Selma Lagerlöf Jerusalem I In Dalarne Geleit Es ist fraglos, daß unter den dichtenden Frauen aller Zeiten Selma Lagerlöf den allerersten Rang einnimmt. Das ist vielleicht kühn gesagt – aber es ist darum nicht weniger richtig. Von Sappho angefangen, deren Ruhm bis in unsre Tage stets mehr der Person als ihrem Werke galt, finden wir nicht eine Frau, die in solcher Weise reiche und große Kunst schuf, wie die geniale Tochter Upsalas. Von allen Dichterinnen bis zum neunzehnten Jahrhundert wird heute überhaupt keine mehr gelesen, und die schreibenden Damen dieses Jahrhunderts sind auch zum größten Teile längst, und mit Recht, vergessen. Die Frau de Staël verdankt ihren Ruf viel mehr ihren Abenteuern als ihren Werken, dasselbe gilt von der romantischen Gräfin Hahn-Hahn und der schönen und geistreichen Freundin Mussets, Georges Sand. Der Ruf der Beecher-Stowe, der Verfasserin von »Onkel Toms Hütte«, beruht auf dem Zufallswerte, daß ihr sentimentaler Roman zeitlich mit der Sklavenemanzipation der Südstaaten und dem zum Teil sich darum drehenden nordamerikanischen Bürgerkriege zusammenfiel. So bleiben am Ende nur Elisabeth-Barrett-Browning und – vielleicht – die Droste-Hülshoff, deren dichterische Schöpfungen einen bleibenden Wert haben. Seltsam, daß gerade in unsrer Zeit, in der die schreibende Frau mehr wie je den Markt beherrscht, so unendlich wenig Talente darunter zu finden sind. Es ist geradezu erstaunlich, wie oberflächlich und banal die Produktion des weiblichen Geschlechtes unsrer Tage ist, schlimm bei uns, noch viel schlimmer freilich in England. Freilich haben wir unter dem unendlichen Heer blutiger Dilettantinnen auch solch geistreiche Plauderinnen wie die Gyp oder Colette Willy, solch kräftige Naturen wie die Skram und die Viebig, solch geschickte Erzählerinnen wie die Serao oder die Wohlbrück und solch kluge, weitblickende Frauen wie die Lily Braun. Aber sie alle werden neidlos den Kranz der Lagerlöf zuerkennen, werden mit mir darin übereinstimmen, daß diese merkwürdige Frau alle anderen ihres Geschlechtes weit hinter sich läßt. Man hat, und nicht mit Unrecht, der künstlerisch schaffenden Frau nachgesagt, daß sie stets viel mehr nachempfindend als selbst schöpferisch sei. Und gewiß ist, daß neben einer jeden Künstlerin eine Reihe Männer stehen, die künstlerisch ihrem Schaffen sehr viel Verwandtes, Gleichwertiges, oft sehr Ähnliches schufen. Die Literaturgeschichte, die Kunstgeschichte, die Musikgeschichte verlieren in der Tat nichts, wenn überhaupt kein weiblicher Name in ihnen erwähnt würde: alles das, was je Frauen schufen, wurde zumindest ebenso vollendet auch von Männern geboten, nie war eine Frau die »Erste« und nie die »Beste«. Selma Lagerlöf ist die erste und einzige Frau, die eine durchaus neue, völlig originelle Note fand. Sie, und nur sie, suchte ihre eigenen Wege, sie allein ging einen bisher unbeschrittenen Weg. Das ist um so verblüffender, als das Zeitalter der 1854 geborenen Dichterin gerade in ihrem engeren Vaterlande, in Skandinavien, eine solche erstaunliche Fülle ureigenster Dichter hervorbrachte. Bei den beiden norwegischen Dioskuren Ibsen und Björnson steht der mächtige Schwede Strindberg und der prächtige Däne Jakobsen, alles Namen von internationalem und von so starkem Klang, daß er weit über ihr Jahrhundert hinaus tönen wird. Und zur Seite dieser ganz Großen gibt uns das Skandinavien der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts noch eine überreiche Fülle starker Talente, die fast alle auf durchaus eigenem Boden pflügen. Was wäre natürlicher, als daß eine schreibende Frau, mag ihr Talent auch noch so groß sein, die von dem einen oder dem anderen gebahnten Wege weiterginge, so wie es die Skram, die Michaelis und so manche andere taten? Selma Lagerlöf ließ sich von keinem beeinflussen. Sie fand, gleich in ihrem ersten Werke, ihr ureigenes Land und ist ihm treu geblieben die Jahre hindurch. »Gösta Berlings Saga« ist eines der herrlichsten Kunstwerke der Weltliteratur, ihren »Christuslegenden« ist kaum etwas Stimmungsvolleres an die Seite zu stellen. Und daran schließen sich die farbenreichen »Königinnen von Kungahälla«, die »Herrenhofsage« und vor allem »Jerusalem« mit seinen zwei Teilen »In Dalarne« und »Im heiligen Lande«. Ruhig, fast feierlich ist der Fluß ihrer Sprache, scheinbar ganz anspruchslos die Art ihres Vortrages, mit der sie die tiefsten Dinge und die größten Gedanken zu geben weiß. Wirklichkeit und Wunderwelt sind mit einem innigen Zauberbande aneinander gekettet und in eine Sphäre höchster, künstlerischer Abgeklärtheit gerückt. So sind ihre Gestalten immer Menschen und wachsen dennoch zu einem merkwürdigen Übermenschlichen hinaus. Es ist eine neue Kultur der Romantik, welche nirgends in der Literatur ihresgleichen hat, die uns einhüllt in einen eigenen Hauch buntfarbigen Nebels, und in unsern Ohren ein seltsam tönendes Rauschen erklingen läßt. Die Zeiten verschieben sich: Menschen unsrer Tage scheinen fernab gerückt, Längstvergangenes wieder wird uns wie Alltägliches vertraut. Das Reich der Selma Lagerlöf liegt irgendwo in der Träume Reich, und wer in ihm wandelt, vergißt seines Alltags Nöte. Es ist gut für den Menschen, wohl zu wissen, daß es noch etwas anderes gibt, als seines kleinen Lebens Freuden und Sorgen, daß es – irgendwo! – noch ein Fleckchen gibt, wohin sich die Seele flüchten will, die vergessen will. Und sie findet solcher Fleckchen viele, in den Büchern der Lagerlöf. Düsseldorf , Dezember 1912. Hanns Heinz Ewers. Einleitung Die Ingmarssöhne I. Es ging ein junger Mann und pflügte sein Brachfeld an einem Sommermorgen. Die Sonne schien warm, das Gras war feucht vom Tau und die Luft war so frisch, daß Worte es nicht aussagen können. Die Pferde waren ganz wild von der Morgenluft und zogen den Pflug, als sei es ein Spielzeug. Es war ein ganz anderer Trab als der gewöhnliche; der Mann am Pfluge mußte fast laufen, um mitzukommen. Wenn die Erde von dem Pflug gewendet wurde, lag sie schwarzbraun und schimmernd von Feuchtigkeit und Fruchtbarkeit da, und er, der pflügte, freute sich darauf, bald seinen Roggen säen zu können. Er dachte bei sich: »Was kann es nur sein, daß ich mir zuweilen so viele Sorgen mache und meine, daß es so schwer ist, zu leben? Braucht man etwas anderes als Sonnenschein und gutes Wetter, um glücklich zu sein wie ein Kind Gottes im Himmel?« Es war ein langes und ziemlich breites Tal, das von einer Menge gelber und gelbgrüner Kornfelder durchquert war und außerdem von gemähten Kleewiesen; von blühenden Kartoffeläckern und von kleinen blaublühenden Flecken mit Flachs, worüber gleichsam eine Wolke von kleinen weißen Schmetterlingen schwebte. Und wie, um das Ganze vollkommen zu machen, erhob sich in der Mitte des Tales ein machtiger alter Bauernhof mit vielen grauen Wirtschaftsgebäuden und einem großen rotgestrichenen Wohnhause. Am Giebel standen zwei große verwachsene Birnbäume, an der Haustür ein paar junge Birken, auf dem Hofplatze ein paar große Holzstapel und hinter der Scheune einige mächtige Kornmieten. Dies Gehöft mitten in den ebenen Feldern aufragen zu sehen, war ein ebenso schöner Anblick, wie wenn man ein Fahrzeug mit Segeln und Masten über der weißen Meeresfläche sich erheben sieht. »Und was für ein Gehöft ich habe!« dachte er, der ging und pflügte. »Gute, tüchtig gezimmerte Gebäude und einen guten Viehbestand und flinke Pferde und Gesinde, das treu ist wie Gold. Ich bin so reich wie nur einer in der Harde und ich brauche mich nie davor zu fürchten, arm zu werden.« »Ja, vor der Armut bin ich auch gerade nicht bange,« sagte er als Antwort auf seine eigenen Gedanken. »Ich würde zufrieden sein, wenn ich ein ebenso guter Mann wäre, wie mein Vater und Großvater.« »Es war dumm, daß ich in die Gedanken hineingeriet,« sagte er, »denn nun war ich gerade so froh. Aber wenn ich nur an das eine denke: zu meines Vaters Zeiten richteten sich alle Bauern in allen Dingen nach ihm; an dem Morgen, wo er anfing zu ernten, fingen auch sie an, und an dem Tag, wo wir dann begannen, das Brachfeld hier auf dem Ingmarshof umzupflügen, setzten sie den Pflug in dem ganzen Tal in die Erde.« »Aber nun bin ich hier schon ein paar Stunden gegangen und habe gepflügt, ohne daß auch nur einer die Pflugschar gewetzt hätte. Ich glaube doch, daß ich den Hof so gut verwaltet habe wie nur einer, der Ingmar Ingmarsson geheißen hat,« sagte er. »Ich habe mehr für mein Heu bekommen als mein Vater bekam, und ich habe all' die kleinen sauren Gräben abgeschafft, die hier zu seiner Zeit waren. Und das steht doch auch fest, daß ich nicht schlechter mit dem Wald umgehe wie Vater.« »Das ist oft schwer genug zu denken,« sagte der junge Mann, »nicht immer kann ich es so leicht nehmen wie heute. Als mein Vater und Großvater noch lebten, hieß es, die Ingmarssöhne hatten so lange in der Welt gelebt, daß sie wüßten, wie der liebe Gott es haben wollte, und die Leute flehten sie förmlich an, im Kirchspiel zu herrschen. Sie wählten sowohl Pfarrer als Küster und bestimmten, wann der Flußlauf gereinigt werden und wohin die neue Schule gebaut werden sollte. Aber nach meiner Meinung fragt niemand und ich habe über nichts zu bestimmen.« »Trotzdem ist es doch merkwürdig, wie leicht die Sorgen in einer solchen Morgenstunde zu tragen sind. Jetzt ist mir fast, als könnte ich über das alles lachen. Und doch fürchte ich, daß es zum Herbst schlimmer für mich werden wird denn je zuvor. Tue ich das, woran ich jetzt denke, so werden mir weder der Pfarrer noch der Hardesvogt die Hand mehr geben, wenn wir uns des Sonntags vor der Kirche begegnen, und das haben sie doch sonst noch bis heute getan. Ich werde nicht in die Armenverwaltung gewählt und ich kann niemals daran denken, Kirchenältester zu werden.« »Niemals geht es so leicht zu denken, als wenn man so hinter dem Pflug hergeht, Furche hinauf und Furche hinab. Allein ist man und nichts ist da, was einen stören könnte, außer den Krähen, die in den Ackerfurchen hüpfen und Würmer picken.« Der Mann am Pfluge fand, daß die Gedanken in seinen Kopf so leicht hineinkamen, als sei da jemand, der sie ihm zuflüsterte. Und da er sonst nie so leicht und klar denken konnte wie heute, ward er ganz froh und aufgeräumt. Dadurch fing er an zu meinen, daß er sich unnötige Sorgen mache; er sagte zu sich selbst, niemand verlange ja von ihm, daß er sich selbst ins Unglück stürzen solle. Er dachte, daß, wenn sein Vater gelebt hätte, er ihn hiernach gefragt haben würde, so wie er ihn in allen schwierigen Sachen um Rat zu fragen pflegte. Er wurde ganz ungeduldig, daß der Vater nicht zur Hand war, so daß er ihn fragen konnte. »Wüßte ich nur den Weg,« dachte er und fing an, sich an dem Gedanken zu ergötzen, »dann würde ich geradeswegs zu ihm hinaufgehen. Ich möchte wohl wissen, was der große Ingmar sagen würde, wenn ich eines schönen Tages dahergegangen käme. Ich denke mir, er sitzt auf einem großen Gehöft mit vielen Äckern und Wiesen und großen Kornmieten und einer Menge roter Kühe, es sind keine schwarzen und auch keine bunten darunter, so wie er es immer hier unten haben wollte. Wenn ich dann in die gute Stube hineinkomme ....« Der Mann am Pfluge hielt plötzlich mitten auf dem Felde an und lachte. Das war doch ein höchst ergötzlicher Gedanke, der fuhr mit ihm davon, so daß er kaum wußte, ob er noch auf Erden wanderte. Es war ihm, als sei er geradeswegs zu seinem alten Vater in den Himmel hinaufgekommen. »Wenn ich dann in die gute Stube hineinkomme,« fuhr er fort, dann sitzt es da an den Wänden entlang ganz voll von Bauersleuten, und alle haben sie rotgraues Haar und weiße Augenbrauen und eine große Unterlippe und gleichen Vater wie ein Tropfen Wasser dem anderen. Wenn ich sehe, daß da so viele Leute anwesend sind, werde ich verlegen und bleibe unten an der Tür stehen. Aber Vater sitzt ganz oben an dem oberen Tischende, und sobald er mich sieht, sagt er: »Willkommen, kleiner Ingmar Ingmarsson.« Und dann steht er auf und kommt zu mir hin. – »Ich möchte gern ein paar Worte mit Euch reden, Vater,« sage ich; »aber hier sind so viele Fremde.« – »Ach, das ist nur die Familie,« sagt Vater. »Diese alten Bauersleute haben alle zusammen auf dem Ingmarshofe gewohnt, und der Älteste von ihnen stammt ganz aus der heidnischen Zeit her.« – »Ja, aber ich möchte gern ein paar Worte mit Euch allein reden.« Dann sieht sich Vater um und überlegt, ob er in die kleine Stube gehen soll, aber da ich es nur bin, geht er in die Küche hinaus. Dort setzt sich Vater auf den Feuerherd und ich setze mich auf den Haublock. »Das ist ein guter Hof, den Ihr hier habt, Vater,« sage ich. – »Ja, der ist ganz gut,« sagt Vater. »Wie steht es denn daheim auf dem Ingmarshof?« – »Da steht alles gut,« sage ich. »Voriges Jahr bekam ich zwölf Taler für ein Schiffspfund Heu.« – »Ist das wahr?« sagt Vater. »Du bist doch wohl nicht hier hinaufgekommen, um mich zum besten zu haben, kleiner Ingmar?« »Aber mit mir steht es schlecht!« sage ich. »Immer muß ich hören, daß Ihr, Vater, so klug gewesen seid, wie der liebe Gott selbst, aber nach mir fragt kein Mensch!« – »Bist du denn nicht in den Gemeinderat gewählt?« fragt dann der Alte. – »Weder in den Gemeinderat, noch in den Schulrat oder in die Armenverwaltung.« – »Was hast du denn Unrechtes getan, kleiner Ingmar?« – »Ach, sie sagen, daß der, der die Sachen anderer verwalten soll, erst zeigen muß, daß er seine eigenen ordentlich verwalten kann.« »Dann, denk' ich mir,« schlägt der Alte die Augen nieder und sitzt eine kleine Weile da und denkt nach. – »Du mußt dafür sorgen, daß du eine tüchtige Frau bekommst, Ingmar,« sagt er endlich. – »Aber das ist ja gerade, was ich nicht kann, Vater,« sage ich. »Da ist kein noch so armer Bauer in der Gemeinde, der mir seine Tochter geben würde.« – »Erzähle jetzt ordentlich, wie das alles zusammenhängt, kleiner Ingmar,« sagt Vater und dann sieht er mich ganz gütig an. »Ja, siehst du, Vater, vor vier Jahren, im selben Jahr, als ich den Hof übernahm, freite ich um Brita aus Bergskog.« – »Laß mich einmal sehen,« sagt Vater, »wohnt jemand von unserer Familie auf Bergskog? » Er kann sich nicht recht zwischen den Dingen hier unten auf Erden zurechtfinden. – »Nein, aber es sind wohlhabende Leute, und Ihr erinnert Euch wohl noch, Vater, daß Britas Vater Reichstagsabgeordneter ist?« – »Jawohl, jawohl, aber du hättest dich lieber mit einer aus unserer Familie verheiraten sollen, die alte Sitten und Gebräuche kennt!« – »Darin habt Ihr recht, Vater. Das hätte ich auch fühlen müssen.« Dann sitzen Vater und ich beide da und sagen nichts; aber dann fängt Vater wieder an: »Es war wohl eine, die gut aussah?« – »Ja,« sage ich, »sie hatte dunkles Haar und klare Augen und Rosen auf den Wangen. Aber sie war auch tüchtig, so daß Mutter sehr zufrieden damit war, daß ich sie haben wollte. Es wäre auch alles gut gegangen, aber das Unglück war, daß sie mich nicht haben wollte.« – »Danach fragt doch wohl niemand, was so ein Mädel will?« – »Nein, die Eltern zwangen sie ja auch, ja zu sagen.« – »Und woher weißt du, daß sie gezwungen wurde? Sie mußte doch froh sein, einen so reichen Mann wie du zu bekommen, kleiner Ingmarsson.« »Ach nein, froh war sie nicht, aber wir wurden ja aufgeboten und der Hochzeitstag wurde bestimmt, und Brita zog vor der Hochzeit auf den Ingmarshof, um Mutter zu helfen. Denn Mutter fängt so bei kleinem an, alt zu werden.« – »Alles das ist doch nichts schlimmes, kleiner Ingmar,« sagt Vater, um mich zu ermutigen. »Aber es sah in diesem Jahr ganz schlimm aus mit der Ernte. Die Kartoffeln schlugen fehl und die Kühe wurden krank, und da fanden Mutter und ich beide, daß wir die Hochzeit ein Jahr aufschieben müßten. Ich meinte nun, wir brauchten es mit der Trauung nicht so genau zu nehmen, denn wir waren ja aufgeboten. Aber es war vielleicht ein wenig altmodisch, so zu denken.« – »Hättest du eine aus unserer Familie genommen, so hätte sie sich dabei wohl beruhigt,« sagt Vater. – »Ach ja,« sage ich, »ich merkte wohl, daß Brita dieser Aufschub nicht gefiel, aber seht Ihr – ich fand, ich hätte die Mittel nicht zur Hochzeit. Wir hatten ja im Frühjahr das Begräbnis gehabt, und Geld aus der Sparkasse nehmen wollte ich nicht.« – »Nein, das war ganz recht, daß du wartest,« sagt Vater. – »Aber ich war ja bange, daß es Brita nicht gefallen würde, Kindtaufe vor der Hochzeit zu halten.« – »Aber erst muß man doch daran denken, ob man die Mittel dazu hat,« sagt Vater. »Aber mit jedem Tag, der ging, wurde Brita stiller und wunderlicher, und ich konnte gar nicht begreifen, was mit ihr vorging. Ich dachte, sie sehnte sich wohl nach Hause zu den Ihren. Denn sie hatte immer sehr an dem Heim und den Eltern gehangen. Das gibt sich schon, wenn sie sich nur erst daran gewöhnt, dachte ich. Sie wird den Ingmarshof schon lieb gewinnen. Dabei beruhigte ich mich eine Weile, aber dann fragte ich Mutter, warum Brita so blaß geworden war und so verstört aus den Augen schaute. Mutter sagte, das wäre, weil sie ein Kind haben solle, und sie würde sich schon wieder besinnen, wenn das erst überstanden wäre. Ich machte mir nun ja freilich meine eigenen Gedanken darüber, daß sie unzufrieden damit war, daß ich die Hochzeit hinausgeschoben hatte, aber ich fürchtete mich davor, mit ihr darüber zu reden. Ihr erinnert Euch wohl noch, Vater, daß Ihr immer gesagt habt, daß in dem Jahr, wo ich Hochzeit hielt, das Wohnhaus angestrichen werden sollte. Und dazu fehlte mir in dem Jahr wahrhaftig das Geld. Das findet sich schon alles im nächsten Jahr, dachte ich.« Der Mann am Pfluge ging und bewegte die Lippen. Er war so ganz in seine eigenen Gedanken versunken, daß er meinte, er könne das Gesicht seines Vaters vor sich sehen. »Ich werde ihm wohl alles klar auseinandersetzen müssen,« dachte er, »damit er mir einen guten Rat erteilen kann. So verging der ganze Winter, und ich dachte oft, daß, wenn Brita andauernd so unglücklich wäre, ich sie lieber wieder nach Hause nach Bergskog senden wolle, aber nun war es ja zu spät. Und so ging es denn bis zum Mai weiter. Da merkten wir eines Abends, daß sie sich weggeschlichen hatte. Wir suchten die ganze Nacht nach ihr und gegen Morgen fand eine der Mägde sie.« »Jetzt schweige ich still, denn es wird mir schwer, mehr zu sagen; aber da fragt Vater: »In Gottes Namen, sie war doch wohl nicht tot?« – »Nein – sie nicht,« sage ich, und Vater kann hören, daß meine Stimme zittert. – »War das Kind geboren?« sagt Vater. – »Ja,« sage ich, »und sie hatte es erstickt, und es lag tot neben ihr.« – »Sie war wohl nicht ganz bei Sinnen?« – »Ja, bei Sinnen war sie,« sage ich. »Sie tat das alles, um sich an mir zu rächen, weil ich sie gezwungen hatte. Sie würde es nicht getan haben, wenn ich mich mit ihr verheiratet hätte. Aber jetzt, sagte sie, hätte sie gedacht, daß, wenn ich kein Kind in Ehren haben wolle, sollte ich gar keines haben.« – Vater wird ganz stumm vor Betrübnis. »Hattest du dich auf das Kind gefreut, kleiner Ingmar?« fragt er endlich. – »Ja,« sage ich. – »Es ist schade um dich, daß du mit einem solchen Frauenzimmer zusammenkommen mußtest.« »Sie sitzt nun wohl im Zuchthaus?« sagt Vater. – »Ja, sie bekam drei Jahre.« – »Und das ist der Grund, weshalb dir niemand seine Tochter geben will?« – »Ja, aber ich habe auch keinen gefragt.« – »Und darum hast du kein Ansehen in der Gemeinde?« – »Sie finden, es hätte mit Brita nicht so gehen sollen. Sie sagen, wenn ich nur ein kluger Mann gewesen wäre, so wie Ihr, dann hätte ich mit ihr geredet und zu wissen bekommen, worüber sie sich grämte.« – »Es ist nicht leicht für einen Mann, sich auf ein schlechtes Frauenzimmer zu verstehen!« »Nein, Vater,« sage ich, »Brita war nicht schlecht. Aber sie war stolz.« – »Ja, das kommt ja auf eins heraus,« sagt Vater. »Als ich merke, daß Vater im Grunde meine Partei nehmen will, sage ich: »Da sind viele, die meinen, ich hätte es so machen sollen, daß niemand etwas anderes erfahren hätte, als daß das Kind tot geboren war.« – »Warum sollte sie ihre Strafe nicht abbüßen?« sagt Vater. – »Sie sagen, wenn es zu Eurer Zeit gewesen wäre, dann hättet Ihr das Mädchen, das sie fand, dazu gebracht, zu schweigen, so daß nichts davon herausgekommen wäre.« – »Und hättest du dich dann mit ihr verheiratet?« – »Nein, dann hätte ich mich wohl nicht mit ihr zu verheiraten brauchen. Ich hätte sie ja ein paar Wochen nachher nach Hause schicken und das Aufgebot aufheben lassen können, weil sie sich nicht wohl bei uns fühlte.« – »Das hättest du ja auch tun können; aber sie können doch nicht verlangen, daß du, der du so jung bist, ebenso klug sein sollst wie ein Alter.« »Die ganze Gemeinde findet, daß ich schlecht gegen Brita gehandelt habe.« – »Sie hat doch schlechter gehandelt, sie, die Schande über ordentliche Leute gebracht hat.« – »Ja, aber ich , ich habe sie zur Ehe gezwungen.« – »Ja, darüber konnte sie sich doch nur freuen.« »Findet Ihr denn nicht, daß es meine Schuld ist, daß sie ins Zuchthaus gekommen ist?« – »Ich finde, sie sitzt, wo sie sich selbst hingesetzt hat.« »Da stehe ich auf und sage langsam: »Ihr meint also nicht, Vater, daß ich etwas für sie zu tun brauche, wenn sie jetzt zum Herbst herauskommt?« – »Was solltest du tun? Dich mit ihr verheiraten?« – »Ja, das müßte ich wohl tun!« – Vater sieht mich eine Weile an und fragt dann: »Hast du sie lieb?« – »Nein, sie hat die Liebe in mir getötet.« Da schlägt Vater die Augen nieder und sagt nichts, fängt aber an nachzudenken. »Siehst du, Vater,« sage ich, »ich kann nicht darüber hinwegkommen, daß ich das Unglück angerichtet habe.« Der Alte sitzt still und erwidert nichts. »Zuletzt habe ich sie im Tinggebäude gesehen, da war sie so unglücklich und weinte so darüber, daß sie das Kind nicht hatte. Gegen mich hat sie nicht ein böses Wort ausgesagt. Sie nahm alles auf sich. Da waren viele, die weinten, Vater, und der Richter hatte auch beinahe Tränen in den Augen. Er hat ihr ja auch nicht mehr als drei Jahre gegeben.« Aber Vater sagt kein Wort. »Es wird schwer für sie jetzt zum Herbst, wenn sie zu Hause sitzen muß,« sage ich. »Daheim auf Bergskog werden sie sich nicht über sie freuen. Sie finden, daß sie Schande über sie gebracht hat, und sie gehören nicht zu den Leuten, die sich besinnen, sie das hören zu lassen. Und sie muß ja immer zu Hause sitzen, denn sie kann sich wohl kaum in der Kirche sehen lassen. Es wird schwer für sie nach jeder Richtung hin.« Aber Vater antwortet nicht. »Aber es ist nicht so leicht für mich, mich mit ihr zu verheiraten,« sage ich. »Es ist nicht angenehm für einen, der einen großen Hof hat, eine Frau zu bekommen, auf die Knechte und Mägde herabsehen. Mutter wird es auch nicht gefallen. Wir könnten ja auch niemals Gäste zu uns einladen, weder zur Hochzeit noch zum Begräbnis.« Vater schweigt noch immer. »Seht Ihr, vor dem Gericht versuchte ich ihr zu helfen, so gut ich konnte; ich sagte zu dem Richter: ich trüge die ganze Schuld, denn ich hätte sie zur Ehe gezwungen. Ich sagte auch, ich halte sie für so unschuldig, daß ich, wenn sie nur ihren Sinn gegen mich ändern könnte, mich mit ihr verheiraten wolle, so wie sie ging und stand. Das sagte ich, damit sie ein milderes Urteil bekommen sollte. Aber obwohl sie zwei Briefe an mich geschrieben hat, deutet nichts darauf hin, daß sie ihren Sinn gegen mich geändert hat. Da versteht Ihr wohl, Vater, daß ich nicht gezwungen bin, mich um dieses Wortes willen mit ihr zu verheiraten.« Und nun sitzt Vater da und denkt nach und schweigt ganz still. »Ich weiß wohl, daß dies die Sache auf menschliche Weise auffassen heißt, und wir Ingmars haben uns immer mit dem lieben Gott gut stehen wollen. Aber manchmal denke ich, daß es dem lieben Gott nicht gefällt, daß eine Mörderin zu solcher Ehre kommen soll.« Aber Vater schweigt. »Ihr müßt auch daran denken, Vater, wie hart es für jemand ist, der einen anderen Menschen leiden läßt, ohne zu versuchen, ihm zu helfen. Ich glaube, alle in der Gemeinde werden finden, daß es verkehrt ist. Aber ich habe zu schwer darunter gelitten in diesen Jahren, um nicht zu versuchen, etwas für sie zu tun, wenn sie nun freikommt.« Vater rührt sich nicht. Da steigt mir fast das Weinen in den Hals und ich sage: »Seht Ihr, ich bin ja ein junger Mann und ich verliere viel, wenn ich sie nehme. Sie finden, daß ich mich früher schlecht benommen habe; tue ich dies, so werden sie finden, daß es noch ärger ist.« Aber ich kann Vater nicht bewegen ein Wort zu sagen. »Aber dann habe ich auch gedacht, Vater, daß es wunderlich ist, daß wir Ingmars viele Hunderte von Jahren auf dem Hof geblieben sind, während alle anderen Höfe die Besitzer gewechselt haben. Und da denke ich, das ist, weil die Ingmars versucht haben, Gottes Wege zu gehen. Wir Ingmars brauchen die Menschen nicht zu fürchten; wir müssen nur Gottes Wege gehen.« Da erhebt der Alte die Augen und dann sagt er: »Dies ist eine schwierige Frage, Ingmar. Ich glaube, ich gehe hinein und frage die anderen Ingmarssöhne.« Und dann geht Vater in die gute Stube, und ich bleibe sitzen. Und dann muß ich sitzen und warten und warten, und Vater kommt nicht zurück. Schließlich, als ich viele Stunden gewartet habe, werde ich der Sache überdrüssig und gehe zum Vater hinein. »Gedulde du dich da draußen, kleiner Ingmar,« sagt Vater, »dies ist eine schwierige Frage.« Und ich sehe alle die Alten mit geschlossenen Augen dasitzen und grübeln, und ich warte und warte und ich warte wohl noch – –.«   Er ging lächelnd hinter dem Pfluge her, der jetzt ganz langsam ging, da die Pferde der Ruhe bedurften. Als er an den Grabenrand kam, zog er an den Zügeln und hielt. Er war ganz ernsthaft geworden. »Es ist wunderlich, sobald man jemand um Rat fragt, merkt man selbst was richtig ist, noch während man fragt; da sieht man auf einmal, was man ganze drei Jahre lang nicht hat ausfindig machen können. Nun mag es gehen, wie Gott will.« Er fühlte, daß er es tun müsse, und gleichzeitig meinte er, daß es so schwer sei, daß er ganz den Mut verlor, wenn er daran dachte. »Gott steh' mir bei,« sagte er. – – – Ingmar Ingmarsson war indessen nicht der einzige, der in der frühen Morgenstunde draußen war. Unten auf einem Steig, der sich durch die Kornfelder schlängelte, kam ein alter Mann gegangen. Es war nicht schwer zu sehen, was sein Gewerbe war, denn er hatte einen langen Malerpinsel über der Schulter, und von der Mütze bis zu den Schuhsohlen war er mit roter Farbe bespritzt. Er sah sich oft um, wie es herumwandernde Maler zu tun pflegen, um einen unangestrichenen Hof zu finden oder einen, wo die Farbe verblaßt oder abgeregnet war. Er meinte bald hier einen, bald da einen zu sehen, der ihm paßte, aber es wurde ihm schwer, sich zu entschließen. Endlich kam er auf einen kleinen Hügel und erblickte den Ingmarshof, der groß und mächtig unten im Tal dalag. »Ach, lieber Gott,« sagte er laut und blieb in seiner Freude stehen. »Das Wohnhaus ist seit hundert Jahren nicht gemalt, es ist ja schwarz vom Alter, und die Wirtschaftsgebäude haben nie Farbe gesehen. Und so eine Menge Häuser!« rief er aus. »Hier habe ich ja Arbeit bis in den Herbst hinein!« Er war noch nicht lange gegangen, da gewahrte er einen Mann, der ging und pflügte. »Ei, da ist ein Bauer, der hier zu Hause ist und der die Gegend kennt,« dachte der Maler, »von ihm kann ich Bescheid erhalten, was ich über den Hof da unten zu wissen brauche.« Er bog vom Weg ab, ging auf das Brachfeld und fragte Ingmar, was das für ein großer Hof sei, und ob er glaube, daß sie ihn anstreichen lassen wollten. Ingmar Ingmarsson zuckte zusammen, und er starrte den Mann an, als sei er ein Gespenst. »Ich glaube wahrhaftig, es ist ein Maler,« dachte er, »und der kommt gerade jetzt!« Er war ganz überwältigt und konnte sich nicht soweit fassen, daß er zu antworten vermochte. Er entsann sich so deutlich, daß jedesmal, wenn jemand zu dem Vater gesagt hatte: »Ihr solltet doch Euer großes, häßliches Haus anstreichen lassen,« Vater Ingmar, »der Alte«, regelmäßig geantwortet hatte, das wolle er in dem Jahre tun, wo Ingmar Hochzeit machte. Der Maler fragte noch einmal und noch einmal. Aber Ingmar stand ganz still, als habe er es nicht verstanden. »Sind Sie nun da oben im Himmel mit der Antwort fertig geworden?« dachte er. »Ist dies eine Botschaft vom Vater, daß er will, daß ich in diesem Jahr Hochzeit machen soll?« Er fühlte sich so betroffen von diesem Gedanken, daß er ohne weiteres dem Mann versprach, daß er Arbeit bei ihm haben solle. Dann ging er sehr bewegt und fast glücklich hinter dem Pflug her. »Du sollst sehen, es wird gar nicht so schwer, es jetzt zu tun, wo du so sicher bist, daß Vater es haben will,« sagte er. II. Einige Wochen später stand Ingmar und putzte das Wagengeschirr. Er sah aus, als sei er schlechter Laune und die Arbeit ging langsam vonstatten. »Wenn ich der liebe Gott wäre,« dachte er, rieb wieder ein wenig und begann von neuem: »Wenn ich nur der liebe Gott wäre, dann wollte ich schon dafür sorgen, daß alles gleich im selben Augenblick getan würde, wo es beschlossen wird. Ich würde den Leuten nicht so lange Zeit lassen, wieder und wieder nachzudenken, und über alles zu straucheln, was im Wege liegt. Ich würde mich nicht daran kehren, ihnen Zeit zu lassen, das Geschirr zu putzen und den Wagen anzustreichen; ich würde sie geradeswegs vom Pfluge wegholen.« Er hörte einen Wagen auf der Straße daherrollen, sah hinaus und erkannte sogleich das Pferd und das Fuhrwerk. »Jetzt kommt der Reichstagsabgeordnete von Bergskog!« rief er in die Küche hinein, wo seine Mutter an der Arbeit war. Gleich darauf hörte er sie Holz auf das Feuer legen, und die Kaffeemühle wurde in Gang gesetzt. – Der Reichstagsabgeordnete fuhr in den Hof, wo er hielt, ohne abzusteigen. »Nein, danke, ich will nicht hinein,« sagte er, »ich wollte nur ein paar Worte mit dir reden, Ingmar. Ich habe nur wenig Zeit, ich muß in die Gemeinderatssitzung.« – »Mutter hat den Kaffee wohl gleich fertig,« sagte Ingmar. – »Danke, aber meine Zeit ist knapp.« – »Es ist lange her, daß der Herr Reichstagsmann hier gewesen ist,« sagte Ingmar. Seine Mutter kam jetzt in die Tür hinaus und nötigte auch. »Der Herr Reichstagsmann wird doch nicht fahren, ohne hereinzukommen und eine Tasse Kaffee zu trinken.« Ingmar knüpfte das Spritzleder auf, und der Reichstagsabgeordnete erhob sich. »Ja, wenn Mutter Märta mich selbst einladet, muß ich wohl gehorchen,« sagte er. Er war ein großer, schöner Mann mit leichten Bewegungen, wie von einem ganz anderen Menschenschlag als Ingmar und seine Mutter, die häßlich waren mit schläfrigen Gesichtern und schweren Körpern. Aber er hatte große Ehrfurcht vor der alten Familie auf dem Ingmarshof, und hätte gern sein schönes Äußere hingegeben, um auszusehen wie Ingmar und einer von den Ingmarssöhnen zu sein. Er hatte seiner Tochter gegenüber immer Ingmars Partei genommen, und ihm wurde ganz leicht ums Herz, als er sich so gut aufgenommen sah. Als Mutter Märta nach einer Weile mit dem Kaffee hereinkam, trat er mit seinem Anliegen vor. »Ich möchte gern,« sagte er und räusperte sich, »ich möchte gern erzählen, was wir mit Brita zu tun beabsichtigen.« Die Tasse, die Mutter Märta in der Hand hielt, zitterte ein wenig, so daß der Teelöffel auf der Untertasse klirrte. Darauf trat eine drückende Stille ein. »Wir meinen, es ist am besten, wenn sie nach Amerika reist.« Er hielt noch einmal inne, es entstand dieselbe Stille. Er seufzte über die unbeweglichen Menschen. »Wir haben schon die Fahrkarte für sie genommen.« »Sie kommt wohl vorher nach Hause?« sagte Ingmar. – »Nein, was sollte sie wohl zu Hause?« Ingmar schwieg wieder. Seine Augenlider waren fast geschlossen. Er saß ganz still da als schliefe er. An seiner Stelle begann nun Mutter Märta zu fragen. »Sie muß doch wohl Kleider haben?« – »Das ist alles in Ordnung, bei Kaufmann Löfberg, bei dem wir immer einkehren, wenn wir in der Stadt sind, steht eine Kiste gepackt.« – »Soll ihre Mutter sie nicht in Empfang nehmen?« – »Ja, sie will es gern, aber ich sage, es ist besser, wenn sie sich nicht sehen.« – »Ja, das mag ja sein.« – »Bei Löfberg liegt die Fahrkarte und Geld für sie, sie bekommt also alles, was sie nötig hat.« »Ich meinte, Ingmar sollte das wissen, damit er sich die Sache aus dem Kopf schlagen kann,« sagte der Reichstagsabgeordnete. Jetzt schwieg auch Mutter Märta. Ihr Kopftuch war in den Nacken geglitten und sie saß da und sah in ihre Schürze hinab. »Jetzt sollte Ingmar bald daran denken, sich wieder zu verheiraten.« Sie schwiegen alle beide gleich tapfer. »Mutter Märta bedarf der Hilfe in dem großen Haushalt. Ingmar muß dafür sorgen, daß sie ein ruhiges Alter bekommt.« Der Reichstagsabgeordnete schwieg und dachte, ob sie wohl hörten, was er sagte? »Ich und meine Frau wollen es ja so gern alles wieder gutmachen,« sagte er schließlich. Währenddes saß Ingmar da und ließ sich von einer großen Freude durchschauern. Brita sollte nach Amerika, und er brauchte sich nicht mit ihr zu verheiraten. Eine Mörderin sollte nicht Hausfrau auf dem alten Ingmarshofe werden. Er saß schweigend da, weil er es nicht passend fand, gleich zu zeigen, wie froh er war. Aber jetzt fand er es an der Zeit, etwas zu sagen. Der Reichstagsabgeordnete saß nun auch ganz stumm da; er wußte, daß er den Ingmars Zeit geben mußte, sich zu besinnen. Schließlich sagte Ingmars Mutter: »Ja, jetzt hat Brita ihre Strafe gesühnt, nun kommt die Reihe an uns andere.« Die Alte meinte, daß, wenn der Reichstagsabgeordnete Hilfe von den Ingmars wünsche, als Lohn dafür, daß er ihnen den Weg geebnet hätte, so würden sie sich nicht weigern. Aber Ingmar faßte die Worte anders auf. Er zuckte zusammen, und es war, als erwache er aus einem Schlaf. »Was würde Vater hierzu sagen?« dachte er. »Wenn ich ihm diese Sache nun vorlege, was wird er dann sagen?« – »Du mußt nicht glauben, daß du Gottes Gerechtigkeit zum Narren haben kannst,« sagt Vater dann. »Du mußt nicht glauben, daß er es ungestraft läßt, falls du Brita die ganze Schuld allein auflädst. Selbst wenn ihr Vater sie verstoßen und sich bei dir einschmeicheln will und Geld von dir leihen will, so sollst du dennoch Gottes Wege gehen, kleiner Ingmar Ingmarsson!« »Ich glaube wohl, daß der alte Vater in dieser Sache über mir wacht,« dachte er; »er hat gewiß Britas Vater hierher gesandt, um mir zu zeigen, wie häßlich es ist, alle Schuld auf sie zu wälzen, die Ärmste! Er hat wohl gesehen, daß ich in diesen letzten Tagen nicht große Lust gehabt habe, mich auf die Reise zu begeben.« Ingmar stand auf, goß Kognak in den Kaffee und erhob die Tasse. »Nun danke ich schön, Herr Reichstagsabgeordneter, daß Sie heute hier eingesehen haben,« sagte er und stieß mit ihm an. III. Den ganzen Vormittag hatte Ingmar mit den Birken an der Haustür zu schaffen gehabt. Zuerst hatte er ein Gerüst errichtet, dann nahm er die Birkenwipfel und bog sie so zusammen, daß sie einen Bogen bildeten. Die Bäume ließen sich ungern biegen, sie rissen sich einmal über das andere Mal los und richteten sich kerzengerade auf. »Was machst du da?« fragte Mutter Märta. – »Ach, ich finde, sie können jetzt eine Weile so wachsen,« sagte Ingmar. Es wurde Mittag, und als die Mahlzeit vorüber war, ging das Gesinde auf den Hofplatz hinaus und legte sich schlafen. Ingmar Ingmarsson schlief auch, aber er lag in einem breiten Bett in der Kammer hinter der guten Stube. Die einzige, die nicht schlief, war die Hausfrau, sie saß in der guten Stube und strickte. Die Tür von der Diele tat sich leise auf, und hinein kam eine alte Frau mit zwei großen Körben an einer Tracht über dem Nacken. Sie sagte leise guten Tag, setzte sich auf einen Stuhl an der Tür und nahm, ohne etwas zu sagen, den Deckel vom Korbe. Der eine war voll von Zwieback und Kringel, der andere von frischem schimmernden Weißbrot. Die Hausfrau ging gleich hin und fing an einzukaufen. Sonst war sie sehr auf den Schilling, aber etwas gutem Gebäck zum Kaffee konnte sie schwer widerstehen. Während sie das Weißbrot aussuchte, begann sie eine Unterhaltung mit der Frau, die, wie die meisten, die von einem Hof zum andern gehen und viele Menschen kennen, sehr geschwätzig war. »Ihr seid ja eine vernünftige Frau Kajsa, auf die man sich verlassen kann,« sagte Mutter Märta. – »Ja,« sagte die andere, »hätte ich nicht den Verstand, vieles zu verschweigen, was ich höre, so würden sich manche in die Haare geraten.« – »Aber zuweilen schweigt Ihr zuviel, Kajsa.« Die Alte sah auf und begriff, was sie meinte. »Ja, Gott sei mir gnädig,« sagte sie, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Ich sprach mit der Frau des Reichstagsabgeordneten auf Bergskog, aber ich hätte zu Euch gehen sollen.« – »Nun, Ihr habt also mit der Frau des Reichstagsabgeordneten gesprochen!« Es lag eine unendliche Verachtung in dem Ton, mit dem sie das lange Wort aussprach. Ingmar Ingmarsson fuhr aus dem Schlaf auf, als sich die Tür von der großen Stube leise öffnete. Es kam niemand herein, aber die Tür blieb angelehnt. Er wußte nicht, ob sie von selbst aufgesprungen war oder ob jemand sie geöffnet hatte. Schläfrig, wie er war, blieb er ruhig liegen und hörte daher alles, was in der äußeren Stube gesprochen wurde. »Sagt mir jetzt, Kajsa, wie Ihr dahinter gekommen seid, daß Brita Ingmar nicht lieb hatte,« sagte die Mutter. – »Ja, gleich von Anfang an sagten die Leute ja, die Eltern hätten sie gezwungen.« – »Sprecht nur gerade heraus, Kajsa. Wenn ich frage, braucht Ihr keine Komplimente zu machen, um die Wahrheit zu sagen; ich werde wohl ertragen können, zu hören, was Ihr sagen könnt.« »Es war ja so, daß ich jedesmal, wenn ich in der Zeit nach Bergskog kam, fand, daß sie verweint aussah. Einmal, als sie und ich allein in der Küche auf Bergskog waren, sagte ich zu ihr: ›Es ist ein schöner Mann, den du bekommst, Brita.‹ Sie sah mich an, als glaube sie, daß ich sie zum Narren haben wolle. Und dann sagte sie: ›Ja, das kannst du wohl sagen, Kajsa, schön ist er.‹ Sie sagte das auf eine Weise, daß mir war, als sähe ich Ingmar Ingmarsson vor mir, und er ist ja nicht schön, aber darüber hatte ich bisher nie nachgedacht; denn ich habe immer große Ehrfurcht vor den Ingmars gehabt. Aber nun konnte ich ja nicht lassen, ein wenig zu lächeln. Da sah mich Brita an und sagte noch einmal: ›Ja, schön ist er,‹ wandte sich von mir ab und stürzte in die Kammer, und ich hörte, daß sie zu weinen anfing. Aber als ich ging, dachte ich bei mir selbst: Es wird schon gehen, denn den Ingmars geht ja alles gut. Ich wunderte mich nicht über die Eltern, denn hätte ich eine Tochter gehabt, und hätte Ingmar Ingmarsson um sie geworben, dann hätte ich mir auch keine Ruhe gegönnt, ehe sie ja gesagt hätte.« Ingmar lag auf dem Bett und hörte es. »Das tut Mutter absichtlich,« dachte er. »Sie denkt sich das ihre bei dem Anstreichen und der Ehrenpforte und der Fahrt in die Stadt morgen. Mutter glaubt, daß ich die Absicht habe, hinzufahren und Brita zu holen; Mutter weiß nicht, daß ich ein Lump bin, daß ich es nicht kann.« »Das nächste Mal, als ich Brita sah,« fuhr die Alte fort, »war sie schon hierher auf den Ingmarshof gezogen. Ich konnte sie nicht gleich fragen, wie es ihr gehe, denn da waren so viele Leute in der Stube; aber als ich eine Strecke auf das Gehölz zugegangen war, kam sie hinter mir hergelaufen. ›Kajsa,‹ sagte sie, ›bist du kürzlich in Bergskog gewesen?‹ – ›Ich war vorgestern da,‹ sagte ich. – ›Ach, lieber Gott, bist du vorgestern dagewesen, und mir ist, als sei ich schon viele Jahre von Hause fort.‹ Ich wußte nicht recht, was ich zu ihr sagen sollte; sie sah so aus, als könne sie nichts vertragen, sondern würde gleich anfangen zu weinen, was ich auch sagte. ›Du kannst doch nach Hause gehen und dich nach ihnen umsehen,‹ sagte ich. – ›Nein, ich glaube, daß ich nie im Leben wieder nach Hause komme.‹ – ›Geh doch nur nach Hause,‹ sagte ich zu ihr, ›es ist schön dort oben, der ganze Wald ist voller Beeren, bei den Brandstellen ist es rot von Preißelbeeren.‹ – ›Du lieber Gott,‹ sagte sie, und ihre Augen wurden so groß. ›Sind da schon Preißelbeeren?‹ – ›Ja, du kannst dich doch wohl einen Tag freimachen, so daß du nach Hause gehen und so viele Beeren essen kannst, wie du nur magst.‹ – ›Nein, ich glaube nicht, daß ich das tun werde,‹ sagte sie. ›Gehe ich nach Hause, so ist es nur, um hierher nie wieder zurückzukehren.‹ ›Ich habe immer gehört, daß man es auf dem Ingmarshofe gut habe,‹ sagte ich. ›Sie sind rechtschaffene Leute.‹ – ›Ja,‹ antwortete sie, ›sie sind rechtschaffene Leute.‹ – ›Es sind die besten Leute in der Gemeinde,‹ sagte ich. ›Ja, sie sind rechtschaffen.‹ – ›Ja, sie halten es ja nicht für ein Unrecht, sich eine Frau zu erzwingen.‹ – ›Es sind auch kluge Leute.‹ – ›Ja, aber sie verschweigen, was sie wissen.‹ – ›Sagen Sie nie etwas?‹ – ›Nicht einer sagt mehr als das Allernotwendigste.‹ Nun mußte ich gehen, aber da fiel es mir ein zu sagen: ›Soll die Hochzeit hier oder daheim bei dir gefeiert werden? – ›Sie soll hier auf dem Hof stattfinden. Hier ist mehr Platz.‹ – ›Nun mußt du dafür sorgen, daß sie die Hochzeit nicht zu lange hinausschieben,‹ sagte ich. – ›Sie soll in einem Monat sein,‹ sagte sie. Aber als ich im Begriff war, von Brita fortzugehen, fiel mir ein, daß die Ingmars eine schlechte Ernte gehabt hatten, und ich sagte, offen gestanden, glaube ich nicht, daß sie die Hochzeit in diesem Jahr ausrichten würden. – ›Ja, dann muß ich ins Wasser gehen,‹ sagte Brita. Einen Monat spater hörte ich, daß die Hochzeit hinausgeschoben sei, und ich fürchtete, daß es nicht gut gehen würde. Da ging ich denn nach Bergskog und sprach mit der Frau des Reichstagsabgeordneten. ›Da unten bei den Ingmars stellen sie es auch, glaube ich, ganz verkehrt an,‹ sagte ich. – ›Ja, wir müssen zufrieden damit sein, wie sie es auch anstellen,‹ sagten sie. ›Wir danken Gott jeden Tag, daß wir unsere Tochter so gut verheiratet haben.‹« »Mutter braucht sich wirklich nicht so viel Mühe zu machen,« dachte Ingmar Ingmarsson, »denn hier vom Hofe fährt keiner hin, um Brita zu holen. Sie braucht sich wegen der Ehrenpforte nicht so zu ängstigen; so was tut ein Mann nur, um zum lieben Gott sagen zu können: Ich wollte es ja tun. Du konntest doch sehen, daß ich die Absicht hatte. Aber es allen Ernstes zu tun, das ist eine andere Sache.« »Das letztemal, als mich Brita sah,« fuhr Kajsa fort, »da war es mitten im Winter, als hoher Schnee lag. Ich kam einen schmalen Steig mitten durch den wilden Wald gegangen, und es war schwer zu gehen, denn es hatte angefangen zu tauen, und die Füße glitten einem im Schneeschlamm aus. Da gewahrte ich eine, die im Schnee saß und sich ausruhte, und als ich näherkam, sah ich, daß es Brita war. ›Gehst du allein hier oben im Walde?‹ sagte ich zu ihr. – ›Ja, ich gehe ein wenig spazieren.‹ – Da blieb ich stehen und sah sie an, ich konnte nicht begreifen, was sie da zu tun hatte. – ›Ich bin hier draußen, um zu sehen, ob ich nicht eine steile Felsklippe finden kann,‹ sagte Brita dann. – ›Herr meines Lebens, du willst dich doch wohl nicht da hinabstürzen?‹ sagte ich, denn sie sah aus, als wolle sie nicht länger leben. ›Ja,‹ sagte sie, ›falls ich nur eine Felsklippe finden kann, die hoch und steil genug wäre, so würde ich mich hinabstürzen.‹ – ›Du solltest dich schämen, du, die du es so gut hast.‹ – ›Ja, siehst du, Kajsa, ich bin schlecht.‹ – ›Freilich, das scheint so.‹ – ›Ich bin fest überzeugt, daß ich etwas Schlechtes tue, da wäre es besser, ich stürbe.‹ – ›Was ist das für ein Unsinn, Kind?‹ – ›Ja, ich wurde schlecht, als ich nach dem Ingmarshof hinabzog.‹ Da trat sie ganz nahe an mich heran und sah ganz wild aus den Augen, und dann sagte sie: ›Sie denken nur daran, wie sie mich quälen sollen, und ich denke nur daran, wie ich sie wieder quälen kann.‹ – ›Unsinn, Brita, es sind gute Menschen.‹ – ›Nein, sie denken nur daran, wie sie Schande über mich bringen können.‹ – ›Hast du ihnen denn das nicht gesagt?‹ – ›Ich spreche niemals mit ihnen. Ich denke nur daran, wie ich ihnen Böses zufügen kann. Ich denke daran, ob ich nicht den Hof anzünden soll; ich weiß, er hängt sehr daran. Ich denke auch daran, den Kühen Gift zu geben, sie sind so alt und häßlich und weiß um die Augen, als wenn sie aus seiner Familie stammten.‹ – ›Der Hund, der bellt, beißt nicht,‹ sagte ich. – ›Etwas Böses muß ich ihm antun,‹ sagte sie, ›eher findet meine Seele keinen Frieden.‹ – ›Du weißt selbst nicht, was du sagst,‹ sagte ich. ›Ich glaube, du denkst eher daran, deinem Seelenfrieden ein Ende zu machen.‹ Da fing sie auf einmal an zu weinen. Sie wurde ganz weich und sagte, es sei so schwer für sie mit den bösen Gedanken, die so plötzlich über sie kämen. Da begleitete ich sie nach Hause, und als wir uns trennten, versprach sie, daß sie nichts Böses tun wolle, wenn ich nur meinen Mund halten wollte. Da dachte ich viel darüber nach, mit wem ich sprechen könnte,« sagte Kajsa. »Es kam mir so schwierig vor, zu so großen Leuten zu gehen wie Ihr ...« In demselben Augenblick läutete die Essensglocke auf dem Stalldach, die Mittagsruhe war vorüber. Mutter Märta unterbrach Kajsa geschäftig. »Sagt mir doch, Kajsa, glaubt Ihr, daß es jemals zwischen Ingmar und Brita wieder gut werden kann?« – »Was?« sagte die Alte ganz erstaunt. – »Ich meine, wenn sie nun nicht nach Amerika führe, glaubt Ihr dann, daß sie ihn nehmen würde?« – »Wie kann ich das wissen. Nein, das würde sie wohl nicht tun.« – »Sie sagte wohl nein?« – »Ja, das würde sie wohl tun.« Ingmar saß dadrinnen auf dem Bett, die Beine hingen über dem Bettrande. »So, da hast du bekommen, was du nötig hast, Ingmar, nun glaube ich doch, daß du morgen hinfährst,« sagte er und schlug mit der geballten Faust auf die Bettstelle. »Daß Mutter nur glauben kann, daß sie mich dazu kriegen könne, zu Hause zu bleiben, wenn sie mir zeigt, daß Brita mich nicht lieb hat.« Er schlug einmal über das andere Mal auf die Bettstelle, als ob er in Gedanken etwas Hartes niederschlage, das ihm Widerstand leistete. »Nun will ich die Sache doch noch einmal versuchen. Wir Ingmars fangen wieder von vorne an, wenn etwas schief gegangen ist. Kein richtiger Mann kann sich darein finden, daß ein Frauenzimmer aus Groll über ihn verrückt wird.« Nie hatte er so tief empfunden, was für eine Niederlage er erlitten hatte. Er brannte vor Sehnsucht nach Genugtuung auf irgendeine Weise. »Es müßte doch verteufelt zugehen, wenn ich Brita nicht lehren könnte, glücklich auf dem Ingmarshofe zu werden,« sagte er. Noch einmal schlug er auf die Bettstelle, indem er aufstand, um an seine Arbeit zu gehen. »Ich bin fest überzeugt, daß der große Ingmar Kajsa hierher geschickt hat, um mich zu der Fahrt nach der Stadt zu veranlassen.«   IV. Ingmar Ingmarsson war in die Stadt gekommen und ging langsam den Weg nach dem großen Amtsgefängnis hinauf, das stolz auf einem kleinen Hügel über den städtischen Anlagen aufragte. Er sah sich nicht um, sondern schleppte sich, die schweren Augenlider gesenkt, mühselig dahin, als sei er ein uralter Mann. Er hatte in Veranlassung des Tages die schöne Tracht seiner Gegend abgelegt und einen schwarzen Tuchanzug und ein Manschettenhemd angezogen, das er schon ganz zerknittert hatte. Ihm war sehr feierlich zumute, aber doch noch ängstlich und widerwillig. Ingmar kam auf den kiesbestreuten Platz vor dem Gefängnis, da sah er einen Schutzmann, der die Wache hatte und fragte ihn, ob Brita Erikstochter heute entlassen werden sollte. – »Ja, ich glaube wohl, daß da heute eine freikommt,« sagte der Schutzmann. – »Es ist eine, die wegen Kindesmord gesessen hat,« klärte ihn Ingmar auf. – »Jawohl, ja, die kommt heute vormittag heraus.« Ingmar ging nicht weiter, sondern stellte sich an einem Baum auf und schickte sich an zu warten. Auch nicht eine Minute wandte er den Blick von dem Eingang ab. »Durch dieses Tor sind wohl manche hineingegangen, die es nicht allzu gut gehabt haben,« dachte er. »Ich will keine großen Worte machen,« sagte er weiter, »aber vielleicht hat es mancher, der da hineingegangen ist, kaum so schwer gehabt wie ich, der ich hier draußen stehe.« »Ja, ja, nun hat der große Ingmar mich doch hierher gebracht, um mir die Braut aus dem Gefängnis zu holen,« sagte er dann; »aber ich kann nicht sagen, daß der kleine Ingmar froh ist; ich hätte es gern gesehen, wenn sie durch eine Ehrenpforte geschritten käme, und wenn ihre Mutter an ihrer Seite gestanden und sie dem Bräutigam zugeführt hätte. Und dann hätte sie mit großem Gefolge zur Kirche fahren müssen. Und sie hätte neben ihm wie eine Braut geschmückt sitzen müssen und unter der Brautkrone lächeln sollen.« Das Tor tat sich mehrmals auf; es kam ein Pfarrer, und es kamen die Frau und die Mägde des Gefängnisdirektors und gingen in die Stadt hinab. Endlich kam Brita. Als das Tor aufging, stand Ingmar das Herz still. »Jetzt kommt sie,« dachte er. Seine Augenlider fielen zu, er war wie gelähmt und rührte sich nicht. Als er Mut gefaßt hatte und aufsah, stand sie vor dem Tor auf der Treppe. Er sah sie dort einen Augenblick stehen bleiben. Sie schob das Kopftuch zurück und sah mit klaren Augen auf die Landschaft hinaus. Das Gefängnis lag hoch, und über die Stadt und die großen Wälder hinweg konnte sie bis an die Berge ihrer Heimat sehen. Nun sah Ingmar, wie sie gleichsam von einer unsichtbaren Macht geschüttelt und gebeugt wurde. Sie hielt die Hände vor das Gesicht und setzte sich auf die Steintreppe nieder. Er konnte sie bis zu der Stelle, wo er stand, schluchzen hören. Da ging er über den Kiesplatz, stellte sich neben sie und wartete. Sie weinte so heftig, daß sie nichts hörte; er mußte lange dastehen. »Du mußt nicht so weinen, Brita,« sagte er schließlich. Sie sah auf. »Ach, Gott im Himmel, bist du hier?« sagte sie. Und im selben Augenblick stand alles das, was sie ihm angetan hatte, deutlich vor ihr, und auch das, was es ihn gekostet haben mußte, hierher zu kommen. Sie stieß einen lauten Freudenschrei aus, warf sich ihm um den Hals und schluchzte von neuem. »Ach, wie ich mich danach gesehnt habe, daß du hier sein solltest,« sagte sie. Ingmars Herz begann zu pochen, weil sie sich so zu ihm freute. »Was sagst du, Brita, hast du dich gesehnt?« sagte er und wurde gerührt. – »Ich mußte dich doch um Verzeihung bitten.« Ingmar richtete sich in seiner ganzen Höhe auf und wurde so kalt wie ein Steinbild. »Dazu ist immer noch Zeit,« sagte er, »ich meine, wir sollten nicht länger hier stehen bleiben.« »Nein, das ist ja kein Ort zum Stehenbleiben,« sagte sie demütig. – »Ich bin bei Kaufmann Löfberg eingekehrt,« sagte Ingmar, wahrend sie den Weg entlang gingen. – »Ja, da habe ich auch meine Kiste stehen.« – »Ich habe sie da gesehen,« sagte Ingmar, »sie ist zu groß, um hinten auf der Karre zu stehen, wir müssen sie da lassen, bis wir sie abholen lassen können.« Brita blieb stehen und sah zu Ingmar auf. Es war das erstemal, daß er erwähnte, daß er sie mit nach Hause nehmen wollte. »Ich habe heute einen Brief von Vater bekommen; er sagte, du meintest auch, daß ich nach Amerika reisen sollte.« – »Ich dachte, es könnte nicht schaden, wenn du die Auswahl hättest. Es war ja nicht sicher, daß du mit mir nach Hause kommen wolltest.« – Sie beachtete wohl, daß er nicht sagte, daß er es wünsche, aber das konnte wohl auch daher kommen, daß er sich ihr nicht aufzwingen wollte. Sie wurde sehr unschlüssig. Es war ja nicht beneidenswert, eine wie sie nach dem Ingmarshofe heimzubringen. – »Sag' ihm, daß du nach Amerika reist, das ist das einzige, was du tun kannst,« sagte sie zu sich selbst. »Sag' ihm das, sag' ihm das,« spornte sie sich an. Während sie so dachte, hörte sie jemand sagen: »Ich fürchte, ich bin nicht stark genug, um nach Amerika zu reisen; sie sagen, man muß da drüben so hart arbeiten.« – »Es kam mir vor, als sei es jemand anderes, der antwortete und nicht sie selbst.« – »Ja, so sagt man,« sagte Ingmar leise. – Sie schämte sich über sich selbst, dachte daran, daß sie noch heute morgen zu dem Pfarrer gesagt hatte, sie ginge als ein neuer und besserer Mensch in die Welt hinaus. Sie war unzufrieden mit sich selbst, ging lange schweigend einher und dachte daran, wie sie es anstellen sollte, ihr Wort zurückzunehmen. Aber sobald sie etwas derartiges sagen wollte, hielt der Gedanke sie zurück, daß, falls er sie noch liebe, es schwarzer Undank sein würde, ihn von sich zu weisen. »Könnte ich nur seine Gedanken lesen,« dachte sie. Da sah Ingmar, daß sie stehen blieb und sich gegen eine Mauer lehnte. »Ich werde ganz verwirrt von all dem Geräusch und den vielen Menschen.« Er reichte ihr eine Hand und sie nahm sie, und Hand in Hand gingen sie nun die Straße hinab. »Jetzt sehen wir aus wie ein Brautpaar,« dachte Ingmar. Aber während der ganzen Zeit grübelte er darüber nach, wie es gehen würde, wenn er nach Hause käme, wie er mit seiner Mutter und allen den anderen zurechtkommen sollte. Als sie zu dem Kaufmann kamen, sagte Ingmar, sein Pferd sei ausgeruht, falls sie nichts dagegen habe, könnten sie die ersten Wegestrecken noch heute zurücklegen. Da dachte sie: »Jetzt ist der Augenblick gekommen, zu sagen, daß du nicht willst. Danke ihm jetzt und sage, daß du nicht willst.« Sie stand da und flehte zu Gott, daß sie sich doch klar darüber werden möge, ob er nur aus Barmherzigkeit gekommen sei. Währenddes zog Ingmar den Wagen aus dem Schuppen heraus. Er war frisch gestrichen, das Spritzleder glänzte, und die Sitze hatten einen neuen Bezug bekommen. Vorn am Wagenleder steckte ein kleiner, halbverwelkter Strauß aus Feldblumen. Als sie den sah, blieb sie stehen und besann sich, und währenddes ging Ingmar in den Stall, schirrte das Pferd an und zog es heraus. Da, als sie ein ebensolches kleines halbverwelktes Bukett an dem Zaumwerk sah, fing sie wieder an zu glauben, daß er sie wirklich lieb habe und dachte, es sei am besten zu schweigen. Sonst würde er vielleicht finden, daß sie undankbar sei und nicht verstünde, wie groß das Anerbieten war, das er ihr machte. Sie fuhren des Weges dahin, und um das Schweigen zu unterbrechen, fing sie an, nach diesem und jenem daheim zu fragen. Bei jeder Frage erinnerte sie ihn an irgend einen, vor dessen Urteil er sich fürchtete. »Wie der und der sich wundern wird,« dachte er, »und wie der und der sich lustig über mich machen wird.« Seine Antworten waren einsilbig, und wieder und wieder meinte sie, sie müsse ihn bitten, umzukehren. Er will mich nicht haben, er hat mich nicht lieb, er tut es nur aus Barmherzigkeit. Bald hörte sie auf zu fragen; in tiefem Schweigen fuhren sie Meile auf Meile. Aber als sie in ein Gehöft kamen, stand da Kaffee mit frischem Gebäck für sie bereit, und auf dem Kaffeetisch lagen gleichfalls Blumen. Sie begriff, daß er es bestellt haben müßte, als er am gestrigen Tage vorbeigefahren war. War auch das nichts weiter als Güte und Barmherzigkeit? War er gestern froh gewesen? War es ihm erst heute leid geworden, nachdem er sie aus dem Gefängnis hatte kommen sehen? Aber morgen, wenn sie es vergessen hatte, würde schon alles wieder gut werden. Brita war weich geworden vor Reue und Demut. Sie wollte ihm keinen Kummer bereiten. Vielleicht, daß er doch wirklich – – Die Nacht über blieben sie in einem Gasthof, brachen aber frühzeitig auf und waren nun so weit gekommen, daß sie um zehn Uhr ihre eigene Kirche sehen konnten. Als sie vorüberfuhren, wimmelte es auf dem Kirchweg von Leuten, und die Glocken läuteten. »Lieber Gott, es ist Sonntag,« sagte Brita und faltete die Hände unwillkürlich. Sie vergaß alles andere über dem Gedanken, daß sie zur Kirche fahren und Gott danken wolle. Das neue Leben, das sie jetzt leben sollte, wollte sie mit einem Gottesdienst in der alten Kirche einweihen. »Ich möchte gern in die Kirche,« sagte sie zu Ingmar. In diesem Augenblick dachte sie gar nicht daran, daß es schwer für ihn sein müsse, sich dort blicken zu lassen. Sie war voller Andacht und Dankbarkeit. Ingmar war kurz davor, geradeswegs nein zu sagen. Er meinte, er habe nicht den Mut, den scharfen Blicken und den geschwätzigen Zungen zu begegnen. »Aber einmal muß es ja doch sein,« dachte er und bog in den Kirchenweg ein. »Es wird gleich schlimm, wann es auch sein mag.« Als sie den Kirchenhügel hinauffuhren, saßen auf der Steinmauer eine Menge Menschen und warteten darauf, daß der Gottesdienst beginnen sollte, und sie sahen alle die an, die kamen. Als sie Ingmar und Brita daherfahren sahen, fingen sie an zu flüstern und einer den anderen anzustoßen und auf sie zu zeigen. Ingmar sah Brita an; sie saß mit gefalteten Händen da und sah aus, als wisse sie nicht, wo sie war. Sie sah die Menschen nicht, aber Ingmar sah sie um so besser; einige kamen hinter dem Wagen dreingelaufen. Er wunderte sich nicht darüber, daß sie liefen und daß sie guckten. Sie wußten wohl nicht, ob sie recht gesehen hatten. Sie konnten sich natürlich nicht denken, daß er mit der, die ihr Kind erstickt hatte, zum Gotteshause gefahren käme. »Das ist zu viel,« dachte er, »ich halte es nicht aus.« »Ich meine, es wird am besten sein, wenn du gleich in die Kirche hineingehst, Brita,« sagte er, als er ihr vom Wagen herabhalf. – »Ja,« sagte sie, sie wollte nur zur Kirche; sie war nicht gekommen, um Leute zu treffen. Ingmar ließ sich Zeit, das Pferd abzuschirren und zu füttern. Viele Blicke waren auf Ingmar gerichtet, aber niemand sprach mit ihm. Als er fertig war und in die Kirche ging, saßen die meisten schon an ihren Plätzen und der Gesang hatte bereits begonnen. Während Ingmar den breiten Gang hinaufging, sah er nach der Frauenseite hinüber; alle Stühle waren besetzt, ausgenommen einer, und darauf saß nur eine einzige. Er sah sogleich, daß es Brita war und dachte, daß niemand neben ihr sitzen wollte. Ingmar tat noch einige Schritte, dann bog er nach der Frauenseite um und setzte sich neben Brita. Als er zu ihr in den Stuhl kam, sah Brita auf und machte große Augen. Sie hatte bisher auf nichts geachtet; jetzt begriff sie, daß die anderen nicht neben ihr sitzen wollten. Da schwand das tiefe, feierliche Gefühl, das sie eben noch erfüllt hatte und machte einer großen Betrübnis Platz. Was sollte hieraus werden, was sollte hieraus werden? Sie hätte ja niemals mit ihm zurückkehren sollen! Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und um nicht zu weinen, nahm sie ein altes Gesangbuch, das vor ihr auf dem Brett lag, und fing an, darin zu lesen. Sie durchblätterte die Evangelien und Episteln, ohne ein Wort zu sehen vor lauter Tränen, die sie nicht zurückzuhalten vermochte. Da leuchtete plötzlich etwas Dunkelrotes vor ihren Augen auf, es war ein Lesezeichen mit einem roten Herzen, das zwischen den Blättern lag. Sie nahm es und schob es Ingmar hin. Sie sah, daß er es in seiner großen Hand barg und es verstohlen betrachtete. Gleich darauf lag es an der Erde. »Was soll aus uns werden, was soll aus uns werden?« dachte Brita und weinte über dem Gesangbuch. Sie gingen aus der Kirche hinaus, sobald der Pfarrer die Kanzel verlassen hatte. Ingmar spannte in aller Eile an und Brita half ihm. Als der Segen gesprochen und die Schlußverse gesungen waren und die Leute anfingen, aus der Kirche zu strömen, waren sie schon auf dem Heimweg. Beide hatten ungefähr denselben Gedanken: Wer ein solches Verbrechen begangen hat, kann nicht mehr mit anderen Menschen leben. Sie fühlten beide, daß sie in der Kirche auf der Armsünderbank gesessen hatten. »Das können wir beide nicht aushalten,« dachten sie. Mitten in ihrem Kummer erblickte Brita den Ingmarshof und konnte ihn kaum wiedererkennen, so leuchtend rot, wie er dalag! Es fiel ihr ein, daß es immer geheißen hatte, der Hof solle rot angestrichen werden, wenn Ingmar sich verheiratete. Damals war die Hochzeit verschoben worden, weil er die Ausgabe für den Anstrich scheute. Sie begriff, daß er es alles so recht gut hatte machen wollen, daß es ihm aber dann zu schwer geworden war. Als sie auf den Ingmarshof hinauffuhren, saßen die Leute am Mittagstisch. »Da kommt der Herr,« sagte einer von den Knechten und sah zum Fenster hinaus. Mutter Märta hob kaum die schläfrigen Augenlider, als sie aufstand. »Jetzt bleibt ihr alle hier drinnen,« sagte sie, »niemand braucht von Tisch aufzustehen.« Die alte Frau ging schwerfällig durch die Stube. Den Leuten, die ihr nachsahen, fiel es auf, daß sie gleichsam, um noch würdiger auszusehen, ihren besten Staat angelegt hatte, mit einem seidenen Schal um die Schultern und einem seidenen Tuch auf dem Kopf. Sie stand schon an der Haustür, als der Wagen hielt. Ingmar sprang gleich ab, aber Brita blieb sitzen. Er ging nach der Seite hinüber, wo sie saß, und knöpfte das Spritzleder auf. »Willst du aussteigen?« – »Nein, ich will nicht.« Sie war in ein verzweifeltes Weinen ausgebrochen und hielt die Hände vor das Gesicht. »Ich hätte nie zurückkommen sollen,« sagte sie und schluchzte. »Ach, steig' doch jetzt aus,« sagte Ingmar. – »Laß mich in die Stadt zurückfahren, ich bin nicht gut genug für dich.« Ingmar dachte bei sich, daß sie darin recht habe; er sagte aber nichts, sondern stand da, die Hand auf dem Spritzleder und wartete. »Was sagt sie?« fragte Mutter Märta, die in der Tür stand. »Sie sagt, sie sei nicht gut genug für uns,« sagte Ingmar. Brita konnte sich vor lauter Weinen nicht verständlich machen. »Und warum weint sie?« fragte die Alte. – »Weil ich eine arme Sünderin bin,« sagte Brita und preßte die Hände aufs Herz; sie meinte, es müsse ihr vor Schmerz brechen. »Was sagt sie?« fragte die Alte wieder. – »Weil sie eine arme Sünderin sei,« wiederholte Ingmar. Als Brita hörte, daß er ihre Worte mit kalter, gleichgültiger Stimme wiederholte, ging ihr die Wahrheit plötzlich auf. Nein, er konnte nicht dastehen und ihre Worte der Mutter wiederholen, wenn er sie lieb hatte, wenn er nur die geringste Liebe zu ihr empfand. Darüber war nicht länger nachzugrübeln; jetzt wußte sie, was sie zu wissen brauchte. »Warum steigt sie nicht aus?« fragte die Alte. Brita bezwang ihr Weinen und antwortete selbst mit lauter Stimme: »Weil ich Ingmar nicht ins Unglück bringen will.« – »Ich finde, sie hat recht,« sagte die Mutter, »laß du sie gehen, kleiner Ingmar. Das will ich dir wenigstens sagen, daß ich sonst fortgehe; ich schlafe nicht eine einzige Nacht unter demselben Dach mit so einer.« »Laß uns um Gotteswillen machen, daß wir hier fortkommen,« jammerte Brita. Ingmar fluchte, wandte den Wagen um und sprang hinauf. Er hatte das Ganze satt und wollte nicht länger dagegen ankämpfen. Als sie wieder auf den Weg hinausgelangt waren, begegneten sie jeden Augenblick Leuten, die aus der Kirche kamen. Das war Ingmar unangenehm, und er bog in einen kleinen Waldweg ein. Der war steinig und hügelig, aber mit einem Einspänner konnte man schon dort fahren. Gerade, als er in den Weg einbog, rief ihn jemand an. Er sah sich um, es war der Briefträger, der ihm einen Brief übergab. Ingmar nahm ihn, steckte ihn in die Tasche und fuhr in den Wald hinein. Sobald er so weit hineingekommen war, daß ihn von der Landstraße aus niemand sehen konnte, hielt er an und zog den Brief heraus. Im selben Augenblick legte Brita die Hand auf den Arm. »Lies ihn nicht,« sagte sie. – »Soll ich ihn nicht lesen? – »Nein, es ist nichts, das sich des Lesens verlohnt.« – »Wie kannst du das nur wissen?« – »Der Brief ist von mir.« – »Dann kannst du mir ja selbst sagen, was darin steht.« – »Nein, das kann ich nicht.« Er sah sie an, sie wurde dunkelrot und ihre Augen waren ganz verstört vor Angst. »Ich glaube, ich will den Brief nun doch lesen,« sagte Ingmar. Er wollte ihn öffnen, aber sie versuchte, ihn ihm wegzunehmen. Er widersetzte sich, und es gelang ihm, den Umschlag aufzureißen. »Ach, du lieber Gott,« jammerte sie. »Mir soll doch auch nichts erspart bleiben.« »Ingmar,« flehte sie, »lies ihn in ein paar Tagen, wenn ich gereist bin.« Er hatte ihn schon geöffnet und fing an, ihn zu durchfliegen. »Höre einmal, Ingmar, der Gefängnispfarrer hat mich dazu gekriegt, den Brief zu schreiben, und er versprach mir, ihn aufzubewahren und ihn dir zu schicken, wenn ich glücklich an Bord des Dampfers wäre. Nun hat er ihn zu früh abgeschickt. Du darfst ihn noch nicht lesen. Laß mich nur erst fort sein, Ingmar, ehe du ihn liest.« Ingmar warf ihr einen zornigen Blick zu, er sprang vom Wagen, um Ruhe zu haben und fing an, den Brief zu lesen. Sie war in heftiger Gemütserregung, ganz wie in alten Zeiten, wenn sie ihren Willen nicht durchsetzen konnte. »Es ist nicht wahr, was da in dem Brief steht! Der Pfarrer hat mich überredet, es zu schreiben. Ich liebe dich nicht, Ingmar!« Er sah mit einem großen verwunderten Blick von dem Brief auf. Da schwieg sie, und die Demut, die sie im Gefängnis gelernt hatte, stieg wieder in ihr auf. Die zwang sie zur Ruhe: sie erlitt wohl nicht mehr Schande, als sie verdient hatte. Ingmar stand da und quälte sich mit dem Brief ab. Plötzlich knitterte er ihn ungeduldig zusammen, und aus seiner Kehle drang ein röchelnder Laut. »Ich kann nicht klug daraus werden,« sagte er und stampfte auf den Boden. »Es dreht sich mir alles rundherum.« Er ging neben Brita her und packte sie hart beim Arm. Seine Stimme klang zornig und rauh, und er war schrecklich anzusehen. »Ist es wahr, was da in dem Brief steht, daß du mich lieb hast?« wiederholte er und sah erbittert aus. – »Ja,« sagte sie tonlos. Er schüttelte sie beim Arm und schleuderte ihn von sich. »Wie du doch lügen kannst,« sagte er, »wie du doch lügen kannst.« Er lachte laut und roh und sein Gesicht war häßlich verzerrt. – »Gott weiß,« sagte sie feierlich, »daß ich jeden Tag gebetet habe, daß ich dich, ehe ich abreise, noch einmal sehen dürfte.« – »Wo reist du denn hin?« – »Ich soll ja nach Amerika.« – »Den Teufel auch sollst du!« Ingmar war ganz von Sinn und Verstand; er schwankte einige Schritte in den Wald hinein, dort warf er sich auf den Boden nieder, und nun war die Reihe zu weinen an ihm. Brita ging hinter ihm drein und setzte sich neben ihn. Sie war so froh, sie konnte sich kaum bezwingen, nicht hell aufzulachen! »Ingmar, kleiner Ingmar,« sagte sie und nannte ihn bei seinem Kosenamen! »Du, die du mich so häßlich findest!« – »Ja, das tue ich auch.« Ingmar stieß ihre Hand zurück. – »Ich will dir jetzt alles erzählen.« – »Ja, tue du das!« – »Weißt du noch, was du vor drei Jahren vor dem Gericht gesagt hast?« – »Ja.« – »Daß, falls ich meinen Sinn ändern würde, du dich mit mir verheiraten wolltest?« – »Ja, das weiß ich noch.« – »Von der Zeit an begann ich, dich lieb zu gewinnen; ich hätte nie geglaubt, daß ein Mensch so etwas sagen könne. Es war übermenschlich, daß du das zu mir sagen konntest, Ingmar, nach alledem, was ich dir angetan hatte. Als ich dich damals ansah, fand ich, daß du der einzige warst, mit dem es möglich sei zu leben, und ich fand, daß du mir gehörst und ich dir. Und zu Anfang betrachtete ich es als eine ausgemachte Sache, daß du kommen würdest, um mich zu holen, aber später wagte ich nicht mehr, daran zu glauben.« Ingmar erhob den Kopf. »Warum schriebst du nicht?« – »Ich schrieb ja.« – »Du batest mich um Verzeihung; das verlohnte sich doch gar nicht zu schreiben.« – »Was sollte ich denn sonst schreiben?« – »Das andere.« – »Wie konnte ich das nur wagen!« – »Nun wäre ich beinahe nicht gekommen.« – »Aber Ingmar, ich konnte dir doch keinen Antrag machen, nach alledem, was ich dir angetan hatte! Am letzten Tag im Gefängnis schrieb ich dir, weil der Pfarrer sagte, ich sollte es tun. Er nahm den Brief und versprach, daß du ihn nach meiner Abreise bekommen solltest. Und nun hat er ihn schon abgeschickt.« »Ingmar nahm ihre Hand, legte sie auf den Boden und schlug darauf. »Ich hätte Lust, dich selbst zu schlagen,« sagte er. – »Du magst mit mir tun, was du willst, Ingmar.« –- »Ich war nahe daran, daß ich dich hätte reisen lassen.« – »Du hättest es doch nicht lassen können zu kommen.« – »Ich will dir nur sagen, daß ich dich gar nicht lieb habe.« – «Das kann ich sehr wohl verstehen.« »Ich war so froh, als ich hörte, daß du nach Amerika solltest.« – »Ja, Vater schrieb, daß du dich sehr freutest.« – »Wenn ich Mutter ansah, fand ich, daß ich ihr nicht so eine wie du als Schwiegertochter bringen könne.« – »Nein, das kann auch nicht angehen, Ingmar.« – »Ich habe deinetwegen so viel leiden müssen; niemand wollte mich ansehen, weil ich so schlecht an dir gehandelt hatte.« – »Nun glaube ich, du tust, was du eben sagtest,« sagte Brita, »du schlägst mich.« – »Ja, kein Mensch kann sich denken, wie böse ich auf dich bin.« Sie saß ganz still da. »Wenn ich bedenke, wie mir nun seit Tagen und Wochen zumute gewesen ist,« begann er von neuem. – »Aber Ingmar.« – »Ja, das ist nicht, daß ich böse bin, aber ich hätte dich ja reisen lassen können.« «– »Hattest du mich nicht lieb, Ingmar?« – Nein!« – »Auch auf der ganzen Reise nicht?« – »Nicht einen Augenblick. Du warst mir nur widerwärtig.« – »Wann kehrte es denn wieder?«– »Als ich den Brief bekam.« – »Ja, ich sah freilich, daß es bei dir vorbei war; darum meinte ich, es sei eine Schande für mich, daß du erfahren solltest, daß es bei mir begonnen hatte.« Ingmar fing an, ganz leise vor sich hinzulachen. »Was hast du, Ingmar?« – »Ich denke daran, daß wir aus der Kirche geflohen sind und vom Ingmarshofe verjagt wurden.« – »Und darüber lachst du?« – »Sollte ich nicht darüber lachen? Wir müssen wohl auf der Landstraße wohnen wie andere Landstreicher. Das sollte Vater nur sehen.« – »Ja, heute lachst du, aber das geht nicht, und das ist meine Schuld.« – »Es wird schon gehen,« sagte er, »denn jetzt mache ich mir keinen Pfifferling mehr aus dir.« Brita war dem Weinen nahe; aber er ließ sie nur einmal über das andere erzählen, wie sie an ihn gedacht und sich nach ihm gesehnt hatte. Allmählich wurde er still wie ein Kind, das einem Wiegengesang lauscht. Es war nur alles so ganz anders, als wie Brita es sich gedacht hatte. Sie hatte sich gedacht, daß, wenn er sie abhole, wenn sie aus dem Gefängnis kam, sie gleich von ihrer Schuld sprechen und ihm sagen würde, wie sehr es sie bedrücke und daß so viel Schlechtes in ihr sei. Sie wollte ihm oder der Mutter, oder wer sonst kam, sagen, sie wisse sehr wohl, wie tief sie unter ihnen allen stünde, sie sollten ja nicht glauben, daß sie sich als zu ihnen gehörig rechne. Aber sie kam gar nicht dazu, ihm von alledem irgend etwas zu sagen. Er unterbrach sie und sagte ganz ruhig: »Du möchtest mir etwas sagen.« – »Ja, das möchte ich gern.« – »Du denkst fortwährend daran.« – »Tag und Nacht.« – »Sag' es jetzt, dann können wir es zu zweien tragen.« Er saß da und sah ihr in die Augen, die einen ängstlichen, verstörten Ausdruck hatten. Sie wurden ruhiger, während sie sprach. »Jetzt ist dir leichter zumute,« sagte er, als sie schwieg. – »Es ist, als sei es weg,« sagte sie. – »Das kommt, weil wir es jetzt zu zweien tragen. Jetzt willst du vielleicht nicht mehr reisen?« – »Ach, ich möchte ja gerne bleiben,« sagte sie und faltete die Hände. »Dann fahren wir nach Hause,« sagte Ingmar und erhob sich. – »Nein, das wage ich nicht,« sagte Brita. – »Mutter ist nicht so schlimm,« sagte Ingmar, »wenn sie nur sieht, daß man weiß, was man selbst will.« – »Ja, aber ich will dich nie und nimmer vom Hof jagen. Ich sehe keinen anderen Ausweg, als daß ich nach Amerika reise.« – »Ich will dir etwas sagen,« sagte Ingmar und lächelte geheimnisvoll. »Du mußt dich nicht fürchten. Da ist einer, der uns hilft.« – »Wer ist das?« – »Das ist Vater. Er fügt es schon so, daß es geht.« Da kam jemand den Waldweg gegangen. Es war Kajsa; aber sie erkannten sie kaum, denn sie trug nicht die Tracht mit den Körben. »Guten Tag, guten Tag,« sagte sie, und die Alte ging hin und drückte ihnen die Hand. »Ja, ihr sitzt hier, während alle Knechte auf dem Ingmarshofe auf der Suche nach euch sind.« »Ihr hattet es so eilig, aus der Kirche zu kommen,« fuhr die Alte fort, »so daß ich euch gar nicht guten Tag sagen konnte; aber ich wollte Brita doch begrüßen, und so ging ich denn nach dem Ingmarshof. Zugleich mit mir kam der Propst, und er ging in die gute Stube, ehe ich noch guten Tag gesagt hatte. Er ruft Mutter Märta gleich zu, bevor er noch die Hand gereicht hat: »Ei, Mutter Märta, ei, Mutter Märta, jetzt sollt Ihr Freude an Ingmar erleben; da kann man doch sehen, daß er vom alten Stamm ist; nun müssen wir anfangen, ihn den großen Ingmar zu nennen.« Mutter Märta sagt ja nie viel; jetzt stand sie da und knüpfte ihr Kopftuch auf und zu. »Was sagte der Propst?« sagte sie endlich. »Er hat Brita heimgeholt,« sagte der Probst, »glaubt mir, Mutter Märta, dafür wird er geehrt werden, solange er lebt.« – »Ach nein, ach nein,« sagte die Alte. »Ich war nahe daran, aus dem Text zu geraten, als ich sie in der Kirche sitzen sah, das war eine bessere Predigt, als ich eine halten kann. Ingmar wird uns allen zum Beispiel werden, so wie sein Vater es war.« – »Das sind große Neuigkeiten, mit denen der Herr Propst kommt,« sagte Mutter Märta. – »Ist er noch nicht zu Hause?« – »Nein, er ist noch nicht gekommen. Aber sie sind vielleicht erst nach Bergskog gefahren.« »Hat Mutter das gesagt?« rief Ingmar aus. – »Ja, das hat sie gesagt, und während wir auf euch warteten, schickte sie einen Boten nach dem anderen nach euch aus.« Kajsa redete noch weiter, aber Ingmar hörte nichts mehr, was sie sagte, denn seine Gedanken waren weit weg – – –. »Dann trete ich in die gute Stube,« dachte er, »wo Vater mit all den alten Ingmarssöhnen sitzt.« – »Guten Tag, großer Ingmar Ingmarsson,« sagt Vater und geht mir entgegen. – »Guten Tag, Vater, schönen Dank für die Hilfe.« – »Ja, nun machst du eine gute Heirat,« sagt Vater, »dann wird alles das andere schon von selbst kommen.« – »Ich wäre nie so weit gekommen, wenn Ihr mir nicht beigestanden hättet,« sage ich. – »Das war keine Kunstt,« sagt Vater. »Wir Ingmars brauchen nichts weiter als Gottes Wege zu gehen.«   1. Buch Beim Schulmeister In dem Kirchsprengel, wo die alten Ingmarssöhne wohnten, war zu Anfang der achtziger Jahre kein Mensch, der sich hätte denken können, einen neuen Glauben anzunehmen oder einer neuen Art Gottesdienst beizuwohnen. Sie hatten ja wohl davon reden hören, daß hier und da in anderen Kirchsprengeln Sekten entstanden, und daß es Menschen gab, die in Bäche und Seen stiegen und sich mit der neuen Taufe der Baptisten taufen ließen; aber sie lachten über das alles und sagten: »So etwas paßt vielleicht für die, die in Appelbo und in Gagnef wohnen, aber hierher zu uns ins Kirchspiel wird das nie kommen.« Wie die Leute überhaupt an allen anderen alten Sitten festhielten, so hielten sie auch streng darauf, daß man jeden Sonntag in die Kirche ging. Alle, die kommen konnten, kamen, selbst im Winter bei der allerstrengsten Kälte. Und gerade im Winter war es beinahe notwendig. Man hätte es nicht aushalten können, in der kalten Kirche bei vierzig Grad Frost zu sitzen, wenn sie nicht ganz dicht mit Menschen besetzt gewesen wäre. Aber man muß nun nicht glauben, daß der Kirchenbesuch so groß war, weil der Pfarrer so ausgezeichnet war. Der Gemeindepfarrer war ein guter Mann, aber niemand konnte von ihm sagen, daß er eine besondere Gabe habe, das Wort Gottes auszulegen. Zu jener Zeit ging man in die Kirche, um Gott zu ehren, und nicht, um sich über eine schöne Predigt zu freuen. Wenn man sich hinterher auf der windigen Landstraße nach Hause kämpfte, dachte man: »Der liebe Gott hat es wohl bemerkt, daß du bei dieser Kälte in der Kirche warst.« Darauf kam es an; im übrigen konnte aber niemand etwas dafür, wenn der Pfarrer wieder nichts weiter als genau dasselbe gesagt hatte, was man ihn jeden Sonntag sagen hörte, seit er in das Kirchspiel gekommen war. Aber um die Wahrheit zu sagen, hing das so zusammen, daß die meisten vollkommen mit dem zufrieden waren, was sie zu hören bekamen. Sie wußten, daß das, was der Pfarrer ihnen vorlas, Gottes Wort war, und darum fanden sie es schön. Nur der Schulmeister und einer oder der andere von den alten klugen Bauern sagten wohl gelegentlich einmal zueinander: «Unser Pfarrer hat eigentlich nur eine einzige Predigt. Er redet beinahe von nichts anderem als von Gottes Vorsehung und Gottes Regierung. Das mag angehen, solange die Sekten sich fernhalten. Denn zurzeit ist diese Festung schlecht verwahrt und würde beim ersten Angriff fallen.« Es verhielt sich auch wirklich so, daß die umherreisenden Predikanten immer an dem Kirchspiel vorbeizogen. »Es nütze nichts, dahin zu kommen,« sagten sie. Die Leute dort unten wollten nichts von der Erweckung wissen. Sowohl die Laienprediger als auch die Erweckten in den Nachbargemeinden hielten die alten Ingmarssöhne und die übrigen Gesindemitglieder für große Sünder, und wenn sie die Kirchenglocken dieses Sprengels hörten, sagten sie, sie läuteten die Melodie: »Schlaft in euren Sünden! Schlaft in euren Sünden!« Alle in der Gemeinde, Groß wie Klein, waren sehr empört, als sie hörten, daß die Leute so über ihre Glocken sprachen. Sie wußten ja, daß kein Mensch in dem ganzen Kirchsprengel es versäumte, sein Vaterunser zu beten, wenn die Kirchenglocken läuteten. Und jeden Nachmittag, wenn die Vesperglocke ertönte, wurde alle Arbeit draußen wie drinnen unterbrochen; die Männer nahmen die Hüte ab, die Frauen machten einen Knicks, und alle standen so lange still, wie man gebraucht, um ein Vaterunser zu beten. Alle, die in dieser Gemeinde gewohnt haben, müssen auch anerkennen, daß sie nie so stark gefühlt haben, daß Gott das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit ist, als wenn sie an Sommerabenden plötzlich die Sensen ruhen und den Pflug mitten in der Furche anhalten und das Kornfuder auf dem Wege zur Scheune stillstehen sahen, nur um einiger Glockenschläge willen. Es war, als wüßten die Leute, daß der liebe Gott gerade dann auf einer Abendwolke über die Gemeinde hinschwebt, groß und mächtig und gut, und Segen über die ganze Gegend ausstreut. In diesem Dorf hatte man noch keinen Schulmeister, der auf einem Seminar gewesen war, sondern man hatte einen altmodischen Schulmeister, der nichts weiter war als ein Bauer, der selbst das gelernt hatte, was er konnte. Er war ein tüchtiger Mann, der ganz allein mehr als hundert Kinder unterrichten konnte; er war über dreißig Jahre Schulmeister gewesen und genoß das größte Ansehen. Der Schulmeister war nicht weit davon entfernt zu glauben, daß er das Wohl und Wehe des ganzen Kirchsprengels auf dem Gewissen habe, und nun wurde er unruhig, weil sie einen Pfarrer hatten, der nicht predigen konnte. Er verhielt sich indes ruhig, solange in den anderen Kirchsprengeln nur die Rede von der Einführung einer neuen Taufe war; aber als er hörte, daß die Reihe nun auch an das Abendmahl gekommen sei, und daß die Leute anfingen, sich hier und da in den Häusern zu versammeln, um das Abendmahl zu nehmen, da konnte er nicht länger gleichgültig zusehen. Er selbst war arm, aber es gelang ihm, einige von den größten Bauern zu dem Bau eines Missionshauses zu überreden. »Ihr kennt mich,« sagte er zu ihnen, »ich will nur predigen, um die Leute in dem alten Glauben zu stärken. Denn wohin soll es führen, wenn die Laienpredikanten uns mit der neuen Taufe und dem neuen Abendmahl überfallen und niemand da ist, der den Leuten sagt, was wahre und was falsche Lehre ist?« Der Schulmeister war beim Pfarrer wie bei allen anderen sehr gut angeschrieben. Er und der Pfarrer gingen oft zwischen dem Pfarrhof und der Schule lange auf und nieder, als könnten sie mit alledem, was sie einander zu sagen hatten, niemals fertig werden. Der Pfarrer kam auch oft des Abends zu dem Schulmeister und saß in der Küche an dem großen Herd und plauderte mit Mutter Stina, des Schulmeisters Frau. Zuweilen kam er Abend für Abend. Bei ihm daheim war es so trübselig, seine Frau lag immer zu Bett, so daß da weder Ordnung noch Gemütlichkeit zu Hause war. Es war an einem Winterabend. Der Schulmeister und seine Frau saßen sehr still und ernst am Herd, aber in einer Ecke der Stube saß ein kleines zwölfjähriges Mädchen und spielte. Sie hieß Gertrud und war des Schulmeisters Tochter. Sie war ganz blond, fast weißhaarig, mit rosigen, runden Wangen, aber sie sah weder so aufgeweckt noch so altklug aus, wie Schulmeisterkinder auszusehen pflegen. Die Ecke, in der sie saß, war ihre Spielstube. Da hatte sie eine Menge verschiedener Sachen zusammengestapelt: kleine Scherben von farbigem Glas, zerbrochene Tassen, runde Steine vom Flußufer, kleine, dicke Holzklötze und vielerlei anderen ähnlichen Kram. Jetzt hatte sie schon lange ruhig dasitzen und spielen können; weder Vater noch Mutter hatten sie gestört. Sie war im Begriff, aus ihren Holzklötzen und Glasscherben etwas zu bauen, und war sehr eifrig dabei und fürchtete, nun an ihre Aufgaben und Arbeiten erinnert zu werden. Nein – das war herrlich, es sah gar nicht so aus, als wenn heute abend noch etwas aus der Extrarechenstunde bei Vater werden sollte. Sie hatte da in ihrer Ecke eine große Arbeit vor. Nichts Geringeres, als ein ganzes Kirchspiel zu bauen. Sie wollte das ganze Dorf aufbauen, sowohl die Kirche als auch die Schule. Der Fluß und die Brücke sollten auch mit dabei sein, sie wollte es ganz so machen wie es war. Sie hatte schon ein gutes Stück fertig. Die große Bergkette, die rings um den ganzen Kirchsprengel läuft, war aus großen und kleinen Steinen errichtet. In allen Schluchten hatte sie Wald aus kleinen Tannenzweigen gepflanzt, und oben nach Norden zu hatte sie zwei spitze Steine aufgestellt, das war der Klackberg und die Olofsmütze, die sich zu beiden Seiten des Flusses einander gerade gegenüber erhoben und das ganze Tal überragten. Das runde Tal zwischen den Bergen war mit Erde aus einem der Blumentöpfe der Mutter bedeckt, und so weit war alles in Ordnung; aber sie konnte sie nicht grün und hübsch bekommen, so wie sie sein sollten. Da tröstete sie sich damit, daß man ja denken könne, daß es Frühling sei, ehe Gras und Korn aufgegangen waren. Den Dalelf, der blank und breit durch den Kirchsprengel floß, konnte sie dahingegen mit einer langen, schmalen Glasscherbe ganz deutlich bezeichnen, und die lange Flußbrücke, die die beiden Teile des Dorfes verband, lag schön da und schwamm auf dem Elf. Die abgelegenen Höfe und Dörfer hatte sie auch schon mit roten Ziegelbrocken angedeutet. Ganz oben nach Norden zu, mitten zwischen Ackern und Wiesen, lag der Ingmarshof, aber das Dorf Kolaß lag ganz im Osten auf dem Bergabhang, und das Bergsaanaer Sägewerk am weitesten nach Süden zu, da, wo der Elf mit Stromschnellen und Gießbächen sich den Weg zum Tale hinausbahnte und die Bergkette durchbrach. Mit all dem Äußeren war sie eigentlich fertig. Die Landstraßen liefen, gut mit Kies bestreut, an dem Elf entlang und zwischen den Gehöften hindurch. Hier und da auf den Ebenen und um die Häuser herum waren Bäume gepflanzt, und das kleine Mädchen brauchte nur einen Blick auf das alles zu werfen, was sie aus Steinen und Erde und Tannenzweigen gebaut hatte. Gleich sah sie den ganzen Kirchsprengel vor sich. Sie meinte, es sei wunderbar schön. Einmal über das andere hob die kleine Gertrud den Kopf, um die Mutter zu rufen und ihr das Kunstwerk zu zeigen; aber sie besann sich jedesmal. Es war doch das klügste, die Eltern nicht daran zu erinnern, daß sie da war. Das, was noch zu tun übrig blieb, war das allerschwerste. Das war der Bau des Kirchdorfes, das sich mitten im Kirchsprengel zu beiden Seiten des Elfes ausbreitete. Sie mußte die Steine und Glasscherben unzählige Male verrücken, ehe sie Ordnung in all den Wirrwarr brachte. Das Haus des Dorfschulzen war im Begriff, das Haus des Kaufmanns zur Seite zu drängen, und das des Hardevogts konnte neben dem Haus des Doktors keinen Platz finden. Und allein schon an all das zu denken, was da war; an die Kirche und das Pfarrhaus, an die Apotheke und das Posthaus, an die großen Bauernhöfe mit den mächtigen Wirtschaftsgebäuden, an den Gasthof, an die Wohnung des Landinspektors, an die Telegraphenstation und die Tabaksfabrik. Endlich lag das ganze Kirchdorf mit seinen weißen und roten Häusern mitten in all dem Grünen da. Jetzt fehlte nur noch eins. Sie hatte sich so sehr mit all diesem beeilt, um mit dem Bau des Schulhauses zu beginnen, das auch im Kirchdorf stehen sollte. Denn zu der Schule mußte sie viel Platz haben. Die sollte hoch aufragen, dicht neben dem Elf, ein großes, weißes, zweistöckiges Haus mit einem großen Garten und einer hohen Flaggenstange mitten auf dem Hof. Sie hatte ihre besten Klötze zu der Schule aufgehoben, und trotzdem saß sie lange da und überlegte, wie sie damit zustande kommen sollte. Am liebsten hätte sie das ganze Gebäude so gebaut, wie es war, mit einem großen Schulzimmer in jedem Stockwerk und mit der Küche und der Stube, in der sie und die Eltern wohnten. Aber das würde viel Zeit erfordern; »sie lassen mich wohl nicht so lange in Ruhe,« dachte sie. Da ertönten Schritte auf der Diele. Da war einer, der draußen den Schnee abstampfte. Das kleine Mädchen begann plötzlich wieder eifrig zu bauen. »Nun kommt der Pfarrer und schwatzt mit Vater und Mutter, nun habe ich den ganzen Abend für mich.« Und mit frischem Mut begann sie den Grund zu dem Schulhaus zu legen, das so groß war wie der halbe Kirchsprengel. Auch die Mutter hatte die Schritte auf der Diele gehört. Sie saß an ihrem Spinnrocken; jetzt erhob sie sich und schob einen alten Lehnstuhl an den Herd. Zugleich wandte sie sich an ihren Mann: »Willst du es ihm nun heute abend sagen?« – »Ja,« antwortete der Schulmeister, »sobald ich Gelegenheit dazu finden kann.« Der Pfarrer kam jetzt herein, verweht und verfroren und froh, in einer warmen Stube am Ofen sitzen zu können. Er war wie gewöhnlich sehr redselig. Man konnte sich wirklich keinen angenehmeren Mann denken als den Pfarrer, wenn er so kam, um über alles mögliche zu plaudern. Er sprach außerordentlich leicht und frei über alles, was von dieser Welt war: man sollte nicht glauben, daß es derselbe Mann sei, dem das Predigen so schwer wurde. Aber sprach man mit ihm über etwas, das der anderen Welt angehörte, so bekam er einen roten Kopf und suchte nach Worten und sagte nie etwas, das sich des Anhörens verlohnte. Als nun der Pfarrer dasaß, wandte sich der Schulmeister nach ihm um und sagte erfreut: »Nun muß ich dem Herrn Pfarrer doch erzählen, daß ich ein Missionshaus bauen will.« Der Pfarrer wurde ganz bleich. Er sank förmlich in den Lehnstuhl zusammen, den Mutter Stina ihm hingestellt hatte. »Was sagen Sie da, Storm?« sagte er. »Soll hier ein Missionshaus gebaut werden? Was soll man denn mit der Kirche und mir? Sollen wir weg?« »Wir haben trotzdem gute Verwendung für den Herrn Pfarrer und die Kirche,« sagte der Schulmeister mit Überzeugung. »Meiner Meinung nach soll das Missionshaus die Kirche stützen. Es erheben sich ringsumher am Elf so viele Irrlehren, so daß die Kirche der Hilfe bedarf.« »Ich glaubte, Sie seien mein Freund, Storm,« sagte der Pfarrer mit betrübter Stimme. Eben noch war er sicher und froh hier hereingekommen, nun sank er plötzlich zusammen, so daß es fast aussah, als sei es mit ihm aus. Der Schulmeister verstand wohl, warum der Pfarrer so verzweifelt war. Er und die anderen wußten, daß der Pfarrer einst einen ausgezeichneten Lernkopf gehabt hatte. Aber er hatte in seinen jungen Jahren zu stark gelebt, bis er schließlich einen Schlaganfall bekommen hatte, und seither war er nie wieder so geworden wie früher. Er vergaß in der Regel selbst, daß er nur eine Ruine von einem Menschen war. Aber jedesmal, wenn er daran erinnert wurde, erfaßte ihn eine düstere Verzweiflung. Nun saß er fast wie tot in dem Lehnstuhl, und eine lange Zeit wagte niemand etwas zu sagen. »Der Herr Pfarrer müssen die Sache nicht so auffassen,« sagte der Schulmeister schließlich und suchte seine Stimme so sanft und leise wie nur möglich zu machen. »Still, Storm,« sagte der Pfarrer, »ich weiß, ich bin ein schlechter Prediger gewesen, aber ich glaubte doch nicht, daß Sie mir das Amt wegnehmen würden.« Storm machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand: das war wirklich nicht seine Absicht gewesen; aber er wagte nichts zu sagen. Der Schulmeister war zu jener Zeit ein Mann von sechzig Jahren, aber trotz all der Arbeit, die er auf sich genommen hatte, war er noch in seiner vollen Kraft. Er war das gerade Gegenteil vom Pfarrer. Storm war von gleicher Größe wie der größte Mann in Dalarne; das schwarze Haar lockte sich um die Stirn, die Haut war so dunkel wie Kupfer, und das Gesicht scharf geschnitten. Neben dem Pfarrer, der klein war, mit eingefallener Brust und kahlem Scheitel, sah er aus wie ein Hüne. Die Frau des Schulmeisters meinte, daß ihr Mann, der der Stärkere war, auch Nachgiebigkeit zeigen müsse; sie gab ihm Zeichen, daß er einlenken solle, aber wie betrübt er auch war, machte er doch keine Miene, von seinem Vorsatz abzuweichen. Der Schulmeister begann nun, sehr langsam und deutlich zu sprechen. Er sagte, es sei seine Überzeugung, daß es jetzt nicht mehr lange währen würde, bis die Irrlehre auch in das Kirchspiel eindringen würde; er sagte, daß man eines Ortes bedürfe, wo man zu den Leuten auf eine schlichtere Weise reden könne, als es sich in der Kirche gezieme, eines Ortes, wo man seinen Text wählen und die ganze Bibel auslegen und die Gemeinde über die Bedeutung der schwierigen Stellen aufklären könne. Seine Frau machte ihm ein Zeichen, daß er schweigen solle. Sie fühlte, daß der Pfarrer bei jedem Wort dachte: Ich habe also keine Unterweisung gegeben, ich bin kein Schutz gegen den Unglauben gewesen. Ich muß wahrlich sehr gering sein, wenn mein eigener Schulmeister, ein Bauer, der sich selbst alles gelehrt hat, glaubt, daß er es besser machen könne, als ich. Aber der Schulmeister schwieg nicht, er fuhr fort, über alles zu reden, was geschehen müsse, um die Herde zu beschützen, ehe die Wölfe sie überfielen. »Aber ich sehe keine Wölfe,« sagte der Pfarrer. »Ich weiß, daß sie unterwegs sind,« sagte Storm. »Und Sie, Storm, öffnen ihnen die Tür.« Der Pfarrer richtete sich in seinem Stuhl auf. Die Worte des Schulmeisters hatten ihn erzürnt. Er wurde dunkelrot und gewann einen Teil seiner Würde wieder. »Lieber Storm, lassen Sie uns nicht weiter über die Sache reden,« sagte er. Er wandte sich an die Hausfrau und begann munter mit ihr über die schöne Braut zu plaudern, die sie kürzlich geschmückt hatte; denn Mutter Stina war die Brauteinkleiderin dort im Kirchspiel. Aber die biedere Frau verstand, welch schrecklicher Kummer über seine eigene Ohnmacht jetzt in ihm erweckt worden war, sie weinte aus Mitleid und konnte vor lauter Tränen nicht antworten, so daß der Pfarrer die Unterhaltung fast allein führen mußte. Während der ganzen Zeit aber dachte der Pfarrer: Ach, hätte ich doch noch die Kraft und Stärke meiner Jugend, dann würde ich diesen Bauer bald überzeugt haben, wie schlecht er handelt. »Wir haben einen Verein gebildet,« sagte Storm, und er nannte die Namen von einigen der Bauern, die versprochen hatten ihm zu helfen, um zu zeigen, daß es Leute waren, die weder der Kirche noch dem Pfarrer zu Leibe wollten. »Ist Ingmar Ingmarsson auch dabei« sagte der Pfarrer, und es war, als versetze ihm dies einen neuen Todesstoß. »So fest, wie ich mich auf Sie verlassen habe, Storm, so sicher bin ich auch Ingmar Ingmarssons gewesen.« Aber er sagte nichts mehr über die Sache; er wandte sich wieder der Hausfrau zu und plauderte. Er merkte wohl, daß sie weinte, aber er tat so, als sähe er es nicht. Nach einer Weile aber fing er doch wieder mit dem Schulmeister an. »Geben Sie es auf, Storm,« sagte er bittend, »geben Sie es um meinetwillen auf. Was würden Sie dazu sagen, Storm, wenn jemand eine neue Schule neben der Ihrigen erbaute?« Der Schulmeister saß eine Weile da und sah vor sich nieder; er besann sich. »Ich kann nicht, Herr Pfarrer,« sagte er und versuchte, sich zusammenzunehmen und unverzagt und ruhig auszusehen. Der Pfarrer sagte nichts mehr, aber zehn Minuten oder länger herrschte Totenstille im Zimmer. Dann erhob er sich, zog den Pelz an, setzte sich die Mütze auf und ging auf die Tür zu. Den ganzen Abend hatte er dagesessen und gekämpft, um Worte zu finden, die Storm überzeugen sollten, daß er Unrecht tue, und zwar nicht nur gegen ihn, sondern gegen die ganze Gemeinde, die er mit diesem Unternehmen verderben würde. Aber obwohl es in seinem Kopf von Worten und Gedanken wimmelte, konnte er sie nicht aussprechen und keine Ordnung in sie hineinbringen, weil er ein gebrochener Mann war. Als er auf die Tür zuging, erblickte er Gertrud, die in ihrer Ecke saß und mit ihren Glasscherben und Holzklötzen spielte. Er blieb stehen und sah sie an. Sie hatte offenbar kein Wort von der Unterhaltung gehört, ihre Augen strahlten vor Freude. Ihre Wangen waren noch röter als sonst. Der Pfarrer war betroffen von dem Gegensatz zwischen dieser großen Sorglosigkeit und seinem eigenen schweren Kummer, und er trat zu ihr hin. »Was machst du da?« fragte er. Das kleine Mädchen hatte längst ihren Kirchsprengel fertig. Sie hatte ihn schon wieder niedergerissen und mit etwas Neuem begonnen. »Wäre der Herr Pfarrer nun ein klein wenig früher gekommen,« sagte das Kind. »Ich hatte so einen schönen Kirchsprengel mit Kirche und Schule.« »Wo ist denn das geblieben?« »Ja, nun habe ich den Kirchsprengel auseinandergerissen, jetzt bin ich dabei, Jerusalem zu bauen.« »Was sagst du da?« sagte der Pfarrer heftig. »Sagst du, daß du den Kirchsprengel auseinandergerissen hast, um Jerusalem aufzubauen?« »Ja,« sagte Gertrud, »es war wirklich ein hübsches Kirchspiel; aber gestern haben wir in der Schule von Jerusalem gehört, und nun habe ich das Kirchspiel zerstört, denn ich will lieber ein Jerusalem bauen.« Der Pfarrer blieb stehen und sah das Kind an. Er strich sich über die Stirn, wie um Klarheit in seine Gedanken zu bringen. »Wahrlich, da ist einer, der größer ist als du, und der durch deinen Mund redet,« sagte er. Die Worte des Kindes erschienen ihm so merkwürdig, daß er sie sich einmal über das andere Mal wiederholte. Während er das tat, glitt er in seinen gewöhnlichen Gedankengang hinein und begann wieder darüber zu grübeln, wie Gott die Welt lenkt, und welcher Mittel er sich bedient, um seinen Willen durchzusetzen. Er ging wieder zu dem Schulmeister zurück und sagte mit seiner gewöhnlichen, freundlichen Stimme und mit einem ganz neuen, klaren Ausdruck in dem Auge: »Ich bin nicht mehr böse auf Sie, Storm, Sie tun wohl nur, was Sie tun müssen . Ich habe mein Leben lang darüber nachgegrübelt, wie Gott die Welt lenkt, aber ich habe nie zur Klarheit darüber gelangen können. Auch dies begreife ich nicht, aber ich begreife, daß Sie tun, was Sie tun müssen.«   »Sie sahen den Himmel offen«. In dem Frühjahr, wo das Missionshaus gebaut wurde, trat plötzlich Tauwetter ein, und das Wasser im Dalelf stieg hoch. Es war erstaunlich, das Wasser zu sehen, das in diesem Jahre da war. Es regnete vom Himmel herab, es kam in großen Strömen von den Bergen gestürzt, es rieselte aus der Erde heraus; da stand Wasser in jeder Wagenspur und in jeder Pflugfurche; es sah aus, als sei es überall, und alles Wasser suche sich einen Weg nach dem Fluß hinab zu bahnen, der höher und höher schwoll und mit immer stärkerer Eile dahinrollte. Es war nicht dunkel und blank und still wie gewöhnlich, sondern gelbgrau von all dem trüben Wasser, das in ihn hinabströmte, und wie er daher gerauscht kam, voller Balken und Eisblöcke, sah es wunderlich unheimlich und drohend aus. Im Anfang achteten die Erwachsenen nicht weiter auf die Wasserflut, sondern nur die Kinder, die unten am Elf standen, sobald sie eine freie Stunde hatten, und den rasenden Strom sahen, und alles, was er mit sich führte. Bald waren es nicht nur Balken und Eisblöcke; es kam noch viel mehr als das. Er kam dahergeschwommen mit Waschbrücken und Badehäusern, und bald darauf kam er mit Booten und Stücken von zerstörten Flußbrücken. »Er nimmt wohl auch bald unsere Brücke mit, ja, das tut er,« sagten die Kinder. Sie waren ein wenig ängstlich, aber die Freude darüber, daß etwas so Merkwürdiges geschehen würde, war doch überwiegend. Plötzlich kam eine große Tanne mit Wurzeln und Zweigen dahergetrieben, und hinter ihr drein segelte eine Espe mit ihrem weißen Stamme, und vom Ufer aus konnte man sehen, daß die dicken Zweige große Knospen hatten, die infolge des langen Bades schwollen. Und ganz dicht hinter den Bäumen her kam ein kleiner auf den Kopf gestellter Heuboden. Er war noch voller Heu und Stroh, und schwamm auf seinem Dach, wie ein Boot auf seinem Kiel. Aber als erst solche Gegenstände vorübergetrieben wurden, gerieten die Erwachsenen auch in Bewegung. Sie sahen, daß der Elf irgendwo nordwärts über seine Ufer getreten sein mußte, und eilten nun mit Stangen und Bootshaken an den Strand, um Gerätschaften und Gebäude an Land zu bergen. Ganz im Norden des Kirchspiels, wo das Land nur spärlich bebaut war, und wo nur wenige Menschen wohnten, stand Ingmar Ingmarsson allein am Flußufer. Er war jetzt über die Fünfzig hinaus, und sah älter aus als seine Jahre. Das Gesicht war grob und gefurcht, der Rücken war gebeugt, er sah ebenso unbeholfen und hilflos aus wie immer. Er stand da und stützte sich auf einen langen, schweren Bootshaken und sah mit einem stumpfen und schläfrigen Blick über den Fluß hinaus. Der Fluß brauste und schäumte und glitt stolz mit allem vorüber, was er von den Ufern geraubt hatte. Es sah so aus, als ob er den Bauer wegen seiner Langsamkeit verhöhne; es war, als sage er: Du wirst es nicht sein, der mir etwas von dem entreißt, womit ich mich belastet habe! Der Bauer sah Flußbrücken und Bootsrümpfe dicht an sich vorüber segeln, ohne einen Versuch zu machen, sie zu retten. Das wird schon im Kirchdorf geborgen werden, dachte er. Und doch verwandte er kein Auge von dem Elf, sondern beobachtete alles, was da, vorüberfloß. Plötzlich kam, eine gute Strecke von ihm entfernt, etwas schimmernd Gelbes auf einigen zusammengenagelten Brettern geflossen, und er entdeckte es augenblicklich. »Ja, darauf habe ich schon lange gewartet,« sagte er laut zu sich selbst. Er konnte noch nicht sehen, was das Gelbe war, aber für den, der weiß, wie die Kinder in Dalarne gekleidet gehen, war es leicht zu erraten. »Nun haben da wieder welche draußen auf einer Waschbrücke gesessen und gespielt, dachte er, und zwar solche, die keinen Verstand genug hatten, an Land zu gehen, ehe die Flut sie ergriff.« Es währte nicht lange, bis der Bauer sah, daß er richtig gemutmaßt hatte. Er konnte deutlich sehen, wie drei kleine Kinder in gelben Beiderwandkleidern und gelben, runden Mützen auf einer schlecht zusammengezimmerten Brücke, die langsam von dem Strom und den zusammenprallenden Eisblöcken in Stücke geschlagen wurde, den Fluß hinabgesegelt kamen. Die Kinder waren noch weit entfernt, aber Ingmar wußte, daß sich ziemlich nahe an seinem Ufer eine Stromschnelle in dem Fluß befand. Wenn nun Gott so gnädig sein wollte, es so zu lenken, daß die Brücke, auf der die Kinder saßen, in die Stromschnelle hineingeriet, so war es nicht unmöglich, daß er sie an Land ziehen konnte. Er stand ganz still und sah über den Fluß hinaus. Da war es, als wenn jemand der Brücke einen Stoß gab, sie drehte sich und glitt auf sein Ufer zu. Die Kinder kamen so nahe, daß er ihre kleinen, angstvollen Gesichter sehen und ihr Weinen hören konnte. Aber trotzdem waren sie weiter draußen, als daß er sie von dem Ufer aus mit dem Bootshaken hätte erreichen können. Er wollte an das Wasser hinab und begann in den Fluß hinauszuwaten. Ehe er das tat, hatte er ein wunderliches Gefühl, als ob ihn jemand zurückrufe. »Du bist kein junger Mann mehr, Ingmar. Du setzt vielleicht dein Leben aufs Spiel!« Er besann sich einen Augenblick und überlegte, ob er das Recht habe, sein Leben zu lassen. Seine Frau, sie, die er einstmals aus dem Gefängnis heimgeholt hatte, war vor ein paar Monaten gestorben, und seit der Zeit hatte er den innigen Wunsch gehabt, ihr bald nachzufolgen. Aber auf der anderen Seite war sein Sohn, der den Hof übernehmen sollte, noch nicht erwachsen. Er mußte um seinetwillen das Leben wohl noch aushalten. »Es muß nun auf alle Fälle so gehen, wie Gott will,« sagte er. Jetzt war er nicht mehr unbeholfen und langsam, dieser große Ingmar. Als er in den brausenden Fluß hinausging, bewegte er sich an der Stange vorwärts, um nicht von dem Strom mit fortgerissen zu werden, und gab genau acht auf die Blöcke und Balken, die vorüberflossen, damit sie ihn nicht umrissen. Und als dann die Waschbrücke kam, bohrte er die Füße in den Sand hinein, streckte den Bootshaken aus und packte sie dann. »Haltet euch fest!« rief er den Kleinen zu; denn im selben Augenblick machte die Brücke eine große Wendung, und es krachte in den Planken. Aber die gebrechliche Brücke hielt, und der große Ingmar brachte sie aus der ärgsten Strömung hinaus, dann ließ er sie los; denn er wußte, daß sie jetzt von selbst ans Ufer treiben würde. Wieder stieß er die Stange fest in den Grund und wandte sich um, um selbst an Land zu gehen. Aber er hatte einen großen Balken nicht beachtet, der dahergesaust kam. Der prallte gegen ihn und traf ihn in die Seite, gerade unter den Arm. Es war ein entsetzlicher Stoß; der Balken war mit mächtiger Wucht dahergesaust, und der große Ingmar schwankte im Wasser hin und her. Aber er ließ den Bootshaken nicht los und gelangte an Land. Als er wieder am Ufer stand, wagte er kaum, seinen Körper zu befühlen; der ganze Brustkasten war gewiß zertrümmert. Sein Mund füllte sich plötzlich mit Blut. »Jetzt ist es mit dir aus, großer Ingmar,« dachte er. Er konnte keinen Schritt weitergehen, sondern sank am Ufer nieder. Die kleinen Kinder, die er gerettet hatte, schrien so laut, daß Leute kamen und er nach Hause geschafft wurde.   Vom Ingmarshof wurde nach dem Pfarrer geschickt. Der blieb den ganzen Nachmittag dort oben. Als er am Abend nach Hause kam, ging er zu Schulmeisters hinüber. Er hatte im Laufe des Tages etwas gehört, worüber er sich aussprechen mußte. Der Schulmeister und Mutter Stina waren sehr betrübt, denn sie hatten schon gehört, daß Ingmar Ingmarsson tot war. Der Pfarrer dahingegen kam mit leichten Schritten gegangen. Es lag etwas so Lichtes und Klares über ihm, als er zu ihnen in die Stube trat. Der Schulmeister fragte gleich, ob er noch rechtzeitig gekommen sei. – »Ja,« sagte der Pfarrer, »aber dort hatte man keine Verwendung für mich.« – »Nein?« fragte Mutter Stina. – »Nein,« sagte der Pfarrer und lächelte geheimnisvoll. »Er konnte ebensogut ohne mich fertig werden.« »Es kann manchmal sehr schwer sein, an einem Sterbebett zu sitzen,« sagte der Pfarrer. – »Jawohl, jawohl,« nickte der Schulmeister. – »Ja, und namentlich, wenn es der erste Mann im Dorfe ist, der stirbt.« – »Ja, freilich.« – »Aber alles kann auch ganz anders sein, als man es sich gedacht hat.« Dann schwieg der Pfarrer eine Weile und saß da und starrte vor sich hin, seine Augen leuchteten etwas heller als sonst hinter der Brille. »Haben Sie, Storm, oder Sie, Mutter Stina, von dem Wunderbaren gehört, das dem großen Ingmar begegnet ist, als er noch jung war?« sagte der Pfarrer. – Der Schulmeister antwortete, sie hätten ja soviel von ihm gehört. – »Ja, natürlich, aber dies ist doch das Allermerkwürdigste.« »Der große Ingmar hat einen guten Freund, der Häusler auf seinem Hof ist,« sagte der Pfarrer. – »Ja, das weiß ich,« sagte der Schulmeister, er heißt auch Ingmar, die Leute nennen ihn den starken Ingmar, um einen Unterschied zu machen.« – »Ja, der ist es,« sagte der Pfarrer, »der Vater nannte ihn Ingmar zu Ehren seines Herrn.« »Aber da geschah es einmal, als der große Ingmar noch jung war, es war im Hochsommer und an einem Sonnabendabend, und er und sein Freund, der starke Ingmar, waren mit ihrer Arbeit fertig. Da zogen sie ihre Sonntagskleider an und gingen in das Kirchdorf hinab, um sich einen vergnügten Abend zu machen.« Der Pfarrer hielt inne und saß still da und dachte nach. »Ich kann mir denken, was für ein herrlicher Abend das gewesen sein muß,« sagte er. »Ganz still mit klarer Luft, so ein Abend, wo Erde und Himmel die Farben vertauschen, so daß der Himmel gleichsam in Lichtgrün übergeht, und die Erde von leichten Nebeln bedeckt wird, die allem einen weißen oder bläulichen Schimmer verleihen. Aber als der große Ingmar und der starke Ingmar hinabkamen und über die Flußbrücke gehen wollten, war es, als sage jemand zu ihnen, sie sollten ihre Augen erheben. Das taten sie. Sie sahen den Himmel über sich offen. Die ganze Himmelswölbung war wie ein Vorhang zur Seite gezogen, und die beiden standen Hand in Hand da und sahen hinein in all die Herrlichkeit des Himmels. Haben Sie je etwas Ähnliches gehört, Mutter Stina und Sie, Storm?« sagte der Pfarrer. »Die beiden, der große Ingmar und der starke Ingmar, standen dort auf der Brücke und sahen den Himmel offen. Ich glaube, sie haben niemals zu Fremden darüber gesprochen, aber es ist ihr größter Schatz und ihr unantastbarstes Heiligtum gewesen, daß sie die Herrlichkeit des Himmels geschaut haben. Sie haben eigentlich nie zu jemand davon gesprochen, sondern nur zu ihren Kindern und den nächsten Angehörigen gesagt, daß sie einmal dort auf der Brücke gestanden und den Himmel offen gesehen hätten.« Der Pfarrer saß wieder eine Weile da und sah vor sich nieder, dann seufzte er tief. »Ich habe noch nie von so etwas erzählen hören,« sagte er. Seine Stimme zitterte ein wenig, als er fortfuhr: »Ich hätte gern dort auf der Brücke mit dem großen Ingmar und mit dem starken Ingmar gestanden und den Himmel offen gesehen. – Nun heute, sobald sie den großen Ingmar heim auf dem Hof geschafft hatten,« sagte der Pfarrer, »bat er, daß nach dem starken Ingmar geschickt werde, und das taten sie gleich zur selben Zeit, als sie nach dem Doktor und nach mir schickten. Aber der starke Ingmar war nicht zu Hause. Er war hoch oben im Walde und fällte Bäume und war nicht leicht zu finden. Sie sandten einen Boten über den anderen nach ihm aus, und der große Ingmar lag da und war unruhig, daß er ihn vor seinem Tode nicht mehr sehen würde. Es währte so lange, daß ich kam, und der Doktor kam, aber der starke Ingmar war nicht zu finden. Der große Ingmar kümmerte sich nicht mehr viel um uns andere; er war dem Tode nahe. ›Nun sterbe ich bald, Herr Pfarrer‹, sagte er. ›Ich wünsche nur, daß ich den starken Ingmar noch sehen könnte.‹ Er lag auf dem breiten Bett in der Kammer, und die schönste Decke, die sie hatten, war über ihn ausgebreitet. Seine Augen waren offen, er sah die ganze Zeit vor sich hin, nach etwas, das weit entfernt war, und das niemand anders sehen konnte. Die drei kleinen Kinder, die er gerettet hatte, sie hatten sie zu ihm auf das Bett gesetzt, und sie saßen still da und kauerten zu seinen Füßen. Wenn er hin und wieder einmal den Blick von dem abwandte, was er in weiter Ferne sah, fiel er auf die Kinder, und dann lächelte er über das ganze Gesicht. Schließlich hatte man den Häusler gefunden. Der große Ingmar lächelte, als er die schweren Schritte des starken Ingmar draußen in der guten Stube hörte. Als der Mann an das Bett trat, ergriff er seine Hand und streichelte sie sanft, dann fragte er ihn: ›Weißt du wohl noch, Ingmar, wie wir da unten auf der Kirchbrücke gingen und den Himmel offen sahen?‹ ›Ja, wahrlich, weiß ich es noch, wie wir beide in den Himmel hineinsahen,‹ sagte der starke Ingmar. Da wandte sich der große Ingmar ganz nach ihm um; er lächelte und das ganze Gesicht strahlte, als habe er eine große Freude zu verkündigen. ›Jetzt gehe ich da hin,‹ sagte er zum starken Ingmar. Da beugte sich der andere über ihn nieder und sah ihm tief in die Augen. ›Ich komme dir nach,‹ sagte er. Der große Ingmar nickte ihm zu. ›Aber du weißt wohl, daß ich nicht kommen darf, ehe dein Sohn von der Wallfahrt heimkehrt.‹ ›Ja, freilich weiß ich das,‹ sagte der große Ingmar und nickte. Und nachdem er das gesagt hatte, atmete er nur noch ein paarmal tief auf, und dann war er tot.« Die Schulmeistersleute waren sich mit dem Pfarrer drüber einig, daß dies ein schöner Tod sei. Sie saßen alle drei eine Weile schweigend da. »Aber,« sagte Mutter Stina plötzlich, »was meinte der starke Ingmar mit dem, was er von der Wallfahrt sagte?« Der Pfarrer sah verwirrt auf. »Das weiß ich nicht,« sagte er. »Der große Ingmar starb gleich darauf; ich habe keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Es waren ganz merkwürdige Worte, darin haben Sie recht, Mutter Storm.« »Der Herr Pfarrer weiß wohl, daß man sagt, der starke Ingmar könne in die Zukunft sehen?« Der Pfarrer saß sinnend da und strich sich über die Stirn, als wolle er Klarheit in seine Gedanken bringen. »Es gibt nichts so Merkwürdiges, als an Gottes Leiten zu denken,« sagte er, »nichts in der Welt ist so merkwürdig.« Karin, Ingmars Tochter Es war an einem Vormittag im Herbst. Die Schule hatte angefangen, aber es war gerade Vormittagspause. Der Schulmeister und Gertrud kamen in die Küche, sie setzten sich an den Tisch, und Mutter Stina gab ihnen Kaffee. Ehe sie ihre Tassen geleert hatten, kam Besuch. Es war Halvorsson, der kam, ein junger Bauer, der ein Kaufmannsgeschäft unten im Kirchdorf angefangen hatte. Er stammte von Timshof und wurde deshalb gewöhnlich Tims Halvor genannt. Er war ein großer, hübscher Mann, aber er sah niedergeschlagen aus. Mutter Stina bot auch ihm Kaffee an; er setzte sich an den Tisch und begann mit dem Schulmeister zu reden. Die Hausfrau saß auf dem Gittersofa am Fenster und strickte; sie saß so, daß sie den Weg hinaufsehen konnte. Auf einmal wurde sie dunkelrot und beugte sich vor, um besser zu sehen. Aber sie bemühte sich gleich, so auszusehen wie sonst und sagte ganz leichthin: »Jetzt bekommen wir noch mehr Besuch.« Der Kaufmann konnte gleich hören, daß etwas Ungewöhnliches in ihrem Tone war, er stand auf und sah hinaus. Gertrud wandte sich auch um, sie sah eine große, ein wenig vornüber gebeugte Frau und einen halberwachsenen Jungen auf die Schule zukommen. »Irre ich nicht, so ist es Karin Ingmarstochter,« sagte Mutter Stina. – »Jawohl, das ist Karin,« sagte der Kaufmann. Er sagte nichts weiter, sondern wandte sich vom Fenster ab und sah sich in der Stube um, als spähe er nach einem Ausgang. Aber nach einer Weile ging er ruhig wieder auf seinen Platz. Die Sache war nämlich die, daß Tims Halvor im vergangenen Sommer, als der große Ingmar noch lebte, um Karin Ingmarstochter gefreit hatte. Die Freierei hatte sich sehr in die Länge gezogen; da waren viele Wenn und Aber gewesen. Die alte Familie da oben wußte nicht, ob er gut genug war. Nicht, daß das Geld im Wege gewesen wäre, denn Halvor war wohlhabend, aber sein Vater war dem Trunk ergeben gewesen, und sie fürchteten, daß sich dies vererben könne. Aber schließlich war doch bestimmt worden, daß er Karin haben sollte. Der Hochzeitstag war festgesetzt, und das Aufgebot war beim Pfarrer bestellt. Aber ehe sie zum erstenmal aufgeboten waren, machten Karin und Halvor eine Reise nach Falun, um die Verlobungsringe und das Gesangbuch zu kaufen. Sie waren drei Tage fort, und als sie zurückkamen, sagte Karin zu dem Vater, daß sie sich nicht mit Halvor verheiraten könne. Das einzige, worüber sie sich zu beklagen hatte, war, daß sich Halvor einmal auf der Reise betrunken hatte. Karin war nun bange, daß er so werden könne wie sein Vater. Der große Ingmar sagte, er wolle sie nicht zwingen, und da war es denn mit der Verlobung vorbei. Aber Halvor geriet ganz außer sich. »Das ist ja eine so große Schmach für mich,« sagte er zu Karin, »daß ich es nicht ertragen kann. Was müssen die Leute von mir denken, wenn du mich so verwirfst. Man kann nicht so gegen einen ehrenhaften Mann handeln.« Aber Karin war nicht zu erweichen, und Halvor war seit jener Zeit niedergeschlagen und unglücklich gewesen; er konnte das Unrecht nicht vergessen, das ihm die Ingmarssöhne angetan hatten. Und da kam nun Karin, und hier saß Halvor, und wie sollte das nun gehen? Soviel war sicher: Von einer Versöhnung konnte keine Rede sein. Karin hatte sich schon im vergangenen Herbst mit Elias Elof Ersson verheiratet. Nachdem der große Ingmar im Frühling gestorben war, wohnten sie und ihr Mann auf dem Ingmarshofe und bewirtschafteten ihn. Der große Ingmar hatte fünf Töchter und einen Sohn hinterlassen. Aber der Sohn war noch so jung, daß er den Hof nicht übernehmen konnte. Jetzt trat jedoch Karin in die Küche. Sie war erst einige zwanzig Jahre alt, aber sie hatte wohl niemals wirklich jung ausgesehen. An vielen anderen Orten würde man sie sehr häßlich gefunden haben; denn sie artete ihrer Familie nach, und hatte schwere Augenlider, rotes Haar und einen strengen Zug um den Mund. Aber die Schulmeistersleute hatten es gern, daß sie den alten Ingmarssöhnen so sehr glich. Karin verzog keine Miene, als sie Tims Halvor erblickte, sondern ging langsam und ruhig von einem zum andern und sagte guten Tag. Als sie Halvor die Hand reichte, streckte er die seine aus, und sie berührten einander an den äußersten Fingerspitzen. Karin ging immer ein wenig vornübergebeugt; als sie Halvor gegenüberstand, sah es aus, als senke sie den Kopf noch mehr als sonst, aber Halvor stand höher und aufrechter da, als er zu tun pflegte. »Nun, Karin, Ihr seid heute aus?« sagte Mutter Stina und setzte ihr den Propststuhl hin. – »Ja, das bin ich,« sagte sie. »Jetzt ist es nicht schwierig zu gehen, seit wir Frost bekommen haben.« – »Ja, es hat über Nacht scharf gefroren,« sagte der Schulmeister. Aber dann wurde es ganz still in der Stube, niemand hatte mehr etwas zu sagen. Das Schweigen währte mehrere Minuten. Dann erhob sich Halvor, und die anderen zuckten zusammen, als seien sie aus dem Schlafe aufgefahren. »Na, da muß ich jetzt wohl nach dem Laden zurück,« sagte Halvor. – »Ach, das eilt wohl nicht so,« sagte Mutter Stina. – »Ich jage doch wohl Halvor nicht fort?« sagte Karin. Ihre Stimme klang demütiger als sonst, als sie das sagte. Tims Halvor richtete sich noch mehr auf, er ging mit einer harten, stolzen Miene umher, reichte allen die Hand und sagte Lebewohl. Sobald er gegangen, war es, als sei ein Bann gebrochen, und der Schulmeister wußte gleich, was er sagen sollte. Er sah den Knaben an, den Karin mitgebracht hatte; den hatte bisher niemand beachtet. Es war ein kleiner Bursche, er konnte nicht viel älter sein als Gertrud. Er hatte ein helles und weiches Kindergesicht, aber es lag etwas Altmodisches über ihm, und es war nicht schwer zu sehen, welchem Geschlecht er angehörte. »Mir deucht, Karin kommt mit einem Schuljungen,« sagte der Schulmeister. –- »Es ist mein Bruder,« antwortete Karin, »er ist jetzt Ingmar Ingmarsson.« – »Er ist noch ein wenig klein für den Namen,« sagte Storm. – »Ja, Vater starb zu früh.« – »Das ist ein wahres Wort,« sagten der Schulmeister und seine Frau wie aus einem Munde. »Er hat die Lateinschule in Falun besucht,« sagte Karin, »darum ist er früher noch nicht zum Herrn Schulmeister gekommen.« – »Läßt es sich denn nicht so einrichten, daß er jetzt zum Herbst auch wieder dahin kommt?« – Karin schlug die Augen nieder und seufzte, antwortete aber nicht. »Sie sagten, daß er Begabung zum Lernen hat,« sagte sie. – »Ja, ich fürchte nur, daß ich ihn nichts lehren kann. Er kann gewiß schon ebensoviel wie ich selbst.« – »Ach, der Herr Schulmeister kann doch so viel mehr als so ein Kleiner.« Wieder trat eine Stille ein, bis sie von neuem begann: »Ich meine nicht nur, daß er in die Schule gehen soll, ich wollte den Herrn Schulmeister und Stina auch fragen, ob er hier wohnen dürfte?« Der Schulmeister und seine Frau sahen sich ganz verwirrt an, und keines von beiden hatte eine Antwort bei der Hand. »Aber wir haben ja nur so wenig Platz,« sagte Storm. – »Ich dachte, ich könnte vielleicht mit Butter und Milch und Eiern bezahlen,« sagte Karin. – »Nun ja, was das anbetrifft ...« – »Es ist ja eine große Gefälligkeit,« sagte die reiche Bäuerin. Aber Mutter Stina begriff, daß Karin nicht um etwas so Sonderbares bitten würde, wenn sie ihrer Hilfe nicht dringend bedurfte. So entschied sich denn die Sache schnell. »Karin soll wirklich nicht nötig haben, uns lange darum zu bitten,« sagte sie. »Wir wollen alles, was wir können, für die Ingmarssöhne tun.« »Danke,« sagte Karin. Mutter Stina und Karin sprachen lange darüber, wie es mit Ingmar eingerichtet werden sollte, aber Storm und Gertrud nahmen den Knaben mit in die Schule, und er setzte sich auf die Bank neben sie. Und den ganzen ersten Tag sagte er kein Wort. Eine ganze Woche hielt sich Tims Halvor vom Schulhaus fern, als sei er bange, Karin dort wieder zu treffen. Aber eines Vormittags, als es in Strömen regnete, und keine Kunden zu erwarten waren, konnte er es nicht länger aushalten. Eine tiefe Schwermut hatte ihn befallen, es war ihm, als könne er nur gleich hingehen und sich aufhängen. »Ich tauge zu nichts mehr, niemand hat Achtung vor mir,« dachte er und quälte sich selbst, wie er es fortwährend getan hatte, seit Karin ihn abgewiesen hatte. Endlich beschloß er, zu Mutter Stina hinüberzugehen, um ein wenig mit einem freundlichen und fröhlichen Menschen zu plaudern. So schloß er denn den leeren Laden ab, knöpfte den Mantel fest zu und gelangte durch Sturm und Regen und platschende Wasserlachen nach dem Schulhaus. Halvor hatte nicht die Absicht gehabt, lange dazubleiben, aber er fühlte sich so wohl, daß er noch da saß, als die Glocke die Vormittagspause einläutete, und Storm mit den beiden Kindern kam, um Kaffee zu trinken. Sie gingen alle drei auf ihn zu und sagten ihm guten Tag; er stand vor dem Schulmeister auf, aber als Ingmar ihm die Hand reichte, hatte er sich schon wieder gesetzt und sprach so eifrig mit Mutter Stina, daß er es nicht sah. Der Junge blieb einen Augenblick ganz still stehen, dann ging er an den Tisch und setzte sich. Er seufzte ein paarmal, ganz wie seine Schwester an dem Tage geseufzt hatte, als sie da war. »Halvor ist gekommen, um uns seine neue Uhr zu zeigen,« sagte Mutter Stina, und Halvor zog eine neue silberne Uhr aus der Tasche und zeigte sie. Sie war sehr hübsch, ganz klein, mit einer vergoldeten Blume auf der Kapsel. Der Schulmeister öffnete die Uhr, dann ging er in die Schulstube, um ein kleines Vergrößerungsglas zu holen, das er fest in das Auge klemmte, und betrachtete das Werk. Er geriet in Entzücken und blieb lange stehen, um es zu betrachten und sich darüber zu freuen, wie allerliebst die Räder ineinandergriffen. Er sagte, er habe nie ein so gutes Stück Arbeit gesehen. Schließlich gab er Halvor die Uhr zurück, und der steckte sie in die Tasche, sah aber weder froh noch stolz aus, wie Leute sonst zu sein pflegen, wenn man etwas lobt, was sie sich angeschafft haben. Ingmar schwieg, während er aß, wie das so seine Art zu sein pflegte, aber als er die Kaffeetasse geleert hatte, fragte er Storm, ob er sich auf Uhren verstehe. – »Ja,« sagte der Schulmeister, »du weißt wohl, daß es nichts gibt, worauf ich mich nicht verstehe.« Ingmar zog dann eine Uhr heraus, die er in der Westentasche trug; es war ein großer, runder, silberner Zwieback, häßlich und plump anzusehen, namentlich jetzt, wo man eben Halvors Uhr gesehen hatte, und sie hing an einer Kette, die ebenfalls häßlich und plump war. Auf der Kapsel war nicht die geringste Verzierung, sondern nur eine große Beule. Die Uhr war überhaupt sehr mitgenommen. Über den Zeigern war kein Glas mehr, und die Emaille an dem Zifferblatt hatte auch Schaden gelitten. »Sie steht,« sagte der Schulmeister und hielt sie ans Ohr. – »Ja,« sagte der Junge. »Ich wollte nur gern wissen, ob Herr Schulmeister glaubt, daß sie wieder instand gesetzt werden kann?« – Der Schulmeister nahm die Uhr, und man konnte es inwendig rasseln hören, als ob alle Räder los seien. – »Du hast wohl einen Nagel mit der Uhr eingeschlagen?« sagte er. »Dabei etwas zu machen, kann ich nicht übernehmen,« – »Glaubt Herr Schulmeister, daß Uhrmacher Erik etwas daran machen kann?« – »Nein, nicht mehr als ich. Es ist am besten, wenn du sie nach Falun schickst und ein neues Werk hineinsetzen läßt.« – »Ja, das habe ich auch gedacht,« sagte Ingmar und steckte die Uhr wieder ein. »Was in aller Welt hast du nur damit gemacht?« fragte der Schulmeister. Der Junge saß einen Augenblick da und schluckte gleichsam etwas herunter. Es war, als stecke ihm das Weinen in der Kehle. »Es war Vaters Uhr,« sagte er. »Sie wurde so, wie sie jetzt ist, als der Balken Vater traf.« Alle wurden plötzlich ganz still und aufmerksam. Der Junge machte eine Anstrengung und fuhr fort: »Wir hatten gerade Osterferien, so daß ich nach Hause gekommen war, damals, als das geschah, und ich war der erste, der zu Vater hinabkam, als er am Ufer lag. Vater hatte die Uhr in der Hand. ›Jetzt ist es mit mir vorbei, Ingmar,‹ sagte Vater und winkte mich zu sich hin, denn er konnte nicht laut sprechen. ›Ingmar,‹ sagte Vater, ›es tut mir leid, daß die Uhr entzwei ist, denn ich möchte, daß du sie jemand gibst, dem ich einmal unrecht getan habe, und daß du ihn von mir grüßen sollst.‹ Und dann sagte Vater, wer die Uhr haben sollte, und er sagte, ich sollte dafür sorgen, daß sie in Falun instand gesetzt würde, ehe ich sie dem gab, der sie haben sollte. Aber ich kam nie wieder nach Falun, und nun weiß ich nicht, was ich tun soll.« Der Schulmeister dachte gleich darüber nach, ob er jemanden kenne, der bald nach Falun fahren würde, und der die Uhr mitnehmen könne, aber Mutter Stina unterbrach ihn fast im selben Augenblick. »Wer sollte denn die Uhr haben, Ingmar?« – »Ich weiß nicht, ob ich es sagen darf,« sagte der Junge. – »War es Tims Halvor, der da sitzt?« fragte sie. Ingmar zögerte mit der Antwort. »Ja, er war es,« sagte er leise. – »Dann gib du Halvor die Uhr, so wie sie ist,« sagte Mutter Stina, »das wird ihm am liebsten sein.« – Ingmar erhob sich gehorsam, zog die Uhr heraus und strich einmal mit dem Jackenärmel darüber hin, um sie so hübsch zu machen, wie sie nur werden konnte. Dann ging er mit langen Schritten durch das Zimmer. »Ich soll von Vater grüßen und dir das da geben,« sagte er und reichte ihm die Uhr. Halvor hatte während der ganzen Zeit schweigend und finster dagesessen, aber als der Knabe jetzt zu ihm hinkam, hielt er die Hand vor die Augen, als ob er nicht sehen wolle. Ingmar stand ziemlich lange da und hielt ihm die Uhr hin. Schließlich sah der Junge zu der Hausfrau hinüber, als wolle er um ihre Hilfe bitten. »Selig sind die Friedfertigen,« sagte die dann. Tims Halvor machte eine Bewegung mit der einen Hand, als wolle er das Geschenk von sich weisen. Dann versuchte auch der Schulmeister, sich ins Mittel zu legen. »Ich meine, Sie können keine bessere Genugtuung verlangen, Halvor,« sagte er. »Ich habe immer gesagt, daß, wenn Ingmar Ingmarsson gelebt hätte, er Ihnen längst die Genugtuung gegeben hätte, die Sie verdienen.« Sie sahen nun, daß Halvor, fast gegen seinen Willen, mit der Hand, die er nicht vor die Augen hielt, nach der Uhr griff, und sie an sich zog; sobald er sie in der Hand hielt, steckte er sie ganz unter den Rock und die Weste und verbarg sie. »Die Uhr soll ihm schon niemand nehmen,« sagte Storm und lachte, als er sah, wie fest Halvor Rock und Weste über die Uhr knöpfte. Halvor lachte auch, er erhob sich, richtete sich auf und tat einen tiefen Atemzug. Seine Wangen röteten sich, und er sah mit großen, klaren Augen um sich.. – »Jetzt, glaube ich, fühlt Halvor, daß ihm ein neues Leben geschenkt ist,« sagte die Frau des Schulmeisters. Aber Halvor schob nun die Hand unter den Rock und zog seine eigene Uhr heraus. Dann ging er durch die Stube auf Ingmar zu, der sich wieder an den Tisch gesetzt hatte. »Da ich jetzt die Uhr deines Vaters von dir angenommen habe, so sollst du diese von mir annehmen,« sagte er. Damit legte er die Uhr auf den Tisch und ging seiner Wege, ohne jemand Lebewohl zu sagen. Den ganzen Tag trieb er sich auf Wegen und Stegen umher. Es kamen ein paar Bauern vom Westhof, um Einkäufe bei ihm zu machen. Sie standen vom Mittag bis zum Abend vor dem Laden und warteten, aber es kam kein Halvor. Elof Ersson vom Eliashof, der Karin Ingmarstochter geheiratet hatte, war der Sohn eines Geizhalses. Er hatte es schlecht bei seinem Vater gehabt. Als Kind hatte er sich kaum sattessen dürfen, und selbst als erwachsener junger Mann wurde er hart unter dem Daumen gehalten. Sein Vater trieb ihn beständig zur Arbeit an, er hatte nie Erlaubnis gehabt, auch nur zum Tanz zu gehen, und nicht einmal am Sonntag hatte er Ruhe vor der Arbeit gehabt. Und als Elias Elof sich endlich verheiratete, ward er dennoch nicht sein eigener Herr, sondern er mußte nach dem Ingmarshofe ziehen und unter dem Schwiegervater stehen. Und auf dem Ingmarshofe kannte man auch nichts weiter als Arbeit und Sparsamkeit. Aber solange Ingmar Ingmarsson lebte, schien es, als sei Elof Ersson wohl zufrieden, er mühte und plagte sich ab und verlangte nichts Besseres. Die Leute sagten, nun hätten die Ingmars einen Schwiegersohn nach ihrem Sinne bekommen; denn Elof Ersson wisse nicht, daß es etwas anderes in der Welt gäbe als Arbeit. Aber sobald der große Ingmar tot war, fing der Schwiegersohn an zu trinken und ein wildes Leben zu führen. Er machte die Bekanntschaft all der lustigen Burschen in der Harde, lud sie zu sich auf den Ingmarshof oder trieb sich mit ihnen in Spielstuben oder Wirtschaften herum. Er hörte ganz auf zu arbeiten und betrank sich jeden Tag, und im Verlauf von wenigen Monaten wurde er ein elender Trunkenbold. Als seine Frau, Karin Ingmanstochter, ihn zum erstenmal betrunken sah, wurde sie wie versteinert. »Das ist Gottes Strafe, weil ich Halvor unrecht getan habe,« dachte sie gleich. Ihrem Manne gegenüber hatte sie nicht viele Vorwürfe oder Ermahnungen. Sie sah bald, daß er ein Baum war, dem die Axt schon an die Wurzel gelegt war, und daß sie nie weder Stütze noch Schatten von ihm haben würde. Aber Karin Ingmarstochters Schwestern waren nicht so klug wie sie. Sie schämten sich des wilden Lebens und konnten sich nicht darein finden, daß man vom Ingmarshofe bis auf die Landstraße hinaus Lärmen und Singen hören sollte. Bald machten sie sich lustig über ihn, bald ermahnten sie ihn, und obwohl der Schwager eigentlich ein gutmütiger Mann war, wurde er doch zuweilen zornig. Und es gab viel Unfrieden im Hause. Karin dachte jetzt nur daran, ihre Schwestern aus dem Hause zu schaffen, so daß sie diesem Elend, in dem sie selbst lebte, entrinnen könnten. Im Laufe des Sommers stattete sie die Hochzeit der beiden Ältesten aus, die beiden Jüngsten schickte sie nach Amerika, wo sie reiche Verwandte hatten. Allen diesen Schwestern wurde ihr Erbteil, das sich auf zwanzigtausend Kronen belief, ausgezahlt. Karin hatte den Hof bekommen, aber es war bestimmt, daß der junge Ingmar ihn mit seinen zwanzigtausend Kronen einlösen sollte, sobald er mündig wurde, und dann sollten Karin und Elias Elof anderswo hinziehen. Es war merkwürdig, daß Karin, die so verlegen und unsicher aussah, die Kraft hatte, so viele Vögel aus dem Nest hinauszusenden, ihnen Männer und Ausstattungen und Fahrkarten nach Amerika zu verschaffen. Sie mußte dies alles ganz allein besorgen. Von ihrem Manne hatte sie nicht die geringste Hilfe. Aber die meisten Sorgen machte Karin der Bruder, er, der jetzt Ingmar Ingmarsson war. Er lehnte sich mehr gegen Karins Mann auf als irgendeins der anderen Geschwister. Und zwar nicht mit Worten, sondern mit Taten. Eines Tages schüttete er all den Branntwein aus, den Elof Ersson ins Haus geschafft hatte, und ein anderes Mal ertappte ihn der Schwager dabei, daß er Wasser in seine Getränke goß. Als es Herbst wurde, hielt Karin darauf, daß Ingmar dies Jahr, wie schon früher, wieder nach der Lateinschule reisen sollte, aber der Mann, der sein Vormund war, widersetzte sich dem ganz bestimmt. »Ingmar soll Bauer sein so wie ich und sein Vater und mein Vater,« sagte Elias. »Was hat er in der Lateinschule zu suchen? Zum Winter gehen er und ich in den Wald und setzen Kohlenmeiler, das ist die beste Gelehrsamkeit, die er erwerben kann. Als ich in seinem Alter war, lag ich den ganzen Winter hindurch in der Köhlerhütte.« Karin konnte ihn nicht dazu bringen, seine Ansicht zu ändern, sondern mußte sich darein finden, daß Ingmar zu Hause blieb. Elias Elof gab sich jetzt Mühe, Ingmar zu gewinnen. Namentlich nahm er ihn gern mit, wenn er ausfuhr. Der Junge tat es ungern; er wollte nicht mit zu den Trinkgelagen des Schwagers. Da schwur Elias Elof, daß er nicht weiter als bis zur Kirche oder bis zum Kaufmann mitfahren solle, hatte er Ingmar jedoch erst auf dem Wagen, so fuhr er in der Harde herum, hinab zu den Schmieden bei dem Bergsaanaer Sägewerk oder nach dem Gasthaus in Karmsund. Karin freute sich, daß ihr Mann den Jungen mitnahm. Dann war sie beruhigt darüber, daß er nicht in einem Graben am Wege liegen blieb oder die Pferde zuschanden fuhr. Aber einmal, als Elias Elof um acht Uhr des Morgens nach Hause kam, saß Ingmar neben ihm im Wagen und schlief. »Komm und hilf mir ihn hineintragen,« sagte Elias zu Karin. »Der arme Junge hat sich betrunken. Er kann nicht allein gehen.« Karin war so entsetzt, daß sie förmlich zusammensank. Sie mußte sich einen Augenblick auf die Treppe setzen, ehe sie hingehen und ihm vom Wagen herabhelfen konnte. Als sie ihn nun aufhob, sah sie, daß er nicht schlief, sondern kalt und bewußtlos war wie eine Leiche. Karin nahm ihn auf ihren Arm, trug ihn in die kleine Stube, schloß sich mit ihm ein und versuchte, ihn wieder ins Leben zurückzurufen. Nach einer Weile kam sie in die gute Stube hinaus, wo Elias saß und frühstückte. Karin trat dicht an ihn heran und legte ihm die Hand auf die Schulter. – »Es ist gut, daß du noch einmal ordentlich zulangst,« sagte sie, »denn hast du meinen Bruder totgetrunken, dann kannst du bald eine geringere Kost bekommen als hier auf dem Ingmarshofe.« – »Wie du redest,« sagte der Mann, »so ein klein wenig Branntwein kann ihm doch wohl nicht schaden.« – »Aber es ist doch so, wie ich sage,« sagte Karin und sie krallte ihre harten mageren Finger in die Schultern des Mannes. »Stirbt er, so bekommst du deine zwanzig Jahre Zuchthaus, Elias.« Als Karin wieder zu dem Knaben hineinkam, war er schon zum Bewußtsein gekommen, aber er war noch ganz verstört und konnte kein Glied rühren. Er litt sehr. «Glaubst du, daß ich sterbe, Karin?« sagte er. – »Nein, bewahre,« sagte sie und setzte sich neben ihn. – »Ich wußte nichts was es war, das sie mir gaben,« sagte er. – »Gott sei Dank dafür,« sagte Karin ernsthaft. – »Wenn ich sterbe, so schreibe das an die Schwestern,« sagte der Junge, »ich wußte nicht, daß es Spiritus war.« – »Ja,« sagte Karin. – »Ich wußte es wirklich nicht, ich schwöre es dir.« Ingmar lag den ganzen Tag in Fieberphantasien. »Wenn du es nur nicht Vater erzählst,« sagte er zu der Schwester. – »Nein, niemand erzählt es Vater,« sagte Karin. – »Aber wenn ich nun sterbe, bekommt Vater es ja doch zu wissen, und ich muß mit Schande vor Vater stehen.« – »Es war ja nicht deine Schuld,« sagte Karin. – »Vater meint vielleicht, ich hätte mich in acht nehmen sollen; ich hätte mich vor allem in acht nehmen sollen, was mir Elias gab.« »Glaubst du nun, daß die ganze Gemeinde weiß, daß ich betrunken gewesen bin?« sagte er. – »Was sagen die Knechte und was sagt der starke Ingmar?« – »Sie sagen nichts,« sagte Karin. – »Du mußt ihnen erzählen, wie es zugegangen ist. – Siehst du, sie hatten die ganze Nacht getrunken, und ich saß da und schlief halb auf einer Bank. Es war im Kruge in Karmsund. Da kam Elias und weckte mich; er sagte sehr freundlich: »Wach auf, Ingmar, dann sollst du etwas haben, um dich zu erwärmen. Trink dies jetzt, es ist nichts weiter als warmes Wasser mit Zucker.« – Und mich fror, als ich erwachte, und als ich das kostete, was er mir reichte, konnte ich nichts anderes schmecken, als daß es warm und süß war. Und dann war es etwas anderes gewesen, was er für mich zusammengemischt hatte. Und was wird Vater nun sagen?« Karin öffnete die Tür. Elias saß noch da drinnen; sie meinte, es könne ihm gut sein, es zu hören. »Wenn Vater nur noch lebte, Karin, wenn Vater nur noch lebte!« – »Ja, was dann, Ingmar?« – »Glaubst du nicht auch, daß er ihn dann totschlagen würde?« – Elias brach da draußen in ein Gelächter aus, und der Knabe wurde so blaß, als er ihn lachen hörte, daß Karin sich beeilte, die Tür zu schließen. Nach diesem Vorfall wurde Elias Elof doch so zahm, daß er sich nicht widersetzte, als Karin Ingmar zu den Schulmeistersleuten brachte.   In der ersten Zeit, nachdem Tims Halvor die Uhr bekommen hatte, war sein Laden immer voll von Leuten. Da war kein Bauer, der in das Kirchdorf hinabfuhr, ohne sich etwas im Laden zu schaffen zu machen, um von Halvor die Geschichte von Ingmar Ingmarssons Uhr zu hören. Die Bauern lungerten stundenlang über dem Ladentisch in ihren langen weißen Pelzen und wandten Halvor ihre ernsten, runzeligen Gesichter zu, während er erzählte. Zuletzt holte dann Halvor die Uhr heraus und zeigte ihnen die verbeulte Kapsel und das zerbrochene Uhrglas. – »So, also da hat der Stoß getroffen,« sagten die Bauern, und es war, als sähen sie die ganze Szene vor sich, damals, als Ingmar verunglückte. – »Ja, es ist eine große Sache für dich, Halvor, die Uhr zu haben.« Wenn ihnen Halvor die Uhr zeigte, ließ er sie nie aus den Händen, sondern hielt sie fortwährend an der Kette fest. Er gab sie nicht einen einzigen Augenblick von sich. Eines Tages stand Halvor wie gewöhnlich mit einer Schar Bauern um sich da. Er erzählte und erzählte; schließlich wurde die Uhr hervorgeholt, und gleich kam es wie eine Andacht über sie, und es war fast ganz still, während die Uhr von dem einen zu dem anderen wanderte. Gerade während dies vor sich ging, kam Elias in den Laden, aber die Uhr legte so starken Beschlag auf aller Aufmerksamkeit, daß niemand ihn beachtete. Auch er hatte von der Uhr seines Schwiegervaters reden hören und begriff sogleich, was hier vor sich ging. Er war nicht neidisch auf Halvor, er fand nur, daß es lächerlich sei, ihn und die anderen so andächtig über einer alten, unbrauchbaren, silbernen Uhr stehen zu sehen. Elias schlich sich hinter die, die über den Tisch gebeugt standen, tat einen raschen Griff, erfaßte die Uhr und zog sie an sich. Es war nur ein Scherz von Elias, er hatte nicht die Absicht, Halvor die Uhr wegzunehmen, er wollte ihn nur ein wenig foppen. Halvor wollte die Uhr wiederhaben, aber Elias ging rückwärts und hielt sie hoch in die Luft, wie man einem Hund ein Stück Zucker hinhält. Da stützte Halvor die Hand auf den Tisch und schwang sich hinüber. Er sah so zornig aus, daß Elias bange vor ihm wurde und auf die Tür zustürzte, statt stehen zu bleiben und ihm die Uhr zu geben. Vor der Tür befand sich eine Holztreppe mit ausgetretenen Stufen. Hier geriet Elias mit dem Fuß in ein Loch. Er strauchelte und blieb liegen. Halvor stürzte sich über ihn, entriß ihm erst die Uhr und versetzte ihm dann ein paar derbe Fußtritte. »Du solltest nicht so hart zuschlagen,« sagte Elias. »Du solltest lieber erst nachsehen, was mit meinem Rücken los ist.« Halvor hörte auf zu schlagen, aber Elias rührte weder Hand noch Fuß, um sich zu erheben. – »Hilf mir auf,« sagte Elias. – »Du kannst dir wohl selbst aufhelfen,« sagte Halvor, »wenn du den Rausch ausgeschlafen hast.« – »Ich bin nicht betrunken,« sagte Elias, »aber als ich auf die Treppe hinauskam, war mir, als komme der große Ingmar auf mich zugegangen, um mir die Uhr wegzunehmen, und da fiel ich so arg.« Halvor beugte sich nieder, um den Ärmsten aufzuheben, der vor ihm lag. Dann mußten sie Elias nach Hause fahren; sein Rücken war beschädigt, so daß er nie wieder würde gehen können. Seit dieser Zeit lag Elof Ersson immer zu Bett; er war lahm und konnte sich nicht rühren. Aber sprechen konnte er, und er lag den ganzen Tag da und bettelte um Branntwein. Der Doktor hatte Karin Ingmarstochter streng verboten, dem Mann Getränke zu geben, denn in dem Falle würde er sich in kurzer Zeit tottrinken. Da versuchte denn Elias, sich das, was er verlangte, zu erschmuggeln, indem er schrie und brüllte, namentlich des Nachts. Er gebürdete sich wie ein Wahnsinniger und störte die Ruhe des ganzen Hauses. Dies war Karins schwerstes Jahr. Der Mann quälte sie oft so, daß sie glaubte, sie könne es nicht ertragen. Er füllte den Hof mit bösen, giftigen Worten und mit Flüchen, so daß es war wie eine Hölle. Da bat Karin die Schulmeistersleute, Ingmar ganz dazubehalten. Sie wollte den Bruder nicht einen einzigen Tag im Hause haben, nicht einmal zu Weihnachten. Alles Gesinde auf dem Ingmarshofe war entfernt verwandt mit den Ingmars. Sie waren alle ihr ganzes Leben auf dem Hofe gewesen. Wären sie nicht so mit den Ingmarssöhnen verwachsen gewesen, hätten sie es nie aushalten können, dazubleiben. – Da waren nicht viele Nächte, in denen Elias sie ruhig schlafen ließ, und immer ersann er etwas Neues, um sie und Karin so zu plagen, daß sie schließlich gezwungen waren, seinen Bitten nachzugeben. In diesem Elend lebte Karin einen Winter, einen Sommer und noch einen Winter.   Da war eine Stelle, wohin Karin sich zurückzuziehen pflegte, um allein zu sein und über ihr Unglück nachzugrübeln. Es war eine schmale Bank hinter dem kleinen Hopfengarten; da saß sie oft zusammengekauert, die Ellenbogen auf den Knien und das Kinn in die Hände gestützt, und sah über die Landschaft hinaus, ohne irgend etwas zu sehen. Man hatte sonst eine weite Aussicht von hier. Von dem Ort, wo sie saß, erstreckten sich die Kornfelder bis ganz hinüber an den Wald, mit den Abhängen und dem Klackberge dahinter. Dort saß Karin an einem Aprilabend. Sie fühlte sich müde und mutlos, wie das oft im Frühling der Fall ist, wenn der Schnee halb geschmolzen, feucht und schmutzig ist, und die Erde noch nicht von dem Frühlingsregen reingespült wurde. Die Sonne sengte, aber der Nordwind sauste auch frei um sie her, denn der schirmende Hopfen war noch nicht aus der Erde aufgeschossen, sondern lag noch unter einem Teppich von Tannenzweigen und schlief seinen Winterschlaf. Ein scharfer Wind wehte, allerlei Abfälle, Papierfetzen und dürres Gras wirbelten über das Feld hin. Der Taunebel hing dicht an den Bergen, die Wipfel der Birken fingen an, sich braun zu färben, aber am Waldessaume lag noch eine hohe Schneekante. Jetzt wurde es wohl bald wirklich Frühling, und Karin fühlte sich noch müder als sonst, wenn sie daran dachte; es war ihr, als könne sie nicht noch einen solchen Sommer überleben. Sie dachte daran, wie es sich nun alles überstürzen würde: das Säen und die Heuernte, die Frühjahrsbäckerei und die Frühlingswäsche, das Weben und Nähen. Es war unmöglich, mit allem dem fertig zu werden. »Und es macht ja nichts, wenn ich sterbe,« sagte sie leise. »Ich habe ein Gefühl, als lebte ich für nichts weiter, als ihn daran zu verhindern, sich totzutrinken.« Plötzlich sah Karin auf, als habe sie einer gerufen. Ihr gerade gegenüber stand Halversson; er hatte sich gegen den Zaun gelehnt und sah sie an. Sie wußte nicht, wann er gekommen war. Er sah so aus, als habe er lange dagestanden. »Ich dachte mir wohl, daß du hier säßest,« sagte Halvor. – »Hast du dir das gedacht?« – »Ja, ich weiß noch aus alten Zeiten, daß du dich hier zu verstecken pflegtest, wenn du eine müßige Stunde hattest, um dazusitzen und dich zu grämen.« – »Ich hatte damals nicht viel Grund mich zu grämen,« sagte Karin. – »Den Gram, den du damals nicht hattest, den schafftest du dir selbst.« Als Karin Halvor nun sah, meinte sie, daß er sie dumm finden müsse, weil sie ihn nicht geheiratet hatte, so ein schöner und stattlicher Mann, wie er war. »Nun hat er mich da, wo er mich haben will,« dachte sie. »Nun ist er gekommen, um sich lustig über mich zu machen.« »Ich bin da drinnen gewesen und habe mit Elias gesprochen,« sagte Halvor. »Mit ihm wollte ich eigentlich reden.« Karin antwortete nicht, sie saß steif und aufrecht da, mit niedergeschlagenen Augen und gekreuzten Händen, und wartete nur auf all den Hohn, mit dem Halvor sie jetzt überschütten würde. »Ich sagte zu ihm,« fuhr Halvor fort, »daß ich fände, ich sei mit schuld an seinem Unglück, weil er daheim bei mir zu Schaden gekommen ist.« Halvor hielt inne und wartete gleichsam darauf, daß sie ein Zeichen der Billigung oder der Mißbilligung machen würde, aber Karin rührte sich nicht. »Darum fragte ich ihn,« sagte Halvor, »ob er nicht eine Weile zu mir ins Haus ziehen wolle. Es könne doch immer eine Veränderung für ihn sein, und er sähe dort mehr Menschen als hier.« Nun schlug Karin die Augen auf, im übrigen aber blieb sie ganz regungslos sitzen. »Wir haben verabredet,« sagte Halvor, »daß du ihn morgen zu mir hinabfahren lassen solltest. Ich weiß, daß er kommen will, denn er glaubt, er könne sich bei mir Branntwein verschaffen. Aber davon ist nicht die Rede, Karin, das wirst du wohl verstehen. Nicht das geringste mehr bei mir als bei dir. Dann kommt er also morgen. Er soll die kleine Stube hinter dem Laden haben, und ich habe ihm versprochen, daß die Tür offenstehen soll, damit er alle, die kommen, sehen kann.« Bei Halvors ersten Worten dachte Karin, ob er sich dies wohl ausgedacht habe, um sie zu verhöhnen. Aber nach und nach ward es ihr klar, daß es sein Ernst war. Karin hatte nun immer geglaubt, daß Halvor nur um sie gefreit habe, weil sie reich und von guter Familie war. Sie hatte nie an die Möglichkeit gedacht, daß er sie um ihrer selbst willen lieb haben könne. Sie wußte wohl, daß sie nicht zu den Mädchen gehörte, die den Männern gefallen. Sie selbst war auch weder in Halvor noch in Elias verliebt gewesen. Aber als Halvor kam und ihr diese schwere Last tragen helfen wollte, die ihr jetzt auferlegt war, ward Karin ganz überwältigt von etwas so Großem und Unfaßbarem. Halvor mußte sie also lieben, ja, er mußte sie lieben, wenn er so kam und ihr helfen wollte. Karins Herz begann plötzlich heftig und unruhig zu pochen. Sie erwachte zu etwas, das sie nie zuvor empfunden hatte. Sie wußte nicht, was es war, ehe es ihr plötzlich klar wurde, daß Halvors Güte ihren erfrorenen Sinn erwärmt hatte, so daß die Liebe zu ihm jetzt in ihr aufzuflammen begann. Halvor fuhr fort, ihr seinen Plan zu erklären – er fürchtete, daß sie Einwendungen machen würde. »Es ist auch ein Jammer für Elias,« sagte er, »er hat ja auch eine Veränderung nötig, und so schwierig, wie er gegen dich gewesen ist, wird er gegen mich nicht werden. Es ist etwas ganz anderes, wenn ein Mann im Hause ist, vor dem er sich fürchtet.« Karin wußte nicht, was sie tun sollte; es war ihr, als könne sie keine Bewegung machen oder kein Wort sagen, ohne daß Halvor merken würde, daß sie ihn liebte. Und etwas mußte sie doch sagen. Schließlich schwieg Halvor und blieb stehen und sah sie an. Karin erhob sich gleichsam widerwillig, ging auf Halvor zu und streichelte ihm leise die Hand. »Gott segne dich, Halvor,« sagte sie mit gebrochener Stimme. »Gott segne dich!« Wie vorsichtig sie auch war, mußte Halvor doch etwas gemerkt haben; denn er erfaßte schnell ihre Hände und zog sie an sich. – »Nein, nein,« rief sie erschreckt, riß sich los und lief schnell von dannen.   So zog denn Elias zu Halvor hinab und lag den ganzen Sommer in der Stube hinter dem Laden. Er sollte Halvor jedoch nicht lange zur Last fallen, denn er starb schon im Herbst. Gleich darauf sagte Mutter Stina zu Halvor: »Jetzt mußt du mir eins versprechen.« Halvor zuckte zusammen und sah auf. – »Du mußt mir versprechen, Geduld mit Karin zu haben.« – »Ja, natürlich werde ich Geduld haben,« erwiderte Halvor verwundert. – »Ja, sie ist ja wert zu gewinnen, selbst wenn man sieben lange Jahre auf sie warten muß.« Aber es war nicht so leicht für Halvor, Geduld zu üben. Denn bald hörte er davon reden, daß der eine und bald, daß der andere um sie würbe. Das begann schon vierzehn Tage nach Elias Begräbnis. Eines Sonntagsnachmittag saß Halvor vor seinem Hause und betrachtete die Leute, die des Weges daherkamen. Er fand, daß ungewöhnlich viele seine Wagen nach dem Ingmarshofe hinabfuhren. In einem davon saß einer von den Inspektoren des Bergsaanaer Sägewerks, dann kam der Sohn des Gastwirts aus Karmsund, schließlich kam Berger Sven Person, ein Bauer aus dem benachbarten Kirchsprengel. Er war der reichste Bauer in Westdalarne, ein kluger und hochangesehener Mann. Jung war er freilich nicht mehr. Er war zweimal verheiratet gewesen und war jetzt wiederum Witwer. Als Berger Sven Person gefahren kam, konnte Halvor nicht länger stillsitzen. Er begann langsam die Straße hinabzugehen, und bald war er über die Brücke gelangt und auf die andere Seite des Flusses, wo der Ingmarshof lag. »Ich möchte wohl wissen, wo alle die Wagen hin wollen,« sagte er. Er folgte den Spuren und während er so ging, wurde er eifriger und eifriger. »Ich weiß, daß es dumm ist,« sagte er; er dachte an Mutter Stinas Warnung. »Ich will nur bis an das Tor gehen und sehen, was sie da oben vorhaben.« Berger Sven Person und ein paar andere Männer saßen in der guten Stube auf dem Ingmarshof und tranken Kaffee. Ingmar Ingmarsson, der noch immer im Schulhause wohnte, war an diesem Sonntag zu Hause. Er saß mit ihnen am Tische und mußte den Wirt machen, denn Karin war nicht in der Stube; sie hatte sich damit entschuldigt, daß sie in der Küche etwas zu tun habe, da alle Mädchen in das Missionshaus hinabgegangen waren, um den Schulmeister reden zu hören. Totenstille herrschte in der Stube. Sie tranken alle ihren Kaffee, ohne ein Wort zu sagen. Die Freier waren untereinander fast fremd, und sie warteten alle drei auf die Gelegenheit, in die Küche hinauszugehen und allein mit Karin zu reden. Da tat sich die Tür auf, und noch ein Gast trat ein. Ingmar Ingmarsson ging ihm entgegen und führte ihn an den Tisch. »Das ist Tims Halvorsson,« sagte er zu Berger Sven Person. Berger Sven Person erhob sich nicht, er grüßte nur mit einer Handbewegung und sagte in einem scherzhaften Ton: »Das ist ja ergötzlich, einen so bekannten Mann zu treffen!« Ingmar Ingmarsson setzte Halvor einen Stuhl hin und machte dabei so viel Geräusch, daß Halvor nicht zu antworten brauchte. Von dem Augenblick an, als Halvor kam, wurden alle Freier redselig und prahlerisch. Sie fingen an, einander zu loben und zu schmeicheln, es war, als seien sie sich darüber einig, zusammenzuhalten, bis sie Halvor aus dem Spiel hatten. »Es ist doch ein famoses Pferd, das der Herr Gemeindevorsteher heute vorgespannt hatte,« begann der Inspektor. Berger Sven Person ging auf das Spiel ein und sprach von einem Bären, den der Inspektor im letzten Winter geschossen hatte. Darauf sprachen sie beide von dem neuen Wohnhaus, das der Gastwirt in Karmsund gebaut hatte und lobten es sehr. Schließlich vereinigten sie sich alle drei und rühmten Berger Sven Persons Reichtum mit großen Worten. Sie waren sehr beredt, und bei jedem Wort ließen sie Halvor wissen, daß er ein zu geringer Mann sei, um daran zu denken, sich mit ihnen zu messen. Halvor kam sich sehr unbedeutend vor und bereute bitter, daß er gekommen war. Karin kam jetzt herein und bot wieder Kaffee an. Sobald sie Halvor sah, dachte sie bei sich, wie schlecht es sich doch ausnehme, daß er jetzt gleich nach dem Todesfall zu ihr kam. Wenn er solche Eile hatte, würden die Leute wohl sagen, daß er Elias nicht gepflegt habe, wie er es hätte tun müssen, um ihn bald los zu werden und sie, Karin, zu bekommen. Sie hätte es am liebsten gesehen, wenn er zwei oder drei Jahre gewartet hätte, ehe er kam, das wäre lange genug gewesen, um den Leuten begreiflich zu machen, daß er nicht aus Ungeduld schlecht an Elias gehandelt hatte. »Warum hat er es denn so eilig« dachte sie, »er muß doch wissen, daß ich keinen anderen als ihn haben will.« Als Karin hineinkam, entstand wieder tiefes Schweigen in der Stube und niemand hatte für etwas anderes Gedanken, als acht zu geben, wie sie und Halvor einander begrüßten. Es war nichts weiter, als daß sich ihre Fingerspitzen berührten. Als der Gemeindevorsteher dies sah, machte er seiner Freude Luft in einem durchdringenden Pfeifen, der Inspektor aber stimmte ein lautes Gelächter an. Halvor wandte sich ruhig nach ihnen um: »Worüber lacht der Herr Inspektor?« fragte er leise. Der Inspektor hatte keine Antwort zur Hand. Er wollte nichts Verletzendes sagen, solange Karin im Zimmer war. »Er denkt an einen Jagdhund, der den Hasen aufgestöbert hat, aber andere ihn schießen läßt,« sagte der Sohn des Wirtes mit einer Anspielung. Karin stand da und schenkte Kaffee ein; sie war dunkelrot. Jetzt sagte sie entschuldigend: »Berger Sven Person und ihr anderen müßt mit Kaffee allein fürlieb nehmen; wir bieten hier im Hause nie mehr geistige Getränke an.« – »Das tue ich bei mir zu Hause auch nicht,« sagte der Gemeindevorsteher. Der Inspektor und der Gastwirt schwiegen, aber sie waren sich klar darüber, daß der Gemeindevorsteher einen großen Schritt vorgerückt war. Der Gemeindevorsteher begann sofort über die Enthaltsamkeitsfrage und ihren Nutzen zu reden. Karin blieb stehen und hörte es mit an; sie war einig mit ihm in allem, was er sagte. Der Bauer sah sofort ein, daß das ein Weg war, sie zu gewinnen, und erging sich mit großer Weitläufigkeit über Branntwein und Trunkenheit. Karin erkannte all die unausgesprochenen Gedanken wieder, die sie über diese Sache während des letzten Jahres gehabt hatte, und freute sich, daß ein so mächtiger und kluger Mann sie teilte. Mitten in der Unterhaltung sah der Gemeindevorsteher zu Halvor hinüber. Er saß verdrossen und mürrisch da, die Tasse stand unberührt vor ihm. – »Freilich ist es ja hart für ihn,« dachte Berger Sven Person, »namentlich, wenn es wahr ist, was die Leute sagen, daß er bei Elias ein wenig nachgeholfen hat. Im Grunde war es ja ein gutes Werk, Karin von dem schrecklichen Menschen zu befreien, der zu nichts nütze war.« Und weil er meinte, daß er das Spiel fast gewonnen hatte, fühlte er sich freundlich gegen Halvor gestimmt. Er erhob seine Kaffeetasse, hielt sie Halvor hin und sagte: »Prost, Halvor, du bist Karin sicher eine gute Stütze gewesen, indem du dich des Schweinekerls annahmst, mit dem sie verheiratet war.« – Halvor blieb ruhig sitzen, starrte ihm gerade ins Gesicht und dachte darüber nach, was er dazu sagen sollte. Aber der Inspektor brach wieder in ein Gelächter aus. »Ja, eine gute Stütze,« lachte er, »wahrlich eine gute Stütze.« Der Gastwirtssohn lächelte und wiederholte: »Ja, das sollte ich meinen, eine wirklich gute Stütze!« Ehe sie noch ausgelacht hatten, war Karin verschwunden, wie ein Schatten glitt sie zur Küchentür hinaus. Karin blieb hinter der Tür stehen, nicht weiter entfernt, als daß sie alles hören konnte, was in der guten Stube gesagt wurde. Sie war nur böse auf Halvor, weil er zu früh gekommen war. Auf die Weise kam es ja so, daß sie ihn nie heiraten konnte. Die Verleumdung war ja schon im Gange. »Ich weiß nicht, wie ich es ertragen soll, ihn noch einmal zu verlieren,« dachte sie und preßte die Hand gegen das Herz. Zu Anfang war in der guten Stube alles still, dann hörte sie, wie ein Stuhl zurückgeschoben wurde und wie sich jemand erhob. – »Willst du schon gehen, Halvor?« fragte der junge Ingmar. – »Ja,« antwortete Halvor, »ich kann nicht länger bleiben. Du mußt Karin Ingmarstochter von mir grüßen und ihr Lebewohl sagen.« – »Du kannst ja zu ihr in die Küche hinausgehen und es ihr selber sagen.« – »Nein,« hörte sie Halvor jetzt erwidern. »Wir beide haben miteinander ausgeredet.« Karins Herz begann zu pochen, und die Gedanken jagten sich so eilig wie nie zuvor. Jetzt war Halvor böse auf sie, und darüber konnte sich niemand wundern. Sie hatte kaum gewagt, ihm die Hand zu geben, und als die anderen ihn verhöhnten, hatte sie ihn nicht verteidigt, sondern geschwiegen und sich von dannen geschlichen. Nun glaubte er, daß sie ihn nicht liebte, nun ging er und kam nie wieder. Nein, sie wußte nicht, wie sie sich so hatte benehmen können, nach alledem, was Halvor für sie getan hatte. Plötzlich war es, als höre sie ihres Vaters Worte, daß die Ingmarssöhne sich nicht an die Menschen zu kehren brauchten, sie brauchten nur Gottes Wege zu gehen. Karin öffnete schnell die Tür wieder und stand vor Halvor, ehe er noch zur Stube hinausgelangt war. »Gehst du schon, Halvor? Ich glaubte, du würdest Abendbrot mit uns essen.« Halvor stand da und starrte sie an; sie war wie verwandelt, rot und warm, und es lag etwas Zärtliches und Rührendes über ihr, wie er es nie zuvor gesehen hatte. – »Es ist meine Absicht, zu gehen und nie wiederzukommen,« sagte Halvor. Er begriff nicht, was sie wollte. – »Setz' dich jetzt und trink' deinen Kaffee, Halvor,« sagte Karin. Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn an den Tisch. Sie wurde rot und bleich bei dieser Wanderung, der Mut verließ sie mehrmals, aber sie hielt sich, obwohl Hohn und Verachtung das bitterste waren, was sie kannte. »Jetzt soll er wenigstens sehen, daß ich die Last mit ihm teilen will,« dachte sie. »Berger Sven Person und ihr anderen,« sagte Karin, »Halvor und ich haben noch nicht über diese Dinge geredet, da ich ja erst so kürzlich Witwe geworden bin; aber nun glaube ich doch, es ist am besten, daß ihr alle es erfahrt, daß ich mich lieber mit Halvor als mit einem von euch anderen verheiraten will.« Sie hielt inne, denn ihre Stimme zitterte. »Die Leute mögen nun hierüber sagen, was sie wollen, aber Halvor und ich haben nichts Böses getan.« Als sie ausgeredet hatte, trat Karin näher an Halvor heran, als wolle sie Schutz gegen alle die bösen Worte suchen, die sie nun zu hören bekommen würde. Alle schwiegen eine Weile, hauptsächlich über Karin Ingmarstochter, die mehr aussah wie ein junges Mädchen, denn je zuvor in ihrem Leben. Halvor sagte mit zitternder Stimme: »Als ich deines Vaters Uhr bekam, Karin, glaubte ich, ich könne nie etwas Größeres erleben, aber das, was du jetzt getan hast, glaube ich, ist das Größte, was ein Mann erleben kann.« Aber Karin lauschte mehr nach den Worten der anderen als nach Halvor; die Angst verließ sie nicht. Da erhob sich Berger Sven Person – er war in vieler Beziehung ein ausgezeichneter Mann. – »Dann müssen wir alle Karin und Halvor Glück hierzu wünschen,« sagte er freundlich, »denn das wissen alle, daß der, den Karin Ingmarstochter erwählt, ohne Makel und Tadel ist.« In Zion Niemand kann sich darüber wundern, daß ein alter Landschulmeister manchmal ein wenig selbstbewußt werden kann. Da hat er nun durch sein ganzes langes Leben Kenntnisse und Gelehrsamkeit über seine Mitmenschen ausgeteilt. Er sieht, daß alle Bauern von der Weisheit leben, die er ihnen gegeben hat, und daß niemand mehr weiß, als was er, der Schulmeister, sie einmal gelehrt hat. Kann er da etwas dafür, daß er alle Einwohner des Kirchsprengels wie Schulkinder betrachtet, wie alt sie auch werden mögen, und daß er meint, daß er selbst klüger ist als alle anderen? Ja, so einem richtigen, altem Schulmenschen wird es geradezu schwer, jemand als erwachsen zu behandeln, denn in seinen Augen sieht jeder so aus, wie damals, in seinen Kinderjahren, mit runden Kinderwangen, mit Grübchen und frommen, stillstehenden Kinderaugen. Es war an einem Wintersonntag, gleich nach dem Gottesdienst. Der Pfarrer und der Schulmeister standen da und sprachen in der kleinen, gewölbten Sakristei miteinander; ihre Unterhaltung drehte sich um die Heilsarmee. »Das ist doch der sonderbarste Einfall,« sagte der Pfarrer, »nie im Leben hätte ich geglaubt, daß ich so etwas erleben könnte.« Der Schulmeister sah den Pfarrer strenge an; er fand, daß er ungehörig rede. Er, der Pfarrer, könne doch wohl nicht glauben, daß eine solche Tollheit Zutritt zu ihrer Gemeinde gewinnen würde. »Ich glaube auch nicht, daß der Herr Pfarrer es zu sehen bekommen wird,« sagte er mit Nachdruck. Der Pfarrer, der wohl wußte, daß er ein gebrochener und schwacher Mann war, ließ in der Regel den Schulmeister regieren, wie er wollte, aber er konnte es nicht lassen, ihm zu widersprechen. »Wie können Sie nur so sicher sein, daß wir mit der Heilsarmee verschont bleiben, Storm?« sagte er. – »Ja,« erwiderte Storm, »wo Pfarrer und Schulmeister zusammenhalten, da kann solch Unwesen keinen Zutritt erlangen.« »Ich bin nicht sicher, daß Sie mit mir zusammenhalten, Storm,« sagte der Pfarrer ein wenig spitz. »Sie predigen ja auf eigene Hand da drüben in Ihrem Zion.« – Hierzu schwieg der Schulmeister anfänglich. Dann aber sagte er ganz ruhig: »Herr Pfarrer haben ja nie gehört, wie ich predige.« Besagtes Missionshaus war ein böser Stein des Anstoßes. Der Pfarrer hatte es nie gelernt, sich darein zu finden, und er hatte seinen Fuß nie dahinein gesetzt. Aber da die Sache nun einmal zur Sprache gekommen war, fürchteten die beiden Freunde sehr, etwas Verletzendes gesagt zu haben. »Ich bin gewiß ungerecht gegen Storm,« dachte der Pfarrer. »In diesen vier Jahren, solange er jeden Sonntagnachmittag Bibelstunden im Missionshaus abgehalten hat, habe ich des Vormittags mehr Leute in der Kirche gehabt, und ich habe nicht die geringste Spaltung in der Gemeinde bemerkt. Er hat keine Störung in der Gemeinde verursacht, wie ich erwartete. Er ist ein treuer Freund und Diener, und ich will versuchen, ihm zu beweisen, wie hoch ich ihn schätze.« Diese kleine Uneinigkeit am Vormittag ward die Veranlassung, daß der Pfarrer am Nachmittag hinging, um Storms Vortrag zu hören. »Ich werde Storm eine große Freude bereiten,« dachte er. »Ich will hingehen und hören, wie er in seinem Zion predigt.« Auf dem Wege dahin mußte der Pfarrer an die Zeit denken, als das Missionshaus gebaut wurde. Wie war die Luft voll von Prophezeiungen, und wie sicher hatte er geglaubt, daß Gott etwas Großes im Sinn habe! Aber seither hatte man nie etwas davon gehört. »Der liebe Gott mußte auf andere Gedanken gekommen sein,« dachte er und lachte im stillen darüber, daß er so über den lieben Gott denken konnte. Das Missionshaus war ein großer Saal mit hellen Wänden. An der Längsseite hingen Holzschnitte von Luther und Melanchthon in pelzverbrämten Mützen. An dem Deckengesims waren gemalte Bibelsprüche, von Blumen und himmlischen Posaunen und Trompeten eingerahmt, und über einer kleinen Erhöhung an dem einen Ende des Saales hing ein Öldruck, der den guten Hirten vorstellte. Der große, kahle Raum war voll von Menschen, und mehr war nicht nötig, um einen schönen und feierlichen Eindruck hervorzurufen. Die allermeisten waren nämlich hübsch gekleidet in der gelben Tracht des Kirchsprengels, und die weißgestickten und weit vorstehenden Kopftücher der Frauen erweckten den Eindruck, als sei der Saal von großen Vögeln mit weißen Flügeln angefüllt. Storm hatte seinen Vortrag schon begonnen, als er den Pfarrer kommen und auf der ersten Bank Platz nehmen sah. »Du bist doch ein merkwürdiger Mann, Storm!« dachte er bei sich. »Alles gelingt dir. Hier kommt nun der Pfarrer selbst und erweist dir die Ehre, dich anzuhören.« Während der Zeit, daß der Schulmeister gepredigt hatte, hatte er die Bibel von der ersten Seite bis zur letzten durchgenommen. Jetzt war er bis zur Offenbarung Johannis gekommen, und heute war er gerade dabei, von dem himmlischen Jerusalem und der ewigen Seligkeit zu reden. Und so glücklich war er darüber, daß der Pfarrer gekommen war, daß er bei sich selbst dachte: »Ich für mein Teil würde im ewigen Leben nichts besseres verlangen, als immer auf einem Katheder zu stehen und kluge und folgsame Kinder zu unterrichten, und wenn der liebe Gott hin und wieder einmal käme und mir zuhörte, so wie jetzt der Pfarrer, so würde niemand im Himmel glückseliger sein als ich.« Aber der Pfarrer seinerseits wurde aufmerksam, als er hörte, daß die Rede von Jerusalem war. Und aufs neue begannen die wunderlichen Gedanken ihm durch den Kopf zu gehen. Mitten während des Vortrages tat sich die Tür auf, und eine ganze Schar kam herein. Es waren ungefähr zwanzig Personen, und sie blieben unten am Eingang stehen, um nicht zu stören. »Ei, sieh doch,« dachte der Pfarrer, »habe ich es mir nicht gedacht, daß etwas geschehen würde?« Und kaum hatte Storm Amen gesagt, als eine der Stimmen, die aus der Gruppe unten von der Tür kam, begann: »Ich möchte gern um Erlaubnis bitten, ein paar Worte sagen zu dürfen.« Die Stimme war ungewöhnlich sanft und freundlich. »Das muß Hök Matts Eriksson sein,« dachte der Pfarrer und viele mit ihm. Niemand in der ganzen Gegend hatte eine so sanfte Kinderstimme. Im nächsten Augenblick drängte sich ein kleiner Mann mit einem gutmütigen Kindergesicht bis an die Erhöhung, und hinter ihm drein kam eine Schar von Männern und Frauen, die mit ihm gekommen zu sein schienen, um ihm zur Stütze und Ermunterung zu dienen. Der Pfarrer, der Schulmeister und die ganze Versammlung saßen regungslos da. »Hök Matts kommt, um ein großes Unglück zu verkünden,« dachten sie. »Entweder ist der König tot, oder wir bekommen Krieg oder irgendein armer Mensch ist in den Fluß gegangen und ertrunken.« Aber Hök Matts sah nicht so aus. als habe er eine traurige Botschaft zu überbringen. Er war ernsthaft und aufgeregt, aber dabei doch so froh, daß fast ein Lächeln über seinem Antlitz lag. »Ich möchte dem Schulmeister und der Gemeinde gern erzählen,« sagte er, »daß neulich Sonntags, als ich mit meinen Leuten in der Stube saß, der Geist über mich kam, so daß ich anfing zu predigen. Die Wege waren so glatt, daß wir nicht hierher kommen und Storm hören konnten, und wir saßen da und sehnten uns danach, ein Wort Gottes zu hören. Da kam es über mich, daß ich selbst reden konnte. Jetzt habe ich zwei Sonntage gepredigt, und nun haben meine Hausgenossen und Nachbarn zu mir gesagt, ich sollte hierher ins Versammlungshaus gehen und mich vor den Leuten hören lassen.« Hök Matts sagte ferner, er sei erstaunt darüber, daß die Gabe des Wortes einem so geringen Manne wie ihm beschieden sein könne. »Aber der Schulmeister ist ja auch nichts weiter als ein Bauer,« sagte er vertrauensvoll. Nach dieser Einleitung faltete Hök Matts seine Hände und wollte sofort zu predigen anfangen. Aber jetzt hatte sich der Schulmeister endlich von der ersten Überraschung erholt. »Ist es deine Absicht, Hök Matts, hier heute abend zu predigen?« unterbrach er ihn. – »Ja, das war meine Absicht,« sagte der Mann. Er wurde bange wie ein Kind, als er Storms finstere Miene sah. – »Ja, es war ja meine Absicht, erst den Schulmeister und die anderen um Erlaubnis dazu zu bitten,« sagte er demütig. »Nein, für heute sind wir jetzt fertig,« sagt« Storm sehr bestimmt. Der gute, kleine Mann fing an mit tränenerstickter Stimme zu bitten. »Dürfte ich nicht nur ein paar Worte sagen? Es ist alles etwas, was über mich gekommen ist, während ich hinter dem Pfluge dreinging oder den Kohlenmeiler schürte, und jetzt will es heraus.« – Aber der Schulmeister, der selbst einen so ehrenvollen Tag gehabt hatte, kannte keine Barmherzigkeit. »Hök Matts kommt mit seinen eigenen Einfällen und sagt, daß es Gottes Wort ist,« sagte er tadelnd. Hök Matts wagte nicht etwas einzuwenden. Der Schulmeister schlug das Gesangbuch auf; »jetzt wollen wir den Gesang Nummer 187 singen,« sagte er. Er las erst den Gesang mit lauter Stimme vor und fing dann an zu singen: »Jerusalem, du hochgebaute Stadt.« Währenddes dachte er: »Es war gut, daß der Pfarrer gerade heute kam, da kann er sehen, daß ich Ordnung in meinem Zion halte.« Aber kaum war der Gesang beendet, als einer der Zuhörer sich erhob. Es war Ljung Björn Olofsson, ein stolzer und stattlicher Mann, der mit einer der Ingmarstöchter verheiratet war und Besitzer eines großen Gehöfts mitten im Kirchsprengel war. »Wir hier unten,« sagte Ljung Björn ganz ruhig, »sind der Ansicht, daß der Schulmeister erst um unseren Rat hätte fragen sollen, ehe er Hök Matts abwies.« »Meinst du das, mein Junge?« sagte der Lehrer, ganz in demselben Ton, in dem er einen naseweisen kleinen Jungen zurechtgesetzt haben würde. »Da kann ich dir doch erzählen, daß niemand weiter als ich hier in diesem Saal etwas zu sagen hat.« Ljung Björn wurde dunkelrot; er hatte wirklich nicht die Absicht gehabt, einen Streit mit Storm zu beginnen. Er hatte den Schlag für Hök Matts nur etwas mildern wollen, der ein so guter Mann war, aber es war unvermeidlich, daß er zornig über die Antwort wurde. Ehe er sich noch so weit fassen konnte, etwas zu sagen, ergriff einer von denen, die mit Hök Matts gekommen waren, das Wort. »Ich habe Hök Matts zweimal reden hören, und ich muß sagen, es ist wunderbar, ihn zu hören. Ich glaube, daß es allen, die hier anwesend sind, gut sein würde, ihn zu hören.« Der Schulmeister antwortete sogleich freundlich und in demselben ermahnenden Ton, wie wenn er einen Knaben in der Schule tadelte: »Ja, aber du wirst wohl begreifen, Krister Larsson, daß dies unmöglich angehen kann. Lasse ich Hök Matts heute predigen, so kommst du, Krister, und willst am nächsten Sonntag predigen, und Ljung Björn kommt am übernächsten.« Als der Schulmeister dies sagte, lachten mehrere; aber Ljung Björns Antwort lautete hart und scharf: »Ich weiß nicht, warum Krister und ich nicht ebenso geschickt zum Predigen sein sollten wie der Schulmeister.« Tims Halvor erhob sich, um die Leute zu beruhigen und einem Streit vorzubeugen. »Diejenigen, die das Geld gegeben haben, um diesen Betsaal zu bauen, müßten wohl um Erlaubnis gefragt werden, ehe ein neuer Predikant Erlaubnis erhält zum reden.« – Aber nun war Krister Larsson auch böse geworden und sprach nicht mehr, nur um Hök Matts zu verteidigen. »Ich entsinne mich, daß wir, als wir dies Haus bauten, überein kamen, daß hier ein freier Predigtsaal sein solle und keine Kirche, in der nur ein einziger Mann das Wort Gottes verkünden kann.« Wie Krister das sagte, war es, als ob die ganze Versammlung tief aufatmete. Vor nur einer Stunde wäre es ihnen nicht eingefallen, daß sie jemals den Wunsch hegen könnten, einen anderen als den Schulmeister zu hören; aber jetzt dachten sie: es könnte doch ganz ergötzlich sein, wenn uns einmal etwas Neues geboten würde; wir möchten gern ein paar neue Worte hören und ein neues Gesicht hinter dem Tisch da oben auf der Erhöhung sehen. Es wäre aber vielleicht doch nicht zu einer Uneinigkeit gekommen, wenn nicht Kolaas Gunnar gewesen wäre. Er war ebenfalls ein Schwager von Tims Halvor, ein langer, brünetter Bursche mit stechenden Augen, Er hielt ebenso wie die anderen große Stücke auf den Schulmeister, aber eine tüchtige Zänkerei hatte er doch noch lieber. »Ja, als wir dies Haus bauten, wurde viel über Freiheit geredet,« sagte er, »aber seit es gebaut wurde; habe ich hier kein einziges freies Wort mehr gehört.« Der Schulmeister wurde dunkelrot. Dies war die erste Äußerung, die von etwas Bösem und Aufsässigem zeugte. »Das will ich dir doch sagen, Kolaas Gunnar,« sagte er, »daß du hier die wahre Freiheit predigen hörst, so wie Luther sie predigte; aber hier hat niemals die Freiheit geherrscht, solche neuen Einfälle zu verkünden, die heute stehen und morgen fallen.« – »Der Schulmeister wird uns wohl glauben machen, daß alles Neue schlecht ist, sobald es die ›Lehre‹ betrifft,« fuhr der Mann ruhiger fort, als bereue er seine Heftigkeit. »Er will wohl, daß wir die neuen Methoden anwenden, wenn es sich um Viehzucht handelt, und er will uns neue landwirtschaftliche Maschinen verschaffen; aber wir bekommen nichts zu wissen von den neuen Methoden, mit denen Gottes Boden bestellt werden kann.« – Der Schulmeister begann zu glauben, daß Kolaas Gunnar es nicht so böse gemeint habe, wie es klang. »Meinst du, Gunnar,« sagte er und versuchte einen scherzhaften Ton anzuschlagen, »daß hier eine andere Lehre gepredigt werden soll, als die lutherische es ist?« – »Es ist hier nicht die Rede von einer neuen Rede,« fiel nun Gunnar mit scharfer Stimme ein, »sondern nur davon, wer predigen darf; soviel ich weiß, ist Matts Eriksson ein ebenso guter Lutheraner wie der Schulmeister und der Herr Pfarrer.« Der Schulmeister hatte einen Augenblick den Pfarrer ganz vergessen und sah nun zu ihm hinüber. Der Pfarrer saß still und unbeweglich da, das Kinn auf den Knopf seines Stockes gestützt, mit einem wunderlichen Glanz in den Augen. Und Storm sah, daß sein Blick noch immer auf ihm ruhte und ihn keinen Augenblick verließ. »Es wäre vielleicht doch besser gewesen, wenn er gerade heute abend nicht gekommen wäre,« dachte er. Es fiel dem Schulmeister ein, daß das, was hier jetzt geschah, Ähnlichkeit mit etwas hatte, was er schon einmal erlebt hatte. Es konnte wohl an einem so recht schönen Frühlingstag geschehen, daß ein kleiner Vogel kam und sich vor das Fenster der Schulstube setzte und sang und sang. Und auf einmal fingen dann alle Kinder an, um einen freien Nachmittag zu bitten; sie hörten auf zu lesen, wurden unruhig und lärmend und waren nicht mehr zu halten. Etwas Ahnliches war das, was heute abend nach Hök Matts Ankunft über die Versammlung gekommen war. Aber der Schulmeister dachte, er wollte dem Pfarrer und ihnen allen zeigen, daß er der Mann sei, den Aufruhr zu unterdrücken. »Nun will ich sie erst mal sich selbst überlassen, damit sich die Spektakelmacher müde reden können,« dachte er und ging hin und setzte sich auf einen Stuhl, der hinter dem Tisch mit dem Glas Wasser stand. Aber im selben Augenblick brach ein großer Sturm gegen ihn los, denn nun wurden alle von dem einen Gedanken erfüllt: Wir sind ja alle ebensogut wie der Schulmeister. Warum soll er allein uns erzählen dürfen, was wir glauben sollen und was wir nicht glauben sollen? Dies waren für die meisten neue Gedanken, aber man konnte es ihrer Rede doch anhören, daß sie in ihnen gekeimt und gesproßt waren, seit der Schulmeister das Missionshaus gebaut und gezeigt hatte, daß ein einfacher und geringer Mann das Wort Gottes auslegen könne. Nach einer Weile dachte der Schulmeister: »Jetzt haben sich die Kinder wohl ausgetobt. Jetzt ist es an der Zeit, sie zu lehren, wer hier im Hause Herr ist.« Er stand auf, schlug kräftig auf den Tisch und sagte mit starker Stimme: »Jetzt muß die Sache ein Ende haben. Was ist das für ein Lärm, ich gehe jetzt fort, und ihr müßt auch gehen, damit ich abschließen kann.« Einige standen auch wirklich auf, denn sie waren bei Storm in die Schule gegangen, und wußten, daß, wenn er auf den Tisch schlug, dies ein Zeichen war, daß alle gehorchen mußten; aber die meisten blieben ruhig sitzen. »Der Herr Schulmeister vergißt wohl, daß wir jetzt erwachsene Männer sind,« sagten sie, »und er glaubt, daß wir gehorchen müssen, sobald er auf das Katheder schlägt.« Sie fuhren fort darüber zu reden, daß sie einige neue Predikanten hören wollten und verhandelten darüber, wen sie auffordern sollten. Sie stritten sich schon darüber, ob es einer von den Waldenströminern sein solle, oder einer von den Laienpredigern aus dem evangelischen Nationalverein. Der Schulmeister stand da und starrte die Versammlung an, als sähe er etwas Unheimliches. Bis jetzt hatte er im Gesicht eines jeden einzelnen das Gesicht des Kindes gesehen. Aber nun verschwanden alle die weichen, runden Kinderwangen, die blonden Kinderlocken und die frommen Kinderaugen. Und der Schulmeister sah nur eine Schar erwachsener Menschen mit ernsten und barschen Gesichtern, und er merkte, daß er über sie keine Macht besaß. Er wußte kaum noch, wie er mit ihnen reden sollte. Der Lärm hielt an, und er brauste stärker und stärker. Der Schulmeister schwieg und ließ sie toben. Kolaas Gunnar und Ljung Björn und Krister Larsson standen an der Spitze des Angriffs. Hök Maats, der die ursprüngliche Veranlassung zu dem ganzen gegeben hatte, erhob sich wieder und wieder und bat sie, zu schweigen, aber niemand hörte auf ihn. Der Schulmeister senkte seinen Blick wieder und sah den Pfarrer an. Der saß noch ebenso ruhig da, mit demselben Glanz in den Augen und sah ihn an. »Er denkt wohl an den Abend vor vier Jahren, als ich ihm erzählte, daß ich das Missionshaus bauen wolle,« dachte der Schulmeister. »Ja, er hatte recht,« dachte Storm weiter; »jetzt haben wir die ganze Geschichte, die Irrlehre und den Aufruhr und die Zersplitterung, und es wäre vielleicht niemals gekommen, wenn ich nicht so darauf erpicht gewesen wäre, mein Zion zu bauen.« Im selben Augenblick, wo dem Schulmeister dies klar ward, erhob er den Kopf und richtete sich gerade auf. Er zog einen kleinen Schlüssel aus blankem Stahl aus der Tasche – das war der Schlüssel des Missionshauses. Er hob ihn zum Licht empor, so daß es darin blitzte und man ihn im ganzen Saal sehen konnte. »Jetzt lege ich diesen Schlüssel hier auf diesen Tisch nieder,« sagte er, »und ich nehme ihn nie wieder. Denn ich sehe, daß alles, was ich damit habe ausschließen wollen, das habe ich statt dessen eingelassen.« Mit diesen Worten legte der Schulmeister den Schlüssel auf den Tisch, nahm seinen Hut und ging geradeswegs auf den Pfarrer zu. »Ich muß Ihnen vielmals danken, Herr Pfarrer, daß Sie kamen und mich heute abend angehört haben,« sagte er, »denn wenn's heute nicht geschehen wäre, wäre niemals etwas daraus geworden.« Die wilde Jagd Da waren viele, die meinten, daß Elias Elof Ersson keine Ruhe im Grabe haben dürfe, so schändlich wie er an Karin Ingmarstochter und dem jungen Ingmar Ingmarsson gehandelt hatte. Den Hof, der ja Karin gehörte, hatte er so mit Hypotheken belastet hinterlassen, daß sie gezwungen gewesen wäre, ihn den Gläubigern zu überlassen, wenn nicht Halvor so reich gewesen wäre, daß er den Hof hätte kaufen und die Schulden bezahlen können. Ingmar Ingmarssons zwanzigtausend Kronen, die Elias zu verwalten gehabt hatte, waren vollständig verschwunden. Einige glaubten, daß Elias sie in der Erde vergraben hatte, andere meinten, er habe sie weggegeben; sicher ist, daß das Geld verschwunden und nirgends zu finden war. Als Ingmar Ingmarsson erfahren hatte, daß er arm war, sprach er mit seiner Schwester darüber, was er jetzt anfangen sollte. Ingmar sagte zu Karin, am liebsten möchte er Schulmeister werden. Er bat sie, dafür zu sorgen, daß er auch ferner bei Storm wohnen könne, bis er alt genug war, um auf ein Seminar zu kommen. Da unten im Kirchdorf, sagte er, könne er vom Schulmeister und vom Pfarrer Bücher leihen, und außerdem könne er Storm in der Schule helfen, und die Kinder unterrichten. Das sei eine gute Übung. Karin dachte lange darüber nach; schließlich sagte sie: »Ja, du hast wohl keine Lust, hier zu Hause zu bleiben, wenn du nicht Herr auf dem Hofe sein kannst.« Als Schulmeisters Gertrud erfuhr, daß Ingmar wieder zu ihnen kommen sollte, setzte sie ein verdrießliches Gesicht auf. Sie dachte, wenn sie einen Jungen im Hause haben sollten, so hätte es ebensogut der hübsche Bertel des Gemeindevorstehers sein können, oder Hök Matts Sohn Gabriel, der immer so munter war. Gertrud mochte Bertel und Gabriel gern leiden, aber was Ingmar anbetraf, hatte sie sich nie so recht klar darüber werden können, was sie von ihm dachte. Sie hatte ihn gern, weil er so geduldig war und so gefällig, ihr bei den Schularbeiten zu helfen, und weil er ihr wie ein Sklave gehorchte. Aber auf der anderen Seite konnte sie ihn nicht leiden, weil er so schwerfällig und langsam und häßlich war, und nicht zu spielen verstand. Bald bewunderte sie ihn, weil er fleißig war und ihm das Lernen leicht wurde, bald verachtete sie ihn, weil er sich niemals verteidigte, wenn er angegriffen wurde. Gertrud hatte immer den Kopf voll wunderlicher Phantasien und Träume, die sie Ingmar anzuvertrauen pflegte; und wenn er hin und wieder einmal einige Tage fort war, wurde sie unruhig und meinte, daß sie niemand habe, mit dem sie sprechen könne. Gertrud hatte nie die geringste Rücksicht darauf genommen, daß Ingmar reich war und zu den besten Familien im Kirchsprengel gehörte, sondern hatte ihn immer so behandelt, als ob er etwas Geringeres sei als wie sie; aber als sie nun hörte, daß er arm geworden war, fing sie an zu weinen. Und als er ihr erzählte, daß er nicht daran denke, den Hof zurückzugewinnen, sondern Schulmeister zu werden, wurde sie zornig, daß sie sich nicht beherrschen konnte. Gott mochte wissen, was sie alles geträumt hatte, das er werden sollte! Die Kinder beim Schulmeister erhielten eine sehr ernste Erziehung. Sie wurden streng zur Arbeit angehalten und hatten selten eine Zerstreuung. Hierin geschah jedoch eine Veränderung in dem Frühling, als Storm aufhörte, im Missionshause zu predigen. Da konnte Mutter Stina zuweilen zu ihrem Manne sagen: »Denk' an dich und mich; als wir siebzehn Jahre alt waren, tanzten wir manch eine Nacht von Sonnenuntergang bis zum Tagesanbruch.« An einem Sonnabend abend, als Hök Gabriel Mattsson und des Schultheißen Gunhild zu Besuch gekommen waren, wurde sogar im Schulhause selbst getanzt. Gertrud war ganz ausgelassen vor Entzücken darüber, tanzen zu dürfen, aber Ingmar wollte nicht mittun. Er nahm ein Buch, setzte sich auf das Sofa am Fenster und fing an zu lesen. Gertrud kam einmal über das andere Mal, um ihn zum Tanzen zu verlocken, aber Ingmar saß mürrisch und befangen da und sagte nichts. Mutter Stina sah ihn an und seufzte: »Man kann merken, daß er aus einem alten Geschlecht stammt,« dachte sie, »man sagt ja, daß solche Menschen nie so recht jung werden können.« Die drei, die tanzten, waren so vergnügt, daß sie Lust bekamen, am nächsten Sonnabend abend in die Spielstube zu gehen. Schließlich sprachen sie mit den Schulmeistersleuten darüber. »Ja, wenn ihr in die Spielstube zu dem starken Ingmar gehen wollt, dann könnt ihr es gern tun, meinetwegen,« sagte Mutter Stina. »Da, weiß ich, werdet ihr nur ordentliche Leute treffen.« Storm stellte eine andere Bedingung: »Ich lasse Gertrud nicht zum Tanz gehen, wenn nicht Ingmar mitgeht und acht auf sie gibt.« Alle drei eilten auf Ingmar zu; er sagte bestimmt nein, hielt die Augen auf das Buch gesenkt und fuhr fort zu lesen. »Ach, es verlohnt sich nicht, ihn darum zu bitten,« sagte Gertrud hierauf in einem so wunderlichen Ton, daß er aufsah. Es war auffallend, wie schön Gertrud nach dem Tanz geworden war. Aber der Mund lächelte spöttisch, und die Augen blitzten, als sie sich jetzt von ihm abwandte. Es war deutlich zu sehen, wie tief sie ihn verachtete, der so häßlich und mürrisch dasaß und sich nicht darauf verstand, jung zu sein. Ingmar mußte sich beeilen, ja zu sagen – es half ihm alles nichts. Ein paar Tage später saßen Gertrud und ihre Mutter eines Abends in der Küche und arbeiteten. Auf einmal bemerkte Gertrud, daß ihre Mutter anfing unruhig zu werden. Sie hielt den Spinrocken an und lauschte zwischen jedem Wort, das sie sagte. »Ich kann nicht begreifen, was es ist,« sagte sie. »Kannst du es nicht hören, Gertrud?« – »Ja,« antwortete Gertrud, »da ist jemand oben in der Schulstube.« – »Wer kann das nur um diese Zeit des Tages sein? Und höre nur, wie es raschelt und pusselt und von einer Ecke des Zimmers in die andere fährt.« – Ja, es raschelte und pusselte und fuhr umher in der großen, leeren Schulstube. Gertrud wie auch ihrer Mutter wurde ganz unheimlich zumute. »Es muß doch jemand da oben sein,« dachte Gertrud. – »Es kann niemand sein,« erwiderte Mutter Stina, »und ich will dir nur sagen, ich habe dasselbe Geräusch jeden Abend gehört, seit ihr da oben getanzt habt.« Gertrud konnte der Mutter ansehen, daß sie glaubte, es spuke nach dem Tanz. Sie wußte, wenn Mutter so etwas glaubte, dann war es mit allem vorbei, was Tanz und Spielstube für sie hieß. »Jetzt gehe ich hinauf und sehe nach, was es ist,« sagte Gertrud; aber Mutter Stina hielt sie am Kleide fest. »Ich weiß nicht, ob ich dich gehen lassen darf.« –- »Ach ja, Mutter, es ist am besten, wenn wir uns klar darüber werden, was es ist.« – »Dann wollen wir aber beide zusammen gehen.« Sie schlichen ganz leise die Treppe hinauf. Sie wagten nicht, die Tür zu öffnen, sondern Mutter Stina bückte sich und sah durch das Schlüsselloch. Sie stand lange so; einen Augenblick klang es, als ob sie glucksend lache. »Was ist es, Mutter?« fragte Gertrud. – »Du kannst es ja selbst sehen, sei aber ganz leise.« Gertrud bückte sich und sah hinein. Tische und Bänke, die sonst die ganze Stube einnahmen, waren zusammengerückt; eine dichte Staubwolke erfüllte den ganzen Raum, und mitten in dem Staub sauste Ingmar Ingmarsson umher, einen Stuhl im Arm. »Ist Ingmar verrückt geworden!« rief Gertrud aus. – »Still,« sagte die Mutter und zog sie mit sich die Treppe hinunter. »Ich glaube, er ist dabei, sich selbst das Tanzen zu lehren. Er will es wohl lernen, damit er auch in die Spielstube gehen kann,« fuhr sie mit einem Lächeln fort. Mutter Stina lachte, so daß sie bebte. »Ich bin ja beinahe umgekommen vor Angst,« sagte sie, »Gott sei Dank, daß er auch einmal jung sein kann.« Und als sie endlich ausgelacht hatte, sagte sie: »Nun sagst du kein Wort hiervon zu irgendeinem Menschen, Gertrud?« Und dann kam der Sonnabend abend, und die vier jungen Leute standen auf der Treppe des Schulhauses, bereit zu gehen. Mutter Stina musterte sie, sie waren so fein, daß sie förmlich glänzten. Die jungen Burschen hatten gelbe, lederne Hosen an und grüne Beiderwandwesten mit roten Ärmeln. Gertrud und Gunhild hatten große, weiße Puffärmel, große, rosa Tücher bedeckten fast das ganze Mieder, die Kleider waren gestreift mit einem Saum von rotem Tuch, und die Schürzen waren groß und rosa wie die Tücher. Während die vier durch den schönen Sommerabend den Weg dahingingen, waren sie anfangs ganz stumm. Gertrud sah Ingmar hin und wieder verstohlen an, und dachte daran, wie er sich abgemüht hatte, um tanzen zu lernen. Wie es nun sein mochte, ob es der Gedanke an Ingmar war oder die Aussicht, daß sie tanzen würde – sie fing an zu träumen und zu phantasieren; und da ließ sie die anderen ein wenig vorausgehen, um Ruhe dazu zu haben. Sie dichtete eine ganze kleine Geschichte zusammen, wie es zugegangen war, als die Bäume neue Blätter bekamen. Es war wohl so zugegangen, daß die Laubbäume, die den ganzen Winter dagestanden und in Ruhe und Frieden geschlafen hatten, plötzlich anfingen zu träumen. Sie sahen die Felder mit grünem Gras und wogendem Korn bekleidet, an den Rosenbüschen prangten frisch erblühte Rosen, Bäche und Teiche waren von Wasserlilienblättern bedeckt, die feinen, glänzenden Stengel der Linäa verdeckten die Steine, und der Waldboden war gar nicht zu sehen vor Waldmeister und Anemonen. Und mitten zwischen allem, was bekleidet und bedeckt war, sahen sich die Bäume so nackt und kahl dastehen, daß sie anfingen, sich ihrer Nacktheit zu schämen, so wie man dies im Traume tut. In der Verwirrung meinten die Laubbäume, daß alle sich lustig über sie machten. Die Hummeln kamen summend daher und verhöhnten sie, die Elstern lachten, so daß es schallte, und die anderen Vögel sangen Spottlieder. »Wo sollen wir doch nur etwas hernehmen, um uns zu bedecken?« dachten die Bäume ganz verzweifelt. Aber sie konnten nicht das allergeringste Blatt sehen, weder an einem Zweig noch an einem Ast, und ihre Verzweiflung wurde so groß, daß sie darüber erwachten. Als sie sich ganz schlaftrunken umsahen, war ihr erster Gedanke, daß es nur ein Traum war. »Hier ist noch keine Spur von Sommer. Es war nur gut, daß wir die Zeit nicht verschlafen hatten.« Aber als sie sich genauer umsahen, merkten sie, daß das Eis von den Seen verschwunden war. Grashalme und Anemonen fingen an, aus der Erde hervorzugucken, und der Saft gärte und brauste unter ihrer eigenen Rinde. »Frühling ist es jedenfalls, wenn es auch noch nicht Sommer ist,« sagten die Laubbäume; »es war nur gut, daß wir erwachten. Nun haben wir für dies Jahr genug geschlafen, wir müssen jetzt die Knospenhülsen abwerfen und unsere Kleider anziehen.« Und dann hatten die Birken in aller Eile einige kleine klebrige Blätter herausgesteckt, während die Ahornbäume sich vorläufig mit nichts weiter als grünen Blüten bekleideten. Die Blätter der Erlen kamen so unfertig und runzelig hervorgesprossen, daß sie Mißgeburten glichen, während dahingegen die Weidenblätter sogleich glatt und wohlgebildet aus den Knospen glitten. Ein Lächeln umspielte Gertruds Mund, während sie dahinging und an dies alles dachte, und sie wünschte nur, daß sie mit Ingmar Ingmarsson allein gewesen wäre, um es ihm gleich erzählen zu können. Sie hatten einen langen Weg zu gehen, bis ganz hinauf zu dem Ingmarshof; es war mehr als eine Stunde zu wandern. Sie gingen an dem Flußufer entlang, und Gertrud blieb während der ganzen Zeit hinter den anderen zurück, um in Ruhe träumen zu können. Jetzt beschäftigten sich ihre Gedanken mit dem roten Schimmer des Sonnenunterganges, der bald an dem Fluß, bald an dem Ufer aufflammte. Das graue Erlengestrüpp und die lichtgrünen Birken wurden von dem Schimmer eingehüllt, standen einen Augenblick da und flammten rot auf und nahmen dann gleich wieder ihre natürliche Farbe an. Plötzlich blieb Ingmar stehen. Er brach mitten in dem ab, was er eben erzählte und konnte kein Wort mehr hervorbringen. »Was hast du?« fragte Gunhild. Und Ingmar stand ganz bleich da und starrte vor sich hin. Die anderen sahen nichts weiter als die große Ebene, die von Kornfeldern durchschnitten und von einem Höhenzug begrenzt war. Mitten auf der Ebene lag ein großer Bauernhof. In diesem Augenblick fiel der rote Sonnenuntergangsschimmer auf den Hof, alle Fenster blitzten, und die alten Dächer und Mauern leuchteten rosig auf. Gertrud trat schnell herzu, warf einen hastigen Blick auf Ingmar und zog die andern mit sich fort. »Ihr müßt ihn nicht fragen, was er hat,« flüsterte sie, »das ist der Ingmarshof, er kann es nicht gut ertragen, ihn zu sehen. Er ist in den zwei Jahren, seit er arm geworden ist, nicht zu Hause gewesen.« , Der Weg, den sie einschlagen mußten, führte quer durch die Ebene an dem Hof vorüber, bis hinab zu des starken Ingmars Hütte am Waldessaume. Ingmar holte die anderen schnell wieder ein: »Laßt uns lieber diesen Weg gehen!« Er führte sie auf den Fußsteig, der am Waldessaum entlang lief, weit um das Gehöft herum. »Du kennst den starken Ingmar wohl?« sagte Hök Mattssons Gabriel zu Ingmar. – »Ja, wir sind gute Freunde gewesen, als ich noch ganz klein war.« – »Weißt du, ob es wahr ist, daß er hexen kann?« fragte nun Gunhild. – »Ach nein,« sagte Ingmar. Freilich ein wenig zögernd, als glaube er doch halbwegs daran. »Du kannst uns gern etwas davon erzählen,« fuhr Gunhild fort. – »Der Schulmeister sagt, daß wir an so etwas nicht glauben sollen.« – »Der Schulmeister kann doch keinem Menschen verbieten, zu sehen, was er sieht, und zu glauben, was er weiß.« Ingmar bekam nun große Lust zu erzählen, und alle Erinnerungen aus den Jahren der Kindheit drängten sich auf ihn ein, als er den alten Hof sah. »Ich kann euch etwas erzählen, was ich selbst erlebt habe,« sagte er. »Es war in einem Winter, als Vater und der starke Ingmar an den Kohlenmeilern hoch oben im Walde arbeiteten. Als Weihnachten kam, erbot sich der starke Ingmar, allein bei den Meilern zurückzubleiben, damit Vater während der Festtage nach Hause gehen könne. Es wurde auch so beschlossen, und am heiligen Abend schickte mich Mutter mit dem Weihnachtsschmauß zu dem starken Ingmar in den Wald hinauf. Ich ging früh fort und erreichte den Meilerplatz um die Mittagszeit. Gerade, als ich kam, hatten Vater und der starke Ingmar einen Meiler fertig gebrannt; sie hatten ihn auseinandergenommen, und alle die warmen Kohlen lagen auf der Erde, um abzukühlen. Es rauchte aus dem Kohlenhaufen, und wo die Kohlen dicht nebeneinanderlagen, waren sie kurz davor aufzuflammen, aber das durften sie nicht. Das war der gefährlichste Augenblick während der ganzen Arbeit. Vater sagte auch, sobald er mich erblickte: ›Ich fürchte, du wirst allein nach Hause gehen müssen, kleiner Ingmar. Ich kann dem starken Ingmar dies nicht allein überlassen.‹ Der starke Ingmar ging auf der anderen Seite des Kohlenhaufens, mitten in dem ärgsten Rauch. – ›Ach, du kannst gut nach Hause gehen, großer Ingmar; ich bin schon mit schwierigeren Dingen fertig geworden.‹ Nach einer Weile wurde der Rauch von den Kohlen ein wenig schwächer. ›Nun will ich doch einmal sehen, was für einen Weihnachtsschmaus Brita mir schickt,‹ sagte der starke Ingmar und nahm mir die Holzschachtel mit dem Essen ab. – ›Komm nur mit, dann kannst du sehen, wie fein dein Vater und ich hier wohnen,‹ sagte er. Da nahm er mich mit sich in die kleine Hütte, die er und der Vater gebaut hatten. Als Rückwand diente ein großer Stein, aber sonst waren die Wände aus Tannenzweigen und Schleedornen geflochten. – ›Ja, ja, mein Junge,‹ sagte der starke Ingmar. ›Du hast wohl nicht geglaubt, daß dein Vater hier draußen im Walde ein so königliches Schloß hat. Hier sollst du einmal Wände sehen, die Regen und Kälte abhalten können,‹ sagte er und steckte den Arm durch die Tannenzweige. Vater kam nun auch und lachte mit uns; sie waren beide schwarz von Ruß und rochen nach dem säuerlichen Holzkohlenrauch, nie aber habe ich Vater so munter und vergnügt gesehen. Keiner von beiden konnte da drinnen aufrecht stehen, und da war nichts weiter als ein Lager von Tannenzweigen, und ein paar große Steine, auf denen ein Feuer brannte, aber sie waren in bester Laune. Sie setzten sich nebeneinander auf die Tannenzweige und öffneten die Holzschachtel. –›Ich weiß nicht, ob du etwas abbekommen kannst,‹ sagte der starke Ingmar, ›denn dies ist mein Weihnachtsessen.‹ – ›Du mußt dich wohl über mich erbarmen, denn es ist ja heilig Abend,‹ sagte der Vater. – ›Ja, es ist wohl unrecht, einen armen Köhler hungern zu lassen,‹ sagte der starke Ingmar. So fuhren sie fort. Es war auch ein wenig Branntwein mit dabei, und ich wunderte mich darüber, daß sich Menschen an Essen und Trinken so freuen konnten. – ›Du mußt deiner Mutter erzählen,‹ sagte der starke Ingmar, ›daß dein Vater mir das Essen weggenommen hat; sie muß mir morgen etwas mehr schicken.‹ – ›Dies ist ein wahres Wort, das kann ich sehen,‹ sagte ich. Im selben Augenblick zuckte ich zusammen; es knisterte am Feuer, es klang fast, als habe jemand eine Handvoll kleiner Steine auf die flache, steinerne Fliese geworfen, auf der das Feuer brannte. Vater beachtete es nicht, aber der starke Ingmar sagte sofort: ›Ach, steht es so?‹ fuhr aber fort zu essen. Da knisterte es von neuem, viel stärker. Ich sah nichts, aber es war, als würde eine ganze Handvoll Steine in das Feuer geworfen. – ›Ja, so, hat es so große Eile?‹ sagte der starke Ingmar und ging hinaus. – ›Die Kohlen haben Feuer gefangen,‹ rief er nach einer Weile, ›aber bleib du nur sitzen, großer Ingmar, ich werde ganz gut allein damit fertig.‹ – Vater und ich saßen ganz still; niemand von uns hatte Lust, etwas zu sagen. Da kam der starke Ingmar wieder herein, und das Scherzen begann von neuem. ›Ein so vergnügtes Weihnachtsfest, glaube ich, habe ich seit vielen Jahren nicht gefeiert,‹ sagte er. – Gerade, als er das gesagt hatte, fing es wieder an, als prasselten Steine. – ›Ach so, ist es denn schon wieder so weit,‹ sagte er. Er ging wieder hinaus, und die Kohlen hatten wieder Feuer gefangen. Als er zurückkam, sagte Vater: ›Jetzt sehe ich, daß du eine so gute Hilfe hast, daß du allein hier oben mit den Meilern fertig werden kannst.‹ – ›Ja, gehe du nur ruhig nach Hause und feiere Weihnachten, großer Ingmar. Ich habe welche, die mir schon helfen werden.‹ – Und dann gingen wir nach Hause, Vater und ich, und alles ging gut, und nie, weder früher noch später, ist dem großen Ingmar je ein Kohlenmeiler in den Brand geraten.« Gunhild dankte Ingmar für seine Geschichte, aber Gertrud ging so still einher, als sei sie bange geworden. Die Dunkelheit fing an, sich herabzusenken, und alles, was vorher rot gewesen war, ward nun blau und grau; nur drinnen im Walde sah man ein vereinzeltes blankes Blatt, das wie das Auge eines Kobolds leuchtete. Aber Gertrud war ganz erstaunt über Ingmar, der so lange und ausführlich erzählt hatte. Sie sah ihn an, und es war ihr, als wenn er den Kopf ein wenig höher trage und mit festerem Schritte auftrete. Er ist gleichsam ein anderer geworden, seit er sich auf dem Boden seines väterlichen Hofes befindet, dachte sie. Gertrud begriff nicht, warum sie sich so dadurch beunruhigt fühlte, es gefiel ihr nicht. Aber sie nahm sich schnell zusammen und fing an, mit Ingmar zu scherzen und ihn zu fragen, ob er tanzen wolle. Endlich erreichten sie das Haus. Es war eine kleine, einfache Hütte; da drinnen brannte Licht – die kleinen Fenster ließen wohl nicht genug Tageslicht hinein. Und aus der Hütte schallte Violinspiel und das Getrampel der Tanzenden heraus, aber trotzdem blieben die jungen Mädchen stehen und fragten: »Ist es hier, kann man hier tanzen?« Sie meinten, es könne nicht Platz genug für ein einziges Paar da drinnen sein. »Ach,« sagte Gabriel, »geht ihr nur hinein. Dies Haus ist nicht so klein, wie es aussieht.« Die Tür stand offen, und draußen standen diejenigen von den jungen Paaren, die sich warm getanzt hatten. Die Mädchen hatten die Kopftücher abgenommen und fächelten sich damit. Die Burschen zogen die kurzen, schwarzen Jacken ab, um in den hellen, grünen Westen mit den roten Ärmeln zu tanzen. Die Neuangekommenen drängten sich durch die Gruppen vor der Tür hindurch und kamen in die Stube hinein. Der erste, den sie sahen, war der starke Ingmar; er war ein kleiner, dicker Mann, mit einem großen Kopf und großem Bart. »Er sieht wirklich aus, als wenn er mit den Kobolden verwandt sei,« dachte Gertrud. Er stand oben auf dem Herd und spielte, wohl um den Tanzenden nicht im Wege zu sein. Die Stube war größer als sie aussah. Aber armselig und verfallen war sie, die kahlen Balken waren wurmstichig, und die Decke war schwarz von Rauch. Da waren weder Gardinen vor den Fenstern noch eine Decke auf dem Tisch. Es war leicht zu sehen, daß der starke Ingmar ein einsamer Mann war. Seine Kinder waren von ihm fort nach Amerika gereist. Das einzige Vergnügen des alten Mannes in seiner Einsamkeit war es, an Sonnabend Abenden die Jugend mit seinem Violinspiel um sich zu versammeln. In der Stube war es halbdunkel und beklommen, Paar auf Paar wirbelte sich herum. Gertrud konnte kaum atmen, und wollte schnell wieder hinaus, aber es war ganz unmöglich, durch die Mauer von Menschen zu dringen, die den Ausgang versperrten. Der starke Ingmar spielte taktfest und sicher, aber als Ingmar Ingmarsson in die Tür kam, machte er mit dem Bogen einen Strich, so daß alle Saiten kreischten und die Tanzenden einhielten. »Nein, nein!« rief er, »es war nichts, tanzt ihr nur weiter!« Ingmar legte den Arm um Gertruds Taille, um hinaus zu tanzen. Gertrud war natürlich ganz erstaunt, daß er tanzen wollte. Aber dann blieben sie stehen, denn das eine Paar folgte dem andern so schnell nach, daß es nicht möglich war, in den Kreis hinein zu gelangen, wenn man nicht von Anfang an dadrin gewesen war. Der alte, starke Ingmar unterbrach das Spiel von neuem, schlug mit dem Bogen auf den Rand des Herdes und rief mit gebieterischer Stimme: »Es soll Platz für des großen Ingmars Sohn sein, wenn der in meinem Hause tanzt!« Alle sahen Ingmar an, er wurde verlegen und kam nicht vom Fleck. Dann mußte Gertrud ihn ergreifen und ihn mit sich unter die Tanzenden ziehen. Sobald der Tanz beendet war, kam der Häusler hin und begrüßte ihn. Als Ingmars Hand in der seinen lag, tat der Alte, als erschrecke er und ließ sie gleich wieder fallen. »Ei, ei,« sagte er, »man muß sich wohl in acht nehmen vor den seinen Schulmeisterhänden; so ein alter Tölpel wie ich könnte sie leicht zerquetschen.« Er zog Ingmar und die, die mit ihm waren, an den Tisch und jagte ein paar alte Bauernweiber weg, die da saßen und sich damit belustigten, den Tanzenden zuzusehen. Darauf ging er an den Schrank und holte Butter und Brot und Dünnbier. »Ich biete sonst nichts an,« sagte er. »Ihr andern müßt euch mit Spiel und Tanz begnügen, aber Ingmar Ingmarsson soll doch einen Bissen Brot unter meinem Dach essen.« Während die jungen Leute aßen, zog er einen kleinen, dreibeinigen Stuhl heran, setzte sich gerade vor Ingmar hin und starrte ihn an: »Sieh, du willst also Schulmeister werden,« sagte er. Ingmar saß mit niedergeschlagenen Augen da, seine Mundwinkel zuckten ein wenig, als habe er Lust zu lachen, aber er antwortete in betrübtem Ton: »Sie brauchen mich daheim ja nicht.« – »Brauchen sie dich da nicht?« sagte der Alte. »Wie kannst du es wissen, ob der Hof dich nicht nötig hat? Elias lebte zwei Jahre, wer weiß, wie lange Halvor lebt.« – »Halvor ist ein gesunder und kräftiger Mann,« sagte Ingmar. – »Du weißt ja recht gut, daß Halvor dir den Hof absteht, sobald du ihn kaufen kannst.« – »Er wird nicht so toll sein, den Ingmarshof zu verlassen, wenn er erst einmal Herr da gewesen ist.« Während dieser Unterredung saß Ingmar da und krampfte die Hände um die Tischkante. Es war ein einfacher, föhrener Tisch, mit einer dicken Platte. Plötzlich ertönte ein Krach; Ingmar hatte ein Stück von der Platte abgebrochen. Der starke Ingmar saß mit erhobener Hand da und redete: »Ja, er wird dir den Hof niemals abtreten, wenn du Schulmeister wirst.« – »Glaubst du das?« – »Glauben, glauben,« sagte der Alte, »man kann schon merken, wie du erzogen wirst. Bist du jemals hinter dem Pflug hergegangen?« »Nein,« antwortete Ingmar. – »Hast du einen Meiler gehütet oder eine große Tanne gefällt?« – Ingmar saß noch immer ebenso geduldig da, aber die Tischplatte krachte unter seinen Fingern. Endlich wurde der Alte aufmerksam und schwieg plötzlich. »Nein, nein, seh' nur einer!« sagte er und sah auf die zersplitterte Tischplatte. »Ich muß dich wohl einmal mitnehmen.« Er nahm eins von den abgebrochenen Stücken auf und hielt es an die Stelle, wo es gesessen hatte. »So einer! Du kannst ja auf den Jahrmarkt ziehen und dich für Geld sehen lassen, du Schelm!« sagte er und schlug Ingmar auf die Schulter. »Ja, du paßt gut zu einem Schulmeister!« In einem Nu war er wieder oben auf dem Herd und fing an zu spielen. Es war jetzt eine ganz andere Kraft in seinem Spiel. Er stampfte den Takt mit seinem Fuß und brachte ein rasendes Tempo in den Tanz. »Das ist die Polka des jungen Ingmar, die wir spielen,« rief er, »juchhe, juchhel Jetzt tanzt das ganze Haus für den jungen Ingmar!« Gertrud und Gunhild waren beide schöne Mädchen, und sie waren sehr begehrt. Ingmar tanzte nicht viel, er stand meistens da und unterhielt sich mit einigen der älteren Burschen hinten in der Stube. Zwischen den Tänzen scharten sich eine Menge Leute um Ingmar, als sei es ihnen eine Freude, ihn nur zu sehen. Gertrud fand, daß es schien, als habe Ingmar sie ganz vergessen, und das verdroß sie. »Jetzt merkt er, daß er des großen Ingmar Sohn ist und daß ich nur Schulmeisters Gertrud bin,« dachte sie. Sie war selbst erstaunt darüber, daß sie sich das so zu Herzen nahm. Zwischen den Tänzen gingen die jungen Leute in die Frühlingsnacht hinaus, die bitter kalt war. Es war nicht schwer, sich abzukühlen. Es war stockfinster, aber da niemand Lust hatte, nach Hause zu gehen, sagten alle, wir müssen noch ein wenig bleiben, der Mond wird ja bald aufgehen, vorher können wir doch nicht nach Hause finden. Einmal kam Ingmar zu Gertrud hinaus, die draußen vor der Tür stand, aber der starke Ingmar kam ihm gleich nachgelaufen und zog ihn mit sich fort. »Komm, ich will dir etwas zeigen,« sagte er. Er nahm Ingmar bei der Hand und führte ihn durch ein Gebüsch hinter die Hütte. »Steh' jetzt still und sieh' hinab,« sagte er. Ingmar sah in eine Schlucht hinab, auf deren Boden etwas Weißes schimmerte. »Das ist ja der Langfoß,« sagte er. – »Ja, darauf kannst du dich verlassen, daß es der Langfoß ist,« sagte der Häusler, »aber was meinst du, wozu man so einen Wasserfall benutzen kann?« – »Man könnte ihn wohl dazu benutzen, ein Sägewerk oder eine Mühle zu treiben,« sagte Ingmar. Der Alte fing an zu lachen. Er klopfte Ingmar auf die Schulter und puffte ihn in die Seite, so daß er ihn fast in den Gießbach hinuntergepufft hätte. »Aber wer soll hier das Sägewerk bauen, wer soll hier reich werden, wer soll den Ingmarshof zurückkaufen?« – »Ja, ich denke gerade darüber nach,« sagte Ingmar. Da begann der Häusler einen großen Plan zu entwickeln, den er ausgetiftelt hatte. Ingmar sollte Tims Halvor überreden, ein Sägewerk in dem Wasserfall zu errichten, und es dann von ihm pachten. Der Alte hatte seit mehreren Jahren über nichts anderes nachgedacht, als wie er etwas ausfindig machen könne, wodurch des großen Ingmars Sohn wieder zu Reichtum gelangen könne. Ingmar stand still und sah in den Wasserfall hinab. »Nein, komm jetzt, wir wollen wieder hineingehen und tanzen,« sagte der starke Ingmar. Der junge Ingmar rührte sich nicht vom Fleck, und der alte Häusler wartete geduldig. »Ist er von der rechten Art,« dachte er, »dann antwortet er weder heute noch morgen. Die Alten müssen Geduld haben.« Während sie so dastanden, hörten sie ein scharfes und bissiges Bellen, wie von einem Hund, der oben im Walde lief. »Hörst du etwas, Ingmar?« fragte der Häusler. – »Ja, das ist wohl ein umherstreifender Hund,« sagte Ingmar. Sie hörten sein Bellen näherkommen, es kam auf sie zu, als ob die Jagd gerade über sie hinweggehen sollte. Der Alte packte Ingmar fest beim Handgelenk. »Komm herein,« sagte er, »komm schnell herein, sage ich dir!« – »Was ist das?« fragte Ingmar. – »Komm herein,« erwiderte der Häusler. – »Schweig' still und komm herein.« Während sie die wenigen Schritte nach dem Hause liefen, ertönte das heftige Bellen ganz dicht neben ihnen. »Was für ein Hund ist das?« fragte Ingmar einmal über das andere. – »Hinein mit dir, hinein mit dir, sage ich.« Der Häusler schob Ingmar auf die kleine Diele hinein, er selbst blieb auf der Türschwelle stehen und machte sich daran, die Eingangstür zu verschließen. »Ist noch jemand von euch da draußen?« rief er mit lauter Stimme, »dann kommt herein.« Und er blieb stehen und hielt die Tür ein wenig geöffnet, und sie kamen von allen Seiten gelaufen. – »Herein mit euch!« rief er, »herein mit euch!« Er stampfte vor Ungeduld. Indessen wurden die, die drinnen im Hause waren, ängstlicher und ängstlicher, und alle wollten wissen, was da draußen los sei. Und endlich war der letzte drinnen, und der Häusler verschloß die Tür und schob den Riegel vor. »Seid ihr verrückt, da draußen herumzulaufen, während der Berghund sich hören läßt?« sagte er. Im selben Augenblick hörte man das Bellen des Hundes ganz nahe dem Hause. Mehrmals schallte ein lautes, unheimliches Bellen um das Haus herum. »Ist das ein richtiger Hund?« fragte einer von den Burschen. – »Du kannst ja hinausgehen und ihn rufen, wenn du Lust dazu hast, Nils Jansson.« Alle schwiegen, um diesem Bellen zu lauschen, das unaufhörlich rund um das Haus herumlief. Sie fanden, daß es anfing, häßlich und unheimlich zu klingen, sie schauderten, und viele von ihnen wurden leichenblaß. Nein, das war kein gewöhnlicher Hund, das war nicht schwer zu hören. Es war sicher irgendein Höllenhund, der der Hölle entsprungen war. Der kleine alte Häusler war der einzige, der sich bewegte; zuerst schloß er das Herdschoß und dann ging er hin und löschte die Lichter aus. »Nein, nein,« sagten die Frauen, »macht die Lichter nicht aus.« – »Laßt mich tun, was für uns alle am besten ist,« sagte der Alte. Einer von ihnen hielt ihn am Rock fest. – »Tut er uns was, dieser Berghund?« – »Er nicht,« sagte der Alte, »aber das, was hinterdrein kommt.« – »Was kommt hinterdrein?« – Der Alte stand still und lauschte. »Nun müssen wir alle ganz still sein,« sagte er. Es ward sogleich so still in der Stube, daß man keinen Atemzug hörte. Noch einmal vernahm man das Bellen des Hundes rund um das Haus herum. Dann nahm es an Stärke ab und man konnte den Laut verfolgen, wie der Hund über das Langfoßmoor hinab und in die Berge jenseits des Tales hineinlief. Dann wurde es ganz still. Plötzlich konnte einer sich nicht enthalten zu sagen: »Jetzt ist der Hund weg!« Ohne ein Wort zu sagen, streckte der starke Ingmar den Arm aus und schlug ihn auf den Mund. Dann ward es wieder still. In weiter Ferne, ganz oben auf dem Wipfel des Klackberges, ertönte ein starkes Geräusch. Es war wie ein Windstoß, aber es konnte auch der Ton aus einem Horn sein. Von Zeit zu Zeit hörte man einen langgezogenen Laut, dann Lärm und Trampeln und Schnauben. Es kam mit großem Getöse vom Berge herabgefahren. Sie hörten es am Bergabhang, sie hörten es am Waldessaum, sie hörten es, als es über ihnen war. Es war wie ein Donner, der über die Oberfläche der Erde dahergerollt kommt, es war, als käme der ganze Berg gefahren und stürzte in das Tal hinab. Und als es ganz dicht neben ihnen war, da beugten alle ihren Kopf und krochen zusammen. »Es zerschmettert uns,« dachten sie, »es zerschmettert uns.« Es war nicht so sehr Todesangst, was sie empfanden, als Entsetzen davor, daß es der Fürst der Hölle sein könne, der mit seinem ganzen Heer durch die Nacht raste. Was sie am meisten entsetzte, war, daß sie mitten in dem Lärm Geschrei und Klagerufe hörten. Es fauchte und heulte, es brüllte und lachte, es pfiff und jodelte. Als das, was sie eben noch als ein heftiges Gewitter empfunden hatten, jetzt ganz nahe bei ihnen war, hörten sie, daß es aus Jammern und Drohungen, aus Weinen und Raserei, aus gellender Hornmusik, aus knisterndem Feuer, aus dem Heulen der Geister, aus dem Hohngelächter des Teufels, aus dem Sausen großer Flügel zusammengesetzt war. Sie fühlten, daß alle Schrecken des Abgrundes in dieser Nacht losgelassen waren und sich über sie stürzten. Die Erde bebte unter ihnen, und das Haus schwankte einen Augenblick, als wolle es sie begraben. Es war, als führen wilde Pferde über das Haus hin, ihr Kopf dröhnte gegen den Dachfirst, – als ob Geister heulend um die Wände herumsausten, und Fledermäuse und Eulen mit schwerem Flügelschlag gegen den Schornstein schlugen. Während dies alles vor sich ging, legte jemand seinen Arm um Gertrud und zwang sie in die Knie nieder, und sie hörte Ingmar flüstern: »Laß uns auf die Knie fallen, Gertrud, und zu Gott beten.« Einen Augenblick zuvor glaubte Gertrud, daß sie sterben müsse, eine so entsetzliche Angst hatte sie befallen. »Ich fürchte mich nicht davor zu sterben,« sagte sie, »aber das Entsetzliche ist, daß die Macht des Bösen über uns und uns nahe ist.« Aber kaum fühlte Gertrud Ingmars Arm um ihre Taille, als ihr Herz wieder zu pochen begann, und ihr Körper nicht mehr steif und unbeweglich war. Sie schmiegte sich fest, fest an ihn. Wenn er sie nur hielt, war sie nicht bange. Es war wunderlich, denn er selbst war wohl auch bange, und trotzdem ging eine solche Sicherheit von ihm aus. Dann endlich nahm der entsetzliche Lärm ab, und sie hörten ihn von dannen ziehen. Er zog denselben Weg wie der Hund, über das Langfoßmoor hinüber und hinauf in die Wälder unter der Olafsmütze. Aber trotzdem blieb es still und ruhig in Ingmars Hause. Niemand rührte sich, niemand sagte ein Wort, es war, als sei niemand imstande, ein Glied zu rühren. Fast hätte man glauben können, daß das Entsetzen alles Leben ausgelöscht habe, hin und wieder atmete jedoch einer tief auf, so daß man hören konnte, daß noch einer am Leben war. Aber lange, lange rührte sich niemand. Einige standen an die Wand gelehnt, andere waren auf die Bänke gesunken, die meisten lagen am Boden in angsterfülltem Gebet. Alle waren unbeweglich, vom Schrecken gelähmt. Stunde auf Stunde verging, und während dieser Zeit war da manch einer, der seine Seele erforschte und beschloß, daß er ein neues Leben führen wolle, Gott näher und weiter entfernt von seinen Feinden. Denn ein jeder von den Anwesenden dachte: »Ich habe etwas getan, was bewirkt, daß dies über uns gekommen ist. Dies geschieht um meiner Sünden willen. Ich hörte ja, daß die, die vorüberzogen, mich riefen und mich verhöhnten und meinen Namen schrien.« Was nun Gertrud betrifft, so war ihr einziger Gedanke der, jetzt weiß ich, daß ich nicht mehr ohne Ingmar leben kann. Ich muß mit ihm zusammen sein, um der Sicherheit willen, die von ihm ausgeht. Nach und nach begann der Tag zu grauen, die schwache Morgendämmerung drang in die Stube ein und beleuchtete die vielen bleichen Gesichter. Ein Vogel begann zu zwitschern, die Kuh des starken Ingmar brüllte nach Futter, und seine Katze, die während der Nächte, wo getanzt wurde, nie im Hause war, kam an die Tür und miaute. Aber niemand rührte sich, ehe die Sonne hinter den Bergen im Osten aufging. Da schlichen sie sich von dannen, einer nach dem anderen, ohne ein Wort zu sagen oder Abschied voneinander zu nehmen. Als sie hinauskamen, waren sie bleich und konnten kaum atmen, es sah aus, als wären sie im Reiche der Toten zu Gast gewesen und hätten etwas von der Unheimlichkeit und der Ohnmacht des Todes mitgebracht. Vor dem Hause wurden sie von der Häßlichkeit der Zerstörung empfangen. Eine große Tanne, die dicht neben der Tür stand, war mit den Wurzeln ausgerissen und lag umgestürzt da, Zweige und Gitterstäbe lagen auf der Erde zerstreut ein paar Fledermäuse und Eulen waren gegen die Hauswand zerschmettert. Bis hoch hinauf am Klackberg konnte man gleichsam einen breiten Weg sehen, wo alle Bäume umgestürzt waren. Niemand wagte das lange anzusehen, sie eilten alle ins Dorf hinab. Während sie gingen, ward es rings um sie her Morgen. Es war Sonntag und die Leute standen spät auf, aber hier und da war doch schon einer draußen, um das Vieh zu füttern. Ein alter Mann kam aus seiner Tür, die Sonntagskleider über dem Arm, und lüftete und bürstete sie. An einer anderen Stelle kamen Vater und Mutter und Kinder in vollem Putz aus dem Hause, sie wollten wohl auf Besuch in die Nachbarschaft. Es war ein großer Trost, die Leute so ruhig und unwissend von dem Fürchterlichen zu sehen, das sich während der Nacht im Walde zugetragen hatte. Endlich kamen sie an den Elf hinab, wo die Häuser dichter zusammenlagen, und ganz bis an das Kirchdorf hinunter. Sie freuten sich, als sie das Kirchdorf und alles das andere sahen. Es war ein großer Trost, daß alles hier unten so aussah wie sonst. Das Schild am Kaufmannsladen glänzte wie gewöhnlich. Das Horn am Posthaus saß an seinem Platz, und der Hund des Krugwirts schlief wie gewöhnlich vor seiner Hütte. Es war auch ein Trost, einen kleinen Faulbaum zu sehen, der ausgeschlagen war, seit sie zuletzt vorübergingen, und die grünen Bänke vor dem Garten des Pfarrhofes, die noch spät gestern Abend hinausgesetzt sein mußten. Dies alles war unbeschreiblich beruhigend; aber trotzdem wagte niemand etwas zu sagen, ehe sie zu Hause angelangt waren. Als Gertrud auf der Treppe vor der Schule stand, sagte sie zu Ingmar: »Jetzt habe ich zum letztenmal getanzt, Ingmar.« »Ich auch,« antwortete Ingmar. »Und du willst Pfarrer werden, nicht wahr, Ingmar? Oder wenn du nicht Pfarrer werden kannst, dann doch jedenfalls Schullehrer. Es gibt so viel von der Macht des Bösen, gegen das man ankämpfen muß.« Ingmar sah Gertrud fest an. »Diese Stimmen, Gertrud,« fragte er, »was haben sie dir gesagt?« »Sie haben mir gesagt, daß ich in das Netz der Sünden geraten bin, und daß die Teufel kommen würden, um mich zu holen, weil ich so gern tanze.« »Nun will ich dir sagen, was ich hörte,« sagte Ingmar. »Mir war, als wenn mir alle die alten Ingmarssöhne drohten und mich verfluchten, weil ich etwas anderes sein wollte als Bauer, und etwas anderes bearbeiten wollte, als den Wald und das Ackerfeld.« Hellgum. In der Nacht, wo die Jugend bei dem starken Ingmar tanzte, war Halvor nicht zu Hause, und Karin Ingmarstochter lag allein in der Kammer. Mitten in der Nacht hatte Karin einen häßlichen Traun. Es war ihr, als sei Elias noch am Leben und halte ein großes Trinkgelage ab. Sie hörte ihn drinnen in der guten Stube, wo er mit Gläsern klirrte, laut lachte und Trinklieder sang. Es kam ihr vor, als wenn der Lärm, den er und seine Kameraden machten, schlimmer und schlimmer werde, und schließlich klang es, als zerschlügen sie Tische und Bänke, und sie erschrack so, daß sie erwachte. Aber obwohl Karin wach war, fuhr der Lärm um sie her fort. Die Erde bebte, die Fenster klirrten, die Dachpfannen flogen von den Dächern, der alte Birnbaum ward mit seinen steifen Zweigen gegen die Mauer gepeitscht. Es war, als bräche der Morgen des jüngsten Tages an. Gerade, als das Getöse seinen Höhepunkt erreicht hatte, zersprang eine Fensterscheibe, und die Glasscherben flogen klirrend auf den Boden. Ein heftiger Windstoß jagte kreischend durch die Stube, und es war Karin, als höre sie jemand ihr gerade ins Ohr hineinlachen, mit demselben Lachen, das sie eben erst im Traum gehört hatte. Karin glaubte, daß sie sterben müsse. Ein so furchtbares Entsetzen hatte sie noch nie zuvor empfunden. Das Herz stand ihr still, und ihr ganzer Körper war kalt und steif wie Eis. Der Lärm hörte jedoch schnell auf, und Karin kam wieder zu sich. Die kalte Nachtluft strömte in die Stube, und als sie eine Weile dagelegen hatte, beschloß sie, aufzustehen und das Loch in der Fensterscheibe zu verstopfen. Aber als sie aus dem Bette steigen wollte, versagten ihr die Beine, und sie bemerkte, daß sie nicht gehen konnte. Karin rief nicht um Hilfe, sondern legte sich ganz still nieder. »Wenn ich mich erst beruhigt habe, werde ich schon wieder gehen können,« dachte sie. Nach einer Weile versuchte sie wieder zu gehen. Aber beide Beine versagten ihr den Dienst. Sie konnte sich nicht auf sie stützen, sondern sank zusammen und blieb neben dem Bett liegen. Am Morgen, sobald das Gesinde aufgestanden war, wurde zum Doktor geschickt. Er kam gleich, konnte aber nicht begreifen, was mit Karin los sei. Sie war weder krank noch lahm. Er meinte, es müsse etwas sein, das durch Schrecken gekommen sei. »Es wird sich schon bald wieder geben,« sagte er. Karin hörte den Doktor an, ohne ein Wort zu sagen. Sie wußte, daß Elias in der Nacht in der Stube gewesen war, und daß er es ihr angetan hatte. Sie war darauf gefaßt, nie wieder gehen zu können. Den ganzen Vormittag saß Karin still da und grübelte. Sie versuchte zu erfahren, warum Gott diese Heimsuchung hatte über sie kommen lassen. Sie ging strenge mit sich ins Gericht, aber sie konnte nicht einsehen, daß sie eine Sünde begangen hatte, die eine so harte Strafe verdiente. »Gott ist ungerecht gegen mich,« dachte sie. Am Nachmittag fuhr Karin noch Storms Missionshaus hinab, wo um die Zeit der Laienpredikant Dagson redete. Sie hoffte, er würde ihr erklären können, warum sie so hart gestraft war. Dagson war ein angesehener Redner. Nie aber hatte er einen so großen Zuhörerkreis gehabt wie an diesem Tage. Welch eine Menge Menschen da doch rings um das Missionshaus standen. Und niemand sprach von etwas anderem, als von dem, was sich in der Nacht in der Spielstube zugetragen hatte. Die ganze Gemeinde war aufgeschreckt worden, und nun waren die Leute zusammengekommen, um ein kräftiges Gotteswort zu hören, das die Furcht vertreiben konnte. Nicht der vierte Teil der Anwesenden konnte ins Haus hineinkommen, aber Türen und Fenster standen weit auf, und Dagsons Stimme war so stark, daß selbst die Draußenstehenden ihn hören konnten. Der Predikant wußte, was sich zugetragen hatte und wonach seine Zuhörer sich sehnten. Er begann seine Rede mit fürchterlichen Worten über die Hölle und den Fürsten der Finsternis. Er erinnerte an den, der in der Dunkelheit umhergehe, um Seelen zu fangen, der die Schlingen der Sünde und die Netze des Lasters vor den Füßen der Menschen ausbreitete. Die Zuhörer schauderten und sahen die Welt voller Teufel, die versuchten und lockten. Alles war Sünde und Gefahr. Sie wanderten über Fallgruben und sie waren wie die wilden Tiere des Waldes, gejagt und gehetzt. Als Dagson hierüber redete, drangen seine Worte durch den Saal wie ein wild heulender Sturm, und seine Worte waren wie Feuerflammen. Dagsons Rede erinnerte sie alle an einen Waldbrand. Unter allen diesen Teufeln und dem Rauch und dem Feuer hatte man dasselbe Gefühl, wie wenn der Wald ringsumher brennt, wenn das Feuer durch das Moos kriecht, wo man geht, und Rauchwolken in der Luft wogen, die man einatmen soll, und die Hitze einem das Haar verbrennt, und das Knistern des Feuers einem in die Ohren tönt und die Funken im Begriff sind, die Kleider in Brand zu stecken. So jagte Dagson seine Zuhörer durch Feuer und Rauch und Verzweiflung. Feuer vor sich und Feuer hinter sich und Feuer zu allen Seiten hatten sie, und sie sahen nichts weiter als Untergang vor sich. Aber durch all dieses Entsetzen hindurch führte er sie auf einen grünen Fleck im Walde hinaus, wo alles Ruhe und Kühle und Sicherheit war. Mitten auf der blumenübersäten Wiese saß Jesus. Er streckte seinen Arm über die fliehenden und gehetzten Menschen aus, und sie legten sich zu seinen Füßen nieder, und alle Gefahr war vorüber, und da war kein Verderben und keine Verzweiflung mehr. Dagson redete, wie er selbst fühlte. Wenn er sich nur zu Jesu Füßen niederlegen durfte, erfüllten ihn Frieden und Ruhe, und er fürchtete keine Gefahr des Lebens. Als Dagsons Rede beendet war, entstand eine große Bewegung. Mehrere gingen hin und dankten ihm, während ihnen die Tränen von den Wangen hinunterströmten. Sie sagten, daß seine Rede sie zu dem wahren Glauben an Gott erweckt habe. Aber Karin Ingmarstochter saß während der ganzen Zeit unbeweglich da, und als Dagson seine Rede beendet hatte, hob sie die schweren Augenlider und sah ihn an, als wolle sie ihm vorwerfen, daß er ihr nichts hatte geben können. Im selben Augenblick rief eine starke Stimme draußen vor dem Missionssaal, so laut, daß die ganze Versammlung es hören konnte: »Wehe, wehe, wehe über die, die Steine statt Brot geben! Wehe, wehe, wehe über die, die Steine statt Brot geben!« Karin konnte den, der sprach, nicht sehen; sie war gezwungen, sitzen zu bleiben, während die anderen hinausstürzten. Nach einer Weile kamen die Leute vom Ingmarshof und erzählten ihr, daß der, der gerufen hatte, ein großer, dunkelhaariger Mann sei, den niemand kannte. Er und eine schöne blonde Frau seien mitten während des Vortrages mit einem der Postkarren vorübergefahren. Sie hatten angehalten und gelauscht, und gerade in dem Augenblick, als sie weiterfahren wollten, war der Mann aufgestanden und hatte geredet. Einige meinten, sie müßten die Frau kennen. Sie glaubten, es müsse eine von des starken Ingmars Töchtern sein, die in Amerika verheiratet war, und der Mann, mit dem sie fuhr, mußte dann wohl ihr Mann sein. Aber es war nicht so leicht, eine Frau zu erkennen, die man als junges Mädchen in der gewöhnlichen Tracht der Gegend gesehen hatte, wenn sie jetzt erwachsen und als Dame gekleidet wieder zurückkam. Karin dachte über Dagson ganz dasselbe, wie der Fremde, das konnte man daraus merken, daß sie nie wieder in das Missionshaus kam. Späterhin im Sommer, als einer von den Baptistenpredigern in den Kirchsprengel kam und predigte und taufte, hörte sie ihn, und als nun auch die Heilsarmee anfing, Versammlungen im Kirchsprengel abzuhalten, fuhr sie zu einer davon hinüber. Eine starke geistige Bewegung hatte den Sprengel ergriffen. Bei allen Versammlungen fanden Erweckungen und Taufen statt: es war, als fänden alle Menschen das, dessen sie bedurften. Aber keiner von allen denen, die Karin Ingmarstochter hörte, konnte sie lehren, sich mit dem Strafgericht auszusöhnen, das Gott über sie hatte gehen lassen.   Birger Larsson hieß ein Schmied, der eine Schmiede dicht an der Landstraße hatte. Die Schmiede war klein und dunkel, mit einer Luke statt des Fensters, und einer niedrigen Tür. Birger Larsson fertigte gewöhnliche Messer an, setzte Schlösser wieder instand, befestigte Wagenringe und beschlug Schlittenkufen. Wenn er keine andere Arbeit hatte, machte er Nägel. An einem Sommerabend stand Birger Larsson mitten bei der Arbeit in seiner Schmiede. Er selbst stand an einem Amboß und schlug Köpfe auf die Nägel; sein ältester Sohn, der siebzehn Jahre alt war, stand an einem anderen Amboß, er hämmerte die eine dünne eiserne Stange nach der anderen aus und schnitt sie durch. Ein anderer von den Söhnen trat den Blasebalg, ein dritter trug Kohlen, wandte die Eisen, die weißglühend in der Esse lagen und trug sie den Schmieden zu. Der vierte von den Söhnen war erst sieben Jahre alt; er sammelte die fertigen Nägel auf, warf sie in einen Wassertrog und band sie dann in Bündel zusammen. Mitten in der Arbeit kam ein fremder Mann vorüber und stellte sich in die offene Tür. Es war ein großer dunkelhaariger Mann, er mußte sich fast zusammenfalten, um hineinsehen zu können. Als Birger Larsson in der Arbeit innehielt, um zu hören, was er wünschte, sagte der Fremde: »Du mußt es mir nicht übelnehmen, daß ich hier hineinsehe, obwohl ich hier nichts zu tun habe. Ich bin in meinen jungen Jahren selbst Schmied gewesen. Seit der Zeit kann ich nicht gut an einer Schmiede vorübergehen, ohne mir die Arbeit anzusehen.« Birger Larsson sah unwillkürlich die Hände des Fremden an: sie waren groß und sehnig, richtige Schmiedefäuste. Nun begann der Schmied den Fremden zu fragen, wer er sei und woher er komme. Der Mann antwortete freundlich, ohne sich zu erkennen zu geben. Birger fand, daß er ein kluger Mann war, und er fand Gefallen an ihm. Er ging mit ihm vor die Schmiede hinaus und stand auf dem schwarzen Schmiedehügel und wollte sich sonnen. Er habe es schwer im Anfang gehabt, sagte er, ehe die Söhne herangewachsen waren, so daß sie teil an der Arbeit nehmen konnten. Aber jetzt, wo sie alle mithelfen konnten, ging es gut. »Du sollst sehen, in ein paar Jahren bin ich ein reicher Mann,« sagte Birger. Der Fremde lächelte; er sagte, es freue ihn, daß Birger so gute Hilfe an den Söhnen habe. »Jetzt will ich dich noch etwas fragen,« sagte er und legte seine schwere Hand auf Birgers Schulter und sah ihm tief in die Augen: »Da du eine so gute Hilfe an deinen Söhnen in weltlichen Dingen hast, so läßt du sie dir wohl auch in den geistlichen helfen?« Birger starrte ihn verständnislos an. »Ich merke, daß dies eine neue Frage für dich ist,« sagte der Fremde, »denk' darüber nach, bis wir uns wiedersehen.« Er ging lächelnd seiner Wege. Birger Larsson kehrte in die Schmiede zurück, kraute sein Haar, das steif und gelb war wie Messing, und fing wieder an zu arbeiten. Die Frage des Fremden beschäftigte ihn mehrere Tage. Er fand, es sei eine sonderbare Frage. »Es steckt was dahinter, was ich nicht verstehen kann,« dachte er.   Es war am Tage, nachdem der Fremde mit Birger Larsson geredet hatte, und es war unten im Kirchdorf in Tims Halvors altem Laden, den er nach seiner Ehe mit Karin seinem Schwager Kolaas Gunnar überlassen hatte. Gunnar war verreist, und währenddes besorgte seine Frau, Brita Ingmarstochter, den Laden. Brita stand schön und stattlich hinter dem Ladentisch. Den Namen und auch das Äußere hatte sie von ihrer Mutter, des großen Ingmars schöner Frau, geerbt, ein schöneres Mädchen als Brita war niemals auf dem Ingmarshof aufgewachsen. Aber wenn Brita der alten Familie auch nicht in ihrem Äußeren nachartete, so war sie doch ebenso rechtschaffen und gewissenhaft wie nur irgendeiner aus der Familie. Wenn Gunnar fort war, besorgte Brita den Laden auf ihre eigene Weise. Wenn der alte Korporal Fält versoffen und zitternd vorüberkam und eine Flasche Bier forderte, so sagte Brita geradeaus nein, und als des armen Kolbjörns Lehna kam und eine feine Brosche kaufen wollte, schickte Brita sie nach Hause, um starkes und haltbares Zeug auf ihrem Webstuhl zu weben. An diesem Tage hatte Brita nicht viele Kunden. Sie saß stundenlang ganz allein da. Da sank sie zusammen und starrte in die Luft hinaus, während die Verzweiflung ihr aus den Augen schaute. Schließlich erhob sie sich, holte einen Strick heraus, trug den Tritt aus dem Laden in die Hinterstube und befestigte eine Schlinge an einem Haken an der Decke. Brita beeilte sich, sie war bald fertig und war gerade im Begriff, den Kopf in die Schlinge hineinzustecken, als sie hinuntersah. In diesem Augenblick tat sich die Tür auf, und ein großer dunkelhaariger Mann trat ein. Er war in den Laden gekommen, ohne daß sie ihn gehört hatte, und da er dort niemand angetroffen hatte, ging er hinter den Ladentisch und öffnete die Tür zur Stube. Brita stieg schnell herunter. Der Mann sagte nichts zu ihr; er zog sich langsam wieder in den Laden zurück. Brita ging hinterdrein. Sie hatte ihn noch nie gesehen, er hatte dichtes, lockiges Haar, einen dichten Vollbart, scharfe Augen und große sehnige Hände. Es war nicht recht zu sehen, ob er ein feiner Mann war oder ein Bauer. Er war gut angezogen, aber er ging und hielt sich wie ein Arbeiter. Er setzte sich auf einen zerfetzten Stuhl neben der Tür und sah Brita an. Die Bäuerin stand ruhig hinter dem Ladentisch, stellte keine Frage, sondern wünschte nur, daß er gehen möge. Der Mann fuhr fort, sie anzusehen, ließ sie keinen Moment aus den Augen. Brita hatte ein Gefühl, als hielten seine Augen sie fest, so daß sie sich nicht bewegen könne. Brita wurde ungeduldig; sie dachte bei sich: »Ich kann nicht begreifen, daß du glaubst, daß es nützen kann, wenn du dasitzt und mich bewachst. Du kannst dir doch denken, daß ich ein andermal doch das tun werde, was ich will.« Brita stand da und hielt stumme Reden mit dem Mann. »Wenn es etwas wäre, das ein Ende nähme oder das ein Übergang wäre, so könntest du mich gern verhindern. Aber die Sache ist hoffnungslos.« Der Mann blieb jedoch sitzen und verwandte kein Auge von ihr. »Ich will dir etwas sagen: Es schickt sich für uns vom Ingmarshofe nicht, einen Laden zu haben,« fuhr Brita in ihren Gedanken fort. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie gut Gunnar und ich miteinander lebten, ehe er mit dem Laden begann. Die Leute haben mich ja freilich gewarnt, mich mit ihm zu verheiraten. Sie mochten ihn nicht wegen seiner schwarzen Haare und seiner stechenden Augen und seiner scharfen Zunge. Aber wir hatten uns nun einmal lieb, und wir sagten nie ein böses Wort zueinander, bis Gunnar den Laden übernahm.« »Erst seit jener Zeit,« setzte Brita ihre stumme Rede fort, »war es nicht mehr gut zwischen uns. Ich wollte, daß er das Geschäft auf meine Weise führen sollte. Ich kann mich nicht darein finden, daß er Wein und Bier an Trunkenbolde verkauft, und ich mag es nicht, daß er Leute etwas anderes kaufen läßt, als was nützlich und notwendig ist; aber das findet Gunnar unvernünftig. Und weder er noch ich können nachgeben, und nun zanken wir uns immer, und jetzt macht er sich nichts mehr aus mir.« Sie sah den Mann mit ihren verstörten Augen an, gleichsam erstaunt darüber, daß er ihren Bitten nicht nachgeben wollte. »Aber du kannst doch begreifen, daß ich nicht in der Schande leben kann, daß er arme Leute durch den Gemeindevogt auspfänden und ihnen die einzige Kuh oder ein paar elende Schafe wegnehmen läßt.« »Es kann nie wieder gut werden, das wirst du doch wohl einsehen können? Warum kannst du denn nicht gehen, so daß ich ein Ende machen kann?« Aber während der Mann dasaß und Brita ansah, ward sie immer ruhiger, und schließlich fing sie ganz leise an vor sich hinzuweinen. Sie war gerührt über ihn, der dasaß und acht auf sie gab. Das war viel von einem, der sie gar nicht kannte. Sobald der Mann sah, daß Brita weinte, meinte er offenbar, daß keine Gefahr mehr vorhanden sei. Er erhob sich und ging auf die Tür zu. Als er auf der Türschwelle stand, wandte er sich um, bohrte noch einmal seine Augen in die Britas, räusperte sich und sagte mit tiefer Stimme: »Tue dir nicht selbst ein Leid an, denn die Zeit ist nahe, wo du in Gerechtigkeit leben wirst.« Darauf ging er. Seine Schritte dröhnten schwer auf der Treppe und dem Wege, als er sich entfernte. Brita ging in die Hinterstube, nahm die Schlinge herunter und trug den Tritt wieder in den Laden hinüber. Darauf setzte sie sich auf eine Kiste und rührte sich mehrere Stunden lang nicht vom Fleck. Brita hatte ein Gefühl, als sei sie lange Zeit in einer Nacht umhergewandelt, die so finster war, daß sie nicht Hand vor Augen sehen konnte. Sie hatte sich verirrt, wußte nicht, wo sie hingeraten war, und bei jedem Schritt, den sie tat, fürchtete sie, daß sie in einem Moor versinken oder in einen Abgrund stürzen würde. Aber nun war da einer, der ihr zugerufen hatte, daß sie nicht weitergehen, sondern sich niedersetzen und warten solle, bis es Tag würde. Sie freute sich darüber, daß sie die gefährliche Wanderung nicht fortzusetzen brauchte; jetzt saß sie da und wartete auf das Tagesgrauen.   Der starke Ingmar hatte eine Tochter, die Anna Lisa hieß. Sie hatte mehrere Jahre in Chicago gewohnt und hatte sich dort mit einem Schmiede namens Hellgum verheiratet, der eine eigene kleine Gemeinde mit einem besonderen Glauben und einer besonderen Lehre hatte. Am Tage nach der vielbesprochenen Nacht, als sie bei dem starken Ingmar getanzt hatten, war Anna Lisa heimgekehrt, um ihren Vater zu besuchen, und ihr Mann war mitgekommen. Hellgum benutzte die Zeit, um lange Fußwanderungen in der Gegend zu machen; er ließ sich mit allen ein, denen er begegnete, sprach erst mit ihnen über ganz gewöhnliche, alltägliche Dinge, aber wenn er ihnen Lebewohl sagte, legte er gern seine große, schwere Hand auf die Schulter und sagte irgendein Wort des Trostes oder der Erweckung. Der starke Ingmar sah nicht viel von seinem Schwiegersohn; der Alte arbeitete in jenem Jahr mit dem jungen Ingmar Ingmarsson, der auf den Ingmarshof zurückgekehrt war. Die beiden bauten ein Sägewerk im Langfoß. Es war ein stolzer Tag für den starken Ingmar, als die Sägemühle fertig war und der erste Balken von den kreischenden Sägeblättern in weiße Bretter zerschnitten wurde. Eines Abends kam der Alte von der Arbeit nach Hause. Auf dem Wege begegnete er Anna Lisa. Sie sah erschreckt aus, als habe sie Lust, sich vor ihm zu verstecken. Der alte Ingmar schritt schneller zu, kam an sein Haus und blieb mit gerunzelter Stirn stehen. Dicht am Eingang hatte, solange er lebte, ein großer Rosenbusch gestanden. Der war ihm lieber gewesen als sein Augapfel. Er hatte niemals erlaubt, daß jemand eine Rose oder ein Blatt von dem Strauch abpflückte, nichts Böses hatte sich ihm nähern dürfen. Der starke Ingmar hatte ihn so gut gepflegt, weil er wußte, daß die Unterirdischen unter ihm wohnten. Aber nun war der ganze Busch abgehauen. Es war natürlich der Schwiegersohn, der Predikant, der sich nicht darein finden konnte. Der starke Ingmar hielt seine Axt in der Hand, er schloß die Finger fest um den Schaft, als er ins Haus hineinging. Hellgum saß da drinnen, die Bibel vor sich; er sah auf und sah dem starken Ingmar tief in die Augen. Dann las er mit lauter Stimme weiter: »Dazu, daß ihr gedenkt, wir wollen tun wie die Heiden und wie andere Leute in Ländern Holz und Steine anbeten, das soll euch fehlen. So wahr ich lebe, spricht der Herr, ich will über euch herrschen mit starker Hand und mit ausgestreckten Armen und mit ausgeschüttetem Glauben – –« Ohne ein Wort zu sagen, ging der starke Ingmar zum Hause hinaus. In dieser Nacht schlief er in der Scheune. Zwei Tage später zogen er und Ingmar in den Hochwald hinauf, um Kohlen zu brennen und Bäume zu fällen. Sie wollten den ganzen Winter fortbleiben.   Ein paarmal war Hellgum auf den Bauernversammlungen aufgetreten und hatte seine Lehre ausgelegt, die, wie er sagte, das einzige wahre Christentum sei. Aber Hellgum war nicht so beredt wie Dagson. Er hatte nicht einen einzigen Anhänger gewonnen. Diejenigen, die ihm auf Wegen und Stegen begegnet waren und ihn nur ein paar Worte hatten sagen hören, hatten große Dinge von ihm erwartet, aber wenn Hellgum einen längeren Vortrag halten sollte, wurde er schwerfällig und geistlos und ermüdend. Im Spätsommer wurde Karin Ingmarstochter in hohem Grade niedergedrückt. Man hörte sie selten ein Wort sagen. Sie war noch immer nicht imstande zu gehen und saß den ganzen Tag hindurch unbeweglich in ihrem Stuhle. Sie suchte keinen Prediger mehr auf, sondern saß allein da und brütete über ihrem Unglück. Hin und wieder sagte sie wohl einmal zu Halvor, sie habe ihren Vater immer sagen hören, die Ingmarssöhne brauchten nichts zu fürchten, wenn sie nur Gottes Wege gingen, aber jetzt wisse sie, daß nicht einmal das wahr sei. Halvor schlug in seiner Ratlosigkeit vor, sie solle den neuen Predikanten anhören, aber Karin sagte nein. Sie wollte keine Hilfe mehr bei Geistlichen suchen. Eines Sonntags zu Ende August saß Karin allein am Fenster in der guten Stube. Tiefe Stille ruhte über dem ganzen Hof, und Karin ward es schwer, wach zu bleiben. Ihr Kopf sank tiefer und tiefer auf die Brust herab, und schließlich schlief sie ein. Sie erwachte davon, daß jemand gerade unter ihrem Fenster sprach. Sie konnte nicht sehen, wer es war, aber die Stimme war stark und tief. Eine schönere Stimme hatte sie noch niemals gehört. »Ich kann wohl merken, daß du es für unglaublich hältst, Halvor, daß ein armer ungelehrter Mann die Wahrheit gefunden haben sollte, wo so viele gelehrte Herren auf Grund geraten sind,« sagte die Stimme. »Ja,« erwiderte jetzt Halvor. »Ich weiß nicht, wie du so sicher sein kannst.« »Halvor redet mit Hellgum,« dachte Karin. Sie versuchte das Fenster zu schließen, konnte es aber von dort, wo sie saß, nicht erreichen. »Aber es steht ja geschrieben,« fuhr Halvor fort, »daß, wenn dich jemand auf den rechten Backen schlägt, so sollst du ihm auch den linken darbieten, desgleichen, daß wir uns dem Bösen nicht widersetzen sollen und noch manches andere von derlei Art. Und das alles ist etwas, was man nicht halten kann. Wenn du das versuchen wolltest, so würden die Leute kommen und dir deine Acker und deinen Wald wegnehmen. Sie würden dir deine Kartoffeln stehlen und dir dein Saatkorn hinter dem Rücken wegnehmen. Sie würden dir sicher den ganzen Ingmarshof nehmen.« »Das mag wohl sein,« räumte Hellgum ein. »Ja, dann hat wohl Christus gar nichts mit alledem gemeint? Er hat wohl bloß dagestanden und das ins Blaue hineingeredet?« »Ich weiß nicht, wo du mit dem, was du sagst, hinauswillst.« »Ja, siehst du, da ist auch noch etwas anderes, das man bedenken muß,« sagte Hellgum. »Nämlich, daß wir so unendlich weit mit unserem Christentum gekommen sind. Niemand stiehlt mehr, niemand tut Witwen und Waisen ein Unrecht an. Niemand haßt und verfolgt den anderen mehr. Es geschieht niemals, daß jemand unter uns ein Unrecht tut, die wir ja eine so gute Religion haben.« »Nun ja, da mag ja allerlei sein, das nicht so ist, wie es sein sollte,« räumte Halvor sanftmütig ein. Es klang schläfrig und teilnahmslos. »Aber wenn du eine Dreschmaschine hast, die keinen ordentlichen Nutzen tut, so siehst du wohl nach, wo der Fehler steckt, und du beruhigst dich nicht, bis du weißt, was ihr fehlt. Aber wenn du jetzt siehst, daß es gar nicht gehen will, die Leute dazu zu bringen, ein christliches Leben zu führen, so ist da doch wohl Grund nachzusehen, ob nicht irgendein Fehler an dem Christentum sein könne.« »Ich kann doch nie im Leben glauben, daß an Christi Lehre etwas nicht richtig sein sollte,« sagte Halvor. »Nein, von Anfang an war sie gewiß ganz gut, aber es kann ja sein, daß sie in Unordnung geraten ist. Da mag ja irgendein Rad sein, das zerbrochen ist, siehst du, nur ein einziges Rad, und gleich steht das ganze Werk still.« Er schwieg eine Weile, als suche er nach Worten und Beweisen. »Jetzt will ich dir sagen, wie es mir vor ein paar Jahren ergangen ist. Da versuchte ich zum erstenmal, so recht nach der Lehre zu leben, und weißt du, wie das endete? Zu jener Zeit arbeitete ich in einer Fabrik, und als die Kameraden entdeckten, wie ich war, ließen sie mich erst eine ganze Menge von ihren Arbeiten verrichten, dann nahmen sie mir meinen Platz weg und schließlich beschuldigten sie mich eines Diebstahls, den einer von ihnen begangen hatte, so daß ich ins Gefängnis kam.« »Man braucht wohl nicht immer gleich mit so schlechten Menschen zusammenzukommen,« sagte Halvor, noch immer gleichgültig. »Da sagte ich zu mir selbst: Es wäre nicht so schwer, ein Christ zu sein, wenn man nur allein auf der Welt wäre und keine Mitmenschen hätte. Ich war geradezu froh, daß ich im Gefängnis saß, denn dort konnte ich ein gerechtes Leben führen, ohne daß mich jemand verführte oder mir Unrecht antat. Aber dann fiel mir ein, daß so ein rechtschaffenes Leben auf eigene Hand führen genau so ist, wie eine Mühle, die ganz leersteht und sich herumdreht, ohne Korn zwischen den Steinen zu haben. Wenn Gott so viele Menschen auf die Welt gesetzt hat, so ist es wohl seine Absicht, daß sie einander zur Stütze und Hilfe werden und nicht zum Verderben gereichen sollen. Und da wurde es mir schließlich klar, daß der Teufel etwas aus der Bibel herausgenommen haben müsse, damit das Christentum auf Abwege geraten solle.« »Dazu konnte der Teufel doch wohl nicht die Macht haben,« sagte Halvor. »Ja, er hat das Wort weggenommen: Ihr, die ihr ein christliches Leben führen wollt, sollt Hilfe bei euren Mitmenschen suchen.« Halvor sagte nichts, aber Karin nickte beifällig. Sie hatte sehr aufmerksam zugehört und kein Wort war ihr entgangen. »Sobald ich aus dem Gefängnis kam,« sagte Hellgum, »ging ich zu einem Kameraden und bat ihn, mir behilflich zu sein, ein rechtschaffenes Leben zu führen, und sobald wir erst zwei waren, ging es gleich besser. Und bald kam ein dritter hinzu und ein vierter schloß sich uns an, und es ging besser und besser. Jetzt sind wir dreißig, die zusammen in einem Haus in Chicago wohnen. Wir teilen alles miteinander und wachen gegenseitig über unser Leben, und der Weg der Gerechtigkeit liegt eben und gerade vor uns, und wir können christlich miteinander verkehren, denn der eine Bruder mißbraucht nicht die Güte des anderen und tritt ihn in seiner Demut nicht nieder.« Als Halvor noch immer schwieg, sagte Hellgum anregend: »Du weißt wohl, Halvor, daß der, der etwas Großes ausrichten will, sich mit anderen Menschen zusammentut und sich von anderen Menschen helfen läßt. Du könntest den Hof hier auch nicht allein bewirtschaften, und wenn du eine Fabrik übernehmen willst, da mußt du dich nach Teilhabern umsehen, und denke, wenn du eine Eisenbahn bauen wolltest, wie viele du da zur Hilfe nehmen müßtest. Das Schwerste von allem aber ist ein christliches Leben zu führen, und das willst du auf eigene Hand ohne fremde Hilfe durchführen? Oder du versuchst es vielleicht gar nicht, weil du schon im voraus weißt, daß es doch nicht geht. Die einzigen, die den richtigen Weg eingeschlagen haben, das bin ich und die, die mit mir drüben in Chicago zusammenhalten. Diese Gemeinde ist das wahre, heilige Jerusalem, das vom Himmel herabgestiegen ist, und du kannst sie daran erkennen, daß die Gaben des Geistes, die über die ersten Christen ausgegossen wurden, auch über uns ausgegossen sind. Denn einige von uns hören Gottes Stimme, und andere prophezeien, und wieder andere heilen Kranke –« »Kannst du Kranke heilen?« unterbrach ihn Halvor hastig. »Ja,« sagte Hellgum, »ich kann die heilen, die an mich glauben.« »Es ist schwer, etwas anderes zu glauben, als das, was man als Kind gelernt hat,« sagte Halvor nachdenklich. »Wahrlich, ich sage dir, Halvor, du wirst bald mithelfen, das neue Jerusalem zu bauen,« sagte Hellgum. Da wurde es still. Nach einer Weile hörte Karin Hellgum Lebewohl sagen. Gleich darauf kam Halvor zu Karin herein. Als er sie an dem offenen Fenster sitzen sah, sagte er: »Nun hast du gewiß alles gehört, was Hellgum gesagt hat.« – »Ja,« erwiderte Karin. – »Hast du denn auch gehört, daß er sagte, er könne die heilen, die an ihn glauben?« – Karin errötete, Hellgums Lehre hatte ihr besser gefallen als alles, was sie sonst im Laufe des Sommers gehört hatte. Es war eine gewisse praktische Vernunft darin, die ihr zusagte. Dies waren Handlung und Tätigkeit und keine Empfindsamkeit, auf die sie sich nicht verstand. Aber sie wollte es sich selbst nicht eingestehen. Sie wollte nichts mehr mit Geistlichen zu tun haben. »Ich will keinen anderen Glauben haben als mein Vater,« sagte sie. Einige Wochen später saß Karin wieder in der guten Stube. Es war jetzt Herbst geworden, der Wind heulte vor dem Hause, und das Feuer knisterte auf dem Herd, niemand war in der Stube, außer ihrer kleinen Tochter, die bald ein Jahr alt war und eben laufen gelernt hatte. Sie saß an der Erde zu Füßen der Mutter und spielte. Wie Karin so dasaß, tat sich die Tür auf, und ein großer, dunkelhaariger Mann trat ein. Er hatte dichtes, lockiges Haar, scharfe Auge und große, sehnige Schmiedehände. Ehe Karin ihn noch ein Wort hatte sagen hören, erriet sie, daß es Hellgum war. Der Mann sagte guten Tag und fragte nach Halvor. Karin antwortete, daß er zu einer Versammlung gegangen sei, sie erwarte ihn bald zurück. Hellgum setzte sich, er sagte nichts, hin und wieder aber warf er einen schnellen Blick auf Karin. »Ich habe gehört, daß du krank bist,« sagte Hellgum, als er eine Weile dagesessen hatte. – »Ja,« antwortete Karin, »ich habe seit einem halben Jahr nicht gehen können.« – »Ich habe mir ausgedacht, hierher zu kommen und für dich zu beten,« sagte der Predikant. Karin schwieg, schlug die Augen nieder und verschloß sich gleichsam in sich selbst. – »Du hast vielleicht gehört, daß ich die Gnadengabe erhalten habe, Kranke heilen zu können.« Karin schlug die Augen auf und warf ihm einen mißtrauischen Blick zu. »Habt Dank, daß Ihr an mich gedacht habt, aber das kann nicht nützen, denn ich wechsle meinen Glauben nicht so leicht,« sagte sie. – »Es ist möglich, daß Gott dir hat helfen wollen,« sagte der Mann, »da du immer versucht hast, ein rechtschaffenes Leben zu führen.« – »Ich stehe gewiß nicht in so großer Gnade bei Gott, daß er mir helfen will.« Sie saß nun ein paar Minuten schweigend da, dann fragte Hellgum: »Hat Mutter Karin sich jemals selbst gefragt, warum diese Heimsuchung wohl über sie gekommen ist?« Karin antwortete nicht, es war, als lasse sie niemand bei sich ein. – »Jemand sagt mir, daß Gott das getan hat, damit sein Name noch mehr geehrt werde,« sagte Hellgum. Als Karin das hörte, ward sie zornig. Es traten ein paar scharfe, rote Flecke auf ihre Wangen. Sie fand es höchst vermessen von Hellgum, zu glauben, daß diese Krankheit über sie gekommen sei, damit er Gelegenheit habe, ein Wunder zu tun. Der Predikant erhob sich, ging geradeswegs auf Karin zu und legte ihr die Hand auf den Kopf. »Willst du, daß ich für dich beten soll?« fragte er. Im selben Augenblick fühlte Karin einen Strom von Leben und Gesundheit durch ihren Körper brausen, aber sie war so empört über seine Aufdringlichkeit, daß sie heftig seine Hand abschüttelte und den Arm erhob, als wolle sie ihn schlagen. Worte vermochte sie nicht so schnell zu finden. Hellgum zog sich zurück und ging auf die Tür zu. »Man soll nicht von sich weisen, was Gott schickt,« sagte er. – »Nein,« sagte Karin, »was Gott schickt, muß man wohl annehmen.« »Aber ich sage dir, daß diesem Hause heute eine große Gnade widerfahren wird,« sagte der Mann. – Karin schwieg. – »Denke an mich, wenn die Hilfe zu dir kommt,« sagte Hellgum, als er ging. Karin saß aufrecht im Stuhl, die roten Flecke brannten lange auf ihren Wangen. Sie war sehr zornig. »Kann ich nun nicht einmal Ruhe in meinem eigenen Hause haben,« dachte sie. »Es ist entsetzlich, wie viele Menschen glauben, daß sie von Gott geschickt sind.« Im selben Augenblick sah Karin ihr kleines Mädchen über den Fußboden auf den Herd zukriechen. Die Kleine hatte eben das Feuer erblickt. Sie schrie vor Freude, kroch und lief darauf zu, so schnell sie nur konnte. Karin rief sie, aber das Kind achtete nicht darauf. Es arbeitete, um auf den Herd hinaufzukommen, fiel ein paarmal nieder, gelangte jedoch endlich auf den Stein hinauf, wo das Feuer brannte. »Ach Gott, hilf mir, Gott hilf mir,« sagte Karin. Sie fing an, laut zu rufen, obwohl sie wußte, daß niemand in der Nähe war. Das kleine Mädchen beugte sich lächelnd dem Feuer zu. Da fiel ein brennender Holzscheit vom Herd herunter auf ihr Kleid. Aber im selben Augenblick stand Karin aufrecht in der Stube, lief an den Herd und zog das Kind an sich. Erst als sie alle Funken von dem Kleide geschüttelt und das Kind nachgesehen und unbeschädigt gefunden hatte, ward ihr klar, was geschehen war. Daß sie aufrecht dastand, daß sie gegangen war, daß sie noch gehen konnte! Karin fühlte eine Erschütterung ihrer Seele so stark wie nie zuvor in ihrem Leben. Aber gleichzeitig erfüllte sie die größte Glückseligkeit. Sie fühlte, daß sie unter Gottes besonderer Obhut und Fürsorge stand, und daß er einen heiligen Gottesmann in ihr Haus geschickt hatte, um ihr zu helfen.   In diesen Tagen stand Hellgum oft in dem kleinen Beischlag vor des starken Ingmars Hause und sah über die Gegend hinaus. Die Landschaft, die er übersah, ward mit jedem Tage schöner und schöner. Die Erde war gelb und alle Laubbäume waren schimmernd rot oder schimmernd gelb. Hier und da erhob sich ein ganzer Laubwald, strahlend wie ein wogendes Meer aus Gold. Überall an den tannenbewaldeten Höhen sah man gelbe Flecke, das waren Laubbäume, die sich zwischen die Nadelhölzer verirrt hatten. Wie eine armselige graue Hütte leuchten und schimmern kann, wenn Feuer da drinnen ist, so flammte diese arme schwedische Landschaft in einer seltenen Pracht auf. Alles war so gelb und so wunderbar strahlend, wie man sich nur eine Landschaft auf der Oberfläche der Sonne vorstellen kann. Aber wenn Hellgum dastand und dies ansah, dachte er, daß die Zeit bald tagen würde, wo Gott die Gegend von Heiligkeit erstrahlen lassen würde, und wo alle die Worte, die er den Sommer hindurch ausgesät hatte, sprossen und herrliche Früchte der Gerechtigkeit tragen würden. Und siehe, eines Abends kam Tims Halvor nach dem Hause hinab und bat Hellgum und Anna Lisa, nach dem Ingmarshofe hinaufzukommen. Als sie auf den großen Hofplatz kamen, war alles fein und geschmückt. Alle welken Blätter waren weggefegt, und alle Gerätschaften und Arbeitswagen, die sonst den Hof anzufüllen pflegten, waren beiseite geschafft. Es werden wohl viele Gäste erwartet, dachte Anna Lisa. Im selben Augenblick öffnete Halvor die Tür zu der guten Stube. Die war mit Menschen angefüllt. Alle saßen feierlich auf den langen Bänken an den Wänden entlang. Sie saßen so, als erwarteten sie jemand, und Hellgum sah sogleich, daß es die besten Leute des Kirchsprengels waren. Der erste, den er gewahrte, war Ljung Björns Olofsson und seine Frau, Märta Ingmarstochter, sowie Kolaas Gunnar und seine Frau. Dann sah er Krister Larsson und Israel Tomasson mit ihren Frauen. Auch sie gehörten zu den Ingmarssöhnen. Dann bemerkte er Hök Matts Eriksson und seinen Sohn Gabriel, des Gemeindevorstehers Gunhild und mehrere andere. Es waren im ganzen wohl zwanzig Personen. Als Hellgum und Anna Lisa die Runde bei ihnen allen gemacht und guten Tag gesagt hatten, begann Tims Halvor: »Hier sind einige von denen versammelt, die darüber nachgedacht haben, was uns Hellgum gesagt hat. Die meisten von uns gehören einer alten Familie an, die gern Gottes Wege gehen will. Und wenn uns Hellgum dabei behilflich sein kann, so wollen wir ihm folgen.« Am nächsten Tage verbreitete sich das Gerücht über den ganzen Kirchsprengel, daß auf dem Ingmarshofe eine Gemeinde gegründet sei, die behauptete, daß sie im Besitz des einzigen und richtigen und wahren Christentums sei.   Der neue Weg. Es war im nächsten Frühling, gleich nachdem der Schnee von der Erde verschwunden war. Der junge Ingmar und der starke Ingmar waren eben ins Dorf hinabgekommen, um die Sägemühle in Gang zu setzen. Den ganzen Winter über hatten sie oben im Walde zugebracht und waren eifrig beschäftigt gewesen, Kohlen zu brennen und Bäume zu fällen, und als Ingmar wieder in die Ebene hinabkam, kam er sich vor wie ein Bär, der eben aus seiner Höhle herausgekrochen ist. Er konnte sich kaum daran gewöhnen, die Sonne an dem freien Himmel strahlen zu sehen, sondern ging und blinzelte mit den Augen, als könnten sie das Licht nicht ertragen. Auch das Getöse des Gießbaches und die Menschenstimmen und all das Geräusch, das ihm unten auf dem Hof um die Ohren sauste, peinigte ihn. Aber zur selben Zeit war er so glücklich über das alles; Gott mochte wissen, daß er es weder in seinem Wesen noch in seiner Rede zeigte, aber in diesem Frühling fühlte er sich so jung wie die neuen Triebe an den Birken. Es ist nicht zu sagen, wie gut es schmeckte, in einem gut gemachten Bett zu schlafen und ordentlich bereitete Speisen zu essen. Und dann wieder daheim bei Karin zu sein, die zärtlicher wie eine Mutter für ihn sorgte. Sie hatte einen neuen Anzug für ihn anfertigen lassen, und kam oft aus der Küche herein und steckte ihm irgendeinen Leckerbissen zu, als sei er ein kleiner Junge. Und wieviel Merkwürdiges war nicht geschehen, während er da oben im Walde gewesen war. Ingmar war am Tage nach der großen Versammlung hinaufgekommen, und war seitdem fort gewesen. Er hatte nur einige unbestimmte Gerüchte über Hellgums Lehre gehört. Aber jetzt Karin und Halvor darüber reden zu hören, wie froh sie waren, und wie sie und ihre Freunde bemüht waren, einander behilflich zu sein, Gottes Wege zu gehen – das war geradezu erhebend. »Wir erwarten ganz bestimmt, daß du dich uns anschließt,« sagte Karin. Ingmar antwortete, daß er wohl Lust dazu habe, daß er sich aber erst noch bedenken müsse. – »Den ganzen Winter habe ich mich danach gesehnt, daß du unserer Glückseligkeit teilhaftig werden mochtest,« sagte Karin. »Denn wir wohnen nicht mehr auf der Erde, sondern in dem neuen Jerusalem, das vom Himmel herabgestiegen ist.« Es war auch eine erfreuliche Nachricht für Ingmar, daß Hellgum noch in derselben Gegend war. Im vergangenen Sommer war Hellgum oft nach dem Sägewerk hinabgekommen und hatte mit Ingmar geredet, und sie waren gute Freunde geworden. Ingmar bewunderte Hellgum als den besten Mann, den er getroffen hatte. Nie hatte er jemand gesehen, der so männlich und offen war und sich so fest auf sich selbst verließ. Zuweilen, wenn sie viel zu tun hatten, zog Hellgum den Rock aus und half ihm beim Sägen. Da war Ingmar ganz stumm vor Staunen geworden; nie hatte er jemand gesehen, der so schnell bei der Arbeit war. Gerade jetzt war Hellgum auf einige Tage verreist, aber sie erwarteten ihn bald zurück. »Ja, wenn du erst mit Hellgum gesprochen hast, wirst du dich uns schon anschließen,« sagte Karin. Und das glaubte Ingmar auch, obwohl er unruhig war, sich auf etwas einzulassen, zu dem der Vater nicht seine Zustimmung gegeben hatte. »Gerade Vater hat uns ja gelehrt, daß wir Gottes Wege gehen sollen.« Es war alles so gut. Ingmar hatte sich nie denken können, daß es so herrlich sein könne, wieder unter Menschen zu sein. Er vermißte nur eins, nämlich, daß niemand von dem Schulmeister und Gertrud sprach. Das war schade, denn Ingmar hatte Gertrud ein Jahr hindurch gar nicht gesehen. Früher hatte er nie darauf zu warten brauchen. Im vorigen Sommer war kein Tag vergangen, wo nicht von Storms die Rede gewesen wäre. Es war wohl nur ein Zufall, daß sie so schweigsam waren. Aber es kann so unheimlich sein, wenn man nicht den Mut hat zu fragen, und wenn niemand von selbst darauf kommt, über das zu sprechen, was man am liebsten hören will. Aber war Ingmar glücklich und zufrieden, so war es mit dem starken Ingmar ganz anders bestellt. Der Alte war stumm und mürrisch. Es war schwer, es ihm recht zu machen. – »Ich glaube, du sehnst dich nach dem Walde zurück,« sagte Ingmar eines Nachmittags zu ihm, als sie jeder auf seinem Balken saßen und ihr Vesperbrot verzehrten. – »Ja, weiß Gott, das tue ich,« sagte der Alte. »Ich sähe es am liebsten, wenn ich gar nicht nach Hause gekommen wäre.« »Was ist denn bei dir zu Hause nicht recht?« fragte Ingmar. »Und danach fragst du noch?« erwiderte der starke Ingmar. »Ich glaubte, du wüßtest es ebensogut wie ich, daß die Sache mit Hellgum nicht in der Ordnung ist,« – Ingmar erwiderte, daß er im Gegenteil gehört habe, Hellgum sei ein großer Mann geworden. – »Ja, er ist ein so großer Mann geworden, daß er den ganzen Kirchsprengel auf den Kopf gestellt hat.« Ingmar konnte nicht umhin, darüber nachzudenken, wie merkwürdig es war, daß der starke Ingmar nie eine Spur von Liebe zu seiner eigenen Familie zeigte. Er kümmerte sich um nichts weiter als um den Ingmarshof und die Ingmarssöhne. Jetzt mußte Ingmar den Schwiegersohn in Schutz nehmen. »Ich finde, es ist eine gute Lehre,« sagte Ingmar. – »So, also das findest du?« sagte der Alte und sah ihn wütend an. »Meinst du, daß der große Ingmar das auch gefunden haben würde?« – Ingmar erwiderte, daß der Vater sicher daran teilgenommen haben würde, ein rechtschaffenes Leben zu führen. – »So, du glaubst also, der große Ingmar wäre mit dabei gewesen, jeden Menschen für einen Teufel und Antichristen zu erklären, der nicht zur Gemeinde gehört, und daß er nicht mit seinen alten Freunden mehr hätte verkehren wollen, weil die an ihrem alten Glauben festhalten?« – »Ich glaube nicht, daß Leute wie Hellgum und Halvor und Karin sich so benehmen,« sagte Ingmar. – »Du kannst es ja versuchen, dich gegen sie aufzulehnen, dann wirst du schon merken, wofür sie dich halten.« Ingmar schnitt große Stücke von seinem Butterbrot ab und stopfte den Mund voll davon. Er fand, es war schade, daß der starke Ingmar so schlechter Laune war. »Ach ja,« sagte der Alte nach einer Weile, »so kann es gehen. Hier sitzt du, der du der Sohn des großen Ingmar bist, und hast nichts mehr, worüber du verfügen kannst. Aber meine Anna Lisa und ihr Mann, die leben unter den Großen. Die besten Leute im Dorf bücken sich und machen Kratzfüße vor ihnen, und sie gehen jeden Tag von einem Gastmahl zum andern.« Ingmar aß nur und kaute ruhig weiter; er fand, es war nichts, worauf er zu antworten brauchte. Aber der starke Ingmar begann von neuem: »Ja, das ist eine schöne Lehre, das ist sicher und gewiß, darum hat sich auch die halbe Gemeinde Hellgum angeschlossen. So eine Macht wie Hellgum hat noch nie einer in der Gemeinde gehabt. Nicht einmal der große Ingmar. Er trennt die Kinder von den Eltern, indem er predigt, daß die, die zu ihm gehören, nicht unter Sündern leben dürfen. Hellgum braucht nur zu winken, dann verläßt der Bruder den Bruder, der Freund den Freund und der Bräutigam die Braut. Er hat die Macht besessen, es so einzurichten, daß im letzten Winter auf jedem Hof Zank und Streit geherrscht hat. Ja, dem großen Ingmar würde so etwas gewiß gut gefallen haben. Er würde Hellgum sicher in allem gefolgt sein. Ja, das ist ganz sicher.« Ingmar sah die Schlucht, in der sie saßen, hinauf und hinab. Er hatte die größte Lust, davon zu laufen. Er fand ja freilich, daß der starke Ingmar übertrieb, aber es verdarb ihm doch die gute Laune. »Ja,« sagte der Alte, »ich leugne nicht, daß Hellgum wunderbare Dinge tut: so wie er seine Schar zusammenhalten kann, und so wie er es vermag, die Leute, die früher nichts voneinander haben wissen wollen, dazu zu bringen, daß sie Freunde werden. Und wie er es dem Reichen wegnimmt und es dem Armen gibt, und wie er sie dazu bringt, gegenseitig ihr Leben zu bewachen. Ich finde ja nur, daß es Unrecht gegen die anderen ist, die Teufelskinder genannt werden und nicht mitspielen dürfen, aber das findest du natürlich nicht.« Ingmar war ärgerlich über den Alten, weil er so über Hellgum sprach. »So friedlich wie wir hier früher in der Gemeinde gelebt haben,« sagte der starke Ingmar. »Aber das ist jetzt alles vorbei. Während der Zeit des großen Ingmar hielten hier alle so fest zusammen, daß es hieß, hier wohnte die einträchtigste Bevölkerung in ganz Dalarne. Aber jetzt sind sie alle in Engel und Teufel, in Böcke und Schafe geteilt.« »Wenn wir nur die Säge in Gang setzen könnten,« dachte Ingmar, »damit ich mit diesem Gerede verschont werden könnte.« »Es wird wohl nicht lange dauern, bis es auch zwischen dir und mir aus ist,« fuhr der starke Ingmar fort. »Gehst du zu den anderen über, so erlauben sie dir nicht mehr, mit mir zu verkehren.« Ingmar fluchte und stand auf. »Ja, wenn du mit dem Gerede fortfährst, so ist es nicht unmöglich, daß es so geht,« sagte er. »Ich finde, du mußt begreifen, daß es nicht nützen kann, daß ich mich gegen meine eigene Familie und Hellgum auflehne, der der vorzüglichste Mann ist, den ich kenne.« Damit brachte Ingmar den Alten zum Schweigen. Nach einer Weile verließ der starke Ingmar die Arbeit. Er wollte nach dem Kirchspiel hinab und seinen Freund, Korporal Fält, besuchen. Er habe schon lange nicht mehr mit einem vernünftigen Menschen geredet, sagte er. Ingmar freute sich, daß er ging. »Es ist gewiß immer so, wenn man lange fort gewesen ist, daß man nichts Unangenehmes hören mag, sondern wünscht, daß alles um einen her licht und leicht und vergnüglich sein soll.« Am nächsten Tage kam Ingmar um fünf Uhr morgens nach dem Sägewerk hinunter. Der starke Ingmar war schon vor ihm da. »Heute kannst du mit Hellgum reden,« sagte der Alte. »Er und Anna Lisa kamen gestern abend spät zurück. Ich glaube, sie sind von dem großen Festmahl heimgeeilt, um dich zu bekehren.« »Nun fängst du schon wieder damit an,« sagte Ingmar. Die Worte des Alten hatten ihm die ganze Nacht in den Ohren geklungen. Er konte sie nicht wieder los werden. Aber jetzt wollte er nichts Schlechtes mehr von seinen nächsten Verwandten hören. Der starke Ingmar schwieg nur einen Augenblick, dann fing er an, vor sich hin zu lachen. »Worüber lachst du?« fragte Ingmar. Er war eben im Begriff, die Schleuse wegzuziehen und die Säge in Gang zu setzen. – »Ich, ich denke nur an Schulmeisters Gertrud.« – »Was ist mit der?« – »Ja, gestern erzählten sie unten im Dorf, sie sei die einzige, die die geringste Macht über Hellgum hat.« – »Was hat Gertrud mit Hellgum zu schaffen?« Ingmar zog die Schleuse nicht auf, denn, wenn dle Säge erst einmal in Gang gekommen war, konnte er nichts hören. Der Alte sah ihn prüfend an. »Ich soll ja nicht mehr über die Sache reden.« – Ingmar lächelte ein wenig. »Du wirst es schon so einzurichten wissen, daß du deinen Willen durchsetzt,« sagte er. »Das kommt von der dummen Dirne Gunhild, des Gemeindevorstehers Lars Clementssons Tochter.« – »Sie ist keine dumme Dirne,« unterbrach ihn Ingmar. – »Nenne es, wie du willst, aber es traf sich so, daß sie auf dem Ingmarshof mit dabei war, als diese Sekte gegründet wurde; sobald sie nach Hause kam, sagte sie zu ihren Eltern, sie habe den einzig wahren Glauben angenommen, und sie müsse von ihnen fortziehen, und auf dem Ingmarshofe wohnen. Die Eltern fragten nun, warum sie von ihnen fortziehen wolle? Ja, damit sie ein gerechtes Leben führen könne. Sie sagten, das könne sie wohl auch bei ihnen führen. ›Das könne niemand, wenn er nicht unter denen lebte, die denselben Glauben hätten.‹ ›Müssen denn alle nach dem Ingmarshofe ziehen,‹ fragte der Vater. ›Nein, nur sie. Die anderen hätten wahre Christen in ihrem Hause.‹ – Der Gemeindevorsteher ist ja ein guter Mann, und er so wie auch seine Frau bemühten sich, Gunhild gütlich zuzureden, aber das Mädchen blieb bei ihrer Ansicht, und machte sie schließlich so aufgebracht, daß der Gemeindevorsteher sie in die Kammer einschloß und sagte, dort solle sie bleiben, bis die Tollheit sich gelegt habe.« »Ich glaubte, du wolltest von Gertrud erzählen,« unterbrach ihn Ingmar. – »Ich werde auch schon zu Gertrud kommen, wenn du nur warten willst. Im übrigen kann ich aber ebensogut gleich jetzt als später erzählen, daß am nächsten Tage, als Gertrud und Mutter Storm in der Küche saßen und spannen, die Frau des Dorfschulzen zu ihnen kam. Sie erschraken sehr, als sie sie sahen. Sie, die sonst immer so vergnügt aussah, war ganz verweint. ›Was ist denn nur einmal geschehen, und warum siehst du so traurig aus?‹ Da antwortete die Frau: ›Man kann doch nicht anders aussehen, wenn man das Liebste verloren hat, was man besitzt.‹ »Hu, ich hätte wohl Lust, sie durchzuprügeln,« sagte der Alte. – »Wen?« fragte Ingmar. – »Ach, Hellgum und Anna Lisa,« sagte der starke Ingmar. »Sie sind in der Nacht beim Dorfschulzen gewesen und haben Gunhild entführt.« – Da entfuhr Ingmar ein Ausruf. – »Ja, ich bin nahe daran zu glauben, daß Anna Lisa mit einem Räuber verheiratet ist,« sagte der Alte. »Mitten in der Nacht kamen sie und klopften an das Fenster der Kammer und fragten Gunhild, warum sie nicht auf den Ingmarshof gezogen sei. – Sie sagte, die Eltern hätten sie eingeschlossen. – Dazu hätte der Teufel sie gebracht, sagte Hellgum dann. Das alles hörten die Eltern mit an.« »Hörten sie das?« – »Ja, sie lagen in der Stube nebenan, und die Tür stand nur angelehnt, sie hörten alles, was Hellgum sagte, um die Tochter zu verlocken.« – »Aber sie hätten ihn ja zur Tür hinauswerfen können.« – »Nein, sie fanden, daß Gunhild selbst wählen solle; sie konnten sich ja nicht denken, daß sie von ihnen gehen würde, so gut wie sie gegen sie gewesen waren. Sie lagen da und warteten darauf, daß sie sagen würde, sie wolle ihre alten Eltern nicht verlassen.« – »Ging sie denn?« – »Ja, Hellgum ließ nicht nach, ehe sie ihm folgte. Und als die Eltern hörten, daß sie ihm nicht widerstehen konnte, da ließen sie sie gehen. Einige Leute haben ja das so auf die Weise. Aber am Morgen bereute die Mutter es und bat den Vater, mit nach dem Ingmarshof hinaufzufahren und die Tochter wieder nach Hause zu holen. ›Nein‹, sagte er, ›nie im Leben hole ich sie, und nie wieder will ich sie sehen, wenn sie nicht freiwillig zurückkehrt.‹ Da ging die Mutter nach dem Schulhause, um Gertrud zu bitten, mit ihr zu gehen und mit Gunhild zu reden. – »Ging Gertrud mit?« – »Ja, sie ging mit und redete mit Gunhild. Aber Gunhild machte sich nichts aus dem, was sie sagte.« – »Ich habe Gunhild aber nicht bei uns zu Hause gesehen,« sagte Ingmar nachdenklich. »Nein, jetzt ist sie auch wieder zu ihren Eltern zurückgekehrt. Und das ging so zu. Als Gertrud von Gunhild herauskam, wartete Hellgum auf sie. – Sieh, da steht der, der all dies Elend verursacht hat, dachte sie. Sie ging geradeswegs auf ihn zu und redete tüchtig auf ihn drein. Sie war so zornig, daß sie sich wohl nicht gefürchtet hätte, ihn zu schlagen.« »Ja, Gertrud, die kann reden,« dachte Ingmar. – »Sie sagte zu Hellgum, sie habe einmal ein Bild gesehen, auf dem ein heidnischer Krieger mit einer Jungfrau von dannen ritt, die er geraubt habe, und so fände sie, führe auch er sich hier auf.« – »Was sagte dann Hellgum dazu?« – »Er stand eine Weile da und hörte sie an, dann sagte er sanftmütig, sie habe recht, er sei zu heftig gewesen. Und dann am Nachmittag brachte er Gunhild zu ihren Eltern zurück und machte es wieder gut.« Als der starke Ingmar seine Erzählung beendet hatte, sah Ingmar auf und lächelte. »Ja, Gertrud ist ein Prachtmädel,« sagte er, »und Hellgum ist auch ein tüchtiger Mensch, obwohl er ein wenig strenge ist.« – »So, also auf die Weise faßt du das auf,« sagte der Alte. »Ich glaubte, du würdest dich darüber gewundert haben, daß Hellgum Gertrud gegenüber so nachgiebig war.« – Jetzt schwieg Ingmar. Der starke Ingmar schwieg auch eine Weile, dann begann er von neuem: »Viele unten im Kirchsprengel haben nach dir gefragt. Sie wollten wissen, auf welche Seite du dich zu stellen gedenkst.« – »Das kann doch ganz einerlei sein, wohin ich gehöre.« – »Ja, das könnte man ja meinen,« sagte der Alte. »Ich will dir etwas sagen,« fuhr er fort, »hier im Kirchspiel sind die Leute daran gewöhnt, daß einer sie leitet und regiert. Jetzt ist der große Ingmar heimgegangen, und der Schulmeister hat seine Macht verloren, und der Pfarrer hat nie welche besessen, jetzt laufen sie mit Hellgum, so lange du dich zurückhältst.« – Ingmar ließ die Hände sinken, er sah ganz unglücklich aus. »Ja, aber ich weiß nicht, wer recht hat.« »Die Leute warten darauf, daß du sie von Hellgum befreien sollst. Du kannst glauben, uns, die wir einen Winter nicht zu Hause gewesen sind, ist viel Böses erspart worden. Im Anfang war es wohl am schlimmsten, ehe die Leute sich an diese Bekehrungskrankheit gewöhnten, und daran, Teufel und Höllenhunde genannt zu werden. Und am allerschlimmsten war es, als alle die bekehrten Kinder auch anfingen zu predigen.« – »So, also die Kinder predigten auch?« sagte Ingmar zweifelnd. – »Ja, Hellgum hatte mit ihnen darüber geredet, daß sie Gott dienen sollten statt zu spielen, und da fingen sie denn an, die Erwachsenen zu bekehren. Sie lagen an der Landstraße auf der Lauer und stürzten sich über Leute, die dahergegangen kamen, und dann sauste es ihnen um die Ohren: Willst du nicht den Kampf gegen den Teufel aufnehmen? Willst du fortfahren, in Sünden zu leben?« Ingmar saß da und wehrte sich so gut er nur konnte, er wollte nicht glauben, was ihm der starke Ingmar erzählte. – »Das ist gewiß alles etwas, was dir der Korporal in den Kopf gesetzt hat,« sagte er. »Ja, das wollte ich dir eben gerade erzählen,« sagte der starke Ingmar. »Nun ist es auch mit Fält vorbei. Ja, wenn ich daran denke, daß das alles vom Ingmarshofe ausgegangen ist, dann ist mir wirklich, als wenn ich den Leuten nicht mehr in die Augen sehen könnte.« »Hat irgend jemand Fält etwas Böses zugefügt?« fragte Ingmar. – »Ach, so sind ja diese Kinder; eines Abends, als sie nichts weiter zu tun hatten, fiel es ihnen ein, daß sie zu Fält gehen und ihn bekehren wollten. Sie hatten ja natürlich gehört, daß Fält ein großer Sünder ist.« – »Aber in alten Zeiten waren ja doch alle Kinder so bange vor Fält wie vor den Kobolden,« sagte Ingmar. – »Ja, sie waren auch bange, aber sie hatten sich wohl vorgenommen, eine Heldentat zu tun. Sie kamen eines Abends zu Fält herein, als er in seiner Stube saß und seine Grütze kochte. Als sie die Tür öffneten und Fält mit seinem steifen Schnurrbart und mit seiner gebrochenen Nase dasitzen und mit seinem einzigen Auge ins Feuer starren sahen, wurden sie so bange, daß ein paar von den Kleinsten davonliefen. Aber zehn oder zwölf kamen herein und warfen sich in einem Kreis vor dem Alten auf die Knie und fingen an zu singen und zu beten.« – »Aber warf er sie denn nicht hinaus?« sagte Ingmar. – »Ja, hätte er das nur getan,« sagte der starke Ingmar. »Ich begreife nicht, was mit ihm vorging. Der dumme Kerl, er hatte wohl dagesessen und daran gedacht, daß er in seinen alten Tagen so einsam und verlassen sei, und dann war es wohl das, daß es Kinder waren, die zu ihm kamen. Er hat es sich wohl zu Herzen genommen, daß sie immer bange vor ihm gewesen waren. Und als er dann alle die zum Himmel emporgewandten Augen voll blanker Tränen sah, fühlte er sich wohl entwaffnet. Die Kinder warteten nur darauf, daß er auffahren und sie schlagen würde. Sie sangen und beteten, aber sie waren bereit, davon zu laufen, sobald er sich nur rührte. Da sehen ein paar von ihnen, daß Fälts Gesicht so wunderlich zu zucken begann. – Nun kommt es, nun kommt es, dachten sie und erhoben sich, um zu fliehen. Aber der Alte blinzelte mit den Augen und dann kamen ihm Tränen herabgerollt. Da liefen die Kinder zu Hellgum, und jetzt ist es, wie gesagt, so mit Fält. Er tut nichts weiter als zu Versammlungen zu laufen, und er fastet und betet und hört Gottes Stimme.« »Ich kann wirklich nicht einsehen, daß darin ein Unglück liegt,« sagte Ingmar. »Fält war ja kurz davor, sich tot zu trinken.« – »Nein, du hast ja so viele Freunde zu verlieren, daß dir das wohl nichts ausmachen würde. Du würdest vielleicht auch finden, daß es hübsch wäre, wenn die Kinder den Schulmeister bekehrten?« – »Ich kann mir wirklich nicht denken, daß sich die Kinder an Storm heranwagen würden,« sagte Ingmar. Er war ganz atemlos vor Verwunderung. Es mußte doch wirklich etwas Wahres in dem sein, was der starke Ingmar sagte, daß das ganze Kirchspiel auf den Kopf gestellt sei. – »Freilich taten sie das. Eines abends, als Storm in der Schulstube saß und in seinen Büchern schrieb, kamen so an Stücker zwanzig herein und fingen an, ihm etwas vorzupredigen.« – »Und was tat Storm?« fragte Ingmar, er konnte sich eines Lachens nicht erwehren. – »Er war so überrascht, daß er im ersten Augenblick weder etwas sagen noch tun konnte. Aber dann wollte ein Zufall, daß gleichzeitig Hellgum in der Küche war, um mit Gertrud zu reden.« – »War Hellgum bei Gertrud?« – »Ja, Hellgum und Gertrud sind ja gute Freunde geworden, seit er sich damals in der Sache mit Gunhild nach ihr gerichtet hatte. Als Gertrud den Lärm in der Schulstube hörte, sagte sie zu Hellgum: ›Nun kommen Sie gerade recht, um was Neues zu sehen, Hellgum. In Zukunft, scheint es mir, sollen die Kinder den Schulmeister in die Schule nehmen.‹ Da lachte Hellgum; er begriff wohl, daß dies zu weit ging. Er jagte die Kinder hinaus, und dann hatte dieser Unfug ein Ende.« Ingmar bemerkte, daß ihn der starke Ingmar, während er dies sagte, mit einem ganz eigenen Blick ansah. Es war, als stehe ein Jäger da und sähe einen angeschossenen Bären und denke darüber nach, ob es wohl notwendig sei, ihm noch einen Schuß zu geben. »Was erwartest du eigentlich von mir?« sagte Ingmar. – »Was sollte ich wohl von dir erwarten? Du bist ja nur ein Junge. Du hast ja auch gar nichts. Du hast ja nur deine beiden leeren Hände.« –- »Ich glaube wirklich, du verlangst, daß ich Hellgum totschlagen soll.« – »Unten im Kirchdorf sagten sie, daß alles wieder gut werden würde, falls du Hellgum dazu bringen würdest, von hier fort zu reisen.« – »Es ist ja nichts Neues, daß Streit und Zank ausbricht, wenn eine neue Lehre kommt,« sagte Ingmar. – »Es wäre ja auf alle Fälle eine gute Gelegenheit für dich, den Leuten zu zeigen, was du taugst,« fuhr der starke Ingmar halsstarrig fort. Ingmar wandte dem Alten den Rücken und setzte die Säge in Gang. Er hätte vor allem gern gewußt, wie es Gertrud gehe, und ob sie sich schon den Hellgumianern angeschlossen habe, aber er war zu stolz, um seine Unruhe zu verraten. Um acht Uhr ging Ingmar nach Hause auf den Ingmarshof, um Frühstück zu essen. Wie gewöhnlich waren besonders gute Speisen für ihn hingestellt, und Halvor wie auch Karin waren sehr freundlich. Sobald Ingmar sie sah, war es ihm, als könne er kein Wort von der langen Rede des starken Ingmar glauben. Ihm wurde wieder so leicht ums Herz, und er war fest überzeugt, daß der Alte übertrieben hatte. Aber bald entstand in ihm die Unruhe um Gertrud von neuem, und zwar so heftig, daß er nichts essen konnte. »Bist du nicht kürzlich bei Schulmeisters gewesen, Karin?« fragte er plötzlich. – »Nein,« antwortete Karin schnell, »mit solchen gottlosen Leuten verkehre ich nicht.« Ingmar schwieg; denn das war eine Antwort, die viel zu denken gab. War es nun richtig, zu schweigen oder zu reden? Redete er, so würde er sich mit seiner Familie erzürnen, aber er wollte auch nicht, daß sie glauben sollten, daß er einverstanden mit etwas sei, das verkehrt war. »Ich habe nie etwas von Gottlosigkeit bei Schulmeisters bemerkt,« sagte er so leise, daß es kaum zu hören war, »und ich habe doch vier Jahre dort gewohnt.« Karin dachte jetzt fast dasselbe wie Ingmar vor einem Augenblick; sie wußte nicht, ob sie reden oder schweigen sollte. Aber sie mußte Ingmar ja die Wahrheit sagen, selbst, wenn sie Ingmar wehe tun würde, und darum sagte sie, daß, wenn Menschen Gottes Ruf nicht folgen wollten, sie ja gottlos sein müßten. Jetzt fiel ihr Ingmar ins Wort: »Es ist ja so unaussprechlich wichtig mit den Kindern, was für eine Erziehung sie bekommen. Storm hat das ganze Kirchspiel und dich auch und Halvor erzogen.« – »Aber er hat uns doch nicht gelehrt, ein rechtschaffenes Leben zu führen,« sagte Karin. – »Ich meine, das hättest du immer gesagt, Karin.« – »Ich will dir sagen, wie es war nach der alten Lehre zu leben, Ingmar. Es war, als bewege man sich auf einem runden Balken, den einen Augenblick steht man und den nächsten fällt man. Aber wenn ich mich von meinen Mitmenschen an die Hand nehmen und mich stützen lasse, so kann ich auf dem schmalen Pfade der Gerechtigkeit gehen, ohne zu fallen.« – »Ja,« sagte Ingmar, »aber das ist ja auch keine Tugend.« –- »Es ist immerhin noch schwer genug, aber es ist doch nicht mehr unmöglich.« »Aber wie war es denn mit dem Schulmeister?« fragte Ingmar.– »Ja, die zu uns gehörten, nahmen die Kinder aus der Schule. Wir wollten nicht, daß die Kinder etwas von der alten Lehre hören sollten.« –- »Aber was sagte denn der Schulmeister dazu?« – »Er sagte, das Gesetz verlange, daß die Kinder zur Schule gehen sollten.« –- »Ja, das meine ich auch.« – »Da schickte er den Gendarm zu Israel Tomasson und zu Krister Larsson und ließ die Kinder holen.« – »Und nun seid Ihr mit Storms verfeindet?« – Ja, wir halten uns nur zueinander.« – »Ihr seid wohl mit dem ganzen Dorf verfeindet?« – »Wir halten uns von denen fern, die uns nur zu Sünden verlocken wollen.« Je länger die drei miteinander redeten, desto leiser sprachen sie. Sie waren ja alle sehr ängstlich in bezug auf jedes Wort, das fiel. Sie fanden alle, daß die Unterhaltung eine traurige Wendung nahm. »Aber von Gertrud kann ich dich grüßen,« sagte Karin. Sie versuchte einen munteren Ton anzuschlagen. »Hellgum hat diesen Winter viel mit ihr geredet; er sagt, daß sie sich heute abend uns anschließen will.« Ingmars Lippen begannen zu beben. Es war, als habe er den ganzen Tag darauf gewartet, getroffen zu werden, und jetzt fiel der Schuß. Jetzt flog die Kugel in seinen Körper. »So? Will sie sich euch wirklich anschließen?« sagte er mit beinahe unhörbarer Stimme. »Es geschehen wunderliche Dinge hier unten, während man da drüben in dem dunklen Walde umhergeht.« Ingmar bekam den Eindruck, daß Hellgum die ganze Zeit versucht haben mußte, sich bei Gertrud einzuschmeicheln und ihr Schlingen gelegt hatte, um sie zu locken. »Was soll denn nun aus mir werden?« fragte Ingmar mit einem wunderlich hilflosen Ton. – »Du mußt dich unserm Glauben anschließen,« sagte Halvor bestimmt. – »Jetzt ist Hellgum nach Hause gekommen, und sobald du erst mit ihm gesprochen hast, bekehrst du dich.« – »Es ist ja aber möglich, daß ich mich nicht bekehren werde,« sagte Ingmar. Da wurden Halvor und Karin stumm wie das Grab. »Es ist ja doch möglich, daß ich keinen anderen Glauben haben will, als mein Vater,« wiederholte Ingmar. – »Du solltest nichts sagen, ehe du nicht mit Hellgum gesprochen hast,« sagte Karin. – »Aber wenn ich nun nicht zu euch übertrete, so wollt ihr mich wohl nicht länger in eurem Hause haben?« sagte Ingmar und erhob sich von seinem Stuhl. Als sie nicht antworteten, war es Ingmar, als könne alles um ihn her auf einmal einstürzen. Aber im selben Augenblick richtete er sich auf und sah mutiger aus. »Es ist am besten, wenn ich jetzt gleich Klarheit hierüber erhalte,« dachte er. »Ich möchte gern wissen, wie es mit dem Sägewerk werden soll,« fuhr Ingmar fort. – Halvor saß da und sah Karin an. Sie waren beide bange, etwas zu sagen. »Du mußt wissen, Ingmar, daß wir niemand in der Welt so lieb haben, wie dich,« sagte Halvor. – »Ja, aber wie wird es mit dem Sägewerk?« fuhr Ingmar fort. – »Jetzt sollst du erst all deine Bretter fertig sägen, Ingmar.« Als Halvor so ausweichend antwortete, ging Ingmar ein Licht auf. »Vielleicht wollt ihr Hellgum das Sägewerk verpachten?« fragte er, und Halvor und Kann wurden ganz verwirrt durch Ingmars Heftigkeit; von dem Augenblick an, wo er das von Gertrud gehört hatte, war er so unzugänglich geworden. – »Laß nur Hellgum mit dir reden,« sagte Karin beruhigend. – »Er soll schon mit mir reden,« sagte Ingmar, »aber es wäre angenehm für mich zu wissen, wonach ich mich zu richten habe.« – »Du zweifelst doch nicht daran, daß wir es gut mit dir meinen, Ingmar?« – »Aber Hellgum wollt ihr das Sägewerk verpachten?« sagte Ingmar. – »Wir möchten Hellgum gern eine passende Arbeit verschaffen, damit er hier in Schweden bleiben kann. Wir hatten uns gedacht, du könntest sein Kompagnon werden, damit du zu dem rechten Glauben gelangst. Hellgum ist tüchtig bei der Arbeit.« – »Ich weiß nicht, seit wann du dich fürchtest, gerade heraus zu reden, Halvor,« sagte Ingmar. »Ich möchte nur wissen, ob es Eure Absicht ist, daß Hellgum das Sägewerk haben soll.« – »Wenn du dich gegen Gott auflehnst, so soll Hellgum es haben.« – »Vielen Dank, Halvor; jetzt weiß ich, welch ein Vorteil es für mich sein würde, wenn ich zu eurem Glauben übertrete!« – »Du weißt wohl, daß es nicht so gemeint ist,« sagte Karin. – »Ich verstehe eure Meinung recht gut,« sagte Ingmar. »Wenn ich nicht zu eurem Glauben übertrete, dann verliere ich sowohl Gertrud als auch das Sägewerk und mein altes Heim hier.« Ingmar verließ schnell die Stube. Er fürchtete sich, dazubleiben. Als er auf den Hof hinaus kam, dachte er wieder: »Es ist wohl am besten, wenn dieser Sache ein Ende gemacht wird. Ich muß wissen, wonach ich mich zu richten habe.« Mit langen Schritten begab er sich zum Schulhause hinab. Als Ingmar die Pforte öffnete, fiel ein leichter Regenschauer, so ein milder, dichter Frühlingsregen, herab. In des Schulmeisters Garten hatte es schon angefangen zu knospen und zu keimen. Die Erde ward so schnell grün, daß man meinte, man könne das Gras wachsen sehen. Gertrud stand draußen auf der Treppe. Sie sah in den Frühlingsregen hinaus, und die beiden großen Faulbäume, die voll von halbaufgesprungenen Blättern waren, breiteten ihre Zweige über sie aus. Ingmar blieb verwundert stehen. Alles hier unten war so friedlich und so schön. Noch einmal legte sich die Erregung, in der er sich befand. Gertrud hatte ihn noch nicht gesehen; er schloß die Pforte leise und ging auf sie zu. Aber als Ingmar näher kam, blieb er noch einmal stehen und sah Gertrud erstaunt an. Als er sich von ihr getrennt hatte, war sie nicht viel mehr als ein Kind gewesen. Aber in diesem einen Jahr, wo er sie nicht gesehen hatte, war sie zu einer stolzen, tannenschlanken Jungfrau geworden. Gertrud war jetzt ganz erwachsen, groß und schlank. Der Kopf saß schön auf dem feinen Halse, ihre Haut war weiß und weich wie Flaum, mit frischem Rot auf den Wangen. Die Augen waren tief und träumerisch geworden, der ganze Ausdruck der früher schelmisch und froh gewesen war, war jetzt in Ernst und milde Sehnsucht verwandelt. Als Ingmar Gertrud so sah, füllte sich sein Herz mit Glückseligkeit; es ward still und friedlich um ihn her. Es war, als ob große Glocken den Feiertagsfrieden einläuteten. Es war so herrlich, daß er das Bedürfnis empfand, auf die Knie zu fallen und Gott zu danken. Aber als Gertrud Ingmar erblickte, wurden ihre Züge plötzlich starr, und die Augenbrauen zogen sich zusammen, so daß sich eine kleine, feine Falte zwischen ihnen bildete. Ingmars Gedanken waren an diesem Tage schneller als sonst; er sah sofort, daß Gertrud sich nicht darüber freute, daß er kam, und er empfand einen plötzlichen, schneidenden Schmerz, gleichsam wie einen Hieb. »Sie wollen sie dir nehmen,« dachte er. »Sie haben sie dir schon weggenommen.« Der Feiertagsfriede war verschwunden, und seine ganze Aufregung und Unruhe kehrte wieder. Ohne irgendeine Einleitung fragte Ingmar dann Gertrud, ob es wahr sei, daß sie die Absicht habe, sich Hellgum und seinen Anhängern anzuschließen. – Gertrud antwortete, es sei wahr. – Ingmar fragte heftig, ob sie wohl erwogen habe, daß die Hellgumianer sie nicht mit anderen verkehren lassen würden, als mit denen, die so dachten wie sie. Gertrud antwortete ruhig, das habe sie erwogen. »Hast du Erlaubnis von deinem Vater und deiner Mutter erhalten?« fragte Ingmar. – »Nein,« sagte Gertrud, »die wissen nichts davon.« – »Aber Gertrud –!« – »Still, Ingmar, ich muß es tun, um Ruhe zu erlangen. Gott zwingt mich.« – »Ach,« fuhr Ingmar auf, »das ist nicht gut, das ist – – – .« Gertrud wandte sich heftig nach ihm um. Ingmar sagte nur: »Ich will dir doch sagen, daß ich mich Hellgum niemals anschließen werde. Gehst du zu den Hellgumianern über, so sind wir beide getrennt.« Gertrud sah so aus, als verstünde sie nicht, was sie dies angehe. »Tue es nicht, Gertrud,« bat Ingmar. – »Du mußt nicht glauben, daß ich leichtsinnig handle, ich habe es genau überlegt.« – »Überlege es dir noch einmal.« – Gertrud wandte sich ungeduldig von ihm ab. – »Du mußt ja auch um Hellgums willen die Sache überlegen,« sagte Ingmar mit steigendem Zorn und packte Gertrud am Arm, um sie festzuhalten. – Gertrud schüttelte seine Hand ab. »Bist du denn ganz von Sinn und Verstand, Ingmar?« – »Ja,« erwiderte Ingmar. »Hellgum und all sein Tun und Treiben macht mich verrückt. Diese Sache muß ein Ende haben.« – »Was muß ein Ende haben?« – »Das werde ich dir ein andermal erzählen.« Gertrud zuckte die Achseln. – »Ja, dann lebe wohl, Gertrud,« sagte Ingmar, »und denk' an das, was ich dir sage: du wirst nie zu den Hellgumianern gehören.« – »Was hast du vor, Ingmar?« fragte Gertrud; sie fing an unruhig zu werden. – »Lebe wohl, Gertrud, und denk' an das, was ich gesagt habe,« rief Ingmar. Er war schon unten auf dem Kieswege. Ingmar ging jetzt nach Hause. »Ach, wäre ich doch so klug wie mein Vater,« dachte er unterwegs. »Hätte ich doch die Macht des großen Ingmar. Was soll ich tun? Ich verliere alles, was ich habe und sehe keinen Ausweg.« Das einzige, was er mit Sicherheit wußte, war, daß, falls alles dies Unglück über ihn kam, Hellgum nicht mit heiler Haut davonkommen sollte. Er begab sich nach der Hütte des starken Ingmar, um mit Hellgum zu reden. Als er an die Tür kam, hörte er mehrere Stimmen laut und eifrig sprechen. Es klang, als wenn mehrere Fremde darin seien, und Ingmar kehrte schnell um. Als er ging, hörte er einen Mann sehr laut sagen: »Wir sind drei Brüder, und wir sind von weit hergekommen, um dich zur Verantwortung zu ziehen, Johan Hellgum, um unseres jüngsten Bruders wegen, der vor zwei Jahren nach Amerika gereist ist. Da ließ er sich in deiner Gemeinde aufnehmen, und in diesen Tagen haben wir einen Brief erhalten, daß er seinen Verstand verloren hat von dem Grübeln über deine Lehre.« Ingmar ging schnell von dannen. Da waren wohl noch mehrere als er, die Klage gegen Hellgum zu führen hatten, und alle zusammen standen sie gleich hilflos da. Ingmar ging nach dem Sägewerk hinab. Der starke Ingmar war schon in voller Arbeit. Während die Säge kreischte und der Giesbach lärmte, glaubte Ingmar einen Schrei aus der Hütte zu vernehmen. Er achtete jedoch nicht weiter darauf. Er hatte keinen Sinn für etwas anderes, als den starken Haß, den er gegen Hellgum empfand. Er zählte sich selbst alles auf, was ihm Hellgum genommen hatte; Gertrud und Karin und das Sägewerk und die Heimat. Noch einmal war es ihm, als höre er einen Schrei. Es fiel ihm ein, daß die Fremden und Hellgum vielleicht in einen Streit geraten sein könnten. Es könnte ja nicht schaden, wenn sie ihn totschlügen, dachte er zornerfüllt. Da ertönte ein lauter Hilferuf, und Ingmar lief schnell den Abhang hinauf. Je näher er kam, desto deutlicher hörte er Notschreie, und als er da zu dem Hause hinabkam, war es ihm, als bebe die Erde unter Kampfgetümmel. Ingmar öffnete eine Tür stets leise und vorsichtig, und diesmal war er doppelt behutsam. Er kam ganz geräuschlos in die Stube geschlichen. Da drinnen stand Hellgum gegen die Wand gedrängt und verteidigte sich mit einer kurzen Axt. Die drei Fremden, die alle starke, kräftige Männer waren, fielen mit Holzscheiten über ihn her, die sie wie Keulen schwangen. Flinten hatten sie nicht bei sich, daraus konnte man sehen, daß sie nur gekommen waren, um Hellgum eine ordentliche Tracht Prügel zu versetzen. Aber als er sich gegen sie verteidigte, waren sie von Mordlust ergriffen worden, so daß es sich jetzt um Hellgums Leben handelte. Sie achteten kaum auf Ingmar, das war ja nur ein langer, unbeholfener Junge, der da in die Stube kam. Einen Augenblick stand Ingmar still und sah zu. Es war ihm, als sei es ein Traum, wenn das, was man am glühendsten wünscht, sich dem Blicke offenbart, ohne daß man begreift, woher es kommt. Von Zeit zu Zeit stieß Hellgum einen Hilferuf aus. »Du brauchst nicht zu glauben, daß ich so dumm bin, dir zu helfen,« dachte Ingmar. Einer von den Männern traf Hellgum mit einer solchen Gewalt auf den Kopf, daß er die Axt fallen ließ und niederstürzte. Die anderen warfen die Holzscheite zur Seite, zogen die Messer heraus und stürzten sich über Hellgum. Da durchzuckte Ingmar ein Gedanke. Es gab in seiner Familie ein altes Wort, daß sie einmal alle in ihrem Leben eine niedrige oder schlechte Handlung begehen mußten. War jetzt die Reihe an ihn gekommen? Plötzlich fühlte einer der Brüder sich von hinten von zwei starken Armen ergriffen, die ihn in die Höhe hoben und ihn zum Zimmer hinauswarfen. Der andere hatte keine Zeit, daran zu denken, daß er sich aufrichten wolle, als es ihm ebenso erging, und der dritte, dem es gelang, wieder auf die Beine zu kommen, erhielt einen Stoß, so daß er rücklings zu den anderen hinaussauste. Als sie alle drei hinausgeschmissen waren, stellte sich Ingmar in die Tür. »Habt ihr nicht Lust, wieder hineinzukommen!« rief er und lachte. Er hätte nichts dagegen gehabt, wenn sie ihn angegriffen hätten. Es tat gut, einmal seine Kräfte gebrauchen zu können. Die drei Brüder schienen auch aufgelegt zu sein, noch einmal wieder anzufangen, da rief einer von ihnen, daß sie fliehen müßten, und er sah jemand auf dem Pfade hinter den Erlenbüschen daherkommen. Aber sie waren rasend darüber, daß sie Hellgum nicht überwunden hatten, und indem sie sich umwandten, um zu gehen, lief einer zurück, stürzte sich auf Ingmar zu und stieß ihm das Messer in den Nacken. »Das sollst du dafür haben, daß du dich in unsere Angelegenheiten einmischst,« rief er. Ingmar sank zu Boden, und mit lautem Hohngelächter lief der Mann davon. Ein paar Minuten später stand Karin in der Hütte. Sie fand Ingmar auf der Türschwelle mit einer Wunde im Nacken sitzen. Im Zimmer sah sie Hellgum. Er hatte sich wieder erhoben und stand gegen die Wand gelehnt. Er hielt die Axt in der Hand, und das Blut stürzte ihm über das Gesicht. Karin hatte die Flüchtlinge nicht gesehen, sie glaubte, daß Ingmar Hellgum überfallen und ihn verwundet hatte. Sie erschrak so, daß ihr die Knie zitterten. »Nein, das ist nicht möglich,« dachte sie. »Niemand aus unserer Familie kann zum Mörder werden.« Im selben Augenblick mußte sie an die Geschichte ihrer Mutter denken. – »Daher stammt es,« murmelte sie. Karin eilte an Ingmar vorbei zu Hellgum. – »Nein, nein, erst Ingmar,« rief Hellgum. – »Man soll sich doch nicht des Mörders annehmen, ehe man für das Opfer gesorgt hat,« sagte Karin. – »Ingmar erst, Ingmar erst,« brüllte Hellgum. Er war in so heftiger Erregung, daß er die Axt gegen sie schwang. »Er hat ja die Mörder zurückgeschlagen und mir das Leben gerettet.« Als Karin endlich den Zusammenhang verstanden hatte und sich umwandte, um nach Ingmar zu sehen, hatte er sich erhoben und war hinausgegangen. Karin sah ihn über den Hofplatz schwanken. Da lief ihm Karin nach: »Ingmar, Ingmar!« rief sie. Ingmar fuhr fort zu gehen, ohne sich nur nach ihr umzuwenden. Karin holte ihn ohne weitere Anstrengung ein. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. »Steh' still, Ingmar, damit ich dich verbinden kann.« Ingmar riß sich los und ging weiter. Er ging ganz wie ein Blinder, ohne auf Weg oder Steg zu achten. Das Blut aus der Wunde war unter den Kleidern hervorgequollen, es floß in den einen Schuh hinab und füllte ihn ganz. Bei jedem Schritt, den er tat, wurde das Blut aus dem Schuh hinausgepreßt und hinterließ eine rote Spur auf der Erde. Karin ging ihm nach und rang die Hände. »Steh' still, Ingmar, steh' still, Ingmar! Wohin gehst du? Steh' still, Ingmar!« Ingmar ging weiter, geradeswegs in den Wald hinein, wo keine Menschen waren, die ihm helfen konnten. Karin sah unverwandt auf seinen Schuh, der mit Blut angefüllt war. Jede Minute wurde die Fußspur röter und röter. »Jetzt geht er in den Wald hinein und legt sich hin, um zu verbluten,« dachte Karin. »Gott segne dich, daß du Hellgum geholfen hast,« sagte Karin sanft, »es gehört der Mut und die Kraft eines Mannes dazu.« Ingmar ging weiter, ohne auf sie zu hören. Karin lief an ihm vorüber und stellte sich ihm in den Weg. Er wich ihr aus, ohne sie anzusehen. Er murmelte nur: »Geh' hin und hilf Hellgum!« »Hör' jetzt einmal, Ingmar. Halvor und ich sind beide sehr traurig über das gewesen, worüber wir heute morgen sprachen. Ich war gerade auf dem Wege zu Hellgum, um ihm zu sagen, daß, wie es auch gehen möge, du das Sägewerk behalten müßtest.« – »Ja, jetzt kannst du es Hellgum ja geben,« antwortete Ingmar. Er ging weiter, strauchelte über Stock und Stein, ging und ging aber. Karin ging hinter ihm drein und versuchte, ihm ins Herz zu reden: »Du mußt verzeihen, daß ich einen Augenblick irrte und glaubte, du wärst mit Hellgum in Streit geraten. Es war nicht leicht, etwas anderes zu glauben.« »Es wurde dir leicht zu glauben, daß dein Bruder ein Mörder ist,« sagte Ingmar, ohne sich nach ihr umzusehen. Er ging immer weiter. Wenn das Gras, das seine Füße niedertraten, sich wieder aufrichtete, tropfte Blut von den Grashalmen. Erst als Karin Ingmar Hellgums Namen jeden Augenblick nennen hörte, wurde es ihr so recht klar, wie sehr er ihn haßte. Und zur selben Zeit begriff sie auch, wie groß das war, was Ingmar getan hatte. »Alle Menschen werden jetzt von dem reden, was du heute getan hast, und dich dafür loben,« sagte sie. »Du wirst doch nicht von all dieser Ehre wegsterben wollen?« Sie hörte Ingmar höhnisch lachen. Er sah sie mit einem bleichen, verstörten Gesicht an. »Kannst du nicht nach Hause gehen, Karin? Ich weiß ja, wem du am liebsten helfen möchtest.« Sein Gang wurde immer schwankender, und es zog sich jetzt ein großer Streifen Blut auf der Erde hin, wo er gegangen war. Dieser Blutstrom brachte Karin ganz außer sich. Die große Liebe, die sie immer für Ingmar empfunden hatte, flammte mit neuer Kraft auf, als erhalte sie Nahrung von dem roten Blutstreifen. Und jetzt war sie auch stolz auf Ingmar und fand, daß er ein kräftiger Sproß an dem alten Stamm sei. »Ingmar,« sagte Karin, »ich finde, du kannst es nicht vor Gott und den Menschen verantworten, dein Leben so aufs Spiel zu setzen, und das mußt du wissen, falls ich etwas tun kann, um dir Lust am Leben zu schenken, so brauchst du es nur zu sagen.« Ingmar stand still, er umklammerte einen Baumstamm, um sich aufrecht zu halten. Sie hörte ihn höhnisch lachen, dann sagte er: »Du willst Hellgum vielleicht nach Amerika schicken?« Karin stand da und sah die Blutlache an, die sich um Ingmars linken Fuß angesammelt hatte. Sie versuchte nachzudenken, was es sei, das der Bruder verlangte, und es war ungefähr dasselbe, als solle sie den schönen Paradiesgarten, in dem sie den ganzen Winter gelebt hatte, verlassen und von neuem das Leben in der elenden Welt der Sünde anfangen, das jetzt hinter ihr lag. Ingmar wandte sich ganz um, sein Gesicht war erdfahl. Die Haut an den Schläfen und an der Nase zog sich ganz stramm wie bei einem Toten. Aber die große Unterlippe trat gebieterischer hervor denn je, und der scharfe Zug um den Mund zeigte sich deutlich. Es war nicht anzunehmen, daß er seine Forderung aufgeben würde. »Ich glaube nicht, daß Hellgum und ich hier in der Gemeinde zusammen leben können,« sagte Ingmar. »Aber ich sehe ja freilich, daß ich ihm werde weichen müssen.« »Nein,« sagte jetzt Karin schnell, »wenn ich dich nur pflegen darf, so daß du am Leben bleiben kannst, dann verspreche ich dir, dafür zu sorgen, daß Hellgum abreist.« »Gott wird schon einen anderen Helfer für uns finden,« dachte Karin gleichzeitig, als sie das sagte. »Aber ich kann keinen anderen Ausweg sehen, als das zu tun, was Ingmar will.«   Ingmar war verbunden und zu Bett gebracht. Die Wunde war nicht gefährlich, er sollte sich nur ein paar Tage ruhig verhalten. Er lag oben und Karin saß an seinem Bett. Den ganzen Tag lag Ingmar da und phantasierte, er erlebte alles noch einmal, was ihm in den Tagen widerfahren war. Karin wurde sich bald klar darüber, daß es nicht allein Hellgum und das Sägewerk war, was ihm zu schaffen machte. Am Abend war es klar und ruhig; da sagte Karin zu ihm: »Hier ist jemand, der gern mit dir reden möchte.« – Ingmar antwortete, er sei zu müde, um mit jemand zu sprechen. – »Ja, aber ich glaube, daß es dir gut tun würde.« Gleich darauf trat Gertrud zu Ingmar ein. Sie sah sehr feierlich und bewegt aus. Ingmar hatte Gertrud lieb gehabt, auch damals, als sie schelmisch und neckisch gewesen war, aber damals war stets etwas in ihm gewesen, das sich gegen diese Liebe aufgelehnt hatte. Jetzt war ein schweres Jahr voller Sehnsucht und Unruhe an Gertrud vorübergegangen und hatte sie so umgewandelt, daß Ingmar, wenn er sie nur sah, ein mächtiges Verlangen empfand, sie zu gewinnen. Als Gertrud an das Bett trat, hielt er die Hand vor die Augen. »Willst du mich nicht sehen?« sagte Gertrud. Ingmar schüttelte den Kopf. Jetzt war er wie ein launenhaftes Kind. »Ich möchte nur gern ein paar Worte zu dir sagen dürfen,« sagte Gertrud. »Du kommst wohl, um mir zu erzählen, daß du dich den Hellgumianern angeschlossen hast?« Gertrud kniete neben dem Bett nieder. Sie entfernte Ingmars Hand von seinen Augen. »Da ist etwas, wovon du nichts weißt, Ingmar.« – Ingmar sah sie fragend an, er sagte nichts. Gertrud errötete und zögerte, aber dann sagte sie: »Im vorigen Jahr, gerade als du von uns fortzogst, hatte ich angefangen, dich auf die rechte Weise lieb zu haben.« Ingmar wurde ganz rot. Er lächelte ein wenig vor Freude, aber gleich darauf war er wieder ernsthaft und mißtrauisch. – »Ich habe mich so sehr nach dir gesehnt, Ingmar.« – Ingmar lächelte zweifelnd, streichelte ihr aber leise die Hand zum Dank, daß sie gut gegen ihn hatte sein wollen. – »Und du kamst nicht ein einziges Mal zu mir hinab,« klagte sie. »Es war, als wenn ich nicht mehr für dich da sei.« »Ich wollte dich nicht wiedersehen, ehe ich nicht ein ganzer Mann geworden war und um dich freien konnte,« sagte Ingmar, als wenn dies etwas sei, das sich ganz von selbst verstehe. »Aber ich glaubte, du hättest mich vergessen.« Gertrud traten die Tränen in die Augen. »Du weißt gar nicht, was für ein Jahr ich durchgemacht habe. Hellgum ist so gut gegen mich gewesen und hat mich getröstet. Er sagte, mein Herz würde still werden, wenn ich mich ganz Gott hingäbe.« Da sah sie Ingmar mit einer ganz neuen Erwartung im Blick an. »Ich wurde so bange, als du heute kamst. Ich fürchtete, ich würde dir nicht widerstehen können, und daß der Kampf von neuem beginnen würde.« Da breitete sich ein strahlendes Lächeln über Ingmars Antlitz aus. Aber er schwieg noch immer. »Aber heute abend hörte ich, Ingmar, daß du dem geholfen hattest, den du haßtest, und da konnte ich nicht mehr.« Gertrud wurde dunkelrot. »Ich fühlte, daß es mir unmöglich sei, etwas zu tun, das mich von dir scheiden würde.« Im selben Augenblick beugte sie sich über Ingmars Hand und küßte sie. Ingmar war es, als wenn große Glocken vor seinen Ohren einen hohen Feiertag einlauteten. Sonntagsfriede und Sonntagsstille zogen in ihm ein, und die Liebe lag ihm auf der Zunge, süß wie Honig, und verbreitete sich erfrischend und erquickend über sein ganzes Sein.   2. Buch Der Untergang »L'Univers«. In einer nebligen Sommernacht des Jahres 1880, also ein paar Jahre, bevor der Schulmeister sein Missionshaus baute und Hellgum aus Amerika heimkehrte, glitt der große französische Passagierdampfer »L'Univers« über den Atlantischen Ozean auf dem Wege zwischen New York und Le Havre. Es war ungefähr vier Uhr morgens, alle Passagiere und der größte Teil der Schiffsmannschaft lagen und schliefen in ihren Kojen. Die großen Decks waren fast ganz leer. Bei Tagesanbruch lag ein alter französischer Matrose und drehte und wendete sich in seiner Hängematte, ohne schlafen zu können. Es war ein wenig Seegang, und alles Holzwerk des Schiffs ächzte und krachte unaufhörlich, aber das war es nicht, was ihn daran hinderte, einzuschlafen. Er und seine Kameraden lagen in einem großen, aber sehr niedrigen Raume, so daß er die grauen Kojen dort in dichten Reihen hängen und leise mit den Schlafenden hin und her schlingern sah. Von Zeit zu Zeit glitt ein Windhauch durch die Luken, so feucht und kühl, daß das ganze Meer, das sich da draußen unter dem Nebel in kleinen graugrünen Wellen kräuselte, ihm in seinen Gedanken gegenwärtig ward. »Es geht doch nichts über das Meer,« dachte der alte Seemann. Als er das dachte, wurde plötzlich alles um ihn her so wunderlich still. Er hörte weder das Stöhnen der Maschinen noch das Rasseln der Ruderketten oder das Plätschern der Wellen oder das Sausen des Windes oder sonst irgend etwas. Es war ihm, als sei das Schiff plötzlich untergegangen, so daß er und seine Kameraden nie in ein Leichentuch gehüllt und in einen Sarg gelegt würden, sondern dort in den grauen Kojen tief unten unter dem Meere bis in alle Ewigkeit hängenbleiben müßten. Früher hatte er sich davor gefürchtet, sein Grab in den Wellen zu finden. Jetzt fand er Gefallen an dem Gedanken. Er freute sich, daß das plätschernde, durchsichtige Wasser über ihm ruhte, und nicht schwarze, schwere, erdrückende Kirchhofserde. »Es geht doch nichts über das Wasser,« dachte er noch einmal. Aber dann fing er an, über etwas zu grübeln, das ihn beunruhigte. Er hatte die letzte Ölung nicht erhalten, und nun fürchtete er, daß seine Seele Schaden davon nehmen würde, daß sie auf dem Grund des Meeres ruhte und das Sterbesakrament nicht erhalten hatte. Eine Angst überkam ihn, daß sie niemals den Weg zum Himmel finden würde. Im selben Augenblick gewahrte er einen schwachen Lichtschimmer am vorderen Ende, wo der Schlafraum schmaler wurde, und er erhob sich und beugte sich aus der Hängematte vor, um zu sehen, was es sei. Er sah bald, daß es jemand war, der zwei brennende Kerzen trug. Er beugte sich noch weiter und weiter vor, um zu sehen, wer da gegangen kam. Die Kojen hingen so dicht nebeneinander und so nahe über dem Fußboden, daß, falls man durch den Raum gelangen wollte, ohne diejenigen, die dalagen und schliefen, zu stoßen und puffen, man eigentlich kriechen mußte. Der alte Seemann konnte nicht begreifen, wer sich dort einen Weg zu bahnen vermochte. Bald sah er es. Es waren zwei kleine Chorknaben, jeder mit seiner Wachskerze in der Hand. Er sah ganz deutlich ihren langen schwarzen Rock und die kurzgeschorenen Köpfe. Der Seemann wunderte sich gar nicht, er dachte nur, es sei etwas ganz Natürliches, daß die, die so klein waren, mit brennenden Kerzen unter den Kojen hindurchgehen konnten. »Ob sie wohl auch einen Priester bei sich haben?« dachte er, und im selben Augenblick hörte er ein feines Glockengeklingel und sah, daß einer mit dabei war. Aber es war kein Priester, es war eine alte Frau, die nicht viel größer war als die Chorknaben. Es war ihm, als müsse er die Alte kennen. »Es muß Mutter sein,« dachte er. »Ich habe nie jemand gesehen, der kleiner war als Mutter, und niemand als Mutter könnte sich so unter den Kojen hindurchschleichen, ohne jemand zu wecken.« Er sah, daß die Mutter eine lange Jacke aus weißem, klaren Stoff anhatte, mit breiten Spitzen verbrämt, genau so, wie sie die Priester über ihren schwarzen Röcken trugen. In der Hand hielt sie ein großes Meßbuch, und das goldene Kreuz, das er tausende von Malen daheim in der Kirche auf dem Altar hatte liegen sehen. Die kleinen Chorknaben stellten die Lichter neben seine Hängematte, knieten nieder und schwangen jeder sein Räucherfaß. Der Seemann spürte den lichten Duft des Weihrauches, sah die blauen Rauchwolken in der Luft schweben und hörte die Ketten des Raucherfasses klirren. Währenddes schlug seine Mutter das große Buch auf, und es war ihm, als begänne sie das Sterbesakrament zu lesen. Jetzt fand er es ganz friedlich und gut, so tot auf dem Grunde des Meeres zu liegen. Dies war viel besser als der Kirchhof. Er streckte sich in seiner Koje und lange noch hörte er die Stimme seiner Mutter lateinische Worte murmeln. Der Weihrauch hüllte ihn ein, und er hörte die Ketten des Räucherfasses klirren. Da auf einmal hörte das alles auf, die Chorknaben nahmen die Kerzen und gingen vor der Mutter her, die das Buch mit einem Knall schloß und hinter ihnen dreinging. Er sah sie alle drei unter den grauen Kojen verschwinden. Im selben Augenblick, als sie verschwunden waren, hatte auch die Stille ein Ende. Er hörte die Atemzüge der Kameraden, das Holzwerk krachte, der Wind pfiff, und die Wellen plätscherten. Es ward ihm klar, daß er noch zu den Lebenden auf der Oberfläche des Meeres gehörte. »Jesus Maria! Was bedeutet das, was ich heute nacht gesehen habe?« fragte er sich selbst. Zehn Minuten darauf ward »L'Univers« von einem starken Stoß mittschiffs getroffen. Es war, als ob der große Dampfer mitten durchgeschnitten werde. »Das habe ich erwartet,« dachte der alte Seemann. Während der gräßlichen Verwirrung, die jetzt entstand, als sich alle die anderen Seeleute halb erwacht aus den Kojen hinausstürzten, legte er ruhig seine besten Kleider an. Er hatte gleichsam einen Vorgeschmack des Todes auf den Lippen, und der war mild und sanft. Es war ihm, als gehöre er schon da unten auf den Grund des Meeres hin.   Als der starke Stoß das Schiff erschütterte, lag ein kleiner Schiffsjunge in einer Abseite auf Deck, nahe dem Speisesaal. Er richtete sich halb wach in der Koje auf. Gerade über seinem Kopf befand sich eine kleine runde Glasscheibe, durch die er hinaussah. Er sah nichts weiter als Nebel und etwas unförmlich Graues, das gleichsam aus dem Nebel herauswuchs. Es war ihm, als sähe er große Flügel, es war gewiß ein schrecklich großer grauer Vogel, der in der Finsternis der Nacht auf das Schiff niedergestoßen war. Das lag nun da und schlingerte und rollte unter seinen Angriffen, aber das große Ungeheuer hieb mit seinem Schnabel und seinen Klauen und den schlagenden Flügeln darauflos. Der kleine Schiffsjunge glaubte, er müsse vor Schrecken sterben. Aber im nächsten Augenblick war er ganz wach. Da sah er, daß ein großes Segelschiff dalag und auf den Dampfer einhieb. Er sah großen Nebel und ein fremdes Verdeck, auf dem Männer in langen Lederjacken in wahnsinniger Angst umherstürzten. Der Wind nahm sich auf, und alle die unzähligen Segel waren so stark gebläht, daß man auf ihnen wie auf einem Trommelfell trommeln konnte. Die Masten schwankten, und Rahen und Taue sprangen mit einem Geknall, das wie Schüsse klang. Der große Dreimaster, der in dem dichten Nebel »L'Univers« übersegelt hatte, war auf irgendeine Weise mit seinem Bugsprit in die Seite des Dampfers eingekeilt und konnte nicht wieder loskommen. Der Dampfer lag stark nach der einen Seite geneigt, aber seine Schrauben fuhren fort zu arbeiten, so daß er und das Segelschiff zusammen dahintrieben. »Großer Gott,« dachte der kleine Schiffsjunge, indem er auf Deck stürzte, »das arme Schiff ist mit uns zusammengestoßen und nun muß es untergehen.« Es kam ihm nicht einen Augenblick in den Sinn, daß der Dampfer in Gefahr sein könne, so groß und stark, wie er war. Die Offiziere des Schiffes kamen jetzt herbeigestürzt, aber als sie sahen, daß es nur ein Segelschiff war, das mit »L'Univers« zusammengestoßen war, beruhigten sie sich und trafen mit der größten Ruhe Vorbereitungen, um die Schiffe voneinander klar zu machen. Der kleine Schiffsjunge stand auf Deck, barfüßig, das Hemd im Winde flatternd, und winkte den unglücklichen Leuten auf dem Segelschiff zu, daß sie auf den Dampfer hinüberkommen und ihr Leben retten sollten. Anfangs schien es, als ob niemand ihn bemerkte, bald aber sah er, daß ein großer rotbärtiger Mann anfing, ihm zuzuwinken. »Komm herüber. Junge!« rief der Mann und lief dicht an die Reling, »der Dampfer sinkt.« Der kleine Junge dachte nicht einen Augenblick daran, auf das Segelschiff hinüberzugehen. Er rief, so laut er konnte, die Schiffbrüchigen sollten sich auf »L'Univers« hinüberretten. Die anderen Seeleute, die an Bord des Segelschiffes waren, arbeiteten mit Stangen und Bootshaken, um sich von dem Dampfer loszumachen. Aber den Rotbärtigen schien ein wunderliches Mitleid für den kleinen Schiffsjungen erfaßt zu haben. Er hielt die Hände vor den Mund wie ein Schallrohr und rief: »Herüber! Herüber!« Verfroren und jämmerlich stand der Kleine in seinem dünnen Hemd auf dem Verdeck. Er rief, so laut er konnte, der Mannschaft zu, sie sollten den Dampfer entern. Ein großer Dampfer wie »L'Univers« mit sechshundert Passagieren und einer Besatzung von zweihundert Mann konnte doch unmöglich untergehen. Und er sah ja, daß der Kapitän und die Matrosen ebenso ruhig waren wie er. Plötzlich ergriff der Rotbärtige einen Bootshaken und streckte ihn nach dem Jungen aus, hakte ihn in sein Hemd hinein und wollte ihn auf das Segelschiff hinüberziehen. Der Junge wurde ganz bis über die Reling hinübergezogen, aber da gelang es ihm, sich loszureißen. Er wollte sich nicht auf das fremde Schiff hinüberziehen lassen, das im Begriff war zu sinken. Gleich darauf vernahm man ein neues, fürchterliches Krachen. Das war der Bugsprit des Segelschiffes, das abbrach. Dadurch kamen die beiden Schiffe klar von einander. Als der Dampfer weiter brauste, sah der Junge das mächtige Bugsprit geknickt an dem Vorderteil des Segelschiffes hängen, und gleichzeitig sah er ganze Wolken von Segeln auf die Mannschaft herabstürzen. Aber der Dampfer ging mit voller Fahrt weiter, und das fremde Schiff verhüllte der Nebel. Das letzte, was der Junge sah, war, daß die Leute anfingen, sich aus dem Segelhaufen herauszuarbeiten. Dann verschwand das Segelschiff schnell, als sei es hinter eine Mauer geglitten. – »Es ist schon untergegangen,« dachte der Junge, und stand da und lauschte, ob er keine Notrufe hörte. Da rief eine starke, grobe Stimme nach dem Dampfschiff hinüber: »Rettet die Passagiere, setzt die Boote aus.« Wieder wurde alles still. Wieder lauschte der Knabe auf die Notrufe. Da vernahm er die Stimme in weiter, weiter Entfernung: »Betet zu Gott! Ihr seid verloren.« Im selben Augenblick kam ein alter Matrose auf den Kapitän zu: »Wir haben mittschiffs ein großes Leck, wir gehen unter,« sagte er still und feierlich.   Ein paar Minuten nach dem Zusammenstoß kam eine kleine Dame auf Deck. Sie war vollständig angekleidet. Der Paletot war zugeknöpft und der Hut unter dem Kinn zugebunden. Sie kam wenige Minuten, nachdem das Leck entdeckt war, aus der Kajüte der ersten Klasse herauf. Es war eine kleine, alte Dame mit grauem, krausem Haar, runden Eulenaugen und rotscheckiger Gesichtsfarbe. Während der kurzen Zeit, die sie unterwegs gewesen waren, hatte sie es fertiggebracht, die Bekanntschaft aller an Bord Anwesenden zu machen; alle wußten, daß sie Miß Hoggs hieß, und allen Menschen, der Mannschaft wie auch den Passagieren, hatte sie erzählt, daß sie sich niemals fürchtete. Sie hatte erzählt, sie sei seit vielen Jahren gereist und gereist und sei sehr vielen Gefahren ausgesetzt gewesen, aber gefürchtet habe sie sich nie. »Sie wisse nicht, wovor sie sich fürchten sollte,« sagte sie. Einmal müsse sie ja doch sterben, was tat es, ob es früher oder später war. Auch jetzt fürchtete sie sich nicht, sie war nur auf das Verdeck geeilt, um zu sehen, ob dort etwas Interessantes oder Ergreifendes vor sich ging. Das erste, was sie sah, waren zwei Matrosen, die mit wilden, angsterfüllten Gesichtern an ihr vorüberstürzten. Die Stuarts kamen halbangekleidet angelaufen, um in die Kajüten hinabzueilen und die Passagiere aufzufordern, schnell an Deck zu kommen. Ein alter Matrose kam mit einem ganzen Stapel Rettungsgürtel belastet, die er in einem Haufen auf das Verdeck warf. Ein kleiner Schiffsjunge saß in bloßem Hemd in einer Ecke und weinte und rief, daß er sterben müsse. Hoch oben auf der Kommandobrücke sah sie den Kapitän und hörte seine Worte: »Die Maschine anhalten! Boote aussetzen!« Die rußigen Treppen, die zu den Maschinenräumen hinabführten, kamen Heizer und Maschinenmeister hinaufgestürzt und riefen: das Wasser dringt schon in die Maschinenräume ein. Miß Hoggs hatte kaum einen Augenblick auf Deck gestanden, als es schon von Menschen überfüllt war. Die Passagiere der dritten und vierten Klasse kamen in dichten Haufen gestürzt und schrien, sie müßten zu den Booten eilen, sonst würde nur die erste und zweite Klasse gerettet. Aber als die Verwirrung immer größer wurde und Miß Hoggs sah, daß wirklich Gefahr im Anzug war, schlich sie auf das oberste Verdeck über dem Speisesaal hinauf, wo außerhalb der Reling einige Rettungsboote hingen. Hier oben war kein Mensch, und ohne, daß sie es bemerkten, kletterte Miß Hoggs über die Brüstung in eins der Boote, das an seinen Blöcken und Tauen über der schwindelnden Tiefe hing. Sobald sie hier hinaufgelangt war, beglückwünschte sie sich zu ihrer großen Klugheit. Das hieß einen großen und ruhigen Kopf haben. Wenn das Boot erst ins Wasser hinabgelassen war, würden die Leute sich drängen, um mitzukommen. Es würde ein furchtbarer Kampf an den Luken und Fallrepstreppen entstehen. Sie sah jetzt, daß ein Boot bemannt worden war und an die Treppe ruderte, und daß die Leute anfingen, in das Boot hinabzusteigen. Aber auf einmal ertönte ein furchtbarer Schrei. Da war einer in der Aufregung fehlgetreten und war ins Wasser gefallen. Das erschreckte offenbar die Passagiere, denn das Schiff hallte jetzt wieder von lautem Geschrei, Leute drängten in wilder Verwirrung durch die Luken, stießen einander beiseite und kämpften auf der Fallreptreppe. Während des Kampfes fielen viele ins Wasser. Einige, die sahen, daß es unmöglich war, die Treppe hinabzugelangen, stürzten sich sinnlos ins Meer, um das Boot schnell zu erreichen. Aber dann ruderte das Boot weg. Es war schon so schwer beladen, daß diejenigen, die da drinnen saßen, Messer herauszogen und denen, die hinaufzuklettern versuchten, die Finger abschnitten. Miß Hoggs saß da und sah, daß ein Boot nach dem anderen herangerudert wurde. Sie sah auch, daß ein Boot nach dem anderen unter der Last aller derer, die sich da hineinstürzten, kenterte. Die Boote, die neben ihr hingen, wurden jetzt auch hinuntergelassen. Aber durch einen Zufall berührte niemand das Boot, in dem sie saß. »Gott sei Dank, sie lassen mein Boot hängen, bis das Schlimmste überstanden ist,« dachte sie. Miß Hoggs saß da und hörte entsetzliche Dinge. Es war ihr, als schwebe sie über einer Hölle. Sie konnte das Verdeck erst nicht sehen, aber es klang, als wenn dort ein Kampf stattfinde. Sie hörte scharfe Revolverschüsse und sah leichte blaue Rauchwolken von dem Verdeck aufsteigen. Schließlich kam der Augenblick, wo alles still wurde. »Jetzt könnte es aber wohl Zeit sein, mein Boot hinabzulassen,« dachte Miß Hoggs. Sie war gar nicht bange, sie saß still und ruhig da bis zuletzt, bis sich der Dampfer auf die Seite legte. Erst da wurde es Miß Hoggs allmählich klar, daß »L'Univers« im Begriff war zu sinken und daß man ihr Boot vergessen hatte.   An Bord des Dampfers war auch eine junge Amerikanerin, eine Mrs. Gordon, die sich auf dem Wege nach Europa befand, um ihre alten Eltern zu besuchen, die seit mehreren Jahren in Paris gewohnt hatten. Sie hatte ihre Kinder mit. Es waren zwei kleine Jungen, und sie und die Kinder lagen und schliefen, als das große Unglück eintrat. Sie erwachte sogleich, zog den Kindern einige Kleider über, kleidete sich selbst ein wenig an und ging in den schmalen Gang zwischen den Kajüten hinaus. Im Gang wimmelte es von Menschen, die jetzt alle hinausgestürzt kamen, um auf Deck zu eilen. Es war jedoch nicht schwierig, in dem Gang selber vorwärts zu gelangen. Aber auf der Treppe war es weit schlimmer. Es entstand ein großes Gedränge, weil sich über hundert Menschen auf einmal hinausdrängen wollten. Die junge Amerikanerin blieb mit ihren Kindern an der Hand stehen. Sie sah sehnsuchtsvoll zu der Treppe hinauf und dachte darüber nach, wie sie sich wohl einen Weg mit den Kleinen würde bahnen können. Sie sah, daß die Leute einander beiseite drängten und schoben und nur Gedanken für sich selbst hatten. Niemand schien sie zu beachten. Mrs. Gordon mußte sich nach Hilfe umsehen, weil sie für ihre Kinder sorgen mußte. Sie hoffte irgend jemand zu erblicken, den sie bitten konnte, den einen der Jungen auf seinen Arm zu nehmen und ihn die Treppe hinaufzutragen, während sie selbst den anderen nahm. Aber sie hatte nicht den Mut, mit irgend jemand zu reden. Die Männer kamen in den wunderlichsten Bekleidungen gestürzt, einige in wollene Decken gehüllt, andere den Überzieher über das Nachthemd gezogen; sie sah, daß mehrere einen Stock in der Hand hatten, und als sie ihre starren Blicke sah, gewann sie den Eindruck, daß man sich vor ihnen allen in acht nehmen müsse. Vor den Frauen war sie nicht bange, aber sie sah nicht eine einzige, der sie das Kind anvertrauen konnte. Sie waren alle von Sinn und Verstand. Sie waren alle ganz außer sich, ihr Verstand hatte gelitten, sie würden nicht begriffen haben, um was sie bat. Sie stand da und musterte sie und dachte, ob nicht eine einzige unter ihnen sei, die ihren Verstand behalten habe. Aber als sie sie kommen sah, einige eifrig bemüht, die Blumen zu retten, die sie bei der Abreise aus Neuyork erhalten hatten, andere schreiend und händeringend, da wagte sie nicht, sich an eine von ihnen zu wenden. Schließlich versuchte sie, einen jungen Mann anzuhalten, der ihr Nachbar bei Tisch gewesen war und ihr viele Aufmerksamkeiten erwiesen hatte. »Ah, Mr. Martens!« Er sah sie mit demselben starren, bösen Blick an, den sie aus den Augen der anderen Männer gesehen hatte. Er erhob den Stock, und hätte sie versucht, ihn zurückzuhalten, so würde er sie geschlagen haben. Gleich darauf vernahm sie ein Geheul, das heißt, eigentlich war es wohl kein Geheul, sondern mehr ein arges Fauchen, wie wenn ein starker, mächtiger Sturm in eine enge Gasse eingesperrt wird. Es kam von den Leuten auf der Treppe, die in ihrem Vorwärtsstürmen gehindert wurden. Ein Mann wurde die Treppe hinaufgetragen, er war ein Krüppel und konnte selbst nicht gehen. Er war so hilflos, daß sein Diener ihn zu den Mahlzeiten hatte hin und wieder wegtragen müssen. Er war ein großer, starker Mann, und der Diener hatte ihn jetzt mühsam auf seinem Rücken die Treppe halb hinaufgetragen. Dort war er einen Augenblick stehen geblieben, um Atem zu schöpfen. Da aber drängten die Leute so nach, daß er in die Knie gesunken war. Jetzt nahmen er und sein Herr die ganze Breite der Treppe ein und versperrten sie, so daß niemand vorwärts kommen konnte. Da sah Mrs. Gordon, wie ein großer, grobknochiger Mann sich hinabbeugte, den Krüppel aufhob und ihn über das Treppengeländer hinunterwarf. Aber sie sah auch, so gräßlich dies auch war, daß niemand darüber erschrak oder sich empörte. Niemand dachte an etwas anderes, als die Treppe weiter hinaufzustürzen. Es war, als sei ein Stein, der im Wege lag, in den Graben geworfen, weiter nichts. Die junge Amerikanerin sah ein, daß von diesen Menschen keine Rettung zu erwarten sei. Sie und ihre kleinen Kinder waren dem Untergang geweiht. Da war ein junges Paar, Mann und Frau, die auf der Hochzeitsreise waren. Sie hatten ihre Kajüten ganz am Achterende des Schiffs, und sie hatten so fest geschlafen, daß sie nichts von dem Zusammenstoß gemerkt hatten. An dem Ende des Schiffs war auch nicht sehr viel Lärm, und da niemand daran dachte, sie zu rufen, schliefen sie noch, als alle anderen schon oben auf Deck waren, und der Kampf um die Boote begonnen hatte. Aber sie erwachten, als die Schraube, die die ganze Nacht gerade unter ihnen gearbeitet hatte, plötzlich still stand. Der Mann warf ein paar Kleidungsstücke über und lief hinaus, um zu sehen, was es gab. Er kam zurück. Er schloß die Kajütentür hinter sich, ehe er etwas sagte. Dann sagte er: »Das Schiff sinkt.« Indem er das sagte, setzte er sich nieder, und als seine Frau hinausstürzen wollte, bat er sie, bei ihm zu bleiben. »Alle Boote sind schon fort,« sagte er. »Die meisten Passagiere sind ertrunken. Die, die noch an Bord sind, kämpfen oben auf Deck auf Tod und Leben um die letzten Boote.« Auf einer der Treppen war er über eine totgetretene Frau gestolpert. Von allen Seiten war Todesgeschrei an seine Ohren gedrungen. »Es gibt keine Rettung,« sagte er, »geh nicht hinaus! Laß uns zusammen sterben!« Sie fand, daß er recht hatte und setzte sich gehorsam neben ihn. »Du willst doch wohl am liebsten nicht sehen, wie alle die Menschen miteinander kämpfen,« sagte er. »Sterben müssen wir, da laß uns einen stillen Tod sterben.« Sie fand nicht, daß es zu viel verlangt war, diese kurzen Augenblicke, die ihnen noch von ihrem Leben übrig blieben, bei ihm zu bleiben. Sie hatte ihm ja ihr ganzes Leben geben wollen, von ihrer frühen Jugend bis zum spaten Alter. »Ich hatte mir ja gedacht,« sagte er, »daß, wenn wir viele Jahre verheiratet gewesen wären, du neben mir sitzen solltest, wenn ich auf meinem Sterbebette läge, und da wollte ich dir für ein langes und glückliches Leben danken.« Im selben Augenblick sah sie einen schmalen Streifen Wasser unter der geschlossenen Tür hervorquellen. Das war ihr zuviel. Verzweifelnd streckte sie die Arme aus. »Ich kann nicht!« rief sie. »Laß mich hinaus! Ich kann hier nicht eingeschlossen sitzen und auf den Tod warten. Ich liebe dich, aber ich kann es nicht.« Sie stürzte hinaus, gerade als das Schiff anfing zu schlingern und sich auf die Seite zu legen, ehe es sank. –   Die junge Amerikanerin, Mrs. Gordon, lag im Wasser, der Dampfer war gesunken, ihre Kinder waren ertrunken, sie selbst war tief, tief unten im Wasser gewesen. Jetzt war sie wieder an die Oberfläche heraufgekommen, aber sie wußte, daß sie im Augenblick wieder hinabsinken würde, und dann bedeutete es den Tod. Jetzt dachte sie nicht mehr an Mann oder Kinder oder an irgend etwas auf dieser Welt. Sie dachte nur daran, ihre Seele zu Gott zu erheben. Und ihre Seele erhob sich wie ein freigelassener Gefangener. Sie fühlte, wie froh sie war, die schweren Ketten des Menschenlebens abzuwerfen, wie sie sich bereitete, zu ihrer wahren Heimat hinaufzuziehen. »Ist es so leicht zu sterben?« dachte sie. Aber während sie das dachte, hörte sie all den verwirrenden Lärm rings um sie her: das Rauschen der Wogen, das Sausen des Windes, das Jammergeschrei der Ertrinkenden und das Getöse von alle dem, was auf dem Wasser umherschwamm und zusammenprallte – sie fand, daß das alles sich zu einem Laut vereinte, den sie auf dieselbe Weise verstehen konnte, wie sich die sturmlosen Wolken zuweilen zu einem Bild zusammenziehen. Und das, was sie hörte, sprach zu ihr: »Es ist wahr, daß es leicht ist, zu sterben. Schwer ist es, zu leben.« »Ja, so ist es,« dachte sie und dachte weiter, was alles dazu gehöre, damit das Leben ebenso leicht wäre wie der Tod. Rings um sie her kämpften und stritten die Schiffbrüchigen um die letzte Planke, treibende Wrackstücke und gekenterte Boote. Mitten durch die wilden Rufe und Flüche hindurch hörte sie wieder, wie sich der Lärm zu donnernden, starken Worten bildete, die ihr antworteten: Das, was not tut, damit das Leben so leicht werden kann wie der Tod, das ist Einigkeit, Einigkeit, Einigkeit! Es war ihr, als habe der Herr der Welt all diesen Lärm und das Getöse zu seinem Sprachrohr gemacht, um ihr zu antworten. Während die Stimme noch in ihren Ohren klang, wurde sie gerettet. Sie wurde in ein kleines Boot hinaufgezogen, in dem noch drei Menschen saßen, ein großer, starker Matrose in seinem Sonntagsanzug, eine alte Dame mit runden Eulenaugen, und ein kleiner, verweinter Junge, der nichts weiter an hatte, als ein zerrissenes Hemd.   Am nächsten Tag gegen Nachmittag kam ein norwegisches Schiff an den großen Sandbänken und Fischplätzen auf New Foundland vorübergesegelt. Es war schönes, stilles Wetter. Die See lag fast wie ein Spiegel da, und das Schiff fuhr nur langsam. Es hatte alle Segel gehißt, um den letzten Hauch des dahinsterbenden Windes aufzufangen. Die Meeresfläche war wunderbar schön, lichtblau und blank, so weit man sah, und wo der schwache Wind über sie hinstrich, war sie weiß wie Silber. Als diese Nachmittagsstille eine Weile gedauert hatte, sah die Schiffsmannschaft einen dunklen Gegenstand auf dem Wasser dahertreiben. Er kam allmählich näher, und man sah, daß es eine Leiche war. Der Kutter fuhr gerade daran vorüber, und an den Kleidern der Leiche konnte man erkennen, daß es ein Seemann war. Er lag auf dem Rücken mit ruhigem Gesicht und offenen Augen. Die Leiche hatte noch nicht so lange im Wasser gelegen, daß sie aufgetrieben war. Es sah nur so aus, als lasse sich der Mann mit Wohlbehagen von den leicht gekräuselten Wellen auf und ab wiegen. Aber als die Seeleute nach der anderen Seite sahen, hätten sie beinahe laut aufgeschrien; denn ohne daß sie es bemerkt hatten, war gerade am Vordersteven eine neue Leiche aufgetaucht. Es sah so aus, als wenn sie gerade über sie hinweg segeln müßten, aber im letzten Augenblick trieb sie mit der Kielwasserwelle davon. Alle stürzten an die Reling und starrten in das Wasser hinab. Diesmal war es ein Kind, ein feingekleidetes, kleines Mädchen, mit einem Hut auf dem Kopf, und in einer kleinen, blauen Jacke. »Ach, du lieber Gott,« sagten die Seeleute und trockneten sich die Augen. »Du lieber Gott, so ein kleines Ding!« Das Kind schaukelte vorüber, es sah sie mit einem altklugen, ernsthaften Ausdruck an, als habe es einen sehr wichtigen Auftrag auszurichten. Gleich darauf rief einer von den Leuten, daß er noch eine Leiche sehe, und dasselbe rief ein anderer, der nach der anderen Seite aussah. Sie sahen auf einmal fünf Leichen, dann zehn, und dann war da ein ganzer Haufen, sie konnten sie nicht mehr zählen. Das Schiff glitt ganz langsam zwischen allen diesen Leichen dahin, Sie scharten sich da herum, als wünschten sie etwas. Einige kamen in großen Gruppen dahergetrieben, sie sahen aus wie Treibholz oder andere Gegenstände, die sich vom Lande losgerissen hatten; aber es waren nichts weiter als Leichen! Alle Seeleute standen da und starrten, niemand dachte daran, sich zu rühren. Sie konnten kaum glauben, daß das, was sie sahen, Wirklichkeit war. Auf einmal glaubten sie, eine ganze Insel aus dem Meere aufsteigen zu sehen. Es sah aus wie Land, aber als sie näher kamen, sahen sie, daß es nichts war als Leichen, die dicht nebeneinander schwammen. Sie umgaben das Schiff von allen Seiten, es war, als folgten sie ihnen, als wollten sie die Reise über das Meer mitmachen. Der Schiffer ließ das Steuer umlegen, um Wind in die Segel zu bekommen, aber es half nicht viel. Die Segel hingen schlaff herab, und die Leichen folgten ihnen beständig. Die Seeleute wurden immer bleicher und stummer. Der Kutter ging so langsam, daß sie den Toten nicht entrinnen konnten. Und sie fürchteten, daß es die ganze Nacht so bleiben würde. Da stieg ein schwedischer Matrose auf den Vordersteven und begann mit lauter Stimme ein Vaterunser zu beten. Dann stimmten sie ein geistliches Lied an. Als sie mitten im Gesang waren, sank die Sonne, und der Abendwind führte das Schiff aus dem Bereich der Toten hinweg.   Hellgums Brief Eine alte Frau kommt aus einer kleinen Hütte im Walde. Obwohl es ein Alltag, ist sie doch feierlich gekleidet, als wolle sie in die Kirche gehen. Sie zieht den Schlüssel aus dem Schloß und legt ihn an den gewohnten Platz unter die Türschwelle. Als die Alte ein paar Schritte gegangen ist, wendet sie sich um und sieht sich nach ihrer Hütte um, die klein und armselig unter den mächtigen, schneebelasteten Tannen daliegt. Mit liebevollen Augen sieht sie auf das armselige Haus zurück. »Manch einen glücklichen Tag habe ich hier verlebt,« sagt sie feierlich zu sich selbst. »Ja, ja, der Herr gibt und der Herr nimmt!« Dann wandert sie den Waldpfad entlang. Sie ist sehr alt und gebrechlich, aber sie gehört zu denen, die sich aufrecht und gerade halten, wie sehr das Alter sie auch zu beugen versucht. Sie hat ein schönes Gesicht und weiches, weißes Haar. Sie sieht so freundlich aus, daß es ganz wunderlich ist, sie mit einer Stimme reden zu hören, die scharf und feierlich und langsam klingt. Sie hat einen langen Weg vor sich, denn sie will zu einer Versammlung der Hellgumianer auf den Ingmarshof hinauf. Die Alte, Eva Gunnarstochter, gehört zu denen, die sich am allereifrigsten Hellgums Lehre angeschlossen haben. »Ach,« denkt sie, während sie den Waldpfad entlangwandert, »es war eine herrliche Zeit, als alles im Werden war, als mehr als der halbe Kirchsprengel sich Hellgum anschloß, und wer konnte denken, daß so viele abfallen würden, daß wir nach fünf Jahren nicht viel mehr als zwanzig Menschen sein würden, wenn man die Kinder nicht mitrechnet.« Ihre Gedanken wanderten zurück zu der Zeit, wo sie, die viele Jahre lang einsam und verlassen in ihrer kleinen Hütte gesessen hatte, auf einmal eine Menge Brüder und Schwestern gewonnen hatte, die in ihrer Einsamkeit zu ihr kamen, die nie, wenn der Schnee dicht und dick herabgefallen war, vergaßen, den Weg zu ihrer Hütte hinauf frei zu schaufeln, und ihren kleinen Holzschuppen mit trockenem, kleingespaltenem Brennholz zu füllen, ohne daß sie etwas davon wußte. Sie dachte an die Zeit, wo Karin Ingmarstochter und ihre Schwestern und noch viele andere von den großen Leuten in der Gemeinde kamen und ein Liebesmahl in ihrer kleinen, armen Hütte abhielten. »Ach, daß so viele die Zeit ihrer Heimsuchung versäumt hatten,« dachte sie. »Jetzt kommt die Strafe über uns. Im nächsten Sommer müssen wir alle vergehen, weil so wenige dem Ruf gefolgt sind, und weil die, die ihm gehorcht haben, nicht beständig im Glauben geblieben sind.« Die Alte fängt an, über den Inhalt von Hellgums Briefen nachzugrübeln, von diesen Schriften, die die Hellgumianer wie die Schriften der Apostel betrachteten, und in ihren Versammlungen vorlasen, so wie man in anderen Gemeinden aus der Bibel vorliest. »Es gab eine Zeit, wo er war wie Milch und Honig,« sagte sie. »Er riet uns, Geduld mit den Unbekehrten zu haben und Milde gegen Abtrünnige zu üben. Er lehrte die Reichen, an den Gerechten wie an den Ungerechten Werke der Barmherzigkeit zu tun. Aber jetzt in dieser letzten Zeit ist er gewesen wie Wermut und Galle. Er schreibt von nichts weiter als von Heimsuchungen und Strafgerichten.« Jetzt war die Alte zum Walde hinausgekommen und sie stand da und sah über den Kirchsprengel hinab. Es war ein schöner Februartag, der Schnee breitete seine weiße Reinheit über die ganze Gegend, alles Pflanzenleben war in Winterschlaf gesunken und kein Windhauch rührte sich. Aber die alte Frau dachte, während sie so ging, daran, daß dies ganze Land, das jetzt seinen ruhigen Winterschlaf schlief, bald erwachen würde, um von kochenden Schwefelströmen verbrannt zu werden; sie sah das alles in Flammen gehüllt, wie es jetzt in Schnee eingehüllt war. »Er hat es nicht mit klaren Worten gesagt,« dachte die alte Eva, »aber er schreibt immer von einer großen Heimsuchung. Ach ja, ach ja, wer kann sich darüber wundern, wenn dieser Kirchsprengel heimgesucht wird wie Sodom und zerstört wird wie Babylon?« Während Eva Gunnarstochter durch das Dorf dahinwanderte, sah sie nicht ein einziges Haus, das sie nicht im Geiste erblickte, wie es unter dem kommenden Erdbeben erzittern, schwanken und umstürzen würde, als sei es aus Sand gebaut. Und wenn sie Menschen begegnete, dachte sie daran, wie die Ungeheuer der Hölle sie jagen und verschlingen würden. »Sieh, da geht nun Schulmeisters Gertrud,« dachte sie, als sie auf dem Wege einem schönen, jungen Mädchen begegnete. »Ihre Augen leuchten und strahlen wie Sonnenblitze auf dem Schnee. Sie ist so froh, weil sie im Herbst Hochzeit mit dem jungen Ingmar Ingmarsson machen wird. Sie hat, wie ich sehe, ein Bündel Garn unter dem Arm; sie wird wohl den Bettumhang und die Bettücher für ihr eigenes Heim weben. Aber ehe das Gewebe fertig ist, wird das Verderben über uns kommen.« Es waren finstere Blicke, die die alte Frau um sich warf, als sie durch das Kirchdorf wanderte, das gewachsen war und sich zu einer nie geahnten Größe und zu überraschendem Ansehen entwickelt hatte. Aber alle diese weißen und gelben Höfe mit Holzverkleidungen und hohen Fenstern mußten doch einstürzen ebenso wie ihre eigene, armselige Hütte, in der die Fenster nur wie Gucklöcher waren, und wo das Moos zwischen den Balken steckte. Mitten im Dorf blieb sie stehen und stieß ihren Stock hart auf den Boden, und ein heftiger Zorn überkam sie. »Ja, ja,« rief sie mit so lauter Stimme, daß alle, die sich auf dem Wege befanden, stehen blieben und sich umwandten. »Ja, ja, in allen diesen Häusern wohnen Menschen, die Christi Evangelium verworfen haben und dem Evangelium des Teufels anhangen. Warum hörten sie nicht den Ruf, warum wandten sie sich nicht ab von ihren Sünden? Darum müssen wir alle vergehen, Gottes Hand trifft hart. Gottes Hand trifft den Gerechten und den Ungerechten mit demselben Strafgericht!« Als die Alte den Elf überschritten hatte, wurde sie von einigen anderen Hellgumianern eingeholt. Es waren der alte Korporal Fält und Kolaas Gunnar mit seiner Frau, Brita Ingmarstochter. Nach und nach kamen auch Hök Matts Eriksson und sein Sohn Gabriel und des Gemeindevorstehers Gunhild. Es war ein ebenso schöner wie erfreulicher Anblick, als alle diese Männer und Frauen in den bunten Trachten der Gegend über den weißen Schnee dahinwanderten. Aber Eva Gunnarstochter erschienen sie nur wie Gefangene, die zum Schafott geführt wurden, wie Tiere, die zur Schlachtbank getrieben werden. Alle Hellgumianer sahen sehr niedergeschlagen aus. Sie gingen und sahen zu Boden, wie von einer schweren Last bitteren Mißmutes niedergedrückt. Sie hatten alle erwartet, daß das Reich der Seligkeit sich gleich über der Erde verbreiten würde, daß sie den Tag erleben sollten, wo das neue Jerusalem aus den Wolken des Himmels herabgeschwebt kam. Als sie nun so wenige geworden waren und sich selbst eingestehen mußten, daß ihre Hoffnungen getäuscht waren, da war es, als sei etwas in ihnen zerrissen. Sie gingen langsam und mit schwebenden Schritten, sie seufzten oft und hatten einander nichts zu sagen; denn dies war eine ernste Sache für sie gewesen. Sie hatten ihr Leben dafür eingesetzt, und nun hatten sie es verloren. »Warum sind sie so betrübt?« dachte die alte Frau. »Sie glauben ja doch nicht einmal das schlimmste, sie wollen Hellgums Meinung nicht verstehen. Ich habe ihnen diese Worte ausgelegt, aber sie wollen nicht hören, was ich sage. Ach, die auf der Ebene unter dem offenen Himmel wohnen, lernen ja niemals, sich zu ängstigen und sich zu sorgen. Sie haben nicht denselben Verstand wie die, die einsam in der Finsternis des Waldes sitzen.« Sie merkte, daß die Hellgumianer bekümmert waren, weil Halvor sie an einem Werktag zusammengerufen hatte. Sie fürchteten, daß er ihnen einen neuen Abfall zu verkündigen habe. Unruhig sahen sie einander an und musterten sich gegenseitig mit mißtrauischen Blicken, die zu fragen schienen: »Wie lange bleibst du beständig im Glauben, wie lange du?« »War es nicht besser, dem Ganzen ein Ende zu machen, die Gemeinde gleich jetzt aufzulösen,« dachte sie, »so wie es besser ist, einen schnellen Tod zu sterben, als langsam dahinzusiechen.« »Ach, ihre Gemeinde, dies Evangelium des Friedens, dies selige Leben in Einigkeit und Brüderschaft, das sie so innig liebte: daß dies nun dem Untergang geweiht sein sollte!« Während diese betrübten Menschen ihre Wanderung fortsetzten, wanderte die Sonne so mächtig und herrlich wie immer ihre Bahn an dem hohen, blauen Himmel dahin. Aus dem Schnee stieg eine frische Kühle auf, die Mut und Munterkeit erweckte. Und von den grünbekleideten Hügeln senkte sich eine beruhigende Stille und ein tiefer Friede auf die Gegend herab. Endlich waren sie oben auf dem Ingmarshof angelangt und traten in die gute Stube. In der guten Stube auf dem Ingmarshof hing hoch oben unter der Decke ein altes Gemälde, das vor über hundert Jahren von einem Dorfkünstler gemalt war. Es stellte eine große Stadt, von hohen Mauern umgeben, dar. Über der Mauer sah man die Dächer und Giebel von vielen Häusern aufragen. Einige von diesen Häusern waren rote Bauernhäuser mit grünen Rasendächern, andere hatten weiße Wände und Schieferdächer wie Herrenhöfe, und wieder andere hatten zart kupfergedeckte Türme wie die Christinakirche in Falun. Vor der Stadt spazierten Herren in Kniebeinkleidern und Schuhen, Stöcke mit goldenen Knöpfen in der Hand, und aus dem Tor der Stadt heraus kam eine Kutsche voller Damen mit gepudertem Haar und Schäferhüten gefahren. Unterhalb der Mauer wuchsen Bäume, mit dichtem, dunkelgrünem Laub, und durch das hohe, wogende Gras auf den Feldern rieselten kleine, schimmernde Bäche. Unter dem Bilde stand mit großen, verschnörkelten Buchstaben: Dieses ist Gottes heilige Stadt, Jerusalem! Das alte Gemälde hing so hoch oben unter der Decke, daß es nur selten jemand betrachtete. Die meisten, die auf dem Ingmarshof waren, wußten kaum, daß es da war. Aber heute hing ein Kranz von grünen Preißelbeerzweigen um das Bild, so, daß es den Eintretenden gleich in die Augen fiel. Eva Gunnarstochter bemerkte es sofort, und sie dachte: »Ja, seht! Jetzt wissen sie hier auf dem Ingmarshof, daß wir umkommen müssen; darum wollen sie, daß wir das himmlische Jerusalem vor Augen haben sollen!« Karin und Halvor kamen ihnen entgegen, so finster und schattenhaft wie alle die anderen. »Ja, nun wissen sie, daß das Ende nahe ist,« dachte sie. Eva Gunnarstochter, die die Älteste war, erhielt ihren Platz ganz am obersten Tischende, und auf dem Tisch vor ihr lag ein geöffneter Brief mit amerikanischen Briefmarken. »Ja, es ist wieder ein Brief von unserem lieben Bruder Hellgum gekommen,« sagte Halvor. »Darum habe ich unsere Brüder und Schwestern zusammengerufen.« »Halvor meint also, daß es eine wichtige Botschaft ist,« sagte Kolaas Gunnar. »Ja,« sagte Halvor, »wir erfahren jetzt, was Hellgum mit dem meinte, was er das letztemal von der großen Prüfung schrieb, die uns bevorstehe.« – »Ich denke mir, niemand wird sich vor dem fürchten, was wir um des Herrn willen leiden sollen,« sagte Kolaas Gunnar. Mehrere von den Hellgumianern waren noch nicht gekommen, und daher wurde die Wartezeit ziemlich lange. Die alte Eva Gunnarstochter saß da und starrte mit ihren weitsichtigen Augen Hellgums Brief an. Sie dachte an den Brief mit den sieben Siegeln in der Offenbarung Johannes. Sie stellte sich vor, daß, wenn eine Menschenhand den Brief berührte, der Engel der Zerstörung vom Himmel herabfliegen würde. Sie erhob den Blick zu dem Jerusalembilde: »Ja,« murmelte sie. »Ja, wahrlich werde ich in die Stadt kommen, die Tore von Gold hat und deren Mauern aus lauterem Glas sind.« Und sie begann vor sich hin zu murmeln: »Und die Grundmauern der Stadt waren geschmückt mit allerhand kostbaren Steinen. Der erste Grund war ein Jaspis, der andere ein Saphir, der dritte ein Chalzedonier, der vierte ein Smaragd, der fünfte ein Sardonich, der sechste ein Sardis, der siebente ein Chrysolith, der achte ein Beryll, der neunte ein Topasier, der zehnte ein Chrysopras, der elfte ein Hyazinth, der zwölfte ein Amethyst.« Die Alte war so tief in das liebe Buch der Offenbarung versunken, daß sie auffuhr, als habe sie geschlafen, als Halvor an den Tisch trat, wo der Brief lag. – »Jetzt wollen wir anfangen, ein Lied zu singen!« sagte Halvor. »Ich denke, wir singen Nr. 244.« Und die Hellgumianer erhoben sich und sangen stehend: »Jerusalem, du hohe, Du schöne, goldne Stadt, Du Heimat, die mein Herze, Stets sehr erquicket hat!« Eva Gunnarstochter seufzte erleichtert auf, als der schwere Augenblick hinausgeschoben wurde. »Ach, ach, daß die alte Frau so bange sein muß zu sterben,« dachte sie ganz beschämt. Als der Gesang beendet war, nahm Halvor den Brief und faltete ihn auseinander. Im selben Augenblick kam der Geist über Eva Gunnarstochter, so daß sie sich erhob und ein langes Gebet zu sprechen begann, indem sie um Gnade flehte, daß alle die Botschaft, die der Brief ihnen verkünden würde, auf die rechte Weise aufzufassen vermöchten. Halvor stand still, den Brief in der Hand, und wartete, bis sie fertig war. Dann begann er in demselben Ton, als lese er eine Predigt, vorzulesen: »Liebe Brüder und Schwestern, Gottes Friede zuvor! Bisher hatte ich geglaubt, daß ich und Ihr, die Ihr meine Lehre angenommen habt, allein in der Welt dastündet mit diesen unserem Glauben. Aber Gott sei gelobt! Jetzt haben wir hier in Chicago Gleichgesinnte und Brüder gefunden, die nach denselben Vorschriften denken und leben. Ihr müßt nämlich wissen, daß hier in der Stadt Chicago zu Anfang der achtziger Jahre ein Mann namens Edward Gordon wohnte. Er und seine Frau waren gottesfürchtige Menschen und trauerten über all die Not, die es auf Erden gab, und baten Gott um Gnade, beitragen zu dürfen, sie zu lindern. Da geschah es, daß Edward Gordons Frau eine lange Reise über das Meer machen mußte, und sie litt Schiffbruch und ward in die Wellen hinausgeworfen. Aber als sie sich in der äußersten Not befand, siehe, da redete Gottes Stimme zu ihr. Gottes Stimme befahl ihr, daß sie die Menschen lehren sollte, in Frieden und Einigkeit zu leben und all den Streit nachzulassen. Und die Frau wurde aus dem Meer und aus der Lebensgefahr errettet und kehrte wieder heim zu ihrem Mann und verkündete Gottes Botschaft. Da sagte er: Dies ist ein großes Gebot, das der Herr, unser Gott, uns gegeben hat, daß wir in Einigkeit leben sollen, und wir wollen es erfüllen. So groß ist dieses Gebot, daß es nur eine einzige Stätte auf dem Umkreis der Erde findet, die würdig ist, es zu empfangen. Laßt uns daher unsere Freunde versammeln und mit ihnen nach Jerusalem ziehen, und das heilige Gebot Gottes von dem Berge Zions verkünden. Darauf zogen Edward Gordon und seine Frau zusammen mit dreißig andern, die Gottes rechtem, heiligem Gebot folgen wollten, nach Jerusalem. Dort lebten sie alle einträchtiglich in demselben Haus zusammen. Sie teilten all ihr Hab und Gut miteinander, dienten einander und wachten einer über das Leben des andern. Und sie nahmen die Kinder der Armen zu sich und pflegten die Kranken der Armen. Sie halfen den Altersschwachen und standen mit ihrer Hilfe allen denen bei, die dessen bedurften, ohne Lohn oder Gaben dafür zu fordern. Aber sie predigten nicht in Kirchen oder auf den Märkten, denn sie sagten, unser Leben soll für uns reden. Aber die Leute, die von dem Leben hörten, das sie führten, sagten von ihnen: Diese Menschen müssen Toren sein oder Wahnsinnige. Und die, die am lautesten gegen sie schrien, waren die Christen, die nach Palästina gezogen waren, um Juden und Mohammedaner durch Predigt und Lehre zu bekehren. Sie sagten: Wer sind diese, daß sie nicht predigen wollen? Sicher sind sie hierher gekommen, um ein schlechtes Leben zu führen und der Fleischeslust und Sinnenlust unter den Heiden zu frönen. Und sie erhoben ein Geschrei wider sie, das über das Meer bis in ihr Heimatsland schallte. Aber unter denen, die nach Jerusalem gezogen waren, war auch eine, die eine Witwe war. Sie lebte dort mit zwei halberwachsenen Kindern, und sie war sehr reich. Sie hatte einen Bruder in der Heimat hinterlassen, und zu dem fingen die Leute an zu sagen: Wie kannst Du es zugeben, daß Deine Schwester und Deine Kinder unter diesen leben, die einen schlechten Lebenswandel führen? Sie sind nichts weiter als Tagediebe, die von ihrem Reichtum leben. Und der Bruder ließ seine Schwester vor das Gericht laden, um sie zu zwingen, wenigstens ihre Kinder in Amerika erziehen zu lassen. Und um dieser Gerichtsverhandlung willen reisten die Witwe und ihre Kinder und Edward Gordon und seine Frau heim nach Chicago. Sie hatten aber damals schon vierzehn Jahre in Jerusalem gewohnt. Als sie aus dem fernen Lande zurückkamen, ward in allen Blättern über sie geschrieben, und einige nannten sie wahnsinnig, und einige nannten sie Betrüger.« Als Halvor dies alles vorgelesen hatte, machte er eine Pause und wiederholte dann die ganze Erzählung mit seinen eigenen Worten, damit alle sie verstehen konnten. Und dann fuhr er fort: »Aber seht, nun gibt es in Chigaco ein Haus, das Ihr kennt, und dies Haus ist von Menschen bewohnt, die sich bemühen, Gott in Gerechtigkeit zu dienen, und die alles miteinander teilen, und die der eine über das Leben des andern wachen. Wir; die wir in diesem Hause wohnen, lasen in einer Zeitung von diesen Wahnsinnigen, die aus Jerusalem heimgekehrt waren, und wir sahen einander an und sagten: Diese Menschen haben unseren Glauben. Sie haben sich zusammengeschlossen, um ein rechtschaffenes Leben zu führen. Wir wollen sie sehen, die unseren Glauben teilen. Und wir schrieben an sie, daß sie kommen und uns besuchen sollten. Und die, die von Jerusalem heimgekehrt waren, folgten den Rufen, und wir verglichen unseren Glauben mit dem ihren und sagten: Seht, wir denken und glauben dasselbe. Es ist Gottes Gnade, daß wir uns gefunden haben. Sie erzählten uns von der Herrlichkeit der Stadt Gottes, der Stadt, die schimmernd auf ihrem weißen Berge liegt und wir priesen sie glücklich, daß sie auf den Wegen wandeln durften, die Jesu Fuß betreten hatte. Da sagte einer von den unsrigen: Warum sollten wir nicht mit Euch nach Jerusalem zurückgehen? Sie antworteten: Ihr sollt nicht mit uns dort hingehen, denn die heilige Stadt Gottes ist voller Streit und Uneinigkeit, voller Not und Krankheit, voller Verderben und Armut. Und gleich rief ein anderer von den unsern: Vielleicht hat Euch Gott zu uns geführt, damit wir Euch dahin folgen und gegen dies alles kämpfen sollen. Da hörten wir alle zusammen Gottes Stimme durch unsere Herzen brausen: Ja, ja, das ist mein Wille! Wir fragten sie, ob sie uns nicht in ihre Gemeinde aufnehmen wollten, obwohl wir arm und ungelehrt wären. Und sie antworteten, daß sie das wollten. Da beschlossen wir, daß wir Brüder und Schwestern werden und alles teilen wollten, und wir nahmen ihren Glauben an und sie den unsrigen, und die ganze Zeit war der Geist über uns, und es war eine große Freude. Und wir sagten: Jetzt sehen wir, daß Gott uns liebt, sintemal er uns nach demselben Lande sendet, wohin er einmal seinen Sohn gesandt hat. Wir wissen, daß unsere Lehre die wahre ist, sintemal es Gottes Wille ist, daß sie von seinem heiligen Berg Zion verkündet werden soll. Aber da sagte einer von denen, die uns hörten: Und unsere Brüder daheim in Schweden? Und wir sagten zu den Jerusalemfahrern: Seht, wir sind noch mehr als Ihr hier seid. Wir haben Brüder und Schwestern daheim in Schweden wohnen. Und sie sind schwer geprüft worden, und haben großen Abfall erlitten, und sie führen einen harten Kampf um die Sache der Gerechtigkeit, weil sie unter Sündern leben müssen. Da antworteten die Jerusalemfahrer: Lasset Eure Brüder und Schwestern in Schweden zu uns nach Jerusalem kommen und teil an der heiligen Arbeit nehmen. Und wir waren zuerst erfreut über den Gedanken, daß Ihr uns nachfolgen und teilnehmen solltet an der Gemeinschaft und der Freude in Jerusalem. Aber gleich darauf erfüllte uns eine Betrübnis, und wir sagten: Unsere Brüder werden niemals ihre großen Höfe und guten Äcker und ihre gewohnte Arbeit verlassen. Aber die Jerusalemfahrer antworteten: Wir haben ihnen keine Äcker und großen Höfe zu bieten, aber wir können ihnen die Wege zeigen, die von Jesu Füßen betreten sind, so daß auch sie sie betreten können. Noch waren wir in Zweifel, und wir sagten: Sicher werden unsere Brüder und Schwestern nimmermehr in ein fremdes Land ziehen, wo niemand ihre Sprache versteht. Die Jerusalemfahrer antworteten: Sie sollen lernen zu verstehen, was die Steine des heiligen Landes zu ihnen von unserem Erlöser reden. Wir sagten: Niemals werden sie ihr Eigentum an Fremde verteilen und arm werden wie Bettler. Sie werden ihre Macht und ihr Ansehen nicht aufgeben, denn sie sind die vornehmsten Männer und Frauen in ihrer Heimatsgemeinde. Die Jerusalemfahrer antworteten: Wir haben ihnen keine Macht und keine Güter zu bieten, aber wir können ihnen anbieten, die Leiden ihres Erlösers Jesu Christi zu teilen. Als dies gesagt wurde, erfüllte uns wieder eine große Freude, und wir dachten, daß Ihr kommen würdet. Aber nun sage ich Euch, lieben Brüder und Schwestern, redet nicht miteinander, wenn Ihr dieses gelesen habt, sondern seid still und lauscht! Und was Gottes Stimme Euch alsdann befiehlt, das tut!« Halvor faltete den Brief zusammen und sagte: »Nun wollen wir tun, was Hellgum uns schreibt, und wir wollen still sein und lauschen.« Es entstand ein langes Schweigen in der guten Stube auf dem Ingmarshof. Die alte Eva Gunnarstochter saß stumm da wie die übrigen und wartete darauf, daß Gottes Stimme zu ihr reden solle. Sie verstand es nun alles auf ihre eigene Weise: »Ja, ja,« dachte sie, »es ist Hellgums Meinung, daß wir nach Jerusalem ziehen sollen, um dem großen Verderben zu entgehen. Der Herr will uns aus der Schwefelflut erretten und uns vor dem Feuerregen bewahren. Und die Gerechten unter uns werden Gottes Stimme hören, die ihnen erlaubt, zu entfliehen.« Auch nicht einen Augenblick dachte die alte Frau daran, daß es für jemand von ihnen ein Opfer sein könne, von Haus und Heimat wegzuziehen, wenn es sich um so etwas handelte. Es fiel ihr gar nicht ein, daß jemand mit sich selbst in Zweifel sein könne, ob er die grünen Wälder seiner Heimat, den lächelnden Elf und die fruchtbaren Felder vergessen solle. Mehrere von den anderen dachten mit Grauen daran, daß sie ihre Lebensweise verändern, das Heim ihrer Väter, Eltern, Verwandten und Freunde vergessen sollten – sie aber nicht. Dies bedeutete ja, daß Gott sie erretten wollte, so wie er in alten Zeiten Noah und Loth gerettet hatte. Sie wurden ja zu einem Leben von überirdischer Herrlichkeit in die heilige Stadt Gottes gerufen. Es war ihr, als habe Hellgum an sie geschrieben, daß sie noch bei lebendigem Leibe in den Himmel aufgenommen werden sollte Alle saßen mit geschlossenen Augen da, ganz in sich selbst vertieft. Mehrere litten so stark in ihrem Innern, daß der kalte Schweiß auf ihre Stirn trat. »Ja, es ist sicherlich die Prüfung, die uns Hellgum prophezeit hat,« seufzten sie. Die Sonne neigte sich zum Untergang und sandte grelle Strahlen in die Stube. Blutrot legte sich der Sonnenschein auf die vielen blassen Gesichter. Endlich erhob sich Ljung Björns Frau, Märta Ingmarstochter, von der Bank und sank auf die Knie nieder. Und ihr folgte einer nach dem andern, bis sie alle knieten. Auf einmal atmeten mehrere von ihnen tief auf, und ein Lächeln erhellte ihre Gesichter. »Halvor,« sagte Karin Ingmarstochter mit bebendem Wundern in ihrer Stimme: »Ich höre Gottes Stimme, die mich ruft!« Des Gemeindevorstehers Gunhild erhob die Hände in Verzückung, während die Tränen über ihr Gesicht herabströmten. »Auch ich will reisen,« sagte sie, »Gottes Stimme ruft mich.« Darauf sagten Krister Larsson und seine Frau fast wie aus einem Munde: »Es ruft in mein Ohr hinein, daß ich hinziehen soll. Ich höre, daß mich Gottes Stimme ruft!« Der Ruf ertönte dem einen und dem andern, und im selben Augenblick verließ sie alle Angst und Sorge. Es war eine große, große Freude, die über sie alle kam. Sie dachten nicht mehr an ihre Höfe oder ihre Anverwandten. Sie dachten nur daran, daß ihre Gemeinde von neuem aufblühen würde, sie dachten daran, welche Herrlichkeit es war, berufen zu sein, in Gottes eigener Stadt zu wohnen. Der Ruf war den meisten erklungen, aber noch war er nicht zu Tims Halvorsson gedrungen, und er rang hart im Gebet, und er ward innerlich bekümmert und dachte: »Gott will mich nicht rufen, wie er die anderen gerufen hat. Ihr seht, daß ich meine Acker und Wiesen mehr liebe als sein Wort. Ich bin nicht würdig!« Karin Ingmarstochter trat an Halvor heran und legte ihre Hand an seine Stirn. »Du mußt still sein, Halvor, und in der Stille auf Gottes Stimme lauschen.« Halvor faltete seine harten Hände so krampfhaft, daß die Gelenke krachten. »Vielleicht hält mich Gott nicht für würdig, mitzuziehen,« sagte er. – »Ja, Halvor, natürlich sollst du mitziehen, aber du mußt still sein.« Sie fiel neben ihm auf die Knie und legte ihren Arm um ihn. »Lausche nun in der Stille, Halvor, und ohne Furcht.« Wenige Augenblicke darauf wich die Spannung aus seinen Zügen. »Ich höre – ich höre etwas in weiter Ferne,« sagte er zu seiner Frau. – »Sei jetzt ganz still, Halvor.« Sie schmiegte sich fester und fester an ihn, so wie sie es noch nie in Gegenwart Fremder getan hatte. – »Ach,« sagte er und schlug die Hände zusammen: »Jetzt habe ich es gehört. Es redete so laut zu mir, daß es mir vor den Ohren dröhnte: Du sollst in meine heilige Stadt Jerusalem ziehen! Habt ihr es alle auch so gehört?« – »Ja, ja,« rief sie, »so haben wir es alle gehört.« Aber nun begann die alte Eva Gunnarstochter zu jammern. »Ich habe nichts gehört. Ich darf nicht mit euch ziehen. Ich bin Lots Weib, das auf der Flucht zurückgelassen wurde. Ich muß stehen bleiben, in eine Salzsäule verwandelt.« Sie weinte in großer Angst und Bekümmernis, und die Hellgumianer scharten sich um sie, um zu beten. Aber sie hörte noch immer nichts, und ihr Kummer wurde immer größer. »Ich kann nichts, nichts hören,« sagte sie, »aber ihr müßt mich mitnehmen. Ihr dürft mich nicht zurücklassen, ihr dürft mich nicht im Schwefelregen umkommen lassen!« »Du mußt warten, Eva,« sagten die Hellgumianer. »Der Ruf kann auch dir noch erklingen. Er wird sicherlich in dieser Nacht oder morgen zu dir kommen.« »Ihr antwortet mir nicht,« sagte die Alte. »Ihr antwortet mir nicht auf das, wonach ich euch frage. Ihr wollt mich vielleicht nicht mitnehmen, falls der Ruf mir nicht ertönt?« »Er wird ertönen, er wird ertönen!« riefen die Hellgumianer. »Ihr antwortet mir nicht!« rief die Alte mit verzweifelter Stimme aus. »Liebe Eva,« sagten die Hellgumianer, »wir können dich nicht mitnehmen, wenn Gott dich nicht ruft. Fürchte dich aber nicht. Der Ruf wird sicherlich auch dir ertönen.« Da erhob sich die alte Frau hastig aus ihrer knienden Stellung, richtete den alten Rücken gerade und stieß ihren Stock hart auf den Fußboden. »Ich sehe, daß ihr von mir fortziehen und mich zugrunde gehen lassen wollt,« sagte sie. »Ja, ja, ja! Ihr wollt von mir fortziehen und mich zugrunde gehen lassen!« Sie war entsetzlich böse geworden, und man sah Eva Gunnarstochter noch einmal so, wie sie in ihrer Jugend gewesen war, stark, heftig und feurig. »Nie wieder will ich etwas von euch wissen,« rief sie. »Ich will nicht von euch erlöst werden. Wehe über euch! Ihr wollt Frau und Kinder und Vater und Mutter verlassen, um euch selbst zu retten. Pfui! Ihr seid verrückt, daß ihr eure guten Höfe verlaßt. Ihr seid verführt und verirrt und lauft falschen Propheten nach. Auf euch soll Feuer und Schwefel herabregnen, ihr sollt zugrunde gehen! Wir aber, die wir daheim bleiben, wir werden leben!«   Der große Baumstamm An diesem selben Februartage aber, in später Dämmerungsstunde, stehen zwei junge Menschen draußen am Wege und sprechen miteinander. Der junge Mann ist vom Walde herabgefahren, mit einem großen Baumstamm, der so groß ist, daß das Pferd ihn nur mit Mühe ziehen kann. Trotzdem hat es einen langen Umweg machen müssen, damit der Baumstamm durch das Kirchdorf und an dem großen weißgestrichenen Schulhaus vorüberfahren kann. Vor dem Schulhaus macht das Pferd Halt, und ein junges Mädchen kommt sogleich aus dem Hause, um den großen Baumstamm in Augenschein zu nehmen. Und sie wird nicht müde, ihn zu bewundern. Wie ist er lang und dick, und wie ist er gerade, und was für eine hübsche hellbraune Rinde hat er und was für schönes, festes und fehlerloses Holz! Der junge Mann erzählt mit großem Ernst, daß er auf einer Sandebene ein gutes Stück nordwärts von der Olafsmütze gewachsen ist; er erzählt, wann er ihn gefällt hat und wie lange er schon trocken im Walde gelegen hat. Er prägt ihr genau ein, wieviele Zoll und wieviele Diameter er im Umfang mißt. Das junge Mädchen hat Tausende und Abertausende Baumstämme den Elf hinabflößen oder die Landstraße entlangschleppen sehen; aber dieser eine Baumstamm erscheint ihr merkwürdiger als sie alle zusammen. »Ach, Ingmar,« sagt sie, »das ist aber doch nur der erste!« Sie denkt mit Sorgen daran, daß es fünf Jahre der Mühe und Arbeit gekostet hat, bis Ingmar so weit gekommen ist, daß er den ersten Baumstamm zu dem Holz schaffen kann, das verwendet werden soll, um ein Heim zu bauen. Wie lange wird es währen, das Haus selbst zu erbauen? Aber Ingmar meint, daß jetzt alle Schwierigkeiten überwunden sind. »Warte nur ein wenig, Gertrud,« sagt er. »Wenn ich nur erst das Bauholz herunterfahren kann, solange die Wege es noch erlauben, dann soll das Haus bald dastehen.« Es fängt an, bitter kalt zu werden, da die Nacht hereinbricht. Das Pferd steht da und friert, es schüttelt den Kopf und scharrt mit dem Fuß; die Mähne und die Stirnlocke sind weiß von Reif. Aber die beiden Jungen, die frieren wahrlich nicht. Sie stehen dort am Wege und bauen ihr Haus fertig vom Keller bis zum Boden. Und als das Haus gebaut ist, fangen sie an, es einzurichten. »An die lange Wand stellen wir das Sofa,« sagt Ingmar. »Ja, aber wir haben doch kein Sofa,« sagt Gertrud. Da beißt sich Ingmar auf die Lippen. Es war seine Absicht gewesen, ihr fürs erste noch nicht zu erzählen, daß er ein Sofa bestellt hat und daß es schon bei dem Tischler in Arbeit gegeben ist, aber jetzt hat er das Geheimnis verraten. Da muß ihm Gertrud berichten, daß sie ihm in diesen fünf Jahren etwas verborgen hat. Sie erzählt, daß sie Haararbeiten gemacht und Bänder gewebt und sie verkauft hat, und für das Geld hat sie allerlei Hausgerät angeschafft, Kochtöpfe und Pfannen, Teller und Schüsseln, Bettücher, Federbetten und Decken. Ingmar ist entzückt über all diese Herrlichkeit. Aber mitten in dem Aufzählen alles dieses Reichtums bricht er ab; er hat Gertrud angesehen und ist wie immer stumm vor Staunen darüber, daß ein so wunderbar schönes Mädchen wie Gertrud ihm gehören soll. »Woran denkst du, Ingmar?« fragt Gertrud. »Ich denke daran, daß das beste von allem doch ist, daß ich dich bekomme.« Gertrud sagt kein Wort, sondern legt die Hand liebkosend auf den großen Baumstamm, der jetzt in die Wand des Hauses eingebaut werden soll, das ihr und Ingmars Heim sein wird. Sie weiß, daß ihrer dort Sicherheit und Glück harrt, denn der Mann, den sie heiratet, ist gut und klug, edelmütig und treu. In diesem Augenblick sehen sie eine alte Frau in der zunehmenden Dunkelheit vorübergehen. Sie geht schnell und spricht laut mit sich selbst, als sei sie in starker Erregung. »Ja, ja, ja,« sagt die alte Frau, »ihr Glück wird nicht länger währen als vom Tagesgrauen bis zum Sonnenaufgang. Wenn die Prüfung kommt, wird ihr Glaube zerreißen wie ein Strick, der aus Moos geflochten ist, und ihr Leben wird eine lange Finsternis sein.« »Sie meint uns doch nicht?« sagte das junge Mädchen. »Nein, wie sollte uns das wohl gelten,« sagt der junge Mann.   Auf dem Ingmarshofe Der nächste Tag war ein Sonnabend. Da war der Pfarrer ausgewesen und fuhr spät am Abend in starkem Schneetreiben heim. Er kam von einem Kranken hoch oben im Norden, draußen im Hochwalde, und kämpfte sich mühselig heimwärts. Das Pferd versank tief in den Schneewehen, der Schlitten war einmal über das andere in Gefahr, umgeworfen zu werden, der Pfarrer wie auch der Knecht mußten absteigen, um den Weg aufzustampfen. Es war nicht sehr dunkel, der Mond kam aus den Schneewolken herausgeglitten, groß und rund, und der Mondschein erleuchtete die Wolken so weit, daß sie hellgrau wurden. Wenn der Pfarrer hinaufsah, konnte er die Schneeflocken wirbeln und fliegen und die ganze Luft mit kleinen, weißen Punkten erfüllt sehen. Nicht überall war es gleich schwierig für die des Weges Kommenden, vorwärts zu gelangen. Da waren einzelne Wegesstrecken, wo nichts von dem treibenden Schnee liegengeblieben war. Da ging es leicht auf dem eisglatten Wege. An anderen Stellen lag der Schnee hoch, aber lose und eben; auch da machte es keine Schwierigkeiten. Das schwerste war dort weiterzukommen, wo der Wind den Schnee zu Schanzen zusammengeweht hatte, die so hoch waren, daß man nicht über sie hinsehen konnte. Da mußten sie vom Wege abweichen und versuchen, einen Weg über Felder und Zäune zu finden, wobei sie Gefahr liefen, in einen Graben zu stürzen oder das Pferd an einem Zaunpfahl aufzuspießen. Der Pfarrer wie auch der Knecht sprachen mit größter Sorge über die Schneeschanze, die sich jedesmal, wenn ein Schneesturm tobte, regelmäßig an einem hohen, alten Bretterzaun, ganz in der Nähe des Ingmarshofes, auftürmte. »Wenn wir da nur erst glücklich hindurch sind, dann sind wir so gut wie zu Hause,« sagten sie. Der Pfarrer dachte daran, wie oft er den großen Ingmar gebeten hatte, den hohen Bretterzaun niederzureißen, an dem sich der Schnee gerade hier an dieser Stelle so anhäufte. Aber es war nie etwas daraus geworden. Und so war es auch noch am heutigen Tage. Was sich auch auf dem Ingmarshof verändert haben mochte, eins war sicher, der Bretterzaun war stehen geblieben, wo er stand. Bald konnten sie den Hof sehen, und sie fanden die Schneewehe an dem gewöhnlichen Fleck, hoch wie eine Mauer und hart wie ein Stein. Hier war keine Möglichkeit auszuweichen. Sie mußten geradeswegs über das Ungeheuer hinüber. Das sah so unmöglich aus, daß der Knecht den Vorschlag machte, er wollte auf den Ingmarshof gehen und um Hilfe bitten. Aber das wollte der Pfarrer nicht erlauben. Er hatte seit über fünf Jahren kein Wort mit Karin und Halvor gewechselt. Er freute sich nicht mehr wie andere Leute bei dem Gedanken, alte Bekannte wiederzutreffen, mit denen man verfeindet worden ist. So mußte denn das Pferd auf die Schneeschanze hinauf. Die trug, bis das Pferd oben auf dem Gipfel angekommen war. Da versank es plötzlich. Es verschwand, als sei es in einen Graben hinabgesunken, und der Pfarrer und sein Knecht blieben sitzen und starrten ihm nach. Im selben Augenblick, als das Pferd in die Schneewehe hinabsank, riß einer der Stränge und sie konnten nicht weiterfahren. Wenige Augenblicke später öffnete der Pfarrer die Tür zu der guten Stube auf dem Ingmarshofe. Dort brannte ein großes Holzfeuer auf dem Herd; an der einen Seite des Herdes saß die Hausfrau und spann feine gekardete Wolle, hinter ihr saßen Mägde und Frauen in einer langen Reihe und spannen Flachs und Werg. Die andere Seite des Herdes war die der Männer. Sie waren eben vom Holzfahren gekommen; einige ruhten aus, andere hatten irgendeine Arbeit vorgenommen, die leicht wie ein Spiel war. Sie spalteten Holz, schärften Rechen und schnitzten Axtschäfte. Als der Pfarrer eintrat und von dem Unglück erzählte, das ihm widerfahren war, gerieten sie alle in Bewegung. Die Knechte gingen hinaus, um das Pferd aus der Schneeschanze herauszugraben. Halvor führte den Pfarrer an den Tisch und bat ihn, auf der langen Bank Platz zu nehmen. Karin schickte die Mägde in die Küche hinaus, um Kaffee zu kochen und ein Gastmahl für den Abend zu bereiten. Sie selbst hängte den Pelz des Pfarrers zum Trocknen am Feuer auf, zündete die Hängelampe an und rückte den Spinnrocken an den Tisch, um an dem Gespräch der Männer teilnehmen zu können. »Besser hätte ich nicht empfangen werden können, wenn der große Ingmar noch gelebt hätte.« dachte der Pfarrer. Halvor begann eine bedächtige Unterhaltung über die Wege und ging zu der Frage über, ob der Pfarrer sein Korn gut bezahlt bekommen habe, und ob die Ausbesserung gemacht sei, die er schon so lange gewünscht hatte. Karin fragte nach der Propstin, ob nicht eine Besserung in ihrem Zustand eingetreten sei. Der Knecht des Pfarrers kam jetzt herein und sagte, das Pferd sei herausgegraben, das Geschirr sei in Ordnung und alles sei zum Weiterfahren bereit. Aber Karin und Halvor baten und überredeten den Pfarrer, doch zu Abend dazubleiben. Sie ließen nicht nach, bis er es versprach. Der Kaffee kam herein, auf dem Teebrett prangte die größte silberne Kanne, die Zuckerdose war die alte silberne Schale, die kaum zu Hochzeiten und Begräbnissen zum Vorschein kam. Und da waren drei Teller voll Feinbrot. Die kleinen runden Augen des Pfarrers wurden ganz groß vor Verwunderung. Einmal über das andere strich er sich mit der Hand über die Stirn, er saß da wie im Traum und fürchtete zu erwachen. Halvor zeigte dem Pfarrer das Fell eines Elentieres, das im vergangenen Herbst in seinem Walde erlegt worden war. Das Fell wurde über den Fußboden ausgebreitet. Der Pfarrer hatte niemals ein größeres und schöneres Fell gesehen. Karin trat an Halvor heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Gleich darauf bat Halvor den Pfarrer, das Fell als Geschenk anzunehmen. Karin ging ab und zu und nahm schweres, altes Silberzeug aus den blaugestrichenen Schränken. Auf dem Tisch breitete sie ein Tischtuch mit breitem Hohlsaum aus und nahm so viele silberne Löffel heraus, als decke sie zu einem Festmahl auf. Milch und Bier goß sie in mächtige silberne Kannen. Als sie gegessen hatten, wollte der Pfarrer aufbrechen. Halvor Halvorsson selbst und zwei von seinen Knechten begleiteten ihn, schaufelten einen Weg durch die Schneeschanzen, stützten den Schlitten, wenn er umwerfen wollte und verließen ihn nicht, bis er ganz zu Hause angelangt war. Der Pfarrer stand wohlbehalten auf der Treppe des Propsthauses und er dachte daran, wie gut es doch sei, alte Freunde wiederzufinden, und nahm einen warmen Abschied von Halvor. Halvor blieb stehen, er suchte nach etwas in seiner Tasche. Endlich brachte er ein zusammengefaltetes Stück Papier heraus. Ob er dem Pfarrer dies gleich geben dürfe? Es sei eine Bekanntmachung, die morgen nach der Predigt verlesen werden sollte. Vielleicht wollte der Pfarrer sie jetzt annehmen, dann brauche er morgen keinen besonderen Boten nach der Kirche zu schicken. Als der Pfarrer in seine Stube kam und Licht angezündet hatte, öffnete er das Papier und las: »Wegen Wegzuges des Besitzers nach Jerusalem wird der Ingmarshof zum Verkauf angeboten – – –« Der Pfarrer kam nicht weiter. Er versank in Staunen und tiefe Gedanken. »So ist es denn jetzt über uns gekommen, worauf ich seit vielen Jahren gewartet habe.«   Hök Matts Eriksson Es ist ein schöner Tag im Frühling. Ein Bauer und sein Sohn sind auf dem Wege nach dem großen Sägewerk, das unten am südlichen Ende des Kirchsprengels liegt. Sie wohnen weit oben nach Norden zu und müssen also durch den ganzen Kirchsprengel hindurch. Sie gehen an allen den frischgepflügten Feldern vorüber, wo die Saat eben anfangt zu keimen. Sie sehen alle die saftig grünen Roggenfelder, all die schönen Wiesen, wo der Klee bald Duft und Farbe verbreiten wird. Sie kommen auch vorüber an einer Menge von Häusern, wo man anstreicht und neue Fenster einsetzt oder große Veranden baut. Sie gehen vorüber an Gärten, wo man gräbt und pflanzt. Alle Leute, denen sie begegnen, haben lehmige Schuhe und erdige Hände, denn sie sind draußen auf dem Felde oder im Kohlgarten gewesen und haben Kartoffeln gelegt und Kohl gepflanzt oder Rüben und gelbe Wurzeln gesät. Der Bauer kann es nicht lassen, stillzustehen und zu fragen, was für eine Sorte Kartoffeln sie legen, oder wie lange es her ist, seit sie Hafer gesät haben. Sobald er ein Kalb oder ein Füllen sieht, fängt er an zu überlegen, wie alt es wohl sein mag. Er rechnet aus, wie viele Kühe sie wohl auf diesem Hof halten können und denkt darüber nach, wieviel das Füllen wert sein mag, wenn es erst eingefahren ist. Der Sohn versucht einmal über das andere seine Gedanken von diesem allen abzuwenden. – »Ich denke daran, daß du und ich jetzt bald durch Sarons Täler und die Wüste Judäa wandern werden,« sagt er. Der Vater lächelt, und sein Antlitz klärt sich einen Augenblick auf. »Es wird schön werden, in den Fußtapfen des lieben Herrn Jesu zu wandeln,« sagt er. Aber schon im nächsten Augenblick legen ein paar Fuder ungelöschten Kalkes, die ihm entgegengefahren kommen, Beschlag auf seine Gedanken. »Wer mag das wohl sein, Gabriel, der da Kalk fährt? Die Leute sagen, daß Kalk eine mächtige Fruchtbarkeit gibt. Da müssen wir im Herbst einmal aufpassen.« »Im Herbst, Vater?« sagt der Sohn vorwurfsvoll. »Ja, ich weiß es recht gut,« erwidert der Bauer. »Im Herbst werde ich schon in Jakobs Hütten wohnen und im Weingarten des Herrn arbeiten.« – »Ja,« erwidert der Sohn, »so ist es, Amen! Amen!« Dann wandern sie wieder eine Weile schweigend weiter und sehen den sprossenden Frühling an. Das Wasser rieselt in dem Graben, und der Weg selbst ist vom Frühlingsregen aufgeweicht. Wohin man sieht, ist Arbeit, die getan werden muß. Alle Menschen bekommen Lust, zuzugreifen, selbst wenn sie über Felder gehen, die ihnen gar nicht gehören. »Nun ja,« sagt der Bauer nachdenklich. »Ich kann es ja nicht leugnen, daß ich meinen Hof lieber zur Herbstzeit verkauft hätte, wenn die Arbeit beendet ist; es ist hart, im Frühling davongehen zu müssen, gerade wo man mit allen Kräften zugreifen sollte.« Der Sohn zuckt nur die Schultern, er sieht ein, daß er den Alten schwatzen lassen muß. »Es sind jetzt einunddreißig Jahre her, seit ich als ganz junger Bursche ein Stück Ödeland ganz oben im Norden des Kirchsprengels kaufte. Da war noch niemals ein Spatenstich getan. Die Hälfte des Grundstücks war Moorgrund und die andere Hälfte steiniger Boden, es sah entsetzlich aus. Auf dem Felde habe ich Steine gebrochen, bis ich glaubte, daß mein Rücken mitten durchbrechen müßte. Und doch glaube ich, die Arbeit mit dem Moorgrund war noch schwerer, bis ich das Moor drainiert und ausgetrocknet hatte.« »Freilich habt Ihr gearbeitet,« sagte der Sohn. »Darum denkt jetzt auch Gott an Euch und ruft Euch in sein heiliges Land.« »In der ersten Zeit,« sagte der Bauer, »wohnte ich in einem Hause, das nicht viel besser war als eine Köhlerhütte; es war aus Planken gebaut, von denen die Rinde nicht abgezogen war, und das Dach war nichts weiter als gestampfte Erde. Ich konnte das Dach niemals dicht bekommen, es regnete hinein. Das war hart genug, namentlich des Nachts. Und die Kuh und das Pferd hatten es nicht besser als ich. Den ganzen ersten Winter standen sie in einer Erdhöhle, wo es dunkel war wie in einem Keller.« »Vater,« sagt der Sohn, »wie könnt ihr so an einem Ort hängen, wo Ihr so viel Böses habt erleben müssen?« »Aber bedenke doch auch, welch eine Freude es war,« sagt der Vater, »als ich den Tieren einen Stall bauen konnte, und als der Viehbestand von einem Jahr zum anderen so zunahm, daß ich immer daran denken mußte, mehr Platz zu schaffen. Falls ich das Gut jetzt nicht verkaufen müßte, würde ich ein neues Dach auf die Scheune gesetzt haben. Ich würde dafür gesorgt haben, daß es morgen um diese Zeit geschehen würde, sobald ich mit der Aussaat fertig gewesen wäre.« »Vater,« sagt der Sohn, »Ihr werdet auch in dem neuen Lande säen können, und etwas von dem Samen wird unter Dornen fallen und etwas auf steinigen Boden und etwas auf den Weg und etwas auf das gute Land.« »Und das alte Haus,« sagt der Vater, »das ich nach der ersten Hütte baute, das wollte ich gerade niederreißen, um mir ein großes Wohnhaus zu bauen. Was soll ich nun mit all dem Holz, das ich im Winter angefahren habe? Es war doch eine schwere Arbeit, es herunterzuschaffen. Die Pferde haben sich hart abgemüht und wir auch.« Der Sohn fing an, ängstlich zu werden. Es war ihm, als entgleite ihm der Vater. Er fürchtete, daß der Alte nicht mehr in dem rechten Sinn hingeht, um Gott sein Hab und Gut zu opfern. »Ja,« sagt der Sohn, »aber was haben jetzt Häuser und Ställe zu sagen im Vergleich damit, ein reines Leben unter Gleichgesinnten zu führen.« »Halleluja,« sagt der Vater, »ich weiß, daß uns ein schönes Los beschieden ist. Und jetzt bin ich auf dem Wege nach dem Sägewerk herunter, um das Werk einer Aktiengesellschaft zu verkaufen. Wenn ich auf diesem Weg wieder zurückkomme, ist alles vorüber, dann besitze ich nichts mehr.« Der Sohn antwortete nichts; er beruhigte sich dabei, den Vater dies sagen zu hören. Nach einer Weile kamen sie an einem Gehöft vorüber, das schön auf einem Hügel daliegt. Es hat ein weißangestrichenes Wohnhaus mit einem Altan und einer Veranda, und rings um das Haus herum stehen hohe Balsampappeln, deren schöne weißgraue Stämme von Saft strotzen. »Sieh',« sagt der Bauer, »gerade so wollte ich es haben. Gerade so eine Veranda mit Altan darüber und mit vielen Schnitzereien. Und genau so einen grünen Platz davor mit seinem trockenen Gras. Wäre das nicht schön gewesen, Gabriel?« Der Sohn antwortet nicht, und der Bauer begreift, daß er es satt hat, von dem Hof sprechen zu hören. Jetzt schweigt auch er, aber seine Gedanken sind unaufhörlich daheim. Er denkt daran, wie es seinen Pferden unter dem neuen Eigentümer gehen wird, wie es mit dem ganzen Hof gehen wird. »Ach,« denkt er, »es ist gewiß dumm von mir, an eine Aktiengesellschaft zu verkaufen. Die tun nichts weiter, als den Wald abschlagen und den Hof verfallen lassen. Sie lassen das Moor wieder Moor werden und lassen den Birkenwald über die Äcker hinüberwachsen.« Jetzt sind sie beim Sägewerk, und da erwacht sein Interesse von neuem. Er sieht Pflüge und Eggen von ganz neuer Konstruktion, und ihm fällt gleich ein, wie er sich danach gesehnt hat, eine Mähmaschine anschaffen zu können. Er sieht Gabriel an, der ein hübscher junger Mann ist, und träumt ihn sich auf einer seinen rotangestrichenen Mähmaschine sitzend, mit der Peitsche über den Pferden dahinknallend und im hohen Korn gehend, wie ein starker Held, der seine Feinde niedermäht. Als er in das Kontor des Sägewerks kommt, meint er das Rasseln der Mähmaschine vor seinen Ohren hören zu können. Er hört das Korn fallen und ein feines Piepsen und Zwitschern von aufgescheuchten Vögeln und Insekten. Im Kontor liegt der Kaufkontrakt fertig. Alle Unterhandlungen sind beendet, der Preis ist festgesetzt, er braucht nur noch den Kontrakt zu unterschreiben. Sie legten ihn ihm vor. Er hört, wie so und so viel Tonnen Wald, so und so viel Tonnen Land, Acker und Wiesen, so und so viel Inventar, ein so und so großer Viehbestand, das er alles abliefern muß, aufgezählt wird. Sein Gesicht wird hart. »Nein,« sagt er zu sich selbst, »nein, das wird nicht geschehen!« Als der Kontrakt vorgelesen ist, will er gerade sagen, daß er es nicht kann. Da beugt sich der Sohn zu ihm hinüber und flüstert: »Vater, es gilt mich oder den Hof; was Ihr auch tut – ich reise.« Der Bauer war mit seinen Gedanken an den Hof so in Anspruch genommen gewesen, daß es ihm gar nicht in den Sinn gekommen war, daß der Sohn ohne ihn reisen könne. So, der Sohn würde also auf alle Fälle reisen. Er kann das nicht recht verstehen; er würde nicht gereist sein, wenn der Sohn daheim geblieben wäre. Aber das war ja klar, daß er mit dem Sohn gehen mußte. Er tritt an das Pult heran, wo der Kontrakt zur Unterschrift hingelegt ist. Der Inspektor gibt ihm selbst die Feder in die Hand und zeigt auf das Papier. »Seht, hier,« sagt er, »schreibt hierher: Hök Matts Eriksson.« Er reicht ihm die Feder, und im selben Augenblick steht es ganz deutlich vor ihm, daß er vor einunddreißig Jahren einen Kontrakt unterschrieben hat, wodurch er ein Stück Ödeland erhandelte. Er entsinnt sich, wie er, nachdem er geschrieben hat, hingegangen ist und sich sein Eigentum angesehen hat. Da hat er bei sich selbst gedacht: »Siehe, was dir Gott gegeben hat. Hier hast du Arbeit für ein ganzes Leben.« Der Inspektor glaubt, daß er sich besinnt, weil er nicht weiß, wo er seinen Namen hinsetzen soll und zeigt von neuem: »Hier soll der Name stehen, schreibt nun: Hök Matts Eriksson.« Er fängt an zu schreiben: »Dies,« denkt er, »schreibe ich um meines Glaubens und um meiner Seligkeit willen, um meiner lieben Freunde, der Hellgumianer, um unseres teuren Zusammenlebens willen, damit ich nicht allein zurückgelassen werde, wenn sie alle fortziehen.« Und er schreibt den ersten Namen. »Dies,« denkt er weiter, »schreibe ich um meines Sohnes Gabriel willen, um nicht einen so guten und lieben Sohn zu verlieren, um all der Zeiten willen, wo er gut gegen seinen alten Vater gewesen ist, um ihm zu zeigen, daß er doch das allerliebste ist, was ich besitze.« Und so wurde der zweite Name geschrieben. »Dies aber,« denkt er, als er wieder anfängt, die Feder anzusetzen, um den dritten Namen zu schreiben, »warum schreibe ich dies?« Und im selben Augenblick bewegt sich seine Hand wie von selber und macht zwei dicke Striche, die kreuz und quer über das verhaßte Papier gehen. »Ja, dies tue ich, weil ich ein alter Mann bin, der die Erde bebauen und pflügen muß auf demselben Fleck, wo ich mein ganzes Leben gearbeitet und mich abgemüht habe.« Hök Matts Eriksson sieht sehr verlegen aus, als er sich zu dem Inspektor umwendet und ihm das Papier zeigt. »Der Herr Inspektor muß entschuldigen, es war ja meine Absicht, mich von meinem Eigentum zu trennen, aber ich konnte es nicht.«   Die Auktion. Im Mai wurde auf dem Ingmarshofe Auktion abgehalten. Nein, welch herrliches Wetter an dem Tage war. So richtig Sommer und warm. Alle Männer hatten die langen, weißen Pelze abgelegt und gingen in kurzen Jacken, und die Frauen trugen schon die großen, weißen, weiten Ärmel, die zu ihrer Sommertracht gehörten. Die Frau des Schulmeisters machte sich fertig, um zu der Auktion zu gehen. Gertrud wollte nicht mit, und Storm war von seiner Schule in Anspruch genommen. Als Mutter Stina fertig war, öffnete sie die Tür zu der Schulstube ein klein wenig und nickte ihrem Mann zum Abschied zu. Er saß da und sprach mit den Kindern von dem Untergang der Stadt Ninive, und in dieser Veranlassung setzte er ein so wütendes Gesicht auf, daß die armen Kinder vor Angst bebten. Auf dem Wege nach dem Ingmarshof blieb Mutter Stina jedesmal stehen, wenn sie einen blühenden Weißdorn oder einen Hügel sah, der mit weißen duftenden Maiglöckchen bedeckt war. »Kann man wohl etwas Schöneres sehen, selbst wenn man bis nach Jerusalem reist!« sagte sie. Es war Mutter Stina gerade so ergangen wie den meisten anderen, sie hatte ihr Kirchspiel unendlich viel lieber gewonnen als früher, seit die Hellgumianer es Sodom nannten und es verlassen wollten. Sie pflückte ein paar von den kleinen Blumen, die am Wegesrande wuchsen und betrachtete sie fast mit Zärtlichkeit. »Wenn wir so schlecht wären, wie sie sagen,« dachte sie, »dann wäre es ja eine leichte Sache für Gott, uns zu vernichten. Er brauchte ja nur die Kälte anzuhalten und die Erde mit Schnee bedeckt sein zu lassen. Aber wenn der liebe Gott den Frühling und die Blumen wieder zu uns zurückkehren läßt, dann wird er doch wohl wenigstens meinen, daß wir es verdienen zu leben.« Als Mutter Stina den Ingmarshof erreichte, blieb sie stehen und sah bekümmert aus. »Ich glaube, ich kehre wieder um. Ich kann es nicht aushalten, dies alte Heim auseinandergerissen zu sehen.« Aber in Wirklichkeit war sie zu neugierig, zu erfahren, wie es wohl mit dem Hofe ergehen werde, um wieder umzukehren. Sobald es bekannt geworden war, daß der Hof verkauft werden sollte, hatte Ingmar den Versuch gemacht, ihn zu kaufen. Aber er besaß nicht mehr als sechstausend Kronen, und von der großen Aktiengesellschaft, der das Bergsaanaer Sägewerk gehörte, waren Halvor fünfundzwanzigtausend geboten. Es war Ingmar gelungen, soviel Geld zu leihen, daß er eine ebenso große Summe bieten konnte. Aber da hatte die Aktiengesellschaft ihr Gebot auf dreißigtausend erhöht, und sich mit so großen Schulden zu belasten wagte Ingmar nicht. Das traurige bei der Sache war nicht nur, daß der Hof auf diese Weise der Familie für alle Zeiten verloren ging – denn die große Aktiengesellschaft verkaufte nie etwas, was sie einmal in die Finger bekommen hatte – sondern es kam noch das hinzu, daß die Aktiengesellschaft sicherlich Ingmar nicht die Sägemühle im Langfoß verkaufen würde, und in diesem Falle hatte er gar nichts zu leben. Er konnte nicht daran denken, im Herbst mit Gertrud Hochzeit zu machen, wie er es gehofft hatte; er würde vielleicht sogar gezwungen werden, fortzureisen, um Arbeit zu suchen. Mutter Stina war nicht milde gestimmt gegen Karin und Halvor, wenn sie an dies alles dachte. »Ich will nur hoffen,« sagte sie zu sich selbst, »daß Karin Ingmarstochter nicht zu mir kommt und mich anredet, denn dann kann ich es nicht lassen, ihr zu sagen, wie schlecht sie gegen Ingmar handelt. Ich kann es nicht lassen, ihr zu sagen, daß es doch im Grunde ihre Schuld ist, daß Ingmar der Hof nicht gehört.« »Die Leute sagen ja, daß sie so furchtbar viel Geld zu der Reise brauchen, aber ich kann es doch nicht verstehen, daß Karin es über ihr Herz bringen kann, den Hof an eine Aktiengesellschaft zu verkaufen, die nur den Wald abholzt und die ganze Landwirtschaft verfallen läßt.« Da war noch einer außer der Aktiengesellschaft, der den Hof kaufen wollte, das war der reiche Gemeinderatsvorsteher Sven Person, und das hoffte Mutter Stina; denn Sven Person war ein edeldenkender Mann und würde sich sicher nicht weigern, Ingmar das Sägewerk zu verpachten. »Sven Person vergißt nicht, daß er hier als armer Hirtenjunge auf dem Hof herumgegangen ist,« dachte sie, »und daß der große Ingmar der erste gewesen ist, der sich seiner angenommen und ihm vorwärtsgeholfen hat.« Mutter Stina ging nicht in das Haus, sondern blieb draußen auf dem Hofplatz, wie die meisten anderen, die zur Auktion gekommen waren. Sie setzte sich auf einige Bretter, die dalagen und sah sich um, wie man es zu tun pflegt, wenn man weiß, daß man einen lieben Ort zum letztenmal sieht. Auf drei Seiten war der Hofplatz von Gebäuden umrahmt, und in der Mitte stand ein großes Vorratshaus auf Pfählen. Nichts von alledem sah so richtig alt aus, mit Ausnahme eines großen Beischlages mit geschnitzten Leisten rings um das Dach herum, vor dem Eingang zum Wohnhause, und eines anderen noch älteren, mit schweren gewundenen Säulen vor der Tür des Brauhauses. Mutter Stina dachte an alle die alten Ingmarssöhne, deren Fußtritte diesen Hof ausgetreten hatten. Es war ihr, als könne sie sie alle zur Abendzeit von der Arbeit heimkommen und ins Haus treten sehen, große, ein wenig gebeugte Gestalten, immer besorgt, aufdringlich zu sein oder bessere Plätze einzunehmen, als ihnen zukämen. Sie dachte an all den Fleiß und die Redlichkeit, die hier auf dem Hof ihren Wohnsitz gehabt hatten, und sie begriff nicht, wie es im Kirchsprengel gehen sollte, wenn dies alles verloren ging. »Das sollte nicht geschehen,« sagte sie, »der König hätte das erfahren sollen.« Mutter Stina empfand das bitterer, als ob dies ihrem eigenen Heim gegolten hätte. Die Auktion hatte noch nicht begonnen, aber es waren schon eine Menge Menschen gekommen. Einige gingen in die Scheunen und Ställe, um das Vieh zu besehen, andere blieben draußen auf den Hofplätzen stehen und sahen alle die Arbeitswagen und Pflüge und Spaten und Äxte an, die dort zusammen aufgestapelt waren. Und jedesmal, wenn Mutter Stina ein paar Bauersfrauen aus dem Kuhstall herauskommen sah, dachte sie: »Nein, seht doch Mutter Inga oder Mutter Gusta, nun sind sie da drinnen gewesen und haben sich jede eine Kuh ausgesucht. Es mag ja sein, daß sie dann später damit prahlen wollen, daß sie Kühe von der alten Rasse auf dem Ingmarshof bekommen haben.« Sie lächelte ein wenig höhnisch, als sie den Hügelhaus-Nils dastehen und an den Pflügen drehen und wenden sah. »Der Hügelhaus-Nils wird sich wohl wie ein Großbauer vorkommen, wenn er mit so einem Pflug pflügen kann, den der große Ingmar selbst gebraucht hat,« murmelte sie vor sich hin. Allmählich sammelten sich immer mehr Leute um die Gerätschaften an. Sie standen da und wunderten sich über einige von den Sachen, die so alt waren, daß niemand wußte, wozu sie gebraucht waren. Da waren auch Zuschauer, die unehrerbietig genug waren, über die alten Schlitten zu lachen. Einige von diesen waren uralt. Sie waren prachtvoll mit Rot und Grün bemalt, und das Geschirr, das dazu gehörte, war mit bunten, wollenen Quasten besetzt, und das Mundgeschirr war mit weißen Schnecken verziert. Abermals war es Mutter Stina, als könne sie die alten Ingmarssöhne besonnen in diesen Schlitten daherfahren sehen. Sie fuhren zu Festmählern oder sie kamen mit einer Braut im Schlitten nach Hause. »Es sind viele gute Leute, die jetzt aus dem Kirchspiel wegziehen,« dachte sie. Denn Mutter Stina hatte ein Gefühl, als ob alle diese Alten bis auf den heutigen Tag, wo ihre Gerätschaften und ihre Fuhrwerke in alle Winde zerstreut wurden, auf dem Hof gewohnt hatten. »Ich möchte wohl wissen, wo Ingmar sich aufhält, und wie ihm zumute ist,« dachte sie. »Wenn es mir schon so schwer wird, dies mit anzusehen, was muß es da nicht für ihn sein!« Das Wetter war so ungewöhnlich schön, daß der Auktionator vorschlug, alles, was verkauft werden sollte, auf den Hofplatz hinauszuschaffen, damit man drinnen in der Stube mit dem Gedränge verschont bleibe. Mägde und Knechte schleppten jetzt Kisten und Truhen herbei, die mit Tulpen und Rosen bemalt waren; einige von diesen hatten hunderte von Jahren und länger in ungestörtem Frieden auf der Rumpelkammer gestanden. Sie kamen mit silbernen Kannen und altmodischen Kupferkesseln, mit Spinnrocken und Wollkämmen und allen möglichen sonderbaren Gerätschaften. Um alles dies scharten sich die Bauersfrauen, hoben es auf und drehten es hin und her. Mutter Stina hatte nicht die Absicht gehabt, irgend etwas zu kaufen, aber nun fiel ihr ein, daß hier ein Webstuhl sein sollte, auf dem man das allerfeinste Drell weben konnte, und sie ging hin, um ihn sich anzusehen. Aber gerade als Mutter Stina nähertrat, kam ein Mädchen mit ein paar mächtigen Bibeln angeschleppt, Sie waren so schwer mit ihrem ledernen Einband und ihrem Messingbeschlag, daß sie sie kaum auf einmal tragen konnte. Mutter Stina war so bestürzt, daß es ihr war, als habe sie einen Schlag gerade ins Gesicht erhalten. Sie kehrte an ihren Platz zurück. Sie konnte wohl begreifen, daß da jetzt niemand mehr war, der aus all den Bibeln mit ihrer veralteten Sprache las, aber es war doch wunderbar, daß Karin die verkaufen wollte. »Es war vielleicht gerade die Bibel, in der die Hausfrau gelesen hatte, als sie kamen und ihr erzählten, daß ihr Mann von einem Bären getötet war,« dachte sie. Mutter Stina erinnerte sich an alles, was sie von den alten Ingmarssöhnen gehört hatte. Es war ihr, als habe jeder Gegenstand, den sie sah, ihr etwas zu erzählen. Die alte silberne Spange, die dort auf dem Tisch lag, war von einem der Ingmarssöhne den Kobolden oben im Klackberge geraubt worden. In der alten Stuhlkarre da hinten war Ingmar Ingmarsson, der in ihrer Kindheit gelebt hatte, immer gefahren, wenn er zur Kirche wollte. Und jedesmal, wenn er auf dem Kirchwege an ihr und ihrer Mutter vorüberfuhr, hatte die Mutter zu ihr gesagt: »Mach' einen Knix, Stina, denn da kommt Ingmar Ingmarsson!« Sie hatte sich damals darüber gewundert, daß die Mutter es niemals vergaß, einen Knix vor Ingmar Ingmarsson zu machen. Sie hatte es nicht so genau genommen, wenn es sich um den Amtmann oder den Hardes-Vogt handelte. Schließlich hatte sie herausgefunden, daß dies geschah, weil damals, als ihre Mutter noch ein kleines Mädchen war und mit ihrer Mutter auf der Landstraße ging, diese die Hand auf ihren Kopf gelegt und gesagt hatte: »Mach' einen Knix, denn da kommt Ingmar Ingmarsson!« »Gott mag wissen,« seufzte Mutter Stina, »daß ich nicht nur darum trauere, weil ich erwartet hatte, daß Gertrud einmal über dies alles herrschen würde, was jetzt in alle Winde zerstreut werden soll. Mir ist, als sei es jetzt auch mit dem ganzen Kirchspiel aus.« Im selben Augenblick kam der Pfarrer gefahren. Er sah sehr ernsthaft aus. Er ging sofort in das Wohnhaus, und Mutter Stina dachte bei sich, daß er wohl gekommen sei, um Ingmar das Wort bei Karin und Halvor zu reden. Nach einer Weile kamen der Verwalter des Bergsaanaer Sägewerks als Vertreter der Aktiengesellschaft und der Gemeinderatsvorsteher Birger Sven Person. Der Verwalter ging gleich ins Haus hinein, aber Sven Person ging erst ein wenig umher und sah sich die Sachen auf dem Hofe an. Als er an einem kleinen alten Mann mit einem langen Bart vorüberkam, der auf denselben Brettern saß, auf denen Mutter Stina Platz genommen hatte, blieb er stehen. »Der starke Ingmar weiß wohl nicht, ob Ingmar Ingmarsson sich entschlossen hat, das Bauholz zu kaufen, das ich ihm angeboten habe?« sagte der Gemeinderatsvorsteher. »Er sagt nein,« antwortete der Alte, »aber ich möchte fast glauben, daß er seinen Sinn geändert hat.« Gleichzeitig blinzelte der alte Mann ihm zu und zeigte auf Mutter Stina hin, als wolle er Sven Person warnen, sie etwas hören zu lassen. »Ich meine sonst, er könnte mit einem solchen Anerbieten sehr zufrieden sein,« sagte Even Person. »Ich habe nicht jeden Tag solche Ware anzubieten. Ich tue es nur um des großen Ingmars willen.« »Ja, ein gutes Angebot ist es, das ist wahr und gewiß,« sagte der Alte, »aber er sagt, daß er schon auf etwas anderes geboten hat.« »Er hat wohl nicht recht überlegt, was er sich da entgehen läßt,« sagte Sven Person und ging langsam weiter. Noch hatte Mutter Stina niemand von der Familie auf dem Hofe gesehen, aber gerade jetzt erblickte sie Ingmar. Er stand ganz regungslos gegen eine Mauer gelehnt und mit fast geschlossenen Augen. Mehrere gingen hin, um ihn zu begrüßen; aber als sie näherkamen, besannen sie sich und kehrten wieder auf ihren Platz zurück. Ingmar war leichenblaß, und alle, die ihn sahen, begriffen, daß er mit einem so großen Schmerz kämpfte, daß sie sich nicht erkühnten, ihn anzureden. Ingmar stand so still, daß ihm viele gar nicht bemerkt hatten. Aber keiner von denen, die ihn gewahrt hatten, konnte seither an etwas anderes denken. Es ward nichts aus der Lustigkeit, die sonst immer im Gefolge von Auktionen zu sein pflegt. Wie konnte man, solange Ingmar dort an die Wand des alten Heims gelehnt stand, das er jetzt bald verlassen sollte, das Herz haben, zu lachen oder Witze zu machen. Dann kam endlich der Zeitpunkt, wo die Auktion beginnen sollte. Der Auktionator stieg auf einen Stuhl und rief einen alten Pflug aus. Ingmar blieb unbeweglich stehen, als sei er eine Steinsäule und kein Mensch. »Großer Gott, er könnte doch auch weggehen!« dachten die Leute. »Er braucht doch nicht dazustehen und sich all dies Elend mit anzusehen. Aber die Ingmars machen es nie so wie andere Menschen.« Dann fiel der erste Hammerschlag, und Mutter Stina sah Ingmar zusammenzucken, als habe er ihn getroffen. Dann stand er wieder unbeweglich da, aber bei jedem Hammerschlag lief ein Zittern durch seinen Körper. Zwei Bauersfrauen kamen in diesem Augenblick an Mutter Stina vorüber, sie sprachen von Ingmar. »Wenn man denkt, daß er bloß um eine reiche Bauerntochter hätte freien können, dann hätte er ja Geld genug gehabt, um den Hof zu kaufen; aber er will ja Schulmeisters Gertrud heiraten,« sagte die eine. »Da soll ja ein reicher Mann sein, der ihm den Ingmarshof als Mitgift versprochen hat, wenn er sich mit seiner Tochter verheiraten wollte,« sagte die andere. »Sie machen sich ja nichts daraus, daß er arm ist, weil er zu einer so guten Familie gehört.« »Ja, es hilft in allen Dingen, der Sohn des großen Ingmar zu sein.« »Es wäre ja etwas Herrliches gewesen, wenn Gertrud ein klein wenig zuzuschießen gehabt hätte,« dachte Mutter Stina. Die Ackerbaugerätschaften waren allmählich verkauft, und der Auktionator ging nach einer anderen Seite des Hofes hinüber. Er fing jetzt an, die selbstgewebten Sachen zu verkaufen, Handtücher und Bettumhänge, und hielt sie hoch in die Höhe, so daß die gestickten Tulpen und die bunten Borten über den ganzen Hof leuchteten. Ingmar mußte das Zeug haben flattern sehen, denn er schlug die widerstrebenden Augen auf. Eine Sekunde sah Mutter Stina die matten, blutunterlaufenen Augen, die über das Grauen der Zerstörung hinwegsahen, dann schlossen sie sich wieder. »Ich habe nie etwas Schrecklicheres gesehen,« sagte ein junges Bauernmädchen. »Ich glaube, er stirbt bald. Wenn er hier doch nicht stehen und sich selbst so quälen wollte.« Mutter Stina richtete sich halbwegs auf, um laut zu rufen, daß dies nicht so weitergehen könne, jetzt mußten sie aufhalten; aber sie setzte sich wieder. »Ich muß mich immer wieder daran erinnern, daß ich nichts bin und nichts kann,« murmelte sie. , Jetzt wurde es auf einmal so still, daß Mutter Stina aufsehen mußte. Da entdeckte sie, daß die Stille dadurch entstanden war, daß Karin Ingmarstochter aus dem Wohnhaus herausgetreten war. Nun sah man so recht, wie die Leute über Karin und ihre Handlungsweise dachten, denn als sie über den Hof ging, wichen alle zur Seite, nicht einer streckte die Hand aus, um sie zu begrüßen, sondern sie standen alle stumm da und sahen ihr unwillig nach. Karin sah müde und angegriffen aus; sie ging noch gebeugter als sonst. Ein paar rote Flecke brannten auf ihren Wangen, und sie sah ebenso verhärmt aus wie damals, als sie ihren Kampf mit Elias kämpfte. Karins Vorhaben war, Mutter Stina in die Stube hineinzubitten. »Ich habe eben erst erfahren, daß Mutter Stina hier ist,« sagte sie. Mutter Stina machte einige Einwendungen, aber Karin überwand sie alle, indem sie sagte: »Wir möchten so gerne, daß alles alte Leid vergessen sein sollte, jetzt, wo wir bald fortreisen wollen.« Während sie über den Hofplatz gingen, machte Mutter Stina einen schüchternen Versuch und sagte: »Das muß ein schwerer Tag sein, Karin.« Karin seufzte, antwortete aber nicht. »Ich begreife nicht, wie Ihr es übers Herz bringen könnt, Karin, alle diese alten Sachen zu verkaufen.« »Das, was man am meisten liebt, muß man zuallererst dem Herrn opfern,« sagte Karin. »Die Leute finden ja, daß es wunderlich aussieht,« begann Mutter Stina; Karin aber unterbrach sie: »Der liebe Gott würde es auch gewiß sonderbar finden, wenn wir etwas von dem, was ihm gegeben ist, auf die Seite bringen wollten.« Mutter Stina biß sich auf die Lippen und konnte sich nicht entschließen, mehr zu sagen. Es wurde nichts aus all den Vorwürfen, die sie Karin zu machen beabsichtigt hatte. Es lag eine solche Würde über Karin, daß niemand den Mut hatte, ihr mit Vorwürfen zu kommen. Gerade, als sie im Begriff waren, die breite Treppe vor dem Beischlag hinaufzugehen, legte Mutter Stina ihren Arm um Karins Schulter. »Habt Ihr gesehen, Karin, wer da steht?« sagte sie und zeigte auf Ingmar. Es war, als wenn Karin zusammensinke. Sie vermied es, dahin zu sehen, wo Ingmar stand. »Gott der Herr muß einen Ausweg finden,« murmelte sie, »Gott der Herr muß einen Ausweg finden.« In der guten Stube waren in Veranlassung der Auktion keine großen Veränderungen vorgenommen, denn die Bänke und Betten drinnen waren an den Wänden befestigt und konnten nicht fortgenommen werden. Aber die kupfernen Gefäße schimmerten nicht mehr an den Wänden, die Bettstellen gähnten leer ohne Betten und Umhänge, und die blaugestrichenen Schranktüren, die in alten Zeiten oft halbgeöffnet waren, um die Fremden die großen, schweren, silbernen Kannen und Becher sehen zu lassen, die auf den Brettern standen, waren jetzt geschlossen, als Zeichen, daß dort nichts mehr verwahrt wurde, was des Sehens wert war. Das einzige, was noch die Wände schmückte, war das Jerusalembild, das heute abermals mit einem frischen grünen Kranz umwunden war. Die gute Stube war voll von Gästen, von Verwandten und Glaubensgenossen von Karin und Halvor. Einer nach dem anderen wurde mit vielen Komplimenten vorgeführt, und man bot ihm einen Platz an dem großen gedeckten Tisch an. Die Tür zu der Kammer war geschlossen. Da drinnen gingen die Unterhandlungen wegen des Hofverkaufes selbst vor sich. Es wurde laut und eifrig gesprochen, namentlich von dem Pfarrer. Aber in der guten Stube waren die Leute sehr schweigsam, und sprach jemand, so geschah es leise und flüsternd. Aller Gedanken waren drinnen in der Kammer, wo das Schicksal des Hofes entschieden werden sollte. Mutter Stina wandte sich an Gabriel Mattsson und fragte ihn: »Es steht wohl nicht so, daß Ingmar auf dem Hof bleiben kann?« »Nein, sein Gebot ist jetzt weit überschritten,« antwortete Gabriel. »Der Gastwirt aus Karmsund soll zweiunddreißigtausend geboten haben und die Aktiengesellschaft soll bis fündunddreißigtausend hinaufgegangen sein. Nun versucht der Pfarrer, sie zu überreden, den Hof lieber dem Gastwirt als der Aktiengesellschaft zu verkaufen. »Aber Birger Sven Person?« fragte Mutter Stina. »Der soll heute noch gar kein Gebot gemacht haben.« Man hörte den Pfarrer mit lauter und eindringlicher Stimme reden. Die Worte konnte man nicht verstehen, aber solange er sprach, wußte man ja, daß noch nichts entschieden war. Dann trat einen Augenblick Stille ein, und gleich darauf hörte man den Gastwirt sprechen, nicht gerade laut, aber doch mit einem solchen Nachdruck, daß es unmöglich war, nicht jedes Wort zu verstehen: »Ich biete sechsunddreißigtausend, nicht weil ich glaube, daß der Hof soviel wert ist, sondern weil ich nicht will, daß er an eine Aktiengesellschaft verkauft werden soll.« Gleich darauf klang es, als wenn jemand mit der Faust auf den Tisch schlüge, und man hörte den Verwalter der Aktiengesellschaft mit donnernder Stimme rufen: »Ich biete vierzigtausend, und ich glaube nicht, daß Karin und Halvor auf eine besseres Gebot hoffen können.« Mutter Stina erhob sich ganz bleich. Sie ging wieder auf den Hofplatz hinaus. Da draußen war es schwer und traurig, aber sie konnte es nicht aushalten, in der dumpfen Stube zu sitzen und dies mit anzuhören. Draußen waren die gewebten Sachen verkauft, und der Auktionator wechselte wieder den Platz. Er fing jetzt an, das alte Silberzeug aufzurufen, die großen silbernen Kannen, die mit alten Goldmünzen besetzt waren, und die Becher mit den Inschriften aus dem siebzehnten Jahrhundert. Als der Auktionator die erste silberne Kanne aufrief, trat Ingmar ein paar Schritte vor, als wolle er ihn am Verkaufen hindern. Aber er hielt sogleich inne und kehrte an seinen früheren Platz zurück. Ein paar Minuten darauf trat ein alter Bauer, die silberne Kanne in der Hand, an Ingmar heran. Er setzte sie bescheiden zu Ingmars Füßen nieder und sagte: »Die sollst du haben als Erinnerung an das, was alles dein hätte sein sollen!« Wieder lief ein Zittern durch Ingmars ganzen Körper. Seine Lippen bebten, und er bemühte sich, etwas zu sagen. »Ja, du brauchst jetzt nichts zu sagen, das hat Zeit bis ein andermal,« sagte der Bauer. Er trat ein paar Schritte zurück, dann kehrte er aber plötzlich wieder um. »Ich höre, man sagt, es stände in deiner Macht, den Hof zu übernehmen, wenn du nur wolltest. Das würde der größte Dienst sein, den du unserem Kirchsprengel erweisen könntest.« Auf dem Ingmarshof waren verschiedene alte Menschen, die dort ihr Lebenlang gedient hatten und jetzt auf ihre alten Tage noch dort wohnten. Sie waren in noch größerer Sorge als alle anderen, denn sie fürchteten, daß, wenn der Hof einen neuen Besitzer bekäme, sie aus ihrem alten Heim verjagt und gezwungen werden würden, den Bettelstab zu ergreifen. Wie es auch gehen mochte, dessen waren sie gewiß, daß sie es nie wieder so bekommen würden, wie bei ihrem alten Herrn und seiner Frau. Diese armen Alten schwankten den ganzen Tag auf dem Hof umher, gebrechlich und hilflos. Und es war ein Jammer, den bekümmerten und ängstlichen Ausdruck in ihren halbblinden, triefenden Augen zu sehen. Schließlich fiel es einem fast hundertjährigen alten Mann ein, an Ingmar heranzugehen und sich neben ihn an die Erde zu setzen. Es war, als sei das der einzige Platz, wo er Ruhe finden könne; denn hier blieb er still sitzen und stützte seine alten, zitternden Hände auf den Krummstock. Sobald die alte Lisa und die Brauermarta sahen, wohin Korp Bengt geflüchtet war, kamen auch sie angeschwankt und setzten sich neben Ingmar. Sie sagten nichts, aber sie hatten wohl eine unklare Vorstellung davon, daß er, der jetzt Ingmar Ingmarsson war, imstande sein könne, sie zu beschützen. Von dem Augenblick an, wo die Alten gekommen waren, hielt Ingmar seine Augen nicht mehr geschlossen, sondern er stand da und sah auf sie herab. Es war, als zähle er alle die Jahre und die Sorgen, die über ihre Häupter hinweggegangen waren, während sie seiner Familie gedient hatten, und er fand wohl, daß es seine erste Pflicht war, dafür zu sorgen, daß sie in ihrem alten Neste sterben durften. Er ließ den Blick über den Hof dahinschweifen, bis er auf den starken Ingmar fiel. Da nickte er ihm bedeutsam zu. Ohne ein Wort zu sagen, ging der starke Ingmar nach dem Wohnhause hinüber, und ging durch die gute Stube in die Kammer hinein. Dort blieb er an der Tür stehen und wartete auf einen passenden Augenblick, um sein Anliegen vorzubringen. Als der starke Ingmar hereinkam, stand der Pfarrer mitten in der Stube und sprach mit Karin und Halvor, die unbeweglich und steif wie Steinsäulen dasaßen. Der Verwalter von dem Sägewerk saß am Tische, er sah sehr selbstbewußt aus, er wußte ja auch, daß es in seiner Macht lag, alle anderen zu überbieten. Der Gastwirt aus Karmsund stand am Fenster; er war in starker Erregung, der Schweiß perlte ihm von der Stirn und seine Hände zitterten. Birger Sven Person saß auf einem Sofa, an dem entferntesten Ende der Stube; sein großes gebieterisches Gesicht verriet keine Spur von Erregung. Er hatte die Hände über dem Magen gefaltet und schien an nichts weiter zu denken, als wie er seine Daumen so schnell wie möglich umeinanderdrehen könne. Jetzt hörte der Pfarrer auf zu sprechen. Halvor sah nach Karin hinüber, wie um sie um Rat zu fragen, aber sie saß unbeweglich da und sah vor sich nieder. »Karin und ich sind ja gezwungen, daran zu denken, daß wir in ein fremdes Land ziehen wollen,« sagte Halvor, »und daß wir wie auch die Brüder von dem Geld leben müssen, das wir für das Gut bekommen. Wir haben erfahren, daß allein die Reise nach Jerusalem fünfzehntausend Kronen kostet, und dann müssen wir uns ja ein Haus mieten und für Speisen und Kleider sorgen. Ich glaube nicht, daß wir in der Lage sind, etwas wegzugeben.« »Ist es nicht ungereimt, von Karin und Halvor zu verlangen, daß sie den Hof für nichts verkaufen sollen, nur damit er nicht an eine Aktiengesellschaft übergehen soll?« sagte der Verwalter. »Ich finde, Sie sollten mein Gebot jetzt gleich annehmen, schon allein, um von all dieser Belästigung befreit zu sein.« »Ja,« sagte Karin, »es wird wohl am besten sein, wenn wir uns an das höchste Gebot halten.« Aber der Pfarrer war nicht so leicht aus dem Felde zu schlagen. Sobald es sich um eine weltliche Sache handelte, wußte er sehr wohl, wie er seine Worte suchen sollte. Jetzt war er ein ganz anderer als auf der Kanzel. »Karin und Halvor haben doch wohl so viel für den alten Hof über, daß sie ihn lieber an jemand verkaufen, der ihn ordentlich instand hält, selbst wenn sie ein paar tausend Kronen weniger daran verdienen,« sagte er. Und dann begann er – mit besonderer Rücksicht darauf, daß Karin dasaß und es mit anhörte – von einem Hof nach dem anderen zu erzählen, die ganz in Verfall geraten waren, nachdem sie Aktiengesellschaften in die Hände geraten waren. Karin sah ein paarmal auf, während er sprach, und der Pfarrer merkte, daß es ihm jetzt endlich gelungen war, Eindruck auf sie zu machen. »Es ist doch wohl noch viel von der alten Hofbäuerin in ihr,« dachte er, als er von dem verhungerten Vieh und den unbewohnten verfallenen Gebäuden sprach. Endlich schloß er mit den Worten: »Ich weiß recht gut, daß, wenn die Aktiengesellschaft es sich in den Kopf gesetzt hat, den Ingmarshof zu kaufen, so kann sie fortfahren, die Bauern zu überbieten, bis keiner mehr mitkommen kann. Aber wenn es Karin und Halvor am Herzen liegt, daß dieser alte Hof nicht ein verkommener Aktienbesitz wird, so müssen sie jetzt einen bestimmten Preis festsetzen, damit die Bauern wissen können, wonach sie sich zu richten haben.« Als der Pfarrer diesen Vorschlag machte, sah Halvor unruhig zu Karin hinüber. Sie schlug langsam die Augen auf und antwortete: »Ich glaube, wir beide, Halvor und ich, möchten den Hof am liebsten an unseresgleichen verkaufen, so daß wir sicher sein können, daß alles so bleibt, wie es gewesen ist.« »Ja, wenn da ein anderer als die Aktiengesellschaft wäre, der uns vierzigtausend Kronen für den Hof gäbe, dann würden Karin und ich uns ja damit begnügen,« sagte Halvor, der jetzt verstand, was seine Frau beabsichtigte. Im selben Augenblick, als dies gesagt war, ging der starke Ingmar mit langen Schritten durch die Stube und flüsterte Birger Sven Person ein paar Worte zu. Der Gemeinderatsvorsteher erhob sich augenblicklich und trat an Halvor heran. »Wenn ihr mit vierzigtausend Kronen zufrieden sein wollt, dann biete ich diese Summe,« sagte er. Da ging ein Zucken über Halvors Gesicht. Es war, als schlucke er etwas herunter, ehe er antwortete: »Wir danken dem Herrn Gemeinderatsvorsteher,« sagte er und schlug in seine Hand ein. »Ich freue mich, den Hof in so gute Hände zu geben.« Sven Person wechselte auch mit Karin einen Händedruck, sie war sehr bewegt und trocknete ihre Tränen aus den Augen. »Karin kann überzeugt sein, daß alles beim Alten bleiben wird,« sagte er. Karin fragte, ob er selbst auf den Hof ziehen wolle. »Nein,« sagte er, und seine Worte rollten mit feierlichem Nachdruck dahin: »Ich verheirate meine jüngste Tochter zum Sommer, und der Hof soll ihr und ihrem Mann übertragen werden.« Darauf wandte sich der Gemeinderatsvorsteher zu dem Pfarrer um und dankte ihm. »Der Herr Pfarrer hat seinen Willen bekommen,« sagte er. »Das hätte ich mir nicht gedacht, als ich hier als armer Hirtenjunge herumlief, daß ich die Macht bekommen würde, dies durchzusetzen, und daß wieder ein Ingmar Ingmarsson auf den Ingmarshof kommen soll.« Der Pfarrer und die anderen Männer standen da und starrten ihn an, ohne gleich zu begreifen, was er meinte; aber Karin verließ schnell das Zimmer. Als sie durch die gute Stube ging, richtete sie sich auf, band das Kopftuch frisch um, so daß es die richtigen Falten hatte, und glättete ihre Schürze. Darauf ging Karin mit großer Würde und Feierlichkeit über den Hof. Sie hielt sich sehr aufrecht, die Augen waren gesenkt, und sie ging so langsam, daß man kaum sehen konnte, daß sie sich bewegte. So trat sie auf Ingmar zu und reichte ihm die Hand. »Jetzt muß ich dir Glück wünschen, Ingmar,« sagte sie, und ihre Stimme bebte vor Freude. »Wir haben einander hart gegenübergestanden in dieser Sache; aber wenn Gott mir nicht die Freude gönnen will, daß du dich uns anschließt, so danke ich ihm, daß du von nun an hier auf dem Hof herrschen wirst.« Ingmar antwortete nicht, seine Hand lag schlaff in Karins. Als sie sie fallen ließ, stand er noch ebenso betrübt da, wie den ganzen Tag hindurch. Alle Manner, die bei der Entscheidung zugegen gewesen waren, kamen auf Ingmar zu und beglückwünschten ihn. »Glück auf, Ingmar Ingmarsson auf dem Ingmarshof!« sagten sie. Da huschte ein Schimmer der Freude über Ingmars Antlitz. Er murmelte leise vor sich hin: »Ingmar Ingmarsson auf dem Ingmarshof« und sah aus wie ein Kind, das ein Geschenk erhalten hat, das es sich schon lange wünschte. Aber im selben Augenblick trat ein Ausdruck in sein Gesicht, als ob er mit unendlichem Widerwillen und Ekel das gewonnene Glück von sich weisen wolle. In einem Nu hatte sich die Neuigkeit über den Hof verbreitet. Die Leute fragten und erzählten laut und eifrig. Einige freuten sich so sehr, daß ihnen die Tränen in die Augen traten. Niemand kümmerte sich mehr um die Rufe des Auktionators, sondern alle drängten sich vor, um Ingmar zu beglückwünschen, seine Leute, wie Bauern, Fremde und Unbekannte. Als Ingmar von allen diesen frohen Menschen umgeben dastand, erhob er den Blick, und der fiel auf Mutter Stina, die eine kleine Strecke von ihm entfernt stand und ihn betrachtete. Sie war sehr blaß und sah alt und ärmlich aus. Als Ingmars Blick dem ihren begegnete, wandte sie sich um und trat den Heimweg an. Ingmar riß sich von den anderen los und eilte ihr nach. Er beugte sich zu ihr nieder und sagte mit heiserer Stimme, während jeder Zug in seinem Gesicht vor Schmerz bebte: »Geht heim zu Gertrud, Mutter Stina, und sagt ihr, ich habe sie verlassen und mich verkauft, um den Hof zu bekommen. Bittet sie, nie mehr an einen so armseligen Menschen wie mich zu denken.«   Gertrud. Es war etwas Wunderliches über Gertrud gekommen, das sie nicht zu bewältigen und zu beherrschen vermochte, etwas, das wuchs und nahe daran war, ihr alle Macht zu rauben. Es hatte in dem Augenblick begonnen, als sie erfuhr, daß Ingmar sie aufgegeben hatte. Es war dies eine große Angst, Ingmar zu sehen, ihm plötzlich auf der Landstraße oder in der Kirche zu begegnen. Warum sie dies eigentlich so schrecklich fand, wußte sie selber nicht; aber sie fühlte, daß sie es nicht ertragen konnte, Ingmar zu begegnen. Gertrud hatte sich am allerliebsten Tag und Nacht eingeschlossen, um sicher zu sein, ihm nicht zu begegnen. Aber das war unmöglich für ein armes Mädchen wie sie. Sie mußte hinausgehen und im Garten arbeiten, sie war mehrmals am Tage gezwungen, den langen Weg nach der Kuhkoppel zu gehen, um die Kühe zu melken, und sie wurde nach dem Kaufmann geschickt, um Zucker und Mehl zu holen oder was sonst im Haushalt gebraucht werden sollte. Wenn Gertrud auf den Weg hinauskam, zog sie das Kopftuch tief ins Gesicht hinein, erhob niemals die Augen vom Boden und eilte von dannen, als wenn sie von Gespenstern verfolgt würde. Wenn es nur anging, mied sie die Landstraße und schlich auf allen möglichen kleinen Pfaden dahin, die an Gräbenrändern oder Ackerrainen entlangliefen, wo sie dachte, daß sie Ingmar unmöglich begegnen könne. Aber bange war sie immer. Es gab ja keinen Ort, wohin er nicht kommen konnte. Ruderte sie auf dem Fluß hinauf, so konnte er ja da sein, um seine Baumstämme hinunterzuflößen, und schlich sie tief in den Wald hinein, konnte er ihr ja mit der Axt über der Schulter auf einem Wege zur Arbeit begegnen. Wenn sie draußen im Garten lag und Unkraut jätete, erhob sie jeden Augenblick den Kopf, damit sie, falls er des Weges gegangen kam, ihn rechtzeitig erblicken und davonlaufen konnte. Sie dachte mit Bitterkeit daran, daß er bei ihr im Hause nur zu gut bekannt war. Ihr Hund würde nicht bellen, wenn er kam, und ihre Tauben, die auf dem Kiesweg trippelten, würden nicht mit flatterndem Flügelschlag auffliegen, wenn er sich näherte. Gertruds Angst verlor sich nicht, im Gegenteil, sie nahm mit jedem Tag, der verging, zu. All ihr Kummer hatte sich in Schrecken verwandelt, und ihre Kraft, zu widerstehen, wurde geringer und geringer. Bald wird der Tag kommen, wo ich mich nicht mehr vor die Tür hinauswage,« dachte sie. »Ich werde ganz wunderlich und menschenscheu, wenn ich nicht gar den Verstand verliere.« »Ach Gott, mein Gott, nimm diese Angst von mir!« flehte Gertrud. »Ich kann es Vater und Mutter ansehen, daß sie schon glauben, ich verliere den Verstand. Ach, Herr mein Gott, hilf mir!« Aber während Gertruds Angst ihren Höhepunkt erreicht hatte, geschah es eines Nachts, daß sie einen merkwürdigen Traum hatte. Es war ihr, als gehe sie in einer Mittagsstunde mit dem Melkeimer am Arm hinaus, um zu melken. Die Kühe werdeten auf einem umfriedigten Felde, das weit entfernt lag, ganz in der Nähe des Waldes, und sie ging dahin auf schmalen Pfaden, die an Grabenrändern und Ackerrainen entlangliefen. Es war ihr, als werde ihr das Gehen schwer. Sie fühlte sich so müde und matt, daß sie kaum die Beine zu bewegen vermochte. »Was fehlt dir nur einmal?« fragte sie sich im Traum. Und sie antwortete sich selbst: »Du bist müde, weil du diesen schweren Kummer mit dir herumschleppst.« Endlich meinte sie, daß sie den Melkplatz erreicht hatte. Aber als sie auf das Feld kam, konnte sie nichts von den Kühen entdecken. Sie erschrak und ging umher und suchte in dem Gestrüpp und am Bach und unter den Birken nach ihnen. Während sie ging und suchte, entdeckte sie, daß an der Seite, die nach dem Walde zulag, die Hecke durchbrochen war. Sie wurde schrecklich unglücklich und stand da und rang die Hände. »Und ich, die ich so müde bin,« sagte sie, »soll ich nun noch in den großen Wald laufen und nach den Kühen suchen!« Sie ging indessen in den Wald hinein und bahnte sich langsam einen Weg zwischen widerspenstigen Tannen und stacheligen Wacholderbüschen. Aber gleich darauf befand sie sich auf einem ebenen und bequemen Wege im Walde, ohne daß sie wußte, wie sie dahin gelangt war. Der Pfad war ein wenig glatt von den braunen Tannennadeln, die ihn bedeckten, und die Tannen standen gerade und himmelhoch zu beiden Seiten des Weges, und die Sonnenstrahlen spielten unter dem weißgelben Moos unter den Bäumen. Es war so schön und lieblich, daß ihre Angst nachließ. Wie sie so dahinging, sah sie eine alte, krumme, gebeugte Frau zwischen den Zweigen gehen. Es war die alte Finnen-Marit, die hexen konnte. »Es ist doch gräßlich, daß die alte scheußliche Frau noch lebt und daß ich ihr hier im Walde begegnen muß,« dachte Gertrud. Sie schlich geräuschlos im Schatten vorüber, damit die Alte sie nicht erblicken sollte. Aber die Finnen-Marit sah auf, gerade als sie an ihr vorüberhuschen wollte. »Heda, du!« rief die Alte ihr nach, »wart' nur, dann will ich dir was zeigen.« Im selben Augenblick kniete die Finnen-Marit vor ihr auf dem Wege nieder. Sie ritzte mit dem Finger einen Kreis in die Tannennadeln und mitten in den Kreis stellte sie eine flache Messingschale, »Jetzt will sie gewiß hexen,« dachte Gertrud, »dann ist es also wirklich wahr, daß sie eine Hexe ist.« »Guck jetzt in die Schale hinein, dann mag es ja sein, daß du etwas zu sehen bekommst,« sagte das alte Finnenweib. Gertrud sah nieder und zuckte zusammen; sie sah ganz deutlich Ingmar Ingmarssons Gesicht sich auf dem Boden der Schale spiegeln. Im selben Augenblick gab ihr das Finnenweib eine lange Nadel in die Hand. »Sieh' da,« sagte sie, »nimm die und stich ihm in die Augen. Das verdient er, weil er dich betrogen hat.« Gertrud besann sich ein wenig, aber sie empfand eine wunderlich große Lust, zu tun, was die Alte sagte. »Warum soll er es gut haben und reich und glücklich sein, während du dich quälst!« sagte die Alte. Gertrud überkam eine unbezwingbare Lust, ihr zu gehorchen. Sie senkte die Nadel. »Gib acht, daß du ihn mitten ins Auge triffst,« sagte die Hexe. Gertrud stach zu, zweimal stach sie gerade in Ingmars Augen. Aber als sie die Nadel hineinstieß, war es ihr, als ginge sie ganz tief hinein, als habe sie nicht die Messingschale getroffen, sondern etwas Weiches, und als sie sie wieder herauszog, war sie blutig. Im selben Augenblick, als Gertrud das Blut an der Nadel sah, war es ihr, als habe sie Ingmars Augen wirklich ausgestochen. Sie erschrak so, daß sie laut aufschrie und erwachte. Sie lag lange da und zitterte und schluchzte, bis sie sich davon überzeugen konnte, daß es ein Traum war. »Gott bewahre mich davor, Lust zu bekommen, mich an ihm zu rächen,« betete sie. Kaum war sie ruhig geworden und wieder eingeschlafen, als derselbe Traum von neuem begann. Sie ging wieder auf dem Feldwege hinaus, um die Kühe zu melken. Wieder waren sie verschwunden, und sie ging in den Wald, um nach ihnen zu suchen. Da kam sie auf den hübschen Weg und sah die Sonnenstrahlen auf dem Moos schillern. Sie entsann sich alles dessen, was ihr kürzlich im Traum begegnet war. Sie ging dahin und fürchtete sich wieder, der Finnen-Marit zu begegnen, und freute sich, daß sie sie nicht sah. Aber wie sie so dahinging, war es ihr, als öffne sich die Erde zwischen zwei Hügeln gerade vor ihr. Zuerst kam ein Kopf aus der Öffnung heraus, und dann arbeitete sich ein ganzer kleiner Mann aus der Erde empor. Er summte und brummte fortwahrend mit den Lippen, und daran erkannte sie, wer es war Es war ja der Summpeter, der nicht ganz richtig im Kopfe war. Zuweilen wohnte er unten im Dorf, aber im Sommer pflegte er im Walde in einer Erdhöhle zu Hausen. Gertrud fiel jetzt plötzlich ein, daß man von Peter erzählte, wenn jemand einem anderen ein Leid antun wolle, ohne entdeckt zu werden, so könne man ihn brauchen. Er stand im Verdacht, sich mehrmals als Mordbrenner verdungen zu haben. Gertrud trat nun im Traum an den Mann heran und fragte ihn gleichsam im Scherz, ob er den Ingmarshof nicht anzünden wolle. »Das würde sie gern sehen,« sagte sie, »denn Ingmar liebe den Hof mehr als sie.« Zu ihrem großen Schrecken schien es, als verstünde der Mann sehr wohl, was sie sagte. Er machte sich gleich daran, nach dem Dorf hinabzulaufen. Sie eilte hinter ihm drein, aber es war ihr nicht möglich, ihn einzuholen. Die Tannenzweige hielten sie zurück, sie versank in Sumpflöcher und sie glitt auf den glatten Steinen aus. Endlich erreichte sie den Waldessaum, aber da leuchteten die Flammen ihr schon zwischen den Bäumen entgegen. »Er hat es schon getan, er hat den Hof schon angezündet,« rief sie und erwachte aus dem Schrecken des Traumes. Gertrud richtete sich im Bett auf, Tränen strömten an ihren Wangen herunter. Aber sie wagte nicht, sich wieder hinzulegen, aus Angst, daß sie von neuem träumen würde. »Gott steh' mir bei, ach, Gott steh' mir bei!« sagte sie. »Ich weiß nicht, wieviel Böses in mir ist. Aber Gott weiß doch, daß ich auch nicht ein einziges Mal in dieser ganzen Zeit daran gedacht habe, mich an Ingmar zu rächen. Gott laß diese Sünde nicht über mich kommen!« »Das Leid ist gefährlich!« rief sie aus und rang die Hände. »Das Leid ist gefährlich, das Leid ist gefährlich.« Sie verstand wohl selbst nicht mit voller Klarheit, was sie damit meinte. Aber sie fühlte, daß ihr armes Herz wie ein Garten war, der all seine Lilien und Rosen verloren hatte. Nun ging das Leid dort als Gärtner und pflanzte Disteln und Giftblumen. Den ganzen Vormittag hatte Gertrud ein Gefühl, als träume sie noch, und sie war gar nicht recht wach. Der Traum war so stark und lebhaft gewesen, daß sie ihn nicht wieder vergessen konnte. So oft sie an die Wonne dachte, mit der sie die Nadel in Ingmars Augen gestochen hatte, sagte sie zu sich selbst: »Es ist schrecklich, daß ich so böse und rachsüchtig geworden bin. Ich weiß nicht, was ich tun soll, um diesem allen zu entrinnen. Ich bin ja im Begriff, ein verlorener Mensch zu werden.« Um die Mittagszeit nahm Gertrud wie gewöhnlich den Milcheimer über den Arm und ging fort, um zu melken. Sie zog, wie sie das zu tun pflegte, das Kopftuch in das Gesicht hinein und hob die Augen nicht vom Boden auf. Sie ging auf den schmalen Pfaden, die sie im Traum gegangen war, sie erkannte die Blumen, die am Wegesrande wuchsen. Und so wunderlich halbwach, wie sie war, konnte sie kaum das, was sie wirklich sah, von dem unterscheiden, was sie sich zu sehen einbildete. Als Gertrud nach der Koppel kam, sah sie nichts von den Kühen. Sie ging hinaus und suchte nach ihnen, wie sie es im Traum getan hatte, suchte am Bach, unter den Birkenbäumen und dem Gestrüpp. Sie konnte sie nirgends finden, hatte aber ein Gefühl, daß sie dennoch da waren, und daß sie sie wohl finden könne, wenn sie nur ganz wach sei. Bald sah sie ein großes Loch im Zaun, und nun wußte sie gleich, daß die Kühe da hindurchgebrochen waren. Gertrud fing jetzt an, nach den Flüchtlingen zu suchen. Sie verfolgte die tiefen Spuren der Klauen auf dem weichen Waldboden und entdeckte, daß die Tiere einen Weg eingeschlagen hatten, der nach einer fernen Alm hinaufführte. »Ach!« rief sie aus, »jetzt weiß ich, wo sie sind. Ich habe ja heute vormittag gesehen, daß die Leute vom Glückshof mit ihrem Vieh vorbeizogen, um es auf die Alm zu treiben. Als unsere Kühe die Glocken der Leitkuh gehört haben, sind sie hinausgebrochen und ihnen in den Wald nachgelaufen.« Die Unruhe hatte Gertrud für eine Weile ganz wach gemacht. Sie beschloß, so schnell wie möglich nach der Alm hinaufzugehen und die Kühe zu holen. Sonst konnte man nie wissen, wann sie wieder nach Hause getrieben würden. Und sie ging schnell auf dem steilen, steinigen Weg dahin. Aber nachdem der Weg eine Weile steil aufwärts gegangen war, machte er eine Biegung, und nun lag er glatt von Tannennadeln und ganz eben vor ihren Augen da. Sie erkannte gleich den Weg aus dem Traum wieder. Da waren die kleinen Sonnenflecke auf dem weißgelben Moos und dieselben hohen Bäume. Da kam wieder derselbe traumähnliche Zustand über sie, in dem sie den ganzen Tag umhergegangen war. Sie wartete darauf, was jetzt geschehen würde. Sie starrte unter die Tannen, um zu sehen, ob sie nicht einem der wunderlichen Wesen begegnen würde, die in der Finsternis des Waldes umherschwanken. Sie sah jedoch nichts sich unter den Bäumen bewegen, aber in ihrem eigenen Sinn begannen sich gar wunderliche Gedanken zu regen. Wie, wenn sie sich nun wirklich an Ingmar rächen würde! Vielleicht würde sie dann von dieser Angst befreit werden! Vielleicht brauchte sie dann ihren Verstand nicht zu verlieren? Vielleicht war es ganz gut, Ingmar das leiden zu lassen, was sie jetzt litt. Eine ganze Weile ging sie auf diesem Pfad entlang und staunte immer mehr und mehr darüber, daß sie niemand begegnete, als der hübsche Waldweg plötzlich aufhörte und in eine Waldlichtung mündete. Es war ein lieblicher, kleiner Platz, mit saftigem Gras und einer Menge Blumen bewachsen. An der einen Seite erhob sich eine steile Bergwand, an der anderen standen blühende Ebereschen zwischen lichtgrünen Birken und dunklen Tannen. Ein ziemlich breiter und wasserreicher Bach strömte an der Bergwand herab, schlängelte sich durch Wiesen und stürzte sich dann in eine Schlucht, die ganz mit üppigem Strauchwerk und Unterwald bewachsen war. Gertrud blieb plötzlich stehen. Sie erkannte auf einmal die Stelle. Der Bach hieß der schwarze Bach , und man erzählte sich sonderbare Dinge von ihm. Es war mehrmals geschehen, daß Menschen wunderlich hellsehend geworden waren, während sie über diesen Bach gingen. Ein Hirtenjunge, der über den Bach ging, sah einmal einen Hochzeitszug, der ganz nördlich in dem Kirchsprengel nach der Kirche zog, und ein Köhler sah einmal einen König mit der Krone auf dem Kopf und dem Zepter in der Hand zur Krönung reiten. Gertruds Herz hörte fast auf zu schlagen. »Gott sei mir gnädig, was werde ich jetzt zu sehen bekommen,« seufzte sie. Sie fühlte sich fast versucht, umzukehren. »Aber ich muß ja hinüber, ich armes Kind, ich muß ja hinüber, um meine Kühe zu holen.« »Herr mein Gott!« flehte sie und faltete die Hände in ihrer großen Angst. »Laß mich nichts Häßliches oder Böses sehen; laß mich nicht in schwere Versuchung fallen!« Aber daß sie etwas sehen würde, daran zweifelte sie nicht. Sie erwartete das so bestimmt, daß sie kaum auf die glatten Steine hinauszugehen wagte, die über den Bach führten. Während Gertrud nun in der Mitte des Baches stand, sah sie auf der anderen Seite, drüben in der Tiefe des Waldes sich etwas bewegen. Aber es war kein Hochzeitszug, es war ein einsamer Mann, der langsam auf die Wiese hinausgegangen kam. Er war groß und jung und trug ein langes schwarzes Gewand, das ihm fast bis zu den Füßen reichte. Sein Gesicht war länglich und sehr schön, das Haupt war unbedeckt und die Haare hingen ihm in langen, dunklen Locken über die Schultern. Der Fremde ging geradeswegs auf Gertrud zu. Seine Augen waren groß und strahlend, als entströme ihnen Licht, und als sein Blick auf Gertrud fiel, fühlte sie, daß er all ihren Kummer lesen konnte. Und sie sah, daß er Mitleid mit ihr hatte, deren Herz so erfüllt war von Angst um irdische Dinge, und deren Seele besudelt war von Rachlust und übersät von den Disteln und den Giftblumen des Kummers. Als sein Blick Gertrud traf, fühlte sie sich durchströmt von Frieden und Seligkeit und sanfter, stiller Ruhe. Und als er an ihr vorübergegangen war, da war nichts mehr von all ihrem Kummer und all ihrer Bitterkeit zurückgeblieben, alles Böse verschwand wie bei einer Krankheit, die geheilt war und Gesundheit und Stärke hinterlassen hatte. Gertrud stand lange still. Das Gesicht glitt weiter, aber sie blieb in träumender Seligkeit stehen. Als sie sich endlich umsah, war er verschwunden. Aber der Eindruck dessen, was sie gesehen hatte, schwand nicht. Sie faltete die Hände und erhob sie in Verzückung. »Ich habe Jesus gesehen,« sagte sie. »Ich habe Jesus gesehen. Er hat mein Leid von mir genommen, und ich liebe ihn. Jetzt kann ich keinen anderen in dieser Welt mehr lieben.« Alle Sorgen des Lebens entschwanden und wurden so klein, so klein. Und die langen Jahre des Lebens erschienen wie ein einziger, kurzer Tag. Und alles, was irdisch war, wurde gleichgültig und bedeutungslos. Im selben Augenblick ward es Gertrud klar, wie sie ihr Leben einrichten müsse. Damit sie nicht in die dunklen Schrecknisse versinke und damit sie nicht zu Sünde und Rache verlockt werde, mußte sie aus dieser Gegend fortziehen. Sie mußte mit den Hellgumianern nach Jerusalem ziehen. Dieser Gedanke war in ihrem Herzen aufgestiegen, als Jesus an ihr vorüberging. Sie glaubte, daß er von ihm käme. Sie hatte ihn in seinen Augen gelesen.   An dem schönen Junimorgen, als Birger Sven Person die Hochzeit seiner Tochter feierte, kam früh am Morgen ein junges Mädchen auf den Hochzeitshof und verlangte, mit dem Bräutigam zu reden. Sie war groß und schlank, das Kopftuch hatte sie so tief ins Gesicht gezogen, daß nichts weiter davon zu sehen war, als eine flaumweiche Wange und ein Paar rote Lippen. Am Arm trug sie einen Korb, in dem kleine Bündel selbstgewebter Bänder, sowie einige Haarketten und Haararmbänder lagen. Sie sagte ihr Anliegen einer alten Magd, die sie auf dem Hof traf, und diese ging hinein und sagte es der Hausfrau. Die Hausfrau antwortete gleich: »Geh' hinaus und sage ihr, daß Ingmar Ingmarssohn eben zur Hochzeit in die Kirche fahren will; er hat gar keine Zeit, mit ihr zu sprechen.« Sobald die Fremde diesen Bescheid erhalten hatte, ging sie vom Hof fort. Niemand sah den ganzen Vormittag etwas von ihr. Aber als die Hochzeitsgesellschaft aus der Kirche heimkehrte, kam sie zurück und verlangte Ingmar Ingmarsson zu sprechen. Diesmal trug sie ihr Anliegen einem Knecht vor, der an der Stalltür herumlungerte, und er ging hinein und sagte es dem Hausherrn. »Sag' ihr,« sagte der Hausherr, »daß Ingmar Ingmarsson sich gerade an die Hochzeitstafel setzt; er hat keine Zeit, mit ihr zu reden.« »Als sie den Bescheid erhielt, seufzte sie und entfernte sich langsam und kam erst spät am Abend zurück, als die Sonne im Begriff war unterzugehen. Diesmal trug sie ihr Anliegen einem Kinde vor, das rittlings auf dem Hofzaune ritt. Und das Kind lief gleich in die Stube hinein und sagte es der Braut. »Sage ihr,« sagte die Braut, »daß Ingmar Ingmarsson mit seiner Braut tanzt; er hat keine Zeit, mit anderen zu reden.« Als das Kind mit dem Bescheid hinauskam, lächelte die fremde Frau und sagte: »Nein, jetzt redest du die Unwahrheit. Ingmar Ingmarsson tanzt nicht mit seiner Braut.« Diesmal ging sie nicht fort, sondern blieb am Zaun stehen. Gleich darauf dachte die Braut bei sich selbst: »Nun habe ich an meinem Hochzeitstage gelogen!« Sie bereute es, ging hin und sagte zu Ingmar, draußen auf dem Hof stünde eine fremde Frau, die mit ihm zu reden wünsche. Ingmar ging hinaus und sah Gertrud am Zaun stehen und warten. Als Gertrud ihn kommen sah, ging sie auf dem Wege vor ihm her, und Ingmar folgte ihr. Sie gingen ganz stumm dahin, bis sie sich eine gute Strecke vom Hochzeitshof entfernt hatten. Ingmar sah so aus, als sei er in den letzten paar Wochen ein alter Mann geworden. Sein Gesicht hatte auf alle Fälle ein stärkeres Gepräge von Vorsicht und Klugheit erhalten. Er ging auch gebeugter und sah jetzt, wo er reich geworden war, demütiger aus als früher, wo er nichts besaß. Er freute sich keineswegs, als er Gertrud erblickte. Jeden Tag, der verging, hatte er sich selbst zu überreden gesucht, daß er zufrieden sei mit dem Tausch, den er gemacht hatte. »Denn es ist ja so, daß wir Ingmarssöhne uns eigentlich aus nichts in der Welt etwas machen, als auf den Feldern des Ingmarshofes dahinzugehen und zu pflügen und zu säen,« sagte er zu sich selbst. Aber was ihn noch mehr quälte, als daß er Gertrud verloren hatte, war, daß jetzt ein Mensch in der Welt von ihm sagen konnte, daß er nicht halte, was er versprochen hatte. Während er nun so hinter Gertrud dreinging, dachte er die ganze Zeit an allen Hohn und an alle Verachtung, die sie über ihn auszugießen das Recht hatte. Gertrud setzte sich auf einen Stein am Wege und stellte den Korb neben sich. Das Kopftuch zog sie noch tiefer ins Gesicht hinein. »Setz' dich nieder!« sagte sie zu Ingmar und zeigte auf einen anderen Stein. »Ich habe etwas mit dir zu reden.« Ingmar setzte sich nieder und freute sich, daß er sich so ruhig fühlte. »Es geht besser, als ich erwartet hatte,« dachte er. »Ich glaubte, es würde viel schlimmer werden, Gertrud wiederzusehen und sie sprechen zu hören. Ich fürchtete schon, die Liebe würde mich ganz überwältigen.« »Ich würde nicht so gekommen sein und dich an deinem Hochzeitstag gestört haben,« sagte Gertrud, »wenn ich nicht dazu gezwungen gewesen wäre. Ich reise jetzt aus dieser Gegend fort und komme nie wieder zurück. Ich war schon vor einer Woche bereit, fortzuziehen, aber da geschah etwas, was mich nötigte, die Reise hinauszuschieben, um mit dir zu sprechen.« Ingmar saß schweigend und wie in sich zusammengesunken da. Er sah aus wie jemand, der die Schultern vorschiebt und den Kopf senkt, in Erwartung eines schweren Unwetters, das über ihn kommen mußte. Er saß während der ganzen Zeit da und dachte: »Was Gertrud auch sagt, eins ist sicher, ich tat recht, den Hof zu wählen. Ohne den hätte ich nicht leben können. Ich wäre vor Kummer zugrunde gegangen, wenn er in andere Hände gekommen wäre.« »Ingmar,« sagte Gertrud, und sie errötete, während sie sprach, so daß das kleine Stück, das von ihrer Wange zu sehen war, ganz rot wurde. »Ingmar, du weißt wohl noch, daß es vor fünf Jahren meine Absicht war, zu den Hellgumianern überzutreten. Damals hatte ich Christus mein Herz gegeben, aber ich nahm es ihm wieder weg, um es dir zu schenken. Das war sicherlich ein großes Unrecht von mir, und deswegen ist dies alles über mich gekommen. So wie ich einstmals Christus verlassen habe, so bin ich selbst jetzt von dem verlassen worden, den ich liebte.« Sobald Ingmar begriff, daß ihm Gertrud erzählen wollte, daß sie mit den Hellgumianern gehen würde, machte er eine unwillige Bewegung, ein starkes Gefühl des Unbehagens überkam ihn. »Ich kann mich nicht darein finden, daß sie sich diesen Jerusalemfahrern anschließt und nach dem fremden Land fortreist,« dachte er. Er kam mit ebenso eifrigen Einwendungen, als sei sie noch seine verlobte Braut gewesen. »Du darfst nicht so denken, Gertrud. Es ist niemals Gottes Absicht gewesen, daß dies eine Strafe sein sollte, die über dich kommt.« »Nein, nein, Ingmar, keine Strafe, so meine ich es nicht, sondern nur, um mir zu zeigen, wie verkehrt ich das erstemal gewählt habe. Ach nein, keine Strafe! Ich bin ja so glücklich, ich entbehre nichts. Aller Kummer ist von mir genommen. Dies mußt du doch verstehen können, Ingmar, wenn ich dir erzähle, daß Gott selbst mich erwählt und berufen hat.« Ingmar saß da und sagte nichts. Sein ganzes Gesicht war lauter harte Vorsicht und Berechnung. »Du bist wirklich dumm,« schalt er sich selbst, »laß doch Gertrud reisen. See und salzige Wellen zwischen euch, das ist das beste. See und salzige Wellen, See und salzige Wellen!« Aber das in ihm, was sich nicht darein finden konnte, daß Gertrud reiste, ward doch stärker, als er selbst, so daß er sagte: »Ich kann nicht begreifen, daß deim Eltern dir erlauben fortzureisen.« »Das tun sie auch gar nicht,« erwiderte Gertrud, »das weiß ich nur zu gut, und darum habe ich nicht einmal gewagt, sie danach zu fragen. Vater geht niemals darauf ein; ich glaube nicht, daß er sich bedenken würde, Gewalt anzuwenden, um mich daran zu verhindern. Das ist das schwerste, daß ich mich heimlich von ihnen fortschleichen muß. Sie glauben jetzt, daß ich umhergehe, um meine Bander zu verkaufen, und sie werden nichts erfahren, bis ich in Gotenbura zu den Jerusalemfahrern gestoßen und von Schweden abgefahren bin.« Ingmar war ganz entsetzt darüber, daß Gertrud ihren alten Eltern einen so großen Kummer bereiten wollte. »Ob sie wohl weiß, wie schlecht sie handelt?« fragte er sich selbst. Er wollte ihr gerade so recht ins Herz reden, als er sich wieder besann. »Es schickt sich nicht für dich, Ingmar, Gertrud Vorwürfe über irgend etwas zu machen, was sie tut,« dachte er. »Ich weiß recht gut, daß es unrecht gegen Vater und Mutter ist,« sagte Gertrud. »Aber ich fühlte mich dazu gezwungen, Jesus zu folgen.« Sie lächelte, als sie den Namen des Erlösers nannte. »Er hat mich ja aus Kummer und Seelennot befreit,« sagte sie innig und faltete die Hände. Und als habe sie erst jetzt den Mut dazu gefunden, schob sie das Kopftuch zurück und sah Ingmar gerade in die Augen. Und Ingmar hatte das Gefühl, als vergleiche sie ihn mit dem Bilde eines andern, das sie vor ihren Augen sah, und er fühlte selbst, wie gering und unbedeutend sie ihn fand. »Ja, es ist ein großes Unrecht gegen Vater und Mutter,« wiederholte Gertrud. »Vater ist jetzt so alt, daß er seinen Abschied von der Schule einreichen muß, und dann haben wir noch weniger zu leben als bisher. Und wenn er nichts zu tun hat, wird er reizbar und verdrießlich. Mutter wird es schwer mit ihm haben, sie werden wohl beide dasitzen und trauern. Hätte ich zu Hause bleiben und sie ermuntern können, so würde es ganz anders gewesen sein.« Gertrud hielt inne, als überlege sie, ob sie offen reden könne, aber Ingmar merkte, daß es in ihm anfing, zu weinen und zu schluchzen. Er begriff, daß Gertrud ihn bitten würde, sich ihrer alten Eltern anzunehmen. »Und ich hatte geglaubt, sie käme, um mich zu verhöhnen und zu verachten,« dachte er, »und statt dessen erweist sie mir das größte Vertrauen.« »Du brauchst mich nicht zu bitten, Gertrud,« erwiderte Ingmar. »Es ist eine große Ehre, die du mir, der dich verlassen hat, erweist. Glaube mir, ich werde besser gegen deine alten Eltern handeln, als ich gegen dich gehandelt habe.« Ingmars Stimme bebte und dabei war es, als wenn etwas von der großen Vorsicht und Klugheit aus seinem Gesicht schwand. »Wenn sie mich um dies bittet, so geschieht es nicht um der Alten willen, sondern um mir zu zeigen, daß sie mir verziehen hat.« – »Ich wußte wohl, Ingmar, daß du nicht nein sagen würdest, wenn ich dich hierum bitte,« sagte Gertrud. »Nun habe ich dir noch etwas anderes zu erzählen.« Ihre Stimme ward stärker und froher. »Ich habe ein großes Geschenk für dich.« »Wie schön Gertrud doch spricht,« sagte Ingmar zu sich selbst. »Ich glaube, ich habe nie jemand mit einer so sanften und frohen und klangvollen Stimme sprechen hören.« »Vor einer Woche ging ich von Hause fort,« sagte Gertrud, »und hatte damals die Absicht, nach Gotenburg zu gehen, um dort zu sein, wenn die Hellgumianer kamen. In der ersten Nacht schlief ich unten am Bergsaanaer Sägewerk, bei einer armen Schmiedewitwe, die Marie Bouving heißt. Ich möchte dich bitten, dir den Namen zu merken, Ingmar, und wenn sie jemals in Not kommt, so mußt du ihr helfen.« »Wie schön Gertrud ist,« dachte Ingmar, während er nickte und versprach, sich Marie Bouvings Namen zu merken. »Wie schön Gertrud doch ist: wie soll es mir ergehen, wenn ich sie nie mehr sehen soll? Habe ich unrecht getan, so hilf mir Gott, weil ich sie um eines alten Hofes willen verlassen habe. Wie können Acker und Wälder dasselbe für mich sein wie ein Mensch? Können sie mir zulachen, wenn ich froh bin, können sie mich trösten, wenn ich betrübt bin? Es gibt nichts in der Welt, das einen Ersatz für den Verlust des Menschen geben kann, der einen liebt.« »Marie Bouving,« fuhr Gertrud fort, »hat eine kleine Kammer hinter der Küche, wo sie mich während der Nacht schlafen ließ. – ›Du sollst sehen, du wirst über Nacht gut schlafen,‹ sagte sie, ›denn du sollst in dem Bett liegen, das ich auf der Auktion auf dem Ingmarshof gekauft habe.‹ – Sobald ich mich hingelegt hatte, fühlte ich, daß da ein sonderbar harter Klumpen in dem Kissen war, das ich unter meinem Kopfe hatte. Ich dachte, da hat sich Marie Bouving doch keine besonders guten Betten gekauft; aber ich war so müde, weil ich den ganzen Tag gegangen war, daß ich einschlief. Mitten in der Nacht erwachte ich und wendete das Kopfkissen, um mich von dem Klumpen unter dem Kopf zu befreien. Da merkte ich, daß der Bezug zerschnitten und mit großen, schlechten Stichen wieder zusammengenäht war. Da drinnen lag etwas Hartes, das wie Papier knisterte. Ich brauchte doch nicht auf einem Stein zu schlafen und versuchte, den harten Klumpen herauszuziehen. Endlich brachte ich ihn heraus, es war ein kleines Päckchen, das mit Bindfaden zusammengebunden und versiegelt war.« Gertrud hielt einen Augenblick mit ihrer Erzählung inne, um zu sehen, ob Ingmar nicht neugierig war. Aber Ingmar hatte gar nicht besonders aufmerksam zugehört. »Wie schön es doch ist zu sehen, wie Gertrud ihre Hand beim Sprechen bewegt,« dachte er. »Ich glaube, ich habe nie jemanden gesehen, der so geschmeidig in allen seinen Bewegungen ist, oder so leicht geht wie Gertrud. Ja, es ist ein altes Sprichwort, das da sagt, der Mensch liebt den Menschen über alles. Aber ich habe doch wohl recht gehandelt, nicht nur der Hof, sondern auch das ganze Dorf bedurfte ja meiner.« Und doch fühlte er mit Betrübnis, daß es ihm jetzt nicht mehr so leicht war wie vorhin, sich selbst zu überzeugen, daß er den Hof mehr liebte als Gertrud. »Ich legte das Päckchen neben das Bett,« fuhr Gertrud fort, »und dachte, morgen will ich es Marie Bouving geben. Und als es hell wurde, sah ich, daß da ein Name auf dem Umschlag geschrieben stand. Ich untersuchte es näher, und schließlich entschloß ich mich, es mitzunehmen und es dir zu geben, ohne irgend jemand etwas davon zu sagen, weder Marie Vouving noch sonst jemand. Hier hast du es nun, Ingmar, es ist dein Eigentum.« Von dem Boden des Korbes holte Gertrud nun ein kleines Päckchen, das sie Ingmar übergab, während ihr Blick voller Erwartung auf ihm ruhte, als hoffe sie, daß er freudig überrascht sein würde. Ingmar nahm die Gabe in die Hand, ohne weiter darüber nachzudenken, was es wohl war, das er hier erhielt. Seine Gedanken bemühten sich, die bittere Reue fern zu halten, die, das fühlte er, im Begriff war, ihn zu beschleichen. »Gertrud sollte nur ahnen, wie gefährlich sie mir ist, wenn sie so sanft und gut ist. Ach, wäre es doch nicht viel besser gewesen, wenn sie gekommen wäre, um mich auszuschelten. Ich müßte ja eigentlich froh hierüber sein,« dachte er, »aber das bin ich nicht. Es ist ja, als wolle mir Gertrud dankbar dafür sein, daß ich sie verlassen habe. Und ich kann den Gedanken nicht ertragen.« »Ingmar!« sagte Gertrud in einem Ton, der ihm schließlich zu dem Bewußtsein brachte, daß sie ihm etwas außerordentlich Wichtiges zu sagen hatte. »Ich habe mir gedacht, daß Elias, als er auf dem Ingmarshof krank lag, dies Kissen als Kopfkissen gebraucht haben muß.« Sie nahm das Päckchen aus Ingmars Hand und öffnete es. Ingmar vernahm ein Knistern wie von neuen Banknoten. Darauf sah er, daß Gertrud eine Menge Geldscheine aufzählte, jeden von tausend Kronen. Sie hielt sie ihm vor die Augen. »Sieh her, Ingmar, hier ist dein ganzes Erbe. Du begreifst wohl, daß Elias es in das Kopfkissen hineingestopft hat.« Ingmar hörte, daß sie dies sagte, und er sah die Banknoten, es war ihm aber, als sähe und höre er alles wie durch einen Nebel. Gertrud reichte ihm das Geld, aber er konnte es nicht festhalten, es fiel zur Erde. Gertrud nahm es auf und schob es ihm in die Tasche. Ingmar fühlte, daß er dastand und schwankte, als sei er betrunken. Auf einmal streckte er seinen rechten Arm in die Höhe, ballte die Hand und schüttelte sie in der Luft – auch wie ein Betrunkener es getan haben würde. »Ach Gott, ach Gott!« sagte er. Ach, wie er wünschte, daß er ein Wort mit dem lieben Gott reden könnte, um ihn zu fragen, warum dies Geld nicht früher zum Vorschein gekommen war. Warum mußte es jetzt kommen, wo er es nicht mehr gebrauchte, jetzt, wo er Gertrud ganz verloren hatte. Im nächsten Augenblick sanken seine Arme schwer auf Gertruds Schultern nieder. » Du verstehst, dich zu rächen!« »Nennst du dies Rache?« fragte sie entsetzt. »Wie soll ich es nennen? Warum kamst du nicht gleich mit diesem Gelde?« – »Nein, ich wollte bis zum Hochzeitstag warten.« – »Wärst du gekommen, ehe ich mich verheiratet hätte, so hätte ich den Hof von Birger Sven Person kaufen und dich heiraten können.« – »Ja, das wußte ich.« – »Aber nun kommst du am Hochzeitstage selbst, gerade wo es zu spät ist.« – »Es wäre doch zu spät gewesen, Ingmar. Vor einer Woche war es schon zu spät, und auch jetzt ist es zu spät, und es ist für immer zu spät.« Ingmar war jetzt auf dem Stein niedergesunken. Er hielt die Hände vor die Augen und saß da und jammerte. »Und ich, der ich glaubte, daß es keine Hilfe gäbe! Und ich, der ich glaubte, daß es in keines Menschen Macht stünde, mir zu helfen, und nun sehe ich, daß da Hilfe war! Nun sehe ich, daß wir alle hätten glücklich werden können!« »Eins mußt du doch begreifen, Ingmar,« sagte Gertrud. »Als ich das Geld fand, wußte ich sofort, daß es uns auf die Weise helfen könnte, wie du meinst. Aber es war keine Versuchung für mich, nein, nicht einen einzigen Augenblick, weil ich einem andern gehörte.« »Du hättest das Geld selbst behalten sollen!« rief Ingmar. »Jetzt ist es mir, als zerre und reiße mir ein Wolf am Herzen, und es war nichts, damals, als ich wußte, daß es unmöglich war. Aber jetzt, wo ich weiß, daß ich dich hätte bekommen können!« »Ich kam hierher, um dir eine Freude zu machen, Ingmar!« Im Hochzeitshause hatten sie angefangen, ungeduldig zu werden. Sie kamen auf die Treppe hinaus und fingen an zu rufen: »Ingmar! Ingmar!« »Und die Braut steht dort oben und wartet auf mich!« rief er in großer Herzensangst aus. »Und du, Gertrud, hast dies alles verursacht! Als ich dich verließ, geschah es aus größter Not und Angst, du aber hast alles zerstört, nur um mich unglücklich zu machen. Nun weiß ich, wie Vater zumute war, als Mutter das Kind tötete!« entfuhr es ihm. Er brach in heftiges Weinen aus. »Nie habe ich so für dich gefühlt wie jetzt,« stöhnte er. »Nie habe ich dich halb so liebt gehabt wie jetzt. Ach, ich wußte nicht, daß die Liebe so bitter, so schrecklich sein kann!« Sanft und still legte Gertrud ihre Hand auf seinen Kopf. »Es ist nie, niemals meine Absicht gewesen, mich an dir zu rächen, Ingmar. Aber solange dein Herz an die Dinge dieser Welt gekettet ist, ist es an den Kummer gekettet.« Ingmar schluchzte lange; als er endlich aufsah, war Gertrud verschwunden. Vom Hofe her kamen Leute gelaufen, um nach ihm zu suchen. Er schlug hart mit der Hand gegen den Stein, auf dem er saß, und ein jäher Starrsinn breitete sich über seine Züge aus. »Gertrud und ich treffen uns vielleicht einmal wieder,« dachte er, »und da könnte es wohl sein, daß es anders zugeht als jetzt. Wir Ingmarssöhne sind dafür bekannt, daß wir das erreichen, wonach wir streben.«   Die alte Pröpstin. Es muß auch noch erzählt werden, wie alle Menschen versuchten, die Hellgumianer zu überreden, nicht nach dem Morgenlande zu reisen. Es war zuweilen, als halle es wider in den Bergen und Schluchten: Reist nicht! Reist nicht! Es waren nicht nur ihre eigenen Standesgenossen, sondern auch die vornehmen Leute, die versuchten, sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Der Hardesvogt und der Amtmann wollten ihnen keine Ruhe lassen. Sie fragten sie, wie sie wissen könnten, daß diese Amerikaner keine Betrüger seien. Sie wüßten ja nicht, was es für Menschen wären, mit denen sie sich zusammentun wollten. Es gäbe weder Gesetz noch Gericht in dem Lande da drüben. Da könne man jeden Tag von Räubern überfallen werden. Und Wege gäbe es dort gar nicht, sie würden gezwungen sein, all ihr Hab und Gut auf Pferden mit dem Saumsattel zu befördern, so wie drüben in den finnischen Wäldern. Der Doktor erzählte ihnen, daß sie das Klima dort nicht würden vertragen können. Und in Jerusalem wäre es voll von Pocken und allerlei Krankheiten. Sie zögen aus, um zu sterben. Die Hellgumianer antworteten, daß sie dies alles wüßten. Und gerade aus dem Grunde reisten sie dorthin. Sie zögen aus, um gegen Pocken und allerlei Krankheit zu kämpfen, um Wege zu bauen, um die Erde urbar zu machen. Gottes Land sollte nicht länger unbebaut daliegen, sie wollten es in ein Paradies verwandeln. Und niemand vermochte, sie von ihrem Vorsatz abzubringen. Unten an der Kirche wohnte eine alte verwitwete Pröpstin. Sie war so alt, so alt. Sie wohnte in einer großen Dachkammer im Posthause, der Kirche schräg gegenüber. Dort hatte sie gewohnt, seit sie aus dem Propsthause hatte ausziehen müssen. Es war von jeher Sitte gewesen, daß, wenn die Hofbäuerinnen zur Kirche kamen, die eine oder die andere von ihnen zu ihr ging und ihr etwas frischgebackenes Brot oder ein wenig Butter oder Sahne mitbrachte. Dann ließ sie sogleich den Kaffeekessel über das Feuer setzen, und die Frau, die am lautesten schreien konnte, sprach mit ihr, denn sie war sehr taub. Dann versuchte man, ihr zu erzählen, was sich im Laufe der Woche zugetragen hatte, aber man wußte niemals, wieviel sie von dem verstand, was man ihr erzählte. Sie saß immer in ihrer Stube, und oft verging eine lange Zeit, wo die Leute sie fast ganz vergaßen. Dann konnte es geschehen, daß jemand eines Tages an ihrem Fenster vorüberkam und ihr altes Gesicht hinter den faltigen, weißen Vorhängen erblickte. Dann dachte man: »Wir dürfen sie nicht vergessen, die so allein dasitzt, morgen, wenn wir unser Kalb geschlachtet haben, gehe ich hin Und bringe ihr etwas von der Schlächterei!« Niemand konnte ja klar darüber werden, was sie wußte und was sie nicht wußte, von dem, was sich im Kirchsprengel zutrug. Sie wurde älter und älter, und schließlich fragte sie nie mehr nach Dingen, die dieser Welt angehörten. Sie saß nur da und las in ein paar alten Postillen, die sie schon auswendig wußte. Sie hatte ein altes Mädchen, das ihr behilflich war, sich an- und auszukleiden, und das ihr Essen kochte. Sie waren beide sehr bange vor Dieben und Mäusen und vermieden es gern, des Abends Licht anzuzünden, aus Angst vor Feuersgefahr. Viele von denen, die jetzt Hellgumianer geworden waren, hatten die Gewohnheit gehabt, sie mit kleinen Geschenken zu bedenken. Aber nachdem sie sich bekehrt und sich von allen Menschen getrennt hatten, kamen sie nicht mehr zu ihr. Doch wußte niemand, ob sie verstand, warum sie nicht kamen.. Auch wußte man nicht, ob sie etwas von der großen Auswanderung nach Jerusalem gehört hatte. Heute aber befahl die alte Pröpstin ihrem Mädchen, Pferd und Wagen zu besorgen, denn sie wollte ausfahren. Das alte Mädchen mag wohl sehr erschreckt worden sein. Als sie aber versuchte, Einwendungen zu machen, stellte sich die Alte stocktaub. Sie streckte nur die eine Hand aus, erhob den Zeigefinger und sagte: »Ich will ausfahren, Sara Lena, du mußt mir Pferd und Wagen schaffen.« Sara Lena blieb nichts weiter übrig, als zu gehorchen. Sie mußte zum Pfarrer gehen und ihn bitten, ihnen einen anständigen Wagen zu leihen. Dann hatte sie viele Mühe damit, einen alten Pelzkragen und einen Samthut auszubürsten, die in den letzten zwanzig Jahren in Kampfer gelegen hatten. Es war auch kein Spaß, die Alte die Treppe hinunter und in den Wagen zu bekommen. Sie war so schwach, daß sie jeden Augenblick verlöschen konnte wie ein Licht. Als die Pröpstin in dem Wagen saß, befahl sie, nach dem Ingmarshof gefahren zu werden. Da oben waren sie nicht wenig überrascht, als sie sahen, wer da gefahren kam. Sie gingen hinaus und hoben sie vom Wagen und schafften sie in die gute Stube. Es waren mehrere Hellgumianer versammelt. Sie saßen beim Essen. In der letzten Zeit war es Sitte bei ihnen geworden, die Mahlzeiten, die aus Reis und Tee und anderen leichten Gerichten bestanden, gemeinsam einzunehmen. Es sollte eine Vorbereitung für die bevorstehende Wüstenwanderung sein. Als die Pröpstin über die Schwelle getreten war, blieb sie stehen und sah sich in der Stube um. Einige versuchten, sie anzureden, aber heute hörte sie gar nicht; sie erhob die Hand und sagte mit der trockenen, harten Stimme, wie man sie oft bei Tauben hört: »Ihr kommt nicht mehr zu mir. Darum komme ich hierher, um euch zu sagen, daß ihr nicht nach Jerusalem reisen sollt. Das ist eine böse Stadt. Dort haben sie unseren Heiland gekreuzigt.« Karin Ingmarstochter versuchte ihr zu antworten, aber sie hörte nichts und fuhr mit ihrem Gerede fort: »Es ist eine böse Stadt. Da wohnen schlimme Menschen. Da haben sie unseren Heiland gekreuzigt.« »Ich bin hierher gekommen,« fuhr sie fort, »weil dies ein gutes Haus gewesen ist. Ingmarsson ist ein guter Name gewesen. Es ist immer ein guter Name gewesen. Ihr sollt in eurer Heimat bleiben.« Dann wandte sie sich um und ging. Jetzt hatte sie das ihre getan, jetzt konnte sie in Frieden sterben. Dies war die letzte Handlung, die das Leben noch von ihr forderte. Karin Ingmarstochter weinte, als die alte Pröpstin abgefahren war. »Es ist vielleicht doch nicht richtig, daß wir fortziehen,« sagte sie. Trotzdem freute sie sich darüber, daß die Alte gesagt hatte: »Es ist ein guter Name. Es ist immer ein guter Name gewesen.« Es war das erste und das einzige Mal, daß jemand Karin dem großen Unternehmen gegenüber zweifelnd dastehen sah.   Die Abreise. An einem schönen Julimorgen zog ein langer Zug von Karren und Lastwagen vom Ingmarshofe fort. Es waren die Jerusalemfahrer, die endlich mit ihren Vorbereitungen fertig waren, und jetzt die Reise mit der langen Fahrt nach der Eisenbahnstation begannen. Als der lange Zug durch das Dorf zog, kam er an einem ärmlichen Hause vorüber, das Myckelsumpf genannt wurde. Hier wohnten heruntergekommene Leute, so ein rechter Auswurf der Menschheit, wie sie entstehen, wenn der liebe Gott einmal die Augen abwendet oder von anderen Dingen in Anspruch genommen ist. Da war ein ganzes Rudel schmutziger und zerlumpter Kinder, die den lieben langen Tag dalagen und den Leuten, die vorübergingen, Schimpfworte nachbrüllten; da war auch eine alte, alte Großmutter, die meistens betrunken am Grabenrande saß, und da waren ein Mann und eine Frau, die sich immer zankten und prügelten. Niemand hatte sie jemals arbeiten sehen; man wußte nicht, ob sie mehr bettelten als stahlen, oder ob sie mehr stahlen als bettelten. Als nun der Zug an dieser jammervollen und elenden Hütte vorüberkam, die nicht besser instand war, wie so eine Hütte wird, wenn Wind und Wetter jahraus, jahrein ungehindert damit haben regieren können, da stand die alte Frau nüchtern und ordentlich am Wege, an derselben Stelle, wo man sie sonst betrunken, schwankend und lallend hatte sitzen sehen; und vier von den Kindern standen um sie, und alle fünf waren sie gekämmt und gewaschen, und so ordentlich angekleidet, wie es ihnen nur möglich war. Als die, die in dem ersten Wagen gefahren kamen, sie erblickten, mäßigten sie die Fahrt und fuhren ganz langsam an ihnen vorüber. Und dasselbe taten alle die andern. Sie fuhren so langsam vorbei, wie nur die Pferde gehen wollten. Und alle die, die abreisen wollten, brachen plötzlich in ein heftiges Weinen aus. Die Erwachsenen weinten leise und schluchzend; aber die Kinder weinten laut mit Geschrei und Klagen. Die Jerusalemfahrer konnten später nie verstehen, warum sie über nichts so bitterlich geweint hatten, wie über die Bettel-Lena, die da elend und zitternd am Wege stand. Aber noch heutigen Tages können sie in Tränen ausbrechen, wenn sie erzählen, wie sie an diesem Tage dem Branntwein entsagt hatte und nüchtern und mit den gewaschenen und gekämmten Kindern gekommen war, um ihnen zu ihrer Abreise Ehre zu erweisen. Als sie alle vorübergekommen waren, fing die Bettel- Lena an zu weinen. »Sie fahren gen Himmel, um Jesum zu sehen,« sagte sie zu den Kindern. »Sie fahren alle gen Himmel, aber wir müssen hier am Wegesrande sitzen bleiben.«   Als der lange Zug von Karren und Lastwagen durch den halben Kirchsprengel gefahren war, kam er an die lange Floßbrücke, die über dem Wasser des Elfs liegt und schaukelt. Es ist sehr schwierig, über die Brücke zu fahren. Zuerst muß man einen steilen Abhang hinab, um die Wasserfläche zu erreichen, dann erhebt sich die Brücke, ein paar steile Stufen hoch, damit Boote und Holzflöße darunter hindurchfahren können, und an dem gegenüberliegenden Ufer steigt der Weg plötzlich so steil an, daß Pferde und Menschen bei dem Gedanken schaudern, da hinauf zu müssen. Die Brücke macht immer viel Sorgen. Die Bretter verfaulen und müssen unaufhörlich erneuert werden. Wenn das Eis aufbricht, muß man Tag und Nacht acht geben, daß sie nicht zertrümmert wird, und wenn die Frühlingsflut sehr stark ist, reißt sie große Stücke von der Brücke ab und führt sie mit sich hinab zu den Wasserfällen am Bergsaanaer Sägewerk. Aber die Leute im Kirchspiel sind stolz auf die Brücke, sie sind ganz glücklich, daß sie sie haben. Denn wenn sie nicht wäre, müßte man ja ein Boot oder eine Fähre haben, so oft man von dem einen Ufer an das andere wollte. Die Brücke ächzte und jammerte, als die Jerusalemfahrer darüber hinzogen, und das Wasser preßte sich durch die Bretter hindurch und spritzte den Pferden an die Beine. Es ging den Davonziehenden förmlich zu Herzen, daß sie sich von der lieben Brücke trennen mußten. Sie dachten daran, daß sie etwas sei, was ihnen allen gemeinsam gehörte. Die Häuser, die Höfe, die Felder und die Wälder waren in die Hände der verschiedenen Besitzer verteilt; aber die Brücke war gemeinsames Eigentum für sie alle, es war ihnen allen ein Schmerz, sie verlassen zu müssen. Aber hatten sie denn nichts anderes, das ihnen gemeinsam gehörte? Hatten sie nicht die Kirche, die dort unter den Birken jenseits der Brücke lag, hatten sie nicht das schöne, weiße Schulhaus und den Pfarrhof? Und was hatten sie sonst noch an gemeinsamem Besitz? Sie hatten wohl auch die Schönheit alles dessen, was sie hier von der Brücke aus sahen. Die schöne Aussicht über den breiten, mächtigen Elf, der still und sommerhell zwischen den Baumgruppen dahinfloß, die weite Aussicht durch das Tal, bis oben hinauf zu den blauen Bergen. Dies alles gehörte ihnen, es war ihnen in die Augen hineingebrannt. Und nun sollten sie es nie wiedersehen! Als die Vondannenziehenden mitten auf der Brücke angelangt waren, fingen sie an, einen von Sankeys Gesängen zu singen: »Es gibt ein Wiedersehen,« sangen sie, »es gibt ein Wiedersehn, es gibt ein Wiedersehn, ein Wiedersehn im Paradies.« Auf der Brücke war kein Mensch, der sie hören konnte. Sie sangen das Lied den blauen Bergen ihrer Heimat, den grauen Wassern des Elfs und den fächelnden Bäumen. Nie sollten sie sie wiedersehen – und aus ihren vom Weinen zusammengeschnürten Kehlen klang das Abschiedslied. Du schönes Heimatdorf mit deinen freundlichen roten und weißen Häusern, mit den dichten Birkenhainen, mit deinen fruchtbaren Feldern und grünen Wiesen, mit deinem Hain und deinen Weideplätzen, mit deinem langen Tale, das der sich schlängelnde Elf durchschneidet, höre uns: Laßt uns zu Gott beten, daß wir uns wiedersehen. Laßt uns beten, daß wir dich im Himmel wiedersehen!   Als der lange Zug von Karren und Lastwagen über die Brücke gekommen war, führte der Weg am Kirchhof vorüber. Drinnen auf dem Kirchhof lag ein großer, flacher Felsblock, der vom Alter ganz verwittert war. Es stand weder Name noch Jahreszahl darauf, aber man wußte aus alten Zeiten, daß ein Bauer aus dem Lynggaardgeschlecht darunter begraben lag. Einmal, als Ljung Björn Olafsson, der jetzt nach Jerusalem zog, und sein Bruder Per noch Kinder waren, hatten sie auf dem Stein gesessen und zusammen geplaudert. Im Anfang waren sie gute Freunde gewesen, schließlich aber hatten sie sich über irgend etwas veruneinigt, und waren eifrig und laut geworden. Worüber sie sich eigentlich zankten, hatten sie später vergessen, was sie aber nie vergaßen, war, daß, während sie sich am allerärgsten zankten, sie ein langsames, aber deutliches Pochen unter dem Stein, auf dem sie saßen, hörten. Sie schwiegen sofort still. Sie reichten sich die Hand und schlichen leise von bannen, und sie konnten den Stein später nie sehen, ohne daran zu denken. Als Ljung Björn jetzt an dem Kirchhof vorüberfuhr, sah er seinen Bruder auf dem Stein sitzen, den Kopf in die Hände gestützt. Ljung Björn hielt sein Pferd an und machte den anderen ein Zeichen, daß sie halten und auf ihn warten sollten. Er stieg vom Wagen herunter, kletterte über die Kirchhofsmauer und ging hin und setzte sich auf den Stein, neben den Bruder. Per Olaf sagte sogleich: »Du hast den Hof verkauft, Björn.« – »Ja,« sagte Björn, »ich habe alles, was mein war, Gott gegeben.« – »Ja, aber der Hof war nicht dein,« entgegnete der Bruder ruhig. – »War es nicht mein Hof?« – »Nein, er gehörte der Familie.« Ljung Björn erwiderte nichts, sondern saß stumm da und wartete. Er wußte, wenn sich der Bruder auf den Stein gesetzt hatte, so war das geschehen, um Worte des Friedens zu reden. Er war nicht bange vor dem, was Per sagen würde. »Ich habe den Hof wiedergekauft,« sagte nun der Bruder. Ljung Björn zuckte zusammen. »Du konntest dich nicht darein finden, daß er aus der Familie ging?« »Ich bin nicht reich genug, um so etwas aus dem Grunde zu tun,« sagte er. Björn sah ihn fragend an. »Ich tat es, damit du etwas hättest, wohin du zurückkommen könntest.« Das Weinen stieg Björn bis in den Hals und er fing an zu schluchzen. »Und damit deine Kinder etwas hätten, wohin sie zurückkommen könnten.« Björn legte den Arm um den Hals des Bruders. »Und um meiner lieben Schwägerin willen,« sagte Per; »es ist gut für sie zu wissen, daß sie Haus und Heim hat, das hier steht und auf sie wartet. Das alte Heim soll immer offen stehen für jeden von euch, der zurückkommt.« »Per,« sagte Björn, »setz' du dich in den Wagen und reise du nach Jerusalem, dann bleibe ich zu Hause. Du verdienst es mehr als ich, in das gelobte Land zu kommen.« – »Ach nein,« sagte der Bruder und lächelte: »Ich verstehe wohl, was du meinst, aber ich passe wohl am besten hierher.« – »Ich glaube, du paßt am besten in den Himmel,« sagte Björn. Er lehnte den Kopf an die Schulter des Bruders. »Nun mußt du mir dies alles verzeihen,« sagte er. Sie standen auf und reichten einander die Hände zum Abschied. »Dies Mal wurde uns nicht gepocht,« sagte Per, als sie sich erhoben. – »Es war doch sonderbar, daß du darauf verfielst, hierher zu kommen und dich auf diesen Stein zu setzen,« sagte Björn. – »Wir Brüder haben in der letzten Zeit nicht gut Frieden miteinander gehalten, wenn wir uns begegneten.« – »Glaubtest du, ich sei heute zum Streit aufgelegt?« – »Nein, ich werde böse, wenn ich daran denke, daß ich dich verlieren soll.« Sie gingen auf die Landstraße hinaus, und Ljung Björn drückte der Frau des Bruders kräftig die Hand. »Ich habe den Ljunghof gekauft,« sagte er. »Ich sage das nur, damit du wissen kannst, daß du etwas hast, wohin du zurückkommen kannst, wenn du willst.« Ebenso drückte er dem ältesten Kind die Hand. »Denke daran, du Kleiner, daß du hier Haus und Hof hast, wohin du zurückkommen kannst, wenn du in das alte Land heimkehren willst.« Und dann zog der lange Zug weiter.   Als der lange Zug von Karren und Lastwagen an dem Kirchdorf vorübergefahren war, kam er an eine große Schar von Verwandten und Freunden der von dannen Ziehenden, die ihnen Lebewohl sagen wollten. Es entstand ein langer Aufenthalt, denn alle wollten sie ihnen noch einmal die Hand drücken und einige Worte des Abschieds zu ihnen sagen. Und als sie dann durch das Kirchdorf kamen, war der Weg voll von Menschen, die ihre Abreise sehen wollten. Da standen Menschen in allen Türen, sie bogen sich aus den Fenstern heraus, sie waren auf die Zäune geklettert, und die, die weiter entfernt wohnten, standen auf Hügeln und Höhen und wehten und winkten ihnen zu. Der lange Zug fuhr langsam an den großen Menschenscharen vorüber, bis sie das Haus des Gemeindevorstehers, Lars Clemmensson erreichten. Dort machten sie Halt, und Gunhild stieg vom Wagen, um hineinzugehen und Lebewohl zu sagen. Gunhild hatte auf dem Ingmarshof gewohnt, seit sie sich entschlossen hatte, mit nach Jerusalem zu ziehen. Sie meinte, dies sei besser als in Streit und Zank mit den Eltern zu leben, die sich nicht mit dem Gedanken aussöhnen konnten, daß ihre Tochter von ihnen fortreisen wollte. Als Gunhild vom Wagen gestiegen war, sah sie, daß das ganze Haus wie ausgestorben war. Kein Mensch war an den Fenstern oder vor dem Hause zu sehen. Als sie an die Pforte faßte, war sie verschlossen, aber sie kletterte über ein Gitter und gelangte auf den Hof. Auch die Haustür war verschlossen. Sie ging an die Küchentür, die war mit einer Krampe von innen versperrt. Gunhild pochte mehrmals, aber als niemand kam und ihr öffnete, schob sie einen Stock hinein und hob die Krampe in die Höhe. Auf die Weise gelangte sie ins Haus. In der Küche war kein Mensch, die gute Stube war ebenfalls leer, und auch in der Kammer war niemand. Gunhild wollte nicht gehen, ohne den Eltern ein Zeichen zu geben, daß sie da gewesen war, um Lebewohl zu sagen. Sie ging an das Pult und öffnete die Klappe. Sie wußte, daß der Vater hier Feder und Tinte stehen hatte. Sie konnte die Tinte nicht gleich finden, sondern suchte in Schränken und Schubladen. Da stieß sie auf einen Kasten, den sie gut kannte. Er gehörte der Mutter, sie hatte ihn als Brautgeschenk von ihrem Mann erhalten. Und als Gunhild noch klein war, war es ihre größte Wonne, ihn sehen zu dürfen. Der Kasten war weiß lackiert, mit einer gemalten Blumengirlande und drinnen im Deckel war ein Bild eines Hirten, der einer Schar weißer Lämmer auf der Flöte vorspielte. Gunhild öffnete den Deckel, um den Hirten noch einmal zu sehen. In diesem Kästchen hatte die Mutter in alten Zeiten das Liebste aufbewahrt, was sie auf der Welt besaß. Dort verwahrte sie ihrer Mutter dünngeschlissenen Verlobungsring, ihres Vaters alte Uhr und ihre eigenen goldenen Ohrringe. Aber als Gunhild jetzt das Kästchen öffnete, sah sie, daß das alles herausgenommen war, und daß da statt dessen ein einziger Brief lag. Dieser Brief war von ihr selbst. Sie hatte vor ein paar Jahren eine Reise nach Mora gemacht, und als sie über den Siljasee fuhr, kenterte das Boot. Mehrere von denen, die im Boot waren, ertranken, und die Eltern hatten gehört, daß auch Gunhild ums Leben gekommen sei. Gunhild begriff, daß ihre Mutter so froh geworden war, als sie den Brief erhielt, der ihr von der Errettung der Tochter erzählte, daß sie alles andere aus dem Brautkasten genommen und den Brief als ihren größten Schatz da hineingelegt hatte. Gunhild wurde leichenblaß, ihr Herz krampfte sich zusammen. »Jetzt weiß ich, daß ich meine Mutter morde,« sagte sie. Sie dachte nicht mehr daran, etwas zu schreiben, sondern eilte von bannen. Sie kam hinaus und setzte sich wieder auf den Wagen, ohne auf die vielen Fragen zu antworten, ob sie ihre Eltern getroffen habe, und was sie gesagt hätten. Auf dem ganzen übrigen Weg saß sie regungslos da, die Hände in den Schoß gelegt, und starrte vor sich hin. »Ich morde meine Mutter,« dachte sie, »ich weiß, daß ich meine Mutter morde, ich weiß, daß Mutter stirbt.« »Für mich gibt es keinen glücklichen Tag mehr auf der Welt,« dachte sie. »Ich komme in das heilige Land, aber ich morde meine eigene Mutter.«   Als der lange Zug von Karren und Lastwagen endlich durch das Kirchdorf gelangt und aus dem Tal hinausgekommen war, kam er an einen Birkenhain. Hier bemerkten die Jerusalemfahrer zum erstenmal, daß ihnen ein paar Menschen folgten, die sie nicht kannten. Solange die Fortziehenden noch unten im Dorf gewesen waren, hatten sie so viel damit zu tun gehabt, Lebewohl zu sagen und Abschied zu nehmen, daß sie keine Zeit hatten, den fremden Wagen zu beachten; aber hier im Hain wurden sie allmählich aufmerksam darauf. Bald fuhr er allen andern Wagen vorbei, so daß er an die Spitze des Zuges gelangte, bald mäßigte er die Fahrt und ließ die andern voranfahren. Es war ein ganz gewöhnlicher Arbeitswagen, von der Art, wie man sie überall gebraucht, aber gerade darum war es unmöglich, ausfindig zu machen, wem er gehörte. Auch das Pferd kannte niemand. Er wurde von einem alten Mann gefahren, der ganz gebeugt saß und runzelige Hände hatte und einen langen, weißen Bart. Niemand kannte ihn, das war ganz sicher. Aber neben ihm saß eine Frau, die sie zu kennen meinten. Niemand konnte ihr Gesicht sehen, denn sie hatte ein schwarzes Tuch um den Kopf, das sie mit den Händen so fest zusammenhielt, daß man nicht einmal die Augen sehen konnte. Mehrere suchten aus ihrer Haltung und Größe zu erraten, wer sie sein könne, aber nicht zwei rieten auf dieselbe. Gunhild sagte sogleich: »Das ist meine Mutter!« Aber Israel Tomassons Frau behauptete, es sei ihre Schwester. Da war fast nicht einer, der nicht seine eigene Meinung darüber hatte, wer die sein könne, die dort im Wagen saß. Tims Halvor glaubte, es sei die alte Eva Gunnarstochter, die nicht mit nach Jerusalem hatte fahren dürfen. Der Wagen blieb auf dem ganzen Wege bei ihnen, aber auch nicht ein einziges Mal lüftete die Frau das Tuch vor dem Gesicht. Einigen der Davonziehenden ward sie zu einer, die sie liebten, anderen zu einer, die sie fürchteten; den meisten aber war es, als sei es eine, die sie verlassen und verraten hatten. Mehrmals, wenn der Weg breit genug war, wiederholte es sich, daß die Fremde an der Wagenreihe entlangfuhr, dann still hielt und sie vorüberfahren ließ. Dann saß die fremde Frau da, das Gesicht den Davonziehenden zugewendet, und betrachtete sie unverwandt, aber sie machte keinem von ihnen ein Zeichen, und keiner konnte sicher sein, wer sie war. Sie begleitete sie bis an die Eisenbahnstation; da erwarteten sie, ihr Gesicht zu sehen. Aber als sie von dem Wagen abgestiegen waren und sich nach ihr umsahen, war sie verschwunden.   Während der lange Zug von Karren und Lastwagen durch den Kirchsprengel fuhr, sah man niemand auf den Wiesen mähen, niemand, der das Heu wendete und lüftete, niemand, der es in Haufen setzte. An diesem Morgen ruhte die Arbeit; alle Menschen standen müßig am Wege oder sie kamen in ihren Sonntagskleidern gefahren, um das Geleite zu geben. Einige folgten dem Zuge eine Meile, andere zwei, aber einige von ihnen fuhren auch ganz bis an die Eisenbahnstation mit. Während der ganzen Zeit, daß der Zug durch den Kirchsprengel fuhr, sah man auf dem ganzen Wege nur einen einzigen Mann, der arbeitete, und das war Hök Matts Eriksson. Er war nicht ausgegangen, um Heu zu mähen, das betrachtete er immer als eine Feierabendarbeit, sondern er hatte sich daran gemacht, Steine aus der Erde zu brechen, wie er es in seiner Jugend getan hatte, als er seine Erde für den Ackerbau urbar machte. Gabriel Wattson sah den Vater von dem Wege aus als der Zug vorüberfuhr. Hök Matts ging auf dem heimischen Felde mit der Hebestange, brach Steine aus und trug sie zu einer Steinmauer zusammen. Er sah nicht von der Arbeit auf, sondern schleppte seine Steine dahin, und einige von ihnen waren so schwer, daß Gabriel meinte, es sähe aus, als müsse sein Rücken unter der Last brechen. Und dann warf er sie auf die Steinmauer nieder mit einer solchen Kraft, daß die Kanten absprangen und die Funken stoben. Gabriel fuhr einen der Lastwagen, aber seine Pferde mußten eine lange Weile für sich selbst sorgen, denn Gabriel konnte die Augen nicht von dem Vater abwenden. Der alte Hök Matts arbeitete und mühte sich ab. Er arbeitete gerade so wie damals, als der Sohn eben geboren war und der Vater alle Kraft daran setzte, um das Eigentum zu erweitern. Der Kummer packte ihn hart an, aber Hök Matts brach immer größere und größere Steine aus und häufte sie auf die Mauer. Bald nachdem der Zug vorübergezogen war, brach ein heftiges Gewitter mit einem Platzregen aus. Alle, die draußen waren, beeilten sich, unter Dach zu kommen, und Hök Matts wollte auch Schutz suchen; aber er besann sich und blieb draußen. Er wagte nicht, seine Arbeit zu verlassen. Um die Mittagszeit kam seine Tochter in die Tür hinaus, um ihn zum Essen zu rufen. Hök Matts war nicht sehr hungrig, aber er meinte doch, daß er etwas essen müsse. Und doch unterließ er es, hineinzugehen, er wagte nicht, mit seiner Arbeit aufzuhören. Seine Frau hatte den Sohn an den Bahnhof begleitet. Und spät am Abend kam sie allein zurückgefahren. Sie ging zu dem Mann hin, um ihm zu erzählen, daß ihr Sohn jetzt fort sei, aber er mühte sich noch mit dem Brecheisen ab und schleppte Steine und wollte keinen Augenblick still stehen und hören, was sie zu erzählen hatte. Die Nachbarn hatten gemerkt, wie Hök Matts an diesem Tage gearbeitet hatte. Sie kamen hinaus, standen still und sahen ihn eine Zeitlang an und gingen dann wieder hinein und erzählten: »Er geht da noch herum, er hat den ganzen Tag in einem Zug gearbeitet.« Es wurde Abend, aber es war noch eine Weile hell, und Hök Matts fuhr fort zu arbeiten. Er meinte, daß, wenn er nur einen Schritt von seiner Arbeit fortging, ihn der Schmerz überwältigen müsse. Seine Frau kam hinaus, die stand da und sah ihm zu. Das Feld war fast ganz urbar gemacht, und die Steinmauer war gewachsen, aber noch immer ging der kleine Mann umher und schleppte Steine, die besser für die Kräfte eines Riesen gepaßt hätten. Einer oder der andere von den Nachbarn kam heraus, um zu sehen, ob Hök Matts noch arbeitete. Aber niemand sprach mit ihm. Dann wurde es so dunkel, daß man ihn nicht mehr sehen konnte. Aber hören konnte man ihn, konnte hören, wie er immer noch einherging. Steine auf die Mauer häufte, so daß die Funken um ihn stoben. Aber dann plötzlich, als er sich mit dem Brecheisen abmühte, flog es ihm aus der Hand, und als er sich niederbeugte, um es aufzunehmen, fiel er um. Er blieb am Boden liegen. Ehe er sich so weit besinnen konnte, um sich aufzulichten, schlief er ein. Nach einer Weile kam er ins Haus hinein. Er sagte nichts, dachte auch nicht daran, sich auszukleiden, sondern warf sich nur auf die hölzerne Bank und schlief sofort ein.   Die langen Reihen von Karren und Lastwagen erreichten endlich den Bahnhof. Die Eisenbahn war erst kürzlich angelegt, und das Bahnhofsgebäude war ganz neu gebaut. Es lag auf einem großen, ausgerodeten Platz, mitten in dem dichtesten und finstersten Walde. Da war kein Dorf, da waren keine Felder oder Gärten, aber alles war groß und flott angelegt, weil man erwartete, daß eine ansehnliche Eisenbahnstadt hier in dieser öden und einsamen Gegend entstehen würde. Rings um das Bahngebäude selbst herum war die Erde geebnet, es war ein breiter, gepflasterter Fahrweg angelegt und große Güterschuppen und ausgedehnte, leere, endlose Kiesplätze. Ein paar Läden, einige Werkstätten und ein Hotel waren schon rings um die Kiesplätze herum angelegt, aber all das übrige lag noch als große, öde Wildnis da. Auch hier floß der Dalelf. Er kam wild und zornig aus dem finsteren Walde gebraust und stürzte schäumend in einer Reihe von Wasserfällen herab. Die Jerusalemfahrer konnten kaum begreifen, daß dies der breite majestätische Elf war, von dem sie am selben Morgen Abschied genommen hatten. Hier gab es keine lachenden Täler zu schauen, sondern die Aussicht war überall von dunklen, tannenbewachsenen Höhen begrenzt. Als die kleinen Kinder, die mit ihren Eltern nach Jerusalem sollten, hier an diesem Ort vom Wagen hinabgehoben wurden, ward ihnen bange, und sie fingen an zu weinen. Die Kinder hatten sich sonst die ganze Zeit darauf gefreut, daß sie nach Jerusalem reisen durften. Aber bei der Trennung von der Heimat hatten sie viel geweint, und hier am Bahnhof waren sie ganz verzweifelt. Die Erwachsenen hatten genug damit zu tun, das Gepäck vom Wagen zu nehmen und es in einen Güterwagen zu legen. Alle halfen und niemand hatte Zeit, acht zu geben, was die Kinder taten. Aber die Kinder taten sich zusammen, sie standen in einer dichten Schar und beratschlagten. Und dann nahmen die älteren die Kleinen bei der Hand und begaben sich auf den Weg, der von der Station fortführte, immer zu zweien, ein großes und ein kleines. Sie gingen den Weg, den sie gekommen waren, über das Sandmeer und das Stoppelfeld und den Elf, hinein in den finsteren Wald. Nach einer Weile fielen einer von den Frauen die Kinder ein. Sie öffnete einen Vorratskorb und wollte ihnen etwas zu essen geben. Sie rief nach ihnen, aber keins antwortete. Sie waren verschwunden; ein paar Männer mußten ausgehen und nach ihnen suchen. Sie folgten den Spuren, die die vielen kleinen Füße im Sande hinterlassen hatten. Als sie eine Strecke in den Wald hineingekommen waren, erblickten sie die Kinder. Sie wandelten in einer langen Reihe dahin, immer zu zweien, immer ein großes und ein kleines. Als die Männer sie riefen, standen sie nicht still, sondern fuhren fort zu gehen. Da mußten die Männer anfangen zu laufen, um sie einzuholen. Die Kinder versuchten davonzulaufen, aber die kleinsten konnten nicht mitkommen, sie strauchelten und fielen. Da blieben die Kinder stehen, verweint und unglücklich. »Aber Kinder, wo wollt ihr nur hin?« fragte einer der Männer. Da brachen die kleinsten Kinder in ein lautes Gebrüll aus, aber der älteste Knabe antwortete: »Wir machen uns nichts daraus, nach Jerusalem zu kommen, wir wollen nach Hause.« Und noch lange, nachdem die Kinder nach dem Bahnhof zurückgebracht und in die Wagen gesetzt waren, fuhren sie fort zu weinen und zu klagen: »Wir machen uns nichts daraus, nach Jerusalem zu kommen. Wir wollen nach Hause!«