Friedrich Wilhelm Hackländer Eugen Stillfried – Zweiter Band Einundzwanzigstes Kapitel. Jungfer Clementine Strebeling erhält einen Brief und findet sich in Folge desselben bewogen, die Liebe ihrer Freundin zu unterstützen. Der Jungfer Clementine Strebeling war unterdessen etwas absonderlich Entsetzliches passirt – entsetzlich in Betreff ihrer Lebensansichten und ihres äußerst zarten Nervensystems. Der geneigte Leser wird sich erinnern, daß er besagte Jungfer Clementine durch unsere Beihülfe an ihrem Fenster erblickt hat, wo sie aus dem musikalischen Hause ihr gegenüber das sehnsüchtige Lied vernommen hatte von der Lotusblume, die sich ängstiget vor der Sonne Pracht. Hierauf war Jungfer Clementine in eine Verwirrung gerathen, ja sanft erröthet; und wenn eine alte Jungfer erröthet und in Verwirrung geräth, so muß eine wichtige Ursache vorhanden sein. Dem war auch so, und diese Ursache war, wie wir bereits wissen, nichts Anderes, als die Erscheinung eines jungen Mannes am gegenüberliegenden, offenstehenden Fenster des musikalischen Hauses. Jungfer Clementine Strebeling wußte gar nicht, wie ihr geschehen. Sie konnte, wie in der Oper, von sich selbst sagen: Sein Blick, mir zugewendet, War Blitz und Schlag zugleich. Nicht als ob der Anblick des Herrn Sidel gar eine heftige Liebe in ihrem jungfräulichen Busen plötzlich entzündet hätte – dem war freilich nicht so; aber sie hatte schon oft drüben am Fenster die verschiedenen Hausbewohner bemerkt, auch keine üblen jungen Leute, und noch dazu mit herabwallenden Haaren und langen, zottigen Künstlerbärten. Es war vielleicht der respektvolle Gruß, den der Herr Sidel im Augenblicke herübersandte, als er das Gesicht der alten Jungfer auftauchen sah. Ja, der Gruß war respektvoll und wie überrascht gewesen, das ist gar nicht zu läugnen; überrascht, weil der lustige Rath an dem gegenüberliegenden Fenster etwas Liebreizenderes erwartet hatte. Aber dem sei, wie ihm wolle: die Thatsache bleibt feststehen, daß er einen festen längeren Blick hinüber gesandt, als bei diesen Verhältnissen gerade nothwendig gewesen wäre, und ebenso wahr bleibt es auch, daß dieser Blick das Herz der alten Jungfer wie ein mächtiger Feind umkreiste und an dem morschen Pallisadenbau eben dieses Herzens mit aller Kraft zu rütteln begann. Die schöne Katharina saß in ihrem Zimmer; es hatte die Nacht durch gewittert, heftiger Regen war unter Blitz und Donner niedergeströmt, und der Marktplatz hatte sich am frühen Morgen in einem Zustande großer Feuchtigkeit befunden, weßhalb die Tochter der Gemüsehändlerin sich außerordentlich beeilt, um ihre Geschäfte zu beendigen und sich in ihr Zimmer zurückziehen zu können. Wir dürfen aber dem geneigten Leser nicht verschweigen, daß die Feuchtigkeit des Marktes nicht die alleinige Ursache war, weßhalb Katharina ihren Stand so früh verlassen; ja wir sind in der Nothwendigkeit, eine viel schrecklichere Ursache anzugeben. Wir müssen verrathen, daß dem jungen Mädchen, während sie bei ihren Blumenkörben saß, von einer guten, alten, befreundeten Frau ein Blättchen Papier zugeschoben wurde, mit Schriftzügen, welche Katharina augenblicklich als die seinigen erkannte. Wir müssen ferner gestehen, daß sie beim Empfange dieses Briefchens auffallend erröthete und daß sie sich zu gleicher Zeit scheu und ängstlich umsah; denn die alte Frau Schoppelmann war in der Nähe. Doch da wir der Ansicht sind, daß noch niemals einem Mädchen von ihrer Mutter eine derartige Beute abgejagt worden ist, wenn sie sie nämlich rechtzeitig in das Mieder hinab gleiten ließ, so können wir auch in diesem Falle die Versicherung geben, daß das Briefchen vor der Hand im alleinigen Besitze der Jungfer Katharina blieb, ja daß sie es augenblicklich nach dem Empfang an dem eben angegebenen Orte in sichere Verwahrung brachte, – ohne es vorher gelesen zu haben, wonach es auch Jedermann sehr begreiflich finden wird, daß dem guten Kinde das Pflaster des Marktes plötzlich zu feucht vorkam, daß sie sich nasse Füße geholt hatte, und daß sie mit Erlaubniß der Mutter nach Hause ging. Hier sehen wir sie nun, wie schon oben bemerkt, in ihrem Zimmer. Sie hatte das Briefchen gelesen und wieder gelesen, und schien auf die Vermuthung zu gerathen, es handle sich in demselben um ein kleines Rendezvous, das sich Herr Eugen von ihr erbeten. Aber nicht allein brauche sie zu kommen, o nein! er war zu zart, das zu verlangen; er schrieb ihr, sie würde ja wohl eine verschwiegene Freundin haben, mit welcher sie, ohne Verdacht zu erregen, ausgehen könne. Aber Katharina wußte keine verschwiegene Freundin; sie dachte hin und her, und wenn ihr endlich Jungfer Clementine einfiel, so schüttelte sie mit dem Kopfe und dachte, diese gesetzte Jungfrau mit ihren strengen Grundsätzen würde sich nimmermehr dazu hergeben, zu einem solchen Unternehmen die Hand zu bieten. Da wurde die Thüre des Zimmers langsam geöffnet, und die, an welche das Mädchen eben gedacht, Jungfer Clementine in eigener Person, streckte den Kopf zur Thüre herein, um zu sehen, ob Katharina da sei. Diese winkte ihr auf's Freundlichste, einzutreten, was denn auch die alte Jungfer that und sich an der Seite des jungen Mädchens niederließ, wobei sie einen außerordentlich tiefen Seufzer ausstieß. Zu gleicher Zeit faltete sie sanft die Hände, blickte einige Mal gen Himmel, kurz, sie geberdete sich wie Jemand, der auf alle Fälle gefragt sein will: Mein Gott, was ist Ihnen begegnet? Diese Frage that nun auch augenblicklich die schöne Katharina. Statt aber mit der Sprache herauszugehen, affektirte Jungfer Strebeling eine sehr komische Gleichgültigkeit, die ebenso auffallend war, als ihr Mienenspiel von früher. Sie senkte das Köpfchen auf die eine Seite, lächelte mit niedergeschlagenen Augen, beschrieb mit dem Sonnenschirm von meergrüner Seide allerlei Figuren auf den Boden und lispelte mit sehr verschämter Stimme: »Ach, Katharine, was sollte mir begegnet sein?« »Es ist Ihnen aber etwas begegnet,« sagte bestimmt das junge Mädchen, »Sie sind ganz aufgeregt.« Ein tiefer Seufzer war die ganze Antwort. »Nun, so reden Sie doch,« bat Katharina gutmüthig. »Wir sind ja unter uns Mädchen; ist Ihnen vielleicht etwas geschehen, wie neulich? haben Sie sich über die Choristin geärgert?« »Ach, die Choristin!« seufzte Clementine und schauerte zusammen; denn es war ihr, als habe sie gerade ebenso Entsetzliches begangen, wie jenes lasterhafte Frauenzimmer. »Nun,« sagte Katharina, »wenn die Choristin Sie nicht weiter geärgert hat, dann weiß ich wahrhaftig nicht, was Ihnen zugestoßen sein könnte.« »Nicht wahr?« versetzte Clementine mit schwacher Stimme; denn sie hielt es selbst für unmöglich, daß ein junger Mann mit ihr einen Blick gewechselt, und für noch unmöglicher, daß ihr dieser junge Mann heute Morgen ein zartes Briefchen gesandt, und doch war es in der That so. Ja, wir haben es dem Leser einmal verrathen und müssen der Wahrheit die Ehre geben. Es würde auch wirklich etwas langweilig sein, wenn man die vielen Worte wiedergeben wollte, durch welche es der schönen Katharina gelungen war, dieses fürchterliche Geheimniß der alten Jungfer zu entlocken. Endlich aber war es heraus, die Geschichte von der Lotusblume, welche sich geängstigt vor der Sonne Pracht, dann gebebt und gezittert – vor dem jungen Manne, der am gegenüberliegenden Fenster aufgetaucht, der sie gegrüßt, der ihr zugelächelt. Ja, es kam an's Licht der Sonne, daß es heute Morgen am Zimmer der Jungfer Clementine sanft gepocht, daß hereingetreten war die Magd der Frau Schilder drüben, daß sie ihr ein Briefchen überreicht, und daß Clementine dieses Briefchen, welches sie im ersten Anflug jungfräulicher Angst zerreißen wollte, am Ende dennoch gelesen hatte. »O lieber Gott,« sagte die alte Jungfer am Schlusse ihrer Erzählung, »hier ist der Brief; aber, beste Katharine, Sie werden gewiß recht schlecht von mir denken, Sie werden mich für ein leichtsinniges Frauenzimmer halten?« Das junge Mädchen schüttelte den Kopf und entgegnete unbefangen: »Aber an allem dem seh' ich durchaus gar nichts Schlimmes: was können Sie dafür, wenn ein junger Mann, der Sie erblickt – wenn Sie ihm gefallen – an Sie schreibt?« »Nicht wahr, Katharine,« sagte ängstlich die Jungfer, »daran trage ich gewiß keine Schuld?« »Ganz unschuldig sind Sie,« versetzte das junge Madchen mit der Miene eines Richters; worauf Clementine einen tiefen Seufzer that und gen Himmel blickte, als wollte sie sagen: Warum hat der liebe Gott uns Mädchen auch so unwiderstehlich geschaffen? »Aber den Brief wollen wir doch lesen,« sagte Katharina neugierig. »Aber leise, ganz leise,« sprach Clementine; »ich kann diese Zeilen unmöglich laut vorlesen hören.« Katharina entfaltete das Papier, es war von rosenrother Farbe, und obgleich sie gemäß dem Wunsche der alten Jungfer für sich las, so ist es uns doch Kraft unserer Unsichtbarkeit gestattet, einen Blick über die Schultern des jungen Mädchens zu werfen. Auf dem Papier stand: »Theure Clementine! »O, verzeihen Sie vor allen Dingen, daß ich es wage, Ihren mir so lieben Namen auszusprechen, verzeihen Sie aber vor allen Dingen, daß ich zu Ihnen gesagt: »»Theure Clementine.«« Aber Sie gesehen haben, von Ihnen gegrüßt worden zu sein, und alsdann diese Zeilen vielleicht mit den Worten »»Mein schönes Fräulein«« zu beginnen, ist mehr, als ein fühlendes Herz vermag. – – – Und ich habe ein fühlendes Herz, theure Clementine! ein treues Herz, das für Sie fühlt, ein Herz, das mit jedem Schlage die Worte ausseufzt: »»O Clementine, ich liebe dich!«« Verzeihen Sie abermals, meine Gefühle reißen mich hin, ich wollte, eigentlich sagen: »»Clementine, ich liebe Sie!«« – – – aber es ist ganz einerlei: die Gefühle dieser Liebe sind da. Doch wie ich in den innersten Tiefen meines Gefühls fürchte, sind diese Gefühle unerwidert und werden – – – o ich Unglücklicher! – – – auf ewig unerwidert bleiben! – – – – – – – – – – Denn, ach! Clementine, ich kenne Ihr reines Herz, ich weiß, daß Sie sich schaudernd abwenden von dem, was wir Männer die Liebe nennen, ich weiß, daß Ihr zartes Gemüth zurück schreckt beim Anblick eines Mannes – aber was hilft das alles!? Kann ich meine Gefühle verläugnen? O nein, ich kann es nicht! Soll ich leben? Soll ich sterben? Diese Frage weiß ich Ihnen in den verdunkelten Gefühlen meines Herzens nicht zu beantworten. O Clementine, ich hätte nicht den Muth, Ihnen persönlich gegenüber nur durch einen Blick zu verrathen, wie sehr ich Sie liebe! Aber wenn ich Ihnen heute, morgen irgendwo begegnete, so würde ich die Augen niederschlagen, und nichts in der Welt vermöchte es ein ähnliches Wort meinen zitternden Lippen zu erpressen. Aber die Frau Schilder gegenüber ist eine äußerst brave Frau, und wenn Sie ihr für mich ein paar freundliche Zeilen übergeben wollten, so wäre ich der Seligste unter den Sterblichen. »Liebe ist ein einzig'« Wort, – Liebe, Leben eilet fort. Keime sterben, – Blüthen färben, Leiden enden, – Freuden blenden, Freundschaft dauert. – Nur Liebe währet, – Liebe währet ewig! »So denkend, schließe ich und bin und bleibe » Ihr Ewiggetreuester .« »Keine Unterschrift?« fragte Katharina, nachdem sie gelesen und sah ihr Gegenüber fragend an. »Keine,« antwortete dieses mit verschämten, niedergeschlagenen Augen; »und das finde ich gerade so unendlich zart.« »Und Sie wissen auch gar nicht, wer der junge Mann ist?« forschte das Mädchen weiter. »Nicht eine Sylbe!« sagte eifrig die alte Jungfer; »ach, es wäre mein Tod, wenn ich es wüßte!« »Nun, nun, so schlimm wird's gerade auch nicht sein,« meinte das junge Mädchen; »werden Sie ihm Hoffnung geben?« »Worin?« fragte Clementine. »Nun, daß Sie ihn lieben wollen.« Hierauf erfolgte lange Zeit keine Antwort. Clementine nahm den Brief aus der Hand ihrer Freundin faltete ihn zusammen und verwahrte ihn bei sich an demselben Platze, wo auch die schöne Katharina ihr Billet von heute Morgen aufgehoben. »Also Sie fühlen kein Interesse für ihn?« forschte die neugierige Katharina, und ein schelmisches Lächeln spielte um ihren Mund. »Ich will das gerade nicht behaupten,« sagte stockend Clementine, »aber der junge Mensch ist so stürmisch; ich fürchte mich vor ihm.« »Ich dagegen,« meinte Katharina, »würde einmal den Versuch machen, ihn zu sprechen.« »Ihn zu sprechen? Nimmermehr!« rief die alte Jungfer. »Ja, was wollen Sie denn thun?« »Ihm vielleicht schreiben!« entgegnete Clementine verschämt und hielt ihren Sonnenschirm vor das Gesicht. »Nun ja, anfänglich wohl,« sagte die erfahrene Katharina, »aber nachher müssen Sie ihn doch setzen und sprechen.« »Darüber sprechen?« rief Clementine und zeigte auf die Stelle, die der rosenfarbene Brief hatte. »Ihn? Nimmermehr! – In alle Ewigkeit nicht! Erinnern Sie sich noch, liebe Katharine, was ich Ihnen neulich sagte: ich könnte mich wohl vielleicht für Jemand interessiren, ihn auch – – lieben, aber ich würde ihn nicht sehen und durfte ihn nie darüber sprechen.« »Ja, ich erinnere mich,« sagte nachsinnend das junge Mädchen. »Aber daß er mir schreibe,« fuhr Clementine fort, »dagegen hätte ich nichts einzuwenden; ich wollte mich gewiß gern für ihn interessiren, ich wollte ihm helfen, wenn er in der Noth wäre, ihn trösten, wenn er traurig ist.« »Und wird er sich damit begnügen?« fragte Katharina; »es gibt Leute,« setzte sie mit leiser Stimme hinzu, »die damit nicht zufrieden wären.« »Das müßte er eben,« sagte bestimmt die alte Jungfer; »ihn öfter sehen, mit ihm von Liebe sprechen, das wäre wahrhaftig mein Tod – nein! nein! das könnte ich unmöglich!« »Und was wollen Sie nun auf diesen Brief hin thun?« »Darüber möchte ich Ihren Rath, liebe Katharine. Soll ich ihm drei Zeilen antworten?« »Warum nicht?« »Daß ich ihn am Fenster bemerkt hätte, daß mir sein Brief gerade – – nicht unangenehm gewesen sei –« »Ja, so was der Art.« »Und wenn er alsdann wieder an mich schreibt?« »Das wollen wir abwarten; dann antworten wir ihm vielleicht wieder.« »Und wenn er nun endlich verlangt, mich zu sehen, mich zu sprechen?« »Das wird er am Ende doch thun,« sagte nachdenklich Katharina. Doch bemerkte man an ihrem Blicke, daß sie sichtlich zerstreut war und nicht so recht bei dieser Sache. – »Ja, ja, er wird eine Zusammenkunft verlangen.« Clementine schauderte. »Und wenn er wirklich so ein Rendezvous verlangt?« sagte Katharina und drückte die linke Hand fest auf ihre Brust. »Nimmermehr!« rief Clementine fest und bestimmt. »Das wäre ja entsetzlich.« »Haben Sie denn schon je einem Rendezvous beigewohnt?« fragte Katharina nach einer Pause mit schüchterner Stimme. »Nein, Gott soll mich bewahren!« »Würden Sie auch nie Lust haben, ein solches mitzumachen?« »Mit ihm und mit mir?« »Nein,« sagte Katharina lächelnd, »aber mit ihm und mit mir.« »Mit ihm und mit Ihnen?« »Ja,« fuhr das junge Mädchen laut lachend fort; »mit ihm, den ich meine. Ja, es ist heraus, Sie müssen mir helfen, Clementine; ich bedarf Ihrer Hülfe.« »Und wozu?« »Zu einem Rendezvous; er hat mich so dringend gebeten und wünscht so sehnlich, mich zu sprechen; ich kann es ihm wahrhaftig nicht abschlagen. Liebe, gute Clementine! Ich bitte Sie herzlich, Sie müssen mit mir gehen!« »Und wohin?« fragte die alte Jungfer in sichtlicher Angst. »Nun, zu einem ganz kleinen, lieben Rendezvous,« antwortete lächelnd das junge Mädchen. »Auch ich habe einen Brief bekommen; hier ist er, Sie sollen ihn sehen.« »Ich habe genug an dem meinigen,« sagte Clementine, »mein Kopf ist schon verwirrt genug!« »Also Sie wollen mich begleiten?« forschte das junge Mädchen.» »Zu einem Rendezvous?« fragte Clementine mit unsicherer Stimme. »Ach, da sollen oft erschreckliche Sachen vorkommen!« »Pah, Unsinn!« entgegnete Katharina; »wir zwei gehen zum neuen Thore hinaus nach der Promenade, rechts an der alten Bastei und dann dort hinab, wo sich die Promenade in den alten Stadtgraben verliert.« »Nun, waren Sie schon öfter dort?« fragte Clementine mit besorgtem Blick. »Auf diese Art niemals, gewiß nicht!« betheuerte Katharina. »Nicht wahr, Clementine, Sie thun mir den Gefallen?« »Und was soll ich um Gottes willen dabei machen?« »Gar nichts! Wenn er kommt, so setzen Sie sich auf eine Bank, und ich gehe eine Viertelstunde mit ihm spazieren. Wissen Sie, Clementine,« setzte das junge Mädchen schmeichelnd hinzu, »die Mutter hält so große Stücke auf Sie, und wenn ich ihr sage, ich gehe mit Ihnen, so denkt sie durchaus nichts Anderes dabei; auch wenn man uns zwei zusammen auf der äußeren Promenade und in dem Stadtgraben sähe, so kann das keinem Christenmenschen auffallen.« »Ja, aber« – meinte die alte Jungfer, – »Katharine! Katharine! ich traue Ihnen nur halb, Sie könnten mir da Geschichten machen; er könnte Sie zum Beispiel entführen, was bei solchen Rendezvous häufig genug vorkommen soll, und wenn ich alsdann allein nach Hause käme! Gott steh' mir bei! Ich bin fest überzeugt, daß die Frau Schoppelmann mich um's Leben brächte, und wenn die sich nicht an mir vergriffe, so thäten das Ihre beiden Brüder.« Darauf lachte Katharina laut und lustig hinaus und sagte dann: »Darüber können Sie ganz ruhig sein; ich gebe Ihnen die heiligste Versicherung, daß an so etwas kein Mensch denkt. Seien Sie überhaupt versichert: wenn ich mich einmal entführen lassen wollte, so brauchte ich keinen Menschen mitzunehmen; dann ginge ich ganz allein von Hause fort.« »Sie haben schreckliche Grundsätze,« sagte ernst die alte Jungfer, »es wird mir ganz grauselig dabei.« »Es ist ja nur Scherz,« lachte das junge Mädchen. »Aber nicht wahr, Sie gehen mit mir?« »Und wann soll das vor sich gehen?« »Morgen Nachmittag um zwei Uhr.« »In Gottes Namen denn – – und in meiner Angelegenheit – da rathen Sie mir, ich soll ihm antworten?« »Unbedingt ein paar Zeilen.« Wir glauben annehmen zu können, daß die Jungfer Strebeling diesen Rath im Laufe des Tages wirklich befolgte; denn sie kaufte sich eigenhändig in einem Laden rosenfarbiges Papier, sie ließ sich von der Frau Schoppelmann etwas warmes Wasser geben, um ihre vertrocknete Dinte aufzufrischen, und als am daraus folgenden Morgen der ältere der jungen Herren Schoppelmann an seinem Fenster auf der Lauer war, während sein Bruder, der Fuhrmann, die ledernen Gamaschen einölte, stopfte sich der Erste auf einmal einen Zipfel des Kopfkissens in sein großes Maul, um ein heftiges Lachen zu unterdrücken; dann winkte er seinem Bruder mit der Hand und sagte: »Pst, pst, sie kommt, sie kommt!« »Wer?« fragte der Fuhrmann neugierig; »die große Ratte, die dir gestern entgangen?« »Nein, die Jungfer Strebeling,« antwortete der Jäger; »mich soll der Teufel holen, sie hat angebissen; dort bringt sie in eigener Person der Frau Schilder ihre Antwort auf unseren Brief.« – – Es mochte halb zwei Uhr desselbigen Tages sein, als die schöne Katharina ihre Mutter auf die unbefangenste Weise von der Welt davon in Kenntniß setzte, daß sie einen kleinen Ausgang zu machen habe. Es kam dies nicht häufig vor und wäre auch, wenn es geschehen, der Mutter nicht absonderlich angenehm gewesen; denn sie mochte es nicht leiden, daß ihre Tochter viel allein herumgehe. Daher kam es denn auch, daß bei solchen Veranlassungen eine Menge von Fragen von Seiten der Frau Schoppelmann vorkamen, welche von Seiten der Tochter so gut, als es anging, beantwortet wurden. Heute waren dieser Einreden und Fragen wenige; denn Katharina hatte gleich Anfangs gesagt, sie gehe in Gesellschaft der Jungfer Strebeling, und diese war bei der Gemüsehändlerin als so vollkommen untadelhaft und nach jeder Richtung zuverlässig bekannt, daß sie gegen diesen Ausgang nichts einzuwenden hatte. Es sollte Spitzengrund und Zeichengarn eingekauft werden; auch ein paar Ellen Rosaband, sowie ein Stückchen dunkler Kattun, letzterer Behufs Ausbesserung eines Morgenrockes. So gingen also die beiden jungen Damen dahin; aber anstatt Spitzengrund und Kattun einzukaufen, wandelten sie geraden Weges zum Thore hinaus auf die Promenade und bogen am Ende derselben in den sogenannten Stadtgraben ab. Dieser Stadtgraben war zu traulichen Spaziergängen, namentlich aber in der Dämmerung und Nachtstunde, außerordentlich beliebt; es war der ehemalige wirkliche Stadtgraben, aus einer Seite mit einer himmelhohen Mauer versehen, die mit grünem Epheu dicht verkleidet war, im Ganzen ziemlich vertieft, auf der andern Seite an dichtes Laubwerk der großen Promenade stoßend. Ein kleines Bächlein floß hindurch, und absichtlich oder unabsichtlich, in diesem Theile der königlichen Anlagen geschah für Ausschneidung des Gehölzes sehr wenig. Das wucherte hier lustig und waldähnlich durch einander; das Einzige, woran man die sorgsame Hand des Gärtners erkannte, waren kleine, reinlich gehaltene Fußwege, die in Schlangenwindungen von den breiten Gängen der Promenade in den Stadtgraben führten, jetzt eine Strecke sichtbar blieben, dort zwischen dem Dunkelgrün verschwanden, hinten über einen kleinen Hügel wegliefen, wieder verschwanden, wieder zum Vorschein kamen, und die endlich zu einem heimlichen und traulichen Plätzchen führten, wie absichtlich gemacht für ein Gespräch zweier Liebenden. Weder von der Stadtmauer, noch von der Promenade sah man in diesen schattigen Grund; denn uralte Bäume, die da drunten emporwuchsen, breiteten ihre Aeste schützend darüber hin und deckten alles mit einem Mantel grünen Laubes zu. Bei allen Schönheiten, die der Platz darbot, können wir jedoch die Bemerkung nicht unterdrücken, daß derselbe, namentlich in der Dämmerung, einigermaßen verrufen war, und daß selbst bei Tage eine junge Dame, die sich hier hinein verlor, gerade nicht gesehen und gekannt sein wollte. Diskrete Menschen waren auch zart genug, das Geheimniß des Stadtgrabens zu achten. Es war das bei allen lebenslustigen Leuten der Residenz eine Art stillschweigender Uebereinkunft, sich hier nicht zu begegnen, und, wenn sie sich unglücklicher Weise begegneten, sich nicht zu kennen. Eugen, von dem wir uns in die Notwendigkeit versetzt sehen, sagen zu müssen, daß er mit den Licht- und Schattenseiten des Stadtgrabens vertraut war, hatte denselben zu jenem kleinen Rendezvous vorgeschlagen, in der guten Absicht, daß die schöne Katharina, welche sehr bekannt war, nicht so leicht gesehen würde; ferner hatte er nach langer Ueberredung seinen Freund und lustigen Rath vermocht, ihn zu begleiten, damit, wenn ihm wirklich Jemand begegne, sich das Mädchen doch nicht allein in seiner Gesellschaft befinde. So wanderten nun diese zwei Paare von verschiedenen Seiten dem Spaziergange zu. Eugen und der lustige Rath waren die Ersten auf dem Platze und ließen sich auf die Bank nieder, welche zur Zusammenkunft ausgemacht war. Katharina schritt mit klopfendem Herzen durch die Promenade. Sie athmete schwer und tief; sie ward bald roth und bald blaß; wenn ihr Jemand begegnete, so sah sie ängstlich hinter sich, indem sie meinte, der Begegnende bleibe stehen und schaue ihr unfehlbar in der Absicht nach, zu erfahren, wo sie hingehe. Ja, wenn die Bäume und Sträuche rauschten und ihre Zweige und Kronen schüttelten, so fuhr sie zusammen und glaubte allerlei unbekanntes Flüstern neben und vor sich zu hören. Jungfer Clementine Strebeling dagegen ging ungleich gefaßter, ungleich beruhigter an ihrer Seite. Sie kam sich wie eine halbe Heilige, wie ein Schutzengel vor, und wandelte dahin in dem Mantel ihrer Unschuld, der dick mit Tugend wattirt war. Zweiundzwanzigstes Kapitel. In welchem Jungfer Clementine Strebeling als Nebenperson zu einem Rendezvous geht und durch sonderbare Fügung beinahe zur Hauptperson wird Nach dem gestrigen Regen war der heutige Nachmittag frisch und angenehm. Der heiße Dunst des gestrigen Tages war vertrieben; Blumen, Kräuter und Moose streckten lustig ihre Köpfchen empor; das Laub der Bäume duftete; Schmetterlinge mit ihren bunten Flügeln schillerten auf dem dunkeln Grün und flatterten hin und wieder; ringsum war tiefe Stille, man hörte nichts vom Geräusche der Stadt, man konnte sich entfernt glauben von allen menschlichen Wohnungen – allein in der Einsamkeit. Jetzt näherten sich die beiden Mädchen dem Platze, wo Eugen und der lustige Rath hinter einem dichten Gebüsche versteckt waren; doch hörte ersterer sogleich den Klang der Schritte, die sich näherten, und sprang den beiden Damen entgegen. Katharina zitterte mehr als je, und es war ihr fast unmöglich, so viel Athem in ihre Brust zu ziehen, um den freundlichen Gruß des jungen Mannes zu erwidern. Dieser war so ungestüm daher gesprungen, daß man wohl die Absicht voraussetzen konnte, er wolle die schone Katharina ohne langes Bedenken an sein Herz drücken; doch prallte er einigermaßen betreten zurück, als er das alte Gesicht der Jungfer Strebeling erblickte. Das junge Mädchen stellte ihre Freundin und Ehrenwächterin vor; Clementine knixte außerordentlich tief und war taktvoll genug, sich nach einigen wenigen Worten hinter das vorhin erwähnte Gebüsch zu verlieren und die beiden Liebenden ihrem Schicksale zu überlassen. Wir können jedoch unmöglich verschweigen, daß die alte Jungfer, als sie sich Angesichts jener Bank befand und dort einen zweiten jungen Herrn erblickte, auf's Höchste erschrack und stehen blieb. Dieses Erschrecken verwandelte sich aber in ein wahrhaftes Entsetzen, so daß ihre Knie bebten, als nun jener junge Mann den Kopf aufhob und sie in ihm den erkannte, der sie vor einigen Tagen an dem Fenster so bedeutungsvoll und zart gegrüßt – der ihr gestern jenes Liebe athmende Billet geschrieben. Clementine überlegte einen Augenblick, ob es hier thunlich sei, in eine Ohnmacht zu fallen, oder ob es genug sei, wenn sie im Ausdrucke des höchsten Schreckens ihr Sacktuch vor die Augen presse; sie entschied sich für das Letztere und erwartete so gerüstet den Angriff jenes jungen Mannes. Der lustige Rath war ebenfalls ein wenig überrascht, als er hier so unverhofft eine Dame auftauchen sah, deren Gesicht er sich schwach erinnerte, schon irgendwo gesehen zu haben; doch schien er hierüber gar nicht bestürzt zu sein; denn er ahnte den Zusammenhang und erhob sich von seiner Bank, die alte Jungfer freundlich begrüßend. »Mein Fräulein!« sprach er, »Sie haben wahrscheinlich Ihre Freundin Katharina hieher begleitet, wie ich meinen Freund Eugen, und diesem Umstande verdanke ich das Glück, Sie wieder zu sehen.« »Gewiß, nur diesem Umstände,« sagte die alte Jungfer und blickte schüchtern und ängstlich unter ihrem Hute hervor, – »nur ganz allein diesem Umstände, gewiß keinem andern, – o Gott! gewiß keinem andern.« »Unsere jungen Leute,« fuhr der lustige Rath lächelnd fort, »sind den Weg dort hinab gegangen, und wenn Sie unterdessen mit meiner Gesellschaft fürlieb nehmen wollen, so würde ich mich außerordentlich glücklich schätzen. Hier ist ein sehr angenehmer Sitz; darf ich Sie vielleicht bitten, auf dieser Bank Platz zu nehmen?« Clementine leistete dieser Aufforderung Folge, setzte sich aber so weit wie möglich von Herrn Sidel entfernt; auch hielt sie trotz des tiefen Schattens, der ringsum lag, den meergrünen Sonnenschirm vor die Augen und wartete mit hochklopfendem Herzen der schrecklichen Dinge, die hier kommen würden. Sie hatte die feste Ueberzeugung, daß die gottlose Katharina die Zusammenkunft veranstaltet; sie saß da in dem fürchterlichen Bewußtsein, zu einem Rendezvous gekommen zu sein: sie hatte das schmerzliche Gefühl eines halbgefallenen Engels. Auf ihrem Gesichte spiegelten sich allerlei schreckliche Gedanken, und so oft der lustige Rath zufälliger Weise mit dem Fuße scharrte und leise hustete, schauerte sie zusammen, wie die Lotusblume; denn sie dachte, jetzt sei der große Augenblick gekommen, wo er gräßliche Worte der Liebe an sie sprechen und in einem großen Satz zu ihren Füßen sinken werde. Aber von allem dem geschah nichts; Herr Sidel, nachdem er einen Augenblick geschwiegen, brachte die gleichgültigsten Dinge vor; er meinte, es sei ein herrliches und erfrischendes Wetter, zugleich aber fürchte er, es werde morgen sehr heiß werden oder gar in der nächsten Nacht ein Gewitter kommen, wie gestern geschehen. Clementine faßte Muth und dachte: wie zart ist dieser junge Mann, wie versteht er es, sich zu mäßigen, wie weiß er das brennende Feuer seiner Liebe, das er in jenem Schreiben so glühend ausgedrückt, vor mir zu verheimlichen! – Gott! sie fürchtete immer, er werde jener Zeilen, die an sie gerichtet, erwähnen – doch er that das nicht. Nur einmal zitterte Clementine heftig zusammen; da nahm er nämlich seinen Stock zur Hand und schrieb damit einige Buchstaben auf die Erde, wobei er sie mit einem vielsagenden Blicke ansah. Weiter that er gar nicht, als ob je etwas zwischen ihnen vorgefallen sei. Clementine, entzückt über dieses äußerst zarte Benehmen, konnte nicht umhin, ihn mit einem dankbaren Blicke zu belohnen; doch hatte dieser dankbare Blick eine Beimischung von Liebe. Das andere Paar war unterdessen den schmalen Pfad hinabgegangen und hatte anfänglich auch nicht viel Besseres und Wichtigeres gesprochen, als Herr Sidel und Jungfer Strebeling. Sie hätten auch vielleicht gerade eine eben so große Entfernung zwischen sich gelassen, wie die eben Genannten, wenn das möglich gewesen wäre, aber der Weg, auf dem sie wandelten, war so außerordentlich schmal, daß sie nothwendiger Weise dicht neben einander gehen mußten. Dabei berührten sich zuweilen ihre Hände, und wenn das geschah, so erröthete Katharina und blickte verlegen auf die linke Seite, während Eugen lächelte. Dieses Berühren der Hände kam nun nach und nach häufiger vor und auf einmal stockte das gleichgültige Gespräch über Wetter und Blumen, und gerade in demselben Augenblicke, wo Eugen ihre kleine Hand faßte und mit einem sanften Drucke festhielt, blieb auch das junge Mädchen stehen und holte so tief Athem, daß es wahrhaft erschrecklich war. »Katharine,« sagte der junge Mann und machte den Versuch, sie an der Hand so weit herumzudrehen, daß ihr Gesichtchen, welches sie abgewendet hielt, sich nach ihm hinwandte; »Katharine,« wiederholte er nach einer kleinen Pause, »wie freut es mich, daß Sie gekommen sind, wie dankbar bin ich Ihnen dafür!« Es ist etwas ganz Eigenthümliches um einen schmalen Weg und um eine einmal ergriffene Hand; die Wärme, die herüber und hinüber strömt, hat eine wahrhaft magnetische Kraft, und magnetische Kraft hat die bekannte Eigenschaft, entweder zwei Körper von einander abzustoßen oder zu einander hinzuziehen. Hier geschah nun das Letztere, und als Eugen zum dritten Male den Namen »Katharine« aussprach, drückte er das glühende zitternde Mädchen fest an seine Brust und hob ihr Gesicht ein klein wenig in die Höhe, und wir müssen eingestehen, daß er sie zuerst auf ihre beiden Augen küßte, blos in der guten Absicht, die Thränen daraus zu entfernen, und dann auf den frischen, leicht geöffneten Mund. Nachdem dies geschehen, war es, als sei ein Bann von den Beiden genommen, als haben sie jetzt erst die Sprache gefunden, in welcher zwei Liebende überhaupt zusammen sprechen sollen. Da wurde alles das ausführlich erzählt und beschrieben, alle die Einzelheiten, die für ein junges Paar so wichtig sind und für andere Leute so außerordentlich langweilig: wann sie sich zum ersten Male gesehen, was jedes dabei gedacht, geglaubt und gehofft, was unterdessen Wichtiges vorgefallen sei, kleine Verleumdungen guter ältlicher Damen und Herren, die man gegenseitig über sich habe hören müssen, aber natürlicher Weise nie geglaubt. Bei diesen lieblichen Redensarten hatte Eugen die Hand des Mädchens losgelassen, dabei aber den Arm um ihre schlanke Taille gelegt – und so gingen sie dabin unter dem freundlichen Dickicht, lachend und plaudernd. »Wenn ich dich nur öfter sehen könnte, meine geliebte Katharine!« sagte Eugen und drückte das Mädchen fest an sich. »Ich bin dir freilich unendlich dankbar, daß du mir diese Zusammenkunft unter Gottes freiem Himmel gegeben; es war gut, daß ich dich hier zum ersten Male recht gesehen und gesprochen; mein Herz ist so voll Glück und Seligkeit, daß ich es in den engen Mauern eines Hauses nicht zu ertragen vermöchte. Aber ich will es nicht, daß du oft hieher kommst, wenn du auch aus Liebe zu mir nochmals in eine solche Zusammenkunft willigen würdest.« »Nicht wahr, Eugen,« versetzte hierauf eifrig das Mädchen, »nicht wahr, wir wollen uns hier nicht mehr sehen? Es könnte uns doch Jemand begegnen, und du weißt selbst, wie böse die Leute dann über ein armes Mädchen sprechen.« »Du hast ganz recht, mein Kind,« sagte Eugen innig und herzlich; »aber du bist kein armes Mädchen, du bist mein Kind, meine Liebe, mein Alles, meine kleine Braut.« Bei diesem letzten Worte wand sich das junge Mädchen scheu aus seinen Armen los und sah ihn lange mit einem ernsten Blick an. »Eugen,« sprach sie hierauf, »du mußt nicht so grausam mit mir scherzen: wenn du ein solches Wort aussprichst, so fühle ich es tief, wie Unrecht ich habe, deine Worte anzuhören, wie doppeltes Unrecht, dir zu sagen, daß ich dich so unendlich lieb habe.« »Und warum das, mein Mädchen?« sagte Eugen und zog sie wieder fester an sich. »Das weißt du besser, als ich es dir sagen kann,« entgegnete Katharina. »O Gott!« fuhr sie schmerzlich fort, »und wenn ich dir gestehe, daß ich fest überzeugt bin, unsere Liebe hat keine glückliche Zukunft – so mußt du mich für entsetzlich leichtsinnig halten, daß ich diese Liebe doch eingegangen; aber ich habe nicht anders gekonnt, Eugen, ich habe wahrhaftig nicht anders gekonnt! Wenn auch die Brüder hämisch über mich lachen, wenn auch die Mutter zürnt, wenn auch die Leute sagen: die Katharine rennt in ihr Unglück! so kann ich doch nicht anders, und so folge ich doch deinen Worten allein – glücklich und selig.« »Mein gutes, gutes Mädchen!« »Ich habe dir noch nicht gesagt,« fuhr Katharina eifrig fort, »daß meine Mutter bei der deinigen war – ja, sieh mich nur verwundert an: bei deiner Mutter, bei der Staatsräthin.« »Der Tausend!« sagte Eugen lächelnd, »und was hat sie da gethan?« »Nun, das kannst du dir denken; sie hat deiner Mutter gesagt, du liefest mir auf Schritt und Tritt nach, und ob das nicht vielleicht von hier aus zu ändern sei.« »Und die Frau Staatsräthin?« »Sie hat geantwortet, sie bekümmere sich um dergleichen Sachen nicht, du seiest von jeher deine eigenen Wege gegangen und würdest auch jetzt thun, was dir gut dünkte.« »Nun, siehst du, meine Katharine,« redete der junge Mann lachend, »was wollen wir machen? Wenn's meiner Mutter recht ist, daß ich dich meine kleine Braut nenne, wer hat sich denn sonst noch darum zu bekümmern?« »O, sprich nicht so!« sagte das Mädchen; »ich weiß leider, wie du mit deiner Mutter stehst, und du weißt genau, was für eine stolze Frau die Staatsräthin ist; sie bekümmert sich leider um dich gerade so viel, wie du dich um sie bekümmerst. Aber das kannst du mir glauben, wenn sie je erführe, daß du – so etwas zu mir gesagt, wie eben, es wäre ihr Tod.« »Was habe ich denn gesagt?« lachte der junge Mann, »daß du meine – « Katharina sah ihn ernst und fragend an. »Nun, sprich, was habe ich gesagt, du seiest meine – « »Eugen!« »Nun, wiederhole das Wort, ich möchte es gern aus deinem Munde hören, du seiest meine kleine Braut. Ich bitte dich, Katharine, sprich mir das Wort nach!« »Nein, nein!« »Mir zu lieb, ich bitte dich darum, sprich nach, was ich dir vorsage: ich sei – « »Ich sei – « sagte lächelnd das Mädchen. »Nun weiter!« »Deine kleine Braut« – fuhr Katharina mit leiser Stimme und erröthend fort. »Ja,« rief Eugen stürmisch und küßte sie auf die Stirn, »ja, du bist meine kleine, geliebte, schöne Braut! Bei allem, was mir heilig ist, du sollst es sein!« »Aber ich bin es nicht, gewiß nicht,« sagte ernst und ein wenig trotzig das Mädchen – »ja,« setzte sie nach einer Pause hinzu, »ich will es nicht sein; ich will dich nur lieben, unendlich lieben; ich will keine Versicherungen von dir, nur deine Liebe, deine Treue, mag kommen, was da will. – Sag kein Wort mehr darüber; laß mich in dem süßen Glauben, daß ich dir von mir aus etwas geben kann; nichts wiedergeben gegen große und glänzende Versprechungen; ich bin dein, ganz dein. – Nimm mich hin, aber liebe mich treu und wahr. Und wenn du nach einiger Zeit zu mir sagst: steh, Katharine, unser Verhältniß muß sich lösen, so werd' ich ohne Vorwürfe zurücktreten und werde mich glücklich fühlen in dem Bewußtsein, daß du mich wirklich und einzig geliebt – und, nicht wahr, Eugen, das kann ich jetzt von dir verlangen?« »Ja,« antwortete der junge Mann feierlich und drückte ihre Hand an sein Herz, »das kannst du von mir verlangen, und ich werde dieses Verlangen ehrlich und gewissenhaft erfüllen; ich nehme dich hin, wie du dich mir gegeben.« Von diesem Augenblicke an wurde die Unterredung wieder einsylbig, wie zu Anfang; aber es waren die Gedanken des jungen Mannes ganz anders geworden. Ihre Lippen sprachen nur einzelne Worte, und ihre Augen glänzten und glühten. – Unterdessen hatte sich der lustige Rath bestrebt, die Jungfer Clementine so angenehm und nützlich zu unterhalten, wie nur immer möglich, war aber dabei immer außerordentlich zart und zurückhaltend geblieben, wofür ihm die alte Jungfer auf's Innigste in ihrem Herzen dankte. Er hatte von den Vögeln des Waldes und von den Bäumen der Flur gesprochen; er hatte seine sämmtlichen botanischen Kenntnisse zu Hülfe gerufen und in seiner Eigenschaft als Elephantenführer das Uebermögliche gethan, damit der Ehrendame die Zeit nicht lange würde. Er hatte gesprochen von Sternen und Blumen, in kindlichster Einfalt, und Clementine hatte ebenso kindlich gelauscht. Nur einmal, und darüber schauderte sie noch nach acht Tagen, hatte sie in diesem harmlosen Gespräche die Offensive ergriffen und ihn gefragt, was eine Lotusblume sei, und darauf hatte sie zitternd gesessen, indem sie gefürchtet, er werde diese Frage zum Anknüpfungspunkte nehmen und darauf von seinem Herzen sprechen, das erzittert und gebebt unter der Liebe Macht. – Aber er that es nicht, er bezwang sich auch dieses Mal und versicherte mit einem lächelnden Blick, die Lotusblume sei ein orientalisches Gewächs und ihm nur aus Liedern bekannt. Aus Liedern, hat er gesagt und dann einen Augenblick geschwiegen? Wie dankte ihm Clementine in ihrem Innern auf's Neue für diese überzarte Aufmerksamkeit! Ja er trieb die Unbefangenheit noch weiter, und als er von der Lotusblume gesprochen und dann geschwiegen, bückte er sich zur Erde nieder und zupfte ein harmloses Gänseblümchen, daß er der alten Jungfer mit freundlichem Blick vor's Auge hielt. »Kennen Sie dies?« fragte Herr Sidel. »Ja wohl,« antwortete Clementine. »Kennen Sie auch das Spiel, das damit getrieben wird?« »Das Spiel, das damit getrieben wird,« wiederholte Clementine, und es fiel ihr plötzlich ein, daß junge, naseweise Mädchen die Blätter dieser Blume einzeln abzurupfen pflegen und dazu allerlei schreckliche Worte sprechen. »Um Gottes willen!« dachte sie, »hat er deßhalb nur von Blumen geredet, um nun zuletzt mit der gefährlichen Gänseblume einen Sturm auf mein Herz zu wagen?« »Sie kennen das Spiel nicht?« fragte Herr Sidel, über alle Möglichkeit unbefangen aussehend. »Ja, ich kenne es,« hauchte Clementine hervor. »Die Worte hiezu,« fuhr der schreckliche junge Mann fort, »werden hie und da verschieden gesprochen. Wie sagen die jungen Mädchen in hiesiger Stadt?« Die jungen Mädchen, hat er gesagt und hatte dazu die Gänseblume in ihre Hand gelegt? Dieser Augenblick war entscheidend, und die feinfühlende Clementine konnte es nicht über ihr Herz bringen, nachdem er sich auf so zarte, blumige Weise ihr genähert, ferner noch die Unempfindliche, die Hartherzige zu spielen; auch war er ihr bedeutend näher gerückt. »Nun, mein verehrtes Fräulein,« sagte der stürmische Mann, »so zupfen Sie einmal die Blättchen da ab und lassen sich prophezeien.« »Er liebt mich,« sagte erröthend Clementine. »Von Herzen,« setzte der lustige Rath hinzu. »Mit Schmerzen,« seufzte sie. »Ueber alle Maßen.« »Ein klein wenig.« »Ach, gar nicht,« sagte der lustige Rath; »aber weiter, weiter es sind nur noch wenige Blättchen da.« »Er liebt mich,« fuhr Clementine fort. »Von Herzen,« sagte er. »Mit Schmerzen,« lispelte sie. »Ueber alle Maßen,« jauchzte lustig und laut lachend Herr Sidel. »Nun, das ist prächtig, wertheste Jungfrau,« setzte er laut hinzu, »Sie können zufrieden sein, er liebt Sie über alle Maßen.« »O, wenn ich wüßte!« seufzte Clementine. »Was?« »Daß das Spiel nicht trügt.« »O, darüber beruhigen Sie sich,« wiederholte der lustige Rath und unterdrückte mit Mühe sein Lachen. »Das kann ich Sie versichern, wenn Sie einmal geliebt werden, so muß es über alle Maßen sein – über alle Schranken, ja, das ist nicht anders möglich. – Wollen Sie vielleicht noch einmal zupfen?« »Gott soll mich bewahren!« sagte erschrocken die alte Jungfer. »Ich bin zufrieden, denn er liebt mich ja über alle Maßen.« »Bravo, bravo?« rief in diesem Augenblicke eine lachende Stimme hinter der Bank, und Clementine, die bestürzt empor fuhr, sah das Gesicht der gottlosen Katharina, die am Arme des Herrn Eugen hinter ihr stand und wahrscheinlich die ganze Gänseblumenzupferei mit angesehen hatte. »Bravo, bravo!« wiederholte sie laut lachend, und ihre Augen glänzten vor Vergnügen. »Kommen wir vielleicht zu früh zurück? Stören wir?« »O, in dem Falle,« setzte Eugen lustig hinzu, »wollen wir Beide noch einen kleinen Spaziergang machen. Ihr habt nur zu befehlen.« »Ach, wie garstig!« sagte Clementine mit gesenktem Haupte, »wie complicirt abscheulich! so was hätte ich von Ihnen, Katharine, in meinem ganzen Leben nicht gedacht.« »Ich auch nicht von Ihnen,« versetzte vergnügt das junge Mädchen, »das ist ja erschrecklich!« »Er liebt Sie,« sagte Eugen. »Ueber alle Maßen,« setzte der lustige Rath hinzu. Dieses Wort sollte den unberufenen Zuhörern vergnügt und heiter klingen, aber Clementine glaubte einen tiefen Ernst zu verstehen, die schwere Bedeutung, welche in diesen dreien, an sich so unschuldigen Worten lag. – »Ueber alle Maßen,« hatte er gesagt und dabei dem Herrn Eugen mit dem rechten Auge zugeblinzelt. Ach! dieses Geblinzel im Uebermaß seines Entzückens konnte ihm Clementinens sonst so reizbares Herz verzeihen; war Eugen nicht sein Freund, und war es nicht begreiflich, daß der Freund dem Freunde durch eine kleine Pantomime zu verstehen gab: Ich habe gesiegt, ich bin im Reinen, ich liebe sie über alle Maßen? Ach! und er that es gar nicht so, als habe er wirklich erreicht, was er gehofft; er war so unbefangen und natürlich, und als Eugen ihn nochmals fragte, ob er mit Katharina nicht noch einen Spaziergang machen solle, antwortete er mit seltener Selbstverläugnung: »nein, nein!« und setzte hinzu: »Laß, Vater, genug sein des grausamen Spiels!« Somit waren diese Unterredungen zu Ende, und beide Paare gingen auf verschiedenen Wegen nach der Stadt zurück – die Promenade im Stadtgraben blieb in ihrer Stille und Einsamkeit hinter ihnen. Alles war glücklich von Statten gegangen und sie von keiner Menschenseele gesehen worden – so glaubten nämlich die zwei Paare. Wir aber, die wir in unserer Eigenschaft als Erzähler das Terrain sorgfältiger untersuchen müssen, als Jene es gethan, können leider nicht umhin, dem geneigten Leser zu eröffnen, daß jene Zusammenkunft nicht nur nicht ungesehen, sondern theilweise sogar nicht unbehorcht geblieben war. Wir glauben schon Eingangs der Beschreibung dieser Promenade bemerkt zu haben, daß hier eine Menge Singvögel ihre lustigen Lieder erschallen ließen, namentlich Nachtigallen, denen das schattige Gebüsch an den Ufern des kleinen Baches ein sehr lieber Aufenthalt war. Diese verschiedenen Singvögel nun als ein angenehmes Wild zu betrachten, war eine der Lieblingsbeschäftigungen des Herrn Konrad Schoppelmann, namentlich in Zeiten, wie die jetzigen, wo er sich im Besuche der Herrschaftswaldungen allzu sehr angestrengt hatte und dort jedem Jäger und Jägerburschen bekannt war wie ein bunter Hund. Dieses Einfangen von Singvögeln war auch eine Art Jagd, und als angenehme Abwechslung auf das Erlegen von Ratten wohl mitzunehmen. Herr Konrad Schoppelmann hatte nun leider diesen Morgen einige freie Stunden gefunden, welche er dazu anzuwenden beschloß, dem Stadtgraben einen Besuch zu machen und mit Netz und Falle einige arme Singvögel einzusaugen. Er saß zu diesem Zwecke, noch ehe die beiden Paare ankamen, nicht weit von oben erwähnter Bank, und war nicht wenig erstaunt, als er eine halbe Stunde später Menschenstimmen vernahm, und als er diejenige seiner Schwester, sowie des Herrn Eugen und der Jungfer Clementine erkannte. Er rührte sich nicht von der Stelle, er strengte seine Ohren übermenschlich an, um, so viel ihm möglich war, die geführte Unterhaltung zu vernehmen. Dieses gelang ihm einigermaßen bei der alten Jungfer und Herrn Sidel, aber nicht so bei seiner Schwester und Eugen. Doch sah er sie zusammen den kleinen Weg hinab gehen, und das war ihm vor der Hand genug. Nachdem die Sache beendigt war und er bei sich gedacht, jetzt könnten sie weit genug entfernt sein, erhob er sich auch und ging mit leeren Fallen und Netzen, aber trotzdem mit außerordentlich vergnügtem Herzen fort, dem elterlichen Hause zu. Unterwegs überlegte er, wie diese Sache eigentlich zu behandeln sei, um etwas daran zu verdienen; denn er betrachtete alles, was in diesem Leben vorkam, als zu diesem Zwecke erschaffen. Sollte er die Mutter davon in Kenntniß setzen? – gewiß, um der Katharina tüchtig Eins hinauf zu geben! aber vor allen Dingen sollte die Mutter aufs Feierlichste versprechen, gegen die Tochter nichts davon zu erwähnen. Der Jäger wollte das Wild sicher machen und calculirte so: Ich will schon dafür sorgen, daß Katharina mit der alten Jungfer nicht mehr zum Spazieren gehen kommt, und dann wirb es nicht lange anstehen, daß Herr Eugen Stillfried sich einmal verstohlener Weise in unsere Höhle schleicht – dann haben wir ihn und er soll mir jeden Besuch theuer bezahlen. – So dachte der Jäger und trat nach einer kleinen halben Stunde, innerlich triumphirend, in das alte Haus am Marktplatz. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Herr Konrad Schoppelmann, welcher mit leerer Jagdtasche heimkehrt, bringt doch allerlei mit nach Hause Madame Schoppelmann saß vor dem großen Herd, auf welchem jetzt ein größeres Feuer brannte, als neulich des Morgens, denn nebendem, daß sie ihren Nachmittags-Kaffee kochte, ließ sie Butter aus in große Töpfe, welche sie alsdann zum Winterbedarf an ihre Kunden verkaufte. Katharina war auf ihrem Zimmer; davon überzeugt, erkundigte sich Konrad zuerst durch eine anscheinend ganz gleichgültige Frage nach ihr. Er setzte sich an den Tisch, stützte den Kopf in die Hände und sah einen Augenblick der Arbeit der Mutter aufmerksam zu, indem er hohnlächelnd bei sich dachte: »Na, den Spektakel wollen wir sehen, wenn die Alte dergleichen Geschichten von ihrem Herzblatt erfährt!« Obendrein schien Madame Schoppelmann sich durchaus in keiner rosenfarbenen Laune zu befinden, und wenn sie, wie es jetzt der Fall, verdrießlich war, so pflegte sie halblaute Selbstgespräche zu halten, sich selber Red' und Antwort zu geben, woraus alsdann ein aufmerksamer Beobachter leicht erfahren konnte, um was es sich bei ihr eigentlich handle, und der Jäger merkte demgemäß auch schon nach einigen Augenblicken, daß er für die Geschichte, die er auf dem Herzen hatte, keine bessere Stunde hätte wählen können. »Sitz' ich da auf dem Markt,« brummte die Gemüsehändlerin und drehte den Topf mit der heißen Butter, damit er auf allen Seiten gleich warm würde, »sitz' ich da auf dem Markt und kommt die Köchin der Staatsräthin daher. Guten Morgen sag' ich – danke schön, sagt sie und seufzt. Was soll's mein Kind, frag' ich, braucht Sie etwas Extra's – speist der Justizrath im Hause? – ein paar Feldhühner – wie? – – und da seufzt denn die alte Creatur wieder und sagt: ach, Frau Schoppelmann, das ist ein wahres Kreuz und ein wahres Unglück für mich.« – – – – Hier murmelte die alte Frau eine Zeit lang so leise, daß man es unmöglich verstehen konnte, dann aber fuhr sie desto lauter fort: »mich soll der Teufel holen – hat die Staatsräthin verboten, von mir, der Frau Schoppelmann, ferner etwas zu kaufen – es ist unglaublich, aber wahr! Hat nicht die Köchin, das arme Weibsbild, ordentlich geweint, daß ich die noch obendrein trösten mußte – weiß Sie was, sagte ich, da ist vor der Hand nichts zu ändern. – Ach Gott, nein! sagte sie. – Geh' Sie zur Plunker, sagte ich. – Zur Plunker? fragte sie. – Die ist nach mir die Beste, sagte ich, eine brave Frau, und wenn sie etwas nicht hat, so kann's die Plunker bei mir holen. – Wein' Sie nicht, mein Schatz, es kommen noch Zeiten, wo die Schoppelmann wieder zu Ehren gelangt,« – Hier rückte sie den Buttertopf näher an's Feuer. – »Ja, zu großen Ehren – aber als sie nun fort ging und der Plunker das Geld hinzählte, kam doch über mich ein gewaltiger Zorn – daß dich ein Donnerwetter! dachte ich,« – Madame Schoppelmann stieß bei diesen Worten so grimmig in die brennenden Kohlen, daß sich Tausende von Funken zischend den schwarzen Schornstein hinaus flüchteten. – »So was muß man sich bieten lassen – und wer ist an allem dem Schuld? – Niemand, als der saubere Herr Eugen. – Ja – ja – ja – ja – wenn wir nur nicht noch Schlimmeres erleben.« »Dazu sage ich Amen,« mischte sich Konrad mit lauter Stimme in's Gespräch. Die Frau drehte sich überrascht herum; denn dergleichen Selbstgespräche waren bei ihr wie eine Art Nachtwandlerei, und wenn sie durch ein lautes Wort daraus gestört wurde, dann schrack sie zusammen. »Na, wenn du Amen sagst,« sprach sie nach einer Pause, »dann muß es was Schönes sein!« »Ich sagte Amen auf Eure Reden.« »Ach, ich sprach nicht mit dir darüber.« »Aber ich möchte mit Euch darüber sprechen.« »Ei, sieh doch,« entgegnete die Frau, »Hab' ich nicht Herzeleid genug, mußt du noch was dazu lügen?« »O, keine Lüge,« sagte lächelnd Konrad, »dies Mal was ganz Wahres. – Und nun erzählte der freundliche Bruder, wie und wo er draußen die Schwester gesehen, mit welcher Beschäftigung, in welcher Gesellschaft, und wenn auch, wie der geneigte Leser weiß, die Sache an sich nicht von ihm erfunden war, so machte er doch solche Zusätze und Bemerkungen, daß die Mutter noch viel Schlimmeres glauben mußte, als wirklich geschehen, und sie legte darauf die Hände in den Schooß und saß da starr vor Entsetzen. »Und das ist alles wahr, Konrad?« fragte sie nach einer Pause, »und nichts daran gelogen?« »Nicht das Geringste!« sagte der Sohn, »aber die Sache ist noch nicht zu Ende.« »Und die alte Schachtel war dabei, das miserable Weibsbild, die so fromm und scheinheilig thut, daß man glauben könnte, sie habe keinen Begriff davon, daß es auch Mannsbilder in der Welt gebe?« Konrad nickte befriedigend mit dem Kopfe. »Die war dabei,« sagte er, »aber hört weiter, und Ihr sollt künftig nicht mehr sagen, daß wir uns um nichts Ordentliches bekümmern. Ich ging den sauberen beiden Herren nach und holte sie noch vor dem Thore ein. Guten Morgen, Herr von Stillfried, sagte ich zu diesem, wollen Sie mir nicht ein Wort allein vergönnen? Und darauf trat der Andere auf die Seite.« »Der Schulmeister, der sich mit ihm herumtreibt?« fragte die Mutter. »Derselbe; und nun sagte ich sehr ruhig und höflich: Herr von Stillfried, ich habe Alles gesehen und gehört, und darauf wurde er so blaß wie Eure Schürze und wollte davon gehen. Daraus wird nichts, sagte ich ihm und faßte ihn am Arm; wir sind, sagte ich, freilich nicht so vornehm wie Sie, sagte ich, aber wir sind brave Bürgersleute, sagte ich, und wir haben eine Mutter daheim, sagte ich, wenn die das erfährt, kann es ein Unglück geben. – Was wollen Sie eigentlich? sagte er. – O! sagte ich, Herr von Stillfried, man lauft nicht nur so mit den Bürgermädels in dem Stadtgraben umher, der ganzen Stadt zum Spektakel, und ich bin der Bruder, sagte ich, und frage Sie nun ein für allemal: was haben Sie mit der Katharine vor? sagte ich; – darauf lachte er laut auf und der Schulmeister trat näher.« »Nun?« fragte die Frau Schoppelmann und griff nach ihrem gewichtigen Schüreisen; »weiter! weiter!« »Wenn Sie mit der Katharine öffentlich gehen, sagte ich, und sie in der Leute Mäuler bringen, sagte ich, dann müssen Sie sie auch heirathen, sagte ich.« »Nun?« Konrad zuckte die Achsel und spielte einen Augenblick den Zurückhaltenden; doch die Gemüsehändlerin stand von ihrem Sitze auf, eilte zu ihm hin und rief: »Sprich! ich will Alles wissen! was sagte er darauf?« »Nun, er lachte und meinte, wie ich ihm nur so dummes Zeug sagen könne; denn Katharine, Eure Tochter, sei gut genug zum Amusement und wolle auch nicht weiter. Ich aber sei ein Narr und solle mich nur um mich bekümmern.« Nach diesen Worten stand die dicke Frau wie erstarrt, sie riß ihre Augen weit auf, öffnete den Mund zum Sprechen, brachte aber kein Wort hervor; auch spielte ihre Gesichtsfarbe in's Dunkelrothe, und sie schnappte so ängstlich nach Luft, daß der gute Sohn und Bruder erschrocken hinter dem Tische hervorsprang, die Mutter am rechten Arm faßte und sie auf's Kräftigste zu schütteln begann – ein Mittel, das schon oftmals in ähnlichen Fällen die gewünschte Wirkung nicht verfehlt hatte. Auch jetzt brachte es das stockende Blut der dicken Frau auf's Neue in Umlauf; sie ließ sich auf einen Stuhl nieder, der an dem Tische stand, und Konrad sah zu seiner größten Befriedigung, daß ein paar Thränen über ihre dicken Backen rollten. »Und du hast diesen Kerl nicht sogleich zu Boden geschlagen?« fragte die Frau schluchzend; »du führst ja sonst dergleichen immer in deinem Munde – du hast ihn wahrhaftig nicht zu Boden geschlagen?« Konrad zuckte betrübt die Achsel und sagte: »Ihr könnt Euch denken, wie mir die Faust gejuckt, aber was war da zu machen? Der Schulmeister hätte mich nicht genirt; aber denkt Euch doch, es war ganz nahe am Thor, die Soldaten lungerten auf den Steinen an der Chaussee und die Schildwache spazierte auf und ab. Da wäre ich ein rechter Narr gewesen! Ich ließ ihn laufen und dachte: du entgehst mir gewiß nicht.« »Das hoff' ich auch,« sprach die dicke Frau und schlug mit der rechten Faust auf die linke Handfläche; »dem soll das nicht so hingehen, und die Katharine, die jag' ich aus dem Hause, und das gleich!« – Sie wollte sich erheben, doch Konrad drückte sie derb auf den Stuhl nieder und sagte: »Nun seht mir wieder, wie Ihr seid, man kann wahrhaftig mit Euch nicht sprechen! Was wollt Ihr jetzt thun? Ein Geschrei anfangen, der Katharine Alles wieder sagen, daß die es ihrem Liebhaber mittheilt und der sich in Acht nimmt! – Bewahre, bewahre! Nichts dürft Ihr sagen, keine Sylbe der Katharine – seid doch klug!« »Und wenn es ein Unglück gibt?« fragte besorgt die Mutter. »Dafür laßt mich und den Fritz sorgen; wir behüten sie wie unsere Augen, und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn sich der Herr Eugen nicht nächstens einmal hier in's Haus verliert, und dann« – schloß Konrad und ballte die Faust – »laßt mich nur machen!« Die Unterredung wurde jetzt zu einem plötzlichen Ende geführt, indem die geschmolzene Butter aus dem Topfe über und in's Feuer lief, wodurch ein solches Geprassel, ein Gestank und Dampf entstand, daß die dicke Gemüsehändlerin, die neben der Mutterpflicht auch noch andere zu erfüllen hatte, erschrocken zu ihren Töpfen hineilte, so schnell, als es ihre Körperfülle erlaubte. Konrad ging, seinen Bruder Fritz aufzusuchen, und sagte noch im Weggehen: »Also, Mutter, kein Wort zu der Katharine, sonst verderbt Ihr die ganze Geschichte!« Hierauf winkte Madame Schoppelmann mit der Hand, als wollte sie sagen, sie wisse schon, was zu thun sei, und blieb alsdann mit ihren Gedanken allein. Der geneigte Leser ist so gut wie wir überzeugt, daß der junge Herr Schoppelmann der Mutter die Erzählung von der Zusammenkunft in einer unsauberen Brühe von Dichtung und Wahrheit vorgetragen. Vierundzwanzigstes Kapitel. Worin Jungfer Clementine Strebeling große Beweise ihres guten Herzens, aber gar keine von Lebenserfahrung gibt. »Geliebteste Clementine! »Ja, ich kann mir schon erlauben, über das Theure hinwegzuhüpfen und Sie in einem Prädikat zu begrüßen, wie es aus der Fülle meines liebenden Herzens gewaltsam herausquillt. Nicht um alle Schätze der Welt – so nöthig mir von diesen Schätzen Einiges wäre – gäbe ich die Erinnerung der gestern mit Ihnen verlebten Stunden. O Gott, wie war ich so glücklich! Wie zittert noch jetzt meine Hand, indem ich es niederschreibe. Das war eigentlich zu viel Glück an Einem Tage. Ihre lieben Zeilen, welche ich durch die brave und würdige Frau Schilder erhielt, und jene Zusammenkunft an Einem Tage! Ach, geliebteste Clementine, konnte ich doch frei über meine Zeit verfügen, wäre ich doch nur in anderen Verhältnissen! Doch so bin ich ein armes, gefesseltes Wesen. – Aber, o Gott! wie kann man so etwas mit der Auserkorenen seines Herzens sprechen? Ich würde es auch nicht thun, wenn nicht meine grenzenlose Liebe mir den Muth dazu gäbe. Ach, wie gesagt, ich bin ein armes, gefesseltes Wesen, ja, gefesselt und geknechtet durch die drückenden Verhältnisse dieses miserablen Lebens – aber sprechen wir nicht mehr davon, kein Wort mehr hierüber! Nichts soll im Stande sein, mir etwas Näheres über diese meine Verhältnisse zu entlocken. Wen würde es auch interessiren? Sie? o Gott! Sie – du – Clementine! – – – – – Weg mit diesen Gedanken! Sie blitzen Höllenflammen in mein Herz. »Auch die Frau Schilder, welche meine Verhältnisse genau kennt, habe ich aufs Dringendste beschworen, nie etwas darüber auszusagen. O, Clementine! machen Sie keinen Versuch, diese würdige Frau zu veranlassen, daß sie ihr ehrenhaftes Stillschweigen breche. »Bis dahin » Ihr ewig treu Liebender .« Diesen Brief erhielt Clementine an einem der nächsten Tage früh des Morgens; sie hatte kaum ihren Kaffee zu sich genommen. Es war, wenn wir anders nicht irren, ein Sonntag. Draußen läuteten sämmtliche Glocken der Stadt, und im Nebenzimmer sang die Choristin des königlichen Hoftheaters: Ist denn Liebe ein Verbrechen, Darf man denn nicht zärtlich sein? Abends war nämlich die Zauberflöte, und solcher Gestalt prävarirten sie sich zu der Probe, die diesen Morgen noch Statt fand. Clementine las das Schreiben ein-, zwei- und dreimal durch und weinte, daß die Menschen nach ihrer Meinung so unglücklich seien. Denn welch' gefühlvolles Herz in dieses Schreiben hineinblickte! Sie konnte nur einen Augenblick zweifeln, der Verfasser desselben sei unglücklich, er bedürfe sehr eines freundlichen Trostes, und ihm diesen Trost zu reichen, ja auch Hülfe, wenn es nöthig sei, dazu war Clementine augenblicklich entschlossen. Aber nie sollte sie etwas von seinen Verhältnissen erfahren? Wem waren diese Verhältnisse bekannt? Niemanden als der würdigen Frau Schilder. Und hatte er nicht ausdrücklich gebeten, mit den rührendsten Worten gefleht, gerade dieser braven Frau nie das Geheimniß seines Lebens zu entlocken? Clementine sann lange hin und her und seufzte tief: O Gott! Welcher Art konnten diese Verhältnisse sein, in welchen sich der junge Mann befand? Fesselten ihn am Ende andere zarte Bande oder war er – o schrecklicher Gedanke! – vielleicht mehrfacher Familienvater und durch ihren Anblick zum Verbrecher geworden? Darum mußte Clementine Gewißheit haben, und zum ersten Male, so lange sie denken konnte, folgte sie nicht dem harmonischen Läuten der Kirchenglocken und ging mit zuckendem Herzen in die Nebengasse und dort in das Haus der Frau Schilder hinein. Die braue Wirthin saß in ihrem Hinterstübchen allein und hatte etwas in der Hand, das bei näherem Betrachten wie ein schmieriges Gebetbuch aussah. Sie schien diesen Morgen außerordentlich taub zu sein, denn sie vernahm durchaus nichts von den Schlitten der Ankommenden, hörte nichts von dem Geräusch, mit welchem sie die Thüre öffnete, und vernahm nichts von dem guten Morgen, mit welchem dieselbe sie begrüßte. Clementine sah sich genöthigt, ihr Sprachorgan bedeutend anzustrengen und der tauben Wirtin mit übergroßer Anstrengung einen freundlichen guten Morgen zu wünschen. Entsetzt blickte diese in die Höhe, nickte einfach zum Gruß mit dem Kopfe und machte eine Bewegung mit der Hand, welche ausdrücken sollte: laß mich meine stille Andacht vollenden. Darauf las sie nur einige Augenblicke weiter in dem Buche, blickte zum Himmel und dann erhob sie sich von ihrem Sitze und reichte der alten Jungfer zur Begrüßung die Hand. Clementine knixte schüchtern; da sie wußte, daß die Frau Schilder an Schwerhörigkeit leide, so brachte sie ihren Mund, so weit es thunlich war, an das Ohr dieser würdigen Frau und lispelte: »Ich habe den Brief gelesen.« »Wirklich?« entgegnete die Wirthin, und auf ihrem gleichgültigen Gesichte war nicht die geringste Theilnahme zu lesen. »Ich möchte mit Ihnen darüber sprechen,« fuhr die alte Jungfer fort. »Mit ihm sprechen?« sagte die Wirthin, »schon wieder?« »Ach nein,« erwiderte erröthend Clementine, »ich möchte mit Ihnen über diesen Brief sprechen.« »Ah, ich verstehe!« meinte Frau Schilder, ich soll mit ihm über diesen Brief sprechen.« »O Gott! Nein! nein!' rief Clementine mit aller Kraft ihrer Lungen. »Ich habe Sie nicht recht verstanden, scheint mir,« sagte die Wirthin mit dem unschuldigsten Gesichtsausdruck. »O, es ist ein wahres Unglück; ich werde bald gar nichts mehr hören! Wissen Sie was, Jungfer Clementine? Gehen wir in mein oberes Stübchen, da kann ich meine Haube abnehmen und höre besser.« – Die gute Frau wollte in ihrer Unterredung mit der liebenden alten Jungfer nicht gestört sein; diese ging auf den Vorschlag ein, und Beide begaben sich eine Treppe hinauf, in das Zimmer, welches wir bereits kennen, nachdem Frau Schilder ihre Hausthüre vorher sorgfältig verschlossen. Dort oben nahm sie ihre Haube ab, strich sich die Haare von den Ohren hinweg und sagte: »Nun wird's besser gehen. Was soll es, mein Kind?« »Ich habe hier einen Brief bekommen.« »Ja.« »Und darüber möchte ich mit Ihnen sprechen.« »Ah so! Wir Beide zusammen über den Brief?« Clementine nickte mit dem Kopfe. »Ich möchte nun vor allen Dingen wissen,« fuhr sie fort, »wer er ist, der mir jetzt schon zweimal geschrieben hat.« »Wer er ist?« sagte die Frau mit einem Blick zum Himmel und schlug die Hände zusammen. »Wer er ist? Ein braver, junger, armer Mensch, aber so geschickt, so gut, so fleißig, es gibt keinen Zweiten der Art.« »Das glaube ich Alles, Frau Schilder,« sagte gerührt Clementine, »aber wie heißt er und was hat er für ein Geschäft?« »Ja so, wie er heißt?« antwortete die Frau; »das hat er noch nicht einmal geschrieben? O der bescheidene, schüchterne, junge Mensch. Das ist ein Kleinod, Jungfer Strebeling; darauf können Sie stolz sein.« Clementine schlug erröthend die Augen zu Boden und sagte nichts. In diesem Augenblicke flog über die verwelkten Züge der Frau Schilder ein lebhaftes, höhnisches Lächeln und erhellte ihr Gesicht, wie der Blitz den zerstörten Kirchhof. »Aber wie er heißt?« fuhr die alte Frau nach einer Pause fort; »er heißt Johannes Müller und ist ein armer Kandidat der Theologie.« »Er will also ein Pfarrer werden?« fragte Clementine mit einem seligen Gefühl. »Ja, er möchte wohl,« meinte die alte Frau, »aber es fehlen ihm die Mittel. Er ist da bei dem Herrn Stillfried,« setzte sie leiser hinzu, »eine Art von Sekretär oder so was. Ach, das ist eine Existenz, Jungfer Clementine, bei so einem wilden, ausschweifenden jungen Menschen!« Clementinen überlief es eiskalt, und sie dachte an die arme Katharina. »Und warum bleibt er denn bei dem Herrn?« fragte sie nach einer Pause. »O Gott! wo sollte er hin?« entgegnete die Frau Schilder und faltete mit dem wehmüthigsten Gesichtsausdrucke ihre Hände; »wo sollte er hin? Ach, es ist ihm schon lange verhaßt, das Leben, und die Zeit ist gekommen, wo er sich noch ein halb Jahr auf die Universität zurückziehen sollte, um sich zum letzten Examen vorzubereiten. Sie wissen doch, daß die Theologen acht Examen machen müssen, und sieben hat er schon glänzend bestanden, ungeheuer glänzend. Jetzt noch das achte, und dann wird er ein evangelischer Pfarrer und würde augenblicklich heirathen, wie es diese Herren in dem Falle immer zu machen pflegen.« »Schweigen Sie davon,« sagte die alte Jungfer mit niedergeschlagenen Augen. »Nein, es ist wahr,« fuhr Frau Schilder eifrig fort, »gewiß und wahrhaftig, dann heirathen sie augenblicklich, wenn sie eine gesetzte, sittsame, ruhige und gottgefällige Jungfrau finden.« »Und warum thut er das nicht?« fragte Clementine, die den letzten Satz überhören zu wollen schien. »Was? das Heirathen?« »Ach nein! Das Fortgehen, das achte Examen machen!« Frau Schilder strich bei dieser Frage ihre Schürze glatt und sagte nach einem längeren Stillschweigen: »das darf ich nicht sagen, das hat er mir streng verboten.« »Aber ich bitte Sie, Frau Schilder!« »Nicht um alle Schätze der Welt! Ich habe ihm das feierlich gelobt, und Sie wissen, ein Gelöbniß muß man halten. Wozu nützt es auch, hat er gesagt, wozu nützt es auch, was in ihren Augen – damit meinte er Sie, Jungfer Clementine – was mich vor ihr, die ich liebe, nur herabsetzen könnte?« Wenn die Jungfer Strebeling ebenso schlau gewesen wäre, wie die Frau Schilder, so hätte sie in diesem Augenblicke, um das zu erfahren, was sie erfahren wollte, nicht schlauer handeln können, als sie ohne Absicht that, daß sie nämlich ganz still schwieg und in tiefes Nachsinnen versank. »Hollah!« dachte die würdige Dame; »mir gegenüber will sie wirklich nichts weiter wissen, will sich zurückziehen, da muß ich wahrhaftig ein Bischen nachhelfen. – »Ja, wenn es was nützen könnte,« sagte sie mit einem tiefen Seufzer, »dann würde ich mich wahrhaftig seinem ganzen Zorne aussetzen und sein Geheimniß verrathen.« »Nützen,« entgegnete Clementine mit leuchtenden Blicken; »warum das nicht, meine gute Frau Schilder? Wenn ich ihm helfen kann, wenn ich ihm nützen kann, so ist ihm schon geholfen. Sprechen Sie ohne Scheu!« »Aber wollen Sie mich nicht verrathen?« bat die Wirthin; »wollen Sie nie sagen, daß ich mit Ihnen über diese Angelegenheit gesprochen?« »Gewiß nicht!« »Nun denn, so hören Sie! Gott! ich habe von der Sache so viel schon verrathen, was ich nicht hätte thun sollen, daß das Bischen mehr oder weniger auch nicht viel ausmachen wird.« »Nun denn!« »Also! Um jeden Preis würde Herr Johannes Müller das Haus des Herrn Stillfried verlassen, es wäre sein sehnlichster Wunsch, sich in eine Universitätsstadt zurückzuziehen und dort eifrigen Studien obzuliegen, um seinem heiß ersehnten, glückseligen Ziele sich nähern zu können – Sie kennen jenes Ziel, Jungfer Strebeling.« »Weiter! weiter!« »Aber! Nun ja, es muß endlich heraus: es fehlen die Mittel hierzu; gewiß, es wird mir schwer, es auszusprechen: es fehlt ihm an – Geld.« »Und ist das Alles?« fragte Clementine mit freudigen Blicken, und dabei lächelte sie so glücklich, »ist das wirtlich Alles? Sind das die drückenden Geheimnisse unseres theuren Freundes Johannes? Nun, diesem Mangel kann gewiß abgeholfen werden, liebe Frau Schilder, ich versichere Sie, es wird ihm abgeholfen.« »Glauben Sie?« fragte die Frau mit zweifelhaft tönender Stimme; »glauben Sie wirklich? Aber wer könnte sich für den armen jungen Müller verwenden?« »Wer?« fragte erstaunt Clementine; »nun, wer sonst, als ich? Nennen Sie mir die Summe dieses Bedarfs, und wenn es in meinen Kräften steht, sie ihm zu geben, so bin ich gern dazu bereit.« »O, Sie sind ein Engel!« sagte die Frau; »Ihnen muß es gut gehen!« Und darauf blickte sie gen Himmel und murmelte etwas, das wie ein Gebet klingen sollte. »Aber nein!« fuhr sie nach einer Pause fort: »das kann und wird Herr Müller niemals annehmen. Nie, nie, gewiß nie! Wenn ich ihm damit komme und ihm sage, ich hätte Ihnen seine Lage verrathen, und hinzusetzen muß, Sie wollten ihm helfen – das überlebte er nicht, das drückte ihn zu Boden.« »Aber Sie können es ja anders einkleiden! Sie kennen ja gewiß seine Familie vollkommen, Sie können z. B. sagen: ein entfernter Verwandter, ein Vetter, ein Onkel und dergleichen habe an ihn gedacht.« Frau Schilder beobachtete langes Stillschweigen und schien in ihrem Herzen das Für und Wider dieses edlen Vorschlages reiflich zu überlegen. Oftmals schüttelte sie heftig den Kopf, und Clementine saß dabei, in der quälenden Erwartung, die Frau würde sagen: nein, es geht nicht, es geht wahrhaftig nicht! Aber dies that diese ehrwürdige Frau im Dienste des Herrn Johannes Müller nicht. Sie seufzte tief auf, sie verdrehte die Augen auf eine schreckliche Art, sie fuhr mit der Hand über ihr Gesicht, als ob sie ihre Thränen abwischte, und dann reichte sie dieselbe Hand der Jungfer Strebeling dar und sagte in entschlossenem Tone: »nun gut, ich will es wagen. Schicken Sie mir das Geld, ich will sehen, ob er es annimmt; aber wenn er es nicht thut, so müssen Sie es augenblicklich zurücknehmen, und dann schwöre ich Ihnen zu, daß ich nie mehr einen Schritt in der Sache thue. O, der Herr Müller ist so zart, so gefühlvoll! Sie haben gar keine Ahnung davon.« »O doch, doch!« sagte Clementine lächelnd vor sich hin und dachte an das Gespräch bei der Zusammenkunft im Stadtgraben, namentlich aber an das Gänseblümchen. Nachdem die Unterredung so weit gediehen, waren beide Theile froh, daß sie über diesen delikaten Punkt im Reinen waren. »Nur die Größe der zu gebenden Summe muß noch festgestellt werden,« meinte Clementine. »Um Alles in der Welt,« drohte Frau Schilder, »über diesen so außerordentlich delikaten Punkt kein Wort mehr verloren!« Es bedurfte der ganzen Ueberredungskraft Clementinens, um aus der ehrwürdigen Frau Schilder die Erlaubniß heraus zu bringen, daß sie geneigt sei, das ungeheure Kapital von 400 st. dem Candidaten der Theologie, Herrn Johannes Müller, einzuhändigen. Sie wehrte sich anfänglich ungeheuer dagegen und konnte nur endlich dazu vermocht werden, ihre Einwilligung zu geben, nachdem sie bedacht, daß das Examen deßhalb um so glänzender ausfallen dürfte und die Pfarrstelle, die er vier Wochen darauf unfehlbar erhalten müßte, um so fetter sein würde. So trennten sich die beiden Damen nach dieser Verhandlung, welche in vielerlei Hinsicht für Jungfer Clementine Strebeling von großer Bedeutung war. Als Frau Schilder sich wieder allein in ihrer Schenkstube befand, ging sie mit vergnügten Schlitten auf und ab und klopfte nachdenkend mit der linken Faust auf die rechte Handfläche. »Vierhundert Gulden,« murmelte sie, »die Hälfte wäre zweihundert; aber das will ich den beiden Galgenstricken sagen: gleich werden an diesem Gelde ihre alten Schulden abgerechnet. Ich hab' es satt, ihnen all' den Verzehr Jahre lang in meinen Büchern nachzutragen. Doch da kommen sie schon, die haben gewiß auf der Lauer gelegen.« Und dem war also. Der Fuhrmann hatte Clementinen gesehen, wie sie sich in die Klause der Frau Schilder begab, und ebenfalls bemerkt, wie sie nach einer kleinen halben Stunde mit freudestrahlendem Gesicht wieder heraus kam. Darauf waren Beide, der Fuhrmann und der Jäger, gekommen, um sich zu erkundigen, wie die Sache eigentlich stehe. »Nun,« sagte der Fuhrmann beim Eintritt in die Stube, »sitzt der Fisch an der Angel? Haben wir einen guten Zug gemacht?« »Ach, geht nur, geht!« sprach die Frau plötzlich sehr mürrisch, »wir thun wahrhaftig groß Unrecht in der Geschichte; ich sollte meine Hand nicht dazu bieten.« »Es ist Sonntag,« flüsterte der Jäger seinem Bruder zu, »und da hat sie einen moralischen; 's wird schon wieder vergehen. Na, bringt 'mal zwei Schoppen vom Besten!« fuhr er laut fort, »und dann rückt heraus; 's ist sicher was Gutes vorgefallen!« Der Wein wurde gebracht, das würdige Kleeblatt setzte sich um den Tisch, und die Wirthin erzählte, was zwischen ihr und der Jungfer Strebeling vorgefallen. Wir sind wirklich selber erstaunt, dem geneigten Leser mittheilen zu müssen, daß sie die reinste Wahrheit berichtete und daß sie der ganzen Summe von vierhundert Gulden erwähnte, welche sie der alten Jungfer herausgelockt. »Das arme Thier!« sagte sie am Ende ihres Berichts; »ich habe mich fast geschämt über der ganzen Unterredung, die ich mit ihr hatte, und wenn sie nicht so bereitwillig von selbst eingegangen wäre, ich wäre nicht im Stande gewesen, sie zu überreden.« »Geschämt?« versetzte lachend der Fuhrmann. »Na, Frau Schilder, das Wort kennt Ihr nicht.« »Es ist schon etwas Wahres dran,« entgegnete verdrießlich die Frau, »in Eurem Umgang muß man alles Schamgefühl ablegen.« »Warum habt Ihr uns so schlecht gezogen?« sagte der Fuhrmann, »wir sind doch bei Euch von klein auf in die Schule gegangen.« »Laßt die Komplimente bleiben!« meinte die Frau; »wir sind nun einmal im Geschäft – wie haben wir doch neulich ausgemacht: ich die Hälfte und Ihr Beiden zusammen auch die Hälfte?« »So ist's.« »Das macht für Jeden von Euch, hundert Gulden.« »Rechnen könnt Ihr,« lachte der Fuhrmann; »so zahlt denn aus, gute Frau.« »Gemach, gemach!« entgegnete die Wirthin, »so weit sind wir noch lange nicht. Erstens hab' ich das Geld noch nicht bekommen, und zweitens werdet Ihr es gewiß nicht unbillig finden, wenn ich einmal mit dem Antheil von den hundert Gulden, die Jeder von Euch bekommt, einen Theil unserer Rechnung lösche.« Die beiden Brüder sahen einander an. Obgleich sie große Lust zu haben schienen, ihrem gerechten Unwillen über diesen Vorschlag Luft zu machen, so konnten sie doch im nächsten Augenblick nicht umhin, in lautes Gelächter auszubrechen. »Hab' ich's denn nicht gesagt,« meinte der Fuhrmann, »so wird sie's uns wieder machen?« und der Jäger setzte hinzu: »Ei, es ist in der That miserabel, Frau Schilder, so mit seinen Bundesgenossen umzugehen; das können wir wahrhaftig nicht zugeben.« »Wie Ihr wollt,« sagte kaltblütig die Frau und zupfte gleichgültig einige Fäden aus ihrem verschossenen, schwarzen Merinokleide, »ganz nach Eurem Gutdünken. Von dem Gelde hab' ich bis jetzt keinen Kreuzer, und wenn Ihr Euch lange besinnt, meiner gerechten Forderung nachzugeben, nun gut, so sag' ich mit zwei Worten der Jungfer Strebeling, daß sich der Johannes Müller ausdrücklich geweigert, einen Kreuzer von ihr anzunehmen. Dann seht Ihr zu, wie es weiter geht, und namentlich, wenn ich mich darauf genöthigt sehe, meiner guten Nachbarin, der Frau Schoppelmann, Eure Rechnung mitzutheilen.« Bei diesen letzten Worten drückte die Frau ihre Haube zurecht und blickte unbefangen zum Fenster hinaus. Herr Konrad Schoppelmann zuckte leicht die Achseln gegen seinen Bruder, worauf Herr Friedrich Schoppelmann sein rechtes Auge zukniff und dabei leicht mit dem Kopf nickte. Diese gegenseitig gewechselten Pantomimen mochten so viel ausdrücken, als: es ist besser, wir geben nach; die Alte ist im Stande, uns wirklich im Stiche zu lassen, und wenn unsere Rechnungen einmal getilgt sind, so können wir gleich wieder einen neuen Pump anlegen. »Johannes Müller!« sagte der Fuhrmann und trommelte beifällig auf den Tisch, »schöner Name; der wird bei der alten Jungfer einen gewaltigen Eindruck gemacht haben; habt Ihr den Namen erfunden?« »Allerdings!« erwiderte die Frau, und es glitt ein leises Lächeln über ihre Züge. »Also machen wir die Geschichte so,« nahm der Jäger das Wort, »rechnen unsere Schuld ab, das heißt theilweise; denn etwas klingende Münze müssen wir schon in die Hand bekommen, Ihr werdet es selbst einsehen. Ich brauche sehr nothwendig einiges Geld.« »Ihr habt mich immer bereitwillig erfunden,« entgegnete die Frau, »und ich will auch dieses Mal nicht knauserig gegen Euch sein.« »Aber wird jetzt die Geschichte weiter gehen?« sprach gierig der Fuhrmann; »so einem famosen Schatz, wie der Herr Johannes Müller sind 400 ffl. ein wahres Lumpengeld, um was der Johannes Müller nicht Alles gelernt haben wird.« »Und wie er so fromm und tugendsam ist!« sagte der Jäger. »Ja,« setzte die Frau lächelnd hinzu, »und wird nächstens Pfarrer werden, und das kann gar nicht lange mehr anstehen.« – Und darauf lachten alle Drei laut hinaus und freuten sich ungeheuer über ihre außerordentliche Erfindung. Dieses Lachen wurde plötzlich unterbrochen durch den Eintritt eines neuen Gastes in der Person Joseph Pierrot's. Dieser treue Diener schien in schlechter Laune zu sein und hatte offenbar gehofft, die kleine Kneipe leer zu finden, um mit der Frau Schilder ein vertrauliches Wort sprechen zu können. Herr Pierrot war sehr unangenehm überrascht, als er die Beiden hier sitzen sah, und diese Ueberraschung verwandelte sich durchaus in keine erfreuliche, als er im Eintreten die beiden jungen Schoppelmann erkannte. Doch wußte er sich als Mann von Welt augenblicklich zu fassen und ließ sich mit vieler Seelenruhe am unteren Ende des Tisches nieder. Die Anderen sahen ihres Theils den Bedienten ebenfalls mit keiner großen Freude eintreten. Ja, Herr Friedrich murmelte etwas von einem lästigen Gesellen, und Herr Konrad ließ eine zarte Anspielung auf einiges Hinauswerfen mit gedämpfter Stimme vernehmen. Fünfundzwanzigstes Kapitel Handelt von einem Zusammentreffen der Gebrüder Schoppelmann mit den Bedienten des Helden dieser Geschichte. Wir haben schon gesagt, daß sich der getreue Pierrot in schlechter Laune zu befinden schien, und können versichern, daß dem also war. Er hatte diesen Morgen beim Kaffee die gewöhnlichen Versuche gemacht, mit seinem Herrn ein paar passende Worte über den bewußten Gegenstand zu wechseln, er war aber als zudringlich und naseweis erklärt worden, und man hatte ihm aufgegeben, sich künftig nur um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern und namentlich nie mehr den Namen dieses Mädchens in sein ungewaschenes Maul zu nehmen. Ja, das hatte sein Herr sogar in der Gegenwart des Herrn Rathes gesagt, und dieser hatte dazu gelächelt und beigefügt: »Ich habe es dem Joseph schon oft gesagt, er solle sich nicht in Sachen mischen, die ihn nichts angehen, er solle sich überhaupt nur um seinen Dienst bekümmern, sonst werde man sich einmal genöthigt sehen, ihn um ein Haus weiter zu schicken.« Mit diesem sehr unfreundlichen und untröstlichen Bescheid war der arme Pierrot zu seinem Rapport beim Justizrath gegangen, und dieser hatte sich durch den mageren Bericht, welchen ihm der Spion in Betreff der ganzen Angelegenheit mittheilte, nicht bewogen gefunden, etwas zur Erheiterung seines Dieners beizutragen. Die drei jungen Herren, die hier zusammen beim Wein saßen, schienen indessen einander mehr und mehr überflüssig zu finden. Nach einem kurzen Stillschweigen sagte der Fuhrmann: »Wenn die Weinschenke der Frau Schilder anfängt, eine Kneipe für Stiefelwichser zu werden, so können sich anständige Leute bald nicht mehr hier sehen lassen.« Statt aller Antwort ließ sich Joseph Pierrot einen Schoppen vom Allerbesten geben und murmelte zwischen den Zähnen, es sei schauerlich, daß sich jetzt gewisse Leute nicht schämten, und sich am hellen Tage sehen ließen. Der Fuhrmann schien hierüber die Offensive ergreifen zu wollen und schlug mit der Faust so derb vor sich auf den Tisch, daß das Glas des Bedienten hoch empor fuhr und Einiges von seinem edlen Inhalte verspritzte. Die Wirthin, die ebenfalls am Tische saß, schien gar nicht aufgelegt, eine vermittelnde Rolle zu spielen; denn sie sah, ohne ein Wort zu sprechen, bald den Einen, bald den Andern an, nachdem sich aber die Zeichen der immer heftiger werdenden Entrüstung mehrten und der Jäger seine leere Flasche in der Hand wog, in der augenscheinlichen Absicht, sie dem Bedienten bei dem nächsten Wort an den Kopf zu werfen, schlug sie ihrerseits mit der Faust auf den Tisch und sagte: »Ich will Ruhe haben in meinem Hause, ich will keine Zänkereien, und namentlich nichts dergleichen unter meinen genauen Bekannten.« »Was Teufel!« sagte der Jäger und setzte seine Flasche nieder; »der da zählt sich auch zu Euren genauen Bekannten? Na, da gratulire ich, dann wollen wir Euch den Titel für uns schenken – nicht wahr, Fritz?« »Allerdings,« entgegnete der Fuhrmann, »dann seht uns lieber als vollkommen Fremde an!« »Ihr müßt immer streiten!« erwiderte die Frau; »was habt Ihr denn mit dem da, was hat er euch zu Leid gethan?« Statt aller Antwort spuckte der Jäger ingrimmig vor sich auf den Boden und warf dem Bedienten einen bösen Blick zu. »Ihr haßt ihn,« fuhr die Frau achselzuckend fort, »weil er der Bediente seines Herrn ist. Dummes Zeug! Meint denn ihr Beiden, der könne was dafür, wenn sein Herr Streiche macht, die euch nicht gefallen?« Pierrot sah die Frau einen Augenblick verwundert an, dann spielte er den Gekränkten und that einen mächtigen Zug aus seinem Glase. »Deßhalb muß der arme Teufel bei seinem Herrn bleiben,« fuhr die Wirthin fort, »weil er keinen anderen Herrn hat. Verschafft ihm einen, und er wird dankbar sein!« »Was hat er hier in der Gegend unseres Hauses zu schaffen?« sagte hitzig der Fuhrmann, »was braucht er hier herumzukundschaften?« »Ja, ja, er soll sich in Acht nehmen,« setzte der Jäger hinzu, »er und sein Herr! Es soll mir wahrhaftig auf ein paar Loth Blei nicht ankommen, um Beiden ihren Hirnkasten auszutapezieren. Wir brauchen nicht noch obendrein so schuftige Bediente, die unsern Mädeln nachlaufen. Bleibt ihr droben in Eurem Stadtviertel! Euer Herr soll daher kommen, wenn er Lust hat, und seine eigene Haut hier zu Markte tragen.« »Habt Ihr denn nicht gehört, was ich vorhin gesagt,« sprach die Frau heftig und zog Joseph auf seinen Sitz zurück, der im Begriff zu sein schien, den schuftigen Bedienten auf eine kräftige Art zu erwidern. »Der da ist so gut ein Kind aus dem Volk wie Ihr, und er würde gewiß seinen Herrn nicht unterstützen, wenn er schlechte Absichten auf eure – nun ja gerade heraus – eure Schwester hätte. Nicht wahr, Joseph?« »Ja, gewiß,« entgegnete dieser im Gefühl der erlittenen Kränkung von heute Morgen, ich habe die Hudeleien satt.« »Hört ihr wohl?« fuhr die Frau fort; »er will nichts mehr von diesen Hudeleien; das hat er mir schon oft gesagt. Nun, gebt euch zufrieden; es stände euch wahrhaftig besser an, mit dem in gutem Einverständnis zu stehen; er kann euch nützen und schaden.« Joseph war einigermaßen erstaunt und wußte nicht recht, welchen Grund die Wirthin hatte, ihn mit den beiden Söhnen der Gemüsehändlerin in gutes Einverständniß zu setzen. Madame Schilder wußte aber ganz genau, was sie that. Erstens war sie durch den Jäger unterrichtet worden, daß Jungfer Clementine Strebeling mit dem lustigen Rathe auf der Promenade jene Zusammenkunft gehabt hatte; und dem geneigten Leser wird es bekannt sein, daß Niemand anders als der Herr Sidel es war, dem sie den Namen des Herrn J. Müller beigelegt. Nun konnte wohl der Fall eintreten, daß sie in dieser Sache die Verschwiegenheit Joseph's gebrauchen konnte, ohne denselben deßhalb in ihr Geheimniß einzuweihen. Clementine kannte den Bedienten und konnte sich wohl einmal veranlaßt sehen, wenn er in ihrer engen Gasse herumstreifte, ihm ein freundliches Wort an Herrn J. Müller zu sagen. Sie mußte dann das Ganze als einen harmlosen Scherz darzustellen wissen, den sich die beiden Schoppelmänner mit der alten Jungfer, ihrer Hausgenossin, erlaubt, und zu dem Zweck war es nothwendig, eine gewisse Freundschaft zwischen diesen beiden Parteien zu stiften. Ferner hatte sie eine, obgleich unbestimmte, aber richtige Ahnung davon, daß Herr Eugen Stillfried in Betreff der schönen Kathrina noch einmal hier in der Gegend ihres Hauses in unangenehme Händel verwickelt werden würde, und es war ihr, aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, Alles daran gelegen, den Bedienten als gezwungenen Mitschuldigen darzustellen, als Jemanden, der mit den Handlungen seines Herrn durchaus nicht einverstanden, der aber stets gezwungen ist, seinem Bissen Brod zu Liebe dem gegebenen Befehle nachzukommen. Eine Hand wäscht in dieser Welt die andere, und es war ihr, wie schon bemerkt, nicht gleichgültig, ob ihr Freund Joseph bei einem Zusammenstoße mit den Söhnen der Gemüsehändlerin als Mitschuldiger oder als unglückliches Opfer der Bediententreue angesehen wurde. Sie that daher Alles, um die Streitenden auszusöhnen. Sie rückte die Schoppengläser auf dem Tische zusammen, sie stieß bald den Einen, bald den Andern freundschaftlich in die Rippen, und machte heimlicher Weise die verschiedensten Zeichen und Bewegungen, um die streitsichtigen Männer zu einem gegenseitigen freundlicheren Blick oder auch nur zu einem gleichgültigen Wort und Gespräch zu veranlassen. Das aber war längere Zeit umsonst, und die Drei saßen da wie eben so viele knurrige, bissige Hunde, welche nur die Peitsche des Herrn zurückhält, über einander herzufallen. Und diese Peitsche war die scharfe und spitzige Zunge der Frau Schilder. »Geht, geht!« sagte sie nach einer längeren Pause; »man muß sich euer schämen. Ihr betragt euch wahrhaftig wie die Schulbuben, welche einander die Aepfel aufgegessen. Der Teufel auch! wir gehören zu Einer Klasse und sind angewiesen, mit einander Frieden zu halten. Die da oben scheeren uns doch den Pelz, wo sie können, und freuen sich, wenn wir uns zanken, und wünschen deßhalb so Jeden allein vornehmen zu können. Nur Einigkeit macht stark, und was könnten wir nicht alles ausführen, wenn wir Vier unter uns fest zusammen hielten! Das kann ich euch versichern,« fuhr sie mit leiser Stimme fort, und stieß den Jäger mit dem Ellbogen an, »es ist sonst gegen meine Grundsätze, Jemanden in's Gesicht hinein zu loben; aber der Joseph da ist ein ganz verfluchter Kerl, der sich vor dem Teufel nicht fürchtet, und der schon schöne Geschichten bestanden hat. Ich gebe euch mein Wort darauf, mit dem dürft ihr euch unbedingt einlassen.« Diese sehr empfehlende Rede hatte die Folge, daß der Jäger den Kopf ein wenig erhob und den Blick eine Sekunde lang weniger unfreundlich auf dem Gesichte des getreuen Dieners ruhen ließ. Joseph sah in diesem Augenblick sehr harmlos, ja man könnte fast sagen, gerührt aus. Ihm schien zu Muthe zu sein, wie einem Schulkinde, das wegen tadellosen, sehr schönen Betragens vor der ganzen Klasse öffentliches Lob erhält. Er zog die Achseln sehr in die Höhe und sagte seufzend: »Es ist traurig für unser einen, daß wir immer mitzuleiden haben, wenn die Herrschaft dumme Streiche macht; ja, doppelt zu leiden, denn erstens wird man zu Hause ausgescholten und herumgepufft, und zweitens verliert man seinen guten Ruf und wird von angesehenen Leuten und Ehrenmännern scheel angesehen, wie dies jetzt hier der Fall.« – Damit machte Pierrot eine sprechende Handbewegung. Dieser getreue Diener hatte bei der Rede der Frau Schilder vorhin das Für und Wider ihrer Ermahnungen bei sich genau überlegt, und war zu dem Resultate gelangt, daß ein Bündniß mit den beiden jungen Schoppelmann ihm für seine Zwecke ebenfalls nur nützlich sein könnte, und daß ihm eine neue Anknüpfung an das Haus der Gemüsehändlerin bei dem Justizrath Werner sehr zur Empfehlung dienen würde. Deßhalb leistete er auch nach einiger Zeit den Winken der Wirthin Folge und schob sein Glas etwas gegen die Mitte des Tisches hin, gewiß in der freundschaftlichen Absicht, mit dem Jäger und dem Fuhrmann anzustoßen. Doch dauerte es längere Zeit und waren viele ermahnende Püffe der Frau Schilder nothwendig, um den Fuhrmann zu vermögen, seine Faust mit dem Glase ebenfalls einen Zoll weit von sich wegzustrecken. Nachdem dies endlich geschehen und so ein erster Anknüpfungspunkt gefunden war, fand sich durch die Klugheit der Wirthin bald ein besseres Einverständniß unter den Dreien. Sie brachten Gegenstände zur Sprache, über deren Vortrefflichkeit im Voraus Alle schon im Reinen waren und sich deßhalb nicht zu zanken brauchten, wie z. B., daß unser Nachbar, der mehr besitzt wie wir, als eine gefundene Beute anzusehen sei, daß man überhaupt aus seiner eigenen Klugheit, wie aus dem Leichtsinn unserer Nebenmenschen stets den besten Vortheil ziehen müsse und dergleichen mehr. Dann ging das Gespräch mehr in's Einzelne, und von der Frau Schilder angeregt, machte man sich über den Herrn Sidel bedeutend lustig, der – wie die Wirthin mit besonderer Betonung hervorhob – mit einer alten Jungfer aus der Nachbarschaft ein Verhältniß angesponnen habe. »Natürlich,« setzte sie hinzu, »diese alte Jungfer hat Geld, und jener Herr wird schon wissen, was er treibt.« Während diesen letzten Worten blinzelte der Fuhrmann dem Jäger zu und sagte alsdann zu Joseph: »es versteht sich von selbst, daß alles, was wir hier sprechen, unter uns bleibt.« Auch des Herrn Eugen Stillfried wurde nun gedacht; doch stießen die beiden Schoppelmann nicht geradezu Drohungen gegen ihn aus, denn um dies zu thun, trauten sie dem Diener doch noch zu wenig. »Ja, ja, es ist ein charmanter Herr,« sagte der Jäger mit sonderbarem Lächeln, »und unsere Familie sollte sich eigentlich geehrt fühlen.« »Das thut die Katharina auch,« setzte der Fuhrmann hinzu; »und was uns anbetrifft, so können und wollen wir nicht viel machen.« – Dabei stieß er unter dem Tische seinen Bruder mit dem Fuße an; und der Jäger ließ seinen Zorn weiter aus, indem er ein großes Glas auf einmal hinunterstürzte. »Man muß den jungen Leuten ihr Vergnügen lassen,« meinte die Wirthin. »Du lieber Gott, die wollen sich auch amusiren! – Aber es wäre doch ein großer Spaß, wenn der Herr Eugen einmal Eurer Schwester Katharina einen heimlichen Besuch machte!« »Ja, das wäre allerdings ein großer Spaß,« sagte der Jäger, und sein Auge funkelte sonderbar dabei. Joseph aber dachte: »damit wäre auch dem Justizrath geholfen und also mir ebenfalls. Nun, wer weiß, was sich im Laufe der Zeit nicht noch alles begibt!« Bald hatten die Drei ihre Quantität Wein zu sich genommen; Joseph mußte nach Hause, und die Söhne der Gemüsehändlerin brachen ebenfalls auf. Stehenden Fußes aber schenkte ihnen die Wirthin noch ein Glas extra–feinen ein, worauf das Anstoßen noch viel besser und herzlicher von Statten ging. Alsdann trennten sie sich auch mit einer ziemlich guten Meinung von einander, und während Joseph auf dem Heimwege dachte, die beiden Schoppelmänner seien zwar verfluchte Hallunken, doch recht ordentliche Kerle, sagte dagegen der Fuhrmann zum Jäger: »der Bediente ist freilich ein dummes Thier, aber doch nicht so schlimm, wie ich mir gedacht.« Frau Schilder hatte ebenfalls ihre Gedanken; doch da sie nicht laut mit sich sprach, so können wir nicht genau angeben, was ihren Geist bewegte; so viel aber wissen wir, daß sie ihre Hausthüre schloß und in ihr oberes Zimmer hinauf stieg, um ein Kapitälchen von mehreren Hundert Gülden nachzuzählen. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Enthält Unterredungen in der Küche gemüthlicher und wehmüthiger Art. Seitdem Madame Schoppelmann aus dem Küchenbuche des Stillfried'schen Hauses als Lieferantin ausgestrichen worden, versank Martha, die Köchin, in eine gelinde Schwermuth. Sie hatte anfänglich geglaubt, hinter den Augen der Staatsräthin doch noch von der dicken Gemüsehändlerin das Nothwendigste und Beste beziehen zu können, und hatte auch in dieser Richtung einen Antrag an sie gestellt, den aber Madame Schoppelmann mit Verachtung von sich wies. »Wenn ich Eurer Dam' nicht mehr gut genug bin und nicht mehr Eurer Frau in's Haus kommen soll, so bin ich dagegen viel zu stolz, um mich durch die Hinterthüre zu schleichen. Für Euch thut es mir leid,« setzte sie halb gerührt zur Köchin hinzu; »aber das kann ich Euch versichern, Eure Frau oben wird noch viel darum geben und einstens noch einmal sehr froh darüber sein, wenn die Frau Schoppelmann wieder kommt und ihr einen guten Tag wünscht. – Genug davon! Euer Haus ist ein respektables Haus, das wird kein Mensch läugnen, aber es gibt noch viele dergleichen, noch recht viele ähnliche. Aber – nun ich will mich nicht selbst loben, und doch kann ich es mit Stolz sagen – es gibt in der hiesigen Stadt nur Eine Frau Schoppelmann.« Und darin hatte die Gemüsehändlerin vollkommen Recht. Die Köchin empfand dies auf's Allerschmerzlichste! Aber auch die Staatsräten selbst hatte nicht wenig unter dem Wechsel ihrer Lieferantin zu leiden. Wir können es leider nicht verschweigen, daß die alte Dame seit jenem Tage lauter mangelhafte Diners bekam. Gute Fische kamen gar nicht mehr auf ihren Tisch; das Geflügel, statt gemästet zu sein, sah aus, als habe es krankheitshalber eine Hungerkur durchgemacht; das Gemüse war schlecht und dürftig, und von neuen, seinen Gemüsen war gar keine Rede mehr. Umsonst hatte die Staatsräthin schon einige Mal selbst, und sogar durch den Justizrath, diese Angelegenheit unten in der Küche ermahnend und warnend zur Sprache gebracht; umsonst hatte sie die Drohung ausgesprochen, wenn sich diese Geschichten da unten nicht ändern würden, so sähe sie sich in die Notwendigkeit versetzt, in ihrem Hause eine allgemeine Aenderung eintreten zu lassen – Alles umsonst. Die Familie in der Küche hatte sich gegen die Familie droben verschworen, und die Familie droben mußte nachgeben, wie das so oft in dieser Welt geschieht, wenn eine gesinnungstüchtige Dienerschaft fest zusammenhaltend gegen die Herrschaft conspirirt. »Sei Sie vernünftig!« sagte der Jakob zur Köchin; »lass' Sie es jetzt in dieser Geschichte genug sein; am Ende wird Sie doch noch und wir alle mit Ihr den Kürzeren ziehen müssen. Mach Sie bessere Einkäufe für den Tisch droben. Der Teufel auch! wenn ich die Staatsräthin wäre, ich hätt's schon lange geändert.« »Ja, ja,« fügte der Kutscher hinzu (er saß auf seinem alten Platz unter der Schwarzwälderuhr und putzte ein paar Steigbügel, die sehr rostig geworden waren, da sie Niemand – Gott weiß, wie viel Jahre lang! – gebraucht hatte), »ja, ja, jetzt lass' Sie es gut sein, Martha. Da ist noch eine andere Lieferantin, eine gewisse Frau Weber –« »Mit der soll ich mich einlassen?« rief die Köchin und schwang ihr Schlachtmesser mit einem entsetzlichen Blick über ein paar unscheinbare Hühner, wahre Jammergestalten, die vor ihr auf dem Tische lagen. »Zu dieser Weber sollte ich gehen?« wiederholte sie; »zur Todfeindin der Frau Schoppelmann? Nie!« Martin nahm eine Prise und machte die Schnalle an einem Steigbügel, den er geputzt, laut lachend in den Riemen. »Das Weibervolk ist unverbesserlich!« sagte er alsdann. Und Jakob setzte hinzu: »Und lächerlich in ihrem Hasse, wie in ihrer Freundschaft. – Ja,« schloß der Kutscher, »und hartnäckig wie alte Kutschenpferde!« Nanette, das Stubenmädchen, saß nähend in der Ecke der Küche, und da man sie, das junge, unreife Ding von sechsunddreißig Jahren, nicht zum Sprechen aufforderte, so hatte sie auch nicht den Muth, sich einzumischen. »Ja,« rief nun wieder die Köchin laut hinaus, »es war eine brave Frau, die Schoppelmann. Aber ihr Männer habt von so etwas keinen Begriff. Fragt die Nanett' da hinten, wie man sich auf die dicke Frau verlassen konnte. Du lieber Gott auch, wie wußte die auswendig, was ich brauchte! wie konnte sie so schön mit mir überlegen!« »Ja, das muß schon wahr sein,« erwiderte lachend Jakob, indem er die Gewichte der Schwarzwälderuhr richtete, »überlegt habt ihr lange genug zusammen. Das war immer wie 'ne Stadtrathssitzung.« Martha hatte beide Arme vor sich auf den Küchentisch gestützt, schien auf die Worte Jakob's nicht zu achten und schaute schwermüthig zum Fenster hinaus. »An den Fingern konnte sie mir abzählen,« sprach sie nach einer längeren Pause, »was gekocht werden mußte. Ach, sie wußte besser, was gestern auf dem Tische war, als ich selber! – Schätzchen, konnte sie sagen, Ihr habt erst gestern Forellen gehabt und kleine Erbsen mit jungen Hühnern; heute muß 's was Pikanteres sein. Spargel mit rohem Schinken, vielleicht vorher ein kleines Roastbeaf und hintennach meinethalben gebackene Karpfen. Es sind vortreffliche angekommen. – So sprach sie, und darauf konnte man sich verlassen. Ach, und das Geflügel, das sie einem lieferte! Seht euch diese heppigen, miserablen Dinger hier an; und das sind fast die einzigen, die ich auf dem Markt bekommen habe. O! 's ist nicht zum Aushalten; ich werde darüber zu Grunde gehen!« »Ich versichere Euch, Martha,« nahm Jakob nach einer kleinen Pause das Wort, »all das Geplärr' nützt Euch gar nichts. Nun ja, ich will Euch zugeben, daß es Euch etwas schwerer geworden ist, für den Tisch zu sorgen, als vorher, wo Euch so zu sagen die gebratenen Tauben in's Maul geflogen find; aber da oben ist einmal befohlen worden, die Schoppelmann solle nicht mehr in's Haus, und Ihr solltet doch die Herrschaft genugsam kennen, um zu wissen, daß da ein einmal gegebener Befehl nicht zurückgenommen wird, namentlich ein Befehl, von dem wir alle wissen, wo er sich herschreibt.« »Das ist gerade das Traurige!« seufzte die Köchin; »ach! ich weiß das wohl.« »Nun, wenn Ihr's wißt,« entgegnet« der alte Bediente, »so laßt Euer dummes Zeug bleiben. Wir sind einmal der Herrschaft wegen da, und die Herrschaft nicht wegen uns. Glaubt mir, es thut nicht lange mehr gut. Er macht überhaupt schon so merkwürdige Augen an uns alle hin, ich erwarte jeden Tag ein großes Gewitter, das uns allen zusammen auf die Köpfe schlagen wird.« »Ja, ja,« meinte Martin, »es ist nicht ganz geheuer mehr. Hat Er nicht neulich gesagt: Martin, Eure Pferde werden alt, die wird man doch nächstens abschaffen müssen! Und als ich darauf entgegnete: Herr Justizrath, so alte sichere Pferde sind besser als die jungen, namentlich für eine Dame, wie die gnädige Frau, die einfach und solid gefahren sein will, und Herr Justizrath, ich trenne mich nicht von meinen Pferden –« »Nun, was gab er da zur Antwort?« fragte der Bediente. »Da gab er mir also zur Antwort: Dann ist es besser, wenn ihr alle drei geht.« Hier stieß die Köchin, die sich abgewandt hatte, einen tiefen Seufzer aus, und eine jener unglücklichen Hühner fiel von ihrer mordgierigen Hand. »Ihr wißt,« fuhr der Kutscher fort, »daß ich auf dem rechten Ohr nicht gut höre, desto besser dagegen auf dem linken. Wenn ich mich nun so recht schief vorn auf den Bock hinsetze, und wenn ich hören will, was sie in der Calesche sprechen, so entgeht mir keine Sylbe; und da war denn gestern über uns von allerlei die Rede, von Widerspenstigkeit und sträflichem Zusammenhalt, und wie das nicht mehr länger so fortgehen könne und man ein Ende machen wolle, und dergleichen mehr. Auch wurde weiter von einer Reise gesprochen, und daß man das Haus hier zuschließen könne. Das alles hörte ich, während wir draußen auf der Chaussee fuhren; dann aber kamen wir auf's Pflaster, und da rappelte der Wagen so, daß ich keine Sylbe weiter »erstand.« »Ja, ja,« sagte der Bediente kopfschüttelnd; »dergleichen hat er wohl vor; und es wird hernach wohl so weit kommen, was aber ein großes Unglück wäre – nicht für uns, aber für diese anständige Familie. Hier, kann er eigentlich nicht viel machen; aber wenn er die gnädige Frau in einer anderen Stadt allein unter die Hand bekommt, da kann Niemand mehr helfen, und da geht das schöne Vermögen hinaus wie der Wind.« – Bei diesen Worten ließ der alte Diener den Kopf auf die Brust sinken und verfiel in tiefes Nachdenken. Auch das zweite Huhn ließ jetzt sein junges Leben. Die ganze Dienerschaft in der Küche war in diesem Augenblick dergestalt mit ihren Gedanken beschäftigt, daß Keines vernahm, wie die große Hausthüre, welche ausnahmsweise heute Morgen nur angelehnt war, langsam geöffnet und wieder verschlossen wurde. »So,« sprach Martin, der Kutscher, »jetzt sind meine Bügel wieder blank geputzt, jetzt können sie nichts Besseres thun, als wieder nach und nach rostig werden.« »Dann bleibt Ihr auch in der Uebung,« sagte Jakob, »mit dem Putzen nämlich.« »Ach, ich putze meine Eisen selbst sehr gern,« entgegnete der Kutscher, »wenn es nur einen vernünftigen Grund hätte. Aber sie sind nichts in dem Hause hier; ich versichere Euch, ein Kutscher wie ich, der muß hier ganz versauern, da in kurzem Trab die Calesche herumfahren, das ist ein ekelhaftes Geschäft; ich weiß gar nicht mehr, wie es einem zu Muthe ist mit zwei Pferden in der Hand, die einem etwas zu schaffen machen, die in die Zügel hineingehen und die man ein Bischen zu halten hat. – Pfui Teufel! Da sind meine beiden Braunen; die wären heute noch schneidig, wie das Donnerwetter; aber die sind von dem ewigen Schrittfahren ganz rostig geworden. Nein, ich versichere Euch, ich werde mich nächstens an eine Droschke vermiethen.« »Und ich mich an ein Speisehaus, wo man für sechs Kreuzer kocht,« sagte ingrimmig die Köchin. »Ja, wir kämen noch durch die Welt,« meinte der alte Jakob; »aber was fangen wir mit der Nanett' da hinten an? So ein junges Ding kann nicht für sich allein sorgen.« »Ja, ja, sehr verwöhnt ist sie hier in dem Hause geworden,« meinte Martha. »Vor allen Dingen,« setzte Jakob hinzu, »müßte man dem Kind eine gute Anstellung verschaffen.« Der Kutscher hielt seine beiden Steigbügel in die Höhe und ließ sie in dem Lichte, das schräg zur Küchenthüre herein fiel, funkeln; dann ließ er sie zusammenklingeln, und dabei verzog sich sein Gesicht zu einem trüben, melancholischen Lächeln. »Was könnte das Haus sein!« sagte er dann nach einer Weile; »sechs Pferde im Stall wäre eine Kleinigkeit, darunter ein paar famose Reitpferde, und die schönen alten Sättel darauf, die wir haben, und hier die Steigbügel daran. O, es ist sehr traurig! Warum ist doch der junge Herr nicht bei uns geblieben! Da wär's schon ein anderes Leben, und ich führte ihm seinen schönen Rappen heraus und hielt ihm so den Bügel. – Ah!« »Ja, das wäre schön,« meinte dann die Köchin, »und dann gäbe es Einladungen und große Diners.« »Auch vielleicht Bälle,« setzte Nanette, das Kind, hinzu. »Nicht so übel,« sprach Jakob; »und das Silberzeug käme dann wieder aus seinem Gefängniß heraus. Freilich, freilich, hier in dem Hause könnte Vieles anders sein, und ich habe immer die Hoffnung, daß es noch einmal anders wird. Man muß an nichts verzweifeln; alles das kann noch einmal wieder gut werden.« »Dazu sage ich Amen!« ließ sich jetzt plötzlich eine Stimme hinter der Küchenthüre vernehmen; und wenn diese Einmischung in ihr vertrauliches Gespräch die Dienerschaft an und für sich schon bedeutend aufschreckte, so war ihre Bestürzung, ihr Erstaunen, ihre Verwunderung noch ungleich größer, ja, gar nicht zu beschreiben, als sie nun aufblickten und den erkannten, der ihnen dieses Amen zugerufen. Hinter der Küchenthüre stand nämlich Niemand anders, als der junge Herr Eugen Stillfried, der die Gruppe vor sich lächelnd betrachtete. Die allgemeine Aufregung, die nun bei diesen guten Leuten einer momentanen Erstarrung folgte, war ebenso ergötzlich als rührend. Martha half sich mit dem Hauptattribut ihres Geschlechts, der Schürze nämlich, aus der Verlegenheit heraus und in die Rührung hinein, indem sie einige wirkliche Thränen abtrocknete. Martin, der Kutscher, der schon glaubte, die Zeiten haben sich nach seinen Phantasien umgeändert, wolle ein kräftiges Hurrah! ausstoßen, doch verschloß ihm die Hand Jakob's, des Ruhigsten und Bedächtigsten von Allen, den Mund; auch war dieser Letztere der Einzige, der den so unerwartet Eingetretenen bewillkommte und begrüßte. Nicht als ob Jakob in diesem außerordentlichen Momente nicht ebenfalls ergriffen gewesen wäre; seine Stimme zitterte, als er den jungen Herrn begrüßte, und seine Augen hatten einen seltsamen Glanz. Eugen reichte jedem der Anwesenden die Hand, sogar das kindliche Stubenmädchen ging hiebei nicht leer aus; und da dieselbe von der alten Martha, welche in Einem fort Thränen der Rührung weinte, mit angesteckt wurde, so verhüllte sie ebenfalls ihr Gesicht, so daß sich Martin am Ende auch nicht mehr halten konnte, sein breites Maul grinsend zu verziehen. Kurz, es war eine Scene des conservativ-legitimsten Entzückens. »Ich freue mich in der That sehr,« sagte Eugen nach einer Pause, »daß Ihr meiner noch zu gedenken scheint. Was mich anbetrifft, so habe auch ich wahrhaftig Keines von Euch vergessen.« »Und jetzt bleiben Sie wieder bei uns?« schluchzte die Köchin; »ach, das wären Freudentage für uns alle!« – Bei diesen Worten schauten die anderen alle auf den jungen Herrn des Hauses. »Hiezu kann ich leider nicht Ja sagen,« entgegnete dieser; »ich will nicht geradezu glauben, daß es eine Unmöglichkeit sei, aber – nun, vorderhand bin ich wenigstens daher gekommen, um meine Mutter zu sprechen.« »Ah!« rief Jakob mit freudestrahlendem Gesicht. »Und was meinst du nun?« fuhr Eugen zu dem alten Diener gewendet fort, »willst du mich bei der Madame melden? oder soll ich so ohne Weiteres zu ihr hinaufgehen?« Jakob zuckte die Achseln und sann einen Augenblick nach. »Das ist wahrhaftig schwer zu sagen,« meinte er nach einer Weile! »die gnädige Frau werden mit jedem Tage verdrießlicher und abstoßender; mein Rath wäre, daß Sie geraden Weges hinauf gingen und zu ihr in das Zimmer träten; denn, wenn ich Sie vorher anmelde, so muß ich leider gestehen, daß ich im Voraus überzeugt bin, sie wird Sie unter keiner Bedingung empfangen.« »Das ist sehr traurig,« Versetzte Eugen, und ein Schatten flog über seine hellen, freundlichen Züge. Doch tilgte er ihn mit der Hand hinweg und sagte leise seufzend: »nun, ich konnte das im Grunde nicht anders erwarten, Hab's mir auch selber gedacht, und ich glaube, du hast Recht. Gehen wir hinauf und versuchen wir in Gottes Namen unser Heil! – Euch,« wandte er sich an die Uebrigen, »sehe ich später schon wieder; und ich habe mich recht sehr gefreut, wie ich bemerkt, daß es Euch wohl geht.« Martha sowie der Kutscher konnte« sich nicht enthalten, ihren jungen Herrn bis an die Treppe zu begleiten, und als er hinaufstieg, setzte sich die Köchin, die alte Person, auf die unterste Stufe der Treppe und weinte bitterlich. Ja, sie hatte das Haus noch in seinem Glanze gekannt, sie wußte sich noch des Tages zu erinnern, wo Eugen geboren wurde, sie hatte so zu sagen seinen ersten Schrei gehört und hatte den ersten Milchbrei für ihn gekocht, das alles ging jetzt an ihrem Geiste vorüber und stimmte sie unendlich traurig. Martin meinte dagegen, es sei mit den Weibsleuten, wenn sie einmal in's Weinen hineingerathen, gar kein vernünftiges Wort zu sprechen, und ging deßhalb in den Stall zu seinen Pferden. Doch war er ebenfalls recht wehmüthig gestimmt, und als er in der Geschirrkammer den Sattel sah, auf welchem der kleine Eugen damals auf dem kleinen Boni geritten, so wurde ihm ebenfalls gar sonderbar zu Muthe, und er konnte seine Ruhe nur dadurch bewahren, daß er mit lauter Stimme anfing zu singen: Nichts Schön'res gibt's auf Erden doch Als wie ein Kutscher zu sein. Und erst, nachdem er dieses berühmte Lied, das vierundzwanzig Verse hat, zweimal durchgesungen, ward ihm wieder wohler zu Muth, und er fühlte sich heiter. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Ein Gespräch zwischen Mutter und Sohn, in Folge dessen der Letztere gute Vorsätze faßt, die aber leider nicht zur Ausführung kommen. Droben in ihrem Zimmer saß die Staatsräthin in der Fensternische, wie gewöhnlich, sie hatte vor sich auf dem Tische ein kleines Schreibpult stehen und schien emsig mit einem Briefe beschäftigt zu sein, denn sie schrieb eifrig und in Einem fort und schaute nicht einmal in die Höhe, als die Thüre des Zimmers langsam geöffnet und ebenso wieder geschlossen wurde. »Es ist Jakob,« dachte sie, »der Zeitungen oder Bücher, die eben angekommen, in das Zimmer bringt.« – Das kam des Morgens häufig vor. Die Thüre, die sich vorhin geöffnet und geschlossen, befand sich fast in ihrem Rücken, und sie hätte sich beinahe ganz herumdrehen müssen, um nach dem Bedienten zu schauen. Darum blieb sie ruhig bei ihrer Beschäftigung. Nach einigen Augenblicken aber hörte sie, daß der, welcher eben in's Zimmer gekommen, nicht wieder fortgegangen war, sondern sie vernahm leichte Schritte, die sich ihrem Sitze näherten. Sie blickte auf. Im ersten Augenblicke fuhr sie mit der Hand über die Augen, als glaube sie falsch zu sehen und als wollte sie ein seltsames Traumbild verscheuchen, das sich unerwartet ihrem Blicke zeigte. Als aber dieses Bild nicht verschwand, als die Staatsräthin ihren Sohn erkannte, der, sie ehrerbietig grüßend, näher trat, da sprang sie von ihrem Sessel in die Höhe, drückte sich, wie vor etwas Entsetzlichem, Fürchterlichem, in die Ecke der Fenstervertiefung, und streckte nun, unfähig ein Wort zu sprechen, ihrem Sohne wie abwehrend die rechte Hand entgegen. Eugen blieb augenblicklich stehen und schaute die Mutter ruhig, aber gefaßt an. Ein flammendes Roth übergoß die sonst so bleichen Züge der alten Dame; sie faßte mit der linken Hand krampfhaft die Lehne des Sessels, während sie mit der Rechten, die sie hoch emporhielt, mehrere Male und heftig ihr Zeichen wiederholte, welches deutlich ausdrückte, ihr Sohn solle sich augenblicklich entfernen. Eugen aber blieb ruhig vor der Mutter stehen, nicht trotzig, nicht herausfordernd, wohl aber mit einem tiefen Schmerz in den Zügen. Er preßte seine Unterlippe fest zwischen die Zähne und fühlte, wie in seinem Herzen ein tiefes Weh aufstieg, als die eigene Mutter sich so vor seinem Anblicke, wie vor dem eines Gespenstes, entsetzte. Er mochte wollen oder nicht – aber es funkelte sonderbar in seinem Auge. – So schlimm hatte er es nicht erwartet, und ebensosehr, wie ihn diese Begrüßung schmerzte, so noch mehr der Anblick der Mutter selbst; denn er fand sie sehr verändert in den letzten Jahren, seit er sie nicht mehr gesehen. So standen sie einige Sekunden lang einander gegenüber, Mutter und Sohn; und der letztere, in dem Glauben, daß hier gar nichts zu machen sei, wollte sich langsam zurückziehen und machte schon eine halbe Wendung nach der Thüre zu, da ließ die alte Dame ihre hoch erhobene rechte Hand langsam niedersinken, ihre Züge verloren die unnatürliche Härte von vorhin, und sie sprach nach einer Pause mit leiser, aber fester Stimme: »Was hast du bei mir gewollt?« »Gott sei gedankt!« dachte Eugen, »so bin ich doch vielleicht nicht umsonst gekommen.« Und er wandte sich ebenfalls seiner Mutter zu. »Es ist unendlich traurig,« sagte er nach einer kleinen Weile, »daß wir Beide in Verhältnissen leben, welche eine solche Frage erlauben. Sie fragen mich, was ich gewollt? Vor allen Dingen also – trieb es mich an, Sie einmal wieder zu sehen, wieder einmal Ihre Stimme zu hören.« »Dieser Antrieb muß sehr schwach gewesen sein,« entgegnete die Staatsräthin; und obgleich ihre Züge wieder vollkommen ruhig geworden waren, so schienen sie doch hart und entschlossen. »Allerdings sind es ein paar Jahre,« versetzte der Sohn, »seit ich dieses Haus, Ihr Haus, das Haus meines Vaters, die Stätte, wo ich geboren ward, nicht mehr betreten. Ich kann Sie dagegen versichern, daß ich die Art und Weise, wie ich gezwungen wurde, das Haus meiner Kindheit zu verlassen, gewiß nicht vergaß; und da ich mich jenes Tages noch sehr gut erinnere, und doch wieder heute in diesem Zimmer stehe, möge Ihnen dies als Beweis dienen, ob der Antrieb, Sie, meine Mutter, wieder zu sehen, schwach oder stark zu nennen ist.« »So ist dein Wunsch also erfüllt worden,« sagte ernst und kalt die alte Dame, »du hast dich an meinem Anblick – erfreut –« »Und du kannst nun gehen, wollen Sie hinzusetzen,« fiel ihr Eugen mit bewegter Stimme in's Wort, »aber da ich Sie gesehen, da ich Sie so wieder gesehen, möchte ich – wenn Sie mich anders nicht gewaltsam fortschicken – noch einige Augenblicke da bleiben.« »Du hast vielleicht Geschäftssachen?« fragte nach einer Pause die Staatsräthin und ließ sich langsam in ihren Sessel nieder. »Wenn dem so ist, so muß ich wohl einen Augenblick anhören, was du willst.« »Geschäftssachen sind es nicht,« entgegnete Eugen bitter lächelnd. »Was dergleichen anbelangt, so bin ich seit langer Zeit gewohnt, mit der von Ihnen aufgestellten – Mittelsperson zu verkehren.« »Es ist so,« sagte ruhig die alte Dame. »Nein, Mama,« antwortete Eugen mit zitternder Stimme, »ich gestehe Ihnen offen, ich bin einfach in der Absicht hierher gekommen, Sie wieder einmal zu sehen, wieder einmal Ihre Stimme zu hören, selbst wenn diese Stimme mir harte unangenehme Worte sagt. Ich habe das befürchtet.« »Und nicht mit Unrecht,« entgegnete die Staatsräthin und wischte sich die Stirn mit ihrem Schnupftuche. »Hast du etwas Anderes erwarten können? Wie die Saat, so die Ernte!« »Ich habe nicht gesäet, Mama,« entgegnete ruhig der Sohn, »ich habe, um mich Ihres Wortes zu bedienen, nur geerntet – eine traurige Saat eingebracht, die Andere dem Boden anvertraut. Ja, Andere, Mama, oder – um kein Unrecht auszusprechen, nur Ein Anderer, ein einziger Mensch, der durch diese Aussaat zwischen die Mutter und den Sohn getreten ist.« »Das ist die alte Geschichte,« sprach achselzuckend die Staatsräthin. »Allerdings die alte Geschichte,« entgegnete Eugen; »aber ich kann es nun einmal nicht lassen, den letzten Versuch zu machen, ob es denn nicht möglich ist, jenes finstere Wesen zu verdrängen, das zwischen Ihnen und der Sonne steht und seiner zwischen mir und Ihnen. – – Ich wünschte aufrichtig eine Aussöhnung, Mama,« fuhr Eugen nach einer Pause fort; »es ist das ein trauriges Verhältniß zwischen uns Beiden.« »Das weiß Gott im hohen Himmel!« antwortete die Staatsräthin, und zum ersten Mal erweichten sich ihre harten Züge. – »Nun denn,« fuhr sie nach einigen Augenblicken fort, »du hast ja das Mittel zu dieser Aussöhnung, nach der du, wie du sagst, so eifrig verlangst, in deiner Hand.« »Ich nicht, bei Gott nicht!« sagte Eugen; »ich kann Geschehenes nicht ungeschehen machen, und kann und will nicht vergessen, was geschehen ist. Mama, ich bin kein Kind mehr; Sie können mit mir Alles aufrichtig und ruhig besprechen; ich will Sie geduldig anhören. Sie haben es noch nie für gut befunden, mir die Gründe auseinanderzusetzen, weßhalb Sie mich – verstießen, weßhalb Sie mit mir, dem einzigen Sohne, in Feindschaft leben, weßhalb Sie mich fallen ließen, und weßhalb Sie denn eigentlich nicht von Jenem lassen können. Mama, ich habe jetzt auch Manches in der Welt erfahren; denken Sie, es sei nicht der Sohn, der mit Ihnen spricht, denken Sie meinetwegen, es sei ein gutmeinender Freund, der vor Ihnen steht; denn gewiß, Mama, es gibt wohl Niemanden auf der ganzen Welt, der Ihnen so zugethan ist, wie ich, der so voll Ehrerbietung zu Ihnen aufschaut, der Sie so gern und so innig lieben möchte.« Der junge Mann war bei diesen letzten Worten dem kleinen Fauteuil nahe getreten, in welchem die Mutter lag, ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckend. »Erinnern Sie sich noch,« fuhr Eugen fort, »jener letzten traurigen Unterredung, wo man Alles von mir verlangte, ohne mir zu sagen: bringe dieses oder jenes Opfer für deine Mutter, thu es aus diesen oder jenen Gründen. Man verlangte das wichtigste Vermächtnis; meines seligen Vaters, jene Papiere, die er an seinem letzten Lebenstage versiegelt. Gib sie her! sagten Sie zu mir. Und weßhalb? – Um jenem – Menschen gefällig zu sein! Aber ihm will ich nicht gefällig sein; wenn ich auch für Sie jedes Opfer zu bringen im Stande wäre, für ihn nicht das Geringste, nicht die Spitze meines Nagels, um ihn vom Verderben zu retten.« Die Staatsräthin ließ ihren Kopf tief auf die Brust herabsinken; sie drückte ihr Schnupftuch fest auf die Augen, und man merkte an ihrem heftigen Athemholen, daß sie tief bewegt war, daß sie weinte. »Warum sprachen Sie damals nicht offen mit mir,« fuhr der Sohn fort, »wenn Sie wichtige Gründe hatten zu einer – Verbindung mit Jenem? Warum vertrauten Sie Ihrem Kinde nicht? – Aber es waren keine vorhanden, Mama, als nur bei Jenem der Grund der Selbstsucht, der Habgier und die Lust, mir die Faust auf den Kopf zu drücken.« Bei diesen letzten Worten blickte die alte Dame in die Höhe und sah ihren Sohn mit dem Ausdruck des Schreckens und der Verwunderung an. Sie fuhr mit der Hand über die Augen und drückte die Thränen aus denselben fort. »Du hast auch,« sagte sie darauf mit tonloser Stimme, »jene Papiere durchgesehen und gelesen?« »Jenes versiegelte Paket, das mir auf Befehl meines Vaters übergeben wurde?« fragte Eugen. Die Staatsräthin nickte mit dem Kopfe. »Nie, Mama!« versetzte der Sohn mit fester Stimme; »ich habe nie einen Blick hineingeworfen. Versiegelt, wie man mir es gab, ist es heute noch.« Verwundert stützte die alte Dame ihre beiden Hände auf den Lehnstuhl und richtete sich empor. »Du hast nie diese Briefe durchgelesen?« fragte sie mit zitternder Stimme. Eugen schüttelte mit dem Kopfe. »O, das ist schrecklich!« »Mir graute vor diesen Briefen; ich weiß nichts von ihrem Inhalte« »O, das ist ganz entsetzlich!« entgegnete die Mutter und versank in ihre vorige Stellung, beide Hände vor dem Gesicht, und verlor sich in tiefes Nachsinnen. »Wenn mir jene Papiere und Briefe Aufklärung geben sollten, Mama, und ich in Folge derselben meine Einwilligung zu Ihrer zweiten Verbindung, so werden Sie selbst einsehen, daß ich in meinem Rechte war, jene Bewilligung nicht zu geben, da mir, bei Gott im Himmel, kein hinreichender Grund hiezu vorhanden schien, und da, wie Sie wohl wissen, der letzte Wille meines sterbenden Vaters mich geradezu beauftragte, energisch gegen jenen – Herrn aufzutreten.« »Es ist da keine Hoffnung,« sagte nach längerem Stillschweigen die Staatsräthin mit so leiser Stimme, daß man ihre Worte kaum verstand; »keine, keine Hoffnung!« – Sie ließ ihre Hände auf die Lehne des Stuhles sinken und blickte, mit einem gänzlich trostlosen Ausdruck in ihren Zügen, zum Fenster hinaus. Eugen ergriff eine ihrer Hände und drückte dieselbe, ohne daß sie widerstrebt hatte, an seine Lippen. »Wenn da also keine Vereinbarung möglich ist, liebe Mutter, warum wenden Sie sich denn nicht Ihrem einzigen Sohne zu, der so gern mit Ihnen leben und Sie lieben und verehren mochte, wie es seine Pflicht ist? – Mama!« fuhr er nach einer Pause fort, »Sic denken doch jetzt gewiß anders, als vor langen Jahren; verzeihen Sie mein freies Wort; aber was zieht Sie denn so unwiderstehlich zu jenem finstern Menschen hin, zu ihm, einem Dämon, der den Frieden unseres Hauses zerrüttet – wenn er nicht noch Schlimmeres gethan?« »Ach!« stöhnte die Mutter aus tiefster Brust und verbarg schaudernd abermals ihr Gesicht in beide Hände. »Lösen Sie jenes Verhältniß,« fuhr Eugen ermuthigt fort, »nehmen Sie mich wieder in Ihr Herz auf; glauben Sie, Mama, ich werde Sie beschützen, ich werde mit unendlicher Liebe von Ihnen fern halten jeden rauhen Luftzug dieses Lebens. Trennen Sie sich von ihm!« »Es ist unmöglich?« entgegnete die Dame mit tiefer Stimme. »Gewiß nicht, Mama, den Lebenden ist Alles möglich. Trennen Sie sich von ihm!« »Ich kann nicht!« »Warum nicht, Mutter?« sagte Eugen und schaute besorgt in die leichenblassen Züge, in den erloschenen Blick, mit welchem ihn die alte Dame jetzt anstarrte. »O, hättest du jene Papiere doch gelesen!« »Warum, Mama?« »O hattest du sie gelesen!« antwortete die alte Dame mit tonloser Stimme und starrte mit stierem Auge in's Weite hinaus. +++ »Ich verstehe Sie in der That nicht,« sagte Eugen mehr und mehr erstaunt, »Sie sprechen in Räthseln zu mir. Ich beschwöre Sie um Gottes willen, Mama, weßhalb ist dieser finstere Mensch unzertrennlich von unserem Hause?« Aus tiefster Brust seufzte die alte Dame, und dieser Schmerzenslaut schien ihre Gedanken, die sich weithin verloren, wieder zu sammeln und zurückzubringen. »Sie erschrecken mich in der That, Mama,« sprach der junge Mann; »sagen Sie mir, was Sie auf dem Herzen haben, das Sie so entsetzlich beunruhigt!« Sie senkte das Haupt tief auf die Brust herab, entzog ihre Hand leicht dem Sohne und sagte mit kaum vernehmlicher Stimme: »Eugen – du hast eine Schwester! – « »Ah! Mama!« rief der junge Mann erschrocken und machte einen Schritt rückwärts; »ich habe eine Schwester! –« »Ja, ein armes, unglückliches Mädchen, so lieb und unschuldig! Ein armes, armes Kind!« »Wache ich denn oder träume ich?« entgegnete Eugen und fuhr mit der Hand über sein Gesicht. »Und das, was Sie mir so eben sagen, hätte ich auch in jenen Papieren gefunden, und das – sind Ihre Gründe für die Verbindung mit jenem Menschen? O Gott im Himmel, das ist ganz schrecklich!« »Es ist so, mein Sohn,« sagte die alte Dame jetzt wieder mit fester, ruhiger Stimme, und trocknete leicht die Thränen aus ihren Augen. »Es ist so, du weißt Alles.« »Das heißt, Mutter, ich ahne Alles,« entgegnete der junge Mann mit finsterem Blick und ballte krampfhaft seine rechte Hand. »Aber obgleich mir Manches aus der Familiengeschichte dieses Hauses unklar blieb, wenn es mich auch unheimlich und gespensterhaft umgab, das, Mutter, hätte ich nie erwartet. Wenn ich das in jenen Papieren damals gelesen hätte, so wäre meine Antwort dieselbe gewesen, wie sie es heute ist: ›möge er und Sie zu Grunde gehen!‹« »Eugen!« rief die Staatsräthin erschrocken und sah ihren Sohn mit weit aufgerissenen Augen an, während sie sich fest auf die Lehne ihres Fauteuils stützte. »Eugen, das sagst du mir?« »Ich wollte, ich könnte es ihm sagen,« entgegnete grollend der Sohn. »Aber es wird die Zeit kommen, wo ich Rache an ihm nehme für den Vater und – für diese Schwester.« »Für deine Schwester!« »Leider, Mama!« »Für ein armes, verlassenes Kind!« »Arm und verlassen, Mama, soll sie nicht sein. In dem Punkte will ich für – diese Schwester thun, was ich kann.« »Ein unglückliches Geschöpf ohne Namen!« Eugen zuckte die Achseln, dann schlug er die Arme übereinander und sah die Mutter einige Minuten mit unverwandtem Blicke an. Sie suchte mit zitternden Händen, wahrscheinlich ohne Absicht, unter den Papieren auf ihrem Tische, und seine Augen folgten diesen Bewegungen. Sie mochte den festen Blick ihres Sohnes nicht ertragen. »Ich kam hieher, Mama,« sagte dieser nach einer Pause, »um Ihnen in jeder Hinsicht die Hand zur Versöhnung zu bieten; ich dachte, Sie seien ruhiger geworden, als ich es ward. Da tritt das Wort, das Sie so eben gesprochen, wieder wie ein Gespenst zwischen uns und wirft mich weit von Ihnen zurück.« »Das ist um so schrecklicher, Eugen,« sprach die alte Dame, »da ich deiner Hülfe heute noch wie damals dringend bedarf, da ich mich mehr darnach sehne, als je.« »Wie so?« fragte der junge Mann, »dächten Sie wirklich heute noch an jene Verbindung?« »Gewiß nicht, mein Sohn,« entgegnete die Mutter und streckte, wie schaudernd, ihre Hand weit von sich ab; »gewiß nicht, Eugen, aber ich flehe deine Hülfe an für jenes arme verlassene Mädchen, für deine Schwester, Eugen, die ja so unschuldig an all' diesem Unglück ist.« »Und ich?« fragte Eugen. »Habe ich all' das Unglück durch meine Schuld herbeigerufen?« »Nein, du nicht, mein Kind, du gewiß nicht, mein Eugen,« erwiderte die alte Dame, wie in großer Angst. »Ich fühle es jetzt, ich habe dich verkannt. Aber um Gottes Barmherzigkeit willen bitte ich dich, laß diese für mich so schmerzliche Unterredung nicht ohne gute Folgen bleibe»; reiche deiner Mutter rettend die Hand, ziehe mich empor aus meinem Elend!« »Was kann ich für Sie thun?« fragte ernst der junge Mann. »Wie kann ich Ihnen helfen, ohne gegen den letzten Willen meines Vaters zu freveln? Sie wissen so gut wie ich sein ausdrückliches Verbot, jene Papiere aus meinen Händen zu geben.« »Das sollst du ja auch nicht thun,« entgegnete die Mutter. »O, mein Kind! das hat sich ja alles, alles geändert! Ich verlange ja nichts für mich, noch viel weniger für ihn; nur für sie, für das arme Mädchen, deine Schwester.« »Wohlan!« sagte der junge Mann, »sprechen Sie offen. Was soll, was kann ich thun?« »So öffne jenes verhängnißvolle Paket,« erwiderte die alte Dame mit leiser, unsicherer Stimme und gesenktem Blick; »öffne es, und wenn du die Schriften, die du dort verschiedenartig verzeichnet finden wirst, nicht durchlesen willst, so wird dir deine Mutter dafür danken. Eines wirst du aber dazwischen finden, doppelt versiegelt, sowohl von der Hand deines Vaters, wie auch mit einem fremden Siegel. Es trägt die Aufschrift: »Erklärungen zwischen Sophie und mir.« Dies nimm heraus und bringe es hieher. – Nur hierher in dieses Zimmer,« fuhr die Staatsräthin fort, als sie sah, daß ihr Sohn Einwendungen machen wollte. »Du kannst das mit freiem Gewissen thun. Denn dir wurde nur der Auftrag ertheilt, eine – Verbindung zu verhindern und jene Papiere nicht aus deinen Händen zu geben.« »Und was soll mit den besonders versiegelten Schriften geschehen, wenn ich sie hieher bringe? Was können sie Ihnen denn nützen, wenn ich sie nicht in Ihre Hände gebe?« »Das verlange ich gewiß nicht von dir,« antwortete die Staatsräthin, »du sollst diese Papiere nur hieher bringen, um sie vor meinen Augen zu verbrennen.« »Ah, Mama!« sagte Eugen mit einem schmerzlichen Lächeln, »das ist ziemlich gleichbedeutend; und wenn jene Schriften verbrannt sind, so hat er natürlich freie Hand, zu thun, was er will.« »Eugen!« sprach feierlich die alte Dame und hob wie beschwörend die rechte Hand gen Himmel; »bei dem allmächtigen Gott, auf dessen Verzeihung ich sehnsuchtsvoll hoffe, bei allem, was mir heilig ist, schwöre ich dir, die Papiere, welche du vernichten sollst, stehen in keiner Beziehung zu ihm.« »Aber zu – der Tochter.« »Ja, das will ich dir nicht verschweigen,« antwortete die alte Dame, »durch die Vernichtung jener Schriften treten andere Papiere, die in meinen Händen sind, in Kraft, und sie ist von diesem Augenblicke an deine rechtmäßige Schwester. – Willst du sie aufnehmen, Eugen? Willst du dieses arme Kind an dein Herz ziehen? Willst du die letzten Lebenstage deiner unglücklichen Mutter versüßen? Willst du es thun? – Gottes reiche Gnade und der Segen deiner Mutter soll dich dafür belohnen.« »Das ist es also?« sagte der junge Mann, wie aus tiefen Träumen auffahrend, obgleich er keine Sylbe von den Worten der Mutter verloren. »Wohlan, ich will Ihren Wunsch erfüllen; doch, Mama, unter Einer Bedingung, Sie geben mir,« fuhr er mit einem schmerzlichen Lächeln fort, »so unerwartet, so plötzlich eine Schwester; erlauben Sie mir, daß ich Ihnen dagegen zu einer weiteren Tochter verhelfe.« »Eugen!« rief die Dame und sah ihn erstaunt an. »Gewiß, Mama!« entgegnete er, »es ist so, ich habe diesen unwiderruflichen Entschluß gefaßt. So viel ich weiß, kennen Sie das Mädchen, das ich zu meiner Frau machen will.« »Ich hörte davon,« sagte die alte Dame erbleichend, »doch mochte ich es nicht glauben.« »Es ist aber so,« antwortete Eugen, »sie oder Keine. Ich habe sie kennen gelernt; ich liebe sie, sie paßt vollkommen für mich. Warum sollte ich der Welt zu Liebe, die vielleicht die Achseln darüber zucken wird, mein Glück von mir weisen? Sie werden das nicht wollen.« Die Staatsräthin war wieder in ihren Sessel zurückgesunken, sie hatte ihre Hände gefaltet und blickte vor sich nieder, ohne ein Wort zu erwidern. Dann schüttelte sie den Kopf, erhob ihn darauf zu ihrem Sohne, ihn einige Sekunden fest ansehend, und blickte darauf schmerzvoll zum Himmel empor. »Sie werden mein Verlangen nicht unbillig finden, Mama, und es sollte mir in doppelter Hinsicht wehe thun, wenn meine Bitte Sie so sehr betrüben würde. Gewiß, wenn Sie das Mädchen kennten, Sie würden meinen Wunsch bereitwillig erfüllen.« »Bereitwillig?« entgegnete die Mutter, und ihr Blick wurde ernst und finster. »Nie, nie! – Aber,« setzte sie mit einem tiefen Seufzer hinzu, »ich bin in deiner Hand, du wirst mich zwingen, dir meine Einwilligung zu geben.« Eugen zuckte ärgerlich zusammen, als er diese Worte vernahm, und hätte fast etwas Heftiges erwidert. Da er sich aber des Seelenzustandes erinnerte, in dem sich die Mutter befand, so bezwang er sich gewaltsam und sagte: »damit Sie sehen, Mama, wie offen und ehrlich ich gegen Sie verfahre, so will ich morgen jene Papiere hier vor Ihren Augen vernichten, und wenn das geschehen ist, will ich über die zweite Angelegenheit weiter mit Ihnen sprechen. Sie sehen, daß ich nicht im Sinne habe, Sie zu zwingen, nicht einmal zu meinem Glücke.« Die alte Dame athmete bei diesen Worten tief auf, dann reichte sie ihrem Sohne die Hand, die derselbe auch jetzt wieder, obgleich nicht so herzlich wie früher, an seine Lippen drückte. »Es bleibt dabei,« sprach er nach einer Pause. »Auf morgen also, Mama. Nur bitte ich Sie herzlich und dringend, so lange, bis diese Angelegenheit in Ordnung ist, mit ihm nicht darüber zu sprechen.« »Gewiß nicht!« versetzte die alte Dame; und während sie aufstand und ihre beiden Hände auf die Schulter ihres Sohnes legte, sagte sie mit bewegter Stimme: »O, mein Sohn, mein Eugen, möge diese Stunde segensreich für uns Beide werden!« Dann berührte sie mit ihren seinen, bleichen Lippen seine Stirn, preßte ihr Schnupftuch vor die Augen und ging eilig in's Nebenzimmer. Eugen nahm seinen Hut und verließ das Gemach, ohne sich weiter darin umzuschauen. Er kannte diese Zimmer so gut wie gar nicht. Hier war kein Winkel, kein Geräth, das ihn an seine Kindheit erinnert hätte. Alles hier war für ihn kalt und fremd. Er ging leise zur Thüre hinaus und konnte sich dabei des Gedankens nicht erwehren, daß er vor einer Stunde diese Schwelle mit einem wärmeren Herzen, mit besseren Gedanken überschritten, als im jetzigen Augenblick, und er sagte sich seufzend, daß seine guten und schönen Erwartungen sich hier nicht erfüllt haben. Auf der Treppe blieb er einen Augenblick stehen und schaute in das stille Haus hinab. Ach! obgleich hier keine Stimme zu ihm sprach, so redeten doch unzählige Gegenstände herzlich und freundlich mit ihm. Die breite dunkle Treppe, vor allem das glänzende schwere Geländer derselben, sein gefährliches Spielzeug aus der Knabenzeit, wenn er mit seinen kleinen Händen kaum im Stande war, sich an der breiten Ballustrade festzuhalten, während er mit anderen ebenso leichtsinnigen Gespielen darauf hinunterrutschte. Da waren die langen und breiten Gänge im ersten Stock, auf denen er seine Spiele getrieben und mit dem Kreisel und dem Steckenpferde getobt und gelärmt, bis sich dort hinten am Ende die letzte Thüre öffnete, bis dort der Vater mit dem ernsten Gesichte herausschaute und ihm anempfahl, jetzt endlich einmal das schreckliche Lärmen zu lassen. Es war eigenthümlich, daß die für ihn so unangenehme und finstere Zeit, die er schon erwachsen hier verlebt, sich beim Anblick des Hauses wie in einen schwarzen Schleier verbarg und durch so gar nichts mahnend vor ihn hintrat. Er übersah sie, wie eine unfreundliche wilde Kluft zu seinen Füßen, über welche er rückwärts hinwegschaute. Ja, als er die Treppen tiefer hinabstieg und unten das Picken der alten Uhr hörte und den knarrenden Ton der Hofthür, durch welche die alte Köchin so eben hereinkam, und als er dazu den Speiseduft roch, da war es ihm, als sei er so eben erst aus der Schule gekommen, als habe er droben so eben erst seinen kleinen Tornister mit den Büchern abgelegt, und als rutsche er nun geschäftig in die Küche hinab, um die Martha zu fragen, was denn eigentlich heute Gutes gekocht werde. Hier unten in der Region der Dienerschaft hatte sich so gar nichts verändert; da lagen am Hausthore alte Steine seit unvordenklichen Zeiten, auf welchen er als kleines Kind schon gespielt, und daneben stand ein alter Schlitten, noch immer wie damals mit einer staubigen grünen Decke verhängt. Durch all' diese Erinnerungsmale, die er vor sich sah, durch die todten, nur ihm verständlichen Bilder, war ihm das Herz so schwer geworden, daß er so rasch wie möglich bei der angelehnten Küchenthüre vorbeieilte, um der Dienerschaft aus dem Wege zu gehen, deren herzliche Worte ihm vorhin schon fast die Thränen in die Augen gebracht hatten. Er eilte durch die Straßen seiner Wohnung zu, und als er an der Ecke rückwärts schauend das elterliche Haus so ernst und still da liegen sah, da faßte er den festen Entschluß, den Wunsch der Mutter zu erfüllen, zu einer Versöhnung mit ihr die Hand zu reichen und Alles anzuwenden, um nicht länger wie ein Verstoßener vor diesen Mauern stehen zu müssen, zwischen welchen seine Wiege gestanden. Als er seine Wohnung erreichte, traf er dort weder den lustigen Rath noch seinen Bedienten an; Beide waren ausgegangen. Auf dem Tische aber lag eine Menge Briefe, wie dies beinahe täglich der Fall war. Eugen warf sie auseinander, las die Postzeichen, sowie bekannte und unbekannte Handschriften; und suchte sich die ersteren aus, sowie überhaupt die Schreiben, die ihm interessant vorkamen. Dieses Mal aber hatte er kaum die Briefschaften flüchtig durchgesehen, so faßte er rasch mit der Hand ein kleines zierliches Couvert, das er hastig abriß und alsdann das Schreiben, das in demselben enthalten war, überflog. Es mußte etwas Sonderbares sein, das auf dem Papier stand, denn Eugen ließ, nachdem er es gelesen, die Hand, welche es erfaßt hatte, herabsinken, lehnte sich mit dem Kopf gegen das Fenster und sah nachdenkend vor sich hin. »Das ist doch sonderbar!« murmelte er nach einer Pause, »das hätte ich von ihr nicht erwartet! Und so schnell, und ohne daß ich sie darum gebeten! Ich weiß nicht, es ist mir nicht angenehm!« Nach diesem Selbstgespräch überlas er nochmals den kleinen Brief. Es waren nur vier Zeilen, vier kleine Zeilen von ihr, und sie sagte ihm darin, er müsse sie heute Abend um die neunte Stunde in ihrem, in dem Hause ihrer Mutter aussuchen, er solle nur durch das geöffnete Hofthor gehen, es werde ihm Niemand begegnen. Wie gesagt, diese Aufforderung war ihm unangenehm, und er konnte sie mit dem bisherigen Betragen des Mädchens gegen ihn nicht zusammenreimen; und doch waren es ihre Schriftzüge, und doch war das Schreiben geformt und zusammengelegt, wie sie es zu machen pflegte. Was sollte er thun? – Nach kurzem Ueberlegen entschied er sich dafür, auf alle Fälle hinzugehen. Hat mir Katharine dies wirklich geschrieben, sagte er zu sich selber, so muß sie etwas Wichtiges, ganz Außergewöhnliches und Dringendes mit mir zu besprechen haben. Denn im anderen Falle hätte Katharine, wie ich sie kenne, nie diesen Schritt gethan. – Vielleicht ist es eine Neckerei von irgend Jemand, und das möchte ich denn doch untersuchen; dein ich will mir nicht verhehlen: es wäre mir sehr lieb, wenn ich Thor und Thür verschlossen fände und sie mir diesen Brief nicht geschrieben hätte. – Aber es ist ihre Handschrift. – Pah! was ist Großes dabei? Ich gehe heute Abend hin; am Ende könnte mir Katharine doch eine Wittheilung machen wollen, die ihr wichtig genug erscheint, um selbst einen solchen Schritt zu rechtfertigen. Bei allem dem aber war ihm die Sache unangenehm; er schritt lange in dem Zimmer auf und ab, und in seine Liebe zu dem Mädchen war dieses Schreiben wie ein Mißton, wie etwas Unreines, Widerwärtiges hineingekommen. Wenn er sie falsch beurtheilt hätte; o, das wäre schrecklich! Wohl wallte bei dem Gedanken sein Blut auf, und das Briefchen zitterte in seiner Hand; aber dieser Gedanke fuhr kalt und schneidend in sein Herz und ließ zusammenstürzen die süßen Luftschlösser, die er nach jener Unterredung mit der Mutter so kühn und glänzend aufgebaut. Mehrmals überlas er noch die Zeilen, welche das Mädchen geschrieben; dann steckte er das Briefchen zu sich und hatte den festen Entschluß gefaßt, heute Abend dorthin zu gehen. Dem lustigen Rathe wollte er nichts davon sagen; denn er fürchtete dessen Spott, im Falle, wie er sich für möglich dachte, die ganze Sache ein schlechter Spaß sei, den sich irgend Jemand mit ihm erlaubt. Als der getreue Pierrot ein paar Stunden später nach Hause kam, war es das erste Geschäft dieses sorgsamen Dieners, die auf dem Tisch umhergeworfenen Briefschaften aufs Genaueste durchzusehen; er hatte sie im Laufe des Nachmittags hübsch ordentlich neben einander gelegt und bezeugte eine große Freude, als er bemerkte, daß sein Herr sie durchgesehen, und daß eines der Schreiben fehlte. Das Couvert hiezu lag auf dem Boden, und Joseph sah sich veranlaßt, es aufzuheben und auf's Sorgfältigste zu vernichten. Dann verließ er die Wohnung ebenfalls; und obgleich heute für ihn keine Rapportstunde war, begab er sich dessen ungeachtet nach dem Hause des Justizrathes, wo er von dem um sich schnappenden Bedienten sogleich angemeldet und darauf auch vorgelassen wurde. Der Justizrath schien von dem, was ihm Joseph mittheilte, sehr erfreut zu sein; denn er entließ ihn mit aufmunternden Worten, sowie genauen Verhaltungsbefehlen, die der geneigte Leser seiner Zeit schon noch erfahren wird. Darauf setzte sich der Justizrath hin und schrieb ein paar Zeilen an Madame Stillfried, worin er ihr sagte, es sei ihm unmöglich, sie vor spät Abends zu besuchen; doch hoffe er, ihr alsdann eine angenehme Nachricht mitzubringen. Die Staatsräthin versetzte dieser Brief in eine große Aufregung; sie wußte selbst nicht, wie es kam, aber es wehte ihr aus diesen Worten etwas Unheimliches entgegen; sie hätte gar zu gern eine Erklärung darüber gehabt; auch schickte sie sogleich nach dem Hause des Justizrathes, doch war derselbe bereits ausgegangen, und sie mußte sich deßhalb in Geduld fassen. Achtundzwanzigstes Kapitel. Worin der Held der Geschichte zu einem Rendezvous geht, ein Unternehmen, das ziemlich schlecht für ihn endigt. Es mochte fast neun Uhr an dem Abende dieses Tages geworden sein, als Eugen durch die schon leer werdenden Straßen dem Marktplatze zuschritt. Manchmal ward ihm zu Muth, als sei es besser, er betrete das Haus der Gemüsehändlerin nicht unter solchen Umständen; ja einige Mal blieb er stehen und wollte schon in eine Seitenstraße einbiegen, um nach seiner Wohnung zurück zu gehen; doch hielt er diese warnende Stimme in seinem Innern für Furcht und verlachte sie deßhalb. Der Markt war leer, wie gewöhnlich um diese Zeit, der Himmel, der mit Wolken überzogen war und mit Regen drohte, hatte die Spaziergänger verscheucht, und so begegnete Eugen fast Niemand und gelangte ungesehen an den Eingang des alten Hauses mit der Grafenkrone. Das große Thor stand ein klein wenig offen, das Innere des Hofes schien ruhig und still; die kleinen Hausthiere waren in ihren Ställen untergebracht, und die bösen Hunde der Gemüsehändlerin, welche sonst beim geringsten Laut, den ein menschlicher Tritt unter dem Thorbogen verursachte, mit lautem Gebell aufsprangen, gaben keinen Ton von sich. Eugen befremdete dies einigermaßen, doch dachte er bei sich, wie es denn auch sehr wahrscheinlich war, man habe, auf sein Kommen rechnend, die Hunde absichtlich entfernt. Doch wer hatte diese Vorsichtsmaßregel gebraucht – sie oder Andere ? Als er durch den dunkeln Hof dahin schritt, dachte er zum ersten Male daran, es hätte wohl nicht schaden können, bei einem ähnlichen Besuche irgend eine Waffe mit sich zu nehmen. Doch kam dieser Gedanke zu spät, und wenn er ihm auch früher gekommen wäre, dann hätte er ihn wahrscheinlich doch nicht ausgeführt; er kannte keine Furcht. So hatte er denn nichts bei sich, als einen kleinen Spazierstock mit einem dicken silbernen Knopfe, der mit Blei ausgegossen war. Jetzt hatte er das Ende des Hofes erreicht. Rings um ihn her war tiefe Stille und Dunkelheit; er vernahm nichts als das Schütteln und Schnauben der Pferde in den Ställen und das kurze Gackern irgend eines Huhnes, das vielleicht von einem bösen Traume beunruhigt wurde. Die Eintheilung des Schoppelmannschen Hauses kannte Eugen nur nach Erzählungen Katharinen's; sie hatte ihm gesagt von der großen Vorhalle, dem Comtoir und dem Wohnzimmer ihrer Mutter, dann von den Wohnzimmern ihrer beiden Brüder und auch von dem ihrigen, das über jener Vorhalle liege. Den Eingang zu ihrem Zimmer hatte er neulich gesehen, als er Abends das Mädchen bis an's Hofthor geleitete; da hatte er im hellen Mondscheine bemerkt, daß sie neben jener Vorhalle in eine kleine Thüre getreten war; auf dem Eingang zu jener Wendeltreppe, die in den Zwischenstock führte, hatte sie von der ersten Stufe sich nochmals hinausgebeugt in den Hof und ihm zum Abschied mit der Hand gewinkt. Nach dieser kleinen Thüre lenkte er nun seinen Schritt. Der Eingang zu dieser Wendeltreppe lag so finster da, daß Eugen mit den Händen vor sich hintappen mußte, um die Stufen zu finden, welche aufwärts führten. Jetzt hatte er sie erreicht und schlich langsam in die Höhe; die Treppe war schmal und eng und rings herum von Stein. Er trat so leise und behutsam wie möglich auf, damit ihn kein Klang seiner Schritte verrathe, und dies schien ihm auch zu gelingen; denn es rührte sich nichts in dem weiten Hause, und als der junge Mann den Zwischenstock erreicht hatte und dort einen Augenblick lauschend stehen blieb, kam es ihm gerade vor, als höre er, wie unten im Hofe das große Thor langsam zugedrückt werde, auch glaubte er, das Schnauben und Schnuppern von Hunden zu vernehmen; doch kümmerte ihn dieses Geräusch wenig im gegenwärtigen Augenblicke. – Er stand vor ihrer Thüre, und sein Herz klopfte ihm so gewaltig, daß er einen Augenblick stehen bleiben mußte, und versuchte, es durch tiefe Athemzüge zu beruhigen. Ein kleiner Lichtstrahl fiel durch die Spalten jener Thüre auf den engen Gang hinaus, und das war auch die einzige Helle, die er rings um sich bemerkte. Er näherte sich der Thüre und klopfte leise an; drinnen wurde in einer kleinen Pause heftig ein Stuhl gerückt, aber es erfolgte keine Antwort. Eugen klopfte wiederholt, und als nach längerem Warten von drinnen kein begrüßendes Wort erschallte, so legte er seinen Mund an die Thürspalte und sagte: »Katharine, ich bin's! – es ist Eugen!« Zu gleicher Zeit faßte er nach der Thürklinke, und nachdem er noch einen Augenblick vergeblich auf eine Antwort gewartet, öffnete er langsam und trat in das kleine, niedere Gemach. Da saß Katharine in der hintersten Ecke des Zimmers, dicht bei dem Fenster; dort in jene Ecke hatte das plötzliche, unerwartete Klopfen, noch mehr aber Eugen's Stimme, sie hineingeschreckt. Dort saß sie zusammengeschauert und ängstlich, und das große, glänzende, weit aufgerissene Auge starrte den Eintretenden mit dem Ausdrucke des größten Schreckens an. Eugen war durch alles das überrascht – freudig überrascht. Die Angst, welche sich auf ihren Zügen malte, war ein Bürge dafür, daß, wie er sich auch gleich gedacht, jenes Schreiben nicht von dem geliebten Mädchen herkomme, daß ihn Jemand anders damit geneckt, mochte das nun aus einem Grunde geschehen sein, welcher es wolle. Es war ihm dies im gegenwärtigen Augenblicke ganz gleichgültig. Er wollte sich dem Mädchen nähern, doch Katharina streckte ihm ihre beiden Hände so stehend und abwehrend entgegen, daß er sich gezwungen sah, an der Thüre stehen zu bleiben. »Wie kommst du hieher?« fragte sie nun hastig, aber mit tonloser Stimme; »wie kamst du durch das verschlossene Thor? Wie kamst du bei den Hunden vorbei?« »Du hast mir nicht geschrieben, Katharine?« sagte der junge Mann lächelnd und zog das Briefchen hervor, »du hast dies nicht geschrieben?« »Was soll ich dir geschrieben haben?« fragte das Mädchen in großer Angst. »Nun, dieses Briefchen,« entgegnete der junge Mann, »das mich eingeladen hat, zu dir zu kommen. – Aber beruhige dich nur,« setzte er schnell hinzu, als er sah, wie das Mädchen heftig in die Höhe fuhr; »ich bin ja nun fest überzeugt, daß du's nicht geschrieben hast; man hat sich einen Spaß mit uns gemacht.« »O Eugen!« rief das Mädchen und rang die Hände, »das nennst du einen Spaß! Gott im Himmel! das ist ein Spaß, der blutiger Ernst werden kann!« »Wie so?« »Stand das Thor offen?« »Allerdings.« »Und die Hunde?« »Ich sah und hörte nichts von ihnen.« »O, das ist eine angelegte Geschichte!« rief jammernd das Mädchen. »Sie haben dich hieher gelockt, sie haben Uebles mit dir vor! – Horch!« Und nun, da Katharina ihn, den sie über Alles liebte, in Gefahr wußte, verlor sie plötzlich ihre jungfräuliche Scheu, welche sie vorhin bei seinem Anblick in die Ecke des Zimmers getrieben, und sie sprang rasch in die Höhe, eilte an die Thüre und schob den Nachtriegel vor. »Das ist wenigstens für den Augenblick!« sagte sie. – »O, Eugen! warum bist du hieher gekommen?« »Ich dachte einen Augenblick,« antwortete Eugen, »du, mein geliebtes Mädchen, habest wirklich jene Zeilen geschrieben, aber nur einen Augenblick glaubte ich das; du konntest mir etwas Wichtiges mitzutheilen haben.« »O nein! o nein!« sagte sie hastig, »das konntest du auch nicht eine Sekunde von mir denken. Weißt du denn nicht, wie ich dich vor diesem Hause stets gewarnt – vor diesem finsteren Hause, vor den beiden Brüdern?« »Pah!« versetzte lachend der junge Mann, »du bist zu ängstlich, Katharine. Nun ja, ich bin gekommen in der Hoffnung, dich, mein Leben, einen Augenblick zu sehen, und das habe ich ja erreicht. Jetzt gehe ich wieder ruhig meinen Weg, und die Sache ist abgemacht.« »O, Eugen!« sprach ängstlicher das Mädchen, »sei nicht so arglos, glaube mir, sie haben dir einen Hinterhalt gelegt!« »Wer denn?« fragte zweifelnd der junge Mann. »Gewiß die beiden Brüder!« erwiderte das Mädchen. »Das Thor stand offen, als du kamst; jetzt ist es geschlossen; du merktest nichts von unseren bösen Hunden – horch, hörst du nichts? – jetzt sind sie losgelassen. Lege das Ohr an die Thüre und du hörst deutlich, wie sie unten am Eingang dieser Treppe hin- und herspringen.« »Wahrhaftig!« sagte Eugen, nachdem er einen Augenblick gelauscht – »du hast Recht, mein Mädchen. Aber was soll das alles bedeuten?« »Das weiß ich selbst jetzt noch nicht genau; aber etwas Gutes auf keinen Fall.« »Aber etwas so arg Schlimmes auch nicht! Nach deinen Worten sollte man wirklich glauben, wir seien um ein paar Hundert Jahre zurück und lebten in einer Zeit, wo man unberufene Eindringlinge, wie mich, für ewig verschwinden ließ.« »Wenn wir nicht in der gleichen Zeit leben,« sagte eifrig das Mädchen, »so doch in einer ähnlichen. Glaube mir, Eugen, die da unten haben etwas Schlimmes mit dir vor.« »So machen wir den Versuch,« antwortete lächelnd der junge Mann, »und ziehen uns langsam dahin zurück, wo wir hergekommen; es wird das jetzt noch besser zu bewerkstelligen sein, als später.« Katharina hatte an der Thüre gelauscht und winkte mit der Hand zurück, als wollte sie sagen, Eugen solle sich mit keinem Worte verrathen; dann wandte sie sich rasch um, legte den Finger auf den Mund und zog ihn eilig in die hinterste Ecke des Zimmers nach dem Fenster zu. »Sie sind unten an der Treppe,« sagte sie rasch und tief Athem holend. »Ja, ja, es ist nichts anders; wer den Brief geschrieben hat, das kann ich nicht wissen; aber sie haben dir den Durchweg abgeschnitten, und fort mußt du, augenblicklich fort!« »Wohin denn?« fragte er; »wohin, wenn sie die Treppe besetzt halten?« »Es ist schrecklich, Eugen, daß du mich in diese Lage gebracht hast,« antwortete sie, »aber es bleibt keine andere Wahl, du mußt hier zum Fenster hinaus; es ist nicht tief bis auf die enge Gasse, auch wird dich, so Gott will, kein Mensch sehen. Aber warte einen Augenblick, ich muß vorher das Licht auslöschen – willst du? – o, es hilft kein anderes Mittel!« »Wenn du meinst, Katharine,« versetzte er; »aber die ganze Sache kommt mir in der That sonderbar vor. Was können deine Brüder von mir wollen? – Eine Erklärung, die will ich ihnen gern geben.« »Die wollen keine Erklärung,« sagte das geängstigte Mädchen. – »Doch still, es kommt Jemand an die Thüre!« Wirklich hörte man in diesem Augenblick schwere Tritte die steinerne Treppe heraufkommen und vernahm das Geräusch einer tappenden Faust, welche die Thürklinke suchte; es wurde darauf gedrückt; doch da der Riegel von innen vorgeschoben war, so ging die Thüre nicht auf. Eugen, der das zitternde Mädchen mit einem Arme umfaßt hatte, blickte aufmerksam nach dem Eingang. »He, Katharine!« erscholl von draußen die Stimme des Fuhrmanns, »es hat sich ein Dieb in das Haus geschlichen, ein feiner Dieb.« Dabei hörte man ein halb unterdrücktes Lachen. »Weißt du was davon? Er ist die Wendeltreppe hinaufgeschlichen; wir müssen ihn finden und wollen ihm alsdann zeigen, was es bedeuten will, wenn man sich zur Nachtzeit in ehrliche Bürgershäuser schleicht. Was weißt du davon, mein Kätherle?« Eugen hatte gute Lust, hierauf eine Antwort zu geben; doch das Mädchen, welches wohl befürchtete, er möchte solche Unvorsichtigkeit begehen, drückte ihm die Hand fest auf den Mund und sagte: »Du bist es, Fritz? Laß mich in Frieden mit deinen Narrheiten.« »Dazu haben wir aber keine Lust!« entgegnete rauh und lachend die Stimme des Bruders. »Kommst du wieder mit deinem Trotz und Hochmuth? Wart nur, mein Schätzte, dießmal haben wir dich gefangen und noch sonst Jemanden dazu. O, wir wissen's wohl –, und nun frage ich dich nur, ob du gutwillig die Thüre öffnen willst?« »Dir meine Thüre öffnen?« rief das Mädchen; »geh schlafen, du kommst wieder aus dem Wirthshaus!« Obgleich sie diese Worte so kräftig wie möglich aussprach, so zitterte doch ihr ganzer Körper heftig, und Eugen mußte sie fest mit seinem Arm unterstützen, damit sie nicht auf den Stuhl niederglitt, dessen Lehne sie krampfhaft gefaßt hielt. »Du willst also nicht gutwillig öffnen?« rief der Fuhrmann nach einer kleinen Pause draußen. »Wohlan denn, so werde ich die Thüre eintreten!« Katharina wand sich heftig aus den Armen des jungen Mannes, legte die Hand auf ihren eigenen Mund, öffnete mit der anderen Hand geräuschvoll das Fenster; dann winkte sie heftig dort hinaus. »Eins – zwei!« rief draußen der Bruder. »Wenn ich »drei« sage, so fliegt die Thür hinein. – Willst du nun aufmachen?« »Wo ist die Mutter?« rief verzweifelnd das Mädchen. »Ruf die Mutter herauf! Ihr will ich die Thüre augenblicklich öffnen.« »Ja, die Mutter!« lachte draußen der Fuhrmann, »die ist glücklicher Weise ausgegangen; wir haben das Feld allein.« »Gottes Barmherzigkeit!« seufzte Katharina; dann faßte sie Eugen's Hand, drückte sie krampfhaft zusammen und sagte mit leiser Stimme: »Fort, fort! das ist ein großes Unglück!« »Aber es ist ja ein einzelner Mann,« zischelte Eugen ihr empört in's Ohr, »soll ich vor einem Einzelnen fliehen?« »O, glaube mir, es sind ihrer Mehrere. Fort, fort!« »Meint ihr, ich habe euer Sprechen nicht gehört?« rief draußen die Stimme. »Jetzt paß auf, Schätzle! eins – zwei und drei!« Mit dem letzten Worte flog die Thüre krachend auf. Eugen, von dem Mädchen, welches im Augenblicke das Licht auslöschte, auf's Heftigste gedrängt, schwang sich auf die Fensterbrüstung, doch nicht schnell genug, daß nicht der Fuhrmann, der ihn augenblicklich bemerkte, Zeit genug gehabt hätte, auf ihn loszustürzen und mit einem umgekehlten schweren Peitschenstiele einen wüthenden Streich nach ihm zu führen. Eugen, der außerordentlich gewandt war, befand sich in einer schwierigen Lage; er hatte an dem offenen Fenster keinen sicheren Stand und konnte sich nur vor dem Hinausstürzen bewahren, indem er sich mit Kopf und Rücken fest gegen die Fensterbrüstung stemmte. In dem Augenblicke, wo der Fuhrmann den Schlag nach ihm führte, sah er obendrein noch, wie Katharina ihn mit dem Körper decken wollte, weßhalb er gezwungen war, sie unsanft von sich zu schleudern, um sie auf diese Art vor dem Schlage des Bruders zu schützen. Dieser, der augenscheinlich nach dem Kopfe Eugen's geführt war, traf in der Dunkelheit den Fensterrahmen und dann, von diesem abgleitend, seinen linken Arm. Eugen hatte nichts, als den schon erwähnten kleinen Spazierstock mit bleiernem Knopf. Er faßte denselben jetzt an seinem unteren Ende, und in dem Augenblicke, als der Fuhrmann nach Eugen griff, um ihn zu dem Fenster herein zu ziehen, ließ der junge Mann den Stock schwingen und mit voller Kraft auf den Kopf seines Angreifers niederfallen. Dadurch verlor er aber selbst das Gleichgewicht und stürzte mehr, als er sprang, zu dem Fenster hinaus auf die enge Gasse. Doch als der junge Mann dort niederfiel und betäubt zusammen brach, war dies nicht die Folge des Sturzes von dem Fenster, sondern in dem Augenblicke, wo er den Boden berührte, empfing er einen solch furchtbaren Schlag in die Seite, der ihm für einen Augenblick Athem und Besinnung raubte – doch glücklicher Weise nur für einen Augenblick, Eugen raffte sich gleich darauf wieder zusammen, und sein erster Gedanke war, daß ihm auch hier Jemand auflaure. Er richtete sich deßhalb an der Mauer in die Höhe, und als es ihm möglich war, in der Dunkelheit die Gegenstände um sich zu erkennen, bemerkte er seinen zweiten Angreifer vor sich stehen und sah, wie dieser im Begriffe war, mit einem Handbeil einen zweiten Hieb nach seinem Kopfe zu führen. Seine Seite schmerzte ihn fürchterlich, und er wäre, dadurch gehindert, kaum im Stande gewesen, diesem Schlage auszuweichen, und demselben wahrscheinlich erlegen, wenn sich nicht in diesem Augenblicke das Fenster droben erhellt und wenn man nicht die Stimme der Gemüsehändlerin vernommen hätte, die laut und kreischend! »Konrad, Konrad!« rief. Dieser, der Angreifer mit dem Handbeil, ließ seine Waffe sinken und blickte in die Hohe. »Mörder, Mörder!« schrie die Frau droben, »sie haben den Fritz erschlagen, er liegt auf dem Boden und regt sich nicht! Hast du ihn, Konrad? Halt ihn fest! Zu Hülfe, zu Hülfe!« Auf diese Worte hin hob Konrad sein Handbeil abermals in die Höhe, und Eugen machte eine verzweifelte Anstrengung, um dem Schlage auszuweichen, was ihm auch in so fern gelang, als derselbe nur seinen rechten Arm traf, ihm den Aermel aufschlitzte, ihn aber zu gleicher Zeit durch eine tiefe Wunde, die er dort erhielt, ganz kampfunfähig machte. Droben schrie die dicke Frau: »Zu Hülfe! Räuber und Mörder!« gellend in die Nacht hinaus; auch vernahm man durch die nächtliche Stille schon Schritte auf dem Pflaster, die sich eilig zu nähern schienen. Eugen fühlte, daß es mit ihm zu Ende gehe. Durch das Fenster, von welchem er sich herabgeschwungen, schwang sich jetzt noch ein Mann herab, einer der Knechte der Gemüsehändlerin, und faßte ihn so fest an dem verwundeten Arm, daß er sich nicht zu regen vermochte. Konrad ergriff ihn bei der Schulter, Beide rissen ihn von der Mauer fort, und es war augenscheinlich, daß sie die Absicht hatten, ihn in das Haus hinein zu schleppen. In der Wohnung der Frau Schilder gegenüber ließ sich kein Licht sehen, wohl aber in dem musikalischen Hause. Dort wurden die Fenster aufgerissen und mehrere Köpfe erschienen in dem erleuchteten Zimmer; doch schien sich Keiner auf die Straße hinaus zu wagen. Aehnliche Auftritte waren hier schon mehrfach vorgekommen, und die guten Schullehrer kannten die wilde Gemütsart der Gebrüder Schoppelmann. Eugen gab sich verloren. – – Da wurde mit Einem Male, aber wie durch einen Blitzstrahl, Konrad, der Jäger, zu Boden gerissen, und in dem gleichen Augenblicke ließ der Knecht an der andern Seite entsetzt den Arm des jungen Mannes los. Eine zottige, wild aussehende Bestie hatte sich zwischen die Beiden geworfen, den Jäger niedergerissen und machte jetzt mit dumpfem Geheul alle Anstalten, dem Knecht ein gleiches Schicksal zu bereiten. Eugen, hoch erfreut, erkannte seinen Hund, der ihm hier, wo Alles verloren schien, so unverhofft zu Hülfe kam. Der Knecht, ohne den Angriff des ihm grausenhaft erscheinenden Feindes abzuwarten, wandte sich zur Flucht; der Neufundländer wollte ihm nach, doch faßte ihn Eugen am Halsbande, denn ihm war nun Alles daran gelegen, diesen Platz so schnell wie möglich zu verlassen. »Mörder!« schrie die Frau von ihrem Fenster immer fort und fort, die Schritte von den benachbarten Straßen kamen näher und näher, und man vernahm dazwischen Säbelgeklirr und den festen Tritt der Militärpatrouille. Eugen, von dem Blutverlust und dem Schlage in seiner Seite erschöpft und ermattet, hielt sich mit der Hand fest an dem Halsbande des riesenhaften Hundes, dann rief er ihm zu: »Ruhig, Sultan, fort!« und das getreue Thier, das ihn vollkommen zu verstehen schien, schoß davon und riß seinen Herrn mit sich fort durch die enge Gasse über den Marktplatz hinweg, seiner Wohnung zu. +++ Nachdem der getreue Pierrot am heutigen Nachmittage einen außergewöhnlichen Rapport beim Justizrathe gehabt, hatte ihm dieser anbefohlen, sich Abends nicht in der Nähe dies Marktes sehen zu lassen. Dies stimmte auch mit den Neigungen und Wünschen des Bedienten vollkommen überein, und so begab er sich denn mit einbrechender Dunkelheit nach Hause, und wir müssen gestehen, nicht ohne einiges Herzklopfen. Jetzt, nachdem durch seine Beihülfe die Katastrophe vorbereitet war, fing er an einzusehen, wie außerordentlich schlecht er an seinem Herrn gehandelt. Zugleich aber war der Trost, den er sich selber gab, noch viel fürchterlicher, noch viel niederdrückender für ihn, »Müßte ich denn nicht dem Anderen gehorchen?« sagte er zähneknirschend; »hielt er mich nicht fest? Was half mir alles Zerren und Sträuben? Vorwärts mußte ich in's Teufels Namen!« – Je näher es aber auf neun Uhr ging, um so unruhiger wurde der getreue Pierrot. Mehrmals faßte er den Entschluß, sich mit einer Waffe zu versehen und nach der engen Gasse zu eilen hinter dem Schoppelmann'schen Hause; aber er hatte schlimme Ahnungen von vieler Polizei, die sich dort herumtreiben könnte, und dachte nicht ganz mit Unrecht: »Wenn ich da unten bei der Geschichte erwischt werde, so sorgt der Justizrath schon dafür, daß man mich unter allen Umständen fester als die Uebrigen hält; dann kommt jener Aktenfascikel zu Tage und mit mir ist's aus.« Es war eigenthümlich, obgleich sehr natürlich, daß alle Betrachtungen und Selbstgespräche Joseph's am heutigen Abend sich stets in traurige finstere Bilder verloren. Da saß er, wir müssen gestehen, ein Bild des Jammers, auf einem kleinen Stuhl an der Thüre; er hatte die Knie hoch empor gezogen und umfaßte dieselben inbrünstig mit seinen Armen. Den Kopf hatte er tief hernieder gesenkt, und seine weit offenen Augen stierten gedankenvoll in eine Ecke. – »Und wenn die Sache jetzt nach den Begriffen des Justizrathes gut geht,« dachte er weiter, »was geschieht dann mit nur? Wenn jetzt also da unten wirklich ein Unglück geschieht – oh! ich kenne meinen Herrn; denn gutwillig läßt sich der nicht einfangen, und wenn Einer dem Andern den Schädel einschlägt und sie ihn darauf festnehmen und dann hieher kommen und die ganze Wohnung unter Siegel legen – was geschieht dann mit mir?« Es überlief den getreuen Diener ein gelindes Frösteln. »Trau' einer dem Teufel!« fuhr Joseph nach einer längeren Pause in seinem Selbstgespräche fort; »wer steht mir dafür, daß er mir nichts zu Leide thut, wenn er mich nicht mehr braucht? daß er sich meiner nicht entledigt, indem er mich an das Messer liefert – und wenn das nicht der Fall wäre, was kann mir Anderes daraus erblühen? Ja, nur ebenso Schlimmes – daß er mich vielleicht in seine eigenen Dienste nimmt neben jenem alten Kerl, neben jenem schnappenden, bissigen Ungeheuer! – O, ich war sehr dumm!« Es mußte nächstens neun Uhr schlagen. Der Bediente wurde immer unruhiger. Er war so allein in der Wohnung, allein mit dem großen Hunde, der am Boden vor dem Fauteuil Eugen's lag und seinen zottigen Kopf auf den Sitz gelegt hatte. Der Neufundländer schlief nicht; seine Augen glänzten unter dem luschigen Haare hervor und folgten allen Bewegungen des Dieners, der jetzt unruhig auf und ab schritt. Plötzlich blieb Joseph vor dem Fauteuil stehen, und ihm schien ein sehr guter Gedanke zu kommen. »Sultan!« sagte er, »wo ist dein Herr?« Der Hund, den man oft auf diese Art anredete, stieß ein kurzes Geheul aus, hob den Kopf in die Höhe und blickte nach der Thüre; dabei wedelte er mit dem Schweife, was seine Bitte ausdrückte, ihn fortzulassen. Eugen hatte aber ein für alle Mal streng verboten, den Hund des Abends nach ihm auszuschicken; denn das treue Thier, seinem Herrn außerordentlich ergeben, suchte und fand augenblicklich seine Spur und wurde ihm auf diese Art zuweilen sehr beschwerlich. Dieses Mal aber glaubte Joseph eine Ausnahme machen zu können; er schnallte dem Hunde ein festes eisernes Halsband um, nahm ihn mit sich hinaus, öffnete ihm die Hausthüre und sagte: »such' den Herrn!« In wilden Sätzen schoß der Hund die Straße hinauf, und im gleichen Augenblicke schlug es neun Uhr. Durch dieses Manöver fühlte sich Pierrot einiger Maßen erleichtert, und er begann ernstlich zu überlegen, was in seiner Lage am besten zu thun sei. Daß der Justizrath einen angelegten Plan fest verfolge, war ihm nicht entgangen; daß dieser Plan darauf hinauslief, sich unter irgend einem Vorwande der Person und Papiere seines Herrn zu bemächtigen, war ihm ebenfalls klar geworden. Was war nun für ihn zu thun? War es lohnender, hier auf der Bahn, die er betreten, plötzlich umzukehren und seinem Herrn zu dienen, oder war es besser, wie bisher den Befehlen des Justizraths zu folgen? Für den Fall hatte er seine Ordre und sollte, was auch kommen möge, den Verlauf der Dinge in der Wohnung Eugen's ruhig abwarten. Das wäre an sich viel leichter gewesen; doch fühlte er wohl, daß seine Dienstleistungen dem Justizrathe gegenüber mit dem heutigen Abend ihr Ende erreichten, und damit war er auch der Gnade desselben anheimgefallen. Dieser Gedanke machte ihn schaudern. Da hörte er draußen auf der Straße – die Fenster standen offen – das Schnauben des Hundes und den Klang schwerer, unregelmäßiger Schritte, die jetzt unter der Hausthüre aufhörten; dann wurde heftig die Glocke gezogen. Joseph stürzte auf den Gang hinaus und öffnete, doch taumelte er vor Schrecken fast zurück, als er seinen Herrn bemerkte, der das Halsband des großen Hundes fest gefaßt hielt und einer Ohnmacht nahe zu sein schien. Joseph wagte kaum, seinen Herrn zu berühren, und geleitete ihn schaudernd in's Zimmer. Eugen war ohne Hut, todtenblaß und athmete schwer und mühsam. Der Rockärmel seines rechten Armes hing in Fetzen herunter, und darunter blickte das weiße Hemd mit Blutflecken bedeckt, hervor. Eugen stützte sich mit der linken Hand auf den Tisch und befahl dem entsetzt zuschauenden Diener, ihm den Rock auszuziehen. Dies war bald geschehen, und dann wurde die Wunde an dem Arme untersucht. Obgleich einige tiefe Risse und starke Quetschungen da waren, schien die Sache doch nicht so gefährlich. Joseph legte einen nothdürftigen Verband an, und erst als er seinen Herrn auf's Neue angekleidet und dieser sich in seinen Fauteuil niedergelassen, erlaubte er sich, eine fragende Miene anzunehmen. »Nicht wahr,« sagte Eugen, »es kommt dir sonderbar vor, wie ich so merkwürdig zugerichtet nach Hause komme? Ja, ohne den Hund da wäre ich wohl für längere Zeit ausgeblieben. Ich glaube, die Canaillen hätten mich todt geschlagen.« Joseph faltete die Hände, und dieses Mal war es keine Komödie. Er dachte: Gott sei Dank, daß ich den Hund losgelassen. »Es war da drunten,« fuhr Eugen fort, »sie haben mir eine Falle gelegt. Ja, warum bin ich hingegangen? – Du mußt aber jetzt gleich fort, Joseph, um nachzusehen, wie es da unten gegangen ist.« »Ja, was ist denn eigentlich vorgefallen, gnädiger Herr?« fragte der Bediente. »Was wird vorgefallen sein!« antwortete der junge Mann; »da sie mich festhalten wollten, habe ich mich natürlicher Weise gewehrt und Einen zu Boden geschlagen.« »Und wer war das?« fragte erschrocken der Bediente. »Nun, einer der beiden Brüder; ich glaube, der Aeltere. Was kann man da machen? ich schlug mit meinem Stock ein Bischen derb zu; aber sie haben es verdient, diese Hallunken!« »Das weiß Gott, daß die es verdient haben!« seufzte der Diener mit einem Blick an die Zimmerdecke. »Aber gnädiger Herr! verzeihen Sie mir; die Sache wird noch nicht zu Ende sein. Wenn man Sie erkannt hat – o, und man hat Sie gewiß erkannt – so wird man Sie hier aufsuchen und – das wäre erschrecklich! – festnehmen.« »Das ist sehr wahrscheinlich,« entgegnete Eugen, »denn die Polizei war gar schnell bei der Hand. Die Frau schrie aber auch wie besessen.« In diesem Augenblicke hörte man das Rollen eines Wagens, der vor dem Hause still hielt. Joseph öffnete die Thüre, und gleich darauf stürzte der Herr Sidel in's Zimmer. »Nun, Gott sei gelobt! da bist du ja! Das sind wieder einmal schöne Geschichten!« »Nur keine Predigt!« entgegnete Eugen lachend; »du siehst, ich bin gestraft genug, also schenke mir das Uebrige.« »Bist du schwer verletzt? forschte dringend der lustige Rath. »Das glaube ich gerade nicht,« entgegnete Eugen. »Meine Seite schmerzt mich stark; aber ich glaube nicht, daß etwas gebrochen ist.« »Du kannst also stehen und gehen?« »Ich glaube so!« »Nun dann keine Zeit verloren! Ich habe draußen einen Wagen; wir müssen augenblicklich von hier fort.« »Du erschreckst mich!« sagte Eugen und blickte den Herrn Sidel fest an. »Sollte denn wirklich ein Unglück geschehen sein?« Der lustige Rath zuckte mit den Achseln und entgegnete: »genau weiß ich das nicht. Du hast deinen Angreifer schwer getroffen, das ist sicher; und glaube mir, es ist besser, von fern abzuwarten, wie die Sache auslaufen wird, als hier in der Stadt, im Handbereiche unseres Freundes, des Justizrathes Werner.« Bei den letzten Worten hatte er sich herabgebeugt und diesen Namen ganz leise ausgesprochen. Joseph hatte ihn aber dennoch verstanden. »Hurtig! hurtig!« rief Herr Sidel diesem zu. »Wirf von der Garderobe deines Herrn und von der meinigen so viel wie möglich in ein paar Koffer, und auf den Wagen damit! Ich will unterdessen drüben die wichtigsten Papiere zusammenraffen.« »Nimm auch drinnen mein Kästchen,« sagte Eugen, »da hast du die Schlüssel. Du kennst es ja.« »Was machen wir mit Joseph?« fragte der lustige Rath, nachdem er aus dem Schreibtische das Kästchen geholt. »Ich denke, wir lassen ihn hier; er kann auf die Wohnung Acht geben und uns von Zeit zu Zeit Nachrichten zukommen lassen.« Diese Worte versetzten den getreuen Pierrot in nicht geringe Bestürzung; denn das war es ja gerade, was er am meisten fürchtete: hier allein zurück zu bleiben und dem Justizrath in die Hände zu fallen. Deßhalb bat und flehte er auf's Dringendste, ihn ebenfalls mitzunehmen, und wußte für diesen Wunsch die trefflichsten Gründe anzugeben, wobei die Anhänglichkeit an seinen Herrn und die Unmöglichkeit, denselben im Unglück zu verlassen, eine Hauptrolle spielten. Endlich gab Eugen diesen Bitten nach, obgleich Herr Sidel nicht viel Lust dazu bezeigt, und Joseph ging nun eifriger und freudiger an die Verpackung des Wagens. Dieses Geschäft war bald besorgt. Eugen und der lustige Rath stiegen hinein, Joseph setzte sich auf den Bock, und der große Hund sprang lustig nebenher, als nun die Pferde anzogen und im raschen Trabe zur Stadt hinaus eilten, auf der Landstraße dahin, die zur nahen Grenze führte. Neunundzwanzigstes Kapitel. Welches von Visiten im Allgemeinen, von Heiraths- und andern Spekulationen handelt Unter vielen Sachen, welche die Menschen erfunden und eingerichtet haben, um sich gegenseitig zu langweilen und beziehungsweise sich das Leben sauer zu machen, stehen Höflichkeitsbesuche unbedingt oben an. Wir meinen natürlicher Weise nur solche Visiten, wo Beide, der Besucher und Besuchtwerdende, außerordentlich froh sind, wenn sie dieses Geschäft mit einer Visitenkarte abmachen können. Aber unter allen dergleichen Zeitverschwendungsgängen sind für beide Theile die unbehaglichsten und zeitraubendsten die sogenannten Digestions- oder Verdauungsvisiten, der Dank für ein genossenes Diner, ein Souper oder ein Soirée mit oder ohne Tanz. Man versäumt ja dergleichen so leicht und gewiß ohne die Absicht, dem Gastgeber eine Unhöflichkeit damit zu bezeugen. Man ist hingegangen, well man eingeladen war, man hat an den Wänden umhergestanden, man war in Verzweiflung wegen zu enger Stiefel und wegen seines Hutes, den man sorgfältig neben der Thüre unter den kleinen Tisch gestellt, nicht beachtend, daß der kleine Tisch zum Spielen gebraucht und der Hut von dem herrichtenden Bedienten zu zweihundert anderen Kopfbedeckungen in ein entlegenes Hinterzimmer verwiesen wurde. Man hat ihn endlich gefunden, man schleicht sich hinaus, und wenn man das Glück hat, nicht an der äußeren Thüre der Hausfrau zu begegnen, oder ihm , dem an einem solchen Abende sehr geplagten Ehemanne, so gelangt man unangefochten auf die Straße, nach Hause und in's Bett. Das wäre einmal wieder abgemacht; man ist wieder ein freier Mensch, man hat vorderhand keine weiteren Verbindlichkeiten, man denkt nicht weiter an den genossenen Abend, bis man vielleicht in einer Woche später einem Bekannten begegnet. »Apropos!« sagt dieser, »warst du schon bei der Frau von C.? Hast du der L. deinen Besuch schon gemacht?« – »Noch nicht.« – »Aber es ist Zeit, gehe bald hin, man sieht in dem Hause sehr genau darauf.« Der Bekannte hat Recht; dieser nothwendige Besuch, der dir am ersten Tage nach dieser Begegnung eine Kleinigkeit zu sein scheint, die man leicht abschütteln kann, wird immer schwerer, je weiter du ihn hinaus schiebst, und endlich sitzt er dir wie ein hohnlachender Alp auf der Brust. Du bist Geschäftsmann, deine Morgen sind dir kostbar; du hast überhaupt nur ein paar in der Woche, wo du dich losmachen kannst, und gerade an solchen, wenn du bereits angezogen bist und den Hut in der Hand hast, gibt ein Besuch dem anderen die Thüre in die Hand. Und das sind keine Visiten, die dich plagen, es sind lauter Geschäftsfreunde; und wenn auch jeder sieht, daß du eilig bist, und sich so kurz wie möglich faßt: es hilft Alles nichts. Die Minuten jagen sich mit unendlicher Geschwindigkeit. Es schlägt zwölf Uhr, ein Viertel, halb, und mit dem Schlage Ein Uhr ist, wie nächtlich um dieselbe Stunde, für die Geister, jetzt mittäglich für dich die Zeit zu Besuchen vorbei. Du kannst deinen Hut in die Ecke werfen, und wenn du Nachmittags zufällig der Frau von C. begegnest, so hustet sie bedeutsam, während sie für deinen Gruß flüchtig dankt, oder sie sieht ihre Schwester, die neben ihr geht, zufällig an; auch kann es dir sogar passiren, daß, wenn du vierzehn Tage gewartet hast, sie sich in dem Augenblicke, wo du den Hut ziehst, herumdreht und zu ihrem Manne sagt: »Das schöne Wetter ist schon vorbei, dort ziehen die Wolken auf.« Wenn man in Abstattung der Visiten wirkliches Unglück hat, so kann man der wohlwollendste und höflichste Mensch von der Welt sein, man wird unter Umständen doch für einen Grobian gehalten. Hat man nun endlich Alles auf die Seite geschoben und stürzt auf die Straße, den lange verschobenen Besuch endlich zu machen, so ist man vielleicht in Gedanken und sieht nicht, daß dort, keine zehn Schritte von uns, das fragliche Ehepaar vorübergeht. Man rennt nach dessen Hause, man athmet freudig auf, als einem der Bediente sagt: »Die Herrschaften sind ausgegangen.« Man nimmt mit der größten Beruhigung zwei Karten, kneift mit wahrer Befriedigung ein Ohr hinein und gibt sie dem Bedienten während man unendlich bedauert, Niemanden zu Hause gefunden zu haben. Gegen ein Uhr kommen Herr und Frau von C. unter einem kleinen Wortwechsel nach Hause. »Aber wie kann man so etwas glauben?« sagt er. – »Du wirst es schon sehen!« entgegnete sie. Darauf treten Beide in's Haus, und ehe noch die Glasthüre des Hausganges hinter ihnen geschlossen ist, fragt man schon nach deinem Namen. »War der Herr X. heute Morgen vielleicht hier?« so fragt die Dame des Hauses, und die beiden Karten, die ihr der Bediente übergibt, hält sie nun dem Gemahl triumphirend unter die Nase, wobei sie indignirt ausruft: » Ah, c'est trop « Man muß schon gestehen, deine Herren Bekannten behandeln uns mit großer Aufmerksamkeit!« Von dem Moment an bist du verloren; du hast absichtlich in den ersten acht Tagen keinen Verdauungsbesuch gemacht, du bist endlich absichtlich an dem Morgen hingegangen, wo du Herrn und Madame C. auf der Straße begegnetest und also genau wußtest, daß sie nicht zu Hause seien; du bist auf deinen unhöflichen Gängen ertappt worden, du bist ein gesellschaftliches Scheusal. – Die Folge von allem dem empfindest du zuweilen recht schmerzlich, denn wenn dich auch der Verlust der großen Soiréen nicht besonders bekümmert, so ladet man dich nicht mehr zu kleinen feinen Diners oder zu angenehmen Spielpartien ein. Du bist geachtet, verstoßen, verbannt, und hast nur drei gleich bedenkliche Wege, dich dafür zu entschädigen, indem du entweder zum Einsiedler zum Selbstmörder oder zum Ehemanne wirst. So viel ist gewiß, theurer Leser, nimm dich in Acht und unterlasse keine dergleichen nothwendigen Besuche! Das hat schon oft Manchen in's Unglück gebracht. Halte in Geduld aus, bis dir endlich der Tag der Erlösung schlägt und man übereinkommt, sich gegenseitig keine dergleichen Visiten mehr zu machen. Tröste dich unterdessen mit denen, welche die Besuche, die wir zu machen gezwungen sind, in Empfang nehmen müssen – jenen Opfern unserer gesellschaftlichen Zustände, die von einer großen Soirée nichts haben, als ein völlig derangirtes Haus, viel zerbrochene Gläser und viel zersprungenes Porzellan, einen halb geleerten Weinkeller, üble Nachreden, Undank und vor allen Dingen wenigstens ein Dutzend sehr langweiliger Vormittage, an welchen sie die mehrfach besprochenen Besuche zu empfangen haben und an welchen man ihnen erzählt, wie deliciös es bei ihnen gewesen sei, wie köstlich und amüsant, die Unterhaltung so geistreich, daß Souper so vortrefflich servirt. In diesem letzteren Falle nun befindet sich zu Anfange des neunundzwanzigsten Kapitels dieser überaus wahrhaften Geschichte das freiherrlich von Brander'sche Ehepaar, namentlich die bessere und schönere Hälfte desselben, die Freifrau von Brander, auch Rosa Immergrün genannt. Der Herr Gemahl hatte an den Vormittagen so außerordentlich viel auf dem Exercirplatze und in der Kaserne zu thun, daß es ihm unmöglich war, Einiges von seiner kostbaren Zeit damit zu vergeuden, daß er die Visiten der sehr dankbaren Eingeladenen hochselbst entgegen nahm. An diesem Morgen aber ist er zufällig zu Hause; es ist ein Feiertag, und da an einem solchen nicht öffentlich exercirt werden darf, so hatte der Major seinen militärischen Kindern nur dadurch eine Freude zu verschaffen gewußt, daß er sie Morgens um sechs Uhr mit frisch angestrichenem Lederzeug und frisch lackirten Helmen und Patrontaschen antreten ließ. Diese Musterung war recht angenehm und befriedigend vorübergegangen, und der Major hatte sich in der besten Laune, nur begleitet von dem Adjudanten von Stifeler, nach seiner Wohnung zurückbegeben. An Sonn- und Feiertagen war der Adjudant Vormittags meistens in dem Hause des Chefs zu finden. Er frühstückte dort mit dem Major in dem Arbeitszimmer desselben; dabei wurde die Dienstthätigkeit der vergangenen Woche ruhig durchgegangen und in ernste Erwägung gezogen und nebenbei erschrecklich viel geraucht. Der Freiherr von Brander hatte an diesem Morgen seinen Waffenrock abgelegt, war in den leichten Schlafrock geschlüpft und rauchte eine neue Meerschaumpfeife, die er jeden Augenblick betrachtete und häufig mit dem Aermelaufschlag polirte. »Ein Kapitalstück!« sagte er nach einer Pause; »sehen Sie, bester Stifeler, wie es anfängt, sich unten angenehm zu bräunen, es ist ein Prachtstück; der junge Herr von Steinbeck, der mir dringend empfohlen ist, der mich so zu sagen, als seinen zweiten Vormund betrachtet, brachte es mir aus Wien mit. Das muß man ihnen da unten schon lassen: Meerschaumköpfe verstehen sie zu schneiden. Ist dieser nicht famos?« »Kapital!« sagte Stifeler mit einer tiefen Stimme. »Sollten Sie wohl glauben,« fuhr der Major nach einer Pause fort, »daß es Leute gibt, die behaupten, es sei nicht mehr gentil und anständig, Meerschaumköpfe zu rauchen?« Der Adjutant schauderte und sagte mit gepreßter Stimme, er glaube nicht, daß es solche Menschen gebe. »Und doch!« rief der Major triumphirend, »sehen Sie unsern Generalauditeur an. Der Mann hat, Gott weiß, woher, so kleine schwarze Chemnitzer Thonköpfe bekommen und bildet sich nun ein, das sei etwas Elegantes. Ich hab's ihm aber auch gesagt: so ein Chemnitzer Kopf ist passend für einen Unteroffizier, aber Jemand, der Stabsoffiziersrang hat, kann sich, wenn er nicht den ganzen Tag Cigarren rauchen will, nur der Meerschaumköpfe bedienen. – »Zwiebel!« unterbrach hier der Major den Strom seiner Beredtsamkeit und schaute ärgerlich nach dem Bedienten nm, der in der Ecke drinnen beschäftigt war, die blank gewichsten Stiefel seines Herrn auf einem Gestelle in saubere Richtung zu bringen. »Zwiebel!« rief der Major abermals, »mach' keinen so höllischen Lärmen!« Der Bediente duckte sich sichtlich zusammen und machte ein höchst jammervolles Gesicht; dann entfernte er sich auf den Zehenspitzen und zog die Thüre ohne Geräusch hinter sich zu. Der Major sah ihm grimmig nach, zog einige gewaltige Züge aus seiner Meerschaumpfeife und sagte alsdann: »Sollte man das glauben, daß ich jetzt volle zwei Jahre an diesem Kerl erzogen habe, an ihm herumgeschliffen und polirt, und nun endlich finden muß, daß statt guten und brauchbaren Stoffes nur eine jämmerliche, nicht zu verwendende Masse an ihm ist? Ist das nicht fürchterlich, Herr Lieutenant von Stifeler?« »Fürchterlich!« wiederholte der Adjutant und sah mit trostlosem Gesichtsausdruck nach der Thüre, durch welche Zwiebel so eben verschwunden. »Ich habe mir,« fuhr der Major fort, »mit diesem Menschen die unsäglichste Mühe gegeben, ich habe ihm das Serviren beigebracht, ich habe ihm etwas gute Lebensart eingeprägt, ich habe ihm eine außerordentlich elegante Livree machen lassen und zu ihm gesprochen: Siehst du, Zwiebel, wenn du meinen Befehlen gehörig folgst, so kann aus dir ein ganz gewichster Kerl werden; wenn du ausgedient hast und ich mir einen neuen Burschen anschaffen muß, so soll es mir gar nicht schwer fallen, dir bei fortgesetztem gutem Lebenswandel eine anständige anderweitige Anstellung zu verschaffen.« »Ich weiß, es,« sagte von Stifeler empört. »Der Herr Major haben für diesen Burschen väterlich gesorgt.« »Ja wohl, Väterlich!« sprach groß der Major; »das ist das rechte Wort, und darnach geht diese undankbare Creatur hin und blamirt mich vor meiner ganzen Whistgesellschaft!« – Bei diesen Worten betrachtete der Major angelegentlich seinen Meerschaumkopf, und nur das sanfte Braun, das dort zu Tage kam, schien ihm einigermaßen einigen Trost zu gewähren. »Waren Sie in dem Augenblicke in dem Zimmer?« fuhr der Freiherr von Brander nach einer Pause fort. »Gott der Gerechte! ich meine, mich sollte der Schlag treffen. Vorn die Theegesellschaft hatte sich glücklicherweise verlaufen, Madame sich in ihr Zimmer zurückgezogen, und da sitzen wir so harmlos beieinander und rauchen und plaudern, und der alte Oberst war so in seinem Gott vergnügt; er hatte einen glücklichen Tag gehabt, wir alle eigentlich mit ihm; denn bei der Parade, die an jenem Morgen stattfand – Seine Majestät der König hielt jene Parade ab – da wandten Allerhöchstdieselben Ihr Pferd herum, wie wir mit klingendem Spiel anrückten, und sagten zu ihrem eisten Adjutanten: Ah, das zwanzigste Regiment! und Sie begreifen, bester von Stifeler, was dieses königliche Wort heißen wollte. Seine Majestät wollte unzweifelhaft damit ausdrücken: bis jetzt habe ich nur so aus Pflicht die Parade mit ansehen müssen, aber von dem Augenblicke an, wo das zwanzigste Regiment aufmarschirt, macht es mir ein wahres Vergnügen. Für mich war dieses wichtige Ereigniß doppelt angenehm! denn in dem Augenblicke, wo seine Majestät sprachen: Ah, das zwanzigste Regiment! hatte ich das Glück, gerade mit meinem Bataillon vorbeizumarschiren. Dieser Ausdruck hat uns alle sehr glücklich gemacht. Er steht auch im Parolebefehl desselbigen Tages!« »Es war in der That ein sehr glückliches Ereigniß,« sagte der Adjutant mit großer Rührung. »Daraus sieht man,« fuhr der Major fort. »wie so leicht es den großen Herren wird, die Begeisterung für sich zu erwecken. Ich kenne mein Bataillon, Herr Lieutenant von Stifeler, und Sie kennen es auch. Mit jenem Wort im Leibe hätte ich mit meinem Bataillon an jenem Morgen eine Schanze genommen, und wäre sie mit vierundzwanzigtausend Teufeln besetzt gewesen. – Ah, das zwanzigste Regiment!« Der Major schritt ein paar Mal würdevoll im Zimmer auf und ab und brummte jenen Parademarsch zwischen den Zähnen, unter dessen Klängen das Regiment damals vorbeimarschirt war. Endlich blieb er vor dem Adjudanten stehen, faltete seine Hände auf dem Bauche und sagte: »Aber hören Sie weiter! Diesen Tag wollte ich am Schlüsse meiner Whistpartie besonders feiern, mit Champagner feiern! Wir waren noch unser acht, darunter zwei Hauptleute, die in solcher Gesellschaft wenig zu trinken pflegen, und da hätten also zwei Flaschen vollkommen ausgereicht. Was geschieht? Als wir so fest bei einandersitzen, rufe ich dem Zwiebel zu: bringe uns Champagner! und nun denken Sie, bester von Stifeler, statt meinem Befehle stillschweigend Folge zu leisten, anstatt, wie ich es ihm befohlen, die Flaschen mit einer Serviette umwickelt zu bringen, sieht er mich groß und dumm an und sagt: Befehlen der Herr Oberstlieutenant, daß ich beide Flaschen auf einmal bringen soll? – – Da war alle Illusion zerstört; der Oberst lachte, die Gäste lachten, und ich mußte nothgedrungen am Ende auch mit lachen. – Aber dem Zwiebel werde ich das niemals vergessen.« Wahrend der Major auf diese Act den Freuden der Erinnerung lebte, saß Rosa Immergrün in ihrem Zimmer neben dem Salon, das der geneigte Leser bereits kennt, auf dem Eckdivan – unter blüh'nden Mandelbäumen. Eigentlich waren es nur ein Kirschlorbeer- und ein Citronenbaum, welch letzterer seine Blätter einigermaßen verloren hatte. Da saß sie und nahm Besuche an. Neben ihr lag des Goldkäfers letzte Brautfahrt, einige Albums und das Bedeutendste, was die neueste Literatur in diesem Zeitpunkte hervorgebracht, deutsch, französisch und englisch. Diese Schätze war Zwiebel angewiesen, während des dasitzenden Besuches von Zeit zu Zelt noch zu vermehren; denn bald brachte er ein Buch herein, und wenn ihn Rosa Immergrün ziemlich unfreundlich fragte, was er schon wieder wolle, so war der unglückliche Zwiebel dahin instruirt, die Antwort zu geben: die Verlagshandlung von Knittel und Compagnie habe verlangt, daß dieses Werk im Namen des Verfassers augenblicklich übergeben werde. Auch Manuskripte schleppte der treue Zwiebel herbei mit kleinen Briefchen, und nachdem die Schriftstellerin solche gelesen, sagte sie unmuthig zu den vor ihr Sitzenden: »Ich habe, wie Sie sehen, nicht einen Augenblick für mich; da soll ich schon wieder ein Urtheil abgeben über einen dreibändigen Roman.« Auch ein armer, unglücklicher Maler wurde ihr zuweilen gemeldet, jedoch niemals vorgelassen; denn Rosa Immergrün hatte jetzt unmöglich Zeit, ihm eine Sitzung zu gewähren zu dem Porträt, welches demnächst in der Modezeitung von der gefeierten Dichterin erscheinen sollte. So waren nach und nach sehr Viele zum Besuche da gewesen von der ästhetischen Theegesellschaft. Wenige von der Whistpartie. Da hatten die Erstgenannten, unter ihnen der treffliche Goldenstein, die genialen Silber-, Morgen- und Abendsteine, sich dankbar ausgedrückt, wie außerordentlich sie sich amusirt, wie göttlich, geistreich und genußvoll jener Abend für sie gewesen sei. Da hatte die dicke Regierungsräthin abermals schalkhaft mit dem Finger gedroht und lächelnd gefragt, was sie denn eigentlich thun müsse, um bei einer ähnlichen nächsten Gelegenheit auch in den ersten Kreis der Vertrauten gezogen zu werden. Da hatte die gutmüthige Frau des Kanzleirathes, die demselben am Morgen nach der Soirée versichert, unter Anderem seien bei Brander's die Salate so unverantwortlich schlecht gewesen, daß sie acht Tage lang an einer Unverdaulichkeit hätte leiden müssen, da hatte diese also im wohlwollenden Tone die Hausfrau gefragt: »Aber, beste Majorin, etwas dürfen Sie mir nicht vorenthalten, das ist das Recept zu Ihrem köstlichen italienischen Salate.« Zwischen diese Besuche tröpfelte auch hie und da einer von der Whistpartie hinein; doch geschah dies nur spärlich, und die alten Herren wurden auch nicht mit jenem holdseligen Lächeln empfangen, wie die Beisitzer und Beisitzerinnen des geheimen ästhetischen Cirkels. Fanden sich zufällig von beiden Partien zusammen, so ließ das die Majorin auch so hingehen, und indem sie mit ihren Vertrauten sprach, wurden die anderen, prosaischen Elemente so nebenbei mitgeduldet. Traf es sich jedoch zufällig, das sie sich mit einem der letzteren allein befand, so wurde augenblicklich nach dem Major geschickt, der sich aber meistens mit wichtigen, unaufschiebbaren Geschäften entschuldigen ließ und den Besuch einlud, sich in sein Zimmer zu verfügen, was denn auch ein solcher Besuch gewöhnlich auf's Bereitwilligste annahm und, während er dann später bei dem Hausherrn eine Cigarre rauchte, das sanfte Gespräch der Hausfrau nicht leicht vermißte. Unterdessen hatte es zwölf Ubr geschlagen; die Stunden, in welchen die Majorin ihre Visiten empfing, waren vorüber, und Zwiebel erhielt den Befehl, Niemand Gewöhnliches mehr vorzulassen, das heißt Niemand, der blos durch die Einladung zum ästhetischen Thee oder zur Whistpartie sich ein Anrecht auf einen Besuch erworben hatte. Die Freunde des Hauses waren natürlicherweise in diesen Befehl nicht einbegriffen, weßhalb denn auch Zwiebel kurze Zeit, nachdem er diesen Befehl erhalten, die Thüre öffnete und hineinmeldete: »Herr von Steinbeck!« »Sehr angenehm!« entgegnete die Majorin; »man soll es meinem Manne sagen.« Zwiebel zog sich zurück, und man öffnete gleich darauf dem jungen Herrn die Thüre, der sehr elegant gekleidet war, aber etwas linkisch eintrat, schon an der Thüre seine Verbeugung anfing und dieselbe mit steter Hutbewegung so lange wiederholte, bis er sich einer der rettenden Hände der Majorin bemächtigt hatte, welche er ehrerbietigst küßte, und sich alsdann in einen Stuhl neben dem Eckdivan niederfallen ließ. Eine Zeit lang stierte er ziemlich nichtssagend vor sich hin, sah zuweilen seine Nachbarin an, schluckte dann einige Mal heftig, kratzte sich mit dem Knopfe seines Spazierstöckchens rechts und links an der Nase und sagte endlich, nachdem er sich auch mit dem Hutdeckel das Kinn gerieben: »ich versichere Sie, Frau Majorin, es ist heute verdammt heißes Wetter.« »Sehr warm,« lispelte Rosa lächelnd und fügte verbindlich hinzu: »Wollen Sie nicht gefälligst ablegen?« »Danke wirklich,« entgegnete der junge Herr. »Ich halte Hut und Stock gerne in der Hand; es sind das so artige Spielzeuge, wenn man so eigentlich über gar nichts plaudert, wissen Sie, wenn man eine so gewöhnliche Konversation macht.« Rosa Immergrün schlug lächelnd die Augen nieder und entgegnete mit vielsagendem Tone: »gleich wird der Major kommen, Herr von Steinbeck. Mit dem haben Sie doch lieber zu thun, als mit mir, mit dem spricht sich leichter; nicht wahr?« Der junge Herr wußte nicht, ob er Ja oder Nein sagen sollte. »O, nicht doch!« versetzte er nach einer kleinen Pause; »der Baron und ich haben freilich einerlei Thema's, worüber wir gern sprechen und worin wir uns vollkommen verstehen: Pferde, Hunde, Soldaten und was so drum und dran hängt; aber Sie müssen deßhalb nicht glauben, meine Gnädige, daß ich nicht ein Gespräch mit Ihnen vorzöge über das Theater, das Wetter, auch über Bücher.« »Auch über Bücher?« fragte lächelnd Rosa Immergrün. »Allerdings,« antwortete Herr von Steinbeck wichtig. »Ich habe neulich angefangen; mich sehr mit der Literatur zu beschäftigen! Ich lege mir eine Bibliothek an.« Bei diesen Worten streckte er beide Beine von sich, legte eines über das andere und bemühte sich, mit hoch emporgezogenen Augenbraunen und sehr spitzigem Munde den Staub von seinen glänzend lackirten Stiefeln wegzublasen. »Ja, ja,« wiederholte er, »eine vollkommene Bibliothek lege ich mir an.« »Das wäre!« sagte erstaunt die Majorin; »und wie fangen Sie das an?« »Nun,« erwiderte Herr von Steinbeck mit sehr ernstem Tone, »ich nehme die großen Zeitungen zur Hand, und was in denselben besonders gelobt ist, das kaufe ich.« »Und nachher lesen Sie's durch?« fragte die Majorin. »Nicht immer,« entgegnete der junge Herr. »Ich vertraue unbedingt dem Lob der großen Zeitungen und bin dann überzeugt, daß die Werke, welche darin angepriesen werden, sehr klassisch sind. Aber mich langweilen sie doch manchmal.« »Das ist das Erste, was ich höre, daß Sie sich langweilen!« sagte laut lachend die Majorin; »wie kann man Langeweile haben, wenn man so viele Geschäfte hat wie Sie?« Herr von Steinbeck sah die Dame des Hauses mit großem Blicke an und versetzte nach einer Pause: »Sie lachen über mich, und wenn Sie sagen, ich hätte viel zu thun, so wollen Sie damit ausdrücken, ich hätte gar nichts zu thun; aber ich versichere Sie, Frau Majorin, da irren Sie ganz gewaltig. Wer sich so seinen Freunden und den öffentlichen Angelegenheiten widmet, wie ich, der weiß kaum, wo er zu allem dem die nöthige Zeit herbringen soll. Sehen Sie« – bei diese« Worten zog er seine Uhr heraus – »jetzt ist es schon wieder ein viertel nach Zwölf, und ich sollte schon längst auf dem Schloßplatze sein.« »Bei der Parade?« sagte lächelnd die Majorin. »Die Parade bekümmert mich eigentlich nur in meinen Freistunden,« entgegnete der junge Herr mit wichtiger Stimme. »In Ihren Freistunden?« »Gewiß, nur dann; aber meistens betrachte ich die Zeit der Parade als eine Art gesellschaftliche: Börse, als wenn ich mich militärisch ausdrücken soll, einen bürgerlichen Apell, wo man seine Bekannten trifft, wo man sich gegenseitig die Parole gibt und empfängt, d. h. wo ausgemacht wird, an welchem Ort man Nachmittags seinen Kaffee trinkt, ob man in's Theater geht oder wo man sich sonst amusirt.« »Auf diese Art aber haben Sie außerordentlich viel zu thun,« antwortete die Majorin. »Ich brauche in der That meine ganze Zeit,« versicherte Herr von Steinbeck. Dabei zupfte er an seiner Halsbinde, strich sich durch's Haar und stützte darauf den Stockknopf mit wichtiger Miene unter das Kinn. »Meine ganze Zeit,« wiederholte er nach einer Pause; »jetzt geht es indeß besser, ich kann mich doch wieder rühmen, ich habe hie und da einen freien Moment. Aber ich versichere Sie, Frau Majorin, vor einem halben Jahre, bei Eröffnung der Eisenbahn, da war ich der geplagteste Mensch unter der Sonne.« Die Majorin hatte ihr Buch von des Goldkäfers letzter Brandfahrt die Hand genommen und blätterte darin herum; zuweilen bei dem Geschwätze des Herrn von Steinbeck schaute sie einen Augenblick in die Höhe, um ihm damit anzuzeigen, daß sie weit entfernt sei, seinen Worten keine Aufmerksamkeit zu schenken. Gelegentlich sah sie auch sehnsüchtig nach der Thüre, wo der Major noch immer nicht erschien. Wenn Herr von Steinbeck einmal im Flusse der Rede war, so hörte er sich gern sprechen, und dann plätscherten seine Worte nieder, wie ein Herbstregen, aber auch wie ein solcher langweilig und unerquicklich. »Ja, die Eisenbahn,« fuhr er fort, »nahm mich sehr in Anspruch, anfänglich die Probefahrten; ich habe keine einzige versäumt, ich war sogar auf dem Zuge, als seine Majestät der König zum ersten Male fuhr. Eine kleine Bestechung, und so was gelingt immer! – Nachdem die Bahn dem Verkehr übergeben war, hatte ich wirklich außerordentlich viel zu thun, um die Züge ankommen und abfahren zu sehen, und mir genau zu notiren, wie viel Minuten jeder einzelne zu früh oder zu spät eintraf. Es ist das von großer Wichtigkeit, und ich habe nicht verfehlt, meine Bemerkungen während des ersten halben Jahres dem Eisenbahndirektor mitzutheilen. Er war mir dankbar dafür. – Jetzt aber ist diese Geschichte in Ordnung, sie nimmt mir nicht viel Zeit mehr weg, und ich kann jetzt meinen Beschäftigungen regelmäßig wieder nachgehen.« »Es ist ganz erstaunlich,« sagte die Majorin, abermals aufblickend; sie hatte aber während der Zeit einen halben Gesang ihres Gedichtes durchgelesen. »Wenn nur nicht wieder in nächster Zeit die Assisen eröffnet würden!« fuhr Herr von Steinbeck mit einem tiefen Seufzer fort, »in der Zeit bin ich immer außerordentlich geplagt.« »Wie so?« fragte die überaus höfliche Majorin. »Ich habe noch nie eine wichtige Sitzung versäumt,« entgegnete stolz der junge Herr; »ich halte das für meine Schuldigkeit, aber ich versichere Sie, man muß darunter leiden. Die Hitze in dem Saal, das stundenlange Hinstehen, die oftmals sehr langweiligen Reden der Advokaten, das kann einen schon zur Verzweiflung bringen. Ich war bei der letzten Session – der berühmten Falschmünzergeschichte – außerordentlich froh, als sich auf einmal in dem Saal die Nachricht verbreitete, es sei zwei Stunden vor der Stadt eine Lokomotive stecken geblieben, wodurch ich einen genügenden Grund bekam, den heißen Saal zu verlassen, und wodurch ich es bei meinem Gewissen verantworten konnte, den Schluß der wichtigen Sitzung nicht mit anzuhören. – Die Lokomotive saß ungeheuer fest; wir mußten den ganzen Nachmittag arbeiten, um sie wieder auf die Schienen zu bringen; und es war an dem Tage verflucht heiß.« »Ah, da kommt der Major!« rief nun plötzlich das unglückliche Schlachtopfer dieses Geplauders, und in demselben Augenblicke öffnete sich die Thüre und der längst erwartete trat ein. Der Freiherr von Brander war in Uniform: Waffenrock mit sehr dicken Epauletten, und er eilte auf den jungen Herrn zu und reichte ihm beide Hände zur Begrüßung dar. Herr von Steinbeck konnte aber von dieser großen Freundschaftsbezeugung nur einen sehr mäßigen Gebrauch machen; denn mit der einen Hand hielt er den Hut, mit der anderen den Stock, und so blieben für den Major nur zwei Finger übrig, die er auf's Liebreichste mit seinen beiden Händen umfaßte und schüttelte. »Guten Morgen, lieber Major!« sagte der junge Herr freundlich lächelnd; »Sie sehen, ich bin pünktlich, ein Viertel nach Zwölf, und ich hätte wahrhaftig auf Sie warten müssen, wenn nicht die gnädige Frau so freundlich gewesen wäre, mir zu erlauben, sie ein wenig zu unterhalten.« »Richtig! schon ein Viertel nach Zwölf,« entgegnete der Major, bedeutsam hustend, und sah seine Frau dabei an. Diese schien den Blick vollkommen zu verstehen; sie legte das roth eingebundene Buch nieder und setzte sich, aber mit einem etwas verdrießlichen Gesichte, in Position. Der Major rückte seinen Stuhl neben den des jungen Herrn, und es gelang ihm nach einigen fruchtlosen Versuchen, demselben Hut und Stock freundschaftlich zu entwinden und Beides auf dem Tische niederzulegen. »Ja, mein Bester,« sprach nun der Major wieder nach einer Pause, während welcher er seine Stiefelabsätze zusammenschlug, daß die Sporen klirrten, »wir haben uns also verabredet, ein Viertel nach zwölf Uhr zusammen zu kommen, um das Nähere zu besprechen, ehe der Justizrath Werner erscheinen wird, der sich bis um ein Uhr angemeldet hat.« »Ganz recht, ganz recht!« sagte Herr von Steinbeck. »Ich war also in der vorigen Woche mit dem Schreiben des Herrn Justizraths auf dem Schlosse – wie heißt es doch?« »Gleichviel, gleichviel!« versetzte eifrig der Major; »also Sie waren da? nun, da bin ich begierig, zu erfahren, welchen Eindruck Sie von dort mitnahmen.« »Ach, ich muß gestehen, einen überaus günstigen, besonders was die junge Dame anbetrifft; auch ist das Landgut schön gelegen, die Gebäude vortrefflich, die Gegend allerliebst. Es hat mir im Ganzen recht wohl gefallen – aber –« »Sie soll sehr gut erzogen sein,« sagte der Major mit großer Würde, »sie soll die besten Lehrer gehabt haben; man hat in ihrer Erziehung nichts versäumt.« »Das schien mir auch so,« entgegnete Herr von Steinbeck, »und ich muß gestehen, ich bin wohl entschlossen, diese Verbindung einzugehen, aber –« »Sie ist außerordentlich reich,« warf die Majorin leicht hin, »und die Familie sehr respektabel.« »Ja, aber –« sagte Herr von Steinbeck und schaute die Majorin mit einem ziemlich nichtssagenden Blicke an. »Die Familie ist allerdings sehr respektabel; der Mann wenigstens, obgleich viel geschehen ist, diesem Namen Unangenehmes anzuhängen.« »Das ist wahr,« seufzte die Majorin, »aber nur allein durch den Sohn, durch jenen Herrn Eugen. Was der der alten Staatsräthin schon für Kummer verursacht hat! – Und nun erst diese letzte Geschichte! Gott! wenn ich bedenke, daß er erst wenige Tage vor dem Vorfall hier in diesem Salon war, hier bei mir in meinem Hause?« »Die Schwägerschaft ist mir gerade nicht das Angenehmste bei der Sache,« antwortete der junge Mann. »Der ist beseitigt!« sprach der Major in bestimmtem Tone; er wird es nicht wagen, sich vor einem Bekannten sehen zu lassen. Wenn er auch jenen jungen Schoppelmann, einen braven jungen Menschen, der die Ehre seiner Schwester vertheidigte, wenn er ihn auch glücklicher Weise nicht todtgeschlagen hat, so hat er ihn doch so darniederlegt, daß derselbe gewiß über sechs Wochen das Bett hüten muß. Es ist das ein Kriminalfall.« Rosa Immergrün schauderte. – Hier in diesem Zimmer hatte er gesessen, der hart an dem Mörder vorbeigestreift war und der jetzt, dem Kriminalgericht verfallen, flüchtig in der Welt umherirrte. Sie hatte schon angefangen, das in einen kleinen Roman zu bringen; doch können wir dem geneigten Leser zu seiner Beruhigung versichern, daß er nicht in den Fall kommen wird, auch noch obendrein diese Bearbeitung der Eugen Stillfried'schen Thaten lesen zu müssen, indem jeder Roman weder beendigt noch gedruckt wurde. »Es ist eigentlich merkwürdig,« sagte der Herr von Steinbeck, »daß ich diesen Eugen Stillfried nie gesehen, wenigstens nicht gekannt habe; er könnte mir heute begegnen, und ich würde nicht wissen, wer er ist.« »Das ist begreiflich,« meinte sehr ernst der Major und drückte seine dicken Epauletten etwas nach hinten. »Die Beschäftigungen und Liebhabereien jenes Herrn Stillfried waren auch beständig der Art, daß er anständigen jungen Leuten fern blieb.« »Kommen wir also zu Ende!« fuhr der Herr Steinbeck fort. »Wie ich Ihnen schon vorhin bemerkte, hat mir die junge Dame außerordentlich wohl gefallen. Ihr Vermögen ist sehr beträchtlich.« »Ueber hundertfünfzigtausend Thaler!« schaltete der Major ein. »Aber,« sagte der junge Mann, an den diese Worte hauptsächlich gerichtet waren, »wir sind ja unter uns und können diese Sache offen besprechen; es soll da in dem Stillfried'schen Hause, namentlich in Betreff dieser Tochter, Manches räthselhaft sein. Und wir müssen doch zuerst klar sehen, wie sich diese Sache verhält.« »Das müssen wir vor allen Dingen,« versetzte der Major, »und da Sie sich in dieser Sache vertrauensvoll an mich gewandt, so versäumte ich nicht, mich mit dem Justizrath Werner ernstlich darüber zu benehmen.« »Nun?« fragte gespannt der junge Mann. Der Major klirrte abermals mit seinen Sporen, öffnete sodann ein paar Knöpfe an seinem Waffenrock und steckte seine rechte Hand dort sehr würdevoll hinein. »Sie bemerkten vorhin, mein lieber junger Freund,« nahm er alsdann das Wort, »daß in dem Stillfried'schen Hause manch Räthselhaftes vorgefallen sei, und das ist durchaus nicht in Abrede zu ziehen. Was mich anbelangt, so habe ich den alten Staatsrath noch genau gekannt. Das war ein braver, redlicher Herr und ungeheuer wissenschaftlich gebildet. – Er ist todt, das wissen wir alle. Seine Frau nun, die Staatsräthin, war eine Dame von Welt, eine brillante Erscheinung in der Gesellschaft. Gott der Gerechte! wie oft war sie hier in diesem Salon! Dort in jenem kleinen Fauteuil pflegte sie zu sitzen.« »Herr von Steinbeck folgte mit den Augen den Fingern des Majors und blickte den kleinen Fauteuil so genau an, als wollte er jetzt noch die Gestalt der Staatsräthin dort entdecken. »Nun hatten sie also einen Sohn, das war jener Herr Eugen, und vielleicht nach zehn Jahren verbreitete sich das Gerücht, der Staatsrath sei nun ebenfalls mit einer Tochter beschenkt worden. So viel ist sicher, daß unser alter Oberst, der im Hause sehr befreundet war, den Staatsrath einmal über diese Angelegenheit befragte und dieser zur Antwort gab: ja, wir haben eine Tochter, und dann setzte er hinzu: sie ist sehr kränklich und schwach, sie muß auf dem Lande erzogen werden.« »Das ist schon etwas,« entgegnete Herr von Steinbeck, der dem Major aufmerksam zugehört. »Und daß der Staatsrath so gesprochen, darauf gibt der Oberst sein Ehrenwort.« »Und das ist wie ein schriftliches Dokument,« antwortete, sich vorbeugend, der junge Mann. »Was nun Alles die böse Welt über jene Tochter gefabelt, das kann uns im Grunde sehr gleichgültig sein, d. h. in dem Falle, wenn Sie fest entschlossen sind, mit jener jungen Dame eine Verbindung einzugehen, zu der weder ich noch meine Frau an- oder abgerathen haben. Das müssen Sie nicht vergessen, Herr von Steinbeck. Wenn Ihnen also diese Verbindung wünschenswerth erscheint – und das junge Mädchen soll ein wahrer Engel sein – so halten Sie an jenem Ausspruche des Vaters fest, namentlich aber an den vollgütigen Papieren über Geburt und Taufe, welche der Justizrath Werner jeden Augenblick bereit ist, Ihnen im Auftrage der Staatsräthin vorzulegen.« »Ist er das wirklich?« fragte der junge Mann. »Man hat mir gesagt, mit dem Justizrath sei sehr schlecht Kirschen essen, und er pflege gerne Ausflüchte zu machen.« »In diesem Falle gewiß nicht!« sagte der Major. »Es handelt sich ja nur um Ja und Nein. Legt er die Papiere vor – gut, wir prüfen sie und sind nach Befund zufrieden; legt er sie nicht vor oder finden wir die Dokumente nicht in der Ordnung, so gehen wir in der Sache nicht vorwärts. Das ist meine Ansicht.« »Und auch die meinige,« bemerkte Herr von Steinbeck, wobei er den Knopf seines Stockes, den er wieder vom Tische an sich genommen, mit einer außerordentlich entschlossenen Miene unter das Kinn stützte. Daß auch Rosa Immergrün dieser Ansicht sei, bestätigte sie durch ein stummes Nicken mit dem Kopfe. Schließlich konnte Herr von Steinbeck sich nicht enthalten, die Ansicht auszudrücken, daß, wenn sich also sämmtliche Papiere in Ordnung befänden, er durchaus nicht abgeneigt sei, jene Verbindung einzugehen. Doch setzte er hinzu, der Major sowohl wie die Majorin möchten nicht glauben, daß ein wenn auch noch so gefürchteter Mann. Wie der Justizrath, ihm zu imponiren im Stande sei, daß er sich vorgenommen habe, diesem Geschäftsmanne der Staatsräthin gegenüber ernst und fest aufzutreten. Es war nachgerade ein Uhr geworden, und der Justizrath Werner erschien zu dieser vorher bestimmten Stunde, um wegen der Angelegenheit die wir eben dem geneigten Leser mittheilten, mit dem Herrn von Steinbeck zu unterhandeln. Da wir alle Wiederholungen scheuen, so erlauben wir uns nur zu sagen, daß nach einer guten Stunde die Sache so gut wie abgeschlossen betrachtet werden konnte. Doch können wir nicht verschweigen, daß während dieser Unterredung der Justizrath zuweilen seltsam lächelte, wenn der Herr von Steinbeck mit großen Redensarten begann; daß ferner nur im Allgemeinen der Vorlage der besprochenen Dokumente als wünschenswerth erwähnt wurde; und schließlich, daß Herr von Steinbeck dem Geschäftsmann der Staatsräthin gegenüber durchaus nicht fest und sicher auftrat, ihm aber noch weniger im Geringsten imponirte. Dreißigstes Kapitel. In welchem man erfährt, wie Madame Schoppelmann ihre Kinder zu erziehen pflegt. Draußen auf der Straße glänzte und jubelte der Feiertag in voller Pracht und Herrlichkeit. Der Himmel hatte sich dazu tiefblau angezogen, und die Sonne schien in ihrer besten und freigebigsten Laune; sie warf nur so ganze Massen von Sonnenschein, von Licht und Glanz herab, und das theilte sie aus so liebreich, so gut gesinnt, so ohne Ansehen der Person. Der goldene Knauf dort oben auf dem Thurme des Rathhauses erhielt von ihr nichts Besseres, als tief unten in dem Straßenwinkel auf dem Kehrichthaufen die kleine Glasscherbe, und beide funkelten und glitzerten in die Wette. Und wie sich die Menschen so wohl befanden bei dieser allerwärmenden, allumfassenden Liebe des Sonnenlichtes! Da hatten sie massenweise die dunkeln Häuser verlassen und kamen hervor auf Plätze und Straßen, um zu sehen und sich sehen zu lassen. Zu den Thoren herein strömten sie aus den nächsten Dörfern, die Kirchen öffneten jetzt zur Mittagszeit ihre Halbdunkeln kühlen Hallen, und zugleich mit den tiefen Orgeltönen flutete die Menge aus ihnen heraus – Leute jedes Alters, jedes Standes; und auf Jeden schien der kirchliche Dienst anders gewirkt zu haben. Während hier zwei Männer mit weißen Haaren die Predigt einer scharfen Kritik zu unterwerfen scheinen, finden es dort zwei Frauen sehr passend, daß der sonst so sanftmüthige Prediger heute einmal einen scharfen Text unterlegt hatte und gesprochen von einem zornigen Gott, der da herfahren wird auf Gewitterwolken, sämmtlichen Sündern zum Verderben. Eine gute Kirchgängerin, die mit Herz und Seele bei der Predigt war, erkennt man noch viele Straßen weit an Gang, Haltung und Geberde; ja sogar jene jungen Mädchen, die es nicht unterlassen konnten, während der Predigt den neuen Shawl und Hut der Nachbarin zuweilen einer scharfen Musterung zu unterwerfen, gehen still und ruhig ihres Weges und blicken mehr zu Boden, als sie sonst zu thun pflegen. So wogt Alles durch die Straßen dahin. Männer, Weiber, Kinder, Offiziere, Soldaten, und Alles strömt nach dem Hauptplatze der Stadt, um sich dort einen Augenblick sehen zu lassen und selbst zu sehen. Jetzt zieht auch die Parade dorthin mit klingender Musik, und die breite Straße, durch welche sie kommt, ist vollgepfropft mit Musikern und Militär und Volk von allen Sorten und unendlich vielen Kindern. Das alles bewegt sich bei den lustigen Klängen vorwärts, stampft daher, so gut wie möglich im Takt, schlenkert mit den Armen und versucht es, die Füße gleichmäßig zu heben, wie es das Militär in Reih' und Glied thut. Der Offizier, der die Wache führt, marschirt äußerst wohlgefällig durch die Straßen, den blanken Säbel in der Hand, zumeist angestaunt von den Landleuten beiderlei Geschlechts, die rechts und links mit ihm in gleicher Linie gehen. Zuweilen neigt er die Spitze des Säbels ein klein wenig, auf diese Art einen Bekannten grüßend. Ist dieser ein Offizier, so geschieht dies mit ernstem Blick, ist es aber eine Civilperson, mit herablassendem Lächeln. Auch an verschiedenen Häusern blinzelt er in die Höhe, und wenn er hier ein offenbares Zeichen des Erkennens macht, so gibt er dort durch einen schmachtenden Blick zu verstehen, daß er das Notwendige gesehen hat, und hofft ebenfalls, gesehen worden zu sein. So zieht die ganze Menge bei uns vorüber, lachend, plaudernd und schreiend, die Töne der Musik nachäffend, und wir, die wir diesem Strome entgegen kommen, drücken uns in eine Thürvertiefung, um nicht mit fortgerissen zu werden. Dorthin zieht die Militärmusik; wir wenden ihr den Rücken, lassen die neueren, helleren Stadtviertel hinter uns liegen und steigen zu dem Marktplatze hinab, der heute in sonntäglicher Feier und Stille daliegt, und auf welchem die heiße Mittagssonne gewaltig herrscht. Hier ist es schon im diese Zeit ruhiger. Der Bürger und Handwerker, der hier wohnt, hat sein Mittagsbrod schon längst verzehrt und gedenkt die heißen Tagesstunden im kühlen Zimmer zu bleiben, oder er rüstet sich, um mit Weib und Kind einen Ausflug zu machen und etwa auf einem benachbarten Dorfe nach ausgestandener Hitze und reichlich genossenem Staube auf der Chaussee sich einen mittelmäßigen Kaffee für theures Geld anzuschaffen. Wir lassen den Marktplatz ebenfalls hinter uns und gehen bis zu dem Hause mit der Grafenkrone. Das Thor steht halb offen, und die Mittagsstunde, sowie der Feiertag haben eine tiefe Stille über den sonst so lebendigen Hof gebreitet. Madame Schoppelmann hielt diesen Ruhetag außerordentlich hoch, und von ihrer Seite geschieht Alles, daß derselbe, so weit die Grenzen ihres Hauses reichen, durch keinen unnöthigen Spektakel gestört und somit entheiligt werde. Zu diesem Zwecke wurden die sonst so lärmenden Thiere: Ferkel und Hunde, heute in ihren Ställen gehalten, und selbst dem Haushahn wurden nur Nachmittags ein paar Stunden vergönnt, seine Damen in freier Luft spazieren zu führen. An einem solch hellen, sonnigen Tage, namentlich wenn man von dem blendenden Marktplatze her herein kam, war die Vorhalle oder das Wohnzimmer der dicken Gemüsehändlern, ein sehr trübseliger, trauriger Aufenthalt. Ja, man mußte seine Augen erst an das hier herrschende Dunkel gewöhnen, um nur die Gegenstände einigermaßen unterscheiden zu können. Sobald wir dies nun ebenfalls gethan, sehen wir Madame Schoppelmann auf ihrem gewöhnlichen Platze neben dem niedrigen, rußigen Herde sitzen, auf welchem – wie fast zu jeder Tages- und Jahreszeit – ein mächtiges Feuer loderte. Die Frau war sonntäglich angezogen, ihr Kleid von dunklem Kattun; und dazu hatte sie auf dem Kopfe eine Haube mit langen himmelblauen Bändern. Dieser Anzug wurde durch eine weiße Schürze vervollständigt – ein großer Luxusartikel, den sich die Gemüsehändlerin nur an Sonn- und Feiertagen erlaubte. Sie saß auf ihrem starken Eichenholzstuhle sehr vornübergebeugt, und hatte die beiden Arme auf ihre Knie gestemmt. Vor ihr befand sich Jungfer Clementine Strebeling in weißem Kleide, mit einer hellblauen, ziemlich koketten Schürze, und sie hatte sich auf einen Stuhl so weit von der Madame Schoppelmann und dem Feuer niedergelassen, daß jene sie im Eifer des Gesprächs nicht auf die Schulter klopfen könne, wie sie gern zu thun pflegte, und daß dieses mit seinem Rauche weder dem weißen Kleide noch dem Teint der alten Jungfer Schaden brächte. Die Unterhaltung der Beiden mußte einen Augenblick geruht haben, und die Gemüsehändlerin schien eifrigst über etwas nachzudenken. Nach einer längeren Pause stützte sie ihr Kinn in die Hand und sagte: »Strebelinge, nehm' Sie mir's nicht übel, aber Sie sollte doch mit Ihrem Gelde nicht gar so großartig umgehen. Meint Sie denn, so ein Kapital sei nicht zu erschöpfen. Und wenn mir auch Ihr gutes Herz wohl gefällt, wenn ich auch begreife, daß Sie arme Verwandte, die sich in Roth befinden, gern unterstützt, so muß das doch mit Maß und Ziel geschehen. Hat Sie mir nicht gesagt, erst vor acht Tagen habe Sie Ihrem Vetter vierhundert Gulden geschickt? Nun ja, das ist aller Ehren werth, damit kann er wohl eine Zeit lang zufrieden sein.« »O du lieber Gott!« seufzte Clementine. »Ja, was, lieber Gott!« fuhr die alte Frau fort; »du lieber Gott! sagt Sie immer und thut doch, was Sie will, ohne meine gutgemeinten Ermahnungen nur im Geringsten zu befolgen. Ich habe doch recht in den meisten Dingen.« »O lieber Gott!« sagte Clementine abermals. »Jetzt will Sie also sogar sechshundert Gulden wegschicken? Weiß Sie, was sechshundert Gulden bedeuten? Das sind sechshundert einzelne Gulden, und jeder Gulden hat sechzig Kreuzer, und ein Kreuzer will verdient sein, das kann Sie mir glauben.« »O du lieber Gott!« sagte hierauf Clementine; »ich weiß das alles, Frau Schoppelmann; und glaubt ja nicht, weil ich in meinem Leben noch nichts verdient habe, wüßte ich das Geld nicht zu achten.« »Ich muß schon sagen,« entgegnete mürrisch die Frau, »auch ich habe früher nicht an Ihr entdeckt, daß es Ihr Spaß gemacht hätte, Ihr Geld hinauszuwerfen; aber jetzt mit Einem Mal fängt Sie an, recht toll zu wirtschaften. Nehm' Sie mir's nicht übel.« »Ich weiß wohl, daß ich zu gut bin,« sagte die alte Jungfer und ließ ihr Köpfchen sinken, »viel zu gut. Du lieber Gott! wer kann für sein Herz?« »Ach was, Herz!« entgegnete die alte Frau und hob sich etwas in die Höhe, indem sie sich auf ihre Hände stützte. »Mach' Sie mir die Pferde nicht scheu. Was ist da von Herz im Spiel? Gar nichts; das ist bei Ihr nur die Schwäche, daß Sie keinem Menschen was abschlagen kann: das weiß der saubere Vetter ganz genau.« »O lieber Gott!« »Und dann,« fuhr die dicke Gemüsehändlerin fort, »sag' Sie mir einmal aufrichtig, wer ist denn der Vetter eigentlich? Ich kenne doch so ziemlich Ihre Verwandtschaft, und die sind alle, Gott sei Dank! in solchen Umständen, daß sie Ihre Hülfe nicht brauchen. – Tausend Gulden – es ist ja ein ganzes Vermögen! Nun, wer ist denn der Vetter?« »Das – – – darf ich um keinen Preis sagen. Ihr wißt selbst, Frau Schoppelmann, wenn man Jemand hilft und hängt es nachher an die große Glocke, so hat diese Hülfe schon gar keinen Werth mehr.« Bei diesen Worten hatte Jungfer Clementine ihr Gesicht abgewandt; denn sie fürchtete, die Gemüsehändlerin mochte trotz der Dunkelheit, die in dem Gemache herrschte, die flammende Nöthe bemerken, in welche sich das Gelb ihres Gesichtes verändert. »Nun, weiß Sie was?« sagte hierauf nach einem längeren Stillschweigen und nachdem sie in ihre vorige ruhige Stellung zurückgesunken war, Madame Schoppelmann, »mir kann's ja im Grunde gleich sein; ich habe mit Ihr über die Sache gesprochen, weil ich es gut mit Ihr meine. Sie ist anderen Sinnes – gut! Bring' Sie mir morgen früh Ihren Pfandschein – ich weiß, daß Sie ordentliche, solide Papiere von Ihrem Vater selig hat, – dann will ich Ihr in Gottes Namen die sechshundert Gulden dafür geben.« Damit erhob sich die dicke Frau so rasch als möglich von ihrem Sitze, anscheinend um den Wasserkessel etwas näher zu dem Feuer zu rücken: doch war dies nur Nebensache: die Hartnäckigkeit, mit der Jungfer Strebeling darauf bestand, ihrem Vetter zu helfen, hatte sie sichtlich erzürnt, und darauf hin stemmte sie ihre Arme in die Seite, hob den Kopf in die Höhe und ging mit hallenden Schritten auf und ab. Clementine sah eingeschüchtert vor sich nieder und wagte es nicht, den Versuch zu machen, die Frau mit einem Worte zu besänftigen; denn das wäre in diesem Augenblicke vergebliche Mühe gewesen. Man mußte sie ihren Zorn austoben lassen, und dazu brauchte es nicht einmal lange Zeit, dann war sie wieder die guthmüthige Frau von früher. Nachdem Madame Schoppelmann so ein Dutzend Mal auf- und abgerannt war, blieb sie vor der alten Jungfer stehen und sagte mit sehr lauter Stimme: »Aber jetzt hör Sie mich an, Strebelinge! Sieht Sie, die sechshundert Gulden zahl' ich Ihr aus; aber das sag' ich Ihr, kommt Sie mir wieder mit einer ähnlichen Geschichte, so höre ich Sie gar nicht mehr an und ihn' Ihr nicht so viel mehr zu Gefallen.« – Dabei schnippte die Frau mit ihren Fingern in der Luft und setzte mit einem tiefen Athemzuge hinzu: »Ich kann's nicht verantworten.« Nach diesen letzten Worten drehte sich die Gemüsehändlerin so kurz wie möglich herum und wandte sich ihrem Wassertopfe zu, dessen Inhalt schon angenehm zu singen begann. Es kam nun die Stunde, welche ihr die liebste im ganzen Tage war; die Zeit des Kaffeetrinkens nämlich, und die Aussicht auf dieses harmlose Vergnügen beruhigten die Zorneswellen in ihrer Brust bedeutend, und Madame Schoppelmann würde in kurzer Zeit zu ihrem normalen ruhigen Gemütszustände zurückgekehrt sein, wenn nicht in diesem Augenblicke die Thüre des Nebenzimmers aufgerissen worden wäre, und wenn nicht schon diese Bewegung an und für sich die dicke Frau einigermaßen erschreckt hätte. Dieser Schrecken aber gab ihrem Zorne um so mehr eine Nahrung, als sie zu gleicher Zeit sah, wie ihre Tochter Katharina mit großer Heftigkeit in das Zimmer trat, die Thüre hinter sich zuschlug und sich mit blitzenden Augen der Mutter gegenüberstellte. Das Aeußere des schönen Mädchens war merkwürdig, aber traurig verändert. Ihr volles schwarzes Haar, das sonst so zierlich und nett in dicken Flechten um den Kopf gelegt war, hatte sie offenbar in aller Eile nur leicht befestigt und ihr uns bekanntes rothes Tuch nachlässig darum gewunden. Ihr Gesicht war bleich, ihre Augen glühten, und aus ihnen war jener schelmische, neckende Blick verschwunden, jenes angenehme Feuer, das dieses ganze Gesicht so lieblich erwärmte, jenes Zeichen der Frische und Gesundheit. Ihr Körper, voll und doch schlank wie immer, zeigte durch seinen Anzug, daß sie heute keine Sorgfalt auf ihn verwendet hatte. Katharina trat dicht vor die Mutter hin; sie ballte ihre rechte Hand fest zusammen und sprach mit bebenden Lippen: »Und jetzt könnt Ihr ferner sagen, was Ihr wollt, Mutter, ich thue keinen Schritt mehr in das Zimmer der Brüder!« Statt aller Antwort zuckte die Gemüsehändlerin mit ihren Schultern, was so viel bedeuten sollte, als: »Das ist kindisches Geschwätz.« Nebenbei aber sah man an dem Gesichte der Frau, daß sie gewaltsam an sich halten mußte, um den Zorn, den Jungfer Strebeling erregt hatte, nicht gegen ihre Tochter aufflammen zu lassen. »Thut nicht so,« fuhr diese fort, »als verständet Ihr mich nicht; ich habe mich freilich schon oft geweigert und bin doch immer wieder hinübergegangen; denn es war ja nun einmal mein Bruder! Jetzt aber, wo ich, Gott sei's geklagt! die volle Schuld an dem Unglück haben soll, das ihn getroffen –« »Die hast du auch,« sagte die Gemüsehändlerin mit leiser Stimme, indem sie ihre Lippen aufeinander biß; doch wandte sie scheinbar ruhig noch keinen Blick von ihrem Feuer und ihrem Wassertopfe. Katharina machte eine heftige Bewegung mit der rechten Hand, als wollte sie sagen: »sei es darum!« und gleichlautend dieser Bewegung antwortete sie auch: »Ihr habt darin Eure Ansicht ausgesprochen, und die will und kann ich nicht ändern. – Gut denn! seht mich als die Ursache an, daß der Fritz darniederliegt; – ich sage nochmals, es sei so, und wenn ich denn einmal die Ursache davon sein soll, gut! so bin ich sie und so bin ich sie gern; denn was dem dahinten geschehen, hat er hundert Mal an Euch und mir verdient.« Bei diesen Worten wandte sich die Mutter mit einer erschrecklichen Geschwindigkeit von dem Feuer ab, und ihre Züge waren bleich vor Zorn über ihre Tochter; ihre Lippen bebten ebenso; und doch war etwas so fürchterlich Aufgeregtes in dem Auge und dem Körper des zitternden jungen Mädchens, daß die alte Frau, statt in die heftigste Wuth auszubrechen, einen Schritt zurück trat und sie nur mit rollenden Augen von oben bis unten maß. Katharina folgte diesem Blicke fest und bestimmt; dabei war die Gluth ihres Auges so unnatürlich wild, gehässig, ja man könnte sagen: falsch, daß Jungfer Strebeling aufs Höchste erschreckt, es für sehr geeignet hielt, sich zwischen Mutter und Tochter zu drängen. Doch schob Katharina die alte Jungfer – dieses zarte Wesen – leicht mit der Hand zurück, und dabei glitt ein sonderbares Lächeln über ihre harten, marmorgleichen Züge, als wollte sie sagen: »du brauchst mich nicht zu schützen!« Madame Schoppelmann schien der Ansicht zu sein, wenn sie vorderhand nichts weiter sage, so werde sich auch Katharina beruhigen und schweigen, und das erschien ihr in diesem Augenblicke das Passendste, weßhalb sie sich denn auch dem Feuer schon wieder zuwenden wollte, als Katharina mit der größten Heftigkeit fortfuhr: »Ihr habt mich verstanden, Mutter! Ich habe Euch das gesagt, weil Ihr mich durch Eure Behandlung seit acht Tagen dazu gereizt – ja gereizt; Ihr habt mir befohlen, ich soll meinen Bruder pflegen, weil er krank sei, krank durch meine Schuld, und dann habt Ihr hinzugesetzt: ich könne mich dabei meiner Sünden erinnern und der Schande, die ich über Euer Haus gebracht. Ich habe Euren Befehl erfüllt, obgleich – ich gestehe es Euch – widerstrebend, mit zerrissenem Herzen; ich habe mich meiner Sünden erinnert und der Schande, die ich über Euer Haus gebracht, und habe dadurch selbst für spätere Fehler im Voraus abgebüßt. So ist meine Meinung in Betreff der Sünde und Schande; – nun gut, ich habe meinen Bruder gepflegt, und in den ersten Tagen, wo er sehr krank und bewußtlos darnieder lag, mit der Liebe einer Schwester für den Bruder; denn er war hülflos, und wenn er zuweilen seinen Blick aufschlug und mich ansah, so konnte dieser Blick ja auch heißen: ich danke dir, Katharine! Ich habe es wenigstens so angenommen, obgleich er nie daran gedacht.« Die alte Frau hatte sich bei dieser längeren Rede, welche Katharina mit der größten Heftigkeit heraus sprach, sonderbarer Weise eher beruhigt, als noch mehr erzürnt. Es war dergleichen schon öfter vorgekommen, und dann mochte sie als Mutter es nicht ungern sehen, daß die Strafe, welche sie der Tochter durch die Pflege des Bruders diktirt, diese offenbar tief erschüttert hatte. Genug, sie hatte ihre Arme in die Seite gestemmt, sich auf ihren Stuhl am Feuer niedergelassen und schien ruhig erwarten zu wollen, was Katharina noch weiter zu sagen habe. Katharina hatte einen Augenblick geschwiegen, offenbar eine Entgegnung von Seiten der Mutter erwartend. Als diese aber nicht erfolgte, schwellte ein tiefer Athemzug die Brust des schönen Mädchens, und sie fuhr fort: »So war er in den ersten Tagen, und obgleich ich weiß, daß Ihr, Mutter, mich bei dem Bruder ließet, um mich zu bestrafen, so habt Ihr doch selbst nicht gewußt, welche entsetzliche Strafe das für mich war, sonst hättet Ihr das gewiß nicht gewollt. – Ich wußte ganz genau, daß der Fritz nur so lange Ruhe geben werde, als er unfähig sei, zu sprechen; ich habe es Euch schon vor ein paar Tagen gesagt, daß er, sowie Konrad, die gehässigsten Reden gegen mich ausstoße, mich auf alle mögliche Art necke und plage, mir immer und immer wieder die traurige Geschichte jenes unglückseligen Abends vorerzähle; jene Geschichte,« fuhr sie erbittert fort, »wo es nur eines Zufalls bedurfte, daß Eure beiden Söhne nicht als ausgemachte Mörder eingesperrt wurden.« Die alte Frau zuckte bei diesen Worten zusammen und ihre Hand faßte unwillkürlich das schwere Schüreisen. Katharina, welche diese Bewegung wohl bemerkte, lächelte eigenthümlich und hob die linke Hand, wie leicht abwehrend, vor sich hin. »Und was soll diese ganze Geschichte?« fragte die Mutter mit tiefer, sturmverkündender Stimme: »was soll dieser Auftritt zwischen mir und dir?« »Er soll Euch einfach sagen,« entgegnete das Mädchen kurz und bestimmt, »daß ich von jetzt an keinen Schritt mehr in das Zimmer der Brüder hinüber thue.« »Was!« schrie die Mutter und sprang heftig in die Höhe. »Laßt mich ausreden!« rief gebieterisch Katharina; »und dann – macht was Ihr wollt. Diese Stichelreden der Beiden über jenen Abend hatte ich am Ende schon noch ertragen; aber jetzt fangen sie an, vor meinen Ohren andere Sachen zu sprechen, Sachen, die ich nicht hören sollte, die ich auch nicht verstehe, und die – obgleich ich sie nicht begreifen kann – mich doch mit einer solchen Wuth erfüllen, mit einem solchen Abscheu, daß ich, wie schon gesagt, nie mehr in dieses Zimmer zurückkehre, und sollte es mein Leben kosten.« »Und wer sagt solche Dinge?« fragte die alte Frau erbleichend und mit vor Wuth erstickter Stimme: »wer führt solche Redensarten?« »Nun, wer wird sie führen!« sagte verächtlich Katharina; »Beide, der Kranke am meisten.« »Gottes Gerechtigkeit!« seufzte die Gemüsehändlerin; »der könnte doch wohl genug haben und Ruhe halten; aber ich will einmal hinüber, ich will den beiden Buben einmal die Tageszeit ansagen; bleib du nur hier, und wenn dem so ist, wie du gesagt, so sollst du freilich nicht mehr hinüber.« »Und wer wird Euch sagen, ob dem so ist?« entgegnete Katharina mit finsterem Blick; »meint Ihr denn, einer von den Beiden? Die werden sich schon wieder gegen Euch hinauslügen und dann –« »Man lügt mich nicht nur so an,« sprach die alte Frau, indem sie sich auf das schwere Schüreisen stützte; »ich will schon sehen, wer Recht oder Unrecht hat.« »Und im Falle sie Euch beweisen, daß ich Unrecht habe?« fragte Katharina mit blitzenden Augen. »So gehst du wieder hinüber, wie ich es befohlen,« versetzte schwer athmend Madame Schoppelmann. »Nie, Mutter!« »Katharine!« schrie die Frau, und die Hand, in welcher sie das Eisen hielt, zitterte. »Niemals wieder, Mutter, geh' ich hinüber in das Zimmer,« sagte mit fester Stimme das Mädchen und trat furchtlos einen Schritt näher zum Herde, neben welchem die Gemüsehändlerin stand. »Und – wenn – ich – es befehle?« schrie diese, und ihre Lippen bebten, und sie brachte die Worte nur stoßweise hervor. »Auch dann nicht!« betheuerte Katharina und sah festen Blickes und ohne Furcht, wie die Mutter im Uebermaße des Zornes das schwere Schüreisen aufhob, um damit einen Streich auf das unglückliche Mädchen zu führen. Wer weiß auch, was geschehen, wenn nicht Clementine in diesem Augenblicke abermals zwischen die Streitenden gesprungen wäre! Sie wollte den Arm der Gemüsehändlerin fassen, bekam aber das Eisen zwischen ihre Hände, welches sie, trotzdem, daß es heiß war, mit Aufwendung all ihrer Kraft fest hielt. Madame Schoppelmann, welche solcher Gestalt sah, daß ihre Waffe ihr nichts nütze, ließ das Eisen fahren, welches klirrend zu den Füßen der alten Jungfer niederfiel. Doch hatte diese Hülfe derselben den Zorn der alten Frau nicht gedämpft; im Gegentheil, ihre Hand, die nun im Schwunge war, setzte ihren Weg fort; indeß mochte das weiße, erstarrte Gesicht Katharinens, ihre weit aufgerissenen, glühenden Augen, ja ihre ganze entschlossene Haltung es sein, was die Mütter abhielt, einen Streich nach der Tochter zu führen. Ihre zuckenden Finger berührten nur das rothe Tuch auf dem Kopfe Katharinens, welches sie herabriß; ihm folgte das lose aufgesteckte Haar, und die dicken schwarzen Flechten desselben sanken über die Schultern, Arme und Hände des bebenden Mädchens herab. Noch einmal griff die Mutter nach diesem Haar, aber als sie eine der dicken Flechten gefaßt hatte, war es vielleicht die Kälte und Glätte derselben, was sie einigermaßen zur Besinnung brachte; genug, sie ließ ihre Hand langsam heruntersinken, und ihr Zorn schien plötzlich eine andere Richtung zu nehmen. Sie griff das Schüreisen wieder auf und eilte mit einer überraschenden Geschwindigkeit durch die Vorrathskammer nebenan nach dem Schlafzimmer ihrer Söhne. Katharina blieb noch einen Augenblick regungslos stehen, dann blickte sie um sich; ihre Brust holte tief Athem, und es war, als sei sie von einem schweren und tiefen Traum erwacht. In diesem Augenblicke schien auch ihre ganze Entschlossenheit und Fassung von vorhin entschwunden. Sie schaute schaudernd um sich; ihr ganzer Körper zitterte, und ihr Blick haftete einen Moment entsetzlich an der Thüre, durch welche die Mutter verschwunden war. Zuerst machte sie eine Bewegung, als wolle sie ebenfalls dort hinein stürzen, dann aber raffte sie sich plötzlich zusammen, ergriff die Hand Clementinens und zog sie mit sich über die kleine schmale Treppe hinauf in ihr Zimmer. Einunddreißigstes Kapitel. Eine Fortsetzung des Vorigen mit praktischen und handgreiflichen Beweisen. Dieses Zimmer war noch ganz so wie früher, nur waren die Rosen vor dem Fenster verblüht, und die Geranien, welche Katharina lange nicht mehr begossen hatte, ließen ihre Köpfe hangen. Die Fenster standen weit offen, und man sah gegenüber einen hellen Strahl der Nachmittagssonne, die einen Theil des musikalischen Hauses mit ihrem freundlichen Schein vergoldete. Es war hier in dem Winkel ruhiger und stiller als gewöhnlich. Der Feiertag-Nachmittag übte seine Herrschaft in den benachbarten Straßen; man hörte nichts, als das Läuten der Kirchenglocken, welche die Gläubigen in die schattigen, angenehmen Kirchen riefen. Katharina warf sich in einen Stuhl hinter der Thüre, beugte das Gesicht in beide Hände und machte ihrem gepreßten Herzen durch einen Strom wohlthätiger Thränen Luft. Jungfer Clementine Strebeling hatte sich an das offene Fenster gesetzt; sie faltete ihre Hände, und der Anblick der leeren Fenster des musikalischen Hauses drüben war mit der Erinnerung an ein rundes, freundliches Gesicht, das öfters dort heraus geschaut, nicht im Stande, ihr Gemüth zu erheitern. Dabei erwartete sie nicht ohne Grund, da unten in den Zimmern der Gebrüder Schoppelmann einen neuen, noch größeren Spektakel, als den vorhin erlebten, losgehen zu hören. Die Gemüsehändlerin schien ihren Angriffsplan geändert zu haben, und statt in das Zimmer ihrer beiden Sprößlinge hinein zu stürzen, wie sie anfänglich vorgehabt, bezwang sie, als sie die Vorrathskammer erreicht hatte, ihren Zorn so weit, daß sie dort plötzlich stehen blieb und beschloß, zuerst zu beobachten, was die da drinnen trieben, ehe sie wie ein, Racheengel mit ihrem Schüreisen erschiene. Es war übrigens eigentümlich, daß diese Vorrathskammer von jeher beruhigend auf die Nerven der Frau Schoppelmann wirkte. War es der Anblick der angehäuften Gegenstände, oder war es der süße und doch scharfe Geruch der Aepfel und Melonen – genug, sobald die dicke Frau, selbst in dem größten Zorne, dieses Gemach betrat, dauerte es doch gar nicht lange, und ihr Athem ging leichter, ihre geballte Faust löste sich friedlich auf, und ein ruhiges Nachdenken trat an die Stelle der höchsten Leidenschaft. Heute war es nun gerade wieder so; sie blieb, wie schon gesagt, in der Mitte der Vorrathskammer stehen, und da lagen alle ihre Reiche so friedlich um sie herum. Auch standen an der Wand auf einem Brette zwei geleerte Arzneiflaschen von bedeutendem Umfange mit lang herabhängenden Gebrauchszetteln, und beim Anblicke dieser Flaschen erinnerte sich die dicke Frau, was ihr Arzt einst bei einer ähnlichen Veranlassung zu ihr gesprochen, und daß er gesagt: »Frau Schoppelmann, Sie sind eine gesunde Frau, und wenn Sie Ihr Leben ruhig genießen und sich namentlich vor Aerger hüten, so können Sie's an die Achtzig bringen; wenn Sie aber fortfahren, so bei jeder Kleinigkeit in einen unmenschlichen Zorn zu gerathen, so stehe ich für nichts, und dann ist bald Ihr letztes Rezept geschrieben.« So hatte der Doktor Wellen, der Präsident der Leimsudia, gesprochen, aber begreiflicher Weise nicht in letzterer Eigenschaft, sondern vielmehr als Hausarzt der Madame Schoppelmann. Die dicke Frau hatte sich dieses Wort auch bestens gemerkt und die beiden Arzneiflaschen so gestellt, daß sie ihr leicht in die Augen fallen mußten, was dann augenblicklich zur Besänftigung ihrer Gefühle sehr viel beitrug. Im Nebenzimmer hörte sie die beiden Söhne deutlich zusammen lachen, und Fritz, der von seiner Kopfwunde ziemlich wieder genesen war, sagte lustig: »Gib nur Achtung, die kommt nicht so bald wieder; der Aufpasserin sind wir endlich los; hol' mich der Teufel, ich wär' schon lange wieder gesund, wenn ich mich nicht den ganzen Tag über die Wassersuppen hätte ärgern müssen, die sie mir gekocht.« Da die Thüre nur angelehnt war, so wurde es der Mutter leicht, in das Schlafzimmer ihrer beiden Söhne zu schauen, und der Anblick, den sie hier hatte, wäre wohl im Stande gewesen, ihr Blut aufs Neue in Wallung zu bringen; doch übten die beiden leeren Medizinflaschen eine nachhaltige Wirkung auf ihr Gemüth. Das Bett des kranken Fuhrmanns war dicht an's Fenster gerückt, und dieser lag auf seinem Bauche und so nahe an den Scheiben, daß er dieselben fast mit seiner Nase berühren konnte. Der eine Fensterflügel war geöffnet, und auf dem Fenstergesims saß Konrad, der Jäger, und hatte eine große Flasche mit weißem Wein in der Hand, woraus er sich und dem Fuhrmann eifrigst einschenkte. Das eiserne Gitter draußen, welches die beiden Brüder auf eine sinnreiche Art praktikabel gemacht hatten, war zurückgeschoben, und hiedurch wurde diese ganze Maschinerie dem erstaunten Auge der Gemüsehändlerin sichtbar. »Das schmeckt anders als Himbeersaft!« sagte lachend der Fuhrmann und hob das volle Glas in die Höhe. »Ja, er ist nicht schlecht,« meinte der Jäger; »aber du thätest doch klug daran, wenn du dich ein Bischen in Acht nähmest; jetzt sind wir schon am dritten Schoppen.« »Die du aber unchristlich mit mir getheilt hast,« entgegnete der Fuhrmann und that einen tiefen Zug. »Weil ich besser weiß, was dir gut ist, als du selbst, würde die Katharine zur Antwort geben,« erwiderte Konrad, indem er sich den Rest der Flasche eingoß. »Hast du nicht eben was im Nebenzimmer gehört?« fragte der Fuhrmann aufmerksam, indem er sich auf die Seite wandte und den Kopf in die Höhe hob. »Nicht das Geringste,« entgegnete Konrad; »es wird eine Maus gewesen sein, die am Speck herum nagt. Jetzt will ich aber der Frau Schilder die Flasche und Gläser zurückbringen, damit, wenn's Kätherle allenfalls doch zurückkommt, sie nicht so schreckliche Sachen bei uns findet, wie Weinflaschen und Gläser.« »Die kommt nicht wieder!« sagte bestimmt der Fuhrmann. »Ich glaube auch nicht,« lachte der Jäger. »Sie hat genug an meiner Schilderung,« fuhr Fritz lustig fort, »an dem, was ich ihr gesagt, wie es ihr, der Jungfer Schoppelmann, an jenem Abend wahrscheinlich ergangen wäre, wenn wir sie allein bei jenem Taugenichts gelassen hätten, und daß wir solcher Gestalt ihre Unschuld und Ehre gerettet.« Konrad, der Jäger, lachte bei diesen Worten recht freundlich in sich hinein, und da er gerade im Begriffe war, sich umzuwenden und zum Fenster hinaus zu klettern, so zog der Fuhrmann den einen Fensterflügel etwas zurück, damit der Andere nebst Gläsern und Flasche mehr Platz hätte. Dieser Augenblick schien der Madame Schoppelmann besonders günstig, um so gänzlich unerwartet und unverhofft vor den Blicken ihrer Söhne zu erscheinen. Mit ihrer in der Vorrathskammer wieder erlangten Ruhe hatte sie auch ihre bisherige Waffe, das Schüreisen, ruhig auf den Boden gestellt und dafür eine der Peitschen ergriffen, welche Fritz, der Fuhrmann, hier aufzubewahren pflegte. Es war eigentlich nur der Stock einer Peitsche, ohne Schnur, aus zähem Holz geflochten, der Handgriff aber mit dickem Leder umwunden. Dieses Instrument nun nahm sie am oberen, dünnen Ende zur Hand, öffnete geräuschlos die Thüre und kam in dem überaus günstigen Augenblicke, wo Konrad, der Jäger, den Kopf zum Fenster hinaus bog und auf diese Art den Rücken und angrenzenden Theil zur kräftigen Bearbeitung freundlichst darbot. »Das sind eure Unterhaltungen?!« rief nun plötzlich die Frau mit gellender Stimme; aber es war nicht der Ton der Wuth, sondern der eines gelinden Zornes, welcher ruhige Ueberlegung gestattet. Zugleich mit diesen Worten ließ sie auch den unteren Theil ihres Peitschenstockes mit solcher Kraft auf den Rücken ihres Erstgeborenen, des Jägers, niederfallen, daß dieser mit einem lauten Geschrei zurückfuhr, wobei Gläser und Flaschen auf die Gasse fielen, daß sie klirrend zerbrachen. Da er zu gleicher Zeit begreiflicher Welse glaubte, der Bruder habe mit diesem Schlage einen überaus schlechten Witz machen wollen, so fuhr er zornig nach diesem herum und faßte nach dessen Halsbinde. »Nein, ich war es, du Galgenstrick!« rief jetzt die Mutter mit noch lauterer Stimme als vorhin, und dabei fiel der Peitschengriff nochmal nieder und hob sich darauf mit unbegreiflicher Geschwindigkeit, um abermal niederzufallen, und dazwischen schrie die Frau, die sich trotz ihres Vorsatzes allmälig in einen heftigeren Zorn hinein schrie und prügelte: »Das ist für euer sauberes Leben, ihr Kanaillen! – und das für den Wein, den ihr in eurer Krankheit sauft! – und das ist für mein zerbrochenes Gitter! – und das – und das – und das ist für eure schlechten Redensarten gegen eure Schwester!« Die Streiche fielen hageldicht, und Konrad, der zwischen Bett und Fenster eingeklemmt war, konnte nichts Besseres thun, als in Gottes Namen seinen Rücken darzubieten; denn die Gemüsehändlerin schlug in ihrer blinden Wuth zu, und es schien ihr ganz gleich zu sein, ob ihre Schläge den Rücken, die Schultern oder gar den Kopf ihres Sohnes träfen. Der Fuhrmann, ebenso schlecht als feige, hatte nicht sobald bemerkt, daß er, wahrscheinlich seiner Krankheit halber, verschont wurde, als er seine Decke so hoch wie möglich hinauf zog und einen äußerst leidenden Gesichtsausdruck annahm. »Ist's nun bald genug?« schrie erboßt der Jäger und suchte den Peitschenstiel zu fassen; »werdet Ihr jetzt aufhören oder nicht?« Dabei funkelten seine Augen auf eine recht häßliche Art, und er versuchte es, seinen Knotenstock zu ergreifen, der jenseits des Bettes stand. Doch Madame Schoppelmann, welche, wie wir schon früher dem geneigten Leser bemerkten, leider gern auf ihre Kinder losschlug, und wenn sie einmal anfing, für die nächste Zeit das Aufhören vergaß, traf bei der eben angedeuteten Bewegung ihres Sohnes so nachdrücklich dessen Hand, daß er laut auf heulte und darauf plötzlich wie umgewandelt schien. Aller Trotz war aus seinen Zügen verschwunden, ja er versuchte es, schmerzlich zu lächeln, und sagte mit einem bittenden Tone: »Jetzt ist's aber wahrhaftig genug, für Scherz schon lange zu viel, und wenn Ihr mich im Ernste prügeln wollt, so möchte ich doch eigentlich auch wissen, warum!« »Das möchtest du wissen?« rief erstaunt die Frau. »Nun, bei Gott! bist du nicht der größte Gauner, der mir je vorgekommen ist? Ich ertappe ihn, wie er zum Fenster hinaus steigt gleich einem Dieb, er rühmt sich der größten Schändlichkeiten gegen seine Schwester und fragt mich noch, was er gethan habe! Nimm dich in Acht, Konrad! Es wird leider Gottes noch eine Zeit kommen, wo du mir zu miserabel vorkommen wirst, um nur einen Schlag nach dir zu führen, wo ich mich auch nicht mehr ärgern werde, wo ich aber die Polizei kommen und dich abführen lasse ins Zuchthaus als den Schlechtesten der Schlechten.« Der Jäger zuckte verächtlich lachend die Achseln. »Woher habt ihr diesen Wein?« fuhr die Frau fort und stemmte ihre Arme in die Seite; »woher bekommt ihr ihn? Von jenem nichtsnutzigen Weibsbilde da drüben? – Womit bezahlt ihr ihn? – Mit Sachen, die ihr mir oder sonst Jemanden abstehlt. – Halt dein Maul! Die da drüben könnt' ich aufs Kriminal bringen; aber dann müßtet ihr auch mit, und vorderhand will ich meinem Namen diese Schande noch nicht anthun.« Bei den letzten Worten, welche die Frau voll Zorn und Verachtung herausstieß, warf sie den Peitschenstiel über das Bett hinüber dem Jäger vor die Füße, und dann blieb sie noch einen Augenblick ruhig erwartend stehen, ob dieser es wagen würde, noch etwas zu sagen, worauf sie sich umdrehte und ohne ein Wort weiter zu verlieren in ihr Zimmer zurückging. Wie ein böser Hund in den Knittel beißt, mit dem man ihn geschlagen, so stampfte Konrad, der Jäger, den Peitschenstiel unter seine Füße und sah mit einem Blicke unbeschreiblicher Wuth nach der Thüre, durch welche die Mutter verschwunden war; auch ballte er die Faust und stieß leise Drohungen aus. Der Fuhrmann schaute nach einigen Augenblicken unter der Bettdecke lachend hervor und meinte, der Bruder solle nur das Erlebte in Geduld hinnehmen, zur Strafe für die vielen Sünden, die er schon begangen. Nachdem Konrad noch einigemal mit der geballten Faust gegen die Thüre gedroht, durch welche Madame Schoppelmann verschwunden war, sagte er zu dem Kranken: »Weißt du, weßhalb ich an mich gehalten und weßhalb es, beim Teufel! kein Unglück gegeben? Mich hat die Redensart der Alten bestürzt gemacht von wegen der Geschäfte mit der Frau Schilder; kannst du dir denken, was sie damit gemeint hat? Fritz, Fritz! ich fürchte immer, die Alte hat eine Ahnung von unserem Briefwechsel. Der Gedanke hat mich auch vorhin erfaßt und ganz darniedergeschlagen.« »Narrenpossen!« versetzte der Fuhrmann, indem er sich im Bett aufrichtete und den Kopf auf den Arm stützte. »Mit ihrem Schimpfen und ihren Drohungen hat sie nichts weiter gemeint, als die alten Geschichten mit der Schilder, wo wir sie damals auf unsere Art bezahlten – mit Viktualien von der Alten.« »Aber sie machte so verdächtige Anspielungen auf das Zuchthaus!« fuhr Konrad mit besorgtem Blicke fort. »Und das nimmt dich Wunder, du Tropf?« sagte lachend der Fuhrmann. »Nun, sie hat volles Recht, vom Zuchthause zu sprechen; denn wenn sie wirklich einmal ihre Drohungen wahr und eine solche Geschichte anhängig machte, da hätten wir am längsten in freier Luft gelebt.« »Laß gut sein,« sprach verdrießlich der Jäger; »ich habe genug für heute, mich schmerzt mein Rücken teufelmäßig, und wenn ich die Wahrheit sagen soll, so trau' ich weder der Schilder noch der Alten.« »Narrheiten!« antwortete der Fuhrmann; »weder die Eine noch die Andere ist zu fürchten. Die da drüben weiß wohl, weßhalb sie ihr Maul hält, und die Alte wird sich auch zehnmal bedenken, ehe sie einen solchen Skandal macht und uns etwas zu Leide thut. Aber jetzt fass' an, Konrad, wir müssen mein Bett wieder dort in den Winkel auf seine alte Stelle bringen.« Damit sprang der Kranke leicht aus dem Bette, und den vereinten Bemühungen der Brüder gelang es in kurzer Zeit, das Bett auf seinen alten Platz zu rücken, das Gitter wieder vor dem Fenster zu befestigen, überhaupt nach ihren Begriffen die Stube wieder in Ordnung zu bringen. – – Jungfer Clementine Strebeling, die, wie wir wissen, oben am offenen Fenster saß, war Augen- und Ohrenzeuge gewesen von der ganzen Strafverhandlung, die sich unten begab. Sie hatte sich beim Beginne derselben kluger Weise etwas zurückgezogen und sich so verdeckt aufgestellt, daß keiner der beiden Brüder da drunten die Zuschauerin gewahr werden konnte. In diesem Falle nämlich waren die Herren Schoppelmann außerordentlich zarten Gemüthes und hatten in früheren Zeiten schon beinahe einmal ihre Schwester Katharina mißhandelt, die zufällig einer ähnlichen Scene beigewohnt. Trotzdem Clementine, wie dem geneigten Leser bekannt ist, ein so zartes Gemüth hatte, daß eine kranke Fliege ihr höchstes Mitgefühl in Anspruch nahm, so konnte sie doch hier, nachdem sie sich vom ersten Schrecken erholt, nicht umhin, mit einer wahren Beruhigung und Genugthuung dem Strafamt der gestrengen Mutter zuzuschauen. Die beiden Brüder hatten ihr, der schüchternen Jungfrau, schon manches Herzeleid angethan, und von Katharina hatte sie erfahren, wie sie das arme Mädchen, das gezwungen war, in ihrem Zimmer zu verweilen, mit ihren ungezogenen Redensarten gequält. Auch sah sie in dem Akt, der soeben drunten vollzogen wurde, eine Art göttlichen Strafgerichtes, wenn sie an den armen Herrn Eugen dachte, gegen welchen die beiden Brüder da drunten sich auf's Schändlichste benommen hatten. Clementine hatte in der Tiefe ihres Herzens nur den Wunsch, daß auch der Fuhrmann seinen Theil erhalten möge, was aber, wie wir bereits wissen, dieses Mal nicht geschah. Katharina in ihrem Winkel hinter der Thüre hatte nicht sobald den Spektakel drunten vernommen, als sie erschrocken in die Höhe fuhr und Jungfer Strebeling bat, das Fenster zu schließen. Das junge Mädchen zitterte an dem ganzen Körper; denn sie hatte leider schon zu oft dergleichen Scenen mit anwohnen müssen, und jedes Mal hatten dieselben den Stachel des bittersten Schmerzes, das Bewußtsein eines tiefen Unglücks in ihrer Brust zurückgelassen. Auch jetzt faltete sie die Hände und horchte entsetzt zu, und sie konnte sich erst einigermaßen wieder beruhigen, als ihr endlich Jungfer Clementine mittheilte, ihre Mutter habe das Zimmer der beiden Brüder verlassen. Katharina, welche besser, als Madame Schoppelmann selbst, den bösen und wilden Charakter der beiden Brüder kannte, fürchtete, – und wohl nicht mit Unrecht – daß aus einem solchen Auftritte doch einmal das größte Unglück entstehen müßte; denn wenn die Mutter einmal in ihrem Zorne zu weit ging und durch irgend etwas die Herrschaft, deren Kraft in der Macht der Gewohnheit, in Worten und Blicken der alten Frau lag, verlor, so konnte etwas Entsetzliches geschehen. Endlich war es drunten wieder ruhig geworden, und Clementine setzte sich neben das junge Madchen, nahm dessen beide Hände und schaute tief betrübt in die dunkeln, thränenerfüllten Augen. »Das ist ein trostloses Leben!« sagte Katharina und blickte zum Himmel auf; »und ich sehe gar kein Ende, keinen Ausweg. Gott sei mir gnädig!« »Nur nicht verzweifeln, mein liebes Herz!« bat Clementine, »nur den Muth nicht verlieren! Auf Regen folgt Sonnenschein, das ist ein altes und wahres Sprüchwort.« Katharina schüttelte mit dem Kopfe. »Mir hat die Sonne in der letzten Zeit zu glänzend geschienen,« sprach sie nach einer Pause; »ich habe zu viel Glück gehabt, ich war zu selig, und das muß ich nun durch langen Kummer abbüßen.« »Es geht gewiß vorüber,« entgegnete Jungfer Strebeling; »nur den Muth nicht verlieren! O lieber Gott! wenn ich Alles so genau wüßte, wie Sie noch an dem Altar zu sehen mit dem Herrn Eugen! Ihnen geht's gewiß noch sehr gut, mein Herz; denn das ist gar nicht anders möglich. Bei all dem Kummer, den Sie jetzt haben, sind und bleiben Sie doch ein Glückskind; Sie sind nicht wie andere arme Menschen, denen Alles in dieser Welt fehlschlägt.« – Dabei seufzte die alte Jungfer aus tiefstem Herzen. »Eigentlich ist es wahr,« sagte Katharina; »wir können einander trösten; Sie haben das gleiche Schicksal wie ich.« »O, noch viel schlimmer!« entgegnete Clementine; »ich bin eine armselige Kreatur, ich tauge gar nicht für das Leben. O du lieber Gott! ich hätte in ein Kloster gehen sollen – wenn ich nur katholisch wäre!« Jungfer Clementine machte bei diesen Worten ein so überaus wehmüthiges und jammervolles Gesicht, daß sich Katharina, trotz ihres tiefen Schmerzes, nicht enthalten konnte, der Leidensgefährtin durch ihre Thränen einen freundlichen Blick zuzuwerfen. »Sind neue Briefe gekommen?« fragte sie teilnehmend; und Clementine nickte stumm mit dem Kopfe. »Traurige?« fragte das junge Mädchen. »Zwei sehr traurige,« entgegnete Clementine und zog unter ihrem Halstuche zwei Briefe hervor, welche sie vorbei sorgfältig öffnete, ehe sie dieselben der Freundin übergab. – »Ja, richtig, dies ist der erste,« sagte sie, nachdem sie einen Blick hineingeworfen; »den lesen Sie zuerst, Katharine, und dann erst den anderen.« Das junge Mädchen nahm den Brief und las wie folgt: »Angebetete Clementine! »Wie steh' ich vor Ihnen, in Gedanken nämlich, oder vielmehr wie sitz' ich hier vor Ihnen an meinem Schreibtisch, die Feder in zitternder Hand haltend, das Papier mit meinen Thränen benetzend! Bis jetzt glaubte ich nicht an Wunder, aber jetzt glaube ich daran. Bis jetzt wußte ich nicht, daß auf dieser verderbten Welt noch wirkliche Engel umherwandelten zur Lust und Freude, ja zum himmlischen Troste des bedrängten menschlichen Herzens; jetzt weiß ich, daß sich noch Engel unter uns sehen lassen, nämlich, daß ich das Glück hatte, einen solchen zu sehen, und dieser mir erschienene hülfebringende Engel, das sind Sie, angebetete Clementine. – – »Und doch, wie hat mich Ihre Hülfe, wenn gleich erquickt, auch zugleich gedemüthigt, ja tief in den Staub hinab gedrückt!« Bei diesen Worten sah Katharina fragend in die Höhe. »Es ist nur wegen des Geldes, das ich ihm geschickt,« sagte schüchtern die alte Jungfer. »Ah so – o – o!« entgegnete Katharina, mit dem Kopfe nickend, und fuhr fort zu lesen: »Sie reichten mir die Hand, theuerste Clementine; o, mißverstehen Sie mich nicht! Ihre Hand – bildlich gesprochen. An dem gähnenden Abgrund der Armuth und Verzweiflung, in welchen ich mich hineinstürzen wollte, traten Sie auf mich zu, reichten mir diese Hand und hielten mich so von dem Schrecklichen zurück. »Ich glaube Ihnen gesagt zu haben, daß ich mich von dort hieher zu meinem Onkel begab, zu dem Manne, der sich des verwaisten Knaben annahm, der mich unterstützte und auf einen Weg brachte, an dessen mühevollem Ende mir ein Lichtpunkt glänzt, das schönste Ziel – Sie, Clementine, Ihr Besitz! Doch, ach, wie fand ich diesen Mann wieder! Sein Vermögen war zerrüttet; statt von ihm Hülfe zu erwarten, mußte ich ihm und seinen acht noch unversorgten Kindern helfen! So, Clementine, wurde die Gabe angewandt, welche Ihr volles, schönes Herz über mich ausgeschüttet, – Thränen ersticken meine Stimme; ich kann nicht weiter schreiben. Bis nächstens mehr. »Ihr getreuer Johannes Müller .« »Das ist allerdings sehr traurig!« sagte Katharina. »Lesen Sie noch den zweiten,« entgegnete Clementine; »der ist kurz, aber in wahrer Verzweiflung geschrieben; er hat sogar die Ueberschrift vergessen.« Katharina las: »Wen das Unglück mit seinem giftigen Haß verfolgt, den schlägt es darnieder, wenn ihn auch gleich Engel schützend umgeben.« »Das ist eigentlich eine Lästerung!« sagte betrübt die alte Jungfer. »Mein unglücklicher Onkel glaube sich durch die Hülfe, welche von Ihnen so großmüthig gespendet wurde, einigermaßen retten zu können – umsonst! – vergebens! – umsonst! – Schlag auf Schlag trifft ihn ein hartes Schicksal und mich mit ihm. Verzeihen Sie mir, theure Clementine, aber ich habe geschworen, mit ihm, der an mir so lange Vaterstelle vertrat, zu Grunde zu gehen. Wegen sechshundert Gulden droht dem edlen Manne eine Schuldhaft. Der Himmel erbarme sich seiner acht unglücklichen Würmer! – Leben Sie wohl, Clementine – meinen nächsten Brief erhalten Sie – denn ich gehe mit ihm – aus den Mauern des Gefängnisses. – O, es ist entsetzlich! »In Verzweiflung Johannes Müller .« Katharina faltete kopfschüttelnd diese Briefe zusammen und gab sie ihrer Freundin zurück. »Das ist sehr sonderbar,« sagte sie nach einer Pause. »Entsetzlich, nicht wahr?« jammerte Clementine. Das junge Mädchen dachte einen Augenblick nach, ohne eine Antwort zu geben, und darauf sagte sie: »Aber nehmen Sie mir nicht übel, Clementine, so sehr es mich freut, daß Ihr Herz endlich einmal einen Gegenstand gefunden, für den es sich interessirt, so möchte ich doch etwas Genaueres erfahren, wer dieser Gegenstand eigentlich ist, und ob Sie über seine näheren Verhältnisse genauer unterrichtet sind. Nehmen Sie mir nicht übel, ich will mir nicht herausnehmen, ein Examen mit Ihnen anzustellen; aber sagen Sie mir etwas Näheres über diese Geschichte in Ihrem eigenen Interesse.« Jungfer Strebeling hatte die Briefe wieder an sich genommen, sie zusammen gefaltet und an ihrem gewöhnlichen Orte verwahrt; dann nickte sie mit ihrem Kopfe, d. h. sie ließ denselben tief auf die Brust herabsinken, was ihr ganz das Ansehen einer geknickten Blüthe gab; und diesen Eindruck wollte sie auch hervorbringen. »Sie sahen also,« fragte das junge Mädchen, »den Herr-n-n Müller zum ersten Mal –?« »Dort drüben,« erwiderte die alte Jungfer, indem sie ihre blauen Augen nach der Gegend des musikalischen Hauses hindrehte. »Richtig, beim Gesang von der Lotusblume,« fuhr das junge Mädchen fort. »Aber darauf sahen und sprachen Sie ihn nicht wieder?« Bei dieser Frage schwieg Clementine eine längere Weile. In ihrer Brust kämpfte die jungfräuliche Scham und das Bewußtsein, der Freundin, die ihr Alles mitgetheilt, einen wichtigen Moment ihres Lebens verschwiegen zu haben. »Nun, Clementine?« fragte das junge Mädchen abermals. »O ja,« brach Clementine endlich ihr Stillschweigen; »ich habe ihn wieder gesehen, aber wo? das werde ich unter keiner Bedingung sagen.« »Und da sprachen Sie mit ihm?« fuhr Katharina fort; »auch über seine Verhältnisse?« »O nein, das nicht,« sagte die alte Jungfer, »gewiß nicht; Sie können sich kein zarteres Gemüth denken, als das des Herrn Müller. Gott im Himmel, wie kann man auch gleich von Verhältnissen sprechen oder von – Liebe? So was wäre mein Tod! O nein, ich nehme Antheil an ihm, weil er so zart, so still, so bescheiden ist. O Katharine, als ich ihn damals sah, verrieth er mir mit keiner Sylbe, welchen Antheil er an mir nimmt; aber seine Blicke sprachen, und einzelne Andeutungen ließen mich die Gefühle seines Herzens errathen – er liebt mich über alle Maßen!« sagte Clementine schaudernd und dachte an das Gänseblumenspiel. »Und wer ist die Mittelperson!« fragte das junge Mädchen weiter, »durch welche diese Briefe an ihn und Sie gehen?« »Das darf ich um keinen Preis sagen,« versicherte Clementine, »ich habe das feierlich beschworen, und so gern und freiwillig, – Ist nicht das Geheimnißvolle und Verschwiegene einer Sache so schön, so zart, so angenehm?« »Das ist wahr,« dachte Katharina, und ein stechender Schmerz durchzuckte ihr Herz. Ihre Gedanken waren in diesem Augenblicke von der Sache Clementinens abgeschweift; sie dachte an vergangene Tage, wo auch sie so unendlich glücklich gewesen war in ihrem süßen Geheimniß. Und wie roh, wie rücksichtslos hatte man die Hülle von demselben weggerissen! – Katharinens frische Wangen waren nicht umsonst gebleicht, ihre dunklen Augen, nicht ohne Grund eingefallen. Hatte sich doch die Begebenheit jener Nacht wie ein Lauffeuer durch die unteren Stadtviertel verbreitet, und mit welch' höhnischer Freude und Bosheit hatten gute Freundinnen und alle Klatschschwestern nacherzählt, daß Herr Eugen Stillfried spät Abends bei der schönen Katharine gewesen sei und daß ihn die Mutter dort ertappt u.s.w. Katharina fuhr mit einem tiefen Seufzer aus ihren Träumereien und sagte: »Ach, Clementine, Ihre Geschichte ist wohl traurig, aber es bleibt Ihnen doch die Hoffnung. Doch bei mir ist Alles, Alles aus!« Clementine war erschrocken von dem tiefen Schmerz, der nun plötzlich wieder in den Zügen des jungen Mädchens wühlte. Die gute alte Seele vergaß ihren eigenen Kummer und faßte mitleidig die Hände der Freundin, um sie zu trösten. Katharina schüttelte mit dem Kopfe und sagte nach einem längeren Stillschweigen, indem sie endlich den Fragen der Jungfer Strebeling nachgab: »ich glaube, er hat mich vergessen, er hat ein falsches Spiel mit mir getrieben!« Klementine sah sie fragend an. »Hätte er mir nicht nach jenem schrecklichen Vorfalle schreiben müssen?« fuhr Katharina fort; »hätte er mir, im Falle es Schwierigkeiten gemacht, mir einen Brief zukommen zu lassen, nicht wenigstens ein paar Worte müssen sagen lassen, mir eine Nachricht von sich geben, wie es ihm ergangen an jenem unheilvollen Abend? Aber ich erfuhr von ihm nicht eine Sylbe; nur aus den Gesprächen der Brüder habe ich erfahren, daß er noch an jenem Abend die Stadt verlassen; wohin er gegangen ist, weiß ich nicht.« »Das ist freilich nicht recht,« sagte Clementine; aber Sie müssen auch nicht vergessen, wie emsig Ihre Mutter bemüht sein wird, alle Briefe, die an Sie kommen, zurück zu halten, sowie zu verhindern, daß jemand Fremdes mit Ihnen spricht.« »Das ist wohl wahr,« entgegnete das junge Mädchen; »aber fand er nicht früher Mittel und Wege, mir irgend ein Zeichen des Verständnisses, eine Botschaft zukommen zu lassen? und jetzt, wo ich so sehnlich wünsche, etwas von ihm zu erfahren, nicht das Geringste, keine Sylbe!« – – Unterdessen war Madame Schoppelmann nach vollzogenem Strafamte durch die Vorrathskammer an ihren Herd zurückgekehrt. Das Feuer unter dem Wasserkessel war in der Zwischenzeit fast erloschen, und die Mühe, welche die dicke Frau sich nunmehr geben mußte, dasselbe wieder anzufachen, hatte nebenher den guten Erfolg, daß sich ihr Zorn bedeutend verminderte und sich in gelinden Kummer und in Betrübniß verwandelte. Mit diesen beiden unangenehmen Begleitern setzte sie sich auf ihren Stuhl am Feuer nieder, nahm die große Kaffeemühle auf den Schooß, und während sie solcher Gestalt Vorbereitungen traf, für den Nachmittag ihr Lieblingsgetränk anzufertigen, begann sie ein Selbstgespräch, wie sie es bei ähnlichen Veranlassungen häufig zu machen pflegte. Zuerst schüttete sie die braunen Bohnen in ihre Mühle und drehte den Schwengel einige Male heftig herum. »Das Ding kann nicht so fortgehen,« sagte sie zu sich selber; »der Haß unter den Kindern richtet meine ganze Wirthschaft zu Grunde und wird nicht besser, wenn sie bei einander bleiben. Eine Partie muß aus dem Hause – aber welche? Wohin soll ich mit den beiden Buben? Die will kein ordentlicher Christenmensch bei sich aufnehmen, und wenn ich sie nicht unter der Fuchtel habe, so treiben sie noch größeres Unheil, als jetzt schon. O, es ist eine betrübte, betrübte Geschichte!« – Damit mahlte die Gemüsehändlerin mit solcher Heftigkeit und Erbitterung ihren Kaffee, daß ihr der Schwengel zuweilen aus der Hand und rasselnd einige Mal allein herumfuhr, ehe sie seiner wieder habhaft werden konnte. – »Und das Mädchen,« fuhr sie zu sich selbst redend fort, »es ist im Grunde ein gutes Geschöpf, und ich hätte nie über sie klagen können, wenn der böse Feind nicht jenen Herrn Eugen ihr in den Weg geführt hätte. – Ihn sollt' ich nochmals hier haben, ich wollt' es ganz allein mit ihm ausmachen; ich wollt' ihn lehren, ehrsamen Bürgerstöchtern nachzulaufen: – Gott sei es geklagt! aber die alte Staatsräthin hat Recht gehabt. Respekt vor der Frau! man kann sie nur loben, daß sie ihr Haus rein erhält vor solchem Ungeziefer. – Ja, das Mädchen – meine Katharina – ich muß sie doch aus dem Hause thun, sonst gibt es noch einmal ein wahres Unglück. Will sie auf's Land zu ihrer Tante schicken; aber wer bürgt mir dafür, daß dann er nicht auch wieder bald da herumschleicht? Mit dem Gelde, das er hinauswirft, kann man Unterhändler und Spione genug haben.« Der Kaffee war gemahlen, aber Madame Schoppelmann noch nicht mit sich im Reinen, was mit ihrer Tochter zu thun sei. Das Passendste erschien ihr wohl, sie aus dem Hause zu entfernen – aber auf welche Art und wohin? Mit der Beantwortung dieser Frage wollen wir dieses schon sehr große Kapitel nicht noch verlängern, und schließen mit der Versicherung, daß der geneigte Leser erfahren wird, was Madame Schoppelmann beschlossen. Zweiunddreißigstes Kapitel. Worin der geneigte Leser von dem Erzähler dieser Geschichte veranlaßt wird, eine kleine Fußreise zu machen. In einem kleinen Städtchen, vom früheren Schauplatz unserer Geschichte jenseits der Grenze, war ein Gasthof, wenn wir nicht irren »Zum goldenen Bären« genannt. Doch thut hier der Name nichts zur Sache, denn für uns kommt nur der Gasthof als solcher in Betracht, und hier war am andern Morgen nach seiner Flucht aus der Stadt Eugen Stillfried angelangt mit seinem lustigen Rath, dem getreuen Pierrot und Sultan, dem Neufundländer, Eugen beschloß, sich hier eine Zeit lang aufzuhalten, vor allen Dingen um Nachricht aus der Stadt abzuwarten über das Befinden seines Gegners, den er zu Boden geschlagen, namentlich aber von Katharina, die er in einem Schreiben von Allem in Kenntniß setzte und sie bat, mit wenigen Worten sagen zu wollen, wie er sich im Allgemeinen, besonders aber ihr gegenüber verhalten solle. Da es ihm nicht räthlich erschien, das Schreiben dem Postamt zu vertrauen, so wurde Joseph dazu ausersehen, den Brief nach der Stadt zu bringen, um dort seine Erkundigungen einzuziehen und wo möglich eine Antwort von Katharina zu erhalten. Der getreue Diener reiste auch in der nächsten Nacht wieder nach der Stadt zurück; doch glauben wir annehmen zu können, daß er entweder nicht den Muth hatte, sich in der Nähe des Marktplatzes lange umher zu treiben, oder im Falle der Noth der Madame Schilder einen Besuch zu machen, ihr den Brief zu geben und auf Antwort zu warten; oder wenn er es doch gethan, so sind wir wohl berechtigt, zu glauben, daß jene würdige Frau den Brief unterschlug oder ihn sogar dem Herrn Konrad Schoppelmann einhändigte; genug, obgleich Pierrot zwei Tage fortblieb, so brachte er doch von Katharina keine Antwort zurück, wohl aber die Nachricht, daß sich Fritz, der Fuhrmann, ziemlich außer Gefahr befinde, und daß, wenn er auch einige Wochen das Bett hüten müsse, für sein Leben durchaus keine Gefahr sei. Eugen gab sich mit dieser Botschaft nicht zufrieden, er wollte anfänglich selbst hinüber, doch gab Herr Sidel hiezu unter keiner Bedingung seine Einwilligung; ja, in Folge der Unterredung hinüber entschloß er sich, obgleich widerstrebend, selbst nach der Residenz zurückzugehen, dort zu erforschen, wie die Sachen ständen, namentlich aber den Versuch zu machen, ob es möglich sei, Katharinen zu sehen und zu sprechen. Der lustige Rath reiste auch wirklich ab, kehrte aber ebenso unverrichteter Dinge zurück, wie Joseph. Durch seine Bekanntschaften im musikalischen Hause hätte es ihm nicht schwer werden sollen, indem er sich dort aufhielt, die Aufmerksamkeit des gegenüber wohnenden jungen Mädchens auf sich zu ziehen. Er behauptete aber bei seiner Zurückkunft, in dieser Richtung alles Mögliche gethan zu haben; ja, er setzte hinzu, Katharina müsse ihn gesehen haben, sei ihm aber durchaus nicht gewillt erschienen. in irgend eine Unterhandlung mit ihm zu treten. Wenn wir uns erinnern, daß Herr Sidel von jeher nicht geneigt war, das Verhältnis seines jungen Freundes zu jenem Mädchen zu billigen, noch viel weniger aber dasselbe aus irgend eine Art zu unterstützen, so können wir wohl annehmen, daß er sich in dieser Sache, obwohl in der besten Absicht, eine Unwahrheit zu Schulden kommen ließ. Er sah in jener Liebe durchaus nichts Ersprießliches für seinen Freund; ihm schien es überhaupt für die ganze Zukunft Eugen's besser, wenn es ihm möglich würde, denselben für eine Zeit lang aus dem Leben und Treiben jener Stadt zu entfernen. Herr Sidel ahnete nicht, wie theuer Katharina dem Herzen seines Freundes wirklich war, er hielt diese Geschichte, wie so manche frühere ähnliche, für vorübergehend. Nebenbei hatte Eugen seinem Vertrauten leider nichts von der Unterredung mit der Staatsräthtin gesagt, und Herr Sidel, dem alles daran gelegen war, Mutter und Sohn zu vereinigen, glaubte, daß zu diesem Zweck eine Entfernung sehr heilsam sei. Die Staatsräthin erfuhr alsdann nicht Geschichten von ihrem Sohne, aufs Gehässigste verdreht, unendlich vergrößert und verschlimmert, und dem jungen Manne wurden an sich unbedeutende Worte der Mutter nicht auf die gleiche Art überbracht. Das war die an sich gute Absicht des lustigen Rathes, und aus diesem Gesichtspunkte müssen wir es verzeihlich finden, wenn er sich bei seiner Rückkehr aus der Residenz einige Unwahrheiten zu Schulden kommen ließ. Nach seiner Angabe war der junge Schoppelmann durchaus nicht außer Gefahr, der Justizrath Werner dagegen, wie er aus guter Quelle erfahren haben wollte, auf's Eifrigste bemüht, die nöthigen Mittel zu erhalten, um Eugen auch jenseits der Grenzen des Landes verfolgen zu können; Katharina aber hatte sich, so sei es ihm erschienen, gelinde ausgedrückt, bei seinem Erscheinen vollkommen theilnahmlos gezeigt. Er hätte, als sie ihn zum ersten Male wieder gesehen, weder eine große Ueberraschung, noch viel weniger eine Freude auf ihrem Gesichte entdeckt. Ihr Aussehen sei gut und wie gewöhnlich gewesen, man habe durchaus nichts Besonderes an ihr bemerkt. Man kann sich denken, wie unangenehm diese Nachrichten auf Eugen einwirkten. Er hatte gehofft, in der nächsten Zeit nach der Residenz zurückkehren zu können, um sich mit seiner Mutter auszusöhnen und dieselbe durch die größte Nachgiebigkeit zu vermögen, daß sie zu seiner Verbindung mit Katharina endlich ihren mütterlichen Segen ertheilte. Das war jetzt alles in weite Ferne gerückt, und wenn ihn auch die Hoffnung nicht verließ, daß sich diese süßen Träume einst verwirklichen könnten, so ließ doch die gewaltsame und einigermaßen künstliche Spannung seines Gemüthes nach, und andere Lebensbilder, andere Ansichten und Wünsche strömten durch seine leicht bewegte Brust und drängten das, was dieselbe noch gestern allgewaltig ausgefüllt, leicht, wenn auch nicht schmerzlos, in den Hintergrund. Die beiden Freunde saßen in dem Garten des benannten Gasthofes unter einem schattigen Kastanienbaume. Eugen war trübe gestimmt, und der lustige Rath suchte ihn aufzuheitern. »Du hast mir so oft,« sagte er nach einer längeren Pause, »von deiner ersten Kunstreise erzählt und mir dieses Leben mit so glänzenden Farben ausgemalt, daß ich wahrhaftig Lust bekomme, etwas Aehnliches mitzumachen. Wir sind jetzt für die nächste Zeit vollkommen frei; es wäre überhaupt wegen vergangener Geschichten, besser, statt mit Extrapost zu reisen und in den Gasthöfen Zimmer in dem ersten Stock zu bewohnen, sich bescheidener Fortkommensmittel zu bedienen und unbemerkter zu leben. Was willst du hier in diesem langweiligen Neste liegen, um abzuwarten, ob und wie sich die Sachen in der Stadt gestalten? Laß uns ein Bischen in dieses schöne Land hinauswandern. Der Spätsommer ist da, wir werden einen prächtigen Herbst haben, laß uns das genießen! Bald,« setzte er lächelnd hinzu, »werden die Geschichten in der Stadt vergessen sein, du kehrst heim, söhnst dich mit deiner Mutter aus, wer weiß, was sonst noch geschieht? Und wenn dir im guten Falle einmal gewisse enge Grenzen gesteckt sind, so kommst du doch nimmer dazu, etwas Aehnliches ausführen zu können, eine Zeit lang ein ungebundenes, fröhliches Leben zu führen, das uns jetzt so angenehm, ja gewissermaßen glänzend winkt. Wir wollen uns,« schloß er mit komischem Pathos, »in den böhmischen Wäldern niederlassen und dort eine Räuberbande zusammenziehen.« »Wir sind wahrhaftig beinahe in gleichem Falle mit Karl Moor,« sagte Eugen; »ich wenigstens, vertrieben von meinem väterlichen Hause, gewaltsam getrennt von dem Mädchen, die ich wahr und treu liebe, wahr und treu, trotz deiner Botschaften, Mephisto!« »Das ist anerkennenswerth,« lachte Herr Sidel, »und Gott soll mich in Gnade bewahren, daß ich ernstlich daran dächte, an dieser Wahrheit und Treue zu rütteln; aber glaube mir nur,« setzte er ernster hinzu, »es ist wahrhaft besser, wenn wir für eine Zeit lang vollständig verschwinden. So lange du da warst, ließ sich deine Mutter bereitwillig gegen dich einnehmen, wenn man dagegen eine Zeit lang nichts von dir gehört, so wird ihre mütterliche Liebe zu dir stärker als je erwachen und dich wieder aufnehmen, vorausgesetzt, daß du dich alsdann dieser mütterlichen Zuneigung werth zu machen suchst.« »Und für Katharina,« fügte Eugen hinzu, »ist es auch wohl besser, wenn sie längere Zeit nichts von mir hört! Was sagt deine höllische Beredsamkeit über diesen Punkt?« »Ich bleibe vollkommen bei meiner Ansicht,« entgegnete der lustige Rath; »du hast das junge Mädchen einige Male gesehen, du bist von ihrem Aeußeren, meinethalben auch von ihrem Inneren entzückt und du denkst nun mit deinem bekannten Leichtsinn dich an das Mädchen zu fesseln – nimm's mir nicht übel, ehe du sie hiezu genau genug kennst. Um eine so glänzende Partie zu machen, wie du eine bist – ich spreche von deinem Vermögen, nicht von deiner Persönlichkeit – um also eine solche Partie zu machen, wird sich jedes Mädchen zusammennehmen und ihre glänzende Seite herauskehren, namentlich, da dieses Katharinen bis jetzt so leicht wurde. Da kommt das Schicksal; roh und kalt Faßt es des Freundes zärtliche Gestalt – und wirft sie – in die Hände der Gebrüder Schoppelmann. Man hat dich als Ungeheuer der schlimmsten Gattung dargestellt; man wird Versprechungen und Drohungen nicht schonen, um das Mädchen von dir abwendig zu machen; nun gut, das ist die Zeit der Prüfung. Wenn sie wirkliches Gold ist, so laß sie es jetzt bewähren, überlaß sie auf kurze Zeit sich selbst, sieh zu, ob sie dir wirklich treu anhängt, und wenn das der Fall ist, in Gottes Namen denn, so sage auch ich: Amen!« Da Eugen auf diese Rede nicht antwortete, so fuhr Herr Sidel nach einer Pause fort: »Glaube mir, Eugen, sie wird in dieser Prüfung nicht zu Grunde gehen, und wäre dieses doch der Fall, dann hättest du nicht viel dabei verloren; nebenbei habe ich drinnen Alles eingeleitet, um genau zu erfahren, was in dem Hause am Marktplätze vor sich geht – aber jetzt laß das Kopfhängen sein, sei der Alte wieder, laß uns ein neues Leben anfangen; und bei diesem neuen Leben müssen wir besorgt dafür sein, dem getreuen Pierrot eine gelinde Strafe zukommen zu lassen, denn ich bin der festen Ueberzeugung, daß bei der Geschichte von jener Nacht dieser Kerl die Hand mit im Spiele gehabt.« »Wenn man das annehmen könnte,« entgegnete Eugen, »so wäre es besser, man schickte ihn augenblicklich fort.« »Gewiß nicht!« sagte der lustige Rath. »Trägt er wirklich auf beiden Schultern und hat neben dir noch einen anderen Herrn, so wird er augenblicklich zu diesem zurückkehren, um über unsere Schritte bis hieher zu rapportiren.« »Wenn dein Verdacht gerecht wäre,« meinte Eugen, »so hätte er uns wohl in der Stadt verlassen und nicht so dringend gebeten, ihn mitzunehmen.« »Heilige Einfalt!« versetzte Herr Sidel, »seine Aufträge sind wahrscheinlich noch nicht zu Ende.« »Ich habe ihm auf deinen Rath deutlich genug erwiesen, daß er mein Vertrauen vollständig verloren,« antwortete Eugen, »und bat er trotzdem nicht de- und wehmüthig, ja fast kniefällig, ihn mitzunehmen?« »Das ist mir ebenfalls aufgefallen,« entgegnete der lustige Rath, »und könnte mich auf die Vermuthung führen, als habe Joseph sich gegen einen anderen Herrn ebenfalls eines kleinen Verrathes schuldig gemacht, indem er uns nicht vollständig verrieth. Dem sei nun, wie ihm wolle, wir haben ihn einmal mitgenommen, er ist da, und wenn, du auch dieses Mal, wie gewöhnlich, schwach bist, so werde ich so viel wie möglich das Meinige thun, daß ihm für wirklich begangenes Unrecht die nothwendige Strafe wird. Aber jetzt sage mir, was hältst du von dem Vorschlage? Ist es dir genehm, ein Bischen in der Welt herum zu ziehen, so wollen wir gleich morgen damit anfangen; unsere Sachen lassen wir hier, denn zu einer Fußreise, wozu ich dich veranlassen möchte, taugt vieles Gepäck nicht; ein kleines Bündel, wenig Geld, ein tüchtiger Knotenstock und ein froher Muth – mehr braucht's nicht.« »Und was willst du, daß wir beginnen sollen?« fragte Eugen. »Das wird sich alles finden; wir ziehen einmal auf's Gerathewohl hinaus und sehen, ob und wo uns endlich einmal etwas aufstößt. Finden wir irgend zufällig eine Schulmeisterstelle vacant, gut, so werde ich mich darum bewerben, du wirst mein Famulus und der getreue Pierrot kann in doppelter Hinsicht die Stelle eines Einheizers versehen, indem er nämlich die Oefen und die unaussprechliche Freude, die Schulkinder zu bearbeiten, erhält. Vor allen Dingen aber pflichte meinem Vorschlage im Allgemeinen bei; denn du wirst mir doch zugeben, daß es hier in diesem Nest ungeheuer langweilig ist.« Eugen fand sich mit dem neuen Lebensplane, den der lustige Rath entworfen, vollkommen einverstanden, und so wurden denn zur Ausführung desselben die nöthigen Vorkehrungen getroffen. Man bezahlte die Rechnung im Gasthofe, ließ die mitgenommenen Koffer unter dem Vorwande zurück, man wolle eine kleine Fußtour unternehmen und werde später darüber verfügen. Die nothwendige Wäsche und Kleidungsstücke wurden in Felleisen verpackt, und während Herr Sidel mit Hülfe Pierrots sie recht vollstopfte und sie dem getreuen Diener zur Probe umhängte, dachte er bei sich, wie dies ein treffliches Mittel sei, die Bestrafung desselben jetzt schon anzufangen. So zogen die Drei an dem andern Morgen hinaus und beschlossen, es dem Zufalle zu überlassen, wo er sie hinführen wolle. Zu diesem Zwecke waren sie von der großen Landstraße abgegangen und folgten einem kleinen Fahrwege, der die benachbarten Dörfer und Städte mit einander verband. Eugen, sowie der lustige Rath hatten eine sehr einfache Toilette gemacht, bestehend in einem leichten Sommerrocke, auf dem Kopfe einen Strohhut; der getreue Pierrot aber trug beide Felleisen. So wandelten sie dahin unter dem Gesang der Vögel und dem Duft der Blumen. Der Feldweg, auf dem sie sich befanden, war breit genug, um einen einfachen Karren durchpassiren zu lassen, und daß dergleichen Fuhrwerke auf ihm fortbewegt wurden, sah man an den bald tief bald schwach eingedrückten Geleisen. Der Weg lief, wie die meisten seines Gleichen, ungebunden, wie es ihm gerade einfiel, über die Felder dahin; bald wandte er sich, ohne allen sichtbaren Grund, etwas links, dann wieder scheinbar ebenso unabsichtlich rechts, eine beständige Schlangenlinie; oftmals verließ er auch diesen schlangenähnlichen Lauf wieder, um plötzlich mit scharfem Winkel nach einer anderen Richtung abzubiegen, nach einer Sandgrube, einem Kalkofen oder dergleichen, und wenn er diese verschiedenen Gegenstände solcher Gestalt näher betrachtet und seine Neugierde befriedigt hatte, so wandte er sich wieder ebenso scharf der alten Richtung zu. Dergleichen Extravaganzen und außerordentliche Abschweifungen hatte aber der mit der Zeit karge Bauer oder der Fußgänger, welcher es gerade sein mochte, nicht geduldet, und wo der alte Fahrweg einer solchen Lust, über das Feld hinzubummeln, nicht widerstehen konnte, da waren kleine, gerade ausgehende Fußpfade entstanden, welche bald parallel mit jenem Wege liefen und dann rechts oder links durchschnitten, sich eine Zeit lang von ihm trennten, um sich am Ende nach einer scharfen Biegung mit ihm zu vereinigen. Das Ganze sah hiedurch von Weitem aus wie ein Flußbett mit kleinen Armen und Nebenflüssen, und wie ein solches verschwand es auch hier und kam dort wieder zum Vorschein, bald, wie der Lauf eines Stromes sich rechts und links um Hügel und Berge windet, bald aber wie es ein ächter und gerechter Fahrweg zu thun pflegt, in diesem Punkte eigensinnig wie ein altes Kutschenpferd, und wo sich Hindernisse befinden, gerade ausrennend. Es ist das von jeher eine Theorie aller Fahr- und Hohlwege gewesen, nie einen Hügel oder eine Schlucht zu umgehen, sondern mit größter Mühe darüber weg oder hindurch zu klettern, sich selbst zum Verderben, dem armen Fuhrmanne zur größten Beschwerde, oft zum Unglück. Wenn man so einem Feld- und Hohlwege gedankenvoll folgt – man muß aber nicht eilig sein, sondern zu Betrachtungen aufgelegt – so entwickelt derselbe in seinem Laufe so schöne poetische Bilder und Gedanken, wie man sie in manchem Buche vergebens sucht. Jetzt ist er auf der Höhe und schaut rings um sich herum, hinweg über ein hügeliges Land bis zu fernen tiefblauen Bergen; auf allen Seiten sieht man gleiche alte Fahrwege aus dem Grün der Felder freundlich heraus winken mit ihrem weißen, sandigen Boden; die kennen sich all unter einander besser als wir uns einzubilden vermögen – sie blinzeln sich während des Tages zu, wenn sie, von der Sonne beschienen, so glänzend weiß da liegen, und in der Nacht, wenn hoch über ihnen der volle Mond steht und man sie aus der Entfernung nur ahnet, zwischen dem dunkeln Haidegestrüpp hindurch, ein nebelhafter, blasser Streifen. Ja, man muß es wissen, in welch innigem Rapport diese Feldwege unter sich mit den breiten, langweiligen Landstraßen stehen. Das ist eine Art natürlicher Telegraphenverbindung; denn bald berühren sie sich, laufen durch einander, kreuzen sich nach allen Richtungen, und dadurch auch wird es so bald im ganzen Lande bekannt, was namentlich nächtlicher Weile auf solchen Fahr- und Hohlwegen alles geschieht. Die Nachbarn haben es doch gewiß nicht gesehen, wie jenes junge frische Bauernmädchen mit dem herrschaftlichen Jäger, der bei sinkendem Abend nach seinen Revieren zu gehen pflegt, dort unter jenem Hügel gesessen – ein Plätzchen, das außerordentlich gut versteckt ist, und kein Mensch hat's gehört, wie sie dort zusammen geplaudert und gelacht. Und ist es darum für alle Welt auf ewig verschwiegen geblieben? Gewiß nicht! Neben dem alten Holzwege haben sie dagesessen, und der listige Gesell, obgleich er sich anstellte, als laufe er ruhig über die Höhe davon, hielt sich doch oben an der Ecke auf und blinzelte neugierig zurück, und als er nun nächtlicher Weile, wahrscheinlich zur Mitternachtstunde, dort unten im Grunde den alten Kameraden traf, der ihn rechtwinkelig durchschneidet, da blieben die beiden Schwätzer bei einander sitzen und erzählten einander, was sie gesehen und gehört: dieser schmunzelnd von dem Liebespaar, jener schaudernd von einer schweren Unthat, die sich weiter oberhalb begeben und als sie genug ausgeruht und geplaudert hatten, trollten die vier Arme des Kreuzweges nach allen Seiten auseinander und fanden bald wieder andere Pfade, die sie durchschnitten, liefen auch endlich in's Dorf, wo das arme Mädchen schon längst süß träumend schlief, und trafen endlich auch auf die Chaussee, wo das Gericht den Mörder verfolgte und dieser sich entsetzt umschaute, wenn der Wind rechts und links in den Baumgipfeln neben ihm daher sauste und ebenfalls wiederholte, was der alte Hohlweg erzählt. Von den Kreuzwegen sagt man, daß sich dort zu Nacht Hexen, Kobolde und dergleichen Gesindel aufzuhalten Pflegen, und das ist wahr und hat in dem vorher Erwähnten seinen guten Grund. Doch seien sie in Erdlöchern und hinter alten Baumstämmen und horchen den Erzählungen der alten Wege, und was sie auf diese Art erfahren vom Thun und Treiben der Menschenkinder, das wenden sie an zu ihrem Schaden und Unheil. Drum, wenn der geneigte Leser gewillt ist, aus der vorstehenden Abschweifung vom geraden Wege unserer wahrhaften Geschichte irgend eine Lehre zu ziehen, so ist es die: bei vorkommenden Gelegenheiten auch dem harmlosesten Fahr- und Hohlwege nicht unbedingt zu vertrauen. Unser Kleeblatt that ebenfalls so, indem sie neben und hinter einander gingen, ohne längere Zeit ein Wort zu wechseln. Doch thaten sie das weniger aus Mißtrauen gegen den Weg, auf dem sie wandelten, als vielmehr, weil Jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt war. Eugen dachte an die Stadt und Katharina, der lustige Rath an seinen Vorschlag, in dessen Folge die Drei auf dem Feldwege dahin wandelten, auf einen glücklichen Zufall hoffend, der ihnen etwas Angenehmes und Lehrreiches zuführen möchte; der Geist des getreuen Pierrot aber war am Ernsthaftesten, und wir können sagen, betrübt beschäftigt, denn er dachte an die Narrheit der Menschen und an die Wandelbarkeit der Glücksgüter. Wie hatte er noch vor einigen Tagen so stolz hinten auf dem Wagen seines Herrn gesessen, sich schaukelnd auf dem Federsitze, die Arme würdevoll über einander geschlagen und den Hut auf dem rechten Ohr, wobei er zuweilen den Postillonen zurief, schneller zu fahren, und wobei er es auch nicht unterließ, einem armen Handwerksburschen mitleidig nachzublicken, der neben ihm daher zog, keuchend unter der Last seines Felleisens! Und jetzt hatte auch ihn das unerbittliche Schicksal von der Höhe herabgeworfen, und auch er wandelte jetzt dahin im Schweiße seines Angesichts, seufzend unter der Last des ihm Aufgebürdeten. Ach, und er trug sogar zwei Felleisen! Die Sonne schien recht heiß von dem wolkenlosen Himmel, die Zeit seines zweiten Frühstücks war längst vorüber, und dazu konnte er nicht einmal seiner Lieblingsbeschäftigung nachhangen und einigen Tabak rauchen; denn er besaß letzteren nur in Gestalt von Cigarren, die seinem Herrn gehörten. Jetzt waren die Drei auf der Höhe eines Hügels angekommen, wo ein anderer Feldweg, ganz gleich demselben, dem sie bis jetzt gefolgt, diesen in einem rechten Winkel durchschnitt. Auf diesem Punkte blieb der lustige Rath, welcher den Vortrab führte, einen Augenblick stehen und wandte sich an Eugen mit der Frage, nach welcher Richtung man sich weiter begeben solle, ob die alte beizubehalten sei, oder ob es nicht besser wäre, rechts oder links abzuschweifen. »Für Jemand, wie du, der den Zufall zum Führer erkoren,« antwortete Eugen lachend, »ist es begreiflich, daß er auf einem Kreuzwege, wie dieser, einigermaßen in Verlegenheit gerathen kann. Hier ist guter Rath theuer, und ich möchte um Alles in der Welt dem Schicksale nicht vorgreifen, indem ich beschlösse, der alten Richtung zu folgen oder eine neue einzuschlagen. Was meinst du? Sollen wir den Strich des Windes entscheiden lassen, oder willst du dich, ein moderner Augur, nach dem Fluge der Vögel richten?« »Beides ist sehr schwer,« meinte lachend der lustige Rath, »der Wind, der südöstlich zu gehen scheint, schneidet gerade zwischen dem Kreuzwege hindurch und zeigte also nach rückwärts über das angebaute Feld; – was den Flug der Vögel anbelangt, so scheint es mir sehr schwer zu sein, sich darnach zu richten, denn außer diesen Schwalben da, die in einem unerträglichen Zickzack stiegen, bemerke ich weit und breit nichts, als dort einen Raubvogel, der eben zur Erde herabschießt; und welche Richtung zeigt uns der an?« »Du bist ein schlechter Zeichenerklärer,« versetzte Eugen; »der Vogel, welcher sich dort zur Erde hinabschwingt, sollte offenbar bedeuten, das uns das Schicksal befiehlt, es ebenso zu machen, das heißt, uns hier niederzulassen, bis ein neuer Zufall, nach deinem Vorschlage, uns weiter hilft.« »Vortrefflich!« antwortete der lustige Rath; »hier im Angesicht dieser weiten gewaltigen Natur, unter dem Blau des Himmels thu' ich dir feierlichst Abbitte dafür, daß ich dich in früheren Zeiten so oft für ungelehrig erklärt; ich fange an, stolz auf meinen Zögling zu sein.« »Ich danke für das Kompliment,« entgegnete Eugen; »aber ist diese Höhe nicht zum Ausruhen sehr einladend? Sieh hier, dicht am Wege jenes Heiligenbild unter dem Lindenbaum, der seine Zweige schattengebend ausbreitet – wie vortrefflich können wir hier ausruhen und neue Kräfte zu weiteren Unternehmungen sammeln?« »Da unten ist auch ein Wirthshaus,« erlaubte sich schmunzelnd Joseph zu sagen, »ich erkenne es an dem großen Baume, der daneben steht, mit seinem Kranz von Tannenzweigen.« Der brave Diener hatte in Betreff von Orten, wo es zu essen und zu trinken gab, einen merkwürdigen Instinkt und ein Talent im Auffinden von Wirthshäusern, das ganz erstaunlich war. Der lustige Rath schien augenscheinlich über diese Aeußerung des Bedienten gerührt zu sein; zuerst zuckte ein Lachen über sein Gesicht, dann aber nahm er eine sehr feierliche Miene an, klopfte dem einigermaßen erstaunten Joseph auf die Achsel, indem er so ernst wie möglich sagte: »Guter Pierrot, die Zeit der Wirthshausfreuden ist leider vorbei. Wir sind nicht mehr im Stande, dein Herr, ich und du, dort anzuhalten, wo der liebe Gott dem durstigen Reisenden so freundlich eine Hand entgegenstreckt, das heißt, wir sind es nur dann, wenn wir vorher etwas verdient haben. Ja, die Zeiten haben sich traurig geändert. Du wirst es schon noch erleben. Dein Herr ist durch einen unglücklichen Zufall für einige Zeit vollkommen verarmt, und es geschieht wahrlich nicht aus Lust am Spazierengehen, daß wir uns hier ohne Wagen und Pferde auf freiem Felde befinden.« Pierrot sah bald seinen Herrn, bald den lustigen Rath mit aufgesperrtem Munde, mit wahrhaftem Erstaunen und mit sehr dummem Ausdruck an. Namentlich auf dem Gesichte seines Herrn hafteten ängstlich hoffend seine Blicke. Doch Eugen zuckte die Achseln und nickte mit dem Kopfe. »Es ist so, guter Pierrot,« fuhr der lustige Rath fort, »und wir lassen dir in dieser Stunde noch die Wahl, ob du mit uns gehen oder nach der Stadt zurückkehren willst. Im letzteren Falle sollst du aufs Genügendste mit Reisegeld versehen werden, und ich will auch obendrein nicht ermangeln, dir einen wichtigen Empfehlungsbrief an den Herrn Justizrath Werner mitzugeben.« Bei Nennung dieses Namens zuckte der Diener augenscheinlich zusammen, und die Erinnerung an diesen Herrn brachte in ihm allerhand schreckliche Vorstellungen von schweren Akten-Faszikeln und von schnappenden Bedienten lebhaft in's Gedächtniß zurück. Er versicherte hierauf, er könne unter keiner Bedingung seinen Herrn verlassen, möge auch kommen, was da wolle. »Schön!« sagte hierauf der lustige Rath; »deine Antwort, mein treuer Pierrot, ist lobenswerth. Damit du siehst, wie schon diesseits die Belohnung für gute Thaten öfters erfolgt, so lege deine beiden Felleisen unter jenem Baume nieder, öffne das kleine, und du wirst dort für uns genug finden, um das Wirthshaus da unten mit hohem Baume und Tannenkranz vergessen zu können. Dreiunddreißigstes Kapitel. Die Reisenden befragen das Schicksal, welches nicht antwortet, ihnen aber einen seltsamen Charakter zuführt. Joseph that, wie ihm geheißen. Er legte beide Felleisen behutsam nieder, namentlich aber das kleinere, und als er dasselbe langsam öffnete, konnte er sich auch erklären, weßhalb ihm auf dem Wege hieher so oft ein eigenthümlicher Braten- und Käseduft um die Nase gezogen, wie eine schmerzliche Erinnerung an vergangene Tage, wie ein Klang aus der guten alten Wirthshauszeit. Der lustige Rath hatte zu einem soliden Frühstück nicht das Geringste vergessen, und Pierrot deckte behende, wie nie, am Fuße des Heiligenbildes, im Schatten des Lindenbaumes, eine gut besetzte Tafel. Da war kalter Braten und Schinken, Brod, Käse und Rothwein in anständiger Menge vorhanden, und die Drei ließen sich mit großem Behagen um die weiße Serviette nieder, auf welcher all' diese Herrlichkeiten standen. »So hat mir lange nichts geschmeckt,« sagte Eugen nach einer Pause, welche dadurch entstanden war, daß er ein Glas Rothwein hastig ausgetrunken und dann aufgesprungen war, einen tiefen Athemzug zu thun; »wahrhaftig, kein Frühstück oder Mittagessen, so lange ich mich erinnere.« »Das macht der Marsch von vier Stunden!« bemerkte lustig Herr Sidel, dem es ebenfalls außerordentlich schmeckte, der aber dabei nicht vergaß, dem getreuen Pierrot ebenfalls seinen Theil zukommen zu lassen. »Gib nur Achtung, Eugen, welch herrliches Leben wir erst führen werden, wenn wir einmal eine ähnliche Mahlzeit mit unserer Hände Arbeit verdient haben!« »Mit unserer Hände Arbeit?« sagte kopfschüttelnd Eugen und besah seine feinen weißen Finger, welche, glatt und weich, wie die eines Mädchens, bis jetzt durch den Glacéhandschuh geschützt worden waren, und doch hatte auch schon an ihnen die Sonne ihre Verheerungen angestellt, indem sie um das Handgelenk herum einen kleinen rothen Streifen gebrannt. »Die Arbeit unserer Hände allerdings,« sprach der lustige Rath, »oder die unseres Kopfes, das ist am Ende gleich viel.« »So laß uns endlich einmal einen soliden Plan entwerfen, oder willst du deine Theorie vom Zufall wirklich aufrecht erhalten und durchführen?« »Auf alle Fälle!« meinte Herr Sidel mit komischem Ernste. »Da wir einmal ein ungebundenes Leben führen wollen, so soll es auch nicht einmal durch unsere Gedanken und Wünsche gefesselt sein, oder gezwungen, sich in vorher gedachten Geleisen zu bewegen.« »Dann sitzen wir aber hier gleich schon fest,« erwiderte lachend Eugen, »und müssen auf einen Zufall warten, der uns sagt, welchen der vier Wege wir nehmen sollen.« »Gewiß!« sagte Herr Sidel; »doch hatte ich mir schon vorgenommen, mit deiner Bewilligung den getreuen Pierrot in unseren Kriegsrath zu ziehen; vielleicht weiß er aus seiner Knaben- oder Jünglingszeit aus vier unbekannten Wegen den richtigen heraus zu wählen, und auf eine Art, daß diese Wahl etwas Gültiges für sich hat.« Der getreue Pierrot, nachdem er gesehen, daß die ansehnlichen Vorräthe, die vorhin auf der Serviette geprangt, auf eine wahrhaft erstaunlich schnelle Art verschwunden (er hatte aber das Seinige auch dazu beigetragen), überlegte bei sich, daß ein längeres Hierverweilen bei der Aversion des Herrn Sidel gegen das Wirthhaus da unten leicht gefährlich werden könnte, und ließ sich nach einigem Nachdenken bereitwillig finden, ein äußerst zweckmäßiges Mittel anzugeben, um, wie hier, im Falle des Zweifels eine Richtung festzustellen. Er beseitigte aber zuerst den Rest des Kalbsbratens und Käses, indem er denselben sehr geschickt in die Serviette hinein rollte. Eine gute Portion Brod hatte er schon früher bei Seite gebracht. Auch trank er vorher eine Flasche leer, die ihm zufälliger Weise an die Seite gerollt war; dann öffnete er lächelnd seinen großen Mund und sprach: »Wie Sie wissen, gnädiger Herr, und auch Sie, der Herr Rath, so schicken die Metzgermeister ihre Knechte aus der Stadt auf's Land, um gute und wohlfeile Kälber einzuhandeln.« »Ganz richtig,« sagte lachend Herr Sidel, »und dabei machen sie zuweilen Metzgergänge, das heißt, sie finden oftmals keine Kälber.« »So ist's,« antwortete der getreue Pierrot; »da liegen nach allen Richtungen um sie herum die Dörfer, wo sie ihre Kundschaft haben; aber wer weiß, in welchem Dorfe an diesem Tage nun gerade viele Kälber gefallen sind? Da hilft sich nun der Metzgerknecht auf folgende Art: er geht auf die Straße hinaus und wirft seine Mütze so hoch, als er kann, in die Luft hinauf; natürlicher Weise fällt sie alsbald wieder herab, und dann paßt er genau auf, wohin der Schirm der Mütze gerichtet ist; dahin geht er hinaus, nach jener Richtung nämlich, und findet da immer Kälber, so viel er mag.« »Bravo! köstlich! vortrefflich!« jubelte der lustige Rath. »Das ist ein ganz kapitales Mittel, und dir, als dem Erfinder, oder wenigstens als dem, der uns damit bekannt gemacht, soll es auch gestattet sein, diesen Wurf zu unternehmen. Nebenbei bist du auch der Einzige, der eine Mütze trägt, und für uns, mit unseren Strohhüten, würde das Orakel stumm bleiben.« Pierrot lachte außerordentlich vergnügt, daß der Herr Sidel auf seinen Scherz einzugehen schien, sah aber vorher fragend seinen Herrn an. »Ich erkläre dieses Mittel ebenfalls für vortrefflich,« sagte Eugen, »und auch gewiß für untrüglich. Sollten wir nicht eine Wette machen, nach welcher Seite der Mützenschirm zu liegen kommt? – ich bin für dort hinaus.« »Bei solch wichtigen Sachen muß man nicht wetten,« gab Herr Sidel scheinbar ernst zur Antwort; »komm her, getreuer Pierrot, stelle dich genau in die Mitte des Kreuzweges und mache dein Manöver.« Joseph begab sich dahin; nicht ohne eine Befriedigung in seinen Zügen auszudrücken, sowie einen gewissen Stolz, daß man sein Mittel für würdig befinde. Darauf nahm er seine Mütze in die Hand, schien ein paar Mal die Kraft seines Armes zu probiren und schnellte sich dann, so hoch er konnte, in die Höhe; aber o Unglück! der Wurf war nicht senkrecht gelungen, und als die Mütze in einem kleinen Bogen wieder herab kam, blieb sie an den Zweigen des Lindenbaumes hängen und obendrein noch in so unangenehmer Haltung, daß der Schirm zu Boden sah. Erstaunt und überrascht sahen die drei nach der Mütze empor, und selbst der Herr Sidel kratzte sich einen Augenblick unschlüssig am Kopfe. »Wenn wir auf den Fall dieser Mütze,« bemerkte Eugen nach einer Pause, »das heißt auf die Art, wie der Schirm zu liegen kommt, ein wirkliches Gewicht legen und ihm als Orakelspruch folgen wollen, so sagt uns der Schirm der Mütze, indem er zu unseren Füßen auf den Boden zeigt, wir sollen da bleiben und hier geduldig warten, bis uns das Schicksal eine Aufforderung zu Theil werden läßt.« »Darin hast du Recht,« sagte Herr Sidel; »wir haben überhaupt nichts zu verlieren und deßhalb keine Eile; lagern wir uns wieder im Schatten dieses Baumes und rauchen unter anmuthigen Betrachtungen unsere Cigarre.« Eugen und der lustige Rath streckten sich hierauf wieder in den Schatten des Baumes auf das Gras nieder, und Pierrot beschäftigte sich damit, durch verschiedene Steinwürfe seine Mütze vom Baume herunterzubringen, was ihm endlich auch gelang. Die beiden Anderen hatten sich eine Cigarre angezündet und bliesen in angenehmer Ruhe den blauen Rauch von sich. »Wenn wir keinem Zufalle zu folgen hätten,« sprach Eugen nach einer längeren Pause, »so würde ich unbedingt vorschlagen, den Weg dort hinaus zu nehmen, wo das Terrain sich sanft abflacht und von der Höhe in ein Thal hinab fällt, das zwischen grünen Bäumen und Sträuchern gewiß auch fließendes Wasser enthält, so einen kleinen Fluß, an dessen Ufer man so angenehm dahin dämmert; auch ziehen mich, ich weiß nicht, weßhalb, die schroffen, dunkelblauen Berge an, die in weiter Ferne über jenem Thale so ernst und feierlich nach uns Hinblicken. Ich komme mir in diesem Augenblicke wie ein fahrender Ritter vor, und dann bilde ich mir ein, da hinaus auf den Spitzen jener Felsen liegen allerlei verzauberte Schlösser und verwunschene Prinzessinnen, die nach Erlösung schmachten.« »Ei, ei,« sagte lachend der lustige Rath, »du denkst an fremde Prinzessinnen und wendest diesen dein Gesicht zu, während du in deinem Rücken eine andere arme Jungfrau sitzen läßt!« »Schweig, Mephisto,« entgegnete Eugen, »du hast gar keinen Sinn für Poesie.« »Leider nur zu viel!« seufzte Herr Sidel; »denn sonst hätte ich meine ehrbare Schule nicht aufgegeben, um zu dir zu ziehen und jetzt als anderer Sancho Pansa mit dir als zweitem Don Quixote durch das Land zu streifen.« »Wir haben wirklich eine Aehnlichkeit mit diesem ehrenhaften Ritter, doch sind wir noch miserabler daran – ich ohne Pferd, du hast nicht einmal einen Esel, und dann fehlt uns das eigene Bewußtsein unseres Werthes, die feste Ueberzeugung, sich aus dem sicheren Pfade zum Ruhme zu befinden, die jener hatte.« »Und Dulcinea von Toboso!« sagte lachend der lustige Rath. »Ist vorhanden,« entgegnete Eugen, »aber in diesem Falle Sancho Pansa'n angehörig; ich meine nämlich jene abgeblichene Dame, mit welcher wir dich. Ehrenfester, an dem Tage der Promenade Blumen zupfend fanden.« »Brrrr!« sagte, sich schüttelnd, Herr Sidel, »dafür muß ich danken. Ueberhaupt steht auch nirgendwo geschrieben, edler Ritter von der traurigen Gestalt, daß Euer ganz ergebenster Schildknappe sich eine Dame erkoren habe, das war ein Vorrecht Eurer Ritterschaftlichkeit und blieb Euch vorbehalten. – – Aber sieh einmal dort den Fahrweg hinab, welch sonderbares Fuhrwerk wird dort sichtbar! Jetzt kannst du's deutlich sehen, da es auf der Höhe des Hügels ist; schau genau hin, es wird bald wieder in der Senkung des Weges verschwinden!« »Wahrhaftig,« sagte Eugen, »das ist ein seltsamer Aufzug. Was kann das wohl sein? Ich möchte auf Zigeuner rathen, doch sehe ich zu wenig Fußgänger bei dem Karren.« »Es wird der Zufall sein,« meinte der lustige Rath mit ernster Miene, »der uns hier von dieser Stelle erlöst.« Der Karren, oder was es sonst war, der die Aufmerksamkeit der beiden Freunde auf sich gezogen hatte, verschwand jetzt wieder hinter den nächsten Hügeln, und es konnte noch eine ziemliche Weile dauern, ehe er an die Stelle kam, wo sich die Beiden gelagert; denn dort unten machte der Fahrweg eine der oben erwähnten Abschweifungen, dieses Mal nach einem Kalkofen, und beschrieb deßhalb einen großen Umweg, ehe er wieder die frühere Richtung einnahm. Doch hatte sich der Fußgänger, der dieses Weges kommen mußte, auch hier zu helfen gewußt, indem er, jene weite Biegung liegen lassend, gerade zu ging, einen kleinen Fußpfad oktroirend, der bald Gemeingut wurde. Auf diesem Fußwege nun sahen die beiden Freunde eine sonderbare Gestalt, die den Hügel herauf kam, gerade auf die Stelle los, wo sie lagerten. Es war ein Mann, man hätte sagen können, ein junger Mann, denn so waren die Körperbewegungen; das Gesicht aber sah sehr eingefallen und runzelig aus. Er trug einen Sommeranzug, Rock, Weste und Beinkleider von demselben Stoffe. Doch hatte dieser Anzug, seine Farbe, die ehemals grau gewesen, so viel durch äußere Einflüsse zu leiden gehabt, daß man die Grundfarbe nicht genau feststellen, ja, nicht einmal mit einiger Genauigkeit bestimmen konnte, ob die obgenannten drei verschiedenen Bekleidungsstücke nicht einstens aus drei ganz verschiedenen Stoffen gemacht worden seien. Der Rock war eher durch Regen und Sonnenschein, als durch häufiges Waschen abgebleicht, die Weste sah ziemlich dunkel und schmutzig grau darunter hervor und hatte einen verdächtigen Glanz an den Taschen und am unteren Rande. Ueber die Beinkleider ließ sich nicht viel sagen. Sie schienen am längsten gedient zu haben oder am stärksten gebraucht worden zu sein. Das waren arme defekte Wesen, die sich in der Gegend der Fußknöchel krampfhaft empor zogen und ausgefranst und ganz erdfarbig waren. Diesem Anzuge gemäß hätte die Gestalt, welche ihn trug, still und schüchtern an den Hügel hinanschleichen müssen; dem war aber durchaus nicht so, sondern der Mann, der auf die eben beschriebene Weise daher kam, warf sich in die Brust, machte große und sichere Schritte und hatte in ganz kurzer Zeit die Spitze des Hügels erreicht. Auf dem Kopfe trug er einen Strohhut! der merkwürdiger Weise an allerlei Stellen mit verschiedenen Feldblumen besteckt war; wie sich später ergab, verbarg der graue Spaziergänger auf diese Art die defekten Stellen seiner Kopfbedeckung. Sein Gesicht war nicht unangenehm zu nennen, es hatte einen freundlichen Ausdruck; die dunkeln Augen blickten keck und fröhlich um sich, und die emporgezogenen Augenbrauen, sowie die stolz in Falten gelegte Stirn zeigten viel Selbstbewußtsein, ein Gemüth, das von seinem eigenen Werthe vollkommen überzeugt ist. Es wäre eigentlich besser, von dem Hemdkragen nicht zu sprechen, indem dieser fast zur Fabel geworden war; doch sind wir in die Nothwendigkeit versetzt, dem geneigten Leser zu versichern, daß ein ähnliches Ding da war, welches, von einem rothseidenen, strickartigen Halstuche festgehalten, den nackten Hals umflatterte. Hiezu trug die Gestalt einen knotigen Stock! den sie heftig schwang, bald indem sie Quarten und Terzen damit in der Luft hieb, bald indem sie ihn sehr kunstreich an einem Finger herumwirbeln ließ oder auf der Nagelspitze balancirte. Jetzt hatte der Spaziergänger die Höhe des Hügels erreicht und wurde nun der Gesellschaft ansichtig, die im Schatten des Lindenbaumes lagerte. Bei diesem Anblicke blieb der Fremde stehen, setzte den rechten Fuß stolz auf die unterste Stufe des Heiligenbildes, machte mit dem Knotenstock eine Bewegung, als stoße er ein Schwert in die Scheide, und sagte, indem er den Versuch machte, die rechte Hand in den knopflosen Rock zu stecken: »Da also findet man Euch, edle Waffenbrüder, tapfere Gesellen, da also ruht Ihr aus auf Euren faulen Bäuchen, während rings herum der Teufel los ist! Ja so!« unterbrach er sich lachend, indem er seine heroische Haltung verließ und grüßend an seinen Hut langte; »ich ließ mich wieder einmal von der Poesie meiner Gedanken fortreißen, verzeiht mir deßhalb, ehrenwerthe Herren und Kampfgenossen. Trommler, der bekannte Trommler entbietet Euch seinen Gruß und erkundigt sich nach Eurem schätzbaren Wohlbefinden.« Eugen und der lustige Rath sahen lachend in die Höhe, und der Letztere sagte, indem er höchst ehrerbietig seinen Strohhut schwang: »Ich entbiete dem bekannten Herrn Trommler den freundlichsten Gruß in unser aller Namen und erkundige mich nach Ihrem schätzbaren Wohlbefinden.« Bei diesen Worten überflog eine düstere Freude das ernst-komische Gesicht des also Angeredeten. »Nein,« sprach er und hob dabei die Hand wie beschwörend gegen den Himmel, »Trommler kann sich nicht irren, er ist so glücklich, auf diesem elenden Fleck Erde drei Kunstgenossen zu begrüßen. Gewiß,« fuhr er enthusiastisch fort, »ein Irrthum ist hier unmöglich. Die zwei kleinen Felleisen zu drei Mann, und der leichte künstlerische Anzug und vor Allem das heilige Feuer, das aus Ihren Augen blitzt – glauben Sie mir, Trommler kennt seine Leute. Sie,« damit wandte er sich an Eugen, »arbeiten im Fache jugendlicher Liebhaber, die Natur scheint Sie dazu absonderlich erschaffen zu haben. In Ihnen,« sagte er zum lustigen Rath, »verehre ich noble Familienväter, und in jenem würdigen Manne dort hinten mit dem komischen Blick und dem nicht ganz kleinen Mundwerk biete ich hiermit einem trefflichen Komiker die Bruderhand.« »Siehst du,« sagte Herr Sidel leise zu Eugen, »das ist der Zufall! Wir sind durch ihn reisende Schauspieler geworden und müssen die Rollen, die uns das Ungefähr zugeworfen, bereitwillig auffassen und bestens durchführen.« Eugen nickte mit dem Kopfe. »Sie haben,« wandte sich nun der lustige Rath an den Schauspieler, »ein vortreffliches Engagement, wie mir scheint.« Dabei konnte er aber nicht unterlassen, seine Augen leicht blinzelnd auf dem Anzüge des Künstlers einen Augenblick ruhen zu lassen. »Das Engagement ist nicht schlecht,« sagte Herr Trommler mit großer Wichtigkeit; »wir leben in einem sehr kollegialischen Verhältnisse, wir haben eine Art Republik errichtet, wir spielen in Erwartung anderer Zeiten vorderhand auf Theilung.« »So lange etwas zu theilen ist,« sagte lachend der lustige Rath, »im anderen Falle aber –« Herr Trommler zuckte die Achseln und versetzte nach einer Pause: »Ich kann nicht umhin, zuzugeben, daß bei uns schon Zeiten vorgekommen sind, wo das Resultat der Theilung sehr unbefriedigend war – was will man machen? Künstlers Erdenwallen! Verstehen Sie mich recht, so ohne allen Verdienst, ohne alle Einnahme sind wir nur in höchst seltenen Fällen gewesen! Oftmals lebten wir an jenen Abenden, wo kein baares Geld einlaufen wollte, herrlich und in Freuden, das kann ich Sie versichern; denn wenn man in solch elenden Nestern, auf miserabeln Dörfern, wo kein Kunstgefühl ist, die Bemerkung machte, daß an eine baare Einnahme nicht zu denken sei, so hatte der Direktor oder vielmehr seine Frau den klugen Einfall, gegen Erlegung von Viktualien, Essens- und Trinkwaaren aller Art die Hallen des Kunsttempels zu öffnen: erster Platz: etwas Geflügel, Käse, Rauchfleisch und dergleichen, zweiter Platz: Butter, Brod und Eier – und das ging so fort bis zum letzten, wo als Nebenverdienst der direktorischen Kinder auch Aepfel und Nüsse angenommen wurden.« »Und ist Ihre Gesellschaft vollständig besetzt?« fragte Eugen. Hierauf trat Herr Trommler einen Schritt zurück, faltete die Hände vor seinem Leibe, drückte sich straff hinunter, wie er es als Tyrann zu machen pflegte, in dem Augenblicke, wo er seine unruhig gewordenen Kriegsvölker beschwichtigen sollte; auch sein Gesicht, stolz empor gehoben, hatte hiezu den nothwendigen Ausdruck. »Wer will,« sagte er nach einer Pause im tiefsten Basse, »ein Fatum bezweifeln, ein unbeugsames, strenges Fatum, das über unseren Häuptern dahin rollt, uns hier leitend, dort zurückweisend, aber immer wirkend und schaffend zu unseres Lebens Bestem. – – »Es war heute in der Frühe – Morgendämmerung, die Lager brachen auf, die Nebel stiegen in die Höhe, über die seinen Berge hinweg sah man den röthlichen Schein der aufsteigenden Sonne. Da trat der Führer der vielen Tausende, die zu unseren Füßen schliefen, an mich heran, lehnte sich auf meine treue Schulter und sprach: »wir brechen auf,« sagte er, »und ich habe mir vorgezeichnet drei Städtchen und drei Wege, wo wir unser Glück versuchen könnten und den Tempel der Kunst aufrichten.« So sprach der Prinzipal zu mir, während sie vor den Thüren der Scheuer saß und den stärkenden Morgenkaffee aufgoß. – Wie schon gesagt, nach drei Städten können wir ziehen, das ist Schmalzhausen, Käseheim und Schloßfelden. Was meinst du, welcher von diesen dreien sollen wir den Vorzug geben? Ich habe mich für Schmalzhausen entschlossen. – Da dachte ich, Trommler nämlich, an ein Gesicht, welches ich in vergangener Nacht gehabt, und in welchem ich deutlich vor mir gesehen diesen Hügel mit dem Zauberbaume. Und hier vorbei führt der Weg nach Schloßfelden, da klang es in mir: hier unter dem Zauberbaume wird dir etwas absonderlich Angenehmes passiren, und Mein Bruder, sprach ich, reite heute nicht Den Schecken, wie du pflegst. Besteige lieber Das sich're Thier, das ich dir ausgesucht. Thu's mir zu lieb, es warnte mich ein Traum. Und darauf sagte mir der Prinzipal: Trommler, ich danke Ihnen, und entschied sich für Schloßfelden, und wohl zu unserem Glück und Heil; denn indem ich jetzt die mir vorhin gestellte Frage, ob unsere Gesellschaft vollständig sei? beantworte, rufe ich mit Freuden aus: wenn wir Sie, verehrte Herren und Kunstfreunde, zu gewinnen im Stande sind, so können wir uns ohne Furcht mit jedem Hoftheater messen.« »Schön gesprochen!« lachte Herr Sidel, »und glauben Sie, wenn wir uns geneigt zeigten, ihrer Truppe beizutreten, daß uns der Direktor annehmbare Bedingungen zugestehen würde?« Herr Trommler zog die Achseln außerordentlich in die Höhe, neigte seinen Kopf stark auf die linke Seite und sagte: »im Augenblicke sind unsere Kassen leer; doch da ich überzeugt bin, daß wir durch Ihren Beitritt in Schloßfelden glänzende Geschäfte machen werden, so glaube ich, versichern zu können, daß der Herr Direktor – ein vortrefflicher Unternehmer – Ihre Engagementsforderungen bestens preisen wird.« Vierundzwanzigstes Kapitel. In welchem die Reisenden mit einer Künstlergesellschaft zusammentreffen und ein gutes Nachtlager finden. Unterdessen war der Karren, den man vorhin im weiten Felde gesehen, näher und näher gerückt und jetzt am Fuße des Hügels angelangt, auf welchem sich unsere Gesellschaft befand. Der Karren war ein Mittelding zwischen einem solchen und einem Wagen, das heißt, er hatte vier Räder; der Kasten, der blau und roth angestrichen war, ruhte auf Druckfedern und war mit einem Zelt überspannt von roth und weiß gestreiftem Zeuge, unter welchem sich die Damen der Gesellschaft, das war die Frau des Direktors mit ihrer Schwester, sowie der ersteren vier Kinder befanden. Der Mann, der diese ganze Kunstanstalt leitete, hielt es nicht unter seiner Würde, sein Pferd vorwärts zu treiben und auch solcher Gestalt den Thespiskarren zu dirigiren. Er war ein großer starker Mann und hatte in seinem Aeußern etwas von einem Müller; denn sein Anzug bestand in einem gelblich-weißen tuchenen Rock, der bis unter das Kinn zugeknöpft war und von da in ansehnlicher Länge bis auf die Füße niederwallte. Seine Kopfbedeckung bestand in einem einst weiß gewesenen Filzhut, und darunter hervor blickte ein stark knochiges, ziemlich geröthetes Gesicht mit kohlschwarzem Haupthaar und einem mächtigen Backenbart von derselben Farbe. Am Fuße des Hügels hielt der Karren, und der Schauspieldirektor rief in das Innere desselben: »jetzt könnt' es nichts schaden, wenn ihr ein bischen ausstieget; reicht mir die Kinder behutsam heraus, sie können ein wenig laufen, und dir und deiner Schwester wird's, glaub' ich, auch Vergnügen machen, den ziemlich starken Hügel hinan zu steigen. Die Sonne sinkt schon nieder, es ist nicht mehr so arg heiß.« »Wie du meinst, Hektor,« sagte eine Frauenstimme aus dem Wagen. »Hier nimm den kleinen Hugo« – Hugo wurde auf den Boden gesetzt. – »Sei artig, Hypolit,« fuhr die Dame fort, »man kann nicht immer gefahren werden, das Pferd will auch ein wenig ausruhen.« Hypolit schien nicht dieser Ansicht zu sein, sondern wischte sich verdrießlich die Augen und stampfte unartig mit seinen kleinen Beinen in der Luft, ehe ihn der Vater auf den Boden setzte. Hierauf kamen die beiden Direktorstöchter, junge Damen von sechs bis acht Jahren, Euphrosine und Amalie, und ihnen folgte die Prinzipalin selbst. Sie war eine Frau in gutem Alter, zwischen den Dreißig und Vierzig, ziemlich korpulent, mit dunkelm Haar, freundlichen Augen und einem munteren Wesen. Ihre Schwester, die hierauf mühsam über das Rad herab kletterte, hätte man im zweifelhaften Falle gewiß für keine Verwandte erklärt. Sie war angeblich die jüngere Schwester, in der Wirklichkeit aber die ältere, hatte eine lange, dürre Figur, hellblonde Haare und spielte Anstandsdamen und Heldinnen. Herr Trommler hatte nicht sobald gesehen, daß drunten am Fuße des Hügels die Familie des Direktors angekommen war und ausgeschifft wurde, als er sich einen Augenblick von unseren Freunden verabschiedete und seinen Collegen entgegen eilte. Unten nahm er den Direktor auf die Seite und schien angelegentlich mit ihm zu sprechen. Eugen sah augenblicklich, daß sich die Rede des Schauspielers auf ihn und den Herrn Sidel bezog. »Nun was meinst du,« sagte Letzterer, »zu diesen Aussichten, die sich uns hier plötzlich eröffnet haben? Bist du dem Zufalle dankbar oder nicht?« »Das muß die Zukunft lehren,« sagte lachend Eugen; »du kennst auch meine Neigungen genugsam, um zu wissen, daß ich mir lange gewünscht, ein ähnliches Leben einmal für eine Zeit lang mitzumachen. Aber was ist mit Joseph?« setzte er leise hinzu. »Joseph,« antwortete Herr Titel mit sehr wichtigem Gesichte, »wird, im Falle man uns engagirt, gerade so gut ausübender Künstler, wie wir Beiden. Hast du es gehört?« wandte er sich an den getreuen Pierrot; »wir sind im Begriffe, zum Theater zu gehen, und wenn wir uns für dich verwenden, was gewiß geschehen soll, so werden sie dich ebenfalls an- und aufnehmen. Aber hör' und achte auf meine Worte: dein Herr heißt von diesem Augenblicke an Eugen Wellen – ich muß das,« setzte er lachend hinzu, »unserem vortrefflichen Präsidenten zu Liebe thun. Ich bin der Herr – nun, wie heiße ich gleich? – meinetwegen Müller; also merke dir das ganz genau, getreuester Pierrot, der Herr Wellen und der Herr Müller. Du kannst dich Herr Hannibal nennen, ein sehr schöner Name und passend für dein Aeußeres. Merke dir aber, lieber Freund, daß unsere früheren Namen für uns jetzt nicht mehr existiren, vergiß dieselben also vorderhand: sei, was frühere Tage anbelangt, verschlossen wie ein Grab, überhaupt so schweigsam wie möglich, und glaube mir, daß es nur von deinem Betragen abhängt, ob dein Herr sich ferner deiner annimmt oder ob man dich in die weite Welt hinausschickt.« Dem getreuen Pierrot war es schon nicht bei der Verhandlung vorhin, noch weniger aber jetzt bei der Rede des Herrn Sidel außerordentlich wohl zu Muthe. Er hatte von jeher keine große Achtung vor Schauspielern gehabt, sogar vor denen nicht, welche er in der Residenz gesehen und die doch in der elegantesten Toilette umhergingen und in sehr schönen Häusern wohnten. Nun aber hier erst der Kollege, der sich eben präsentirt mit seinem grauen farblosen Anzuge – o, das Leben, das unter diesen Aussichten dem armen Pierrot für die Zukunft vor die Augen trat, schien ihm ebenso Grau in Grau gemalt. Doch was war zu thun? In Geduld folgen und sehen, wie lange diese Idee seines Herrn wieder einmal dauern würde. Glücklicher Weise waren ähnliche Vorgänge da, und Joseph erinnerte sich, daß Herr Eugen Stillfried die Veränderungen liebe. Mittlerweile war die Gesellschaft fahrender Künstler den Hügel heraufgekommen, und der Herr an ihrer Spitze beeilte sich, unsere Freunde dem Prinzipal und der Prinzipalin vorzustellen. Dies war bald geschehen, und der Direktor schlug vor, hier einen kleinen Ruhepunkt zu machen, theils weil er nach einem Marsche von sechs Stunden in der That das Bedürfniß fühlte, sich niederzulassen, theils aber auch, weil er hoffte, so behaglich im Schatten sitzend, die neu aufzunehmenden Mitglieder milder gestimmt zu finden und für sich bessere Bedingungen heraus zu schlagen. Das Letztere wurde ihm gerade nicht schwer; denn da unsere Freunde einmal geneigt waren, diesem sich darbietenden Zufalle zu folgen, auch andererseits, wie wir recht gut wissen, von den Bedingungen des Direktors in keiner Weise abhängig waren, so wurden beide Parteien bald einig. Sie spielten gleich der übrigen Gesellschaft mit auf Theilung und behielten sich nur das Recht vor, mit achttägiger Kündigung wieder austreten zu können. Das Fuhrwerk, welches wir vorhin erwähnt, und das der Familie des Direktors zum Fortkommen diente, enthielt außerdem nur die besten Garderobesachen. Ein anderer Wagen, mit der Einrichtung des Theaters, mit Dekorationen und Requisiten war noch zurück und wurde von dem jungen Bruder des Direktors geleitet. Der Prinzipal traf die Bestimmung, daß die Gesellschaft hier unter der Linde auf den zurückgebliebenen Wagen warten solle, während er mit den neu angeworbenen Mitgliedern jetzt gleich nach dem nicht mehr sehr entfernten Schloßfelden aufbrechen wolle, um dort die Quartiere zu besorgen. Die Gesellschaft sollte in der Dämmerung nachrücken. Er pflegte es immer so zu machen und wollte es um Alles in der Welt nicht leiden, daß der Troß jubelnder Straßenbuben den einziehenden Thespiskarren begleite. Nachdem sich Eugen, nunmehr Herr Wellen, sowie Herr Müller und Herr Hannibal von den Damen und dem Herrn Trommler verabschiedet – letzterer war dazu bestimmt, an des Direktors Stelle das Pferd des kleinen Karrens weiter zu führen – begaben sie sich mit dem Prinzipal auf den Weg und ließen die andere Gesellschaft hinter sich. Noch eine Zeit lang gingen sie auf der Hochebene fort, und wenn sich auch der Fahrweg bald hob, bald senkte, so hatten sie doch volle zwei Stunden zu marschiren, ehe sie an den Abhang dieser Ebene kamen, an das Thal, nach welchem Eugen schon im Laufe des Tages sehnsüchtig geblickt, mit seinen grünen Gebüschen, über das hinweg die fernen blauen Berge blickten. Der Prinzipal schien sich ein wahres Vergnügen daraus zu machen, so stattlich aussehende Mitglieder die Seinigen nennen zu können. Er erlaubte sich auch wegen der ganzen Haltung derselben nicht viele zudringlich erscheinende Fragen über ihre frühere Künstlerlaufbahn und begnügte sich damit, als Eugen durchblicken ließ, sie seien bis jetzt mir bei großen, bedeutenden Bühnen beschäftigt gewesen und nur durch gewisse Verhältnisse gezwungen worden, so bei ihm eine Zeit lang zu privatisiren. Wir sagten so eben, der Direktor begnügte sich mit dieser Aussage, wollen aber damit nicht zugestehen, als habe er dieselbe geglaubt. Er war ein alter Praktikus, hinter den Lampen, wenn auch nicht ergraut, doch groß geworden, und wenn er auch in Betreff seiner drei neuen Mitglieder nicht die volle Wahrheit traf, so schoß er doch auch nicht weit daneben. Zwei von den Dreien, dachte er bei sich, der Herr Wellen und der Herr Müller, haben irgend etwelche lockere Streiche aufgeführt, in deren Folge sie in Verbindung des Dritten, des Herrn Hannibal, der eigentlich weit unter ihnen stehe, gezwungen wurden, was man so im Leben nennt, durchzugehen. Das ist mir nun am Ende gleich viel, speculirte der Prinzipal weiter, die drei Bursche sehen gut aus, werden das Bischen schon lernen, was sie gebrauchen, um den Bauern einen vergnügten Abend zu machen, und wenn die Sache auch nicht geht, so sind wir ja beiderseitig an gar nichts gebunden. So schlenderten sie dahin, und rauchten von den feinen Cigarren des Herrn Wellen. »Sagen Sie mir,« hub der Direktor nach einem längeren Stillschweigen an, »mir scheint, der Herr Hannibal dort habe sich schon viel in komischen Fächern versucht, er scheint mir wenigstens das ganze Zeug zu haben, wär' auch gewiß für's Ballet und die Pantomime sehr verwendbar. In letzterer werden Sie auf alle Fälle den Pierrot geben. Sie müssen mir verzeihen, aber dazu ist ihr Gesicht in der That wie gemacht.« Herr Müller konnte sich nicht enthalten, bei dieser Bemerkung laut hinaus zu lachen, und antwortete: »Ich muß den Scharfblick des Herrn Direktors bewundern. Wenn auch Herr Hannibal im Allgemeinen bis jetzt kein schlechter Schauspieler war, so steht er doch einzig in seiner Art in der Rolle des Pierrot da. Wahrhaftig, wenn nicht die Pantomime leider auf unseren größeren Theatern nach und nach ganz verschwände, so hätte dieser vortreffliche junge Mann in dieser sonst so beliebten italienischen Charaktermaske eine glänzende Karriere machen müssen, einen ungeheuren Weg, etwa wie Grimaldi seiner Zeit als Clown.« »Für uns,« entgegnete der Direktor, »ist die Pantomime noch beständig sehr dankbar und ergiebig, und unser Publikum begieriger darauf, als auf die schrecklichsten Schauer- und Trauerstücke. Nebenbei ist es für unsere Künstler eine Art Ausruhen; sie brauchen keine Rollen zu lernen und können sich bei unserer Pantomime in einem ungezwungenen Extempore gehen lassen. Man gibt im Allgemeinen den Faden des Stückes an. Die Personen sind immer die gleichen: Harlekin, Colombine, Pantalon und Pierrot. Der Alte wird betrogen, die Tochter von Harlekin entführt, und Pierrot bekommt seine Schläge, wie das so der Brauch ist.« »Ganz richtig,« sagte lachend der lustige Rath, »Pierrot bekommt seine Schläge, und das aus dem FF.« Dem Herrn Hannibal war es bei diesen Worten nicht sehr angenehm zu Muthe, und wenn auch die beiden Felleisen – sie waren bei dem Wagen zurückgeblieben – seine breiten Schultern nicht mehr drückten, so lastete doch das Bewußtsein, so plötzlich und unverhofft aus einem ehrlichen und soliden Bedienten ein vacirender Künstler geworden zu sein, schwer auf seiner Seele. Vor den Augen unserer Wanderer that sich aber jetzt im Strahle der Abendsonne ein wunderliebliches Bild auf. Es war, als habe die Natur sich am Ende selbst gelangweilt bei Erschaffung der, wenn gleich sehr fruchtbaren, doch ermüdend einförmigen Hochebene, die sich meilenweit nach allen Seiten ausdehnte, und als habe sie jetzt in ihrer köstlichsten Laune daran ein weites Thal gewirkt voller Lieblichkeit und Anmuth. Unsere Reisenden standen am Abhange der Ebene, und der breite Fahrweg, auf dem sie bis jetzt gewandelt, mit seinen langweiligen Karrengeleisen, seiner gleichen, weiß-grauen Farbe, seiner einförmigen Abgrenzung von grünen Rasen, mit einigen bunten Blumen verziert, schien bei dem Anblicke der Gegend zu seinen Füßen plötzlich ein ganz anderer geworden zu sein: voll Uebermuth und Jugendkraft. Er wand sich lustig hin und her, vertiefte sich zum Hohlweg mit steilen Wänden, die bald grün bewachsen waren, bald zackige Felsen zeigten, bald bröckeliges Gestein und Erde, zusammengehalten durch die Wurzeln mächtiger Bäume, welche hoch über ihm ein Laubdach bildeten, während unten diese Wurzeln selbst, phantastisch verschlungen, dem Auge des Dahinwandelnden die angenehmste Abwechslung boten. Hie und da verflachten sich die Wände des Hohlwegs auf kurze Zeit, und das geschah immer an solchen Stellen, wo er sich im tollen Uebermuth plötzlich rechts oder links wandte, oder wo er eilig und lustig niedersteigend sich um die Felszacken wand, als wolle er selbst seinen raschen Lauf zügeln. An solchen Stellen nun zeigte sich vor den Augen unserer Reisenden das vor ihnen liegende Thal in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit. Eugen hatte vorhin richtig geahnet. Dort unten schlängelte sich ein kleiner Fluß; hier, wo die beiden Thalwände enger zusammen standen und wo das Wasser von der Hochebene mit raschem Falle herunterstürzte, trieb es Mühlen und Fabrikwerke. Weiter hin wurde das Thal immer weiter und breiter, und da liefen die Wellen des kleinen Flusses ruhiger und eilten lustig dem flachen Lande zu; aber von der Höhe sah man noch lange, lange die Krümmungen desselben, besonders jetzt, wo der röthlich schimmernde Strahl der Abendsonne darauf lag und der kleine Fluß zwischen den grünen Wiesen sich dorthin wie eine goldene Schlange ringelte. Das große Dorf oder kleine Stadtchen, der Bestimmungsort unserer Reisenden, lag dicht an den Fuß des Berges geschmiegt. Auf seiner linken Seite stand auf der sanft ansteigenden Thalwand eines der reizendsten alten Schlösser, die man sehen konnte. Es war ein mittelalterliches Gebäude, aber, wie es schien, auf's Sorgfältigste restaurirt mit zackigen Zinnen, einem hohen Thurme, vielen kleinen Erkern und Nebengebäuden, mit der freiesten Phantasie zusammengestellt, oder wie die damaligen Verhältnisse gerade einen Neubau bedingten. Alles das war durch Terrassen und Brücken mit einander verbunden, so ein wahrhaft malerisch schönes Ganzes bildend. Als die Wanderer dieses Schlosses zum ersten Mal ansichtig wurden, blieb der Schauspieldirektor einen Augenblick stehen, fuhr mit der Hand über das Gesicht und sagte: »Ich habe so gewisse Gegenden, verschiedene Städte, zwischen denen ich Jahraus, Jahrein herumziehe. Dem Orte da unten war eigentlich für jetzt noch kein Besuch zugedacht; Trommler brachte mich auf die Idee, und es ist mir jetzt lieb, daß es so gekommen ist, einestheils, weil ich Euch, Ihr Herren, auf dem Wege dahin gefunden, und zweitens, weil ich gar gern hieher gehe. Der Ort da unten hat für mich immer etwas Gutes gehabt, der Aufenthalt dort mir etwas Angenehmes gebracht. Das sind nun schon lange Jahre, seit ich zum ersten Male hier war. Damals war das Schloß noch in vollem Glänze, d. h. es wurde von der gräflichen Familie, der es angehört, selbst bewohnt, und das war auch eine gute Zeit für unser einen. Da wurden wir wöchentlich ein oder zwei Mal eingeladen, im Schlosse selbst unsere Vorstellungen zu geben. Es befindet sich dort ein ganz charmant eingerichtetes kleines Theater. Die Gräfin, die Gemahlin des Besitzers, protegirte uns, und wenn wir abzogen, erhielten wir gewöhnlich noch ein Geschenk, das meistens unseren Verzehrungskosten gleich kam. Das war noch eine gute, glückliche Zeit; aber auch später, als das Schloß schon leer stand, ging ich doch noch gern dahin. Es ist hier, wie wir es nennen, ein gutes Klima. Die Leute verlangen nicht zu viel, sind zufrieden mit dem, was wir ihnen geben können, und bezeugen ihre Dankbarkeit dadurch, daß sie unsere Vorstellungen häufig besuchen.« Die Sonne war nun im Begriff, unterzugeben, und da die Wanderer Westen gerade vor sich halten, so erschien ihnen das ganze lange Thal vor ihnen wie mit glühendem Lichte erfüllt. Die Luft war warm und würzig, Käfer und Nachtschmetterlinge flogen; und als sie immer tiefer hinabstiegen, drangen von unten menschliche Stimmen an ihr Ohr, sowie das Klopfen der Hämmer und das Rauschen der Wasser, während hinter ihnen die Bergwand sich in die Schatten der Nacht hüllte und einsam und schweigend da lag in feierlicher Stille, die nur zuweilen unterbrochen wurde durch das Gekreische des Raubvogels oder den lauten lustigen Ruf von Kindern, welche dort oben gespielt hatten und nun mit Beeren und Blumen beladen nach Hause zurückkehrten. Fremde waren hier etwas Ungewöhnliches, deßhalb schauten die Leute, die vor ihrer Hausthüre standen, unseren Wanderern neugierig nach und ergingen sich in Muthmaßungen, wer es wohl sein könne, hie und da blieb der Schauspieldirektor einen Augenblick stehen und lief lustig einen Namen. Der Gerufene kam dann augenblicklich in die Straße herein und schien sich in den meisten Fällen wahrhaft zu freuen, den alten Bekannten wieder zu sehen. Wenn er alsdann wieder unter seine Hausthüre zurücktrat, so sah man beim Lichte des Herdfeuers, welches auf die Gasse hinausdrang, daß die ganze Familie sich neugierig versammelte, um zu erfahren, wer es gewesen sei, der eben vorübergekommen und gegrüßt. So zogen unsere vier Wanderer durch den größten Theil des Ortes und kamen endlich an das Wirthshaus, wo der Schauspieldirektor gewöhnlich einzukehren pflegte. Es war dies ein großes, weitläufiges Gebäude, und neben demselben befand sich eine Terrasse mit Rebenlaub überdeckt, auf welcher die Gäste saßen. Wir müssen gestehen, daß der Schauspieldirektor von den Wirthsleuten auf's Freundlichste empfangen wurde; ja, auch einige von den Gasten erschienen am Rande der Terrasse, um sich zu erkundigen, ob es denn wirklich der Herr Sommerfeld sei, der eben angekommen. Nachdem nun der Prinzipal die Stärke seiner Gesellschaft angezeigt und gesagt, sie würde in einer kleinen Stunde mit Kind und Kegel eintreffen, machte er sich alsbald wieder auf den Rückweg, um den Seinigen entgegen zu gehen und ihnen zu helfen, damit auf dem steilen Pfade in's Thal herab Niemand Schaden leide; denn so ein ausgezeichneter Künstler der Herr Trommler auch war, so besaß er doch nicht allzu große Geschicklichkeit in der Leitung von Pferd und Wagen. Das Wirthshaus, vor welches wir den geneigten Leser im Dunkel des Abends gefühlt, sind wir aus letzterem Grunde vorerst unmöglich im Stande genauer zu beschreiben. Wir sehen nichts, als die unbestimmte Masse des Gebäudes, im oberen Stock ein einziges Fenster erhellt, den Hausflur dagegen hell beleuchtet von der lodernden Flamme des Küchenfeuers Zwischen dem Rebenlaub hervor glänzen einige Lichter und dort hört man ein Gespräch und das Klirren von Gläsern. – Eugen, der es mit dem Prinzipal so abgemacht, verlangte ein besonderes Zimmer für sich und den Henri Müller und ein daran stoßendes für den Herrn Hannibal, was ihm augenblicklich angewiesen wurde. Das Wirthshaus selbst hieß: »Zur wilden Rose.« Fünfunddreißigstes Kapitel. Herr Justizrath Werner entwickelt Heiratsprojekte, die aber nicht aufgenommen werden, wie er es voraussetzt. An jenem Tage, wo Eugen die letzte Unterredung mit seiner Mutter hatte, in welcher er versprochen, einen Theil jener Papiere, die sich in dem kleinen versiegelten Pakete befanden, in ihre Hände zu liefern, hatte die Staatsräthin, wie wir bereits wissen, ihren Hausfreund, den Justizrath Werner, bitten lassen, sie doch ja im Laufe des Nachmittags zu besuchen. Daß er nicht erschienen, und welche Geschäfte ihn zurückgehalten, wissen wir ebenfalls. Madame Stillfried, obgleich sie nicht die geringste Kenntniß davon hatte, was sich an jenem Abend begeben, befand sich trotzdem den ganzen Rest des Tages in einer ahnungsvollen Sorge und Angst die sich als gerechtfertigt erwies, sobald nämlich – es war gegen zehn Uhr – der Justizrath Werner in höchster Aufregung in dem Stillfried'schen Hause erschien und, nachdem er sich der ungewöhnlichen Stunde halber bei der alten Dame hatte melden lassen, vorgelassen wurde und ihr darauf das Geschehene erzählte. Der ganze Anschlag gegen Eugen, von dem übrigens die Mutter keine Ahnung hatte, war vollständig verunglückt; denn als man nach dem jungen Mann in seiner Wohnung gesucht, war er verschwunden, und was den Justizrath am meisten beunruhigte und in Sorgen versetzte, der getreue Pierrot mit ihm, der doch so gemessene Befehle erhalten hatte, nicht die Stadt, ja nicht einmal die Wohnung seines Herrn zu verlassen. Da, zum erstenmal seit längerer Zeit, sowie auch einige Zeit später wegen der ähnlichen Veranlassung, hatte die Staatsräthin mit dem Herrn Werner mehrere ziemlich lebhafte, ja heftige Unterredungen, in deren Verlauf sie ihn gar beschuldigte, daß er, wie es schiene, sein Möglichstes thue, den Sohn von der Mutter gewaltsam zu entfernen, unter dem Vorwande, jene Papiere zu erlangen. Das war nun an sich auch vollkommen richtig; doch bemühte sich der Justizrath begreiflicher Weise, der Staathsräthin jene Gedanken auszureden, indem er ihr versicherte, es sei durchaus nicht glaubwürdig, daß Eugen ernstlich im Sinne gehabt, ihr einen Theil jener Papiere in die Hand zu geben. Doch wenn die Mutter auch am Ende dieser Behauptung gegenüber still schwieg, so glauben wir doch annehmen zu können, daß sie bei jener Unterredung in dem offenen, ehrlichen Auge ihres Sohnes nicht eine Spur von Falschheit entdeckt hatte, und daß sie auch heute noch seinem Versprechen mehr glaubte, als den Worten des Justizrathes. Als dieser sie nun eines Abends verlassen, blieb sie noch einen guten Theil der Nacht in ihrem kleinen Lehnstuhl in der Fensterecke sitzen, hielt den Kopf in die Hand gestützt und dachte eifrigst an vergangene Zeiten, wohl auch zuweilen an die Zukunft. Bei den letzteren Gedanken verfinsterte sich ihr Gesicht und sah eine Zeit lang gehässig, menschenfeindlich aus. Sie sprang in solchen Momenten auf und eilte mit raschen Schritten durch das Zimmer. Plötzlich aber, während sie so heftig auf und nieder ging, konnten sich ihre Züge mit einem Male aufhellen, ihr Blick wurde alsdann freundlich, ja ein leichtes Lächeln spielte um ihren Mund, und dann konnte sie plötzlich stehen bleiben und sich selbst fragen: »Und warum nicht?« Auch schienen die freundlichen Bilder, die auf diese Art ihre Seele beschäftigten, häufiger wieder zu kehren, und unter dem Einflusse derselben begab sie sich endlich zur Ruhe. Wir glauben, annehmen zu können, daß die alte Dame seit langen Jahren zum ersten Male wieder freundliche und angenehme Träume hatte, und wenn auch zuweilen ein finsteres Bild hindurch schritt, so war es ein Gedanke an das, was an jenem Abend mit ihrem Sohne geschehen, von dem sie durch ihren Diener genaue Kunde erhielt. Am Morgen nach jenem Vorfalle hatte sie den alten Jakob zeitig zu sich heraufkommen lassen, und ihm den Befehl ertheilt, sich augenblicklich nach den näheren Umständen jenes traurigen Vorfalles vom gestrigen Abend zu erkundigen. Doch wußte der alte Diener diesen bereits bis in die kleinsten Einzelheiten, und in der Küche hatte man schon vom frühen Morgen an debattirt und berathschlagt, auf welche Weise es am besten thunlich sei, der Staatsräthin die Wahrheit unumwunden mitzutheilen. Jetzt, da ihm die Herrschaft mit dieser Frage auf halbem Wege entgegen kam, ermangelte Jakob nicht, den Sachverbalt aufs Klarste aus einander zu setzen, und obgleich er nichts Unwahres zu Gunsten des jungen Herrn Stillfried sagte, so stellte er doch das, was derselbe gethan und was ihn dazu angetrieben, in so klarem Lichte dar, daß an seiner Handlungsweise auch nicht der geringste Schatten kleben blieb. Dabei müssen wir eingestehen, daß der alte Jakob, der sich um das Thun und Lassen seines jungen Herrn fast nicht weniger als der Justizrath selbst bekümmerte, und der oftmals noch besser unterrichtet war, nicht unterließ, der Mutter einige von den Fäden zu zeigen, welche jene ganze Geschichte dirigirt. Daß dabei des Justizraths Werner gerade nicht schmeichelhaft erwähnt wurde, können wir uns leicht denken; doch verdächtigte dies leider in den Augen der Staatsräthin die Aussagen des alten Bedienten; denn sie wußte, wie feindlich ihrem Freunde sowohl Jakob, als auch die ganze übrige Dienerschaft gesinnt war. Sobald demnach Jakob auf das geneigte Gehör hin, das ihm die Staatsräthin geliehen, anfing, seine Herzensmeinung auszusprechen, brach sie die Unterhaltung kurz ab und blieb mit ihren Gedanken allein. Mehrere Tage später, nachdem sie mit dem Justizrath die letzte lebhafte Unterredung über diese Gegenstände gehabt, schritt die alte Dame in ihrem Zimmer auf und ab; bald blieb sie nachdenkend hier, bald dort stehen, drückte zuweilen die Hand vor ihre Stirn oder stützte sich auf die Lehne ihres Fauteuils, um eine Zeit lang, in tiefes Nachsinnen verloren, in die Gegend hinaus zu blicken. Wir sind nicht im Stande, anzugeben, womit sich ihre Gedanken eigentlich beschäftigten; doch glauben wir annehmen zu können, daß sie eine Fortsetzung der freundlichen Bilder waren, welche schon ewige Mal seit der Unterredung mit Eugen ihrem Geiste vorgeschwebt. Und wenn sie heute Morgen wieder daran dachte, wie unendlich schön es doch sein müsse, sich mit ihrem Sohne auszusöhnen und im Verein mit ihm und vielleicht noch sonst einigen Personen ein freundliches, angenehmes Leben zu führen, so trat das Bild des Justizraths Werner finster und grollend zwischen diese Träume und zerriß sie, indem er wie beschwörend die Hand erhob. So verflossen der Staatsräthin die ersten Stunden des Tages, und als es eilf Uhr wurde, erschien der Justizrath zu dieser seiner gewöhnlichen Zeit, um der Freundin seinen Besuch zu machen. Er schien noch ernster als gewöhnlich gestimmt, legte nach einem kurzen Gruße seinen Hut ab und stellte sich mit über einander geschlagenen Armen vor den kleinen Lehnstuhl und die Fensternische, in welch letzterer die Staatsräthin Ihren Platz wieder eingenommen. »Geht es Ihnen gut?« sagte er nach einer Pause; »haben Sie eine ordentliche Nacht gehabt? Es sollte mich das eigentlich wundern auf all den Schrecken, den Verdruß und Kummer, den man Ihnen gemacht; da ich namentlich nebenbei überzeugt bin, daß die Leute Ihres Hauses nicht ermangeln werden, Ihnen die Vorfälle jenes Abends auf ihre Art darzustellen. Nicht wahr? Doch gleichviel!« – Ohne indeß auf diese verschiedenen Fragen eine Antwort abzuwarten, fuhr er nach einer kleinen Pause fort: »So begab ich mich denn, wie schon gesagt, an jenem Abend spät und am anderen Morgen selbst in die Wohnung des Herrn Stillfried, und zwar in doppelter Eigenschaft: sowohl um mich der Papiere eines Mannes zu versichern, der unter schwerem Verdacht entflohen, wie auch als Bevollmächtigter der Mutter jenes jungen Mannes, fand aber,« setzte er bitter lachend hinzu, »weder in der einen noch in der anderen Eigenschaft das Gewünschte. – Ach, man hat trefflich gegen uns conspirirt, und es hätte nicht viel gefehlt, so hätte uns der Feind total aus dem Felde geschlagen; jener arme Teufel lag schwer darnieder.« Hier schwieg der Justizrath einen Augenblick still, sichtlich in der Erwartung, die Staatsräthin werde ihm irgend eine Frage stellen. Dies geschah aber nicht; sie hatte die Hände gefaltet und schaute, scheinbar unbeweglich, zum Fenster hinaus. Der Justizrath warf einen flüchtigen Blick auf ihr Gesicht, und ein Zeichen der Ungeduld flog über seine Züge. – »Die Wohnung fanden wir also,« sagte er nach einigen Sekunden, »wie er sie kurze Zeit vorher verlasse«. Sie müssen wenig Zeit gehabt haben, ihre Sachen einzupacken, denn es war fast Alles von Toilettegegenständen und Kleidern da. In seinem Schreibpulte, dessen Behälter und Schubladen alle verschlossen waren, stand nur ein geheimes Fach offen; aber es war ohne Gewalt und mit dem gewöhnlichen Schlüssel geöffnet. Daneben auf dem Boden befand sich ein sein gearbeitetes Kästchen, ebenfalls offen und – leer.« Bei diesen Worten seufzte die Staatsräthin tief auf; doch war es unmöglich, auf ihrem unbeweglichen Gesichte zu lesen, ob dieser Seufzer getäuschter Erwartung galt, oder aber in einem gerade entgegengesetzten Gefühle seinen Grund hatte. »Jener Kerl,« fuhr der Justizrath fort und ließ seine beiden Hände plötzlich herabhangen, »jener schuftige Bediente hat mich offenbar betrogen und verhöhnt, er, den ich vor dem Zuchthause gerettet –« »Und – ihm zum Diener gegeben,« sagte die Dame mit sehr leiser Stimme. Dem Justizrath klang das fast wie ein Vorwurf, und er schaute aufmerksam, fast verwundert auf das Gesicht der alten Dame. Diese aber hatte dasselbe nach wie vor abgewandt und blickte gleichmüthig wie vorhin zum Fenster hinaus. Der Justizrath zuckte leicht mit den Achseln und fuhr fort: »Allerdings habe ich ihn dem Herrn Eugen zum Bedienten gegeben, und zwar mit Ihrer Bewilligung, Sophie, Sie wußten um diesen Schritt, Sie billigten ihn. Doch weiter! Jener Mensch hat mich also betrogen, das ist klar; denn ich kann mir nicht denken, daß die beiden Anderen ihn gewaltsam mit sich fortgenommen; dazu waren sie nicht in der Lage. Die Sache also kurz und gut genommen, wir haben umsonst gearbeitet.« »Das weiß Gott in seinem Himmel!« sagte die alte Dame und wischte sich mit ihrem Taschentuche die Stirn. »Wir haben um so mehr umsonst gearbeitet,« sprach der Justizrath mit sehr gedehntem und lauerndem Blick auf die Dame weiter, »als durch das mißlungene Unternehmen jenes Abends die Unterhandlungen, die Sie mit Ihrem Sohne gepflogen, ebenfalls und wahrscheinlich für immer abgebrochen sind.« »Um so mehr wohl für immer abgebrochen sind,« versetzte die Staatsräthin mit festem Tone, »als die Vorfälle jenes Abends für ihn gewiß keine Aufmunterung sein werden, wieder mit uns anzuknüpfen. Die Unterhandlungen zwischen streitenden Parteien sind doch jedenfalls eine Art Waffenstillstand, und vielleicht auf einen solchen vertrauend, ist er arglos in die Falle gegangen; während wir ihm die eine Hand zur Versöhnung boten, stießen wir mit der anderen nach seinem Herzen.« »Das heißt,« entgegnete der Justizrath mit eiskalter, ruhiger Stimme, »wir sind in dem Falle verschiedene Wege gegangen; obgleich fest und innig Verbündete, hat doch ein Theil derselben mit dem Feinde verhandelt, während der andere schlachtfertig dastand.« »Ich verstehe den Vorwurf, der in Ihren Worten liegt, vollkommen,« sprach die alte Dame, »doch glaube ich Ihnen schon neulich gesagt zu haben, daß Eugen unaufgefordert und freiwillig zu mir kam.« »Unaufgefordert und freiwillig, so sagten Sie,« antwortete der Justizrath, und bei diesen Worten flog eine Sekunde lang über seine Züge ein eigenthümliches Lächeln. – »Doch lassen wir diese unangenehmen Auseinandersetzungen ruhen; die Sache ist abgemacht, wir müssen neue Pläne entwerfen.« Hier wandte die alte Dame ihr Gesicht zum ersten Male von dem Fenster weg, und sah dem Justizrath aufmerksam, wir möchten fast sagen: ängstlich, in die Augen. »Sie sind über die Grenze entstoßen,« sagte dieser nun, indem er seinerseits dem Blicke der Dame auswich. »Es wäre mir ein Leichtes gewesen, ihre Verfolgung nachdrücklich einzuleiten; doch wozu soll das führen? Zu neuen Unannehmlichkeiten, zu abermaligen Entwürfen, die vielleicht wieder fehlschlagen. Ich habe zu dieser Verfolgung keinen Schritt gethan; ich bin endlich zu der Ueberzeugung gekommen, daß es besser ist, wir lassen den Herrn Eugen Stillfried für die Zukunft gänzlich aus unseren Berechnungen, aus unseren Planen.« »Gott sei Dank!« sprach die Staatsräthin, doch klang das dem Ohr des Anderen nur wie ein leiser Seufzer. »Lassen Sie uns wie bisher ehrlich zusammen verfahren,« fuhr der finstere Mann fort, indem er hastig mit der Hand über die Augen fuhr, um seine erregten Züge zu glätten; »lassen Sie uns unseren Weg klar machen, wenigstens das eine Ziel fest im Auge behalten, mit aller Kraft dahin streben, wenigstens dieses Eine zu erreichen.« Die Staatsräthin, welche fragend in die Höhe blickte, nickte nun schweigend mit dem Kopfe, als der Justizrath mit dem Finger auf jenes kleine Kästchen wies, in welchem sich das uns bekannte Miniaturbild befand. »Nur jenes einzige Ziel wollen wir erreichen, das Glück jener Verlassenen zu begründen, indem wir ihr einen Namen geben und sie in die Gesellschaft, der sie eigentlich angehört, zurückführen. Was das Erste anbelangt, so sagten Sie ja selbst, Sophie, daß Ihr Sohn sich nicht abgeneigt gezeigt hätte, der – Schwester zu Liebe einen Theil jener Papiere zurück zu geben. Wenn dem also ist, so wird er unseren ferneren Weg da er denselben Zweck hat, gewiß nicht durchkreuzen.« »Aber er stellte eine Bedingung?« »Ich kenne diese Bedingung, und es ist mir lieb, daß er sie gestellt; wir sind damit im Stande, seinen späteren Einreden zu begegnen. Lassen Sie mich Ihnen meinen Plan entwickeln; ist er zu verwirklichen, so werde ich es thun, und tritt dann Herr Eugen gegen uns auf, so erfülleben Sie ihm seine Bedingung in Betreff jenes Mädchens, und er wird uns in Ruhe lassen.« »Ich soll eine solche Heirath gutheißen?« fragte erstaunt die Dame. »Und warum nicht?« entgegnete gelassen der Justizrath; »die Stände sind freilich verschieden, aber erstens ist das Mädchen nicht ohne Vermögen, und zweitens, was für Sie das Wichtigste ist: ich habe mich in der letzten Zeit ernstlich bei verschiedenen Personen nach ihrem Lebenswandel erkundigt, und der ist vollkommen untadelhaft; man sagt nur das Günstigste über sie.« Erstaunt blickte die Staatsräthin ihren Freund bei diesen Worten an; sie wollte auf seinem Gesichte lesen, ob er im Ernste oder im Scherze spreche. Doch behielten seine Züge den gewöhnlichen ruhigen, ernsten und nachdenkenden Ausdruck. »Es ist mein Ernst,« sagte er, nachdem er jenen forschenden Blick der Staatsräthin bemerkt und ausgehalten; »was können Sie am Ende dagegen machen? Seien Sie froh, daß er keine schlimmeren Bedingungen gestellt.« »Schlimmere Bedingungen?« fragte verwundert die alte Dame, worauf der Justizrath die Achseln zuckte, und lächelnd sagte: »Sie wissen so gut wie ich, daß Ihr Herr Sohn mich nicht besonders liebt; er hätte auch zum Preis für seine Papiere für immer meine Entfernung aus dem Hause verlangen können, und eine solche Bedingung,« setzte er mit einer tiefen Verbeugung hinzu, »wäre für mich viel schlimmer gewesen.« »Daran dachte ich nicht,« entgegnete die Staatsräthin und sah wie früher, angelegentlich zum Fenster hinaus. Ueber die Züge des Herrn Werner flog ein finsterer Schatten, und seine Mundwinkel zuckten einen Augenblick; doch war sein Gesicht gleich darauf wieder ruhig und freundlich wie vordem. Er rückte einen Sessel von der Wand vor die Fensternische, setzte sich hinein, nahm seinen Stock zur Hand, mit dessen Knopfe er zwischen seinen Fingern zu spielen begann. »Es war schon einige Mal,« fuhr er nach einer längeren Pause fort, »unter uns davon die Rede, das Schicksal – Ihrer Tochter festzustellen; blos zu diesem Zwecke trachtete ich so unablässig nach dem Besitze gewisser Papiere, durch deren Vernichtung andere in unseren Händen befindliche volle Kraft und große Wichtigkeit erhielten. Nach den letzterwähnten Dokumenten gibt es mit dem gleichen Rechte ein Fräulein Stillfried – wie ein Herr Eugen Stillfried lebt und wirkt. Sobald wir uns dieses Recht festgestellt haben, und es vor den Augen der Welt unzweifelhaft ist, so wird es uns nicht schwer fallen, für Fräulein Stillfried eine passende, anständige Verbindung zu finden.« »Eine Heirath?« fragte die Mutter überrascht. »Allerdings, Sophie, eine Heirath!« sagte ernst und bestimmt der Justizrath. »Das sollte der Endpunkt sein,« setzte er finster hinzu, »um nicht zu sagen: der Lohn für meine langjährigen Bemühungen und Qualen, für durcharbeitete Tage, für durchwachte Nächte, das sollte mein Asyl sein, wohin ich mich zurückzöge, da doch sonst keine Heimath, kein Herd für mich zu erwarten steht. Jener neuen Familie wollte ich mich widmen, ihr helfen, wo Menschenhülfe möglich ist, sie in ihrem Fortleben, ihrem Wachsthum glücklich und still zufrieden beobachten, für sie leben und arbeiten, um für alles das eine einzige Belohnung zu erhalten, welche darin bestünde, daß einst – Ihre Enkel mir nach meinem Tode eine bessere Gedächtnißrede halten sollten. wie es Ihre Kinder – Ihr Sohn wollte ich sagen – zu meinen Lebzeiten thun wird.« +++ »So war mein Plan, und wie Sie mich kennen, Sophie, habe ich ihn festgehalten und halte ihn fest bis zum letzten Athemzuge. O, Sie wissen es nicht, was es heißt, ein Kind zu besitzen und dieses Kind nie das seinige nennen zu dürfen, nie mit dem Ausdruck väterlicher Zärtlichkeit seine Hände zu ergreifen, nie seinen liebevollen dankenden Blick aufzufangen; was es heißt, zuschauen zu müssen, wenn es sich an die Brust Anderer schmiegt, wenn es Anderen den vollen Ausdruck der Liebe und Zärtlichkeit zukommen läßt, und wenn dann plötzlich sein Blick erkaltet, sein zärtliches Lächeln sich in ein förmliches verwandelt, wenn es nun einmal dem – fremden Menschen die Hand reichen muß!!« »Ob ich es weiß?« sagte die alte Dame erschüttert; »ob ich jene Qualen kenne?« »Nein, Sie kennen sie nicht,« versetzte der sonst so ruhige Mann mit heftigem Tone; »Sie erhielten als Mutter das erste Lächeln Ihres Sohnes, die ersten freundlichen Blicke Ihrer Tochter. Und ich? – Eugen, den ich eine Zeit lang so sehr geliebt, für den ich in seinen Kinderjahren gethan, was in meinen Kräften stand, der auch mir Jahre lang mit größter Zärtlichkeit anhing – ihm wurde, sobald er denken konnte, gelehrt, mich zu hassen, mich als den schändlichsten und verabscheuungswürdigsten aller Menschen anzusehen. – Und was sie anbelangt,« setzte er mit unendlich weichem Tone hinzu, mit einem Tone, den man so selten von diesem harten Manne hörte, »so haßt sie mich nicht, aber ich bin ihr gleichgültig, und wenn ich je im Gefühle meines Unglücks ihr weiches Haar etwas heftig küßte oder ihre kleinen Hände zu innig drückte, so wandte sie sich erschrocken, ja sich fürchtend ab vor dem fremden Manne.« +++ »Doch genug von diesen Erinnerungen!« fuhr er nach einer längeren Pause fort, während er den vorhin weggeschleuderten Stock wieder aufgenommen und dabei seinen Zügen Zeit gelassen, sich wieder vollkommen zu ebnen und zu beruhigen. »Genug davon, Sophie! – Was sagte ich vorhin? – Ja so, ich sprach von einem Plane, den ich mir entworfen und den ich auf alle Fälle auszuführen fest entschlossen bin. Nur bin ich gezwungen, diesen Plan der gestrigen Vorfälle wegen vollständig umzukehren, und statt, wie es bisher meine Absicht war, durch den Besitz des Namens zu einer Heirath zu gelangen, muß ich jetzt den Versuch machen, durch eine gute Heirath zu dem Besitz des Namens zu gelangen.« Die Staatsräthin sah erstaunt in die Höhe. »Ich muß mich bemühen,« fuhr der Andere fort, »durch eine sehr anständige Partie die Leute vergessen zu machen, daß hier früher etwas vorgefallen, und wenn das Mädchen einmal »Frau von so und so« ist, dann wird nach dem Laufe der Welt kein Mensch es ferner wagen, daran zu zweifeln, daß sie wirklich ein Fräulein Stillfried gewesen.« »Und diese Partie?« fragte mehr und mehr überrascht die alte Dame. »Ist bereits gefunden,« entgegnete ruhig der Justizrath, »und Ihnen dies anzuzeigen, war eigentlich der Zweck meines heutigen Besuches.« »Ich könnte fast erschrecken,« antwortete die Staatsräthin; doch fiel ihr der Justizrath schnell in's Wort: »Wenn Sie nicht überzeugt wären, daß das Wohl und Wehe jener jungen Dame mir ebenso nahe am Herzen liegt wie Ihnen.« »Aber es betrübt mich in der That, es schmerzt mich,« sagte die Dame nach einer Pause, »daß Sie mir eine so wichtige Sache erst dann mittheilen, wenn sie, wie ich nach Ihren Aeußerungen schließen muß, als eine abgemachte zu betrachten ist.« »Abgemacht freilich in so weit, als mich nur die triftigsten Gründe dazu bewegen könnten, diese Verbindung, welche ich für das Glück des jungen Mädchens betrachte, rückgängig werden zu lassen. Aber ich bin von Ihnen überzeugt, Sophie, Sie haben nichts Ernstliches dagegen einzuwenden.« – Bei diesen Worten nahm der Justizrath den Stockknopf zwischen die Finger und rieb ihn emsig mit der Handfläche, während er die alte Dame fest ansah. Diese zuckte die Achseln, blickte zum Fenster hinaus, und als sie ihr Gesicht dem Freunde wieder zuwandte, glänzten Thränen in ihren Augen. »Und es ist derselbe, von dem Sie früher sprachen?« fragte sie mit leiser Stimme. »Derselbe, Sophie!« entgegnete der Justizrath. »Der junge Herr von Steinbeck, von einer sehr anständigen Familie, obwohl nur ein kleines Vermögen da ist.« »Und er will das Mädchen heirathen, ehe er sie gesehen?« fragte die Mutter und biß ihre Lippen fest zusammen. »Nicht bevor er sie gesehen,« antwortete lächelnd der Justizrath; »er hatte Geschäfte dort oben im Lande, und da autorisirte ich ihn, sich bei der jungen Dame vorstellen zu lassen.« »So, das thaten Sie?« sagte die alte Dame und blickte ihn mit großen Augen an, und man wußte im ersten Augenblicke nicht, war diese Frage im Voraus zustimmend gemeint, oder drückte sie einen tiefen Schmerz aus über das, was die Fragende eben erfahren. Aber während sie diese Frage stellte, preßte sie ihr Schnupftuch fest in die Hand, und diese Hand zitterte heftig. »Das that ich,« erwiderte der Justizrath mit ruhiger Stimme. »Sie wissen, theure Sophie, wie sorgfältig ich einen Plan von allen Seiten beleuchte, und wie ich stets nur nach reiflichem Nachdenken zur Ausführung schreite; überlegt haben wir nun in dieser Sache wahrhaftig genug. Und doch war ich fest überzeugt, daß wenn ich ihn nun vor endlicher Ausführung ausgesprochen hätte, Sie mich mit tausend Gründen zurück gehalten haben würden. – Ich kenne das und habe deshalb gehandelt zu Ihrem Besten und zum Besten des jungen Mädchens.« »Herr von Steinbeck!« sagte die alte Dame leise vor sich hin, und ein unangenehmes Lächeln glitt über ihre Züge. »Es ist das leider einer von den vielen jungen Leuten, die nicht in Ihrer Gnade stehen,« sprach achselzuckend der Justizrath; »aber seine kleinen, unbedeutenden Fehler abgerechnet – und wer hätte keine? – ist Herr von Steinbeck sehr anständig.« »Er ist schlimmer als fehlerhaft,« sagte die alte Dame wegwerfend; »er ist lächerlich.« »In Ihren Augen, Sophie,« entgegnete der Justizrath; »wann hielten Sie von jungen Leuten aus unserer Zeit nicht alles für lächerlich! und diesen Fehler – ich muß es so nennen – haben Sie bis heute nicht abgelegt. Der junge Mensch, von dem wir reden, hatte bis jetzt nichts zu thun und füllte seine Zeit mit lauter unnützen Dingen aus; das ist wahr. Aber man kann dagegen nicht sagen, daß er zuweilen ausschweifend oder verschwenderisch sei; im Gegentheil, er hält das Seinige zu Rath und ist in seinen Finanzen sehr geordnet. – Schließlich werden Sie mir erlauben, Ihnen die Bemerkung zu machen, daß ich glaubte, in Ihrem Sinne zu handeln, als ich die Verhandlungen bis auf jenen Punkt betrieb, wo sie jetzt angekommen sind. Sie – als Mutter haben freilich am Ende das Recht, Ihren – Geschäftsfreund zu desavouiren und jene Verhandlungen kurzweg abzubrechen; aber Sophie, dieser Geschäftsmann, dieser Geschäftsfreund könnte alsdann geneigt sein, künftig unbedingt seinen eigenen Weg zu gehen und ohne alle Rücksicht über das Schicksal jenes jungen Mädchens zu bestimmen, die ihm das Schicksal – nun doch einmal anvertraut hat,« schloß er mit einem leichteren Tone und einer Verbeugung. Er war bei der letzten Rede von seinem Stuhle aufgestanden und ging, die Hände auf den Rücken gelegt, in dem Zimmer mehrmals auf und nieder. Die alte Dame blickte zum Fenster hinaus und drückte ihr Schnupftuch an die Augen, aus denen die Thränen niederströmten, obgleich sie weit aufgerissen in die Ferne starrten. Die Staatsräthin dachte an Eugen, der sich ihr neulich so liebevoll genähert, und wie es doch wohl ganz anders gehen könnte, wenn sie jenem ernsten Manne dort zu sagen vermöchte: »Sprechen Sie mit meinem Sohne darüber, er weiß um Alles, er soll auch ein Wort mitreden dürfen, wo es das Schicksal seiner Schwester gilt.« Aber das war unmöglich. Sie hätte nimmer gewagt, dem Anderen gegenüber ein solches Wort zu sprechen. Und Eugen – wo war er? Hatte er nicht die Stadt verlassen, ohne in Bezug auf die gehabte Unterredung der Mutter noch ein einziges Wort zu sagen? konnte sie sich auf ihren Sohn verlassen? – Ohne seine Kraft versucht zu haben, war sie fest überzeugt, er würde ihr eine schwache Stütze sein, und ein solches Mißtrauen, das immer bestanden, hatte von jeher ein trauliches Verhältniß zwischen Mutter und Sohn verhindert.« Der Justizrath trat nach einiger Zeit wieder vor die Fensternische, und nachdem ihn die Staatsrätin eine Weile kopfschüttelnd angeblickt, sagte er endlich fest und bestimmt, fast ärgerlich: »Laß das Weinen, Sophie! Ohne mich zu compromittiren, ist an jener Sache nichts mehr zu ändern. Glauben Sie mir um Gotteswillen, daß ich Alles genau überlegt und geprüft. Ich verlange ja nicht Ihre Einwilligung zur Hochzeit auf morgen oder übermorgen; Sie sollen sich nur dem ganzen Projekte nicht abgeneigt zeigen und den Herrn von Steinbeck, der sich Ihnen morgen vorstellen wird, nicht ungnädig aufnehmen.« Die alte Dame machte eine ungeduldige Bewegung mit dem Kopfe, und nachdem der Justizrath längere Zeit vergeblich hatte warten müssen, sagte sie kurz und mit schneidendem Tone: »Es wird mir also sehr angenehm sein, den Herrn von Steinbeck bei mir zu sehen.« »In seiner Eigenschaft – ?« setzte der Justizrath lauernd hinzu. »In seiner Eigenschaft als Bräutigam,« sagte die alte Dame mit schon viel ruhigerer Stimme. So endigte diese Unterredung, wie schon so viele ähnliche in diesem Hause, in diesem Zimmer. Der Justizrath entfernte sich nach einigen unbedeutenden Worten, und die Staatsrätin blieb wie immer mit ihrem Kummer, mit ihrem Schmerze allein. – Sechsunddreißigstes Kapitel Worin der Leser erfährt, wie gefährlich offen stehende Hinterthüren und unternehmende Hofbediente sind. Während sich dies droben bei der Herrschaft begeben, mußte drunten bei der Dienerschaft etwas nicht weniger Wichtiges verhandelt werden. Verhandelt ist eigentlich nicht das richtige Wort, denn zu einer Verhandlung gehören mehrere Personen, die sich im Verein mit einem Gegenstande beschäftigen; dies war aber bei der Stillfried'schen Dienerschaft im gegenwärtigen Augenblicke durchaus nicht der Fall. Sie, die sonst so einträchtig zusammen lebte, und namentlich um diese Morgenstunde stets beisammen im Hauptquartiere, in der Küche, zu finden war, machte sammt und sonders heute Morgen hievon eine betrübte Ausnahme. Die Küche stand offen, wie gewöhnlich, auch pickte in derselben die Schwarzwälderuhr in dem gleichen Takte wie sonst, und Martha, die Köchin, war ebenfalls in ihrer Küche; aber, was seit langen Jahren nicht vorgekommen war, sie befand sich allein, nicht rührig und thätig, nein, sie saß hinter dem Küchentisch auf einem Stuhle, sie hatte die Hände zusammen gefaltet in den Schooß gelegt, sie blickte tief nachdenkend in eine Ecke der Küche, und nur dann und wann fuhr sie aus ihren tiefen Träumereien in die Höhe und griff mit einer schrecklichen Geberde nach der großen Spicknadel, um sie einem armen Hasen, der vor ihr auf dem Tische lag, mit wahrhaft kannibalischer Lust durch das Fleisch des Schenkels zu stoßen. Ja, sie that also; aber alles das in tiefes Nachdenken versunken, und als sie alsdann die Nadel drüben wieder heraus zog, merkte sie erst, daß sie den Speck vergessen hatte, und dann sank sie wieder in ihren Stuhl nieder mit einem herzbrechenden Seufzer. Martin, der Kutscher, der seinerseits nicht um eine Million des Morgens aus der Küche geblieben wäre, befand sich heute im Stalle; und dort saß er auf der Futterkiste, hatte eine alte wollene Pferdedecke auf dem Schooße und trommelte mit den Füßen einen Trauermarsch: drumm – drumm – – drumm – – drumm! Dabei hatte er den Kopf in die Hand gestützt und schaute nachdenkend an die Decke. Selbst Jakob, der alte ruhige Diener, der sehr schwer aus dem Gleichgewichte zu bringen war, beschäftigte sich einsam und allein auf der Porzellan- und Silberkammer, und wenn man bemerkte, wie heftig er die Schlösser aus- und zudrehte, so konnte man wohl auf die Vermuthung kommen, auch ihm sei etwas absonderlich Unangenehmes passirt, was den bedächtigen, ruhigen Mann so seltsam verwandelt; zuweilen ging er in dem Zimmer auf und ab, die Hände auf den Rücken gelegt, blickte mitunter auch wohl Minuten lang zum Fenster hinaus, hielt die Hand an die Stirn, drückte mit zwei Fingern seine Nasenspitze fest zusammen, kurz, betrug sich wie Jemand, der über eine wichtige Sache eifrig nachdenkt. Nanette, das Kind, die im gewöhnlichen Leben durch ihr naives, kindisches Betragen und ihre vorzüglichen Einfälle die lustige Person in der Küche abgab, war heute Morgen am meisten verwandelt und saß in dem Waschzimmer, unter großen Haufen von Wäsche, als ein Bild der Traurigkeit. Sie hatte stark aufgelaufene, roth geweinte Augen und war gar nicht mehr zu kennen. Zuweilen arbeitete sie emsig in ihrem Geschäfte, sortirte die Wäsche und legte sie in schönen Haufen in die dazu bestimmten Schränke; gleich darauf zeigte sie wieder eine Geistesabwesenheit, die offenbar zum Weinen war. Da legte sie Hemden und Servietten auf einander, Tischtücher, Strümpfe und Küchenschürzen neben Nachtmützen der gnädigen Frau; oftmals aber auch that sie wie Martha und legte die Hände ganz in den Schooß und versank in eben solch tiefes Nachdenken, wie ihre Kollegin in der Küche. Doch müssen wir dabei bemerken, daß Nanette bei diesen unverkennbaren Ausbrüchen des tiefsten Schmerzes auch lichte Momente hatte, wo ihr Auge freudig glänzte und ihre Mundwinkel sich zum Lächeln in die Höhe hoben. In solchen Augenblicken erhob sie sich von ihrem Geschäfte, trat an's Fenster und schaute auf die Straße hinab. Ja, wir müssen gestehen, daß sie alsdann auch mitunter ihre Lippen bewegte und anfing, ein Lied zu summen, von dem aber nur die Worte zu verstehen waren: Freudvoll und leidvoll – Gedanken sind frei. Das mochte in den vier eben benannten Räumen des Stillfried'schen Hauses eine gute Stunde so gedauert haben, da riß sich Martin, der Kutscher, zuerst empor aus seinem Schmerze. Er warf die Stalldecke in einen Winkel, rutschte von der Futterkiste herab und ging nach der Küche, seine schwarze Tuchmütze tief in die Augen gedrückt, die rechte Hand in den Rock gesteckt, mit langsamen, feierlichen Schritten. In der Küche angekommen, setzte er sich stumm hinter die Thüre auf seinen gewöhnlichen Platz neben der Schwarzwälderuhr und nickte, ohne ein Wort zu sagen, leise, aber bedeutsam mit dem Kopfe. Martha, die Köchin, that sich in diesem Augenblicke die offenbarste Gewalt an, um nicht in ein lautes Weinen auszubrechen; ja sie begann mit einer wahren Wuth den armen Hasen zu spicken, stopfte ihm aber in ihrem Schmerze solche schreckliche Speckbrocken in den Leib, daß sie von dreien immer zwei wieder heraus ziehen mußte. Und wenn dies geschah, wandte sie sich achselzuckend zu Martin, und ihre jammervolle Miene wollte offenbar ausdrücken: »Muß man nicht zerstreut sein bei solchen entsetzlichen Veranlassungen?« Auch der alte Jakob sah, daß er heute Morgen keinen Sinn für Porzellan und Silber habe, und schloß deßhalb seine Schränke und ging hinab, um ebenfalls in der Küche Trost zu suchen. Sein Eintritt war das Zeichen zu einigen wirklichen Thränen der Köchin; der alte Martin wischte sich heftig die Augen, worauf sich selbst Jakob veranlaßt sah, eine starke Prise zu nehmen. Dann klopfte er heftig auf den Deckel seiner Dose und sagte: »was nützt alles das Geflenn? geschehene Dinge sind nicht zu ändern; jetzt muß man dafür sorgen, die Sache auf eine anständige Art zu Ende zu bringen.« Wir können hier als Erzähler nicht umhin, die Vermuthung auszusprechen, als glaube der geneigte Leser, die Vorfälle im Schoppelmann'schen Hause in Bezug auf Herrn Eugen Stillfried seien es, was die Dienerschaft des elterlichen Hauses so in Schmerz und Betrübniß versetzt. Wir müssen aber erklären, daß der Grund hievon ein anderer ist. Hatte auch die Nachricht von dem neulichen Vorfalle die sämmtliche Dienerschaft so bestürzt gemacht, so war dagegen die Thatsache, daß Herr Eugen dem jungen Schoppelmann Tüchtiges ausgewischt und daß er darauf schleunig die Stadt verlassen, so erfreulicher Art, daß man sich hierüber bald wieder beruhigte. Auch hatte Jakob, der den Zusammenhang genau zu kennen schien, die Versicherung abgegeben, es sei für den jungen Herrn weit besser, daß er für eine Zeit lang die Stadt verlassen habe. Etwas Anderes war es demnach, was die Gemüther der sämmtlichen Stillfried'schen Dienerschaft so schmerzlich drückte. Jakob hatte gesagt: geschehene Dinge seien nicht zu ändern, und man müsse nur dafür sorgen, daß die Sache auf eine anständige Art zu Ende gebracht werde. Martha hatte bei diesen Worten augenscheinlich geschaudert. »Ich habe das Ding schon lang gemerkt,« sprach Martin, »da mögt ihr sagen, was ihr wollt. Wenn ich auch nicht gewußt, um was es sich handelt, so sah ich doch, daß etwas nicht richtig war.« »Und woran saht Ihr das?« fragte erschrocken die Köchin. »Das will ich Euch sagen,« fuhr der Kutscher fort. »Seht Ihr, die Nanett', die war bis vor einem halben Jahre ganz anders. Damals hatte sie noch über alles so recht herzlich gelacht; das konnte man ihrer großen Jugend schon verzeihen; denn nebenbei gesagt, wenn man ihr etwas auftrug, so hatte sie es immer pünktlich ausgerichtet; dabei bekümmerte sie sich um die ganze Welt nicht; die Hausthüre machte sie höchst ungern auf, Ausgänge für sich zu machen, liebte sie gar nicht, und wenn man sie einmal wegschickte, so kam sie in der allerkürzesten Zeit zurück.« »Das ist alles wahr,« sagte Jakob. »Hat sich aber in der letzten Zeit sehr verändert,« fuhr der Kutscher fort. »Richtig,« meinte die Köchin, und legte die Spicknadel nieder mit einem so verblüfften Gesicht, als erstaune sie über ihre eigene Dummheit, das nicht früher gemerkt zu haben. »Seit einem halben Jahre,« so sprach Martin weiter, »wenigstens seit ein paar Monaten, habe ich die Nanett' nicht mehr aus Herzensgrund lachen hören; das war, wenn es vorkam, nur so ein erzwungenes Gekicher, und wenn man einmal einen Spaß mit ihr machte, da konnte sie im vollen Ernste verlegen werden. Wißt ihr noch, wie ich vor einiger Zeit sagt«: ich hätte jetzt alles Ernstes Lust, mich zu verheirathen, und wenn sie dazu geneigt wäre, so wollte ich mit der Madame ein Wort sprechen?« »Das war aber auch ein schlechter Spaß,« sagte einigermaßen ärgerlich die Köchin; »man muß den jungen naseweisen Dingern solche Grillen nicht in den Kopf setzen.« »Da hat sich was in den Kopf zu setzen!« lachte der Kutscher. »Doch hört weiter! Zerstreut war die Nanett' in letzter Zeit auch sehr. Wißt Ihr noch, wie sie der gnädigen Frau vor vierzehn Tagen das Salzfaß servirte, als diese ein Glas Wasser befohlen?« »Gerechter Gott, das ist wahr!« sagte die Köchin; »das hätte ich fast Vergessen.« »Und wie gern ging sie in letzter Zeit aus!« sprach der Kutscher. »Hat sie nicht sogar mehrere Male gebeten, für Euch auf den Markt gehen zu dürfen? Da traf sie mit ihm zusammen; das könnt Ihr mir glauben.« »Ja, und wie lange blieb sie nicht jedes Mal aus!« sagte die Köchin entrüstet, der auf einmal eine ganze Gasbeleuchtung aufzuflammen schien; »und dann fällt mir auch noch ein, so oft ich sie in der letzten Zeit rufen mußte, stand sie unter der Hausthüre.« »Was hilft da alles Gerede?« mischte sich jetzt Jakob in das Gespräch, das die beiden Andern bis jetzt aufs Eifrigste allein geführt. »Glaubt Ihr, daß der junge Mensch gute Absichten auf das Mädchen hat?« Die Köchin sah erröthend auf den halbgespickten Hasen. »Das glaube ich wohl,« bemerkte wichtig der Kutscher, »und ich habe dem Monsieur heute Morgen, als ich sie bei einander traf, unsere Meinung über diesen Punkt ziemlich klar auseinander gesetzt.« »Und Ihr habt sie also wirklich bei einander getroffen?« fragte schüchtern die Köchin und hantierte eifrig mit ihrer Spicknadel. »Das will ich meinen!« entgegnete bestimmt Martin. »Ich bin schon im Hause der Erste des Morgens aus den Federn, und wenn ich für meine Pferde Wasser hole, so dreht Ihr Euch alle noch ein paar Mal herum. Das denke ich denn heute Morgen selber, als ich so durch das stille Haus gehe, und sage mir: So ein Kutscher hat doch ein mühseliges Geschäft! und dabei nehme ich meine Eimer und trage sie in den Stall. Wie ich nun so durch den Hof gehe und von Weitem die kleine Thüre erblicke, die auf die Gasse führt, hinten am Hause, so denke ich: Blitz auch, steht die nicht offen? das wär' mir eine saubere Wirtschaft! da hätten Diebe die allerbeste Gelegenheit! Wie ich näher trete, sehe ich, daß ich mich wahrhaftig nicht geirrt: die schweren Riegel sind zurückgeschoben, und als ich langsam näher trete, höre ich leise zusammen sprechen.« »Leise zusammen sprechen?« wiederholte die Köchin mit einem tiefen Athemzuge. »Und wessen Stimme erkenne ich?« fuhr der Kutscher fort. »Die Stimme der Nanett'. Ich denke, mich soll der Schlag treffen, und höre zugleich die Stimme eines Mannes, und die Beiden plaudern von Liebe und ewiger Treue und solchen Geschichten.« »Ach, hört doch auf!« bat schüchtern die Köchin und wandte ihr Gesicht schamvoll auf die Seite von dem gespickten Hasen hinweg, als habe dieses arme Geschöpf irgend einen Antheil an der trauervollen Geschichte. »Ja, da hat sich was zum Aufhören!« sagte der Kutscher einigermaßen entrüstet. »Die Beiden hörten auch nicht, wie ich kam – ich, der Kutscher – und dachte mir doch, der Bursche, den ich da trappirte, müßte augenblicklich um eine Ecke verschwinden und das junge Ding sich in Verzweiflung ein Mauseloch suchen.« »Nicht?« fragte die Köchin, offenbar auf's Schmerzlichste überrascht. »Gott bewahre! die Nanett' wurde freilich ein Bischen roth, zupfte an ihrer Schürze und stammelte ein paar Redensarten ohne Sinn und Verstand, aber der Monsieur – es war ein Hofbedienter – stellte sich trotzig vor mich hin, legte die Hände auf den Rücken und sagte mit unbeschreiblicher Frechheit: Guten Morgen, Herr Kamerad! – Der Teufel auch! ich habe keine Lust. Sein Kamerad zu sein, und mir wäre es auch nie eingefallen, des Morgens in aller Frühe an fremden Hinterthüren herumzuschnuppern und junge Mädel zu verführen und mich patzig anzustellen! und was man zu einem ähnlichen Falle weiter sagt. Da wurde der Kerl ebenfalls grob und murmelte etwas von einem alten Esel, worauf ich die Nanett' am Arme hereinzog und die Thüre wieder zuriegelte. So steht die Geschichte. Ich habe aber zur Vorsorge noch ein Vorhängeschloß angebracht.« »Ja, ja, es hat mich überrascht,« sprach Jakob bedächtig, indem er abermals eine Prise nahm; »wir hatten das Mädchen so, wie man sagt, in unsere Familie aufgenommen, in unseren Kreis, wo Eins für das Andere lebt, wo man sich hilft, wo man keine Geheimnisse vor einander hat.« »Ja. das ist wahr!« jammerte Martha. »Und da sich uns nun das junge Mädel zu entfremden sucht, durch diese Liebschaft, so kann man wohl sagen, daß sie dadurch unserer Gemeinschaft treulos geworden ist.« »Gewiß!« jammerte die Köchin; »und das hätte ich von diesem Kinde in meinem ganzen Leben nicht gedacht. Nein, es ist unverantwortlich, ganz ausgesucht abscheulich!« »Sagen wir lieber: es ist der Lauf der Welt,« entgegnete Jakob; »man sollte eigentlich niemals auf eine von Euch Vertrauen setzen: wenn der rechte Wind kommt, segelt Ihr doch aus dem ruhigsten Hafen in die offene See hinaus. – Aber Freund Martin« – wandte er sich an diesen – »habt Ihr das Mädchen nachher nicht gehörig ausgefragt, was sie für Hoffnungen und Erwartungen von diesem Hofbedienten hat?« »Ja, das habe ich freilich gethan, und habe ihr auch bemerklich gemacht, daß wir hier unter uns solche Liebschaften nicht gebrauchen können. Und was meint Ihr wohl, daß sie mir darauf zur Antwort gab? – Sie bedaure recht sehr, das Haus verlassen zu müssen, aber sie wolle noch den nächsten Herbst heirathen.« »Heirathen?« sagte empört die Köchin; »so ein unreifes naseweises Ding!« »Ja, hört nur weiter, was sie noch mehr sagte: mit der gnädigen Frau habe sie schon vor acht Tagen darüber gesprochen, und die sei vollkommen damit einverstanden. – Hinter unserem Rücken mit der gnädigen Frau zu verhandeln!« »Das ist allerdings stark!« meinte auch Jakob. »Und sich verheirathen zu wollen!« lachte krampfhaft die Köchin; »ich wohne mit der Nanett' nicht mehr in Einem Zimmer; eine Person, die mit dem Gedanken umgeht, nächstens heirathen zu wollen –« »Wird Ihr deßhalb doch nicht gefährlich werden, Jungfer Martha,« meinte Jakob lächelnd; »so eine Brautschaft steckt nicht an, darüber kann Sie sich beruhigen.« Hier wurde die Unterredung durch einen starken Zug der Klingel aus dem Zimmer der Staatsräthin unterbrochen. Jakob eilte die Treppe hinauf, und als er nach einigen Minuten wieder herunter kam, blieb er nachdenklich an der Küchenthüre stehen, stemmte seine beiden Arme in die Seiten und schüttelte bedeutsam mit dem Kopfe. »Nun, was gibt's?« fragte Martin, der erstaunt diesem außerordentlichen Benehmen zusah. Auch die Köchin, welche im Begriffe war, den endlich fertig gewordenen Hasen in die Bratpfanne zu legen, hielt dieses unglückliche Schlachtopfer an den beiden Hinterläufen in die Höhe und blickte ebenfalls mit Verwunderung auf Jakob. Dieser schüttelte mehrmals seinen Kopf, nahm außerordentlich bedächtig eine Prise und sagte: »Das ist wirklich sonderbar.« Auf diese Ausrufung hin gelangte der Hase noch nicht in die Bratpfanne, vielmehr wurde er wieder auf den Küchentisch plazirt, und Martha trat dem alten Kammerdiener näher und fragte: »Was ist denn so sonderbar, Meister Jakob?« »Wirklich merkwürdig!« sagte dieser, »Nun rathet einmal: was hat mir die gnädige Frau für einen Auftrag ertheilt?« »Vielleicht, daß die Nanett' plötzlich aus dem Hause soll?« meinte freundlich lächelnd die Köchin. Jakob schüttelte abermals mit dem Kopfe und versetzte: »Das ist es nicht; aber es kam mir sehr unerwartet.« »Nun, so sagt's gerade heraus, Jakob!« meinte der Kutscher. »Wie können wir eigentlich errathen, was Euch die gnädige Frau für einen Auftrag ertheilt hat! Betrifft es vielleicht einen von uns? mich zum Beispiel?« »Oder mich?« meinte eifrig die Köchin. »Euch könnte es schon mitbetreffen,« sagte pfiffig lächelnd der alte Bediente. »Gerechter Gott! 's ist doch nichts Schlimmes!« rief Martha auf diese Worte. »Nein, nichts Schlimmes,« sagte nun Jakob außerordentlich freundlich; »gar nichts Schlimmes, was Gutes in jeder Hinsicht, und wenn es schon an sich was Angenehmes für uns Alle ist, namentlich für Euch, alte Martha, so kann es doch am Ende der Anfang zu etwas ganz Glückseligem sein, was uns Alle betrifft. – Hurrah!« Bei diesen Worten lachte der alte Diener herzlich hinaus und stieß den Kutscher, der sich ihm ebenfalls genähert, freundschaftlich mit der Faust auf die Brust. »Als ich hinauf kam,« fuhr er nach einer Pause fort, »saß die gnädige Frau auf ihrem Lehnstuhle an dem bekannten Plätzchen, und ich sah ihren Augen an, daß sie heftig geweint hatte. – Er war ja da gewesen!« setzte Jakob mit einer finsteren Miene hinzu. »Die gnädige Frau war sehr aufgeregt, und als ich vor ihr stand und nach ihren Befehlen fragte, wandte sie ihr Gesicht von mir ab, und es dauerte einige Sekunden, ehe sie zu mir sagte: »Ihr kennt die Frau Schoppelmann, die Lieferantin, genauer, nicht wahr, Jakob?« – »Allerdings, gnädige Frau,« sagte ich, »seit langen, langen Jahren.« – »Es ist im Grunde eine ordentliche Frau,« meinte sie. – »Wenn mir die Frau Staatsrätin zu Gnaden halten wollen,« sagte ich, »eine kreuzbrave Frau, nur hie und da ein Bischen auffahrend und heftig.« – »Und ihre Kinder?« sagte sie. – »Die taugen nichts!« antworte ich Esel, denn ich denke, sie spricht von den Söhnen; und als sie mich darauf erstaunt ansieht, fühl' ich die Dummheit, die ich gemacht, und sage: »Nun, Euer Gnaden, ich habe die beiden jungen Schoppelmänner gemeint; was aber das Mädel anbelangt, so gibt's nichts Braveres und Besseres in der ganzen Stadt.« – »Meint Ihr das wirklich, Jakob?« sagte sie darauf mit einer außerordentlich freundlichen Stimme. »Nun, ich will's ja glauben; also –« Bei diesen letzten Worten sah Jakob mit lustiger Miene bald den Kutscher, bald die Köchin an. »Also jetzt kommt der Auftrag; nun, was meint ihr?« »Dummheiten!« murmelte der Kutscher; »seid doch nicht so ein alter Kerl; fahrt zu!« »Ich habe also den Auftrag,« fuhr der alte Diener ernst und feierlich fort, »die Frau Schoppelmann sammt ihrer Tochter Katharine auf heute Nachmittag vier Uhr zur gnädigen Frau zu bestellen.« »Ah, der Tausend!« rief die Köchin; »das ist freilich eine gute Kommission.« »Gefällt mir auch,« sagte der Kutscher; »möchte nur das Gesicht von der dicken Frau sehen.« »Das ist am Ende gar nicht einmal freundlich,« meinte Jakob; »sie hat einen alten, hartnäckigen Kopf; nun, wir wollen ihr die Sache schon gehörig vorstellen.« Damit holte der alte Bediente seinen Hut vom Nagel herunter, zog ein Paar waschlederne Handschuhe an und begab sich in die Stadt, seinen Auftrag auszurichten. Da er aber seiner alten Beine wegen ziemlich langsam durch die Straßen stolperte, wir dagegen die Macht haben, mit der Schnelligkeit der Gedanken ihm vorauszueilen, so treten wir schon in den Hofraum der Gemüsehändlerin ein, ehe Jakob noch das Thor des Stillfried'schen Hauses hinter sich in's Schloß gezogen. Siebenunddreißigstes Kapitel Erzählt von neuen Planen der Gebrüder Schoppelmann und von einem Kriegsrathe, in welchem nicht viel beschlossen wurde. Es war ein angenehmer, warmer Nachmittag im Spätsommer, gegen Anfang September, und um diese Zeit gegen zwei Uhr Mittags drang durch eine Häuserlücke in der Nachbarschaft ein kleiner Strahl der Sonne in den sonst so schattigen Hof des alten Hauses. Es herrschte dort um diese Zeit die tiefste Ruhe und Stille. Die zwei- und vierfüßigen Bewohner des Misthaufens und des kleinen Wasserpfuhls, befiedert und unbefiedert, die Ferkel, kleinen Hunde, Hühner und Enten, hielten nach eingenommenem Mittagsmahl ihre Siesta. Die großen Hunde, die Wächter des Hauses, hatten eifrigst einen kleinen Streifen Sonnenlicht aufgesucht, der schmal und lang auf dem Pflaster des Hofes glänzte; in der Verlängerung desselben aber, wo er sich an der Mauer des Hauses brach und auch diese bis oben hinauf beschien, befand sich ein Stuhl, und auf diesem Stuhle saß der Fuhrmann, Herr Fritz Schoppelmann, mit leicht verbundenem Kopfe, sich als Genesender an der freundlichen, warmen Luft erfreuend. Man kann leider nicht sagen, daß ihn das Gefühl des Dankes bewegte, welches fast immer in der Brust desjenigen wohnt, der von einem schweren und lebensgefährlichen Krankenlager aufstand; was sein Herz allenfalls bewegte, war Grimm und Wuth auf den, der ihn doch so rechtmäßiger Weise niedergeschlagen, und zugleich ein verdrießlicher Gedanke über die verlorene schöne Zeit, die er auf dem Krankenlager bei der mageren Kost der Mutter, welche der Arzt ihm vorgeschrieben, hatte verbringen müssen. Sein Bruder Konrad, der vor ihm auf einem Schemel saß, war nicht minder schlecht gelaunt. Ihn hatte der strenge Wille der Mutter die ganze Zeit zu Hause gehalten; er hatte sogar ein paar Jagdpartieen auf Feldhühner ausschlagen müssen, und, was noch schlimmer war, die Gemüsehändlerin zog es vor, ein paar Prozente weniger zu verdienen, indem sie sich die Produkte nach der Stadt bringen ließ, statt dieselben, wie sonst, durch ihre Söhne an dem betreffenden Ort einkaufen zu lassen. Konrad, der Jäger, hatte eine kurze Pfeife zwischen den Zähnen, und während er daraus rauchte, schaute er mißmuthig in dem Hofe umher. »Das ist doch hier gerade wie ein Gefängniß,« sagte er seufzend. »Viel schlimmer!« meinte der Fuhrmann; »in einem Gefängnisse hat man doch Ruhe in seinen vier Wänden und wird nicht mit guten Lehren und dergleichen molestirt! Das sag' ich dir, Konrad, ich halt' es bald nicht mehr aus, und wenn ich wieder vollkommen gesund bin, so gehe ich der Alten durch und suche mir einen Dienst, mag es sein, wo es will.« »Das ist auch meine Ansicht; soll der Teufel das langweilige Leben hier zu Lande holen! Mich ekelt die Stadt an und die ganze Geschichte; 's ist ja gar nichts mehr! Jetzt hab' ich doch seit einem halben Jahre keinen vernünftigen Schuß mehr gethan, und muß hier in der langen Weile sitzen. Und was für einen Genuß haben wir? Einen Schoppen Wein zu trinken. Hol' der Teufel die ganze Wirthschaft!« »Ja, und den armseligen Schoppen Wein nur verstohlener Weise!« setzte ingrimmig der Fuhrmann hinzu. »Und für diesen Schoppen Wein werden wir von dem alten Vieh, der Schilder, noch betrogen und über's Ohr gehauen, daß es eine Schande ist. Die Hälfte müssen wir jedes Mal abgeben, und von der anderen Hälfte, die wir unter uns theilen, zieht sie uns das Meiste für alte und neue Rechnungen ab.« »Meine Taschen sind leer,« sagte der Jäger mit einem trostlosen Blick in die Höhe. Und während er beide Füße weit von sich abstreckte, suchte er mit seinen beiden Händen in den wirklich leeren Taschen umher. »Hat sie jetzt nicht schon an tausend Gulden der alten Jungfer abgezapft? und ich bin überzeugt, sie hat ihre fünfhundert Gulden bei sich verwahrt liegen, während wir, außer dem Kopfe in der Schlinge, nichts davon übrig behalten haben.« »Das muß anders werden!« sprach giftig der Jäger und spuckte vor sich auf den Boden. »Meinst du wirklich?« fragte Fritz mit einem lauernden Blicke. Konrad nickte mit dem Kopfe und sah sich scheu um, dann rückte er seinen Stuhl so nahe wie möglich neben den des Bruders, beugte seinen Mund an dessen Ohr und sagte: »meinst du denn, ich hätte alles Ernstes Lust, mich drüben für die Hexe abzuplagen? Wir sollen die Arbeit thun und sie das Geld einstecken? Nein, das kann ich dich versichern, wenn sie einmal etwas Ordentliches angesammelt hat, so werde ich mich wahrscheinlich veranlaßt sehen, nötigenfalls selbst eine Zwangsanleihe bei ihr zu machen. He! was denkst du darüber?« »Vollkommen einverstanden!« versetzte der Fuhrmann mit einem unangenehmen Lächeln. »Aber um die fünfhundert Gulden ist es nicht der Mühe werth. Wie ist's denn mit ihrer größeren Spekulation, von der sie heute Morgen gesprochen?« »Die warten wir erst ab,« antwortete Konrad pfiffig lächelnd; »die Briefe dafür sind bereits geschrieben.« »Und meint sie, es werde gehen?« fragte der Fuhrmann. »Sie zweifelt nicht daran,« fuhr Konrad mit Bestimmtheit fort. »Die sechshundert Gulden, welche die Strebeling hergegeben, haben den armen Familienvater und den getreuen Freund aus dem Schuldgefängniß befreit. Seine Gläubiger scheinen geneigt, einen Vergleich mit ihm einzugehen, wodurch er wieder in den Besitz des Geschäftes käme und im Stande wäre, seine sieben oder acht Würmer vor dem Hungertode zu erretten. Aber die Gläubiger sind nur dann geneigt, etwas für ihn zu thun, wenn sich Jemand findet, der eine Bürgschaft übernimmt im Betrage von ungefähr zweitausend vierhundert Gulden. – Es ist von der Hexe, der Schilder, außerordentlich pfiffig, statt baares Geld jetzt eine Bürgschaft zu verlangen; denn das kommt am Ende für uns auf Eins heraus. Verlangen will sie auch nicht einmal eine solche Bürgschaft; Gott bewahre! Sie übergibt nur einen lamentablen Brief, wo so was von ewigem Abschied drin steht, vom Todtschießen und dergleichen, und dann wird sie der Strebeling erklären, sie wolle mit der Geschichte nichts mehr zu thun haben. – Gib nur Acht, das wirkt! Die alte Jungfer wird sie förmlich nöthigen, eine Bürgschaft von ihr anzunehmen, und das geht nur in dem Falle, wenn sie mit vollgiltigen Pfandscheinen oder Schuldbriefen herausrückt. Da sie obendrein ihr Geheimniß bewahrt haben will, so muß sie die Schilder noch bitten, daß diese selbst die Bürgschaft übernimmt, indem sie ihr die Pfandbriefe übergibt. Das wird aber die Schilder nur dann thun, wenn sie zu gleicher Zeit etwas Schriftliches bekommt, worin deutlich zu lesen steht, daß ihr jenes Geld von der Jungfer Strebeling zur Bezahlung einer alten Schuld oder dergleichen übergeben wurde.« »Vortrefflich!« meinte der Fuhrmann; »wenn die alte Jungfer damit noch heraus rückt, so haben wir was Artiges bei einander.« »Namentlich,« fuhr bedeutsam der Jäger fort, »wenn wir es zufälliger Weise verständen, die ganze Summe an uns zu bringen, und zwar mit den anderen, schon vorhandenen fünfhundert Gulden.« »Dafür ist mir gar nicht bange,« sagte der Fuhrmann mit festem Tone, »wenn bis dahin meine Geschichte am Kopf vollkommen in Ordnung ist.« Mit diesen Worten schob er den Verband etwas auf die Seite und tastete mit den Fingern auf der verwundeten Stelle umher. »Wenn ich dahin lange,« fuhr er fort, »habe ich immer noch einen ganz verfluchten Schmerz; ich meine immer, die Sache ist noch nicht ganz in der Ordnung; auch des Nachts weckt es mich oft auf, gerade als bohre man mir ein glühendes Eisen dort hinein. – O, wenn es mir nur in diesem Leben vergönnt wäre, jenem Kerl alles das heimzugeben!« »Glaube mir nur,« bemerkte der Jäger, »der hat auch sein gutes Theil bekommen. Du hättest einmal das Blut auf den Steinen vor dem Fenster sehen sollen; ich hab's den andern Morgen gleich abwaschen lassen. Es war ganz unnöthig, es da zu lassen. Die Alte ist eine kuriose Frau, das kann ich dich versichern; in ihrem Herzen hält sie doch mehr auf jenen Kerl als auf uns; und blos, weil er ihrer schönen Tochter nachgelaufen ist. Ha! hahaha!« »Sei still!« sagte der Fuhrmann; »das Hofthor geht auf; die Alte kommt vom Markt.« Und dem war in der That so. Das Hofthor öffnete sich knarrend, die großen Hunde, welche bis jetzt faul in der Sonne gelegen, sprangen empor und eilten in lustigen Sätzen und wedelnd auf die Gebieterin zu; ja sogar der Haushahn erwachte aus seiner stillen Betrachtung, hob den Kopf empor, schaute stolz um sich, und begrüßte die dicke Gemüsehändlerin mit einem majestätischen Krähen. Auch in der Haltung der beiden Söhne hatte sich bei dem Eintritt der Mutter Einiges verändert. Der verwundete Fuhrmann ließ den Kopf auf die Brust hangen und sah offenbar sehr angegriffen und hinfällig aus. Konrad aber nahm eine große Flasche mit Bleiwasser aus der Tasche und befeuchtete mit demselben einen sehr trocken gewordenen Lappen, den er alsdann mit einer großen und wichtigen Handbewegung dem Bruder auf den Kopf patschte. Madame Schoppelmann schien sich in ihrer guten Laune zu befinden, Sie hatte offenbar einen guten Markttag gehabt, was denn auch an den leeren Körben zu sehen war, welche zwei Mägde hinter ihr drein trugen. Vor ihren beiden Sprößlingen blieb die Mutter einen Augenblick stehen, stemmte ihre Arme in die Seiten und sagte lächelnd: »nun, wie sieht's aus? Heilt's tüchtig? Es wäre Zeit, daß die Geschichte einmal zu Ende ginge.« »Ja, mir wär's auch schon recht,« brummte der Fuhrmann, und der Jäger setzte mit sehr wichtigem Tone hinzu: »Und mir erst! Ich muß gestehen, das Krankenwärterspiel ist nicht meine Passion.« Auch Katharina kam hinter der Mutter vom Markte zurück. Sie hatte ein kleines leeres Körbchen in der Hand, und ihr großer Strohhut hing an einem rothseidenen Bande an dem rechten Arme. Ihr folgten noch ein paar Kolleginnen der Mutter, welche ebenfalls, ihr Bedauern ausdrückend, vor den beiden Brüdern stehen blieben. Katharina aber, ohne sich viel nach ihnen umzusehen, schritt mit erhobenem Kopfe bei den Beiden vorbei und stieg die Wendeltreppe hinauf in ihr Zimmer. »Nun, wie geht's, Herr Schoppelmann?« fragte eines der Weiber; »bald wieder gesund und munter?« Und eine andere setzte hinzu: »Ach, so ein junges Blut reißt sich bald wieder heraus!« Auf diese teilnehmend sein sollenden Aeußerungen der beiden Weiber murmelte der ältere Herr Schoppelmann etwas zwischen den Zähnen, was ein argloses Herz für einen Dank wegen gütiger Nachfrage hätte hinnehmen können. Wir aber, die wir uns der strengsten Wahrheit befleißigen, sind leider in dem Falle, eingestehen zu müssen, daß die Aeußerung des Fuhrmanns so viel besagte als: sie sollten ihn zufrieden lassen und seinetwegen zum Teufel gehen. Hierauf folgten die beiden Weiber der dicken Gemüsehändlerin, und alle Drei begaben sich in die uns bekannte Vorhalle. Wir hatten schon vorhin Gelegenheit gehabt, zu bemerken, daß das Marktgeschäft heute äußerst gut von Statten gegangen zu sein schien, und dem war auch so. Frau Schoppelmann hatte nicht blos ihren eigenen Gemüsestand an Kleinhändlerinnen und tägliche Kunden ausverkauft, sondern auch die Waaren der ihr zugethanen Nachbarinnen waren unter ihrer Protektion ebenfalls auf's Schnellste verkauft worden. »Es ist ein wahrer Segen,« sagte eines von den Weibern in der Vorhalle zu der dicken Frau, »wenn man mit Euch zu thun hat; da fliegt Alles nur so weg, und während die Anderen noch bis heute Abend draußen stehen müssen, wo ihnen Alles verdorrt und verwelkt, sind wir schon um zwei Uhr fertig; ja, es ist wahrhaftig ein offenbarer Segen bei Eurer Sache.« Die Gemüsehändlerin hatte sich an ihren Tisch niedergelassen, einestheils um mit ihren Kolleginnen abzurechnen, anderntheils weil sie ermüdet war, und drittens, weil es einigermaßen ihr Hochmuth und Stolz war, wenn die anderen Weiber stehend mit ihr verkehrten. Heute aber lud sie die beiden Weiber durch eine Handbewegung und ein freundliches Wort ebenfalls zum Niedersitzen ein. »Ja, ja,« sagte sie nach einer Pause; »unser Herrgott ist wirklich gnädig gegen eine arme Wittfrau und gibt seinen Segen, daß mein Geschäft so ziemlich gedeihen kann. Aber ach du lieber Himmel! es ist nichts vollkommen auf der Welt, und wo einem hier gegeben wird, da wird einem da wieder genommen.« Hier seufzte die dicke Frau und die beiden andern Weiber seufzten ebenfalls, ohne eigentlich genau zu wissen, warum. »Ich kenne Euch Beide schon längere Jahre,« fuhr das Oberhaupt des Gemüsemarktes fort, »und habe Euch von jeher als rechtschaffene Weiber kennen gelernt; deßhalb will ich nun auch Euren Rath in einer für mich besonders wichtigen Angelegenheit hören.« Die beiden Weiber horchten geschmeichelt auf, und während die Eine demüthig ihren Kopf neigte, als wollte sie sagen, sie sei ganz zu den Befehlen ihrer reichen Collegin, legte die andere fest und sicher die Hand auf den Tisch, schaute keck in die Höhe und schien damit andeuten zu wollen: ihr wißt, daß ich mich vor dem Teufel nicht fürchte; meinen Rath sollt ihr haben, gerade heraus, mögt ihr ihn annehmen wollen oder nicht! »Ihr alle habt die verdrießliche Geschichte mit meiner Katharine gehört,« sagte die dicke Frau, indem sie ihre Ellbogen auf den Tisch stützte, »Ihr habt sie von den Leuten draußen gehört, und ich habe Euch gesagt, was Wahres daran ist. Das ist nun freilich schon genug, um Jemand außer sich zu bringen; aber es ist doch nicht so arg, wie ich mir Anfangs gedacht. Ich habe die Wahrheit in der ganzen Geschichte auch erst so nach und nach erfahren, sonst wäre ich an dem Abend ganz anders aufgetreten.« »Ja, das muß ich sagen,« meinte die Frau mit dem erhobenen Kopfe und dem herausfordernden Wesen, »an dem Abend seid ihr zu gut gewesen, und wenn es mich hätte mein Leben gekostet: todt hätt' er sein müssen.« »Ach, Nachbarin,« sagte die andere Frau, die demüthig scheinende, »er soll ja auch so gut wie todt sein; so sagt man wenigstens, er liege in D. übel, sehr übel zugerichtet.« »Narrenpossen!« entgegnete Madame Schoppelmann. »Wen meint Ihr denn eigentlich? Von wem sprecht Ihr?« »Nun, von dem Herrn Stillfried,« sagte die Herausfordernde; »von dem spracht doch Ihr auch, als Ihr vorhin sagtet, es wär' Euch leid, daß es an jenem Abend nicht noch ganz anders gekommen sei.« »Allerdings,« erwiderte die Gemüsehändlerin, »aber ich wollte mich ausdrücken, es sei mir eigentlich leid, daß dem jungen Menschen bei der Geschichte schon so viel geschehen sei, als ihm geschehen.« »Ist er denn wirklich so arg zugerichtet?« fragte die Demüthige. »Ein Arm soll gleich hin gewesen sein;« gab die Andere mit trotzig aufgeworfenem Munde zur Antwort, und dabei griff sie nach einem Messer, als fühle sie nachträglich noch ein Privat-Mordgelüste. »Ein Arm soll gleich hin gewesen sein,« wiederholte sie, und klopfte mit der Klinge auf den Tisch, »und zwar der linke, glaube ich, und den rechten Fuß hat man, wie man mir erzählte, den andern Morgen gleich abnehmen müssen.« »Ihr seid ein recht albernes Weibsbild, Frau Klingler!« sagte ärgerlich die Gemüsehändlerin. »Wie kann man sich nur so dummes Zeug vorschwätzen lassen? Gott soll mich in Gnaden bewahren! Wenn das wahr wäre, so hätte ich meiner Lebtag keine ruhige Stunde mehr.« »Also 's war nicht so schlimm?« sagte die Demüthige mit sanftem Gesichtsausdrucke; »ich habe mir das wohl gedacht.« »Mir aber hat man erzählt,« fuhr Frau Klingler fort, »er sei übel zugerichtet worden. Nun, wenn dem nicht so ist, und er mit dem blauen Auge davon kam, da glaub ich wohl, wie Ihr vorhin sagtet, es thu' Euch leid, daß die Geschichte nicht anders gekommen sei. Ja, mir thät' das auch leid, das muß ich schon sagen.« »Schwätzt doch nicht immer so in den Tag hinein!« sprach ärgerlich Madame Schoppelmann und schlug mit der Faust auf den Tisch; »laßt mich doch auch einmal zu Worte kommen und versteht mich recht! Wenn ich vorhin sagte, es thäte mir leid, daß die Geschichte so gekommen ist, wie sie kam, so wollt' ich damit sagen, daß es mir unangenehm ist, daß dem jungen Menschen überhaupt von meinem Hause etwas Widerwärtiges geschah; denn ruhig überlegt, hat er eigentlich die allerwenigste Schuld gehabt; meine beiden Galgenstricke da draußen haben die Sache wieder angezettelt.« »Ah!« rief Madame Klingler und legte ihre Hände in den Schooß. »Seht Ihr wohl!« sagte die Demüthige; »das habe ich mir doch gleich gedacht. Der arme junge Mensch hat gewiß keine Schuld gehabt.« » Keine Schuld habe ich eigentlich nicht gesagt,« antwortete die Gemüsehändlerin. »Aber so junge Leute nehmen dergleichen Sachen nicht scharf; so den Bürgersmädeln nachzulaufen und ihnen den Hof zu machen, das halten sie obendrein noch für ein verdienstliches Werk.« »Das weiß Gott!« sagte eifrig Madame Klingler; »darüber kann ich auch der Welt eine Geschichte erzählen, eine traurige Geschichte, ehe ich den seligen Klingler geheirathet. – Da war ein Offizier –« »Ja, wir wissen das schon,« sagte Madame Schoppelmann, mit der Hand von sich weisend, »Ihr habt mir das schon oft erzählt; aber mit meiner Katharine ist es doch ganz anders.« »Natürlich,« sagte die Demüthige, »ganz anders; Frau Klingler, das muß Sie zugeben.« Madame Klingler that demgemäß auch, d. h. sie schwieg still; doch stieß sie, an jene Geschichte und den Offizier denkend, den sie vor dem seligen Klingler gekannt, einen tiefen Seufzer aus. »Die Sache ist also die,« nahm Madame Schoppelmann wieder das Wort: »Der junge Mensch ist meiner Katharine auf Schritt und Tritt nachgelaufen. Ihr Beide habt mir das selbst oft erzählt.« »Gewiß« warf Madame Klingler dazwischen, »ich hatte es nicht über's Herz bringen können, Euch das zu verschweigen, obgleich – das muß ich jetzt doch schon gestehen – der junge Mensch sich immer sehr ordentlich und anständig aufgeführt.« »Ach ja,« seufzte die Demüthige, »es war etwas Rührendes darin. Du lieber Gott, es ist für mich doch gerade wie heute Morgen geschehen, als die Katharina meinem Buben, dem Fritzle ein kleines Kränzchen von Vergißmeinnicht geschenkt, und als der Herr Stillfried gerade dazu kam. Hat er nicht dem Kinde einen ganzen Gulden geschenkt und ist darauf ganz glücklich fortgegangen, d. h. der Herr Eugen nämlich; mein Bub' war aber auch zufrieden, denn –« Madame Schoppelmann rückte auf ihrem Stuhle ungeduldig hin und her; ihre Hände suchten die Hüften, und sie rief mit sehr lauter Stimme: »Aber um's Himmels willen, unterbrecht mich doch nicht ewig! Wenn Ihr so fortfahren wollt, so kommen wir ja nicht zu Ende.« »Das ist wahr,« sagte Frau Klingler und warf der Demüthigen einen ernsten Blick zu; diese dagegen der Frau Klingler einen sanften, worauf die dicke Gemüsehändlerin fortfuhr: »Nun hat aber der Herr Stillfried gar nicht die schlechten Absichten gehabt, wie mich der Bub', der Konrad, wollte glauben machen; ich weiß das jetzt ganz genau, und wenn durch jenen unangenehmen Abend das Glück der Katharine verscherzt ist, so bin ich, leider Gottes! ganz allein daran Schuld.« »Sieht Sie, Schoppelmann, sieht Sie,« antwortete eifrig Madame Klingler, »das kommt von Ihrer traurigen Heftigkeit! So armen jungen Leuten muß man ein anständiges Plaisir gönnen, und nicht gleich mit dem Knittel drein schlagen.« »Halt' Sie Ihr Maul!« sagte Madame Schoppelmann so sanft wie möglich; »ich hätte Sie an meiner Stelle sehen wollen; da läuft einem das Blut über. Nicht wahr, Frau Claasen?« »Allerdings,« entgegnete die also Angeredete. »Aber die Frau Klingler hat keine Kinder.« »Weil sie mir leider gestorben sind,« seufzte diese; »gleich nachdem ich den seligen Klingler geheirathet. Ich hatte mit dem Mann gar kein Glück.« »Sie haben dem Herrn Stillfried einen Brief geschrieben!« rief Madame Schoppelmann mit außergewöhnlicher Stimme. »Wer, das habe ich nicht herausgebracht; aber ich bin fest überzeugt, die Beiden da draußen. Sie haben ihm geschrieben, meine Tochter, die Katharine, hätte ihm etwas sehr Wichtiges mitzutheilen und erwarte ihn Abends um neun Uhr auf ihrem Zimmer. Darauf ist denn der arme Narr gekommen; ich hätte aber auch den sehen mögen, der einer solchen Einladung nicht gefolgt wäre!« Dabei erhob sie stolz ihr Haupt und sah die beiden Weiber wie fragend an. Diese machten es unter sich ebenso, und wir sind vollständig überzeugt, wenn Madame Klingler auf dem Gesichte der Demüthigen den geringsten Zweifel in das Wort der Madame Schoppelmann bemerkt hätte, so würde es eine heftige Scene gegeben haben. Aber diese sagte mild lächelnd: »Das muß schon wahr sein; darauf hin wär' die ganze Stadt gekommen, Grafen und Herren.« »Er kam also,« fuhr die Gemüsehändlerin voll Selbstgefühl fort, »und das Weitere wißt Ihr, leider Gottes! so gut wie ich.« »Der arme junge Mensch!« seufzten die beiden Weiber, dieses Mal von der gleichen Gesinnung beseelt. »Nachdem nun das Unglück einmal geschehen war,« fuhr Madame Schoppelmann fort, »und ich der festen Meinung war, Katharine sei ebenfalls mit im Einverständniß und deßhalb auch im Unrecht, so zwang ich das Mädel, ihren Bruder während der Krankheit zu pflegen, und das war unter besagten Umständen nicht gut, es war hart von mir.« »Es war sehr hart,« sagte bestimmt Madame Klingler und schaute die Claasen herausfordernd an, ob sich diese vielleicht unterstände, anderer Meinung zu sein. »Durch diese Geschichten ist mir nun das sonst so gute und folgsame Mädel ganz rappelköpfisch geworden, und wenn ich nicht mit Gewalt an mich halten müßte, so gäbe es oftmals arge Händel.« »Sieht Sie wohl, sieht Sie wohl?« konnte sich Madame Klingler zu sagen nicht enthalten. »Mit ihren beiden Brüdern,« sprach Madame Schoppelmann weiter, »kommt sie natürlicher Weise gar nicht mehr aus; ich begreife es vollkommen, daß sich ihr Alles im Kopf herumdreht, wenn sie den Fuhrmann ansieht, der zuerst nach dem Herrn Stillfried geschlagen.« »Das begreife ich auch vollkommen,« sagte die Klingler mit einer Bestimmtheit und Ruhe, welche deutlich anzeigte, daß sie entschlossen, sich nicht wieder über das Maul fahren zu lassen, sondern um jeden Preis ihre Meinung zu sagen. »Das begreife ich,« wiederholte sie, »ich habe damals mit dem Offizier eine ähnliche Geschichte gehabt. Dem klemmte mein Bruder beinahe einen Finger ab, ebenfalls an meinem Fenster, worauf ich augenblicklich in Ohnmacht fiel, dann mich aber anders besann, in die Höhe sprang und ihm – meinem Bruder nämlich – das Gesicht so arg zerkratzte, daß er sich während vier Wochen nicht konnte sehen lassen.« »Thu' Sie mir den einzigen Gefallen und schweig Sie mir endlich von Ihrem Offizier und von Ihrer ganzen Leidensgeschichte!« sagte Madame Schoppelmann sehr ernst. »Ich habe Sie und Frau Claasen daher gebeten, weil Ihr ein paar rechtschaffene Weiber seid, um Eure Ansichten, Euren Rath zu hören, aber zu sonst nichts. Vergeßt das nicht!« »Ja, Ihr müßt das nicht vergessen,« sagte die Demüthige, worauf Madame Klingler bemerkte: »Nein, ich werd's wahrhaftig nicht vergessen.« Doch dachte sie bei diesen Worten an ihre harmlose Jugendzeit, an den Offizier mit dem eingeklemmten Finger und an den Bruder mit der zerkratzten Nase. »Nein, es thut sich länger nicht,« fuhr hierauf Madame Schoppelmann nach einem kleinen Nachdenken und mit einem tiefen Seufzer fort. »So leid es mir in meinen alten Tagen noch ist, das Mädel nicht mehr um mich zu sehen, so muß sie doch fort aus dem Hause hier. Nur weiß ich nicht, was ich mit ihr beginnen soll, ob ich sie auf das Land zu meinem Bruder thue oder ob ich ihr irgend einen Dienst suche. Und darüber möchte ich Euren Rath haben. Jetzt sprecht, was meint Ihr davon?« Madame Klingler warf den Kopf in die Höhe und sah die Demüthige stolz und herausfordernd an. Obgleich sie sich selbst natürlicher Weise noch keine Ansicht gebildet hatte, so wartete sie doch begierig auf ein Wort aus dem Munde der Madame Claasen, um, diese augenblicklich bekämpfend, der entgegengesetzten Meinung zu sein. Madame Claasen aber faltete demüthig ihre Hände, und während sie die Schultern hoch empor zog, senkte sie den Kopf tief herab auf ihr Halstuch. Dann blickte sie Madame Schoppelmann von der Seite an und sagte gar nichts. »Nun,« fuhr die Gemüsehändlerin nach einer längern Pause fort, »was denkt ihr darüber? Sprecht Ihr zuerst, Frau Klingler! Seid Ihr für das Land oder für den Dienst?« »Ja,« sagte die also Aufgeforderte nach einem augenblicklichen Stillschweigen, »also daß die Katharine überhaupt aus dem Hause soll, das steht fest bei Euch!« »Unwiderruflich!« antwortete die Mutter. Hierauf versank Madame Klingler in ein tiefes Nachdenken; denn sie hoffte, Madame Schoppelmann würde während desselben mit ihrer eigenen Ansicht herausrücken und ihr solcher Gestalt erlauben, sich derselben anzuschließen. Da aber die Gemüsehändlerin die Antwort der Madame Klingler erwartend, ebenfalls still schwieg, die demüthige Frau Claasen es aber am allerwenigsten wagte, ihre persönliche Meinung Preis zu geben, so entstand eine große Pause, welche sich unter den obwaltenden Umständen wahrscheinlich in's Unendliche ausgedehnt hätte, wenn in demselben Augenblicke nicht ein Mann unter der Thüre der Vorhalle erschienen wäre, der den Namen der Madame Schoppelmann ausrief. Da das einzige Fenster in dem Gemache zu wenig Licht herein fallen ließ, um Jemand augenblicklich erkennen zu können, namentlich wenn dieser unter der Thüre stand und so auch von dort das volle Licht abhielt, so war es der Gemüsehändlerin, trotzdem, daß sie ihre rechte Hand wie einen Schirm über die Augen hielt, nicht möglich, zu wissen, wer dort stand und wer ihren Namen gerufen. »Nun, das muß ich sagen,« rief der Eintretende lustig, »Ihr scheint Eure alten Freunde schnell vergessen zu haben, Frau Schoppelmann! Kennt Ihr denn den Jakob nicht mehr? Sollt' Euch doch Euer Herz sagen, daß ich's bin. Alte Liebe rostet nicht! so heißt's wenigstens im Sprichwort.« »Ei, der Jakob!« rief lustig die Gemüsehändlerin und erhob sich so schnell wie möglich von ihrem Sitze. »Wo kommt Er her? Weiß Er wohl, daß Er ein Schalk ist, solche Dinge von alter Liebe da vor den beiden Weibern auszuplaudern!« Madame Claasen und Madame Klingler, die sich vor der Livree des herrschaftlichen Bedienten respektvollst erhoben, kicherten leise über diesen ungeheuren Spaß, und die Erstere erlaubte sich, die Bemerkung zu machen: »So also kommt man hinter Eure früheren Geschichten, Frau Schoppelmann!« »Das ist schon lange her,« sagte lächelnd der Bediente, »und war Alles in Ehren mit der damaligen Jungfer Margareth; konnte nichts machen: der selige Schoppelmann war der Glückliche.« »Nun, setzt Euch einmal daher,« antwortete vergnügt die dicke Frau und machte dazu einen tiefen Knix, »wenn es dem Herrn Kammerdiener anders recht ist, in so geringer Behausung einen Stuhl zu nehmen.« Die beiden weiblichen Räthe der Frau Schoppelmann wußten in diesem Augenblicke nicht, wie sie sich zu benehmen hatten. Sie knieten ebenfalls und waren im Begriff, sich knixend und rückwärts zur Thüre hinaus zu ziehen; doch sagte Jakob, der ihre Absicht merkte: »ich will die Damen durchaus nicht stören; ich habe auch im jetzigen Augenblicke zu einer längeren Unterredung nicht die Zeit; was aber,« setzte er bedeutsam hinzu, »durchaus nichts zu sagen hat, denn ich werde bald Gelegenheit haben, Euch wieder zu sehen. – Ich komme in einem Auftrag der Frau Staatsräthin an Euch; sie läßt Euch nämlich ersuchen, heute Nachmittag so gegen vier Uhr mit Eurer Tochter, der Katharine, zu ihr zu kommen.« Hätte man in diesem Augenblicke der Frau Schoppelmann gesagt, draußen auf offenem Markt tanze der Rathhausthurm auf dem Pflaster umher, sie hätte sich nicht mehr gewundert, als über diese Botschaft. Sie wußte anfänglich nicht, was darauf zu antworten sei, und behalf sich statt der mangelnden Worte mit einem neuen, tieferen Knixe. Die beiden anderen Weiber sahen, gerade so verblüfft von dem eben Gehörten, hierin eine Aufforderung, gleichfalls zu knixen, und thaten es so ehrerbietig wie möglich. Doch gewährten diese drei Knixe einen mannigfaltigen Anblick, und während die der Madame Klingler und der Madame Claasen in die Tiefe gingen, schien Madame Schoppelmann auf eine außergewöhnliche, noch nie dagewesene Art in die Breite zu knixen. Jakob nahm diese Höflichkeitsbezeugung sehr herablassend auf, schützte aber dringende Geschäfte vor und entfernte sich eilig mit der Bemerkung, Madame Schoppelmann und Katharina möchten um vier Uhr ja nicht fehlen. Die Gemüsehändlerin hatte kaum so viel Ueberlegung, den so schnell entschwundenen alten Freund bis an die Schwelle des Gemachs zu begleiten. Das Anerbieten von einem Gläschen Liqueur blieb ihr auf der Zunge stecken und wurde erst gemacht, als Jener das Hofthor schon längst hinter sich hatte, auch großmüthiger Weise nicht mehr zurückgezogen, als die beiden Weiber, es auf sich beziehend, freundlichst bejahend dankten. Madame Schoppelmann rückte nun auch wirklich, aber wie im Traume, mit einer großen Flasche hervor, schenkte drei Gläschen voll ein, sank dann auf ihren Stuhl nieder und ließ die Hände in den Schooß fallen. »Um vier Uhr mit der Katharine!« sagte sie und schaute kopfschüttelnd die beiden Weiber an. »Das muß ich sagen,« meinte Frau Klingler, »das ist eine sehr merkwürdige Geschichte; das hat jedenfalls was zu bedeuten.« »Zu bedeuten hat's was,« pflichtete die demüthige Frau Claasen bei und nahm heimlicher Weise einen großen Schluck aus ihrem Glase. »Aber der Katharine muß ich es doch jetzt schon sagen,« rief schnell aufstehend die Gemüsehändlerin. Damit eilte sie zur Thüre hinaus an die kleine steinerne Treppe und rief mehrere Male den Namen ihrer Tochter. Als die Mutter wieder zurück in die Vorhalle ging, kam die Tochter die Treppe herab und trat in das Gemach, wo sie von den beiden Weibern mit Freundlichkeit, ja mit einem Anflug von Hochachtung begrüßt wurde. Wenn auch Katharina nicht mehr so entsetzlich bleich aussah, wie an jenem Tage, wo wir sie zuletzt gesehen, und wenn auch das tiefe Weh, das damals aus ihren Augen zuckte, vor einem schmerzlichen Zuge verschwunden war, der jetzt um ihren verschlossenen Mund spielte, so sah man doch ihrem ruhigen, leidenden Blicke an, wie vielen Kummer das Mädchen in letzter Zeit gehabt, und eine Vergleichung gegen sonst und jetzt mußte für den ruhigen Beschauer wahrhaft erschütternd sein. Das waren freilich noch die glänzenden Augen von ehemals; doch hatte das Mädchen die langen Wimpern tief gesenkt, und die ganze Welt schien ihr in diesem Augenblicke nicht mehr der Mühe werth zu sein, sich froh darin umzuschauen. Ihr Mund, der sonst so heiter geöffnet war und wo die frischen Lippen und weißen Zähne glänzten, wie ein Strauß von weißen und rothen Rosen, die noch nichts berührt hat, als der herabfallende Morgenthau, war jetzt ernst geschlossen und zeigte höchstens ein wehmüthiges Lächeln; ja der Körper des schönen Mädchens, sonst so elastisch und frisch beweglich, schien alles Leben verloren zu haben, denn Katharina, die sonst in voller Kraft der Jugend auftrat, ein Bild der frischesten Gesundheit, schlich jetzt verdrossen und still umher, und sie, die früher so fest, ja herausfordernd Jedem gegenüber trat und zum Gruße leicht und lächelnd mit dem Kopfe nickte, trat jetzt, ohne ein Wort zu sprechen, vor die Mutter hin und stützte sich, wie ermüdet, mit der Hand auf den Tisch, was sie vordem nie gethan. Wenn Katharina von der Botschaft, die man ihr nun mittheilte, auch nicht so außerordentlich erfreut und überrascht schien, wie ihre Mutter, so malte sich doch ein Erstaunen, und keineswegs ein unangenehmes, in ihren Zügen. Madame Klingler stellte sich vor sie hin, stemmte sehr herausfordernd die beiden Arme in ihre Seiten und sagte: »Nun, mein Schatz! was meinen Sie dazu, Jungfer Katharine?« Dann wandte sie sich an die Mutter, hob vielsagend die rechte Hand in die Höhe und fuhr in einem Tone fort, der ein Widersprechen von vorn herein abschneidet: »Ihr könnt mich nun meinetwegen für eine alte Gans erklären oder nicht, so viel ist gewiß und das steht fest: die Staatsräthin hat Euch nicht umsonst mit Eurer Tochter rufen lassen. Gebt nur Achtung, da hat sich was zugetragen; am Ende ist der Herr Eugen mit seiner Mutter ausgesöhnt, und wir können morgen schon unser Compliment der gnädigen Frau machen.« Bei diesen Worten sah sie die demüthige Frau Claasen mit wahrhaft wildem Blick an, hoffend, dieselbe würde sich unterstehen, irgend welche Einsprache gegen ihre Worte zu machen. Doch mochte die Demüthige dieselben Gedanken hegen, wie ihre Collegin, oder nicht, genug, sie sprach kein Wort, wischte sich aber wehmüthig die Augen, trank ihr Schnapsglas leer und deutete alsdann auf ihr Herz, als wollte sie sagen: hier steht's geschrieben! Madame Klingler, die sehr in der Laune war, einen kleinen Streit anzufangen, hätte gewiß gar zu gern gefragt, was denn eigentlich da geschrieben stehe; doch hob Madame Schoppelmann die Sitzung auf und verabschiedete die beiden Weiber. Katharina ging in ihr Zimmer zurück, setzte sich mit gefalteten Händen an ihr Fenster, und wenn auch zuweilen in ihrem Herzen etwas aufzucken wollte wie ein früherer glücklicher Gedanke, wie das Bild eines neuanbrechenden sonn- und rosenbeglänzten Lebenstages, so zerriß doch gleich darauf ein heftiger Schmerz diese glückseligen Phantasieen; sie preßte die rechte Hand fest auf ihr wild klopfendes Herz und sagte: Er hat mir ja nicht die geringste Nachricht von sich gegeben, er hat mir ja nicht ein einziges Wort geschrieben, nicht einmal zwei kleine Worte – er hat mich vergessen! Achtunddreißigstes Kapitel Der geneigte Leser lernt das Wirthshaus zur wilden Rose, sowie kleine Theaterverhältnisse näher kennen. Das Gasthaus zur wilden Rose, an welches wir den geneigten Leser in einem der vorhergehenden Kapitel führten, lag fast am äußersten Ende des bedeutenden Dorfes, dessen erster Gasthof, Post- und Schauspielhaus es zugleich war. Das Haus an sich war groß und geräumig, hatte im unteren Stock bedeutende Räumlichkeiten für Schenkstuben verschiedener Grade; so z. B. war eine da für die durchreisenden Fuhrleute mit ihrem Anhange, eine zweite für die Bauern, die hier ihren Schoppen tranken, eine dritte für die Honoratioren, als: den Schultheißen, den Schulmeister, den Förster oder auch zuweilen den Pfarrer, und an dieses stieß noch ein kleines Gemach, für vornehme Fremde bestimmt, die hier abgesondert ihr Mittag- oder Abendessen verzehren wollten. Diese verschiedenen Zimmer waren ihrem Range nach auch verschieden ausgeschmückt. Während sich in dem Fuhrmannszimmer und dem darauf folgenden Gemache neben hölzernen Tischen und Bänken an den Wänden nur ein alter Kalender befand, sah man in dem dahinter befindlichen Raume, wenn auch die Möbel die gleichen waren, die Wände doch schon besser verziert; denn hier prangte eine Geschichte der heiligen Genovefa mit Hirschkuh, Schmerzenreich und Golo, dem Grausamen, Alles sauber und bunt kolorirt, mit schönen rührenden Unterschriften, welche von den Bauern und den zahlreichen Fliegen sehr aufmerksam durchgelesen wurden. Das Honoratiorenzimmer hatte schon Sessel, deren Sitz mit braunem Leder überzogen war, einen Tisch mit grünem Wachstuche, und an den Wänden die Bildnisse der königlichen Familie in einer sauberen, im nahen Städtchen verfertigten Lithographie, welche nur den einzigen Fehler hatten, daß man nämlich bei ihrem Anblicke auf die Vermuthung kommen konnte, sämmtliche Glieder dieser erlauchten Familie, wie sie hier abconterfeit waren, litten an leiblichen Gebrechen; denn während die Einen schielten, hatten die Anderen einen verdrehten Hals oder hohe Schultern, oder an Armen und Beinen verschiedene bis jetzt unentdeckte Gelenke. Ja, Seine Majestät der König, im grausamsten Waffenschmuck, saß auf einem Pferde, welches, ruhig stehend, eine solche entschiedene Neigung zum Umfallen zeigte, daß ein getreuer Unterthan nicht im Stande war, dieses Bild ohne Schrecken anzusehen. Im letzten Zimmer hing das Bildniß der Wirthin des Hauses, in der That recht sauber gemalt, vor langen Jahren von einem durchreisenden Künstler verfertigt, welches dem heutigen Beschauer einen Begriff davon gab, welch' hübsche Frau die Wirthin zur wilden Rose damals gewesen war. Wenn wir vielleicht auch annehmen können, daß der Künstler, der sich in dem wild romantischen Thale länger aufhielt, als er Anfangs gewollt, der schönen Wirthin in jeder Hinsicht, also auch bei Anfertigung dieses Portraits, geschmeichelt habe, so wollen wir doch den Worten des alten Schulmeisters Glauben schenken, der uns auf Befragen hoch und theuer versicherte, es habe nichts Liebenswürdigeres, Lustigeres und Hübscheres gegeben, als die Wirthin, die Frau Rosel. Ja, wenn man mit dem Schulmeister näher bekannt wurde und das eben angedeutete Gespräch weiter verfolgte, so konnte man leicht auf die Vermuthung gerathen, als sei diese große Liebenswürdigkeit der Wirthin daran Schuld gewesen, daß sich der regierende Lehrer des Dorfes niemals verheirathete. Wer aber noch Zweifel gesetzt hätte in die Worte des Schulmeisters, der brauchte sich nur die Mühe zu geben und Frau Rosel mit Kennerblick zu betrachten, so fand er selbst das, was in diesen späteren Jahren von ihrer Schönheit und Possierlichkeit übrig geblieben war, noch so bedeutend und wichtig, daß er gewiß geneigt war, dem damals durchgereisten Maler auf's Wort zu glauben und das Portrait im vornehmsten Gastzimmer für vollkommen echt und untadelhaft zu halten. Frau Rosel war Wittwe, und obgleich sich ihr Name »Rosel« von ihrem Vornamen »Rosalia« herschrieb, ihr Familienname aber ganz anders lautete, so hatte man sich doch so daran gewöhnt, nur von der Frau Rosel zu sprechen, daß man den wirklichen Namen darüber ganz vergaß. Ja, bei öffentlichen Verhandlungen, wenn z. B. von ihrem Anwesen oder von ihren Gütern die Rede war, las man in den Blättern nicht anders, als etwa: der Krautacker der Frau Rosel, oder: die hintere Hausecke der Frau Rosel u. s. w. Selbst ihre einzige Tochter, welche man in der Taufe »Maria« nannte, wurde von Leuten, die nicht auf so vertraulichem Fuß mit ihr standen, um sie bei ihrem Vornamen nennen zu dürfen, Jungfer Rosel genannt. Die Mutter Rosel war eine große starke Frau, sehr rund und sehr dick. Man hätte sie für eine entfernte Anverwandte von unserer guten Freundin, Madame Schoppelmann, halten können, doch war die Wirthin weit proportionirter, auch lange nicht mit derselben Körperfülle bedacht. Dabei waren Beide im Temperament vollkommen von einander verschieden. Es gab nämlich nichts Vergnügteres und Lustigeres, als das ewig heitere Gesicht der Wirthin. Ihre Augen glänzten vor Fröhlichkeit, ihr Mund war immer zum Lachen geöffnet und zeigte dabei sehr weiße Zähne, deren sich kein junges Mädchen hätte zu schämen gehabt. Dabei hatte die Frau das unschätzbare Geschenk von ihrem Schöpfer erhalten, daß es ihr nicht möglich war, etwas, das ihr in diesem Leben vorkam, lange von einer ernsten Seite zu betrachten. Sie nahm fast Alles für einen köstlichen Spaß auf, und wenn sie sich auch über etwas im ersten Augenblicke ärgerte, so dauerte das nicht viele Sekunden, und es war ihr gelungen, etwas Komisches daran aufzufinden, worüber sie herzlich lachen konnte. Das Wirthshaus zu wilden Rose lag nicht ganz auf dem Grunde des Thales, sondern auf einem kleinen Hügel, etwas höher, als die übrigen Häuser des Dorfes. Man übersah das Letztere von den Fenstern des Wirthshauses, sah, wie sich der schlanke Kirchthurm aus den Stroh- und Ziegeldächern hervorhob; man überblickte das ganze Thal bis an die gegenüberliegende Bergwand, und wenn die Augen dort einem Wege folgten, der bald offen dalag, bald sich zwischen Bäumen und Felsen versteckte, so sah man das prächtige Schloß, welches die Anhöhe krönte, gerade vor sich liegen. Der Karren des Schauspieldirektors war gestern Abend wohlbehalten angekommen, ein paar Stunden später auch der große Wagen mit dem Reste der Gesellschaft, mit Dekorationen, Requisiten und Costumen. Frau Rosel hatte ihren alten Bekannten lachend empfangen, und ihm, sowie seiner Gesellschaft, auf das Billigste recht ordentliche Zimmer angewiesen. Auch hatte sie sogleich Befehl gegeben, den großen Tanzsaal im Hinterhause, der während des Sommers zur Aufbewahrung von allerlei Geräthschaften benutzt wurde, alsobald auszuräumen und reinlich zu putzen. Das war noch des Morgens in aller Frühe geschehen, und als der unermüdliche Prinzipal schon um sechs Uhr eine Inspektion jener Räumlichkeiten unternahm, sah er zu seinem großen Vergnügen, daß hier schon sehr viel geschehen sei. Frau Rosel war bereits in ihrer Küche beschäftigt, und dorthin begab sich auch der Schauspieldirektor, um der Wirthin einen guten Morgen zu wünschen. Sie saß neben ihrem Herde, auf dem ein gewaltiges Feuer loderte und die umfassendsten Zubereitungen für verschiedene Frühstücke gemacht wurden. Ihre Tochter Marie, ein hübsches, junges Mädchen, von vielleicht achtzehn Jahren, das genaue Ebenbild der Mutter und deßhalb sehr ähnlich dem Portrait im Gastzimmer, schüttelte aus einer gewaltigen Kaffeemühle die gemahlenen Bohnen in einen großen Topf, aus welchem später die verschiedenen kleineren angefüllt wurden. »Nun, das freut mich wirklich,« rief Frau Rosel dem Schauspieldirektor entgegen, »daß Sie sich einmal wieder hierher nach Schloßfelden verirrt haben; jetzt sind es bereits vier Jahre. – Ich glaube doch, es sind vier Jahre; nicht wahr, Marie?« unterbrach die Wirthin den eigenen Strom ihrer Rede. »Behüt' uns Gott, Mutter!« sagte die Tochter; »das sind wenigstens schon sechs Jahre.« »Meinst du wirklich, sechs Jahre?« »Gewiß, Mutter, sechs Jahre! Frag nur den Herrn Direktor.« »Dann war es in jenem Sommer,« sagte sichtlich erheitert Frau Rosel, »als die vielen Extraposten durchkamen. Nein, die Zeit vergesse ich mein Leben nicht.« Bei diesen Worten zuckte eine lachende Geberde wie ein Blitz aus ihren Augen. »Ja wohl, Mutter,« bestätigte Marie und stieß die Frau Rosel leicht an den Arm, »das war in jenem Sommer, wo dir die Geschichte passirt ist.« »Du bist ein gottloses Kind!« versetzte die Mutter laut lachend. »Was brauchst du mich an die Geschichte zu erinnern! Nicht wahr, du weißt es, wie das viele Lachen wehe thut, und deßhalb plagst du mich damit? O du Ausbund von Gottlosigkeit! Dabei war aber Frau Rosel, wie es schien, aus eigenem Antriebe und für nichts und wieder nichts so in's Lachen hineingekommen, daß sie ihre Hüften halten mußte und ihr die Thränen über die Wangen herab liefen. Und obgleich die Tochter von jener Geschichte gar nichts mehr erwähnte und nur hie und da die Mutter neckisch anstieß, oder mit einem Auge blinzelte, so rief doch Frau Rosel unter dem gewaltigsten Lachen, das sich in einen kleinen Erstickungsanfall zu verwandeln drohte: »so hör' doch auf, du gottloses Kind! Quäl' deine arme Mutter nicht so! 's ist ja eine Schande, wenn ich mich vor fremden Leuten so anstellen muß!« »Das sind ja für uns keine fremden Leute, der Herr Direktor nämlich,« entgegnete Marie mit dem ruhigsten und treuherzigsten Gesichtsausdruck. Doch blickte beständig aus ihren dunkelbraunen Augen, namentlich aber im gegenwärtigen Moment, ein lustig neckender Schelm, der nicht im Stande war, irgend Jemanden in Frieden zu lassen. »O, der Herr Direktor kennt uns recht gut; er war ja, wie du selbst vorhin sagtest, in dem Sommer hier; weißt du, in jenem Sommer, wo die Extraposten kamen und wo die Geschichte vorfiel.« Hier lachte Frau Rosel auf's Neue und heftiger als zuvor. Ihr ganzer Körper zitterte ordentlich zusammen, und sie konnte erst wieder an Erholung von dieser gewaltsamen Aufregung denken, nachdem sie ihrer Tochter streng anbefohlen, augenblicklich die Küche zu verlassen und einstweilen nach dem Hühnerhofe zu sehen. Das that denn auch Marie als ein folgsames Kind sogleich; doch sprang sie vorher auf die Mutter zu, schlang ihr die beiden runden Arme um den Hals, küßte sie auf den Mund und zischelte ihr darauf in die Ohren: »aber vergiß mir die Geschichte nicht!« Damit sprang sie in großen Sätzen nach der Küchenthüre, und ein gelinder Klapps, den die lachende Mutter nach dieser unartigen Tochter führte, traf nur ihr Kleid und wurde draußen auf dem Gange mit einem freundlichen Lachen beantwortet. »Sehen Sie, so geht's, wenn man zu gut ist,« sagte Frau Rosel, nachdem sie wieder zu Athem gekommen war, zu dem Schauspieldirektor. »Das böse Ding kennt meine schwache Seite! Wie andere Leute kitzelig an ihrem Körper sind, so bin ich, wenn ich mich so ausdrücken darf, kitzelig im Lachen, und wenn man mich in dem Punkte schon des Morgens beunruhigt, so habe ich auf den ganzen Tag keine stille Viertelstunde mehr. Und das weiß das ausgelassene Geschöpf. Ich bin darin eine ganz unglückliche Frau, und wenn sie mich heute unter Tags nur ansieht, und mag da zugegen sein, wer will, so muß ich laut hinausplatzen.« »Aber war denn die Geschichte wirklich so schlimm?« fragte der Direktor, und gewiß nicht in der Absicht, Frau Rosel zum Lachen zu bringen, wie es vorhin Marie gethan. Doch zuckte schon bei dieser Frage wieder auf's Neue ein wahres Gewitter von Lachen in den Augen und Mundwinkeln der Wirthin, und sie rief aus: »lassen Sie mich um Gotteswillen zufrieden mit der Geschichte! Jetzt fangen auch Sie an, mich zu quälen! Sprechen wir von etwas Anderem, Vernünftigerem. – Wo waren Sie eigentlich all die Zeit über?« »Wo soll ich herumgekommen sein?« sagte mit einem trüben Lächeln der Schauspieldirektor; »bald hier, bald da. Viel gewonnen habe ich in den sechs Jahren nicht, und bin in der That froh, daß ich mit dem, was ich damals besaß, noch so auf dem Laufenden geblieben bin. Freilich, einen unersetzlichen Verlust habe ich gehabt: der kleine Bub', der, als ich mich zum letzten Male hier befand, zwei Jahre alt war – wissen Sie, Sie hatten ihn so gern, er lief Ihnen überall nach, und Sie thaten dem armen kleinen Geschöpf so viel Liebes und Gutes, Gott möge es Ihnen vergelten! – der ist gleich nachher gestorben. Es ging mir ein ganzes Stück von der Seele ab, wie ich das Kind verlor.« Es war eigentlich gut, daß der Schauspieldirektor das Gespräch, wenn auch ohne Absicht, auf etwas Trauriges brachte; denn das aufgeregte Gemüth der Frau Rosel beruhigte sich sichtlich dabei, und sie war froh, aus dem hellen, glänzenden, sonnenbeschienenen Ankergrunde ihres Gelächters von vorhin wegsegeln zu können in eine schattige kühle Bucht, an deren Ufern Trauerweiden herabhingen. »Ja,« sagte sie nach einer Pause, »das war ein herziges Kind; ich hätte es so gerne bei mir behalten; wenn Sie es mir gelassen hätten, wäre es vielleicht nicht gestorben.« »Glauben Sie das ja nicht, Frau!« rief fast erschrocken der Schauspieldirektor; »wir haben das Kind gepflegt, wie nur immer möglich, und als es anfing, krank zu werden, hielten wir in einem kleinen Dorfe an, und ich miethete eine gute Stube, wo die Frau mit dem Kinde blieb, während ich vorausziehen mußte, um Theater zu spielen und Geld zu verdienen. Damals gelangen mir,« fuhr der Mann fort, »alle nachdenkenden finsteren Charaktere wie sonst nie; denn ich dachte an das Kind, wenn ich mich anzog, und das gab meinem Gesichte ein betrübtes Aussehen, und wenn ich vor dem Publikum stand und spielte, dann dachte ich immer wieder nur an das kranke Kind, und dadurch klang meine Stimme dumpf und kläglich. – Doch das ist hinter uns, wie so Vieles – von was Anderm denn! Erzählen Sie mir lieber Ihre Geschichte von damals.« Der Mann fuhr mit der Hand über das Gesicht und sah die Wirthin mit einem erzwungenen Lächeln an. »Laßt das gut sein!« entgegnete Frau Rosel; »nicht gleich wieder hinten nach solche Spässe. Ihr Schauspieler seid ein eigenes Volk: jetzt heiter, jetzt traurig, jetzt lachen, jetzt weinen, wie es gerade kommt und wie man die Hand umdreht.« »Ganz richtig!« sagte der Schauspieldirektor, und sein erzwungenes, aber freundliches Lächeln von vorhin verwandelte sich in ein natürliches, aber düsteres, und er setzte mit bitterem Spotte bei: »Ganz recht, dafür werden wir ja bezahlt.« »Sie haben mir ja noch gar nicht einmal gesagt,« fuhr die Wirthin mit heiterem Tone fort, ob Ihre Gesellschaft dieselbe geblieben ist, wie damals.« »Fast dieselbe,« entgegnete der Direktor, indem er mit dem Kopfe nickte. »Die Frau habe ich gesehen,« sagte die Wirthin, »die sieht recht gut aus, wie damals; die Schwägerin ist ein Bischen älter geworden und der lustige Trommler war auch dabei. Aber die Anderen mit dem zweiten Wagen kamen mir zu spät; ich war schon im Bette. Sind die noch alle da, wie früher?« »Fast Alle,« antwortete der Direktor. »Ihr Bruder?« »Befindet sich wohl.« »Und Ihr dicker Vetter, der die alten Väter spielte, glaub' ich, er hat auch bei uns einmal den Rummelpuff gegeben in der falschen Catalani; ich habe damals unsäglich gelacht; was er für Einfälle hatte, das war zum Sterben!« »Ja, es war allerdings zum Sterben,« sagte ernst der Schauspieldirektor; »er ist auch daran gestorben, der arme Teufel!« »Wer ist gestorben?« fragte entsetzt die Wirthin. »Und woran ist er gestorben?« »An seinen Spässen,« entgegnete achselzuckend der Direktor. »Als wir einmal irgendwo waren, wo die wahre Kunst gar nicht ziehen wollte und wo wir uns auf allerlei Gaukeleien und Hanswursteaden verlegen mußten, da machte er ein verfluchtes Kunststück nach, das sie jetzt in den großen Städten sehen lassen: er spazierte nämlich auf einer Kugel, die sich unter seinen Füßen drehte, ein schief gelegtes Brett auf und ab, und dabei fiel er eines Tages hin – ich hatte ihn oft genug gewarnt – und verletzte sich so, daß er daran starb.« »Das ist aber ganz schauderhaft!« meinte die Wirthin. »Ja wohl,« entgegnete anscheinend ruhig der Direktor, »wie so Manches in der Welt.« »Apropos!« fragte die Wirthin nach einem augenblicklichen Stillschweigen weiter, »was macht denn Herr Holder, der große Schauspieler mit der schönen Stimme?« Der Direktor zuckte die Achseln und zog die Stirn in Falten. Darauf schaute er sich um, ob ihn von den Mägden Niemand belausche, und sagte: »Das ist eine ganz eigenthümliche Geschichte, Frau Rosel. Er ist freilich noch bei mir, kam gestern mit dem zweiten Wagen, ist, wenn er guten Willen und keine böse Laune hat, heute noch ein Künstler, dessen sich keine Hofbühne zu schämen brauchte; aber hier – damit zeigte er auf die Stirn – wird es immer schlimmer.« »Das erschreckt mich,« sagte die Frau; »er thut einem doch am Ende nichts zu Leide?« »O, unbesorgt!« entgegnete der Schauspieldirektor; »er ist im gewöhnlichen Leben wie ein Kind; ja, wie ein kleines Kind,« setzte er seufzend hinzu, »und nur Abends, wenn er vor den Lampen steht, da zeigen sich oftmals Spuren des zerstörten Denkvermögens. Das fängt so an, daß er in diesen Fällen seine Rolle plötzlich ganz und gar vergißt. Zuweilen hilft er sich nun durch ein höchst geistreiches Extemporiren; aber wenn er dazu nicht im Stande ist, seine Gedanken zu sammeln, und er die traurige Schwäche seines Kopfes fühlt und begreift, so geräth er oft in eine unbeschreibliche Wuth, und es muß nicht selten vor ihm und seinem Schwerte Alles von der Bühne flüchten. Ja, es geschah mir einmal, daß er in's Orchester hinunter sprang und anfing, einen armen Klarinettisten zu prügeln, von dem er behauptete, er schneide ihm absichtlich die fürchterlichsten Gesichter, und jener arme Teufel schnitt doch nur die Gesichter deßhalb, weil er es sich beim Blasen so angewöhnt hatte.« »Und gibt es Niemanden, der in solchen Augenblicken eine Kraft auf ihn ausübt, der ihn von so lächerlichen Streichen abzuhalten vermag?« fragte die Wirthin. »Es gab Jemanden,« entgegnete düster der Direktor, »und das war das kleine Kind, das uns gestorben ist. Dieses liebte er über Alles; er war ihm mit einer rührenden Anhänglichkeit zugethan, und die Spielereien des kleinen Wesens wirkten beruhigend auf seinen Gemüthszustand. Wenn er spielte, mußte das Kind auf seinem Stühlchen hinter der Coulisse sitzen, und wenn dies geschah, so hatten wir niemals den Ausbruch seines schlechten Humors, wie er seinen Zustand selbst zu benennen pflegte, zu befürchten. Er blieb alsdann meist ruhig, und wenn er sich je einmal erhitzte oder aufgeregt wurde, so begnügte er sich mit einigen Extemporationen, welche das Publikum nicht verstand, die aber auch nicht weiter störten.« »Jetzt haben Sie aber auf einmal drei neue Leute engagirt, die gestern zuerst mit Ihnen kamen?« »Mit denen hat es, glaube ich, eine eigene Bewandtniß,« sprach pfiffig lächelnd der Direktor. »Unter uns gesagt, glaube ich nicht, daß sie schon viel auf den Brettern gearbeitet; jedenfalls sind es Leute, die in guten Verhältnissen waren.« »Und die noch in keinen schlechten sind,« entgegnete Frau Rosel leise und wandte ihr Gesicht dem Schauspieldirektor zu. »Der Eine von ihnen, der kleine Dicke, ließ sich heute Morgen erkundigen, was die Zimmermiethe und das Frühstück für die Woche ausmache, und nachdem man es ihm gesagt, zahlte er für vierzehn Tage voraus.« »Das ist mir nicht unlieb,« meinte der Direktor; »sie werden alsdann keine großen Ansprüche an mich machen, und ihre Stellen füllen sie doch so gut als möglich aus.« »Werden Sie uns schöne Stücke geben?« fragte die Wirthin. »Ach, da sind ein paar, die möchten wir gar zu gern noch einmal sehen!« »Sie wissen, Frau Rosel,« sagte der Direktor lächelnd, »daß ich Sie immer zu Rathe zog, wenn ich mein Repertoire entwarf, und das soll auch dieses Mal geschehen, wenn Sie alsdann billige Wünsche haben.« »Gewiß sehr billige,« antwortete Frau Rosel. »Da ist mein Leibstück, die Räuber auf Maria-Culm; dann der Hans Sachs; den habe ich neulich in der Stadt gesehen. Ich bin überzeugt, wenn Sie den Hans Sachs spielen, so geht sogar der Herr Pfarrer in's Theater; denn das ist doch gewisser Maßen ein christliches Stück; und wenn wir den Herrn Pfarrer nur einmal dazu bewegen können, so hat's durchaus keine Schwierigkeiten mit den schwarzen Kirchenmänteln und den beiden alten Ritterschwertern, die sich in der Sakristei befinden; es sind sogar drei neue dazu gekommen.« »Was, Ritterschwerter?« sagte der Direktor mit zufriedener Miene; denn in dem Artikel war er sehr schwach versehen. »Gott bewahre!« entgegnete die Frau; »Kirchenmäntel. Ich habe selbst einen gestiftet; er ist dunkelbraun, fast wie schwarz, die anderen aber sind ganz schwarz.« »Ah so! das ist nicht so übel.« »Dann noch Eins,« fuhr die Wirthin fort, welche eine große Freundin der Kunst war und den Direktor von jeher auf jede Weise und bestmöglich unterstützt hatte; »da haben sie auch hier ein Feuerlöschcorps eingerichtet; es sind ihrer Zwanzig, und die haben sich lederne Helme machen lassen mit kupfernen Knöpfen darauf. Ich kenne den Vorstand sehr genau, Sie müssen sich seiner auch noch erinnern: der junge Striegel, der Sohn des verstorbenen Steueraufsehers; er hat sich lang in der Fremde herum getrieben; man sagt sogar, er sei bei einer Seiltänzerbande gewesen, und ich glaube schon, daß was Wahres daran ist; denn klettern kann Ihnen der wie eine Katze, und Sprünge machen wie ein Eichhorn; deßhalb haben sie ihn auch zum Vorstand der Feuerlöschgeschichte gewählt. Eine sehr nützliche Anstalt; denn wo es nur in einem Kamin unrecht zu dampfen anfängt, da sind sie gleich bei der Hand und spritzen einem das ganze Haus voll Wasser. Freilich wird dadurch Manches ruinirt; aber es ist doch besser, wenn es von Wasser verdorben wird, als wenn es so unnützer Weise verbrennt.« »Und was die Helme anbelangt,« unterbrach der Direktor den Redefluß der Frau. »Die werden wir bekommen. An Helmen hat's Ihnen doch immer gemangelt. Das wird gar nicht fehlen, daß wir sie bekommen. Dafür geben Sie ihnen ein Freibillet oder lassen sie einmal mitspielen, so als Wilde, als Rathsherren oder als Räuber; daran ist doch immer Mangel.« »Ich könnte sie auch mit ihrer Feuerspritze einmal benutzen,« sagte der Schauspieldirektor nachdenklich, »da gibt es ein vortreffliches Stück: »Steffen Langer aus Glogau,« darin kommt eine ganze Brandspritze vor mit sämmtlicher Bedienung, was überall einen wunderbaren Effekt gemacht. An allen Orten, wo ich etwas Sinn für die Kunst vorfand, war man von dieser Idee so frappirt, daß die Brandspritze, nachdem sie abgefahren war, stürmisch da capo verlangt wurde, und dazu mußten die Musikanten im Orchester einen Tusch blasen.« Marie kam wieder in die Küche zurück, und in ihrem schelmischen Gesichte zuckte es immer noch umher, wie ein verloren gegangenes Lächeln, das sich alle Mühe gibt, wieder gefunden zu werden. Mit wahrhaft komischem Ernste ging sie an den Herd, konnte sich aber nicht enthalten, zu sagen, ohne jedoch dabei die Mutter anzusehen: »Jetzt wollen wir aber auch nie mehr von der Geschichte sprechen.« »Du bist ein gottloses Kind!« entgegnete Frau Rosel. »Du wirst noch einmal sehen, daß ich über deine Kindereien ernstlich böse werde.« Dabei war aber auf ihrem Gesichte von Zorn keine Spur, und ihre Augen funkelten sehr vergnüglich, und in ihren Mundwinkeln zuckte es heftig, so daß Marie, als sie zufällig aufblickte, ein leises Gekicher nicht unterdrücken konnte, was auch auf die Mutter so ansteckend wirkte, daß sie plötzlich mit aller Kraft laut hinaus lachte und nachher wahrhaft komisch aussah, als sie sich vergeblich abmühte, einige ernste Züge zusammen zu bringen, um ihre naseweise Tochter würdevoll und strafend ansehen zu können. Auch der Schauspieldirektor mußte mitlachen, und die Mägde am Herde und Marie lachten jetzt so heftig wie möglich, und Frau Rosel am tollsten von Allen, so daß es durch das ganze Haus schallte und im ersten Stock, wo Eugen und Herr Sidel wohnten, ganz deutlich gehört wurde. »Das ist ein lustiges Haus,« sagte der Letztere, der eben im Begriffe war, seine Morgentoilette zu machen. Eugen lag bereits im Fenster und rauchte eine Cigarre mit unendlichem Behagen in die frische Morgenluft hinaus. »Ich habe die ganze Nacht die besten Träume gehabt,« fuhr der lustige Rath fort, »und das war auch gar nicht anders möglich; denn gestern Abend bin ich unter einem ebenso herzlichen Lachen eingeschlafen, wie das, welches wir so eben gehört. Das muß hier ein außerordentlich vergnügtes Haus sein.« »Ich habe es auch bemerkt,« versetzte Eugen, »und mir scheint, unsere Wirthin ist so lustiger Natur. Nun, das ist schon angenehm; ich liebe nichts so sehr, wie fröhliche Gesichter um mich. – Nun, bist du bald fertig? Komm einen Augenblick daher an's Fenster; das Thal hier gewährt, namentlich in der Morgenfrische, einen außerordentlich entzückenden Anblick, und wir haben heute einen wahrhaft prachtvollen Tag.« »Gleich, gleich!« sagte Herr Sidel; »ich muß nur noch meine Halsbinde umnehmen; ich kann mich unmöglich so im Negligé sehen lassen, das müßte unfehlbar unserem Ansehen schaden. – Aber da bin ich.« Der lustige Rath legte sich nun ebenfalls in's Fenster und athmete mit sichtlichem Wohlbehagen die frische, duftige Luft ein, die aus dem Thale aufstieg und die aus den Wäldern von der andern Seite herüber wehte. Neununddreißigstes Kapitel Aussichten vom Fenster, und in Folge derselben bedeutendes und anhaltendes Herzklopfen des Herrn Sidel Das Wirthshaus befand sich, wie wir bereits erwähnt, am Ende des Dorfes auf einer kleinen Anhöhe, von der man die Häuser desselben vollkommen übersah. Da lagen die Dächer in ihren verschiedenen Formen vor ihnen mit ihren hohen und niedern Giebeln, mit Schiefer, Ziegeln und Stroh bedeckt, in den verschiedenen Farben dieses Materials selbst und in den verschiedenen Nuancen derselben, wie Regen, Schnee und Sonnenschein sie hervorgebracht. Auch Verzierungen aller Art unterbrachen die einförmige Ansicht dieser Häuserbedeckungen. Hier sah man auf dunklem Schiefergrund ein rothes Kreuz oder den Namenszug und eine Jahreszahl; dort auf dem Ziegeldach etwas Aehnliches von schwarzer Farbe. Die Strohdächer hatten eine noch freundlichere und natürlichere Verzierung, nämlich hellgrüne und fast schwarze Moose und Flechten, die darüber hinuntergewachsen waren und sie wirklich sehr schön färbten. Auch wuchsen auf diesen Strohdächern hie und da kleine Gesträuche lustig in die Höhe. Diese waren wohl aus einem Samenkorn entstanden, das ein Vogel dort im Vorbeifliegen, unabsichtlich oder absichtlich, fallen ließ. Man konnte wohl das letztere annehmen; denn einer der Nachkommen jenes alten Vogels hüpfte jetzt mit vielem Wohlbehagen durch die zarten, schlanken Zweige und sang vergnügt sein Morgenlied. Zwischen diesen verschiedenen Dächern hervor ragte der Kirchthurm aus grauem Stein, mit einem langen und spitzen Schieferdach. Oben auf der Spitze stand ein vergoldeter Hahn, der in der Morgensonne funkelte und strahlte und stolz dem Südostwinde entgegen sah, welcher das glänzende, warme Herbstwetter gebracht. In den Gassen des Dorfes herrschte eine unendliche Ruhe und Stille; nur zuweilen hörte man das Brüllen einer Kuh, die im Stalle gehalten wurde, oder das Krähen eines Hahnes, häufiger aber das Schnattern von Gänsen und Enten, die auf das Feld hinaus zogen, dem kleinen Bache nach, wo sie sich badeten, fischten und lustig umherplätscherten. Auch hier und da bellte ein Hund; aber wie Alles hier heute Morgen den Anstrich des Frischen und Lustigen hatte, so auch dieses Hundegebell. Es war nicht der Ton der Wachsamkeit und dabei des Ingrimms gegen vermeintliche Räuber, wie man in der Nacht wohl auf Dörfern zu hören pflegt; nein, es war ein lustiges Hundegebell, und wer sich auf diese Unterscheidungen verstand, der mußte deutlich wahrnehmen, wie jene Töne von einem kleinen vergnügten Spitz oder Rattenfänger ausgingen, dem es gestattet wurde, mit dem Wagen auf's Feld hinaus zu ziehen, und der nun lustig und schreiend vor den Pferden daher sprang. »Jetzt wäre es in der Stadt noch lange nicht Tag,« unterbrach der Herr Sidel das Stillschweigen, das einige Minuten geherrscht, »jetzt schwebt ein schrecklicher Dunst über den Straßen und Häusern, und deßhalb begreife ich auch vollkommen, weßhalb die Sonne dort gegen hier oft so verdrießlich scheint und weßhalb es bei uns in den Straßen gleich so unangenehm heiß wird, während hier die Luft so lange kühl und erquickend bleibt. Die arme Sonne im Kampf mit dem schlechten Gesindel, dem Dampf und Rauch, plagt und ermüdet sich, indem sie dasselbe verjagt und niederdrückt, und dabei erhitzt sie sich begreiflicher Weise und brennt alsdann unbarmherzig herab, wenn sie nun endlich Siegerin geworden ist. – Jetzt öffnen sich nach und nach langsam die Fenster in den Häusern der Stadt, und verdrießliche Gesichter schauen heraus und denken an die Langeweile, die sie den ganzen lieben Tag über auszustehen haben.« »Auch wir haben es nicht besser gemacht,« meinte Eugen, »als wir noch in der Stadt waren.« »Aber jetzt fühlen wir doch ganz anders,« entgegnete der lustige Rath; »ich wenigstens und du theilweise auch, obgleich ein guter Theil deines Wesens – deine Gedanken nämlich – noch in der Stadt zurückgeblieben sind.« »Das läugne ich gar nicht,« sagte Eugen; »es ist mir das im Leben leider schon oft vorgekommen, und ich halte es für ein großes Unglück. Eine Sache, die ich besitze, der ich nahe bin, wird mir leicht gleichgültig, verliert wenigstens an Interesse für mich; aber sowie ich mich von ihr entferne, wird sie mir wieder theuer, und dieses Gefühl wächst mit der Größe der Entfernung.« »Das ist aber für deine zukünftige Frau eine sehr schlechte Aussicht,« meinte lachend der lustige Rath, »Oder gilt deine Bemerkung von so eben nicht derartigen Gefühlen?« »Leider wohl auch!« entgegnete Eugen. »Aber du mußt mich recht verstehen: in dem Falle braucht es keine Entfernung von Tagen und Meilen, da zieht es mich schon wieder mächtig zurück, wenn ich erst eine halbe Straße durchwandert, und schon nach einigen Minuten möchte ich wieder umkehren, wenn ich sie eben erst nicht ungern verlassen hatte.« »Ja, ja, du bist ein merkwürdiger Heiliger!« sprach lachend Herr Sidel; »so einer ist noch nicht dagewesen. Und das Traurige an der Sache ist, daß du mich zum schlechten Kerl und Dieb gemacht hast; denn das Geld, das ich für deine Erziehung erhalten, muß ich leider als unverdient, als – gestohlen betrachten.« »Da sprichst du ein wahres Wort,« sagte Eugen, »und ich freue mich nur, daß du selbst so viel Einsicht hast, dies zu begreifen.« »Aber wenn deine Sehnsucht so gewaltig mit der Entfernung wächst,« fuhr der lustige Rath fort, nachdem er sich für das Kompliment bedankt, »so wirst du's leider Gottes bald hier nicht mehr aushalten können und nach der Stadt zurück verlangen, und damit wäre unsere ganze Kunstreise beendigt.« »Ein Ende muß sie jedenfalls einmal nehmen,« sagte lächelnd Eugen. »Ehe sie noch angefangen hat?« »Das nicht; ich weiß, daß ich nicht zurückkehren kann, und so sehr ich auch danach verlange, die Verhältnisse, an welche mein Herz denkt, und die ich in einiger Konfusion zurückgelassen, bestmöglich zu ordnen, so ist es doch schon recht, daß ich einige Zelt hier zurückgehalten werde. – Wird nicht meine Freude desto größer sein, wenn wir uns auf den Heimweg begeben?« »Ach ja,« sagte Herr Sidel ironisch lächelnd. »Und wenn ich die Stadt wieder sehe, wo sie wohnt?« »Ach ja!« »Und Madame Schoppelmann mich in die Arme schließt?« »Versteht sich! – Und Herr Fritz und Herr Konrad dir die Hände schütteln.« »Ganz recht!« sagte lachend Eugen. »Das wird sich Alles so begeben, wie du so eben prophetisch vorausgesagt, und du wirst im Bunde der Sechste sein; ich werde dann ein großes Haus einrichten, und dir wird dann die ehrenvolle Aufgabe, die Herren Fritz und Konrad Schoppelmann bestens zu erziehen.« »Das kannst du nicht von mir verlangen,« entgegnete der lustige Rath mit komischem Ernste; »denn wie du weißt, habe ich zur Erziehung gar kein Talent. Aber jetzt wäre es besser,« fuhr er mit anderem Tone fort, »wenn wir uns nach unserem Frühstück umsähen. Es riecht aus der Küche ungeheuer appetitlich herauf nach frisch gemahlenem Kaffee und neugebackenem Brod. – He! du Kleine!« Dieser Ausruf galt Marien, der Wirthstochter, welche im Begriffe war, sich auf die Terrasse neben dem Hause zu begeben. Das junge Mädchen sah augenblicklich in die Höhe. »Die ist fast zu hübsch,« sagte Herr Sidel zu Eugen, »als daß ich so vom Fenster herab mit ihr sprechen dürfte.« »Thu es immerhin!« entgegnete dieser; »denn ich halte es noch für viel unpassender, sie so lange warten zu lassen, bis du dich mit deiner dicken Figur hinabgewälzt hast.« Diesem Rathe folgend, sprach also Herr Sidel zum Fenster hinab; doch verwandelte er das vertrauliche »Du« in ein respektvolles »Sie«. »Würden Sie nicht die Güte haben,« sagte er demgemäß, »uns freundlichst für ein Frühstück besorgt sein zu wollen? Kaffee, Butter und Brod.« »Für zwei Herren?« rief das Mädchen herauf. »Natürlich, für zwei!« »Und der Herr Hannibal?« sagte lächelnd das Mädchen. »Richtig!« antwortete der lustige Rath, jetzt Herr Müller genannt, »Herrn Hannibal hätten wir beinahe vergessen.« »Dieser Künstler,« nahm Eugen das Wort, »wird für sich allein frühstücken; aber wenn es Ihnen keine große Mühe machte, mein liebes Kind, so würde ich Sie bitten, unsern Kaffee auf die Terrasse bringen zu lassen; es muß sich da vortrefflich frühstücken lassen.« »Recht gern!« rief das Mädchen, und sprang in's Haus zurück. »Betrachte doch einmal diese Kirche,« sagte Eugen nach einer Pause, »sieh den viereckigen Thurm, überhaupt die zierliche, hübsche Bauart des Ganzen an und betrachte dir dort an dem Chor jene hohe Mauer, die sich eine Strecke weit den Berg hinauf fortsetzt. Dort endigt sie mit dem kleinen runden Thurm, um höher hinauf, aber zerbrochen, wieder anzufangen. Die Kirche ist wahrscheinlicher Weise zu gleicher Zeit mit dem älteren Theile des Schlosses da oben entstanden und war mit ihm verbunden.« »Das heißt,« entgegnete Herr Sidel, »jene Mauer, die wahrscheinlich um das Ganze dort herumlief, setzte das Letztere mit dem Kastell da droben in Verbindung und war eine Art leichter Schutzwehr gegen räuberischen Ueberfall, damit die von dort oben Zeit hatten, ihren Vasallen zu Hülfe zu kommen.« »So mag's sein,« entgegnete Eugen, indem seine Augen dem Laufe der Mauer folgten und endlich auf dem Schlosse selbst ruhen blieben. Dieses lag ernst, gewaltig und in gegenwärtigem Augenblicke, wo die Sonne hinter ihm aufstieg, dunkel, ja finster vor ihren Blicken. Die vordere Seite desselben befand sich in tiefem Schatten, und seine Zinnen, die hohen spitzen Thürme und Dächer zeichneten sich in schwarzen Massen an dem hellen Morgenhimmel ab. Durch eine Schlucht, welche die Felswand drüben bis tief hinab zerriß, drang der glänzende Strahl der Sonne in das Thal und übergoß es mit einem Meer von Licht und Glanz. »Wenn ich nicht irre,« sprach Eugen nach einer längeren Pause, während welcher er ernst und nachdenkend das Schloß drüben betrachtete, »so sind wir um acht Uhr zum Dienst kommandirt.« »Ganz richtig!« entgegnete der lustige Rath; auf der Tagesordnung steht: Aufschlagen des Theaters im großen Wirthshaussaal unter Beihülfe der ganzen Gesellschaft.« »Und da müssen wir auch dabei sein?« fragte Eugen. »Versteht sich von selbst, und es ist für uns von großem Interesse, unser Lokal genau kennen zu lernen.« »Nun gut, das kann sich vielleicht bis gegen Mittag hinziehen; dann aber, das heißt nach dem Mittagessen, wollen wir gleich einen Gang dort hinauf nach dem Schlosse machen. Es interessirt mich außerordentlich, dasselbe näher zu betrachten; ich liebe diese alten Gebäude.« »Mit diesem Vorschlag bin ich sehr einverstanden,« sagte der lustige Rath. »Aber jetzt laß uns hinabgehen; dort kommt unsere freundliche Hebe. Siehst du, sie winkt uns. Der vortreffliche Trommler würde sagen: Auf, nach Valencia!« Somit stiegen sie die Treppen hinab, und als sie an der Küche vorbei kamen, warfen sie einen Blick hinein und sahen, wie die vier kleinen Kinder des Direktors an einem Tische saßen und ihre Morgensuppe verzehrten. Jedes hatte eine kleine Schüssel vor sich und arbeitete mit einem zinnernen Löffel wacker darin herum; hinter ihnen aber stand der vorhin erwähnte vortreffliche Herr Trommler und hatte ebenfalls einen Löffel in der Hand, aber offenbar keine Schüssel zu seiner Verfügung; denn er speiste abwechselnd mit den Kindern, welche sich hiedurch außerordentlich belustigten und dieses ganze Geschäft wie einen großen Spaß zu betreiben schienen; denn bald rief das Eine, bald das Andere: »Jetzt mußt du aber auch mit mir essen, Trommler! Du willst ja heute Morgen gar nichts von mir. Mit den Andern,« sagte ein kleiner, frisch aussehender Junge, der zweitälteste Sprößling des Direktors, »hast du schon vier Mal gegessen, und mit mir noch gar nicht.« »Das ist in der That wahr,« sagte lächelnd der arme Künstler und folgte augenblicklich dem Verlangen, das man an ihn gestellt. Es war ganz merkwürdig; obgleich auch er diese Geschichte als einen großen und köstlichen Spaß anzusehen schien und demgemäß mit einer freundlichen Herablassung mit den Kindern spielte, während er ihre Suppe versuchte (ungefähr gerade so, wie es ein hoher militärischer Beamter in der Kommißküche zu machen pflegt), so nahm er doch seine Löffel recht voll und aß auch jedes Mal ein tüchtiges Stück Brod dazu, und dann lachten alle Kinder und Herr Trommler mit. »Sieh da,« sagte Herr Sidel lachend, »das ist ja unser freundlicher College und, wie mir scheint, in der Rolle als Kinderfreund. – Wir sollten ihn zu unserem Frühstück einladen,« sagte er leise zu Eugen; »der arme Mensch scheint mit der Spielerei dort einen ernsten Zweck zu verbinden; diese Suppe wird wohl das Einzige sein, was er für den Morgen zu erschwingen vermag.« »Versteht sich,« versetzte Eugen, und während er unter die Küchenthüre trat, lud er Herrn Trommler freundlichst ein, mit auf die Terrasse hinaus zu kommen und ihnen das Vergnügen zu machen, dort mit ihnen zu frühstücken. »Meinetwegen!« sagte der Künstler nach einem augenblicklichen Nachdenken; »ich hatte freilich schon meinen Kaffee auf das Zimmer bestellt; aber im Freien genießt sich so etwas außerordentlich deliciös. Und dann die Gesellschaft, meine Lords! Ich möchte um Alles in der Welt von Ihnen nicht für unhöflich gehalten werden.« »So kommen Sie denn,« erwiderte Herr Sidel; worauf der wackere Künstler seinen Löffel niederlegte und die drei mit einander vor das Haus gingen. Dort auf der Terrasse hatte Marie Alles auf's Freundlichste hergerichtet, und das Lieblichste in ihrem ganzen Arrangement war sie selbst, wie sie so freundlich lächelnd daneben stand, nur um zu sehen, ob sie auch nichts vergessen. Herr Sidel behauptete später, er habe bei diesem Anblicke zum ersten Mal einen Stich in sein schulmeisterliches Herz gefühlt, und habe zum ersten Mal die volle Schönheit des jungen Mädchens empfunden. Auch Eugen blieb einen Augenblick befremdet und nachdenklich vor der liebreichen Erscheinung stehen, vor dem jungen, schönen Mädchen, das sie mit den großen, glänzenden Augen so freundlich ansah. – Ja, sie hatte etwas von Katharina; es war eine Aehnlichkeit zwischen den beiden Mädchen; nur war das Gesicht Katharinens edler, untadelhaft in seiner Schönheit, die Figur voll, ja majestätisch – eine stolze, vollblühende Rose, wogegen die Gestalt Mariens in ihrer Leichtigkeit und Biegsamkeit, in ihrer ewigen Heiterkeit und guten Laune mit einem neckischen Schmetterling zu vergleichen war. Eugen reichte ihr die Hand zum Gruß dar, worauf sie mit der ihrigen laut lachend und derb einschlug und alsdann in großen Sprüngen über die Terrasse hinab in's Haus eilte. Lächelnd schaute ihr Eugen einen Augenblick nach, und verdeckte dann die Augen mit der Hand, um mit dem Dunkel, das dadurch entstand, ein anderes liebes Bild vor sich erscheinen zu lassen. Der lustige Rath, welcher diese Bewegung wohl verstand und sich vielleicht ein klein wenig ärgerte, nicht auch einen Handschlag erhalten zu haben, sagte mit einem ironischen Lächeln zu Eugen: »Mich däucht, Daß sie dem guten Gretchen gleicht.« worauf Eugen nichts erwiderte, sondern sich gedankenvoll an dem Tische niederließ. Die beiden Anderen folgten seinem Beispiele, und einen Augenblick darauf klapperten die Tassen, und es dauerte noch einige gute Minuten, ehe einer Zeit fand, ein Wort zu sprechen. Die Terrasse war ein allerliebster Aufenthalt. An ihrer Fußmauer wuchsen drei, vier Linden, die im Laufe der Zeit starke Stämme geworden waren und deren weitverzweigte Aeste das trauliche Plätzchen dicht überschatteten. An dem Geländer der Terrasse selbst hatte man Schlingrosen gepflanzt, die es den großen Bäumen hatten gleich thun wollen und ebenfalls lustig in die Höhe gewachsen waren. Ihre zarten Ranken hatten sich um die Aeste der Linde geschlungen, und nachdem so jeder Baum mit einem Rosennetz umsponnen war, wuchsen dieselben immer weiter hinaus und flatterten in losen Zweigen herab. Hier half nun der Wind oder die Menschenhand nach und verband die losen Zweige unter einander oder mit dem nächststehenden Baume, und so bildeten sie nach und nach eine dichte Decke von Rosen und Lindenlaub. Herr Trommler hatte sich das Frühstück außerordentlich schmecken lassen, und wie dankbar nahm er eine der guten Cigarren Eugen's und ließ den blauen Dampf mit unendlichem Wohlbehagen in die klare Morgenluft hinauf steigen! Obgleich ein starker Raucher, hatte er doch begreiflicher Weise so etwas Gutes lange nicht geraucht, und so saß denn der würdige Künstler, die Augen halb geschlossen, den feinen Dampf in sich ziehend, und hob nur zuweilen den Blick etwas in die Höhe nach dem alten Schlosse zu, hinter dem jetzt die Sonne in aller Pracht aufzusteigen begann. »Vor der Hitze sind wir hier geschützt,« sagte Herr Trommler nach einer längeren Pause, indem er vergnügt um sich blinzelte und den zitternden leuchtenden Punkten zusah, welche hie und da auf den Steinen der Terrasse sichtbar wurden, – einzelne Sonnenblicke, die in die Laube drangen, wo sich hie und da durch den leichten Luftzug in der Rosendecke ein Blatt verschob; draußen aber glänzte und funkelte das Licht des mächtigen, allgewaltigen Gestirnes in aller Pracht und Herrlichkeit und seine Macht empfand die Straße, welche durch die Felder lief und jetzt schon bei jedem Fußtritte dicke Staubwolken aufsteigen ließ; noch mehr aber die Pferde vor dem hochbeladenen Wagen, welche die Köpfe hängen ließen und mit dem Schweife wedelten, um zahllose Fliegen von sich abzuhalten. »Sie sind, wie ich gestern erfuhr, zum ersten Mal in dieser Gegend,« sagte Herr Trommler zu Eugen; »nicht wahr, sie ist schön? Man könnte sich leicht entschließen, hier sein ganzes Leben zu verbringen. – Sie haben doch gute Zimmer erhalten? Man wohnt bei Frau Rosel ganz ordentlich und hat gute Betten – namentlich in den unteren Stockwerken,« setzte er mit einem Lächeln hinzu; »ich wohne etwas höher, weil ich die weiteste Aussicht vorziehe.« »Wir können nicht klagen,« sagte Eugen; »ich wenigstens bin vollkommen zufrieden, und du,« wandte er sich an den Herrn Sidel, »wirst es wohl auch sein; denn, wenn man von lauter Lachen und Lustigkeit träumt, so muß man gut geschlafen haben.« »Das habe ich auch,« erwiderte der lustige Rath. »Mit meinen Träumen kann ich dir leider nicht aufwarten; denn die habe ich vergessen; aber sie waren schön, lustig und heiter, weßhalb ich zufrieden bin; denn man sagt, es komme viel darauf an, was man in der ersten Nacht, wo man sich an einem neuen Aufenthaltsorte befindet, für Träume habe, das sei prophetisch für diesen ganzen Aufenthalt selbst.« »Das glaube ich auch,« meinte Herr Trommler, »und wenn mein Traum dieses Mal eintrifft, so müssen wir hier eine unerhörte Einnahme machen. Ich hatte nämlich diese Nacht ein seltsames Gesicht: mir war, als säße ich neben der Prinzipalin an der Kasse, und obgleich wir gar Niemanden sahen, der zu uns kam, um Billete zu lösen, so füllte sich doch die Kasse auf eine wahrhaft erschrecklich geschwinde Art. Vom Boden herauf stieg es empor, eine wahre Fluth von Münzen, Silber und auch Gold darunter, und stieg immer höher, so daß wir zuletzt ganz erschrocken, die Prinzipalin und ich, den Deckel zudrückten, damit das Geld, das immer noch höher anschwoll, nicht herausrolle und auf dem Boden herumspaziere. Wir verschlossen auch glücklich den Kasten; doch als das geschehen war, schien das Geld in demselben rebellisch zu werden, und oben aus der Spalte heraus sprang ein Geldstück um das andere, und merkwürdiger Weise sämmtlich in meine Tasche. Da sagte die Prinzipalin: behalten Sie es, guter Trommler, es soll Ihnen bleiben! und dann erwachte ich, und hatte leider nichts mehr als die Erinnerung an diesen Traum.« »Aber der bedeutet unbedingt etwas Gutes,« sprach lachend Herr Sidel, »und Sie sollen sehen, wir machen hier ganz glänzende Einnahmen und Sie erhalten vom Herrn Direktor ein Benefiz.« »Das gebe Gott!« seufzte Herr Trommler; und darauf wandte er sich als höflicher Mann an Eugen mit der Bitte, ihm nicht vorenthalten zu wollen, was ihm in vergangener Nacht geträumt. Vierzigstes Kapitel Läßt in Träumen ahnen, daß einer Geschichte, welche der Verfasser in einem früheren Kapitel erzählt, vielleicht etwas Wahres zu Grunde liege, und zeigt die Einrichtung eines ländlichen Theaters. »In meinen Träumen von heute Nacht,« nahm Eugen das Wort, »fand ich frühere Erfahrungen bestätigt, daß man nämlich gewöhnlich darüber träumt, womit man sich den Abend vorher lebhaft beschäftigt.« »Aha!« sagte lachend der lustige Rath, »dann kenne ich schon deinen Traum!« »Dieses Mal hast du falsch gerathen. Ich dachte nämlich während des Einschlafens an den Namen des Wirthshauses, in welchem wir uns befinden.« »An die wilde Rose!« rief Herr Trommler. »Natürlich!« lachte Herr Sidel, »an eine wilde Rose; das meinte ich ja vorhin auch.« »Schweig, Spötter!« sagte Eugen, »zu dir rede ich gar nicht mehr; du bist unfähig zu irgend einer poetischen Auffassung.« »Nun, die Auffassung war doch nicht unpoetisch!« »Ich dachte also an den Namen des Wirthshauses,« fuhr Eugen fort, »und dieser Name zur wilden Rose klang mir merkwürdig bekannt. Ich besann mich hin und her; ich dachte an meine Reisen, an all' die Gasthöfe, wo ich schon gewesen, und erinnerte mich so vieler Namen derselben, wie nur immer möglich. Umsonst! Ich konnte mich nicht erinnern, jemals in einem Wirthshause desselben Namens gewesen zu sein. Und doch klang die wilde Rose unter meinen lebhaften Gedanken immerfort hindurch, wie ein bekannter, angenehmer Ton; und darüber schlief ich ein.« Herr Sidel war bei diesen Worten sichtlich in tiefes Nachdenken versunken; er stützte den Kopf auf die Hand, sah einen Augenblick vor sich nieder, dann aber hörte er aufmerksam zu, was Eugen weiter sagte. »Darauf träumte mir denn,« fuhr dieser fort, »nach allerlei wirrem, unklarem Zeug von einem Abende, den ich mit dir« – bei diesen Worten wandte er sich an den lustigen Rath – »in einer Gesellschaft verbracht, wo du mich – es ist noch gar nicht lange her – hingeführt.« »Ah, von der Leimsudia,« rief hier Herr Sidel; »jetzt dämmert mir auch ein Gedanke auf.« »Ganz richtig, von der Leimsudia,« sagte Eugen. »Aber wie ich im Traume so in die Gesellschaft hinein kam, verlor sich mein Gedanke an den Namen dieses Wirthshauses wieder; ich sah allerlei tolle und wilde Geschichten, dich unter Anderem als das Ideal eines Leimsieders, und erst nach und nach klärten sich meine Träume wieder ab. Da erschien mir Doktor Wellen, unser Arzt, und indem er mir einen Strauß wilder Rosen überreichte, erwachte ich.« »Seltsam, sehr seltsam!« sagte Herr Sidel. »Jetzt fällt mir auf einmal die ganze Geschichte ein, und du wirst dich ebenso gewiß daran erinnern.« »Freilich thue ich das,« entgegnete Eugen. »Doktor Wellen erzählte uns von einem Freiwilligen, den er im italienischen Feldzuge getroffen, und der in der Schlacht von Novara geblieben. Nicht wahr? Dieser hatte ihm eine Begebenheit aus seinem Leben vertraut, deren Schauplatz nahe einem Wirthshause zur wilden Rose war. – Ist's nicht so?« »Ganz recht!« sagte Eugen; »ich erinnere mich jetzt genau.« »Und der Doktor Wellen beschrieb die Gegend so außerordentlich umständlich,« versetzte Herr Sidel; »und diese Beschreibung paßt merkwürdig hieher. Ich habe doch nicht gewußt, weßhalb mir das Thal und das Schloß da drüben so gar nicht fremd vorkamen.« »Mir ging es gerade so,« entgegnete Eugen. »Als wir gestern Abend den Berg hernieder stiegen und nun so plötzlich die unregelmäßigen Gebäude dort oben mit ihren Zinnen und Mauern vor meinem Blicke erschienen, da war es mir, als kenne ich das alles schon, als sei ich hier schon oft gewesen – und gern da gewesen. Das ist in der That sonderbar; es war mir gar nicht so, als käme ich in eine fremde Gegend; nein, es heimelte mich an, als wäre ich hier zu Hause.« »Das kann ich von mir gerade nicht sagen,« meinte Herr Sidel, »Aber sollte es möglich sein, daß jene Geschichte des Doktors Wellen mit dem Schlosse und dem Thale zusammenhängt, daß hier wirklich der Schauplatz dieser Begebenheit wäre? In dem Falle hielte ich es für höchst seltsam, daß wir gerade hieher gekommen. Siehst du, Eugen, der Zufall!« »Und ein glücklicher Zufall,« sagte Herr Trommler, indem er die ihm freundlich angebotene zweite Cigarre annahm. »Wie glücklich schätze ich mich, daß auch ich eine kleine Schuld an diesem Zufalle habe!« »Da ist ja unser würdiger College, der Herr Trommler,« rief der lustige Rath; »der muß Ortskenntnisse genug besitzen, um uns sagen zu können, ob da droben das Schloß zu jener Beschreibung des Doktor Wellen paßt.« »Vom Schlosse droben weiß ich leider nicht sehr viel; wir haben freilich ein paar Mal oben gespielt, aber dann kamen wir kurz vor der Vorstellung hinauf und gingen gleich nachher wieder herunter. Für mich allein war ich nie droben.« »Aber Sie werden doch wissen,« fragte Eugen, »ob sich in der Nähe des Schlosses eine kleine Kapelle befindet?« »Das weiß ich nun gerade nicht,« antwortete der Künstler. »Leider muß ich bekennen, daß ich in der Umgebung des Schlosses nur von einem kleinen Wirthshause weiß; von einer Kapelle habe ich nie etwas gehört.« »Wir werden uns irren,« sagte Eugen; »es gibt am Ende viele Wirthshäuser zur wilden Rose, die in der Nähe von alten Schlössern liegen.« »Was die Wirthshäuser zur wilden Rose anbelangt,« sprach Herr Trommler, »so muß ich Ihrer Meinung widersprechen. In dieser Gegend des Landes gibt es nur das einzige dieses Namens; es ist keines mit einem gleichen Schilde auf zehn Stunden in der Runde.« »Das Beste wäre,« meinte Herr Sidel, »wenn wir die Wirthin ersuchten, uns hierüber Auskunft zu geben. Ist jene Begebenheit hier geschehen, so muß sie am besten darüber Bescheid wissen.« »Lassen wir das,« sagte Eugen bittend; »thu mir den Gefallen, lieber Freund, und forsche jetzt nicht weiter darüber nach. Nach Tische wollen wir zum Schlosse hinauf und uns da oben selbst überzeugen, ob jene Kapelle vorhanden ist oder nicht. Es ist mir das wie ein interessantes, geheimnißvolles Buch; ich will es gern Seite für Seite durchlesen, möchte aber um Alles in der Welt zu Anfang nicht erfahren, was auf der letzten Seite steht. Ich bitte dich darum; wir wollen nachher langsam hinaufsteigen und uns droben überraschen lassen.« Herr Trommler war aufgestanden und an den Rand der Terrasse getreten. »Es ist Zeit,« sagte er dann; »im Augenblicke wird's neun Uhr schlagen; wir müssen in den Saal hinauf und den Prinzipal bei Aufschlagung des Theaters unterstützen. Es ist dies allemal eine Art Festtag für uns,« setzte er freundlich schmunzelnd hinzu, »denn wenn das Geschäft beendigt ist, werden wir alle mit einem soliden Mittagessen regalirt.« »Bravo!« entgegnete Eugen; »zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen! – Komm also, wir wollen sehen, welche Dienste wir beim Aufschlagen des Theaters zu leisten im Stande sind.« Der große Wirthshaussaal des Gasthofes zur wilden Rose befand sich um die Zeit, als sich unsere Freunde dorthin begaben, in einer höchst malerischen Unordnung. Es war ein ziemlich langes, auch anständig breites und hohes Gemach, hatte auf einer Seite sechs Fenster, an den schmalen Seiten je eine Thüre, und war, was Wände und Decke anbetrifft, einstens weiß angestrichen gewesen. Doch hatte der Dunst der Talgkerzen, sowie der Staub, den die tanzenden Bauern mit ihren schweren Stiefeln aus dem nicht allzu fest gefügten Fußboden herausklopften, dieser ehemals weißen Farbe einen etwas trüben, grauen Ueberzug verliehen. Auch hatte man ihn vor nicht langer Zeit zum Trocknen von Hopfen benutzt, und da man zu diesem Zwecke Fächer anbringen mußte, so hatte man diese durch in die Wand hineingeschlagene Blöcke befestigt, welche noch auf allen Seiten hervorragten, zum guten Aussehen des Saales keineswegs beitrugen, wohl aber dem Direktor beim Aufschlagen des Theaters wesentliche Dienste leisteten. Das Beste und Brauchbarste an der vorhandenen Einrichtung war der Kronleuchter, den Frau Rosel einstens in dem benachbarten Städtchen gekauft hatte. Er war zur Aufnahme von acht Oellampen berechnet, und wenn diese recht sauber geputzt waren, so spendeten sie Licht genug, um das Auditorium anständig zu erhellen. Der Saal war durch verschiedenartige Gegenstände, welche man von dem Wagen des Direktors abgeladen und hinauf geschafft hatte, sowie von anderen, welche Frau Rosel geliefert, in zwei ungleiche Hälften getheilt. Die letzteren Gegenstände, welche sich in der kleineren Hälfte des Saales befanden, waren ein paar Dutzend Fässer von verschiedener Größe, und ein Haufe Bretter, zum Podium des Theaters bestimmt. In der größeren Hälfte des Saales befanden sich Kisten, die mit Garderobe und Requisiten angefüllt waren, und große zusammengerollte Leinwandstücke: Vorhänge und Dekorationen. Die ganze Gesellschaft war in dem Saale schon versammelt, als Herr Trommler in Begleitung unserer Freunde, der Herren Müller und Wellen, sowie auch des Herrn Hannibal, eintrat. Letzterer hatte sich am Fuße der Treppe eingefunden und machte ein Gesicht wie jemand, der sich wohl bewußt ist, daß es mit ihm anfange zu Ende zu gehen, der aber trotz des angestrengtesten Nachdenkens noch nicht mit sich im Reinen ist, welche Art eines jämmerlichen Todes er zu sterben bestimmt seie. Herr Wellen und Herr Müller begrüßten die Frau und die Schwägerin des Direktors und wurden hierauf dem Bruder des Letzteren, sowie dem Heldenspieler, Herrn Holder, vorgestellt. Dieser war ein großer, kräftiger Mann und war gewiß einstens interessant, ja schön gewesen; doch hatten die Jahre und wildes Leben seine Gestalt gebeugt, und das Leiden, von dem der Direktor vorhin der Wirthin erzählt, seinem Gesichte einen unstäten, ja einen unheimlichen Ausdruck verliehen. Spärliches Haar bedeckte seine hohe Stirn; seine Gesichtsfarbe war bleich, den Mund kniff er meistens fest zusammen, und selbst wenn er sprach, öffnete er die Zähne nur so viel, als eben nothwendig war, um einen Ton hindurch zu lassen. Dadurch klang sein Sprechen dumpf und murmelnd, und da der Ton seiner Stimme kräftig und gewaltig war, so tönte dieselbe tief, wie aus dem Grabe hervor, was ihm bei manchen seiner Rollen wohl zu Statten kam, im gewöhnlichen Leben aber für das Ohr des Zuhörers nicht angenehm war. »Herr Wellen – Herr Müller – Herr Hannibal!« sagte der Direktor. – »Und dies ist Herr Holder,« fuhr er nach einer Pause fort, »mein Heldenspieler.« »Unseres Thrones feste Säule!« fügte würdig der Herr Trommler bei, indem auch er seinerseits auf Herrn Holder zeigte und ihm zugleich einen guten Morgen bot. Dann zeigte er ebenfalls auf die drei neuen Mitglieder und sagte vertraulich: »Ich kann Sie versichern, lieber Holder, drei liebenswürdige Kollegen!« »Collegen?« fragte finster der Heldenspieler, indem er die rechte Hand zwischen seinen Rock steckte. »Collegen? Von Ihnen vielleicht, Herr Trommler. Das ist möglich! Ob ich sie auch als solche anerkennen kann, wollen wir nach der ersten Aufführung sehen. – Es fühlt sich mancher berufen,« setzte er mit tiefer, grollender Stimme hinzu, »aber Wenige sind auserwählt.« Damit wandte er sich um und begab sich zwischen die Fässer zurück, die er anfing herum zu rücken und herzustellen. »Er ist etwas eigen, der gute Holder,« sprach freundlich der Direktor zu seinen drei neuen Mitgliedern; »aber Sie werden sich schon näher kennen lernen; er ist gar nicht so schlimm, wie er sich anläßt.« Herr Trommler zuckte mit einem Blick auf den so rasch davongegangenen Heldenspieler mitleidig die Achseln und sagte zu Eugen: »Stolz will ich den Spanier, Wenn auch der Becher nicht mehr überschäumt.« Jetzt klatschte der Direktor dreimal in die Hände und rief: »Allons, meine Herrschaften, fangen wir an!« Zu gleicher Zeit legte er seinen langen Rock ab, um in Hemdärmeln freier und ungenirter arbeiten zu können. Herr Trommler, der wohl seine guten Gründe hatte, es nicht ebenso zu machen, wie sein Chef, lief zu einer sehr kleinen Kiste – man hätte dieses Behältniß füglich eine Schachtel nennen können – und zog aus derselben seinen grauen Reiserock von gestern hervor; einen besseren, den er heute Morgen anhatte, legte er mit einer außerordentlichen Geschwindigkeit ab und schlüpfte so behende in das alte fadenscheinige Kleidungsstück, daß während dieses Umzuges kein Mensch im Stande war zu bestimmen, von welcher Farbe die Hemdärmel dieses würdigen Künstlers eigentlich gewesen. Ueberhaupt schien er den Vorsatz gefaßt zu haben, um Alles in der Welt keine Wäsche sehen zu lassen; denn während sich seine hohe, schwarze Merinohalsbinde fast krampfhaft unter dem Kinn herum zog, breitete dieselbe auf der Brust ein paar schützende Flügel aus, und das auf so ängstliche Art, wie eine Gluckhenne es zu machen pflegt, wenn sie ihre Brut dem herannahenden Feinde auf's Aengstlichste zu verbergen strebt. Nach dem Gesetze aller Baukunde, zuerst ein solides Fundament zu legen, ging man denn auch hier zu Werk. Die oben erwähnten Fässer, die schon öfters den ehrenvollen Beruf erfüllt hatten, jene Bretter zu tragen, welche die Welt bedeuten, wurden reihenweise nebeneinander gestellt, und zwar so, daß die kleineren vorn, die größeren nach hinten zu stehen kamen. Hiedurch gewann man auf sehr kunstlose Art ein sanft ansteigendes Podium. Die Fässer wurden nun unter sich mit Latten verbunden, die Bretter darüber hin genagelt, und so war das Fundament in Kurzem fertig. Ja, es befand sich sogar hinten eine Versenkung, eine höchst nothwendige Einrichtung, die bei einem Schauspiel unmöglich fehlen darf. Nachdem das Podium so hergestellt war, wurde die Hauptgardine angebracht, und hiezu fanden sich noch zwei eiserne Kloben vor, die vom vorigen Male, wo man hier gespielt, durch die Fürsorge der Wirthin stecken geblieben, und welche man nur dem Auge dadurch unsichtbar gemacht hatte, daß man sie mit weißer Farbe überstrich. Nach dem Vorhange wurden die Seitenkoulissen aufgehängt, welche bei einer nöthigen Verwandlung auf die einfachste Art gedreht wurden. Die vier Hintergründe, welche die Gesellschaft besaß, wurden nun ebenfalls ungefähr zwei Schuh vom hinteren Ende des Saales angebracht, da, wo das Podium bereits aufhörte. Hiedurch gewann man wenigstens unten einen Platz zum Verwandeln, der oben abging; denn statt daß bei anderen Theatern die Vorhänge in die Höhe gezogen und so entfernt werden, wurden sie hier herab gelassen, was ebenfalls einen sehr schönen Effekt machte. Dekorationen besaß die Gesellschaft vier: ein bürgerliches Zimmer, ein Gemach in einem Schlosse, eine Straße und einen Wald. Letzterer wurde durch die schöne Kunst, mit Versatzstücken zu arbeiten, sehr leicht zu allem anderen Notwendigen eingerichtet; vermittelst eines Paars zierlich zugespitzter Bäume und einer Marmorfigur wurde ein Garten daraus. Ein paar Felsen hinein versetzt, verwandelten ihn in eine Felspartie; ein einfaches Kreuz machte ihn zum schauerlichen Rendez-vous für Mörder und Räuber, oder auch zum Spielplatze der verschiedenartigsten Geister. So half man sich, so gut man konnte, und das Publikum von Schloßfelden war so höflich und gut erzogen, daß es dem Direktor und seinen Dekorationen Alles auf's Wort glaubte, seine Felsen für wirkliche und seine gemalten Bäume für die schönsten auf der Welt hielt. Es stellte keine Vergleichungen an, es nahm in kindlicher Unschuld hin, was man ihm gab, und war so für seine paar Kreuzer heiter und zufrieden. Als nun das Theater so weit hergestellt war, eine Arbeit, bei welcher der Heldenspieler, Herr Holder, das Uebermögliche geleistet, wurden sämmtliche Dekorationen sowie die Hauptgardine probirt, und erst als sich die ganze Maschinerie als vollkommen und untadelhaft erwiesen, schritt man zur Einrichtung der Garderobe. Glücklicherweise stieß der Tanzsaal auf der Seite, wo sich die Bühne befand, an einen Heuboden, dessen Eingang kaum zwei Fuß von dem letzten Fenster des Saales entfernt war. Diese beiden Oeffnungen wurden nun mit Hülfe eines kundigen Zimmermannes zusammen verbunden, sowie mit einer alten Leinwand überdeckt, und als dieser Verbindungsgang hergestellt war, transportirte man die Kiste mit Garderobe und Requisiten auf den Heuboden, zog vermittelst einer alten unbrauchbaren Dekoration eine Scheidewand, um die beiden Geschlechter zu trennen, und übergab darauf den einen auf diese Art entstandenen Raum den Damen zum Ankleiden, den anderen den Herren. In den Raum der Zuschauer wurden nun vorn hin Stühle, darunter Bänke gestellt, die etwas höher waren als die ersteren und den zweiten Platz bildeten. Nachdem dies alles geschehen, auch der Soufleurkasten aus drei Brettern zusammengenagelt war, erschien die Arbeit gethan und das Theater fertig. Obgleich Herr Trommler während dieser ganzen Zeit bei seiner Arbeit die größtmöglichen Anstrengungen zu machen schien, die für diesen großen Künstler um so mühsamer war, als er zu gleicher Zeit unsere Freunde noch unterweisen mußte, so glauben wir doch versichern zu können, daß er sich durchaus nicht überarbeitete. Wenn er z. B. mit einem wahren Ingrimm auf ein großes Faß oder schweres Brett losstürzte und beim Anprallen fand, daß diese Gegenstände nicht geneigt seien, sich so leicht bewegen zu lassen, so bestand er durchaus nicht hartnäckig darauf, dies doch zu thun, sondern er schwang sich leichtfüßig über den fraglichen schweren Gegenstand hinweg, um seine Kraft an einem leichteren zu üben. Der Prinzipal selbst sowie dessen Bruder arbeiteten ausdauernd und hielten sich ruhig an dem, was sie einmal ergriffen. Holder dagegen suchte sich die schwersten Stücke aus, und wenn auch eines seiner Kraft widerstehen wollte, so sah man, wie ein düsterer Schatten über sein Gesicht flog und sich seine Muskeln auf's Gewaltigste anstrengten, bis das, was er vor hatte, geschehen war. Oft sah man ihn bei einer solchen Veranlassung drei, vier Mal mit einer wahren Wuth auf's Neue angreifen; oft ließ er dabei ermattet die Arme sinken, um immer wieder auf's Neue anzufangen, und dabei schaute er mit wildem, eifersüchtigem Blick um sich herum, ob sich Jemand vielleicht unterstehe, in seine Nähe zu kommen oder ihm gar helfen zu wollen. Die Arbeiten der Herren Wellen und Müller bei diesem Geschäfte waren eigentlich nicht der Rede werth; sie beschränkten sich mehr auf Handlangerdienste, auf das Darreichen einzelner Stücke, auf das Aufwickeln und Ordnen durcheinander gerathener Schnüre. Der Thätigkeit des Herrn Hannibal dagegen müssen wir volles Recht widerfahren lassen; denn wenn wir das auch dem Schauspieldirektor nicht verrathen dürfen, so darf doch der Leser es wissen, daß nämlich der getreue Pierrot seine Laufbahn als Mensch und Staatsbürger in einer Schreinerwerkstätte begonnen hatte, aber nicht lange da verblieben war, weil seine Ansichten vom Arbeiten im Allgemeinen mit denen seines Meisters nicht in Einklang zu bringen waren, namentlich aber, weil er durchaus keine Neigung in sich verspürte, sich zum Kindererzieher heranzubilden, was dagegen die Meisterin für die Hauptbeschäftigung eines Lehrjungen ansah. Herr Hannibal half dem herbeigerufenen Zimmermann sogar bei jenem Verbindungsgange zwischen Theater und Heuboden, was ihm ein spezielles Lob des Direktors eintrug, der ihm auf die Schulter klopfte und ihm erklärte, er glaube bestimmt, daß Hannibal noch ein tüchtiges Mitglied der Gesellschaft werden würde. Das weibliche Personal, aus den beiden Damen der direktorlichen Familien bestehend, sowie aus einer kleinen dicken Soubrette Mademoiselle Jette, welche in ihren Freistunden Kindererzieherin bei der Prinzipalin war, hatte bei der oben erwähnten Einrichtung des Theaters nur insofern Dienste geleistet, als es die Garderobestücke auf den Heuboden schaffte, die Stühle gerade rückte und dieselben nachzählte, worauf sich die Prinzipalin einen Ueberschlag machte, welche Summe bei dem vollen Hause eingenommen werden könne. Nur die Schwägerin des Direktors hatte sich bei den Arbeiten im Saale selbst aufgehalten und allerlei kleine Handleistungen gethan, zuerst an der Seite Eugen's, dann, als dieser sich durchaus nicht dankbar dafür erwies, bei dem Herrn Sidel, und später, als der herzlose Schulmeister sich ebenfalls für diese Herablassung durchaus nicht gerührt und erkenntlich zeigte, bei dem Herrn Hannibal, der, obgleich anfänglich bestürzt und überrascht von der Freundlichkeit der großen Künstlerin, sich doch im Laufe der Arbeit sehr geschmeichelt und hoch geehrt durch die Aufmerksamkeit fühlte und, als dies Seitens der Dame sehr günstig aufgenommen zu werden schien, nun keinen Nagel mehr einschlug und kein Brett mehr verrückte, ohne sich zuvor in den grauen Augen seiner Zuschauerin Raths erholt zu haben. Endlich war alles beendigt, und die ganze Gesellschaft ließ sich auf den Stühlen vor der Bühne nieder, um das vollbrachte Werk im Allgemeinen übersehen zu können. Eugen und der lustige Rath saßen ziemlich vorn an, bei ihnen der Direktor und Familie, mit Ausnahme der hellblonden dürren Schwägerin, welche sich mit Herrn Hannibal auf den zweiten Platz begeben hatte, nur um zu sehen, wie sich von dort aus die Bühne ausnehmen werde. Es sah Alles recht nett aus; die Fässer, auf welchem das Podium ruhte, waren ebenso wie der Soufleurkasten mit rothem Zeuge drapirt, der Vorhang war aufgezogen oder vielmehr herabgelassen, und auf der Bühne war die Walddekoration sichtbar. Da trat der Heldenspieler, Herr Holder, aus der rechten Seitenkoulisse hervor bis an die Lampen und verbeugte sich drei Mal sehr tief. »Jetzt hält er seinen Zimmerspruch,« sagte Herr Trommler leise zu Eugen, »da werden Sie was hören; er läßt sich das nicht nehmen; denn das ist, wie er selbst sagt, seine liebste Rolle, in welcher er sich nämlich erlauben kann, einem Publikum, das gar nicht vorhanden ist, die schönsten Grobheiten zu sagen.« »So wären wir denn einmal wieder fertig,« begann jetzt wirklich der Heldenspieler mit tiefer, dröhnender Stimme, und das Organ war so gewaltig, daß trotzdem, daß jede Sylbe von den fest geschlossenen Zähnen zerrissen wurde, doch jede klar und verständlich an das Ohr schlug. »So wäre denn wieder einmal diese miserable Bude aufgebaut, ein Tempel der Kunst, wie wir sie nennen, die doch in Wahrheit nichts ist, als ein erbärmliches Narrenhaus. Ja, ein Narrenhaus! nicht jetzt, wo diese Stätte noch unentweiht vor unsern Augen liegt, aber es werden in dem Augenblicke, wo sich die Thüren öffnen und wo jene Narren – Publikum genannt – diese stillen Räume bevölkern, entheiligen. Ehe dies also geschieht, und ehe wir gezwungen sind, in die glotzenden stieren Augen zu sehen, und ehe wir es uns gefallen lassen, daß sie uns Beleidigungen aller Art in unser edles Künstlerantlitz schleudern, schwere Beleidigungen in der Gestalt von Beifall, leichtere in der Gestalt von Mißfallen – ehe alles das geschieht, und so lange wir noch hier unter uns und allein sind, will ich euch sagen, daß – daß –« Hier machte Herr Holder eine peinliche längere Pause, und fuhr sich mit der Hand über die Stirn und schaute ängstlich rechts und links in die Coulissen. »Ja, will ich euch eigentlich sagen,« fuhr er mit fast tonloser Stimme fort und starrte hinunter auf die leeren Stühle. »Bravo!« rief der Direktor in diesem Augenblicke, und »Bravo!« rief dessen Bruder; und die vier kleinen Kinder, die ebenfalls da waren, schrieen so laut, als sie mit ihren dünnen Stimmen vermochten: »Bravo, Herr Holder!« und der kleine Hektor setzte hinzu: »den Zimmerspruch, lieber Herr Holder!« Der Heldenspieler auf der Bühne holte tief Athem, und als er dabei die niedergeschlagenen Augen erhob, hätte man glauben sollen, er tauche aus einem dichten Nebel auf und ziehe oberhalb desselben begierig die reinere Luft ein. »Ja so, den Zimmerspruch?« murmelte er. »Richtig, richtig! Mir scheint, ich bin einigermaßen von meiner Rolle abgeschweift. Nun, es thut wahrhaftig nichts, könnt's noch öfters hören.« – »Diese Bretter, diese armseligen Bretter voller Astlöcher und Sprünge, aufgenagelt auf halbmorsche Fässer, die zu altersschwach sind, um noch irgend eine Flüssigkeit in sich aufzunehmen und ertragen zu können, diese Bretter, welche die Welt bedeuten, haben wir also zusammen gefügt. Das Fundament wäre da, und lieblich darauf hingebaut Zimmer und Schloß, Wald und Straße. Möge nun unser Werk gedeihen, möge sich zahlreich füllen dieser Tempel der Kunst! Und möge sich das vielköpfige Thier, Publikum genannt, drunten an der Kasse seine dicken Köpfe blutig schlagen und sich am Eingange um eine Karte balgen, wie hungrige Buben um eine Semmel beim Bäcker! – Dazu sage, ich Amen!« »Wir auch, wir auch!« riefen sämmtliche Zuhörer, und darauf ließ Herr Holder die Gardine wieder aufziehen, und die ganze Gesellschaft, geführt von der Prinzipalin, begab sich in ein großes Zimmer neben der Küche, wo die Mittagstafel gedeckt war.