Georg Ebers Homo sum Homo sum: humani nil a me alienum puto. Terenz, Heautontimorumenos, A. I, Sc. I, V. 77.   Herrn Alma Tadema, M. A. , dem großen Meister in der malerischen Darstellung des Lebens der Alten widmet diese Erzählung                         mit freundlichen Grüßen                                                     der Verfasser .   Vorwort. Während meiner Vorarbeiten zu einer Geschichte der Sinai-Halbinsel nahm mich lange Zeit das Studium der ersten christlichen Jahrhunderte in Anspruch, und unter der Masse von martyrologischen und asketischen Schriften, von Heiligen und Mönchsgeschichten, die es für meinen eng begrenzten Zweck durchzuarbeiten und zu sichten galt, fand ich (und zwar in des Cotelerius ecclesiae graecae monumenta ) eine Erzählung, die mir bei aller Unscheinbarkeit eigentümlich und rührend erschien. Ihr Schauplatz war der Sinai und die an seinem Fuße gelegene Oase Pharan. Als ich sodann auf meiner Reise in das peträische Arabien die Höhlen der Anachoreten vom Sinai mit eigenen Augen sah und mit eigenen Füßen betrat, kam jene Geschichte mir wieder in den Sinn, und sie verließ mich nicht, während ich weiter durch die Wüste zog. Ein Seelenproblem der eigentümlichsten Art schien mir in ihrem einfachen Verlaufe geboten zu werden. Ein Anachoret, fälschlich für einen Andern beschuldigt, nimmt, ohne sich zu vertheidigen, dessen Strafe, die Ausstoßung, auf sich. Erst durch das Bekenntniß des Missethäters wird seine Unschuld erkannt. Es bot einen besondern Reiz, den Regungen der Seele nachzudenken, welche zu solcher Apathie (απαθεια), solcher Vernichtung der Empfindungen führten, und während in mir selbst das Thun und Denken der seltsamen Höhlenbewohner zu immer größerer Anschaulichkeit gelangte, bildete sich, gleichsam als Beispiel, die Gestalt meines Paulus heran. Bald schaarte sich dann ein Kreis von Ideen und endlich eine Erkenntniß um sie her, die mich trieb und drängte, bis ich den Versuch wagte, sie in der Form einer Erzählung zum künstlerischen Ausdruck zu bringen. Den äußern Anstoß, den schon längst in mir bis zur vollen Anschaulichkeit herangereiften Stoff zu einem Roman auszugestalten, bot mir die durch Abel's koptische Studien veranlaßt Lektüre von koptischen Mönchsgeschichten. Später regte mich besonders an die kleine, aber schwerwiegende Schrift von H. Weingarten über den Ursprung des Mönchsthums, die mich noch jetzt bei dem Studium der ersten Jahrhunderte des Christentums namentlich in Aegypten festhält. Es ist hier nicht der Platz, diejenigen Punkte hervorzuheben, in denen ich von Weingarten jetzt noch entschiedener als früher abweiche. Mein scharfsinniger breslauer Kollege räumt Vieles bei Seite, das nicht zu bestehen verdient, aber an manchen Stellen seines Buches scheint er mir mit zu scharfem Besen zu kehren. So leicht es mir gewesen wäre, meine Geschichte statt in den Anfang der dreißiger in den der vierziger Jahre des vierten Jahrhunderts zu verlegen, habe ich dies doch unterlassen, weil ich mit Bestimmtheit nachweisen zu können meine, daß es schon in der von mir gewählten Zeit christliche Anachoreten gab. Darin stimme ich Weingarten völlig bei, daß die Anfänge eines organisirten, christlichen Mönchsthums keinenfalls vor das Jahr 350 zu setzen sind. Mein Paulus darf ja nicht mit dem ersten »Eremiten« Paulus von Theben verwechselt werden, den die Kritik mit Recht aus der Liste der historischen Persönlichkeiten gestrichen hat. Er ist wie jede andere Figur in dieser Erzählung eine durchaus erfundene Persönlichkeit, der Träger einer Idee, nichts mehr und nichts weniger. – Für meinen Helden hab' ich kein bestimmtes Vorbild gewählt, und ich nehme nur das Prädikat der Möglichkeit in seiner Zeit für ihn in Anspruch. An den heiligen Antonius, der nun auch um seinen vornehmen Biographen Athanasius gebracht werden soll, und der als ein Mann von sehr gesundem Verstande, aber so mangelhafter Bildung, daß er nur des Aegyptischen mächtig war, dargestellt wird, hab' ich am wenigsten gedacht. Die dogmatischen Streitigkeiten, welche schon in der Zeit meiner Erzählung entbrannt waren, sind mit gutem Bedacht unerwähnt geblieben. In späterer Zeit haben sich die Sinaiten und die Oasenbewohner lebhaft an ihnen betheiligt. Der Sinai, zu dem ich den Leser führe, darf nicht mit dem eine starke Tagereise südlicher gelegenen Berge verwechselt werden, der jedenfalls seit Justinian diesen Namen trägt, an dessen Fuße das berühmte Kloster der Verklärung steht, und der allgemein für den Sinai der Schrift gehalten wird. In der Beschreibung meiner Reise durch das peträische Arabien Georg Ebers, Durch Gosen zum Sinai. Aus dem Wanderbuche und der Bibliothek. Zweite Auflage. Leipzig, W. Engelmann. 1881. habe ich die von Lepsius in die Wissenschaft eingeführte Ansicht, daß der heute » Serbal « genannte Gebirgsriese und nicht der Sinai der Mönche für den Berg der Gesetzgebung gehalten werden muß und auch in der vorjustinianischen Zeit gehalten worden ist, neu zu begründen versucht. In Bezug auf das steinerne Haus des Senators Petrus mit seinen ganz gegen die Sitte des Orients der Straße zugewandten Fenstern muß ich, um begründeten Zweifeln vorzubeugen, bemerken, daß heute noch in der Oase Pharan die wunderbar gut erhaltenen Brandmauern einer ziemlich großen Anzahl von dergleichen Gebäuden stehen. Aber solchen äußeren Dingen räume ich in diesem Seelengemälde nur eine untergeordnete Stellung ein. Während in meinen früheren Romanen sich der Gelehrte dem Dichter und der Dichter dem Gelehrten Konzessionen zu machen gezwungen sah, habe ich in diesem, ohne nach rechts oder links zu schauen, ohne belehren oder die Resultate meiner Studien in Gestalten von Fleisch und Bein umsetzen zu wollen, nichts und gar nichts bezweckt, als in abgerundeter Form eine meine Seele bewegende Idee zum künstlerischen Ausdrucke zu bringen. Die schlichten Gestalten, deren innerstes Wesen ich vor dem Leser zu eröffnen versuche, füllen den Raum des Gemäldes, in dessen dunklem Hintergrunde das strömende Meer der Weltgeschichte wogt. Auf den lateinischen Titel hat mich eine häufig gebrauchte Sentenz gewiesen, die sich mit der Grundeinsicht deckt, zu welcher mich die Anschauung des Denkens und Seins aller Menschen und auch derer, welche schon höhere Stufen der Treppe, die in den Himmel leitet, erklommen zu haben meinen, geführt hat. In des Terenz Heautontimorumenos antwortet Akt 1, Scene 1, V. 77 dem Menedemus sein Nachbar Chremes: » Homo sum: humani nil a me alienum puto ,« was Donner wörtlich übersetzt: »Mensch bin ich; nichts, was menschlich, acht' ich mir als fremd.« Aber schon Cicero und Seneca gebrauchen diesen Vers als Sprüchwort, und in einem Sinne, der weit über dasjenige hinausgeht, was nach dem Zusammenhang der Stelle, an der er vorkommt, darin zu liegen scheint, und, indem ich mich ihnen anschließe, übertrage ich, auf den Titel dieses Buches deutend: »Ein Mensch bin ich, und meine, daß ich Mensch bin überall.« Leipzig , den 11. November 1877. Georg Ebers . Vorwort zur dreizehnten Auflage. Diese neue Auflage des » Homo sum « ist neu durchgesehen worden und hat, wie ich hoffe, manche kleine Verbesserung erfahren. Von einschneidenden Aenderungen und Umgestaltungen konnte abgesehen werden, da die dem Romane zu Grunde liegende Idee ihre Gültigkeit bewahrte, und was die Wissenschaft an neuem Material für die Kenntniß des christlichen Lebens in den ersten Jahrhunderten nach unserer Zeitrechnung herbeibrachte, nichts enthielt, was uns zu durchgreifenden Emendationen gezwungen hätte. Die Wahl der Zeit unserer Erzählung ist seit dem Erscheinen der ersten Ausgabe des » Homo sum « durch manches schwerwiegende Argument gerechtfertigt worden; doch so lehrreich auch koptische Mönchsbiographien wie die des Apa Schnudi in sprachlicher und völkerpsychologischer Hinsicht sein mögen, darf ihnen doch, wie Amélineau bereits richtig hervorhob, kein eigentlicher historischer Werth beigelegt werden. Diese Häufung von meist der Bibel entlehnten Wundern, mit denen der fromme Visa das Leben seines Lehrers und Vorgängers ausschmückt, ist keine Biographie im historischen Sinne des Wortes, doch fanden wir in ihr eine Reihe von Zügen wieder, welche dem Bilde genau entsprechen, das wir uns von dem keiner höheren Bildung theilhaftigen Klausner gebildet und bei Gelegenheit des Ueberfalls der Blemmyer dem Leser vorgeführt haben. Ein neues biographisches Gemälde eines christlichen Anachoreten, der sich der Askese ergeben, nachdem er, wie unser Paulus, in griechischen Schulen eine sorgfältige Erziehung genossen und Theil gehabt hatte an den Schätzen und Reizen des hellenischen Lebens, ist in den letzten Lustren nicht entdeckt worden, und doch wissen wir von zahllosen Griechen, die, obgleich sie den höheren Kreisen der Gesellschaft angehört, als Anachoreten in die Einöde zogen. Ihr Verhalten ist es, das dem Psychologen das höchste Interesse einflößt, und da ich bei neuer Durchsicht dieses Romans den Pfaden noch einmal folgte, die ich den Paulus wandern ließ, damit er aus der alexandrinischen Ueberfeinerung zu jener Einfalt gelange, ohne welche ein Leben wie das seine nicht denkbar, brauchte ich auch ihnen keine wesentlich neue Richtung zu geben. Die Tendenz des » Homo sum « ist vielfach falsch gedeutet worden, und doch liegt offen genug zu Tage, welches die Erkenntniß ist, die ich, wie ich schon in der Vorrede zur ersten Auflage erklärte, durch diesen Roman zum künstlerischen Ausdruck zu bringen wünschte. In aller Kürze läßt sie sich dahin formuliren, daß der Christ die höchsten Ziele seiner Religion sicherer, leichter und in einer Gott und den Menschen wohlgefälligeren Weise in der Welt, im Kreise der Familie und in ernster Arbeit zu erreichen vermag, als durch Weltflucht und in der Einsamkeit, wohin ihm doch, in welcher Wüste Schooß und welchen Berges Schacht er sich auch zurückziehen möge, immer das eigene Ich folgen wird, in dem die ganze Welt enthalten, mit allen Lockungen und Fallstricken, denen der Einsiedler entronnen zu sein hofft. Tutzing am Starnberger See , den 24. Juni 1888. Georg Ebers . Erstes Kapitel. Felsen, nackte, harte, rothbraune Felsen ringsum; kein Strauch, kein Halm, kein anschmiegendes Moos, das sonst wohl die Natur, als habe ein Athemzug ihres schöpferischen Lebens den unfruchtbaren Stein gestreift, auf die Felsflächen des Hochgebirges hinhaucht. Nichts als glatter Granit und darüber ein Himmel, so leer von jedem Gewölk, wie die Felsen von Sträuchern und Gräsern. Und doch, in jener Höhlung der Bergeswand regt sich menschliches Leben, und zwei kleine graue Vögel wiegen sich in der reinen, leichten, von der Mittagssonne durchglühten Wüstenluft und verschwinden hinter einer Klippenreihe, die, wie eine Mauer von Menschenhand, eine tiefe Schlucht begrenzt. Da ist es gut sein, denn ein Quell benetzt ihren steinigen Boden, und wie überall, wo das Naß die Wüste berührt, grünen würzige Kräuter und erwächst freundliches Strauchwerk Als Osiris, so erzählt die Mythe der Aegypter, die Göttin der Einöde umarmte, ließ er auf ihrem Lager seinen grünen Kranz zurück. Aber in der Zeit und in den Kreisen, in denen unsere Geschichte spielt, kennt man nicht mehr die alten Sagen, oder will sie nicht kennen. Wir führen den Leser in den Anfang der dreißiger Jahre des vierten Jahrhunderts nach der Geburt des Heilandes und zu dem Sinaiberge, dessen geweihten Boden einzelne, zur Buße gestimmte Weltmüde, Anachoreten, noch ohne Zusammenhang und Regel, seit einigen Jahren bewohnen. Neben dem Quell in der Thalschlucht, von dem wir gesprochen, erwächst eine vielzweigige Federpalme, aber sie schützt ihn nicht vor den senkrecht niederprallenden Strahlen der Sonne dieser Breiten. Sie scheint nur ihre eigenen Wurzeln zu beschatten; doch ihre gefiederten Zweige sind stark genug, um ein fadenscheiniges blaues Tüchlein zu tragen, und dieses schützt als Schirmdach das Antlitz eines Mädchens, das lang ausgestreckt auf den durchglühten Steinen liegt und träumt, während einige gelbliche Bergziegen, nach Futter suchend, so munter von Stein zu Stein steigen und springen, als sei ihnen die Hitze des Mittags angenehm und erfreulich. Von Zeit zu Zeit greift das Mädchen nach dem neben ihm liegenden Hirtenstecken und lockt mit einem weithin vernehmbaren Zischlaute die Ziegen. Eine junge Gais nähert sich ihr tänzelnd. Wenige Thiere vermögen ihrem Frohsinn Ausdruck zu geben, aber die jungen Ziegen können es. Jetzt streckt das Mädchen den nackten, schlanken Fuß aus und stößt das auf ihr Spiel eingehende Gaislein in munterer Laune zurück und immer wieder zurück, wenn es von Neuem heranhüpft. Dabei biegt die Hirtin die Zehen so zierlich, als wolle sie einen Zuschauer auffordern, sich ihrer Feinheit zu freuen. Wiederum springt das Zicklein heran, und dießmal mit gesenktem Kopfe. Seine Stirn berührt ihre Sohle, aber als es das krumme Näslein zärtlich an dem Fuße der Hirtin reibt, stößt diese es so heftig zurück, daß das Thierchen zusammenschrickt und laut aufmeckernd das Spiel unterbricht. Es war, als habe das Mädchen nur den rechten Augenblick abgewartet, um die Gais empfindlich zu treffen, denn der Stoß war heftig, fast böse gewesen. Das blaue Tuch verbarg das Antlitz der Hirtin, aber gewiß hatten ihre Augen hell aufgeblitzt, während sie dem Thiere wehe gethan. Minutenlang blieb sie regungslos liegen; aber das Tuch, welches auf ihr Antlitz hinabgesunken war, wogte leise hin und her, bewegt von ihrem fliegenden Athem. Sie lauschte mit aller Spannung, mit leidenschaftlicher Erwartung; man konnte es auch an den krampfhaft zusammengezogenen Zehen erkennen. Nun ließ sich ein Geräusch vernehmen. Es kam aus der Richtung der rohen Treppe von unbehauenen Blöcken, welche von der schroffen Wandung der Schlucht zu der Quelle niederführte. Ein Schreck durchschauerte die zarten, nur halb entwickelten Glieder der Hirtin; doch sie regte sich nicht. Die grauen Vögel, welche neben ihr auf dem Dornstrauche saßen, flogen auf, aber sie hatten eben nur ein Geräusch vernommen und vermochten nicht zu unterscheiden, wer es erzeuge. Der Hirtin Ohr war schärfer als das ihre. Sie hörte, daß ein Mensch sich nahe, und wußte, daß so nur ein Einziger schreite. Schnell streckte sie die Hand nach einem Stein aus, der neben ihr lag, und warf ihn in den Quell, dessen Wasser sich allsogleich trübte. Dann wandte sie sich auf die Seite, und legte, als ob sie schlafe, ihr Haupt auf den Arm. Deutlicher und immer deutlicher ließen sich kräftige Schritte vernehmen. Der die Stufen Hinabsteigende war ein hochgewachsener Jüngling. Seiner Kleidung nach gehörte er zu den Anachoreten vom Sinai, denn er trug nichts als einen hemdartigen Rock von grobem Linnen, dem er entwachsen zu sein schien, und rohe Ledersohlen, die mit faserigem Palmenbast an seine Füße geschnürt waren. Aermlicher als ihn kleidete kein Herr seinen Sklaven, und doch würde ihn Niemand für einen Unfreien gehalten haben, denn hochaufgerichtet und selbstbewußt schritt er dahin. Er konnte nicht viel mehr als zwanzig Jahre zählen; das verrieth das keimende, weiche Barthaar auf seiner Oberlippe, an Kinn und Wangen, aber aus den großen blauen Augen leuchtete keine Jugendfrische, sondern Unlust, und festverschlossen wie von Trotz waren seine Lippen. Jetzt blieb er stehen und strich das ungeordnete braune Lockenhaar, das in Ueberfülle, wie die Mähne eines Löwen, sein Haupt umfloß, aus der Stirn. Dann näherte er sich der Quelle, und als er sich bückte, um mit der großen, getrockneten Kürbisschale in seiner Hand Wasser zu schöpfen, bemerkte er zuerst, daß der Brunnen getrübt war, dann die Ziegen und endlich die schlummernde Hirtin. Unmuthig stellte er das Gefäß vor sich hin und rief das Mädchen mit lauten Worten; sie aber regte sich nicht, bis er sie mit dem Fuße unzart berührte. Da sprang sie, wie von einer Natter gestochen, auf, und zwei Augen, so schwarz wie die Nacht, flammten ihm aus ihrem jungen, bräunlichen Gesichte entgegen. Die zierlichen Flügel ihrer scharf gebogenen Nase bewegten sich schnell, und die schneeweißen Zähne blitzten, als sie ihm zurief: »Bin ich ein Hund, daß Du so mich weckst?« Er erröthete, zeigte unwillig auf den Quell und sagte barsch: »Dein Vieh hat wieder das Wasser getrübt; ich werde hier warten müssen, bis es sich klärt und ich schöpfen kann.« »Der Tag ist lang,« gab die Hirtin zurück und stieß, indem sie sich aufrichtete, wie von ungefähr einen neuen Stein in's Wasser. Dem Jüngling war der triumphirend aufleuchtende Blick nicht entgangen, mit dem sie zu dem getrübten Quell hinuntergeschaut hatte, und zornig rief er: »Recht hat er! Eine Giftschlange bist Du, ein Dämon der Hölle.« Lachend erhob sie sich und schnitt ihm ein Gesicht, als wollte sie ihm zeigen, daß sie wirklich ein schrecklicher Unhold sei, und es ward ihr das leicht bei der großen Schärfe ihrer leicht beweglichen, jugendlichen Züge. Auch erreichte sie vollkommen ihre Absicht, denn mit allen Zeichen des Entsetzens wich er zurück, streckte abwehrend die Arme vor, sprach den Namen Gottes aus und rief, als er sie lachen und immer unbändiger lachen sah: »Zurück, Dämon, zurück! Im Namen des Herrn frage ich Dich: Wer bist Du?« »Mirjam bin ich, wer sonst?« gab sie übermüthig zurück. Er hatte eine andere Antwort erwartet. Ihre Munterkeit verdroß ihn und unwillig rief er: »Wie Du auch heißt, ein Unhold bist Du, und ich werde Paulus bitten, daß er Dir verbietet, Dein Vieh aus unserer Quelle zu tränken.« »Zu Deiner Amme liefest Du und verklagtest mich bei der, wenn Du eine hättest,« gab sie ihm zurück, indem sie verächtlich die Lippe aufwarf. Er erröthete; sie aber fuhr furchtlos und mit lebhaftem Geberdenspiele fort: »Ein Mann solltest Du sein, denn Du bist stark und groß, aber wie ein Kind läßt Du Dich halten oder wie eine erbärmliche Magd. Wurzeln und Beeren suchen und in dem elenden Dinge da Wasser schöpfen ist Dein Geschäft. Das hab' ich gelernt, als ich so groß war!« Und sie zeigte mit den straff ausgestreckten, spitzen Fingern ihrer beiden Hände, die nicht weniger beweglich waren als die Züge ihres Gesichts, ein verächtlich kleines Maß. »Pfui doch! Stärker bist Du und stattlicher, als all' die Amalekiterbursche da unten, aber versuch' es nur, Dich mit ihnen zu messen im Pfeilschießen oder im Lanzenwerfen!« »Dürft' ich nur, wie ich wollte,« unterbrach er sie, und flammende Röthe übergoß sein Gesicht. »Mit zehn von den mageren Wichten würde ich fertig!« »Das glaub' ich,« entgegnete das Mädchen, und ihr lebhafter Blick maß mit dem Ausdruck des Stolzes die breite Brust und die muskelstarken Arme des Jünglings. »Das glaub' ich, aber warum darfst Du nicht? Bist Du der Sklave des Mannes da oben?« »Er ist mein Vater, und dann . . .« »Was dann!« rief sie und schwenkte die Hand, als gält' es, eine Fledermaus zu verjagen. »Wollte kein Vogel ausfliegen, das gäb' ein schönes Gewimmel im Neste! Sieh' da meine Gaisen; so lang sie sie brauchen, laufen sie hinter der Mutter her; aber sobald sie ihr Futter allein finden, suchen sie sich's, wo sie es finden, und ich sage Dir: die Einjährige dort weiß gar nicht mehr, ob sie an der gelben oder schwarzen gesogen. Und was thut denn Dein Vater Großes für Dich?« »Schweig'!« unterbrach sie der Jüngling mit aufrichtigem Unwillen. »Der Böse spricht aus Dir. Hebe Dich von mir, denn ich darf nicht hören, was ich nicht sagen dürfte.« »Darf, darf, darf,« schnarrte sie ihm nach. »Was darfst Du denn? Nicht einmal hören darfst Du.« »Am wenigsten das, was Du sprichst, Du Kobold!« rief er heftig. »Verhaßt ist mir Deine Stimme und treff' ich Dich wieder am Quell, so werd' ich Dich mit Steinwürfen verjagen.« Sie starrte ihn, während er also redete, sprachlos an. Das Blut war ihr aus den Lippen gewichen, und ihre kleinen Hände hatten sich zu Fäusten geballt. Er wollte an ihr vorübergehen, um Wasser zu schöpfen, aber sie trat ihm in den Weg und hielt ihn gebannt mit dem starren Blick ihres Auges. Es durchrieselte ihn kalt, als sie mit bebendem Munde und klangloser Stimme fragte: »Was hab' ich Dir gethan?« »Laß mich!« sagte er und erhob die Hand, um sie von dem Wasser fortzudrängen. »Du rührst mich nicht an!« rief sie außer sich. »Was hab' ich Dir gethan?« »Du weißt nichts von Gott,« entgegnete er, »und wer nicht Gottes ist, der ist des Teufels.« »Das kommt nicht aus Dir,« gab sie zurück, und wieder begann leiser Spott aus ihrer Stimme zu klingen. »Was sie Dich glauben lassen, das zerrt an Deiner Zunge, wie die Hand an der Schnur des Gliedermannes. Wer hat Dir gesagt, ich sei des Teufels?« »Warum sollt' ich Dir's hehlen?« antwortete er stolz. »Der fromme Paulus warnte mich vor Dir, und ich will es ihm danken. Aus Deinem Auge, sagte er, schaue der Böse. Und Recht hat er, tausendmal Recht. Wenn Du mich ansiehst, so ist es mir, als sollt' ich Alles mit Füßen treten, was heilig. In der letzten Nacht noch träumte mir, ich hätte mich mit Dir im Tanze geschwungen . . .« Bei diesen Worten verschwanden Ernst und Groll aus Mirjam's Augen. Sie klatschte in die Hände und rief: »Wär's doch Wirklichkeit gewesen und kein windiger Traum! Erschrick nur nicht wieder, Du Narr! Weißt Du denn, wie das ist, wenn die Flöten tönen und die Saiten klingen und im Reigen die Füße sich heben, als hätten sie Flügel?« »Die Flügel des Satans,« unterbrach sie Hermas streng. »Ein Dämon bist Du, eine verstockte Heidin.« »So sagt der fromme Paulus,« lachte Mirjam. »Das sage auch ich!« rief der Jüngling. »Wer sah Dich je in der Versammlung der Frommen? Betest Du? Dankst Du dem Herrn und dem Heiland?« »Wofür sollt' ich wohl danken?« fragte Mirjam. »Etwa dafür, daß mich der Frömmste unter euch als einen bösen Dämon verlästert?« »Eben weil Du sündig bist, versagt Dir der Himmel das Gute.« »Nein, nein, tausendmal nein!« rief Mirjam. »Kein Gott hat jemals nach mir gefragt. Und bin ich nicht gut, wie sollt' ich's denn sein, da mir doch nur Schlimmes zu Theil ward? Weißt Du, wer ich bin und wie ich so geworden? War ich etwa schlecht, wie sie auf der Pilgerfahrt hieher meine beiden Eltern erschlugen? Sechs Jahre zählte ich damals, nicht mehr, und was ist so ein Kind! Aber ich weiß noch recht gut, daß bei unserem Hause viele Kameele weideten und auch Rosse, die uns gehörten, und daß an der Hand, die mich oftmals gestreichelt, – es war doch wohl die meinem Mutter, – ein großer Edelstein glänzte. Ich hatte auch eine schwarze Sklavin, die mir gehorchte. Wenn sie nicht wollte wie ich, dann hängte ich mich an ihr graues, wolliges Haar und durfte sie schlagen. Wer weiß, wohin sie gekommen? Ich liebte sie nicht, doch hätt' ich sie jetzt, wie wollt' ich ihr gut sein! Nun zehre ich ja selbst seit zwölf Jahren das Brod der Knechtschaft und hüte dem Senator Petrus die Ziegen, und unterstünd' ich mich, auf den Festplatz zu den freien Mädchen zu treten, sie stießen mich fort und rissen mir den Kranz aus dem Haare. Und ich soll dankbar sein? Wofür denn? Und fromm? Welcher Gott hat denn für mich gesorgt? Nennt mich einen bösen Dämon, nennt mich so; aber wenn Petrus und Dein Paulus sagen, daß der da oben, der zu solchem Loose mich groß werden ließ, gut sei, so lügen sie. Gott ist böse, und es sieht ihm gleich, wenn er Dir in's Herz gibt, mich mit Steinwürfen von eurem Quell zu verscheuchen.« Bei diesen Worten brach sie in ein schmerzliches Schluchzen aus, und die Züge ihres Gesichtes verschoben und verzogen sich vielfältig und heftig. Hermas fühlte Mitleiden mit der weinenden Mirjam. Hundertmal war er ihr begegnet, und immer hatte sie bald übermüthig, bald unzufrieden, bald herausfordernd, bald zornig dreingeschaut, niemals sich weich oder bekümmert gezeigt. Heute erschloß sich ihm zum ersten Mal das Herz, und die Thränen, die ihr Antlitz entstellten, verliehen ihrer Person einen Werth, den sie bisher nicht für ihn besessen hatte, denn Hermas fühlte jetzt, daß sie ein Weib sei, und da er sie schwach und kummervoll sah, so schämte er sich seiner Härte, nahte sich ihr freundlich und sprach: »Du brauchst nicht zu weinen. Komm' nur immer wieder zur Quelle; ich will Dir's nicht wehren.« Seine tiefe Stimme klang weich und freundlich, als er das sagte; sie aber schluchzte heftiger, fast krampfhaft auf und wollte reden, vermochte es aber nicht. An all' ihren zarten Gliedern bebend, von Weh geschüttelt, vergehend vor Leid, stand die schlanke Hirtin vor ihm, und es war ihm, als müßt' er ihr helfen. Lebhaftes Mitgefühl schnitt ihm in's Herz und hemmte ihm die wenig gelenke Zunge. Als er keine Worte des Trostes fand, faßte er mit der linken Hand den Krug und legte ihr die rechte, die ihn vordem gehalten, freundlich auf die Schulter. Sie zuckte zusammen, aber ließ es geschehen. Der warme Hauch ihres Mundes berührte ihn. Er wollte zurücktreten, aber er fühlte sich wie gehemmt. Ob sie weine oder lache, er wußte es kaum, wie er die Hand auf ihren schwarzen Locken ruhen ließ. Sie regte sich nicht. Endlich hob sie das Haupt, ihre Augen brannten in die seinen, und im selben Augenblicke fühlte er, wie zwei zarte Arme seinen Hals umstrickten. Da war es ihm, als brande ein Meer vor seinen Ohren, als flamme Feuer vor seinem Blick. Eine namenlose Angst ergriff ihn, gewaltsam riß er sich von ihr los und stürzte mit lautem Geschrei, als wenn ihn die Geister der Hölle verfolgten, die Stufen heran, welche zu der Quelle hinabführten, und achtete es nicht, daß sein Krug an der Felsenwand in tausend Stücke zerschellte. Wie gebannt blieb sie stehen und schaute ihm nach. Dann schlug sie die Stirn mit der schmalen Hand, warf sich wieder neben die Quelle hin und starrte in's Leere. Regungslos lag sie da; nur ihr Mund blieb in steter Bewegung. Als der Schatten der Federpalme länger wurde, sprang sie auf, lockte die Ziegen und schaute lauschend nach dem Stufenwege hin, auf dem er verschwunden. Die Dämmerung ist kurz in der Nähe des Wendekreises, und sie wußte, daß sie auf dem steinigen und schluchtenreichen Wege thalabwärts vom Dunkel überrascht werden würde, wenn sie länger säume. Sie fürchtete sich auch vor den Schrecken der Nacht, den Geistern und Dämonen und tausend Gefahren, über deren Natur sie sich selbst keine Rechenschaft zu geben vermochte; aber sie wich nicht vom Platz und hörte nicht auf zu lauschen und auf seine Wiederkehr zu warten, bis die Sonne hinter dem heiligen Berge verschwunden war, und die Glut des Westens verblaßte. Todtenstille umfing sie, sie hörte sich selber athmen, und berührt von der nächtlichen Kühle, schauerte sie fröstelnd zusammen. Jetzt hörte sie lautes Geräusch zu ihren Häupten. Ein Rudel Steinböcke, gewohnt in dieser Stunde den Durst an der Quelle zu löschen, kam näher und näher, wich aber zurück, da es eines Menschen Nähe witterte. Nur der Führer der Heerde war auf dem Rande der Schlucht stehen geblieben, und sie wußte, daß er auf ihren Aufbruch wartete, um die anderen zur Tränke zu führen. Schon hob sie, einer freundlichen Regung folgend, den Fuß, um den Thieren Platz zu machen. Da gedachte sie der Drohung des Hermas, sie von der Quelle zu verjagen, und unwillig hob sie einen Stein auf und warf damit nach dem Bocke, der zusammenschrak und eilig entfloh. Ihm folgte das Rudel. Mirjam hörte es enteilen und trieb dann gesenkten Hauptes und den Weg mit den Füßen suchend ihre Heerde durch das Dunkel nach Hause. Zweites Kapitel. Hoch über der Schlucht mit der Quelle lag eine ebene Felsenfläche von bescheidenem Umfang, in deren Hintergrunde sich eine zerklüftete Wand von nacktem, rothbraunem Porphyr erhob. Eine stahlharte Dioritader durchzog ihren Fuß wie ein grünes Band, und unter dieser öffnete sich eine kleine, rundliche, von der bildenden Hand der Natur gewölbte Höhle. Früher hatten wilde Thiere, Panther oder Wölfe, in ihr gehaust; jetzt diente sie dem jungen Hermas und seinem Vater zur Wohnung. Viele ähnliche Höhlen befanden sich in dem heiligen Berge, und von den größten unter ihnen hatten Anachoreten Besitz ergriffen. Die des Stephanus war besonders hoch und tief, und dennoch war der Zwischenraum klein, der die beiden Lagerstätten von getrockneten Bergkräutern trennte, auf denen hier der Vater, dort der Sohn ruhte. Mitternacht war längst vorüber, aber weder der junge, noch der alte Höhlenbewohner schienen zu schlafen. Hermas stöhnte laut und warf sich heftig von einer Seite auf die andere, ohne des Alten zu achten, der, schwach und von Schmerzen gequält, des Schlummers nöthig bedurfte. Indessen versagte sich Stephanus die Erleichterung, sich umzuwenden oder zu seufzen, wenn er zu bemerken meinte, daß sein rüstiger Sohn Ruhe gefunden habe. Was mochte dem Knaben, der sonst fest und schwer erweckbar zu schlafen pflegte, die Ruhe rauben? »Wie kommt es,« dachte Stephanus, »daß die kräftige Jugend so fest und viel, und das der Ruhe bedürftige Alter, ja auch der kranke Mensch, so leicht und wenig schläft? Soll ihnen das Wachen die Lebensfrist, deren Ablauf sie fürchten, verlängern? Wie hängt man doch so thöricht an diesem jammervollen Dasein, und möchte sich fortstehlen und verbergen, wenn der Engel uns ruft, und sich uns die goldenen Thore öffnen! Wie Saul, der Hebräer, sind wir, der sich versteckte, da sie ihm mit der Krone nahten! Die Wunde brennt schmerzlich. Hätte ich nur einen Schluck Wasser! Wäre das arme Kind nicht so schwer entschlafen, ich bäte doch um den Krug.« Stephanus lauschte zu dem Sohne hinüber und weckte ihn nicht, wie er seine schweren und regelmäßigen Athemzüge vernahm. Fröstelnd zog er sich unter seinem Schurzfell zusammen, das nur den halben Körper bedeckte, denn durch die Oeffnung der bei Tage glühend heißen Höhle drang jetzt die eisige Nachtluft. So vergingen lange Minuten. Endlich glaubte er zu bemerken, daß Hermas sich aufrichte. Ja, der Schläfer mußte erwacht sein, denn er begann zu reden und den Namen Gottes anzurufen. Nun wandte sich der Alte seinem Sohne zu und begann leise: »Hörst Du mich, Kind?« »Ich kann nicht schlafen,« antwortete der Jüngling. »So gib mir zu trinken,« bat Stephanus, »meine Wunde brennt unerträglich.« Hermas erhob sich sogleich und reichte dem Leidenden den Wasserkrug. »Danke, danke, mein Kind,« sagte der Alte und suchte tastend nach dem Halse des Gefäßes. Aber er fand ihn nicht und rief erstaunt: »Wie feucht und kalt! Das ist ja Thon, und unser Krug war ein Kürbis.« »Ich hab' ihn zerbrochen,« unterbrach ihn Hermas »und Paulus lieh mir den seinen.« »So, so,« murmelte Stephanus, trank begierig, gab seinem Sohne den Krug zurück und wartete, bis er sich wieder auf dem Lager ausgestreckt hatte. Dann sagte er besorgt: »Du bliebst lange aus am Abend, der Krug ist zerbrochen, und Du stöhntest im Schlaf. Was ist Dir begegnet?« »Ein Dämon der Hölle,« entgegnete Hermas. »Und jetzt folgt mir der Unhold in unsere Höhle und ängstigt mich in allerlei Gestalten.« »Banne ihn denn und bete,« sagte der Alte ernst. »Vor dem Namen Gottes fliehen die unreinen Geister.« »Ich hab' ihn gerufen,« seufzte Hermas, »aber vergebens. Ich sehe Weiber mit rothen Lippen und wallenden Haaren, und weiße Marmorbilder mit runden Gliedern und glühenden Augen, die mir winken, immer und immer.« »So nimm die Geißel,« befahl der Vater, »und schaffe Dir Ruhe.« Gehorsam erhob sich Hermas auf's Neue und ging mit der Geißel in's Freie. Die Enge des Höhlenraumes verbot ihm, sie dort mit kräftig erhobenem Arme zu schwingen. Bald vernahm Stephanus das Pfeifen der die nächtliche Stille durchsausenden ledernen Schnüre, ihren harten Schlag auf elastische menschliche Muskeln und seines Sohnes schmerzliches Stöhnen. Bei jedem Hiebe zuckte der Alte zusammen, als habe er ihn selbst getroffen. Endlich rief er so laut wie er es vermochte: »Genug jetzt, genug!« Hermas kehrte in die Höhle zurück. Sein Vater rief ihn an sein Lager und forderte ihn auf, mit ihm gemeinsam zu beten. Nach dem Amen streichelte er des Sohnes üppigen Haarschmuck und sagte: »Seit Du in Alexandria warst, bist Du ein Anderer geworden. Ich wollte, ich hätte dem Bischof Agapitus widerstanden und Dir die Reise verboten! Bald wird mein Heiland mich rufen, ich weiß es, und Niemand wird Dich hier halten. Dann wird der Versucher Dir nahen und all' die Herrlichkeiten der großen Stadt, die doch nur leuchten wie Holz, wenn es faul ist, wie schillernde Schlangen und giftige Purpurbeeren . . .« »Ich mag sie nicht,« unterbrach ihn Hermas. »Verwirrt und geängstigt hat mich der lärmende Ort. Nie und nimmer betret' ich ihn wieder.« »So sagst Du immer,« gab Stephanus zurück, »und doch hat Dich die Reise verändert. Wie so häufig dacht' ich früher, wenn ich Dich lachen hörte, der Klang müßte gewiß dem Vater im Himmel gefallen. Und nun? Wie ein singender Vogel bist Du gewesen, und jetzt gehst Du stumm einher, sauer und unwillig schaust Du drein, und böse Gedanken verkümmern Dir den Schlummer.« »Das ist mein Schade,« antwortete Hermas. »Bitte, laß meine Hand los. Bald ist die Nacht vorbei, und den ganzen langen Tag hast Du Zeit, mir Lehren zu geben.« Stephanus seufzte, und Hermas suchte sein Lager auf. Beide floh der Schlaf, und Jeder wußte vom Andern, daß er wache, und hätte ihn gern angeredet, aber Mißbehagen und Trotz schlossen des Sohnes Lippen, und der Vater schwieg, weil er immer nicht die rechten, herzergreifenden Worte finden konnte, nach denen er suchte. Endlich ward es Morgen. Ein dämmernder Schimmer streifte die Oeffnung der Höhle, und es ward heller und heller in ihrem dumpfen Raume. Der Jüngling erwachte und erhob sich gähnend. Als er seinen Vater mit offenen Augen daliegen sah, fragte er gleichgültig: »Soll ich hier bleiben oder zur Morgenandacht gehen?« »Laß uns zusammen beten,« bat Stephanus. »Wer weiß, wie lange uns das noch vergönnt ist. Der Tag ist mir nicht fern, dem kein Abend folgt. Knie' hier nieder und laß mich das Bild des Gekreuzigten küssen.« Hermas that, wie ihm der Vater geheißen, und als Beide ihren Lobgesang endeten, mischte sich eine dritte Stimme in das Amen. »Paulus!« rief der Alte; »gelobt sei der Heiland! Sieh' doch ein wenig nach meiner Wunde. Die Pfeilspitze sucht einen Ausgang und brennt mich furchtbar.« Der neu Angekommene, ein Anachoret, der statt jeder andern Kleidung einen hemdartigen Rock von braunem, ungewalktem Tuch und ein Schaffell trug, untersuchte sorgfältig die Wunde, legte Kräuter darauf und murmelte dabei fromme Sprüche. »Nun ist es viel besser,« seufzte der Alte. »Um Deiner Güte willen gewährt der Herr mir Erbarmen.« »Ich gut? Ich Sündengesäß!« entgegnete Paulus mit tiefer, metallreicher Stimme, und seine überaus freundlichen blauen Augen richteten sich aufwärts, als wollten sie versichern, daß man sich gewaltig über ihn täusche. Dann strich er das ergrauende Haar, welches ihm ungeordnet und buschig über Hals und Gesicht hing, aus den Augen und sagte munter: »Kein Mensch ist mehr als ein Mensch, und Viele sind weniger! In der Arche gab es viel Vieh, aber nur einen Noah!« »In unserem Schifflein bist Du der Noah,« erwiederte Stephanus. »Dann ist der große Lümmel hier der Elephant,« lachte Paulus. »Du bist nicht kleiner als er,« gab Stephanus zurück. »Schade, daß diese steinerne Arche so niedrig ist, sonst könnten wir uns gleich messen,« rief Paulus. »Ja, wären Hermas und ich so fromm und rein, wie wir groß und stark sind, wir hätten Beide den Schlüssel zum Paradies in der Tasche. Du hast Dich heute Nacht gegeißelt, Bursch, ich hörte es klatschen. Recht so! Wenn das sündige Fleisch sich regt, so versetzt man ihm eins.« »Er hat schwer gestöhnt und konnte nicht schlafen,« sagte Stephanus. »Ei, da soll ihn doch!« schrie Paulus dem Jüngling zu und streckte ihm seine gewaltigen Arme mit geballten Fäusten entgegen. Aber die drohenden Worte klangen mehr laut als grimmig, und so wild der ungewöhnlich große Mann in dem Schaffell auch aussah, so lag doch eine so unwiderstehliche Freundlichkeit in seinem Blick und seiner Stimme, daß Niemand glauben mochte, es sei ihm ernst mit dem Zorne. »Höllische Geister sind ihm begegnet,« sagte Stephanus begütigend, »und ich hätte auch ohne sein Aechzen kein Auge geschlossen. Das ist nun die fünfte Nacht . . .« »In der sechsten aber,« unterbrach ihn Paulus, »ist Dir der Schlaf vonnöthen. Thu' das Fell um, Hermas. Du sollst hinunter in die Oase zum Senator Petrus und von ihm oder Frau Dorothea, der Diakonissin, für unsern Kranken einen guten Schlaftrunk holen. Sieh' Einer! Der Junge denkt wahrhaftig an das Frühmahl des Vaters! Freilich, der eigene Bauch ist ein guter Mahner. Steck' nur das Brod ein und stell' das Wasser hieher an das Lager. Während Du fort bist, hol' ich frisches, und nun komm' mit mir.« »Warte noch, warte!« rief Stephanus. »Bring' einen neuen Krug mit aus der Stadt, mein Kind. Du hast uns gestern den Deinen geliehen, Paulus, und ich möchte . . .« »Bald hätt' ich's vergessen,« unterbrach ihn der Andere. »Ich hab' ja dem unbehutsamen Burschen zu danken, denn nun weiß ich erst, wie man trinken muß, so lang' man gesund ist. Nicht für eine Last Goldes nehm' ich den Krug zurück! Nur wenn man aus der hohlen Hand trinkt, mundet das Wasser! Der Scherben gehört euch. Gegen mein eigenes Wohl würde ich wüthen, wenn ich ihn zurückfordern wollte. Gottlob, jetzt kann mir auch der schlaueste Dieb nichts mehr stehlen, als meinen Pelz.« Stephanus wollte ihm danken, er aber nahm Hermas bei der Hand und zog ihn mit sich in's Freie. Eine Zeitlang schritten die beiden Männer schweigend über Klippen und Blöcke bergan. Auf einer Felsenplatte, die der vom Meer über den Berg in die Oase führende Weg berührte, blieb Paulus stehen, wandte sich dem Jüngling zu und sagte: »Wenn wir alle Folgen unserer Handlungen zu jeder Zeit bedenken würden, so gäb's keine Sünde.« Hermas blickte ihn fragend an, Paulus aber fuhr fort. »Wäre Dir's eingefallen, wie nöthig Dein armer Vater des Schlafes bedarf, Du hättest heute Nacht fein stille gelegen.« »Ich konnte nicht,« gab der Getadelte mürrisch zurück. »Du weißt ja, ich habe mich unsanft gegeißelt.« »Das war recht, denn Schläge hast Du verdient wie ein ungezogenes Bürschchen!« Hermas sah den tadelnden Freund herausfordernd an. Flammende Röthe stieg in seine Wangen, denn er erinnerte sich des Wortes der Hirtin, er möge sie bei seiner Amme verklagen, und unwillig rief er: »So laß ich nicht mit mir reden; ich bin kein Kind mehr!« »Auch nicht das Deines Vaters?« unterbrach ihn Paulus und schaute ihn dabei so erstaunt und fragend an, daß Hermas verlegen die Augen abwandte. »Es ist doch nicht schön, wenn Einer gerade Dem, der nur noch um seinetwillen zu leben verlangt, das bischen Leben verkümmert.« »Gern hätte ich stille gelegen, denn ich liebe meinen Vater so gut wie ein Anderer.« »Du schlägst ihn nicht,« entgegnen Paulus, »Du bringst ihm Brod und Wasser und trinkst den Wein nicht allein aus, den Dir der Bischof vom Abendmahle für ihn mit in's Haus gibt. Das ist wohl etwas, aber noch lange nicht genug!« »Ich bin kein heiliger Mann!« »Ich auch nicht!« rief Paulus. »Voll Schwächen bin ich und Sünden; aber was die Liebe ist, die der Heiland uns lehrte, das weiß ich, das kannst Du auch wissen. Am Kreuz ist er verschmachtet für Dich und für mich und die Armen und Schächer. Das Lieben ist das Allerleichteste und Schwerste zugleich. Es heischt Opfer! Und Du? Wie lange ist's her, seit Du dem Vater zum letzten Mal ein frohes Antlitz gezeigt hast?« »Ich kann nicht heucheln.« »Das brauchst Du auch nicht; aber lieben sollst Du. Wahrlich, nicht mit dem, was die Hand thut, sondern nur mit dem, was das Herz freudig darbringt und sich zu versagen zwingt, beweist man die Liebe.« »Und ist es kein Opfer, daß ich hier meine Jugend verderbe?« fragte der Jüngling. Paulus trat vor ihm zurück, schüttelte überrascht das zottige Haupt und sagte: »Steht es so? An Alexandria denkst Du? Ja freilich, schneller verrinnt das Leben dort, als auf unserem einsamen Berge. Das braune Hirtenmädchen magst Du ja nicht, aber vielleicht hat Dir dort eine schöne weiß und rothe Griechin in die Augen geschaut?« »Laß mich mit den Weibern!« entgegnete Hermas mit aufrichtigem Unwillen. »Es gab dort andere Dinge zu schauen!« Bei diesen Worten leuchteten des Jünglings Augen, und Paulus fragte nicht ohne Spannung: »Nun?« »Du kennst Alexandria besser als ich,« antwortete Hermas ausweichend. »Du bist dort geboren, und sie sagen, Du wärest ein reicher Jüngling gewesen.« »Sagen sie?« fragte Paulus. »Vielleicht haben sie Recht; aber wissen sollst Du: Ich bin froh, daß mir nichts mehr gehört von all' dem Tand, den ich da unten besessen habe, und ich danke dem Heiland, daß ich das Menschengewimmel nur noch mit dem Rücken anzusehen brauche. Was scheint Dir denn in all' dem Getreibe so sonderlich lockend?« Hermas zauderte. Er scheute sich zu reden, und doch zog und drängte es ihn, endlich einmal auszusprechen, was ihm die Seele bewegte. Wenn Einer unter all' den ernsten, die Welt verachtenden Männern, unter denen er groß geworden, ihn verstehen konnte, das wußte er, so war es Paulus, dem er, als er klein war, den rauhen Bart gezaust, auf dessen Schultern er oft gesessen und der ihm tausendmal gezeigt hatte, wie lieb er ihn habe. Zwar war der Alexandriner der strengsten Einer, aber er war nur hart gegen sich selbst. Einmal mußte sich Hermas das Herz erleichtern, und mit einem schnellen Entschluß fragte er den Anachoreten: »Hast Du manchmal die Bäder besucht?« »Manchmal? Mich wundert nur, daß ich in all' dem lauen Wasser nicht aufgeweicht und auseinandergegangen bin wie ein Weißbrod!« »Warum spottest Du über das, was den Menschen schön macht?« rief Hermas eifrig. »Warum dürfen in Alexandria auch Christen die Bäder besuchen, während wir hier oben, während Du und der Vater und alle Anachoreten das Wasser nur brauchen, um den Durst zu löschen? Mich zwingt ihr, als einer der Euren zu leben, und ich mag kein garstiges Thier sein!« »Uns sieht nur der Höchste,« gab Paulus zurück, »und wir schmücken für ihn unsere Seelen.« »Aber auch den Leib hat der Herr uns gegeben,« unterbrach ihn Hermas. »Der Mensch ist Gottes Ebenbild, heißt es. Und wir? Widerwärtig wie ein häßlicher Affe kam ich mir vor, als ich die Jünglinge und Männer aus dem großen Bade beim Thor der Sonne heraustreten sah mit schön geordneten, duftigen Haaren und geschmeidigen Gliedern, die vor Frische und Reinheit glänzten. Und als sie so dahinzogen, und ich meines schäbigen Schaffelles und des Wustes der Mähne hier oben gedachte und meine Arme ansah und Füße, die nicht schlechter und schwächer gebildet sind als die ihren, da überlief es mich heiß und kalt, und es war mir, als schnüre mir ein bitterer Trank die Kehle zusammen. Am liebsten hätt' ich laut aufgeheult vor Scham und Neid und Verdruß. Ich will nicht sein wie ein Scheusal!« Hermas hatte bei den letzten Worten mit den Zähnen geknirscht, und Paulus schaute ihn beunruhigt an, als er fortfuhr: »Mein Leib ist Gottes so gut wie meine Seele, und was den Christen in der Stadt erlaubt ist . . .« »Das dürfen wir hier oben doch wohl nicht,« unterbrach ihn Paulus ernst. »Wer sich einmal dem Himmel verschrieben, der muß sich ganz loslösen von den Reizen des Lebens und ein Band nach dem andern zerschneiden, das ihn mit dem Staube verknüpft. Ich habe ja auch einmal diesen Leib gesalbt und diese rauhen Haare gestrählt und mich über mein eigenes Spiegelbild herzlich gefreut; aber ich sage Dir, Hermas, und bei meinem lieben Heiland, ich sag's nur, weil ich's empfinde, hier tief im Herzen empfinde: Beten ist besser als baden, und ich armes Nichts bin mit Stunden begnadigt worden, mit Stunden, in denen meine Seele sich frei gerungen hat und als Ehrengast beseligt und entzückt theilnehmen durfte an den Festeswonnen des Himmels.« Während Paulus diese letzten Worte sprach, hatten seine weit geöffneten Augen sich aufwärts gerichtet und einen wunderbaren Glanz gewonnen. Eine Zeitlang standen Beide einander schweigend und regungslos gegenüber. Endlich strich der Anachoret das Haar aus der Stirn, die nun zum ersten Male sichtbar wurde. Sie war wohlgebildet, wenn auch schmal und in ihrem hellen Weiß grell abstechend von dem sonnverbrannten Gesichte. »Du weißt nicht, Knabe,« sagte er aufathmend, »welche Freuden Du preisgeben möchtest für nichtige Dinge. Ehe noch der Himmel einen Frommen zu sich hinaufruft, zieht der Fromme den Himmel zu sich auf die Erde hernieder.« Hermas verstand den Anachoreten gar wohl, denn sein Vater schaute oft nach stundenlangen Gebeten regungslos, ohne zu sehen oder zu hören, was um ihn her vorging, in die Höhe und pflegte, wenn er aus seinem ekstatischen Schauen erwachte, dem Sohne zu erzählen, daß er den Heiland gesehen oder die Chöre der Engel vernommen habe. Ihm selbst war es niemals gelungen, sich in solche Zustände zu versetzen, obgleich ihn Stephanus häufig gezwungen hatte, viele Stunden von unendlicher Länge auf den Knieen zu liegen und mit ihm zu beten. Oft war es geschehen, daß das schwache Lebenslicht des Alten nach diesen Uebungen, welche seine Seele auf's Tiefste erschütterten, zu verlöschen drohte, und weil Hermas ihn liebte, so hätte er ihm gern untersagt, sich solchen schädlichen Erregungen hinzugeben. Aber diese galten für vorzügliche Begnadigungen, und wie hätte der Sohn es wagen dürfen, seine Abneigung gegen so besonders heilige Dinge vor dem Vater zum Ausdruck zu bringen? Paulus gegenüber fand er dazu in seiner heutigen Stimmung den Muth und sagte: »Ich hoffe gewiß auf das Paradies, aber es wird uns doch erst nach dem Tode geöffnet. Geduldig sein soll der Christ; warum wartet ihr nicht auf den Himmel, bis der Heiland euch ruft, und wollt seine Freuden schon hier auf der Erde genießen? Erst das Eine und dann das Andere! Wozu hätte uns Gott die Gaben des Leibes gegeben, als um sie zu brauchen? Schönheit und Kraft sind nichts Geringes, und nur ein Narr schenkt dem andern edle Geschenke, damit er sie fortwirft.« Paulus blickte erstaunt auf den Jüngling, der seinem Vater und ihm bis zu dieser Stunde in allen geistigen Dingen widerspruchslos gefolgt war, und antwortete kopfschüttelnd: »So denken die Kinder der Welt, die dem Höchsten fern stehen. Ebenbilder Gottes sind wir gewißlich, aber welcher Sohn küßt das Bild des Vaters, wenn der Vater selbst ihm die Lippen reicht? Paulus hatte »die Mutter« statt »des Vaters« sagen wollen; aber da er bei Zeiten bedachte, daß Hermas das Glück, sich an eine Mutter zu schmiegen, so früh verloren, sich schnell verbessert. Er gehörte zu Denen, denen es so weh thun würde, Andere zu verletzen, daß sie, als ahnten sie den Sitz auch der verborgenen Wunden ihres Nächsten, sie niemals berühren, außer um sie zu heilen. Er pflegte sonst wenig zu sprechen, heut aber fuhr er eifrig fort: »So viel höher Gott ist, als unser erbärmliches Ich, um so viel würdiger ist es für den Christen, an ihn zu denken, als an seine eigene Person. O, wem es doch glückte, ganz dieses Ich zu verlieren und vollkommen aufzugehen in Gott! Aber es läuft uns nach, und wenn die Seele sich schon verschmolzen zu sein wähnt mit dem Höchsten, so ruft es: ›Hier bin ich,‹ und zerrt unser edleres Theil zurück in den Staub. Schlimm genug, daß wir den Flug der Seele hemmen und unser vergängliches Theil zum Schaden des ewigen mit Brod und Wasser und faulem Schlaf mästen und stärken müssen, so gern wir auch fasten und wachen. Sollen wir dem Fleisch nun gar solche Forderungen zum Schaden der Seele zugestehen, die sich leichtlich abweisen lassen? Nur wer sein elendes Ich verachtet und preisgibt, wird durch des Erlösers Gnade, nachdem er sich selbst verloren, sich wiederfinden in Gott.« Hermas hatte dem Anachoreten geduldig zugehört. Jetzt schüttelte er den Kopf und sagte: »Ich verstehe weder Dich, noch den Vater. So lang ich auf Erden wandle, bin ich ich und kein Anderer. Nach dem Tode freilich, aber erst dann, beginnt das neue, ewige Leben.« »Mit nichten,« unterbrach Paulus ihn lebhaft. »Das andere, höhere Dasein, von dem Du sprichst, beginnt nicht erst im Jenseits für Den, der schon als Lebender zu sterben, der sein Fleisch abzutödten und seine Forderungen zu besiegen, die Welt und sein Ich fortzuwerfen und den Herrn zu suchen nicht abläßt. Vielen ward es vergönnt, schon mitten im Leben wiedergeboren zu werden zu einem höhern Dasein. Sieh' mich, den Aermsten der Armen! Einer nur bin ich, und doch bin ich vor dem Herrn so sicher ein Anderer als Der, der ich war, bevor die Gnade mich erfaßte, wie dieser Palmenschoß, welcher der Wurzel des umgestürzten Baumes entwächst, nicht Eins ist mit dem verfaulten Stamm. Ein Heide bin ich gewesen, und jede Luft des Staubes hab' ich mit vollen Zügen genossen. Dann ward ich ein Christ; die Gnade des Herrn kam über mich, und ich ward neu geboren und zum zweiten Male ein Kind; dießmal aber, Dank meinem Erlöser, ein Kind des Herrn. Mitten im Leben starb ich, stand ich auf, fand ich die Freuden des Himmels. Menander war ich, und wie Saulus, so ward ich Paulus, und Alles, was dem Menander lieb war: Bäder, Gastmähler, Schauspiele, Rosse und Wagen, Ringkämpfe, gesalbte Glieder, Rosen und Kränze, Purpurkleider, Gesang und Frauenliebe, liegen hinter mir wie schmutzige Sümpfe, aus denen ein Wanderer mühsam entkam. Keine Ader des alten ist in dem neuen Menschen zurückgeblieben, und so wie für mich, so hat für alle Frommen mitten auf dem Wege zum Grabe ein neues Leben begonnen. Auch Deine Stunde wird schlagen, auch Du wirst absterben . . .« »Wär' ich nur, wie Du, ein Menander gewesen!« rief Hermas, den Andern jäh unterbrechend. »Wie vermag man wohl von sich zu werfen, was man niemals besessen? Um sterben zu können, muß man erst leben! Verächtlich scheint mir dieses Jammerdasein und müde bin ich's, euch nachzulaufen wie das Kälbchen der Kuh. Frei und aus edlem Geschlechte bin ich, der Vater selbst hat's gesagt, und wahrlich, ich bin nicht schwächer als die Bürgersöhne in der Stadt, denen ich vom Bad aus in die Ringschule folgte.« »In der Palästra warst Du?« fragte Paulus erstaunt. »In der Timagetischen Ringbahn,« rief Hermas erglühend. »Von der Pforte aus sah ich den Spielen der Jünglinge zu, wie sie rangen und mit schweren Scheiben nach einem Ziele warfen. Die Augen sprangen mir schier aus dem Kopfe beim Zuschauen, und laut aufschreien hätte ich mögen vor Groll, so dastehen zu müssen in dem lumpigen Fell und ausgeschlossen zu sein von dem Wettkampf. Wäre Pachomius nicht dazu gekommen, bei den Wunden des Heilands, ich wär' in die Bahn gesprungen und hätte den Stärksten von Allen herausgefordert und mit ihm gerungen, und die Scheibe weiter geschleudert als der duftende Laffe, der den Sieg errang, und den sie bekränzten.« »Danke Pachomius,« lächelte Paulus, »daß er dich zurückhielt, denn nur Spott und Schande hättest Du in der Ringbahn geerntet. Stark bist Du gewiß, aber das Diskuswerfen will erlernt sein wie jede andere Kunst. Herakles selbst würde in diesem Spiel unterliegen ohne Uebung und die Kenntnisse der Handgriffe.« »Ich hätte nicht zum ersten Mal geworfen,« rief der Jüngling. »Sieh' her, was ich kann!« Bei diesen Worten bückte er sich, nahm eine der flachen Steinplatten auf, die hier zusammengehäuft lagen, um den Weg zu befestigen, holte kräftig aus und schleuderte den granitnen Diskus über den Abhang hinweg in die Tiefe. »Da siehst Du!« rief Paulus, der dem Wurf aufmerksam und nicht ohne neugierige Erregung gefolgt war. »So stark Dein Arm auch sein mag, jeder Neuling wirft weiter als Du, wenn er die Kunstgriffe kennt. Nicht so, nicht so; mit der scharfen Kante muß die Scheibe wie ein Messer die Luft zerschneiden. Wie Du die Hand hältst; so werfen die Weiber! Das Handgelenk gerade und nun den linken Fuß zurück und das Knie gebogen! Sieh' Einer den Tölpel! Gib mir Deinen Stein! So faßt man die Scheibe, so zieht man den Leib zusammen und drückt die Kniee herunter wie das Holz eines Bogens, damit jede Sehne des ganzen Leibes das Geschoß, wenn es entsandt wird, fortschnellen hilft. So geht es schon eher; aber es ist auch noch nichts Rechtes. Erst heb' die Scheibe mit gestrecktem Arme! Nun fasse Dein Ziel in's Auge! Jetzt schwinge sie hoch nach hinten hinaus. Halt da! Noch einmal! Straffer gespannt muß der Arm sein, bevor Du schleuderst. Das ließ sich schon sehen; aber bis zu der Palme drüben könnte man kommen. Gib mir diese Platte und den Stein dort. So! Die ungleichen Ecken hindern die Flugkraft! Jetzt gib einmal Achtung.« Mit steigender Lebendigkeit hatte Paulus diese Worte gesprochen, und nun faßte er die Steinplatte wie vor vielen Jahren, als kein Jüngling in Alexandria es ihm gleichthat beim Werfen des Diskus. Er beugte die Kniee, streckte den Oberleib vor, ließ das Handgelenk spielen, holte mit dem bis auf's Aeußerste gestreckten Arme weit aus und schnellte, während die gekrümmten Zehen seines rechten Fußes sich in den Boden bohrten, den Stein in's Weite. Vor der Palme, die er als Ziel bezeichnet hatte, fiel er nieder, ohne sie zu erreichen. »Warte,« rief Hermas, »laß mich nun versuchen, den Baum zu treffen!« Sein Stein durchsauste die Luft, aber erreichte nicht einmal den Hügel, auf dem die Palme Wurzel geschlagen. Paulus schüttelte mißbilligend den Kopf, griff seinerseits nach einer Platte, und nun begann zwischen Beiden ein lebhafter Wettkampf. Mit jedem Wurfe flog der Stein des Hermas, der Haltung und Griffe seines Lehrers mit großer Gelehrigkeit nachahmte, weiter, während des ältern Mannes Arm zu ermüden begann. Jetzt erreichte Hermas' Stein schon zum zweiten Mal die Palme, während Paulus bei seinem letzten Wurfe selbst den Hügel gefehlt hatte. Die Lust des Wettspiels bemächtigte sich mehr und mehr des Anachoreten. Er warf die Kleider von den Schultern, und einen neuen Stein ergreifend, rief er, als stünde er unter den von Salböl glänzenden Genossen in der Timagetischen Ringbahn, in der er so viele Kränze errungen: »Beim Silberbogner Apollo und der pfeilfrohen Artemis, ich erreiche die Palme!« Das Geschoß durchsauste die Luft, sein Oberkörper schnellte empor, sein linker Arm streckte sich und gab dem wankenden Körper das Gleichgewicht wieder, ein Krach, der getroffene Baumstamm zitterte, und Hermas jubelte auf: »Wundervoll, wundervoll! Das war ein Wurf! Der alte Menander ist doch nicht gestorben! Leb' wohl, und morgen werfen wir weiter!« Mit diesen Worten verließ Hermas den Anachoreten und eilte mit weiten Sätzen den Berg herab in die Oase. Wie ein Schlafwandler, den ein roher Wecker beim Namen ruft, schrak Paulus bei diesen Worten zusammen. Fassungslos blickte er um sich, als habe er sich in einer fremden Welt zurecht zu finden. Helle Schweißtropfen perlten ihm an der Stirn, und beschämt raffte er die am Boden liegenden Kleider auf und bedeckte mit ihnen die entblößten Glieder. Eine Zeitlang schaute er Hermas nach, dann faßte er sich mit tiefem Weh an die Stirn, und schwere Thränen rannen ihm in den Bart. »Was hab' ich gesagt?« murmelte er vor sich hin. »Jede Ader des alten Menschen sei ausgerottet hier innen? Ich Narr, ich eitler Thor! Paulus nennen sie mich, und Saulus bin ich und schlechter als Saulus!« Bei diesen Worten warf er sich auf die Kniee nieder, preßte die Stirn an den harten Felsen und begann zu beten. Es war ihm, als sei er aus der Höhe niedergestürzt auf Schwerter und Lanzen, als blute ihm Herz und Seele, und in Gebet und Jammer zerfließend, sich anklagend und verdammend, fühlte er nicht den glühenden Brand der höher und höher steigenden Sonne, achtete er nicht die schwindende Zeit, hörte er nicht, daß viele die heiligen Stätten besuchende Pilger, von dem Bischofe Agapitus geführt, sich ihm nahten. Die Wallfahrer sahen ihn beten, hörten ihn schluchzen, bewunderten seine Frömmigkeit und knieten auf den Wink ihres Führers hinter ihm nieder. Als Paulus sich endlich erhob, bemerkte er, überrascht und erschreckt, die Zeugen seiner Andacht. Dann nahte er sich Agapitus, um ihm das Gewand zu küssen; dieser aber sagte: »Nicht also! Der Frömmste ist der Größte unter uns. Ihr Freunde, neigen wir uns vor diesem heiligen Manne!« Die Pilger folgten diesem Geheiß. Paulus schlug die Hände vor das Angesicht und schluchzte: »Ich Armer, ich Armer!« Die Pilger aber priesen seine Demuth und zogen mit ihrem Führer von dannen. Drittes Kapitel. Hermas war ohne Aufenthalt fortgeeilt. Schon stand er an der letzten Biegung des Schluchtenwegs, dem er gefolgt war, und sah zu seinen Füßen im langgestreckten Thale das blanke Wasser des Baches, welcher hier den Boden der Wüste befruchtete, und die hochstämmigen Palmen und Tamariskensträucher ohne Zahl, zwischen denen sich die von kleinen Gärten und sorgsam bewässerten Aeckerchen umgebenen Häuser der Oasenbewohner erhoben. Schon vernahm er den Schrei eines Hahns und gastliches Hundegebell, das für ihn, den Tag und Nacht das tiefe Schweigen der Einsamkeit auf felsiger Höhe zu umgeben pflegte, wie ein Gruß aus der Mitte des Lebens klang, nach dem er sich sehnte. Er hemmte den Fuß und folgte mit den Augen den dünnen Rauchsäulen, die zitternd im hellen Glanze der höher und höher steigenden Sonne von den zahlreichen Herden unter ihm aufstiegen. »Da kochen jetzt,« dachte er, »die Weiber für ihre Männer, die Mütter für die Kinder das Frühmahl, und dort, wo der dunkle Rauch sich erhebt, wird vielleicht ein stattlicher Schmaus für Gäste gerüstet; aber ich bin nirgends zu Hause und mich ladet Niemand.« Der Wettkampf mit Paulus hatte ihn erregt und ermuntert; aber der Anblick der Stadt füllte sein junges Herz mit erneuter Bitterkeit, und seine Lippen zuckten, als er auf den Schafpelz und seine ungesäuberten Glieder sah. Rasch entschlossen wandte er der Oase den Rücken und eilte den Berg hinan. Bei einer nur ihm bekannten Quelle warf er sein rauhes Kleid von sich, ließ sich von dem kühlen Wasser überströmen, wusch sich sorgsam und mit Wohlbehagen, strählte mit den Fingern das dichte Haar und jagte dann wiederum zu Thale. Die Schlucht, der er folgte, mündete bei einem Hügel, der sich aus der Ebene erhob, und an dessen östlichem Abhang sich ein neuerbautes Kirchlein lehnte, während er sonst auf allen Seiten Mauern und Wälle trug, hinter denen die Bürger des Ortes Schutz fanden, wenn räuberische Sarazenen die Oase bedrohten. Dieser Hügel galt für eine besonders heilige Stätte, denn auf seiner Spitze sollte Moses in der Amalekiterschlacht gebetet haben, während Aaron und Hur seine hoch erhobenen Arme stützten. Aber es gab noch andere ehrwürdige Plätze in der Nachbarschaft der Oase. Da war, weiter nach Norden hin, der Felsen, aus dem Moses den Quell erweckt hatte, dort mehr südöstlich und höher aufwärts der Hügel des Zwiegesprächs des Herrn mit dem Gesetzgeber und des brennenden Busches, dort der Brunnen, an dem der Letztere den Töchtern Jethro's, Zippora und Ledja nennt sie die Legende, begegnet war. Fromme Pilger wanderten in großer Zahl zu diesen heiligen Stätten, und unter ihnen viele Eingeborene der Halbinsel und namentlich Nabatäer, die früher den heiligen Berg besucht hatten, um auf seiner Spitze ihren Göttern: der Sonne, dem Mond und den Planeten, zu opfern. Am Eingang von Norden her erhob sich ein Kastell, in welchem, seitdem unter Trajan der syrische Präfekt Cornelius Palma das peträische Arabien unterworfen hatte, eine kaiserliche Besatzung lag, welche die blühende Wüstenstadt vor den Einfällen der räuberischen Sarazenen und Blemmyer beschützen sollte. Aber auch die pharanitischen Bürger selbst hatten für die Sicherung ihres Besitzes Vorkehrungen getroffen. Auf der obersten Klippe der Zackenkrone des Bergriesen, dem höchsten Luginsland weit und breit, unterhielten sie Wächter, die Tag und Nacht in die Ferne blickten, um bei nahender Gefahr ein Warnungszeichen zu geben. Jedes Haus in der Oasenstadt glich einer Burg, denn es bestand aus festem Stein, und wohlgeübt im Bogenschießen war ihre junge Mannschaft. In der Nähe des Kirchenhügels wohnten die vornehmsten Familien und standen die Häuser des Bischofs Agapitus und der Rathsherren von Pharan. Unter diesen erfreute sich der Senator Petrus des höchsten Ansehens, theils wegen seiner ernsten Tüchtigkeit und seines Besitzes an Steinbrüchen, Gartenland, Dattelpalmen und Vieh, theils in Folge der seltenen Eigenschaften seiner Ehefrau, der Diakonissin Dorothea, der Enkelin des längst verstorbenen würdigen Bischofs Chäremon, welcher mit seiner Gattin während der Christenverfolgungen unter Decius hieher geflohen war und viele Pharaniten zur Lehre des Heilands bekehrt hatte. Fest und wohlgefügt war das steinerne Haus des Petrus, sorgfältig gepflegt der Palmengarten neben demselben. Zwanzig Sklaven, viele Kameele und selbst zwei Rosse gehörten zu seinem Anwesen, und als Miethsmann wohnte der die kaiserliche Besatzung kommandirende Centurio, der Gallier Phöbicius mit seinem Weibe Sirona, unter seinem Dache; nicht eben zu des Rathsherrn Freude, denn der Centurio war kein Christ, sondern ein Anbeter des Mithras, bei dessen Mysterien der wilde Gallier den Grad eines »Löwen« erstiegen hatte. Darum pflegten ihn seine Leute und mit ihnen die Pharaniten »den Löwen« zu nennen. Sein Vorgänger war ein Offizier in weit niedrigerer Stellung, aber ein gläubiger Christ gewesen, den Petrus selbst in sein Haus zu ziehen aufgefordert hatte. Als dann vor einem Jahr der Löwe Phöbicius den frommen Pankratius ablöste, konnte ihm der Senator das freigewordene Quartier nicht weigern. Scheu und zaghaft näherte sich Hermas dem Gehöft des Petrus, und seine Befangenheit wuchs, als er im Vorsaal des stattlichen Steinhauses, das er ungehindert betreten hatte, nicht wußte, wohin sich wenden. Niemand war da, der ihn zurecht gewiesen hätte, und er wagte es nicht, die in das obere Stockwerk führende Treppe zu ersteigen, obgleich sich Petrus dort aufzuhalten schien. Kein Zweifel! denn nun hörte er über sich reden und unterschied deutlich die tiefe Stimme des Senators. Ihr schritt Hermas entgegen und setzte den Fuß auf die erste Stufe der Treppe; doch als er, beschämt über seine Zaghaftigkeit, kaum begonnen hatte, entschlossener aufwärts zu steigen, hörte er dicht über sich eine Thür aufspringen, und aus ihr ergoß sich wie ein gestauter Bach, dem der Müller die Schleusen öffnet, eine Flut von hellen, lachenden Kinderstimmen. Ueberrascht blickte er aufwärts, aber es blieb ihm zum Ueberlegen keine Zeit, denn schon hatte die losgelassene jubelnde Schaar die Treppe erreicht. Allen voran eilte eine wunderschöne junge Frau mit goldblonden Haaren, die mit heller Stimme lachte und eine buntgekleidete Puppe hoch in die Höhe hielt. Sie bewegte sich rückwärts der Treppe entgegen und wandte ihr weißes, jetzt von Lust und Uebermuth strahlendes Antlitz den Kindern zu, die, leidenschaftlich erfüllt von Verlangen, halb fordernd, halb bittend, halb lachend, halb weinend durcheinander riefen: »Laß sie uns, Sirona!« »Nimm sie nicht wieder fort, Sirona!« »Bleibe doch hier, Sirona!« »Sirona!« und wieder »Sirona!« Ein liebliches sechsjähriges Mädchen strebte zu ihr hinan, um den schneeweißen, vollen Arm, der das Spielzeug hielt, zu erreichen; drei kleinere Kinder, die sich an ihre Kniee zu schmiegen versuchten, wies sie mit der frei gebliebenen linken Hand munter zurück und rief, immer rückwärts schreitend: »Nein, nein, ihr bekommt sie nicht, bevor sie ihr neues Gewand hat; es soll lang sein und bunt wie die Kleider des Kaisers. Laß mich los, Cäcilie, sonst fällst Du hinunter wie neulich der wilde Nikon.« Sie hatte bei diesen Worten die Stufen erreicht, wandte sich rasch um und verschloß mit vorgesteckten Armen den Zugang zu der schmalen Treppe, auf der Hermas stand und mit offenem Mund dem heitern Schauspiel zu seinen Häupten folgte. Als Sirona sich abwärts zu eilen anschickte, bemerkte sie ihn und erschrak. Doch als sie sah, daß der Anachoret vor lauter Verlegenheit kein Wort fand, um auf ihre Frage nach seinem Begehr zu antworten, lachte sie von Neuem lustig auf und rief hinunter: »Komm nur, wir thun Dir nichts; nicht wahr, ihr Kinder?« Indessen hatte Hermas den Muth gefunden, seinem Wunsch, den Senator zu sprechen, Ausdruck zu geben, und die Gallierin, welche seine kräftige Jünglingsgestalt mit Wohlgefallen betrachtete, bot ihm an, ihn zu ihm zu führen. Petrus verhandelte während dieser Vorgänge mit seinen erwachsenen ältesten Söhnen. Diese waren stattliche Männer; ihr Vater aber war größer als sie und dabei von ungewöhnlicher Schulterbreite. Während die Jünglinge sprachen, strich er den kurzen grauen Vollbart und blickte zu Boden, finstern Ernstes, wie es dem flüchtigen Beobachter scheinen mochte; aber wer näher hinsah, der bemerkte bald, daß nicht selten ein zufriedenes, ebenso häufig freilich ein herbes Lächeln die Lippen dieses klugen, tüchtigen Mannes umspielte. Er war einer von Denen, die mit ihren Kindern wie eine junge Mutter zu spielen und sich fremder Leiden wie ihrer eigenen anzunehmen verstehen, und doch so düster dreinschauen und sich so scharfe Reden zu führen gestatten, daß sie nur Diejenigen nicht verkennen und fürchten, welche völlig mit ihnen vertraut sind. Es zehrte etwas an dieses Mannes Seele, der doch Alles besaß, was zum Glück eines Menschen gehört. Er war dankbaren Sinnes, und doch blieb ihm bewußt, daß er mehr hätte sein können, als ihm das Schicksal zu leisten und zu sein gestattete. Ein Steinmetz war er geblieben, aber seine Söhne hatten beide in guter Schule zu Alexandria ihre Lehrzeit vollendet. Der ältere, Antonius, welcher längst auf eigene Hand arbeitete und Weib und Kinder besaß, war ein Baumeister und mechanischer Künstler, der jüngere, Polykarp, ein hochbegabter junger Bildhauer. Unter des ältesten Leitung war die stattliche Kirche der Oasenstadt erbaut worden; der erst seit einem Monat heimgekehrte Polykarp war Willens, in den Steinbrüchen des Vaters Arbeiten von großem Umfang auszuführen und herstellen zu lassen, denn ihm war der Auftrag geworden, den neuen Vorhof des Sebasteion oder Cäsareum genannten Prachtbaus zu Alexandria mit zwanzig Löwen von Granit auszuschmücken. Mehr als dreißig Künstler hatten sich mit ihm um diese Arbeit beworben; seinen Modellen aber war einstimmig von den sachverständigen Richtern der Preis zuerkannt worden. Der Baumeister, dem es oblag, die Säulengänge und das Pflaster des Hofes herzustellen, war sein Freund und hatte eingewilligt, die Granitblöcke, Platten und Walzen, deren er bedurfte, aus den Brüchen des Petrus und nicht wie sonst gewöhnlich aus denen von Syene am ersten Katarakt zu beziehen. Antonius und Polykarp standen jetzt mit ihrem Vater vor einem großen Tisch und erläuterten ihm den Plan, den sie gemeinsam in den dünnen Wachsüberzug einer Holztafel geritzt hatten. Des jungen Baumeisters Vorschlag ging dahin, eine tiefe, aber schmale Schlucht, die auf einem weiten Umweg von den Lastthieren umgangen werden mußte, zu überbrücken und dadurch den Weg von den Brüchen zum Meer durch eine neu herzustellende Straße um ein Drittel abzukürzen. Die Kosten dieses Baues ließen sich durch die zu ersparende Arbeitskraft bald einbringen, und das mit voller Sicherheit, wenn man die Transportschiffe nicht, wie dieß bisher geschehen war, leer zurückkommen ließ, sondern in Klysma mit Gewinn bringender Rückfracht aus alexandrinischen Fabriken belastete. Petrus, der in der Rathsversammlung als Redner zu glänzen verstand, sprach im gewöhnlichen Leben nur wenig. Bei jedem neuen Vorschlag seines Sohnes erhob er die Augen, als gält' es zu prüfen, ob der junge Mann nicht den Verstand verloren, während die von dem grauen Bart nur halb verborgenen Lippen beifällig schmunzelten. Als Antonius seinen Plan, die den Weg verlegende Schlucht unschädlich zu machen, darzulegen begann, brummte der Senator: »Laß nur den Sklaven Federn wachsen und mach' die schwarzen zu Raben und die weißen zu Möven, dann können sie hinüberfliegen. Was man nicht Alles in der Hauptstadt lernt!« Sobald das Wort »Brücke« gefallen war, starrte er die jungen Künstler an und sagte: »Es fragt sich nur, ob uns der Himmel einen Regenbogen leiht.« Als ihm dann aber Polykarp vorschlug, durch seine alexandrinischen Freunde einige Cedernbalken aus Syrien kommen zu lassen, und sein ältester Sohn ihm die Zeichnung des Bogens erklärte, mit dem er die Schlucht fest und sicher zu überwölben versprach, folgte er seinen Worten mit gespannter Aufmerksamkeit. Dabei zog er die Augenbrauen so düster zusammen und schaute so finster drein, als vernähme er den Bericht einer Unthat; doch er ließ ihn völlig ausreden und murmelte anfänglich nur »Kunststücke« oder »ja, wär' ich der Kaiser.« Endlich stellte er klare und bestimmte Fragen und erhielt sichere und durchdachte Antworten. Antonius belegte durch Zahlen, daß der Verdienst an der einen Lieferung für das Cäsareum mehr als drei Viertel der gesammten Ausgaben decken würde. Dann ergriff Polykarp das Wort und versicherte, daß der Granit des heiligen Berges schöner sei an Masse und Farbe, als der von Syene. »Wir arbeiten hier billiger als am Katarakt,« unterbrach ihn Antonius. »Der Transport der Blöcke wird, wenn wir die Brücke und den Weg an die See haben, und wir den in wenigen Monaten wiederum schiffbaren Trajansfluß, der das rothe Meer mit dem Nil verbindet, benützen, nicht zu theuer zu stehen kommen.« »Und wenn meine Löwen gelingen,« sagte Polykarp, »und Zenodot mit unserem Stein und unserer Arbeit zufrieden ist, so kann es leicht kommen, daß wir Syene überflügeln und man uns einen Theil der ungeheuren Bestellungen zuwendet, die jetzt von der neuen Residenz des Konstantin aus den Brüchen am Katarakt zufließen.« »Polykarp hofft nicht zu viel,« fügte Antonius hinzu, »denn mit fieberhaftem Eifer sucht der Kaiser Byzanz zu vergrößern und zu verschönern. Wer ein neues Haus errichtet, dem wird jährlich Getreide geliefert, und um Leute von unserem Schlage, von denen er nicht genug haben kann, anzuziehen, verspricht er den Bildhauern und Baumeistern, ja auch den geschulten Arbeitern gänzliche Steuerfreiheit. Wenn wir hier schon die Blöcke und Säulen genau nach den Zeichnungen fertig stellen, so nehmen sie keinen überflüssigen Raum in den Schiffen ein, und es wird Niemand so billig zu liefern vermögen wie wir.« »Und auch nicht so gut!« rief Polykarp, »denn Du bist selbst ein Künstler, Vater, und kennst das Gestein wie kein Anderer. Niemals sah ich einen schönern, gleichmäßiger gefärbten Granit als an dem Block, den Du mir für den ersten Löwen aussuchtest. Ich mache ihn hier an Ort und Stelle fertig und ich denke, er wird sich sehen lassen können. Freilich wird er es schwer haben, sich unter den edlen Werken aus der Glanzzeit der Künste, von denen das Cäsareum voll ist, zu behaupten; aber ich werde mein Bestes thun.« »Die Löwen werden wundervoll,« sagte Antonius und blickte mit Stolz auf den Bruder. »Etwas Aehnliches hat Niemand in den letzten Jahrzehnten geschaffen, und ich kenne meine Alexandriner. Wenn das Meisterwerk aus Stein vom heiligen Berg gelobt wird, so will alle Welt Granit von dort und nur von dorther haben. Es kommt nur darauf an, daß der Transport der Steine zum Meer weniger beschwerlich und kostspielig wird.« »Versuchen wir es denn,« sagte Petrus, der während dieser Reden seiner Söhne schweigend vor ihnen her auf und nieder gegangen war. »Versuchen wir es denn in Gottes Namen mit dem Brückenbau. Die Straße wollen wir herstellen, wenn die Bürgerschaft sich bereit erklärt, die Hälfte der Kosten zu tragen, sonst nicht; und damit ihr's nur wißt: ihr seid Beide tüchtige Männer geworden!« Der jüngere Sohn ergriff seine Hand und führte sie in warmer Herzlichkeit an die Lippen. Petrus strich ihm schnell über die braunen Locken, reichte dann seinem Erstgeborenen die starke Rechte und sagte: »Wir werden die Zahl unserer Sklaven vermehren müssen. Rufe die Mutter, Polykarp.« Der also Gerufene leistete mit freudiger Eile diesem Auftrag Folge, und als Frau Dorothea, die mit ihrer Tochter Marthana und einigen Sklavinnen am Webstuhle saß, ihn mit glühenden Wangen in das Frauengemach einbrechen sah, erhob sie sich trotz ihrer stattlichen Leibesfülle mit jugendlicher Schnelligkeit und rief Polykarp entgegen: »Er hat eure Pläne gut geheißen?« »Den Brückenbau, Mutter, und Alles, Alles!« rief der Jüngling. »Schönern Granit für meine Löwen als den, den der Vater mir aussucht, kann ich nirgends finden, und wie mich das für Antonius freut! Nur mit der Straße werden mir Geduld haben müssen. Er will sogleich mit Dir reden.« Frau Dorothea wies den Sohn, der ihre Hand ergriffen hatte und sie mit sich fortzuziehen versuchte, mit einer besänftigenden Handbewegung zur Ruhe; aber wie sehr sie die freudige Erregung ihres Lieblings theilte, das zeigten die Thränen, welche in ihre guten Augen gestiegen waren. »Geduld, Geduld, ich komme ja schon,« sagte sie, indem sie Polykarp die Hand entzog, um ihr Gewand und das graue Haar, das voll und wohlgepflegt ihr immer noch anmuthiges und faltenloses Antlitz umrahmte, zu ordnen. »Ich hab' es vorausgesagt! Wenn ihr dem Vater verständige Dinge vorzuschlagen habt, so wird er euch hören und zu Willen sein, auch ohne meine Vermittlung. In Männerwerk soll sich die Frau nicht mischen. Die Jugend führt straffe Bogen und schießt oft über das Ziel hinaus. Das wäre mir schön, wenn ich aus närrischer Liebe für euch versuchen wollte, die Sirene zu spielen, die dem Steuermann dieses Hauses, dem Vater, den weisen Sinn mit Schmeichelworten bestrickt. Ihr lacht über die graue Sirene? Aber die Liebe übersieht, was die Jahre verderben, und hat ein gutes Gedächtniß für Alles, was einst anmuthig an uns gewesen. Die Männer haben ohnehin nicht immer, wenn es noth thut, Wachs in den Ohren. Kommt nun zum Vater!« Dorothea ging Polykarp und ihrer Tochter voraus. Der Erstere hielt seine Schwester an der Hand zurück und fragte sie: »War Sirona nicht bei euch?« Der Bildhauer wollte ganz unbefangen erscheinen, und dennoch erröthete er bei seiner Frage. Marthana bemerkte dieß wohl und entgegnete nicht ohne Schelmerei: »Sie hat uns ihr schönes Antlitz gezeigt; aber wichtige Geschäfte riefen sie ab.« »Sirona?« fragte Polykarp ungläubig. »Doch, doch!« gab Marthana lachend zurück. »Sie muß für die Puppe der Kinder ein neues Gewand nähen.« »Warum spottest Du über ihre Güte?« entgegnete Polykarp im Tone des Vorwurfs. »Wie empfindlich Du bist!« sagte Marthana leise. »Sirona ist freundlich und gut wie ein Engel; aber schau' Du sie lieber etwas weniger an, denn sie gehört nicht zu uns, und so widerwärtig mir auch der gallige Centurio ist, so . . .« Sie sprach nicht weiter, denn Frau Dorothea war bei der Thür des Wohnzimmers angelangt und schaute sich nach ihren Kindern um. Petrus empfing seine Gattin nicht weniger ernst wie gewöhnlich, aber aus seinem linken, halb geschlossenen Auge blitzte es schalkhaft, als er sie fragte: »Du weißt wohl kaum, um was es sich handelt?« »Wagehälse, Himmelsstürmer seid ihr,« gab sie munter zurück. »Wenn das Werk mißlingt,« entgegnete Petrus, auf seine Söhne zeigend, »so werden Die da den Schaden länger zu fühlen haben als wir.« »Aber es wird euch glücken!« rief Dorothea. »Mit einem alten Feldherrn und jungen Soldaten gewinnt man die Schlachten.« Frisch und freimüthig hielt sie ihrem Gatten die kleine, fleischige Hand hin. Dieser schlug freudig ein und sagte: »Ich denke, ich bringe die Anlage der Straße im Senate durch. Für unsern Brückenbau gilt es noch Hülfsvölker zu werben, und dazu brauchen wir Dich, Dorothea. Unsere Sklaven werden nicht reichen.« »Warte,« unterbrach ihn lebhaft die Hausfrau, trat an das Fenster und rief: »Jethro, Jethro!« Der also Gerufene, der alte Schaffner des Hauses, erschien, und Dorothea begann mit ihm zu besprechen, wer von den Oasenbewohnern geneigt sein würde, ihnen tüchtige Leute abzulassen, und ob es nicht thunlich sei, den einen oder andern von den Haussklaven bei dem Bau zu beschäftigen. Was sie sagte, war klug und bestimmt und zeigte, daß sie ihren Hausstand bis in's Einzelne überblicke und hier völlig unbeschränkt zu gebieten gewohnt sei. »Der lange Anubis,« schloß sie, »ist doch wohl im Stalle entbehrlich?« Der Hausverwalter, welcher bis dahin kurz und verständig geredet hatte, zauderte jetzt mit der Antwort. Dabei schaute er auf Petrus, der, in den Bauplan vertieft, ihm den Rücken wandte, mit einem Blick und einer Handbewegung, welche deutlich zu erkennen gaben, daß er etwas zu sagen habe, sich aber in Gegenwart des Herrn zu reden scheue. Frau Dorothea begriff schnell und verstand auch jetzt Jethro's Meinung; aber gerade deßwegen sagte sie mehr erstaunt als unwillig: »Was soll das Blinzeln? Was ich wissen darf, kann auch Petrus hören.« Der Senator wandte sich und maß den Verwalter von unten nach oben mit einem so finstern Blicke, daß er zurücktrat und schnell zu reden begann. Aber er ward durch das Kindergeschrei auf der Stiege und die Gallierin Sirona unterbrochen, welche Hermas dem Senator zuführte und lachend sagte: »Diesen großen Burschen habe ich von der Treppe gelesen, wo er Dich suchte.« Petrus maß den Jüngling nicht eben freundlich und fragte: »Wer bist Du? Was bringst Du?« Hermas rang vergeblich nach Worten, denn die Gegenwart so vieler Menschen, unter denen sich drei Frauen befanden, erfüllte ihn mit großer Verlegenheit. Seine Finger drehten die wolligen Locken an seinem Schaffelle und seine Lippen bewegten sich lautlos. Endlich gelang es ihm, stammelnd zusagen: »Ich bin des alten Stephanus Sohn, der bei dem letzten Ueberfall der Sarazenen die Wunde davontrug. Mein Vater hat schon fünf Nächte lang wenig geschlafen, und nun schickt mich Paulus zu Dir, der fromme Paulus von Alexandria, Du weißt doch, – damit ich . . .« »So, so,« unterbrach ihn Petrus mit ermuthigender Freundlichkeit. »Du willst eine Arznei für den Alten. Sieh nur, Dorothea, was aus dem kleinen Burschen, den der Antiochener mit auf den Berg schleppte, für ein stattlicher Gesell geworden.« Hermas erröthete und richtete sich gerade auf. Dabei bemerkte er mit großer Befriedigung, daß er größer sei als die Söhne des Senators, welche ungefähr gleichaltrig mit ihm waren, und gegen die er doch ein der Abneigung verwandtes Gefühl und mehr Scheu empfand, als selbst vor ihrem strengen Vater. Polykarp maß ihn mit den Blicken und sagte laut zu der Gallierin, mit welcher er eben einen Gruß gewechselt und von der er seit ihrem Eintritt in das Gemach kein Auge verwandt hatte: »Wenn wir zwanzig Sklaven mit solchen Schultern bekommen könnten, dann kämen wir vorwärts. Es gibt hier zu thun, großer Bursch . . .« »Ich heiße nicht ›Bursch‹, sondern Hermas,« sagte der Anachoret, und die Adern an der Stirn begannen ihm zu schwellen. Polykarp, der wohl einige alte Anachoreten gesehen hatte, die auf dem heiligen Berge ein beschauliches Büßerleben führten, dem es aber nicht in den Sinn gekommen war, daß auch ein kräftiger Jüngling zu den Einsiedlern gehöre, fühlte, daß der Gast seines Vaters mehr sei, als seine ärmliche Kleidung vermuthen ließ, und daß er ihn gekränkt habe. Darum sagte er begütigend: »Also Hermas heißt Du? Wir rühren hier Alle die Hände, und Arbeit ist keine Schande. Was ist denn Dein Handwerk?« Diese Frage erregte den jungen Anachoreten auf's Tiefste, und Frau Dorothea, die wohl bemerkte, was in ihm vorging, sagte schnell gefaßt: »Er pflegt seinen kranken Vater. Nicht wahr, mein Sohn, das thust Du? Petrus wird euch seine Hülfe nicht versagen.« »Gewiß nicht,« fiel der Senator ein. »Ich begleite Dich später zu ihm. Daß ihr's wißt, Kinder, dieses Jünglings Vater war ein großer Herr, der reichem Besitz entsagte, um die Welt, in der er viel Bitteres erfahren, zu vergessen und Gott in seiner Weise zu dienen, die wir achten sollen, wenn sie auch nicht die unsere ist. Laß Dich dort nieder, mein Sohn. Erst haben wir ein wichtiges Geschäft zu beenden, dann will ich Dir folgen.« »Wir wohnen hoch oben auf dem Berge,« stammelte Hermas. »Um so reiner wird dort die Luft sein,« entgegnete der Senator. »Aber halt! Vielleicht ist der Alte allein . . . Nicht? Der fromme Paulus, sagst Du, sei bei ihm? Dann ist er in guten Händen, und Du magst warten.« Einen Augenblick blieb Petrus sinnend stehen; dann winkte er seinen Söhnen und sagte: »Antonius, geh' nun sogleich und sieh' Dich nach Sklaven um; Du, Polykarp, nach tüchtigen Lastthieren. Du nimmst es sonst leicht mit dem Geld, aber hier gilt es, nach den äußersten Preisen zu fragen. Je eher ihr mit Auskunft zurückkehrt, desto besser. Dem Entschluß soll die That nicht nachhinken, sondern rüstig und schnell folgen wie dem Hammerschlage der Schall. Du, Marthana, mische den braunen Fiebertrank und lege mir Binden zurecht. Da hast Du den Schlüssel.« »Ich will ihr helfen,« rief Sirona, die sich gerne nützlich erwies. Der kranke Einsiedler that ihr aufrichtig leid, und Hermas erschien ihr außerdem wie ein von ihr entdecktes Etwas, dem sie doch unwillkürlich mehr Beachtung zollte, seitdem sie wußte, daß er eines vornehmen Mannes Sohn sei. Während die junge Frau und das Mädchen bei dem Arzneischrank thätig waren, verließen Antonius und Polykarp das Gemach. Der Letztere hatte schon die Schwelle betreten, als er sich noch einmal umwandte und einen langen Blick aus Sirona warf. Dann trat er mit einer raschen Bewegung zurück, schloß die Thür und stieg mit einem schweren Seufzer die Treppe hinunter. Sobald sich seine Söhne entfernt hatten, wandte sich Petrus wieder dem Hausverwalter zu und fragte: »Was ist's mit dem Sklaven Anubis?« »Er ist . . .« entgegnete Jethro. »Er ist verwundet worden und wird in den nächsten Tagen nicht brauchbar sein. Die Ziegenhirtin Mirjam, die wilde Katze, hat ihm mit der Sichel die Stirn zerschlagen.« »Das erfahr' ich jetzt erst?« rief Frau Dorothea vorwurfsvoll. »Was geschah mit der Dirne?« »Wir haben sie in die Heukammer gesperrt,« antwortete Jethro, »und da tobt und rast sie.« Die Hausfrau schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte: »So wird man das Mädchen nicht bessern. Geh' jetzt und führe sie zu mir.« Sobald der Schaffner das Gemach verlassen hatte, wandte sie sich an den Gatten und rief: »Man könnte irre werden an diesen Armen, wenn man sieht, wie sie gegen einander verfahren. Tausend mal hab' ich's gesehen! Kein Urtheil fällt so hart aus, als wenn der Sklav' den Sklaven richtet!« Jethro und eine Magd führten Mirjam in das Gemach. Die Hände des Mädchens waren mit groben Stricken gebunden, und in dem schwarzen, wirren Haar und an ihrem Kleide hing getrocknetes Gras. Eine düstere Glut brannte ihr in den Augen, und wie im Veitstanze zuckten die Muskeln in ihrem Antlitz. Als Dorothea sie ansah, richtete sie sich trotzig in die Höhe und schaute sich im Gemach um, als mustere sie ihre Feinde. Da bemerkte sie Hermas. Das Blut wich ihr aus den Lippen; mit einem heftigen Ruck riß sie die kleinen Hände aus der sie fesselnden Schlinge, schlug sie vor das Antlitz und wandte sich fliehend der Thüre zu. Aber Jethro stellte sich ihr in den Weg und faßte mit hartem Griff ihre Schulter. Mirjam schrie laut auf, und die Tochter des Senators, welche die Arzneiflaschen aus der Hand gestellt hatte und jeder ihrer Bewegungen mit Theilnahme gefolgt war, eilte jetzt auf die Hirtin zu, stieß die Hand des Alten, der sie noch immer festhielt, zurück und sagte: »Fürchte Dich nicht, Mirjam. Was Du auch gethan hast, der Vater kann Alles vergeben.« Diese Worte klangen liebreich und schwesterlich-innig, und die Hirtin folgte Marthana widerstandslos zu dem Tische, auf dem die Baupläne lagen, und blieb dort neben ihr stehen. Minutenlang schwiegen Alle. Endlich trat Frau Dorothea der Hirtin näher und fragte: »Was ist Dir geschehen, armes Kind, daß Du Dich so vergessen mochtest?« Mirjam wußte nicht, wie ihr geschah. Auf harte Scheltreden und Schläge, ja auf Ketten und Bande war sie gefaßt gewesen, und nun diese milden Worte, diese freundlichen Blicke! Gelähmt war ihr Trotz, ihre Augen begegneten dem gütigen Blick ihrer Herrin, und leise sagte sie: »Er hat mich schon lange verfolgt und wollte mich von euch zum Weibe erbitten; aber widrig ist er mir und verhaßt wie all' euere Sklaven.« Bei den letzten Worten gewannen ihre Augen den wilden Glanz zurück, und mit dem ihr eigenen Feuer fuhr sie fort: »Ich möchte wohl, ich hätte mit einem Stock statt mit der Sichel geschlagen; aber ich nahm, was mir gerade zur Hand war, um mich zu wehren. Ich kann's nicht ertragen, wenn ein Mann mich berührt; es ist mir abscheulich und gräßlich. Gestern nun kam ich später als sonst wohl heim mit den Thieren, und als ich die Ziegen gemolken und mein Lager aufsuchte, schlief schon Alles im Hause. Da vertrat mir Anubis den Weg und schwatzte von Liebe. Ich wies ihn zurück; er aber faßte mich an und griff mir mit der Hand hieher an den Kopf und wollte mich küssen. Da schoß mir das Blut in die Augen, ich griff nach der Sichel, die neben mir hing, und erst als er brüllend am Boden lag, sah ich, daß ich ein Unrecht begangen. Wie das gekommen, kann ich nicht sagen. Es steckt etwas in mir, etwas, – wie soll ich es nennen? – das mich treibt, wie der Wind die Blätter, und ich kann es nicht hindern! Das Beste wär', ihr ließet mich sterben, dann wäret ihr auf einmal sicher vor meiner Bosheit, und Alles würde vorbei sein.« »Wie magst Du so reden?« unterbrach sie Marthana. »Du bist wild und unbändig, aber nicht böse.« »Frage nur Den da!« rief die Hirtin und zeigte mit flammenden Augen auf Hermas, der seinerseits verlegen zu Boden schaute. Der Senator wechselte mit seinem Weibe einen raschen Blick. Sie waren gewohnt, einander auch ohne Worte zu verstehen, und Frau Dorothea sagte: »Wer da fühlt, daß er nicht ist, wie er sein soll, der ist schon auf dem Wege zum Guten. Wir ließen Dich bei den Ziegen, weil Du immer den Heerden nachliefst und keine Ruhe im Hause fandest. Vor dem Frühdienst ziehst Du auf den Berg und erst nach dem Abendmahl kehrst Du heim. Für Dein besseres Theil sorgt Niemand. Die Hälfte Deiner Schuld fällt auf uns zurück, und wir haben kein Recht, Dich zu strafen. Du brauchst nicht zu staunen. Jeder kann fehlen, und Petrus und ich sind Menschen wie Du, nichts mehr und nichts minder; aber Christen sind wir und haben die Pflicht, die Seelen Derer zu hüten, die Gott uns anvertraute, sei es als Kinder, sei es als Sklaven. Du ziehst nicht mehr auf den Berg, Du bleibst bei uns im Hause. Deine schnelle That will ich gern vergeben, wenn Petrus Dich nicht zu strafen begehrt.« Der Senator bewegte ernst verneinend das Haupt, und Dorothea richtete an Jethro die Frage: »Ist Anubis schwer verwundet, und bedarf er der Pflege?« »Er liegt im Fieber und redet irre,« lautete die Antwort. »Die alte Praxinoa kühlt seine Wunde mit Wasser.« »So wird Mirjam,« befahl Dorothea, »ihre Stelle einnehmen und den Schaden gut zu machen suchen, den sie angerichtet hat. Die Hälfte Deiner Schuld ist getilgt, Mädchen, wenn Anubis unter Deinen Händen gesund wird. Ich komme nachher mit Marthana und zeige Dir, wie man Umschläge macht.« Die Hirtin schaute zu Boden und ließ sich willenlos zu dem Kranken führen. Indessen hatte Marthana den braunen Trank bereitet. Petrus ließ sich Stab und Filzhut reichen, übergab Hermas die Arznei und forderte ihn auf, ihm zu folgen. Sirona blickte den Beiden nach und rief: »Schade um den stattlichen Burschen! Dem stünde ein Purpurrock auch besser als das elende Schaffell.« Die Hausfrau zuckte die Achseln, winkte ihrer Tochter und sagte: »Komm' an die Arbeit, Marthana, die Sonne steht schon hoch. Wie die Tage verfliegen! Je älter man wird, desto schneller entrinnen die Stunden!« »Dann muß ich sehr jung sein,« unterbrach sie die Gallierin, »denn mir schleicht die Zeit in dieser Einöde entsetzlich langsam dahin. Ein Tag ist wie der andere, und oft ist es mir, als stünde das Leben völlig still und mit ihm mein Herzschlag. Was wär' ich ohne Dein Haus und die Kinder! Immer derselbe Berg und dieselben Palmen und dieselben Gesichter.« »Aber der Berg ist erhaben, und die Bäume sind schön, und wenn man die Menschen liebt, die uns täglich begegnen,« antwortete Dorothea, »so kann man auch hier zufrieden sein. Wir wenigstens sind es, soweit es die Noth des Lebens zuläßt. Ich sagt' es Dir oft: es fehlt Dir an Arbeit!« »Arbeit? Für wen denn?« fragte Sirona. »Ja, wenn ich Kinder hätte wie Du! In Rom war ich auch nicht glücklich, gewiß nicht; aber es gab doch zu thun und zu denken. Hier ein Aufzug, da ein Schauspiel; aber hier! Für wen soll man sich putzen? Mein Goldschmuck wird blind im Kasten, und meine guten Kleider fressen die Motten. Aus dem bunten Mantel nähe ich jetzt Puppenröcke für eure Kleinen. Wenn mich ein Dämon in einen Igel oder eine graue Eule verwandelte, es könnte mir gleich sein!« »Versündige Dich nicht,« sagte Dorothea ernst und blickte mit Wohlgefallen auf das Goldhaar und in das wunderschöne, freundliche Gesicht der jungen Frau. »Es sollte Dich freuen, Dich für Deinen Gatten zu schmücken!« »Für ihn?« fragte Sirona wegwerfend. »Er sieht mich nicht an, und wenn er es thut, so geschieht es, um mich zu kränken. Mich wundert immer, daß ich noch fröhlich sein kann. Ich bin es auch nur in Deinem Hause, und auch dort bloß, wenn ich nicht an ihn denke.« »Ich mag solche Worte nicht hören, durchaus nicht,« unterbrach Dorothea sie streng. »Nimm das Linnen und Kühlwasser, Marthana, wir wollen dem Anubis die Wunde verbinden.« Viertes Kapitel. Petrus stieg mit Hermas den Berg hinan. Der ältere Mann folgte dem ihm den Weg weisenden Jüngling und schaute, so oft er den Blick erhob, mit Bewunderung auf dessen breite Schultern und elastischen Gliederbau. Auf einer kleinen Bergebene verbreiterte sich der Weg, und nachdem hier beide Wanderer eine Zeitlang nebeneinander dahingeschritten waren, ohne zu reden, fragte der Senator: »Wie lange haust Dein Vater nun schon auf dem Berge?« »Manches Jahr,« gab Hermas zurück; »aber ich weiß nicht wie viele. Es ist ja auch Alles eins. Bei uns fragt Niemand nach der Zeit!« Der Senator blieb stehen, maß seinen Begleiter wiederum mit den Augen und fragte: »Du bist bei dem Vater geblieben, seitdem er hieherkam?« »Er läßt mich nicht von sich,« entgegnete Hermas, finster blickend. »Selbst in der Oase war ich erst zweimal allein, beim Gang in die Kirche.« »So hast Du auch keine Schule besucht?« »Welche denn? In dem Evangelienbuch lesen hat mich der Vater gelehrt, und ich konnte auch schreiben; aber das werd' ich wohl vergessen haben. Wozu sollt' ich's auch brauchen? Wir leben wie betende Thiere.« Aus den letzten Worten klang herbe Bitterkeit, und Petrus sah in die getrübte, mit Ueberdruß erfüllte Seele seines Gefährten, in der sich die Thatkraft der Jugend gegen den müßigen Lebensverderb, zu dem sie verdammt war, widerwillig auflehnte. Hermas jammerte ihn, und er war nicht der Mann, der an dem Gefährdeten vorüberging, ohne zu helfen. Dabei dachte er seiner eigenen, in ernster Pflichterfüllung erwachsenen und geübten Söhne, und er sagte sich, daß der schöne Bursche neben ihm nicht schlechter sei als sie und nur der rechten Führung entbehre. Sinnend schaute er bald auf den Jüngling, bald auf den Boden und brummte dabei, vorwärts schreitend, unverständliche Worte in den grauen Bart. Plötzlich richtete er sich höher auf und nickte zustimmend mit dem ernsten Haupte. Er wollte Hermas zu retten versuchen, und getreu seiner Weise ließ er dem Vorsatze die That auf dem Fuße folgen. Am Ende der Bergebene theilte sich der Weg. Ein Pfad führte aufwärts, der andere neigte sich zu Thale und endete bei den Steinbrüchen. Petrus folgte dem letztern, Hermas aber rief ihm zu: »Dieser Weg führt nicht zu unserer Höhle. Du mußt mir folgen.« »Folge Du nur,« entgegnete der Senator und betonte dabei die ersten Worte mit solchem Nachdruck, daß der Jüngling ihren Doppelsinn nicht verkennen konnte. »Der Tag ist noch lang, und wir wollen sehen, was meine Arbeiter treiben. Kennst Du die Stelle, an der wir die Steine brechen?« »Wie sollte ich nicht?« fragte Hermas und schritt dem Senator als Führer voran. »Ich kenne alle Wege auf unserem Berge nach der Oase zu und dem Meere. In der Schlucht hinter euren Brüchen hatte ein Panther sein Lager.« »Wir haben's erfahren,« sagte Petrus, »die Räuber würgten uns zwei junge Kameele, und die Leute konnten sie weder mit Schlingen fangen, noch mit Hunden erjagen.« »Jetzt habt ihr Ruhe vor ihnen,« lachte der Jüngling. »Von dem Felsen dort oben holte ich das Männchen mit dem Pfeil herunter, und die Alte fand ich in der Höhle bei ihren Jungen. Mit ihr hatte ich's schwerer. Mein Dolch ist so schlecht, und die kupferne Klinge verbog sich beim Stoß. Ich mußte die bunte Teufelin mit den Händen erwürgen, und dabei hat sie mir die Schulter zerkratzt und den Arm zerbissen. Sieh' nur die Narben. Aber, gottlob, bei mir geht es schneller mit der Heilung der Wunden, als bei meinem Vater. Paulus sagte, ich wäre wie ein Regenwurm, der, wenn man ihn mitten durchreißt, sich selbst Lebewohl sagt und frisch und munter halb hierhin, halb dorthin kriecht. Die jungen Panther waren so drollig und hülflos; ich mochte sie nicht tödten, aber ich that sie in mein Schaffell und brachte sie dem Vater. Der lachte über die kleinen Kerle, und dann nahm sie ein nabatäischer Mann, um sie zu Klysma an Händler aus Rom zu verkaufen. Dort und in Byzanz brauchen sie allerhand lebende Raubthiere. Ich habe auch Geld für sie und die Felle der Alten bekommen und durfte es als Zehrpfennig behalten, als ich mit den Anderen, um den Segen des neuen Patriarchen zu erbitten, nach Alexandria reiste.« »Du warst in der Hauptstadt?« fragte Petrus. »Du hast die großen Bauten gesehen, die die Küste vor dem Andrang des Meeres sichern, den hohen Pharus mit dem weithin leuchtenden Feuer, die festen Brücken, die Kirchen, die Paläste und Tempel mit ihren Obelisken, Säulen und schön gepflasterten Höfen? Ist Dir dort niemals in den Sinn gekommen, es müsse ein stolzes Gefühl sein, solch' einen Bau zu errichten?« Hermas schüttelte verneinend das Haupt und entgegnete: »Wohl möchte ich lieber in einem luftigen Säulenhause leben, als in unserer dumpfen Höhle, aber das Bauen wär' nicht meine Sache. Wie lange dauert das, bis ein Stein auf dem andern steht! Ich bin nicht geduldig, und wenn ich den Vater verlasse, so will ich etwas thun, das mir Ruhm bringt. Aber da sind schon die Brüche . . .« Petrus ließ seinen Begleiter nicht ausreden, sondern unterbrach ihn mit jugendlichem Feuer, indem er ausrief: »Und mit der Baukunst, meinst Du, sei kein Ruhm zu erwerben? Sieh' dort die Blöcke und Platten und hier die Walzen aus hartem Stein. Sie sind alle für Aila bestimmt, denn dort wird mein Sohn Antonius, der ältere von den Beiden, die Du vorhin gesehen, ein Gotteshaus bauen mit festen Mauern und Säulen, weit schöner und größer als unsere Kirche in der Oase, die auch schon sein Werk ist. Er ist nicht viel älter als Du, aber jetzt schon rühmen ihn die Leute nah und fern. Aus diesen rothen Blöcken dort unten wird mein Jüngster Sohn Polykarp herrliche Löwen bilden, die in der Hauptstadt selbst das edelste Bauwerk zu zieren bestimmt sind. Wenn sie mich und Dich und alle Lebenden längst vergessen haben, so wird es noch heißen. Das sind die Werke des Meisters Polykarp, des Sohnes des Petrus, des Pharaniten. Was er vermag, das ist etwas Eigenes. Niemand, der nicht zu den Auserwählten gehört, kann sagen: das will ich erlernen. Aber Du hast einen geraden Verstand, starke Hände und offene Augen, und wer kann wissen, was sonst noch in Dir steckt. Kämest Du bald in die Lehre, so würd' es doch nicht zu spät sein, einen tüchtigen Meister aus Dir zu machen. Aber freilich, wer so weit kommen will, der muß die Arbeit nicht scheuen. Nach Ruhm steht Dein Sinn? Das ist recht und kann mich nur freuen; aber wissen sollst Du: Wer diese seltene Frucht ernten will, der muß sie, wie ein edler Heide einst sagte, mit Schweiß begießen! Ohne Mühe und Arbeit und Kampf gibt es keinen Sieg, und ohne Sieg kommt man nur selten zum Ruhm.« Die Lebhaftigkeit des ältern Mannes übertrug sich auf des Jünglings Seele, und glühend rief er: »Wer sagt Dir, daß ich Kampf und Mühen scheue? Alles war' ich einzusetzen bereit, selbst das Leben, um Ruhm zu gewinnen. Aber Steine zu messen, auf wehrlosen Blöcken mit Hammer und Meißel herumschlagen, oder Quadern mühsam zusammenfügen, das kann mich wahrlich nicht locken. In der Palästra möcht' ich mir Kränze erwerben und die Stärksten zu Boden schleudern, oder als Krieger in der Schlacht es den Anderen zuvorthun. Mein Vater war auch ein Soldat, und mag er vom ›Frieden‹ reden und immer vom ›Frieden‹, so viel er nur will, im Traume spricht er doch nur von blutigem Streit und brennenden Wunden. Wenn Du ihn gesund machst, bleib' ich nicht länger auf diesem einsamen Berg, und sollt' ich heimlich entweichen. Wozu gab mir Gott diese Arme, als um sie zu brauchen!?« Petrus antwortete nicht auf diese stürmisch hervorgepolterten Worte; vielmehr strich er nur den grauen Bart und dachte bei sich: »Des Adlers Junges fängt keine Fliegen. Dieß Soldatenkind gewinn' ich nimmer für unser friedliches Handwerk; aber auf dem Berg unter den seltsamen Nichtsthuern soll er nicht bleiben, denn da verkommt er; und er ist doch nicht von gemeiner Art.« Nachdem er dann den Aufsehern seiner Leute einige Befehle ertheilt hatte, folgte er dem jungen Manne zu seinem leidenden Vater. Schon vor vielen Stunden hatten Hermas und Paulus den kranken Anachoreten verlassen, und dieser lag noch immer allein in der Höhle. Die höher und höher steigende Sonne brannte auf die Felsen nieder, die nun ihrerseits Glut ausstrahlten und die Einsiedlerwohnung mit erstickender Hitze erfüllten. Die Schmerzen in des armen Stephanus Wunde wuchsen, sein Fieber stieg, und er war sehr durstig. Da stand der längst geleerte Krug, den ihm Paulus geschenkt hatte, aber weder dieser noch Hermas kehrten zurück. Aengstlich lauschte er in die Ferne, und es war ihm erst, als höre er des Alexandriners Schritte und dann, als vernähme er laute Worte und leises Gestöhn aus seiner Höhle. Stephanus versuchte zu rufen, aber er vernahm kaum die leisen Laute, welche sich seiner wunden Brust und seinem ausgedörrten Mund entrangen. Dann wollte er beten, aber eine furchtbare innere Angst zerstörte seine Andacht. Der ganze Jammer der Verlassenheit faßte ihn an, und er, der nach einem überreichen Leben voll Thaten, Genüssen, Enttäuschungen und Ueberdruß unabläßlich in einsamen, zähen Seelenkämpfen den höchsten Zielen entgegenrang, fühlte sich jetzt so trostlos vereinsamt wie ein verirrtes Kind, das die Mutter verloren. Leise wimmernd lag er auf seinem Schmerzenslager, und als er an dem Schatten des Felsens bemerkte, daß die Sonne die Mittagshöhe überschritten hatte, begann sich zu Schmerz und Durst und Bangigkeit Ingrimm und Bitterkeit zu gesellen. Mit geballten Fäusten murmelte er Worte, die wie Soldatenflüche klangen, und dann bald den Namen seines Sohnes, bald den des Paulus. Endlich gewann die Angst wieder die Oberhand über den Zorn, und es war ihm, als habe er die jammervollsten, weit hinter ihm liegenden Stunden seines Daseins noch einmal zu durchleben. Von einem rauschenden Gelage im Palast des Kaisers sah er sich heimkehren. Seine Sklaven hatten ihm Kränze von Rosen und Pappellaub von Stirn und Brust genommen und ihn mit dem Nachtgewand bekleidet. Jetzt näherte er sich mit der silbernen Lampe in der Hand seinem Schlafgemach. Er lächelte, denn dort erwartete ihn sein junges Weib, seines Hermas Mutter. Sie war schön, und er liebte sie sehr; auch brachte er treffliche Witzworte von der Tafel des Kaisers nach Hause. Wenn Einer , so war er zu lächeln berechtigt. Jetzt betrat er das Vorzimmer, in dem zwei Sklavinnen zu wachen pflegten. Er fand nur Eine, und diese schlief mit tiefen Athemzügen. Lächelnd leuchtete er ihr in's Gesicht. Wie dumm sie aussah mit dem offenen Mund! Im Schlafgemach verbreitete eine alabasterne Lampe gedämpftes Licht. Leise und immer lächelnd näherte er sich der elfenbeinernen Bettstatt Glycera's und erhob seine Lampe und starrte auf das leere und unberührte Lager seines Weibes und lächelte nicht mehr und fand das Lächeln jenes Abends nicht wieder in langen Jahren, denn Glycera hatte ihn verrathen und verlassen, ihn und ihr Kind. Vor zwanzig Jahren war dieß geschehen, und heute kehrte Alles, was er damals empfunden, zurück, und er sah, wie damals, das leere Lager seines Weibes vor den inneren Augen, und er fühlte sich so einsam und elend wie in jener Festnacht. Da zeigte sich ein Schatten vor der Oeffnung der Höhle, und erlöst von dem schrecklichen Gesicht athmete er auf, denn er hatte Paulus erkannt, der nun neben ihm niederkniete. »Wasser, Wasser!« bat Stephanus leise, und der Alexandriner, dem das Gewimmer des Greises, das er seit seinem Eintritt in die Höhle vernahm, tief in's Herz schnitt, ergriff den Krug, schaute hinein, fand ihn gänzlich ausgetrocknet und stürzte dann, als gälte es einen Wettlauf, zu der Quelle hernieder, füllte ihn mit Wasser und setzte ihn dem Kranken an die Lippen. Dieser schlürfte mit gierigen Zügen den Labetrunk und rief endlich aufseufzend aus: »Nun ist's wieder gut. Wo bliebst Du so lange? Ich war so durstig!« Paulus, der sich neben dem Greise auf die Kniee niedergelassen hatte, drückte die Stirn auf die Lagerstätte und erwiderte nichts. Stephanus schaute verwundert auf seinen Gefährten, und als er bemerkte, daß dieser heftig weine, fragte er nicht weiter. Eine Stunde lang herrschte lautlose Stille in der Höhle; endlich erhob Paulus das Angesicht und sagte: »Vergib mir, Stephanus. In Gebet und Geißelung, um die eigene verscherzte Ruhe wieder zu finden, hab' ich Deine Noth und Angst vergessen. Kein Heide hätte das gethan!« Der Kranke streichelte freundlich den Arm seines Pflegers; dieser aber murmelte: »Selbstsucht, elende Selbstsucht lenkt und regiert uns. Wer von uns fragt nach der Noth des Andern? Und wir, wir meinen die Wege des Lammes zu wandeln?« Schmerzlich seufzte er auf und lehnte den Kopf an die Brust des Kranken, der liebreich das rauhe Haupthaar des Andern streichelte. So fand sie der Senator, wie er mit Hermas die Höhle betrat. Das müßige Treiben der Anachoreten widersprach völlig seinen Ansichten von der dem Menschen und Christen gestellten Lebensaufgabe, aber er half, wo er konnte, und fragte nicht nach der Person des Leidenden. Die innige Vereinigung, in der er die beiden Männer fand, bewegte ihm das Herz, und indem er sich an Paulus wandte, sagte er freundlich: »Ich kann euch getrost verlassen, denn Du scheinst mir ein treuer Pfleger zu sein.« Der Alexandriner erröthete, schüttelte den Kopf und erwiderte: »Ich habe nur an mich selbst gedacht und ihn pflichtvergessen leiden und dursten lassen; aber nun weiche ich nicht wieder von ihm, gewiß nicht, und mit Gottes und Eurer Hülfe wird er genesen!« Petrus nickte ihm freundlich zu, denn er glaubte nicht an die Selbstanklage des Anachoreten, wohl aber an seinen guten Willen und befahl Hermas, bevor er die Höhle verließ, ihn in der Frühe jeden kommenden Tages aufzusuchen, um ihm Bericht über das Befinden seines Vaters zu erstatten. Er wünschte nicht nur Stephanus herzustellen, sondern auch mit dem Jüngling, der seine Theilnahme in hohem Grad erregt hatte, in Verbindung zu bleiben und war entschlossen, ihm zu helfen, sich dem untätigen Leben, in dem er verkümmerte, zu entziehen. Paulus weigerte sich, an dem einfachen Abendmahl, das Vater und Sohn einnahmen, teilzunehmen und erklärte, bei dem Kranken bleiben zu wollen. Den den knappen Raum der Höhle beengenden Hermas forderte er auf, sich in seiner Behausung zur Ruhe zu legen. Ein neues Leben war heute für den Jüngling angebrochen, denn all' die Klagen und Wünsche, die seit seiner Reise nach Alexandria sich wirr und nebelhaft in seiner Seele drängten, hatten heute Gestalt und Farbe angenommen, und er wußte nun, daß er kein Anachoret bleiben, sondern seine überschäumende Kraft im Leben versuchen wolle. »Mein Vater,« dachte er, »war ein Krieger und wohnte in einem Palast, bevor er sich in unsere dumpfe Höhle zurückzog, Paulus war Menander und hat das Diskuswerfen noch heute nicht vergessen. Ich bin jung, stark und freigeboren wie sie, und Petrus sagt, ich sei ein stattlicher Mann geworden. Steine häufen und meißeln wie seine Söhne will ich nicht, aber der Kaiser braucht Soldaten, und unter all' den Amalekitern, ja selbst unter den Römern in der Oase, sah ich keinen, mit dem ich's nicht aufnehmen möchte.« Während er solches dachte, streckte er die Glieder und stemmte die Hände an die breite Brust. Als er eingeschlafen war, träumte er von Ringkämpfen und von einem Purpurgewand, das Paulus ihm reichte, von einem Kranz von Pappellaub, der ihm auf den duftenden Locken ruhte, und von der schönen Frau, die ihm auf der Treppe im Hause des Senators begegnet war. Fünftes Kapitel. Stephanus hatte, dank der Arznei des Senators, Schlaf gefunden. Paulus saß neben ihm und rührte kein Glied. Er hemmte den Athem und kämpfte selbst den Reiz zu husten gewaltsam nieder, um den leise Schlummernden nicht zu stören. Eine Stunde nach Mitternacht war der Alte erwacht, und nachdem er lange mit offenen Augen sinnend dagelegen, sprach er nachdenklich: »Selbstsüchtig nanntest Du Dich und uns, und ich bin es gewiß! Das sagt' ich mir oft und nicht erst heute; seit Wochen schon, seitdem Hermas aus Alexandria heimgekehrt ist und das Lachen verlernt hat. Er ist nicht zufrieden, und wenn ich mich frage, was aus ihm werden soll, wenn ich todt bin und er sich dem Herrn entzieht und die Weltlust aufsucht, so graut mir. Ich wollte sein Bestes, als ich ihn mit mir nahm auf den heiligen Berg, aber das war's doch nicht allein! Es schien mir zu schwer, mich ganz von dem Kinde zu trennen. Mein Gott, jedes junge Thier ist doch der treuen Liebe seiner Mutter sicher; aber die seine fragte nicht nach ihm, als sie mit ihrem Verführer aus meinem Hause entfloh. Ich dachte, den Vater sollt' er wenigstens behalten, und wenn er fern von der Welt aufwüchse, so würde ihm all' der Jammer erspart bleiben, mit dem sie mich so reichlich bedacht hat. Für den Himmel wollt' ich ihn auferziehen und zu leidlosem Leben. Und jetzt? Wenn er elend wird, so wird er's durch mich! Nun kommt zu den anderen Schmerzen noch diese Sorge.« »Du hast für ihn den Weg gesucht,« unterbrach ihn Paulus, »und das Andere wird sich schon finden; er liebt Dich und verläßt Dich gewiß nicht, so lange Du leidest.« »Gewiß nicht?« fragte der Kranke ängstlich. »Was hat er auch für Waffen, um sich im Leben zu wehren?« »Du gabst ihm den Heiland zum Führer; das ist genug,« beruhigte Paulus den Andern. »Es leitet kein glatter Weg hinein in den Himmel, und Niemand kann die Seligkeit für seinen Nächsten erwerben.« Stephanus schwieg lange; dann sagte er: »Nicht einmal die ärmlichen Erfahrungen für das Leben darf der Lehrer für den Schüler machen, der Vater für den Sohn. Das Ziel können wir zeigen, aber der Weg dahin gestaltet sich anders für Jeden.« »So danken wir Gott,« rief Paulus, »denn Hermas steht auf der Straße, die wir erst suchen mußten, Du und ich.« »Du und ich,« wiederholte der Kranke nachdenklich. »Jeder von uns hat seinen Weg gesucht, aber immer nur den seinen und nicht nach dem des Andern gefragt. Die Selbstsucht, die Selbstsucht! Wie viel Jahre wohnen wir hier dicht bei einander, und doch hat es mich noch niemals gedrängt, Dich zu fragen, was Du von Deiner Jugend weißt, und wie Dich die Gnade erfaßte. Daß Du aus Alexandria stammst und ein Heide gewesen bist und für den Glauben Schweres erdulden mußtest, erfuhr ich von ungefähr, und das war mir genug. Du schienst auch nicht gern von vergangenen Tagen zu reden. Der Nächste soll uns sein als wir selbst, und wer stand mir näher als Du? Ja, die Selbstsucht! Es gibt auch Abgründe auf dem Wege zu Gott.« »Ich weiß nicht viel zu erzählen,« sagte Paulus, »aber man vergißt doch nicht, was man einmal gewesen. Man stößt es von sich, man glaubt es los zu sein, aber plötzlich ist es wieder da und grüßt uns wie ein alter Bekannter. Wenn der Frosch auch einmal auf den Baum kommt, er hüpft doch wieder in den Teich zurück.« »Nicht wahr, die Erinnerung läßt sich nicht tödten.« rief der Kranke. »Ich kann nicht mehr schlafen. Erzähle mir von Deiner Jugend, und wie Du ein Christ geworden bist. Wenn zwei Männer lange desselben Weges gewandert sind, und es kommt zur Trennung, so fragt der Eine den Andern wohl nach Herkunft und Namen.« Paulus schaute eine Zeitlang in's Leere, dann begann er: »Menander, des Herophilus Sohn, nannten mich meine Altersgenossen. Sonst weiß ich gewiß nicht mehr viel aus meiner Jugend, denn ich sagte Dir's ja schon, ich habe mir's längst verboten, an die Welt zu denken. Wer ein Ding fortwirft und die Idee des Dinges festhält, dem bleibt . . .« »Das klingt ja nach Plato,« lächelte Stephanus. »Heute kehrt all' das Heidenzeug wieder,« rief Paulus. »Ja ich hab' ihn gekannt und dachte wohl manchmal, sein Antlitz könne dem unseres Heilands geglichen haben!« »Doch nur wie ein schöner Gesang den Stimmen der Engel,« sagte Stephanus abweisend. »Wer sich in die Systeme der Philosophen versenkt . . .« »Dazu ist es bei mir niemals recht gekommen,« versicherte Paulus. »Zwar mußt' ich den ganzen Bildungsgang durchlaufen: Grammatik, Rhetorik, Dialektik und Musik . . .« »Und Arithmetik, Geometrie und Astronomie,« ergänzte Stephanus. »Die überließ man den Gelehrten schon seit einigen Jahren,« fuhr Paulus fort, »und ich war nie ein besonderer Lerner. In der Schule des Rhetors blieb ich weit hinter den Genossen zurück, und wenn Plato mir lieb war, so dank' ich das dem Pädonomos aus Athen, einem würdigen Manne, den der Vater uns hielt.« »Sie sagen, er sei ein großer Kaufherr gewesen,« unterbrach ihn der Kranke. »Du bist doch nicht etwa des reichen Herophilus Sohn, für den der brave Jude Urbib in Antiochia die Geschäfte besorgte?« »Doch, doch,« entgegnete Paulus und schaute verlegen zu Boden. »Unser Hausstand war fast königlich, ich will es nicht leugnen, und sündhaft die Menge unserer Sklaven. Wenn ich an all' den Tand zurückdenke, für den der Vater zu sorgen hatte, so erfaßt mich ein Schwindel. Zwanzig Meerschiffe im Hafen des Eunostus und achtzig Nilboote im Mareotischen See gehörten ihm. Eine Stadt voll Armer hätte sich durch den Gewinn, den die Papyrusfabriken ergaben, versorgen lassen; aber wir brauchten unsere Einkünfte für andere Dinge! Unsere kyrenäischen Rosse standen in marmornen Ställen, und die große Halle, in der sich die Freunde des Vaters versammelten, glich einem Tempel. Aber siehst Du, wie die Welt uns faßt, wenn wir ihrer gedenken! Lassen wir lieber das Vergangene ruhen! – Ich soll dennoch weiter erzählen? Nun, meine Kindheit verrann wie die von tausend anderen reichen Bürgerssöhnen; nur meine Mutter war doch wohl besonders schön und lieb und von engelhafter Güte.« »Für jedes Kind ist seine Mutter die beste Mutter,« murmelte der Kranke. »Und für mich war es gewißlich die meine!« rief Paulus. »Und sie ist doch nur eine Heidin gewesen! Bei ihr fand ich immer ein gutes Wort, einen liebreichen Blick, wenn mich der Vater mit hartem Tadel verletzte. Es war wohl auch wenig an mir zu loben. Das Lernen ward mir recht sauer, und hätte ich auch Besseres in der Schule geleistet, es wäre doch kaum zur Geltung gekommen, denn mein Bruder Apollonius, der um ein Jahr jünger als ich war, erlernte das Schwerste als wär' es ein Spiel. Kein System war ihm fremd, und ob man auch niemals merkte, daß er sich sonderlich plage, ward er doch Meister auf vielen Gebieten des Wissens. Nur in zwei Stücken blieb ich ihm überlegen, in der Musik und in allen athletischen Künsten. Während er studirte und disputirte, errang ich Kränze in der Palästra. Aber der beste Rhetor und Wortfechter war damals der beste Mann, und der Vater, der selbst in der Rathsversammlung als feuriger und geschmackvoller Redner zu glänzen verstand, hielt mich für einen halb mißrathenen Dummkopf, bis ihm einmal ein gelehrter Klient unseres Hauses auf einem geschnittenen Stein ein Epigramm überreichte, in dem es hieß: Wer die edelsten Güter des Griechenstammes sehen wolle, der möge des Herophilus Haus besuchen, denn dort wären zu bewundern: die Kraft und Anmuth des Leibes in Menander und die gleichen Eigenschaften des Geistes in Apollonius. Diese Verse – sie bildeten die Gestalt einer Laute – gingen von Mund zu Munde und befriedigten den Ehrgeiz des Vaters, der von nun an auch lobende Worte fand, wenn mein Viergespann im Hippodrom gesiegt hatte, oder wenn ich mit Kränzen geschmückt von den Ringspielen und Wettgesängen heimkehrte. In den Bädern, in der Palästra und bei frohen Gelagen verging mein Leben.« »Das kenn' ich Alles,« unterbrach ihn Stephanus, »und oftmals hat mich die Erinnerung daran beunruhigt. Ward es Dir leicht, diese Bilder zu bannen?« »Anfänglich hatte ich schwer zu kämpfen,« seufzte Paulus, »aber seit einiger Zeit, seitdem ich das vierzigste Jahr überschritten, plagen mich die Lockungen der Welt immer seltener. Ich muß nur den Botengängern aus dem Wege gehen, welche die Fische aus dem Flecken an der See und aus Raïthu nach der Oase bringen.« Stephanus schaute den Andern fragend an; Paulus aber sagte: »Ja, das ist sehr wunderlich! Ob ich Männer sehe oder Weiber, das Meer oder den Berg hier; ich denke nie an Alexandria und immer an heilige Dinge; aber wenn mir der Fischgeruch in die Nase steigt, so tritt der Markt vor meine Augen, und ich sehe die Fischstände und Austern . . .« »Die von Kanopus sind ausgezeichnet,« unterbrach ihn Stephanus, »man macht dort kleine Pastetchen . . .« Paulus wischte sich die bärtigen Lippen mit dem Rücken der Hand und rief: »Bei dem dicken Garkoch Philemon in der herakleotischen Straße!« Aber schon unterbrach er sich selbst und rief beschämt: »Es wäre doch besser, ich hörte auf zu erzählen. Noch dämmert es nicht, und Du solltest zu schlafen versuchen.« »Ich kann nicht,« seufzte Stephanus. »Wenn Du mich liebst, so beende Deine Geschichte!« »Aber unterbrich mich nicht wieder,« bat Paulus und fuhr fort: »Bei all' dem fröhlichen Leben war ich nicht glücklich, gewiß nicht. Wenn ich einmal allein war und nicht im Kreise der frohen Kumpane und gefälligen Dirnen mit Pappellaub bekränzt den Becher leerte, dann war es mir oft, als wanderte ich am Rande eines schwarzen Abgrunds, oder als sei Alles gänzlich hohl und öde in mir selbst und um mich her. Stundenlang konnte ich in's Meer schauen, und wenn dann die Wellen sich hoben, um sich wieder zu senken und ganz zu verschwinden, so dacht' ich oft, ich sei ihnen vergleichbar und meiner nichtigen Gegenwart Zukunft ein leeres Nichts. Unsere Götter galten uns wenig. Die Mutter opferte bald in diesem, bald in jenem Tempel, je nach den Bedürfnissen des Tages; der Vater nahm Theil an den Festen, aber spottete über den Glauben der Menge, und mein Bruder sprach von dem ›Ureinen‹ und hatte mit allerhand Dämonen und magischen Formeln zu thun. Er hielt sich zu der Lehre der neuplatonischen Weisen, die meinem armen Kopfe bald übermenschlich tiefsinnig, bald unmenschlich närrisch vorkamen. Manches Wort aus seinem Munde blieb mir doch im Gedächtniß, und ich hab' es erst hier in der Einsamkeit verstanden. Das Vernünftige außer uns zu suchen sei nichts; das Höchste aber, wenn die Vernunft in uns sich selbst schaue. So oft mir die Welt in's Nichts versinkt, und ich lebe in Gott und habe und halte ihn und empfinde nur ihn, so muß ich jener Lehre gedenken. Wie suchten und lauschten all' diese Thoren herum nach der Wahrheit, die neben ihnen laut verkündigt ward! »Christen gab es überall, und in jener Zeit brauchten sie sich nicht zu verbergen; ich aber hatte nichts mit ihnen zu theilen. Nur zweimal kreuzten sie mir den Weg. Einmal war ich nicht wenig verdrossen, als im Hippodrom die Rosse eines Christen, die einen nazarenischen Segen empfangen hatten, die meinen besiegten, und ein anderes Mal ist es mir wunderlich zu Muthe gewesen, als ich selbst solchen Segen von einem alten christlichen Hafenarbeiter empfing, dem ich den Sohn aus dem Wasser gezogen. »Jahre vergingen. Meine Eltern starben. Der Mutter letzter Blick hat mir gegolten, denn ich war ihr doch das liebste von all' ihren Kindern. Sie sagten auch, ich sei ihr ähnlich gewesen; ich und meine Schwester Arsinoë, die sich bald nach dem Tode des Vaters mit dem Präfekten Pompejus vermählte. »Bei der Vertheilung des Erbes überließ ich dem Bruder die Fabriken und die Leitung des Geschäftes, ja auch, obgleich es mir als dem ältern zukam, das Haus in der Stadt. Dafür übernahm ich das Landgut vor dem kanopischen Thore und füllte dort die Ställe mit edlen Rossen und die Speicher mit ebenso edlem Wein. Den hatte ich nöthig, denn der Tag gehörte den Bädern und der Ringbahn, die Nächte aber wurden durchzecht, bald bei mir, bald bei Freunden, bald auch in einem der Herbergshäuser zu Kanopus, in denen Gesang und Tanz der schönsten Griechinnen die Gastmähler würzte. »Was haben diese Stätten der eitelsten Weltlust mit Deiner Bekehrung zu schaffen? wirst Du fragen. Höre nur zu! Als Saul ausging, um seines Vaters Esel zu suchen, fand er eine Krone. »Eines Tages waren wir auch in unseren vergoldeten Booten dorthin gefahren, und die Lesbierin Archidike hatte uns in ihrem Haus ein Gastmahl gerüstet, ein Gastmahl, wie man es selbst in Rom kaum herzustellen vermöchte. »Seit der Einnahme unserer Stadt durch Diokletian nach dem Aufstande des Achilleus benahmen sich die kaiserlichen Truppen, die nach Alexandria gekommen waren, übermüthig genug. Zwischen meinen Freunden und einigen jungen Offizieren aus römischen Patrizierfamilien war es wegen Pferden, Frauen und was weiß ich schon seit Monden und dann immer wieder zu Reibereien gekommen, und es fügte sich, daß wir gerade diese Herrlein im Gasthause der Archidike trafen. »Es kam zu spitzigen Reden, die Soldaten erwiderten sie in ihrer Weise, und endlich gab es beleidigende Worte, ja, als der Wein sie und uns erhitzt hatte, Drohungen und Zank. »Die Römer verließen vor uns das Gasthaus. »Bekränzt, singend und völlig sorglos folgten wir ihnen nach einiger Zeit und waren schon ganz nahe dem Hafen, als aus einer Seitengasse eine lärmende Schaar hervorbrach und uns mit blanken Waffen überfiel. »Der Mond stand am Himmel, und einzelne unter unseren Gegnern konnte ich erkennen. Ich stürzte mich auf einen langen Tribunen, würgte ihn und sank, als er stürzte, mit ihm in den Staub. Was weiter geschah, ist mir nur dunkel bewußt, denn Schwerthiebe regneten auf mich nieder, und es wurde mir schwarz vor den Augen. Ich weiß nur noch, was ich da im Angesichte des Todes dachte.« »Nun?« fragte Stephanus. »Ich dachte,« antwortete Paulus erröthend, »an meine Kampfwachteln in Alexandria, und ob sie auch Wasser bekommen hätten. Dann bemächtigte sich meiner tiefe, dumpfe Bewußtlosigkeit. Wochenlang habe ich so gelegen, denn ich war zerhackt wie das Wurstfleisch beim Metzger. Zwölf Wunden hatte ich, die kleinen nicht mitgerechnet, von denen jede einem Andern an's Leben gegangen wäre. Du hast Dich ja manchmal über meine Narben gewundert.« »Und wen ersah damals der Höchste zu Deiner Rettung?« »Als ich erwachte,« fuhr Paulus fort, »lag ich in einem großen, saubern Zimmer, hinter einem Vorhange von hellem Zeug. Aufrichten konnt' ich mich nicht, und als hätt' ich nur so viele Minute geschlummert wie Tage, dacht' ich zuerst wieder an meine Wachteln. Beim letzten Kampfe hatte mein bester Hahn den des schönen Nikander übel zugerichtet, und doch versuchte er mir den Einsatz streitig zu machen. Aber ich wollte mir schon mein Recht verschaffen! Wenigstens mußten die Wachteln noch einmal auf einander los, und wenn Nikander sich weigern würde, dann wollte ich ihn in der Palästra zum Faustkampf zwingen und ihm ein blaues Erinnerungszeichen an seine Schuld auf's Auge malen. Meine Hände waren noch schwach, und doch ballten sie sich, als ich des ärgerlichen Handels gedachte. ›Ich werde ihn!‹ murmelte ich vor mich hin. »Da hörte ich, wie die Thür des Gemaches, in dem ich ruhte, sich aufthat, und sah, wie sich drei Männer ehrerbietig einem vierten näherten. Dieser begrüßte sie würdevoll und doch freundlich und rollte eine Schrift, in der er gelesen hatte, zusammen. Ich hätte ihn gern angerufen, aber ich konnte die trockenen Lippen nicht öffnen, und doch sah und hörte ich Alles, was in dem Zimmer neben mir vorging. »Es erschien mir damals fremdartig genug. »Schon der Gruß dieser Männer war seltsam gewesen. »Bald nahm ich wahr, daß der auf dem Stuhl ein Richter war, und die Anderen als Kläger kamen. Sie waren alle Drei alt und arm; aber gute Menschen hatten ihnen ein Stück Feld zur Benützung überlassen. Während der Zeit der Bestellung war der Eine, ein hübscher Greis mit langen weißen Haaren, krank gewesen und hatte auch bei der Ernte nicht mithelfen können. ›Nun werden sie ihm seinen Antheil an dem Korn vorenthalten wollen,‹ dachte ich mir; aber es sollte anders kommen! Die Gesunden hatten dem Kranken den dritten Theil des Ausdruschs in's Haus gebracht, und der Greis weigerte sich hartnäckig, den Waizen anzunehmen, da er weder bei der Saat, noch bei der Ernte mitgeholfen habe, und forderte den Richter auf, die Anderen zu bedeuten, daß er ein Gut, welches er doch nicht erworben, auch nicht anzunehmen berechtigt sei. »Der Richter hatte bisher geschwiegen. Jetzt erhob er das kluge, freundliche Gesicht und fragte den Greis: ›Hast Du für Deine Genossen und für das Gedeihen ihrer Arbeit gebetet?‹ »›Das that ich,‹ antwortete der Alte. »›So hast Du ihnen durch Deine Fürbitte geholfen,‹ entschied der Richter, ›und der dritte Theil der Ernte ist Dein, und Du wirst ihn behalten!‹ »Der Greis verneigte sich, die Männer gaben einander die Hände, und bald war der Richter wieder allein im Gemach. »Ich wußte nicht, wie mir geschah. Widersinnig schien mir die Klage und der Spruch des Richters, und dennoch rührten mir beide das Herz. Ich schlief wieder ein, und als ich am folgenden Morgen gestärkt erwachte, trat der Richter zu mir heran und reichte mir Arznei, nicht nur für den Leib, sondern auch für die Seele, die gewiß so wund war wie die armen, zerschlagenen Glieder.« »Wer war der Richter?« fragte Stephanus. »Eusebius, der Presbyter von Kanopus. Christen hatten mich halbtodt auf der Straße gefunden und in sein Haus gebracht, denn die Wittwe Theodora, seine Schwester, war die Diakonissin der Stadt. Sie haben mich Beide gepflegt, als wär' ich ihr leiblicher Bruder. Erst als ich kräftiger geworden war, zeigten sie mir das Kreuz und die Dornenkrone Dessen, der auch um meinetwillen so viel weit schwereres Leid auf sich genommen, und lehrten mich seine Wunden lieben und die meinen in Ergebung tragen. An dem dürren Holz der Verzweiflung knospte bald junges Hoffnungsgrün, und an Stelle des öden Nichts am Ende des Lebens zeigten sie mir den Himmel mit all' seinen Freuden. »Ich wurde ein neuer Mensch, und vor mir lag als Zukunft ein endloses seliges Dasein. Nach mir, das wußte ich nun, wird nichts sein als die Ewigkeit; weit geöffnet waren für mich die Thore des Himmels, und zu Kanopus hab' ich die Taufe empfangen. »In Alexandria hatte man mich schon als einen Verstorbenen betrauert, und meine Schwester Arsinoë war als meine Erbin mit ihrem Gatten, dem Präfekten, in mein Landhaus gezogen. Ich ließ es ihr gern und wohnte von nun an wieder in der Stadt, um, als die Verfolgungen von Neuem begannen, den Brüdern beistehen zu können. »Das war mir leicht, denn durch meinen Schwager stand mir zu allen Kerkern der Zutritt offen. Endlich mußte ich laut den Glauben bekennen und hab' Vieles erduldet auf der Marterbank und in den Porphyrbrüchen; doch jeder Schmerz war mir theuer, weil er mich meinem Sehnsuchtsziele näher zu bringen schien, und wenn ich hier auf dem heiligen Berg Eins beklage, so ist es nur das, daß der Herr mich nicht würdigt, Härteres zu erdulden, da doch sein lieber eigener Sohn für mich und jeden Armen so bittere Qualen auf sich genommen.« »Du heiliger Mann!« murmelte Stephanus und küßte andächtig des Paulus Schaffell; dieser aber riß es ihm aus der Hand und rief unwillig: »Ich bitte Dich, laß das. Wer mir hier im Leben mit Ehren naht, der wirft mir Steine in den Weg zum seligen Leben. Jetzt geh' ich zur Quelle, um Dir frisches Wasser zu schöpfen.« Als Paulus mit dem Kruge zurückkehrte, fand er Hermas, der seinem Vater den Morgengruß bot, bevor er zu dem Senator in die Oasenstadt ging, um neue Arzneimittel zu holen. Sechstes Kapitel. Die Gallierin Sirona saß am offenen Fenster ihres Schlafgemachs und ließ sich das blonde Haar von einer alten schwarzen Sklavin ordnen, die ihr Gatte in Rom für sie gekauft hatte. Sie seufzte, während die Dienerin mit duftigem Oel auf der flachen Hand bald hier bald dort den glänzenden Hauptschmuck ihrer Herrin berührte. Jetzt faßte die Schwarze kräftig in den vollen, lang herabwallenden Strom der goldig schimmernden Fäden und theilte ihn mit beiden Händen, um mit dem Flechten der Zöpfe zu beginnen; aber Sirona wehrte ihr und sagte: »Reich' mir den Spiegel!« Eine Zeitlang schaute sie wehmüthig in das glattpolirte Metall, dann seufzte sie zum andern Mal, hob das Windspiel, das zu ihren Füßen gelegen hatte, auf den Schooß und sagte, indem sie dem Thiere den Spiegel vorhielt: »Da, arme Jambe; wenn wir Beide in diesen vier Wänden etwas sehen wollen, das uns gefällt, so müssen wir hier hineinschauen!« Dann fuhr sie, indem sie sich an die Sklavin wandte, fort: »Wie das Thierchen zittert! Ich glaube, es sehnt sich zurück nach Arelas und hat Angst, daß wir noch lang unter dieser brennenden Sonne bleiben. Gib mir die Sandalen.« Die Schwarze reichte ihrer Herrin zwei kleine Sohlen mit goldenen Verzierungen auf dem zierlichen Riemenwerke; Sirona aber warf das Haar mit dem Rücken der Hand zurück und rief: »Die alten, nicht diese. Ein Holzschuh thät' es hier auch!« Bei diesen Worten zeigte sie in den Hof unter dem Fenster, und dieser war in der That so beschaffen, als hätten ihn vergoldete Sandalen noch niemals betreten. Er war rings von Gebäuden umgeben. Auf der einen Seite erhob sich eine Mauer mit einem Eingangsthor, auf den anderen Seiten je ein Gebäude, welche zusammen ein scharfkantiges Hufeisen bildeten. Gegenüber dem Flügel, wo Sirona mit ihrem Gatten ein Unterkommen gefunden, stand das sehr viel höhere Haus des Petrus, und beide wurden im Hintergrund des Hofes von einem mit Palmenzweigen bedeckten Schuppen aus rothbraunen Feldsteinen verbunden, in dem das Ackergeräth bewahrt wurde, und die Sklaven des Senators wohnten. Vor ihm lag ein Haufen schwarzer Kohlen, wie man sie hier aus dem Holz der dornigen Seyalakazie brannte, und eine stattliche Reihe von gut geglätteten Mühlsteinen, die Petrus in seinen Brüchen herstellen ließ und nach Aegypten verkaufte. In dieser frühen Stunde lag der ganze unschöne, von vielen Hühnern und Tauben bevölkerte Raum in tiefem Schatten. Nur Sirona's Fenster wurde von der Morgensonne berührt. Hätte sie gewußt, mit welchem Zauber das goldene Licht ihre Gestalt, ihr weiß und rothes Antlitz und ihr schimmerndes Haar umfloß, sie wäre dem Tagesgestirn hold gewesen, dem sie grollte, weil es sie früh aus dem Schlafe, dem besten Trost in ihrer Einsamkeit, weckte. Außer einigen Nebenräumen verfügte sie noch über ein größeres Zimmer, das Wohngemach, welches nach der Straße hinaussah. Jetzt beschattete sie die Augen mit der Hand und sagte: »Die lästige Sonne! Uns sieht sie zuerst in die Fenster. Als wenn die Tage nicht lang genug wären! Die Betten sollen in das vordere Zimmer gestellt werden; ich bestehe darauf.« Die Sklavin schüttelte den Kopf und entgegnen stotternd: »Phöbicius will nicht.« Sirona's Augen blitzten unwillig auf, und leise zitterte ihre höchst wohllautende Stimme, als sie fragte: »Was hat er wieder?« »Er sagt,« entgegnete die Schwarze, »des Senators Sohn Polykarp gehe öfter an Deinem Fenster vorüber, als ihm lieb sei, und es scheine ihm, als machest Du Dir mehr als nöthig mit seinen kleinen Geschwistern und den anderen Kindern von drüben zu schaffen.« »Ist er noch da?« fragte Sirona mit glühendem Roth auf den Wangen und zeigte drohend mit dem Finger auf das Wohngemach. »Fort ist der Herr,« stammelte die Alte. »Schon vor Sonnenaufgang. Du sollst nicht warten mit dem Essen; er kommt spät zurück.« Die Gallierin antwortete nicht, aber sie senkte das Haupt, und tiefe Trostlosigkeit malte sich in ihren blühenden Zügen. Das Windspiel schien den Kummer seiner Herrin mit zu empfinden, denn es richtete sich an ihr empor, als woll' es sie küssen. Die einsame Frau preßte das Thierchen, das ihr schon in der Heimat gehört hatte, leidenschaftlich an sich, denn eine Bangigkeit ohnegleichen bedrängte ihr Herz, und sie fühlte sich so einsam, so freundlos, so ganz verlassen, als triebe sie auf steuerlosem Nachen allein, allein auf dem weiten, küstenlosen Meere dahin. Fröstelnd schauerte sie zusammen. Sie hatte ihres Gatten gedacht, des Mannes, der ihr hier Alles sein sollte, und dessen Gegenwart sie doch mit Widerwillen erfüllte, dessen Gleichgültigkeit sie nicht mehr verletzte, und dessen Zärtlichkeit sie weit mehr fürchtete, als seine wilde Reizbarkeit. Sie hatte ihn niemals geliebt. Unter vielen Geschwistern war sie sorglos aufgewachsen. Ihr Vater war der Rechnungsführer des Decurionenkollegiums seiner Vaterstadt, der gegenüber dem Cirkus wohnte und doch, streng gesinnt wie er war, seinen Töchtern niemals gestattete, den Schauspielen beizuwohnen. Aber er konnte ihnen nicht verbieten, die Menge in das Amphitheater einströmen und sie es verlassen zu sehen, oder ihren jubelnden Zuruf, ihr leidenschaftliches Wuth- und Beifallsgeschrei zu hören. Sirona erwuchs im Angesicht des Vergnügens in stets lebendiger und nie gestillter Sehnsucht nach ihm. Sie fand auch keine Zeit für unnütze Dinge, denn ihre Mutter starb, bevor sie erwachsen war, und ihr lag es ob, für ihre acht jüngeren Geschwister zu sorgen. Das that sie auch mit aller Treue; aber in ihren freien Stunden hörte sie gern den Erzählungen der Beamtenfrauen zu, welche die Herrlichkeiten des goldenen Rom gesehen hatten und priesen. Sie wußte, daß sie schön sei, denn sie brauchte nur das Haus zu verlassen, um es zu hören; aber wenn sie sich nach der Hauptstadt sehnte, so war es nicht, um bewundert zu werden, sondern weil es dort so viel Herrliches zu sehen und zu bewundern gab. Als dann der Tribun Phöbicius, der Befehlshaber der Besatzung ihrer Vaterstadt, nach Rom versetzt ward, und sie, die um mehr als vierzig Sommer jüngere Siebenzehnjährige als sein Weib mit in die Kaiserstadt zu nehmen begehrte, da folgte sie ihm voll Hoffnung und Uebermuth. Bald nach der Hochzeit ging sie von Massilia aus zur See in Begleitung einer alten Verwandten, er zu Land an der Spitze seiner Cohorte nach Rom. Sie gelangte weit früher an ihr Ziel als ihr Gatte und gab sich ohne ihn, aber stets in Begleitung der Alten, mit frischem Blut und völlig unbefangen der Freude des Schauens und Bewunderns bin. Dabei entging es ihr nicht, daß sie überall die Augen auf sich zog, und so sehr ihr das auch anfänglich schmeichelte und behagte, so verdarb es ihr doch manches Vergnügen, als junge und alte Römer ihr zu folgen und sie zu umwerben begannen. Phöbicius traf endlich ein, und als er sein Haus von Bewunderern seiner Gattin umschwärmt fand, betrug er sich gegen Sirona, als habe sie ihm längst die Treue gebrochen. Dennoch schleppte er sie von Vergnügen zu Vergnügen, von Schauspiel zu Schauspiel, denn es reizte ihn, mit seiner schönen jungen Frau zu prahlen. Diese war gewiß nicht frei von Gefallsucht, aber sie hatte durch ihren strengen Vater als Leiterin ihrer jüngeren Geschwister früh gelernt, Recht und Unrecht, Reines und Unsauberes sicher zu unterscheiden, und bemerkte bald, daß die Freuden der Hauptstadt, die ihr anfänglich wie bunte Blumen mit glänzenden Farben und berauschendem Duft entgegengeleuchtet hatten, auf widrigen Sümpfen erblühten. Was schön, was lieblich, was eigentümlich war, hatte sie anfänglich mit Lust betrachtet; ihr Gatte aber freute sich nur an dem, was ihr als gemein und verabscheuungswürdig widerstand. Er belauerte jeden ihrer Blicke, und doch wies er sie auf nichts, als was das Auge eines reinen Weibes verletzt. Das Vergnügen ward ihr zur Qual, denn widerlich erscheint auch der süßeste Wein, den unreine Lippen kredenzen. Nach jedem Fest und Schauspiel überhäufte er sie mit schmählichen Vorwürfen, und als sie sich, solcher Behandlung müde, endlich weigerte, das Haus zu verlassen, zwang er sie dennoch, ihn zu begleiten, so oft der Legat Quintilius, sein Vorgesetzter, der ihr täglich Blumen und Geschenke übersandte, es wünschte. Bis dahin hatte sie ihn ertragen, ihn zu entschuldigen und sich selbst für Manches, das sie litt, verantwortlich zu machen gesucht. Da aber – zehn Monate nach seiner Ankunft in Rom – ward ihr etwas von Phöbicius zugefügt, – etwas, das sich wie eine Mauer von Erz zwischen ihn und sie stellte. Und weil dieß Etwas ihm statt der erhofften Beförderung Verbannung in die entlegene Oase und die Degradirung zum Centurio einer elenden Manipel eingetragen hatte, so begann er sie mit Vorsatz zu quälen, während sie sich durch eisige Kälte zu wehren versuchte. Endlich war es dahin gekommen, daß der Mann, für den sie nichts empfand als Verachtung, ihr das Leben nicht mehr und nicht weniger verdarb als ein körperlicher Schmerz, den ein Kranker mit sich durch das Dasein zu schleppen verdammt ist. In seiner Gegenwart war sie stumm, trotzig und abweisend, aber sobald er sie verließ, erwachte die ihr innewohnende warmherzige Güte und kindliche Heiterkeit zu neuem Leben und trieb die schönsten Blüten im Hause des Senators und unter der kleinen Schaar, die ihr Liebe mit Liebe vergalt. Phöbicius gehörte zu den Anbetern des Mithras, in dessen Dienst er oft bis zur Erschöpfung fastete, oft sich bis zur Bewußtlosigkeit mit den Festgenossen berauschte. Auch hier am Sinaiberge hatte er eine Grotte für die Feier der Mithrasfeste eingerichtet, einige wenige Glaubensgenossen um sich versammelt, und wenn er Tage und Nächte lang ausblieb, um bleicher noch als gewöhnlich heimzukehren, so wußte sie, wo er gewesen. Jetzt stellte sich ihr das Bild dieses Mannes mit den bald schläfrigen, bald in brennendem Zorn glühenden Augen schärfer vor die Seele, und sie fragte sich, wie es denn möglich gewesen, daß sie eingewilligt habe, sein Weib zu werden. Ihre Brust hob sich in schnelleren Athemzügen, da sie nun auch des Schimpfes gedachte, den er in Rom ihr zugefügt hatte, und ihre kleinen Hände ballten sich zu Fäusten. Da erhob sich das Hündchen von ihrem Schooß und sprang bellend auf die Brüstung des Fensters. Sie erschrak leicht, faßte das Morgengewand, welches ihr von der weißen Schulter geglitten war, zusammen, befestigte den letzten Riemen an der Sandale und schaute dabei in den Hof. Ein Lächeln umspielte sogleich ihren Mund, denn sie bemerkte den jungen Hermas, der schon lange, regungslos an die Wand des Hauses des Petrus gelehnt, dagestanden und das Bild der schönen Frau mit den Blicken verschlungen hatte. Ihr leichter Sinn war wie das Auge, in dem das lähmende Dunkel keine Spur zurückläßt, sobald es von dem Eindruck des Lichtes berührt wird. Kein Leid konnte sie so tief treffen, daß nicht der Hauch einer neuen Lust es in alle Winde zu verwehen vermocht hätte. Wie viele Flüsse an ihrer Quelle anders gefärbt sind als an ihrer Mündung, so ging es nicht selten mit ihren Thränen; vor Schmerz begann sie zu weinen, und vor übermüthiger Lust ward es ihr schwer, die Augen zu trocknen. Es würde Phöbicius so leicht gewesen sein, ihr Loos zu verschönen, denn sie war höchst empfänglichen Herzens und dankbar auch für den kleinsten Liebesbeweis. Aber zwischen ihm und ihr war jedes Band zerrissen. Hermas' Gestalt und Antlitz gefielen ihr. Sie fand, daß er vornehm aussehe, trotz seiner ärmlichen Kleidung, und als sie bemerkte, daß seine Wangen glühten, und seine Hand, mit der er ein Arzneifläschchen hielt, zitterte, da wußte sie, daß er sie belauscht, und daß ihr Anblick sein jugendliches Blut erregt habe. Eine Frau, und noch dazu eine, die gern gefällt, verzeiht Alles, was um ihrer Schönheit willen gesündigt wird, und ihre Stimme klang freundlich genug, als sie Hermas einen guten Morgen bot und ihn fragte, wie sein Vater sich befinde, und ob des Senators Mittel geholfen hätten. Des Jünglings Antworten waren kurz und verlegen; aber seine Augen verriethen, daß er ihr gern ganz andere Dinge gesagt haben würde, als seine ungelenke Zunge ihr schüchtern zu erwidern vermochte. »Frau Dorothea erzählte mir gestern Abend,« sagte sie freundlich, »Petrus hoffe, Deinen Vater herzustellen, aber er sei noch sehr schwach. Vielleicht würde guter Wein ihm nützen; heute noch nicht, aber morgen oder übermorgen. Komm' nur zu mir, wenn Du ihn brauchst; wir haben alten Falerner im Speicher und weißen mareotischen, der besonders gut und gesund ist.« Hermas dankte, und als sie ihn nochmals ermuthigte, sich nur getrost an sie zu wenden, da gewann er es über sich, ihr mehr stammelnd als sprechend zuzurufen: »Du bist so gut wie Du schön bist.« Noch waren diese Worte nicht verklungen, als von den neben dem Sklavenhause künstlich aufgeschichteten Steinen der oberste mit lautem Gepolter niederstürzte. Sirona erschrak und zog sich vom Fenster zurück, das Windspiel erhob ein lautes Gebell, und Hermas faßte sich an die Stirn, als ob er aus einem Traume erwacht sei. Bald darauf klopfte er an die Thür des Senators. Kaum hatte er das Haus betreten, als Mirjam's leichte Gestalt wie ein Schatten hinter dem Steinhaufen hervortrat, um rasch und lautlos in der Sklavenwohnung zu verschwinden. Die bestand aus einigen spärlich beleuchteten Räumen mit nackten, unebenen Wänden; jetzt waren ihre Bewohner auf dem Felde, im Hause und in den Steinbrüchen thätig. Die Hirtin trat in das kleinste Gemach, wo auf einem Bett von Palmenstäben der Sklave ruhte, welchen sie verwundet hatte, und der sich regte, als sie mit fliegenden Händen einen neuen, schlecht geglätteten Umschlag flüchtig und schief auf seine tiefe Stirnwunde legte. Sobald diese Pflicht erfüllt war, verließ sie wiederum die Kammer, stellte sich hinter die halb geöffnete, in den Hof führende Thür, preßte die Stirn an den steinernen Pfosten und blickte mit schnellen Athemzügen bald auf das Haus des Senators, bald auf Sirona's Fenster. Eine neue, ungestüme Erregung war in ihr junges Herz gedrungen. Vor wenigen Minuten noch hatte sie ruhig neben dem wunden Mann am Boden gehockt und, den Kopf mit der Hand stützend, an den Berg und ihre Ziegen gedacht. Da hatte sie vom Hofe her ein leises Geräusch vernommen, das von einem Andern wohl überhört worden wäre; sie aber hatte es nicht nur bemerkt, sondern auch mit voller Sicherheit unterschieden, von wem es ausgegangen war. Den Klang der Schritte des Hermas konnte sie niemals verkennen, und er wirkte auf sie mit unwiderstehlicher Macht. Schnell hatte sie das Haupt von der Hand und den Ellenbogen vom Knie gehoben, war auf die Füße gesprungen und in den Hof getreten. Die Mühlsteine hatten sie verborgen; ihr aber war es gestattet gewesen, den in Bewunderung versunkenen Hermas zu sehen. Sie war seinen Blicken gefolgt, und vor ihre Augen hatte sich dasselbe Bild gestellt, das die seinen entzückte: die schöne, vom Sonnenlicht umflossene Gestalt Sirona's. Wie Schnee mit Rosen und Gold sah sie aus, wie der Engel am Grabe auf dem neuen Bild in der Kirche. Ja, wie der Engel! Und es war ihr durch den Sinn geflogen, wie braun und schwarz sie selber sei, und daß er sie eine Teufelin genannt. Ein tief schmerzliches Gefühl war über sie gekommen, und sie hatte sich wie gelähmt an Leib und Seele gefühlt; bald aber hatte sich der Bann gelöst, und ihr Herz ungestüm zu schlagen begonnen. Außer sich hatte sie sich mit den weißen Zähnen in die Lippen gebissen, um nicht laut aufzuschreien vor Pein und Zorn. Wie gern hätte sie sich zu dem Fenster aufgeschwungen an dem Hermas' Blicke hingen, und sich in Sirona's Goldhaar gehängt, sie zu Boden gerissen und wie ein Vampyr das Blut aus ihren rothen Lippen gesaugt, bis sie vor ihr dagelegen, bleich wie die Leiche einer Verdursteten. Jetzt hatte sie gesehen, wie ihr das leichte Gewand von der Schulter fiel, und wie er erschrak und die Hand zum Herzen führte. Da war eine andere Regung über sie gekommen. Es hatte sie angetrieben, ihr zuzurufen und sie zu warnen. Auch Feindinnen reichen einander im Geist die Hände, wenn es gilt, das bedrohte Heiligthum der züchtigen Weiblichkeit zu schützen. Sie war für Sirona erröthet, und schon hatten sich ihre Lippen geöffnet, als das Windspiel, laut anschlagend, aufgesprungen war und das Gespräch zwischen den Beiden begonnen hatte. Ihrem scharfen Gehör war kein Wort entgangen, das sie sprachen, und als er ihr gesagt hatte, daß sie so schön wie gut sei, hatte sie sich zornig und unfähig mehr zu hören, zum Gehen gewandt. Da war der oberste, schlecht gestützte Stein, an dem sie sich halten wollte, aus dem Gleichgewicht gekommen, und sein Fall hatte die Unterredung der Beiden gestört und Mirjam zu dem Kranken zurückgeführt. Jetzt stand sie an der Thür und harrte des Hermas. Lange, lange dauerte das Warten; endlich erschien er mit Frau Dorothea, und sie sah nur noch, daß er wiederum zu Sirona aufschaute. Ein schadenfrohes Lächeln zog ihr um die Lippen, denn das Fenster war leer und das schöne Bild verschwunden, das er wiederzusehen gehofft. Sirona saß jetzt an ihrem Webstuhl in dem vorderen Gemach, wohin sie nahender Hufschlag gelockt. Der zweite Sohn des Senators, Polykarp, war auf seines Vaters stattlichem Hengst vorübergeritten, hatte sie gegrüßt und dabei eine Rose auf den Weg geworfen. Eine halbe Stunde später trat die alte Sklavin zu Sirona, die mit geschickter Hand das Schifflein durch die Webkette warf. »Herrin!« rief die Schwarze mit einem häßlichen Lächeln; und als die einsame Frau die Arbeit einstellte, und sie fragend anschaute, reichte ihr die Alte eine Rose. Sirona nahm die Blume, blies den Staub des Weges von ihr, ordnete mit den Fingerspitzen die zierlichen Blätter und sagte: »Laß die Rosen künftig liegen. Du kennst Phöbicius, und wenn Jemand es sieht, so gibt es Gerede.« Das schwarze Weib wandte ihr, die Achseln zuckend, den Rücken; sie aber dachte: »Polykarp ist doch ein schöner und lieber Mensch, und so große und innige Augen wie er hat gar kein Anderer; wenn er nur nicht immer seinen Entwürfen und Zeichnungen und Figuren und lauter ernsten Dingen sprechen wollte, die mich nichts angehen!« Siebentes Kapitel. Nachdem die Sonne des folgenden Tages die Mittagshöhe überschritten hatte und es kühler zu werden begann, gaben Hermas und Paulus dem Wunsche des Stephanus nach und führten ihn, da er sich kräftiger zu fühlen begann, in's Freie. Jetzt saßen die Anachoreten neben einander auf einem niedrigen Felsblock, den Hermas für seinen Vater durch eine hohe Schicht von frischen Kräutern zum weichen Ruhesitze umgestaltet hatte. Beide schauten dem Jüngling nach, der mit Pfeil und Bogen bergan stieg, um einen Steinbock zu erjagen; hatte doch Petrus kräftige Kost für den Kranken verordnet. Kein Wort ward unter ihnen gewechselt, bis der Jäger verschwunden war. Dann sagte Stephanus. »Wie er sich, seit ich krank bin, verändert hat! Es ist doch nicht so gar lange her, seit ich ihn zum letzten Mal im Lichte des Tages sah, und inzwischen scheint aus dem Knaben ein Mann geworden zu sein. Wie selbstbewußt er einherging!« Paulus murmelte, zu Boden schauend, einige zustimmende Worte. Das Diskuswerfen fiel ihm ein und er dachte: »Gewiß steckt ihm die Palästra im Sinn; er hat auch gebadet; und schon als er gestern aus der Oase zurückkam, schritt er einher wie ein junger Athlet.« Dann erst ist die Freundschaft echt, wenn beide Theile, ohne ein Wort zu sprechen, sich doch ihres Beisammenseins zu freuen vermögen. Stephanus und Paulus schwiegen, und doch bestand unter ihnen ein unsichtbarer Verkehr, als sie, da die Sonne sich dem Untergang zuneigte, gen Westen schauten. Tief unter ihnen erglänzte in gesättigtem Blaugrün der schmale Streifen des rothen Meeres, begrenzt von nackten, in leuchtendem Goldgelb schimmernden Küstenbergen. Dicht neben ihnen erhob sich die zackige Krone des Riesenberges, die, sobald das Tagesgestirn hinter ihr verschwand, sich mit einem strahlenden Band von feurigen Rubinen umsäumte. Flammende Röthe ergoß sich über den westlichen Horizont, leichte Dunstschleier begannen die Küstenberge zu umwallen, das silberne Gewölk am reinen Himmel wandelte die Farbe, bekleidete sich mit dem zarten Roth der jungen Rose, und die Uferhügel schimmerten in dem durchsichtigen Veilchenblau der Amethyste. Kein Lüftchen wehte, kein Laut unterbrach die feierliche Stille des Abends. Erst als das Meer sich dunkler und dunkler zu färben begann, die Glut an der Bergesspitze und im Westen erlosch, und die Nacht ihre Schatten über die Höhen und Tiefen zu breiten begann, löste Stephanus die gefalteten Hände und rief leise des Andern Namen. Paulus schrak zusammen und sagte wie Einer, der aus einem Traum erwacht und sich bewußt ist, des Andern Rede überhört zu haben: »Du hast Recht! Es wird dunkel und kühl, und Du mußt in die Höhle zurück.« Stephanus widersprach ihm nicht und ließ sich zu seinem Lager führen. Während Paulus das Schaffell über den Kranken breitete, seufzte er schwer. »Was bewegt Deine Seele?« fragte der Alte. »Es ist, es war; was kann es mir helfen!« rief Paulus tief erregt. »Da sind wir Zeugen der herrlichsten Wunder des Höchsten gewesen, und in schamloser Abgötterei sah ich vor mir den Wagen mit den schimmernden, Feuer schnaubenden Flügelrossen des Helios und ihn selbst in des Hermas Gestalt, mit leuchtendem Goldhaar und die tanzenden Horen und die goldenen Pforten des Dunkels. Verfluchtes Dämonengesindel! . . .« Hier ward der Anachoret unterbrochen, denn Hermas trat in die Höhle, hielt einen jungen Steinbock, den er erlegt hatte, den Männern entgegen und rief: »Ein stattlicher Bursch, und er hat mich nur einen einzigen Pfeil gekostet. Gleich entzünd' ich ein Feuer und brate die besten Stücke. Es gibt noch viele Böcke auf unserem Berge, und ich weiß sie zu finden.« Eine Stunde später aßen Vater und Sohn die am Spieße gerösteten Fleischschnitte; Paulus weigerte sich, mit ihnen zu speisen, denn als er nach dem Diskuswerfen voll Verzweiflung und Reue in seine Höhle gegangen war, um sich zu geißeln, hatte er sich auch strenges Fasten auferlegt. »Und nun,« rief Hermas, als sein Vater, dem die langentbehrte kräftige Kost vortrefflich zu munden schien, sich für gesättigt erklärte, »und nun kommt das Beste! In dieser Flasche hab' ich stärkenden Wein, und wenn sie leer ist, dann wird sie von Neuem gefüllt.« Stephanus nahm den hölzernen Becher, den sein Sohn ihm reichte, trank ein wenig und sagte dann, indem er den Wohlgeschmack des edlen Saftes noch einmal mit der Zunge prüfte: »Das ist etwas Gutes! Syrischer Wein! Koste nur, Paulus!« Dieser nahm den Becher in die Hand, athmete den Duft des goldigen Getränkes prüfend ein und murmelte dann, ohne die Lippen zu netzen: »Das ist kein Syrer; ägyptischer ist es; ich kenne ihn wohl; für mareotischen möcht' ich ihn halten!« »So nannte ihn Sirona!« rief Hermas. »Und Du erkennst ihn am bloßen Geruch! Sie sagte, er sei besonders heilsam für Kranke!« »Das ist er,« versicherte Paulus; Stephanus aber fragte verwundert: »Sirona? Wer ist das?« Die Höhle war spärlich durch das vor ihrem Eingang entzündete Feuer erleuchtet, darum konnten die beiden Anachoreten nicht bemerken, daß Hermas über und über roth ward, als er erwiderte: »Sirona? Die Gallierin Sirona? Weißt Du das nicht? Sie ist die Gattin des Centurio unten in der Oase!« »Wie kommst Du zu Der? « fragte der Vater. »Sie wohnt im Hause des Petrus,« entgegnete der Jüngling, »und weil sie von Deiner Verwundung hörte . . .« »Bring' ihr meinen Dank, wenn Du morgen hinabgehst,« bat Stephanus. »Ihr, und auch ihrem Gatten. Ist er ein Gallier?« »Ich glaube ja; nein, bestimmt,« entgegnete Hermas. »Sie nennen ihn den Löwen, und ja – gewiß; – auch er ist aus Gallien.« Als der Jüngling die Höhle verlassen hatte, legte sich der Alte zur Ruhe nieder, und Paulus wachte neben ihm auf dem Lager des Hermas. Aber Stephanus fand keinen Schlaf, und wie sein Freund ihm nahte, um ihm Arznei zu reichen, sagte er: »Eines Galliers Weib hat mir Gutes erwiesen, und doch, der Wein hätte mir besser gefrommt, wenn er nicht von einem Gallier käme.« Paulus sah ihn fragend an, und obgleich völliges Dunkel in der Höhle herrschte, empfand Stephanus doch diesen Blick und sagte: »Ich grolle Niemand und liebe meinen Nächsten. Schwere Kränkung ist mir widerfahren, aber ich habe vergeben, von ganzem Herzen vergeben. Nur Einer lebt, dem ich Uebles gönnte, und das ist ein Gallier.« »Verzeihe auch ihm,« bat Paulus, »und störe Dir nicht durch bittere Gedanken den Schlaf.« »Ich bin nicht müde,« rief der Kranke, »und wenn Dir widerfahren wäre, was mir geschehen, so möcht' es auch Dir die Ruhe der Nächte verkümmern!« »Ich weiß, ich weiß ja,« beruhigte Paulus. »Ein Gallier war's, der Dein armes Weib verführte, Dein Haus und ihr Kind zu verlassen.« »Und wie hab' ich Glycera geliebt!« stöhnte der Kranke. »Gleich einer Fürstin ward sie gehalten, und was sie begehrte, wußt' ich zu erfüllen, bevor sie's nur aussprach. Hundertmal hat sie gesagt, ich wäre zu gut und zu schwach, und es bliebe ihr gar nichts zu wünschen. Da kam der Gallier in unser Haus, ein Mensch, ein Mann so herb wie saurer Wein, aber beredt und mit glühenden Augen. Wie er Glycera bestrickt hat, ich weiß es nicht und will es nicht wissen. In der Hölle soll er es büßen. Für das arme, verlorene Weib betete ich Tag und Nacht. Einem Zauber war sie verfallen, und ihr Herz blieb doch in meinem Hause zurück, denn da war ja ihr Kind, und sie hatte den Hermas so lieb, und auch mir ist sie innig ergeben gewesen. Aber wie stark muß der Zauber sein, der selbst die Mutterliebe vernichtet! Ich Armer! Ich Armer! Hast Du jemals ein Weib geliebt, Paulus?« »Du sollst schlafen,« mahnte der Gefragte. »Wer hätte bald ein halbes Jahrhundert gelebt und keine Liebe empfunden! Jetzt red' ich kein Wort mehr, Du aber nimmst diesen Trank, den Petrus für Dich gesandt hat.« Des Senators Mittel war kräftig, denn der Kranke entschlief und erwachte erst, als das volle Tageslicht die Höhle erhellte. Paulus saß noch immer an seinem Lager und reichte ihm, nachdem sie gemeinsam gebetet hatten, den Krug, welchen Hermas, ehe er sich in die Oase begab, mit frischem Wasser gefüllt hatte. »Ich fühle mich kräftig,« sagte der Alte. »Die Arznei ist gut; ich habe sanft geschlafen und schön geträumt, aber Du siehst recht bleich und verwacht aus.« »Ich?« fragte Paulus. »Ich habe ja dort auf dem Lager gelegen. Jetzt laß mich einen Augenblick in's Freie.« Mit diesen Worten trat er vor die Höhle. Sobald er sich den Blicken des Stephanus entzogen hatte, athmete er tief auf, streckte die Glieder und rieb die brennenden Augen, denn es war ihm, als hätten sich Sandkörner unter ihren Lidern angesammelt, denen er drei Tage und Nächte untersagt hatte, sich zu schließen. Dabei brannte ihn heftiger Durst, denn seine Lippen hatten ebenso lange weder Trank, noch Speise berührt. Schon begannen ihm die Hände zu zittern, aber die Schwäche und die Pein, die er empfand, erfüllten ihn mit stiller Freude, und gern hätte er sich in seine Höhle zurückgezogen und nicht zum ersten Male sich dem bittersüßen Wahne hingegeben, daß er an einem Kreuze hänge und aus den fünf Wunden des Heilands blute. Aber Stephanus rief ihn, und ohne zu zaudern begab er sich zu ihm zurück und beantwortete seine Fragen. Das Sprechen ward ihm dabei leichter als das Hören, denn es sauste und brauste und zirpte und klang ihm vor den Ohren, und er fühlte sich wie berauscht von feurigem Wein. »Wenn Hermas nur nicht vergißt, dem Gallier zu danken,« sagte Stephanus. »Danken, ja danken sollen wir immer,« entgegnete ihm der Andere und schloß die Augen. »Ich habe von Glycera geträumt,« begann der Alte von Neuem. »Du sagtest gestern, auch Dir habe Liebe das Herz bewegt; doch bist Du ja niemals vermählt gewesen. Du schweigst? So antworte doch!« »Ich? Wer hat mich gerufen?« murmelte Paulus und starrte den Fragenden mit stieren Blicken an. Dieser erschrak, und als er bemerkte, daß Paulus an allen Gliedern bebte, richtete er sich auf und reichte ihm die Flasche mit Sirona's Wein, die der Andere, seiner selbst nicht mächtig, ihm leidenschaftlich aus der Hand riß und mit heißem Durst leerte. Der feurige Trank belebte seine gesunkenen Kräfte, röthete seine Wangen und verlieh seinen Augen einen eigentümlichen Glanz. Dabei athmete er auf, preßte die Brust mit den Händen und sagte: »Wie wohl das gethan hat!« Stephanus war völlig beruhigt und wiederholte seine Frage; aber er bereute fast seine Neugier, denn seines Freundes Stimme hatte einen ihm gänzlich fremden Klang angenommen, als er erwiderte: »Ich war nie vermählt, nein, niemals, aber geliebt hab' ich doch, und ich will Dir Alles erzählen, Alles von Anfang bis zu Ende, aber Du darfst mich nicht unterbrechen, kein einziges Mal! Es ist mir so seltsam zu Muthe. Vielleicht thut's der Wein. Ich habe lange keinen getrunken; ich hatte gefastet, seit – seit – aber das bleibt sich ja gleich. Schweig' still, ganz still und laß mich erzählen.« Paulus saß auf Hermas' Lager. Jetzt bog er sich weit zurück, lehnte den Hinterkopf an die Felswand der Höhle, durch deren Eingang das volle Tageslicht drang, und begann, indem er unverwandt in's Leere schaute: »Wie sie aussah? Wer kann sie beschreiben? Hoch war sie und groß wie Hera und doch ohne Stolz, und ihr edles Griechengesicht war lieblicher noch als schön. »Sie konnte ja nicht mehr ganz jung sein, aber sie hatte die Augen eines freundlichen Kindes. Ich habe sie nur sehr bleich gekannt. Ihre schmale Stirn schimmerte wie Elfenbein unter den bräunlichen Haaren. Weiß wie die Stirn waren ihre schönen Hände, diese Hände, die wie beseelte Wesen eine eigene Sprache zu reden verstanden. Wenn sie sie andächtig zusammenlegte, so war es, als sprächen sie für sich ein Gebet. Biegsam wie eine junge Palme war sie, wenn sie sich neigte, und dabei doch von vornehmer Würde, selbst damals, als ich sie zum ersten Mal erblickte. Das war an einem schrecklichen Ort; im widrigen Gefangenensaale in der Rhakotis. Sie trug nur ein fadenscheiniges Gewand, das einstmals kostbar gewesen, und wie eine gierige Ratte der gefangenen Taube, so folgte ihr ein garstiges Weib und überhäufte sie mit schmähenden Reden. Sie entgegnete kein Wort, aber schwere, große Thränen flossen langsam über die bleichen Wangen auf die Hände, die sie über dem Busen gekreuzt hielt, nieder. Leid und Angst sprachen aus ihren Blicken, aber keine heftige Regung entstellte das Ebenmaß ihrer Züge. Selbst das Schmähliche wußte sie schön zu tragen, und mit welchen Worten verfolgte sie die wüthende Alte! »Ich war längst getauft, und mir, dem reichen Menander, dem Schwager des Präfekten Pompejus, standen alle Gefängnisse offen, in denen unter Maximin so viele Christen dem Glauben abwendig gemacht werden sollten. Aber sie gehörte nicht zu den Unseren. Ihr Blick traf den meinen, ich bekreuzte mir die Stirn, aber sie erwiderte nicht den heiligen Gruß. Jetzt führten die Wachen die Alte fort; sie aber zog sich in eine finstere Ecke zurück, ließ sich dort nieder und verbarg das Gesicht mit den Händen. »Eine wunderbare Theilnahme für das unglückliche Weib hatte meine Seele erfaßt; mir war, als gehöre sie zu mir und ich zu ihr, und ich glaubte an sie, auch als der Schließer mir mit rohen Worten erzählte, sie habe mit einem Römer bei der Alten gewohnt und diese um vieles Geld betrogen. »Am andern Morgen zog es mich wieder in den Gefangenensaal, um ihret- und um meinetwillen. Da fand ich sie in derselben Ecke wieder, in die sie sich am vorigen Tage geflüchtet. Neben ihr stand unberührt ihre Gefangenenkost, ein Gefäß mit Wasser und ein Stück Brod. »Als ich mich ihr nahte, sah ich, wie sie ein kleines Stück von der dünnen Scheibe für sich abbrach und dann einen Christenknaben, der seiner Mutter in den Kerker gefolgt war, heranrief, um ihm das Uebrige zu reichen. Das Kind dankte ihr artig; sie aber ergriff es und küßte es, obgleich es kränklich aussah und unschön, mit leidenschaftlicher Inbrunst. »›Wer Kinder so lieb hat, ist nicht verdorben,‹ sagte ich mir, und bot ihr an, ihr nach Kräften zu helfen. »Sie maß mich nicht ohne Mißtrauen mit den Augen und sagte, ihr geschähe, was sie verdiene, und sie wolle es dulden. »Bevor ich weiter in sie dringen konnte, wurden wir von Christen gestört, die sich um den würdigen Ammonius geschaart hatten, der sie mit erbaulichen Worten ermahnte und tröstete. Sie hörte dem Greise aufmerksam zu, und am folgenden Tage fand ich sie im Gespräch mit der Mutter des Knaben, dem sie ihr Brod geschenkt hatte. »Eines Morgens war ich mit Früchten gekommen, um sie den Gefangenen und besonders ihr als Labung zu reichen. Sie nahm einen Apfel, erhob sich und sagte leise: ›Ich bitte Dich jetzt um eine andere Gabe. Du bist ein Christ; schicke mir einen Priester, damit er mich taufe, wenn er mich nicht für unwürdig hält, denn ich bin mit Sünden belastet, so schwer, so schwer wie kein anderes Weib.‹ »Wieder füllten sich die großen, lieben Kinderaugen mit den schweren, stillen Thränen, und ich redete ihr herzlich zu und zeigte ihr die Gnade des Erlösers, so gut ich konnte. »Bald darauf hat Ammonius sie heimlich getauft und sie bat, man möge sie Magdalena nennen. So geschah es, und nachher vertraute sie mir völlig. »Sie hatte ihren Gatten und ihr Kind verlassen um eines teuflischen Verführers willen, dem sie nach Alexandria gefolgt und der dort von ihr gegangen war. Einsam, freundlos, in Noth und Schulden blieb sie bei einer harten, habsüchtigen Wirthin zurück und wurde von dieser vor den Richter und in den Kerker geschleppt. »In welchen Abgrund des tiefsten Seelenjammers ließ diese, eines bessern Looses würdige Frau mich schauen! Was ist dem Weib das Höchste? Die Liebe, die Mutterpflicht, ihre Würde. Und Magdalena! Alle drei verscherzt, verschleudert durch eigene Schuld. »Des übermächtigen Schicksals Schläge tragen sich leicht, aber wehe Dem, der durch eigene Schuld sich das Leben verdorben! »Sie war eine schwere Sünderin, und sie empfand das mit qualvoller Reue und wies mein Anerbieten, ihr die Freiheit zu erkaufen, fest zurück. »Sie war begierig nach Strafe, wie ein Fieberkranker nach dem bittern Trank, der sein Blut besänftigt. »Bei dem Gekreuzigten! Ich habe unter den Sündern mehr edle Menschlichkeit gefunden, als bei manchen Gerechten im priesterlichen Gewande! »Durch Magdalena gewann für mich der Kerker seine Heiligkeit zurück. Ich hatte ihn früher oft mit tiefer Verachtung verlassen, denn unter den gefangenen Christen befand sich viel arbeitsscheues Gesindel, das laut den Heiland bekannt hatte, um sich von den Liebesgaben der Genossen zu nähren, sah ich fluchwürdige Verbrecher, die durch den Märtyrertod die verwirkte Seligkeit zurück zu erlangen hofften, hört' ich das Jammergeheul der Zaghaften, die den Tod nicht weniger scheuten, als den Verrath an dem Höchsten. Herzzerreißendes gab es da zu schauen, aber auch Bilder der allererhabensten Seelengröße. Männer und Frauen sah ich, die still beglückt in den Tod gingen, und deren Ende wahrlich ein edleres war, als das vielgepriesene eines Kodrus oder Decius Mus. »Stiller gefaßt, freundlicher ergeben als Magdalena war kein Weib oder Mann unter all' den Gefangenen. Das Wort: ›Es wird mehr Freude sein im Himmel über einen Sünder, der Buße thut, denn über neunundneunzig Gerechte,‹ stärkte sie wunderbar, und sie hat gebüßt, wahrlich sie hat es. Und ich! Gott ist mein Zeuge, daß kein Trieb, der den Mann zum Weibe zieht, mich zu ihr führte, und doch konnt' ich sie nicht lassen und weilte am Tage bei ihr, und des Nachts suchte sie meine Seele, und schöner als Alles wollt' es mir scheinen, mit ihr sterben zu dürfen. »Es war in der Zeit des vierten Verfolgungsdekretes, wenige Monate vor dem Erlaß des ersten Toleranzediktes. »Wer opfert, hieß es noch immer, ist straflos; wer sich dagegen sträubt, soll durch jedes Mittel dazu gezwungen werden. Diejenigen, welche sich hartnäckig zeigen, verfallen dem Tode. Lange war Schonung geübt worden; jetzt erschreckte man die Gefangenen, indem man das Gesetz von Neuem verlas. Nun verbargen sich viele stöhnend und wehklagend, andere beteten laut, und die meisten warteten schwerathmend und mit bleichen Lippen auf das, was kommen würde. Magdalena blieb völlig gefaßt. »Jetzt wurden die Namen der gefangenen Christen ausgerufen, und kaiserliche Legionäre führten sie an eine Stelle zusammen. »Weder mein Name, noch der ihre war genannt worden, denn ich gehörte nicht zu den Gefangenen, und sie hatte man ja nicht um des Glaubens willen verhaftet. »Schon rollte der Beamte seine Liste zusammen, da erhob sich Magdalena, trat bescheiden vor und sagte mit ruhiger Würde: ›Auch ich bin eine Christin.‹ »Wenn es einen Engel gibt, der die Züge eines Menschen trägt, so muß sein Antlitz dem ihren gleichen, wie es in jener Stunde zu schauen war. Der Römer, ein würdiger Mann, blickte sie mit prüfendem Wohlwollen an, schüttelte das Haupt und sagte laut, indem er auf die Schrift wies: ›Ich finde hier nicht Deinen Namen.‹ Dann fügte er leise hinzu: ›Und will ihn nicht finden.‹ »Da trat sie ihm näher und sagte laut: ›Gönne mir meinen Platz bei den Glaubensgenossen und schreibe nun auf: Magdalena, die Christin, verweigert das Opfer!‹ »Meine Seele ward heftig bewegt, und mit freudigem Eifer rief ich: ›Verzeichne auch mich und schreibe: Menander, des Herophilus Sohn, der Christ, verweigert es gleichfalls.‹ »Der Römer folgte seiner Pflicht. »Keine Minute aus jenen Tagen hat mir die Zeit aus dem Gedächtniß getilgt. »Da stand der Altar und neben ihm hier der heidnische Priester, dort der Beamte des Kaisers. Zu Zweien wurden wir vorgeführt. Magdalena und ich waren die Letzten. Hier brachte ein kleines Wort Leben und Freiheit, ein anderes Folter und Tod. »Unter Dreißig hatten nur Vier den Muth gefunden, das Opfer zu verweigern; die Kleinmüthigen aber wehklagten und schlugen die Stirn und beteten, daß der Herr den Muth der Anderen stärke. »Eine unbeschreiblich reine Lust erfüllte meine Seele, und es war mir, als schwebten wir körperlos auf leichten Wolken dahin. »Leise und gelassen weigerten wir das Opfer, dankten dem Beamten des Kaisers, der uns gütig ermahnte, und als wir in demselben Raum zur gleichen Stunde den Folterknechten verfielen, da schaute sie aufwärts und ich nur auf sie, und mitten unter den grausamsten Qualen sah ich vor mir den winkenden Heiland, von Engeln umgeben, die sich in leichten Lüften wiegten, die dem Auge erschienen wie lauteres Glanzlicht und dem Ohre wie schöne Musik. »Regungslos ertrug sie das Furchtbare; nur einmal rief sie ihres Sohnes Namen Hermeias. »Da blickte ich zu ihr hinüber und sah, wie sie mit bebenden Lippen und weit geöffneten Augen himmelwärts schaute; lebend noch und doch schon bei ihm, auf der Folterbank und doch selig. »Am Staube gefesselt blieb mein kräftiger Leib; sie fand Erlösung schon bei dem ersten Angriff der Marterknechte. »Ich drückte ihr die Augen zu, die lieblichsten Augen, in denen sich je der Himmel spiegelte, ich zog ihr den Ring von der blutenden, lieben weißen Hand und hier, hier unter dem rauhen Felle verwahre ich ihn, und ich bete und bete . . . Mein Herz! O, wenn es wäre! Wenn doch das Ende . . .!« Paulus faßte mit der Hand an die Stirn und sank erschöpft und von einer tiefen Ohnmacht überwältigt auf das Lager nieder. Der Kranke war mit athemloser Spannung seiner Erzählung gefolgt. Schon lange hatte er sich hoch aufgerichtet, und ohne daß der Andere ihn bemerkte, sich auf die Kniee niedergelassen. Jetzt schleppte er sich glühend und bebend zu dem Besinnungslosen hin, warf sich über ihn, riß ihm das Fell von der Brust, suchte mit fliegenden Händen nach dem Ringe, fand ihn und faßte ihn in's Auge, als wollt' er ihn mit den Blicken zerschmelzen, drückte ihn wieder und wieder an den Mund, an das Herz, und wieder an seine Lippen, vergrub das Angesicht in die Hände und weinte bitterlich. Erst als Hermas aus der Oase zurückkehrte, dachte er seines erschöpft zusammengesunkenen Freundes und rief ihn mit seines Sohnes Hülfe in's Leben zurück. Paulus weigerte sich nicht, Speise und Trank anzunehmen, und als er gekräftigt und neu belebt in der Kühle des Abends neben Stephanus außerhalb der Höhle saß und von dem Greise erfahren hatte, daß Magdalena sein Weib gewesen, sagte er, auf Hermas zeigend: »Nun weiß ich, woher mir die Liebe kommt, die ich von Anfang an für diesen empfunden.« Der Alte drückte ihm leise die Hand, denn er fühlte sich mit seinem Pfleger durch ein neues zartes Band verknüpft, und mit stiller Glückseligkeit erfüllte ihn die Gewißheit, daß sein immer noch geliebtes Weib, seines Sohnes Mutter, als Christin, als Märtyrerin gestorben sei und vor ihm den Weg zum Himmel gefunden habe. Friedlich wie ein Kind schlief der Alte in der folgenden Nacht, und als am nächsten Morgen Abgesandte aus Raïthu kamen, um Paulus anzutragen, den heiligen Berg zu verlassen und zu ihnen zu ziehen, um sie als ihr Aeltester zu leiten, sagte Stephanus: »Folge getrost diesem schönen Rufe, den Du verdienst. Ich bedarf Deiner jetzt wahrlich nicht mehr, denn ich werde auch ohne Pflege genesen.« Aber Paulus erbat sich, weit mehr beunruhigt als erfreut, von den Abgesandten eine Bedenkzeit von sieben Tagen und eilte dann ruhelos von einer heiligen Stätte zur andern und endlich in die Oase, um in der Kirche zu beten. Achtes Kapitel. Es war ein köstlicher, erfrischender Abend. Der Vollmond hob sich still an dem tiefblauen Bogen des nächtlichen Himmels und goß eine Fülle von Licht auf die kühle Erde nieder; aber die Leuchtkraft seiner Silberstrahlen war nicht stark genug, um den zarten bläulichen Schleier zu heben, der die Riesenmasse des heiligen Berges verhüllte. Dagegen entzog er die Oasenstadt völlig dem Dunkel. Der breite Weg der Hauptstraße leuchtete zu dem von der Höhe herabsteigenden Wanderer auf wie eine Bahn von weißem Marmor, und die frisch getünchten Wände der neuen Kirche glänzten so schimmernd weiß wie am lichten Tage. Die Schatten der Häuser und Palmen lagen wie dunkle Teppichstreifen auf dem Wege, der nur wenig bevölkert war, trotz der abendlichen Kühlung, die sonst die Bürgen in's Freie lockte. Aus den offenen Fenstern der Kirche tönte Gesang von Männern und Frauen. Jetzt öffneten sich ihre Thore, und die christlichen Pharaniten, die hier das Abendmahl, das Brod und den von Hand zu Hand wandernden Kelch empfangen hatten, traten in's Freie. Den Aeltesten und Diakonen, den Vorlesern und Sängern, den Akoluthen und der gesammten Geistlichkeit des Ortes voran schritt der Bischof Agapitus, wie den Laien das Oberhaupt der Oase Obedianus und der Senator Petrus; der Letztere mit seiner Gattin, seinen erwachsenen Kindern und zahlreichen Sklaven. Schon hatte sich die Kirche geleert, als der die Kerzen verlöschende Pförtner im Dunkel einer Ecke des für die Büßer bestimmten Vorraumes, in dem ein fließender Brunnen leise plätscherte, einen Mann bemerkte, der hier regungslos am Boden kauerte und tief im Gebet versunken sich erst aufrichtete, als er ihn anrief und ihm mit seinem Lämpchen in's Gesicht leuchtete. Mit harten Worten begann der Pförtner seine Rede; als er aber in dem Verspäteten den Anachoreten Paulus aus Alexandria erkannte, änderte sich der Ton seiner Stimme, und er sagte mit freundlicher, fast unterwürfiger Bitte. »Laß es genug sein mit dem Gebet, frommer Mann. Die Gemeinde hat die Kirche verlassen, und ich muß sie schließen wegen unseres neuen schönen Geräthes und der heidnischen Räuber. Ich weiß schon, daß die Brüder von Raïthu Dich zu ihrem Aeltesten erwählten, und daß Dir von ihren Abgesandten diese hohe Ehre angetragen worden ist. Sie haben auch unsere Kirche besichtigt und sehr bewundert. Siedelst Du gleich zu ihnen über oder feierst Du noch mit uns die hohen Feste?« »Das sollst Du morgen erfahren,« antwortete Paulus, der sich aufgerichtet und an einen der Pfeiler des schmalen, ungeschmückten Büßerraumes gelehnt hatte. »In diesem Hause wohnt Einer, bei dem ich mir Rath holen möchte. Ich bitte Dich, laß mich allein. Wenn Du willst, so schließe das Thor und führe mich später, bevor Du zur Ruhe gehst, wieder hinaus.« »Das kann nicht sein,« gab der Andere bedenklich zurück. »Mein Weib ist krank, und mein Haus liegt fern von hier am Ende des Ortes bei der kleinen Pforte, und ich soll auch heute noch den Schlüssel zu dem Senator Petrus bringen, dessen Sohn, der Baumeister Antonius, morgen in der Frühe mit der Aufrichtung des neuen Altars beginnen will. Bei Sonnenaufgang kommen die Arbeiter und wenn . . .« »Zeige mir den Schlüssel,« unterbrach ihn Paulus. »Zu welchem Segen kann doch solch kleines Ding den Zutritt verschließen oder den Eingang öffnen! Weißt Du, Mann, es ließe sich, dächt' ich, uns Beiden helfen. Du gehst zu Deiner kranken Frau, ich aber bringe den Schlüssel, wenn ich mein Gebet vollendet, zu dem Senator.« Der Pförtner besann sich kurze Zeit und willfahrte dann der Bitte des künftigen Presbyters von Raïthu, indem er ihn bat, nicht gar zu lang zu verweilen. Als er an des Senators Hause vorbeiging, roch er den Duft von gebratenem Fleisch. Er war ein armer Mann und dachte bei sich: »Der fastet nur, wenn er eben will, wir aber auch, wenn wir es am wenigsten möchten.« Der Wohlgeruch, der diese Klage erweckt hatte, ging von einem gebratenen Hammel aus, der den versammelten Hausgenossen des Senators als Festspeise aufgetragen wurde. Selbst die Sklaven nahmen an der späten Mahlzeit Theil. Petrus und Frau Dorothea saßen nach Griechenart in halb liegender Stellung neben einander auf einer einfachen Ruhebank, und vor ihnen stand ein Tisch, den Niemand mit ihnen theilte, an den sich aber eng die Sessel der erwachsenen Kinder des Hauses schlossen. Die Sklaven hockten näher der Thür am Erdboden und drängten sich in zwei Kreisen um je eine dampfende Schüssel, aus der sie mit der flachen Hand den bräunlichen Linsenbrei nahmen. Ein rundliches graues Brod lag neben einem Jeden und ward erst gebrochen, nachdem der Hausmeister Jethro den Hammel zerschnitten und verteilt hatte. Petrus und den Seinen wurden die saftigsten Stücke vom Rücken und den Schenkeln des Thieres zur Auswahl gereicht, den Sklaven aber legte der Schaffner je eine Scheibe auf ihr Brod, den Männern eine stärkere, den Weibern eine weniger große. Mancher sah wohl mit Neid auf den saftigern Bissen seines mehr begünstigten Genossen; aber auch der am kargsten Bedachte durfte nicht klagen, denn es war den Sklaven nur zu reden gestattet, wenn der Herr ihn gefragt hatte, und über das Essen selbst, sei es in Lob, sei es tadelnd zu sprechen, untersagte Petrus sogar seinen Kindern. Mitten unter den Dienstboten hockte auch Mirjam. Sie aß immer wenig, und alles Fleisch war ihr zuwider; darum schob sie das Rippenstückchen, das ihr gereicht worden war, einer alten, ihr gegenübersitzenden Gartenarbeiterin zu, die ihr manchmal eine Frucht oder ein wenig Honig schenkte, denn Mirjam liebte das Süße. Petrus sprach heute gar nicht mit den Sklaven und selbst mit den Seinen nur wenig. Frau Dorothea bemerkte nicht ohne Besorgniß die tiefe Falte zwischen seinen ernsten Augen, und wie er die Lippen fest zusammenpreßte, wenn er, die Speise vergessend, gedankenvoll vor sich hinsah. Das Mahl war beendet, aber er regte sich nicht und bemerkte keinen der fragenden Blicke, die sich aus vielen Augen auf ihn richteten. Niemand durfte sich erheben, bevor der Herr das Zeichen gegeben. Am ungeduldigsten von allen Anwesenden folgte Mirjam seinen Bewegungen. Sie rückte ruhelos hin und her, zerrieb das Brod, das sie übrig gelassen, mit den spitzen Fingern, und bald flog ihr Athem schnell und schneller, bald schien er völlig still zu stehen. Sie hatte die Hofthür gehen hören und Hermas' Schritte erkannt. »Er will zu dem Herrn; gleich wird er eintreten und mich mitten unter diesen da finden,« dachte sie, strich unwillkürlich mit der Hand über das rauhe Haar, um es zu glätten, und schaute mit einem Blick, in dem sich Haß und Verachtung paarten, auf die anderen Sklaven. Aber Hermas kam nicht. Daß ihr Ohr sie betrogen habe, das besorgte sie keinen Augenblick. Wartete er jetzt an der Thür bis zur Beendigung des Mahles? Galt sein später Besuch der Gallierin, zu der sie ihn gestern wieder mit dem Weinkruge hatte gehen sehen? Sirona's Gatte Phöbicius, das wußte sie, war auf dem Berge und opferte dort mit seinen Genossen in einer Höhle, die sie längst kannte, beim Lichte des Vollmonds, dem Mithras. Sie hatte den Gallier gesehen, wie er während der Zeit des Abendgottesdienstes den Hof mit einigen Soldaten verließ, von denen ihm zwei eine große Kiste, aus der die Henkel eines gewaltigen Mischkessels hervorragten, einen Schlauch voll Wasser und mancherlei Geräth nachtrugen. Sie wußte, daß diese Männer die ganze Nacht in der Mithrasgrotte zubringen und dort »den jungen Gott«, die aufgehende Sonne, mit seltsamen Gebräuchen begrüßen würden, denn mehr als einmal hatte die neugierige Hirtin sie belauscht, wenn sie vor dem Grauen des Tages mit ihren Ziegen auf den Berg gezogen und es ihr zu Ohren gekommen war, daß die Mithrasdiener ihre nächtliche Feier begingen. Jetzt flog es ihr durch den Sinn, daß Sirona allein sei, und daß der späte Besuch des Hermas vielleicht ihr und nicht dem Senator gelte. Sie erschrak, das Herz that ihr wehe, und wie immer, wenn eine heftige Erregung ihr Gemüth erschütterte, willenlos von der Macht der Leidenschaft hingerissen, sprang sie auf und war schon nahe der Thür, als des Senators Stimme sie zurückhielt und ihr das Unziemliche ihres Benehmens in's Bewußtsein rief. Ihr Pflegling lag noch immer mit entzündeter Kopfhaut fiebernd darnieder, und sie wußte, daß sie jedem Tadel entgehen konnte, wenn sie auf die strenge Frage ihres Herrn antworten würde, daß der Kranke ihrer bedürfe; aber sie hatte noch niemals gelogen, und der Stolz verbot ihr auch jetzt, die Unwahrheit zu sagen. Die anderen Sklaven erschraken, als sie dem Senator zurückgab: »Es trieb mich hinaus. Die Mahlzeit dauert so lange.« Petrus blickte zum Fenster hin, und als er wahrnahm, wie hoch schon der Mond stand, schüttelte er das Haupt, als habe er sich über sich selbst zu wundern, sprach, ohne sie zu tadeln, das Dankgebet, gab den Sklaven das Zeichen, den Saal zu verlassen, und zog sich, nachdem er den Nachtkuß seiner Kinder, unter denen nur der Bildhauer Polykarp fehlte, empfangen, in sein Gemach zurück. Dort blieb er nicht lange allein, denn nachdem Frau Dorothea das für den nächsten Tag Erforderliche mit ihrer Tochter Marthana und dem Schaffner besprochen und in dem Schlafgemache ihrer kleineren Kinder auf die friedlich Schlummernden einen liebevollen Blick geworfen und hier ein Deckchen, dort ein kleines Kissen zurechtgerückt hatte, trat sie über des Gatten Schwelle und rief seinen Namen. Petrus blieb stehen, schaute sie an, und aus seinen ernsten Augen strömte jetzt seiner Gattin eine reiche Fülle von dankbarer Zärtlichkeit entgegen. Dorothea kannte das gütige Herz des strengen Mannes und nickte ihm verständnißvoll zu; bevor sie aber Zeit fand zu reden, sagte er: »Komm' nur näher heran! Es drückt hier schwer, und Dein Theil an der Last soll Dir nicht entgehen.« »Gib ihn nur her,« unterbrach sie ihn eifrig. »Aus dem schlanken Mädchen ward ja die breitschultrige Alte, damit es ihr leichter werde, ihrem Herrn die mancherlei Bürden des Lebens tragen zu helfen. Aber ich bin ernstlich besorgt. Schon vor dem Kirchgange ist Dir Unerfreuliches begegnet, und nicht nur in der Rathsversammlung. Mit den Kindern muß etwas nicht recht sein!« »Was sie für Augen hat!« rief Petrus. »Garstige, graue,« gab Dorothea zurück. »Und sie sind nicht einmal sonderlich scharf. Aber was euch betrifft, die Kinder und Dich, das sehen sie im Dunkeln. Du bist mit Polykarp nicht zufrieden. Gestern, eh' er nach Raïthu fortritt, hast Du ihn angesehen, so – so – wie soll ich nur sagen? Ich kann mir's wohl denken, um was es sich handelt, aber ich glaube, Du machst Dir vergebliche Sorgen. Er ist jung, und eine so wunderschöne Frau wie Sirona . . .« Petrus hatte bisher seiner Gattin schweigend zugehört. Jetzt schlug er die Hände zusammen und sagte, sie unterbrechend. »Das geht wahrlich nicht mit rechten Dingen zu; – aber ich sollt' es gewohnt sein. Was ich Dir in stiller Stunde vertrauen will, das erzählst Du mir, als wüßt' es schon jedes Kind auf der Gasse.« »Warum auch nicht?« fragte Dorothea. »Wenn Du ein Reis in den Baum pfropfst und es ist gut eingewachsen, so fühlt es den Schnitt der Säge, der den Stamm trifft, und den Segen des Quells, der seine Wurzeln benetzt, als wär' ihm selbst Leid oder Heil widerfahren. Du bist der Baum, und ich bin das Reis, und die Wunderkraft der Ehe hat aus Dir und mir eben Eins gemacht. Dein Herzschlag ist meiner, Dein Denken ist meines geworden, und darum weiß ich auch immer, bevor Du mir es sagst, was Dir die Seele bewegt.« Dorothea's gute Augen glänzten feucht bei diesen Worten; Petrus aber faßte mit Herzlichkeit ihre beiden Hände und sagte: »Und wenn der alte, knorrige Stamm auch manchmal eine süße Frucht trägt, so dankt er's dem Reise. Ich mag nicht glauben, daß die Anachoreten da oben dem Herrn besonders genehm sind, weil sie in Einsamkeit leben! Zum ganzen vollen Menschen wird der Mann doch erst durch Weib und Kind, und wer die nicht hat, der lernt nimmer die lichtesten Höhen und die dunkelsten Tiefen des Lebens kennen. Wenn der Mann sein gesammtes Sein und Können für irgend etwas einsetzen mag, so ist es für sein eigenes Haus.« »Für unseres,« rief Dorothea, »hast Du es redlich gethan!« »Für unseres ,« wiederholte Petrus fest und mit dem gewichtigen Vollklang seiner tiefen Stimme. »Zwei sind stärker als Einer, und wie lange ist es doch her, seit wir es verlernt haben, in allen Fragen, die das Haus angehen und die Kinder, ›ich‹ zu sagen. An Beide hat man uns heute gerührt.« »Der Senat will sich nicht am Bau des Weges betheiligen?« »Nein! Der Bischof Agapitus hat den Ausschlag gegeben. Ich brauch' es Dir nicht zu sagen, wie wir miteinander stehen, und ich will ihn nicht schelten, denn er ist ein gerechter Mann; aber in vielen Dingen werden wir einander niemals begegnen. Du weißt ja, er war in seiner Jugend Soldat, und seine Frömmigkeit ist rauh, ja kriegerisch möcht' ich sagen. Wär' es nach ihm gegangen, und hätte mir unser Oberhaupt Obedianus nicht beigestanden, so würden wir kein einziges Bild in der Kirche haben, und sie sähe nun aus wie ein Speicher und nicht wie ein Bethaus. Wir haben einander niemals verstanden, und seit ich seinem Wunsche, Polykarp zum Priester zu machen, entgegengetreten bin und den Jungen, der ja schon als Kind besser zeichnete, als mancher Meister in dieser elenden Zeit, die keine großen Künstler gebiert, zu dem Bildhauer Thalassius in die Lehre brachte, spricht er von mir, als wär' ich ein Heide.« »Und doch schätzt er Dich hoch, ich weiß es,« unterbrach ihn Frau Dorothea. »Die gute Meinung zahl' ich ihm gern zurück,« erwiderte Petrus, »und das, was ihn mir entfremdet, ist nichts Gemeines. Er meint den reinen Glaube allein zu besitzen und für ihn zu kämpfen. Ein heidnisches Greuel nennt er der Künstler Werke und jedes Bildniß, glaubt er , der nie an sich selbst die läuternde Kraft des Schönen empfunden, führe zur Abgötterei. Die Engelsbilder und den guten Hirten des Polykarp ließ er sich noch gefallen, die Löwen aber versetzten den alten Krieger in Wuth. ›Verfluchte Götzen und Teufelswerk‹ nannte er sie.« »Aber auch in dem Tempel Salomonis waren Löwenbilder zu schauen,« rief Dorothea. »Das führte ich an und ferner auch, daß sie in der Katechetenschule und in der erbaulichen Thierkunde, die wir besitzen, den Heiland selbst mit einem Löwen vergleichen, und daß ja auch Markus der Evangelist, der die Lehre des Herrn nach Alexandria brachte, mit einem Löwen dargestellt wird; er aber widerstand nur immer heftiger, denn Polykarp's Werke sollen keine heilige Stätte, sondern das Cäsareum schmücken, und das ist ihm nichts als ein heidnischer Bau, und die edlen Werke der Griechen, die dort aufbewahrt werden, nennt er widrige Fratzen, mit denen der Satan die Herzen der Christen verführe. Seine derben Worte verstehen die anderen Senatoren, die meinigen nicht, und so stimmten sie ihm bei, und mein Antrag, die Straße zu bauen, ward verworfen, weil es einer christlichen Gemeinde nicht zieme, der Abgötterei Vorschub zu leisten und dem Teufel die Wege zu ebnen.« »Ich sehe Dir's an, Du hast ihnen scharf erwidert.« »Ich glaube wohl,« fuhr Petrus zu Boden schauend fort. »Es mag manch' verletzendes Wort gefallen sein, und man ließ mich's entgelten. Besonders unzufrieden zeigte sich Agapitus mit dem Bericht der Diakonen über die Rechnungslegung. Sie tadelten es hart, daß Du ebensoviel Brode in Heiden- als in Christenhäuser getragen. Das ist freilich wahr, aber –« »Aber,« rief Dorothea lebhaft, »der Hunger thut auch den Ungetauften weh, und ihre christlichen Nachbarn unterstützen sie nicht, und auch sie sind doch unsere Nächsten. Ich würde schlecht meines Amtes warten, wenn ich sie darben ließe, weil sie des besten Trostes entbehren.« »Und doch,« sagte Petrus, »beschloß der Rath, daß Du in Zukunft höchstens den vierten Theil des Dir zugewiesenen Kornes für sie verwenden sollst. Du brauchst nicht zu erschrecken. Es mag ihnen von unserem Eigenen künftig gehören, was früher verkauft ward. Du wirst keinem Deiner Pfleglinge auch nur ein Brod zu entziehen haben; aber freilich, mit der Anlage des Weges hat es nun gute Weile. Es eilt auch nicht mit seiner Vollendung, denn Polykarp wird nun bei uns seine Löwen kaum ausführen können. Der arme Bursche! Mit welcher Liebe hat er die Vorbilder aus Thon geformt, und wie wundervoll ist es ihm gelungen, die Haltung der majestätischen Thiere wiederzugeben! Es ist, als ob ihn der Geist der alten Meister Athens beseelte. Wir werden nun überlegen, ob sich in Alexandria nicht . . .« »Versuchen wir es lieber gleich,« unterbrach ihn seine Gattin, »ihn zu bestimmen, die Modelle beiseite zu stellen und andere heiligere Werke zu formen. Agapitus sieht scharf, und das Heidenwerk liegt dem Jungen nur zu sehr am Herzen.« Der Senator runzelte die Stirn bei den letzten Worten und sagte nicht ohne Erregung: »Es ist nicht Alles verwerflich, was die Heiden geschaffen. Polykarp muß beschäftigt bleiben, ernst und dauernd, denn er hat seine Augen, wo er sie nicht haben sollte. Sirona ist eines Andern Gattin, und man soll auch nicht im Scherz seines Nächsten Weib zu gewinnen suchen. Hältst Du die Gallierin für fähig, ihre Pflicht zu vergessen?« Dorothea stutzte und gab nach einigem Besinnen zurück: »Sie ist ein schönes und eitles Kind; ja, ein Kind! Dabei denk' ich an ihre Sinnesart und nicht an ihr Alter, obgleich sie freilich die Enkelin ihres wunderlichen Mannes sein könnte, für den sie weder Liebe, noch Achtung, nein, nichts als lauter Abneigung fühlt. Ich weiß nicht was, aber etwas Entsetzliches muß er ihr schon in Rom zugefügt haben, und ich versuch' es gar nicht mehr, ihr Herz zu ihm zurückzulenken. In allen anderen Dingen ist sie weich und fügsam, und ich kann oft nicht fassen, woher sie, wenn sie mit den Kindern spielt, den ausgelassenen Frohsinn nimmt. Du weißt ja, wie die Kleinen und selbst Marthana an ihr hängen. Ich wollte, sie wär' eine Christin, denn auch mir ist sie lieb, warum sollt' ich es leugnen. Man kann nicht traurig sein, wenn sie da ist, und sie ist mir zugethan und fürchtet meinen Tadel, und ist immer bestrebt, meinen Beifall zu gewinnen. Zu gefallen sucht sie freilich allen Menschen, selbst den Kindern; aber Polykarp, so viel ich sehe, nicht mehr als den Anderen, ein wie stattlicher Mann er auch ist. Gewiß nicht!« »Doch der Junge,« sagte Petrus, »schaut nach ihr, und Phöbicius hat es bemerkt. Er begegnete mir gestern, als ich nach Hause kam, und ersuchte mich in seiner säuerlich höflichen Weise, meinem Sohn den Rath zu ertheilen, künftig, wenn er Rosen verschenken wolle, sie in andere als in sein Fenster zu werfen, denn er sei kein Freund von Blumen, und für sein Weib ziehe er vor, sie selbst zu pflücken.« Die Gattin des Senators erblaßte und rief dann kurz und entschlossen: »Wir brauchen den Miethsmann nicht, und so schwer ich sein Weib vermissen werde, das Beste wird sein, wenn Du ihn ersuchst, sich eine andere Wohnung zu suchen.« »Nicht weiter, Frau!« unterbrach sie Petrus ernst und mit einer abweisenden Handbewegung. »Wollen wir es Sirona büßen lassen, daß unser Sohn eine Unbesonnenheit um ihretwillen beging? Du sagtest ja selbst, ihr Verkehr mit den Kindern und ihre Achtung vor Dir bewahrten sie vor Verirrung, und nun sollten wir ihr die Thür weisen? Mit nichten. Die Gallier bleiben in meinem Hause, so lange sie nichts begehen, was mich zwingt, sie daraus zu verweisen. Mein Vater war zwar ein Grieche, durch die Mutter aber hab' ich amalekitisches Blut in den Adern, und wollte ich Die, mit denen ich einmal unter meinem Dache das Brod theilte, von meiner Schwelle weisen, so würde ich mich selbst entehren. Polykarp soll gewarnt werden und hören, was er uns, sich selbst und dem Gebot des Herrn schuldig ist. Ich weiß seine hohen Gaben zu schätzen und bin sein Freund, aber auch sein Herr und werde es zu verhindern wissen, daß mein Sohn die leichten Sitten der Hauptstadt in seines eigenen Vaters Haus einführt.« Die letzten Worte klangen wie Hammerschläge, und harte Entschlossenheit leuchtete aus den Augen des Senators. Dennoch näherte sich ihm seine Gattin ohne Furcht, legte ihm die Hand auf den Arm und sagte: »Wie gut es doch ist, daß der Mann das Rechte im Auge behält, wenn wir Frauen dem schnellen Triebe des Herzens folgen. Auch im Ringkampf bedient ihr euch nur der erlaubten Griffe, während streitende Weiber Nägel und Zähne gebrauchen. Ihr versteht besser dem Unrecht zu wehren als wir, das hast Du mir wieder gezeigt; aber in der Vollbringung des Guten seid ihr uns nicht überlegen. Die Gallier mögen in Frieden bei uns wohnen bleiben, und nimm Du Polykarp nur streng in's Gebet; aber thu' es zuerst als sein Freund. Oder wär' es nicht besser, wenn Du das mir überließest? Er hat sich so sehr auf die Ausführung der Löwen und seine Mitwirkung bei dem großen Bau in der Hauptstadt gefreut, und damit soll es nun aus sein! Ich wollte, Du hättest ihm das schon eröffnet, aber Liebesgeschichten sind Frauensachen, und Du weißt ja, wie gut mir der Junge ist. Ein Wort der Mutter wirkt manchmal tiefer als ein Schlag des Vaters, und es ist im Leben wie im Kriege. Erst führt man die Bogenschützen in's Feld, und die Schwerbewaffneten bleiben zurück und dienen ihnen zur Stütze. Will der Feind nicht weichen, so treten sie vor und bringen den Kampf zur Entscheidung. Laß mich zuerst mit dem Jungen reden! Es kann ja sein, daß er nur zum Scherze der Gallierin, die mit seinen Geschwistern spielt, als wäre sie eine der Ihren, die Rosen ins Fenster warf. Ich werde ihn prüfen, und verhält es sich so, dann wär' es weder gerecht noch klug, ihn zu tadeln. Selbst bei der Warnung bedarf es der Vorsicht, denn schon Mancher, der niemals an's Stehlen dachte, ist durch falschen Verdacht zum Dieb geworden. So ein junges Herz, das zu lieben beginnt, ist wie ein wilder Knabe, der am liebsten die Wege wandelt, vor denen man ihn warnt. Als ich ein Mädchen war, hab' ich selbst zum ersten Mal gemerkt, wie gut ich Dir sei, als des Senators Aman Frau, die Dich für ihre eigene Tochter begehrte, mir rieth, mich vor Dir zu hüten. Wer seine Zeit unter all' den Lockungen des griechischen Sodom so ernst benutzt hat wie Polykarp, wer sich dort von seinen Lehrern und Meistern solches Lob erworben wie er, dem haben die leichten Sitten der Alexandriner nichts geschadet. In den ersten Jahren nimmt der Mensch seine Richtung für das spätere Leben, und die hatte er schon gewonnen, bevor er unser Haus verließ. Ja, wüßt' ich auch nicht, wie brav Polykarp ist, so braucht' ich doch nur auf Dich zu sehen, um mir zu sagen: Aus dem Kind, das dieser da groß zog, wird nie und nimmer ein schlechter Mann.« Petrus zuckte bedauerlich, als halte er die Schmeichelworte seines Weibes für eitle Thorheit, und doch lächelnd die Achseln und fragte: »Bei welchem Rhetor bist Du in die Schule gegangen? Mag es denn sein; sprich Du mit dem Jungen, wenn er aus Raïthu zurückkommt. Wie hoch schon der Mond steht! Komm' nun zur Ruhe. Antonius soll morgen in aller Frühe den Altar aufstellen, und da will ich dabei sein.« Neuntes Kapitel. Mirjam hatte recht gehört. Während sie beim Abendessen festgehalten wurde, hatte Hermas die Hofthür geöffnet. Er war gekommen, um dem Senator zum Dank für die Arzneien, denen sein Vater ein besseres Befinden verdankte, einen stattlichen jungen Steinbock, den er vor wenigen Stunden erlegt hatte, zu überbringen. Das würde freilich bis zum nächsten Morgen Zeit gehabt haben, aber es hatte ihm oben auf dem Berge keine Ruhe gelassen, und er war sich wohl bewußt gewesen, daß ihn weit weniger das Verlangen, seinem Dank Ausdruck zu geben, als seine Hoffnung, Sirona zu sehen und ein Wort von ihren Lippen zu hören, in die Oase trieb. Er hatte sie seit seiner ersten Begegnung mehrere Male gesprochen und war sogar in ihrem Hause gewesen, wenn sie ihm Wein für den Vater gegeben, und er ihr die geleerten Flaschen zurückgebracht hatte. Einmal, als sie das Gefäß, das er hielt, aus dem größern Kruge gefüllt, hatten ihre weißen Finger die seinen berührt, und ihre Frage, ob er sich denn vor ihr fürchte oder warum sonst seine Hand, die doch stark zu sein scheine, so ängstlich zittere, war ihm nicht aus dem Sinn gewichen. Je näher er dem Hause des Petrus gekommen war, desto heftiger hatte sein Herz geschlagen. Vor der Hofthür war er stehen geblieben, um Athem zu schöpfen und sich zu sammeln, denn er hatte gefühlt, daß es ihm, erregt wie er war, schwer werden würde, in zusammenhängender Rede zu sprechen. Endlich hatte er die Hand auf den Drücker des Thores gelegt und war in den Hof getreten. Die Wachthunde kannten ihn schon und bellten nur einmal auf, als er die Schwelle übertrat. Er hatte etwas zu bringen und wollte nichts nehmen, und dennoch kam er sich vor wie ein Dieb, als er sich erst nach dem vom Mondenlicht hellbeleuchteten großen Haus und dann nach dem des Galliers umschaute, das, von der Nacht verhüllt, in unbestimmten Umrissen dalag und einen breiten, dunklen Schatten auf die glattgetretenen, schimmernden Granitstücke des Pflasters warf. Kein Mensch war zu sehen gewesen, und der Geruch des Festbratens hatte ihn gelehrt, daß Petrus und die Seinen beim Mahl versammelt waren. »Ich käme den Schmausenden ungelegen;« sagte er sich, indem er den Bock auf die Steinbank neben der Thür legte und dabei nach dem ihm nur zu wohl bekannten Fenster Sirona's schaute. Es war nicht erleuchtet, aber er nahm ein helles Etwas in dem steinernen Rahmen wahr, und dieses zog seinen Blick mit unwiderstehlicher Zaubermacht an sich. Jetzt bewegte es sich, jetzt erhob neben ihm Sirona's Windspiel die scharfe Stimme. Sie war es, sie mußte es sein! Ihr Bild trat ihm mit all' seinem Glanze vor die Augen, und schnell flog es ihm durch den Sinn, daß sie allein sei, denn ihrem Gatten Phöbicius und der alten Sklavin war er unter den Mithrasanbetern auf dem Weg in die Oase begegnet. Aus dem frommen Jüngling, der die Geißel auf sein Fleisch fallen ließ, um verführerische Traumgestalten zu bannen, war in wenigen Tagen ein Anderer geworden. Um des Vaters willen wollte er den Berg noch nicht verlassen, aber fest entschlossen war er, der Welt nicht mehr aus dem Wege zu gehen, nein, vielmehr sie zu suchen. Dem frommen Paulus hatte er die Pflege des Vaters überlassen und war unter den Felsen umhergeschweift. Bald hatte er sich dort im Diskuswerfen geübt, bald Steinböcke und Raubthiere gejagt, bald war er – aber immer nur mit Zagen – in die Oase gestiegen, um daselbst des Senators Haus zu umkreisen und Sirona zu sehen. Unwiderstehlich hatte es ihn jetzt, da er sie allein wußte, zu ihr hingezogen. Was er von ihr wollte, wußte er sich selbst nicht zu sagen, und völlig klar war ihm nichts, als der Wunsch, ihre Finger noch einmal mit den seinen zu berühren. Ob das eine Sünde sei oder nicht, galt ihm gleich. Sünde war auch sein harmloses Spiel, Sünde jeder Gedanke an die Welt, nach der er sich sehnte, genannt worden, und er war völlig entschlossen, die Sünde auf sich zu nehmen, um sein Ziel zu erreichen. Am Ende war sie nichts als ein Schreckgespenst, mit dem man Kinder ängstigt, und der würdige Petrus hatte es ihm bestätigt, daß er ein Mann sei, von dem man Thaten erwarte. Mit dem Gefühl, etwas Unerhörtes zu wagen, näherte er sich dem Fenster der Gallierin, und diese erkannte ihn sogleich, denn das Licht des Vollmonds umfing ihn. »Hermas!« hörte er leise rufen. Da überfiel ihn ein so heftiger Schreck, daß er wie gebannt stehen blieb und sein Herz stillstehen fühlte. Und zum andern Male rief eine weiche Frauenstimme: »Hermas, bist Du es? Was führt Dich in so später Nachtstunde zu uns?« Er stammelte unzusammenhängende Worte; sie aber sagte: »Ich verstehe Dich nicht, komm' doch näher.« Willenlos hob er den Fuß, trat in den Schatten des Hauses und bis an ihr Fenster heran. Sie trug ein weißes Gewand mit offenen Aermeln, und ihre Arme leuchteten aus dem Dunkel nicht weniger hell als das Kleid. Das Windspiel bellte von Neuem auf. Sie beruhigte es und fragte dann Hermas nach seines Vaters Ergehen, und ob er Wein bedürfe. Er erwiderte, daß sie gut sei, engelhaft gut, aber daß der Kranke sich schnell erhole, und sie ihm ja schon viel zu viel von dem Ihren gegeben. Beide sagten nur, was Jedermann hören durfte, und doch flüsterten sie, als ob sie Verbotenes redeten. »Warte einen Augenblick,« bat nun Sirona und verschwand in dem Zimmer. Bald darauf zeigte sie sich wieder und sagte leise und traurig: »Ich würde Dich in das Haus laden, aber Phöbicius hat die Thür verschlossen. Ich bin ganz allein. Halte die Flasche, damit ich sie durch das Fenster aus dem Kruge fülle.« Bei diesen Worten bückte sie sich nach dem größern Gesäße. Sie war kräftig, aber der Krug schien ihr heut weniger leicht als an anderen Tagen, und seufzend sagte sie: »Die Amphora ist mir zu schwer.« Er streckte die Hand zu dem Fenster hinaus; wiederum berührten ihre Finger die seinen und wieder fühlte er den seligen Schauer, an den er sich Tag und Nacht erinnert hatte, seitdem er ihn zum ersten Mal empfunden. In diesem Augenblicke wurde es laut in dem gegenüberliegenden Hause. Die Sklaven hatten sich von der Mahlzeit erhoben. Sirona wußte, was da vorging. Sie erschrak und rief, indem sie angstvoll auf die Thür des Senators wies: »Um aller Götter willen, sie kommen, und wenn sie Dich hier sehen, bin ich verloren!« Hermas überschaute, nach dem andern Hause hinüberlauschend, mit einem schnellen Blick den Hof, und als er sah, daß vor den Leuten des Petrus, die immer näher kamen, kein Entrinnen möglich sein werde, rief er Sirona gebieterisch zu: »Tritt zurück!« und schwang sich dann durch das Fenster in des Galliers Gemach. Im selben Augenblick öffnete sich die Thür des Senators, und die Sklaven strömten in den Hof. Allen voran Mirjam, die den weiten Raum erwartungsvoll, suchend, enttäuscht überschaute. Er war nicht da, und dennoch hatte sie ihn eintreten hören, und zum zweiten Mal war die Thür nicht gegangen; sie wußte es mit voller Gewißheit. Einige Sklaven begaben sich in die Ställe, andere traten vor das Thor auf die Straße, um die Kühlung des Abends zu genießen. Der Schaffner Jethro bemerkte den Steinbock, hob ihn auf und ließ ihn von einem seiner Untergebenen in das Vorrathshaus tragen. Er fragte nicht nach seiner Herkunft, denn ein amalekitischer Jäger, dem Petrus ein Stück Acker zur Benutzung überlassen, pflegte seine besten Beutestücke stets ohne ein erklärendes Wort vor die Thür seines Wohlthäters zu legen. Gruppenweise setzten sich die Sklaven auf den Boden, schauten in die Sterne, plauderten und sangen. Nur die Hirtin blieb auf dem Hof und durchforschte ihn nach allen Seiten hin, als suche sie ein verlorenes Kleinod. Selbst hinter die Mühlsteine und den dunklen Schuppen, in dem das Werkzeug der Steinmetzen verwahrt ward, schaute sie. Dann blieb sie stehen und ballte die kleinen Hände zu Fäusten. Mit wenigen leichten Sätzen sprang sie in den Schatten des Hauses der Gallier. Gegenüber dem Fenster Sirona's blieb sie stehen und lauschte. Der Mann, welcher da drin auf und nieder ging, war er und kein anderer. Jetzt wußte sie, wo er weile, und sie versuchte zu lachen, weil ihr das Weh, das sie empfand, zu brennend heiß schien, um es durch Thränen zu löschen. Dabei verlor sie doch nicht völlig die Ueberlegung. »Sie sind im Dunkeln,« dachte sie, »und werden mich sehen, wenn ich mich unter das Fenster stelle, um zu lauschen, und doch muß ich wissen, was sie zusammen treiben.« Mit einer schnellen Wendung kehrte sie der Wohnung des Galliers den Rücken, trat in den hellen Mondschein, blieb dort stehen und begab sich dann in das Sklavenhaus. Nach wenigen Minuten schlüpfte sie hinter die Mühlsteine und kroch, gewandt und geräuschlos wie eine Schlange, dem tief beschatteten Fundamente der Wohnung des Centurio entlang am Boden hin und blieb unter dem Fenster Sirona's liegen. Ihr laut pochendes Herz erschwerte ihrem scharfen Ohre das Lauschen, aber wenn sie auch nicht verstehen konnte, was er sagte, so unterschied sie doch den Klang seiner Stimme. Er war nicht mehr in Sirona's Gemach, sondern mit ihr in dem nach der Straße gelegenen Raume. Nun konnte sie wagen, sich aufzurichten, um in das geöffnete Fenster zu schauen. Die Thür, welche die beiden Zimmer der Gallier verband, war geschlossen, und ein Lichtstreifen zeigte ihr, daß in dem Wohnzimmer des Phöbicius, in dem die Beiden weilten. eine Lampe brenne. Schon erhob sie die Hand, um sich in das dunkle Schlafgemach zu schwingen, als ein helles Lachen aus Sirona's Mund ihr Ohr traf. Das Bild der Feindin trat vor ihre Seele, strahlend und von Licht umflossen wie an jenem Morgen, da Hermas ihr, von Entzücken gelähmt, gegenüber gestanden hatte. Und jetzt, jetzt lag er wohl zu ihren Füßen und sagte ihr süße Schmeichelworte und sprach ihr von Liebe und streckte den Arm nach ihr aus; sie aber hatte gelacht. Nun lachte sie wieder! Warum ward es jetzt still? Bot sie ihm wohl die rothen Lippen zum Kusse? Gewiß, gewiß! Und Hermas entwand sich nicht ihren weißen Armen, wie er aus den ihren an jenem Mittag am Quell sich mit Abscheu gerissen hatte, um nicht wiederzukehren. Kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn, sie faßte sich wie eine Unsinnige in das dichte schwarze Haar, und aus ihrem bleichen Munde drang ein lauter Ruf, der dem Schrei eines geängstigten Thieres gleich klang. Wenige Augenblicke später schlüpfte sie durch die Ställe und das Thor, durch welches man das Vieh hinaustrieb, in's Freie und eilte, ihrer selbst nicht mächtig, auf den Berg, zu der Mithrasgrotte, zu Phöbicius, dem Gatten Sirona's. Der Anachoret Gelasius sah von ferne die Gestalt der im Mondschein den Berg hinanrasenden Hirtin und den Schatten, der sich ihr von Stein zu Stein nachschwang, und warf sich an die Erde und schlug ein Kreuz über die Stirn, denn er glaubte eine Spukgestalt aus der Götterschaar der Heiden, eine von einem Satyr verfolgte Oreade, erblickt zu haben. Sirona hatte den Schrei der Hirtin gehört. »Was war das?« fragte sie erschreckt den Jüngling, der im vollen Festschmuck eines römischen Offiziers, schön wie ein junger Kriegsgott, aber linkisch und unsoldatisch genug in seinen Bewegungen, vor ihr stand. »Eine Eule hat geschrieen,« entgegnete Hermas. »Der Vater muß mir endlich sagen, welchem Hause wir entstammen, und ich gehe nach Byzanz, dem neuen Rom, und sage dem Kaiser: Hier bin ich und will unter Deinen Kriegern für Dich kämpfen.« »So gefällst Du mir!« rief Sirona. »Wenn das wahr ist,« gab Hermas zurück, »so beweise es und laß mich nur einmal meine Lippen auf Dein schimmerndes Goldhaar drücken. Du bist so schön und freundlich wie eine Blume, so froh und glänzend wie ein Vogel, und doch so hart wie der Stein unseres Berges. Wenn Du mir nicht einen Kuß gewährst, so sehne ich mich krank und schwach, bevor ich hier fort kann, um im Kriege meine Kraft zu bewähren.« »Und gäb' ich Dir nach,« lachte die Gallierin, »so würdest Du immer mehr Küsse haben wollen und am Ende gar nicht mehr fort mögen. Nein, nein, mein Freund: ich bin die Weisere von uns Beiden. Geh' jetzt in das dunkle Zimmer. Ich will nachsehen, ob die Leute wieder herein sind und ob Du durch das Straßenfenster ungesehen fort kannst, denn Du bist schon viel zu lange bei mir gewesen. Hörst Du, ich verlang' es!« Hermas gehorchte seufzend; Sirona aber öffnete die Laden und schaute in's Freie. Die Sklaven zogen sich eben in den Hof zurück, und sie rief ihnen freundliche Worte zu, die nicht minder freundlich erwidert wurden, denn die Gallierin, die auch den Geringsten nicht übersah, war Allen lieb und angenehm. Mit vollen Zügen zog sie die kühle Nachtluft ein und schaute vergnügt zum Mond empor, denn sie war sehr zufrieden mit sich selbst. Als Hermas sich zu ihr in's Zimmer geschwungen hatte, war sie erschreckt zurückgetreten, er aber hatte ihre Hand ergriffen und seine glühenden Lippen auf ihren Arm gedrückt. Sie hatte es geschehen lassen, denn eine seltsame Verwirrung war über sie gekommen. Da hatte sie Frau Dorothea's Stimme vernommen, und wie sie rief: »Gleich, gleich! Ich will nur den Kindern erst gute Nacht sagen.« Diese schlichten Worte aus diesem Munde hatten zauberhaft auf das gemißhandelte, beargwohnte und doch so recht für Glück, Liebe und Freude geschaffene, schöne und warmherzige Weib gewirkt. Als ihr Gatte sie eingeschlossen und selbst ihre Sklavin mit sich genommen, hatte sie zuerst gerast, geweint, auf Rache und Flucht gesonnen und sich dann, innerlich gebrochen und still an ihre schöne Heimat, ihre Geschwister und die dunklen Olivenhaine von Arelas denkend, an das Fenster zurückgezogen. Da hatte sich Hermas gezeigt. Es war ihr nicht entgangen, daß der junge Anachoret sie leidenschaftlich bewundere, und das freute sie, denn er gefiel ihr, und die Verwirrung, die sich seiner bei ihrem Anblick bemächtigt hatte, schmeichelte ihr und erschien ihr doppelt werthvoll, da sie wußte, daß der Einsiedler im Schaffell, den sie mit Wein beschenkte, doch eigentlich ein vornehmer Jüngling sei. Und wie bemitleidenswerth war der Arme, dem ein harter Vater die Jugend stahl! Eine Frau schenkt dem Manne, den sie bemitleidet, gern zärtliche Neigung, vielleicht weil sie es ihm verdankt, daß sie sich als die Stärkere fühlen darf, und weil durch ihn und sein Leid die edelste Lust des Frauenherzens, mit pfleglicher Sorgfalt hülfreich zu sein, Befriedigung erwartet. Frauenherzen sind weicher als die unseren. Im Männerherzen pflegt die Liebe zu erlöschen, wenn das Mitleid beginnt. Auf die keimende Pflanze der Neigung eines Weibes wirkt Bewunderung wie Sonnenschein, und das Mitleid ist der Glanz, den das Frauenherz selber ausstrahlt. Weder der einen noch des andern hätte es an jenem Abend bedurft, um Sirona zu veranlassen, Hermas an ihr Fenster zu rufen. Sie fühlte sich so bang und vereinsamt, daß Jeder ihr willkommen erscheinen mußte, aus dessen Munde sie ein freundliches, ihr schwer verletztes Selbstgefühl aufrichtendes Wort erwarten durfte. Und nun erschien der junge Anachoret, der in ihrer Nähe sich selbst und alles Andere vergaß, dessen Blicke, dessen Bewegungen, dessen Schweigen selbst ihr zu huldigen schienen. Und sein kecker Sprung zu ihr in's Fenster, und sein glühendes Werben! Das ist Liebe, sagte sie sich. Ihre Wangen erglühten, und als Hermas ihre Hand ergriff und die Lippen auf ihren Arm preßte, wehrte sie ihm nicht, bis Dorotheas Ruf sie an die würdige Frau erinnerte und an die Kinder, und durch diese an ihre eigenen fernen Geschwister. Wie ein reinigender Strom goß sich der Gedanke an diese Reinen durch ihr getrübtes Gemüth, und es flog ihr die Frage durch den Sinn: Was wär' ich ohne die da drüben, und ist es dieser große, verliebte Bursch, der neulich vor Polykarp wie ein Schulknabe dastand, denn werth, daß ich um seinetwillen das Recht, ihnen frei in die Augen zu schauen, aufgebe? Und sie stieß Hermas, der sich zum ersten Mal ihrem duftenden Goldhaar mit den Lippen zu nahen wagte, streng und ernst von sich und gebot ihm, bescheiden zu sein und ihr die Hand frei zu geben. Sie sprach leise, aber mit solcher Bestimmtheit, daß der an Gehorsam gewöhnte Jüngling sich widerstandslos von ihr in das Wohnzimmer schieben ließ. Dort stand eine brennende Lampe auf dem Tische, und auf der Ruhebank, an der mit buntem Stukk bekleideten Seitenwand des Gemaches lagen die Kleider, der Helm, der Centurionenstab und die anderen Theile der Rüstung, welche Phöbicius vor seinem Aufbruche zu dem Mithrasfeste abgelegt hatte, um sich mit dem Gewand eines Geweihten vom Grade des Löwen zu schmücken. Das Lampenlicht entzog nunmehr Sirona's Gestalt dem Dunkel, und als sie so in all' ihrer Schönheit mit gerötheten Wangen vor ihm stand, da begann des Jünglings Herz höher zu schlagen, und mit neu erwachter Kühnheit breitete er die Arme aus, um sie an sich zu ziehen; die Gallierin aber wich ihm aus, trat hinter den Tisch, stützte die Hände auf seine geglättete Platte und verwies Hermas, von der Tafel wie durch einen Schild geschützt, mit verständigen, fast mütterlich klingenden Worten sein überfreies, anmaßendes und unziemliches Benehmen. Ein Kenner des weiblichen Herzens würde über diese Worte aus diesem Mund und in dieser Stunde gelächelt haben, Hermas aber schlug erröthend die Augen nieder und vermochte ihr nichts zu entgegnen. In der Gallierin war eine große Veränderung vorgegangen. Sie fühlte sich sehr stolz auf ihre Tugend, auf den Sieg, den sie über sich selbst errungen hatte, und wünschte, indem sie sich in dem Glanz der eigenen Vortrefflichkeit sonnte, daß auch Hermas dieselbe empfinden und anerkennen möge. Sie begann ihm vorzutragen, wie Vieles sie in der Oase zu entbehren und zu leiden habe, und sprach auch von der Tugend und den Pflichten des Weibes und der Schlechtigkeit und Vermessenheit der Männer. Hermas, sagte sie, sei nicht besser als die Anderen, und weil sie sich gütig gegen ihn erwiesen, so glaube er schon ein Recht auf ihre Neigung zu haben. Aber er irre sich sehr, und wenn der Hof nur frei wäre, hätte sie ihm längst die Thür gewiesen. Der junge Einsiedler hörte ihr bald nur noch mit halben Ohren zu, denn seine Aufmerksamkeit wurde von den vor ihm liegenden Rüstungsstücken des Phöbicius gefesselt, die seinen leidenschaftlich erregten Empfindungen eine neue Richtung gaben. Unwillkürlich streckte er seine Hand nach dem glänzenden Helm aus und unterbrach die schöne Rednerin mit der Frage: »Darf ich ihn aufsetzen?« Da lachte Sirona und rief erheitert und gänzlich verwandelt: »Nimm ihn nur! Du möchtest wohl ein Soldat sein? Wie gut er Dir steht! Thu' einmal das garstige Fell ab und laß sehen, wie sich der Anachoret als Centurio ausnimmt!« Hermas ließ sich das nicht zweimal sagen. Er schmückte sich mit der Rüstung des Galliers, und Sirona half ihm dabei. Es muß wohl kläglich mit uns Menschen bestellt sein! Wie käme es sonst, daß wir von früh an die größte Lust an Verkleidungen, das heißt doch an der Preisgabe unserer eigenen Persönlichkeit zu Gunsten einer andern, deren Gestalt wir borgen, zu finden pflegen! Dieses schwer erklärliche Vergnügen theilt das Kind mit dem Weisen, und der ernste Mann, der es verdammte, wäre eben kein Weiser, denn wer der Narrheit gänzlich entsagt, der ist um so gewisser ein Narr, je weniger er es zu sein glaubt. Selbst das Verkleiden von Anderen ist namentlich für Frauen von seltenem Reize. Es fragt sich oft, wer die größere Lust empfindet, die Zofe, welche ihre Herrin anputzt, oder die mit dem kostbaren Staat bekleidete Gebieterin. Sirona war jeder Art von Mummerei zugethan. Des Senators Kinder und Enkel liebten sie nicht am wenigsten auch darum, weil sie sich von ihnen willig und heiter mit bunten Tüchern, Bändern und Blumen herausputzen ließ, und ihrerseits es verstand, die abenteuerlichsten Verkleidungen für sie zu erdenken. Sobald sie Hermas mit dem Helme vor sich stehen sah, wandelte die Lust sie an, die von ihm selbst begonnene Mummerei weiter durchzuführen. Eifrig und völlig harmlos rückte sie ihm den Waffenrock zurecht, half sie ihm den Panzer zuschnallen und das Schwert befestigen. Während dieser Arbeit, bei der sich der Anachoret ungeschickt genug erwies, erscholl gar häufig ihr überaus munteres und angenehmes Lachen. Wenn er dann, was gleichfalls nicht selten geschah, ihre Hand zu erfassen suchte, schlug sie ihm kräftig auf die Finger und schalt ihn. Hermas' Befangenheit schwand bei diesem vergnüglichen Spiel, und bald begann er ihr mitzutheilen, wie verhaßt ihm das einsame Leben auf dem Berge sei. Er erzählte ihr, daß Petrus selbst ihm gerathen, seine Kraft in der Welt zu versuchen, und vertraute ihr an, daß er, wenn sein Vater genesen, ein Soldat werden und rühmliche Thaten verrichten wolle. Sie stimmte ihm bei, lobte und ermunterte ihn. Dann tadelte sie seine lässige Haltung, zeigte ihm mit komischem Ernste, wie ein Krieger zu stehen und zu gehen habe, nannte sich seinen Exerziermeister und ergötzte sich an dem Eifer, mit dem er ihr nachzuahmen bemüht war. Bei solchem Spiele vergingen die Stunden. Hermas fühlte sich stolz in dem soldatischen Schmuck und glücklich durch ihre Gegenwart und in der Hoffnung auf künftige Thaten; Sirona aber war so heiter wie sonst nur im Spiel mit den Kindern, und selbst Mirjam's wilder Schrei, den der Jüngling für den Ruf einer Eule erklärt hatte, konnte sie nur auf kurze Zeit an die Gefahr erinnern, der sie sich aussetzte. Die Sklaven des Petrus waren längst zur Ruhe gegangen, als das Spiel mit Hermas sie zu ermüden begann, und sie ihm befahl, die Rüstung ihres Gatten abzulegen und sie zu verlassen. Hermas gehorchte, während sie die auf die Straße führenden Laden behutsam öffnete und sich zu ihm umwendend sagte: »Durch den Hof darfst Du nicht; Du mußt durch dieß Fenster in's Freie. Aber da kommt Jemand die Straße herauf. Laß ihn erst vorbei. Es wird ja nicht lange dauern, denn er hat es eilig.« Behutsam zog sie die Laden an sich und lachte wieder, als sie sah, wie ungeschickt sich Hermas beim Abschnallen der Beinschienen benahm. Aber schon erstarb auf dem heitern Munde das Lachen, denn das Hofthor flog auf, ihr Windspiel und die Doggen des Senators schlugen an, und sie erkannte ihres Gatten Stimme, die den Hunden Ruhe gebot. »Fort, fort, um der Götter willen!« rief sie mit bebender Stimme, löschte mit jener schnellen Geistesgegenwart, welche die Schickung schwachen Frauen in jäh hereinbrechender Gefahr als Waffe verleiht, die Lampe aus, drängte Hermas zum Fenster, stieß die Laden auf, und der Jüngling schwang sich, ohne ihr Lebewohl zu sagen, mit einem kräftigen Satze auf den Weg und jagte, begleitet von dem Gebell der Hunde, das in allen Häusern erwachte, die Straße hinauf, nach dem Kirchlein zu. Noch hatte er den halben Weg dorthin nicht zurückgelegt, als ihm eine männliche Gestalt entgegentrat. Angstvoll sprang er in den Schatten eines Hauses, aber der nächtliche Wanderer beschleunigte jetzt den Schritt und kam gerade auf ihn zu. Da begann er von Neuem zu laufen; der Andere verfolgte ihn aber und blieb ihm auf den Fersen, bis er das Bereich der Häuser verlassen und den Bergpfad betreten hatte. Hermas fühlte, daß er schneller sei als sein Verfolger, und setzte schon an zum Sprung über einen den Weg versperrenden Felsblock, als er hörte, daß hinter ihm sein Name gerufen wurde. Er blieb stehen, denn er hatte in der Stimme des Mannes, vor dem er floh, die des guten Paulus erkannt. »Du also,« sagte der Alexandriner und rang keuchend nach Athem. »Ja, Du bist schneller als ich. Die Jahre hängen Blei an die Füße, aber weißt Du, was ihnen die hurtigsten Flügel verleiht? Ein böses Gewissen! Und von dem Deinen ließen sich schöne Dinge erzählen; die Hunde bellen sie schon laut genug in die stille Nacht hinein!« »Mögen sie doch,« entgegnete Hermas trotzig und suchte sich vergeblich von des Anachoreten starker Hand, die ihn festhielt, zu befreien. »Ich habe nichts Böses gethan!« »Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib,« unterbrach ihn Paulus mit schwerem Ernst in der tiefen Stimme. »Du bist bei der schönen Gattin des Centurio gewesen, und eure Zusammenkunft ward überrascht. Wo hast Du Dein Schaffell?« Hermas schrak zusammen, griff nach der Schulter und rief dann, indem er sich mit der Faust an die Stirn schlug: »Barmherziger Himmel, ich ließ es bei ihr! Nun wird es der Wütherich finden!« »Er hat Dich nicht selbst gesehen?« fragte Paulus mit dringlichem Eifer. »Nein, gewiß nicht,« stöhnte Hermas, »aber das Fell . . .« »So, so,« murmelte Paulus, »Deine Sünde wird darum nicht kleiner, aber es wird sich nun doch etwas thun lassen. Denke nur, wenn das Deinem Vater zu Ohren käme; an's Leben könnt' es ihm gehen.« »Und die arme Sirona!« seufzte Hermas. »Laß mich nur machen,« unterbrach ihn Paulus. »Mit der bringe ich schon Manches in's Gleiche. Da nimm mein Schaffell. Du willst nicht? Freilich, wer sich nicht scheut, die Ehe zu brechen, der macht sich auch nichts daraus, der Mörder seines Vaters zu werden. – So ist es recht! Hier an der Schulter wird es zusammengebunden, und Du wirst es brauchen, denn Du mußt fort von hier, nicht nur für heut und morgen. Du möchtest ja gern in die Welt, und nun wird es sich zeigen, ob Du wirklich auf eigenen Füßen zu wandern verstehst. Erst gehst Du nach Raïthu und begrüßest dort in meinem Namen den frommen Nikon, und theilst ihm mit, ich würde auf dem Berge verbleiben, denn in langem Gebet in. der Kirche hätt' ich gefunden, daß ich nicht werth sei des Amtes eines Aeltesten, das sie mir angetragen. Dann läßt Du Dich von einem Schiffer über das Schilfmeer setzen und streifst auf dem ägyptischen Ufer umher. Es haben sich Blemmyerschaaren dort drüben gezeigt. Die sollst Du im Auge behalten, und wenn die wilden Gesellen zu einem neuen Ueberfall herüberzukommen versuchen, so wirst Du die Wache auf der Bergesspitze warnen. Wie Du über das Meer und ihnen zuvorkommst, das ist Deine Sache. Fühlst Du Dich kühn und umsichtig genug, um diese Aufgabe zu lösen? Ja? Das hab' ich erwartet! Nun möge der Herr Dich geleiten. Für Deinen Vater werde ich sorgen, und sein Segen und der Deiner Mutter sind bei Dir, wenn Du aufrichtig bereust, und wenn Du jetzt Deine Schuldigkeit thust.« »Ihr werdet erfahren, daß ich ein Mann bin,« rief Hermas, und seine Augen leuchteten. »Mein Bogen und meine Pfeile liegen in Deiner Höhle, die hol' ich, und dann . . . Nun, ihr werdet ja sehen, ob ihr den rechten Boten entsandtet. Grüße den Vater und gib mir noch einmal die Hand.« Paulus faßte des Jünglings Rechte, zog ihn zu sich heran und küßte seine Stirn mit väterlicher Innigkeit. Dann sagte er: »In meiner Höhle unter dem grünen Stein neben dem Herde findest Du sechs Goldstücke; davon nimmst Du Dir drei mit auf die Reise. Vielleicht wirst Du sie brauchen, wenn auch nur für die Schiffer. Nun mach', daß Du bei Zeiten nach Raïthu kommst!« Hermas eilte, ganz erfüllt von der ihm gestellten schwierigen Aufgabe, den Berg hinan. Prächtige Bilder der großen von ihm zu verrichtenden Thaten verdunkelten die Erinnerung an die schöne Gallierin, und er war so gewohnt, an die überlegene Einsicht und Güte des Paulus zu glauben, daß er nur noch wenig für Sirona fürchtete, seitdem sein Freund ihre Sache zu der seinen gemacht hatte. Der Alexandriner schaute ihm nach und sprach ein kurzes Gebet für ihn. Dann stieg er zu Thale. Mitternacht war längst vorüber, kühler und kühler ward es beim Sinken des Mondes, und seit er Hermas sein Fell gegeben, trug er nichts als einen fadenscheinigen Rock. Dennoch ging er nur langsam und blieb häufig stehen und bewegte dabei die Arme und sprach unzusammenhängende Worte leise vor sich hin. Er dachte an Hermas und Sirona, an seine eigene Jugend, und wie er in Alexandrien der schwarzen Aso und der blonden Simaitha an die Laden geklopft. »Das Kind, der Junge,« murmelte er, »wer hätte das wohl gedacht? Die Gallierin soll ja sehr schön sein, und er, wahrhaftig, als er den Diskus schwang, war ich selbst überrascht von seinem herrlichen Wuchse. Und seine Augen! Ja, seine Augen sind die Magdalena's! Hätt' ihn der Gallier bei seinem Weibe gefunden und ihm sein Schwert durch das Herz gestoßen, er wäre straflos gewesen vor den irdischen Richtern; doch dieser Kummer blieb seinem Vater erspart. In der Einöde, meinte der Alte, könne den Liebling die Welt und ihre Lust nicht erreichen. Aber jetzt? Diese Brombeere, dacht' ich einmal, vertrocknet am Boden und kommt niemals hinauf in die Palmenkrone, wo die Dattel reift. Da flog ein Vogel herbei und pflückte die Beere und trug sie in sein Nest auf der höchsten Spitze des Baumes. »Wer kann des Andern Wege lenken und heute sagen: So und nicht anders werd' ich ihn morgen sehen? »In die Einöde fliehen wir Thoren, um die Welt zu vergessen, und die Welt folgt uns nach und hängt sich an unsere Fersen. Wo ist die Scheere, die den Schatten von unseren Füßen schnitte? Wie heißt das Gebet, das uns Fleischgeborene vom Fleische völlig erlöst? Mein Heiland, du Einziger, der es gekannt, lehr' es auch mich, den Aermsten der Armen!« Zehntes Kapitel. Wenige Minuten, nachdem Hermas sich aus des Centurio Fenster auf die Straße geschwungen hatte, trat Phöbicius in sein Schlafgemach. Sirona hatte Zeit gefunden, sich auf das Lager zu werfen. Sie fürchtete sich sehr und hatte das Antlitz der Wand zugewendet. Wußte er wohl, daß Jemand bei ihr gewesen? und wer konnte sie verrathen und ihn herbeigerufen haben? Kam er vielleicht von ungefähr früher als sonst von der Feier zurück? Es war dunkel in dem Gemach, und er konnte sie nicht erkennen, und doch schloß sie die Augen, als wenn sie schlafe, denn jeder kleinste Minutentheil, in dem sie ihn nicht in seiner Wuth zu sehen brauchte, erschien ihr wie ein Geschenk. Dabei schlug ihr das Herz so ungestüm daß sie meinte, auch er müsse es hören, als er sich nun mit dem leisen Schritt, der ihm eigen, ihrem Lager nahte. Sie hörte ihn hierhin und dorthin wandeln, und zuletzt in die neben dem Schlafraum liegende Küche gehen. Bald darauf empfand ihr halb geschlossenes Auge den Eindruck des Lichtes. Er hatte am Herde eine Lampe entzündet und suchte nun in beiden Zimmern umher. Bis jetzt hatte er sie weder angerufen, noch seine Lippen zu einem Worte geöffnet. Nun befand er sich in dem Wohngemach und jetzt, – unwillkürlich krümmte sie sich zusammen und zog die Decke über das Haupt, – jetzt lachte er auf, so laut und höhnisch, daß sie fühlte, wie ihre Hände und Füße erkalteten, und es ihr war, als würde ein purpurrother, flüssiger Vorhang vor ihren Augen auf und nieder gezogen. Wiederum wurde es hell in dem Schlafgemach, und das Licht kam ihr näher und näher. Sie fühlte einen Stoß seiner harten Hand an ihrem Haupte, und leise aufschreiend zog sie die Decke zurück und richtete sich auf. Er sprach noch immer nichts; aber was sie sah, war wohl geeignet, den letzten Funken ihres Muthes und ihrer Hoffnung zu ersticken, denn von ihres Gatten Auge war nur das Weiße zu schauen, seine gelblichen Züge waren fahl, und von seiner Stirn hob sich deutlicher das eingeätzte Mithraszeichen ab. In der rechten Hand hielt er die Lampe, in der linken das Schaffell des Hermas. Als sein stierer Blick den ihren traf, hielt er ihr das zottige Anachoretenkleid so dicht vor das Antlitz, daß es sie berührte. Dann warf er es heftig zu Boden und fragte mit leiser, heiserer Stimme: »Was ist das?« Sie schwieg; er aber näherte sich dem Tischchen neben ihrem Bett, auf dem ihr Nachttrunk in einem schönen bunten Glase stand, das Polykarp ihr als Reiseangebinde aus Alexandria mitgebracht hatte, und streifte es mit dem Rücken der Hand von der Tafel, so daß es auf den Estrich stürzte und klirrend in Scherben zersprang. Sie schrie auf, und das Windspiel sprang auf ihr Lager und bellte den Gallier an. Da griff er in das Halsband des Thierchens und schleuderte es so gewaltsam weit in das Zimmer hinein, daß es ein jämmerliches Klagegeheul ausstieß. Das Hündchen hatte Sirona schon als Mädchen gehört. Es war ihr nach Rom gefolgt und in die Oase. Es hing mit Zärtlichkeit an ihr, und sie an ihm, denn Jambe ließ sich von Niemand so gern wie von ihr herzen und streicheln. Sie war so viel allein, aber das Windspiel war immer bei ihr und unterhielt sie nicht nur durch die jedem andern Hunde anzulernenden Künste, nein, es war ihr wie ein lieber, stummer, doch keineswegs tauber Gefährte aus der Heimat, der die Ohren spitzte, wenn sie die Namen ihrer lieben kleinen Geschwister im fernen Arelas nannte, von denen sie seit einem Jahre nichts gehört hatte, oder sie traurig ansah und ihr die weißen Hände küßte, wenn die Sehnsucht ihr Thränen in die Augen drängte. In ihrem einsamen, müßigen, kinderlosen Leben war Jambe viel, sehr viel, und als sie diesen treuen Gefährten und Freund nun gemißhandelt und jammernd ihrem Lager zukriechen sah, als das gelenkige Thierchen sich vergeblich bemühte, schutzsuchend in ihren Schooß zu springen und seiner Herrin das zitternde, kranke, vielleicht gebrochene Beinchen winselnd entgegenstreckte, da wich die Furcht aus dem Herzen der geängstigten jungen Frau, sie sprang von dem Lager, nahm das Hündchen in die Arme und sagte mit einem Blicke, aus dem Phöbicius nichts weniger als Furcht oder Reue entgegenleuchtete: »Du rührst mir das Thierchen nicht wieder an, das sei Dir gerathen!« »Ich werd' es morgen ersäufen,« entgegnete Phöbicius völlig gelassen, aber mit einem bösen Lachen um den eingefallenen Mund. »Es kommen so viel zweibeinige Liebhaber in mein Haus, daß ich nicht einsehe, warum ich Deine Neigung auch noch mit dem Vierfüßler theilen sollte. Wie kommt das Schaffell hieher?« Sirona würdigte die letzte Frage keiner Erwiderung, sondern rief mit erregter Stimme: »Bei Deinem Gott auf dem Felsen und allen Göttern: fügst Du dem Thierchen ein Leid zu, so bin ich am längsten bei Dir gewesen!« »Sieh' da,« entgegnete der Centurio. »Wohin geht denn die Reise? Die Wüste ist weit, und es gibt darin viel Raum zum Verschmachten und für bleichende Knochen. Wie würden sich Deine Liebhaber grämen! Um ihretwillen werd' ich, bevor ich den Hund ersäufe, die Herrin einsperren müssen.« »Versuch' es, mich anzurühren!« schrie Sirona außer sich und sprang an das Fenster. »Streckst Du nur einen Finger nach mir aus, so rufe ich um Hülfe, und Frau Dorothea und ihr Gatte werden mich vor Dir beschützen.« »Kaum!« unterbrach sie Phöbicius trocken. »Das würde Dir gefallen, wenn Du da drüben unter einem Dache mit dem Buben hausen könntest, der Dir bunte Gläser mitbringt, der Dir Rosen in's Fenster wirft und sich vielleicht mit ihnen den Weg bestreut hat, den er heute zu Dir gefunden. Noch gibt es Gesetze, die einen römischen Bürger vor Einbrechern und frechen Verführern sichern. Du warst mir schon viel zu viel in dem Hause da drüben, und das Gespiel mit den kleinen Schreihälsen hast Du doch nur betrieben, um dem ausgewachsenen Kinde, dem Rosenwerfer, dem Zieraffen zu begegnen, der um Deinetwillen und um nicht erkannt zu werden, über sein purpurnes Röckchen ein Schaffell gezogen. Lehr' Du mich die verliebten Nachtwandler und Weiber kennen! Ich durchschaue euch Alle! Keinen Schritt setzst Du hinfort über die Schwelle des Petrus! Da ist das geöffnete Fenster. Schrei' nur, so viel Du willst, und bringe schon jetzt Deine Schande unter die Leute. Ich war gewillt, erst morgen dieß Schaffell zum Richter zu tragen. Jetzt geh' ich und bringe die Kammer hinter der Küche für Dich in Ordnung. Die hat kein Fenster, durch das man mir Schaffelle in mein Haus tragen kann. Da sollst Du wohnen, bis Du mir zahm wirst und mir die Füße küssest und eingestehst, was heute Nacht hier vorgegangen. Von den Sklaven des Senators, das weiß ich, werde ich nichts erfahren, denn Du hast auch ihnen die Köpfe verdreht. Sie grinsen vor Vergnügen, wenn sie Dich sehen. Dir sind eben alle Freunde recht, und wenn sie auch nur ein Schaffell tragen. Laß sie thun, was sie wollen; ich habe den rechten Wächter für Dich an der Hand. Jetzt geh' ich. Schreie nur; aber lieber würde es mir sein, wenn Du Dich ruhig verhieltest. Ueber den Hund da haben wir noch nicht das letzte Wort gesprochen. Ich behalte ihn hier. Bist Du still und kommst Du zur Vernunft, so mag er meinetwegen leben; bleibst Du widerspenstig, so findet sich ja schnell ein Strick und ein Stein, und der Bach fließt dort unten vorüber. Ich spaße niemals und am wenigsten heute.« Sirona's ganzes Wesen war in der lebhaftesten Erregung. Ihr Athem flog, ihre Glieder bebten, aber sie fand kein Wort der Entgegnung. Phöbicius sah, was in ihr vorging, und rief: »Schnaube Du nur jetzt; aber es kommt eine Stunde, in der Du wie Dein lahmer Hund zu mir herankriechen und um Gnade betteln wirst. Da kommt mir ein neuer Gedanke. Du brauchst ja ein Lager in der dunklen Kammer, und weich muß es sein, sonst schelten mich Deine Geliebten. Ich breite das Schaffell dort für Dich aus. Da siehst Du, wie ich die Geschenke Deiner Anbeter zu ehren verstehe!« Der Gallier lachte auf, ergriff das Eremitengewand und begab sich mit ihm und der Lampe in das dunkle Gemach hinter der Küche, in dem Geschirr und Vorräthe von verschiedener Art aufbewahrt wurden, die er nun beseitigte, um es zu einer Schlafkammer für sein Weib umzuwandeln, von dessen Schuld er fest überzeugt war. Um welchen Mannes willen sie ihn betrogen, wußte er nicht, denn Mirjam hatte ihm nichts gesagt als die Worte: »Geh' nach Hause; da lacht Dein Weib mit ihrem Geliebten.« Schon während der letzten Drohungen ihres Gatten hatte Sirona sich gesagt, daß sie lieber sterben, als länger mit diesem Manne zusammenleben wolle. Daß auch sie nicht frei sei von Schuld, kam ihr nicht mehr in den Sinn. Wer strenger bestraft wird, als er verdient, vergißt leicht über dem Fehler des Richters sein eigenes Vergehen. Phöbicius hatte Recht. Weder Petrus noch Dorothea besaßen die Macht, sie gegen ihn, den römischen Bürger, zu schützen. Wenn sie sich nicht selber half, so war sie eine Gefangene, und sie konnte nicht leben ohne Luft, Licht und Freiheit. Ihr Entschluß war schon während der letzten Drohworte ihres Gatten schnell zur Reife gelangt, und kaum hatte er die Schwelle überschritten und ihr den Rücken gewandt, als sie auf ihr Lager zueilte, das zitternde Windspiel in die Decke hüllte, es wie ein Kind auf den Arm nahm und mit ihrer leichten Last in das Wohnzimmer lief. Dort waren noch die Laden des Fensters, aus dem Hermas das Weite gesucht hatte, geöffnet. Sie nahm mit Hülfe eines Sessels denselben Weg, ließ sich von der Brüstung auf die Straße niedergleiten und eilte ohne Zweck und Ziel, nur von dem Wunsche beseelt, der Gefangenschaft in dem finstern Raum zu entgehen und jedes Band zu zerreißen, das sie an den verhaßten Gefährten knüpfte, dem Kirchenhügel und der Straße zu, die über den Berg an die See führte. Phöbicius ließ ihr einen großen Vorsprung, denn er blieb, nachdem er es zum Gefängniß für sie eingerichtet hatte, sehr lange in dem dunklen Gemach hinter der Küche, nicht um ihr Zeit zu gewähren, sich zu sammeln, oder um über sein künftiges Verhalten gegen sie nachzudenken, sondern weil er sich völlig ermattet fühlte. Der Centurio stand dem sechzigsten Lebensjahre nah, und sein ursprünglich kräftiger, aber durch Ausschweifungen jeder Art zerrütteter Körper widerstand nicht länger den Anstrengungen und Erregungen dieser Nacht. Der hagere, nervöse, sehr bewegliche Mann pflegte sonst solcher Erschlaffung nur bei Tag anheimzufallen, während nach Sonnenuntergang mit dem greisenhaften, nur bei der Ausübung seiner dienstlichen Pflichten jugendlich rüstigen Soldaten eine wunderbare Veränderung vor sich ging, denn dann hoben sich seine schweren, die Sehsterne fast ganz verdeckenden Augenlider, die schlaff herabhängende Unterlippe zog sich kräftig zusammen, der lange Hals mit dem schmalen, länglichen Kopf erhob sich, und wenn er in später Stunde zu Gelagen oder zum Dienste des Mithras ausging, so konnte man ihn oft noch einen stattlichen, jugendlich schreitenden Mann nennen. Aber auch im Rausche war er nicht heiter, sondern wild, prahlerisch und lärmend. Manchmal überkam ihn auch, bevor er das Gelage verließ, mitten unter den Zechgenossen jene Erschlaffung, durch welche auch Sirona oftmals erschreckt worden war, und vor der er sich nur völlig sicher wußte, wenn er im Dienst an der Spitze seiner Soldaten stand. Der leidenschaftliche, hoch gewachsene Mann bot in solchen Stunden der Ohnmacht einen abschreckenden Anblick, denn dann breitete sich über seine gelblichen Züge die Blässe des Todes, sein Rücken schien gebrochen und jedes Glied aus dem Gelenke gelöst zu sein. Nur seine Augensterne blieben in steter Bewegung, und dann und wann schüttelte ein Frost seinen Körper. Seine Leute sagten, wenn dieser Zustand ihn überfiel, des Centurio blasser Dämon sei in ihn gefahren, und er selbst glaubte an jenen bösen Geist und fürchtete ihn. Ja, er hatte es versucht, durch heidnische Geisterbanner und selbst durch christliche Exorzisten sich von ihm zu befreien. Jetzt saß er in der finstern Kammer auf dem Schaffell, das er, um sein Weib zu verhöhnen, auf eine harte Holzbank gebreitet hatte. Seine Hände und Füße froren, seine Augen glühten, und die Kraft, auch nur einen Finger zu rühren, hatte ihn verlassen. Bloß seine Lippen zuckten hin und her, und sein rückwärts schauendes inneres Auge blickte mit gesteigerter Schärfe in die Vergangenheit, weit über die letzte, schreckliche Stunde hinaus. »Hätt' ich,« dachte er, »nach dem unsinnigen Lauf in die Oase, den mir so bald kein Jüngerer nachmacht, meiner Wuth die Zügel schießen lassen, statt sie gewaltsam zurückzuhalten, so würde der Dämon mich weniger leicht bewältigt haben. Wie dem Teufel, der Mirjam, die Augen blitzten, als sie mir sagte, daß ein Mann mich betrüge! Sie hat den Fellträger gewiß gesehen; aber vor der Oase verlor ich sie aus den Augen. Ich glaube, sie kehrte um und stieg wieder bergaufwärts. Was ihr Sirona wohl gethan haben mag? Die Frau fängt ja sonst mit ihren Augen die Herzen, wie der Finkler mit seiner Flöte die Vögel. Wie sind ihr die Herrlein in Rom nachgestiegen! Ob sie mich dort schon betrogen hat? Den Legaten Quintillus, der mir gern gefällig gewesen wäre, und dessen Feindschaft ich nun der Närrin verdanke, hat sie abgewiesen; aber er war noch älter als ich, und Jüngere sind ihr wohl lieber. Sie ist wie die Anderen alle! Ich hätt' es wissen sollen, ich! So geht es auf Erden; heute schlägt man, und morgen wird man geschlagen!« Ein wehes Lächeln umzuckte die Lippen des Centurio, dann breitete sich starrer Ernst über seine Züge, denn mancherlei unwillkommene Bilder stellten sich nun deutlich und unabweisbar vor seine Seele. Des Galliers Gewissen stand im umgekehrten Verhältniß zu der Rüstigkeit seines Leibes. Ging es ihm gut, so focht ihn seine an dunklen Flecken überreiche Vergangenheit wenig an, aber wenn die Schwäche ihn übermannte, so wußte er dem blassen Dämon nicht zu wehren, welcher ihn zwang, sich gerade derjenigen Thatsachen mit peinlicher Deutlichkeit zu erinnern, die er am liebsten zu vergessen wünschte. In dieser Stunde mußte er seines freundlichen Wohlthäters und Kriegsobersten, des Legaten Servianus, und seines schönen Weibes gedenken, das er mit tausend Künsten verlockt hatte, Mann und Kind zu verlassen und mit ihm in die weite Welt zu entfliehen. Jetzt ergriff ihn der Wahn, er sei der Legat Servianus und doch zu gleicher Zeit er selbst. Jeden Schmerz und die ganze Bitterniß, welche sein betrogener Wohlthäter durch ihn erfahren, nachdem er ihm Glycera, sein Weib, abwendig gemacht, hatte er jetzt durchzukosten, und der Feind, der ihn, Servianus, hinterging, war dabei, das empfand er, kein Anderer als er, der Gallier Phöbicius selbst. Er suchte sich zu wehren, und sann auf Rache gegen den Verführer und verlor dabei doch nicht völlig das Bewußtsein seiner Persönlichkeit. Dieß Gewirr von Wahnvorstellungen, das er vergeblich klar zu legen bestrebt war, drohte ihn um den Verstand zu bringen, und er seufzte laut auf. Der Klang der eigenen Stimme führte ihn in die Wirklichkeit zurück. Er war Phöbicius und kein Anderer, das wußte er nun, und doch gelang es ihm noch nicht gänzlich, sich in der Gegenwart zurecht zu finden. Das Bild der schönen Glycera, die ihm nach Alexandria gefolgt war, und die er dort im Stich gelassen, nachdem er sein letztes Geldstück und ihren kostbaren Schmuck in der Griechenstadt verpraßt hatte, wollte sich ihm nicht allein zeigen, sondern immer und immer neben dem seines Weibes Sirona. Glycera war ein trauriges Liebchen gewesen, das viel geweint und wenig gelacht hatte, seit sie ihren Gatten verlassen. Leise Vorwürfe glaubte er auch jetzt von ihren Lippen zu hören, während Sirona ihm mit lauten Drohungen entgegenzutreten und dem Senatorsohn Polykarp viel verheißend zu winken wagte. Der ermattete Träumer raffte sich wüthend zusammen, ballte die Fäuste und hob sie drohend empor. Diese Bewegung war das erste Zeichen der wiedererwachenden Spannkraft seines Leibes, und nachdem er wie ein aus dem Schlaf Erwachender die Glieder gestreckt und sich die Augen gerieben, preßte er beide Schläfen mit den Händen, und nach und nach kehrte ihm das volle Bewußtsein und mit demselben die Erinnerung an Alles zurück, was er in den letzten Stunden erlebt hatte. Schnell verließ er nun die dunkle Kammer, stärkte sich in der Küche mit einem Schluck Wein und trat an das geöffnete Fenster, um nach den Sternen zu sehen. Mitternacht war längst vorbei. Er erinnerte sich nunmehr seiner auf dem Berge opfernden Gefährten und richtete ein langes Gebet »an die Krone«, »den unüberwindlichen Sonnengott«, »das große Licht«, »den Gott aus dem Felsen« oder wie er sonst den Mithras benannte; denn seit er zu den Mysten dieses Gottes gehörte, war er ein eifriger Beter geworden, der auch mit ungewöhnlich zäher Ausdauer zu fasten verstand. Von den achtzig Proben, denen man sich zu unterwerfen hatte, um in die höheren Grade der Geweihten aufgenommen zu werden, hatte er sich bereits vielen unterworfen, und jener Schwäche, die ihn auch heute überwältigt hatte, war er zum ersten Mal anheimgefallen, nachdem er, um den Grad eines Löwen zu erlangen, sich täglich während einer ganzen Woche stundenlang in den Schnee gelegt und darauf strenger Fasten befleißigt hatte. Sirona's gesunder Sinn fühlte sich von all' diesen Uebungen abgestoßen, und die Entschiedenheit, mit der sie sich an ihnen teilzunehmen weigerte, hatte die Kluft erweitert, die sie ohnehin von ihrem Gemahle trennte. Es war Phöbicius in seiner Weise sehr ernst mit all' diesen Dingen, denn durch sie allein fand er Rettung vor sich selbst, vor finsteren Erinnerungen und der Furcht vor einer Vergeltung seiner Thaten jenseits der letzten Stunde, während Sirona gerade aus der Erinnerung an frühere Tage ihren besten Trost und die Kraft schöpfte, die traurige Gegenwart heiter zu ertragen und die Hoffnung aus bessere Zeiten festzuhalten. Phöbicius vollendete heut sein Gebet um Kraft, seines Weibes starren Sinn zu brechen, und um ein glückliches Gelingen seiner Rache an ihrem Verführer, ohne Uebereilung und mit sorgsamer Beobachtung aller vorgeschriebenen Formen. Dann nahm er zwei feste Stricke von der Wand, richtete sich so stolz und gerade auf, als gält' es seinen Soldaten vor der Schlacht Muth zuzusprechen, räusperte sich wie ein Rhetor auf dem Forum, bevor er seinen Vortrag beginnt, und überschritt mit Würde die Schwelle des Schlafzimmers. Nicht der leiseste Gedanke an die Möglichkeit ihres Entrinnens trübte seine Sicherheit, als er, da er Sirona nicht in dem Schlafgemache fand, in das Wohnzimmer ging, um die ihr zugedachte Strafe an ihr zu vollziehen. Auch hier fand er Niemand. Er stutzte; aber der Gedanke, daß sie entflohen sein könne, schien ihm so aberwitzig, daß er ihn zunächst mit Entschiedenheit zurückwies. Gewiß, sie fürchtete nur seinen Zorn und hielt sich unter dem Bett oder hinter dem seine Kleider schützenden Vorhang verborgen. »Das Windspiel,« dachte er, »schmiegt sich jetzt an sie,« und darum begann er nun in einer Weise halb zu pfeifen, halb zu zischen, die Jambe weh that und sie stets veranlaßte, ihn grimmig anzubellen; aber vergebens. Alles blieb still in dem verlassenen Gemach, todtenstill. Jetzt ergriff ihn ernste Besorgniß. Erst bedächtig, dann mit immer schnelleren, hastigeren Bewegungen leuchtete er unter jedes Geräth, in jede Ecke, hinter jedes Tuch und suchte sie auch an solchen Stellen, die keinem Kinde, ja kaum einem verfolgten Vogel als Versteck genügt haben würden. Endlich fielen die Stricke aus seiner Rechten, und die das Lämpchen haltende Linke begann zu zittern. Er fand die Laden des Schlafzimmerfensters geöffnet und bei diesem den Stuhl, auf dem Sirona gesessen und in den Mond geschaut hatte, bevor Hermas gekommen war. »Hier also,« murmelte er, stieß die Lampe auf das Nachttischchen, von dem er das Glas Polykarp's geworfen hatte, riß die Thür auf und eilte in den Hof. Daß sie sich auf die Straße geschwungen und den Weg in's Weite, in die Nacht hinein und die Wüste gesucht haben werde, kam ihm noch immer nicht in den Sinn. Er rüttelte an dem das Gehöft abschließenden Thore und fand es fest verschlossen. Die Wachthunde regten sich und schlugen an, wie Phöbicius sich dem Hause des Petrus zuwandte und mit dem ehernen Klopfer an die Pforte desselben erst leise und dann mit wachsendem Ingrimm immer heftiger zu schlagen begann. Er hielt es für gewiß, daß sein Weib bei dem Senator Schutz gesucht und gefunden habe. Er hätte aufschreien mögen vor Wuth und Schmerz, und doch dachte er kaum an seine Gattin und die Gefahr, sie zu verlieren, sondern an Polykarp und die ihm durch diesen angethane Schmach und die Wiedervergeltung, die er über ihn und seine Eltern verhängen wollte, welche es an sein, des kaiserlichen Centurio, Hausrecht zu tasten gewagt. Was war ihm Sirona! In der Wallung einer Stunde des Uebermuths hatte er ihr Geschick an das seine gekettet. Zu Arelas war vor zwei Jahren in den Kreis seiner Zechgenossen einer seiner Kameraden getreten und hatte erzählt, daß er Zeuge eines merkwürdigen Schauspiels gewesen. Mehrere junge Burschen hatten einen Knaben umringt und ihn, er wußte selbst nicht weßwegen, grausam geschlagen. Der Kleine hatte sich wacker gewehrt, war aber doch der Ueberzahl erlegen. Da plötzlich, erzählte der Soldat, habe sich die Thür eines Hauses beim Cirkus geöffnet, und ein Mädchen mit langem, goldgelbem Haar sei herausgestürzt und habe die Buben alle in die Flucht gejagt und den Gemißhandelten, ihren Bruder, von seinen Peinigern befreit. »Wie eine Löwin sah die Dirne aus,« hatte der Erzähler gerufen. »Sirona heißt sie, und unter den schönen Mädchen von Arelas ist sie ohne Zweifel das schönste.« Von vielen Seiten fanden diese Worte Bestätigung, Phöbicius aber, der damals gerade unter den Mithrasverehrern den Grad eines Löwen erstiegen hatte und sich gern den »Löwen« nennen hörte, sagte: »Ich suche schon lange nach einer Löwin, nun hab' ich sie, denk' ich, gefunden. Phöbicius und Sirona; das sind zwei Namen, die herrlich zusammenpassen!« Am folgenden Tag erbat er sie sich von ihrem Vater zum Weibe, und da er in wenigen Tagen nach Rom abziehen mußte, wurde schnell die Hochzeit gerüstet. Sie hatte Arelas niemals verlassen und wußte darum nicht, was sie aufgab, als sie dem Vaterhause vielleicht auf immer Lebewohl sagte. In Rom fand Phöbicius seine junge Gattin wieder. Wie Viele auch dort die schöne Frau bewundern und sich um ihre Gunst bemühen mochten; für ihn war sie doch nur ein leicht erworbener und darum wenig kostbarer Besitz; ja bald kaum mehr als ein schwer zu bewachender, lästiger Schmuck. Als die schöne Frau endlich von seinem Legaten bemerkt ward, versuchte er es, durch sie Vortheile und Beförderung zu erzielen; aber Sirona hatte Quintillus mit so beleidigender Rücksichtslosigkeit abgewiesen, daß der Vorgesetzte des Phöbicius zu seinem Feinde ward und seine Degradirung und Versetzung in die entlegene Oase, die einer Verbannung gleichkam, zu bewirken wußte. Seit jener Zeit hielt er sie für seine Feindin und glaubte, daß sie geflissentlich sich am freundlichsten gegen Diejenigen zeige, die ihm besonders widerwärtig erschienen, und zu diesen Widerwärtigsten zählte er auch Polykarp. Wieder fiel der Klopfer auf die Thür des Petrus, und nun öffnete sie sich, und der Senator stand mit einer Lampe in der Hand dem wüthenden Centurio gegenüber. Elftes Kapitel. Der arme Paulus saß vor der Thür des Senators auf einer steinernen Bank und fror, denn je näher der Morgen rückte, desto kühler wurde die Nachtluft, und er war so gewohnt an sein wärmendes Schaffell, das er nun Hermas geschenkt hatte. In seiner Hand hielt er den Kirchenschlüssel, den er dem Pförtner bei Petrus abzugeben versprochen hatte; aber es war Alles so still in dem Hause des Senators, und er scheute sich, die Schläfer zu wecken. »Was das für eine seltsame Nacht ist!« murmelte er vor sich hin und zog sein kurzes, zerrissenes Röcklein fester zusammen. »Wäre es auch wärmer, und steckt' ich auch statt in diesem fadenscheinigen Läppchen in einem Sack voll flockiger Wolle, es würde mich doch kalt überlaufen, wenn mir die Höllengeister, die hier umgehen, noch einmal begegnen würden. Nun hab' ich's mit eigenen Augen gesehen. Aus der Oase jagen die Dämonen in Weibsgestalt auf den Berg, um uns im Schlaf zu ängstigen und zu verlocken. Was der große Spuk im weißen Gewande mit dem fliegenden Haar wohl im Arm hielt? Vielleicht den Stein, mit dem er, wenn der Alp uns drückt, unsere Brust belastet. Der Andere schien zu fliegen, aber die Schwingen hab' ich doch nicht gesehen. In diesem Seitengebäude muß wohl der Gallier mit seinem ruchlosen Weibe wohnen, das den armen Hermas bestrickt hat. Ob sie wirklich so schön ist? Aber was weiß der Junge, der unter lauter Felsen heranwuchs, von der Anmuth der Weiber. Die Erste, die ihn freundlich ansah, mußte er wohl für die Reizendste halten. Dazu ist sie blond und also ein seltener Vogel unter all den braungebrannten, zweibeinigen Wüstengewächsen. Der Centurio fand das Schaffell gewiß noch nicht, sonst wäre es hier weniger still. Einmal hat, seitdem ich hier warte, ein Esel geschrieen, einmal ein Kameel gebrüllt, und da kräht schon der erste Hahn, aber einen Laut aus dem Mund eines Menschen hab' ich nicht vernommen, nicht einmal das Schnarchen des großen Senators und seiner behäbigen Frau Dorothea, und es wäre doch ein Wunder, wenn diese Beiden nicht schnarchten.« Er erhob sich und trat an das Fenster der Wohnung des Phöbicius und lauschte durch die halb geöffneten Laden, aber es war Alles still bei den Galliern. Vor einer Stunde hatte Mirjam in Sirona's Wohnung hineingelauscht. Sie war, nachdem sie den Verrath begangen, Phöbicius von fern gefolgt und durch die Ställe auf den Hof des Senators geschlüpft. Sie mußte wissen, was da drinnen vorgefallen, welches Schicksal der wüthende Gallier über Hermas und Sirona verhängt habe. Sie war auf Alles gefaßt, und der Gedanke, daß der Centurio gegen Beide das Schwert gebraucht haben könnte, erfüllte sie mit bittersüßem Behagen. Jetzt sah sie Licht in der Oeffnung, welche die beiden nur leicht zusammengelegten Laden trennte, breitete die hölzernen Flügel leicht auseinander und zog sich an ihnen, indem sie den nackten Fuß an die Wand stemmte, elastisch empor. Da sah sie Sirona auf ihrem Lager in aufgerichteter Stellung und ihr gegenüber den Gallier mit verzerrtem Gesicht. Vor seinen Füßen lag das Schaffell des Hermas. In der Rechten hielt der blasse Mann die brennende Lampe. Ihr Licht fiel auf den Estrich vor dem Lager Sirona's und spiegelte sich in einer großen, rothen dunklen Lache. »Das ist Blut,« dachte sie, schauderte zusammen und schloß die Augen. Als sie wieder aufblickte, sah sie, wie die Gallierin mit glühenden Wangen das Antlitz ihrem Gatten zuwandte. Sie war unverletzt; aber Hermas? »Das ist sein Blut,« klagte und schrie es in ihrem gemarterten Herzen; »und ich, Mörderin, hab' es vergossen!« Ihre Hände lösten sich von dem Laden, ihre Füße berührten wieder das Pflaster des Hofes, und in furchtbarer Seelenangst eilte sie auf dem Weg, den sie gekommen, in's Freie und dem Berg entgegen. Sie fühlte, daß sie eher den reißenden Panthern, dem Nachtfroste, dem Durst und Hunger trotzen, als Frau Dorothea, dem Senator und Marthana mit dieser Schuld auf dem Herzen wiederum unter die Augen treten könne. Die fliehende Mirjam war die eine unter den Spukgestalten, deren Anblick Paulus erschreckt hatte. Der geduldige Anachoret saß wieder auf der Steinbank und dachte: »Der Frost thut doch weh. Es ist gar ein schönes Ding um solch' ein wolliges Schaffell; aber der Heiland hat ganz andere Schmerzen ertragen als diese, und wozu hab' ich die Welt verlassen, als um ihm nachzufolgen und durch Leiden hier mich durchbilden zu den Freuden des Jenseits? »Da wo die Engel schweben, wird man keine armselige Bockshaut brauchen, und dießmal ist die Selbstsucht mir fremd geblieben, denn ich leide wahrhaftig für Andere, ich friere für Hermas und um dem Alten Schmerz zu ersparen. »Ich wollte, es wäre noch kälter, ja ich werde, gewiß ich werde nie, niemals wieder einen Pelz um die Schultern legen!« Paulus bewegte das Haupt, als wolle er sich selbst Beifall zunicken, aber bald schaute er ernster drein, denn er meinte wieder auf einem falschen Weg zu wandeln. »Da bringt man eine Handvoll Gutes zu Stande,« dachte er, »und gleich füllt sich das Herz mit einer Kameelsladung Stolz. Ob mir die Zähne auch klappern, ich bin doch nur ein elender Wicht! Wie hat's mich bei allen Bedenken und Skrupeln doch gekitzelt, als Die von Raïthu kamen und mir die Würde ihres Aeltesten anboten. Als ich zum ersten Mal mit dem Viergespann siegte, hab' ich lauter gejubelt; aber aufgeblasener war ich doch kaum als neulich! Wie Viele denken dem Heiland nachzufolgen, und es verlangt sie doch nur nach seiner Erhöhung; der Erniedrigung gehen sie fein aus dem Weg. Du, Höchster, bist ja mein Zeuge, ich suche sie ernstlich, aber sobald die Dornen mich ritzen, gleich werden aus meinen Blutstropfen Rosen, und streif' ich sie ab, so kommen die Anderen und werfen mir Kränze in den Weg. Ich glaube, es ist eben so schwer auf Erden, Leid ohne Lust, als Lust ohne Leiden zu finden.« Also dachte er, während ihm vor Frost die Zähne klapperten; aber sein Sinnen ward unterbrochen, denn die Hunde erhoben ein lautes Gebell. Phöbicius klopfte jetzt an die Thür des Senators. Sogleich richtete Paulus sich auf und näherte sich dem Thor des Petrus. Kein Wort, das auf dem Hof gesprochen wurde, entging ihm. Die tiefe Stimme war die des Senators, die scharfe und hohe mußte die des Centurio sein. Der Letztere verlangte von dem Ersteren sein Weib zurück, das er in seinem Hause verborgen halte, während Petrus bestimmt versicherte, Sirona habe seit dem Morgen des vergangenen Tages seine Schwelle nicht betreten. Trotz des heftigen und gereizten Tones, in dem sein Miethsmann zu ihm sprach, blieb der Senator völlig gelassen und entfernte sich bald, um seine Gattin zu fragen, ob sie etwa, während er geschlafen, der Entflohenen das Haus geöffnet habe. Paulus hörte die Schritte des im Hof auf und nieder schreitenden Soldaten, die schnell zum Stillstand gelangten, als Frau Dorothea nun mit ihrem Gatten vor die Thür trat und auch ihrerseits mit Entschiedenheit erklärte, nichts von Sirona zu wissen. »Um so besser,« unterbrach sie Phöbicius, »wird euer Sohn Polykarp über ihr Verbleiben unterrichtet sein.« »Mein Sohn befindet sich seit gestern in Geschäften zu Raïthu,« entgegnete Petrus fest und abweisend. »Wir erwarteten ihn erst heute Morgen zurück.« »Er scheint sich beeilt zu haben und schon früher heimgekehrt zu sein,« sagte Phöbicius. »Unsere Vorbereitungen zur Opferfeier auf dem Berg waren kein Geheimniß, und des Hausherrn Abwesenheit reizt die Diebe zum Einbruch, vor Allem die verliebten, die Rosen in das Fenster ihrer Schönen werfen. Ihr Christen rühmt euch, die Ehe heilig zu halten; doch will es mir scheinen, als bezögt ihr dieß nur auf eure Glaubensgenossen. Bei dem Weib des Heiden mögen eure Söhne ihr Glück versuchen; es kommt nur darauf an, ob auch der heidnische Gatte mit sich spielen läßt oder nicht. Was mich nun anbetrifft, so bin ich zu Allem mehr geneigt, als zum Spaß und erkläre Dir, daß ich das Kleid des Kaisers, das ich trage, nicht beschimpfen lasse und gewillt bin, Dein Haus zu untersuchen, und wenn ich das pflichtvergessene Weib und Deinen Sohn bei euch finde, ihn und Dich vor den Richter zu ziehen und mit dem Verführer nach meinem Recht zu verfahren.« »Du würdest vergeblich suchen,« entgegnete Petrus, indem er sich mühsam beherrschte. »Mein Wort ist ›ja‹ oder ›nein‹, und ich wiederhole es hier. Nein , wir beherbergen nicht sie und nicht ihn . Weder Dorothea noch ich sind geneigt, uns in Deine Angelegenheiten zu mischen, aber wir dulden es auch nicht, daß sich ein Anderer unterstehe, er sei, wer er wolle, sich in unsere Angelegenheiten zu mengen. Diese Schwelle wird nur von Dem, dem ich's gestatte, oder von dem Richter des Kaisers, dem ich weichen muß, übertreten. Dir verbiete ich's und wiederhole nochmals: Sirona ist nicht bei uns, und Du würdest besser thun, sie anderwärts zu suchen, als hier Deine Zeit zu vergeuden.« »Ich brauche nicht Deinen Rath,« rief der Centurio heftig. »Und ich,« entgegnete Petrus, »fühle mich wenig berufen, die Händel Deiner Ehe zu schlichten. Auch ohne unsere Hülfe wirst Du Sirona zurückerlangen, denn es ist immerhin schwerer, sein Weib an das Haus zu fesseln, als es einzufangen, wenn es entlaufen.« »Du wirst mich kennen lernen,« drohte der Centurio und warf einen Blick auf die Sklaven, die sich in dem Hof versammelt hatten und zu denen auch Antonius, des Senators ältester Sohn, getreten war. »Ich rufe unverzüglich meine Leute zusammen, und solltet ihr den Verführer verbergen, so werden wir ihm den Ausgang verlegen.« »Warte noch eine Stunde,« nahm nun Dorothea das Wort, indem sie die Hand ihres Mannes, welcher seiner selbst kaum mehr mächtig war, mit der ihren berührte, »und Du wirst Polykarp auf dem Hengste seines Vaters heimkehren sehen. Deine Frau weiß so freundlich mit seinen Geschwistern zu spielen! Haben Dich nur die Rosen, die mein Sohn ihr in's Fenster legte, auf den Gedanken gebracht, er sei ihr Verführer, oder sind es noch andere Gründe, die Dich bewegen, ihn und uns mit einer so schweren Beschuldigung zu verletzen?« Oft, wenn zornige Männer wie düstere Gewitterwolken auf einander zu stoßen drohen, hält sie und drängt sie gleich dem Wehen eines freundlichen Windes ein Wort aus dem Munde eines verständigen Weibes zurück. Phöbicius war nicht gewillt, der Mutter Polykarp's Rede zu stehen, aber ihre Frage veranlaßte ihn zum ersten Mal zu einem schnellen Rückblick auf das Geschehene, und er konnte sich nicht verhehlen, daß sein Verdacht auf schwachen Füßen stehe. Zu gleicher Zeit sagte er sich nun, daß wenn Sirona statt in das Haus des Senators in's Weite geflohen sei, er hier seine Zeit vergeude und den Vorsprung, den sie ihm ohnehin abgewonnen, in verhängnißvoller Weise anwachsen lasse. Wenige Sekunden waren zu diesen Erwägungen erforderlich, und gewohnt, sich, wo es noth that, zu beherrschen, sagte er ausweichend: »Wir wollen ja sehen, es wird sich ja finden,« und wandte sich langsam, ohne seine Wirthe zu grüßen, seiner Wohnung zu. Aber noch hatte er die Thür derselben nicht erreicht, als sich Hufschlag auf der Straße hören ließ, und Petrus ihm nachrief: »Verziehe noch wenige Augenblicke, denn da kommt Polykarp und wird sich in eigener Person vor Dir rechtfertigen können.« Der Centurio hemmte den Fuß, der Senator winkte dem alten Jethro, und dieser öffnete das Thor; man hörte einen Reiter aus dem Sattel springen und nicht Polykarp, sondern ein amalekitischer Mann trat in den Hof. »Was bringst Du?« fragte der Senator, indem er sich halb an den Boten, halb an den Centurio wandte. »Der Herr Polykarp, Dein Sohn,« entgegnete der Gefragte, ein tief gebräunter Mann in reifen Jahren, mit gelenkigen Gliedern und rascher Zunge, »entbietet Dir und Deiner Hausfrau seinen Gruß und läßt Dir sagen, er werde vor der Mittagszeit mit acht Leuten, die er in Raïthu geworben, hier eintreffen. Frau Dorothea möge für Alle Unterkommen und eine Mahlzeit rüsten.« »Wann hast Du meinen Sohn verlassen?« fragte Petrus. »Zwei Stunden vor Untergang der Sonne.« Petrus athmete auf, denn erst jetzt war er völlig von der Schuldlosigkeit seines Sohnes überzeugt; aber weit entfernt, nun zu triumphiren und Phöbicius das Unrecht, welches er ihm angethan, fühlen zu lassen, sagte er freundlich, denn Theilnahme mit dem Mißgeschick des Galliers war in ihm wach geworden: »Ich wollte, der Bote wüßte auch Auskunft über den Aufenthalt Deines Weibes zu ertheilen. Sie konnte sich schwer an das stille Leben hier in der Oase gewöhnen. Vielleicht ist sie nur entwichen, um eine Stadt aufzusuchen, die einem so jungen und schönen Wesen mehr Abwechslung bietet, als dieser stille Ort in der Wüste.« Phöbicius schwenkte mit einer Bewegung der Verneinung und des Besserwissens die Hand und sagte: »Ich werde Dir zeigen, was der saubere Nachtvogel in meinem Nest gelassen. Es kann sein, daß ihr zu sagen wißt, wem es gehört.« Während er sich raschen Schrittes in seine Wohnung begab, war Paulus durch das nunmehr geöffnete Thor in den Hof getreten, begrüßte den Senator und die Seinen und überreichte Petrus den Kirchenschlüssel. Die Sonne war inzwischen aufgegangen und Frau Dorothea's Gegenwart veranlaßt den Alexandriner, erröthend auf das kurze, durchlöcherte Unterkleid zu schauen, das den immer noch athletischen Wuchs seiner Glieder recht ungenügend verhüllte. Petrus hatte nur Gutes von Paulus vernommen, aber er maß ihn jetzt mit wenig freundlichen Blicken, denn Alles, was der Uebertreibung gleichsah, widersprach seinem auf Maß und Ordnung gerichteten Sinn. Paulus fühlte nach, was in dem Senator vorging, als er ihm, ohne ihn eines Wortes zu würdigen, den Schlüssel abnahm. Es war ihm nicht gleichgültig, was dieser Mann von ihm denke, und mit einiger Verlegenheit sagte er: »Wir gehen sonst nicht ohne das Schaffell unter die Leute, aber meines ging nur verloren.« Noch hatte er nicht ausgesprochen, als Phöbicius mit dem Widderpelze des Hermas in der Hand den Hof betrat und dem Senator zurief: »Das fand ich bei meiner Heimkehr in unserem Gemach.« »Und wann hast Du gesehen, daß Polykarp sich solchen Mantels bediente?« fragte Frau Dorothea. »Wenn die Götter die Töchter der Menschen besuchen,« entgegnete der Centurio, »so wählten sie von jeher fremde Gestalten. Warum sollte ein gesalbtes alexandrinisches Herrlein sich nicht einmal in einen der rauhen Narren vom Berge verwandeln? Auch der alte Homer schläft zuweilen, und ich gestehe, daß ich mich in Bezug auf euren Sohn im Irrthum befand. Nichts für ungut, Senator! Du bist hier länger zu Hause als ich; wer mag mir dieses Fell, das noch leidlich neu zu sein scheint, mitsammt den Hörnern zum Geschenk gemacht haben?« Petrus betrachtete und befühlte den Pelz und sagte dann: »Das ist ein Anachoretenmantel. Die Büßer auf dem Berge pflegen sämmtlich solche zu tragen.« »So hat also einer von den Müßiggängern den Weg in mein Haus gefunden!« rief der Centurio. »Ich bin der Diener des Kaisers, und alles Gesindel, das hier in der Wüste die Oasenbewohner und die Wanderer beunruhigt, soll ich unschädlich machen. So lautet der Befehl, den ich aus Rom mit hiehernahm. Ich will die schnöden Gesellen alle zusammentreiben wie Wild bei der Hetzjagd, denn Schurken und Einbrecher sind sie, und werde sie zu ängstigen wissen, bis ich unter ihnen den Rechten gefunden!« »Das wird der Kaiser Dir übel lohnen,« entgegnete Petrus. »Sie sind fromme Christen, und Du weißt, daß Konstantin selbst . . .« »Konstantin?« fragte der Centurio höhnisch. »Vielleicht läßt er sich auch noch taufen, weil das Wasser nichts schadet, und er die Masse, die dem gekreuzigten Wundertäter nachläuft, nicht ausrotten kann wie der große Diokletian, ohne das Reich zu entvölkern. Aber sieh' diese Münzen. Hier steht das Bildniß des Kaisers, und was steht hier auf der andern Seite? Ist das euer Nazarener, oder ist es der alte Gott, die nie untergehende, unbezwingliche Sonne? Ist Der der Euern einer, der im neuen Konstantinopel die Tyche ehrt und die Dioskuren Kastor und Pollux? Das Wasser, mit dem er sich morgen benetzen läßt, übermorgen wischt er es ab, und die alten Götter werden ihm helfen, wenn er sie in ruhigeren Zeiten gegen euren Aberglauben in's Feld führt!« »Bis dahin aber,« entgegnete Petrus gelassen, »hat es gute Weile, und heute wenigstens ist Konstantin der Schutzherr der Christen. Ich rathe Dir, übergib Deine Sache dem Bischof Agapitus.« »Damit er mir eure Lehre auftischt, die selbst für Weiber zu schlecht ist,« lachte der Centurio, »meinen Feinden die Füße zu küssen? Einbrecherisches Gesindel sind die da oben, ich wiederhole es, und als solches werden die bösen Narren behandelt, bis ich meinen Mann gefunden. Heute noch beginn' ich die Hetze.« »Und heute magst Du sie einstellen, denn dieß Fell ist das meine .« Paulus war es, der diese Worte laut und entschieden aussprach. Aller Augen richteten sich auf ihn und den Centurio. Petrus und die Sklaven hatten den Anachoreten häufig gesehen, aber niemals ohne ein Schaffell, das demjenigen gleich sah, welches Phöbicius in der Hand hielt. Unerhört und kaum faßbar mußte Denen, die Paulus und Sirona kannten, die Selbstanklage des Erstern erscheinen, und dennoch ward sie von Niemand, selbst nicht von dem Senator bezweifelt. Nur Frau Dorothea bewegte ungläubig das Haupt, und wenn sie auch keine Erklärung fand für das, was hier vorging, so mußte sie sich doch sagen, daß dieser Mann nicht aussehe wie ein Verführer, und daß die Gallierin um seinetwillen schwerlich ihre Pflicht vergessen haben würde. Es wollte ihr überhaupt nicht gelingen, an die Schuld Sirona's zu glauben, denn sie war ihr herzlich wohlgesinnt und – recht war das gewiß nicht, – aber ihre mütterliche Eitelkeit befahl ihr zu glauben, daß wenn die schöne Frau hätte sündigen wollen, sie doch wahrlich ihren stattlichen Polykarp, dessen Rosen und feurige Blicke sie ja so aufrichtig wie möglich verdammte, diesem struppigen, verwahrlosten Graubart vorgezogen haben würde. Ganz anders der Centurio. Er glaubte gern an das Geständniß des Anachoreten, denn um eines je unwürdigern Verführers willen Sirona ihre Pflicht vergessen hatte, je größer war ihre Schuld, je unverzeihlicher ihr Leichtsinn, und seiner männlichen Eitelkeit schien es namentlich solchen Zeugen wie Petrus und Dorothea gegenüber leichter erträglich, daß sein Weib um jeden Preis, auch um den der Hingabe an einen zerlumpten Bettler, Abwechslung und Lust gesucht hatte, als wenn sie einem jüngern, schönern, würdigern Manne als ihm selber ihre Neigung geschenkt haben würde. Vielfältig hatte er gegen sie gefehlt, aber das lag jetzt Alles wie Federn auf seiner Schale der Wage, während das, was sie begangen, die ihre wie mit schwerem Bleigewichte belastete. Dazu begann er das Gefühl des im Sumpfe Watenden, der mit einem Fuße festen Boden gewinnt, zu empfinden, und dieß Alles zusammen gab ihm die Kraft, dem Anachoreten mit jener Selbstbeherrschung entgegenzutreten, über die er sonst nur im Dienste des Kaisers an der Spitze seiner Soldaten verfügte. Mit gemachter Würde und einer Haltung, welche bewies, daß er in den Theatern der großen Städte des Reiches auch der Vorstellung von Tragödien beigewohnt hatte, schritt er auf den Alexandriner zu, der seinerseits keinen Schritt zurückwich und ihm mit einem Lächeln, das Petrus und die anderen Zuschauer erschreckte, entgegensah. Das Gesetz gab den Anachoreten völlig in die Hand des beleidigten Gatten; dieser Letztere aber schien nicht gewillt, sich seines Rechtes zu bedienen, denn nichts als Verachtung und Ekel sprach aus seinen Worten, wie er nun ausrief: »Wer einen räudigen Hund anfaßt, um ihn zu strafen, der besudelt sich nur die Hände. Das Weib, das mich um Deinetwillen betrog, und Du, schmutziger Bettler, seit einander werth. Wie eine Mücke, die man mit der Hand zerschlägt, könnt' ich Dich hier zermalmen, wenn ich nur wollte; aber mein Schwert gehört dem Kaiser und darf mit so schmutzigem Blut wie Deinem nicht besudelt werden. Immerhin sollst Du Vieh Dein Fell nicht umsonst abgelegt haben. Es ist dicht, und Du wolltest mir doch nur die Mühe ersparen, es Dir abzureißen, bevor ich Dir gebe, was Dir gebührt. An Hieben wird Dir's nicht fehlen. Gestehst Du, wohin sich Dein Liebchen geflüchtet, so werden es wenig, zögerst Du mit der Antwort, so wächst ihre Menge. Leih' mir das Ding da, Bursche!« Mit diesen Worten nahm er einem Kameeltreiber die Geißel von Nilpferdhaut aus der Hand, trat dicht an den Alexandriner heran und fragte: »Wo ist Sirona?« »Schlage nur zu,« bat Paulus und zeigte mit der Hand auf seinen Rücken; »so scharf mich Deine Geißel auch trifft, so wird sie mich doch nicht schwer genug für all' meine Sünden bestrafen; aber wo Dein Weib sich verbirgt, das weiß ich wahrhaftig nicht zu sagen, und wenn Du mir auch, statt mich mit diesem armseligen Dinge zu streicheln, die Glieder mit Zangen zerreißest.« Es lag etwas so unverfälscht Treuherziges in dem Ton der Stimme des Paulus, daß der Centurio ihm zu glauben geneigt war, aber eine angedrohte Strafe unvollzogen zu lassen, war nicht seine Art, und daß seine Hand, wo sie schmerzlich treffen wollte, nicht streichelte, das sollte der wunderliche Bettler erfahren. Und Paulus erfuhr es, ohne einen Klagelaut zu erheben, und ohne sich von der Stelle zu rühren. Als Phöbicius endlich den ermatteten Arm ruhen ließ und röchelnd seine Frage wiederholte, antwortete der Gemißhandelte: »Ich sagte es Dir ja: ich weiß es nicht, und kann es darum nicht verrathen.« Bis hieher hatte Petrus, so sehr es ihn drängte, seinem gemißhandelten Glaubensgenossen beizuspringen, den beleidigten Gatten gewähren lassen, denn der Letztere schien mit ungewöhnlicher Milde zu verfahren und der Alexandriner jeder Strafe werth zu sein; aber es würde Dorothea's Zuspruch nicht bedurft haben, um ihn nun zu veranlassen, sich in's Mittel zu legen. Er näherte sich dem Centurio und sagte ihm leise: »Du hast dem Uebelthäter gegeben, was ihm gebührt. Wenn Du willst, daß er einer schärfern Strafe verfällt, als Du über ihn verhängen kannst, so überlaß Deine Sache, ich wiederhole es, dem Bischof; Du wirst hier nichts ausrichten. Glaube mir; ich kenne den Mann dort und seinesgleichen. Er weiß thatsächlich nicht, wo Dein Weib sich aufhält, und Du vergeudest hier nur die Zeit und Kraft, die Du zu Rathe halten solltest, um Sirona wiederzufinden. Ich denke, sie wird versucht haben, an das Meer, nach Aegypten, wo möglich nach Alexandria zu entkommen, und dort, – nun, Du kennst ja die Griechenstadt – dort geht sie völlig zu Grunde.« »Und dabei findet sie,« lachte der Gallier, »was sie sucht, Abwechslung und jedes Vergnügen. Es gibt für solch' junges Geschöpf, das die Freuden liebt, kein dankbareres Geschäft als das Laster. Aber ich will ihr das Spiel verderben. Du hast Recht; es ist nicht gut, ihr einen weitern Vorsprung zu lassen. Hat sie den Weg zum Meere gefunden, so könnte sie jetzt schon . . . Heda, Talib!« und er winkte dem amalekitischen Boten Polykarp's. »Du kommst aus Raïthu; bist Du unterwegs einem fliehenden Weibe begegnet mit gelben Haaren und weißem Gesicht?« Der Angeredete, ein im Hause des Senators und auch von Phöbicius als zuverlässig und besonnen hochgeschätzter freier Mann mit klugen Augen, hatte diese Frage erwartet und gab nun eifrig zurück: »Zwei Stadien etwa vor el Heswe ist mir die große Karawane aus Petra begegnet, die gestern hier in der Oase gerastet hat. Da lief auch ein Weib mit, wie Du es beschreibst. Als ich hörte, was hier vorgegangen, wollte ich schon reden, aber wer hört, wenn es donnert, das Heimchen?« »War ein lahmes Windspiel mit ihr?« fragte Phöbicius erwartungsvoll. »Sie trug etwas in den Armen,« erwiderte der Amalekiter. »Ich hielt es im Mondschein für einen Säugling. Mein Bruder, der die Karawane begleitet, sagte mir, die Frau sei wohl auf der Flucht, denn sie habe das Schutzgeld nicht mit klingender Münze, sondern mit einem goldenen Siegelringe bezahlt.« Der Gallier erinnerte sich nun an einen goldenen Reifen mit einem schön geschnittenen Onyx, den er vor langen Jahren Glycera, die noch einen gleichen besaß, von dem Finger gezogen und Sirona am Tage der Hochzeit geschenkt hatte. »Seltsam,« dachte er, »was wir den Frauen schenken, um sie an uns zu fesseln, das brauchen sie als Waffe gegen uns, sei es, um anderen Männern als uns zu gefallen, sei es, um sich den Weg zu ebnen, der sie von uns entfernt. Mit einem Armband Glycera's bezahlte ich damals den Schiffsherrn, der uns nach Alexandria führte. Aber der weichherzige Narr, dessen Täubchen mir nachflog, und ich sind von verschiedenem Schlage. Ich folge dem entwichenen Vogel und fange ihn ein.« Die letzten Worte hatte er laut gesprochen und trug nun einem Sklaven des Petrus auf, sein Maulthier tüchtig zu füttern und zu tränken, denn sein eigener Pferdeknecht und auch der älteste Decurio, der ihn in seiner Abwesenheit zu vertreten hatte, gehörten zu den Mithrasverehrern und waren noch nicht von dem Berge zurückgekehrt. Phöbicius bezweifelte nicht, daß das Weib, welches sich der Karawane, die er selbst am gestrigen Tage gesehen, angeschlossen hatte, seine entflohene Gattin sei, und wußte, daß seine Säumniß seinen heißen Wunsch, sie einzuholen und zu strafen, in weite Ferne rücken könnte; aber er war ein römischer Soldat und würde eher die Hand an sich selbst gelegt, als seinen Posten ohne Stellvertretung verlassen haben. Als seine Glaubensgenossen endlich von dem Opfer und ihrer Begrüßung der aufgehenden Sonne zurückkehrten, waren seine Vorbereitungen zu einer längern Reise beendet. Sorgfältig schärfte Phöbicius seinem Decurio ein, was er während seiner Abwesenheit zu thun, und wie er sich zu verhalten habe. Dann übergab er Petrus den Schlüssel seines Hauses, sowie die schwarze Sklavin, die über die Flucht ihrer Herrin laut und leidenschaftlich weinte und klagte, und ersuchte den Senator, den Bischof von der That des Anachoreten in Kenntniß zu setzen. Endlich trabte er rasch der Karawane nach, um womöglich vor ihrer Einschiffung das Meer zu erreichen. Der Amalekiter Talib ritt ihm voran und wies ihm den Weg. Als sich der Hufschlag des Maulthiers weiter und weiter entfernte, verließ auch Paulus den Hof des Senators; Frau Dorothea aber sagte ihrem Gatten, indem sie auf den dem Berge zuschreitenden Anachoreten wies: »Wahrlich, Mann, das war ein seltsamer Morgen; Alles, was hier geschehen ist, scheint ja sonnenklar zu sein, und doch vermag ich es nicht zu begreifen. Das Herz schnürt sich mir zu, wenn ich mir vorstelle, was der armen Sirona geschehen wird, wenn ihr wüthender Gatte sie einholt. Es ist doch, als gäb' es zweierlei Ehen. Die einen stiftet der freundlichste Engel, ja der Allgütige selbst, die anderen aber . . . Nicht auszudenken ist es! – Wie werden die Beiden künftig zusammen wohnen? Und das unter unserem Dache! Wie zerstört und abgebrannt erscheint mir ihr verschlossenes Haus, und wir haben die Brennnesseln schon aufschießen sehen, die überall unter den Trümmern von vernichteten Menschenwohnungen wuchern.« . . . Zwölftes Kapitel. Fest vorausbestimmt und scharf abgemessen ist die Bahn jeden Sterns, jede Pflanze trägt Blüten und Früchte genau in der Form und Farbe ihrer Gattung; in den Grundzügen ihrer Anlagen und Neigungen, ihrer gemütlichen und äußeren Bewegungen bleiben auch alle Thiere der nämlichen Gattung einander gleich, und der Jäger, der das Rothwild in dem Forste seines Vaters kennt, kann in allen Wäldern der Erde wissen, wie das Reh sich in jedem einzelnen Fall verhält. Zu je verschiedenartigerer Gestaltung ihrer Einzelwesen eine Gattung befähigt ist, eine desto höhere Stellung kommt ihr selbst in der Stufenreihe der entwicklungsfähigen Geschöpfe zu, und so ist es denn gerade die erstaunliche Mannigfaltigkeit des inneren Lebens und seiner Aeußerungen, die dem Menschengeschlecht seinen Vorrang über alle anderen beseelten Wesen anweist. Einzelne von unseren Eigenschaften und Tätigkeiten lassen sich passend durch Thiere in allegorischer Weise zur Anschauung bringen; der Muth findet sein Symbol in dem Bilde des Löwen, die Sanftmuth in dem der Taube, aber das vollendete Menschenbild hat tausend Generationen genügt und wird anderen tausend genügen, wenn es gilt, die Gottheit der sinnlichen Vorstellung nahe zu bringen, und wahrlich, es ist uns so sicher gegeben, Gott in uns, das heißt in unserem Gemüthe zu haben, wie wir die gesammte Erscheinungswelt mit dem Verstande zu umfassen vermögen. Alle Eigenschaften jedes endlichen Dinges finden sich im Menschen wieder, und keine Eigenschaft, die wir dem Höchsten beilegen, ist unserer Seele fremd, die auch unendlich ist und unermeßlich, weil sie ihre suchenden Tastorgane auszudehnen vermag bis zu den äußersten Grenzen des Raumes und der Zeit. Darum sind auch die Wege, welche der Seele offenstehen, zahllos wie die der Gottheit. Häufig erscheinen sie befremdlich, aber dem Eingeweihten bleibt es nicht verborgen, daß auch ihre Bahn sich festen Gesetzen zu fügen hat und jede, auch die ungewöhnlichste Regung der Seele auf Ursachen zurückzuführen ist, die sie und eben nur sie bewirken konnten. Schläge thun weh, Schande belastet und ungerechte Strafe erbittert das Herz; die Seele des Paulus aber hatte einen Weg gesucht und gefunden, auf dem diese einfachen Sätze ungültig wurden. Er war gemißhandelt, beschimpft und völlig schuldlos, bevor er die Oase verließ, zu der schwersten Buße verdammt worden. Der Bischof Agapitus hatte ihn, sobald er von Petrus erfahren, was in seinem Hause vorgefallen, zu sich berufen und ihn, als er auf seine Anschuldigung nichts entgegnete, aus seiner Heerde, zu der auch die Anachoreten gehörten, ausgestoßen, ihm den Besuch der Kirche an den Wochentagen untersagt und erklärt, daß dieses sein Urtheil öffentlich vor der versammelten Gemeinde verkündet werden solle. Und wie wirkte dieß Alles auf Paulus, als er in der glühenden Hitze des Mittags einsam und geächtet den Berg hinanstieg? Ein Fischer aus dem Strandflecken Pharan, der ihm auf halbem Wege begegnete, tauschte mit ihm einen Gruß und dachte bei sich, wahrend er ihm nachschaute: »Der große Graubart sieht ja so fröhlich drein, als hätt' er einen Schatz gehoben.« Dann schritt er mit seiner schuppigen Waare weiter zu Thal und mußte sich des Gesichtes seines Sohnes erinnern, als ihm sein Weib das erste Söhnchen geboren. Bei dem Wachtthurm am Rande des Schnellwegbettes häuften einige Anachoreten Steine zusammen. Sie wußten schon, was Agapitus über den Sünder Paulus verhängt habe, und grüßten ihn nicht. Er bemerkte das wohl und schwieg; als sie ihn aber nicht mehr sehen konnten, lächelte er vor sich hin und murmelte, indem er mit der Hand eine Schwiele rieb, die des Centurio Peitsche auf seinem Rücken zurückgelassen: »Wenn die da denken, solche gallische Prügel schmeckten sehr gut, so irren sie sich; aber ich gäbe sie doch nicht her für einen Schlauch voll Wein von Anthylla. Und wenn sie nur wüßten, daß Jedem von ihnen wenigstens einer von all' den Striemen, die mich hier jucken, zukommt, sie würden sich wundern! Aber nur keinen Hochmuth! Wie haben sie Dich bespieen, mein Jesus, und wer bin ich, und wie glimpflich sind sie mit mir verfahren, als ich auch einmal für einen Anderen den Rücken hinhielt. Kein Tropfen Blut ist geflossen! Ich wollte nur, der dürre Soldat hätte fester geschlagen!« Munter schritt er weiter, und es kamen ihm des Centurio Worte in den Sinn, daß er ihn, wenn er nur wollte, wie einen Wurm zertreten würde. Da lachte er leise vor sich hin, denn er war sich bewußt, daß er zehnmal so stark sei als Jener, und wie er einst den Prahlhans Arkesilaos von Kyrene und seinen Vetter, den langen Xenophanes, auf einmal in den Sand der Palästra geworfen. Dann dachte er an Hermas, an seine holde verstorbene Mutter und seinen Vater und, – das war doch das Beste, – wie großer Kummer durch ihn dem Alten erspart blieb. An seinem Wege stand ein Pflänzchen mit röthlicher Blüte. Seit Jahren hatte er nicht nach Blumen geschaut oder gar sie zu besitzen gewünscht; heute neigte er sich zu der freundlichen Zier des Felsens nieder, um sie zu pflücken. Aber er führte sein Vorhaben nicht aus, denn bevor seine Hand sie erreichte, hatte er gedacht: »Wem könnt' ich sie reichen? Und vielleicht freuen die Blumen sich doch des Lichtes und des stillen Lebens auf ihrem Würzelchen. Wie das sich nur an dem Felsen festhält? Weiter abseits vom Wege blühen wohl noch schönere, die kein Auge jemals sieht. Wenn die sich schmücken, so thun sie es nur für ihren Schöpfer und weil sie sich an sich selber freuen. Ich zieh' mich jetzt auch von den Straßen zurück, auf denen Menschen wandeln! Laß sie mich lästern! Leb' ich nur mit mir selbst und meinem Gott in Frieden, so frag' ich nach Niemand. Wer sich erniedrigt, – ja, wer sich erniedrigt . . . Gewiß auch meine Stunde wird schlagen! Dort oben find' ich sie Alle wieder: Petrus und Dorothea, Agapitus und die Brüder, die mir jetzt das Willkommen versagen, und wenn dann mein Jesus mir winkt, so werden sie ja sehen, wer ich bin, und zu mir eilen und mich doppelt freundlich begrüßen.« Er sah stolz und glückselig aus, während er das dachte und sich die Freuden des Paradieses, auf die er sich heute ein sicheres Anrecht erwogen zu haben meinte, weiter ausmalte. Niemals ging er mit schnelleren und längeren Schritten, als wenn er sich solchen Gedanken hingab, und als er bei der Höhle des Stephanus angelangt war, dachte er, der Weg von der Oase auf die Höhe sei heute weit kürzer gewesen als sonst. Er fand den Kranken in großer Besorgniß, denn er hatte bis jetzt seinen Sohn vergeblich erwartet und fürchtete, daß Hermas verunglückt sei oder ihn verlassen habe, um in die Welt zu entfliehen. Paulus beruhigte ihn mit freundlichen Worten, indem er ihm erzählte, mit welchem Auftrag er ihn auf das jenseitige Ufer des Meeres entsandt habe. Wir sind niemals geneigter, uns eine schlimme Botschaft gefallen zu lassen, als wenn wir eine schlimmere erwartet hatten, darum hörte Stephanus den Freund mit Ruhe und zustimmenden Winken an. Er verhehlte sich nicht mehr, daß Hermas nicht reif sei für das Leben eines Anachoreten, und seit er wußte, daß sein unglückliches Weib, das er lange verloren gegeben hatte, als Christin gestorben, fand er sich leicht in den Gedanken, ihn in die Welt zu entlassen. Er war bestrebt gewesen, durch sein und seines Sohnes Büßerleben Glycera's Seele der Verdammniß abzuringen; nun aber wußte er, daß sie sich selbst ein Recht auf den Himmel erworben. »Wann kehrt er wohl heim?« fragte er Paulus. »In fünf oder sechs Tagen,« antwortete dieser. »Der Fischer Ali, dem ich damals den Dorn aus dem Fuße gezogen habe, erzählte mir im Geheimen, als ich gestern zur Kirche ging, daß sich die Blemmyer hinter den Schwefelbergen sammelten. Wenn sie sich zurückgezogen haben, so wird es doch wohl hohe Zeit, Hermas nach Alexandria zu entlassen. Mein Bruder ist noch am Leben und wird ihn um meinetwillen wie einen Blutsfreund aufnehmen, denn auch er hat die Taufe empfangen.« »Er mag die Katechetenschule in der Hauptstadt besuchen und wenn er . . . wenn er . . .« »Das wird sich ja finden,« unterbrach ihn Paulus. »Zunächst kommt es darauf an, ihn von hier abzulösen und sich seinen eigenen Weg suchen zu lassen. Du denkst, es gäbe im Himmel eine Ruhmeshalle für Solche, die niemals unterlegen sind, und zu diesen möchtest Du Hermas gesellen. Das erinnert mich an den Arzt in Korinth, der sich rühmte, er sei geschickter als all' seine Kollegen, denn ihm sei noch kein einziger Kranker gestorben. Und der Mann hatte Recht, denn kein Mensch oder Vieh hatte sich seiner Heilkunst jemals anvertrauen mögen. Laß Hermas nur seine junge Kraft versuchen, und wenn er kein Priester, sondern wie seine Vorfahren ein tapferer Krieger wird, so kann er ja auch als solcher seinem Gott redlich dienen. Aber bis dahin hat es noch gute Weile. So lange er fort ist, werde ich Deine Pflege versehen. Du hast ja noch Wasser im Kruge!« »Er ward mir schon zweimal gefüllt,« entgegnete der Alte. »Die braune Hirtin, die oft an unserem Quell ihre Ziegen tränkte, kam erst in der Frühe und dann vor kaum einer Stunde zu mir. Sie fragte nach Hermas und bot sich dann selbst an, mir Wasser zu schöpfen, so lange er fort sei. Sie ist scheu wie ein Vogel und floh dort hinauf, nachdem sie den Krug hieher gestellt hatte.« »Sie gehört dem Petrus und darf wohl ihre Ziegen nicht lange allein lassen,« sagte Paulus. »Nun geh' ich und suche Dir Wurzeln als Zukost. Mit dem Wein wird es für's Erste vorbei sein. Sieh' mich einmal recht an. Für einen wie großen Sünder hältst Du mich wohl? Denke das Schlimmste von mir; und doch wirst Du vielleicht noch Schlimmeres hören. Aber da kommen zwei Männer. Warte! Der Eine ist Hilarion, einer der Akoluthen des Bischofs, und der Andere der Memphit Pachomius, der jüngst auf den Berg zog. Sie kommen hier herauf, und der Aegypter trägt ein Krüglein. Ich wollte, daß es neuen Wein zu Deiner Stärkung enthielte.« Die beiden Freunde sollten nicht lange im Zweifel über die Absicht der Nahenden bleiben. Beide wandten, nachdem sie die Höhle des Stephanus erreicht hatten, Paulus mit stark zur Schau getragener Absichtlichkeit den Rücken; ja der Akoluth schlug vor ihm ein Kreuz über die Stirn, als halte er es für nöthig, sich vor bösen Einflüssen zu sichern. Der Alexandriner verstand ihn, trat zurück und schwieg, als Hilarion dem kranken Stephanus im Namen des Bischofs eröffnete, daß Paulus schwerer Sünden schuldig, und bis er volle Buße gethan, als räudiges Schaf von dem Verkehr mit der Heerde des Bischofs und also auch von der Pflege eines frommen Christen ausgeschlossen bleiben müsse. »Wir wissen durch Petrus,« endete er seine Rede, »daß Dein Sohn, mein Vater, über das Meer gesandt worden ist, und weil Du noch der Wartung bedarfst, so sendet Dir Agapitus durch mich seinen Segen und stärkenden Wein; dieser Jüngling aber wird in Deiner Nähe bleiben und Dich mit allem Nöthigen versehen, bis Hermas heimkehrt.« Darauf reichte er den Weinkrug dem Alten, der erschüttert und erstaunt bald ihn, bald Paulus anschaute. Diesem that das Herz weh, als sich nun der Diener des Bischofs zum andern Male ihm zuwandte und mit dem Rufe: »Hebe Dich von uns!« in die Ferne wies. Wie viele freundliche Bande, gern erwiesene und freundlich angenommene Dienste zerriß dieser Ruf; aber Paulus gehorchte ihm ungesäumt und schritt an dem Kranken vorüber. Dabei begegneten sich die Blicke der Beiden, und der Eine wie der Andere bemerkte, daß seinem Freunde das Auge feucht sei. »Paulus!« rief der Kranke und streckte dem Scheidenden, dem er jede Schuld zu vergeben geneigt war, beide Hände entgegen; aber der Alexandriner schlug nicht in sie ein, sondern wandte sich ab und stieg an einer weglosen Stelle rasch und ohne sich umzuschauen bergauf und dann wieder zu Thale, nur immer vorwärts, bis ihm der steile Abhang des südlichen, von dem Berg in die Oase führenden Hohlwegs Halt gebot. Noch stand die Sonne hoch, und es war glühend heiß. Triefend vor Schweiß und mit fliegendem Athem lehnte er sich an die glühende Porphyrwand in seinem Rücken, schlug die Hände vor das Angesicht und suchte sich zu sammeln, zu denken, zu beten; aber lange Zeit vergeblich, denn an Stelle der Freude über das Leid, welches er freiwillig auf sich genommen, zog jetzt der Jammer der Vereinsamung durch sein Herz, und in seiner Seele klang des Alten klagender Ruf mahnend nach und weckte in ihm Zweifel an der Güte seiner That, durch die doch die Besten und Reinsten getäuscht und zur Ungerechtigkeit gegen ihn selbst verleitet worden waren. Das Herz schnürte sich ihm zusammen vor Angst und Pein; als es ihm aber endlich wiederum in's Bewußtsein trat, wie sehr er leide an Leib und Seele, begann er wieder Muth zu fassen, und seine Lippen lächelten sogar, als er vor sich hin murmelte: »Recht so, recht so; je weher es thut, desto sicherer finde ich Gnade. Und dann! Wenn dem Alten an Hermas das widerfahren wäre, was er an mir erlebte, gütiger Himmel, ich glaube, es hätt' ihn sicher getödtet. Freilich wollt' ich, es wär' ohne den, den – ja es ist nun einmal so, – ohne den Betrug abgegangen; aber ich bin ja schon als Heide wahrhaftig gewesen und habe die Lüge an mir und Anderen so tief verabscheut, wie der Vater Abraham einen Mord, und doch führte der, weil der Herr es ihm auftrug, seinen Isaak vor die Schlachtbank. Und Mose, da er den Frohnvogt erschlug, und Elias und Deborah und Judith?! Ich habe nicht viel weniger auf mich genommen als sie, und die Lüge wird mir wohl vergeben werden, wie es ihnen nicht angerechnet ward, daß sie Blut vergossen.« Solche Erwägungen gaben Paulus das verlorene innere Gleichgewicht und die Zufriedenheit mit seiner That zurück, und er begann zu erwägen, ob er in seine alte Höhle und in die Nähe des Stephanus zurückkehren oder sich nach einer andern Wohnung umschauen solle. Er entschloß sich zu dem Letztern; aber zunächst mußte er frisches Wasser und einige Nahrung aufsuchen, denn Mund und Zunge waren ihm schon lange gänzlich vertrocknet. Weiter thalabwärts entsprang eine Quelle. die er kannte, und in ihrer Nähe wuchs mancherlei grünes Kraut und Wurzelwerk, mit dem er schon öfter den Hunger gestillt. Eine Zeitlang folgte er dem Abhang zu seinen Füßen, dann wandte er sich nach links und betrat eine kleine, tafelförmige Hochfläche, die von der Schlucht aus leicht zugänglich, nach der Oase hin viele Klafter tief in senkrechter Steilheit abfiel. Zwischen ihr und der Masse der Bergspitze erhoben sich zahlreiche Einzelklippen wie ein Zeltlager von Granit, wie ein während seines höchsten Wogenschlages zur Härte des Porphyrs erstarrtes Meer. Hinter diesen Blöcken rann der Brunnen, den er nach kurzem Suchen auffand. Erfrischt und mit neu erstarktem Willen, auch das Schwerste geduldig zu tragen, trat er auf die Hochfläche zurück und schaute von dem Rande des Abhangs aus hernieder in das zu seinen Füßen sich weithin streckende Wüstenthal, auf dessen tiefstem Grunde wie volles Kranzgewinde auf einem Sarge die Palmenhaine und Tamariskendickichte der Oase in scharf umgrenzten grünen Massen lagen. Die weiß getünchten Dächer der Häuser des Ortes Pharan leuchteten hell aus den Zweigen und dem Laubwerke hervor, und alle überragend das der neuen Kirche, in die ihm nun der Eintritt versagt war. Einen Augenblick schnitt ihm der Gedanke, ausgeschlossen zu sein von der Andacht der Gemeinde, dem Abendmahl und den gemeinsamen Gebeten, schmerzlich in's Herz; dann aber fragte er sich, ob denn nicht jeder Felsblock hier auf dem Berge ein Altar, ob der blaue Himmel nicht tausendmal größer und herrlicher sei, als der gewaltigste Kuppelbau von Menschenhand, die kühne Ueberwölbung des alexandrinischen Serapeums nicht ausgenommen, und er erinnerte sich an das sanfte Säuseln, in dem Elias hier des Höchsten Stimme vernommen. Als er sich nun hoch aufgerichtet den Felsen an der Seite des Abhanges näherte, um eine Höhle aufzusuchen, die leer stand, seitdem ihr greiser Besitzer vor mehreren Wochen gestorben war, dachte er: »Wahrlich, es kommt mir doch wieder so vor, als wär' ich nicht niedergedrückt, sondern erhoben durch die Last meiner Schande. Hier wenigstens brauch' ich den Blick nicht niederzuschlagen, denn hier bin ich mit meinem Gott allein, und vor ihm, meine ich doch, brauch' ich mich nicht zu schämen.« Solches denkend drängte er sich durch den zwei Porphyrriesen trennenden Zwischenraum, aber bald blieb er stehen, denn in seiner unmittelbaren Nähe erhob sich das Gebell eines Hundes, und wenige Augenblicke später stürzte ein Windspiel, das sein mit buntem Zeug umwickeltes Beinchen vorsichtig hoch hielt, bald ingrimmig angreifend, bald furchtsam zurückweichend, auf ihn los. Paulus erinnerte sich der Frage, die Phöbicius in Betreff des Windspiels an den Amalekiter Talib gerichtet hatte, und vermuthete sogleich, daß die entflohene Gallierin nicht weit sein könne. Sein Herz begann schneller zu schlagen, und wenn er auch zunächst nicht wußte, wie er dem pflichtvergessenen Weibe begegnen solle, so fühlte er sich doch innerlich genöthigt, es aufzusuchen. Ungesäumt folgte er der Richtung, aus der das Windspiel auf ihn zugekommen war, und sah dann ein helles Gewand hinter dem nächsten und dann hinter einem zweiten und dritten Felsen verschwinden. Endlich erreichte er die Fliehende. Sie stand dicht an dem Rande eines sich jäh und hoch aus der Tiefe erhebenden Abhanges und bot einen seltsamen, Entsetzen erregenden Anblick. Ihr langes, goldenes Haar hatte sich aufgelöst und wallte halb geflochten, halb wirr über ihre Brust und Schulter nieder. Nur mit einem Fuße stand sie auf der Felsenplatte, der andere, an dem eine feine, von dem scharfen Gestein zerrissene Sandale hing, schwebte in der freien Luft über dem Abhange. Jeden Augenblick konnte sie in die Tiefe stürzen, denn sie hielt sich wohl mit der Rechten an der Spitze eines Felsens zu ihrer Seite fest, aber Paulus sah, daß diese hin und her wankte und mit dem Blocke unter ihr in keiner Weise zusammenhing. So schwebte sie über dem Abgrund wie eine Mondsüchtige oder eine von Dämonen besessene Geisteskranke, und dabei glühten ihre Augen so wahnsinnig wild, und ihr Athem flog so fieberhaft heftig, daß Paulus, der ihr ganz nah gekommen war, unwillkürlich zurücktrat. Er sah, daß ihre Lippen sich regten, aber wenn er auch nicht verstand, was sie sagte, so fühlte er doch, daß sie ihn mit ihren klanglosen Worten zurückwies. Was sollte er thun? Wenn er ihr entgegen trat, um sie durch einen raschen Griff zu retten, so stürzte sie, dafern diese That mißlang, rettunglos in den Abgrund; ließ er sie gewähren, so lockerte sich der Stein, an dem sie sich festhielt, mehr und mehr, und sobald er fiel, war es sicher um sie geschehen. Er hatte einmal gehört, daß Nachtwandelnde niederstürzten, wenn sie ihren Namen hörten. Das kam ihm nun in den Sinn, und er vermied es, sie zu rufen. Jetzt wies ihn die Unglückliche abermals zurück. Sein Herzschlag stockte, denn wild und heftig waren ihre Bewegungen, und er sah, wie sich der Stein, an dem sie sich hielt, aus seiner Lage verschob. Von all' den Worten, die sie ihm dabei mit ihrer gestern noch so wohllautenden und heute bis zur völligen Klanglosigkeit heisern Stimme zurief, verstand er nur wenige, aber unter ihnen den Namen Phöbicius, und es unterlag keinem Zweifel, daß sie sich an den Stein des Abhanges gehängt hatte, um sich wie der Steinbock, wenn er sieht, daß die Jäger ihm alle Pfade verlegen, lieber in die Tiefe zu stürzen, als sich den Verfolgern gefangen zu geben. Paulus sah in ihr weder das schuldige noch das schöne Weib, sondern nur ein in der äußersten Gefahr schwebendes Menschenkind, das er um jeden Preis vom Tod erretten mußte, und der Gedanke, daß er ja nichts weniger sei als ein von ihrem Gatten ausgesandter Häscher, gab ihm die ersten Worte ein, welche er der Verzweifelnden gegenüber auszusprechen den Muth fand. Sie waren einfach genug, aber in ihrem Klange spiegelte sich voll und freundlich die kindliche Liebenswürdigkeit seines guten Herzens wieder, und unwillkürlich färbte der in der Stadt der Redner in der bewährtesten Schule gebildete Alexandriner seine Rede mit dem wundervollen Wohllaute der tiefen und weichen Brusttöne, die ihm zu Gebote standen. »Freue Dich, Du arme, liebe Frau,« sagte er. »In glücklicher Stunde hab' ich Dich gefunden. Ich bin Paulus, der beste Freund des Hermas, und wie gern möcht' ich Dir helfen in Deiner Noth. Dir droht keine Gefahr, denn Phöbicius sucht Dich auf falschem Wege. Du darfst mir vertrauen! Nicht wahr, ich sehe nicht aus, als könnt' ich ein armes verirrtes Weib betrügen? Aber Du stehst da an einer Stelle, an der ich lieber meinen Feind sehen möchte als Dich. Lege nur Deine Hand getrost in die meine; hübsch ist sie nicht mehr, aber stark und ehrlich. So lass' ich es mir gefallen, und Du wirst es niemals bereuen! Stelle hieher den Fuß und nimm Dich in Acht, wenn Du den Felsen da losläßt! Du weißt nicht, wie bedenklich der seinen harten Kopf geschüttelt hat über Dein wunderliches Zutrauen. Gib Acht, da stürzt Deine Stütze hinunter. Wie das prasselt und kracht! Er ist unten gewiß in tausend Stücke zerborsten, und ich bin doch froh, daß Du Dich zuletzt lieber mir als ihm zu folgen bequemt hast.« Wie ein Mädchen, welchem sein Vogel aus dem Käfig geflogen ist, und das sich ihm, um ihn wieder einzufangen, mit zager Behutsamkeit nähert, war Paulus während seiner Rede auf Sirona zugegangen, hatte ihr die Rechte entgegengestreckt, sie, sobald er ihre Hand in der seinen fühlte, behutsam aus ihrer furchtbaren Lage errettet und auf den sichern Boden der Hochfläche gezogen. So lange sie ihm widerstandslos folgte, führte er sie dem Berge zu, ohne Zweck, ohne Ziel, nur fort von dem Abgrund. Bei einem würfelförmigen Dioritblocke hemmte sie den Fuß, und Paulus, dem es nicht entgangen war, wie schwer ihr das Gehen wurde, forderte sie auf, sich niederzulassen und schob eine Felsenplatte herbei, der er durch kleinere Steine Halt gab, damit es Sirona nicht an einer Lehne für den ermüdeten Rücken fehle. Sobald der Alexandriner diese Arbeit beendet hatte, lehnte sich Sirona fest an den Stein zurück, und es klang etwas wie aufkeimendes Behagen aus dem leisen Seufzer, der sich als erster Laut ihren Lippen entrang, welche seit ihrer Rettung verschlossen geblieben waren. Paulus lächelte ihr ermuthigend zu und sagte: »Ruhe nun etwas. Ich sehe wohl, wo es Dir fehlt. Man kann sich nicht ungestraft einen ganzen Tag den Strahlen der Sonne aussetzen.« Sirona nickte, wies mit dem Finger auf ihren Mund und bat mühsam und sehr leise: »Wasser, etwas Wasser.« Paulus schlug die Stirn mit der Hand und rief eifrig: »Gleich bring' ich Dir einen frischen Trunk. In wenigen Augenblicken bin ich wieder bei Dir.« Sirona sah dem Enteilenden nach. Der Blick ihres Auges gewann mehr und mehr einen starren, gläsernen Ausdruck, und es war ihr, als verwandle sich der Stein, auf dem sie saß, in das Schiff, das sie von Massilia nach Ostia getragen. Jede Schwankung des Fahrzeugs, die ihr auf den bewegten Wellen Schwindel verursacht, empfand sie jetzt zum andern Male, und endlich wollte es ihr scheinen, als habe ein Strudel das Schiff erfaßt und drehe es schneller und immer schneller im Kreis umher. Sie schloß die Augen, tastete vergeblich in die Luft nach einer Stütze, ihr Haupt neigte sich kraftlos zur Seite, und bevor die Wange ihre Schulter berührte, stieß sie einen leisen Klagelaut aus, denn es war ihr, als löste sich Glied auf Glied von ihrem Körper wie die Blätter, die im Herbste von den Zweigen fallen, und bewußtlos sank sie an die von Paulus für sie aufgerichtete Lehne zurück. Es war dieß die erste Ohnmacht, welche Sirona's völlig gesunden Körper und Geist befiel, aber auch die stärkste unter ihren Schwestern würde von den Erregungen, Anstrengungen, Entbehrungen und Leiden, welche dieser Tag über die schöne Unglückliche verhängt hatte, überwältigt worden sein. Erst war sie planlos in die Nacht hinein auf den Berg geflohen. Der Mond hatte ihren Weg beschienen, und wohl eine Stunde lang war sie ohne zu ruhen aufwärts gestiegen. Dann hatte sie die Stimme von Wanderern gehört, die ihr entgegen kamen, und nun war sie bestrebt gewesen, sich von der Straße möglichst weit zu entfernen, denn sie fürchtete, daß ihr Windspiel, welches sie immer wieder auf den Arm nahm, wenn sie es winseln hörte und hinken sah, sie durch sein Gebell verrathen würde. Endlich hatte sie sich auf einem Steine niedergelassen und sich vergegenwärtigt, was in den letzten Stunden geschehen sei, und was sie zunächst zu thun haben werde. Rückwärts zu träumen und glänzende Luftschlösser in's Blaue hinein zu bauen, verstand sie vortrefflich; dagegen fiel es ihr schwer, mit Besonnenheit zu überlegen und ernst zu denken. Nur Eines war ihr von vorn herein völlig klar gewesen: sie wollte lieber hungern und dursten und Schande und Elend, ja selbst den Tod auf sich nehmen, als zu ihrem Gatten zurückkehren. Sie wußte, daß sie von Phöbicius zunächst Mißhandlung, Hohn und Einschließung in einem widerlichen dunklen Raum zu erwarten habe; aber das Alles war ihr auf der Flucht weit eher erträglich erschienen, als die Zärtlichkeit, mit der er sich ihr nahte. Sobald sie an diese dachte, überlief es sie kalt, und dießmal hatte sie in der Erinnerung an sein verliebtes Werben die weißen Zähne auf einander gebissen und die kleinen Hände so fest zusammengeballt, daß ihr die Fingernägel in's Fleisch schnitten. Aber was hatte sie thun wollen? Wäre Hermas ihr nun begegnet! Doch welche Hülfe hätte sie von ihm erwarten können? Er war ja nichts anders als ein unreifer Bursch, und der Gedanke, ihr Leben auch nur auf Tage mit dem seinen zu verbinden, war ihr widersinnig und lächerlich erschienen. Zwar hatte es ihr fern gelegen, Reue zu empfinden und sich selbst zu tadeln, aber es war doch eine Thorheit von ihr gewesen, daß sie ihn, um mit ihm zu spielen, in das Haus gerufen. Dabei hatte sie sich an die harte Strafe erinnert, welche sie empfangen, weil sie, als sie noch klein war, ohne Uebles zu denken, die Wasseruhr ihres Vaters auseinander genommen und verdorben hatte. Wie weit überlegen sie Hermas war, hatte sie deutlich gefühlt, und ihre Lage war zu ernst geworden, als daß es sie noch einmal zu spielen gelüsten konnte. An Petrus und Dorothea hatte sie wohl gedacht; aber sie konnte nur zu ihnen gelangen, wenn sie in die Oase zurückkehrte, und da mußte sie von Phöbicius entdeckt zu werden befürchten. Wenn Polykarp ihr jetzt bei seiner Heimkehr von Raïthu begegnen wollte! Aber der Weg, den sie verlassen, führte doch wohl kaum dorthin, sondern nach dem mehr nach Süden gelegenen Thor. Der Sohn des Senators war ihr gut, das wußte sie, denn Keiner hatte ihr je mit so innigem Wohlgefallen und so herzlicher Freundlichkeit wie er in's Auge geschaut, und er war kein unerfahrener Knabe, sondern ein rechter, ernster Mann, dessen tüchtiges Wesen ihr nun in ganz anderem Licht erschien als bisher. Wie gern hätte sie sich jetzt von Polykarp stützen und führen lassen! Aber wie sollte sie zu ihm gelangen? Nein, auch von ihm hatte sie nichts zu erwarten; sie mußte sich auf die eigene Kraft verlassen und so war sie zu dem Entschlusse gelangt – denn schon hatte es am wolkenlosen Himmel zu tagen begonnen – sich während des Tages auf dem Berge verborgen zu halten und dann beim Einbruch der Nacht zur See herniederzusteigen und zu versuchen, auf einem Schifferboote nach Klysma und von dort nach Alexandria zu entkommen. Sie trug einen Ring mit einem schön geschnittenen Onyx am Finger, zierliche Gehänge an den Ohren und an dem linken Arm eine Spange. Dieser Schmuck war von gediegenem Gold, und außerdem hatte sie neben einigem Silbergeld eine große Goldmünze bei sich, welche ihr Vater ihr vor ihrer Abreise nach Rom als Zehrpfennig von seiner Armuth geschenkt, und die sie bisher so sorgfältig, als wär's ein Talisman, bewahrt hatte. Nun hatte sie das in ein Zeugstück genähte Andenken an die Lippen geführt, und an das elterliche Haus und die Geschwister gedacht. Indessen war die Sonne höher und höher gestiegen. Nach einem schattigen Stellchen und einer Quelle suchend, war sie von Felsen zu Felsen geirrt; aber sie hatte kein Wasser gefunden und doch war sie von heftigem Durst und peinigendem Hunger geplagt worden. Gegen Mittag verschwand auch der Schattenstreifen, in dem sie Schutz vor den Strahlen des Tagesgestirns gefunden, die ihr nun schonungslos auf den unbedeckten Scheitel niederglühten. Stirn und Nacken hatten sie heftig zu schmerzen begonnen, und sie war vor dem sengenden Lichte wie ein fliehender Krieger vor den Pfeilen der Verfolger getroffen worden. Hinter den die Hochfläche, auf der Paulus ihr begegnete, umsäumenden Felsen hatte sie endlich, völlig erschöpft, einen halb beschatteten Ruheplatz gefunden. Das Windspiel war ihr röchelnd auf den Schooß gesprungen und hatte ihr das gebrochene Beinchen entgegen gestreckt, das schon am Morgen auf ihrer ersten Raststätte mit einem Zeugstreifen, den sie mit Hülfe der Zähne von ihrem Unterkleide abgerissen, sorglich verbunden worden war. Jetzt hatte sie den Verband von Neuem hergestellt und das Thierchen in ihren Armen gewiegt und es wie ein kleines Kind geliebkost. Der Hund war ja ebenso elend und leidend wie sie, und zugleich das einzige Wesen, dem sie trotz ihrer eigenen Hülflosigkeit etwas sein und gewähren konnte. Aber bald hatte ihr auch die Kraft versagt, liebkosende Worte zu sprechen und die streichelnde Hand zu bewegen. Das Hündchen war von ihrem Schooß geglitten und von dannen gehinkt, während sie starr vor sich hingeschaut und dann in unruhigem Schlummer ihre Leiden vergessen hatte, bis sie durch Jambe's Gebell und den Schritt des Alexandriners geweckt worden war. Halb verschmachtet, mit vertrockneter Zunge und brennendem Hirn, in dem wirre Gedanken sich jagten, war sie von der Furcht ergriffen worden, daß Phöbicius ihre Spur gefunden habe und nun komme, um sie zu ergreifen. Sie hatte längst den tiefen Abhang bemerkt, zu dessen Rand sie nun geeilt war, entschlossen, sich lieber in die Tiefe zu stürzen, als sich ihm gefangen zu geben. Paulus hatte sie vor dem Sturz in die Tiefe errettet, aber als er nun mit zwei Steinplatten, in deren leicht gebogenen Flächen frisches Wasser stand, und die er auf den Zehen schreitend mühsam im Gleichgewicht erhielt, zu der Gallierin zurückkehrte, glaubte er doch, der unerbittliche Tod habe das Opfer, welches er ihm entrissen, nur zu schnell wieder zurückgefordert, denn kraftlos hing Sirona's Haupt auf die Brust hernieder; ihr Antlitz war dem Schooße zugewandt; aber da, wo sich an ihrem Hinterkopfe das volle Haar in zwei Strähne theilte, bemerkte Paulus auf dem schneeweißen Nacken der Ohnmächtigen einen rothen Flecken, den die Sonne gebrannt haben mußte. Sein ganzes Herz war voll von Mitleid mit diesem jungen, schönen, unglücklichen Geschöpf, und während er ihr auf die Brust gesunkenes Kinn erfaßte, ihr bleiches Gesicht aufrichtete und ihr Stirn und Lippen mit Wasser benetzte, betete er leise für ihre Rettung. Die flachen Höhlungen der Schöpfsteine boten nur Raum für eine sehr geringe Menge des erfrischenden Nasses, und so war er gezwungen, mehrmals zu dem Quell zurückzukehren. Während er sich entfernte, blieb das Windspiel bei seiner Herrin, um ihr bald die Hände zu lecken, bald das kluge Näschen ihrem Munde zu nähern und sie so ängstlich prüfend anzuschauen, als woll' es sich über den Stand ihres Ergehens Gewißheit verschaffen. Als Paulus zum ersten Mal für die Gallierin Wasser schöpfte, hatte er den Hund bei der Quelle gefunden und bei sich gedacht: »Das unvernünftige Geschöpf hat das Wasser ohne Führer entdeckt, indessen seine Herrin bald verschmachtet wäre. Wer ist nun klüger, wir Menschen oder die Thiere?« Das Windspiel bemühte sich seinerseits, dieser guten Meinung Ehre zu machen, denn während es ihn anfänglich zornig angebellt hatte, erwies es sich jetzt freundlich gegen ihn, und schaute ihm auch von Zeit zu Zeit in's Gesicht, als wollte es fragen: »Hast Du Hoffnung, daß sie gesund wird?« Paulus war ein Freund der Thiere und verstand das Hündchen. Als Sirona's Lippen sich wieder zu regen und mit Blut zu füllen begannen, streichelte er Jambe's glattes, spitzes Köpfchen und sagte, indem er ein gebogenes Blatt voll Wasser dem Munde seiner Herrin näherte: »Gib Acht, mein Kleiner, wie es ihr zu schmecken anfängt! Noch etwas, und auch das und dieß noch! Sie macht ein Gesicht, als gäb' ich ihr süßen Falerner. Ich gehe schon und fülle den Stein von Neuem. Bleib' du nur bei ihr! Gleich bin ich zurück, und bevor ich wiederkomme, öffnet sie wohl die Augen. Du siehst zierlicher aus, als ich struppiger Graubart, und es wird sie, wenn sie aufwacht, mehr freuen, dich zu finden, als mich.« Paulus' Vorhersagung ging in Erfüllung, denn als er sich Sirona mit neuem Wasser nahte, saß sie aufgerichtet da, rieb die weit geöffneten Augen, streckte die Glieder, umfaßte das Windspiel mit beiden Armen und verfiel dann in ein heftiges, thränenreiches Weinen. Der Alexandriner blieb mit seinem Wasser regungslos beiseite stehen, um sie nicht zu stören, und dachte: »Mit diesen Zähren wäscht sie sich einen guten Theil ihres Leides aus der Seele.« Erst als sie ruhiger ward und die Augen zu trocknen begann, trat er ihr näher, reichte ihr den Schöpfstein und redete ihr freundlich zu. Sie trank mit leidenschaftlichem Behagen, aß das in Wasser getauchte letzte Brodstück, das er in der Tasche seines Kleides gefunden hatte, und dankte ihm mit der ihr eigenen kindlichen Freundlichkeit. Dann versuchte sie sich zu erheben und ließ sich dabei willig von ihm unterstützen. Sie fühlte sich wohl matt, und der Kopf that ihr weh, aber sie konnte doch stehen und gehen. Nachdem Paulus sich auch überzeugt hatte, daß sie ohne Fieber sei, sagte er: »Nun fehlt Dir für heute nichts weiter, als ein warmes Gericht und ein vor der Kühlung der Nacht gesichertes Lager. Für beide werde ich sorgen. Setz' Dich hier nieder! Die Felsen werfen schon längere Schatten, und ehe die Sonne hinter dem Berge verschwindet, kehre ich wieder. Laß Dir, während ich fort bin, von Deinem vierbeinigen Gefährten die Zeit vertreiben.« Raschen Schrittes eilte er wiederum der Quelle zu, in deren Nähe sich die verlassene Anachoretenhöhle befand, die er an Stelle seiner alten Wohnung zu beziehen beabsichtigt hatte. Er fand sie nach kurzem Suchen und in ihr, zu seiner großen Freude, ein gut erhaltenes Lager von getrockneten Kräutern, die er schnell umschüttelte und neu zurechtlegte, einen Herd und Feuerbohrer, einen Wasserkrug und in einem kellerartigen Loche, dessen mit Steinen bedeckten, verborgenen Eingang sein geübtes Auge bald auffand, mehrere Dauerbrode und endlich einige Töpfe. In dem einen lagen gute Datteln, in einem andern schimmerte weißes Mehl, ein dritter war halb gefüllt mit Sesamöl und ein vierter mit Salz. »Welch' ein Glück,« murmelte der Anachoret, indem er der Höhle den Rücken wandte, vor sich hin, »daß der verstorbene Alte solch' ein Schlemmer gewesen!« Als er zu Sirona zurückkehrte, war die Sonne im Untergehen. Es lag etwas in dem Wesen des Paulus, das jedes Mißtrauen gegen ihn ausschloß, und die Gallierin war gern bereit, ihm zu folgen; aber sie fühlte sich so schwach, daß sie sich kaum auf den Füßen zu halten vermochte. »Mir ist,« sagte sie, »als wär' ich ein kleines Kind und müßte das Gehen von Neuem erlernen.« »So laß mich Deine Wärterin sein. Ich kannte einmal eine spartanische Kinderfrau, deren Bart fast ebenso rauh war wie meiner. Stütze Dich nur getrost auf mich, und bevor wir dort hinansteigen, geh' einige Male hier in der Ebene mit mir auf und nieder.« Sie faßte seinen Arm, und er führte sie langsam hin und her. Dabei wurden in ihm Bilder aus seiner Jugend lebendig, und er mußte des Tages gedenken, an dem es seiner, von einer schweren Fieberkrankheit genesenen Schwester zum ersten Mal gestattet worden war, in die freie Luft zu treten. An seinem Arme hängend war sie in das Peristyl seines elterlichen Hauses getreten, und als er nun mit der armen, matten, verlassenen Sirona auf und nieder wandelte, nahm seine verwahrloste Gestalt nach und nach die vornehme Haltung eines edlen Griechen an, und statt auf den rauhen Felsboden glaubte er auf die schönen Mosaikbilder in der weiten offenen Halle seines väterlichen Hauses zu treten. Paulus war wieder Menander, und wenn in der Gegenwart des Ersteren auch nur wenig an das ertödtete Sein des Letzteren gemahnte, so fühlte der verachtete Einsiedler mit der ausgestoßenen Sünderin am Arm doch dasselbe stolze Gefühl, eines Weibes Stütze zu sein, das der vornehmste Jüngling der Weltstadt empfunden hatte, als er an einer jubelnden Schaar von Sklaven die vielumworbene Tochter ihres Herrn vorübergeführt hatte. Sirona mußte Paulus erinnern, daß die Nacht hereinbreche, und erschrak, als der Anachoret ihren Arm von dem seinen mit unfreundlicher Hast entfernte und ihr mit einer, ihr an ihm völlig neuen Rauhheit befahl, ihm zu folgen. Sie gehorchte und wurde von ihm, wo es Felsen zu übersteigen galt, gestützt und gehoben; aber er sprach nur noch, wenn sie ihn fragte. Als sie an ihrem Ziel angelangt waren, zeigte er ihr das Lager und bat sie, sich wach zu erhalten, bis er ein warmes Gericht für sie bereitet haben werde. Später brachte er ihr schweigend ihr einfaches Nachtmahl und wünschte ihr gute Ruhe, nachdem sie es in Empfang genommen. Sirona theilte das Brod und den gesalzenen Mehlbrei mit dem Hunde, legte sich dann auf das Lager nieder und versank sogleich in einen tiefen, traumlosen Schlaf, während Paulus neben dem Herde in sitzender Stellung die Nacht verbrachte. Er war bestrebt, den Schlaf durch Gebet zu bannen, aber oft überwältigte ihn die Müdigkeit, und häufig mußte er an die Gallierin denken und an die mancherlei Dinge, die er, wenn er noch der reiche Menander gewesen wäre, in Alexandria für sie und ihr Behagen erworben haben würde. Er führte kein einziges Gebet zu Ende, denn entweder fielen ihm vor dem »Amen« die Augen zu, oder es drängten sich ihm weltliche Bilder auf und zwangen ihn, wenn es ihm gelungen war, sie zurückzuweisen, die Andacht von Neuem zu beginnen. In diesem Halbschlaf brachte er es keinen Augenblick zu innerer Sammlung oder ruhiger Erwägung, auch nicht wenn er zum gestirnten Himmel aufblickte oder zu der von der Nacht umschleierten Oase niederschaute, in der wohl Mancher, wie er selbst, der Ruhe entbehrte. Wer von den Bürgern des Fleckens mochte bei dem Lichte wachen, das er da unten in ungewöhnlicher Helle flimmern sah, bis er selbst, überwältigt von Müdigkeit, in Schlaf versank! Dreizehntes Kapitel. Der Lichtschein in dem Oasenorte, welcher die Blicke des Alexandriners auf sich gezogen hatte, kam aus der Wohnung des Petrus, und zwar aus dem Zimmer Polykarp's, das den ganzen Raum eines kleinen Bauwerks einnahm, welches der Senator als ein von dem größern Hause getragenes Häuschen für seinen Sohn an der Nordseite des geräumigen, flachen Daches errichtet hatte. Der Jüngling war mit den neu geworbenen Sklaven um die Mittagszeit heimgekehrt, hatte Alles, was in seiner Abwesenheit vorgefallen war, erfahren und sich nach der Abendmahlzeit still in sein Gemach zurückgezogen. Dort weilte er jetzt bei der Arbeit. Ein Bett, ein Tisch, auf und unter dem mehrere Wachstafeln, Papyrusrollen, Metallstifte und Schreibrohre lagen, sowie eine kleine Bank mit einem Wasserbecken und Krüge bildeten die Ausstattung dieses Raumes, an dessen weiß getünchten Wänden mehrere thierische und menschliche Figuren und viele Platten mit Darstellungen in erhabener Arbeit in langen Reihen neben einander standen und hingen. In einer Ecke lag neben einem steinernen Wasserbehälter ein großer, feucht glänzender Thonklumpen. Drei an Ständern befestigte Lampen beleuchteten reichlich diese Werkstätte und vor Allem ein auf einem hohen Postament stehendes Bildwerk, an dem Polykarp's Finger mit Eifer formten. Phöbicius hatte den jungen Bildhauer einen Modeherrn genannt, und nicht ganz mit Unrecht, denn er liebte es, sich gut zu kleiden und war wählerisch in der Form und Farbe seiner einfachen Gewänder; auch versäumte er es selten, sein volles Haar sorgsam zu ordnen und schön zu salben. Und doch war es ihm beinahe gleichgültig, wie den Anderen sein Aeußeres gefalle, aber er kannte nichts Edleres als die menschliche Gestalt, und eine Willensregung, der er nicht widerstrebte, legte ihm geradezu den Zwang auf, seinen eigenen Leib so zu halten, wie er den eines Zweiten zu sehen liebte. In dieser nächtlichen Stunde trug er nichts als sein Unterkleid von weißem Wollenstoff mit tief rothen Rändern. Seine sonst so wohlgepflegten Locken schienen auseinander und in die Höhe zu streben, und statt sie zu bändigen und niederzulegen, leistete er ihrer Widerspenstigkeit Vorschub, indem er sich bei der Arbeit oft heftig mit der Hand durch das Haar fuhr. Eine Fledermaus, angezogen durch den hellen Lichtschein, flog durch die nur an ihrem untern Theile mit einem dunklen Tuch verhängte Fensteröffnung und umkreiste die Decke des Zimmers; er aber bemerkte sie nicht, denn sein Werk nahm ihm Geist und Sinne völlig in Anspruch. Bei diesem leidenschaftlich heftigen Schaffen, bei dem sich jeder Nerv und jede Ader in ihm zu betheiligen schien, würde sein Ohr keinen Hülferuf, seine Augen keine neben ihm auflodernde Flamme wahrgenommen haben. Seine Wangen glühten, über seine Stirn breitete sich ein zartes Netz von schimmernden Schweißtropfen, und seine Blicke schienen mit dem Bildwerk vor ihm verwachsen zu sein, welches mehr und mehr an Abrundung gewann. Oft trat er von ihm zurück, bog den Oberleib nach hinten über und hob beide Hände bis zur Höhe der Schläfen, als woll' er den Weg begrenzen, dem seine Blicke zu folgen hatten, oft näherte er sich dem Modell und griff in die knetbare Masse des Thones, als wär' es das Fleisch seines Feindes. Jetzt arbeitete er an dem vollen Haare des Dinges vor ihm, das längst schon die Formen eines weiblichen Kopfes zeigte, und warf die Thonstücke, die er von dem Hinterhaupt entfernte, so heftig zu Boden, als schleudere er sie einem Gegner vor die Füße. Nun war er mit den Fingerspitzen und dem Spartel am Munde, an der Nase, den Wangen und Augen thätig, und dabei gewann sein Blick einen mildern Glanz, der sich bis zum Ausdruck des schwärmerischen Entzückens steigerte, als die Züge, die er formte, sich mehr und mehr mit dem Bild zu decken begannen, neben dem kein anderes zu dieser Stunde in seiner Vorstellung Raum fand. Endlich hatte er mit hoch gerötheten Wangen auch die weichen Formen der runden Schultern gebildet, und als er nun wieder zurücktrat, um sein vollendetes Werk auf sich wirken zu lassen, überlief ihn ein kalter Schauer, und er fühlte sich versucht es aufzuheben und mit all' seiner Kraft zu Boden zu schleudern. Aber bald ward er Herr dieser stürmischen Regung, strich sich mehrmals mit der Hand durch die Haare und stellte sich dann wehmüthig lächelnd mit gefalteten Händen vor seine Schöpfung und versenkte sich tief und immer tiefer in den Anblick derselben und bemerkte es nicht, daß sich die Thür hinter ihm öffnete, obgleich die Flammen der Lampen, vom Luftzug bewegt, hin und her flackerten, und seine in die Werkstätte tretende Mutter keineswegs beabsichtigte, sich ihm ungehört zu nahen und ihn zu überraschen. In der Sorge um ihren Liebling, dem der gestrige Tag manche bittere Enttäuschung gebracht hatte, war sie schlaflos geblieben. Polykarp's Werkstätte lag über ihrem ehelichen Gemache, und als die Schritte zu ihren Häupten ihr verriethen, daß er, obgleich der Morgen nicht fern war, immer noch nicht zur Ruhe gegangen sei, hatte sie sich leise und ohne Petrus, der ihr zu schlafen schien, wach zu rufen, vom Lager erhoben. Sie war ihrem mütterlichen Verlangen, Polykarp mit freundlichen Worten zu ermuthigen, gefolgt, als sie dann die schmale, auf das Dach führende Stiege erklommen und sein Zimmer betreten hatte. Ueberrascht, unschlüssig, sprachlos blieb sie nun eine Zeitlang hinter dem Jüngling stehen und schaute in die hell beleuchteten, schönen Züge des neu entstandenen, seinem ihr wohlbekannten Vorbilde nur viel zu ähnlichen Bildwerks. Endlich legte sie die Hand auf ihres Sohnes Schulter und rief seinen Namen. Polykarp trat zurück und schaute verwirrt wie ein aus dem Schlaf Geweckter auf seine Mutter; sie aber durchschnitt die stammelnden Worte, mit denen er sie zu begrüßen begann, und fragte, indem sie auf das Bildniß zeigte, ernst und nicht ohne Strenge: »Was soll das?« »Ja, Mutter, was soll das?« gab Polykarp leise zurück und schüttelte bekümmert das Haupt. »Frage mich jetzt nicht weiter; und gäbest Du mir doch keine Ruhe, und ich wollt' es versuchen, Dir zu erklären, wie es heut, gerade heut mich drängte und zwang, dieses Weibes Abbild zu formen, so würdest Du, so würdet ihr Alle mich doch nicht verstehen!« »Da sei Gott vor, daß ich das jemals verstünde,« rief Dorothea. »Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib! hat der Herr auf diesem Berge befohlen. Und Du? Ich könnte Dich nicht verstehen, meinst Du? Wer soll Dich denn sonst verstehen, wenn nicht Deine Mutter? Das freilich begreife ich nicht, wie des Petrus Sohn und der meine das Beispiel und die Lehren seiner Eltern so ganz in den Wind schlagen mag! Aber das, was Du mit diesem Bild bezweckst, ist doch, sollt' ich meinen, nicht gar so schwer zu errathen! Weil Dir die verbotene Frucht zu hoch hängt, so mißbrauchst Du Deine Kunst und formst Dir eine, die ihr gleich sieht, nach Deinem Geschmack! Einfach und gerade heraus! Weil Dein Auge die Person der Gattin des Galliers nicht mehr zu erreichen vermag und den lieblichen Anblick der Schönen doch nicht entbehren möchte, so machst Du Dir ein Bildniß aus Thon, um mit ihm zu kosen und Abgötterei mit ihm zu treiben, wie einst die Juden mit dem goldenen Kalb und der ehernen Schlange.« Polykarp ließ schweigend und in schmerzlicher Erregung den heftigen Tadel seiner Mutter über sich ergehen. So hatte Frau Dorothea noch niemals mit ihm gesprochen, und solche Worte gerade aus demjenigen Munde zu hören, welcher sonst mit so inniger Zärtlichkeit zu ihm zu reden pflegte, that ihm unaussprechlich weh. Sie war bisher stets geneigt gewesen, eine Beschönigung für seine Schwächen und kleinen Vergehen zu finden; ja oftmals war ihm der Eifer peinlich erschienen, mit dem sie seine Vorzüge und Leistungen vor Fremden wie vor den Seinen anerkannte und hervorhob. Und jetzt? Sie hatte wohl Recht, ihm zu zürnen, denn Sirona war eines Andern Weib, hatte seine Neigung niemals auch nur bemerkt und war, so sagten ja Alle, um eines Fremden willen zur Verbrecherin geworden. Thöricht und sündlich mußte es den Menschen gerade von ihm erscheinen, daß er sein Bestes, seine Kunst für sie aufbot; aber wie wenig begriff Dorothea, die ihn doch sonst zu verstehen bestrebt war, den übermächtigen Trieb, der ihn zu dieser Arbeit gezwungen! Er liebte und verehrte seine Mutter aus vollem Herzen, und weil er fühlte, daß sie durch ihre falsche und niedrige Ausfassung seiner Handlung sich selbst ein Unrecht zufüge, unterbrach er ihre eifrige Rede, indem er bittend die Hände zu ihr erhob: »Nein, Mutter, nein!« rief er. »So wahr mir Gott helfe, so ist es nicht! Wohl hab' ich dieses Haupt geformt, aber nicht um es zu behalten und ein sündiges Spiel damit zu treiben, sondern um mich von dem Bild zu befreien, das vor dem Auge meiner Seele steht bei Tag und bei Nacht, in der Stadt und in der Wüste, dessen Glanz mein Sinnen unterbricht, wenn ich denke, meine Andacht, wenn ich zu beten versuche. Wem ward es gegeben, dem Menschen in die Seele zu blicken? Aber ist nicht Sirona's Gestalt und Antlitz das wundervollste Gebilde des Höchsten? Dieß nun so umzugestalten, daß der ganze Zauber, den der Gallierin Anblick auf mich ausübte, von jedem Beschauer meines Werkes nachempfunden werden müßte, hab' ich mir, seit ich sie bei ihrem Einzug in unser Haus zum ersten Mal sah, zur Aufgabe gestellt. Ich mußte in die Hauptstadt zurück, und dort gewann das Werk, das ich schaffen wollte, bestimmtere Formen, und in jeder Stunde fand ich etwas zu ändern und zu bessern an der Haltung des Kopfes, dem Blick des Auges, dem Ausdruck des Mundes. Aber mir fehlte der Muth, die Hand an die Arbeit zu legen, denn übermenschlich kühn erschien mir das Unterfangen, mein leuchtendes Seelenbild mit Hülfe des grauen Thons und des blassen Marmors in die Wirklichkeit so zu übertragen, daß das fertige Werk dem sinnlichen Schauen nicht weniger gewähren würde, als das Bildwerk im Schrein meiner Brust dem innern Auge. Dazwischen war ich nicht träge, gewann ich mit den Löwenmodellen den Preis, und wenn mir der gute Hirte, der die Heerde segnet, für den Sarg des Comes gelungen ist, und die Meister den Ausdruck der hingebenden Zärtlichkeit in dem Blick des Erlösers loben konnten, so weiß ich – nein, unterbrich mich nicht, Mutter, denn was ich empfunden habe, ist rein und ich lästere nicht – so weiß ich, daß ich den Stein mit Liebe zu beseelen vermochte, weil ich selbst so voll war von Liebe. Zuletzt ließ es mir keine Ruhe, und auch ohne den Ruf des Vaters würd' ich zu euch heimgekehrt sein. Nun sah ich sie wieder und fand sie selbst noch wunderschöner als das meine Seele beherrschende Bildniß. Dazu hört' ich sie reden und glockenhell lachen und dann – dann –; Du weißt es ja, was ich gestern erfuhr! Des unwürdigen Mannes unwürdige Gattin, das Weib Sirona ging für mich verloren, und ich versuchte es, auch ihr Bild aus meiner Seele zu heben, es zu vernichten und aufzulösen; – aber vergebens! Und nach und nach überkam mich ein wunderbarer Schöpfungsdrang. Rasch stellte ich die Lampen auf, nahm den Thon zur Hand, und auf ihn übertrug ich mit bitterer Lust Zug für Zug des tief in mein Herz gegrabenen Bildes und glaubte, daß ich so und nur so von ihm erlöst werden könne. Da steht nun die Frucht, die hier drinnen gereift ist, aber da, wo sie so lange geruht hat, fühl' ich jetzt eine grausame Leere, und wenn nun die Schalen, die dieses Bildniß so lange zärtlich umschlossen hielten, verdorren und auseinanderfallen werden, so soll mich's nicht wundern. – An dem Ding dort hängt der beste Theil meines Lebens!« »Genug!« unterbrach Dorothea ihren Sohn, der in tiefer Erregung und mit bebenden Lippen vor ihr stand. »Das wolle Gott verhüten, daß Dir die Larve dort Leib und Seele verdirbt. Wie ich nichts Unreines leide in meinem Hause, so sollst Du es nicht dulden in Deinem Herzen! Was schlecht ist, kann nimmermehr schön sein, und so lieblich das Antlitz dort drein schaut, so widrig erscheint es mir, wenn ich denke, daß es jeden hergelaufenen Bettler vielleicht noch holdseliger angelacht hat. Bringt der Gallier sie wieder zurück, so weise ich sie aus dem Hause, und ihr Bildniß zerstör' ich mit diesen Händen, wenn Du es nicht auf der Stelle selbst in Stücke zerschlägst!« Dorothea's Augen schwammen in Thränen, während sie diese Worte rief. Sie hatte bei der Rede ihres Sohnes mit Stolz und Rührung empfunden, wie besonders und edel geartet er sei, und nun brachte sie der Gedanke, diesen seltenen und großen Schatz um eines verlorenen Weibes willen verdorben oder vielleicht vernichtet zu sehen, außer sich und erfüllte ihr mütterlich gütiges Herz mit heftigem Zorn. Fest entschlossen, ihre Drohung sogleich zur Wahrheit zu machen, schritt sie auf das Bildwerk zu; doch Polykarp stellte sich ihr in den Weg, hob bittend und abwehrend zugleich die Arme und sagte: »Noch nicht, heute nicht, Mutter! Ich will es verdecken und gewiß nicht wieder ansehen bis morgen; aber einmal, nur ein einziges Mal möcht' ich es im Licht der Sonne betrachten.«. »Damit morgen die alte Thorheit von Neuem in Dir erwacht!« rief Dorothea. »Geh' mir aus dem Weg oder nimm selbst den Hammer.« »Du befiehlst es, und Du bist meine Mutter,« entgegnete Polykarp. Langsam näherte er sich dem Kasten, in dem seine Werkzeuge lagen, und schwere Thränen rannen über seine Wangen, während er den Griff seines wuchtigsten Hammers und eines Meißels erfaßte. Wenn der Himmel viele Tage in sommerlicher Bläue geglänzt hat, und heute ballen sich Wolken zum Gewitter zusammen, und der erste stumme, furchtbare Blitz mit seinem lauten, harmlosen Gefährten, dem Donner, hat die Menschen erschreckt, so folgt ihm bald ein zweiter Wetterstrahl und ein dritter. Seit der gestrigen stürmischen Nacht, die das stille, arbeitsame, einförmige Leben am Herd des Petrus unterbrochen hatte, war Manches geschehen, was den Senator und sein Weib mit neuer Unruhe erfüllte. In anderen Häusern war es nichts Seltenes, daß ein Sklave entfloh; in dem des Petrus hatte sich solches seit zwanzig Jahren nicht ereignet; gestern aber stellte es sich heraus, daß die Hirtin Mirjam entwichen sei. Das war verdrießlich; schwere Sorge dagegen verursachte dem Senator die stumme Trauer seines Sohnes Polykarp. Es wollte ihm nicht gefallen, daß der sonst so lebhafte Jüngling das Verbot des Agapitus, seine Löwen zur Ausführung zu bringen, widerstandslos und fast gleichgültig hingenommen hatte. Der trübe Blick und die schlaffe, gebrochene Haltung seines Sohnes kamen Petrus nicht aus dem Sinn, als er sich endlich zur Ruhe begab. Schon war es spät, aber der Schlaf mochte ebensowenig bei ihm wie bei Dorothea Einkehr halten. Während die Mutter an die sündige Liebe des Sohnes und die Wunde dachte, aus der sein junges, bitter getäuschtes Herz bluten mochte, beklagte der Vater Polykarp wegen seiner vereitelten Hoffnung, seine Kunst an einem großen Werke bethätigen zu dürfen, und erinnerte sich dabei an die schweren, schmerzensreichsten Tage seiner eigenen Jugend, denn auch er hatte bei einem Bildhauer in Alexandria in der Lehre gestanden, die Werke der Heiden als hohe Vorbilder bewundert und sie nachzubilden versucht. Schon war ihm von dem Meister gestattet worden, Selbsterfundenes zu formen. Aus der Zahl der gegebenen Stoffe hatte er als symbolische Darstellung der auf ihre Erlösung hoffenden Seele eine Ariadne gewählt, die sehnsuchtsvoll auf die Heimkehr des Theseus wartet. Wie hatte dieß Werk seine Seele erfüllt, wie wonnevoll waren die Stunden des Schaffens gewesen! Da erschien sein strenger Vater in der Hauptstadt und sah die Arbeit, bevor sie völlig vollendet war, und statt sie zu loben, verhöhnte er sie, schalt sie ein heidnisches Götzenbild und befahl Petrus, sogleich mit ihm heimzukehren und bei ihm zu bleiben, denn sein Sohn und Erbe solle ein frommer Christ sein und daneben ein tüchtiger Steinmetz, kein halber Heide und Götzenverfertiger. Petrus hatte seine Kunst sehr geliebt, aber es gab keinen Widerspruch gegen den Befehl seines Vaters, dem er in die Oase folgte, um dort die Arbeiten der die Steine brechenden Sklaven zu überwachen, die für Sarkophage und Säulen bestimmten Granitblöcke zu vermessen und ihre Behauung zu leiten. Sein Vater war ein Mann von Stahl, er ein Jüngling von Eisen, und als er sich dem Erstern nachzugeben und die Werkstätte seines Meisters und sein unvollendetes Lieblingswerk im Stich zu lassen gezwungen sah, um ein Handwerker und Geschäftsmann zu werden, da verschwor er es, je wieder ein Stück Thon in die Hand zu nehmen und den Meißel zu führen. Und er hielt dieß Wort auch nach dem Tode des Vaters; aber sein Trieb zum Schaffen und seine Liebe zur Kunst wirkte und lebte in ihm fort und übertrug sich auf seine beiden Söhne. Antonius war ein Künstler von hoher Begabung, und wenn der Meister Polykarp's nicht irrte, und ihn selbst seine väterliche Liebe nicht täuschte, so stand sein zweiter Sohn auf dem Wege zu der höchsten, nur den Auserwählten erreichbaren Stufe der Kunst. Petrus kannte die Modelle zu seinem guten Hirten und den Löwen und sagte sich, daß die letzteren unübertrefflich seien an Wahrheit, Kraft und Majestät. Wie mußte der junge Künstler so heiß begehren, sie in hartem Stein auszuführen und an der würdigen, wenn auch unheiligen Stelle, die ihnen bewilligt worden war, ausgestellt zu sehen. Und nun untersagte ihm der Bischof die Arbeit, und dem armen Burschen mochte wohl nicht anders zu Muthe sein, als ihm selbst vor dreißig Jahren, da ihm befohlen worden war, seine Erstlingsarbeit unvollendet stehen zu lassen. War der Bischof wirklich im Recht? Diese und viele ähnliche Fragen bedrängten die Seele des schlaflosen Vaters, und sobald er hörte, daß seine Gattin das Lager verließ, um ihren Sohn aufzusuchen, dessen Schritte auch er sich zu Häupten vernahm, folgte er Dorothea. Er fand die Thür der Werkstätte geöffnet und wurde ungesehen und ungehört zum Zeugen der heftigen Worte seiner Frau und der Rechtfertigung des Jünglings, dessen Werk, vom Lichte der Lampen umflossen, gerade vor ihm stand. Sein Auge hing wie gebannt an dem Thon. Er sah und sah und ward nicht müde zu schauen, und die Seele erfüllte sich ihm mit dem gleichen Schauer der andächtigen Bewunderung, die sie empfunden, da er als Jüngling im Cäsareum zum ersten Male die Werke der großen Meister des alten Athen mit eigenen Augen geschaut. Und dieses Haupt war seines Sohnes Arbeit! Mächtig ergriffen stand er da und preßte die Hände zusammen und hielt den Athem zurück, und schluckte wieder und immer wieder mit trockenem Munde, um die Thränen niederzukämpfen. Dabei lauschte er voller Spannung, um ja kein Wort aus dem Munde Polykarp's zu verlieren. »So, ja so nur entstehen die großen Werke der Kunst,« sagte er sich, »und hätte der Herr mich so mit Gaben begnadigt wie diesen , wahrlich kein Vater, kein Gott hätte mich zwingen können, meine Ariadne unvollendet zu lassen. Die Lage des Leibes war doch nicht ganz schlecht, sollt' ich meinen; aber der Kopf, das Haupt . . . Ja, wer solches Bildniß wie das da zu formen vermag, dem führen die heiligen Geister der Kunst die Blicke und Hände. Der, der dieß Haupt gemacht hat, der wird noch in späten Tagen gepriesen werden neben den großen Meistern Athens, und der, ja der, barmherziger Himmel, dieser da ist ja mein leiblicher Sohn!« Eine glückselige Heiterkeit, wie er sie seit seiner Jugend nicht empfunden, erfüllte sein Herz, und Dorothea's Eifer erschien ihm halb beklagenswerth, halb ergötzlich. Erst als sein gehorsamer Sohn nach den Werkzeugen griff, trat er zwischen das Bildniß und sein Weib und sagte freundlich: »Es hat mit der Zerstörung des Kunstwerkes dort wohl Zeit bis morgen. Vergiß das Modell, mein Junge, nachdem Du es so glücklich benützt hast. Ich weiß eine bessere Geliebte für Dich, die Kunst , der Alles gehört, was der Höchste Schönes geschaffen, die von keinem Agapitus geschmälerte Kunst, die volle und ganze!« Polykarp flog in die Arme des Vaters; der ernste Mann aber küßte, seiner selbst kaum mächtig, die Stirn, die Augen und die beiden Wangen des Jünglings. Vierzehntes Kapitel. Um die Mittagszeit des folgenden Tages trat der Senator in das Frauengemach und fragte schon auf der Schwelle seine am Webstuhl thätige Gattin: »Wo ist Polykarp? Ich traf ihn nicht bei Antonius, der an der Aufstellung des Altars arbeitet, und dachte ihn bei Dir zu finden.« »Nach der Kirche,« gab Dorothea zurück, »ist er auf den Berg gestiegen. Geh' doch in die Werkstätte, Marthana, und sieh' nach, ob Dein Bruder zurück ist.« Ihre Tochter folgte schnell und gern diesem Geheiß, denn ihr Bruder war ihr der liebste und schien ihr der schönste und beste von allen Männern. Sobald die Ehegenossen allein waren, sagte Petrus, indem er der Gattin freimütig und herzlich die Hand entgegenstreckte: »Nun, Mutter, schlag' ein!« Dorothea zauderte einen Augenblick und sah ihn an, als wolle sie fragen: »Erlaubt Dir nun endlich Dein Stolz, mir nicht länger Unrecht zu thun?« Das war ein Vorwurf, aber wahrlich kein strenger, sonst hätt' es nicht so freundlich um ihre Lippen gezuckt, als wollten sie sagen: »Du kannst mir ja gar nicht lange zürnen, und es ist doch gut, daß nun Alles wieder wird, wie es sein soll.« Es hatte sich freilich anders verhalten, denn seit dem Zusammentreffen der beiden Gatten in der Werkstätte ihres Sohnes waren sie nebeneinander hergegangen wie zwei Fremde. Im Schlafgemach, auf dem Wege zur Kirche und beim Frühmahl hatten sie mit einander nicht mehr geredet, als was das Leben forderte und nothwendig erschien, um ihren Zwiespalt vor den Dienern und Kindern zu verbergen. Zwischen ihm und ihr hatte bis jetzt als etwas Selbstverständliches das niemals in Worte gekleidete und doch kaum in einem einzigen Falle verletzte Abkommen bestanden, daß der Eine nichts an ihren Kindern lobte, was der Andere tadelnswerth nannte, oder umgekehrt. Und in dieser Nacht! Auf ihr strenges Verdammungsurtheil war ihres Gatten innige Umarmung des Uebelthäters gefolgt. So hart war sie noch bei keiner Gelegenheit, so weich und zärtlich dagegen ihr Mann, soweit sie zurückdenken konnte, noch niemals einem ihrer Söhne begegnet, und doch hatte sie es über sich vermocht, im Angesicht Polykarp's seinem Vater nicht zu widersprechen und schweigend mit dem Letzteren die Werkstätte zu verlassen. »Sind wir nur erst im Schlafzimmer allein,« hatte sie gedacht, »werd' ich ihm sein Unrecht vorstellen, wie sich's gehört, und er wird sich zu verantworten haben.« Aber sie führte dieß Vorhaben nicht aus, denn sie fühlte, daß in ihrem Gatten etwas vorgehen müsse, das sie nicht verstehe; wie hätten sonst nach dem Geschehenen, als er mit der Lampe in der Hand die schmale Stiege hinabstieg, seine sonst so ernsten Augen so mild und freundlich strahlen, seine strengen Lippen so glückselig lächeln können! Oftmals hatte er ihr gesagt, daß sie in seiner Seele wie in einem offenen Buche zu lesen verstehe, aber sie verhehlte sich nicht, daß es doch gewisse Seiten in diesem Werke gab, deren Sinn sie nicht zu erfassen vermochte. Und seltsam! Immer und immer traf sie auf diese ihr unverständlichen Regungen seiner Seele, wenn es sich um die Götzenbilder und unheiligen Tempel der Heiden und die Entwürfe und Werke ihrer Söhne handelte. Petrus war doch auch der fromme Sohn eines frommen Christen; sein Großvater aber war em griechischer Heide gewesen, und von diesem wirkte vielleicht ein gewisses Etwas in seinem Blute fort, das sie ängstigte, weil sie es nicht mit den Lehren des Agapitus zu vereinigen wußte, und dem sie doch nicht entgegenzutreten wagte, weil ihr wortkarger Mann sich niemals so heiter und selbstvergessen aussprach, als wenn er mit seinen Söhnen und deren Freunden, die sie manchmal in die Oase begleitet hatten, über diese Dinge reden durfte. Das konnte ja nichts Sündliches sein, was ihres Gatten Antlitz jetzt wieder, und gerade in diesem Augenblicke, verjüngte und verklärte. »Sie sind eben Männer,« sagte sie sich, »und haben doch wohl dieß und das vor uns Frauen voraus. Schaut nicht der Alte drein wie am Hochzeitstage! Polykarp ist sein Ebenbild, das sagt ja ein Jeder. Aber wenn ich jetzt den Alten ansehe und rufe nur in die Erinnerung zurück, wie der Junge vorhin aussah, als er mir erklärte, warum er sich nicht enthalten konnte, Sirona's Bildniß zu machen, so muß ich doch sagen, daß mir solche Aehnlichkeit nicht begegnet ist, so lang ich lebe.« Er hatte ihr freundlich eine »Gute Nacht« geboten und die Lampe verlöscht. Sie hätte ihm gern ein herzliches Wort gesagt, denn sein heiteres Aussehen hatte sie gerührt und erfreut; aber das wäre denn doch zu viel gewesen nach dem, was er ihr vor ihres Sohnes Augen in der Werkstätte zugefügt hatte. In früheren Jahren war es nicht selten geschehen, daß sie, wenn Eines des Andern Unzufriedenheit erweckt, und es Streit unter ihnen gegeben hatte, unversöhnt zur Ruhe gegangen waren; aber je älter sie wurden, je seltener kam solches vor, und seit langer Zeit hatte kein Schatten die volle Einigkeit ihrer Ehe getrübt. Als sie vor drei Jahren, nach der Hochzeit ihres ältesten Sohnes, zusammen am Fenster gestanden und zu dem gestirnten Himmel aufgeschaut hatten, war Petrus ihr ganz nahe getreten und hatte gesagt: »Wie die Wanderer da oben so still und friedlich ihre Bahnen beschreiben, ohne einander je zu berühren oder zu stoßen! Wenn ich einsam in stiller Nacht bei ihrem freundlichen Licht aus den Brüchen nach Hause ging, so hab' ich mir Manches gedacht. Vielleicht gab es einmal eine Zeit, in der die Sterne wild durcheinander sausten. Einer kreuzte dem andern den Weg, und bei dem Anprall sind wohl manche in Stücke geflogen. Da schuf der Herr die Menschen, und die Liebe kam in die Welt und erfüllte Himmel und Erde; den Sternen aber gebot der Höchste, für uns die Nacht zu erhellen. Nun begann jeder die Bahn des andern zu achten, und immer seltener stieß ein Stern an den andern, bis endlich auch der kleinste und schnellste seinen Weg innehielt und seine Stunde, und das schimmernde Heer da oben so einträchtig war wie unzählbar. Die Liebe und ein gemeinsamer Zweck bewirkte dieß Wunder, denn wer den Andern liebt, der will ihn nicht schädigen, und wem es obliegt, mit der Hülfe eines Andern ein Werk zu vollenden, der hindert ihn nicht, und hält ihn nicht auf. Wir Beide haben schon lange die rechten Bahnen gefunden, und will einmal Einer den Weg des Andern kreuzen, so hemmt ihm doch wohl die Liebe den Fuß und gewiß die gemeinsame Pflicht, den Kindern mit reinem Lichte den Pfad zu erleuchten.« Diese Worte hatte Dorothea nicht vergessen. Sie waren ihr in den Sinn gekommen, als Petrus ihr heute so herzlich die Hand entgegengestreckt hatte, und während sie nun ihre Rechte in die ihres Gatten legte, sagte sie: »Um des lieben Friedens willen mag es denn gut sein; aber Eines kann ich doch nicht verschweigen: weichmüthige Schwäche ist ja sonst nicht Deine Sache; doch den Polykarp wirst Du noch völlig verderben.« »Laß ihn, lassen wir ihn, wie er ist!« rief Petrus und küßte die Stirn seines Weibes. »Ist es nicht seltsam, wie wir die Rollen vertauschen? Gestern mahntest Du mich zur Milde gegen den Jungen, und heute . . .« »Heute bin ich strenger als Du,« unterbrach ihn Dorothea. »Wer kann auch ahnen, daß ein alter Graubart, wie Esau für ein Linsengericht sein Erbtheil, für ein lächelndes Frauengesicht von Thon die Pflichten seines väterlichen Richteramtes preisgeben mag?« »Und wem mag es beifallen,« entgegnete Petrus, in den Ton seiner Gattin einstimmend, »daß eine so zärtliche Mutter wie Du ihren leiblichen Sohn verdammt, weil er bemüht ist, sich durch eine That, eine That, um die ihn sein Meister beneiden könnte, den Frieden seiner Seele zurückzugewinnen?« »Ich habe es wohl bemerkt,« unterbrach ihn Dorothea. »Sirona's Bildniß hat es Dir angethan, und Du meinst, dem Jungen sei da etwas Wunder wie Großes gelungen! Ich verstehe nicht viel von dem Kneten und Bildhauerwerke und will Dir nicht widersprechen; aber wäre des Blondkopfs Gesichtchen weniger hübsch, und hätte Polykarp nichts Besonderes zu Stande gebracht, würde das auch nur das Geringste an dem, was er Tadelnswerthes gethan und empfunden hat, ändern? Gewiß nicht! Doch so sind eben die Männer; sie fragen nur nach dem Erfolge.« »Und das mit vollem Recht,« antwortete Petrus, »wenn der Erfolg nicht im Spiel, sondern durch schweres Ringen erzielt ward. Wer hat, dem wird gegeben, sagt die Schrift, und wem Gott die Seele reicher schmückt als Anderen, und wem gute Geister helfen, das Größte zu leisten, dem wird Vieles vergeben, das auch ein milderer Richter dem ärmlich Begabten, der sich plagt und abmüht und doch nichts Rechtes vollendet, ungern verzeiht. Sei Du nun wieder freundlich gegen den Jungen. Weißt Du auch, was Dir durch ihn bevorsteht? Du hast in Deinem Leben viel Gutes gethan und Kluges gerathen, und ich und die Kinder und Niemand in diesem Orte wird Dir's vergessen; aber dafür, daß Du den Polykarp geboren, kann ich Dir den Dank der Besten verheißen, die heute sind und in Jahrhunderten sein werden!« »Und nun sagt man,« rief Dorothea, »gerade die Mütter hätten vier Augen für die Vorzüge der Kinder. Ist das wahr, so haben die Väter gewiß deren zehn, und Du so viel wie jener Argus, von dem die heidnische Märe erzählt . . . Aber da kommt Polykarp.« Petrus schritt dem Sohn entgegen und gab ihm die Hand und zwar in anderer Weise als früher. Wenigstens schien es Dorothea, als empfange ihr Gatte den Jüngling nicht wie sonst als Vater und Herr, sondern wie ein Freund, der den gleichberechtigten Freund und Rathsgenossen begrüßt. Als Polykarp auch ihr das Willkommen bot, erröthete sie über und über, denn durch die Seele zog ihr die Befürchtung, ihr Sohn müsse sie doch, wenn er an den gestrigen Abend denke, für ungerecht oder thöricht halten. Aber bald gewann sie die ihr eigene ruhige Sicherheit wieder, denn Polykarp war völlig der Alte, und sie las aus seinen Augen, daß er für sie dasselbe empfinde wie gestern und immer. »Die Liebe,« dachte sie, »erlischt nicht durch Unrecht, wie das Feuer durch Wasser. Heller und weniger hell flammt sie wohl auf, je nach dem Stande des Windes; aber gänzlich ersticken kann sie gewiß nichts, und am letzten der Tod.« Polykarp war auf dem Berge gewesen, und Dorothea gänzlich beruhigt, als er erzählte, was ihn dorthin geführt. Längst schon hatte er geplant, einen Moses zu bilden, und seit ihn gestern der Vater verlassen, war ihm das Bild des hohen, würdigen Mannes nicht aus dem Sinn gekommen. Er meinte das rechte Vorbild für sein Werk gefunden zu haben. Er wollte und mußte vergessen, und fühlte, daß er das nur könne, wenn er eine Aufgabe finde, die seiner verarmten Seele einen neuen Inhalt verleihe. Noch sah er die Gestalt des gewaltigen Gottesmannes, den er zu bilden dachte, nur in verschwommenen Zügen vor dem innern Auge, und es hatte ihn hinauf an die Stelle getrieben, die man die des Zwiegesprächs nannte, und zu der viele Pilger wallten, weil es hieß, daß auf ihr der Herr mit Mose geredet. Dort war Polykarp lange geblieben, denn wenn irgendwo, so mußte er doch da, wo der Gesetzgeber selbst gestanden, das Rechte finden. »Und bist Du zum Ziele gekommen?« fragte Petrus. Polykarp schüttelte verneinend das Haupt. »Geh' Du nur öfter zu der heiligen Stätte, so wird es schon werden,« sagte Frau Dorothea. »Der Anfang ist immer das Schwerste. Versuche nur gleich, das Haupt des Vaters zu formen!« »Ich habe vorhin schon begonnen,« entgegnete Polykarp, »aber ich bin doch noch müde von der gestrigen Nacht.« »Du siehst auch bleich aus und hast Schatten unter den Augen,« rief Dorothea besorgt. »Geh' hinauf und lege Dich zur Ruhe. Ich komme Dir nach und bringe Dir einen Becher alten Wein.« »Der wird ihm nicht schaden,« sagte Petrus und dachte bei sich: »Ein Trunk aus dem Lethestrom würde ihm noch besser bekommen.« Als der Senator eine Stunde später den Sohn in seiner Werkstätte aufsuchte, fand er ihn schlafend, und auf dem Tische stand der unberührte Wein. Petrus legte leicht die Hand auf die Stirn seines Sohnes und fand sie kühl und fieberfrei. Dann ging er leise auf Sirona's Bildniß zu, hob das Tuch ab, mit dem es bedeckt war, und blieb lange, in seinen Anblick versunken, davor stehen. Endlich trat er zurück, verhüllte es wieder und musterte die Modelle, die auf einem an der Wand befestigten Brette standen. Eine kleine weibliche Figur fesselte seine Aufmerksamkeit ganz besonders, und als er bewundernd in die Hände schlug, erwachte Polykarp. »Das ist das Bild der Schicksalsgöttin, das ist eine Tyche,« sagte Petrus. »Zürne nicht, Vater,« bat Polykarp, »Du weißt ja, daß in der Hand der Statue des Kaisers, die für das neue Konstantinopel bestimmt ist, die Figur einer Tyche stehen soll, und da habe ich es denn auch versucht, die Göttin zu bilden. Die Gewandung und die Haltung der Arme, dächt' ich, wäre mir gelungen, aber an dem Kopfe bin ich gescheitert.« Petrus, der ihm aufmerksam zugehört hatte, schaute unwillkürlich zu dem Haupte Sirona's hinüber, und Polykarp folgte überrascht und fast erschrocken seinem Blicke. Vater und Sohn verstanden einander, und der Letztere sagte: »Daran hatte ich auch schon gedacht.« Dann seufzte er schmerzlich und sagte sich: »Ja wahrlich, sie ist meines Schicksals Göttin.« Aber auszusprechen wagte er es doch nicht. Petrus hatte den Seufzer des Jünglings nicht überhört und rief: »Lassen wir das. Dieß Haupt lächelt mit frohsinnigem Liebreiz, und streng und ernst ist das Antlitz der Göttin, die selbst der Himmlischen Thaten regiert.« Da hielt sich Polykarp nicht länger und rief: »Ja, Vater, fürchterlich ist das Schicksal, und dennoch bild' ich die Göttin mit lächelndem Munde, denn das ist ja das Entsetzliche an ihr, daß sie nicht nach ernsten Gesetzen waltet, sondern lächelnd ihr Spiel mit uns treibt.« Fünfzehntes Kapitel. Es war ein herrlicher Morgen. Keine Wolke trübte den Himmel, der sich wie ein gewölbtes Zeltdach von einfarbiger, tiefblauer Seide über den Berg, die Wüste und die Oase breitete. Wonnevoll ist es, aus der Höhe dieses Gebirges die reine, leichte, würzige Wüstenluft zu athmen, bevor die Sonnenstrahlen kräftiger wirken, und die Schatten der durchglühten Porphyrwände und Blöcke kürzer und kürzer werden und endlich völlig verschwinden. Mit welcher Lust und mit wie tiefen Zügen zog Sirona diese Luft ein, als sie nach einer langen Nacht, der vierten, die sie in der dumpfen Höhle des Anachoreten verlebt hatte, in's Freie trat. Paulus saß neben dem Herde und war so eifrig mit einer Schnitzerei beschäftigt, daß er ihr Kommen nicht wahrnahm. »Der freundliche Mann!« dachte Sirona, als sie einen dampfenden Topf im Feuer und die Palmenzweige bemerkte, die der Alexandriner, um sie gegen die höher steigende Sonne zu schützen, an der Seite des Höhleneingangs aufgepflanzt hatte. Sie wußte schon den Quell, aus dem sie Paulus bei ihrer ersten Begegnung getränkt hatte, ohne Führer zu finden und schlich sich, mit einem schönen Krüglein von gebranntem Thon in der Hand, zu ihm hernieder. Paulus bemerkte sie wohl, aber er gab sich den Anschein, als ob er sie nicht sehe und höre, denn er wußte, daß sie sich drunten waschen und, – sie war ja ein Weib, – so gut es eben ging, herausputzen wolle. Wie die Gallierin zurückkam, erschien sie nicht weniger frisch und reizend, als an jenem Morgen, an dem sie von Hermas belauscht worden war. Wohl that das Herz ihr weh, wohl fühlte sie sich bang und elend, aber Schlaf und Ruhe hatten längst alle Spuren des furchtbaren Fluchttages von ihrem gesunden, jugendlich-elastischen Körper verwischt, und das Schicksal, das uns manchmal besonders gütig gesinnt ist, wenn es uns ein feindliches Antlitz zeigt, hatte ihr eine kleine Sorge gesandt, um größere von ihr fern zu halten. Ihr Windspiel war schwer erkrankt, und es wollte scheinen, als wenn es bei der Mißhandlung, die es erlitten, nicht nur sein Beinchen gebrochen, sondern auch eine innere Verletzung davongetragen habe. Das schnelle, muntere Geschöpf fiel kraftlos zusammen, wenn es sich auf die Füße zu stellen versuchte, und wenn sie es anfaßte, um es auf ihrem Schooße in guter Lage zu pflegen, so wimmerte es schmerzlich und schaute sie klagend und kummervoll an. Weder Speise noch Trank wollt' es nehmen, das sonst so kühle Näschen war sehr heiß geworden, und als sie die Höhle verlassen hatte, war Jambe röchelnd auf der schönen wollenen Decke, die Paulus auf ihr Lager gebreitet, liegen geblieben, ohne ihr auch nur nachzuschauen. Bevor sie ihm nun Wasser in dem zierlichen Kruge, einem zweiten Geschenk ihres Gastfreundes, brachte, wandte sie sich dem Letztern zu und begrüßte ihn freundlich. Paulus sah von seiner Arbeit auf, dankte und fragte sie, als sie nach wenigen Minuten wieder in's Freie trat: »Wie geht's dem kleinen Kranken?« Sirona zuckte die Achseln und antwortete betrübt: »Es hat nichts getrunken und mich nicht einmal wiedererkannt. Es röchelt auch ebenso schnell wie gestern Abend. Wenn das Thierchen mir stürbe!« Sie vermochte den Satz nicht auszusprechen vor schmerzlicher Erregung; Paulus aber schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte: »Es ist sündlich, sich so um ein unvernünftiges Thier zu grämen.« »Jambe ist nicht unvernünftig,« entgegnete Sirona. »Und wäre sie es auch, was hab' ich denn noch, wenn sie stirbt? In meines Vaters Hause, wo Alle mich liebten, ist das Hündchen groß geworden. Ich bekam es, als es wenige Tage alt war, und hab' es mit einem Schwämmchen und Milch groß gepflegt. Oft bin ich, wenn ich das kleine Ding wimmern hörte, um es zu tränken, in der Nacht mit den bloßen Füßen aus dem Bette gestiegen. Darum hing es auch an mir wie ein Kind, und es hatte mich nöthig. Keiner kann wissen, was ein Anderes ihm ist. Mein Vater erzählte uns von einer Spinne, die einem Gefangenen das Leben verschönte. Und was ist solch' ein garstiges, stummes Thier im Vergleich zu meinem klugen, zierlichen Hunde! Die Heimat hab' ich verloren, und hier, hier glaubt Jeder das Schlimmste von mir, obgleich ich Keinen beleidigt, und es liebt mich Niemand als Jambe.« »Ich wüßte wohl Einen, der Jeden liebt mit der gleichen göttlichen Liebe,« unterbrach sie Paulus. »Einen Solchen mag ich nicht,« entgegnete Sirona. »Jambe folgt Niemand als mir allein. Was kann die Liebe mir gelten, die ich mit aller Welt zu theilen habe! Aber Du meinst wohl den gekreuzigten Christengott? Er soll gut sein und hülfreich, das sagt auch Frau Dorothea; aber er ist todt, ich sehe ihn nicht und höre ihn nicht und sehne mich gar nicht nach Einem, der mir Gnade erweist, sondern nach Einem, dem ich etwas sein könnte, und für dessen Leben und Glück ich nothwendig wäre.« Ein leiser, kalter Schauder überflog bei diesen Worten des Alexandriners Rücken, und als er ihre Gestalt und ihr Antlitz mit einem Blick des Bedauerns und doch der Bewunderung maß, dachte er: »Satan war, bevor er fiel, der Schönste unter den reinen Geistern, und noch hat er völlig Gewalt über diese. Was muß sie noch Alles erleben, bis sie reif sein wird für das Heil, und doch hat sie ein freundliches Herz, und wenn sie auch fehlte, so ist sie gewiß nicht verdorben.« Sirona's Auge war dem seinen begegnet, und seufzend sagte sie: »Du schaust mich so mitleidig an; wenn nur Jambe gesund würde, und es mir glückte, nach Alexandria zu kommen, so würde sich doch vielleicht mein Geschick noch zum Bessern wenden.« Während sie sprach, war Paulus aufgestanden, hatte den Topf vom Herde genommen und sagte nun, indem er ihn seinem Gast überreichte: »Für's Erste wollen wir es diesem Brei überlassen, Dir die Genüsse der Hauptstadt zu ersetzen. Es freut mich, daß er Dir mundet. Aber sage mir nun: hast Du Dir's denn auch recht überlegt, welche Gefahren ein schönes, junges, schutzloses Weib in dem sündhaften Griechenorte bedrohen? Wäre es nicht besser, wenn Du die Folgen Deiner Schuld auf Dich nähmest und zu Phöbicius, zu dem Du doch leider gehörst, zurückkehrtest?« Sirona hatte bei den letzten Worten das Gefäß, aus dem sie speiste, zu Boden gesetzt und rief, indem sie sich schnell und heftig erhob: »Das wird nie und nimmer geschehen, und in jener furchtbaren Stunde, in der ich halb verschmachtet dort unten saß und Deine Schritte für die des Phöbicius hielt, haben mir die Götter gezeigt, wie ich ihm und Dir und Jedem, der mich zu ihm zurückführen wollte, entrinnen kann. Rasend und sinnverwirrt war ich, als ich mich an den Rand des Abgrunds flüchtete; aber was ich damals im Wahnsinn thun wollte, das würde ich jetzt mit kühlem Muth ausführen, so wahr ich hoffe, die Meinen in Arelas noch einmal wiederzusehen. Was war ich, und was ist durch Phöbicius aus mir geworden! Wie ein sonniger Garten mit goldenem Gitterwerk und krystallhellen Quellen, schattigen Bäumen, mit rothen Blumen und singenden Vögeln erschien mir das Leben, und er hat mir das Licht verfinstert und die Quellen getrübt und die Blüten gebrochen. Stumm und farblos erscheint mir jetzt Alles, und wenn der Abgrund mich aufnimmt, so wird mich Keiner entbehren und Niemand beklagen.« »Armes Weib,« sagte Paulus, »Dein Gatte hat Dir wohl wenig Liebe erwiesen?« »Liebe,« lachte Sirona, »Phöbicius und Liebe! Gestern schon hab' ich Dir's ja erzählt, wie er mich nach seinen Festen, wenn er berauscht war oder aus seiner Ohnmacht erwachte, so grausam gequält hat. Aber Eines hat er mir angethan, Eines, das auch das letzte fadenscheinige Band zwischen uns entzwei riß. Noch hat es Keiner von mir erfahren; auch nicht Frau Dorothea, die mich doch manchmal tadelte, wenn mir ein hartes Wort über meinen Mann in den Mund kam. Sie hat gut reden. Hätt' ich einen Gatten wie Petrus gefunden, ich wäre vielleicht auch eine Dorothea geworden. Ein Wunder ist es, und ich begreife es selbst nicht, daß ich nicht schlecht geworden bin neben dem Wichte, der mich, der mich – warum soll ich's verschweigen – zu Rom, weil er in Schulden saß und durch ihn auf Beförderung hoffte, an seinen Legaten Quintillus verkauft hat. Er brachte den alten Mann, der mir oftmals nachgegangen war, selbst in sein Haus; aber unsere Wirthin, die brave Frau, hatte den Handel belauscht und mir Alles verrathen. Das ist so niedrig, so elend; es beschmutzt mir die Seele, wenn ich nur daran denke. Der Legat hat für seine Solidi wenig Freude erkauft, Phöbicius aber gab das Sündengeld nicht heraus, und seine Wuth gegen mich kannte keine Grenzen, als er dann auf Betrieb des betrogenen Alten in die Oase versetzt ward. Nun weißt Du Alles, und gib mir jetzt nochmals den Rath, zu diesem Manne, an den mich das Unglück festband, zurückzukehren! – Höre nur, wie das arme Thierchen da drinnen wimmert. Es möchte zu mir und hat nicht die Kraft, sich zu rühren.« Paulus schaute ihr teilnehmend nach, als sie nun in der Oeffnung des Felsens verschwand, und wartete mit gekreuzten Armen auf ihre Zurückkunft. Er konnte die Höhle nicht übersehen, denn der größere Raum, in dem sich das Lager befand, schloß sich, wie die Klinge einer Sense an den Griff, an das Ende des schmalen in's Freie führenden Ganges. Sie blieb sehr lange aus, und er hörte nur dann und wann ein zärtliches Wort, mit dem sie das leidende Hündchen zu trösten suchte. Dann schrak er zusammen, denn Sirona hatte laut und schmerzlich aufgeschrieen. Gewiß, der freundliche Gefährte des armen Weibes war nun gestorben, und sie hatte im matten Dämmerlicht der Höhle sein gebrochenes Auge gesehen und mit den Händen gefühlt, wie die Starrheit des Todes die geschmeidigen Glieder streckte und lähmte. Er wagte es nicht, in die Höhle zu treten, aber er fühlte, wie sich seine Augen mit Thränen füllten, und er hätte ihr gern ein tröstliches Wort gesagt. Mit verweinten Augen trat sie endlich wieder in's Freie. Paulus hatte sich nicht getäuscht, denn sie hielt die Leiche der kleinen Jambe auf den Armen. »Wie leid mir das thut,« sagte Paulus, »und wie hübsch ist das Thierchen gewesen!« Sirona nickte bejahend mit dem Haupt, setzte sich nieder, löste das schön verzierte Band von dem Halse des Hundes und sprach halb vor sich hin, halb zu Paulus: »Das Bändchen hat ihm die kleine Agnes gestickt. Ich hatte sie selbst gelehrt die Nadel zu führen, und das war ihre erste eigene Arbeit.« Dann hielt sie dem Anachoreten das Halsband hin und sagte: »Dieser Verschluß ist von echtem Silber, und mein Vater hat ihn mir selbst geschenkt. Er hatte auch seine Freude an dem muntern Thierchen. Nun wird es nicht mehr springen, das arme Ding.« Wehmüthig schaute sie zu der Leiche nieder. Dann raffte sie sich zusammen und sagte schnell: »Jetzt will ich fort von hier. Nichts und gar nichts hält mich mehr in dieser Einöde zurück, denn des Senators Haus, wo ich doch manche glückliche Stunde verlebte, und Jeder mir freundlich gesinnt war, ist mir verschlossen, und wäre es nur, weil er darin wohnt. Wenn Du nicht gut gegen mich gewesen bist, um mir Uebles zu thun, so laß mich heute noch gehen und hilf mir nach Alexandria fort.« »Heute nicht, heute in keinem Falle,« entgegnete Paulus. »Erst muß ich wissen, wann ein Fahrzeug nach Klysma oder Berenike segelt, und dann hab' ich manches Andere für Dich zu besorgen. Du bist mir auch die Antwort auf meine Frage schuldig geblieben, was Du in Alexandria zu thun und zu finden erwartest. Armes Kind! Je jünger und schöner Du bist . . .« »Ich weiß Alles, was Du mir sagen willst,« unterbrach ihn Sirona. »Wohin ich auch gekommen bin, überall hab' ich die Blicke der Männer auf mich gezogen, und wenn ich in ihren Augen las, daß ich ihnen gefiel, so hat mich das sehr gefreut, warum sollt' ich das leugnen? Mancher hat mir auch schöne Worte gesagt und Blumen gesandt und mir alte Frauen in's Haus geschickt, um mich für ihn zu gewinnen, aber wenn mir auch Einer besser gefiel als der Andere, so ist es mir doch niemals schwer gefallen, sie heimzusenden, wie sich's gebührte.« »Bis Hermas Dir seine Liebe antrug,« unterbrach sie Paulus. »Er ist ein frischer Gesell . . .« »Ein hübscher, ungeschickter Bursch ist er, nichts mehr und nichts minder,« entgegnete Sirona. »Unbesonnen war es gewiß, daß ich ihn zu mir einließ; aber keine Vestalin braucht sich der Gunst zu schämen, die ich ihm erwiesen. Schuldlos bin ich und will es auch bleiben, damit ich ohne Erröthen wieder vor meinen Vater treten kann, wenn ich mir in der Hauptstadt das Geld für die weite Reise erworben habe.« Paulus schaute ihr erstaunt und fast erschrocken in's Antlitz. So hatte er also eine Schuld auf sich genommen, die gar nicht bestand, und vielleicht würde der Senator Sirona weniger schnell verurtheilt haben ohne sein falsches Bekenntniß. Wie ein Kind, das ein beschädigtes Werk von kunstreicher Arbeit herstellen will und es aus Ungeschick in Stücke zerbricht, stand er ihr gegenüber. Dabei mochte er keines ihrer Worte bezweifeln, denn schon lange war eine Stimme in ihm laut geworden, welche ihm sagte, daß dieses Weib keine gemeine Sünderin sei. Eine Zeitlang fand er keine Worte. Endlich fragte er sie schüchtern: »Was denkst Du denn in der Hauptstadt zu treiben?« »Dort,« entgegnete sie, »sagt Polykarp, finde jede gute Arbeit ihren Käufer, und ich kann sehr schön weben und mit Goldfäden sticken. Vielleicht bietet sich mir ein Unterkommen in einem Hause, wo Kinder sind, und die würde ich gern bei Tage warten. In den freien Stunden und in der Nacht rühr' ich dann an meinem Rahmen die Hände, und wenn ich genug zusammen habe, so finde ich schon ein Schiff, das mich nach Gallien führt zu den Meinen. Siehst Du ein, daß ich nicht zu Phöbicius zurück darf, und kannst Du mir helfen?« »Gern, und besser vielleicht als Du glaubst,« entgegnete Paulus. »Jetzt kann ich Dir das noch nichts erklären, aber Du brauchst mich nicht nur zu bitten, sondern darfst mit gutem Rechte von mir fordern, daß ich Dich rette.« Sie schaute ihn erstaunt und fragend an; er aber fuhr fort: »Laß mich jetzt erst den Hund forttragen und da unten einscharren. Ich stelle einen Stein auf sein Grab, damit Du weißt, wo er liegt. Es muß so sein; die Leiche darf nicht länger hier liegen! Nimm das Ding da! Ich hab' es vorhin für Dich zu schnitzen versucht, denn Du beklagtest Dich gestern, daß Dein Haar sich verwirre, weil ein Kamm Dir fehle; da hab' ich's unternommen, Dir einen aus Knochen zu schneiden. Es gibt keinen bei dem Krämer in der Oase, und ich selbst bin ein Thier der Wildniß, ein erbärmliches, thörichtes Thier, das keinen gebraucht. Fiel da nicht ein Stein? Gewiß, das sind menschliche Schritte. Geh' schnell in die Höhle und rege und rühre Dich nicht, bis daß ich Dich rufe.« Sirona zog sich in ihre Felsenwohnung zurück, Paulus aber nahm die Leiche des Hundes auf den Arm, um sie vor dem Nahenden zu verbergen. Unschlüssig schaute er umher und suchte nach einem Versteck; aber zwei scharfe Augen auf der Höhe über ihm hatten ihn und seine leichte Last schon wahrgenommen, und bevor er den rechten Platz gefunden, rollten und krachten Steine von der Klippenwand zur Rechten der Höhle nieder, und zugleich mit ihnen sprang ein Mann mit rasender Kühnheit von Fels zu Fels und stürzte, statt auf die warnende Stimme des Anachoreten zu achten, gerade auf ihn los und rief nach Athem ringend und glühend vor Haß und Erregung: »Das ist, ich erkenne es wohl – das ist Sirona's Windspiel. Wo ist seine Herrin? Gleich sagst Du mir, wo Sirona ist, denn ich muß es wissen!« Paulus hatte von dem Büßerraume aus häufig den Senator und die Seinen auf ihren Kirchenplätzen in der Nähe des Altars gesehen, und erkannte erstaunt in dem verwegenen Springer, der mit wirrem Haar und glühenden Augen wie ein Rasender auf ihn eindrang, Polykarp, den zweiten Sohn des Petrus. Es ward dem Anachoreten schwer, Ruhe und Fassung zu bewahren, denn seit er wußte, daß er Sirona fälschlich einer schweren Sünde geziehen, indem er sich selbst gegen die Wahrheit ihren Mitschuldigen genannt hatte, fühlte er eine sich bis zum Schmerz steigernde Beängstigung, und ein bleierner Druck hemmte die Schnelligkeit seines Denkens. So stammelte er zunächst nur unverständliche Worte; seinem Gegner aber war es furchtbar Ernst mit seiner Frage, denn mit grimmiger Heftigkeit faßte er in die Halsöffnung der groben Kutte des Anachoreten und schrie mit heiserer Stimme: »Wo hast Du das Thier gefunden? Wo ist . . .« Plötzlich unterbrach er sich selbst, ließ den Alexandriner los, maß ihn mit den Blicken und fragte leise und langsam: »Sollte es möglich sein? Bist Du Paulus der Alexandriner?« Der Anachoret nickte bejahend. Da lachte Polykarp schmerzlich auf, preßte die Stirn mit der Rechten und rief in dem wegwerfendsten Tone des Abscheus: »Also dennoch! Und für solch' einen widerwärtigen Affen! Aber ich will es nicht glauben, daß sie Dir auch nur die Hand gereicht hat, denn Dein bloßer Anblick macht schmutzig.« Paulus' Herz pochte ihm wie mit Hammerschlägen in die Brust, und es brauste und sauste ihm vor den Ohren. Als Polykarp dann von Neuem die Hand nach ihm ausstreckte, nahm er unwillkürlich die Stellung eines Athleten an, der mit vorgestreckten Armen beim Ringkampf nach einem guten Griff sucht, und sagte mit dumpfer, tief grollender Stimme: »Tritt zurück, sonst geschieht hier etwas, das Deinen Knochen nicht gut thut!« Der also Redende war Paulus und doch nicht Paulus; es war Menander, der Stolz der Palästra, der keinem seiner Genossen ein Wort hingehen ließ, das ihm nicht völlig behagte. Und doch hatte er gestern in der Oase ganz andere Schmähungen als die Polykarp's still ergeben und mit ruhiger Heiterkeit auf sich genommen. Woher denn heute diese wilde Empfindlichkeit und heftige Kampflust? Als er vor zwei Tagen in seine alte Höhle gegangen war, um die letzten dort verborgenen Goldstücke zu holen, hatte er den alten Stephanus zu begrüßen gewünscht; der ägyptische Pfleger des Greises aber war ihm abweisend entgegengetreten und hatte ihn mit bösen Verwünschungen wie einen unsaubern Geist verscheucht und ihm Steine nachgeworfen. In der Oase hatte er es trotz des Bischofs Verbot versucht, in die Kirche zu treten, um dort ein Gebet zu sprechen, denn er dachte, die Vorhalle mit dem Brunnen, an der die Büßer zu verweilen pflegten, sei auch ihm nicht verschlossen; aber die Akolythen hatten ihn mit Schimpfworten zurückgewiesen, und der Pförtner, von dem ihm vor Kurzem der Kirchenschlüssel anvertraut worden war, hatte ihm in's Antlitz gespieen. Und doch war es ihm unschwer gelungen, seinen Beleidigern ohne Zorn und Klage den Rücken zu wenden. An dem Tische des Krämers, bei dem er die Wollendecke, den Krug und noch manches Andere für Sirona gekauft hatte, war ein Presbyter vorüber gegangen, hatte auf seine Münzen gezeigt und gesagt: »Der Satan vergißt nicht die Seinen.« Paulus hatte auch ihm nichts erwidert, war mit aufgerichtetem, dankbarem Herzen zu seiner Pflegebefohlenen zurückgekehrt und hatte das verheißungsvolle Hochgefühl, in der Nachfolge Christi für Andere Schmach und Leid zu erdulden, wiederum voll und fröhlich empfunden. Was war es denn, das Polykarp gegenüber seine Empfindlichkeit schärfte und die in langen Jahren der Entbehrung gefestigten Fäden seiner Geduld auf einmal zerschnitt? Erschien es dem Manne, der sein Fleisch marterte, um die Seele aus seinen Banden zu erlösen, doch minder schwer zu ertragen, sich einen gottverhaßten Sünder schelten, als seine Person und männliche Würde mit Verachtung anrühren zu lassen? Dachte er gar an die schöne, in der Höhle lauschende Zeugin seiner Beschimpfung? Hatte sein Zorn sich entflammt, weil er in Polykarp nicht den entrüsteten Glaubensgenossen sah, sondern den Mann, welcher dem andern Manne mit frechem Hohn in den Weg trat? Der Jüngling und der graubärtige Athlet standen sich einander als kampfbereite Todfeinde gegenüber, und Polykarp wich nicht zurück, obgleich es ihm, wie den meisten jungen Christen, verboten gewesen war, sich an den Ringspielen der Jugend in der Palästra zu betheiligen, und er wohl erkannte, daß er es mit einem starken und geschulten Gegner zu thun habe. Auch er war kein Schwächling, und der in ihm tobende Ingrimm schürte seine Lust, sich mit dem verhaßten Verführer zu messen. »Nur zu, nur zu!« rief er mit flammenden Augen und bog, seinerseits zum Kampfe bereit, mit weit vorgestrecktem Kopf den Rücken. »Pack' an! Du bist wohl ein Gladiator gewesen oder dergleichen, bevor Du dieß schmutzige Kleid anlegtest, um ungestraft bei Nacht in die Häuser zu brechen. Mach' nur diese heilige Stätte zum Cirkus! Und wenn es Dir glückte, mir den Garaus zu machen, so wollt' ich Dir's danken, denn was mir das Leben lebenswerth machte, hast Du ohnehin schon vernichtet. Nur heran! Oder hältst Du es für leichter, das Lebensglück einer Frau zu zerstören, als Deine Kraft mit ihrem Vertheidiger zu messen? Greif' zu, sag' ich, greif' zu . . . oder . . .« »Oder Du wirst Dich auf mich werfen,« sagte Paulus, dem während dieser Worte des Jünglings die Arme niedergesunken waren, gelassen und mit gänzlich veränderter Stimme. »Heran denn, und thu' mit mir, was Du magst, ich will Dir's nicht wehren. Ich bleibe hier stehen und mag nicht kämpfen, denn darin hast Du das Rechte getroffen; diese heilige Stätte ist wahrlich kein Cirkus. Aber die gallische Frau gehört weder Dir, noch mir, und wer gibt Dir ein Anrecht . . .« »Wer mir ein Recht auf sie gibt?« unterbrach ihn Polykarp, indem er dem Fragenden mit flammenden Augen näher trat: »Derselbe, der dem Beter gestattet, von seinem Gotte zu reden. Sirona ist mein, wie die Sonne und der Mond und die Sterne mein sind, weil sie mit schönem Licht meine dunklen Pfade erleuchten. Mein Leben ist mein und sie ist meines Lebens Leben gewesen, darum sage ich kühn, und wenn es zwanzig Phöbicius gäbe, daß sie mir gehört. Und weil ich sie für mein Eigenthum hielt und immer noch halte, so hass' ich Dich und werfe Dir meinen Abscheu in's Antlitz, denn wie das hungrige Wollenvieh bist Du, das in die Beete bricht und des Gärtners mühsam gepflegte Wunderblume, die nur einmal in jedem Jahrhundert erblüht, vom Strauche stiehlt; wie die Katzen, die sich in die Marmorhalle schleichen und, um ihre Gier zu stillen, den schönen, seltenen Vogel erwürgen, den Seefahrer aus fernen Landen brachten. Aber Du, scheinheiliger Räuber, der den eigenen Leib mit thierischem Stolze verachtet und ihn der Verwilderung preisgibt, was weißt Du von dem Zauber der Schönheit, der Himmelstochter, die sonst selbst unverständige Kinder rührt und vor der auch die Götter sich neigen! Ich habe ein Recht auf Sirona, denn wo Du sie auch verbergen magst, und fände sie auch der Centurio wieder und schmiedete sie mit eherner Kette an sich, so lebt doch in Keinem, in Keinem, so wie in mir, was sie zum edelsten Werke des Höchsten macht, das Bild ihrer Schönheit. Diese Hand hat Dein Opfer noch nie berührt, und doch hat der Höchste Sirona Keinem so ganz zu eigen gegeben wie mir, weil sie keinem Andern das ist, was sie mir ist, und sie Keiner so lieben könnte wie ich! Sie hat die Anmuth der Engel und das Herz eines Kindes, sie ist ohne Makel und rein, so wahr als es der Demantstein ist und die Brust des Schwanes und der Morgenthau in dem Kelch der Rose. Und wenn sie Dich tausendmal zu sich einließ, und wenn auch mein Vater und meine eigene Mutter und Alle, Alle auf sie mit Fingern weisen und sie verdammen, so höre ich doch nicht auf, an ihre Reinheit zu glauben. Du hast sie der Schande geziehen, Du hast . . .« »Ich habe geschwiegen, als sie von den Deinen verdammt ward,« unterbrach Paulus den Jüngling mit Wärme, »denn ich glaubte an ihre Schuld, wie Du an die meine, wie Jeder von Jedem, wenn ihn nicht Bande der Liebe mit ihm verbinden, weit williger das Böse glaubt, als das Gute. Jetzt weiß ich und weiß es gewiß, daß wir dem armen Weibe Unrecht gethan. Wenn der Glanz des leuchtenden Traumbildes, das Du Sirona nennst, durch mein Verschulden getrübt ward . . .« »Getrübt? und durch Dich?« lachte Polykarp. »Kann denn die Kröte, die in's Meer springt, seine schimmernde Bläue, kann die schwarze Fledermaus, die sich durch die Nacht schnellt, das reine Licht des Vollmondes trüben?« Wiederum zog eine Regung des Zorns durch das Herz des Anachoreten; aber er war nunmehr vor sich selbst auf der Hut und sagte bitter und mit mühsam erkämpfter Fassung: »Wie war es denn mit der Blume und dem Vogel, die unverständige Thiere zerstören? Mit den letzteren meintest Du, sollt' ich denken, keinen abwesenden Dritten, und nun sprichst Du mir doch die Fähigkeit ab, auf Deine Sonne einen Schatten zu werfen? Du siehst, daß Du im Grolle Dir selbst widersprichst, und das sollte der Sohn eines weisen Mannes, der gewiß die Schule des Rhetors noch nicht gar lange verlassen, zu vermeiden suchen. Du könntest mich weniger feindlich ansehen, denn ich will Dich nicht kränken, ja ich werde Dir Deine bösen Worte mit guten vergelten, den besten vielleicht, die Du jemals gehört hast: Sirona ist ein braves, schuldloses Weib, und als Phöbicius fortritt, um sie zu suchen, da hatte ich sie noch nie mit diesen Augen gesehen und kein Wort aus ihrem Munde mit meinen Ohren vernommen.« Polykarp änderte bei diesen Worten die drohende Haltung, und unfähig zu begreifen und doch geneigt und mehr als geneigt zu glauben, rief er eifrig: »Aber das Schaffell war doch Deines, und ohne Dich zu vertheidigen, hast Du Dich von Phöbicius mißhandeln lassen.« »So ein garstiger Affe,« entgegnete Paulus, indem er Polykarp's Stimme nachahmte, »braucht manchmal Prügel, und an jenem Morgen durft' ich mich nicht wehren, weil – weil . . . Aber das geht Dich nichts an. Du mußt Deine Neugier noch einige Tage bezähmen, und dann könnte es leicht geschehen, daß Du selbst dem Manne, dessen bloßer Anblick beschmutzt, der Fledermaus und der Kröte . . .« »Laß das jetzt,« rief Polykarp, »vielleicht hat mich der Aufruhr, den Dein Anblick in meinem wunden, gemarterten Herzen erregte, zu unziemlichen Worten hingerissen. Jetzt seh' ich es wohl: Dein buschiges Haar umrahmt ein wohlgestaltetes Antlitz. Verzeih' mir meinen heftigen, ungerechten Angriff. Außer mir, wie ich war, hab' ich Dir meine ganze Seele geöffnet, und nun Du weißt, wie es in meinem Herzen aussieht, frag' ich Dich nochmals: Wo ist Sirona?« Polykarp blickte Paulus mit ängstlicher, drängender Bitte an und wies mit der Hand auf das Windspiel, als woll' er sagen: »Du mußt es ja wissen, denn hier liegt der Beweis.« Der Alexandriner zögerte mit der Antwort, warf wie von ungefähr einen schnellen Blick auf den Eingang der Höhle, und als er dort hinter den Palmenzweigen seines Schützlings weißes Gewand schimmern sah, sagte er sich, daß Polykarp, wenn er hier noch lange verweile, die Gallierin entdecken würde, und dem mußte er wehren. Es waren der Gründe viele, die ihn bestimmen konnten, der Vereinigung der Frau mit dem Jüngling in den Weg zu treten; aber es kam ihm keiner von allen in den Sinn, und wenn er auch nicht einmal ahnte, daß ein der Eifersucht ähnliches Gefühl sich in ihm wirksam zu erweisen begann, so war er doch sicher, daß sein lebhafter Widerwillen, die Beiden vor seinen Augen einander in die Arme sinken zu sehen, ihn nun veranlaßt, sich kurz umzuwenden, die Leiche des Hundes aus den Arm zu nehmen und dem Fragenden zu erwidern: »Freilich weiß ich, wo sie sich aufhält, und wenn die Zeit gekommen ist, sollst Du's erfahren. Jetzt muß ich das Thier verscharren, und wenn Du willst, so magst Du mir helfen.« Ohne eine Entgegnung Polykarp's abzuwarten, eilte er von Stein zu Stein bis zu der Hochfläche, bei deren abschüssigem Saum er Sirona zum ersten Mal gesehen hatte. Der Jüngling folgte ihm athemlos und erreichte ihn, als er schon begonnen hatte, die Erde am Fuß einer Klippe mit den Händen aufzuscharren. Polykarp stand jetzt dicht neben dem Alexandriner und wiederholte mit leidenschaftlichem Eifer seine Frage; aber Paulus schaute nicht von der Arbeit auf und sagte, schneller und schneller grabend: »Komm' morgen um diese Zeit wieder hieher, dann wird es vielleicht möglich sein, daß ich Dir's sage.« »So denkst Du mich abzuspeisen,« rief der Jüngling; »doch Du täuschest Dich in mir, und wenn Du mich mit Deinen treuherzig klingenden Worten betrügst, so will ich . . .« Aber er vollendete nicht seine Drohung, denn mit voller Deutlichkeit unterbrach ein lauter, sehnsüchtiger Ruf die einsame Stille des Wüstenberges. »Polykarp – Polykarp!« tönte es näher und näher, und diese Laute wirkten mit magischer Kraft auf Den, dem sie galten. Hochaufgerichtet und bebend an allen Gliedern lauschte der Jüngling in die Höhe. Dann rief er: »Das ist ihre Stimme. Ich komme, Sirona, ich komme!« und ohne des Anachoreten zu achten, hob er den Fuß, um ihr entgegen zu eilen. Aber Paulus trat dicht vor ihn hin und sagte fest: »Du bleibst.« »Aus dem Wege!« schrie Polykarp außer sich. »Sie ruft mich aus dem Versteck, in dem Du sie festhältst, Du Ehrenräuber und feiger Lügner. Aus dem Wege, sag' ich! Du willst nicht? So wehre Dich denn, Du häßliche Kröte, oder ich trete Dich nieder, wenn mein Fuß sich nicht scheut, sich mit Deinem Gift zu besudeln.« Paulus hatte bisher mit ausgebreiteten Armen regungslos, aber fest wie ein Eichenstamm dem Jünglinge gegenübergestanden. Jetzt traf ihn die Faust Polykarp's. Dieser Schlag zertrümmerte des Anachoreten Geduld, und seiner selbst nicht mehr mächtig, rief er: »Das sollst Du mir zahlen!« Und ehe der dritte und vierte Ruf von Sirona's Lippen erklungen war, hatte er des Künstlers schlanken Leib umfaßt und ihn dann mit einem mächtigen Schwunge über seine eigene breite Athletenschulter hin auf den steinigen Boden geschleudert. Nach dieser wilden That blieb er mit gespreizten Beinen, gekreuzten Armen und rollenden Augen wie angewurzelt seinem Opfer gegenüber stehen und wartete, bis Polykarp sich wieder aufgerafft hatte und ohne sich umzusehen, wie ein Trunkener, indem er die Hände auf den Hinterkopf preßte, von dannen geschwankt war. Paulus schaute ihm nach, bis ihn die Klippen am Rande der Ebene seinen Blicken entzogen hatten; aber er sah nicht mehr, wie Polykarp unweit der Quelle, aus der Sirona's lechzende Lippen von seinem Feinde erfrischt worden waren, mit einem leisen Wehrufe leblos zusammensank. Sechzehntes Kapitel. »Sie wird noch den Damianus oder Salatiël oder einen andern von denen da oben aufmerksam machen,« dachte Paulus, als Sirona's Ruf sich von Neuem vernehmen ließ, und stieg, ihrer Stimme folgend, schnell und erregt den Berg hinan. »Vor dem frechen Burschen wenigstens,« murmelte er vor sich hin, »haben wir für heute Ruhe, vielleicht auch für morgen, denn seine blauen Flecke werden ihn von mir grüßen! Wie schwer sich doch vergißt, was man einmal gekonnt hat! Den Griff, mit dem ich ihn aufschwang, hab' ich – wie lang ist das her – von dem Gymnasiarchen Delphis gelernt. Noch ist mir das Mark nicht verdorrt; das werde ich dem Burschen, wenn er mit Dreien oder Vieren von seiner Art zurückkehrt, mit diesen Fäusten beweisen.« Aber Paulus behielt nicht lange Zeit, solchen wilden Gedanken nachzuhängen, denn inmitten des Weges zu seiner Höhle fand er Sirona. »Wo ist Polykarp?« rief sie ihm entgegen. »Ich habe ihn heimgesandt,« gab er zurück. »Und er ist Dir gefolgt?« fragte sie weiter. »Ich ließ es an schlagenden Gründen nicht fehlen,« entgegnete er lebhaft. »Aber er wird wiederkommen?« »Für heute hat er hier oben genug erfahren. Wir werden jetzt an Deine Reise nach Alexandria denken.« »Ich finde doch,« entgegnete Sirona erröthend, »daß ich in Deiner Höhle sicher geborgen bin, und vorhin hast Du ja selbst gesagt . . .« »Ich warnte Dich vor den Gefahren der Hauptstadt,« unterbrach sie Paulus. »Es ist mir aber seitdem eingefallen, daß ich doch ein Unterkommen und einen sicheren Beschützer für Dich weiß. Da wären wir wieder zu Hause. Geh' jetzt in die Höhle, denn man hat Dein Rufen vielleicht gehört, und wenn Dich hier andere Anachoreten entdecken, so werden sie mich zwingen, Dich zu Deinem Gatten zu führen.« »Ich gehe schon,« seufzte die Gallierin; »aber erkläre mir erst – denn ich habe Alles gehört, was ihr miteinander geredet« – und sie erröthete wieder, »wie es gekommen ist, daß Phöbicius des Hermas Schaffell für Deines hielt, und warum Du Dich, ohne Dich zu verantworten, von ihm mißhandeln ließest.« »Weil mein Rücken noch breiter ist, als der des großen Burschen,« antwortete der Alexandriner schnell. »Ich erzähle Dir das Alles in ruhigeren Stunden, vielleicht schon auf unserer Fahrt nach Klysma. Geh' setzt in die Höhle, sonst kannst Du noch Alles verderben. Ich weiß auch, was Du seit den schönen Worten des Senatorsohnes am meisten entbehrst.« »Nun?« fragte Sirona. »Einen Spiegel,« lachte Paulus. »Wie Du Dich irrst!« entgegnete die Gallierin und dachte, während sie sich in die Höhle zurückzog: »Wen Polykarp so anschaut wie mich, der braucht nie mehr einen Spiegel!« In dem Fischerflecken am westlichen Abhange des Berges wohnte ein alter jüdischer Kaufmann, der die Kohlen, welche man in den Thälern der Halbinsel aus der Seyalakazie brannte, nach Aegypten verschiffte, und die Papyrusfabriken des Vaters des Alexandriners schon bei Lebzeiten desselben mit Brennmaterial für die Trockenräume versorgt hatte. Jetzt stand er mit dem Bruder des Paulus in geschäftlicher Verbindung, und der Anachoret selbst hatte mit ihm verkehrt. Der Israelit war klug und wohlhabend, und so oft er Paulus begegnet war, hatte er ihn wegen seiner Flucht aus der Welt getadelt und ihn gebeten, seine Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen und über sein Gut wie über sein eigenes zu verfügen. Dieser Mann sollte ihm nun ein Boot verschaffen und die Mittel zur Flucht mit Sirona vorstrecken. Je länger er dachte, desto unerläßlicher schien es ihm, die Gallierin selbst zu begleiten, und ihr in Alexandria in eigener Person ein sicheres Unterkommen zu verschaffen. Er wußte, daß er über seines Bruders ungeheures Vermögen, das ja zur Hälfte sein eigenes war, frei zu verfügen habe, und er begann sich nun seit vielen Jahren zum ersten Mal seines Reichthums zu freuen. Bald beschäftigte ihn auch die Sorge für die Ausstattung des Hauses, das er dem schönen Weibe anweisen wollte. Zunächst dachte er an eine einfache bürgerliche Wohnung, aber nach und nach begann er im Geist das für sie bestimmte Haus mit glänzendem Gold, weißem und buntem Marmor, vielfarbigen syrischen Teppichen, ja selbst mit dem schnödesten Heidenwerk. Bildsäulen und einem üppigen Bade, auszustatten. Immer unruhiger stieg er von Fels zu Fels und blieb bei diesem Auf und Nieder nicht selten vor der Höhle, in der Sirona verweilte, stehen. Einmal sah er ihr helles Gewand, und der Schimmer desselben leitete ihn auf die Erwägung; daß es unvorsichtig sein würde, sie in dieser Kleidung in den schlichten Fischerflecken zu führen. Wenn er ihre Spur den Nachforschungen des Phöbicius und Polykarp verbergen wollte, so mußte er sie zuerst mit einer einfachen Tracht und Schleiern versehen, die ihr glänzendes Haar und das helle Antlitz verhüllten, das wohl auch in der Hauptstadt kaum seinesgleichen fand. Der Amalekiter, von dem er schon zweimal Ziegenmilch für sie gekauft hatte, wohnte in einer Hütte, die Paulus bald zu erreichen vermochte. Er besaß noch mehrere Drachmen, und für diese konnte er sich leicht von dem Weib und den Töchtern des Hirten das, was er brauchte, verschaffen. Obgleich der Himmel sich mit Dünsten bezogen und ein heißer, schwüler Südwind sich erhoben hatte, machte er sich sogleich auf den Weg. Man sah die Sonne nicht mehr, aber man fühlte ihre sengende Glut; doch Paulus achtete nicht dieser Vorzeichen eines nahenden Sturmes. Hastig und so zerstreut, daß er in dem kleinen Vorrathskeller einen Gegenstand mit dem andern verwechselte, legte er Brod, den Milchkrug und einige Datteln vor den Eingang der Höhle, rief seinem Gaste zu, daß er bald zurückkehren werde, und eilte raschen Schrittes den Berg hinan. Sirona antwortete ihm mit einem leisen Gruß und schaute sich nicht einmal nach ihm um, denn sie freute sich ihrer Einsamkeit und überließ sich, sobald seine Schritte verhallt waren, wiederum dem mächtig wogenden Strome der neuen und großen Empfindung, die sich seit Polykarp's glühendem Liebeshymnus ihr in die Seele ergossen. Paulus war in den letzten Stunden Menander geworden; die einsame Frau dort in der Höhle, die Ursache dieser Wandlung, das Weib des Phöbicius, hatte eine noch größere Veränderung erfahren. Sie war noch Sirona und doch nicht Sirona. Wie ihr der Anachoret befohlen hatte, sich in die Höhle zurückzuziehen, würde sie auch ohne sein Geheiß die Einsamkeit aufgesucht haben, denn sie empfand, daß etwas Großes, Ungemeines, ihr selbst Unverständliches in ihrer Seele vorgehe, und daß sich ein unnennbares, aber gewaltiges Etwas in ihrem Herzen gebildet, losgerungen und Leben und Regung gewonnen habe. Und dieß Etwas erschien ihr fremd und doch lieb, beängstigend und doch süß, schmerzlich und doch unsagbar entzückend. Eine Erregung sonder Gleichen hatte sich ihrer bemächtigt, und es war ihr seit Polykarp's Rede, als woge neues, reineres Blut in schnellerem Laufe durch ihre Adern. Jeder Nerv in ihr bebte wie das Blattwerk ihrer heimischen Pappeln, wenn der dem Strom der Rhone entgegenwehende Wind es berührt, und es ward ihr schwer, der Rede des Paulus zu folgen, und schwerer noch, die rechte Antwort auf seine Fragen zu finden. Sobald sie allein war, setzte sie sich auf das Lager, stützte mit dem Knie den Ellenbogen, das Haupt mit der Hand, und nun brach sich die immer mächtiger anwachsende und schwellende Hochflut der Leidenschaft, die sie ergriffen, in einem reichen, warmen Thränenstrome Bahn. So hatte sie noch niemals geweint! Kein Schmerz, keine Bitterniß mischte sich in das reine, erquickende Naß dieser Zähren. Wunderblumen von nie geahnter Pracht und Herrlichkeit erschlossen sich in der Seele der Weinenden, und als ihre Thränen endlich versiegten, da ward es stiller und stiller, aber auch lichter und lichter in ihr und um sie her. Ihr war zu Sinne wie einem Menschen, der in einem unterirdischen Raume, in welchen kein Schimmer des Tages Einlaß fand, erwachsen ist und endlich an der Hand seines Befreiers den blauen Himmel schaut, das Glanzlicht der Sonne und die tausend Blätter und Blumen im grünen Walde und auf der Wiese. Elend war sie, und doch ein glückseliges Weib. »Das ist die Liebe,« sang und klang es in ihrem Herzen, und wie sie dann rückwärts schaute und an die Bewunderer gedachte, die ihr in Arelas, als sie noch ein halbes Kind war, und dann in Rom mit süßen Blicken und Worten genaht waren, da kamen sie alle ihr vor wie Schattengestalten mit dünnen Kerzen, deren Licht kläglich verblassen mußte, wie Polykarp erschien mit der Sonne selbst in den Händen. »Jene und er ,« murmelte sie vor sich hin, und sie sah vor sich eine Wage, auf deren einer Schale die Huldigungen lagen, nach denen sie eitlen Sinnes gegeizt hatte. Einem Strohhalme glich eine jede, und alle zusammen erschienen wie eine leichte Garbe, die hoch in die Höhe schnellte, als Polykarp seine Liebe, ein Centnergewicht von reinstem Golde, auf die andere Schale stellte. »Und brächten alle Völker und Könige ihre Schätze zusammen,« dachte sie, »und legten sie mir zu Füßen, so reich könnten sie mich nicht machen, wie er mich gemacht hat; und fielen alle Sterne ineinander, so würde der ungeheure Lichtball, der dann entstünde, doch nicht heller glänzen, als die Freude, die jetzt meine Seele erfüllt. Mag nun kommen was da will, nach dieser Stunde will ich nicht klagen!« Dann dachte sie an jede ihrer früheren Begegnungen mit Polykarp, und daß er ihr nie von Liebe gesprochen. Was mußte es ihn gekostet haben, sich so zu bezähmen! Mit Jubel erfüllte sie der Gedanke, daß auch sie rein sei und seiner nicht unwerth, und eine Dankbarkeit sonder Gleichen ging in ihrer Segele auf. Der Liebe, die sie dem einen Mann zugewandt hatte, wuchsen die Schwingen, und sie dehnte sich aus auf das gemeinschaftliche Sein und Leben des Alls und wurde zur Andacht. Hoch aufathmend erhob sie Augen und Hände, und es verlangte sie, jeder Kreatur und allem Erschaffenen Liebes zu erweisen, und sehnsüchtig suchte sie nach der gütigen, höhern Macht, der sie solches Glück verdankte. Ihr Vater hatte sie als Mädchen streng gehalten, aber ihr doch gestattet, bei dem Aufzug der Jungfrauen beim Fest der Venus von Arelas, an die alle Frauen ihrer Heimat, wenn Liebe ihr Herz bewegte, sich mit Gebet und Opfern wandten, mit ihren Altersgenossinnen, bekränzt und in ihrem schönsten Schmuck, durch die Straßen der Stadt zu dem Heiligthum der Göttin zu ziehen. Jetzt versuchte sie es, zu der Venus zu beten, aber es kamen ihr dabei fort und fort die ausgelassenen Scherze der Männer in den Sinn, welche die Jungfrauen begleiteten, und wie sie selbst begierig nach den nur zu häufigen Beifallsrufen gelauscht und die Schweigenden durch einen Blick herausgefordert, den Lautesten durch ein Lächeln gedankt hatte. Nach solchem Spiel stand ihr heute wahrlich nicht der Sinn, und sie erinnerte sich der strengen Worte, die sie aus Dorotheas Mund über den Dienst der Venus vernommen, als sie ihr einst erzählt hatte, wie es die Arelaten verstünden, Feste zu feiern. Und Polykarp, dessen Herz doch so voll war von Liebe, dachte gewiß wie seine Mutter, und sie sah ihn vor sich, wie er seinen Eltern folgend neben seiner Schwester Marthana, und oft Hand in Hand mit ihr, zur Kirche ging. Immer hatte der Sohn des Senators einen freundlichen Blick für sie: nur nicht bei diesem Zug in den Tempel des Gottes, von dem sie sagten, er sei die Liebe selbst, und dessen Bekenner wahrlich nicht arm waren an Liebe, denn wenn irgendwo, so verband im Hause des Petrus zärtliche Neigung die Herzen. Es fiel ihr dann ein, daß Paulus ihr vor Kurzem gerathen, sich an den gekreuzigten Christengott zu wenden, den die gleiche göttliche Liebe gegen Alle beseele. Zu diesem betete auch Polykarp und vielleicht gerade jetzt, und wenn sie nun dasselbe that, so mußte sich ihr Flehen mit dem seinen zusammenfinden, und dann war sie doch mit dem geliebten Mann, von dem sie Alles trennte, an einer Stelle vereint. Sie kniete nieder und faltete die Hände, wie sie es oft von den Christen gesehen hatte, und dachte an die Schmerzen, die der arme Mann, als er mit den durchbohrten Händen am Kreuz hing, so geduldig, obgleich er ja schuldlos gequält worden war, ertragen hatte, und sie fühlte tiefes Mitleid mit ihm und sagte leise, indem sie die Augen zu der niedrigen Decke ihres Höhlengemachs aufschlug: »Du armer, guter Gottessohn, Du weißt, wie es thut, wenn Einen alle Menschen mit Unrecht verdammen, und Du kannst mich gewiß verstehen, wenn ich Dir sage, wie weh mir um's Herz ist! »Aber sie sagen ja auch, Dein Herz sei von allen Herzen das liebreichste, und darum wirst Du wissen, wie es kommt, daß es mir bei meinem Leid doch scheinen will, als sei ich ein glückseliges Weib. Der Athem eines Gottes muß Wonne sein, und die hast Du gewiß empfunden, als sie Dich quälten und schalten, denn aus Liebe hast Du gelitten. »Sie sagen, Du seiest ganz rein und völlig schuldlos gewesen. Ich nun, ich habe wohl manche Thorheit verübt, aber eine Sünde begangen, eine rechte Sünde, hab' ich gewiß nicht! Du mußt es ja wissen, denn Du bist ein Gott und kennst das Vergangene und schaust in die Herzen. Aber ich, ich möchte auch schuldlos bleiben, und wie kann das sein, wenn ich Polykarp mich ergeben muß, da ich doch eines andern Mannes Ehefrau bin? »Aber wär' ich denn wirklich des widrigen Bösewichts, der mich an einen Andern verkauft hat, echtes und rechtes Weib? Er ist meinem Herzen so fremd, so fremd, als hätt' ich ihn nie mit Augen gesehen. Und doch, glaub' es mir, ich wünsch' ihm nichts Böses, und will ja zufrieden sein, wenn ich nur nicht wieder zu ihm zurück muß. Als Kind hatt' ich Furcht vor den Fröschen. Das wußten die anderen Geschwister, und einmal legte mir mein Bruder Licinius einen großen, den er gefangen, auf den bloßen Hals. Da schauerte ich zusammen und schrie laut auf, denn das war so abscheulich feucht und kalt, ich kann's nicht beschreiben. Und so, gerade so ist's mir seit jenen Tagen in Rom immer gewesen, wenn mich Phöbicius berührte, und doch durfte ich nicht schreien, wenn er es that. »Aber Polykarp! Ja wär' er nur hier, und dürft' er doch nur meine Hände erfassen! »Er sagte, ich sei sein Eigen, und dennoch hab' ich ihn niemals ermuthigt. Aber jetzt! Wenn eine Gefahr ihm drohte, oder ein Leid, und ich könnt' es dadurch von ihm abwenden, gewiß, ja gewiß, so ließ' ich mich doch, obgleich ich nicht gern Schmerzen ertrage und mich vor dem Tod fürchte, ohne zu klagen für ihn an das Kreuz nageln, wie Du für uns Alle. »Aber wissen müßte er es, daß ich für ihn stürbe, und wenn er mir dann mit seinem tiefen, sonderbaren Blick in die brechenden Augen schaute, dann wollt' ich ihm sagen, daß ich ihm so für seine große Liebe danke, die ganz anders ist und höher als jede Liebe, die ich seither gesehen. Was sich so über alles Maß dessen erhebt, was sonst die Menschen empfinden, das ist doch wohl göttlich, sollte ich meinen. Kann solche Liebe ein Unrecht sein? Ich weiß es nicht, aber Du mußt es wissen, und Du, den sie den guten Hirten nennen, führe Du uns zusammen, führe Du uns auseinander, so wie es ihm zum Besten gereicht; aber geht es an, so vereine uns doch, und wär' es auch bloß auf eine einzige Stunde. Wenn er nur weiß, daß ich nicht schlecht bin, und daß die arme Sirona ihm und ihm allein gehören möchte und keinem Andern, dann wollt' ich gern sterben. Du guter, guter Hirte, nimm mich auf in Deine Heerde und führe Du mich.« So betete Sirona, und vor ihrem innern Auge schwebte dabei das Bild einer freundlichen, schönen Jünglingsgestalt. Sie hatte das Modell zu Polykarp's in erhabener Arbeit ausgeführtem »guten Hirten« gesehen und die liebreichen Züge seines Antlitzes nicht vergessen. So wohl bekannt und vertraut erschien es ihr, als wüßte sie, was sie doch nicht ahnte, daß ihr selbst ein Antheil an dem Gelingen dieses Werkes zukomme. Die Liebe, welche zwei Herzen verbindet, gleicht dem Ozean des Homer, der die Erdscheibe im Kreise umfließt. Er wogt und wogt. Wo seines Ursprungs Stätte zu suchen, ob bei diesem oder jenem Weltentheile, wer könnte es sagen? Frau Dorothea hatte die Gallierin in mütterlichem Stolz in die Werkstätte ihres Sohnes geführt. Jetzt dachte Sirona auch an diese und ihren Gatten und sein Haus, über dessen Pforte ein Spruch in den Stein gemeißelt war, den sie täglich von ihrem Schlafzimmer aus gesehen hatte. Sie konnte nicht griechisch lesen; Polykarp's Schwester Marthana aber hatte ihr mehr als einmal gesagt, was er bedeute. »Befiehl dem Herrn Deine Wege und hoffe auf ihn,« lautete die Inschrift, und die sagte sie sich jetzt vor und wieder vor und malte sich dann Zukunftsbilder aus in schönen Traumgemälden, die immer schärfere Umrisse und leuchtendere Farben gewannen. Sie sah sich mit Polykarp vereint als des Petrus und der Dorothea Tochter im Hause des Senators. Nun hatte sie ein Anrecht auf die Kinder, die sie liebten, und die ihr so theuer waren. Sie stand der Diakonissin bei all' ihren Arbeiten bei und erntete Lob und zufriedene Blicke. Im Hause ihres Vaters hatte sie gelernt, die Hände zu rühren, und hier konnte sie wiederum zeigen, was sie vermochte. Polykarp schaute ihr mit Erstaunen und Bewunderung zu und sagte ihr, daß sie so tüchtig als schön sei und eine zweite Dorothea zu werden verspreche. Dann ging sie mit ihm in seine Werkstätte und ordnete dort Alles, was so wüst umherlag, und stäubte es ab, während er jeder ihrer Bewegungen mit den Blicken folgte und dann vor ihr stehen blieb und seine Arme öffnete, weit – weit. Und sie schrak zusammen und drückte die Hände auf die Augen und stürzte sich an seine liebevolle, geliebte Brust und wollte mit heißen Thränen die Arme um den Hals des theuren Mannes schlingen, aber schon zerstob das freundliche Traumbild, denn ein flüchtiger Lichtschein durchzuckte den finstern Raum der Höhle, und bald darauf hörte sie das von den Felswänden ihrer Wohnung gedämpfte, dumpfe Rollen eines Donnerschlages. Völlig der Wirklichkeit wiedergegeben, lauschte sie hinaus und trat an den Eingang der Höhle. Schon dunkelte es, und aus dem finstern Gewölk, das die Spitzen des Berges wie gewaltige Schleier von schwarzem Flor zu umschweben schien, fielen schwere Regentropfen nieder. Paulus war nirgends zu sehen, aber da stand die Mahlzeit, die er für sie gerüstet. Sie hatte seit dem Frühmahl nichts genossen; jetzt versuchte sie die Milch zu trinken, aber sie war geronnen und ungenießbar geworden. Ein Stückchen Brod und einige Datteln genügten ihr völlig. Als dann Blitz und Donner einander immer rascher zu folgen begannen, und tiefes Dunkel schneller und immer schneller hereinbrach, da überfiel sie eine große Angst, und sie schob die Mahlzeit beiseite und sah zu dem Berg hinan, dessen Spitzen bald von der Nacht gänzlich umhüllt wurden, bald von einem Meer von Flammen umwogt, deutlicher als am Tage zu sehen waren. Oft sägte ein Blitz mit schartiger Feuerschneide den schwarzen Wolkenvorhang sturmschnell auseinander, oft scholl der Donner wie Posaunenstöße durch die stille Einöde und pflanzte sich dröhnend, knatternd, brausend und verhallend von Fels zu Felsen fort. Jetzt schienen Licht und Schlag auf einmal vom Himmel zu fallen, und der Felsen, in dem ihre Höhle vertieft war, erbebte. Da zog sie sich gebeugt und zitternd in das tiefste Innere ihres Felsengemaches zurück, und jedesmal, wenn sich das Dunkel desselben erhellte, schrak sie zusammen. Endlich folgten die Blitze einander in längeren Zwischenräumen, die Stimme des Donners verlor ihre furchtbare Kraft, und als der Sturm das Gewitter weiter und weiter gen Süden jagte, verhallte sie gänzlich. Siebenzehntes Kapitel. Es war ganz dunkel in Sirona's Höhle, furchtbar dunkel, und je schwärzer die Nacht erschien, die sie umfing, desto höher stieg ihre Angst. Von Zeit zu Zeit schloß sie die Augen so fest sie konnte. denn dann war es ihr, als sähe sie einen purpurfarbigen Schimmer, und wie ein Ertrinkender nach dem Ufer, so sehnte sie sich in dieser Stunde nach Licht. Dabei bedrängten düstere Befürchtungen jeder Art ihre Seele. Wenn Paulus sie nun verlassen und ihrem Schicksal preisgegeben? Wenn Polykarp bei dem Unwetter hier auf dem Berge im Dunkel in einen Abgrund gestürzt oder von einen. Blitz erschlagen worden war? Wenn nun die über dem Eingang der Höhle hängende Felsenmasse sich im Sturme lösen und niederstürzen und ihr den Ausgang in's Freie versperren würde? Dann war sie eine lebendig Begrabene, und sie mußte einsam verschmachten, ohne ihn, den sie liebte, wiedergesehen und ihm gesagt zu haben, daß sein Vertrauen ihn nicht betrüge. Von solchen Gedanken gepeinigt, raffte sie sich auf und tastete sich hinaus in die Luft und den Wind, denn sie hielt es in der dumpfen Einsamkeit und dem furchtbaren Dunkel nicht länger aus. Schon hatte sie die Höhlenpforte erreicht, als sie Schritte vernahm, die sich ihrem Verstecke näherten. Von Neuem erschrak sie. Wer wagte es, in dieser rabenschwarzen Nacht von Fels zu Felsen zu steigen? Kam Paulus zurück? War er es, war es Polykarp, der sie suchte? Wie berauscht preßte sie beide Hände auf's Herz, und es drängte sie zu rufen, aber sie wagte es nicht, und die Zunge versagte ihr den Dienst. Mit ängstlicher Spannung lauschte sie auf den Ton der Schritte, welche sich ihr in gerader Richtung mehr und mehr näherten. Jetzt bemerkte der nächtliche Wanderer den Schimmer ihres weißen Gewandes und rief sie an. Es war Paulus. Erleichtert athmete sie auf, wie sie seine Stimme erkannte, und erwiderte seinen Gruß. »Bei solchem Wetter,« sagte der Anachoret, »ist es, sollte ich meinen, drinnen besser als draußen, denn daß es hier im Freien nicht sonderlich angenehm ist, das hab' ich erfahren.« »Aber auch hier in der Höhle,« entgegnete Sirona, »ist es schrecklich gewesen. Ich habe mich furchtbar geängstigt, denn ich war so allein in dem gräßlichen Dunkel. Hätt' ich nur wenigstens noch mein Hündchen bei mir gehabt; das war doch ein lebendes Wesen.« »Ich hab' mich beeilt, so gut es gehen wollte,« unterbrach sie Paulus. »Die Pfade sind hier weniger glatt als die Spazierwege zu Alexandria in der Kanopischen Straße, und da ich nicht wie der Cerberus, der zu Füßen des Serapis ruht, drei Hälse habe, so wär' es weiser von mir gewesen, etwas weniger eilig zu Dir zurückzukehren. Der Sturmvogel hat alle Sterne verschluckt, wie schwebende Mücken, und darüber grämt sich der alte Berg so sehr, daß ihm überall Thränenbäche über die steinernen Backen laufen. Auch hier ist es naß! Geh' jetzt in die Höhle zurück und laß mich das, was ich da für Dich auf dem Arme trage, in den trockenen Gang legen. Ich bringe gute Kunde. Morgen Abend, wenn es dunkelt, brechen wir auf. Ich habe für ein Fahrzeug gesorgt, das uns nach Klysma bringt, und von dort aus führ' ich Dich selbst nach Alexandria. In dem Schaffell, das ich hier habe, wirst Du die Kleider und den Schleier eines amalekitischen Weibes finden. Wenn Phöbicius Deine Spur verborgen bleiben soll, mußt Du Dich zu der Verkleidung bequemen, denn sobald Dich die Leute da unten sähen, so wie ich heute Dich sah, würden sie meinen, Aphrodite selbst sei wieder dem Meere entstiegen, und das Gerücht von der blondhaarigen Schönen, die ihnen erschienen, schnell weiter und in die Oase tragen.« »Aber ich meine, daß ich hier gut geborgen bin,« entgegnete Sirona. »Ich fürchte mich vor der Meerfahrt, und wenn es uns auch glückte, unangefochten Alexandria zu erreichen, so weiß ich doch nicht . . .« »Dort für Dich zu sorgen, sei meine Sache,« unterbrach sie Paulus mit einer Sicherheit, die beinah prahlerisch erschien und Sirona beunruhigte. »Du kennst die Fabel von dem Esel in der Löwenhaut; es gibt aber auch Löwen, die das Fell eines Esels oder Schafes, – das kommt ja auf Eines heraus, – auf den Schultern tragen. Gestern erzähltest Du mir von den herrlichen Palästen der Bürger, die Du in der Hauptstadt gesehen, und priesest das Glück ihrer Besitzer. Du sollst in einem dieser marmornen Häuser wohnen und darin als Herrin gebieten, und es sei meine Sorge, Dir Sklaven und Sänftenträger und einen Wagen mit weißen Maulthieren zu schaffen. Zweifle nicht, denn ich verspreche nichts, was ich nicht zu halten vermag. Der Regen hört auf, und ich will nun versuchen, ein Feuer anzuzünden. Du bist schon gesättigt? Nun, so wünsche ich Dir gute Nacht. Alles Weitere findet sich morgen.« Sirona war den Verheißungen des Anachoreten staunend gefolgt. Wie oft hatte sie Diejenigen beneidet, welche das besaßen, was ihr ihr seltsamer Beschützer versprach; jetzt aber bot es ihr nicht den geringsten Reiz, und mit dem festen Vorsatze, Paulus, dem sie zu mißtrauen begann, in keinem Falle zu folgen, entgegnete sie, indem sie seinen Gruß kühl erwiderte: »Bis morgen Abend vergeht ja noch manche Stunde, in der wir das Alles bedenken können.« Während der Alexandriner mit vieler Mühe ein Feuer anzündete, blieb sie wiederum allein, und von Neuem begann sie sich in dem dunklen Raume zu fürchten. Sie rief den Alexandriner und sagte: »Das Dunkel beängstigt mich so. Du hattest heute Morgen noch Oel in dem Kruge. Es geht vielleicht, daß Du für mich ein Lämpchen zurecht machst; es ist so schrecklich, im Dunklen zu bleiben.« Paulus nahm sogleich eine Scherbe, riß einen Fetzen von seinem durchlöcherten Rocke, drehte ihn zusammen, legte ihn als Docht in die fette Flüssigkeit, zündete ihn an seinem sich langsam belebenden Feuer an und reichte Sirona diese mehr als einfache Leuchte, indem er sagte: »Sie wird ihren Dienst verrichten; in Alexandria will ich für Lampen sorgen, die sich eher sehen lassen können und von besseren Künstlern gemacht sind.« Sirona stellte die Leuchte in eine Vertiefung der Felsenwand zu Häupten ihres Lagers und ließ sich dann auf demselben nieder. Das Licht scheucht wie die Raubthiere so auch die Furcht von den Ruhestätten der Menschen, und es hielt jetzt von der Gallierin jeden ängstlichen Gedanken fern. Klar und gefaßt überblickte sie ihre Lage und beschloß, nicht eher die Höhle zu verlassen und sich dem Anachoreten anzuvertrauen, als bis sie Polykarp wiedergesehen und gesprochen. Er wußte ja, wo er sie zu suchen habe, und gewiß, dachte sie, würde er schon zu ihr zurückgekehrt sein, wenn das Gewitter und die sternenlose Nacht die Besteigung des Berges von der Oase aus nicht zur Unmöglichkeit gemacht hätte. »Morgen sehe ich ihn wieder, und dann öffne ich ihm mein Herz und laß ihn in meiner Seele lesen wie in einem Buche, und auf jeder Seite und Zeile wird er seinen Namen finden. Ich sage ihm auch, daß ich zu seinem ›guten Hirten‹ gebetet, und wie wohl mir das gethan hat, und daß ich eine Christin sein will wie seine Schwester Marthana und seine Mutter. Frau Dorothea freut sich wohl sehr, wenn sie das hört, und sie wenigstens hat gewiß nicht glauben mögen, daß ich schlecht sei, denn sie hat mich doch immer lieb gehabt, und die Kinder, die Kinder . . .« Die heiteren Gestalten der kleinen Schaar traten lachend vor ihr inneres Auge, und unvermerkt wurden ihre Gedanken zu Träumen, und der freundliche Schlaf berührte ihr Herz mit sanfter Hand und hauchte jeden Schatten einer Sorge aus ihrer Seele. Lächelnd und unbekümmert schlummerte sie wie ein Kind, dem schützende Engel die leicht geschlossenen Augen küssen, indeß ihr wunderlicher Beschützer bald das qualmende Holz auf seinem feuchten Herde umwandte und mit geröthetem Angesicht in die verlöschenden Kohlen blies, bald unruhig auf und nieder wandelte und jedesmal, wenn er an dem Eingang der Höhle vorbeiging, den Fuß hemmte, um einen verlangenden Blick nach dem Lichtschimmer zu werfen, der aus Sirona's Felsengemach drang. Seitdem er Polykarp zu Boden geschleudert, war Paulus nicht zur Einkehr in sich selbst gekommen. Keinen Augenblick hatte er seine That bereut, denn der Gedanke, daß ein Sturz auf den stahlharten Stein des heiligen Berges weher thun müsse als ein Fall in den Sand der Arena, war ihm fern geblieben. Solche Abfertigung, meinte er, habe der freche Gesell reichlich verdient. Wer gab ihm denn ein gültigeres Recht auf Sirona als ihm, Paulus, der ihr das Leben gerettet, und der es auf sich genommen, sie zu beschützen? Ihre große Schönheit hatte ihm seit ihrer ersten Begegnung wohl gethan; aber kein unreiner Gedanke war ihm genaht, wenn er sie mit Vergnügen angesehen und ihren kindlichen Worten mit Rührung gelauscht hatte. Erst die glühende Ergießung Polykarp's war auf seine Seele geflogen, wie Funken, welche die Eifersucht und die Besorgniß, Sirona einem Andern überlassen zu müssen, schnell zum zehrenden Feuer angefacht hatten. Er wollte dieß Weib nicht preisgeben, er wollte auch ferner für sie sorgen,. sie sollte Alles ihm und nur ihm zu danken haben! Darum hatte er sich ohne Säumen mit Leib und Seele den Vorbereitungen zu ihrer Flucht gewidmet. Die Schwüle der Gewitterluft, Blitz und Donner, strömender Regen und nächtiges Dunkel waren ihm nicht hinderlich gewesen, und während er sich durchnäßt, ermüdet, gefährdet von Fels zu Felsen geschwungen und getastet hatte, war er nur bedacht gewesen, wie er sie am sichersten nach Alexandria schaffen und dort mit Allem umgeben könne, was einem Weibe nur immer zu gefallen vermag. Nichts, gar nichts begehrte er für sich, und was er sann und plante, bezog sich nur und ausschließlich nur auf das, was er ihr zu gewähren vermöge. Als er für sie die Lampe verfertigt und angezündet hatte, war er ihr näher getreten, und ein leiser Schreck vor der Schönheit des von der zitternden Flamme beleuchteten Angesichts hatte ihn erfaßt. Nach wenigen Augenblicken war sie dann verschwunden, und er hatte einsam in der Nacht und im Regen zurückbleiben müssen. Ruhelos wanderte er auf und nieder, und eine peinigende Sehnsucht, ihr von der Lampe beschienenes Antlitz und den weißen Arm, der sich nach der Leuchte ausgestreckt hatte, noch einmal zu sehen, begann sich in ihm lauter und lauter zu regen und den Schlag seines Herzens mehr und mehr zu beschleunigen. So oft er an der Höhle vorbeiging und den aus ihrem Gemache dringenden Lichtschimmer gewahrte, trieb und drängte es ihn, sich zu ihr zu schleichen und sie noch einmal anzuschauen. An Gebet und Geißelung, seine alten Mittel gegen sündliche Gedanken, dachte er nicht; wohl aber sann er auf einen Grund, der es vor ihm selbst entschuldbar erscheinen ließ, wenn er doch zu ihr eintrat. Da kam es ihm in den Sinn, daß es kühl sei und ein Schaffell in der Höhle liege. Das wollte er trotz seines Gelübdes, den Pelz nicht mehr zu gebrauchen, holen, und wenn er sie dabei sehen konnte, was weiter? Als er die Pforte überschritten hatte, mahnte ihn eine innere Stimme zur Umkehr und sagte ihm, daß er auf unrechtem Wege wandle, denn er schleiche ja wie ein Dieb auf den Zehen; aber schnell erfolgte die entschuldigende Antwort: »Das geschieht, weil sie nicht geweckt werden soll, wenn sie schläft.« Und von nun an schwieg jedes weitere Bedenken, denn schon war er bis zu der Stelle vorgedrungen, bei der sich am Ende des Felsenganges ihr Schlafgemach öffnete. Da lag sie auf dem harten Bette vom Schlummer umfangen und zauberhaft schön. Tiefes Dunkel herrschte ringsum, und das schwache Licht des Lämpchens erhellte nur einen kleinen Teil des elenden, unschönen Raumes; aber das Haupt, der Hals und die Arme, die es bestrahlte, schienen in eigenem Lichte zu glänzen und die Leuchtkraft der schwachen Flamme zu steigern und zu weihen. Athemlos blieb Paulus auf den Knieen liegen, und seine Blicke hefteten sich immer sehnsuchtsvoller und fester an das liebliche Bild der Schläferin. Sirona träumte. Ihr von Goldhaar umrahmtes Haupt ruhte auf einem hohen Kissen von Kräutern und ihr sanft geröthetes Antlitz war der Decke der Höhle zugewandt. Die leicht geschlossenen Lippen regten sich leise, und nun bewegte sich auch der gebogene Arm und die weiße Hand, die, voll von der Lampe beleuchtet, halb auf ihrem schimmernden Haare, halb auf ihrer Stirn ruhte. »Sagte sie etwas?« fragte sich Paulus und drückte die linke Schläfe so fest an einen Felsvorsprung, als wolle er sein schnell und schneller rinnendes Blut verhindern, sich in das taumelnde Hirn zu ergießen. Jetzt regten sich ihre Lippen von Neuem. Hatte sie doch gesprochen? Hatte sie ihn vielleicht gerufen? Das konnte nicht sein, denn sie schlief ja; aber er wollte es glauben und glaubte es auch und schlich näher und näher an sie heran und beugte sich über sie und belauschte, während ihm selbst die Kraft versagte, Luft zu schöpfen, die leisen, regelmäßigen Athemzüge, die ihre Brust bewegten. Seiner selbst nicht mehr mächtig, berührte er mit den bärtigen Lippen erst ihren weißen Arm, den sie im Schlafe zurückzog; dann aber hefteten sich seine Augen auf ihre Lippen und die zwei nur halb von ihnen bedeckten schneeweißen Zähne, und das Verlangen, diesen Mund zu küssen, ergriff ihn mit unwiderstehlicher Macht. Bebend neigte er sich über sie, und schon war er der Erfüllung seines Verlangens nahe, als er, wie von einer plötzlichen Erscheinung erschreckt, zurückfuhr und dann die Blicke statt auf den rothen Mund an die auf der Stirn der Schläferin ruhende Hand heftete. Das Licht des Lämpchens spiegelte sich in einem goldenen Reifen an Sirona's Finger und bestrahlte hell einen Onyx, in den das Bild der Stadtgöttin von Antiochia, der Tyche, die eine Kugel auf dem Haupte und das Horn der Amalthea in der Hand trug, geschnitten war. Eine seltsame neue Erregung bemächtigte sich bei dem Anblick dieses Steines des Anachoreten. Mit zitternden Fingern griff er in die Brustöffnung seines zerrissenen Gewandes, tastete in derselben umher und führte endlich ein kleines Kreuz von Eisen und den Ring an's Licht, den er von der kalten Hand der Mutter des Hermas gezogen. Dieser goldene Reifen umgab einen Onyx, auf dem genau dasselbe Bild wie auf dem an der Gallierin Hand zu sehen war. Das Schnürchen mit seinem theuersten Kleinod entsank dem Anachoreten, mit beiden Händen faßte er in sein buschiges Haar, schmerzlich stöhnte er auf, und dann wiederholte er mehrmals, als habe er um Verzeihung zu bitten, den Namen Magdalena. Nun rief er Sirona mit lauter Stimme, und als sie heftig erschrocken aufwachte, fragte er dringend: »Wer gab Dir den Ring dort?« »Phöbicius schenkte ihn mir,« entgegnete die Gallierin. »Er sagte, er habe ihn vor vielen Jahren in Antiochia zum Geschenk erhalten, und ein großer Künstler habe ihn geschnitten. Aber ich mag ihn nicht mehr, und wenn er Dir gefällt, so sollst Du ihn haben.« »Wirf ihn von Dir,« rief Paulus, »denn er bringt Dir kein Glück!« Dann raffte er sich zusammen, ging gesenkten Hauptes in's Freie, warf sich dort auf das nasse Gestein vor dem Herde nieder und rief: »Magdalena, Du Reinste! Aus einer Glycera bist Du zur heiligen Märtyrerin geworden und hast den Weg zum Himmel gefunden; und ich auch hatte meinen Tag von Damaskus und vermaß mich, mich Paulus zu nennen, und nun, und nun?« Von Verzweiflung ergriffen, schlug er die Stirn und stöhnte: »Alles, Alles vergebens!« Achtzehntes Kapitel. Gemeine Naturen werden nur leicht berührt von dem unermeßlich tiefen Weh, das die an sich selbst verzweifelnde Seele empfindet; aber je schwerer solch' ein Leiden den Edleren trifft, desto sicherer wirkt es auf ihn mit läuternder Kraft. Paulus dachte nicht mehr an das schöne, schlummernde Weib. Von grausamem Seelenschmerze gepeinigt lag er auf dem harten Gestein, und er fühlte, daß er vergebens gerungen. Als er des Hermas Sünde und Strafe und Schande auf sich genommen, hatte es ihm scheinen wollen, als wandle er nun mitten auf dem Wege des Heilands. Und jetzt? Ihm war zu Muthe wie einem Wettläufer, der dicht vor dem Ziele über einen Stein strauchelt und in den Sand fällt. »Gott sieht den Willen, nicht die Thaten,« murmelte er. »Was ich an Sirona verbrochen, – was nicht, das bleibt sich gleich. Als ich mich über sie neigte, da war ich dem Bösen verfallen ganz und gar, und ein Bundesgenosse des Todfeindes Dessen, dem ich Leib und Seele verschrieben. Was nützt mir die Flucht aus der Welt und dieß thatenlose Hinleben in der Wüste? Wer stets dem Kampf aus dem Wege geht, kann sich wohl rühmen, unbesiegt geblieben zu sein bis an's Ende; aber ist er darum ein Held? Wer mitten im Ringen und Treiben der Welt auf dem Pfade zum Himmel verbleibt und sich nicht abdrängen läßt von der Straße, dem gebührt die Palme; ich aber, ich wandere einsam dahin, und ein Knabe und ein Weib, die mir begegnen, drohen und winken mir, und ich vergesse mein Ziel und trete behend in die Sümpfe des Bösen. »So nicht, hier nicht kann ich finden, was ich erstrebe! Aber wie denn, wie denn? Erleuchte mich, Herr, und sage mir, was ich thun soll!« Solches denkend, richtete er sich auf, kniete nieder und betete inbrünstig. Wie er endlich Amen sagte, glühte ihm das Haupt, und die Zunge war ihm wie verdorrt. Das Gewölk hatte sich getheilt; nur im Westen hing es noch schwarz und massig. Von Zeit zu Zeit lohten ferne Wetterstrahlen am Horizont auf und erleuchteten flammend die Zackenkrone des Berges. Der Mond war aufgegangen; aber seine abnehmende Scheibe ward häufig von dunklen, schnell dahinziehenden Wolkenmassen verdeckt. Blendende, helle Blitze, sanftes Licht und völliges Dunkel wechselten in verwirrender Schnelligkeit, als Paulus sich endlich aufraffte und zu der Quelle niederstieg, um zu trinken und die Stirn in dem frischen Wasser zu kühlen. Von Stein zu Stein schreitend, sagte er sich, daß er, bevor er ein neues Leben beginne, sich Bußen, schwere Bußen aufzuerlegen habe. Aber welche? Jetzt stand er vor dem von Klippen umsäumten Brunnen und neigte sich zu ihm nieder; doch bevor er die Lippen genetzt hatte, richtete er sich wieder auf, denn gerade weil er durstete, wollte er sich den Trank versagen. Schnell, beinahe heftig, wandte er dem Brunnen den Rücken, und nach diesem kleinen Siege über sich selbst ward es um ein Weniges stiller in seinem stürmisch bewegten Herzen. Fort, fort von hier aus der Einöde und von dem heiligen Berge drängte es ihn, und am liebsten hätte er sogleich das Weite gesucht. Wohin sollte er fliehen? Aber das blieb sich ja gleich; denn er suchte nur Leid, und Leid wuchs wie das Unkraut an allen Wegen. Wovor mußt du dich retten? Diese Frage klang in ihm nach, als hätte er sie in die Wohnung des Echos hineingerufen. Und die Antwort ließ nicht auf sich warten: »Der, vor dem du fliehen sollst, bist du selbst. Dein eigenes Ich ist dein Feind, und in welche Wüste du dich auch vergräbst, es wird dir folgen, und eher gelingt es dir, dich von deinem Schatten zu trennen als von ihm!« Das Gefühl seiner Ohnmacht trat ihm voll in's Bewußtsein, und nach der großen Erregung der letzten Stunden fiel er nun tiefer Mutlosigkeit anheim. Abgespannt, schlaff, von Ekel gegen sich selbst und das Leben erfüllt, ließ er sich auf einen Stein nieder, und mit voller Nüchternheit überdachte er die Ereignisse der letzten Tage und Stunden. »Von allen Thoren, die mir je begegnet sind,« dachte er, »hab' ich es am weitesten in der Narrheit gebracht und dabei eine Verwirrung angerichtet, die ich selbst, wenn ich ein Weiser wäre, was ich so wenig jemals werden kann wie eine Schildkröte oder ein Phönix, nicht wieder in's Gleiche zu bringen vermöchte. Ich hörte einmal von einem Einsiedler erzählen, der, weil da geschrieben steht, man solle seine Todten begraben, und er keinen Leichnam hatte, einen Wanderer erschlug, um das Gebot erfüllen zu können. Gerade wie dieser hab' ich gehandelt, denn um einem Andern Leid zu ersparen und fremde Schuld zu tragen, stieß ich ein unschuldiges Weib in's Elend und machte mich selbst zum Sünder. Sobald es hell wird, geh' ich hinunter in die Oase und bekenne Petrus und Agapitus Alles, was ich gethan. Sie werden mich strafen, und ich will ihnen redlich helfen, daß mir nichts von der Buße geschenkt wird, die sie mir auferlegen. Je weniger ich selbst mich schone, desto eher schont mich der ewige Richter.« Er erhob sich, sah nach dem Stande der Sterne, und da er wahrnahm, daß der Morgen nicht fern sei, schickte er sich an, zu Sirona zurückzukehren, die ihm jetzt nur noch ein unglückliches Weib war, an dem er viel Uebles gut zu machen hatte, als ihm ein lauter Klageton aus der nächsten Nähe das Ohr traf. Unwillkürlich bückte er sich, um einen Stein als Waffe in die Hand zu nehmen, und lauschte. Er kannte jeden Felsen in der Umgebung der Quelle, und als sich das seltsame Stöhnen zum andern Mal vernehmen ließ, da wußte er, daß es von einer Stelle herkomme, an der er oftmals geruht hatte, denn eine große Felsplatte ragte dort, von einem starken Granitpfeiler gestützt, weit über das andere Gestein hinaus und gewährte selbst in der Mittagszeit, wenn nirgends ein Fuß breit Schatten zu finden war, Schutz vor der Sonne. Vielleicht hatte sich ein wundes Thier unter das auch den Regen abwehrende Dach zurückgezogen. Behutsam schritt Paulus vorwärts. Da ertönte das Stöhnen lauter und schmerzlicher als vorher und – kein Zweifel, es war ein Mensch, der hier klagte. Schnell schleuderte der Anachoret den Stein von sich, warf sich auf die Kniee und fand bald auf dem trockenen Boden unter der Steinplatte im äußersten Hintergrunde des Schlupfwinkels einen regungslosen menschlichen Körper. »Vielleicht ein Hirt, den der Blitz getroffen,« dachte er, indem er das lockige Haupt und die schlaff niederhängenden, kräftigen Arme des Leidenden mit den Händen betastete. Als er dann den Körper des Kranken, welcher leise vor sich hin klagte, aufgerichtet und ihm den Kopf mit seiner breiten Brust gestützt hatte, wehte ihm aus seinem Haar der süße Wohlgeruch von seinem Salböl entgegen, und eine schreckliche Ahnung stieg in ihm auf. »Polykarp!« rief er, indem er die Hände fester um den Leib des Kranken schloß, und der also Gerufene regte sich und murmelte einige Worte leise und unverständlich, und doch viel zu laut und deutlich für Paulus, denn er wußte nun, daß er das Rechte geahnt. Laut aufbrüllend umfaßte er den matten Leib des Jünglings, hob ihn auf seine Arme und trug ihn wie ein Kind bis zum Rande des Quells, an dem er seine edle Last in den feuchten Rasen niederließ. Polykarp schrak zusammen und schlug die Augen auf. Schon dämmerte der Morgen, die leichten Wolken am östlichen Horizonte begannen sich mit rosigen Rändern zu umsäumen, und der nahende Tag zog die dunkle Hülle von den Formen und Farben des Geschaffenen. Polykarp erkannte den Anachoreten, der die Wunde an seinem Hinterkopfe mit zitternden Händen wusch. Da gewannen die Augen des Jünglings einen feurigen Glanz, und mit dem Aufgebot der letzten ihm innewohnenden Kraft stieß er seinen Pfleger von sich. Paulus wich nicht zurück, sondern empfing den Schlag seines Opfers wie einen Gruß oder ein Geschenk und dachte: »Ja, hättest Du nur einen Dolch in der Hand; ich hielte Dir stille.« Die Wunde des Künstlers war furchtbar groß und tief, aber in seinen dichten Locken war das Blut geronnen und hatte sich wie ein fester Verband auf die geöffneten Adern gepreßt. Das Wasser, mit dem Paulus nun sein Hinterhaupt wusch, veranlaßt eine neue Blutung der Wunde, und nach dem kräftigen Stoße, mit dem Polykarp seinen Feind angefallen hatte, sank er ohnmächtig in dessen Arme zurück. Das fahle Frühlicht steigerte die Blässe des blutlosen Angesichts, das mit gebrochenen Augen im Schooße des Anachoreten ruhte. »Er stirbt,« murmelte Paulus und schaute in Todesangst, mit stockendem Athem und nach Hülfe suchend in das Thal und zu der Höhe aufwärts. Im Frühroth glühend, von frischem, strahlendem Duft umwallt, lag vor ihm die majestätische Masse des Berges, auf dem der Herr in die steinernen Tafeln das Gesetz für sein Volk und alle Völker geschrieben, und es war ihm, als sähe er des Mose Riesengestalt hoch oben auf der erhabenen Warte des Berges und als dränge aus seinem Munde mit ehernem Klange das strengste aller Gebote: »Du sollst nicht tödten!« mit zorniger Kraft auf ihn ein. Paulus schlug die Hände vor das Angesicht und hielt in stummer Verzweiflung sein Opfer auf seinem Schooße. Er hatte die Augen geschlossen, denn er wagte es nicht, in das bleiche Antlitz des Jünglings und ebensowenig nach dem Berge hinzuschauen, aber der eherne Klang der Stimme von der Höhe tönte fort und fort und wurde lauter und lauter; vor seinem innern Ohre jedoch vernahm er, halb von Sinnen vor Erregung, nichts als den furchtbaren Satz: »Du sollst nicht tödten.« und dann den andern: »Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib!« und den dritten: »Du sollst nicht ehebrechen!« und endlich den vierten: »Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!« Wer gegen eines dieser Gebote sündigt, der ist verdammt, und er, er hatte sie alle gebrochen, gebrochen auf dem Dornenpfade zum seligen Leben! Wild und jählings reckte er die Arme hoch auf dem Himmel entgegen und schaute tief athmend zu dem Berge empor. Was war das? Auf der Zinne des Sinai, von der aus der pharanitische Wächter in die Ferne zu schauen pflegte, wehte ein Tuch als Zeichen, daß Feinde sich nahten. Er täuschte sich nicht. Und als er nun gegenüber der nahen Gefahr sich sammelte und die Fähigkeit zurückgewann, zu denken und zu erwägen, da nahm er wahr, daß der Ton, welcher noch immer in gewaltigen Schwingungen von dem Berge her sein Ohr berührte, von der ehernen Scheibe ausgehe, die der Wächter schlug, um die Bürger der Oase und die Anachoreten zu warnen. War Hermas zurückgekehrt? Hatten die Blemmyer ihn überflügelt? Von welcher Seite her nahten die räuberischen Schaaren? Durfte er hier bei seinem Opfer verweilen oder gebot ihm die Pflicht, die starken Arme bei der Verteidigung der wehrlosen Genossen zu brauchen? Fragend und angstvoll schaute er auf die bleichen Züge des Jünglings, und dabei ergriff ihn ein tiefes, schmerzliches Mitleid. Wie schön war diese junge Menschenpflanze, die seine rohe Faust gebrochen! Und diese braunen Locken hatte gestern noch die Hand einer Mutter gestreichelt! Des Anachoreten Augen füllten sich mit Thränen, und zärtlich wie ein Vater neigte er sich über das blasse Gesicht und drückte einen leisen Kuß auf die blutlosen Lippen des Ohnmächtigen. Ein freudiger Schauer durchrieselte ihn, denn gewiß, Polykarp's Mund war nicht kalt, und jetzt, jetzt bewegte sich seine Hand und nun? Wahrlich! Gelobt sei der Herr! Nun schlug er wieder die Augen auf. »Ich bin kein Mörder!« jubelten tausend Stimmen im Herzen des Paulus. Dann dachte er: »Ich trage ihn zu seinen Eltern in die Oase, – und dann hinauf zu den Brüdern!« Da erscholl mit erneuter Kraft der Ton des geschlagenen Erzes, und die Stille der heiligen Einöde ward hier von dem Klange menschlicher Stimmen, dort von einem Trompetenstoße und da von dumpfem Geheul unterbrochen. Es war, als hätte ein Zauber die stummen Felsen beseelt und ihnen Stimmen verliehen, als wälzten sich Geräusche und Töne wie stromaufwärts fließende Bäche zu allen Schluchten und Hohlwegen des Berges hinan. »Zu spät!« murmelte der Anachoret, »wenn ich nur könnte, nur wüßte . . .« »Hallo, hallo, frommer Paulus!« unterbrach eine schmetternde Frauenstimme, die hoch aus der Luft zu kommen schien, jubelnd und triumphirend das Sinnen des unschlüssigen Mannes. »Hermas lebt, Hermas ist wieder da! Sieh' hinauf auf die Höhe. Da flattert die Fahne, denn er warnte die Wächter. Die Blemmyer ziehen heran, und er schickt mich, um Dich zu suchen. In den festen Thurm an der Abendseite des Schnellwegbettes sollst Du kommen. Rasch! Sogleich! Hörst Du wohl? Er läßt es Dir sagen. Aber der Mann in Deinem Schooße, das ist ja – das ist . . .« »Das ist,« rief Paulus zurück, »Deines Herren Sohn Polykarp, der zu Tode krank ist. Eile hinunter in die Oase und sage dem Senator, sage Frau Dorothea . . .« »Ich habe jetzt Anderes zu thun,« unterbrach ihn die Hirtin. »Hermas schickt mich zu Gelasius, Psoës und Dulas, damit ich sie rufe; und käm' ich hinunter in die Oase, so sperrten sie mich ein und ließen mich nicht mehr zurück auf den Berg. Was ist nur dem armen Burschen geschehen? Aber gleichviel! Heut gibt es etwas Anderes für Dich zu thun, als über ein Loch im Kopf des Senatorjungen zu klagen. Hinauf zu dem Thurme, sag' ich, und laß ihn liegen oder trag' ihn hinauf in Dein neues Nest und übergib ihn Deinem Liebchen zur Pflege.« »Teufelin!« rief Paulus und griff nach einem Steine. »Laß ihn liegen,« schrie Mirjam hinunter, »ich verrathe Phöbicius, wo sie steckt, wenn Du nicht thust, was Hermas befohlen. Jetzt ruf' ich die Anderen und bei dem Thurme sehen wir uns wieder. Und daß Du Dich nicht gar zu lange bei Deiner blonden Gefährtin aufhältst, Du frommer Paulus, Du heiliger Paulus!« Laut lachend schwang sie sich, als wenn die Luft sie trage, von Fels zu Felsen. Der Alexandriner schaute ihr zornig nach; aber er fand, daß ihr Rath nicht schlecht sei, nahm den Verwundeten auf die Schulter und trug ihn schnell zu seiner Höhle hinauf. Bevor er diese erreichen konnte, hörte er Schritte, einen lauten, schmerzlichen Aufschrei, und wenige Augenblicke später stand Sirona an seinem Seite und rief in leidenschaftlichem Schmerze: »Ja, er ist es! Und so, und so! Aber er muß ja leben, denn wäre er todt, dann hätte euer Gott der Liebe einen so unerbittlichen, harten, grausamen Sinn; ja dann wäre . . .« Sie konnte nicht weiter sprechen, denn Thränen erstickten ihr die Stimme, und Paulus schritt schnell, ohne auf ihre Klagen zu hören, ihr voran, trat in die Höhle, legte den Bewußtlosen auf ihr Lager nieder und sagte, als Sirona sich auf die Kniee warf und die Lippen auf die schlaffe Hand des Jünglings drückte, ernst, aber freundlich: »Wenn Du Diesen da liebst, so laß jetzt das Klagen! Er ist seit gestern hier am Kopfe schwer verletzt. Ich hab' ihm die Wunde gewaschen. Jetzt verbinde Du sie mit Sorgfalt und kühle sie reichlich mit frischem Wasser. Du weißt die Quelle zu finden. Wenn er sich erholt, so reib' ihm die Füße und gib ihm Brod und einige Tropfen Wein, den Du sammt dem Oele, – denn Du wirst auch Licht gebrauchen – in dem kleinen Keller hier neben findest. »Ich muß zu den Brüdern, und kehre ich bis morgen nicht wieder, so überlaß es der Mutter des armen Jünglings, ihn weiter zu pflegen. Sage ihr auch, ich, Paulus, habe ihm im Zorne diese Wunde geschlagen, und wenn sie könne, möge sie mir verzeihen; sie und Petrus. Auch Du vergib, was ich an Dir gesündigt, und sollte ich in dem Kampfe fallen, der unserer wartet, so betet, daß der Herr nicht gar zu hart mit mir in's Gericht gehe, denn meine Sünden sind groß und schwer.« In diesem Augenblicke drang Trompetenschall bis in die Tiefe des Höhlenraumes. Sirona schrak zusammen und rief: »Das ist die römische Tuba; ich kenne den Ton; Phöbicius zieht hier vorüber!« »Er thut seine Pflicht,« unterbrach sie Paulus. »Und jetzt nur noch Eines. Ich sah in dieser Nacht an Deiner Hand einen Ring, einen Onyx.« »Da liegt er,« entgegnete Sirona und zeigte in die äußerste Tiefe des Höhlenraumes, auf den Staub des Bodens. »Laß ihn dort liegen,« bat Paulus, beugte sich nochmals über den Kranken, um seine Stirn zu küssen, erhob wie zum Segen die Hand gegen die Gallierin und stürzte in's Freie. Neunzehntes Kapitel. Zwei Pfade führten von der Oase aus über den Berg zur See. Beide folgten tiefen, steinigen Schluchten, von denen man die eine das Schnellwegbette nannte, weil der ihr folgende Wanderer in ihr rascher sein Ziel erreichte, als auf der besseren, auch für Lastthiere gangbaren Straße in dem andern Hohlwege. Auf der halben Höhe des Berges mündet das Schnellwegbette in eine ebene Fläche, deren westliche Seite von einer hohen Felsmasse mit steil abfallenden Wänden begrenzt wird. Auf dieser stand ein aus rohen Quadern erbauter Thurm, in den die Anachoreten sich zurückzuziehen pflegten, wenn ihnen ein Ueberfall drohte. Der Platz für dieses Kastell, wie die Büßer den Thurm mit Stolz nannten, war gut gewählt, denn von seiner Spitze aus konnte man nicht nur das Schnellwegbette bis zur Oase hin, sondern auch den den Fuß des westlichen Abhanges der heiligen Höhe von dem Meeresufer trennenden schmalen, mit Muscheln übersäten Wüstenstreifen, die blaugrünen Wogen der See und die ferne Hügelkette der afrikanischen Küste übersehen. Was auch immer, sei es aus der Nähe, sei es aus der Ferne, sich dem Thurme näherte, war von ihm aus zu erblicken, und der dem Wege zugewandte Abhang der Felsenmasse, auf welcher er stand, erhob sich in solcher Glätte und Schroffheit, daß er selbst den Wüstenbewohnern, die mit ihren nackten Füßen und sehnigen Armen Höhen erklommen, welche der Steinbock und Schakal umgingen, unersteigbar erschien. Leichter zugänglich war er von der andern Seite her, und um auch diese zu sichern, war hier eine sehr starke Mauer errichtet worden, welche die Fläche, auf der das Kastell stand, in Gestalt eines Hufeisens umgab, dessen Stollen bei dem Abhang des Schnellwegbettes endeten. So roh und schmucklos war dieses Bauwerk zusammengehäuft, daß es aussah wie ein Gebild der Natur und nicht wie eine Arbeit von Menschenhand. Der Eindruck des Unfertigen und Rohen, den es hervorrief, wurde dadurch gesteigert, daß auf der Hohe dieses mauerartigen Steingehäuses eine Menge von großen und kleinen Granitblöcken und Stücken lag, welche von den Anachoreten zusammengetragen worden waren, um sie bei einem Ueberfall auf die eindringenden Räuber nieder zu wälzen und zu schleudern. Auch eine Cisterne, für deren Füllung mit Wasser stets Sorge getragen wurde, hatte man in den Felsenboden der von der Mauer umgebenen Fläche vertieft. Solche Vorsichtsmaßregeln waren nothwendig, denn von zwei Seiten her drohte den Anachoreten Gefahr. Erstlich von ismaelitischen Sarazenenschaaren, die, von Osten her auf schnellen Raubzügen angreifend, plündernd und fliehend den Berg und die Oase überfielen, und zweitens von den Blemmyern, den wilden Bewohnern der das ägyptische und nubische Fruchtland begrenzenden Wüstenlandschaft und besonders der das rothe Meer vom Nilthale trennenden nackten Gebirge. Auf leichten Nachen pflegten sie über die See zu fahren, um sich dann wie ein Heuschreckenschwarm über den Berg zu ergießen. Die kleinen Vorräthe und Nothpfennige, welche die schutzlosen Einsiedler in ihren Höhlen aufbewahrten, hatten die Blemmyer wieder und immer wieder herbeigelockt, trotz der römischen Besatzung in Pharan, welche gewöhnlich erst auf dem Schauplatz ihrer Räubereien erschien, nachdem sie längst mit ihrer kargen Beute entkommen waren. Vor wenigen Monaten hatte derjenige Ueberfall stattgefunden, bei dem der alte Stephanus durch einen Pfeilschuß verwundet worden war, und es lag aller Grund vor zu hoffen, daß die wilden Räuber nicht gar zu bald wiederkehren würden, denn Phöbicius, der Befehlshaber der römischen Manipel in der Oase, war im Dienste thatkräftig und schneidig, und wenn es ihm auch nicht gelingen konnte, die Anachoreten gänzlich vor Schaden zu bewahren, so hatte er die bei seiner Annäherung fliehenden Blemmyer doch verfolgt und ihnen den Weg zu den Booten abgeschnitten, welche ihrer harrten. Unweit der Küste, auf dem die See von dem Berge trennenden Wüstenstreifen, war es zu einem Kampfe zwischen den Wilden und den Römern gekommen, der mit der völligen Vernichtung der Ersteren geendet hatte, und man durfte erwarten, daß solche Erfahrungen den Wüstensöhnen zur Warnung dienen würden. Aber wenn sie bisher der leicht zu dämpfende Trieb der Habsucht über das Meer geführt hatte, so zwang sie jetzt die heiligste aller Pflichten, das Gesetz, für so viel vergossenes Blut ihrer Brüder und Väter Rache zu nehmen, einen neuen Ueberfall mit dem Aufgebot all' ihrer Kräfte zu wagen. Dabei waren sie bestrebt, die größte Vorsicht zu üben, und sammelten ihre junge Mannschaft in versteckten Thälern hinter der langen Reihe der Uferberge. In der ersten finstern Nacht sollte die Ueberschreitung des schmalen Meeresarmes, der sie von der peträischen Halbinsel trennte, stattfinden, und als nun beim Untergang der Sonne des letzten Tages schwere Gewitterwolken aufzogen und sich mit Ungestüm entluden und das Licht des abnehmenden Mondes verfinsterten, zogen sie ihre Boote und Flöße in die See und würden auch unbemerkt von den Wächtern auf der Spitze des Berges, die sich vor dem Unwetter unter ihr Schutzdach zurückgezogen hatten, das jenseitige Ufer, den Berg und vielleicht die Oase erreicht haben, wenn nicht Einer die Anachoreten gewarnt hätte, und dieser Eine war Hermas. Gehorsam dem Geheiße des Paulus hatte der Jüngling drei von den Goldstücken seines Freundes zu sich gesteckt, sich mit Pfeil und Bogen und einigem Brod versehen und sich dann, nachdem er vor der Höhle seines Vaters dem Schlummernden einen leisen Gruß zugerufen, nach Raïthu begeben. Froh im Gefühle seiner Kraft und Mannheit, stolz auf die schwierige, des künftigen Kriegers würdige Aufgabe, die ihm gestellt worden war, und freudig gewillt, sie, wenn auch mit dem Opfer des Lebens, zu lösen, eilte er im hellen Mondenschein vorwärts. Wo sich der Weg, um den wahrlich nicht weichlichen Wüstenwanderern das Steigen zu ermöglichen, in Zickzacklinien wand, verließ er ihn und kletterte von Fels zu Felsen in gerader Richtung aufwärts und abwärts. Auf ebenen Stellen jagte er dahin, als seien ihm Häscher auf den Fersen. Nach Sonnenaufgang stärkte er sich durch einen kleinen Imbiß, dann eilte er weiter und achtete nicht der Hitze des Mittags und des leichten Sandes, in den, während er der Küste des Meeres folgte, sein Fuß versank. Er dachte bei diesem leidenschaftlichen Vorwärtsstreben weder an Sirona, noch an sein vergangenes Leben, sondern nur an die Berge jenseits des Meeres und die Blemmyer, und wie er sie am besten beschleichen und, wenn er ihre Pläne erkundet, wiederum an die See und zu den Seinen zu gelangen vermöge. Endlich als er müder und müder, und die Hitze des Mittags drückender wurde, und das Blut sich voller zu seinem Herzen zu drängen und schneller in seinen Schläfen zu pochen begann, hörte er gänzlich zu denken auf, und das, was ihn forttrieb, war nichts mehr als der Wunsch, sein erstes Ziel so schnell wie möglich zu erreichen. In der dritten Nachmittagsstunde sah er von fern die Palmen von Raïthu, und mit neubelebter Kraft eilte er ihnen entgegen. Bevor die Sonne unterging, hatte er den ihm von Paulus bezeichneten Anachoreten mitgetheilt, daß der Alexandriner ihre Einladung ablehne und gesonnen sei, auf dem heiligen Berge zu bleiben. Dann begab sich Hermas in den kleinen Hafen, um mit den Fischern des Orts wegen des Bootes, das er bedurfte, zu unterhandeln. Während er sich mit einem alten amalekitischen Bootsmanne besprach, der mit seinem schwarzäugigen Knaben die Netze ordnete, näherten sich zwei Reiter in raschem Trabe mehr und mehr der Bucht, in der, von kleinen Barken umgeben, ein größeres Frachtschiff vor Anker lag. Der Fischer zeigte auf das letztere und sagte: »Es wartet auf die Karawane von Petra. Der da auf dem Maulthier ist der große Kriegsherr des Kaisers, der die Römer in Pharan befehligt.« Hermas sah Phöbicius hier zum ersten Mal, und als dieser nun auf ihn und den Fischer zuritt, erschrak er. Würde er seiner ersten Regung gefolgt sein, so hätte er sich gewandt und die Flucht ergriffen; aber schon war sein helles Auge dem matten und dabei spürenden Blicke des Centurio begegnet, und erröthend über sich selbst blieb er stehen, kreuzte die Arme und erwartete stolz und trotzig den Gallier, der mit seinem Begleiter gerade auf ihn zuritt. Talib hatte den Jüngling früher an seines Vaters Seite gesehen, ihn erkannt und fragte ihn nun, ob er schon länger hier sei, oder geraden Wegs von dem Berge komme. Hermas antwortete der Wahrheit gemäß und wußte nun, daß er es nicht sei, den der Centurio suche. Völlig beruhigt und nicht ohne Neugier schaute er denselben an, und ein Lächeln umspielte seinen Mund, als er sah, wie sich der hagere, von dem langen und schnellen Ritt ermattete alternde Soldat kaum mehr auf seinem Reitthiere zu halten vermochte und es ihm dabei in's Bewußtsein trat, daß dieser jämmerliche Schwächling der Gatte der blühenden, lebensfrischen Sirona sei. Weit entfernt, diesem Manne gegenüber Reue über den Einbruch in sein Haus zu empfinden, überließ er sich willig der übermüthigen Laune, die ihn bei seinem Anblick erfaßte, und gab, als Phöbicius selbst ihn nun fragte, ob er auf seinem Wege nicht einem blondhaarigen Weibe mit einem hinkenden Windspiel begegnet sei, mit mühsam zurückgehaltenem Lachen zur Antwort: »Ja wohl! Solches Weib hab' ich gesehen und auch ihr Windspiel, aber lahm ist es, denk' ich, doch nicht gewesen.« »Wo trafst Du sie?« fragte Phöbicius hastig. Hermas erröthete, denn nun war er gezwungen, die Unwahrheit zu sagen, und es konnte ja sein, daß er mit einer falschen Auskunft Sirona schaden würde. Darum ertheilte er zunächst keine bestimmte Antwort, sondern fragte: »Hat die Frau ein Verbrechen begangen, daß Ihr sie verfolgte« »Ein schweres,« gab Talib zurück, »sie ist dieses Herrn Gattin und hat . . .« »Was sie verschuldet hat, das geht mich allein an,« unterbrach Phöbicius herbe seinen Begleiter. »Ich hoffe, daß der dort besser gesehen hat als Du, da Du die heulende Wittwe aus Aila mit dem Kind auf dem Arm, die der Karawane nachlief, für Sirona hieltest. Wie heißt Du, Bursche?« »Hermas,« gab der Gefragte zurück, »und wer bist denn Du?« Die Lippen des Galliers öffneten sich zu einer heftigen Antwort, aber er drängte sie zurück und sagte: »Ich bin der Befehlshaber der kaiserlichen Truppen und frage Dich, wie das Weib aussah, das Du gesehen, und wo Du sie antrafst?« Der ingrimmige Blick des Soldaten und seines Führers Worte lehrten Hermas, daß die entflohene Sirona nichts Gutes zu erwarten habe, wenn man sie ergreife, und da er keineswegs geneigt war, ihren Verfolgern behülflich zu sein, so entgegnete er schnell, indem er seinem Muthwillen die Zügel schießen ließ: »Ich bin doch wohl nicht der , die Ihr suchet, begegnet, denn die, die ich sah, ist gewiß nicht die Gattin dieses Mannes, denn sie könnte ja gut seine Enkelin sein! Sie hatte goldiges Haar und ein rosiges Antlitz, und das Windspiel, das ihr folgte, nannte sie Jambe.« »Wo trafst Du sie?« schrie der Centurio. »Im Fischerflecken, am Fuße des Berges,« gab Hermas zurück. »Sie stieg in einen Nachen, und fort ging die Fahrt!« »Nach Norden zu?« fragte der Gallier. »Ich glaube,« entgegnete Hermas, »aber ich weiß nicht, denn ich war in Eile und konnt' ihr nicht nachsehen.« »So suchen wir sie in Klysma zu fangen,« rief Phöbicius dem Amalekiter zu. »Gäb' es nur noch ein Pferd in dieser verwünschten Wüste.« »Vier Tagereisen,« entgegnete Talib bedenklich, »und hinter Elim finden wir bis zu dem Mosesbrunnen kein Wasser. Ich will meinen eigenen Gaul mit einem Dromedar vertauschen.« »Und wenn ihr auch gute Traber fändet,« unterbrach ihn Hermas, »so solltest Du, mein Centurio, Dich doch nicht so weit von der Oase entfernen, denn drüben heißt es, sammeln sich Blemmyer, und ich fahre selbst, sobald es dunkelt, als Späher hinüber.« Phöbicius schaute düster sinnend zu Boden. Auch zu ihm war die Kunde gedrungen, daß sich die Wüstensöhne zu einem neuen Ueberfall rüsteten, und mürrisch, aber bestimmt rief er, indem er Hermas den Rücken kehrte, dem Amalekiter zu: »Du reitest allein nach Klysma und suchst sie zu fangen; ich mag und darf um des elenden Weibes willen den Dienst nicht versäumen.« Hermas schaute den sich Entfernenden nach und lachte fröhlich auf, als er sie in einem Herbergshause verschwinden sah. Vor seiner Fahrt über das Meer legte er sich in einem Fischerboote, das er von dem Alten für ein Goldstück des Alexandriners gemiethet, auf die Netze nieder und stärkte sich durch einen mehrstündigen tiefen Schlaf. Beim Aufgang des Mondes wurde er gemäß seiner Anordnung geweckt und half dem Knaben, der ihn begleitete und Segel und Steuer zu führen verstand, den auf dem Sande liegenden Nachen in das Meer zu ziehen. Bald schoß er von einem leisen Winde getrieben auf der glattschimmernden See dahin, und dabei war ihm so frisch und lebensfreudig zu Sinne, wie dem jungen Adler, der das enge Nest verläßt und zum ersten Male die kräftigen Schwingen entfaltet. Er hätte aufjauchzen mögen in dem ihm so neuen Wonnegefühle der Freiheit, und der Knabe am Steuer schüttelte verwundert den Kopf, als er Hermas ungeschickt zwar, aber mit gewaltigen Schlägen die Ruder regieren sah, die er ihm anvertraut hatte. »Der Wind ist gut,« rief er dem Anachoreten zu, indem er mit dem Seil in der Hand das Segel herumwarf, »wir kommen auch ohne Deine Arbeit vorwärts. Spar' Deine Kräfte!« »Sie sind reichlich da, und ich brauch' nicht damit zu geizen,« gab Hermas zurück und bog sich zu einem neuen gewaltigen Ruderschlage tief zurück. Auf halbem Wege ruhte er aus und freute sich an dem Bilde des Mondes in dem blanken Wasserspiegel, und mußte an den Hof des Petrus denken, den dasselbe silberne Licht beleuchtet hatte, als er zu Sirona in's Fenster gestiegen war. Des schönen, weißarmigen Weibes Bild trat ihm vor die Seele, und ein wehmütig sehnsüchtiges Gefühl begann ihn zu beschleichen. Leise seufzte er auf, einmal und noch einmal; aber wie die Brust sich ihm zum dritten Male schmerzlich hob, erinnerte er sich des Zieles der Fahrt und seiner gebrochenen Ketten, und voller Uebermut schlug er mit dem Ruder flach auf das Wasser, daß es hoch aufspritzte und ein Regen von feuchten, flimmernden Demantsteinen das Fahrzeug und ihn selbst benetzte. Von Neuem begann er die Riemen zu regen und dachte dabei, daß er jetzt etwas Besseres zu thun habe als an ein Weib zu denken. Es gelang ihm auch leicht, Sirona ganz zu vergessen, denn keine Erregung des Kriegerlebens blieb ihm in den nächsten Tagen vorenthalten. Kaum zwei Stunden nach seiner Abfahrt von Raïthu betrat er den Boden des andern Erdtheils und schlich sich, nachdem er ein Versteck für das Boot gefunden, sogleich in die Berge, um die Blemmyer zu belauern. Schon am ersten Tage stieß er auf das Thal, in dem sie sich sammelten, am dritten gelang es ihm, nachdem er mehrmals gesehen und verfolgt worden war, einen auf Kundschaft ausgesandten Krieger zu ergreifen und mit sich fortzuschleppen. Er band ihn fest und bedrohte ihn schwer, und erfuhr von ihm Vieles. Die Zahl der Feinde, welche sich zum Ueberfall sammelten, war groß, aber Hermas durfte ihnen zuvorzukommen hoffen, denn sein Gefangener verrieth ihm die Stelle, an der sie die an's Land gezogenen Boote unter Sand und Steinen verborgen hielten. Sobald es dunkelte, näherte sich der Jüngling auf dem Nachen dem Ueberfahrtsplatze, und als in der finsteren Gewitternacht die Blemmyer das erste Boot in's Wasser zogen, segelte Hermas den Feinden voran, landete unter großer Gefahr am westlichen Abhang des Berges und eilte den Sinai hinan, um die pharanitischen Wächter auf dem Luginsland zu warnen. Vor Sonnenaufgang erreichte er die schwer zu erklimmende Spitze, weckte die säumigen, von ihrem Posten gewichenen Späher und jagte, bevor sie die Warte ersteigen, die Fahnen aufhissen und das Erz schlagen konnten, thalabwärts zu der Höhle des Vaters. Seit seinem Verschwinden hatte Mirjam unablässig die Wohnung des Stephanus umkreist und dem Alten jeden Morgen, Mittag und Abend Wasser geholt; auch nachdem ein neuer, schwerfälliger und mürrischer Pfleger an Paulus' Stelle getreten war. Sie lebte von Wurzeln und dem Brod, das ihr der Kranke gab, und zog sich, wenn es Nacht geworden, in eine ihr längst bekannte tiefe und trockene Felsenspalte zurück, um zu schlafen. Vor Sonnenaufgang verließ sie das harte Lager, um den Krug des Leidenden zu füllen und mit Stephanus von Hermas zu reden. Sie war dem Alten gern dienstlich, weil sie von seinen Lippen, so oft sie zu ihm kam, seines Sohnes Namen nennen hörte, und er freute sich ihres Kommens, weil sie ihm stets Gelegenheit gab, von Hermas zu reden. Seit vielen Wochen war der Kranke so sehr gewohnt, sich pflegen zu lassen, daß er das hülfreiche Thun der Hirtin als etwas Selbstverständliches hinnahm; sie aber versuchte es niemals, sich Rechenschaft zu geben, aus welchem Grunde sie den Alten bediene. Stephanus hätte ihr Ausbleiben schmerzlich entbehrt, und ihr war der Gang zu der Quelle und ihr Gespräch mit dem Alten zum Bedürfniß, ja zur Nothwendigkeit geworden, denn sie wußte noch immer nicht, ob Hermas lebe, oder ob ihn Phöbicius in Folge ihres Verraths erschlagen habe. Vielleicht war Alles, was Stephanus ihr von der Kundschafterfahrt seines Sohnes erzählte, von Paulus erfunden worden, um den Kranken zu schonen und ihn allmählich an den Verlust seines Kindes zu gewöhnen; und doch glaubte sie nur zu gern, daß Hermas lebe, und wenn sie sich spät aus der Nähe der Höhle entfernte und, bevor die Sonne sich zeigte, den Krug des Kranken wiederum füllte, so geschah es, weil sie sich sagte, daß der Verschwundene bei seiner Rückkehr Niemand eher als seinen Vater aufsuchen werde. Kein völlig ruhiger Augenblick ward ihr zu Theil, denn wenn ein fallender Stein, ein nahender Schritt oder die Stimme eines Thieres die Stille der Einöde unterbrach, so verbarg sie sich und lauschte mit klopfenden. Herzen; weit weniger aus Furcht vor Petrus, ihrem Herrn, dem sie entlaufen, als in der Erwartung, den Schritt des Mannes zu hören, den sie seinem Feinde in die Hand gegeben und nach dem sie sich dennoch Tag und Nacht mit Schmerzen sehnte. So oft sie bei der Quelle weilte, feuchtete sie das widerspenstige Haar an, um es zu glätten, und wusch das Gesicht mit solchem Eifer, als könn' es ihr dadurch gelingen, die dunkle Farbe von ihrer Haut zu reiben. Und das Alles that sie für ihn, und um ihm bei seiner Wiederkehr so wohl zu gefallen, wie das weiße Weib in der Oase, das sie so glühend haßte, wie sie ihn mit Leidenschaft liebte. Während des Gewitterregens in der letzten Nacht hatte sich ein Gießbach von der Höhe des Berges in ihren Schlupfwinkel ergossen und sie aus ihm vertrieben. Durchnäßt, obdachlos, von Reue, Angst und Verlangen umher getrieben, war sie von Stein zu Stein gestiegen und hatte bald unter diesem, bald unter jenem Felsen Schutz und Ruhe gesucht. Dabei war sie auch von dem Lichtschimmer, der aus des frommen Paulus neuer Wohnung drang, angelockt worden und hatte den Alexandriner gesehen und erkannt; sie aber war unbemerkt von ihm geblieben, denn tief in sich selbst versunken hatte er neben dem Herde am Boden gekauert. Sie wußte nun, wo der Ausgestoßene hause, nach dem Stephanus sie oft gefragt, und von dem sie durch Klagen und dunkle Andeutungen des Kranken erfahren hatte, daß auch er durch ihre Feindin bestrickt und in's Verderben geführt worden sei. Als der Morgenstern zu erblassen begann, hatte sich Mirjam mit dem Herzen voll Thränen und doch nicht fähig, ihre Noth und ihr Leid in lindernden Zähren auszuweinen, der Höhle des Stephanus genähert, und der heiße Wunsch, hier niederzusinken und zu sterben und durch den Tod von den Qualen, welche sie ruhelos umhertrieben, erlöst zu werden, war allmächtig in ihr geworden. Noch war es zu früh, um den Alten zu stören. Und doch! Es hatte sie so heiß verlangt, ein Wort, und wenn auch ein hartes, aus dem Munde eines Menschen zu hören, denn das Gefühl der Verwilderung, welches ihren Geist verwirrte, und der Jammer der Vereinsamung, welcher ihr Herz beengte, peinigten sie allzu schmerzlich. Schon war sie dem Eingange der Höhle nahe gekommen, als sie hoch über sich fallende Steine und den Ruf einer Stimme vernommen hatte. Sie war zusammengefahren und hatte mit weit vorgestrecktem Halse und angespannten Sehnen regungslos in die Höhe geschaut. Dann war sie plötzlich in ein lautes, weithin schallendes Jubelgeschrei ausgebrochen und hatte sich mit hoch aufgeschwungenen Armen den Berg hinauf und dem schnell niederwärts steigenden Wanderer entgegen gestürzt. »Hermas, Hermas!« hatte sie ihm zugejauchzt, und ihres Herzens sonnenhelle Wonne hatte sich so licht und rein in diesem Rufe gespiegelt, daß mitklingende Saiten in des Jünglings Seele ertönt waren, und er ihr ein fröhliches Willkommen zugerufen hatte. So war sie noch nie von ihm begrüßt worden, und wie ein frischer Trunk, den eine milde Hand den Lippen eines Verschmachtenden nähert, hatte der Ton seiner Stimme ihr armes, gemartertes Herz erquickt. Reiches Entzücken und eine Fülle von Dankbarkeit, wie sie sie niemals empfunden, war in ihre Seele gezogen, und weil er so gut gegen sie war, so hatte es sie gedrängt, ihm zu zeigen, daß sie auch etwas einzusetzen habe gegen die Gabe der Freundlichkeit, die er ihr reichte. Darum war das Erste gewesen, das sie ihm berichtet: »Ich bin immer in der Nähe Deines Vaters geblieben und habe ihm Wasser gebracht früh und spät, so viel er bedurfte.« Sie war erröthet, während sie sich so zum ersten Male selbst vor ihm lobte; Hermas aber hatte gerufen: »Das war brav von Dir, und ich will Dir's gedenken. Du bist ein wildes, närrisches Ding; aber ich glaube, wem Du einmal gut bist, der kann auf Dich zählen.« »Versuch' es!« hatte Mirjam gerufen und ihm die Hand hingehalten. Da war er ihr näher getreten, hatte eingeschlagen und, indem er sie mit sich fortgezogen, gesagt: »Hörst Du das Erz? Ich habe die Wächter oben gewarnt; die Blemmyer kommen. Ist Paulus beim Vater?« »Nein; aber ich weiß, wo er haust.« »So mußt Du ihn rufen,« hatte der Jüngling sie unterbrochen. »Ihn zuerst und dann Gelasius und Psoës und Dulas, und wen Du sonst von den Büßern findest. Sie sollen Alle in das Kastell am Schnellwegbette. Ich bringe jetzt den Vater dahin; Du aber eile und zeige, daß man Dir vertrauen darf.« Bei den letzten Worten war er auf sie zugetreten, um sie zu umfassen, sie aber hatte sich ihm schnell entwunden und war mit dem Rufe: »Ich bringe Allen die Botschaft!« von dannen gejagt. Nachdem sie Sirona gesehen und Paulus gefunden hatte, war sie von Höhle zu Höhle gelaufen, um in Hermas' Dienst und in seinem Namen die Klausner zum Widerstand aufzurufen. Zwanzigstes Kapitel. Hinter der rohen Mauer am Rande des Schnellwegbettes waren sie Alle vereint, die seltsamen Männer, welche dem Leben mit seiner Lust und seinem Schmerz, seinen Pflichten und Freuden, welche der Gesellschaft und der Familie, zu der sie gehörten, den Rücken gekehrt und sich in die Wüste geflüchtet hatten, um dort, nachdem sie jedem andern Streben freiwillig entsagt, nach einem über das Leben hinausgesteckten Ziele zu ringen. In der stummen Einöde, fern von den lockenden Stimmen der Welt, mochte es wohl am leichtesten gelingen, die sinnlichen Triebe zu tödten, die Fesseln des Leibes abzustreifen und so das menschliche Wesen, welches durch die Sünde und das Fleisch an den Staub gebunden war, dem reinen und körperlosen der Gottheit nahe zu bringen. All' diese Männer waren Christen, und wie der Heiland durch den Schmerz, den er freiwillig auf sich genommen, zum Erlöser geworden, so suchten sie durch die reinigende Kraft der Leiden sich von den Schlacken der unreinen Menschennatur zu befreien und durch schwere Buße das Ihre zu steuern für die Tilgung der eigenen Schuld und die ihres ganzen Geschlechts. Keine Furcht vor Verfolgung hatte sie in die Einöde geführt, sondern die Hoffnung auf den schwersten der Siege. Alle bei der Warte versammelten Anachoreten waren Aegypter und Syrer, und namentlich unter den Ersteren befanden sich viele, die, schon im Dienste der alten Götter ihrer Heimat auf Entsagung und Buße gerichtet, als Christen diejenige Stätte zum Schauplatz ihrer frommen Uebungen wählten, an der sich der Herr seinen Auserwählten gezeigt haben sollte. Später bevölkerte sich nicht nur der Sinai selbst, sondern auch die ganze Strecke des peträischen Arabien, von der es hieß, daß sie die Juden bei ihrem Auszuge unter Mose's Führung durchwandert hätten, mit ähnlich gestimmten Asketen, die ihre Niederlassungen mit den Namen der Raststationen des auserwählten Volkes belegten, welche in der Bibel Erwähnung gefunden; aber noch bestand kein Zusammenhang unter den einzelnen Büßern, noch ordnete keine Regel ihr Leben, noch zählten sie, deren Zahl bald zu Hunderten und Tausenden anwachsen sollte, nach Zehnern. Die drohende Gefahr hatte all' diese auf den Tod gerichteten Verächter der Welt und des Lebens in stürmischer Eile bei der Warte zusammengeführt. Nur der alte Kosmas, der sich mit seinem Weibe, das hier gestorben war, auf den Sinai zurückgezogen, war in seiner Höhle geblieben und hatte seinem ihn zur Flucht drängenden Höhlengenossen Gelasius erklärt, er sei mit jeder Zeit und jeder Stätte, wo der Herr ihn abrufen wolle, zufrieden, und es liege in Gottes Hand, ob ihm das Alter oder ein Pfeilschuß die Pforte des Himmels eröffne. Ganz anders die übrigen Anachoreten, welche sich durch die schmale Thür des Wartthurms in seinen Innenraum stürzten, bis dieser auf's Aeußerste überfüllt war und Paulus, der die volle Ruhe im Angesichte der Gefahr zurückgewonnen hatte, einem neuen Ankömmling den Eintritt untersagen mußte, um die dichtgedrängte, zitternde Schaar vor Schaden zu bewahren. Keine Seuche überträgt sich so schnell von Thier zu Thier, keine Fäulnis so rasch von Frucht zu Frucht, wie die Furcht von einem Menschenherzen auf das andere. Diejenigen, welche die Angst mit den schärfsten Geißelhieben verfolgte, waren am schnellsten gelaufen und zuerst bei dem Kastell angelangt. Jammernd und wehklagend hatten sie die ihnen folgenden Ankömmlinge empfangen, und es bot einen kläglichen Anblick, wie die geängstigte Schaar, mitten unter hochtönenden Betheuerungen ihrer Ergebung unter Gottes Führung und frommen Gebeten, die Hände rang, und wie dabei jeder Einzelne ängstlich besorgt war, seine kleine gerettete Habe zunächst vor der Mißbilligung der Genossen und dann vor der Habsucht des nahenden Feindes zu verbergen. Mit Paulus zugleich erschienen Sergius und Jeremias, denen er schon unterwegs Muth zugesprochen hatte. Alle Drei bemühten sich, das Vertrauen der Geängstigten zu beleben, und als der Alexandriner ihnen in's Gedächtniß rief, wie eifrig Jeder von ihnen vor wenigen Wochen geholfen, die Blöcke und Steine auf die Mauer und an den Abhang zu wälzen, um sie auf den andringenden Feind nieder zu stoßen und zu schleudern, da wurde in Manchem die Empfindung lebendig, daß er sich ja schon um die Verteidigung verdient gemacht habe, und daß es ihm zukomme, sie weiter zu führen. Die Zahl der aus dem Thurm hervortretenden Männer mehrte sich, und als Hermas, dem Mirjam folgte, mit seinem Vater auf dem Rücken erschien, und Paulus die ihn umgebenden Genossen aufforderte, sich an diesem freundlichen Bilde kindlicher Liebe zu erheben, da lockte die Neugier auch die letzten im Thurme Zurückgebliebenen in's Freie. Der Alexandriner sprang über die Mauer, ging Stephanus entgegen, ließ ihn von den Schultern des keuchenden Jünglings auf die seinen steigen und näherte sich mit ihm der Warte. Aber der alte Krieger weigerte sich, den schützenden Raum zu betreten und bat seinen Freund, ihn neben der Mauer niederzulassen. Paulus erfüllte seinen Wunsch und stieg dann mit Hermas auf die Spitze des Thurmes, um von dort aus in die Weite zu spähen. Sobald er sich entfernt hatte, sagte Stephanus, indem er sich an die ihn umgebenden Anachoreten wandte: »Diese Steine stehen locker und meine Kraft ist zwar klein, aber doch groß genug, um sie durch einen Stoß nieder zu schleudern. Kommt es zum Kampfe, so sehen meine alten Soldatenaugen, so blöde sie auch geworden sind, mit Hülfe der euren doch Manches, das ihr Jüngeren benützen könnt. Vor allen Dingen muß, wenn den Räubern das Spiel erschwert werden soll, hier Einer gebieten, dem ihr Anderen gehorcht.« »Du, mein Vater,« unterbrach ihn der Syrer Salatiël, »hast im Heere des Kaisers gedient und beim letzten Ueberfall Deinen Muth und Deine Kriegskunst bewährt. Befehlige Du uns!« Stephanus schüttelte traurig den Kopf und entgegnete: »Meine Stimme ist schwach und leise geworden durch die Wunde hier in der Brust und die lange Krankheit. Selbst die mir Nahestehenden würden mich nicht im Lärm des Kampfes verstehen. Laßt Paulus euch führen, denn er ist stark, umsichtig und muthig.« Viele unter den Anachoreten sahen schon längst auf den Alexandriner als ihre beste Stütze, denn jahrelang hatte er die Achtung Aller genossen und in tausend Fällen Proben von Stärke und Unerschrockenheit gegeben, aber bei diesem Vorschlage schauten sie einander überrascht, zaudernd und mißbilligend an. Stephanus bemerkte, was in ihnen vorging, und sagte: »Er hat schwer gefehlt, und vor Gott ist er unter euch gewiß der Letzte unter den Letzten, aber an thierischer Kraft und an wildem Muthe ist er euch überlegen. Wer unter euch würde an seine Stelle treten wollen, wenn ihr seine Führung verwerft?« »Orion, der Saït,« rief einer unter den Anachoreten, »ist groß und stark; wenn er wollte . . .« Aber Orion weigerte sich heftig, das gefahrvolle Amt auf sich zu nehmen, und als auch Andreas und Joseph die ihnen angetragene Führerschaft nicht minder leidenschaftlich zurückgewiesen hatten, sagte Stephanus: »Ihr seht, es bleibt uns nichts übrig, als den Alexandriner zu bitten, so lange die Räuber uns bedrohen – und natürlich nicht länger – hier zu befehlen. Da kommt er. Darf ich ihn fragen?« Ein zustimmendes, wenn auch keineswegs freudiges Gemurmel antwortete dem Alten, und Paulus nahm, ganz hingerissen von dem Wunsche, hier sein Blut und Leben für die Verteidigung der Schwachen einzusetzen, und glühend vor Kampflust, die Aufforderung des Stephanus wie etwas Selbstverständliches hin und begann unter den rathlosen Schaffellträgern wie ein Feldherr zu walten. Diese sandte er als Wächter auf die Spitze des Thurmes, Jene beauftragte er mit dem Herzutragen von Steinen, Andere betraute er mit der Aufgabe, im Augenblick der Gefahr die Blöcke und Felsstücke in die Tiefe zu schleudern; die Schwächeren bat er, sich zusammenzuschaaren und für die Anderen zu beten und Loblieder zu singen, und mit Allen verabredete er Winke und Zeichen. Bald war er hier, bald dort, und seine Lebhaftigkeit und gute Zuversicht übertrug sich auch auf die Muthlosen. Mitten unter diesen Anordnungen nahm Hermas von ihm und seinem Vater Abschied, denn er hörte die römische Kriegstrompete und die Trommel der jungen Mannschaft von Pharan, welche durch das Schnellwegbett herauf und den Feinden entgegen zog. Er wußte, wo die Hauptmacht der Blemmyer stand, und theilte dieß dem Centurio Phöbicius und dem Befehlshaber der Pharaniten mit. Der Gallier stellte kurze Fragen an Hermas, den er sogleich wieder erkannte, denn seit er ihn am Hafen von Raïthu getroffen, konnte er seine Augen, die ihn an die Glycera's erinnerten, nicht vergessen, und nachdem er rasche und bestimmte Antworten empfangen hatte, ertheilte er schnell und umsichtig seine Befehle. Ein Drittel der Pharaniten sollte seinen Weg, den Feinden entgegen trommelnd und blasend, weiter fortsetzen und sich bei ihrer Annäherung in die Ebene bis unter den Wachtthurm zurückziehen. Ließen sich die Blemmyer dahin locken, so sollte ihnen das zweite Drittel der Krieger des Oasenortes, welches sich leicht in ein Querthal zurückziehen konnte, in die linke Flanke fallen. Phöbicius selbst wollte sich mit seiner Manipel hinter den den Thurm tragenden Felsen verbergen und, plötzlich hervorbrechend, die Schlacht entscheiden. Das letzte Drittel der Pharaniten erhielt die Ausgabe, unter Führung des Hermas, der den Platz, an dem sie gelandet waren, kannte, die Fahrzeuge der Blemmyer zu zerstören. Im schlimmsten Falle konnte sich der Centurio mit den Seinen in das Kastell zurückziehen und sich dort vertheidigen, bis die Krieger der benachbarten Hafenorte, zu denen Boten unterwegs waren, zum Entsatze erschienen. Des Galliers Anordnungen wurden unverzüglich befolgt, und Hermas schritt an der Spitze der ihm anvertrauten Schaar so selbstbewußt und stolz dahin wie ein seine Legion in's Feld führender Veteran des Kaisers. Er trug Pfeil und Bogen auf dem Rücken und ein Schlachtbeil, das er in Raïthu gekauft hatte, in der Hand. Mirjam versuchte es, den von ihm angeführten Kriegern zu folgen; er aber bemerkte sie und rief ihr zu: »Auf die Warte, Kind, zu meinem Vater!« Und die Hirtin gehorchte, ohne sich zu besinnen. Die Anachoreten in dem Kastell waren allesammt an den Rand des Abhanges geeilt, schauten der Vertheilung der Streitmacht zu und winkten und riefen hinunter. Sie hatten gehofft, daß ein Theil der Krieger sich zu ihrem Schutze mit ihnen vereinen werde, aber, wie sie bald erfahren sollten, vergebens. Stephanus, dessen schwache Augen nicht bis in die Ebene zu Füßen des Abhanges reichten, ließ sich von Paulus über Alles, was dort geschah, Bericht erstatten und durchschaute mit soldatischem Scharfblick den Plan des Centurio. Jetzt zog die von Hermas geführte Schaar an der Warte vorüber, und der Jüngling grüßte mit Geberden und Worten zu dem Vater hinauf. Stephanus, dessen Ohr schärfer geblieben war als das Auge, erkannte die Stimme des Sohnes und nahm von ihm, so laut er vermochte, mit zärtlichen Worten der Liebe Abschied. Paulus faßte den Herzenserguß des Greises in einen einzigen Satz zusammen und rief seinen Segenswunsch durch die zum Sprachrohr vereinten Hände dem in den Kampf ziehenden Sohne des Freundes zu. Hermas verstand ihn; aber so sehr ihn auch dieser Gruß rührte, erwiderte er ihn doch nur mit stummen Winken. Ein Vater findet eher hundert Worte des Segens, als ein Sohn auch nur eines des Dankes. Da der Jüngling hinter den Felsen verschwand, sagte Paulus: »Wie ein alter Krieger schritt er dahin, und die Anderen sind ihm gefolgt wie die Heerde dem Widder. Aber nun! Hörst Du? Gewiß! Jetzt ist die erste Schaar der Pharaniten mit dem Feinde zusammengestoßen. Das Geschrei kommt näher und näher.« »Dann wird Alles gut gehen,« entgegnete Stephanus lebhaft. »Beißen sie nur an und lassen sich hieher auf die Ebene locken, so sind sie, denk' ich, verloren. Wir können von hier aus den ganzen Verlauf der Schlacht übersehen, und werden die Unseren zurückgedrängt, so kann es leicht kommen, daß sie sich in das Kastell werfen. Jetzt darf kein Kiesel vergeblich geschleudert werden, denn wenn unsere Warte zum Mittelpunkt des Kampfes wird, werden die Vertheidiger Wurfsteine gebrauchen.« Diese Worte waren von einigen Anachoreten gehört worden, und als nun das Kriegsgeschrei und der Lärm der Schlacht näher und näher kam, und Einer dem Andern wiederholte, daß ihre Zufluchtsstätte zum Mittelpunkte des Kampfes werden würde, da verließen die geängstigten Büßer die Posten, welche ihnen von Paulus angewiesen worden waren, liefen trotz der strengen Mahnung des Alexandriners hierhin und dorthin, und die meisten gesellten sich endlich zu den Alten und Schwachen, deren Lobgesänge immer klagender wurden, je näher die Gefahr ihnen rückte. Am lautesten jammerte der große Saït Orion und rief mit erhobenen Händen: »Was willst du von uns Armen, o Herr? Als Moses dein auserwähltes Volk an dieser Stätte nur vierzig Tage verließ, da fiel es gleich von dir ab, und wir, wir verbringen auch ohne Führer unser Leben in deinem Dienste und haben Alles preisgegeben, was das Herz erfreut, und jedes Leid auf uns genommen, um dir zu gefallen! Und nun umtoben uns wieder diese gräßlichen Heiden und werden uns tödten. Ist das der Siegespreis für unsern Kampf und unser beharrliches Ringen?« Die Anderen stimmten in des Saïten Klagen ein; Paulus aber trat in ihre Mitte, tadelte ihren Kleinmuth und bat sie mit warmen, dringenden Worten, auf ihre Posten zurückzukehren, damit wenigstens die Mauer auf dem leichter zu ersteigenden östlichen Abhange bewacht bleibe und das Kastell nicht als leicht errungene Beute in die Hand der Feinde falle, von denen sie keine Schonung zu erwarten hätten. Schon schickten sich einige Anachoreten an, der Mahnung des Alexandriners zu folgen, als ein entsetzliches Geheul, das Kriegsgeschrei der Blemmyer, welche die Pharaniten verfolgten, sich dicht zu den Füßen ihrer Zufluchtsstätte hören ließ. Entsetzt drängten sie sich nun wieder zusammen, und als der Syrer Salatiël, der sich an den Rand des Abhangs gewagt und über des alten Stephanus Schulter in die Ebene geschaut hatte, mit dem Angstschrei. »Die Unseren fliehen!« zu seinen Genossen zurückstürzte, da schrie Gelasius laut auf und rief, indem er die Brust schlug und das schwarze Lockenhaar raufte: »Herr Gott, was willst du von uns? Ist denn das Streben nach Gerechtigkeit und Tugend so eitel und vergeblich, daß du uns dem Tode preisgibst und nicht für uns eintreten magst? Wenn wir den Heiden unterliegen, so wird die Gottlosigkeit und die rohe Gewalt sich brüsten, als habe sie den Sieg über Gottesfurcht und Wahrheit erfochten.« Paulus hatte sich, außer sich und rathlos, von den Klagenden abgewandt und beobachtete mit Stephanus den Kampf. Die Blemmyer waren in großer Menge gekommen, und ihr Ansturm, dem die Pharaniten zunächst nur zum Schein weichen sollten, fiel so gewaltig aus, daß sie und die Kampfgenossen, welche in der Ebene zu ihnen stießen, ihn nicht aufzuhalten vermochten und bis zur Verengung des Schnellwegbettes zurückgedrängt wurden. »Es geht nicht, wie es sollte,« sagte Stephanus. »Und die feige Bande, das Vieh,« rief Paulus wüthend, »läßt die Mauer unbedeckt und lästert Gott, statt zu wachen oder zu kämpfen.« Die Anachoreten sahen seine Geberde, die der eines Verzweifelten glich, und Sergius schrie: »Verläßt uns denn Alles? Warum entzündet der Dornbusch nicht sein Feuer und zerstört die Missethäter mit seiner Flamme? Warum schweigt der Donner? Wo sind die Blitze, welche die Spitze des Sinai umzuckten? Warum fällt kein Dunkel hernieder, um die Heiden zu schrecken? Warum thut sich die Erde nicht auf, um sie wie die Rotte Kora zu verschlingen?« »Die Kraft Gottes,« rief Dulas, »legt die Hände in den Schooß. In welch' zweifelhaftes Licht setzt der Herr unsere Frömmigkeit, indem er sich beträgt, als wären wir aller Fürsorge unwerth!« »Das seid ihr,« schrie Paulus, der die letzten Worte vernommen hatte und den kranken Stephanus zu der unbewachten östlichen Mauer mehr trug als führte, »das seid ihr, denn statt seinen Feinden zu widerstehen, lästert ihr Gott und schändet euch selbst durch elende Feigheit. Seht diesen kranken Greis, der sich zu eurer Vertheidigung anschickt, und ohne zu murren folgt jetzt meinen Befehlen, oder, bei dem Blute der heiligen Märtyrer, ich zieh' euch an den Haaren und Ohren auf eure Posten und will euch . . .« Aber er sprach nicht weiter, denn seine Drohung wurde von einer kräftigen Stimme unterbrochen, die am Fuße der Mauer seinen Namen rief. »Das ist Agapitus!« sagte Stephanus. »Führe mich zu dem Walle und lass' mich dort nieder.« Bevor er noch den Wunsch des Freundes erfüllt hatte, stand die hohe Gestalt des Bischofs an seiner Seite. Agapitus, der Kappadocier, war in seiner Jugend ein Krieger gewesen. Er hatte die Grenze des Alters kaum überschritten und war ein wachsamer Leiter seiner Gemeinde. Als die ganze Jugend von Pharan den Blemmyern entgegengezogen war, hatte es ihm keine Ruhe in der Oase gelassen, und nachdem er den Presbytern und Diakonen befohlen, mit den Weibern und zurückgebliebenen Männern in der Kirche für die Streiter zu beten, war er selbst in Begleitung eines Führers und zweier Akoluthen auf den Berg gestiegen, um dem Kampfe beizuwohnen. Den anderen Priestern und seiner Gattin, die ihn zurückzuhalten bemüht gewesen waren, hatte er erwidert: »Wo die Heerde ist, da soll auch der Hirt sein!« Ungesehen und ungehört war er bis zu der Mauer des Kastells gelangt und zum Zeugen der heftigen Worte des Paulus geworden. Jetzt stand er mit rollenden Augen dem Alexandriner gegenüber und erhob drohend die kräftige Hand, indem er ihm zurief: »Wagt es ein Ausgestoßener so zu seinen Brüdern zu reden? Will der Vorkämpfer des Satans den Streitern des Herrn Befehle ertheilen? Das wäre Dir wohl eine Freude, mit den athletischen Armen den Ruhm zurück zu gewinnen, den die von Sünde und Schuld gelähmte Seele verscherzt hat?! Hieher, meine Freunde, der Herr ist mit uns und wird uns behüten!« Paulus hatte schweigend die Worte des Bischofs über sich ergehen lassen und erhob wie die anderen Anachoreten die Hände, als Agapitus in ihre Mitte trat und ein kurzes, kräftiges Gebet sprach. Nach dem Amen wies der Bischof wie ein Feldhauptmann jedem Einzelnen, auch den Schwächsten und Aeltesten, seinen Platz bei der Mauer und hinter den Wurfsteinen an und rief dann mit lauter, Alles übertönender Stimme: »Zeigt heute, daß ihr Streiter des Höchsten seid!« Keiner widersetzte sich ihm, und als Mann für Mann auf seinem Posten stand, trat er an den Abhang und schaute der Schlacht, die unter ihm tobte, aufmerksam zu. Die Pharaniten widerstanden jetzt mit Erfolg dem Angriff der Blemmyer, denn Phöbicius hatte, aus dem Hinterhalt mit seiner Manipel hervorbrechend, die dichte Menge der anstürmenden Wüstensöhne von der Seite gefaßt und sie, Tod und Verderben verbreitend, in zwei Theile zerschnitten. Die gut gerüsteten und bewaffneten Römer schienen leichtes Spiel mit ihren nackten Gegnern zu haben, die im Handgemenge weder Pfeil noch Lanze zu gebrauchen vermochten. Aber die Blemmyer hatten in häufigen Kämpfen mit den Truppen des Kaisers ihre Kraft zu gebrauchen gelernt, und sobald sie sahen, daß sie dem Feinde im Ansturm nicht gewachsen waren, erhoben ihre Führer ein wunderlich schrilles Geschrei, ihre Reihen lösten sich, und wie ein Haufen Federn, die ein Windstoß erfaßt, stoben sie nach jeder Richtung hin auseinander. Agapitus hielt das Enteilen der Wüstensöhne für wilde Flucht, athmete tief und dankbar auf und wandte sich, um zu dem Schlachtfelde niederzusteigen und den verwundeten Glaubensgenossen Trost zuzusprechen. Aber er sollte in dem Kastell selbst Gelegenheit finden, seine fromme Pflicht zu üben, denn vor ihm stand das Hirtenmädchen, das er schon bei seiner Ankunst bemerkt hatte, und sagte sehr befangen, aber doch schnell und deutlich: »Der kranke Stephanus dort, Herr Bischof, der des Hermas Vater ist, und für den ich Wasser trage, läßt Dich bitten, zu ihm zu kommen, denn seine Wunde hat sich geöffnet, und er meint, der Tod sei ihm nahe.« Agapitus folgte diesem Rufe sogleich und mit raschen Schritten, und begrüßte den Kranken, dessen Wunde Paulus und der Saït Orion bereits verbunden hatten, mit einer Vertraulichkeit, die er weit entfernt war den anderen Büßern zu bezeigen. Er kannte den früheren Namen und die Schicksale des Stephanus schon längst, und auf seine Veranlassung hatte sich Hermas den nach Alexandria gesandten Abgeordneten anschließen müssen, denn Agapitus war der Ansicht, daß Niemand aus dem Kampfe des Lebens fliehen dürfe, bevor er selbst an ihm teilgenommen. Stephanus streckte ihm die Hand entgegen, der Bischof ließ sich neben ihm nieder, winkte den Umstehenden, sie allein zu lassen, und hörte den leisen Worten des Kranken aufmerksam zu. Als der Letztere verstummte, sagte Agapitus: »Ich preise mit Dir den Herrn, daß er Dein verlorenes Weib die Wege finden ließ, welche zu ihm führen, und Dein Sohn wird, wie Du selbst es gewesen, ein tüchtiger Krieger werden. Dein irdisches Haus ist bestellt, wie aber bist Du für das andere, ewige bereitet?« »Ich habe achtzehn Jahre gebüßt und gebetet und große Schmerzen ertragen,« entgegnete der Kranke. »Weit hinter mir liegt die Welt, und ich hoffe auf dem Pfade zu wandeln, der in den Himmel führt.« »So hoffe auch ich für Dich und Deine Seele,« sagte der Bischof. »Schweres zu erdulden ward Dir in der Welt beschieden. Hast Du Denen zu vergeben getrachtet, die Dir das weheste Leid zugefügt haben, und kannst Du beten: ›Und vergib uns unsere Schulden, wie wir vergeben unseren Schuldnern?‹ Erinnerst Du Dich des Wortes: ›Denn so ihr den Menschen ihre Fehler vergebet, so wird auch euch euer himmlischer Vater vergeben?‹« »Ich habe Glycera nicht nur verziehen,« antwortete der Kranke, »sondern sie wieder aufgenommen in mein innerstes Herz; dem Manne aber, der sie schmählich verführte, dem Elenden, der, obgleich ich ihm tausend Wohlthaten erwiesen, mich betrogen, beraubt und geschändet hat, auch ihm will ich wünschen . . .« »Vergib ihm,« rief Agapitus, »damit Dir vergeben werde.« »Ich versuch' es seit achtzehn Jahren, den Feind zu segnen,« gab Stephanus zurück, »und will es weiter versuchen . . .« Bis hieher hatte der Bischof sich dem Kranken gänzlich gewidmet; jetzt aber wurde er von mehreren Seiten gerufen, und Gelasius, der mit anderen Anachoreten bei dem Abhange stand, schrie ihm zu: »Rette uns, Vater, die Heiden klettern dort drüben an den Felsen hinan.« Agapitus wandte Stephanus mit einer Geberde des Segens den Rücken und rief ihm noch einmal mit Innigkeit zu: »Vergib, und der Himmel ist Dein!« In der Ebene lagen viele Verwundete und Todte, und die Pharaniten zogen sich wieder in das Schnellwegbette zurück, denn die Blemmyer waren nicht geflohen, sondern hatten sich nur zerstreut, die die Ebene umsäumenden Felsen erklettert und schossen von diesen aus mit Pfeilen auf ihre Feinde. »Wo sind die Römer?« fragte Agapitus eifrig den Saïten Orion. »Sie zogen dort in die Schlucht, durch die der Weg hier herauf führt,« erwiderte der Gefragte. »Aber sieh' nur, sieh' diese Heiden! Der Herr sei uns gnädig! Wie die Spechte an den Baumstämmen, so klettern die dort den Abhang hinan.« »An die Steine!« rief Agapitus mit glühenden Augen den neben ihm stehenden Büßern zu. »Wie geht es dort hinten an der Mauer? Hörtet ihr's? Ja! Das war die römische Tuba. Muth, Brüder, die schwächere Seite des Kastells beschützen die Krieger des Kaisers. Aber hier! Seht ihr dort in der Spalte die nackten Gestalten? Hieher mit dem Block! Stemme die Schultern kräftig dagegen, Orion! Salatiël, noch einen Ruck! Da löst er sich schon, da rutscht er nieder! Wenn er nur dort an der Spalte nicht hängen bleibt! Nein! Gottlob, nun kommt er in's Springen. Das war ein Satz! Und nun! Da wären sechs Feinde des Herrn auf einmal vernichtet.« »Dort drüben seh' ich drei andere!« schrie Orion. »Hieher, Damiane, und hilf mir!« Der Gerufene und mit ihm mehrere Andere stürzten herbei, und der erste Erfolg erhob so schnell und wunderbar den Muth der Anachoreten, daß es dem Bischof schwer ward, ihren Eifer zu zügeln und sie zu bestimmen, mit den kostbaren Geschossen zu sparen. Während unter Leitung des Agapitus Stein auf Stein auf die den schroffen Abhang erkletternden Blemmyer nieder gewälzt wurde, saß Paulus neben dem Kranken und schaute zu Boden. »Du hilfst ihnen nicht?« fragte Stephanus. »Agapitus hat Recht,« entgegnete der Alexandriner. »Ich habe Vieles zu büßen, und der Kampf bringt Lust. Wie große, das fühl' ich an der Qual, die mir das Stillesitzen bereitet. Dich hat der Bischof freundlich gesegnet.« »Ich bin nahe dem Endziel,« seufzte Stephanus, »und er verheißt mir den Himmel, wenn ich ihm auch von Herzen vergebe, der mir mein Weib stahl. Es sei ihm verziehen, es sei ihm Alles verziehen, und es möge ihm Jegliches, was er beginnt, zum Guten ausschlagen, ja, gewiß nicht zum Bösen! Fühle nur, wie das Herz mir pocht; es nimmt sich noch einmal zusammen, bevor es völlig zu schlagen aufhört. Geht es zu Ende, so bestelle Alles an Hermas, was ich Dir sagte, und segne ihn tausend- und tausendmal in meinem Namen und dem seiner Mutter. Sag' ihm nie und nie, daß sie in schwacher Stunde dem Schurken, dem Manne, dem Unglücklichen meine ich, dem ich Alles vergebe, gefolgt ist. Gib Hermas diesen Ring und mit ihm und dem Briefe, den Du unter dem Kraut auf dem Lager in meiner Höhle findest, wird er bei seinem Oheim Aufnahme und eine Stelle im Heere finden, wie sie ihm zukommt, denn mein Bruder ist angesehen beim Kaiser. Höre nur, wie Agapitus die Unseren ermuthigt. Sie kämpfen dort wacker! Das war die römische Tuba. Gib Acht, jetzt wird die Manipel das Kastell besetzen und von hier aus die Heiden beschießen. Wenn sie kommen, so führe mich in den Thurm. Ich bin schwach und möchte mich noch einmal innerlich sammeln und beten, damit ich Kraft finde, dem Manne, dem . . . zu vergeben, und das nicht mit den Lippen allein.« »Dort unten, sieh', dort kommen die Römer!« unterbrach Paulus den Kranken. Dann rief er hinab: »Hier herauf, hier! Weiter links sind die Stufen!« »Da wären wir!« rief eine scharfe Stimme zurück. »Ihr Leute bleibt auf diesem Vorsprung stehen und haltet das Kastell im Auge. Wenn Gefahr droht, so ruft mich mit der Trompete. Ich klimme hinauf, und von der Spitze des Thurmes dort wird man ja sehen, wohin die Hunde gekommen.« Während dieser Worte hatte Stephanus aufhorchend niedergesehen. Als dann wenige Minuten später der Gallier die Mauer erklomm und in das Kastell hineinrief: »Ist Keiner da, der mir die Hand reicht?« wandte sich der Kranke Paulus zu und sagte: »Hebe mich und stütze mich, schnell!« Mit einer Leichtigkeit, die den Alexandriner in Erstaunen setzte, stellte sich Stephanus auf die Füße, beugte sich über die Mauer, dem an ihrem jenseitigen Fuße angelangten Centurio entgegen, schaute ihm mit der höchsten Spannung in's Antlitz, schauerte zusammen und reichte ihm, indem er sich selbst den äußersten Zwang anthat, die magere Hand, um ihn zu stützen. »Servianus!« rief der Centurio, welchen diese Begegnung an dieser Stätte tief erschreckt hatte, und der, mühsam nach Fassung ringend, bald den Greis, bald Paulus anstarrte. Keinem von ihnen gelang es hinfort, ein Wort zu finden; aber Stephanus' Augen hingen an den Zügen des Galliers, und je länger er ihn ansah, desto hohler wurden seine eigenen Wangen, desto bleicher seine Lippen. Dabei hielt er dem Andern noch immer die Hand hin, vielleicht als Zeichen der Vergebung. So verging eine lange Minute. Dann kam Phöbicius in den Sinn, daß er im Dienst des Kaisers die Mauer erklommen, und ungeduldig über sich selbst mit dem Fuße stampfend, faßte er mit einem schnellen Griffe die Hand des Greises. Kaum aber fühlte dieser die Berührung der Finger des Galliers, als er wie von einem Blitzschlage getroffen zusammenschrak und sich mit einem heiseren Schrei auf seinen am Rande der Mauer schwebenden Todfeind stürzte. Paulus sah entsetzt dem gräßlichen Schauspiel zu und rief laut, warm und dringend: »Laß ab von ihm, vergib ihm, damit der Himmel auch Dir vergebe.« »Was Himmel, was Vergebung!« kreischte der Alte. »Verdammt soll er sein!« Bevor der Alexandriner es hindern konnte, gaben die lockeren Blöcke nach, auf denen die Feinde keuchend mit einander rangen, und beide stürzten mit den fallenden Steinen in den Abgrund nieder. Paulus stöhnte auf aus der tiefsten Tiefe der Brust und murmelte, während heiße Thränen ihm über die Wangen rannen: »Auch er hat gekämpft, und auch er hat vergebens gerungen.« Einundzwanzigstes Kapitel. Der Kampf war beendet, und die Sonne, welche hinter dem heiligen Berge zur Ruhe ging, hatte vieler Blemmyer Leichen beschienen. Jetzt leuchteten vom reinen Himmel die Sterne über der Oase. Aus der Kirche tönten Lobgesänge, und neben ihr, unter dem Hügel, an den sie sich lehnte, brannten Fackeln und beschienen mit röthlichem Licht eine Reihe von Todtenbahren, auf denen unter grünen Palmenzweigen die im Kampfe gegen die Heiden gefallenen Tapferen lagen. Nun schwieg der Lobgesang, die Thore des Gotteshauses öffneten sich, und Agapitus führte die Seinen zu den Verstorbenen. Schweigend schaarte sich die Gemeinde im Halbkreise um ihre stillen Brüder und lauschte dem Segen, den ihr Hirte über die edlen Opfer sprach, welche ihr Blut im Kampfe gegen die Heiden vergossen. Nach dem Amen traten zu jedem Todten Diejenigen, welche ihm im Leben am nächsten gestanden, und manche Thräne aus dem Auge einer Mutter und einer Gattin fiel in den Sand, mancher Seufzer aus der Brust eines Vaters erhob sich zum Himmel. Neben der Bahre, auf welcher der alte Stephanus ruhte, stand eine andere kleinere, und zwischen beiden kniete Hermas und weinte. Jetzt erhob er das Antlitz, denn eine tiefe, freundliche Stimme hatte seinen Namen gerufen. »Petrus,« sagte der Jüngling und faßte die Hand, die der Senator ihm bot. »Wie hat es mich in die Welt hinaus gedrängt und fort von dem Vater, und nun er auf immer geschieden, – wie gern möcht' ich mich hier von ihm zurückhalten lassen!« »Er ist im Kampf für die Seinen eines schönen Todes gestorben,« tröstete der Senator. »Paulus war bei ihm, als er fiel,« entgegnen Hermas. »Bei der Verteidigung des Kastells ist der Vater von der Mauer gestürzt; aber sieh' hier, dieses Mädchen, das arme Kind, das für Dich die Ziegen gehütet, das ist wie eine große Heldin gestorben. Arme, wilde Mirjam, wie wollt' ich Dir gut sein, wenn Du noch lebtest!« Hermas streichelte bei diesen Worten den Arm der Hirtin, drückte einen leisen Kuß auf ihre kleine, erkaltete Hand und legte sie vorsichtig mit der andern zusammen ihr auf die Brust. »Wie kam das Mädchen in den Kampf der Männer?« fragte Petrus. »Aber das magst Du mir in meinem Hause erzählen. Sei dort unser Gast, so lang es Dir gefällt, und bis Du hinaus in die Welt ziehst. Wir sind Dir Alle zu Dank verpflichtet.« Hermas erröthete und lehnte bescheiden das reichliche Lob ab, das ihm, dem Retter der Oase, von allen Seiten zu Theil ward. Als die Klagefrauen erschienen, kniete er noch einmal zu Häupten seines Vaters nieder, sah zum letzten Mal liebevoll in Mirjam's stilles Antlitz und folgte dann seinem Gastfreund. Der Mann und der Jüngling betraten zusammen den Hof. Hermas schaute unwillkürlich zu dem Fenster hin, an dem er Sirona mehr als ein Mal gesehen, und sagte, auf das Haus des Centurio zeigend: »Auch der ist geblieben!« Petrus nickte und öffnete die Thür seines Hauses. In dem erleuchteten Vorsaal trat ihnen Frau Dorothea entgegen und fragte schnell: »Noch nichts von Polykarp?« Ihr Gatte schüttelte verneinend das Haupt, sie aber sagte: »Wie wäre es auch möglich! Er wird frühestens aus Klysma oder gar erst aus Alexandria schreiben.« »Das glaube ich auch,« entgegnen Petrus und schaute dabei zu Boden. Dann wandte er sich an Hermas und führte ihn seiner Gattin zu. Dorothea empfing den Jüngling mit warmer Theilnahme. Sie hatte gehört, daß sein Vater gefallen sei, und wie rühmlich er selbst sich ausgezeichnet habe. Die Abendmahlzeit stand bereit und Hermas wurde eingeladen, an ihr teilzunehmen. Die Hausfrau gab ihrer Tochter ein Zeichen, für den Gast zu sorgen, Petrus aber hielt Marthana zurück und sagte: »Hermas mag den Platz des Antonius einnehmen. Er hat noch mit einigen von den Arbeitern zu thun. Wo bleibt Jethro mit den Haussklaven?« »Sie haben schon gegessen,« sagte Dorothea. Beide Gatten schauten einander an, und Petrus sagte wehmüthig lächelnd: »Ich denke, sie sind auf dem Berge.« Dorothea wischte sich eine Thräne aus dem Auge und entgegnete: »Und sie werden da wohl dem Antonius begegnen. Wenn sie Polykarp fänden! Und doch, gewiß, ich sage es nicht nur um Dich zu trösten, das Wahrscheinlichste ist, daß er nicht in den Schluchten verunglückt, sondern nach Alexandria gegangen ist, um den Erinnerungen zu entfliehen, die ihn hier auf Schritt und Tritt verfolgten. Ging da nicht die Thür?« Sie erhob sich schnell, blickte mit Petrus, der ihr gefolgt war, in den Hof und sagte, indem sie sich an Marthana wandte, die, während sie Hermas Fleisch und Brod reichte, ihren Eltern nachgeschaut hatte, mit einem tiefen Seufzer: »Es war nur der Sklave Anubis.« Eine Zeitlang herrschte peinliche Stille an der großen, heute so spärlich besetzten Tafel. Endlich kehrte sich Petrus seinem Gaste zu und sagte: »Du wolltest erzählen, wie die Hirtin Mirjam im Kampfe um's Leben gekommen. Sie war aus unserem Hause geflohen –« »Auf den Berg,« fiel Hermas ergänzend ein, »ist sie gegangen und hat dort meinen armen Vater wie eine Tochter mit Wasser versorgt.« »Siehst Du, Mutter,« unterbrach ihn Marthana, »sie ist nicht schlecht gewesen; das habe ich immer gesagt.« »Heute Morgen,« fuhr Hermas fort, indem er der Jungfrau traurig und doch bestimmend zunickte, »heute Morgen folgte sie dem Vater in's Kastell, und gleich nach seinem Falle von der Mauer, das erzählte mir Paulus, ist sie von dannen gestürzt; doch nur um mich zu suchen und mir die traurige Kunde zu bringen. Wir kennen einander schon lange, denn seit Jahren tränkt sie Deine Ziegen bei unserer Quelle, und als ich noch ein Knabe und sie ein kleines Mädchen war, hörte sie mir stundenlang zu, wenn ich auf meiner Weidenflöte die Lieder pfiff, die mich Paulus gelehrt hatte. So lang ich spielte, war sie ganz still; wenn ich aber aufhörte, so verlangte sie mehr und immer mehr zu hören, bis es mir zu viel ward und ich fortgehen wollte. Dann konnte sie zornig werden, und wenn ich ihr nicht den Willen that, mich mit bösen Worten schelten. Aber sie kam immer wieder, und weil ich keinen andern Genossen hatte, und sie doch die Einzige war, die mir zuhören mochte, so war mir's wohl recht, daß sie unsere Quelle den anderen vorzog. Dann wurden wir größer, und ich begann sie zu fürchten, denn sie konnte so gottlose Reden führen, und sie ist auch als Heidin gestorben. Paulus, der uns einmal belauscht hatte, warnte mich vor ihr, und weil ich längst die Flöte fortgeworfen hatte und mit meinem Bogen den Thieren nachlief, so oft der Vater es zuließ, blieb ich immer kürzere Zeit bei ihr, wenn ich zu dem Quell ging, um Wasser zu schöpfen, und wir wurden einander fremder und fremder; ja ich konnte recht hart gegen sie sein. Nur einmal, nachdem ich aus der Hauptstadt zurückgekommen war, ist mir etwas mit ihr begegnet, – aber das erzähl' ich euch nicht. Das arme Kind ist so ungern Sklavin gewesen, und sie ward ja wohl auch in einem freien Hause geboren. »Sie ist mir gut gewesen, mehr noch als eine Schwester dem Bruder, und als nun der Vater todt war, da meinte sie wohl, ich dürfe es aus keinem andern Munde als dem ihren erfahren. »Sie hatte gesehen, wohin ich mit den Pharaniten gezogen, und folgte mir nach, und fand mich auch bald, denn sie hatte Augen, scharf wie eine Gazelle und Ohren, fein wie ein geängstigter Vogel. »Dießmal nun war es nicht schwer, mich zu finden, denn in der grünen Schlucht, die vom Berge zum Meere führt, kämpften wir, als sie mich suchte, mit den Blemmyern, die vor Wuth wie Raubthiere brüllten, denn ehe wir an die See kommen konnten, hatten die Fischer unten im Flecken ihre Kähne, die sie unter Sand und Steinen verborgen, entdeckt und ausgegraben und in ihren Hafen gezogen. Der Knabe aus Raïthu, der mich begleitete, hat sie auf mein Geheiß im Auge behalten und die Fischer zu dem Verstecke geführt. »Die Wächter, die sie bei den Booten gelassen, waren entflohen und hatten ihre Brüder, die bei dem Kastelle kämpften, erreicht. Von denen sind dann wohl zweihundert an die See gesandt worden, um sich wieder der Boote zu bemächtigen und die Fischer zu strafen. Diese Schaar traf auf uns in der grünen Schlucht, und nun kam es zum Kampfe. »Die Blemmyer waren uns an Zahl überlegen und umgaben uns bald von vorn und im Rücken, von der linken und rechten Seite, denn wie die Steinböcke springen und klettern sie von Fels zu Felsen und versenden dann aus der Höhe ihre Pfeile von Rohr. Drei oder vier haben auch mich geritzt, und einer flog mir durch das Haar und blieb mit den Federn am Ende des Stiels darin hängen. »Wie sonst der Kampf verlaufen, ich weiß es nicht zu erzählen, denn das Blut war mir zu Häupten gestiegen, und es ist mir nur noch bewußt, daß ich wie ein Rasender schnaubte und schrie und bald hier, bald dort mit einem der Heiden rang und mehr als einmal mein Beil erhob, um einen Schädel zu spalten. »Dazwischen sah ich einen Theil der Unseren fliehen und rief sie mit grimmigen Worten zurück. Da wandten sie sich und folgten mir wieder. »Einmal, mitten während des Ringens, sah ich auch Mirjam, die bleich und zitternd an einen Felsen geschmiegt, dem Kampfe zuschaute. Ich schrie ihr zu, diesen Ort zu verlassen und zum Vater zurückzukehren; sie aber blieb stehen und schüttelte den Kopf mit einer Geberde, einer Geberde, die so mitleidsvoll war und so schmerzlich; ich werde sie niemals vergessen. Mit den Händen und Augen erzählte sie mir, daß der Vater gestorben, und ich habe sie verstanden; wenigstens wußt' ich nun, daß ein schreckliches Unglück geschehen sei. »Zum Nachdenken blieb mir keine Zeit, denn bevor ich mir Gewißheit aus ihrem Munde verschaffen konnte, griff ein Führer der Heiden mich an, und es kam vor Mirjam's Augen zu einem furchtbaren Ringen. »Mein Gegner war stark, aber ich zeigte dem Mädchen, das mich oft, weil ich dem Vater in Allem gehorchte, einen Schwächling gescholten, daß ich Keinem zu weichen brauche. Ich hätte es nicht ertragen, vor ihr überwältigt zu werden, und so warf ich auch den Heiden zu Boden und tödtete ihn mit dem Beile. Ich ahnte nur, daß sie mir nahe sei, doch sah ich bei dem harten Kampfe nichts als meinen Gegner. Plötzlich aber hört' ich vor mir einen lauten Aufschrei, und dicht vor meinen Augen brach Mirjam blutend zusammen. Ein Blemmyer hatte mich, während ich auf seinem Genossen kniete, beschlichen und wenige Schritte von mir entfernt seine Lanze nach mir geschleudert. Mirjam aber, – Mirjam –« »Sie hat Dich mit dem Opfer des eigenen Lebens gerettet,« ergänzte Petrus die Rede des Jünglings, dem in der Erinnerung an das Geschehene die Stimme versagte, und die Augen von Tränen überflossen. Hermas nickte bejahend mit dem Kopf und sagte dann leise: »Sie hielt ihre Arme hoch ausgebreitet und rief meinen Namen, als das Geschoß sie erreichte. Des Obedianus ältester Sohn strafte den Heiden, der das gethan; ich aber stützte sie, als sie sterbend zusammensank, und nahm ihr lockiges Köpfchen in den Schooß und rief ihren Namen. Da schlug sie nochmals die Augen auf und rief den meinen sanft und unsagbar freundlich. Ich hätte niemals gedacht, daß die wilde Mirjam so weich zu reden vermöge, und ein gräßlicher Schmerz ergriff mich, und ich mußte ihre Augen küssen und ihren Mund. Dann hat sie mich nochmals mit einem langen, großen, glückseligen Blicke angeschaut, und dann ist sie gestorben.« »Sie war eine Heidin,« sagte Dorothea und trocknete die Augen; »aber um dieses Todes willen wird der Herr ihr Vieles vergeben.« »Ich habe sie lieb,« rief Marthana, »und will auf ihr Grab meine schönsten Blumen legen. Darf ich auch von Deinen blühenden Myrten für den Kranz einige Zweige schneiden?« »Morgen, morgen, mein Kind,« entgegnete Dorothea. »Jetzt begib Dich zur Ruhe, denn es ist schon sehr spät.« »Laßt mich noch bleiben,« bat das Mädchen, »bis Antonius und Jethro zurück sind.« »Ich würde euch gern helfen, euren Sohn zu suchen,« sagte Hermas, »und wenn ihr wollt, so geh' ich nach Raïthu und Klysma und erkundige mich dort bei den Fischern. Hat denn,« und der junge Krieger schaute bei dieser Frage verlegen auf die Füße, »hat denn der Centurio sein entflohenes Weib, das er mit dem Amalekiter Talib verfolgte, vor seinem Tode wieder gefunden?« »Sirona ist noch immer verschwunden,« entgegnete Petrus. »Und vielleicht . . . aber Du nanntest vorhin den Namen des Paulus, der Deinem Vater und Dir so nahe gestanden. Weißt Du, daß er es gewesen, der schamlos des Centurio Hausfrieden gebrochen?« »Paulus?« rief Hermas, »wie mögt ihr das glauben!« »Phöbicius hat sein Schaffell bei seinem Weibe gefunden,« entgegnete Petrus ernst. »Vor unseren Augen erkannte es der freche Alexandriner als das seine und ließ sich von dem Gallier bestrafen. Er beging die Schandthat in derselben Nacht, in der Du auf Kundschaft ausgesandt wurdest.« »Und Phöbicius schlug ihn?« rief Hermas außer sich, »und der Arme hat diese Schmach und euren Tadel und Alles ruhig ertragen, ertragen um meinetwillen. Nun versteh' ich, was er gemeint hat! Ich bin ihm nach der Schlacht begegnet, und er erzählte mir, daß der Vater gestorben. Als er sich von mir trennte, sagte er, er sei von allen Sündern der größte; in der Oase würd' ich es hören. Aber ich weiß es besser; er ist großmüthig und gut, und ich ertrag' es nicht, daß man ihn um meinetwillen schmäht und lästert.« Hermas war bei diesen Worten aufgesprungen, und als er den erstaunten Blicken seiner Gastfreunde begegnete, versuchte er, sich zu sammeln, und sagte: »Paulus hat Sirona niemals gesehen, und ich wiederhole es: Wenn Einer sich rühmen darf, gut und rein und ganz ohne Schuld zu sein, so ist er es. Für mich und um mich vor Strafe und meinen Vater vor Kummer zu wahren, hat er sich zu einer Schuld bekannt, die er niemals begangen. Diese That sieht ihm ähnlich, dem treuen, redlichen Freunde! Aber keinen Augenblick länger soll ihn der schändliche Verdacht und die Schande belasten.« »Du sprichst zu einem älteren Manne,« unterbrach Petrus ungehalten die heftige Rede des Jünglings. »Dein Freund bekannte mit eigenem Munde . . .« »So hat er aus reiner Güte gelogen,« fiel Hermas dem Senator in's Wort. »Das Schaffell, das der Gallier fand, ist meines. Ich war, während ihr Mann dem Mithras opferte, zu Sirona gegangen, um Wein für den Vater zu holen, und sie gestattete mir dabei, den Waffenschmuck des Centurio anzulegen. Als der dann unerwartet nach Hause kam, sprang ich auf die Straße und vergaß den unglückseligen Pelz. Auf der Flucht begegnete mir Paulus und sagte, er werde Alles in's Reine bringen, und schickte mich fort, um an meine Stelle zu treten und dem Vater großes Leid zu ersparen. Sieh' mich nur strafend an, Dorothea, denn in thörichtem Leichtsinn hab' ich mich in jener Nacht zu der Gallierin geschlichen; aber bei dem Andenken an meinen Vater, den mir heute erst der Himmel entrissen, schwör' ich, daß Sirona mit mir wie mit einem kindischen Knaben gespielt hat, und daß sie mir selbst versagte, ihrem goldenen, schönen Haar mit den Lippen zu nahen. So wahr ich hoffe, ein Krieger zu werden, und so gewiß meines Vaters Seele vernimmt, was ich sage: Die Schuld, die Paulus auf sich genommen, ward niemals begangen, und wenn ihr Sirona verdammtet, so habt ihr dem armen Weibe Unrecht gethan, denn nicht für mich und noch weniger für Paulus hat sie ihrem Gatten jemals die Treue gebrochen!« Dorothea und Petrus wechselten einen bedeutungsvollen Blick und die Erstere sagte: »Warum mußten wir das aus einem fremden Munde vernehmen? Wunderbar klingt es und ist doch so einfach! Ja, Mann, es hätte uns besser gestanden, dergleichen zu ahnen, als an Sirona zu zweifeln. Anfänglich freilich wollt' es mir selbst unmöglich scheinen, daß das schöne Weib, um das sich ganz andere Leute bemühten, für diesen seltsamen Bettler . . .« »Wie schweres Unrecht ist dem Armen geschehen!« rief Petrus. »Hätte er sich einer edlen That gerühmt, wahrlich, wir wären weniger schnell bereit gewesen, ihm Glauben zu schenken.« »Dafür erdulden wir schwere Strafe,« seufzte Dorothea, »und mir blutet das Herz. Warum wandtest Du Dich nicht an uns, Hermas, als Du Wein bedurftest? Wie viel Leid wäre dadurch erspart geblieben!« Der Jüngling blickte zu Boden und schwieg. Bald aber raffte er sich auf und sagte lebhaft: »Laßt mich hinaus und den armen Paulus aufsuchen. Ich weiß euch Dank für eure Güte; aber es duldet mich hier nicht länger: ich muß auf den Berg!« Der Senator und sein Weib hielten ihn nicht zurück, und als das Hofthor sich hinter ihm geschlossen hatte, ward es sehr still in dem Wohngemach des Petrus. Dorothea lehnte sich tief in ihren Sessel zurück und schaute in den Schooß, während ihr manche Thräne über die Wangen rollte; Marthana hielt ihre Hand und streichelte sie leise, und der Senator war an's Fenster getreten und blickte schwer athmend in den dunklen Hof. Der Kummer bedrückte mit schwerer, bleierner Last die Herzen. Alles schwieg in dem weiten Gemach; nur dann und wann klang aus dem Kreise der Klageweiber, welche die gefallenen Pharaniten umgaben, ein lauter, langgezogener Jammerschrei durch die stille Nachtluft und das geöffnete Fenster. Es war eine schwere Stunde, reich an vergeblichen, stillen Selbstanklagen, Besorgnissen und kurzen Gebeten, und arm an Hoffnung und Trost. Jetzt seufzte Petrus schmerzlich auf, und Dorothea erhob sich, um sich ihrem Gatten zu nähern und ihm ein gutes, aufrichtendes Wort zu sagen. Da schlugen die Hunde im Hofe an, und der geängstigte Vater sagte leise, tief beklommen und auf alles Schlimme gefaßt: »Vielleicht sind sie es.« Die Diakonissin preßte die Hand auf die seine, aber zog sie zurück, als sich ein leises Klopfen an der Hofthüre hören ließ. »Jethro und Antonius sind es nicht,« sagte Petrus. »Sie haben den Schlüssel.« Marthana war zu ihm getreten und schmiegte sich an ihn, während er sich weit zum Fenster hinaus beugte und dem Pochenden zurief: »Wer klopft da?« Die Hunde bellten so laut, daß weder der Senator, noch die Frauen die Antwort, welche erfolgt zu sein schien, zu verstehen vermochten. »Höre den Argus,« sagte Dorothea, »so heult er nur, wenn Du nach Hause kommst oder Einer von uns, und wenn er sich freut.« Petrus legte die Finger auf die Lippen; ein laut schrillender Pfiff ertönte, und als die Hunde, diesem Befehle gehorchend, schwiegen, rief er abermals hinaus: »Wer Du auch sein magst, sage laut, wer Du bist, damit ich Dir öffne.« Die Antwort ließ einige Augenblicke auf sich wagten, und schon wollte der Senator diese Frage wiederholen, als eine weiche Stimme von dem Thor aus zaghaft zu dem Fenster hinaufrief: »Ich bin es, Petrus, ich, Sirona.« Kaum hatten diese Worte die Stille der Nacht durchzittert, als Marthana sich von ihrem Vater, der ihr die Hand auf die Schulter gelegt hatte, losriß und zur Thür hinaus, die Treppe hinunter und an die Pforte stürzte. »Sirona, liebe, arme Sirona!« schrie das Mädchen, während sie den Riegel zurückschob, und flog, als sich nun das Thor geöffnet und die Gallierin den Hof betreten, ihr an den Hals und küßte und streichelte sie, als sei sie ihre verlorene und wiedergefundene Schwester. Dann faßte sie sie, ohne sie zu Worte kommen zu lassen, bei der Hand und zog die leise Widerstrebende, indem sie ihr viele Schmeichelworte zurief, mit sich fort, die Treppe hinauf und in das Wohngemach. Petrus und Dorothea traten ihr an der Schwelle entgegen, und die Letztere zog sie an das Herz, küßte ihr die Stirn und sagte: »Du arme Frau; wir wissen, daß wir Dir Unrecht gethan, und wollen es gut zu machen versuchen.« Auch der Senator war zu ihr getreten, hatte ihre Hand ergriffen und fügte zu dem Gruße seiner Frau den seinen, warm, aber ernst, denn er wußte nicht, ob sie schon Kunde von dem Ende ihres Gatten erhalten. Sirona fand kein Wort der Erwiderung. Wie eine Verworfene ausgestoßen zu werden, hatte sie erwartet, während sie den Berg hinabgestiegen war und sich im Dunkel verirrt hatte. Ihre Sandalen waren von den scharfen Felsen zerschnitten worden und hingen zerrissen an den blutenden Füßen, ihr schönes Haar hatte der Nachtwind zerzaust, und ihr weißes Oberkleid glich einem zerrissenen Bettlergewande, denn sie hatte es zerschnitten, um Polykarp's Wunde damit zu verbinden. Schon vor mehreren Stunden hatte sie ihren Pflegling verlassen, mit Angst um ihn und der Besorgniß vor dem harten Empfang seiner Eltern im Herzen. Wie hatte ihr die Hand gebebt aus Furcht vor Petrus und Dorothea, als sie zu dem Entschlusse gelangt war, den eisernen Klopfer auf das Thor des Senators fallen zu lassen; und nun, nun öffneten sich ihr die Arme eines Vaters, einer Mutter, einer Schwester, winkte ihr wieder ein freundliches Heim! Eine grenzenlose Rührung, eine Dankbarkeit sondergleichen füllte ihr Herz und Seele, und laut aufweinend preßte sie die gefalteten Hände auf die Brust. Aber nur wenige Augenblicke überließ sie sich dem Genusse dieses Wonnegefühls, denn es gab ja kein Glück für sie ohne Polykarp, und um seinetwillen hatte sie den gefahrvollen, nächtlichen Weg unternommen. Marthana hatte sich ihr wieder zärtlich genähert; sie aber wies sie freundlich zurück und sagte: »Jetzt nicht, mein Mädchen. Ich habe schon eine Stunde verloren, als ich mich in den Schluchten verirrte. Mach Dich bereit, Petrus, mir gleich wieder auf den Berg zu folgen, denn, – aber erschrick nur nicht, Dorothea; die größte Gefahr, hat Paulus gesagt, sei vorüber, und wenn Polykarp . . .« »Um Gottes willen, Du weißt, wo er ist?« rief Dorothea, und ihre Wangen färbten sich roth, während Petrus erblaßte und sein Weib unterbrechend in athemloser Spannung fragte: »Wo ist Polykarp, und was ist ihm geschehen?« »Bereitet euch, Schlimmes zu hören,« entgegnen Sirona und sah die Ehegenossen ängstlich und traurig an, als bedürfe sie einer Entschuldigung wegen der üblen Kunde, die sie doch nicht zurückhalten konnte. »Polykarp ist auf einen harten Stein gefallen und hat sich dabei den Kopf verletzt. Paulus brachte ihn heute Morgen, bevor er gegen die Blemmyer auszog, zu mir, damit ich ihn pflege. Ich habe ihm die Wunde fleißig gekühlt, und gegen Mittag schlug er die Augen auf und erkannte mich wieder und sagte auch, ihr würdet um ihn besorgt sein. Nach Sonnenuntergang schlief er ein, aber er ist wohl nicht frei von Fieber, und sobald Paulus zurückkam, macht' ich mich auf, um euch zu beruhigen und um euch zu bitten, mir einen kühlenden Trank zu geben, denn ich muß sogleich wieder zu ihm.« Tiefes Bedauern färbte bei ihrer Erzählung den weichen Klang der Stimme Sirona's, und Thränen waren ihr in die Augen getreten, während sie den Eltern mittheilte, was ihrem Sohne widerfahren. Petrus und Dorothea hörten ihr zu wie einem Sänger, der im Trauergewande zur umflorten Harfe ein Lied singt von Wiedersehen und Hoffnung. »Schnell, schnell, Marthana!« rief Dorothea lebhaft und mit leuchtenden Augen, bevor Sirona geendet. »Schnell den Korb her mit dem Verbandzeuge. Den Fiebertrank mische ich selbst.« Petrus hatte sich der Gallierin genähert und fragte sie leise: »Es ist wirklich nicht schlimmer, als Du es darstellst? Er lebt, und Paulus . . .« »Paulus sagt,« unterbrach ihn Sirona, »in einigen Wochen werde der Kranke bei guter Pflege geheilt sein.« »Und Du kannst mich zu ihm führen?« »O ich, ich!« rief die Gallierin und schlug die Stirn mit der Hand. »Es glückt mir gewiß nicht, mich zurückzufinden, denn kein Zeichen hab' ich gemerkt. Aber warte! Vor uns hat ein Büßer aus Memphis, der vor wenigen Wochen gestorben . . .« »Der alte Serapion?« fragte der Senator. »So hieß er!« rief Sirona. »Kennst Du seine Höhle?« »Wie sollt' ich?« entgegnen Petrus; »aber viel leicht kann Agapitus . . .« »Die Quelle, an der ich das Wasser schöpfte, um Polykarp's Wunde zu kühlen, nannte Paulus den Rebhuhnbrunnen.« »Den Rebhuhnbrunnen,« wiederholte der Senator, »den kenn' ich!« Tief aufathmend nahm er den Stab und rief Dorothea zu: »Du rüstest den Trank, den Verband und Deine gute Sänfte; sorg' auch für Fackeln, indessen ich bei dem Nachbar Magadon anklopfe und ihn um Sklaven bitte.« »Laß mich Dich begleiten,« bat Marthana. »Nein, nein, Du bleibst bei der Mutter.« »Und glaubst Du, ich würde hier warten?« fragte Dorothea. »Ich gehe mit euch.« »Es bleibt hier Manches für Dich zu thun,« entgegnete Petrus abwehrend, »und wir werden schnell hinansteigen müssen.« »Ich hielt' euch wohl aus,« seufzte die besorgte Mutter; »aber nimm das Mädchen mit Dir; sie hat eine leichte, glückliche Hand.« »Wenn Du es für recht hältst,« gab der Senator zurück und verließ das Gemach. Während Mutter und Tochter, alles Nöthige für den nächtlichen Gang vorbereitend, kamen und gingen, behielten sie Zeit, sich mit manchem freundlichen Wort und mancher Frage an Sirona zu wenden; Marthana stellte sogar, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen, Speise und Trank für die Ermüdete auf den Tisch, an dem sie sich niedergelassen; aber sie mochte die Lippen kaum netzen. Als die Jungfrau den Korb mit Arznei und leinenen Binden, mit Wein und reinem Wasser gefüllt hatte und ihn der Gallierin zeigte, sagte diese: »Nun leihe mir ein Paar von Deinen festen Sandalen, denn meine sind ganz zerrissen, und ohne Schuhe kann ich den Männern nicht folgen, denn die Steine sind scharf und schneiden in's Fleisch.« Marthana sah nun zum ersten Mal das Blut an dem Fuße ihrer Freundin, nahm schnell die Lampe vom Tisch, stellte sie auf den Estrich und rief, indem sie neben Sirona niederkniete und ihre zierlichen weißen Zehen mit der Hand erfaßte, um die Verletzung an ihrer Sohle zu untersuchen: »Mein Gott, da sind ja drei große tiefe Wunden!« Schnell war ein Becken zur Hand; Marthana wusch die Verletzungen in Sirona's Sohle sorgfältig aus, und während sie den kranken Fuß mit geübter Hand umwickelte, trat Dorothea zu Beiden heran und sagte: »Wäre Polykarp nur schon hier; diese Linnenrolle reichte wohl aus, um euch Beide zu verbinden.« Ein sanftes Roth flog über Sirona's Wangen, Dorothea erschrak über die eigene Rede, und Marthana drückte verstohlen der Gallierin Rechte. Als der Verband gut befestigt war, versuchte Sirona zu gehen, aber dieß gelang ihr so schlecht, daß ihr Petrus, der mit seinem Freunde Magadon, dessen Söhnen und mehreren Sklaven zurückgekehrt war, mit Ernst verbieten mußte, ihn zu begleiten. Er war sicher, auch ohne sie den Sohn zu finden, denn einer der Leute des Nachbars hatte dem alten Serapion manchmal Brod und Oel gebracht und kannte seine Höhle. Bevor der Senator mit seiner Tochter das Gemach verließ, flüsterte er der Gattin einige Worte zu, näherte sich mit ihr der Gallierin und fragte: »Weißt Du, was Deinem Gatten widerfahren?« Sirona nickte bejahend und entgegnete: »Ich hab' es von Paulus gehört. Nun bin ich ganz verlassen.« »Mit nichten,« sagte Petrus. »Du wirst unter unserem Dache Schutz und Liebe finden, wie in Deines eigenen Vaters Hause, so lang es Dir bei uns gefällt. Keinen Dank, denn wir sind tief in Deiner Schuld. Auf Wiedersehen, Frau. Ich wollte, Polykarp wäre schon hier unten, und Du hättest seine Wunde gesehen. Komm, Marthana, die Minuten sind kostbar!« Als Sirona und Dorothea allein waren, sagte diese: »Ich gehe jetzt und rüste Dir ein Lager, denn Du bist sicherlich schwer ermüdet.« »Nein, nein,« bat die Andere. »Ich will mit Dir wachen und warten, denn ich kann gewiß nicht schlafen, bevor ich nicht weiß, wie es ihm geht.« Diese Worte klangen so warm und eifrig, daß die Diakonissin der jungen Frau dankbar die Hand reichte. Dann sagte sie: »Ich lasse Dich auf einige Zeit allein, denn mein Herz ist so voll von Besorgniß, daß ich um Hülfe für ihn und um Muth und Kraft für mich selber beten möchte.« »Nimm mich mit Dir,« bat Sirona leise. »In meiner Noth hab' ich mein Herz eurem guten, liebreichen Gott geöffnet, und ich will nie mehr zu einem andern beten. Der bloße Gedanke an ihn stärkt und tröstet mich, und wenn jemals, so bedarf ich in dieser Stunde seines freundlichen Beistandes.« »Mein Kind, meine Tochter!« rief die Diakonissin tief bewegt, beugte sich über Sirona, küßte ihr Stirn und Mund und führte sie an ihrer Hand in ihr stilles Schlafgemach. »Hier bet' ich am liebsten,« sagte sie, »obgleich hier kein Bild und kein Altar steht. Mein Gott ist überall, und er weiß mich an jedem Orte zu finden.« Die beiden Frauen knieten neben einander nieder, und beide erflehten von dem gleichen Gott die gleiche Gnade nicht für sich, sondern für einen Andern, und beide sagten Dank im Leid; Sirona, weil sie in Dorothea eine Mutter, die Diakonissin, weil sie in Sirona eine Tochter gefunden, eine liebe Tochter. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Paulus saß vor der Höhle, die Sirona und Polykarp beherbergt hatte, und schaute den Fackeln nach, deren Licht kleiner und kleiner zu werden schien, während ihre Träger thalabwärts zogen. Sie beleuchteten den Weg für den verwundeten Bildhauer, der, in der Sänfte seiner Mutter ruhend, von dem Vater und seiner Schwester Marthana begleitet, in die Oase getragen wurde. »Noch eine Stunde,« dachte der Anachoret, »und die Mutter hat ihren Sohn wieder, noch eine Woche, und Polykarp steht vom Lager auf, noch ein Jahr, und ihn erinnert nur noch eine Narbe und vielleicht ein Kuß, den er auf die rothen Lippen der Gallierin drückt, an den gestrigen Tag. »Ich werde ihn schwerer vergessen. Die Leiter, an der ich jahrelang zimmerte, auf der ich den Himmel zu ersteigen gedachte, und die mir so hoch und sicher erschien, da liegt sie in Stücke zerbrochen, und die Hand, die sie zusammenschlug, war die meiner eigenen Schwäche. Es will mir fast scheinen, als habe diese meine Schwachheit größere Gewalt, als das, was wir innere Kraft nennen, denn was diese in Jahren erbaut, zerstört jene in einer Minute. Nur an Schwachheit bin ich ein Riese.« Paulus schauerte bei den letzten Worten zusammen, denn ihn fror. In der Frühe jenes Morgens, an dem er die Schuld des Hermas auf sich genommen, hatte er sein Schaffell abzulegen gelobt und sein an die wärmende Hülle gewöhnter Leib, in dem das Blut seit den grausamen Anstrengungen, Nachtwachen und Erregungen der letzten Tage fieberhaft schnell und heiß wogte, litt heftig. Fröstelnd zog er sein Röcklein an sich und murmelte vor sich hin: »Mir ist zu Muthe wie einem Schaf, dem man mitten im Winter die Wolle vom Leibe geschoren. Nun glüht mir wieder der Kopf, als wär' ich ein Bäcker und hätte das Brod aus dem Backofen zu holen. Ein Kind könnte mich umwerfen, und die Augen fallen mir zu. Es fehlt mir selbst die Thatkraft, mich zu einem Gebete, das mir doch so noth thäte, zu sammeln. Mein Ziel ist gewißlich das rechte, aber sobald ich mich ihm zu nähern meine, so entrückt es mir meine Schwäche, wie der Wind den Zweig mit den Früchten forttreibt, nach dem der durstende Tantalus greift. Aus der Welt bin ich aus diesen Berg geflohen, und die Welt ist mir nachgezogen und hat mir ihre Schlingen um die Füße geworfen. Ich muß eine einsamere Wüste aufsuchen, in der ich allein bin, ganz allein mit meinem Gott und mir. Da find' ich vielleicht den Weg, den ich suche, wenn nicht der Umstand, daß mich Der, den ich ›Ich‹ nenne, und in dem sich die ganze Welt im Kleinen mit all' ihren Regungen breit macht, begleitet, auch dießmal wieder die Arbeit verdirbt. Wer sich selbst mitnimmt in die Wüste, ist doch nicht allein.« Paulus seufzte schwer auf und dachte weiter: »Wie stolz war ich doch, nachdem ich für Hermas des Galliers Fuchtel gekostet! Dann ging es mir wie einem Trunkenen, der die Treppe hinabfällt von Stufe zu Stufe. Auch der arme Stephanus stürzte und war doch schon so nahe am Ziel. Ihm gebrach die Kraft zu vergeben, und der Senator, der mich eben verließ, und dem ich doch seinen unschuldigen Sohn übel zerschlagen, gab mir beim Scheiden versöhnlich die Hand. Ich sah es ihm an: Er hat mir aus gutem Herzen vergeben. Und dieser Petrus steht mitten im Leben und macht sich von früh bis spät mit lauter weltlichen Dingen zu schaffen.« Eine Zeitlang schaute er nachdenklich vor sich hin, dann fuhr er im Selbstgespräch fort: »Wie war die Geschichte, die der alte Serapion erzählte? In der Thebaïs hauste ein Büßer, der ganz gottselig zu leben meinte und all' seine Genossen an strenger Tugend weit übertraf. Da träumte ihm einmal, in Alexandria befinde sich Einer, der sei noch vollkommener als er: Phabis heiße er, sei ein Schuster und wohne in der weißen Gasse am Hafen Kibotos. Sogleich wanderte der Anachoret in die Hauptstadt und fand den Schuster, und als er ihn eifrig fragte: ›Wie dienst Du dem Herrn? Wie führst Du Dein Leben?‹ gab Jener erstaunt zur Antwort: ›Ich? Nun – mein Heiland – ich arbeite von früh bis spät und sorge für die Meinen und bete Morgens und Abends mit wenigen Worten für die ganze Stadt!‹ Petrus, glaub' ich nun, ist solch' ein Phabis; aber es führen ja viele Wege zu Gott, und wir und ich . . .« Wieder unterbrach ihm ein kalter Schauer das Denken, und es ward, da der Morgen nahte, so empfindlich kalt, daß er ein Feuer anzuzünden versuchte. Während er mühsam die Kohlen anblies, trat Hermas zu ihm. Er hatte von den Begleitern Polykarp's erfahren, wo er Paulus finden werde, und als er nun dem Freunde gegenüber stand, faßte er seine Hand, streichelte ihm das rauhe Haar und dankte ihm zärtlich und tief gerührt für das schwere Opfer, welches er ihm gebracht hatte, als er die entehrende Strafe für sein Vergehen auf sich genommen. Paulus wies Bedauern und Dank kurz zurück und sprach dann mit Hermas von seinem Vater und seiner Zukunft, bis es hell war und der Jüngling sich anschickte, in die Oase zu gehen, um den Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Auf seine Bitte, ihn zu begleiten, antwortete Paulus: »Nein, nein, jetzt nicht, jetzt nicht; denn wenn ich mich jetzt an Menschen stieße, flög' ich wohl auseinander wie ein morscher Schlauch voll gährenden Weines. In meinem Kopfe schwärmt ein Bienenvolk und aus meiner Brust ist ein Ameisenhaufen geworden. Geh nun und laß mich allein.« Nach dem Begräbnisse nahm Hermas von Agapitus, Petrus und Dorothea freundlichen Abschied und kehrte dann zu dem Alexandriner zurück, mit dem er sich zu der Höhle begab, wo der Verstorbene so lange mit ihm gewohnt hatte. Hier übergab Paulus ihm den Brief seines Vaters an seinen Oheim und sprach liebreicher zu ihm als je zuvor. In der Nacht legten sich Beide auf das Lager nieder, aber weder der Eine noch der Andere fand Ruhe und Schlaf. Von Zeit zu Zeit murmelte Paulus leise, aber tief schmerzlich: »Vergebens, Alles vergebens,« und zuletzt: »Ich suche, ich suche, doch wer weist mir den Weg?« Vor Tagesanbruch erhoben sich Beide. Hermas ging noch einmal an die Quelle, kniete neben ihr nieder und dachte, während er Abschied nahm, an seinen Vater und die wilde Mirjam. Erinnerungen mancherlei Art tauchten in seiner Seele auf, und so groß ist die verklärende Macht der Liebe, daß ihm der armseligen braunen Hirtin Bildniß tausendmal schöner erschien, als das des herrlichen Weibes, welches die Seele eines großen Künstlers mit Entzücken erfüllte. Kurz nach dem Aufgang der Sonne führte ihn Paulus in den Fischerflecken und zu dem israelitischen Geschäftsfreunde seines väterlichen Hauses, ließ ihn reichlich mit Gold versehen und begleitete ihn zu dem Kohlenschiff, das ihn nach Klysma befördern sollte. Der Abschied fiel ihm sehr schwer, und als Hermas seine Augen voll Thränen sah und fühlte, daß die Hände ihm zitterten, sagte er: »Bekümmere Dich nicht um mich, Paulus; wir sehen uns wieder, und ich werde Deiner und des Vaters gedenken.« »Und Deiner Mutter,« fügte der Andere hinzu. »Du wirst mir wohl fehlen, aber Kummer ist eben das, was ich suche. Wem es gelänge, das Leid der ganzen Welt sich zu eigen zu machen, und wem bei jedem Athemzuge ein Schmerz die Seele berührte, wie müßte sich der nach dem Wink des Erlösers sehnen!« Hermas fiel ihm weinend um den Hals, und als die glühenden Lippen des Anachoreten seine Stirn berührten, erschrak er. Endlich zogen die Matrosen die Taue ein. Da wandte sich Paulus noch einmal dem Jüngling zu und sagte: »Du gehst nun Deine eigenen Wege. Vergiß diesen heiligen Berg nicht und höre noch dieß: Von allen Sünden sind drei die schwersten: Falschen Göttern dienen, des Nächsten Weib begehren und zum Todtschlag die Hände erheben. Hüte Dich vor ihnen! Und von allen Tugenden sind zwei die unscheinbarsten und doch die größten zugleich: Wahrhaftigkeit und Demuth; die sollst Du üben. Von allen Tröstern die besten sind dieses Paar: Das Bewußtsein, das Rechte zu wollen, soviel man auch immer aus menschlicher Schwäche irre und strauchle, und das Gebet.« Noch einmal umarmte er den Scheidenden, dann ging er über den Sand des Ufers dem Berge zu, ohne sich umzuwenden. Hermas schaute ihm lange nach, tief besorgt, denn sein starker Freund schwankte wie ein Trunkener und drückte oft die Hand auf die Stirn, welche nicht minder heiß sein mochte, als seine Lippen. Der junge Krieger hat den Berg und Paulus niemals wiedergesehen, wohl aber, nachdem er selbst im Heere Ruhm und Ansehen erworben, des Petrus Sohn Polykarp, den der Kaiser mit hohen Ehren nach Konstantinopel gerufen hatte, und in dessen Hause als treue und liebreiche Gattin und Mutter die Gallierin Sirona waltete. Paulus war seit seinem Abschied von Hermas verschwunden. Lange suchten ihn vergebens die anderen Anachoreten und der Bischof Agapitus, welcher von Petrus erfahren hatte, daß der Alexandriner unschuldig bestraft und ausgestoßen worden sei, und der ihm mit eigenem Munde Vergebung und Trost bringen wollte. Endlich, nach zehn Tagen fand ihn der Saït Orion in einer weit entlegenen Höhle. Der Todesengel hatte ihn vor wenigen Stunden mitten im Gebete abgerufen, denn er war kaum erkaltet. Knieend lehnte er noch mit der Stirn an der Felsenwand, und seine abgemagerten Hände schlossen sich gefaltet um den Ring Magdalena's. Als ihn seine Genossen auf die Bahre gelegt hatten, lächelte sein edles, freundliches Antlitz rein und verklärt. Wunderbar schnell flog das Gerücht von seinem Tode in die Oase und den Fischerflecken, in alle Anachoretenhöhlen weit und breit und selbst in die Hütten der amalekitischen Hirten. Unabsehbar war der Zug Derer, die ihm zur letzten Ruhestätte folgten, und Allen voran schritt der Bischof Agapitus mit den Aeltesten und Diakonen, und hinter diesen Petrus mit seiner Gattin und den Seinen, zu denen auch Sirona gehörte. Der genesende Polykarp legte wie eine Gabe der Versöhnung einen Palmenzweig auf sein Grab, das von den Vielen, deren Noth er im Geheimen gelindert, und bald auch von allen Büßern weit und breit wie eine Wallfahrtsstätte besucht ward. Petrus errichtete an seinem Grabe einen Denkstein, auf den Polykarp die Worte einmeißelte, welche des Paulus zitternde Finger vor seinem Tode mit einer Kohle an die Wand seiner Höhle geschrieben hatten: » Betet für mich Armen; ich war ein Mensch .«   E n d e .