Tartüff der Patriot Ein satirisches Komödienspiel in 3 Akten von Otto Ernst Leipzig Verlag von L. Staackmann 1909. Personen. Geh. Kommerzienrat Paul Schneidemühl , Gewehrfabrikant und Gutsbesitzer, Ritter mehrerer Orden. Julchen , seine Frau. Ihre Kinder:     Sonja     Axel , Primaner Oberst a. D. Konrad Pfeil , Dr. ing. und Erfinder eines Luftschiffes, Schneidemühls Halbbruder. Dr. Franz Pfeil , sein Sohn, ein junger deutscher Dichter. Dr. phil. Hugo Bitterich , Leutnant der Reserve und Oberlehrer, mit Sonja Schneidemühl verlobt. Bruno Bitterich , Primaner, dessen Bruder. Neumann , Privatsekretär bei Schneidemühl. Drei Masken:     Der polnische Güteragent Treumeyer     Der englische Dichter Mr. Woolwood     Der Majestätsbeleidiger und Redakteur Braumann Baron von Plockhorst , großherzogl. Kammerherr. Gräfin Schildau . Generalin von Dippenbach . Oberkonsistorialrat Liekefett . Dessen Frau . Deren Kinder:     Emmy     Anny     Henny     Karl Die Bürgermeisterin . Ludmilla , deren Tochter, auch dichtend. Privatdozent Dr. Kugler . Architekt Grieben . Dittmer , ein alter Lakai. Frau Büsing . Ein Bote . Damen und Herren, Lakaien. Ort : Eine deutsche Residenz. Erster Akt. (Links und rechts vom Zuschauer aus. Reich und elegant ausgestattetes Empfangs- und Besuchszimmer bei Schneidemühls. Bilder und Büsten der deutschen Kaiser, des Landesfürsten [auf einer Staffelei], Bismarcks und Moltkes. Über dem Türbogen zur Veranda in prächtigem Rahmen der Spruch: »Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt.« Im Hintergrunde eine große Veranda, die auf die Straße geht; rechts eine breite und hohe Glastür, die in den Garten führt. Der allgemeine Zugang des Zimmers ist hinten links, eine andere Tür vorn links. Durch die Glastür sieht man blühende Bäume und Büsche; auch das Zimmer zeigt in Vasen und Schalen reichen Blumenschmuck. Es ist früh am Morgen eines sonnigen Frühlingstages.) 1. Szene. Bruno Bitterich . Später Axel und Dr. Bitterich , noch später Sonja . Bruno (kommt mit Büchern unterm Arm von der Straße durch die Veranda, blickt suchend im Zimmer umher, öffnet dann die Tür zum Garten und pfeift das Motiv aus der Walküre »Winterstürme wichen dem Wonnemond«. Aus dem Garten ertönt dasselbe Motiv als Antwort, und gleich darauf erscheint Axel , der schon aus dem Garten »Moign!« gerufen hat.) Bruno . Moign. Axel (tritt auf, halb freudig:) Allein? Kommt dein Bruder nicht? Bruno . O ja, wird schon anschwirren. Axel . Ich hätte nichts dagegen, wenn er sich eine Erholung gönnte. Bruno (läßt sich an einem Tische vorn links nieder und schlägt ein Buch auf) . Da kennst du Hugon schlecht. Tadellose Pflichterfüllung. Reserveoffizier. (Vertieft sich in sein Buch.) Axel (setzt sich widerwillig) . An solchem Morgen Horaz pauken – Gemeinheit. Horaz hätte was andres gemacht, das steht fest. Der konnte sich, was Arbeit anlangt, schändlich beherrschen. Bruno . Hm. Axel . Du, komm heut nachmittag mal in unsern Garten; ich bau jetzt einen neuen Apparat. Weißt du, ich will jetzt – Bruno . Sch–t! Ruhe, ich muß meinen Konjunktiv pauken. Axel . Oller Streber! Dr. Hugo Bitterich tritt auf. ( Seiner militärischen Würde sich bewußter Reserveoffizier. Schmucker Kerl von kühlschnodderigem Wesen. ) Axel (ist bei seinem Eintritt aufgesprungen und steht stramm) . Bitterich . Na? Na, Bruderherz? Willste nich ooch die Jüte haben? Bruno (erhebt sich lässig) . Bitterich . Ach nee, Brunochen; zu Hause sind wir ja freilich Brüder; aber hier bin ich nu mal Vorgesetzter, den du kolossal vorschriftsmäßig zu grüßen hast – na? Bruno (setzt sich und springt mit Gewalt wieder auf, macht dabei ein sehr finsteres Gesicht) . Bitterich . Moign. (Winkt, daß die beiden sich setzen dürfen, und setzt sich auch, mit dem Gesicht gegen das Publikum.) Wo is denn Sonja? Axel . Sie wird wohl gleich kommen; ich hab sie eben noch im Garten gesehen. Bitterich . Na, Brüderchen, wie denkst du denn heute über'n abhängigen Konjunktiv, he? Bruno (steht auf und beginnt mit großer Entschiedenheit:) Der Konjunktiv kann abhängig sein erstens von . . . . Bitterich (immer kühl) . Nanu, nich so vulkanisch. Warte mal. (Hat in seinem eigenen Buch die Stelle gesucht und gefunden.) So. Nu plaudere mal so'n bißchen über das reizende kleine ut finale . (Er sitzt mit dem Rücken gegen seinen Bruder, der ihm über die Schulter hinweg abliest.) Bruno . Ut finale steht erstens unabhängig (absolut) in der Bedeutung damit , auf daß , um zu (das letztere, wenn Haupt- und Absichtssatz im Deutschen dasselbe Subjekt haben). Edo, ut vivam, non vivo, ut edam. Bitterich . Sehr scheene Sentenz. Kannste dir merken. Bruno . Eingeführt kann dieses ut werden mit demonstrativen Ausdrücken wie ideo, idcirco, propterea (deswegen, zu dem Zwecke usw.), eo consilio, animo in der Absicht, ea condicione  . . . . (Er ist seinem Bruder immer näher gekommen.) Bitterich (wendet plötzlich den Kopf und nickt seinem Bruder ironisch lächelnd zu) . Bißchen kleener Druck, was? Nu woll'n wir mal seh'n, ob es ooch so jeht. (Wendet sich ihm zu.) Also wann steht ut finale zweitens? Bruno . Ut finale steht zweitens, wenn . . . . (bleibt stecken) . Bitterich . Bitte, ohne alle falsche Scham. Bruno . . . . . wenn . . . . Bitterich . Sag mal, Brunochen, wat wolltste man noch werden? Bruno (trotzig) . Zoologe. Bitterich . So, Zoologe. Und da meenste, da brauchste keen Latein. Bruno (mit jugendlichem, aber natürlichem Pathos) . Die Natur redet keine tote Sprache. Bitterich . Mensch, warum denn mit eins so jeistvoll! Du schpriehst ja Jeist wie Heinrich Heine! Nu will ick dir mal wat sagen, Brunochen: Wer keen Griechisch kann, der is bloß 'n Halbidiot; wer aber das Lateinische ooch nich kann, der is in seiner Art vollkommen. Bruno . Hä, und dabei gibt es Männer genug, die weder Latein noch Griechisch konnten und die größten Entdeckungen gemacht haben! Bitterich . Denn haben se Dusel jehabt. Im übrigen haste den Schnabel zu halten. – Na, Axel? Haste Kenntnisse? Wann steht ut finale zweitens? Bruno . (Hat seine Grammatik aufgeschlagen und hält sie, von Bitterich ungesehen, so, daß Axel ablesen kann.) Axel . (Hat heimlich ein Pincenez hervorgezogen und liest ab:) Ut finale steht zweitens in der Bedeutung einer beabsichtigten Folge abhängig von den Verben, welche die Absicht des Handelnden, daß etwas geschehen soll, in sich schließen, nämlich: consulo, curo, prospicio, provideo, video, contendo, laboro, nitor, operam do (gebe mir Mühe), id ago (gehe damit um, bin darauf bedacht), id specto (habe im Auge) . . . . Bitterich (ist aufmerksam geworden, blickt von seinem Buche auf und entdeckt die Manipulation seines Bruders. Immer mit lächelnder Kühle) . Hört mal, ihr seid doch 'n paar ideale Verbrechertypen, 'n paar aufjelegte Sozialdemokraten seid ihr doch. Axelchen, Schwager in spe , was wolltest du noch werden? Axel . Luftschiffer. Bitterich . Nu ja, det is ja allerdings wat andres. Da haste recht: Verrückt sein kann man ooch ohne Latein. Sonja (ist mit einem Syringenstrauß in der Hand aus dem Garten gekommen und hat das letzte gehört; lächelnd) . Nun, hoffentlich wird er so verrückt wie sein Onkel. Bitterich (nicht allzu verlegen) . Entschuldige – (ist aufgesprungen) . Sonja (ihm die Hand zum Gruße reichend) . Bitte, entschuldige du, daß ich zu spät komme. (Sie verteilt Blumen an Bruno und Axel, die sich lebhaft bedanken.) Willst du auch eine? Bitterich . Danke. (Nimmt die Blume und betrachtet sie mit halb ironischem Lächeln.) Sehr schön. Obwohl Blumen eigentlich nich hierher jehören. Sonja . Nicht? Bitterich . Nee. Stell dir mal vor, die Rekruten üben langsamen Schritt und haben dabei 'ne Nelke hinterm Ohr. Sonja . Sind wir denn hier auf dem Kasernenhof? Bitterich . Allemal. Latein is Drill. Was denn sonst? Sonja . Hm. Mir scheint, Blumen und Horaz, das müßte eigentlich zusammengehören. Wir haben doch heute Horaz? Bitterich . Jewiß doch. Ick mußte man erst das Jemüt dieser Leute uf Konjunktiv untersuchen. Na, Axel, oller Schwede, wir sind vor der neunzehnten Ode stehen jeblieben. Schieß mal los. Axel (liest, das Versmaß krampfhaft hervorhebend) . »Mater saeva Cupidinum Thebanaeque iubet me Semelae puer et lasciva Licentia finitis animum reddere amoribus.« Bitterich . Na ja. Wat is denn dat für'n Versmaß, Axel? Axel . Das asklepiadeische. Bitterich . Ja ja ja, aber was für eins? Axel . Das dritte. Bitterich . Nee, holder Knabe, det is dat vierte. Wo kommt das vierte asklepiadeische Metrum sonst noch vor? Axel (schweigt) . Bitterich . Weeßte ooch nich. Axelchen, mein Freund, du hast wohl geglaubt, der Horaz wäre zum Vergnügen da? Paß auf, deine Schwester sagt es dir sofort. Sonja . Ich weiß es allerdings; aber es ist ja ganz gleichgültig, ob man das weiß oder nicht. Bruno und Axel (halb unterdrückt) . Bravo! Bitterich . Na hör mal – Sonja . Ich wollte dir schon längst sagen, daß ich zu alledem keine Lust mehr habe. Bitterich . Na erlaube jefälligst – na, wir reden nachher darüber. Übersetz erst mal, Axel. Axel (sehr fließend) . Weckst du, Göttin, der Leidenschaft Wilde Mutter, und du, Knabe der Semele, Und du, lüsterner Übermut, Längst verschworene Glut wieder im Herzen mir? Bitterich . Nanu! Krieg man keene Jefühle! Welchen Schmöker haste denn da benutzt? Axel . Emanuel Geibel. Bitterich . Dacht ick mir doch, daß da so 'n jefühlvoller Dichterknabe dahintersteckte. Sonja . Warum sprichst du immer so verächtlich von den Dichtern? Wir haben es doch hier auch mit einem Dichter zu tun. Bitterich . Ja, der heeßt aber jefälligst Horaz. Sonja . Ach so, und mit dem können deutsche Dichter sich nicht vergleichen? Bitterich . Dat ick nich wüßte. Sonja . Haha. Weißt du, wie ich mir die Strophe von Horaz übersetze? Bitterich . Hä? Sonja (innig und wie entrückt) . Herz, mein Herz, was soll das geben? Was bedränget dich so sehr? Welch ein fremdes, neues Leben! Ich erkenne dich nicht mehr. Weg ist alles, was du liebtest, Weg, warum du dich betrübtest, Weg dein Fleiß und deine Ruh – Ach, wie kamst du nur dazu? Bruno (eifrig) . Bravo! Und dann die zweite Strophe, die fluscht auch anders als bei Horaz: Fesselt dich die Jugendblüte, Diese liebliche Gestalt, Dieser Blick voll Treu und Güte Mit unendlicher Gewalt? Will ich rasch mich ihr entziehen, Mich ermannen, ihr entfliehen, Führet mich im Augenblick Ach, mein Weg zu ihr zurück. Axel (begeistert) . Und an diesem Zauberfädchen, Das sich nicht zerreißen läßt, Hält das liebe lose Mädchen Mich so wider Willen fest; Muß in ihrem Zauberkreise Leben nun auf ihre Weise. Die Verwandlung, ach, wie groß! Liebe! Liebe! laß mich los! Bitterich (hat verdutzt zuerst auf Sonja, dann, sich wendend, auf Bruno und endlich, sich abermals wendend, auf Axel gesehen, schiebt jetzt langsam beide Hände in die Hosentasche und sagt) : Det is woll 'ne kleene Verschwörung, wat? Sonja . Gewissermaßen – ja. Wir drei unterhielten uns gestern und fanden, daß wir Deutschen fast für jede antike Dichtung eine gleich schöne oder schönere besitzen – Bitterich (ohne zu lächeln) . Hihi. Sonja . – und daß dieses Goethesche Lied zehntausendmal herrlicher ist als (auf den Horaz zeigend) das da. Bitterich . So. Na, jegen Joethen und Schillern will ick ja weiter nischt sagen; aber was hinterher kommt – Sonja . Das kennst du ja gar nicht. Bitterich . Liebe Sonja, erstens mußte bedenken, dat ick für die anwesenden Jünglinge so'ne Art Respektsperson bin – Sonja . Entschuldige. Bitterich . Bitte, un zweetens kenne ick meinen Homer und meinen Horaz und noch einige ähnliche Idioten, un det jenügt mir. Sonja . Kein Mensch nennt deine alten Dichter Idioten. Sie mögen Herrliches geschaffen haben – für ihre Zeit und für ihr Volk, und wenn man ein Leben daran wendet, dringt man vielleicht auch in ihre Seelen ein. Wenn wir aber tun, als wären wir begeistert, dann – dann sind wir eben unwahr – gründlich unwahr. Bitterich . Kinder, damit woll'n wir diese ersprießliche Lateinstunde schließen. Ihr müßt ins Jymnasium, Jungens, es ist Zeit. (Hat nach der Uhr gesehen.) Bruno . Ach, wenn du uns wegschickst, weil wir so was nicht hören dürfen – wir reden noch ganz anders. Bitterich (immer unverändert, Bruno auf die Schulter klopfend) . Kann ick mir denken, Brunochen, kann ick mir denken; du bist'n Prolet; aber darum mußte jetzt doch entweichen. Bruno . Wie kannst du überhaupt für Horaz und Ovid eintreten? Das war doch »welsche Lügenbrut«. Bitterich . Brüderchen, jetzt machste Beene, sonst brumm' ick dir hundert Verse Homer auf! Bruno (im Gehen) . Adieu, Sonja; heut Abend bring ich dir einen Fackelzug! Axel . Adieu, Schwesterchen, gib mir einen Kuß. Wenn du nicht meine Schwester wärst, heiratete ich dich! (Bruno und Axel ab.) 2. Szene. Sonja . Dr. Bitterich . Bitterich (nach einem Schweigen) . Also was vernehmen meine Ohren: du willst meine erquickenden Stunden nicht mehr mitnehmen? Sonja . Nein, Hugo. Bitterich . Darf man schüchtern fragen, warum? Sonja (glücklich überzeugt) . Weil ich meine Zeit und Kraft viel, viel besser anwenden kann. Bitterich . Indem ich schmerzlich schweigend darüber hinweggehe, daß dies für mich kein Kompliment ist, beschränke ich mich auf ein einfaches »Wieso?« Sonja . Wenn ich eine Stunde Shakespeare lese oder Ranke oder Bismarck, wenn ich eine Stunde Chemie treibe, gewinn ich ja mehr als hier in hundert Stunden! Bitterich . Ach nee. Du hast doch selbst jewünscht, an den Stunden der beiden Jungens teilzunehmen. Sonja . Gewiß. Weil man mir sagte: Nur wer die alten Sprachen kennt, ist ein durchgebildeter Geist. Du selbst sagtest so. Bitterich . Natürlich, is auch so. Sonja . Nun – bin ich fleißig gewesen? Bitterich . Der reine Streber. Sonja . Ist es mir schwer geworden? Bitterich . Au controleur – du hast sogar 'n philologischen Riecher. Alle Tage kannste dein Abitur machen. Sonja . Und der Erfolg? Verdummt bin ich. Bitterich (verbeugt sich) . Sonja . Dies Griechisch und Latein sitzt mir wie Scheuklappen vor den Augen; ich sehe die Welt nicht mehr. Eine Zeitlang war mir's, als dürft' ich nicht auf meine Weise atmen, als müßt' ich mir erst vorstellen, wie die Alten geatmet haben, um es ihnen nachzumachen. Bitterich . Weeßte, Schatz, was du da sagst, is ja sozusagen Gotteslästerung mit Hochverrat; aber es steht dir, es macht dich noch hübscher, als du schon so bist. Unter rechtlich verlobten Brautleuten war es bisher Brauch, sich'n Kuß zu geben, wenn se »endlich allein« waren – (ist ihr langsam näher gekommen) . Sonja (weicht erschrocken zurück) . Nicht heute – nicht jetzt – bitte! Bitterich . Nanu –? Warum denn heute nich –? – Hab' ich dir was getan? Sonja . Nein, nein – aber – (als er sich wieder nähert) bitte, laß mich jetzt! (Im selben Augenblick stürzt Julchen herein.) 3. Szene. Die Vorigen . Julchen . Julchen Schneidemühl (eine Dame, die gern unzweifelhaft vornehm wäre) : Kinder, Kinder, wißt ihr denn schon die große Neuigkeit? (Gleichzeitig:) Sonja . Nun? Bitterich . Hä? Julchen . Aber was frag' ich! Ihr könnt sie ja garnicht wissen! Denkt euch: Unser Großherzog hat sich verlobt! Bitterich . Ach, was Sie sagen, liebe Schwiegermama. Julchen . Und wißt ihr, mit wem? Mit der Prinzessin Lucinde von Holstein-Hadersleben, das ist das dritte Kind – mais non, was sag' ich – das vierte Kind ist sie von dem Prinzen Hans Friedrich von Holstein-Hadersleben und der Luise Amalie von Cleve-Berg. Das erste Kind war ja die Prinzessin Emma Christine, die den Fürsten von Mecklenburg-Neudorf heiratete, und das zweite war der Prinz Theodor, der am Typhus starb. Dann kam das dritte, das war Prinz Emil, der die Schauspielerin heiratete (wo kürzlich das vierte Kind kam) , und dann – richtig – dann kommt Prinzessin Lucinde Aurelie Clementine, die sich jetzt mit unserm Großherzog verlobt hat. Bitterich . Wie Sie das alles wissen, Schwiegermama! Julchen . Ach, das ist gar nichts; meine Mutter wußte sämtliche deutschen Fürsten und Fürstinnen mit Kindern und Kindeskindern auswendig. Jaa, ach Gott, wir waren ja immer patriotisch! Sonja . Hat es in der Zeitung gestanden? Julchen . Nein, darling, die Zeitungen wissen noch nichts; Papa hat es von seinem intimsten Freund, dem Kammerherrn v. Plockhorst, und Baron Plockhorst hat dabei einfließen lassen, daß bei Gelegenheit der Einzugsfeierlichkeiten wohl das Langerwartete zum fait accompli wird. Bitterich . Was ist das, Schwiegermamachen? Julchen . Unsere Erhebung in den Adelstand (Begeistert:) Kinder, wenn das junge Paar einzieht – unser Haus muß das schönste in der ganzen Stadt sein – du mußt natürlich ein Gedicht deklamieren, Sonja – Sonja (erschrocken) . Ach! Julchen . – und unsere Kostüme – ja wart, ich will doch sofort an Stock \& Wilckens telefonieren (geht ans Telephon) . 364! – – Hier Frau Geheimrat von Schneidemühl! Sonja . Aber Mama – Julchen . Was? – Schicken Sie mir sofort die Direktrice; ich brauche drei neue Kostüme. (nachdem sie die Antwort abgewartet und den Hörer eingehängt hat:) Nun – du freust dich wohl gar nicht? Sonja . O – doch. Wenn unser Großherzog glücklich wird, soll es mich sicherlich freuen – Julchen . Ach was, warum sollt' er nicht glücklich werden! Die deutschen Prinzessinnen sind immer ideale Frauen gewesen! Na – und »Sonja v. Schneidemühl«? Klingt das nicht anders als »Sonja Schneidemühl«? Freilich, du wirst ja diesen Namen nicht lange mehr tragen – das soll dich aber nicht verletzen, lieber Hugo; man kann auch als Bürgerlicher ein achtbarer Mensch sein. Sonja (lächelnd) . Aber Mama, wir sind doch selbst noch bürgerlich, Julchen (gekränkt) . Daran brauchst du mich nicht zu erinnern, mein Kind. Übrigens sind wir schon so gut wie geadelt. Wenn Herr v. Plockhorst es sagt – du lieber Gott, ich mach' mir gewiß nichts draus; mich freut es ja nur so unendlich Papas wegen. Er hat erst wieder solchen Ärger gehabt mit den verdammten Polacken. (Gleichzeitig:) Sonja . Was ist denn –? Bitterich . Aha. Was jiebt's denn wieder? Julchen . Ach – in Niemieczkowo haben sie sich zusammengetan und wollen auf unserm Gut nicht mehr arbeiten! Und unserm Verwalter haben sie die Fenster eingeworfen! Bitterich . Na ja, kann ick den süßen Pollacken jar nicht verdenken. Wenn man se mit Veilchenparfum bejießt, werden se natürlich frech. Statt se uf de Bank zu legen und ihnen 25 'rüberzuziehen – Sonja . Aber Hugo! Julchen . Ja ja, das ist ganz meine Meinung, Prügel, das wäre das Richtige – Sonja . Mit Prügeln wollt ihr sie zu Deutschen machen? Bitterich . Deutsch wird det Jesindel nie. Möchte mich ooch dafür bedanken, pfui Deibel. Aber parieren soll'n se. Na ja, Sonjachen, ich weiß, du bist fürs »Humane«. (Zu Julchen.) Bloß fürs Humanistische is se nicht, Schwiegermama. Denken Sie sich, meine jeistvollen Stunden will se nicht mehr mitnehmen! Julchen . Was ist das? Bitterich . Sie sagt, sie kann ihre Zeit besser anwenden. Julchen . Aber darling! Etwas Bildenderes als fremde Sprachen gibt es doch gar nicht! Meine ganze Bildung hab' ich von den fremden Sprachen! Unsinn, daraus wird nichts! Sonja . Aber Mama – Julchen . Gott, Kind, widersprich mir doch nicht in einem fort. (Zu Bitterich.) Das laß nur meine Sorge sein; ich werde ihr das schon ausreden. Bitterich . Nee nee, Schwiegermama, so war es nicht jemeint, hetzen is nich meine Sache – Julchen . I was, sie wird sich schon besinnen – Bitterich . Soll mich freuen – ich muß jetzt in die Schule; aber (sieht nach der Uhr) wie jesagt: Sonja soll (mit Betonung und einem Blick auf Sonja) in jeder Hinsicht tun, was sie will. Adieu, Schwiegermama. (Küßt ihr die Hand.) Adieu, Sonjachen! (Er reicht ihr die Hand und macht Miene, sie zu küssen; sie bietet ihm die Stirn, die er küßt. Ab.) 4. Szene. Julchen . Sonja . Julchen . Sonja, was hast du? Du bist so seltsam gegen Hugo – habt ihr euch gezankt? Sonja . O nein! Julchen . Ja, was sind denn das für Einfälle! Du willst an seinen Stunden nicht mehr teilnehmen? Du hast doch selbst danach verlangt! Du wolltest die alten Dichter in der Ursprache genießen! Sonja . Ich habe eben eingesehen, daß man das nicht kann. Julchen . Wieso? Hugo hat mir mehr als einmal gesagt, daß du für fremde Sprachen fabelhaft begabt seist. Sonja . Selbst wenn ich das wäre – das kann eben niemand. Julchen . Was kann niemand? Sonja . Niemand kann in einer Sprache empfinden, in der er nicht lebt. Julchen . Das lernt sich eben. Sonja . Wenn man mit den fremden Nationen lebt – lange lebt – vielleicht. Julchen . Mais quelle bêtise! Ich bin weder in England noch in Frankreich gewesen und lese Englisch und Französisch wie Deutsch! Sonja . Laß uns darüber nicht streiten, Mama. Es ist ja am Ende kein Verbrechen, eine nutzlose Sache aufzugeben. Julchen . So. Und daß du Hugo damit kränkst, das bedenkst du nicht. Sonja (sehr ernst, mit einem Seufzer) . Ich fürchte, daß ich ihn noch anders kränken muß. Julchen . Wieso? Sonja . Liebe Mama – einmal muß es ja doch gesagt werden –: ich kann Hugo nicht heiraten. Julchen (fährt auf, wie von einer Nadel gestochen) : Sonja! Unterlaß solche unschicklichen Redensarten!! Sonja . – Unschicklich –? Julchen . Ich liebe solche Scherze nicht. Wenn Hugo davon hört – er ist sehr empfindlich. Sonja . Er ist eitel, ja. Und eben weil er nichts ist als eitel, korrekt und kalt, eben deshalb kann ich ihn nicht zum Manne nehmen. Julchen . Sonja , soll ich das für Ernst nehmen? Ein Mann wie Hugo, nach dem sich alle Mädchen die Hälse ausrecken, – ein tadelloser Beamter – Leutnant der Reserve, der über kurz oder lang anderthalb Millionen erbt! Sonja . Damit hast du seine sämtlichen Vorzüge aufgezählt. Julchen . Na, ich denke, das genügt. Sonja . Zu einer Ehe doch wohl nicht. Julchen . Ach Quatsch, ich wollte sagen – Torheit! Man gewöhnt sich an einen Mann, wenn man ihn auch anfänglich nicht mag. Sonja . Mama, fühlst du denn nicht, daß dieses »sich gewöhnen« etwas unsagbar – Gewöhnliches ist? Julchen . Ach, du willst mich wohl lehren, was vornehm und fein ist? Sonja (gequält) . Nein, Mama – Julchen . Unfein ist es, einen Mann, mit dem man verlobt ist, nicht zu heiraten, siehst du, das ist gewöhnlich! Eine zurückgegangene Verlobung! – in unsern Kreisen! In unserm Hause! In einer adligen Familie! Na ja, ich weiß, es passiert Schlimmeres in Adelskreisen; aber das ist alter Adel! – Laß bloß Papa nichts davon hören! Wenn ich bloß daran denke, daß er so etwas hörte! Ach, das ist ja gar nicht auszudenken. – Hör', liebes Kind, ich will nichts gehört haben – ich will tun, als hättest du nichts gesagt – aber dafür erwarte ich, daß du mir nie darauf zurückkommst, nie, hörst du? Und nun was andres. Beim Einzug des hohen Paares wirst du als Chorführerin der Ehrenjungfrauen ein Gedicht deklamieren, und dies Gedicht – 5. Szene. Die Vorigen . Franz Pfeil . Franz (ist durch die Veranda gekommen, sieht Julchen und ruft laut) : Ah, da sind Sie ja, liebe Tante! Sonja (läßt beim Klange von Franzens Stimme einen Aufschrei des Erschreckens hören und tastet nach einem Stuhl) . Franz . O Verzeihung, Cousinchen, hab' ich Sie erschreckt? Julchen (fast gleichzeitig) . Was ist dir, Kind, was hast du? Sonja (heiter lächelnd) . Nichts, nichts – es kam so unerwartet – darum erschrak ich – nur darum – es ist schon alles wieder gut. Julchen . Na also. (Zu Franz) : Du suchtest mich? Franz (mit der unbefangenen Fröhlichkeit, die sein ganzes Wesen erfüllt) : Ja, Tante, ja. Hier (auf ein Buch in seiner Hand schlagend) hab' ich nämlich einen Fund gemacht: etwas Wundervolles für unsern nächstem Leseabend! Julchen (mißtrauisch) . Wirklich? Franz . Ja, »Tanz und Andacht, Gedichte von Gustav Falke«. Julchen . Wie heißt der Herr? Franz . Gustav Falke. Julchen . Und Gedichte? Mais non, lieber Neffe. Franz . Nein? Julchen (verächtlich) . Gedichte lesen wir grundsätzlich nicht. Franz . Aber Sie haben doch neulich selbst welche vorgelesen! Julchen . Jaa, das waren aber auch Gedichte (himmelnd, aber mit gut deutschem Akzent) : Le vase où meurt cette verveine D'un coup d'éventail fut fêlé – Franz (der anfangs ihr Französisch nicht gut verstanden hat) . Ach so, Sie meinen »La vase brisé« von Sully Prudhomme! Ja, das ist freilich ein schönes Gedicht. Aber in diesem Buch sind wenigstens zwanzig Gedichte, die ebenso schön oder schöner sind. Julchen (ungläubig) . Haha! Franz (feurig) . Aber gewiß, liebe Tante! (Plötzlich zu Sonja) : Kennen Sie das Buch, Cousinchen? Sonja . Ich kenn' es seit Jahren. Wenn es in Frankreich erschienen wäre, hätten's die Deutschen schon siebenmal übersetzt. Julchen (geziert) . Nein nein, Champagner und Gedichte macht man nur in Frankreich. Nein, ich weiß etwas Besseres für unsern nächsten Abend. Er hat doch ein neues Stück geschrieben, der Engländer – wie heißt er noch – der den Prozeß hatte – Gott, das war ja noch so interessant – der wegen Bigamie verurteilt wurde –! Franz . Woolwood? Julchen . Richtig, Woolwood! Franz . Der kommt ja nächstens her. Julchen (wie elektrisiert) . Was? Der kommt hierher? Ist es möglich? Ach nein! Franz . Ja ja, zur Einstudierung eines Stückes. Julchen . Wann ist das, wann ist die Aufführung? Franz . In 14 Tagen, glaub' ich. Julchen . Hör', lieber Franz, du mußt uns Platze besorgen, willst du? Franz . Aber natürlich, Tantchen. Julchen . Die besten, die zu haben sind, ja? Den muß ich ja sehen, den muß ich ja sehen! Was studiert er denn ein? Franz . »Brüderchen und Schwesterchen«. Julchen . Ach, das ist reizend, das kenn' ich. (Zu Sonja) : Aber da kannst du nicht mitgehn, Kind. (Zu Franz) : Aber er hat etwas ganz Neues, das mußt du uns besorgen. Franz . Englisch oder deutsch? Julchen . Für mich natürlich englisch; aber die anderen Herrschaften verstehen nicht genügend Englisch – es ist ja sicher schon übersetzt. Franz . Sicher. Julchen . Also das wollen wir lesen. Den Titel hab' ich vergessen; aber das sagt dir ja der Buchhändler – Franz . Gewiß. – Wollen wir jetzt mit der Probe beginnen? Julchen . Mit welcher Probe? Franz . Wir wollten doch heut morgen eine Probe zur »Abgottschlange« haben. In acht Tagen sollen wir's spielen, da wird es Zeit. (Gibt ihr eine Rolle.) Julchen . Das hab' ich weiß Gott total vergessen. Gott, ich hab' so viel in meinen Kopf zu nehmen. ( Ein Diener tritt ein. ) Diener . Gnädige Frau haben die Schneiderin befohlen. Sie ist da. Julchen . Da habt ihr's: nun ist wieder die Schneiderin da. – Probiert nur erst eure Szenen; ich komme wieder. (Wirft die Rolle von sich und läuft in größter Geschäftigkeit fort.) 6. Szene. Sonja . Franz . Beide (verharren eine Weile in beklommenem Schweigen) . Franz (rafft sich zum Sprechen auf) . Wollen wir beginnen? Sonja (nicht darauf eingehend) . Ich habe noch immer Ihren Konrad Ferdinand Meyer. (Nimmt das Buch vom Bord und gibt es zurück.) Vielen Dank. Franz . Ist es nicht herrlich? Sonja . Ganz herrlich. Franz . Nun müssen Sie auch »Huttens letzte Tage« lesen, ich bring's Ihnen. Sonja . Steht Ihr Name drin? Franz (halb verwundert) . Ja. Sonja . Dann lassen Sie's lieber. Man hat dies Buch in meiner Hand gesehen und hat darüber gespottet. Franz . Wer hat gespottet? Sonja . Lassen wir das. Franz . – Und wenn ich nun meinen Namen daraus entferne? Sonja (beklommen) . – Auch dann – lieber nicht. ( Dasselbe Schweigen wie vordem. ) Franz . Ist es Ihnen recht, wenn wir jetzt mit der Probe beginnen? Sonja (wieder darüber hingehend) . Warum haben Sie unserm Zirkel noch nicht Ihr eigenes Stück vorgelesen? Franz . Ich kann mich doch nicht anbieten. Sonja (eifrig) . Aber ich werd' es empfehlen. Franz . Ihre Mutter wird ablehnen. Denn erstens bin ich so unberühmt wie möglich, und zweitens bin ich ein Deutscher. Sonja . Kennt es sonst noch niemand? Franz . Außer meinem Vater – nur Sie. Sonja . Und was hat Ihr Vater gesagt? Franz . Es hat ihm gefallen, trotz seiner abweichenden Gesinnungen. Sonja . Tadelt er Ihre Gesinnungen? Franz . Er tadelt nichts, was ehrlich und natürlich ist. Er meinte: In deinen Jahren war ich genau wie du und wollte alles umstürzen. Sonja . Ihr Vater ist ein herrlicher Mann. Franz (begeistert) . Nicht wahr? Sehen Sie, das dank' ich Ihnen – daß Sie das gesagt haben! (Er hat ihre Hand ergriffen und schüttelt sie andauernd; sie sehen einander mit leuchtenden Blicken an, werden plötzlich verlegen, senken die Augen und verfallen von neuem in Schweigen.) Franz (plötzlich geschäftig) . Aber nun müssen wir wirklich anfangen. Hier ist Ihre Rolle! Sonja . Danke. Franz . Also Sie kommen hier vom Garten hereingehüpft, Blumen in der Hand, heiter und strahlend; ich sitze hier (rückt einen Sessel zurecht) im Sessel, müde und gebrochen. (Läßt sich in den Sessel fallen.) Sonja (nimmt Blumen aus einer Vase, geht damit zur Gartentür hinaus und kommt gleich wieder nach Anweisung ihrer Rolle hereingehüpft) . »Nun –? wo bleibt denn das Männchen? Das Männchen wollte doch zu seinem Weibchen in den Garten kommen! Das böse Männchen!« (Sie stockt.) Franz (liest aus seinem Buche) . »Sie küßt ihn auf die Stirn.« Sonja (bang) . Müssen wir das heute schon machen? Franz (ebenso befangen) . Ja – wir müssen es wohl endlich einmal wirklich machen – sonst geht es nachher nicht. – Vielleicht fangen wir noch einmal an. Sonja (geht an die Gartentür zurück, bleibt aber drinnen und beginnt von neuem) : »Nun –? Wo bleibt denn das Männchen? Das Männchen wollte doch zu seinem Weibchen in den Garten kommen! Das böse Männchen!« (Sie küßt Franzen auf die Stirn.) »Schau, was ich dir mitgebracht habe!« (Zeigt ihm die Blumen, hüpft damit an den Tisch links und will sie in der Vase ordnen, hält aber bald damit inne und starrt vor sich hin.) Franz (blickt ebenfalls mit seligem Gesichtsausdruck ins Leere) . Sonja . – Sie kommen jetzt. Franz (schrickt aus seiner Versunkenheit auf) . O Pardon! Jawohl, ich komme. (Aus seiner Rolle, finster) : »Wo warst du gestern abend?« Sonja (noch hinter ihm am Tische stehend) . »Gelt, das möchte das Männchen wissen? Aber weil es ungehorsam gewesen ist, bekommt es gar nichts zu wissen!« (Aus der Rolle fallend.) Ist das alles nicht schrecklich stümperhaft? Franz . O – nein – Sonja . Doch! Ich finde den Ton nicht. Ich soll eine schöne Spinne sein, die die Männer ins Netz lockt und aussaugt. Franz . Und ich soll ein Mann sein, der sich das gefallen läßt. Seh' ich so aus? Sonja (ihn ernst und glücklich betrachtend) . Nein. Franz (mit ironischem Pathos) . Aber das macht ja den Schauspieler, daß er seine eigene Natur verleugnen und eine völlig andere annehmen kann. Also: Auf, seien wir Künstler! Sonja . Ja, Sie können's; Sie sind ein geborener Schauspieler. Was könnten Sie nicht! Aber ich – Franz . Sie –? Sie können viel, viel mehr – Sie – (sich aus seiner Stimmung reißend) . Also bitte, gehen wir noch einmal zurück: »Gelt, das möchte das Männchen wissen?« Sonja (tritt wieder an den Tisch zurück) . »Gelt, das möchte das Männchen wissen? Aber weil es ungehorsam gewesen ist, bekommt es gar nichts zu wissen.« Franz (knirschend) . »Ich will wissen, wo du gewesen bist.« Sonja (ist an seinem Stuhl zurückgetreten) . »Schau, schau, das Rudichen ist wohl gar eifersüchtig?« Franz (liest mit Herzklopfen) . »Sie setzt sich dabei auf die Stuhllehne, stützt den Arm auf seine Schulter und spielt mit seinem Haar.« Sonja (befolgt diese Anweisung mit Befangenheit, aber ohne Ziererei und wiederholt) : »Schau, schau, das Rudichen ist wohl gar eifersüchtig?« Franz (sie betrachtend) . »Ja ja, schön bist du –« Sonja . »Ja? Bin ich noch schön?« Franz (umschlingt sie hingerissen mit den Armen und spricht in unterdrückter Glut) : Ja, Sonja, ja, du bist schön, aber anders, ganz anders! Sonja – ich hab' dich lieb, Sonja, ich hab' dich lieb – und ich weiß, du hast mich auch lieb – ich weiß es! Sonja (von dem plötzlichen Ausdruck seiner Leideuschaft erschrocken, bleich und fast sprachlos) . O Gott – laß mich – Franz – laß mich – (einem übermächtigen Antriebe ihres Gefühls folgend, schlingt sie plötzlich beide Arme um seinen Hals und ruft glückselig) : Franz! Franz! Franz . Sonja! (Er bedeckt ihr Gesicht mit Küssen.) Sonja (macht sich endlich von ihm los) . Mein Gott – was soll nun werden? Franz . Was werden soll? Glück soll werden – Jubel und Sonne von Tag zu Tag – Sonja . Aber Hugo –! Franz (naiv) . Wahrhaftig – den hatt' ich ganz vergessen! Nun, wir treten noch heute Hand in Hand vor deine Eltern und deinen Verlobten – Sonja . Nein, nein – noch nicht. Ich sprach heute mit Mama – Franz . Du sprachst –? Sonja . Ich sagte ihr, daß ich Hugo nicht heiraten könne – Franz . Und –?? Sonja . Sie war ganz unzugänglich, ganz unzugänglich. Und Papa wird sich noch weniger erbitten lassen. Franz (nachdenklich) . Das glaub' ich selbst. Dein Papa liebt mich nicht, so viel hab' ich gemerkt. (Wieder aufjubelnd.) Aber ich hab' ja dich! Hahaa, die andern werden ja müssen, sie werden ja müssen! Den will ich sehen, der mir dich wieder nimmt, du Liebe, Entzückende – (er reißt sie wieder an sich und küßt sie. Im selben Augenblick wird die Tür links aufgemacht, und Oberst Pfeil tritt ein) . 7. Szene. Die Vorigen . Der Oberst . Der Oberst (eine militärische Erscheinung von echter Vornehmheit, macht sofort mit drolliger Gewandtheit kehrt, als er das Paar erblickt) . Oh Pardon! (Gleichzeitig:) Sonja (schreit auf und flüchtet in den Garten) Franz . Papa! Oberst (als Sonja verschwunden ist) . Darf ich mich jetzt wieder umdrehen? Franz . Papa! Ich hatte keine Ahnung, daß du – Oberst . Davon bin ich überzeugt; du hättest sonst anders disponiert. Franz . Papa, ich habe – wir waren eben – wie soll ich dir das erzählen – Oberst (lächelnd) . Ich verlang' es ja gar nicht, mein Junge. (Legt ihm die Hand auf die Schulter.) Ich weiß vollkommen gewiß, daß mein Junge nie etwas andres sein kann als ein Ehrenmann. Du verstehst mich: ich sage nicht »Kavalier«, sondern »Ehrenmann«. Franz . Ich verstehe dich vollkommen, Papa. Oberst . Das weiß ich. Und das andere geht mich nichts an. Liebe ist eigene Angelegenheit des Empfängers, das weiß ich noch von den Soldaten. Und nun: wie geht's dir? Über dein augenblickliches Befinden bin ich genügend unterrichtet, und sonst? Franz . Mir geht es herrlich, Papa. Oberst . Herrlich, so. Nun, das genügt ja vorläufig. Franz . Und du, Papa? Du scheinst mir so aufgeräumt wie lange nicht. Oberst . Ja, Junge, ja, das bin ich auch. Hab' aber auch Grund dazu! Da, stell dich mal fest auf beide Füße, nein, setz dich lieber, daß du nicht umfällst. Und nun paß auf, wie ich's dir langsam beibringe. Du weißt doch, daß es bei meinem letzten Luftschiff noch mit der Steuerung haperte. Franz (aufspringend) . Ja? Und? Oberst . Ich hab's 'raus, Junge, ich hab's 'raus. Franz . Ist es möglich! Papa, dafür muß ich dich küssen! Oberst . Tu es, mein Junge, tu es. Laß deine Gefühle überströmen. Ich sage dir, mein neues Luftschiff wird lenkbar sein wie ein altes Damenpferd! Franz . Also ist die Probe glänzend ausgefallen. Oberst . Eine Probe hab' ich noch nicht gemacht. Franz (langsam) . Ach so – du hast die neue Steuerung noch gar nicht erprobt. Oberst . Nein, Junge, das ist aber auch nicht nötig. (Mit felsenfester, lachender Sicherheit:) Ich weiß , daß die Sache jetzt klappen wird, ich weiß es! Franz . Papa – (Lächelnd). Du bist doch ein unverwüstlicher Optimist! Oberst . Ich? Ein Optimist? (Laut herauslachend.) Junge, das ist die größte Dummheit, die du seit langem gesprochen hast. Ich bin der nüchternste Realitätenmensch, den es je gegeben hat. Franz . Du – ein nüchterner – Hahahaha – verzeih, Papa, es ist wohl respektlos, daß ich dich auslache – Oberst (glücklich) . Nein nein, mein Junge, lach nur; Lachen hör' ich immer gern, wenn's auch auf meine Kosten geht. Franz (noch lächelnd) . Du ein Realitätenmensch – und hast dein ganzes Vermögen in die Pfanne gehauen! Oberst . Ja, Junge, das macht ja gar nichts; (mit Humor:) aber das gepumpte Geld ist jetzt auch alle! Franz (lachend) . Wirklich? Oberst (ebenso) . Jawohl! Und wenn das neue Schiff steigen soll, muß ich wieder pumpen. Jetzt kommt dein Onkel dran, mein Bruder Schneidemühl. Er ist ja nicht gerade der Freigebigste, darum hab' ich ihn bisher verschont; aber ich denke doch, daß er's tun wird. Franz . Hoffentlich. Oberst . Ich will ihm hunderttausend Mark abknöpfen – ist ja für ihn 'n Trinkgeld. Franz . Allerdings. Oberst . Wie gefällt dir's denn hier? Franz . Oh – Oberst (seine Antwort zurückhaltend) . Jawohl, ich weiß, aber ich denke dabei nicht nur an das weibliche Element – ich meine: so im ganzen. Franz . O, Tante hat mich sehr liebenswürdig und gastlich aufgenommen – Oberst . Und dein Onkel? Franz . Nnna – den bekomm' ich kaum zu Gesicht; wir stimmen wohl nicht recht zueinander. Oberst . Hahaha – hab' ich mir halbwegs gedacht. Hast du eine Ahnung, wo ich deinen Onkel jetzt finde? Franz . Wenn er noch nicht in die Fabrik gegangen ist, wird er jetzt in seinem Arbeitszimmer sein – ich will ihn suchen –! Oberst . Nein, laß nur. Ich habe dich (mit einem Blick nach dem Garten) länger als billig einer Gesellschaft entzogen, die ein alter Oberst beim besten Willen nicht ersetzen kann. Ich werd' ihn schon finden. (Will gehen.) 8. Szene. Die Vorigen . Julchen . Julchen . Ah, te voilà! Guten Tag, Konrad. Du mußt entschuldigen; aber dein Telegramm ist eben erst eingetroffen – Oberst . Macht nichts, Julchen, macht nichts; auf festlichen Empfang war es nicht abgesehen; ich möchte deinen Mann sprechen. Julchen . Er wird in seinem Zimmer sein – Oberst . Gut, dann werd' ich hinaufgehen. Laß dich, bitte, nicht im geringsten stören. Julchen . Nicht wahr, du entschuldigst mich auf einen Augenblick; ich hab' so viel um die Ohren – Oberst . Gewiß, gewiß, auf Wiedersehen, mein Junge. Franz . Auf Wiedersehen. Papa! 9. Szene. Julchen . Franz . Julchen . Denk dir, Franz, ich hab' eine große Idee! – Wo ist denn Sonja? Franz . Sie ist einen Augenblick hinausgegangen – sie wird wohl gleich wiederkommen. Julchen . Ja denk dir, mir ist etwas Großartiges eingefallen! Franz . Wirklich? Julchen . Und du, lieber Franz, mußt mir einen großen, großen Gefallen tun! (Sehr liebenswürdig.) Willst du? Franz . Aber gewiß, liebe Tante, wenn es in meiner Macht steht – Julchen . O, es steht gewiß in deiner Macht. Du mußt uns den Mister Woolwood hierherschaffen! Franz . Hierher? Julchen . Ja, hierher, in unser Lesekränzchen. Ich werde dir eine Einladung für ihn geben, die schickst du ihm und dabei mußt du ihm so lange zusetzen, bis er einwilligt. Franz . Ja aber – Julchen . Du mußt ihm begreiflich machen, daß unsre Familie hier in der Stadt einen ungeheuren Einfluß hat und daß er überhaupt einer Dame nichts abschlagen darf. Die Engländer sind darin ja viel vornehmer als die Deutschen. Du hast doch jedenfalls Beziehungen zu ihm. Franz . Ich hab' einmal einen Brief mit ihm gewechselt – Julchen . Na also! Das ist ja großartig. Daran kannst du ja anknüpfen! Womöglich liest er gar etwas Eigenes vor! Das wäre ja einfach – ach, das wäre ja unbeschreiblich! Nicht wahr, lieber Neffe, du besorgst das, ich rechne ganz bestimmt darauf , daß du ihn uns herschaffst! Und nun müßt ihr mich für heute entschuldigen; ich hab' noch sehr viel mit der Schneiderin zu besprechen; die Person begreift nichts. (An der Tür:) Also, lieber Franz, wenn dir das gelingt – und es muß dir gelingen –, dann hast du einen großen Stein mir im Brett . (Ab.) 10. Szene. Franz . Gleich darauf Sonja . Franz (sieht ihr nach und blickt dann sinnend vor sich hin) . Hm hm. Sonja (aus dem Garten) . Ist Mama schon wieder fort? Franz (eilt auf sie zu, mit wiedererwachendem Jubel) . Sonja, Sonja, meine – Sonja (ihn liebevoll abwehrend) . Nicht, nicht, lieber Franz. Wir haben uns einmal vergessen – nun dürfen wir's nicht mehr tun. Solange ich noch – die Braut eines andern bin. – Franz (ihr die Hand hinstreckend) . Verzeih – ich verdiene deinen Tadel. Sonja . O, kein Tadel! Ich fühle ja ganz wie du – Franz (wieder ausbrechend, als wollte er sie umarmen) . Ja, tust du das?! – Ach so. Sonja . Was wollte Mama? Franz (auflachend) . Ach – ich soll ihr den Woolwood herschaffen. Sonja . Wen? Franz . Mr. Woolwood, den berühmten englischen Bigamisten und Dichter, soll ich in unsern Lesezirkel nötigen, und wenn möglich, soll er etwas – (stockt plötzlich und starrt vor sich hin) . Sonja . Was ist –? Franz (verharrt wie oben) . Sonja . Franz, was ist dir? Franz . Sonja – Sonja – ich hab' ja eine Riesenidee! Sonja . Nun? Franz . Deine Mama nannte die Einladung Woolwoods eine große Idee; aber ich – Sonja – ich hab' ja eine Idee von mammutartiger Größe! Sonja . Was ist es denn? Franz (nimmt sie bei der Hand und führt sie nach vorn rechts) . Deine Mama soll ihren Woolwood haben, aber einen nachgemachten. »Ich will selbst den Woolwood machen.« Ich war lange genug in England. Dieser Pseudo-Woolwood wird sein neuestes Stück vorlesen, und dieses Stück ist natürlich kein anderes als das meinige. Sonja . – Und was versprichst du dir davon? Franz . Dieses Stück wird deine Mama unfehlbar herrlich finden, bezaubernd, hinreißend, gigantisch, genial – und wenn sie im höchsten Trance ist, tret' ich vor und sage schlicht und groß: Dieses Genie bin ich. Dann kann sie nicht zurück. Sonja . Aber die Täuschung wird sie erzürnen! Franz . Dann hol' ich den echten Woolwood herbei – auch dafür weiß ich jetzt einen Weg – und lege den auf die Wunde. Vorläufig aber hat sie erkannt , daß es auch deutsche Dichter gibt und daß ich einer von ihnen bin. Ja – soll ich dir meine ganze Eitelkeit gestehen? Ich glaube – nein, ich weiß, daß in meinem Werk ein Blutstrom ist, der in andere Herzen überschwillt, und ich hoffe, ich hoffe , daß er auch das Herz deiner Mutter erfüllen und für uns beide gewinnen wird. Haben wir erst deine Mutter für uns, dann – Sonja . Ja – dann fehlt noch viel! Franz . Ja, dann fehlt noch der großmächtige Herr Papa. Er liebt mich nicht. »So spricht kein deutscher Mann«, sagte er gestern zu mir. Er sprach mir sogar die Vaterlandsliebe ab. Und dabei wett' ich, daß er – – (starrt wieder vor sich hin) – still, Sonja, still – Sonja . Ich sage gar nichts! Franz . Sch–t! Meine Idee wächst – hörst du sie wachsen? Sonja (lächelnd) . Nein. Franz . Merk auf: Dein Vater will sein Gut in Posen verkaufen, nicht wahr? Sonja . Ja. Franz . Er steht bereits in Unterhandlungen mit der Ansiedlungskommission, die ihm eine Million geboten hat. Sonja . Ich glaube – jawohl. Franz . Vortrefflich. In solchen Momenten pflegen polnische Güteragenten aufzutauchen. Wenn du hier also einen polnischen Makler auftauchen siehst – das bin ich auch! Sonja . Du willst – Franz . Ein geborner Schauspieler wär' ich, hast du gesagt. Gut, ich will mein Meisterstück versuchen. Ich will dieses auswattierte Deutschtum ein wenig an der Nase herumführen! Sonja . Ich weiß nicht – mir ist angst dabei. Franz . Keine Furcht! Was haben wir zu verlieren? Mißlingt es, so ist es nur eine wohlverdiente Rache – gelingt es aber, so ist es unser Triumph. Sonja . Weißt du was? Franz . Nun? Sonja . Wir ziehen den alten Neumann ins Vertrauen! Franz . Wen? Sonja . Den alten Neumann, Papas Sekretär. Er ist mir blindlings ergeben und tut, was ich will. Franz (sie mit zärtlichem Blick überfliegend) . Das läßt sich denken. Aber wenn's an den Tag kommt, wird der alte Mann seine Stellung verlieren. Sonja . O nein, den entläßt Papa nicht. Franz . Gut also. Suchen wir ihn auf! Sonja, Sonja, einst wird kommen der Tag, da dein Vater alles zurücknimmt und deine Hand in die meine legt! Sonja (die ihn schwärmend betrachtet) . Jetzt siehst du deinem Vater unsagbar ähnlich! Franz . Wie das –? Sonja . Sonnenkinder seid ihr – einer wie der andere. Zwei Optimisten von ansteckender Glaubenskraft – Franz . Optimist – ich? Hahahaha! Liebes Lieb – Mein Vater – ja; aber ich – eher das Gegenteil! Aber warum hältst du mich für optimistisch? Hältst du nichts von meinem Plan? Sonja (sieht ihn an und reicht ihm lächelnd die Hand) . Ich steige in dein Boot. Sieh – ich war immer furchtsam auf dem Wasser und bestieg nie ein Fahrzeug, wenn ich es nicht von kundiger Hand geleitet wußte. Aber eines Tages ludst du mich zu einer Kahnfahrt, und ohne Besinnen sprang ich ins Boot, obwohl ich von deiner Seefahrerkunst nichts wußte. Du wirst es schwer mit mir haben, ich bin eine Kopfhängerin. Bevor du kamst, konnt' ich nicht hoffen und glauben. Seit du hier bist, kann ich es, will ich es wenigstens. Wenn man dich ansieht, kann man nicht anders. Ich steige in dein Boot. Franz (leidenschaftlich, indem er sie umschlingen will) . Und ich verspreche dir – (faßt sich plötzlich, reicht ihr still die Hand, die sie ergreift, und spricht ernst und fest) : und ich verspreche dir, uns beide ans Ufer zu bringen. – Komm, ich höre Stimmen. ( Beide ab durch die Veranda. ) 11. Szene. Neumann . Der Oberst . Gleich darauf Schneidemühl . Neumann (eisgrauer alter Herr mit einer Mappe unter dem Arm) . Wenn ich Herrn Oberst bitten dürfte, hier einen Augenblick einzutreten; der Herr Geheimrat muß jeden Augenblick kommen und läßt Herrn Oberst bitten, ihn hier erwarten zu wollen. Oberst . Schön. Ich danke Ihnen. Neumann . Bitte. Da ist der Herr Geheimrat schon. Schneidemühl (betont wie seine Gattin in seinem Äußern und seinem Auftreten den Aristokraten von unnahbarer Vornehmheit) . Was haben Sie, Neumann? Guten Tag, lieber Konrad (zu Neumann) . Kommen Sie in einer halben Stunde wieder. Neumann (mit Verbeugung ab) . Schneidemühl . Du mußt verzeihen, daß ich dich habe warten lassen; ich wurde in die Fabrik gerufen – Oberst . Bitte, bitte, hat nichts zu sagen. Schneidemühl . Hast du deinen Sohn schon gesprochen? Oberst . Ja, und ihn in bester Verfassung angetroffen. Sag mal: ist das nicht ein Staatskerl geworden? Hättet ihr ihn wiedererkannt? Schneidemühl . Nein. Wir haben ihn ja in acht Jahren nicht gesehen. Oberst . Sind das acht Jahre? Wetter nochmal. Na, er befindet sich hier offenbar wohl und ist euch dafür dankbar wie ich. Schneidemühl . Bitte bitte, das ist doch nicht der Rede wert. Es kann uns doch nur eine Freude sein – Oberst (glücklich-stolz) . Ist es das? Schneidemühl . Äh – gewiß; er ist ja ein wohlerzogener junger Mann, (schnell) : selbstverständlich! Oberst . Aber –? Schneidemühl . Wieso aber? Oberst . Du scheinst doch eine Einschränkung machen zu wollen. Schneidemühl . Hm. – Nun ja – wenn ich ganz offen sein soll, ich habe gelegentlich bei ihm Anschauungen entdeckt, die in unsere Gesellschaftsschicht schlechterdings nicht hineinpassen. Oberst . Ja siehst du, das gefällt mir gerade an ihm, daß er nicht fragt, ob seine Ansichten irgendwo hin »passen«, daß er sie nicht behutsam beschneidet, damit sie ihm Frucht tragen, sondern daß er sie nach Gottes Willen wachsen läßt. Schneidemühl . Nach Gottes Willen dürfte das schwerlich sein. Oberst . Na höre, lieber Paul, du weißt, daß ich reichs- und königstreu bis auf die Knochen bin; aber den lieben Gott halt' ich doch immer noch für parteilos. Er ist ja der einzige, der sich's leisten kann. Was ist denn Franzens Verbrechen? Er will die Armen und Elenden glücklich machen, und zu diesem Ende will er Staat und Gesellschaft ein wenig auf den Kopf stellen. Das wollten wir doch alle, als wir jung waren. Schneidemühl (pikiert) . Daß ich nicht wüßte. Oberst . Du nicht? Verzeih, dann täuscht mich wohl mein Gedächtnis. Aber Bismarck z. B. wollte dergleichen. Wenn wir älter werden, halten wir's mit Goethe und erkennen, daß die Welt am schnellsten fortschreitet, wenn wir sie sich ruhig entwickeln lassen. Aber wertvollere Geschöpfe sind wir alten Knöppe darum nicht . Mir ist die Jugend lieber. Schneidemühl . Ich sehe, daß du mit dem »holden Leichtsinn«, der dich auszeichnet – pardon! – diese Dinge auf die leichte Achsel nimmst. Du darfst es mir nicht übel nehmen, daß ich die Sache ernster ansehe. In Dingen des Patriotismus versteh' ich nun einmal keinen Spaß. Oberst (horcht hoch auf) . »Des Patriotismus?« Hast du bei meinem Jungen Mangel an Patriotismus entdeckt? Schneidemühl . Verzeih – ich finde diese Frage beinah' erheiternd. Du kennst doch seine Ansichten. Oberst . Vollkommen. Schneidemühl . Er will die Monarchie beseitigen – Oberst . Wollte Bismarck auch – Schneidemühl . – die Vorrechte des Adels und der Besitzenden – den Krieg will er sogar abschaffen! Vereinigte Staaten von Europa will er gründen – allgemeiner Völkerverbrüderungsdusel: Seid umschlungen, Millionen! Oberst . Ja – pardon – ich halte ja auch alle diese Forderungen für verkehrt oder mindestens für verfrüht – aber was hat das mit dem Patriotismus zu tun? Schneidemühl . Erlaube, was das –? Oberst . Sieh mal, lieber Paul, die Seele meines Jungen liegt offen vor mir wie eine Blumenwiese am hellen Frühlingstag. Er verhehlt mir nichts, was ich von ihm wissen will. Er will seinen Mitmenschen und seinem Vaterlande helfen, und er denkt dabei mit keinem Gedanken an seinen Vorteil – er würde auch jedes Opfer bringen – ich denke, das ist die Summe des Patriotismus. Schneidemühl . Das ist weitherzig. Oberst (lachend) . Ja, seien wir doch weitherzig! Schneidemühl . Bedaure, mein Patriotismus heißt: »Mit Gott für König und Vaterland« – einen andern kenne ich nicht. Oberst . Das ist einseitig. Schneidemühl . Wir werden uns darüber wohl nicht einigen. Oberst (lachend und immer liebenswürdig) . Nein, das ist auch meine Meinung. Aber es freut mich, daß ich dich in patriotischer Stimmung finde. Ich will nämlich Geld von dir haben. Schneidemühl . – Entschuldige, ich habe dir noch nicht einmal eine Zigarre angeboten. (Tut es.) Oberst . Danke, danke – aber damit kommst du diesmal nicht los. Schneidemühl . So – du willst also – du brauchst Geld. Oberst . Ja, ich habe dich auf hunderttausend Mark eingeschätzt. Wenn du mir aber das Doppelte geben willst, soll es mir dreimal so lieb sein. Schneidemühl . Und welche Sicherheit – ich weiß, du deutest mir die Frage nicht falsch; ich habe ja Pflichten gegen meine Familie – welche Sicherheit könntest du mir dafür geben? Oberst . Mein Luftschiff. Schneidemühl . Welches Luftschiff? Das ist doch verunglückt. Oberst . Nicht das verunglückte – das neue, das jetzt gebaut wird. Du kannst dein Geld gar nicht sicherer anlegen. Schneidemühl . – – Entschuldige, aber hier ist ein abscheulicher Zug; du erlaubst wohl, daß ich das Fenster schließe. Oberst . Bitte bitte. Schneidemühl (geht in die Veranda, schließt sehr langsam ein Fenster und kommt sehr langsam wieder nach vorn) . Mein lieber Konrad – ich muß endlich einmal ein offenes Wort mit dir reden. Oberst (heiter) . Ein offenes Wort – das bedeutet eine geschlossene Börse. Schneidemühl . Bitte, laß mich doch ausreden. Ich glaube, du weißt, wie ich über deine Beschäftigung denke. Oberst (wie oben) . Beschäftigung ist hübsch gesagt. Schneidemühl . Nun ja – sagen wir also deine Idee – dein Projekt. Du weißt aber, glaub' ich, nicht, wie andere Leute darüber reden und was ich als dein Bruder von diesen Leuten, die nicht so rücksichtsvoll sind wie ich, zu hören bekomme. Oberst . O ja, das weiß ich alles. »Kindischer Greis«, »Verrückter Optimist«, »Wolkenoberst« usw. Aber du kannst dich ja darauf berufen, daß wir nur Halbbrüder sind. Schneidemühl (empfindlich) . Bitte, wenn du dich nur als meinen Halbbruder betrachtest – ich habe stets als Bruder für dich empfunden. Oberst (einlenkend) . Gewiß, gewiß, ich scherze ja nur. Schneidemühl . Ich habe mit tiefem Schmerze gesehen, wie du dein ganzes schönes Vermögen deinen – Ideen geopfert hast – ohne an deinen Sohn zu denken – Oberst . Der verlangt solche zarten Rücksichten nicht. Schneidemühl . Nun ja – schließlich war es ja dein Geld und ich hatte kein Recht, darein zu reden. Du bist aber weiter gegangen und hast dich obendrein in Schulden gestürzt – Oberst . Ja. Schneidemühl . – die du nie bezahlen kannst –! Oberst . Wieviel willst du wetten? Schneidemühl . Ach! – Ich kann dir sagen, Kämpfe hab' ich durchgemacht, Kämpfe, ob ich das länger mit ansehen dürfte, ob es nicht meine Bruderpflicht wäre, dich zu warnen, dich aufzuwecken aus deinem unseligen Traum – Oberst (glücklich und schlicht:) O, es ist eine selige Wirklichkeit – Schneidemühl . Na ja, es wäre ja vergeblich gewesen – ich hab's auch nicht übers Herz gebracht; aber jetzt – Oberst . Jetzt! Schneidemühl . Ja, jetzt würd' ich es für ein Verbrechen halten, noch länger zu schweigen. Du wirst dich mit diesen wahnwitzigen Spielereien zugrunde richten und uns alle kompromittieren. 'n Mensch kann nicht fliegen und wird niemals fliegen, weder so noch anders. Oberst . Wer sagt dir das? Schneidemühl . Das sagt mir der gesunde Menschenverstand! Oberst (trocken) . So'n verfluchter Kerl: mir hat er das Gegenteil gesagt. Schneidemühl . Ebenso gut kannst du nach dem Mars telegraphieren – mein Gott, es ist ja lächerlich, daß man einem Mann in deinem Alter das erst sagen muß – Oberst . Nein nein, sag's nur, es wird dir wohltun. (Ihm vertraulich auf die Schulter klopfend.) Übrigens: nach dem Mars telegraphiert wird auch noch. Geht ihr im Sommer wieder nach Marienbad? Schneidemühl . – Hör mal – diese nonchalante Art und Weise – Oberst . Was denn? Schneidemühl . Deine Gemütsruhe hat etwas Beleidigendes. Oberst (lachend) . Ja, lieber Paul, alles kannst du von mir haben, nur nicht, daß ich verzweifle. Du willst nicht, also hol' ich mir das Geld anderswo. Schneidemühl . Nun, ich hoffe – ja, warum soll ich es nicht sagen – in deinem Interesse wünsche ich, daß du keinen Pfennig mehr bekommst. Oberst . O, da unterschätzest du den Patriotismus unserer Deutschen doch beträchtlich. Schneidemühl (fährt auf) . Schon wieder dein Patriotismus – was hat das mit Patriotismus zu tun! Oberst . Weißt du das nicht? Schneidemühl (höhnisch) . Nein, das ist mir verborgen. Oberst (trocken) . Das wundert mich. – Nun, wenn mein Luftschiff seine Rundreise über Deutschland macht, dann wirst du's sicher begreifen. Schneidemühl . Dann werd' ich's nie begreifen. Oberst . Ja, dann liegt es aber nicht an dem Luftschiff. Ich lade dich hiermit ein zur ersten Rundfahrt. Schneidemühl . Haha, dazu kann ich mich ruhig verpflichten. Oberst . Topp. Und nun Adieu. Schneidemühl . Willst du nicht zum Frühstück bleiben? Oberst . Nein, schönen Dank! Schneidemühl . Und zum Diner womöglich? Ja, wenn du ein paar Tage ausspannen willst – wir würden uns ja unendlich – Oberst – freuen, ich weiß, ich weiß; aber ich darf nicht ausspannen; mein Luftroß stampft ungeduldig vor der Tür und erhebt die Vorderbeine zu den Wolken. Gehab dich wohl. Grüß mir dein Weib, deine Kinder, meinen Jungen. (Ab.) Schneidemühl (blickt ihm nach und sagt mit gläubiger Überlegenheit:) Schwachkopf! 12. Szene. Schneidemühl . Gleich darauf Neumann . Schneidemühl (geht an die Tür links und ruft) Neumann! Neumann (tritt ein) . Schneidemühl . Was gibt es? Neumann (holt ein Aktenstück aus seiner Mappe) . Der Verwalter auf Niemieczkowo hat über den Polenkrawall ausführlichen Bericht erstattet. Die Tumultuanten haben sogar versucht, an die Ställe und Scheunen Feuer zu legen. Schneidemühl . Na warte – euch Schweinehunde werd' ich kriegen. Hat er dem Staatsanwalt Anzeige erstattet? Neumann . Jawohl. Im übrigen rät er in geziemender Ehrerbietung, das Gut baldmöglichst zu verkaufen. Schneidemühl . Baldmöglichst, was heißt das? Ist denn die Ansiedelungskommission mit ihrer Schätzung fertig? Neumann . Noch nicht – Schneidemühl . Na natürlich nicht! Neumann . Aber er glaubt, daß sie jetzt nur noch einige Wochen brauchen werde – Schneidemühl (ironisch) . »Nur noch einige Wochen« – ist ja kolossal! Neumann . Er meint freilich, daß die Kommission über ihren Voranschlag, nämlich eine Million Mark, schwerlich hinausgehen werde. Schneidemühl (grimmig) . So. 'ne ganze Million! Haha! Und das nennen diese Regierungsesel dann »Förderung des Deutschtums in den Ostmarken«. Bei Gott, wenn man nicht aus Prinzip deutsch wäre – diese Feder- und Pfennigfuchser könnten's einem verleiden! Neumann . Es ist auch noch ein anderer Reflektant da. Schneidemühl (aufmerksam) . Wer ist das? Neumann . Ein polnischer Agent. Er läßt fragen, ob der Herr Geheimrat ihn empfangen wolle. Schneidemühl . Jawohl. Mit der Hundepeitsche. Der »edle Polle« soll sich nur erfrechen, seinen Fuß auf meinen Grund und Boden zu setzen! Er soll's nur wagen! Neumann . Sehr wohl. Übrigens will er das Gut für einen ehemaligen deutschen Offizier haben. Schneidemühl . Ja, kennen Sie denn den Trick nicht? Man verkauft sein Gut einem strohblonden Germanen und nach vier Wochen liefert es dieser Strohgermane für ein hübsches Trinkgeld den Polen aus. Neumann (sich dumm stellend) . Nicht möglich. Ja, die Polen sind schlaue Kerle. Das merkt man an seinem Angebot. Schneidemühl . Was? Sogar geboten hat er schon?! Neumann . Er meinte – natürlich ohne Verbindlichkeit – 1½ Millionen werde das Gut wohl wert sein. Schneidemühl (fährt herum) . Was??! – Ach, Unsinn. Das ist'n Schreibfehler. Neumann . Er hat gar nicht geschrieben. Ich hab' mit ihm gesprochen. Schneidemühl . Was? Er war hier? Neumann . Ja, soeben. Er will nachher wiederkommen. Schneidemühl . Hä. – Frechheit! (Wird nachdenklich und geht auf und ab.) Frechheit von dem Kerl. Er glaubt, wenn er nur danach  –. Übrigens: sprechen will ich doch mal mit dem Burschen. Wenn er kommt, lassen Sie ihn nur vor – werde dem Biedermann mal 'ne deutsche Weise geigen. Neumann . Sehr wohl. Schneidemühl . Sonst noch was? Neumann . Der Redakteur Dr. Braumann, der auf Ihre Veranlassung wegen Majestätsbeleidigung verurteilt wurde, hat seine Strafe verbüßt und ist aus dem Gefängnis entlassen worden. Bei dieser Gelegenheit bringt das Tageblatt wieder einen sehr scharfen Artikel gegen Sie. Schneidemühl . Sind juristisch faßbare Beleidigungen drin? Neumann . Leider nein. Schneidemühl . So. Na, ich kann's ja begreifen, daß die Herren mich recht unbequem finden; aber das soll mich nicht abhalten, diesem Gesindel auch fernerhin auf dem Nacken zu sitzen und ihnen das Vergnügen, Thron und Altar mit Dreck zu bewerfen, nach Möglichkeit zu versalzen. Neumann . Hm. Wünschen Sie den Artikel? Schneidemühl . Ja, legen Sie mir den Wisch auf'n Schreibtisch. – Noch was? Neumann . Nein. Schneidemühl . Dann hören Sie. Unser Großherzog hat sich verlobt und in etwa einem Monat dürfte die feierliche Einholung der Braut stattfinden. Machen Sie mir wieder einen Entwurf zur Ausschmückung meines Hauses; Sie verstehen sich ja darauf. Der Kostenpunkt ist vollständig Nebensache; mein Haus muß weitaus das schönste der ganzen Stadt werden, verstehen Sie? Neumann . Vollkommen. Schneidemühl . Weitaus das schönste! Sparen Sie in keiner Hinsicht; Seine Königl. Hoheit hat sehr viel Sinn für dergleichen. – In der Hauptsache denke ich mir zwei riesige Triumphbögen, einen am Eingang meines Grundstückes, einen am Ausgang. Natürlich alles mit Blumen übersät. Abends Illumination – Haus und Garten müssen in einem Meer von bunten Lampen verschwinden. Vom Schloß aus übersieht man nämlich mein ganzes Haus. Neumann . Ich weiß, Herr Geheimrat, ich weiß. Schneidemühl . Und oben auf dem Dach wird ein Feuerwerk abgebrannt – setzen Sie sich mit dem Feuerwerker in Verbindung; er soll das Äußerste leisten, was er kann. Neumann . Hm. Soll ich wieder Sprüche anbringen? Schneidemühl . Selbstverständlich. Überall, wo Platz ist, bringen Sie patriotische Kernsprüche an. Über dem ersten Triumphbogen z. B.: »Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt«. Über dem zweiten – na, warten Sie mal – Neumann . Vielleicht: »Ans Vaterland, ans teure schließ dich an –«? Schneidemühl . Nein, das ist zu süßlich, zu allgemein. Ein strammes Kraftwort, na, Sie werden schon was finden. Neumann . Gewiß, Herr Geheimrat. Schneidemühl . Übrigens eine Idee für die Illumination. Wir arrangieren die Lampen so, daß sie lauter Gewehrpyramiden bilden, und über jeder Pyramide eine Pickelhaube – Neumann . Aha! Das ist dann zugleich ein Symbol unserer Fabrik – Schneidemühl . Ja, aber daran hab' ich nicht mal gedacht – ich will's nur, weil es schön ist – und dann – (Es klopft) . Herein. Ein Diener . Ein Herr möchte den Herrn Geheimrat sprechen. Schneidemühl (unwillig) . Was für ein Herr? Diener . Er nennt sich Treumeyer, spricht aber wie ein Pole. Neumann . Ja, das ist der – (mit einem andeutenden Blick) Betreffende – Schneidemühl . – Alle Wetter, das ist doch – der hat's ja eilig. (Geht längere Zeit auf und ab und sagt endlich) : Lassen Sie ihn herein. Diener (mit einer Verbeugung ab) . 13. Szene. Schneidemühl . Franz . Franz (als höchst elegant gekleideter, aalgewandter Pole, der ein tadelloses Deutsch mit stark polnischem Akzent spricht) . Errgebensten guten Morgen, Herr Gehe–imrat. Ich bin Ihnen äußerst dankbarr, daß Sie mir e–inen Augenblick Ihrer kostbarren Zeit zur Verfiegung stellen wollen. Neumann (wechselt noch mit Franz einen Blick des Einverständnisses und geht ab) . Schneidemühl (sehr kühl) . Bitte, womit kann ich dienen? (Setzt sich rechts.) Franz (nimmt ebenfalls einen Stuhl und setzt sich links) . Ich habe zunächst die Erre und das Vergniegen, Ihnen Grieße zu bestellen von Ihrem Bruder, dem Herrn Obbersten. Schneidemühl (schnöde) . Wenn das der Zweck Ihres Besuches war, so kommt er zu spät. Mein Bruder war soeben selbst hier. Franz . Ganz recht, das heerte ich. Ist er schon wieder fort? Schneidemühl (schroff) . Ja. Woher kennen Sie denn überhaupt meinen Bruder? Franz . Oh, wir sind schon viele Jarre miet einanderr befre–undet. Err hat mich schon als kle–inen Jungen auf se–inen Knien re–iten lassen. Schneidemühl . Ach!! Franz . E–in charmanter, e–in herrlicher Mann, Ihr Herr Bruder! Schneidemühl . Hm. Jawohl. Immerhin wundert es mich bei seiner deutschen Gesinnung, daß er – Franz . Herr Gehe–imrat, Ihr Herr Bruder ist ein de–utscher Patriott, und iech bien ein polnischer Patriott; eben deswegen begeggnen wir uns mit geggense–itiger Achtung. Schneidemühl . So. Sie sind also ein polnischer »Patriot«. Wenn ich nicht irre, sind Sie aber Untertan des deutschen Kaisers. Franz . Sie habben vollkommen recht, Herr Gehe–imrat, wir siend Untertannen Sr. Majestät des deutschen Kaisers und Keenigs von Preußen und wollen es ble–iben, werrden es auchble–iben; wir wollen nur unseren Glauben, unsere Sprache und Nationalität bewarren – Schneidemühl . Hahaha! Franz . Herr Gehe–imrat! Sie sind we–it und bre–it bekannt als e–in Mann von serr vaterländischer Gesinung, und mit Recht, das sieht man ja. (Auf die Bilder an den Wänden deutend.) Ka–iser Wielhelm, der Großherzog, Moltke, Biesmarck (bei diesem Bilde verweilend) das iest niecht von Lenbach! Schneidemühl (unhöflich) . Nein. Franz . Das sieht man sofort! Er warr niecht unser Fre–und, der First Biesmarck, aber ein serr grosser Mann und Patriott – Schneidemühl . Also doch! Franz . Oh, werr kennte das leugnen. Wenn iech e–in Deutscher wärre, wirde ich gennau so denken wie Sie – (halb für sich) oder ähnlich – abber warum sollen wir armen Pollen niecht die Sprache reden, die Gott uns gegeben hat? Die Deutschen sind eine grosse, edle, gewaltige Nation – wir siend nur die Trimmer e–ines Volkes – was kennen wirr geggen das allmächtige Deutsche Re–ich? Schneidemühl . Na, so ganz hoffnungslos scheinen Sie ja nicht zu sein. Sonst würden Sie nicht so eifrig bemüht sein, deutschen Grundbesitz in polnische Hände hinüberzuspielen. Franz . Herr Gehe–imrat, Ihr Herr Sekkretär wierd Ihnen, vermute ich, beriechtet haben, daß ein Herr von de–itschem Adel, ein Majorr a. D., Ihr Gut zu kaufen winscht – Schneidemühl . Ja. Nur merkwürdig, daß dieser deutsche Edelmann sich eines polnischen Agenten bedient. Franz . Vermutlich we–iß er das Geschäft von der Pollitik zu trennen. Schneidemühl . Das wissen Sie aber nicht, wollen's auch nicht. Nach 4 Wochen würde mein Gut in den Händen der Polen sein. Franz (zieht die Schultern hoch und sieht Schneidemühl an) . Wie me–inen – Schneidemühl . Ach bitte! Das machen Sie doch immer so. Franz . Biette, Herr Gehe–imrat – iech vermiettle den Verrkauf als ährlicher Mackler – was der Ke–ifer miet dem Gut macht, iest se–ine Sache. Ich we–iß niechts, als daß Herr Majorr von Lehmann Ihr Besitztum für 1½ Milionnen kaufen mechte. Schneidemühl . Hm. – Ich ziehe vor, es zum gleichen Preise der deutschen Ansiedlungskommission zu überlassen. Franz . Verze–ihung, ich sehe, Herr Gehe–imrat wiessen noch niecht, daß die Ansiedlungskommissionn heggstens e–ine Milionn zahlen wirde. Schneidemühl . Ah – Spione haben Sie auch? Franz . O ne–in, ich habb es von me–iner Braut, die iebrigens e–ine De–itsche iest – Schneidemühl (macht kurz und höhnisch) : Hm! Franz . – und die hat es von ihrem Vater, der wohl Beziehungen zu der Kommissionn hat. Schneidemühl . Na, kurz und gut, ich verkaufe nicht an Polen. Franz . Hm. Herr Gehe–imrat, iech we–iß und alle Welt we–iß, daß Geld auf Ihre Entschließungen ke–inen Einfluß hat; abber als Bäauftraggter des Herrn Majorrs bien iech eben gäzwungen, Ihnen zu sagen, daß er noch ¼ Milionn drauflegen wierde. Schneidemühl (wendet sich ab und blickt, mit sich kämpfend, durchs Fenster. Dann, noch abgewendet) : Der Käufer ist wirklich ein Deutscher? Franz . Ein so guter Deutscher wie Sie, Herr Gehe–imrat. Schneidemühl . Offizier? Franz . Obberst a. D. Schneidemühl . Vordem sagten Sie Major. Franz . Das war er frieher. Er iest dann serr schnell avanciert. Schneidemühl . Und er heißt? Franz (versehentlich mit deutschem Akzent) : Lehmann. Schneidemühl . Hm. (Er geht auf und ab, sieht dann Franzen an und sagt) : Nein. Ich lehne ab. Die Sache ist erledigt. Franz . Serr wohl, Herr Gehe–imrat. Bätrachten Sie es biette nur als die Erfüllung me–iner Pflicht, wenn ich als letztes Wort meines Mandanten bämerke: Er wierde auch 2 Milionnen zahlen. Das iest allerdings das E–ißerste, wozu er bere–it wärre. Schneidemühl (hat bei Nennung der Summe eine Art Schreck bekommen, bleibt wieder jählings stehen und blickt vor sich hin. Plötzlich geht er an die Türen und versichert sich, daß niemand ihn hört. Dann tritt er rasch an Franzen heran) . Gut, ich willige ein. Franz . Serr wohl, Herr Gehe–imrat. Schneidemühl . Ich stelle aber die Bedingung, daß ich binnen 14 Tagen noch zurücktreten kann. Franz (zuckt die Achseln) . Ja, Herr Gehe–imrat –, ob me–in Auftraggeber darrauf e–ingeht – Schneidemühl . Daß muß er! Sonst – Franz . Serr wohl, serr wohl, Herr Gehe–imrat, dann mießte ich aber wennigstens die Siecherheit habben, daß Sie das Gut bis dahin niecht anderweitig verkaufen, wenn Sie niecht merr dafier bekommen. Schneidemühl . Das sichere ich Ihnen zu. Franz . Serr wohl. Wenn Sie mir das biette schriftlich betätigen – Schneidemühl (nahe vor ihm, mit zermalmender Würde) : Eines Deutschen Wort ist so gut wie ein Vertrag. Franz (sieht ihn verblüfft an, verbeugt sich dann und sagt) : Herr Gehe–imrat, das habben Sie so schönn gesagt, daß es mich ieberzeigt. Ich habbe die Ehre, mich zu empfellen. Schneidemühl . Adieu. – 14. Szene. Schneidemühl . Gleich darauf Neumann . Schneidemühl (geht in starker Bewegung einige Male auf und ab, eilt plötzlich an die Tür, als wolle er den Agenten zurückrufen, kehrt aber wieder um und klingelt) . Ein Diener (erscheint) . Schneidemühl . Ist Herr Neumann noch da? Diener . Jawohl, Herr Geheimrat. Schneidemühl . Rufen Sie ihn. Diener (ab. Gleich darauf erscheint Neumann) . Schneidemühl . Über den Besuch dieses Treumeyer wird vollkommenes Stillschweigen bewahrt, verstanden? Neumann . Natürlich. Schneidemühl . Selbstverständlich hab' ich sein Anerbieten entrüstet zurückgewiesen. Neumann . Hm. Schneidemühl . Aber einerlei: Zu keinem Menschen ein Wort darüber! Neumann . Gott, Herr Geheimrat, Sie wissen doch, daß ich schweigen kann, sonst hätte ich doch längst erzählt, daß . . . . Schneidemühl (unangenehm berührt) . Schon gut, schon gut. Neumann . Übrigens ist mir inzwischen auch ein Spruch für den zweiten Triumphbogen eingefallen, Herr Geheimrat. Schneidemühl (kaum hinhörend) . Ja? Neumann . Der Deutsche, bieder, fromm und stark, Beschützt die heil'ge Landesmark.« Schneidemühl . Sehr gut, sehr gut. Das ist das Richtige. (Ab durch die Veranda.) Neumann (ihm nachsehend) . Ja, du und die Landesmark. Die Reichsmark ist dir lieber. Zweiter Akt. Die Szene bleibt unverändert. 1. Szene. Neumann . Franz . Neumann (kommt mit seiner Mappe von vorn links) . Franz (kommt aus dem Garten) . Guten Dag, Herr Neumann! Neumann . Guten Tag, Herr Doktor. Franz . Herr Neumann, wenn ich Sie sehe, schlägt mir das Gewissen. Neumann . Warum? Franz . Wenn mein Onkel dahinter kommt und Sie entläßt – Neumann . Seien Sie ganz ruhig, junger Herr. Erstens kann ich mich dümmer stellen, als Sie ahnen – weiß ich denn, ob der Pole echt war oder nachgemacht? – und zweitens entläßt er mich nicht. Franz . Sind sie dessen so gewiß? Sie sind Kriegskameraden, nicht wahr? Neumann (sieht ihn forschend an, dann:) Ja, sozusagen. Franz . Sagen Sie mal: mein Onkel redet immer so viel von seinen Kriegstaten: »Wir haben die deutsche Einheit mit unserm Blute erkauft« usw. Hat er denn geblutet? Neumann (lacht vergnügt vor sich hin) . Ja – geblutet hat er. Aber an einer merkwürdigen Stelle. Franz . Wieso? Neumann . Na, Ihnen kann ich's ja erzählen. Er war damals Avantageur, und eines Tages werden wir unser vier unter seiner Führung als Patrouille losgeschickt. Plötzlich brechen aus dem Gebüsch französische Dragoner hervor; na, wir schlagen natürlich an und schießen, unser Führer aber, was haste, was kannste, erklimmt eine Mauer und ist auch schon halb hinüber, da holt ein Dragoner aus und haut ihm gar nicht so übel quer über die Stelle, wissen Sie, wo die Natur ihre Gaben gehäuft hat – Franz (lacht laut heraus) . Neumann . Der Kerl hätte auch noch mal zugehauen, wenn ich ihn nicht vom Pferd geschossen hätte. Na – er hatte Glück; wir waren lauter gute Kerle und sprachen nicht darüber, und der letzte, der außer mir dabei war, ein Buchhändler in Königsberg – ist vor kurzem gestorben. Franz . Hahaha – und wenn man ihn reden hört: »Wir haben dem welschen Übermut die Stirn geboten!« Neumann . Die Stirn? – na, das hat er verwechselt. Franz . Nun ist er Ihnen natürlich dankbar – Neumann . Solche Gefühle liegen ihm ferner. Aber er fürchtet, ich könnt' es erzählen – ich hab' es außer Ihnen noch keinem erzählt – aber er fürchtet es, und darum entläßt er mich nicht. Franz . Und wenn er es tut – ich lasse Sie nicht im Stich. Neumann . Hat nichts zu sagen – ich kann zur Not auch ohne Stellung leben. Übrigens müssen Sie sich nicht einbilden, daß ich die Komödie um Ihretwillen mitmache – Franz . Nicht? Neumann . Nein. – Ich liebe Ihre Braut. Franz . Herrje! Neumann . Ja, viel länger als Sie. In meiner Junggesellenstube stehen fünf Bilder von ihr nebeneinander, wie sie war im sechsten, im elften, im fünfzehnten, im achtzehnten und im einundzwanzigsten Jahre, und sehen Sie: wie nun die Alten immer reicher wurden und immer (mit Gebärde) vornehmer und immer pompöser – sie ist sich immer gleich geblieben, immer dieselbe: immer still, immer vornehm, immer zartfühlend – immer auch ein bißchen melancholisch: sie paßt nicht hierher, sie artet nach ihrer Großmutter. Franz . Väterlicherseits. Neumann . Ja. Sehen Sie: sie ist ein solcher Mensch, an den man unbedingt glaubt, und wenn man einmal nicht mehr an ihn glauben könnte – dann bräche die Welt über einem zusammen. Franz (streckt ihm ergriffen die Hand hin) . Lieber Herr Neumann – Neumann (in seinen launigen Ton zurückfallend) . Sie sind also nicht eifersüchtig? Franz . – – Doch, doch bin ich eifersüchtig! Weil Ihre Liebe besser ist – Neumann . Unsinn, so können Sie sie jetzt noch nicht lieben. Aber wenn Sie eine tüchtige Strecke zusammen gegangen sind, dann werden Sie sie so lieben. Franz . Lieber, verehrter Herr Neumann, ich bin Ihnen von Herzen dankbar – Neumann . Nichts da! Wofür denn? Ich muß jetzt zum Alten. Da kommt er schon. 2. Szene. Die Vorigen . Schneidemühl . Franz . Lieber Onkel, Herr Neumann will zwar zu Ihnen, aber vielleicht darf ich Sie vorher einen Augenblick allein sprechen. Schneidemühl . Bitte? Neumann (geht hinten links ab) . Franz . Ich halte es für meine Pflicht, Sie auf ein Gerücht aufmerksam zu machen, das in der Stadt umläuft. Man behauptet, Sie ständen im Begriff, Ihr Gut an einen Polen zu verkaufen. Schneidemühl (erschrickt, faßt sich aber sofort) . Wer sagt das! Franz . Ein hiesiger Redakteur – Schneidemühl (erschrickt abermals) . Ein Redakteur? Franz . – dessen Namen ich vorläufig nicht nennen möchte – Schneidemühl . Was, du willst ihn nicht nennen? Franz . Im Ernstfalle werde ich Ihnen den Mann natürlich nennen; aber einstweilen ist es besser, wenn ich den Namen verschweige. Schneidemühl . Nun, ich nehme an, daß du diese freche Lüge sofort als solche gekennzeichnet hast. Franz . – Natürlich. Schneidemühl . Sage dem betreffenden Herrn, das sei eine niederträchtige Verleumdung, verstanden? Franz . Hm. Schneidemühl . Eine niederträchtige Verleumdung! Ein polnischer Agent hat nie mein Haus betreten. Franz . Jawohl. Schneidemühl (geht bis an die Tür und kehrt wieder um) . Hat er sonst noch was gesagt? Franz . Er sagte, man habe den Agenten Treumeyer bei dir ein- und ausgehen sehen, der allgemein dafür bekannt sei, daß er deutsche Güter für deutsche Strohmänner aufkaufe, die sie dann an die Polen verkaufen. Schneidemühl (gerät mehr und mehr in Bedrängnis) . »Allgemein bekannt?« Mir ist davon nicht das geringste bekannt, nicht das geringste! – Es ist ja richtig, ein Agent ist bei mir gewesen. Aber wie soll ich wissen, ob er Pole ist. Wenn er Treumeyer heißt! Franz . Nun, das kommt ja öfters vor. Übrigens soll er einen unverkennbar polnischen Akzent haben. Schneidemühl . Das weiß ich nicht! Ich habe kein Ohr für Dialekt! Hab' ich nie gehabt! Schon als ganz kleiner Knabe hatt' ich das nicht! (Wendet sich wieder zum Gehen, bleibt aber wieder stehen.) Übrigens – ja – richtig – der Mensch hatte eine etwas eigentümliche Aussprache – es kann sein, daß das polnisch war – du kannst also ruhig sagen: es wäre ein Pole bei mir gewesen, aber ich hätte ihn hinausgeworfen – oder sagen wir: ihm die Tür gewiesen. Franz . Jawohl. Schneidemühl (macht einen Schritt zum Gehen, dann:) Oder noch besser: ich hätte schroff abgelehnt. Er hätte mir eine ungeheure Summe geboten; aber ich hätte – entschieden abgelehnt. Franz . Jawohl. Schneidemühl (geht hinaus) . Franz (nachdenklich) . Der ist noch frecher als ich. Schneidemühl (kommt wieder) . Übrigens: du brauchst nichts zu sagen von »niederträchtiger Verleumdung« und »Lüge« und dergleichen. Das ist ja nicht nötig. Franz (trocken) . Das find' ich auch. Schneidemühl . Ich liebe diese starken Ausdrücke nicht. Franz . Ich auch nicht. Schneidemühl . Sag also einfach: ich hätte – abgelehnt. Franz . Natürlich. 3. Szene. Die Vorigen . Julchen . Diener . Julchen (zum Diener) . Sehen Sie nach, ob im Pavillon alles in Ordnung ist und führen Sie die Herrschaften, wenn sie kommen, gleich in den Garten. Diener . Zu Befehl, gnädige Frau. Julchen (zu den Herren) . Wir wollen die Vorlesung im großen Pavillon halten, bei dem herrlichen Wetter! (Zu Franz:) Kommt er denn auch wirklich? Franz . Ja, er kommt bestimmt. Julchen . Entzückend! Und will er vorlesen? Franz . Er wird die Hauptszenen seines neuen Stückes lesen und das übrige skizzieren. Julchen . Himmlisch! Komm, dafür muß ich dir einen Kuß geben! Franz (erträgt es) . Julchen . Ach, die Bürgermeisterin wird ja grün werden vor Neid. Sie prahlt immer damit, daß sie mal beim Diner neben Liliencron gesessen hat. (Mit dem Gefühl eines ungeheuren Abstandes:) Liliencron und Woolwood! Franz . Ja, liebe Tante, es tut mir nur leid, daß ich nicht dabei sein kann: ich muß notwendig auf ein paar Stunden nach – Julchen (flüchtig) . Ach, das ist aber schade! (Zu ihrem Manne:) Du kommst doch auch mal hinaus? Schneidemühl (der bis dahin nachdenklich auf- und abgegangen ist, zerstreut) . Ich werde sehen – wenn ich Zeit habe. Julchen . Na – ich will nur schnell noch einmal das Arrangement revidieren – ich habe seinen Stuhl mit Lorbeer bekränzen lassen! Franz . Das wird ihm ungeheuer schmeichelhaft sein! Julchen (ab) . Schneidemühl . Du kannst ihm sagen: ich hätte so getan, als wenn ich's mir überlegen wolle, hätte ihm eine aufschiebende Antwort gegeben – aber natürlich dächte ich nicht daran. Franz . Natürlich – Übrigens: vielleicht kann ich dir den Mann einmal herschaffen, dann kannst du ihm selbst alles anseinandersetzen. Schneidemühl . Ja, wenn du das könntest! Das wäre das allerbeste! Franz . Ich will's versuchen. Aber jetzt entschuldigst du mich, nicht wahr? Schneidemühl . Bitte, bitte. (Geht nach hinten in die Veranda.) Franz (begegnet in der Tür hinten links dem Doktor Bitterich. Sehr kühle Begrüßung) . Guten Tag. Bitterich . Moign. – Ist mein Schwiegervater hier? Franz (zerstreut) . Mein Schwiegervater? Bitterich . Nee, meiner. Franz (besinnt sich) . Ah, Pardon – natürlich – (nach der Veranda zeigend) . Bitte. (Ab.) 4. Szene. Schneidemühl . Bitterich . Bitterich . Tag, Schwiegerpapa! Schneidemühl . He? – Guten Tag, guten Tag. Bitterich . Kann man mit Ihnen reden, Schwiegerpapa? Schneidemühl . Bitte – was ist –? Bitterich . Ihre Kinder jefallen mir nich, Schwiegerpapachen. Schneidemühl . – Was heißt das? Bitterich . Na – se jefallen mir nich. Aber det muß man nu sagen: Ick jefall' ihnen ooch nich. Schneidemühl . Ich versteh' dich nicht. Bitterich (mit stets unerschütterter Ruhe) . Nehmen wir det Kleine vorweg. Wat mein Schwager in spe is, das Axelchen will sich partout zum Knoten entwickeln. Schneidemühl . Wieso? Bitterich . Er paukt keenen Homerum und keenen Horatium mehr. Er sagt, er will Luftschiffer werden und so'ne Sachen, un da braucht er den Mumpitz nich. »Mumpitz« sagt der lockige Knabe. Schneidemühl . Luftschiffer? Unsinn, er soll natürlich mein Werk übernehmen. Bitterich . Flinten machen? Da wird er die ollen Griechen und Römer erst recht schießen lassen. Schneidemühl . Er soll sein Abiturium genau so gut machen, wie ich es gemacht habe. Bitterich . Richtig, Sie haben ja ooch Jymnasialbildung. Aber Axelchen will nu mal nich. Schneidemühl . Er wird nicht gefragt, ob er will. Bitterich . Ja, Schwiegerpapa, det sagen Se so in Ihrem jugendlichen Leichtsinn. Er hat mächtige Bundesjenossen. Un damit kommen wir nu unserm Hauptthema schon, was man so nennt, näher. Da is das mir feierlichst anjelobte Fräulein Sonja; die mag ooch nich mehr. Sie meint, die Schwärmerei für die ollen Autoren is mehrschtendeels Heuchelei. Haste mich schon mal schwärmen sehn? Schneidemühl . Nein, das kann dir niemand nachsagen. Bitterich . Un mich mag se ooch nich mehr. Schneidemühl . Wieso – was heißt das? Bitterich . Sie schneidet mich. Sie behandelt mich wie'n entfernten Wurstlieferanten. Schneidemühl . Ja, lieber Hugo, das ist schließlich deine Sache. Wenn ihr euch gezankt habt – Bitterich . Ach nee, Papachen, die Sache liegt, wie die Philosophen zu sagen pflegen, tiefer. Un nu kommen wir erst uf den nucleus von der janzen Sache. Hinter alledem steckt der bewußte Aujust Bebel. Schneidemühl (bleibt vor ihm stehen und sieht ihn sprachlos fragend an) . Bitterich . Ja, ja – heeßt er nich Aujust Bebel, Ihr Herr Halbneffe, der augenblicklich als Jast in Ihren Mauern weilt? Schneidemühl . – Franz Pfeil meinst du? Bitterich . Na ja, meinetwegen soll er Pfeil heißen. Schneidemühl . Na, höre mal, mein lieber Hugo, du weißt, daß ich deiner bösen Zunge vieles nachsehe, daß sie mir oft Vergnügen bereitet hat – aber ich muß dich denn doch bitten, zu bedenken, daß du von meinem Neffen sprichst. Ich weiß, daß mein Neffe sehr törichte, sehr unpassende Anschauungen hat; aber ich muß mir denn doch verbitten, daß du ihn mit Krethi und Plethi zusammenwirfst. Bitterich . Na, passen Se uf, der schmeißt noch mit Bomben. Is doch schon höchst verdächtig, daß der Sohn eines Obersten keen Korpsbruder is; 'n anständiger Mensch jehört doch einem Korps an. Schneidemühl . Und du willst behaupten, daß Sonja im Einverständnis mit ihm – Bitterich . Pf–t! Behaupten jarnischt. Nur warnen will ich Sie, Schwiegerpapachen. Lassen Se den Mann sein Jastspiel abbrechen, 's is besser. Ick bin ja man 'n dämlicher Altphilologe; aber als Bräutigam bin ick tiefblickend. – Na – jetzt will ick man mal in'n Jarten jehen, da wird ja woll 'n lebendiger Dichterknabe jezeigt. (Mit Gebärde:) Hat er 'ne Leyer bei sich? Schneidemühl (zerstreut und unwirsch) . Hm – Weiß nicht. – 5. Szene. Schneidemühl . Julchen . Kammerherr v. Plockhorst . Dr. Bitterich . Bitterich (begegnet im Abgehen Julchen und Plockhorst, begrüßt sie und geht durch die Glastür in den Garten) . Schneidemühl . Ah, mein verehrtester Herr Baron, – ich wußte ja garnicht, daß Sie schon da sind. Julchen . Ja und denk dir, der Herr Baron muß schon wieder fort. v. Plockhorst (Typus des blasierten, abgebrühten und zugeknöpften Hofmannes) . Die Pflicht, die Pflicht. Aber es war ganz charmant, meine Gnädigste. Julchen . Nicht wahr? Der Mann ist hinreißend! v. Plockhorst . Hinreißend, ohne Zweifel. Aber Gnädigste sollen die Gesellschaft nicht länger Ihrer Anwesenheit berauben – Julchen . O bitte – v. Plockhorst . Gnädigste verlieren gewiß nicht gern etwas von der Vorlesung – Julchen . Ja – wenn ich darf –? v. Plockhorst . Aber ich bitte –! Julchen . Also auf baldiges Wiedersehen, Herr Baron! v. Plockhorst (küßt ihr die Hand) . Ergebensten Dank. Julchen (ab) . Schneidemühl . Nun, Herr Baron, wie fühlt sich denn Se. Königl. Hoheit als Bräutigam? v. Plockhorst . Oh, ganz wohl, ganz wohl, ohne Zweifel. Schneidemühl . Die hohe Braut ist eine recht – recht – ansehnliche Dame. v. Plockhorst . Oh gewiß – gewiß. Schneidemühl . Sie ist etwas älter als er, nicht wahr? v. Plockhorst . Ohne Zweifel, ohne Zweifel. Schneidemühl . Bleibt es dabei, daß sie am 17. kommt? v. Plockhorst . Es ist nicht ausgeschlossen, daß Ihre Hoheit schon am 12. kommt. Schneidemühl . Teufel, da müssen wir uns ja beeilen. Wir sind natürlich in fieberhafter Tätigkeit, um einen festlichen Schmuck zu arrangieren, wie er noch nicht dagewesen ist. Das hohe Paar kommt doch sicher hier vorbei? v. Plockhorst . Gewiß, gewiß. Schneidemühl . Nun, ich denke, das hohe Brautpaar soll mit uns zufrieden sein. v. Plockhorst . Ohne Zweifel, ohne Zweifel. – Ah, Sie hatten den Wunsch, im Namen des Vaterländischen Vereins einige herzliche Begrüßungsworte zu sprechen. Schneidemühl . Allerdings. v. Plockhorst . Sie haben ohne Zweifel die Güte, sie mir vorher zu unterbreiten – damit ich orientiert bin. (Strebt nach dem Ausgange.) Schneidemühl . Gewiß, gewiß. – Hat Königl. Hoheit kürzlich meiner gedacht? v. Plockhorst . Oh gewiß, gewiß. Ihr Suffolk-Gespann ist ihm aufgefallen. Schneidemühl (entzückt) . Glauben Sie, daß man es ihm zum Geschenk machen dürfte? v. Plockhorst . Das pflegt Königl. Hoheit nicht anzunehmen. Aber wenn Sie es ihm verkaufen wollten – Schneidemühl . Zu jedem Preise! v. Plockhorst . Bitte, den Preis bestimmen natürlich Sie. Schneidemühl . Nun, das wird keine Schwierigkeiten machen. – Hat Königl. Hoheit sonst noch von mir gesprochen? v. Plockhorst . Ohne Zweifel, ohne Zweifel. Ich hab' es zwar nicht gehört; aber er kennt Ihre loyale Gesinnung, ohne Zweifel. (Strebt wieder nach dem Ausgange.) Schneidemühl . Und glauben Sie, Herr Baron, daß ich Aussichten habe – v. Plockhorst . Gewiß, gewiß. Schneidemühl . Also darf ich mir Hoffnung machen auf – v. Plockhorst . Se. Königl. Hoheit ist ein sehr selbständiger Charakter und tut nur, was er will. Aber Sie dürfen sich Hoffnung machen – ohne Zweifel, ohne Zweifel. – Hier geht es doch nach draußen, nicht wahr? Schneidemühl . Gewiß, gewiß, Herr Baron. v. Plockhorst . Also auf Wiedersehen! Schneidemühl . Auf Wiedersehen, Herr Baron. Und nicht wahr: Sie legen ein Wort für mich ein – (geleitet ihn.) v. Plockhorst (schon hinter der Szene) . Gewiß, gewiß, ohne Zweifel, ohne Zweifel. 6. Szene. Zwei Lakaien (öffnen die Tür zum Garten. Es erscheinen gruppenweise nacheinander:) Gräfin Schildau und Generalin v. Dippenbach . Frau Oberkonsistorialrat Liekefett , gefolgt von drei Töchtern und die Bürgermeisterin , gefolgt von einer Tochter , Privatdozent Kugler und Architekt Grieben . Dr. Bitterich , Sonja und Axel , einige andere Damen und Herren, zuletzt Julchen und Franz . Später Schneidemühl . Generalin . Ein wundervolles Stück! Gräfin . Ja, ein sehr gutes, sehr interessantes Lustspiel. Generalin . Ich bin einfach begeistert! So etwas können doch nur die Engländer! Gräfin (zweifelnd) . Meinen Sie wirklich? Frau Liekefett . Nun, Kinder, war das nicht herrlich? (Schnell nacheinander:) Emmy . Einfach himmlisch! Anny . Goldig! Henny . Geliebt! Frau Liekefett . Und wie der Mann vorgelesen hat! Mit diesem wohllautenden englischen Akzang! Bezaubernd! (Gleichzeitig:) Emmy . Goldig! Anny . Geliebt! Henny . Himmlisch! ( Sie vereinigen sich mit den anderen Damen und das Gespräch wird im Hintergrunde links fortgesetzt. ) Die Bürgermeisterin und ihre Tochter Ludmilla sind inzwischen aufgetreten. Ludmilla (älterer Blaustrumpf) . Ja, das ist wirklich ein echter Dichter! Findest du nicht, Mama, daß das Stück große Ähnlichkeit mit meiner Novelle hat? Die Bürgermeisterin (nachdenkend) . Ja – wahrhaftig – du hast recht, mein Kind! Ludmilla (triumphierend) . In beiden verliebt sich ein junger Offizier in ein junges Mädchen! Die Bürgermeisterin . Ja freilich! Genau dasselbe! Nur in deiner Novelle ist alles – gedämpfter – dezenter gewissermaßen. (Sie schließen sich den anderen Damen an. Aus dem Kreise der Damen hört man von Zeit zu Zeit Ausrufe der Begeisterung.) Privatdozent Kugler (im Auftreten) . Sag mal – diesen Reserveoffizier mit der Strippenhose – den sollt' ich doch kennen! Architekt Grieben . Natürlich, der war doch bei uns an der Penne! Kugler . Rrrichtig! Grieben . Er vertrat doch mal 'n viertel Jahr lang in der Prima unsern guten Stahl, als er krank war. Frau Liekefett . Entzückend! Kugler . Rrrichtig – er konnte so furchtbar schimpfen! Grieben . Das ist er! Hast du gesehen, wie der sich mopste während der Vorlesung? Ich habe selten einen Menschen sich so leidenschaftlich mopsen sehen. Die Bürgermeisterin . Bezaubernd! Kugler . Na offen gestanden: ich mopsete mich auch. Grieben . Ach nee, das will ich nicht sagen! Ich krieg ja nicht viel von Literatur zu sehen – hab' ernstere Dinge zu tun – aber diese neueren Engländer – die sind doch sehr interessant! ( Bitterich, Sonja und Axel treten auf. ) Bitterich . Na, Sonjachen, du bist ja so blaß? Axel (der sie bei der Hand hält) . Ja, und du zitterst! Ein Fräulein Liekefett . Ge–lie–bt!! Sonja . Es ist nichts; mir ist nicht ganz wohl. Ich muß für die Gäste sorgen. (Schnell hinten links ab.) ( Große Bewegung unter den Gästen. ) (Fast gleichzeitig:) Die Generalin . Er kommt! Frau Liekefett . Da ist er! Emmy . Der Meister kommt, der Meister! Die Bürgermeisterin . Da kommt er! Ludmilla . Er muß meine Novelle lesen! Julchen (erscheint am Arme) Franzens . (Dieser in der Maske eines nach preziösem Geschmack eines Dandy gekleideten Engländers in mittlerem Alter. Roter Bart und Monokel. Der englische Akzent nur leise angedeutet. Er ist sofort von allen Damen, außer der Gräfin, umringt.) Die Damen (durcheinander) . Nochmals innigsten Dank, teurer Meister – es war wunderbar – it was delightful – Sie haben hinreißend gelesen – magnificent – wir sind einfach weg – es war wonnig! (usw.) Franz . Ooh – Sie überhäufen mich mit Güte, meine Damen – ich mit meinem unvollkommenen Deutsch – Die Generalin . O, Sie sprechen ja großartig deutsch – besonders beim Lesen – man merkt den Ausländer überhaupt nicht! Franz . Ich habe freilich einen großen Teil meiner Jugend in Deutschland verlebt. Anny . Ach, erzählen Sie uns ein bißchen aus ihrem Leben – wir sind so gespannt – Die anderen jungen Mädchen . Ja, ach ja! Julchen . Aber meine Damen, Sie vergessen, daß unser Meister sehr erschöpft sein muß! Mehrere Damen (schieben Stühle herbei) . Hier, Mr. Woolwood, hier, hier, nehmen Sie Platz! Julchen . Und vor allem nehmen Sie eine Erfrischung! Sonja! Sonja (ist inzwischen wieder aufgetreten, hat einem Lakaien ein Tablett mit Erfrischungen abgenommen und diese angeboten. Als sie vor Franzen steht, zittert sie, daß die Gläser klirren) . Franz (ihr zuraunend) . Mut, Mut, verrat mich nicht! Julchen (hinzutretend) . Was hast du, Darling, du zitterst ja! (Zu Franzen:) Sie ist so befangen vor Ihnen! Franz . Ooh, das ist auch gar kein Wunder. Aber das wird noch mal ganz anders. (Er setzt sich.) Henny (die jüngste Liekefett, dummdreist) . Entschuldigen Sie, Herr Doktor, wir streiten uns, ob Sie Woolward oder Woolwood heißen. Wie heißen Sie eigentlich? Franz . Woolwood, Jimmy Woolwood. Henny. Wie wird das geschrieben? Franz (sehr geschwind und eintönig) . Dji, ei, döbbl em uei, döbbl juh döbbl o ell, döbbl juh döbbl o di! Das Fräulein . Bitte, schreiben Sie mir das auf! (Reicht ihm eine Postkarte und Bleistift.) Franz (tut es) . Die anderen Damen (immer ohne die Gräfin) . Sie kriegt ein Autogramm – sie kriegt ein Autogramm! ( Die Damen bilden jetzt hinter seinem Stuhle Queue und reichen ihm eine nach der andern Karte, Album oder Fächer, damit er schreibe. Die Jungen schließen sich, nachdem sie abgefertigt sind, hinten wieder an. ) Sonja (heimlich zu Julchen) . Du erlaubst wohl, daß ich mich entferne, Mama. Mir ist nicht ganz wohl. Julchen (leise) . Yes, dear, laß nur die Gesellschaft nichts merken! Sonja (schüttelt den Kopf und entfernt sich unauffällig) . Grieben und Kugler (die bisher dem Treiben zugesehen und sich mit Axel unterhalten haben, nähern sich Bitterich im Vordergrunde rechts) . Grieben (gemütlich) . Verzeihung, Herr Doktor, aber wir zwei glauben in Ihnen einen ehemaligen Lehrer zu erkennen. Bitterich . Äh? Grieben . Sie sind doch der Herr, der uns ein Vierteljahr lang die harmonische Welt der Griechen erschloß und bei dieser Gelegenheit erklärte, unsere ganze Klasse wäre »rammdösig wie die Winterschweine«? Bitterich (unerschütterlich) . Det is wohl möglich. Grieben . Mir speziell sagten Sie: das Vaterland zählt uff Ihren Kopp. Wenn wir mal die englischen Panzerplatten nich durchkriegen können, denn nehmen wir Ihren Schädel. Bitterich . Hähä. Kugler (ebenso gemütlich) . Und jetzt hat er nach dem Urteil der Sachverständigen die schönste Kirche von ganz Schlesien gebaut. Bitterich (zu Grieben) . Ja, sehn Se, wenn Se Griechisch könnten, wär' se noch viel schöner geworden. Grieben (immer vergnüglich) . Ja, Griechisch kann nun mein Freund hier. Der hat die beste Sophoklesausgabe herausgegeben. Bitterich . Ach, der Kugler sind Se? Kugler . Aufzuwarten. Bitterich . Hören Se, denn muß man Respekt vor Ihnen haben. Kugler . Das freut mich besonders. Sie sagten nämlich damals, ich verstünde so viel vom Sophokles wie der Seehund vom Billard. Bitterich . Nu sehn Se, wie'n Mensch sich ändern kann. Grieben u. Kugler (lachen laut auf) . Bitterich . Wissen Se übrigens, wie wir leicht feststellen können, wer von uns der Dümmste is? (Gleichzeitig:) Grieben . Hm? Kugler . Und –? Bitterich . Wir entfernen uns von diesem Jottesdienst und etablieren in irgend 'ner Ecke 'n Skat, da sollen Se mich mal kennen lernen – Kugler (lachend) . Na, das geht doch wohl nicht – Bitterich . Mein Schwiegermamachen merkt nischt, die is entrückt – Grieben . Nein danke, später vielleicht. Ludmilla (hat soeben ein Autogramm empfangen, lispelnd) . Ach – ich mag es gar nicht sagen. Franz . Bitte, mein Fräulein. Ludmilla . Ich hab' eine Novelle geschrieben. Franz . Uas Sie sagen. Ludmilla . Ja, in Versen. Ich hatte mir vorgenommen, Ihnen ein Kapitel daraus zu rezitieren – aber nun wag' ich es nicht. Franz (schwer ernst) . Ja, das ist auch sehr schwer. Ich würd' es niemals wagen. Ludmilla . Oh – Sie!! Franz . Nein nein, uirklich nicht. Das ist entsetzlich schwer! (Wendet sich der nächsten zu.) Ludmilla (mit resignierendem Seufzer) . – Ja – – Julchen (in einer Gruppe der älteren Damen vorn links) . Ja, und nach dem Diner ist natürlich Théâtre paré, selbstverständlich nur für die hohen Herrschaften und geladenes Publikum. Frau Liekefett . Weiß man schon das Programm? Julchen . Wir wissen es schon, ja; mein Mann hat es bei Hofe erfahren. Königl. Hoheit haben es selbst festgesetzt. Also zuerst gibt es einen Akt aus der neuen Oper von Leoncavallo, dann einen Akt aus dem »Hüttenbesitzer« von Ohnet und zum Schluß ein indisches Ballett nach einer Novelle von Rudyard Kipling. Die Bürgermeisterin . Italienisch – französisch – englisch – ein ausgesuchtes Programm. Man sieht, Seine Königl. Hoheit ist überall zu Hause. Gräfin . Nur nicht in der deutschen Kunst, wie es scheint. Julchen . Wieso? Gräfin . Mir scheint, bei einem deutschen Feste sollte das Herz deutsch reden. Frau Liekefett . Na, Deutsches wird ja sonst genug gespielt! Henny (präsentiert Franzen gleichzeitig ein Dutzend Karten zur Unterschrift) . Franz (besieht die Karten) . Ein ganzes Dutzend Karten? Uas soll ich damit? Henny (dreht sich in kindischer Verlegenheit und sagt nichts) . Frau Liekefett . Ach, sie will ihren Pensionsfreundinnen auch gern Ihr Autogramm schicken – sie mag es nicht sagen – sie ist noch so blöde. Franz . Sehr blöde, ja. Eine echte deutsche Jungfrau. Morgen bekomm ich einen Kautschukstempel, der macht es viel hübscher. Heute hab' ich einen Autogrammkrampf. Ludmilla (hat sich ihm wieder von der andern Seite genähert) . Ich rezitiere sonst sehr viel; aber ich weiß wirklich nicht, ob ich es wagen darf – Franz . Es ist rasend schwer, mein gnädiges Fräulein, ich weiß es, rasend schwer! Grieben . Haben Sie den Stoff zu Ihrem Lustspiel selbst erfunden, Herr Woolwood? Franz . Nein, ich habe ihn einer Novelle von Fontane entnommen. Die Generalin . Ach so, Lafontaine! Franz . Nein, es ist nicht Lafontaine, es ist le Fontane. Das war nämlich ein deutscher Dichter und Patriot. Die Generalin . Ach?? Franz . Ja. Grieben . Na ja, der Stoff ist ja schließlich Nebensache – Frau Liekefett . Ja, den Stoff find' ich auch nicht mal so bedeutend; aber die Charaktere – Franz . Die Charaktere sind genau so wie bei Fontane, ich habe nichts daran geändert. Julchen . Aber Sie haben ein Drama daraus gemacht; der Aufbau des Ganzen – Franz . Der Aufbau ergab sich nach der Novelle ganz von selbst; ich hatte keine Arbeit davon. Sie sehen also, meine Damen und Herren, es ist eigentlich ein deutsches Stück. Julchen . Oh. Mr. Woolwood, Sie übertreiben die Bescheidenheit! Diese Sprache, dieser Dialog, diese Eleganz – so was macht man nicht in Deutschland! Franz . Nun, meine Damen und Herren, dann will ich es Ihnen nur verraten: ich habe mir einen kleinen Scherz erlaubt; die Sprache ist auch von einem Deutschen – das ganze Stück ist überhaupt von einem Deutschen. ( Allgemeines Schweigen. ) Ich habe nämlich immer gehört, daß die Deutschen ihre Dichter bis zum 70. Geburtstag beschimpfen, und ich habe gesehen: die Deutschen übersetzen aus dem Englischen und dem Französischen jeden – wie sagt man bei Ihnen – Mist (einige Damen zeigen sich chokiert) ; da habe ich gewettet, daß die Deutschen auch ihre eigenen Dichter schätzen. Und ich habe gewonnen. (Blickt triumphierend um sich.) Bitterich . Sind Se dessen so jewiß? Franz . Darf ich es nicht? Bitterich . Na, ich hab' ja nicht alles jehört, aber – wenn's nich von Ihnen is, kann man's ja sagen – ich hab's scheußlich jefunden. Julchen . Aber Hugo! – Ich will ja gewiß nicht sagen, daß der Dichter ein Shakespeare ist – Die Generalin . Nein, das ist er ganz gewiß nicht, dazu fehlt ihm die Gedankenfülle – Frau Liekefett . – und der Witz – Die Bürgermeisterin . – und die spannende Handlung – Ludmilla . – und die schöne Sprache! Die Generalin . Der Dichter ist wohl noch jung, nicht wahr? Franz . Danke, ja. Die Generalin . Nun, es ist eben ein Jugendwerk mit allen Fehlern eines solchen – Frau Liekefett . Freilich, das merkt man an den Charakteren – es fehlt noch die Menschenkenntnis – Kugler . Er hätte sich mehr an die klassischen Vorbilder halten sollen. Grieben . Nun, man merkt eben überall den Anfänger; aber immerhin ist es doch – wie soll ich sagen – Ein Herr aus dem Hintergrunde . Eine Talentprobe. Grieben . Jawohl! Sehr richtig: eine Talentprobe. Julchen . Was sagen Sie denn, Frau Gräfin, Sie sind ja so schweigsam. Die Gräfin . Ich sage, was ich vordem sagte: Ein höchst interessantes und sehr gutes Stück. Soviel ich davon verstehe! Franz (geht zu ihr und nimmt ihre Hand) . Darf ich? (Drückt einen Kuß darauf.) Innigsten Dank! Julchen . Meine Herrschaften, Mr. Woolwood macht sich ja lustig über uns; er ist der Dichter und kein andrer! Die Generalin . Natürlich, man sieht's ja an seinem Lächeln! Franz (lächelt geheimnisvoll) . Die Damen (umdrängen ihn) : Gestehen Sie! – Sie sind es! – Sie sind der Verfasser – Sie haben uns nur zum besten – Natürlich sind Sie's – Gar kein Zweifel – man sieht's Ihnen ja am Gesicht ab – Franz (tut schamhaft) . Nun denn, meine Damen, – ja , ich bin der Dichter! Alle (durcheinander) . Nun also – natürlich – man sieht's ja. Julchen . Sie sind ein schlimmer Schalk, Mr. Woolwood, man sollte Ihnen böse sein. Franz (ergreift mit Verzeihung erflehender Gebärde ihre Hand und küßt sie) . Bitterich (zu Grieben und Kugler) . Meine Herren, nu wird es Zeit, daß wir Skat spielen. (Die drei Herren gehen nach der Veranda.) Julchen . Ich hab's ja gewußt; ich wollte nur nichts sagen! Wer die anderen Werke Mr. Woolwoods kennt – wer z. B. The stolen match gelesen hat – (zur Generalin) haben Sie's gelesen, Exzellenz? Die Generalin . Ich hab's im Hoftheater gesehen. Julchen . Ach, das müssen Sie in der Ursprache genießen – die Übersetzung kann das nicht wiedergeben. Franz . O, I think you are sure to speak most excellent English! Julchen . Wie meinen –? Oui oui – ich wollte sagen: Yes! Franz . I am greatly delighted to hear it. I shall seize the opportunity of talking English to you as often as possible. It does one good abroad, to pour out one's soul in one's mother-tongue. Besides it is wonderful, how well Germans understand English and English litterature, sometimes better than their own. Did you make the acquaintance of my plays only by reading them, or did you see them on the London stage? Julchen . Äh–jawohl! Yes! Die Gräfin und Die Generalin (verbergen ihr Lächeln hinter ihrem Fächer) . Julchen . Übrigens hab' ich in der letzten Zeit so viel französisch sprechen müssen, daß ich aus dem Englischen ganz herausgekommen bin. Franz . Ah, Madame parle français? Mais sans doute – la demande était bien impolie; vous me pardonnerez, Madame. Je ne doute pas que votre goût si délicat ne puisse apprécier à leur valeur les finesses les plus subtiles des poètes français, finesses qu'une traduction même parfaite ne rendra jamais. Julchen . Monsieur – je lis le français – meilleur – que je le parle – et – Schneidemühl (tritt auf) . Julchen (erlöst aufatmend) . Ah, da kommt mein Mann. (Geht diesem einen Schritt entgegen, dreht sich wieder Franzen zu und sagt mit Prätension:) Mon mari! Franz . Ah! Julchen (vorstellend) . Gestatten Sie, verehrter Meister, daß ich Sie mit meinem Manne bekannt mache – unser illüstrer Gast Mr. Woolwood. Franz . Sehr erfreut. Schneidemühl (mit biederem Händeschütteln) . Gestatten Sie mir, Ihnen in unserm treuherzigen Deutsch ein herzliches Willkommen zu bieten. Sie haben vielleicht davon gehört, daß ich strammer Patriot bin – Franz . Allerdings. Schneidemühl (geschmeichelt) . So, Sie wissen das – das hält mich aber nicht ab, das Große zu schätzen, woher es auch komme, und insbesondere dem künstlerischen Genie meine Bewunderung und Verehrung zu bezeugen. Franz . Die Vorlesung ist leider vorbei. Schneidemühl . Schon?? Ach, wie schade! Ja, die leidigen Geschäfte! Ich konnte mich nicht eher losreißen. Und ich wäre so gern dabei gewesen. Da unsere heimische Literatur leider völlig daniederliegt, so müssen wir ja doppelt dankbar sein, wenn einmal die hohe Kunst vom Auslande zu uns kommt! Julchen (zur Gräfin) . Ach, Sie wollen schon gehen, Frau Gräfin? Die Gräfin . Es ist hohe Zeit für mich. Herzlichsten Dank. ( Allgemeiner Aufbruch. ) Julchen (tritt während des Aufbruchs zu Franzen) . Aber müssen Sie denn auch schon gehen, lieber Meister? Franz . Darf ich denn noch bleiben? Julchen . Aber ich bitte Sie! Sie müssen mit uns soupieren! Franz . Von Herzen gern. »Wie freut mich's, daß ich bleiben darf!« Julchen . Sie machen uns überglücklich. (Die letzten Gäste gehen.) 7. Szene. Franz . Schneidemühl . Julchen . Im Hintergrunde Bitterich . Später Sonja . Julchen . Wie herrlich, daß wir Sie nun noch ein wenig für uns haben! Und nun lassen Sie mich Ihnen noch einmal danken für den unvergleichlichen Genuß! Franz . War es wirklich ein Genuß? Julchen . Aber lieber Meister! Schneidemühl . Ich hörte nur eine Stimme der Begeisterung! Franz . So. Julchen . Ich halte Ihr Stück für das genialste Lustspiel, das ich je gehört habe. Franz . Und glauben Sie, daß es auch dem großen Publikum gefallen wird? Julchen . Das Stück? Ich garantiere hundert volle Häuser! Franz . Mit 20 Bühnen multipliziert, gibt das ein Vermögen. Und da ich heiraten will, kann ich es brauchen. Julchen . Ach, Sie wollen wieder heiraten? Franz . Wieder? – Ach so – jawohl, jawohl Julchen (schwärmend) . Wie interessant! Nun, ein Mann wie Sie braucht gewiß kein Geld, um eine Lebensgefährtin zu finden. Schneidemühl . Nein. Franz . O meine Verehrte, ich habe noch andere Mängel. Julchen . Darüber sieht man bei einem Genie hinweg. Schneidemühl . Ja. Franz . Die Geliebte vielleicht. Aber so ein Mädchen hat Eltern. Julchen . Nun, ich denke, jedes Elternpaar müßte sich glücklich schätzen, solch einen Schwiegersohn zu bekommen. Schneidemühl . Ja. Franz . Ist das Ihre aufrichtige Meinung, gnädige Frau? Julchen . Aber natürlich! Franz (ruhig und trocken) . Das freut mich, liebe Tante. Julchen (zuckt zurück und starrt ihn an) . Schneidemühl . Tante? Franz . Ja, lieber Onkel. Bitterich (kommt langsam nach vorn) . Schneidemühl . Was heißt das? Franz . Ich bin gar nicht Mr. Woolwood. Ich bin euer Neffe. (Bart und Perücke abnehmend.) Franz heißt die Kanaille. Die gute Tante hat in dem Lustspieldichter ein Genie erkannt. Das Genie bin ich. Julchen (ist sprachlos) . Bitterich (zu Schneidemühl) . Paß auf, jetzt schmeißt er Bomben. Schneidemühl . Ja, was soll denn diese Komödie! Franz . Ich wollt' euch beweisen, daß ich ein Dichter bin, der eine Zukunft hat. Ein deutscher Dichter wählt dazu am besten den Weg übers Ausland. Euer Beifall übertrifft meine kühnsten Erwartungen. Und so bitte ich euch denn: Gebt diesem genialen, zukunftreichen Manne eure Sonja zur Frau. Julchen . Sonja –? Schneidemühl (überzeugt) . Er hat den Verstand verloren! Bitterich (nahe vor Franzen) . Sollten Sie den Herrn Verlobten des gnädigen Fräuleins nich kennen? Franz . Ja, richtig – verzeihen Sie einen Augenblick – (eilt hinaus) . Die Übrigen (verharren eine Weile sprachlos) . Julchen . Das ist ja unglaublich! Schneidemühl . Der Mensch ist verrückt geworden! Julchen . Ja, das scheint mir fast auch! Bitterich . Wat hab' ick Ihnen gesagt, Schwiegerpapa? Willem Liebknecht mit Dynamit. Schneidemühl . Total irrsinnig! Bitterich . Na, er is doch 'n Sohn von Ihrem Halbbruder, dem Luftjondler, he? Schneidemühl . Ja, ja. Bitterich . Na also (auf seine Stirn deutend) . Franz (kehrt zurück mit Sonja ) . Franz . Nun, liebe Sonja, ist es Zeit, zu reden. Wen willst du zum Manne haben? Sonja (fest und ernst) . Dich. (Pause sprachlosen Erstaunens.) Verzeih, Hugo; ich muß dich bitten, mich freizugeben. Ich kann deine Frau nicht werden. Julchen . Sonja! Schneidemühl . Ja bist du denn – Was willst du, Hugo! Bitterich (der sich dem Ausgang genähert hat) . Pardon, Herr Jeheimrat – für einen Offizier jenügt die Erklärung des gnädigen Fräuleins vollkommen. Mahlzeit. (Ab.) Schneidemühl . Ja, bin ich denn in einem Tollhause? Julchen . Sonja – Franz, das ist ja unerhört – Schneidemühl . Unerhört? Das ist eine Niedertracht, eine Infamie ist das, das ist Betrug! Franz . Meine Herrschaften, wie behandeln Sie das Genie! Schneidemühl . Haha, Genie! Franz . Bitte, Sie haben meiner hohen Kunst Ihre Verehrung bezeugt, obwohl Sie nichts gehört hatten. Wenn Sie nun erst gehört hätten! Julchen . Uns so zu hintergehen – das ist unwürdig, das ist hinterlistig – Franz . Über solche Mängel sieht man bei einem Genie hinweg. Schneidemühl (der fortwährend auf- und abläuft und nach Luft schnappt) . W–w–wie kannst du es überhaupt wagen, deine Augen zu meiner Tochter zu erheben – (triumphierend) womit willst du denn eine Frau ernähren? Franz (zieht sein Stück hervor und hält es hoch) . Hundert volle Häuser – an einer einzigen Bühne! Übrigens braucht ein Mann wie ich gar kein Geld, um eine Lebensgefährtin zu finden; sagten Sie nicht so, liebe Tante? Julchen (unvorsichtig) . Ja, das war – Franz . Das war Mr. Woolwood, richtig. (Auf sich deutend.) Hic Woolwood, hic salta. Schneidemühl (wie oben) . Und wenn du wissen willst, mein sauberer Neffe, warum du niemals – verstehst du – niemals meine Tochter bekommst: ein deutsches Mädchen heiratet den Mann, den ihre Eltern ihr bestimmen, und nur ein deutscher Mann bekommt meine Tochter, kein vaterlandsloser Geselle . Sonja . Papa, wie kannst du das sagen! Franz (umschlingt Sonja und küßt sie) . Süße Sonja! Nur nicht tragisch nehmen! (zu Schneidemühl, mit leiser Ironie:) Was Sie da gesagt haben, ist allerdings ein schwerer Schimpf. Ich könnte Ihnen darauf eine gut sitzende Antwort geben; aber die würde Sie noch mehr erbosen, und das will ich nicht. Wir Deutschen sind sentimental, wie Sie wissen. Ich lege Wert auf Ihren Segen. Schneidemühl (außer sich) . Auf mein Geld, jawohl, auf mein Geld legst du Wert; aber ich versichere euch, daß ihr von mir keinen Pfennig bekommt, keinen roten Pfennig! Franz (höchst einfach und ohne alles Pathos) . Man nimmt das Mädchen, das man liebt, und wenn es arm ist wie eine Kirchenmaus. Als Patriot werden Sie das wissen. Das ist nämlich deutsch, Herr Geheimrat. Leben Sie wohl. (Er winkt Sonja einen Abschied zu und geht ab.) Der Vorhang fällt. Dritter Akt. (Dieselbe Dekoration, nur sieht man durch die Fenster der Veranda Blumen und Laubgewinde, mit denen das Haus und die Straße geschmückt sind. Die Fensterbänke sind zum Teil bereits mit Lichtern für die Illumination bestellt. In der Veranda sind Stühle aufgestellt für erwartete Gäste.) 1. Szene. Ein alter Diener und Frau Büsing (sind damit beschäftigt, das festliche Arrangement fertigzustellen). Frau Büsing (hält ein großes, dickes Licht in der Hand) . Donnerwetter, wat 'n Licht! Davor kriegt er gewiß 'n Orden! Wat menen Se, Dittmer! Diener . Dscha – mit 'n Orden is er diesmal nich zufrieden; er will höher hinaus. Frau Büsing . Nanu? Wat will er denn noch? Diener (heimlich) . Jeadelt will er werden. Frau Büsing . Nee! Diener . Ja, ja; die Gnädige hat jegen die Zofe so wat fallen lassen. Frau Büsing . Pah – wenn ick mir die Jnädige mit 'n »von« vor denke! Det muß aussehen wie 'ne Jans mit Lackstiebeln. Ja, det jnädige Fräulein – dat will ick nich sagen – die würde sowat kleiden – Diener . Die hat's aber nich nötig. Frau Büsing . Nee, da haben Se recht. – Sagen Se mal, Dittmer, wat is eigentlich mit det jnädige Fräulein Sonja ? Man sieht se jar nicht mehr. Diener . Die is verbannt. Frau Büsing . Dittmer! Se können eenen ja jraulich machen. Verbannt? Diener . Ja. Nach London, zu 'ner janz alten Tante. Frau Büsing . Ja aber warum denn? Diener . Büsingen, Sie haben keene Kombinationsjabe. Haben Se nich bemerkt, daß der Oberlehrer jar nich mehr in't Haus kommt? Frau Büsing . Ja, ja! Diener . Da is wat kaput jejangen. Ick hab's selbst jehört, wie der Jeheimrat sagte: »Morgen früh fährst du nach London zur Tante Mathilde. Und da bleibst du, bis ich dich rufe!« Frau Büsing . Det arme Kind! Und so 'n Tyrann kriegt noch Orden! Ja, nu sagen Se mal, Dittmer, warum kriegen diese Leute immer Orden und Auszeichnungen! Er verkooft seine Flinten an de Rejierung, macht 'n jehörigen Schnitt dabei und kriegt immer eenen Pipvogel über 'n andern. Wer jibt uns Orden? Diener (zuckt die Achsel) . Frau Büsing . Ich habe neun Jungens in de Welt jesetzt – dat soll mir der Jeheimrat mal nachmachen. Diener . Kann er nich. Frau Büsing . Un alle hab' ick se herjeben müssen zu's Militär, un den jüngsten haben se mir nach Afrika jeschickt, mang de Wilden. Diener . Djäjä. Frau Büsing . Neun Jungens, Dittmer! Na, ick will ja nich sagen, dat ick det aus Liebe zum Vaterland jetan hätte; aber so viel is sicher: wenn einer von uns beiden den Schwarzen Adler haben soll, der Jeheimrat oder ick, denn jehört er mir . 2. Szene. Die Vorigen . Neumann . Dann Julchen . Neumann (hat die letzten Worte gehört) . Da haben Sie recht, Frau Büsing. Na, ist alles in Ordnung? Frau Büsing . Alles in Ordnung, Herr Neumann. Meinetwegen kann det hohe Brautpaar kommen. Neumann (hat einen prüfenden Blick auf das Arrangement geworfen) . Na schön. Nehmt alles weg, was nicht hergehört, und verschwindet, Kinder. Frau Büsing und Diener (gehen mit ihren Gerätschaften ab) . Julchen (in großer Gesellschaftstoilette) . Ist alles fertig, Neumann? Neumann . Alles, gnädige Frau. Aber es ist ja noch lange nicht so weit. Julchen . Ich weiß, ich weiß. Aber ich habe keine Ruhe. Lassen Sie mich sitzen, Neumann. Neumann (holt ihr einen Stuhl herbei) . Julchen . Die Beine fliegen mir nur so. Die ganze Nacht hab' ich kein Auge zugetan. Neumann . Frau Geheimrat müssen wohl immer an das Fräulein Sonja denken. Julchen . –Ach nein, das war es nicht. Ja, das regt mich ja auch natürlich auf – aber das war es nicht. Nein, stellen Sie sich vor, lieber Neumann, es ist doch ein merkwürdiges Gefühl: Die letzte Nacht bürgerlich – Von morgen ab adlig! Können Sie sich das vorstellen? Neumann (trocken) . – Gewiß, gewiß. Das muß so sein, als wenn man fünfzig Jahre lebendig begraben war und sich sagen kann: Morgen kommst du an die Luft. Julchen . Nun, das ist wohl etwas übertrieben, lieber Neumann; so schlimm ist es ja nicht – aber können Sie begreifen, daß ich furchtbar aufgeregt bin? Neumann . Ja, ja. 3. Szene. Die Vorigen . Schneidemühl . Schneidemühl (im Frack, mit sämtlichen Orden, ein Konzept in der Hand und aufgeregt memorierend, kommt durch die offene Gartentür herein) . »Nicht umsonst haben wir den feindlichen Boden mit unserm Herzblut gedüngt, und wenn es jemals wieder fremdem Übermute gelüsten sollte« – (entdeckt jetzt erst die Anwesenden) . Neumann, ich suche Sie. Sagen Sie (indem er einen Brief hervorzieht) , wie hieß doch der Mensch, der Redakteur, der auf meine Anregung wegen Majestätsbeleidigung verurteilt wurde? Neumann . Doktor Braumann. Schneidemühl . Also richtig. Denken Sie, dieser Mensch besitzt die Dreistigkeit, mir zu schreiben, er werde heute morgen zu mir kommen, um eine Unterredung mit mir zu haben. Julchen . Um Gotteswillen, laß den Menschen nicht vor! Schneidemühl . Ich denke gar nicht daran. Wenn der Mensch kommt, Neumann, fangen Sie ihn ab und machen Sie ihm klar, daß ich Leute seines Schlages überhaupt nicht empfange. Neumann . Hm. Julchen . Du bist so blaß, Männchen, ist dir nicht wohl? Schneidemühl . Nein, mir ist gar nicht gut, gar nicht gut. – Haben Sie eine Ahnung, Neumann, was der Mensch wollen kann? Neumann . Nee. An Ihrer Stelle würd' ich ihn ruhig empfangen. (Gleichzeitig:) Schneidemühl . I Gott bewahre! Julchen . Um Gotteswillen nicht! Der Mensch beabsichtigt womöglich ein Attentat! Neumann . Gnädige Frau, so etwas fürchtet ein alter Soldat nicht. Schneidemühl . Na ja, einerlei, ich will mit solchen Leuten nichts zu tun haben. Geht jetzt, ich muß mich noch mit meiner Rede beschäftigen. Julchen . Ja, ja. (Mit Neumann ab.) 4. Szene. Schneidemühl (allein). Später: Julchen . Ein Diener . Ein Bote . Schneidemühl (memorierend, indem er sich oft den Schweiß von der Stirn wischt, mit unwillkürlicher Verbeugung) . Königliche Hoheit! Durchlauchtigste Prinzessin! Der »Vaterländische Verein« hat es sich nicht nehmen lassen – der »Vaterländische Verein« hat es sich nicht nehmen lassen – an diesem hohen Feste, – an diesem hohen Feste, – das alle patriotischen Herzen – das alle patriotischen Herzen – höher schlagen läßt – höher, höher schlagen läßt – (im Manuskript suchend:) höher schlagen läßt, höher schlagen läßt – durch seine Anwesenheit seine unwandelbare Liebe – durch seine Anwesenheit seine unwandelbare Liebe – und Untertanentreue zu bekunden – und Untertanentreue zu bekunden. Frohbewegten und begeisterten Herzens – frohbewegten und begeisterten Herzens – bin ich dem an mich ergangenen Rufe gefolgt – bin ich dem an mich ergangenen Rufe gefolgt – dem hohen Brautpaare die untertänigste Huldigung – dem hohen Brautpaare die untertänigste Huldigung – des Vereins zu Füßen zu legen – des Vereins zu Füßen zu legen. – Möge dieser herrliche Frühlingstag – Julchen (schreit hinter der Szene laut auf und kommt aufgelöst herein, ein Telegramm in der Hand) . Paul! Paul! Sonja ist geflohen! Schneidemühl . – Geflohen? Julchen (das Telegramm in Absätzen lesend) . »Meine notgedrungene dreitägige – Abwesenheit benutzend – ist Sonja entflohen – unbekannt wohin – Lasse Nachforschungen anstellen. – Mathilde.« Schneidemühl (entreißt ihr das Blatt und liest) . Julchen . Ach Gott, ach Gott, ach Gott, hättst du sie doch nicht weggeschickt! Ich hab' dir' s ja gleich gesagt! Schneidemühl . Du hast was gesagt? Julchen . Gewiß hab' ich es gesagt! Schneidemühl . Nichts hast du gesagt! Julchen . Doch hab' ich was gesagt! Schneidemühl . Was hast du denn gesagt? Julchen . Das weiß ich nicht mehr. Aber gesagt hab' ich was! Schneidemühl . Ja, Unsinn, das ist möglich. Julchen (gekränkt) . Paul! ( Ein Diener tritt auf. ) Schneidemühl . Was ist denn zum Henker schon wieder! Werd' ich einmal Ruhe haben? Diener . Es ist ein Bote da vom Herrn Obersten. Schneidemühl . Von meinem Bruder? Diener . Jawohl. Schneidemühl . Also herein damit! ( Ein Bote tritt auf. ) Schneidemühl . Was gibt's, was wollen Sie? Bote . Der Herr Oberst läßt vielmals grüßen und fragen, ob Herr Geheimrat jetzt zur Fahrt bereit wären. Schneidemühl . Zu welcher Fahrt? Bote . Mit dem Luftschiff. Schneidemühl . Danke. Sagen Sie meinem Bruder, ich ginge schon so in die Luft. – (Zu Julchen, halblaut:) Jetzt ist er ganz verrückt geworden. (Zum Boten:) Was heißt denn das. Fliegt denn das Luftschiff überhaupt? Bote (stolz) . Das wollt' ich meinen, Herr Geheimrat. Wir haben soeben eine Rundreise über Deutschland gemacht und sind hier vor der Stadt mit Eleganz vorgefahren. Schneidemühl (wie oben zu Julchen) . Der Mensch ist auch verrückt. Schick ihn weg. Julchen (zum Boten) . Der Herr Geheimrat läßt grüßen und danken; aber er ist verhindert. Bote . Sehr wohl. (Ab.) Julchen . Ach Gott, ach Gott, das Mädchen, das Mädchen! Wer hätte das von ihr gedacht! – Ja, was denkst du denn zu tun? Schneidemühl . Das weiß ich noch nicht! Erst muß ich meine Rede halten! Tu mir den Gefallen und laß mich allein, sonst werd' ich auch verrückt! Julchen . Wo sie nur hingegangen ist! Wenn die Geschichte bekannt wird – die Blame! Das kann uns den Adel kosten! Schneidemühl (macht eine verzweifelnde Gebärde) . Julchen (seufzend ab) . 5. Szene. Schneidemühl allein. Später Neumann . Schneidemühl (nimmt seine Memorierarbeit wieder auf) . Möge dieser herrliche Frühlingstag ein günstiges Omen sein, und mögen alle, die ihm folgen, ihm gleichen. Sollten aber, wie auch gegenwärtig wieder, fremder Neid und fremde Mißgunst den Frieden unseres heißgeliebten Vaterlandes bedrohen, dann wird auch der Vaterländische Verein beweisen, daß Alldeutschland einig ist »von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt« (zu sich:) die Stelle ist sehr hübsch – (fortfahrend) und daß Deutschlands Söhne, so oft sie auch innerer Hader zersplittern mag, wo es sich um die Ehre des deutschen Namens handelt, alle in dieselbe Kerbe hauen – (wieder zu sich selbst:) Hm – »in die Kerbe hauen« gefällt mir nicht – Hm – na. (Fortfahrend:) Nicht umsonst haben wir den feindlichen Boden gedüngt – den feindlichen Boden gedüngt – (Es klopft.) Herein! Neumann (tritt auf) . Schneidemühl . Was zum Teufel ist denn los, daß Sie mich wieder – Neumann . Er ist da. Schneidemühl . Wer? Neumann . Der Doktor Braumann. Schneidemühl . Ich hab' Ihnen doch gesagt – Neumann . Nützt nichts. Er will Sie durchaus sprechen, und zwar jetzt. Schneidemühl . Das ist eine bodenlose Unverschämtheit. Neumann . Nein, nein, lassen Sie ihn vor. Es ist besser. Es ist in Ihrem Interesse. Schneidemühl . In meinem – Neumann . Was ich Ihnen sage. Ich hab' mit ihm gesprochen. Sie müssen ihn unter allen Umständen vorlassen. Er ist ganz ungefährlich. Schneidemühl . Wer bürgt mir dafür? Neumann . Ich. – Lassen Sie ihn vor. Es kann Ihnen nicht schaden. Aber es kann Ihnen sehr viel nützen. Schneidemühl . Gut, er soll kommen. Aber Sie bleiben dabei. Neumann . Wenn Sie wollen –. (Geht und öffnet die Tür.) Darf ich bitten. 6. Szene. Die Vorigen . Franz . Zuletzt ein Diener . Franz (als Redakteur Doktor Braumann, einfach, aber anständig gekleidet, mit dunklem Vollbart und Brille. Mit gemessener Verbeugung) . Guten Morgen. Schneidemühl (erwidert nur durch ein Nicken) . Franz . Sie wünschen, daß dieser Herr zugegen bleibt? Schneidemühl . Ja. Franz . Meinetwegen. (Immer mit trockenem Ernst, aber sehr verbindlich.) Gestatten Sie mir, Ihnen zunächst mein Kompliment über den festlichen Schmuck Ihres Hauses zu machen. Ich habe selten eine so patriotische Fassade gesehen wie die Ihrige. Schneidemühl . Was wünschen Sie von mir? Franz . Zunächst einen Stuhl. Sehen Sie: man kann wohl drei Monate sitzen; aber man kann nicht drei Monate stehen. (Setzt sich.) Schneidemühl . Beabsichtigen Sie drei Monate hier sitzen zu bleiben? Franz . Nicht entfernt. Übrigens wird Ihnen die Zeit nicht lang werden. – Sie erkennen mich doch wieder? Schneidemühl (obenhin) . Ich meine – soweit ich mich erinnere. Franz . Sie werden mich damals kaum eines Blickes gewürdigt haben. Ich sollte ja die Majestät beleidigt haben. Wissen Sie, daß ein Gesetz in sicherer Aussicht steht, nach dem solche »Beleidigungen« wie die meine überhaupt nicht mehr bestraft werden? Schneidemühl . Ein sehr törichtes Gesetz. Franz . Das ist Anschauungssache, und ich ehre jede Überzeugung. Sie nahmen damals »Ärgernis« an meinem Artikel, Sie schlugen Lärm, Sie fanden einen schneidigen Staatsanwalt, und der schneidige Staatsanwalt fand einen schneidigen Richter, der mir drei Monate verehrte. Das alles ist Ihnen gegenwärtig, nicht wahr? Schneidemühl . Wollen Sie mir endlich sagen, was Sie wollen. Franz . Das frag' ich Sie. Schneidemühl . Was fragen Sie? Franz . Was Sie von mir wünschen. Schneidemühl . – Ich?? – Franz . Sie haben mich doch herbestellt. Schneidemühl . Ich Sie? – Das ist ja unglaublich! Franz . Ein guter Bekannter von mir, Doktor Franz Pfeil – Sie kennen ihn doch? Schneidemühl . Hm. Franz . Wenn ich recht gehört habe, ist er sogar mit Ihnen verwandt? Schneidemühl . Mein Stiefneffe – Franz . Ach, Ihr Stiefneffe – nun, der sagte mir, daß Sie mich zu sprechen wünschten. Schneidemühl (kapiert ganz allmählich) . – – Sie sind der Redakteur, der einen Güteragenten bei mir aus- und eingehen sah? Franz . Ganz recht. Schneidemühl . Hm. Das ändert die Sache. Bitte, nehmen Sie Platz. Franz . Danke, mehr Platz brauche ich nicht. Schneidemühl . Ah – da fällt mir ein, Neumann, sehen Sie nochmal nach, ob nichts vergessen worden ist – Neumann . Ich habe alles wiederholt revidiert – Franz . Pardon – meinetwegen kann der Herr ruhig dableiben – Schneidemühl . Nein – Sie müssen auch noch an die Dömitzer Eisenwerke schreiben – Neumann . Ist bereits geschehen, Herr Geheimrat – aber ich kann ja irgend etwas anderes schreiben. (Geht ab, indem er Franzen vergnüglich zulächelt.) Schneidemühl (auf Franzen zuschreitend) . Es ist richtig: ich wünsche Sie zu sprechen, um Ihnen zu sagen, daß ich – selbstverständlich! – keine Ahnung davon gehabt habe, es mit einem Polen zu tun zu haben, und daß ich im übrigen sein Anerbieten kurzerhand zurückgewiesen habe. Franz . Die kurze Hand war eine halbe Stunde lang. Schneidemühl . Nun ja, man spricht so hin und her – Franz . Gewiß, man streitet über Polenpolitik, man spricht über Olgemälde (auf die Bilder an der Wand zeigend) ; so 'n Agent bietet 1½ Millionen, bietet 1¾ Millionen, bietet schließlich 2 Millionen – und so vergeht die Zeit. Schneidemühl (starrt ihn sprachlos an) . Franz . Übrigens war es wirklich kein Pole. Schneidemühl (stammelnd) . Doch – ich hab' es – hab' es nachträglich erfahren – Franz . Nein, nein, es war kein Pole. Es war ein guter Deutscher. Wissen Sie, wer bei Ihnen war? Schneidemühl . Hm? Franz . Ich. Schneidemühl (sinkt in einen Stuhl) . Franz (spricht die nächsten Sätze im Tone des Agenten Treumeyer) . Ihr Stiefneffe kann Ihnen erzählen, daß ich ein gewisses Talent zu Verkleidungen habe – wir haben manche Komödie miteinander aufgeführt, der Franz und ich – freilich, gegen ihn bin ich nur ein Stümper. Als ich nun aus dem Gefängnis kam und als ich hörte, daß Sie Ihr Gut in Posen verkaufen wollten, da sagte ich mir: Sollst dir doch mal den Patriotismus des Herrn Geheimrats genauer ansehen. Das Resultat kennen Sie. (Schweigen.) Schneidemühl . Und nun wollen Sie sich natürlich rächen. Franz . Natürlich (klopft dabei spielend mit seinem Stock an den Stiefel, wie er überhaupt während der ganzen Szene die unerschütterlichste Gelassenheit bewahrt) . Schneidemühl . Also bitte, was wollen Sie von mir? Franz . Nein, mit Geld ist die Sache nicht abzumachen. Schneidemühl . Bitte, mein Herr, ich habe keine Zeit; ich muß – Franz . Ach ja, Sie müssen den Großherzog begrüßen. Übrigens: Ihre Fassade (hinausdeutend) ist wirklich großartig. Hat die Hinterseite auch patriotischen Schmuck? Schneidemühl . Wieso? – Nein – Franz . Aha. Na, die sieht man ja auch nicht. Schneidemühl . Also bitte, was – Franz (scharf und streng) . Haben Sie Geduld, mein Herr! Ich habe 3 Monate Geduld haben müssen. Schneidemühl (setzt sich wieder) . Franz . Nur noch ein paar Worte im Vertrauen, mein Herr! (Rückt nahe an ihn heran.) Ich bin Monarchist. Und ich halte meinen König, den ich »beleidigt« habe, nicht nur für einen Mann von redlichstem Willen, ich habe auch menschliche Sympathien für ihn. Aber er sitzt gefangen hinter einer Mauer von Schranzen, und weil mir nun bangte für mein Volk, weil mir das Herz überquoll von Zorn und Bangen, deshalb schrieb ich jenen Artikel, der mich ins Gefängnis brachte. (Mit größter Ruhe:) Ich weiß nicht – Haben Sie mal gesessen? Schneidemühl (antwortet nur durch einen entrüsteten Blick) . Franz . Sie müssen sich die Sache nämlich nicht so einfach vorstellen. Man sagt: eine solche Strafe entehrt nicht. Gewiß nicht; es entehrt auch nicht, wenn man der Länge nach in eine Kloake fällt; aber man schämt sich doch vor den Leuten. (Eindringlich:) Das Schlimmste aber ist: man hat eine Frau, man hat Kinder. In diesen zarten und weichen Herzen wächst sich so eine Anklage, so eine Gerichtsverhandlung, wächst sich die Gefangenschaft zu einem großen Unglück, zu einem fressenden Kummer aus. Darüber haben Sie wohl niemals nachgedacht. Schneidemühl (schweigt) . Franz . Nein. Das sollten Sie einmal tun: Sie sollten sich mal ein deutsches Gefängnis von innen ansehn. Sie werden fast immer den einen oder andern Patrioten darin finden. Freilich andre als Sie. Sie sind ein Patriot in großem Stil. Fassadenpatriot. Sie begießen die Pflanze der Vaterlandsliebe täglich mit französischem Sekt und rufen dabei: Hurra, ich bin deutsch! Ich bin treu! Hurra, ich liebe mein Vaterland! Seht, was ich für ein Kerl bin: ich liebe meine Mutter! Haben Sie sonst noch Verdienste? Schneidemühl . Ich zweifle, ob Sie jemals für Ihr Vaterland geblutet haben. Franz . Ah, Sie haben den Krieg mitgemacht. Werden Sie nachher dem Großherzog Ihre Narben zeigen? Schneidemühl . Ich – was soll – was wollen Sie damit sagen –? (ist aufgesprungen) Franz . In Königsberg lebte bis vor kurzem ein Buchhändler, der an Ihrer Seite gefochten hatte – Schneidemühl (sinkt vernichtet in seinen Stuhl zurück) . Franz . Also das langt nicht. Nein, wenn Sie ein Patriot werden wollen, müssen Sie sich den Oberst Pfeil zum Muster nehmen. Im Kriege schlug er sich mit Tollkühnheit für sein Vaterland; im Frieden opferte er seine Kraft, seine Arbeit, sein Genie, die Muße seines Alters, sein Vermögen; er stürzte sich in Schulden, er ertrug Schimpf und Spott – alles für sein Vaterland. Und dann schenkte er seinem Volke eine neue Welt: die Luft. Und machte, daß alle Völker mit Ehrfurcht den deutschen Namen nennen und bekennen müssen: Deutschlands Adler schreit nicht nur, Deutschlands Adler fliegt! Schneidemühl (der ihn wiederholt unterbrechen wollte) . Kennen Sie den Obersten? Franz . Natürlich; er ist ja Doktor Pfeils Vater. Er ist also wohl auch mit Ihnen verwandt? Schneidemühl . Er ist mein lieber Bruder – Franz . Ihr Bruder! Ach, da haben Sie ihn gewiß in jeder Weise unterstützt – Schneidemühl (wehrt mit der Hand ab) . Wollen Sie mir eine Bitte erfüllen –? Franz . Welche? Schneidemühl . Mein Bruder ist ganz in der Nähe – was Sie auch zu tun gedenken – wollen Sie warten, bis er mit Ihnen gesprochen hat –? Franz . Ja, unter einer Bedingung. Schneidemühl . Und? Franz . Daß ich unter vier Augen mit ihm spreche. Schneidemühl . Gewiß! gern! gern! Ich lass' ihn sofort benachrichtigen – ( Ein Diener tritt ein. ) Der Diener . Der Herr Oberst. Schneidemühl . Da ist er schon. Bitte, warten Sie hier – ich schick' ihn herein, ich schick' ihn – ich will ihn nur mit zwei Worten informieren – nur einen Augenblick – (Eilt davon.) 7. Szene. Franz . Der Oberst . Franz (macht einen Gang durchs Zimmer, blickt durch die Fenster der Veranda auf die Straße und kehrt nach vorn rechts zurück) . Oberst (tritt ein. Verbeugung.) Mein Herr. Pfeil ist mein Name. Franz . Er fliegt durch die Welt. Oberst (wird aufmerksam, tritt Franzen näher und fixiert ihn schärfer) . Ah – danke. Ich habe die Ehre mit Herrn –? Franz . Braumann. Oberst . Mein Herr, mein Bruder wünscht, daß ich mich mit Ihnen in einer, wie es scheint, recht peinlichen Angelegenheit bespreche – Franz . Sie verliert alles Peinliche, sobald Sie sich ihrer annehmen. Oberst (tritt nahe an Franzen heran und ruft plötzlich:) Franz, du verwetterter Kerl, was treibst du wieder für Possen! Franz (umarmt seinen Vater und dreht sich mit ihm im Kreise) . Hahahahaaa, mein Vater, mein großer, geliebter Vater, und was machst du für Dinge, du fliegst durch ganz Deutschland? Oberst . Ja – Kerl – was ist denn – was soll denn diese – Franz . Komm mit, komm mit, das ist eine lange Geschichte. Wir suchen uns einen stillen Winkel, und ich erzähle – Oberst . In einer Stunde fahr' ich wieder ab! Franz . – Hast du noch Platz in deinem Schiff? Oberst . Für wen? Franz (parodierend) . »Für ein glücklich liebend Paar!« Oberst . Hör mal, du bist 'n doller Kerl – Franz . Leider das Einzige, was ich von dir geerbt habe – komm! (Beide vorn links ab.) 8. Szene. (Von hinten links kommen:) Frau Oberkonsistorialrat Liekefett mit ihren 3 Töchtern und ihrem Söhnchen Karl , die Bürgermeisterin nebst ihrer Tochter Ludmilla , der Oberkonsistorialrat und Axel . Herr Liekefett . Es ist wirklich ungeheuer liebenswürdig, Frau Geheimrat, daß Sie uns einen Platz an Ihrem Fenster einräumen – Die Bürgermeisterin . Ja, wirklich zu liebenswürdig – ich freu' mich schrecklich! Julchen . O bitte, bitte, meine Herrschaften, es ist ja Platz genug da. Die Bürgermeisterin . Ich war schon so ärgerlich, daß der Zug nicht an unserm Hause vorbeikommt. Mein Mann hatte das natürlich beantragt; aber na – Sie können sich ja denken – die liebe Mißgunst – Julchen . Nun, von hier aus kann Ihnen nichts entgehen – hier muß alles vorbei – (Man ist nach hinten gegangen und nimmt Platz.) (Durcheinander:) Frau Liekefett . Ach, hier ist es ja prachtvoll! Emmy . Himmlisch! Anny . Wonnig! Henny . Tadellos! Karl . Famos! Die Bürgermeisterin . Großartig! Ludmilla . Wundervoll! Julchen . Machen Sie sich's so bequem wie möglich, meine Herrschaften! Hier sind auch Operngläser. Die Damen . Ach, das ist ja herrlich! Danke, danke! (Man zieht die Bonbontüten hervor.) Die Bürgermeisterin . Ich hätte gedacht, daß noch mehr Menschen auf den Beinen wären. Axel . Die meisten sind eben beim Luftschiff. Emmy . Beim Luftschiff? Die Bürgermeisterin . Ach ja, Ihr Herr Schwager hat ja wieder eine Fahrt gemacht! Axel (begeistert) . Und was für eine! In 20 Stunden quer durch Deutschland! Die Damen . Oh – Ach – Ist es möglich! Frau Liekefett . Da sind Sie gewiß recht stolz auf Ihren Herrn Schwager. Julchen . O ja, gewiß. Frau Liekefett . Verkehrt er viel in Ihrem Hause? Julchen . O, natürlich. Er und mein Mann sind ja ein Leib und eine Seele! Die Bürgermeisterin . So?? Julchen . Ja, wenn er meinen Mann nicht gehabt hätte – Frau Liekefett . So – Ihr Herr Gemahl hat ihn gewiß immer unterstützt! Julchen . Nna! Mein Mann mußte ihm immer Mut zusprechen, mußte ihm immer wieder sagen: Du darfst die Sache nicht liegen lassen; sie hat eine Zukunft. Ich darf wohl sagen, daß mein Mann ebensoviel Teil an der Erfindung hat wie mein Schwager. Herr Liekefett . Das kann ich mir denken. (Man hört Pferdegetrappel und Murmeln.) Karl . Hurra! Emmy . Junge, das ist ja 'n reitender Schutzmann! (Gelächter der übrigen.) Ach Frau Geheimrat, ich hab' eine große Bitte. Julchen . Ja? Emmy . Verschaffen Sie mir ein Autogramm von Ihrem Herrn Schwager. Julchen . Gern, mein Kind. Anny . Mir auch eins. Henny . Mir drei – oder noch lieber elf! Julchen . Ich will sehen. Ludmilla . Hm, ja. Ihr Herr Schwager soll aber doch wieder einen Defekt an seinem Schiff erlitten haben. So ganz vollkommen scheint es also doch nicht zu sein. Axel . Nein, es hat 'ne alte Schraube gefehlt. Ludmilla (ihn argwöhnisch ansehend) . So. Frau Liekefett . Nun ja, es ist schon dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen und menschlicher Vorwitz seine ewigen Schranken nicht vergißt. Immerhin ist es merkwürdig genug, daß ein Mann diese Erfindung gemacht hat, der nicht einmal ein richtiges Gymnasium besucht hat. (Man hört einen Wagen und Gemurmel.) Die drei Fräulein Liekefett (springen auf und winken mit den Taschentüchern) . Hoch! Hoch! Julchen . Meine Damen, das war ja nur der Polizeirat! Die drei Fräulein . Ach soo! Die Bürgermeisterin . Ihr Herr Gemahl wird reden, nicht wahr? Julchen . Ja, Königl. Hoheit haben es gewünscht. Die Bürgermeisterin . So, ja, mein Mann wollte auch reden; aber er hat es dem Oberbürgermeister überlassen. Frau Liekefett . Da kommen sie! (Man hört Wagenrollen, Pferdegetrappel und Hurra- und Heilrufe, an denen sich die auf der Bühne befindlichen Personen unter gleichzeitigem Tücherschwenken beteiligen. Dann tritt eine tiefe Stille ein.) Julchen . Sch–t. mein Mann spricht! Die Übrigen . Pst – stille – der Geheimrat spricht! Herr Liekefett (halblaut) . Ich fürchte, es gibt Regen. Ludmilla . Ach, das wäre ja abscheulich. Frau Liekefett . Man versteht nichts. Julchen . O doch – hören Sie? »– seine unwandelbare Liebe und Untertanentreue« – »Frohbewegten und begeisterten Herzens« – »dem an mich ergangenen Rufe gefolgt« – »die untertänigste Huldigung – zu Füßen zu legen.« – »Möge dieser herrliche Frühlingstag – ein günstiges Omen sein« – »und mögen alle, die ihm folgen, ihm gleichen.« (Nachdem sich die Luft mehr und mehr verdunkelt hat, prasselt in diesem Augenblick ein heftiger Regen nieder.) Die Damen (durcheinander) . Gott, wie gräßlich – wie abscheulich – wie unangenehm! Julchen . Pst – der Großherzog lächelt! Die Bürgermeisterin . Wirklich?? Frau Liekefett . Ja, ja! Julchen . Die Prinzessin lächelt auch! Sie ist reizend! Emmy . Wie liebenswürdig, daß sie in dem Wetter anhalten! Herr Liekefett . O, unser Großherzog ist ein Muster an Pflichttreue! Julchen . Er sieht hierher! Die Damen . Ja, wirklich, er sieht hierher! Julchen . Er gibt meinem Mann die Hand!! Axel, er gibt Papa die Hand. Frau Liekefett . Sch–t, was sagt er? – Ich verstehe kein Wort. Die Anderen . Ich auch nicht – ich auch nicht! Julchen . Doch! Die Bürgermeisterin . Sie fahren weiter! (Man hört die Wagen weiterfahren unter den Hochrufen der Menge.) Julchen . Ich habe jedes Wort verstanden! Er sagte: »Nehmen Sie innigsten Dank, lieber Herr Geheimrat; Ihre Worte haben uns tief ergriffen. Grüßen Sie die lieben Ihrigen und besuchen Sie uns recht bald.« Die Bürgermeisterin . So viel kann er wohl kaum gesagt haben, ich – Julchen . Aber ich bitte Sie, Frau Bürgermeisterin, gewiß hat er so viel gesagt; ich hab's doch Wort für Wort gehört! Horch – da kommt mein Mann, da werden Sie's hören! 9. Szene. Die Vorigen . Schneidemühl . Schneidemühl (vollständig durchnäßt, stapft herein) . Julchen . Ach, mein armes Männchen! (Zu einem Lakaien:) Schnell einen anderen Rock! Schneidemühl . Nun nun, solche Opfer darf man nicht scheuen. Ich habe – (nachdem er sich vorsichtig umgesehen) schon in einem ganz andern Regen gestanden! Julchen . Der Großherzog schien ja sehr gnädig zu sein! Schneidemühl . Außerordentlich gnädig, ja. Julchen (seine Hand nehmend) . Er hat dir wieder die Hand gedrückt! Schneidemühl . Ja, er schüttelte mir kräftig die Hand und sagte: »Ich danke Ihnen«. Julchen . Und was sagte er noch? Schneidemühl . Sonst sagte er nichts. Die Bürgermeisterin (mit süßem Lächeln) . Sehn Sie! Julchen . Doch, er muß doch noch was gesagt haben; er sprach doch viel länger! Schneidemühl . So? so? Dann hab' ich's wohl überhört – ich war so aufgeregt – mir tanzte alles vor den Augen – ( Draußen erhebt sich lautes Hurra- und Hochrufen. ) Julchen . Paul, sie bringen dir eine Ovation! (Ist ans Fenster geeilt.) Sie rufen »Heil! Heil!« Schneidemühl . Wirklich? Axel (ebenfalls am Fenster) . Nein, Papa, sie rufen »Pfeil! Hoch Pfeil!« Ich hole den Onkel! (Schnell ab.) Julchen . Ach Axel, du bist wohl nicht bei Trost! Sie rufen Heil! Die Bürgermeisterin (am Fenster, süßlich:) Nein, Frau Geheimrat, sie rufen ganz deutlich »Pfeil! Pfeil!« Herr Liekefett . Ja, es scheint mir allerdings auch, als wenn man nach dem Herrn Obersten ruft! 10. Szene. Die Vorigen . Der Oberst . Oberst . Ach Unsinn, Junge, laß sie schreien Herr Liekefett . Das Volk verlangt nach Ihnen, Herr Oberst. Oberst . Das »Volk«? Schneidemühl . Du mußt dich wohl mal zeigen. Oberst . I bewahre. (Das Rufen der Menge schwillt mächtig an.) Julchen . Lieber Schwager, tu mir den Gefallen, damit dies Geschrei ein Ende hat. Oberst (geht langsam ans Fenster. Als er dort erscheint, bricht ungeheurer Jubel los, der dann plötzlicher Stille weicht.) Ich soll wohl reden? (Laute Zustimmung und Heiterkeit.) Ja, ich kann aber nicht reden. Ich danke Ihnen, daß Sie sich mit mir freuen, freuen über den mit Gottes Hilfe erzielten Erfolg. Es muß aber noch viel besser werden. Helfen Sie mir den deutschen Philister überwinden. Der Philister hängt sich als Bleigewicht an jedes Luftschiff. Der Philister sagt: »Es ist immer so gewesen, und es wird immer so bleiben. Der Mensch kann nicht fliegen.« Meine Herrschaften, nichts ist immer so gewesen, und nichts wird immer so bleiben. Tragen Sie diesen Satz ins Land hinaus. Das deutsche Luftschiff fliegt. Sorgen Sie dafür, daß die deutsche Seele fliegt! Amen. (Winkt kurz mit der Hand und tritt zurück. Brausende Hochrufe, die sich allmählich verlieren. Die Gäste beglückwünschen den Obersten mit den üblichen Redensarten und verabschieden sich dann von den Schneidemühls.) Schneidemühl (zieht den Obersten nach vorn) . Sag mir, was hast du erreicht? Oberst . Alles. Die Sache ist erledigt. Schneidemühl . Wirklich? Oberst . Du kannst vollkommen beruhigt sein; die Sache ist tot und begraben. Schneidemühl (tief aufatmend) . Da dank' ich dir wirklich von ganzem Herzen. Du hast mir einen großen Dienst erwiesen. Wenn du für die Gesellschaft für Luftschiffahrt Geld brauchst – ich bin gern bereit, mich mit einer halben Million zu beteiligen. Oberst . Das ist ja prachtvoll. Natürlich – du weißt ja – Gewinn fällt nicht dabei ab – Dividenden gibt's nicht – Schneidemühl (schnappend) . So so – Dividenden gibt's nicht – na, wir können ja noch später darüber sprechen – es war nur so 'n Einfall von mir – Oberst . Jawohl. Aber etwas andres. Liebes Julchen, darf ich einen Augenblick bitten – und du, mein lieber Axel (ihm die Wange klopfend) , du gehst mal auf ein Weilchen nach hinten und schaust möglichst angestrengt zum Fenster hinaus, gelt? Axel (lächelt zustimmend und geht in die Veranda) . Oberst (zwischen Schneidemühl und Julchen) . Sagt mal, mein Sohn Franz scheint den Verstand verloren zu haben – Schneidemühl und Julchen (eifrig) . Ja –! Oberst . Er ist offenbar nicht bei Trost – (Gleichzeitig, eifrig nickend:) Julchen . Nein! Schneidemühl . Sehr richtig! Oberst . Er behauptet, Ihr wollt ihm die Sonja nicht geben, weil er »kein deutscher Mann« sei. Schneidemühl und Julchen . Hm – Oberst . Ich hab' ihm gesagt: du bist komplett verrückt, Junge. Du hast den Onkel mißverstanden. Was kann denn Onkel Paul gegen dein Deutschtum einzuwenden haben? Schneidemühl . Hm – ja – ich habe in der Übereilung wohl mal etwas gesagt, was so gedeutet werden könnte – aber ich sehe die Sache jetzt anders an – Julchen . Ja, ich weiß nicht – Schneidemühl . Ja, Julchen, ja, die Sache liegt anders – Oberst . Du hast natürlich gegen eine Verbindung der beiden nicht das Geringste einzuwenden – Schneidemühl . Nein – Oberst . Na also – Julchen . Ja, aber Sonja – Oberst . Was ist mit Sonja? Julchen . Wir haben sie nach London geschickt – und sie ist entflohen. Oberst (trocken) . Ja, das weiß ich, mit einem jungen Mann. Aber das schad't nichts. (Ist vorn links an die Tür gegangen und öffnet sie) : Kommt mal herein, Kinder! 11. Szene. Die Vorigen . Sonja . Franz . Oberst . Na, was hab' ich euch gesagt: Onkel und Tante denken gar nicht daran, euch etwas in den Weg zu legen. Sonja (eilt auf ihre Mutter zu) . Mama! Franz . Dank, lieber Onkel! Julchen . Aber Sonja! Was hast du uns für Angst gemacht! Sonja . Es ging wohl nicht anders, Mama – Julchen . Wärst du wenigstens einen Tag früher gekommen, dann hättest du noch als Ehrenjungfrau beim Einzug sein können! Franz . Ja – liebe Schwiegermama – das – das wäre doch wohl nicht gegangen – Julchen . Nicht –? Franz . Nein, seht mal –: Ihr wart so freundlich, Sonja nach London zu schicken – in London ist einem das Heiraten so leicht gemacht – und da bin ich ihr nachgereist – und da haben wir – um ganz sicher zu gehen – gleich geheiratet. (Gleichzeitig:) Julchen . Sonja! (fällt auf einen Stuhl) . Schneidemühl . Das ist 'n starkes Stück! Oberst . Ein verfluchter Kerl! Geht immer aufs Ganze! Ein Lakai tritt auf. Schneidemühl . Was gibt's? Der Lakai . Herr Baron v. Plockhorst. Julchen (fliegt wieder vom Stuhl empor) . Huch – Paul! Der Kammerherr – du sollst sehen – Schneidemühl (eilt dem Baron entgegen) . Mein verehrter Herr Baron – Herzlich willkommen! v. Plockhorst (in amtlicher Haltung) . Herr Geheimrat! Se. Königl. Hoheit der Herr Großherzog haben mich beauftragt, Ihnen noch heute die Mitteilung zu überbringen. daß Höchstsie geruht haben, Ihnen zum Zeichen Höchstihrer gnädigen Gesinnung den blauen Sperberorden zweiter Klasse zu verleihen. Das Dekret und die Insignien werden Ihnen demnächst zugehen. Ich ergreife mit Freuden die Gelegenheit, Ihnen als Erster meinen Glückwunsch darzubringen. Julchen (macht ein unendlich langes Gesicht) . Schneidemühl (mit verblüfftem Gesicht) . Hm –? v. Plockhorst (hustet ungeduldig) . Hem Hem. Schneidemühl (rafft sich plötzlich zusammen.) Äh – Herr Baron. Ich bitte Sie – bitte Sie – Sr. Königl. Hoheit meinen allergnädigsten Dank auszusprechen, und bitte um die gnädigste Erlaubnis, meinen Dank Sr. Königl. Hoheit persönlich wiederholen zu dürfen. – Auch Ihnen danke ich, Herr Baron. Oberst . Herzlichen Glückwunsch, Paul. Die Übrigen (gratulieren ebenfalls) . v. Plockhorst . Ah, Sie hier, Herr Oberst? Das trifft sich ja glänzend. Ich bin nämlich von Sr. Königl. Hoheit beauftragt, Ihnen die Mitteilung zu überbringen, daß Höchstsie geruht haben, Ihnen zum Zeichen Höchstihrer gnädigen Gesinnung ebenfalls den blauen Sperberorden zweiter Klasse zu verleihen. Das Dekret und die Insignien werden Ihnen demnächst zugehen. Oberst (trocken-gemütlich) . Das freut mich ja ganz unglaublich, Herr Baron. Sagen Sie bitte Sr. Königl. Hoheit einstweilen meinen ehrerbietigsten Dank. v. Plockhorst . Ich ergreife mit Freuden die Gelegenheit, Ihnen als Erster meinen Glückwunsch darzubringen. Oberst . Danke, danke sehr. v. Plockhorst (verabschiedet sich) . Oberst . Kinder, nun wird's Zeit, daß ich abfahre! Sonja . Herzlichen Glückwunsch, Papa! Oberst . Wozu, mein Kind, wozu? Sonja . Zu dem Orden. Oberst . Ach so, ach so, zu dem Orden, jawohl. Axel . Onkel Konrad, willst du mich in die Lehre nehmen? Oberst . Wieso, mein Junge? Axel . Ich werde Luftschiffer. Oberst . Topp, mein Junge, ich nehm' dich in die Lehre. Axel . Laß mich gleich mit! Oberst . Geht nicht, mein Junge, wir sind komplett. Hab nur Geduld, die kommenden Zeiten brauchen auch Flieger. (Zu Franz und Sonja:) Seid ihr bereit? Franz . Jawohl. Adieu, Schwiegermama! Julchen . Was ist denn? Was soll denn werden? Franz (jauchzend) . Wir gehen in die Luft! Das ist unsere Hochzeitsreise! Das heißt (Sonja bei der Hand fassend) wenn du wirklich Mut hast! Sonja (sieht ihn mit innigem Ausdruck an und sagt dann) : Ich steige in dein Boot. Franz . Du –! (Zieht sie zärtlich an sich und küßt sie.) Der Vorhang fällt.