sternchen quillt am Himmel hoch, ein breiter Blitz legt sich vor das Land. Alles ist verändert. Sterne, Töne, Blumen, alles waren nur Kinder gewesen, die sich liebend umarmen. Die hohe Bildsäule des Donnergottes steht in der Mitte. Ein Kind ums andere fliegt auf seinen steinernen Arm, von dort zur nächsten Wolke, liebend einander beim Aufschweben helfend. Aber das eine Kind entfliegt und verliert sich wie ein ferner Ton. Der Morgenröte gegenüber steht eine neue Morgenröte auf, wie zwei Chöre rauschen beide gegeneinander. Die Kinder sind Götter geworden und sehen sehr ernst nach Morgen und Abend. Die Donnerchöre schwellen ab, zwei Sonnen kommen empor. Amor fliegt im Osten, Psyche im Westen auf, zwei Töne nur, sehr ernst, als sagte Gott sich das erste Wort. Auf einmal steht die böse Feindin wieder im Wasser, aber frierend vor dem gewaltigen Sturm, der kommen wird. Die Unermeßlichkeit gärt zu unzähligen Hügeln auf und zum himmelhohen 676 Sturm, aber tief am Horizont wallet ein sanftes Morgenrot hoch. – Dies ist der Traum, den Walt dem aufhorchenden Bruder erzählte. »Was sagst du zu meinem Traum?« fragte er Vult. Der aber antwortet: »Du sollst es sogleich hören in dein Bett hinein«, nimmt die Flöte und geht blasend die Treppe hinunter und immer weiter bis zum Posthaus. Noch von der Gasse herauf hörte Walt die entfliehenden Töne, denn er merkte nicht, daß sein Bruder mit ihnen entfloh. –   Dies ist der Inhalt der »Flegeljahre«. Nicht ohne Absicht wurde der letzte Traum Walts mit solcher Ausführlichkeit erzählt. Denn er gab den Anlaß zu Philipp Otto Runges phantastischer Allegorie »Tageszeiten«, einigen Blättern, die wie Jean Pauls Dichtung ebenfalls dem Bewußtsein unserer Zeit verlorengegangen sind. Vorwegnehmen möchten wir auch, daß die Ballszenen auf der Redoute in ihrem malerischen Durcheinander den »Papillons« von Robert Schumann zugrunde liegen, die ohne die Dichtung fast unverständlich sind. So wirkte das Buch auf die Besten der Zeitgenossen und der unmittelbar folgenden Generation ein, während es merkwürdigerweise auf die weiteren Kreise des deutschen Volkes zunächst ohne Wirkung blieb. Erst die »Levana« erzog ein neues Publikum zur Liebe Jean Pauls. Nirgends läßt sich der stille Wechsel in Jean Pauls Schaffen deutlicher erkennen als an diesem Umschwung des Publikums. Der »Hesperus« hatte ihm die ersten Begeisterten in Scharen zugezogen. Wir sprachen bereits davon, wie gerade die Mitglieder der sich selbst auflösenden Adelskaste sich in seinen Personen, in Viktor und Klothilde, wiederzufinden glaubten. 677 Damals hatten sich die entfesselten Frauen der Adelsklasse ihm zu Füßen geworfen. Als der Dichter im »Titan« seiner Zeit und insbesondere dieser Klasse titanischer Menschen den Spiegel vorhielt, hatten sie ebenso rasch seinem Werk den Rücken gedreht. Jetzt war Jean Paul zu seinem eigentlichen Gebiet zurückgekehrt. In der Figur des Grafen Klothar wird seine Umstellung besonders deutlich. Erst langsam lernte die aufwachsende Generation ihn kennen. Ihr galt er ja noch immer als der Dichter der sentimentalen Epoche, der romantischen Liebessehnsucht. Und doch war wiederum die Freundesliebe in den Mittelpunkt seines Denkens getreten. Nicht um Walt und Wina konzentriert sich das Interesse des Romans, sondern um Walt und Vult. Schicksal sprach sich nicht mehr in dem Sichfinden der Liebenden aus, sondern in den tieferen Spannungen zwischen zwei Menschen, als sie auf der Basis der Erotik möglich sind. Darin liegt der eigentliche Fortschritt der »Flegeljahre«, und dadurch wird das Hineinwachsen des Dichters in eine neue Periode seines Schaffens dokumentiert. Aus den durch Karl Freye ans Licht gezogenen Vorarbeiten zu dem Roman wissen wir, wie mühsam sich diese Umstellung vollzog. Zunächst hatte Jean Paul nur im Sinn, den Anhangbänden des »Titan« eine »der titanischen entgegengesetzte Fixleinsche Historie« beizufügen, die sich mit einem einzigen Helden, dem Notarius Gottwalt oder Gotthold Blitz, begnügen sollte. Doch enthält der erste Anhangband zum »Titan« bereits eine Skizze »Die Doppeltgänger«, die Geschichte eines zusammengewachsenen Zwillingspaares, also eine groteske Vorwegnahme der »Flegeljahre«, aus der sich dann schließlich die Geschichte der Zwillinge Walt und Vult herausentwickelte. Zunächst aber führte sich Jean Paul selbst als den Zwillingsbruder des Helden ein und wollte der Geschichte den Titel »Geschichte meines Zwillingsbruders« geben. Erst 678 bei dem dritten Anlauf kristallisierte sich das Brüderpaar der »Flegeljahre« heraus. Von Anfang an waren die »Flegeljahre« als ein Entwickelungsroman angelegt. Auch wenn der den Roman äußerlich zusammenhaltende Gedanke des van der Kabelschen Testaments erst später eingefügt wurde, sollte Walt durch wechselnde Schicksale zum Dichter hinaufgeläutert werden. Gerade durch die Gegenüberstellung der beiden Brüder hätte der Entwickelungsgedanke fruchtbar gemacht werden können, und doch schreibt Vult in seinem Abschiedsbrief, daß er den Bruder verläßt, wie er ihn gefunden, und geht, wie er gekommen. Schon im »Hesperus« bemerkten wir, daß eine eigentliche Entwickelung des Helden fehlt. Viktor ist am Ende des Romans nicht viel anders als im Eingang. Und so bleiben sich auch hier die Brüder gleich. Sollte die Entwickelungsidee dem Dichter unter den Händen verlorengegangen, sollte ihm die Kraft ausgegangen sein, eine solche Entwickelung zu zeichnen? Oder liegt das Problem nicht vielleicht doch tiefer? Noch soeben im »Titan« hatte Jean Paul eine enorme Aufwärtsentwickelung seines Helden zu gestalten vermocht. Hier ließ er diese Absicht wohl von Beginn an fahren. Die beiden Seiten des eigenen Wesens schwebten ihm in den Brüdern Harnisch vor. Tief griff er in der Handlung auf die eigenen Jünglingsjahre zurück. Deutlich lag der Ablauf seines Lebens vor ihm von der Joditzer Kindheit bis zur Baireuther Gegenwart. Und wenn er nach der Entwickelung der eigenen Persönlichkeit fragte, so fand er vielleicht auch hier keine greifbare Kurve, und das Nacheinander löste sich in einem Nebeneinander auf. Es ist seltsam, wie wenig man bei Schaffenden von eigentlicher Entwickelung sprechen kann, abgesehen von der plötzlichen oder allmählichen Entfaltung des inneren Stoffes und der Technik. Wenn man die Briefe des Kandidaten Richter 679 aus der Töpener und Schwarzenbacher mit denen der Baireuther Zeit vergleicht, so sind die ersteren in Einzelheiten des Bildungs- und Weltstoffes vielleicht noch befangen und ungelöst, aber der Mensch dahinter ist derselbe, wie er auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft steht. Und wirklich handelt es sich bei Jean Pauls Entwickelung mehr um das Nebeneinander des rein dichterischen Menschen und des Humoristen als um das Nacheinander besonderer Einstellungen. Mit Dichteraugen schaute der junge Mulus in die Welt, als er seinen Jugendroman »Abelard und Heloise« schrieb. Dann bekam der Satiriker die Oberhand unter dem Eindruck der rationalistischen Strömungen, die über Deutschland lagerten. Und allmählich durchbrach wieder das rein Dichterische die rationalistischen Oberschichten, doch ohne sie ganz sublimieren zu können. Der Dichter und der Humorist, sie lebten als zwei verschiedene Wesen in Jean Paul nebeneinander, sich gegenseitig störend und aufhebend und die letzte Harmonie verhindernd. Die »Flegeljahre« waren der Ausdruck dieser Doppelnatur. Man kann das Fehlen eines ausgleichenden Entwickelungsmomentes in dem Roman vermissen, aber er wäre künstlich hineingetragen erschienen und hätte die Wahrheit des inneren Bekenntnisses vernichtet. In dieser Zweiheit gab es keine Entwickelung, nur das Schwingen der Seelenkräfte zwischen den Polen. Zugleich aber hatte dieses unauflösliche Nebeneinander seinen tiefen Sinn. Hier offenbarte sich mehr als die persönliche Antinomie Jean Pauls, offenbarte sich zugleich der ewige Zwiespalt des deutschen Wesens, dessen Ausgleich die ewige Aufgabe des Deutschseins ist, das ewig Aufgegebene, dem die Erfüllung nur in der Idee und eben nur als Aufgabe zuteil wird. Ein Werk, in dem dieser unauflösliche Zwiespalt sich dokumentierte, mußte notwendig seinem ganzen Wesen nach 680 Fragment bleiben. Das Motiv Walt–Wina konnte freilich leicht in einem folgenden Bändchen zu einem Ende geführt werden. Aber zu welchem? War es zu denken, daß aus Wina und dem Träumer Walt ein glückliches Paar wird? Schon beim Schluß des »Siebenkäs« mußte dieser Gedanke auftauchen. Damals war Jean Paul allerdings noch ein Feuergeist, der die glänzenden Frauen der großen Welt leicht in seinen Bann zwingen und unter seine Gewalt bringen konnte. Jetzt war die Jugendkraft von ihm abgefallen. Walt hatte die Innerlichkeit des Armenadvokaten, die sich immerhin auch schon störend zwischen ihn und Natalie drängen mußte, zur äußersten Verinnerlichung gesteigert. Viel weniger als Siebenkäs konnte er imstande sein, auf die Dauer eine Tänzerin und Schlittschuhläuferin wie Wina zu fesseln. Auch schon in diesem Motiv war ein unauflöslicher Konflikt gegeben. Eher hätte man einer Verbindung Vult–Wina ein günstiges Prognostikon stellen können, wenn der frei schweifende Vult von irgendeiner Verbindung überhaupt einzufangen gewesen wäre. Der tiefen Grundlosigkeit seines Wesens ging Wina bewußt aus dem Wege, bereit, sich unter das Joch des reinen Gemüts zu beugen. Und doch kommt es bei ihrem Tanz mit Vult zum Vorschein, wie ihre Frauennatur im Grunde dennoch nach einem ins Grenzenlose Schweifenden verlangt, den nicht zu Fesselnden fesseln möchte. Wie wir das Problem auch wenden wollen, überall stoßen wir auf seine Unauflöslichkeit. Jean Paul hatte selbst ein sicheres Gefühl dafür und hat es deshalb nie ernstlich ins Auge gefaßt, das Werk fortzusetzen. Nur ein Motiv war restlos zu Ende geführt, das, worauf es ihm von Anfang an ankam: der Gegensatz Walt–Vult. Hier waren die letzten menschlichen Tiefen ausgeschöpft. Die Brüder hatten die engste Gemeinschaft gesucht, um sich wieder voneinander fort zu wünschen. 681 Es blieb nichts anderes übrig, als daß Vult, der Flüchtige, sein Ränzel schnürte, um seine heimatlose Wanderung über die Erde fortzusetzen, unfähig, sich der Scholle zu vermählen, sich an das Gegebene zu binden. Als Vult, die Flöte spielend, zum Posthaus wandert, ist ein Lebenskreis durchschritten. Hier stemmte sich ein gewaltiges Ende allen weiteren Fortsetzungsversuchen entgegen. Zwei ewige Menschentypen waren gegeneinander gesetzt. Sie bedurften einander, um gemeinsam des Lebens Harmonie zu finden. Aber ihre Gemeinsamkeit wiederum war unmöglich. Jedes Wesen schloß das des andern aus mit einer unerbittlichen Notwendigkeit. Jeder Schritt des einen mußte zum Triumph über den andern werden. Es gab gar nichts anderes. In diesem einen Punkte, dem Hauptpunkte, war der Roman zu Ende. Was noch sonst aufzulösen übrigbleiben mochte, war unauflöslich. Jean Paul hatte mit den »Flegeljahren« sich und damit einen wesentlichen Teil des deutschen Menschen auf die äußerste Formel gebracht. Die Antinomien, die hier klaffend blieben, waren die Antinomien des deutschen Menschen. Ein großer Dichter hatte in seinem reifsten Werk sein Wesen zum Wesen seines Volkes erweitert. 682   Politische Schriften Vier ungeheure Arbeiten hatten die Wanderjahre Jean Pauls beschlossen. Die Anfänge des »Titan« hatten ihn aus Hof in die Welt von Weimar hinausgehoben. Noch ehe die Arbeitsepoche mit den »Flegeljahren« und der »Levana« vollendet war, hatte er sich in die Heimat zurückbegeben, nach Baireuth, in das alte »Mekka« seiner Seele. Am 12. August 1804 langte die Familie in Baireuth an und nahm zunächst auf dem Markt in der Schloßapotheke beim Registrator Schramm Wohnung, zog dann nach kurzer Zeit in die Friedrichstraße zum Justizkommissär Fischer, endlich, im Jahre 1811, in das Haus des Bankiers Schwabacher, Friedrichstraße 384. Kurze Zeit nach der Übersiedelung nach Baireuth wurde Jean Pauls zweite Tochter Odilie geboren. Schon in den Jünglingsphantasien hatte er sich vorgestellt, daß er drei Kinder haben würde. Seine Wünsche waren in dieser Hinsicht nun befriedigt. Es heißt, daß er sich von dieser Zeit ab von seiner Frau zurückzog, da er ein viertes Kind nicht mehr verantworten zu können glaubte. Bald nach der Übersiedelung war jedenfalls die bis dahin glückliche Ehe zerstört. Die Kinder freilich behielten die warme Atmosphäre des Elternhauses ihre ganze Kindheit hindurch. Sie blieben des Vaters höchstes Glück. Im übrigen aber lebte er wie ein Junggeselle, sah die Familie eigentlich nur zu den Mahlzeiten, die auf den Glockenschlag pünktlich beginnen mußten, wenn er sein Mittagsmahl nicht lieber, wie es bei gutem Wetter und im 683 Sommer fast regelmäßig geschah, in der Rollwenzlei einnahm. Auch in dem eigenen Garten arbeitete er häufig, lieber aber in dem des Kammerrats Miedel vor dem Eremitagentor. Hier saß er gewöhnlich in einer Laube, von wo er eine herrliche Aussicht über das Flußtal des Weißen Mains, St. Georgen, die Eremitage und die fernen Berge des Fichtelgebirges genoß. Auch in dem von Hagenschen Garten vor dem Friedrichstor hielt er sich gerne auf. Sein Lieblingsaufenthalt aber wurde bald die Rollwenzlei. Noch heute ist das Häuschen der Dorothea Rollwenzel, eine halbe Stunde von der Stadt entfernt auf dem Wege nach der Eremitage, dort, wo die alte herrliche Allee nach links abbiegt, die hauptsächliche Erinnerungsstätte an seinen Genius. Durch die Bemühungen einiger Baireuther Freunde Jean Pauls ist das kleine Zimmer, in dem er dort bei schlechtem Wetter zu arbeiten pflegte, wieder einigermaßen instand gesetzt, und die heutige Besitzerin der Rollwenzlei bietet in Charakter und ihrer treuen Jean-Paul-Ergebenheit vielleicht die genaueste Kopie der unvergeßlich gewordenen Rollwenzelin. Dorothea Rollwenzel war sieben Jahre älter als Jean Paul. Rollwenzel war ihr zweiter Mann. Die Eheleute erwarben das kleine einstöckige Häuschen an der Wegbiegung, in dem sie kurze Zeit darauf eine Wirtschaft einrichteten. Die Konzession erteilte der französische Marschall Junot, weil die Rollwenzelin einen halberfrorenen französischen Soldaten aufopfernd gepflegt hatte. Zu diesem kleinen Häuschen pilgerte Jean Paul fast täglich hinaus. Entweder saß er in dem für ihn bereit gehaltenen Zimmer oder in der kleinen Laube vor dem Hause. Hier sind die meisten Schriften aus der Baireuther Zeit entstanden, von der »Levana« an. Was zog nun den Dichter so stark hierher? Die Aussicht, die er von diesem Häuschen aus hatte und die Besitzerin! Hier lagen 684 die fernen Berge des Fichtelgebirges vor seinem Blick, und malerisch ragte aus der Ferne der Basaltkegel des Rauhen Kulm aus den weicheren und runderen Bergen auf. Es war derselbe Berg, in dem einst sein Großvater seine Gebethöhle sich eingerichtet hatte, und es waren dieselben Berge, hinter denen die Joditzer Frühlinge blühten. Hier lag er seiner Kindheit zu Füßen. Und in Dorothea Rollwenzel war ihm das schlichte Volk verkörpert, dem von jeher seine Liebe gehört hatte. Die fast anbetende Verehrung, die die Rollwenzelin ihm entgegenbrachte, bedeutete ihm die Liebe des ganzen werktätigen Volkes. Das Mitleid mit den Armen und Getriebenen hatte ja von Anfang an im Mittelpunkt seines Denkens gestanden. Noch in der Vorrede zum Siebenkäs und in der »Geschichte meiner Vorrede zur zweiten Auflage des Quintus Fixlein« hatte er davon geträumt, durch sein Schaffen die Tränen der Frauen des armen Volkes zu trocknen und ihre Herzen zu erfreuen. Wohl hatte er inzwischen einsehen müssen, daß in unserer Zivilisation kein Weg von dem Schaffen des Dichters zu den Herzen der armen Volksgenossen geht. Die Kluft zwischen Gebildeten und Ungebildeten war unüberbrückbar. Hier aber hatte das menschliche Herz die Brücke geschlagen. Der Dichter und die Frau aus dem Volke verstanden und liebten sich und fanden sich in herzlicher Arbeitsgemeinschaft. Was er ihr bieten konnte, war wenig, und es kann wohl als ausgeschlossen gelten, daß sie ein näheres Verhältnis zu seinem Schaffen gehabt hat. Aber aus seiner Persönlichkeit heraus verstand sie ihn und richtete sich das Werk, das hinter diesem von ihr angebeteten Menschen stand, nach ihren eigenen Maßen in ihrer Phantasie zurecht. Viel mehr als er ihr konnte sie ihm geben. Nicht nur den delikatesten Kaffee und den schmackhaftesten Braten, sondern das liebevollste Aufpassen auf seine kleinsten Wünsche, 685 die Atmosphäre des Volkes, aus dem er stammte. Das war wohl der Hauptanziehungspunkt für ihn. Die schönsten Frauen der großen Welt hatten ihm zu Füßen gelegen, jetzt aber fühlte er sich in der Rollwenzlei noch mehr zu Hause als selbst bei seiner eigenen Frau. Seine Kindheit stieg bei der Rollwenzelin vor ihm auf. Sie hatte keine Ähnlichkeit mit seiner Mutter, aber doch muß sie ihm diese Mutter irgendwie verkörpert haben. Sie schlug den Bannkreis seiner Jugend wieder um ihn. Die Rollwenzelin hat sich nach Jean Pauls Tode zu einigen Besuchern über ihr Verhältnis zu dem Dichter geäußert. »Es konnte ihm«, sagte sie zu Wilhelm Müller, »keiner so recht machen wie die alte Rollwenzeln, und er hat viel, sehr viel auf mich gehalten. Aber ich habe ihn auch gepflegt; wie einen Gott auf Erden habe ich ihn angesehen, und wenn er mein König und mein Vater und mein Sohn zusammen gewesen wäre, ich hätt' ihn nicht mehr lieben und verehren können.« Zu Willibald Alexis sagte sie: »Es gibt nur einen Jean Paul. Viele können auch gut schreiben und was vorbringen, aber den Witz haben sie nicht. Woran ein anderer einen Tag lang schreibt und simuliert, das schreibt meiner in einer Minute.« So hatte sie sich Jean Pauls Bedeutung auf ihre Art zurechtgelegt. »Wie einen Gott auf Erden habe ich ihn gehalten.« Und damit stand sie nicht allein da. Fast klingt dieses Urteil an die Worte von Karoline Herder an, die in Jean Paul den »einzig Lebendigen, den Genius und Heiland seiner Zeit« sah, wie sie ihm nach Erscheinen seiner »Levana« schrieb. »Die Deutschen wünschen sich einen komischen Dichter – die Narren, sie haben Augen und sehen nicht, – sie haben Ohren und hören nicht.« Die Frau aus dem Volke sah und hörte, nicht auf dem Umweg über das geschriebene Wort, sondern unmittelbar. 686 Es ist nur natürlich, daß Karoline sich durch Jean Pauls häufige Abwesenheit vernachlässigt fühlte und in der Tat vernachlässigt wurde. Aber für den Dichter gab es nur das Gesetz seines Schaffens. Er mußte seine Welt suchen und fand sie außerhalb des Hauses und im Hause noch in den Kindern und in seiner Stube. Ihm zu Füßen lag ein Hund, der sein regelmäßiger Begleiter gewesen war, abwechselnd ein weißer und ein schwarzer Spitz, gewöhnlich Ponto geheißen. Auch hatte er stets einige Kanarienvögel in seinem Hause. Wenn er ausging, öffnete er ihnen den Käfig, damit sie sich während seiner Abwesenheit nicht langweilten. Auch Mäuse hielt er sich zuzeiten, und eine Zeitlang gehörte seine besondere Liebe einigen Laubfröschen. Auch ein Eichhörnchen hielt er sich, das bei Spaziergängen auf seiner Schulter saß und das er sogar einmal in der Tasche in die Kirche mitnahm. Von den Tieren ließ er sich tyrannisieren wie von seinen Kindern. Diese hatten jederzeit zu ihm Zutritt. Kein noch so großer Lärm störte ihn beim Arbeiten. Er spielte mit ihnen, erzählte ihnen Märchen und tanzte sogar, wenn sie es verlangten. Im übrigen erzog er sie vollkommen nach den in der »Levana« niedergelegten Grundsätzen. Natürlich spielten die alten Baireuther Freunde in seinem Leben eine große Rolle. Otto war mit Amöne bereits vor fünf Jahren nach Baireuth übergesiedelt. Die alte Wärme hatte diese Freundschaft nicht mehr. In alter unverminderter Herzlichkeit aber blühte der Verkehr mit dem prachtvollen Emanuel, der ihm und der Gattin auch mit praktischen Ratschlägen zur Hand ging, was sich oft als sehr nötig erwies. Von neuen Freunden seien der Medizinalrat Langermann, der Regierungsrat von Dobeneck und der Minister Rechberg genannt. Der spätere Minister von Schuckmann, der Bruder von Jean Pauls einstiger Freundin Henriette, stand als 687 preußischer Kammerpräsident an der Spitze des alten Fürstentums Baireuth. Auch zu ihm ergaben sich bald die herzlichsten Beziehungen. Außerdem lebte Bruder Gottlieb als Steueraufschläger und Rendant in Baireuth. Dies war die Welt, in die Jean Paul mit seiner Übersiedlung nach Baireuth eintrat. Wenige Wochen später sollte die »Vorschule der Ästhetik« erscheinen. Gewidmet hatte er sie dem Herzog Aemil von Gotha, seinem Freunde und Gönner noch aus der Weimarer Zeit. Aemil war bekanntlich einer der entschiedensten Gegner Goethes, der sich schon über den Erbprinzen aufs schärfste geäußert hatte. Wahrscheinlich hat Goethe mit seinem Urteil über diesen liberalsten Fürsten des damaligen Deutschland recht. Wir werden noch sehen, wie wenig zuverlässig sich der Herzog auch Jean Paul gegenüber zeigte. Seit einigen Jahren verband die beiden aber eine herzliche Freundschaft. Der Herzog schrieb selbst »regenbogenfarbige« Märchen voller Witz und Phantasie, und Jean Paul war geneigt, diese Dichtungen vielleicht höher zu bewerten, als sie es verdienten. Der Herzog ordnete sich dem, wie er wohl wußte, hoch über ihm stehenden Dichter bereitwillig unter, spottete mit ihm über die Torheiten und Pedanterien seines eigenen Hofes, besonders in der Zeit, als er noch Erbprinz war, und machte sich ein Vergnügen daraus, sich über die Gesetze der Konvention in jeder Beziehung hinwegzusetzen. Trotz der unzweifelhaften Schattenseiten seines Charakters war der Herzog einer der witzigsten Fürsten seiner Zeit, und es lag für Jean Paul wohl nahe, ihm seine Vorschule zu widmen, in der er gerade dem Witz, der Satire, dem Humor die metaphysische Grundlegung gegeben hatte. Der Verleger der Vorschule, der Hamburger Buchhändler Perthes, ließ das Werk in Jena drucken. Es unterlag also der dortigen Zensur. Noch von Koburg aus hatte Jean Paul 688 sich in einem humoristisch gehaltenen Schreiben an den Herzog gewandt mit der Bitte, ihm die ästhetische Abhandlung widmen zu dürfen. Der Herzog hatte in seiner barocken Manier geantwortet. Jean Paul wußte nicht recht, ob der Herzog die Widmung angenommen habe oder nicht. Jean Paul schrieb noch einmal. Der Herzog antwortete wiederum. Diese Art der Dedikation erschien dem Jenenser Zensor, dem Dekan der philosophischen Fakultät, Professor Voigt, allzu merkwürdig, und er versagte das Imprimatur. Jean Paul schickte nun der Fakultät die Beweise dafür ein, daß dieser seltsame Briefwechsel in der Widmung nur fingiert und mit dem Herzog vorher besprochen wäre. Professor Voigt blieb aber bei seiner Verweigerung der Druckerlaubnis, und die ganze philosophische Fakultät schloß sich ihm einstimmig an. Der Vorfall war um so merkwürdiger, da der Herzog einer der Landesherren der Universität Jena war. Wahrscheinlich hatten die Jenenser Professoren von Weimar aus, wo Goethe Minister war, ihre Weisung erhalten. Zum erstenmal war Jean Paul mit einer Zensurbehörde in Konflikt geraten und sah mit Schrecken, wie tief diese von ihm bisher unbeachtet gebliebene Institution in das geistige Leben einzuschneiden vermag. Bisher war die Zensur in Mitteldeutschland kaum jemals ernstlich in Erscheinung getreten, war bei der allgemeinen Freigeistigkeit des 18. Jahrhunderts zu einer fast nur formellen Angelegenheit geworden. Jetzt machte sich die preußische Vorherrschaft in Deutschland bemerkbar. Es war der Geist Friedrich Wilhelms III., der sich durch dieses straffere Anziehen der Zensur dokumentierte. Aus dem Preußen der Aufklärung war das Preußen der Reaktion geworden. Es gab das Beispiel auch für die mitteldeutschen Staaten. Zu den schweren Zensurkämpfen der Zeit nach den Freiheitskriegen entstand hier der erste Auftakt, zwei Jahre 689 vor der Schlacht bei Jena. Jean Paul aber war nicht gesonnen, sich dieser Institution zu unterwerfen. Zwar mußte die Vorschule ohne die beabsichtigte Widmung erscheinen, aber schon schrieb er eine besondere Schrift über die Zensur, in der er diese Institution mit dem bittersten Spott verfolgte und ihre Abschaffung verlangte. »Freiheitsbüchlein« nannte er die kleine Schrift mit Recht, denn sie rüttelte als erste an einem der Grundpfeiler der geistigen Unfreiheit in Deutschland. Wären nicht die weltumwälzenden Kriege Napoleons in diese Zeit gefallen, würde das Büchlein eine neue Epoche im deutschen Geistesleben eingeleitet, würde es einen geistigen Freiheitskampf eröffnet haben. Die Wirkung des Buches wurde dadurch unterstützt, daß Herzog Aemil nicht nur gestattete, daß die von der Jenenser Zensur unterdrückte Widmung an der Spitze des Buches veröffentlicht wurde, sondern zugleich erlaubte, daß Jean Paul den ganzen mit dem Herzog in dieser Angelegenheit geführten Briefwechsel zum Abdruck brachte. Ja, er ließ nicht einmal die zynischen Partien dieses Briefwechsels ändern. Man kann sich denken, welchen Eindruck es in Deutschland machen mußte, wenn ein Fürst einem Dichterfreunde schrieb: er möge nach Gotha kommen, »um da zu verpissen, was er in Liebenstein getrunken, dabei aber die Perücken seiner Minister verschonen«. Es war ein unerhörter Vorstoß, den hier ein Fürst und ein Dichter Arm in Arm gegen die geheiligte Zensur unternahmen. Und noch ein Dritter trat den beiden Kampfhähnen zur Seite: der Fürstprimas von Dalberg, damals Koadjutor von Mainz, der die kühne Schrift unter seinem Schutz in Erfurt drucken ließ. Damit hatte sich Jean Paul auf ein Gebiet begeben, das ihn während der nächsten Zeit festhalten sollte. Er hatte in die politische Diskussion eingegriffen, und bald sollte sich zeigen, 690 daß er weiter und weiter gedrängt wurde. Zwar hatte er aus seinen politischen Überzeugungen nie ein Hehl gemacht. Aber was er bis dahin politisch geschrieben hatte, war doch mehr akademisch geblieben, trat als Einschiebsel in seinen Romanen oder als unterhaltsame Satire auf. Jetzt aber griff er bestehende Verhältnisse unverblümt und ganz direkt an. Die Folgen sollten sich unmittelbar bemerkbar machen. Infolge des Auftauchens Napoleons am politischen Horizont war eine ungeheure Unsicherheit in das Leben auch in Deutschland gekommen. Niemand wußte, was die nächsten Jahre bringen würden. Man stand unter dem Eindruck kommender Umwälzungen, die ihre Schatten vorauswarfen. Die Lebensstellung eines freien Schriftstellers erschien unsicherer als je. Zwar hatte Jean Paul für seine »Flegeljahre« gerade den Verleger gefunden, der seinen Ruhm darin suchte, den zeitgenössischen großen Dichtern ein sorgenfreies Einkommen zu sichern: Cotta. Cotta zahlte ihm für den Bogen des Romans 7 Louisdors, also etwa das Doppelte von dem, was er für den »Titan« von Matzdorff erhalten hatte. Aber auch Cotta wies auf die drohende Unsicherheit der Zeit hin, die das Publikum von dem Ankauf größerer Werke immer mehr abhielt. Schon bei seiner Verheiratung hatte sich Jean Paul, obwohl auf der Höhe seines Ruhms und seiner Einnahmen stehend, um die Zukunft seiner zu gründenden Familie Sorgen gemacht und war damals bei dem preußischen Hof, an dem er in der Königin Luise eine Gönnerin hatte, um eine Präbende eingekommen. Friedrich Wilhelm hatte aber ausweichend und auf die Zukunft vertröstend geantwortet. Angesichts der allgemeinen Unsicherheit glaubte sich jetzt Jean Paul, zumal ihm im November 1804 das dritte Kind geboren war, um eine staatliche Sicherstellung bemühen zu müssen. Anläßlich einer Fürbitte für Herders Hinterbliebene 691 ließ er auf dem Wege über seinen Schwiegervater und den Erbprinzen Georg von Mecklenburg, den Bruder der Königin, den König an sein damaliges, allgemein gehaltenes Versprechen erinnern. Noch bevor eine Antwort einlief, erschien das »Freiheitsbüchlein«, und Jean Paul mußte durch den Erbprinzen erfahren, »daß Se. Majestät des gegebenen Versprechens sich nicht bestimmt zu erinnern wisse«. Der Dichter reichte nunmehr das damals empfangene Handschreiben des Königs ein, blieb aber wieder ohne Antwort. Im Juni 1805 besuchte das preußische Königspaar das Fürstentum Baireuth und hielt sich insbesondere in dem bei Wunsiedel gelegenen Alexanderbad auf. Auf der Luchsburg bei Alexanderbad wurde der königlichen Familie ein festlicher Empfang bereitet. Die Luchsburg, übrigens keine eigentliche Burg, sondern ein romantisches Felslabyrinth, wurde bei dieser Gelegenheit in »Luisenburg« umgetauft. Damals wurden auch die noch heute bestehenden Luisenfestspiele durch eine kleine Dichtung des Ministers Hardenberg, der an der Spitze der Ansbacher und Baireuther Verwaltung stand, eingeweiht. Zu Hardenbergs kleinem Festspiel »Philemon und Baucis« hatte Jean Paul selbst einige Verse beigesteuert, die er später unter dem Titel »Meine ersten Verse« veröffentlichte. Jean Paul kam, von Hardenberg und Schuckmann geladen, selbst zu der Feier nach Wunsiedel und wohnte dort bei dem alten Freunde Vogel, der inzwischen Superintendent von Wunsiedel geworden war. Zum erstenmal weilte der Dichter wieder in seiner Geburtsstadt, und sicher hat er das kleine Organistenhäuschen, in dem er geboren war und das sehr ähnlich dem Herderhaus in Weimar hinter einer schattenden Kirche liegt, besucht. Die Feier auf der Luisenburg verlief stimmungsvoll. Die hohen Gäste wurden bei ihrem Nahen durch einen »Wechselgesang der Oreaden und 692 Najaden« aus einer Felsengrotte heraus begrüßt. Es waren die »ersten Verse« Jean Pauls, die hierbei erklangen. Ob aber der Dichter durch Hardenberg dem hohen Paare überhaupt vorgestellt wurde, erscheint zweifelhaft. Die Angelegenheit einer Subvention wurde durch dieses Zusammentreffen jedenfalls nicht gefördert. Auf eine erneute Anfrage erhielt er über den Erbprinzen Georg die Antwort, er möchte sich um eine akademische Professur bewerben, auf die er durch seine »Vorschule der Ästhetik« sich einen Anspruch erworben habe. Auch der Minister Freiherr vom Stein schloß sich diesem Rat an. Die nächste freiwerdende Staatssubvention aber erhielt nicht Jean Paul, sondern der flache Unterhaltungsschriftsteller Lafontaine. »Am Ende ist's auch keine Unehre,« schrieb Jean Paul an seinen Schwiegervater, »von Kotzebue und Lafontaine sich unterschieden zu wissen durch Neins!« Dennoch bewahrte Jean Paul der Königin Luise, der er ja nebst ihren Schwestern seinen »Titan« gewidmet hatte, seine liebende Verehrung. Am 19. Juli 1810 starb die Königin. Jean Paul widmete seine damals erscheinende »Herbstblumine« dem Erbprinzen Georg und fügte dem Buch die »schmerzlich tröstenden Erinnerungen an den 19. Juli 1810« an. Auch dem König übersandte er ein Exemplar der »Herbstblumine«. Friedrich Wilhelm antwortete kurz: »Ich habe Ihre ›Herbstblumine‹ erhalten. Es wird Ihnen genügen, wenn ich Ihnen sage, daß Sie mir kein angenehmeres Geschenk machen konnten als mit den schmerzlich tröstenden Erinnerungen an den 19ten Juli 1810, die dieses Bändchen schließen. Ich enthalte mich deshalb aller weiteren Hinzufügungen, und bin Ihr wohlgeneigter Friedrich Wilhelm.« Aber dem Dichter eine Unterstützung zukommen zu lassen, war er selbst nach dem glücklichen Ausgang der Befreiungskriege nicht geneigt. Er sagte einmal zur Henriette Herz über diesen Punkt: »Höre 693 denn doch zu viel diesen Jean Paul herausstreichen. Mag ganz gute Romane geschrieben haben – für den Liebhaber, denn mir war das, was mir davon zu Händen gekommen ist, ein bißchen gar zu kraus – aber dies ist doch ein Verdienst, das sich noch halten läßt. Wie will man erst von einem großen Staatsmann sprechen oder von einem Helden, der das Vaterland gerettet hat? Die Damen verstehen immer das Maßhalten nicht.« Man sieht, der König hatte sich durch Niederbruch und Auferstehung Preußens nicht geändert. Er begriff noch immer nicht, daß hinter der Tat der Geist stehen muß, von dem sie erst Richtung und Wirkung erhält. Während dieser Vorgänge hatte Jean Paul jene Schrift vollendet, die noch vor dem Niederbruch des alten Preußen den Grund zu einem neuen legte: die »Levana«. Vierzehn Tage nach Beendigung der »Levana« brachen Preußens Heere bei Jena zusammen. Kam dieser Zusammenbruch überraschend? Schon jahrelang vorher, mindestens Ende des Jahres 1805, lagen die Mängel der deutschen Staatsverfassungen vor aller Augen. Im November schrieb Perthes, der Hamburger Verleger der Vorschule, an Jean Paul einen Brief, der tief in die Schäden des damaligen Deutschland hineinleuchtet. »Da war nur ein Streben,« schreibt Perthes, »das Hohe, Starke, Große, Tiefe älterer Zeiten in Form und Worten zu erreichen; aber ein Sein fand sich nicht, und fand sich's, wurde es verbuhlt . . . . In alten Zeiten waren die Dichter und Geschichtschreiber die Führer ihres Volks . . . . Es schreibt mir ein glaubwürdiger Mann: ›Die Zeit ist da, wo alle Gleichgesinnten sich einander brüderlich anschließen müssen zu dem Werk der Nationalrettung, und, wenn es mißglückte, wenn das ganze Machwerk, vor dessen Erhaltung die, welche es am wenigsten sollten, die Hände abziehen, zerbrechen sollte, zu fester Einigung, damit der Keim der 694 Erneuerung bleibe, und nicht ein allzu gutes Volk wie wir Deutsche dem Joch der Übermütigen sich unterwerfe. Könnte ich machen, daß alle Rechtliche in diesem Bund vereinigt würden, er sollte der kräftigste sein.‹ – Sie sind ein geistvoller tätiger Mann. Sie haben noch ungefundene Wege, die gerade in des Menschen Herz und Geist führen, betreten, – wären in der Vereinigung, die eine offene und feste sein wird, ein wirksames mächtiges Glied! Wohlan! Wenn Sie mir antworten, wie ich es voraussehe, ein Weiteres! Es gehe, wie es wolle – es komme Freiheit oder es bleibe Knechtschaft. – Deutschland ist noch nicht verarmt! Bei Gott! wenn wir fest sind, so werden wir erdulden, was sonst unerträglich wäre.« Jean Paul antwortete: »Hamburg und die andern Hansestädte sind noch die Arterien des deutschen Reichskörpers; weiter hinein gibt es nur Venen und lymphatische Gefäße. Oesterreich verdient keine Erhaltung, da es seine Untertanen mit einem ewigen geistigen Krieg überzieht und belagert, und aus Mangel an Köpfen gehen ihm nun die Arme verloren. Aber das übrige Deutschland hat noch beides! Ich finde in der alten Geschichte, daß Caesar zwar Gallien besiegte aber nicht Deutschland. In deutschen Regierungsformen ist doch deutscher Geist nicht notwendig eingescheidet. Schon unsre deutsche gelehrte Republik und Kosmopolitie wird ihn und seinen Flammen Ort und Nahrung und Thron verleihen. – Bei den Alten waren die Dichter Geschöpfe der Regierungsform; jetzt sollen sie Schöpfer derselben sein? – Sie werfen ihnen mit Unrecht vor, daß sie über dem Einkleiden das Verkörpern vergessen. Jede Kunst, das Handeln wie das Sprechen, Schreiben, Bilden etc. fordert ein ganzes Leben, und hier ist weiter keine Frage als – Alles oder Nichts. – Demosthenes war auf der Rednerbühne 695 tapferer als auf der Schlachtbühne, und dort ein siegendes Heer, da ein fliehender Mann. Ein Dichter als solcher wirkt auf den Weltkreis; ein Mensch auf den Familienkreis. Wahrlich, in dieser tiefen einsinkenden Zeit, über diesem Morast voll Übel, halten beinahe nur noch die Schriften das Große, Gute, Wahre, Schöne wie mit Flammen und im Äther aufrecht und emporgehoben, und in Bibliotheken wird einst die Auferstehung der geistig Toten sein und ein tausendjähriges Reich anfangen hinter dem Deutschen. – Übrigens teil' ich all Ihre patriotische Glut und knirsche so oft mit den Zähnen als irgendein Deutscher. Alle meine Werke sind wie mein Leben Freigeborene, keine Sklavenkinder irgendeiner knechtischen Absicht. Darum bleib' ich auch arm. Taug' ich in Ihren Bund ebenso gut mit meinen Kräften – bloße poetische tun's nicht – als mit meinen Gesinnungen, welche die Ihrigen sind: so will ich gern ein Dorn, ein Stiel, ein Blatt in diesem Kranze sein.« – Perthes hatte, wie er als Antwort schrieb, nicht an einen festen Bund, sondern mehr an ein »Verständnis« deutscher Männer gedacht. Aber wichtig bleibt dieser Brief Jean Pauls als Auftakt seiner politischen Schriften. »Oesterreich verdient keine Erhaltung.« Das war das Wichtige. In dem Kampf Napoleons gegen die überalterten und anämischen Staatsgebilde Mitteleuropas nimmt Jean Paul Partei für den Genius Napoleons. Es erschien ihm kein Unglück, wenn Österreich unter den Streichen des Korsen hinsank. Deutschland, »das sonst wie eine Schildkröte zwischen zwei entgegengesetzten Schilden, zwischen dem preußischen und dem österreichischen, sich bewegte und deckte«, schrieb er später in seiner »Friedenspredigt«. Das war der springende Punkt. Deutschland war zwischen Preußen und Österreich eingeklemmt. Die beiden Ostreiche, beide auf Kolonialboden entstanden, 696 hatten ein unorganisches Übergewicht in Deutschland erlangt, das die alten deutschen Stammlande ersticken mußte. Jean Paul war also antipreußisch und antiösterreichisch gesinnt, weil er deutschgesinnt war. Diesen Richtungspunkt müssen wir im Auge behalten, wenn wir die kommenden Ausführungen des Dichters verstehen wollen. Er konnte in Napoleon zunächst nicht den Feind Deutschlands sehen, weil er Österreich niederwarf und Preußen bedrohte. Napoleon schien ihm vielmehr die Bahn frei zu machen für eine deutsche Verwirklichung, zu der Jean Paul den verheißungsvollen Anfang im Rheinbund sah. Ein sehr mißverständlicher Standpunkt in der damaligen Zeit. Der Herzog von Gotha, eben noch sein Bundesgenosse in dem »Freiheitsbüchlein«, schrieb ihm denn auch, als sich Jean Paul für eine Gehaltszulage des in Gotha lebenden Bräutigams einer Tochter des großen Schlözer bei ihm bemühte, daß er, der Herzog, nicht imstande sei, alle »alten und neuen Schulden Jean Pauls um Deutschland und Frankreich zugleich in den Lethe zu schleppen«. Und dennoch war gerade Jean Paul Deutschlands treuester Sohn. Varnhagen war erstaunt, als er Jean Paul im Oktober 1808 besuchte, über dessen deutsche Gesinnung. »Was Jean Paul sagte, war tief, verständig, herzlich, tapfer, deutsch bis in die kleinste Faser hinein; kurz, tausendmal besser als seine Friedenspredigt, über die wir uns in Berlin geärgert hatten . . . . Jean Paul zweifelte keinen Augenblick, daß die Deutschen nicht gleich den Spaniern sich erheben, daß die Preußen ihre Schmach rächen und das Vaterland befreien würden; er hoffte, sein Sohn werde es erleben, und wollte nicht leugnen, daß er ihn zum Soldaten erziehe.« Auch hier zeigte sich, daß die »Friedenspredigt« wiederum mißverstanden war. Jean Paul durchdachte das deutsche Problem nur in seiner ganzen Tiefe. Ja, man kann sagen, daß er nach der Schlacht bei 697 Jena keinen andern Gedanken mehr hatte, der nicht der Wiederaufrichtung des Vaterlandes diente. Nur darin sah er eben tiefer als alle andern, daß er die Vorherrschaft Preußens oder Österreichs in Deutschland gebrochen sehen und den Schwerpunkt wieder in die alten Stammländer verlegt wissen wollte. Die Entwicklung ging auch hier anders, als er es ersehnte. Preußen und Österreich gingen gestärkt aus dem Kampf hervor, und der Erfolg war das Ende der deutschen Kultur. Wie Jean Paul mit dem Phänomen Napoleon gerungen hat, davon geben zwei Tagebucheintragungen vom Anfang und Ende des Jahres 1805 Kunde. »Wüßt' ich gewiß, daß Bonaparte Unrecht hätte – und ebenso gewiß alle gerechten Mittel gegen ihn, o so wäre es ja leicht, selbst ein Leben gegen ihn zu wagen durch Schrift. Aber diese Ungewißheit lähmt so fürchterlich den Mut, den kosmopolitischen, der durchaus seine Zwecke in der Folge suchen muß. Dies ist eben, was die Welt verwirrt und aufhält, daß unter so tausend Verwickelungen des Menschenwohles keine aufopfernde Seele so leicht – gebe sie immer das Leben hin – das Rechte ausfindet. Das moralische Prinzip des besten Willens hilft hier nichts, weil ich eben hier Materie brauche für das beste Wollen.« Kants Prinzip des kategorischen Imperativs ließ den Ringenden hier allein. Am Ende des Jahres 1805 schrieb er ins Tagebuch: »Man muß durchaus die Zeit, und Bonaparten in ihr, nicht aus dem Gesichtspunkt der Individualität und Moralität, sondern aus dem der Weltbürgerlichkeit betrachten. Alles Große war Anfangs zu groß und stach und quälte; erst dem fernen Auge schliffen sich die Spitzen ab.« Aus dem »Gesichtspunkt der Weltbürgerlichkeit« war Napoleon zu betrachten, diese Weltbürgerlichkeit mit der ganzen schweren Verantwortung für das Menschengeschlecht belastet. 698 Wir werden noch sehen, wie sich unter diesem Standpunkt der Weltbürgerlichkeit das Problem Napoleon-Deutschland ausnahm. Jedenfalls war dieser weltbürgerliche Standpunkt keine feige Entschuldigung für ein egoistisches Sich-aus-den-Dingen-Herausziehen. Im Gegenteil, hier wurde jedes Wort mit kosmischer Verantwortung für den Gang der Menschengeschichte beladen. Und Jean Pauls Haltung sofort nach dem Zusammenbruch zeigte, wie ernst er die Aufgabe des Dichters in dieser Zeit empfand. Ganz anders als Goethe. Tiefer kann den tiefen Wesensunterschied zwischen Goethe und Jean Paul nichts bezeichnen als ihre verschiedene Haltung nach der Schlacht von Jena. Am 8. Januar 1807 schrieb Knebel an Jean Paul: »Wie geht es Ihnen? Was machen Sie in dieser politischen Pestzeit? Wir sind wohl, und gottseidank! soweit ungeplündert geblieben, außer was wir durch die allgemeine Not verloren haben. Den mächtigen Kaiser haben wir mitten in den Flammen gesehen. Goethe schickte mir in meiner Not ein paar Flaschen Kapwein, die gerade recht kamen zu einem Mann, den die Franzosen ganz aufs Trockene gesetzt. Er selbst war die ganze Zeit mit seiner Optik beschäftigt. Wir studieren hier unter seiner Anleitung Osteologie, wozu es passende Zeit ist, da alle Felder mit Präparaten besät sind. Wir leben einsam, aber nicht unmutig noch unglücklich, vielmehr heiter.« Auf den Schlachtfeldern sammelte Goethe die Präparate zu seinen osteologischen Studien. Ein Zynismus, so groß und kalt, daß er schon ins Heroische sich wendet. »Man hat immer«, schrieb Knebel ein Jahr später, »das Philosophische und Moralische vom Politischen getrennt und geglaubt, daß ein Staat durch andere Mittel fest, glücklich und brav werden könne, als wodurch es der einzelne Mensch wird. Man hat Kriegshelden bilden wollen, ohne verständige zu bilden; durch Exerzieren aber allein wird keiner weise, noch 699 weiß er, wie man sich in Gefahren betragen soll. Genug! nun müssen Völker die Verirrungen der Vernunft büßen. Das ist ihr Los.« Aber gerade infolge dieser Trennung des Politischen vom Moralischen und Philosophischen war ja der beispiellose Zusammenbruch gekommen. Aus dem Philosophischen und Moralischen mußte die Rettung kommen. Gerade in jenen Tagen schrieb Jean Paul an seine alte Freundin Renata Wirth, um sie über den Tod ihrer Mutter zu trösten: daß man in dieser Zeit der Ruhe nur unter der Erde sich überlassen könne; daß die Lebenden hingegen eingreifen müßten in die Zukunft und für ihre Kinder rüstig handeln, solange es ginge, indem, je schlimmer die Zeit, desto besser die Eltern sein müßten. Nach diesen Worten handelte Jean Paul. Der Durchzug durch Ansbach und Baireuth war bekanntlich das hauptsächlichste Ziel Napoleons bei dem Feldzug in Thüringen gewesen. Unmittelbar nach der Schlacht bei Jena besetzte die französische Armee das Land. Baireuth kam unter den Befehl Bernadottes. Schuckmann verwaltete das Land im Auftrag des Kaisers. Die Einwohner wurden mit Kontributionen und Einquartierung belegt. Eine Eingabe Jean Pauls an Bernadotte persönlich, ihn mit Kontributionen zu verschonen, da er arm wäre, hatte nur vorübergehenden Erfolg. Mit Einquartierung aber wurde er nicht belästigt. Sie hätte ihn auch vollkommen um seine Arbeitsruhe gebracht, die er jetzt nötiger brauchte als je. Eine verheerende Trostlosigkeit folgte dem preußischen Zusammenbruch. Zu übergewaltig war der Eindruck von Napoleons Größe. Die Franzosen hatten im Siegeslauf ganz Deutschland durchquert und sich tributpflichtig gemacht, und man wußte genau, daß Napoleons Ziele noch weiter gingen, daß sie weltpolitischer Natur waren. Der alte Kampf zwischen Deutschen und Franzosen schien endgültig mit dem Sieg 700 der Franzosen entschieden zu sein. Karls des Großen Gestalt stieg aus dem Dunkel der Vergangenheit neu hervor, aber er brachte den deutschen Gemütern keine neue Hoffnung, im Gegenteil: die Teilung von Verdun, die einst Deutschland von Frankreich getrennt hatte, schien überwunden. Ein großes Reich schien das Endergebnis einer tausendjährigen Entwicklung, aber mit dem Erfolg, daß die Franzosen in diesem neuen Reich alles und die Deutschen nichts bedeuteten. Man bangte allen Ernstes um den Fortbestand der deutschen Sprache und Kultur. Jean Paul war vielleicht der einzige, der die allgemeine trostlose Niedergeschlagenheit nicht teilte. Er sah als erster, daß das Deutschland, das bei Jena und Auerstädt geschlagen war, nicht das ganze Deutschland war. Im Gegenteil, in diesem Niederbruch der alten Duodezfürstentümer und jener zwei »Schildkrötenschalen« Preußen und Österreich, zwischen denen Deutschland bisher eingeklemmt gewesen war, sah er endlich den Weg zu einer deutschen Verwirklichung frei. Diesen Weg dem deutschen Volke zu zeigen, war sein erstes Bestreben. Nachdem er einige ältere Pläne zu Ende geführt oder beiseitegeschoben hatte, schrieb er Januar und Februar 1808 die »Friedenspredigt an Deutschland«. Mit einer unerhörten Klarheit zeigte er, wie auf den neuen Tatsachen ein neues Deutschland aufzubauen sei. Mut wollte er der darniederliegenden Nation zusprechen, aber er zwang sie auch zur inneren Einkehr. Allerdings müsse die Stunde jetzt benutzt werden, das Neue zu erkennen und in die Tat umzusetzen. Die Voraussetzungen dafür seien gegeben. Durch den »kleinen Krieg in der Brust«, wie er den ersten der Abschnitte nennt, aus denen sich die »Friedenspredigt« zusammensetzt, ist das Tiefste im Deutschen aufgelockert worden. Der zweite Abschnitt ist ein Appell an die Fürsten. »Sie haben beinah die 701 Wahl, entweder allmächtig oder ohnmächtig zu werden«, weil jetzt das Volk auf seine Fürsten sieht und von ihnen alles erwartet. Wenn einzelne Fürsten Land verloren hätten, so wäre das nicht so schlimm im Vergleich zu dem Länderschacher, der bisher ohne die eiserne Notwendigkeit des Krieges getrieben worden. Wo echte Bindungen von Volk zu Fürst beständen, könnten sie durch kein Machtgebot zerrissen werden. Deutschland ist nicht umzubringen. »Wie Deutschland die geographische Mitte in Europa einnimmt: so hält es auch die sittliche; und wird daher mit Recht im Jungfrauen-Bilde als dessen Herz abgebildet, indes mancher andre Teil Europas nur Kopf ist oder ein Faust-Arm. Dieses gute ehrliche Herz, das fast alle europäische Kriege mit ihren Kanonen durchbohrten! – Jetzt hat es Blut genug verloren.« »Niemand sprach mehr gegen die deutsche Reichsverfassung als wir Deutsche sämtlich«, heißt es in dem dritten Abschnitt »Das deutsche Reich«. Es wird gezeigt, wie wenig noch die Idee eines deutschen Reiches in der alten Reichsverfassung verwirklicht wurde. »Wo indes echter alter deutscher Reichsgeist sich noch aufbewahrt – z. B. in den Hansestädten – da taste diese geistigen Reichs-Kleinodien keine neuernde Hand feindlich an. Laßt den letzten deutschen Eichen, in die leider immer die Kriegsgewitter schlugen, den wilden zackigen Wuchs.« Gegen die Zentralisation in einem preußischen Einheitsstaat ist dieses Wort gesprochen. Und nun kommt jenes nur lose verhüllte Bekenntnis, daß gerade durch Napoleons Eingreifen die deutsche Reichsidee gerettet werden kann: »Napoleon, oder wer es vermag, rette die letzten Deutschen und forme die übrigen.« Der wichtigste ist der vierte Abschnitt »Vaterlands- oder Deutschlandsliebe«. Er handelt von dem Rheinbund, in dem Jean Paul die erste Verwirklichung eines neuen Deutschland 702 sieht. »Die Deutschen lieben jetzt in den Deutschen das Deutsche mehr als sonst«, heben diese wichtigen Ausführungen an. Nach den Erschütterungen des letzten Krieges mit seinem Zusammenbruch Preußens und Österreichs haben die Deutschen sich endlich erkannt. Die verschiedenen deutschen Völkerschaften waren bisher einander fremd. Aber was tut das! Auch die Griechen und die Italiener sonderten sich in Einzelstaaten ab. Jetzt aber gilt es, die Konsequenz aus unserm Zustand zu ziehen. Wir dürfen uns freilich nur dann mit den Griechen und den Italienern vergleichen, wenn jetzt die Bundesstaaten Deutschlands sich nach innen zu bilden und wenn sie nicht getrennte Gesellschaftsinseln oder höchstens verknüpfte Turniergenossen werden, sondern eine schöne Eidgenossenschaft in einem von Napoleon und einem langen Frieden beschützten Fürstenbund. »Seit den letzten Kriegen teilen wir wieder gern den gemeinschaftlichen Namen Franken und erinnern uns aus der Geschichte, daß die Mehrheit in Frankreich nicht Gallier, sondern versetzte Germanen sind.« Im Bunde mit dem Frankreich Napoleons sieht also Jean Paul hier die deutsche Zukunft. Er weist darauf hin, daß die Deutschen alle europäischen Reiche gegründet haben, und daß also europäische Kriege immer deutsche Bürgerkriege sind. Worin liegt also der Schwerpunkt des deutschen Wesens und wird immer dort liegen, auch wenn Deutschland und Frankreich in einem Staatenbunde miteinander vereinigt sind? In dem deutschen Wesen! In der Deutschlandsliebe! »Im Ganzen war nie die Deutschlandsliebe aus dem Mittelstande und aus dem Volke gewichen; dieses hielt sie lebendig im Herzen fest, jener sie auf dem Druckpapier; und nur die höchsten Klassen ließen sie öfters entfliehen.« Wenn wir also auch wieder zu Franken werden sollten, so würden wir doch Deutsche bleiben. Denn wir, ohne das französische Feuer für 703 persönlichen Glanz, ohne das englische Trotzgefühl selbständiger Freiheit, wir »sind nicht imstande, unsern Blick so zu beschränken als unsere Macht; sondern wir vermögen nur, mit Verzicht auf Massenschimmer, für das alte in Poesie und Leben durch alle Länder und Jahrhunderte hindurch gehende deutsche Attribut der Rechtlichkeit und Redlichkeit zu leben, zu eifern und zu streben . . . . Unsere Freiheitsliebe ist nur Rechtlichkeitsliebe, nicht Glanz und Raubsucht. Und solange dieser Sinn in uns nicht zu ermorden ist, werden wir Knechtschaft hassen und Vaterland lieben. Rechtlichkeit verknüpfte die Deutschen – eigentlich die Menschen – und wehe dem, der das Band durchschneidet, woran die Welt hängt und er selber! – Und Heil dem Fürsten, dem die Geschichte den neuen Beinamen ›Der Rechtliche‹ gewähren kann, und ich glaube, sie kann es seit zehn, besonders seit zwei Jahren«. Im nächsten Abschnitt »Franzosen-Deutsche« werden diese Gedanken fortgesetzt. Jean Paul bekämpft die Furcht, als wenn wir Deutsche je aus den Tafeln der Geschichte ausgelöscht werden könnten. »Ich nenn' dies Furcht, denn eine ausgelöschte Nation wäre durch keine andere, nicht einmal durch die auslöschende zu ersetzen, geschweige aber die deutsche; ich habe indes nichts weniger als diese Furcht.« Wozu überhaupt diese ganze Gegensetzung? Die Franzosen sind Herren des Landes wie die Engländer Herren des Meeres. Wir aber die der beide und alles umfassenden Luft. Deshalb sind wir, »um ein Verquickungsmittel der spröden Völker zu sein, in alle Länder und Klimen ausgesät worden, wie die Juden, Jesuiten, Eisen und das Tier, das unsere Treue teilt«. »Wenn in der ganzen Geschichte die gebildete Nation die ungebildete auflöst und polypenartig in sich verwandelt, gleichgültig ob siegend oder besiegt; – so ist hier zwischen zwei gebildeten Nationen keine historische 704 Möglichkeit eines nationellen Vertilgungsfriedens. Unsre literarische Entgegensetzung und Eigentümlichkeit muß uns auch als politisch-nationelle bestehen lassen.« Wir werden uns bei Besprechung der »Dämmerungen für Deutschland«, Jean Pauls nächster politischer Schrift, nach der Berechtigung dieser Ausführungen fragen. Sie erhalten erst von dem gesamteuropäischen Programm Jean Pauls aus ihren Sinn. Was er mit diesen Ausführungen hier zunächst wollte, war: dem deutschen Volke ins Bewußtsein zu hämmern, daß es nicht untergehen könne, wenn es als Nation geistig lebendig bleibt. Wir müssen uns vor Augen halten, daß das deutsche Volk, als Jean Paul die »Friedenspredigt« schrieb, jeden Halt in sich verloren hatte. Zu einem Befreiungskrieg aufzurufen, wäre damals ein müßiges Unterfangen gewesen. Noch stand alles unter dem Eindruck von Napoleons Unbesiegbarkeit, und die seit Jahrhunderten durch ihre Fürsten geknechtete deutsche Nation war zu stark von dem französischen Freiheitsrausch angeweht, als daß man sie damals bereits gegen Frankreich hätte sammeln können. Das Pochen auf die kulturelle Sendung Deutschlands war das einzige, was dem Volk die gebrochenen Schwingen wieder heilen konnte. Von den Problemen gewissermaßen der Außenpolitik wendet sich Jean Paul jetzt zur Innenpolitik, und hier wird deutlich, daß er nichts so sehr im Auge hat als die Ertüchtigung des Volkes. Voraussetzung eines kraftvollen Staatswesens sei allerdings die Freiheit und die Liebe. »Wie in Frankreich ein willkürlicher Druck gleichsam die ganze Nation zum Feuern abdrückte und wie diese mit Blut, Tränen und Druckschwärze scharf eingeätzte Freiheitsbriefe nicht erlöschen, sondern wie sympathetische Tinte vor jeder Hitze wieder vortreten: so würde alles wiederkommen, wenn die Regierungen 705 die Völker zum Hassen antrieben. Schnell zusammengepreßte Luft entzündet sich. Wie nach Plato im Gastmahl jeder ein Dichter wird, wenn er liebt, so kann er auch einer werden – und zwar eines Trauerspiels, wenn er haßt, und dann kommt Petrikettenfeiers Tag.« Er warnt also davor, frühzeitig den Haß der Völker anzublasen, um nicht einen Petrikettenfeierstag heraufzubeschwören. Erst soll das Volk in Freiheit zu sich selber finden. Ein erstes Erfordernis der Freiheit sei die Preßfreiheit, und hier erhebt er warnend seine Stimme: »Oder soll den Bürgern eines Staates erst ein Feind desselben die Zunge lösen?« Wieder wird hier sichtbar, wie Napoleon dem deutschen Volke zuerst fast als ein Befreier erschien gegen die Knechtschaft unter den eigenen Landesherren, und wir wollen nicht die Augen davor verschließen, daß diese Auffassung nicht unbegründet war. Jetzt aber wird der Dichter zum Bußprediger seines Volkes. Ein Abschnitt ist dem »Luxus« gewidmet. Das Land ist verarmt, aber gerade jetzt sei die Verführung zum Luxus ungewöhnlich groß, schon durch die »jedem Kriege nachfolgenden Überbereicherungen Einzelner«. Wir erkennen in diesem Spiegel unsere eigene Zeit wieder. Die schlimmste Verführung biete der »halbe Luxus«, wie er in dem verarmten und ausgesogenen Lande auf der Lauer läge. Das Volk müsse sich ganz zur Einfachheit zwingen. »Das reißende Untier des Luxus kann kein einzelner, sondern nur eine Menge bezwingen.« »Entsagungsgesellschaften« müßten sich bilden. »Keine Mutter sage, daß sie ihr Kind länger liebt, als sie es an der Brust oder an der Lippe hat, wenn sie das arme Wesen in eine verarmte und verdorbene Zeit mit den Bedürfnissen der Unersättlichkeit hinausschickt.« Der nächste Abschnitt ist der Geschlechts-Enthaltsamkeit gewidmet. Nicht nur das Beispiel eines erschöpften Volkes wirft er an die Wand, sondern 706 zugleich das Mittel, die Sittlichkeit zu steigern: »Es ist die heilige Darstellung der höheren Liebe, welche, wenn nicht den Mann, doch den Jüngling lange beschirmt.« Nach einem Ausfall auf den Egoismus, indem man deutlich ein Zielen nach Weimar hin zu verspüren meint, und nach einer Sammlung »Vermischter Gelegenheitssprüche«, die eine Fülle von treffenden, in die Tiefe gehenden Gedanken bergen, kehrt Jean Paul in dem letzten Abschnitt »Hoffnungen und Aussichten« noch einmal zu dem deutschen Problem zurück. »Jedes Volk vergeht wie ein faulender Schwamm, zerfließend, wenn es keinen Mut mehr hat,« ruft er den Deutschen zu; »ohne Hoffnung aber gibt es keinen.« Die Frage nach den Hoffnungen und Aussichten Deutschlands beantwortet er nun folgendermaßen: »Was heißt Aussichten Deutschlands oder Europens? die auf ein Jahr, oder auf ein Jahrhundert, oder ein Jahrtausend, oder auf die ganze Erdenzeit?« Man dürfe eben keine Zeit nennen. Nur Ideen geben eine Hoffnung. »Aber euch sollen Ideen statt der Jahre dienen, und Gott sei die Ewigkeit. Dann fürchtet, wenn ihr könnt.« Weit über den mechanischen Begriff des modernen Machtstaates spannt er seine Staatsidee, die allein über jede Furcht hinwegheben könne. »Wenn es eine bekannte Klage ist, daß die neuern Staaten mehr Staatskörper, die alten hingegen mehr Staatsseelen sind, welche mehr mit dem Geistigen bewegten und verknüpften durch Beredsamkeit, durch Sitten, durch Musik, nicht durch hölzerne Räderwerke des Formalismus: so fällt diese Klage auf keinen Staat gerechter und verstärkter als auf den deutschen . . . – unser politisches Verzichttun auf jedes Freigeistige und unsere Fluchtstrafen eines jeden Schritts aus dem Marschreglement oder der Schrittordnung der Kollegien-Schnecken – unser Exerzier- und Prügel und Alt-Jährigkeitswesen . . . alles dies, was dem deutschen Reichskörper so wenig 707 Reichsseele, spirit public , esprit de corps eingeblasen und was ihm so sehr alle Einheit des Lebensgefühls genommen, daß er wie der Krebs seine rechte Scheere mit der linken kneipend, diese als feindliche voraussetzend absprengte . . .: dieses Deutschen-Übel werden die Beispiele und die Folgen der Zeit, und die Nähe und die Einwirkung einer im politischen Leben so begeisterten Nation, wie wir im dichtenden, zu brechen dienen.« Der deutsche Staatsgeist wurde bisher von den Fürsten vertan. Wenn die Fürsten diesen Geist, statt ihn zu pflegen, vermodern ließen: »so ging der Staat, wie Pfaffius' Terzienuhr, noch fort, sogar noch eine Stunde, nachdem das Gewicht abgenommen war; dann stand er.« Der deutsche Staat ist heute so weit, daß er wie eine abgelaufene Uhr steht. Wie anders der Genius Napoleons! »Aber der jetzige Astralgeist und regierende Planet Europens (der Abend- oder Weststern) will aus seinem Geist Geister machen und damit die Körper nicht bloß erschaffen oder bewegen, sondern auch beseelen. Dieses Beispiel wird auf nähern und fernern Wegen auf uns Deutsche herüberwirken, wie Friedrich II. auf Joseph II., und wir fangen vielleicht in einem höhern Sinne als bisher Österreich das Militärjahr vom November an.« Deutlich wird es sichtbar, daß eine Stunde der Deutschen aufsteigt. Alle Verhältnisse sind neu und jung. »O werde doch – möchte man wünschen, wenn Wünschen spornte – die neue Zeit, die Jugend der Verhältnisse mit Feuer von den Fürsten und Schriftstellern gebraucht, um die echten Deutschen und das abgestumpfte Europa verklärt wieder zu gebären!« »Schafft und hofft; euch bleiben und helfen Gott und Tod.« Im Frühjahr 1808 ließ Jean Paul die kleine Schrift hinausgehen. Schon im Sommer fing er eine Ergänzung an, die den Umkreis weiter spannte. Bis zum März 1809 arbeitete er an den »Dämmerungen für Deutschland«. Sie setzen 708 die Gedankenwelt der Friedenspredigt weiter fort, aber eine kleine Schwenkung war doch bereits eingetreten. Als Jean Paul seine Friedenspredigt schrieb, sah er in Napoleon den überragenden Genius, der Europa zu einem umfassenden Frieden hinführen würde. Als großen Befreier und Erneuerer Europas hatte er den Franzosenkaiser begrüßt. Inzwischen war es auch den mittel- und süddeutschen Staaten klar geworden, daß Napoleon kein Befreier, sondern ein Tyrann war. Nie wieder hat ein Eroberer den moralischen Glauben der Tiefsten und Besten einer Nation so leicht verscherzt wie der Korse. Den Beinamen des Gerechten wollte Jean Paul dem Eroberer verleihen, und er hatte geglaubt, in Napoleon einen Kenner des deutschen Wesens bewundern zu dürfen. Als er an die »Dämmerungen« heranging, war dieser Glaube zerstoben. Wenn jetzt von Napoleon die Rede war, geschah es nicht mehr in erhebenden Ausrufen der Bewunderung. Er zeigte auf, wie Napoleon bisher immer nur durch Übermacht gesiegt hatte und wie wenig überhaupt einem Eroberer die Palme der Menschheit gebühre. Damit aber waren seine übrigen Ideen nicht erledigt. Von Frankreich kam das Heil Europas und der Welt nicht. Um so mehr mußte es von Deutschland kommen. Es war wie immer im Lauf der Geschichte: was Frankreich der Welt versprochen hatte, mußte Deutschland ihr halten. In Napoleon war kein Stern erster Größe aufgestanden. Wo lagen nun die Weltziele? Bereits im »Hesperus« hatte Jean Paul seine weltpolitischen Ideen in dem Schalttag »Über die Wüste und das gelobte Land des Menschengeschlechts« entwickelt. Noch einmal behandelte er dieses Problem in dem ersten Abschnitt der »Dämmerungen«: »Über den Gott in der Geschichte und im Leben«. Der Dichter versucht, in der Weltgeschichte ein göttliches Walten nachzuweisen. Darauf liegt aber nicht das 709 Schwergewicht. Das Große an diesen Ausführungen ist die weltgeschichtliche Schau, die er hier vor uns ausbreitet. Dieser Abschnitt gehört zu den tiefsten geschichtsphilosophischen Abhandlungen, die überhaupt jemals geschrieben wurden. »Wer mit Goethe sagt, das Schicksal will gewöhnlich mit vielem nur wenig: dem ist die Weltgeschichte ein Weltgericht, aber eines, das unaufhörlich verdammt und sich mit.« Allerdings blicke uns die Vergangenheit so grausend an wie ein aufgedeckter Meeresboden, welcher voll liegt von Gerippen, Untieren, Kanonen, modernden Kostbarkeiten und verwitternden Götterstatuen. Der ganze Kirchhof der Menschheit wird vor uns ausgebreitet, der unendlichen Zufälle gedacht, die sich in der Geschichte auswirkten, ununterschiedlich ob zum Bösen oder zum Guten. »Der besondere Saatwurf eines großen Individuums – entsprösse auch daraus ein seliges Jahrtausend – gilt vor dem Verhängnis soviel wie der Saatwurf eines völkervergiftenden Samens; zufällig wird der eine, zufällig der andere beregnet, nicht einmal der Giftsame ausschließlich.« In wirrem Durcheinander entstehen und vergehen die Völker. Und doch ist »das Bild vom Aufblühen und Abwelken der Völker« kein »volles«; »denn jedes Volk hängt heute zu gleicher Zeit bedeckt voll Blüten, Früchte, Knospen und Welk-Laub, und morgen wieder voll, nur von andern aber.« Und »ein Irrtum war noch der, daß man Vergänglichkeit der Staaten oder Ablauf der Zeiten auf die Völker selber anwandte, welche ja immer verjüngt auf den Gräbern ihrer Staaten aufsprießen. Woher kommt der Zickzacklauf der Geschichte? Erst müssen alle Völker unserer Kugel in einer gemeinschaftlichen Ausbildung nebeneinander stehen, damit kein rohes sich zersetzend in das gebildete mische . . . Ist einmal die Erdkugel, was physisch so unmöglich ist als bildlich notwendig, auf beiden Hälften erleuchtet: dann muß jenes 710 Kreislaufen von Steigen und Fallen nachlassen.« Ein ungeheurer Gedanke! Zuerst scheint nur der Optimismus des Rationalismus in dieser Anschauung wiederholt. Auch der Rationalismus meinte ja, durch die Vernunft die wilden Völker bezähmen und der Zivilisation einfügen zu können. Und wie zerbrach schon seine Hoffnung, kaum daß sie in einigen Geistern Wort geworden war. Aber vielleicht hat man mit dem Rationalismus ohne Not auch die große Idee der Menschheit über Bord geworfen. Ein ungeheurer Optimismus freilich liegt Jean Pauls Anschauung zugrunde, aber wird hier nicht auch ein ungeheures Ziel, ja das Ziel aller menschlichen Entwickelung ins Auge gefaßt? Wenn unser Leben auf der Erdkugel wirklich einen moralischen Zweck haben soll, bleibt dann ein anderes Ziel als das einer befriedeten Menschheit überhaupt übrig? Der Rationalismus hatte freilich eine falsche Methode angewandt, wenn er glaubte, ohne Kenntnis der menschlichen Psyche, rein durch bloße intellektuelle Überzeugung die Völker der Erde unter einem Zepter zu vereinigen. Aber müssen sich nicht ganz von allein durch die immer gesteigerte Berührung der Nationen die Niveauunterschiede auf der Erde allmählich ausgleichen? Es ist allerdings heute Mode, von einem zwecklosen Auf und Nieder der Geschichte zu sprechen. Und wirklich wird sich nur schwer nachweisen lassen, daß von den alten Ägyptern etwa zu unserer modernen Kultur eine stetig ansteigende Linie führe. Im Gegenteil spüren wir deutlich, wieviel uns die Geschichte im Lauf der Entwickelung von seelischer Kraft verzehrt hat. Und immer wieder sehen wir neue Völker aus dem Dunkel auftauchen, kurze Zeit vom Licht einer Kultur beschienen und in das Dunkel der Geschichtslosigkeit untertauchend. Unbewußt setzen wir diese Reihe zweckloser Erscheinungen bis in alle Ewigkeit rückwärts fort. Und doch, können 711 wir nicht in den wenigen Zehnjahrtausenden, die wir, seit dem Eiszeitmenschen etwa, die Erdentwickelung belauschen, beobachten, wie der Lichtgürtel der Zivilisation immer breiter wird, wie immer mehr Völker vom Licht der Geschichte beschienen werden? Wir brauchen nur anzunehmen, daß wir wirklich heute die Entwickelung der Menschheit auf der Erdkugel wenigstens in großen Umrissen überschauen, um einen gewissen Optimismus berechtigt zu finden. Nicht als ob wir uns seit den alten Ägyptern nennenswert entwickelt hätten, aber doch jedenfalls seit den Troglodyten. Und mag unsere Kultur qualitativ hinter der der Ägypter zurückgeblieben sein, quantitativ umspannen wir heute doch unzweifelhaft mehr und reichere Gebiete. Im allgemeinen ist die Erde heute von uns und unserm Wesen umspannt. Hier und da sahen wir das Licht der Zivilisation auf der Erdkruste im Laufe der Jahrtausende aufblitzen und wieder verschwinden, aber doch niemals mehr ganz verschwinden. Ein mattes Leuchten blieb immer zurück. Es muß einmal die Zeit kommen, da alle Völker sich gegenseitig kennengelernt haben und ihre Güter in freiem Verkehr austauschen. Und ein Hoffnungsschimmer bleibt uns immer, wenn wir die Verheerungen der Zivilisation und die Verrohung menschlicher Gier noch so hoch anschlagen: »Wenn Krieg, Seeräuberei, Knechtschaft, Parteiwut tausend Herzen auf einmal und lange besetzen, indes die Tugenden wie Engel nur einzelne begleiten: so hätten die Heere des Teufels längst die zerstreuten Engel und das Glück der Erde überwältigt und eingeschattet, wenn nicht ein unbekannter, Weltteile, Zeiten und Völker ordnender Geist dazwischen wehte, welcher bisher gerade umgekehrt ein wachsendes Heil aus dem weiten Unheil entwickelte.« Man braucht nicht mit Jean Paul den Schluß auf das Eingreifen eines bewußt waltenden Geistes mitzumachen, aber 712 eine vitale Kraft, die über alle zersetzenden Einwirkungen doch den Lebensstrom fort und fortleitet, wird man mit dem Dichter konstatieren müssen. Die Ausbreitung der Zivilisation auf Erden wird von Jean Paul zum erstenmal als das umfassende Motiv des Weltgeschehens erfaßt. Über allen Konflikten der Gegenwart verliert er diese Menschheitsaufgabe, liebevoll das ganze Erdenrund zu umgreifen, nicht aus dem Auge. Auch Schiller suchte das Humanitätsideal zu retten. Sein »Seid umschlungen, Millionen!« verkündet das gleiche Ethos. Aber Schiller kam von Kants formalem Sittlichkeitsbegriff nicht los. Deshalb kann bei Schiller der Schwerpunkt des sittlichen Verhaltens nicht in der Materie liegen, sondern nur in der Gesinnung. Wo er über das Formale hinaus seinem Begriff einen Inhalt einfügen will, kommt er über ein allgemeines Pathos nicht hinaus. Ganz anders Jean Paul. Sein Ethos ist mit kosmischer Verantwortung beladen. Mitten in die Materie hinein verlegt er das Ideal. Von der konkreten Aufgabe her wird bei ihm das sittliche Verhalten bestimmt. Wir sprachen es schon anläßlich seines Naturgefühls aus, daß bei ihm als erstem die kopernikanische Weltanschauung sich in Lebensgefühl umgesetzt hat. Er erlebt den Menschen auf der im All schwingenden Kugel, er sieht ihn auf der Erdkruste sich ausbreiten. Er leidet das Leid jedes Einzelnen mit, belauscht den Stampfschritt der Geschichte. Er überschaut den Gang der Menschheit von der »Wüste in das gelobte Land des Menschengeschlechts«. Nur von dieser höchsten Warte der Anschauung aus kann sich ihm das deutsche Problem erschließen. Er sieht sein Volk vor der entscheidenden Frage: »Was nun?« Trostlose Verzweiflung ist über Deutschland ausgegossen. Er aber holt aus der weltgeschichtlichen Situation die Waffen, dem Augenblick zu begegnen. Mit den einzelnen 713 deutschen Staaten hält er scharfe Abrechnung. Deutschland hat einen »Reichskörper« aber keine »Reichsseele«, aber es kann jetzt eine solche gewinnen. Weder Preußen noch Österreich allerdings verkörpern diese deutsche Seele. Aus dem Herzen Deutschlands muß sie herauswachsen. Napoleon hat die Hindernisse, hat das reaktionäre Preußen und Österreich hinweggefegt. Die Bahn ist frei zur Gestaltung des Neuen, das kommen muß. Wie aber muß das Neue kommen? Als ein Volk, das sich bewußt in den Dienst der Menschheit stellt. Die große Auseinandersetzung der Gewalt zwischen Deutschland und Frankreich kann nicht das letzte sein. Beide Völker wohnen gleichberechtigt nebeneinander. »Zwischen zwei gebildeten Nationen« ist »keine historische Möglichkeit eines nationellen Vertilgungsfriedens«, hieß es schon in der »Friedenspredigt«. Jetzt werden, wie schon in dem dortigen Abschnitt »Franzosen-Deutsche«, beide Völker tiefer miteinander verglichen. »Germanismen und Gallizismen« sind gegeneinandergestellt, der Vergleich wird in viele, psychologisch außergewöhnlich tief erfaßte Gegensätze hineingetrieben. Wie aber soll zwischen den beiden Völkern der Ausgleich erfolgen? Sie sind ineinander verkrampft. Irgendwie müssen sie sich auseinandersetzen. Die Antwort ergibt sich aus Jean Pauls Geschichtsphilosophie: Beide Völker gemeinsam müssen dem Fortschritt der Menschheit dienen. Und dennoch steht ein großes, ein gewaltiges Wort zwischen ihnen: der Krieg. Krieg ist die gewohnte Form, in der die Völker sich zu begegnen pflegen. Wie steht Jean Paul zum Krieg? In der »Krieg-Erklärung gegen den Krieg« gibt er die Antwort. Predigt der Dichter den Krieg oder den Pazifismus? Auch dieser Gegensatz empfängt von Jean Pauls Menschheitsidee erst seinen Sinn. »Allerdings müßte selber Klopstock sein Ja zu den Wunden und Flammen der wildesten Kriege geben, 714 sobald eine freie Schweiz oder von Tataren das gesittete Europa überfallen würde.« Und »eine Blumenerde« treibt das Schlachtfeld, »wo etwas Großes wächst und treibt, ähnlich der Fackeldistel, die sich bloß durch Stacheln nährt – es ist ein Feld-Held«. Und »es ist erhaben, wenn Römer und Karthager auf einem Boden fechten, den das Erdbeben unbemerkt unter ihnen erschütterte. Es ist noch erhabener, wenn bei Mutina die Veteranen der Legio Martia gegen zwei andere Veteranenlegionen anrücken, nach Zurücklassung von fünf Tironenlegionen, um reiner zu kämpfen – wenn diese zwei Heere alter Helden ohne Feldgeschrei und stumm wie Todesengel aneinander würgen, ein Würgengel am andern – wenn sie dann mit stummer Verabredung die müden Waffen einige Minuten niedersenken – und wenn beide Heere sich endlich schwer auseinanderziehen, jedes seine Hälfte als Leiche nachlassend«. Erhaben ist dieses Schauspiel sich bekämpfender Heere, erhaben ist der junge Held des Feldes, der siegreich die Fahne vorwärts trägt. Aber es ist eine Erhabenheit besonderer Art. Der Krieg ist »so gut erhaben als die Pest in Athen oder Marseille«, schreibt Jean Paul. Es ist das »tierisch Erhabene, das den ganzen Frühling mit einem ähnlich stillen Wechselmord der Tiere einnimmt«. Und hier erhebt er die große Frage: »Muß sich denn immer stehende Menschheit auf liegender erheben?« Freilich! Es ist nie anders gewesen. Aber doch, vielleicht wird es einmal anders sein. Und er zeigt, wie es einmal anders sein kann und muß. Und »hälfe keine Friedenspredigt zum ewigen Frieden: so würd' ich sie gleichwohl halten; ist der Wille nicht zu bessern, so doch vielleicht das Urteil«. Ein Wort, das sich vor dem intellektuellen Bewußtsein jedes Menschen aufrichten sollte. Wenn schon der Wahnsinn des Krieges weiter über die Erde rollen soll, so sollen wir doch um diesen Wahnsinn 715 wissen. Gewiß bedeutet »gegen den Krieg schreiben« »soviel als im Druck hart den Winter scharf rügen oder die Erbsünde«. Der Krieg ist die Form, in der die Völker sich bisher immer begegneten. Wir müssen es hinnehmen, bis die Erde von einer Menschheit umspannt ist. Und auch dann wird sich vielleicht dieser Wahnsinn in anderer Form erheben. Aber wissen sollen wir, daß der Krieg ein Wahnsinn ist. Es ist also doch Pazifismus, was Jean Paul predigt, aber ein resignierter, der das unabwendbare Unheil hinnimmt. Ja noch mehr. In dem Gespräch mit Varnhagen von Ense tritt es deutlich in Erscheinung, und es ist auch sonst bezeugt: daß Jean Paul seinen Sohn Max, unter dem Druck der eisernen Zeit zeitweilig zum Soldaten zu erziehen suchte. Das Ethos des Krieges lag ihm keineswegs ganz fern. Welche Töne findet er für den Soldaten, als Albano, der Held des »Titan«, ins Feld ziehen will! Er weiß, und dieses Wissen ist ihm mit Flammenzügen ins Herz geschrieben, daß der Krieg mit Frankreich kommen wird. Und nur das eine wird dagegen eingewandt: daß es Wahnsinn ist. Aber ein Wahnsinn, der in seinen Bann zwingt und dem die Menschheit wieder einmal unterliegen wird. Gegen den Krieg wendet sich die kleine Schrift, und sie wirkt, als wäre sie heute unter unsern gegenwärtigen Verhältnissen geschrieben. Alle Gründe, die man auch heute für den Menschenwürger ins Treffen führt, werden auch von Jean Paul angeführt und untersucht. Nie ist so schonungslos in das Wesen des modernen Krieges hineingeleuchtet worden als hier. »Das Unglück der Erde war bisher, daß zwei den Krieg beschlossen und Millionen ihn ausführten und ausstanden.« Das Volk allein hat die ganze Kriegsfracht als Quetschwunden zu tragen, es allein setzt in die Mordlotterie Leben und Güter ein. Die Staatserhebung durch 716 neue Länder ist für das Volk nur eine Kreuzerhebung. Kann das Volk denn glauben, daß zwei Millionen besser regiert werden als eine Million? Aber man sagt, der Krieg entwickelt und enthüllt große Völker und große Menschen. Dann aber hätten wir lauter große Völker, denn alle führten seit Kindesbeinen an Krieg. Nichts ist falscher, als den Krieg einen Erzieher zu nennen. »Der lange peloponnesische Krieg machte keine Sparter, aber wohl Lykurg; große Völker entstehen nur an großen Menschen; und eine große Idee, eine Gesetzgebung entwickelt die Völker ganz höher als ein Schlachtenjahr; und Preußens Monarchie wurde nicht von, oder im, sondern hinter dem kurzen Kriege und trotz demselben von dem langen Frieden gebildet.« Man verwechselt die erzieherische Wirkung der Kriege mit der erzieherischen Wirkung der Idee, um derentwillen ein Krieg geführt wird. »Bekamen denn die friedliebenden Schweizer ihre Wunderkräfte der Tapferkeit gegen Österreich und Frankreich von langen Kriegen oder nicht vielmehr von der Vaterlandsliebe her? – Erschuf den weichlichen, ungeübten Kriegs-Neulingen unter der Revolution der erste Feldzug oder nicht vielmehr die Freiheitsflamme die siegende Macht? Nicht der längste Friede an sich macht, wie die Schweiz zeigt, selbstisch, zaghaft, weichlich, sondern die Regierungsweise, welche nicht mit feurigen Ideen den scheintoten Staatskörper beseelt und anbrütet.« Immer wieder kommt Jean Paul auf diesen Grundgedanken zurück, daß erst von einer Idee her ein Staat seine Seele und sein Leben empfängt. Wie aber steht es damit, daß der Friede »verweichlicht«? Ein Krieg »härtet nicht viel stärker aus als der Friede; denn dieser gibt dem Landmann, Seemann, Kaufmann, Handwerksmann, also der Überzahl, Eisenmolken länger zu trinken als die kurzen, mit Schwelgereien unterbrochenen Strapazen 717 einiger Kriegsjahre dem Soldaten«. Und weiter: »Der Körper sei siech, weich, weichlich und weiblich: setzt z. B. ein Mutterherz hinein, so ist er eine Bergfestung und die Kinder werden durch keinen Sturm erobert.« Immer wieder wird darauf hingewiesen, daß der Mut von der Idee, nicht von Abhärtung oder Stärke des Körpers herkommt. »Folglich kann ein Friede ebensogut durch eine Idee – es sei Freiheit oder Religion oder Ehre – den verzärtelten und genußhungrigen Körper gleichsam dem siegenden Geiste vorspannen, als ein Krieg ohne diese Idee den Geist im abgehärteten Körper gleichsam als einen gepanzerten Patienten hinlegt. – Das immer fortdauernde Kriegfeuer brannte doch die Kaiser-Römer nicht härter aus, sondern schmolz sie durch das Verquicken mit dem Golde der Welt nur flüssiger zusammen.« »Ein ewiger Krieg würde ganz anders entkräften als ein ewiger Friede.« »Wollte ein großer Staat nur die Hälfte seines Kriegsbrennholzes zum Bauplatz des Friedens verbrauchen; wollte er nur halb so viel Kosten aufwenden, um Menschen als Unmenschen zu bilden, und halb so viel, sich zu entwickeln als zu verwickeln: wie ständen die Völker ganz anders und stärker da.« »Keine Despotie hebt sich, wie wir ja an den letzten Römern sahen, auf Schwertern aus dem Seelenschlamm.« Worin kann nun das Ziel eines Krieges zwischen zwei zivilisierten Völkern bestehen? Landerwerb ist bereits als lohnendes Ziel eines Krieges abgewiesen. Die Völker, die ihre Haut für Landerwerb zu Markte tragen, sind betrogen, denn in nichts bessert sich ihre Lage und ihre Regierung dadurch, daß weitere Einwohner ihnen zugezählt werden. Aber die Freiheit! Die Freiheit ist ein Kriegsziel, des vollen Einsatzes eines Volkes wert. Aber die Freiheit darf nicht darin bestehen, daß man eine andere Freiheit erdrosselt. Wie steht es also 718 nach dieser »Krieg-Erklärung gegen den Krieg« mit einem deutschen Krieg gegen Frankreich, mit einem Befreiungskrieg? Ausgesprochen wird es nicht, daß dieser Krieg notwendig und gerecht wäre. Ausgesprochen wird aber etwas anderes: daß er überflüssig sein könnte, wenn die Franzosen dem zermorschten deutschen Staatswesen wirklich nur die Befreiung bringen und nicht ein neues, unerträgliches Joch auferlegen wollten. Noch ist an Predigen eines Befreiungskrieges in Deutschland ja nicht zu denken. Noch steht Napoleon auf dem Gipfel seiner Macht, ist Deutschland zerklüfteter als je. Frankreich hat es in der Hand, die friedliche Verschmelzung mit Deutschland herbeizuführen. Der Rheinbund wird ja geradezu als ein Schritt zur deutschen Verwirklichung aufgefaßt. Wenn man es aber nun in Napoleon nur mit einem Eroberer zu tun hat, der in Eitelkeit und Erobererdrang die Welt unterjochen will? Dieser Fall wird deutlich ins Auge gefaßt. Und von hier aus erscheint die ganze Schrift auf einmal nicht an die Deutschen, sondern an die Franzosen gerichtet. Denn nicht die Deutschen sind es ja, sondern die Franzosen, die eine Welt mit Krieg überziehen. Wir müssen uns denken, daß Deutschland unter strenger Überwachung durch die Spione Napoleons stand. Es war ein fast unmögliches Unternehmen, etwas gegen die Macht Napoleons zu veröffentlichen. Eine »Krieg-Erklärung gegen den Krieg«, das sah freilich so aus, als ob das deutsche Volk zum friedlichen Ausharren ermahnt würde. Kein französischer Agent konnte dagegen etwas einwenden. Und gewiß hielt Jean Paul in seiner Schrift seinem Volk auch noch einmal die Furchtbarkeit eines Krieges vor. Niemand sollte den entsetzlichen Riesen unvorsichtig aufwecken. Aber im Grunde bedeutete der Titel doch noch etwas anderes: Eine Kriegserklärung gegen die Entfesseler des Krieges, gegen das 719 Eroberertum, gegen das napoleonische Frankreich! Deutschland war ja gar nicht in der Lage, einen Krieg zu beginnen oder ihm auszuweichen. Es war die unterjochte Nation. Es konnte den Druck ertragen bis zur äußersten Möglichkeit. Aber wenn er über diese Möglichkeit hinausging – und damals sah man bereits, daß er es tat –, dann blieb eben nichts anderes übrig, als diesen Druck abzuschütteln. Eine »Krieg-Erklärung gegen den Krieg«, aber der Krieg war Napoleon! In dieser Schrift wird ihm nicht mehr der Beiname eines Gerechten gegeben. Er ist der blutbefleckte Kriegsheld, mit dem hier die Abrechnung gehalten wird. Und dem deutschen Volke wird gezeigt, daß die Macht eines solchen Kriegshelden auf tönernen Füßen ruht. »Was hilft indes alles Predigen der Geschichte? Wie wiederholte sie nicht stets, daß alle von Blutcharakteren zusammengeschwemmte oder -geleimte Länder – z. B. eines Alexanders, Karls des Großen, der barbarischen und der orientalischen Ungeheuer – niemals beisammengeblieben, sondern daß häufig die, welche leimen geholfen, nachher geteilt und zerrissen haben? Immer glitten die durchstochenen, durch ein Schwert aneinandergereiheten Länder wieder davon herab, sobald die blutschwarze Hand, die es hielt, sich vor dem Tode senken mußte.« Ausdrücklich wird unter den Eroberern Karl der Große genannt. Unter Karl dem Großen verstand man aber damals – unter dem Druck der französischen Zensur – niemand anderen als Napoleon. »Laßt uns einige Augenblicke mit einem friedlichen Beschauen der Helden zubringen.« Und nun wird der Kriegsheld, der große Eroberer unter die Lupe genommen. »Vor dem Pöbel steht freilich ein Mann erhaben da, der in seinem Bette liegt und Länder mit Ländern multipliziert oder dividiert; denn der Pöbel rechnet die gedachte Größe zur denkenden, die des Gegenstandes zur Anstrengung.« Aber es dürfte 720 im allgemeinen »mehr Kraft dazu gehören, einen Helden abzumalen, als einer zu sein; und Newton und La Place tragen höhere Kronen, als die erste dessen ist, welcher von ihnen angewandte Kriegsmeßkunst lernt«. Deutlicher konnte wirklich nicht mehr auf Napoleon gezielt werden! Und nun der »Mut« des Kriegshelden! Wir sehen sofort: es ist von keinem Krieger die Rede, der mutig in die vorderste Linie drängt, sondern von dem Feldherrn, der mit dem Ruhm anderer bedeckt ist. »Der Sieger wird genannt, aber selten die Sieger, mehr der befehlende Mut als der gehorchende, und den Überlebenden stirbt die Lorbeererbschaft der Gebliebenen zu. Vollends der Held selber, dastehend auf dem Hügel und seine Unsterblichkeit durch fremdes Sterben erobern sehend . . . Aber ist's nicht mehr Ehrenmut, zu sterben ohne Ruhm, als zu leben von Ruhm?« »Welche gewöhnliche Menschen waren nicht die Ziethen, Tillys usw. . . . so gibt man eben zu, daß der bloße Feldherr an und für sich kein großer Charakter oder Mensch . . . sondern der üppige, fette Sprößling einer Kunstfertigkeit sei.« »›Ich habe eine Idee,‹ sagt Sokrates, ›und daran setz' ich mein Lebenswohl und mein Leben selber, denn fremdes darf ich nicht.‹ – ›Ich habe eine Idee,‹ sagt der Eroberer, ›und daran setz' ich Völker, Dörfer und Städte und erfülle meine und feindliche Landeskinder mit Blutdurst und Fleischhunger und leide kein fremdes Dorf, das nicht Tourtour, und keine fremde Gasse, die nicht Elendengasse heißt, und verdoppele die Saharawüste: mehr kann ich für eine Idee wahrlich nicht tun.‹« Hier ist der grandiose Zynismus des Kriegshelden, des Eroberers herausgehoben. Hier wird in den Nerv jenes Phänomens Napoleon gezielt, das die Welt blendete. Hier wird das Phantomhafte an dem Eroberer aufgewiesen. So deutlich, daß man erstaunen muß, wie die französische 721 Zensur den Pfeil nicht erkannte, der hier auf die Sehne gelegt wurde. Noch Anfang 1805 hatte Jean Paul mit sich gerungen: »Wüßt ich gewiß, daß Napoleon unrecht hätte . . . oh, so wäre es ja leicht, selbst ein Leben gegen ihn zu wagen durch Schrift.« Seit der »Charlotte Corday« hatte er mit dieser Erscheinung gerungen, die über Europa lag. Jetzt war er mit seinem Urteil fertig, und jetzt wagte er sein Leben gegen ihn durch Schrift. Er zeigte seinem Volke, von welch kurzer Dauer die gewaltsam aufgerichteten Reiche sind, die bald wieder von dem Schwert herabgleiten, das sie wie Trophäen aufgereiht hat. Mit einem Wort: er wies auf eine kommende Morgenröte hin. Er schrieb nicht Morgenröte, sondern »Dämmerungen für Deutschland«, in der kurzen Vorrede diesen Titel erklärend oder vielmehr nicht erklärend. »Es wäre für den Verfasser aus manchen Gründen kein angenehmer Umstand, wenn man den Titel des Buchs deutlich fände anstatt dunkel und vieldeutig.« Das hieß: er wollte nicht sagen, daß er die Dämmerung vor dem Tagen meinte, aber er ließ es durchblicken. »Wer konnte je den Frühgottesdienst einer Frühlingsdämmerung voll Lerchen und Blüten vergessen, wenn er ihn gefeiert hatte? Denn was war der ganze Tag dagegen? In der Dämmerung regiert das Herz.« Hiermit sind nur die Hauptgedankengänge der »Dämmerungen« angegeben. In den folgenden Abschnitten schlägt er vor, politische Trauerfeste der ganzen Nation abzuhalten, hauptsächlich an dem Jahrestage der Schlacht von Jena. Oder mehr Augenmerk auf den Nachwuchs zu richten, in dem die jungen Genies einer kommenden Generation heranwachsen. Oder er legt den Fürsten nahe, die Schriftsteller als Gesandtschaftspersonal zu benutzen. »Was hätten die Fürsten nicht von diesen Botschaftern und Nuntien . . .von Glück und Unglück, Kraft und Krankheit eigener und fremder Staaten 722 erfahren können?« »Haben sie nicht die französische Revolution vorausgesagt – ferner die Jammerfolgen deutscher Einmischung in diese – die Erhebung Frankreichs? – die Napoleons usw.?« Auf allen Gebieten finden wir ihn als Anreger und Beleber der nationalen Idee. Und dennoch durfte ihm Herzog Aemil von Gotha schreiben, daß er nicht Lust habe, die Schulden Jean Pauls »um Deutschland und Frankreich zugleich« in den Lethe zu schleppen? Diese Äußerung zeigt, daß Jean Paul nicht überall richtig verstanden war. Oder war er verstanden worden? Er unterschied sich ja so vielfach von den Anblasern eines Revanchekrieges. Er wollte nicht Rache, sondern einen neuen Geist pflanzen. Er war einer der ersten, die den Gedanken eines kommenden Krieges mit einer kommenden Freiheit des deutschen Volkes verknüpften. Der Erbprinz von Weimar, dem die »Dämmerungen« gewidmet werden sollten, lehnte die Widmung dankend ab. Von Wiederherstellung ihrer alten Macht träumten die deutschen Fürsten, nicht von einer kosmischen Verantwortung gegenüber Menschheit und Geschichte. Und wenn sie schon, wie Jean Paul, dem Rheinbund zuneigten, so war es nicht, um von ihm den Weg zu einer Einheit des Reiches von innen her zu finden. Sie fühlten dort nur ihre Macht von Napoleon garantiert, nichts mehr.   Während Geister wie Lafontaine und Kotzebue von deutschen Fürsten unterstützt wurden, hatten weder der Herzog von Gotha, noch der von Weimar, noch der König von Preußen etwas für Jean Paul übrig. Unerwartet kam ihm jetzt gerade eine Hilfe von jenem merkwürdigen Manne, dessen jetzt außerordentlich erhöhte Machtstellung ganz von Napoleon abhängig war und der dennoch einer der deutschesten Fürsten jener Zeit 723 genannt werden muß: Freiherr Carl von Dalberg. Dalberg hatte bereits zu Herder in engen freundschaftlichen Beziehungen gestanden. Nach dem Zusammenbruch bei Jena war er Fürstprimas des deutschen Rheinbundes geworden, und wenige Jahre später wurde er Großherzog des von Napoleon errichteten Großherzogtums Frankfurt. Dalberg hatte sich bereits einer Reihe deutscher Dichter, die durch den Zusammenbruch Preußens ihre feste Existenz verloren hatten, angenommen. Zacharias Werner und Ludwig Börne waren unter andern von ihm freundschaftlich aufgenommen worden. Jean Paul übersandte Dalberg im Herbst 1808, zu welcher Zeit bereits eine zweite Auflage seiner »Friedenspredigt« notwendig geworden war, das Buch mit der Bitte, es ihm widmen zu dürfen. Es ist merkwürdig, daß Jean Paul gerade in diesem Günstling Napoleons den Hort der kommenden deutschen Wiedergeburt sah, und gewiß in der damaligen Zeit nicht ganz unberechtigt. In diesem Schreiben hatte Jean Paul zunächst ganz allgemein durchblicken lassen, daß er der einzige Dichter sei, der seinen Fürsten bisher nicht gefunden. Dalberg bat ihn darauf, sich deutlicher zu erklären, und nun bat Jean Paul ihn, durch Dalbergs unverhofftes Schreiben ermutigt, um eine staatliche Unterstützung. Dalberg antwortete umgehend mit einem bedeutenden Geschenk für den nächsten Winter und überraschte zum Frühjahr den Dichter mit einer Pension von 1000 Gulden jährlich. Im Jahr 1811 setzte Jean Paul durch, daß diese Pension aus dem allgemeinen Pensionsfond bezahlt wurde, nicht mehr aus Dalbergs Privatschatulle, weil er »nur Dalbergs deutscher Hand, aber keiner ausländischen das Erleichtern der Zukunft seiner Kinder zu verdanken haben wolle«. Es spricht für Dalbergs deutsche Gesinnung, daß er den Mut hatte, den Verfasser der »Dämmerungen« öffentlich unter den Pensionären des 724 Landes aufzuführen. Etwa um dieselbe Zeit schrieb Herzog Aemil von Gotha dem Dichter: »Ich will Ihnen sagen, daß Ihr feiles Buhlen um die Gunst der das Alte und Unmodige vergessenden Welt mich außerordentlich interessiert hat, und daß es mir damit geht wie der übrigen Welt, die Ihnen wohlwollend zusieht, wie Sie mit alten Lorbeeren um die grauen Locken wie eine Hetäre aus den Schmunzelfenstern de la petite maison und des petites maisons von zwanzig Journalen auf einmal herausblicken und ihre Weihrauch- und Nachtgefäße ohne Unterschied auf uns Deutsche herabsenken und schwenken.« Dieser Vorwurf einer geschäftigen und fast journalistischen Vielschreiberei war um so niederträchtiger, da Jean Paul durch Geldnot gezwungen war, seine Kraft in kleinen Beiträgen für Zeitschriften und Taschenkalender zu verzetteln. Drei Buchhändlermessen waren durch die Kriegsläufte ergebnislos vorübergegangen, gewiß ein großer Ausfall für einen Autor, der gewohnt war, von der Hand in den Mund zu leben, und kein Vermögen zuzusetzen hatte. Aber abgesehen davon, daß diese vielen kleinen Arbeiten, die unverhältnismäßig gut bezahlt wurden, seine Einkünfte beträchtlich erhöhten, fand Jean Paul selbst allmählich Gefallen an dieser Art der Produktion, je mehr seine gestaltenden Kräfte nachließen. In gewissem Sinne setzten diese kleinen Arbeiten seine einstige Satirenschreiberei fort. Wie er in der ersten Höfer Zeit unaufhörlich an kleinen satirischen Abhandlungen gearbeitet hatte, so stellten sich ihm auch jetzt unaufhörlich Einfälle ein, die er zu kleinen Beiträgen verwandte. Zum Teil griff er sogar auf Stoffe aus seiner ersten Satirenzeit zurück wie etwa im »Pasquill auf die schönste Frau«. Eine Fülle von Gedanken ist in diesen Arbeiten niedergelegt. Es ist unmöglich, sie auch nur dem Titel nach alle aufzuzählen. Die wichtigsten 725 Erscheinungen der Literatur besprach er in seiner zugespitzt subjektiven Art. Dazwischen gibt es Aufsätze, die in auffälliger Weise bei ihm die Stelle der Lyrik einnehmen, sogar »Streckverse«, wie sie als Polymeter Walts zahlreich in die »Flegeljahre« eingestreut sind. Auch die »Dämmerungen« waren zunächst als Zeitschriftenaufsätze in dem »Deutschen Museum« des Hamburger Verlegers Perthes erschienen. Ihnen schickte er im Laufe der Zeit »Nachdämmerungen« und »Dämmerungsschmetterlinge oder Sphinxe« nach. Nicht immer behielt er den ernsten Ton bei. Er wollte das deutsche Volk nicht nur aufrütteln, sondern auch erheitern. Durchaus heiter war die »scherzhafte Flugschrift«: »Mars und Phöbus – Thronwechsel im Jahre 1814«, mit der er die siegreichen Truppen der Verbündeten nach Frankreich hineinbegleitete. Sie schloß seine politischen Schriften ab. Welch eine Spannweite von den prophetischen Donnerworten der »Krieg-Erklärung gegen den Krieg« bis zu diesen letzten kleinen Flugblättern! Sie umspannte einen weltpolitischen Abschnitt von dem ersten Auftauchen bis zum Untergang Napoleons. Es war nicht zufällig, daß Jean Paul am Abschluß der großen Völkertragödie nur noch scherzhafte Töne fand. Ein tieferes Eindringen in die Weltlage versagte er sich. Zum Teil war die Entwickelung so verlaufen, wie er vorausgesagt und gewünscht hatte. Zum andern Teil aber mußte er sich sagen, daß von den seit der französischen Revolution aufgeworfenen Problemen kein einziges gelöst war. Kein einiges großes Deutschland war das Ergebnis des Völkerringens gewesen, sondern eine weiter zwischen den »Schildkrötenschalen« Preußen und Österreich eingeklemmte Nation. War diese Richtung dem Verfasser der »Friedenspredigt« entgangen? Wohl kaum. Aber er äußerte sich nicht mehr zur Weltlage. Er hob sein Herz aus den politischen 726 Verwickelungen der Zeit heraus, um fortan nur noch reine und losgelöste Dichtungen zu schreiben. Dieses Schweigen eines Geistes, der noch eben als Kämpfer in die Welt eingegriffen hatte, besagt mehr, als alle Zeitkritik tun könnte. Der Dichter des »Titan« verstummte, der Jünger Herders zog sich aus den Welthändeln zurück. Er mußte begreifen, daß die Zukunft den erstarkten Mächten Preußen und Österreich gehörte. Die Kantianer und die Romantiker beherrschten das Feld. Herder und er hatten der Zeit die großen Antriebe gegeben. Jetzt rollte sie in anderer Richtung weiter. 727   Idyllen und Humoresken Seltsam verschlingen sich die Linien von Jean Pauls Schaffen. Schon frühzeitig hatte er sich als Prophet seines Volkes gefühlt, aber gerade aus seinem unproblematischen Dichtertum waren seine Hauptwerke herausgeflossen. Immer wieder jedoch bog er in die Linie eines prophetischen Sehertums ein, besonders seit er in Weimar mit der über dem Volke lagernden Bildungsschicht vertraut geworden war. Über zehn Jahre lang hatte ihn der Plan seines »Titan« beschäftigt, in dem er der Zeit den Spiegel vorhielt. Ein ganzes Jahrzehnt hatte er damit zugebracht, in die religiösen und philosophischen Kämpfe der Zeit einzugreifen. Von dem »Kampanertal« und dem »Jubelsenior« an hatte er den Kantianismus und den Fichteanismus aufs Korn genommen. Aus allen diesen Kämpfen war das Idealbild des deutschen Menschen bei ihm herausgewachsen, nicht nur durch den Helden des »Titan« verwirklicht, in dem gleichen Grade durch seine theoretischen Schriften, die »Vorschule der Ästhetik« und die »Levana«. In seinen ersten politischen Schriften endlich hatte er die Grundlinien einer deutschen Politik zu skizzieren versucht. Auf allen Gebieten war die Entwicklung anders verlaufen, als er es erstrebt hatte. Mußte er sich nicht selbst allmählich wie eine Don-Quichotte-Figur vorkommen, die einen aussichtslosen Kampf gegen Windmühlenflügel geführt? Schon in den »Flegeljahren« hatte er sein eigenes Wesen schonungslos analysiert, die beiden miteinander unvereinbaren Seiten seines 728 Charakters bloßgelegt. Der Schluß des Romans ließ Walt in einer Situation zurück, der er unmöglich gewachsen sein konnte, und sandte Vult in die Heimatlosigkeit hinaus. Es war das schonungslose Fazit eines vergeblichen Lebens, das er hier zog. Jean Paul war am Ende. Wir brauchen uns nur den Bericht des Erlanger Professors Le Pique vor Augen zu führen, um zu erkennen, daß dieser Mann auf der Höhe seines Schaffens bereits innerlich unterhöhlt war. Von dem Zusammenbruch Österreich-Preußens hatte er die Geburt eines neuen Deutschland erwartet. Sie war ausgeblieben. Was konnte jetzt noch kommen? Eine Periode der resignierten Altersweisheit! Seltsam schattenlos und ohne Bitterkeit tritt diese dritte große Periode seines Schaffens ein, als wäre sie Krönung und nicht Verzicht. So groß war die seelische Kraft dieses Dichters, des Lebens Widersprüche zu versöhnen in dem einen alles Lebendige umfassenden Lebensgefühl. Und in gewissem Sinne war diese letzte Periode seines Daseins auch Krönung alles Bisherigen. Wonach sich der Jüngling und der Mann gesehnt hatte, das umgab ihn jetzt in Fülle. Ein Volk schaute bewundernd zu ihm auf. Ein heiter gemütlicher Familienkreis umfing ihn, nachdem das zunehmende Alter auch die Gegensätze zwischen ihm und Karoline ausgeglichen hatte. Weitab lagen Nahrungssorgen, besonders seitdem ihm Dalberg die Pension gewährt. Sein Leben umstanden die geliebten Gestalten seiner Jugend. Täglich sah er das Wunderland der Eremitage vor seinen Augen liegen, wenn er in der Rollwenzlei arbeitete. Nur im letzten und höchsten Sinne war alles irgendwie vergeblich gewesen. Nach außen hin hatte sich dieses Leben in Vollendung geschlossen. Was ihm versagt war: die letzte Wirksamkeit als Führer des Volkes, das mußte ihm mehr als ein allgemeines Schicksal alles 729 Lebendigen denn als persönliches Ungemach erscheinen. Und so war es in der Tat. Gab es denn überhaupt Leben, dem alle Blütenträume reiften? Die Unzulänglichkeit des Lebens überhaupt hatte er verspüren müssen, nicht seines besonderen Lebens. Vergeblich hatte er für menschliche und politische Ziele gestritten, aber gab es überhaupt restlose Erfüllungen? Lagen nicht immer Aufgaben in der Ewigkeit? War es nicht im tiefsten Grunde der Sinn des Lebens, daß immer noch so viel zu tun übrigblieb? Gewiß war er ein Dichter gewesen, aber war er nicht auch, wie er von seinem Herder geschrieben hatte, noch viel mehr als ein Dichter, nämlich ein Gedicht, ein »griechisch-indisches Epos, von einem reinsten Gotte geschrieben«? Eines, in dem Taten und Erfüllungen sich kreuzen und in dem doch schließlich alles in ein ewiges Geschehen einmündet, ohne selbst zu einem, jede Entwicklung abschließenden Ende gekommen zu sein? Kunstwerke höchster Potenz waren diesem Leben entquollen, und doch blieben sie alle irgendwie fragmentarisch, wie das deutsche Schicksal mit seinem ewigen Auf und Nieder ein Fragment blieb. Gerade darin erscheint er so unvergleichlich als Ausdruck seines Volkes, daß er wie ein Stück jener unendlichen Melodie ist, die sich durch Jahrtausende fortschwingt und sich nur in Jahrtausenden sättigt. Immer zum Höchsten strebend und es nie ganz erreichend, weil die Erde unter dem Fuß sich zwischen Beginn und Ende fortgedreht hat und neue Sonnen schon wieder mit Strahlen heranschießen, indes das Abendrot der alten noch den Horizont färbt. Ohne Bitterkeit hatte Jean Paul resigniert und sich aus der Zeit in seine eigene poetische Welt zurückgezogen. Und wenn noch irgendeine Bitterkeit in ihm war, so löste sie sich in verstehendem Humor. Wonach er ein Leben lang gerungen hatte: seinen Ernst mit seinem Humor zu verschmelzen, das 730 gelang ihm jetzt in einem Grade, der ihm früher unerreichbar gewesen war. Wir wissen nicht, ob die Resignation in einem besonderen Augenblick über ihn gekommen war. Nur daß er sich mit der Unerreichbarkeit seiner höchsten Ziele abgefunden hatte, steht fest. Eine neue Art, sich selbst und das Leben anzuschauen, tritt mehr und mehr in den Vordergrund seines Denkens. Es war der Blickwinkel, aus dem heraus der alternde Cervantes seinen Don Quixote geschrieben hatte. Dieses Buch, in dem ein Feuergeist sich über den inneren Bankrott seines Lebens hinaushebt, nimmt ihn gefangen. Der Don Quixote ist die Symbolgestalt, die über der letzten Schaffensperiode Jean Pauls steht, bis sie sich zu der Gestalt seines Apothekers Marggraf verdichtet, dieser ins Deutsche übertragenen Don Quixote-Figur seines letzten Romans, des »Komet«. Aber auch schon vor diesem Roman kommt etwas Don Quixotisches in alle seine Gestalten hinein. Auch hier brauchte er nur ein längst schon angeschlagenes Thema fortzuführen. Schon das Schulmeisterlein Maria Wuz wie der Quintus Fixlein hatten in ihrem Leben Chimären nachgejagt. Diese idyllischen Naturen allerdings wußten sie klug zur Steigerung ihres Glücks zu benutzen. Wenn sie sich große Literaten dünkten, so kam von dieser Einbildung ein Hauch Glück mehr in ihr Leben. Aber diese Einbildung brauchte nur ein wenig gesteigert zu werden, so wuchs von hier etwas Don Quixotehaftes in das Leben hinein. Eine gemütliche und harmlose Schwäche wurde zum lebenfressenden Dämon. Wiederum tauchte auch hier das Motiv der »Einkräftigkeit« auf, das mit ernstern Ethos den »Titan« erfüllt hatte, jetzt ins Komische abgewandelt. Man sieht, hier schnitten sich die Linien eines ganzen Lebenswerkes. Wohl wurde auch jetzt noch diese »Einkräftigkeit« als lebenzerreißende und verwirrende Einstellung genommen. Darin lag ja für Jean Paul 731 das Wesen des Humors: daß er die unendliche Idee nicht verkleinert, sondern in ihrer ganzen Unbedingtheit bestehen läßt, sie aber zu dem Endlichen in einen feindlichen Gegensatz stellt und so beide: Idee und Leben einander verschlingen läßt. Die Tragik, die jedem echten Humor zugrunde liegt, wurde ins Transzendente hinausprojiziert. Subjektiv konnte der Held das Erlebnis letzter Erfüllung seines Daseins gewinnen. Nur hoch über ihm, in dem Bereich des ewigen Sinns, schlagen die Wellen der Tragik über ihm zusammen. Man sieht, wie gerade aus seiner Fassung des Humoristischen sich das Don Quixote-Motiv ganz von selbst einstellen mußte. Die wesentliche Umstellung in Jean Paul war die, daß er sein eigenes Schaffen, soweit er mit ihm in die Zeitgeschichte hatte eingreifen wollen, unter diesem Gesichtswinkel des Don Quixotismus ansehen mußte. Der aussichtslose Gigantenkampf gegen einen widerstrebenden Zeitgeist mußte dem Humoristen schließlich unter der Form eines Kampfes gegen Windmühlen erscheinen. Der metaphysische Humor dieses Bildes allein konnte auch über persönliche Bitterkeit hinausheben, aber es bedurfte schließlich wieder der ganzen lebenverwandelnden Kraft eines echten Humoristen, um sich zu dieser Anschauung zu befreien. Es war also Verzicht, was Jean Pauls letzte Schaffensperiode einleitete, aber es war schließlich auch – und das war das Wesentliche dabei – Emporwachsen in die Region des absoluten Humors. Auch hier lebte der Dichter wieder seinem Volke eine in Ewigkeit gültige Lebensform vor, die gegenüber dem Zustand des Ringens um die Ideale des Lebens kein Zurückgleiten, sondern verklärte Steigerung bedeutete. Kein lässiges Gehenlassen ist das Kennzeichen dieser gereiften Einstellung, sondern noch einmal ein Ringen um ein Lebensganzes auf einer 732 neuen und erhöhten Ebene. Noch einmal war eine ganze Welt mit Gestalten zu bevölkern. Wenn man lediglich die Seitenzahl der Werke nimmt, die in dieser letzten, fast zwanzig Jahre dauernden Periode geschaffen wurden, so erscheint sie gering neben den umfangreichen Werken der etwa ebensolange dauernden vergangenen Perioden. Nichts aber wäre falscher, als wenn man den Eindruck mitnähme, als hätte Jean Pauls Schaffenskraft abgenommen. Neben den neuen Arbeiten waren die alten Werke zu betreuen. Den Neuauflagen hat der Dichter eine bis ins einzelnste gehende Sorgfalt angedeihen lassen. Keine Neuauflage irgendeines seiner Werke – und sie alle erlebten jetzt solche – ging vorüber, ohne daß Jean Paul umfangreiche Veränderungen vornahm. Ganze neue Bände fügte er an, arbeitete alles stilistisch um, fügte Szenen und ganze Seiten hinzu. Sein Werk, wie es uns heute vorliegt, erhielt in dieser letzten Schaffensperiode erst seine endgültige Gestalt. Dazu kam eine geradezu unübersehbare Fülle von kleineren Arbeiten, die er in Cottas »Morgenblatt« oder im »Taschenbuch für Damen« des gleichen Verlages erscheinen ließ. Auch für das Wilmansche »Taschenbuch für Liebe und Freundschaft« und die Brockhaussche »Urania« lieferte er fortgesetzt Beiträge. Für die beiden letzteren Zeitschriften hauptsächlich, um seine Schwägerin Minna Spazier, die beide Blätter herausgab, zu unterstützen. Eine Menge von Rezensionen lieferte er für die Heidelberger Jahrbücher. Diese kleinen Arbeiten füllen eine Reihe von umfangreichen Bänden. Da sind die mehr wissenschaftlichen Abhandlungen, die er für die unter Dalbergs Leitung stehende Frankfurter Gelehrtengesellschaft schrieb, die ihn zum korrespondierenden Mitglied ernannt hatte. Er vereinigte sie in einem »Museum« benannten Band und widmete sie der Gesellschaft. Da sind 733 drei Bändchen voll kleinerer Dichtungen, die als »Herbstblumine« vereinigt wurden, und ein ganzer Band »Gesammelte Aufsätze und Dichtungen«. Sämtliche politische Schriften und Dichtungen wurden nach dem glücklichen Ausgang der Befreiungskriege unter dem Titel »Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche« zusammengefaßt. Und dies ist der Band, der Jean Pauls Umstellung seit den ersten politischen Schriften am deutlichsten sichtbar macht. Neben diesen zahlreichen Bänden kleinerer Schriften und Dichtungen brachte diese letzte Periode aber eine ganze Reihe größerer Idyllen und Humoresken hervor, die zum Teil den Umfang kleiner Romane haben, und einen Roman, der noch einmal eine große Konzeption aus den letzten Lebensjahren darstellt. Eine ganze neue Welt war mit Gestalten zu bevölkern, und sie wurde bevölkert. Etwas grundsätzlich Neues springt bei allen diesen Gestalten ins Auge. In allen seinen bisherigen Arbeiten war Jean Paul im Bereich der Gegenwart geblieben. Er gab in seinen Dichtungen gewissermaßen Antwort auf die Probleme des gegenwärtigen Lebens, die auf ihn einstürmten. Wir hatten ihn begleitet, wie er aus bisher unberührten Schichten in die geistige Gegenwart hineinwuchs und sich in ihr heimisch machte. Unmittelbar wie sein Erleben mußte die Antwort sein, in der er auf das Erleben des Zeitgeistes als einer Gegenwart reagierte. Wir können uns seine Romane und Idyllen ebensowenig in einer andern Zeit spielend denken als etwa bei Dostojewski. Nun aber wird es anders. Er hatte zum Leben Distanz gewonnen, und in gleichem Grade rückt die Wirklichkeit in seinen Dichtungen zurück, wird zur Vergangenheit. Er betont es nicht ausdrücklich, ja er wird sich dieser Umstellung nicht einmal bewußt. Denn wo er Zeitkolorit geben muß, wie in 734 »Dr. Katzenbergers Badereise«, zeichnet er wiederum Gegenwart. Aber im allgemeinen haben jetzt seine Geschichten einen zeitlosen, vielleicht einen mittelalterlichen Charakter. Das kam nicht allein von der Einwirkung des Don Quichotte, sondern er tauchte tiefer in das Wesen seines Volkes hinein. Er ging an die Wurzel der Formen, die er vorfand, und ganz von selbst nahmen sie bei dem Bürger eines mitteldeutschen Duodezstaates, der noch die Staatsformen des ausgehenden Mittelalters bewahrt hatte, eine etwa die Mitte des 17. Jahrhunderts widerspiegelnde Färbung an. Das war nicht die romantische Beschwörung einer großen Vergangenheit, im Gegenteil. Das deutsche Volk hatte er zu neuer Beseelung aufrufen wollen. Es gelang nicht. Da zeichnete er das Bild des Volkes in seiner tiefsten Zerrissenheit und Ohnmacht, mit all den Spießbürgerlichkeiten, die sich einer großen Bewegung entgegenstellten, mit all der feigen Angst, hinter der ein halbes Jahrhundert des grausamsten und zerstörendsten Krieges stand. Dieses Volk, wie er es jetzt zeichnet, ist nicht mehr Träger eines welthistorischen Geschehens, es ist Objekt eines völkerverschlingenden Schicksals, Beute einer aus einem Jahrhundert voller Entsetzen aufsteigenden Angst. Die »Politischen Fastenpredigten« enthielten neben der »Friedenspredigt« und den »Dämmerungen« zwei Grotesken, wie »Die Belagerung der Reichs-Festung Ziebingen« und »Die Doppelheerschau in Großlausau und in Kauzen, samt Feldzügen«. »Jedes Volk vergeht wie ein faulender Schwamm, wenn es keinen Mut mehr hat«, hatte er in der »Friedenspredigt« geschrieben. Jetzt zeigte er dieses Volk ohne Mut, von der Angst geschüttelt. Eine groteske Grimmelshausen-Manier führt seine Feder. Anlaß gaben die übereilten Übergaben preußischer Festungen an die vordringenden französischen Heere. Das Bild des deutschen Volkes aber, das er hier entwarf, war 735 das des vom Dreißigjährigen Kriege um und um geschüttelten. Und das Ethos, das dahinterstand, war dieses: so sieht ein Volk ohne belebende Idee aus, ein Volk, dem die Territorialdynastien das Mark aus den Knochen gesaugt haben. Ein feiges Verkriechen vor den Gefahren der Schlacht oder höchstens ein willenloses Dem-Schicksal-den-Rücken-Hinhalten. Es war das Deutschland nach dem Westfälischen Frieden, das er hier zeichnete, das Deutschland der unzähligen Duodezfürstentümer ohne innere Idee und Größe. Und wenn das jetzt unter Napoleon zusammenbrechende Deutschland die gleichen Züge aufwies, dann um so schlimmer! Dann mußte dieses Deutschland vergehen wie faulender Schwamm, bis eine neue, belebende Idee das Volk zu seiner Größe aufrüttelte. Das ist der Sinn dieser in die »Politischen Schriften« eingestreuten Grotesken. Aber in den Arbeiten selbst wird dieses Ethos kaum noch sichtbar. Hier wird nicht mehr wie in den Satiren an den Pranger gestellt, hier wird geschildert, und mit einer fast gefräßigen Freude an der Schilderung selbst. Die Angst der braven Reichsstädter aus der Reichsfeste Ziebingen wird mit einer Behaglichkeit vorgetragen, die Gottfried Keller vorwegnimmt. Das ist das ästhetisch Neue an der letzten Periode des Jean Paulschen Schaffens: diese zum Selbstzweck erhobene Schilderung. Erst jetzt, nachdem die großen Ziele dahingesunken, ist die Darstellung auf sich selbst gestellt. Ein heiteres Musikantentum der Sprache bricht los, eine Freude am Virtuosischen des Worts. Jetzt erst wurde die Ernte einer dreißigjährigen Bemühung um die Sprache eingebracht. Zuerst in der Groteske »Mein Aufenthalt in der Nepomukskirche während der Belagerung der Reichsfestung Ziebingen«. Der hier geschilderte Städtekrieg nimmt von der Gänsegemarkung ihren Anfang. Die Ziebinger haben zusammen 736 mit der Gemeinde Diebsfehra eine Gemeinhut, auf der die Gänse beider Städte geweidet werden. Unglücklicherweise fällt am 4. Mai ein starker Hagel auf die Wiese, so daß vierzig, teils Gänse, teils Ganter, erschlagen werden. Der Ziebingsche Gänsehirt läßt in edlem Patriotismus alles Erschlagene liegen und treibt alles Überlebende in seine Stadt ein, als hätte der Hagel nur Diebsfehrasche Gänse erschlagen. Beiderseits werden Gutachten über den Vorfall ausgefertigt, aber das Endergebnis ist, daß die Diebsfehraer die Reichsfestung mit Krieg überziehen. Die Festung wird in den Belagerungszustand versetzt. Zum Unglück wird Jean Paul mit dem Buchdrucker Peter Stöcklein gleichfalls eingeschlossen. Die Belagerer haben ein schweres Geschütz aufgefahren, das Schuß auf Schuß in die Festung hineindonnert. Der wackere, tüchtige Kommandant mit dem eigenartigen Namen »Ich sterbe täglich und mein Leben«, eine wahrhaft groteske Figur, wie aus einem Schildaer Chronikbuch herausgeschnitten, trifft die Gegenmaßregeln. Alles Wehrfähige wird auf die Beine gebracht, die Fenster und Türen werden mit Dung gegen das Geschützfeuer zugedeckt. Der einzig sichere Aufenthalt aber ist die bombensichere Nepomukskirche, die denn auch zum Hauptquartier erhoben wird. Von der Kanzel der Kirche herab hält der Kommandant Betstunden zur Entflammung des Muts ab und setzt Preise für die kühnsten Träume aus. Jedes Gewehr nimmt er erst selbst auf seine Schulter und verleiht es dann seinem Besitzer gewissermaßen als Ehrensäbel. Alle von früheren Belagerungen her in Gebäuden sitzenden Kanonenkugeln werden ausgebrochen, um von neuem verwendet zu werden. Leider hat der Stadtkämmerer das einzige Geschütz vor wenigen Monaten an die Diebsfehraer verkauft. Über dem schwächsten Tor wird eine Koppel Hunde postiert, unter denen sich ein halbtoller befinden soll. Mit 737 dem ersten feindlichen Kanonenschuß sammelt sich die gesamte Bevölkerung in der bombensicheren Kirche, einschließlich eines durchreisenden Elefanten, der mit Mühe durch die enge Kirchentür hindurchgezwängt wird. Sein Besitzer will klaglich vorgehen, da er nun das teure Tier ohne Geld der gesamten Bevölkerung zeigen muß. Dazwischen will der Buchdrucker Peter Stöcklein die gute Gelegenheit benutzen, um von dem mit ihm eingeschlossenen Jean Paul Manuskripte zu erhalten. Ein kühner Ausfall endet mit der Flucht beider Heere. Schließlich ergreift in der Kirche Jean Paul die Initiative und legt dem Kommandanten »Ich sterbe täglich und mein Leben« nahe, die Feinde zu begnadigen, indem er Friedensunterhandlungen anknüpft. Die Böttcher wollten nächstens ihren Reiftanz halten, in der Nachbarschaft würde nächstens ein wichtiger Viehmarkt abgehalten, in einem unter der Ziebinger Gerichtsbarkeit stehenden Dorfe prügelten sich bereits aus Mangel an Obrigkeit die Bauern, kurzum es bestünden die wichtigsten Gründe, Frieden zu schließen. Jean Paul und Peter Stöcklein wollen sich den Vorbeizug der beiden Heere, der die Feindseligkeiten beenden soll, von einer Tonne aus ansehen. Leider bricht der Deckel der Tonne entzwei und sie versinken in das leere Faß. Als sie endlich gerettet werden, ist alles vorüber. Das Seitenstück zu dieser Groteske ist »Die Doppelheerschau in Großlausau und in Kauzen, samt Feldzügen«. Auch hier wird das Deutschland der Kleinstaaterei zu ergötzlichen und grotesken Schilderungen verarbeitet. Der dynastische, durch seine kleinen Verhältnisse lächerliche Pomp steht in schreiendem Widerspruch zu dem Ernst öffentlicher Angelegenheiten, die hier zur Farce erniedrigt sind. Diese beiden Grotesken bilden den Auftakt zu den Humoresken und Idyllen der letzten Periode. 738 In die »Belagerung von Ziebingen« hatte Jean Paul die eigene Person nach seiner alten Manier wieder miteingeflochten. Seit der »Unsichtbaren Loge« liebte er es, sich selbst in seinen Romanen und Erzählungen auftreten zu lassen. So sehr er sich selbst in dieser Weise mit wirklichen und angedichteten Eigentümlichkeiten preisgab, so wenig waren doch die Probleme, um die sich sein Denken bisher drehte, mit seiner eigenen Person verknüpft gewesen. Erst die »Flegeljahre« zeigen auch hierin eine neue Einstellung. Zum erstenmal hatte ihm hier das eigene Wesen mit seinen zwei miteinander unverbindbaren Teilen zum Vorbild gedient. In der letzten Periode seines Schaffens sollte sein Ich aber noch tiefer in seine Gestalten hineinbezogen werden. Objekt war ihm bisher das Leben in seiner Totalität gewesen, er selbst Subjekt, Träger und Schöpfer des Ganzen. Nun unternahm er es, dieses Verhältnis umzukehren, sich selbst im Verhältnis zur Welt zu sehen und darzustellen: sich, den Dichter, den Repräsentanten des Geistes auf dieser Erde. Auch das erschloß neues Stoffgebiet. Der Träger des geistigen Daseins in seinem Verhältnis zum Leben, zum biologischen Lebensprozeß des Werdens und Vergehens. Diese Einstellung (in unsern Tagen erst wieder von Thomas Mann als Ironie empfunden) war im tiefsten Sinne humoristisch, sie wetterleuchtete in die Abgründe und zeigte in befreiendem Lachen das Mißverhältnis zwischen Einsatz und Erfolg, zwischen Kraft und Bewegung auf. Auch hier war unendliche Idee gegen die Endlichkeit der Erscheinung gestellt. Der Schriftsteller als humoristische Gestalt, als Träger dieser »Don Quixotismus«, von dem wir sprachen, und diese Gestalt aus eigenen Schriftstellernöten, aus eigenen kaum zu belauschenden Lächerlichkeiten und Unzulänglichkeiten begriffen und in das Licht der Satire und seiner Sendung gerückt. Diese 739 Einstellung trug die epische Gestaltung noch um einige Grenzsteine vorwärts, da das letzte bereits in den »Flegeljahren« gesagt zu sein schien. Am 16. November 1806, also bald nach Vollendung der »Levana«, wurde das »Leben Fibels« begonnen und damit die letzte Periode eingeleitet. Zwischen und neben den politischen Schriften drängten sich diese neuen Arbeiten ans Licht. Schon früher, im vergnügten Schulmeisterlein Maria Wuz wie im Quintus Fixlein, war die schriftstellerische Tätigkeit launig travestiert worden. Mochte Jean Paul die eigene Wichtigkeit noch so stark betonen, ein leiser Zweifel war doch immer mitgeklungen, wo er – wie etwa in seinen liebevoll ausgesponnenen Vorreden – von sich und seiner Tätigkeit sprach. Ein Schuß gesunder Skepsis, der er sich als genialer Beobachter und Einfühler nicht ganz hatte entziehen können. Jetzt wurden diese, bisher nur leise angedeuteten Zweifel zum Mittelpunkt seines Schaffens. Gerade angesichts der politischen Lage, der er trotz des ganzen Einsatzes seiner Persönlichkeit doch hilflos und einflußlos gegenüberstand, mußten sich diese Zweifel bei ihm verstärken. Peinliche Fragen mochten ihm aufsteigen: War das Schriftstellererlebnis als solches nicht fast unabhängig von Wert und Bedeutung des Werkes? Erlebte er es nicht an sich selber, von welchen Zufälligkeiten und Nichtigkeiten jeder Erfolg abhing? Sah er nicht an Herder, daß die höchsten Leistungen wirkungslos und einflußlos verpuffen können? War nicht von seinen ersten Romanen gerade der reifste, »Siebenkäs«, fast unbemerkt vorübergegangen? Hatte nicht gerade sein größtes Werk, der »Titan«, eine Periode allgemeiner Mißachtung gegen ihn eingeleitet? Diesem Mißverhältnis lohnte es, im Ernste, das heißt im Spaße, nachzugehen. Hier war für eine, ganz aus den Zeitproblemen abgelöste Dichtung ein stofflicher 740 Ansatzpunkt gefunden. Dieser Einstellung kam nun ein höchst eigenartiger Einfall zu Hilfe: der in den Schulen von Ansbach und Baireuth eingeführten Fibel für Abcschützen einen Verfasser unterzulegen, einen ganz richtigen Autor, der in inneren und äußeren Kämpfen seinem Werk, das hier ganz als schriftstellerisches Werk genommen wird, zureift, und an diesem Autor einer Schulfibel das Schriftstellerschicksal aufzurollen von der Besessenheit des ersten Einfalls bis zur Vollendung und dem Hinauswachsen über sich selber und das Werk und die irdische Gebundenheit überhaupt. Kein Stoff konnte mehr Jean Pauls Einstellung zu seinem eigenen Schaffen zu Hilfe kommen als dieser. In der »Erklärung der Holzschnitte zu den zehn Geboten« in dem Baireuther Katechismus hatte dieser Gedanke bereits einen Vorläufer gehabt. Aber erst jetzt wurde er zu voller Wirksamkeit ausgeprägt. Doch schon nach wenigen Wochen drängte sich eine andere Arbeit dazwischen, die es zunächst wegzuräumen galt: »Des Feldpredigers Attila Schmelzle Reise nach Flätz.« Auch diesem Einfall lag die Frage nach dem Verhältnis zwischen Geist und Wirklichkeit zugrunde, zwischen Schein und Wesen, Sein und Leistung. Der Feldprediger Schmelzle vom Regiment Schabacher hat den Abschied erhalten, und es geht das Gerücht, weil er in der Schlacht bei Pimpelstadt feige das Regiment verlassen habe und geflohen sei. (Wieder taucht hier das schon in der »Belagerung von Ziebingen« angeschlagene Motiv der Angst auf.) Schmelzle glaubt dieses Gerücht zerstreuen zu müssen. Er verfaßt eine Denkschrift über sein Verhalten an den General Schabacher, in der er bittet, die ihm ungerechterweise entzogene Feldpredigerstelle in eine katechetische Professur umzuwandeln. Diese Denkschrift dem General selbst aus besonderen Gründen am 23. Juli vor dem Markttage um 5 Uhr in Flätz eigenhändig zu überreichen, 741 macht er sich auf die Reise dorthin. Seine Abenteuer auf dieser Reise beschreibt er in einem »Zirkelbrief an meine Freunde«, der zugleich seinen Mut in den gefährlichsten Lagen erweisen soll, um so das Gerücht seiner Feigheit mit einem Schlage zu erledigen. Aber dieser Zirkelbrief enthüllt mehr von dem wahren Wesen des Verfassers, als beabsichtigt worden. Wie man sieht, ist Schmelzles Reise ein Gegenstück zu »Fälbels Reise«, die zur Zeit der »Unsichtbaren Loge« entstand. Dort wie hier ist es auf unfreiwillige Komik und Selbstenthüllung abgesehen. Jean Paul betont in der Vorrede, daß er nur ein »Porträt im französischen Sinne«, eine Charakterstudie habe liefern wollen. Aber welch eine Fülle von Leben ist in dieses Porträt eingeflossen! Was in der französischen Literatur an Charakterstücken nach dem Muster Theophrasts voranging, ist hier aus dem Bereich der Psychologie in die Ebene des Epischen erhoben worden. Aus dem »Charakter« ist ein Mensch geworden. Aus der Studie, die interessiert, ein Erlebnis, das erschüttert; und wenn es nur die Erschütterung des Lachens wäre. Kein Zweifel: Schmelzle mit dem wilden Vornamen Attila und dem kriegerischen Amt, ist ein Feigling. Die Angst schüttelt ihn. Aus jeder Lage fließen ihm Gefahren: aus heiterem Himmel kann der vernichtende Strahl fahren, geschweige denn aus der drohenden Wolke. Sogar der friedliche Mond wirft tückisch mit Gestein nach der Erde. »Hat man mühsam Donnerkeile eingeschmolzen und Kometenschwänze anglisiert, so führt der Feind neues Geschütz im Mond auf oder sonstwo im Blau.« Einbrüche, Feuersbrünste lauern, Erhitzungen oder Erkältungen bedrohen mit tödlichen Krankheiten. Plötzlicher Wahnsinn kann aus dem Fenster stürzen machen, aus dunklen Wiesen können beim Spaziergang im Mondschein Selbstschüsse aufknattern. »Bei Gott! überall Klingenproben des 742 Muts!« Schmelzle besteht sie als ein Held, aber als ein vorsichtiger. Ein lückenloses System von Sicherungen umgibt ihn. Jede Viertelstunde pißt er, um der Bildung von Blasensteinen vorzubeugen, und wenn er die Postkutsche deswegen anhalten muß. Mit mitgenommenen Schrauben und Schlössern verriegelt er die Zimmertüre im Gasthaus und verbarrikadiert sie überdies mit Sesseln und Tischen. Sein linker großer Zeh ist nachts durch eine Schnur an den rechten Arm seiner Frau gebunden, damit der Mondschein ihn nicht etwa auf das Dach locke. Kein Glas, keine Flasche darf hingestellt werden, wo die Sonne hinscheinen könnte, damit nicht ein zufällig entstehender Brennpunkt eine Feuersbrunst mit ihren Gefahren herbeiführe. Eine Reihe der komischsten Situationen kann aus diesem Kampf Schmelzles mit der Tücke des Objekts gewonnen werden. Auch dieses Motiv des »Anti-Wuz«, wie Jean Paul es nennt, taucht hier also auf, ja es hat hier seit dem Rektor Freudel die höchste Steigerung erfahren. Aber mit dieser Tücke der Dinge ist der metaphysische Grund der Komik Jean Pauls noch nicht erfaßt. In der »Vorschule der Ästhetik« heißt es, daß nur die Narrheit zu ergreifen vermag, die unser aller Narrheit ist oder doch sein könnte. Und so ist es mit der Angst, die den Feldprediger schüttelt. Das Grausen, das jeden Menschen von Zeit zu Zeit packt und auf tausend Sohlen umschleicht, der panische Schrecken, der grundlos oder mit vorgespiegelten Gründen aus dem Weltraum bricht, das Entsetzen vor der Stille, Atavismen verdrängten Geisterglaubens, – das alles, dem jeder Mensch zu vielen Malen erlag, zwängt dem Feldprediger den Ring der Furcht um den Hals. Was wir teilweise und zuzeiten sind, das ist er ganz und immer. Und vielleicht können wir diese furchtbare Angst nur deshalb überwinden, weil wir die furchtbare Größe der Gefahren nicht 743 kennen, die jeden Augenblick über uns hereinbrechen können. Attila Schmelzle aber kennt sie. Sein Spürsinn wittert sie von weitem, und es ist kein Zweifel, daß sie da sind. Jean Paul selbst hatte sich durch seine kleine Dichtung von Furchtvisionen zu befreien. Nicht daß er ängstlicher gewesen wäre als andere Menschen, aber seine größere Phantasiekraft mochte auch solche Augenblicke der Furcht auftreiben, und die Zeit war wohl dazu angetan, jeden sicheren Grund ins Wanken zu bringen. Zunächst wollte er dem Volk, das so hilflos den französischen Heeren unterlag, so wenig Widerstand aufzubieten vermochte, den Spiegel vorhalten, wie schon in der »Belagerung von Ziebingen« auf die rasche und unnötige Übergabe preußischer Festungen angespielt wird. Das Volk, das feige ist ohne den Antrieb einer belebenden Idee, sollte hier Gestalt werden. Die politischen Vorgänge über Europa konnten wohl das Entsetzen aus dem Grund aufrühren und jede feste Anschauung ins Wanken bringen. Seit der französischen Revolution war Europa nicht mehr zur Ruhe gekommen. Der Schrecken der Schlachtfelder war für die Zeitgenossen kein leerer Begriff mehr. Durch den halben Erdteil zogen sich die Kriegsschauplätze, und immer weiter fraß der Völkerbrand um sich. Quer durch Deutschland hatten sich gerade die kämpfenden Heere gewälzt. Die Unsicherheit aller staatlichen Formen und menschlichen Institutionen war erschreckend zutage getreten. Dazu kam bei dem freien Schriftsteller das Gefühl, daß er bei längerem Anhalten der Unsicherheit mit seiner ganzen Existenz in der Luft hing. Wir sahen, wie sich Jean Paul aus diesem Gefühl heraus um eine staatliche Sicherstellung bemühte. Noch im Jahr, bevor er den »Schmelzle« schrieb und den Feldprediger seine Bittreise nach Flätz tun ließ, war er selbst nach Wunsiedel gepilgert, um etwa von dem preußischen Königspaar eine 744 staatliche Präbende zu erhalten. Vielleicht ist diese seine mißglückte Reise nicht ganz ohne Zusammenhang mit der abenteuerreichen Fahrt Schmelzles. In mancher Beziehung hat er sich in dem Feldprediger selbst gegeißelt. Zum Beispiel die Pedanterie des Dichters in kleinen Haushaltsfragen, unter der Karoline nicht wenig gelitten hat, finden wir auch bei dem Feldprediger wieder. Wie lose aber auch Jean Paul im übrigen mit seinem Helden Schmelzle verbunden sein mochte, sich selbst und dem Volke hatte er in jedem Fall die Hinneigung zum panischen Schrecken von der Seele zu schreiben, einen lastenden Druck in helles Gelächter aufzulösen. So mußte er in Schmelzle diese Furcht zur äußersten Größe aufpeitschen, mußte einen Virtuosen des Entsetzens aus ihm machen. Einen, der schon vor Angst schlottert, wenn sein Pferd »im Schritt« mit ihm »durchgeht«. Abwehrmaßregeln, ins Grandiose gesteigert, mußte er dem Helden an die Hand geben, daß sie wie bewehrte Mauern noch die Größe jeder auch nur möglichen Gefahr gigantisch überstiegen. Diese Einstellung zu den Gefahren des Lebens mußte selbst über die bloße Furcht noch hinausragen. Hier mußte schlotternde Angst zu einem fast heldischen Verzweiflungskampf gegen die Gefahr werden, mit wankenden Knien aber mit einem Feuergeist fast geführt. Diese Einstellung gibt dem Gebaren Schmelzles den metaphysischen Hintergrund. Sie erklärt die Notwendigkeit, sich in Furcht und Abwehr zu überschlagen. Auf die kürzeste Formel gebracht ist sie in jener burlesken Szene im Postwagen, da Schmelzle sich aus Furcht vor dem Gewitter zu fürchten fürchtet, da der Angstschweiß den Blitz auf sich ziehen könnte. Man hat es für einen besonders feinen Zug der kleinen Dichtung erklärt, daß Schmelzle vor seiner Frau nicht als 745 Pantoffelheld dasteht, sondern als Tyrann. Wie aber sollte es anders sein! Ein Pantoffelheld ist unsicher in sich und beugt sich dem stärkeren Willen und der überlegenen moralischen Macht. Schmelzle aber ist ein Heros der Furcht und erfüllt die Atmosphäre mit seinem Heroenkampf gegen die Gefahr. Er kann niemandem unterliegen, und schreiendes Entsetzen wird immer noch zur Bestätigung seines eigenen Wesens. Die Pedanterie seiner Abwehrmaßregeln – denen ähnlich, die ein Schriftsteller zur Schonung seiner Nerven um sich aufrichtet – ist von bezwingender Gewalt. »Bergelchen« beugt sich ihnen, ohne nach dem Rechtsgrund seiner Tyrannenmacht zu fragen. Im »Rektor Fälbel« war die Stimmung durch Zwischenbemerkungen des Dichters unterbrochen. Neben dem Schulgewaltigen stand als hilfloses Opfertier Kordula, seine Tochter. In die Sphäre des bornierten Pedanten ragte sie als eine andere Welt hinein und gab dem Autor Gelegenheit zu seinen ergreifenden Ausbrüchen über das weibliche Herz und Schicksal. Vielleicht pulst in solchen Ausbrüchen echter und voller das Blut Jean Pauls, künstlerisch reiner ist die Geschlossenheit des »Schmelzle«, die alle Gegensätze auf eine Ebene bringt und auch die unverfälschte Weiblichkeit Teutobergas, ohne ihr an Frische und Selbständigkeit zu nehmen, der Welt des Tyrannen stimmungsrein einfügt. In den anderthalb Jahrzehnten seit »Fälbels Reise« hatte sich das Weltbild Jean Pauls gerundet. Jetzt bedurfte er nicht mehr des lyrischen Ausbruchs, um sich auszudrücken. Mit wenigen Strichen zeichnet er seine Personen – so den trefflichen Schwager Dragoner –, daß sie voll in der epischen Komposition stehen und ausdrucksgewaltig sind ohne Lyrismen. Jean Paul wendet seine ganze ungeheure Belesenheit an, um durch die Feder Schmelzles aus dem Weltraum ein 746 System von Gefahren und Abwehrmaßregeln aufzustellen. Die Einfälle überstürzen sich. Noch zum Schluß, als jeder Gefahr begegnet zu sein scheint, taucht die furchtbarste von allen auf: daß durch ein zufälliges chemisches Experiment die Erdatmosphäre zersetzt wird. Auf diese erhebende Aussicht sind alle Nöte Schmelzles hingetürmt. Unentrinnbar steigt hier die größte aller möglichen Gefahren auf. Aber wir ahnen es: er wird auch mit ihr den Gigantenkampf aufnehmen. Nach dem »Schmelzle« kehrte Jean Paul nicht sogleich wieder zum »Leben Fibels« zurück. Dieser Vorwurf war inzwischen an Bedeutung und Tiefe gewachsen und verschmolz ihm zum Plan einer großangelegten Selbstbiographie. In diesen Zeiten des Übergangs und der Zerrissenheit vermied er es, sich in sich selber zu vertiefen. Er zog es vor, außerhalb des eigenen Seins liegende Gestalten zu beschwören, auch wenn er im Verkehr mit ihnen das eigene Sein immer wieder aufstörte. Fast unmittelbar nach der Reise des Feldpredigers begann er im August 1807 jenen humoristischen Roman, der noch heute zu Jean Pauls bezeichnendsten Werken gehört: »Dr. Katzenbergers Badereise«. »Friedenspredigt« und »Dämmerungen« waren vorausgegangen. Im »Katzenberger« löste sich Jean Paul vollkommen von der Welt seiner Ideale, riß sich von jeder Einwirkung auf die politische Wirklichkeit los. Wir treffen deshalb in diesem Roman nicht sein flammendes Herz an. Ja noch mehr: hier ist jeder Sentimentalität, ja jedem Gefühl überhaupt der Krieg erklärt. Noch einmal wird eine Welt in ihrer Totalität gegeben. Aber jede Hülle vergoldender Phantasie ist von den Dingen weggerissen. Die Kehrseite, die unverhüllte Realität offenbart sich. Ein Zyniker, ein Virtuose des Zynismus, ist der 747 Held. Ein Dichter wird mit allen halben Lastern und Eitelkeiten seines Standes überhäuft gezeigt. Die sentimentale Schwärmerei eines jungen Mädchens erleidet an der Wirklichkeit kläglichsten Schiffbruch. Ein simpler Offizier, Mathematiker und gut gewachsen, trägt den Preis der Liebe davon, durch kräftige Gestalt und simple Treuherzigkeit über den berühmten Dichter triumphierend. Genie, Ruhm, Seele – alles das sinkt zurück, wird einfach lächerlich vor einem guten Brustkasten und einer gutsitzenden Uniform. Eigentlich ist es unerhört von dem Offizier, auf Grund eines ziemlich plumpen Mißverständnisses in die Vorlesung des Dichters Theudobach einzudringen. Ist Dummheit und Arroganz. Was aber tut's! Er macht die bessere Figur, und das sehnsüchtige Mädchenherz fliegt ihm zu und nicht dem bis dahin angebeteten Idol des großen Dichters. Die Welt Jean Pauls erscheint hier in umgekehrter Gestalt. Gustav, Viktor, Albano, sie alle waren Dichter oder standen doch dem Dichterischen nahe und siegten durch die Macht ihrer Poetenseele. Noch die »Flegeljahre« waren der Triumph des reinen Gemüts über das Raffinement. Hier aber siegt nicht etwa ein Vult über einen Walt, sondern irgendein hergelaufener Offizier über einen berühmten Dichter, dem die Welt anbetend zu Füßen liegt. Alles ist umgekehrt. Dr. Katzenberger, berühmter Chirurg und Universitätslehrer, reist mit seiner Tochter Theoda nach dem Badeort Maulbronn, aber nicht um zu baden, sondern um den Badearzt Dr. Strykius für seine unverschämten Rezensionen seiner, des Dr. Katzenbergers, Bücher zu verprügeln. Dr. Katzenberger spricht klar und deutlich seine Absichten aus. Es gibt nichts, was er nicht ausspricht. Jede Delikatesse, jeder Ekel ist ihm fremd. Er streicht reife Spinnen auf seine Buttersemmeln und verzehrt sie. Er freut sich über jede Leiche am 748 Galgen und über jeden Hund, den er vivisezieren kann. Den Nachbarskindern schickt er als Delikatesse einen Pfefferkuchen, den er als Pflaster auf seinem Magen getragen. Seine Leidenschaft gehört den Mißgeburten. An ihnen glaubt er die Gesetze der Vollkommenheit am deutlichsten erfassen zu können. Für eine möglichst ekelhafte Mißgeburt würde er seine Seele hingeben. Eigentlich bedauert er es, daß seine Tochter nicht als Mißgeburt auf die Welt gekommen ist. Eine Haupteigenschaft seines Charakters ist sein ganz unverblümter und in seiner ganzen Schmutzigkeit zur Schau getragener Geiz. Theoda darf nur bei schlechtem Wetter Einladungen ergehen lassen, damit die Gäste nicht kommen können. Um Briefporto zu ersparen, erfindet er die unmöglichsten Gelegenheiten. Auf seiner Reise nach Maulbronn weiß er es so einzurichten, daß der mitgenommene Reisegefährte alles bezahlen muß. Mit dem Inserat, das Katzenberger aufgibt, um einen solchen Reisegefährten für seine Tour nach Maulbronn zu finden, hebt die Geschichte an. Daß sich in der Universitätsstadt kein Mensch finden wird, der bereit ist, mit ihm unter dem Kutschenhimmel einige Tage zuzubringen, ist dem Zyniker natürlich bekannt. Aber er hofft auf die Dummheit irgendeines Durchreisenden. Und wirklich meldet sich ein Herr v. Nieß, der bereit ist, sich mit dem Professor in den Wagen zu teilen. Mit Herrn v. Nieß hat es aber eine besondere Bewandtnis. Er ist nämlich der berühmte Dichter Theudobach, der sich von Zeit zu Zeit seines wirklichen Namens als eines undurchsichtigen Pseudonyms bedient, um Abenteuer zu erleben. An den großen Theudobach hat Theoda einen Brief geschrieben, und der Dichter hat geantwortet, daß er selbst den Sommer in Maulbronn verbringen werde. Theoda ist überglücklich und erwartet von Maulbronn das 749 große Erlebnis ihres Lebens. Theudobach ist von ihrem Brief entzückt. Er beschließt, sich dem hübschen und reichen Mädchen bereits vor dem Badeort zu nähern, und führt sich als Teilhaber der Kutsche bei ihr ein. Herr v. Nieß oder der Dichter Theudobach wird nun mit einer Menge unsympathischer Eigenschaften behaftet gezeigt. Er ist maßlos eitel und unterscheidet überdies klar und bedacht zwischen den Stunden des göttlichen Schaffens und dem profanen Leben. Aber dennoch ist er keineswegs die übliche Karikatur eines minderen Dichters, sondern zeigt in nur wenig karikierter Weise die fast notwendigen Schattenseiten des Dichters, der nicht nur leben und essen, sondern auch gut essen und trinken will. Und seine Eitelkeit ist auch mehr Folgeerscheinung eines auf den Erfolg gestellten Berufs und kaum größer, als sie fast bei jedem in der Öffentlichkeit stehenden Künstler anzutreffen sein wird. Das gerade ist das Gelungene an dieser Gestalt, daß sie nicht über die Grenzen der Wirklichkeit hinausgeht. In seinem Pseudonym Theudobach ist zwar die skrupellose Ausnützung der altdeutschen und deutschtümelnden Konjunktur gekennzeichnet, die bald nach der Niederlage bei Jena als notwendiger Rückschlag eintrat, aber doch auch wieder durchaus verständlich gemacht durch des Dichters Hinneigung zu blonden und kriegerischen Helden. Wen Jean Paul als Vorbild seines Dichters im Auge hatte, ist nicht recht zu bestimmen. Vielleicht wollte er einen Dichter von der Art des Grafen Löben darstellen, den man ihm als Verkörperung seiner dichterischen Jünglingsgestalten genannt hatte. Gewiß ist in die Gestalt Theudobachs auch ein wenig von Fouqué, dem deutschtümelnden Verfasser von »Sigurd, der Schlangentöter« und des großen Völkerwanderungsromans »Der Zauberring« eingeflossen. Aus diesen Bestandteilen mischte Jean Paul die Gestalt eines vielgespielten 750 Dramatikers, dem er aber auch nicht undeutlich eigene Wesenszüge gab. Natürlich hat sich Theoda unter ihrem Schwarm einen Dichter von der Art seiner Helden vorgestellt: groß und hünenhaft und voll heldischen Muts. Bei dem Reisebegleiter, der sich als Freund des Dichters bei dem Mädchen eingeführt hat, muß aber Theoda Anzeichen einer gewissen Ängstlichkeit feststellen, die zwar nicht über die Ängstlichkeit eines normalen Menschen hinausgeht, aber doch weit hinter den Mädchenträumen von ihrem Heldendichter zurückbleibt. »Ihr Freund ist gewiß ganz anders als Sie!« sagt sie zu Herrn v. Nieß. Seine Versicherungen, daß er dem Dichter auffallend gliche, helfen nichts. Wir ahnen, daß Theudobachs Erwartungen sich nicht erfüllen werden. Er leidet unter dem naheliegenden und gewöhnlichen Schicksal bekannter Dichter, daß man ihre Gestalten mit seiner Person verwechselt. Auch hier ist Jean Paul wiederum bei der Wirklichkeit geblieben, die er mit seinen Zügen ausstattet. Unter allerhand Abenteuern in Wirtshäusern, kleinen Städten, sogar auf einem Kirchhof, entwickeln sich die verschiedenen Charaktere in Szenen von übersprudelndem Humor. Katzenberger wird immer unflätiger und geiziger, aber heldenmütig, wo es die Erwerbung einer Mißgeburt gilt. Endlich kommt man in Maulbronn an. Der Badearzt Strykius, den zu verprügeln Dr. Katzenberger die ganze Reise gemacht hat, empfängt den berühmten Gelehrten in kriechender Demut. Katzenberger ist im Zweifel, ob diese unterwürfige Natur wirklich die gemeinen Angriffe unter dem Schutz der Anonymität gegen ihn unternommen habe. Aber seine Beweise sind zu sicher. Mit Behagen umkreist er das Opfer, das ihm nicht entgehen kann. Strykius wittert bald, was ihm droht. Ein herrliches Spiel zwischen den beiden beginnt, 751 unterbrochen durch den Herzensroman Theodas, die auf ihren Dichter wartet, und das Werben des Herrn v. Nieß um das schöne Mädchen. Unter seinem wirklichen Namen veranstaltet Nieß einen Vorleseabend von Theudobachs Dichtungen. Am Schlusse der Vorlesung, wenn die Dichtungen alle Anwesenden in Bann geschlagen haben, will er sich als den Verfasser zu erkennen geben, seine ganze Liebeshoffnung auf diesen Augenblick setzend. Aber etwas Unerwartetes geschieht. Schon während der Vorlesung ist eine hochgewachsene Gestalt in den Saal getreten, die aller Blicke auf sich lenkt. Besonders Theoda ist nicht einen Augenblick darüber im Zweifel, daß der Ankömmling nur der göttliche Dichter selber sein könne. Und in der Tat heißt er auch Theudobach, ist aber nicht Dichter, sondern Offizier, und als solcher mit einigen Publikationen über Fortifikationswesen aufgetreten. Auf der Durchreise durch den Badeort las er zu seinem Erstaunen, daß ein Herr v. Nieß eine Abendakademie mit seinen Büchern abhalten wolle. Neugierig geht er hinein, um festzustellen, welcher Betrüger sich seines Namens bediene. Als Herr v. Nieß gerade im Begriff ist, sich als den Dichter Theudobach zu erkennen zu geben, tritt der Hauptmann Theudobach hervor und macht alle Rechte dieses Namens und der unter ihm veröffentlichten Bücher für seine Person geltend. Der Dichter verteidigt sich, aber die Mehrheit ist gegen ihn und nimmt für den blonden Recken Partei. Insbesondere ruft Theoda in die Versammlung das Bekenntnis, daß sie nur in dem Hauptmann den angebeteten göttlichen Dichter zu sehen vermöge und nicht in diesem Herrn v. Nieß, der von geborgtem Ruhm lebe und offenbar ein Betrüger sei. Nieß muß unter dem Gelächter der Anwesenden aus der Versammlung weichen. Theoda aber sitzt abends neben dem Recken, ihn noch immer für den Dichter und die Erfüllung 752 ihrer Träume haltend. Was er auch über seine Werke sagen möge, sie nimmt es für Metapher und bescheidene Abwehr. Allgemein gilt der Hauptmann für den berühmten Dichter. Der nächste Tag klärt freilich alles auf, aber, wie es so geht, hat diese Aufklärung nicht den gewünschten Erfolg. Der Dichter Theudobach zieht nicht jubelnd in das Herz Theodas ein, sondern der Hauptmann Theudobach nistet sich in diesem Herzen nur desto fester ein. Der Dichter muß vor dem Recken den Rückzug antreten. Inzwischen kommt auch Dr. Katzenberger an das Ziel seiner Wünsche. Unter Zuhilfenahme von Wein schläfert er das Mißtrauen des hinterlistigen Rezensenten ein. Dieser nimmt ihn sogar in seine Wohnung mit, um ihm eine besonders interessante Mißgeburt zu zeigen. Hier aber tritt Katzenberger auf einmal mit seinen wahren Absichten hervor, und es fehlt nicht viel, daß er den Badearzt selbst in eine abscheuliche Mißgeburt verwandelt. Fürchterlich nimmt er Rache an dem hinterhältigen Ehrabschneider, und nur die Überlassung der Mißgeburt läßt ihn von dem Äußersten absehen. Nachdem Katzenberger sich auf diese Weise gerächt hat, fährt er noch in der Nacht nach der Universitätsstadt zurück. Am Tage folgen Theoda und der Hauptmann, der sich der abreisenden Dame unter einem Vorwand anschließt. Aller Zauber der Postkutschenromantik ist über diese Fahrt ausgegossen, die denn auch aus Theoda und dem Hauptmann ein glückliches Paar macht. Noch erscheint es ausgeschlossen, daß der Professor seine Einwilligung zu der Verbindung geben wird. Theoda kennt die ganze Rücksichtslosigkeit ihres Vaters, der an ihr hängt und sie nicht von sich lassen wird. Schließlich gibt Katzenbergers Sucht nach wissenschaftlichem Material den Ausschlag. Auf Theudobachs Gut befindet sich eine alte Höhle mit Knochen. Für die 753 Erlaubnis, diese Knochen zu untersuchen, gibt Katzenberger die Tochter hin. Der Schluß vereint eine glückliche Familie. – Der Schwerpunkt der Dichtung liegt aber nicht in dieser Liebesgeschichte, sondern in der rigorosen Abwendung von jeder Sentimentalität. Gewiß sind die Liebenden mit allen Vorzügen redlicher und prächtiger Menschen ausgestattet, aber nicht mehr. Keine Welten brausen in ihnen ineinander. Sie werden sich heiraten und Kinder zeugen und sich ihres Findens wie eines schönen Traums erinnern. Aber gerade weil ihrer Liebe jeder romantische Überschwang fehlt, werden sie glücklich sein. Jean Pauls gewohnte Welt ist hier vollkommen umgekehrt. Man könnte fast diese Dichtung eine Travestie auf seine Romanhelden nennen. Jean Paul nimmt sich hier einmal ganz ernst. Schon im »Titan« hatte er als Bildungsideal nicht den empfindenden Dichter, sondern den im Wohl des Gemeinwesens aufgehenden praktischen Menschen aufgestellt. In der »Levana« hatte er geradezu die erziehende Kraft der Mathematik gepriesen. Der Hauptmann aber ist Mathematiker. Ebenso wird Theoda von einer sentimentalen Backfischschwärmerei für das Idol eines Dichters zu dem gemeineren, aber gesünderen Gefühl der Wirklichkeit hingeführt. Seid Alltagsmenschen! scheint die Forderung Jean Pauls hier formuliert. Laßt euch durch eine verblasene Romantik nicht von euerm euch vorgezeichneten Lebensweg abbringen. Verachtet diese zweifelhafte Größe eines Dichters, der in Wahrheit ja eigentlich kein ganzer Mensch ist. Und gewiß schallt diese Predigt aus dem Werk heraus. Aber doch sind gegen diesen Alltag deutlich erkennbare Grenzen gesetzt. Herr v. Nieß ist schließlich doch nur ein Dichter niederen Grades, eine Eintagsfliege des herrschenden Modegeschmacks, und wenn auch Jean Paul einige Züge des eigenen Wesens und des allgemeinen Dichtertums in diese 754 Gestalt hineingegeben hat, so identifiziert er doch sich oder eine Erscheinung wie etwa Herder keineswegs mit diesem Dichter Theudobach. Nicht gegen die Poesie richtet sich das Werk, nur gegen die Pseudopoesie, wie sie allerdings häufig auch von berühmten Namen vertreten wird. Den Ruhm macht er lächerlich, der nicht aus dem tiefen Wesenskern einer großen schöpferischen Persönlichkeit kommt, sondern nur infolge verschiedener äußerlicher Umstände zufällig auf ein Haupt gesammelt wird. Hier fallen Streiflichter auf die ungleiche und ungerechte Verteilung des Ruhms überhaupt. Er stellt Schiller in Gegensatz zu Herder und schreibt, daß der frühere, höhere, vielseitigere Genius Herders eine Stellung über Schiller verdiene; daß aber demungeachtet Schiller viel mehr Ruhm habe, weil er Dramatiker sei und deshalb alle Komödianten zu Verbreitern seines Ruhms habe, während der vielseitige Genius, nur von wenigen verstanden und ganz auf sich selbst gestellt, keine solche Helfer habe. Es ist entschieden etwas Wahres daran, und diese Feststellung gehört gewissermaßen zum Thema der vorliegenden Dichtung selbst, die skeptisch den Ruhm als eine Zufallserscheinung darstellt, hier auf einen dichtenden, wenn auch begabten Windbeutel gefallen. Gerade diese leicht eingängigen Modedichter wollte Jean Paul mit seiner Satire treffen, nicht den wahren Dichter, dessen Werk aus tiefer Herzensnot quillt. Ehe man in solchen Zufallsgrößen ein Idol sieht, dann solle man sich lieber an die tüchtigen Alltagsmenschen vom Schlage des Hauptmanns halten. Das ist die wahre Tendenz dieser Dichtung, und sie kommt klar genug heraus. Aber damit haben wir noch nicht das eigentliche Leben von »Dr. Katzenbergers Badereise« oder »Badgeschichte«, wie in den späteren Auflagen der Titel heißt, berührt. Dieses Leben liegt in dem urgesunden, derben Humor der Dichtung. Die 755 Geschichte von Theodas Liebe zu dem unbekannten Dichter und zu dem Hauptmann ist nur die Nebenlinie des Werks. Seine eigentliche Fülle kommt ihm von der Hauptfigur, dem Dr. Katzenberger selber. Wir deuteten seinen Charakter bereits an. Ein scheußlicher Kerl, sicher einer der scheußlichsten, die je geschaffen wurden. Und dennoch schuf ihn der Dichter mit einem unbeschreiblichen Behagen, und dieses Behagen greift unmittelbar in das Herz des Lesers über. Worin liegt nun der eigentümliche Zauber dieser Gestalt, die nicht nur selbst das Ekelhafte am meisten liebt, sondern auch ein Sammelsurium ekelhafter Charaktereigenschaften ist? Man hat versucht, hinter dieser rauhen Hülle einen goldenen Kern entdecken zu dürfen. Dr. Katzenberger wäre gar nicht so schlimm, er machte sich selbst schlechter, als er in Wirklichkeit ist. Hinter seinen Eigentümlichkeiten stecke doch ein großes Herz. In Wirklichkeit liebte er seine Tochter und erfüllte ihr jeden Wunsch. Und sein Enthusiasmus für die Wissenschaft mache auch seinen Zynismus und selbst seinen stinkenden Geiz wieder gut. Deshalb lasse einen diese Gestalt ohne Ekel und gefalle sogar mit der Zeit. Aber das ist es nicht. Dr. Katzenberger würde es sich selbst ernstlich verbitten, so angeschaut zu werden. Er ist wirklich ekelhaft in jeder Beziehung, soweit es ein großer Gelehrter überhaupt sein kann. Er züchtet seinen Egoismus in Reinkultur. Kein Mittel ist ihm zu schlecht, um sich zu bereichern und seine Mißgeburtensammlung, für die er lebt und stirbt, zu vergrößern. Er würde vor nichts zurückschrecken, und darin allein erkennt er Grenzen an, daß er nichts unternimmt, was seiner Laufbahn ein vorzeitiges Ende setzen würde. Er steckt also seinen üblen Eigenschaften nur Grenzen, um recht lange übel sein zu können. Das ist aber auch alles. Das Gefallen an dieser Gestalt kommt von einer andern Seite her: Es ist die virtuose Kraft, 756 mit der er seinen Zynismus bis zum Äußersten ausgestaltet hat. Ein gewöhnlicher Mensch könnte sich noch so große Mühe geben, er bekäme es gar nicht fertig, diesen Grad von Zynismus zu erreichen. Nicht aus moralischen Hemmungen, sondern aus Mangel an Können. Welch eine unerhörte Kraft der Phantasie in der Ausmalung ekelhafter Situationen und Gegenstände! Wie ist hier auch gar keine Spur irgendeines Bedenkens mehr vorhanden! Mit einer tödlichen Sicherheit tut dieser Mensch das in jedem Fall Allergemeinste und Niederträchtigste. Wenn der arme Umgelder Mehlhorn sich müde die Chaussee entlang schleppt, so denkt Katzenberger auch nicht einmal entfernt daran, diesen guten Freund in seinem bequemen Wagen aufzunehmen. Er empfindet nicht die mindeste Scham über sein Verhalten, im Gegenteil, es amüsiert ihn. Mit welch herrlicher Rücksichtslosigkeit beträgt er sich, als der Wagen umgeschlagen ist! Mit welcher edlen Unverfrorenheit schlägt er bei Tisch die greulichsten Gespräche an, nicht einmal weil es ihm Spaß macht, sondern nur, um den Mitessern den Appetit zu nehmen. Rücksichtslos steckt er sich die jungen Kätzlein in die Tasche, um sie für seine Versuche an lebenden Tieren zu verwenden. Er wird sie gewiß nicht unnötig quälen, aber soweit es irgend nötig ist, wird er es ohne jeden Skrupel tun. Er ist ganz aus einem Guß. Immer wieder überrascht er uns durch die Ungeschminktheit seines Charakters. Er benimmt sich dem Fürsten gegenüber, der ihn im Bad gnädig in ein Gespräch zieht, so unflätig, als es ihm nur erlaubt ist, wühlt mit Wollust in ekelhaften Vorstellungen, die nur eine schöpferische Phantasie in diesen Farben ausmalen kann. Darin liegt der unbeschreibliche Zauber seines Wesens. Sobald er nur den Mund aufmacht, wissen wir, daß wir etwas Ungeheuerliches an Unflat zu erwarten haben, aber 757 was dann herauskommt, ist noch viel ungeheuerlicher, als wir es uns denken konnten. Weil wir eben nicht Virtuosen wie er sind. Ein ganzes Leben war nötig, um diese unsterbliche Gestalt auszumalen. Wo ihr Urbild zu suchen ist, wissen wir: bei dem Jugendfreund Hermann, mit dem Jean Paul ja in Zynismus wetteiferte. Wir entsinnen uns einiger Briefstellen, die schon wie aus dem »Dr. Katzenberger« entnommen erscheinen. Über Ottomar bis zu Leibgeber-Schoppe hatte Jean Paul die Gestalt seines Jugendfreundes nach der einen Seite hin ausgebaut. Hier trieb er den medizinischen Zynismus Hermanns bis zur äußersten Grenze. Aber über diese Virtuosität des Zynischen hinaus hat Katzenberger doch auch noch im Haushalt der Kultur eine besondere Sendung. Er ist eine Naturkraft, und wie eine solche wirkt er belebend auf seine Mitmenschen ein. Wie der Städter immer wieder zu den Bergen oder zum Meer pilgern muß, um sein Verhältnis zur ewigen Mutter nicht ganz zu verlieren, so müssen solche ungeschminkte Kraftnaturen sein, um unser immer absterbendes Empfinden neu zu durchbluten. Sie sind das Stahlbad, dessen die Menschheit immer wieder bedarf, um sich nicht in Verschwommenheit und Unnatur aufzulösen. Sicher beabsichtigt Katzenberger nicht mit seinen Unflätigkeiten, die menschliche Gemeinschaft in der Richtung auf das Natürliche hin zu entwickeln. Er beabsichtigt überhaupt nichts, aber er tut es. Seine Tischnachbarinnen beben erschrocken auf, wenn er vom Nähren der Kinder spricht, und gewiß ist seine Art, dieses Thema zu behandeln, nicht gerade delikat. Aber daß man heute bei Tisch ruhig ein solches Thema anschneiden kann, ohne daß alle Menschen erschrocken aufspringen, ist doch wieder das Verdienst solcher Katzenberger-Naturen. Ohne sie hätte die Zimperlichkeit der Menschen einen beängstigenden Grad erreicht. 758 Die Zivilisation neigt dazu, sich immer weiter von Natur und Natürlichkeit zu entfernen. In Katzenberger ruht ein Reservoir von natürlicher Kraft. Er treibt immer von neuem die natürlichen Dinge in das menschliche Dasein hinein. Auch diese seine Notwendigkeit im Plan des Lebens fühlen wir dunkel, wenn wir uns an der Ungebrochenheit seiner Natur erfreuen. Katzenberger ist eine der großen Gestalten der Weltliteratur, wie der Ritter Falstaff oder der Richter Walther. Was in jedem Menschen dunkel schläft, tragen sie in ungeheurer Potenz in sich: Durst, Lüge oder Unflat, und sorgen dafür, daß die Reservoire der natürlichen Kräfte sich nicht erschöpfen. Katzenberger ist vielleicht Jean Pauls genialste Gestalt. In ihm erstieg sein reiner Humor seinen Gipfelpunkt. Die Technik der Dichtung ist die gleiche wie in »Schmelzles Reise nach Flätz« und in der »Reise des Rektors Fälbel« aus der ersten Schaffensperiode. An französische Charakterstudien anknüpfend, hat Jean Paul diese intime Porträtkunst zur großen dichterischen Form erweitert. Das Große an dieser Art, in ein Charakterbild eine ganze Welt zusammenzudrängen, ist, daß es vollkommen im Bereich des reinen Humors bleibt. Die andern Gestalten von »Dr. Katzenbergers Badereise« erhalten von der Hauptfigur erst ihr Leben und ihren Sinn. Ein reiner künstlerischer Monismus liegt in dieser Form. Fast alle große Dichtung der zerrissenen Gegenwart führt zwei Welten gegeneinander. Hier aber ist aus einer Wurzel eine ganze Welt entwickelt. Wir sprachen bereits bei der Form von Jean Pauls ersten Romanen über seine Verwandtschaft mit der unendlichen Melodie Bachscher Musik. Auch hier wieder zeigt sich diese Verwandtschaft. Ein einziges Thema wird angeschlagen und durch die verschiedensten Atmosphären hindurchgetrieben. 759 Die Gestalt des Dichters Theudobach zeigt, daß in Jean Paul der Strom der Selbstironisierung seiner Person und seines Berufs fortrann. Eine minderwertige Tagesgröße hatte er in dem Dichter Theudobach geschaffen, aber trotzdem sind allgemeine Schriftstellermerkmale und Eigenheiten bei ihm deutlich erkennbar. Hier schimmert wiederum der Plan einer Selbstbiographie, die Jean Paul während der ganzen letzten Periode seines Schaffens innerlich beschäftigt, deutlich hindurch. Alles Don Quixotehafte hatte er in dieser Dichtung allerdings auf die Gestalt Dr. Katzenbergers selbst gehäuft. Nicht Theudobach, sondern der Professor erliegt der fixen Idee der Mißgeburten, unter deren Aspekt er sein Leben ansieht. Aber ursprünglich war die Einstellung des Don Quixotehaften mit der Figur des Schriftstellers, mit der eigenen Gestalt, in dieser Schaffensperiode verbunden gewesen. Mit dem »Leben Fibels« hatte diese Periode eingesetzt. Immer wieder war der eigenartige Einfall, diesen Don Quixote der Literatur durch Dichtung zu bannen, gewissermaßen einen seltsamen Doppelgänger der geplanten Selbstbiographie auf die Beine zu stellen, durchgebrochen. Gerade dieser Blick für die Don Quixoterien des Daseins hatte dann im »Schmelzle« und in »Dr. Katzenbergers Badereise« zum humoristischen Porträt geführt. In diesen beiden Arbeiten erschöpfte sich Jean Pauls Vorliebe für diese Gattung noch nicht völlig. Noch einmal griff er diese Form in dem »Briefwechsel zwischen dem Rektor Seemaus und Jean Paul« auf. Wiederum ist hier unter Zuhilfenahme einer fixen Idee ein Leben aus der Idylle bis zur tragischen Spannung getrieben. Die Einkleidung der kleinen Arbeit in Briefe nimmt ihr von der Unmittelbarkeit der Darstellung, sonst könnten wir die Gestalt des Rektors Seemaus unbedenklich dem angstgejagten Feldprediger an die Seite stellen. Mit 760 herzzerreißendem Humor schildert Seemaus das Elend des kleinen Schulmeisters. Statt eines Notpfennigs gibt es nur Pfennignot, und Küchenlatein ohne Küche. Die ganze Familie ist lungensüchtig. Seemaus und die Schwiegermutter keifen gegeneinander. Er und der Kollege wünschen sich wechselweise fort. In dieses Idyll bricht mit einem Schlage die große Hoffnung: In Bayern sollen zwei große Herrschaften mit Schlössern, Waldungen, Fischereien zur Verlosung kommen. Es werden 36 000 Lose zu je 12 Gulden ausgegeben. Seemaus rechnet sich aus, daß unter den 36 000 Losen eines gewinnen muß. Er verkauft die Patenlöffel seiner sechs Kinder und kauft sich ein Los dafür. Die Familie gibt sich den größten Hoffnungen hin. Chimärische Luftschlösser werden gebaut. Statt eines einzelnen bemächtigt sich der ganzen Familie die fixe Idee des sicheren Gewinnes. Seemaus schaltet und waltet bereits auf seinen Gütern, und wenn er eine Sorge hat, so ist es einzig und allein die, daß ihn die Freudenpost töten könne und seine Hinterbliebenen um das Riesenerbe in Streit geraten. Da er gerade bei einem Baireuther Kollekteur das Los genommen, bittet er Jean Paul, die nötigen Vorkehrungen zu treffen, daß die Nachricht ihn unter den nötigen Vorsichtsmaßregeln erreiche. Ein ganzes System von Sicherungen wird ausgearbeitet, um den Glücksumschwung ohne Schaden aufnehmen zu können. Die Hauptwirkung liegt auch bei dieser kleinen Arbeit in der Ausmalung der komischen Situation. Die ungeheuren Hoffnungen, die das Los erweckt, stehen in einem fast gespenstischen Gegensatz zu der Wahrscheinlichkeit der Erfüllung. Überdies brandmarkt die Schrift das Verderbliche der noch dazu staatlich geförderten Lotterien. Hierin schließt sie sich wiederum an die älteren Satiren Jean Pauls an. Doch der Fortschritt liegt auch hier in der phantastischen Ausgestaltung 761 des Charakters. Auf dem gleichen Boden sollte nun endlich diejenige Dichtung erwachsen, die fünf ganze Jahre hindurch immer wieder vorgenommen und immer von neuem zurückgestellt wurde, um schließlich 1811 vollendet zu werden: »Das Leben Fibels«. Wenn der »Dr. Katzenberger« den Höhepunkt des rein humoristischen Schaffens bedeutet, so bildet auch das »Leben Fibels« einen Höhepunkt im Schaffen Jean Pauls. Auch hier herrscht reiner Humor, aber er ist nicht nach der Seite der kalten und unromantischen Vollendung hin ausgeschliffen, sondern hier triumphiert noch einmal hinter allem Grotesken der Darstellung die Poesie des Herzens. In gewissem Sinne beschreibt Jean Paul in Fibel sein eigenes Leben mit allen Hoffnungen, Besessenheiten und Schmerzen. Wenn er hier den grotesken Anschein erweckt, den Verfasser einer Schulfibel ganz ernst zu nehmen und dessen dichterisches Produkt, eine Reihe von Abc-Versen, als Lebenswerk eines großen Dichters auffaßt, so war er sich wohl des humoristischen Widerspruchs in sich vollkommen bewußt, und dennoch liegt dieser Einstellung etwas Wahres zugrunde. Kommt es nicht letzten Endes doch nur auf die Summe angewandter Energie an? Ist es im Grunde nicht bedeutungslos, ob ein Lebenswerk sich in Form einer Fibel oder von sechzig und mehr Bänden darstellt? Ja kann man in dem großen Haushaltsplan der Ewigkeit überhaupt von bestehenden Werten sprechen? Immer haben wir das leise Gefühl, daß Jean Paul selbst seiner eigenen Dichtung hier bitter-skeptisch gegenübersteht. Das »Leben Fibels« wird auch für ihn und sein Werk gewissermaßen zu einer Bilanz. Was bleibt am Ende? Nicht das Werk, ist die Antwort, die bittere und lösende Antwort zugleich, sondern das Hinauswachsen über die engen Formen der menschlichen Gesellschaft, das Wiedereingehen in das Blühen und Sein der Tiere und 762 Pflanzen. Diese ganze Lebenskurve, von den Blütentagen der Kindheit bis zum Verdämmern des Greisentums, wird hier durchschritten. Ein grotesker Einfall gibt diesem Leben die Form, Höhepunkt und Abklingen. Aber ist der Einfall, eine Fibel zu verfassen, wirklich so verschieden von dem Gedanken, einige sechzig Bände Papier vollzuschreiben? In tiefer Nachdenklichkeit über die wahren Werte des Lebens läßt uns die Dichtung zurück. Aber noch nach einer andern Seite hin ist die Satire gewandt. Jean Paul gibt seiner Dichtung die Form einer überschwenglichen Dichterbiographie. Wie das Zerrbild eines Philologen geht er vor, dem nichts an seinem darzustellenden Gegenstand zu unwichtig ist. Die kleinsten Züge werden ausgewertet, um aus ihnen wichtige Wesenszüge des Dichters abzuleiten. Wieder steht hier die aufgewandte Mühe mit dem kümmerlichen Erreichten in einem komischen Kontrast. Es ist ungemein reizvoll zu lesen, wie Jean Paul, von den scheußlichsten Fibelversen aufs tiefste beeindruckt, sich auf die Suche nach dem Verfasser dieser Verse begibt, wie er schließlich in einem Dorf auf allerhand Spuren stößt, die auf den Verfasser der Bienrodischen Fibel hindeuten. Wie er erst dadurch in die Irre geleitet wird, daß er eine Reihe uralter Bücher findet, die den Verfassernamen Fibel tragen, bis sich schließlich das Rätsel löst: Fibel war vom literarischen Ehrgeiz gepackt und hatte allen Büchern, die er irgendwo auftrieb, seinen Namen als Autornamen vorgedruckt. Endlich ergeben sich genaue Anhaltspunkte. Auf Haubenmustern, Leibchen, Tüten, Zwirnwicklern, Papierdrachen, Patronen finden sich die Reste einer eingehenden Biographie Fibels, und Jean Paul kann die Geschichte niederschreiben, während Gänsejungen, alte Weiber, zufällige Funde ihm noch immer neuen Stoff zutragen. 763 Im einsamen Walde wird der künftige Autor geboren, und zwar kommt er erst im zehnten Monat zur Welt, schon durch die verspätete Ankunft ungeheure Erwartungen weckend. Sein Vater ist ein alter Invalide und Vogelsteller, ganz mit dem Walde und seinem Getier verwachsen. Kein bequemer Ehemann, barsch und schweigsam, immer alles finster in sich herumtragend. In der Mutter Engeltrut hat Jean Paul noch einmal die eigene Mutter gezeichnet. Ein hilfloses Weib, beschränkt, ungebildet, aber von einer rührenden Liebe zu dem Sohn. Selige Kindheitserinnerungen sind in die Kindheit des Helden eingeflochten. Der Sommer mit seinen Freuden, der Winter mit seiner erhabenen Stille. »Das Erdenstockwerk hat ein Zimmer und einen Stallfußboden, und Mauern sind mit Sang- und Girrvögeln bedeckt und behangen – ein ganzer Frühling schreiet durcheinander.« Alle Stimmen des Waldes bietet Jean Paul auf. Er kennt alle Laute der Vögel und führt sie uns vor in einer minutiösen Kenntnis der Einzelheiten, die er aus seiner Kinderzeit hinübergerettet hat. Die schönsten Zeiten sind die, wenn der Vater Siegwart, wie er es von Zeit zu Zeit liebt, wochenlange Fahrten unternimmt, von denen niemand Ziel und Zweck kennt. Ein herrliches Weihnachtsfest verlebt so der kleine Helf, wie er genannt wird, mit der Mutter allein. Aus dem ruhigen Ablauf der Tageszeiten brechen tausend Freuden in das Leben. Seligkeit ist es, ganz spät schlafen zu gehen, durch das Fenster den Christbaum in der Pfarrerstube schimmern zu sehen – die Bauern bescheren erst des Morgens – und sich dann in Vaters Bett auszustrecken, was alles die Mutter im Gegensatz zum strengen Vater duldet. Als Weihnachtsgeschenk erhält Helf ein kleines, geheftetes Buch, in dem allerdings nichts darinsteht, das aber gerade deswegen dem Knaben alle Bücher der Welt ersetzt. Als er erst lesen und schreiben 764 kann, liest er, genau wie der kleine Fritz Richter, alles, was ihm in die Quere kommt: die Bibel, einen alten Druckbogen, der weiß Gott wie in das Häuschen des Voglers gekommen, einen alten Markgrafen-Hof- und Staatskalender. Die Mutter sieht in dem Sohn den künftigen Gelehrten und wohl gar einen Rector magnificus , weil ein Pate von ihm einer ist. Der Vogler aber will Helf zum Soldaten machen. In Helf aber regt sich schon frühzeitig das Autorenblut. Da er von einer gelehrten Feder hört, aus der viele Werke geflossen, rupft er dem Star, der von dem Vater ein gelehrter Vogel genannt worden, eine prächtige Schwanzfeder aus und glaubt nun, auch gelehrte Werke schreiben zu können, und er tut es nach Art seiner Vorgänger, der Wuz und Fixlein in ihrer Kindheit. Ungemeine Aufregung kommt in sein Leben durch den Besuch eines richtigen Rektors, der auf der Durchreise seinen Verwandten, den Pfarrer, im Dorfe aufsucht. Der Rektor will einen Star erwerben, wie ihn der Vogler meisterhaft abzurichten versteht. Helf hat Gelegenheit, vor den großen Gelehrten zu treten. Der hält soeben dem Pfarrer einen Vortrag über die Teleologie in der Natur und wie Gott so herrlich dafür gesorgt hat, daß sich die einzelnen Geschöpfe den Bedingungen ihrer Umgebung anzupassen vermögen. So lebten auf schwarzen Köpfen nur dunkle Läuse, wie auf blonden nur helle, und er ist glücklich, in dem blonden Schopfe Helfs wirklich einige dieser liebreizenden Tierchen von dem herrlichsten Blond aufzufinden. Unvergeßliche Eindrücke für den Knaben, der von da ab einen neuen Abschnitt seines Lebens rechnet, besonders da ihn der Rektor auf Bitte des Vaters in Weinlaune auf einem Makulaturbogen zum Studenten inskribiert. Selig teilt er seine Standeserhöhung seiner kleinen Freundin Drotta mit, der Tochter des benachbarten Wildmeisters. 765 Bald darauf macht der Vater im Walde einen kostbaren Fund. Ein großer grüner Vogel läßt vor ihm einen goldenen Ring mit einem großen Smaragd fallen. Siegwart nimmt den Ring nach Hause, versteckt ihn nach seiner Art stillschweigend, ohne irgend jemand etwas zu sagen. Als ein Kleiderjude durch den Ort kommt, zeigt er ihm den Stein, den er aus dem Ring gebrochen. Der Jude bietet zwei, drei und noch mehr Taler und verschluckt schließlich vor Siegwarts Augen das kostbare Stück, um ihn zum billigen Verkauf zu zwingen. Der Alte aber faßt den Handelsmann an der Kehle und zwingt mit Hilfe einer Feder den Stein wieder an die Oberfläche der Erde hervor. Jedenfalls ist bei dieser Gelegenheit dem Vogler klar geworden, daß der Stein wirklich eine Kostbarkeit ist; er geht in die Stadt, um dem Markgrafen den Stein anzubieten. Der Markgraf, der sich über den alten Waldesel amüsiert, zahlt ihm 366 halbe Souverains in die Hand aus. Siegwart versteckt die Summe, wiederum ohne etwas verlautbaren zu lassen, in einem alten Spinde. Bald nach diesem Ereignis fühlt Siegwart, daß er sterben würde. Der Tod des alten Vogelstellers gehört in seiner schlichten Waldseligkeit zu den schönsten Dichtungen, die die deutsche Sprache hervorgebracht hat. Durch das ganze Buch geht ein Waldzauber wie durch die Parzivaldichtung von Jean Pauls großem Landsmann Wolfram von Eschenbach. In dem Sterben des Voglers kommt dieser Zauber am stärksten zum Durchbruch. Aus Urzeiten scheint dieses Sterben genommen, so groß und heroisch ist es in seiner ganzen Schlichtheit. Siegwart bestellt selbst im Dorf die zum Eingraben nötige Mannschaft und besoldet sie mit den halben Souverains des Markgrafen. Auch einen Sarg bestellt er sich. Er kommt so matt nach Hause, daß er kaum einen Rosenstock in ein Wandschränkchen seiner Kammer 766 hinuntertragen kann. Dem Schulmeister, der als Notar mit Testamentszeugen kommt, trägt er auf, das Wandschränkchen zu versiegeln. An Helfs sechzehntem Geburtstag solle das Schränkchen erbrochen und das Testament gelesen werden, das er sterbend dem Schulmeister diktiert. Sieben halbe Souverains gibt er der weinenden Engeltrut, damit sie bis zur Eröffnung des Schränkchens zu leben habe. Dem Sohn aber befiehlt er, ein Skribent zu werden. Er meint einen Schreiber, Helf und die Mutter aber übersetzen es in ihren kühnen Träumen in einen Schriftsteller und Gelehrten. Dann dingt der Sterbende dem Tischler noch ein Drittel des Preises für den Sarg ab und läßt sich in den viel zu engen und kurzen Sarg betten, um darin zu sterben. Der Pfarrer darf erst kommen, nachdem man den Alten noch eine halbe Stunde allein gelassen. In dieser halben Stunde fängt der Vogelsteller an zu fluchen und zu schreien. Er stellt sich zum Abschied seines Lebens vor, daß er als Korporal vor seinen Leuten auf einem Schlachtfeld stehe und sie zum Sterben anfeuere. Dann erst nimmt er das Abendmahl. Zum Sterben läßt er sich seinen Lieblingsvogel, ein Kanarienmännchen, auf die Brust setzen. Der Frau befiehlt er, ein christliches Lied zu singen, und der Sohn muß die alte Soldatentrommel rühren, damit die Vögel alle anfangen zu singen. Da »legten die Sangvögel ihren ganzen Tonmarkt aus, die Sprachvögel warfen ins harmonische Wettrennen alle Schimpfworte der Menschen, und der Kanarienvogel sprang auf der untergehenden Brust umher«. Die Mutter singt tapfer fort. Mit der Hand drückt sie die sterbenden Hände des Mannes dem Sohn zum Segnen ins Gesicht, da dieser seine Hände zum Trommeln braucht. Immer lauter rauschen die Wogen, »womit der Raubfisch ankommt, welcher den Menschen verschlingt«. Der Alte träumt sich in die Schlachten seiner Jugend 767 zurück. »Drauf und dran!« ruft er und drückt den Kanarienvogel auf der Brust entzwei. »Sie pfeift«, sagt er endlich, und man weiß nicht, ob er den sterbenden Vogel oder die Kugel meint, die ihn in seinem Traum durchbohrt. Dann stirbt er. In der Stube aber trompeten alle Vögel fort, während Engeltrut das Abendessen besorgt. Eine stille Zeit beginnt für Mutter und Sohn. Langsam werden die sieben Goldstücke eingewechselt. Immer kleiner wird das Häuschen. Helf wird zum kleinen Hausvater, weil doch jedes Haus einen solchen haben muß. Um die Goldstücke zu wechseln, geht er jedesmal in die Stadt und kehrt mit Neuigkeiten beladen zurück. Tagüber arbeitet er als kleiner Student, der er seit seiner Inskription durch den reisenden Rektor ist. Abends aber geht er oft »zur Wildmeisterin«, zu seiner Freundin Drotta, die in ihm ihren Ehgemahl heranwachsen sieht. Auch über dieser wachsenden Liebe liegt der ganze Zauber des Waldes. Drotta sitzt tagüber allein in der Wildmeisterei, oft bis in die langen Winterabende nur vom finsteren Sturm und vom krachenden Walde umgeben, bis der Vater frostrot und trinkrot hineinschnaubt und alle Hunde springen. Ein ganzes Jahr ist noch hin bis zum sechzehnten Geburtstag, der über das Leben entscheiden wird. In einer Nacht endlich überkommt den Knaben seine Sendung. Im Traum geht ihm der ungeheure Gedanke auf, ein Abc mit Versen zu versehen und mit bunten Bildern zu begleiten. Eine maßlose Geschäftigkeit befällt ihn. Tag und Nacht lebt er in seinem Werk. Die ersten Verse stellen sich ein. Das unglückliche alte Abc, das er beim Schulmeister einsieht, gibt ihm die Idee zu tausend neuen Verbesserungen. Mit einem unvergleichlichen Behagen läßt Jean Paul die Fibel unseres Helf vor uns erstehen, zeigt das allmähliche Werden der Verse. »Der Adam gar 768 possierlich ist, – Zumal wenn er vom Apfel frißt«, heißt es in der ersten Fassung. In schwerem Ringen läßt er diesen Vers durch die verschiedensten Verwandlungen endlich seine vollendete Form finden, indem der »Adam« schließlich durch den »Affen« ersetzt wird und nun jedes Wort wie für die Ewigkeit dasteht, und so durch das ganze Alphabet hindurch. Endlich ist das Werk fertig. Stolz trägt der junge Autor es in die Stadt zum Drucker. Aber wie erstaunt er, daß er für einen Druck nichts erhalten, sondern noch schweres Geld hinzuzahlen solle. Geld hat er nun freilich keines, aber er hofft auf den sechzehnten Geburtstag, der es ihm in Fülle bescheren soll. Hämisch rät der Drucker ihm, das Werk in Selbstdruck und Selbstverlag zu nehmen und bietet ihm eine kleine Handdruckerei an, mit der er die schwierigsten Werke selbst drucken könne. Kniefällig bittet der Autor den Drucker, ihm die Handdruckerei doch nur ja bis zu seinem Geburtstag aufzuheben, wo er sie bestimmt kaufen und bezahlen wolle, und geht heim in dem sichern Gefühl, nun den Weg gefunden zu haben, der ihn zu den höchsten Staffeln des Ruhms tragen wird. Indes ist kurz vor dem Geburtstag der letzte Souverain angebrochen. Bittere Zweifel überkommen Engeltrut, wie es nun werden soll. Zwar hofft auch sie, daß aus dem Wandschränkchen das sichere Glück hervorbrechen werde, aber diese Hoffnung ist doch allzu unsicher. Endlich kommt der schicksalsschwere Tag. Der Schulmeister und Notar treten ein. Die Siegel des Schränkchens werden geprüft, der Schrank geöffnet. Darinnen ist aber nur der Rosentopf, den der Vogler kurz vor seinem Sterben in seine Kammer trug. In der Aufregung läßt Helf den Blumentopf fallen, und siehe da: über den Boden rollen an 300 halbe Goldsouverains. Alle Träume 769 sind in den Bereich der Möglichkeit gerückt, Drotta als Braut und das Abcbuch in greifbarer Nähe. Es kostet Mühe, den Wildmeister zur Einwilligung zu bewegen. Mit unendlicher Zartheit ist die Vereinigung des jungen Paares geschildert. Endlich wird die Hochzeit festgesetzt. Alle Register Jean Paulscher Darstellungskunst werden zu diesem Freudentage gezogen. Aber das höchste Glück soll dem überglücklichen Bräutigam doch nicht von seiner Braut und jungen Frau kommen, sondern von einem seltsamen Hochzeitgast, der sich überraschend einstellt. Es ist der Studiosus Pelz, ein bemoostes Haupt, das schon so manchen Sturm erlebt hat. Mit geräuschvoller Lustigkeit führt er sich ein. Aber gleich versteht er das Interesse des Bräutigams, sehr zum Kummer der Braut, zu erregen. Er entwickelt die kühnsten Pläne zur Ausnutzung des genialen Abcbuches. Als er die Verse gelesen, fragt er, weshalb der Dichter nicht zum Beispiel bei dem ersten Verse den Affen und den Apfel in Holzschnittmanier darüber gezeichnet habe? Selig greift der Autor diesen Gedanken auf. Aber der Studiosus hat noch ganz andere Pläne. Wie anders verlaufen die Flitterwochen, als Drotta sie sich vorgestellt. Mancherlei Reminiszenzen an die eigenen Flitterwochen mag Jean Paul hier eingeflochten haben. Auch ihn wird wahrscheinlich die Arbeit nicht losgelassen haben, und manche Träne Karolinens wird während der Flitterwochen über ihre Wangen gelaufen sein. So hält auch den Dichter des Bienrodischen Abcs sein Werk gefesselt. Es wird in Holz geschnitten. Pelz gibt keine Ruhe. Er selbst schneidet die leblosen Sachen sauber aus, Helf aber alle lebenden Wesen, ob sie nun Vieh, Affen oder Menschen sind. Endlich sind drei Exemplare fertig, und nun kommt Pelz mit seinem »Fundamentalrat« heraus, nämlich das Werk dem Markgrafen zuzueignen und die drei Exemplare den drei kleinen Markgrafen 770 submissest zu überreichen. Gedacht – getan. Helf macht sich auf, in die Stadt zu dem Markgrafen zu gehen. Seine Abenteuer im Schloß sind nicht gerade rühmlich. Er muß einer Sitzung des Tabakskollegiums beim Markgrafen beiwohnen, und die erste Pfeife in seinem Leben erfordert ihr Opfer. Aber der Markgraf ist entzückt von der Fibel und gibt dem überglücklichen Autor die Zusicherung, daß er seine und keine andere Fibel in sämtlichen Schulen seiner Markgrafschaft einführen und daß er ihm einige Zimmer des Schlosses als Werkstätte anweisen würde. Als Helf die Einweisungsakte gesiegelt und unterschrieben in der Hand hält, läuft er spornstreichs zu Fuß nach Hause. Ein neues Leben und Treiben entwickelt sich nun in dem Dorf und dem markgräflichen Schloß, das in dem Dorf gelegen ist. Außer Pelz hat sich noch ein Franzose namens Pompier als zierlicher Vergolder des Buchschnitts eingefunden. Ein Drucker Fuhrmann kommt mit einer Presse angezogen. Nun werden die Fibeln in Riesenauflagen hergestellt. Die »großen Geschäfte« beginnen, denn alle Schulkinder weit und breit müssen die Fibel kaufen. Fibels Ruhm wächst ins Ungeheure. Kein Autor weit und breit, der solche Auflagen aufzuweisen hätte. Und von außen her wächst nun der Ruhm auch in Helfs Inneres hinein. Er gewöhnt sich an den Gedanken, ein großer Mann zu sein. Pelz wird zum eigentlichen Ohrenbläser seines Ruhms. Er gründet eine Akademie, in der nur Vorlesungen über das Leben Fibels gehalten werden dürfen. Er selbst und Pompier sind die Mitglieder dieses Instituts, das alle Nachrichten über das Leben des großen Mannes sammelt. In seiner Vergangenheit wird nachgeforscht, sein Aufwachsen in dem kleinen Vogelstellerhäuschen Tag für Tag festgelegt. Fibel selbst merkt, daß er noch zu wenig geschrieben habe und, um dem abzuhelfen, druckt er seinen 771 Autornamen in sämtliche Bücher, die sich nach dem kleinen Dorf verirren. Aber es bleiben dem berühmten Autor auch bissige Angriffe nicht erspart. Der Schulmeister des Orts, schon lange auf Fibel neidisch, widmet seinem einstigen Schüler in der oberdeutschen Literaturzeitung eine gehässige Kritik. In diesem Teil der Dichtung hat Jean Paul die Satire vielleicht länger als nötig ausgesponnen. Es sind die Angriffe gegen seine Person, die er hier travestiert. In einer Anmerkung zitiert er wörtlich einen Angriff des streitlustigen Ernst Moritz Arndt gegen ihn, und die gleich darauf folgende Kritik des Schulmeisters gegen Fibel ist eine Verhöhnung der Arndtschen Kritik. Durch den spottlustigen Pelz läßt sich Fibel immer weiter in die Eigenheiten eines großen Mannes hineintreiben. Nur mit der Zerstreutheit, die Pelz von ihm verlangt, will es nicht recht fort. An diesem Punkte hören die umfassenden Nachrichten über Fibel auf. Nur an einem stillen Kämmerlein des Dorfes findet Jean Paul noch einige abgerissene Fetzen, die zeigen, wie die ganze kleine Kolonie allmählich auseinanderläuft. Mutter Engeltrut ist bald nach einem Geburtstag des Sohnes verstorben, ebenso Pompier. Der Drucker Fuhrmann hat das Weite gesucht, begleitet von einigen kräftig ausgefallenen Segenswünschen der energischen Drotta. Allein Magister Pelz schreibt noch und druckt das Ende von Fibels Biographie, das aber nicht mehr aufzufinden ist. Hiermit versickern die Nachrichten. Da wird dem Forscher Jean Paul gesagt, daß ein alter Mann im Dorfe Bienroda ihm vielleicht noch einige Nachrichten geben könne. Er fährt dorthin und trifft in einem verfallenden Gehöft einen uralten, mehr als hundertjährigen Greis an. Der Alte sitzt in einem Obstwäldchen voller Gesang, umgeben von den verschiedensten Tieren. Die sechs markgräflichen Rosse, mit denen Jean Paul vorfährt, machen auf ihn 772 nicht den geringsten Eindruck. Er antwortet auf keine Frage, und redet schließlich ein wunderbares Kauderwelsch, untermischt mit falsch verstandenen lateinischen Phrasen. Schließlich aber gibt er zu erkennen, daß er selber jener Fibel ist, der sich einstmals wegen eines mittelmäßigen Abcbuches für einen » Literator – exzellentes Genie – Man of genius – homme de lettres – autor clarissimus « gehalten. Hundertfünfundzwanzig Jahre ist er inzwischen alt geworden. Seinen schönen guten lateinischen Namen Fibel hat er abgelegt, um dem Hochmutsteufel, der ihn gepackt hatte, zu entfliehen, und nennt sich jetzt nur noch mit dem Namen des Dorfes, in dem er lebt. Auf die verwunderten Fragen Jean Pauls antwortet er mit Milde und Bescheidenheit, und eine seltsame Weihe liegt über seinen Worten und seinem Tun und Wesen. »Es ist mir jetzo vieles auf der Erde gleichgültig, ausgenommen der Himmel darüber«, sagt er einmal und spricht damit wohl Jean Pauls eigenes Glaubensbekenntnis aus. In einer verträumten Idylle schließt sich die Dichtung. Wir sehen den Alten, von jeder Autoreneitelkeit befreit, in sein Gartenhäuschen gehen. Auf seinen Pfiff kommt ein schwarzes Eichhörnchen von seinem Baum und setzt sich ihm auf die Schulter. Nachtigallen, Drosseln, Staare fliegen in die Fenster zurück. Ein alter Gimpel trabt im Stübchen umher. Ein Hase trommelt auf Hinterfüßen den Abend mit seinen Vorderfüßen aus. Ein Pudel kommt mit einem Korbe um den Hals, um aus dem Wirtshaus das Abendessen für seinen Herrn zu holen. Das Gemälde dieses milden Greises wird zu einem verklärten Bild Jean Pauls selber, den auch die Besucher im Frieden seines Getiers fanden und bewunderten. In seiner abgerissenen Weise, nach Greisenart die Hälfte verschüttend, berichtet Fibel von seinem hundertsten Geburtstag, wie ihm in der Nacht wie einem einjährigen Kind neue 773 Zähne wuchsen und er in Krämpfen der Entwicklung zu vergehen drohte. Drotta erschien ihm im Traum. Neugeboren erwachte er mit der Sonne in Händen. Noch mehrere Male sucht Jean Paul den seltsamen Alten an den nächsten Tagen auf. Immer trifft er ihn im frohen Einklang mit der Natur und seinen Tieren. Einen hübschen Seidenspitz namens Alert macht der Alte seinem Besucher und Biographen zum Geschenk. Um Gott zu preisen, hat sich der Greis eine kleine Drehorgel angeschafft. Mitten in seinem Garten steht er und dreht sie und singt dazu ein Lied: Noch läßt der Herr mich leben. Mit fröhlichem Gemüt Eil' ich, ihn zu erheben; Er hört mein frühes Lied. Jean Paul wartet, bis der Alte alle zwölf Verse seines Liedes ausgesungen hat. Nach dem zwölften Vers zieht er langsam und in Gedanken seine Straße weiter. – Man hat an der Dichtung getadelt, daß weder die Satire noch das Dichterische rein durchgehalten sind, und in der Tat wird man im »Leben Fibels« nicht die straffe Durcharbeitung des »Dr. Katzenberger« etwa finden. Man tut aber dem Buche Unrecht, es mit dieser glänzenden und rein humoristischen Charakterstudie auf eine Formel bringen zu wollen. Das »Leben Fibels« ist ein Bekenntnisbuch des Dichters aus einer Zeit, da sich sein Leben schon reißend bergab senkte. Wir bemerkten schon, daß er neben dieser Dichtung beständig an eine Selbstbiographie dachte, von der er dann später nur die Jahre seiner Kindheit geschrieben hat. Die eigene idyllische Jugend hat er hier mit den Farben eines großen Dichters gemalt, noch einmal sein Hervortreten in die Welt des Ruhmes beschworen, mit ätzender Satire die eigene Autoreneitelkeit 774 in seinem Herzen ausgebrannt und den Helden den Frieden des Alters finden lassen. Gewiß ist Jean Paul nicht Fibel selber, wie er ja auch nicht der Dichter Theudobach war. Aber dennoch ist es auffällig, daß diese beiden Gestalten als Verkörperungen der Schriftstellereitelkeit so dicht nebeneinanderstehen. Es war eine Abrechnung, die hier der Dichter mit sich selber hielt, und wenn er in Theudobach wie in Fibel nur grotesk verzerrte Bilder der eigenen Person und der eigenen Leistung gab, so ist das nur ein Zug seiner verehrungswürdigen Bescheidenheit und des ganzen Ernstes, mit dem er sein bisheriges Leben unter die Lupe nahm. Er hatte mit dem Leben abgeschlossen, seit die Entwicklung so ganz anders verlief, als worum er gekämpft hatte. Wohl mochte er damals Stunden haben, in denen ihm sein ganzes Werk nicht belangvoller als eine Kinderfibel vorkam. Gerade dieser Einstellung war im »Dr. Katzenberger« seine größte Satire und im »Leben Fibels« seine schönste und tiefste Idylle erwachsen. Die Abrechnung, die er mit sich und seinem Werke hielt, offenbarte ihn als den großen Dichter, der er war. 775   Der Komet Langsam hatten die Schriften Jean Pauls aus den letzten Jahren sich ihr Publikum erobert. Eine ganz neue Erscheinung stand er vor dem deutschen Volk. Aber auch dieses Volk selbst war anders geworden. Der geistige Schwerpunkt lag nicht mehr in den Adelskreisen. Als hätte der Niederbruch des preußischen Staates bei Jena lastende Hemmungen beiseitegeräumt, so erwachte auf einmal das Bürgertum zu neuem Leben. Die Arbeit der preußischen Reformer setzte sich unmittelbar in lebendige Wirkung um. Neue Schichten stiegen auf, hungernd nach geistiger Nahrung und Teilnahme an den öffentlichen Dingen. Die Kreise, die dem Dichter des »Hesperus« zugejubelt hatten, verstanden den »Titan« nicht mehr. Aber schon die folgenden Werke drangen in die neuen Schichten ein. Nicht mehr unter den offiziellen Repräsentanten des deutschen Lebens fand Jean Paul seine Anhänger, aber er ergriff die jetzt hochkommende Generation von Männern und Jünglingen mit seinen Ideen und Gestalten. Tief in die weitesten Volkskreise drangen die »Vorschule« und die »Levana« ein. In den »Flegeljahren« sahen sich nicht mehr sentimentale Liebespaare gespiegelt, erkannten sich vielmehr die jungen Männer, auf denen die Hauptlast der Zeit lag, in ihrem idealen Streben. Wo sie den Dichter nicht fassen konnten, da ließen sie sich von dem Politiker ergreifen. Jean Paul wurde gerade den Kreisen der aufstrebenden akademischen Jugend, die für deutsches Wesen und deutsche 776 Wiedergeburt entbrannten, der deutsche Mann, der Inbegriff deutschen Geistes. Unverkennbar ist die männlichere Note, die sein Schaffen jetzt auszeichnete, steigend bis zu der herben Kühnheit des »Dr. Katzenberger«. Wieder wie zur Zeit des »Hesperus« las und verschlang man seine Bücher. Wir sahen, wie die »Friedenspredigt« eine neue Epoche seines Schaffens einleitete. Mochte der Dichter selbst das Gefühl haben, ohnmächtig vor einer Entwicklung zu stehen, die andere Bahnen einschlug, als er sie für richtig hielt – die Generation, die bald nach den Befreiungskriegen so schwere Enttäuschungen durchmachen sollte, jubelte ihm zu. Nicht für das offizielle Deutschland, aber für das, das noch einmal die Aufgabe einer deutschen Verwirklichung auf sich nahm, wurde er der Führer und blieb es, als er für sich schon jeder Führung entsagt und sich ganz in das Reich reinen und humoristischen Schaffens zurückgezogen hatte. Dadurch erklärt sich der beispiellose Enthusiasmus, den seine Erscheinung von jetzt ab überall erweckte. Die größten Ehrungen waren dem Dichter des Hesperus gebracht worden, jetzt aber steigerte sich die Begeisterung, mit der die einzelnen deutschen Städte ihn aufnahmen, von Jahr zu Jahr. Seine eigene Stimmung, die ihn mehr und mehr befiel, stand zu diesen Ehrungen in einem merkwürdigen Kontrast. »Ich habe meine Sache getan und geschrieben,« schreibt er schon 1806, »und da das Beste von mir vollendet ist, so kann mir's gleichgültig sein, was ich noch auf der Erde zu tun haben soll.« Immer mehr nimmt eine melancholische Reizbarkeit von ihm Besitz. Musik kann er nicht mehr hören, ohne zu Tränen erschüttert zu werden. Gerade da er in seinem Schaffen jede Sentimentalität überwunden hat, überwältigt sie ihn im Leben. »Ich könnte keine pathetische Rede halten, weil mir die Tränen die Stimme erstickten«, sagt er einige 777 Jahre später. Er fühlte sich am Ende, und doch sollte er noch einige Jahre lang am Born des Lebens mit vollen Zügen trinken. Jean Paul stand in diesen Jahren verhängnisvoll zwischen einer absterbenden und einer aufstrebenden Zeit. Tod und Unglück lichteten unter seinen Bekannten und Freunden. Mit Herder war ihm der liebste dahingesunken. Mit altem Enthusiasmus stand Karoline Herder noch zu ihm, und wie Prophetenruf klingt es aus dem letzten Brief, den die auch bereits dem Tode Verfallene ihm zum 56. Geburtstag schrieb: ». . . aber die Menschen werden erwachen und nach der Wirkung des Dichters auf Geist, Herz und Charakter fragen. Jetzt sind Goethe und Schiller an der Tagesordnung des lauten Publikums – Richter und Herder haben die stille Gemeinde – aber desto inniger, liebender, dauernder.« Ein halbes Jahr später lag auch sie unter der Erde, die treue Gefährtin ihres unglücklichen Gatten. Aber fast noch trauriger war das Schicksal der ehemaligen »Titanide« Charlotte von Kalb. Schon Anfang des Jahrhunderts brach das wahrhaft fürstliche Vermögen dieser Frau zusammen. Jetzt kam sie auf ihren alten Plan zurück, eine Erziehungsanstalt zu errichten, um dadurch ihr Leben zu fristen. Jean Paul konnte sie zu seinem Leidwesen bei diesem Vorhaben nur wenig unterstützen. Die zerrütteten Vermögensverhältnisse trieben ihren Mann zum Selbstmord. Mit selbstgearbeiteten Handarbeiten hielt sich die Freundin und Gönnerin dreier großer Dichter über Wasser. Ihr Augenlicht nahm beängstigend ab. Noch einmal lebte sie auf, als die Befreiungskriege begannen. Ihr einziger Sohn August zog als Leutnant in den Krieg, aus dem er glücklich nach Hause kommen sollte. Aber nur zu einem von düsterer Melancholie verhangenen Leben, dem er zehn Jahre später wie der Vater durch 778 Selbstmord ein Ende machte. Im Mai 1816 weilte sie einige Monate auf ihrem alten Gut Kalbsrieth, das ihr, wenn auch überschuldet, bis dahin geblieben war. Mit Wehmut durchwandelte sie die Auen, wo sie, wie sie an Jean Paul schrieb, vor achtzehn Jahren am Kampanertal, dem »Hesperus« sich erfreute, wo sie seine Briefe mit Sehnsucht erwartet, mit Innigkeit beantwortet hatte. Eine tiefe Enttäuschung bereitete ihm auch die persönliche Bekanntschaft mit dem alten Freunde und Mitstreiter Friedrich Jacobi, die er endlich 1812 in Nürnberg auf einer Reise machte. Das erste Sehen allerdings ließ sich günstig an. Sie hatten sich in ihren Wohnungen gegenseitig verfehlt. »Um 11 Uhr aber hatte ich ihn an meiner Brust. Ich hielt einen alten Bruder und Bekannten meiner Sehnsucht im Arme. Kein Weltmann – außer im schönsten Sinne – der stille, edle Alte! Mir war, als säh' ich ihn bloß wieder. Überall Zusammenpassen – sogar seine Schwestern gefielen mir.« Aber bald sollte sich eine gegenseitige Fremdheit herausstellen. Vielleicht hatte Jean Paul die Erwartungen zu hoch gespannt. Er hatte gehofft, daß der Verfasser des »Woldemar« ihm ein zweiter Herder sein würde. Aber dem alternden Jacobi fehlte dazu der Sinn für Humor. Er brachte kein Verständnis auf für »das Ding in mir, das wider seinen Wunsch den Katzenberger und Fibel geschrieben«. Jacobi redete, wie Jean Paul klagt, nur von sich, von seinen Arbeiten, seinen Freunden, ohne eine Frage nach Jean Pauls Leben zu tun. So sah sich der Dichter mit seinem Drang, einem Freund sein Inneres zu eröffnen, wieder auf sich selbst zurückgewiesen. Nicht viel glücklicher verlief eine Zusammenkunft mit E. T. A. Hoffmann in Bamberg, über die wir durch einen Bericht des sehr zweifelhaften Weinhändlers und Verlegers Kunz unterrichtet sind. Danach soll Jean Paul dem ihn seit 779 frühester Jugend verehrenden Hoffmann eine boshafte Karikatur übelgenommen haben, die dieser von Frau von Kalb gemacht. Nach seiner gewöhnlichen Manier mischt hier also Kunz aus allem, was er über das Leben und die persönlichen Beziehungen Jean Pauls in Erfahrung gebracht hatte, ein verlogenes Potpourri zurecht. Wir wissen, was zwischen den beiden Dichtern stand: Hoffmanns Entlobung mit Minna Dörffer, der Freundin der Meyerschen Schwestern. Überdies befand sich Hoffmann damals in den widrigsten Umständen. Als Musiklehrer verdiente er kümmerlich seinen Unterhalt. Als Schriftsteller war er fast noch gar nicht hervorgetreten. Es konnte leicht sein, daß sein skurriles Wesen dem alternden Jean Paul auf die Nerven fiel. Hoffmann hat Zeit seines Lebens mit innigster Verehrung an Jean Paul gedacht. Dieser rückte dann allerdings in der Vorrede zur zweiten Auflage der »Unsichtbaren Loge« 1821 deutlich von Hoffmann und der von diesem vertretenen Richtung ab. Wir werden noch sehen, welchen traurigen Anlaß Jean Paul dazu hatte, sich gegen den wieder emporkommenden Mystizismus zu wenden, mit dem Hoffmann allerdings nicht identisch war. Es war wiederum ein Mißverständnis, das sich zwischen die beiden Dichter stellte, die ihrem Wesen nach zueinander gehören. Als Hoffmann ein Jahr später Jean Paul in Baireuth zusammen mit Kunz besuchte, konnte er in sein Tagebuch schreiben: »Seine Frau kennt mich und denkt nicht an Odiosa.« Aber auch dieses Zusammensein führte jedenfalls nicht zu engeren Beziehungen. Und doch sollte Jean Paul derjenige werden, der Hoffmann gewissermaßen in die Literatur einführte. Auf Veranlassung des gemeinsamen Freundes Kunz schrieb er eine Vorrede zu Hoffmanns literarischem Erstling, den »Fantasiestücken in Callots Manier«. Schon Hoffmann gefiel diese 780 Vorrede nicht, die er sich »kürzer, genialer« gedacht hatte. Aber etwas macht diese Vorrede merkwürdig: Sie wurde in Baireuth im Jahre 1813, dem Geburtsjahr Richard Wagners, geschrieben, als Hoffmann in Leipzig gerade die Bekanntschaft von Richard Wagners Vater gemacht hatte, und in ihr findet sich der prophetische Satz hinter dem Hinweis auf Hoffmanns Musikernatur: »Desto besser und desto seltner! denn bisher warf immer der Sonnengott die Dichtgabe mit der Rechten und die Tongabe mit der Linken zwei so weit auseinanderstehenden Menschen zu, daß wir noch bis diesen Augenblick auf den Mann harren, der eine echte Oper zugleich dichtet und setzt.« Gerade in dieser Zeit war dieser erharrte Mann also geboren, und zwar am gleichen Tage, als Hoffmann in Leipzig einzog. Zu den Talenten, die Jean Paul eingeführt und gefördert hatte, gehörte auch Ernst Wagner, dem er seinerzeit beim Herzog von Meiningen die Stelle des Kabinettsekretärs verschafft hatte. Mit Wagner verband ihn eine herzliche Freundschaft. Für Wagners Idee einer deutschen Kunstschule war er noch in der »Levana« mit Begeisterung eingetreten. Aber auch dieser Freund sollte ihn bald verlassen. Nach langer Krankheit starb er im Februar 1812, gerade 43 Jahre alt. Und wie unglücklich wendete es das Verhängnis, daß ihm von jenem andern Schriftsteller, der ihm soviel zu verdanken hatte, von Arnold Kanne, das größte Unglück seines Lebens kommen sollte: der Tod seines Sohnes! Gerade in jenen Jahren veröffentlichte Kanne die Schrift, die den Grund zu seiner Bedeutung legte und die zugleich zu dem Anwachsen des Mystizismus in Deutschland so viel beitrug: »Erste Urkunden der Geschichte oder allgemeine Mythologie.« Auch zu diesem bedeutsamen Werk schrieb Jean Paul eine Vorrede. Er kenne wenige Werke, heißt es darin, welche mit der Kunde ältester 781 und neuester Sprachen wie der Mythen eine solche Überfülle von etymologischem Witz, so viel Sinn und Gabe für Philosophie und Poesie verbinden. Später hat Jean Paul zu Kanne, gerade weil er an seinem eigenen Sohn die verderblichen Wirkungen dieses Mystizismus sah, eine andere Haltung eingenommen. Aber doch machte dieses Werk in gewissem Sinn Epoche. Noch vor Friedrich Schlegel wurde hier zum erstenmal auf die Bedeutung des Sanskrit für die arischen Kulturen hingewiesen. Durch Kanne war Jean Paul mit einer neuen aufsteigenden Generation verbunden, und wenn es sich hier auch nur um eine Überspitzung des romantischen Geistes handelte. Wichtiger war ihm die Verbindung mit jenen Kräften, die das verschüttete deutsche Volkstum wieder an die Oberfläche bringen wollten. Gerade hier war Jean Paul einer der ersten Anreger und Wegbereiter gewesen. Es war zunächst eine humoristische Schrulle, wenn er im »Dr. Katzenberger« Namen wie Theudobald und Theoda verwandte. Aber er trat auch allen Ernstes für die Verwendung alter deutscher Namen in einem besonderen Aufsatz ein, und er war ja der erste gewesen, der unmittelbar nach der Schlacht bei Jena, als das gesamte Deutschland sich allgemeiner Trostlosigkeit hingab, auf die Unverletzlichkeit deutscher Kultur hingewiesen hatte. Um so mehr mußte er sich freuen, wenn sich jetzt Görres, der Herausgeber der »Deutschen Volksbücher«, aus Heidelberg an ihn wandte. Wenn ihm aus Berlin der damals 27jährige Freiherr von der Hagen seine Übersetzung des Nibelungenliedes schickte. Was bereits Herder vorgeschwebt hatte, wurde jetzt Wirklichkeit. Ausdrücklich schrieb Hagen, daß ihm die Nibelungen mehr bedeuteten als Homer, und mit voller Seele konnte Jean Paul ihm antworten, daß auch er die Nibelungen, »diesen verklärten und verklärenden Germanismus, 782 diesen wahren Antikentempel Deutschlands«, den homerischen Gesängen vorziehe. Und mit besonderer Freude mußte es ihn erfüllen, daß Hagen ihm von seinen Plänen schrieb, in Gemeinschaft mit Büsching eine Sammlung noch ungedruckter altdeutscher Gedichte herauszugeben. Mit heller Freude schrieb Jean Paul auch die Vorrede zu Dobenecks Schrift »Des deutschen Mittelalters Volksglauben und Heroensagen«. Wo er Besinnung auf altdeutsches Wesen antraf, begrüßte er es mit Begeisterung, auch wo es sich nur, wie bei Fouqué, um eine äußerliche und pseudoromantische Wiederbelebung der altdeutschen Welt handelte. In diesem Zurückgehen auf das deutsche Mittelalter stand er mit den Romantikern in einer Front. Aber in erster Linie war es Herders Geist, dem er hier nachstrebte, der ja als erster auf die Bedeutung der deutschen Vergangenheit für die gegenwärtige Kultur hingewiesen hatte und schon die griechische Mythologie durch die nordische hatte ergänzen wollen. Jean Paul war sich des wahren Urhebers dieser romantischen Bestrebungen vollkommen bewußt. Nicht so sehr die Romantiker selbst; oder sie, die von Goethe aus ihren Ursprung nahmen, hielten es für geraten, ihren Ahnherrn zu verschweigen. Hier tritt deutlich das tragische Schicksal Herders hervor. Goethe wurde die Sammlung von »Des Knaben Wunderhorn« gewidmet, während es Herders Geist war, der sich in dieser Sammlung Arnims und Brentanos am schönsten auswirkte. Aber wieder liegt auch eine Gerechtigkeit des Schicksals darin, daß die Anregungen Herders ins Ungemessene weiterwirkten, während Goethe nur als Persönlichkeit und Namen fortlebte. Von Jean Pauls Beziehungen zu der gegenwärtigen und der kommenden Generation können nur diese wenigen aufgeführt werden. Von allen Seiten wandte man sich an ihn. Was auch Neues an Ideen und Strömungen auftauchte, er 783 wurde als Schirmherr angerufen. Als einer der ersten hatte er die Saat ausgestreut. Jetzt kam die Ernte ein und in einer Fülle, daß er sie kaum zu bergen wußte. Unmöglich für ihn, alle diese auf ihn einstürmenden Eindrücke noch im Werk zu formen. In Vorreden und Buchbesprechungen suchte er zu bergen, was er konnte. Ihm selbst aber brachte diese Fülle keine neuen Antriebe mehr. Es war eine Ironie des Schicksals, und auch wiederum bezeichnend für das Auseinanderfallen des lebendigen und des offiziellen Deutschland, daß der Sturz Napoleons Jean Paul in persönliche pekuniäre Bedrängnis brachte. Man entsinnt sich, daß es Dalberg, der Großherzog von Frankfurt von Gnaden Napoleons, war, der dem Dichter eine Pension von 1000 Gulden ausgesetzt hatte. Mit Napoleon stürzte auch Dalberg. Er verzichtete auf alle Würden und Besitztümer und zog sich auf den Erzbischofsitz von Regensburg zurück. Damit hatte Jean Paul seine Pension, die er nötig brauchte, eingebüßt. Man muß bedenken, daß die Arbeitskraft des Dichters sehr nachgelassen hatte. Großen Konzeptionen fühlte er sich nicht mehr gewachsen, ja er mochte vielleicht eine Zeit voraussehen, in der er überhaupt nicht mehr würde arbeiten können. Fast zwei Jahre lang blieb seine Pensionsangelegenheit unerledigt. Er wandte sich an die verschiedensten Personen, die auf dem Wiener Kongreß Einfluß hatten. Metternich, Stein, Stägemann, Montgelas wurden von ihm angegangen. Eine besonders eindrucksvolle Bittschrift richtete er an den Zaren Alexander. Auch an den König und die Königin von Bayern wandte er sich. Der Königin widmete er behufs dieses Zweckes sogar die zweite Auflage seiner »Levana«. Endlich erhielt er die Nachricht, daß Maximilian von Bayern, dem das Fürstentum Aschaffenburg zugeschlagen wurde, wo Jean Pauls Pension eingetragen war, die Zahlung 784 übernommen habe. Aber Jean Paul war lange Zeit hindurch in Sorge gewesen. Dalberg hatte ihm um seines deutschen Patriotismus willen die Pension aus eigenem Antriebe ausgesetzt. Die Sieger, um deren Sache sich Jean Paul bemüht hatte, beeilten sich nicht allzusehr bei dieser Angelegenheit. An Dalberg dachte Jean Paul daher mit besonderer Dankbarkeit. Ihm hatte er bereits die unter dem Titel »Museum« zusammengestellten philosophischen Aufsätze, die er für die Frankfurter Gelehrtengesellschaft geschrieben hatte, gewidmet, aber es war ihm ein inneres Bedürfnis, diesem hochherzigen Gönner nunmehr auch persönlich seinen Dank auszusprechen, um so mehr, da Dalberg seit seinem Sturz in äußerster Zurückgezogenheit in Regensburg lebte. Auch Ludwig von Oerthel, der ihn einst als Freund seines nun inzwischen in Geistesnacht verfallenden Bruders Friedrich in Weimar aufgenommen hatte, zog ihn in die Donaustadt. Im August 1816 konnte Jean Paul endlich seinen Plan ausführen, und er wurde durch Dalbergs Freundschaft reich belohnt. Einzig die Stunden mit dem unvergeßlichen Herder hatten ihm solchen Genuß gewährt, wie es nun der Verkehr mit dem ehrwürdigen Dalberg tat. »Im Reden wie in Allem mehr Gelehrter als Fürst«, schrieb Jean Paul über den Primas. Jeden Abend um sechs Uhr holte ihn der Wagen nach dem erzbischöflichen Palais, wo über Religion, Philosophie und Naturwissenschaften gesprochen wurde. Bei einer Weinflasche saßen die beiden oft bis zum Dunkelwerden beisammen. Mit besonderer Liebe sprach Dalberg von den Familienfreuden des Dichters, um die der Einsame ihn beneidete, und er ließ des öfteren durchblicken, daß er Frau und Kinder Jean Pauls in seinem Testament bedenken werde. Leider kam es nicht dazu. Schon ein Jahr darauf starb Dalberg ganz plötzlich. Ein Testament wurde nicht vorgefunden. 785 In Regensburg hatte auch der Vater des Dichters einige Jahre in seiner Jugend verbracht, als er als Alumnus das dortige Gymnasium poeticum besuchte. In der Kapelle des Fürsten von Thurn und Taxis hatte er die Göttin seiner Jugend, die Musik, angebetet. Jetzt dachte der Sohn oft an »die kleinen Wege und engen Pässe seiner Jugendtage«. Natürlich besuchte er auch seine alte Gönnerin, die Fürstin von Thurn und Taxis, die eine jener »vier schönen und guten Schwestern auf dem Thron«, denen der »Titan« gewidmet war. Voll von den schönsten Eindrücken, kehrte er nach etwa drei Wochen nach Baireuth zurück. Die Reise des nächsten Jahres nach Heidelberg sollte ihm dann das letzte tiefe Erlebnis seines Lebens mit einer Frau bringen. Gewissermaßen ein Vorspiel zu dieser letzten Liebesepisode bildet das Erlebnis mit Maria Lux, der Tochter jenes Mainzer Republikaners, der einst als Freiheitskämpfer nach Paris gegangen war und dort kurz nach Charlotte Corday den Tod gefunden hatte. Man entsinnt sich, daß Jean Paul dieses Helden in seiner Schrift »Über Charlotte Corday« rühmend gedacht hatte. Es war nur natürlich, daß das Andenken an Jean Paul in der Familie Lux heiliggehalten wurde. Die kleine Marie hatte bereits in ihrem zehnten Jahr alle Bücher des Dichters gelesen und sich aus ihnen ein Idealbild gemacht, vor dem sie in ihren jugendlichen Träumen auf Knien lag. Sie schrieb mehrmals an ihn. Jean Paul antwortete väterlich begütigend. Sie wollte als Magd zu ihm kommen, um an seiner Seite zu sterben. In einer andern Welt werde er sie gewiß lieben. Jean Paul ließ einige ihrer Briefe, da sie ihn in Ratlosigkeit setzten, unbeantwortet. Kurze Zeit darauf machte Marie den ersten Selbstmordversuch, der durch das Dazwischentreten der Schwester gerade noch verhindert wurde. Aber in dem Augenblick, da sie bereits mit ihren Gedanken 786 im Jenseits geweilt hatte, war ihr klar geworden, daß sie ihn nicht nur als verehrende Tochter liebe. Sie wünschte zu sterben. Jean Paul beging die Unvorsichtigkeit, ihr auf ihre dringenden Bitten eine Locke zu schicken. Nun steigerte sich ihre Leidenschaft bis zur überirdischen Verklärung. Wachend träumt sie von ihm, küßt in der Einbildung seine geliebten Hände, und schließlich stürzt sie sich in den Rhein. Ohnmächtig wird sie herausgezogen, aber sie kämpft mit Riesenenergie gegen das Leben, widersteht allen Bemühungen, das verschluckte Wasser aus ihr herauszubringen, schildert mit letzter Kraft ihren Angehörigen die himmlische Musik und die Lichter der Ewigkeit, die sie im Wasser umwogten, und gibt schließlich ihren Geist auf. In tiefer Erschütterung ging Jean Paul aus der Berührung mit diesem Ereignis hervor. Er, der sich seit Jahren von den »Titaniden« ganz zurückgezogen hatte, wurde schmerzlich an die Zeiten des »Hesperus« und der stürmischen Herzen erinnert, die um ihn rangen. Irgendwie lockerte dieses Erlebnis den Boden für die Liebe, die er nun noch einmal in Heidelberg finden sollte. Diese Heidelberger Reise ist der Höhepunkt dieser Periode seines Lebens und vielleicht seines Lebens überhaupt, so kräftig umspülte ihn hier der Strom der Zeit und die abgöttische Verehrung der Menschen. Und noch einmal sollte ihm eine Freundschaft, die mit Heinrich Voß, wie er sie seit Jahren ersehnt hatte, hier erblühen. Die Heidelberger Universität war kurz nach Jena zum geistigen und kampfumtobten Mittelpunkt Deutschlands geworden. Nirgends wie hier schnitten sich die Linien der Entwicklung, nirgends wie hier platzten die Ideen aufeinander. Im Jahre 1805 war das letzte Haupt der Aufklärung, der alte Johann Heinrich Voß, nach Heidelberg gezogen und sagte von hier aus allen romantischen Bestrebungen die heftigste 787 Fehde an. Kurze Zeit darauf folgte ihm sein Sohn Heinrich als Professor der Philologie an die Heidelberger Universität. Er wie der liberale Professor der Theologie Paulus vertraten einen gemäßigten Protestantismus mit liberalen Einschlägen, während neben ihnen Görres und Creuzer die Vertreter eines romantischen Mystizismus waren. Beide Parteien hatten sich Jahre hindurch heftig befehdet. Creuzer war durch das Schicksal der unglücklichen Günderode, die sich seinetwegen das Leben nahm, für kurze Zeit in den Mittelpunkt der romantischen Schule gerissen worden. In seinen Arbeiten verfolgte er etwa die gleichen Ziele wie Arnold Kanne, das heißt er suchte durch Zurückgehen auf die urmythologischen Bestandteile aller Religionen die allen Kirchen und Religiositäten zugrunde liegende Urreligion herauszuarbeiten. Politisch schlug bei ihm bereits die Romantik in einen strengen Konservativismus um, zu dem Voß und Paulus in entschiedenem Gegensatz standen. Im Jahre 1817, als Jean Paul Heidelberg besuchte, waren die Gegensätze bereits ein wenig ausgeglichen, nicht zum geringsten Teil durch Hegel, der seit einem Jahr die Professur für Philosophie inne hatte. Jean Paul hatte die mannigfachsten Verbindungen mit Heidelberg, die engsten aber mit Heinrich Voß, der ihm bereits im Jahre vorher seine Übersetzung von Shakespeares »Lustigen Weibern« gesandt hatte. Der daran anknüpfende Briefwechsel legte den Grund zu der Freundschaft der beiden Männer. Voß forderte dringend zum Besuch Heidelbergs auf. Im Frühling ließ sich Jean Paul für vier Wochen eine Studentenwohnung in der Stadt reservieren mit, wie er wünschte, einem schlechten Kanapee zum Lesen und Schreiben, wenigen Möbeln und Abendsonne. Im »Goldnen Hecht« wurde diese Wohnung mit Aussicht auf den Neckar und die Schloßruine gefunden. Am 2. Juli trat Jean Paul die Reise 788 an. »Heidelberg ist göttlich in Umgebung und schön im Innern«, schreibt er noch am gleichen Abend an seine Frau. Die Abende der ersten Woche verbringt er teils bei Voß, dessen Eltern verreist sind, teils bei der Familie Paulus, die ihn jetzt schon anzieht. Eine alte Freundin von ihm ist die Baronin von Ende, bei der er ebenfalls oft verweilt und die ihm einen Tee in »dem göttlichen Schloßgarten« gibt. Am Abend dieses Tages wird ihm von der Studentenschaft ein Fackelzug gebracht. Vor Jean Pauls Wohnung singen sie ein für ihn gedichtetes Lied nach der Melodie von »Heil dir im Siegerkranz«. Jean Paul kommt zu ihnen hinunter. »Wo sind Hände?« ruft er aus. »Kinder, gebt die Hände her, daß ich sie drücken kann. Jede Hand ist ein Herz!« Oft sechs Hände zu gleicher Zeit muß er umfassen. »Wenn Sie mir dieses Lebewohl bringen, weil ich ein Deutscher bin, wohl, so nehme ich es freudigst an; aber wenn Sie es dem Dichter bringen, dann sei es ferne von mir, mich dessen würdig zu erachten.« Er begleitet die Studenten, die mit geschmückten Hüten paarweise Arm in Arm gehen, bis auf die Neckarbrücke. Da es regnet, reicht man ihm eine bunte Mütze, weil er barhäuptig gekommen ist. Über diesen Fackelzug wird berichtet, daß er erst mühsam gegen die Landsmannschaften durchgesetzt werden mußte. Schon hier wird also die Spaltung deutlich, der die deutsche Jugend bald erliegen sollte. Am folgenden Tag werden die Ehrungen fortgesetzt. Es ist Sonntag, der 13. Juli. Eine Bootfahrt wird nach dem oberhalb Heidelbergs gelegenen Ausflugsort Hirschhorn veranstaltet. Etwa achtzig Personen beteiligen sich an dieser Fahrt, Professoren, Studenten, der Kronprinz von Schweden, eine Menge Mädchen und Frauen. »Mir war, als würden meine Romane lebendig und nähmen mich mit, als das lange 789 halbgedeckte Schiff bekränzt mit Eichenlaub bis an die bunten Bänder-Wimpel, begleitet von einem Beischiffchen voller Musiker, vor den Burgen und Bergen dahinfuhr.« Von den Neckarsteiner Ruinen wehen Fahnen und grüßen Taschentücher. Ein Nachen nach dem andern schließt sich mit Musik an. Nach dem Essen werden Spiele auf einer Wiese gespielt, auf einer Burgruine wird getanzt. »Wäre Jean Paul«, so berichtet Creuzer, »länger dageblieben, so hätte weder er noch sein Spitz eine Locke behalten; ja von letzterem wurden, zumal viele ihn für den Spitzius Hofmann des »Hesperus« hielten, einige Haare nach Mannheim geschickt.« Jean Paul dankt zum großen Teil durch Küsse. »Ich habe«, schreibt er an Karoline, »seit zehn Jahren nicht so viel und so viele und so jugendlich empfindend geküßt als bisher.« Aber der Schwerpunkt liegt für ihn diesmal doch nicht in den Ovationen der schönen Frauen, sondern der Männer. Fast die größte Freude seines Lebens ist es ihm, als die philosophische Fakultät, deren Dekan gerade Voß ist, ihn zum Ehrendoktor promoviert. Am 18. Juli wird ihm das pergamentne Diplom feierlich durch Creuzer und Hegel überreicht. Mit einem Bruderkuß fällt er Voß um den Hals. Von da ab herrscht das trauliche Du zwischen ihnen. Auch Boisserée, den Besitzer der berühmten Sammlung mittelalterlicher und holländischer Gemälde, lernt er kennen, und den Berliner Buchhändler Georg Reimer, der einige Jahre nach seinem Tode seine gesammelten Werke verlegen sollte. Thibaut, der berühmte Rechtslehrer, im Nebenberuf ausübender Musikschwärmer, veranstaltet ihm zu Ehren eine musikalische Akademie in seinem Haus, bei der Palestrina, Leo, Durante, Pergolese, die alten Italiener, von deutschen Meistern Graun, Haydn, Mozart und Händel aufgeführt werden. Auch im Hause des Kirchenrats Schwarz verbringt er unvergeßliche Stunden. 790 Frau Schwarz war übrigens eine Tochter Jung-Stillings. Für die zweite Hälfte seines Aufenthalts siedelt er ganz zu Schwarzens über. Aber alle diese Ereignisse sind nur der Hintergrund seines Erlebnisses mit Sophie Paulus, der Tochter des Professors. Auch Karoline Paulus, die Mutter, schwärmt für ihn. Sie selbst ist Dichterin und Verfasserin mehrerer Bücher, die bekannt geworden sind. Hier im Hause tritt sie ihm als schlichte Hausfrau entgegen. Doch was vermag sie neben ihrer Tochter! »Die schlanke volle Gestalt,« schildert sie Reichlin-Meldegg, »das große dunkelblaue geistreiche Augenpaar, die schön gewölbte Stirn, die üppige Fülle der braunen Locken, der fein geschnittene Mund, die ausdrucksvollen zarten Gesichtszüge, der Schnee ihrer Haut mit der zarten Rosenblüte ihrer Wangen machten sie zu einem der schönsten Mädchen der Musenstadt . . . Mit einem männlichen Charakter verband sie ein tiefes, reiches Gemüt und einen seltenen Kunstsinn und Kunstgeschmack. Sie las Shakespeare im Original und spielte ebenso kunstfertig das Klavier, als sie besonders in ihrem Lieblingsgegenstande, der Pferdezeichnung, stark war.« Mehr und mehr schließen sich die beiden aneinander. Sie liest nur die Bibel und Jean Paul, schreibt der Dichter an seine Frau. Mit der Familie Paulus macht er einen Ausflug nach dem Rhein. Sein Verehrer, der Baron von Ungern-Sternberg, hat ihn eingeladen. In Mannheim sieht er zum erstenmal den deutschen Strom. Er genießt ihn mit Sophie zusammen, und hier ist es wohl, wo die Neigung in ihn hineinfährt. Sophie ist nach Heidelberg zurückgekehrt. Er schreibt ihr sofort. »Sie und der Rhein gehören nun in meinem Herzen zusammen, und wo ich ihm auch begegne, wird Ihr Bild mir wie das eines Gestirns auf ihm schwimmen, wird 791 ihn verschatten oder überglänzen überall, wo er auch noch schöner ströme.« Am 10. August reist er allein nach Mainz weiter, einige Tage später durch den Rheingau bis Bingen. Wiesbaden und Worms werden besucht. Am 18. ist er wieder in Heidelberg. Hier kommt er zum erstenmal bei dem Botaniker und Naturphilosophen Professor Schelver mit dem tierischen Magnetismus in Berührung, für den er sich seit langem interessiert hatte. Bei Schelver trifft er seine alte Freundin, die Baronin von Krüdner, die sich Schelver zu einer magnetischen Kur anvertraut hat. Er selbst versucht sich als magnetisch Heilender und glaubt, Heilkraft in sich zu entdecken. Von da ab sucht er Schmerzen durch Handauflegen zu heilen. Wirklich soll eine lindernde Wirkung von seiner Handberührung ausgegangen sein. Am 23. August verläßt er die Stadt, von Voß eine Strecke im Wagen begleitet. Aber vorher hat er schmerzlich schöne Stunden mit Sophie Paulus verlebt. In heißen Küssen sind sie einige Stunden zusammen gewesen. In jenen Tagen entsteht die kleine, nur wenige Seiten starke, aber unverwelkliche kleine Dichtung »Über das Immergrün unserer Gefühle« und die Vorrede zu dem Ergänzungsblatt der »Levana«. Noch einmal ist heiße Herzensflamme in sein Schaffen getrieben. Karoline Paulus schreibt ihm unmittelbar nach seiner Abreise: »Sie haben mir und noch jemand, den ich mehr liebe als mich selbst, das Höchste, nämlich etwas Unvergängliches, ewig beglückend und beseligend Fortwirkendes gegeben. Sie waren schon seit Jahren Ihr und mein einziger Lehrer. Sie nur einmal zu sehen, war Jahre lang unser heißer Wunsch; nun ist uns mehr geworden, als wir je zu wünschen gewagt hätten . . . Sophie erzählt mir noch viel von 792 Ihnen. Gestern hat sie den ersten Sonntags-Sonnenuntergang im Andenken an Sie gefeiert.« Sophie fügt einige Zeilen hinzu, verspricht, wie er ihr befohlen, Herder und den Woldemar zu lesen, »so wie ich überhaupt nichts mehr denken, lassen, tun und empfinden kann ohne Beziehung auf Sie«. Sie sucht die Mannheimer Rheinbrücke auf, über die er mit ihr gewandelt. »Was aber dort mein Gemüt bewegte, kann meine ungeübte Feder nicht ausdrücken.« Immer wieder sieht sie aus dem oberen Stübchen nach dem Gartenplatz hin, wo er gearbeitet hat, wo das »Immergrün« und die »Vorrede« entstand. Zu Hause muß er der Frau nicht nur die Küsse beichten, sondern auch, daß er die Sehnsucht nach körperlicher Verschmelzung gefühlt hat. Karoline ist tief unglücklich. Jetzt erst und das nächste Jahr hindurch tut man Einblicke in die Tragik dieses Frauenlebens, die erschüttert. Auch sie war ja einst, was Sophie jetzt ist: ein allen Eindrücken empfängliches junges Mädchen, das ihm enthusiastisch zu Füßen lag und seine Hände küßte. Seit drei Jahren sei sie hart von ihm behandelt worden, so hart, daß sie an seiner Liebe zweifeln müsse, schreibt sie ihm einmal. Nur Gewohnheit und Notwendigkeit halte ihn ab, ein Band zu lösen, das ihn drücken müsse. Tief schauen wir in ihr gequältes Herz hinein, wenn sie sich selbst anklagt, vor neunzehn Jahren seine Hand genommen zu haben. Nur die Liebe, die unendliche, die niemand weiter so empfinden kann, gab ihr Ansprüche, die auszuüben sie sich schließlich doch nicht wert fühlen darf. Jean Paul ist nach zwei Seiten hingerissen. Alle seine Gedanken gehören dem nächsten Frühling, der ihn wieder in Heidelberg finden soll. Schon im November schreibt er dem Freunde Voß von seinen Plänen. Im nächsten Jahr, am 26. Mai 1818, ist er in Bamberg, von dort geht es nach 793 Frankfurt. Dort findet er den alten Koburger Freund Wangenheim, den Feind des Ministers Kretschmann, als württembergischen Gesandten beim Frankfurter Bundestag vor. Alle Nachmittage ist er bei ihm. Einmal findet er Friedrich Schlegel dort. Merkwürdigerweise hält er ihn für dessen Bruder August Wilhelm. Erst in Heidelberg wird er seinen Irrtum gewahr. Eine malerische Bootfahrt mit anschließendem Ständchen, das ihm zu Ehren vor seiner Wohnung gegeben wird, ruft ihm die Erinnerung an Heidelberg wach. Am 10. Juni wird ihm vom Gelehrtenverein ein Bankett veranstaltet. Aber er ist dieser Feiern müde, es zieht ihn zu den Freunden nach der Neckarstadt. Gleich nach seiner Ankunft hat er an Sophie geschrieben, daß er jetzt nur noch einen Schritt von sechs Meilen zu seiner Frühlingsfreude habe. Am Mittag des 16. Juni trifft er in Heidelberg ein. Voß ist ihm zwei Stunden entgegengefahren. Mit August Wilhelm Schlegel, der ebenfalls auf der Reise ist, wohnt er im »Karlsberg« zusammen. Die Ehrungen muß er diesmal mit seinem alten Gegner teilen. Aber das ist nicht der Grund, weshalb sich die Hochstimmung des vergangenen Jahres nicht wieder einstellen will. Schon in seinem ersten Briefe an seine Frau klagt er, daß er nicht halb so froh sei als früher, und bald heißt es: »Die poetische Blumenliebe des vorigen Jahrs ist leider ganz und gar verflogen, eben, weil sie ihrer Natur nach keine Dauer und Wiederholung kennt.« Das Entscheidende aber ist sein Verhältnis zu Sophie. Schon damals muß sich die Katastrophe dieses jungen Mädchens angesponnen haben, und es ist kaum anders zu denken, als daß sie den verhängnisvollen Schritt, der ihr Leben zerstören sollte, unternahm, nachdem sie die Hoffnungslosigkeit ihrer Liebe zu Jean Paul eingesehen hatte. Hals über Kopf verlobte sie sich mit August Wilhelm Schlegel. Zwei Monate nach Jean Pauls 794 Abreise sind die beiden bereits vermählt. Unmittelbar nach der Hochzeit reiste der ältliche Ehemann Hals über Kopf ohne seine Frau von dannen. »Heidelberg hört so erbärmlich für mich auf wie ein Feuerwerk: mit Gestank«, schreibt Jean Paul in sein Tagebuch. Als er die plötzliche Abreise Schlegels erfahren, schreibt er: »Schlegel hat seiner Eitelkeit die diesmal nur sophistische Sophie aufgeopfert, die nun weder Jungfrau, noch Ehefrau, noch Witwe, noch Liebende, nicht einmal Geliebte ist, und die nichts Neues in ihrer Ehe erlebt hat als – Masern, das Sinnbild des Mannes selber.« Im nächsten Jahre trifft Jean Paul Frau Paulus und ihre unglückliche Tochter in Stuttgart. »Unser Wiederumarmen war das warme, alte«, schreibt er an Voß. Aber er lehnt es ab, Sophie zu besuchen, denn diese habe das Recht verloren, die alte wieder zu sein. Später stellte sich eine laue und nichtssagende Verbindung wieder her. »Der Mörder Ihres Frühlings werde nie unter uns genannt«, schreibt er ihr einmal. »Im Unglücklichmachen war er zum erstenmal ein kühner Dichter. Immer, meine liebe Sophie, werd' ich mich erinnern, wie vertrauend und liebend Sie gegen mich gewesen.« Das war das Ende. Sophies Leben blieb durch diese Katastrophe zerbrochen. Sie starb etwa dreißig Jahre später, drei Jahre hinter ihrer Mutter. Ihr vereinsamter, fast neunzigjähriger Vater leitete sie zu Grabe. Die einzelnen Mitspieler bei dieser Tragödie zu beurteilen, ist schwierig. Schon in den ersten Tagen des Wiedersehens hatte Sophie Jean Paul mißfallen. Er fand »gar zu wenig Liebe und Nachsicht für andre Menschen bei ihr«. Offenbar hat er also das ihn liebende Mädchen infolge einer Meinungsverschiedenheit und wahrscheinlich mit Rücksicht auf seine eifersüchtige Frau von sich gewiesen. Sophie hat die Weltberühmtheit des älteren Schlegel offenbar bei ihrem 795 übereilten Entschluß in Rechnung gestellt. Es schmeichelte gewiß ihrer Eitelkeit, daß sich ein Mann wie August Wilhelm Schlegel um sie bewarb. Wenn aber auch eine gewisse Eitelkeit mitsprechen sollte, so hat sie doch allzu hart dafür gebüßt. Der wahrhaft Schuldige bei dieser Angelegenheit scheint Jean Paul zu sein, der das schwärmende Mädchen mit Leidenschaft an sich heranzog, um sie plötzlich fallen zu lassen. Aber auch ihn wird man nicht hart beurteilen dürfen. Sophie war das Opfer, das er seiner Frau brachte, die ein Jahr hindurch bei dem bloßen Gedanken an die Nebenbuhlerin Qualen ausgestanden hatte. Mit Sophies Untergang wurde der Frieden dieser Ehe für die letzten Jahre erkauft. Wie stark Jean Paul trotz seiner Versicherungen an Sophie immer noch hing, zeigt Karolines Angst, als er ein Jahr nach der Katastrophe nach Stuttgart fuhr, wo sich gerade Sophie mit ihrer Mutter aufhielt. Auch wenn der Dichter keine nähere Verbindung mit seiner Altersliebe mehr aufnehmen wollte, so hatte er doch offenbar stark den Wunsch, sie wiederzusehen. Im übrigen brachte ihm Stuttgart keine Überraschungen, als er den Juni 1819 dort verlebte. Mit Cotta, dem Verleger der »Flegeljahre«, mit Haug, dem Herausgeber von Cottas »Morgenblatt«, verbrachte er angenehme Tage und Stunden. Er traf dort mit dem Bildhauer Dannecker zusammen, begegnete in Gesellschaft auch Uhland und Schelling, auch der Gattin Wilhelm v. Humboldts und Henriette Herz, die gerade aus Italien kamen. In nähere Beziehungen trat er zu der Herzogin Wilhelm, mit der er in Briefwechsel blieb. Alles in allem war aber Stuttgart für ihn »kein halbes erstes Heidelberg«, wie er an Voß schrieb. Den Gedanken einer Weiterreise in die Schweiz, die erst beabsichtigt war, gab er bald auf. Am 12. Juli war er wieder in Baireuth. 796 Mit einem wichtigeren Kreise traf er bei der Herzogin von Kurland in Löbichau zusammen, als er im September desselben Jahres drei Wochen an diesem eigenartigen Musenhof zubrachte. Nach der Thronentsagung ihres Mannes hatte sich die Herzogin, eine geborene v. Medem, mit ihrer bekannten Stiefschwester Elise v. d. Recke auf dem zwischen Gera und Altenburg gelegenen Schloß und Rittergut Löbichau niedergelassen. Das Schloß wurde bald zu einem Mittelpunkt vornehmer und geistiger Geselligkeit. Drei im benachbarten Schloß Tannenfeld wohnende Töchter der Herzogin trugen nicht wenig dazu bei, den Aufenthalt in Löbichau anziehend zu machen. Außer von Elise v. d. Recke kam die besondere Weihe des Kreises von dem berühmten Kriminalisten Anselm v. Feuerbach, der mit seinem später als Philosoph berühmt gewordenen Sohn Ludwig regelmäßig dort weilte. Unzertrennlich von der Recke war Tiedge, der Sänger der »Urania«, damals eine Modegröße, heute vergessen. Eine Reihe mehr oder minder geistvoller oder berühmter Männer und schöner Frauen war ständig auf Löbichau oder in Tannenfeld zu Gast. Eine ganz eigentümliche Stimmung lag über dem Schloß, die Jean Paul bald gefangennahm. Er konnte die vollkommene Freiheit, deren sich jeder dort erfreute, nicht genug rühmen. »Jeder Gast frühstückt mit sich selber und sieht bloß aus seinen Fenstern über den Altan, wenn er so wohnt wie ich, einzelne Damen durch die Park- und Morgenkühle wandeln oder Kammerjungfern, die noch nicht in heißem Feuer und Handgemenge mit dem ungeplätteten und ungefalteten Weißzeug stehen.« Arbeiten oder Promenaden und Besuche wechseln den Vormittag über, bis um 12 Uhr zum »Generalfrühstück« geläutet wird, das sich oft über mehrere Stunden ausdehnte. »Alle nötigen Sekten 797 sind hier vereinigt, jeder kann die Meinung, welche er will, ergreifen oder angreifen – gegen oder für Magnetiseurs – gegen oder für Juden – gegen oder für Ultras und Liberale –, niemand wird etwas dagegen sagen – als höchstens seine Gründe; oft erscheint dabei die immer ruhige und heitere Dorothea auf dem Kampfplatz, um die brennend zusammengehenden Strahlen verschiedener Parteien sanft auseinanderzubrechen.« Um 7 Uhr begann das Souper. Ihm folgten Konzertvorträge, Spiele und Tänze. Selbst Jean Paul, der seinem Tanztalent bisher nicht sehr getraut hat, entdeckt es und schwingt sich mit Schönen im Tanze, die dem ausgelassenen Dichter vielleicht nicht weniger dabei nachzusehen haben als Wina dem tanzbegeisterten Walt. Am Abend des 9. September wird er durch eine ihm zu Ehren veranstaltete Illumination des Parkes und einer kleinen Insel überrascht. »Als auf dem Rückwege die ganze Gesellschaft Arm in Arm durch die ätherischen Freudenfeuer auf beiden Seiten mit dem gemeinschaftlichen Absingen eines deutschen Liedes zog, da hatte ich endlich jene Nacht des Himmels, nach der ich mich durch meine leere Jugend hindurch so oft gesehnt; eine Nacht, in der ich in der Jugendzeit mein unbewohntes Herz dahingegeben hätte.« Mit besonderem Interesse unterhielt sich Jean Paul in diesen Tagen mit dem jungen Ludwig v. Feuerbach, der damals in einen trüben Mystizismus gesunken war. Jean Paul ahnte noch nicht, daß sein eigener Sohn Max bald von dieser Zeitströmung ergriffen werden würde. Ludwig Feuerbach überwand diese Krise, Max sollte ihr erliegen. Damals erhielt Jean Paul durch die Gespräche mit dem jungen Feuerbach wohl den ersten Begriff von diesem lebenaussaugenden Mystizismus Kannescher und Creuzerscher Herkunft, diesen letzten Ausläufern der Romantik, deren erste 798 Töne Novalis angeschlagen hatte. Die Gestalt Lianes mußte vor ihm aufsteigen. Am 19. September war er wieder in Baireuth. Auf der Durchreise hatte er noch einige Tage in Altenburg verbracht. Die Reise des nächsten Jahres (1820) ging nach München, und zwar war es sein dort studierender Sohn, der ihn vornehmlich dorthin zog. Auf der Durchreise feierte er in Regensburg mit dem Grafen Westerholt, einem Freunde seines Primas Dalberg, »die hohe Stunde einer Todesfeier des Geliebten«. Am 30. Mai traf er in München ein, stieg zunächst im Gasthaus »Zum Adler« ab, vertauschte aber schon am nächsten Tag diese Wohnung mit einer von Max besorgten Privatwohnung vor der Stadt im Rochusgäßchen. Den alten Freund Schlichtegroll traf er in München als Generalsekretär der Akademie der Wissenschaften wieder. Mit Schlichtegrolls verlebte er die schönsten Stunden. Auch zu dem großen Philologen Thiersch knüpften sich herzliche Beziehungen an. Noch eine alte Freundschaft konnte er hier auffrischen: seine Jugendfreundin Renata lebte hier mit ihrem Manne, Christoph Otto. Leider traf er die Freunde in keinen besonders glücklichen Umständen an. Otto war bei der Mauth angestellt, erhielt aber ein so unzureichendes Gehalt, daß er mit seiner Frau und fünf Kindern nur kümmerlich davon leben konnte. Leider vermochte Jean Paul ihnen auch durch seine ausgebreiteten Beziehungen nicht zu helfen. Durch die ihm vom König Maximilian gewährte Pension stand er auch zum Hof in Beziehungen. Bekanntlich hatte er der Königin die zweite Auflage seiner »Levana« gewidmet. Am 9. Juni erhielt er eine Audienz beim König. »Einen solchen weit offenen, gutmütigen, unbegehrlichen, anspruchslosen, hausväterlichen König hab' ich mir nie gedacht.« Unmittelbar nach der Audienz wurde er bei der 799 Königin durch die ihm von Hildburghausen her bekannte Gräfin Taxis eingeführt. Sie sprachen über Weimar und Herder. Auch seiner Verlobung mit Karoline von Feuchtersleben wurde gedacht, und hierbei ereignete sich das Merkwürdige, daß Jean Paul sich im Augenblick nicht des Namens seiner ehemaligen Braut entsinnen konnte. Erst das Gedächtnis der Gräfin Taxis brachte ihm den Namen in Erinnerung. Von der weiteren Umgebung Münchens besuchte er nur den Starnberger See. Auf einer Insel wurde zu Mittag gespeist und gegen Abend das Schloß Berg besucht. Am wichtigsten aber war ihm das Zusammensein mit seinem Sohne Max. Hier ergaben sich bereits die ersten Meinungsverschiedenheiten. Max nannte Schelling den größten Mann, wogegen Jean Paul sich wehrte. Schelling habe doch wohl noch einen ziemlich weiten Weg bis zum größten Mann. Gerade durch seinen Vater kam Max Richter damals mit jenem Mann in die verhängnisvolle Verbindung, der wohl als das eigentliche Haupt jener von Schelling ausgehenden mystischen Richtung anzusehen ist, mit Franz Baader. Baader war von dem anmutigen Jüngling so entzückt, daß er sich erbot, ihn in Daubs Schriften einzuführen. Wir werden noch sehen, wie verhängnisvoll gerade dieser Unterricht für Max werden sollte. Auch sonst fand der Vater manchen Grund zur Besorgnis. Als er von dem »Jammerleben« erfuhr, das Max zu Zeiten führte, hatte er eine schlaflose Nacht. Einerseits war es wohl das Beispiel der Leipziger Hungerjahre des geliebten Vaters, die Max in seiner Lebensführung nachahmen wollte, aber in erster Linie wollte er seinen Körper allem Lebendigen abtöten und sich im Sinne jener mystischen Richtung vergeistigen. Er genoß morgens und abends nichts, oft auch mittags nur wenig. Das Brennholz sei ihm gestohlen worden, das kleine Eisenöfchen, das 800 das Dachzimmer erwärmen sollte, heize nicht mehr, die Fenster seien zerbrochen. In dieser erbärmlichen einsamen Stube habe Max bis in die Nacht hinein aus Sehnsucht nach dem Elternhause geweint und gearbeitet. Zur Zeit war diese Melancholie von Max gewichen, leider sollte sie später gesteigert wiederkommen, als er in dem jungen Feuerbach und dessen Freunde Kapp Genossen seines Strebens fand. Damals aber reiste der Vater noch ohne besondere Besorgnis aus München ab. Mitte Juli war er wieder in Baireuth. »Diesmal ist mir die Heimat das schöne Fremdland,« schreibt er an den Sohn, »seit Jahren war ich nicht so häuslich selig, und alles, was meine gute Karoline getan und tut, entschädigt mich für Münchens Wolkentage.« Die Mutter fügt hinzu: »Daß der Vater mit allen meinen Einrichtungen so vollkommen zufrieden war, ist herrlich. Wir leben wie im Himmel, und ich kann mir beinahe nicht die Möglichkeit einer Verstimmung denken; so sicher und schön ist mein Gefühl von der Zukunft. Der liebe Vater ist recht kindlich glücklich – Gott erhalte ihn uns nur noch lange.« Die inneren Stürme hatten ausgetobt. Durch Sophies Schicksal war der wolkenlose Ehehimmel erkauft worden. Was nun auch noch kam, es konnte nur noch von außen kommen.   Wie im Triumphzug war der Dichter durch die deutschen Lande gefahren. Wo er auch hinkam, überall begegnete ihm die Liebe der Besten des Volkes. Seine Werke hatten ihm den Weg zu den Herzen gebahnt. Wie in den Tagen des »Hesperus« umloderte ihn der Enthusiasmus einer gläubig zu ihm emporschauenden Jugend. Die Tage des ersten Heidelberger Aufenthalts wurden ihm zum Höhepunkt seines Lebens. Noch einmal brannte sein Herz auf. Als aber auch 801 von diesem letzten Erlebnis nur die ausgebrannte Asche übrigblieb, da mußte die alte Melancholie, die ihn seit Jahren umfing, wiederkehren. Schon die nächsten Reisen, allenfalls mit Ausnahme der drei Wochen in Löbichau, befriedigten ihn nicht mehr. Der Skeptizismus dem eigenen Werk gegenüber nahm wieder die Oberhand. Wir haben bei seinen letzten Idyllen und Humoresken gesehen, wie zweifelnd er sich diesem Werk gegenüber hielt. Fast sah er es unter dem Gesichtspunkt einer Don Quixoterie an. Durch die Triumphe, die er allenthalben erlebte, konnte dieser Eindruck nur verstärkt werden. In einer andern als der von ihm mit Aufbietung aller seelischen und geistigen Kräfte angestrebten Richtung entwickelte sich die Zeit fort. Sein »Titan« war vergeblich geschrieben worden. Einerseits baute die Entwicklung auf Goethe, Schiller und Kant fort, andererseits übersteigerte sich die Romantik zu einer Mystik, die er noch in der »Vorschule der Ästhetik« als Nihilismus empfunden und abgetan hatte. Der Widerspruch, der zwischen seinen Triumphen und dieser ihm feindlichen Entwicklung lag, konnte ihm nicht verborgen bleiben. Wenn ihm überall die Herzen sich auftaten, geschah das nicht gewissermaßen unter dem Eindruck eines Talismans, der nur phantomhaft war und keinen eigentlichen, nur einen eingebildeten Wert hatte? Als trüge er ein Zaubermittel in der Hand, dessen Wertlosigkeit sich jeden Augenblick herausstellen mußte? Dieser Eindruck ist das Hauptergebnis der Reisen, die ihn durch Deutschland führten. Mehr und mehr mußte er sein eigenes Leben unter diesem Gesichtswinkel ansehen lernen. Es entspringt deshalb tieferen Gründen, wenn er seine Selbstbiographie mit dem Roman jenes Don Quixotehaften Apothekers Marggraf verbinden wollte, der die Kunst, aus Kohle Diamanten zu machen, sich zu eigen gemacht und nun 802 wie ein Fürst und sich selbst für einen Fürsten haltend im Lande umherzieht. Schon 1806 ging dem Dichter dieser Plan auf; seine Selbstbiographie mit der Geschichte des Apothekers zu verschmelzen. Wir wissen, wie die geschichtlichen Ereignisse sein Schaffen dann in eine andere Richtung drängten. Aber gerade jetzt erst konnte das innere Ethos dieses Planes ihm Erlebnis werden. Bisher war es ein barocker Einfall gewesen. Dem Dichter des »Fibel« aber mußte sich dieser Einfall vertiefen. Eigenartig war es, wie »Das Leben Fibels« von diesem Plan einer Selbstbiographie her Nahrung empfing und wie der »Fibel« andererseits auf diesen Plan zurückwirkte. 1810 erbat er sich von dem alten Freunde, dem Superintendenten Vogel in Wunsiedel, Nachrichten über seinen Vater aus den Kirchenbüchern. Zwei Jahre darauf erscheint dann zum erstenmal die Notiz: »Für den Plan Happels gearbeitet.« »Happel« nannte er dieses Werk, das die Selbstbiographie und die Geschichte des Apothekers umfassen sollte. Mehrmals im Lauf der nächsten Jahre begann er mit der Ausarbeitung, das Kometenjahr 1811 gab dem Roman sogar den Namen, aber erst im Juli 1818 sehen wir ihn die Selbstbiographie, nunmehr als selbständiges Werk, beginnen. Es war unmittelbar nach dem Wiedersehen mit Sophie, das so katastrophale Folgen nach sich zog. Mit einer wahren Wut wird er sich damals in die Arbeit gestürzt haben, lag doch jetzt erst sein Leben gewissermaßen hinter ihm. Doch er sollte nicht weit in dieser Arbeit vordringen. Schon im August schrieb er an Emanuel, er sei durch die Romane so sehr ans Lügen gewöhnt, daß er zehnmal lieber jedes andere Leben beschriebe, und ähnlich äußerte er sich im November an Voß. Im Januar 1819 gab er die Selbstbiographie ganz auf. Er hatte sie nur bis zu seiner Einsegnung gefördert. Wir kennen dieses Bruchstück aus dem ersten Kapitel, wo 803 es uns zum Leitfaden für die Darstellung seiner Kindheit und ersten Jugend diente. Es ist anzunehmen, daß Jean Pauls Darstellung einigermaßen der Wirklichkeit entspricht, daß er nur hier und da verschönerte und besonders die Gestalt des Vaters ins günstigste Licht setzte. Als Dichtung ist diese seine Jugendgeschichte eine der zartesten Idyllen, die wir aus seiner Feder haben. Unzählige Male hatte er seine Jugend in den Helden seiner Romane dargestellt, kaum verdichteter und vertiefter, als sie uns jetzt in ihrer Wirklichkeit entgegentritt. Hinter den Gestalten seiner Romane richtet er hier gewissermaßen das Urbild auf. Aber er mochte bald selbst das Gefühl haben, daß er im Grunde nur wiederholte. Nicht die kärglichen Tatsachen seines Lebens konnten ihm von Bedeutung sein. Er mußte sie gegen ein geistiges Inneres projizieren, damit sich ihr Sinn erschlösse. Was er jetzt noch aus seinem Dasein herauszuholen hatte, das mußte unter der Don Quixote-Gestalt seines Apothekers Nikolaus Marggraf geschehen. Hier war das tiefste Geheimnis seines Daseins verborgen, wie er es jetzt in Stunden der Unmut oder der erbarmenslosen Kritik ansah. Und so wendete er sich denn sofort, nachdem er den Plan der Selbstbiographie aufgegeben hatte, zu dem Roman »Der Komet«, der sein letzter sein sollte. Wie ein ungeheures Gewoge hatte der Stoff vor ihm gelegen. Wir haben beim »Titan« durch zehn Jahre hindurch verfolgt, was Jean Paul alles in diesem Werk ausdrücken wollte, ehe es die Form des Romans annahm. Nicht viel weniger Zeit hatte der Stoff des »Komet« in Anspruch genommen, ehe er sich als die Geschichte des Apothekers formierte. Zum letztenmal wollte er seine Phantasie im Vollen ausschweifen lassen, die kühnsten Einfälle sollten sich jagen. Nicht eine Geschichte, sondern ein ganzer »Papierdrache« sollte das Werk werden, ein Konglomerat von allen 804 möglichen burlesken und komischen Einfällen. Man sieht, die ersten Anfänge des Buches reichen in die Zeit zurück, als Jean Paul, müde seiner weltanschaulichen Sendung, ganz zur reinen humoristischen Dichtung sich hinneigte. Schon die Titel der ersten Entwürfe verraten das tolle Durcheinander, das hier angestrebt wurde. »Tausendundeine Narrheit« oder »Das Leben auf der Erde in allen Wechseln« oder »Reise durch alle neun Kreise Deutschlands« wollte er zuerst das Buch nennen. Die seltsamsten Einfälle sind in den Studienbüchern aufgezeichnet. Zum Beispiel: »Ein Engel suche Narren für einen andern Planeten und wähle unsre Weisen.« Oder: »Eine wirkliche Regierung habe den Abschaum der Tollheit auf eine Insel gesandt, und da komme die Reisegesellschaft an.« Oder: »Einer strebe nach Menschenkenntnis, um einen großen Roman zu schreiben, will alle Stände kennen, ist reich aber ruhmsüchtig, will den Fielding übertreffen im Deutschen, will Charaktere studieren und sie in seinen Garten zurückbringen und da mischen und alles beobachten und sie alle heilen, wenn er sie abgeschrieben hat; es begegne ihm aber ein andrer, der ähnlichen Charakterzweck hat, und beide kopieren einander.« Oder: »Eine gelehrte Reisegesellschaft; jeder sei ein besondrer Narr und doch ein besondrer Wissensjäger; – hinterher ziehen alle ihre Bräute, um zu wissen, was sie lernen, da sie dazu ausgeschickt.« Oder: »Goethe gewinnt im Alter das große Los, will die Hoflangeweile an sich und andern vertreiben und gibt das Geld dazu her.« Auch als die Geschichte des Apothekers allmählich sich als Hauptstamm des Buches formiert hatte, wollte der Dichter alle diese Einfälle wenigstens als satirische und humoristische Beigaben beifügen, wie dem »Titan« ein satirischer Anhang beigefügt war. Dieses ganze Konglomerat sollte eben der »Papierdrache« werden, von dem in der Vorrede zum »Komet« die 805 Rede ist. Ein ungeheurer Plan, überhaupt nicht in den Rahmen eines einzigen Werkes sich fügend. Nur ein ganzes Lebenswerk konnte einen solchen Zug von Gestalten und Einfällen bergen. Noch in der Vorrede verspricht Jean Paul, in fünf Jahren das Werk zu liefern. Er tat es in dem höheren Sinne, daß nach fünf Jahren sein Leben endete und sein ganzes Werk von den ersten Satiren an bis zu diesem »Kometen« in der Tat ein solcher »Papierdrache« genannt werden kann. Ungeheures sollte einst der »Titan« enthalten, und als er schließlich fertig war, enthielt er in der Tat Ungeheures, aber in das überschaubare Schicksal von wenigen Menschen gepreßt. Genau so war es hier. Bändeweise war der Stoff, waren Ideen und Pläne aufgespeichert, und als der »Komet« erschien, waren zwar die meisten Einfälle liegengeblieben, aber dennoch war eine ganze komische Weltschau in dem Buch eingefangen. In gewissem Sinne war hier die Grundstimmung des »Katzenberger« aufgenommen worden. Auch der »Katzenberger« war eine Umkehrung alles dessen, was bisher in Jean Pauls Werk Geltung gehabt hatte, und genau so wurde jetzt im »Komet« die Welt Jean Pauls noch einmal herumgedreht. Bisher hatte er seine Helden vom Gustav in der »Unsichtbaren Loge« bis zu Albano im »Titan« zu den höchsten menschlichen Aufgaben hinanführen wollen. Die Kraft ihrer Phantasie drang gegen eine feindliche Außenwelt an und verwandelte sie. Umgekehrt im »Komet«. Hier glaubt der Held, eben der Apotheker Nikolaus Marggraf, bereits Fürst durch seine Abstammung zu sein. Es kommt nach seiner Meinung nur noch darauf an, seinen fürstlichen Vater zu finden, um sogleich den Thron zu besteigen. Das Thema der großen Romane ist hier ins Komische umgewandelt. Einen Helden zur höchsten Aufgabe, 806 zum Herrschen, hinanzuführen, ist Aufgabe des Entwicklungsromans. Aber ein Held, der ein Fürst zu sein glaubt und, von niemandem anerkannt, mit fürstlicher Pracht durch die Lande zieht, ist Objekt rein humoristischer Darstellung. Der Ausgangspunkt einer solchen Gestalt ist falsch oder doch zum mindesten höchst zweifelhaft, und von diesem falschen Ausgangspunkt aus muß ein komischer Kontrast zwischen der eingebildeten Welt des Helden und der Welt üblicher Wertung entstehen. Das Zusammenprallen der idealen Welt eines Helden mit der harten Wirklichkeit ist tragisch, das Auseinanderfallen aber einer eingebildeten und der wirklichen Welt ist komisch. Albano–Marggraf, diese beiden bezeichnen den Gegensatz des Helden und der komischen Figur. Wie aber der Held das Komische streifen kann, so kann die komische Figur durch die Verstiegenheit ihrer verkehrten Weltschau bis dicht an die Tragik herangeführt werden. Schon Don Quixote streift das Tragische, denn um seinen Irrtum aufrechtzuerhalten, muß er Eigenschaften des wahren Ritters und Helden an den Tag legen, und dieser Irrtum selbst fließt aus einem heroischen Herzen. Ja noch mehr, wie sehr ist dieser Blickwinkel zur Welt der Selbstkontrolle entzogen! Steht nicht jede Größe unter dem Zweifel, irgendwie Don Quixote zu sein? Kann nicht selbst der offenbare Erfolg lügen, da auch er dem Schein der Täuschung zu unterliegen vermag? Es gab gewiß Augenblicke, in denen sich Jean Paul selbst mit »Fibel«, diesem Don Quixote der Literatur, identisch fühlte. Gerade die Beschäftigung mit seiner Jugend konnte ihm solche Zweifel aufkommen lassen. Mit Don Quixotehafter Hartnäckigkeit hatte er ein Hungerjahrzehnt hindurch sein Künstlertum hochgehalten, als niemand daran glaubte. Zehn Jahre lang hatte er durch seine Satiren die Welt zu bezwingen geglaubt und war doch bloß ein armer 807 Narr gewesen, über den die Leute sich lustig machten. Und im tiefsten Grunde mit Recht, obwohl ein tiefdurchdachtes System der Poetik dieser Satirendichtung zugrunde lag. Er war der Welt gegenüber im Unrecht gewesen, nur weil er an ein Weltbild anknüpfte, das gerade vorübergegangen war. Kein Zweifel, er selber war zehn Jahre seines Lebens hindurch ein solcher Don Quixote gewesen. Und war es vielleicht noch immer. Hatte er nicht vergeblich gehofft, die Welt durch sein Schreiben in eine andere Richtung zu stoßen? War es nicht längst offenbar geworden, daß ihm sein ganzes Streben mißglückt war, daß er fern jeder tieferen Einwirkung auf die Zeit nur ein eigenbrötlerischer Sonderling war, dessen Streben wohl Achtung, selbst Ehrfurcht erwecken konnte, das aber doch letzten Endes bedeutungslos genannt werden mußte? Gerade der Dichter unterliegt solchen Stimmungen, weil sein Werk abgetan hinter ihm liegt und sich so schwer in seiner ganzen Fülle vergegenwärtigen läßt. Wie fern lagen ihm die gewaltigen Leistungen seiner Romane, als diese Stimmungen in ihm überhandnehmen! Im Grunde wußte er natürlich, daß er kein Don Quixote war. Aber es war eben genügend davon in seinem Wesen vorhanden, daß er eine solche Figur aus sich heraus stellen konnte. Im »Dr. Katzenberger« hatte er seiner Gefühlswelt die Kehrseite vorgehalten, im »Leben Fibels« hatte er sein Leben ins Don Quixotehafte gewendet. Jetzt wollte er noch einmal in einer großen Konzeption dieses Thema ausschwingen lassen, eine rein komische Gestalt auf die Beine stellen, in der aber gleichzeitig die ungeheure und doch so verständliche Verstiegenheit eines so komisch und so tragisch Besessenen eingefangen war. Der »Don Quixote« war das klassische Urbild eines komischen Romans, in dem ein ganzes Volkstum sich spiegelte. Mit dem »Komet« hatte Jean Paul Ungeheures im Auge. Sollte 808 es ihm gelingen, in seinem Apotheker eine solche Gestalt für das deutsche Volk zu schaffen, wie sie »Don Quixote« für das spanische war? In seiner Vorrede hat er diesen Gedanken abgewiesen, und doch hat er ihm vorgeschwebt. Wenn sein letzter Roman sein ganzes Lebenswerk krönen, wenn sein gewaltiges Können in ihm den Gipfelpunkt erreichen sollte, dann mußte er ein solches Gipfelwerk der Menschheit ins Auge fassen. Hier war das Größte anzustreben. Eine heroische Verstiegenheit war zu ihrem äußersten Gipfel zu treiben und dabei das tragisch Überspannte eines ganzen Volkes mit hochzureißen. Ob dem Dichter dieses höchste Ziel erreichbar war, wissen wir nicht. Das Werk blieb Fragment, nicht aus inneren Gründen, wie sie ihn die Arbeit an der »Unsichtbaren Loge« oder an den »Flegeljahren« rechtzeitig abbrechen ließen, sondern aus den äußeren des Alters und der zunehmenden Erkrankung. Aber daß wir in den drei erschienenen Bänden des »Komet« die erste Hälfte eines solchen Nonplusultra-Werkes vor uns haben, ist unleugbar. Schon der Anfang der Selbstbiographie hatte Jean Paul in die Bezirke seiner Kindheit und ersten Jugend zurückgeführt. In der Geschichte des Apothekers Nikolaus Marggraf rollt er noch einmal sein Leben vor uns auf, wie er es früher in seinen großen Romanen getan hatte. Es gab, wie gezeigt, in seiner Jugend Momente, in denen eine überspannte Einbildungskraft sein Verhältnis zur Wirklichkeit willkürlich zu verändern drohte. Die Gefahr dieser verfälschenden Phantasie wurde in seinem letzten Roman, dem »Komet«, zum Ausgangspunkt des Ganzen gemacht, die Momente, in denen diese, aus den Wurzeln alles Künstlertums genährte Einbildungskraft die Wirklichkeit zu überwuchern droht, wurden herausgehoben, um jene gigantische Verstiegenheit langsam vor uns erstehen zu lassen. 809 Ursprünglich sollte der Roman im Mannesalter des Helden beginnen. Die Vorgeschichte, die den Grund zu dem Wahnsinn Marggrafs legt, sollte nur nebenbei, eben als Vorgeschichte, herangezogen werden. Das hätte den Vorteil gehabt, daß dieser Wahnsinn sich mehr aus sich selber heraus entwickelt, während wir ihn jetzt bereits in den Eltern begründet wissen. Aber der Dichter konnte nicht darauf verzichten, seinen Helden von der Geburt an dem Leser nahezubringen. Die Kindheitsgeschichte des Helden war ihm in allen seinen Romanen so sehr ein allerwichtigster Teil der Dichtung gewesen, daß er auch jetzt diese Kindheit uns vor Augen führt. Im Mannesalter, in dem dann der eigentliche Roman einsetzt, wird für den Wahnsinn des Apothekers ein neuer Ausgangspunkt geschaffen, ohne den jener Hauptwahnsinn nur als eine unschuldige Marotte fortgelebt hätte. Jean Paul läßt seinen Helden in dem Landstädtchen Rom der Markgrafschaft Hohengeis geboren werden. Schon in dem Namen der Geburtsstadt wird gewissermaßen das Hauptthema der Geschichte angegeben. Immerhin heißt dieser Ort Rom, wenn er auch nicht das welthistorische Rom am Tiber ist. Und der Familienname des Helden heißt immerhin Marggraf, auch wenn dieser Name mit dem Markgrafenamt des Landesherrn nichts zu tun hat. Aber diese Namen, der Geburtsstadt und des Geschlechts, deuten doch immerhin, wenn auch nur äußerlich, auf Höheres hin und unterstützen den Wahn des Apothekers, unter dem Gebot höherer Sendung zu stehen. In diesem Landstädtchen Rom also lebt der Apotheker Henoch Elias Marggraf. Auf einer Badereise lernt er seine spätere Frau kennen, die italienische Sängerin Mara oder Margarethe, die gerade in dem Bad Margarethahausen durch häufiges Auftreten vor den anwesenden Fürstlichkeiten ihren artigen Vorrat an Schmucksachen und Diamanten aufs 810 angenehmste vervollständigt. Als der schmutzig-geizige und habsüchtige Apotheker um sie wirbt, nimmt sie zum Erstaunen aller die Werbung an, stellt aber zur Bedingung, daß sie die Saison des Badeortes noch voll ausschöpfe, womit der auf Reichtum bedachte Werber durchaus einverstanden ist. Schließlich drängt die angeschwärmte Schöne selbst mit überraschender Eile zur Hochzeit, die denn auch ohne Säumnis gefeiert wird. In neun außerordentlich knapp bemessenen Monaten beschenkt Mara ihren Gatten mit einem gesunden Knäblein, dessen Ähnlichkeit mit dem glücklichen Vater nicht überall einleuchten will. Auf seiner edelgeformten Nase, die sich nachdrücklich von der kurzen des Vaters unterscheidet, bilden zwölf Pockennarben ein eigenartiges Erkennungszeichen, und bald stellt sich noch eine andere Eigentümlichkeit heraus: der Knabe ist elektrisch, sein Haupthaar leuchtet, besonders bei starken Erregungen, wie ein Heiligenschein auf. Aber nicht das ist es, was den Vater enttäuscht. Viel tiefer trifft es ihn, daß die Schmucksachen der Sängerin unecht waren außer den goldenen Fassungen, und daß der Knabe schon früh einen unwiderstehlichen Hang zu Mildtätigkeit und Gutmütigkeit offenbart, der im Verein mit den getäuschten Hoffnungen des Vaters das Schlimmste befürchten läßt. Indessen soll die Ehe nicht allzulange dauern. Mara legt sich eines Tages aufs Krankenbett, von dem sie nicht wieder erstehen soll. Einem durchreisenden Franziskaner, in dem protestantischen Städtchen eine seltene Erscheinung, beichtet sie kurz vor dem Tode. Der Vater muß sich von dieser Beichte mancherlei versprochen haben. Er versteckt sich in einem alten engen Wandschrank hinter einer Tapetentür dicht an dem Bette der Frau und wird so Zeuge ihrer Beichte. Mara aber beichtet dem Mönch, daß der wirkliche Vater ihres Sohnes Nikolaus ein katholischer weltlicher Fürst sei, dessen 811 Namen sie nie zu nennen geschworen habe. Von dem Vater habe er die Nasennarben und den Heiligenschein geerbt. Die richtigen Juwelen ihres Schmuckes, die sie kurz vor der Hochzeit herausbrechen und durch falsche ersetzen ließ, befänden sich hinter dem Bilde des heiligen Nikolaus. Mit diesen Steinen hätte sie einst für eine katholische und fürstliche Erziehung ihres Sohnes sorgen zu können gehofft. Hier stürzt der glückliche Vater aus seinem Versteck hervor, beteuert der Sterbenden seine Verzeihung und läßt den Mönch alles eben Gehörte zu Protokoll geben, um für spätere Ansprüche ein Unterpfand zu haben. Denn nichts scheint ihm leichter, als den fürstlichen Vater an seiner Nase und dem Heiligenschein herauszufinden. Dem Sohn aber gibt er in der Tat mit Hilfe der Steine eine fürstliche Erziehung, wie er sie sich vorstellt, und setzt Nikolaus hierin und auch sonst seinen drei Schwestern erheblich voraus. Die ganze Eindrucksfähigkeit der eigenen Kindheit hat Jean Paul in der nun folgenden Kindheit seines Helden dargestellt, immer die Gefahr im Auge behaltend, daß diese starke Empfänglichkeit für alles von außenher Kommende und für die Stimmen der eigenen Brust die Fäden zur Außenwelt einmal verwirren kann. Noch nichts von dem Wahnsinn der späteren Jahre ist in dieser Kindheit zu merken, und doch wird er langsam vorbereitet, aber, und das ist das allmählich Beklemmende daran, durch Einwirkungen, wie sie in keinem Leben ganz fehlen. Abweichungen von dem Gewöhnlichen, wie die fremdartige Religion der Mutter oder das elektrisch geladene Haar, beginnen sich in dem Knaben als Zeichen besonderer Sendung auszuwirken. Zunächst nur in einem Grade, wie man ihn bei fast allen phantasiebegabten Kindern finden wird. Wo wäre auch ein Vorbild, das ein solcher Knabe nicht zu erreichen und schließlich zu übertreffen glaubte! Nach 812 den verschiedensten Richtungen hin wird der Knabe gezogen. Ein großer Seeheld, ein großer Prediger, ein Heiliger, ein Schauspieler, dies alles will Nikolaus werden. Er benutzt seine seltsame Gabe des leuchtenden Haares, sich zum Führer seiner Gefährten aufzuschwingen. Er scheitert an dem Schalk des Freundes Peter Worble, der sich als Vorbedingung seiner Freundschaft auswirkt, Nikolaus von Zeit zu Zeit zum Narren halten zu dürfen. Worble hat von diesem Vorrecht rechtmäßigen und ausgiebigen Gebrauch gemacht. Es fehlt nicht an schmerzhaften Zusammenstößen des weichen Herzens mit der Welt. Auch hier malt Jean Paul das eigene Wesen ab, das immer helfen und fördern will und oft das Falsche trifft. Kaum ein Zug, der vom Dichter nicht der eigenen Kindheit entnommen wäre, und fast unmerklich ist alles der Richtung des kommenden Wahnes zugebogen. Auch hierin steckt Abrechnung mit sich selbst: ein wenig anders, und du selbst wärest statt eines großen Dichters ein Narr geworden. Die fürstliche Abstammung des Sohnes hält den Vater übrigens nicht ab, empfindlich zu strafen. Dennoch hat der Alte die künftige Stellung des Sohnes fast immer im Auge. Wo sich eine Gelegenheit bietet, von Höfen und Fürsten zu erfahren und höfisches Wesen kennenzulernen, nutzt der Apotheker sie aus. Ein venerischer Jesuitenpater kommt durch Rom. Der Apotheker heilt ihn aus, läßt dem Knaben dafür von dem Windbeutel Unterricht in höfischem Betragen geben. Nicht anders macht er es mit dem reisenden Armgeiger de Fautle, dessen krause Reden ihm eine neue Bestätigung von der hohen Geburt des Sohnes sind. Alle Auslagen, zu denen er Eigenes und die Diamanten der Mutter verwendet, schreibt er sorglich in dem »Kronbüchlein« auf, das er einst dem Fürsten als Rechnung überreichen wird, wenn er ihm den fertigen Regenten übergibt. 813 Naturgemäß liegt auf jugendlichen Liebschaften der Schwerpunkt dieser hingeträumten Jugend. Es gibt kein Mädchen, in das sich der kleine Nikolaus nicht verliebte. Wie er alle Helden und alle großen Männer werden will, so liebt er auch alle Frauen, ob er von ihnen liest oder ob er sie irgendwo zu Gesicht bekommt. Das tiefste Erlebnis aber kommt ihm von der Prinzessin Amanda. Ein ganzer Wagen voller junger Prinzessinnen ist in den Ort gekommen, und der schönsten von ihnen, einem wahren Engelsbild, eben der Prinzessin Amanda, darf Nikolaus sogar nahekommen. Sie ist mit ihren Gefährtinnen oder Schwestern auf einem Spaziergang. Bis zum Drehkreuz eines Feldweges ist der Knabe ihnen gefolgt. Als Amanda durch das Kreuz zurückwill, hält er es in seiner Befangenheit, anstatt es zu öffnen, vor ihr fest und hat sie so in der Gabel des Kreuzes gefangen. Es dauert allerdings nur einen Augenblick, aber er genügt, um ihr Antlitz ihm unauslöschlich einzuprägen, zumal er in einem blühenden Orangenzweig eine unendlich wertvolle Trophäe davonträgt. Der Gedanke an die Prinzessin verläßt ihn nicht mehr. In einem Gartenhaus findet er die Wachsbüsten der sämtlichen Prinzessinnen, die überhaupt nur nach Rom gekommen waren, um sich in Wachs bossieren zu lassen. Nachts schleicht sich der kühne Liebhaber an das Gartenhaus und trägt die Wachsbüste der angebeteten Amanda in einem Marktkorbe mit sich. Ein richtiger Prinzessinnenraub. Sorgfältig versteckt er das Bild unter Gerümpel auf dem Boden in einer alten Standuhr, vor der er heimliche Andachten feiert. Noch ehe Nikolaus mit einem standesgemäßen Hofmeister die Leipziger Universität bezieht, stirbt der Vater. In der Sterbestunde eröffnet der Apotheker dem Sohne die fürstliche Abstammung und übergibt ihm, ihn nunmehr mit 814 Hoheit anredend, den letzten Diamanten, der für das Studium bestimmt ist. Peter Worble, der den Alten mit seinem vorgespiegelten Ernst zum Narren gehalten, wird von ihm zum Hofmeister bestimmt. Mit bizarrer Laune geht Worble auf die Komödie der fürstlichen Abstammung des Schulfreundes ein. Beruhigt schließt der Apotheker die Augen. Er weiß, im schlimmsten Falle wird Nikolaus Chemie und Botanik studieren und die Apotheke übernehmen, wenn der Diamant verzehrt ist, und seine drei Schwestern als Apotheker ernähren, bis der fürstliche Vater gefunden ist. Diese Kindheitsgeschichte hat Jean Paul, wie erwähnt, erst zuletzt dem Roman beigefügt. Der zweite Band zeigt uns Nikolaus als Besitzer der väterlichen Apotheke in seiner Vaterstadt Rom. Niemand mehr scheint an seine hohe Abstammung zu denken, und die Gegenwart verrät auch nur wenig fürstlichen Glanz. Nikolaus ist mit fernen drei Schwestern blutarm, und Worble hat noch weniger, nämlich Hunger. Dieser Hofmeister hat mancherlei Schicksale hinter sich. Zuletzt war er Quintus und Organist in Rom. Aber beide Stellen verlor er durch sein anstößiges Wesen. Als Organist liebte er es, Kirchenlieder, die schon an sich in die Höhe gehen, einige Töne zu hoch auf der Orgel anzustimmen, so daß ein entsetzliches Gequieke den heiligen Raum erfüllt. Lieder, die in die Tiefe steigen, aber fängt er zu tief an, so daß schließlich nur noch einige vereinzelte Bässe dröhnen. Schlimmer aber treibt er es noch als Schulmeister. In seiner Wohnung hielt er sich, der Sitte zuwider, einen männlichen Koch. Leider kam dieser eines Tages mit einem munteren Knäblein nieder und offenbarte sich auf diese Weise als Köchin, die der arme Schelm dann schließlich noch heiraten mußte. Jetzt fristet er sein Leben als Lehrer und Direktor einer Privatmädchenschule, einer »Winkelschule«, in der Jean Pauls 815 Schwarzenbacher Schule travestiert ist. Er ist und bleibt guter Dinge wie zuvor, aber seine Frau macht ihm die Hölle heiß. Eine Variierung des Siebenkäs-Lenette-Themas. Dieser Teil des Romans beginnt mit einer Klubsitzung der Freunde in der kleinen Stadt Rom. Sämtliche Klubisten der Stadt nehmen an dieser denkwürdigen Sitzung teil, und nicht nur das, sondern auch sämtliche gesellschaftliche Vereinigungen der Stadt sind hier vertreten: Klub, Harmonie, Ressource und Kasino. Allerdings hat jede Gesellschaft nur ein Mitglied, und nur, weil es diesem Mitglied zu langweilig war, die Abende allein zu verbringen, haben sich alle Klubisten zusammen getan. So treten wir in die stattliche Gesellschaft von drei Mann ein. Peter Worble ist der eine, der Zuchthausprediger Frühauf Süptitz der zweite, der Hofstallmaler Renovanz der dritte. Als vierter fehlt noch der Apotheker. Endlich kommt auch er und ladet zu einem Punsch ein, die Freunde überraschend. In der Tat glaubt er besonderen Anlaß zu einer solchen fürstlichen Einladung zu haben. Zunächst hat er einen Sack alter Rezepte vom Boden an die Juden verkauft, die diese wichtigen Dokumente ärztlicher Kunst weiter an die Quacksalber auf dem Lande verhökern. So fehlt es also nicht an Mitteln für das Getränk. Sodann aber ist er der Verwirklichung seiner alten Pläne ganz nahegekommen. In einigen Tagen wird es ihm, hofft er, gelungen sein, aus Kohle Diamanten zu machen. Ansonsten ist er über und über verschuldet. Der Jude Hoseas hat ihm noch einmal einen Wechsel bis zum nächsten Markttag prolongiert. Wenn Marggraf dann den Diamanten im Ofen hat, hat er Geld in Hülle und Fülle. Die Kohlen im Ofen lassen sich zunächst ganz gut an, besonders das kleinste Stück. Sonst aber ist das Leben wie verhext. An allen Enden fehlt es an Geld, die Schwestern 816 jammern. Zum Unglück hat der Apotheker die Vermessenheit gehabt, zu dem Tage, da er den Diamant fertig glaubt, eine Reihe seiner hungrigen Verwandten zum Festschmaus einzuladen. Die Schwestern sind verzweifelt. Und in diesem Augenblick betritt noch der visitierende Arzt die Apotheke und findet Unordnung über Unordnung. Nur der eintretende Worble rettet die Situation, indem er das Doktordiplom des Apothekers vorzeigt, das allein diesen rettet. Mit diesem Diplom hat es allerdings eine besondere Bewandtnis. Mit einer alten Arbeit hat Worble den Doktorhut erworben. Um aber freier vor den Professoren zu sprechen, hatten die Freunde vor der Stadt ihre Pässe getauscht, so daß nach dem Paß nicht Worble, sondern Nikolaus den Titel erwarb. Mit diesem Diplom wird der Arzt aus der Apotheke vertrieben. Damit ist aber noch nichts gerettet. Das Hauptkohlestück ist kein Diamant geworden. Der Jude Hoseas, der höflich einen Tag vor dem Verfall des Wechsels kommt, um nachzufragen, wird zwar hinausgewiesen, aber man weiß nicht, wie es werden wird, wenn er morgen rechtmäßig erscheint. Man sieht die ausgehungerten Verwandten sich schon dem Hause nähern, in dem es an allem fehlt. Selbst die erfinderische Schwester Libette kann nicht helfen. Worble schlägt vor, als Grund des Festessens das Doktordiplom anzugeben, da es mit den Diamanten nichts geworden ist. Der Grund wäre nun da, aber der Braten fehlt nach wie vor. Schon zieht sich Nikolaus in Erwartung einer furchtbaren Katastrophe zu dem Essen an. Er weiß nicht, wie das alles werden soll. Der Fehlschlag mit dem Diamanten hat ihn fast niedergeworfen. Wiederum zeichnet Jean Paul hier eine Situation, wie er sie im verarmten Hause der Mutter wohl oft erlebt hat, wenn wieder einer seiner Pläne zu Wasser geworden war, und die verunglückten Kohlen im Ofen stehen 817 hier an Stelle seiner ersten Manuskripte, die immer wieder nicht den ersehnten Reichtum ins Haus brachten. Hier ist die Don Quixote-Figur des Apothekers schon vollkommen ausgewachsen, ist die Brücke zu den Tatsächlichkeiten des Daseins schon eingesunken. Der Stößer Stoß, des Apothekers rechte Hand, stellt sich als echte Sancho-Pansa-Figur neben seinen Herrn. Er glaubt mit Unbedingtheit an dessen Größe und ist das durch Dummheit und Gläubigkeit rührende Widerspiel des Besessenen. Hilflos und gleich seinem Herrn niedergeschmettert stochert er im Ofen herum, aber auf einmal entdeckt er, daß das kleinste Kohlenstück wirklich den Glanz eines echten Diamanten annimmt. Und in der Tat, als sie näher zusehen, fördern sie einen echten, pfundschweren Diamanten ans Licht. Kein Zweifel mehr, alle Proben erweisen untrüglich, daß man einen echten Stein vor sich hat. Im Sturmlauf wird Hoseas geholt, der über viertausend Taler zahlt. Libette holt fertige Braten über die Straße und kauft Wein ein. Ein Trinken und Schmausen sondergleichen hebt an, und dunkel versetzt es den Gastgeber in Angst, wie seine Gäste ihn ohne den Diamanten ratzekahl gefressen hätten. Eine ungeheure Summe ist ins Haus geströmt, die Freude des Apothekers grenzenlos. So mag Jean Paul sich gefreut haben, als auf das Manuskript der »Unsichtbaren Loge« die Briefe von Karl Philipp Moritz einliefen und Matzdorff das erste Honorar schickte. Es war ja nicht nur die Freude über diese eine Summe allein, sondern die Möglichkeit, jetzt unaufhörlich Geld zu verdienen, die sich in dem Tun des Apothekers widerspiegelt. Bei Tisch hält er eine große Rede, in der er sich nach Gebühr herausstreicht. Aber so sehr die Gäste, insbesondere der Vetter Goldarbeiter, auch aufpassen, so verrät er doch das Geheimnis nicht. Nach Tisch stürzt 818 er hinaus, um einem alten Widersacher, dem Unteraufschläger Schleifenheimer in der Vorstadt, eine Stange Geld zu bringen. Es ist schon spät, das Haus Schleifenheimers geschlossen, aber neben dem Fenster lehnt eine Bauleiter, die er kühn besteigt, um die Rolle durch die offene Fensterscheibe hineinzuwerfen. Das Unglück will, daß der Nachtwächter kommt und ihn für einen Einbrecher hält. Der Unteraufschläger selbst glaubt, daß der Apotheker ihm einen Schabernack spielen wolle. In der Freudennacht entwickelt sich die Schlacht von Rom, in der die halbe Stadtbevölkerung herbeiströmt und es unmäßige Prügel gibt. Wieder, wie so oft in seiner Jugend, fühlt der verhinderte Wohltäter sich von seiner Vaterstadt gekränkt, ein Grund mehr, ihr nunmehr den Rücken zu kehren und auf Reisen zu gehen. Der Diamant hat alle alten Fürstenträume wieder in den Vordergrund geschoben. Jetzt soll es mit diesen Träumen ernst werden. Zu ihrer Verwirklichung schließt sich Nikolaus einige Tage ein und läßt niemand vor sich. Noch ein zweiter Diamant wird hergestellt, für den die gesamte Judenschaft alles verfügbare Geld hergeben und außerdem noch hohe Wechsel ausstellen muß. Und endlich tritt Nikolaus in Erscheinung in Gestalt von huldvollen Handschreiben an Worble, den Zuchthausprediger Süptitz und den Hofstallmaler Renovanz. Er eröffnet sich den Freunden als Fürstensohn und tut ihnen kund, daß er jetzt, da die Mittel zu fürstlicher Hofhaltung vorhanden sind, die Würden seines Standes in Anspruch zu nehmen gedenke. Er lasse sich fortan, wenn auch nicht in der Öffentlichkeit, so doch im intimen Kreise Hoheit nennen. Gleichzeitig ernenne er Worble zum Reisemarschall, Süptitz zum Hofprediger, Renovanz zum Hofmaler mit stattlichen Gehältern und fordere sie auf, ihn zu begleiten, da er zu seinem fürstlichen Vater reisen wolle. 819 Gehalt und Reiseaussichten sind so verlockend, daß die Freunde, von denen bisher allein Worble etwas von der sagenhaften Abstammung wußte, sich dem Apotheker anschließen, Besorgnis um seinen Zustand in den Vordergrund schiebend. Sie nennen ihn, um sich nichts zu vergeben, »Herr Marggraf«, da er fürstliche Anrede wünscht. Nur Worble schmettert das »Hoheit« fröhlich heraus. In Eile wird der fürstliche Zug zusammengestellt, und so geht es nach wenigen Tagen zum Stadttor hinaus. Voran reitet Worble als Reisemarschall. In seinem Leib- und Staatswagen folgt der Fürst selber. Er sitzt getreu dem Wachsbilde seiner angebeteten Amanda gegenüber, die er endlich aus dem Uhrgehäuse befreit hat. Zu beiden Seiten des Wagens reitet das Regiment Marggraf, aus zwölf Invaliden bestehend. Dicht dahinter folgt der Wagen des Stößers Stoß mit dem chemischen Ofen und der voltaischen Säule. Dann folgt der Hofmaler Renovanz, gegenüber seinem Bruder, dem halbwahnsinnigen Träumer Raphael, sitzend. In einer Hofkalesche der Hofprediger Süptitz, dahinter in einem besonderen Wagen als Hofbankier der Jude Hoseas, der sich gleichfalls dem Zug angeschlossen hat, um die zu erwartenden Diamanten in Geld zu verwandeln. Es folgt ein leerer Hofwagen für künftiges Frauenzimmer, ein Küchen- und Kellerwagen und eine Fuhre mit den Weibern des Regiments Marggraf. Süptitz hat seine Frau zu Hause gelassen, um aus Sehnsucht nach ihr abzumagern. Worble die seinige, um sich durch Versuchungen über den Grad seiner ehelichen Treue zu vergewissern. Renovanz hat seinen Bruder Raphael mitnehmen müssen, da er seinem Vater versprochen hat, niemals ohne den armen Kranken zu reisen. Der wahnsinnige Raphael aber, ein herrlich schöner Jüngling, hat folgende Krankheit: er bildet sich ein, der größte Maler 820 zu sein. In seinen Träumen sieht er die herrlichsten Gemälde, die er alle selbst gemalt zu haben glaubt, während ihm die schönsten wirklichen Malereien nur wie schlechte Kopien der eigenen Bilder vorkommen. Als der seltsame Zug noch nicht weit von der Stadt entfernt ist, jagen die gesamten Bettler von Rom in einem eigens gemieteten Ochsenwagen dem fürstlichen Wohltäter nach, der sie alle reich beschenkt entläßt. Fürstliche Gnade läßt er auch über dem Zollwächter walten, bei dessen Häuschen das erste Frühstück eingenommen wird. Bei dem Grenzwirtshause erhält die Reisegesellschaft unerwarteten Zuzug: der Kandidat Richter taucht auf. Er hat gerade seine »Teufelspapiere« veröffentlicht und läuft als dürrer Jüngling mit offener Brust und fliegendem Haar und mit einer Schreibtafel in der Hand singend im Trabe durch die Gegend. Mit Worble gerät er in ein Gespräch über das Wetter, und er verrät hierbei solche Kenntnisse, daß der Reisemarschall den Kandidaten, dessen Buch er mit Entzücken gelesen, als Hofwetterpropheten verpflichtet. Enthusiastisch schließt der Kandidat sich dem Fürsten an, an dessen hoher Geburt ihm nicht der mindeste Zweifel kommt. Mit wahrer Wollust malt hier Jean Paul seine eigene Jugendgestalt mit ihrem traurigen Schicksal. »Der arme Kandidat Richter,« schreibt er, »der auf einmal, nachdem er so viele Jahre in Hof unter Kaufleuten und Juristen mit seinem aufgedeckten Halse und langen Flatterhaare bestaubt und unscheinbar hingeschlichen . . .« Mit dem Auftreten Jean Pauls ist der zweite Band des Romans beendet. Der dritte bringt die Fortsetzung der Reise, Abenteuer auf den einzelnen Stationen, bis der Zug sich in dem Dörfchen Liebenau wiederum vervollständigen kann. Hier begegnet der fürstlichen Karawane eine Judenschar, die eine ganze zusammenlegbare Stadt mit sich führt. Nikolaus 821 hat nichts Eiligeres zu tun, als diese Stadt zu kaufen, der er den Namen Nikopolis gibt. Gleich in Liebenau wird Nikopolis ausgepackt und zusammengesetzt, und aus seiner eigenen Residenz schreibt der Fürst nunmehr den ersten Brief an Prinzessin Amanda, die immer noch heißgeliebte, deren Wachsbild ihn immerdar begleitet. Zwar weiß er noch nicht, wie sein Schreiben die Prinzessin erreichen soll, aber er setzt seine Hoffnung auf die nahe Residenzstadt Lukasstadt, der man sich nähert und wo er mit einem richtigen Hof in Berührung zu kommen hofft. Noch bevor man die Residenz erreicht, kann der Hofstaat wiederum vervollständigt werden. In einer mondhellen Mondnacht hört der Fürst ein Waldhorn erklingen. Freudig geht er den Tönen nach, aber es ist schließlich kein richtiges Waldhorn, das ihn in romantische Stimmung versetzt hat, sondern ein Schornsteinfeger, der mit dem Munde die Klänge eines Waldhorns täuschend nachmachen kann. Dieser Schornsteinfeger ist durch gutes Essen so dick geworden, daß er in keinem Kamin mehr Platz hat und infolgedessen in Gefahr gerät, zu verhungern. Gern schließt er sich dem Zuge an, der nun endlich am nächsten Tag vor Lukasstadt ankommt. Nikopolis wird ausgepackt und in ganzer Pracht aufgestellt. Bevor man aber in die Residenz hineingeht, bedarf es langer Beratungen, in welchem Inkognito Nikolaus sich darstellen soll. Denn es ist klar, daß es ein Inkognito sein soll, um in Beziehung auf den Lukasstädter Hof lästigen Förmlichkeiten aus dem Wege zu gehen. Endlich entschließt sich der Fürst, den Namen eines Grafen von Hazenkoppen anzunehmen. Der Reisemarschall hat die schwierige Paßfrage bereits in Rom gelöst. Mit Libette war er dort zu dem Paßbureau gegangen und hatte angegeben, daß er den geisteskranken Apotheker auf Reisen geleite, der den Wahn habe, ein Fürst zu sein, und sich als Graf von 822 Hazenkoppen ausgeben werde. Es ist also ein Narrenpaß, der dem Apotheker nun auch die Tore von Lukasstadt öffnet. Nikolaus selbst will nicht lange in Nikopolis wohnen bleiben, sondern mietet das ganze Gasthaus »Römischer Hof«. In Nikopolis sollen nur die unteren Chargen wohnen. Der eigentliche Hofstaat bezieht das vornehme und teure Hotel. Beim Einzug tritt ein furchtbarer Nebel auf, so daß die einzelnen Mitglieder des Hofes sich aus den Augen verlieren. Worble benützt die Gelegenheit, alle ihm begegnenden schönen Mädchen abzuküssen und in den Nebel unterzutauchen, wenn sie um Hilfe rufen. Der Zufall will es, daß gerade während des Einzugs im fürstlichen Palast ein Prinz geboren ist. Die Stadt jubelt und flaggt. Leider geht alles im Nebel unter, aber der Graf Hazenkoppen muß die Ovationen, die man dem neugeborenen Prinzen darbringt, auf sich beziehen. Immerhin findet er es taktvoll, daß der Hof von Lukasstadt diesen Ausweg findet, ihn einerseits standesgemäß zu begrüßen, andererseits sein Inkognito zu wahren. In dem Nebel aber ist auch eine sonderbare Gestalt aufgetaucht, die allen noch viel zu schaffen machen soll. Ein ganz in Leder gekleideter Mann mit dem Zeichen Kains, der roten Schlange, auf der Stirn. Die Kopfhaare sträuben sich ihm zu Hörnern. Mehrmals taucht er aus dem Nebel auf und stellt sich dem Apotheker gegenüber. Ein vorüberschießender Mann ruft aus: »Es lebe der Prinz!« Der Ledermann aber sagt langsam: »Es lebe kein Prinz; Menschen sollen nicht regieren, sondern der Fürst der Welt.« Ein paar Mädchen gehen vorüber und sprechen: »Wie schön ist der neue Prinz!« Ihnen ruft der Ledermann mit sanfter Stimme nach: »Sprecht nicht so, nur ihr seid schön.« Dann verschlingt ihn der Nebel. Diese seltsame Erscheinung ist in der ganzen Stadt bekannt. Man nennt sie den ewigen Juden. In Wahrheit 823 handelt es sich um einen Wahnsinnigen, der in dem Teufel den Herrn der Welt sieht und seine Macht verkündet. Niemand hat den Ledermann essen und trinken sehen. Nachts dringt er durch Dach und Schornstein in die Häuser ein und nährt sich aus fremden Küchen. Besonders hat er es auf Fürsten abgesehen. Heilig sind ihm nur die Frauen, denen er nichts tut und zu denen er mit liebreicher Stimme spricht. Nikolaus erfährt dieses durch den Wirt des »Römischen Hauses«, Pabst genannt. Lukasstadt ist, wie schon der Name sagt, eine Malerstadt. Sämtliche Schulen sind hier vertreten. Da aber der Künstler die Menge sind und der Käufer nur wenig, herrscht in dem Künstlervölkchen Not und Neid. Nikolaus läßt sich von allen Lukasstädter Malern malen, und zwar sitzt er, um keine Zeit zu verlieren, immer der ganzen Schule, sei es der italienischen oder der niederländischen. Auf der bevorstehenden Kunstausstellung wird sein Porträt deshalb von allen Wänden strahlen. Um so eher hofft er, auf diese Weise endlich der angebeteten Prinzessin Amanda aufzufallen und sie zu treffen. Inzwischen umstreicht der unheimliche Ledermann das Gasthaus. Nikolaus muß zu seinem Schutz eine berittene Schildwache vor den Eingang stellen und den Kamin durch den Waldhorn-Nachtwächter bewachen lassen, kann aber nicht verhindern, daß der Unheimliche auf den Dächern von Nikopolis vor dem Stadttor umherschleicht und sogar durch die Schornsteine in die Häuser dringt. Einmal trifft er hier mit dem Hofprediger Süptitz zusammen, dem er sich als der wahre Kain und als Satanist zu erkennen gibt. Inzwischen hat Nikolaus an einem Fenster des Schlosses eine Prinzessin gesehen, in der er mit Bestimmtheit eine der Begleiterinnen seiner Amanda vermutet. Sein Gefolge kann ihn nur schwer abhalten, geradeswegs in den Palast zu gehen, 824 da die Prinzessin ihn noch erkennen müsse, wie er meint. Schließlich läßt er sich überreden, seine Bekanntschaft mit dem Hof bis zur Eröffnung der nahe bevorstehenden Kunstausstellung zu verschieben. Worble trifft alle möglichen Vorkehrungen, um ein Zusammentreffen mit dem Lukasstädter Hof zu verhindern. Dem Apotheker wird vorgespiegelt, daß man ihn benachrichtigen werde, sobald der Hof den Saal betreten habe. In Wirklichkeit aber soll er erst geholt werden, wenn der Hof die Ausstellung bereits wieder verlassen habe. Aber der Zufall läßt dennoch den Apotheker mit dem Hof zusammentreffen. Nikolaus erfährt durch den Wirt, daß der Hof die Ausstellung betreten habe, und nun hilft kein Mittel, ihn zurückzuhalten. Selbst dem tapferen Worble ist nicht ganz geheuer, wenn er an diese jetzt unausweichliche Begegnung denkt. Als der Apotheker mit seinen Begleitern den Saal betritt, bietet sich ein höchst seltsamer Anblick. Auch der Bruder des Malers Renovanz, der blasse, schöne, still träumende Raphael, hat sich in den Saal eingeschlichen und sucht unter den Bildern nach Kopien seiner phantastischen Gedankengemälde. Vor einem herrlichen Veronese bleibt er halten, schüttelt heftig mit dem Kopf und deutet mit dem Finger auf die Augen der heiligen Katharina. »O meine Amanda, wie bist du kopiert, entfärbt, entstellt!« ruft der Wahnsinnige unaufhörlich. »Deine Augen ausgelöscht, deine Lippen verblutet!« Um den schönen Träumer aber stehen die Kunstkenner und einige Prinzessinnen des Hofes und lauschen seinen Worten. Kaum aber hat der Apotheker den Saal betreten, so fliegt Raphael auf ihn zu und redet ihn an, so daß jetzt aller Augen auf den Grafen Hazenkoppen gerichtet sind, der schon lange das Gerede der Lukasstädter beschäftigt hat. »O Marggraf, Marggraf!« ruft Raphael ihn an, »blicket 825 dort die beraubte Amanda an! Steht sie nicht lieblicher in dem Bilde von Wachs vor Euch?« Der ganze Saal gerät in Erregung. Raphael führt den Grafen vor das Bild und fragt ihn noch einmal: »Ist dies Eurer himmlischen Amanda ähnlich, Marggraf?« Die Prinzessin, die mit einem Hofherrn vor dem Bilde steht, ist betroffen. Der Graf glaubt in ihr eine der damaligen Begleiterinnen seiner Dulzinea zu erkennen und redet sie an. Die Prinzessin weiß nicht, wie sie sich verhalten soll. Beide stammeln mißverständliche und mißverstandene Redensarten, bis Worble hinzutritt und dem Grafen ins Ohr flüstert, daß im Gasthaus eine Nachricht des Fürsten auf ihn warte. In dem Augenblick aber betritt noch eine neue Person den Saal: ein junger Tiroler, der den Lukasstädter Fürsten mit Narrenfreiheit anredet. Wir wissen, daß es Libette, die Schwester des Apothekers, ist, die als Hofnarr ihn begleiten und in der Gestalt eines Tirolers erst später zu dem Zuge stoßen soll, damit man sie nicht erkenne. Der Hof verläßt die Ausstellung, während Libette den Bruder von gefährlichen Taten abhält. Hochbefriedigt kehrt Nikolaus in das Gasthaus zurück. Hier aber erwartet alle eine neue Überraschung. Der Ledermann hat vor dem »Römischen Hof« Aufstellung genommen und dringt mit dem Gefolge des Apothekers in den Gasthof ein. Selbst die berittene Schutzwache vermag ihm nicht zu wehren. Übrigens stellt sich heraus, daß Libette sich mit dem Wahnsinnigen bereits bekannt gemacht hat in der Hoffnung, durch ihn den Wahnsinn ihres Bruders vertreiben zu können. Im Zimmer Marggrafs ist nun die ganze Gesellschaft versammelt. Libettens Scherze ruhig anhörend, geht Kain im Zimmer auf und ab. Endlich beginnt er seine große Rede. Schon vorher hatte er in Nikopolis dem Hofprediger seinen Satanismus auseinandergesetzt. Danach sehne er sich, in die Hölle 826 zu kommen, weil dort die ihm verwandten Seelen, die Tierseelen, wohnen. Die Tierwelt sei die höhere und werde durch junge Teufelchen bewohnt. Ihr eignen die größeren und höheren Kenntnisse zu, die Instinkte, der größere Zorn, die größere Unbezähmbarkeit. Der Mensch aber sei nichts als ein schwächlicher, ausgearteter, unvollendeter Affe. An diese Gedankengänge knüpft der Ledermensch jetzt an, die Tierheit erhöhend und alles Menschliche herunterziehend. Von dem erbärmlichen Sterben der Menschen spricht er. »Rechnet einmal eure Nächte in Einem Jahr zusammen und seht in der 365sten nach, was euch von den langen Traumaffären auf dem Kopfkissen, von den Schlachten, den Lustbarkeiten, den Menschengesellschaften und Gesprächen und den langen, bangen Geschichten zurückgeblieben? Kein Federchen und kein Lüftchen; – und nun rechnet noch euere 365 Tage dazu: so habt ihr ebensoviel, und der Teufel lacht und herrscht in euern Nächten und in euern Tagen; aber ihr wißt es nicht.« »Was seid ihr denn für Wesen und für Leute? Euere Mutter gebiert euere Religion und macht euch entweder zu Juden oder zu Christen oder zu Türken oder zu Heiden.« Mit phantastischen und doch in den Kern treffenden Gründen baut der Wahnsinnige seine Teufelswelt vor den Verdutzten auf. Inzwischen hat sich Worble hinter ihn geschlichen und versucht, ihn durch magnetische Striche einzuschläfern. Es gelingt. Dem Kain fallen die Augen zu, er spürt eine unwiderstehliche Müdigkeit in seinen Gliedern. »Es ist närrisch auf der Erde« sagt er, »soeben entschlaf' ich.« Mit letzter Kraft wendet sich Kain zum Kamin und klettert dort in die Höhe, wo er müde verweilt. Zum Staunen aller dringt plötzlich seine Stimme sanft und milde heraus, eine fremde, liebliche, herzliche Stimme. Sie bittet um Vergebung. daß sie den Anblick der guten Menschen nicht ertragen könne. dankt 827 Libette für ihre Güte, mit der sie ihm den schwarzen Äther blau und licht gemacht habe. Er klagt sich seiner tausend Sünden in der Einsamkeit an. In seiner Studierstube wäre er alles Böse durch Denken gewesen: Mordbrenner, Giftmischer, Gottleugner, vertretender Herrscher über alle Länder und alle Geister, innerer Schauspieler von Satansrollen. Für diese Sünden werde er jetzt bestraft. »Ach, ihr Glücklichen um mich her, ihr könnt den Unendlichen lieben, aber ich muß ihn lästern, wenn ich erwache; und um drei Uhr, mit dem ersten Anschlage des Kindtaufglöckchens, werd' ich wieder wach und teuflisch; dann hütet euch vor dem Unglücklichen . . . O Gott der Liebe, lasse dich fortlieben von mir, wenn ich erwache.« Da schlägt es drei Uhr, das Kindtaufglöckchen ertönt, und der Unglückliche stürzt erwachend herab. Gesicht und Hände sind geschwärzt, die Haarbüschel sträuben sich zornig empor, auf der geschwollenen Stirnhaut ringelt sich die rote Schlange wie zum Sprunge, und er ruft freudig: »Vater Beelzebub, ich bin wieder bei dir; warum hattest du mich verlassen?« Alle treten weit von ihm hinweg, »nicht aus Furcht, sondern vor Entsetzen.« Mit diesen Worten schließt der Roman. Über die geplante Fortsetzung sind wir aus einer Aufzeichnung des Dichters unterrichtet. Danach sollte jetzt, nachdem der Apotheker von dem Lukasstädter Hof fortgewiesen, eine neue Person auftauchen, die seinen Wahnsinn auf die Spitze treibt. Ein fortgejagter Oberhofmarschall sollte den Helden mit seinen Verbindungen und Kenntnissen des wirklichen Hoflebens bei einem richtigen Hof einführen. Worble sollte er anfangs als Libertin, den Hofprediger als Katholik, Renovanz als Kunstkenner gewinnen, um sie alle zu stürzen. »Den Jean Paul aber«, heißt es in dem Entwurf, »stach er dadurch aus, weil dieser zu revolutionär, nie demütig genug war.« 828 Schließlich sollte er das Urbild des Wachsbildes, die Prinzessin Amanda, finden, nachdem durch Libette ein Versuch, ihm eine falsche Amanda unterzuschieben, mißglückt ist. Hinter diesem Oberhofmarschall aber sollten noch andere Mächte stehen, nämlich die katholische Kirche, die sich die Beute eines so reichen Mannes nicht entgehen lassen will. Die Heilung des Apothekers von seinem Wahn soll schließlich so erfolgen, daß er entweder selbst unter dem Einfluß der gefundenen Amanda auf die Herstellung von Diamanten verzichtet oder seine Fähigkeit, die vielleicht mit seiner Elektrizität zusammenhängt, durch eine Erkrankung verliert. Man sieht, daß kaum die Hälfte des vorliegenden Stoffes unter Dach gebracht war, als Jean Paul mit der Arbeit am Roman aufhörte. Der »Komet« ist seiner ganzen Anlage nach nicht von vornherein ein Torso. Es waren äußere Gründe, die die Fortsetzung verhinderten. So können wir das uns überkommene Fragment nicht als ein Ganzes ansprechen und beurteilen, sondern müssen uns daran halten, daß wir gerade erst den Vorhof dieser eigentümlichen Schöpfung durchquert haben. Wahrscheinlich sollte das Werk in steiler Kurve aufwärts steigen. Es beginnt im ersten Buch der Kindheitsgeschichte mit dem häuslichen Leben des Apothekers, entrollt im zweiten das Leben der kleinen Stadt Rom, führt uns im dritten Band bis vor den Eingang des Lukasstädter Palastes, hier bereits in dem Ledermann die Grenzen mystischen Wahns erreichend. Von hier aus sollte wohl die ganze Zeit vor unserm Blick aufgerollt werden. Wir sollten einen Einblick in das Getriebe der Höfe, aber auch des Katholizismus gewinnen, natürlich alles in phantastische Formen gegossen. Zu einem umfassenden Zeitepos sollte der »Komet« sich erweitern. Mannigfache Anzeichen dafür sind gegeben. Die Arbeit an dem Roman fiel gerade in die Zeit der Karlsbader 829 Beschlüsse, der Mainzer Untersuchungskommission und aller jener Maßregeln, durch die die Reaktion den Geist der Befreiungskriege niederzuwerfen suchte. Schon in der Vorrede zum ersten Band wurde der Knebelung durch die Zensur auf Grund der Karlsbader Beschlüsse gedacht. Deutlicher drückte sich der Dichter in der Vorrede zum zweiten Band aus. Kurz zuvor war in Berlin E. T. A. Hoffmann durch seinen »Meister Floh« mit diesen reaktionären Mächten in Konflikt geraten, da er das Unwesen der Demagogenriecherei geißelte. Gegen die Demagogenriecherei wandte sich Jean Paul nun auch in seiner Vorrede, indem er die angebliche Denunziation eines Traumgeberordens darin ausführte, der den Leuten durch willkürlich eingegebene Träume nächtlich die gefährlichsten politischen Freiheitsideen eingibt. Wenn wir in Hoffmanns »Knarrpanti« den Berliner Ministerialdirektor Kamptz vor uns haben, so lebte auch wohl zu Jean Pauls »Polizeidirektor Saalpeter«, der sich in der Vorrede über fünf aufgegriffene Traumstudenten verbreitet, das Vorbild in Berlin. Um nicht einen Augenblick länger als nötig mit seiner Meinung über das reaktionäre Treiben hinter dem Zaune zu halten, veröffentlichte der Dichter noch vor Erscheinen des zweiten Bandes diese Vorrede in Cottas »Morgenblatt«. Sie gibt uns einen ungefähren Anhalt dafür, in welcher Weise das Leben der Zeit in den ungeschriebenen Bänden des »Komet« dargestellt werden sollte. Jean Paul, der alte Freiheitskämpfer, hätte auch in dem jetzt entbrannten Streite um die innere Freiheit des Volkes nicht gefehlt. Von hier aus erst fällt auch Licht auf die Rolle, die der Katholizismus in dem Roman spielen sollte. Es war also im großen der Geist der Heiligen Allianz, der hier vor Augen geführt werden sollte. Ein unersetzlicher Verlust für die Entwicklung, daß der einzige Dichter, der, noch in den Freiheitsideen des 18. Jahrhunderts wurzelnd, 830 fähig gewesen wäre, der Zeit den Spiegel der Menschheitsidee vorzuhalten, dazu nicht mehr die Kraft hatte. Wir sehen aber deutlich, welches Werk Jean Paul bei seinem »Komet« im Auge hatte: die Verstiegenheit der Zeit in politischer und religionspolitischer Hinsicht wollte er geißeln. Hier handelte es sich nicht mehr um den Weg zu wahrem Herrschertum wie noch im »Titan«, sondern um Herrscheranspruch bei großer Fragwürdigkeit der rechtlichen Begründung. Nicht das wahre Wesen des Herrschers galt es hier aufzuzeigen, sondern das hohle Streben nach der Herrscherstellung. Die Zeit der Heiligen Allianz hätte in dem vollendeten Roman ihre unsterbliche Satire erhalten. Aber der Einwirkung auf die Entwicklung hatte Jean Paul längst entsagt. Er wollte nicht mehr strafend bessern, er wollte nur noch lachen, ein rein humoristisches Werk schreiben, alle Gegenstände und Personen in reinen Humor tauchen. Nicht mehr der politisch Wollende kommt im »Komet« zum Ausdruck, sondern der frei über den Dingen Schwebende, der schon den »Fibel« und den »Dr. Katzenberger« geschaffen hatte. Noch im »Titan« waren die einzelnen Personen in gewissem Sinne Typen gewesen, stellten die besondere Art einer Weltanschauung dar. Alle Strömungen der Zeit hatten wir in ihnen erkennen können. Schon im »Dr. Katzenberger« war ein tieferer Vorstoß in das individuelle Leben hinein erfolgt. Diese Menschen, von dem zynischen Arzt selbst an bis zu Theoda und Theudobach, hatten sich um einen Grad weiter von allem Typischen entfernt und sich der Wirklichkeit genähert. Der humoristische Held muß in viel höherem Grade Eigendasein haben als der Held ernster Dichtung. Albano war der Inbegriff des deutschen Jünglings, Marggraf aber ist in erster Linie er selbst, ein eigenartiges Naturspiel, eine sonst nicht wieder vorkommende 831 Mischung. Ernste Helden haben recht oder unrecht, beim humoristischen Helden interessiert etwas anderes als ihr Recht. Die Voraussetzungen seines Seins lassen ihn uns verstehen, aber er selbst lebt mit allem Recht und Unrecht gerade so, wie er ist, und aus sich selbst heraus. Hätte er nicht dieses eigene und besondere Dasein, würde die Dichtung zur Allegorie ausarten. So ist sie humoristische Laune in willkürlicher Mischung. Wohl drückt die Dichtung als Ganzes schließlich eine besondere Seite der Zeit aus, aber in der Art, wie sie sie ausdrückt, ist sie vollkommen freies Spiel willkürlichen waltenden Geistes. So wird in den Personen allem Typischen aus dem Wege gegangen. Eine ganz neue Art der Menschendarstellung ist hier angewandt. Eine Gestalt wie Schoppe ist zum Beispiel durch ihre Stellung im Gesamtbau des Werkes im allgemeinen bestimmt nach Charakter und Handeln. Er repräsentiert eine ganz genau bestimmte Seite der Menschheit, von der er sich jetzt nicht mehr zu entfernen vermag. Anders Peter Worble. In ihm ist Jean Pauls Menschendarstellung viel näher an die Wirklichkeit, an das individuelle Leben herangetragen. Statt einer festen Achse wie Schoppe hat er deren mehrere, wie die meisten Menschen um mehrere Achsen rotieren. Auch er hat ein stark ausgeprägtes Freiheitsgefühl, aber leibliche Genüsse stehen ihm höher. Er hat eine gewisse Anhänglichkeit an Marggraf, aber dennoch unterstützt er dessen fixe Idee, weil sie ihn belustigt und bereichert. Nie wird er eine Gelegenheit außer acht lassen, die ihm Vorteil verschafft, wenn es ihn keine Mühe kostet. Er ist gutmütig, aber nur soweit es ihm bequem ist. Eines guten Scherzes halber aber scheut er wiederum keine Mühe. Ein Schoppe ohne Rigorismus, ein Flitte, aber ohne dessen Beschränktheit. Man kann ihn nicht auf eine Formel bringen, 832 immer wieder überrascht er. Schon an diesem Charakter wird ersichtlich, wieviel schwieriger die Technik des »Komet« ist als etwa die des »Titan«. Dort ist eine einmal konzipierte Welt auseinanderzurollen, hier muß die Handlung, müssen die einzelnen Charaktere immer wieder Neues zeugen. Es gibt für diese Welt keine typischen Schicksale, wie etwa im »Titan« die Berührung mit der Antike in Rom ein typisches Schicksal war. Hier ist alles auf den jedesmaligen Einfall gestellt. Dementsprechend sind auch alle andern Charaktere rein individuell gehalten. Weder der Zuchthausprediger Süptitz noch der Hofstallmaler Renovanz sind irgendwie Typen. Auch Libette, die sympathische Schwester, ist auf keine Formel zu bringen. (Sie sollte sich wohl erst im weiteren Verlauf der Handlung entwickeln. Erst gegen Ende des dritten Bandes tritt sie zum erstenmal in den Vordergrund.) Ein ungeheurer Fortschritt in die Wirklichkeit hinein ist also festzustellen. In den humoristischen Dichtungen Jean Pauls ging die Entwicklung der Personendarstellung von Anfang an auf Eroberung neuen Stoffgebietes aus. Wir brauchen uns nur der Personen einer Nebenarbeit wie etwa der »Kirchweih zu Obersees« zu erinnern, um innezuwerden, welche Fülle ganz neuer Gestalten bei Jean Paul zum erstenmal in die Dichtung eintritt. Diese Art, Menschen zu schildern – überhaupt in der humoristischen Dichtung begründet –, hat im »Komet« ihren Höhepunkt erreicht. Wir wissen, daß von jetzt ab das Erfassen von Menschen überhaupt keine Grenzen mehr hat. Es gibt erst von jetzt ab keinen noch so unbedeutenden Charakter, der nicht als interessanter Stoff in die Darstellung eingehen könnte. Erst vom »Dr. Katzenberger« und dem »Komet« ab beginnt das neue Jahrhundert der erwachenden Völker und Volksschichten. Das Tor ist aufgerissen, jetzt erst können alle 833 hineinströmen. In der Renaissance begann das Erwachen des Individuums. Aber wieviel Typisches hing diesem Individuum noch an! Erst jetzt hat es seinen vollen Ausdruck gefunden. Von hier geht die direkte Linie zu Wilhelm Raabe, Fritz Reuter, aber auch zu Gerhart Hauptmann. In Jean Paul hat das ausgestreute Leben in seinen letzten Individualitäten und Spielarten sich zum erstenmal selbst begriffen. Kein Weltgebäude sollte im »Komet« errichtet werden, in freiem Spiel der Willkür sollte eine Satire der Zeit erstehen. Nicht auf das tiefe, sondern auf das farbige und vielseitige Erfassen des Lebens kam es dem Dichter an. In letzter Freiheit sollten Gestalten durcheinanderwirbeln, keiner gedanklichen Konstruktion untertan. Immer wieder müssen wir den »Titan« gegen den letzten Roman halten. Im »Titan« wurde die Zeit im tiefsten begriffen und an der Wurzel gepackt, im »Komet« sollte nur freier Humor herrschen. Und doch, wie wird auf einmal der letzte Schleier auch hier von den Dingen gezogen! Denken wir an den Schluß des dritten Bandes. Marggraf trifft mit dem Lukasstädter Hof unter den komischsten Voraussetzungen in dem Bildersaal zusammen. Eine Reihe von komischen Mißverständnissen ergibt sich. Aber auf einmal ist die Szene dennoch voller Bedeutsamkeit. Welche Versammlung irrsinniger Vorstellungen platzt hier aufeinander! Der seltsame Raphael, der das Gemälde des Veronese als Kopie seiner Traumbilder empfindet und in wahnsinniger Intuition urplötzlich an Marggrafs heimliches Idealbild, die fast nur geträumte Prinzessin Amanda, rührt. Dieser seltsame Jüngling mit dem zarten Angesicht und dem lodernden Auge, umringt von den Gestalten des Hofs. Dazu der Fürst, der in phantastischer Verblendung nur die Hofetikette verletzt wähnt und auf standesgemäße Haltung drängt. Das irrsinnige Wechselgespräch zwischen Marggraf 834 und der Prinzessin. Dazwischen der aufgeregte Worble. Und dann, als sie hinaustreten, die Begegnung mit dem Urbild phantastischer Verstiegenheit: dem seltsamen Ledermenschen, der alles Menschliche in Konflikt stellt mit der teuflischen Tiernatur der Schöpfung. Ursprünglich sollte diese Kainsgestalt nur die entfesselte Phantasiekraft auf ihrem Gipfelpunkt darstellen. Aber auf einmal wird in ihr an die Grenzen der Schöpfung überhaupt gerührt. Eine ganz fremde und neue Welt bricht ein. Was auch bis dahin an Verstiegenheiten dargeboten wurde, alles vollzog sich doch noch immer unter der Anerkennung des Menschlichen, wenn auch sonst alle Grenzen ins Schwanken geraten sein mochten. Nun aber auf einmal tritt einer auf, der mit höhnischer, schmerzhafter Grimasse das Teuflische als Urgrund aller Dinge in die Diskussion stellt. Wir fühlen: was auch noch kommen mag, und wenn auch dieser Wahnsinnige untergehen oder geheilt werden sollte – diese furchtbare Perspektive wird von jetzt ab immer hinter der menschlichen Komödie stehen, die hier aufgerollt ist. Hier ist ein Blick in die letzten Abgründe geworfen. Erst jetzt ist dieses Leben mit allen seinen Formen und Einfällen gegen das Grenzenlose selbst abgegrenzt. Konnte es gegen diese Szene noch ein Darüberhinaus geben? Wir wissen, daß es in erster Linie der Tod des Sohnes war, der Jean Pauls Schaffenskraft derart zerrüttete, daß er die Weiterarbeit an dem »Komet« aufgab. Aber als Max Richter starb, hatte Jean Paul den dritten Band bereits begonnen und führte ihn dem einmal gefaßten Plan entsprechend zu Ende. Als er diesen Schluß mit der grausigen Szene vor dem Kamin des »Römischen Hofes« schrieb, war es ihm bereits klar, daß er den Roman nicht weiter fortführen würde. Daher mag er die Darstellung zur höchsten 835 erreichbaren Höhe emporgerissen haben, um sie mit diesem starken fragenden Ton abzuschließen. Wie er einst dem Schluß der »Unsichtbaren Loge« die nicht mehr auflösbare Katastrophe anhängte. Vielleicht fragen wir vergebens nach dem Endzweck dieser magischen Unterredung mit Kain. Wahrscheinlich preßte Jean Paul in diesen Schluß alles zusammen, was er überhaupt noch geben wollte, wissend, daß die Darstellung hier ein für allemal abriß und zu Ende war, und daß er nichts mehr darüber hinaus geben konnte noch wollte. Wir wiesen darauf hin, daß der »Komet« nur ein Teil dessen ist, was Jean Paul als sein letztes komisches Werk herausstellen wollte. Nachdem er den Plan des »Papierdrachen« aufgegeben hatte, nahm er sich vor, wenigstens den Roman nach Art des »Titan« mit allem möglichen humoristischen Beiwerk zu behängen. Einige »Ernste Ausschweife« hatte er dem ersten Bändchen angehängt, die zwanzig Kapitel der folgenden beiden Bände sollten jedes seine »Enklave« erhalten. Aber auch hierzu kam es nicht mehr. »Aber Verschieben und Verdicken des Buches zugleich – und manches Traurige sonst – verhindern mehr als drei zu geben«, heißt es in der »Entschuldigung« des Anhangs. Aber es gab eigentlich auch nur zwei Enklaven. Beide knüpfen noch einmal an eine lange zurückliegende Schaffensperiode Jean Pauls an. Die erste gibt einige Ausführungen über die Person des Zuchthauspredigers Süptitz, der hier ähnlich wie der selige Rektor Freudel in seinem »Klaglibell« mit der Tücke des Objekts ringt. Die zweite Enklave ist »Des Kandidaten Richter Leichenrede auf die Jubelmagd Regina Tanzberger in Lukasstadt«. Mit dieser Leichenrede nimmt Jean Paul von seiner Menschendarstellung Abschied. Noch einmal wird er hier zum Anwalt der Armen, begreift wie in der Leichenrede beim Begräbnis des armen, erfrorenen Invaliden und Bettlers Saus in der 836 »Kirchweih zu Obersees« das Leben einer armen und unscheinbaren Person und legt um ihr Haupt den Kranz des Leidens und der Hoffnungslosigkeit. So schließt sich der Ring. Der »Armenadvokat«, als der Jean Paul in die Dichtung eintrat, behält das letzte Wort. Unter allen Großtaten, die er verrichtete, rann unaufhörlich der Strom der Liebe zu den Armen und Vertriebenen. Mochte er alle Welten des Geistes durchwandert haben, bis zum Schluß blieb sein Herz den Erschütterungen des bloßen Daseins und dem Schrei der Kreatur offen. Wie ein heiliges Wahrzeichen steht die Leichenrede für die Magd Regina Tanzberger am Ende dieses gewaltigen Torsos »Der Komet«. 837   Letzte Jahre Schon im März 1819 schrieb Jean Paul: »Ich fühle, was Alter und Vergehen ist, . . . die alte Dichterwelt ist mir untergesunken; ich gehöre nicht zu ihr, denn ich war ihr Schüler, aber ich gehöre auch nicht zur neuen, sondern ich stehe und bleibe allein.« So fühlte er sich zwischen die Zeiten gestellt. Als er begann, kam er aus einer Zeit, die bereits untergesunken war. Zwei Jahrzehnte lang hatte er sich auf dem Höhepunkt seines Schaffens mit der Kurve der Gegenwart berührt. Jetzt war sein Leben wieder abgebogen und trieb der Unendlichkeit zu, indes eine neue Zeit ihn nur noch von fern grüßte. Was in der Welt vorging, berührte ihn nur noch an der Außenseite. Sich von der Gegenwart neu erfüllen zu lassen, blieb ihm versagt. Die Partien des »Komet«, die den Nerv der Zeit bloßlegen sollten, wurden nicht mehr geschrieben. Der Schmerz über den Tod seines Sohnes ließ den Strom, der sich noch einmal in die Lande ergießen sollte, vor der Zeit und plötzlich versiegen. Die europäischen Probleme und das Problem einer deutschen staatlichen und geistigen Verwirklichung waren nicht gelöst worden. Der »Reichskörper« war für lange Zeit endgültig auseinandergefallen, die »Reichsseele« nicht aus den Stürmen der Zeit wiedergeboren worden. Nach zwei siegreichen Kriegen stand man in einem ungeheuren Zersetzungsprozeß. Noch im »Titan« hatte Jean Paul die Zeit in ihrer Gesamtheit in ein einheitliches Werk von geschlossener Wucht bannen können. Jetzt aber klaffte die Welt 838 auseinander. Auf der einen Seite setzte sich die Romantik in einen gesteigerten Mystizismus um, auf der andern Seite zeigte die Tat Karl Sands die politisch überhitzte Stimmung, die sich der studentischen Jugend bemächtigte. Rationalismus und Pietismus, Menschheitsidee und seelische Verinnerlichung, in der klassischen Epoche der deutschen Dichtung für einige Jahrzehnte ineinandergeschmolzen, trieben jetzt wiederum auseinander. Der Geist entbehrte des festen Mittelpunktes, und die schöpferische und gestaltende Kraft hatte ihre zentrale Stellung verloren. Wohl wuchsen große Talente auf, und sie beeilten sich, vor ihrem Aufstieg dem Geiste Jean Pauls ihre Reverenz zu erweisen. Graf Platen, Friedrich v. Raumer, Gustav Theodor Fechner sandten ihm Zeichen ihrer Verehrung; aber schon diese Namen zeigen, auf wieviel verschiedenen Zweigen sich der schaffende oder wirkende Genius niederzusetzen gezwungen war. Was auch noch von bedeutenden Erscheinungen in den nächsten Generationen auftauchen sollte, keine saß mehr im Mittelpunkt der Dinge. Die kritische Teilung Kants in den denkenden, handelnden und fühlenden Menschen trieb auch die Wirklichkeit auseinander. Die Spezialisierung des 19. Jahrhunderts warf bereits ihre Schatten voraus. Weltbürgertum ohne Bodenverwachsenheit, Nationalismus ohne Humanität, Mystizismus, der nicht befruchtend ins Leben zurückschlug, Freiheitsbegeisterung ohne geistige Zucht, Kunst als eine technische Angelegenheit, Lebensführung ohne Verbundenheit mit einem Volks- oder Kulturganzen – das war das Bild der heraufkommenden Zeit. Es fehlte nicht an hohen und höchsten Begabungen, nur an dem geistigen Mittelpunkt, der sie alle zur Einheit verband; nicht an glänzenden Leistungen, nur an einem gesammelten und sammelnden Lebensgefühl. Was jetzt noch kam, war im besten Falle Angelegenheit eines Kreises, einer Partei, nicht mehr der 839 Nation. Die Triumphe, die Jean Paul auf seinen Reisen erlebte, hatten ihn noch eine kurze Zeit über das Fehlen einer kulturellen und völkischen Gemeinschaft hinwegtäuschen können, obwohl es auch hier schon deutlich wurde, daß die Ovationen in erster Linie seinem Namen, nicht mehr seinem Werk galten. Der Tod seines Sohnes aber zeigte ihm, daß die Zeit nicht mehr zu entgegengesetzten Polen spannte, sondern zerrissen war. Es führte keine Brücke mehr zwischen Tat und Gedanken, zwischen Glauben und Kraft. An einem Septemberabend 1821 stürzte Max Richter, in völlig erschöpftem Zustand aus Heidelberg kommend, plötzlich, ohne vorherige Anmeldung in die Stube und gab drei Tage später in den Armen des Vaters seinen Geist auf. Schon in München hatte Max eine Periode der Schwermut und des Mystizismus durchlebt. Die durch seinen Vater unglückseligerweise vermittelte Bekanntschaft mit Franz Baader sollte ihn bald von neuem in weltabgewandte Aszese hineinführen. Der Vater schickte ihn nach Heidelberg in der Hoffnung, daß dort der Einfluß des Freundes Voß den innerlich gebrochenen Jüngling dem Leben wiedergewinnen würde. Aber gerade Heidelberg wurde für Max verhängnisvoll. Er schloß dort mit Anselm Feuerbach Freundschaft, der noch tief in seiner mystischen Periode befangen war, aus der er sich erst im Laufe des nächsten Jahres herausarbeiten sollte. Der dritte aus dem »Parzen- und Furienverein«, wie Jean Paul es nannte, war Christian Kapp, Sohn eines Baireuther Konsistorialrats, mit dem Jean Paul befreundet war. Kapp, den Max Richter von Baireuth her kannte, schloß damals seine Freundschaft mit dem jungen Feuerbach, die seinen Namen später bekanntmachen sollte. In langen Briefen rang Jean Paul um die Seele des Sohnes. Als Max sein Studium der Philologie wie Feuerbach 840 mit der Theologie vertauschen wollte, setzte er diesem Plan ein entschiedenes Nein! entgegen. »Die Theologie ist nur eine meinende Wissenschaft; die rechte und wahre Gotteslehre findest du in der Sternkunde, Naturwissenschaft, Dichtkunst, in Plato, Leibniz, Herder, eigentlich in allen Wissenschaften auf einmal.« Auch vor der Vertiefung in Hegel, diesen »dialektischen Vampir«, warnt er, und ebenso muß er dem Sohn entgegentreten, als dieser ihm voller Begeisterung von der Tat Sands schreibt. »Nach seinem Grundsatz dürfte jeder Katholik Luthern, Voltairen und jeden großen protestantischen Minister ermorden.« Aber der Vater hatte, obwohl er von dem Sohn angebetet wurde, jede Einwirkung auf ihn verloren. Vielleicht suchte Max gerade das dem Vater Entgegengesetzte auf, um seine Selbständigkeit einem solchen Vater gegenüber zu behaupten. Die Kluft der Generationen war zwischen ihnen aufgerissen, zu viel Neues stürmte auf den jungen Menschen ein, und unmöglich konnte der Vater, in seiner eigenen Welt wurzelnd und noch immer schöpferisch tätig, dem Sohn auf allen diesen neuen Pfaden folgen, geschweige denn ihm zum Führer dienen. Jedes Geschlecht muß in Irrtum und Erfolg seine eigenen Wege gehen. Der liberale Protestantismus, den Jean Paul den metaphysischen Schwärmereien des Sohnes entgegenzusetzen versuchte, konnte diesen natürlich nicht mehr befriedigen. Professor Corrodi berichtet, daß er Max Richter oft während des Gottesdienstes beobachtete, wie er in lautem Schluchzen zusammenbrach und alle Anwesenden durch die Tiefe seiner Erschütterung rührte. Bald darauf kam Max zu Hause an, statt, wie der Vater gewünscht hatte, eine Rheinreise zu machen. In der Nacht vom 25. zum 26. September 1821 starb er. Jean Paul war mitvernichtet. Notdürftig vollendete er den dritten Band des »Komet«. Er konnte das Wort »Philologe« nicht mehr aussprechen 841 hören, ohne in Weinen zu fallen. Er floh das Gymnasium, das ihn an Max erinnerte. Als bald darauf seine Augen schwach wurden, schob er es dem unaufhörlichen Weinen um den Sohn zu. Eine unendliche Einsamkeit senkte sich über ihn, und sie hatte ihren Grund nicht nur in dem Tod des Sohnes, sondern vielleicht auch, dem Dichter selbst unbewußt, in dem Gefühl, daß ein Abgrund ihn von der Zeit trennte, die ihm auf dem Fuße folgte. Seines Sohnes haltloser Mystizismus und die Tat Karl Sands, obwohl beide in gewissem Sinne gerade von ihm ihren Ausgang nahmen, zeigten ihm, daß die Welt weitergerollt war, ohne ihn mitzunehmen. Und doch hatte er die Vorrede zu Arnold Kannes erstem Werk geschrieben, und doch konnte Karl Sand seinen Entschluß mit Jean Pauls Schrift »Über Charlotte Corday« begründen, die er beständig bei sich trug und die ihm zur Bibel geworden war. Auch in der öffentlichen Diskussion, die der Tat Sands folgte, spielte diese Schrift eine Rolle. De Wette, der bekannte liberale Theologe, hatte Sands Mutter einen Trostbrief geschickt und in diesem auch Jean Pauls Schrift herangezogen zur Erklärung für die verhängnisvolle und doch aus einem edlen Enthusiasmus erwachsene Tat. Bekanntlich kostete dieser Brief De Wette sein Amt. Jean Paul selbst benutzte jede Gelegenheit, um von der Tat seines Wunsiedler Landsmanns abzurücken. Genau wie er von jetzt ab sich scharf gegen den Mystizismus der Zeit wandte. Es war die Vorrede zur zweiten Auflage der »Unsichtbaren Loge«, in der Jean Paul diese Richtung, und mit ihr auch E. T. A. Hoffmann, verdammte, dessen »Prinzessin Brambilla« sein Mißfallen erregt hatte. Auch sein Aufsatz »Wider das Überchristentum« ist aus dieser Kampfeinstellung gegen den Mystizismus zu erklären, der seinem Sohn das Leben gekostet hatte. Die Zeit hatte sich gewandelt. Der prophetische Verkünder des persönlichen Gottes 842 und der Unsterblichkeit wurde vor den Verstiegenheiten seiner Abkömmlinge zu einem gemäßigten und liberalen Protestantismus gedrängt. Es war Abwehr gegen die Zeit, nicht mehr schöpferische Kraft, die hier zutage trat. Und doch kehrte sich gerade infolge des Verlustes seine Seele der Unsterblichkeit zu. Noch einmal regte sich der Genius in ihm, um auf ein erschütterndes Erlebnis im Werk zu antworten. Die Gestalten des »Kampanertals« kamen wieder. Mitten aus den »Hesperus«triumphen hatte es ihn damals getrieben, seine Gedanken über die Unsterblichkeit der Seele für die schwankenden und zweifelnden Frauen niederzulegen. Jetzt, da sein Sohn ihm entrissen war, mußte er sich von neuem in den Unsterblichkeitsgedanken als letzten Trost hineinbohren. Damals hatte er in jugendlich überschäumender Phantasie die Gespräche über die Unsterblichkeit in das prächtige Pyrenäental verlegt. Eine herrliche Natur, großartige Bilder umstanden als Hintergrund diese Gespräche, die in einer romantischen Zauberfahrt mit der Montgolfiere ihren Abschluß fanden. Vor solcher Umwelt bebte sein müder Geist jetzt zurück. Wenn er die Gestalten dieser Gespräche noch einmal beschwören wollte, so mußte er sie nach Deutschland zurückziehen, auf vertrautem Boden sich mit ihnen begegnen. Bald nach dem Tode des Sohnes kam ihm der Plan zu diesem Werk, das die Gestalten und die Gedanken des »Kampanertals« noch einmal aufgreifen sollte. Die letzte große Schrift »Selina oder über die Unsterblichkeit der Seele« wurde damals empfangen. In furchtbarer Einsamkeit, durch fortwährendes Gedenken an den Sohn verdüstert, ging der Winter vorüber. Er versuchte seines Schmerzes Herr zu werden, gab sich Zerstreuungen und anstrengender Tätigkeit hin, aber sein Leben blieb eine einzige große Wunde. Erst der Frühling des Jahres 1822 sah ihn so weit, daß 843 er sich wieder in die Welt wagen konnte. Keine der alten Stätten, die er noch zu Lebzeiten des Sohnes besucht hatte, war ihm zu besuchen möglich. Weder München noch Heidelberg hätte er ertragen können, nicht einmal den fröhlichen Kreis in Löbichau. Aber reisen wollte er. »Ach, ich brauche jetzt so viel,« schrieb er im März an seine Schwägerin Minna Spazier, die in Dresden lebte, »nicht um zu vergessen – was nicht möglich ist –, sondern um die Erinnerung auszuhalten.« Es war nur natürlich, daß er sich in seiner Verlassenheit näher an seine Familie anschloß und als Reiseziel Dresden bestimmte. Am 5. Mai traf er dort ein. Minna hatte ihm eine Wohnung beim Registrator Aderholt vor dem Wasserturm in den neuen Anlagen der Neustadt besorgt. »Selig lieg' ich am Morgen auf meinem Sopha und auch Abends vor der Sonne – ich mag kaum ausgehen.« Dennoch mußte er gleich am ersten Tag zu Elisa v. d. Recke, die nach Dresden übergesiedelt war. Unlustig ließ er die Ehrungen über sich ergehen. »Ich mußte neben Elisa sitzend vor dem ausgedehnten Zirkel mich hören und sehen lassen; es ist kein Spaß.« Natürlich besuchte er auch Tieck, und wieder zeigte sich, daß Tieck der einzige von den Romantikern war, der ein aufrichtiges Verhältnis zu Jean Paul hatte. Tieck schrieb ihm in seinem Abschiedsbrief: »Ein gerührtes Freundesherz sieht Ihnen nach mit dem vollsten Gefühle, was Sie meiner Jugend waren, was Sie dem Manne sind und künftig immer sein werden.« Bei Tieck traf er auch nach langen Jahren wieder Helmina von Chézy. Aber sie erinnerte ihn jetzt nicht mehr an seine Liane. Die Zeit hatte sie »unkenntlich verdickt«. Der Sprachforscher Wolke, zu dessen vorzüglichsten Anhängern Jean Paul gehörte, kam von Leipzig herüber, um ihn zu begrüßen. Wolke hatte bekanntlich mit seiner Sucht, 844 die Endung »-ung« im Deutschen fortzulassen, auch auf Jean Paul eingewirkt, und es war Wolkes Einfluß, wenn er seine »Levana« eine »Erziehlehre« statt »Erziehungslehre« genannt hatte. Seite an Seite mit Wolke hatte Jean Paul auch gegen das Verbindungs»s« angekämpft und diesem Gedanken sogar eine stattliche Reihe von Aufsätzen in Cottas »Morgenblatt« gewidmet, die er später unter dem Titel »Über die deutschen Doppelwörter« sogar als Buch hatte erscheinen lassen. Wolkes Versuche, die Sprache zu reformieren, waren natürlich gänzlich ergebnislos, und es war kaum mehr als eine Schrulle Jean Pauls, sich für Wolke einzusetzen. Weniger herzlich als der Reformer wurde in Dresden Adolf Müllner, der Vater der Schicksalstragödie, von Jean Paul begrüßt. Jean Paul lehnte es entschieden ab, diesen Mann, den er für anrüchig hielt, zu empfangen, und Müllners unablässige Versuche, vorgelassen zu werden, führten zu einigen komischen Szenen. Am wichtigsten aber sollte für den alternden Dichter seine Bekanntschaft mit seinem Neffen Richard Otto Spazier, dem Sohne Minnas, werden. Spazier war damals ein junger Student, noch nicht sehr um Wissenschaften und Künste bemüht. Von seinem berühmten Oheim hatte er noch nichts gelesen und sah überhaupt diesem Besuch mit Zweifel und Angst entgegen. In Minnas Familie galt Jean Paul in erster Linie als strenger Erzieher seiner Kinder und seiner Umgebung, deshalb ging der junge Mann seinem Oheim zunächst aus dem Wege, bis die Mutter schließlich eine Begegnung erzwang. Da Richard Otto im gleichen Monat wie der verstorbene Max Richter geboren war, glaubte Minna ihren Sohn dazu ausersehen, dem von ihr geliebten und angebeteten Schwager den verlorenen Sohn zu ersetzen, und in der Zukunft sollte Spazier dem vereinsamten Jean Paul fast mehr als ein Sohn werden. 845 Wie erstaunte der junge Student, als er endlich dem gefürchteten Oheim gegenübertrat, über Jean Pauls milde und zurückhaltende Art. Die ausführliche Beschreibung seines Verhältnisses zu dem Dichter, die Spazier später in seiner großen fünfbändigen Biographie gab, ist die rührendste und schönste Schilderung des Dichters in seinen letzten Jahren, die wir haben. »Während ein starker, doch untersetzter, nachlässig in einen unscheinbar grünen Sommerrock gekleideter, freundlicher Mann mit gebräuntem starken Gesicht, einem den Blick des andern nicht niederschlagenden mildstrahlenden blauen Auge in meinen Zügen und dem Profile forschte, fühlte der innere Mensch sich gleich so freigelassen, um mit Vergnügen auf dem danebenstehenden Stuhle den gelben Strohhut mit grünem Futter, dabei einen starken Stock und einen weißen Pudel mit einer Leine um den Hals zu bemerken.« Jean Paul wurde von dem Jüngling sogleich aufs innigste angezogen. Seltsamerweise traf er ihn in einer Situation, die ihn an seine eigene Jugend erinnern mußte. Spazier hatte genau wie Jean Paul in seinen jungen Jahren die Halsbinde abgeworfen, um der Welt eine freie offene Brust zu bieten. Darüber war es zu einem Zerwürfnis mit dem Vormund gekommen. Feurig ergriff Jean Paul sogleich Spaziers Partei, um so lieber, da ihm der Vormund, der Dichter Mahlmann, ebenfalls mit einer Schwester seiner Frau verheiratet, von jeher zuwider gewesen war. Was Spazier aber am meisten sogleich bei der ersten Begegnung an Jean Paul lieben lernte, war seine zurückhaltende Art, die es ängstlich vermied, in die Freiheit eines andern einzugreifen. Selbst über seine Bücher sprach er mit dem Jüngling nicht, und als einige Wochen später Spazier den »Titan« gelesen hatte und nicht sonderlich davon angezogen war, entschuldigte der berühmte Autor den Neffen und führte das Beispiel Jacobis an, der gerade von 846 Lindas Untergang nicht weniger zurückgestoßen worden wäre. »Erst später«, schreibt Spazier, »sah ich ein, daß er sich ein Gewissen daraus gemacht hatte, in der Epoche der Entwicklung, in welcher ich mich befand, irgendwie direkt oder indirekt auf die Richtung derselben dadurch zu influenzieren, daß er eine so gewaltige Welt, wie seine verständlichern Werke enthielten, in meinen Weg zu werfen versuchte. Ich muß es noch heute für ein Glück halten, daß ich damals auch in dieser Beziehung noch von ihm freigelassen blieb.« Auch von den sonstigen Bekanntschaften, die Jean Paul in Dresden machte, und von seiner Art zu leben, erzählt Spazier aus eigener Anschauung. Scheu verschloß sich der Dichter damals gegen stärkere Eindrücke. Keine der schönen, ihn umschwärmenden Frauen kam ihm mehr näher. Mit Eigensinn vermied er es, Menschen, die ihm gefallen hatten, mehr als zweimal zu sehen, wie er auch die ihm am liebsten gewordenen Häuser nicht mehr als zweimal besuchte. »Welche Todesangst litt ich oft,« schreibt eine Bekannte Spaziers, »wenn er etwa manche dargebotene Hand gar nicht ergriff und diese unberührt wieder sinken mußte; oder andere, die ihm vorgestellt sein wollten, Minuten lang hinter seinem Stuhle reden ließ, ohne die Stellung zu verändern, die ihrem Annahen hinderlich war.« Was bedeuten aber diese Eigenheiten, aus einer müden und abwehrenden Haltung geflossen, gegen die rührende Hilfsbereitschaft, die er sofort zeigte, wo wirklich zu helfen oder teilzunehmen war. Ein kleines Mädchen, der er ihre rasenden Zahnschmerzen mehrmals durch magnetische Striche gelindert hatte, stürzte eines Nachts zu seiner Wohnung, ließ ihn aus dem ersten Schlafe wecken, und wirklich ging der alte Mann barfuß die Treppe hinunter und heilte sie. Diese Dresdener Wochen, die Jean Paul meistenteils bei 847 seinen Verwandten verlebte, waren die letzten heiteren Wochen seines Lebens. Schon in Dresden sollte das Unglück offenbar werden, das seine letzten Jahre verbitterte. Böttiger, der inzwischen nach Dresden übergesiedelt war, erblindete in diesen Tagen vorübergehend. Jean Paul, zur Hypochondrie neigend, prüfte nun auch seine Augen und mußte plötzlich feststellen, daß die Sehkraft seines linken Auges erheblich nachgelassen hatte. Sofort nahm Jean Paul nach seiner Art den Kampf gegen das beginnende Übel auf. Die verschiedensten Brillen, Lampen, Dochte, Veränderungen der Körperlage beim Arbeiten, die verschiedensten Diäten wurden versucht, medizinische Bücher durchgearbeitet, Hypothesen aufgestellt. Nur zu einem richtigen Augenarzt zu gehen, konnte sich der Dichter nicht entschließen. Später schickte er genaue Aufzeichnungen seines Leidens und der Symptome an verschiedene Ärzte, aber diese Beschreibungen konnten natürlich eine körperliche Untersuchung nicht ersetzen. Jean Paul suggerierte sich und andern, daß es sich um den grauen Star handelte, der fortoperiert werden könne. Aber es war die beginnende Auflösung des ganzen Körpers, die zuerst die Augen befallen hatte. An Schonung dieses für den Schriftsteller wichtigsten Organs war auch keineswegs zu denken. Zu Hause mußte die zweite Auflage des »Dr. Katzenberger« besorgt werden. Man weiß, wie gründlich Jean Paul seine Werke umarbeitete, bevor sie erneut in die Welt hinausgingen. Dennoch trug ihn diese Arbeit noch in einigermaßen heiterer Stimmung durch den Sommer 1822 hindurch. Im Herbst aber traf ihn der letzte schwere Schlag, von dem er sich nicht mehr erholen sollte. Im November starb ganz plötzlich, ein Jahr nach dem Tode Max Richters, sein Herzensfreund Heinrich Voß im 43. Lebensjahr. Erst Monate später war er imstande, der Mutter des Freundes sein Beileid auszudrücken. »Ach, er und 848 mein Max liegen in meiner Seele in einem Sarge; auf der Erde erwarte ich niemand mehr, der mich zum zweiten Male so liebt.« Es war der Tod des Freundes, der ihn wiederum zu der bereits nach dem Tod des Sohnes begonnenen »Selina« zurückführte. Wir haben bereits gesehen, wie Jean Paul in diesem seinem Schwanengesang die Personen des »Kampanertals« nach Deutschland in die vertrauteren Gefilde zurückgeführt hat. Noch einmal baut er eine selige Welt auf, um in ihr die Gespräche über die Unsterblichkeit der Seele liebenden und geliebten Menschen in den Mund zu legen. Baron Wilhelmi, dessen Hochzeit mit Gione im »Kampanertal« gefeiert wurde, und sein Freund, der Rittmeister Karlson, haben sich zwei herrliche Landsitze, Falkenburg und Wiana, gekauft. Hier leben die Familien, in enger Freundschaft verbunden. Gione ist gestorben, aber sie lebt in ihrer herrlichen Tochter Selina fort, deren Verlobter Henrion ausgezogen ist, um für die Befreiung Griechenlands zu kämpfen. Karlson hat zwei Kinder, Nantilde, Selinas Freundin, und Alex, den Kraftvollen, auf der Erde Heimischen, der sich in den Gesprächen gegen die Unsterblichkeit wendet, aus einem überschäumenden Diesseitsgefühl heraus. Den einzelnen Abschnitten hat Jean Paul die Planeten als Überschriften gegeben. Durch alle Planeten hindurch, vom Uranos bis zur Sonne, sogar auf den freundlichen Monden verweilend, sollte die Unsterblichkeitswanderung gehen. Es hätte in Jean Pauls Art gelegen, zuerst das ganze Buch niederzuschreiben und dann zum Druck durchzuarbeiten. Diesmal verfuhr er anders. Nur wenig war er über die ersten fünf Abschnitte hinausgekommen, als er mit der weiteren Fortführung abbrach und erst diese Abschnitte fertig machte. Deutlich mochte sich ihm das Bewußtsein aufdrängen, daß 849 er das ganze Werk nicht mehr vollenden würde. Christian Otto, der die Schrift nach Jean Pauls Tode herausgab, fügte einige Aphorismen und aus den Studienbüchern über den geplanten Fortgang der Arbeit so viel an, daß wir ihren weiteren Verlauf erraten können. Selina und ihr Freund Henrion sollen danach beide gleichzeitig an ihrem Geburtstag sterben. »Die höchsten, das Gefühl ansprechenden Trostgründe kommen nach Henrions Tode«, hatte der Dichter sich vorgenommen. Wir kennen aus den Romanen die Kraft des Dichters, wenn schon der Höhepunkt der Darstellung erreicht scheint, die Gestaltung noch weit darüber hinauszutreiben. Genau so hatte er es in der »Selina« beabsichtigt. Wie ihm erst nach dem Tode des Freundes die letzten und großartigsten Gedanken über die Unsterblichkeit aufgegangen sein mochten, so wollte er erst nach dem Ferntode des Freiheitskämpfers Henrion das Werk zu seinem Gipfelpunkt hinantreiben. Wie auch der »Komet« noch eine grandiose Steigerung erfahren sollte. Aber die Kraft reichte nicht mehr aus. Voller Ehrfurcht betrachten wir die letzten Ausläufer dieser vielleicht gewaltigsten Schaffenskraft, die die deutsche Dichtung hervorgebracht hat. Am Ende seines Werks steht Selina, diese Synthese von der Zartheit Lianens, von der innigen Stärke Idoines und dem hohen Geistesschwung Lindas. Ein zugleich rührender und gewaltiger Torso, alle Planeten- und Sonnenkreise durchsuchend. Unter unendlichen Qualen ging die Arbeit an der »Selina« vorwärts. Jean Paul war nunmehr völlig vereinsamt. Sogar mit dem besten Freunde Emanuel gab es einen Bruch, der anderthalb Jahre anhielt. Ein Baireuther Regierungsrat Krause verfolgte Jean Paul mit feindlicher Gehässigkeit. In der Neckarzeitung veröffentlichte er schließlich einen jedes Maß übersteigenden Aufsatz, auf den Jean Paul energisch 850 zu antworten gezwungen war. Emanuel nahm Jean Paul seine schonungslose Polemik gegen Krause übel und kehrte dem Freunde den Rücken, als dieser auf der Straße mit ausgebreiteten Armen auf ihn zuging. Jean Paul litt außerordentlich, als Emanuel, der ihn in allen praktischen Dingen beraten hatte, fortblieb. Je mehr das Augenübel sich verschlimmerte, desto mehr fehlte ihm auch der geistreiche Plauderer, der bisher jeden Tag in der Dämmerung zu ihm gekommen war, um ihm die Zeit zu kürzen. Das Verhältnis mit Christian Otto hatte schon längst an Herzlichkeit eingebüßt. Erst nach Jean Pauls Tode machte Otto seine alten Freundschaftsrechte geltend und besorgte auch, sehr zum Schaden der Sache, die Ausgabe der sämtlichen Werke. Es war im Herbst 1823, als Richard Otto Spazier zum erstenmal nach Baireuth kam, um bei Richters einige Wochen zu verleben. Diesmal ließ ihn die Atmosphäre des Hauses nicht mehr los, und wenn er auch schließlich abreiste, so blieb er von da ab doch in ständiger Fühlung mit seinem großen Oheim und siedelte schließlich ganz in das Haus über, um Zeuge der letzten Wochen zu werden. Für Jean Paul war diese Verbindung nicht weniger wichtig als für den Neffen. Zum erstenmal kam er wieder mit einem der besten Vertreter der akademischen Jugend in nahe Berührung, und es sollte sich bald zeigen, in welchem Teil der deutschen Jugend ihm ein Fortleben beschieden war. Börne und Richard Otto Spazier waren die beiden Männer, die das Gedächtnis des Dichters in die Zukunft retten sollten, als das übrige Deutschland ihn allmählich vergaß. Es waren die Vorkämpfer der Freiheit in den dreißiger Jahren, die etwas von dem Geiste Jean Pauls in das Jahrhundert weitertrugen. Spaziers Schilderungen von dem häuslichen Leben Jean Pauls in seinen Jahren sind von unschätzbarem Wert. Er schildert, 851 wie eng die Familie mit dem geliebten Vater verwachsen war. Was nach außen hin wie Strenge aussah, war im Innern nur das Band hingebenster Liebe, das alle Familienmitglieder umschlang. Kein Zettel kam ins Haus, von dem Jean Paul nicht wußte. Keine Bekanntschaft wurde angeknüpft, die er nicht billigte, aber seine Macht übte er nicht als Tyrann aus, sondern als wahrhaft väterlicher Berater der Seinen, und so ordnete sich ihm alles freiwillig unter, glücklich, wenn ein Strahl seiner großen Liebe den verborgensten Winkel des Daseins beleuchtete. Immer wieder trat die Scheu Jean Pauls zutage, sich unbefugt in das Innenleben eines andern Menschen einzudrängen. So überließ er den Neffen während seiner Besuchswochen fast ganz der Familie, um nicht durch seine überragende Persönlichkeit die Unbefangenheit des Kennenlernens zu stören. Er hatte es gern, wenn man ihn in der Dämmerstube besuchte, aber er lud niemals dazu ausdrücklich ein, um auch nicht entfernt einen Zwang auszuüben. Schon bei der Beschreibung ihrer Begegnung in Dresden sagt Spazier, daß es dem Dichter wahrscheinlich unendlich wohlgetan hätte, »wenn schon damals der einzige Jüngling, der ihm so nahe zu treten ein Geburtsrecht und Gelegenheit hatte, mit Vertrauen, Wärme, Offenheit sich an ihn angeschlossen und ihm die volle Anteilnahme an seinem innern frischen Jugendleben gegönnt hätte! – Aber um so ehrwürdiger steht hierdurch der ebenso weise Seelenkenner als liebevoll sorgende uneigennützige Mann da, weil er nur zu wohl wußte, wie leicht die geistig moralische Selbständigkeit eines Jünglings in einen großen Menschen sich verliert.« »Nur einige Mal daher trat ich damals in das Heiligtum seiner Studierstube, wo es ihm Freude machte, seine Einrichtungen zu zeigen. – Sie machte einen äußerst eigentümlichen Eindruck. Ein wunderbarer, aus dem Geruch von 852 Blumen und Wein gemischter Duft wehte die Phantasie außerordentlich romantisch an. Aus seinen Fenstern, die dem Aufgange der Sonne entgegenlagen, schweifte der Blick über Gärten, hohe Bäume und einzelne Häuser hin zu dem blauen Fichtelgebirge, das den fernen Horizont umgrenzte. Mitten in der Stube stand ein unscheinbares Repositorium mit eisernen Klammern am Boden festgemacht, mit Exzerpten und Manuskripten bis oben heran gefüllt, dem Fenster parallel, das im Sommer die aufgehende Sonne zuerst begrüßte; zwischen beiden der Sopha, auf dem er gewöhnlich halbliegend las und dem deshalb zur größeren Bequemlichkeit und Veränderung der Stellung die Fußlehne fehlte. Davor der eichene Schreibtisch; auf diesem die ausgesuchtesten Federn neben dem verschiedenartigsten, selbst buntfarbigen Papier auf sorgfältigster Unterlage – Gläser, Brillen, Blumen, Bücher –, unter letzteren immer die kleinen englischen Ausgaben von Swift und Sterne – in der bestimmtesten Ordnung. An dem andern Fenster ein kleines (Musik-)Instrument, und neben diesem ein kleiner Tisch, von dem Kanarienvögel aus ihren Behältnissen oft auf einer kleinen Leiter zu seinem Arbeitstisch und von da auf seine Schultern stiegen. Rings an den Wänden andere Repositorien mit Büchern. Alles, was er brauchte, hatte nach der genauesten Überlegung der höchstmöglichen Zweckmäßigkeit und Bequemlichkeit Gestalt und Ort; aber ein an die gewöhnliche Ordnung gewöhntes Auge wäre vielleicht vor seiner Stube ebenso erschrocken als er vor Roquairols im ›Titan‹. In der einen Stubenecke, noch an der Türe, durch die er einen besondern Ausgang zur Treppe hatte, bei dem Kissen, auf dem ein weißer, seidenhaariger Pudel ruhte, hing eine lederne gestickte Jagdtasche und neben ihr lehnt ein großer Rosenholzstock; – alle drei die Begleiter auf seinen Gängen, wenn er in die Gärten seiner Freunde oder dem Fichtelgebirge zu 853 durch die Kastanienallee zu dem Häuschen der Frau Rollwenzel, dort zu arbeiten, wanderte, bis wir ihn zum ländlichen Mahl bei der freundlichen und originellen eben genannten Frau abholten.« So sehen wir den Dichter zwischen seinen Büchern und Repositorien leben, von Kanarienvögeln umhüpft, dem Dasein fast schon abgestorben. An den über hundertjährigen Fibel muß man bei Spaziers Schilderung denken. Ein Hauch von Rührung und Ehrfurcht geht von dieser Erscheinung aus. »Je größer die scheue Ehrfurcht war, mit der man an seiner geistigen Größe und moralischen Strenge hinaufsah, desto entzückender und heimlicher war der Genuß des Kindlichen und Reinmenschlichen, was er um sich herum zu betten gewußt.« Man kann vielleicht die geleistete Arbeit dieser Jahre gering nennen. Die »Selina«, die nicht fertig wurde, beschäftigte ihn zumeist. Daneben redigierte er aber auch die »Kleine Bücherschau«, die seine gesammelten Rezensionen enthielt, und immer gab es eine neue Auflage eines älteren Werkes durchzuarbeiten. Je schwerer ihm die dichterische Produktion fiel, um so mehr gab er sich diesen redigierenden oder korrigierenden Arbeiten hin. Nicht zum wenigsten aber nahm nach wie vor eine ungeheure Korrespondenz seine Kraft in Anspruch. Jedes Menschliche, das ihm nahte, nahm er mit liebevoller Sorgfalt auf. Unzähligen war er Berater und Freund. Aus den fernsten Gegenden, aus allen Ständen wandten sich Menschen mit den merkwürdigsten Angelegenheiten an ihn, und nie enttäuschte er. Hierin blieb er bis in seine letzten Wochen der Armenadvokat, als der er sein Schaffen begonnen hatte. Im Frühling 1824 traf Spazier wiederum in Baireuth ein und blieb nunmehr ein ganzes Vierteljahr dort. Damals 854 bereits nahm die Auflösung des alternden Körpers zu. Die Augen waren so schwach geworden, daß sie nur noch mit Mühe den allerdringendsten Dienst erlaubten. Eine unentschlossene Müdigkeit beherrschte Jean Paul. Kaum konnte er sich entschließen, das Haus zu verlassen. Er, der sonst immer den ersten schönen Frühlingstag herbeigesehnt hatte, um ins Freie zu gelangen, ging diesmal erst im Mai aus, als schon längst die Natur in voller Blüte prangte. Im Herbst hatte das Augenlicht so abgenommen, daß er, der Vorlesen haßte, sich abwechselnd von den Seinigen vorlesen ließ. Kam Besuch, so zog er sich mürrisch und verbissen in seine Stube zurück, den Anblick der Menschen fliehend, »hypochondrisch dabei zweifelnd an der Ergebenheit selbst der Seinigen«. In dieser Weise quälte er sich bis in den Sommer 1825 fort, als Spaziers Rückkehr aus der Schweiz noch einmal einen vorübergehenden Aufschwung in seinem Befinden brachte. Die farbigen Schilderungen des Neffen von dem Lande, das von jeher seine Phantasie beschäftigt hatte, ließen ihn nach langer Zeit zum erstenmal wieder aufhorchen. Er fragte und hörte voll Spannung. Auf einmal verlangte er nach Punsch, was seit Jahren nicht mehr vorgekommen war. Die Frauen erhoben sich wie verklärt, den Punsch zu bereiten. Im Verlauf der Unterhaltung, die sich nun entspann und die Jean Paul lebhaft wie ein Jüngling führte, kam das Gespräch auch auf seinen lange gehegten Plan einer Gesamtausgabe seiner Schriften. Von Dresden aus führte Spazier dann mit schnellem Erfolg die Verhandlungen mit dem großzügigen Berliner Verleger Reimer so weit, daß die Vorarbeiten begonnen werden konnten. Dieses Ergebnis konnte Jean Paul wenigstens für die Zukunft seiner Familie beruhigen, im übrigen hielt die Besserung seines Befindens nicht lange stand. Anfang September machte er bei kaltem, 855 regnerischem Wetter eine Reise nach Nürnberg zu dem Augenarzt Kapfer, die ihn vollends herniederwarf. Es war wohl nicht mehr als eine Beruhigung, wenn Kapfer ihm sagte, daß er im nächsten Frühjahr seine Augen operieren würde. Der erfahrene Arzt sah, daß der Auflösungsprozeß des Körpers in vollem Gange war. Im Oktober lud Jean Paul den Neffen ein, ihn bei Besorgung der Gesamtausgabe zu unterstützen. Spazier, der keine Ahnung davon hatte, daß bereits jeder Tag kostbar war, ließ noch zwei Wochen hingehen, ehe er in Baireuth eintraf. »Mit welchem tiefen Schreck fuhr ich da zurück! – Die Fenster waren mit grünen Vorhängen verhangen, nirgends schien mehr die sonst so strenge ordnende Hand zu walten. Ein großer Lichtschirm auf dem Tisch verbarg mir seine Gestalt; und als ich herumtrat, sah ich den vor kurzem noch so kräftigen Mann in einem Pelzüberrock auf seinem Sopha liegen, das Gesicht seltsam verändert, tief eingefallen, gelblich, den sonst so starken Körper in den andern Teilen zusammengeschwunden, mit erlöschenden Augen, die Füße mit Kissen bedeckt. Unbeschreiblich gerührt und dankbar war sein Empfang.« Es hatte sich bereits eine Bauchwassersucht gebildet und die Füße begannen schon anzuschwellen. Jean Paul hatte keine Ahnung von seinem Zustand. Unverzüglich machte er sich mit Spazier an die Anordnung der Werke. Ungeschwächt waltete der rege Geist. Das Ganze wurde in den vormittäglichen Arbeitsstunden angeordnet, die Geschichte der Vorrede zum »Quintus Fixlein« und beinahe die Hälfte der »Teufelspapiere« wurden ununterbrochen durchgearbeitet. Mit Aufmerksamkeit folgte er der Vorlesung von Herbarts »Psychologie«, Herders »Ideen« und von Musäus »Physiognomischen Reisen«. Täglich besuchten ihn die Freunde: der wieder ausgesöhnte Emanuel, Otto, der katholische 856 Geistliche Östreicher, der sich aus Liebe zu Jean Paul vor einigen Jahren von Bamberg nach Baireuth hatte versetzen lassen. Auch ein in Baireuth lebender Sohn des geliebten Herder gehörte zu den täglichen Besuchern. Am Morgen des 14. November 1825 trat Spazier nach alter Gewohnheit ein, um die Arbeit mit Jean Paul fortzusetzen. Er fand das Studierzimmer leer. Der Dichter lag im Familienzimmer unten auf dem Sofa, um ihn die Familie und einige Freunde sowie der Medizinalrat von Stranzky. Lange wurde über den »Hesperus« gesprochen, mit dem Jean Paul unzufrieden war. Er sprach von einschneidenden Veränderungen in dem Roman, die notwendig wären. Die Kindervertauschung sollte überhaupt fortfallen. Gegen 2½ Uhr glaubte er – wie er überhaupt seit seiner Augenschwäche die Tageszeiten verwechselte –, es wäre Abend, und verlangte in sein Bett gebracht zu werden. Hier versuchte er sich mit Spazier zu unterhalten. Der aber konnte seine Worte nicht mehr verstehen. »Wir wollen's gehen lassen«, sagte der Sterbende und fiel in tiefen Schlaf. Gegen 8 Uhr abends schlummerte er mit einem letzten tiefen Atemzug, ohne aufzuwachen, in die Ewigkeit hinüber. Die Anwesenden sanken am Lager weinend auf die Knie. Am Nachmittag des 17. November wurde Jean Paul in feierlichem Zuge beigesetzt. Das Grab seines Sohnes sollte ihn aufnehmen. Es liegt auf dem Kirchhof neben dem Wege zur Fantaisie. Karoline hatte mit eigener Hand das Totengewand genäht. Unter dem Geläute sämtlicher Glocken der Stadt bewegte sich um 5 Uhr der Trauerzug von der Wohnung in der Friedrichstraße nach dem Kirchhof. Gymnasialschüler trugen Fackeln in den Händen. Auf Kissen wurden die »Levana«, die »Vorschule der Ästhetik« und die »Unsichtbare Loge« dem Sarge vorangetragen. Sämtliche 857 Behörden und alle Schulen nahmen teil. Neben dem Leichenwagen gingen zehn Professoren der Studienanstalt und hielten die Quasten des Bahrtuches. Nach der Trauermusik am Grabe wurde statt einer Leichenrede die Stelle über Christus aus dem Aufsatz »Über den Gott in der Geschichte und im Leben« in den »Dämmerungen« vorgelesen. Studienrektor Professor Gabler hielt eine Rede, in der er, wenn auch in akademisch nüchterner Form, die Bedeutung des großen Toten darzustellen suchte. Spazier sprach im Namen der deutschen Jugend ergreifende und feurige Worte über den Dahingeschiedenen. Als Geistlicher fungierte jener Reinhart, der einst dem jungen Höfer Gymnasiasten einen bösen Streich gespielt hatte. Neben ihm stand einträchtig der katholische Geistliche und Freund Jean Pauls, der Pfarrer Östreicher. Zwei Wochen später, am 2. Dezember, hielt Börne im Frankfurter Museum seine große Gedächtnisrede. Hier war noch einmal, bevor das deutsche Volk einen seiner Größten vergaß, liebevolles Erfassen und prophetisches Verkünden: »Ein Stern ist untergegangen, und das Auge des Jahrhunderts wird sich schließen, bevor er wieder erscheint; denn in weiten Bahnen zieht der leuchtende Genius, und erst späte Enkel heißen freudig willkommen, von dem trauernde Väter einst weinend geschieden . . . Nicht allen hat er gelebt! Aber eine Zeit wird kommen, da wird er allen geboren und alle werden ihn beweinen. Er aber steht geduldig an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartet lächelnd, bis sein schleichend Volk ihm nachkomme.«     Bibliographie J. P.s sämtliche Werke. Berlin, G. Reimer, 1826/28. 60. Bände. Dazu 5 Nachtragbände »J. P.s literarischer Nachlaß«, herausgegeben von Ernst Förster J. P.s sämtliche Werke. Berlin, G. Reimer, 1840/42. 33 Bände. J. P.s sämtliche Werke. Dritte, vermehrte Auflage. Berlin, G. Reimer, 1860/62. 34 Bände. J. P.s sämtliche Werke. Paris, Tétot Frères, 1836/37. 4 Bände. J. P.s ausgewählte Werke. Berlin, G. Reimer, 1847/48. 16 Bände (2. Aufl., 1865). J. P.s Werke. Nebst einer Biographie J. P.s von Rudolph v. Gottschall. Berlin, Gustav Hempel. O. J. 60 Bände. Der Papierdrache. J. P.s letztes Werk. Aus des Dichters Nachlaß herausgegeben von Ernst Förster. Frankfurt a. M. 1845. 2 Bände. J. P.s Werke. Herausgegeben von Eduard Berend. Berlin, Propyläenverlag, 1824. 5 Bände. J. P. Auswahl aus seinen Werken. Herausgegeben von Stefan George und Karl Wolfskehl. Berlin, Bondi, 1910. Blumen-, Frucht- und Dornenstücke aus J. P.s Werk. Gesammelt von Richard Benz. München, Piper \& Co., 1924. 3 Bändchen. J. 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