Karel Čapek Hordubal Aus dem Tschechischen von Otto Pick Die Originalausgabe erschien 1933 unter dem Titel »Hordubal« beim Verlag Ceskoslovensky Spisovatel, Prag Die deutsche Erstausgabe erschien 1933 bei Bruno Cassirer, Berlin Erstes Buch I Es ist der zweite vom Fenster, der in dem zerknüllten Anzug: wer würde so was für einen Amerikaner halten? Was fällt Ihnen ein, Amerikaner fahren doch nicht im Personenzug: im Schnellzug fahren sie, und auch das scheint ihnen noch zu wenig, ja, in Amerika, dort gibt es ganz andere Züge, viel längere Waggons und so ein weißer waiter bietet dort Eiswasser und Ice-creams an, verstanden? Hallo, boy, gröhlt so'n Amerikaner, schaff Bier her, eine Runde Bier, für jeden im Wagen ein Glas, und wenn's meinethalb fünf Dollars kostet, damn! Ja, Leute, in Amerika, das ist ein Leben, was soll ich viel erzählen! Der zweite vom Fenster döst mit offenem Mund, schwitzend vor Ermüdung, und sein Kopf baumelt wie leblos hin und her. Ach Gott, ach Gott, das sind nun schon elf, dreizehn, vierzehn, fünfzehn Tage; fünfzehn Tage und Nächte auf dem Koffer versitzen, auf dem Fußboden schlafen oder auf einer Bank, schweißklebrig und starr wie ein Klotz, betäubt vom Lärm der Maschinen; schon der fünfzehnte Tag; wenn ich wenigstens die Beine ausstrecken könnte, Heu unterm Kopf, und schlafen, schlafen, schlafen ... Die dicke Jüdin beim Fenster drückt sich angewidert in die Ecke. Das hat gerade noch gefehlt; schläft noch obendrein ein und wälzt sich auf mich wie ein Sack; weiß man denn, was für einer das ist – sieht aus, als hätte er sich in den Kleidern auf der Erde oder sonstwo herumgewälzt; du scheinst mir ein sonderbarer Patron zu sein, gleich möchte ich mich wegsetzen, ach Gott, wäre die Fahrt schon zu Ende! Und der zweite vom Fenster neigt sich, fällt vornüber und erwacht durch den Ruck. »So eine Hitze«, knüpft der Alte mit dem Krämergesicht vorsichtig ein Gespräch an. »Wohin fahren Sie?« »Nach Krivá«, stottert der Mensch. »Nach Krivá«, wiederholt der Krämer kennerhaft und wohlwollend. »Und von weither, von weither?« Der zweite vom Fenster antwortet nicht, fährt mit der schmutzigen Pranke über die feuchte Stirn, Schwäche und Schwindelgefühl machen ihn fast ohnmächtig. Der Krämer schnauft beleidigt und wendet sich zum Fenster ab. Der zweite wagt nicht, durchs Fenster zu schauen, versteckt die Augen auf dem bespuckten Fußboden, erwartet, daß man ihn noch einmal fragen wird. Und dann wird er's ihnen sagen. Von weither. Bis aus Amerika, bitte schön. Aber gehn Sie, bis aus Amerika? Und da fahren Sie so weit auf Besuch? Nein, ich fahre wieder nach Hause. Nach Krivá. Dort hab' ich meine Frau und ein Mädel, Hafia heißt sie. Hafia. Drei Jahre war sie alt, als ich wegfuhr. Also aus Amerika! Und wie lange waren Sie dort? Acht Jahre. Acht Jahre sind es schon. Und die ganze Zeit hab' ich einen Job am gleichen Ort gehabt. Als miner . In Johnstown. Dort war ein Landsmann von mir, Michal Bobok hat er geheißen. Der Michal Bobok aus Jalamasch. Den hat's erschlagen, vor fünf Jahren. Und dann hatte ich nicht mehr mit wem zu reden – bitte schön, wie sollte ich mich mit ihnen verständigen? Ja, der Bobok, der hatte ihre Sprache gelernt, aber das ist so, wenn man ein Weib hat, denkt man daran, wie man ihr eins ums andre erzählen wird, und das geht nicht in so einer fremden Sprache. Polana heißt sie. Und wie konnten Sie dort arbeiten, wenn Sie sich nicht verständigen konnten? Nun, wie: sie sagten mir bloß »Hallo, Hordubal« und zeigten mir meinen job . Bis sieben Dollar im Tag hab' ich gekriegt, bitte schön. Seven . Aber teuer ist es in Amerika, ihr Herren. Da reichen nicht einmal zwei Dollar für den Lebensunterhalt. Fünf Dollar in der Woche für Nachtlager. Und da sagt der Herr da drüben: Aber da müssen Sie einen schönen Batzen Geld erspart haben, Herr Hordubal! Ach ja, man konnte schon was zusammensparen. Aber ich hab's nach Hause geschickt, der Frau – hab' ich Ihnen gesagt, daß sie Polana heißt? Jeden Monat, Herr, fünfzig, sechzig, bis neunzig Dollar. Aber das ging nur, solange Bobok gelebt hat, Bobok konnte nämlich schreiben; ein geschickter Mensch, der Bobok, aber vor fünf Jahren da hat's ihn erschlagen, die Balken haben ihn zerquetscht. Dann konnte ich kein Geld mehr nach Hause schicken und hab's immer auf die Bank gegeben. Über dreitausend Dollar, bitte schön, und die hat man mir gestohlen. Aber das ist doch nicht möglich, Herr Hordubal! Was Sie nicht sagen! Yess'r , über dreitausend Dollar. Und Sie haben sie nicht verklagt? Bitte schön, wie verklagen? Unser foreman hat mich zu irgendeinem lawyer geführt; der hat mir auf die Schulter geklopft, O.K., O.K. , aber du mußt zahlen advance ; und der foreman hat zu ihm gesagt, you'r a swine , und dann hat er mich wieder die Stiege hinuntergeschubst. Also, so ist es einmal in Amerika, bitte, schade um jedes Wort. Jesus, Jesus, Herr Hordubal, dreitausend Dollar? Das ist viel Geld, das ist ein ganzes Vermögen, himmlischer Gott, so ein Unglück! Dreitausend Dollar, wieviel ist das in unserem Geld? Juraj Hordubal verspürt eine mächtige Befriedigung: ja, da kämt ihr alle gelaufen, um mich zu sehen, alle, die ihr hier seid, wenn ich zu erzählen anfinge; aus dem ganzen train würden die Leute zusammenlaufen, um den Menschen zu sehen, den man in Amerika um dreitausend Dollar bestohlen hat; yess'r , das bin ich. Juraj Hordubal blickt auf und betrachtet die Leute: die dicke Jüdin drückt sich in die Ecke, der Krämer schaut gekränkt zum Fenster hinaus und lallt zahnlos, die Gevatterin mit dem Korb im Schoß blickt Hordubal an, als gäbe es da etwas, was ihr gar nicht stimmen will. Juraj Hordubal sitzt wieder in sich verschlossen da: auch recht, bitten werde ich euch nicht; hab' fünf Jahre mit keinem Menschen geredet, und ist auch gegangen. Und da kommen Sie, Herr Hordubal, ohne einen Groschen aus Amerika zurück? O nein, ich hab' einen guten job gehabt, aber das Geld hab' ich nicht mehr in die Bank gegeben, you bet ! In den Koffer, Herr, den Schlüssel unters Hemd hängen und fertig. Siebenhundert Dollar bringe ich nach Hause. Well , ich wäre dort geblieben, aber ich hab' mein employment verloren. Nach acht Jahren, Herr. Lock out, sir . Zu viel Kohle oder so was. Sechshundert Mann aus unserem pit haben leave bekommen, Herr. Und überall, überall hat man Leute entlassen. Nirgends robot zu kriegen. Darum fahre ich zurück. Nach Hause, wissen Sie? Nach Krivá. Dort hab' ich die Frau und paar Felder. Und Hafia, drei Jahre alt war sie damals. Siebenhundert Dollar bring' ich unterm Hemd mit und werde wieder der Gazda sein ... oder in eine factory gehn. Oder Holz fällen. Und da haben Sie sich nicht nach Frau und Kind gesehnt, Herr Hordubal? Mein Gott, gesehnt hat man sich schon; aber ich hab' ihnen, bitte schön, Geld geschickt und mir dabei gedacht, das hier für eine Kuh, das hier für einen Strich Feld, das da für Polana für dies und jenes, sie wird es schon selber wissen. Jeder Dollar war für etwas bestimmt. Und wie ich das Geld in die Bank gegeben hab', da war's schon so viel wie eine Herde Kühe. Yess'r , und das hat man mir gestohlen. Und Ihre Frau, hat sie Ihnen manchmal geschrieben? Geschrieben, nein, geschrieben hat sie nicht. Sie kann nicht schreiben. Aber Sie haben ihr geschrieben? No, sir. Can't write, sir . Seit damals, wie der Michal Bobok gestorben ist, hab' ich ihr nichts geschickt, nur immer das Geld aufgehoben. Aber Sie haben ihr doch wenigstens telegrafiert, daß Sie kommen? Ah was, ah was, schad' ums Geld. Erschrecken würde sie, wenn der Bote käme, aber vor mir wird sie nicht erschrecken. Haha, ach wo! Vielleicht glaubt sie, daß Sie tot sind, Herr Hordubal; bedenken Sie, wenn sie so viele Jahre keine Nachricht von Ihnen bekommen hat – Tot? ein Kerl wie ich, und tot? Juraj Hordubal schaut auf seine knochigen Fäuste. So ein Kerl, was fällt Ihnen ein! Polana ist klug. Polana weiß, ich komme wieder zu ihr. Je nun, wir alle sind sterblich; wie, wenn Polana nicht so lange gelebt hat? Shut up, sir ; dreiundzwanzig war sie, wie ich wegfuhr, und stark, Herr, stark wie ein Riemen – da kennen Sie Polana nicht; mit dem Geld, mit den Dollars, die ich ihr geschickt hab', damit sollte sie nicht am Leben sein? No, thank you . Der aufgeregte Krämer beim Fenster wischt sich mit einem blauen Tuch den Schweiß ab. Vielleicht wird er gleich wieder sagen: Diese Hitze, Herr? Das nennen Sie Hitze? Sie sollten mal auf lowerdeck sein, Herr; oder dort unten im Anthrazitschacht ... Dort schicken sie die Niggers hin, aber ich hab's ausgehalten, yess'r . Für sieben Dollar. Hallo, Hordubal! Hallo, you niggahs ! Ach, Herr, viel hält der Mensch aus. Das Pferd nicht. Dort hinunter, da konnten sie schon keine Pferde mehr geben, um die Karren zu ziehen. Zu heiß, Herr. Oder so ein lowerdeck auf dem Schiff... Der Mensch hält viel aus, wenn er sich bloß verständigen könnte. Da wollen sie was von dir, man weiß nicht was; und sie schreien, toben, zucken die Achseln, – bitte schön, wie soll ich in Hamburg erfragen, wie man nach Krivá fährt? Sie können schreien, ich nicht. Nach Amerika, da fährt man wie geschmiert; einer verladet einen auf das Schiff, drüben wartet schon einer – aber zurück, Herr, zurück hilft einem niemand. No sir . Schwer ist der Heimweg, Herr. Und Juraj Hordubal nickt mit dem Kopf, jetzt nickt der Kopf schon von selber, sinkt schwer und leblos nieder, und Juraj schläft ein. Die dicke Jüdin beim Fenster hat empört die Lippen geschlossen; die Gevatterin mit dem Korb im Schoß und der beleidigte Krämer werfen einander vielsagende Blicke zu: Ja, ja, so sind die Menschen heutzutage. Wie das liebe Vieh. II Wer kommt denn da, wer ist der dort drüben an der Tallehne? Sieh' da, ein Herr in Schuhn, vielleicht ein Monteur oder so was, ein schwarzes Köfferchen trägt er und stapft hügelan – wenn er nicht so weit entfernt wäre, würde ich die Hände an den Mund legen und ihn anrufen: Gelobt sei Jesus Christus, Herr, wie spät ist es? Zwei Uhr mittags, Hirte; wenn ich nicht so weit entfernt wäre, würde ich dir zurufen, wessen Kühe weidest du da, und du würdest vielleicht zeigen: die Kahle, die Schecke, die Sternige, die Himbeerfarbene, die Färse gehört der Polana Hordubal. Ja, ja Junge, schöne Kühe, eine Freude, sie anzusehen; darfst sie bloß nicht hinunter zum Schwarzbach lassen, dort ist das Gras sauer und das Wasser bitter. Sieh mal an, der Polana Hordubal; nun ja, früher, da hatte sie nur zwei Kühe; und hör mal Junge, hat sie nicht auch ein paar Ochsen? Ach Gott, und was für Ochsen, podolische mit Hörnern wie ausgebreitete Arme; zwei Ochsen, Herr. Und Schafe? Auch Widder, auch Schafe, Herr, aber die weiden dort oben auf der Durna Polonina. Klug und reich ist Polona. Und sie hat keinen Mann? Was winkst du mit der Hand? Hat Polana keinen Gazda? Ach, so ein Dummkopf erkennt einen nicht; beschattet die Augen mit der Hand und glotzt, glotzt wie ein Klotz. Juraj Hordubal fühlt das Herz bis in die Kehle pochen, er muß innehalten und tief atmen, ahah! ahah! Es ist beinahe zuviel für ihn, es ist so plötzlich, er verschluckt sich dabei wie einer, der ins Wasser gefallen ist; auf einmal, auf einmal ist er zu Hause, hat nur einen Schritt über diesen steinigen Wasserriß getan, und schon überflutet es ihn von allen Seiten: ja, dieser Wasserriß war immer da, da war das Schlehengesträuch, auch damals vom Hirtenfeuer versengt; wieder blühen im Geröll Königskerzen, der Weg verliert sich in dürrem Gras und trockenem Quendel, dieser Felsblock da mit Heidelbeeren bewachsen, Enzian, Wacholder und der Waldrand, trockene Kuhfladen und die verlassene Sennhütte; es gibt kein Amerika und es gibt keine acht Jahre mehr; alles ist wie früher, der schimmernde Käfer in einem Distelköpfchen, das glitschige Gras und aus der Ferne die Kuhglocken, der Sattel oberhalb der Krivá, die braune Segge und der Weg nach Hause – – der Weg mit den weichen Schritten des Gebirglers, welcher Opanken trägt und nicht in Amerika gewesen ist, der nach Wald und Kühen duftende Weg, ausgeglüht wie ein Backofen, der Weg talab, der steinige Weg, von den Herden ausgetreten, sumpfig von Quellen, über das Gestein hüpfend, ach, Herrgott im Himmel, ein rechtschaffener Pfad, heftig wie ein Bach, weich vom Gras, über Schotter verbröckelnd, schmatzend in Naß, sich bückend unter den Wipfeln des Waldes: no, sir , kein schlackiger Gehsteig, der unter dem Stiefel knirscht, wie in Johnstown, keine railings , keine Scharen von Männern, die zur mine trotten, kein Mensch zu sehen, kein Mensch, nur der Weg hinunter, der Bach und das Herdengeläute, der Weg nach Hause, der Sturz nach Hause, die Glöckchen der Kälber und blauer Eisenhut am Bachrand – Juraj Hordubal steigt mit langen Schritten talwärts, was gilt ihm der Koffer, was die acht Jahre; hier ist der Weg nach Hause, man läuft von selbst hinunter, so wie die Herde in der Dämmerung heimkehrt mit vollen Eutern, das Bimbam der Kühe und die Glöckchen der Kälber: schön wär's, hier sitzenzubleiben und die Dämmerung abzuwarten, in das Dorf zu kommen mit dem Läuten der Herden, zur Stunde, wenn die Weiber auf die Schwelle hinaustreten und die Männer sich an den Zaun lehnen: seht, seht, wer kommt denn da? Aber ich wie die Herde von der Weide und stracks in das offene Tor hinein. Guten Abend, Polana. Auch ich komme nicht mit leeren Händen zurück. Oder nein, bis zur Dunkelheit warten, bis das liebe Vieh vorbei ist, bis alles im Schlummer liegt; und ans Fenster klopfen, Polana! Polana! Jesus Christus, wer ist da? Ich, Polana, du sollst die erste sein, die mich sieht; gelobt sei Gott. Und wo ist Hafia? Hafia schläft; soll ich sie wecken? Nein, laß sie schlafen. Gelobt sei der Herr. Hordubal schritt noch rüstiger aus. Du mein Gott, es ist leicht zu gehen, wenn einem die Gedanken vorauseilen! Du kannst sie gar nicht einholen, streckst vergeblich die Beine aus: dein Kopf eilt dir voraus und ist schon bei den Vogelbeersträuchern am Dorfrand, husch, Gänse, husch, und schon bist du daheim. Austrompeten solltest du's: seht her, ihr alle, seht ihn euch an, der da kommt, den Amerikaner, tramtara, da guckt man, boys, hallo ! Und nun stille, hier sind wir zu Hause, Polana bricht Flachs auf dem Hof man schleicht sich von hinten heran und hält ihr die Augen zu – Juraj! Wie hast du mich erkannt, Polana? Gott sei gelobt, wie sollt' ich deine Hände nicht erkennen! Hordubal rennt durch das Tal, das Köfferchen in der Hand spürt er nicht, dort ist das ganze Amerika verfrachtet, blaue Hemden, der Manchesteranzug und ein Teddybär für Hafia; und das da, Polana, für dich, Stoff für ein Kleid, wie man's in Amerika trägt, duftende Seife, ein handbag mit Kettchen, und das da, Hafia, ist electric light , du drückst diesen Knopf da und es leuchtet, und hier bring' ich dir Bildchen, aus der Zeitung ausgeschnitten – ach, Mädel, so viele hab' ich gesammelt, acht Jahre hab' ich für dich aufgehoben, was ich nur finden konnte; ich mußte sie drüben lassen, sie gingen nicht mehr in mein suitcase hinein. Aber wart', in dem Koffer dort gibt es noch Dinge! Und hier, gelobt sei Gott, führt schon der Weg über den Bach; kein Eisensteg, sondern nur Steine im Wasser, du mußt von Stein zu Stein springen und die Arme schwingen, eh, Jungens, dort im Erlengesträuch sind wir auf den Krebsfang gegangen, mit aufgekrempelten Hosen und naß bis an die Ohren; und ist noch das Kreuz an der Wegbiegung da? Gelobt sei Jesus Christus, es ist da, geneigt über den Fahrweg, weich vom warmen Staub und duftend von Herde, Stroh und Korn; und da muß schon der Zaun sein von Michaltschuks Garten, und da ist er, verwachsen mit Flieder und Haselnuß wie damals, und umgestürzt, so wie damals; gepriesen sei der Herr, da sind wir schon im Dorf willkommen daheim, Juraj Hordubal. Und Juraj Hordubal hält inne, der Teufel soll wissen, warum das Köfferchen auf einmal so schwer ist, jetzt nur den Schweiß trocknen und, Jesus Maria, warum hab' ich mich nicht am Bach gewaschen, warum hab' ich nicht Rasierklinge und Spieglein aus dem Koffer geholt, um mich am Bach zu rasieren? Ich seh' ja wie ein Zigeuner aus, wie ein Landstreicher, wie ein Bandit, soll ich nicht zurück, um mich zu waschen, bevor ich mich Polana zeige? Aber das geht nicht mehr, Hordubal, man schaut dir zu; hinter Michaltschuks Zaun, hinter dem Klettengraben guckt regungslos und entsetzt ein Kind hervor. Rufst du es an, Hordubal? Sagst, hej du, bist du dem Michaltschuk seins? Und das Kind, mit den nackten Pfoten klatschend, ergreift die Flucht. Soll ich ums Dorf herum gehen, denkt Hordubal, und von hinten ins Haus hinein? Das wär' was, damit sie herauslaufen, he, du dort, wohin schleichst du dich? Marsch auf die Straße, sonst kriegst du eins mit der Peitsche! Was tun, man muß mitten durchs Dorf gehen; ach du mein Gott, wenn der Koffer nicht so drücken wollte! Das Gesicht einer Muhme im Fenster hinter dem Muskattopf, die entsetzten Blicke der Sonnenblumen, eine Frau schüttet im Hof etwas aus, scheint sich mit dem Gefäß umzublicken, Kinder bleiben stehen und glotzen, seht, seht, ein Fremder kommt, der alte Kyril mahlt mit dem Kinn in der Luft und blickt nicht auf, noch ein Stich ins Herz, Gott mit uns, und nun tritt mit gebeugtem Nacken in das Tor deines Heims ein. Ej, du Dummkopf, wie konntest du dich so irren! Das ist ja nicht Hordubals Holzhütte, Holzstall und Balkenscheune; das ist ein richtiger Gutshof, gemauerter Bau und Schindeldach, im Hof eine eiserne Pumpe, eiserner Pflug und eiserne Tore, nun, irgendein Gutshof; flink, Hordubal, mach' dich flink aus dem Staub mitsamt deinem schwarzen Köfferchen, eh' noch der Gazda kommt und sagt: Na, was gaffst du da herum? Guten Tag, Bauer, hat hier nicht Polana Hordubal gewohnt? Bitte um Entschuldigung, Herr, ich weiß nicht, wo ich meine Augen gehabt habe. Aus dem Haus tritt Polana und stockt wie versteinert, die Augen herausgewälzt, preßt die Hände mit aller Macht an die Brust und atmet heftig, stoßweise. III Und jetzt weiß Juraj Hordubal nicht, was er sagen soll: so viele Anfänge hat er sich ausgedacht, wie kommt es, daß keiner hierher paßt? Man hält Polana nicht mit den Händen die Augen zu, pocht nicht nachts an ihr Fenster, kehrt nicht mit dem Herdengeläute und mit Segenswünschen heim; sondern man bricht struppig und ungewaschen hier ein; nun, ist es da ein Wunder, daß die Frau erschrickt? Auch die Stimme würde wunderlich und erstickt aus meiner Kehle kommen – Herrgott, gib mir einen Rat, was man mit so einer menschenunmöglichen Stimme sagen soll. Polana tritt aus der Vorlaube zurück, viel zu weit weicht sie zurück, ach, Polana, ich wäre auch so durchgeschlüpft; und sagt mit einer Stimme, die fast keine Stimme ist, und fast nicht die ihrige: »Komm herein, ich – rufe Hafia.« Ja, Hafia, aber zuvor möchte ich dir die Hände auf die Schultern legen und sagen, nun, Polana, hab' dich nicht gern erschreckt; Gottlob, daß ich wieder daheim bin. Sieh mal an, wie du dich eingerichtet hast: neu ist das Bett und hoch gebettet, der Tisch neu und schwer, an der Wand Heiligenbilder, meiner Treu, Bruderherz, das hat man nicht einmal in Amerika besser; der Fußboden aus Brettern und Muskattöpfe in den Fenstern, gut hast du gewirtschaftet, Polana! Juraj Hordubal setzt sich ganz still auf sein Köfferchen. Klug ist Polana und weiß sich Rat; es sieht so aus, man muß glauben, sie hat zwölf Kühe, zwölf und mehr – Gott sei gelobt, nicht umsonst hab' ich gerobotet; aber diese Hitze in dem shaft , Seelchen, wenn du wüßtest, was für eine Hölle! Polana kommt nicht; Juraj Hordubal spürt eine Beklemmung wie einer, der allein in einer fremden Stube ist. Ich werde im Hof warten, sagt er sich, vielleicht könnt' ich mich mittlerweile waschen. Joj, das Hemd ausziehn und mir das kalte Wasser auf Schultern, Kopf und Haar pumpen, Wasser in Fluten herumspritzen und vor Behagen wiehern! Aber das schickt sich wohl nicht, noch nicht; nur ein wenig Wasser aus der eisernen Pumpe (früher war da eine hölzerne Einfassung und ein Eimer am Waagebalken, und wie feucht und kühl hat es heraufgeweht, wenn man sich über die Einfassung beugte), das hier ist wie in Amerika, dort haben die farmers solche Pumpen (mit gefülltem Eimer in den Stall und die Kühe tränken, bis ihnen die Nüstern vor Feuchtigkeit glänzen und sie geräuschvoll schnauben), nur mit etwas Wasser benetzt er das zerknüllte Taschentuch und reibt Stirn, Hände, Nacken, ach, das kühlt, windet das Taschentuch aus und sucht, wohin er es hängen soll, noch nicht, noch bin ich hier nicht zu Hause, und stopft es naß in die Tasche. »Da hast du den Vater, Hafia«, hört Hordubal, und Polana schiebt ihm ein elfjähriges Mädchen mit verängstigten blaßblauen Augen entgegen: »Also du bist Hafia«, brummt Hordubal verlegen (mein Gott, für so ein großes Kind einen Teddybär!) und will ihr Haar berühren, nur so mit dem Finger, Hafia; aber das Mädchen weicht aus, schmiegt sich an die Mutter und hält die Augen auf den fremden Mann gerichtet. »So grüß' doch, Hafia«, sagt Polana hart und stößt das Mädel in den Rücken. Ach, Polana, laß sie doch – was liegt daran, daß das Kind erschrocken ist! »Guten Tag«, flüstert Hafia und kehrt sich ab. Juraj fühlt plötzlich etwas Seltsames, seine Augen haben sich mit Tränen gefüllt, das Kindergesicht vor ihm zittert und verschwimmt; aber, aber, was ist denn das – eh nichts, das ist nichts, hab' bloß schon so viele Jahre kein »Guten Tag« gehört. »Komm, sieh mal an, Hafia«, sagt er rasch, »was ich dir mitgebracht habe.« »Geh', du Dummerchen«, schubst die Polana. Hordubal kniet bei dem Koffer, Heilige Jungfrau, alles ist unterwegs durcheinander geraten, und sucht die elektrische Batterie, da wird Hafia staunen! »Siehst du, Hafia, hier drückst du auf den Knopf, und es leuchtet.« Na, was heißt das, es will nicht leuchten: Hordubal drückt auf den Knopf, dreht die Batterie hin und her und wird traurig. »Was ist damit passiert? Aha, wahrscheinlich ist es da drinnen ausgetrocknet, dort, wo die Elektrizität ist, – du mußt wissen, es war so heiß auf dem lowerdeck . – Nun ja, es hat so klar geleuchtet, Hafia, wie die liebe Sonne. Aber warte, ich habe dir Bildchen mitgebracht, da wirst du Augen machen!« Hordubal angelt aus dem Koffer die Blätter aus Magazinen und Zeitungen heraus, mit denen er die paar Kleidungsstücke unterlegt hatte. »Komm her, Hafia, sollst sehn, wie Amerika ausschaut.« Das Mädchen dreht sich verlegen und blickt sich nach der Mutter um. Polana deutet trocken und streng mit dem Kopf: geh! Das Kind trippelt ängstlich, ungern zu dem langen fremden Herrn hin – ach, zur Tür hinausschießen und rennen, zur Marica, zur Žofka, zu den Mädchen rennen, die dort am Dorfrand so ein liebes kleines Hündchen in ein Federbettchen packen – »Sieh mal, Hafia, hier diese Damen – und da, schau, wie sie sich prügeln, haha, was? Das ist football , weißt du? So ein Spiel, wie es in Amerika gespielt wird. Und hier die hohen Häuser –« Hafia berührt ihn bereits mit der Schulter und fragt schüchtern: »Und was ist das da?« Freude und Rührung haben Juraj Hordubal überflutet: sieh mal an, das Kind gewöhnt sich schon! »Weißt du ... weißt du, das ist Felix the cat .« »Aber das ist ja eine Katze«, protestiert Hafia. »Haha, natürlich ist es eine Katze! Bist klug, Hafia! Ja, es ist ... so ein amerikanischer Kater, all right.« »Und was macht er denn da?« »Er ... er schleckt ein tin aus, verstehst du? So eine Blechbüchse von Konserven. Das ist das advertisment für die Konserven, weißt du?« – »Und was steht da geschrieben?« »Das ist ... das wird etwas auf Amerikanisch sein, Hafia, das verstehst du nicht; aber hier, schau, die Schiffe«, lenkt Hordubal rasch das Gespräch ab. »Auf so einem bin ich gefahren.« »Und was ist das hier?« »Das sind die Rauchfänge, weißt du? Diese Schiffe haben drinnen eine Dampfmaschine und hinten so einen ... so einen Propeller ...« »Und was steht hier geschrieben?« »Das liest du dir ein andermal durch, du kannst doch lesen, nicht wahr?« weicht Hordubal aus. »Und hier, siehst du, da sind zwei cars zusammengestoßen –« Polana steht in der Vorlaube, die Arme vor der Brust, und blickt mit trockenen, starren Augen in den Hof. Dort hinten in der Stube schmiegen sich zwei Köpfe aneinander, eine langsame Männerstimme bemüht sich zu erklären, was dies und jenes darstelle, »das machen sie halt so in Amerika, Hafia, und das da, schau, das hab' ich selber einmal gesehen«, und dann stockt die Stimme, zögert und brummt: »Geh, Hafia, schau nach, wo die Mutter ist.« Hafia rennt wie erlöst hinaus. »Halt«, hält sie Polana auf, »frag ihn, ob er etwas essen will ... oder trinken.« »Nicht nötig, Seelchen, nicht nötig«, schallt Hordubals Stimme, und er tritt auf die Schwelle. »Lieb von dir, daß du daran gedacht hast, danke vielmals, aber das eilt nicht. Hast wohl was anderes zu tun –« »Arbeit gibt's immer«, bemerkt Polana unbestimmt. »Siehst du, Polana, nun, da siehst du es ja, ich werde dich nicht stören; geh nur deinen Sachen nach, ich werde mittlerweile – nun, ich –« Polana hebt den Blick zu ihm empor, als wollte sie etwas sagen, als wollte sie auf einmal gar viel sagen, so daß es um ihre Lippen zuckt; aber sie schluckt es herunter und geht an ihre Arbeit, denn es gibt immer was zu tun. Hordubal steht in der Tür und blickt Polana nach; soll ich ihr in den Schuppen nachgehen – noch nicht; der Schuppen ist finster, nun, wohl schickt es sich nicht. Acht Jahre, Bruderherz, sind acht Jahre. Ein vernünftiges Weib ist Polana, fällt dir nicht um den Hals wie ein Mädel; du möchtest sie nach dem und jenem fragen, nach dem Feld, nach dem Vieh, aber Gott mit ihr, wenn sie zu arbeiten hat. Immer war Polana so. Arbeitsam, hurtig, klug. Nachdenklich betrachtet Hordubal den Hof. Ein sauberer Hof mit Fingerkraut und Kamillen bewachsen, keine Jauchenrinne fließt über. Was das anbelangt, die Wirtschaft besichtigen – noch nicht, noch nicht; Polana wird schon selber sagen, komm, Juraj, sieh dir an, wie ich gewirtschaftet habe; alles gemauert und eisern, alles neu, soundsoviel hat es gekostet. – Und ich werde sagen: Gut, Polana. Auch ich bringe dir was für die Wirtschaft mit. Gut schafft es Polana; und aufrecht ist sie, aufrecht wie ein junges Mädel, Herrgott, dieser gerade Rücken! Immer hat sie den Kopf so hoch getragen, schon als Mädchen – Hordubal seufzte und kratzte sich am Hinterkopf; wohlan, Polana, es geschehe nach deinem Willen; acht Jahre bist du deine eigene Herrin gewesen, das läßt sich nicht einfach übers Knie brechen; wirst selber sagen, gut ist ein Mann im Haus. Nachdenklich betrachtet Hordubal den Hof. Alles ist anders und neu, alles ist Polana wohlgeraten; aber der Dünger, meiner Treu, der Dünger will mir nicht gefallen; das ist kein Viehmist; das ist Stalldünger. An der Wand zwei Kummete, auf dem Hof Pferdeäpfel – Polana hat gar nicht erwähnt, daß sie Pferde hat; aber, hör mal, Pferde, das ist doch nichts für ein Weibsbild. In den Stall gehört ein Mann, so ist es. Hordubal runzelt besorgt die Stirn: ja, das ist ein Hufschlag gegen den Bretterverschlag; ein Pferd scharrt mit dem Huf, vielleicht will es trinken; ich könnte ihm Wasser im Leinwandeimer bringen, aber nein: erst wenn Polana sagt, komm Juraj, sieh dich auf unserer Wirtschaft um. In Johnstown hatte man Pferde dort unten in den Stollen; ich ging immer hin, um sie am Maul zu tätscheln – weißt du, Polana, Kühe gab's dort nicht; so eine Kuh am Horn packen und ihr den Kopf rütteln – na – na – na, Alte, heda! heda! Aber ein Pferd – nun, gottlob, wirst jetzt einen Mann hier haben. Aber jetzt fing etwas Bekanntes und Altes zu duften an, etwas, das hier seit der Kindheit geduftet hatte. Hordubal schnuppert lange und dankbar: Holz, der Pechduft von Holz, der Geruch von Fichtenscheiten in der Sonne. Juraj zieht es zu dem Holzhaufen hin, wohl tut der rauhen Hand die rauhe Rinde, da ist auch der Block mit eingerammter Axt, Holzbock und Säge, seine alte Säge, von seinen Pranken geglättet. Hordubal atmet tief auf, heil wiedergekehrt und schön willkommen daheim, er zieht den Rock aus und rammt einen Klotz in die festen Arme des Bocks. Verschwitzt und glücklich schneidet Juraj Holz für den Winter. IV Juraj richtet sich auf und trocknet den Schweiß. Ja, das ist wahrlich eine andere Arbeit und ein anderer Duft als dort unten im pit ; feines, pechiges Holz hat Polana, keine Baumklötze, kein Dürrholz, Entengeschnatter, schreiend watscheln Gänse vorüber, ein Wagen rattert im Galopp heran und biegt triumphierend in das Gäßchen. Polana kommt aus dem Schuppen gelaufen und eilt, eilt (ach, Polana, du trabst ja wie ein Mädchen), reißt das Hoftor weit auf. Wer ist denn das, wer kommt denn da zu uns hereingefahren? Ein Peitschenknall, hüh, hoch fliegt goldener, warmer Staub, in den Hof rast ein Gespann, ein Leiterwagen rasselt und auf ihm steht fein nach magyarischer Art ein Mann, hält die Zügel hoch, hoch singt er: brr, springt vom Wagen herunter und schlägt die Pferde mit der flachen Hand auf den nassen Hals. Vom Tor nähert sich Polana, bleich und gleichsam entschlossen: »Das ist Stefan, Juraj, Stefan Manya.« Der über die Stränge gebeugte Mensch richtet sich heftig auf und wendet sich gegen Juraj. Wie schwarz du bist, wundert sich Hordubal. Herrgott, so ein Rabe! »Er hat hier als Knecht gedient«, ergänzt Polana hart und deutlich. Der Mann murmelt etwas und bückt sich über die Stränge, hakt die Pferde von der Deichsel los und führt sie heraus, er hält beide mit der einen Hand am Maul und reicht die andere unvermittelt Hordubal. »Willkommen daheim, Bauer.« Hordubal wischt rasch seine Hand an der Hose ab und reicht sie Stefan; er fühlt sich verwirrt und irgendwie sehr geschmeichelt, wird ganz verlegen, brummt etwas und schüttelt Stefan noch einmal auf amerikanische Art die Hand. Stefan ist nicht groß, aber stramm; er reicht Juraj nur bis zu den Schultern, schaut ihm aber dreist und brennend in die Augen. »Schöne Pferde«, brummt Hordubal und will ihnen über die Nüstern streichen; aber die Pferde bäumen sich und beginnen zu tanzen. »Achtung, Herr«, warnt Manya und in seinen Augen blitzt es spöttisch auf. »Es sind Ungarrösser.« O du Schwarzer, meinst wohl, ich kenne mich nicht mit Pferden aus? Naja, wahrlich nicht, aber die Pferde werden sich an den Gazda gewöhnen. Die Pferde reißen die Köpfe hoch, gleich werden sie ausschlagen: die Hände in die Taschen, Hordubal, und nicht gezuckt, sonst glaubt der Schwarze gar, du fürchtest dich. »Das ist ein Dreijähriger«, sagt Manya, »von einem Militärhengst, o-o-oj«, und er zerrt das Pferd am Maul, »c-c-c! Geh, du Teufel! Ajda!« Das Pferd schleppt ihn hin und her, aber Stefan lacht nur; Polana tritt zu dem Pferd und reicht ihm ein Stück Brot. Stefan blitzt sie mit Zähnen und Augen an und hält das Pferd an der Zaumkette fest. »Ej, du! S-s-s!« Es sieht aus, als würde er das Pferd in den Boden rammen, die Anstrengung zischt ihm durch die Zähne; das Pferd steht mit herrlich gerecktem Hals da und schnappt mit den Lippen nach Polanas Hand. »Hüh«, ruft Manya und trabt mit den Pferden, an ihren Köpfen hängend, in den Stall. Polana schaut ihnen nach. »Vier Tausender bietet man für den Hengst«, sagt sie lebhaft, »aber ich gebe ihn nicht her, Stefan sagt, acht ist er wert. Die Stute werden wir im Herbst beschälen –« Na, weiß der Teufel, warum sie plötzlich stockt, als habe sie sich in die Zunge gebissen. »Muß ihnen das Futter bereitstellen«, sagt sie und zögert, weiß nicht, wie wegzugehn. »So, so, das Futter«, nickt Juraj. »Ein feines Pferdchen, Polana; und zieht es auch gut?« »Der ist für den Wagen zu schade«, sagt Polana gereizt. »Das ist kein Bauernpferd.« »Nun eben«, zwingt sich Hordubal zu sagen. »Wahr, es wär' schade darum, so ein Kerl. Schöne Pferde hast du, Seelchen, eine Freude, sie anzusehn.« Da tritt schon Manya mit zwei Leinwandeimern aus dem Stall, um Wasser zu holen. »Achttausend kriegt man für den, Bauer«, sagt er zuversichtlich. »Und die Stute sollte man im Herbst beschälen lassen. Ich hab' einen Hengst für sie versprochen, ej, einen Satan!« »Brutus oder Hegüs?« wendet sich Polana auf halbem Weg um. »Hegüs. Brutus ist zu schwer.« Manya zeigt die Zähne unter dem schwarzen Bärtchen. »Ich weiß nicht, wie Ihr es haltet, Bauer, aber ich gebe nicht viel auf schwere Pferde. Kraft haben sie, aber kein Blut, Herr. Kein Blut.« »Nun ja«, sagt Hordubal unsicher. »Es ist schon so mit dem Blut. Und die Kühe, wie steht's damit, Stefan?« »Kühe?« staunt Stefan. »Aha, Ihr meint die Kühe. Ja – ja, die Bäuerin hat zwei Kühe, wegen der Milch, sagt sie. Ihr seid noch nicht im Stall gewesen, Herr?« »Nein, ich – weißt du, ich bin vor einer Weile gekommen«, sagt Hordubal und wird verlegen; je nun, der Haufen Schnittholz läßt sich nicht ableugnen; aber gleichzeitig freut es ihn, daß er Stefan so glücklich zu duzen begonnen hat, wie ein Gazda den Knecht. »Ja«, sagt er, »eben wollte ich hin.« Stefan führt ihn dienstfertig, die Wassereimer tragend. »Wir haben dort – die Bäuerin hat dort ein neues Füllen, drei Wochen alt, und eine trächtige Stute; es sind zwei Monate her, da war sie beim Beschälen. Da hinein, Herr. Der Wallach da ist schon halb verkauft, zweieinhalbtausend, Herr. Ein gutes Roß, aber ich muß den Dreijährigen einspannen, der braucht das Laufen. Er will nicht stehen.« Manya bleckt wieder die Zähne. »Der Wallach kommt zum Militär. Alle Pferde von uns sind zum Militär gegangen.« »Ja, ja«, sagt Juraj. »Nun, sauber hast du's hier. Und du, Stefan, bist beim Militär gewesen?« »Bei der Kavallerie, Herr«, Manya zeigt seine Zähne und tränkt den Dreijährigen. »Seht doch, Bauer, dieser trockene Kopf, dieser Hintern – eida! na also, c-c-c, – Vorsicht, Herr! och, so ein Räuber«, sagt er und schlägt das Pferd mit der Faust auf den Hals. »Ach, Herr, das ist ein Pferd!« Hordubal fühlt sich nicht heimisch in der scharfen Ausdünstung des Pferdestalls; ja, Bruder, da riecht ein Kuhstall ganz anders, nach Mist und Milch, nach Weide und Heimat – »Wo hast du das Füllen?« fragt er. Das Füllen ist noch kraushaarig und saugt gerade, man sieht nichts wie lauter Beine; die Stute wendet den Kopf und die klugen Augen Hordubal zu: Na, wer bist denn du? Juraj taut auf und streichelt den Schenkel der Stute; er ist warm und glatt wie Samt. »Eine gute Stute«, sagt Stefan, »aber schwer. Die Bäuerin will sie verkaufen – Ihr wißt ja, Herr, ein Bauer kann die Pferde nicht bezahlen, und beim Militär wollen sie nur heißes Blut. Kühle Pferde bewähren sich nicht. Besser ein gleichartiger Stall«, meint Stefan. »Ich weiß nicht, wie Ihr darüber denkt, Herr –« »Nun, Polana versteht sich darauf«, brummt Hordubal schwankend. »Und Ochsen, Ochsen hat Polana keine?« »Wozu Ochsen, Herr?« sagt Manya verächtlich. »Fürs Feld genügt die Stute und der Wallach – Fleisch wird schlecht bezahlt. Da wäre schon eine Bagaunerzucht besser – habt Ihr gesehen, was für einen Eber die Bäuerin hat? Sechs Säue und vierzig Spanferkel. Spanferkel finden immer ihre Käufer, von weither kommen die Schweinehändler zu uns. Säue wie die Elefanten, schwarzer Rüssel, schwarze Hufe –« Hordubal nickt bedenklich: »Und die Milch – wo schafft ihr die Milch für sie her?« »Von den Bauern, bitte schön«, lacht Manya. »Eh du, möchtest unsern Eber auf deine schmutzige Sau hetzen? So ein verläßliches Eberchen gibt's in der ganzen Gegend nicht. Wieviel Kannen Milch, wieviel Sack Kartoffeln gibst du dafür? – Je nun, Herr, überflüssig, sich hier zu schinden. Gar weit zur Stadt, schlechter Verkauf. Dummes Volk, Herr. Züchtet alles nur fürs eigne Maul. Die sollen nur hergeben, wenn sie nicht zu verkaufen verstehen.« Hordubal nickt unbestimmt. Wahr, wahr, wenig hat man hier verkauft, höchstens noch Gänse und Hühner. – Nun ja, das da ist halt eine andere Welt; Polana weiß sich Rat, alles was recht ist. »Man soll weit verkaufen gehn«, räsoniert Stefan, »und nur das, was sich lohnt. Wer würde mit einem Klumpen Butter auf den Markt laufen? Man sieht's dir an der Nase an, daß du nichts hast, nun, so laß halt etwas nach oder scher dich zum Teufel.« »Und wo bist du her?« staunt Juraj. »Von da unten, aus Rybáry, kennt Ihr es, Herr?« Hordubal kennt es nicht, aber er nickt: so, so, aus Rybáry; was würde so ein Gazda nicht kennen? »Eine andere Gegend, Herr, reich, und was für eine Ebene! Zum Beispiel unser Sumpf – die ganze Krivá ginge dort hinein wie ein Schnappmesser in die Tasche; und das Gras, Herr, Gras bis an die Brust.« Manya macht eine geringschätzige Geste. »Ech, eine lausige Gegend hier, man ackert und dreht nur die Steine herum. Bei uns, wenn man einen Brunnen gräbt, gibt's lauter schwarze Erde.« Hordubal schaut finster auf. Was weißt denn du, du Tatare, – ich, ich habe hier geackert und Steine gewendet; aber dafür diese Wälder, Herrgott im Himmel, und diese Weiden! Mißmutig verläßt Juraj den Stall. Lausige Gegend, hat er gesagt – warum, zum Teufel, schleichst du dich dann hier ein? Geht es hier etwa den Herden schlecht? Nun, Gott sei gelobt, jetzt eben ist die Stunde der Herden; schon klingeln sie drunten im Tal und läuten am Dorfrand den Abend ein; heisere, tiefe und langsame Glocken, langsam wie der Gang der Kühe; nur die hohen Glöckchen der Kälber beeilen sich kopfüber – nu, nu, auch du wirst mal eine Kuh und wirst ernst und schwer einherschreiten wie die Herde, wie wir. Das Herdengeläute nähert sich und Juraj möchte den Hut abnehmen wie beim Abendläuten, Vater unser, der Du bist im Himmel; wie ein Strom wälzt sich das Läuten heran, teilt sich in schwere Tröpfchen, ergießt sich über das ganze Dorf; eine Kuh um die andre trennt sich von der Herde ab und trottet ihrem Stall zu, Duft von Staub und Milch, Bimbam im Tor, und mit nickenden Köpfen treten zwei Kühe in Hordubals Hof, Tiere, weise und friedlich, und schreiten auf die Stalltür zu. Hordubal atmet tief auf: nun, auch ich bin schon daheim, gelobt seist Du, o Herr; das ist die Heimkehr. Das Abendgeläute der Herden zerstreut sich im Dorf und verklingt, eine Fledermaus jagt im Zickzack auf den Spuren der Kühe die Fliegen, guten Abend, Gazda; aus dem Stall meldet sich mit gedehntem Muhen eine Kuh. Nu, nu, ich komm schon. Im Finstern betritt Juraj den Stall, befühlt die Hörner, die harte und zottige Stirn, das feuchte Maul und die Nüstern, die weich gefältelte Haut am Hals; ertastet Blechtopf und Dreibein, setzt sich zu dem vollen Euter und melkt Zitze um Zitze, bis die Milch in den Blechtopf rinnt; dünn und halblaut beginnt Juraj zu singen. In der Stalltür wird eine dunkle Gestalt sichtbar. Hordubal singt nicht weiter. »Ich bin's, Polana«, brummt er entschuldigend. »Damit das Vieh sich an mich gewöhnt.« »Kommst du zum Abendessen?« fragt Polana. »Wenn ich gemolken habe«, sagt Hordubal aus dem Dunkel. »Stefan wird mit uns essen.« V Juraj Hordubal setzt sich ans Ende des Tisches, faltet die Hände und spricht ein Gebet. So soll es sein, wenn du jetzt der Gazda bist. Polana preßt die Lippen zusammen, die Hände gefaltet, Hafia macht große Augen und weiß nichts anzufangen, Stefan blickt düster und verbohrt zu Boden – ach ihr, habt ihr denn nicht gebetet, Polana? Nun ja, Stefan wird wohl einen anderen Glauben haben, aber bei Tisch ist es schicklich, zu beten. Sieh da, sie sind verstimmt, essen rasch und schweigsam. Hafia stochert nur so im Teller herum. – »Hafia, iß«, befiehlt Polana trocken, ißt aber selber kaum einen Bissen; bloß Stefan schlürft laut, über den Teller gebeugt. Nach dem Essen möchte Manya auf und davon. »Bleib noch, Stefan«, fordert ihn Hordubal auf »Was ich sagen wollte – wie ist heuer die Ernte?« »Das Grummet war gut«, weicht Manya aus. »Und das Korn?« Polana wirft Stefan einen raschen Blick zu. »Das Korn«, sagt Manya gedehnt. »Ja, die Bäuerin hat nämlich die Felder dort oben verkauft. Hat nicht die Arbeit gelohnt, Herr. Lauter Steine.« Hordubal fährt zusammen. »Lauter Steine«, brummt er, »wohl wahr, lauter Steine; aber ein Feld, Polana, ist ja die Grundlage –« Stefan zeigt selbstsicher die Zähne. »Es hat nichts getragen, Herr. Besser sind Wiesen am Fluß. Dort ist Kukuruz gewachsen, hoch wie ein Mann.« »Am Fluß«, staunt Hordubal, »du hast Boden in der Ebene gekauft, Polana?« Polana will etwas sagen, schluckt es aber hinunter. »Herrschaftliche Wiesen, Herr«, erläutert Manya. »Ein Boden wie eine Tenne, tief Rübenboden. – Aber Rübe wird schlecht bezahlt. Alles wird schlecht bezahlt, Herr. Lieber auf Pferde setzen: wenn ein Pferd richtig gedeiht, kriegt man mehr Geld dafür als für ein Jahr Bauernrobot. Noch ein Stück Ebene dazu kriegen und dort Stallungen bauen –« Stefans Augen blitzen. »Das Pferd gehört in die Ebene, Herr. Das Pferd ist keine Ziege.« »Der Gutsherr möchte die Wiesen verkaufen«, bemerkt Polana nachdenklich und berechnet laut, was sie kosten würden; aber Hordubal hört nicht zu, Hordubal denkt an die Korn- und Kartoffelfelder, welche Polana verkauft hat. Nun ja, lauter Steine, aber hat es dort nicht seit jeher Gestein gegeben? Das gehört nun einmal zu unsrer Arbeit, Kamerad. Zwei Jahre, bevor ich weggefahren bin, hab' ich ein Stück Brachland in ein Feld umgewandelt – eh, was weißt du von Bauernrobot! Hafia hat sich zu Stefan geschlichen und den Arm um seine Schulter gelegt. »Onkel Stefan«, flüstert sie. »Was gibt's?« lacht Manya. Die Kleine windet sich verschämt: »Ach, nur so.« Stefan nimmt sie zwischen die Knie und schaukelt sie. »Na also, Hafia, was wolltest du sagen?« Hafia flüstert ihm ins Ohr: »Du, Onkel Stefan, ich hab' heut' so ein schönes Hündchen gesehn!« »Aber geh«, staunt Manya mit wichtiger Miene. »Und ich hab' eine Häsin mit drei jungen Häslein gesehn.« »O je«, staunt Hafia, »wo?« »Im Klee.« »Und du wirst sie im Herbst erschießen?« Stefan mit schrägem Blick auf Hordubal: »Na, ich weiß nicht.« Ein braver Mensch, denkt Juraj erleichtert, das Kind hat ihn gern, zu mir käme sie nicht so. Ach was, das Kind wird sich gewöhnen; aber daß sie die Bildchen gar nicht erwähnt hat, die ich ihr aus Amerika mitgebracht habe. Ich sollte dem Stefan etwas geben, fallt es Hordubal ein, und er sucht mit den Augen seinen Holzkoffer. »Deine Sachen sind auf dem Bänkchen geordnet«, sagt Polana – immer war sie so fürsorglich, denkt Juraj, und geht mit ernster Miene auf das Häuflein Amerika zu. »Also, das ist für dich, Hafia, die Bildchen und hier der Teddybär –« »Was ist das, Onkel?« haucht Hafia. »Das ist ein Bär«, erklärt Manya. »Hast du schon einmal einen lebenden Bären gesehen? Dort hinten in den Bergen gibt es welche.« »Und du hast sie gesehn?« drängt Hafia. »Nu freilich, sie machen brumbrum.« »Das hier, Polana, ist für dich«, murmelt Hordubal zaghaft. »Es sind Dummheiten, nun, aber ich hab' nicht gewußt, was ...« Juraj wendet sich ab und kramt herum, welche von seinen Sachen er wohl für Manya auswählen solle. »Und das da, Stefan«, sagt er verlegen, »könnte vielleicht für dich passen: ein amerikanisches Messer und ein Pfeifchen aus Amerika –« »Ach, du«, stößt Polana mit erstickter Stimme hervor, Tränen füllen ihre Augen, und sie eilt hinaus – na, Polana, was gibt's? »Danke höflich, Herr«, verneigt sich Manya, läßt alle Zähne sehen und reicht Juraj die Hand. Ei du, welche Kraft in deiner Hand! War' wohl der Mühe wert, sich mit dir zu messen. Na, Gott sei gelobt, atmet Hordubal auf das wäre überstanden. »Laß mich das Messer sehn, Onkel«, bettelt Hafia. »Da schau her«, rühmt Stefan, »das ist ein Messer bis aus Amerika; damit werd' ich dir eine amerikanische Puppe schnitzen, willst du?« »Ach ja, Onkel«, jauchzt Hafia, »aber bestimmt!« Juraj lacht breit und selig. VI Aber noch ist nicht alles erledigt, Juraj weiß, was sich schickt. Wenn man aus Amerika zurückkommt, muß man sich in der Schenke zeigen, die Nachbarn begrüßen und Branntwein offerieren: soll doch ein jeder sehen, daß man nicht mit leerem Beutel und nicht mit Schande heimgekehrt ist. Hej, Wirtshaus! Für jeden ein Gläschen und gut eingeschenkt, kennst wohl den Hordubal nicht und bin ich nicht ein miner aus Amerika? Das ganze Dorf soll wissen, wer da heimgekommen ist, ej, laßt uns hingehn, den Hordubal ansehn, – Frau, Rock und Hut her – – »Ich bin bald wieder zurück, Polana, geh nur schlafen und warte nicht«, redet ihr Juraj zu und marschiert breitbeinig und großartig durch das schwarze Dorf auf die Schenke zu. Nach wie vielen Dingen duftet das Dorf: nach Holz und Kühen, Stroh und Heu, und dies ist der Geruch der Gänse, und das duftet nach Kamillen und Brennesseln. In der Schenke ist nicht mehr der alte Salo Berkowitsch, ein fuchsroter Jude erhebt sich vom Tisch und fragt mißtrauisch: »Der Herr wünscht?« Einer sitzt im Winkel, wer könnte das sein, es könnte Pjosa sein, meiner Treu, Andrej Pjosa, genannt der Husar, glotzt Juraj an, als wollte er schreien: Bist du's, Juraj? Und ob ich's bin, Andrej Husar, wie du mich hier siehst. Nun, Pjosa hat nicht geschrien, er starrt; und Hordubal, um zu zeigen, daß er ein Hiesiger ist: »Wirt, lebt der alte Berkowitsch noch?« Der sommersprossige Jude stellt ein Gläschen Schnaps auf den Tisch. »Sechs Jahre ist es her, seit man ihn begraben hat.« Sechs Jahre? ech, Pjosa, eine lange Zeit; was bleibt von einem Menschen übrig nach sechs Jahren – und was nach acht Jahren? Acht Jahre, Schankwirt, hab' ich keinen Branntwein getrunken; ach Gott, manchmal hätt' ich ihn trinken mögen – den Kummer ersaufen, auf die Fremde spucken, weißt du? Aber sie haben den Branntwein verboten in Amerika. So hab' ich wenigstens der Polana mehr Dollars geschickt; und weißt du, Pferde hat sie gekauft und die Felder verkauft. Lauter Gestein, sagt sie. Und du, Husar, du hast die Felder nicht verkauft? Nun ja, man sieht, du bist nicht in Amerika gewesen. Der Jude steht hinterm Pult und starrt Juraj an. Soll ich mich mit ihm in ein Gespräch einlassen? denkt der Jude. Gesprächig ist er wohl nicht, er schaut so so drein, werde mich lieber nicht mit ihm einlassen; welcher von den Hiesigen könnte es denn sein? Matwjej Pagurka hat einen Sohn irgendwo, vielleicht ist es Matwjejs Sohn; oder wäre es etwa Hordubal, der Mann der Polana Hordubal, der, was in Amerika ist – Juraj hat mit den Augen geblinzelt. Der Jude wendet sich ab, er muß die Gläser auf dem Pult in Ordnung bringen; und was ist mit dir, Pjosa, warum versteckst du immer die Augen unter den Brauen? Soll ich dich beim Namen rufen? Das ist nun mal so, Andrej Pjosa: der Mensch gewöhnt sich gleich das Reden ab, sein Mund wird hölzern, aber – nun ja, selbst ein Pferd, selbst eine Kuh will ein menschliches Wort hören. Wahr doch, Polana war immer so still, und acht Jahre machen das Reden nicht leicht, die Einsamkeit lehrt nicht sprechen; ich weiß ja selber nicht, wo anfangen; fragt sie nicht – so sag' ich nichts, sagt sie nichts – so will ich nicht fragen. Ach was, Stefan ist ein guter Knecht, selbst das Reden besorgt er für die Bäuerin. Die Felder hat die Bäuerin verkauft, eine Pußta in der Ebene hat sie sich gekauft, und fertig. Hordubal trinkt und wackelt mit dem Kopf; das Luderzeug brennt, aber man wird sich daran gewöhnen. Stefan – scheint ein guter Junge zu sein; kennt sich in Pferden aus und hat Hafia gern; und was Polana anbelangt – auch die Frau wird sich gewöhnen, und es wird von selber kommen, was kommen soll. Eh, Pjosa, wie steht's mit der Deinigen – ist sie manchmal wunderlich? Nun, wirst sie halt verprügeln, aber Polana, die ist – wie eine Edelfrau, Andrej: so ist's. Klug ist sie, fleißig und sauber – Gott sei gelobt. Ei wahr, doch wunderlich ist sie. Und hält sich, Bruderherz, wie keine andre im ganzen Ort. Ich versteh's nicht mit ihr, Husar. Wie der Wind hätte ich ins Haus fahren sollen und sie herumwirbeln, daß ihr die Puste ausgegangen wäre. So wird's gemacht, Andrej. Aber ich – siehst du, es ging nicht: erschrocken ist sie, als wär' ich ein Gespenst. Und Hafia ist auch irgendwie erschrocken. Du auch, Pjosa. Nun, da habt ihr mich, was kann ich tun? Wenn das Eis nicht birst, so schmilzt es langsam. Dein Wohl, Andrej! Andrej Pjosa, genannt der Husar, steht auf und geht zur Tür, als hätte er nichts gesehen; in der Tür dreht er sich um, schießt einen Blick zurück und stottert: »Willkommen daheim, Juraj!« Was bist du für ein Sonderling, Husar; als wenn du dich nicht zu mir setzen könntest – sollst nicht meinen, daß ich als Bettler heimgekehrt bin: ich hab' gute paar hundert Dollar – nicht einmal Polana weiß es noch. Sieh mal, Pjosa hat mich erkannt; nun denn, von selbst ist's gekommen, von selbst wird auch das übrige kommen, freut sich Hordubal; Jude, schenk mir noch eins ein! Die Tür fliegt auf und ein Kerl kommt hereingestürmt wie Hochwasser – aber das ist ja Wasil Geritsch Wasilu, der beste Kamerad; ein Blick nur und schon auf den Tisch zu. Wasil! Juraj! Kratzen tut so ein Männerkuß und nach Tabak stinken, aber gut ist er, ech, du, Wasil! »Willkommen, Juraj«, sagt er irgendwie besorgt, »und sag, wieso bist du gekommen?« »Und sag, du Esel, hätte ich dort sterben sollen?« lacht Hordubal. »Je nun«, sagt Geritsch ausweichend, »den Bauern geht's jetzt nicht gut. Gesund, was? Gott sei bedankt, wenigstens für das.« Wunderlich bist du, Wasil, sitzt nur auf dem halben Hintern und schüttest das Gläschen ritsch ratsch in dich hinein. Was gibt's Neues? Nun, der alte Kekertschuk ist gestorben, in der Karwoche, Gott schenk' ihm die ewige Ruhe, und am Sonntag hat der junge Horolenko die Tochter vom Michaltschuk geheiratet; im vorigen Jahr hat uns der Teufel die Klauenseuche beschert ja, Juraj, mich hat man hier zum Dorfschulzen gemacht, Biro bin ich, hab' lauter Ärger davon, das kannst du dir denken. – Das Gespräch stockt, Wasil Wasilu weiß gleichsam nicht, was er erzählen soll; er erhebt sich und hält Juraj die Pranke hin: »Gott helf dir, Juraj; ich muß schon gehen.« Juraj lächelt und dreht das Glas in den schweren Fingern. Wasil ist nicht mehr so wie früher, ach, Herrgott im Himmel, was hat der saufen können, daß die Fenster klirrten; aber er ist gekommen und hat mich geküßt – der Kamerad. Gott helf dir, Juraj; was hast du denn, steht es mir vielleicht an der Nase geschrieben, daß mir die Heimkehr nicht gelungen ist? Wahrlich nicht gelungen, aber das kommt noch; langsam, langsam werde ich heimkehren, jeden Tag ein Stückchen näher, und sieh da, auf einmal werde ich zu Hause sein. Ich hab' Geld, Wasil; kann mir ein Feld kaufen, und Kühe, zwölf Kühe, wenn ich will; werde sie selber auf die Weide treiben, meinetwegen bis nach Volov Chrbat, mit zwölf Glöckchen werden sie am Abend läuten, und Polana wird flink gelaufen kommen und das Tor aufmachen, wie ein Mädel. – In der Schenke herrscht Stille, der Jude schlummert hinterm Pult, nun, so eine Einsamkeit tut wohl; der Kopf dreht sich, dreht sich, aber das bringt Ordnung in die Gedanken, Kamerad. Im Schritt und langsam heimkehren, wie eine Herde heimkehrt; oder aber wie ein Gespann herantoben, im Sturm in den Hof rasen, daß die Funken stieben – hoch dastehen, hoch die Zügel halten und herunterspringen – da bin ich, Polana, und jetzt laß ich dich nicht los; hoch auf meinen Händen trag' ich dich nach Hause und drücke dich fest an mich, daß dir der Atem vergeht. Zart bist du, Polana. Acht Jahre, acht Jahre habe ich an dich gedacht; und erst jetzt komme ich zu dir. Hordubal beißt die Zähne aufeinander, seine Gesichtsmuskeln schwellen an. Hüh, wilde Rösser, hüh! Polana soll sehen – ihre Knie werden beben vor Schrecken und Freude, sie soll sehen: der Mann kommt zurück. VII Betrunken geht Hordubal durch die Mondnacht, betrunken, denn er ist den Branntwein nicht gewohnt, denn er ist solche Gedanken nicht gewohnt, denn er geht zu seiner Frau. Was blickst du so eisig drein, Mond, – geh' ich etwa nicht leise genug, so leichtfüßig, daß ich nicht einmal den Tau von den Grashalmen streifen würde? Heda, Hundevolk im ganzen Ort, hier geht Juraj Hordubal, nach acht Jahren kehrt der Mann heim, die Arme im Bogen ausgebreitet, um sein Weib hineinzunehmen: so, nun hab' ich beide Arme voll von dir, und auch das ist noch zu wenig, in den Mund möcht' ich dich nehmen, dich mit den Knien pressen, zwischen den Fingern möcht ich dich spüren, Polana, Polana! Und was schaust du mich so frostig an, du? Es ist wahr, ich bin betrunken, weil ich mir Kurasche angetrunken habe, weil ich mich kopfüber nach Hause stürzen will; die Augen schließen, die Arme schwenken und kopfüber springen – – hier hast du mich, Polana, da und da und da, überall, wo deine Hände sind, deine Beine, dein Mund; oh, wie groß du bist, wieviel von dir vom Kopf bis zu den Fersen, wann nehme ich dich ganz auf! Hordubal geht durch die Mondnacht und zittert am ganzen Körper. Nicht rufen würdest du, kein Wort sprechen in dieser Mondnacht, wirst kein Rad schlagen auf dieser glatten Fläche; leise, leise, dieser lichte Schatten bist du, nenne meinen Namen nicht, ich bin's; so stille halte ich dich, so wie ein Baum wächst; und ich schlage kein Rad auf dieser glatten Fläche, ich sage kein Wort, atme nicht aus; ach Polana, man könnte einen Stern fallen hören. Aber nein, zu uns scheint der Mond nicht herein, bei uns kühlt nicht der Mond; er leuchtet über dem schwarzen Wald, und bei uns ist es dunkel; du mußt im Finstern mit den Händen tasten und findest die Frau, schläft sie – schläft sie nicht, du siehst sie nicht und doch ist's hier voll von ihr, leise lacht sie dich an und macht dir Platz; wie soll so ein Riesenkerl denn hier Platz finden, du bist zu groß, du mußt dich zwischen ihre Arme pressen; und sie flüstert dir etwas ins Ohr, du weißt nicht was – die Worte sind kalt, aber warm ist das Flüstern und dunkel, das Dunkel wird noch dichter davon, so dicht und schwer, daß du es mit den Fingern fühlst, und es ist die Frau, das Haar da, die Schultern da, und sie atmet, zischt durch die Zähne, atmet dir dunkel ins Gesicht – ach, Polana, stammelt Hordubal, o du! Leise öffnet Juraj die Pforte in den Bauernhof und erbebt. In der Vorlaube sitzt Polana im Mondlicht und wartet. »Du, Polana«, murmelt Hordubal und sein Herz setzt aus. »Warum schläfst du nicht?« Polana schüttelt sich vor Kälte. »Ich erwarte dich. Wollte dich etwas fragen – im vorigen Jahr haben wir für ein Paar Pferde siebentausend bekommen; also, was – was hältst du davon –« »Nun ja«, meint Hordubal zögernd. »Gut ist es, warum denn nicht, wollen morgen darüber reden –« »Ich möchte jetzt«, sagt Polana hart. »Deswegen warte ich. Ich will nicht mehr den Kühen dienen ... mich auf dem Feld rackern ... nein, ich will nicht!« »Das wirst du nicht«, sagt Hordubal und sieht auf ihre Hände, wie sie weiß im Mondlicht glänzen. »Jetzt bin ich da, um zu arbeiten.« »Und Stefan?« Juraj schweigt, seufzt auf warum gerade jetzt davon sprechen? »Nun«, brummt er, »es wird hier nicht genug Arbeit geben für zwei.« »Und die Pferde?« wendet Polana hurtig ein. »Jemand muß bei den Pferden sein, und du verstehst dich auf Pferde nicht –« »Das ist wahr«, weicht Hordubal aus. »Ah was, es wird schon irgendwie gehen.« »Ich will es wissen«, drängt Polana und ballt die Fäuste. Oh du, wie heftig du bist! »Wie du willst, Polana, wie du willst«, hört Juraj seine eigene Stimme. »Stefan bleibt, Herzchen ... Du sollst wissen, ich bringe Geld nach Hause ... Alles werde ich für dich tun.« »Stefan kennt sich in den Pferden aus«, hört Hordubal, »so einen findest du nicht gleich. Fünf Jahre dient er hier –« Polana erhebt sich, seltsam bleich im Mondlicht. »Gute Nacht. Geh leise, Hafia schläft.« »Was – was willst du – wohin gehst du?« staunt Hordubal. »Auf den Dachboden, schlafen. Du schläfst in der Stube, du bist – der Gazda.« Etwas Hartes, etwas Böses ist in Polanas Gesicht. »Stefan – schläft im Pferdestall.« Regungslos sitzt Hordubal in der Vorlaube und starrt in die Mondnacht. So, so. Der Kopf will nicht denken, ist wie hölzern. Und was sitzt mir da im Hals, daß ich es nicht herunterschlucken kann? Du schläfst in der Stube, du bist der Gazda. So ist es. Irgendwo fern bellt ein Hund, im Stall rasselt die Kette einer Kuh. Du schläfst in der Stube. Eh, der stumpfsinnige Schädel! So sehr man ihn auch schüttelt, es macht nichts aus, gar nichts – starr bleibt er. Also, der Gazda. Dies alles ist dein, Gazda, diese weißen Mauern, der Hof alles: was bist du für ein Herr, hast eine ganze Stube für dich, kannst dich allein in dem Bett breitmachen – je nun, der Gazda! Und was ist das, daß ich nicht aufstehn kann, daß mein Kopf so stumpf ist das ist vielleicht der Schnaps, Holzspiritus hat mir der rothaarige Jude eingeschenkt, aber bin ich nicht wie im Tanz aus der Schenke gegangen? Also in der Stube. Da will Polana wohl den Gazda ehren, wie ein Gast wird er schlafen. Eine grenzenlose Müdigkeit befällt Hordubal. Nun wohl, sie will, ich soll ausruhn, mich von der Reise erholen; wahrhaftig, ich kann ja gar nicht aufstehn, dummes Gefühl, Beine wie aus Sülze zu haben. Und der Mond ist schon hinter das Dach geklettert. »Es hat elf geschlagen, lobet Gott den Herrn –« Der Nachtwächter ruft aus – in Amerika wird nicht ausgerufen, seltsam ist Amerika. Er soll mich hier nicht sehen, der Nachtwächter, es wäre eine Schande, erschrickt Hordubal und stiehlt sich leise wie ein Dieb in die Stube. Er zieht den Rock aus und hört einen schwachen Atem – Gott sei gepriesen, Polana hat nur gescherzt und schläft hier; ach, ich Tölpel, und ich hab' mittlerweile wie ein Stock auf dem Hof gehockt! Juraj schleicht leise, leise zu dem Bett und tastet; das zarte Haar, die dünnen schlaffen Ärmchen – Hafia. Das Kind wimmert leise und wühlt sein Gesicht in die Kissen hinein. Es ist wirklich Hafia. Juraj setzt sich still auf den Bettrand, ich werde dem Kind die Füßchen zudecken: ach Gott, wie soll ich mich legen, ich könnte ja das Kind aufwecken. Polana wollte wohl, das Kind soll sich an den Vater gewöhnen. Also so, Vater und Kind in der Stube und sie auf dem Dachboden. Etwas blitzt in Juraj auf und nun – ja, es gibt keine Ruhe. Ich gehe auf den Dachboden schlafen, hat sie gesagt. Vielleicht hat sie es absichtlich gesagt: du Dummer kannst mir nachkommen, du weißt ja, wo ich bin; ich geh' auf den Boden schlafen. Auf dem Boden ist keine Hafia. Hordubal steht in der Finsternis wie eine Säule und sein Herz hämmert. Polana ist stolz, sie wird nicht sagen: da hast du mich; du selbst mußt ihr nach wie einem Mädel, wirst im Dunkeln herumtasten und sie wird leise lachen, ach, Juraj, du Dummer, acht Jahre denke ich an dich. Leise, leise klettert Juraj auf den Dachboden. Ach, wie finster, Polana, wo bist du, ich höre dein Herz klopfen. »Polana, Polana«, flüstert Hordubal und tastet im Dunkeln. »Geh, geh weg!« stöhnt, stammelt es aus der Finsternis, »ich will dich nicht! Ich bitte dich, ich bitte dich, Juraj, ich bitte dich –« »Ich will nichts. Polana«, brummt Hordubal maßlos verwirrt. »Ich wollte nur ... fragen, ob du hier gut schläfst –« »Ich bitte dich, geh fort, geh«, stammelt sie entsetzt aus dem Dunkel. »Ich wollte dir nur sagen«, stottert Hordubal, ... »alles wird bleiben, Herzchen, wie du es willst ... auch ein Stück Land darfst du hinzukaufen –« »Geh, geh weg«, schreit Polana wie von Sinnen – – und Juraj weiß nicht, wie er hinuntergelangt ist, wie ein Sturz kopfüber in den Abgrund ist es gewesen. Aber nein, er ist gar nicht gestürzt, er sitzt auf der letzten Stufe und fällt in einen Abgrund. So tief mein Gott, so tief zu fallen! Und wer stöhnt denn da? Du bist es, du bist es. Ich stöhne nicht, ich versuche nur zu atmen und ich kann nichts dafür, daß es so klagend klingt, und wieder, und wieder! Na, ächze nur zu, bist ja daheim, bist der Gazda – Hordubal hält in seinem Sturz inne, sitzt auf der Stufe und starrt ins Dunkel. Du schläfst in der Stube, hat sie gesagt, du bist der Gazda. Also, so meinst du es, Polana: acht Jahre warst du deine eigene Herrin, und jetzt bist du böse, weil du einen Gazda über dir haben sollst. Eh, Herzchen, sieh doch, was für einen Gazda: er sitzt auf der Stiege und raunzt, mit der Schürze möchtest du ihm die Nase abwischen, so ein Gutsherr ist das. Hordubal spürt etwas an seinem Mund, er langt hin, du lieber Gott, es ist ja ein Lächeln. Hordubal lächelt ins Dunkel hinein: ein Gazda? Nein, ein Knecht. Es ist ein Kuhknecht gekommen, Herrin, und du, Polana, wirst die Gutsfrau sein. Na, siehst du, alles läßt sich regeln: Pferde und Kühe, Stefan und Juraj. Ich werde die Kühe betreuen, Polana, eine Freude, sie anzusehen – und Schafe; alles wirst du haben, sollst herrschen über das alles. Sieh mal, schon gelingt es, zu atmen, ohne zu stöhnen; man kann Luft schöpfen wie ein Schmiedeblasbalg. Ah was, Herrin, ein Knecht gehört nicht in die Stube; er wird zu den Kühen schlafen gehen, dort ist sein Platz. Man ist wenigstens nicht so allein, man hört jemand atmen; es passiert, daß man unvermittelt laut zu reden beginnt und selber darüber erschrickt, aber zu einer Kuh kann man sprechen: sie wendet den Kopf und hört zu. Gut schläft es sich im Kuhstall. Leise, leise geht Juraj in den Stall; warmer Kuhgeruch umweht ihn, eine Kette klirrt. Heda, ihr Kühe, heda, ich bin's; gottlob, Stroh genug für einen Menschen. »Es hat zwölf geschlagen, lobet Gott den Herrn ...« Nein, das gab's in Amerika nicht. »Bewahrt das Feuer und das Licht, daß keinem nicht ein Leids geschieht –« Tuh – tuh – tuh macht des Nachtwächters Horn, wie wenn eine Kuh muht. VIII Stefan spannt die Pferde vor den Wagen. »Guten Tag, Herr«, ruft er, »wollt Ihr Euch nicht die Wiesen drunten anschauen?« Juraj verfinstert sich ein wenig: bin ich ein Herrschaftsverwalter, daß ich im Wagen die Felder besichtigen soll? Ah was, es gibt keine Arbeit, kein Feld, wohin man mit der Kornsense gehn könnte; warum soll ich mir nicht Polanas Besitz ansehen? Breite Leinwandhosen hat Stefan und eine blaue Schürze, – man sieht, er ist aus dem Flachland; und schwarz ist er wie ein Zigeuner. »C-c«, schnalzt er den Pferden zu, und schon fliegen sie rasselnd und klirrend dahin, Juraj hält sich mühsam an der Wagenleiter fest; Stefan aber steht, den Hut im Nacken, die Zügel hoch, und spielt mit der Peitsche über den Rücken der Pferde. Na, na, langsam, es ist nicht so eilig. »Eh du«, sagt Juraj unzufrieden, »warum zerrst du die Pferde so an der Schnauze? Du siehst, wie sie mit den Lefzen mahlen, es tut ihnen weh.« Stefan wendet sich um und grinst. »Das muß man, Herr«, sagt er. »Damit sie den Kopf hochtragen.« »Und wozu«, wendet Hordubal ein. »Laß sie den Kopf tragen, wie er ihnen gewachsen ist.« »Das wird gut bezahlt, Herr«, erklärt Stefan. »Jeder Käufer schaut nach, ob das Pferd den Kopf hochträgt. Seht doch, Herr, seht, jetzt laufen sie gut: auf den Hinterbeinen und mit den vorderen scharren sie nur den Boden. C-c.« »Hetze sie nicht so!« ruft Hordubal. »Sie lernen laufen«, sagt Manya gleichgültig. »Laßt sie lernen. Was soll einem ein langsames Pferd, Herr?« Ob Stefan Polana auch immer so fährt? sinnt Hordubal nach. Der ganze Ort dreht sich nach ihnen um: da fährt Hordubals Weib, nun ja, wie eine Gutsherrin; verschränkt die Arme und fährt dahin. Und warum sollte sie nicht stolz sein? denkt Juraj. Gottlob, sie ist anders als andere Weibsbilder, hart und aufrecht wie eine Säule; sie hat den Gutshof wie ein Kastell hergerichtet, siebentausend hat sie für ein Paar Pferde gelöst, nun denn, sie hat schon, warum den Kopf hoch zu tragen. Das macht sich gut bezahlt, Bruderherz. »Also da ist die Ebene«, zeigt Stefan mit der Peitsche. »Bis zu den Akazien dort gehört sie der Bäuerin.« Hordubal klettert wie zerbrochen vom Wagen herunter. Hast mich gut durchgerüttelt, du Teufel. Also das ist die Ebene; wahrhaftig, Gras bis zur Hüfte, aber trocken und hart – sag nicht, es sei Rübenboden, das ist Steppe. Manya kratzt sich im Nacken. »Wenn man noch bis dorthin Land zukauft, Herr, dreißig Pferde könnte man hier weiden.« »Na – a«, wendet Hordubal ein, »mästen werden sie sich hier nicht gerade.« »Wieso mästen?« Manya verzieht das Gesicht. »Ein Pferd soll trocken sein, Herr. Oder wollt Ihr die Pferde für den Metzger füttern?« Hordubal antwortet nicht, geht zu den Pferden und tätschelt ihnen die Stirnen. »Nono – no, Kleiner, nur keine Angst, bist ein Prachtkerl. Was, du spitzt die Ohren? Ach, du bist klug! Was scharrst du, was möchtest du?« Stefan spannt die Pferde aus, richtet sich auf und sagt mit einer gewissen Schärfe: »Nicht mit den Pferden reden, Herr. Sie werden verweichlicht.« Hordubal wendet sich heftig nach ihm um: was spielt du dich auf den Gazda auf? Ach was, das tut er wohl nur so, damit sich die Pferde nicht an mich gewöhnen. Und ich werde mich dir nicht in deine Pferde hereinmengen, du Esel; na, na, brauchst keine finstere Miene zu machen. Stefan läßt die Pferde frei weiden und ergreift die Sense, er wird Heu mähen; der Dummkopf hat nicht einmal eine zweite Sense mitgenommen. Juraj seufzt auf und blickt über die Ebene zu den Anhöhen oberhalb Krivá. Dort gibt es wenigstens richtige Felder – es ist wahr; lauter Gestein, aber es sind Felder: Kartoffeln, Hafer, Korn – an manchen Stellen steht noch das Korn, an manchen werden schon Garben gebunden. – »Und wer, Stefan, hat denn unsre Felder dort oben gekauft?« »Ein gewisser Pjosa«, sagt Manya. Aha, der Pjosa, Andrej Pjosa, der Husar; und deshalb hat er sich in der Schenke nicht gemeldet, hat sich wohl geschämt, daß er die Frau um die Felder gebracht hat. Juraj starrt zu den Hügeln empor, seltsam, als liefen die Felder der Hordubals von den Bergen hinunter und setzten sich in die Ebene hinein. – »Und Rybáry ist hier unten?« fragt Juraj. »Hier unten«, sagt Stefan. »Auf dieser Seite, drei Wegstunden von hier.« Drei Wegstunden, siehe da, es ist noch weit nach Rybáry. Hordubal pflückt aus Langerweile einen Grashalm und zerkaut ihn; er schmeckt säuerlich – da schmeckt das Gras dort oben auf den Bergen ganz anders, würzig, nach Quendel. Juraj schlendert immer weiter fort über die Wiesen; welch eine Ebene, nichts anderes als der Horizont zu erblicken, aber es ist kein solcher Horizont wie dort droben, er ist gleichsam verstaubt. Und hier eine Kukuruzhufe, wahrlich so hoch wie ein Mann, lauter Krautblätter; ach Gott, wie kommt's, daß der Kukuruz so unordentlich aussieht – ja: Schweine hineinlassen, das wär' ein Gegrunze! Hingegen Kornfelder, das ist wie ein Pelz. Akazien – Juraj hat Akazien nicht gern; dort oben sind Schlehen und Spindelbäume, Ebereschen, Wacholder und keine solchen nichtsnutzigen Akazien. Jetzt ist Manya in seiner Schürze und den hohen Stiefeln nicht mehr zu sehen. Was heißt das, nicht mit den Pferden sprechen! Ein Pferd ist auch ein kluges Tier, ebenso wie eine Kuh; durch Reden lernt es friedlich sein. Vor Juraj liegt die Ebene, ein banges Gefühl beschleicht ihn, es ist fast wie das Meer, was dort! Was dort! Er wendet sich gegen die Hügel, eh ihr, auch euch frißt die Ebene auf, macht euch klein und dumm; aber hinaufstapfen, Kamerad, da erkennst du wenigstens, was Erde ist! Und da hält Juraj es nicht mehr aus, er eilt dem Dorf zu und läßt Stefan mit seinem ganzen Gespann hinter sich. Ich werde mir das Korn ansehen, denkt er, aber er rennt schon eine Stunde, und die Hügel sind noch immer weit fort; und diese Hitze hier, kein Lüftchen weht – da hast du deine Ebene! Wer hätte geglaubt, daß Stefan mich so weit weggefahren hat? Nur c-c, und schon waren wir am Rand der Welt. Flinke Pferde hat Polana: was, Herr, mit einem langsamen Pferd? Hordubal läuft schon gute zwei Stunden, und da ist endlich der Dorfrand: Zigeuner, das elende Pack, wälzen sich zwischen Bilsenkraut und Stechäpfeln herum, und da ist schon die Schmiede an der Landstraße: – Hordubal bleibt stehen, ihm fallt etwas ein, ei, Polana, ich werd's dir zeigen! Und schon drängt er sich in die Schmiede. Hallo, Meister, macht mir einen Haken, na, was für einen Haken: einen Riegelhaken zu einer Tür, einen Haken, ich werde daraufwarten. Der Schmied erkennt Hordubal nicht, es ist hier finster und er sieht wegen der Esse nicht. Wenn's ein Haken sein soll, dann also einen Haken; und er schmiedet einen Haken wie das Donnerwetter. Nun, Schmied, gute Pferde hat die Hordubal? Je nun, Pferde wie die Teufel, aber herrschaftliche; nichts für die Arbeit, Gevatter. Aber die zu beschlagen, aha! Da müssen zwei Kerle so ein Luder halten. Hordubal blickt auf das glühende Stückchen Eisen. Ich bring' dir was mit, Polana, etwas für den Haushalt. Und was kann so ein Pferd kosten, Schmied? Daß Gott mich nicht strafe, spuckt der Schmied aus, sie wollen angeblich acht Tausender dafür! So viel Geld für Pferde! Der Wildling wird lahm und was hast du dann? Besser ist ein Huzulenpferd, oder so ein schwerer Wallach, das Hinterteil wie ein Altar und die Brust wie 'ne Orgel – ach ja, früher, da hat's Pferde gegeben auf dem Hof! aber jetzt – ein Traktor! Es heißt ja, der Gutsherr verkauft die Wiesen! Wozu denn Heu, wozu Pferde, jetzt gibt es Maschinen. – Hordubal nickt zustimmend. Ja, Maschinen, wie in Amerika. Ich muß achtgeben, daß Polana keine Dummheiten macht. Da kommen Maschinen, was fängst du dann mit den Pferden an? Aha, siehst du wohl; nein, nein, Polana, für Wiesen gebe ich meine Dollars nicht her. Felder und Kühe, das ist etwas anderes, – an Maschinen essen sich die Leute nicht satt. Naja, aber es trägt doch nichts ein, sagst du. Je nun, vielleicht nicht, aber du hast Milch und Korn. So ist es. Hordubal kommt wieder heim und trägt ein noch heißes Stück Eisen. Polana – sie kocht wohl das Mittagessen; und Juraj schleicht sich über die Stiege auf den Dachboden und befestigt den Haken an der Innenseite der Tür. So, nun noch dieses Ringlein – die Stufen empor steigt Polana, runzelt die Brauen und schaut, was ist das, was hämmert Juraj dort fest, na, wird sie fragen? Sie fragt nicht, blickt nur gespannt hin. »Es ist schon fertig, Polana«, brummt Hordubal. »Ich hab' nur einen Haken angemacht, damit du dich absperren kannst.« IX Und es wird dir schon zu dumm. Jura, Juraj: da gehst du im Hof herum, schaust um dich und weißt nichts anzufangen. Kohl pflanzen? Keine Arbeit für einen Mann. Den Hühnern Futter streuen? Die Schweine füttern? Ech, Weiberarbeit. Alles Holz ist schon geschnitten und zurechtgehackt, den Zaun hast du ausgebessert, allerhand aus Brettern gezimmert; du gaffst herum wie der alte Kyril, der dort drüben auf Michal Herpaks Hof mit dem Kinn wackelt. Und die Nachbarinnen gucken herein, ein feiner Gazda, hat die Hände in den Taschen und gähnt, der Kinnbacken soll dir herausfallen! Dort unten auf den Wiesen – ist Manya; was dort? Nicht mit den Pferden reden und so. Bleib du alleine dort, was gilt mir die Ebene? Da seh' ihn einer mal an, so ein hergelaufener Knecht und sagt da, wenn ihr dies und das tun wolltet, Herr. Und siehst du, ich werde es tun; du hast mir nichts zu befehlen, aber wenn es aus Holz ist, so werd' ich's schaffen. Früher – da hat man die Wälder gefällt; i wo denn, sagt man, es wird kein Holz mehr verkauft, es verfault im Wald, die Sägen stehn still –. Herrgott im Himmel, einmal wieder Kühe weiden! Nicht zwei Kühe, das war' den Leuten zum Gespött; aber zwölf Kühe und sie meinetwegen bis auf den Volov Chrbat treiben, in der Hand den Bärenprügel –, und niemand sagt: nicht mit den Kühen reden. Man muß die Viecher anschreien. Aber Polana – die will es nicht mal hören – acht Hunderter gibt dir der Fleischer für die Kuh und macht dabei noch Gnaden. Na, wozu der Fleischer – für mich würde ich das Vieh aufziehen; aber wenn du nicht willst, sei's drum. In deine Ebene steck' ich kein Geld hinein. Oder die Kühe vor den Wagen spannen und aufs Feld fahren, die Ernte hereinschaffen. Da fährt man, fahrt, eine Hand auf dem Joch, vorwärts! O-ou! Keine Eile, nur so, um mit den Kühen gleichen Schritt zu halten. Selbst in Amerika hab' ich mich an keinen anderen Schritt gewöhnt: nur so, wie die Kühe gehn. Und mit der Ernteladung hinunter, das Rad an den Speichen bremsen, den ganzen beladenen Wagen in der Hand halten – Gott sei gepriesen, da weiß man wenigstens, daß man Pranken hat. Das, Polana, ist Männerarbeit. Ach Gott, erbarme dich, es ist schon zu blöd – die Hände werden einem nur weich; und was für geschickte Hände – hart, amerikanisch. Was, Polana, du hast leicht laufen: immerfort hast du etwas zu schaffen, hier die Hühner, hier die Schweine, hier etwas in der Kammer; aber für den Mann ist es eine Schande, am Zaun zu stehen. Könntest wenigstens sagen, du Juraj, dies und das könntest du machen; aber du – wie ein Pfeil, mit dir kann man nicht mal reden. Ich könnte dir erzählen – etwa dies: in Amerika, Polana, darf ein Mann auskehren, er darf Geschirr waschen und den Fußboden reiben, und es ist keine Schande für ihn; gut geht es den Weibern in Amerika. Aber du – schneidest Gesichter, wenn ich bloß etwas in die Hand nehme, und sagst, das schickt sich nicht, die Leute würden dich auslachen. Ah was, laß sie lachen, die Dummköpfe. Mach' ich etwas im Stall, füttere und tränke die Pferde – da verzieht wiederum Stefan das Gesicht; nicht mit den Pferden reden und so. Das weißt du, du! Und überhaupt schaut er so finster drein – na, na, friß mich bloß nicht auf mit diesen Augen. Nicht einmal mit der Hausfrau redet er, macht kaum das Maul auf und immer nur so mit den Augen – Wut hat er, ist ganz gelb vor Zorn, zehrt sich selber auf. Und Polana fürchtet sich vor ihm, sagt: Geh, Hafia, sag Stefan, er solle dies und das machen, frage Stefan nach dem und jenem – Hafia fürchtet sich nicht vor ihm. Onkel, spricht sie zu ihm, und er schaukelt sie auf den Knien, so, Hafia, hüpft ein Fohlen, so schaukelt sich eine Stute – und singt; aber wenn er jemand erblickt, bricht er ab und verschwindet schleunigst im Stall. Hordubal reibt sich im Nacken. Und der Teufel mag wissen, mich fürchtet Hafia. Sie spielt, spielt, aber wenn ich komme – aus, sie läßt mich nicht aus den Augen und will nur rasch fort – nun, lauf nur. Ei, Hafia, ich möchte für dich Spielzeug schnitzen, wenn du dich nur auf meine Schulter lehntest und zuschautest –, je, was wird das werden? Und was könnte ich dir von Amerika alles erzählen, Mädel: Schwarze gibt es dort und solche Maschinen – nun, Gott mit dir, Hafia, geh nur zu deinem Stefan. Du solltest sie nicht schubsen, Polana, mit Schlägen zähmst du niemanden; aber wenn du dich einmal hersetzen wolltest, wenn wir mal miteinander sprächen, da käme Hafia wohl herbei und würde zuhören, würde sich mit dem Ellbogen auf mein Knie stützen – da könnte ich allerhand erzählen, mit offenem Mäulchen würde das Kind lauschen. Je nun, im Winter vielleicht, im Winter beim Ofen – Unten im Ort – Geschrei der aufgescheuchten Gänse und Wagengerassel – Manya fahrt heim. Juraj zuckt die Achseln und verzieht sich hinter die Scheune. Wozu soll ich hier stehen bleiben, Nase gegen Nase? Da fährst du ein Bündel Heu heim und machst einen Lärm dabei, als brächtest du weiß Gott was. Und hier ist es still, hier hat man die ganze Welt im Rücken. Den Garten haben sie verwildern lassen, hier reiften Birnen und Pflaumen, und jetzt – nichts. Man hätte die gealterten Bäume verschneiden sollen und im Herbst junge einsetzen, aber nein; da ist nichts Altes mehr, nichts, was früher hier gewesen ist, bloß diese unfruchtbaren Bäume: bleibt nur da, mit Gott. Ein schattiger Garten war einmal hier, aber jetzt wühlen hier die Schweine herum; und diese Brennesseln, Herrgott im Himmel! Kannst dir denken, ich habe in Amerika allerhand gesehen; ich hab' mich umgeschaut, und siehe, dies oder das ließe sich auch daheim einrichten. Feine Sachen haben sie dort, geschickte, – schon allein die verschiedenen Werkzeuge! Oder dies – Gemüse pflanzen. Oder Kaninchen züchten. Aber Kaninchen am besten, wenn man schon Gemüseblätter zu Hause hat. Nun ja, es wäre allerhand möglich, alles könnte ich einrichten, wenn du, Polana, nur mit einem Auge blinzeln würdest, was Juraj da schafft. Und was wird das, Juraj? Ein Kaninchenkäfig, Hafia wird sich freuen, und du wirst ihr einen Pelz machen. Oder zum Beispiel ein Taubenschlag. Und was, möchtest du keine Bienen haben? Ich könnte Bienenstöcke schnitzen, keine Klötze, sondern Häuschen mit so einem Fensterchen dahinter, damit man das Bienenvolk da drinnen sehen kann. In Johnstown war ein miner , ein Pole, ein großer Bienenzüchter; denk bloß, sogar eine Drahtkapuze hat er vorm Gesicht gehabt. Ja, der Mensch lernt viel zu. Wenn du wolltest, Polana, wenn du mir nur einen Blick schenktest – gar manches wäre anders. Oder fragen: wie macht man dies und das in Amerika? Je nun, du fragst nicht, da ist es schwer, dir etwas zu erzählen. Man schämt sich ja, etwas nur zu seiner eigenen Freude zu schaffen; für sich allein – als wenn man nur spielen wollte; aber für jemand anderen – da spuckt man in die Hände und pfeift sich noch eins dabei. So ist es, Polana. Preis dir, o Gott, da läuten schon die Kühe, es ist bereits Abend; jetzt kommen auch unsere Kühe, man muß sie anbinden, tränken, streicheln, Hafia rufen, Stefan, Vater, zum Abendbrot; Stefan schlürft laut, Polana schweigt, Hafia tuschelt mit Onkel Stefan, nun, was tun, gute Nacht allseits, Hafia in der Stube, Polana auf dem Boden, Stefan im Stall noch die Runde durch den Hof und in den Kuhstall schlüpfen und schlafen gehn. Und dort, die Arme hinterm Kopf, kann man sogar laut vor sich hinsagen, was zu tun wäre und wie dies und jenes sein könnte. Und die Kühe – als ob sie verstünden: sie wenden den Kopf und schauen. X »Hafia, richte aus, ich komm' erst am Abend zurück.« So, ein Stück Brot und Speck, und nun los, heidi in die Berge. Hordubal fühlt sich frei und fast bange wie ein Kind, das der Mutter weggerannt ist. Und er steht oberhalb des Ortes, es ist als habe sich da etwas verändert. Was ist das? das hier soll Hordubals Feld gewesen sein? Meiner Treu, es war – lauter Steine, sagt so einer, und doch hat Pjosa hier Korn geerntet, hat Kartoffeln da und eine Hufe Flachs; sieh mal, wie sich Pjosas Feld mit Hordubals verbunden hat. Aber hier weiter oben, bei diesem Wacholder – von hier ist das ganze Dorf zu sehen. Hier kann man Gottes Weisheit bewundern: Krivá heißt der Ort, und er ist wirklich so krumm, wie sein Name besagt, im Bogen gewunden, wie eine liegende Kuh. Ein Dach hinter dem andern, alle gleich, wie eine Schafherde; aber der weiße Bauernhof gehört Polana. Als ob er gar nicht hier hereinpaßte, denkt Juraj; ein rotes, neues Dach man möchte sagen, wer ist denn da zugezogen? Nun, jemand aus dem Flachland, dort gibt's solche Leute, die haben kein Holz und müssen aus Ziegeln – Die Ebene. Von hier aus ist auch die Ebene zu sehen. Blau, eben – wie das Meer, je nun, so eine Wüste. Darum fahren die Leute dort so schnell: der Weg ist ihnen zu traurig, man geht – geht und es ist, als träte man immer auf derselben Stelle herum. Man würde nicht in die Ebene gehen, nur so, um sich umzuschauen; hingegen hier – wie am Feiertag, man braucht nur der Nase nachzugehen und findet immer wieder einen Grund, weiterzugehen; hier hinter diese Wegbiegung, hinter den Wildbach, dorthin zu jener Fichte, über die Weide dort oben, und wenn man schon da ist, in den Wald; gegen Mittag sieht der Wald, lauter Buchen, graue und lichte Stämme, als wäre hier Nebel gelagert; und hier, dort, überall blühen Alpenveilchen wie rötliche Flammen. Und da, sieh doch, was für ein blonder Steinpilz, er hebt das dürre Blattwerk hoch, ei, welch starker und weißer Fuß; und weißt du was? ich lasse dich hier, Pilz, Pilzchen, ich werde weder Kuckucksblumen noch Glockenblümchen, sondern ein Erdbeersträußchen für Hafia pflücken, drunten am Waldrand, wo sie am süßesten sind, Hordubal bleibt stehn und hält den Atem an: ein Reh; dort drüben steht ein Reh, blond und licht wie das Laub vom vorigen Jahr, steht im Farnkraut und sichert: was bist du, ein Mensch oder ein Baumstumpf. Ein Klotz bin ich, ein Baumstumpf ein schwarzer Ast, entflieh' bloß nicht; hast denn auch du Angst vor mir, wildes Getier? Nein, es hat keine Angst; es reißt ein Blättchen ab, blickt, mahlt mit dem Mund wie eine Ziege. Beck, beck, sagt es, stampft mit den Hufen auf und trabt weiter. Und Juraj ist plötzlich überglücklich, so leicht, so leicht steigt es hinan, und denkt an nichts. Er geht nur, geht, und fühlt sich wohl. Ein Reh hab' ich gesehn, wird er abends Hafia erzählen – oje, und wo? Nun, dort oben, in der Ebene gibt es keine Rehe, Hafia. Und da ist es schon – niemand weiß, was eigentlich: ein zerfallener Bau, umherliegende Balken, aber was für Balken, Herrgott im Himmel, Glockenstühle könnte man daraus zimmern, von Nachtschatten und Himbeeren überwuchert, von wilden Lilien, Nießkraut, Farren und Storchschnabel, wahrlich, ein seltsamer und verwunschener Ort – hier wendet sich der Wald gen Mitternacht; schwarzer Wald, bemooster Wald, schwarz und feucht ist das Erdreich, ja, sogar spuken soll es hier; und weißliche, durchsichtige Pilze, wie Sülze, Hasenklee und Dunkelheit, immer diese Dunkelheit; kein Eichhörnchen hört man hier, keine Fliege, so ein schwarzer Wald ist es, ungern gehen Kinder hier durch und selbst die Männer schlagen ein Kreuz. Aber da ist schon der Waldrand, bis an die Knie watet man durch Heidelbeerbüsche und hebt die Zweige hoch, und wieviel Flechtwerk hier niederhängt, die Brombeeren halten einem die Füße fest, ach, nicht leicht entläßt einen der Wald ins freie Feld, man muß sich durch das Dickicht hindurcharbeiten wie ein Eber, und heidi! wie aus dem Wald geschossen, gleichwie vom Wald selber ausgespien, steht man auf der Alm, auf der Polonina, gelobt sei Jesus Christus, da sind wir. Weit ist die Polonina: hin und wieder Fichten, groß und mächtig wie eine Kirche, man möchte den Hut abnehmen und laut grüßen; und das Gras glatt, glitschig, ganz kurz, weich stapft man darauf wie auf einem Teppich; lang und kahl dehnt sich die Polonina zwischen den Wäldern, wölbt sich weit und breit, den Himmel über sich, und hat die Wälder seitlich abgestreift: so wie wenn ein Mann seine Brust entblößt und daliegt, daliegt und dem lieben Gott in die Fenster guckt, – ah, ahah, wie geht da sein Atem! Und Juraj Hordubal ist auf einmal so kleinwinzig wie eine Ameise und trippelt über die Polonina, wohin, Ameislein? Nun, dorthin, hinauf zu dem Kamm, siehst du dort die kleinen roten Ameisen weiden? Dorthin strebe ich. Weit ist die Polonina. Weit ist sie, himmlischer Vater: würdest du's glauben, eine Herde Ochsen? Diese roten Punkte? Gut hat es der Schöpfer: er blickt hernieder und sagt sich, dieser schwarze Punkt dort ist ein gewisser Hordubal, der lichte Punkt dort ist Polana; ich muß mal sehn, werden sich die beiden Punkte begegnen? oder soll ich sie mit dem Finger zueinander schieben? Und da flitzt etwas Schwarzes den Hang herunter und geradewegs hierher; es rennt, kollert den Abhang herunter, wer bist du? und du bist ein schwarzes Hündchen, zerkläffst dir dein Mäulchen, ach, geh doch, sehe ich wie ein Strauchdieb aus? Komm her, bist ein tapferer Hund; ich will mal nach dem Batscha droben sehen. Schon ist das Herdengeläute zu hören. »Hajza«, ruft der Hirte, mit großen, ruhigen Augen blicken die Ochsen auf Juraj, winken mit dem Schweif und weiden weiter; der Batscha steht unbewegt, wie ein Wacholderstrauch steht er und blickt dem Ankömmling entgegen. »Hej«, ruft Juraj, »bist du's, Mischa? Nun, Gott zum Gruß!« Mischa nichts, schaut nur. »Kennst mich nicht? Bin der Hordubal.« »So, der Hordubal«, sagt Mischa und staunt nicht; wer sollte über etwas staunen? »Bin aus Amerika zurück.« »Was?« »Aus Amerika.« »So, aus Amerika.« »Wessen Ochsen weidest du da, Mischa?« »Was?« »Wessen Ochsen sind das?« »So, wessen Ochsen. Aus Krivá.« »So, so, aus Krivá. Schöne Tiere. Und du, Mischa, gesund? Bin gekommen, um dich zu sehen.« »Was?« »Nun, dich anzuschauen.« Mischa nichts, blinzelt nur; man verlernt das Sprechen da oben. Hordubal legt sich, auf den Ellenbogen gestützt, ins Gras und nimmt einen Halm in den Mund; hier – hier eine andere Welt, man braucht nicht zu reden, 's ist nicht nötig. Vom April bis September weidet Mischa hier, sieht wochenlang keine Menschenseele – »Nun, Mischa, warst du schon einmal dort unten, wo die Ebene ist?« »Was?« »Warst du in der Ebene, Mischa?« »So, in der Ebene. Nein.« »Und dort oben, auf dem Durny, da bist du schon gewesen?« »Ja.« »Und hier hinter dem Berg nicht?« »Nein.« Da siehst du – und ich – bis nach Amerika; und was hab' ich davon? Nicht einmal meine Frau versteh' ich – »Dort – das sind schon die andern Weiden«, sagt Mischa. »Hör mal«, fragt Juraj, so wie er zu fragen pflegte, als er noch ein Knabe war. »Was war einmal dieser Bau im Wald?« »Was?« »Dieser Bau im Wald.« »So, der Bau.« Mischa pafft nachdenklich aus seiner Tabakspfeife. »Wer weiß es. Man sagt, die Raubritter wollten dort eine Burg bauen. Aber was wissen die Leute.« »Und ist es wahr, daß es dort spukt?« »So, so«, sagt Mischa unbestimmt. Hordubal hat sich auf den Rücken gedreht. Gut ist es hier, denkt er; und was dort unten ist – das weißt du selbst nicht mehr. Dort drängen sich die Leute auf einem Hof, jeder steht dem andern im Wege, gleich werden sie wie die Hähne raufen; fast schmerzt der Mund, so heftig schließt du ihn, um nicht loszuschreien. »Hast du ein Weib, Mischa?« »Was?« »Ob du ein Weib hast?« »Nein.« In der Ebene sind keine solchen Wolken; dort ist der Himmel leer, aber hier – wie Kühe auf der Weide; man liegt auf dem Rücken und weidet. Und sie scheinen zu segeln, und man segelt mit ihnen, man fließt gleichsam fort, seltsam, daß man so leicht ist und mit ihnen schweben kann. Wohin gehen die Wolken, wohin geraten sie am Abend? Gleich als lösten sie sich auf, aber kann sich denn etwas nur so verlieren? Hordubal hat sich auf den Ellenbogen aufgestützt. »Ich wollte dich etwas fragen, Mischa – kennst du keine Liebeskräuter?« »Was?« »Ein Liebeskraut, das Liebe weckt. Damit sich zum Beispiel ein Mädel in dich verliebt.« »Ach«, brummt Mischa, »das will ich nicht.« »Du nicht, aber ein anderer möchte es.« »Und wozu«, ärgert sich Mischa. »Nicht nötig.« »Aber du kennst solche Kräuter?« »Kenn' ich nicht.« Mischa spuckt aus. »Bin keine Zigeunerin.« »Aber kurieren kannst du, Mischa, nicht wahr?« Mischa nichts, blinzelt nur. »Und was weißt du, woran du stirbst«, sagt er auf einmal. Hordubal hat sich klopfenden Herzens aufgesetzt. »Glaubst du, Mischa, daß – bald?« »Ah, Gott weiß. Wie lange lebt der Mensch?« »Und wie alt bist du, Mischa?« »Was?« »Wie alt du bist.« »Ah, weiß nicht. Wozu wissen?« Ach ja, wozu wissen, atmet Juraj auf; wozu wissen – zum Beispiel, was Polana denkt? Dort unten quält man sich damit herum; aber hier – nun, denk' dir, was du willst, Herzchen; wenn du glücklich wärst, würdest du nicht denken. Sonderbar, wie fern das alles von hier ist, so fern, daß einem fast bange wird. Der Mensch selbst – als ob er auch sich selber aus einer solchen großen Höhe betrachtete, wie er im Hof herumrennt, wütet und nachdenkt, und dabei ist er nur so eine gereizte kleine Ameise, die nicht weiß, wohin. Ein großer Friede senkt sich auf Juraj, so groß, daß es förmlich schmerzt. Seht ihn mal an, so ein Riesenkerl, und seufzt da, seufzt unter der Last der Stärkung. Ach, jetzt möchte ich noch nicht aufstehn und sie hinunter ins Tal tragen, ich möchte und könnte es nicht. Stille, stille liegen, damit es sich in meinem Innern senke und ordne; wohl Tage und Wochen so liegen und warten, bis es von selbst in sich versinkt; mag der Himmel sich drehen, mag ein Ochse den Kopf über ein Menschenantlitz neigen und schnauben, mag ein Murmeltier gucken, ob es ein Stein ist? Ein Stein ist es und schwupps auf ihn, Männchen machen und wittern; die Arme gebreitet liegt Hordubal auf dem Rücken, – es gibt keinen Hordubal mehr, nicht einmal Polana ist mehr – nur Himmel und Erde, Wind und Herdengeläute. Die Wolken zerrinnen und nichts bleibt von ihnen zurück, nicht so viel, als wenn man Glas anhaucht. So ein Ochs denkt, wie er sich schinden muß, und es ist nur ein Läuten aus der Ferne. Wozu wissen? Schaue. Auch Gott schaut. Welch großes Auge, ruhig wie der Blick eines Rindes. Und dieser Wind, es ist, als strömte und brauste die Zeit selber dahin: woher kommt sie und woher so viel? Und wozu es wissen? Es wird Abend, und Juraj kehrt talwärts heim, geht über die Polonina und dringt in den Wald, geht leicht und mit langen Schritten einher; die Last des Friedens hat sich in ihm bereits geordnet, nicht nötig, drauf achtzugeben. Gut, ich werde mich nicht deinen Augen aufdrängen, der Hof ist zu klein für zwei. Es wird sich irgendwo Arbeit finden, und wenn nicht, so setze ich mich hier oben hin und warte, warte bis zum Abend. Warum nicht – wie lange lebt der Mensch? Wozu, ich bitte dich, sollen zwei Ameisen einander im Wege sein, es ist doch Platz genug da, man kann nicht mal begreifen, woher so viel davon kommt: und ich – kann auch von ferne zusehen. Gottlob, es gibt hier Hügel genug, von wo der Mensch nach Hause schauen kann. Er kann dem Schöpfer bis auf den Kragen klettern und auf sich selbst herunterschauen. So wie die Wolken steigen – und wie ein Hauch zerfließen. Schon läuten die Herden den Abend ein und Hordubal sitzt auf dem Thymianrain mit einem Erdbeersträußchen in der Hand und schaut hinunter auf das neue rote Dach. Auch der Hof ist wie eine Handfläche zu sehen; Hafia hier heraufzunehmen und ihr zu zeigen – guck, Hafia, ist das nicht wie ein Spielzeug. Auf den Hof tritt eine winzige helle Gestalt und steht, steht. Und da, siehe, kommt auch aus dem Stall eine dunkle Gestalt heraus, geht zu ihr und bleibt gleichfalls stehen. Und sie rühren sich nicht – wie Spielzeug. Ameisen würden die Fühler bewegen und herumlaufen, die Menschen aber sind wunderlicher: sie stehen einander gegenüber und tun nichts. Wozu wissen, denkt Hordubal; aber seltsam, daß sie so lange, so regungslos stehn; es wird einem fast bange – schrecklich, daß sie so ohne Regung stehn. Und das soll der Friede gewesen sein, Juraj, den du dir von droben mitgebracht hast? Diese Schwere, die dich erfüllt? Du hast dort zu viel geschöpft von etwas, und es ist Trauer; du hast die Arme ausgebreitet, und nun trägst du ein Kreuz. Und die beiden dort unten stehen – stehen – ach Jesus, sie sollten sich schon rühren! Und da hat sich die lichte Gestalt losgerissen und ist verschwunden; die dunkle steht, rührt sich nicht, und ist, Gott sei gelobt, schon weg. Mit einem Erdbeersträußchen kehrt Hordubal heim – er hat nichts als dieses Sträußchen, und er wird es noch auf dem Hof vergessen. Vier Menschen am abendlichen Tisch; beinahe möchte er anfangen, ich habe ein Reh gesehen, Hafia, aber er sagt es nicht, die Worte wachsen ihm im Mund wie Bissen, Polana ißt nicht, bleich, wie aus Bein geschnitzt, Stefan blickt finster in den Teller, verzieht den Mund, zerbröckelt das Brot in den Fingern, wirft plötzlich das Messer hin und rennt hinaus, wie ein Erstickender. »Was fehlt Onkel Stefan«, haucht Hafia. Polana schweigt, sammelt die Teller, ganz bleich, ihre Zähne klappern. Und Hordubal schleicht zu den Kühen, die Kahle wendet den Kopf nach ihm, daß die Kette rasselt, was ist, Gazda, warum atmest du so laut? Ech, Kahle, wozu wissen – wozu wissen – aber es ist schwer, schwerer als eine Kette. Dort oben würden wir mit der Glocke läuten, du und ich – wieviel Platz gibt es dort, selbst Gott hat dort Raum genug; aber unter den Menschen ist es drückend; zwei – drei Menschen, Kahle, und so drückend zwischen ihnen! Hört man denn nicht ihre Ketten klirren? XI Besoffen hat sich Manya in dieser Nacht, wie ein Vieh hat er sich besoffen; nicht hier in Krivá, sondern ganz weit in Toltschemesch beim Juden, mit den Burschen hat er sich herumgeschlagen und, so sagt man, auch herumgestochen, wer weiß; erst in der Frühe ist er zurückgekommen, aufgedunsen und zerschunden, und jetzt holt er im Stall den Schlaf nach. Man sollte die Pferde tränken, denkt Juraj, aber ich werde mich nicht in deine Angelegenheiten einmengen. Wenn man mit den Pferden nicht reden soll, dann gut; betreu du sie selber. Und Polana – wie ein Schatten, besser, sie nicht zu sehn. Ja, das sind so Sachen, meint Hordubal betrübt; was tun? Und schwül ist es, schwül wie vor einem Gewitter, die Fliegen ärgern, ach, ein ekelhafter Tag! Juraj schlendert in den Garten hinter der Scheune; aber auch dort ist es so – was dort? Nur lauter Brennesseln, und wozu die vielen Scherben, dieser Zigeunerunrat – –. Wie ein Schatten ist Polana; hockt in ihrer Kammer und nichts – Gott mit dir; aber weißt du, schwer wird es einem hier. Hordubal fährt sich sorgenvoll über das feuchte Genick. Je nun, wir kriegen ein Gewitter, Stefan sollte das Heu hereinschaffen. – Hordubal klettert über den Zaun und geht hinten ums Dorf, um am Himmel Ausschau zu halten. Das Dorf von hinten – als wenn man einen Tisch von unten her betrachtet, lauter rauhes Holz und Leisten; und als wenn einen niemand sähe, als wenn man mit der ganzen Welt Verstecken spielte; nur Zäune und Klettersträucher, der Blattkohl von Raupen zerfressen, und hier ein Kehrichthaufen, Bilsenkraut, Stechapfel und Zigeuner, Zigeunerhütten hinter dem Dorf – Juraj bleibt stehen und zögert: mein Gott, wohin bin ich geraten. Polana ist allein, Stefan bewußtlos im Stall... Hordubals Herz pocht heftig. Der Teufel hole die Zigeunerin! Da sitzt sie auf der Erde, die fette, entsetzliche Vettel, und laust ein Zigeunerkind. »Was wünscht der Herr?« quäkt die Zigeunerin. »Zigeunerin, Zigeunerin«, sagt Juraj mit zitternder Stimme, »kannst du mir einen Liebestrank brauen?« »Na, und ob«, feixt die Zigeunerin, »und was gibst du mir?« »Einen Dollar, einen amerikanischen Dollar«, stammelt Hordubal, »zwei Dollar –« »Joj, du Schuft«, schreit die Vettel, »für zwei Dollar, zum Beispiel, paarst du nicht einmal einen Hund, für zwei Dollar, zum Beispiel, besprichst du nicht einmal eine Kuh –« »Zehn Dollar«, flüstert Hordubal erregt, »zehn, Zigeunerin!« Die Zigeunerin hat sich im Nu beruhigt. »Gib her«, sagt sie und hält die schmutzige Pranke hin. Jurajs Finger beben, während er fieberhaft im Geld wühlt. »Aber mach' einen guten Zauber, Zigeunerin, nicht für die Nacht, nicht für einen Monat, nicht für ein Jahr. – Daß das Herz weich wird, daß die Zunge sich löst, daß sie mich gerne sieht –« »Hej«, murmelt die Zigeunerin. »Ilka, mach' Feuer an!« Sie wühlt in einem Sack, ihre Hände sind runzlig wie Vogelklauen. Ach, diese Schande! Der Himmel trübt sich, wir bekommen ein Gewitter. Leg los, Zigeunerin, schnell. – Ech, Polana, sieh, wie weit du mich gebracht hast! Die Zigeunerin plärrt und schüttet etwas aus dem Sack in den Kessel; es riecht ekelhaft, und was murmelt die Zigeunerin da, sie schüttelt den Kopf und zaubert mit den Klauen – Juraj verspürt ein Grauen, auf der Stelle möchte ich versinken! Um deinetwillen, Polana, nur du, nur du – welch eine Sünde! Juraj rennt nach Hause, er trägt den Zauber und rennt, wir kriegen ein Gewitter. Kühe mit Erntefracht traben heran, Kinder, flugs nach Hause, Staub steigt hoch. Erschöpft öffnet Hordubal die Hoftür und muß sich anlehnen, sein Herz hämmert, um deinetwillen, Polana. Und plötzlich rennt der Dreijährige aus dem Stall heraus, hält inne, wiehert, und im Galopp zum Tor. »O-o-oh«, schreit Juraj und schwenkt ihm die Arme entgegen. Aus dem Haus eilt Polana herzu. Das Pferd auf die Hinterbeine, dreht sich, rennt durch den Hof Brust hoch und Hinterteil geduckt, und scharrt die Erde mit den Hufen. Und wie ist Hafia hierhergeraten, sie läuft über den Hof zu der Mutter hin, wimmert entsetzt und stürzt. Polana schreit auf und Hordubal brüllt. Ach, die hölzernen Füße! Kann ich denn nicht springen – Und da rast Manya aus dem Stall heran, die weißen Ärmel flattern, steil hat sich das Pferd aufgerichtet und an der Mähne hängt der Bursche, rüttelt es, eh, du schüttelst ihn nicht ab, wie eine Wildkatze am Hals. Das Pferd springt zurück, wirft den Kopf hin und her, schlägt mit dem Hinterteil aus; Manya stürzt, hält sich aber an der Mähne fest, kniet und zerrt das Pferd zurück. Jetzt erst entspannen sich Hordubals Füße, und er rennt hin, um Hafia zu holen. Das Pferd schleift Manya durch den Hof, doch da stemmt Stefan plötzlich die Absätze in den Boden und zerrt, zerrt an der Mähne. Hordubal drückt das Kind an die Brust, er möchte es wegtragen und vergißt es – so gewaltig ist der Anblick: Mann und Tier. Polana, die Hände am Herzen. – Da lacht Manya schrill auf, wiehert wie ein Pferd und führt den schnaubenden Hengst im Sprunggalopp in den Stall. »Da, nimm das Kind«, sagt Hordubal, aber Polana hört nicht. »Polana, hörst du, Polana!« Zum erstenmal legt ihr Juraj die Hand auf die Schulter. »Polana, Hafia!« Sie blickt auf – ach, hattest du je solche Augen, atmetest du je so durch den halboffenen Mund? Wie schön du geworden bist – und nun ist es wieder erloschen. »Nichts ist ihr geschehen«, murmelt sie und trägt das schluchzende Kind ins Haus. Aus dem Stall kommt Manya, wischt mit dem Ärmel das Blut von der Nase, spuckt Blut. »Es ist wieder gut«, sagt er. »Komm«, knurrt Hordubal, »komm, Stefan, ich pump' dir Wasser auf den Kopf.« Stefan schnaubt wollüstig unter dem Wasserstrom und spritzt reichlich, fröhlich herum. »Das war mal was, gelt?« schwatzt er wiederbelebt. »Das Hengstlein war brünstig, Bauer, darum war's so wild.« Manya zeigt die Zähne, naß und zerzaust. »Hei, das wird mal ein Hengst!« Juraj möchte Stefan sagen, na, bist ein Prachtbursche, gut hast du das Rößchen gebändigt; aber unter Männern – unnötig zu reden. »Ein Gewitter wird's geben«, brummt er und schlendert hinter die Scheune. Im Süden färbt sich der Himmel schwarz, schlimm sind die Gewitter von unten. Der Hengst ist brünstig geworden, und was ist das, der Mensch kann gar nicht auf die Füße, um das Kind aufzuheben. Vielleicht bin ich schon alt, Polana, oder was –. Merkwürdig, die Füße werden hölzern, wie verzaubert. Herrgott, diese Schwärze! Es donnert schon. – Die Zigeunerin zaubert, und sieh mal, ein Hengstlein wird brünstig; und ich spring' dem Pferd nicht in die Mähne, ich erstarre bloß und glotze. Nicht ich, sondern Stefan springt. Warum sollte er nicht springen, wenn er jung ist? Ach, Polana, warum hast du so geschaut, warum bist du so schön geworden! Und schon ist es da, schon ist es da: das Gewitter – wie wenn ein scheugewordenes Pferd dahinjagt, Funken unter den Hufen, und wiehert. Du springst nicht mehr dem Pferd in die Mähne, die Füße tragen dich nicht und zögern selber. Du springst nicht, du jauchzt nicht; Stefan tut es. Pfui doch, niederträchtig ist die Zauberei der Zigeuner: ein Hengstlein wird brünstig und fertig. Und du denkst: Polana. Warum bist du dann nicht auf das Pferd zugesprungen? Polana hätte geschaut, die Hände an der Brust, und die Augen – wie noch nie. Juraj blinzelt, ohne die warmen Tropfen im Nacken zu verspüren. Der Himmel zerreißt, es schmettert und kracht. Hordubal bekreuzt sich flüchtig und die Eile fährt ihm in die Beine. Noch nicht, erst den Zauber der Zigeunerin in die Brennesseln schütten. Und dann mit einem Sprung unter die Scheune und schauen, wie das Gewitter draußen tobt. XII Wo sonst sollte er sein? Er hat sich hinter die Scheune verkrochen und grübelt. Zum Beispiel daran denkt er: na, nehmen wir an, ich bin alt; aber, bitte schön, wie kommt das? Du lebst, weißt nichts, bist derselbe heute wie gestern und auf einmal – alt. Wie verzaubert. Springst nicht mehr einem scheuenden Pferd in die Mähne, raufst dich nicht in der Schenke herum; du – hebst ein Kind auf, anstatt das Pferd zu fangen. Möglich, früher einmal hätte ich das Pferd gefangen. Du mußt wissen, einmal hab' ich mich auch in der Schenke gerauft, ruhmreich gerauft, mit Geritsch, frag den Wasil, Polana. Und auf einmal – alt. Polana ist nicht alt. Ah was, meinetwegen alt. Auch ein Kind aufheben ist gut. Ech, Polana, ich könnte dir zeigen – zum Beispiel, was für ein Gazda ich bin. Du könntest es bei mir haben wie eine Edelfrau, Mägde zur Arbeit, und nur befehlen: hej, Marika, streu den Hühnern Futter, marsch! Axenja, gib den Kühen Wasser. Es ist wahr, dreitausend Dollar hat man mir gestohlen, aber ich hab' noch siebenhundert, allerhand könnte man anfangen ... Bin nicht umsonst in Amerika gewesen: ob jung oder nicht, ich hab' wenigstens erfahren, wie es in der Welt aussieht und zugeht. Und die Kuhzucht zahle sich nicht aus, und dies und das. Ach was, man muß eben richtig verkaufen können. In Amerika zum Beispiel – dort wartet der Bauer nicht, bis der Fleischer kommt; er fährt selber in die Stadt und macht einen Vertrag: soundso viel Stück im Jahr, soundsoviel vessels Milch täglich, all right . So wird's gemacht. Warum sollte es, bitte schön, nicht auch hier gehn? Einen Karren und ein Pferdchen kaufen – verkauf deine Pferde, Polana: ich will ein Pferdchen, mit dem man reden kann – und nach der Stadt fahren. Nun, ein Amerikaner, der kennt sich aus, ist nicht umsonst in der Welt gewesen; der bringt den ganzen Gürtel voll Geld nach Hause. Und auch die Nachbarn werden kommen. Juraj, kannst du in der Stadt ein paar Gänse verkaufen? Warum nicht, aber nicht so, eine Gans unterm Arm und anbieten; sondern fünfzig, hundert Gänse wöchentlich man wird Käfige zimmern und heidi mit einer Ladung Gänse in die Stadt. So macht man business , Nachbar. Oder Brennholz, fünfzig Fuhren Holz. Kartoffeln – waggonweise. Sieh mal, der Hordubal, der hat Verstand mitgebracht aus Amerika! Auch du, Polana, wirst dann sagen: Juraj ist klug, kein Jüngling wäre gewandter; hej, Marika, Axenja, zieht dem Gazda die Stiefel aus, er ist vom Markt zurück. Und was hast du den ganzen lieben Tag gemacht, Herzchen? Den Gutshof hab' ich für dich verwaltet, mit dem Gesinde hab' ich mich herumgeärgert und dann, nun, dann hab' ich gewartet, Juraj, auf dich. Hordubal sitzt auf einem Baumstumpf und blinzelt. Man könnt' es versuchen, warum nicht? Ein Mann ist jung, solange er etwas beginnt. Und ist's nicht dies, dann eben etwas andres. Zum Beispiel den Felsen unter dem Mentschul kaufen – ein Stein wie Marmor, und die Quadern nach der Stadt fahren; haben sie denn in der Ebene überhaupt Steine? Nur Kot und Staub, selbst der Himmel ist dort staubig. Und vielleicht selber Steine brechen – hab' ich etwa wenig Stein gebrochen in Amerika? Sogar mit Dynamit, Bruderherz, weiß ich umzugehen. Man bohrt ein Loch und fuhrt die cartridge ein – fort mit euch allen, marsch und – bum! Nun, Polana, das ist Männerarbeit, was? Was ist das Einfangen eines Hengstleins dagegen? Und mit einem roten Fähnchen in der Hand, Achtung, hier wird geschossen. – Mächtig werde ich knallen, und du – fang du nur deine Pferde im Feld wieder ein. Ah, da könnte man doch Dinge finden! Was habt ihr in der Ebene? Nichts, Ebene. Aber hier – bei Sauerwasser Eisen, das Wasser ganz braun von Rost. Unter der Tataruka – schimmerndes Gestein, wie Harz. Schätze gibt's in den Bergen, erzählen die Weiber. Die Berge abschreiten, bis dort hinter Durny, hinter dem Schwarzberg, hinter der Tatinska, hinter der Tupa – weiß man denn, was man da findet? Oh, Bruderherz, heutzutage sucht man auch unter der Erde. Zu Hause nichts, kein Wörtchen. Morgen, Polana, fahr' ich nach Prag, mit den Herren etwas besprechen, – und dann kommen die Herren gefahren und schnurstracks zu Hordubals: Guten Tag, ist Herr Hordubal zu Hause? Und Herr Hordubal her, Herr Hordubal hin, Sie haben einen Schatz gefunden, so ein Mineral, das wir schon fünfzig Jahre suchen. – Nun, warum nicht? Lauter Stein, meinst du – ah, weißt du, aus was der Stein besteht? Du weißt es nicht, also sei still. Hordubal schämt sich ein wenig. Vielleicht sind es Dummheiten; aber der Stein unter dem Mentschul – ist keine Dummheit. Da müßte ich Ochsen haben, ein Paar, zwei Paare Ochsen – etwa die grauen, podolischen, mit Hörnern wie Arme, oj, was für Tiere! Und mit einer Steinladung hinunter in die Ebene – vor den Ochsen gehn und immer nur: heiza hoh, heiza! Und du mit deinem Rößlein – ausgewichen vor den Ochsen bis hinter den Graben! Und wem gehören die Ochsen? Dem Hordubal, niemand in der Gegend hat solche Tiere. Hordubal zieht das Säckchen aus der Brusttasche hervor und zählt sein Geld nach. Siebenhundert Dollar, das ist – doch zwanzig Tausender; eine schöne Summe, Polana! Damit läßt sich ein neues Leben beginnen. Wirst schon selber sehn, was für ein Kerl der Juraj ist. Auch Verstand ist Kraft. Teuer wird ein Pferd bezahlt, das den Kopf hochträgt, aber sieh mal, so ein Ochse: nickt mit dem Kopf trägt ein Joch auf dem Rücken, leistet aber mehr Arbeit. Juraj nickt und schleicht sich auf den Hof. Auf dem Hof schält Polana Erbsen aus den Schoten; sie zieht nur die Brauen hoch, fegt die leeren Schoten vom Schoß herunter und entfernt sich, in das Haus hinein. XIII Hordubal sitzt in der Schenke und freut sich. Gottlob, heute geht's hier geräuschvoll zu: Michaltschuk ist da und Warwarin, Poderejtschuk Mechajlu, Herpak, Stute genannt, Fedelesch Michal und Fedelesch Gejza, Fedjuk, Hryc, Alexa, Hryhorij und Dodja der Heger, lauter Nachbarn, und sie reden vom Abschuß der Wildsäue, die stiften Schaden auf den Feldern. Dem Hryhorij gehört der Felsen unter dem Mentschul, es wäre ratsam, mit ihm zu sprechen, ganz weit ausholen und vorsichtig; zum Beispiel, daß man den Weg in die Felder mit Gestein ausbessern muß. – Eh, dachte Juraj verstimmt, ich hab' ja keine Felder mehr. Pjosa hat sie, dort sitzt er mit finsterm Gesicht. Ich hab' keine Felder, was gehn mich ihre Eber an? Die sollen sie allein verjagen; aber ich – ich gehöre gar nicht hier herein, murrt Hordubal; behaltet eure Sorgen, ich habe meine eigenen. Die Männer beraten unterdessen, was und wie, wann aufbrechen und von wo. Juraj trinkt langsam und denkt an seine Sorgen. Sie hat nur die Augenbrauen gehoben und ins Haus hinein. Recht so, Polana; einmal vielleicht wirst du anfangen wollen, hör' mal, Juraj, dies und das; und ich werde die Augenbrauen heben und in die Schenke gehen. Sollst auch wissen, wie das schmeckt. Hab' ich denn einen räudigen Rüssel, rinnt es mir aus den Augen oder hab' ich einen Mund so schrecklich wie Laszlo der Bettler? Ja, alt bin ich und überall von der Kohle zerfressen; lauter Gelenke bin ich, nichts sonst ist von mir übrig geblieben; lauter Buckel, wie ich auf allen vieren in der mine herumgekrochen bin; lauter Pranken und lauter Knie – weißt ja nicht, in was für Löchern ich Kohle brechen mußte! Heut' noch huste ich schwarzen Schleim, Polana. Nun ja, viel ist nicht an mir, was dir gefallen könnte; aber arbeiten kann ich, Seelchen, und du wirst sehn – »Hej, Amerikaner«, grimassiert Fedelesch Gejza, »hast dich noch nicht sehen lassen. Na, bist wohl gekommen, deine Landsleute freizuhalten?« Hordubal nickt: »Wohl, wohl, aber auf amerikanisch freihalten. Jud', bring dem Gejza ein Glas Wasser! Und wenn's dir zu wenig ist, Gejza, dann einen ganzen Eimer, wirst dir wenigstens das Maul waschen.« »Und was geht dich mein Maul an?« lacht Gejza. »Wenn's bloß meinem Weib gefällt.« Juraj verfinstert sich: was geht mich dein Weib an? Sieh mal an, freihalten! Was denn, ich könnte euch schon freihalten; Herrgott, Nachbarn, gern möchte ich mit euch trinken, Arme um die Schultern und singen, singen, bis mir die Augen zufallen. Aber für andere Sachen hab' ich meine Dollars; hab' da so eine Idee, Nachbarn, eine gute, amerikanische. Aber wartet nur, bis ich anfange, das Gestein zu sprengen. Seht doch den Hordubal, ist er verrückt geworden? Wächst wohl zu wenig Gestein bei uns? Und nach einiger Zeit – siehe da, der Amerikaner, selbst aus dem Felsen versteht er Sahne zu melken. Fedelesch Michal stimmt ein Lied an, die anderen fallen ein; ach, wie wohl ist einem unter den Männern. Wie lang habe ich das nicht mehr gehört – wie lang schon – – Juraj kneift die Augen zu und summt halblaut, tajda – tajda – tajda; und plötzlich, der Teufel mag wissen, was ihn so krähen macht, singt er, singt aus vollem Hals und schwingt den Leib im Takt. »Hej, du«, schreit Fedelesch Gejza, »wer nicht mit uns trinkt, soll auch nicht mit uns singen. Sing du daheim, Hordubal!« »Oder schick den Stefan her«, mengt sich Jura Fejduk ein. »Der soll besser singen können als du.« Hordubal erhebt sich, er hat kein Ende, fast bis an die Decke reicht er. »Sing nur, Gejza«, sagt er friedlich. »Ich wollte ohnehin schon nach Hause gehn.« »Und was zu Hause«, feixt Fedelesch Michal. »Hast ja den Knecht dort.« »Ein großer Herr«, wirft Gejza ein. »Hat sich einen Knecht für die Frau gedungen.« Hordubal wendet sich heftig um. »Gejza«, knirscht er zwischen den Zähnen, »wem gilt das?« Gejza wiegt sich spöttisch in den Knien. »Wem? Es gibt nur einen solchen Gazda hier.« Die Männer erheben sich. »Laß ihn, Gejza«, beschwichtigt Warwarin; jemand faßt Juraj um die Schulter und zieht ihn freundschaftlich hinaus. Hordubal reißt sich los und stürzt auf Fedelesch zu, fast berührt er ihn mit der Nasenspitze. »Wem?« röchelt er. »Es gibt nur einen solchen Esel«, wiederholt Fedelesch Gejza vernehmlich, und plötzlich, wie einen Hieb: »– aber Huren, wie Polana, gibt es mehr.« »Komm hinaus«, röchelt Hordubal und bahnt sich zwischen den Schultern der Männer einen Weg aus der Schenke. Gejza folgt ihm, klappt das Messer in der Tasche auf. Achtung, Hordubal, Achtung auf den Rücken! Aber Hordubal kümmert sich nicht darum, drängt ins Freie und Gejza hinterdrein, das Messer in der Faust, daß die Hand schwitzt. Alle drängen zur Schenke hinaus. Juraj wendet sich nach Fedelesch um: »Du«, knurrt er. »Komm doch!« Gejza, die Hand mit dem Schnappmesser am Rücken, schnaubt dumpf und rüstet sich zum Sprung; Hordubal, die Arme wie Brunnenschwengel, umklammert seine Hüften und Hände, hebt ihn empor, dreht sich herum und schleudert Gejza auf die Erde. Gejza fällt auf die Füße und zischt wütend. Hordubal abermals mit ihm auf und nieder, auf und nieder, als wolle er mit Gejza Schotter schlagen; plötzlich knicken Gejzas Knie ein und der Kerl fliegt, die Arme gebreitet, zu Boden, und krach! mit dem Kopf gegen eine Butte, und da liegt der Mensch wie ein Haufen Kleider. Hordubal schnauft schwer und sucht mit unterlaufenen Augen die Leute. »Hab' nicht gewußt«, brummt er entschuldigend, »daß die Butte da steht.« Im selben Moment kriegt er mit einer Latte eins über den Schädel und wieder und wieder. Zwei, drei, vier Menschen schlagen stumm auf Hordubals Kopf los, daß es dröhnt. »Abfahren«, brüllt Hordubal und schwingt im Dunkeln die Arme, schlägt auf eine Nase los, sinkt zu Boden und versucht aufzustehn – »Was geht da vor?« eine rasche, atemlose Stimme, und ein Hieb mit dem Ochsenziemer in den keuchenden Haufen. Und auf die Köpfe! Jemand brüllt wütend: Achtung auf die Messer! Wasil Geritsch Wasilu verschnauft gewaltig und fuchtelt mit dem Ochsenziemer über Hordubals Leib. Juraj versucht sich aufzurichten. »Macht, daß ihr verschwindet, ihr«, poltert der Dorfschulze und schwingt den Ochsenziemer. Eh, wenn du nicht der Biro wärst, ah was, der Biro! aber ein berühmter Raufbold ist Wasil Geritsch Wasilu. Schon wagen sich auch die Weiber auf die Straße, mit verschränkten Armen, und blicken nach der Schenke aus. Juraj Hordubal versucht aufzustehen, sein Kopf liegt auf Wasils Schoß, und jemand wäscht ihm das Gesicht. Es ist Pjosa. »Das war kein ehrlicher fight , Wasil«, murrt der Amerikaner. »Sie von hinten, und zwei gegen einen –« Eh, Juraj, sechse sind's gewesen, die Lumpen, und alle mit Zaunlatten; hast einen Eichenschädel, daß er nicht geborsten ist. »Und Gejza?« fragt der Verprügelte. »Gejza hat vorläufig genug, den haben sie weggetragen«, sagt der Schulze. Juraj atmet befriedigt auf »Der wird jetzt auf seine Schnauze achtgeben, der Schuft«, brummt er und versucht aufzustehen, und gottlob, es geht schon, er steht schon aufrecht und hält sich den Kopf »Was wollten sie denn von mir«, wundert er sich. »Komm, Wasil, trinken wir noch eins. Sie haben mich nicht singen lassen, die Luderkerle!« »Geh heim, Juraj«, redet ihm der Schulze zu. »Ich begleite dich, vielleicht lauern sie dir auf.« »Als ob ich Angst hätte«, sagt Hordubal kampfbereit und taumelt heimwärts. Nein, ich bin nicht betrunken, Polana, aber ich hab' mich in der Schenke gerauft. Warum gerauft? Nur so, Liebchen, aus guter Laune, im Spaß haben wir unsre Kräfte gemessen mit Fedelesch Gejza. »Und weißt du, Wasil«, erklärt Juraj aufgeräumt, »in Amerika, da hab' ich auch einen fight gehabt, mit einem miner , mit dem Hammer ging er auf mich los. Ein Deutscher oder so was; aber die andern, die haben ihm den Hammer weggenommen, sich im Kreis herumgestellt, und jetzt los mit dem fight , aber nur mit bloßen Händen. Eh, Wasil, ich hab' da paar übers Maul gekriegt, der Deutsche aber ist zu Boden gegangen. Und niemand hat sich eingemengt.« »Du, Juraj«, sagt Geritsch ernst, »geh nie in die Schenke hier, sonst gibt's wieder eine Rauferei.« »Warum?« staunt Hordubal. »Ich tu' ihnen doch nichts.« »Je nun«, sagt der Vorsteher ausweichend, »mit jemandem müssen sie sich raufen. – Geh schlafen, Juraj; und morgen schick den Knecht fort.« Hordubal verfinstert sich. »Was sagst du da, Geritsch? Also auch du mengst dich in meine Sachen ein?« »Wozu einen Auswärtigen im Haus haben«, bemerkt Wasil ausweichend. »Geh, geh ins Bett. Ech, Juraj, Polana ist nicht wert, daß du dich ihretwegen schlägst.« Hordubal steht wie eine Säule und blinzelt. »Also auch du bist so – niedrig wie sie«, entringt es sich ihm endlich. »Da kennst du Polana nicht, du –. Nur ich kenne sie, und du untersteh dich nicht –« Wasil legt ihm ernst die Hand auf die Schulter. »Juraj, acht Jahre haben wir sie vor den Augen –« Hordubal entwindet sich ihm heftig: »Geh, geh, sonst – – Geritsch, so lange ich lebe, so wahr ein Gott über mir ist, kenne ich dich nicht, und du bist mein bester Freund gewesen.« Und schon wendet sich Hordubal nicht mehr um und torkelt nach Hause. Geritsch hat nur kurz geschnauft und flucht lange leise in die Nacht hinein. XIV Am Morgen spannt Stefan die Pferde vor den Wagen, fährt hinunter in die Ebene. Aus dem Stall tritt Hordubal, er ist sonderbar und geschwollen, hat blutunterlaufene Augen. »Ich fahre mit dir, Stefan«, sagt er kurz. C-c-c, fliegt der Wagen durch den Ort, aber Juraj gibt weder auf Menschen noch auf Pferde acht. »Halt«, befiehlt er knapp hinter dem Ort, »steig ab, ich will dir etwas sagen.« Stefan mustert dreist, brennenden Blicks das zerschundene Gesicht des Gazda. »Nun, was ist los?« »Hör mal, Manya«, setzt Hordubal zögernd an, »es gibt da so ein niederträchtiges Gerede – von Polana – und von dir. Es ist Tratsch, ich weiß – aber man muß das einstellen. Verstehst du?« Stefan zuckt die Achseln. »Ich versteh' nicht.« »Du mußt fort von uns, Stefan. Es ist – wegen Polana. Um den Leuten die Mäuler zu stopfen. Es muß sein, verstehst du?« Stefan heftet seine frechen Augen auf die abirrenden Augen des Gazda. »Ich verstehe.« Juraj winkt mit der Hand. »So, und jetzt fahr los!« Manya steht da, die Hände verkrampft, sieht aus, als wolle er sich schlagen. »Hast deine Arbeit, Stefan«, brummt Hordubal. »Auch gut«, zischt Stefan, schwingt sich auf den Wagen, läßt die Peitsche wirbeln und auf die Pferdeköpfe prasseln. Die Pferde weichen zurück, bäumen sich und rasen in tollem Galopp dahin: und der Wagen fliegt und rasselt, als sollte er in tausend Stücke zerspringen. Hordubal steht auf der Landstraße und schluckt Staub; dann wendet er sich langsam zu dem Gehöft zurück und geht gesenkten Hauptes heimwärts. Ach, Juraj, so schreiten die Alten. XV In dieser Woche war Hordubal abgemagert, mit den Knochen könnte er rasseln. Wie denn auch nicht, bitte schön: ist es etwa eine Kleinigkeit, morgens aufzuräumen, die Schweine zu füttern, die Pferde zu striegeln, die Kühe auf die Weide zu schicken, den Stall zu säubern und das Kind für den Schulgang auszurüsten; dann mit den Pferden hinunter in die Ebene, hohe Zeit, den Kukuruz unter Dach zu bringen; und mittags nach Hause, etwas zum Mittagsbrot für das Kind kochen, die Pferde tränken, für die Hühner Streu aufschütten; und wieder in die Ebene, ein Stück Robot erledigen, und vor Abend rasch nach Hause, das Abendbrot vorbereiten, das Vieh betreuen, sogar auch mit rauhen Fingern Hafias Mädchenröckchen ausbessern; nun ja, das Kind spielt, da ist das Kleid bald zerrissen. Schwierig, gleichzeitig auf so vielen Stellen zu sein, schwierig, nicht eins ums andere zu vergessen; wie ein Holzklotz fällt er am Abend ins Stroh, und dabei schläft er noch nicht ein aus Besorgnis, etwas vergessen zu haben. Ach Gott, er hat etwas vergessen, er hat die Muskatstöcke im Fenster nicht begossen; und ächzend steht Hordubal auf, um die duftenden Blumen zu begießen. Und Polana – gleich als wäre sie nicht da; sie hat sich in der Kammer eingeschlossen und trotzt. Was tun, denkt Hordubal verlegen; die Bäuerin ist böse, weil ich mich mit ihr nicht beraten habe, was sagst du dazu, Polana, ich will den Knecht weggeben. Ach, Frau, so sei doch vernünftig: konnte ich dir etwa sagen, Polana, die und die Reden werden über dich geführt? Und was soll ich dir viel erzählen; nun, ich hab' den Knecht fortgeschickt, ärgere dich; mit dem Stock werde ich dich nicht an die Arbeit jagen. Ach ja, Polanas Hände fehlen hier; nur eine Woche – und alles wie verwahrlost; wer hätte gedacht, wieviel Robot so ein Weib leistet, – nicht einmal die Hälfte davon bestreitet ein Mann. Nun, sie wird's schon selber einsehen, ihr Zorn wird vergehn und sie wird lachen: so ein Esel, dieser Juraj, kann nicht einmal aufräumen und kochen – nun ja, was kann man von einem Mann verlangen! Einmal – da hat er sie erblickt: er war umgekehrt, um etwas zu holen, und sie stand in der Tür. Wie ein Schatten. Ringe unter den Augen und auf der Stirn eine schräge Furche. Hordubal wandte sich ab, nichts will ich, Seelchen, hab' dich nicht gesehen. Und sie verschwand – wie ein Schatten. Nachts, wenn Hordubal ins Stroh kriecht, hört er irgendwo leise eine Tür aufgehen. Das ist Polana. Sie geht auf den Hof hinaus und steht dort, steht – – Und Juraj, die Arme hinterm Kopf blinzelt betrübt in die Dunkelheit. Kühe, Pferde. Hafia, Hühner, Schweine, Felder, Blumen – Herrgott im Himmel, es ist genug; aber das Schwerste ist, den Anschein zu wahren. Damit die fremden Mäuler nichts zu plärren haben, bei Hordubals sei dies und das los. Hordubal hat eine verheiratete Schwester, die könnte aushelfen, kochen, aber nein, besten Dank, nicht nötig. Die Nachbarin winkt über den Zaun – Hordubal, schickt mir die Hafia untertags herüber, ich werde für sie sorgen. Danke, Nachbarin, danke schön, aber macht Euch keine Mühe; Polana ist nur ein wenig krank und muß im Bett liegen, ich vertrete sie gern. Du, ich werde dich schnüffeln lehren! Da geht Geritsch vorüber, sieht einen an, hat einen Gruß auf die Schnauze geschrieben. Scher dich weg, ich kenne dich nicht. Und Hafia fürchtet sich; sie starrt, ohne zu blinzeln, – nun ja, Stefan fehlt ihr. Was nutzt es, Kind, aber da hat es ein Gerede gegeben, du mußt es den Leuten anrechnen. Kühe, Pferde, Kukuruz, Schweine – richtig, den Schweinekober säubern und den Säuen Wasser geben. Und hier, sieh mal, die Rinne putzen, damit der Schmutz abfließen kann. Hordubal legt sich ins Zeug, faucht vor Eifer, jetzt gibt es auf der Welt nichts anderes als den Schweinekober; warte nur, Polana, wirst staunen, wenn du herkommst – ein Schweinekober wie eine Stube. Jetzt noch frisches Wasser. – Und Hordubal geht mit dem Kübel zum Brunnen. Im Hof sitzt Manya auf der Wagendeichsel, schaukelt Hafia auf den Knien und erzählt ihr etwas. Juraj stellt den Kübel auf die Erde und geht, die Hände in den Taschen, geradewegs auf Stefan zu. Manya hat mit einer Hand Hafia von sich geschoben, mit der andern langt er in die Tasche; er sitzt da, die Augen wie Kümmelkörner verengt, und seiner Faust entragt etwas in der Richtung auf Jurajs Bauch. Hordubal verzieht das Gesicht – kenn' ich, mein Junge, aus Amerika, wie man aus einem Revolver schießt. Da – er zieht das zugeklappte Messer heraus und wirft es zu Boden. Manya steckt die Hände in die Taschen und wendet den Blick nicht von dem Bauer. Hordubal hat sich mit der Hand auf die Wagenleiter gestützt und schaut Manya von oben an. Was soll ich hier mit dir, denkt er, Herrgott im Himmel, was fang' ich mit ihm an? Hafia weiß auch nicht, wie es ausgehen wird, und starrt entsetzt vom Vater auf Stefan und von Stefan auf den Vater. »Na, Hafia«, brummt Hordubal, »bist froh, daß Stefan dich besucht hat?« Das Mädchen schweigt, heftet nur die Augen auf Manya. Hordubal streicht unsicher seinen Nacken. »Und was sitzt du da«, sagt er langsam. »Geh die Pferde tränken.« XVI Und stracks zur Kammer und an die Tür gepocht: »Mach auf Polana!« Die Tür öffnet sich, und da steht Polana – wie ein Schatten. Hordubal hat sich auf eine Truhe gesetzt, die Hände auf die Knie gestützt, und blickt zu Boden. »Manya ist zurück«, sagt er. Polana schweigt, atmet nur rasch. »Es hat – so ein Gerede gegeben«, murmelt Juraj. »Über dich... und über den Knecht. Darum hab' ich ihn weggegeben.« Hordubal schnauft mißmutig. »Und er ist zurückgekommen, der Hanswurst. So kann's nicht bleiben, Polana.« »Warum?« stößt Polana heftig hervor. »Wegen den dummen Redereien?« Hordubal nickt ernst. »Wegen den dummen Redereien, Polana. Wir sind hier nicht in der Einöde. Stefan – ist ein Mann, mag sich allein gegen die Klatschmäuler wehren; aber du – ach, Polana, ich bin doch dein Mann – wenigstens vor den Leuten. So ist es.« Polana lehnt sich an die Türflügel, ihre Füße versagen, sie schweigt. »Es scheint«, brummt Hordubal, »es scheint, daß Hafia an Stefan gewöhnt ist – er ist gut zu dem Kind. Und die Pferde – Manya fehlt ihnen. Er war hart zu ihnen, aber auch das hat den Tieren behagt.« Juraj blickt auf »Was meinst du dazu, Polana, – Hafia mit Stefan zu verloben?« Polana fahrt zusammen. »Aber das ist doch – nicht möglich«, haucht sie entsetzt. »Ja, Hafia ist noch zu klein«, grübelt Hordubal. »Aber verloben – heißt nicht ausfolgen. In alten Zeiten, Polana, hat man selbst Kinder in der Wiege verlobt.« »Aber Stefan – Hafia ist doch fünfzehn Jahre jünger als er«, wehrt sich Polana. Juraj nickt. »Wie du, Seelchen. Das ist manchmal so. Aber Manya kann nicht hier bleiben als fremder Mensch. Als Hafias Bräutigam – ah, das ist schon was andres: er gehört zur Familie, verdient sich sein Weibchen –« Polana beginnt ein Licht aufzugehen. »Und da bliebe er also hier«, sagt sie, gespannt wie ein Bogen. »Bliebe hier. Warum soll er nicht? Wie bei den Eltern wäre er. 's ist doch kein fremder Mensch, es ist der Schwiegersohn. Und den Leuten wird das Maul gestopft. Wenigstens sehn sie dann ein, daß sie... daß sie nur niedrige Reden geführt haben. Es ist halt um deinetwillen, Polana. Und sonst – nun, es scheint, daß er Hafia gern hat – und mit den Pferden kennt er sich aus. Er ist nicht für viel Arbeit, das ist wahr – aber wird ein Arbeitsamer reich?« Polana denkt angestrengt nach, ihre Stirn runzelt sich. »Und du meinst, Stefan wird wollen?« »Er wird, Seelchen. Ich hab' Geld – nun, er kann es haben. Ich bitte dich, was fang' ich mit Geld an? Und Stefan – ist gierig; er möchte Wiesen und Pferde haben, die ganze Ebene rundherum – man sieht's ihm an den Augen an. Er wird sich ins Warme setzen – was wird er da viel nachdenken!« Polanas Gesicht ist wieder undurchdringlich. »Nun, wie du meinst, Juraj. Aber ich sag' es ihm nicht.« Juraj erhebt sich. »Ich sag' es ihm selber. Sei unbesorgt, ich werde mich mit dem Advokaten beraten, wie und was. Da muß man, glaub' ich, so einen Vertrag machen. Nun, auch das will ich besorgen –« Hordubal zögert, vielleicht glaubt er, Polana werde noch etwas sagen. Aber Polana hat es auf einmal eilig: »Ich muß das Abendbrot richten.« Und Juraj geht langsam hinter die Scheune, wie so oft. XVII Manya fährt den Bauer nach Rybáry, wegen Rücksprache mit den Eltern. C-c. Und die Pferde, Kopf hoch, – eine Freude, sie anzusehen. »Also, Stefan«, sagt Hordubal nachdenklich, »du hast einen älteren Bruder, einen jüngeren und eine verheiratete Schwester. Hm, da seid ihr nicht wenige. Und bei euch ist lauter Ebene, sagst du?« »Ebene«, sagt Stefan bereitwillig, und seine Zähne blitzen. »Bei uns werden vor allem Büffel gezüchtet – und Pferde. Büffel sind gern im Sumpf, Herr.« »Sumpf«, denkt Juraj nach. »Und läßt er sich nicht austrocknen? Ich hab' das in Amerika gesehen.« »Wozu austrocknen?« lacht Stefan. »Boden ist genug da, Herr. Und um den Sumpf wäre es schade, dort wachsen Ruten; bei uns werden im Winter Körbe geflochten. Statt Bretter haben wir Ruten. Der Wagen – Korbgeflecht; Zäune, Ställe – lauter Korbgeflecht. Seht, dort die Schafhürde.« Juraj gefällt die Ebene nicht, sie hat kein Ende, aber was tun. »Und der Vater lebt noch, sagst du?« »Lebt. Wird sich wundern, wen ich da bringe«, sagt Manya irgendwie stolz, jungenhaft. »Aber da ist schon Rybáry. Und das Hütchen im Genick fährt er peitschenknallend Juraj wie einen Baron in das Anwesen und in den Hof der Manyas hinein. Aus dem Haus tritt ein kleiner, unwirscher Bursche. »Hör mal, Djula«, ruft Stefan, »stell die Pferde in den Schatten und gib ihnen Futter und Wasser. Hier hinein, Herr.« Hordubal mustert mit einem Seitenblick den Bauernhof. Die Scheune in Trümmern, auf dem Hof spaziert eine Muttersau, drüben sträuben Truthennen das Gefieder; in die Türverschalung ist eine Art langer Ahle eingetrieben – »Das ist eine Nadel, Herr, eine Nadel zum Korbflechten«, erläutert Stefan. »Und eine neue Scheune werden wir im Frühjahr bauen.« Auf der Schwelle steht der alte Manya mit langen Schnurrbartenden unter der Nase. »Vater, ich bringe Euch den Gazda aus Krivá«, meldet Stefan und bläht sich ein wenig auf »Er will mit Euch reden.« Der alte Manya führt den Gast in die Stube und wartet mißtrauisch, was da wird. Hordubal setzt sich würdevoll hin, nur auf das halbe Gesäß, um merken zu lassen, daß man noch nicht handelseins geworden ist, und befiehlt: »Nun, sag doch, Stefan, wie und was.« Stefan weist die Zähne und schüttelt die ganze große Neuigkeit aus: daß ihm der Gutsherr da seine einzige Tochter Hafia geben will, wenn sie erwachsen sein wird; und daß er daher mit dem Vater reden will, damit sie einig werden. – Hordubal nickt: ja, so ist es. Der alte Manya wird lebendig. »Hej, Djula, bring Branntwein! Willkommen, Hordubal; nun, gute Fahrt gehabt?« »Gute Fahrt.« »Gott sei gelobt! Und gute Ernte bei euch?« »Ganz schön.« »Und alle gesund?« »Schönen Dank, gesund.« Nachdem solcherart alles, was sich gebührt, gesagt worden ist, beginnt der alte Manya: »Also, Ihr habt nur ein Töchterchen, Hordubal?« »Nun, 's ist nur eine einzige geraten.« Der Alte kichert, aber sein Blick prüft. »Sagt das nicht, Hordubal, es kann noch ein Sohn kommen. Ausgeruhtes Ackerfeld trägt gute Frucht.« Juraj zuckt nur mit der Hand, wie um abzuwinken. »Da wird dann vielleicht ein Söhnchen geboren, ein Erbe«, schmunzelt der Alte und seine Spüraugen blitzen. »Und Ihr seht gut aus, Hordubal; werdet noch fünfzig Jahre Gazda sein.« Hordubal fährt sich langsam über den Hinterkopf »Nun, wie Gott will. Was das betrifft, Hafia muß nicht auf die Erbschaft warten. Ihre Mitgift hab' ich gottlob für sie bereit.« Der alte Manya hat funkelnde Äuglein. »Wie denn auch nicht, man erzählt es sich. In Amerika, da klaubt man das Geld nur so von der Erde auf nicht wahr?« »So leicht ist's nicht«, meint Hordubal besorgt. »Ihr wißt ja, Manya, das Geld. Hat man's zu Hause – wird es gestohlen; gibt man's in die Bank – wird es auch gestohlen. Besser wäre eine Wirtschaft.« »Heilige Wahrheit«, stimmt der alte Manya bei. »Wenn ich mich hier umsehe«, fährt Hordubal bedächtig fort. »Viele Leute ernährt der Boden bei euch nicht. Lauter Sumpf und Auslauf. Ich schätze, hier muß ein Landwirt zehn Morgen Pußta haben, wenn er davon leben soll.« »Na ja«, brummt der Alte vorsichtig. »Schwer ist es hier, eine Wirtschaft zu teilen. Unser Ältester, der Michal, soll die Wirtschaft erben und die anderen zwei – nur Anteile.« »Wieviel«, schießt Juraj los. Der alte Manya blinzelt überrascht. O du, läßt einem keine Zeit zum Nachdenken? »Drei Tausender«, brummt er, indem er mürrisch auf Stefan schielt. Hordubal rechnet flink zusammen. »Dreimal drei – also neun, zehntausend, sagt Ihr, ist Eure Wirtschaft wert.« »Wieso, bitte, dreimal drei«, ärgert sich der Alte. »Auch die Tochter soll einen Anteil bekommen.« »Das ist wahr«, räumt Hordubal ein. »Also sagen wir – dreizehn.« »Ach nein, das nicht«, der Alte schüttelt den Kopf »Das soll wohl nur ein Scherz sein, Hordubal.« »Kein Scherz«, beharrt Hordubal. »Ich möchte wissen, Manya, was so eine Wirtschaft in der Ebene kostet.« Der alte Manya ist verwirrt, Stefan macht große Augen: will der reiche Hordubal etwa das Anwesen der Manyas kaufen? »So ein Gut kriegt Ihr nicht einmal um zwanzig Tausender«, sagt der Alte zögernd. »Mit Stumpf und Stiel?« Der Alte kichert. »Ihr seid gut, Hordubal. Wir haben immer vier, fünf Pferde auf dem Hof.« »Ich meine ohne Pferde.« Der alte Manya wird ernst. »Was wollt Ihr eigentlich, Hordubal – seid Ihr gekommen, um das Gut zu kaufen oder um die Tochter zu verloben?« Hordubal ist rot geworden. »Ein Gut kaufen – ich, und ein Gut in der Ebene kaufen? Kot kaufen werde ich, was? Pfeifenraten, he? Höflichen Dank, Manya, aber jetzt frisch von der Leber weg. Wenn wir beide einig werden, wenn Euer Stefan sich mit Hafia verlobt, dann vermacht Ihr Euer Gut dem Stefan. Nach der Hochzeit – bekommt Euer Michal seinen Anteil von mir ausbezahlt. Und Djula auch.« »Und Marja«, haucht Stefan. »Und Marja – sonst habt Ihr niemand mehr? Stefan soll in Rybáry wirtschaften.« »Und Michal?« fragt der Alte verständnislos. »Nun, der kriegt seinen Anteil, dann kann er mit Gott seiner Wege gehen. Ein junger Mensch – nimmt lieber Geld als Boden.« Der alte Manya schüttelt den Kopf »Nein, nein«, murmelt er, »es wird nicht gehen.« »Und warum sollte es nicht gehen?« stößt Stefan eifrig hervor. »Du, du scher dich weg von hier, marsch«, schreit der Alte. »Was hast du dich einzumengen?« Beleidigt murrend schleicht Stefan auf den Hof hinaus. Djula – natürlich bei den Pferden. »Nun, Djula«, schlägt ihn Stefan auf die Schulter. »Ein feines Rößchen«, sagt der Bursche mit Kennermiene. »Darf ich ein wenig darauf reiten?« »Viel zu gut für deinen Steiß«, versetzt Stefan und deutet mit dem Kopf nach der Stube hin. »Unser Alter –« »Was?« »Eh, nichts. Er macht, was er kann, um mir mein Glück zu verderben.« »Was für ein Glück?« »Ah, gar keins. Was weißt du.« Auf dem Hof herrscht Stille, nur die Sau grunzt vor sich hin; vom Sumpf sind die Wasserhühner zu vernehmen, auch die Frösche fangen schon an – »Und du wirst in Krivá bleiben, Stefan?« »Vielleicht – noch hab' ich mich nicht entschieden«, wirft sich Stefan in die Brust. »Und die Bäuerin?« »Was geht's dich an«, hüllt sich Stefan in Geheimnis. Eh, die Gelsen! und die Schwalben, wie sie mit dem Bäuchlein schier auf dem Boden schleifen. Stefan gähnt, fast kann er sich den Kiefer ausrenken. Was wohl die zwei Alten da drinnen – daß ihr euch die Nasen abbeißt! Stefan zieht vor Zorn und Langerweile die Korbmachernadel aus der Türverschalung und treibt sie mit aller Kraft wieder hinein. »So, jetzt reiß sie heraus«, fordert er Djula auf. Djula zieht sie heraus. »Komm, wer von uns wird sie tiefer hineintreiben.« Eine Weile unterhalten sich die beiden damit, die Nadel in die Tür zu rammen, bis Splitter herausschießen. »Ach was«, sagt Djula, »ich lauf den Mädchen nach. Mit dir ist kein Spaß mehr.« Allmählich dämmert es, der Horizont über der ganzen Ebene beginnt sich im veilchenfarbenen Nebel zu röten. Soll ich hineingehen? denkt Stefan. Justament nicht. Scher dich fort, hat mich der Alte angefahren, misch dich nicht ein. Bietet der Amerikaner Hordubal seine Tochter ihm an oder mir? Ich wüßte schon allein für mich zu sorgen, und statt dessen scher dich! Und was hast du mir zu befehlen, wütet Stefan, ich gehöre schon zu einer anderen Familie! Endlich wälzt sich Hordubal zur Tür heraus, vom Branntwein angeheitert, die Alten sind wohl einig geworden: der alte Manya begleitet ihn und schlägt ihn klatschend auf den Rücken. Stefan – steht vorn bei den Pferden und hält sie an dem Gebißkettchen, je nun, wie ein Groom: selbst Hordubal ist es nicht entgangen und er nickt lobend Stefan zu. »Also am Sonntag in der Stadt«, ruft der alte Manya, und c-c, setzt sich der Wagen in Fahrt. »Glückliche Reise!« Stefan blinzelt nach dem Bauer hin, er will nicht fragen: vielleicht fangt er selber an – »Dort – unser Fluß«, zeigt er mit der Peitsche. »M.« »Und dort, der Wagen mit dem Schilfrohr, das wird unser Michal sein. Bei uns gibt man Rohr statt Stroh als Streu.« »So.« Und nichts. Stefan hält die Zügel zusammen, so schön er kann, der Bauer aber – läßt nur den Kopf baumeln. Schließlich hält Manya es nicht mehr aus. »Also was, Bauer, wieviel habt Ihr ihnen gegeben?« Hordubal zieht die Augenbrauen hoch. »Was?« »Wieviel habt Ihr ihnen verschrieben, Herr?« Hordubal sagt nichts. Erst nach einer Weile: »Fünf Tausender für jeden.« Stefan denkt nach, dann stößt er zwischen den Zähnen hervor: »Da haben sie Euch bestohlen, Bauer. Jedem drei Tausender – das wäre genug.« »M«, knurrt Hordubal. »Dein Vater – wie ein Eichenklotz.« Eh, der, denkt Stefan; den andern gibt er und mir – nimmt er es eigentlich weg. »Und dir – auch fünf Tausender«, ergänzt Hordubal. »Für deine Wirtschaft, hat er gesagt.« Gut, denkt Stefan. Aber jetzt, wo ich beinahe sein Sohn bin – wie wird es mit dem Lohn? Er kann mich nicht mehr wie einen Knecht bezahlen. Vielleicht könnte er mir das Fohlen geben. Verkaufs, Stefan, bist du nicht schon wie unser eigen Kind? »Und fahr ordentlich«, befiehlt Hordubal. »Ja, Herr.« XVIII Und schon fahren sie zur Stadt hinaus, jetzt ist es besiegelt. Haben einen gründlichen Vertrag ausgearbeitet beim Juden-Advokaten, hat ja auch zweihundert Kronen gekostet; und das setzt hinein, großmächtiger Herr, und auch dies schreibt hinein. – Nun ja, der Bauer ist vorsichtig, wenn's um seinen Besitz geht, mein Lieber, hinters Licht führen läßt er sich nicht; und noch dies muß bedacht werden, das halbe Gut in Rybáry auf Hafia zu überschreiben. Gut, sagt der Rechtskundige, da geben wir halt so eine Klau-sel hinein. Aha, Bruderherz, auch die steht da drinnen. Und dann haben alle unterschrieben: Juraj Hordubal, – drei Kreuzchen, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Der alte Manya – drei Kreuzchen. Und Michal Manya, Blumenstrauß hinterm Hut, bläst die Backen auf und unterschreibt mit vollem Namen. Marja, verehelichte Janosch, ein Seidentuch um den Kopf und Stefan, ganz festtäglich – und noch jemand, der unterschreibt? Ach nein, Djula muß bei den Pferden sein und ist noch nicht volljährig. Also fertig, meine Herren, und viel Glück. Zwei Hunderter hat's gekostet; je nun, gründliche Arbeit, sogar eine Klau-sel ist drinnen. Und dann alle in die Schenke, einen Aldamasch trinken. Wohl oder übel muß sich jetzt Juraj mit dem alten Manya duzen, sie streiten auch schon miteinander wie Anverwandte. Fahr los, Stefan! Stefan möchte gern mit Hordubal umgehn wie mit seinem Vater, aber kann man denn überhaupt mit ihm ein Gespräch anfangen? Er sitzt auf der Wagenleiter, hält sich mit beiden Händen daran fest, die Augen unter den Brauen, und antwortet kaum. Ech, seltsame Brautfahrt, denkt Stefan, man fühlt sich halt nie wohl mit dem Bauer. C-c. Und da fahren sie schon in Krivá ein, fein im Trab, mit klappernden Hufeisen. Juraj Hordubal schaut unter den Augenbrauen hervor und hebt plötzlich den Arm über den Kopf schnalzt mit den Fingern und singt, juchah, jauchzt wie im Fasching. Der ist wohl betrunken, schaun ihm die Leute nach, was hat den Amerikaner Hordubal so in Stimmung gebracht? Auf dem Dorfplatz Mädchen und Burschen, man muß im Schritt fahren. Juraj erhebt sich, schlingt den Arm um Stefans Schulter und ruft hinunter zu den Leuten: »Seht den Schwiegersohn, den ich mir da heimbringe! Ej, juch!« Stefan trachtet seinen Arm abzuschütteln und zischt: »Ruhig, Bauer!« Hordubal hält seine Schulter umklammert, Manya möchte vor Schmerz aufschreien. »Seht her«, brüllt Juraj, »ich hab' einen Schwiegersohn für Hafia, wir feiern Verlobung –« Klatsch, auf die Pferde losgeschlagen! Stefan schaut wütend auf und beißt sich die Lippen fast blutig. »Bauer, besinnt Euch, Ihr seid besoffen!« Rasselnd biegt der Wagen in Hordubals Hof ein. Juraj gibt Stefan frei, plötzlich ruhig und ernst. »Führ die Pferde herum«, befiehlt er trocken. »Sie sind in Schweiß geraten.« XIX Und Polana weiß nicht, was sie von Juraj denken soll. Den Stefan will er ins Wirtshaus schleppen, na, was heißt das, bist kein Knecht mehr, bist wie unser Sohn. Und statt sich hinter der Scheune zu verkriechen, geht er im Dorf herum und bleibt bei den Weibern stehn; knüpft ein Gespräch an; die Hafia hab' ich verlobt, nun ja, sie ist noch ein Kind, aber sie hat sich halt an Stefan gehängt, als der Vater nicht zu Hause war; und Stefan, Nachbarin, der hält Hafia wie ein Heiligenbildchen – eh, es ist eine Freude mit solchen Kindern. Und er lobt Stefan über den grünen Klee, wie anstellig er bei der Arbeit ist, ein guter Gazda wird aus ihm werden, einen Gutshof in der Ebene, in Rybáry, wird er von seinem Vater erben. Im ganzen Ort redet er herum, aber zu Hause, – als hätt's ihm die Rede verschlagen, schaff dies und schaff das, Stefan, und Schluß! Juraj geht im Dorf herum und sucht, wen er noch nicht gestellt hat; sogar dem Fedelesch Gejza hat er mit der Hand zugewinkt; nur dem Geritsch ist er ausgewichen. Und Geritsch streckt schon die Hand aus, aber Juraj hat sich abgewendet. Solange ich lebe, kenne ich dich nicht; was hast du mir zu erzählen, ich will nicht wissen, was du dir denkst. Die Weiber lachen: eine sonderbare Verlobung. Der Bräutigam schaut grimmig drein wie ein Schuhu, spricht kaum ein Wort, frißt sich vor Wut auf. Die Braut – spielt am Bach mit den Kindern, den Rock bis an den Gürtel geschürzt, weiß sich noch nicht einmal zu schämen. Und Hordubal fuchtelt am Dorfrand mit den Händen herum, streicht den künftigen Schwiegersohn heraus. Nur Polana – ein wunderliches Frauenzimmer zwar, aber sie blickt betrübt, sieht, daß die Leute sich hier über etwas lustig machen, steckt nicht einmal die Nase aus dem Haus. So ist es, Leute, und nun sage jemand, daß hier alles in Ordnung sei. Wie kommt es, daß Hordubal gar nicht sieht, daß Stefan wütet? Vielleicht sieht er es sogar, aber er weicht ihm aus. Befiehlt ihm nur so über die Schulter hinweg, was er arbeiten soll, und macht sich gleich wieder davon. Und Stefan starrt ihm nach, als wollte er ihm den Kopf abbeißen. Aber jetzt läßt sich Manya nicht mehr abfertigen, er wartet den Bauer ab, die Zähne aufeinandergebissen, bis es ihm unter der Gesichtshaut zuckt. Der Gazda geht quer über den Hof. »Du solltest hinunterfahren, Stefan.« Und will gleich wieder weg, aber Manya verstellt ihm den Weg. »Ich muß mit Euch etwas besprechen, Herr.« »Nun, was denn wieder«, weicht Hordubal aus. »Kümmere dich lieber um deine Sachen.« Stefan ist aschfarben vor Wut – seltsam, er ist doch immer gelb gewesen. »Was Ihr da herumerzählt von mir und Hafia«, stößt er heftig hervor. Hordubal zieht die Augenbrauen hoch. »Was ich herumerzähle? Daß ich meine Tochter einem Knecht versprochen habe.« Manya schnaubt zornig. »Und warum – warum habt Ihr –. Jetzt lachen mich die Leute überall aus. Wird's bald Taufe geben, Stefan, und: lauf, Stefan, deine Braut jagt ein Gänserich –« Hordubal fährt sich über den Hinterkopf »Laß sie lachen. Es wird sie schon verdrießen.« »Mich, mich hat es verdrossen, Bauer«, stößt Manya zwischen den Zähnen hervor. »Ich – ich will nicht den Leuten zum Gelächter dienen!« Hordubal atmet sonderbar schwer. »Auch ich – will den Leuten nicht zum Gelächter dienen. Deswegen hab' ich dich verlobt. Also, was?« »Ich will nicht«, knirscht Manya. »Ich – ich werde mich nicht verhöhnen lassen als Bräutigam von einem verrotzten Kind.« Hordubal, die Hand am Hinterkopf mißt ihn von oben bis unten. »Halt, was hast du da gesagt? Du wirst nicht?« Manya möchte vor Wut weinen. »Ich werde nicht! Ich will nicht! Macht was Ihr wollt, aber ich –« »Du wirst nicht?« »Ich werde nicht!« Hordubal schnaubt durch die Nase. »Warte hier!« Manya erstickt fast, er schämt sich, dem ganzen Dorf zum Gespött zu dienen; lieber von hier weglaufen oder was – Hordubal kommt aus dem Stall und zerreißt heftig ein Schriftstück in seiner Hand; er zerreißt es in immer kleinere Stückchen, schaut zu Manya auf und wirft ihm die Schnitzel ins Gesicht. »So, und jetzt bist du kein Bräutigam mehr. Kannst dem Alten sagen, ich habe den Vertrag zerrissen.« Der Arm in dem weißen Hemd fliegt in die Höhe und zeigt: »Und dort ist das Tor, marsch!« Manya atmet heftig, seine Augen werden schmal wie Kümmel. »Ich geh' nicht von hier weg, Bauer!« »Du wirst gehn. Und wenn du noch einmal zurückkommst – ich habe eine Flinte.« Stefan wird rot. »Und – wenn ich nicht gehe?« Hordubal mit der Brust gegen ihn, Manya weicht zurück. »Nehmt Euch in acht«, zischt er. »Du gehst nicht?« »Solange die Bäuerin es nicht sagt – nein.« Hordubal knurrt etwas und auf einmal mit dem Knie in Manyas Bauch hinein. Manya duckt sich vor Schmerz, da packt ihn eine Pranke beim Kragen, die andere an der Hose, heben ihn hoch, und übern Zaun mit ihm, in die Brennesseln. »So«, verschnauft Hordubal. »Hast du das Tor nicht gefunden, dann übern Zaun.« Und er wankt zurück, streicht sich über den Hinterkopf; diese sonderbare Hitze im Genick – – Irgendwo hinter dem Nachbarzaun ein Gekicher. XX Polana, natürlich, in der Kammer eingeschlossen, und Stille, als wäre sie tot. Hordubal spannt gleich in der Frühe den Dreijährigen und den schweren Wallach vor den Wagen, ungleiches Gespann: der Wallach nickt mit dem Kopf das Hengstlein den Kopf hoch – seltsames Paar. »Richte der Mutter aus, Hafia, ich fahre in die Stadt; ich komme erst abends zurück, so Gott will.« Mögen die Kühe vor Hunger brüllen, mögen die Pferde mit den Hufen trampeln, mögen die Säue grunzen und die Spanferkel quietschen: Polana wird ja aufhören zu trotzen, es wird ihr keine Ruh geben, sie ist doch eine Bäuerin; sie wird hingehn und die Tiere betreuen, und kann man noch böse sein, wenn man unter Gottes Geschöpfen ist? Der Wallach nickt mit dem Kopf und der Hengst trägt ihn hoch. Auch Stefan trägt den Kopf so – den Dreijährigen hat er mit der Stute vorgespannt, meinte, sie passen gut zusammen. Na, na, was beißt du denn den Wallach, du Schelm? Sicher wird Polana, wenn ich nicht zu Hause bin, die Tiere füttern gehn und ihre Freude daran haben. Und siehst du, auch langsam erreicht man die Stadt. Zuerst zum Advokaten, und großmächtiger Herr, ich möchte gerne meinen letzten Willen machen: man weiß ja nie. Also so einen letzten Willen: ich hab' eine Frau. Polana heißt sie; es gehört sich, daß die Ehefrau einen beerbt. Und was vermachen Sie ihr, Herr Hordubal: den Gutshof Geld, Wertpapiere – Hordubal blickt mißtrauisch: wozu willst du's wissen? Schreib nur, alles, was ich habe. »Nun, schreiben wir also: alles bewegliche und unbewegliche Vermögen –« Hordubal nickt: so ist es, großmächtiger Herr, so ist es gründlich gesagt, alles bewegliche und unbewegliche Vermögen, für alle ihre Treue und eheliche Liebe. Und jetzt unterschreiben Sie, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Hordubal zögert noch. »Und wie, großmächtiger Herr, ist es möglich, wieder nach Amerika zu übersiedeln?« »Ah, wo denken Sie hin, Herr Hordubal, zu viele Arbeiter hat man in Amerika, läßt jetzt niemanden herein –« Hm, so. Und gibt es vielleicht hier in der Stadt eine, factory ? Ah, eine Fabrik. Fabriken gibt es hier wohl, aber Sie stehn still. Schlimme Zeiten, Herr Hordubal, seufzt der Advokat, als trüge er allein die Last der schlimmen Zeiten. Hordubal nickt. Was tun, man braucht keine Menschen mehr. Niemand braucht einen Hordubal; schade um diese geschickten Hände. Aber vielleicht braucht man Pferde; Pferde, die den Kopf hochtragen. Juraj sucht den Herrn Kommandanten der Soldaten. Dort in der Kaserne, lautet der Bescheid. Was führt Euch her, Gevatter, sucht Ihr hier Euren Sohn? Keinen Sohn, aber diesen Dreijährigen da möcht' ich verkaufen, Herr Dragoner. Hier werden keine Pferde gekauft, sagt der Soldat, aber schon fahren seine Hände über das Pferd hin und er befühlt Beine und Kruppe – ein Pferdchen wie ein Reh, Batschi. Und schon ist ein Offizier da und schüttelt den Kopf. Das Pferd verkaufen? Schwere Sache, Nachbar, jetzt sind keine Pferdeassentierungen. Das Pferd ist schon im Frühjahr assentiert worden, sagt Ihr? Ein schönes Tier, und schon eingeritten? Nein, sagt Ihr, es hat noch keinen Sattel getragen, nur so ist der Knecht drauf herumgeritten. Und schon stehn etwa fünf Offiziere da und: wie wär's, Gevatter, kann man das Pferdchen ausprobieren? Warum nicht, meint Hordubal, aber es ist ein wildes Pferd, Herr. Ach was, wild, sagst du: gebt ihm Zaum und Decke, Jungens, wollen mal sehn, ob er den Toni abwirft. Eh' du fünf gezählt hast, ist der Herr Offizier aufgesessen. Der Hengst macht einen Sprung, richtet sich auf und der Herr Offizier liegt auf der Erde. Geschickt ist er gefallen, auf den Hintern, er lacht nur, und nun, Jungens, fangt das Pferdchen im Kasernenhof ein. Der dicke Herr Kommandeur lacht, sein Bauch wackelt. »Nun, Nachbar, ein ausgezeichnetes Pferd; aber laßt es noch daheim bei Euch, wir müssen da ein Gesuch schreiben, damit man uns erlaubt, das Pferd zu kaufen –« Hordubal spannt verstimmt das Pferd vor den Wagen. »Was tun, Herr. So werd' ich ihn halt einem Zigeuner – oder dem Fleischer verkaufen.« Der Kommandeur kratzt sich am Hinterkopf »Hört mal, schade um den Hengst. Wollt Ihr ihn denn um jeden Preis loswerden?« »Ja, loswerden«, brummt Hordubal. »Er paßt mir nicht.« »Nun, so laßt ihn doch hier«, entschließt sich der Kommandeur, »und wir geben Euch ... eine Bescheinigung, daß das Pferd bei uns ist. Und später werden wir Euch schreiben, wieviel wir dafür geben. Paßt es Euch so?« »Es paßt schon, warum soll's nicht passen«, sagt Juraj. »Ein schönes Pferdchen, Herr, es trägt den Kopf hoch. Acht Tausender, sagen sie –« »Da nehmt es gleich wieder zurück«, beeilt sich der Kommandeur zu sagen. »Na, vielleicht auch um fünf«, schwankt Hordubal. Da ist noch ein anderer, dicker militärischer Herr, der nickt ganz leicht mit dem Kopf »Nun, das ginge«, sagt der Kommandeur. »Wir werden Euch noch schreiben. Wenn Ihr dann nicht wollt – könnt Ihr das Pferd wegführen. Abgemacht? Und nun die Bescheinigung.« – Hordubal fährt heim, auf der Brust hat er das Testament, eine gestempelte Bescheinigung und das Säckchen mit seinen Dollars. Der Wallach trabt und nickt mit dem Kopf – Und kein Hengstlein mehr da. Gleich als wäre Stefan zum zweiten Male fortgegangen, wenn der Dreijährige weg ist. Auch das Stütchen ließe sich besser verkaufen, auch die Stute mitsamt dem Fohlen – hüh, Wallach, ich kitzle dich nur mit den Zügeln am Hintern und du läufst. Warum nicht mit dem Pferd reden. Sagst du etwas, so wendet es den Kopf weil es nachdenkt. Noch lang ist der Weg, mein Lieber, aber bergan läuft es sich gut. Na – ah, hab keine Angst, nur eine Wasserrinne, die die Straße überschwemmt. Und laß die Bremse brummen, ich verjage sie schon. Hüh. Und Juraj beginnt leise, gedehnt zu singen. Der Wallach wendet das große Auge nach dem Bauer: na, was brummst du da? Hordubal nickt und singt: Ah, Polana, Polana, Ah, Polana, unselige, Möge Gott dir Freude schenken, Ah, Polana, Polana – XXI Hordubal, ruhelos, stiehlt sich gleich morgens aus dem Haus, der Herrgott kümmere sich um die Wirtschaft, und treibt sich, weiß der Teufel wo, herum. Hier – in Tibava, sag mal, Geletaj, kannst du einen Knecht brauchen zu den Kühen oder aufs Feld? Wozu einen Knecht, Hordubal, hab' zwei Söhne; für wen, Vetter, suchst du denn eine Stellung? Oder im Tatiner Revier, dort wohnt der Heger Stoj, da gibt es Bäume zu fällen, hab' ich gehört. Keine Bäume, Bruderherz, tausende Meter Holz verfaulen im Wald. Dann also Gott befohlen. Und wird denn nirgends eine Bahn oder eine Straße gebaut, kein Felsen gesprengt? Wo denkst du hin, Gevatter, hier hat man uns alle vergessen: für wen bauen? Je nun, was tun, man setzt sich hin und wartet bis zur Abenddämmerung. Von fern sind die Glocken der Herden zu hören, ein Hirte knallt mit der Peitsche, das gellt wie ein Schuß, irgendwo kläfft ein Schäferhund. In den Feldern – Gesang. Was tun, du sitzt und hörst zu, wie die Mücken summen; machst die Augen zu und kannst für ganze Stunden lauschen, und niemals wird es hier still, immerfort wird gelebt; da schwirrt ein Käfer vorbei oder ein Eichhörnchen erbost sich, und überall steigt das friedliche Geläute des lieben Viehs zu Gottes Himmel empor. Und vor Abend schlendernd heimwärts. Hafia bringt das Essen – ech, was für ein Essen, kein Hund fräße das; aber man hat ohnehin keinen Hunger. Es ist wahr, Polana hat keine Zeit, das Abendbrot zu bereiten. Schon ist es Nacht, das Dorf ist schlafen gegangen; und Hordubal macht mit der Laterne die Runde und arbeitet, was es zu arbeiten gibt, die Ställe reinigen, den Düngerhaufen zurechtschaufeln, Wasser holen – leise, um niemanden zu wecken, bastelt Juraj zusammen, was es da für einen Mann zu tun gibt. Schon schlägt die elfte Stunde, lobet Gott den Herrn, und Juraj klettert ganz leise in den Stall. Nun, ihr Kühe, nun, in der Frühe wird für Polana ein Stück Arbeit getan sein. Und wieder nach Volovo Polje Arbeit suchen. Hej, Hartschar, brauchst du keinen Roboter? Was fällt dir ein, bist wohl verrückt geworden, oder hat man dich aus dem Kriminal entlassen? Jetzt nach der Ernte suchst du Robot? – Reiß nur das Maul auf, denkt Hordubal, in meinem Säckchen ist Geld genug, deinen halben Hof könnt' ich kaufen, brauchst dich wahrhaftig nicht so aufzublasen. Langsam wankt Hordubal heimwärts. Und was zu Hause? Ach, nur so, hinüber über diese Hügel, was soll ich hier in der Fremde? Juraj sitzt am Waldrand, oberhalb von Warwarins Feld. Auch hier hört man die Herdenglöckchen, wohl von dem Lehoter Weideland her. Was treibt jetzt Mischa droben auf der Polonina? Unten der Bach, und am Bach – eine Frau. Juraj zieht die Brauen zusammen, um besser zu sehen. Sieht sie nicht aus wie Polana? Ach nein, wie käme Polana hierher? Aus solcher Entfernung würde jedes Weib Polana gleichen. Und aus dem Wald kommt ein schwarzer Bursche gelaufen – nicht Manya, urteilt Juraj, wie könnte Stefan von dieser Seite kommen. Der Schwarze bleibt bei dem Weib stehn, steht da und plaudert. – Daß sie sich so viel zu erzählen haben, staunt Hordubal. Wird irgendein Mädel sein, mit ihrem Liebsten ein Ortsfremder, aus Lehota oder aus Volovo Polje; treffen sich heimlich, damit ihn die Dorfburschen nicht verprügeln. Und die zwei stehn da unten und schwatzen; na, schwatzt nur, ich schau' nicht hin. Die Sonne steht über dem Mentschul, wird es bald Abend? Und die beiden stehn drunten und reden. Wie war's, noch einen Versuch zu machen, vielleicht hat man im Salzbergwerk Arbeit für einen miner . Wohl sind die Gruben weit; aber wen kümmert's, wie weit? Die zwei stehn drunten und schwatzen. Nutzlos wird es sein, im Bergwerk anzufragen. – Nein, sie schwatzen nicht. Es steht ja nur eins dort und taumelt. Nein, es sind zwei und taumeln, als rauften sie. Aber wo, sie halten sich nur so eng umarmt, es ist, als taumle nur einer hin und her. Hordubals Herz setzt aus. Rasch hinunter. Nein, nach Hause, ob Polana daheim ist; sicher ist sie daheim, wo sonst? Herrgott, meine Füße – wie bleiern. Hordubal steht auf und läuft den Wald entlang. Rennt über den Feldweg, jagt auf das Dorf zu. Achich, das sticht in der Hüfte, wie Nadelstiche – mit so einer Korbflechternadel. Hordubal kann nicht mehr Atem holen und läuft, läuft aus Leibeskräften. Heil dir, mein Gott, da ist schon das Dorf; Juraj geht in scharfem Tempo, was sticht da so, o Gott, nur ans Ziel gelangen, nur noch ein Stückchen, dort ist schon das Tor; mit aller Kraft die Hand auf die Rippen pressen, dann kann's nicht so stechen, und auf das Tor zu rennen –. Hordubal lehnt sich atemlos an den Torpfeiler, sein Kopf dreht sich, er schöpft Atem, als schluchzte er. Der Hof – leer; Polana wohl in der Kammer oder sonstwo – Juraj ist es plötzlich sterbensgleichgültig, wo sie ist, er könnte nicht bis zur Kammer gelangen, er könnte keinen Laut hervorbringen; er atmet nur zischend und muß sich festhalten, um nicht zusammenzubrechen. Die Pforte geht auf und Polana gleitet in den Hof atemlos, gerötet; stockt, als sie Juraj gewahrt, bleibt stehen und sagt überstürzt: »Ich bin nur bei der Nachbarin gewesen, Juraj, bei – bei der Herpak – mir das Kind ansehn –« Juraj richtet sich in seiner ganzen Länge auf; zieht die Augenbrauen hoch – »Ich hab' nicht gefragt, Polana.« XXII Und er will hinter die Scheune, wie gewöhnlich, kann aber nicht, es sticht so in der Nähe des Herzens. Er tut also, als gelüste es ihn gerade hier zu sitzen, gerade auf diesem Eckstein beim Tor, und den Hof zu betrachten. Polana – auf einmal hat sie beide Hände voll Arbeit: streut den Hühnern Futter, fegt die Vorlaube sauber und dies und das. – »Ein Mädelchen hat die Herpak geboren«, teilt sie gesprächig mit – ech, Polana, wieso bist du auf einmal so redselig? »M«, brummt Juraj zerstreut. Die Dämmerung fallt, Polana öffnet das Tor, bald werden die Kühe von der Weide hier sein. »Du, Juraj«, beginnt sie zögernd, »du sagtest, du möchtest ein paar Kühe dazukaufen –« »Nicht nötig«, murmelt Hordubal. Mit nickenden Köpfen trotten die Kühe in den Stall, bimbam, bimbam. Juraj erhebt sich, Gott sei gelobt, es geht schon. »Gute Nacht, Polana«, sagt er. »Was – du wirst nicht Abendbrot essen?« »Nein.« Polana vertritt ihm den Weg. »Juraj, ich werde dir in der Stube das Bett machen. Was werden die Leute dazu sagen, daß du, der Gazda, bei den Kühen schläfst?« »Laß die Leute«, sagt Juraj unbestimmt. »Sie werden noch manches sagen.« Finster blickt Polana ihm nach, wie er in den Stall geht. Was für einen alten Rücken hat Juraj! Hordubal legt sich ins Stroh, es sticht nicht mehr in der Hüfte, aber – schwer ist das Herz, es drückt. Der Hof verstummt gleichsam verlegen, auch Hafia plappert halblaut, als habe sie jemand zurechtgewiesen, sei still, sprich nicht so laut, als wäre hier jemand schwer krank. Und Stille, der Gutshof schläft, der Ort schläft, ächzend wühlt sich Hordubal aus dem Stroh heraus, zündet die Stallaterne an und geht nachschauen, ob es etwas zu arbeiten gibt. Und wieder sticht es, das Luder. Den Stall sollte man reinmachen und den Pferden frische Streu geben, aber Juraj grübelt nur, ich möchte es ja tun, aber wie kommt es bloß, daß ich heute keine Lust habe. Er umschreitet den Hühnerhof den Schweinekober, die Scheune, klettert auf der Leiter auf den Heuboden, ob das Heu nicht in Glut geraten ist; ech, es sticht in der Hüfte. Er umschreitet den Hof und tritt auch in den Garten. Was dort? Oh, nur so, ob vielleicht jemand dort ist. Wer könnte dort sein? Je nun, niemand, aber man weiß nicht. Und der Dachboden – Polana schläft nicht mehr auf dem Boden, dort ist jetzt Kukuruz; Polana ist in die Kammer umgezogen. Hordubal hält den Atem an, um nicht aufzustöhnen, und steigt auch auf den Dachboden hinauf; er will die Tür öffnen, aber es geht nicht, er hört ein schütteres Rauschen, als er daran rüttelt. Ah, der Kukuruzhaufen ist ins Rutschen geraten und hat die Tür verbarrikadiert. Dort ist also auch niemand. Und wer sollte sich dort verstecken? Welche Dummheit. Hordubal steht auf dem Hof wie ein schwarzer Pflock und streicht verlegen seinen Nacken. Und was will ich denn eigentlich, wundert er sich, warum laufe ich hier herum? So viele Jahre hat Manya hier gelebt, nun, und ich habe nicht gewacht. Bin nicht mit der Laterne im Hof herumgelaufen; wozu dann jetzt – Hordubal fühlt sich irgendwie stumpf und gleichgültig. Wenn ich jetzt ruhig liegen würde und Schritte hörte – würde ich aufstehen? Gar nicht aufstehen. Rufen, wer da? Nicht rufen, nur den Atem anhalten. Ach, mein Gott, soll ich denn erwachsene Leute bewachen? Je nun, ich habe gewacht, das ist wahr, und getan, als arbeitete ich im Dunkeln dies und jenes. Kann man denn jemandes Herz bewachen? Dumm bist du, dumm. Nein, Manya soll nur zurückkommen – was liegt daran? Es ist ja schon einerlei, alles ist einerlei. Alles hat zu schmerzen aufgehört. Das Haus ist abgebrannt, es gibt kein durchlöchertes Dach mehr. Bei Herpaks beginnt ein Kind zu weinen. Siehst du nun, vielleicht ist's wahr, Polana ist bei den Nachbarn gewesen, um sich das Kind anzusehen. Warum nicht: Weiber – wie wild nach Kindern. Jetzt gibt die Herpak dem Kind die Brust. – Erinnerst du dich, Polana, wie du Hafia gestillt hast, nur mit der Schulter gezuckt hast du, und die Brust ist wieder ins Hemd zurückgeglitten – elf Jahre ist's her. Und du nach Amerika. Dumm bist du, dumm –. Hordubal blinzelt zu den Sternen empor, Herrgott, wieviele es sind. – Wie haben sie sich hier vermehrt in all den Jahren. Früher waren nicht so viele da, man könnte sich schier davor entsetzen. Alles ist einerlei. Alles scheint von dir abzufallen, eins ums andere. Amerika ist gewesen, gewesen ist die Heimkehr. Geritsch ist gewesen, Fedelesch, Manya – wie vieles ist gewesen; und jetzt ist nichts mehr. Alles einerlei. Nun, Gott sei gelobt, man fühlt sich leichter. Tuh-tuh-tuh, bläst der Nachtwächter in der Ferne; und so viele Sterne, daß man erschauert. Gute Nacht, gute Nacht, Polana, gute Nacht. XXIII In aller Herrgottsfrühe, niemand ist noch wach, hat Juraj das Dorf hinter sich und geht auf die Berge zu. Zu Mischa. Was dort? Je nun, nur so, um mit einem Menschen zu reden. Es ist noch neblig, die Berge unsichtbar. Juraj fröstelt ein wenig, aber es sticht ihn nicht mehr in der Brust; nur der Atem geht schwer, wohl von dem Nebel. Er kommt an dem Hang vorbei, wo früher das Feld der Hordubals war, und muß innehalten, um zu verschnaufen; Pjosa hat schon geackert – lauter Stein, sagen sie, aber sieh mal, Pjosa findet das Feld auch der Mühe wert. Hordubal atmet schwer und steigt bergan. Der Nebel wogt schon über den Wäldern: nur wenig Zeit noch, und der Herbst ist da. Hordubal steigt und preßt die Hand auf die Hüfte: je nun, es sticht, aber jetzt ist es schon einerlei, ob hinauf oder hinunter. Und es ist kein Nebel, es sind Wolken, hier kann man bereits wittern, wie wasserdurchtränkt sie sind. Achtung auf den Kopf sonst stößt du hinein. Und nun haben sie sich über den Berg gewälzt und du bist mitten unter ihnen, siehst keine drei Schritte weit und stapfst nur, drängst dich durch den dichten Nebel hindurch, weißt nicht, wo du bist. Und Hordubal atmet keuchend und schwer, langsam steigt er in das Gewölk hinein. Ein kalter Sprühregen beginnt zu fallen. Droben auf der Polonina treibt Mischa, einen Sack über den Kopf geworfen, mit Peitschengeknall, heiza, höh, die Ochsen zur Sennhütte. Nicht zu erkennen, ob Tier, Strauch oder Felsblock. Aber ein kluges Hündchen ist Tschuvaj, rennt um die Herde herum und treibt die Ochsen an, nur das Geläute ist aus dem Nebel zu hören. Mischa sitzt auf der Schwelle der Hütte und schaut in den Nebel hinein; die Schwaden zerstreuen sich und man sieht, wie sich die Ochsen aneinanderpressen; dann fällt wieder ein Dunstvorhang auf alles und nur der Regen prasselt. Wie spät mag's sein? Gewiß bald Mittag. Und da springt Tschuvaj auf wittert in den Nebel und knurrt leise. Aus dem Nebel taucht der Schatten eines Menschen. »Bist du da, Mischa?« ruft eine heisere Stimme. »Ja.« »Gott sei gelobt.« Es ist Hordubal, bis auf die Knochen durchnäßt, zähneklappernd; von seinem Hut rinnt das Wasser wie aus einer Dachtraufe. »Was suchst du im Regen hier«, ärgert sich Mischa. »In der Frühe ... hat's nicht geregnet ...« keucht Juraj. »Die Nacht war so klar ... gut, daß es regnet, wir brauchen Regen.« Mischa blinzelt nachdenklich. »Warte, ich mache Feuer.« Hordubal sitzt im Heu, schaut ins Feuer; das Holz prasselt und raucht, Juraj wird von Wärme durchströmt, Mischa hat ihm auch noch einen Sack über die Schultern geworfen; uff ganz heiß wird einem, so heiß, wie dort unten, in der mine . Juraj klappert mit den Zähnen und streichelt den nassen Tschuvaj, der an seiner Seite stinkt; ah was, ich riech' ja selber wie ein nasser Hund. »Mischa«, stammelt Juraj, »was ist denn das, dieses Bauwerk im Wald?« Mischa kocht Wasser im Kessel und wirft Kräuter hinein. »Ich weiß, dir ist nicht gut«, brummt er. »Was läufst du im Regen herum, Dummkopf?« »Da war in der mine so ein Stollen«, erzählt Juraj hastig, »dort tropfte immerzu das Wasser herunter, immerzu. So – so – so, wie wenn eine Uhr tickt. Weißt du auch, daß die Herpak ein Kind bekommen hat, Polana ist es anschauen gegangen und nirgends Arbeit zu kriegen, Mischa, man braucht keine Menschen mehr, sagen sie.« »Und doch werden neue geboren«, brummt Mischa. »Müssen geboren werden«, plappert Juraj. »Weil es Frauen gibt. Du hast keine Frau, du weißt nichts, du weißt nichts –. Was hast du zu reden, wenn du keine Frau hast? Ah, Bruderherz, an alles muß man denken. Zum Beispiel, daß sie dort hineinschreiben – für ihre Liebe und eheliche Treue. Sonst führen die Leute Gott weiß was für Reden. Und schade, um dreitausend Dollar hat man mich bestohlen; wie eine Edelfrau hätte sie leben können, nicht wahr? Nicht wahr, Mischa?« »Na ja«, murmelt Mischa und bläst ins Feuer. »Siehst du, und dann sagt man, ein Dummkopf. Beneidet dich, weil du so eine Frau hast, die den Kopf hochträgt, wie ein Kutschierpferd. So sind halt die Leute: wollen einem weh tun. Dabei war sie nur bei der Nachbarin, sich das Kind ansehn. Lauter niederträchtiges Gerede, Mischa. Sag ihnen, ich habe sie gesehn, wie sie von der Nachbarin kam.« Mischa nickt ernst. »Ich werd' es sagen, werd' alles sagen.« Juraj atmete auf »Darum komme ich zu dir, weißt du? Du hast kein Weib, hast nichts, warum du dich rächen solltest. Sie – sie würden's nicht glauben; aber du wirst es bezeugen, Mischa. Das sagt einem doch der Verstand, sie mußte einen Knecht nehmen, wenn der Bauer weg war; aber auf dem Dachboden hat sie sich eingesperrt, ein Riegel wie ein Donnerwetter, hab's selber gesehen. Und so ein Geritsch wird da etwas erzählen, acht Jahre und so. Sag doch, wer kennt sie besser – der Geritsch oder ich? Nur mit der Achsel gezuckt hat sie, und schon war die Brust unterm Hemd. Und der dort unten, das war ein Bursche aus Lehota, ich hab' ihn gesehn, von Lehota ist er gekommen, und die Leute tratschen gleich herum.« Mischa schüttelt den Kopf »Hier, trink das da aus, das ist gesund.« Juraj schlürft den heißen Trank und starrt ins Feuer. »Schön hast du's hier, Mischa. Und sag es ihnen, sie halten auf dich, bist ein Wissender, sagen sie. Sag ihnen, eine brave und treue Frau ist sie gewesen.« Der Rauch beißt in die Augen, Juraj rinnen Tränen herunter; seine Nase ragt spitz aus dem Gesicht. »Nur ich allein, ich allein weiß, wie sie ist. Ech, Mischa, gleich möcht' ich wieder nach Amerika gehn, und das Geld für sie –« »Trink es auf einen Zug aus«, drängt Mischa, »es wird dich wärmen.« Hordubals Stirn ist in Schweiß gebadet, er fühlt sich schwach und behaglich. »Oh, ich könnte so viel von Amerika erzählen, Mischa«, sagt er. »Vieles hab' ich schon vergessen, aber warte, es wird mir wieder einfallen –« Mischa facht still das Feuer an; Hordubal atmet heftig und plärrt aus dem Schlaf. Draußen hört der Regen auf, nur von den Fichten hinter der Hütte fallen schwere Tropfen; aber die Nebelschwaden wälzen sich weiter. Hin und wieder brüllt ein Ochse, und Tschuvaj rennt nachzusehen, ob die Herde beisammen ist. Mischa spürt etwas im Rücken, es sind Hordubals Augen; Juraj ist schon eine Weile wieder wach und blickt aus eingefallenen Augen. »Mischa«, röchelt er, »sag, darf sich der Mensch selbst das Leben nehmen?« »Was?« »Ob sich der Mensch das Leben nehmen darf?« »Wozu das?« »Damit er den Gedanken entgeht. Es gibt solche Gedanken, Mischa, die – gehören nicht in einen hinein. Da denkst du ... nehmen wir an ... daß sie gelogen hat, daß sie nicht bei der Nachbarin gewesen ist ...« Jurajs Mund ist ganz verzerrt. »Mischa«, keucht er, »wie soll ich mich davon befreien?« Mischa blinzelt grübelnd. »Ah, eine schwere Sache. Du mußt eben bis ans Ende denken.« »Und wenn am Ende ... nur das Ende ist, was dann? Darf man dann selber ein Ende machen?« »Nicht nötig«, sagt Mischa langsam. »Wozu das? Stirbst auch so.« »Und – bald?« »Wenn du's wissen willst – bald.« Mischa hat sich erhoben und verläßt die Hütte. »Und schlaf jetzt«, wendet er sich in der Tür zurück und verschwindet – wie in den Wolken. Hordubal versucht aufzustehn. Gottlob, es geht schon besser, nur der Kopf dreht sich noch und der Körper ist so sonderbar schlaff, wie ein Fetzen. Juraj taumelt hinaus, in den Nebel; man sieht nichts, nur das Läuten der Herden ist zu hören. Tausende Ochsen weiden in den Wolken und machen bim-bam mit den Glöckchen. Juraj geht, geht, und weiß nicht recht, wohin; ich soll doch nach Hause gehn, denkt er, und darum muß er gehen. Er weiß nicht, ob er aufwärts oder abwärts geht; vielleicht abwärts, weil er – gleichsam fällt; vielleicht immer bergauf weil er so mühsam geht und schwer atmet. Ah, einerlei, nur nach Hause. Und Juraj Hordubal taucht im Gewölk unter. XXIV Hafia fand ihn im Stall. Die Kühe waren unruhig und Polana schickte sie, geh, sieh dort nach. Er lag im Stroh und röchelte. Und wendete nichts mehr ein, als ihn Polana in die Stube führte, versuchte nur die Augenbrauen hochzuziehen. Sie entkleidete ihn und schaffte ihn ins Bett. »Willst du etwas?« »Nein«, stammelte er und wollte nur wieder schlafen; er hat etwas geträumt und sie haben ihn aufgestört – was war's doch bloß? Geritsch war doch nicht in Amerika, sie haben alles verwirrt, jetzt muß man's wieder ganz von vorn beginnen. Wenn bloß dieser Druck auf der Brust nicht wäre, das ist wohl das Hündchen Tschuvaj, hat sich mir auf die Brust gelegt und schläft. Juraj streichelt mit unruhiger Hand seine behaarte Brust: schlaf nur, du zottiger Bursche, und wie dein Herzchen schlägt. Ach, du Luder, wie schwer bist du doch. Eine Weile hatte er geschlafen, und als er die Augen öffnete, stand Polana in der Tür und sah prüfend herüber. »Wie geht es dir?« »Besser, Herzchen.« Er fürchtete sich, zu sprechen, damit es nicht verschwinde, damit es sich nicht wieder in sein Kämmerchen verwandle, dort in Johnstown. Hier ist es ja – wie zu Hause: der bemalte Schrank, der Eichentisch, die Eichenstühle, – Hordubals Herz hämmert: ich bin ja endlich heimgekehrt. Herrgott, diese lange Reise, vierzehn Tage im lowerdeck und im Zug – wie zerschlagen ist man. Aber rühren darf man sich nicht, sonst verschwindet es wieder: lieber die Augen schließen und wissen, daß es da ist –. Und dann begann sich wiederum alles zu verwirren: die miner in Johnstown, man schlägt Hordubal; Juraj flüchtet durch den Stollen, kreuz und quer, faßt die Grubenleiter und klettert den Schacht empor; und von oben fliegt ein Förderkorb, der wird ihm den Kopf zerschmettern, ganz bestimmt, und Hordubal erwacht durch sein eigenes Aufstöhnen. Lieber nicht schlafen, hier ist es besser; mit starren Blicken klammert sich Juraj an die friedlichen Möbel. Hier ist es besser Hordubal zeichnet mit dem Finger in der Luft und erzählt Mischa von Amerika. Bruder, mich immer nur zu den schwersten Arbeiten, nur hallo, Hordubal, und schon bin ich gegangen. Einmal war ein Stollen eingestürzt, nicht einmal die Zimmerleute wollten dorthin gehn. Zwanzig Dollar hab' ich damals gekriegt, der Ingenieur selbst hat mir die Hand geschüttelt, so, Mischa, so hat er sie geschüttelt. Und nun fährt Hordubal im Förderkorb hinunter, immerzu hinunter; eine dicke Jüdin sitzt da und ein Greis und sie blicken streng auf Hordubal. Hunderteinundachtzig, zweiundachtzig, zählt Juraj und schreit: genug, genug schon, tiefer geht's nicht mehr, das ist schon das Ende vom Schacht. Aber der Käfig gleitet immer tiefer, die Hitze nimmt zu, man kann nicht atmen, die Bagage fährt bis in die Hölle. Juraj glaubt zu ersticken, und erwacht. Es dämmert, in der Tür steht Polana, blickt gespannt. »Es ist schon besser«, lallt Hordubal und seine Augen brennen. »Sei nicht bös, Polana, ich steh' gleich auf« »Bleib nur liegen«, sagt Polana und tritt näher. »Tut dir etwas weh?« »Nicht weh. In Amerika hatte ich's auch. Flue , meinte der Doktor. Flue . Und in zwei Tagen – wie ein Fisch. Morgen steh' ich auf, Seelchen. Ich mach' dir hier Unordnung, was?« »Möchtest du etwas haben?« Hordubal schüttelt den Kopf »Bin ganz wohl. Nur – einen Eimer Wasser; aber ich könnte selber –« »Gleich hole ich es.« Und sie geht. Hordubal hat die Kissen hinterm Rücken glatt gestrichen und sein Hemd an der Brust zugeknöpft. Damit mich Polana nicht so entblößt sieht, denkt er. Und wenn ich mich waschen und rasieren könnte! Gleich kommt Polana, gleich ist sie hier. Vielleicht setzt sie sich sogar auf den Bettrand, während ich trinke. Juraj macht Platz, damit sie sich setzen kann, und wartet. Vielleicht hat sie vergessen, denkt er; sie hat so viel zu tun, die Arme – wenn wenigstens Stefan wieder da wäre. Ich werde ihr sagen, wenn sie kommt: nun, Polana, wie wär's, wenn Manya zurückkäme? In die Tür tritt Hafia und trägt ein Glas Wasser, trägt es so behutsam, daß sie das Zünglein vor lauter Aufmerksamkeit herausstreckt. »Bist brav, Hafia«, haucht Hordubal. »Nun, Onkel Stefan ist nicht da?« »Nein.« »Und was macht die Mutter?« »Auf dem Hof steht sie.« Hordubal weiß nichts mehr zu sagen, auch zu trinken hat er vergessen. »Na, geh nur«, brummt er, und Hafia ist mit einem Satz zur Tür hinaus. Juraj liegt still da und lauscht. Die Pferde im Stall stampfen mit den Hufen – ob ihnen Polana Wasser gibt? Nein, sie gibt es den Schweinen, man hört ein zufriedenes Grunzen. Wieviele Schritte so ein Weib machen muß, wundert sich Hordubal. Stefan sollte zurückkommen; ich werde nach Rybáry fahren, vorwärts, du Faulpelz, marsch zu den Pferden. Polana kann nicht die ganze Arbeit machen. Vielleicht fahr' ich am Nachmittag fort, denkt Juraj, und dann fallen Schleier auf seine Augen und alles verschwindet. Hafia guckt zur Tür herein, zögert, und ist gleich wieder fort. »Er schläft«, flüstert sie der Mutter auf dem Hof zu. Gegen Mittag kommt Hafia wieder auf den Fußspitzen in die Stube. Hordubal liegt da, die Arme hinter dem Kopf, blinzelt zur Decke empor. »Die Mutter läßt fragen, ob Ihr etwas wollt«, – leiert Hafia herunter. »Ich glaube, Polana«, sagt Juraj, »Stefan könnte zurückkommen.« Das Mädchen reißt verständnislos das Mäulchen auf »Und wie es Euch geht?« haucht es. »Gut, danke höflichst.« Hafia eilt hinaus. »Er sagt, es geht ihm gut«, meldet sie Polana. »Ganz gut?« »No«, meint das Mädchen. Und dann kommt die Nachmittagsstille. Hafia weiß nicht mehr, was sie anfangen soll. Du bleibst da, wenn der Gazda etwas brauchen sollte – Hafia spielt in der Vorlaube mit der Puppe, die Stefan für sie geschnitzt hat. Du darfst nicht hinaus, spricht sie zu der Puppe, der Bauer liegt, du mußt den Hof hüten. Weine nicht, sonst kriegst du Schläge. Auf den Fußspitzen geht Hafia in die Stube nachschauen. Der Bauer sitzt auf dem Bett und nickt. »Was macht die Mutter, Hafia?« »Sie ist weggegangen.« Hordubal nickt. »Sag ihr, daß Stefan zurückkommen soll. Und das Hengstlein kann Stefan zurückbekommen. Möchtest du Kaninchen haben?« »Oja.« »Ich werde dir einen Kaninchenkäfig bauen, so einen, wie ihn der miner Jensen gehabt hat. Ach, Polana, in Amerika gibt es solche Dinge –. Alles werde ich machen.« Hordubal nickt mit dem Kopf »Warte, ich nehme dich mit hinauf auf die Polonina, dort ist so ein merkwürdiger Bau – nicht einmal der Mischa weiß, was dort gewesen ist. Geh, geh, sag der Mutter, Stefan soll zurückkommen.« Hordubal ist zufrieden, legt sich hin, macht die Augen zu. Finster ist es, wie im Stollen. Buch, buch, mit dem Hammer in den Felsen. Und Stefan grinst, lauter Steine, sagt er. Ja, aber dafür weißt du Dummkopf eben nicht, was Arbeit ist. An der Arbeit erkennt man den Mann. Und was für ein Holz hast du da im Hof Seelchen? Lauter gerade Scheite. Und ich – Baumklötze habe ich gespalten, das ist Männerarbeit, Klötze spalten, oder Gestein aus der Erde fördern. Hordubal ist zufrieden. Viel hab' ich gerobotet, Polana, weiß Gott, sehr viel. Wohlgetan ist es, in Ordnung. Und Juraj, mit gekreuzten Armen, schlummert friedlich ein. In der Dämmerung ist er erwacht, weil das Zwielicht lastet. »Hafia«, ruft er. »Hafia, wo ist Polana?« Stille, nur fernes Geläute; die Herden kehren von der Weide heim. Hordubal springt aus dem Bett und zieht die Hosen an: ich muß den Kühen das Tor aufmachen. Der Kopf dreht sich, das kommt vom Liegen. Juraj tappt hinaus, in den Hof, reißt das Tor weit auf: sonderbar ist ihm zumute, er ist außer Atem, aber Gott sei gelobt, wir sind wieder draußen. Das Geläute nähert sich, flutet heran wie ein Fluß; wie wenn alles ins Läuten geriete durch die Glocken der Kühe und das Bimmeln der Kälber. Juraj hat Lust, niederzuknien, er hat noch nie ein so feierliches und großes Läuten vernommen. Mit nickenden Häuptern, gleichsam riesengroß, stapfen zwei Kühe in den Hof mit vollen lichten Eutern. Juraj lehnt sich ans Tor und ihm ist so wohl, so versöhnlich, als betete er. Ins Tor kommt Polana gelaufen. Hastig, außer Atem. »Bist schon aufgestanden«, stammelt sie. »Und wo ist Hafia?« »Nun, aufgestanden«, lallt Juraj entschuldigend. »Mir ist wieder gut.« »Geh, leg dich wieder«, befiehlt Polana. »Am Morgen – bist du ganz gesund.« »Wie du willst, Seelchen, wie du willst«, sagt Juraj gehorsam und freundlich. »Ich würde hier nur unnötig im Weg stehen.« Noch das Tor schließen, einhaken, und langsam in die Stube zurück. Als man ihm das Abendbrot brachte, schlief er. Zweites Buch I Man hat Juraj Hordubal ermordet!« Der Biro Geritsch zieht rasch seinen Kittel an. »Hol die Gendarmen, Junge«, befiehlt er. »Sie sollen zu Hordubals kommen.« Auf Hordubals Hof läuft Polana händeringend hin und her. »Ach Gott, ach Gott«, jammert sie, »wer hat ihm das angetan? Den Gazda hat man ermordet, ermordet!« Hafia verstört in einem Winkel, über die Zäune glotzen die Nachbarinnen, ein Häuflein Männer drängt sich im Tor. Der Dorfschulze stracks auf Polana zu, legt ihr die Hand auf die Schulter. »Hört auf Bäuerin. Was ist ihm geschehen? Wo hat er die Wunde?« Polana beginnt zu zittern: »Ich w-w-weiß nicht, ich war nicht dort, ich konnte nicht –« Der Vorsteher mustert sie aufmerksam. Sie ist blaß und hart, hat sich wohl nur gezwungen, so zu jammern und herumzulaufen. »Wer hat ihn gesehn?« Polana preßt die Lippen aufeinander; doch da kommen schon die Gendarmen und krachen den Leuten das Tor vor der Nase zu. Es ist der alte dicke Gelnaj, aufgeknöpft und ohne Gewehr, und Biegl, der neue Gendarm: er glänzt vor Neuheit und Eifer. »Wo ist er?« fragt Gelnaj halblaut. Polana zeigt nach der Stube und wimmert. Hordubal der Amerikaner liegt auf dem Bett, als wenn er schliefe. Gelnaj hat den Helm abgenommen und wischt sich, damit es nicht auffällt, den Schweiß. Geritsch ragt düster in der Tür. Nur Biegl geht zu dem liegenden Menschen hin und beugt sich über das Bett. »Seht, hier auf der Brust«, sagt er. »Etwas Blut. Sieht aus wie ein Stich.« »Heimarbeit«, brummt der Schulze. Gelnaj dreht sich langsam um. »Was meint Ihr damit, Geritsch?« Der Schulze schüttelt den Kopf »Nichts.« Armer Juraj, denkt er. Gelnaj kratzt sich im Genick. »Sehn Sie mal, Karlchen, das zerbrochene Fenster.« Aber Karlchen Biegl löst das Hemd von der Brust des Toten und guckt darunter. »Wundert mich«, entfährt es ihm zwischen den Zähnen, »ein Messer war's nicht. Und so wenig Blut –« »Das Fenster, Biegl«, wiederholt Gelnaj. »Das ist was für Sie.« Biegl wendet sich zum Fenster. Es ist geschlossen, nur in die eine Scheibe ist eine Öffnung gedrückt worden. »Sieh mal an«, sagt er freudig. »Also hier durch – bloß daß durch dieses Loch niemand hereinkriechen könnte, Gelnaj. Und hier im Glas sind Ritzer von einem Diamanten, aber auf der Innenseite. Na, das ist doch ein Spaß!« Geritsch tritt auf Fußspitzen an das Bett. Eh, du Ärmster, wie spitz deine Nase ragt, und die Augen zu, wie im Schlaf – Biegl öffnet behutsam das Fenster und blickt hinaus. »Das hatte ich mir gedacht«, verkündet er zufrieden. »Die Scherben sind draußen, Gelnaj.« Gelnaj schnaubt. »Also Ihr, Schulze«, sagt er bedächtig, »Ihr sagt, es ist Heimarbeit, was? Und den Stefan Manya hab' ich hier nicht gesehen.« »Wird wohl zu Hause sein, in Rybáry«, meint der Schulze, nicht gerade entgegenkommend. Biegls Nase beschnuppert alle Winkel. »Keine Unordnung, nichts zerbrochen –« »Mir gefällt das nicht, Karlchen«, sagt Gelnaj. Biegl zeigt die Zähne. »Zu dumm, nicht wahr? Aber warten Sie, wird sich fein verarbeiten lassen. Ich, Gelnaj, liebe die klaren Fälle.« Gelnaj trottet auf den Hof hinaus, dick und würdevoll. »Kommt mal her, Frau Hordubal. Wer war heute nacht im Haus?« »Nur ich – und Hafia, hier das Töchterchen.« »Wo habt Ihr geschlafen?« »In der Kammer mit Hafia.« »Hier die Tür in den Hof war abgesperrt, nicht wahr?« »Abgesperrt, bitte.« »Und am Morgen, abgesperrt? Wer hat sie aufgemacht?« »Ich – als es hell wurde.« »Und wer hat als erster die Leiche gefunden?« Nichts. Polana preßt die Lippen zusammen. »Wo ist Euer Knecht?« sagt Biegl plötzlich. »Zu Haus, bitte, in Rybáry.« »Wieso wißt Ihr das?« »Nun – ich glaub' halt –« »Ich frage nicht, was Ihr glaubt. Woher wißt Ihr, daß er in Rybáry ist?« »– – Ich weiß nicht.« »Wann war er das letztemal hier?« »Vor ... vor zehn Tagen. Er ist gekündigt –« »Wann habt Ihr ihn zuletzt gesehn?« »Vor zehn Tagen.« »Ihr lügt«, schießt Biegl los, ohne zu zielen. »Gestern seid Ihr mit ihm zusammen gewesen. Wir wissen es.« »Das ist nicht wahr«, haucht Polana entsetzt. »Gesteht doch, Hordubal«, redet Gelnaj ihr zu. »Nein – ja. Gestern ist er mir begegnet.« – »Wo?« schlägt Biegl zu. »Draußen.« »Wo draußen?« Polana, flatternden Blicks: »Hinterm Dorf« »Was habt Ihr dort gemacht? Was? Also rasch!« Polana schweigt. »Ihr wart mit ihm verabredet?« beginnt Gelnaj wieder. »Nein, Gott ist mein Zeuge. Er ist mir zufällig begegnet –« »Wo?« fährt Biegl dazwischen. Polana heftet die gehetzten Augen auf Gelnaj. »Zufällig ist er mir begegnet – – hat nur gefragt, wann er hier seine Sachen abholen kann. Er hat noch seine Kleider da, dort im Stall.« »Aha, der Gazda hat ihn auf die Minute hinausgeworfen, wie? Und warum, bitte?« »Sie haben sich gestritten.« »Wann sollte er seine Sachen holen kommen?« »Heute – heute früh.« »Ist er gekommen?« »Nein.« »Weil er in der Nacht gekommen ist«, schießt Biegl los. »Nein, er war nicht da. Zu Hause war er.« »Wieso wißt Ihr das?« Polana beißt sich auf die Lippen. »Ich weiß nicht.« »Kommen Sie, Hordubal«, sagt Biegl scharf. »Dort vor dem Ermordeten werden Sie uns mehr erzählen.« Polana taumelt. »Lassen Sie sie«, knurrt Wasil Geritsch Wasilu. »Sie ist schwanger.« II Gelnaj sitzt im Hof, Biegl soll nur das ganze Anwesen durchstöbern. Der schnuppert, schnuppert herum und seine Augen leuchten vor Begierde. Alle Ställe hat er durchstöbert, alles in der Runde, jetzt sucht er oben auf dem Dachboden; er ist geradezu neubelebt, solche Freude macht es ihm. Das sind so Sachen, denkt Gelnaj: mir genügen die Zigeuner und Ordnung halten –. Nun, Karlchen soll halt auch seine Freude haben. Aus der Stube kommt der Doktor, um sich unter der Pumpe die Hände zu waschen. Gleich ist Biegl da, fragt ungeduldig: »Also was, also was?« »Das wird sich bei der Sektion erweisen«, sagt der Doktor. »Aber ich meine, es könnte ein Nagel gewesen sein oder so was. Nur zwei – drei Blutströpfchen – merkwürdig.« Polana bringt ihm ein Handtuch. »Danke«, sagt er. »Hören Sie, war Ihr Mann nicht krank?« »Gestern ist er gelegen, hat Fieber gehabt.« »Aha. Und Sie werden ein Kleines wiegen, nicht wahr?« Polana ist rot geworden. »Erst im Frühjahr, gnädiger Herr.« »Nicht im Frühjahr, Mutterchen. So um Neujahr herum, was?« Biegl zwinkert erfreut Polana nach. »Also da hätten wir ein Motiv, Gelnaj. Hordubal ist erst im Juli aus Amerika zurückgekommen.« Gelnaj knurrt. »Die Hordubal meint, es ist ein Auswärtiger gewesen. Ihr Mann soll vor paar Wochen in der Schenke gerauft und den Fedelesch Gejza übel zugerichtet haben. Hat ihm den Kopf zerschlagen. Gejza ist ein Raufbold. Vielleicht ist es aus Rache, meint sie. Da haben Sie auch ein feines Motiv, Karlchen.« Auch der Doktor blickt Polana nach und sagt zerstreut: »Schade, Ihr sperrt sie mir ein und ich bin so gern bei Geburten. Hier komm' ich überhaupt zu keiner Wöchnerin, die Weiber werfen hier wie die Katzen. – Bei der da wird's wohl eine schwere Geburt geben.« »Warum?« »Alt und mager. An die Vierzig, nicht wahr?« »Wo denken Sie hin«, meint Gelnaj. »Kaum dreißig. So, der Hordubal war krank? Wie erkennt man das an einem Toten?« »Ärztliches Geheimnis, Gelnaj, aber Ihnen will ich's verraten. Unter dem Bett war ein voller Nachttopf« »Das hatte ich nicht beachtet«, sprach Biegl neiderfüllt. »Also Gott befohlen, meine Herren«, sagte der Doktor, auf seinen Beinchen wippend, »und von der Sektion werden Sie mich verständigen, gelt?« »Ich werde das Haus nochmals durchsuchen«, brummte Biegl, »und dann könnten wir nach Rybáry fahren.« »Was suchen Sie eigentlich immerfort, Karlchen? Noch ein Motiv?« »Beweise«, sagt Biegl trocken. »Und das Werkzeug.« Gelnaj schlendert zum Zaun und knüpft mit der Nachbarin ein Gespräch an; er schäkert mit ihr so lange, bis er einen Fetzen an den Schädel und ein Blümchen zum Geschenk bekommt. In dem Winkel beim Schuppen duckt sich die verschüchterte Hafia. Gelnaj beginnt Grimassen zu schneiden und feixt so entsetzlich, daß Hafia zuerst Furcht hat und dann es ihm nachmacht. Als Biegl später aus der Scheune auf den Hof tritt, sitzt Hafia auf Gelnajs Schoß und erzählt ihm, daß sie einen Käfig für die Kaninchen bekommen soll. »Nichts gefunden«, sagt Biegl mißmutig. »Aber ich komme noch einmal zurück. Das wäre schön, wenn ich nicht –. Haben Sie dem Geritsch gesagt, er soll uns ein Fuhrwerk nach Rybáry verschaffen?« »Es wartet schon«, sagt Gelnaj und entläßt Hafia mit einem Klaps auf den Popo. »Nun, Gelnaj, wie denken Sie über die Sache?« »Ich werde Ihnen etwas sagen, Biegl«, brummt Gelnaj ernst. »Ich werde mir darüber überhaupt nichts denken. Ich habe schon genug davon in den fünfundzwanzig Jahren. Mir gefällt es nicht.« »Je nun, ein Mord, das ist keine Kleinigkeit«, sagt Biegl sachkundig. »Das wohl nicht, Karlchen«, sagt Gelnaj kopfschüttelnd. »Aber ein Mord im Dorf das nimmt man nicht so genau, wissen Sie. Sie sind ein Stadtmensch, Sie verstehen es nicht so. Wenn's ein Raubmord wäre, werde ich, Himmelfix, genauso schnuppern wie Sie. Aber ein Mord in der Familie – und ich sage Ihnen, ich wundere mich gar nicht, daß man den Hordubal erschlagen hat.« »Warum?« »– Das ist nun mal so eine unglückliche Natur. Dem stand es auf der Nase geschrieben, mein Lieber.« Biegl grinst. »Der Teufel stand ihm auf der Nase geschrieben. Einen jungen Knecht hat er im Bett gehabt, das ist alles. Menschenskind, Gelnaj, das ist ein ganz klarer Fall –« »Ach was, Familienfälle sind niemals klar«, knurrt Gelnaj. »Das werden Sie noch sehn, Karlchen. Um Geldes willen morden, das ist klar, das macht man im Handumdrehen; aber bedenken Sie, wochen- und wochenlang es in sich tragen, tage- und nächtelang es überlegen, das, Biegl, haben Sie so, als wenn Sie an der Hölle riechen. Ihnen ist es klar, weil Sie hier neu sind; aber ich habe sie alle gekannt, Karlchen, alle drei –. Was soll ich Ihnen erzählen: fahren wir nach Rybáry.« III »Stefan daheim?« »Nein, er ist in die Stadt gegangen.« Biegl stößt Michal Manya zur Seite und eilt ins Haus hinein. Gelnaj beginnt mittlerweile mit dem alten Manya und Michal ein Gespräch über das Wetter, über die Hasen und über die Jauche, die ihnen da auf die Straße fließt. Biegl kommt zurück, hinter ihm Stefan, bleich, trotzig, die Kleider voll Heu. »So, und Ihr habt gesagt, daß er nicht zu Hause ist?« brüllt Biegl den Michal an. »Er hat in der Früh gesagt, daß er in die Stadt geht«, murmelt Michal. »Bin ich sein Wächter?« »Und hat sich indessen im Heu versteckt. Warum haben Sie sich dort versteckt?« »Ich hab' mich nicht versteckt«, sagt Stefan grimmig. »Warum soll ich mich verstecken? Geschlafen habe ich.« »Sie haben wohl in der Nacht nicht genug geschlafen?« »Doch. Warum soll ich nicht geschlafen haben, bitte schön?« »Warum haben Sie dann jetzt geschlafen?« »Weil – weil ich nichts zu tun hab'. Hab' genug gearbeitet im Dienst.« »Gestern hat er gearbeitet, bitte untertänigst, den ganzen Tag hat er das Feld geackert«, hilft der alte Manya flugs nach. »Euch hab' ich nicht gefragt«, herrscht ihn Biegl an. »Geht in die Stube, marsch, und Michal auch.« »Ach ja«, seufzt Gelnaj. »Und was sagt Ihr, Stefan, dazu, was mit Hordubal passiert ist?« »Ich hab's ihm nicht getan«, entfährt es Stefan. »Sie wissen also schon, daß er ermordet ist?« fährt Biegl triumphierend dazwischen. »Wer hat's Ihnen gesagt?« »Niemand. Aber wenn man Gendarmen sieht – errät man, da wird mit Hordubal etwas los sein.« »Warum gerade mit Hordubal?« »Weil – weil wir uns gestritten haben.« Stefan preßt Zähne und Fäuste zusammen. »Hinausgeworfen hat er mich, der Hund.« Biegl ist etwas enttäuscht. »Geben Sie acht, Manya: Sie gestehen also, daß Sie und Hordubal im Zorn auseinandergegangen sind.« Stefan zeigt zornig die Zähne. »Das weiß doch ein jeder.« »Und Sie wollten sich rächen.« Stefan schnaubt. »Wenn ich ihn getroffen hätte – weiß nicht, was ich gemacht hätte.« Biegl überlegt einen Moment: leicht kommt man an Stefan nicht heran. »Wo waren Sie heute nacht«, schlägt er direkt los. »Zu Haus war ich, hier. Geschlafen hab' ich.« »Das wird sich zeigen. Kann es Ihnen jemand bezeugen?« »Ja, Michal – Djula – unser Alter – fragen Sie sie!« »Mir haben Sie keine Ratschläge zu erteilen«, donnert ihn Biegl an. »Gestern nachmittag haben Sie mit der Hordubal gesprochen. Worüber?« »Ich hab' nicht mit ihr gesprochen«, erklärt Stefan hart und gesammelt. »Hab' sie überhaupt nicht gesehn.« »Sie lügen! Sie selbst hat gesagt, daß sie mit Ihnen ein Stelldichein hatte – daß Sie sie gefragt haben, wann Sie Ihre Sachen holen sollen –« »Ich hab' sie schon zehn Tage nicht gesehn«, beharrt Stefan auf seiner Aussage. »Seit ich nicht mehr im Dienst bin, war ich nicht in Krivá und hab' die Bäuerin nicht gesehn.« Biegl wütet. »Nehmen Sie sich in acht, sonst werde ich Ihnen andre Töne beibringen. Vorwärts, Sie werden mir jetzt zeigen, wo Sie in der Nacht geschlafen haben.« Stefan zuckt die Achseln und führt Biegl hinein. Gelnaj klopft ans Fenster: »Hej, Alter, kommt heraus.« Der alte Manya schlürft heraus und blinzelt mißtrauisch. »Bitte schön, was ist geschehen?« Gelnaj schwenkt die Hand. »Den Hordubal hat man heute Nacht verprügelt. Einen Stockhieb auf den Rüssel hat er erwischt. Hört mal, Alter, hat das nicht der Stefan gemacht?« Der Alte schüttelt den Kopf »Das nicht, bitte ergebenst, das konnte der Stefan nicht. Der Stefan war zu Hause, hat geschlafen. Hej, Michal, komm her. Sag, wo war Stefan heute nacht?« Michal denkt nach und sagt langsam: »Na, wo er war? Geschlafen hat er oben mit mir und mit Djula.« »So, so«, nickt Gelnaj, »das hab' ich mir gleich gedacht. Hordubal ist halt im Dorf nicht sehr beliebt. Ihr wißt ja, so ein reicher Amerikaner, und hat nicht mal die Nachbarn freigehalten.« Der alte Manya hebt die Hände. Oje, und wie reich, am Hals trägt er ein Säckchen mit lauter Dollars – »Ihr habt sie gesehn?« Gewiß hat er sie gesehn, er war doch einmal hier, um den Bauernhof zu kaufen, und hat das Geld gezeigt. Mehr als siebenhundert Dollar, bitte schön. Unbeliebt im Dorf, so wird's wohl sein: bitt' ergebenst, ein stolzer Mensch hat keine Freunde. Gelnaj nickt ernsthaft: »Und wovon, Manya, ist hier die Tür so zerstochen?« »Das ist von der Korbflechternadel, die wird hineingebohrt, das ganze Jahr ist sie immer dort.« »Laßt sehn, wie sie ausschaut«, interessiert sich Gelnaj. »Hab' nicht gewußt, daß man Körbe mit einer Nadel macht.« »Da werden, bitte, nur die Ruten mit der Nadel geflochten, – so«, zeigt Manya in der Luft. »Noch gestern war die Nadel da«, ärgert er sich, »Michal, weißt du nicht, wohin sie geraten ist?« »Ah, laßt es bleiben«, brummt Gelnaj gleichgültig. »Wenn ich mal vorbeikomme, seh' ich's mir an. Aber die Jauche, Manya, die darf nicht auf den Weg rinnen. Der Weg gehört nicht Euch, verstanden?« »Bitte ergebenst, wenn wir das Feld düngen, wird der Misthaufen ausgeräumt –« »Ihr solltet einen ordentlichen Fangdamm haben, aus Zement. Könntet wohl Geld brauchen für den Hof, was?« »Bitte schön, könnten wir brauchen«, kichert der Greis. »Eine neue Scheune bauen – aber hier der Michal ist ein Dummkopf. Stefan hat mehr Verstand für die Wirtschaft. Stefan, das wäre ein Gazda.« Djula kommt vom Feld zurück. Er hat ein Bündel Heu aufgeladen, fahrt aber wie der Blitz. »Komm her, Junge«, ruft ihn Gelnaj väterlich an. »Ich frage nur ordnungshalber. Wo war Stefan heute nacht?« Djula hat den Mund geöffnet und blickt fragend auf den Alten und auf Michal: keiner zuckt mit der Wimper. »Hier war er«, murmelt Djula. »Mit mir und Michal hat er auf dem Boden geschlafen.« »Gut hast du das gesagt«, belobt ihn Gelnaj. »Na, wirst Kavallerist werden?« Der Junge zeigt die blanken Zähne. »Freilich.« Aus der Stube kommt Biegl und wütet still. »Kommen Sie her, Gelnaj. Stefan hat ein paar über die Schnauze gekriegt. Jetzt hab' ich ihn vorderhand in der Stube eingesperrt.« »Das sollen Sie nicht«, meint Gelnaj. »Einschränkung der persönlichen Freiheit und so weiter.« Biegl grinst unhöflich. »Ich pfeife darauf. Schlimmer ist, daß ich nichts gefunden habe. Und Sie?« »Ein Alibi, ein ganz gewaltiges Alibi, Karlchen. Die ganze Nacht hat er im Heu geschlafen wie ein braves Knäblein.« »Sie lügen«, zischt Biegl scharf. »Allerdings, das haben sie nun mal im Blut, Kamerad.« »Vor Gericht werden sie schon klein beigeben«, droht Biegl. »Da kennen Sie sie schlecht. Sie werden sich entweder der Zeugenaussage entschlagen oder Meineide schwören wie geölt. Das ist auf dem Dorf fast ein Nationalbrauch.« »Was soll ich also tun?« sagt Biegl mißmutig. »Was meinen Sie, Gelnaj, sollen wir den Stefan schon jetzt verhaften? Daß er's getan hat, darauf können Sie Gift nehmen.« Gelnaj nickt. »Ich weiß. Aber geben Sie nur acht, Biegl«, beginnt er und beendet den Satz nicht; denn in diesem Moment klirrt es leise und Biegl brüllt: »Halt!« Und rast schon hinter das Gebäude. Gelnaj folgt ihm langsam. Auf der Erde liegen zwei Menschen, aber Biegl ist obenauf »Ich werde zupacken, Karlchen«, bietet sich Gelnaj an. Biegl erhebt sich und zerrt Stefan an dem gewaltsam verkrümmten Arm hoch. »Auf und marsch«, keucht er atemlos. »Ich werde dich ausreißen lehren!« Stefan zischt durch die Zähne, sein Gesicht ist schmerzverzerrt. »Lassen Sie mich los«, zischt er. »Ich – ich wollte nur nach Krivá – meine Sachen holen –« Djula drängt sich zwischen die Gendarmen. »Laßt ihn los«, schreit er, »laßt ihn los, sonst –« Gelnaj faßt ihn bei der Schulter. »Langsam, Junge. Und Ihr, Michal, mischt Euch nicht ein. Stefan Manyas, ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes. Und nun komm schön mit, du Esel.« Sie fahren den Stefan Manya nach der Stadt: es ist nicht das Hengstlein mit dem stolz aufgereckten Kopf eingespannt, und doch bleiben die Leute stehen und schauen ihm nach. Auf jeder Seite ein Gendarm, das Gewehr zwischen den Knien, und Stefan in der Mitte; er hat kein Hütchen im Nacken und blickt nicht in der Ebene herum. Dort drüben der Fluß; hier weiden Pferde, im Schilf blinkt der Sumpf aber Stefan starrt nur auf den rostfarbenen Buckel irgendeines Kutschers. Gelnaj knöpft seine Montur auf und beginnt ein Gespräch, er duzt den Stefan, erwähnt aber Hordubal mit keinem Wort: nur von der Landwirtschaft, von dem Bauernhof in Rybáry, von den Pferden – Stefan tut anfangs kaum den Mund auf aber dann wird er gesprächig. Ja, dieser Hengst; schlecht hat ihn der Gazda verkauft, wer weiß wem und um wieviel; acht Tausender hätte man für ihn kriegen können, ins Gestüt hätten sie ihn geben sollen, zuvor aber ihn auf die schwarze Stute loslassen – ach, Herr, das möchte ich sehn. Manyas Augen leuchten. Und so ein Pferd hat der Gazda verkauft. Eine Sünde ist es – den Wallach hätte er verkaufen sollen oder die Mähre mit dem Fohlen, aber diesen Hengst – Stefan regt sich auf bis ihm der Schaum in den Mundwinkeln steht; und Biegl denkt verärgert, man solle mit einem Verhafteten nicht sprechen, es sei denn amtlich. »Eh, Herr«, sagt Stefan fast für sich, »wenn uns der Hengst führe – – ich würde selber die Zügel nehmen – – das wäre eine Fahrt!« IV »Sehn Sie, Gelnaj«, erläutert Biegl am Abend. »Es hat's jemand aus dem Hause getan: das Fenster von innen eingedrückt, damit es wie ein Einbruch aussieht. Durch die Tür konnte er nicht ins Haus kommen, weil sie verriegelt war. Also ist er entweder schon am Abend im Haus gewesen –« »Nein«, sagt Gelnaj, »Hafia hat mir gesagt, daß Onkel Stefan nicht bei ihnen gewesen ist.« »Gut. Oder es hat ihn in der Nacht jemand von den Hausleuten hereingelassen; aber dann kann es kein fremder Mensch gewesen sein. Der Stefan ist doch fünf Jahre Knecht gewesen. Der ganze Ort weiß, daß er in diesen fünf Jahren mit der Hordubal ein Verhältnis hatte –« »Halt, nur vier Jahre. Zum erstenmal hatten sie etwas miteinander im Stroh. Dann ist die Bäuerin jede Nacht zu ihm in den Stall gekommen. Ich weiß es von Hafia, Karlchen.« »Ihre Hafia scheint recht viel zu wissen«, schmunzelt Biegl. »Je nun«, brummt Gelnaj, »Sie wissen ja, Dorfkinder –« »Also weiter: die Hordubal ist schwanger – versteht sich, mit Stefan, da der Amerikaner Hordubal erst im Juli heimgekommen ist. Jetzt haben Sie folgende Situation: die Hordubal weiß, daß es rauskommen wird. Hordubal will sie selbstverständlich für sich haben –« Gelnaj schüttelt den Kopf »Das wohl nicht, Biegl. Er schlief immer im Stall und sie auf dem Dachboden oder in der Kammer. Das weiß ich von der Nachbarin.« »– aber sie pflegte weiterhin zu dem Knecht zu kommen.« »Das eben weiß ich nicht«, sagt Gelnaj nachdenklich. »Hafia glaubt es nicht. Nur daß Polana in den letzten Tagen irgendwohin, hinter das Dorf lief. Die Nachbarin hat sie wegeilen sehen.« »Menschenskind«, staunt Biegl, »Sie wissen ja eine ganze Menge, wie eine alte Dame. Aber ich trachte mir ein logisches Bild zu machen.« »Aha. Und das können Sie nicht für sich behalten, Karlchen?« »Nein. Ich will es laut in meinem Kopf in Ordnung bringen. Dieser Tölpel Hordubal hat dem Stefan so sehr vertraut, daß er ihm seine kleine Hafia versprochen hat. Hören Sie, das ist das ausgesprochene Mittelalter – ein Kind zu verloben!« Gelnaj zuckt die Achseln. »Aber dann ist er irgendwie daraufgekommen, daß die Bäuerin schwanger geht, und hat den Stefan hinausgeworfen.« Gelnaj schnaubt unwillig. »Was erzählen Sie mir da, Biegl. Zuerst ist Stefan von Hordubal weggegangen und erst dann hat ihn der Gazda mit Hafia verlobt. Fragen Sie die Weiber im Ort.« »Das reimt sich mir nicht zusammen«, Biegl ist ganz verwirrt. »Also, wie hängt es eigentlich zusammen, Mensch?« »Ich weiß nicht, Karlchen, ich habe kein – wie nennen Sie es? – logisches Bild. Das ist eine Familienangelegenheit und kein klarer Fall. Woher denn, er kann gar nicht klar sein. Sie haben keine Familie, Biegl, das ist es.« »Aber, Gelnaj, es ist doch so klar wie das Einmaleins: Polana will den Gazda loswerden; Stefan – möchte in das Bauerngut einheiraten. Die beiden vereinbaren die Sache und fertig. Gestern ist Polana gelaufen, um Stefan zu holen –« Gelnaj schüttelt den Kopf »Wieder gefehlt. Mir hat Hafia gesagt, der Gazda selbst habe sie gestern fortgeschickt, geh, hole Stefan her, er soll zurückkommen. Was geht es mich schließlich an. Biegl, hatte der Selige nicht einen Geldbeutel am Hals hängen?« Biegl fährt betroffen zusammen. »Was für einen Beutel? Nichts hat er gehabt.« »Da sehn Sie«, sagt Gelnaj. »Und er soll dort mehr als siebenhundert Dollar gehabt haben. Suchen Sie diese Dollars, Karlchen.« »Sie glauben – ein Raubmord?« »Ich glaube nichts, aber das Geld ist weg. Der alte Manya hat es seinerzeit bei Hordubal gesehen. Manyas brauchen eine neue Scheune –« Biegl pfeift leise vor sich hin. »Ah so. Also das wahre Motiv wäre das Geld.« »Könnte sein«, nickt Gelnaj. »Pflegt gewöhnlich so zu sein. Oder Rache, Biegl, – da haben Sie auch ein Motiv, wie es sich gehört. Hordubal hat Stefan über den Zaun in die Brennesseln geworfen. Darauf steht im Dorf ein Stich mit dem Schnappmesser, Karlchen. Sie können wählen, welches Motiv Ihnen gefällt.« »Warum sagen Sie mir das?« sagt Biegl gereizt. »Je nun, damit Sie sich ein logisches Bild machen«, entgegnet Gelnaj unschuldig. »Und vielleicht hat ihn Manya wegen des Hengstes umgebracht.« »Das ist eine Dummheit.« »Eben. In der Familie pflegt man wegen einer Dummheit zu morden, lieber Biegl.« Biegl verstummt mißmutig. »Ärgern Sie sich nicht, Karlchen«, brummt Gelnaj. »Dafür sage ich Ihnen, womit man Hordubal getötet hat. Mit einer Korbflechternadel.« »Woher wissen Sie das?« »Bei den Manyas ist sie gestern verloren gegangen. Suchen Sie sie, Biegl.« »Wie sieht sie aus?« »Ich weiß nicht. Ich glaube, so ähnlich wie eine Ahle. Mehr weiß ich nicht«, schloß Gelnaj und putzte aufmerksam seine Pfeife. »Nur das noch, daß die Manyas den Mist aus der Senkgrube aufs Feld fahren wollen.« V Gelnaj und Biegl warten beim Wein, bis der Doktor von der Sektion kommt. »Und wo haben Sie den Glaserdiamanten gefunden?« »Bei Hordubals in der Kammer. Was sagen Sie dazu?« »Da haben Sie diese Bauern«, sagt Gelnaj ärgerlich. »Es tut ihnen leid, etwas wegzuwerfen, selbst wenn es ein corpus delicti ist. Sie meinen, einmal könnte es sich verwenden lassen –« Gelnaj spuckt meisterhaft aus. »Geizkrägen.« »Und die Hordubal behauptet, der Diamant sei schon immer dort gewesen, schon ehe der Gazda nach Amerika gefahren war. Aber hier, der Farkasch, der Glaser, erinnert sich, daß Stefan bei ihm einen Glaserdiamanten gekauft hat, ungefähr einen Monat soll es her sein.« Gelnaj pfeift. »Schon vor einem Monat? Sehn Sie, Biegl, das ist eben das Sonderbare, daß sie schon vor einem Monat daran gedacht haben. Jemanden rasch töten, das könnte ich selber; aber so auf lange Frist –. Und die Dollars haben Sie gefunden?« »Nein, dort in der Kammer habe ich außerdem eine elektrische Lichtbatterie aufgestöbert. Ich fahnde jetzt, wo und wann Stefan sie gekauft hat. Auch ein Beweis, was? Bereits genug für die Herren, auch das Frauenzimmer verhaften zu lassen. Aber es heißt, wir sollen noch ein paar richtige Beweise finden –« Gelnaj dreht sich auf dem Sessel um. »Karlchen, weil Sie es sind – ich hab' auch etwas gehört. Stefans Schwager, ein gewisser Janosch, hat angeblich verlauten lassen, daß der Stefan etwa vor einer Woche zu ihm aufs Feld gekommen ist und gesagt hat, du, Janosch, du könntest verdienen, wieviel du willst, meinetwegen ein Paar Ochsen, kannst sie dir sogar selber auf dem Markt aussuchen – und für eine kleine Arbeit: mußt nur den Juraj Hordubal wegschaffen.« »Das ist gut«, sagt Biegl anerkennend. »Und Janosch?« »Geh, soll er gesagt haben, wo hast du denn das Geld dazu, Stefan? – Ich hab's nicht, sagt Stefan, aber die Bäuerin hat's: wir haben einander versprochen, daß wir heiraten werden, wenn Hordubal weg ist.« »Da haben wir sie also«, atmet Biegl tief auf. »Und beide sind in der Tunke.« Gelnaj nickt. Aber da kommt der Doktor von der Sektion, läuft auf seinen kurzen Beinchen und schaut kurzsichtig um sich. »Herr Doktor«, ruft Gelnaj, »wollen Sie nicht eine Minute hierher, bitte?« »Ah«, sagt der Doktor knapp. »Na, meinetwegen. Geben Sie mir einen Sliwowitz. Der Ärmste hat schon gerochen. Keine schöne Arbeit. Ach ach«, atmet er auf und stellt das Gläschen hin. »Und wissen Sie, meine Herren, daß man einen Toten ermordet hat?« Biegl wälzt die Augen heraus. »Wieso?« »Einen beinahe Toten. Er dürfte in den letzten Zügen gelegen haben, komatöser Zustand. Lungenentzündung höchsten Grades, die rechte Lunge schon vereitert, gelb wie die Leber – er hätte den Morgen nicht mehr erlebt.« »Also war's überflüssig«, sagt Gelnaj langsam. »Freilich. Und an der Aorta eine Erweiterung – faustgroß. Wenn die Lungenentzündung nicht gewesen wäre, würde eine Aufregung genügt haben – und Schluß. Armer Kerl.« Beide Gendarmen schweigen bedrückt. Endlich räuspert sich Biegl und fragt: »Und die Todesursache, Herr Doktor?« »Nun, Mord. Die linke Herzkammer durchbohrt. Aber weil er in der Agonie war, ist nur wenig Blut ausgetreten.« »Und womit, glauben Sie –?« »Ich weiß nicht. Mit einem Nagel, einer Ahle, einer Nadel zum Säckenähen – oder kürzer gesagt: mit einem dünnen, spitzigen Metallgegenstand, zirka zehn Zentimeter lang, von ovalem Querschnitt – genügt Ihnen das?« Gelnaj dreht verlegen das Glas zwischen den dicken Fingern. »Herr Doktor – – könnte man nicht sagen, daß er – – an der Lungenentzündung gestorben ist? Sehn Sie, wenn er ohnehin schon sterben mußte – wozu soll man dann damit so viel –« »Das geht nicht, Gelnaj«, platzt Biegl heraus. »Es ist doch ein Mord.« Der Doktor funkelt mit der Brille. »Das wäre schade, Herr. Ein interessanter Fall. Selten sieht man einen Mord mit einer Nadel oder dergleichen. Ich werde das Herz in Spiritus geben und es«, der Doktor beginnt zu grinsen, »einem gelehrten Fachmann schicken. Damit Sie es sicher wie Beton haben, meine Herren. Es nutzt nichts, es ist ein Mord, wie das Gesetz es befiehlt. Ach Gott, aber welch ein überflüssiger.« »Was tun«, brummt Gelnaj. »Und ein solcher Maulesel nennt das einen klaren Fall!« VI Bloß daß die Flasche mit dem Herzen unterwegs zerschlagen wurde und der Spiritus ausströmte; und das Herz des Juraj Hordubal traf in einem sehr schlechten Zustand im Arbeitszimmer des gelehrten Herrn ein. »Wozu schickt man mir das her«, ärgerte sich der gelehrte, weißhaarige Herr. »Was steht in dem Begleitschreiben? Daß sie eine Stichwunde festgestellt haben? Diese Landärzte«, seufzte die Fachautorität und betrachtete von ferne das Herz des Juraj Hordubal. »Schreiben Sie: Stichwunde ausgeschlossen – die Öffnung ist zu klein – – es ist ein Durchschuß des Herzmuskels, aus einer Schußwaffe kleinen Kalibers – vermutlich einer Flobertpistole. Und schaffen Sie es fort.« »Also, da haben wir's aus Prag wieder zu Hause«, begrüßte Gelnaj Biegl, als dieser aus Rybáry zurückkam. »Und damit Sie es wissen, Karlchen, der Hordubal ist nicht erstochen worden, sondern mit einer Flobertpistole erschossen.« Biegls Arme sanken herab. »Und was sagt unser Doktor dazu?« »Was soll er sagen, er tobt. Sie kennen ihn doch, gelt? Er beharrt auf seiner Feststellung. Naja, also eine Flobertpistole. Die Kugel hat man zwar nicht gefunden, aber was soll man tun. Wir müssen jemand suchen, der eine Flobertpistole hat.« Biegl schmiß den Helm in die Erde. »Ich lasse die Sache nicht auf sich beruhn, Gelnaj«, drohte er, »ich lasse mir von niemandem hineinblasen. Himmelherrgott, ich hab's ja schon beinah fertig, alles klappt, und nun so was! Können wir denn zu Gericht gehen – mit dem da? Mensch, wo nehmen wir eine Flobertpistole her?« Gelnaj zuckt die Achseln. »Sehn Sie, das habt ihr davon, daß ihr den armen Hordubal nicht an Lungenentzündung sterben lassen wolltet. Recht geschieht euch, Ihnen wie dem Doktor.« Biegl setzt sich wütend auf einen Stuhl. »Das hat mir die ganze Freude verpatzt, Gelnaj. Die größte Freude, die ich je gehabt habe.« »Na, was denn?« »Ich habe die Dollars gefunden, etwas über siebenhundert mitsamt dem Säckchen. Hinter einem Balken auf dem Dachboden in Rybáry waren sie.« Gelnaj nimmt überrascht die Pfeife aus dem Mund. »Na, das ist allerhand, Karlchen«, sagt er anerkennend. »Es hat aber auch viel Suchen gekostet«, atmet Biegl auf »Ich hab's zusammengezählt: wissen Sie, wie lange ich in Rybáry gesucht hab'? Netto sechsundvierzig Stunden. Kein Hälmchen habe ich ungewendet gelassen. Jetzt kann sich Stefan mit seinem Alibi ausstopfen lassen. Was meinen Sie, Gelnaj, wird das dem Schwurgericht genügen? Das Geld hat sich gefunden, der Diamant, den Stefan gekauft hat, ist auch nicht schlecht, dann haben Sie die Widersprüche in den Aussagen und ein Motiv wie ein Scheunentor.« »Letzten Endes vier Motive«, bemerkt Gelnaj. Biegl winkt ab. »Wo denken Sie hin? Es war ein ganz gewöhnlicher, gemeiner Mord wegen Geld. Ich werde Ihnen sagen, wie es war. Hordubal wußte, daß Manya der Geliebte seiner Frau ist und hatte Angst vor ihm. Deshalb trug er sein Geld am Hals, deshalb verlobte er Manya mit Hafia, deshalb jagte er ihn schließlich hinaus, deshalb schloß er sich im Stall ein – ein ganz klarer Fall, Gelnaj.« Gelnaj blinzelt nachdenklich. »Ich denke wiederum immerfort an die Pferde. Stefan hat die Pferde geliebt. Er soll von nichts anderem gesprochen haben, als davon, daß man Weideplätze in der Ebene hinzukaufen soll und nichts wie Pferde züchten. Eben jetzt wird ein Stück Flachland hinter Hordubals Wiesen verkauft. Vielleicht verlangte Manya von Hordubal, er solle es kaufen, und dieser wollte nicht und trug das Geld an der Brust herum. – Ich würde mich nicht wundern, Karlchen, wenn es deswegen geschehen wäre.« »Das ist gehupft wie gesprungen: um des Geldes willen. Aus Liebe zu Polana ist es sicher nicht geschehen, Gelnaj.« »Wer weiß.« »Nein. Sie sind ein alter Gendarm, Gelnaj, und wissen im Dorf Bescheid, ich aber bin ein junger Gendarm und habe, sakrisch, einen gewissen Sinn für Weiber. Ich hab' mir die Polana angesehn: das ist eine häßliche, knochige Vettel – und alt, Gelnaj; es ist wahr, sie hat mit dem Knecht ein Verhältnis gehabt – ich glaube, er hat sie einen Haufen Geld gekostet. Für die, Gelnaj, hätte sich Hordubal nicht erschlagen lassen, für die hätte Stefan nicht gemordet; aber wegen dem Geld – das ist klar. Hordubal war ein ländlicher Geizkragen, Polana dachte nur ans Erben, um sich Liebhaber aushalten zu können, Stefan war auf die Moneten erpicht – und da haben Sie es. Gelnaj, bei der ganzen Geschichte war nicht so viel Liebe dabei.« Biegl schnalzt mit den Fingern. »Ein schmutziger Fall, Mensch, aber klar.« »Das haben Sie gut abgestimmt, Biegl«, würdigt der alte Gelnaj. »Wie der Herr Staatsanwalt. Sie haben es so einfach –« Biegl zeigt geschmeichelt die Zähne. »– aber wenn's nach mir ginge, Karlchen, wäre es noch einfacher, wenn den Juraj Hordubal der liebe Gott zu sich genommen hätte. Lungenentzündung, Amen. Und die Witwe hätte nach einiger Zeit den Knecht geheiratet – das Kind wäre geboren worden. – Aber Ihnen, Biegl, gefällt so ein einfacher Fall nicht.« »Nein, mir gefällt es, die Wahrheit festzustellen. Das, Gelnaj, ist Männerarbeit.« Gelnaj blinzelt grübelnd. »Und haben Sie die Empfindung, Karlchen, daß Sie sie sozusagen gefunden haben? Die wahre Wahrheit?« »– – noch diese Nadel möchte ich gern finden.« Drittes Buch Verhandlung gegen Stefan Manya, sechsundzwanzigjähriger Knecht, ledig, reformierter Konfession, und gegen Polana Hordubal, geborene Durkota, Witwe, einunddreißig Jahre, römisch-katholischer Konfession, wegen Meuchelmordes, begangen an Juraj Hordubal, Gazda in Krivá, gegebenenfalls wegen Mitschuld an der Ermordung des Juraj Hordubal. Angeklagter, stehn Sie auf. Sie haben soeben die Anklageschrift vernommen. Fühlen Sie sich schuldig im Sinne der Anklage? Der Angeklagte fühlt sich unschuldig. Er hat Juraj Hordubal nicht getötet, er hat in jener Nacht daheim in Rybáry geschlafen. Das Geld hinter dem Balken – das hat er vom Gazda bekommen, angeblich als Mitgift, wenn er Hafia heiraten würde. Den Glaserdiamanten hat er nicht gekauft. Zu der Bäuerin hat er keine intimen Beziehungen gehabt. Sonst hat er nichts auszusagen. Die Angeklagte fühlt sich unschuldig. Über den Mord weiß sie nichts, erst am Morgen –. Auf die Frage, wie sie von Juraj Hordubals Tod erfahren habe: sie habe nur das zerbrochene Fenster gesehen. Zu dem Knecht hat sie keine Beziehungen gehabt. Den Glaserdiamanten hat der Gazda selbst vor Jahren gekauft. Der Mörder muß durch das Fenster gekommen sein, weil die Hoftür die ganze Nacht verriegelt gewesen ist. Hierauf setzt sie sich, bleich, unschön, hochschwanger: wegen dieser Schwangerschaft mußte die Verhandlung beschleunigt angesetzt werden. Und der Prozeß wälzt sich weiter mit der unerbittlichen Routine der Justizmaschine. Protokolle und Gutachten werden verlesen, Papier raschelt, die Geschworenen gebärden sich, als verfolgten sie andächtig und voll Verständnis jedes Wort, das auf dem Amtspapier geschrieben steht. Die Angeklagte sitzt unbewegt wie eine Puppe, nur ihre Augen irren unruhig hin und her. Stefan Manya trocknet von Zeit zu Zeit seine Stirn und strengt sich an zu verstehen, was da vorgelesen wird: wer weiß, was für eine Schlinge es enthält, wer weiß, was die hochmächtigen Herren da herausschälen werden; und mit höflich gesenktem Kopf horcht Manya zu und bewegt die Lippen, als wiederholte er jedes Wort. Der Gerichtshof eröffnet das Zeugenverhör. Aufgerufen wird Wasil Geritsch Wasilu, Dorfschulze aus Krivá, ein hoher, breitschultriger Bauer. Er war einer der ersten, welche die Leiche gesehen haben. Es ist wahr, hat er gesagt, daß dies Heimarbeit ist. Warum? Der Vernunft nach, bitte schön. Und ist Ihnen bekannt, Geritsch, daß Polana Hordubal Beziehungen zu Stefan Manya gehabt hat? Es ist mir bekannt. Hab's ihr selber vorgeworfen, ehe Juraj zurückgekommen ist. – Und hat Hordubal die Frau schlecht behandelt, wie? – Verprügeln hätte er sie sollen, hoher Herr, erklärte Wasil Geritsch Wasilu, ihr den Teufel austreiben. Nicht einmal sattessen hat sie sich Juraj lassen. – Hat sich Hordubal vielleicht über seine Frau beschwert? – Nicht beschwert, bloß den Leuten ausgewichen ist er; vor Kummer eingegangen ist er wie eine Kerze. Polana sitzt aufrecht und starrt ins Leere. Der Gendarmeriewachtmeister Gelnaj sagt im Sinne der Anklage aus. Er deutet auf die betreffenden Gegenstände: ja, dies ist das Fenster aus Hordubals Stube, hier ist auf der Innenseite der Diamantenritzer. An jenem Tag war es kotig, unter den Fenstern war eine Wasserlache; aber in der Stube war keinerlei Kotspur und im Fensterrahmen war der Staub nicht verwischt worden. Ist es möglich, daß ein erwachsener Mensch durch diese Öffnung schlüpft? Unmöglich; da müßte wenigstens der Kopf hindurchgehen, – er geht nicht. Verhört wird der Gendarmerieaspirant Biegl; er steht wie beim Rapport und glänzt vor Eifer. Er sagt genau im Sinne der Anklage aus. Den Diamanten hat er in dem versperrten Schrank gefunden: die Hordubal wollte den Schlüssel nicht ausliefern, sie habe ihn verloren. Er hat den Schrank erbrochen und auch den Schlüssel dazu später auf dem Boden eines Hafereimers gefunden. Er hat auch in Rybáry Hordubals Dollars gefunden. Und noch etwas habe ich mir mitzubringen gestattet, Herr Vorsitzender, meldet Biegl mit erhobener Stimme und wickelt etwas aus einem Taschentuch heraus. Er habe es erst gestern gefunden, als man Manyas Misthaufen ausräumte. Man hatte es in die Senkgrube geworfen. Biegl legt auf den Tisch vor den Herrn Vorsitzenden einen dünnen, etwa fünfzehn Zentimeter langen, spitzigen Gegenstand von ovalem Querschnitt. – Was ist das? – Eine Korbflechternadel, bitte, die immer bei Manya war und am Tage des Mordes verschwunden ist. – Biegl zuckt mit keiner Wimper, genießt nur seinen Triumph und labt sich an dem allgemeinen Interesse. Fünf Wochen hat er diese elende Nadel gesucht, und da ist sie nun. Angeklagter, kennen Sie diese Nadel? Nein. Und Manya setzt sich, düster und trotzig. Man hört den Doktor an. Er beharrt darauf, der Mord sei mit einem dünnen, spitzigen Gegenstand von ovalem Querschnitt ausgeführt worden. Wäre Hordubal erschossen worden, so müßte das Projektil im Fenster steckengeblieben sein, und es hat nicht darin gesteckt; und der Doktor erläutert ausführlich den Unterschied zwischen einer Schuß- und einer Stichwunde; außerdem müßte bei einem so kleinen Kaliber der Schuß aus unmittelbarer Nähe abgefeuert worden sein, so daß das Hemd und eventuell auch die Haut auf der Brust versengt sein müßte. Kann die Wunde durch diesen Gegenstand verursacht worden sein? Das kann sie. Man kann nicht mit Sicherheit sagen, daß sie es ist, aber dieser Gegenstand ist hinlänglich scharf und dünn, um eine solche Wunde zu erzeugen. Er würde sich sehr gut dazu eignen, schätzt der Doktor. Ja, und der Tod ist unmittelbar eingetreten. Und der jähzornige Doktor rennt weg, wie vom Teufel gejagt. Vernommen wird der Gefängnisarzt. Polana Hordubal ist allen Anzeichen nach im achten Monat der Schwangerschaft. – Angeklagte, sagt der Vorsitzende, Sie brauchen nicht aufzustehn. Wer ist der Vater des Kindes, das Sie unter dem Herzen tragen? Juraj, flüstert Polana mit gesenktem Blick. Hordubal ist zurückgekehrt, jetzt sind es fünf Monate. Von wem haben Sie das Kind? Polana schweigt. Der alte Manya verzichtet auf die Zeugenaussage; Stefan verbirgt das Gesicht in den Händen, der Alte schneuzt Tränen in ein rotes Taschentuch. Nebenbei, Manya, kennt Ihr diesen Gegenstand? Der alte Manya nickt, ah, das ist unsere Nadel, die Nadel zum Korbflechten. Und er will sie gleich erfreut in die Tasche stecken. Nein, nein, Alter, die muß hier bleiben. Auch Michal und Djula verzichten auf die Zeugenaussage. Marja Janosch wird vorgerufen. Wollen Sie Zeugnis ablegen? Ja. Ist es wahr, daß Ihr Bruder Stefan von Ihrem Mann verlangt hat, er solle Juraj Hordubal totmachen? Wahr ist es, bitte untertänigst; aber der Meinige – nicht um hundert Paar Ochsen, hat er gesagt. Hat Stefan ein Verhältnis mit der Bäuerin gehabt? Das wohl, hat sich selber zu Hause damit gebrüstet. Ein böser Mensch ist Stefan, hohes Gericht. Es war nicht gut, ihm das Kind zu verloben; Gott sei gelobt, daß es nicht dazu gekommen ist. – Und was, Zeugin, hat sich Ihr Bruder sehr gekränkt, als ihn Hordubal hinausgeworfen hat? Marja schlägt ein Kreuz: ach, mein Gott, wie der Teufel: nicht gegessen, nicht getrunken, nicht einmal geraucht hat er. – Die Zeugin entfernt sich und schluchzt in der Tür auf: er tut mir leid, hoher Herr – –, bitte untertänigst, darf ich diese Groschen für Stefan dalassen, zur Aufbesserung? – Nein, nein, Matuschka, er braucht kein Geld, gehn Sie mit Gott. Janosch wird aufgerufen. Wollen Sie Zeugenschaft ablegen? Bitte, wie die Herren befehlen. Ist es wahr, daß Stefan von Ihnen verlangt hat, Sie sollen Hordubal den Tod bereiten? – Der Zeuge blinzelt verlegen. Es ist wahr, etwas hat er gesagt, ein Bettler bist du, Janosch, könntest Geld kriegen. – Und wofür das Geld? – Was weiß denn ich, bitte schön, solche dumme Reden. – Hat er Ihnen gesagt, Sie sollen Hordubal erschlagen? – Das wohl nicht, Euer Gnaden. Es ist schon lange her. Es war nur so die Rede von Geld – Stefan hat immer nur vom Geld geredet. Wozu soll ich solche Dummheit im Kopf herumtragen? Und daß ich ein Dummkopf bin. Ein Dummkopf meinetwegen ein Dummkopf: an den Galgen wird es mich nicht bringen, Bruderherz. – Sind Sie nicht betrunken, Zeuge? – Bin ich, bitte schön, hab' ein Gläschen getrunken zur Kurasch, schwer zu reden mit den Herren. Die Verhandlung wird auf morgen vertagt. Stefan sucht mit den Augen Polana, aber die Witwe Hordubals schaut so wie aus Bein geschnitzt, als wüßte sie nichts von ihm: knochig, unschön, schroff. Niemand sieht Stefan an, alle nur sie: was soll uns Stefan, so ein schwarzer Kerl! Ist es denn so selten, daß ein Mann den andern erschlägt? Aber das hier – die eigene Frau, bitte schön; was für ein Leben, himmlischer Herr, wenn man der eigenen Frau nicht vertrauen kann. Nicht einmal im Bett zu Hause sicher zu sein, ob man nicht wie ein Vieh abgestochen wird. Hordubals Witwe durchschreitet einen Gang des Hasses, der sich wie Wasser hinter ihr schließt. Eh, mit einem Beil hätte sie der Selige erschlagen sollen, wie einen Wolf, der sich im Eisen gefangen hat. Aufhängen soll man sie, sagen die Weiber. Es gibt keine Gerechtigkeit in der Welt, wenn sie nicht gehängt wird. Geht doch, ihr Vetteln, brummen die Männer, Weiber werden nie gehängt, das weiß man doch; aber man sollte sie bis zum Tod einsperren. – Wenn die Frauenzimmer richten sollten, würden sie das Luder aufhängen. Hört, ich selber würde ihr den Strick um den Hals legen. – Schwatz nicht, Marika, das ist keine Weiberarbeit. Aber Stepka, den wird man gewiß auf den Galgen führen. So, so, den Stepka; und er hat nur einen fremden Menschen erschlagen. Wenn ihr die Polana nicht aufhängt, werden dann nicht die Weiber ihre Männer erschlagen? Das würde mancher in den Kopf kriechen, – in der Familie, liebe Leute, im ehelichen Stande gibt es gar oft einen Grund dazu. Nein, nein, hängt sie nur auf. Und wie soll man sie hängen, wenn sie ein Kind trägt? Was für ein Kind, den Teufel selber wird sie gebären. Als Zeuge wird Iwan Fasekasch, genannt Leca, aufgerufen. Er hat Polana mit Stefan stehen sehn an dem Tag, wo der Mord geschah, hinterm Bach ist es gewesen. Stefan Manya, leugnen Sie auch jetzt noch, daß Sie an jenem Tage in Krivá gewesen sind und mit Polana Hordubal gesprochen haben? Ich bin nicht dort gewesen, bitte. Angeklagte, hat Manya hinterm Bach mit Ihnen gesprochen? Nein. Aber den Gendarmen haben Sie angegeben, Sie hätten gesprochen. Die Gendarmen haben mich gezwungen. Juliana Warwarin sagt aus, die Nachbarin der Hordubal. Ja, sie hat Hordubal oft gesehen, er ist wie ein Körper ohne Geist herumgegangen. Polana hat ihm nichts zu essen gegeben, als er Stefan entlassen hatte, aber für den Knecht hat sie Hühner und Spanferkel gebraten. Sie ist täglich mit Manya schlafen gegangen, Gott möge sie nicht strafen, die Nachbarin spuckt aus, aber als Hordubal heimgekehrt war, wer weiß, wo sie sich mit dem Knecht getroffen hat; den Stall hat sie nicht mehr betreten. In der letzten Zeit wandelte Hordubal auch bei Nacht mit der Laterne herum, als hielte er Wache. Hören Sie, Zeugin, Sie haben gesehen, wie Hordubal den Stefan über den Zaun geworfen hat. Hat Stefan dabei seinen Rock angehabt? Nein, nur in Beinkleidern und Hemd ist er gewesen. Und er ist ohne Rock weggegangen? Ja, bitte schön. Also mußte der Rock, den er angehabt hatte, mit seinen Sachen bei Hordubal bleiben? Stefan Manya, wann sind Sie nach Krivá zurückgekehrt, um diesen Rock zu holen? Stefan erhebt sich und blinzelt unsicher. Sie haben sich ihn geholt, in derselben Nacht, in welcher Juraj Hordubal ermordet wurde. Sie können sich setzen. Und der Staatsanwalt notiert triumphierend etwas. Man führe die beiden Angeklagten ab, befiehlt der Vorsitzende. Als Zeugin wird Hafia Hordubal vorgerufen. Man führt ein blauäugiges hübsches Mädchen herein; es herrscht atemlose Stille. Fürchte dich nicht, Kleine, komm her, sagt väterlich der Vorsitzende. Wenn du nicht willst, brauchst du nicht auszusagen. Nun, willst du aussagen? Das Mädchen blickt fragend, benommen auf die großmächtigen Herren in den Talaren. Willst du aussagen? Hafia nickt gehorsam. Ja. Ist deine Mutter immer in den Stall gegangen, wenn Stefan dort war? Ja, jede Nacht. Hast du sie manchmal zusammen gesehen? Ja. Onkel Stefan hat sie einmal umarmt und ins Stroh gewälzt. Und der Gazda, der Vater, war er manchmal mit der Mutter zusammen? Nein, der Vater nicht, nur Onkel Stefan. Und als der Gazda aus Amerika zurückgekehrt war, war die Mutter auch dann mit dem Onkel zusammen? Hafia schüttelt den Kopf. Wieso weißt du das? Weil der Gazda zu Hause war, sagt das Kind erfahren und selbstverständlich. Onkel Stefan hat doch gesagt, daß er bei uns nicht bleiben wird, daß jetzt alles anders ist – War der Gazda gut? Hafia zuckt verlegen die Achseln. Und Stefan? O je, Stefan war gut. War die Mutter brav zum Gazda? Nein. Und zu dir? Hatte sie dich gern? Sie hatte nur Onkel Stefan gern. Hat sie für ihn gut gekocht? Ja, aber er gab mir immer davon. Und wen hattest du am liebsten? Das Mädchen windet sich schamhaft. Onkel Stefan. Und wie war das, Hafia, in der letzten Nacht, als der Vater starb. Wo hast du geschlafen? Bei der Mutter in der Kammer. Hat dich nicht etwas geweckt? Ja. Jemand hat an das Fenster geklopft und die Mutter ist auf dem Bett gesessen. Und weiter? Weiter nichts, die Mutter hat gesagt, ich soll schlafen, wenn ich keine Schläge kriegen will. Und du hast geschlafen? Ja. Und hast nichts weiter gehört. Nichts, nur daß jemand im Hof herumgegangen ist, und die Mutter war fort. Und wer da gegangen ist – das weißt du nicht? Das Mädchen macht erstaunt den Mund auf. No, Stefan. Mit wem sollte die Mutter sonst hinausgehen? Eine furchtbare Stille herrscht in dem Saal, man atmet schwer. Ich verfüge eine Pause, sagt der Vorsitzende rasch und fuhrt Hafia an der Hand hinaus. Bist ein braves Mädchen, brummt er, brav und vernünftig; aber sei froh, daß du nicht weißt, um was es sich handelt. Die Geschworenen durchsuchen ihre Taschen, um Hafia etwas zu schenken: sie drängen sich um sie herum, um ihr wenigstens das Haar zu streicheln. Und wo ist Stefan? fragt Hafias Silberstimmchen. Da ist schon der dicke Gelnaj da, schnaubt und drängt sich zu Hafia durch: komm, Kleine, komm, ich bringe dich nach Hause. Aber in den Gängen drängen sich die Leute und stecken Hafia hier einen Apfel, dort ein Ei oder ein Stück Kuchen zu, schneuzen gerührt in ihr Taschentuch, die Weiber küssen sie und weinen reichlich; Hafia hält krampfhaft Gelnajs dicken Finger umschlossen und ist selbst nahe daran zu weinen; aber Gelnaj sagt, wein' nicht, ich kaufe dir Zuckerwerk, und das Mädchen beginnt vor Freude zu hüpfen. Die Verhandlung schleppt sich weiter, manchmal hat es den Anschein, als schürzte sich ein Knoten, einige Hände müssen ihn entwirren. Es sagen aus: Pjosa, genannt der Husar, Alexa Vorobec Metru und sein Weib Anna und die Frau des Herpak, legen Zeugnis ab über dieses Weib hier, Polana Hordubal. Ach, gütiger Gott, es ist schier schandhaft, was die Leute alles über die Menschen zu sagen wissen; da braucht Gott nicht zu richten, die Menschen richten selber. Und zur Zeugenaussage meldet sich der Hirte Mischa. Treten Sie näher, Zeuge. Wie alt seid Ihr? Was? Wie alt Ihr seid, Mischa. Ah, ich weiß nicht. Was liegt daran? Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Hordubal läßt euch verkünden, daß sein Weib brav und treu gewesen ist. Halt, Mischa, wieso läßt er das verkünden? Wann hat er es Euch gesagt? Was? Wann er es Euch gesagt hat, Mischa? Ah, wann. Nun, ich weiß nicht. Geregnet hat es damals. Er hat mir befohlen, sag du's ihnen, Mischa, dir werden sie glauben. Gott mit Euch, Alter, mit so was seid Ihr bis von Krivá hergekommen? Was? Ihr könnt gehen, Mischa, nicht nötig zu schwören. Wir brauchen Euch nicht mehr. Ah, danke ergebenst. Gelobt sei Jesus Christus. Der Glaser Farkasch sagt aus. Den Glaserdiamanten hat Manya Stefan bei mir gekauft. Und Sie erkennen ihn? Wie sollte ich ihn nicht erkennen, hier dieser ist es, der gelbe. Manya, stehen Sie auf: gestehen Sie, daß Sie diesen Diamanten bei dem Glaser Farkasch gekauft haben? Ich gestehe nicht. Sie können sich setzen, Manya, aber so werden Sie sich nicht helfen. Es sagen aus: die Frau des Baran, die Frau des Hryc, die Frau des Fedor Bobal. Eh, Polana, welche Schande: mit den Fingern weisen sie auf dich, deine Unzucht klagen sie an, Frauen steinigen die Ehebrecherin. Niemand mehr sieht Stefan Manya, vergebens verbirgst du mit den gekreuzten Armen den schwangeren Leib, deine Sünde wirst du nicht verdecken; Stefan hat getötet, du aber hast gesündigt. Seht doch die Schamlose, sie senkt nicht einmal das Haupt, sie weint nicht, sie schlägt nicht die Stirn an die Erde, sie sieht drein, als wollte sie sagen, redet nur, redet, was liegt mir daran. – Angeklagte, haben Sie zu der Zeugenaussage der Marta Bobal etwas zu bemerken? Nein. Und sie neigt nicht den Kopf, errötet nicht vor Schande, versinkt nicht vor Scham in den Boden – wie eine Säule. Keine Zeugen mehr? Gut, die Verhandlung wird bis morgen unterbrochen. Aber diese kleine Hafia hat fein ausgesagt, nicht wahr? So ein Kind, Herr Kollege, und was es schon alles gesehen hat. Furchtbar, furchtbar. Und trotzdem ihre Aussage wie das Rieseln eines klaren Bächleins. Eine solche Selbstverständlichkeit in allem – als wenn das, was sie da geschildert hat, nichts Böses wäre. Aber dafür ist das ganze Dorf gegen Polana. Schlimm steht es um Polana; um Stefan freilich auch, aber was bedeutet Stefan – eine Nebenfigur. Ja, ja, das Dorf hat begriffen, daß es sich hier um eine Sache der Moral handelt, Herr Kollege: man könnte sagen, die Gemeinde rächt sich für die verletzte Ordnung. Seltsam, das Volk nimmt doch in der Regel dies und das, was sich so in der Familie begibt, nicht so streng, nicht wahr? Es scheint, daß Polana nicht nur Ehebruch, sondern etwas Schwereres begangen hat. Was, meinen Sie? Je nun, öffentliches Ärgernis; dadurch hat sie sich den Fluch des Dorfes zugezogen. Verflucht werde Polana. Habt ihr alle gesehen, wie sie den Kopf gereckt hat? Daß sie sich nicht schämt! Sie hat noch dazu gelächelt, als Fedor Bobals Frau erzählte, daß ihr die Weiber die Fenster einschlagen wollten, für ihre Unzucht. Jawohl, den Kopf noch höher gereckt und gelächelt, als hätte sie auf etwas stolz zu sein. Eh, geht, Gevatter, da möcht' ich sie doch selber sehen wollen: ist sie wenigstens hübsch? Hübsch – daß Gott mich nicht strafe! Die muß den Stefan verzaubert haben, sage ich, die Augen muß sie ihm getrübt haben: mager, sage ich, und die Augen – nur stechen mit ihnen; böse muß die gewesen sein, sag' ich. Aber das Kind, hört ihr, wie ein Bildchen; wir haben alle geweint, – wenn man bedenkt, eine Waise! Und seht ihr, nicht einmal vor dem Kindchen hat sich die Person geschämt, vor der eigenen Tochter hat sie Unzucht getrieben. Nun ja, ein Satan, sage ich. Da muß ich sie mir auch anschaun gehn, Gevatter. Laßt uns, laßt uns hinein, wir wollen die Schamlose sehn. Ah was, wir drängen uns schon zusammen, wie in der Kirche werden wir stehen, laßt uns nur hinein. Leute, drängt nicht so, werdet mit den Pelzen den hohen Gerichtshof verpesten. Weg von dieser Tür! Seht doch, die Magere, die dort, die so gerade sitzt, das ist sie. Wahrhaftig, wer würde das von ihr sagen? Sieht aus wie irgendein Weiblein. Und wo ist Stefan? Ah, von dem sieht man nur die Schultern, und der, welcher aufsteht, der große im Talar, das ist der Staatsanwalt selbst. Stille, stille, jetzt werdet ihr was hören. Meine Herren Geschworenen, ich habe Ihnen die Umstände wiederholt, wie sie dank der musterhaften Arbeit der Sicherheitsorgane (Biegl im Auditorium stößt Gelnaj in die Seite) festgestellt worden und wie sie aus den Zeugenaussagen hervorgegangen sind. Ich möchte an diesem Orte beiden Teilen meinen Dank ausdrücken. Meine Herren, während meiner langen gerichtlichen Laufbahn habe ich noch keinen Prozeß gesehen, wo die Zeugenaussagen von einer so tiefen, so leidenschaftlichen Anteilnahme an dem Wirken der Gerechtigkeit durchdrungen gewesen wären, wie in diesem Fall. Ein ganzes Dorf, die ganze Bevölkerung von Krivá, Männer, Frauen und Kinder sind vor Sie getreten, nicht nur um Zeugnis abzulegen, sondern um vor Gott und den Menschen eine ehebrecherische Frau anzuklagen. Nicht ich im Namen des Gesetzes, sondern das Volk selbst ist der Ankläger. Nach dem Buchstaben des Gesetzes werden Sie ein Verbrechen richten. Nach dem Gewissen dieses Gottesvolkes werden Sie eine Sünde richten. Der Staatsanwalt ist sich seiner Sache sicher, aber in diesem Augenblick zögert er. (Was rede ich da von Sünde? Richten wir die Seele eines Menschen, oder nur seine Taten? Es ist wahr – nur die Taten – aber entspringen die Taten nicht der Seele? Halt, Vorsicht, Achtung auf Sackgassen! Der Fall ist doch so klar –.) Hohes Schwurgericht, der Fall, über den Sie urteilen werden, ist klar, geradezu erschreckend klar in seiner Einfachheit. Sie haben hier nur drei Personen. Die erste davon ist der Gazda, Juraj Hordubal, ein schlichter Mensch, gutmütig, vielleicht ein wenig schwachen Verstandes. Er rackert sich in Amerika ab, verdient fünf bis sechs Dollars täglich und schickt davon vier seiner Familie, seiner Frau, damit sie besser leben kann. Die Stimme des Staatsanwalts nimmt eine seltsame, kehlige Schärfe an. Und von diesem blutverdienten Gelde bezahlt sich diese Frau einen jungen Knecht, welcher sich nicht ekelt, der ausgehaltene Liebhaber eines alternden Weibes zu werden. Was tut Stefan Manya nicht um des Geldes willen? Er zerstört das Heim des Emigranten, entfremdet die Mutter dem Kinde, und als ihn seine Geliebte dazu anstiftet, erschlägt er den schlafenden Gazda um eines Säckchen Dollars willen. Welch ein Verbrechen – welch eine Sünde des Geizes! (Der Staatsanwalt hält inne. Verbrechen, nicht Sünde. Hier ist kein Gottesgericht.) Und dann ist hier – diese Frau. Wie Sie sie sehen, kühl, berechnend, hart. Zwischen ihr und dem jungen Knecht kann keine Liebe sein, nicht einmal sündige Liebe; nur Unzucht, nur Sünde, nur Sünde – sie hält sich ein Werkzeug ihrer Begierden aus, sie verhätschelt ihn, kümmert sich nicht mal um ihr Töchterchen. Gottes Finger rührt sie an: in ihren Sünden wird sie schwanger. Und da kommt der Gazda aus Amerika zurück, Gott selbst sendet ihn, um den Ehebruch in seinem Hause zu bestrafen. Aber Juraj ist ein Schwächling: niemand unter uns, keiner der Männer, hoffe ich, würde das erdulden, was dieser geduldige und schwachsinnige Gatte schweigend ertragen hat, er, dem vielleicht nur mehr daran gelegen war, im Hause Ruhe zu haben. Aber mit seiner Heimkehr hat die Dollarflut aufgehört; die Bäuerin hat nichts mehr, wodurch sie die Gunst des jungen Tunichtguts aufrechterhalten könnte. Stefan Manya verläßt den Sündendienst; und da bietet ihm der unbegreifliche Schwächling Hordubal, zweifellos auf Drängen seiner Frau, selber die Hand seiner Tochter an, bietet ihm Geld und einen Gutshof dafür an, daß er heimkehre ... Der Staatsanwalt verspürt in der Kehle ein würgendes Unbehagen von Ekel. Und nicht genug daran. Es scheint, daß Stefan ihn erpreßt und bedroht. Da hat auch dieser geduldige Schwächling endlich genug davon und wirft den dreisten Mitesser hinaus. Aber von diesem Augenblick an hat er Angst um sein Leben, sucht irgendwo jenseits der Berge Arbeit, macht nachts mit der Laterne die Runde und wacht. Aber der Mordplan ist fertig: der alte Bauer ist dem geilen Weib und dem geldgierigen Knecht zu sehr im Wege; Unzucht und Geiz haben sich gegen ihn verbündet. Der Alte ist krank und kann das Haus nicht bewachen, kann sich nicht wehren; am nächsten Morgen findet man ihn mit durchbohrtem Herzen, im Schlaf ermordet. Und das ist das Ende? Der Staatsanwalt wundert sich selbst darüber; er hatte einen glänzenden und beredten Abschluß vorbereitet, aber der scheint ihm in der Kehle steckengeblieben zu sein, und auf einmal, ritz, Schluß: er sitzt da und weiß nicht, wie das gekommen ist. Er blickt fragend auf den Vorsitzenden, es scheint, daß der ihm zustimmend zugenickt hat; die Geschworenen schlucken etwas hinunter, schnaufen durch die Nase und zwei weinen offensichtlich. Der Staatsanwalt atmet auf. Manyas Advokat erhebt sich. Ein mächtiger Mensch, und ein Jurist von großem Namen. Der Herr Staatsanwalt hat sich am Schluß seiner wirksamen Rede auf Juraj Hordubals Herz berufen. Hohes Schwurgericht, erlauben Sie mir, mit diesem Herzen die Verteidigung meines Klienten zu eröffnen. Und schon geht es los, wie wenn eine Peitsche knallt: die Anklage selbst gestehe den Zwiespalt im Sachverständigenurteil ein. Ist Hordubals Herz durchbohrt oder durchschossen worden? War die Mordwaffe jene unscheinbare Nadel dort aus dem Besitz des Manya oder die Schußwaffe eines unbekannten Täters? Für meine Person möchte ich mich der Ansicht der hervorragenden wissenschaftlichen Autorität anschließen, welche mit absoluter Bestimmtheit von einer Schußwaffe kleinsten Kalibers spricht. Wohlan, meine Herren, falls Juraj Hordubal erschossen worden ist, dann ist nicht Stefan Manya der Täter – – Und so weiter: Schritt für Schritt zerzupft der berühmte Jurist die Anklage und schlägt mit der dicken Hand den Takt dazu. Es gibt keinen einzigen Beweis gegen meinen Klienten, es gibt nur Indizien. Ich appelliere nicht an die Gefühle des hohen Schwurgerichtes: ich bin überzeugt, daß auf Grund des Anklage- und Prozeßmaterials das Schwurgericht Stefan Manya nicht schuldig sprechen kann. Und der berühmte Jurist setzt sich siegesbewußt und mächtig. Gleich als hätte man auf einen Knopf gedrückt, springt eine neue schwarze Figur empor, der Rechtsanwalt der Polana Hordubal, ein junger, schmucker Mensch. Es gibt keinen einzigen direkten Beweis gegen meine Klientin, daß sie an der Ermordung Juraj Hordubals beteiligt gewesen sei: es gibt nur Beweise, die aus den Begleitindizien, die aus dem hypothetischen Zusammenhang des Anklagefalles deduziert werden. Meine Herren Geschworenen, dieser Zusammenhang ist auf der Voraussetzung aufgebaut, daß Polana ein Interesse am Tode ihres Gatten besessen habe, das heißt, daß sie ihm untreu gewesen sei. Meine Herren, ich könnte sagen: wenn die eheliche Untreue ein hinreichendes Mordmotiv wäre, – wieviele Männer, wieviele Frauen hier in der Stadt, im Dorf in Krivá selbst wären noch am Leben? Das, bitte, lassen wir lieber beiseite; aber ich frage, wieso wissen wir um den Ehebruch der Polana Hordubal? Es ist wahr, das ganze Dorf ist hier vorbeidefiliert und hat gegen die angeklagte Frau ausgesagt. Meine Herren, denken Sie einmal nach: wer von uns ist sicher vor seinen Nächsten und Nachbarn? Wissen Sie etwa, oder Sie, was Ihre Umgebung über Sie erzählt? Vielleicht noch schlimmere Dinge als über dieses unglückliche Weib; keine Unbescholtenheit beschützt Sie vor falscher und ehrenrühriger Nachrede. Die Anklage hat sich keinen einzigen Zeugen erspart, der da Lust und Mut bekundete, eine wehrlose Frau zu schmähen –. Ich verwahre mich dagegen, daß hier die Zeugen beleidigt werden, ruft der Staatsanwalt. Das ist unstatthaft, sagt der Gerichtsvorsitzende. Ich muß bitten, daß es sich nicht wiederhole. Das schmucke Männchen verbeugt sich knapp und höflich. Bitte. Man hat hier alle Zeugen einvernommen, die etwas gegen Polana Hordubal zu sagen hatten. Aber die Anklage hat es unterlassen, einen Zeugen über diese Frau, ich möchte sagen, den Kronzeugen vorzuladen. Dieser Zeuge ist der ermordete Juraj Hordubal. Das schmucke Männchen schwenkt ein Schriftstück in der Luft. Meine Herren Geschworenen, zehn Tage vor seinem Tod hat Juraj Hordubal, Gazda aus Krivá, diesen letzten Willen niederschreiben lassen. Und darin, wie wenn er geahnt hätte, daß man seiner Stimme bedürfen werde, hat er (der junge Advokat liest mit hoher und erregter Stimme) folgendes zu schreiben geheißen: Mein gesamtes bewegliches und unbewegliches Vermögen vermache ich meinem Weibe Polana, geborene Durkota, für ihre Treue und eheliche Liebe. Hier bitte, meine Herren. – Für ihre Treue und eheliche Liebe. Das ist das Vermächtnis Juraj Hordubals, das ist seine Zeugenaussage. Wir haben hier die Aussage des Hirten Mischa gehört, Hordubal lasse Ihnen mitteilen, daß Polana ein braves und treues Weib gewesen ist. Ich gestehe, daß mich Mischas Aussage überrascht hat; sie klang für mich wie eine Stimme aus dem Jenseits. Hier haben Sie ein geschriebenes Zeugnis, das Zeugnis des einzigen Mannes, welcher Polana wirklich gekannt hat. Der Knecht Manya hat sich vor seiner Schwester gerühmt, daß er ein Verhältnis mit seiner Herrin habe. So sieht die Rede eines Knechtes aus, und so (mit einem Schlag der Hand auf das Schriftstück) sieht die Rede des Gatten vor Gott aus. Meine Herren, es steht bei Ihnen, wem von diesen beiden Sie glauben werden. Der junge Advokat senkt nachdenklich den Kopf. Wird dadurch der Ehebruch meiner Klientin hinfällig, so entfällt damit auch jeglicher Beweggrund, daß sie sich ihres Mannes entledigen solle. Sie werden mir entgegenhalten, daß sie sich im achten Monat der Schwangerschaft befindet; aber meine Herren, ich kann Ihnen zahllose ärztliche Autoritäten anführen, die Ihnen beweisen, wie irrig die Altersbestimmung einer ungeborenen Leibesfrucht zu sein pflegt. Und das scharfsinnige Männchen leiert eine Reihe autoritärer wissenschaftlicher Ansichten herunter. Der erfahrene Advokat des Manya schüttelt den Kopf: damit hat er es verdorben, die Geschworenen haben wissenschaftliche Argumente nicht gern; aber das mit dem Testament war geschickt. Stellen Sie sich vor, meine Herren Geschworenen, daß Sie Polana Hordubal verurteilen und daß Juraj Hordubals Kind, das lebendige Vermächtnis der Treue und ehelichen Liebe, im Kerker geboren wird, gebrandmarkt als Kind einer Ehebrecherin. Bei allem, was uns heilig ist, warne ich Sie, meine Herren Geschworenen: begehn Sie keinen Justizirrtum an einem ungeborenen Kinde. Das schmucke Männchen setzt sich und trocknet sich den Schweiß mit einem parfümierten Taschentuch. Gratuliere, Herr Kollege, dröhnt ihm der alte Tribunalkämpfer ins Ohr, nicht schlecht plädiert. Doch da erhebt sich der Staatsanwalt zur Replik. Er ist rot und seine Hände beben. Wenn schon einem Kind kein Unrecht geschehen soll, dann bitte, stößt er heiser hervor. Herr Kollege Rechtsanwalt, hier hat das Kind des Juraj Hordubal, Hafia, ausgesagt. Ihre Aussage werden Sie wohl nicht (Faustschlag auf den Tisch) – üble Nachrede nennen. Ich hoffe es wenigstens. (Das schmucke Männchen verneigt sich und zuckt die Achseln.) Übrigens danke ich Ihnen, daß Sie uns das Testament Juraj Hordubals gebracht haben, das einzige, was uns hier gefehlt hat (der Staatsanwalt reckt sich empor, als wüchse er), um uns den Charakter dieser geradezu dämonischen Frau fertig zu zeichnen, welche – welche bereits den Plan ausgearbeitet hat, wie sie den stumpfen, gutmütigen Schwächling von Gatten töten wird – und dabei noch diesen letzten raffinierten Schlußpunkt für ihren Plan ersinnt: den Ärmsten zu zwingen, daß er ihr allein, nur ihr, alles vermache – und ihr noch eine Art moralisches Alibi ausstelle – für ihre Treue und eheliche Liebe! Und der gute Kerl geht gehorsam hin – damit auch kein Heller der kleinen Hafia zufalle, sondern ihr, Jesabel, damit sie sich einen Liebhaber aushalten, damit sie sich in ihrer Sünde herumwälzen kann. – Der Staatsanwalt erstickt an leidenschaftlicher Erbitterung: das ist kein Prozeß mehr, das ist in der Tat ein Gottesgericht über die Sünden der Welt; man hört, wie schwer das gläubige Volk da unten atmet. Und nun ist ein scharfes Licht auf den Fall Juraj Hordubal gefallen. Der gleiche zynische, berechnende, gefühllose Wille, der es verstanden hat, die Hand des Analphabeten Juraj zu veranlassen, drei Kreuze unter dieses furchtbare und belastende Testament zu zeichnen, der gleiche schauerliche Wille, meine Herren, hat die Hand Stefan Manyas – des Mörders geführt. Dieser kleine Dorfgigolo ist nicht nur ein Werkzeug der Unzucht gewesen – er ist auch das Werkzeug des Mordes geworden. Dieses Weib ist schuldig, schreit der Staatsanwalt und deutet mit heftigem Schwung auf sie. Das Testament hat sie überfuhrt, nur der Teufel selbst konnte einen so höllischen Hohn ersinnen – für ihre Treue und eheliche Liebe! Jesabel Hordubal, bekennen Sie endlich, Juraj Hordubal ermordet zu haben? Polana erhebt sich, bleich, unförmig durch die Schwangerschaft, und bewegt lautlos die Lippen. Nichts sollt Ihr ihnen sagen, Bäuerin, ertönt es rauh und hastig. Ich werde es ihnen selber sagen. Stefan Manya steht da, das Gesicht von seelischer Anstrengung verzerrt. Ho – Hohes Gericht, stottert er, und plötzlich entringt sich ihm ein unaufhaltsames Schluchzen. Der Staatsanwalt beugt sich irgendwie überrascht in der Richtung zu ihm vor. Bitte, beruhigen Sie sich, Stefan. Der Gerichtshof wird Sie gerne anhören. Ich – ich, schluchzt Stefan, ich wollte mich nur an ihm rächen – dafür – dafür – daß er mich über den Zaun geworfen hat – und daß die Leute gelacht haben – ich hab' ja nicht schlafen können – ich mußte ihm etwas antun – ich mußte mich rächen – darum bin ich hingegangen –. Die Bäuerin hat Ihnen das Haus geöffnet? fragt der Vorsitzende. Nein – die Bäuerin hat nichts – nichts hat sie gewußt. Ich bin am Abend – es war niemand zu sehen – der Gazda ist in der Stube gelegen – und ich auf dem Dachboden – und hab' mich dort versteckt – Im Auditorium stößt Biegl aufgeregt Gelnaj in die Seite. Das ist ja nicht wahr, zischt er außer sich, er konnte nicht auf den Boden hinauf die Tür war mit Kukuruz verschanzt. Ich bin gleich morgens dort gewesen, Gelnaj. Ich geh es ihnen sagen – Bleib sitzen, zischt Gelnaj und zupft Biegl. Untersteh dich, du Esel. Und in der Nacht, stottert Stefan, Nase und Augen trocknend, in der Nacht bin ich hinuntergestiegen – in die Stube – der Gazda hat geschlafen – und hab' mit dieser Nadel – sie wo – wollte nicht in ihn hinein – und er hat sich nicht gerührt – nicht gerührt – Stefan taumelt, ein Aufseher reicht ihm ein Glas Wasser vom Tisch des Vorsitzenden. Stefan trinkt dankbar und schluckend und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Und dann – hab' ich das Fenster herausgeschnitten und dem Gazda das Geld weggenommen – damit es aussah, als wenn Diebe – und – zurück auf den Boden – und durch die Luke hinunter. Stefan verschnaufte. Und dann hab' ich ans Fenster geklopft – bei der Bäuerin – daß ich meinen Rock holen komme. Polana Hordubal, ist das wahr? Polana erhebt sich, die Lippen zusammengepreßt. Nein. Er hat nicht geklopft. Die Bäuerin hat von nichts gewußt, stottert Stefan. Und es ist nicht wahr, daß sie mit mir etwas gehabt hat, einmal ja, einmal wollte ich sie ins Stroh werfen, aber sie hat sich gewehrt und Hafia ist gekommen. Und dann nichts mehr, nichts –. Das ist schön, Stefan, sagt der Staatsanwalt und beugt sich vor. Aber eine Frage habe ich bis jetzt für mich behalten. Es hat ihrer nicht bedurft. Polana Hordubal, ist es wahr, daß Sie vor diesem da, Stefan, einen anderen Geliebten gehabt haben, den Knecht Pavel Drevota? Polana atmet stoßweise, führt die Hand an die Stirn und wird von dem Aufseher halb hinausgeführt und halb getragen. Ich unterbreche die Verhandlung, verkündet der Vorsitzende; mit Rücksicht auf die in dem Geständnis Stefan Manyas enthaltenen neuen Angaben wird sich das Gericht morgen an den Tatort begeben.   Biegl erwartet auf Hordubals Hof das Eintreffen des hohen Gerichts. Und da kommen die großmächtigen Herren schon: Biegl klappt zusammen und salutiert, das Volk steht hinterm Zaun auf der Landstraße und glotzt auf Hordubals Hof als sollte sich Gott weiß was ereignen; ein großer Tag für so'nen Gendarmen. Biegl führt den hohen Gerichtshof auf den Boden. Der Boden, bitte, ist so, wie er gewesen. Niemand hat ihn seit dem Mordtag betreten. Schon damals war die Tür durch Kukuruz verschanzt; hätte jemand versucht, ihn wegzuschieben, so wäre der Kukuruz hier auf die Stiege verschüttet worden. Und Biegl lehnt sich gegen die Tür, der Haufen gibt nach und strömend regnen Kukuruzkörner hinunter. Wenn sich die Herren hinaufbemühen wollen, sagt Biegl höflich. Auf dem Boden liegt der ganze Gottessegen aus der Ebene, Haufen von rotem Kukuruz – waten und springen möchte man darin – und hier das einzige Fensterchen; hier also ist Manya angeblich hinaus. Aber das Fensterchen ist doch von innen verriegelt, stellt ein Geschworener fest und blickt wichtig um sich. Falls seit dem Mordtag niemand hier gewesen ist, dann konnte Manya doch gar nicht hier hinausspringen. Das konnte er wahrhaftig nicht; hier am Fensterbrett irgendwelche seit Jahren verstaubte Fläschchen und Blechschalen, was alles diese Bauern aufzuheben pflegen! Wäre Manya hier hinausgeklettert, so hätte er vorher diesen Kram entfernen müssen, nicht wahr? Das hätte er wohl tun müssen. Und was ist unter diesem Fensterchen? Unter uns ist die Stube, wo Hordubal ermordet worden ist, und das Gärtchen vor dem Haus. Ich bitte die Herren, dorthin mitzukommen. Der hohe Gerichtshof begibt sich ernst in den Garten. Eines der Erdgeschoßfenster ist aus dem Rahmen gehoben; hier, bitte, ist die Öffnung in das Glas geschnitten worden. Gerade über uns ist das Dachbodenfenster, aus dem Manya hinausgesprungen sein will. Ich habe hier unmittelbar nach dem Mord nachgeforscht, erzählt Biegl bescheiden, und habe hier unter den Fenstern keine einzige Fußspur bemerkt; hier, bitte, war ein umgegrabenes Beet, und damals war es nach dem Regen –. Der Gerichtsvorsitzende nickt lobend. Es ist klar, daß Stefan lügt. Aber Sie hätten vielleicht doch gleich nach dem Mord auf dem Dachboden nachsehen sollen. Biegl schlägt die Hacken zusammen. Herr Vorsitzender, ich wollte den aufgeschütteten Kukuruz nicht zerstören. Aber ich habe sicherheitshalber sofort die Bodentür mit Nägeln verschlagen, so daß niemand hinein konnte. Erst heute früh habe ich sie herausgenommen. An die Tür habe ich ein Stück Zwirn befestigt. – Gut, gut, brummt der Vorsitzende zufrieden. Sie haben an alles gedacht, Herr – Herr – Biegl wölbt die Brust. Gendarmerieaspirant Biegl ... Noch ein gnädiges Kopfnicken. Unter uns, meine Herren, ist es zweifellos, daß Stefan Manya gelogen hat. Aber da wir einmal hier sind, würde es Sie vielleicht interessieren, hineinzuschauen. Vom Tisch erhebt sich ein großer, breitschultriger, schwerfälliger Bauer. Sie sitzen eben beim Mittagessen. Das ist, bitte, Michajl Hordubal, der Bruder des Seligen: er führt mittlerweile die Wirtschaft. Michajl Hordubal verneigt sich tief vor den Herren. Oxena, Hafia, flink, Stühle für die Herren. Nicht nötig, Batschi, nicht nötig. Und wie kommt es, daß Ihr hier noch kein neues Fenster habt einsetzen lassen? Da kommt doch die Kälte herein. Wozu denn, bitte, ein neues Fenster? Das Fenster ist beim Gericht, schade, ein neues zu kaufen. So, hm. Und da, ich sehe, Sie kümmern sich um Hafia. Ein kluges Kind ist Hafia, betreuen Sie die Waise gut. Und hier – Ihre Frau, nicht wahr? Wahr, bitte ergebenst. Demeter Barivodjuk Ivans Tochter, aus Magurica. Und Sie erwarten Familie, wie ich sehe. Wohl, so Gott will, gepriesen sei sein Name. Und – gefällt es Ihnen gut in Krivá? O gut, sagt Michajl und winkt mit der Hand. Bitte ergebenst, wenn ich so nach Amerika fahren könnte, roboten, hohe Herrschaften. Wie Juraj? Ja, wie Juraj. Gott schenke ihm das ewige Heil. Und der Gazda Michajl begleitet die sich entfernenden Herrschaften zum Tor. Der hohe Gerichtshof kehrt in die Stadt zurück. Eilet, Pferdchen, eilet, ein großes Ereignis bringt ihr gefahren. Wie Bethlehem sieht das Dorf aus. Wirklich, wie Bethlehem. Der Vorsitzende beugt sich zum Staatsanwalt vor. Noch ist es nicht zu spät, Herr Kollege, wir könnten es bis abends erledigen, heute wird wohl nicht so viel geredet werden wie gestern –. Der Staatsanwalt ist leicht errötet. Ich weiß selbst nicht, was da gestern in mich hineingefahren ist. Ich habe wie in Trance geredet, so als wäre ich kein Beamter, sondern ein Rächer – ich hatte geradezu das Verlangen, zu predigen und zu wettern. Es war wie in der Kirche, meint der Vorsitzende bedächtig. Wissen Sie, wie die Leute im Auditorium gar nicht geatmet haben. Ein seltsames Volk. Auch ich habe es gefühlt: daß wir etwas Schwereres richten, als ein Verbrechen, daß wir eine Sünde richten – gottlob, heute werden wir's dort leer haben; keine Sensation, ganz glatt wird es gehen. Es ging ganz glatt. Die Geschworenen beantworteten die Frage, ob Stefan Manya des Verbrechens des Meuchelmordes, begangen an Juraj Hordubal, schuldig sei, mit acht Stimmen: ja, mit vier Stimmen: nein; und die Frage, ob Polana Hordubal des Verbrechens der Teilnahme an dem gleichen Mord schuldig sei, beantworteten sie mit ja, mit sämtlichen zwölf Stimmen. Auf Grund dieses Verdikts verurteilt das Gericht den Stefan Manya zur Strafe des lebenslänglichen schweren Kerkers, und Polana Hordubal geborene Durkota zur Strafe des schweren Kerkers im gesetzlichen Ausmaß von zwölf Jahren. Polana steht wie entgeistert mit erhobenem Haupt; Stefan schluchzt laut. Man führe sie ab! Das Herz des Juraj Hordubal ist irgendwo verlorengegangen und niemals begraben worden.