Friedrich Wilhelm Hackländer Erlebtes. Erster Band 1860 Ein Geheimniß. Erstes Kapitel Handelt vom Herbstwetter, von der Unterhaltung nach einem guten Diner und erzählt, wie der Baron nahe daran war, gesteinigt zu werden. Zu Anfang unserer kleinen, aber wie immer außerordentlich wahren Geschichte müssen wir dem geneigten Leser sagen, daß es spät im Herbste ist, so um die Mitte Oktober, jene Zeit, wo Berg und Haide, die den ganzen Sommer in einem einfachen, grünen Kleide prangten, nun noch vor dem Winter, ihrem Alter, anfangen recht kokett zu werden und sich mit den hübschesten und auffallendsten Farben zu schmücken. Die Natur weiß, daß bald ihre Anziehungskraft vorbei ist, und sie thut nun alles Mögliche, noch an sich zu fesseln. Gelb, Braun, Violet, Roth, Alles schimmert durch einander. Der Boden des Waldes ist mit schon vertrockneten Blättern bedeckt, einem bunten Teppich gleich; das Weinlaub zeigt ein gelbes Grün, die Blätter verschiedener Schlingpflanzen haben sich in Purpurroth verwandelt, und nur der Epheu ist sich gleich geblieben; er umrankt die grauen Mauern mit derselben Liebe, mit derselben Treue; er allein scheint nichts von dem herannahenden Winter zu fühlen, und nur hie und da, wenn der Wind allzu heftig über die Stoppeln jagt, bewegen sich die kleinen Blätter und zittern und seufzen. Ach, sie allein werden zurückgelassen, um im Winter zu frieren! Ja, es ist einer jener Herbsttage, die, wenn Morgens früh der Nebel in die Thäler hinab sinkt, noch frisch, warm und angenehm sein können, die aber, wenn das Sonnenlicht jene weißen dichten Massen nicht zu überwältigen vermag und sie nun langsam zum Himmel empor steigen, alles mit ihrem trüben Grau überziehen und alsdann zu einem jener langweiligen, frostigen Regenwetter werden, welche nie so empfindlich und unangenehm sind, als gerade um diese Zeit. Die Wolken hangen so dicht herab, daß man sie fast mit den Händen greifen kann; hier vor uns in einer einfachen trüben Farbe, dort weiter wie in langen grauen Schleiern, welche zuweilen von einem frostigen Winde emporgejagt werden, ohne etwas Angenehmeres, als ähnliche graue Schleier, hinter sich zu zeigen. Der Regen fällt schräge herab, und es sind recht kalte, unbehagliche Tropfen. Die armen Blätter schaudern zusammen, lassen erstarrt vor Kälte los und flattern zu Tausenden nieder auf den Boden. Feld und Wald haben nichts Anmuthiges mehr, und der Anblick der Straßen der Stadt ist auch nicht geeignet, ein trauriges Gemüth zu erheitern. Die Leute laufen umher mit rothen Händen und bläulichen Nasen, frierend und sehr schlechten Humors. In dieser Zwischenzeit hat man noch nicht die Winterkleider hervor gesucht; gestern war es noch zu warm für den dicken Paletot, heute ist es zu kalt für den dünnen, und doch ist man noch nicht durch Eis und Schnee in seine Wohnung eingeschlossen; man hat, auf das gute Wetter der letzten Tage vertrauend, sich vorgenommen, heute noch Manches zu besorgen, und rennt umher mit seinem Regenschirme. Man begegnet andern Regenschirmen, man stößt an sie hin und entschuldigt sich, man wird vom herabtropfenden Wasser bespritzt, man erkennt seine Freunde nicht, die gekommen sind, uns aufzusuchen, und da man so bei einander vorüber rennt, macht man manchen vergeblichen Gang. Und wenn es nun anfängt dunkel zu werden, wenn der Regen, wie um diese Zeit gewöhnlich, heftiger zu strömen beginnt, wenn die Gaslaternen dunkelroth in eine Nebelmasse glühen, dann rettet man sich so gern von dem feuchten Pflaster zwischen die schützenden Wände des Hauses in ein elegantes, behagliches Zimmer, in ein Gemach, in dem schon die Winterteppiche liegen, wo in einem kleinen, zierlichen Kamine leicht aufgeschichtetes Holz lustig flackert und knistert, und wo die Flamme desselben mehr eine moralische Sicherheit gegen die Kälte draußen ist, als daß sie das Zimmer, wie auch unnöthig wäre, übermäßig erwärmte. Es ist ein kleiner, sechseckiger Salon, in dem wir uns befinden; er hat zwei Fenster und zwei Thüren, die ersteren mit schweren Vorhängen verhängt; von den letzteren ist eine geschlossen, und die andere soll es in diesem Augenblicke werden; denn ein Bedienter in einfacher Livree hat beide Flügel derselben erfaßt und scheint nur auf einen Befehl zu warten, den ihm ein junger Mann im nächsten Augenblicke geben wird. Dieser junge Mann, der Herr des Hauses, hat sich mit dem linken Arme auf den Kamin gelegt, und trägt den rechten in einer Binde. Vor dem flackernden Feuer stehen drei niedere Sammtfauteuils; zwei sind mit anderen Herren besetzt, und ein vierter Herr stützt sich auf die Lehne des noch leeren Fauteuils, indem er den jungen Mann, der den Arm in der Binde trägt, forschend ansieht. »Sobald meine Frau nach Hause zurückgekehrt ist, soll man es mir sagen.« Der Bediente machte eine Verbeugung und schloß die Flügelthüren. »Ich werde sie alsdann bitten, daß wir den Thee bei ihr nehmen dürfen.« »Wofür wir dir und der Gräfin sehr dankbar sein werden,« entgegnete der Herr, der am Fauteuil stand. »Dein Diner war vortrefflich,« sagte der augenscheinlich jüngste der Herren. »Und es ist auch zur Abwechslung angenehm, wieder einmal en garçon zu speisen.« »Auch bringt es dich nicht aus deiner Gewohnheit,« versetzte lachend sein Nachbar. »Ach, das kann ich gerade nicht sagen,« meinte der Andere, indem er mit seiner Uhrkette spielte. »Wenn der Chef verheirathet ist, so gehören die Gesandtschafts-Secretäre ebenfalls zur Familie.« »Und da das bei dir der Fall ist,« fügte der Hausherr bei, »so sehnst du dich hie und da recht sehr nach einem Garçondiner.« »Namentlich wenn die Dame des Hauses so unumschränkt und absolut regiert, wie Ihre Excellenz.« »Ist es wahr,« fragte laut lachend der Vierte, »daß die kleinen Herrinnen des Hauses ihren Platz zwischen dir und dem Attaché haben, und daß die Frau Gesandtin sehr darauf steht, daß ihr Beiden ihnen keine Unarten durchgehen laßt?« »Man hat mir erzählt,« sagte der Nachbar des Diplomaten, »daß das Umbinden der Servietten der Reihe nach gehe.« »Dafür sind aber die Diners auch recht kurz,« bemerkte der, welcher hinter dem Fauteuil stand, – »Hausmannskost, eine Suppe und zwei Platten. Wir kennen das.« »Nun, wenn ihr es kennt, so laßt's gut sein. Sprechen wir von was Anderem!« Die vier Herren, die sich hier in dem Zimmer befanden, waren, wie wir aus obigem Gespräche entnehmen können, genaue Bekannte, ja, gute Freunde. Der Hausherr, der den Arm in der Binde trug, Graf B., hatte zweien derselben, die eben von weiten Reisen heimgekehrt waren, dem Baron A. und dem Major v. S., ein kleines Diner veranstaltet, und den Gesandtschafts-Secretär, den wir als solchen bereits bezeichnet, dazu eingeladen. »Nehmen wir Cigarren!« sprach der Hausherr, indem er eine Bewegung nach dem Kamin machte, wo mehrere Sorten des Feinsten, was die Havannah bietet, in eleganten Kistchen lagen. »Es plaudert sich besser, wenn man dazu raucht.« Alle drei folgten dieser Aufforderung, und der Major, ein großer, kräftiger Mann, ziemlich hoch in den Dreißigen, mit einem schwarzen, wohlgepflegten Schnurrbart, ließ den Fauteuil, hinter dem er gestanden, eine halbe Wendung machen, und warf sich hinein. Der Hausherr war eine schlanke, zierliche Gestalt, von eleganten und leichten Bewegungen; er hatte blondes Haar, einen eben solchen zierlich zugespitzten Bart, den er durch häufiges Drehen mit den Fingern in seiner horizontalen Lage zu erhalten suchte. Sein Gesicht war offen und ehrlich, namentlich die blauen Augen unter der hohen Stirn, und diese glänzten und zeigten dem aufmerksamen Beschauer, daß das Herz des Grafen ohne Falsch war, und daß man ihm unbedingt vertrauen dürfte. Das wußten auch alle seine Freunde, und deßhalb liebten sie ihn. Der Graf B. war sehr reich und hatte vor ungefähr vier Monaten nach seiner Neigung geheirathet. Die Gräfin war ebenfalls schön, jung, von guter und reicher Familie; beide liebten sich zärtlich, mithin waren sie sehr glücklich. Der Baron N. war der Aelteste der vier Freunde. Ein Mann an die Vierzig, hatte er ein bewegtes Leben geführt, lange und weite Reisen gemacht und kam eben mit dem Major aus England zurück, wo sie sich ein halbes Jahr aufgehalten, nachdem sie vorher im Orient zufällig sich getroffen. Der Major war Adjutant des Königs und diente, da er gleichfalls ein großes Vermögen besaß, nur aus Anhänglichkeit an seinen Monarchen. Er war ein Mann von anerkanntem Muth, von einer großen Körperkraft, ein vortrefflicher Reiter, kurz, ein Offizier, mit allen den Eigenschaften versehen, die nöthig sind, um im Kriege eine große Karriere zu machen. Doch leider, für ihn herrschte der tiefste Frieden, und da er nun einmal nicht unthätig bleiben konnte, so hatte er, wie schon gesagt, große Reisen gemacht und während derselben Gefahren aller Art aufgesucht und glücklich bestanden. »Ja, ja,« sagte Graf B., »jetzt sind wir wieder hier in dem Salon versammelt, wo so oft Pläne gemacht wurden, um das Entgegengesetzte auszuführen.« »Das war namentlich bei dir der Fall,« entgegnete lachend der Major. »Hattest du nicht den Entschluß gefaßt, mit uns zu ziehen? Statt dessen aber siehst du die schönen Augen deiner Frau und bleibst an die Scholle gefesselt.« »Die Wege des Schicksals sind sonderbar,« antwortete beistimmend der Graf; »denn ihr Beiden zieht hinaus, besteht Gefahren und Ungemach aller Art, und als ihr nun glücklich zurückkommt, gesund und unverletzt, findet ihr mich mit dem Arm in der Binde.« Bei diesen letzten Worten war der Graf sehr ernst geworden und fuhr mit der linken Hand an seinen Schnurrbart, während er mit dem rechten Arm ungeduldig zuckte. »Das sind Sachen,« meinte der Baron achselzuckend, »die Jedem von uns passiren können. Heute dir, morgen mir. Namentlich wenn man einmal verheirathet ist. Und ich bin noch froh, daß die Sache so ablief. – Hast du es dem Major erzählt?« »Noch nicht – später,« antwortete zerstreut der Graf. – »Aber wie findet ihr meine Cigarren? Mögt ihr noch Havannah rauchen, da ihr wahrscheinlich durch vortreffliche Nargileh und den feinsten Latakia aus unendlich langen Pfeifen verwöhnt seid ...?« »Was mich anbelangt,« versetzte der Major, »so war ich unendlich froh, wieder einmal eine vernünftige Cigarre zu bekommen. Und die hat man in England, theuer, aber gut.« Der Graf richtete, ohne eine Antwort zu geben, die Augen forschend auf den Kamin und sagte, mehr zu sich selber, als zu den Anderen: »Meine Frau bleibt lange aus!« – Auch hätte ein sehr aufmerksamer Beobachter bemerken können, daß bei diesen Worten ein leichter Schatten über die sonst so offenen Züge des Grafen flog. »Wohin ist die Gräfin?« fragte der Baron. »Sie dinirt bei ihrer Mutter,« entgegnete der Graf. »Ah, das müssen wir uns zum Vorwurfe machen,« warf der Legations-Secretär dazwischen. »Durch dein Garçondiner haben wir sie vertrieben. Ich bedaure das sehr. So gern ich, wie schon früher bemerkt, en garçon speise, so möchte ich doch in deinem Hause nie anders als ein Diner en famille machen.« »Ich danke dir im Namen meiner Frau für dieses Kompliment,« erwiderte lächelnd der Graf. »Doch hat es dieselbe ganz und gar nicht gestört. Wenn sie nicht kommt, so müssen wir noch ein wenig warten, das heißt, wenn ihr gesonnen seid, der Gräfin einen guten Abend zu wünschen.« »Ich freue mich sehr darauf,« entgegnete der Baron. »Ich bin wirklich begierig, wie sich die kleine Eugenie von damals verändert hat – Gott! als ich sie zum letzten Male sah, das sind jetzt in der That zehn Jahre; ich bin alt geworden; – wo habe ich mich in der Zeit nicht umhergetrieben!« »Und so viel Wunderbares gesehen!« sagte der Diplomat. »Baron, du solltest so artig sein und uns etwas aus deinen Erlebnissen Preis geben. Du bist ja kein Schriftsteller, der das Geheimniß seines nächsten Buches zu bewahren hat, und wir sind auch keine Männer von der Feder, die dir deine seltenen Abenteuer ablauschen, um sie hintennach als Erlebnisse zu erzählen.« »Ja, Letzteres fürchte ich besonders,« antwortete lachend der Baron. »Da habe ich so einen Bekannten, einen kleinen, dicken Literaten, dem brauche ich nur das Geringste zu erzählen, und ich kann darauf schwören, es acht Tage nachher in irgend einer Zeitung zu lesen.« »Scherz bei Seite!« nahm der Hausherr das Wort. »Aber erzähle uns irgend etwas, lieber Freund! Doch etwas aus deinen Erlebnissen, was dich persönlich angeht.« »Was mich persönlich angeht?« fragte der Baron mit einem lächelnden Blick auf den Major. »Was meinst du?« sagte er zu diesem. »Soll ich ihnen etwas zum Besten geben, was uns Beide zusammen so genau betrifft? – etwa die Geschichte von Malta?« Der Major lachte ebenfalls und entgegnete: »Meinetwegen! ich habe nichts dagegen; nur mußt du bei der Wahrheit bleiben.« »O, unbesorgt!« fuhr der Baron fort. »Aber vor allen Dingen muß ich diesen beiden Freunden erklären, auf welch sonderbare Weise ich in Kairo mit dem theuren Major zusammen traf.« »Ah, das wird sehr interessant für uns sein!« »Für mich war der Moment auch sehr interessant,« antwortete lachend der Baron; »denn ich befand mich gerade im Begriffe, gesteinigt zu werden.« »Läuft man denn heutigen Tages noch Gefahr, im Orient auf solche Art sein Leben zu verlieren?« fragte der Hausherr. »Bah!« nahm der Diplomat das Wort, indem er die Füße weit von sich abstreckte und beide Hände in die Taschen seiner Beinkleider steckte; »da übertreibt der gute Baron schon zu Anfange seiner Erzählung. Wozu hätten wir alsdann unsere diplomatische Verbindung mit jenen Ländern, unsere Generalconsuln und Agenten? Was würden die in dem Falle thun?« »Sie würden höchstens früh genug ankommen, um dich anständig begraben zu lassen,« sprach ernst der Baron, »wenn man dich überhaupt auffinden könnte. – Also hört mir zu; ich sage euch die reine Wahrheit. Aber ich bitte um festen und unwandelbaren Glauben.« »Wir glauben!« versetzten die Drei. Und der Baron begann. »Die Aegyptier sind sehr anständige Leute. Man kann Alles thun in der guten Stadt Kairo, dieser phantastischen, merkwürdigen Stadt, welche ein berühmter Reisender das Paris des Orients genannt, obgleich andere ebenso berühmte Männer nicht dieser Ansicht sind. Genug, Kairo ist eine angenehme Stadt, wo man, allerdings für theures Geld, sehr gut leben kann, wenn es einem vergönnt ist, in einzelne Familienkreise zu dringen und angenehme Bekanntschaften zu machen. Das Absperrungssystem wird hier nicht so streng gehandhabt, wie in Konstantinopel. Man hat hier sehr gute Gasthöfe, man findet die besten Früchte der ganzen Welt; man hat den Nil zum Baden und dessen kühles Wasser zum Trinken. Es gibt hier keine Polizeistunde, und wenn man sich einmal eine Freinacht machen will, so kann man vermittelst guter Bekannter sich eine solche nach seiner Phantasie veranstalten lassen; da ist nämlich ein Ballet arabischer Tänzerinnen, das man bei sich aufführen läßt.« »Ach ja!« sagte nachdenkend der Major. »Doch das unter uns,« fuhr der Erzähler fort. »Es gibt in Kairo so gut wie gar keine Polizei, und deßhalb kann man so frei und ungehindert leben, wie man nur will. Doch hat das morgenländische Paris dafür auch seine Schattenseiten.« »Eine Hauptschattenseite ist,« schaltete der Major ein, »daß überhaupt zu wenig Schatten da ist und man vor Hitze fast umkommt.« »Das versteht sich von selbst. Aegypten im Sommer ist ein großer Brutofen, 36 Grad in den Häusern von Morgens Neun bis Abends Neun, und in der Nacht vielleicht 24 Grad. Das ist ein Zustand zum Verzweifeln. Aber ich wollte vorhin sagen, so duldsam der Aegyptier im Allgemeinen ist, so gibt es doch Stellen, wo die die fanatische Volksmasse außerordentlich sterblich ist – leicht berührt und leicht beleidigt. Ihr wißt, daß alljährlich an einem gewissen Tage von Kairo aus die große Pilger-Karawane nach Mekka abzieht, so an dreitausend Kameele und dabei eine entsprechende Anzahl von Starkgläubigen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, nach dem Grabe des Propheten zu wallfahrten und dort zu beten. Diese Karawane nun ist ein Gemisch von Pracht und Reichthum, von Elend und Armseligkeit. Den Glanzpunkt des ganzen Zuges aber bildet das berühmte Kameel, welches eine kostbare Abschrift des Korans trägt, die, mit einem unendlich reich gestickten grünen Teppich bedeckt, dem heiligen Grabe alljährlich zum Geschenke gemacht wird. Diesen berühmten Teppich hat der Vicekönig von Aegypten zu liefern, und wenige Tage vor dem Abmarsch der Karawane wird er in großem Cortege im allerfeierlichsten Aufzug von der Citadelle auf dem Mokkatam nach der großen Moschee gebracht, um dort bis zur Abreise aufbewahrt zu bleiben. Natürlicher Weise zieht dieser Zug Tausende und wieder Tausende der Einwohner Kairo's in jene Gassen zusammen, durch welche er kommen soll, und auch ich beschloß, mir irgend ein Plätzchen auszusuchen, um diesem merkwürdigen Getreibe zuzuschauen. Mit einem Engländer, der mit mir im gleichen Gasthofe wohnte, ritten wir auf kleinen Eseln nach jener Gegend der Stadt, jedoch, leichtsinniger Weise, ohne einen Kawassen mitzunehmen. Wir zogen so lange fort, als wir Platz hatten. Endlich aber, obgleich es noch früh war, wurde das Gedränge in den ohnehin engen Gassen so groß, daß wir abstiegen und uns vor einer kleinen Kaffeestube auf jene bekannten kleine Taborets niederließen, die ungefähr so aussehen und so groß sind, wie kleine Kinderstühle bei uns. Ich bin nun von ziemlicher Gestalt, wohlbeleibt, und Ihr könnt denken, wie ich mich hier ausnahm.« »Und in deiner Kleidung!« sagte lachend der Major. »Der gute Baron war weiß von oben bis unten. Weiße Unaussprechliche, weißen Rock, weiße Handschuhe, weißen Hut, mit einem Tuche turbanartig umwunden, und dazu einen weißen Sonnenschirm.« »Unser Platz,« fuhr der Erzähler fort, ohne auf die Spöttereien zu achten, »war von dem Engländer gewählt worden und recht passend. Zur Linken, woher der Zug kommen mußte, machte die Straße eine kleine Biegung, und uns gegenüber hatten wir ein großes Haus mit prächtigen vergoldeten Gittern, die aber alle geöffnet waren und eine Menge der schönsten Mädchengesichter zeigten.« »Unverschleiert?« fragte neugierig der junge Diplomat. »Ich muß gestehen, daß sie gegen den orientalischen Gebrauch ihre Schleier zuweilen sehr kokett auf die Seite schoben und uns dann ihr ganzes Gesicht zeigten. Es waren Augen darunter von erstaunlicher Größe, schwarz und Blitze werfend, Augen, die äußerst gefährlich waren.« »Wir tranken unsern Kaffee und rauchten unsere Pfeife. Und als es eine Zeit lang so gedauert hatte, füllte sich die Straße immer mehr mit Menschen, so daß sich langsam und allmälig eine Reihe Zuschauer vor uns hinschob und uns jede Aussicht benahm. Neben uns war die Bude eines alten Türken, so eines von der ehemals festen, ja ehrwürdigen Race mit langem gutgepflegtem Bart, bunt-farbigem Turban und sehr wohlwollenden Gesichtszügen. Er winkte uns, näher zu kommen, und zwar mit dem bekannten orientalischen Zeichen, das einige Aehnlichkeit hat mit der Bewegung, als wolle man Jemanden die Augen auskratzen. Wir nahmen natürlicher Weise seine Einladung an, er überließ uns ein paar Kissen, auf die wir uns setzten, und schob zuerst mir, als Beweis seiner innigen Freundschaft, die eigene brennende Pfeife in den Mund. Es ist das eine Artigkeit, die man sehr schätzen muß, und bedeutet fast eben so viel, als wenn der Araber Brod und Salz mit einem theilt. »Endlich kündigte sich der Zug in der Ferne durch einen wahren Höllenlärm an. Vielleicht sechszig bis achtzig junge Kerle von verschiedenen Regimentern mit kleinen und großen Trommeln, Triangeln, Becken, mehreren Schellbäumen bearbeiteten diese Instrumente mit all dem Feuer, welches Jugendkraft und fanatische Begeisterung hervorzubringen im Stande ist. Ein paar unglückselige Posaunen und Clarinetten konnten natürlicher Weise nicht zu Worte kommen und ergaben sich scheinbar stillschweigend in ihr Verhängniß. So rauschte, dröhnte, gellte und klirrte diese ächt türkische Musik immer näher und schien den Umstehenden außerordentlich wohl zu gefallen. Auch unser alter Türke wiegte den Kopf bald auf diese bald auf jene Seite und schmatzte, als genösse er etwas außerordentlich Gutes. »Nun zog die Musik vorüber, und hinter ihr drein ergoß sich der ganze Zug, der das Kameel mit dem heiligen Teppich begleitete, in all seiner phantastischen orientalischen Wildheit – Kameele, Pferde, Esel, kostbare Thiere und schäbiges Zeug durcheinander, ebenso wie ihre Reiter. Dort ritt ein alter Emir, in grüne Lumpen gekleidet, neben ihm ein Mameluk im prächtigsten, reichsten Costüme. Ganze Schaaren von Derwischen zogen vorüber, Offiziere der ägyptischen Armee, ihnen folgten gewöhnliche Reiter und Infanterie, und die Menschenmasse war so groß, daß sich Alles wie ein brausender, buntfarbiger Strom scheinbar nur etwas vorüber schob. Es war keine Bewegung einzelner Figuren mehr, es war nur eine wirre Masse. Unmittelbar hinter dem Kameele kam eine Schaar von vielleicht tausend bis fünfzehnhundert halberwachsener Jungen – es waren aber Kerle von meiner Größe darunter – in langen weißen oder hellgelben schlottrigen und ziemlich schmierigen Kaftans, mit knabenhaften trotzigen Augen, die recht herausfordernd umschauten, weil sie die Ehre hatten, unmittelbar hinter dem alten Kameel laufen zu dürfen. Ich muß gestehen, daß ich nicht weiß, ob sie zu irgend einer ägyptischen Brüderschaft gehörten, oder ob es vielleicht die Gymnasiasten von Kairo waren; ich vermuthe das Letztere. Kaum war diese Rotte Korah vor unserem Fenster angekommen, so schienen wir, der Himmel mag wissen, weßhalb, ihre ungetheilte Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen. Sie blieben vor uns stehen, rissen ihre Mäuler auf, streckten die Zungen heraus und brachen dann in ägyptische Verwünschungen aus, die unübersehbar sind. Was sollten wir machen? Das Beste war – was wir thaten, – ruhig sitzen zu bleiben und sie schreien zu lassen. Aber es blieb nicht bei dem Schreien. Ein paar griffen in ihre Taschen, holten Zwiebeln und Orangen hervor und fingen an, uns damit zu bewerfen. So lange hatte unser alter guter Türke mit tiefer Verachtung lächelnd dem Treiben zugesehen, ja, er hatte sich vor sie hingestellt, um uns ihren Blicken zu entziehen. Aber vergebens! Wie der Tiger, wenn er Blut geschmeckt hat, so wurden diese Buben nach den ersten Würfen ganz des Teufels. Plötzlich sprang unser Wirth in die Höhe und ich muß gestehen, ich hatte noch nie aus eines Menschen Munde eine solche Fluth der gräßlichsten Flüche und Verwünschungen gehört, wie sie der alte Türke jetzt auf unsere Verfolger ergoß. Mittlerweile wurde die Kanonade heftiger, und zwischen die Orangen und Zwiebeln mischten sich schon harte Stücke Brod und Steine. Da riß unserem Hausherrn vollends die Geduld. Er nahm die große eiserne Stange, mit der er seinen Laden zu verschließen pflegte, sprang auf die Straße hinab und fing an, mit diesem improvisirten Schwerte zwischen die Reihen der jungen fanatischen Leute hineinzuhauen. Als er das aber that, wurden wir gänzlich blosgestellt, und ich erhielt einen heftigen Steinwurf an die Schulter. Wer weiß auch, wie die Sache geendigt hätte, wenn nicht die ungeheure Menschenmasse, die der heiligen Decke folgte, so unaufhaltsam von hinten vorgedrängt hätte, daß unsere Feinde nothwendigerweise weggeschoben wurden! Nur ein paar der ergrimmtesten lösten sich von dem Haufen ab und faßten in der Nähe unseres Hauses Posto. Darunter war Einer, ein langer, aufgeschossener blasser Schlingel, mit Augen wie eine Schlange.« »Ah ha!« sagte lachend der Major. »Dieser hatte sich auch unserem Hausherrn entgegen geworfen und ihm heftig in seinen langen grauen Bart gespuckt. Freilich bekam er dafür einen Tritt vor den Magen, der ihn wie eine Feder zusammen krümmte; aber er ging nicht vom Platze. Nun muß ich gestehen, auf diesen Kerl hatte ich eine ungeheure Malice. Ihn hoffte ich zu treffen, ihm Einiges heimzuzahlen. »Bei allem dem saßen wir aber schön in der Klemme. Der ganze Zug mußte vielleicht in einer halben Stunde wieder hier vorbei kommen, und wenn sie uns dann noch fanden, so ging der Tanz von Neuem los. Auch wollten wir unseren guten Hauswirth nicht länger incommodiren, und da mittlerweile unsere Esel zurückkamen, so beschlossen wir, durch die unzählige Menschenmenge unseren Rückzug zu nehmen und uns dabei so gut wie möglich zu vertheidigen. Wir dankten für die genossene Gastfreundschaft, saßen auf und ritten davon, natürlich im langsamsten Schritt, denn die Menge stand dicht an einander gepreßt auf der Straße. Ich sah wohl, wie uns jener Kerl folgte, und war sehr auf meiner Hut. Einen elastischen Stock mit bleiernem Knopf hielt ich so drohend, daß wir unangefochten auf einen breiteren Platz kamen. Doch kaum wollten wir unsere Esel in einen kleinen Trab versetzen, als mein Gefährte, der Engländer, einen solchen Schlag auf den Kopf erhielt, daß ihm sein Hut über die Augen hineinfuhr. Natürlich wandte ich mich rückwärts; jener Kerl war dicht hinter uns, und ein Anderer sprang von der Seite her und faßte meinen Esel am Zügel. Dem Letzteren ließ ich aber meinen Stock so kräftig auf die Hand fallen, daß er heulend dieselbe los ließ, um mich jedoch gleich darauf mit der anderen wieder zu fassen. Wir saßen schön im Gedränge und konnten im nächsten Augenblick zu Boden geschlagen und zertreten sein. Da trabte ein Reiter quer über den Platz dahin, dem zwei Kawassen folgten. Mir schien anfänglich jener Reiter ein vornehmer Beduine zu sein, denn er trug einen prächtigen Burnus und ein goldgesticktes Kopftuch. Die drei Reiter kamen gerade auf uns zu, weßhalb die Menge einen Augenblick auf die Seite wich. Plötzlich sah ich, wie der Beduinen-Häuptling mit einem Satze seines Pferdes an meiner Seite war, und als ich mich umdrehte, hatte er jenen Kerl, der gerade einen Schlag nach mir führen wollte, am Halse gefaßt und zog ihn so gewaltig in die Höhe, daß er einen Schuh vom Boden zappelte.« »Der brave Major!« sagte laut lachend der Hausherr. »Das war zur rechten Zeit gekommen.« »Aber so konnte auch nur er komme»,« fuhr der Baron fort. »Nachdem er unseren Feind einen Augenblick hatte zappeln lassen, warf er ihn mit einer Handbewegung in den dicksten Haufen hinein, so daß er selbst zu Boden stürzend, Drei bis Vier mit sich niederriß.« »Ja, ja,« nahm in diesem Augenblicke der Major das Wort, »es war schade, daß damit die Geschichte zu Ende war. Ich hätte mich auf eine kleine Rauferei unendlich gefreut. Wenn man so frisch aus der Wüste kommt, tagelang im Sattel, immer unter freiem Himmel, hier und da eine kleine Attaque auf einen Trupp Raub-Beduinen mitmacht, da jucken Einem die Finger. Es war, wie gesagt, schade, Baron, daß ich dich nicht ein Bischen tiefer im Gedränge fand. Aber sie stoben auseinander wie aufgeschreckte Hühner. Ich richtete mich in den Steigbügeln empor, sah mich ein paar Mal rings um – Alles umsonst; sie machten uns mehr Platz als wir brauchten. Und da nahmen wir denn die beiden Bekannten in die Mitte und zogen nach unserem Hotel.« »Und so,« sagte der Baron, »traf ich mit dem Major in Kairo zusammen.« Zweites Kapitel. Der Major macht durch einen zu kräftigen Händedruck die Bekanntschaft eines Vaters, der zwei schöne Töchter hat. Der Baron erzählt vom Bienentanze, von der Nilfahrt und von einem sehr angenehmen Paragraphen des Schiffs-Reglements. In diesem Augenblicke rollte ein Wagen durch die Straßen, bog in den Thorbogen ein und rasselte dröhnend durch das Haus in den Hof. »Ah, meine Frau!« sagte der Hausherr. Und ein freudiger Zug flog über sein Gesicht. Bald darauf hörte man Schritte im Vorzimmer, der Graf wandte sich nach der Thüre, und als diese geöffnet wurde, trat ihm statt der Erwarteten einer der Bedienten entgegen und meldete, daß die Gräfin bei ihrer Mutter geblieben sei, ihren Wagen nach Hause geschickt habe und erst später heimkehren werde. Ueberrascht blieb der Graf stehen, preßte eine Sekunde lang die Lippen heftig auf einander, und wie ein leichter Blitz flammte es in seinen Augen auf. Doch nur eine Sekunde lang. Dann glätteten sich seine Züge wieder, er sagte dem Bedienten: »Es ist gut,« und wandte sich mit vollkommen ruhigem Gesichte seinen Freunden wieder zu. Niemand sah, daß er die Hand des verwundeten Armes mehrmals fest zusammen ballle, und daß es ihm Mühe machte, den hiedurch verursachten Schmerz nicht laut werden zu lassen. Er stützte sich abermals auf den Kamin und sprach: »Es thut mir unendlich leid, daß wir unseren Thee allein nehmen müssen. Meine Frau ist bei ihrer Mutter geblieben; ich glaube, Frau von D. ist unpäßlich, und da ist es sehr natürlich, daß die Tochter der Mutter Gesellschaft leistet.« »Vollkommen begreiflich,« entgegnete der Diplomat mit dem Tone der Ueberzeugung und setzte hinzu: »Du wirst uns erlauben, unser Bedauern darüber auszudrücken, daß wir die Gräfin heute Abend nicht sehen können.« Der Baron sagte etwas Aehnliches und schien ebenfalls darin nichts Besonderes zu finden. Er blickte in die Gluth des Kaminfeuers und war offenbar mit seinen Gedanken in Aegypten oder sonstwo. Nur der Major allein that einen forschenden Blick auf den Freund, und ihm war es nicht entgangen, daß die Lippen des Grafen einige Mal gezuckt und daß derselbe einen ernsten Blick auf das Zifferblatt der Uhr neben sich warf. »Ihr seht,« versetzte der Hausherr nach einer kleinen Pause, »daß ich heute nicht im Stande bin, euch die versprochene Gesellschaft meiner Frau zu verschaffen. Aber es wäre sehr schön von euch, wenn ihr noch ein paar Stunden bliebet, um mit meinem Thee und mir fürlieb zu nehmen.« »Ich kann nichts Besseres thun,« entgegnete der Baron. Und der Gesandtschafts-Sekretär meinte: es könne vom Fortgehen keine Rede sein, da der Baron ihnen eine Geschichte von Malta versprochen habe. »Es versteht sich von selbst, daß wir bei dir bleiben,« sprach bestimmt der Major. »Gib uns eine Tasse Thee und halte uns so lange du willst. Vorausgesetzt, daß du es uns sagen wirst, sobald du oder vielmehr dein verwundeter Arm müde wird.« »Ich bin euch für euer Anerbieten sehr dankbar,« entgegnete der Graf, »denn ich würde mich sehr einsam fühlen; ich bleibe auf alle Fälle auf, bis meine Frau zurückkommt, und schätze mich glücklich, daß ihr mir Gesellschaft leisten wollt. – Aber trinken wir unseren Thee – nehmt neue Cigarren, und dann muß uns der Baron etwas Heiteres erzählen.« »Ja,« sagte der Major mit bestimmtem Tone, »der Baron muß erzählen. Ich gebe ja auch unsere Geheimnisse Preis. Wir sind ja unter Freunden, und die Geschichte drückt mich doch schon lange.« »Mit Vergnügen denn,« erwiderte der Baron. »Aber wie der Major eben durchblicken ließ, Alles unter uns; denn es sind Geschichten, die nicht blos den Major und mich, sondern auch Andere betreffen, welche uns sehr theuer und werth sind.« Hierauf klapperten einen Augenblick die Tassen, die Fauteuils wurden zurück- und wieder vorgeschoben und frische Cigarren angesteckt, wogegen sich der Baron einige der langen türkischen Pfeifen seines Freundes erbat. »Denn,« fügte er bei, »ich erzähle und muß es würdig und in des Königs Kambyses Weise thun.« »Der Beduinen-Häuptling,« begann er sodann nach einer Pause, »mit seinen beiden Kawassen begleitete uns also in den Gasthof zurück, und mittlerweile hatte sich unsere Escorte insofern vergrößert, als ein paar Reiter mit Hand- und Packpferden, die dem Beduinen-Häuptling folgten und sein eigen waren, sich an uns anschlossen. Es war aber heute der Tag der Rencontres. Denn als wir in das Thor des Gasthofes einritten – der Major und ich befanden uns schon im Hofe, – da carambulirte unser Gefolge mit zwei Herren, die auf Eseln reitend hinter uns dreinkamen. Von diesen Herren war der eine ein großer, dicker Mann von vorgerücktem Alter, mit grauem, fast weißem Barte, der, wie die Mähne eines Tigers, nach allen Seiten aus dem Gesichte starrte. Von der unerträglichen Hitze war dieses Gesicht schon auffallend geröthet, begann aber ins Purpurfarbene zu spielen, als, wie gesagt, einer aus unserem Gefolge diesen Herrn, ohne es übrigens zu wollen, etwas unsanft gegen den Thorbogen quetschte. Der andere Herr war sehr mager, hatte ein blasses, ächt englisches Gesicht, röthliches Haar und schielte ein wenig.« »Kaum war der dicke Mann in dem Hofe angekommen, so glitt er von seinem Esel herab, wandte sich an den Beduinen, der ihn gestoßen, und versetzte ihm, ohne etwas dabei zu sprechen, mit seiner Reitpeitsche einen derben Schlag über die Schultern. Der Sohn der Wüste riß sein Pferd zurück, sein Auge blitzte, er zeigte unter den geöffneten Lippen die schneeweißen Zähne und riß ein Pistol aus dem Gürtel, offenbar in der Absicht, den dicken Herrn damit niederzuschießen. Glücklicher Weise aber hatte der Major diesen Vorfall gesehen, warf sein Pferd zwischen die Beiden und rief dem Beduinen ein paar arabische Worte zu, worauf dieser sein Pistol wieder einsteckte. Mochte es nun sein, daß der Major den dicken Herrn bei dem Dazwischenfahren gestreift, oder mochte dieser ihn ebenso für einen Farbigen halten und deßhalb glauben, er könne sich auch gegen ihn eine kleine Artigkeit herausnehmen, genug, er hob abermals die Hand mit der Reitpeitsche. Doch beugte sich der Major in diesem Augenblicke etwas von seinem Sattel nieder, faßte das Faustgelenk seines Gegners und drückte es so zusammen, daß der alte Herr die Peitsche mit einem gelinden Schrei fallen ließ.« »Es war der erste Händedruck, den wir wechselten,« flocht der Major ein. »Und als die Peitsche am Boden lag,« fuhr der Baron fort, »da rief unser Freund auf Englisch: ›Herr, bitte recht sehr, zu bedenken, daß wir nicht in Indien und daß freie Beduinen keine Sclaven sind.‹« »Auf dieses Wort hin blickte sowohl der dicke wie der magere Gentleman den vermeintlichen Beduinen mit wahrem Erstaunen an. Denn sie hatten gewiß noch nie einen getroffen, der so fertig Englisch sprach.« »Und wovon wußtet ihr, von welcher Nation die beiden Fremden waren,« fragte der Hausherr, »und woher sie kamen?« »Ich hatte sie in Suez gesehen,« erwiderte der Major, »bei einem ähnlichen Act der Gewaltthätigkeit, der aber keine Folgen hatte, da der Matrose, den jener dicke Herr mit seinem Pfeifenrohr über den Kopf schlug, ein Laskare war.« »Diese Begegnung hatte auch vor der Hand keine Folgen,« fuhr der Baron fort. »Die beiden Engländer, welche wohl einsahen, daß sie hier den Kürzeren ziehen müßten, begaben sich in den Gasthof, freilich noch immer mit einigem Widerstreben; denn der Dicke ballte mehrere Mal seine Fäuste, als suche er einen würdigen Gegner zu einer Box-Parthie. »Der Major legte seine Beduinen-Tracht ab, ließ sich seinen zu langen Bart stutzen, und so dinirten wir ein paar Tag darauf seit längerer Zeit wieder zum ersten Male an der Table d'hôte des Gasthofes, wo das Erste, was uns in die Augen fiel, der dicke Gentleman war, der vor dem gedeckten Tische auf und ab spazierte. Bei unserem Eintritt stutzte er, sah den Major forschend an, und dann flog ein leichtes, ich möchte sagen, gutmüthiges Lächeln über seine dicken Züge, was mich veranlaßte, auf ihn zuzugehen, um von dem neulichen Vorfalle zu sprechen, indem ich ihm sagte, wir hätten unendlich bedauert, daß einer unserer Diener ungebührlicher Weise mit ihm zusammengestoßen sei, und würden auch nicht verfehlt haben, ihm schon sogleich damals unsere Entschuldigungen zu machen; doch hätte er sich auf eine Art selbst Recht verschafft, die es uns leider unmöglich gemacht, uns mit freundlichen Worten darein zu mischen. »Auf das hin lachte der alte Herr heiter hinaus, reichte mir die Hand und erwiderte: ›Ich bin Ihnen in der That dankbar dafür, daß Sie einem alten, heftigen Manne so artig entgegen kommen. Meine außerordentliche Heftigkeit schafft mir nur zu oft ähnliche Auftritte auf den Hals. Von Jugend auf sehr reizbar, sind lange Jahre, in dem indischen Klima zugebracht, leider nicht im Stande, das Blut abzukühlen. Ich bin Sir Nobert J. – wollen Sie mir freundlichst Ihren Namen sagen, um mich alsdann Ihrem Freunde vorzustellen?‹ »Ich nannte mich, führte ihn zu dem Major, der ihm auf halbem Wege entgegen kam und ihm lachend die Hand schüttelte. »›Wenn an meinem Betragen von neulich etwas verzeihlich ist,‹ sagte der alte Engländer lachend, ›so ist es, daß ich Sie für einen wirklichen Beduinen hielt. Ihr ganzes Aeußeres war mehr als Verkleidung – es war die vollkommenste Natur.‹ »›Da Sie mir das eingestehen,‹ antwortete der Major, ›so werden Sie es ebenfalls verzeihlich finden, daß ich auch vollständig in der Rolle des Beduinen blieb und meine Leute in Schutz nahm.« »›Sprechen wir nicht mehr davon!‹ versetzte Sir Robert. ›Ich bin dem unangenehmen Vorfalle nur Dank schuldig, daß er mich so angenehme Bekanntschaften machen ließ. Wie ich zufällig gehört, werden Sie noch etwa vierzehn Tage hier bleiben, um über Alexandria und Malta nach dem Festlande zurückzukehren. Das trifft sich wirklich charmant, und wollen wir, wenn es Ihnen genehm ist, diese Tour recht angenehm und friedlich zusammen machen.‹ »In diesem Augenblicke trat sein Begleiter, der sehr blonde Engländer, mit zwei jungen Damen in den Saal.« »Ei, ei, Baron!« bemerkte der Diplomat, »ihr waret von den Engländern außerordentlich schnell eingenommen. Vorhin hatte der junge Gentleman rothes Haar, jetzt ist er auf einmal hellblond geworden.« »Ich will euch nur gestehen, daß ihr recht habt. Das Haar war eigentlich roth. Aber unter Bekannten nimmt man das nicht so genau. Er kam also in das Zimmer, und die beiden jungen Damen wandten sich augenblicklich an den alten Herrn und nannten ihn Papa. Was für ein Glück war es, daß wir uns mit ihm ausgesöhnt hatten! Die beiden Mädchen waren – nun, ich kann es mit Aller Bescheidenheit sagen – bildschön, gut erzogen, in jeder Hinsicht von den feinsten Manieren. Auch kannten sie eine ganze Menge Sprachen, Deutsch, Französisch, Indisch, von welch letzterem natürlicher Weise wir keinen Begriff hatten. Wir wurden vorgestellt und zu Gnaden aufgenommen – von den beiden Misses wenigstens. Der röthliche junge Mann, den man als Neffen präsentirte, schien sich dagegen über die neue Bekanntschaft nicht besonders zu freuen. Hatte er uns den Vorfall von neulich noch nicht vergessen, oder wollte er seinen liebenswürdigen Cousinen Alles sein – kurz, er benahm sich so förmlich und steif wie möglich. Mister B., englischer Offizier, in Indien stationirt, hatte einen Jahres-Urlaub, um seinen Oheim zu begleiten. »Letzterer hatte bekanntlich in Indien ein Kommando gehabt, sich einen tüchtigen Namen gemacht, ungeheure Reichthümer erworben und kehrte nun für immer nach seiner Insel zurück. »Ich kann euch versichern, wir Beiden, der Major und ich, waren bei Tische die personificirte Liebenswürdigkeit und stiegen gleich so bedeutend in der Gunst des alten Herrn, daß er uns für den Nachmittag zu einer Spazierfahrt nach Schuwra einlud.« »Hattet ihr Absichten auf die jungen Damen?« fragte der Diplomat. »Das ist eine Gewissensfrage und eigentlich unmöglich zu beantworten. Nur muß ich mit einiger Indiskretion gestehen, daß der gute Major am Abend dieses Tages schwor, sein Herz sei nie so erregt gewesen, und er wüßte nicht, was geschehen könnte.« »Der gute Major!« antwortete dieser lachend. »Sag doch lieber: der gute Baron! Standest du nicht nächtlicher Weile am Fenster, schautest den Mond an und triebst allen möglichen poetischen Unsinn?« »Wenn wir also vielleicht Absichten hatten,« fuhr der Baron in seiner Erzählung fort, »so könnt ihr euch denken, liebe Freunde, daß wir uns sehr in Acht nahmen, etwas dergleichen merken zu lassen. Der alte Herr war – ein sonderbarer Kauz. Was seine eigene Heftigkeit anbelangte, die er uns selbst gestanden, so überschritt dieselbe alles Maß des Erlaubten, ja, des Schicklichen. Ein Wort, eine Miene, die ihm mißfiel, konnte ihn plötzlich aus der heitersten Laune zu einem wahren Ungeheuer machen. Dann färbte sich sein Teint dunkelroth, seine weißen Haare starrten aus einander; der Neffe hustete verlegen, und die beiden jungen Damen schauten zusammen schreckend und zitternd auf ihre Teller. »Der erste Auftritt der Art ging schon bei Tische los, als ihm der Kellner – er hatte Hochheimer verlangt – eine Flasche recht guten Rüdesheimer brachte. Er kostete einen Tropfen und sagte mit ärgerlichem Tone: ›Das ist kein guter Hochheimer!‹ worauf der unglückliche Kellner antwortete, es sei sogar eine vorzügliche Qualität. Eine Sekunde nachher, und er hatte Glas und Qualität im Gesichte. Es erschienen alle Anzeichen eines starken Zornausbruches, und Sir Robert schaute herausfordernd seine beiden Töchter sowie den Neffen an, ob sich nicht vielleicht ein Opfer finden würde, das an der Stelle des davongeeilten Kellners zu ergreifen wäre. – Es trat eine peinliche Pause ein, bis der Major den kühnen, aber klugen Einfall hatte, dem Tiger in seiner derben, unerschrockenen Manier direkt auf den Leib zu gehen. Er that prüfend einen Schluck, setzte das Glas nieder und sagte: ›Obgleich kein Hochheimer, ist er doch in der That von vorzüglicher Qualität. – Ah, bester Sir Robert, lassen wir uns durch Kleinigkeiten nicht die gute Laune trüben. – Ein frisches Glas und angestoßen! – Auf glückliche Ankunft in England!‹ »Die beiden Misses und der Neffe saßen erstarrt ob dieser Keckheit. Einen Augenblick auch zuckte die Hand des alten Generals, und ihm schien die Wahl wehe zu thun zwischen einer Flasche und einem Ragout-Deckel, um Eines davon in die Ecke des Saales zu befördern. Doch sah ihn der Major so fest und eigenthümlich lächelnd an, und hielt ihm seine Hand entgegen, dieselbe Hand, die der alte Herr neulich hatte kennen gelernt, daß er sich plötzlich eines Besseren besann, hart den Athem von sich blies und endlich sagte: ›Sie haben Recht, Herr Major. Warum uns über Kleinigkeiten ereifern! Mag der Teufel den Kellner holen!‹ »›Er soll ihn holen!‹ antwortete unser Freund, und die Sache war beigelegt. Die armen jungen Damen athmeten tief und freudig auf, und die älteste; Miß Eleonore, hob ihre großen, dunkeln Augen langsam auf und schmetterte dem Major einen Blick zu, ich möchte lieber sagen: eine Legion Blicke in eine Sekunde zusammen gedrängt, einen Blick, in dem sich Dankbarkeit, Achtung so stark ausdrückten, daß ich augenblicklich mit mir im Klaren war.« »Und worüber warst du im Klaren?« fragte der Hausherr. »Darüber, daß, wenn ich mich je einer der beiden jungen Damen mit ernsten Absichten nähern würde, dieß nicht Miß Ellen sein sollte.« »Und er hielt seinen Entschluß,« warf der Major ein; worauf die drei Freunde herzlich lachten. »Ich habe nur,« fuhr der Baron fort, »diesen kleinen Vorfall erzählt, um euch ein- für allemal mit der Heftigkeit des alten Herrn au fait zu setzen. Dergleichen Geschichten kamen täglich, ja, zuweilen stündlich vor, und dann trat entweder der Major oder ich als eine Art von Sicherheits-Ventil für die Damen oder als Blitzableiter auf. Den zweiten Vorfall, den wir erlebten, nahm ich natürlicher Weise auf mich.« »Der Baron wollte auch seinen Blick haben,« versetzte der Diplomat. »Und er bekam ihn,« bemerkte der Major. »Nun gut, wir lebten so weit sehr angenehm zusammen, bis auf den Neffen. Der konnte es begreiflicher Weise nicht ertragen, daß wir uns bei dem alten General in Gunst setzten, und dann hatte er auch eines Tages die unglückselige Idee, bei einem Zornausbruche des Oheims unsere Rolle spielen zu wollen. Das lief aber für ihn so traurig ab, daß mich Miß Therese, die andere Tochter, augenblicklich holen ließ.« »Miß Ellen hatte nach mir geschickt,« sagte trocken der Major. »Ich kam zuerst und muß gestehen, es kostete einige Mühe, den armen Neffen aus dem Zimmer zu bringen. Denn der alte General umkreiste ihn wüthend, wie der Löwe sein Opfer, und wollte es selbst mir anfänglich gar keinen Dank wissen, daß ich dasselbe aus seinen Händen befreite.« »Der Baron erzählt außerordentlich angenehm und verständlich,« bemerkte hier der junge Diplomat. »Miß Therese schickte nach ihm, Miß Ellen nach dem Major – wir wissen nun, woran wir sind.« »Das ist jetzt gar kein Geheimniß mehr,« antwortete der Erzähler. »Damals war es freilich eines der gefährlichsten Art. Denn was seine beiden Töchter anbetraf, so verstand Sir Robert nicht den geringsten Spaß, und selbst der arme Neffe, der es eines Tages gewagt, sich der schönen Cousine etwas zu vertraulich zu nähern, wäre um ein Haar nach Indien zurückgeschickt worden. Trotzdem muß ich aber gestehen, daß wir bald bemerkten, wir seien mit unserer Liebenswürdigkeit und unserer glücklichen Manier, den Papa zu behandeln, in der Gunst der jungen Damen gestiegen, natürlicher Weise, so weit eine gutgezogene Dame so etwas merken läßt. – Und fein erzogen waren sie und dabei natürlich herzlich, – es thut mir wahrhaftig leid, daß ich durch die Situation verhindert bin, mich recht breit im Lobe von Miß Therese und Miß Ellen zu ergehen.« »Wir begreifen deinen Kummer,« sagte lächelnd der Hausherr. »Aber wir erklären feierlich, du wirst nicht im Stande sein, ein Bild der beiden Damen zu entwerfen, das nicht von ihrer liebenswürdigen Wirklichkeit tausendfach übertreffen würde.« Der Baron verbeugte sich dankend und schien weit beruhigter fortzufahren: »in Indien lernt man mit den Augen sprechen und durch Zeichen sich verständlich machen. Wir Beide lernten als eifrige Schüler und begriffen unsere Lehrerinnen bald. Glücklicher Weise aber begriff der Papa uns nicht. Denn obgleich auch er seine Zeichensprache hatte und dieselbe häufig genug anwandte, so war sie doch sehr verschieden von der seiner Tochter, – handgreiflich derb, ein vollkommen anderes Alphabet. Der Neffe dagegen schien in Indien auch schon auf dem Felde manöverirt zu haben, auf welches wir uns gewagt, und obgleich wir uns so sehr in Acht nahmen, wie möglich, so begriff er doch seinerseits hier und da einen beredten Blick und erlauschte die Wahrheit eines Händedruckes, der gleichgültig aussehen sollte, aber nichts weniger als das war. »Die vierzehn Tage, die wir noch in Kairo blieben, gingen indessen ziemlich glücklich vorüber. Wenn ich sage »ziemlich,« so will ich damit ausdrücken, daß wir vor Entdeckung sicher blieben, dagegen aber trotz der sehr großen Hitze einige sehr kühle Tage bei unsern Damen verlebten.« »Aha!« lachte der Major, »wo sie mit uns schmollten!« »Allerdings!« fuhr der Baron fort. »Und daran war abermals der Vetter schuld. Als lernbegieriger Reisender muß man Alles mitmachen, und so trugen wir auch kein Bedenken, eine Einladung zu einer Abendunterhaltung anzunehmen, wobei sich arabische Tänzerinnen producirten. Der Major hatte dabei die Unklugheit, den blonden Gentleman mitzunehmen; und das Ende vom Liede war, daß dieser den alten General am Morgen darauf durch eine Erzählung des Gesehenen zu erheitern suchte. Weiß der Teufel, ob eine der jungen Damen im Nebenzimmer gelauscht – kurz und gut, wir hatten Schneewetter in Aegypten.« »War denn diese Abendunterhaltung so außerordentlich gefährlicher Art?« fragte wißbegierig der Gesandtschafts-Secretär. »Das gerade nicht. Es kamen nur einige Nationaltänze, die für europäische, namentlich für englische Begriffe nicht ganz in den Gränzen des Schicklichen und Erlaubten zu bleiben schienen, z. B. der Bienentanz.« »Ei der Tausend!« sagte der Hausherr. »Wir wollen wissen, was der Bienentanz ist.« »Der Bienentanz ist meistens das Finale einer solchen Abendunterhaltung. Als das Schönste in den Augen der Orientalen wird er zuletzt dargestellt. Ihr habt von diesen arabischen Tänzerinnen schon gehört? – Es sind junge Mädchen von ungefähr vierzehn bis achtzehn Jahren, von äußerst elastischem, schlankem und schönem Körperbau. Ihr Teint ist für Aegypten ziemlich hell, ungefähr wie der der Sicilianerinnen. Sie tragen weite, weiße oder blauseidene, mit Gold und Silber gestickte Beinkleider, welche aber im Gegensatze zu denen der anderen Orientalinnen unten nicht zusammen geschnürt sind, vielmehr frei um die sehr kleinen und zierlichen Füßchen flattern. Den Oberkörper bedeckt das bekannte, in unzählige Falten gelegte gelbe, seidene Hemd, über welches eine Art Weste oder Mieder kommt, das sehr tief ausgeschnitten und meistens von violetter Farbe ist, auf der Brust bis zu den Hüften herunter mit goldenen Troddeln und Quasten besetzt. Ein rothseidener Gürtel, sehr knapp und tief um die Hüften gelegt, verbindet Hemd und Mieder; als Oberkleid tragen sie ein Jäckchen von rother Seide mit Silberstickereien und weiten weißen Aermeln. Diese fallen über die Finger herab, ohne am Handgelenke befestigt zu sein, weshalb sie beim Aufheben der Hände herab flattern und sehr wohlgeformte Arme zeigen, an welchen goldene und silberne Spangen glänzen.« »Nach deiner Beschreibung,« meinte der Diplomat, »kann ich es den beiden Damen nun gerade nicht übel nehmen, wenn sie diese Abendunterhaltung nicht für sehr passend hielten.« »Still! Hören wir weiter über den Bienentanz.« »Ah, die Sache ist an sich sehr einfach, sieht sich aber recht gut an. Eine Tänzerin beginnt den Tanz, dann folgen die anderen. Die Grundidee dieses eigenthümlichen Pas ist eine Biene, die summend ins Zimmer geflogen kommt und plötzlich sich in die Kleider einer der Tänzerinnen verkriecht. Sie erschrickt, wendet sich schlangenartig umher, um zu erfahren, wo das Thierchen verborgen ist. Jetzt entdeckt sie es unter ihrem Halse. Hurtig wirft sie ihr Jäckchen herunter, sie hofft die Biene darin gefangen zu haben. – Aber umsonst! Dieselbe ist weiter hinabgeschlüpft. Jetzt folgt auch das Mieder in der gleichen Absicht. – Abermals vergebens! – So untersucht sie weiter und damit ist die ganze Geschichte beendigt.« »Ich werde mich nächstens nach Kairo versetzen lassen,« sagte der junge Diplomat nachdenkend. »Wie ich euch also erzählt,« fuhr der Baron fort, »so hatte der Neffe einiges über diesen Bienentanz bei dem Onkel fallen lassen. Der alte Sir hatte sich unsäglich darüber ergötzt, und um unsere Stellung gegenüber seinen Töchtern unbewußter Weise noch viel schwieriger zu machen, neckte er uns täglich mit diesem Vorfalle. So oft wir bei Tisch waren, summte er wie eine Biene und versicherte lachend, man könne sich vor diesen Insekten gar nicht mehr sicher stellen. Im Grunde bedauerte er sehr, diese Phantasie nicht auch mitgemacht zu haben. »Endlich verließen wir Kairo und schifften uns in Boulak an Bord eines Nildampfbootes nach Alexandria ein. Es war das eine entzückende Fahrt, namentlich die Nächte prächtig und schön. Aus der erstickenden Gluth der Straßen von Kairo schwammen wir jetzt auf dem kühlen Wasser dahin; ein erfrischender Nachtwind kam uns entgegen, mit Wohlgerüchen durchdrungen; wir hauchten ihn gierig ein. Unter uns hatten wir den breiten, majestätischen Spiegel des Nils, diese glatte, glänzende Wasserfläche; über uns den ewig klaren Himmel, wie er namentlich Abends bei Sonnenuntergang in einer unbeschreiblichen Gluth und Pracht strahlte. Dazu die für uns Europäer so fremdartigen Ufer, die lichten Palmenwälder auf denselben, und unter ihnen die so sonderbar geformten ägyptischen Dörfer, ruhig wiederkäuende Kameele, nachdenkend in den Flußspiegel niederschauend, schwere Büffel, welche die Hitze ins Wasser getrieben, und von denen man nur den breiten Rücken und den riesigen Kopf sah, der sich verwundert erhob und ein dumpfes Brüllen ertönen ließ, wenn wir vorüber rauschten; dazu Hunderte phantastisch weißgekleideter Menschen, die ans Ufer liefen, wenn wir uns demselben etwas näherten, um das seltsame Feuerschiff und die sich drehenden Wasserräder anzuschauen; dann die üppig grünenden Felder; alles das machte auf uns einen unbeschreiblichen Eindruck, namentlich aber die Landschaft selbst in der Stille der Nacht. Man fühlte sich in die Jugend zurück versetzt, man träumte wieder wie damals nach dem Lesen der Tausend und Einen Nacht. So aufgeregt, vor uns die Heimat, welcher wir entgegen eilten, an unserer Seite schöne, liebenswürdige Wesen, deren Herzen wir gewonnen – es war wahrhaftig verzeihlich, wenn auch sehr unklug, daß wir unsere Vorsicht bei Seite ließen und in Folge hiervon durch den alten General ertappt wurden. »Wie weit diese Ertappung vor sich ging, kann ich nicht genau sagen. Hatte er gesehen, wie ich beim Scheine des Mondes Miß Theresen feurig die Hand küßte, oder hatte er bemerkt, wie der Major mit Ellen sehr vertraulich am Steuerruder saß? Wir hatten ihn nicht bemerkt, und er mußte das Verdeck betreten und wieder verlassen haben, schleichend und vorsichtig, wie er es vielleicht von den indischen Kriegen her gewohnt war. Auch bin ich überzeugt, daß uns der Vetter bei dieser Veranlassung irgend einen Liebesdienst erzeigt hatte. Dem sei nun, wie ihm wolle, verrathen waren wir einmal und bemerkten das sogleich am andern Morgen, wo uns der alte General erschien wie Jemand, der sich alle Gewalt anthat, um nicht wenigstens den Versuch zu machen, uns Beide in den Nil zu werfen. Was uns sehr überraschte, war, daß trotzdem keine heftige Erklärung folgte. Wir werden sehen, daß Sir Robert als ein kluger General manövrirte. Von Alexandria abreisen mußte er; ein großer Theil seines Gepäcks und seiner Dienerschaft befand sich bereits auf dem Schiffe; auch hatte er in Malta Geschäfte, weßhalb es ihm unmöglich war, über Triest oder Konstantinopel zu gehen. »Er bezwang sich gegen uns auf eine unbegreifliche Weise. Den ersten Tag stolzierte er freilich beständig allein auf dem Verdeck umher, die Hände auf dem Rücken, ohne uns eines Blickes zu würdigen, und schnaubte dabei stärker als die Dampfmaschine. Aber schon Abends beim Diner fing er an aufzuthauen, trank sein Glas Wein mit uns, ja, er trieb seine Heuchelei so weit, daß er schon am andern Morgen die alte Summserei wegen des Bienentanzes wieder anfing. Er hatte offenbar seinen Entschluß gefaßt. Und daß derselbe nicht günstig für unsere Wünsche war, entnahmen wir daraus, daß die beiden Damen nur in seiner oder des Neffen Begleitung auf dem Verdeck erschienen. Endlich erreichten wir Adfeh und bald danach auf dem Mahmudikanal Alexandria. Es war Freitag, das Dampfboot nach Europa ging am Sonntag früh ab. »Der alte General,« erzählte der Baron weiter, »forderte uns auf, mit ihm in demselben Gasthofe zu wohnen, was wir auf das Bereitwilligste thaten. Unterweges, vom Hafen in die Stadt, plauderten wir natürlicher Weise mit den jungen Damen; doch blieb uns Sir Robert immer zur Seite, und einmal, als ich ihn sehr plötzlich ansah, bemerkte ich, daß er ein Gesicht gegen mich machte, bei dem mir unwillkührlich ein Tiger einfiel, der seine gewisse Beute mit eingezogenen Krallen streichelt. Den Teufel auch! dachte ich; wir sind nicht in Indien! – Seine Töchter behandelte er ziemlich barsch und rauh, und auch sonst machte sich seine Heftigkeit wieder unerträglich breit. Dabei war es weder mir noch dem Major möglich, ihn durch ein lustiges Wort zu besänftigen. Wir hatten alle Gewalt über ihn verloren, und deß freute sich der röthliche Gentleman auf's sichtbarlichste. »Samstag früh erhielten wir eine Einladung zum Diner bei Sir Robert. Das Diner war auf vier Uhr bestimmt, um sechs Uhr mußten wir an Bord. ›Meine Herren,‹ sagte er, als die Suppe kam, mit strahlendem Gesicht und triumphierender Miene, ›noch einmal wollen wir so recht angenehm zu Mittag speisen. Morgen kommt vielleicht die Seekrankheit, wir haben vier Tage nach Malta.‹ – Das Diner war vortrefflich, die Weine ausgezeichnet, und zuletzt thaten wir noch einen Abschiedstrunk aus dem Flaschenkeller Sir Robert's, um von hier morgen Abschied zu nehmen und frei der Heimat zuzusteuern. Dann gingen wir auf unsere Zimmer und ließen unser Gepäck abgehen. »Ich weiß nicht, mir war ganz sonderbar zu Muthe. Ich hatte doch nur sehr wenig Bordeaux und Champagner zu mir genommen, und doch stieg mir das Blut so in den Kopf, alles drehte sich mit mir dergestalt herum, daß ich mich oftmals an einem Tische oder an einem Stuhle halten mußte. Der Major, der eine ungleich stärkere Konstitution besitzt, sah furchtbar blaß aus und spürte eine sonderbare Bewegung in der Gegend des Magens. Wir sahen uns achselzuckend an; aber es war keine Zeit zu verlieren, um lange darüber zu sprechen, wir mußten an Bord. »Obgleich wir uns vorgenommen hatten, bis ans Meer zu Fuß zu gehen, sahen wir uns doch genöthigt, einen Wagen zu nehmen. Der alte General war schon voraus, und als wir an den Einschiffungsplatz kamen, kletterte er gerade die Fallraffstreppe hinauf und verschwand hinter der Brustwehr des hohen Schiffes. Wir stiegen ins Boot und fühlten uns im stärksten Stadium der Seekrankheit. Als ich die steile Treppe hinan stieg, lief mir ein kalter Schweiß über das Gesicht, mein Haar klebte mir auf die Stirn. Dem Major war es ebenfalls hundeübel; nur befand er sich immer einige Grade besser als ich. Unsere Bedienten, die uns droben erwarteten, erschracken über unseren Anblick; doch glaubten die guten Seelen, es sei der erste Anfall der Seekrankheit, und stauten uns so schnell wie möglich in tie für uns bereit stehende Kajüte hinab. Da warfen wir uns auf die beiden Betten – der Major lag oben, ich unten. So elend wir waren, so tauschten wir doch einige Bemerkungen über unseren Zustand aus, und das Resultat unserer Betrachtungen, das wir uns, aber von der Unmöglichkeit desselben überzeugt, lachend mittheilten, war – Sir Robert habe uns auf die liebenswürdigste Art von der Welt vergiftet, um uns so in den Himmel zu befördern, statt in die Arme seiner Töchter. »Mein Bedienter trat ein und meldete mit betrübtem Gesichte, der Kapitän verlange die beiden Herren zu sehen, die auf der Liste als Baron so und Major so verzeichnet waren. Ich ließ ihm zur Antwort geben, es sei uns unmöglich aufzustehen, wir hofften aber, morgen früh, von der Seefahrt erfrischt, ihm unsere Aufwartung machen zu können. »Gleich darauf kam der Kapitän selbst herunter, hinter ihm ein kurzer dicker Gentleman mit einer grauen Perrücke und blauer Brille – der Schiffsarzt. Der Kapitän hatte mehrere Papiere in der Hand, las darin und sagt: ›Herr Major von S.‹ »›Hier!‹ »›Herr Baron von A.‹ »›Hier!‹ »›Ich muß die beiden Herren dringend ersuchen, einen Augenblick aufzustehen und mir aufs Verdeck zu folgen.‹ »›Sie sehen aber wohl, Herr Kapitän, daß dies unmöglich ist,‹ antwortete der Major; ›denn wir haben uns niedergelegt, weil wir uns unwohl fühlten.‹ »›Gerade deßhalb muß ich um so mehr darauf bestehen, meine Herren,‹ versetzte der Kapitän. Und der Doktor hob die Stirn empor und drückte seine Brille fester an die Augen. »›Ah! mein Herr,‹ fuhr der Major heftiger fort, ›ich habe noch nie gehört, daß man Kranke nöthigt, aus ihren Betten aufzustehen! Gestattet Ihr Schiffs-Reglement, Passagiere so zu behandeln?‹ »›Passagiere nicht,‹ entgegnete ruhig der Seeoffizier. ›Aber das Schiff ist noch im Hafen, und die Herren werden mir keine Karten vorzeigen können.‹ »›Weil wir dieselben,‹ mischte ich mich mit sehr schwacher Stimme in das Gespräch, ›wie es immer der Fall ist, hier an Bord zu nehmen beabsichtigten.‹ »›Ich muß bitten!‹ sagte dringender der Kapitän. »›Was soll das alles heißen?‹ brauste der Major auf. »›Ereifern Sie sich nicht, meine Herren,‹ versetzte hierauf begütigend der Doktor. ›Der Herr Kapitän ist in seinem vollen Rechte. Das Schiffs-Reglement verbietet uns, Kranke an Bord des Schiffes zu nehmen. Sie werden sich freundlichst erinnern, setzte er stockend hinzu, daß im gegenwärtigen Augenblicke die Pest sehr stark in Alexandria grassirt.‹ »Das war allerdings wahr, und daran sollten wir uns freundlichst erinnern, verlangte das Ungethüm von einem Arzt. »›He!‹ rief der Major zu mir herab. »›Hoho!‹ antwortete ich ihm auf Deutsch, ›das sind verfluchte Geschichten!‹ »Dann wandte ich mich an den Kapitän und sagte ihm: ›Beruhigen Sie sich, mein Herr, wir müssen etwas Unverdauliches gespeist haben. Vor zwei Stunden waren wir frisch und gesund.‹ »Die Pest kommt sehr geschwind, mein lieber Herr,‹ bemerkte der verwünschte Doktor. ›Sie überfällt den gesundesten Menschen, vier Stunden nachher ist er todt.‹ – Damit nahm er eine Prise, klopfte ruhig auf den Deckel und bemerkte gegen den Seeoffizier: ›Ich will gerade nicht behaupten, daß sich die Herren in diesem Falle befinden, aber die Sache ist verdächtig.‹ »Ich habe die Seekrankheit!‹ schrie wüthend der Major, ›und will Ihnen das sogleich beweisen.‹ – Dabei langte er nach einem unaussprechlichen Geschirr. »Der Kapitän zuckte mit den Achseln und entgegnete: ›Die Seekrankheit bekommt Niemand bei spiegelglattem Meer und ohne die geringste Bewegung des Schiffes. – Meine Herren,‹ fügte er bittend hinzu, ›setzen Sie mich in keine unangenehme Lage. Ich bin überzeugt, die vollkommensten Gentlemen vor mir zu haben, der eine Herr ist sogar Offizier; lesen Sie mein Reglement, es befiehlt mit kurzen und klaren Worten, Jeden, der auf den orientalischen Stationen erkrankt das Schiff betritt, ohne Ansehen der Person zurück zu weisen. Wir haben hundert und zwanzig Passagiere an Bord, und ohne an die Gefahr Ihres Zustandes glauben zu wollen, kann ich mich doch der Gefahr nicht aussetzen, die Pest mit mir zu nehmen. Uebrigens steht es Ihnen frei, augenblicklich in Alexandria gegen mich Schritte zu thun. Ich werde doch um einer Laune willen nicht meine Stelle aufs Spiel sehen!‹ »Dagegen ließ sich nun freilich nichts erwidern, und, um mich kurz zu fassen, wir mußten das Schiff verlassen. Man hißte uns sammt unseren Sachen in ein Boot, das noch zufällig da lag, und während wir abstießen, brachten die Matrosen des Dampfbootes den Anker an Bord. Keine Spur irgendwo von dem alten General, von seinen Töchtern, und ich für meine Person war auch viel zu elend, um in dem Augenblicke weiter darüber nachzudenken. Der Major aber kochte vor Wuth. Jetzt probirte der Dampfer seine Räder im Wasser, drehte sich langsam herum und fuhr davon. Als ich ihm betrübt nachblickte, glaubte ich aus einem der Sternfenster etwas Weißes flattern zu sehen, vielleicht Theresens Schnupftuch oder vielleicht auch die weiße Nachtmütze des alten indischen Barbaren. »Wir fuhren nach Hause, legten uns zu Bette und ließen einen Arzt kommen. Dieser ließ uns sehr viel warmen Chamillenthee trinken, und als darauf etwas Natürliches eintrat, meinte er, wir hätten vielleicht etwas Unverdauliches gegessen oder unvorsichtiger Weise – ein Brechmittel verschluckt. »Wir Beiden, nämlich der Major und ich, sahen uns erstaunt an, und Jeder suchte in dem Auge des Anderen dessen Gedanken zu lesen. Wir waren darüber einig, daß uns Sir Robert einen schändlichen Streich gespielt. Was sollten wir machen? – darüber wüthen, toben? ihn bei dem Generalkonsul verklagen? – Wozu hätte das führen können? – Wir thaten das Gescheidteste, was wir thun konnten, wir dankten dem Doktor für seine Bemühungen und erklärten ihm, er habe vollkommen Recht, wir müßten aus lauter Unvorsichtigkeit ein Brechmittel verschluckt haben, und dann fingen wir trotz unseres Unglückes nach einigen Minuten an zu lachen, bis uns die Thränen in die Augen traten. So lange die Welt steht, hat ein Papa noch niemals so kräftig und zugleich erfolgreich gegen seine zukünftigen Schwiegersöhne operirt. Er hat uns am Lande zurückgehalten und wenigstens versucht, uns lächerlich zu machen. »Aber es ist schon spät,« unterbrach sich selbst der Baron, indem er seine Uhr herauszog. »Ich muß wahrhaftig noch irgendwo hin.« »Aber deine Geschichte ist noch nicht zu Ende?« fragte der Diplomat. »Du hast unsere Neugierde erregt, ohne sie zu befriedigen.« »Das ist wahr,« bemerkte der Graf. »Wenn du Geschäfte hast, will ich dich nicht abhalten, so leid es mir thut, deine Gesellschaft heute Abend zu verlieren. Aber deine Geschichte kann unmöglich schon beendigt sein. Wir wollen erfahren, wie ihr von Alexandria weggekommen.« »Nicht mehr als billig,« entgegnete der Major, indem er aufstand; »ich stehe morgen nach dem Diner zu Befehl.« »Ich werde auch kommen,« sagte der Gesandtschafts-Secretär. »Denn wenn man einen kranken Freund hat, so ist es eine herrliche Gelegenheit, von irgend einer langweiligen Soirée wegzubleiben. – Und der Major wird ebenfalls erscheinen?« »Natürlich,« erwiderte dieser, indem er sich in seinen Fauteuil zurücklehnte, während die anderen Beiden ihre Hüte nahmen. »Wenn es dir übrigens recht ist,« wandte er sich an den Hausherrn, »so beendige ich erst meine Cigarre vor deinem angenehm wärmenden Kamine. Meine Frau erwartet mich nicht so früh –« dabei warf er einen forschenden Blick auf den Grafen, der ihm mit einem freundlichen, ja, herzlichen Miene dankte und darauf die Klingel zog, worauf ein Diener erschien, der den beiden anderen Herren die Thüre zum Vorzimmer öffnete, wo sie ihre Paletots fanden. »Also bis morgen!« rief der Baron. »So gegen sieben Uhr werde ich erscheinen. – Gute Nacht!« »Adieu, Baron!« sagten die beiden Herren, die zurück blieben. Und damit wurde die Thüre des Vorzimmers wieder zugemacht. Drittes Kapitel. Worin wir Näheres über ein Duell erfahren, auch, daß der Kriegsminister ein Ziehen in der linken Seite fühlt und die Gräfin ein Geheimniß verbirgt. Der Major saß in seinem Fauteuil, und der Graf spazierte einige Augenblicke in dem Salon auf und ab. Als er wieder an den Kamin trat, hob der Erstere den Kopf empor und sagte: »Es ist dir recht, daß ich dageblieben bin?« »Vollkommen, lieber Freund!« antwortete der Hausherr mit einem einigermaßen trüben Lächeln. »Wir verstehen einander. Ich bin in der That froh, daß du dageblieben; obgleich ich vor den Anderen eigentlich keine Geheimnisse habe, so kann ich mich doch nur dir gegenüber recht frei und offen aussprechen.« »Dir fehlt etwas!« bemerkte der Major in einem Tone, der deutlich aussprach, er irre sich nicht. »Ja,« antwortete der Graf. »Du bist nicht glücklich?« »Das will ich eigentlich nicht behaupten. Nur fürchte ich, unglücklich zu werden.« »Ah, mein lieber Freund, du hast nur Befürchtungen? Die zu haben, ist eine schlimme Krankheit. Laß dich einmal von ihr ergreifen, und du hast bei den angenehmsten, besten Verhältnissen keine ruhige Stunde mehr. – Befürchtungen? – Ja, was kann der Mensch nicht alles befürchten! Du stehst am Morgen gesund und munter auf, bist aber unglücklich, weil du befürchtest, im Laufe des Tages krank zu werden. Du besteigst ein junges, muthiges Pferd; aber deine Lust an dem Thiere ist plötzlich vorbei, denn du befürchtest allerlei Unfälle, die dir begegnen können. Das sind die gewöhnlichen und traurigen Arten von Befürchtungen der Menschen, ohne daß man sie Furcht nennen könnte; denn die muthigsten Männer haben dergleichen Zufälle. Woher kommen sie? Von mehr oder minder angegriffenen Nerven, von einer schlaflosen Nacht oder dergleichen. – Nur keine Befürchtungen ohne haltbare Gründe dazu!« »Ich habe dich ruhig ausreden lassen,« entgegnete der Graf, »ohne daß du mir den gleichen Dienst vorhin erzeigtest. Wenn ich sagte, ich fürchte, unglücklich zu werden, so wollte ich hinzufügen: und ich habe hiefür meine Gründe.« »Ah, das ist etwas Anderes! – Verzeihe mir, ich will dich ruhig anhören.« »Du siehst, ich trage meinen Arm in der Schlinge,« fuhr der Graf fort. »Ich hatte ein kleines Rencontre. Ich sah mich veranlaßt, mit einem jungen Manne, den ich wenig kenne, ein Paar Kugeln zu wechseln. Es war eine unbedeutende Geschichte, und ich sehe es wohl ein, daß ich vielleicht Unrecht hatte.« »Etwas zu befürchten,« warf der Major ein. »Ah, davon war keine Rede!« entgegnete der Graf und hob sich stolz empor. »Wenigstens nicht in deinem Sinne. Die Sache war einfach die: Ich erschien mit meiner Frau in einer Soirée bei ***. Meine Frau betrat zuerst den Salon, ich folgte ihr. Zwei Reihen junger Herren, wie das leider der Brauch ist, ließen uns durchpassiren, und ich ärgerte mich schon darüber, daß sie meine Frau so rücksichtslos begafften.« »Du hattest Unrecht. Wir haben es in unserer Zeit gerade so gemacht.« »Einige hatten sogar ihre Augengläser eingeklemmt, was ich zu meiner Zeit niemals gethan. – Nun gut! Meine Frau schreitet voran, ich folge ihr; ich muß gestehen, die jungen Leute verneigten sich ehrfurchtsvoll; dabei bemerkte ich aber auf einmal, daß Einer meiner Frau auf eine ungemein verbindliche Art zuzulächeln schien.« »Du hattest dich geirrt!« »Es ist möglich. Aber damals fuhr es mir wie ein Stich durch das Herz; ich blickte den jungen Mann fest an, ich haßte den fast mir Unbekannten aus tiefster Seele. Vielleicht war ich aufgeregt. Wir traten ein; später wurde getanzt; jener junge Mann von guter Familie ließ sich meiner Frau vorstellen und tanzte mit ihr eine Française. Später bittet er noch um einen Walzer, was ich meiner Frau verbiete.« »Daran thatest du sehr unrecht. Du verbietest deiner Frau etwas, was du nicht verbieten darfst, und durch dieses Verbot stellst du ihr einen bis dahin gänzlich unbedeutenden Menschen als etwas Wichtiges vor Augen. O, ich hätte dich für klüger gehalten!« »Heute bin ich ganz deiner Ansicht. Aber, wie gesagt, an jenem Abende war ich aufgeregt, ich ärgerte mich. Jener Herr trat freilich augenblicklich zurück, aber – nun, er suchte mich später auf, um mich zur Rede zu stellen.« »Das finde ich begreiflich.« »Ich ebenfalls, hatte mir auch fest vorgenommen, es mir ein paar freundliche Worte kosten zu lassen; denn ich sah ein, daß ich im Unrecht war. Aber du weißt, wie es bei solchen Gelegenheiten geht.« »Namentlich bei heftigen, reizbaren Menschen, wie du einer bist,« sagte ernst der Major. »Ein Wort, ein Blick,« fuhr der Graf fort, »vielleicht an sich unbedeutend, fällt wie der Funke ins Pulver. Es flammt auf, und ehe man sichs versieht, hat man so ein kleines Duell auf dem Halse.« »Bester Ferdinand, du mußt deine Heftigkeit mäßigen, sonst fange ich in der That an zu befürchten, daß du in deiner Ehe noch unglücklich wirst. Ich kenne deine Frau, als ob sie meine Schwester wäre. Du hast eine unendlich glückliche Wahl getroffen. Bei ihr ist Alles in der schönsten und glücklichsten Harmonie, ihr Aeußeres sowie ihr Inneres, Kopf, Herz, Gedanken und Seele – ein zusammen klingendes Ganzes. Nimm dich in Acht, mit einem rauhen, ja, nur mit einem harten Worte einen Mißton hinein zu bringen. – Lieber Freund,« fuhr er heiterer fort, als er bemerkte, wie der Graf finster in die glühenden Kohlen schaute, »man sollte dich eine Zeit lang mit Sir Robert einschließen; ich glaube, das könnte euch beide bessern.– Aber weiter!« »Ich erhielt einen leichten Streifschuß in den Arm,« antwortete der Graf. »Natürlicher Weise sah ich bei kaltem Blute mein Unrecht ein und hätte um Alles in der Welt jenem jungen Menschen kein Leides thun mögen, sonst...« »Ach, ich weiß, du fehlst nie ein Aß!« »Das wußte mein Gegner auch, weßhalb er mich zu treffen versuchte, und als dies mißlang und ich mein Pistol senkte, sagte er leise zu seinem Secundanten: ›Jetzt ist Alles vorbei!‹ – Wie gesagt, ich schonte ihn, und das mochte ihn am Ende noch verstimmen, denn wir trennten uns kalt und förmlich.« Hier machte der Graf eine Pause und schritt einmal in dem Zimmer auf und ab. Als er darauf wieder zum Kamin trat, sagte er: »Du hast Recht, Major, du kennst meine Frau. Du hast sie vorhin sehr wahr geschildert; und diese glückliche Ruhe ihrer Seele, diese wohlthuende Harmonie, dieses klare, beständig ungetrübte Auge, ihre kindliche Heiterkeit bei so hohem Verstande war mein Stolz, mein Glück.« »Es war dein Glück?« fragte aufmerksam der Major, indem er seinen Freund ernst anblickte. »Ich bin jetzt fünf Monate verheirathet,« versetzte der Graf, ohne eine directe Antwort zu geben. »Vor vier Wochen war jene unangenehme, jene lächerliche Duellgeschichte. Wenige Tage darauf fand ich meine Frau merklich verändert.« »Hat sie jene Geschichte erfahren?« fragte besorgt der Major. »Ich glaube nicht; denn mein Gegner, sowie unsere Secundanten gaben sich das feierliche Ehrenwort, nie darüber zu sprechen.« »Auf welche Art veränderte sich deine Frau?« Der Graf zuckte die Achseln. »Kann ich das so genau sagen?« entgegnete er. »Man ist nicht jeden Tag gleich gestimmt, man ist arglos, man beobachtet nicht immer. Aber eines Tages bemerkte ich, daß Marie nicht so heiter sei wie gewöhnlich. Ihr Lächeln schien mir etwas Gezwungenes zu haben; sie starrte oft träumend vor sich hin, ja, sie blieb mir hier und da eine Antwort schuldig; dann fuhr sie plötzlich empor, und wenn sie mich anschaute mit ihren großen dunkeln Augen, so bemerkte ich einen seltsamen Schimmer darin, eigentlich keine Thränen, aber etwas Nebelhaftes, etwas, das den früheren Glanz ihres Blickes löschte. Auch war sie gern allein; sie vermied sogar zuweilen meine Gesellschaft, und wenn ich zuweilen besorgt ihre Hand faßte und sie herzlich fragte, ob ihr etwas fehle, so zuckten ihre Lippen und eine tiefe Blässe flog über ihre Züge.« »Und dergleichen kam häufig vor?« »Zuerst seltener, dann häufiger,« erwiderte der Graf mit einem tiefen Seufzer. »Marie ist nicht mehr, wie sie war; es ist eine Umwandlung mit ihr vorgegangen, die sie mir zu verbergen strebt, die ich aber, trotz ihrer oft erkünstelten Heiterkeit, entdeckte. O, mein Freund, das Auge der Liebe sieht scharf! Und du weißt, wie ich meine Frau liebe! Du weißt, daß sie mir Alles ist – mein Denken, mein Fühlen! Ich bete sie an!« »Also eine Wirkung hätten wir entdeckt,« entgegnete nachdenkend der Major, »aber keine Ursache.« »Keine, die ich zu denken wage!« entgegnete heftig der Graf. »Diese Umwandlung meiner Frau kam so leise und allmälig, daß ich mich oft frage: Irrst du dich nicht? Ist Marie vielleicht immer so gewesen, und du hast es nicht bemerkt? Der Gedanke kann mich so beherrschen, daß ich zuweilen meine Augen schließe und mir mit Gewalt ihr Bild zurückrufe, wie ich es immer vor mir gesehen, jung, heiter, blühend und glücklich. Wenn nun dieses Bild in seinen glänzenden Farben so recht fest vor mir steht und ich dann meine Augen öffne und mein geliebtes Weib anschaue, wie sie vor mir ruht in ihrem kleinen dunkeln Sammt-Fauteuil, die weißen Hände auf beide Lehnen gestützt, tief in den Sitz geschmiegt, als wolle sie sich vor der ganzen Welt verbergen, das sonst so glänzende Auge mit dem umflorten Blick weit hinausstarrend und unter dem immer noch rosigen Teint eine krankhafte Blässe hervorlauschend – ah, dann fahre ich erschreckt empor und sehe, daß ich mich nicht getäuscht, daß Marie leidet!« »Deine Frau ist siebzehn Jahre alt?« fragte der Major. »Sie war siebenzehn an ihrem Hochzeitstage,« antwortete Graf Ferdinand. »Und du hast sie nie befragt, ob ihr etwas fehle, ob sie Kummer habe?« »O, wie oft! Sie schüttelt den Kopf und sagt Nein. Ich habe sie angefleht, mir zu sagen, warum sie nicht mehr so heiter und glücklich sei, wie noch vor kurzer Zeit, und sie antwortete mir scheinbar erstaunt, sie habe sich durchaus nicht verändert. Aber ihr bleiches Gesicht in solchen Augenblicken widerspricht ihrer Rede. Ich habe sie gebeten mit den herzlichsten Worten, die ein Liebender vor der Geliebten aussprechen kann. Ich habe ihr gesagt: Marie, verschweige mir nichts! Fehlt dir etwas? Hast du Kummer? obgleich ich mir nicht denken kann, wie das möglich ist. Vertraue deinem besten Freunde! – Umsonst! sie lächelte oft unter wirklichen Thränen und sagte: Du irrst dich, Ferdinand, mir fehlt nichts, ich bin ganz glücklich.« »Ganz glücklich, sagte sie?« »Ja, oder ganz zufrieden. Doch endlich fing ich an, mich über diese Antworten ein wenig zu ärgern.« »Du wurdest heftig?« »Wenigstens dringender in meinen Fragen. Ich wollte ihre Antworten nicht gelten lassen. Ich versicherte ihr, sie habe Unrecht, mir nicht zu vertrauen.« »Und darauf?« »Ah, darauf!« rief der Graf heftig aus und schritt abermals durch das Zimmer; »darauf zog sie sich vor mir zurück, verließ oft halbe Tage ihr Zimmer nicht, und wenn sie endlich zum Vorschein kam, so war es oft nur, um ihren Wagen zu verlangen und zu ihrer Mutter zu fahren.« »Zu ihrer Mutter zu fahren!« wiederholte ernst der Major. Bei den Worten blieb der Graf auf seinem Spaziergange plötzlich vor dem Freunde stehen, sah ihn fest an, preßte seine Hand krampfhaft in die Lehne des Fauteuils und sagte mit tiefer Stimme: »Warum wiederholtest du meine Worte, Major?« »Ich dachte darüber nach,« entgegnete dieser erstaunt. »Ich wiederholte sie eigentlich ohne alle Ursache, ohne allen Grund. – Doch deine Frage, mein lieber Ferdinand?« »Hat ihren guten Grund,« erwiderte der Graf rasch und heftig. Der Major starrte fragend in die Höhe und richtete sich halb empor. »Wenn sie sagte, sie fahre zu ihrer Mutter,« antwortete der Graf mit zitternder Stimme, »so fuhr sie auch zuweilen nicht dahin.« »Ah, Ferdinand!« »Wie ich dir sage! Du kannst dir denken, daß ich nicht den Spion meiner Frau mache, – nein, was ich weiß, erfuhr ich zufällig. Ihr kleiner Wagen wurde vorgestern Abends zu der Zeit, wo sie mir gesagt, sie fahre zu ihrer Mutter, in der Schloßstraße gesehen.« »In der Schloßstraße?« »Du weißt dagegen, ihre Mutter wohnt beim herzoglichen Palais.« »In der Schloßstraße!« wiederholte nachdenkend der Major. »Dort hielt er vor dem Hause Nro. 120.« »Nr. 120. – Wer wohnt da?« »Ich erfuhr das erst durch den Adreß-Kalender; denn mit Schrecken erinnerte ich mich, daß dort Niemand aus der Gesellschaft wohnt. Es ist ein großes Haus, die Bel-Etage besitzt der Doctor G., der Leibarzt des Königs.« »Und dein Hausarzt!« rief lachend der Major. »Nun, was ist da weiter zu fragen?« »Noch sehr viel!« entgegnete finster der Graf. »Der alte Medicinalrath ist freilich mein Hausarzt. Doch erinnere dich, daß er mich jede Woche ein paar Mal besucht und daß Marie vollkommen gesund ist. Auch nimmt der Doctor, wie bekannt, Abends nie Besuche an. Da macht er zur bestimmten Stunde sein Spiel auf dem Casino und ist nur dort zu finden. – Also weiter!« »Meinetwegen weiter! Was sagt der Adreß-Kalender?« Der Graf stützte den Kopf in die Hand, verbarg einen Augenblick sein Gesicht und sagte dann mit so leiser Stimme, als wenn er zu sich selbst spräche: »In demselben Hause, Schloßstraße Nr. 120, wohnt jener junge Mann, mit dem ich das Duell gehabt.« »Ah, Ferdinand!« rief der Major aufspringend. »Du bist in der That unartig!« »Habe ich etwas gesagt ...?« fragte erschrocken der Graf. »Nein, du hast nur laut gedacht. Aber es war ein schrecklicher Gedanke! Was kommt dich um Gotteswillen an? Ich beschwöre dich bei unserer Freundschaft, glaube mir, du bist auf dem besten Wege, dich und deine arme Frau unglücklich zu machen. Ein solcher Gedanke ist wie ein böser Geist, der aufs gehorsamste erscheint, den aber keine Macht der Erde wieder zu bannen im Stande ist. Wirf ihn weg! wirf ihn weg! Schau in das klare, unschuldige Auge deiner Frau, küsse ihre beiden Hände und bitte sie in deinem Innern tausend Mal um Verzeihung.« »Ich hatte Unrecht,« antwortete der Graf nach einem längeren Stillschweigen. »Aber was ich gesagt, ich dachte es wahrhaftig nicht. Gott soll mich in Gnaden bewahren! Du hast Recht: es war ein böser Geist, der über mich kam. Aber ich habe ihm mein Herz nicht geöffnet, gewiß nicht. Marie hat es gethan – wenn ich auch in Gottes Namen nichts Böses glauben will, so ist doch Eines wahr – sie hat ein Geheimnis vor mir.« Hier entstand eine längere Pause, während welcher jetzt der Major seinerseits kopfschüttelnd auf und ab ging und der Graf finster sinnend an dem Kamin stehen blieb. Endlich trat der Major wieder zu Ferdinand, legte beide Hände auf seine Schultern und sagte mit tiefer Stimme: »Lieber Freund, du warst gezwungen, dich vier Wochen lang in diesen Zimmern einzuschließen. Du bist an Bewegung, an frische Luft gewohnt, und diese stille Lebensart, die du jetzt geführt hast, ist wahrhaftig an deinen Grillen schuld; du siehst Gespenster, die aber verschwinden werden, sobald du es nur ernstlich willst. Auf, wirf sie weg, die finsteren Gedanken! Sprich mit deiner Frau ehrlich und aufrichtig, aber um Gottes willen ohne alle Leidenschaft! Sie soll dir mittheilen, was ihr Herz drückt! bitte sie darum. Und wenn sie es auf das erste Mal nicht thut, so versuch's zum zweiten und zum dritten Male. O, diese jungen guten Herzen sind leicht verstimmt! Ein rauhes Wort schüchtert sie ein, ja, sogar oftmals eine Frage, die man geradezu thut. Erlausche deinen Vortheil; ich bin überzeugt, du wirst mir in wenigen Tagen sagen, das Ganze sei eine unbedeutende Kleinigkeit gewesen.« »Also das nimmst du doch auch an, daß Marie etwas vor mir verbirgt?« fragte traurig Graf Ferdinand. »Du lieber Gott!« sagte der Major, »das ist wohl möglich; du wirst doch deiner Frau am Ende nicht übel nehmen, wenn sie einmal ein kleines Geheimniß vor dir hat? Das kommt bei uns auch vor.« »Aber wegen eines kleinen Geheimnisses, wie du es nennst, ändert man nicht sein ganzes Betragen. Man sieht deßhalb nicht krankhaft aus, man zieht sich nicht von seinem Manne zurück. O, unsere Angelegenheit hat einen tieferen Grund.« Der Major zuckte mit den Achseln und entgegnete: »Lassen wir die Sache heute Abends ruhen. Du bist aufgeregt, gereizt, du siehst unklar. Ich will mir das Alles überlegen; ich will das Für und Wider bedenken. Darf ich mit meiner Frau darüber sprechen?« »Warum nicht! Ich kenne sie als im höchsten Grade discret.« »Frauen haben einen besonderen Blick. Aber laß die Sache ganz gehen; verdoppele deine Aufmerksamkeit womöglich gegen Marie, aber dringe nicht weiter in sie. Du hast sie gefragt, ob ihr etwas fehle, sie hat dies verneint – gut! Es wird also eine Grille sein; sie wird von selbst wieder kommen. – Doch jetzt muß ich nach Hause, es ist spät geworden; morgen nach dem Diner komme ich wieder. Der Baron soll uns seine Geschichte zu Ende erzählen; wir müssen dich vor allen Dingen aufheitern, wir müssen die Gespenster zu verjagen suchen, von denen ich vorhin sprach. – Gute Nacht, lieber Freund!« »Gute Nacht, Major! – Bis morgen also!« Der Graf blieb allein; er rückte einen Fauteuil vor den Kamin, ließ sich auf denselben nieder und stieß mit der Feuerzange die glühenden Kohlenstücke durcheinander. In tiefe Gedanken versunken, blickte er den auffliegenden Funken zu, und seine Phantasie verwandelte die aufzüngelnden Flammen in allerlei seltsame Gestalten. Endlich fuhr er mit einem Seufzer empor, strich sich die dichten Haare von der Stirn und sagte: »Wie lag mein Leben vor mir, so schön, so rosig beglänzt! – Es sind jetzt vier Monate, wo ich mit ihr in diesem Zimmer war, wo draußen Alles blühte und grünte, wo wir von dem kommenden Winter sprachen und uns wie Kinder darauf freuten, hier zusammen vor der lodernden Flamme zu sitzen – wir Beiden zusammen. Und jetzt bin ich hier allein, ah, so ganz allein! – – Ich will dem Major recht geben, es soll vielleicht nur eine Grille sein, – eine Grille in der ersten so glücklichen Zeit des Ehestandes! – – Ein schöner Anfang! Und wenn es selbst eine bloße Laune ist, so verspricht sie mir ein schönes Leben für die Zukunft! Und es ist mehr als eine Laune, ich fühle es, Marie hat ein Geheimniß vor mir!« Ein Wagen rollte in den Hof. Der Graf lauschte und stand hastig auf. Er zog an der Klingel; der Bediente erschien und meldete: »Die Frau Gräfin sind so eben nach Hause zurückgekehrt.« Einen Augenblick war der Graf im Begriffe, sich an die Treppe zu begeben, wie er es sonst wohl gethan. Doch blieb er plötzlich stehen und sprach zu sich selber: »Ah, sie wird vielleicht hieher kommen!« Aber die Gräfin kam nicht – statt ihrer erschien nach einer Viertelstunde die Kammerfrau und sagte, die Frau Gräfin sei ermüdet und habe sich in ihr Schlafzimmer zurückgezogen. Graf Ferdinand nickte statt aller Antwort mit dem Kopfe, biß heftig die Zähne über einander und warf sich abermals in den Fauteuil, wo er bis tief in die Nacht sitzen blieb. – Der Major war eifrig mit sich selbst redend nach Hause gegangen. Was er vorhin gehört, hatte ihn tief bewegt, weit mehr, als er es seinen Freund merken ließ. Er kannte die beiden jungen Leute so genau, er liebte sie wie ein älterer Bruder. Wie lebhaft erinnerte er sich noch der Zeit, wo er der kleinen Gräfin Marie verschiedene Bombons zugesteckt, die er von der königlichen Tafel für sie mitgenommen – wie freudig klatschte das kleine Mädchen in die Hände, wenn er ihr erzählte, dies und das von den glänzenden Papieren sei von dem Teller Sr. Majestät! Auch den Grafen hatte er heranwachsen sehen: derselbe kam als blutjunger Offizier zu der Schwadron des Majors, und dieser fühlte sich mächtig hingezogen zu dem warmen und edeln Herzen voll Uebermuth und Jugendfeuer. Aber er hatte schon damals seine Fehler: er war heftig und gleich gereizt, und das hatte ihm von dem Vorgesetzten manchen Verweis, manche väterliche Ermahnung zugezogen. Während der Major seine weiten Reisen machte, hatte er nie an die Heimat gedacht, ohne sich der beiden jungen Leute lebhaft zu erinnern. Ja, als er fast im Vaterlande zum ersten Male wieder einen Bekannten sah, der die Verhältnisse der Residenz genau kannte, war seine erste Frage: »Was macht meine kleine Gräfin Marie?« – »Sie ist verheirathet.« – »Ei der Tausend, das Kind!« – »Und Graf Ferdinand?« – »Natürlicher Weise ebenfalls verheirathet, denn die Gräfin von E. ist seine kleine Frau.« – Darauf hatte sich der Major vergnügt die Hände gerieben; denn wenn er der Vater von Beiden gewesen wäre, er hätte für sie keine bessere Partie arrangiren können. – Und wie glücklich war das junge Paar, als er sie nun zum ersten Male wieder sah – zwei heitere, lebensfrohe Kinder! Die kleine Gräfin hatte bittend die Hand zu ihm emporgestreckt und abermals um Bonbons gebeten. Und wie freudig überrascht war sie, als er ihr ein kleines Paket übergab mit einem kostbaren indischen Shawl! Sogleich hatte sie ihn anprobirt, hatte sich vor den Spiegel gestellt und sich so herzlich, so kindlich, so aufrichtig gefreut! »Ah,« sagte der Major, indem er an alles das dachte, »dummes Zeug! Was kann dieses Kind, diese Frau von vier Monaten für ein Geheimnis; vor ihrem Manne haben? – Aber ihn kenne ich. So gut und edel sein Herz ist, so aufbrausend und heftig kann er sein. Schon diese lächerliche Duellgeschichte! Und wer weiß wie er sonst schon das arme Kind gekränkt hat! Der Teufel auch! ich will ihm den Kopf schon zurecht setzen!« Kurz nach jenem ersten Wiedersehen hatte der Major die Stadt abermals verlassen und war erst vor einigen Tagen zurückgekehrt, ohne daß es ihm bis jetzt möglich gewesen wäre, der Gräfin einen Besuch zu machen. Er hatte sich gefreut, sie heute Abend begrüßen zu können. Am anderen Morgen rief den Major sein Dienst in das Vorzimmer des Königs. Er dachte wieder an die Geschichte von gestern Abend und spazierte in dem weiten Gemache auf und ab. Er ließ alles, was er gehört, noch einmal an seinem Geiste vorüber gehen – die Duell-Geschichte, Schloßstraße Nr. 120, wo jener junge Mann, aber auch der königliche Leibarzt wohnte. »Ich glaube, mir ist Alles begreiflich,« dachte er. »Wer weiß, ob man nicht vor der Gräfin allerlei über jenes Duell munkelt! Man kennt ja den liebenswürdigen Erfindungsgeist der jungen Leute hiesiger Stadt. Da hat man achselzuckend von jener Begegnung gesprochen, hat die Ursache dazu vielleicht zurück verlegt in die Zeit, wo der Graf noch ledig war, irgend eine pikante Geschichte daraus gemacht, eine frühere Verbindung zu Grunde genommen, und damit die junge Frau aufs Tiefste verletzt. Ferdinand hatte, wie er selbst gestanden, das Duell verheimlicht, hatte angegeben, er sei mit dem Pferde gestürzt, und die kleine Frau – oh, entschlossen war sie immer! – macht einen Besuch bei ihrem Hausarzte, um die Wahrheit zu erfahren. So ist es gegangen,« sprach der Major zu sich selber, »es kann nicht anders sein. Jene Zuflüsterungen haben sie verstimmt, daher kleine Scenen; sie hat Näheres erfahren über die Verwundung ihres Mannes, daher ihr Besuch bei dem Leibarzte.« In diesem Augenblicke öffnete ein Kammerdiener leise die Flügelthüren, die aus dem Gang in das Vorzimmer führten. Der Major wandte sich um und erkannte den alten Medicinalrath, der gekommen war, um seinen täglichen Besuch bei der Majestät zu machen. »Er kommt mir wie gerufen,« dachte der Offizier und schritt dem Leibarzt lächelnd entgegen. Der Doctor war ein kleiner, alter Herr mit weißen Haaren, durchdringenden Augen und sehr lebhaften Bewegungen. Schon im Hereintreten rieb er sich die Hände, sagte: »Puh! puh! wie kalt!« und ging auf den Thermometer zu, der an der Wand hing. »Zwölf Grad!« rief er dann aus. »Man sieht wohl, daß Sie den Dienst haben, Major – großer Reisender, abgehärtet unter allen Zonen. – Wie geht's? Wie geht's?« fuhr er freundlich fort, indem er ihm die Hand reichte. »Aber was frage ich da? – Die festeste Gesundheit, das blühendste Leben.« »Unberufen,« sagte lachend der Major. »Natürlich unberufen,« entgegnete der Leibarzt. »Wenn ein Doctor über eine gute Gesundheit spricht, so versteht sich das von selbst. Aber ich freue mich wirklich, bester Major, wenn ich Sie ohne alle Fehler und Mängel so vor mir sehe.« »Fehler und Mängel vom medicinischen Standpunkte,« erwiderte rasch der Major. »Sonst habe ich auch die meinigen. Aber Gott sei gedankt, ich fühle mich ziemlich gesund und habe deßhalb nur Einen Kummer, weil mir dieß nämlich das Glück versagt, Sie zuweilen bei mir zu sehen.« »O, unbesorgt!« lachte der Leibarzt. »Ew. Gestrengen haben sich in den Stand der heiligen Ehe begeben, und da werden in Ihrem Hause auch nächstens die Flickereien anfangen. – Aber ich plaudere hier und habe so viel zu thun. Kann ich zu dem Herrn hinein?« »Sie müssen mir schon einen Augenblick Gesellschaft leisten, bester Medicinalrath. Der Kriegsminister ist Ihnen heute zuvorgekommen.« »Puh!« machte der Doctor. »Kann das lange dauern?« »Ich glaube kaum, denn es sind keine Paraden in Aussicht, und wir leben ja in Frieden mit der ganzen Welt.« »Aber die Uniformen, bester Freund!« sagte wichtig der Leibarzt und faßte einen Knopf des Offiziers, den er sanft hin und her drehte. »Wenn da drinnen irgend eine neue Litze vorgeschlagen wird oder die Aenderung der Kopfbedeckung, so bin ich ein verlorener Mann; dann sterben mir zwanzig Kranke, ehe ich wieder aus dem Schlosse komme.« »Seien sie unbesorgt, es geht heute nichts dergleichen vor.« »Aber dem Kriegsminister fehlt immer etwas. Und wenn er mich hier erwischt, so muß ich ihm eine Audienz geben. – Sie sind erst vor ein paar Tagen zurückgekehrt? Haben Sie Ihre Bekannten wohl angetroffen?« »O ja,« antwortete der Major, wohl und glücklich; das heißt alle diejenigen, die sich nicht gerade unter Ihren Händen befinden.« »Ich danke Ihnen,« sagte der Leibarzt. »Doch habe ich keinen Ihrer Freunde in der Arbeit.« »Nur den Grafen B.,« entgegnete der Major. »Ah so, eine Kleinigkeit,« antwortete der Leibarzt. »Ein Schrammschuß!« »Doctor! Doctor!« rief der Major. »Seien Sie nicht indiscret! Man spricht im Vorzimmer des Königs nicht von einem Schrammschusse, den Jemand im Duell erhalten. – Also sehr unbedeutend?« »Vollkommen; er kann in den nächsten Tagen wieder ausgehen.« »Ich habe mich recht sehr gefreut, diesen lieben Freund wieder zu sehen,« sprach der Major, indem er leicht Säbelkuppel und Schärpe herabzog. »Das ist ein glückliches Paar!« »Sehr glücklich!« sagte der Leibarzt. »Ist die junge Gräfin wohl? Ich habe sie noch nicht wieder gesehen, hätte aber in der Begierde, sie einen Augenblick zu sprechen, neulich fast eine Indiskretion begangen.« »Wie so das?« fragte der Doctor. »Ich sah die junge Gräfin vor ein paar Abenden bei Ihnen vorfahren,« antwortete der Major im ruhigsten Tone von der Welt und mit dem unbefangensten Blick auf das Gesicht des Arztes, obgleich dieser Blick aufs ängstlichste jede Zuckung im Auge des Anderen zu erfassen trachtete. Die Züge des Medicinalrathes blieben aber vollkommen ruhig und unbewegt, als er verwundert fragte: »Bei mir?« »Bei Ihnen,« entgegnete der Major. »Lassen Sie sehen, es mögen drei bis vier Tage sein. Die Gräfin stieg aus und ging in Ihre Wohnung. Wahrhaftig, ich hätte mich fast in dem Vorzimmer aufgestellt, so begierig war ich, die verehrte junge Dame einen Augenblick zu sehen.« »Da haben Sie sich geirrt,« erwiderte völlig ruhig und unbefangen der Doctor. »Ich habe weder vor einigen Tagen noch überhaupt je das Glück gehabt, die Gräfin B. bei mir zu sehen. Wozu das auch, da ich seit der Verwundung ihres Mannes fast täglich ins Haus komme?« »Dann habe ich mich wohl geirrt,« sagte der Major und that sich allen Zwang an, um seine Stimme ihren gewöhnlichen Ton behalten zu lassen. »Das haben Sie in der That, Theuerster!« lachte der Doctor. »Und an einem Abend wäre das gewesen, sagen Sie? Die ganze Welt weiß, daß ich Abends nie zu Hause bin.« Der Major dankte Gott im Stillen, daß der Kammerdiener vom Dienst in diesem Augenblicke die Thüre zum Nebenzimmer öffnete. Der Doctor wandte sich lebhaft dahin, um am Kriegsminister vorbei zu schlüpfen, der eben heraustrat. »Ah,« sprach Seine Excellenz, »mein lieber Doctor, Sie kommen mir sehr erwünscht. Ich fühle noch immer jenes unangenehme Ziehen in der ganzen linken Seite. Sie sagen, es sei kein Rheumatismus. Was kann es sonst sein?« Der Doctor warf dem Major einen verschmitzten Blick zu, als wollte er sagen: »Habe ich nicht Recht gehabt?« Dann biß er sich auf die Lippen, umfaßte den Säbel des Kriegsministers, den er langsam in der Hand wog. »Und Euer Excellenz fühlen dieses Ziehen am stärksten, wenn Sie angezogen sind?« »Natürlicher Weise. Im Schlafrock ist mir besser.« »Der Säbel ist offenbar zu schwer,« versetzte der Leibarzt mit wichtiger Stimme. »Wir sollten den Versuch machen, ob das Ziehen nicht daher kommt. Könnten Euer Excellenz nicht einmal eine Zeitlang den Säbel an der rechten Seite tragen?« »Unsinn, lieber Doctor!« antwortete der Kriegsminister. »Hat man je gehört, daß Jemand den Säbel rechts trägt? Auch ist der Schmerz weiter oben. Hier, wenn ich dahin drücke.« »So kann ich Euer Excellenz nur den Rath geben,« sprach achselzuckend der Arzt, »einmal eine Zeitlang durchaus nicht dahin zu drücken, und Sie werden Ihr Uebel vergessen.« Damit eilte er davon; denn der Kammerdiener war mit leisen Schritten näher getreten und hatte flüsternd gesagt: »Seine Majestät der König!« »Es ist ein eigener Mann, unser Leibarzt,« bemerkte Seine Excellenz dem Major, indem sie abging. »Sehr geschickt, hat aber einen großen Fehler; er hätte ein paar Jahre bei uns dienen müssen – ihm fehlt die Subordination!« Die Antwort des Leibarztes hatte in die Vermuthungen des Majors einen starken Riß gemacht. Er schüttelte den Kopf, schritt lange hin und her und war im ersten Augenblicke – er konnte sich das nicht verhehlen – einigermaßen betroffen. Doch bald faßte er sich wieder, ließ noch einmal in seinem Gedächtnisse alles Erzählte vorübergehen und sagte zuletzt ziemlich beruhigt: »Ja, ja, so wird es sein. Wer weiß, wer es ihm gesagt, daß man seinen Wagen an jenem Abend in der Schloßstraße gesehen! Wer weiß, ob Jener überhaupt im Dunkeln die Equipage des Grafen so genau kennt! Da muß der Irrthum stecken.« Der Dienst des Majors ging nach der königlichen Mittagstafel zu Ende. Darauf fuhr er nach Hause, zog sich um und begab sich zu seinem Freunde. Als er in den kleinen Salon trat, fand er Alle von gestern schon versammelt. Der Baron hatte es sich vor dem hell lodernden Kamine bequem gemacht und schien schon irgend eine lustige Geschichte erzählt zu haben; denn der Diplomat lachte aus Leibeskräften, und selbst über das Gesicht des Grafen Ferdinand flog ein heiteres Licht. Doch wurde er wieder ernst, als er dem Major entgegen trat und ihm herzlich die Hand drückte. »Nun?« fragte dieser. »Es ist Alles beim Alten,« entgegnete achselzuckend der Graf. »Sie speist abermals bei ihrer Mutter, hat mir aber versprochen, früher nach Hause zu kommen.« »Nun gut, wir wollen sehen!« Viertes Kapitel Von den moralischen Folgen eines Brechmittels, sowie sehr Belehrendes über Theebereithung. »Also ihr wollt meine Geschichte zu Ende hören?« sagte der Baron. »Welche Frage!« entgegnete der Diplomat. »Abgesehen von dem Interesse, das wir daran nehmen, so hast du deine Geschichte in einem Zeitpunkt unterbrochen, wo ihr euch in einer gar zu komischen Situation befandet.« »Ah, mit einem Brechmittel im Magen! Zum Teufel auch! Ich glaube erzählt zu haben, daß wir bei der ersten Entdeckung dieses seltsamen Giftes, welches uns Sir Robert aus seinem Flaschenkeller eingeflößt, laut hinaus lachten. Nun, diese Heiterkeit dauerte indessen nicht lange. Denn als wir unsere Lage recht überlegt und besprochen, kamen wir in solche Wuth über den alten General, daß es, unter uns gesagt, keine Verwünschung gab, die wir ihm nicht über das Meer nachsandten. Hätten wir eine Hexe bei der Hand gehabt, wir würden ihm einen artigen Sturm gebraut haben. Zwei junge feurige Liebhaber – und das waren wir – so bei ihrer ersten innigen Liebe – und das war sie ebenfalls – zu unterbrechen, erschien uns mit Recht als eine Barbarei, für die man sich nicht genug rächen kann. Und dann – o pfui! über das jämmerliche Mittel, das er angewandt hatte, um uns von dem Schiffe zu vertreiben! Ich war davon, sowie von dem Kummer, den mir die ganze Geschichte machte, ganz elend und kraftlos. Der Major dagegen, den sein Gleichmuth ebenfalls verlassen, malte mir mit wahrhaft höllischen Farben das Gesicht des indischen Ungeheuers, wenn er seinen beiden Töchtern die ganze Geschichte erzählte. Und dazu lachte wahrscheinlich der rothhaarige Neffe, und dann summte der alte General ohne Zweifel noch obendrein und vergegenwärtigte dadurch den jungen Damen das Abenteuer mit dem Bienentanz und ließ sie erkennen, wie väterlich er für sie dadurch gesorgt, daß er sie von zwei so unmoralischen Subjekten befreit. Ah, es war zum Teufelholen! Wir vergruben uns zeitig in unsere Betten, und nachdem wir sehr lange und sehr gut geschlafen, erwachten wir am anderen Tage frisch und gesund. »Da saßen wir nun an der ägyptischen Küste fest, und das nächste Schiff über Malta ging erst in zehn Tagen. Freilich fuhr eines nach Triest früher ab; doch hatten wir uns einmal fest vorgenommen, die Spur des alten Generals zu verfolgen und ihm wo möglich seinen Streich mit Zinsen heimzugeben. »Wer mit den Quarantaine-Verhältnissen auf Malta bekannt war, wie wir, der mußte wissen, wie vortrefflich Sir Robert manövrirt und gerechnet. Die Quarantäne-Zeit war dort auf dreiundzwanzig Tage festgesetzt; zehn Tage mußten wir in Alexandria warten: also wenn wir nach viertägiger Fahrt in Malta ankamen, hatte er schon zehn Tage abgesessen und war nach dreizehn weiteren Tagen frei.« »Aber dreizehn Tage mit den jungen Damen in demselben Hause ist schon eine schöne Zeit!« meinte Graf Ferdinand. »Lieber Freund, das verstehst du nicht,« fuhr der Erzähler fort. »Da ist von keinem Zusammenleben die Rede; denn jede Gesellschaft, die ankommt, erhält ihr eigenes Quartier, ihren eigenen Hüter. Man geht sich dort aus dem Wege, und die besten Freunde sprechen nur über ein Gitter zusammen. Nicht daß man glaubt angesteckt zu werden, sondern weil die Quarantaine-Regeln auf Malta so verflucht streng sind; wenn du nämlich zweiundzwanzig und einen halben Tag da bist, und es kommt ein Fremder an, meinethalben ein Bekannter, dem du zufällig die Hand drückst, so wirst du ohne Gnade verurtheilt, nochmals dreiundzwanzig Tage abzusitzen.« »In dem Falle wird sich Jeder in Acht nehmen, mit einer anderen Partei in Berührung zu treten,« sagte der Diplomat. »Natürlicher Weise hütet man sich so viel wie möglich. Doch sind auch die Quarantaine-Wächter dazu aufgestellt, einen solchen Verkehr unmöglich zu machen. Mit ihren langen Stöcken folgen sie euch auf Schritt und Tritt, beobachten euch mit der größten Sorgfalt, und haben das Recht, Gewalt zu brauchen, wenn es euch allenfalls einfiele, ihren Worten nicht zu folgen.« »Und diese Quarantaine-Wächter,« fragte der Hausherr, »treten nicht in Berührung mit ihren Pflegebefohlenen?« »Gott bewahre! Wenn es euch aber an Bedienung mangelt, so könnt ihr von Malta herüber Leute bekommen, so viel ihr wollt. Nur werden die ebenfalls mit euch eingeschlossen und dürfen vor Eurer abgelaufenen Strafzeit ebenfalls nicht mehr mit der äußeren Welt in Verbindung treten. Was sich euch genähert hat, wird als angesteckt betrachtet.« »Aber es gibt doch Sachen, durch die man unumgänglich mit der Außenwelt in Verbindung treten muß, und die auch nicht so streng abgeschieden werden können: z.B. eure Wäsche muß doch gemeinschaftlich besorgt werden.« »Im Gegentheil,« erwiderte der Baron, »darüber besteht eine ganz eigenthümliche Verordnung, und wer dieselbe kennt, sieht sich in Alexandria, oder wo er sonst herkommt, so gut wie möglich vor. Denn wenn ihr frischer Wäsche bedürft, so macht euch der Intendant der Quarantaine-Anstalt durchaus keine Schwierigkeit. Ihr braucht nur zu sagen, wie viel ihr Wäscherinnen verlangt, und die erscheinen pünktlich, bleiben dann für die übrige Zeit eurer Quarantaine gleichfalls mit euch eingeschlossen.« »Ei, der Tausend!« lachte der Diplomat. »Ich finde einigen Sinn in dieser Einrichtung. Und wie sind die Wäscherinnen von Malta?« »Wie ihr sie verlangt, nach der Qualität eurer Wäsche.« »Ich danke dir, Baron,« antwortete der Andere. »Ich habe mich bis jetzt vor einer Versetzung nach dem Orient gewaltig gefürchtet. Aber du erzählst so angenehm, so geistreich, daß man sich sogar mit der wirklich unangenehmen Quarantaine-Anstalt befreunden könnte.« »Und diese Bedienten und Wäscherinnen fürchten sich nicht inficirt zu werden?« »Was wollen sie machen? Es sind meistens arme Leute, die ihr Geld so gut wie möglich zu verdienen suchen. Uebrigens weiß man auch schon seit langen, langen Jahren von keinem Pestfall auf Malta.« »Die zehn Tage,« fuhr der Baron nach einer Pause fort, »gingen vorüber, wie Alles auf dieser Welt. Das neue Schiff machte sich zur Abfahrt bereit, und wir gingen an Bord, so rosig und gesundheitstrahlend, wie nur möglich. Ich betrat abwechselnd singend und pfeifend das Verdeck, um dem Schiffsarzt die beste Meinung von unseren körperlichen Zuständen zu geben. Uebrigens war die See in unangenehmer Bewegung. Das Schiff schwankte schon im Hafen ziemlich stark, und der Kapitän meinte lächelnd, er wolle das Diner um eine Stunde vorrücken lassen, denn er fürchte, einmal draußen vor der Rhede würde sämmtlichen Passagieren der Appetit vergehen. Und der Mann hatte furchtbar Recht. Kaum hatten wir das Ufer eine halbe Stunde verlassen, so fing das Schiff an sich zu bäumen, sich rechts und links zu wälzen, daß Niemand, der nicht Seemann war, auf seinen Beinen stehen konnte. Dazu hatten wir scharfen Wind, der uns von der Seite kam. Das Tauwerk pfiff, das Schiff krachte und stöhnte, daß es zum Erbarmen war. Und erst die Passagiere! Ich will euch verschonen mit der Erzählung des Elends und der Verwirrung, die etwa zweihundert Menschen anzurichten im Stande sind, wenn sie von der Seekrankheit überfallen werden. Auch dem Major half seine eiserne Constitution nichts, und das – du wirst mir verzeihen lieber Freund – war eigentlich ein Trost für mich. So dampften wir dahin, den langen lieben Tag hindurch, und die noch langweiligere Nacht immer elend, immer krank, und wenn Morgens der erste falbe Tagesschein zu dem kleinen Kajütenfenster hereindrang, so hatten wir das Gleiche vor uns wie gestern. Das dauerte dreimal vierundzwanzig Stunden, bis endlich am vierten Tage die See ein wenig ruhiger wurde, das Schiff nicht mehr so furchtbar nach allen Richtungen schwankte und die Passagiere anfingen, aufzustehen und herumzukriechen, etwa wie die Fliegen im Spätherbst, wenn der Strahl der Mittagssonne sie etwas erwärmt hat. »Der Major und ich hatten während der Zeit nicht viel zusammen gesprochen. Jetzt aber versuchte auch er es, aufzustehen. Er lag über mir, rutschte von seinem Lager herab und setzte sich neben mich. Er sah jammervoll elend aus und war mir noch der Schatten des Majors. ›Wir kommen jetzt nach Malta,‹ sagte er, ›vielleicht finden wir dort unseren guten Freund, Sir Robert, mit seinen beiden Töchtern.‹ »›Vielleicht?‹ fragte ich erschrocken. Denn ich muß gestehen, daß der einzige Trost in meinem dreitägigen Leiden der war, bald das Land zu betreten, wo Miß Therese weilte, und wo ich sie, wenn auch nur aus der Entfernung sehen würde. »›Kann der General nicht seine Reiseroute geändert haben?‹ meinte der Major. ›Der Dampfer auf den er sich eingeschifft, blieb einen Tag in Malta liegen und ging alsdann über Gibraltar nach Liverpool. Auch wird den in England ankommenden Reisenden diese Seereise als ganze Quarantaine angerechnet. Wir müssen auf Alles denken.‹ ›Ich habe nur einen Gedanken‹ entgegnete ich mit schwacher Stimme: ›Miß Theresen wieder zu sehen.‹ ›Ich hoffe auch, daß mich Ellen freundlich begrüßen soll, und ich hoffe, daß sie auf Malta sind. Aber wir müssen einen Plan machen und ihn festhalten.‹ ›Welchen Plan und wozu?‹ ›Meinst du vielleicht,‹ erwiderte der Major, ›ich hätte Lust, dem alten Indier einen Gefallen zu thun, um als ein lächerlicher Mensch vor ihn hinzutreten, der in Alexandria zurückbleiben mußte, weil man ihm ein Brechmittel eingegeben? Pfui Teufel! Du liebst wie ich; davon bin ich überzeugt. Aber glaube mir, ridicul zu sein, ist in der Liebe das Schlimmste, was einem begegnen kann. Wir sollten lächerlich gemacht werden, und das von uns abzuwälzen, muß unsere eifrigste Sorge sein.‹ ›Aber die Sache ist einmal geschehen und läßt sich nicht ändern.‹ ›Aber läugnen!‹ ›Pah! Glaube mir, der alte General hat unserem jämmerlichen Auszuge hinter irgend einem Kajütenfenster wohlgefällig zugeschaut.‹ ›Gleichviel; willst du mich machen lassen und nach meiner Vorschrift handeln, so wollen wir schon mit ihm fertig werden. Aber du mußt mir unbedingt folgen.‹ Das that ich denn nun recht gern, denn ich habe unter den vortrefflichen und großen Eigenschaften unseres theuren Freundes namentlich seine Geistesgegenwart und Umsicht anerkannt. Das Wetter wurde Nachmittags immer besser; ich wollte auf das Verdeck gehen, doch der Major wünschte, daß ich im Bett bliebe und mich nicht unter den Passagieren sehen ließe. Er selbst stieg anscheinend mühsam die Treppen hinauf, hustete dumpf und hohl, ging gebückt umher und hielt sich das Sacktuch vor den Mund. Ich fing an zu begreifen, was er wollte, und legte mich matt in mein Bett, wie ein Sterbender. Glücklicher Weise für uns und die Komödie, die wir zu spielen beabsichtigten, ging von den übrigen Passagieren nicht ein einziger in Malta vom Schiff. Am anderen Morgen wurden die Bewegungen des Dampfers sanft und schaukelnd, die Ankerkette rasselte nieder, und er schien sich im Anblick der malerisch schönen Stadt kokett und wohlgefällig auf dem tiefgrünen Wasser zu wiegen. Leider konnten wir die prächtig emporsteigenden Festungswerke und die an die Felsen angeklebten Häuser von La Valette und St. Elmo nicht sehen, – ich wenigstens nicht, der ich in meinem Bette lag. »Der Major ging hustend die Kajütentreppe hinauf und kehrte dann gebückt und schleichend mit dem Schiffsarzte zurück. Dieser war erstaunt, mich so regungslos auf meinem Bette ausgestreckt zu sehen, hütete sich aber wohl, meinen Puls anzufassen. ›Sie haben Recht,‹ sagte er zu meinem Freunde, ›das können keine Nachwehen der Seekrankheit sein. Alles Andere auf dem Schiffe ist wieder gesund, sogar die zartesten Damen.‹ »›Und Sie fühlen Schmerzen?‹ wandte er sich an mich. »›Ungeheure!‹ versicherte ich ächzend. – Der Major hatte mich natürlicher Weise instruirt. – ›Ich bin nicht im Stande, ein Glied zu rühren; vom Aufstehen ist gar keine Rede.‹ »›Aber was können wir für Sie thun?‹ fragte hastig der Doktor, der offenbar ängstlich war, wir hätten vielleicht die Absicht, an Bord des Schiffes zu bleiben. »Der Major zuckte die Achseln und sagte: ›Unser Bestimmungsort ist Malta, ich muß meinen armen Freund hier ausschiffen. Aber da er nicht aufstehen und gehen kann, so bleibt nichts übrig, als daß mir der Kapitän ein paar Matrazen überläßt, die ich natürlich bezahlen werde und auf denen ich den Kranken in das Boot hinablasse.‹ »›Das wird offenbar keine Schwierigkeit haben,‹ entgegnete eifrig der Doctor. ›Ich stehe für die Erlaubniß des Kapitäns; Sie haben wohl Ihre Bedienten bei der Hand? Bitte also, Ihren armen kranken Freund sorgfältig auf die Matrazen schnüren zu lassen, damit ihm beim Hinablassen kein Unfall begegnet.‹ »Das thaten wir denn alsbald, obgleich unsere Leute bei diesem Vorfall große Augen machten. Ich wurde hinausgeschafft, und Jedermann, Passagiere und Matrosen, gingen uns sorgfältig aus dem Wege. Nur die Leute, welche hierzu kommandirt wurden, faßten behutsam die vier Zipfel meiner Matraze, schoben ein Brett unter, hoben mich auf die Brustwehr hinauf und befestigten vier Ziehtaue an mein Lager. Ich muß gestehen, daß ich einiger Maßen unruhig von der beträchtlichen Höhe in das Wasser hinab blinzelte. Wenn die Kerle mich ungeschickt behandelten, so hätte ich möglicher Weise in dem Hafen von Malta ertrinken können. Aber Alles ging vortrefflich von Statten. Der Kapitän sprang auf das Hinterdeck, grüßte mich zum Abschiede mit seinem Hut, machte ein Zeichen mit der Hand, worauf sich eine gellende Pfeife vernehmen ließ und ich an meinen vier Tauen außerordentlich sanft in das Boot hinabrollte. »La Valette und St. Elmo ließen wir zu unserer Linken und steuerten quer durch den Hafen nach dem Fort Emanuel, wo sich die Quarantaine-Anstalt befand. Unterwegs saß der Major neben mir, tief gebückt, das Schnupftuch vor dem Munde, ließ aber trotzdem seine Augen sorgfältig auf den Wällen des vor uns liegenden Forts umherspazieren. Jetzt beugte er sich dicht zu mir herab und sagte mit leiser Stimme: Alles geht vortrefflich. Dort oben auf dem Walle steht Sir Robert und neben ihm der rothhaarige Neffe, mit einem unendlichen Tubus bewaffnet. Er hat unsere klägliche Ausschiffung mit angesehen, und so ist die Sache außerordentlich gut eingefädelt. »Die Sanitätsbehörde am Fuße der großen Treppe empfing uns mit ziemlich langen Gesichtern, die sich aber einigermaßen wieder aufheiterten, als der Major ein Papier übergab, welches er sich von dem Schiffsarzte verschafft hatte. Dieser schrieb nämlich seinen Quarantaine-Kollegen, er glaube nicht, daß der vorliegende Fall mit der Pest in Verbindung zu bringen sei. Man möge sich beruhigen; ihm scheine der Zustand der beiden Herren nach dem, was er von dem Einen vernommen, von einer seltsamen Vergiftung herzurühren; woher aber diese stamme, wüßten sich die beiden Kranken selbst nicht zu erinnern. »Mit großem Vergnügen bemerkten wir Beide, daß das Fernrohr des blonden Neffen alle unsere Bewegungen hartnäckig beobachtete. Sie befanden sich auf einem Außenwerke und hätten, um zu uns gelangen zu können, einen ziemlichen Umweg machen müssen, was uns sehr lieb war. So wurde ich denn in das schloßähnliche Gebäude hinaufgetragen, das im Fort Emanuel zur Quarantaine-Anstalt benutzt wird. Der Major ging tiefgebückt neben mir her und hustete, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. In Folge unseres zahlreichen Gepäckes und auch wohl aus Sorgfalt, weil wir krank waren, erhielten wir ein ganz anständiges Quartier – drei Zimmer auf den Hof hinaus mit der Aussicht auf La Valette, St. Elmo und das Meer; zwei andere gingen auf eine kleine Bastion, einen niedlichen Kugelgarten, der uns zum Spazierengehen angewiesen war. Wir begaben uns sogleich in unsere Wohnung; ich wurde auf den Boden niedergelegt, der Major setzte sich in Ermanglung eines anderen Sitzes höchst erschöpft auf eine Fensterbrüstung. Die Zimmer waren groß, hoch und gut erhalten, aber ohne alles Ameublement, – ein Mangel, dem aber in dieser gut eingerichteten Anstalt sogleich abgeholfen wird. Kaum hatten wir uns nämlich niedergelassen, so erschien ein Intendant, Haushofmeister oder was er war, und übergab ein langes Papier, auf welchem alle Gegenstände verzeichnet waren, die man braucht, um eine leere Wohnung, wie die unsrige, zu möbliren. Diese Gegenstände waren nach verschiedenen Tarifen zusammengestellt, von einer einfachen, nothdürftigen Einrichtung an bis zum größten Comfort mit Teppichen, Kronleuchtern, Blumentischen, Fauteuils; man hatte also nur zu bestimmen, wie man wohnen wollte, d.h. wie viel man auszugeben beabsichtige; denn begreiflicher Weise liefert die Quarantäne-Anstalt nur die nackten Wände; alles Uebrige muß der Reisende auf seine Kosten anschaffen. Mit dem Frühstück und Diner ist es ebenfalls so. Man braucht nur einen Preis zu bestimmen und ist im Verhältniß zur Zahlung immer recht gut bedient. Natürlich ist englische Küche vorherrschend und dazu englisches Bier zu haben von sehr guter Qualität. »Ich hatte einen mörderlichen Hunger; denn wenn man fast vier Tage seekrank war, so ist der Magen ziemlich ausgeleert. Was war aber zu thun? Wir mußten einmal die Kranken spielen, weßhalb der Major, nachdem er aus den vorgelegten Papieren eine anständige Zimmereinrichtung ausgelesen, einfache Fleischbrühe für uns Beide befahl, dagegen ein sehr reichliches Diner für unsere Bedienten, die, wie er sagte, für das viertägige Fasten zu entschädigen seien. »Unsere Wohnung war in weniger als einer Stunde vollkommen eingerichtet. Ich legte mich sogleich zu Bett, und der Major wickelte ein gelbes Foulard um seinen Kopf, welches ihm ein äußerst krankhaftes Ansehen gab, und kämmte seinen widerstrebenden kohlschwarzen Bart, daß er melancholisch herabhing. So gerüstet erwarteten wir die Besuche, die nothwendiger Weise bald erfolgen mußten. »Zuerst kam der Quarantaine-Arzt und ließ sich unseren Zustand schildern. Der Major erzählte ihm eine seltsame Geschichte, wie wir uns, ohne eine Ursache angeben zu können, schon in Alexandria zum Sterben krank befunden hätten, wie man uns vom Schiffe zurückgewiesen, und wie ein französischer Arzt, der uns behandelt, erklärt habe, wir müßten durch einen unglücklichen Zufall vergiftet worden sein. ›Dieser vortreffliche Arzt,‹ fuhr der Major fort,›behandelte uns während zehn Tage mit der größten Sorgfalt und stellte uns so weit her, daß man uns an Bord des eben abfahrenden Schiffes aufnahm. Doch hat diese Seefahrt unser Uebel bedeutend verschlimmert. Mein Freund dort fühlt bedeutende Schmerzen und eine Erlahmung an allen Gliedern, und ich, der ich eine sehr starke Konstitution habe, leide auf der Brust und huste seit mehreren Tagen, daß es zum Erbarmen ist.‹ »Der Quarantaine-Arzt, sehr beruhigt, daß wir keine andere Krankheit nach Malta geschleppt, verordnete uns einige leichte Sachen, empfahl uns Ruhe und Diät und versprach, noch denselben Abend wieder zu kommen. »Wir hatten absichtlich keine Fragen an ihn gestellt, wer noch außer uns in der Anstalt sei. Wir hatten uns vortrefflich benommen, wie zwei sehr kranke Menschen, die für nichts mehr Interesse haben, und überließen Alles andere dem Zufalle, fest überzeugt, Sir Robert, der unsere klägliche Ankunft gesehen, werde sich baldigst nach uns erkundigen lassen. Unsere Vermuthung war vollkommen richtig. Der Quarantaine-Arzt wurde, sobald er uns verlassen, zu den Engländern geholt und berichtete da getreulich über unseren Zustand, und die Folge davon war, daß unser Quarantaine-Wächter nach einer kleinen halben Stunde eine Karte von dem alten General überbrachte, der uns zu sprechen wünschte. »›Nehmen wir ihn an?‹ fragte ich. »›Allerdings,‹ entgegnete der Major und machte ein Zeichen mit dem Kopfe, um den Besuch eintreten zu lassen. »Der alte General trat ein und sah einigermaßen bestürzt aus, als er uns Beide erblickte. Hinter ihm ging sein Quarantaine-Wächter mit einem großen Lehnstuhl, den er in die Mitte des Zimmers setzte, und auf welchen Sir Robert sich niederließ, entfernt genug von uns Beiden, so daß keine Berührung stattfinden konnte. »›Ei der Tausend!‹ sagte der General nach einer Pause, ›wie schmerzlich ist es mir, Sie, meine Herren, so wieder zu sehen!‹ – Bei diesen Worten zitterte seine Stimme fast unmerklich, und er fixirte den Major, dem er das Gesicht zuwandte, aufmerksam mit seinem Blicke. »Ich stieß einen tiefen Seufzer aus, der Major entgegnete mit sehr dumpfer Stimme: ›So kann man überfallen werden, von dem Schicksal getroffen, ohne zu wissen, woher der Schlag kommt.‹ »›Aber, meine Herren,‹ fuhr Sir Robert fort, ›Sie erschrecken mich in der That. Was ist denn geschehen?‹ »›Wir sind vergiftet worden.‹ »›Vergiftet?!‹ rief der Engländer mit wahrem Entsetzen. ›Auf welche Art denn? – Durch Zufall? – Sie sehen mich ganz begierig, etwas Näheres über diese schreckliche Geschichte zu vernehmen.‹ Dabei zog er sein Taschentuch heraus und wischte sich einige Schweißtropfen von der Stirn. »›Wir sind überzeugt von dem Antheil, den Euere Herrlichkeit an uns nimmt,‹ antwortete der Major. ›Aber was können wir sagen? Sie werden sich erinnern, daß wir die Ehre hatten, in Alexandria vor Ihrer Abreise mit ihnen zu diniren.‹ »›Ganz recht; aber ich befand mich sehr wohl darauf.‹ »›Daß wir nach diesem Diner mit Eurer Herrlichkeit einen Abschiedstrunk nahmen, nicht von dem Weine des Wirthes, aus Ihrem Flaschenkeller.‹ »›Mein Gott, ja!‹ sprach immer ängstlicher der General. ›Das war ein alter vortrefflicher spanischer Wein, der den Magen angenehm erwärmt und stärkt. Sollten Sie die schreckliche Idee haben, der hätte Ihnen schaden können?‹ »›Gewiß nicht,‹ entgegnete ruhig der Major. ›Ich erzähle nur den Verlauf der Geschichte. Wir gingen an Bord, als wir uns auf einmal sehr übel befanden.' »›Das habe ich von unserem Kapitän erfahren,‹ sagte verwirrt der alte Herr und schaute dabei aufmerksam zum Fenster hinaus. ›Leider war ich in dem Augenblicke mit dem Unterbringen meines Gepäcks beschäftigt, sonst hätte ich Ihnen mein Beileid bezeugt. Als ich heraufkam, waren Sie schon abgefahren. – Und damals fühlten Sie sich schon recht unwohl?‹ »›Wir litten Beide die heftigsten Schmerzen mit Anwandlungen von Uebelkeit.' »›Ah!‹ machte der General. »›Wir kehrten nach Alexandria zurück, wir ließen einen Arzt kommen, dieser zog noch einen zweiten zu Rathe, sie untersuchten uns, hielten eine förmliche Konsultation, deren Resultat war, wir seien vergiftet worden.‹ »›Vergiftet!‹ »›Vergiftet, Herr General; mit einem höllischen Gebräu – ich habe den Namen vergessen, – welches man im Orient anzufertigen pflegt, und das auch in Indien bekannt sein soll. Man gibt es vorkommenden Falls dem unglücklichen Schlachtopfer in Kaffee, Wein oder dergleichen. Sie werden davon gehört haben.‹ »Der alte Engländer war sehr blaß geworden; er athmete tief und schwer und schaute bald mich, bald den Major an. Letzterer fuhr fort: ›Dank sei es der kräftigen Konstitution, die wir Beide haben, und den vortrefflichen Mitteln, die uns jener junge Arzt gab! Sie haben uns gerettet, sonst wären wir jetzt die todtesten Menschen.‹ »›Die Sache ist mir vollkommen unerklärlich!‹ brachte mühsam der alte Herr hervor. »›Auch wir haben nicht den geringsten Verdacht,‹ antwortete der Major. ›Vielleicht war es Ungeschick, vielleicht ein Zufall – Gott mag es wissen, – was uns so weit gebracht. Denn das kann ich Eurer Herrlichkeit Versichern, wir sind Beide noch recht elend.‹ »›Ich sehe es, ich sehe es!‹ entgegnete hastig der General, indem er aufstand. ›Gönnen Sie sich Ruhe, meine Herren, und erlauben Sie mir, daß ich mich stündlich nach ihrem Befinden erkundigen lasse.‹ – Darauf machte er ein paar wankende Schritte gegen uns, und ich glaube, er hatte in dem wirklichen Schrecken, den wir ihm eingejagt, sogar vergessen, daß er uns nicht berühren durfte. Denn er trat an mein Bett und wollte mir die Hand reichen. Doch sprang sein Wächter wie ein Blitz dazwischen und erinnerte ihn an das Quarantaine-Gesetz, worauf Sir Robert sich besinnend vor meiner schon ausgestreckten Hand zurück fuhr, als bäume sich eine indische Natter vor ihm. Dieser Händedruck hätte ihm aber auch unfehlbar zehn weitere Tage Quarantäne eingetragen. Er verließ uns ganz erschüttert, und kaum war er fort, so schickten wir unseren Quarantaine-Wächter hinaus, schlossen alle Thüren und begaben uns in das äußerste Vorzimmer, wo das Diner für unsere Bedienten servirt war, dem wir alle Gerechtigkeit angedeihen ließen.« »Ich muß doch gestehen, Baron,« sagte hier der Diplomat, »daß ihr ein Bischen zu arg Komödie gespielt. Der alte Herr glaubte eurer Erzählung, wie ihr meint. Da muß er ja mit schrecklichen Gewissensbissen von euch gegangen sein. Er hatte am Ende als Vater gehandelt, der seine Töchter von zwei ihm lästigen Bewerbern zu befreien suchte. Die Strafe war offenbar zu hart für ein gelindes Brechmittel.« »Da hast du vollkommen Unrecht,« nahm der Major das Wort. »Wir klagten ihn freilich eines Mordversuchs an; aber hatte er uns mit dem Brechmittel, seinen von uns geliebten Töchtern gegenüber, nicht moralisch tödten wollen? Ich wiederhole es nochmals: Nichts läßt so leicht selbst eine wahre Liebe verschwinden, als die Lächerlichkeit. Kamen wir frisch und gesund nach Malta, so rieb er sich die Hände, lachte uns freundlich an, summste vielleicht ein wenig und hatte wohl gar die Kühnheit, gelegentlich, wenn auch sehr verblümt, seines Heilmittels zu gedenken. Wir konnten doch mit dem alten Herrn keine ernstlichen Händel anfangen! Dabei wirst du begreifen, daß unser Lebensglück auf dem Spiele stand; denn ich muß gestehen, mich hätte der Verlust des Mädchens, das ich so innig liebte, wahrhaft unglücklich gemacht. Seine Handlung gegen uns war jedenfalls sehr unüberlegt. Wir hatten Recht, ihn dafür zu bestrafen, und es gelang uns vollkommen. Er rieb sich nicht die Hände, er summste nicht und lachte noch viel weniger über uns. Er ging tief erschüttert nach seiner Wohnung, schloß sich mit seiner Familie ein und erzählte zitternd, was uns begegnet. Wir standen da als Opfer einer höllischen Bosheit. Und der Papa kam jetzt erst recht schlecht weg. Ellen, die überhaupt keinen Spaß verstand, wollte augenblicklich zu uns herüberstürzen und war, wie auch Therese, nur mit Gewalt zurück zu halten. Dann aber ging ein Verhör los, wie der alte Herr nie eines bestanden. Die Mädchen wollten wissen, ob eine Verwechselung bei dem Weine möglich gewesen sei und ob der alte indische Kammerdiener, der ihn in Alexandria verlassen, vielleicht ein Gift, wie das genannte, besessen. Sir Robert gab achselzuckend zu, daß dies am Ende möglich sei, und nun erfolgte, wie wir später vernahmen, ein solcher Ausbruch des Schmerzes, ja des Zornes bei den beiden jungen Damen, daß der rothhaarige Neffe schauderte und der alte General vollkommen wußte, woran er war.– So!« unterbrach sich der Major und sagte zu seinem Freunde, dem Baron: »Jetzt nimm deine Geschichte wieder auf und verzeihe, daß ich dich abgelöst.« »Dafür bin ich dir sehr verbunden,« antwortete dieser, »denn ich habe mich ganz trocken gesprochen. – Bekommen wir eine Tasse Thee?« wandte er sich an den Hausherrn. »Ganz gewiß,« versetzte Graf Ferdinand in einiger Verlegenheit, indem er auf die Uhr schaute, welche auf dem Kamine stand. »Ich hatte nur gehofft, meine Frau käme zeitig zurück – sie speist bei ihrer Mutter, – und wir würden den Thee gemeinschaftlich nehmen.« »Ah, das ist etwas Anderes!« rief eifrig der Baron. »Dann warten wir auf alle Fälle. Wie freue ich mich darauf, die kleine Gräfin zu sehen! Ferdinand, du bist ein ungeheuer glücklicher Mensch.« »Du kannst mit deinem Loose ebenfalls zufrieden sein,« warf der Diplomat dazwischen. »Ihr ruht alle im schönsten Hafen, während ich wahrscheinlich noch sehr lange auf der See des Lebens umher getrieben werde.« Der Graf hatte nachdenkend geschwiegen und sah alsdann den Major verstohlener Weise mit einem fragenden Blicke an. »Nehmen wir immerhin unseren Thee,« sagte dieser mit seinem ruhigen Tone. »Wenn junge Damen ihre Eltern besuchen, dauert's immer ein Bischen länger. Man kennt das. Und dann dauert mich auch der gute Baron. Er kann nun seine Geschichte zu Ende erzählen, und die würde doch, schon sehr weit vorgerückt, wie sie ist, kein Interesse für die Gräfin haben.« Der Major wußte wohl, was er that. Er hatte der Gräfin zwei Zeilen geschrieben, worin er sie bat, ihm nach ihrem Diner eine Viertelstunde zu gönnen. Er war überzeugt, sie würde sich freuen, ihn wieder zu sehen, und ihn augenblicklich nach ihren Zimmern bitten. Wartete man aber mit dem Thee auf sie, so war sie genöthigt, augenblicklich in den Salon herüber zu kommen, und die Unterredung, auf die er gehofft, war für ihn verloren. Der Graf zog also die Klingel, gab seine Befehle, und einen Augenblick darauf war der Thee auf einem kleinen Tische vor dem Kamine servirt, mit jener Stille und Geräuschlosigkeit, welche gut geleitete Häuser weit angenehmer macht, als alle Pracht und Herrlichkeit, welche sie zu entwickeln im Stande sind. »Man trinkt bei dir auch nur schwarzen Thee,« sagte der Gesandtschafts-Secretär; »und da ich das weiß, so freue ich mich immer auf eine Tasse. Man bekommt so oft mit grünem gemischt, und es ist mir das unausstehlich. Es kostet mich ein paar Stunden Schlaf.« »Der Major muß unseren Thee machen,« versetzte der Hausherr. »Es ist eine schwere Kunst, die Niemand so wie er versteht.« »Meine Frau ausgenommen,« sprach wichtig der Baron, »Ich schließe mich der Ansicht unseres diplomatischen Freundes an. Auch ich weiß wenig Häuser, wo ich Thee nehmen mag. Es liegt mir ungeheuer viel an der Art, wie er gemacht wird.« »Und du hast es doch schon so oft gesehen,« erwiderte lachend der Major, indem er sich an das ihm aufgedrungene Geschäft machte. »Es kommt hier, wie bei allem, auf gute Stoffe an. Ein ächter schwarzer Thee, siedendes Wasser und zwei Tropfen concentrirten Rahmes.« »Ich war neulich in einer Gesellschaft,« bemerkte träumerisch der Diplomat, »da warfen sie Zimmt in den Thee.« »Brrrr!« machte der Baron. »Das war bei einer Kanzleiräthin. Aber dieses Gebräu wurde wieder gut gemacht durch die kleine Hand, die es dir darreichte, und die schönen schwarzen Augen, die dich dabei anblickten.« »Laß mich dem Major bei seinem Geschäfte zusehen,« sagte der junge Mann ausweichend. »Er weiß die Portionen so sicher zu nehmen. Und dann seht ihr, wie er den Thee vorher so sorgfältig abspült, ehe er die Kanne mit kochendem Wasser füllt!« »Das ist eine wahre Lauge, die ich zuerst abgieße, die dem Magen wehe thut und die Nerven angreift,« versetzte der Major. »So! jetzt bin ich fertig. Ich hoffe, ihr sollt zufrieden sein.« Fünftes Kapitel Der Baron erzählt von den vortrefflichen Einrichtungen einer Quarantaine-Anstalt, wie man daselbst Whist spielt, und berichtet von Kampf und Sieg Der Thee war in der That ausgezeichnet, und der Baron, nachdem er in die Tasse nur eine Thräne Rahm geträufelt, schlürfte sie aus, schob sie auf den Tisch, nahm eine neue Cigarre und fuhr in seiner Erzählung fort: »Natürlicher Weise hatte die medicinische Behandlung, welche uns der Quarantäne-Arzt angedeihen ließ, einen überraschend schnellen und günstigen Erfolg. Schon am zweiten Tage verschwanden meine Schmerzen und hustete der Major auffallend weniger. Es versteht sich von selbst, daß der Doctor hierüber außerordentlich vergnügt war, daß wir ihn durch die Verehrung, welche wir ihm bezeugten, unauflöslich an uns ketteten, und daß es Niemanden gab, der eifriger und zuversichtlicher über den hohen Grad unserer Vergiftung sprach, als dieser vortreffliche Arzt. In wenigen Tagen verließen wir unsere Zimmer und begaben uns sogleich nach dem vorhin erwähnten Kugelgarten; wir hofften auf das Glück, vielleicht die beiden jungen Damen sehen zu können, hielten es aber auch für unsere Schuldigkeit, unsere Umgebung, unser Gefängniß, die Mauern und Geräthe, die uns von der englischen Familie trennten, zu untersuchen. Der alte General hatte uns gegenüber seine Wohnung gut gewählt. Zu unserem Kugelgarten mußten wir aus dem ersten Stock der Wohnung noch ein paar Treppen hinaufsteigen, denn er lag auf der Höhe des Walles, während Sir Robert aus dem Parterre der seinigen einige zwanzig Stufen hinab stieg, um auf den Grund des Grabens zu gelangen, wo ihm zu lustwandeln vergönnt war. Ihr seht demnach, daß wir durch eine recht solide Mauer getrennt waren. Zwanzig Stufen für ihn abwärts, zehn für uns aufwärts bilden eine recht anständige Entfernung. Uebrigens hatten wir schon das Glück, bei unserem ersten Spaziergange die beiden jungen Damen sehen zu können. Ja, ich muß gestehen, daß sie uns mit unverhohlenen Ausrufen der Freude empfingen. Doch war unser Standpunkt, hoch oben, gar schlecht geeignet, um eine Unterredung zu führen. Das sahen wir denn auch ein und begnügten uns mit den allergewöhnlichsten Fragen und Antworten. Auf einen Augenblick stieg auch Sir Robert in den Graben hinab und rieb sich vergnügt die Hände, als er die Entfernung zwischen uns betrachtete. Hier brauchte er seine Töchter nicht zu bewachen; denn außer der hohen Mauer, die dieses Geschäft übernahm, befand sich zum Ueberflusse auch noch der Quarantaine-Wächter da, der mit seinem langen Stock hinter den jungen Damen auf und ab spazierte. Es war uns vor allen Dingen darum zu thun, ein wenig näher zu den beiden Mädchen zu kommen, um ein wichtiges Gespräch, dessen wir für unsere Zukunft so sehr bedurften, mit ihnen führen zu können. Ich nahm unseren Wächter auf die Seite, zeigte ihm eine Guinee und bat ihn um Auskunft, wie es möglich sei, in jenen Graben hinab zu steigen, um ein paar Worte mit den Damen zu plaudern. Der Wächter, ein kluger Malteser, der die Sache augenblicklich durchschaute, lächelte und meinte, er handle nicht gegen die Quarantaine-Vorschrift, wenn er uns in dem Kugelgarten eine Fallthüre zeige, die aus eine Treppe gehe und in den unteren Graben führe. ›Es versteht sich von selbst‹ setzte er hinzu, ›daß Sie unten eine starke verschlossene Gitterthüre finden werden und daß ich Sie bitte, nicht den Versuch zu machen, durch irgend etwas mit den beiden Damen in Berührung zu treten. – Ich will meinen Kameraden da unten von Ihrer Absicht in Kenntniß setzen, und wenn ... ich drückte ihm augenblicklich eine andere Guinee in die Hand ... so werden Sie im Graben, nur durch das Gitter getrennt, eine angenehme Conversation führen können.‹ »Gesagt, gethan! Der zweite Wächter hatte nichts dagegen zu erinnern; nur verlangte er auf die höflichste Art von der Welt, er müsse zunächst am Gitter stehen, und man möchte keinen Versuch machen, sich eine Hand zu reichen oder dergleichen, da er eine Berührung unter keinen Umständen gestatten könne.« »Was wollen sie denn immer mit ihrer Berührung?« fragte der Diplomat. »Es hatte doch wahrscheinlich Niemand in der Anstalt die Pest und konnte also Keiner fürchten, angesteckt zu werden.« »In Wirklichkeit nicht,« entgegnete der Baron. »Aber die Quarantaine-Behörde, wie ich auch früher schon bemerkt habe, was ich nicht zu vergessen bitte, duldet, wenn ich mich so ausdrücken darf, auch nicht die Möglichkeit einer moralischen Ansteckung und bestimmt, daß, wo zwei Parteien mit einander in Berührung treten, die, welche am längsten da ist, nach dieser Berührung noch so lange bleiben muß, bis auch die andere ihre dreiundzwanzig Tage hinter sich hat, nach deren Verlauf man annimmt, es könne sich kein Peststoff mehr äußern.« »Richtig, richtig!« sagte der Diplomat. »Sir Robert kannte diese Bestimmung recht genau,« fuhr der Erzähler fort, »und hatte, wie wir später erfuhren, seinem Wächter oder vielmehr dem seiner Töchter eine ziemliche Belohnung versprochen, wenn er seinen Dienst recht streng handhabe. Wir warteten also, bis der alte General sich in sein Zimmer eingeschlossen hatte, um Briefe zu schreiben oder zu schlafen, und dann stiegen wir die Treppe hinab in den unteren Graben. Unsere beiderseitigen Wächter standen zunächst dem Gitter und machten zum Ueberfluß noch eine weitere Schranke mit ihren Stöcken. Doch war es schon ein Trost, uns so in der Nähe sprechen zu können. Ihr könnt euch ja denken, worüber wir redeten, und will ich deßhalb kein Wort weiter darüber verlieren. Nach wenigen Tagen war Sir Robert mit seiner Familie frei und verließ alsdann die Quarantaine und wahrscheinlich auch Malta, und bekam auf diese Art wieder einen Vorsprung von zehn Tagen. Es wurde also ausgemacht, die jungen Damen sollten so viel wie möglich in den Städten, durch welche sie kämen, für uns Erkennungszeichen zurücklassen, um die Spur des alten Generals nicht zu verlieren. Dabei meinte aber Miß Ellen, es sei die größte Vorsicht zu beobachten; denn wenn der Papa, der an ein eigentliches Verhältniß noch nicht glaube, erführe, ein solches bestehe in der That, so wäre er in seiner Hartnäckigkeit im Stande, nach Indien zurück zu kehren. Leider muß ich gestehen, daß wir nur diese einzige Unterredung an dem Gitter hatten. Traute der Quarantaine-Wächter der Geschichte nicht, oder hatte uns der rothhaarige Vetter belauscht – genug, die Fallthüre au unserem Kugelgarten wurde noch an demselben Abend mit einem äußerst soliden Schlosse versehen, zu welchem unser Wächter keinen Schlüssel hatte. Auch waren wir demselben, wie es schien, als sehr gefährliche, unternehmende Leute in Betreff der Quarantaine-Regeln geschildert worden; denn er verfolgte uns von da an bei unseren Spaziergängen auf Schritt und Tritt, und als ich ein paar Tage später ein Briefchen an einen Stein band, um es in den unteren Graben zu werfen, ergriff er meine Hand und versicherte mir alles Ernstes, so leid es ihm thue, aber bei einem nochmaligen derartigen Versuch sehe er sich genöthigt, uns gar nicht mehr auf den Spaziergang zu lassen, sondern denselben zu verschließen. Der Major machte Plane über Plane, und vor Allem setzte er großen Werth darauf, dem General so bald wie möglich einen Gegenbesuch zu machen. Endlich erhielten wir ein Schreiben von diesem, worin er sagte, er erwarte uns am anderen Morgen um zehn Uhr. Wir verließen um die bestimmte Zeit unsere Wohnung, schritten über den breiten Hof des Forts, dieses Mal gefolgt von zwei Quarantaine-Wächtern – es hatte sich ohne unseren Wunsch noch ein anderer angeschlossen. Die Wohnung des Generals war sehr elegant möblirt. Dicke Teppiche bedeckten die Treppen, auf welchen ein schmales Stück grauen Tuches lag – uns zu Ehren, wie der Quarantaine-Wächter versicherte; denn dasselbe werde, als von uns berührt, später zusammengerollt und bei Seite gelegt, um dann für einen zweiten Fall nochmals zu dienen. Ich lachte herzlich über diese Vorsichtsmaßregel, der Major aber schüttelte ernsthaft den Kopf. Nun wurden wir in den Salon des Generals gefühlt, blieben aber bei unserem Eintritt erstaunt auf der Schwelle stehen. Das Zimmer war durch eine große, starke Schranke in zwei Hälften getheilt; diesseits waren wir, jenseits der General mit seiner Familie. Man stellte Lehnstühle für uns hin, Sir Robert bat uns, Platz zu nehmen, und ließ sich ebenfalls auf einen Fauteuil am Fenster nieder; die beiden Damen saßen an einem Tischchen, und der rothhaarige Neffe lehnte an der Schranke, wo er alle unsere Bewegungen aufmerksam verfolgte. »Wir sind erstaunt, General,« sagte der Major nach einer Pause, »daß Sie Ihr Zimmer, wahrscheinlich uns zu Ehren, so außerordentlich merkwürdig möblirt haben. Sie zeigen uns da einen Argwohn, der im Stande wäre, uns tief zu kränken.« »Da haben Sie Unrecht!« erwiderte lachend der alte General. »Es sind nur einfache Vorsichtsmaßregeln, die ich gebraucht. Sie wissen ganz genau, daß ich in ein paar Tagen meine goldene Freiheit wieder habe, während Sie noch weitere zehn Tage hier bleiben müssen.« »Allerdings,« versetzte ruhig der Major, »Dank jenem traurigen Vorfalle, der uns fast für immer die Rückkehr nach der Heimat abgeschnitten hätte! – Aber ich bitte Sie, General, wozu jene mannshohe Schranke, wenn Sie uns nicht im höchsten Grade mißtrauen?« Der General lächelte in sich hinein, ward aber plötzlich sehr ernst und entgegnete: »Die Jugend ist schnell und unternehmend. Wir sind das seiner Zeit auch gewesen, und es gibt Verhältnisse, unter welchen man die sonst geachtetsten Männer für seine Feinde halten muß.« »Und zwischen uns existiren solche Verhältnisse?« fragte scheinbar erstaunt der Major. »Ich will es nicht läugnen,« antwortete Sir Robert mit einem unruhigen Seitenblick auf seine Töchter. »Lassen Sie sich durch diese Schranke nicht geniren,« fuhr er lustiger fort; »obgleich in Wahrheit eine hohe Schranke zwischen uns besteht, so können wir doch, wenn Sie wollen, eine recht harmlose und vergnügte Conversation zusammen führen; nicht nur heute, sondern auch morgen ist mir Ihr Besuch sehr angenehm, natürlich unter den gleichen Vorsichtsmaßregeln.« »Aber ich bitte Sie um Gottes willen, General,« sagte ich, »was befürchten Sie denn eigentlich? Halten Sie uns für fähig, daß wir Ihnen gewaltsam eine Umarmung abzwingen, Sie so compromittirten und zu noch längerem Dableiben nöthigten?« »Meiner Treu'!« entgegnete der Indier mit pfiffigem Lächeln, »es gibt in der That Verhältnisse, unter welchen wir unternehmende Leute, wie Sie, zu Allem fähig halten.« »Also stehen wir uns auf dem Kriegsfuße einander gegenüber?« fragte der Major. »Wenn Sie feindlich gegen mich gesinnt sind, ja,« erwiederte Sir Robert. »Sie hätten sich alle diese unnützen Kosten sparen können, Sir Robert,« versetzte lächelnd der Major: »Sie brauchten uns Beiden nur das Wort abzuverlangen, das und das – enfin , was Sie befürchten – nicht zu thun, und Sie hätten weder Schranken noch alles das gebraucht.« »Das ist in der That wahr,« sprach der Engländer. »Machen wir es also so, geben Sie mir Ihr Wort, und ...« »Halt, halt!« rief der Major. »Vertrauen um Vertrauen! Aber Sie hatten keines zu uns, deßhalb ist es besser, es bleibt Alles, wie es ist. Sie erklären uns den Quarantaine-Krieg – gut! wir nehmen ihn an.» »Recht gern!»entgegnete heiter der alte General. »Ich versichere Ihnen, verehrtester Major, ich brauche in dieser verdammt langweiligen Anstalt einige Aufregung. Aber nehmen Sie sich in Acht. Jemand, der lange mit und gegen die Indier gekämpft, steckt voller Ränke und Pfiffe. Da Sie mir den Krieg anbieten, so errathe ich Ihre gefährliche Absicht. Ich könnte mich einfach sicher stellen, indem ich Ihnen mein Haus verschlösse. Aber, wie gesagt, die Sache belustigt mich. Sie sind heute Abend freundlichst zum Souper eingeladen.» »Nach einer halben Stunde, die wir noch über allerhand gleichgültige Dinge verplauderten, wobei sich Sir Robert lächelnd die Hände rieb, auch zuweilen leise summste, standen wir auf und empfahlen uns, stellten uns aber Abends um acht Uhr zum Thee pünktlich wieder ein. Die Vorsichtsmaßregeln hatten sich vermehrt. Es war in dem großen Salon eine zweite Schranke gezogen worden, ungefähr drei Fuß von der ersten entfernt, und an jedem Ende dieses Zwischenraumes saß einer der Quarantaine-Wächter, aufmerksam jede unserer Bewegungen beobachtend. »Auf unserer Seite befand sich ein Tisch, gegenüber ein anderer. Wir wurden von unserem Wächter mit einem besonderen Service bedient, während der General aus dem seinigen trank. Ich muß gestehen, mir begann dieser gegenseitige Belagerungszustand außerordentlich Spaß zu machen. Blicke, die hin und her gewechselt wurden, konnte der alte General nicht verhindern, bemerkte sie auch nicht einmal; Worte, die wir sprachen, und welche für ihn gar keinen Sinn hatten, waren oft für uns vier von der süßesten Bedeutung. »Seit gestern fühle ich mich viel wohler und heiterer, sprach Sir Robert, nachdem er seinen Thee getrunken und sich in den Fauteuil zurückgelegt. Mein Blut rollt frischer. Ich fürchtete immer, mein altes Kopfweh würde wieder erscheinen, weil ich unthätig bin; aber mein Kopf ist hell und rein. – Ellen,‹ sagte er zu der jungen Dame, ›du würdest mich außerordentlich verbinden, wenn du den Knäul deiner Stickwolle nicht so gefährlich bis ans Ende des Tisches rollen ließest. Wenn er zufällig herabfiele und zur Gegenpartei gelangte, so würdest du diese schöne rothe Farbe verlieren.‹ »›Oh! unbesorgt, General!‹ versetzte ich lachend, ›wir würden uns das größte Vergnügen daraus machen, den Knäul zurück zu geben.‹ »›Zum Teufel auch!‹ entgegnete der General, ›nachdem Sie ihn berührt und für uns compromittirt; – Ueberhaupt, meine jungen Damen,‹ setzte er ganz leise gegen sie hinzu, ›ich muß mir ausbitten, daß ihr vollkommen neutral bleibt. Ich kann nicht zu gleicher Zeit Feinde von außen und Feinde im eigenen Lager beaufsichtigen.‹ »›Für das Letztere bin ich da,‹ meinte ruhig der blonde Neffe. »›Was meinen Sie, General,‹ sagte ich nach einer Pause, ›zu einer Partie Whist, die wir zusammen spielen können? Natürlich unter den außerordentlichsten Vorsichtsmaßregeln.‹ »›Das wäre schwer zu machen,‹ meinte der Neffe. »›Aber gerade diese Schwierigkeit wäre pikant,‹ entgegnete ich. »Der General lächelte und dachte nach. »›Natürlicher Weise,‹ fuhr ich fort, ›muß Ihre Partei beständig geben. Einer von uns spielt mit dem Strohmann gegen Sie Beiden, oder wir Beiden gegen Sie und den Strohmann.‹ »›Das ist originell!‹ versetzte Sir Robert. ›Aber die Idee gefällt mir. Nur müßte man ziemlich hoch spielen. Ich sehne mich recht sehr nach einem Whist.‹ »›Nur bedürfte es für jedes Spiel frischer Karten,‹ warf der Neffe dazwischen. »›Allerdings,‹ entgegnete ich. ›Denn Karten, die wir einmal berührt, dürfen nicht wieder in Ihre Hände kommen.‹ »›Nein, nein, es geht nicht,‹ mischte sich der Major, der bis jetzt geschwiegen, ins Gespräch. ›Wir müßten doch unsere Karten selbst in der Hand halten, und wenn ich eine zu Ihrem Trique werfe, so ist sie ja von mir berührt, und Sie dürfen sie nicht aufheben.‹ »›Richtig,‹ erwiderte nachdenkend der General. ›Das ist recht schade.‹ »Mir fiel ein Ausweg ein, mit dem ich, obgleich noch unbestimmt, eine weitere Idee verband. ›Nehmen wir,‹ sprach ich, ›Ihre beiden Quarantaine-Wächter, die halten unser Spiel, wir deuten mit einem Stöckchen auf eine beliebige Karte, sie spielen sie aus, nehmen unseren Trique, und auf diese Art brauchen wir die Spiele nicht so häufig zu wechseln: Alles bleibt in ihren Händen.‹ »›Das ist wahr,‹ antwortete der General nach einer Pause. »›Verzeihen Sie mir,‹ sagte dagegen der blonde Neffe, ›aber wenn Ihre beiden Quarantaine-Wächter als Kartenhalter benutzt werden, so sind unsere Festungswerke entblößt.‹ »›Verflucht gescheidt, mein Junge!‹ erwiderte Sir Robert lachend. ›Diese Umsicht verspricht für deine Zukunft. Holla hoh! Beinahe hätten wir uns fangen lassen.‹ »Ich machte das ehrlichste Gesicht von der Welt und versicherte, ich habe an keinen Hinterhalt gedacht und die Barrièren dadurch nicht ihrer Vertheidiger berauben wollen. »›Gewiß nicht?‹ fragte lauernd der Neffe. »›Es ist mir nicht eingefallen.‹ »›Es wäre schade,‹ sagte der General mit einem sonderbaren Lächeln, ›wenn an diesem kleinen Hinderniß unsere amusante Partie scheitern sollte. Wir können das aufs Beste arrangiren, daß uns die Herren ihr Ehrenwort geben, alle Feindseligkeiten sollen ruhen, so lange Whist gespielt wird.‹ »Der Major hatte während dieser etwas lebhaften Unterredung einige halblaute Worte mit Miß Ellen gewechselt. »›Was meinst du?‹ rief ich ihm zu. ›Man verlangt unser Ehrenwort, so lange das Spiel dauert, nichts Feindseliges auszuüben.‹ »›So lange das Spiel dauert,‹ sprach nachsinnend der Major. ›Und wann nehmen wir an, das Spiel sei geendigt?‹ »›Nun, sobald wir unsere Karten niederlegen,‹ sagte ich. »›Einen Augenblick Geduld!« versetzte der Neffe. ›Das könnte gefährlich werden. Unsere Gegner hätten jeden Augenblick das Recht, die Karten hinzuwerfen, so das Spiel zu beendigen und die Feindseligkeiten zu beginnen. Nur wir dürfen das Zeichen zum Aufhören geben.‹ »›Richtig!‹ sagte der General. ›Sobald ich und mein Neffe die Karten niederlegen, hört das Spiel auf, der Krieg beginnt.‹ »›Meinetwegen!‹ antwortete ich. »›So soll es sein,‹ versicherte der Major. »Nach diesen Präliminarien, die von allen Seiten mit einem aufrichtigen und herzlichen Lachen begleitet wurden, begann nun dieses seltsame Spiel. Die Quarantaine-Wächter rückten zusammen zwischen den beiden Barrièren und setzten sich vor den Tisch, deren andere Seite der General als Strohmann inne hatte. Wir lehnten uns auf die Schranken und deuteten mit unsern Stöcken die Karten an, die gespielt werden sollten. Doch war das Spiel nicht so recht amusant. Man muß die Karten in der Hand haben. Es ist wahrhaftig so, als wenn man zu Pferde sitzt, und ein Anderer führt die Zügel, dem man zuweilen sagt: jetzt rechts, jetzt links! Wenigstens wurde aber sehr hoch gespielt und das, sowie unsere seltsame Lage, hielt das Interesse gefesselt. »Ich will euch nun nicht damit ermüden, euch die Einzelnheiten des sonderbaren Spiels zu erzählen. Wir, der Major und ich, hatten Unglück und verloren ziemlich, worüber sich der alte General außerordentlich zu freuen schien. Auf unser Wort bauend, bewegte sich die sämmtliche Gesellschaft während des Whistspiels in außergewöhnlicher Freiheit. Doch die jungen Damen lehnten sich, um hier und da in die Karten zu sehen, weit über die Schranke auf ihrer Seite herüber, und wir machten es auf unserer Seite gerade so. Zuweilen kam mir das Gesicht von Miß Therese so nahe, daß mich der Hauch ihres Mundes berührte. Das ist nun eine gefährliche Probe für jeden Liebhaber; aber hier, gewaltsam getrennt durch die hindernden Schranken, durchzuckte es mich oft fieberhaft von oben bis unten. So lange jedoch das Spiel dauerte, gab der alte General auf dergleichen durchaus nicht Acht: er war überzeugt, daß wir unser Versprechen pünktlich halten würden.« »Ein Wort ist heilig! sagte Borgia,« recitirte der Diplomat. »Allerdings!« meinte der Baron. »Und ich habe immer gehofft, der Major würde das seinige nicht verpfänden.« »Dann hätten wir keine Whistpartie gehabt,« versetzte dieser. »Nachdem wir vielleicht zwölf Rubber gespielt,« fuhr der Baron fort, »erklärte der General, daß er genug habe, hielt seine Karten fest in der Hand und befahl den Quarantaine-Wächtern, auf ihre Posten zu gehen. Nachdem der Raum zwischen den Barrièren auf solche Weise wieder klar war, die jungen Damen und wir uns etwas zurückgezogen hatten, rückte Sir Robert seinen Stuhl zurück und warf die Karten auf den Tisch. Der Waffenstillstand war zu Ende, die Feindseligkeiten konnten wieder beginnen. Wir brachen alle in ein homerisches Gelächter aus; der General rieb sich die Hände und versicherte ironisch, es thue ihm wahrhaftig Leid, daß er nur noch wenige Spielabende habe; die Sache amusire ihn außerordentlich. »Mittlerweile war es spät geworden, wir empfahlen uns bis morgen und kehrten auf unsere Zimmer zurück. »Der Major zündete sich eine Cigarre an und schritt nachdenkend auf und ab. Er hatte einen Plan, das bemerkte ich an ihm und ließ ihn ungestört. Eine Viertelstunde später schellte er einem Bedienten – es war Joseph, den ihr alle kennt, ein gedienter Soldat. »›Was machen unsere Waffen?‹ fragte ihn der Major. »›Alles ist in bestem Stande, Euer Gnaden.‹ »›Die Jagdflinten geputzt und eingepackt? – Und die Pulverhörner ...?‹ »›Haben wir bei uns aufgehängt. Sie sind noch fast ganz voll.‹ »›Gut. – Du hast ja bei der Artillerie gedient?‹ »›Ja wohl, Herr Major.‹ »›Wirst du noch einen kleinen Kanonenschlag zu Stande bringen?‹ »Der ehemalige Soldat lächelte und sagte: ›Das will ich meinen, Herr Major! Alle Arten von Feuerwerk. Wenn ich nur die Geräthschaften zur Anfertigung bekommen könnte!‹ »›Aber zu dem Mordschlage braucht's dergleichen nicht.‹ »›O nein, das macht man aus der Hand. Ein Bischen Pappendeckel, Bindfaden und Leim.‹ »›Schön. Also mach heute Abend ein paar.‹ »›Sollen Sie recht krachen?‹ »›So ziemlich. Aber es ist nur Spaß, wir wollen Jemanden erschrecken.‹ »Der Bediente wollte gehen. »›Apropos!‹ fuhr der Major fort; ›wie ist's mit der Kiste, worin die ägyptische Mumie ist?‹ »›Ja, Herr Major, der ist ein kleines Unglück widerfahren, wie ich mir schon erlaubte, Ihnen zu melden. Man hat die Kiste auf dem großen Dampfboote wahrscheinlich zu tief in den Raum hinabgelassen, da ist sie feucht geworden, und wenn man die Mumie jetzt nur anrührt, so fällt sie in Stücke aus einander.‹ »›Hm!‹ machte der Major, ›das ist mir unangenehm. Hole mir geschwind so ein kleines Stück.‹ »Joseph ging hinaus und kehrte bald darauf mit einem Stück Oberarm zurück. – Ihr habt alle schon dergleichen gesehen? Diese Mumien sind durchdrungen von harzigen Stoffen, daß sie sich auf dem Bruche glänzend schwarz zeigen, wie das schönste Erdpech.« »Das muß vortrefflich brennen,« meinte der Diplomat. »Wie die beste Fackel,« entgegnete der Baron. »Und Joseph hatte augenscheinlich darüber auch schon Experimente angestellt, denn er lächelte verschmitzt auf die gleiche Frage des Majors, der alsdann den Befehl gab, Kopf, Hände und Füße behutsam zu trocknen und in dünnes Papier einzuwickeln, den Rest aber in einen Korb zu werfen, über den er befehlen werde. »Sobald wir allein waren, konnte ich meine Verwunderung über die Anstalten des Freundes nicht unterdrücken. ›Gelten diese Anstalten dem General?‹ fragte ich ihn lachend. ›Willst du ihn mit Pulver und Feuer angreifen?‹ »›Wir müssen einen Schritt vorwärts thun,‹ entgegnete der Major. ›Du bist doch mit mir einverstanden, daß wir den General nöthigen müssen, noch so lange da zu bleiben, bis auch wir abreisen? Mit Gewalt dürfen wir aber nichts unternehmen; er muß uns von selbst in die Arme rennen, uns berühren und sich so in den Augen der Quarantaine-Anstalt compromittiren.‹ »›Das wird schwer halten,‹ meinte ich. ›Und wann soll dieser Coup ausgeführt werden?‹ »›Natürlich beim Whistspiel.‹ »›Aber du vergissest, daß wir unser Wort gegeben haben, während desselben alle Feindseligkeiten einzustellen.‹ »›Bis Sir Robert die Karten niederwirft.‹ »›Und das wird er nicht eher thun, als bis seine beiden Schildwachen wieder auf ihrem Posten sind.‹ »›Wir wollen sehen.‹ »Nun setzte ich, wie immer, das unbedingteste Vertrauen in die kluge Taktik meines Freundes und ließ ihn machen, was er wollte. Hätte er mich zu etwas gebraucht, so würde er es mir schon gesagt haben. Aber der gute Major, der wohl wußte, daß ich zuweilen sehr nervös sein kann und nicht seine Kaltblütigkeit besitze, wollte mir eine unnöthige Aufregung ersparen und nahm deßhalb die ganze Sache auf sich. So schrieb er den anderen Morgen einen Brief nach Malta an einen bekannten Oberoffizier der Garnison und bat, ihm die Erlaubniß auswirken zu wollen, einem Freunde, dem englischen General, der mit ihm in Quarantaine sei, zum Feste von dessen Geburtstag ein kleines Feuerwerk zu veranstalten. Joseph, sowie mein Bedienter erhielten geheimnißvolle Befehle, und ich wurde dahin instruirt, am nächsten Abend unbefangen Whist zu spielen, und nur bei der Hand zu sein, um einen glücklichen Zufall, der sich für uns aufthun würde, bestens zu benutzen. »Der andere Abend kam; wir gingen, wie gestern, zum Whist. Zuerst nahmen wir unseren Thee. Sir Robert war von einer großen Heiterkeit. Auf der Treppe, wo auch dieses Mal der graue Tuchstreifen nicht fehlte, standen schwer bepackte Koffer, die uns offenbar deßhalb so in die Augen gestellt waren, damit wir uns ein wenig darüber ärgern sollten. »Unser Thee war wie gestern servirt; wir hatten einen besonderen Tisch und unser eigenes Service. »Jetzt muß ich noch erwähnen, daß der Salon in welchem wir uns befanden, mit seinen Fenstern auf eine kleine einsame Bastion ging, auf welcher ungeheure Haufen von Stroh und Heu lagen. Auch stieß diese Bastion nicht unmittelbar an das Haus, sondern es war ein kleiner, aber tiefer Graben dazwischen. Von La Valette oder St. Elmo aus konnten diese Fenster nicht gesehen werden. Dann hatte das Gemach – es war das letzte in der Reihe, die Sir Robert bewohnte – außer dem Eingange, zu welchem wir herein kamen, noch eine andere Thüre, die sich zwischen den beiden Schranken befand und in die Nebenzimmer führte. Das ganze Gebäude, wie überhaupt alle im Fort, war mit Corridors und Treppen aus den massivsten Steinen gebaut, ja, sogar die Scheidewände zwischen den Zimmern ebenfalls gemauert. So war das Schlachtfeld beschaffen, auf welchem wir operiren wollten. »Wir tranken friedlich unseren Thee, und Sir Robert konnte es nicht unterlassen, in der Heiterkeit seines Herzens hier und da ganz leise vor sich hin zu summsen. »›Es ist wahrhaftig schade,‹ sagte er, ›daß wir so feindselig getrennt hier bei einander sitzen. Ich schäme mich ordentlich, daß ich Ihnen Ihren Thee so an einem abgesonderten Tische serviren lassen muß.‹ »›So lassen Sie die Barrière wegräumen,‹ entgegnete ich, ›lassen die Wächter abtreten, und wir können uns viel harm- und zwangloser unterhalten.‹ »›Mit Vergnügen,‹ meinte der General, ›wenn Sie Ihr Ehrenwort, statt nur für die Whist-Partie geltend, auf den ganzen Abend ausdehnen wollen.‹ »›Nein, nein!‹ entgegnete lachend der Major. ›Sie haben uns zu viel Mißtrauen bewiesen, das können wir unmöglich vergessen!‹ »›Denken Sie nur,‹ fuhr der General fort, ›was wir unseren Wächtern für Arbeit verursachen! Sehen Sie nur die Anstalten, die ich habe machen lassen müssen! Die Leute haben mit uns doppelte Arbeit.‹ »›O, was das betrifft,‹ versetzte gleichgültig der Major, ›so ist unser Scherz nur ein harmloses Kriegsspiel. Da haben die Leute in der Quarantaine mit ernsteren Sachen zu kämpfen.‹ »›Wie so, Major? Wie meinen Sie das?‹ »›Nun, Sie wissen ja selbst, daß auf dem Fort Emanuel, für uns ein freiwilliges Gefängniß, alle Klassen der Menschen vertreten sind. Ich machte heute einen Spaziergang an das Meer hinunter und ging da hinten herum, dort hinter Ihren Fenstern unterhalb der kleinen Bastion vorbei.‹ »›Aber ich hoffe doch, Ihr Wächter war dabei!‹ sagte lächelnd der General. »›Er verließ mich nicht einen Augenblick. Er war mein Führer, er gab mir Erläuterungen. – Also dort hinten in der Bastion ist auch eine Quarantaine-Anstalt. Aber da sieht's natürlicher Weise ganz anders aus, als hier. Da befinden sich ihrer fünfzig bis sechszig Gesellen, wild aussehende, verfluchte Bursche, die viel eher einer Räuberbande gleichen, als Matrosen. Sie haben ein Schiff von Aegypten gebracht mit getrockneten Häuten. Die machen ihren Wächtern zu schaffen! Zuerst hat man sie mit Gewalt in die Quarantaine bringen müssen, und sie waren nur zu bewegen, ihr Schiff nach dem Fort zu rudern, nachdem sie gesehen, wie von dem englischen Wachtschiffe ein paar anständig große Kanonen sanft auf sie gerichtet wurden. Und in der Bastion dahinten sind sie jetzt vollkommen eingeschlossen; denn ein paar machten vor einigen Tagen den Versuch, zu entweichen, was ihnen auch wahrscheinlich gelungen wäre; denn diese Kerle, denen alle Mittel gelten, beabsichtigten, sich unter dem Schutze einer Feuersbrunst davon zu schleichen. »›Einer Feuersbrunst?‹ fragten die jungen Damen erschreckt. »›Sie werden dort vor den Fenstern die Heu- und Strohmagazine bemerken,‹ fuhr der Major mit der größten Ruhe fort. ›Die wollten sie in Brand stecken und dann aus der Quarantäne entfliehen. Sie hätten vielleicht auch ein Bischen bei uns geplündert, wenn es ihnen möglich gewesen wäre. So viel muß ich bekennen, ich habe in meinem ganzen Leben keine wildere und unheimlichere Bande bei einander gesehen.‹ »›Ich hoffe, sie sind vortrefflich eingeschlossen!‹ sagte der General. »›Sie wissen,‹ entgegnete der Major achselzuckend, ›Fort Emanuel ist eigentlich kein Gefängniß. Man thut, was man kann. Ich würde ihnen ein Piquet Soldaten beigegeben haben.‹ »›Haben sie Waffen?‹ fragte der blonde Neffe. »›Was man gefunden, nahm man ihnen ab. Was sie aber vielleicht bei sich versteckt haben, weiß Niemand.‹ »›Ich bin nur froh,‹ meinte Sir Robert, indem er sich die Hände rieb, ›daß meine Zeit bald vorbei ist. Sollten Sie aber nach meiner Abreise zufälliger Weise mit jenen Kameraden ein kleines Scharmützel zu bestehen haben, so bitte ich freundlich, es mich wissen zu lassen.‹ »›Dazu müssen wir aber Ihre Adresse haben,‹ sagte ich ruhig. »›Allerdings, mein lieber Baron,‹ entgegnete lachend der General. ›Ich werde beim Abschiede daran denken. Aber jetzt wollen wir unsere Whist-Partie aufnehmen, es wird sonst spät, und ich hätte wohl Lust, Ihnen noch einige Points abzugewinnen.‹ »›Das wird diesen Abend unmöglich sein,‹ versetzte unerschütterlich der Major. ›Wir haben uns vorgenommen, Sie groß Schlemm zu machen.‹ »Damit wurden die Spieltische auf ihre Plätze von gestern gerückt; die Quarantaine-Wächter nahmen auf unserer Seite Platz, der Neffe gab die Karten, und sowie der General sein Spiel in die Hand nahm, sagte er: ›Also, meine Herren, auf die gestrigen Bedingungen beginnt der Waffenstillstand.‹ »›Natürlicher Weise,‹ versetzte ich, ›bis Eure Herrlichkeit die Karten niederlegen.‹« – – In diesem Augenblicke – der Baron war gerade im Begriff, seine ausgebrannte Cigarre wegzuwerfen, und Graf Ferdinand reichte ihm eine neue – rollte ein Wagen in den Hof. Der Hausherr wandte sich lebhaft um, denn ein Bedienter trat ein und meldete, die Frau Gräfin sei eben zurück gekommen und habe sich in den kleinen Salon begeben. Sie hoffe die Herren später zu sehen, lasse aber dem Herrn Major sagen, sie sei sogleich für ihn zu sprechen. Graf Ferdinand warf seinem Freunde einen fragenden Blick zu, den der Major mit der größten Ruhe aushielt, dem Bedienten ein bejahendes Zeichen machte und sich alsdann erhob. »Ihr müßt euch nicht wundern, meine Freunde,« sprach er lachend, »daß mir das Glück einer geheimen Audienz zu Theil wird. Ich habe darum gebeten, wie ein älterer lange abwesender Bruder oder, wenn ihr wollt, wie ein sorgsamer Vater. Denn das war ich der Gräfin Marie von jeher.« »Schon gut!« sagte der Diplomat. »Du weißt dir immer einen Vorzug zu verschaffen.« »Undankbarer!« lachte der Major. »Ich verlasse euch ja nur, damit der Baron im Stande ist, seine Geschichte, die ich ja kenne, ohne Unterbrechung zu Ende zu bringen. Bleibe du auch da, Ferdinand. Sobald ich ungefähr denke, daß die Whist-Partie in der Quarantaine-Anstalt zu Ende sein kann, führe ich die Gräfin hieher. – Seid ihr damit zufrieden?« »Vollkommen,« entgegnete der Gesandtschafts-Secretär. Nur der Hausherr blieb etwas widerstrebend am Kamin stehen. »Kommen wir zu Ende!« fuhr der Baron fort. »Wir spielten also unsere Whist-Partie mit aller Ruhe und Gemächlichkeit, der Major mit seiner unerschütterlichen Kaltblütigkeit, ich – das muß ich allerdings gestehen – leicht aufgeregt. Der alte General war in der besten Laune, vollkommen unbesorgt und heiter. Unter der Waffenstillstands-Flagge hatten sich, wie gestern, unsere feindseligen Stellungen vollkommen gelockert; die beiden jungen Damen lehnten an den Barrieren, schauten in das Spiel, wir flüsterten zuweilen ein leises Wort zusammen, ich war aber nicht so ganz bei der Sache. »Der General bekam vortreffliche Karten. Er und sein Neffe spielten gegen den Major, der den Strohmann hatte. Die Karten desselben waren aufgelegt, und Sir Robert bemerkte triumphirend: dieses Mal müsse er zugeben, daß es schlechte Karten seien. Es sei auch nicht ein Stich in den Papieren des Feindes. »›Der Major hat Alles in der Hand,‹ bemerkte der rothhaarige Neffe. ›Desto schlimmer für uns.‹ »Bei diesen Worten zwinkerte der General vergnügt mit den Augen, und ein Blick, den ich als Unparteiischer in seine Karten thun durfte, überzeugte mich, daß mein Freund groß Schlemm werden würde.« »Aber es war unrecht, beim Whist zu sprechen,« meinte der Diplomat. »Ein Engländer verfällt selten in diesen Fehler.« »Das weiß ich ganz genau,« entgegnete der Erzähler. »Doch wir hatten bei dieser überhaupt seltsamen Whist-Partie den Anlaß dazu gegeben, indem wir anfingen, über die Karten zu sprechen, um auch so die Erlaubniß zu erhalten, mit den Damen einige Worte zu reden. Wie ich übrigens vorausgesehen, wurde der Major groß Schlemm, und während der Neffe notirte, gab der General, nicht ohne ein mächtiges Triumphgeschrei, die Karten für den zweiten Robber.« »Da fiel plötzlich ein Schuß in der Nähe der Fenster. Der General blickte in die Höhe – ein zweiter Knall, sehr nahe vor den Scheiben, folgte. »›He! was soll das bedeuten?‹ rief der alte Herr, indem er seine Karten auf den Tisch warf. »Wir alle wandten uns den Fenstern zu, die jetzt von einem hellen Pulverblitz erleuchtet wurden, dem ein ganz nahes und entsetzliches Krachen folgte. »Jetzt warf auch der Neffe sein Spiel auf den Tisch und sprang an die Fenster. Ein neues Pulverleuchten folgte, stärker und andauernder als das erste, und mit Einem Male bemerkte man eine kleine tiefrothe Flamme, die vor den Scheiben aufflackerte und an den Fensterkreuzen zu lecken schien. »›Alle Teufel!‹ rief der General, indem er eines der Fenster aufriß, um hinauszuschauen. »Doch hatte er kaum einen Flügel geöffnet, als ein solcher Qualm und Rauch herein drang, daß er im Augenblicke wieder schließen mußte. – ›Was kann das sein?‹ »›Vielleicht haben unsere Nachbarn in der Bastion das Heumagazin in Brand gesteckt,‹ sagte ich und sah den Major an, der ruhig sitzen blieb. »Mittlerweile waren auch die Quarantäne-Wächter aufgesprungen und an das Fenster getreten, der Neffe aber in das Nebenzimmer geeilt, um dort zu den Fenstern hinaus nach den Flammen zu sehen. Ihm folgte eilig Sir Robert; die beiden jungen Damen drängten sich schüchtern an die Barrièren, blieben aber ziemlich ruhig, da sie bemerkten, daß der Major und ich auf unseren Plätzen verharrten. »Der Erstere aber hatte nicht so bald bemerkt, daß das Feld ziemlich rein sei, denn die beiden Wächter steckten ihre Köpfe, so weit als möglich, aus dem wieder geöffneten Fenster hinaus, als er mir ein Zeichen machte, mich mit den beiden Mädchen etwas entfernt von ihm zu unterhalten. Dann stand er rasch von seinem Stuhle auf, drückte ihn unter der Barrière weg auf die Seite des Generals und zog dessen Fauteuil an sich, worauf er sich ruhig auf diesen niederließ. »In diesem Augenblicke kamen der General und der Neffe aus dem Nebenzimmer zurück, indem Letzterer sagte, er habe dort nichts Verdächtiges bemerkt. Auch fingen die Flammen vor den Fenstern des Salons an kleiner zu werden und schwächer zu brennen. Plötzlich schien den General ein Gedanke zu erleuchten. Rasch wandte er sich gegen uns und übersah mit einem Blicke das Schlachtfeld, schüttelte aber zweifelnd den Kopf, als er durchaus nichts Verdächtiges zu bemerken schien. Die beiden Damen lehnten an der Barrière, ich hielt mich in einer ziemlichen Entfernung von ihnen. Der Major hatte sich, wie gesagt, ruhig wieder hingesetzt. »Kopfschüttelnd winkte Sir Robert den Quarantäne-Wächtern, welche augenblicklich ihren Platz zwischen den Barrièren wieder einnahmen; dann ließ er sich langsam auf seinen oder vielmehr des Majors Stuhl nieder. »›Nun?‹ fragte ich den Neffen, der an den Tisch trat und uns verwundert anschaute. »Dieser zuckte die Achseln; doch der General drohte mit den Fingern, indem er sagte: ›Das war ein Attaque von Ihnen – fast hätten wir uns überlisten lassen! Sprechen Sie, Major, was hatte diese Geschichte zu bedeuten?‹ »›Es war ein Freudenfeuer, Sir Robert,‹ entgegnete dieser und schaute den alten Herrn lächelnd an. ›Sie wissen, daß man bei Siegen dergleichen aufflammen läßt‹ »›Von welchem Sieg sprechen Sie?‹ versetzte der General, indem eine tiefe Röthe auf seinem Gesichte erschien. »›Nun, natürlich von dem unsrigen!‹ »›Sie hätten gesiegt? – Darf ich bitten, mir das zu erklären?‹ »›Sehr gern. Wir siegten auf die einfachste Weise der Welt.‹ »›Das ist gar nicht möglich!‹ entgegnete heftig der General. ›Sie wissen genau, daß wir Ihr Wort hatten, nicht die Feindseligkeiten wieder zu beginnen ...lsaquo; »›Bis Sie die Karten auf den Tisch legten. Das haben Sie gethan – dort liegt Ihr Spiel. Es war bei allem dem meine Befürchtung, Sie möchten sich das Freudenfeuer draußen mit den Karten in der Hand anschauen. Dann war natürlich unsere ganze List vereitelt.‹ »›Weiter! weiter!‹ »›Dadurch, daß Sie sowie Ihr Herr Neffe in das Nebenzimmer eilten und die Quarantaine-Wächter zum Fenster hinausschauten, ließen Sie uns im unbeschränkten Besitze des Salons. Wir brauchten also einfach nur über die Schranke zu steigen, um Ihnen beim Herauskommen freundschaftlich die Hand zu drücken. Doch da wir dies nicht thaten, so können Sie sich einen Begriff machen von unserer ehrlichen und offenen Handlungsweise.‹ »›Und was ist denn geschehen, daß Sie sich triumphirend den Sieg zuschreiben?‹ fragte bestürzt der alte Herr. »›Etwas sehr Einfaches,‹ entgegnete der Major. ›Ich habe unsere beiden Fauteuils verwechselt; Eure Herrlichkeit sitzen auf dem meinigen und sind deßhalb nach den Quarantaine-Regeln aufs höchste compromittirt.‹ »Sir Robert schnellte von seinem Stuhl in die Höhe und sah die Quarantaine-Wächter fragend an. »Diese zuckten die Achseln, und der ältere von ihnen sagte: ›Eure Herrlichkeit werden uns verzeihen, aber es ist unsere Schuldigkeit, diesen Vorfall sogleich der Intendanz anzuzeigen.‹ »Der Neffe ballte die Fäuste und knirschte mit den Zähnen. Hätte er uns mit seinen Blicken vergiften können, so wären wir im nächsten Augenblicke schon todt gewesen. So aber begnügte er sich, allerlei unverständliche Worte hervorzukollern und dann den Quarantaine-Wächter zu fragen: ›Und was wird da geschehen?‹ »›O! nicht viel Besonderes,‹ antwortete dieser: ›Sie haben nur dieselbe Quarantaine-Zeit wie diese Herren auszuhalten.‹ »›Dafür aber,‹ sagte ich dem rothen Gentleman, ›brauchen Sie künftig keine Barrièren mehr zwischen uns aufzurichten.‹ »Die Gesichtsfarbe des Generals ging indessen vom Purpurroth ins Violet über. Seine Augen schossen Blitze, sein Bart sträubte sich unnatürlich aus einander. Wir erwarteten eine Eruption im großartigsten Maßstabe. Dabei blickte er den Major wild an und schaute mit den Augen rings um sich her nach einem greifbaren Gegenstande. »›Nicht so, mein Freund General,‹ sagte der Major ruhig, ›werfen Sie keinen Zorn auf uns, sehen Sie die Sache an, wie sie ist. Nicht wir haben Sie besiegt, sondern das Schicksal, das über uns alle waltet. Ueber uns alle, wiederhole ich. Sie verlieren zehn Tage an Ihrer Reise, uns ist das Gleiche geschehen. Ihnen aber war verstattet, um diese zehn Tage zu kämpfen, mit offenen Augen, Stirn gegen Stirn. Wir jedoch wurden heimlich überfallen, man warf uns rücklings nieder, man griff uns mit Waffen an, denen wir nichts entgegen zu stellen hatten, mit Waffen, die man füglich ein ungeheures Verbrechen nennen könnte. Hätte ich indessen gewußt, General, daß der Verlust dieses kleinen Gefechtes Sie so außerordentlich angreifen würde, so hätten wir vielleicht darauf verzichtet. Aber Sie begannen die Feindseligkeiten so lustig und heiter, daß wir uns nicht denken konnten, eine Niederlage würde Sie im Ernste kränken – Ihre Niederlage, unser Sieg, der uns das Glück verschafft, noch eine Zeit lang in Ihrer und Ihrer liebenswürdigen Fräulein Töchter Gesellschaft zu verweilen.‹ »Diese so vollkommen ruhig gesprochenen Worte, namentlich die Erwähnung des Vorfalls in Alexandria, verfehlten nicht, ihren Eindruck auf den General zu machen. Er bezwang sich mit aller Kraft; ja, einige Zeit darauf lächelte er sogar; aber dieses Lächeln sah recht unheimlich aus. Er bereitete sich auf einen letzten Stoß vor, der uns verwunden sollte und mußte. »›Wohlan!‹ sagte er nach längerem Stillschweigen, ›Sie haben gesiegt. Sie haben mich gezwungen, noch fernere zehn Tag in Ihrer so angenehmen Gesellschaft zu verleben. Aber verstehen Sie mich recht, auch nur mich ganz allein. Mein Neffe so wenig, wie meine beiden Töchter sind, hoffe ich, compromittirt; sie werden also in einigen Tagen allein abreisen, während ich bleibe.‹ »Ah!« sagte laut lachend der Diplomat. »Daran hattet ihr Beiden wohl nicht gedacht!« »Freilich hatten wir dies nicht vermuthet,« antwortete der Baron. »Auch überraschte uns dieser Ausspruch für den Augenblick; doch hatten wir das Unsrige gethan, und wenn uns die beiden Damen wirklich liebten, so mochten sie auch versuchen, den Papa umzustimmen. Wir wollten das als einen Beweis ihrer Zuneigung ansehen.« »Und ihr irrtet euch nicht,« warf der Hausherr dazwischen, der schon verschiedene Merkzeichen der Unruhe von sich gegeben hatte und öfter als nothwendig nach der Thüre blickte. Der Baron streckte sich in dem Fauteuil aus, wie Jemand, der anfängt, müde zu werden, und sagte: »Wir hatten uns nicht getäuscht. Natürlich verließen wir die Wohnung des Generals so bald als möglich; aber schon den anderen Tag rief mich der Major trumphirend ans Fenster und zeigte mir den General, der seine beiden Töchter am Arm, seinen gewöhnlichen Spaziergang machte. »Den folgenden Tag wurden wir zum Diner eingeladen, und ehe noch unsere Quarantaine-Zeit vorüber war, hatten wir den hochblonden Neffen zur größtmöglichen Verzweiflung gebracht; denn Sir Robert nahm unsere Bewerbungen um seine beiden Töchter allergnädigst an. »Damit bin ich zu Ende; wenn ihr noch einige Details wollt, so laßt euch solche von meiner Frau oder der Majorin geben. Erstere hat mich beauftragt, euch morgen zum Diner einzuladen. Du kommst auch, Ferdinand. Der Arzt hat mir versprochen, er werde dich ausgehen lassen.« »Ja, wenn man reist, erlebt man allerlei,« meinte aufstehend der Diplomat. »Wo bleibt aber der Major? Dürfen wir nach ihm sehen? Was meinst du, Ferdinand? Oder ist es Zeit, daß wir uns zurückziehen?« »Gewiß nicht!« sagte der Hausherr, wie aus tiefen Gedanken auffahrend. »Ich will den Major und meine Frau holen.« »Aber der Tabaksrauch hier in dem Salon!« sagte der Baron. »O!« entgegnete Graf Ferdinand lächelnd, »hier ist neutraler Grund. Die Gräfin macht sich nichts daraus.« »Du bist sehr glücklich!« sprach der Gesandtschafts-Secretär, worauf der Graf das Zimmer verließ und die beiden Freunde allein zurückblieben. Sechstes Kapitel. Welches abermals von dem Geheimnis der Gräfin handelt, und worin schließlich der Erzähler den geneigten Leser verläßt, indem er ihm ein Räthsel aufgibt. Der Major war unterdessen durch das ihm wohlbekannte Haus gegangen, durch hohe, elegant möblirte Zimmer, in denen Kaminfeuer flackerten und Lichter brannten. – Es war das ein Comfort, auf den der Graf sehr viel hielt – Wärme und Licht, die ein Haus außerordentlich wohnlich machen. Der Major wußte genau den Salon, den er suchte, zu finden, und als er an die Thür desselben gelangte, öffnete ihm die Kammerfrau geräuschlos und ließ ihn eintreten. Dieses Gemach war mehr ein kleines, zierliches Boudoir und mit außerordentlichem Geschmack, mit großer Eleganz eingerichtet. Man sah hier die schaffende Hand, die jedem Möbel, jedem Gemälde, jeder kleinen Bronze-Statuette ihren Platz anwies, die verständig in Auswahl der hier stehenden Pflanzen war, die ihre Blumentische aufs reizendste selbst arrangirte. Dicke Teppiche bedeckten den Boden, lange, schwere Vorhänge verbargen die kalten, dunkeln Fensterscheiben, und das ganze kleine Gemach war von einem süßen, aber unbestimmten Wohlgeruche durchweht. Die Gräfin saß in einem kleinen, sehr niedrigen Fauteuil in der Kaminecke und hatte einen Schirm von bunten Federn in der Hand, den sie zuweilen zwischen sich und die lodernden Flammen hielt, mit dem sie aber auch hier und da ihr Gesicht fächelte. Daß die Gräfin nicht aufstand und ihrem Freunde wie sonst entgegen sprang, befremdete den Major einiger Maßen. Doch rief sie ihm ein Willkommen zu, so herzlich wohl klingend wie früher, nur nicht so freudig. Der Major setzte sich ihr gegenüber, und da sie in diesem Augenblicke gerade ihr Gesicht fächelte, so war es ihm deßhalb unmöglich, ihre Züge zu betrachten. Aber die Stimme, mit der sie auf sein Befragen nach ihrem Befinden antwortete: O, sehr gut, wie immer! zitterte ein klein wenig. Hier hat sich doch Einiges verändert, dachte der Major und sprach von seiner Zurückkunft, von seinem neuen Hauswesen und von seiner Frau, die sich sehr darauf freue, die Gräfin häufig zu sehen. »Ich hoffe, wir werden gute Freundinnen,« antwortete die junge Dame. »Es wäre mir so recht angenehm, Jemanden zu finden, eine junge Frau namentlich, mit der ich sehr, sehr bekannt würde.« »Ellen wird sich darüber unendlich freuen,« erwiderte der Major. »Doch Ihnen, beste Gräfin, fehlt es wahrhaftig nicht an Bekannten, ja, ich möchte sagen, Freundinnen.« »In Ihrem Sinne nicht,« entgegnete sie, »aber in meinem wohl. Ein junges Mädchen, das heirathet, tritt aus dem Kreise ihrer Bekannten in einen ganz neuen ein, wo sie sich ebenfalls fremd fühlt. Für meinen bisherigen Umgang, die jungen, lachenden Fräulein, bin ich auf einmal eine gesetzte Frau geworden; die wirklich gesetzten Frauen dagegen schauen mich noch immer an wie einen kleinen Eindringling, zählen mich noch immer zu der jungen lustigen Welt, der ich bis jetzt angehörte.« »Aber, Gräfin, Sie gehören auch noch immer zu dieser jungen, lustigen Welt.« »Ach nein!« sagte sie, halb traurig lächelnd, während sie ihren Fächer sinken ließ und so dem Major zum ersten Male den vollen Anblick ihrer Züge gönnte. Sie hatte sich wirklich verändert. Das mußte sich der Major gestehen, nachdem er einen langen Blick auf sie geworfen. Ihr Gesicht, obgleich zierlich und voll wie immer, sah ermattet aus. Ihre Züge waren bleich, und ihr Blick war schwimmend, als sammelten sich in Einem fort Thränen in ihren großen blauen Augen. Dabei zuckten zuweilen ihre Lippen, was sie früher nie gethan. Die Gräfin bemerkte den forschenden Blick des Majors und sagte: »Warum sehen Sie mich so an, lieber Freund? Finden Sie mich verändert?« »Ich kann es nicht läugnen – ein wenig.« »Ha!« entgegnete sie, und eine plötzliche Röthe überflog ihr Gesicht; »wenn Sie es also gern läugnen möchten, so muß mein Aussehen nicht vortheilhaft sein.« »Ich meine, Sie seien ein wenig blaß. Oder thut es der Schein der Lichter?« »Ich glaube nicht,« antwortete sie, und der Federschirm in ihrer Hand zitterte. »Ich meine wirklich, ich sehe in der letzten Zeit etwas blaß aus.« »Verzeihen sie die Frage eines alten Freundes, Gräfin Marie,« sagte ernst der Major: »Fehlt Ihnen etwas? Haben sie einen kleinen Kummer?« »Auch Sie fragen mich das?« antwortete sie vorwurfsvoll und hob ihren Fächer vor das Gesicht. »Auch ich? – Und wer sonst?« »Nun – Ferdinand!« »Ah, Ferdinand? Richtig, ich erinnere mich, er sprach mir davon, mein liebes Kind sei ein wenig leidend. Aber er konnte mir keine Ursache angeben. Hat er Sie nicht oftmals selbst gefragt?« »O, sehr oft! zu oft!« entgegnete sie unruhig. »Aber ...« »Aber?« »Aber – ich sagte ihm, was ich auch Ihnen sagen muß: mir fehlt nichts, durchaus nichts. Ich bin glücklich, ganz glücklich, oh, so sehr glücklich!« Dabei füllten sich ihre Augen mit Thränen. »Verzeihen Sie, Marie!« sprach ernst der Major, »Sie wissen, welchen Freund Sie an mir haben. Sie haben mich oft um Rath gefragt, und mein Rath war, glaube ich, nie schlecht für Sie. Nun denken Sie daran. Fragen Sie mich auch heute um Rath!« »Oh!« machte die junge Frau und hob ihren Fächer dicht vor das Gesicht. Man wußte nicht, lächelte sie hinter demselben, oder flossen ihre Thränen. Doch rasch faßte sie sich, warf ihren Fächer auf den Boden und reichte dem Major ihre beiden Hände, die er zutraulich und freundlich faßte. »Nicht wahr, bester Major,« sagte sie, »Sie haben mich schon als kleines Kind gekannt. Sie wissen, wie ich Ihnen beständig zugethan war, wie ich nie ein Geheimniß vor Ihnen hatte. Glauben Sie denn, ich habe mich geändert, können Sie denken, wenn ich Sie um einen Rath zu fragen hätte, ich würde es nicht unaufgefordert thun?« »Hm!« machte der Major nach einer Pause, während er beruhigt in dieses offene, ehrliche Auge sah. »Ja, ich glaube es Ihnen, Gräfin. Ich danke Ihnen für dieses Wort; und da Sie mir meine alten Rechte als Ihr Rathgeber wieder einräumen, so erlaube ich mir, Ihnen auch einen Rath zu geben.« »Darauf bin ich begierig und schon im Voraus dankbar!« »Eine goldene Regel, die namentlich in der Ehe von außerordentlicher Wichtigkeit ist.« »Nun?« »Wenn Sie glücklich sind, so müssen Sie es auch zu sein scheinen.« »Und scheine ich nicht glücklich?« »Nein, Gräfin.« »Wer sagt das?« »Zuerst ich,« antwortete der Major, »als ich – in Ihr so liebes, freundliches Gesicht sah; vorher aber schon sprach mir Ferdinand darüber.« »Ferdinand?« rief die junge Frau mit schmerzlichem Ausdrucke. »Ja, Ferdinand; und es hat ihn sehr betrübt.« Sie hatte ihre kleinen Hände vor sich auf der Brust gefaltet und schaute dem Major forschend und ängstlich in die Augen. »Ferdinand hat mich bei Ihnen verklagt?« fragte sie mit zitternder Stimme. »Gewiß nicht verklagt!« antwortete der Major. »Aber Ferdinand, der kein Geheimniß vor mir hat, sagte mir, Sie haben sich gegen ihn verändert, Sie seien stiller geworden, gedankenvoll, ja, Sie vermieden seine Gesellschaft, kurz, Sie hatten ein Geheimniß vor ihm.« Die junge Frau war in ihren Fauteuil zurückgesunken, drückte beide Hände vor ihr Gesicht und verharrte in dieser Stellung mehrere Secunden. »Sie können Ferdinand darüber keinen Vorwurf machen,« fuhr der Major fort. »Sie wissen, Marie, wie unendlich er Sie liebt, wie Sie ihm Alles sind.« »Ja, er liebt mich!« rief sie freudig. »Aber liebe ich ihn denn minder?« »Das glaube ich gewiß nicht,« antwortete rasch der Major. »Aber wozu etwas Geheimnißvolles zwischen euch? Er klagt mir. Sie meiden seine Gesellschaft, Sie fahren sehr häufig zu Ihrer Mutter, Sie diniren dort und lassen ihn allein, ihn, der Sie so sehr liebt und der im Augenblicke krank ist.« »Ach, das ist wahr!« rief sie mit kindlich bewegter Stimme. »Ach, das ist nur zu gewiß wahr! Ich habe Unrecht gehabt!« »Und ein Geheimniß vor ihm?« fragte lächelnd der Major. »Vielleicht!« sagte sie stockend und roth werdend. »Aber es sollte ihm kein Geheimniß bleiben – gewiß nicht!« setzte sie süß lächelnd hinzu. Dann sprach sie mit kaum vernehmbarer Stimme: Und es wird ihn gewiß recht glücklich machen.« Dem Major kam plötzlich ein Gedanke; er faßte an seine Stirn, er strich mit der Hand über seinen langen Schnurrbart hinab, und wir müssen gestehen, daß er in diesem Augenblicke dieser jungen Frau gegenüber, einem wahren Kinde, ziemlich albern drein schaute. Ja, er beugte sich zu dem flammenden Kaminfeuer hinab, er warf die Kohlen durch einander, um eine kleine Röthe zu verbergen. Dann veränderte er das Gespräch gewaltsam, ohne aber, wie ein kluger Feldherr, der seines Feindes sicher sein will, das Terrain zu verlassen. »Wissen Sie auch,« sagte er nach einer Pause, »daß ich Sie schon vor einigen Tagen gesehen, flüchtig, wie ein Schatten?« »Mich? – Und wo das?« fragte erstaunt die Gräfin. »Schloßstraße Nr. 120,« entgegnete so unbefangen als möglich der Major. »Ihr Wagen hielt vor dem Hause Ihres Arztes.« »Ah!« machte die Gräfin überrascht. Doch faßte sie sich schnell wieder und antwortete: »Ja, ich war da.« »Ich konnte mir das denken,« versetzte ruhig der Major. »Hier sehen Sie den Arzt freilich jeden Tag, aber nur in Gegenwart Ferdinands. Sie aber wollten ihn allein sprechen, um ...« »Um?« fragte erschrocken und hoch erröthend die Gräfin, während sie ihre Hand fest in den weichen Sammt des Fauteuils drückte. »Nun, um ihn zu fragen – ob die Verwundung Ferdinands etwas Gefährliches habe.« »Richtig, Sie haben es errathen!« sagte aufathmend die junge Dame. Sie reichte ihrem Freunde die Hand und setzte hinzu: »Ihnen entgeht nichts, Major.« »In der That nichts, liebe Gräfin.« In diesem Augenblicke hörte man vor der Thüre eine kleine Bewegung. Rasch erhob sich der Major. »Es ist Ferdinand,« sagte er. »Erlauben Sie mir, beste Gräfin, daß ich mich bei Ihnen verabschiede und ihm entgegen gehe. Wir hatten drüben auf Ihre Gesellschaft gehofft; aber es ist schon spät. Ich will mich mit meinen Freunden nach Hause begeben. Aber Eines versprechen Sie mir, Ihrem besten Freunde, Ihrem langjährigen Bekannten – Ihrem Erzieher, setze ich stolz hinzu: Haben Sie keine Geheimnisse mehr vor Ihrem Manne!« Damit faßte er eine ihrer Hände und drückte einen freundlichen Kuß darauf. »Gewiß nicht,« erwiderte die Gräfin und setzte stockend hinzu: »Und wenn ich ja eines habe, so will ich es Ferdinand mittheilen.« Draußen vor der Thüre traf der Major seinen Freund, der im Begriffe war, in das Boudoir seiner Frau zu treten. Er zog ihn zurück in eine Fenstervertiefung des Vorzimmers, sah ihm lachend in die Augen und sagte: »Thu mir den Gefallen und nenne mich einen Esel!« »Warum das?« fragte der Graf erstaunt und mit ernster Miene. »Damit ich auch dir diese Benennung geben darf. Lieber Freund, wir waren Beide im Begriffe, uns vor unseren Frauen lächerlich zu machen.« »Ah!« machte der Graf, immer mehr erstaunt. »Glücklicher Weise habe ich Ellen noch nichts von dem Geheimnisse der Gräfin mitgetheilt. Geh hinein, sie wird es dir anvertrauen.« »Und hat sie dir davon gesprochen?« »Gott bewahre! Das ist eine Sache, die den Ehemann zuerst angeht.« Das Gesicht des Grafen überflog eine plötzliche Röthe. Sein Auge glänzte, er drückte seinem Freunde die Hand und rief aus: »Verstehe ich dich recht?« »Vielleicht kann ich mich irren,« entgegnete der Major, »was ich aber kaum glaube. Wenn ich mich aber nicht irre, so bitte ich mir aus, daß du meiner gedenkst. Meine Vornamen sind: Maximilian Paul Julius Karl. Ich meine, hier hättest du eine schöne Auswahl.« Damit eilte er lachend von dannen und suchte seine Freunde auf, um mit ihnen nach Hause zu gehen. Der Graf ging bewegt in das Zimmer seiner Frau. Als er eine kurze Zeit lang mit der jungen Gräfin gesprochen, mußte er sich gestehen, daß es in dieser Welt doch recht süße und liebenswürdige Geheimnisse gäbe. Reise-Abenteuer. Erstes Kapitel. Vom Reisen im Allgemeinen Reisen – ich weiß nicht, hat das Wort für mich allein einen so lieblichen, wunderbaren Klang, oder geht es anderen Leuten auch so – reisen. Wenn ich Abends am flackernden Kaminfeuer sitze, im halbdunklen Zimmer und mir das Wort recht eindringlich und etwas sehnsüchtig vorspreche, so ist es wahrhaftig eine Zauberformel. Ein langgezogener feiner Posthornton klingt in mein Ohr, eine lustige Fanfare, und – ich fliege durch die Nacht dahin. Vor uns sitzt der Schwager auf seinem starken Sattelpferde, er fliegt im Sitz hin und her, hüpft auf und ab, und der gelbe Federbusch auf seinem Hut karrikirt alle seine Bewegungen. Bald erhalten die beiden Vorderpferde durch einen künstlich angebrachten Hieb zu gleicher Zeit einen tüchtigen Merks. Jetzt drückt er dem Sattelgaul die Sporen ein, hebt den Peitschenstiel empor und stößt ihn dem Handgaul recht kräftig vor den Widerrist. Hurrah! wie fliegen sie dahin! Staub und kleine Steinchen wirbeln auf und verdecken die ohnehin düster brennende Lampe.– Aber wohin? Ach, bei dem Gedanken falle ich aus meinen süßen Phantasien wieder in die rauhe Wirklichkeit. Nur keine Frage: wohin? Immer zu! bald an den Ufern mächtiger Flüsse vorüber, bald durch wild romantische Thäler hin, mächtige Ruinen auf allen Spitzen, tief in den Schluchten zwischen finsteren Bäumen die hohen Mauern einsamer Klöster. Es wird Abend und melodisch klingen die Glocken empor, dazwischen Heerdengeläute, und die freundlichen Grüße heimkehrender Landleute schlagen an Ohr und Herz. Dort im Hintergrunde dampft die Stadt. Hie und da blitzen Lichter auf, dumpfes Getöse schallt mir entgegen. – Aber jetzt halt! Denn wenn auch viel Poesie darin liegt, Abends durch beleuchtete Straßen über das klirrende Pflaster zu fahren, so kommt doch jetzt des ächt Prosaischen so viel, daß ich es gern entbehre. Es gibt für mich im Leben nichts Schrecklicheres, als das Tönen einer großen Wirthshausglocke und das Rennen einer ganzen Schaar Kellner, die Serviette auf dem rechten Arm, in der Linken das Licht, alle mit verzerrt freundlichen Gesichtern. Der erste dieses Haufens, mit der Feder hinter dem Ohr, bedauert unendlich, daß entweder gar kein Platz oder nur noch im vierten Stock ein Zimmer frei ist. Lassen wir den Postwagen in Gottes Namen fahren. Dort vor uns liegt die große Stadt, aber ich mag nicht hinein. Viel lieber wünsche ich mir den Weg frei, setze mich auf einen Stein an der Landstraße, mein Päckchen neben mir und denke nach und träume. Warm ist die Luft, süß und duftig. Endlich stehe ich auf, lasse die Stadt zu meiner Seite liegen und steige den Berg hinan, durch Olivenwälder und Zitronengärten. Droben steht eine einsame Locanda, wo man mich gern aufnimmt. Ueber der Thüre schwankt ein Dach von leichten Latten, über welches sich üppige Reben wiegen. Vater und Mutter sind nicht daheim, aber die junge kräftige Tochter fürchtet sich vor dem Fremden nicht. Sie weist ihn in's Zimmer hinein und setzt sich ihm gegenüber; den Kopf mit den schwarzen Haaren und blitzenden Augen auf beide Hände gestützt, lacht und scherzt sie mit dem Fremden und ist dabei ganz züchtig, zurückhaltend und voll Anstand. Unterdessen ist mir die Pfeife ausgegangen, und wenn ein Raucher diese Zeilen liest, so wird er es für profan halten, mit ausgegangener Pfeife weiter träumen zu wollen. Reisen – o Gott! ja reisen! – Aber wohin? Ich fühle mich eigentlich recht unglücklich, schon so viel in der Welt herumgekommen zu sein. Die Zauberformel hat doch viel von ihrer Kraft verloren. Vor langen Jahren – es war am Rhein – da brauchte ich mich nur auf einen Haufen Stricke am Werft hinzusetzen und den Dampfschiffen zuzuschauen. Und ich muß gestehen, ich dehnte dieses Zuschauen nicht gerade zum Vortheil der Lectionen, die mir meine Lehrer aufgaben, stundenlang aus: meine Forschungen sollten gründlich sein. Oft war ich schon da, wenn der Kessel des Dampfboots den ersten knarrenden Laut von sich gab, weil er von der sanften Wärme des Feuers sich nach allen Seiten auszudehnen begann. Jetzt entsteigt dem Schornstein eine mächtige schwarze Rauchsäule, der Kapitän und der Steuermann kommen von der Stadt her und begeben sich auf's Verdeck, das von den Schiffsjungen mit einer großen Menge Verschwendung an Wasser abgewaschen wird. Der erste überflüssige Wasserdampf zischt weiß aus der Maschine empor und einer der Matrosen steht an der Glocke, das erste Zeichen zur Abfahrt zu geben. Schon kommen einzelne Passagiere an. Diese ersten, die vor den Signalen anlangen, finden sich meistens in großer Begleitung. Das Schiff geht zur Bequemlichkeit der Reisenden erst Nachmittags ab, man kommt gerade von der Tafel, und die sechs bis sieben guten Freunde, die den Abreisenden begleiten, können ihren Kaffee ebenso gut auf dem Schiff, als irgendwo anders trinken. Dies waren aber nicht die Leute, an denen ich die Fäden meiner Phantasie anzuknüpfen pflegte. Der Kapitän auf dem Radkasten gibt unterdessen ein Zeichen, und der Matrose vornen, nachdem er sich die Nase geputzt, faßt den Schwengel der Glocke und läßt die Töne rasch aufeinander weithin klingen. Zwischen diesem ersten Zeichen und dem zweiten kommen wenig Passagiere. Der Kapitän geht auf dem Radkasten spazieren, und die Maschinisten und Heizer stecken ihre berußten Köpfe aus den Lucken, um frische Luft zu schöpfen. Hinter einem großen Haufen Fässer und Stricke verborgen, treiben die Schiffsjungen allerhand zarte Kurzweil, geben einander Kopfnüsse oder zerren sich auf dem Verdeck umher. Und der Kapitän winkt wieder. Der Matrose vornen schneuzt sich abermals und gibt das zweite Zeichen. Nun beginnt es auf dem Werft lebendiger zu werden. Es kommt jene Klasse von Passagieren, die den richtigen Grundsatz, lieber eine Viertelstunde zu früh als eine Minute zu spät zu kommen, übertreiben: junge Leute, die die erste Reise in die Welt machen, einen kleinen Ausflug in's Gebirge, mit Gamaschen, in den Händen große Stöcke, über die Schulter die grüne Botanisirbüchse, auf dem Kopfe eine brennend rothe oder blaue oder weiße Mütze, worunter das lange, hellblonde Haar. Auch viele alte Damen werden sichtbar, mit altmodischen seidenen Hüten und langen hochrothen oder hellgelben Shawls, am Arm einen weitläufigen Ridicüle und gefolgt von dem Kammermädchen, das den Mops trägt. Das waren noch alle nicht meine Leute. Sie fahren vier oder fünf Stunden den Strom hinauf oder hinab, und da war ich ja auch schon. Ihnen kann ich nicht meine Träume und Wünsche mitgeben. Auch Engländer erscheinen, – reisende Engländer mit langweiligen Gesichtern, langen dürren Hälsen und weiten Staubmänteln. Die kommen schon weiter her, als alle die Anderen, und ihre Insel, die sie eben verlassen, schwebt mir auch interessant genug vor, aber sie sind so theilnahmlos, so kalt, sie sperren die Mäuler so auf, was, wie mein Lehrer mir sagte, ein Zeichen von Dummheit sein sollte. Dann hatte man mir ferner erzählt, sie tränken den ganzen Tag Thee und äßen Gebackenes dazu. Letzteres hätte ich mir schon gefallen lassen, aber das Erstere – ich hatte in meinem Leben ein einziges Mal Thee getrunken, und damals war ich sehr krank und sah blaß und hager aus, wie die reisenden Engländer. Nein, nein, ich ließ sie vorüberziehen, ihnen mochte ich mich nicht anvertrauen. Oft saß ich so am Werft und wartete Stunden lang vergebens, denn was ich liebte, und woran ich so gerne meine Reisepläne und Träume knüpfte, das waren die großen, schweren Equipagen mit glänzenden Wappenschildern und bestaubten und beschmutzten Rädern, die weit herkamen und wieder weit, weit in die Ferne gingen – Reisekometen! Ach, ich erinnere mich sehr gut, wie ich lange ein Steinchen bewahrt, das ich von dem Wagen eines russischen Fürsten abgebröckelt, der direct vom Ural kam, – einen Stein vom Ural! Doch ging nach dem Norden eigentlich nicht mein Streben; meine Phantasie, mein Herz war dem Süden zugekehrt, dem Lande Wo die Citronen blüh'n. Italien! das Land mit seinen Orangengärten, mit seinen verfallenen Tempeln und Marmorpalästen. Dafür schwärmte ich und das liebte ich. Dahin sehnte mein Herz sich sehr. Ach, ich weiß es noch, wie sehr es mich betrübte, als mein Lehrer, der ein sehr praktischer Schulmann war, einen solchen Wunsch dahin berichtigte, daß ein Kameel eher durch ein Nadelöhr gehen würde, als ich nach Italien kommen. Italiener kamen von jeher wenig zu uns, und nur ein einziges Mal wurde mir bei meinem Aufenthalt auf dem Werft das Glück zu Theil, eine reiche italienische Familie in ihrem Wagen zu sehen und zu bewundern. Ach, wie beneidete ich sie, daß sie zurückkehren durfte in ihr schönes Land; ich beneidete die schöne junge Dame, die in dem Wagen saß und etwas traurig aussah, ich beneidete ihr Kind, das aus dem Wagenschlag schaute und einen sehr schwarzen Lockenkopf hatte; ich beneidete den Wagen selbst und vor allen Dingen die Bedienten, die hinten recht hoch saßen, und also von der Höhe der Alpen herab Italien zuerst wieder sehen konnten. Das Kind sagte zu seiner Mutter: » madre mia ,« und dies madre mia , hatte für mich einen so schönen Klang, daß ich es nie vergessen konnte. Die Mutter antwortete: » carissima, mia ,« und auch das habe ich behalten und seitdem sehr häufig angewandt. – Jetzt gab der Kapitän das dritte Zeichen, und als sich der Matrose vornen zum dritten Mal geschneuzt, läutete er nochmals mit aller Kraft und that dann drei einzelne Schläge, allen Zuspätkommenden anzeigend, daß in Kurzem die Laufplanke weggenommen würde. Hui! wie springen sie herbei, die die Abfahrtsstunde versäumt hatten! Einigen gelingt es, noch über das Gangport in's Schiff zu kommen. Jetzt wird auch dies fortgenommen, und das Schiff fluthet langsam in den Strom hinein. Noch sind ein paar zurückgeblieben. Einem gelingt es, mit einem Verzweifelten Sprung das Schiff zu erreichen, ein Anderer überlegt, zaudert, trippelt auf und ab, und bleibt jammernd am Ufer stehen. Ein trauriges Schicksal! tief mitempfunden von einem Dutzend Straßenjungen, die dem davoneilenden Schiffe und dem zurückbleibenden Passagier ein lautes Hurrah spenden. Ach ja, reisen möcht' ich – reisen in alle Welt Zweites Kapitel Von verschiedenen Arten des Reisens, worunter vielleicht einige, die den, geneigten Leser bis jetzt noch nicht bekannt waren Wenn ich verspreche, auf den nachfolgenden Blättern dem Leser zu Nutz' und Frommen Bilder aus dem Reiseleben mitzutheilen, so bitte ich aber keine Reisebeschreibung zu erwarten. Ich weiß, die Zeit derselben ist fast vorüber. Jetzt, wo es fast Jedem gestattet ist, die halbe Welt auf Eisenbahnen und Dampfschiffen mit wenig Zeit und Geld zu durchstiegen, ist es erstaunlich schwer, einen Winkel aufzustöbern, von dem man noch etwas Neues und Interessantes berichten könnte, und die Zeit der Thümmel, auch wenn man ein Thümmel wäre, wo man von dem Schreibtisch aus die schönsten Reisen in entfernte Länder beschrieb, Reisen, die man nie gemacht, – – ist leider dahin. Deßhalb will ich einen kleinen Abriß, eine Geschichte des Reisens selbst zu geben versuchen, aber durchaus nicht in chronologischer Ordnung, und zum Beispiel mit deutlichem Nachweis, wo man anfing, vom Pferd auf den Esel zu kommen, um welche Zeit man sich der Sänfte bediente, und wann man sich in der Maschine auf Rädern, die man Equipagen nennt, fortzubewegen begann. Nein, gewiß nicht! vielmehr frei, fröhlich, ohne große Ordnung, ohne Zwang. Da beim Reisen das Fortkommen, das Sichfortbewegen von einem Ort zum andern ein nicht unwesentliches Haupterforderniß ist, so verlohnt es sich wohl der Mühe, zuerst die verschiedenen Arten dieses Fortkommens in's Auge zu fassen. Ich hatte das Glück, seit meiner Kindheit wohl eine solche Menge Reisearten kennen zu lernen, wie sie vielleicht selten einem Sterblichen geboten wurden, namentlich geschah meine erste Reise, die ich vom elterlichen Hause aus begann, durch ein außerordentlich seltsames Transportmittel. Im benachbarten Heimathsdorfe unserer Dienstmagd, einer langgedienten, treuen Person, war nämlich Kirchweih, und ich erhielt die Erlaubniß, mit dorthin gehen zu dürfen. Natürlich versprach der Bruder unserer Magd, einen kleinen Wagen zu senden, um die Schwester und mich zu transportiren. Aber vergeblich warteten wir am Tage unserer projektirten Reise, ich natürlich in fieberhafter Ungeduld, – der ersehnte Wagen kam nicht. Endlich Nachmittags mußte ein Entschluß gefaßt werden; das Dorf war vier Stunden von der Stadt, wo wir wohnten, entfernt, und wenn auch das Mädchen für ihre Person gerne zu Fuß dorthin gegangen wäre, so blieb doch die Frage, wie ich zu transportiren sei, und endlich kam sie auf eine ganz originelle Idee, welche mir denn auch zu den Freuden der Kirchweih verhalf, und mich jetzt in den Stand setzt, ein Reisetransportmittel anzugeben, an welches bis jetzt noch Niemand gedacht – den Schubkarren nämlich. Sie verschaffte sich eine solche Maschine, setzte einen Korb mit ihren Effekten oben hinauf, mich rittlings darüber, und so zogen wir – doch man kann das eigentlich nicht sagen, da ich geschoben wurde – oder wir gingen, was auch nicht ganz richtig ist, kurz wir kamen glücklich zum Thore hinaus und auf die Kirchweih, wo ich mich, nebenbei gesagt, außerordentlich amüsirte, denn ich kehrte zurück mit mehrfach zerrissenen Hosen, einer zerschundenen Nase und einem Auge in allen Farben des Regenbogens, einige Indigestionen, die nur vorübergehend waren, nicht mitgerechnet. Und trotz alledem kam ich mit einem großen Stolze heim, denn man hatte auf dem Dorf meine Equipage für etwas Seltenes, noch nie Dagewesenes erklärt, und die ausgelassene Schuljugend war mir jauchzend gefolgt und hatte, da ich, weil aus der Stadt kommend, in ihren Augen als etwas Vornehmes erschien, auf diese Art ihre Huldigung dargebracht. Trotzdem ich diese erste Reise auf einem Schubkarren als etwas Außergewöhnliches auch für eine außergewöhnlich glückliche Vorbedeutung ansah, die mir lange und schöne Reisen verhieß, und die mich auch später nicht getäuscht, kam damals in meinen Reisen lange nichts Außerordentliches mehr vor. Ich ging zu Fuß, einen tüchtigen Stock in der Hand und einen kleinen Ranzen auf dem Rücken, mit einem Freunde meines Alters während der Ferienzeit Verwandte zu besuchen. Wir fürchteten uns damals entsetzlich vor Räubern, und erzählten uns aus der Phantasie die fürchterlichsten Geschichten von Straßenraub und Mord, die irgendwo vielleicht einmal geschehen waren, und als wir Abends in ein bescheidenes Wirthshaus kamen, da hatten wir lange nicht den Muth, ein Zimmer zu verlangen, denn wir erwarteten in dem Falle, daß man alsdann sogleich nach unseren Pässen fragen würde, um uns, da wir dergleichen Ehrlichkeitspapiere nicht besaßen, schleunigst als Vagabunden ins Gefängniß zu werfen. Es ging aber alles das besser, wie wir erwartet. Nachdem wir das wohlfeilste Gericht der Speisekarte, Pfannenkuchen mit Kartoffeln, verzehrt, und uns sogar die ungeheure Verschwendung eines Glases Weins erlaubt hatten; führte man uns in ein Zimmer mit einem Bette, wo wir bis zum anbrechenden Morgen sanft und ruhig schliefen. Doch kann ich nicht umhin, zu gestehen, daß mich vor dem Auskleiden ein paar Dintenflecken auf dem Boden sehr beunruhigten, die ich für schwarze Blutstropfen ansah, und analog denselben das Haus, in welchem wir uns befanden, für eine Mörderhöhle. Diese bescheidenen Fußreisen verwandelten sich allmälig und ganz folgerecht in Fahrten auf dem Trittbrett einer zufällig vorüberrasselnden Equipage, oder auf dem schwebenden Brett eines Leiterwagens, oder um den Preis von sechs Pfennigen für einen Schnaps auf dem Bock eines vornehmen Hauderers. – Des Tages aber, wo ich als wirklicher und berechtigter Besitzer in eine solche Lohnkutsche selbst hineinsitzen durfte, erinnere ich mich heute noch mit Entzücken. Es war zugleich meine erste größere Reise von Burtscheid bei Aachen, wo ich einst geboren, nach Düsseldorf, – ich erkenne diesen meinen Geburtsort hiemit öffentlich an, damit derselbe nicht später in den Fall komme, sich mir sechs anderen Städten dieser Ehre wegen herumzanken zu müssen. Da lagen in der Phantasie des Knaben in der Perspektive dieser Reise stundenlange unbekannte Länder, Städte und Dörfer, ein kleines Gebirge, vielleicht mit einigen Räubern, eine kleine Festung – Jülich – mit Soldaten und Kanonen, und endlich der Rhein. Ja der Rhein; das war das Ziel des Sehnens und Trachtens, der breite schöne Fluß mit seinen Schiffen und Brücken. Es war eine glückselige Reise, und als ich morgens früh um vier Uhr Sommers bei aufleuchtender Sonne in die Chaise gepackt wurde, und als der Vater Abends um eilf Uhr, als wir nach Düsseldorf kamen, erklärte, er sei wie gerädert, war ich tief betrübt, daß die schöne Fahrt schon zu Ende sei. Vom wirklichen und berechtigten Lohnkutscher-Beisitzer wurde ich geheimer Oberpostamts-Passagier; geheim insofern, als ich für ein Drittel der Fahrtaxe als blinder Reisender mitgenommen wurde, und da wäre ich, zwischen zwei dicke Damen hineingepreßt, um ein Haar eines unnatürlichen Todes gestorben. Ach, es war dies noch die rosige Jugendzeit der Postkutschen. Conducteur und Postillon hatten noch menschliche Gefühle, und wenn Letzterer sich hie und da einen Schnaps einschenken ließ, war der Erstere menschenfreundlich genug, bei irgend einem dichten Gebüsch halten zu lassen, um einem beliebigen Passagier – frische Luft zu gönnen. Das Innere dieser Postkutsche war zu sechs Personen berechnet, wir saßen aber unserer zehn darin, mich eingerechnet, ferner ein Kanarienvogel, ein Affe und ein kleiner Hund. Nachdem ich nun vom geheimen und blinden Passagier endlich auch hier ein wirklicher und berechtigter geworden war, blieb ich lange diesem Transportmittel getreu, und bin daher aus jener Zeit nicht im Stande, eine neue Reiseart aufzuzählen. Darauf folgten aber die Dampfschiffe, deren ich schon Eingangs dieser Blätter erwähnt. Anfänglich waren dies ebenfalls harmlose, gemüthliche Wesen, die an einem Tage höchstens von Köln nach Koblenz fuhren, mit englischem Kapitän, englischem Condukteur, englischen Heizern und Maschinisten, auf welchen Essen und Trinken außerordentlich schlecht war, auf welchen man sich gar nicht heimisch und zu Hause fühlte, und in welchen man immer vermuthete, der Dampf werde jetzt endlich die Quälereien satt bekommen und, plötzlich explodierend, Alles mit sich in die Luft nehmen. Alte ehrwürdige Frauen warnten auch vor diesen Fahrzeugen auf den Dampfbooten, indem sie das Ganze für eine höllische Erfindung erklärten. Gott, wie ist die Ehrfurcht verschwunden, die man früher vor dieser entsetzlichen dämonischen Kraft hatte! Heute sieht man eine Dampfmaschine, eine Lokomotive, und denkt eben nichts weiter, als daß es eine Dampfmaschine oder eine Lokomotive ist. Ja man hat den Dampf traurig heruntergebracht, indem man ihn unter Anderem zum Auskochen und Reinigen schmutziger Pfeifen und noch schmutzigerer Wäsche braucht. Da verbreitete sich, wie eine Sage aus alter fabelhafter Zeit, wo die Menschen noch auf Wolken fuhren und auf Drachen ritten, das Gerücht, man fange an, die Erde mit einem eisernen Reifen zu beschlagen, und um auf diesen Reifen ebenfalls mit Dampf in der unglaublichsten Geschwindigkeit nun auch zu Lande von Ort zu Ort zu gelangen. Ruhigere gesetztere Männer lächelten darüber und doch zeigte sich die Geschichte als wahr. Nürnberg und Fürth reichten sich zuerst die eisernen Hände, und ich erinnere mich noch ganz wohl, wie in der erstem industriellen Stadt gleich darauf kleine Ansichten von Eisenbahnen erschienen, dies neue Wunder sichtbarlich darstellend. Bald sah man überall Eisenbahnen ausstecken, Berge durchwühlen, Thäler ausfüllen, Flüsse überbrücken, und die geduldige Chaussee, die sich so harmlos bergauf bergab schlängelte, sah gelb vor Neid und – Lehmwasser diese gefährliche Concurrenz. Da wurde auch zwischen Elberfeld und Düsseldorf ein Schienenweg projektirt und um Weihnachten irgend eines Jahrs war ein Stückchen derselben fertig und wurde mit Lokomotiven befahren. Natürlich setzte sich Alles in Bewegung, dies neue Wunder selbst zu erleben, und zu dem Ende fuhr man mit Omnibus, Postwagen und Handerern ungefähr drei Stunden bei Regenwetter und Sturm durch Schmutz und Schneewasser, um jene Abfahrtstation, mitten im Walde gelegen, zu erreichen. Dort hatte man das Vergnügen, unter einer elenden Holzbaracke, in welche von allen Seiten Regen und Schnee hineinpfiff, einige Stunden auf die Abfahrt warten zu müssen, indem die Lokomotive bei unserer Ankunft eben im Begriffe war, den ersten Mund voll Kohlen und Wasser zu verspeisen. Es war ein trostloser Anblick, die frierenden Damen und Herren, die durchnäßten Röcke und Mäntel, die zerstörten Hüte und Coifuren, die bleichen und rothen Gesichter, alle so begierig aus den endlichen Anfang des großen Vergnügens. Von der Station, wo es gerade einen steilen Berg hinab ging, hatten wir einen ungemein komischen Anblick. Da lag eine Miethkutsche umgeworfen im Wege, und es war entsetzlich anzusehen, wie ohne Aufhören die Passagiere paarweise, wie aus der Arche Noah, dem Wagen entkletterten. Zuletzt tauchte ein unendlich langer Mensch auf, aus dem oberen Kutschenfenster, und er war so groß, daß ihm dasselbe nicht bis an das Knie reichte, und er hielt, in dem Wagen stehend, eine donnernde Rede gegen den eben vorüberfahrenden Postwagen, indem er behauptete, dieser sei nicht gehörig ausgewichen, und habe so das Unglück herbeigeführt. Eine alte Frau, die mit den übrigen Passagieren rüstig den Berg vollends zu Fuß hinab ging, klagte in einem fort und jammerte: »Ach Gott! wenn ich nur in meinem Leibe nichts zerbrochen habe!« – Endlich war die Lokomotive eingespannt, Alles saß in die Waggons und erwartete mit Ungeduld das Zeichen der Abfahrt. Da erklärte plötzlich der Maschinist, an der Lokomotive müsse etwas nicht ganz richtig sein und selbe sei nochmals genau zu untersuchen. Diese Untersuchung dauerte wieder eine gute Stunde, und dann endlich fuhren wir ab, erfroren, hungrig, durchnäßt, ermüdet und gelangweilt. – Es war meine erste Eisenbahnfahrt. Jetzt bediente ich mich lange Zeit wieder des soliden Postwagens als Transportmittel, saß bald im Coupée bei dem Conducteur, mit ihm Cigarren rauchend und plaudernd, oder auch zuweilen im Innern des Wagens, zwischen zwei dicken alten Damen eingepreßt, das Fegfeuer im Voraus abverdienend. Auf einer größeren Reise, die ich später das Glück hatte, machen zu können, und welche über die Grenzen der Civilisation hinaus in die Wüsten des todten Meeres und von Gaza ging, mußte ich mich zu meinem Fortkommen noch einiger seltsamer Reisemittel bedienen. Eine Tour zu Maulesel ist bei uns zu Land nicht ganz außergewöhnlich, gehört aber auch nicht zu den täglichen Ereignissen. Dagegen möchte es schwer sein, eine Reise zu Kameel zu machen, es sei denn, daß man sich, um diese Seltenheit zu genießen, an einen Bärenführer wendete, die meistens ein solches Schiff der Wüste mit sich herumführen. Das Reisen zu Kameel kommt aber, was Unannehmlichkeiten anbelangt, noch vor dem Reisen in einer übersetzten Lohnkutsche. Man sitzt mit weit gespreizten Beinen auf dem breiten und hohen Rücken des Thiers, das heißt, man kann sich glücklich schätzen, wenn man einmal ruhig droben sitzt, ohne während des Aufsteigens einigemal herabgeworfen worden zu sein, da das Kameel am Boden liegt, und nachdem der Reiter auf seinen Rücken geklettert, sehr schnell und ruckweise in die Hohe springt. Ist man nun aber droben und hat sich das Thier in Bewegung gesetzt, so erleidet man eine solche unangenehme, schaukelnde Bewegung, daß es Leute genug gibt, die davon schwindlicht, ja völlig seekrank werden. Jetzt hebt sich das Kameel vornen, und man starrt in den Himmel, jetzt hebt es sich hinten, und man blickt über seinen Kopf hinaus in den Sand, jetzt hebt es sich an der rechten Seite, und man rutscht auf die linke, jetzt hebt es sich auf der linken, und man rutscht auf die rechte Seite. Und das geht den ganzen Tag so fort, abgemessen und gleichförmig, wie ein Uhrwerk, in diesen vier höchst unangenehmen Tempo's. Ohne der kleinen Fuhrwerk-Variationen besonders gedenken zu wollen, deren man sich auf einer solchen orientalischen Reise oft bedienen muß, als da sind: Eselswagen, Ochsenkarren, muß ich dagegen unbedingt noch eines seltsamen Rittes erwähnen, den ich in der Nähe der Pyramiden in Ghizet bei Kairo gemacht. Dies war nämlich ein Ritt zu – Neger. Um einen Arm des Nil zu passiren, auf dem sich zufällig keine Barken befinden, stehen dort immer eine Anzahl für diesen Dienst verwendbarer armer Kreaturen, die um ein Geringes an Geld den Reisenden auf ihre Schultern laden. Man schwingt sich auf, man nimmt das Stück eines alten Shawls, das der Neger um den Hals geschlungen hat, in die Hand, und fort geht es in einem kurzen Trabe – in den Nil hinein. Anfänglich reicht ihm das Wasser bis an das Knie, steigt dann immer höher und zuletzt schwebt man nur noch über dem Wasser, unter sich den schwarzen Wollkopf des Negers, der, indem er auf die Tiefe der Fluth aufmerksam macht, uns zuweilen das Gesicht zukehrt und uns mit den lebhaften blitzenden Augen und den fürchterlichen schneeweißen Zähnen auf's Freundschaftlichste angrinst. Drittes Kapitel. Von einem deutschen Gasthofe, inclusive seiner Leiden und Freuden. Wenn man in früheren Zeiten vom Eilwagen gestiegen war und seinen Effekten, die auf den rüstigen Schultern eines Postsubalternbeamten ruhten, vorausschlenderte, und so das Hotel erreichte, welches man zu beglücken gedacht, so sah man vielleicht einen Kellner am Thore lehnen, die Nase des Portiers aus seiner Loge hervorragen, und bemerkte den Lohnbedienten, der, nach herrschaftlichen Wagen ausspähend, an der Ecke stand. Aber alle drei bekümmerten sich nicht sonderlich viel um den mit Staub bedeckten, zu Fuß ankommenden Passagier. »Höchstens etwas für den vierten Stock!« dachte der Kellner! »kein Trinkgeld!« seufzte der Portier, und der Lohnbediente klagte in seinem Herzen: »wenn der die Merkwürdigkeiten der Stadt anschaut, so fragt er lieber an jeder Straßenecke zehnmal, ehe er mir etwas zu verdienen gibt!« Und gemäß dieser kühlen Ansichten war denn auch der Empfang des Gastes. Der Kellner, ohne seine Stellung am Thore zu verändern, besah dich von oben bis unten, meinte: es sei Alles zu sehr überfüllt, und murmelte etwas von einem kleinen Zimmer im fünften Stock, hinten heraus, mit der Aussicht auf die Brandmauer des Nachbars. – Du wünschtest ein Zimmer im zweiten oder dritten Stock, – der Kellner lächelt mitleidig und zuckt die Achsel, die Nase des Portier verschwindet indignirt: denn er selbst ist nicht im Stande zu begreifen, wie Jemand, der zu Fuß ankommt, und vorderhand noch gar kein Gepäck bei sich hat, in den zweiten und dritten Stock verlangen kann. Du miethest also das Zimmer mit der Brandmaueraussicht, der Kellner zieht schläfrig die Glocke und überliefert dich einem Collegen, der vor dir die Treppe hinaufeilt. Im zweiten und dritten Stock siehst du genug Zimmer leer stehen ... »Könnte ich nicht vielleicht hier ein Zimmer haben?«– »Sind für russische, englische, französische Herrschaften bestimmt!« Da ist keine Gnade, du kommst doch unter das Dach und der Postbeamte, der endlich nachkeucht, verlangt das Doppelte, da er so hoch steigen muß. Das ist nun heutzutage, Dank sei es den Eisenbahnen und Dampfschiffen, ganz anders geworden. Der Standpunkt der Reisenden ist vollkommen verrückt worden, und demnach haben auch die Ansichten des Kellners, Portiers und Lohnbedienten eine Veränderung erlitten. Die vornehmsten Leute kommen zu Fuß von der Eisenbahn, ohne Gepäck, und die Reise-Equipage des bestaubten Mannes, der auf das Hotel zueilt, steht vielleicht noch draußen auf dem Waggon. Der Portier reißt an der großen Glocke, daß es durch alle Stockwerke schallt, der Oberkellner stürzt an sein Bureau, die Feder hinterm Ohr, streicht sich durch das Haar und zupft die Halsbinde in die Höhe. Ihm folgt eine ganze Schaar vom zweiten, dritten und vierten, von Salon- und Zimmerkellnern. Es präsentirt sich der Lohnbediente mit einem freundlichen Gesicht, der Hausknecht macht eine kühne Bewegung mit seiner Bürste, aber Alle bleiben ehrfurchtsvoll hinter dem Oberkellner, der nun händereibend auf dich zutritt, dich süß anlächelt, oder auch wohl lispelnd seine Freude ausdrückt, daß du das Hotel, in welchem du niemals warst, abermals mit deiner Gegenwart beehrst. Der Empfang ist so herzlich, Alle sehen aus, als haben sie eigentlich nur auf dich gewartet, als sei blos dir zu Ehren die Treppe mit Blumen garnirt und mit Teppichen belegt. Der Oberkellner sagt: »die Dienerschaft des Herrn – – kommt wohl nach?« Er hat augenscheinlich sagen wollen: des Herrn Grafen oder des Herrn Baron, aber er ehrt dein Incognito. – »Ich habe keine Dienerschaft, ich bin allein.« – Der Oberkellner hustet. Allein! und sämmtliche Kellner räuspern sich gelinde. »Für den ersten Stock muß ich bedauern!« sagt er alsdann, »aber vielleicht ein hübsches Appartement im zweiten oder dritten?« – »Mir ist ein kleines bescheidenes Zimmer im dritten Stock schon recht!« – Der Oberkellner zupft abermals seine Halsbinde, aber mit einer ganz anderen Miene. »Ein kleines Zimmer im dritten!« sagt er alsdann, worauf der Portier plötzlich in seiner Loge verschwindet und der Lohnbediente angelegentlich die Landkarten an den Wänden betrachtet, der Hausknecht pfeifend in den Hof geht, und die meisten Kellner voll Abscheu verschwinden. Der Oberkellner allein, der Würde des Hauses bewußt, steht groß und erhaben vor dir. »Nummer 124!« bemerkt er würdevoll, und diese schwere Zahl klingt wie ein Verdammungsurtheil. »Werft das Scheusal in die Wolfsschlucht.« Darauf macht er dir eine sehr leichte Verbeugung, und der Zimmerkellner klettert mit dir von Stockwerk zu Stockwerk, bei Blumen und Teppichen und Bronze-Candelabern, Springbrunnen und lakirten Thüren vorbei, immer höher und höher. Zuerst bleiben die Springbrunnen hinter dir, die Bronze-Candelaber verwandeln sich in einfache Gaslichter, die Teppiche der Treppe in harmlose Strohmatten, die Blumen endlich in ein melancholisches halbverwelktes Bouquet an der Treppe des zweiten Stocks und auch die lakirten Thüren, die dir bis in den dritten Stock treu geblieben sind, verschwinden ebenfalls in einer noch höheren Region. Du wandelst über unendliche Korridors, zwei Treppen hinab, eine hinauf, du siehst mehrere Thüren mit O bemalt, oder zur Abwechslung mit » içi .« Du stehst vor Nummer 124. – ein schlechtes, miserables Zimmer, mit einem Bette für einen Zwerg eingerichtet, die alten wackeligen Stühle dagegen breit und hoch wie für eine Riesenfamilie. Aber warum in diesem elenden Zimmer verweilen? Freilich wenn du als schüchterner Neuling in das Gasthofleben trittst, so folgst du, ein wehrloses Lamm, dem Zimmerkellner zur Schlachtbank auf Numero 124.; bleibst du aber plötzlich auf der Treppe zum dritten Stock stehen, siehst hier deinen Führer ernst und würdevoll an und sagst ihm: »Lieber Freund, Sie sind gewaltig im Irrthum, wenn Sie sich einbilden, ich sei in ihren Gasthof gekommen, um unter das Dach logirt zu werden. Ich bitte« – dies »bitte« spreche man sehr scharf und bestimmt aus – »um ein gutes Zimmer im zweiten Stock, oder im anderen Fall um den Befehl, meine Sachen drunten zu lassen!« so kannst du versichert sein, daß er eilig hinab zum Oberkellner springt, um dich, wenn wirklich kein Platz ist, ziehen zu lassen, oder auf ein anständiges Zimmer im zweiten Stock unterzubringen. Deine Fenster, sie gehen sogar auf die Straße, dein Zimmer ist nicht groß, aber der Boden ist mit Teppichen belegt, Bett, Sopha und die übrigen Möbel sind gut, und du fängst ganz behaglich an, deine nun endlich nachgekommenen Sachen auszupacken, denn bald kommt die Zeit der table d'hôte, wo du anständig zu erscheinen hast, erstens, weil alle Welt dort anständig erscheint, und zweitens, da besonders du, der sich ein Zimmer im zweiten Stock gewaltsam errungen, der Zielpunkt sämmtlicher Kellnerblicke sein wirst und du dir deßhalb keine Blöße geben darfst. Tritt würdevoll aber höflich in den Saal, ersuche den Kellner freundlichst, dich nicht in die Nähe einer offenstehenden Thüre zu placiren, da du am Rheuma leidest, und doch nicht zu weit von den täglichen vornehmen Gästen der table d'hôte entfernt, da du Bekannte unter ihnen zu finden hoffest. Aber um Alles in der Welt keine Vertraulichkeit mit dem Personal, ja nicht einmal mit dem Oberkellner! Erinnere dich ja nicht, denselben anderswo gesehen zu haben, nimm fremd und förmlich deinen Platz ein, trink einige Tropfen des sauren Tischweins, und bitte alsdann den Kellner, wenn er gerade in deine Nähe kommt, auf die freundlichste Art und flüsternd um die Weinkarte. Rufe um Gotteswillen ja nicht laut darnach, überhaupt verhalte dich still, ruhig, feierlich, auch mit deinen Nachbarn, und wenn du alsdann bemerkst, daß die Kellner dich mit einer gewissen Hochachtung, ja Ehrfurcht ansehen, bedienen, so kannst du dir schon am Ende der Tafel erlauben, einen derselben höflichst und im Geheimen um etwas Mundwasser zu bitten. Dieses ist ein Hauptcoup und gut ausgeführt, vollkommen im Stande, deinem aristokratischen Air die Krone auszusetzen. Erst Abends kommst du nun endlich dazu, von deinem Zimmer förmlich Besitz zu nehmen, dich in deinen vier Pfählen gehörig umzusehen. Du warst den Tag über in der Stadt, Abends im Theater; du liegst behaglich im Sopha, der Kellner hat deine beiden Stearinlichter angezündet, Stearinlichter, in neuerer Zeit ein Surrogat für Bougis auf der Rechnung, wo die Wachskerzen in ihrem mit Ausnahme alten Namen und Preise prangen. Draußen auf den Treppen des Gasthofs läuft es auf und ab, klirren Schlüssel, klappern Teller, rufen die Kellner einander zu, und unten herauf läutet die große Glocke, hie und da fährt ein Wagen an und davon, kurz, es ist ein immerwährender Spektakel. Auch zu beiden Seiten deines Zimmers lacht und flüstert es – wer mögen deine Nachbarn sein? – Es ist eilf Uhr und sie sind schon vor dir nach Hause gekommen, denn als du bei den langen Zimmerreihen vorbei kamst, sahst du an jeder Thüre irgend eine Art Fußbekleidung stehen, hier Stiefel, da Halbschuhe, an jener Seite schwere Reiseschuhe, dort leichte Brodequins – wer mag nun neben dir wohnen? Du warst leichtsinnig genug, an der andern Seite der Thüre die Schuhe oder was sonst dastand, nicht in's Auge zu fassen. Ist's eine Dame, ist's ein Herr? – ist's Beides? Aber was es auch sein mag, Lust zum Schlafengehen haben deine Nachbarn noch nicht, der Eine pfeift: »Als ich jüngst die Normandie verlassen,« der Andere spricht, wahrscheinlich mit sich selbst, von der Stelle: »wo die letzten Häuser standen.« Dazwischen aber kichert und lacht es und man müßte offenbar blödsinnig sein, wenn man so mit sich selbst kichern und lachen wollte. Wenn man nur wüßte, ob das eine Dame wäre! Aber man kann in der That nichts deutlich hören, denn der links, offenbar ein Herr mit einer Baßstimme, hört nicht auf, die Normandie zu verlassen. –Ein unerträglicher Narr! Du hast lesen wollen, aber das geht nicht. Jetzt kichert es rechts wieder so fein und lustig. – Wenn ich nur wüßte, ob das eine Dame wäre! Es könnte auch ein ganz junger Mensch sein, der auf so weibische Art lacht. – Doch – was geht's dich eigentlich an? – Nun ja – freilich – gar nichts! – Das ist schon richtig; und doch spazierst du mit großen Schritten auf und ab und schielst nach der Thüre rechts. Der Nachbar links hat endlich die Normandie glücklich hinter sich und ist plötzlich ganz still geworden. Ist er vielleicht schon zu Bett oder – beobachtet er dich vielleicht durch irgend ein geheimes Loch in der Thüre? – Dergleichen Löcher sind auf beiden Seiten genug vorhanden, wie du vorhin entdecktest, große und kleine, mit Holz verstopft und mit Papier. Auch haben die Schlüssellöcher keine Klappen. Behutsam näherst du dich demselben auf der linken Seite, doch wie du dein Auge davor bringst, fährst du plötzlich zurück, denn auch von drüben ist das Schlüsselloch durch ein anderes Auge bedeckt, welches gespensterhaft in deines blickt. Indignirt über diesen naseweisen Nachbar drehst du einen Zipfel des Handtuchs in das Schlüsselloch, und der da drüben macht es gerade so, untersuchst auch alle Löcher in dieser Thüre und dein Nachbar thut das Gleiche. – Jetzt bist du von der linken Seite sicher und du kannst beruhigt zur Untersuchung schreiten, wer da drüben beständig so lustig kichert. Eine passende Oeffnung ist bald gefunden, du steigst auf einen Stuhl und schaust hindurch. Was Teufel! Das Wesen in dem Zimmer nebenan befindet sich in jenem Zustande, wo es von seinen Kleidungsstücken zu viel und zu wenig abgelegt hat, um mit Bestimmtheit sagen zu können, welchem Geschlecht es angehört und ist merkwürdiger Weise so interessant beschäftigt, wie du selber. Ei, ei, diese Neugierde! – Wenn ich nur wüßte, ob es eine Dame ist! Viertes Kapitel. Was in einem Gasthofe um die Geisterstunde geschieht. Bei schlaflosen Nächten, deren es leider im Menschenleben so viele gibt, und deren im Gasthof wohl mehr als zu Haus auf deinen Theil kommen, denn du hast ein fremdes Bett, hast viel gegessen und viel geplaudert, dich amusirt, echauffirt, aufgeregt; also in solchen Nächten, wo du dich unmuthig von einer Seite auf die andere wälzest, wo du vergeblich nach dem Schlafe greifst, ihn, der neckisch um dich herumgaukelt, vergeblich zu erfassen strebst, hast du oft gehört, wie das Leben in dem weiten Hause allmälig abstirbt. Zuerst beruhigen sich die oberen Stockwerke, und die Stille der Nacht, bleiern und unwiderstehlich, sinkt langsam immer tiefer hinab, ertödtet das Gespräch im Speisezimmer, drückt den Kellnern die Augen zu, entwendet dem Koch sein großes Messer, löscht Gaslichter und Herdfeuer aus und läßt den Portier einnicken. Alles ist stille um die Mitternachtsstunde, – da hört der Schlaflose, wie es langsam Treppe auf und Treppe ab schleicht und schlürft über die Vorplätze und über die langen Corridors, wie es vor jeder Thür stehen bleibt – vielleicht ein unheimliches Gespenst – als überlege es, in welchem dieser Zimmer es den Schlafenden durch seine Erscheinung außer sich bringen solle; aber es tritt zu keiner Thür hinein, es hustet hohl und dumpf, es raschelt auf dem Fußboden und entfernt sich mit denselben leisen und geisterhaften Schritten, mit denen es gekommen. Das Gespenst aber, welches so um die Mitternachtsstunde im Gasthof herumschleicht, ist der Hausknecht oder sein Substitut, der sämmtliche Stiefel und Schuhe aller Stockwerke zusammenschleppt, um sie morgen früh vor Tagesanbruch wieder gereinigt an ihren Platz zu stellen. Aber der elegante Hausknecht eines eleganten Hotels befaßt sich mit dieser niedrigen Arbeit nicht selbst. Er hat seine Unterbeamten, welche dies Geschäft versehen, meistens arme alte Leute, die, wenn Alles schläft, hustend daherschleichen, das sämmtliche Schuhwerk zusammenzubringen. Ein alter Mann, eine Brille auf der Nase, eine Zipfelmütze auf dem Kopf, aussehend wie eine Erscheinung, – und es ist auch eine solche, da er erst in der Mitternachtsstunde sichtbar wird und mit dem ersten Hahnenschrei in den unterirdischen Räumen des Gasthofs wieder verschwindet – ein solcher hebt das Schuhwerk vom Boden auf, betrachtet durch die trübe Brille angelegentlichst die Zimmernummer und malt dieselbe mit Kreide auf die betreffenden Sohlen. Unten in einem stillen Gemach wird das sämmtliche Schuhwerk nun sortirt und nach verschiedenen Rangklassen eingetheilt. Plebejische, beschmutzte Stiefel sind für den Wasserkübel bestimmt und werden mit der Dreckbürste bearbeitet. Anständigere Schuhe werden gleich mit der Glanzbürste gesäubert, und das geht so aufwärts bis zu der feinen Zeugbürste und dem Lackpinsel für das zierliche, liebenswürdige Geschlecht der Brodequin's. Endlich stehen alle gereinigt auf einem großen Gestelle einträchtig bei einander; der Hausknechtssubstitut zieht sich nach beendigter Arbeit zurück, es ist die Mitternachtsstunde. Stille rings und tiefes Ruhen, Plötzlich – horch! ein leises Flüstern, In den Stiefeln, in den Schuhen Lispelt es und rauscht es lüstern. Es kracht und rauscht auf dem Gestelle, es knarrt und scharrt, es seufzt und murmelt, und nachdem ein langer, tiefer Ton durch die Stiefelreihen gezogen, sind sie wie vom drückenden Banne erlöst und im Stande, sich ihre Gedanken und Gefühle mitzutheilen. Da werden Bekanntschaften gemacht und erneuert, kleine Intriguen angefangen und fortgesponnen, und man theilt die Erlebnisse des vergangenen Tags einander mit. »Wo waren Sie heute Mittag?« fragt ein feiner Lackstiefel einen schwerfälligen, groben Schuh, ein altes, gesetztes Wesen mit Runzeln und Falten, glänzend vor Wohlbehagen und Thran; und der Schuh antwortet mit einer rauhen, knarrenden Stimme: »Habe meine Fruchteinkäufe besorgt, auch mir ein paar neue Schimmel angeschaut, meine alten Pferde werden abgängig. – Aber wo habt Ihr Euch indessen herumgetrieben? – Was? – wieder einmal allen Mädels nachgelaufen und Euch im Theater allerhand dummes Zeug vorschwätzen lassen?« Die Lackstiefel glänzen vergnügt bei dem Ausfall des alten Landedelmanns, und wie sie so dastehen, so herausfordernd, so außerordentlich auswärts, so siegreich, versteht man leicht das Schmunzeln, das in ihnen ertönt und das leichte Gekicher. »Haben uns superbe amusirt!« sagen sie darauf und schielen nach ein paar feinen schwarzen Stiefelchen, die bei diesem herausfordernden Blick still und beschämt vor sich niedersehen. Etwas weiter unten auf dem Gestell klirrt ein feiner silberner Sporn so wehmüthig und leise und schmachtet aufwärts zu ein paar zierlichen hellbraunen Brodequin's und sagt mit einer Silberstimme: »Grausame Eleonore! warum zogst du dich bei meiner Annäherung heute Abend immer so scheu zurück?« und die Stiefelchen lispeln: »Konnte ich anders, mein Hugo? Du hast ja selbst gesehen, daß der Whisttisch einen einzigen pöbelhaften und dicken Fuß in der Mitte hat, und daß mein Mann beständig etwas unter den Tisch fallen ließ.« Neben den hellbraunen Brodequin's stehen zwei Paar ehrenfeste, solide Stiefel, ehrwürdige Gebäude bei Jahren, mit soliden, dicken Fundamenten. »Ich muß gestehen,« spricht das eine Paar zu dem andern, »ich hätte diesem jungen Laffen von Offizier schon lange gesagt, wo er her wäre! – Was ist das für eine Aufführung? Rennt dir oder vielmehr deiner Frau überall nach, führt sie auf der Promenade am Arm, so daß du nebenher laufen kannst, ein vollkommen lächerlicher Elephant.« Wieder klirrte das Spörnlein: »Ach Eleonore, dein Mann ist ein guter alter Mann, aber der Freund, den er bei sich hat, ist ein grober Esel. Sollte man nicht glauben, er sei dir zum Vormund gesetzt? Auf Ehre, ich werde nächstens mit ihm anbinden.« »Schlechte Zeiten!« brummten unten ein paar Schuhe, zu denen Gamaschen gehörten, »auf Ehre, Herr Bruder, ganz schlechte Zeiten, fürchterliche Concurrenz! Ich erinnere mich noch ganz gut – es mögen jetzt vielleicht zwanzig Jahre her sein – da machte ich fast allein in Cigarren, und wenn ich mich sehen ließ, riß man die Ladenthüren auf und schrie: »Da ist er endlich, nur herein! nur herein!« – Jetzt aber schließt man die Ladenthüren zu und schreit mir entgegen: »Da ist er schon wieder! hinaus! hinaus!« Die anderen Gamaschenschuhe, die nebenan standen, ein paar, arme, geflickte Wesen, seufzten recht traurig und husteten kläglich dazwischen. – »Ach,« sagten sie zum Collegen, »Ihr erfreut Euch doch einer guten Gesundheit und könnt mit Euren starken Sohlen herzhaft durch Dick und Dünn laufen. Aber seht mich an – wenn man so draußen in der Meßbude stehen muß, das greift die Gesundheit an, ich versicher' Euch, ich bin eine elende, gebrechliche Schuhkreatur, und mit mir thut's nicht lange mehr.« Dabei seufzte das arme Wesen traurig auf und schaute betrübt nach ein paar Gummi-Elasticumüberschuhen, die nicht weit davon standen, und die sein ganzes geknicktes Leben noch eine Zeitlang hätten conserviren können. Aber die Gummi-Elasticumüberschuhe waren vornehme diplomatische, achteten nicht auf das geringe Volk nebenan und unterhielten sich auf's Angelegentlichste mit ein paar russischen Pelzstiefeln über den Ausgang der Pariser Friedens-Conferenzen. Das untere Brett des Gestelles nahm das Bedientenschuhwerk und sonstiges dergleichen Volk ein. Doch gab es sehr anständige und nette Leute darunter, namentlich bei dem weiblichen Personal. Es ist traurig, wie wenig Bedacht zuweilen die Natur auf Rang und Stand nimmt, denn hier unten im Departement der Kammerjungfern gab es aristokratischere Stiefelchen, als droben bei der hohen Aristokratie selbst, und man konnte es den Schuhen der deutschen Baronin, die so viel Platz einnahmen wie ein paar Dragonerstiefel, durchaus nicht verübeln, daß sie so erbost mit den Fußspitzen über das Brett hinabsahen auf die Brodequin's ihrer Kammerjungfer, die einem zwölfjährigen Kinde anzugehören schienen. Unter den Gummi-Elasticumüberschuhen unterhielten sich zwei Paar Bedientenstiefel, und ein Paar derselben roch entsetzlich stark nach Juchten, hatten auch einen röthlichen Glanz und waren stark geschmiert. Sie sagten: »Wenn ich so hinten auf meinem Bocke sitze und durch das weite Land fahre, so kommt es mir immer unheimlich vor, so oft ich unter einem Telegraphendraht dahin fahre. Ich meine immer, der Blitz, der da hin und herzuckt, könnte einmal eine falsche Richtung nehmen und mir gelegentlich auf meinen Kopf fahren, deßhalb ducke ich mich auch bei einer solchen Gelegenheit soviel wie möglich.« »Jutt noch!« entgegneten die andern Stiefel, »was ihr Russen in der Bildung zurück seid! Das sind ja keine Blitze, die an den Telegraphendraht dahinfliegen, sondern rein nichts als Depeschen.« »Ei,« sagte der Russe, »das macht man uns mir weiß, das sind ganz andere, geheinmißvolle Geschichten! – was Depeschen!« »Nein, ich versichere Sie, es sind einfache Depeschen! Die Diplomaten können sie ja lesen.« »Ja, wer das glaubt!« sagte der Russe. »Nun, auf Ehre, ich kann Sie versichern, ich habe das hundertmal mit angesehen. Wenn wir über die Landstraße dahin fuhren und bei einem Telegraphendraht vorbeikamen, da juckte es meinen Herrn Baron immer im rechten Auge, und dann nahm er ein kleines Fernglas heraus, das er sehr sorgfältig zu verwahren pflegte, und beschaute damit den Draht, und darauf sah er immer sehr geheimnißvoll und wichtig aus und wußte Alles, was in der Welt vorging, ganz genau.« »Schrecklich!« meinten die Juchtenstiefel. »Und haben Sie nicht ein einziges Mal selbst durch dies merkwürdige Glas gesehen?« »O ja!« entgegneten die Andern, »zweimal in meinem Leben; das war vor den Pariser Konferenzen, da fuhr ich mit dem Wagen allein voraus, und als ich auf einer weiten Ebene den Telegraphendraht sah, richtete ich das Glas dahin und sah Couriere und Depeschen in fürchterlicher Eile dahinfliegen.« »Und das andere Mal?« fragte der Russe. »Das war,« entgegnete der Andere, »nach den Pariser Conferenzen, da kamen sie nicht ganz so eilig von dorther zurück.« So rauschte und knarrte es auf dem Schuh- und Stiefelgestelle Nachts um die zwölfte Stunde, und sonderbar genug hatten oben in ihren Betten die Besitzer der verschiedenartigen Schuhwerke fast dieselben Gedanken und Träume. Der Landedelmann lachte, daß er das Korn um ein paar Kreuzer wohlfeiler erhandelt, der junge Stutzer zählte die Herzen, die er heute erobert, der alte Ehemann träumte von einer Whistpartie, er ließ alle Augenblick die Karten unter den Tisch fallen, und so oft er mit dem Kopfe wieder auftauchte, bemerkte er, wie der junge Offizier die Hand auf sein Herz legte und freundlich lispelte: » Coeur ist à tout! « Diese schrecklichen Träume ließen ihn in der Nacht oftmals erwachen, und dann machte er Licht und sah nach seiner Frau, die unruhig zu schlafen schien. – Der Cigarrenhändler aber kämpfte mit einem gewaltigen Alp, der sein reisendes Herz hart ängstigte. Er machte in Cigarren, und so oft er aus einem Laden vornen hinausgeworfen wurde, trieb ihn eine gespensterhafte Gewalt an, hinten wieder hinein zu treten. – Der arme Handelsmann aus der Meßbude hustete die ganze Nacht an Einem fort und trank zuweilen Kamillenthee. Er hatte nasse Füße bekommen, sich eine starke Erkältung geholt, und wenn er zuweilen in einen leichten Schlummer verfiel, so träumte er von ein paar neuen, schönen Gummigaloschen. Die beiden Diplomaten dagegen, der deutsche sowie der russische, hatten keine eigenen Träume, sondern beschäftigten sich merkwürdiger Weise mit dem, was ihre Kammerdiener vorhin besprachen. Der Deutsche bildete sich wirklich ein, ein solches Wunderglas zu besitzen und Alles zu wissen, was in der Welt sichtbar und unsichtbar vorgeht, und erzählte das seinem schlauen Collegen. Dieser hörte ihm pfiffig lächelnd zu, und der gute Deutsche in der Freude seines Herzens, Jemand hinters Licht gefühlt zu haben, bemerkte nicht, wie ihm der Andere allerlei seltsame Marionetten vor sein trübes Glas hielt, und berichtete darauf froh und heiter als über etwas wirklich Geschehenes und Gesehenes nach Hause. Fünftes Kapitel Von dem Innern einer Portier-Loge und was da merkwürdiges vorkommen kann Es ist ein Winkel in jedem soliden Gasthof, nicht besonders schön gelegen, ebensowenig elegant möblirt, der aber nichts destoweniger unsere Beachtung ebenso gut verdient, wie ein Appartement in dem ersten Stock, ja noch viel mehr, weil letzteres oft Monate lang öde und leer daliegt, der gedachte Winkel aber stets bewohnt und belebt ist. Meistens befindet er sich neben dem großen Thor des Gasthofes, von welchem zu ihm eine Glasthür führt. Er ist eigentlich ein Zimmer, doch wird eine Wand gewöhnlich durch ein unverhältnißmäßig großes Fenster gebildet, welches die niedrige Decke kurzweg durchschneidet, sowie die andere Seite durch den Treppenwinkel. Das Ameublement dieses Zimmers ist nicht besonders reich. Es besteht aus einem kleinen Schreibpulte, auf welchem vorräthiges Papier liegt, damit die aus- und eingehenden Fremden sich die nöthigen Notizen machen können, und vor welchem der einzige Stuhl dieses Gemaches steht. An den Wänden, wenn so viel Platz da ist, hängen alte vergilbte Wandkarten, Eilwagen-Course, Eisenbahn-Tarife und Dampfboot-Tabellen. Auf dem Fenstergesims bemerkt man zuweilen, das heißt, hie und da in großen Gasthöfen, eine Reihe von Reisehandbüchern nach allen Ländern, in welchen man zum Gebrauche nachschlagen kann. Doch wenn man eines dieser Werke in die Hände nehmen will, findet man zu seiner großen Ueberraschung, daß der untere Deckel des Buchs auf dem Fensterbrette festgenagelt ist und sich dasselbe wohl öffnen, aber nicht mitnehmen läßt. Das nothwendigste und bedeutendste Geräth im Zimmer aber ist das Bett des Portiers, welches sich mit der kühnen Hoffnung schmeichelt, man sehe es am Tage für eine riesenhafte Kommode oder für einen harmlosen Kasten an, denn so sieht es aus, wenn es gemacht ist. Aber es ist merkwürdig, ein solches Bettgestell, mag man ihm eine Form geben, welche man will; es kann seinen Inhalt nicht verleugnen, mag es nun als Kasten, als Kommode, als Schrank, als Sopha maskirt sein, es kichert dir freundlich zu und sagt: »Siehst du nicht, daß ich eigentlich ein Bett bin?« – Auch der Portier in seiner Loge thut das Uebermögliche, seinen Bettkasten während des Tags in einen Sopha umzuwandeln: er breitet eine Decke darüber, legt die Kissen hinauf, setzt sich mit guten Freunden auf diese Kissen, plaudernd und zeitungslesend. – Umsonst! das Bett läßt sich nicht wegleugnen, es ist da und bleibt da in seiner ganzen breiten Gestalt, und zum Ueberfluß schaut nicht selten ein Zipfel des Leintuchs oder eine Ecke des Ueberbetts vorwitzig ins Zimmer hinein. Neben der Glasthüre befindet sich ein großes, schwarzes Brett mit Nummern bis zu 124, – wenn nämlich so viel Zimmer im Gasthofe sind – bestimmt, die verschiedenen Schlüssel dieser verschiedenen Zimmer aufzunehmen. Dies Schlüsselbrett in seinen mannigfachen Veränderungen zu studiren, ist nicht nur für den Portier außerordentlich wichtig, ja nothwendig, sondern auch für einen Unbefangenen sehr lehrreich. Der Portier wirft einen Blick auf die Tafel, und er sieht, wenn neue Gäste kommen, welche Zimmer noch frei sind. Es ist ein einfaches Thema, aber verwendbar zu den mannigfachsten Variationen. Im Winter ist das Schlüsselbrett gewöhnlich öde und leer, da sind nur einige wenige Nummern besetzt: alte Pensionäre, Stammgäste, Handlungsreisende der verschiedensten Branchen, fast Alles Bewohner des dritten, ja vierten Stockes; aber wenn draußen der Schnee geschmolzen ist, wenn die Schneeglöckchen verblüht, die Veilchen etwas Alltägliches geworden – wir meinen die wirklichen, nicht die Gelbveilchen in zarten Minneliedern, diese sind sogar im Dezember nicht mehr zu ertragen – wenn also draußen in der Natur Alles grünt und blüht, wenn der Storch klappernd wiederkehrt, so fängt es auf dem Schlüsselbrette ebenfalls an zu klappern. Die leeren Nägel füllen sich an und mit denselben die öden Gänge und Treppen des Gasthofs. Der Portier, der den Winter über wie ein Murmelthier in seiner Höhle gesessen, dehnt sich und wird geschmeidig, und lebendige Kellner, die im Herbste urplötzlich verschwanden, erscheinen wieder in weißer Halsbinde und ewig lächelnden Gesichtern; arme Lohnbediente, die während des Winters unter Frost und Mangel verkümmerten, sproßen aus dem Boden, wie die Pilze, mit frohen Physiognomien, hoffnungsreichen Herzen und weiß gewaschenen Baumwollhandschuhen. Und für all' dies Getreibe ist das Schlüsselbrett in der Portierloge das Zifferblatt einer richtig gehenden Uhr; je lebhafter der Verkehr in dem Hause ist, um so toller bewegen sich die Schlüssel, und nicht blos zeigt dieses Zifferblatt dem aufmerksamen Beschauer, ob alle Zimmer besetzt sind, und nicht blos liest er an Briefen und Karten, die dort hingesteckt werden, Namen und Charakter dieser Zimmerbewohner, o nicht blos das, sondern er ist bei einiger Beobachtungsgabe im Stande, von diesem Schlüsselbrett allerlei andere interessante Bemerkungen abzulesen. Da sind zwei entfernte Zimmer, Nummer 24 und 64, und die Bewohner dieser beiden Zimmer, ein Herr und eine Dame, sah man an zwei verschiedenen Tagen von zwei verschiedenen Seiten ankommen. Auch scheinen sie sich durchaus nicht zu kennen, denn man sieht sie weder bei der table d'hôte , noch bei sonstigen Veranlassungen auch nur das kleinste Wort zusammen wechseln, und doch bemerkt der alte Portier, daß zwischen den beiden Schlüsseln eine eigenthümliche Sympathie herrscht. Kaum hängt Numero 24 an seinem Platz, – ein Zeichen, daß seine Besitzerin ausgegangen – so erscheint Numero 64 ebenfalls; verschwindet Numero 64 vom Schlüsselbrett, weil sein Eigenthümer zurückgekehrt, so wird fast in derselben Minute auch Numero 24 unsichtbar. Das dauert eine Zeit lang so fort, bis eines Abends Numero 64 verschwand, Numero 24 aber hängen blieb, obgleich der Zimmerkellner versicherte, er habe die Dame von Numero 24 nach Hause kommen sehen. Dieser Schlüssel machte dem Portier viel zu schaffen, denn er konnte lange nicht begreifen, weßhalb Numero 24 in dieser isolirten Stellung verharre, bis ihm endlich beim Auslöschen sämmtlicher Gaslichter im Hause, und nachdem er bemerkt, daß alle Lichter bis auf Numero 84 erloschen seien, ein außerordentliches Licht aufstieg, und er dadurch ins Klare kam, daß diese isolirte Stellung eigentlich keine isolirte Stellung war. Ueberhaupt gibt das Schlüsselbrett zu Nacht Stoff zu den schönsten Betrachtungen, da die Heerde der ruhigen Reisenden und Staatsbürger heimgekehrt in die gasthöfliche Hürde, und doch sind die Schlüsselreihen noch verdächtig gelichtet. Eilf bis zwölf Uhr – es fehlen noch auf allen Stockwerken verlorene Schafe. – Ein bis zwei Uhr – fast alle Nägel sind leer, nur hie da befindet sich noch ein Schlüssel melancholisch allein hängend und gibt Zeugnis von dem unsoliden Lebenswandel seines zeitweiligen Besitzers. – Drei bis vier Uhr – es sind immer noch Schlüssel da – fünf bis sechs – der Portier hat eine unruhige Nacht gehabt, denn die übrig gebliebenen Schlüssel haben sich trauervolle Geschichten erzählt. Endlich kommt der Tag; die soliden Leute verlassen Bett und Zimmer, das Schlüsselbrett füllt sich auffallend schnell, und der Portier bemerkt, daß jetzt erst jene andern Schlüssel langsam verschwinden, zwischen ihren soliden Kameraden eine traurige moralische Lücke lassend. Es hat mir von jeher außerordentliches Vergnügen gemacht, mich Abends, wenn ich in meinen Gasthof zurückkehrte und noch keine Neigung zum Schlafen verspürte, mit meinem Portier in ein Gespräch einzulassen, wo er mir die oben mitgetheilten Bemerkungen anvertraute. Da saßen wir bei einem Glase Punsch auf dem Bettkasten einträchtig neben einander, er hatte sein Glas auf die rechte Ecke gestellt, ich das meine auf die linke, und dabei rauchten wir gute Cigarren. Doch gelang es mir selten, ihn zu Mittheilungen aus dem Gasthofsleben zu bewegen: er verstand seine Stellung vollkommen und war im höchsten Grade discret. Wenn ich in ihn drang, mir die Geschichte dieses oder jenes räthselhaften Passagiers, der viel mit ihm verkehrt, anzuvertrauen, so schüttelte er seinen Kopf und meinte, das gienge nicht gut an. War er aber in solchen Stunden bei guter Laune, so gab er mir etwas Anderes zum Besten. Er hatte seinen großen Stock mit dem silbernen Knopf zwischen die Beine gestellt und sah mich bei seinen Erzählungen immer pfiffig lächelnd von der Seite an, als wolle er sagen: »Glaubst du mir auch? nimmst du auch Antheil an dem, was ich dir sage?« Oftmals waren diese Seitenblicke sehr verzeihlich, denn seine Erzählungen, wie zum Beispiel die des folgenden Kapitels streiften sehr an's Unglaubliche, und doch versicherte er hoch und theuer, sie sei vollkommen wahr, nicht das Geringste daran erfunden. Sechstes Kapitel Allein auf der Welt. Erzählung des alten Portiers »Da war in unserer Familie ein sonderbarer Kauz, ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, ein weitläufiger Vetter von mir – von dem alten Portier nämlich. Dieser Mann war Assistent auf dem Haupt-Zoll-Amt und das Haupt-Zoll-Amt befand sich in den Festungswerken in großen kassemattirten Räumen, worin ein kleiner, sehr kasemattirter Raum das Bureau dieses Mannes war. Dieser Zoll-Assistent und Vetter des Portiers hieß Herr Schnipfel , und die Natur hatte unter diesem Namen etwas sehr Bezeichnendes geschaffen, denn der Zoll-Assistent sah in der That aus, nicht wie ein Glied des Menschengeschlechts, sondern wie ein Schnipfel desselben; seine Figur war lang und dürftig, sein Gesicht blaß und mit kaum erkennbaren Zügen, ungefähr so, als sei er einmal von Schnee gewesen und das Beste an ihm weggeschmolzen. Ebenso schattenhaft wie sein Aeußeres war sein Gang, sein Wesen, seine Sprache. Auf der Straße huschte er nur so dahin, ohne den Blick vom Boden zu erheben, ohne einen Menschen anzusehen – von Begrüßen irgend Jemandens war natürlich keine Rede. Auch vermied er auf seinen Gängen nach dem Bureau und von da nach Hause, – andere hatte er nicht – das Sonnen- und Mondenlicht, und wenn er einmal über eine Straße mußte, die hell beschienen war, so fuhr er so gespensterhaft darüber her, daß man darauf hätte schwören mögen, es bewege sich da nichts Körperhaftes, sondern nur ein Schatten, der irgendwo verloren gegangen sei. Das Innere des Herrn Schnipfel war analog seinem Aeußeren, ebenso trostlos und unheimlich bestellt; so menschenscheu er überhaupt war, so bösartig ließ er sich an, wenn er mit Menschen in irgend eine Berührung kam, und das geschah auf seinem Bureau in der Kasematte sehr häufig. Er hatte das Berechnen der Steuersätze eingeführter fremder Waaren und so saß er den ganzen Tag in seinem kleinen feuchten Gewölbe, wie eine Spinne in ihrem Netz, auf unglückliche Fliegen lauernd. Diese Fliegen waren harmlose Laden-Jünglinge, welche er auf alle Weise plagte und quälte, auch wohl bedeutend über das Ohr hieb, zum Nachtheil ihrer Prinzipale, aber nur zum Vortheil der Steuerkasse, denn der Herr Schnipfel war ein ehrlicher Mann. Die Kasematte hatte zwei Oeffnungen, eine Thür, zu welcher er herein kam, und ein kleines Fenster, zu welchem er hinausschaute. Die Thür schloß er sorgfältig hinter sich ab und wälzte obendrein zur Vorsicht jedesmal einen großen Aktenstoß davor. Dann setzte er seine Brille auf, zog den Kanzleirock an und streifte die Schreibärmel darüber, die von anklebender Tinte entsetzlich gesteift waren. So gerüstet öffnete er den Laden des kleinen Fensters – seinen Anzug hatte er natürlicher Weise im Dunkeln besorgt – schloß aber das Fenster selbst augenblicklich wieder, sobald er davor eine ziemliche Anzahl Wartender erblickte. Nachdem er sich eine Zeitlang die Hände gerieben, mehrere Federn gespitzt, die Tinte umgerührt, Papier für ein ganzes Jahr zurecht gelegt, öffnete er langsam das Fenster wieder und ließ sich einen Zettel hereinreichen. Wehe aber dem Besitzer des Zettels, wenn das Geringste an der Ausfertigung desselben fehlte, wenn die Signatur nicht bis auf Punkt und Komma übereinstimmte, wenn zum Beispiel auf dem Frachtbrief eine lange magere Flasche, auf der Waarenkiste dagegen, die der Vorzeiger zu empfangen hatte, eine dickbauchige gemalt war! Da kam der Zettel wieder aus dem Fenster heraus – »unrichtig!« und da konnte der arme Handlungslehrling sich stundenlang den Kopf zerbrechen, wo denn eigentlich der Fehler stecke. Wenn sich Neulinge in Geschäften des Hauptzoll-Amts wohl die schüchterne Frage erlaubten, welcher Steuersatz wohl auf ein neu einzuführendes Fabrikat anzuwenden sei, so überflog ein düsteres Lächeln die schattenhaften Züge des Herrn Schnipfel – das war ein glücklicher Moment in seinem Geschäftsleben. Eifrig blätterte er in seinem großen Buche, und wenn auch nur eine Möglichkeit vorhanden war, daß zum Beispiel das Fabrikat einen Schimmer von Seide besaß, so rieth der Zoll-Assistent, und alsdann sogar freundlich, es als Seidewaare zu verzollen, wobei eine ungeheure Summe herauskam, und der junge Handlungsbeflissene zu Haus die nachdrücklichste und unvergeßlichste Nase erhielt. Wehe dann aber diesem Unglücklichen, wenn er kurze Zeit nachher schweißtriefend, erhitzt und athemlos wieder vor der Kassematte erschien, und um Aenderung des Steuerzettels nachsuchte! Bei solchen Gelegenheiten mußte meistentheils eine obere Zollbehörde einschreiten, und es gelang fast nur mit Gewalt und der Anwendung der vollen Amts-Autorität, den einmal ergriffenen Fang seinen Zähnen, respective seinen Büchern zu entreißen. Auch schloß er bei solchen Fällen gewöhnlich seine Fensterläden mehrere Stunden lang und blieb dann in finsteren Betrachtungen allein dasitzen. Ein solch' unbehagliches und unheimliches Leben führte der Zoll-Assistent Schnipfel als solcher. Als gewöhnlicher Mensch machte er es ebenso, ja seine Beschäftigungen zu Haus waren jedenfalls noch einförmiger und nicht im Geringsten menschenfreundlicher. In einer kleinen Straße des abgelegensten Stadtviertels bewohnte er im dritten Stock hinten hinaus zwei ärmliche Zimmer. Man muß aber hieraus nicht den Schluß ziehen, als ob seine Vermögensumstände gar so schlecht beschaffen gewesen wären – im Gegentheil! Herr Schnipfel hatte sich in früheren Zeiten einiges Vermögen erübrigt, und obendrein erzählte man sich noch, er habe einstmals in der Lotterie einen bedeutenden Treffer gezogen. Dem sei nun wie ihm wolle; in seiner Wohnung sah es nicht darnach aus, als sei der Besitzer derselben ein Mann, welcher über Kapitalien gebieten könne. Von seinen beiden Zimmern hielt er immer eins verschlossen; Morgens, wenn man im äußern Gemach den Kaffee hinstellte, blieb er in seinem Schlafzimmer, wurde dies in Ordnung gebracht, so betrat er sein Wohnzimmer, welches sich von dem anderen nur dadurch unterschied, daß sich in jenem ein Bett befand. Beim Mittagessen machte er es gerade so. In ein Kosthaus zu gehen, war ihm unmöglich, ich glaube, er wäre lieber verhungert, und aus dieser Menschenscheu kam es denn, daß die Frau, welche ihn seit zehn Jahren bediente, mit Wahrheit behaupten konnte, sie habe ihn während all' der Zeit nur ein einziges Mal gesehen und das war an dem ersten Tage, wo er mit ihr die nothwendigen Verabredungen traf. Sein Abendessen, das einfachste von der Welt, denn es bestand Jahr aus Jahr ein aus einem Weißbrod und einer Wurst, verschaffte er sich selbst, indem er bei einem Bäckerladen vorbei ging, durch das Fenster nach seinem Brod langte, das Geld dafür hinwarf und alsdann so schnell davoneilte, als habe er gestohlen. Ebenso machte er es auch bei dem Metzger, und man war das seit einer Reihe von Jahren schon so gewöhnt, daß man ihm seinen täglichen Bedarf jedesmal zurecht legte, und das Geld dafür, ohne nach ihm zu schauen einstrich. Es ist wohl überflüssig zu sagen, daß der Herr Schnipfel nie Jemand auf der ganzen weiten Welt einen Dienst erwies. Arme Leute, die ihn um etwas ansprachen, pflegte er dagegen ruhig anzuhören; ja er ließ sich mit ihnen nicht selten in ein längeres Gespräch ein, worin die Bittenden in der Hoffnung auf eine größere Gabe ihm ihre ganzen Leidensgeschichten auf's Umständlichste mittheilten. Doch wenn der Bettler glaubte, jetzt werde der gutmüthige Herr seine Börse ziehen, so drückte der Zoll-Assistent seinen Hut fester in den Kopf, und ging nicht selten lachend, ja sogar pfeifend davon. Seinen Collegen machte er den beständigen Aufpasser und verrieth es pünktlich seinen Vorgesetzten, wenn irgend Einer einmal einen Nachmittag fehlte, oder sich sonst etwas zu Schulden kommen ließ. Dies war aber eigentlich eine Art Wiedervergeltung, die er diesen seinen Collegen angedeihen ließ, denn da sie seine Menschenscheu kannten, sowie seine Unlust, auch nur das Geringste zu sprechen, so machte es ihnen ein besonderes Vergnügen, ihn anzureden, ihm eine Menge Leute auf den Hals zu schicken, ihm in den Weg zu treten, kurz ihn auf das Empfindlichste zu kränken. Daher kam es denn auch, daß er jeden Abend mit größerem Haß seine Kasematte zuschloß und mit Verwünschungen auf den Lippen wie ein scheues Wild nach Hause lief, um sich dort einzuriegeln, um endlich einsam und glücklich zu sein. Da ging er in seinem Stübchen auf und ab und horchte auf das verschiedenartige Geräusch auf der Straße, ärgerte sich, wenn in der Nachbarschaft eine helle Stimme ein fröhliches Lied sang, lief heftiger auf und ab, wenn die Wagen auf der Straße rasselten und ballte ingrimmig die Faust, wenn Frühjahrs und Sommers das Jubeln und Jauchzen der Kinder zu ihm hinaufdrang. Wurde es aber später und erstarb das Leben in der Nachbarschaft, wurde es stiller und immer stiller im Hause und auf der Straße, dann athmete der Herr Schnipfel freier und beruhigter, dann lauschte er wohl auf den Gang hinaus, ob sich auf den Treppen und Gängen nichts mehr rege und kehrte darauf in sein Zimmer zurück. Hier beendigte er alsdann sein Abendessen und ging dann nicht selten mit schleichendem Schritt nach seinem alten Koffer in der Ecke des Zimmers, eine kleine Kassette zu holen, die er vor sich auf den Tisch stellte. Diese Kassette öffnete er mit einem kleinen Schlüssel, schaute aber dabei ängstlich in dem halbdunkeln Zimmer umher, ob ihm nicht zufällig Jemand über die Achsel schaue, und nahm dann alle Papiere heraus, die er vor sich auf dem Tische ausbreitete. Werthvolle Papiere waren es, die aus dem Kästchen hervorkamen: Staats-Obligationen, Sparkassen-Quittungen, Staats-Papiere, kurz, ein kleines Vermögen, das er hier vor Jedermanns Blicken sorgfältig verschlossen hielt. Zuletzt aber nahm er ein kleines, vergilbtes Packetchen heraus, öffnete es behutsam und entwickelte aus demselben ein Bildniß, das er recht in den Schein der flackernden Talgkerze stellte. Es war das Portrait eines sehr jungen Mädchens, vielleicht von fünfzehn, sechszehn Jahren, ein liebes, rundes, frisches, lebensheiteres Gesichtchen; dicke schwarze Flechten faßten den Kopf ein, helle, lustige Augen blickten ihn an, und unter der etwas emporgezogenen Oberlippe lachten ihm schneeweiße Zähne entgegen. Um dies Bild herum gruppirte er sämmtliche Papiere, und begann alsdann leise seinen Schatz zu überzählen. »Fünfhundert Thaler,« sagte er, »tausend, zweitausend, drei-, vier-, sechs-, achttausend Thaler – und das wäre Alles dein gewesen – Alles dein und noch viel mehr dazu, denn ich wär' heute nicht mehr Zoll-Assistent, hätte mich emporgeschwungen und wäre vielleicht Inspektor geworden, ja am Ende Steuerrath – verdammt! – und was hätten wir für ein angenehmes Leben geführt! ha! ha! ha!« – dabei lachte er laut hinaus – »und jetzt ist das Alles ganz anders geworden, habe es dir auch immer prophezeit – nun, wie der Teufel will, mir kann's schon recht sein; aber nicht wahr,« fuhr er fort und ballte seine Hand gegen das Portrait, »jetzt könntest du dieses Geld nothwendig brauchen, o wie sehr nothwendig, Madame! Die Hälfte, der zehnte Theil, ja der hundertste Theil wäre im Stande, dich überglücklich zu machen, damit du deinen Kindern etwas Gutes kaufen, damit sie sich einmal satt essen könnten. – Aber hier soll Alles vermodern und Niemand soll es haben, und wenn ich einmal denke, daß es mit mir zu Ende geht, so werde ich es in den Fluß werfen, da wo er am tiefsten ist.« Diese herrliche Abendunterhaltung, und genau fast immer auf die gleiche Art, machte sich der Zoll-Assistent wöchentlich ein paarmal, und nachdem dies geschehen, legte er die Arme auf den Tisch, den Kopf darauf und versank in stundenlanges Dahinbrüten.« Da zog Jemand die Glocke an dem großen Thor des Gasthofs und der alte Portier wurde für einige Augenblicke in seiner Erzählung unterbrochen. Siebentes Kapitel. Fortsetzung des vorigen: Allein auf der Welt. »Der Zoll-Assistent, Herr Schnipfel, hatte einst nicht so ganz allein in der Welt gestanden: er hatte nämlich einen Vater gehabt und zwei Mütter, d. h. eine rechte Mutter und eine Stiefmutter. Der Ersteren, vor langen, langen Jahren verstorben, war die Stiefmutter gefolgt, nach einem längeren Wittwenstand des seligen Herrn Schnipfel. Warum dieser Ehrenmann sich eigentlich so spät wieder verheirathete, bin ich nicht im Stand anzugeben,« sagte der Portier, »ich weiß wirklich keinen Grund hiefür, denn sein Sohn, der Held meiner Geschichte, war damals schon sechszehn Jahre alt; auch brachte die Stiefmutter ein kleines Töchterchen von vier Jahren mit in die Ehe; mir scheint aber, die Vorsehung hatte diese Heirath eben dieses Mädchens wegen eingerichtet, denn einige Jahre nachher starb der alte Herr Schnipfel, ihm folgte kurz darauf seine zweite Frau und so blieb das Töchterchen der Obhut des jungen Herrn Schnipfel anvertraut, der sich ihrer auch auf's Väterlichste und Brüderlichste annahm. Das Bildniß aber, was der Zoll-Assistent in seinen Mußestunden vor sich auf dem Tische aufstellte, war das Portrait eben dieser Stiefschwester, nachdem sie zu einem hübschen sechszehnjährigen Mädchen herangewachsen war. Der Zoll-Assistent hatte, wie schon gesagt, etwas weniges Vermögen von seinem Vater, war bald bei der Steuerpartie angestellt worden, und war solchergestalt im Stande, für die Erziehung jenes Mädchens, das ihm mit jedem Tage lieber wurde, auf's Beste zu sorgen. Die kleine Rosine wurde ein allerliebstes Mädchen und wuchs heiter und fröhlich auf. Herr Schnipfel, ihr Stiefbruder, ließ sie in Allem unterrichten, was ihm nützlich erschien, und lehrte sie sogar in den Freistunden selbst Einiges, was ihm selbst sehr wichtig war, aber für ein junges Mädchen nie von großem Nutzen sein konnte. Er brachte ihr z. B. einige Anfangsgründe im Lateinischen bei und bemühte sich, ihr einen Begriff zu geben von der verwickelten und höchst complicirten Zoll-Einrichtung des Staates. In diesen Privatlehrstunden dagegen lernte Herr Schnipfel etwas kennen, was ihm noch von viel wenigerem Nutzen war, als ihr das Latein und das Zollwesen – die Liebe nämlich, und als er darauf an einem schönen Morgen bemerkte, er fühle für seine Schwester Rosine mehr als brüderliche Zuneigung, so machte er einen verzweiflungsvollen Spaziergang und hielt sich für ein entsetzliches Ungeheuer. Auch bekämpfte er kräftigst und mit bestem Erfolg diese Liebe, was ihm um so leichter war, da Rosine nicht im Geringsten etwas davon zu verstehen schien. Aber er bewachte jetzt das Mädchen wie seinen Augapfel, er hütete ihre Blicke, ja wo möglich ihre Gedanken, wie der Greif die verzauberten Schätze. Er träumte von einem immerwährenden Zusammenleben, von einem freundlichen Wandel durch das Diesseits und von einem endlich geläuterten Wiedersehen in dem Jenseits. Wenn dagegen entfernte Verwandte von der Zukunft seiner Stiefschwester sprachen, von einer guten Heirath, die man für sie suchen müsse, so pflichtete er dieser Ansicht seufzend bei und war edelmüthig genug, sein ganzes Ererbtes und Erspartes für einen solchen Fall zu einer Mitgift Rosinens zu bestimmen. Da kam das Schicksal in Gestalt eines jungen Handlungsbeflissenen, welcher Rosinen zuerst auf der Straße, dann bei einer Verwandten, dann oft zufällig in der Kirche, später nicht mehr zufällig in der Kirche, kurz an vielen Orten sah, ohne daß der gute Schnipfel die geringste Ahnung davon hatte. Als er einige Zeit darauf durch einen guten Freund von dieser Angelegenheit unterrichtet wurde, gerieth er zum ersten Mal in seinem Leben in einen unbändigen Zorn, verbot dieses Verhältniß auf das Bestimmteste und schloß seine Schwester in ihrem Zimmer ein, um dasselbe mit einem Male abzubrechen. Doch war dies nicht so leicht wieder zu lösen und die beiden Liebenden blieben durch obwaltende Umstände fest an einander gekettet. Der Zoll-Assistent wurde von einer alten Tante hievon unterrichtet mit dem Bemerken, daß man Alles anwenden müsse, um eine Heirath zwischen den beiden jungen Leuten zu Stande zu bringen. Die alte Tante meinte, das Geld des Herrn Schnipfel sei das beste Mittel zu diesem Zweck, dieser aber mit gebrochenem Herzen dachte anders, verschaffte sich irgendwo eine alte rostige Pistole, lud sie mit überflüssigem Pulver und Blei, und machte so bewaffnet dem jungen Kaufmann einen freundschaftlichen Besuch. Er schwur dabei den gräßlichsten Eid, ihn – sei es heute oder morgen – todtzuschießen, im Fall er nicht gesonnen sei, seine Stiefschwester augenblicklich zu heirathen, und der unglückliche Liebhaber fand sich durch diese Gründe und auch, weil er das Mädchen wirklich liebte, bewogen, in die Verbindung zu willigen. Die Hochzeit ging vor sich, von der alten Tante besorgt, der Zoll-Assistent aber weder mit auf's Rathhaus, noch in die Kirche, noch sagte er seiner heißgeliebten Stiefschwester ein Wort zum Abschied; unter Thränen verließ sie seine Wohnung und er blieb allein zurück, ganz allein. Lange spielte er an dem Abend mit der alten rostigen Pistole, doch legte er sie nach langem Kampfe still bei Seite, packte seine Staatspapiere und das Portrait Rosinens in jenes Kästchen, und begann von jenem Augenblick das Menschengeschlecht im Allgemeinen auf's Nachdrücklichste zu hassen. »So vergingen einige Jahre. Umsonst gab sich die alte Tante, bevor sie starb, alle Mühe, eine Aussöhnung zwischen den Beiden zu Stande zu bringen, umsonst versuchte Rosine dasselbe: Herr Schnipfel war unbeugsam und behauptete, er habe auf der ganzen weiten Welt keinen Bekannten und Verwandten als sich selbst. Dem jungen Paar ging es unterdessen nicht nach Wunsch, ihre Ehe wurde freilich mit zwei Kindern beglückt, aber sonst mit wenig Erfreulichem. Das Einkommen des Mannes war zu gering, um seine Familie anständig zu ernähren, er fiel zuerst in Schulden, dann in eine schwere Krankheit, und als er in Folge derselben starb, besaß die Frau mit ihren beiden Kindern nur das, was sie auf dem Leibe trug. Das war eine freudige Nachricht für das verhärtete Gemüth des Zoll-Assistenten, an diesem Tage hörte man ihn seit längerer Zeit zum Erstenmal wieder ein lustiges Lied pfeifen. Rosine aber nahm sich zusammen, arbeitete Tag und Nacht, und erhielt sich und ihre Kinder durch hartes Schaffen, wenn auch armselig doch ehrlich. Häufig machte sie Versuche zu einer Aussöhnung mit Herrn Schnipfel, aber nicht in der Absicht, um etwas von ihm zu verlangen, sondern nur, um ihn seinem trostlosen und menschenscheuen Wesen zu entreißen. Er war ordentlich zum Stadtgespräch geworden. Doch dauerte auch das nicht lange, man vergaß ihn endlich, wie man Alles vergißt, und das war ihm sehr lieb. Sein früheres freundliches Bureau auf dem Hauptzollamte hatte er verlassen, und um Versetzung nach seiner halbdunklen Kasematte gebeten, einem höchst unangenehmen Aufenthalt, den die Angestellten als eine Art Fegefeuer betrachteten, durch das sie hindurch mußten, um zu etwas Besserem zu gelangen. Da kam einmal wieder im Laufe des Jahrs jener Abend heran, dem tausend Herzen mit Freuden entgegensehen, jener Abend voll Lust und Vergnügen, voll Tannengeruch und Lichterglanz – der Weihnachtsabend, einer der traurigsten für Herrn Schnipfel, denn wenn er an diesem Abend durch die Straßen nach Hause schlich, so sah er überall die Fenster beleuchtet, hörte jubilirende Kinderstimmen und wußte, daß sich jetzt auch der Aermste auf's Herzlichste freute. An solchen Abenden arbeitete er länger, als gewöhnlich in seiner Kassematte und suchte die finstersten und entlegensten Gassen auf, um zu seinem Hause zu gelangen. Aber auch hier bei den Wohnungen der Armuth schimmerte ihm durch niedrige Fenster, durch zerbrochene Laden das heilige Christfest entgegen. – Ach, wie war auch er früher an solchen Abenden glücklich gewesen, wie hatte er ihre Wünsche belauscht, die kleinsten Anspielungen erfaßt, um eine Gabe zu finden, die ihr Freude mache! Jetzt kam er an sein entlegenes Haus, auch da vernahm er aus allen Stockwerken Töne des Jubels, der Freude. Er eilte die Treppen hinauf und als er seine Thür erreichte, sah er auf einem Stuhle vor derselben ein kleines Laternchen stehen und beim Scheine desselben drei Tannenbäume auf dem Boden, ein größerer, zwei kleinere. An allen dreien waren Lichtchen aufgesteckt und vergoldete Nüsse angehängt, aber die Lichtchen waren herabgebrannt und man sah nichts mehr, als die Tropfen des Wachses, die wie schwere Thränen an den Zweigen hiengen – wirkliche Thränen waren auf die Zweige geflossen und vielleicht da erstarrt. – Es sah in der That aus, als weinten die Bäumchen selbst zu ihm empor, und streckten ihre Zweige wie ebensoviele Aermchen stehend in die Höhe, als wollten sie sagen: »Nimm uns freundlich auf!« Herr Schnipfel aber beachtete diese rührende Bitte nicht, er öffnete seine Thür und da ihm die drei Tannenbäume im Wege standen, so stieß er sie mit dem Fuße rechts und links von sich ab, daß die Nüsse auf dem Boden klapperten und die Zweige wehmüthig rauschten. – Gott sei Dank, jetzt war er zwischen seinen vier Wänden, und da sah man nichts von Weihnachtsfreude: hier war es still und betrübt wie immer, und diese Stille that dem Zoll-Assistenten so wohl. Er hatte zum Erstenmal wieder am heutigen Tage eine behagliche Stunde; er zündete sein Feuer an, verzehrte sein mitgebrachtes Abendessen und versank in tiefes Nachsinnen. Stunde um Stunde verrann, der Lärm auf den Straßen und in den Häusern hörte auf, die Lichter wurden ausgelöscht und endlich kam die Mitternachtsstunde, und als die klingenden Glockenzungen sie laut und tönend ansagten, traf jeder Schlag sein Herz, wie ein Keulenstreich, denn nun begann von dem Hauptthurme der Stadt, dicht bei seiner Wohnung, jene sanfte erhebende Musik, die er schon vor langen, langen Jahren, in schönen frohen Zeiten so oft gehört, jener Psalm, der jubilirend die Geburt des heiligen Christ verkündet. Wenn er als Kind jene feierlichen Klänge in der stillen Nacht gehört, so hatte er andächtig seine Händchen gefaltet, indem er geglaubt, es seien die himmlischen Heerschaaren selbst, welche über die Erde dahinschwebten, um der Menschheit jenes freudige Ereigniß singend und klingend zu verkünden. Später hatte sich die kleine Rosine auf den Sang eben dieser Engel innig gefreut, und in der Christnacht, nachdem sie auf dem alten Lehnstuhle eingeschlummert, die dunklen großen Augen schlaftrunken geöffnet, wenn die himmlischen Klänge erschallten. – Jetzt war er allein, ganz allein: es blickte kein freundliches Auge blinzelnd zu ihm auf, auf dem Tische lag kein weißes Tuch mit freundlichen Gaben, die ihm die Liebe gespendet, es stand da kein Christbaum mit herabgebrannten Lichtern, mit glitzernden Nüssen, mit rauschendem Golde. Er war allein, o so allein, ganz allein in der Mitternachtsstunde – ach, und daß er allein war, so ganz allein – war seine größte Lust. – Die Musik draußen hatte geendigt, da – nein, es war keine Täuschung – glaubte er draußen auf dem Gange vor seiner Zimmerthür ein leises Klingen und Singen zu vernehmen. Er horchte auf, unwillig, verdrießlich und wollte schon hinausfahren, um sich zu erkundigen, wer sich erlaube, vor seiner Wohnung einen so dummen unzeitigen Scherz zu machen. Doch hielten ihn die Töne, die er vernahm, unwillkürlich auf seinem Lehnstuhle gefesselt – es war ein Lied, das dort erklang, von feinen Kinderstimmen gesungen, wie ein leises Echo vom Thurme und jetzt – ging das mit rechten Dingen zu? – öffnete sich langsam seine Stubenthür, und er sah nicht nur jene drei Tannenbäume, die er so unbarmherzig bei Seite gestoßen, nein zehnmal so viel, hundertmal so viel, den langen Corridor und die Treppe bedeckt mit Hunderten von Tannenbäumen, alle mit unzähligen Lichtern besteckt, und von den Zweigen derselben tönte jenes geheimnißvolle Lied. – Entsetzlich, was konnte das sein? – Die Bäume schoben sich langsam vorwärts und immer weiter vorwärts und füllten jetzt das ganze Zimmer aus, und umgaben seinen Lehnstuhl und ihn, der auf demselben saß, und ehe er es sich versah, ehe er recht etwas denken konnte, war er ringsum von den Tannenbäumen umgeben, und es war ihm, als sitze er in einem weiten unabsehbaren Tannenwald, gebildet aus lauter glänzenden und glitzernden Weihnachtsbäumen. Der Gesang in den Zweigen dauerte noch eine Zeitlang fort, dann erstarb er allmälig, und man vernahm zuletzt nichts mehr, als das Rauschen des Goldes und der Nadeln. – Fernhin im Walde aber bemerkte nun der Zoll-Assistent einen lichten Punkt, der sich immer mehr zu vergrößern schien, und nach und nach die Gestalt eines holdseligen Kindes annahm, und obgleich dieses Kind, als es nun anfing zu sprechen, mit leise klingender Stimme sprach, so vernahm er doch jedes Wort, als werde es ihm mit Posaunen in die Ohren gerufen. »Du bist allein, so ganz allein,« sagte das Kind, »an diesem Abend, wo die übrige Menschheit vergnügt bei einander ist, und sich eines an der Lust des andern erfreut.« »Das ist wahr,« entgegnete Herr Schnipfel, »ich bin ganz allein, und es ist so mein Wille und mein Vergnügen; ich habe diese Zimmer für mich gemiethet und es soll mich Niemand darin stören, und ich begreife eigentlich nicht, wer dieser ganzen Weihnachtsbescheerung das Recht gibt, sich hier einzudringen.« »Du hast uns gerufen,« sagte das Kind; »als du vorhin jener nächtlichen Musik zulauschtest, gelang es einigen Tönen derselben, in die Tiefe deines Herzens zu dringen und da ein Sehnen zu erwecken nach der Lust längst vergangener Tage.« »Nicht, daß ich wüßte,« antwortete Herr Schnipfel, »und wenn mein Herz wirklich einen Augenblick schwach gewesen wäre, so fühle ich, daß es jetzt wieder erstarkt und fest verschlossen ist.« »Du hast an vergangene Tage gedacht,« fuhr das Kind fort, »und hast mit tiefem Schmerze gesehen, wie einsam und allein du hier bist, wie verlassen von aller Welt.« »Mit meinem besten Willen.« »Ich bin das heilige Christfest,« sagte das Kind, »das umherzieht mit einem freundlichen Gefolge, um namentlich die zu beglücken, deren Herz mit Kummer und Schmerz erfüllt ist.« »Mein Herz ist wirklich in diesem Augenblicke mit Schmerz erfüllt,« sagte hohnlachend der Zoll-Assistent, »denn ich sehe, daß es mir nicht einmal bei verschlossenen Thüren gelingt, allein zu bleiben, laßt mich ungeschoren und geht zu denen hin, die euch rufen, ich verlange nichts vom Christfest, denn was ich von ihm verlange, kannst du mir doch nicht bewilligen.« »Also hast du einen Wunsch?« fragte das Kind mit froher Stimme, »o wenn dein Herz zu wünschen anfängt, so wird es auch wieder die schweren Fesseln brechen, mit denen es sich freiwillig umgeben. Nenn' mir deinen Wunsch, ich werde gewiß im Stande sein, ihn zu erfüllen.« Da rieb sich der Zoll-Assistent vergnügt die Hände und lächelte zum Erstenmal in dem Jahre. »Nun denn,« sagte er, »wenn du in der That mächtig bist und im Stande, mir jeden Wunsch, auch den kühnsten, zu erfüllen, so will ich dir ihn nennen.« »Laß hören!« sagte das Kind mit trauriger Stimme. »So laß' mich denn,« sagte der Zoll-Assistent, »allein sein, nicht blos für heute Abend und in diesem Zimmer, nein, auch für morgen, für das nächste Jahr, für mein ganzes übriges Leben, und nicht blos allein sein in diesem Zimmer, in diesem Hause, nein auch draußen auf der Straße, in dieser Stadt, ja laß mich allein sein auf der ganzen Welt! Ich kann nicht behaupten, ob dieser Wunsch des Herrn Schnipfel sein vollkommener Ernst war, oder ob er ihn blos aussprach, um einer ihm lästigen Gesellschaft los zu werden, aber kaum hatte er ihn ausgesprochen, so verlöschte an den Weihnachts-Bäumen um ihn her ein Licht nach dem andern, und es blieb zuletzt keine Helle mehr übrig, als der Schein, der von dem Kinde ausging, und der sah blutig aus, wie die untergehende Sonne, verschwand auch wie diese nach und nach, und als es so in seinem Zimmer vollkommen dunkel geworden war, – denn auch die Talgkerze des Herrn Schnipfel war herabgebrannt, vernahm er von weither eine leise, schmerzerfüllte Stimme, die ihm deutlich sagte: »dein Wunsch ist erfüllt, sei allein auf der Welt!« Das Feuer in dem Ofen war ausgebrannt und es fröstelte den Zoll-Assistenten, doch wußte er nicht recht, ob in Folge der Kälte, die um ihn herrschte, oder in Folge jener Worte, die ihn seltsam erschüttert. Er trat an's Fenster und sah in die Nacht hinaus: da war Alles todt und still. »Das ist ja immer so um diese Zeit,« sagte er zu sich selber, – »ein merkwürdiger Traum! – Und wenn es am Ende kein Traum wäre!« setzte er hinzu und rieb sich die Hände, »so glaube ich, es müßte außerordentlich vergnügt sein, keinen Spektakel der Menschen zu vernehmen, nie mehr all' die lachenden Gesichter zu sehen, überhaupt – allein auf der Welt zu sein.« Mit diesen Worten ging er zufrieden zu Bette, wie Jemand, der ein gutes Tagewerk vollbracht.« Achtes Kapitel. Fortsetzung des sechsten und siebenten: Allein auf der Welt. Nachdem der Portier während der Erzählung des vorigen Kapitels mehreremal das große Thor geöffnet und fast alle Schlüssel bis auf einige wenige übrig gebliebene abgegeben, fuhr er in seiner Erzählung fort: »Als nun nach diesem höchst sonderbaren Weihnachts-Abend der Zoll-Assistent, Herr Schnipfel, aus einem tiefen und gesunden Schlafe erwacht, und auf seine Uhr sah, erschrak er fast, als er bemerkte, daß es schon sehr spät geworden sei. Der Lärm im Hause, das Geräusch auf der Straße, das Läuten der Glocken hatten ihn, namentlich an Sonn- und Feiertagen sonst ziemlich frühzeitig erweckt. Heute hatte er aber nichts von allem dem vernommen: eine wohlthuende Stille lag über dem Hause, man hätte eine Maus husten gehört. Während sich Herr Schnipfel anzog, bedachte er bei sich, wie angenehm es sei, daß sich die Menschheit, namentlich an hohen Festtagen einer solchen exemplarischen Stille befleißige. Das Feuer in dem Ofen brannte, im äußern Zimmer stand sein Frühstück auf dem Tisch. Da Herr Schnipfel von seinem Zimmer hinten heraus keine bedeutende Aussicht hatte, namentlich aber vom Verkehr der Menschen wenig sah, so wunderte er sich auch nicht weiter, als er an's Fenster trat und in den Häusern, welche er vor sich sah und auf den engen Gassen, in welche er von oben hineinblickte, nicht das geringste Leben entdeckte. Nur als er sich vor der Zimmerthür seine Stiefel holte, die, wie immer, blank geputzt dort standen, wunderte er sich, daß er in dem weiten Gebäude nicht den geringsten Lärm vernahm. Da klapperte es nicht in den Küchen und Zimmern, da erschollen keine lustigen Kinderstimmen: Alles war todtenstill. Kopfschüttelnd ging der Zoll-Assistent in sein Zimmer zurück, setzte sich nachdenkend in seinen Stuhl, und begann seine Stiefel anzuziehen. Er hatte so gut und fest geschlafen, daß es lange dauerte, bis er sich des gestrigen Traumgesichtes erinnerte, und als ihm endlich dasselbe klar vor die Seele trat, und er seine Worte abermals hörte: sei allein auf der Welt! – er hatte gerade den linken Stiefel bei beiden Struppen erfaßt und zog heftig daran, – da hörte er mitten im Ziehen auf, hielt das Bein eine Zeitlang wagrecht in die Höhe und versank in tiefes Nachsinnen. Ein leises Frösteln überflog seinen Körper und er bildete sich ein, das sei ein Freudenschauer, in der Hoffnung, daß das Gesicht, das er gehabt, wirklich wahr sei, und er allein auf der Welt. Gegen seine Gewohnheit ging er heute früher aus, und blieb auf der Treppe ebenfalls sehr gegen seine Gewohnheit einigemal stehen, um zu horchen, ob sich in den verschiedenen Stockwerken nichts rege. Aber er hörte nicht das Geringste. Jetzt trat er vor die Hausthüre und das sonderbare Frösteln überfuhr ihn noch stärker, als er die lange Straße hinabsah und dieselbe, sonst so belebt an Sonn- und Feiertagen, ganz todt und leer vor sich liegen sah. »Merkwürdig!« sagte er, und blickte an den Häusern empor, – was er seit langen, langen Jahren nicht mehr gethan; aber auch da bemerkte er kein lebendes Wesen, er rieb sich die Hände und suchte die Sache außerordentlich angenehm zu finden, ja er wandelte anfänglich mit einem wirklichen Wohlbehagen durch die leeren Gassen, über die öden Plätze; aber diese Freude dauerte nicht lange. Er blieb hier kopfschüttelnd stehen, er sah da bekümmert eine große, sonst so volkreiche Straße hinab, und schüttelte den Kopf über die verschlossenen Hausthüren, über die entsetzliche Oede, die ihn rings umgab. Sein leiser schleichender Tritt hallte in den Straßen wieder, als marschire ein Regiment neben ihm, und wenn er sich räusperte – und das that er sehr häufig an diesem Morgen – so schien sich eine Legion unsichtbarer Zoll-Assistenten rings umher ebenfalls zu räuspern. Stunde um Stunde verrann, er hatte die ganze Stadt durchlaufen, es ließ sich kein lebendes Wesen sehen. Der Abend kam, und die Nacht sank herab in dieser furchtbaren Stille, so entsetzlich gespensterhaft; der Zoll-Assistent ging nach Hause, setzte sich auf sein Bett, rieb sich die Stirn, zog sich an seiner Nase und bemühte sich vergeblich, aus seinem bösen Traume zu erwachen. Endlich legte er sich zu Bett und schlief mit der frohen Hoffnung ein, ihm träume nur, wenn er morgen früh erwache, werde es schon wieder anders sein. – Aber es war nicht anders: dieselbe Stille umgab ihn, als er bei anbrechendem Morgen die Augen wieder öffnete. »Allein auf der Welt!« sagte er schaudernd zu sich selber, und er hielt das Frösteln, was ihn jetzt überfiel, nicht mehr für einen Freudenschauer, vielmehr überrieselte ihn tiefer Schrecken und sein Haar sträubte sich, als er abermals in die todten, menschenleeren Straßen hinaustrat. Er eilte an den Fluß; da lagen die Schiffe und schaukelten sich auf dem stillen Wasser, aber keine Hand regte sich wie sonst, die bunten Wimpel aufzuziehen, und die lange Brücke, früher überfüllt mit Menschen, schwankte öde auf dem Wasser und knarrte nicht unter dem Fußtritte von Tausenden. Auch nach seinem Bureau eilte der Zoll-Assistent: da war Niemand, keine Seele, weder in Schreibstuben, noch in dem weitläufigen Magazine. »Allein auf der Welt!« So klang die Stimme des Kindes in seinem Innern, und er eilte vor die Stadt hinaus in einen kleinen Wald, um sich dort an dem Anblick kleiner frierender Vögel zu freuen, die durch die entlaubten Zweige huschten. Das waren doch wenigstens lebendige Wesen; aber auch hier war Alles erstorben, hier im Walde und auf dem Felde, er hörte nichts, wie das Rauschen des Windes, und das klang ihm in die Ohren wie jene Worte: »Allein auf der Welt!« Lange saß er auf einem Stein am Thore und blickte die Landstraße hinab, und wenn er auch oftmals glaubte, in der Ferne einen Fußgänger, einen Wagen, einen Reiter zu sehen, so war dies doch immer Täuschung, und er – allein auf der Welt. Abermals kam die Nacht – die Feiertage waren längst vergangen, und der Zoll-Assistent eilte verzweifelnd durch die Straßen, ein lebendiges Wesen zu suchen. O wie viele Jahre seines Lebens hätte er für den Anblick irgend eines Menschen gegeben! Er drang in die Häuser ein und fand Niemand. Oft blieb er auf der Straße stehen und glaubte neben sich oder vor sich aus einem Gebäude heraus ein Geräusch zu vernehmen, und wenn er angstvoll hinlauschte, und seine Hand auf die Brust drückte, damit sein Herz nicht so gewaltsam schlage, so hörte er bald mit tiefem Grausen, daß er sich getäuscht habe und daß er – allein auf der Welt sei. Wäre nur außer ihm noch ein einziges menschliches Wesen da gewesen, mit dem er hätte sprechen können, es befragen um diese fürchterliche Veränderung, bei ihm Trost suchen, in sein lebendes Auge zu schauen. – Aber Niemand, Niemand! Wenn er in seinem Zimmer war und bei seinem Spiegel vorüber ging, so erschrack er vor seinem eigenen Anblick, er kam sich selbst wie ein Gespenst vor, – er eilte in die Kirche, er warf sich vor dem Altar auf die kalten Steine, er betete lange und inbrünstig, und gestand, wie sehr er gefehlt, daß er sich von Seinesgleichen abgewandt, daß er die ganze Welt gehaßt. Er bat nur noch um kurze Zeit, die ihm vergönnt sein möge, unter den Menschen herumzuwandeln, um seine Fehler wieder gut zu machen – umsonst! Die weiten Räume der Kirche blieben leer und hallten Nichts wieder, als sein Gebet der Verzweiflung. Die heiligen Bilder an den Wänden blickten starr auf ihn herab, und die todten Augen mit ihrem durchbohrenden Blick jagten ihn wieder auf die Straße hinaus. Er suchte den Friedhof auf, und da war ihm noch am Wohlsten. Hier fühlte er weniger die Oede und Einsamkeit, die ihn umgab, denn hier war es immer still und feierlich gewesen, auch waren ja Menschen auf dem Kirchhof, freilich nur todte, und tief unter der Erde, aber sie waren doch da, und nicht nur fremde und unbekannte, nein, auch die Seinigen schliefen hier unter kleinen Kreuzen, sein Vater und seine Mutter, und auf diesen Gräbern saß er stundenlang und sprach mit ihnen und glaubte hie und da ihre Antworten zu vernehmen. Auch war es ihm ein Trost, die vielen Monumente und Steine zu sehen, und die Namen zu lesen Aller, die hier wohnten. An dem ersten der Tage, wo er sich allein auf der Welt befand, hatte er nicht an dies schreckliche Schicksal geglaubt, dann war er verzweifelt und jetzt ergoß sich eine fürchterliche Ruhe über sein zerstörtes Gemüth. Als er Abends wieder auf seinem Zimmer saß, stellte er abermals das Bild seiner Schwester vor sich hin und betrachtete es lange und innig, aber nicht mit Gedanken des Hasses, nein, mit thränendem Blick, mit den herzlichsten und besten Wünschen. »Könnte ich dich noch einmal sehen!« sagte er, »dich und die armen Kinder, und könnte ich dir sagen, wie elend mich mein Haß gemacht hat, könnte ich nur einmal in dein liebes, freundliches Auge sehen, deine warme Hand drücken und dann – sterben!« – Ja – sterben! – daran hatte er bis jetzt noch nicht gedacht. Das war das Ende seiner Qual, darin lag seine Erlösung. Er steckte das Bildchen in seine Tasche, stürzte aus dem Hause, dem Flusse zu, der im Dunkel der Nacht mit seinen flüsternden Wellen so schauerlich und farblos dahin rauschte. Rettung! Rettung! jubelte es laut in ihm, und er sprang von der Brücke hinab in den tiefen Strom, und als er untersank und allmälig die Besinnung verlor, dachte er nichts, als: »Gott verzeih' mir die schwere Sünde, aber jetzt bin ich doch nicht mehr – allein auf der Welt!« »Das ist ja eine höchst schauerliche und sonderbare Geschichte,« sagte ich zu dem alten Portier, der mich bei den letzten Worten des eben Erzählten forschend ansah, und eine große Kunstpause machte. »Aber wie wollen Sie die Wahrhaftigkeit derselben beweisen? denn ohne Beweis kann ich sie nicht wiedererzählen, ich darf mein bischen Credit als Erzähler nicht so leichtsinnig auf´s Spiel setzen.« »Hören Sie zu Ende,« sagte der Portier, nachdem er den Rest seines Punsches ruhig ausgetrunken. »Ah, wenn da noch ein Ende kommt, so bin ich beruhigt!« – Sei es auch du, geliebter Leser! »Nachdem also der Zoll-Assistent Herr Schnipfel,« so fuhr der Portier fort, »untergesunken war, und, wie er nie anders glaubte, eines sehr traurigen Todes verstorben, erwachte er plötzlich und riß seine Augen weit auf.« »Trotz des Wassers?« »Ja, Wasser hatte er genug in den Augen, aber keins des Flusses, sondern das seiner Thränen, die stromweise über seine Backen herabliefen. Auch faltete er die Hände, nachdem er erwacht war, denn die Sonne schien freundlich in sein Zimmer, und an sein Ohr, das so lange nichts gehört, das so lange die schauerlichste Stille umgeben, schlugen die tiefen Klänge sämmtlicher Glocken der Stadt, allen Einwohnern verkündend, daß der erste Morgen des heiligen Christtages angebrochen. Zitternd vor Erwartung entsprang der Herr Schnipfel seinem Bette, und eilte, wie er war, vor seine Zimmerthür, um in das Haus hinabzulauschen; da – o wer beschreibt seine Seligkeit! – klapperten in den verschiedenen Stockwerken die Tassen, rasselten die Kaffeemühlen und jubilirten die Kinder, die sich nun bei Tageslicht betrachteten, was ihnen der heilige Christ am Abend vorher bescheert. Der Zoll-Assistent hatte einen fürchterlichen Traum gehabt, und in Folge dessen nahm er die drei Tannenbäumchen, die er gestern Abend mit dem Fuße von sich gestoßen, freudig zu sich in's Zimmer, stellte sie behutsam auf den Tisch, und auf die Wachsthränen herab träufelten seine eigenen wirklichen, und in Folge dieses Traumes zog er sich hastig an, und eilte auf die Straße hinab, und sah Menschen, viele Menschen und Gesichter, freundliche Gesichter. Aber das freundlichste all' dieser Gesichter war sein eigenes. Wie erstaunten die Hausleute, als Herr Schnipfel ihnen mit strahlendem Gesicht ein vergnügtes und gutes Christfest wünschte, wie erstaunten Bekannte, die ihn auf der Straße sahen, auf die er zueilte und ihnen herzlich die Hand drückte, und wie erstaunte erst der benachbarte Ladenbesitzer, als der Herr Schnipfel in sein Zimmer stürzte, und ihn um Gotteswillen bat, ihn in das verschlossene Gewölbe hinabzuführen, und ihm am heiligen Christmorgen einige Sachen zu verkaufen! – Am meisten aber erstaunte seine arme Schwester, als sich plötzlich ihre Thür öffnete und Herr Schnipfel hereintrat, bepackt mit einem ganzen Magazin Nürnberger Spielwaaren, und als er, außer Athem gelaufen, sie kaum um Verzeihung bitten konnte, und ihr schluchzend und weinend sagte: »Von nun an trennen wir uns nicht mehr, deine Kinder sind auch die meinigen.« Und so geschah es. – Die ganze Stadt zerbrach sich den Kopf über diese Umwandlung des Zoll-Assistenten. Die kleine Kasematte im Hauptzollamt, sonst der Schrecken aller Handlungs-Lehrlinge, war fortan ein wahrer Platz der Erholung für dieselben. Niemand war fortan so freundlich und artig, wie der Zoll-Assistent, Herr Schnipfel. Niemand fertigte die jungen Leute so schnell wie er ab und Niemand wußte so außerordentlich schöne Späße zu machen, wie er. Der Metzger und der Bäcker allein schüttelten ihre Köpfe und begriffen lange nicht, weßhalb Weißbrod und Wurst so unberührt liegen blieben; aber Herr Schnipfel bedurfte ihrer nicht mehr, denn er war der Welt wiedergegeben, speiste im Kreise der Seinigen zu Nacht, suchte lustige Gesellschaft auf, so viel wie möglich, und freute sich herzlich an dem Glücke und der Zufriedenheit seiner Nebenmenschen, denn er hatte erfahren, was es heißt – allein auf der Welt zu sein.« Ein Schicksal. Es ist eigenthümlich, daß ein hohes und weites Gemach mit braunen Holzwänden, mit einer ähnlichen Decke und dunkel eingelegtem Fußboden, mit einem hohen Steinkamine recht heimlich und angenehm sein kann an einem trüben, rauhen Herbstabend, wo die Sonne schlafen gegangen, ohne daß es ihr, der dichten Wolkenmassen wegen, möglich war, von der Erde mit einem freundlichen Gruß Abschied zu nehmen. Es ist eigenthümlich, aber wahr, daß so ein alterthümliches, finsteres Gemach uns wohnlicher erscheint, wenn draußen um die Ecken des Hauses der kalte Wind saust, während im Kamin ein Paar tüchtige Holzblöcke lustig knatternd brennen, als wenn eine warme Sonne glänzend auf Berg und Thal scheint, hie und da einen goldenen Strahl in das düstere Gemach sendet, so den Contrast von Schatten und Licht um so schärfer zeigt, und wenn der Kamin traurig verlassen da liegt, eine leergebrannte Stätte, wo man vielleicht noch Ueberreste von Kohlen und Asche aus dem vergangenen Herbste findet. Um den geneigten Leser in eine passende Stimmung zu versetzen, nehmen wir also an, es ist ein trüber Spätherbsttag mit bewölktem Himmel; um die Ecken des Hauses fegt der Wind, und wenn wir uns an eines der großen Fenster stellen, um hinauszuschauen, so blicken wir in die Straßen der Stadt, wir sehen, daß das Pflaster mit Schnee bedeckt ist, ebenso die Dächer der Häuser; wir bemerken ferner, daß die Leute eilfertig dahin schreiten und sich bemühen, recht bald aus der kalten Luft in das warme Zimmer zu gelangen. Die Equipagen machen es ebenso, und wenn wir sehen, wie die zitternden Wagenlaternen, so ängstlich eilfertig ihren rothen Schein auf den weißen Schnee werfen und der warmen Remise zustreben, so begreifen wir vollkommen, warum sich die Gasflamme in ihrem gläsernen Gehäuse so mißmuthig schüttelt: sie muß allein zurückbleiben in der kalten Nacht, ohne das Glück zu haben, anderen freundlichen und lebenden Wesen leuchten zu dürfen, als solchen, die sich von ihr wegsehnen. Es ist das einmal ihr Schicksal; sie seufzt eine Weile, flackert betrübt hin und her und brennt dann in stiller Resignation wieder ruhig in die Höhe. Blicken wir in das Gemach selbst hinein, von dessen Fenstern wir eben hinaussahen, so bemerken wir, daß es weit und hoch ist, daß die untere Hälfte der Wände aus fast schwarzem Eichenholz und die obere aus einer dunkelblauen Seidentapete besteht. Hiezu paßt die Decke vollkommen: sie ist schwer, geschnitzt, in Quadrate eingeteilt, deren Mittelpunkt eine Höhlung bildend sich hoch emporzieht, während an den Rändern seltsam geformte Zapfen tief herabhängen; noch tiefer aber als diese hängt ein schwerer Kronleuchter mit aufgesteckten Kerzen, welche indessen nicht brennen. Gleichförmig mit Wänden und Decke ist auch die ganze Zimmereinrichtung; in der Mitte steht ein massiver Tisch, über den eine violettsammetne Decke herabhängt und mit ihren schweren Fransen den Boden berührt; die Stühle sind breit, mit hohen geschnitzten Rückenlehnen, gepolsterten Armen, ebenfalls mit violettem Sammet überzogen; alle Geräthschaften stehen aber so willkürlich durcheinander, daß man glauben könnte, es mache sich hier Jemand das sonderbare Vergnügen, sie beständig von ihrem Platze zu schieben. Eine gleich auffallende Unordnung herrscht auch bei den vielerlei Gegenständen auf Tischen, Stühlen, Bänken, sowie auf dem dicken Teppich des Bodens; da liegen und stehen überall umher zerstreut Bücher, Sophakissen, Cigarren-Etuis, Bronzestatuetten, namentlich prachtvoll ausgeführte Thiergruppen, seltsame Krüge; aber alles das ist, wie bemerkt, nur so hingeworfen. An einem Tabourette lehnt eine prachtvoll eingelegte spanische Laute, während nicht weit davon die neun Kegel eines Kegelspiels durcheinanderliegen, von den Kugeln aber, die dazu gehören, ruht eine behaglich in einem neumodischen, mit schwerem Seidenzeug überzogenen Fauteuil und die andere auf dem Rand eines kostbaren venetianischen Glaspokals, wo sie so unbeholfen und schwer aussieht, daß man jeden Augenblick glaubt, sie müsse den feinen Krystall zerdrücken. Auch alte Waffen befinden sich in einer Ecke des Zimmers: ein schöner Brustharnisch, ein paar Mailänder Helme, große Stoßdegen, Schwerter und Streitkolben; doch wollen wir dem Leser nicht verheimlichen, daß alle diese Waffen und Rüstwerkzeuge künstliche Erzeugnisse aus Steinpappe sind, und daß ein Knabe von sechs Jahren die scheinbar schwerste Streitaxt mit Leichtigkeit handhaben könnte. Nicht weit von dem Tische in der Mitte befindet sich ein anderer kleinerer Tisch, er ist mit einem weißen Tuch bedeckt, und aus unordentlich durcheinander stehenden Tellern und Gläsern mit den Resten von Speisen und Getränken, sowie aus den darüber hingeworfenen Servietten sehen wir, daß dort vor kurzer Zeit Jemand vom Souper aufgestanden ist. Auffallend ist es, daß wir auf diesem Tische weder Messer noch Gabeln sehen, sondern nur elfenbeinerne Löffel von verschiedener Größe. Dieses Gemach ist erhellt von mehreren Carcelllampen, die da und dort stehen, sowie von einem tüchtigen Feuer, welches im Kamin brennt. Vor diesem Kamine zeigt sich ein großer geschnitzter Lehnstuhl, und in demselben sitzt ein Mann von ungefähr vierzig Jahren mit einem runden, fetten Gesichte, in dem sich lebhafte Augen befinden, und das fast immer von einem angenehm sein sollenden, aber in der That widerwärtigen Lächeln erhellt ist. Der Mann hat es sich bequem gemacht; seine Füße stecken in Pantoffeln, welche behaglich auf einer vorspringenden Stange des Kaminrostes ruhen. Auf dem Schooße dieses Mannes liegt eine Serviette ausgebreitet, und während er mit der linken Hand einiges Backwerk verspeist, hält die Rechte einen zierlichen Glaskelch, den er jetzt langsam emporhebt, worauf ein anderer Mann in der einfachen Livree eines vornehmen Hauses, der neben ihm steht, das Glas mit rothem Wein füllt, das jener dann gegen die Kaminflamme hält, zum Munde führt und langsam ausschlürft. »Und Ihr mögt sagen, was Ihr wollt, François, der Bordeaux, den wir seit zwei Tagen bekommen, ist nicht mehr der gleiche wie früher; es hat dem Hausmeister wieder einmal beliebt, zu wechseln. Aber ich mag das nicht, und wenn ich das dem Doctor sage, so kann das dem da drunten eine gewaltige Nase einbringen.« Der Bediente betrachtete aufmerksam die Etikette der Flasche, roch einmal in diese hinein und zuckte die Achseln. »Ihr seid noch zu neu im Hause, François,« fuhr der Andere fort, »um darüber ein Urtheil abgeben zu können, wer aber wie ich nun schon anderthalb Jahre lang dieses saure Brod essen muß, der kennt sich leider aus.« Nach diesen letzten Worten steckte er ein großes Stück Kuchen in seinen Mund und spülte dasselbe mit einem frisch eingeschenkten Glase Wein hinunter. »Die ganze Wirthschaft da drunten,« fing er nach einer Pause wieder an, während er sich behaglich den Leib strich, »taugt den Teufel nicht, Hausmeister, Kammerdiener, Kutscher und Koch – will sich doch all das Gesindel in mein saures Amt mischen; verlasse ich einmal einen Augenblick das Zimmer und komme zurück, so finde ich diesen oder jenen neugierig hereinlugen oder gar in Unterredungen mit dem Herrn. – Du lieber Gott!« setzte er scheinheilig hinzu, während er gen Himmel blickte, »wenn ich Unterredungen sage, so meine ich Worte, die man an ihn hinspricht, und worauf er leider Gottes keine zusammenhängende Antwort geben kann. Deßhalb habe ich auch Euren Vorgänger entfernt, und ich hoffe, François, Ihr werdet Dankbarkeitsgefühl genug haben, oder wenigstens auf Euren Vortheil bedacht sein, um so fest als möglich an mich zu halten.« Der Bediente verbeugte sich ehrerbietig und neigte dabei den Kopf so tief gegen den Andern herab, als wollte er die Füße oder wenigstens die Hände küssen, dann sagte er: »Was das Festhalten anbelangt, Herr Krämer, so werden Sie von mir überzeugt sein, daß wo ich einmal im Dienst bin, ich auch treu diene.« Damit legte er die Hand auf sein Herz und blickte mit einer ehrlich sein sollenden Miene an die Zimmerdecke. Dieses Gesicht schien aber nicht zum Ehrlichaussehen geschaffen zu sein, es war vielmehr eine wahre Gauner-Physiognomie, aber kein ehrlicher Spitzbubenkopf mit trotzigem Mund oder zusammengekniffenen Lippen und bösen, stechenden Augen, sondern dies Gesicht hier war so nichtssagend und schlecht, schlaff und feige, daß ein Menschenkenner augenblicklich wußte, er habe es mit einem Subjecte zu thun, welches vielleicht vor offenem Raub und Einbruch zurückschaudere, dagegen zu feigem Betrug, zu Fälschung und Schwindeleien aller Art stets bereit sei. Das Gesicht des Bedienten war lang, schmal und bleich, und das einzige Besondere in demselben waren so hochgewölbte Augenbrauen, daß es schien, François betrachte alle Dinge umher stets mit der größten Verwunderung. Herr Krämer schüttelte ruhig die Krumen von der Serviette auf seinem Schooß und reichte dann dieselbe François, welcher sie in ehrerbietiger Haltung zusammenfaltete und dann lispelnd sagte: »Wäre es vielleicht unbescheiden von mir, wenn ich den Herrn Krämer um einige Aufschlüsse über das ersuchte, was ich seit acht Tagen hier vor mir sehe und nicht recht begreife? Vielleicht könnte es für meinen Dienst nicht schaden, wenn ich erführe – was ich erfahren soll,« setzte er mit gesenktem Kopfe hinzu. – »Gewiß,« erwiderte der Andere, »ich habe schon daran gedacht. – Was macht der Herr?« François warf einen Blick in den Spiegel, der sich über dem Kamin befand, und da dies uns ebenfalls nicht verwehrt ist, so bemerken wir, daß dieser Spiegel aus mehreren Stücken besteht und kreisförmig auswärts gebogen so aufgestellt ist, daß man von demselben nicht nur das ganze Zimmer übersehen konnte, sondern auch noch ein Nebenkabinet, eigentlich einen Alkoven, dessen Oeffnung gerade so breit als das Kabinet ist. »Er sitzt im andern Zimmer am Fenster an seinem gewöhnlichen Platze,« sagte der Bediente nach einer Pause; »er stützt den Kopf auf die Hand und schaut in die Nacht hinaus.« – »Gut,« entgegnete Herr Krämer, »du weißt, François, daß der Besitzer dieses Hauses, der alte Baron von Breda, vor einem Jahre starb.« – »Aus Kummer,« seufzte François. – »Allerdings aus Kummer,« bemerkte der Andere, »und dazu hatte er Ursache genug. Es ist keine Kleinigkeit, das zu erleben, was über den alten Herrn so plötzlich hereinbrach. Wie stand er in der Welt! Aus einem der besten Häuser des Landes, reich, angesehen bei Vornehm und Gering, hatte er einen einzigen Sohn, seinen Stolz, seine Freude, einen der prächtigsten und lebenslustigsten Cavaliere, die je zu Pferde stiegen, und dem alten Herrn schien ja alles nach Wunsch zu gehen. Wie oft hat so ein Vater von allerlei verliebten und anderen Launen seines Sohnes zu leiden, muß hie und da mit Geld nachhelfen oder alles Mögliche thun, um irgend eine Mesalliance zu verhindern. Derartige Geschichten kamen eben hier nicht vor; alles wickelte sich ab, wie ein gut gesponnenes Garn; daß der junge Herr der Tochter eines befreundeten Hauses, der liebenswürdigen Gräfin Elise von Heeren, den Hof machte, wußte der alte Baron und rieb sich schmunzelnd darüber die Hände. Nur Eins war ihm nicht ganz recht: die kleine Gräfin – schön, sag' ich Euch, François, wie Ihr nie was gesehen – hatte einen einzigen Fehler, der eigentlich für ein Mädchen kein Fehler ist, – sie war noch zu jung, erst vierzehn Jahre alt, als der Baron sie kennen lernte. Und wer seine Liebe zu ihr, sowie seinen leidenschaftlichen Charakter kannte, der begriff leicht, daß er nach zwei Jahren des Wartens überdrüssig war und, da Elise jetzt Sechszehn geworden, hartnäckig auf die endliche Verbindung drang.« – Obgleich François immer sehr erstaunt aussah, nickte er jetzt doch auch noch beipflichtend mit dem Kopfe. »Umsonst baten die Eltern der Braut, namentlich die Mutter, um Aufschub von wenigstens noch einem Jahre, die beiden alten Herren hatten längere Unterredungen mit einander, nahmen auch in Folge davon den jungen Herrn ernstlich vor, dessen ganze, aber einigermaßen heftige Antwort war: »wenn Elise noch warten will, so liebt sie mich nicht und dann – kann auch ich warten.« – Seht Ihr, François, darauf hin hätte ich alles gut sein lassen; Gott! so ein junges Mädchen stirbt nicht am Heirathen. Aber nein, da hatten sie keine Ruhe, namentlich die Gräfin Mutter, sie meinte, ihr würde es gelingen, den jungen Herrn nachgiebig zu machen. Ja, gehorsamer Diener! was sie erreichten, war, daß sich bei ihm die fixe Idee festsetzte, Elise liebe ihn nicht mehr, und als deren Mutter nun auch das Mädchen selbst bestimmte, mit ihrem Verlobten darüber zu sprechen, hätte es bald einen Eclat gegeben; er rannte wie wahnsinnig nach Hause, sie stürzte der Gräfin weinend in die Arme, und da war nichts Andres zu machen, als den Hochzeitstag so bald wie möglich zu bestimmen.« »Man hätte Eines oder das Andere auf Reisen schicken sollen,« meinte François. Herr Krämer zuckte mit den Achseln, ließ sich ein neues Glas Wein eingießen, um seine vom mühsamen leisen Sprechen trocken gewordene Kehle anzufeuchten, und sagte dann nach einer Pause: »Unsereins sieht freilich oft schärfer als die da droben, aber sie glauben´s nicht; wäre ich nicht damals noch ganz fremd im Hause gewesen, hätte ich mir schon ein vernünftiges Wort erlaubt. – Nun der Hochzeitstag kam heran, – doch ehe ich von demselben spreche, muß ich noch des andern jungen Herrn im Hause erwähnen.« »Ah, des Neffen von Herrn Eugen, des Herrn Paul!« – Herr Krämer nickte mit dem Kopfe, dann fuhr er fort: »Geschwisterkind des alten Herrn Baron, und nun, da es Gott so gewollt, muthmaßlicher Erbe des ganzen ungeheuren Vermögens.« – »Ein braver Herr!« sagte François begeistert. – »Ein vollkommener Cavalier, freigebig, und weiß seine Leute nach Verdienst zu behandeln.« – Der Bediente neigte demüthig seinen Kopf, der Andere schaute mit vielsagendem Blicke in die Höhe und bemerkte ruhig, aber ausdrucksvoll: »jetzt unser Herr! – Jugend hat nicht Tugend,« fuhr er nach einer Pause in leichtem gefälligem Tone fort. »Herr Baron Paul war allerdings weniger lebhaft und wild, als der junge gnädige Herr, aber er ist auch um mehrere Jahre älter, hat sein Leben genossen und, wie er sagt, die Weiber kennen gelernt. Wir Beide, François, wollen es ihm nicht übel nehmen, daß er sich den Wunsch der Gräfin Heeren auf seine Art auslegte. Er zuckte die Achseln darüber und lachte so vor sich hin; wenn ich mich unterstehen dürfte, über einen Angehörigen unseres Hauses meine offenherzige Meinung zu äußern, so würde ich sagen, er hätte das allenfalls bleiben lassen können, aber du mein Gott! man sagt etwas und meint es nicht so böse. – Genug, der Hochzeitstag kam heran. Seht Ihr, lieber François, ich, der ich zum Haushofmeister für das junge Paar angenommen war und schon seit einem halben Jahre mich damit beschäftigte, alles in den gehörigen Stand zu setzen, ich hätte mir nicht träumen lassen, jetzt mein gegenwärtiges Amt versehen zu müssen. Die Stelle eines Haushofmeisters ist ein schöner, angenehmer Posten, man kann sich überall umthun, man lebt frei und behaglich, kann ohne Scheu von der Gabe Gottes essen und trinken, allen möglichen Leuten gefällig sein und darum auch wieder auf die Gefälligkeit Anderer rechnen. Ach, es ist traurig, hier nun den ganzen Tag eingesperrt zu sein! Freilich bin ich nicht schlecht gestellt, Ihr könnt das an Euch abmessen, lieber François, aber die Freiheit! die Freiheit!« François legte sein Mitgefühl für den unmittelbaren Vorgesetzten dadurch an den Tag, daß er seine Unterlippe betrübt herunterhängen ließ; weil aber die Augenbrauen trotz seiner Anstrengung nicht aufhörten, höchst erstaunt auszusehen, so bekam dadurch der Kopf etwas ungemein Komisches. »Was nicht ist, kann noch werden,« meinte er nach einer Weile. »So können die Sachen hier doch nicht fortgehen, und wenn der Herr Baron Paul,« setzte er flüsternd hinzu, »das Haus antritt, so kann es Ihnen nicht fehlen.« Herr Krämer antwortete mit einem tiefen Seufzer, und nachdem er vorsichtig in den Spiegel geschaut und sich überzeugt, daß der junge Herr im Nebenzimmer noch immer in derselben Stellung verharre, fuhr er in der Erzählung fort und sagte: »Alle diese Reden von der Aufschiebung der Hochzeit hatten auf das Gemüth der jungen Gräfin sehr nachtheilig eingewirkt; ich kann Euch das nicht so erklären, aber ich hörte später den Doctor mit dem alten Baron darüber reden, und der sagte was von ahnungsvollem Bangen, was ein junges Mädchenherz bewege, von Gemüthsbewegung und gewaltigem Nervenreiz, kurz von einem Zustande, den man durchaus nicht steigern dürfe, um nicht die nachtheiligsten und schrecklichsten Folgen zu verleben. Am bestimmten Tage nun fuhr unser Herr mit dem Baron Paul, der sein Brautführer war, zu Heerens. Wie war er so vergnügt, als ich ihm beim Anziehen half, ja vergnügt, aber doch schrecklich aufgeregt. »Siehst du,« sagte er zu mir, »wie meine Hand zittert, und doch halte ich nur ein Glas Wasser, – diese Hand, die sonst nicht die geringste Bewegung machte, wenn ich den schwersten Säbel minutenlang in ihr ausgestreckt hielt. Das thut die Freude.« – So kam er nun bei seiner Braut an, oder vielmehr im Hause derselben, aber statt lachender, freudiger Gesichter, wie sie einen Bräutigam empfangen sollen, bemerkte er zerstörte Mienen, ängstliches Hin- und Herlaufen; statt zu Elisen führte man ihn in ein Zimmer des Parterrestocks, wo der alte Graf Heeren mit dem Hausarzte erschien. – Daß ich den Jammer mit wenig Worten sage: die junge Gräfin hatte während des Ankleidens einen Anfall gehabt, sie war zusammengeschaudert, als man ihr Schleier und Kranz brachte, sie hatte geweint und gefleht, sie nicht zum Tode zu schmücken, dann war sie ohnmächtig geworden, und jetzt lag sie still brütend in einem Fauteuil und fuhr jeden Augenblick erschreckt in die Höhe, indem sie fürchtete, ihn, den sie so sehr geliebt, kommen zu hören. Er durfte sie nicht einmal sehen und fuhr in schrecklicher Bewegung nach Hause. Der Herr Baron Paul, obgleich er ihn zu trösten versuchte, war doch anfänglich sehr karg mit seinen Antworten auf die stürmischen Fragen seines Vetters, dieser wollte des Andern Vermuthungen hören über den furchtbaren Vorfall, und je verschlossener derselbe blieb, desto mehr drang der junge Herr in ihn. Was sie eigentlich zusammen gesprochen, das hat nie Jemand erfahren; so ein heftiger, aufgeregter junger Mann wie der Baron war wohl im Stande, den ruhigeren Vetter so lange zu quälen, bis er vielleicht seiner Ansicht, seiner Befürchtung, seiner fixen Idee, Elise liebe ihn nicht mehr, beitrat. Was weiß ich, genug, ein Wort gab das andere; laß dich zehn- und hundertmal von einem Exaltirten fragen: warum liebt mich dieses Mädchen nicht mehr? so wirst du ihm auch zur Antwort geben: vielleicht hat sie dich nie so recht von Herzen gemocht, vielleicht zieht sie einen Andern vor, – der Blitzstrahl in ein Pulverfaß. Was half alles Vernunftpredigen! Der junge Baron hatte nur einen Gedanken: wer? wer? wer? Und wenn man eifrig sucht, so findet man. – Wohl hatte vielleicht der Baron Paul,« setzte Herr Krämer nach einer kleinen Pause mit kaum vernehmlicher Stimme hinzu, »mit suchen helfen, wer weiß das? Vor dem alten Herrn wurden diese Sachen natürlicherweise heimlich betrieben, genug, an einem schönen Abend brachte Baron Paul unseren jungen Herrn schwer verwundet nach Hause. Mit einem Herrn von W. hatte er sich auf Säbel geschlagen, hatte seinen Gegner tief in die Brust gehauen, selbst aber einen Hieb in den Kopf erhalten, an dem er Monate lang zu Bette lag, Die Wunde heilte endlich zu, als aber der unglückliche junge Herr zum erstenmal wieder aufstand, war er in dem Zustande, in dem er sich jetzt befindet. – Doch ruhig, er steht auf.« – »Und Gräfin Elise,« flüsterte François, »was ward mit ihr?« »B–s–s–st!« machte Herr Krämer, wobei sein Gesicht plötzlich einen ganz andern, sehr ernsten Ausdruck annahm, während er sich in seinem Lehnstuhle gerade setzte und, wie es schien, unbefangen vor sich hin blickte. Ein aufmerksamer Beobachter aber hätte deutlich sehen können, daß dieses unbefangene Wesen erkünstelt war, daß er vielmehr häufig forschende Blicke vor sich in den Spiegel warf und daß er mit ungetheilter Aufmerksamkeit auf ein kleines Geräusch im Nebenzimmer, sowie auf sich langsam nähernde Fußtritte lauschte. Unter der Thüre des Nebenkabinets oder Alkovens, von dem wir vorhin sprachen, ward die Gestalt eines jungen Mannes sichtbar, der gegen das Kamin zuschritt. Er mochte ungefähr vier oder sechsundzwanzig Jahre haben, war hoch und schlank gewachsen, und wenn er etwas vorn übergebeugt ging, so mochte das wohl daher kommen, weil er den Kopf tief herabsinken ließ, ihn nur scheinbar mit der linken Hand unterstützend, welche er an die Stirne gelegt hatte. Zwischen seinen weißen Fingern drängte sich sein lockiges blondes Haar hervor, welches seine hohe edle Stirne umgab. Sein Gesicht im Ganzen war angenehm, ohne schön zu sein, es mußte früher einen unbeschreiblich gutmüthigen Ausdruck gehabt haben; jetzt aber gaben ihm die zusammengekniffenen Lippen und ein seltsamer Glanz in den hellbraunen Augen, sowie ein unsteter Blick etwas Abstoßendes, ja Unheimliches. Nachdem er einige Schritte in das Zimmer hineingethan, ließ er die linke Hand herabsinken, richtete den Kopf hastig in die Höhe und blickte um sich, anfänglich mit aufmerksamem Gesichtsausdrucke, dann zuckten seine Lippen wie ungeduldig, und wenige Minuten nachher flog eine tiefe Trauer über seine Züge. Mittlerweile war er vor den Kamin getreten, hatte sich neben den Stuhl gestellt, in welchem Herr Krämer saß, und sagte mit einer tiefklingenden Stimme: »Es ist schon so lange dunkel da draußen auf den Straßen, daß ich's endlich genug habe. Es könnte wieder Tag werden, – o ja, Tag werden, – ich liebe die Nacht nicht. – Ah!« fuhr er nach einer Pause fort, während welcher er den Bedienten mit zusammengezogenen Augenbrauen angesehen, »wie kann es auch Tag sein, wo solche Figuren sind! Ich habe ja schon oft gesagt, daß du ein Kind der Finsterniß bist. Nun, du hast das Recht dazu; aber du hast kein Recht, dich hier einzudrängen und ein Stück Dunkelheit hereinzuschleppen in meine hellen Zimmer. – Hebe dich weg, Ver –«. Ehe er aber dieses Wort aussprach, drückte er beide Hände mit einem schneidenden Seufzer an die Stirne und sagte, als er sie nach einer Weile wieder herabsinken ließ: »Doch wozu dich wegschicken, Kamerad? Sind wir doch alle verdammt, der Eine ein bischen mehr, der Andere ein bischen weniger; ich vielleicht am wenigsten, dann kommst du meinetwegen. Wer aber die Qual der Verdammniß am verdientesten trägt, das ist da unser Freund, der vor dem Kamine sitzt, – der behaglich sitzt,« sprach er nach einer Weile, wobei seine Augen anfingen zu blitzen und der Ton der Stimme immer heftiger wurde, »der da sitzt, wenn ich stehe. Erhebe dich, Hallunke, ich dein Herr, stehe vor dir!« Obgleich Herr Krämer mitleidig und höhnisch lächelte, beeilte er sich doch, dem erhaltenen Befehle auf das Schnellste zu willfahren, dann aber, als er den schweren Sessel zwischen sich und den unglücklichen jungen Mann gebracht, veränderte er auf einmal seine Physiognomie, seine Augen blickten starr vor sich hin, wie um den Gegenstand, den sie erfaßt, zu bannen. Dabei kniff er die Lippen auf einander und streckte den Hals so weit als möglich vor. »Also so weit wären wir wieder!« rief er nach einer Pause, »das ist der Dank für meine Mühe, daß man mir nicht einmal einen Augenblick Ruhe am Kamine gönnt! Habe ich darum Ihren Kopfschmerz aufhören lassen und so viele schöne Lichter angezündet? Ah! das Ding kann sich ändern,« setzte er grob und pöbelhaft hinzu; »bin ich vielleicht Ihr Narr, oder sind –«. Glücklicherweise sprach er diesen furchtbaren Satz nicht aus. »Jetzt ist mir schon alles einerlei. Allons, François, löschen wir die Lichter aus, der Herr Baron lieben die Dunkelheit.« Es war schmerzhaft anzusehen, wie der unglückliche junge Mann in diesem Augenblick sich zu einem Lächeln zwang, zu einem Lächeln so voll furchtbaren Schmerzes, daß ihm unwillkürlich während desselben zwei Thränen über die Wangen hinabrollten; aber das Lächeln siegte und als nun gerade von der Glut im Kamine einer der Holzblöcke auseinanderborst und unzählige Funken herumsprühten, wurde das Lachen sehr laut, natürlich und herzlich, und die Augen des jungen Mannes folgten mit offenbarem Wohlbehagen dem Feuerregen, der übrigens nur eine Sekunde währte. »Wie viel Uhr ist es?« fragte Herr Krämer ruhig den Bedienten. »Mir scheint, es ist schon spät.« – »O nein, es ist noch sehr früh!« rief hastig der junge Mann, »für mich noch sehr früh; ich will noch nicht schlafen, ich kann noch nicht schlafen. Oh, Gerard,« wandte er sich an den Hüter, »wenn du einmal so furchtbare Träume hättest, wie ich, dann gingst du gar nicht mehr zu Bette.« – »Und was thäte ich dann?« sprach der Andere. – »Du bliebst am Fenster sitzen und schautest in die Nacht hinaus lange, lange, lange und betrachtetest dir den dunklen Himmel und die schwarzen Wolken, bis es allmälig heller würde und immer heller und der helle Tag anbräche. Denn wenn du ruhig abwartest, Gerard, so kommt doch der Tag zuletzt immer wieder, und darauf habe ich meine Hoffnung gebaut. – Einen Stuhl!« – Diese letzten Worte galten dem Bedienten, der sich auch beeilte, einen Fauteuil aus der Ecke herbeizuholen, in den sich der junge Baron niederließ. Er stützte den Kopf in die Hand und blickte eine Zeit lang düster in die Glut des Kaminfeuers, lächelte dann eigenthümlich und sagte: »Glaube mir, Gerard, ich habe in meinem Kopf viele gute Gedanken, das fühle ich wohl; aber verflucht! ich weiß sie nie auszusprechen. Ist mir doch gerade, als habe ich hinter meiner Stirne ein eisernes Gitterwerk, einen Käfig, ein Gedankengefängniß, und darin toben sie oft wild durcheinander und ringen nach Freiheit, daß es mir schwindlig und Angst wird. In solchen Augenblicken drücke ich meine beiden Hände an den Kopf, um die toll durcheinanderspringenden Ideen zu beruhigen. – Gibt es kein Mittel, Gerard, dieses Gitter aufzusprengen? Du solltest sehen, was für prachtvolle Gedanken dann zum Vorschein kommen. – Gibt es kein Mittel?« fragte er nach einer längeren Pause abermals. »Nein, es gibt keins,« erwiderte der Hüter ziemlich barsch, und als der junge Mann bei dieser Antwort den Kopf tief in seine Hände verbarg, sagte jener flüsternd zu dem Bedienten: »Gott sei Dank, daß das eiserne Gitter da ist; wenn wir all diese Gedanken hören sollten, das wäre um selbst närrisch zu werden.« Dabei bemerkte er übrigens nicht, wie schon bei den ersten Worten, die er aussprach, der junge Mann einen Blick herüberwarf, einen Blick, der schrecklich war, und wie er darauf die Zähne zusammenbiß; doch lehnte er sich im nächsten Augenblick ruhig in den Fauteuil zurück, faltete die Hände und sagte mit weicher Stimme: »Lies mir etwas vor.« – »Es ist schon so spät,« versetzte Herr Krämer mürrisch. – »Lies mir vor!« wiederholte heftig der Kranke. – »Auch habe ich Brustschmerzen,« fuhr der Hüter fort; »François, bring das große Bilderbuch her.« »Und ich will kein Bilderbuch!« rief nun der junge Mann mit ausbrechendem Zorn. »Verflucht sei dein Bilderbuch, deine Hunde und Affen, selbst Hund und Affe! – Das Buch! ich will das Buch! Du weißt schon, was ich meine, und kennst auch, was ich will, daß du mir vorlesen sollst. Ja, schaue mich nur mit deinen giftigen Augen an und winke deinem Henkersknecht.« – »François!« sagte der Hüter mit einer unangenehmen Kälte, »lösche die Lichter aus, es ist kein gut Wetter heute Abend.« – »Ja, lösche die Lichter aus!« schrie der unglückliche Kranke, indem er mit den Zähnen knirschte; »aber wenn es auch finster ist, will ich dich doch treffen; ich sehe dich auch in der Nacht.« Und bei diesen Worten griff er mit sicherer Hand in den Kamin, ergriff eine kleine Schürstange von polirtem Eisen, die an der Seite lehnte, und schwang sie drohend gegen Gerard. Dieser aber, dem dergleichen Auftritte schon zuweilen begegnet sein mußten, und dem nichts der Art unerwartet kam, ergriff ruhig eine andere Stange, die an seiner Seite lehnte und sagte: »Nur zu; das wird ein artiges Duell geben, eine Quart auf die Brust hieher und eine Prim in den Kopf dahin.« Bei diesen letzten Worten fuhr er sich mit dem Nagel des Daumens über die Hirnschaale, genau an derselben Stelle, wo der Baron Breda damals jenen fürchterlichen Hieb erhalten. Und als ob er so eben erst den Schlag bekommen, sank der unglückliche junge Mann in den Stuhl zurück, ließ die Stange fallen und fuhr mit beiden Händen an seine Stirne. Herr Krämer blickte triumphirend lächelnd zu François auf, der jetzt seine Augbrauen noch höher emporzog und in Wahrheit ein Bild des Erstaunens abgab. »Da wir nun wieder Freunde sind,« fuhr der Hüter nach einem längeren Stillschweigen und mit einem fatalen Lächeln fort, »so soll auch François das Buch holen, dort auf dem Tische das kleine rothe.« Der Bediente that wie ihm befohlen, Herr Krämer öffnete es, suchte eine Weile und las dann: »Du bist wie eine Blume, So hold und schön und rein.« »Ja, sie war wie eine Blume!« seufzte der Unglückliche, »so schön, so hold und auch gewiß so rein. Ich habe sie lange angeschaut – und sehe sie noch vor mir,« sagte er träumerisch; »ich kann jedoch ihr Bild nicht mehr erkennen. Aber wenn ich nur daran denke, fließt Wehmuth in mein Herz.« »Mir ist, als ob ich die Hände Aufs Haupt dir legen sollt', las Herr Krämer weiter. Betend, daß Gott dich erhalte So schön, so rein, so hold. »So das ist's,« schloß der Wärter. Betend, daß Gott dich erhalte So schön, so rein, so hold,« wiederholte der Unglückliche mit leiser, vor Wehmuth zitternder Stimme, wobei er seine Hände aufhob, als wollte er sie sanft Jemand auf das Haupt legen. Dann stand er auf, warf einen vielsagenden Blick auf seinen Hüter und fing darauf an, im Hintergrunde des Zimmers mit großen Schritten auf und ab zu gehen. »So, das gilt für den Abendsegen,« sagte Herr Krämer jetzt wie zu sich selbst, indem er seine Stimme, die ohnehin beim Vorlesen nicht viel Schwung bewiesen hatte, zum allergewöhnlichsten Gesprächston herabstimmte und als er bemerkte, daß der Kranke hastig hin und her ging, fuhr er fort: »Das kann er zehnmal des Tags hören und ist hernach ruhig wie ein Lamm.« – Und er meint seine Braut damit?« fragte der Bediente flüsternd. »Aber was sagte er vorhin? er könne sich kein Bild von ihr machen? das ist in der That sonderbar.« – Eigentlich nicht so sonderbar, als Ihr glaubt, François,« meinte wichtig Herr Krämer. »Die Aerzte und Gelehrten sagen: jeder Theil des Gehirns von Thier und Menschen habe eine bestimmte und absonderliche Funktion, man hat darüber an Tauben Versuche angestellt, das Gehen eines solchen Geschöpfes z. B. an irgend einer gewissen Stelle verletzt, und es ging nun beständig rückwärts, an einer andern stürzte es unaufhaltsam vorwärts, bei einem dritten und vierten drehte es sich in Einem fort rechts oder links herum. Das soll bei einem Menschen nun gerade so sein, und der Hieb dort,« sagte er so leise, daß es nur für den Bedienten verständlich war, »muß gewissermaßen, wie sie es nennen, einen Theil des Gedächtnisses getroffen haben, denn wenn sich der Herr auch gewisser Sachen, die früher vorfielen, außerordentlich gut erinnert, so hat er dagegen alle Personen seiner früheren Bekanntschaft total vergessen, sogar den alten Herrn erkannte er nicht wieder, ebenso wenig mich, den er doch früher täglich gesehen. Und was nun seine Braut anbelangt, so hat er wohl eine Ahnung von der ganzen Geschichte und blättert oft dort in dem großen Buche, wo die schönen Mädchenköpfe abgezeichnet sind; da kann er stundenlang überlegen und suchen, ohne zu finden, denn das sieht man an der Trauer und dem Unmuthe, mit dem er das Buch jedesmal von sich wegwirft.« »Also weiß er, daß er eine Braut gehabt und sie verloren?« – »Gewiß, aber gerade, daß er fort und fort nachgrübelt und ihr Bild wieder zu finden sucht, wird seiner Genesung, wenn überhaupt eine möglich wäre, sehr hinderlich sein.« – »Und die junge Gräfin?« fragte flüsternd der Bediente, »hat sich ihr Zustand geändert, oder ist sie schwermüthig geblieben?« – »Wir wissen nicht viel von ihr,« entgegnete Herr Krämer nach einer Pause. »Die Aerzte riethen ihr Luftveränderung, sie machte mit ihren Eltern eine Reise nach Südfrankreich und Italien, und ich weiß in der That nicht, ob sie zurückgekehrt ist.« – »Also sind die beiden Häuser durch die Geschichte ein wenig auseinander gekommen?« – »Schon vor dem Tode unseres alten Herrn; und doch, seit Herr Baron Paul die Sachen verwaltet, hat es sich wieder gut gemacht. Nur als vor einem halben Jahre die Aerzte zu einer Zusammenkunft der beiden jungen Leute riethen, welche vielleicht auf das Gemüth des Kranken heilsam einwirken könnte –« – »So widersetzte sich der Herr Baron Paul dieser Zusammenkunft?« fragte François mit einem seltsamen Lächeln; »ich verstehe.« – »So, Ihr versteht?« erwiederte der Andere mit einem kurzen und raschen Kopfnicken. »Nun, das freut mich, und da Ihr nicht ganz ohne Verstand seid, so werdet Ihr auch hoffentlich einsehen, wie die Geschäfte hier geführt sein wollen.« »Aber eins begreife ich nicht,« meinte der Bediente, »warum Ihr mit dem Kranken hier in der Stadt und dem Hause bleibt? Da gibt es doch stille und ruhige Aufbewahrungsorte, wo man glücklicherweise nicht so viel Umstände zu machen braucht.« Herr Krämer schüttelte verächtlich mit dem Kopfe, dann deutete er achselzuckend auf seine Stirne und sagte hierauf: »Es ist ein Unglück, wenn man nicht weiter sieht, als Einem die Nase gewachsen ist. Meinet Ihr vielleicht, man stecke den einzigen Herrn eines großen Namens und ungeheuren Vermögens nur so mir nichts, dir nichts in irgend eine Anstalt hinein? Das will zart behandelt sein. Das ist ein Grund; der andere aber ist der, daß unser Kranker in eine wahre Wuth geräth, wenn er nur aus irgend etwas zu merken glaubt, mau wolle ihn aus der Stadt entfernen.« »Also hat er sehr lichte Momente?« fragte der Bediente. – »Viel zu viel, um ein Narr zu sein, und zu wenig, um vernünftig leben zu können. Ich sage Euch, François, es gibt Tage, wo wir Beide so ruhige Conversation führen und wo er so gescheidt fragt und antwortet, daß ein Dritter, der uns zuhörte, wahrhaftig kaum im Stande wäre, zu sagen, wer von uns Beiden der Gescheidteste ist. – Jetzt aber geht hinaus, ich habe schon ein paarmal bemerkt, daß er unwillige Blicke herüberschießt; mir scheint, ei will allein sein, vielleicht schlafen. Du grundgütiger Herrgott!« setzte er mit einem scheinheiligen Seufzer hinzu, »dann wäre dieses mühsame Tagewerk auch wieder vorüber! Ist noch ein Tropfen in der Flasche?« Statt aller Antwort füllte der Bediente den dargereichten Kelch nochmals, schlug dann den Pfropfen mit der Handfläche in die leere Flasche und entfernte sich mit leisem Schritt. Der Baron Breda stand am Fenster und hatte die Stirne an die kalten Scheiben gedrückt, nun wandte er sich mit einemmale rasch herum. »Wissen Sie was, Gerard,« sagte er mit lauter Stimme, »ich habe das Leben hier in dem Zimmer satt und will hinaus. Teufel auch! ein junger Mann von meinem Alter braucht nicht gehütet zu werden wie ein kleines Kind, und keinen Wärter wie Sie sind.« Statt aller Antwort zuckte Herr Krämer mit den Achseln und blickte lächelnd vor sich hin in die Kaminglut. Der junge Mann schaute ihn ein paar Sekunden mit weit geöffneten Augen an, dann seufzte er schmerzlich aus, legte die Hand an die Stirne und ballte sie gleich darauf wie im heftigen Zorn. Doch ging das wieder vorüber, wie es gekommen, worauf sich der Kranke abermals ein paar Schritte dem Kamin näherte und dann mit sanfter, schmeichelnder Stimme sagte: »Lieber Gerald, wir kennen uns doch schon ziemlich lange, ich glaube seit jenem unglücklichen Tage, wo ich zu Bette liegen mußte. Ganz richtig, mir wird es so schwer, eine Erinnerung festzuhalten,« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, während welcher er seine Augen mit der Hand bedeckt hatte. »Sie sagten mir öfters, Sie seien mein ganz ergebener Diener.« »Allerdings habe ich das oft gesagt und meine es auch ehrlich; Ihnen fehlt auch nichts, ich bin ja besorgt für Sie, wie man es nur sein kann.« – »O ja, zu viel,« murmelte der junge Mann, »aber – was wollte ich doch sagen? das Gitter, das verfluchte Gitter! es läßt meine Gedanken nicht hinaus. O, ich habe schöne Gedanken, Gerard, gute Gedanken, und auch für Sie .« Bei diesen Worten war er ganz nahe an den Lehnstuhl getreten, an welchem der Hüter saß, der vollkommen gleichgültig schien und auch nicht eine Miene machte, den Kopf herumzudrehen. Dagegen blickte er aufmerksam in das Spiegelglas vor sich, auf welche Art er die geringste Bewegung des Kranken zu überwachen im Stande war. – »Gerard,« fuhr dieser fort, »ich bin der Herr dieses Hauses, laßt dieses elende Spiel aufhören. Warum bewacht man mich? Warum läßt man mich nicht frei ziehen? Wissen Sie was, Gerard,« setzte er flüsternd hinzu, »wir wollen zusammen fliehen in die weite Welt hinaus; Sie machen mich frei, ich mache Sie reich. – O hinaus! hinaus! immer weiter! durch Thäler über Berge, daß ich den weißen, garstigen Schnee nicht mehr sehe. Denken Sie, Gerard, welches Entzücken, welch' Vergnügen, wenn des weißen kalten Schnees immer weniger wird, wenn sich dazwischen grüne Streifen zeigen, liebe grüne Streifen, unendlich farbige Blumen, weiße Glocken und blaue Veilchen, und davon machen wir einen Kranz und ziehen damit immer weiter und weiter hinaus, bis wir sie wieder finden, die Blume aller Blumen, so schön, so hold, so rein!« – Diese Worte hatte er wie in steigender Angst gesprochen und dabei seinen Kopf tief herabgesenkt, um besser in das unbewegliche Gesicht seines Hüters blicken zu können, ob vielleicht aus demselben eine kleine Hoffnung zu schöpfen sei. – »Willst du, Gerard?« Doch hatte sich in der Physiognomie des Herrn Krämer durchaus nicht das Mindeste verändert, höchstens schien er gelangweilt, eine Sache abermals hören zu müssen, die nach seinen Begriffen, vollkommen kindisch, ja verrückt war; er schien auch gar keine Lust zu haben, sich in Erörterungen einzulassen, sondern erwiderte einfach: »Es ist wahrhaftig schon spät, wir müssen die Lichter auslöschen, alle Welt geht zu Bette, und das wollen wir auch thun.« – Das Gesicht des jungen Mannes zeigte in diesem Augenblicke einen verzweifelten Kampf, eine Stufenleiter von der höchsten beseligendsten Hoffnung zur tiefsten schmerzlichsten Enttäuschung. – »Nein, nein!« sagte er zähneknirschend, »nur Licht! Licht! – ich will nicht schlafen, Gerard!« rief er darauf laut, indem er an das Fenster eilte und den Vorhang zurückriß. »Siehst du wohl, daß nicht alle Welt schläft; dort fahren sie herum mit schnellen Pferden und glänzenden Livreen. Glückliche, frohe Menschen!« Die heftige Aufregung, welche in dem Tone der Stimme des Kranken lag, bewogen Herrn Krämer, langsam aufzustehen und sich ebenfalls dem Fenster zu nähern. »Bah!« sagte er, »wie kann man wieder so aufgeregt sein! Es ist wahrhaftig besser, wenn wir ruhig zu Bette gehen. Denken Sie an was Anderes! man muß das alles vergessen.« »O wie kann ich sie vergessen!« sprach der junge Mann leise zu sich selber, » sie vergessen, da sie einmal mein war! Nie! – nie! – nie!« Nach diesen Worten blickte er eine Weile starr zum Fenster hinaus, wobei seine Züge sich augenscheinlich beruhigten, dann blitzte sein Auge eigenthümlich, und momentan schien es, als zucke ein seltsames Lächeln um seinen Mund. Nachdem er noch eine Zeitlang die heiße Stirne an die kalten Scheiben gedrückt, wandte er sich ruhig um und trat zum Tische, wo die schwere Kegelkugel auf dem venetianischen Glase lag. Er nahm sie leicht in die Hand und rollte sie mit so großer Kraft über den Teppich weg nach den Kegeln, daß sie an der Wand hoch emporfuhr. Herr Krämer schüttelte den Kopf und bat, das Spiel jetzt zu unterlassen, da es bereits neun Uhr sei und zu spät, um jetzt noch Derartiges zu treiben. »Ich will aber noch nicht schlafen!« entgegnete der Kranke, »meinetwegen will ich die Kugeln liegen lassen, aber dann eine andere Unterhaltung haben.« Der Hüter, welcher zufrieden war, daß der Paroxismus von vorhin so glücklich und leicht sich gelegt hatte, mochte nun auch nicht darauf bestehen, den Kranken in's Bett zu bringen, und sagte: »Nun, mir soll es auf eine Stunde weiter nicht ankommen; ich will Sie sogar noch eine Zeit lang unterhalten, wenn Sie gut und ruhig sein wollen. Wünschen Sie etwas zu spielen?« – Der junge Mann, der hoch aufgerichtet im Zimmer stand und jede Miene seines Hüters aufmerksam betrachtete, fragte mit einem lauernden Blicke: »Wo ist das Schachbrett?« – »Dort auf dem Nebentische,« entgegnete Herr Krämer. – Der Kranke zuckte mißmuthig mit den Achseln. »Ach nein,« sagte er, »warum mit den Schachfiguren spielen? Das sind arme Gefangene wie ich, sie können nur ihre vorgeschriebenen Schritte thun und dürfen nicht rechts noch links; das eckelt mich an. Wo sind meine Federbälle? Das fliegt, wohin es Lust hat.« – »Ah!« meinte der Hüter, »wie kann man Ball schlagen bei Licht! Warten Sie bis morgen früh!« – »Wo sind meine Federbälle?« fragte der junge Mann mit demselben eigenthümlich lauernden Blicke wie vorhin. – »Dort in dem Wandschranke, glaube ich.« – »So will ich damit spielen!« Bei diesen Worten preßte der Kranke die Lippen heftig aufeinander. Herr Krämer, der es vorzog, lieber eine halbe Stunde Ball zu schlagen, als eine ganze unruhige Nacht durchmachen zu müssen, wie das schon bei ähnlichen Veranlassungen vorgekommen war, ging nach der Ecke des Zimmers, wo sich der bezeichnete Wandschrank befand. Derselbe war sehr tief und in einem Winkel angebracht, den die Mauern des Nebenzimmers, mit dem dieses Gemach verbunden war, bildeten; verschlossen war er durch eine Thüre mit einem kunstvoll gearbeiteten festen Schloß. Der Hüter öffnete denselben und bückte sich brummend nieder, um Bälle und Raquette herauszulangen. Der Baron stand in der Mitte des Zimmers und hatte die rechte Hand auf den großen Tisch gestützt, während er die Nägel seiner linken aufmerksam zu betrachten schien; – schien sagen wir, denn in Wahrheit verfolgten seine Blicke mit größter Aufmerksamkeit die Bewegungen seines Wärters. Kaum hatte sich derselbe niedergebückt und befand sich mit dem Oberkörper in dem Wandschrank, als der junge Mann mit einem einzigen Sprunge hinter ihm war, ihn mit Riesenkraft in den dunklen Raum warf, die Thüre zustieß und den Schlüssel umdrehte. Das alles war das Werk einer Sekunde und der Ueberfall so plötzlich und unerwartet gekommen, daß Herr Krämer während demselben nicht einmal einen Schrei ausstieß. Nachdem die schwere Thüre aber einmal verschlossen, war sein Rufen selbst in dem Gemache nur dumpf zu vernehmen. Einen Augenblick blieb der junge Mann wie überrascht vor der Thüre stehen, dann lächelte er eigenthümlich und sagte zu sich selber: »Ruhig, ruhig – ruhig,« während er, wie um seine Gedanken festzuhalten, beide Hände fest an den Kopf drückte. Indem fing der eingeschlossene Wächter an zu rufen und zu poltern; man vernahm deutlich seine grobe Stimme: »Was soll das heißen? – Wollen Sie augenblicklich öffnen? – Nehmen Sie sich in acht, das soll Ihnen theuer zu stehen kommen! Auf meine Ehre schwöre ich Ihnen! vier Wochen lang sollen Sie nicht Sonne und Mond sehen, auch nicht den geringsten Lichtstrahl.« Kopfnickend horchte der Baron auf die Stimme seines Feindes, und statt aller Antwort drehte er den Schlüssel in dem Schlosse nochmals herum, zog ihn dann ab und warf ihn in die Kaminglut; dann besann er sich einen Augenblick und verschloß darauf auch die Thüre, die auf den Korridor führte und zu welcher François hinausgegangen war. Nun fühlte er sich frei und sagte sich das zehnmal nach einander mit tiefen Athemzügen. »Frei! frei! frei?« jubelte er aus voller Brust; dann begann er zu überlegen, wie die gewonnene Freiheit am besten zu benutzen sei, und um darüber nachdenken zu können, setzte er sich in den Lehnstuhl seines Wärters am Kamin und blickte in die glühenden Kohlen, wobei aber seine Gesichtszüge auf eine erschreckende Art beständig wechselten. Jetzt schien er zufrieden mit dem, was er gethan, gleich darauf schaute er überrascht um sich und schien erschrocken, sich so allein im Zimmer zu sehen; dann versank er wieder in tiefes Nachsinnen. Am räthlichsten erschien es ihm nach einer Weile, Stühle und Tische zusammenzutragen und ein Feuer darunter zu machen, um in dem Tumulte, der dann nothwendig entstehen müsse, das Haus zu verlassen. Gleich darauf wollte er das Fenster öffnen und auf die Straße hinaus um Hülfe rufen, doch verwarf er das kopfschüttelnd und lauschte dann wieder aufmerksam nach dem Wandschranke hin, wo der eingesperrte Hüter schon längst angefangen hatte, gelinde Saiten aufzuziehen und freundliche Worte zu geben. Dazwischen hörte man ihn aber wieder fluchen und toben und mit aller Kraft auf den Fußboden klopfen, indem er dadurch Jemand zu seiner Hülfe herbeizuziehen hoffte. Der junge Mann schien unterdessen einen andern und bessern Entschluß gefaßt zu haben, und die Idee hiezu war ihm offenbar beim Anblick des Schlüsselbundes gekommen, den Herr Krämer auf dem Tische, wo er soupirt hatte, liegen gelassen; er nahm ihn zu sich und ging zu einer Thür neben dem Eingang zu dem erwähnten Schlafkabinet. Nachdem er mehrere Schlüssel probirt, fand er endlich den richtigen, öffnete und ging, nachdem er sich ein Licht angezündet, in das anstoßende Zimmer. Die kleine Flamme der Kerze drohte vom Luftzuge zu verlöschen, als der junge Mann in das Nebenzimmer trat, weßhalb er einen Augenblick stehen blieb, um die Flamme mit der Hand zu schützen. Auch Erinnerungen, die mächtig auf ihn einstürmten, schienen ihn auf der Schwelle zu fesseln; er blickte um sich, und nach und nach, als das Licht heller brannte und die ruhig aufsteigende Flamme mehr und mehr leuchtete, schien es auch in ihm klarer zu werden; aber zu gleicher Zeit lagerte wieder ein Zug tiefen Schmerzes über seine Züge, er erkannte das Zimmer wieder, wo er sich befand; es war ja sein eigenes, ganz in demselben Zustande geblieben, in welchem er es vor anderthalb Jahren verlassen. Da waren all die ihm wohlbekannten Geräthschaften, und es war ihm zu Muthe, als kehre er von einer langen Reise zurück und trete nun zum erstenmal wieder bei sich ein. Doch leuchtete die einzige Kerze zu schwach, weßhalb er zurück in das große Gemach ging und dort ein paar Carcelllampen holte, nicht ohne nach dem Wandschranke hinzulauschen, wo er aber nichts vernahm als ein schwaches Geseufze. Er trat zurück in sein Zimmer und überließ sich der Freude des Wiederfindens. Von einem Tische eilte er an den anderen, betrachtete und befühlte alle Gegenstände, die um ihn herumstanden. Ach! und es wollte ihm fast das Herz zerreißen, wenn er irgend etwas fand, woran sich eine süße Erinnerung knüpfte, und er fand viel dergleichen: Bücher, die er ihr zum Lesen geschickt und die sie ihm zurückgesandt, kleine, zierliche Sachen, die sie ihm bei verschiedenen Gelegenheiten zum Geschenk gemacht; und vor allem das Kostbarste, was er gierig empornahm und an seine Lippen riß, waren verwelkte, vertrocknete Blumen in einem Glase. Etwas aber suchte er vergebens: ihr Bild. Dort an der Wand, wo es sonst hing, hier auf dem Schreibtische, wo eine kleine Kopie davon gestanden, war nichts mehr davon zu sehen. – Obgleich die Gedanken in seinem Kopfe heftig tobten und wütheten und an dem eisernen Gitter rüttelten, so daß es ihm war, als ströme über ihn hinweg ein brausender Wasserfall, dessen Getöse er nur zuweilen zu dämpfen vermochte, wenn er den Kopf recht fest mit beiden Händen drückte, so fühlte er doch, wie beim Anblick all der bekannten Gegenstände auch ihr Bild langsam bei ihm auftauchte und wie so nach und nach einzelne Züge desselben wie leuchtende Blitze durch die Nacht zuckten, welche sein Gedächtnis umgab. Umsonst aber versuchte er diese einzelnen Züge festzuhalten, um ein Ganzes daraus zu formen; er brachte es trotz der unsäglichsten Mühe nicht zu Stande, und da er das fühlte, faltete er seine Hände und hob sie wie flehend in die Höhe. Ein lautes Klopfen an die äußere Thüre des Nebenzimmers, dem der Hüter im Wandschranke mit doppelten Schlägen und Rufen antwortete, ließ ihn zusammenfahren und brachte ihn aus süßen und schrecklichen Träumen in die Wirklichkeit zurück; er blickte rasch um sich her und als er auf einem Nebentische ein kleines Kästchen bemerkte, nahm er dieses zu sich und ging damit in das äußere Zimmer zurück. Dort stellte er es auf den Tisch, und da er keinen Schlüssel fand, um es zu öffnen, so drückte er das Ende eines elfenbeinernen Lineals so kräftig in den Spalt unter dem Deckel, daß das schwache Schloß nachgab und das Kästchen aufflog. In demselben befanden sich zwei Doppelpistolen der feinsten englischen Arbeit; der junge Mann lächelte eigenthümlich, als er sie betrachtete; dann horchte er einen Augenblick auf das Geräusch an der äußern Thüre, an der noch zuweilen geklopft wurde, und wo sich alsdann ein paar Stimmen vernehmen ließen, die zusammen sprachen, worauf er vorsichtig, aber eilig die Schußwaffen herausnahm, sie mit einem guten Schusse lud, dann auf jeden Lauf eine Zündkapsel setzte und hierauf die beiden kleinen Pistolen vor sich auf den Tisch legte. Nachdem dies gethan, schien der Kranke einen Augenblick zu überlegen und schritt dann gegen die äußere Thüre, an welcher wiederholt geklopft wurde und vor welcher er immer noch sprechen hörte, ohne etwas verstehen zu können. »Wer ist draußen?« fragte der Baron nach einer kleinen Pause, wobei er seine Hände an den Drücker und den Riegel der Thüre lehnte. »François!« erklang es von draußen; »er will herein.« – »François wird hereinkommen, wenn es mir gut dünkt.« – »Oho!« hörte man die Stimme des Bedienten. Und dann rief er lauter: »Ich bin's ja, Herr Krämer, machen Sie doch auf!« Einen Augenblick schaute der junge Mann im Zimmer umher, nach der Thüre des Wandschranks, vor allem aber nach dem Tische, wo die Pistolen lagen, dann zog er den Riegel zurück, öffnete die Thüre und ging rückwärts gegen den Tisch, wo er stehen blieb und die rechte Hand aufstützte, so daß er die Schießwaffen leicht erreichen konnte. François trat hastig ein und blickte nach Herrn Krämer umher; als er ihn nicht sah, blieb er erstaunt an der Thüre stehen, und dieses Erstaunen wuchs, als ihm der Baron den Befehl gab, näher zu kommen und die Thüre zu schließen; ehe er aber diesem Befehl Folge leistete, winkte er einem andern Mann, der draußen stand, und erst als dieser, ebenfalls in der Livree des Hauses, in das Gemach getreten war, drückte er die Thüre hinter sich zu. »Du wunderst dich, mich hier allein zu finden,« sagte der junge Mann mit einem durchdringenden Blick auf den Bedienten, der sich scheu und schüchtern umsah und nicht begreifen konnte, wo Herr Krämer eigentlich bleibe. Plötzlich aber schlug dieser heftig an die Thüre seines Gefängnisses und man hörte seine Stimme kaum vernehmlich hervordringen: »François, öffne die Thüre des Wandschrankes, öffne geschwind, oder es geschieht ein großes Unglück.« »So öffne denn,« sagte der Kranke. Und als sich der Bediente hastig dem Wandkasten näherte, ergriff er eine der Pistolen und ließ die Batterie knacken. Bei diesem Tone wandte sich der Bediente plötzlich um, und als er sah, wie der junge Herr langsam die Pistole erhob, bedeckte sich sein Gesicht mit einer erschreckenden Blässe, die Knie schienen ihm ihren Dienst versagen zu wollen, und er hielt sich an der Wand, um nicht umzufallen. Der andere Bediente, der mit eingetreten war, machte große Augen, in denen sich übrigens weniger Schrecken als vielmehr ein freudiges Erstaunen zeigte: auch machte er gar keine Miene, sich zum Schutz seines Kameraden zwischen Beide werfen zu wollen, so verzweiflungsvoll auch François zu ihm herüberblickte. »Du siehst, ich bin wieder der Herr,« sagte nun der junge Mann. Dann wandte er sich an den Andern mit den Worten: »Dein Gesicht erinnere ich mich noch nicht gesehen zu haben. Was willst du?« Der Angeredete war ein älterer Mann von gutem Aeußern; sein Kopf hatte eine Vertrauen erregende Physiognomie, und als er entgegnete: »O Euer Gnaden sollten mich kennen! ich bin schon lange Jahre im Hause,« klang das so herzlich, daß es dem Kranken in der That vorkam, als habe er diese Stimme schon früher gehört, und daß er sich, obwohl vergeblich abmühte, in seinem umflorten Gedächtniß die Gesichtszüge dieses Mannes hervorzurufen. Als ihm dies nicht gelang, schüttelte er mit dem Kopfe und erwiderte: »Nun gut, wenn du schon lange in diesem Hause bist, so wirst du auch wissen, daß ich der Herr desselben bin, was dieser da und der Andere vollkommen vergessen haben. Denn, solltest du es glauben? sie haben mich hier eingesperrt, sie haben das Licht von mir abgehalten und mich lange Tage in schrecklicher Finsterniß gelassen, blos weil ich ihnen gesagt, ich wolle hinaus in's Freie, und ich wüßte wohl, was sie mit mir vorhatten. Das Gitter in meinem Kopfe habe ich ja nie geläugnet; es hält meine schönsten Gedanken fest, und – und – und –.« Dies hatte er mit sehr trauriger Miene gesprochen, dann aber wurde seine Stimme heftiger, und zornig fuhr er fort: »Jetzt bin ich aber frei und will frei sein. Es soll mich nichts hier zurückhalten, ich will hinaus.« – »Aber wohin wollen Sie, gnädiger Herr,« sagte schüchtern der ältere Diener. »Es ist schon ziemlich spät, auch dunkle Nacht draußen.« »Wo ich hin will?« fragte der junge Mann erstaunt. »Zu ihr! sie sehen und ihr sagen, daß ich nicht der bin, für welchen man mich ausgibt. O ich denke recht klar, und wenn ich an meinen Kopf fasse, so ist mir's gerade, als fange das Gitter an ein wenig nachzugeben und als schlüpfe hie und da ein prächtiger Gedanke hindurch. – Laß doch einmal sehen! Draußen liegt der Schnee, es ist kalt, also Winter; ich höre einen Wagen nach dem andern vorbeifahren; in dem Wagen sitzen Menschen, lebende Wesen, grade solche wie ich, die sich freuen wollen, grade wie ich. Und wo jene Wagen hinfahren, da wird man auch mir die Thüre öffnen, mir – dem Baron Hugo von Breda,« setzte er stolz und hochaufgerichtet hinzu. François hatte sich durch Zeichen mit dem andern Bedienten in's Vernehmen setzen wollen; doch schien dieser geneigt, seinem Herrn beizustehen, sei es auch nur aus Haß gegen François und Herrn Krämer, die von dem ganzen Hause verabscheut wurden. »Aber, gnädiger Herr,« erlaubte sich François, dem ein vortrefflicher Gedanke gekommen zu sein schien, mit unterthäniger Stimme zu sagen, »wir sollten die Sache ruhig überlegen, namentlich aber den Herrn Baron Paul von Ihrem Wunsch in Kenntniß setzen lassen, der gewiß nichts dagegen einzuwenden haben wird.« »Ah, mein Vetter Paul!« rief der Kranke mit einem schrecklichen Lachen, »er, der mir alles Entsetzliche zugefügt, der mir von ihr gesprochen und der mich veranlaßt zu thun, was ich gethan; der mich hier eingesperrt und gefangen gehalten! – Ah, beim Teufel, laßt ihn kommen! Ich habe Kugeln genug in meinen Pistolen. – Aber dir,« wandte er sich heftig gegen François, »dir befehle ich, kein Wort mehr zu sagen. Bei der nächsten Silbe, die ungefragt aus deinem Munde kommt, liegst du zu meinen Füßen. Glaube mir, meine Hand zittert nicht mehr.« Damit hob er langsam die Pistole in die Höhe und zielte in der That fest und sicher auf den Bedienten, der fast zusammenknickte und in der Angst sein Gesicht abwandte. – »Bah! mit dem schlechten Kerl,« fuhr der Baron fort und ließ die Hand mit der Pistole wieder sinken. »Sprechen wir von Geschäften,« wandte er sich an den andern Bedienten. »Du wirst mir die Wahrheit sagen. Wohin fahren jene Wagen? – Nun?« – »Zum Herrn Grafen Heeren,« erwiderte der Gefragte nach einer kleinen Pause; »es ist dort ein Ballfest.« »Ein Ballfest?« rief schmerzlich der junge Mann. »Ein Ballfest bei ihr und ich bin nicht eingeladen? Und ich soll hier bleiben in dunkler Nacht bei verschlossenen Fenstern, bei diesen beiden Elenden, die mir so lange vorgesagt haben, ich sei wie ein kleines hülfloses Kind, daß ich es fast selbst geglaubt. – Aber es ist noch Zeit, alles das wieder gut zu machen. Fort! gehen wir ans den Ball. Ich will dort als Teufel oder Tod erscheinen und alle zur Rechenschaft ziehen, welche jenes Gitter geschmiedet, das meine Gedanken zurückhält.« François schien sich vor der Ausführung dieses Entschlusses ebenso sehr zu fürchten, wie vorhin vor den Kugeln; er rang seine Hände flehend gegen den andern Bedienten, ja seine Rechte griff sogar nach dem Schloß des Wandschrankes, glitt aber kraftlos herab, als er fand, daß dort der Schlüssel abgezogen war. »Ich habe mich so lange nicht mehr angekleidet,« sprach der Kranke nachdenkend, »daß ich vergaß, was dazu gehört. Du,« – wandte er sich an den ältern Bedienten, »der du mich schon seit vielen Jahren kennst, wirst mir helfen. – Komm! – Doch halt! Wir können diesen nicht allein lassen.« Damit zeigte er auf François. »Das ist ein gefährlicher Narr, sage ich dir; er wäre im Stande, uns das Haus über dem Kopf anzuzünden, daß wir verbrennen müßten und nicht hinaus könnten. Er soll vorangehen, du, riegle die äußere Thüre und dann vorwärts! O ich habe meine Zimmer wieder erkannt.« Nachdem François noch einen verzweiflungsvollen Blick auf den geschlossenen Wandschrank geworfen, ging er wankend voran, machte aber sehr kleine Schritte, wozu ihn der Baron freundlichst ermahnt, indem er ihm gesagt: »Nimm dich in acht, daß du für meine Absichten nicht zu schnell gehst; es könnte dein Unglück sein.« So durchschritten sie das anstoßende Zimmer und wieder schaute der junge Mann an die Wand und auf den Tisch, wo ehedem ihre Bilder waren, und schüttelte darauf betrübt mit dem Kopfe, während er leise vor sich hin sagte: »Was ich fürchte, ist, daß ich Sie nicht wieder erkenne. Denn wenn ich meinen armen Kopf noch so sehr anstrenge, so kann ich doch ihr ganzes Bild nicht mehr zusammenbringen vor meiner Seele. Wie Blitze sehe ich wohl hie und da ihre süßen dunkeln Augen, umflort und fast verdeckt von den langen Wimpern, – die lieben Augen, nicht hell und glänzend wie andere, aber mit träumerischem Blick, der zu Herzen dringt, wie eine weiche Musik, wie ein süßes, süßes Lied. – Auch ihr Mund lächelt mir zuweilen, die feinen Lippen, die sie so komisch trotzig aufwerfen konnte; ja komisch und trotzig, ein süßer Zorn, wenn sie mir sagte: »Ach, du bist kalt, du hast mir heute ja erst hundertmal gesagt, daß du mich liebest wie nie ein Mädchen geliebt worden sei. – Ja,« fuhr er fort und drückte die Hand an die Stirne, »wenn ich Auge und Mund nicht mehr zusammenfände! Das ganze liebe Gesicht nicht wieder erkennen könnte! O Gott im Himmel! dann wäre es doch wahr, was jene Beiden oft zusammengeflüstert. – Ich sei – – ah, gräßlich!« So durchschritten die Drei einige Zimmer, François mit ängstlicher Genauigkeit, in derselben Entfernung voraus bleibend, der ältere Diener neben seinem unglücklichen jungen Herrn, den er zuweilen kopfschüttelnd betrachtete, und dessen Auge sich sogar mit Thränen füllte, wenn er die halblauten Selbstgespräche hörte, die jener von Zeit zu Zeit hielt. Das Schlafzimmer war ebenfalls geblieben, wie er es damals verlassen. Dort stand sein Bett, vor demselben das Fell eines Bären, den er einstens geschossen; an der Wand gegenüber hingen alte prächtige Waffen, deren falsche Kopien wir im ersten Gemache bemerkt. Auch hier blickte der unglückliche junge Mann eifrig nach Bildern von ihr, deren er damals eine große Menge besessen; aber auch hier war keines derselben mehr zu finden. In kurzer Zeit war die Toilette beendigt, und François, der ebenfalls mithalf, hatte Zeit gefunden, seinem Kameraden zuzuflüstern: »Aber wo soll das hinaus? Das muß ja nothwendiger Weise ein furchtbares Unglück geben. Der Herr Baron Paul werden auch bei Graf Heeren sein oder doch hinkommen; er hat seinen Wagen auf zehn Uhr befohlen, es geschieht ja dort etwas Wichtiges.« Der Andere zuckte mit den Achseln und meinte, man könne nicht wissen, was geschehe, er habe nicht Lust, sich gegen die Gewalt oder gegen den Befehl seines Herrn aufzulehnen. »So,« meinte dieser, als alles beendigt war und er sich nun im Spiegel beschaute, »jetzt sind wir fertig; aber wenn ich fürchten muß, daß ich sie nicht wieder kenne, so bin ich ebenso überzeugt, daß auch sie nicht wissen wird, wer der bleiche Mann ist, der vor sie hintritt. – Und meine Augen! – Wie ich mich selbst so seltsam anstarre. O mir kommt der schreckliche Gedanke, daß man meine Augen vertauscht hat, und daß man mir statt der meinigen die eines Verrückten gegeben. – Das wäre ungeheuer komisch.« Dabei zwang er sich zu lächeln, lachte aber so furchtbar und verstört, daß François zusammenschrak und der Andere mit der Handfläche über seine Augen fuhr. In derselben Art, wie sie in das Schlafzimmer gegangen, schritten sie auch in den großen Salon zurück, und der Kranke vergaß nicht, jede Thüre hinter sich abzuschließen und die Schlüssel zu sich zu stecken. Dann öffnete er die äußere Thüre, die auf Korridor und Treppe führte und horchte in das stille Haus hinab. Nach einiger Zeit schlug eine Uhr im Hause die zehnte Stunde, dann hörte man den Klang der andern aus verschiedenen Zimmern; gleich darauf wurde eine Thüre geöffnet und eine Stimme rief: »Der Wagen des Herrn Baron soll vorfahren!« – »Meinen Mantel!« befahl nun der Kranke mit Heftigkeit. Der ältere Bediente gab ihm denselben um und trat auf eine drohende Miene des jungen Mannes in das Zimmer zurück. Die Thüre zu demselben verschloß der Letztere ebenfalls und dann glitt er lautlos die Treppe hinab, nicht ohne seine Pistole, die er unter dem Mantel in der rechten Hand hielt. Die breite Steintreppe mündete auf ein rundes Vestibül, rechts befand sich die Loge des Portiers, geradeaus die Hausthüre. Vor derselben fuhr in diesem Augenblick ein Wagen vor, ein Lakai, der auf der Außentreppe gewartet, öffnete den Schlag, als er den Baron die Treppe herabkommen sah. Dieser hatte das rechte Mantelende so um die linke Schulter geworfen, daß sein Gesicht fast ganz verdeckt war. Er schritt leicht über den Vorplatz und sprang, ohne sich umzusehen, in das niedere Coupé. »Du weißt wohl, wohin?« fragte er, »zu Graf Heeren.« – »So ist es dem Kutscher befohlen,« erwiderte der Bediente, indem er die Wagenthüre schloß. Doch wiederholte er den Befehl noch einmal: »zu Graf Heeren! – fort!« Die Pferde zogen an. Doch hatten sie erst wenige Schritte gethan, als der Wagen plötzlich hielt, der Schlag an der rechten Seite geöffnet wurde und ein junger Herr hereinsprang, der sich mit dem Ausrufe: »Aber zum Teufel! Paul, das heiße ich die Pünktlichkeit zu weit treiben!« in die weichen Kissen warf. »Die Glocken von den Kirchenuhren brummen noch vom Schlage der zehnten Stunde; du hättest mich um ein Haar sitzen lassen. Nun, daß es dir pressirt, begreife ich.« – »Ja, mir pressirt's,« erwiderte der Andere mit leiser Stimme. – »Uff! bin ich deinem Wagen nachgelaufen; und das sag' ich dir, wenn ich die Idee von einem Spritzer an meinen Stiefeln habe, so verklage ich dich vor der ganzen Gesellschaft bei deiner Braut –« – »Bei meiner Braut?« entgegnete der Baron, und der Ton seiner Stimme mußte etwas Erstaunen oder Ueberraschung zeigen, denn der Andere lachte laut hinaus und rief lustig: »Das ist in der That schön! Du willst wohl auch gegen mich den Geheimnißvollen spielen! Und doch hast du eigentlich recht: heute Abend soll ja erst einem kleinen Kreise deine Verlobung mit der Gräfin Elise proklamirt werden.« »A – a – ah!« machte der Kranke, und es war gut, daß die Räder auf dem Pflaster rasselten, sonst hätte der Andere unfehlbar hören müssen, mit welch' fürchterlichem Zähneknirschen das Ah! begleitet war. Dabei preßte er beide Hände an die Schläfe und drückte den Kopf noch tiefer in die Ecke des Wagens, als er es bisher gethan. Der Andere, welcher glaubte, das Uebermaß von Glück mache seinen Freund einsilbig, blickte zum Wagenschlag hinaus, und erst, als sie ein paar Minuten, ohne zu sprechen, fortgefahren waren, sagte er: »Apropos, wie geht es dem armen Hugo? Schlimmer als je, wie ich höre.« – »O nein,« erwiderte der Gefragte, »es geht ihm besser; ich glaube, er ist auf dem Wege, daß es ihm sogar ganz gut gehen kann.« – »Aber du sprachst doch gestern ganz anders, du sagtest, er tobe und es sei lebensgefährlich, sich ihm zu nahen.« – »Nicht für alle, nur für Einzelne,« versetzte der Kranke mit dumpfer Stimme, wobei er seine Pistole in die Höhe hob. Mochten nun die langsam gesprochenen Worte oder der Ton der Stimme dem Andern endlich auffallen, genug, er wandte den Kopf herum und suchte seinem vermeintlichen Freunde in's Gesicht zu sehen; doch lehnte dieser zu tief in der Wagenecke, hatte sich auch zu fest mit dem Mantel drapirt, als daß es bei der herrschenden Dunkelheit möglich gewesen wäre, etwas von seinem Gesichte zu erkennen. Was aber der Andere sah, als der Wagen bei einer Straßenlaterne vorbeifuhr, war das Leuchten eines der Pistolenläufe. Seine Nachbarschaft kam ihm verdächtig vor, und er überlegte einen Augenblick, ob er nicht den Kutscher halten lassen solle. Doch wozu konnte das nützen? Als umsichtiger Mann dachte er: ist da Jemand neben dir, der Uebles vorhat, so wäre es unklug, eine Katastrophe zu beschleunigen; seien wir auf unserer Hut; wir sind bald am Ziele und da wird sich zeigen, was zu machen ist. Glücklicher Weise für ihn mußte der Wagen so anfahren, daß er selbst zuerst hinausstürzen konnte; das Beste war auf jeden Fall, ruhig und unbefangen fortzusprechen. Das that er auch, sprach über das Wetter und den bedeckten Himmel, sang zuweilen ein paar Takte dazwischen oder pfiff eine Melodie. Dabei unterließ er nicht, zuweilen einen Blick auf seinen Nachbar zu werfen. »Jetzt sind wir da!« rief er endlich. Und bei diesem Worte warf der Baron Hugo seinen Mantel von der Schulter und beugte sich vor, um auf die Straße zu sehen. – Nichts hätte übrigens den jungen Mann neben ihm so erschrecken können, als das bleiche Gesicht des Verrückten, das er nun augenblicklich erkannte, des Tobsüchtigen, von dem man ihm gesagt, daß es lebensgefährlich sei, sich ihm zu nähern. – Eben dieser Tobsüchtige saß nun neben ihm und hatte, als ob das zum Anzuge gehöre, eine artige Pistole mit zwei Läufen in der Hand. Unangenehme Situation! Da mußte plötzlich ein Entschluß gefaßt werden, und der kam auch zur rechten Zeit. Der Wagen hielt, er öffnete den Schlag, sprang hinaus und als der Kranke folgen wollte, rief er ihm zu: »Wart einen Augenblick, Paul, der Esel von Kutscher hat das Haus verfehlt, er muß noch zwei Schritte fahren; ich werde es ihm sagen.« Mit diesen Worten drückte er den Schlag zu, sprang zum Kutscher und flüsterte ihm in die Ohren: »Wenn dir das Glück deines Herrn und dein Dienst etwas werth sind, George, so fahre, was die Pferde laufen können, nach Hause, du hast statt des Barons Paul den Baron Hugo im Wagen.« – »Alle Teufel!« entgegnete der Kutscher, warf einen schüchternen Blick hinter sich und hieb hierauf seinen Pferden eins über, die, an eine so schlechte Behandlung nicht gewöhnt, mit einem tüchtigen Satze das leichte Coupé vorwärts rissen und dann im vollen Galopp durch die dunklen Straßen dahinjagten. – »Die zwei Schritte sind lang,« dachte der Unglückliche im Wagen, da dieser so dahinschoß; als sich aber nach einigen Minuten dessen Geschwindigkeit nicht verminderte, sondern vermehrte, als er erstaunt sah, wie Häuser, Laternen, Bäume und Querstraßen eilfertig vorüberhuschten, da schüttelte er zuerst mit dem Kopfe, biß sich die Lippen blutig und rief endlich dem Kutscher zu: »halt! halt!« Doch dachte dieser nicht daran, dem Befehle Folge zu leisten; bald rechts, bald links sauste der Wagen um die Ecken und wilde, finstere Gedanken fingen an, in dem Kopf des Kranken aufzusteigen. Er hatte von einer Braut gehört, und dann hatte man auch ihren Namen genannt. »Elise – Elise!« Zwischen dem Rollen und Rasseln der Räder glaubte er eine klagende Stimme zu hören, die ihm nachrief, aber sie verschwand in dem Lärmen, den die Räder auf dem Pflaster machten. War jener klagende Ruf hinter oder vor ihm erschallt? Ja, ja, gewiß vor ihm; dort schleppte man sie mit Gewalt davon und sie rief um Hülfe. So dachte er und blickte wild um sich. Dann aber war es ihm, als verdichte sich das Gitter in seinem Kopfe zu einer undurchdringlichen Wand, und dann rasten und tobten seine Gedanken wie wilde Wasser an einem hohen Wehr, und sie tobten fort und überflutheten sein Gehirn, bis er einige Sekunden gar nichts mehr denken konnte und sich dann wieder besinnen mußte, wo er eigentlich sei und wohin der Wagen mit ihm fahre. Jetzt glaubte er dagegen, es sei Herr Krämer, sein Hüter, der hinter ihm dreinjage, dann aber dachte er, der Teufel in eigener Person sitze auf dem Bocke und fahre mit ihm der ewigen Finsterniß zu. Bei dem ersteren Gedanken wollte er die Pferde antreiben mit Zuruf und Zungenschlag, bei dem andern aber stemmte er die Füße gegen die Wagenwand vor sich, als könne er das Coupé zurückhalten. Da sprang bei dem wilden Fahren die nur schlecht eingeklinkte Thüre auf, und dem unglücklichen jungen Manne war es, als haben sich ihm draußen hülfreiche Arme geöffnet und als winkten ihm unzählige Hände zu, hinauszuspringen und sich zu retten. Noch einmal rief er dem Kutscher »halt!« zu, und als dieser statt aller Antwort wieder auf die Pferde hieb, warf sich der Kranke aus dem Wagen und schmetterte begreiflicherweise mit einem furchtbaren Schlage auf das Straßenpflaster nieder. Wenige Schritte davon hielt der Wagen; – an dem elterlichen Hause lag der einzige und rechtmäßige Erbe desselben lang ausgestreckt, in der krampfhaft zusammengepreßten Rechten noch die Pistole haltend. Als die Bedienten mit Lichtern herbeieilten und ihn aufrichteten, hob sich seine Brust mühsam athmend, das Blut rieselte aus seinem Munde, und unter einem tiefen Seufzer schloß er die halbgebrochenen Augen. – ### Das hohe Gemach mit den Holzwänden und der Holzdecke haben wir zu Anfang dieser Geschichte bei Abend gesehen und zur Winterzeit; es war damals recht heimlich, im Kamin prasselte ein lustiges Feuer und hellstrahlende Lampen warfen ihren freundlichen Schein rings umher. Beobachten wir es nun ein halbes Jahr später, da es unterdessen Frühling geworden, Frühling, die schöne Jahreszeit, wo am wolkenlosen Himmel eine warme, glühende Sonne strahlt, ein Meer von Licht rings ausgießend und Blumen und Blätter in der ganzen vielfarbigen Pracht zeigend, wie sie unter ihrem heißen Kusse entstanden. Mit dem Stolz einer glücklichen Mutter that die Sonne schon ein Uebriges und zeigte ihre schönen Kinder auf Berg und Thal aufgeputzt mit Gold und Edelsteinen. Bei so viel Pracht und Glanz draußen erscheint ein tiefes Gemach mit braunen Holzwänden traurig, fast unheimlich. Auch belebt der Kamin den dunkeln Raum nicht durch ein freundliches Leuchten und Glänzen; er starrt schwarz und verdrießlich und zeigt nur Aschenhaufen und halbverbrannte Papiere. Herr Krämer, der Hüter, saß am heutigen Tage nicht vor ihm, sondern in einer Ecke am Fenster, aber mit derselben Beschäftigung, in der wir damals die Ehre hatten, seine Bekanntschaft zu machen; er trank Rothwein, hielt aber vorher das Glas gegen das Tageslicht, statt wie damals gegen die Flammen des Kamins. Auch François befand sich wieder im Zimmer und räumte den Tisch ab, gerade wie damals. – Auch noch eine dritte Person werden wir endlich gewahr, nachdem wir uns sorgfältig umgeschaut, denn diese dritte Person sitzt etwas verborgen. Wir würden sie nicht wieder erkennen, wenn wir sie in anderer Umgebung sähen. Es ist ein junger Mann, der aber in den sechs Monaten um doppelt so viele Jahre älter geworden ist; auch hat er kein blondes, lockiges Haar mehr, sondern dasselbe ist glatt abgeschnitten und wird obendrein durch lange schwarze Pflaster verdeckt, die in Streifen über seinen Kopf laufen, – der arme Baron Hugo von Breda. – Aber er ist stärker geworden, viel stärker, und seine Wangen sind durchaus nicht mehr eingefallen. Auch sein Auge hat sich verändert, es blickt nicht mehr zornig oder traurig, es ist gleichförmig, ruhig, ja lächelnd, ebenso das ganze Gesicht, – die Ruhe eines Kirchhofes oder eines prachtvollen Saatfeldes, das der Hagelschlag vernichtet und auf welches, nachdem das schwere Wetter vorüber, jetzt gemüthlich die Abendsonne lacht. Herr Krämer braucht nicht mehr in seinen Spiegel zu schauen, um seinen Anvertrauten zu überwachen, er braucht auch den Wandschrank nicht mehr zu scheuen und kann alle Thüren offen stehen lassen; er braucht in dem rothen Buche nicht mehr zu lesen: »Du bist wie eine Blume so schön, so hold, so rein,« auch nicht mehr Kegel zu schieben oder die nachgemachten Waffen hie und da anders aufzuhängen, – alle diese Dinge sind aus dem Zimmer verschwunden. Der Unglückliche hat nur noch ein paar Wünsche, die leicht zu befriedigen sind: je mehr Lichter am Abend brennen, desto lieber ist es ihm, nebenbei beschaut er auch gerne große Bilderbücher und liebt es, die Blätter herauszureißen und auf dem Boden umherzustreuen. Er scheint dies ohne Absicht zu thun, doch war Herr Krämer auch schon auf die Idee gekommen, als suche er vielleicht etwas, das er nicht finden könne. An dem Tage, von dem wir gerade reden, war übrigens viel Lärmen im Hause; Koffer waren gepackt worden und Vormittags ging ein schwerer Fourgon mit vier Pferden vom Hause weg. Ueber dieses Lärmen und dieses Laufen im Hause sprach Herr Krämer und François, und der Letztere sagte: »Die Trauung war sehr glänzend; natürlich, wenn sich so zwei Häuser verbinden, da fehlt der Spektakel nicht.« – »Und wann reisen sie?« fragte Herr Krämer. – »Heute Abend um sechs Uhr.« – »Von dort oder von hier?« – »Von hier,« sagte der Bediente; »sie sind vor einer halben Stunde gekommen, und der Baron Paul zeigte der Baronin die Appartements.« – »Hm! hm!« machte Herr Krämer. Wie an jedem Tage wurde es auch heute sechs Uhr und dann hörte man drunten eine Equipage vorfahren; es war ein schwerer Reisewagen mit vier Pferden bespannt, man konnte das von den Fenstern des dunkeln Gemachs aus deutlich sehen, und alle Drei, die im Zimmer waren, sahen es auch, und alle Drei freuten sich darüber. Vor der Thüre erschien der Haushofmeister und der Kutscher, der Reitknecht und die Bedienten, sogar der Koch und der Küchenjunge und machten tiefe Verbeugungen, als nun zwei Personen aus dem Hause traten, eine Dame und ein Herr. Die Dame trug ein schwarzseidenes Reisekleid, war schlank und fein gebaut; das sah man, als ihr beim Einsteigen der Shawl von den Schultern herabrutschte. – Blickte sie in diesem Augenblicke an dem Hause in die Höhe oder that sie es nicht? Ganz genau können wir es nicht sagen, aber wir glauben, daß sie es that. Das war dieselbe Dame, von der der Unglückliche droben gesagt, sie habe so süße dunkle Augen, umflort und fast verdeckt von den langen Wimpern; – liebe Augen, nicht hell und glänzend wie andere, aber mit träumerischem Blicke, der zu Herzen dringt, wie eine weiche Musik, wie ein süßes, süßes Lied. – Als sie im Wagen saß, stieg auch der Herr Baron Paul von Breda ein, dann wurde der Schlag geschlossen, die Bedienten hintenauf winkten ihren zurückbleibenden Kameraden; die Postillone, festtäglich aufgeputzt, hieben auf die Pferde, und bald war der Reisewagen um die nächste Ecke verschwunden. Der Herr Baron Hugo von Breda, der oben am Fenster stand und lächelnd zuschaute, schien sich über diese Abwechslung in seiner einförmigen Aussicht gefreut zu haben, wenigstens schaute er dem Wagen vergnügt nach und nickte mit dem Kopfe. »Wie lange dauert die Reise?« fragte François Herrn Krämer. – »Vier Monate; sie gehen nach Frankreich und Italien.« – »Und wenn sie zurückkommen,« sagte kopfschüttelnd der Lakai, »so wird unseres Bleibens hier auch nicht lange mehr sein.« – »Nun, was Euch anbetrifft,« entgegnete Herr Krämer, »Ihr werdet Dienste im Hause thun, wie alle Uebrigen; ich aber werde den da begleiten.« Damit zeigte er auf den unglücklichen jungen Mann, »und mich dann vorderhand mit meiner wohlverdienten Pension zur Ruhe setzen.« »Und weiß man schon, wohin es geht?« meinte François. – »O ja, die Anstalt ist schon bestimmt. Was meinst du,« wandte er sich lächelnd an den Kranken, »hast du auch Lust, bald zu reisen, in einem schönen Wagen mit vier Pferden?« Der arme junge Mann nickte sonderlich lächelnd mit dem Kopfe. »Er hat seine Fahrt von damals rein vergessen,« sagte François. – »Nun ja, wenn Du recht brav bist,« fuhr Herr Krämer fort, »so reisen wir nächstens nach einem schönen großen Hause mit hohen Mauern und einem festen Thor; da gibt es auch Lichter und Bilderbücher für die, welche folgsam sind, für solche aber, die Lärmen machen, hat man auch andere Sachen dort.« »Lichter und Bilderbücher,« wiederholte der Kranke freundlich lächelnd. Und darauf setzte er sich ruhig auf seinen Stuhl und starrte so lange zum Fenster hinaus, bis die Sonne untergegangen war. Gefährliche Blumensträuße Wer die Freuden des Herbstes recht genießen will, der muß sich im Monat Oktober einige Zelt in einer Stadt aufhalten, die von Weinbergen umgeben ist. Kann er sich zu seinem Besuch ein vortreffliches Jahr auswählen, so ist das um so besser, denn nur wenn der Trauben viele sind, wenn die Sonne sie recht gezeitigt und gebraten hat, strahlt alles in besonderer Lust und Freude und ist das Fest des »Herbstes« ein wahres Volksfest. Ist alsdann doch schon der Kreuzer in der Hand des Schulknaben eine ganz genügende Summe, um sich ein paar gute Weintrauben anzuschaffen, und sieht man den vergnügt lächelnden Gesichtern derselben wohl an, daß die Beeren weich, der Saft süß ist. Das gewöhnliche Getreibe auf den Straßen hat sich um diese Zeit noch durch eine Menge einspänniger Karren vermehrt, auf denen ein großes Faß ruht, welches von einem gewöhnlichen Arbeitspferde, meistens in schwerfälligem Trabe, zu den Thoren herein durch die Straßen geführt wird. Das Faß ist von dem überfließenden Most rosig gefärbt, ebenso das Gesicht des Fuhrmanns, der überhaupt vor Wonne und jungem Wein strahlt, und nun den Vorüberwandelnden zunickt, die dem neuen Bacchus lachend nachblicken, der mit gespreizten Beinen vor seinem Fasse steht. Alle Höhen, welche die Stadt umgeben, sind belebt; Spaziergänger klettern aufwärts, neben ihnen Weingärtner mit den schweren Bütten auf dem Rücken, um die Trauben zusammen zu tragen. Hier auf einem Kreuzwege sind große Fässer aufgestellt, bis zum Rande mit den glänzenden, farbigen Beeren angefüllt, auf denen ein paar Buben lustig herumtreten, um sie zu zerquetschen und den Saft zu befreien. Diese kleinen Arbeiter werden beneidet von den Stadtkindern, die vorübergehen, denn, denken sie, jene brauchen sich nur zu bücken, und können essen so viel sie wollen. Zwischen den grünen und gelben Blättern der Weinstöcke hervor jauchzt und jodelt es, auch Schüsse knallen, denn man schießt mit Schlüsselbüchsen, mit Pistolen und kleinen Kanonen. Dazu macht der Himmel ein recht freundliches Gesicht und spannt sich glänzend blau und klar über die vergnügte Menschheit aus. Goldener Sonnenschein liegt über Berg und Thal, die Fernen sind tiefblau und doch so herrlich klar, in den näher liegenden Wiesen und Wäldern zeichnet sich scharf jede Biegung des Terrains, sowie einzelne Gebüschgruppen, ja hie und da erkennt man jeden Baum an der eigenthümlichen Färbung, die er angenommen; dieser scheint röthlich, jener gelblich, andere Blätter sind noch frisch und grün wie in den ersten Tagen ihrer glücklichen Jugend. Ja, die Sonne ist lieb und freundlich; wie glänzen in ihrem Strahle dort die schönen Augen und die weißen Zähne, wenn der liebliche Mund sich schelmisch lachend öffnet, wie färbt sie das ganze Gesichtchen so reizend, das, halb unter dem Rebenlaub versteckt, durch einzelne Streiflichter der Sonne so prächtig beleuchtet wird. Aber auch ernstere Dinge bescheint sie. Die weiße Weste des Herrn Stadtdirectors und die röthliche Nase des Obertribunalraths, nicht zu vergessen die bunten flatternden Bänder von deren Ehegattinnen und die forschenden Blicke junger, beutelustiger Assessoren und Offiziere, die so gern unter das Rebenlaub schauen, weniger auf die Trauben, als auf die hübschen Augen, von denen wir vorhin sprachen. Zu ihrem Privatvergnügen kokettirt die Sonne noch mit dem funkelnden Wein, ihren lieben Kindern früherer Jahre in Gläsern und Flaschen, vergißt aber dabei nicht, auch einen Blick dem Säuglinge von diesem Jahre zu schenken, der noch unbeholfen und ungelenkig ist wie alle Neugeborenen. Die gleiche Lust herrscht aber in guten Jahren um diese Zeit überall; mag das Besitzthum groß oder klein sein, man veranstaltet seinen Freunden einen Herbst, ja, wer nur ein Kartoffelland sein eigen nennt, mit einer Laube von wildem Wein oder Feuerbohnen überrankt, der bittet einige Bekannte zusammen und sollte er auch den nöthigen Korb voll Trauben beim benachbarten Weingärtner kaufen müssen. Und hier amüsirt man sich vielleicht ebensogut wie dort bei dem reichen Baumeister, der seine achtzig Eimer jedes Jahr macht und den Eingeladenen nur vortrefflichen 1846er vorsetzt; ja, an diesen Tagen ist die Lust gleich groß hier unter dem Bretterdache wie dort im schönen Garten des Landhauses oder wie auf den Terrassen jener Villa, die nicht weit von den Thoren der Stadt auf einem kleinen Hügel liegt. An all den Orten wird der Herbst gefeiert, und sobald es anfängt dunkel zu werden, erreicht die Lust ihren Gipfel. Da zischen Schwärmer und werden übertönt von dem Knallen der Frösche, die wieder überschrieen werden von lustigen Mädchenstimmen, welche um Hülfe rufen, weil irgend ein brennendes Ungethüm in ihrer Nähe loskracht. Zuweilen sieht dann die ganze weite Fläche rings um uns aus wie der Garten eines Zauberers, auf dessen Geheiß feurige Blumen überall empor sprossen, rothe, blaue, gelbe und grüne Leuchtsteine, dazwischen flimmert rothglühendes oder weißglänzendes Blätterwerk, und über alles hinaus erheben sich feurige Raketenblumen, hoch in die Höhe wachsend, oben den Stengel zierlich neigend, um alsdann vor den erstaunten Augen einen Blüthenbüschel in den glühendsten Farben zu entfalten. So sproßt und leuchtet es auf allen Punkten, hier spärlich, dort reicher; auf diesem Punkte sind kleine Schwärmer und Frösche vorherrschend und eine einzelne Rakete ein Ereigniß, dort steigen diese massenhaft auf und werden überboten von Kanonenschlägen und überstrahlt von gewaltigen Sonnen. In letzterer Beziehung zeichnet sich die Villa aus, von der wir vorhin sprachen. Zu ihr gehören zahlreiche Weinberge und ein weitläufiger Park; letzterer stößt an das Wohnhaus, und auf dem freien Platze, in welchem das zierliche Gebäude liegt, prasselt und kracht eine solche Menge von Feuerwerk empor, daß alles, was sich auf den umliegenden Höhen befindet, mehr dorthin schaut, als auf die eigenen mageren Schwärmer und Frösche. Die kleine Villa gehört einem liebenswürdigen jungen Mann, dem Baron von C., seit einem Vierteljahr glücklicher Gatte; er hatte zur Feier des Herbstes einige befreundete Familien zum Diner eingeladen, und nach Beendigung desselben wurde das Feuerwerk abgebrannt, dessen wir eben erwähnten. Hier waren die Gäste denn auch mehr Zuschauer als Theilnehmer. Doch hat auch dies manch Angenehmes, ja noch mehr als das, wenn man sich in liebenswürdiger Gesellschaft befindet, wenn man aus einem halbdunkeln Räume zuschauend bei dem aufflammenden Lichte mehr nach den Augen der Nachbarin, als nach der emporzischenden Rakete blickt, und wenn man bemerkt, daß sich eben diese Augen im gleichen Momente auch nach uns richten. Das ist ein süßes und liebes Spiel und wiederholt sich, so oft aufs Neue die Flammen drunten aufzucken. Vielleicht stützen wir uns auch ganz harmlos auf die Brüstung der Terrasse und berühren dabei eine kleine Hand, die dort ebenfalls ruht. – Ah! superb! außerordentlich schön! ruft aber in diesem Augenblick der Kreis der Zuschauer, wir zucken zurück, ja wir klatschen, um ganz unbefangen zu scheinen, begeistert in die Hände, mit klopfendem Herzen, außer uns vor Entzücken – natürlicher Weise nur der bunten Flammen wegen. So haben wir denn zwei Feuerwerke, und wenn draußen die Raketen erlöschen, so erfüllt sich unser Herz mit einem anderen, weit gefährlicheren Feuer. So fühlten denn auch auf der Terrasse der benannten Villa zwei junge Leute, die sich gewiß ganz zufällig dort zusammen gefunden. Er war ein schöner junger Mann von vielleicht dreißig Jahren, ein genauer Freund des Hausherrn, war Maler, hatte einen berühmten Namen, ein großes Einkommen, und wenn er in Gesellschaft ging, so konnte er seine gewählte Toilette dadurch vervollständigen, daß er sich ein Band von irgend einer beliebigen Farbe ins Knopfloch steckte; dagegen war er, wenn auch von anständiger, doch von sehr einfacher Geburt; kein Wörtchen »von« hatte ihm die Thüren zu der – Gesellschaft geöffnet, die es sich jetzt zur Ehre macht, ihn zu empfangen, und hatte ihn leider dieser Gesellschaft, wenn er auch die Meisten derselben an innerem Gehalt weit überragte, doch nicht ebenbürtig gemacht. Wir sprachen das leider nur für den vorliegenden Fall aus, in Betreff der beiden Arten von Feuerwerk, mit welchem er sich heute Abend beschäftigte; denn sie, die neben ihm stand und die Berührung seiner Hand so gern duldete, gehörte eben dieser – Gesellschaft an. Sie war ein zwanzigjähriges, reizendes und geistreiches Mädchen, aber – leider die Tochter eines alten Generals, der noch obendrein Baron von W. hieß. Wenn man die beiden jungen Leute bei einander stehen sah, so war man versucht, Bravo! zu rufen über das prächtige Doppelwerk, welches die Natur hier geschaffen, und Unbefangene von Geschmack und Einsicht mußten unwillkürlich ausrufen: welch schönes Paar! Beide hatten sich früher wohl gekannt, sich, auch wohl allerlei Schönes denkend, betrachtet; daß sie sich aber näher kennen lernten und aufs Innigste liebten, daran war die Unvorsichtigkeit des alten Generals Schuld, der ein lebensgroßes Porträt seiner Tochter befohlen. Der Maler hatte sich Anfangs gegen diesen Auftrag gesträubt und dringende Arbeiten vorgeschützt – vergebens! Doch ließ er sich endlich zwingen nachzugeben, das Gemälde wurde ein Meisterwerk, aber das Original nahm er so tief in sein Herz auf, daß er sich nicht mehr davon los machen konnte. Eugen, der Maler, hatte es seinem Freunde, dem Baron von C., öfter gesagt, daß die junge Dame oft stundenlang, wenn gleich im elterlichen Hause, mit ihm allein sei, worauf dieser lachend erwiderte: »Das ist ein schlimmes Compliment für deine Liebenswürdigkeit; der General hält dich für gänzlich ungefährlich, und dafür würde ich mich an ihm rächen.« »Und dann,« hatte der Maler gefragt. »Nun, und dann? sieht man weiter.« Am heutigen Tage hatte sich übrigens die ganze intimere Mittheilung zwischen den Beiden auf das beschränkt, dessen wir soeben erwähnten, einen innigen Blick, einen leichten Druck der Hand, – so unendlich viel – und doch so wenig. Vergebens hatte Baron von E. es eingerichtet, daß Eugen die junge Dame zu Tisch führen durfte und nach der Tafel in den Garten; hatte ihm auch in den Glashäusern bald hier bald dort allerlei seltene oder unbedeutende Blumen gezeigt. Vergeblich, Julie von W. war wie die Bienenkönigin: wohin sie sich wendete, folgte ihr ein ganzer Schwarm. Und doch hätte ihr Eugen so gern eine Frage gestellt, er war bekümmert, denn er hatte in ihrem sonst so klaren und freundlichen Auge einen Schatten bemerkt, er hatte in unbedeutenden Worten, die sie an ihn gerichtet, einen Kummer entdeckt, der auf ihrem Herzen lastete. Das Feuerwerk war unterdessen beendigt, und nachdem der Raum um das Schloß einen Augenblick dunkel gelegen, ward er plötzlich wieder erhellt, diesmal von der rothen Gluth der Fackeln, welche die Dienerschaft am Portal aufsteckte, um den Weg für die anfahrenden Equipagen zu erhellen. Auch das Zimmer und die Terrasse, wo sich die Gesellschaft befand, wurden plötzlich erleuchtet, doch nicht so schnell, daß es Eugen nicht noch gelungen wäre, durch eine schnelle Wendung eine alte Hofdame zwischen sich und Julie zu bringen. Der Vater General, der sich zum Gehen eines Stockes bediente, hinkte herbei, um seiner Tochter zu sagen, daß ihr Wagen vorgefahren sei. Mit Ausnahme einiger weniger Herren, worunter auch Eugen, die noch dablieben, um bei der liebenswürdigen Wirthin des Hauses eine Tasse Thee zu nehmen, empfahlen sich die Uebrigen, und plaudernd und lachend rauschte es über die breiten Korridors nach der Treppe des Hauses hin. Auch hier war der Hausherr wieder für seinen Freund thätig. Denn unter dem Vorwand, dem alten General das Gehen zu erleichtern, nahm er ihn unter dem Arme und machte in seiner liebenswürdigen Sorgfalt unendlich kleine Schritte, so daß Julie, von Eugen geführt, schon fast auf der untersten Stufe war, ehe der Papa noch die oberste erreicht hatte. Das Treppenhaus war auch der Glanzpunkt der kleinen Villa; von Marmor waren Stufen und Wände, letztere mit weißen Säulen gekrönt, die leicht den kühnen Bogen der Wölbung trugen. Dort oben hatte Engen für seinen Freund ein reizendes Bild gemalt, ein Bild, das ohne Uebertreibung den Werth der Villa bedeutend vergrößerte. Auf der untersten Stufe der Treppe befanden sich auf passenden Piedestalen zwei Knaben aus Bronze in Lebensgröße, welche aufrecht Füllhörner hielten, aus denen Lichter-Bouquete flammten. Julie war schon auf der zweiten Stufe; sie hatte ihre kleine feine Hand auf den Arm eines der Knaben gelegt, während Eugen tiefer vor ihr stand, beide aber angelegentlich das Deckengemälde, sein Werk, betrachteten und darüber zu sprechen schienen; in Wahrheit aber beschäftigte sie nicht die Schaar der Götter dort oben, und wenn auch der Maler die Hand erhoben hatte, und bald auf diese, bald auf jene Gestalt deutete, auch sein Gesicht lächelnd und ruhig erschien, so drangen doch die Worte, die er sprach, hastig zwischen den Lippen hervor. »Julie, es ist etwas geschehen, was Sie bekümmert. Ich habe das im Verlaufe des Nachmittags wohl bemerkt, und es hat mir den sonst so herrlichen Tag verdorben.« Sie nickte mit dem Kopfe, wobei sie aufwärts blickte, als habe sie seine Erklärung, die Figuren betreffend, wohl verstanden. »Was ist es denn, Julie? Muß es ein Geheimniß für mich bleiben?« »O nein, gewiß nicht,« entgegnete sie, »wenn ich es nur selbst genau wüßte; Papa hat während dem Hieherfahren einige Worte zu mir gesprochen, die mich aufs Tiefste erschreckten.« »Um des Himmels willen, Julie, was sagte er?« »Er sprach von meiner Zukunft, daß es Zeit sei, daran zu denken, daß eine Verbindung, die er projectirt, mir gewiß passend und annehmbar erscheinen würde.« »O Gott, das habe ich schon lange erwartet,« murmelte er durch die zusammengepreßten Zähne. »Sie meinen die Pferde des Sonnengottes,« sagte sie plötzlich sehr laut, während sie lächelnd den Kopf schüttelte und mit der rechten Hand emporzeigte; »und man macht Ihnen einen Vorwurf, daß Sie die arabische Race anzeigen? O, das ist in der That komisch. Apollo hat sich ja gewiß zu seiner Zeit des schnellsten, feurigsten Gespanns bedient. Und das sind Eigenschaften, die man den Arabern nicht absprechen kann.« »Nicht schlecht geurtheilt, Julie,« hörte man jetzt die tiefe Stimme des Generals, der nun dicht hinter dem Paare stand. »Doch habe ich nie gehört, daß man unserem Künstler darüber einen Vorwurf gemacht. Scharfe Kritiker fanden dagegen das Gesicht der Liebesgöttin etwas zu nachdenkend, ja traurig; die Göttin der Liebe soll heiter und glücklich sein.« »Ganz recht, Papa,« erwiderte Julie, »das wollte ich auch soeben anführen, denn man sagt, ihre Macht sei groß, nichts könne derselben widerstehen.« Dies sprach das junge Mädchen mit einem innigen Blick auf Eugen, der sich mit der Hand über die Augen fuhr und wie aus einem tiefen Traum erwachte. So schnell als möglich fuhren die Wagen vor, doch da der des Generals nicht der erste in der Reihe war, so mußte die Gruppe noch einen Augenblick an der Treppe stehen bleiben, und gerade als seine Equipage vorfahren wollte, zeigte sich unerwartet ein neues Hinderniß, ein Reiter nämlich, der im Jagdgalopp über den Hof daher kam und die Rampe hinaufritt, vor dem Treppenhause anhielt, und vom Pferde stieg. Draußen, wo es ziemlich dunkel war, sah man nur seine lange Gestalt, die sich eilig der Treppe näherte und nun, als sie in den Lichterschein trat, vom General erkannt zu werden schien, denn dieser machte sich plötzlich vom Arme des Hausherrn los und rief freudig aus: »Bester Graf, welch angenehme Ueberraschung!« Der also Angeredete, der ziemlich steif und förmlich näher trat, hatte ein langes, dünnes Gesicht, das zu der mageren Gestalt vollkommen paßte; auch die Stirne war hoch und schmal, ja, so hoch, daß wenn man das sorgfältig behandelte Haar ansah, man auf die Vermuthung kommen konnte, dasselbe habe einstens weiter hinabgereicht. Der Graf schaute im Kreise umher, machte eine leichte Neigung mit dem Kopfe und reichte dem General die Hand, welche dieser herzlich schüttelte. »In der That eine liebenswürdige Ueberraschung,« wiederholte der General. »Sie erfuhren wohl in der Stadt, daß wir hier außen seien.« »Allerdings,« erwiderte lächelnd der Fremde, »und ich säumte nicht, mich so schnell wie möglich hieher zu begeben, will aber Ihre Rückfahrt, welche Sie soeben anzutreten im Begriffe sind, nicht um eine Sekunde verzögern.« »Meiner Tochter werden Sie sich noch erinnern,« sagte der General mit einer Handbewegung gegen Julie, welche sich erröthend verneigte und die Augen niederschlug, da sie bemerkte; wie die Blicke des Grafen fest auf ihr hafteten. Dieser hatte sich dem jungen Mädchen mit einer tiefen Verbeugung genähert und versetzte: »Wenn ich mich auch noch lebendig jener Zeit erinnere, wo ich das Glück hatte, Fräulein Julie zu sehen, so muß ich doch eingestehen, daß ich Sie unter andern Verhältnissen nicht wieder erkannt hätte.« »Erlauben Sie, bester Graf, daß ich Sie dem Herrn dieser gastfreien Villa, dem Baron von C. vorstelle.« »Mir scheint,« entgegnete der Fremde lächelnd, »ich erneuere da auch eine Bekanntschaft aus früherer Zeit.« »So ist es, Herr Graf,« entgegnete der Baron, »wenn ich nicht irre, trafen wir in Italien zusammen.« »Ja, ganz recht, in Neapel.« »Und an den Wasserfällen von Terni?« »Ah! das ist wahr, Sie haben ein vortreffliches Gedächtniß.« »Ich behalte manches,« erwiderte lächelnd der Hausherr. Und während sich der General seinen Paletot umgeben ließ, näherte sich der Graf der jungen Dame, wobei der Hausherr nach seinem Freunde schaute, der während des kurzen Gesprächs von vorhin unsichtbar geworden war. Doch hatte Eugen die Treppe nicht verlassen, sich nur hinter die bronzenen Lichthalter zurückgezogen, und indem er den rechten Arm auf einen der Träger stützte, hatte er die Stirn auf die Hand gelegt und blickte nachdenkend zu Boden. »Eugen!« sprach leise der Baron, und als Jener aufblickte, zeigte er ein bleiches, verstörtes Gesicht. »War denn nicht vorhin unser Maler da?« rief laut der General, »da hätte ich bald was vergessen, wo ist Herr Eugen?« Der Maler trat vor, der alte Herr hinkte ihm hastig entgegen, faßte seinen Rockknopf und zog ihn ein paar Schritte abseits. »Lieber Freund, Sie müssen mir einen großen Gefallen thun.« »Mit Vergnügen, Herr General.« »Sagen Sie das nicht, denn mein Verlangen ist Künstlern Ihres Ranges gerade nicht angenehm. Aber verzeihen Sie, ich kann mich nur an Sie wenden. Es betrifft das Bild, welches Sie von meiner Tochter gemalt haben; ich brauche davon eine Copie, eine kleine, zierliche Copie.« »Eine zierliche Copie, Excellenz; ich verstehe.« »Nicht wahr, Sie verstehen mich. Sie find ein verständiger junger Mann; ich versichere Sie, ich setze ein unbegrenztes Zutrauen in Sie. Es muß eine Copie sein in einem kleinen hübschen Format, die man – Jemand zum Geschenk machen kann.« »Einem Bräutigam zum Beispiel, Herr General,« sagte der Maler mit leiser, tonloser Stimme. » Parbleu ! Sie haben Recht,« erwiderte lachend der General, setzte aber hinzu, indem er den Zeigefinger aufhob: »Das bleibt aber vor der Hand ganz unter uns.« Der Maler verbeugte sich, dann versetzte er nach einer kleinen Pause: »Und wann wünschen Sie, Herr General, daß ich die Copie anfange?« »Anfangen? Wenn Sie mich lieb haben, längstens morgen, und beendigen so schnell wie möglich.« »Ah! es ist eilig,« sprach der Maler, indem er sich die Lippen fast blutig biß. »Recht eilig, also ich verlasse mich auf Sie.« Unterdessen hatte der vorhin Angekommene mit Julie und dem Hausherrn ebenfalls einige Worte gewechselt, glücklicher Weise aber sprachen sie über die reizende Besitzung, auf welcher man sich gerade befand, und so war es der jungen Dame erlaubt, bei Erwähnung des Treppenhauses auch mit großem Interesse die Bronzefiguren zu betrachten, neben welchen Eugen und der General standen. Wie hatten sich die Züge des jungen Mannes, die während des Feuerwerks noch so glücklich und heiter strahlten, jetzt verändert! Wie zuckten seine Lippen, wie suchten seine Augen ihre Blicke, nachdem der General dem Maler die Hand geschüttelt und sich von ihm entfernte. Wie hastig griff Eugen nach dem bronzenen Arm des Knaben, es schien, er müsse etwas suchen, um sich daran zu halten. »Allons, Kinder!« rief der General. »Wir haben unseren liebenswürdigen Wirth jetzt lange genug zwischen Thüre und Treppe in der kühlen Nachtluft hingestellt, machen wir, daß wir nach Hause kommen. Und Sie, Graf, Sie fahren doch mit uns?« »Wie könnte ich ohne gegründete Ursache eine solche Einladung ausschlagen!« entgegnete dieser. »Doch verzeihen mir Excellenz, ich muß es doch thun, denn ich habe mich warm geritten und gestehe, daß ich mich in Ihrem offenen Wagen vor der kalten Nacht fürchte.« »Und nicht mit Unrecht,« sagte der General. »Daran dachte ich wahrhaftig nicht.« »In der Eile noch zeitig hieher zu kommen,« fuhr der Andere lächelnd fort, »vergaß ich durch den Reitknecht meinen Ueberzieher mitnehmen zu lassen, bedaure das aber jetzt aufs Schmerzlichste.« »Aber ich bitte Sie, bester Graf!« rief eifrig der Hausherr, »dem ist ja augenblicklich abzuhelfen; darf ich Ihnen einen Paletot von mir anbieten? Ich hoffe, Sie werden mir das nicht abschlagen, haben wir uns doch auch schon früher kleine Dienste geleistet.« In diesem Augenblicke eilte auch schon einer der Bedienten, welche hinter den Herrschaften auf der Treppe warteten, die Stufen hinan. »Du wirst meinen weiten dicken Paletot vor meinem Zimmer finden!« rief ihm der Hausherr nach; »ich habe ihn dort auf den Tisch gelegt.« Dann setzte er lächelnd gegen den Anderen gewendet hinzu: »Ich muß schon das weiteste Kleidungsstück geben, das ich habe, um die fehlende Länge zu ersehen.« Der Paletot, der augenblicklich gebracht wurde, erwies sich übrigens als zur Genüge passend, der Graf wickelte sich hinein, Julie verabschiedete sich von dem liebenswürdigen Wirthe, nicht ohne die herzlichen Worte, mit welchen sie dies that, durch einen innigen Blick anderswohin zu dirigiren. Die Pferde zogen an, der Wagen rollte dahin. Der Baron von C. trat zu seinem Freunde hin, der noch immer wie in tiefem Traume dastand, faßte seinen Arm und sagte mit weicher Stimme: »Komm, Eugen, gehen wir hinauf. Sei ruhig, mein Freund; glaube mir, ich verstehe deinen Schmerz. Ah! das ist eine schreckliche Lage.« Darauf stiegen Beide schweigend die Treppen hinauf, und als sie oben auf das Vestibul kamen, schritt der Maler einem großen Fenster zu, welches eine weite Aussicht gewährte. Da lag vor ihnen in der Dunkelheit die Stadt mit einem weißen Nebelschleier bedeckt, durch welchen die Lichter von den Straßen und aus den Häusern hervorblitzten und sich ausnahmen wie glänzende Stickereien. Hie und da leuchtete und blitzte es noch ans den Höhen, man sah bald nah, bald fern sprühende Schwärmer und hoch aufsteigende Raketen. Ringsum herrschte noch Lust und Freude, nur ein Herz, welches vorhin alles das noch so warm und glücklich mitempfunden, fühlte sich jetzt kalt und elend. Eugen lehnte die brennende Stirn an die kühlen Scheiben, der Baron stand neben ihm und legte die Hand sanft auf seine Schulter. »Sei ruhig, Eugen,« sagte er. »Wohl begreife ich, wie schwer dein empfängliches Gemüth von dem Schlag getroffen wurde. Aber wenn er auch unerwartet kam, so mußtest du doch darauf vorbereitet sein. Wie oft sprachen wir darüber, wie oft sagtest du selbst dies Ende deinem stillen Glücke voraus.« »O ja, das that ich,« entgegnete der Andere mit zitternder Stimme, »aber jetzt, wo sich so plötzlich die fürchterliche Kluft vor meinen Füßen öffnet, jetzt ist mir, als könne ich das Unglück nicht ertragen. O meine Julie!« fuhr er schmerzlich fort, indem er sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte, »so habe ich dich also verloren! O mein süßes Mädchen, so hat man dich also von mir weggerissen ohne Gnade und Barmherzigkeit! Nicht wahr?« wandte er sich hastig an seinen Freund, »das ist auch deine Ansicht? Alles ist für mich verloren.« »Ich glaube, ja, mein armer Eugen,« erwiderte sanft der Baron von C. »Nimm es auf wie ein Mann; gestehe mir zu, daß du selbst an einem guten Erfolg gezweifelt. Erinnere dich, wie oft wir dir sagten, Elise und ich, in Gottes Namen einen versuchenden Schritt zu thun, obgleich,« setzte er beruhigend bei, als er sah, daß der Andere sich heftig gegen ihn umwandte, »wir gewiß an ein Gelingen nimmermehr glaubten.« »Und ich ebensowenig,« murmelte Eugen. »Hätte ich denn im anderen Falle jenen Schritt nicht schon längst gethan? Und doch redete ich mir selbst Hoffnungen ein. O es war für mich so süß zu hoffen, ich fühlte wohl, was ich leiden würde, sobald ich die traurige Gewißheit meines Unglücks hätte. Und jetzt habe ich sie, und jetzt leide ich – furchtbar.« Abermals lehnte er sich gegen das Fenster und blickte in die Nacht hinaus. Und wieder faßte der Baron seinen Arm, ihn sanft emporziehend. »Lass' uns nicht hier stehen bleiben, Eugen,« bat er mit bewegter Stimme. »Komm, gehen wir zu meiner Frau, sie erwartet uns.« »Aber sie ist nicht allein.« sprach Eugen. »Sieh mein Gesicht an; wie kann ich mich so vor Menschen blicken lassen! Auch wäre es wohlthuend für mich, allein sein zu können.« »Im Gegentheil, Eugen,« erwiderte der Baron, »ich kenne das; zwinge dich, für eine Stunde an unserer Unterhaltung Theil zu nehmen. Glaube mir, es ist besser für dich, du wirst doch nachher lange genug allein sein.« »Ja, sehr allein!« entgegnete der Andere mit einem tiefen Seufzer. »Auch werden dich ein paar gute Freunde, die du in meinem Zimmer findest, nicht geniren. Aber nimm dich zusammen; weißt du, lieber Freund,« setzte er flüsternd hinzu, »mau soll dich ruhig sehen, man soll nicht sagen, du seiest wie ein Unglücklicher davon gerannt; man soll nicht über dich spotten.« »Und wer weiß denn schon bei dir um die für mich fürchterliche Geschichte?« »Komische Frage! der Vicomte, der droben ist, war auf der Treppe, als der Graf unten vom Pferde stieg. So ein Diplomat ist neugierig; er war es ja auch, der schon unlängst eine Anspielung fallen ließ über eine projectirte Heirath im Hause des Generals. Wir lachten darüber.« »Und du sagtest mir nichts davon?« »Ich versichere dich, wir lachten darüber.« »Und doch hatte er recht,« sprach Eugen mit tiefem Schmerze. »So scheint es; aber der kleine Vicomte hatte nun gewiß nichts Eiligeres zu thun, als meiner Frau die Ankunft des Bräutigams mit großem Geräusch zu verkünden, und daran würde er ohne Zweifel von seinen pikanten Bemerkungen reihen, wenn du, von dem man weiß, daß er noch eine Stunde dableiben wollte, plötzlich verschwunden wärest.« Eugen biß die Zähne fest auf einander. »Also komm und sei verständig.« »Vielleicht auch lustig?« fragte der Andere bitter, »gesprächig mit der Hölle im Herzen? doch sei es darum. Was ich heute nicht thue, müßte ich morgen doch thun. Und darin hast du recht: einen lauernden Blick oder das leiseste Wort des Spottes – bei Gott! ich ertrüg' es nicht.« Damit raffte er sich auf und Beide schritten durch das Vestibul nach dem Zimmer der Hausfrau, einem kleinen heimlichen Salon, welcher durch dicke Teppiche, die den Boden bedeckten, durch zugezogene Vorhänge von schwerem Seidenzeuge und durch ein flackerndes Feuer in dem zierlichen Kamin von polirtem Eisen einen so angenehmen Gegensatz zu der kalten Nacht bildete, daß Jeden, der von draußen hineintrat, schon auf der Schwelle ein behagliches Gefühl überschlich. Die Baronin von C., eine junge, schöne und heitere Frau, saß auf einem Divan, der sich in der Ecke des Zimmers befand. Vor sich hatte sie einen Lichtschirm und war so gedeckt vor den grellen Flammen des Kaminfeuers, an welchem drei Herren saßen, von denen der Eine, eine kleine bewegliche Figur, etwas Komisches erzählt haben mußte, denn die Baronin lachte so herzlich, daß man beide Reihen ihrer schönen weißen Zähne sah. »Hören Sie auf, Vicomte!« rief sie lustig, »man kennt Ihre Übertreibungen. Dort kommt George, der wird uns die nackte Wahrheit sagen.« »Wenn er das thut, gnädige Frau,« rief der Vicomte, »so werden Sie erfahren, daß ich mit keiner Sylbe übertrieben.« »Von Allem, was sich drunten zugetragen, sollt ihr einen genauen Bericht haben,« sagte der Hausherr, »ich bin das ja meiner Frau schuldig.« Damit ging er zu ihr hin, küßte sie auf die Stirn und sagte ihr leise: »Laß Eugen neben dir Platz nehmen.« Sie sah einen Augenblick fragend in das Gesicht ihres Mannes, dann aber preßte sie die Lippen auf einander und ein leichter Schatten überflog ihre vorher so heiteren Züge. Sie hob hastig ihre Rechte und reichte sie dem Maler, der sich darauf niederbeugte und die kleine Hand küßte. Der Hausherr hatte sich in diesem Augenblicke zu den anderen Herrn an das Kamin gestellt. Der Handkuß des Malers mußte übrigens von etwas Außerordentlichem begleitet gewesen sein, denn die Baronin blickte fast erschrocken auf die seltsam glänzenden Augen des jungen Mannes, dann sagte sie heiter und lustig, wobei aber ihre Stimme kaum merklich bebte: »Also endlich lassen Sie sich auch in meiner Nähe sehen? den ganzen Nachmittag sind Sie nur so herum geschwärmt, bald hier, bald dort, und haben mich total vernachlässigt. Zur Strafe dafür nehme ich Sie jetzt für mich in Beschlag.« Sie zog ihn sanft auf einen kleinen Fauteuil nieder, der neben dem Divan stand. »Das ist eine schöne Strafe,« meinte lachend der Vicomte, »und hätte ich das früher gewußt, so würde auch ich mich den ganzen Nachmittag fern gehalten haben, um Abends so angenehm bestraft zu werden.« »O was das anbelangt,« lachte die schöne Frau, »so kann man bei mir auf verschiedene Art Buße thun. Sie hätte ich vielleicht doch an den Kamin verwiesen, Sie lieben es, in die Flammen zu schauen, aber die kostbaren Augen unseres Freundes hier muß ich schonen. Deßhalb,« wandte sie sich an Eugen, »bekommen Sie auch die Hälfte meines Lichtschirmes – so – jetzt wird Ihnen die Gluth des Feuers nicht wehe thun.« Damit hatte sie den kleinen Schirm, der vor ihr stand, so gedreht, daß der Schatten, den derselbe warf, zum größten Theile auf das Gesicht des Malers fiel. »Ja, diese Künstler werden doch auf jede Art bevorzugt,« meinte der Vicomte. Und das Gleiche mochte auch Eugen fühlen, denn er heftete auf die Baronin einen Blick mit dem Ausdruck der innigsten Dankbarkeit. »Aber jetzt will ich von dir hören, George, was sich drunten zugetragen. Hat uns doch der Vicomte Sachen erzählt, die ganz außerordentlich sind.« »Ich wette, er hat falsch gesehen,« meinte einer der anderen beiden Herren, ein Rittmeister von B., der wenig sprach und von dem man fast sicher sein konnte, daß unter dem Wenigen, was er sagte, fast jedesmal die Proposition zu einer Wette war. – »Zehn gegen fünf,« fuhr er fort, »der Vicomte hat componirt.« Dieser streckte sich bei der Behauptung des Rittmeisters so lang wie möglich, erhob feierlich seine Hand und sagte mit der Ruhe eines guten Gewissens: »Eine solche Wette wäre wenig besser als Diebstahl. Hören wir den Hausherrn, und dann urtheilt.« »Nun so Außerordentliches hat sich nicht zugetragen,« versetzte lachend der Baron, indem er sich in ein Fauteuil niederliß. »Als wir den General die Treppen hinab begleiteten – Eugen war bei mir –« »Und führte die schöne Julie, wette ich,« warf der Rittmeister dazwischen. »Eben als sie drunten in den Wagen steigen wollten,« fuhr der Hausherr fort, »erschien ein Reiter.« »Ein langer Reiter, Graf Rieden, der Mann mit dem Blumenstrauß,« sagte der Vicomte. »Den der General aufs Freundlichste empfing, wobei er von großer Freude und Ueberraschung sprach. Auch ich erneuerte eine alte Bekanntschaft. Erinnerst du dich noch, Julius, an den Wasserfall von Terni?« wandte er sich an den dritten der Herren, der schweigend in die Flamme des Kamins schaute und jetzt mit dem Kopfe nickte. »Da sah ich diesen Graf Rieden und erinnerte mich seiner sogleich. Nachdem drunten die ersten Begrüßungen vorbei waren, nöthigte der General den eben Angekommenen in seinen Wagen, um ihn nach der Stadt zurückzubringen. Der Graf war zu Pferde gekommen, und da er scharf geritten und erhitzt war, so bot ich ihm meinen Paletot an, den er auch annahm. Das ist die ganze Geschichte.« »Ja, das Gerippe der Geschichte. Aber ich habe ungeheuer viel mehr gesehen.« »Wenigstens viel mehr erzählt,« sagte lachend die Baronin. »Nein, nein,« erwiderte der Andere, »keine Uebertreibung, nur die Wahrheit. Schon vor einigen Tagen erfuhr ich vom .... schen Gesandten, Graf Rieden werde hieher kommen, und man spreche von einer Verbindung zwischen ihm und der Tochter des General von W. Ob die schöne Julie dabei dem Zuge ihres Herzens folgt, ist eine andere Frage, die ich nicht entscheiden kann. Daß sie aber beim Anblick des Grafen, von dessen bevorstehender Ankunft sie unterrichtet war, kein entzücktes Gesicht machte, das kann ich beschwören. Ja ich versichere nochmals, ich habe nie den heiteren Ausdruck eines so lieben, freundlichen Gesichts wie das der kleinen Baronin sich so plötzlich in Schrecken verwandeln sehen. Sie schauderte ordentlich zurück, und wandte ihre Augen flehend unserem lieben Wirthe zu, als wolle sie bei ihm Hülfe suchen.« » Par exemple !« rief lachend der Baron von C. »Vicomte! Vicomte! wissen Sie wohl, daß Sie damit sehr viel gesagt haben?« »Aber da ich es in Ihrer Gegenwart und in der der Baronin sage, hat es weiter keine Bedeutung, das werden Sie zugeben. Und nun, habe ich vorhin zu viel gesprochen, als ich behauptete, der Bräutigam sei angelangt, der Bräutigam sei nichts weniger als liebenswürdig und angenehm, und die schöne Julie sei förmlich vor ihm zurückgeschaudert? Weiß der liebe Gott,« fuhr er lustig fort, »weßhalb ich in den Ruf gekommen bin, als übertreibe ich gern. Und es hilft der armen kleinen Julie nichts, sie wird den Grafen doch heirathen müssen.« »Ich wette nein,« sprach der Rittmeister mit großer Ruhe. Worauf Alles lachte und Julius sich veranlaßt sah, den Kopf seinem Nachbar zuzuwenden und ihm zu sagen: »Ich wollte doch wahrhaftig, es fände sich Jemand, der dich und deine Wetten einmal beim Wort nähme.« »Ich stehe zu Befehl für Jeden, der Lust hat; alles Ernstes, eine gleiche Wette: der Graf wird die Baronin nicht heirathen.« »Und weßhalb?« fragte der Hausherr. »Das weiß er ebenso wenig als wir Andere; Gründe hat er nie. Er will nur wie gewöhnlich eine Wette vorschlagen.« »Die ich annehme,« rief Eugen vom Eckdivan herüber. »Aber gleich gegen gleich hat zu viel Chancen für mich,« setzte er mit seltsam klingender Stimme hinzu, »weßhalb ich Ihnen vorschlage, lieber Rittmeister: Zehn gegen Eins, der Graf wird die Baronin heirathen.« »Wenn Sie wollen, verlange ich es nicht besser,« erwiderte der Rittmeister lachend. »Also zehn Louisd'or gegen hundert, wenn es Ihnen so recht ist. Heirathet der Graf, so zahle ich sie und umgekehrt erhalte ich die hundert Louisd'or.« »Abgemacht!« »Womit du für heute Abend befriedigt sein wirst,« sagte Julius. »Glaube mir, Eugen, die zehn Louisd'or sind dir sicher. Es ist eigenthümlich,« fuhr er nach einer Pause fort, »wie ein Name, der uns mit einemmal aufs Neue wieder anklingt, so lebendige Erinnerungen längstvergangener Zeiten wach rufen kann – Graf Rieden. Ist mirs doch gerade, als stände ich wieder vor dem alten Posthause in Terni, wo die lange Gestalt dieses Herrn vor mich hintrat und seinen Namen nannte, – Graf Rieden, der sich ein Vergnügen daraus machen würde, uns zu den Wasserfällen zu begleiten.« »Ja, das waren schöne Zeiten,« seufzte der Vicomte; »so was kommt nur einmal im Leben.« »Ich wette, Sie waren damals verliebt,« sprach der Rittmeister. »Dagegen kann er nie wetten,« bemerkte lachend der Hausherr, »denn der glückliche Vicomte fällt von einer Rosenkette in die andere.« »Aber damals,« sagte Julius. »Ja damals,« seufzte der Vicomte. »Das müssen ja fürchterliche Erinnerungen sein,« mischte sich die Baronin ins Gespräch, »und jetzt begreife ich vollkommen, daß Sie der Anblick des Grafen Rieden so erschüttert hat und Sie ihn mit gebrochenen Herzen in Verbindung brachten.« »Es war eine komische Zeit,« meinte Julius nachdenkend. »Ich habe doch auch schon viel über jene Reise gehört,« sagte die Baronin, »aber an etwas besonders Merkwürdiges erinnere ich mich nicht; George, George, du scheinst mir von deinen Erlebnissen viel verschwiegen zu haben!« »Aber was Terni anbelangt, gewiß mit Unrecht, gnädige Frau,« sprach Julius; »da war er liebenswürdiger Freund und mehr nicht.« »Nun, wie war denn die Geschichte?« warf die junge Frau hin. »Der Hauptheld derselben soll erzählen.« »Das ist der Graf Rieden,« sagte lachend der Vicomte, »und der ist Gott sei Dank zu weit entfernt, um uns unterhalten zu können. Ihm aber folgt Julius im Range, und er soll uns mit seiner bekannten Schärfe den Tag von Terni und was darauf folgte vor die Augen führen.« »Wofür wir außerordentlich dankbar sein werden,« sagte die Baronin. – »Ehe aber unser freundlicher Erzähler beginnt, bitte ich eine Tasse Thee anzunehmen, er muß im Augenblicke kommen.« Sie zog an einer Klingelschnur, die neben ihrem Platze hing, und wenige Minuten nachher stellte der Kammerdiener das Theeservice vor der Dame des Hauses auf. Die Baronin besaß eine eigene Fertigkeit, das duftende Getränk zu bereiten, und es war nebenbei ein wahres Vergnügen, sie so zierlich und elegant ihre schwere silberne Batterie bedienen zu sehen. Jeder empfing die volle Tasse aus ihren Händen, der Eine oder der Andere ließ sich auch eine zweite geben, dann wurden die leeren auf einen nebenstehenden Marmortisch geschoben und hierauf alles von der Dienerschaft wieder geräuschlos abgeräumt. »So,« sagte die schöne Frau, »jetzt bin ich bereit zum Zuhören.« »Und ich zum Erzählen, aber unter einer Bedingung,« entgegnete Julius. »Nehmen Sie den Vicomte von meiner Seite, ihm zucken schon die Mundwinkel, und ich bin fest überzeugt, er wird mich jeden Augenblick mit irgend einer Bemerkung unterbrechen, oder wenn das nicht ist, wenigstens so merkwürdige Gesichter schneiden, daß ich meinen Faden nicht ruhig abwickeln kann.« »Pfui, Vicomte! seien Sie artig!« rief die Baronin. Doch erwiderte dieser: »Nein, nein, ich will unartig sein und in Folge davon Buße thun. Eugen dort neben Ihnen hat sich auffallend gebessert, er soll seinen Platz einem ärgeren Sünder überlassen.« »Gott soll mich bewahren,« antwortete die Baronin, »daß ich es versuchen sollte, Sie zu bekehren. Alles, was ich leisten kann, ist der Versuch, Sie unter Aufsicht zu nehmen, und zu dem Ende will ich mich ebenfalls ans Kamin setzen. Kommen Sie, Eugen.« Damit waren Alle einverstanden, man rückte zusammen, die Baronin setzte sich in eine Kaminecke, der Maler stellte sich in die andere und zwar so, daß der vorspringende schwere Spiegelrahmen einen leichten Schatten auf sein Gesicht warf; doch hatte er sich gefaßt, und wenn er auch etwas bleich aussah, so las man doch in seinen Zügen nichts von dem tiefen Weh, das in seinem Herzen wühlte. »Also wir sind in Terni,« sagte die Baronin. »So ist es, gnädige Frau, und wir kamen dorthin am frühen Morgen, und zwar in zwei Wagen. George und ich zusammen in unserer Calesche, der Vicomte dort in der seinigen. Terni ist ein kleines ächt italienisches Nest; es liegt tief im Thale der wild strömenden Nera, bekanntlich an der Straße von Perugia nach Rom, und würde wohl nie genannt werden, wenn sich nicht in seiner Nähe die wunderbaren Wasserfälle befänden, vielleicht die schönsten und malerischsten in Europa. Da ist Eugen, der muß mir das bezeugen.« »Sie sind in der That wunderbar und herrlich,« sagte dieser. »Der Ort selbst ist finster und schmutzig,« fuhr der Erzähler fort, »hat aber interessante Häuser. Ich weiß nicht, wie die Italiener es machen, aber fast jedes ihrer Gebäude gäbe ein kleines Bild. Die altersgrauen Mauern mit den unregelmäßig angebrachten Fenstern, das flache Dach mit einer Brustwehr, die hier hoch, dort niedrig ist, und auf die eigensinnigste Art verziert, vorn durch eine Reihe halbzerbrochener Blumentöpfen mit Aloen und kleinen Granatbäumen, rechts mit flatternder Wäsche, und auf den andern Seiten durch die überragenden Zweige eines mächtigen Lorbeerbaums, dessen saftiges Grün auf der Schmutzfarbe des ganzen Gebäudes so unendlich wohl thut. Am hübschesten aber machen sich an diesen Häusern die zahlreichen Veranden, die so willkürlich kunstlos angebracht sind und wohl nur dadurch einen so malerischen Effekt erreichen; ein paar roh aufgemauerte Pfeiler, darüber einige Stangen, eine colossale Weinrebe am Hause, die weit und breit ihre Zweige ausstreckt und mit einer Fülle von breiten Blättern das Ganze zudeckt: das ist überall so einfach und schön, daß wir es mit aller Kunst nicht zu erreichen vermögen.« »So war auch der Gasthof in Terni, vor welchem wir abstiegen. Unsere beiden Caleschen hatten kaum Platz im Hofe, denn dort befand sich das Coupeé des Grafen Rieden, sowie ein colossaler Reisewagen, schwer bepackt, mit hohem, verdecktem Hintersitz; wo an letzterem irgend noch ein Platz war, sah man große, mit Leder überzogene Schachteln aufgeschnallt. Diese Equipage mußte doch offenbar mehr als eine Dame beherbergen, das merkte man ihrem Aeußeren wohl an.« Der Vicomte schnitt eine Grimasse, wagte es aber nicht, den Erzähler zu unterbrechen. »Man gab uns Zimmer, einen ungeheuren Saal zum Speisen, die Wände von dunklem Holzwerk mit alten Vergoldungen und einem so nachgedunkelten Deckengemälde, daß George, der damals die Bilderliebhaberei hatte, nicht unterscheiden konnte, ob das eine Landschaft oder eine Historie behandle. Wir frühstückten und verlangten Führer zu den Wasserfällen, sowie Pferde, um hinauf zu reiten. Der Wirth rieb sich die Hände, und versicherte, es thue ihm unendlich leid, aber mit Pferden könne er uns nicht dienen. Drei Damen, die vor einer Stunde mit ihrer Dienerschaft hinauf seien, hätten seinen Stall ausgeleert, und was er uns anschaffen könne, seien zwei kleine Wagen, jeder mit einem, übrigens sehr soliden Maulthier bespannt, die aber nicht zum Reiten tauglich seien. Was war zu machen? Bekanntlich hat der Gastwirth und Postmeister von Terni das Recht, alle Reisenden nach den Wasserfällen zu befördern.« »Ja,« unterbrach der Vicomte lachend den Erzähler, »er hat das vom römischen Governo theuer genug erkauft, bringt aber seine Auslagen mit hundert Prozent wieder von den Fremden ein.« »Wir ließen die Wagen vorfahren, und sie hatten das Aussehen von alten russischen Drotschken und stießen bedeutend, weßhalb denn auch unser Vicomte mit dem Grafen den seinigen nach kurzer Zeit verließ, um mit dem Führer einen näheren Weg auf den Berg zu machen. Es drängte ihn gewaltig vorwärts.« »Ich wette, er wollte baldigst die Damen sehen,« lachte der Rittmeister. »Darauf wette ich ebenfalls,« sagte lustig der Vicomte, »und Sie hätten es, glaube ich, gerade so gemacht.« »O nein,« entgegnete der Andere ruhig, ich wäre in einem ähnlichen Falle nicht gelaufen; ich hätte das Maulthier ausgespannt und mich hinaufgeschwungen, was gilt die Wette?« »Und der gute Graf, der mich mit seiner Gesellschaft beehrte?« fragte der Vicomte. »Ich danke für einen Ritt à la demi Haimonskinder.« »Der Vicomte ging also mit dem Grafen zu Fuß und unsere soliden Maulthiere kletterten so langsam aufwärts, daß wir die Beiden bald aus dem Gesicht verloren. Wir befanden uns übrigens vortrefflich, – denkst du daran, George?« »Allerdings,« erwiderte dieser, »es war eine herrliche Umgebung.« »Zuerst kamen wir durch dichte Olivenwälder,« fuhr der Erzähler fort »es war gerade Ernte, an der fast die ganze Bevölkerung von Terni Theil nahm, Männer, Weiber, Kinder sah man plaudernd und lachend unter den Bäumen, man hätte glauben können, sie feierten ein Volksfest. Um die Stämme herum lagen am Boden große Tücher, um die reifen Oliven aufzunehmen, die man herabschüttelte und mit langen Stangen herabschlug. Dazu erscholl rings umher lautes Gelächter, und wenn die Männer mit Schlagen oder Schütteln einen Augenblick ruhten, so stellte sich alsbald das junge Volk in Gruppen und tanzte zu den Klängen einer schnarrenden Guitarre, die alsdann zum Vorschein kam. Bald aber stieg der Weg aufwärts und die üppige Vegetation, welche, von der Fluth der Nera und der Wasserfälle hervorgerufen, dies Thal wie keins sonst in Italien auszeichnet, blieb hinter uns. Wie ist das Thal so prächtig, wie entwickeln sich seine Schönheiten, je mehr man aufwärts steigt! Terni liegt in einem Wald von Orangen, und in den Schluchten der felsigen Gründe, wo dieser edle Baum nicht fortkommt, breiten mächtige Steineichen ihre immergrünen Blätter aus. Und wie phantastisch ist das Flußbett, das sich die Nera gebahnt, wie rauscht und schäumt das hellgrüne, klare Wasser daher, mit dieser Farbe an den heimathlichen Rhein erinnernd. Wie glitzert es im Sonnenschein, wie liebend beugen sich Schlingpflanzen, selbst die Zweige mächtiger Bäume nieder auf seinen krystallnen Spiegel!« »Ei, ei,« sagte lächelnd der Hausherr, »deine lebhafte Beschreibung des schönen Thales scheint mir nicht allein aus der Erinnerung an die Fluthen der Nera, an Orangen und Steineichen herzustammen. Für dich war gewiß alles das noch eigenthümlicher belebt.« Der Erzähler ließ sich auf keine Antwort ein, sondern fuhr fort: »Der gute und breite Weg, auf dem wir fuhren, wand sich an der nackten gelben Felswand in die Höhe, und bald hörten wir das Rauschen und Toben des Falles und erreichten endlich das Plateau, über welches der Velino gegen die Schlucht strömt, in der dreizehnhundert Fuß tiefer die Nera fließt. Prächtig ist von hier der Anblick der Gebirgsgegend rings umher. Erinnerst du dich wohl daran, George, wie öde und einsam uns die Zacken der Felsgebirge erschienen und wie die gewaltige Natur gleichsam ohne alles Leben war? Ich werde nie den Augenblick vergessen, als wir die Höhe erreicht hatten und über die breiten Felsenplatten durch Brombeergestrüpp gegen den Fluß hinkamen. Und wie überrascht es so seltsam, hier, wo man glaubt, daß nur die Natur geschafft und gewirkt, großartige Spuren von Menschenhänden zu erblicken, welche den wilden Wassern ihren Weg bahnten. Man findet hier staunend ein Römerwerk, wahrlich nicht geringer als die colossalen Bauten in Rom oder die Wasserleitungen in der Campagna. Der Vicomte wird uns genau sagen können, welcher alte Römer sich hier verewigt.« »Ich will euch meine Schulweisheit nicht vorenthalten,« entgegnete dieser. »Es war Manius Curius Dentatus, Samniums Besieger, derselbe Mann, welcher, wie die Geschichte erzählt, gerade Rüben zu seinem Mittagsmahl in der Asche briet, als meine samnitischen Collegen ihn mit schwerem Golde vergeblich versuchten.« »Ich wette,« sagte der Rittmeister, »daß der Vicomte heute zufällig im Conversationslexikon gelesen.« Worauf der Andere achselzuckend erwiderte: »Ihr vom Säbel begreift freilich nicht, daß man noch Einiges aus der Schule gerettet. Aber weiter, Julius.« »Ehe Sie fortfahren, verzeihen Sie mir eine Frage,« sagte die Baronin. »Aus welchem Grunde half man denn dem Flusse nach und ließ ihn nicht in die Schlucht hinabstürzen, wie und wo er gerade wollte?« »So ganz zuverlässig kann ich das nicht angeben, gnädige Frau,« entgegnete der Erzähler, »aber den alten römischen Republikaner trieben gewiß triftige Gründe zu der colossalen Arbeit. Einige behaupten, der Fluß hätte sich, ehe er über die Felsen herabstürzt, nach und nach einen tiefen See gewühlt und darauf Miene gemacht, umzukehren und den Sprung in das Nerathal zu vermeiden. Andere meinen, der Fluß habe durch Ansetzung von Kalkstein im Verlauf der Zeit das natürliche Felsenwehr, über das er in die Nera stürzt, selbst erhöht, ans diese Art sein Wasser gestaut und den ebengedachten See gebildet. Genug, der Römer brach durch die Felsen einen breiten und tiefen Kanal über eine Meile lang bis an den Rand des Thales, und zwang nun den Fluß, da hinabzustürzen.« »Es ist ein wunderherrlicher Anblick, die Wassermasse zu sehen, wie sie weit ausgebreitet über die Hochebene daher kommt, schäumend und strudelnd an unzähligen Steinen anprallt und endlich den Anfang jenes Kanals erreicht. Hier ist es, als stutzten die Wellen einen Augenblick, wie die gewaltige steinerne Fessel ahnend, die ihrem freien Laufe nun angelegt wird. Dumpf grollend und murmelnd drängt sich das Wasser zusammen und stürzt mit einer rasenden Schnelle über den ebenen Boden und zwischen den glatten Wänden des Felsenkanals dahin. Man sieht keine Bewegung mehr in der Wassermasse, kein Tanzen und Spielen einzelner Wellen: wie eine feste, geschlossene Masse von grünlichem Krystall mit ganz glatter Oberfläche rauscht der Strom dem Abgrunde zu. Es ergreift uns ein eigentümliches Bangen, ein Schwindel, wenn wir hart am Rande stehend irgend etwas in das Wasser werfen und zuschauen, wie selbst ein schwererer Körper pfeilgeschwind viele Schritte fortgerissen wird, ehe er zu Boden sinken kann.« »Einen hübschen Anblick gewährten Schlingpflanzen und Sträucher, die an den Rändern des Kanals wuchsen und ihre Blätter und Zweige auf das Wasser niedersenkten. Die waren in einer ewig zitternden, ich möchte sagen, aufschreckenden Bewegung, denn sobald ein Blatt den Spiegel des Flusses berührte, wurde es hastig wieder emporgeschnellt, um gleich darauf abermals niederzusinken. Wenn man übrigens hier am Kanal steht, so sieht man natürlicher Weise vom Velinofalle nichts als eine glänzende, glatte, abgerundete Wasserfläche, die hinter dem Felsenkamm verschwindet, und einige Wasserstaubwolken, die aus der grünen Schlucht langsam aufsteigen und im Sonnenlichte wie glänzende, leuchtende Schleiermassen ausschauen.« »Dafür aber sahen wir etwas Anderes da oben,« meinte der Hausherr, indem er den Vicomte lachend anblickte. »Unsere beiden vorausgeeilten Gefährten nämlich,« fuhr Julius fort; »sie standen am Kanale, statt aber in Betrachtung der Wassermasse versunken fanden wir sie im Gespräch mit drei Damen, den Besitzerinnen des colossalen Reisewagens drunten.« »Daran war der Graf Rieden schuld,« sagte der Vicomte; »schon unterwegs hatte er mir erzählt, wenn er sich nicht sehr irre, so habe er die Equipage – er wollte das Wappen wieder erkannt haben – bereits auf der See zwischen Genua und Neapel gesehen. Es seien Engländerinnen, sagte er, eine interessante, noch sehr hübsche Mutter mit zwei reizenden Töchtern. Das zur Erklärung; jetzt kannst du fortfahren, Julius.« »Nein, nein,« erwiderte dieser, »in dem Departement bist du besser zu Haus. Ihr kamt, ihr saht und siegtet, nicht wahr?« »Kalter Spötter, das weißt du besser. Nun denn, der Graf hatte sich nicht geirrt, angenehmer Weise war er den Damen bereits vorgestellt worden und konnte uns den gleichen Dienst erzeigen.« »Uns?« fragte die Baronin mit komischem Ernste. »Nun ja, wir wurden alle aufgeführt,« versetzte lachend der Vicomte. »Aber was George anbelangt, meine Gnädige, so beschäftigte ihn das blitzende Wasser mehr als die glänzenden Augen der schönen Engländerinnen.« »Wie wir im Verlauf der Geschichte erfahren werden,« schaltete Baron von C. ein. »Wir wurden also bekannt,« erzählte Julius weiter, »Graf Rieden erwies der Lady alle Aufmerksamkeiten, und wir hatten das Glück, die beiden Misses geleiten zu dürfen. Ich sage: das Glück, denn die Schönheiten einer herrlichen Natur lassen sich nur dann recht genießen, wenn man sich an der Seite eines geistreichen und schönen weiblichen Wesens befindet. Und beide Eigenschaften besaßen die Damen, dabei waren sie heiter und lustig, sie empfanden alles Schöne, das sie umgab, und ihre frischen Lippen strömten über zum Lobe desselben.« »Und wie angenehm klettertet ihr den Berg auf der Seite der Wasserfälle hinab, je enger der Weg und je steiler er war, um so deliciöser fandet ihr ihn.« »Natürlich,« sagte der Erzähler; »die Damen hatten sich in unseren Schutz begeben und waren dankbar für die Sorgfalt, mit der wir sie die gefährlichen Stellen hinabgeleiteten.« »Ihr hattet übrigens keine Augen für die Schönheiten dieses Weges,« bemerkte der Hausherr, »aber mir steht das heute noch lebendig vor der Seele. Die Felsen, droben so nackt und kahl, waren hier, wo die Wasser hinabstürzten, mit dem frischesten, saftigsten Grün bedeckt; ich habe nie schöneres Moos, prächtigere Farrenkräuter gesehen. Und die herrlichsten Steineichen, zwischen welchen sich der schmale Fußweg hinabschlängelte, und die oben angehaucht waren von dem Dunste des Wassers, und wo sie dem Falle nahe standen, leicht erzitterten und prächtig glänzten; dazu der herrliche Tag, den wir hatten, ein klarer Himmel, der sich dunkelblau über die grüne Schlucht ausspannte, die glühende Sonne in einem Streiflicht hereinfallend, wo sie die niederstäubende, gewaltige Wassermasse berührte und den weißen, silberglänzenden Schaum mit allen Farben des Regenbogens aufs Brillanteste durchwirkte.« »Ach, George,« sprach träumerisch die schöne Frau, »wie gerne hätte ich das mit dir genossen.« »Und dann wäre ich in der That glücklicher gewesen, als meine beiden Freunde,« entgegnete der Baron mit strahlendem Blick. Worauf der Erzähler mit leiser Stimme sagte: »Vollkommen zugestanden!« und der Vicomte das Gleiche mit einem tiefen Seufzer ausdrückte. Der Baron hatte einen Moment seine Augen mit der Hand bedeckt, dann redete er: »Wenn man einmal angefangen, den Schleier der Vergangenheit von einem Tage, wie der eben erzählte, wegzuziehen, so treten nach und nach wieder tausend Kleinigkeiten lebendig vor unsere Seele, seltsam geformte Bäume, die wir betrachteten, kleine gebrechliche Brücken oder große Felsblöcke, vermittelst welcher wir die Abläufer des Wasserfalls überschritten, ja ein einzelner mächtiger Steinblock mit dickem Moos, von dem wir ein Stück abrissen. Und dann erinnert ihr euch selbst wohl noch der vielen bildschönen Kinder, die ärmlich gekleidet vor und neben uns hersprangen, die uns bald einen glänzenden Kiesel, bald eine seltene Blume anboten und den Weg hie und da mit Zweigen und Reisern zugedeckt hatten, welche sie bei unserem Näherkommen eilig wegräumten, um dafür ein paar Kupfermünzen zu erhalten. Ah, die Erinnerung ist schön!« »Erst wenn man im Grunde der Schlucht ankommt,« fuhr er nach einer Pause ruhiger fort, »genießt man den Anblick des ganzen majestätischen Wasserfalles. Neben dem Hauptfalle, der wie ein breites, silbernes Band zwischen dem dunklen Grün herabstäubt, befinden sich noch andere Wasserstreifen, die das Ganze dadurch noch lebendiger machen, daß sie ein paarmal an die Felsblöcke prallen, wo sie große Schaummassen nach allen Seiten hinaufspritzen. Tief unten treffen aber sämmtliche Wasser mit donnerähnlichem Getöse grollend und murmelnd zusammen, wo denn auch der Wasserdunst über tausend Fuß hoch gen Himmel steigt. So oft Freunde aus Italien kommen, die Terni besuchten, erkundige ich mich jedesmal, ob an diesem wunderbaren Punkte auch noch die kleine Hütte steht, in einer engen Felsspalte mit dem Dach von alten morschen Stangen, welches die Natur mit Jelängerjelieber- und Brombeergesträuch zugedeckt. Wie ruht man hier so behaglich aus; der Körper ist angenehm ermüdet, das Herz, weit geöffnet, so empfänglich und schlägt schneller als gewöhnlich, nicht wahr?« »Das in Parenthese,« warf der Vicomte dazwischen, »denn es gehört eigentlich nicht zur Geschichte.« »Bald mußten wir indessen an die Heimkehr denken. Der Sonnenschein hatte uns längst verlassen, und Wasserstand und Nebel, welche vor einer Stunde noch Alles mit Licht und Glanz erfüllt, färbten nun die Felsen und Schluchten mit bläulichen, dunklen Tinten. Durch eine herrliche Kastanienallee bei einem alten Schlosse vorbei, welches auf einem schwarzen, rings von der Nera umflutheten Felsen stand, kamen wir nach Terni zurück, wo wir mit den drei Damen, gemeinschaftlich dinirten. Dann wurde über die Abreise berathschlagt welche noch am selben Abend stattfinden sollte, da es uns Alle drängte, am nächsten Tage Rom zu erreichen. Die Gegend um Terni, namentlich der Weg nach Narni und Otricoli, war uns schon in Perugia als wieder einmal unsicher geschildert worden. Den Damen hatte man recht Angst gemacht, und unser Wirth in Terni, dessen Meinung wir ebenfalls hören wollten, war klug genug, bedeutsam die Achseln zu zucken und ein sehr bedenkliches Gesicht zu machen. Natürlicher Weise wäre es ihm viel lieber gewesen, wenn wir in seinem Gasthof übernachtet hätten, weßhalb er uns auch die Nachtfahrt abrieth und meinte, es sei auf jeden Fall sicherer, die vorhin genannten Räubernester Narni und Otricoli bei Tage zu passiren. Doch ließen wir uns nicht so leicht einschüchtern und da wir den Damen für alle Fälle unseren Schutz versprachen, so entschlossen sich diese ebenfalls, Terni noch heute zu verlassen. Graf Rieden entwarf einen Feldzugsplan, der nicht ohne Geschick war.« »Namentlich für euch,« sagte Baron v. C. lachend. »Und du mußt mir gestehen, Julius, daß ich mit Vergnügen die mir zugedachte Rolle annahm?« »Das ist nicht zu läugnen, und du wirst dich erinnern, wie warm wir Dir beim Abschiede die Hand drückten.« »Also Ihr trenntet euch?« fragte die Baronin. »Nur für wenige Stunden,« antwortete der Erzähler; »George ging mit seinem Bedienten als Avantgarde voraus, und der Reisewagen der Damen, sowie die Calesche des Vicomte und des Grafen bildeten das Hauptcorps. Zum Schutze der Damen blieben wir drei bei ihnen, indem abwechselnd Einer im Wagen selbst Platz nahm, während die beiden Andern hinten auf den Bedientensitz kletterten. In der Calesche des Vicomte folgte sämmtliche Dienerschaft. So fuhren wir gegen zehn Uhr ab und –« »Halt, halt!« rief der Baron, »ich kann die höchst merkwürdige Fahrt, welche ich in jener Nacht machte, nicht so vorübergehen lassen, ohne ihrer mit ein paar Worten zu gedenken. Um halb neun sandte ich eine Staffete voraus, welche aber, um kein Aufsehen zu erregen, nur die drei Pferde für meinen Wagen bestellen sollte. Ich, der um eine halbe Stunde später folgte, war dann wieder der Andern Courier und Reisemarschall. Mit vielem Halloh und Peitschengeknall ritt dann auch der Postillon, den ich vorausschickte, durch die schon stillen Straßen von Terni; ich folgte wie gesagt, eine halbe Stunde später. Es war eine klare Nacht mit hellem Mondschein; oft wenn ich den Gipfel eines höheren Berges erreicht hatte, sah ich die weißbeglänzte Straße meilenweit vor mir. Meine Staffette mußte gut geritten sein, ich entdecke nirgends eine Spur von ihr. Vor Mitternacht erreichte ich Narni. Alles lag hier im tiefsten Schlaf, das einzige Geräusch, welches man hörte, war das Murmeln eines Springbrunnens, und nirgends sah man ein Licht, selbst nicht einmal am Posthofe, vor dessen Thüre übrigens mein Postillon stand und mit einem Stein auf dieselbe loshämmerte. Nach meiner Rechnung hatte er schon fast eine Stunde dort sein können, und es war mir unbegreiflich, warum es ihm nicht gelungen war, in all der Zeit seine Kameraden zu erwecken. Endlich erschien oben im Hause ein Licht, welches jetzt im ersten Stocke und dann an der Hausthüre sichtbar wurde, eine schlaftrunkene Stimme fragte, was wir wollten. »Corpo di bacco!« rief mein Kerl, »schon fast eine Stunde stehe ich hier und klopfe, Pferde wollen wir.« – »Ah! du bist's, Giuseppe!« entgegnete der drinnen und riegelte die Hausthüre auf. Mein Vorreiter hatte mich gar nichts genützt, denn es dauerte eine halbe Stunde, ehe man frische Pferde für mich eingespannt. Doch hatte ich vor allen Dingen eine neue Staffette abgeschickt, und derselben eingeschärft, daß ich bei meiner Ankunft auf der nächsten Station die Pferde aufgeschirrt zu finden hoffe. Er versprach es hoch und theuer und galoppirte mit demselben Spektakel wie der erste davon. Ich machte meine Bestellungen für euch und folgte ihm. In Otricoli dieselbe Geschichte; kein Mensch im Posthause wach, geschweige denn ein Pferd bereit. Das war mir verdächtig. Ich ersuche meinen Vorreiter, mir doch sein warm gerittenes Pferd zu zeigen. »Ja,« sagte er, »das habe ich im andern Theil des Orts eingestellt. Schweißtriefend, wie es war, mochte ich es nicht hier in der kalten Nacht stehen lassen. Bin ich doch fast schon eine halbe Stunde hier, und Sie sehen selbst, die Spitzbuben im Hause wollen gar nicht aufwachen.« Gut. Ich that, als glaube ich ihm vollkommen, und schickte abermals eine Staffette voraus, beschloß aber jetzt der räthselhaften Geschichte mit meinen Postillons auf den Grund zu sehen. Ich warf mich in den Wagen, wir fuhren davon. Meine Calesche hatte ein Halbdeck, hinten mit einem Fenster, durch welches ich nach halbstündiger Fahrt vorsichtig hinausschaute; meine Vermuthungen hatten sich bestätigt und meine Staffetten mich auf die frechste Art von der Welt betrogen. Diese Kerle waren nämlich nur jedesmal bis vor die Station geritten, hatten dort ihr Pferd einem Kameraden gegeben, der es zurückführte, während sie ihren Weg auf weit bequemere Art fortsetzten, nämlich hinten auf meinem aufgeschraubten Koffer, den sie heimlich bestiegen, sobald mein Wagen bei ihnen vorbeirollte. Den Augenblick hatten sie aber im Chausseegraben versteckt abgewartet.« »Verfluchte Kerle!« rief der Vicomte. »Und du sprangst wohl heraus, um ihn tüchtig abzustrafen?« »Im Gegentheil,« fuhr der Baron fort, »wozu hätte mich das genützt? ich fuhr ruhig weiter bis zur nächsten Station. Vor dem Orte war der Bursche natürlich herabgesprungen und hatte auf einem näheren Wege das Posthaus vor mir erreicht; wie ihr wißt, liegen die Nester dort meistens auf der Spitze eines Berges, den die Pferde nur im langsamsten Schritt ersteigen; gewöhnlich muß man noch Ochsenvorspann nehmen, und dabei hatte mein Gauner genügend Zeit, mir vorzukommen. Am Poststall wiederholte sich die nämliche Geschichte der früheren Stationen, meine Staffette polterte mit aller Macht gegen die Thüre, was er seiner Behauptung nach schon über eine halbe Stunde gethan. Endlich wird geöffnet, ich laß ihn ruhig in den Stall gehen, um seine Bestellung auszurichten. Ihr wißt, mein damaliger Bedienter war ein baumstarker Mensch, auf den ich mich schon verlassen konnte. Ich fürchtete mich auch nicht, und so waren wir wohl im Stande, es mit einem halben Dutzend dieser lumpigen Italiener aufzunehmen, denn so viel waren ihrer mindestens herbeigeeilt, sobald die Nachricht im Posthof erscholl, es komme eine große Herrschaft, welche viele Pferde brauche. Mein Bedienter nahm eine unserer doppelläufigen Reisepistolen in den Arm und so traten wir Beide in den Stall, wo die wild aussehenden Kerle in den tollsten Costümen mit vielem Geschrei ihre Pferde aufschirrten. Meine Staffette lehnte an einem Ständerpfosten, freundlich grinsend, als ich näher trat, und seine rechte Hand zuckte vor, als wolle er sein Trinkgeld in Empfang nehmen. ›Du bist wohl gut geritten?‹ fragte ich ihn. – › Per Dio, Signor , das will ich glauben,‹ entgegnete er mir. ›Und das ist eine ganz verfluchte Straße, immer Berg auf und ab, man riskirt bei jedem Schritt seinen Hals. Glaubt mir, ich habe ein gutes Trinkgeld verdient.‹ – ›Und wo ist dein Pferd?‹ – ›Mein Pferd? Dort hinten in der Ecke stehts. Aber um der Mutter Gottes willen gehen Sie nicht nah zu ihm hin, es schlägt und beißt.‹ – Die Frechheit war mir denn doch zu viel, der Zorn übermannte mich, ich faßte den schlanken Römer bei seiner Halsbinde, schüttelte ihn tüchtig durch, und während ich ihm eine ziemliche Maulschelle gab, flog er in das Stroh des Ständers. Natürlicher Weise kam der ganze Stall in Aufruhr, von allen Lippen erschallten maledetto 's, die wild aussehenden Kerle zogen die Messer aus ihren Hosentaschen und drangen auf mich ein. Ich kann euch versichern, es waren die ausgeprägtesten Räuberphysiognomien, deren sich kein Bild von Horace Vernet hätte zu schämen brauchen; zwischen den halb geöffneten Lippen glänzten die weißen Zähne hervor, die großen Augen blitzten mir wild entgegen, kurz sämmtliche gelben Gesichter mit den kohlschwarzen Haaren und den beiden langen Locken, die meistens an den Schläfen des römischen Postillons herabhängen, schauten mich blutgierig, ja teuflisch an, ihr hättet für mein Leben keinen Kreuzer bezahlt. Mein vortrefflicher Schabel mit seiner merkwürdigen Gelassenheit ließ unterdessen ruhig die Hähne seiner Doppelpistole knacken und richtete sie bedächtig über meine Schulter nach dem tollen Haufen, aus dem hervor einer der Wildesten schrie: ›Ein Römer läßt sich nicht ungerächt schlagen, das fordert Blut.‹ – ›Halt!‹ rief ich ihnen entgegen, ›da habt ihr vollkommen recht, aber der da‹ – ich wies auf meine Staffette – ›ist kein Römer, das ist ein Birbante, Gott weiß aus welcher Provinz; ein ächter Römer betrügt keinen Fremden. Und der da hat mich auf doppelte Art betrogen, um meine Zeit und um mein Geld.‹ Und nun erzählte ich ihnen mit kurzen Worten, wie ich ihn als Staffette gedungen, ihm ein sehr gutes Trinkgeld versprochen, wie er aber, anstatt zu reiten, hinten auf meinem eigenen Wagen gefahren. Ich versichere euch, meine kleine Rede war des Antonius würdig, und als ich mit der Frage schloß: ›kann das ein Römer sein?‹ hatte ich sämmtliche Postillons für mich gestimmt, sie steckten ihr Messer ein, und Jeder von ihnen, der mir wahrscheinlich ohne diesen Auftritt den gleichen Streich gespielt hätte, schwor hoch und theuer, das sei eine ganz niederträchtige Handlung und ich habe volles Recht gehabt. So war denn der Friede wieder hergestellt, ich schickte abermals einen Postillon voraus, und als ich ihm kurze Zeit darauf folgend nach vielleicht zwei Stunden die andere Station erreichte, stand dort bereits der Postmeister unter der Thüre, meine Pferde waren herausgezogen und die neue Staffette befand sich schon im Sattel.« »Vortrefflich!« rief der Vicomte, »dem schuftigen Römer geschah sein Recht.« »Ich wette, der Kerl hat sich auf keinen Wagen mehr gesetzt,« sagte der Rittmeister. »Bald darauf,« fuhr der Hausherr fort, »brach der Tag an, für mich ein unvergeßlicher Morgen, denn ich sah zum erstenmal die herrliche Campagna sich vor mir ausdehnen, diese gewaltige Einöde so stumm und doch so beredt, so eintönig und doch wieder so mannigfaltig und prächtig gefärbt. Glücklich wer sie zum erstenmale so erschaut wie ich, wenn der erste Strahl der Sonne über sie dahinblitzt, und wenn sich aus dem tiefen, dunstigen Blau, das sie noch so eben bedeckte, langsam die glühenden Farben entwickeln, die ihr eigen sind und die man sonst nirgends erblickt. Rechts auf der Höhe bemerken wir vielleicht einen riesenhaften Trümmerhaufen, aus dem ein einziger Pfeiler hervorragt, doch: Auch dieser, schon geborsten, kann stürzen über Nacht, – wie der Dichter sagt; aber der Anblick dieser Stätte wird gemildert durch eine Ziegenheerde, die mit ihren Glocken klingelnd das magere Grün zwischen den Steinen emsig heraussucht. Der Hirt in seinem weißen Schafpelze schaut lange, lange dem Wagen nach und hat dabei gewiß ganz seltsame Gedanken von manchen Freuden dieser Welt, die für ihn unerreichbar bleiben. Links von uns reiht sich ein Hügel an den anderen, und getäuscht durch die verschiedenen Farben vom dunkelsten Violett bis zum hellsten Gelb glaubt man ein wogendes Feld zu sehen. Und doch ist alles unbeweglich und still, weit, weit hinaus ohne eine menschliche Wohnung, und was man hier von Werken der Menschenhand sieht: die majestätischen und ernsten Bogen einer zertrümmerten Wasserleitung oder ein verfallenes Bassin, von riesenhaften Quadern eingefaßt, dessen Wasserspiegel in der aufgehenden Sonne leuchtet und strahlt, vermehrt noch die tiefe Oede und Melancholie.« »So,« unterbrach sich der Erzähler mit einer gefälligen Handbewegung gegen Julius, »jetzt habe ich euch glücklich die bewußte Nacht durchgebracht, von der ihr uns doch wahrscheinlich keine interessanten Daten zu berichten wissen werdet, und hoffe ich nun von dir ein öffentliches Lob zu erhalten über meine vortrefflichen Arrangements.« »Die waren in der That über alles Lob erhaben,« entgegnete der Andere. »Wir fanden während der Nacht überall unsere Pferde in Bereitschaft und kamen sehr rasch von der Stelle.« »Außerordentlich rasch,« seufzte der Vicomte. »Und dann das vortrefflich arrangirte Frühstück krönte deine Verdienste als Reisemarschall. Du wirst übrigens zugestehen, daß wir dich bei unserer Ankunft dankbarst umarmten.« »Ja, ja, ihr waret Alle außerordentlich erfreut und glückselig,« sagte der Baron mit einem leichten, seltsamen Lächeln, »und ich muß gestehen, unsre Fahrt nach Rom an dem damaligen Tage gehört zu meinen angenehmsten Reiseerinnerungen.« »Ja, wenn die Reise nur länger gedauert hätte,« bemerkte nachdenkend der Vicomte. »Allen Scherz bei Seite! die drei Damen waren ebenso liebenswürdig wie schön, ebenso fein gebildet wie angenehm in der Unterhaltung.« »Wer will das läugnen?« erwiderte der Hausherr. »Ich gewiß nicht.« sprach bedächtig Julius, »und weiß Gott was geschehen wäre ohne die Geschichte mit den Blumensträußen.« »Ah! die gefährlichen Blumensträuße,« seufzte der Vicomte. Und darauf trat einen Augenblick tiefe Stille ein. Julius und der Vicomte waren in der That sehr nachdenkend geworden, der Baron konnte sich eines abermaligen Lächelns nicht erwehren, und selbst über das Gesicht Eugens leuchtete es wie die Erinnerung an eine komische Begebenheit. »Ah, meine Herren,« sagte die Baronin nach einer Pause, »wenn auch Ihre Schilderungen von Terni und der Campagna nicht so ganz übel waren, so finde ich es doch mir gegenüber unverantwortlich, daß Sie die drei Damen, deren ferneres Schicksal mich interessiren muß, so ohne Umstände vor den Thoren Roms sitzen lassen. Auch wünschte ich die Geschichte der Blumensträuße zu erfahren, wenn – damit wandte sie sich an ihren Mann – »die Geschichte erzählbar und meine Forderung nicht indiscret ist.« »Das letztere gewiß nicht,« erwiderte Julius, und der Hausherr setzte hinzu: »Es ist ein recht hübscher Nachtrag zu der Reise von Terni, den Jedermann hören kann.« »Der Vicomte mag das erzählen,« sprach Julius entschieden, indem er sich in seinen Fauteuil zurücklehnte und vor sich hin in die glühenden Kohlen schaute. »Und warum soll ich das erzählen?« »Weil dabei ein bischen Ausschmückung nichts schadet, da die einfache Thatsache weniger interessiren könnte.« »Nun denn, Vicomte,« rief die junge Frau, »seien Sie liebenswürdig!« »Meinetwegen, es ist eine alte Geschichte, doch –« »Ohne Citate, Vicomte!« sagte Julius. »Auch das,« fuhr Jener fort. »Wir kamen also nach Rom, leider waren unsere Quartiere im Voraus bestellt, leider, denn die Damen wählten einen anderen Gasthof. Wir erhielten übrigens die Erlaubniß, sie besuchen zu dürfen und machten davon einen umfassenden Gebrauch. Graf Rieden war uns dabei unbezahlbar, denn er machte der Lady aufs Bestimmteste seine Cour, und er war der Erste, der von einer Verbindung mit ihr als einer ganz passenden Partie sprach.« »Sie war ungeheuer reich,« schaltete Julius ein. »Grade wie die Tochter unseres Generals, die schöne Julie,« fuhr boshaft der Vicomte fort, wobei Eugen einen leichten Seufzer nicht unterdrücken konnte. – »Ob die Damen unsere Bewerbungen günstig aufnahmen, bin ich nicht im Stande zu sagen; Keiner hatte noch eine direkte Annäherung gewagt, aber Jeder bereitete im Stillen einen heftigen Sturm vor auf das Herz seiner Auserwählten.« »Per Blumenstrauß,« sagte der Baron. »Ja, es ist sonderbar, wie wahr das Sprüchwort ist, daß sich die schönen Geister finden. Eigentlich fanden sich jedoch nur Graf Rieden und Julius, ich war Nachahmer. Will ich doch Zeit meines Lebens den Augenblick nicht vergessen, als ich an meinem Fenster stehend den Bedienten des Grafen über den Hof kommen sah, einen wunderbaren Blumenstrauß in der Hand, gleich darauf den von Julius mit einem nicht minder schönen Bouquet. Aha, dachte ich, für die Lady und für Miß Eveline! in der That, eine hübsche, kleine Aufmerksamkeit, bei der es Miß Elisabeth höchlich übel nehmen würde, wenn du zurückbliebest. Ich klingelte dem Lohnbedienten. ›In wie viel Minuten,‹ rief ich ihm zu, ›kann ich den prachtvollsten Blumenstrauß haben, der aufzutreiben ist? Für jede Minute weniger als die angegebene Zeit zahle ich einen Paolo.‹ Das wirkte ungemein; der pfiffige Italiener verlangte eine Viertelstunde, verdiente sich aber acht Paolo, denn schon nach einer halben Viertelstunde hielt ich mein Bouquet in der Hand. Es war sehr schön und der Platz in der Mitte zwischen einer rothen und weißen Camelie schien mir außerordentlich passend, um ein Zettelchen anzubringen, auf dem ich im besten Englisch, welches ich vermochte, Miß Elisabeth von den Flammen meines Herzens in Kenntniß setzte. Mich zu unterzeichnen hielt ich für unpoetisch und überflüssig, denn ich fügte meine Karte bei, die der Lohnbediente zu gleicher Zeit übergeben sollte.« Julius nickte lächelnd mit dem Kopfe. »Der Lohnbediente kannte Miß Elisabeth. Zum Ueberflusse gab ich ihm noch eine Personenbeschreibung, deren sich kein deutscher Polizeibeamter zu schämen gebraucht hätte. Ich fügte noch als besonderes Kennzeichen hinzu, daß sie die schönste der drei Damen sei und wahrscheinlich in Verwirrung gerathen und lächeln würde, wenn er Bouquet und Karte übergäbe. So instruirt entließ ich ihn, indem ich ihm große Strafe oder große Belohnung in Aussicht stellte, ich sah ihn die Straßen dahineilen und blieb zurück in spannender Erwartung. Erst nach Verlauf einer Stunde kam er wieder. ›Nun?‹ rief ich ihm entgegen. – ›Richtig besorgt, Euer Gnaden,‹ antwortete er. – ›Und was sagte die Dame?‹ – ›Sie hat freundlich gelacht.‹ – ›Gelacht, Unglückseliger! Laut gelacht oder nur sanft gelächelt? Besinne dich darauf.‹ Er konnte sich aber nicht darauf besinnen, oder verstand vielmehr nicht den großen Unterschied zwischen Lachen und Lächeln. Ich war verstimmt und kam so in schlechter Laune zum Diner. Hier fand ich denn nun, daß Julius und der Graf nicht besser aufgelegt seien. Aha! dachte ich, für die ist auch vielleicht gelacht statt gelächelt worden. ›Gehen wir ins Theater?‹ – ›Ich mag nicht.‹ – ›Auf den Ball zum Herzog Torlonia?‹ – ›Das ist ennuyant.‹ – ›Bitten wir um eine Tasse Thee bei der Lady?‹ fragte ich endlich schüchtern. – ›Ich nicht.‹ – ›Ich auch nicht,‹ liefen beide aufs Bestimmteste. Jetzt war ich sicher, daß man auch für sie gelacht und nicht gelächelt hatte.« »Nun, an Uebertreibungen lässest du's nicht fehlen,« sagte Julius. »Ich bitte dich, Vicomte, komm einmal zum Abschluß.« »Bis dahin verging noch eine qualvolle Nacht,« entgegnete dieser lustig. »Mir träumte von Teufeln, die lächelten, und von Engeln, die lachten. Wir trafen uns am anderen Morgen wie gewöhnlich beim Frühstück und zum Dessert brachte der Lohnbediente einen ziemlichen Korb von Seiten der Lady.« »Es war eine Schachtel ,« sagte Julius ernst. »Meinetwegen. In der Schachtel waren drei kleine Körbe .« » Schachteln !« wiederholte Julius. »Du sollst recht haben, aber mir kamen sie gleich Körben vor. Auf jeder stand die Adresse von einem von uns, und wir nahmen schweigend die ominösen Geschenke in Empfang. Ehe wir aber die Schachteln öffneten, lächelten wir zuerst alle drei wie ertappte Schulbuben, und dann als die Deckel abgehoben waren, brachen wir in ein gemeinsames Lachen aus. Ich erhielt den Blumenstrauß des Grafen Rieden, den dieser an die Lady adressirt und den der Lohnbediente mit meiner Karte abgegeben hatte. Elisabeth sandte dem Grafen das Bouquet von Julius, und Eveline verehrte diesem das meinige. War je eine solche Confusion erhört worden? Daß wir uns gewaltig ärgerten, wird uns Niemand übel nehmen, die Sache hatte sich in der That unangenehm entwickelt, und wem verdankten wir die ganze Bescheerung? – Der Unachtsamkeit unserer Bedienten.« »Aber das ist köstlich, Vicomte,« rief heiter die Baronin. »Verzeihen Sie mir, daß ich nicht lächle, ich muß gegen allen Anstand laut lachen. Aber wie die Verwechslung eigentlich geschah, begreife ich immer noch nicht recht.« »Es war das Schicksal roh und kalt,« sprach der Vicomte, »das Schicksal in Gestalt unserer Bedienten und eines Weinhauses. Die Gesandten unseres Freundes Julius und des Grafen glaubten sich zu ihrer Botschaft durch ein Glas guten Orvietos stärken zu müssen, und da der Lohnbediente der gleichen Ansicht war, fand sich das liederliche Kleeblatt in einer Locanda zusammen. Daß es hier diesen Herren sehr überflüssig erschien, die drei Blumensträuße von drei verschiedenen Personen überbringen zu lassen, begreife ich vollkommen; Einer übernahm die Commission allein und machte sich kein Gewissen daraus, Bouquets und Karten zu verwechseln. Ich hätte an dem Tage einen Mord begehen können.« »Laß es gut sein, Vicomte,« bemerkte Julius achselzuckend. »Du hast dich bald getröstet.« »Nicht früher als du,« fuhr der Andere fort, »und ich muß gestehen, dem Grafen Rieden ging die Geschichte am längsten nach. Indessen vergaß ich zu sagen, daß die zurückgeschickten Blumensträuße von einem Handschreiben der Lady begleitet waren, worin sie uns im Augenblick ihrer Abreise aufs Verbindlichste dankte für alle ihr bewiesenen Aufmerksamkeiten; was die Bouquets anbelange, so müsse sie dieselben zurückschicken, da sie vielleicht verwechselt worden seien, – das »vielleicht« ärgerte mich am meisten, – und sie unmöglich im Stande sei, die eigentliche Bestimmung derselben zu errathen.« »Das war boshaft,« sagte die Baronin. »So dachte ich auch,« erwiderte der Vicomte. »Daß sie wirklich abgereist waren, erfuhren wir durch den Grafen, der wahrscheinlich dem Reisewagen lange nachgeblickt hatte, als derselbe durch die Porta del popolo gegen Florenz fuhr.« Damit endigte der Vicomte, Julius zuckte die Achseln, der Rittmeister lachte nachträglich und die Baronin lächelte still in sich hinein. Eugen allein schien dem Erzähler nur bis zu dem Punkte mit völliger Aufmerksamkeit gefolgt zu sein, wo er des kleinen Briefchens erwähnte, das er zwischen die Blumen geschoben. – – – – Da veränderte sich plötzlich der Gesichtsausdruck des Malers; er preßte die Lippen auf einander, bedeckte seine Augen mit der Hand und fuhr darauf mit derselben an die linke Seite seines Frackes, wo er zu untersuchen schien, ob sich in der Brusttasche desselben noch ein Gegenstand befände, dessen er sich erinnerte. Das Resultat seiner Nachforschungen mußte aber kein günstiges gewesen sein, denn er zuckte zusammen, richtete sich hoch auf, sein Gesicht nahm einen nachdenkenden Ausdruck an, worauf er leicht mit dem Kopfe schüttelte, sich unbemerkt aus der Kaminecke entfernte und geräuschlos das Zimmer verließ, gerade im Augenblicke, als der Rittmeister heftig lachte. »Ich wette,« rief dieser nach einer Pause, »die Geschichte hat den Damen doch am Ende leid gethan. Zehn gegen Eins möchte ich wetten, denn abgesehen von Graf Rieden waret ihr beide doch ganz famose Partien. Uebrigens ist mit solchen Blumensträußen nicht zu spassen, das kann ich euch versichern, und bei der Verheirathung eines genauen Freundes von mir spielt auch ein solcher eine große Rolle. Mein Freund war der einzige Sohn seiner Mutter, einer Wittwe, ein reicher Gutsbesitzer. Eine andere Wittwe hatte eine Tochter, aber gar kein Vermögen. Die Tochter war, versichere ich euch, merkwürdig schön. Na, ich kann nicht mehr sagen, als daß ich selbst 'mal in sie verliebt war.« »Das ist ein Beweis,« meinte Julius, indem er aufstand. »Nun gut, beide Wittwen waren befreundet, und mein kleiner Gutsbesitzer hatte schon lange sein Auge auf das Mädchen geworfen, aber nicht den Muth, sich ihr zu nähern. Ihre Mutter hätte begreiflicher Weise die Partie gar zu gern gesehen. Da zeigt sich auf einmal ein schon etwas ältlicher Kanzleirath, der das schöne Mädchen heimzuführen gedenkt. Gut. Die pfiffige Mutter rechnet: du willst doch vorher noch einmal zu deiner Freundin hinausfahren, ihr die Sache mittheilen, vielleicht daß das Veranlassung zu einer Erklärung gibt. Ich wette aber Hundert gegen Eins, daß keine Erklärung erfolgt wäre, wenn sich nicht ein Blumenstrauß ins Spiel gemischt hätte. Mutter und Tochter fahren nämlich auf der Eisenbahn, und als sie aussteigen wollen, bemerkt letztere ein prachtvolles, ganz frisches Bouquet, das im Gedränge liegen geblieben war. Der befragte Conducteur zuckte die Achseln und sagte, sie sollten es nur mitnehmen. Das geschieht, sie kommen auf dem Gute an, und mein kleiner Gutsbesitzer, der sie im Hofe empfängt, schielt so bedeutsam nach dem Blumenbouquet, daß man es ihm anbieten muß. Während die Mama die Gäste ebenfalls begrüßt und unterhält, eilt mein junger Tectosage mit dem Blumenstrauß auf sein Zimmer, und da er irgendwo gelesen haben muß, daß so ein Ding oft merkwürdige Sachen verbirgt, so reißt er die Blüthen aus einander und findet einen Papierstreifen, auf dem deutlich geschrieben steht: Hast du es denn nicht schon lange gemerkt, wie sehr ich dich liebe und wie unglücklich es mich macht, daß ich mich von dir trennen soll? – Das war in Versen gesagt, aber die habe ich vergessen. Gut. Mein kleiner Freund geht nach den Zimmern seiner Mutter, läßt sie herausrufen und sagt ihr, er wolle die Auguste heirathen und sonst keine. Was war da zu machen? Mama sagt: in Gottes Namen, und so sind sie denn jetzt ein glückliches Paar, und das alles durch einen Blumenstrauß. – Ich wette, das ist keine schlechte Geschichte.« Die Baronin als freundliche Wirthin hatte der Erzählung mit Aufmerksamkeit gelauscht. Der Hausherr schien sie schon gehört zu haben, auch mochte ihn das Verschwinden Eugens beschäftigen, genug, er sah einigermaßen zerstreut aus, lehnte sich weit in seinen Fauteuil zurück und blickte nach der Thüre. Julius, der gewöhnlich auf seine Nebenmenschen nur so viel Rücksicht nahm, als ihm gerade beliebte, hatte sich schon erhoben, als der Rittmeister anfing zu erzählen und war ans Fenster getreten, vor welchem er stehen blieb und in die Nacht hinaus schaute, während er einen der Vorhänge auf die Seite drückte: »Wenn mich nicht alles trügt,« sagte er nach einer Pause, »so kommt dort noch ein Wagen. Oder haben Sie vielleicht eine Droschke herausbestellt, Vicomte?« wandte er sich an diesen, welcher neben der Baronin saß und eifrig mit derselben über die erwähnte Heirath sprach. »Ich nicht,« antwortete der Vicomte kurz, »ich gehe wie abgeredet mit euch zu Fuß.« »Es ist ein niederes Coupé,« fuhr der am Fenster fort, »ich erkenne das an der Stellung der Laternen; jetzt biegt der Wagen von der Landstraße ab, er kommt hieher. Sieh doch, George, wer kann das sein?« Der Hausherr trat nun ebenfalls ans Fenster, währenddem auch schon die Anderen im Zimmer das dumpfe Rollen eines Wagens hörten, welcher die Rampe hinauffuhr und vor dem Treppenhause still hielt. Im gleichen Augenblicke trat Eugen ziemlich aufgeregt in das Zimmer, schritt eilig zu dem Hausherrn hin und wollte ihn abseits ziehen, indem er hastig sagte: »Du, George, ich bitte dich dringend, höre nur zwei Worte.« »Gleich, gleich, lieber Freund,« erwiderte der Baron, wobei er sich jedoch, ohne den Maler anzuhören, der Thüre näherte, durch welche der Kammerdiener eintrat. Dabei hielt er Eugens Hand fest, wie um ihm anzuzeigen, daß er in der nächsten Sekunde ganz für ihn sei. »Seine Excellenz, der Herr General von W. sind soeben angefahren und kommen schon die Treppen herauf,« meldete der Kammerdiener. »Das habe ich mir gedacht!« rief erschreckt der Maler. »Nur einen Augenblick, George.« »Gleich, gleich,« versetzte der Baron. »Seine Excellenz ist mir sehr willkommen, ich werde ihm entgegen eilen.« »Aber, George, es ist wichtig, daß du mich hörst.« »Aber, lieber Eugen, im Augenblick; ich muß doch dem alten Herrn entgegen gehen. Da ist er schon.« »Ja, da ist er schon,« wiederholte der Maler, stützte sich mit der Hand auf den Tisch und obgleich auch seine Züge ruhig schienen, sah man doch, wie er schwer und mühsam athmete. Der alte General trat in das Zimmer, und der Ausdruck seines Gesichtes war so ganz anders als vor einer Stunde, wo er das Haus verlassen. Jetzt hatte er die Augenbrauen finster zusammen gezogen, die Lippen auf einander gepreßt, und die Verbeugung, welche er den Anwesenden machte, war steif und förmlich. An der Thüre blieb er übrigens stehen, wandte sich zu seinem Bedienten, der ihm folgte, und nahm demselben einen Paletot ab, den er nun über seinen eigenen Arm hing und darauf langsam vorwärts schritt. »Sie waren so gütig, Herr Baron,« sagte er mit ernster Stimme, »meinem – dem Grafen Rieden wollt' ich sagen, – einen Paletot zu leihen, den ich mir erlaube Ihnen selbst zurückzubringen.« »Aber, Excellenz,« erwiderte der Hausherr mit einer tiefen Verbeugung, »Sie bringen mich wahrhaftig in Verlegenheit.« »Das könnte möglich sein,« meinte ruhig der General. »O, George, wenn du mich nur einen Augenblick angehört hättest!« flüsterte der Maler. Seine Excellenz schaute indessen ernst im Kreise umher, und sagte dann noch förmlicher als früher: »Herr Baron von C., ich würde Sie dringend um ein paar Worte unter vier Augen ersuchen.« Alle Anwesenden waren aufs Höchste überrascht, ja erstaunt. Die Baronin hatte sich bei diesem Vorgange einigermaßen verlegen erhoben und stand neben ihrem Fauteuil; der Vicomte schaute mit großen Augen darein, und selbst Julius hatte sich erwartungsvoll umgewandt. »Eure Excellenz werden mir verzeihen,« sprach befremdet der Hausherr, »ich bin natürlicher Weise ganz zu Ihren Befehlen, doch wenn das, was ich hören soll, nicht ein Geheimniß Eurer Excellenz betrifft, so würde ich vorziehen, es hier vor meinen Freunden anzuhören.« »Wie Sie wünschen,« entgegnete kalt der General. »Doch würden Sie mir vielleicht Dank wissen, wenn ich einer unangenehmen Sache nicht gerade vor Madame und diesen Herren erwähnte.« »Nach diesen mir unbegreiflichen Worten,« versetzte lächelnd der Baron, »muß ich ganz besonders auf Oeffentlichkeit bestehen. Darf ich Euerer Excellenz einen Fauteuil anbieten und Sie geziemend ersuchen, mir zu sagen, wovon die Rede ist?« Der General machte, was das erstere anbelangte, eine abwehrende Handbewegung, dann sagte er ziemlich ruhig, aber ernst: »Wie schon bemerkt, hatten Sie die Freundlichkeit, dem Grafen Rieden einen Paletot anzubieten, den er dankbar annahm und mit mir nach der Stadt zurückfuhr.« »Ganz richtig,« bemerkte der Baron. »Zu Hause,« fuhr der General fort, »übergab ich dem Grafen einige Briefe, die für ihn angekommen waren und die er erbrach, flüchtig durchlas und in die Tasche eben dieses Paletots steckte. Er begab sich in sein Hotel, um eine Viertelstunde nachher in größter Aufregung wieder zu mir zu kommen. In größter Aufregung, und er hatte Ursache dazu; ich weiß nicht, ob die Frau Baronin oder einer der anwesenden Herren etwas darüber hörten, daß eine Verbindung zwischen dem Grafen Rieden und meiner Tochter projectirt sei? O doch, es muß so sein, denn ich erinnere mich, daß Herr Eugen mich sogleich zu verstehen schien, als ich ihn um ein kleines Porträt meiner Tochter bat.« »Ich, Herr General?« sprach der Maler aufs Höchste bestürzt und mit bleicherem Gesicht, als selbst in jenem Augenblicke drunten an der Treppe. »Ach, ja, ich erinnere mich, aber Euere Excellenz erklärten sich so deutlich, daß ich – die Sache nicht mißverstehen konnte.« »Das ist auch höchst gleichgültig, ich gestehe das Faktum ein, und Sie können sich deßhalb meinen Schrecken, meinen Schmerz denken, als er mir den verhängnißvollen Paletot zurückbringt, – den Ihrigen, Herr Baron von C. – als er mir erzählt, er habe arglos seine Briefschaften aus der Tasche nehmen wollen und – zu – gleicher Zeit – etwas Anderes – gefunden.« Der Hausherr zuckte die Achseln mit dem Ausdrucke des größten Erstaunens, während die Baronin näher trat und erschreckt ausrief: »Um Gotteswillen, was soll denn das, George? O, Herr General, halten Sie ein!« »Ich bitte dagegen, fahren Sie fort,« sagte ruhig der Baron. Der Maler wollte vortreten, doch hielt ihn Julius am Arme fest, indem er ihm trocken zuflüsterte: »Misch dich nicht in Sachen, die dich durchaus nichts angehen.« »Hier sind die Briefe des Grafen,« fuhr der General fort, indem er Papiere aus der Brusttasche zog, »und zwischen denselben befand sich ein kleiner Blumenstrauß.« »Teufel, ein Blumenstrauß!« brach der Vicomte aus. »Ja, ein Blumenstrauß,« sprach der General mit erhöhter Stimme, »und in demselben versteckt ein Briefchen, ein Schreiben meiner – Tochter Julie – an Sie, Herr Baron.« »O George!« rief die junge Frau mit einem Ausdruck des Schmerzes und des Vorwurfes, indem sie sich an ihren Mann wandte. Dieser stand einen Augenblick ruhig, ja lächelnd, dann zog er die Klingel, die neben dem Divan hing, wobei ihn alle erstaunt anblickten, und als der Kammerdiener herein trat, sagte er: »Friedrich soll kommen.« Der Bediente erschien augenblicklich. »Du hast vorhin einen Paletot von mir herunter geholt; wo fandest du ihn?« »Wo der Herr Baron mir gesagt, vor dem Zimmer auf dem Tisch.« »Sonst lag keiner da?« »O ja, Herr Baron, noch mehrere.« »Darf ich Euere Excellenz nun bitten, mir den Paletot übergeben zu wollen? Schau ihn an, Friedrich, aber diesmal genauer, das muß ich mir ausbitten; ist das mein Paletot?« Der Bediente nahm das Kleidungsstück in die Hand, beschaute es von allen Seiten, und er hätte nicht nöthig gehabt, eine Antwort zu geben, sein Gesicht sagte genug, sowie auch das Kopfschütteln des Kammerdieners, welcher die Garderobe seines Herrn genauer zu kennen schien. Der Baron machte eine Handbewegung, worauf die Diener sich zurückzogen, dann sprach er ruhig: »Sie sehen wohl, Excellenz, daß hier eine Verwechslung vorgegangen.« »Allerdings,« erwiderte dieser aufs Höchste bestürzt, »aber Einem muß doch dieser unangenehme Paletot gehören.« Er blickte fragend im Kreise umher, während der Vicomte der Baronin zuflüsterte: »Wenn ich mich dazu bekenne, so käme ich vielleicht unverhofft zu einer schönen Braut. Was meinen Sie, gnädige Frau?« Diese aber winkte ihm abwehrend mit der Hand und schaute athemlos auf Eugen, der langsam vortrat und nach einer Pause ruhig sagte: »Ich kann und will Euerer Excellenz nicht verschweigen, daß der Paletot mir gehört.« Der General trat einen Schritt zurück. »Und Blumenstrauß und Brief?« fragte er im Tone höchsten Erstaunens. »Gleichfalls, Excellenz.« »Und damit die Liebe Ihrer Tochter, Herr General,« meinte Julius sehr trocken, »und wenn man die Sache bei Licht besieht, so –« »Und das Licht, bei dem wir sie betrachten,« fiel ihm der General heftig ins Wort, »ist so scharf, daß mich die Augen beißen. Verzeihen Sie, Baron, meinen Ueberfall, und vor allen Dingen Sie, gnädige Frau; weiter habe ich hier nichts zu sagen, und wünsche allerseits eine geruhsame Nacht.« Damit wandte er sich zornig um und hinkte zum Zimmer hinaus. Der Baron eilte ihm nach, Eugen wollte ebenfalls folgen; doch hielt ihn Julius am Arme fest und sagte mit seiner gewöhnlichen Ruhe: »Bleib da, unbesonnener Kerl, du machst schöne Geschichten.« »Laß mich, laß mich!« rief der Maler hastig, »ich muß ihn zu besänftigen suchen, sonst fällt all' sein Zorn auf die arme Julie.« »Bah!« erwiderte der Andere, »sie hat auch ihr Theil verdient. Aber bleib nur, bleib; wie ich den General kenne, ist das jedenfalls besser. Vor allen Dingen aber sage, ist Juliens Liebe für dich so groß, daß sie dem Papa gegenüber fest bleiben wird?« »O mein Gott ja, ich glaube und hoffe es,« antwortete Eugen, während die Baronin leicht mit dem Kopfe nickte. »Dann wird sie mit ihm fertig,« fuhr Julius mit unerschütterlicher Ruhe fort, »und wenn du einen Brautführer brauchst, so stehe ich zu Befehl.« »Hat aber dieser Graf Rieden mit seinen Blumensträußen Unglück!« rief lachend der Vicomte. »Apropos,« wandte sich der Rittmeister an Eugen, der im tiefen Nachdenken dastand, »ich wette Hundert gegen Eins, daß ich meine Wette mit Ihnen gewonnen; Baronin Julie wird den Grafen nicht heirathen, hundert Louisd'or, das ist keine Kleinigkeit. Aber, bester Freund, Sie werden so gefällig sein und mir die Art der Zahlung überlassen, und Sie würden mich glücklich machen, wenn dies in Leinwand und Farben geschähe; so ein hübsches Porträt von mir, wissen Sie zu Pferde vor der Schwadron, auf irgend einen beliebigen Feind einhauend.« »Ja, ja,« meinte Julius trocken, »an einem Schlachttage, der kein Datum hat; thu' ihm den Gefallen. Ich bin überzeugt, er bietet dir eine Wette an, du werdest niemals ein schöneres Bild malen.« »Und die Veranlassung dazu!« lachte der Rittmeister, »es ist das Pendant zu meiner Geschichte. Ja, es gibt gefährliche Blumensträuße.« »Himmlisch ist das allerdings,« sagte der Vicomte, indem er sich die Hände rieb. »Wenn ich es nur bald irgendwo erzählen kann.« »Nach einer gewissen Hochzeit bekommst du die Erlaubniß dazu,« sprach Julius. Und um den geneigten Leser nicht länger zu ermüden, wollen wir nur noch sagen, daß der General, welcher seine Tochter zärtlich liebte und den jungen Künstler achtete, mehrere Tage vergeblich getobt und gemurrt, und daß in Folge hiervon Eugen von dem großen Bilde keine kleine Copie zu machen brauchte, indem Papa mit komischem Zorn ausgerufen: »Die Mühe mit Leinwand und Farben kann er sich jetzt sparen!« und daß endlich der Vicomte nach einem halben Jahre wirklich die Erlaubniß erhielt, und nun überall und zwar mit vielen Ausschmückungen die Geschichte auch dieses gefährlichen Blumenstraußes erzählte. Uebrigens wünschen wir ähnliche gefährliche Blumensträuße allen unsern geneigten, liebenswürdigen Leserinnen. Familien-Concert. Herr Regierungsrat Zwicker mit Frau gibt sich die Ehre, den Herrn Hofrath Claremann mit Frau Gemahlin, Herrn Sohn und Fräulein Töchtern auf eine Tasse Thee und zu musikalischer Unterhaltung für Dienstag den 4. März Abends 7 Uhr, ganz ergebenst einzuladen. U.A.w.g. Wenn du, geneigter Leser, eine solche Karte empfängst, zierlich gedruckt, sauber beschrieben, so denkst du nicht daran, welche Mühe, welcher Kummer, wie harte Tage und schlaflose Nächte unter dem Spiegel dieser glatten Linien verborgen liegen. Warst du nicht selbst schon Unternehmer von Familien-Concerten und Hausbällen, so hast du keinen Begriff davon, wie viel saure Arbeit vorhergehen mußte, ehe diese Einladungskarten zum Austragen bereit da liegen. Du übersiehst dein Haus, du rechnest nach, wie viele deiner Bekannten du unterzubringen vermagst, wenn du dein Appartement vergrößert hast durch Ausräumen der Schlafzimmer und durch Herrichtung des Hausflures, der vermittelst eines Teppichs und ein paar Wandleuchter zu einem comfortablen Entrée umgeschaffen wird. Ich glaube, es gibt eine mäßige Berechnung, wie viel Platz ein Mensch haben muß, um ohne Schaden für seine Gesundheit eine Zeit lang athmen zu können; wenn ich nicht irre, gibt es für Sklaven- und Auswandererschiffe darüber eine Verordnung. Leider nicht für Familien-Concerte und Hausbälle! Ist man doch da Augenzeuge von Erscheinungen, die an's Fabelhafte streifen. Und wolltest du am andern Tag nach einem Familien-Concerte Jemanden in den Appartements herumführen und ihm sagen: hier zwischen der Tischecke und dem Ofen stand stundenlang ein Mensch, dort hinter der Sophalehne ein anderer, in der engen Thüre aber, die du dort siehst, sechs neben einander, von sieben bis neun, und noch obendrein auf ihren Zehenspitzen, dabei huthaltend, schweißrieselnd und applaudirend, – er würde dich mit einem Blicke beschenken, wie man ihn einem verächtlichen Lügner zollt. Doch sehen wir weiter. Das Appartement kann also so und so viele Personen fassen, dazu schlägt man noch zwanzig Procent für Abmeldungen wegen plötzlichen Unwohlseins und ferner zehn vom Hundert weiter, was man in der Verpackungssprache ›Einstreusel!‹ nennt, junge Supernumeräre, Kanzlei-Assistenten, ganz neue Lieutenants und angehende Aerzte ohne Praxis. Das ist jung, schmiegsam, vor allen Dingen aber für die bejahrten Töchter ehrbarer Familien hoffnungsvoll, wird geduldet, zwischen sich versteckt und findet schon sein Plätzchen. Wo? ist freilich eine andere Frage. Auch ich war einmal jung und wurde gern gelitten und befand mich in ähnlichem Falle als Mittelstück zwischen einer starken Directorstochter und einer wohlbeleibten Wittwe, – ich als dünne Fleischschnitte, das Ganze einem ungeheuren Sandwich vergleichbar, einem riesenhaften Butterbrode mit Schinken. Ist die Frage des Wieviel? glücklich erledigt, so kommt die wichtigere des Wer? zur Berathung und zu diesem Zwecke hat auch Herr Regierungsrath Zwicker eine Liste der ganzen Freundschaft angefertigt, die nun schon vierzehn Tage vor dem Feste einem kleinen Familienrathe vorgelegt wurde. Dieser Familienrath bestand aus Madame Zwicker, einer ziemlich corpulenten Frau mit freundlichem Gesichte, etwas stark röthlichem Teint und hellblonden Haaren, sowie aus den beiden Fräulein Zwicker, resignirten, zuweilen seufzenden Wesen von ungefähr achtundzwanzig bis dreißig Jahren, die es von dem großen Schiller ziemlich absurd fanden, daß er einstens gesungen: O daß sie ewig grünen bliebe Die schöne Zeit der ersten Liebe! Denn Amalie meinte: »was ist eine erste Liebe? – ein Unding, ein Probirstein, um zu erfahren, ob das eigene Herz auch ächtes achtzehnkarätiges Gold ist.« – »Ein Wahnsinn,« sagte dabei Laura, die Jüngere, »die ersten ungenießbaren Schößlinge eines Spargelfeldes, das Durchblättern von Titeln und Vorreden eines jungen Romans.« Ausgeschlossen von diesem Familienrathe war der junge Herr Zwicker, Kanzlei-Assistent und Mitglied der Liedertafel. Er hatte bei einer ähnlichen Gelegenheit zu extravagante Ideen an den Tag gelegt und gemeint, das Schöne sei und bleibe schön, auch wenn es in der allerletzten Rangklasse erscheine. Der Regierungsrath, ein kleiner, sehr lebhafter Mann mit einer sehr hohen Stirne, die sich von Jahr zu Jahr vergrößerte, auf welche er sich aber etwas einbildete, schritt im Zimmer auf und ab, las die betreffenden Namen vor, und wo weder Frau und Töchter etwas zu erinnern hatten, fügte er einen dicken Bleistiftstrich hinzu. »Herr Director von W.« Die Regierungsräthin machte eine zustimmende, tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung. – »Mit zwei Töchtern.« – Ebenso. »Und seiner schönen Nichte.« – »Die könnte man weglassen,« meinte Amalie entschieden, während Laura, boshaft lächelnd, auf ihre Kaffeetasse sah. – »Wo denkst du hin!« entgegnete der Regierungsrath; »es wäre eine Unhöflichkeit gegen den Herrn Director, und dann –« setzte er schüchtern hinzu. – »Und dann?« fragte Amalie, etwas gereizt. – »Nun ja, und dann –« fuhr der Vater fort, indem er wie zur eigenen Ermuthigung mit seinem Papier in der Luft herumfuchtelte, »dann muß man auch Rücksicht nehmen. Du weißt, daß der Herr Referendar von Strammer von jeher die Zierde unserer Concerte war. Er singt göttlich.« – »O nur zu wahr!« seufzte Amalie still in sich hinein. – »Und,« fuhr der Papa fort, »warum soll man den jungen Leuten nicht ein unschuldiges Vergnügen gönnen? Seine Stimme ist unbedingt schöner, sein Vortrag feuriger, sowie er der schönen Klara gegenüber singt.« Amalie warf einen kleinen Blick gen Himmel, dann einen zweiten auf ihr Butterbrod, und als Mama ernst und bedächtig mit dem Kopfe genickt, wurde die schöne Nichte des Directors von W. mit einem Striche versehen. Eine Menge Namen, die nun folgten, wurden stillschweigend gutgeheißen; man merkte es bei diesen auch der Stimme und dem Gesichte des Regierungsraths an, daß er vor jedem Widerspruch sicher sei. Dies war nicht der Fall, als er nun fortfuhr und mit etwas schüchterner Stimme und ohne aufzublicken, las: »Herr Doctor A. mit zwei Töchtern.« – »Niemals!« sagte entschieden die Regierungsräthin; Amalie zuckte verächtlich mit den Achseln und Laura lächelte höhnisch. »Ich will keine Mädchen einladen,« fuhr Madame Zwicker nach einer Pause fort, »die es beständig darauf anlegen, sich vor meine Töchter zu drängen, sie zu verdunkeln.« – »Zu verdunkeln ist nicht das wahre Wort, Mama,« sprach geringschätzend die ältere Tochter. »Ich würde sagen: die sich bemühen, immer aufdringlich und naseweis zu sein.« – »Aber es sind doch eure Freundinnen,« meinte der Papa. »Junge Affen sind es!« sagte entrüstet die Regierungsräthin; »kaum aus der Schule, die sich ein Ansehen geben wollen, indem sie mit älteren und gesetzten Mädchen umgehen.« – »Kaum aus der Schule?« lachte krampfhaft Laura. – »Aeltere und gesetztere Mädchen?« meinte Amalie. »Was man sich von dir nicht alles muß sagen lassen, Mama. Aber mir ist es gleichgültig, ladet sie nur ein. Wo denkt Papa überhaupt an etwas, was uns Vergnügen macht. Ist's nicht wahr, Laura? Auf der ganzen Liste bis jetzt keine zwanzig junge Herren.« Der Regierungsrath sah fragend in die Höhe, und Mama sagte: »Das kommt noch.« Dann fuhr sie fort: »Nein, Eduard, den Doctor und seine Töchter laß fort; ich versichere dich, sie haben ein aufdringliches Wesen. Ich sehe das auf den Museumsbällen; sprechen meine Töchter mit ein paar jungen Herren, gleich sind die A.'s da. Und dann ist es nicht wegzudisputiren, daß sie, Gott weiß, auf welche Art, ausspioniren, was Amalie oder Laura anzieht. Neulich kamen unsere beiden Mädchen in gelben Baregekleidern; was sehen meine Augen, als die A.'s ankommen? Ebenfalls gelbe Baregekleider und hochroth aufgeputzt. Ach, ich sage dir, das hat mich tief empört. Ich hatte gelb gewählt, weil es etwas hervorsticht; blau, weiß, roth ist ordinär; es fragt sich so gut auf so 'nem Ball: wer sind die in Gelb? – Regierungsrath Zwickers u. s. w. Nein, nein, die A.'s läßt du mir fort, darauf bestehe ich fest.« Hienach erhält der Doctor A. mit seinen Töchtern keinen Strich und der Regierungsrath las weiter, lauter an sich unbedeutende Namen, aber wohlgefällig klingend in den Ohren der beiden Töchter. Papa holte hier das Versäumte nach und der Lieutenants, Supernumerare, Referendare, Candidaten und Assistenten durch alle Rubriken war kein Ende. Zuletzt kam das eigene Kanzlei-Personal, und dabei horchte Laura mit ungetheilter Aufmerksamkeit. Doch es schien ihr wie der Prinzessin im Taucher zu gehen: wenn auch alle Wasser heraufrauschten, alle möglichen Namen genannt wurden, der des Jünglings, den sie meinte, wurde nicht genannt. Nur nahm sie ihr Schicksal mit weniger Resignation hin, denn als der Vater geendigt, warf sie den Kopf in die Höhe, zuckte unmuthig zusammen und blickte dann auf Amalie, worauf sich diese beeilte, dem Zorne ihrer Schwester Worte zu geben. »Aber, Papa,« sagte die ältere Tochter, »hast du absichtlich den Herrn Volontär Schmelzing vergessen? Ist er doch ein anständiger junger Mann von sehr guter Familie und hat sich bestens bei uns vorstellen lassen.« Der Regierungsrath schüttelte mit ernstem Stirnrunzeln sein Haupt und bemerkte: »Nicht vergessen, absichtlich weggelassen, sehr absichtlich. Dieser Herr Schmelzing ist ein leichtsinniger junger Mensch, wird nie eine Carriere machen, und bemüht sich nicht einmal, durch Achtung gegen seine Vorgesetzten, sowie durch Fleiß sein früheres Betragen vergessen zu machen. Erhält auf der Universität das consilium abeundi und treibt bei uns seine Wirthschaft fort, so daß, wenn ich unparteiisch und gerecht sein dürfte, ich ihn von meiner Kanzlei schon lange nach Haus geschickt hätte.« – »Aber Protectionen!« sagte Mama wichtig. – »Ja leider Protectionen,« wiederholte der Regierungsrath, »Protectionen von oben herab, und auch in meiner Familie. Aber hier bin ich Herr und will keine Schmelzings bei meinen Soiréen.« Dies sagte er so entschieden und schlug dabei so bestimmt mit der Papierrolle auf seine Frackschöße, daß Mutter und Tochter wohl einsahen, es sei in diesem Augenblicke nicht möglich, zu Gunsten Schmelzings zu operiren. Doch waren noch mehrere Tage bis zur Soirée, und wir bitten den geneigten Leser nicht erstaunt zu sein, wenn eine der ersten Personen, die ihm beim Familien-Concerte aufstoßen, der Herr Schmelzing ist. Manus manum lavat , und nach diesem sehr richtigen Satze erhielt Lauras Protegé seine Einladung zu gleicher Zeit mit dem Herrn Doctor A. und seinen beiden Töchtern. Nachdem die Einladungsliste auf die eben bezeichnete Art berathen und festgestellt war, rollte Papa Zwicker sie zusammen und übergab sie seiner ältesten Tochter Amalie zur Ausfertigung. Danach legte er die Hände auf dem Rücken zusammen und schritt nachdenkend mehreremale im Zimmer auf und ab; eigentlich tänzelte oder hüpfte der Regierungsrath, denn er liebte in allem die schnelle Gangart. – »Apropos,« sagte er nach einer Pause, während er vor Laura stehen blieb, »am Concertprogramme wird doch hoffentlich nichts mehr geändert? Sei so gut und lies es mir noch einmal vor, es macht mir immer Vergnügen, wenn ich so eine fertige Arbeit betrachte, deren Zusammenstellung viel Mühe gekostet und die nun glatt und fertig vor uns liegt. – Habt ihr euch zu zwei Abtheilungen mit einer Pause entschlossen? – »Natürlich,« entgegnete Madame Zwicker würdevoll. »Man kann doch die Sachen nicht so in einem fort herunter leiern. Ich habe noch nie ein Concert gehört ohne zwei Abtheilungen, und dann ist eine Zwischenpause so nöthig; man muß doch eine kleine Conversation machen lassen, man muß doch ein paar kleine Erfrischungen herumreichen.« Bei diesen Worten blickte die Regierungsräthin auf ihre Kaffeetasse und dachte an Himbeerwasser und Mandelmilch. Der Regierungsrath sah an die Decke des Zimmers empor und vergegenwärtigte sich den Augenblick, wo in der Pause der Departementschef zu ihm treten, ihm herablassend die Hand drücken und zu ihm sprechen würde: »Ihre Arrangements sind vortrefflich, mein lieber Zwicker; man ist nirgends so comfortable wie bei Ihnen.« Amalie starrte in die Einladungsliste hinein, wobei sie an Herrn Strammer dachte; Laura trommelte mit den Fingern auf dem Tisch den Mendelsohn'schen Hochzeitsmarsch aus dem Sommernachtstraum. Jede Note widmete sie Schmelzing, und so war die ganze Familie glücklich. »Wir haben also,« sagte Vater Zwicker nach einer Pause, »zur Introduction die Sonate pathetique von Beethoven, drei famose Theile, welche Herr Schwicheler außerordentlich schön ausführen wird. Dann folgt Prumes Melancholie, und ich bin fest überzeugt, daß die ersten Geiger der Hofkapelle sich ein Muster an dem jungen Sternbach nehmen können. Darauf Fräulein Windel, der kleine Rekrut von Kücken. – Es gefällt mir eigentlich,« unterbrach der Regierungsrath seinen Vortrag, »daß Fräulein Windel, die sonst auf die großen Arien versessen ist, Kückens kleines reizendes Lied gewählt hat. Sie fängt an, bescheiden zu werden und das freut mich.« – Bei diesen Worten lächelte Madame Zwicker ironisch und ihre beiden Töchter lachten laut und höhnisch hinaus. »Bescheiden?« meinte Laura achselzuckend. »Das ist der Beweggrund nicht, Gott, wer weiß nicht, wie auffallend sie mit dem Lieutenant v. W. schmachtet. Dem zu Ehren singt sie das Soldatenlied.« – »Bah,« sagte der Regierungsrath einigermaßen verdutzt, »wär's möglich? Ja, wie kann unsereins auf solche Schwänke kommen! Aber das Lied ist schön, ich habe nichts dagegen einzuwenden. – Weiter! Phantasie von Böhm für Flöte und Pianoforte – Fräulein Laura Zwicker – Herr Wölfel. – Kind, die Phantasie ist schwer, ich hoffe, daß du sie außerordentlich einstudirt hast. Damit schließt die erste Abtheilung, wir haben eine halbe Stunde Pause, und alsdann Herr Strammer seine zwei Sachen hinter einander. Wenn das ihm nur nicht zu viel wird!« – »O nein,« versetzte eifrig Amalie. – »Ja, mein Kind, die Cavatine aus Guido und Ginevra, das ist fatiquant – das bringt ein Pferd um, wie sie mit dem Kunstausdruck sagen.« – »Dafür ist auch die andere Nummer leicht und tändelnd,« bemerkte Amalie, wobei sie träumerisch auf ihren Teller niedersah. – »Ach, wenn du wärst mein eigen!« sang Laura halblaut und blickte die Schwester mit einem schalkhaften Lächeln an. – »Ganz richtig,« meinte Vater Zwicker, »Ach, wenn du wärst mein eigen, Wie lieb sollt'st du mir sein! – Worte von der Gräfin Hahn-Hahn, ehe sie ins Kloster ging, wunderbar komponirt von Kücken. Darnach Schluß des Ganzen, Liszts große Polonaise von Fräulein Laura Zwicker.« Nach diesen Worten rieb sich der Regierungsrath vergnügt die Hände und hiermit war das Geschäft vorderhand bereinigt; der Vater ging auf seine Kanzlei, Mama besah die Schätze ihrer Speisekammer, Laura probirte ihre Sonate und Amalie setzte sich an den Schreibtisch, um nach der vorliegenden Liste die Einladungskarten auszufertigen. So sind nun diese entstanden, vielgeliebter und geneigter Leser, und wenn dich der glatte Druck mit der zierlichen Handschrift – Amalie schrieb schön – so klar und freundlich anblickt, so kommt dir alles das so unverfänglich und wohlmeinend vor. Es ist, wie so mancher Händedruck, begleitet von einem freundlichen, herzlichen Worte, wobei doch Geber und Empfänger zu gleicher Zeit dachten: »Hol' dich der Teufel!« Auch ohne gerade die beiden Fräulein A. oder Herr Schmelzing zu sein, kannst du überzeugt sein, daß es Debatten gekostet und viel unangenehmes Hin- und Herreden, ehe dein Name aus der Wahlurne zum Concert hervorgegangen; du hast manches Achselzucken gekostet, manchen Seufzer. Aber gleichviel! Wie der Festgeber die Einladungskarte absendet, so nimmt sie häufig der Empfänger in die Hand: ebenfalls mit Achselzucken, mit einem gelinden Seufzer. Gott, ein Familien-Concert! Das wird langweilig. Der Abend konnte besser benützt werden. – U.A.w.g. – »Und Abends wird getanzt,« übersetzt sich das ein junges Mädchen, die sich zur ersten Soirée rüstet, vielleicht auch: »Und Abends wird gesungen,« während ein alter, ergrauter Kämpfer in der Arena familienconcertlicher Freuden nachdenkend murmelt: »Um Ausdauer wird gebeten.« So ist denn der große Abend gekommen; Regierungsrath Zwickers wohnen im ersten Stock, die Treppe ist mit einer Spiegellampe taghell beleuchtet, oben sind die Glasthüren entfernt und im Gange stehen rechts und links in Kübeln zwei Oleander, auf einer Seite die Küchenthüre verdeckend und zu gleicher Zeit ein mäßiges Spalier bildend, welches die Ankömmlinge in den Salon weist. Dieser ist vortrefflich erhellt und sanft erwärmt. Rechts und links sind die Thüren in die anstoßenden Zimmer ausgehoben, und wenn ein Unkundiger die fünf geöffneten Piecen durchwandelt, alle zum Empfang der Gäste hergerichtet, so muß er eine große Meinung haben von den Appartements des Regierungsraths. Denn natürlich ist alles festtäglich, nirgendwo Betten und gewöhnliche Haushaltungsgeräthe; die Räumlichkeiten dazu, denkt man, werden hinter der letzten Thüre anfangen, und dort noch eine Enfilade von wenigstens vier weitern Zimmern sein. Aber nur die Freunde des Hauses wissen, daß dort das Ganze mit einer kleinen Kammer abschließt, die aber am heutigen Abend wie ein vollgepfropftes Möbel-Magazin aussieht. Dort ist eine förmliche Wagenburg von Betten und Möbeln dritten Ranges, eine Wagenburg, die nur eine kleine Ecke frei läßt, in welcher sich auf diese Art eng umschlossen die beiden jüngsten Sprößlinge der Zwicker'schen Familie befinden. Diese erschienen, nachdem das eheliche Glück der Familie eine längere Zeit pausirt, – zwei Buben von vier bis sechs Jahren, verwegene Gesellen, zu allen möglichen tollen Streichen aufgelegt. Nicht einmal durch die aufgethürmte Wagenburg sind sie zu bändigen, denn diese wurde von dem älteren schon einmal erklettert, worauf er, an der anderen Seite hinabrutschend, eine Waschschüssel und ein paar Gläser mit herunterriß, was einen erschrecklichen Lärmen verursachte. Dies geschah glücklicherweise vor Anfang der Soirée und veranlaßte den Vater Zwicker zu einer ernsten Rede, welche Belohnung und Strafe verhieß, – sehr viel Kuchen nämlich oder sehr viel Prügel. Endlich kommen die Gäste, zu Fuß oder zu Droschke; die letzteren werden von der Regierungsräthin freundlicher begrüßt. Zuerst füllt sich der Salon, dann fließt die Masse der Eingeladenen in die angrenzenden Zimmer, und so immer weiter, bis endlich der ganze Boden bedeckt ist. Man freut sich, einander zu sehen, man stellt vor und wird vorgestellt, man lacht und plaudert; junge, angehende Kanzleibeamte, nachdem sie so glücklich waren, einen freundlichen Gruß, ja vielleicht einen Händedruck ihrer Vorgesetzten zu erhalten, drücken krampfhaft den Hut auf den eingezogenen Bauch und tapeziren Ecken und Wände. – Der Thermometer zeigt achtzehn Grad. – Selbstbewußte Damen der höheren Beamtenklasse, sowie anerkannte Schönheiten halten die Mitte der verschiedenen Zimmer und stehen da wie Felsen im brandenden Meer, empfangen Huldigungen und theilen gnädige Blicke aus. Junge Damen von versprechender Zukunft, die aber noch nicht alt genug sind, um selbstständig auftreten zu können, umgeben diese Felsen der Gesellschaft wie frisches Moos oder saftige Pflanzen die altersgrauen Steine und vor sie hin wirft die ab- und zuströmende Flut unterschiedliche Seethiere dieses Gesellschaftsmeeres, Krabben und Seekrebse in Gestalt von schwarzen, ernsthaften Assessoren und Referendären mit seltsamen Frackschößen und Brillen auf der Nase; Steine in Form von dicken Kanzleiräthen mit dem Verdienstkreuz auf der Brust; schillernde, bewegliche und zappelnde Molusken, dargestellt durch bunte, gelenke Lieutenants, und als ordinäres Muschel- und Schneckenwerk Kaufleute, Maler, Bildhauer, Schriftsteller und dergleichen Gesindel. – Der Thermometer hat sich unterdessen beeilt, auf vierundzwanzig Grad zu steigen, und das Lächeln der Regierungsräthin Zwicker, welches bei achtzehn Graden bald majestätisch, bald gnädig oder schalkhaft war, fängt an krampfhaft zu werden, wobei sie schwer athmet und ihre röthliche Gesichtsfarbe stark ins Bläuliche schimmert. Der Regierungsrath steht noch immer an der Thüre, noch fehlt der Departementschef, und ihn nicht am Eingang zu empfangen, wäre mehr als Majestätsverbrechen. Endlich kommt er, und nachdem er sich an der Thür die Brillengläser abgewischt, die ihm von der furchtbaren Hitze sogleich anliefen, schreitet er an der Seite seines Untergebenen durch die Zimmer, begrüßt Madame Zwicker, winkt und nickt nach allen Seiten und ist so freundlich, das Appartement außerordentlich charmant zu finden. Nach ihm erscheinen durch die Thüre des Nebenzimmers, die aber sogleich wieder verschlossen wird, zwei Dienstmädchen, Thee und Backwerk tragend: die Magd des Regierungsraths und Hofraths Ricke von ihrer Herrschaft der Regierungsräthin freundschaftlichst geliehen. So oft die Ricke in die Nähe der Hofräthin kommt, ermangelt diese nicht, ihr nach Verhalten einen strafenden oder billigenden Blick zuzuwerfen. In diesem Gewühl eine Tasse Thee oder etwas Backwerk zu erhalten, ist schon nicht so schwierig, als das Erlangte in Ruhe und Frieden zu verzehren. Bald wird man angeredet und muß eine Mandelschnitte, ohne sie noch geschmeckt zu haben, hinunterwürgen; bald wird man gestoßen, und in der Angst der Nachbarin das Kleid zu begießen, schüttet man sich selbst die halbe Tasse auf die eigene weiße Weste, und ist für den ganzen Abend ruinirt. In diesem wichtigen Zeitpunkte sind jene die Glücklichen, die an den Wänden stehend, einen rückenfreien Platz erobert haben. Leicht kann man den Hut irgendwo unterbringen und steht nun da, in der Hand die Tasse, deren Rand hoch mit Backwerk belegt ist, im beruhigenden Gefühle der Sicherheit. – Unterdessen scheint der Alkohol im Thermometerglase seinem Gefängniß entwischen zu wollen und steigt auf dreißig Grad. Eigentlich braucht man ihn gar nicht mehr zu betrachten, um die vergnügliche Hitze des Appartements, namentlich des Mittelsalons, zu ermessen; rothe und blaue Gesichter, thränende Augen, lang herabfallende Locken, schwitzende Stirnen und halb unterdrückte Seufzer sprechen deutlich genug. Ja durch alle fünf Sinne kann man die in den Zimmern herrschenden dreißig Grade erkennen. Obgleich die Gesellschaft obenhin betrachtet ein unabsehbares Gewirre zu bilden scheint, so gehört doch keine große Beobachtungsgabe dazu, um zu erkennen, daß sich alles wieder vergnügt oder verstimmt, jedenfalls aber zu besonderen Zwecken in verschiedenen Gruppen zusammenfindet. Was sich liebt oder durch andere Beweggründe zu einander hingezogen wird, weiß sich zu finden und hie und da verstohlen zu plaudern; was sich haßt, weiß sich zu ärgern, indem es sich auf gewisse Art bald den besten Platz im Saale streitig macht, jetzt zu viele Trabanten um sich zu versammeln sucht, um mit diesen über den geringfügigsten Gegenstand ein lautes, für den andern Theil verletzendes Gelächter erschallen zu lassen und sich dann wieder gegenseitig und auffallender Weise den Rücken zukehrt, und, als sei in der Nachbarschaft plötzlich was Schreckliches bemerkt worden, rasch davonrauscht. Wofür man sich interessirt, das läßt man nicht aus den Augen. So folgte Madame Zwicker ihren beiden Dienstmädchen beständig mit den Augen, wobei sie bald erröthete, bald erbleichte, wenn irgend eine Ungeschicklichkeit vorfiel. Dabei aber eilte die geplagte Frau häufig an das Ende des ganzen Appartements, scheinbar, um mit ihren Gästen freundliche Worte zu wechseln, in Wahrheit aber, um an der Thüre des Nebenzimmers zu lauschen, ob von dort kein Getöse oder Siegesgeschrei zu hören sei, wenn nämlich ihre beiden Sprößlinge vielleicht abermals die Wagenburg erklettert hätten. – Gott sei Dank! alles war dort ruhig. Die beiden Buben hatten nämlich ein anderes Amusement entdeckt, eine gefüllte Waschschüssel, und darin ließen sie kleine Schiffe von Papier schwimmen. Vater Zwicker folgte dem Departementschef, wo das nur eben thunlich war, Amalie ließ die beiden Fräulein A., sowie den Herrn Strammer nicht aus den Augen, was ihr aber zu ihrem großen Schmerze sehr leicht gemacht wurde, denn dieser junge Herr war immer in der Nähe der Töchter des Doctors zu finden und folgte denselben schwenzelnd von Zimmer zu Zimmer. Einen würdigen Gegensatz zu ihm bildete der Herr Volontär Schmelzing; er stand in einer Ecke des Salons zwischen einem Tische und einem Sopha, mit dem Rücken an einer kleinen Etagère gelehnt, auf der sich Porzellanfiguren befanden, aß viel Backwerk, welches neben ihm auf dem Tische stand; seine Blicke aber eilten dabei beständig durch den ganzen Saal. Glückliche Laura! du hast alle Ursache anzunehmen, daß du es bist, die von den grauen, aber glänzenden Sternen aufgesucht wird. Nach vielen verzweifelten Anstrengungen ist es dem Regierungsrath dessen Frau, den beiden Töchtern und dem halberwachsenen Sohne, der sich bisher unbeachtet unter der Menge umhergetrieben, endlich gelungen, die Massen der Gäste so lange aus dem mittleren Salon zu entfernen, bis man dort für die Damen einige Reihen Stühle gestellt, bis man das Piano in die Mitte des Zimmers gerollt und durch Oeffnung eines Fensterflügels einige frische Luft hereingelassen. Zu letzterem war es aber auch die höchste Zeit, denn der Thermometer drohte, einen Selbstmord zu begehen, die Stimmung des Klaviers war fast um einen halben Ton gewichen und Herr Sternbach, der die Melancholie geigen sollte, meinte, das sei bei einer solchen tropischen Hitze, um selbst melancholisch zu werden. Als die Vorbereitungen so weit gediehen waren, räusperte sich Herr Regierungsrath Zwicker laut, lange und auffallend. Die jüngeren Beamten seiner Kanzlei verstanden dies Zeichen und forderten durch zahlreiche Bst! zur Stille auf. Bald legte sich auch Gemurmel und Geräusch im Salon, dann ebenfalls im anstoßenden Zimmer und nach einer kleinen Viertelstunde trat Herr Schwicheler vor, ein hoch aufgeschossener, bleicher, junger Mensch, mit lang herabwallendem, blondem Haar und sehr nichtssagenden, blauen Augen. Er strich das Haar aus dem Gesicht, öffnete lächelnd seinen großen Mund, was er besser unterlassen hätte, dann zog er die Handschuhe aus, warf sie nachlässig von sich und sank mehr auf den Stuhl, als er sich darauf hinsetzte; auch knickte er hiebei so auffallend zusammen, daß man hätte glauben können, es wandle ihn plötzlich eine Schwäche an, schnellte aber gleich darauf wieder in die Höhe, hob die Hände und fing an, auf das unglückliche Piano loszuhämmern, daß es zitterte, klagte und in allen Fugen krachte. So ging der erste Satz des Allegro vorüber, und beim Andante schien Herr Schwicheler etwas weniger ergrimmt. Er neigte sein Haupt, und wenn man seine Finger so matt über die Tasten hinschleichen sah, so hätte man meinen können, es gehe mit dem Mann zu Ende und in der nächsten Sekunde werde er mit einem unheimlich pfeifenden Tone ein für allemal aufhören. Aber leider hörte er nicht auf, wurde vielmehr beim dritten und letzten Satze, dem Rondo, gelenkig wie ein Frosch im Wasser, der in großer Behaglichkeit mit allen Vieren zappelt. Dabei hüpfte Herr Schwicheler munter auf seinem Sitze hin und her, seine Füße hüpften für sich allein, seine Finger ebenfalls, ja seine Nase schien zu hüpfen und sein langes blondes Haar. – Endlich hatte er ausgehüpft und das Publikum ausgelitten. Beethoven ist ein großer Meister, aber seine Sonate pathetique stehend hören zu müssen bei einigen dreißig Graden Hitze, eingekeilt in einen Menschenhaufen, das ist sogar für ein klassisches Gemüth zu viel. Das Publikum schien sichtlich befriedigt, aber drei Viertheile desselben gewiß wegen endlichem Aufhören dieser Marter; alles applaudirte dem Spieler und beglückwünschte sich selbst. Nummer Zwei trat vor: Herr Sternbach, ein strammer, untersetzter, junger Herr, der schon im Nebenzimmer, wo er nochmals gestimmt hatte, die Geige zwischen Kinn und Halsbinde festklemmte den Bogen hoch erhob und so gerüstet vortrat in die Schranken, wie ein biderber Ritter der alten Zeit mit Schild und Lanze. Den rechten Fuß fest vorgesetzt, riß er seine Melancholie herunter, daß es eine Freude und ein Vergnügen war. Da er selbst durchaus nicht melancholisch aussah und es auch in der That nicht war, so schien er zu denken: warte, Melancholie, wir wollen dir zeigen, wo du her bist! Er faßte seine Aufgabe ironisch auf, ging der Melancholie im Allgemeinen zu Leibe und riß das Publikum zu Beifall und Heiterkeit hin. Fräulein Windel, die nun folgte, ließ dem dankenden Virtuosen kaum Zeit, gehörig abzutreten; sie schien den kleinen Rekruten in allen Gliedern zu fühlen und gab das Lied keck und unverzagt von sich. Jeder Vers war für das allgemeine Publikum, der Refrain aber jedesmal für ihn , der hinter dem Ofen hervorsah und die Nuancen, welche sie hineinlegte, wohl zu verstehen schien. Als Fräulein Windel unter einem wahren Beifallssturm geendigt, küßte ihr Lieutenant von W. zärtlich die Hand und sagte: »Unter Ihrer Fahne einzutreten, mein Fräulein, wäre das höchste Glück meines Lebens.« »Bs – s – st! – Bs – s – st!« riefen nun die Kanzleibeamten Vater Zwickers, und Herr Wölfel, von dem nicht viel mehr zu sagen ist, als daß er ein kleiner Mann war mit einer großen Flöte und sich in einem schwarzen Frack befand, führte Fräulein Laura ans Klavier, die sehr schüchtern that und nur dann und wann aufzuleben schien, wenn sie einen Blick gethan in jene Ecke, wo sich die Porzellanfiguren-Etagère befand. Die Phantasie säuselte los und machte bei den Zuhörern den Effekt, als wollte sich Klavier und Flöte überbieten, welches von diesen beiden Instrumenten am langweiligsten sein könne. Die ganze Nummer wirkte nervenberuhigend; einige ältere Damen ließen, wie um die Musik besser genießen zu können, ihre müden Häupter niedersinken, und ein alter Domänenrath hätte sich fast durch einen lauten Schnarcher verrathen, wenn sein Sohn, der neben ihm stand, denselben nicht noch zur rechten Zeit durch einen kräftigen Husten verdeckt hätte. Pause mit Komplimenten und Erfrischungen. Es floßen Ströme von Mandelmilch und Himbeerwasser; Stühle wurden gerückt, die Damen erhoben sich fächernd und mit gelähmtem Geist und Körper; junge, lebenskräftige Mädchen sandten einen ergebungsvollen Blick gen Himmel, und der Menschenkenner konnte auf manchen gefurchten männlichen Stirnen die ersten Anfänge von Selbstmordgedanken lesen. Aber glücklich, wer nur unter den allgemeinen Freuden des Familien-Concerts zu leiden hatte; glücklich, wer nicht noch daneben einen nagenden Schmerz im Busen trug, wie die unglückliche Amalie, welche sich von jenem Ungeheuer, Strammer genannt, nicht nur total vernachlässigt sah, sondern es sogar mit ansehen mußte, daß er der jüngeren Fräulein A. auf Schritt und Tritt nachging. Strammer, sonst ein taktvoller junger Mann, dem die stille Neigung der Regierungsrathstochter für ihn nicht entgangen war und der es mit einem Hause nicht verderben mochte, wo man im Familienkreise gut zu Mittag speiste, bemühte sich heute in der That gar zu auffallend um Fräulein A. Diesem seltsamen Benehmen lag eine triftige Ursache zu Grunde, und zwar in der Gestalt eines jungen, unternehmenden Kavallerie-Lieutenants, welcher sich der Fräulein A. gleichfalls auffallend näherte, und dem dieses hübsche, aber leichtsinnige junge Mädchen den unglücklichen Herrn Strammer opferte. Wer ruhiger Beobachter war, sah zwischen diesen betreffenden Personen ein kleines Rennen mit Hindernissen. Wo sich der Kavallerie-Lieutenant befand, dahin wurde auch Fräulein A. durch seine bezaubernden Blicke gezogen; dieser folgte Herr Strammer, glühend vor Eifersucht, und wo es galt, in ihre Nähe zu kommen, da gab es für ihn kein Hinderniß, weder eine dicke Kanzleiräthin, noch die unermüdliche Zunge einer dürren Hofräthin: er setzte kühn über alles hinweg, um die Ungetreue beobachten zu können. Gekränkt im tiefsten Herzen folgte ihm die unglückliche Amalie, und in dem Zimmer, wo er sich befand, da wußte sie, nicht fern von ihm, irgend ein Gespräch anzuknüpfen, so unbedeutend, so nichtssagend, daß es ihr vollkommen Zeit ließ, den schlechtdenkenden Strammer zu überwachen. Da die Regierungsräthin Zwicker nie eine Soirée ohne Souper gab, so war auch heute eins vorbereitet, sollte aber erst am Schlusse des Concertes eingenommen werden. Doch hatte der fühlende Vater Zwicker im letzten Zimmer schon während der Pause einige Weinflaschen aufstellen lassen und seinen Bekannten einen Wink gegeben, sich dort für die zweite Abtheilung zu stärken. Viele machten von dieser Freundlichkeit einen mäßigen Gebrauch, wie das denn auch selbstredend war, nahmen ein Glas und entfernten sich wieder. Dabei aber können wir unmöglich verschweigen, daß der Herr Volontär Schmelzing dieses Weinzimmer häufiger als jeder andere betrat und sich auch dort viel länger aufhielt als nothwendig gewesen. Um aber dem Gange unserer Geschichte nicht vorzugreifen, müssen wir sagen, daß er zu Anfang der zweiten Abtheilung wieder an der Porzellan-Etagère lehnte, daß Amalie zitterte, als sie sehen mußte, wie der treulose Strammer nur Blicke für Fräulein A. hatte, welche vor ihm auf einem der ersten Stühle saß, nicht weit von dem entsetzlichen Kavallerie-Lieutenant, der ein fades und schmachtendes Gesicht machte. So erschien es nämlich dem unglücklichen Sänger. Alles hatte die früheren Plätze wieder eingenommen, selbst die Regierungsräthin, nachdem sie am Nebenzimmer gelauscht und dort von ihren beiden Sprößlingen kein unanständiges Geräusch vernommen. Die beiden Kinder spielten nach wie vor mit ihrer Waschschüssel, die sie durch Hinzuthun von weiterer Flüssigkeit bis an den Rand gefüllt. »Bs–s–s–t! Bs–s–s–st!« riefen die Kanzleibeamten und als Herr Strammer neben das Piano hintrat, war es wieder ziemlich still im Salon und den angrenzenden Zimmern geworden; aber es war größtentheils nicht mehr die Stille eines aufmerksamen und erwartungsvollen Publikums, es war die Stille der Ermattung, der Verzweiflung. Herr Strammer stand also da, die linke Hand auf die Hüfte gestützt, mit der rechten das Notenblatt zierlich zum Munde führend, und dann machte er den Versuch, der schönen Fräulein A. durch Zeichen an den Tag zu legen, daß er nur für sie allein lebe, athme, singe! – Leider aber schien Amalie Zwicker diese Zeichen besser zu verstehen, als diejenige, der sie galten. Jetzt schlug der begleitende Musiker die ersten Töne an und Herr Strammer begann. Es ist eigenthümlich, daß bei diesem Gesange das Auge größere Unterhaltung hatte, als das Ohr. Es war in der That höchst ergötzlich, anzusehen, wie der Sänger sein Notenblatt bald tief herabsenkte, bald hoch gegen das Herz erhob, dabei blickte er schmachtend gegen die Decke des Zimmers, öffnete und schloß die Augen, machte einen seltsam melancholischen Mund, und da dieser Mund, sowie das ganze Gesicht sehr breit war, die Stirne aber höchst niedrig, so sah der Kopf des Herrn Strammer dem eines Frosches nicht unähnlich, der seine Serenade in die dunstige Nachtluft hinaussingt; nur waren beide in der Farbe sehr verschieden, denn die unseres Sängers spielte schon nach den ersten Takten in's Röthliche und ging bei einem hohen Tone, der ausgehalten werden mußte, so entsetzlich in's Bläuliche, daß man jeden Augenblick einen Schlagfluß befürchten konnte. Von dem Gesange selbst ist wenig zu sagen; es war, als habe Herr Strammer einen eisernen Ring um den Hals, der sich bei jeder Anstrengung noch mehr verengte und jeden Ton einzeln zerdrückte und erstickte. Endlich waren seine Leiden zu Ende, man applaudirte und er trat ab. Dem Programm nach hätte er gleich darauf Kückens Lied singen sollen, doch hatte sich noch ein vielversprechender Baritonist gemeldet, eine viereckige Gestalt, mit einer gewaltigen Brust, mit der er kokettirte, und langem, straffem Haare, das er trotzig mit seinen fünf Fingern von der Stirne wegwarf. Er brüllte – den Mönch von Meyerbeer, und es war ein Glück, daß er sich hören ließ, denn seine gellende und krächzende Stimme erweckte die halb Eingenickten und schon Schlummernden in allen Zimmern. Abermals Herr Strammer, – diesmal war sein Auftreten schmachtender, hingebender, auch zuversichtlicher. »Ach, wenn du wärst mein eigen,« lag seiner Stimme vortrefflich, und er hatte es bei sich zu Hause so lange einstudirt, bis es die Nachbarn überdrüssig waren und sein Hausherr ihm mit Aufkündigung gedroht. Jeder fühlende Leser wird begreifen, was es sagen will, vor einem geliebten Gegenstande singen zu dürfen: »Ach, wenn du wärst mein eigen, Wie lieb sollt'st du mir sein!« In diese wenigen Worte und Töne kann man eine ganze Liebesgeschichte legen, und wenn ein weibliches Herz hierdurch nicht gerührt wird, so ist es gar nicht zu rühren. Ach, wenn du wärst mein eigen, Wie lieb sollt'st du mir sein, Wie wollt ich tief im Herzen Nur hegen dich allein. – So sang Herr Strammer, und bei der letzten Strophe – »Nur hegen dich allein« – blickte er gegen die Zimmerdecke, um gleich darauf alle Glut seiner Blicke, ja seine ganze Seele auf den geliebten Gegenstand ausströmen zu lassen, der kaum vier Schritte vor ihm saß. Und alle Wonn' und alles Glück Mir schöpfen nur aus deinem Blick. Leider aber schien der unglückliche Sänger weder Wonne noch Glück in diesem Augenblick aus dem Blick der Geliebten zu schöpfen. Fräulein A. hatte bei der Stelle »Wie wollt ich tief im Herzen Nur hegen dich allein,« ihren Blumenstrauß fallen lassen und der unternehmende Kavallerieoffizier war mit einem zierlichen Schleifer auf den Blumenstrauß losgestürzt, hatte ihn ergriffen, und indem er ihn der Fräulein A. zurückgab, den Augenblick benutzt, um hinter den Stuhl derselben zu manövriren. Er gab den Blumenstrauß, sie nahm ihn lächelnd an, und als der unglückliche Strammer sang: Und alle Wonn' und alles Glück Mir schöpfen nur aus deinem Blick, hob Fräulein A. ihr Köpfchen in die Höhe, der Kavallerieoffizier senkte sein Haupt herab, und der leise gelispelte Dank drang dem Sänger wie ein Dolchstoß in's Herz und zog ihm den eisernen Ring, von dem wir vorhin zu sprechen die Ehre hatten, so fest zusammen, daß, als er wieder ansetzte Ach, wenn du wärst mein eigen, seine Kehle gar keinen Ton mehr von sich gab, sondern er nur gurgelte und quackste, was auf Amalie Zwicker, deren gebrochenes Herz alles wohl verstanden, einen so fürchterlichen Eindruck machte, daß sie mit einem lauten Aufschrei in ihren Stuhl zurückfiel. Herr Strammer hatte indessen seine Haltung gänzlich verloren. Er versuchte es noch einmal wieder anzufangen, aber er brachte keinen Ton aus der trockenen Kehle hervor, worauf er den besten Ausweg ergriff, sein Notenblatt sinken ließ, schnell sein Schnupftuch hervorholte, und indem er Nasenbluten affektirte, nicht ohne einen wahrhaft entsetzlichen Blick auf den Kavallerieoffizier davonstürzte. Nasenbluten ist nichts Gefährliches, vielmehr nur eine Erleichterung, und die schien sich der ganzen Zuhörerschaft in diesem Augenblicke mitzutheilen, denn alle hofften, nach diesem Zwischenfalle würde das Concert zu Ende sein und ihnen die Polonaise geschenkt werden. – Vergebliche Hoffnung! – Fräulein Laura Zwicker, die ihre Schwester mit einem sanften Ellenbogenstoß wieder zu sich selbst gebracht hatte, schritt erbarmungslos auf das Piano zu, der Flötist Herr Wölfel legte die Noten auf und blieb zum Umwenden an ihrer Seite. Glücklicherweise hatte das Abstürzen des Herrn Strammer einige Aufregung, einiges Stuhlrücken verursacht, und dieses Geräusch den Herrn Volontär Schmelzing aus seinem Halbschlummer erweckt, in den er, gelehnt an die Porzellan-Etagère, versunken war. Jetzt blickte er auf, sah Laura am Klavier sitzen und hatte die Geistesgegenwart nicht nur freundlich zu lächeln, sondern seine Hände zu erheben und pantomimisch im Voraus zu applaudiren. Daß jetzt ringsumher tiefe Stille herrschte, dafür sorgten die Kanzleibeamten des Regierungsraths Zwicker. Laura spielte nicht übel, und Liszts Polonaise begann, würdig des schönen Werkes; aber ein tückischer Dämon schien sich nun einmal vorgenommen zu haben, das Familien-Concert zu keinem glänzenden Ende gelangen zu lassen. Schmelzing, das Ungeheuer, war nach den ersten Takten wieder sanft entschlummert. Laura, die häufig auf ihn blickte, mochte vielleicht sein geschlossenes Auge für ein inniges Genießen der Musik halten, denn daß sein Kopf keine auffallende Bewegung machen konnte, dafür sorgte die Porzellan-Etagère, an welcher er sich festlehnte. Eine Stelle der Polonaise, wo die Finger sanft über die Tasten hingleiteten, piano pianissimo, hatte Laura meisterhaft vorgetragen und die Zuhörer fühlten sich wirklich erfrischt davon, – da, mit einemmale vernahm man einen tiefen, schnarrenden Ton, es war gerade, als wenn eine Säge von kräftiger Hand geführt, sich bemüht, durch ein astvolles, hartes Holz zu dringen. Entsetzlich, dieser Ton wiederholte sich zwei- und dreimal. Laura, die erschrocken aufblickte, fühlte, noch ehe sie sah, wer der Urheber dieser Unterbrechung sei. Ihr Auge irrte umsonst durch die Noten, ihre Hand zitterte, vergeblich taktirte Herr Wölfel mit Fuß und Hand, die unglückliche Spielerin war aus ihrer Bahn geworfen, wie Jammerrufe klang noch der Anschlag einzelner Tasten hie und da, dann warf Laura einen scheuen Blick ringsumher auf die Versammlung, und als sie bemerkte, wie die Umsitzenden bald sie, bald den Herrn Schmelzing anstarrten, nicht nur mit Erstaunen und Schrecken, sondern verschiedene auch mit höhnischem Lächeln, da preßte sie ihr Taschentuch vor die Augen und fing an zu weinen. Hätte nur in diesem Augenblick der Kavallerieoffizier, der sich dicht neben Herrn Schmelzing befand, denselben nicht auf so unsanfte Art erweckt! Doch vielleicht in der guten Absicht, dies nicht auf auffallende Art zu thun, indem er ihn z. B. am Arm rüttelte, stieß er ihn mit dem Fuße an, aber leider so kräftig, daß Herr Schmelzing ausrutschte, niederstürzte und indem er sich an der schwachen Etagère zu halten versuchte, diese sammt den Porzellanfiguren auf den Boden niederschmetterte. Nachdem der Unglückliche bei dem ersten Versuche, sich wieder aufzurichten, noch einen Fenstervorhang herabriß, auch mehrere Damen auf die Füße trat, dabei eine furchtbare Verwirrung anrichtete, in welcher er sich ohne augenblicklich einen Ausweg finden zu können, wie ein Kreisel umherdrehte, fand er endlich mit Beihülfe des Kavallerieoffiziers die Thüre, stürzte in das hinterste Zimmer, dort wo es zur Schlafstube hineinging, in welcher sich die beiden kleinen Zwicker befanden. – Zerknirscht und beschämt, auch etwas betäubt von dem Falle, den er gethan, lehnte er sich mit dem Kopfe an die Thüre, und seine Gedanken beschäftigten sich eifrig damit, wie sein Paletot und Hut zu erlangen sei und wie es möglich zu machen, daß er nicht mehr in die Kanzleistube und vor das Angesicht des Regierungsraths Zwicker zu treten brauche. – So fand ihn nach wenigen Minuten der Regierungsrath Zwicker, der ihm gefolgt. War dessen Gesicht schon vorher vom Zorne geröthet, so wurde dasselbe bei der Stellung, in der er Herrn Schmelzing traf, und die allerdings auch auf einen andern Zustand, als den der Verzweiflung gedeutet werden konnte, jetzt dunkelblau; seine Hände ballten sich ein wenig, und wer weiß, was geschehen wäre, hätte es Herr Zwicker nicht vortrefflich verstanden, sich zu bemeistern. So zuckte er einfach mit den Achseln und sagte ruhig und groß: »Herr, verlassen Sie mein Haus, Sie sind unverbesserlich und in einem unzurechnungsfähigen Zustand.« Daß die Polonaise nicht zu Ende gespielt wurde, brauchen wir dem geneigten Leser wohl nicht zu sagen. Wenigen der Zuhörer war dies übrigens ein Kummer, denn das Familien-Concert hatte bis nach elf Uhr gedauert. Madame Zwicker, eine Frau von Takt und Einsicht, ließ übrigens die Verwirrung im Salon nicht überhand nehmen, vielmehr öffnete sie im entscheidenden Momente die Thüre des Zimmers neben der Küche, die am Anfang des Concerts geschlossen worden, und bald ging der angenehme Ruf von Mund zu Munde: Wenn es gefällig wäre – zum Souper. Mit wahrem Heroismus vermochte sie einstweilen zu überhören, daß von fern Lärm und Geschrei der beiden kleinen eingesperrten Buben zu ihren mütterlichen Ohren herüberklang. Nach längerem Spielen mit ihrer Waschschüssel sollte der See, den dieselbe vorstellte, in bewegtem Zustande dargestellt werden; diese Bewegung wurde aber zu heftig ausgeführt, die Schüssel fiel um, und das Wasser übergoß die Spieler und floß unter der Thüre durch in das letzte Gesellschaftszimmer. Erst nachdem die Ordnung am Tisch hergestellt, schlüpfte Madame Zwicker hinaus, um die Ursache des Lärms zu erkunden. Dann aber überließ sie einer in der Küche helfenden Frau das Wasser aufzutrocknen und die kleinen Unholde zu beruhigen, und nahm in ruhiger Größe ihren Platz am Tische ein. Die meisten Gerichte des Soupers waren gut zubereitet, und da nichts so geeignet ist, eine augenblickliche Aufregung und Verstimmung zu beschwichtigen, wie ein gutes Essen, so fanden schon nach der ersten Schüssel die meisten, daß Abtheilung I. des Concertes glänzend gewesen, daß die Störung der Abtheilung II. höchst bedauerlich sei, daß man sich aber im Allgemeinen vortrefflich amusirt habe. An verschiedenen Torten und Punsch zum Schlusse fehlte es auch nicht, und so trennte man sich denn um Mitternacht ziemlich heiter und zufrieden, wobei ein alter Kanzleirath meinte, man müsse alles Angenehme in dieser elenden Welt mühsam erkaufen, aber wenn später noch ein gutes Souper folge, könne man sich die Qualen einer musikalischen Unterhaltung schon gefallen lassen. Vier Personen aus der Gesellschaft aber waren und blieben während des größten Theils der darauf folgenden Nacht mißgestimmt und unglücklich. Davon fanden sich Herr Strammer und Herr Schmelzing noch im Kaffeehause zusammen, aßen und tranken viel, sprachen wenig, und als sie nach Hause gingen, begegneten sie dem Doctor A. und seinen beiden Töchtern, deren eine von dem glücklichen Kavallerie-Lieutenant geführt wurde. Vielleicht war es ein Glück, daß Herr Strammer in diesem Augenblick keine Waffen bei sich führte; wohl dachte er einige Augenblicke an Selbstmord, verwarf ihn aber hohnlachend und zähneknirschend als ein feiges Vergnügen. – Später noch gingen Amalie und Laura zu Bette; letztere sang dabei halblaut und klagend jene Stelle der Polonaise vor sich hin, jene schreckliche Stelle, bei welcher der Schnarcher des Herrn Schmelzing ihr Spiel und ihr Herz zerrissen. Amalie öffnete aber noch einen Fensterflügel, blickte in die Nacht hinaus, das Auge von Weinen getrübt, und lispelte still vor sich hin: »Ach wenn – Trotz alle dem, was geschehen! – du wärst mein eigen, Wie lieb sollt'st du mir sein!« –