Der König von Sion. Epische Dichtung in zehn Gesängen von Robert Hamerling.                                                   Groß ist die Zeit und gewaltig; doch wehe, wenn unsere Herzen Rein nicht sind: wie sollten im riesigen Kampf wir bestehen? Hamburg und Leipzig Jean Paul Friedrich Eugen Richter 1869 Inhaltsanzeige.         An die Tadler des »Ahasver in Rom« . Erster Gesang. In der Davert Zweiter Gesang. Unter den Arkaden Dritter Gesang. Der Morio Vierter Gesang. Die Nonne Fünfter Gesang. Der König Sechster Gesang. Im Lager Siebenter Gesang. Der böse Genius Achter Gesang. Neues Leben Neunter Gesang. Mitternacht im Dom Zehnter Gesang. Die Sühne An die Tadler des »Ahasver in Rom«.         Wenn sie ein weichlich Geschlecht nur reizt , nicht schreckt die Entartung, Treu mit der Schminke gemalt, und die prunkende Sünde der Alten, Nun, so werde beschworen ein Bild aus düsterer'n Zeiten, Werde der Pinsel getaucht in die kälteren Farben des Nordens. Halle sie wieder, die Sprache, die derbe, der rauheren Väter, Spiegelnd die Weisen und Bräuche germanischer Männer der Vorzeit. Und was die heitre verbrach, mag sühnen die düstere Nacktheit, Wenn dein sinnender Ernst sie, gestaltende Muse, mir segnet! Singen die seltsamste will ich, die deutsamste aller Geschichten, Die auf germanischer Erde gescheh'n: ein Spiegel für jedes Höchste und Tiefste des Lebens, ein Echo für jegliche Frage, Welche die Geister bewegt, und entflammt zu gewaltigem Ringen! Kämpfer der Mitwelt, lauscht dem Gesang! es beflügelt der rasche Fiebernde Puls ihn der Zeit und ihr anabaptistischer Herzschlag. Dennoch – bedenket es wol! – die erhabene Muse, sie kämpft nicht, Nein, sie krönt und verdammt : ausstreckt sie zwischen die Kämpfer Ihr zweischneidiges Schwert , das beide verwundet und richtet . . . Erster Gesang. In der Davert.                   Dort, wo von moorigen Gründen der Niederung, welche sich weithin Im westphälischen Lande verbreitet, ein Kiefer- und Eichwald Zwischen der Aa sich erhebt und der Lippe mit düsteren Schatten: Auf wald-einsamer Wiese, wo Polster von röthlicher Haide Schwellend sich dehnen, umragt von moosigen Felsen und Kiefern, Hat zur Rast sich ein Trupp landfahrender Leute gelagert. Gaukler aus Holland sind's: Seiltänzer und Ringer und Fechter, Mimen darunter, zerlumpt und besudelt der Held wie der Schalksnarr. Zwischen den rastenden Gauklern umher geht, hinkenden Schrittes, Läßig geschoben den Filz von der schwitzenden Stirne nach rückwärts, Dürr, langbeinig, ein Mann mit schalkhaft zwinkernden Augen, Hoch sich wölbenden Brau'n, bald scherzend und bald sich ereifernd. Erst durchfährt mit der Hand er der alternden Stute, die abseits Neben dem Fuhrwerk gras't, noch die Mähnen und tätschelt die magern Flanken ihr sacht, dann hinkt er heran zum Feuer, ermunternd: »Schürt doch enger, ihr Leute, die Glut, und dreht mir den Hammel Besser herum, daß er nicht noch zuletzt uns am Spieße verderbe. In den vergangenen Wochen, da wars ein Vergnügen bisweilen, Roh zu verschlingen den Krebs aus dem rinnenden Bach, und zu fangen Schnecken im Kiefergehölz. Heut brätelt uns aber ein Hammel Wieder am Spieß – Gott lohn' ihn den wackeren Leuten von Aschberg! Sitzen wir nur erst behaglich drin in der alten und reichen Bischofstadt, gebt Acht, da regnet es Hammel! Ihr mögt mich Hängen, wofern es euch reut, daß das heimische Nest ihr verlassen, Weib und Kinder sogar und das leidlich-nährende Handwerk, Und mir gefolgt hinaus in die Welt, als fahrende Künstler, Wie noch Niemand vor uns es gewagt, und Niemand nach uns auch Wieder so bald es wagt. Laßt drüber und drunter die Welt gehn Eben in unserer Zeit, ich sag' euch, neben dem Landsknecht Wird, und dem Wanderapostel, sich auch durch die Welt noch der Gaukler Schlagen, und wirbelt uns Alle der wirbelnde Wind durcheinander, Weiß man, wer oben zuletzt sich erhält? Vielleicht ist's der Gaukler! – Freunde, schon morgen begrüßt uns das altehrwürdige Münster! Ei, wie werden sie gaffen, die Münst'rer, mit offenem Munde, Wenn wir ergetzen mit Künsten und närrischen Possen die Männer, Aber das feinere Volk und die Weiber mit artlichem Reimspiel! Nicht umsonst sind umher wir in Deutschlands Marken gewandert, Lernten die Mundart, lernten den Brauch. Es gesellte, des Wanderns Froh, seither sich zu uns manch lustiger Bursch auf dem Weg noch: Und so sind wir zur Hälfte nur fremd. Da ist Grohe von Augsburg, Der den lateinischen Schulen entlief und als fahrender Schüler Maniger Gans umdrehte den Hals: da ist Wostel, von Böheims Grenzen zu uns her verschlagen; da ist auch ein Wende, der Masoch, Als Klopffechter berühmt weitum, als Springer und Ringer; Und so ist Mancher gekommen: gesellt sich doch Gleiches zu Gleichem. Aber wo bleibt denn Jan? schleicht der schon wieder sich abseits, Um vor den Bäumen und Felsen zu üben die Rolle, mit Versen Fischlein zu locken im Bach, wie der Heil'ge, der Karpfen gepredigt? Jan, wo steckst du?«                                 So klingt's in die Kiefern hinein, und hervortritt Aus dem Gehölz alsbald ein sinnender, dunkelgelockter Jüngling, edel gestaltet, mit wunderbar leuchtenden Augen. Seltsam ist er zu schau'n: es umschmiegt ihm ein purpurner, kurzer Mantel die schlanke Gestalt, eine gleißende Krone von Rauschgold Deckt ihm die wallenden Locken. – »Da seht! ist's nicht wie ich sagte?« Spöttelt der Lange; »die Kron' auf dem Haupt und am Leibe den Mantel! Daß er nur völlig natürlich den Bäumen umher und den Felsen Declamir' und tragire den alttestamentlichen König, Welcher den Goliath schlug! Du bist doch ein närrischer Bursch, Jan! Aber was thuts? beim Gotte von Soest mit dem goldenen Fürtuch! Du bist drinnen in Münster uns Ehre zu machen im Stande! Darum nur zu, Herr König! spaziert nach eurem Gefallen Weiter umher! Nur kommt mir zurecht zum gebratenen Hammel: Denn sonst müßtet ihr hungernd mit Scepter und Krone zu Bett geh'n. Schade doch wär's, Herr König, denn Ihr habt leider noch immer Schreibergewicht und die Farbe des Bürschleins, das führte die Nadel!« So sprach Lips van Straaten, doch nichts entgegnet der Jüngling. Auf ihn blickt wie gebannt ein Jeder: es schwebt um das schlanke Jünglingsbild wie ein Zauber. Im Aug' ihm blitzt es – verachtend Lächelt er, spöttisch, und doch auch so noch Herzen gewinnend. Männlich ist, ernst sein Blick, doch die Lippen umspielt ihm ein weicher Reiz, der dürstet nach Leben. Es ist in den Zügen ihm seltsam Kraft und Milde gemischt, und feuriger Drang und Erwägung. Schlank ist des Jünglings Gestalt; doch mögen sich härten die Sehnen Ihm in der inneren Glut, die so hell aus den Augen ihm funkelt. Jugendlich stellt er sich dar: doch faßt man ins Aug' sein Wesen, Scheint es gereift, in Sinnen und Schau'n, weit über das Alter. Träumer und Schwärmer erscheint er dem flüchtigen Auge; doch blickt man Schärfer ins Antlitz ihm, spricht eines gewaltigen Wollens Spur aus ihm, ein Geist, der fast den Betrachter zurückscheucht. Jeglicher liebt und scheut ihn zugleich. Stumm kehrt er sich abseits Wieder, und hinter ihm schlagen des Tannichts Aeste zusammen. Noch in der Niederung schreitet er hin, wo zwischen dem Zwergholz Sich grünschlammige Tümpel verbreiten, von schwankenden Binsen Wehend umrahmt. Nun hebt sich der Weg, manch riesige Wurzel Strecken die Bäume von sich, wie Polypen die Arme. Der Jüngling Wandelt die Kiefern entlang und verliert sich im tieferen Walde. Aber das ist kein Wald, wo in säuselnden Lüften die Wipfel, Himmlischer Anmuth voll, sich wiegen, und heiliger Friede Schwebt um Blumen und Moos und traulich plätschernde Wasser. Nein, es beschleuniget hier, wenn er kundig des Ortes, der Wand'rer Aengstlich den Schritt, denn er wallt durch die wüste, verrufene Davert . Das ist ein schauriger Ort, wo der Mondnacht dunstiger Äther Schwirrt von der Hölle Gezücht und Teufelsgenossinnen reiten. Schickt man des Nachts in die Luft aus geweihter Pistole die Kugel, Stürzt mit Gewimmer alsbald ein verwundetes Hexlein herunter, Das am felsigen Grund sich das Haupt und die Beine zerschmettert. Alles ist hier wie behext, und drohend, aus feindlichen Augen, Blickt es den Wanderer an. In dem sausenden Wipfel der Kiefer, Die da kraus in der Öde verbreitet ihr sparriges Astwerk, Sitzt mit zornigen Augen das Eichhorn, und mit gestrecktem Schweif, bei des Jünglings Nah'n laut knurrend in toller Entrüstung, Schießt es den Stamm entlang. Still weiter noch wandelt der Träumer. Aber was hängt dort schwarz am verdorrten Geäste des Tännlings? 's ist ein gewaltiger Rabe. Mit runden und rollenden Augen Blickt er um sich, dann setzt er in Schwung die gewaltigen Flügel, Und als hätt' er den Fremdling, den nahenden, wo zu verkünden, Sucht er krächzend den Weg zum tieferen Herzen der Wildniß. Hinter ihm zittert der Baum von des Vogels gewaltigem Abschwung. Fürbaß wandert der Jüngling. Was hemmt da wieder den Schritt ihm? Züngelnd erhebt ihr Haupt die geringelte Natter am Waldsteig: Erst mit hurtigen Windungen denkt sie gemach zu entgleiten, Doch da nackt ist der Boden und rings kein Spalt, zu entschlüpfen, Bleibt sie reglos. Es schwillt ihr das Haupt vor Zorn, und des Leibes Ringe zugleich, erst rund, bandartig strecken sie jetzt sich, Flach, und die schwärzliche Farbe des Thiers wird schmutzig und erdfahl, Gleich als erblaßt' es vor Wuth. Und so messen sich einen Moment lang Aug' in Auge die Schlang' und der furchtlos blickende Jüngling, Welcher den Leib vorneigt, um näher den Feind zu betrachten. Siehe, da blitzt ein Gräßliches auf in den Augen der Schlange, Wie ein verlorener Funke vom Feuer der Hölle; zum Drachen Scheint nun geworden die Natter, und nicht kann gräulicher blicken, Nicht unheimlicher je mit gepanzertem Schwanze der Lindwurm In dem Geklüft, als hier in der Davert die Natter am Waldsteig. Aber an Rückkehr denkt nicht Jan. Kühn schreitet er weiter Durch den ergrausenden Wald. Da hält ihm die Speere der Binsen Drohend entgegen ein finsterer Kolk. Schwertlilienstengel Ragen empor, wie verkohlt, Zeltstangen der riesigen Spinne, Die hier über den Spiegel des Sumpfs, langbeinig und bauchig, Webt ihr luftiges Haus. Der umdunkelte Kolk ist ein Auge, Trüb und verglas't, wie ein düster-unheimliches Auge der Wildniß. Aber es sitzt als Stern inmitten des Auges ein wilder Schwan , der im Röhricht träumt, tief unter dem Fittig verdrossen Bergend das Haupt. Doch jetzo, geweckt von des nahenden Fusses Laut, auffährt er und schlägt mit den mächtigen Flügeln und weit vor Streckt er dem Fremdling entgegen den länglichen Hals wie zum Angriff. Über zerwetterte Stämme hinweg, umwuchert von hohem Farrengekräut' und vorüber an windschief hängenden Bäumen, Wo an den moosigen Ästen noch kleben vom Winde zerzaus'te Nester der Krähen, verfolgt so die Waldirrpfade der Jüngling. Und nun umstarren ihn Blöcke, vereinzelte, oder wie Quadern Übereinander gethürmt. Schwer, dumpf ist die Luft und es modert Prunkend der Scharlachpilz, einsam. Es ist wie verloren Hier des Lebendigen Spur: nichts athmet als etwa ein Würmlein, Das an dem klebrigen Stiel feuchtmodriger Gräser hinankriecht. Hieher verirrt sich nimmer ein Wild, noch ein singender Vogel, Und nur der Waldstrom stürzt aus dem Felsengeklüft wie ein Raubthier. . . . Fort noch schreitet der Jüngling, es zieht ihn weiter so seltsam, Bis er steht am verborgensten Ort, wo verklungen das dumpfe Tosen des Waldstroms auch, wo es scheint, als hielte den Athem An die Natur vor dem nahenden Tritte des Menschen, als hätte Angst sie vor ihm, wie der Mensch vor ihr . . .                                                                           Was lauscht in die Ferne Plötzlich der Sinnende? Horch! wie ein Klang von schwirrenden Saiten Klingt's in der Waldeinöde, der schaurigen: aber den Saiten Mischt sich Gesang, voll Süße zugleich und feuriger Wildheit. Still steht Jan, setzt weiter den Fuß, horcht wieder, es klingt ihm Zauberisch-fremd, als säng' auf dem Kolke, dem dunklen, der wilde Schwan, den er eben geschaut, ein Lied nun dem hallenden Walde. Kühn weg über die Felsen, die Stämme, mit lauschendem Ohre Folgt den berückenden Tönen der Jüngling: näher und näher Klingt es, und plötzlich erschließt ihm vor Augen ein seltsames Bild sich. Hoch aufragt, von Föhren umsäumt in der Runde, bemoos'tes Felsengeschieb'. Wo ein Block vorhängt, hart neben dem schwarzen Waldkochherde, den hier sich ein einsamer Köhler im Erdreich Hatte gehöhlt, ruht liegend im Haidegekräut', die Theorbe Wiegend im Schooß, ein Weib. Es hängen ihr auf der Theorbe Saiten die Haare herab und tanzen darüber wie Schlangen. Braungelb leuchtet des Weibes Gesicht. Unheimlich und ruchlos Blickt ihr Auge: das Aug' ist schwarz wie ihr flatterndes Haupthaar, Schwarz wie der Rabe, der neben ihr sitzt, der unheimliche Rabe. Ists nicht jener, der erst an des Wald's Eingange den Jüngling Krächzend bedräut? und zischt nicht dort auf dem Steine die Natter, Welche dem Träumer zuvor entgegengezüngelt am Waldsteig? Sitzt nicht oben im Wipfel der mächtigsten Kiefer das Eichhorn, Streckend und sträubend den Schweif, und blickend mit zornigen Augen? Lang im Gestrüpp noch versteckt horcht Jan. Da verstummen die Klänge: Jetzo tritt er hervor. Wie früher die Schlange, so mißt er Aug' in Aug' nun das Weib. Sie erwidert den Blick, und der Jüngling Staunt, wie feurig der Blick der Unheimlichen funkelt. Sie lächelt, Und er erstaunt aufs Neue, wie reizend die Düstere lächelt. Kirschroth blühet ihr Mund, weiß schimmern die Zähne, wie Perlen. Doch wie zuvor in dem Auge der Schlange, beginnt es unheimlich Jetzt und bedrohlich sogar im Auge des Weibes zu funkeln. Seltsam-Fremdes ist Vieles dem Jüngling im Walde begegnet. Wär' es dem Sinne des Träumers entschwunden, so riefe das Weib ihm Jegliches wieder zurück – des unheimlichen Raben, des wilden Schwanes, der Natter, des feurig-beweglichen, tückischen Eichhorns Muß er gedenken: ihm ist, als tret' ihm Natter und Eichhorn, Schwan und Rabe vereint in Weibesgestalt nun entgegen, Und als sei, was rings um ihn athmet und flattert und kreucht, nur Diener und Bote von ihr; als habe, was erst er gesehen, Alles auf sie nur gedeutet, zu ihr nur den Weg ihm gewiesen. Aber es blickt mit Befremdung das Weib auch auf den gekrönten Jüngling, der von sich zu legen die fürstliche Zier vor dem Waldgang Träumend vergaß, und so steht er vor ihr, vor der Seltsamen, seltsam, Wie Bergalbenbeherrscher in Menschengestalt sich begegnen. Lächelnd mit neckendem Spott, und über dem Busen die braunen Arme gekreuzt, anhebt sie: »Erlaubt, Herr, daß ich euch grüße, Wenn ein gebietender Fürst Ihr seid, auf den die Gefolgschaft Abseits wartet mit Hunden und Falken und prächtigen Zeltern!« – Dunkel erröthend, doch ruhig erwidert der Kronengeschmückte: »König wol bin ich, du sagst es, wenn morgen nur drinnen in Münster Ein schaulustiger Schwarm nicht fehlt, der des stotternden Neulings Rede vom Brettergerüst in der qualmenden Schenke mit anhört. Aber es liegt mein Reich an den fernen Gestaden des Jordans, Unter den ragenden Zinnen Jerusalems. Hier in der Wildniß Bin ich ein Gast wie du, wenn anders du wirklich ein Gast bist, Und nicht etwa die Fürstin der Wildniß selbst, eine Waldfrau, Oder ein zauberndes Weib, dem Kräuter und Steine zu Willen Sind, und die Thiere des Waldes als Boten und Diener gehorchen!« – Lächelnd versetzte das Weib: »Du irrst: nicht heimisch im Wald mehr Bin ich. Wol war ich es einst: oft schlief ich bei Raben im Tannicht. Aber das ist vorbei. Mit dem Gatten gewandert aus Holland Komm' ich; durchs Münster'sche Land seit Wochen auf heimlichen Pfaden Schweifen wir. Aber indeß ich dahier am Felsen zur Rast mich Hinwarf, ging der Gefährte, mir Beeren zu suchen im Walde, Und einen labenden Trunk; doch er zögert zu lang, ich verschmachte; Selbst wol muß ich nach Nahrung im düsteren Grunde mich umseh'n.« Sprichts und in regsamer Hast aufwogt ihr der Busen, sie richtet Rasch sich empor, und wie nun ihr vom Schooße hinab die Theorbe Gleitet und über die Schultern zurück sie ihr wogendes Haar wirft, Staunt der Betrachter, wie flink sich das Waldweib regt und wie zierlich: Denn es entfaltet der Leib ihr, der schmächtige, braune, zum reinsten Gleichmaß sich, in verlockendem Reiz, und der Katze, des Marders Feuer und Grazie lebt in ihren geschmeidigen Gliedern. Schweifen nun läßt in der Runde das Auge der Jüngling; da winkt ihm Plötzlich ein Erdbeerplan: rothschimmernd und duftig und üppig Hängen die Beeren, gereift jungfräulich, bis heute von keinem Finger noch Auge berührt. Rasch bücken die Beiden sich, pflücken, Sie in den Schooß mit Eifer und er in des purpurnen Mantels Zipfel die Frucht; dann breiten des Eichbaums Laub und des Farrnkrauts Wedel sie über den Stein als Teller und streuen die rothe Saftige Fülle darauf. Einladet, mit ihr sich zu laben, Freundlich den Jüngling das Weib. Doch hervor aus dem Busen ein Fläschchen Erst noch ziehend, besprengt das gemeinsame Mahl sie mit leichtem Duftigem Thau, wie man würzt mit der feurigen Blume des Weines Labender Frucht mildsüßes Arom, zu erhöhter Erquickung. Und ausstrecken sie jetzt nach dem Erdbeerschmause die Finger. Aber so seltsam schienen dem Jüngling zu duften die Beeren, Wie er aß: sie glitten hinunter so süß und so feurig, Und es bedünkte zuletzt unheimlich der Schmaus wie das Weib ihn . . . Ja, unheimlich zugleich, unheimlich, doch würzig-verlockend, Dünkt ihn der Erdbeerschmaus, dünkt ihn des befremdlichen Weibes Kirschroth-blühender Mund und ihr Brombeerauge, das dunkle. Aber verglommen indeß war das Taglicht über den Wipfeln, Abendlich sanken die Schatten und schwarzblau spannte des Himmels Wölbung sich mit kleinen und kümmerlich blinkenden Sternlein Über den finsteren Wald. Es verstummten die Raben; der Unken Rufe begannen im Chor aus schlammigem Weiher in tiefer'n Gründen des Walds. »Komm mit«, sprach Jan zu dem Weibe, »da stets noch Fern dir bleibt der Gemahl. Komm mit, zu meinen Genossen Führ' ich dich, wo zur Rast in der Nacht ein sicheres Lager Finden du magst und, näher dem Heerweg, näher des Waldes Eingang, leichter die Spur des verirrten Gemahls zu entdecken.« Willig folgte das Weib, und es wanderten schweigend die Beiden Über den felsigen Hang in die Niederung, wo aus den Kolken Stiegen die Nebel des Abends empor. Lang schritten sie pfadlos Hin, schon glaubte verloren der Führer die Spur, und zur Beute Dacht' er zu werden den Schrecken der Nacht und der waldigen Ödniß, Sammt der Gefährtin, die lächelnd an ihn sich schmiegte. Doch endlich Kommt ihm erfreulich entgegen ein würziger Rauch des Wachholders Vom Kochfeuer des Schwarmes der Wandergenossen. Im Kräuticht Trifft er gelagert sie noch. Doch aufrecht mitten im Schwarme Steht ein gewaltiger Mann, graubärtig und finsteren Ansehns, Welcher mit blitzenden Augen und mächtig erhobener Stimme Predigt, die Arme bewegend mit feuriger Hast. Es betrachten Halb noch lächelnd den Fremden die Hörer und halb schon ergriffen Von der begeisterten Rede Gewalt, die den Lippen des Mannes Bergstrom-ähnlich entquillt. Da reißt von der Seite des Jünglings Hastig die Braune sich los und dem Sprecher entgegen sich drängend, Ruft sie: »Geziemts, treuloser Gemahl, sein Weib zu verlassen Mitten im finsteren Wald und sich Fremden am Weg zu gesellen?« – »Divara, traute Gesponsin!« versetzte der Prediger ruhig, »Setze dich schweigsam hin zu den Andern und störe mich keifend Nicht, wenn eben der Geist mir die Lippen zur Rede befeuert. War's denn heute zuerst, daß der finstere Wald dich beherbergt? Hat vorlängst dich der Herr nicht bis ins entlegene Holland Aus Wildnissen geführt zu mir? wie hätt' ich gezweifelt, Daß er auch heut dich führe zu mir? Und sieh, so geschah' es! Darum störe mich nicht, wo ich spreche zu Fremden am Wege, Die da meiner, o Weib, noch mehr als du selber bedürfen!« Spricht's und in's Aug nun faßt er den Jüngling, der neben dem Weib noch Stand. Nachdenklich die Züge, die edlen und herrlichen, prüft er Tief eindringenden Blick's; und es scheint ihm die Frage: wer bist du? Schon auf den Lippen zu schweben; da kommt ihm gefällig, geschwätzig, Lips van Straaten, der Führer, zuvor: »Auch der ist«, so ruft er, »Einer von uns; doch er spielt nur Könige, spielt sie wie Keiner. Schau' ihn nur an: vorsichtig jedoch – man weiß so genau nicht, Wie er es nimmt, und er blitzt mit den mörd'rischen Augen dich nieder, Eh' du dich dessen versiehst. Mit dem ist nimmer zu spassen! Träumerisch ist er und still zwar meist, doch man kennt sie, die stillen Wasser – er braus't oft auf, dann wirft er gewaltige Wellen. Jan, so nannt' ihn die Mutter zu Leyden, – ich kannte genau sie; Prächtiges Weib! Gott habe sie selig! – Zu Leyden gebar sie Den da als Sonntagskind, ich glaub' im Zeichen des Widders. Seht, der agirt und tragirt und deklamirt euch den König David so königlich stolz, und dazu noch mit eigenen Versen Spickt er die Rolle, daß selber Gelehrte sich wundern. Die Weiblein Trachten ihm nach, wie dem Joseph dereinst die ägyptischen Weiber, Aber es blieb noch Jeder von ihm in den Händen der Mantel. Hätten die Weiblein zu wählen die Fürsten, so säß' er auf gold'nem Throne schon irgendwo: so aber, aus Mangel an einem Fürstlichen Sitz, ist er unter die Komödianten gegangen. Wenn ihn die Leute zu Münster nur seh'n, sie sperren den Mund auf, Eh' er den seinigen öffnet, sobald wir morgen hineinzieh'n!« »Lips van Straaten!« versetzt der Prophet mit würdigem Nachdruck, Wisse, zu Münster, da brauchen sie jetzt nicht Gaukler und Schalksnarrn: Keinen Komödienkönig, o nein, einen wirklichen König Brauchen sie dort; nicht mühsam erlerntes Gefasel und schnöde Verslein brauchen sie dort: ureigene Worte des neuen Lebens, das Herz zu entflammen – das ist's, was in Münster sie brauchen! Müssige Augen daselbst und müssige Ohren zu finden Und mit Komödienkram ein gelangweilt Volk zu ergetzen Denkt ihr? übel gewählt ist die Zeit! kehrt um, denn es soll nicht Unter die Boten und Streiter des Herrn sich mischen der Gaukler!« – So der Prophet. Doch inzwischen begann zu zerstückeln am Feuer Lips van Straaten, der Führer, den leckeren Hammel, und lächelnd Legt' er vom duftenden Braten sofort ein Stück vor den Eif'rer. Die Blechkanne mit Wein auch rückt' er vor ihn und ermahnt' ihn: »Iß nun und trink, Graubart! und laß es für heute genug sein; Handwerksneid ists am Ende doch nur, was zu lästern dich antreibt! Zeigen ja wird es sich bald, wer drinnen in Münster am besten Fährt, ob der Wanderprophete, der eifernde, oder der Gaukler.« Sprachs und zerlegte den Hammel, vertheilt' ihn an alle Genossen; Und sie erlabten sich dran. Still wards. Es starrten die Bäume Schwarz und reglos empor in den nächtlichen Himmel. Die Wand'rer Lehnten zurück sich, schläfrig, von Trank und Speise gesättigt, Müde vom Wege, dem langen, beschwerlichen, ruheverlangend. Weich war von Moos und Haide der Pfühl, lau wehte der Nachtwind, Süß einlullend. Doch einmal empor noch fahren die Müden. Horch, auf dem Wege, der führt durch den Wald an den Gauklern vorüber, Sprengt von Beritt'nen ein Trupp: schon entführt wie im Flug sie der rasche Trab, doch den lagernden Schwarm landfahrender Leute gewahrend, Reißen herum sie die Rosse; da schauen erschrocken die Gaukler Bei des erlöschenden Feuers Geleucht' wildbraune Gesichter, Helme mit nickenden Federn und staubige Stiefel und Koller, Und weit über die Mähnen des Thiers vorragende, blanke Lanzen und Rohre. »Holla«, ruft einer der Reiter, »ein ganzes Nest von Strolchen! gewiß ists wieder Gesindel des Auslands, Ketzerisch' Volk! Auf die Beine mit euch, ihr Leute! Wer seid ihr? Auf! ihr habt es zu thun mit Reitern des Bischofs von Münster!« – Also der Söldner. Da hob die Gestalt sich des eifernden Alten Lang empor und er blitzte den Reiter mit glutendem Augstral Au, als sollt' er ihn stecken in Brand. »Ihr gehört zu des Bischofs Knechten?« begann er; »so schüttelt den Staub hier nicht von den Schuhen! Reitet nur fürbaß gleich und kündet ihm ohne Versäumniß, Euerem gnädigen Herrn und Bischof zu Münster, verlassen Mög' er in Eile die Stadt mit den Seinigen, wenn er es klüglich Nicht schon früher gethan, weil nun ganz nahe der Tag ist, Wo durch brausende Winde die Spreu von der Tenne gefegt wird, Und wo das Wort sich erfüllt des Propheten: Es werden die Sterne Fallen vom Himmel herab, wie vom Baume die Feigen; der Mond wird Werden wie Blut so roth, und schwarz und dunkel die Sonne, Gleichwie ein härener Sack, und die Fürsten, sie werden sich flüchten All' in die Höhlen und bang zurufen den Bergen und Felsen: Stürzet euch über uns her und verbergt uns vor dem Gesichte Dessen, der sitzt auf dem Thron, vor dem richtenden Zorne des Lammes! Wisset, der Tag ist gekommen . . .«                                                         »Genug, unsinniger Schwätzer, Fiel dem Verweg'nen ins Wort hier Lips van Straaten, indessen Rings die Genossen erbleichten vor Angst, und gewandt zu den Reitern Fügt' er hinzu: »Hört nicht auf den Alten: verfallen in Irrsinn Ist seit etlichen Wochen der Mann, und nun wirft er bedachtlos Immer mit Sprüchen der Bibel um sich, die im wirren Gehirn ihm Spuken. Ich jag' ihn fort, denn er schändet ja doch nur das Handwerk. Sehet, wir Alle, wir sind landfahrende Komödianten, Gaukler und Springer und Fechter und Ringer und was ihr noch sonst wollt, Nur nicht Ketzer, bei Gott! mag holen der Teufel die Ketzer!« – Sprachs; doch es blickten noch unwirsch drein und bedenklich die Reiter. Und eindringlicher fort fuhr Jener: »Dahier auf dem Karren Mustert das Wandergepäck, ich bitt' euch: papierene Kronen, Hölzerne Scepter und Schwerter, verbogene Panzer von Weißblech, Flittergewand, Narr'njacken – ei seht doch: wandernde Ketzer, Meint ihr wirklich, die schleppen durchs Land sich mit solcherlei Hausrath? Steigt von den Rossen herab, ihr Herren, und rastet ein Weilchen Hier bei uns und kostet vom Weine, mit dem wir soeben Leidlich hinunter geschwemmt den gebratenen Hammel, der leider Einigermaßen zur Hälfte noch roh und zur Hälfte verbrannt war. Gütlich wollten wir heut uns thun nach beschwerlicher Wand'rung, Weil nun Münster erreicht ist und fröhlich wir morgen hin einzieh' n. Zaudert nur nicht, wir sind ja die friedlichsten Leute der Welt, wir! Euerem Herrn, ihm wünschen wir Segen und Heil, und die Ketzer Mag er braten, wie wir da brieten den Hammel von Aschberg!« – Sprach's und fügte hinzu: »Hoch lebe der Bischof von Münster!« Und im Kreise der Gaukler erscholl's: »Hoch lebe der Bischof!« »Amen«, sagte der Reiter, »er lebe, wofern er uns redlich Lohnt nach Recht und Gebühr; sonst mögen ihn fressen die Geier!« – Sprach's und schwang sich vom Gaul und ein Gleiches auch thaten die Andern, Banden an Bäume die Ross' und warfen ermüdet die schweren, Rasselnden Leiber ins Moos, und es ließen die zinnene volle Kanne mit Wein umgehen die Gaukler nun unter den Reitern. »Hört«, so sprach der Berittenen einer, nachdem er getrunken, »Wenn ihr verlangt nach Münster und dort als Gaukler Erwerb sucht, Thut ihr wol, daß ihr gründlich zuvor hier außen euch satt eßt: Drinnen, da habt ihr gewiß nur mehr an den Nägeln zu kauen. Fort ist der Bischof längst aus der Stadt mit den sämmtlichen Domherrn. Fähnlein wirbt er, so weit sein Säckel vermag, und wir selber Haben vor wenigen Tagen uns eben verdungen dem Krummstab. So ist das Kriegshandwerk! mit Heiden und Christen und Türken Raufen wir uns; heut gerben wir päpstisches Leder und morgen Evangelisches Fell, wie's kommt. Jetzt thun wir vor Münster Spürhundsdienste: da gilt's zu belauern die Weg' und die Stege, Daß nicht ketzerisch Volk sich bewaffnet nach Münster hineinschleicht; Auch wol den Münster'schen dann und wann die gemästeten Rinder Fangen wir ab, wie solche nach Köln sie treiben zu Markte, Oder auch sonstiges Gut: es muß doch rächen der Bischof Sich für den schmählichen Tort, der ihm kürzlich zu Telgte geschehen, Ihm und dem ganzen Kapitel!« – »Was sagt ihr?« fragte mit Neugier Lips van Straaten, und schmunzelnd erwidert dem Gaukler der Landsknecht: »Schon war gewichen nach Telgte der Fürstbischof mit den Domherrn, Um zu entgehen den Fäusten der drohenden Kirchenverbess'rer. Aber die Meuterer schlichen sich Nachts bis vor Telgte: das Stadtthor Hoben sie sacht aus den Angeln mit Stangen, besetzten die Gassen, Warfen sich über die Leute des Bischofs, die lagen im tiefsten Schlaf – zum Glück war er selber am Abend geritten nach Iburg. Aber die Domherrn fanden sie alle beisammen: die zogen Sie aus Bett und Gemach, schier wie aus dem Koben die Ferkel; Und nur Etliche noch von den Wänsten salvirten auf nackten Füßen im Hemd sich über die Ems, die gefrorne; die Andern Wurden auf Wagen gesetzt, beim Klange der Pfeifen und Trommeln Wie im Triumphe nach Münster geführt; da schleppte man lange Noch sie herum, bis Kaiser und Reich in den Handel sich mischten. Und seither ist's ärger geworden zu Münster: da hausen Neben den Luther'schen jetzt auch die gräulichen Anabaptisten. Morgen nun spricht mit dem Rathe von Münster noch einmal der Bischof Ernstlich ein Wort, dann aber sogleich, wenn weiter getrotzt wird, Rings umschließt er das Nest, ihm gänzlich zu wehren die Zufuhr, Und es, wo nöthig, zuletzt mit gewaffneter Macht zu berennen. Deshalb müssen wir selbst auch traben noch heut bis nach Telgte, Wo zur Stunde die Fähnlein versammelt im Lager der Bischof, Um den Verhandlungen morgen zu geben den richtigen Nachdruck.« So beim Weine besprachen sich dort mit den Gauklern die Reiter. Doch nun leerte der Führer des Trupps mit gewaltigem Schluck noch Im Blechkruge den Rest und erhob sich: ihm folgten die Andern, Rückten die Sättel zurecht und schwangen sich auf und im Hui gings Fort aus dem düsteren Wald; ausgriffen im Takte die Rappen Scharf, und der trabenden Rosse Gestampf, in der Ferne verklang es.             Aber zur Ruh' nun streckten aufs Neue die Gaukler, die müden, Hier und dort sich in's Moos und auf schwellende Kräuter. Des Feuers Reste verloschen; der Mond ging auf. Bald sanken sie Einer Hin um den Andern in Schlummer. Wie Nachts an den Fenstern die Lichter, Also verlöschen auch eins um's and're die Augen der Menschen Nachts: doch welche der Genius ruft, die liegen wie scheintodt Wach in den Särgen des Schlummers und schließen die Lider vergebens. Solches geschah heut Jan und dem Wanderpropheten. Die Beiden Wechselten häufig den Pfühl, zur anderen Seite sich wendend, Unruh'voll. Und endlich erhob sich leise der Jüngling: Hehr vom Monde bestralt, hoch über den Schlummernden aufrecht Stand er, ihm glühte das Haupt, eng ward ihm die Brust und es trieb ihn Wieder hinaus in den Wald, der zwiefach schaurig ihn ansah. Im mondhellen Gehölz hinschreitet er. Plötzlich von Tritten Hinter ihm hallt's, er wendet das Haupt: da erblickt er des hohen Greises Gestalt vor sich. »Hat Euch, wie mich selber, des Mondes Liebliche Helle verlockt?« so fragt er ihn. Aber der Graubart Mit dem erglühenden Aug', den gekniffenen Lippen, der mächtig Sich aufwölbenden Stirn, er beginnt sich stracks zu ereifern: »Finster und schwarz ist die Nacht und die Welt im Dunkel; es flattert Eulengezücht in der Luft und es schießen wie Pilze des Teufels Saaten empor, unheimlich bei fahlem Geblinzel der Sterne Prunkt manch giftige Saat, zureifend der Sense. Gespenster Wandeln umher und es schwärmen Dämonen, die zehrenden Mehlthau Sprengen aus ruchloser Hand auch über die besseren Blüten. Groß ist die Zeit und gewaltig; doch wehe, wenn unsere Herzen Rein nicht sind: wie sollen im riesigen Kampf wir bestehen? Schwül ist die Nacht von Gewittern: es wälzen die Buhlen der alten Metze von Babel in Ängsten auf weichlichem Lager sich schlaflos, Träger der Kronen und Träger der Infeln: es plagt, da zu reichlich Sie beim Mahle des Lebens beladen den Wanst, sie der Alpdruck. Aber wie werden nun auch wir selber die Probe bestehen? Wird nicht fehlen den Reinen der Muth und dem Muthe die Reinheit? Freilich es wimmeln hervor, gleichwie nach dem Regen die Frösche, Jetzt die Propheten; doch helfen sie uns, die zanken um Worte? Denn sie wissen es nicht, daß die Zeit nun der Thaten gekommen, Daß es gilt zu vertilgen von Grund aus jegliches Unrecht, Jegliche Thorheit. O Sohn, abschwören dem Zwange der Satzung Müssen wir, eigene That muß werden das Gute. Wie aber Mögen entbehren der Satzung wir schwachen und sündigen Menschen? Nur durch ein Wunder geschieht's: ein innerer Drang wird ergreifen Gleich wie ein Rausch, wie ein Fieber die Menschen, ein heiliger Wahnsinn, Bis sich das innere Wort in allen Gemüthern lebendig Regt, nicht einzig mehr, wie bisher, auf geschorene Glatzen, Nein, auf Alle zusammen der Geist sich in flammender Klarheit Senkt, und Jeder sich selbst wird Priester, Erlöser und Mittler . . . Schwärmer benennen sie uns – ja! Schwärmer, das müssen wir werden: Herrscht nicht lange genug schon das nüchterne Wort und der Buchstab'? Steh' auf eigenen Füssen, o Menschheit, endlich, du altes Kind, und vermagst du noch immer es nicht, und mußt du zu Grund geh'n Ohne die Krücken – so geh' zu Grund: nicht werth zu bestehen Bist du! Was soll uns die Bibel, o Freund? ei, Bibel ist Babel! Wenn sich der Wille des Herrn nur in alten Scharteken verkündet, Wenn er durch Söldlinge nur und geschorene Pfaffen zu mir spricht, Wenn er mit mir nicht selber vernehmlich zu reden sich würdigt, Wie mit Abraham er geredet, mit Isaak und Jakob, Acht' ich nimmer ihn werth einen klingenden Heller: er ist ja Nicht ein lebendiger Gott, nur ein eitel hölzerner Herrgott, Welcher bestaubt von der Wand, um die Kinder zu schrecken, herabdroht! Aber es sagen die Thoren, erlöset schon hab' uns der feiste Wicht, der entlaufene Pfaffe, der Luther. Der hat aus Ägypten Uns zwar geführt, doch er läßt, statt weiter zu zieh'n in's gelobte Land, in der Wüste nunmehr uns sitzen. Es winkte das Schicksal Ihm, doch stumpf wie er ist, Schweinslederprophet wie die Andern, Brütet er stets altmönchisch noch über der Tünche der Staben Und dem gegebenen Wort, und das Grübeln, es macht ihn zum Schwachkopf. Freilich, er glaubt schon ein Wunder des tapferen Muth's zu verrichten, Wenn er des Nachts nur kecklich den Steiß zum Bette herausstreckt, Um so den Teufel zu schrecken, den Teufel mit Hörnern und Kuhschweif, Welcher ihn immer verfolgt, wie er meint, im Bett und am Schreibtisch. Thörichter Satansbanner! o kehrt' er doch endlich des Geistes Mehr als des Steißes hervor; das half' ihm baß, denn der Teufel, Der ihn plagt, ist der schwarze, der klotzige Bursche, der Buchstab! Ist er weiter gegangen, als man ihn geschoben? Bei jedem Prügel, den Rom dem erboßt-starrköpfigen Mönch in den Weg warf, Strich er vom Katechismus hinweg einen Glaubensartikel, Nur so zum Trotz: seit ruhig man sitzen ihn läßt auf der Wartburg, Ist er zu Ende mit seinem Latein, ist dämlich und zaghaft, Sammt dem gelehrten Genossen, dem Meister der Schule, Melanchthon. Wie zwei Fuhrmannsgäule, gespannt an den Wagen und rastend Still vor der Schenke, wo zecht in des Mittags Schwüle der Eigner, Kühlung fächeln einander mit wehenden Schweifen und oft auch Brüderlich reiben einander die bremsengestochenen Rücken: So am verfahrenen Karren der schüchternen Kirchenverbess'rung Stehn auf dem selbigen Flecke der Martin dort und der Philipp, Harrend des heiligen Geists, und begnügen sich, einer dem andern Brüderlich weiterzuwedeln vom Rücken die neckenden Bremsen. Nie, nie helfen uns diese, die Grübler und Skribler, die zagen Klosterlateiner, die weisen Magister, so nüchtern und schüchtern! Nein, die Begeisterten müssen es thun! Doch diese wo sind sie? Bei Glückspilzen, da wohnet sie nimmer, die heil'ge Begeist'rung! Nur die Bedrängten, die Dulder, die sind die Gefäße des Geistes. Wär' einst Jakob gelegen auf weichlichen Polstern im Bette, Statt auf dem Boden, zu Häupten den Stein, als Decke den Himmel, Niemals wären zu ihm wol heruntergestiegen die Engel! Ja, die Begeisterten müssen es thun! Und Begeisterte weckt jetzt Allenthalben der Herr im Volk: es verklärt sich die dumpfe Stätte des Handwerks schon und die traurige Stube der Armuth Mit Pfingstflammen: es treten hervor aus niedrigen Hütten Männer, die haben den Geist, und reden mit feurigen Zungen. Also erweckte der Herr uns zuerst den Propheten von Zwickau, Und ob in blutigem Staub auch schmählich verröchelte Münzer, Wimmelnd erheben bereits allwärts sich die Jünger, die Kämpen, Ganz sich vertrauend und voll, mit Leib und Seele, dem Sturme, Welcher die Länder durchbraust, vom niederen Land, wo die Sunde Tosen, zum Hochland hin, und welcher erneuern die Welt wird. Ja, die erbangende Welt, die steht wo sie Luther gelassen, Setzt nun wieder in Schwung sich: vom neuesten Lichte die Funken Sprühen schon allwärts auf: bald scharen die Wiedergebornen, Wiedergetauften im Herrn um das heilige Banner von Sion Sich, um das Banner des neuen, prophetenverkündeten Sion, Welchem im Stillen der Herr schon die sichere Stätte bereitet. Ganz aus der Welt zu vertilgen das Unrecht gilts und die Thorheit, Um zu vereinen sodann in beglückendem Bunde die Guten. Horch, das Gericht, es verkündet sich schon: sind schwanger die Lüfte Nicht von Schwertergeklirr ringsum? feig zittern die kleinen Geister von Wittenberg, da gekommen die Zeit nun der Thaten, Welche vom Boden die Lauen zugleich mit den Kalten hinwegfegt, Und den Begeisterten gibt die erneuerte Erde zu eigen!« – Also der Anabaptist, und er sprach noch lang, sich ereifernd Über die nüchternen, zagen Propheten: er schmähte die stolzen Kronen- und Infulträger, er schmähte die Welt, die verderbte, Schmähte zuletzt auch den Jüngling, den horchenden, selbst, der in solcher Zeit sich geselle den Gauklern. Doch bald umarmt' er ihn wieder, Küßt' ihm zärtlich die Stirn. Der aber versetzt' ihm, erwarmend: »Wundersam hast du, o Greis, mir erschlossen den Blick in die Zukunft. Selbst zwar merkt' ich es längst, wie die Menschen, die Völker, ein neuer Drang gar mächtig ergreift: doch es dünkte mich Wörtergezänk nur, Was ich vernahm; du aber, du wirfst in die Seele mir Flammen! Gilt es in Wahrheit zu stiften ein Reich nun der Liebe, des Glückes? Sieh! – seltsam bin ich geartet: ein doppeltes Streben Wohnt – im Herzen; ein Drang nach dem Hohen und Rechten und Reinen, Aber ein Drang nach dem Glücke zugleich, nach den Freuden des Lebens. Niemals kann mir genügen ein Brüten in dumpfer Entsagung, Aber auch niemals kann mir die Lust, die gemeine, genügen, Die nur die Sinne berauscht und das Herz nicht höher beflügelt. Und so ging ich bisher, ob auch mich verzehrend in Sehnsucht, Rein durchs Leben und stolz: mich schützt vor Gemeinem der Abscheu. Tugend und Lust zu vereinen , das ist's, was ewig ich träume: Träumer ja bin ich noch stets, wie ich es gewesen als Knabe. Leicht war immer und tief mir die Seele zu rühren: ich konnte Weinen vor Lust, wenn neu sich der Anger beblümte; mich reizte Jegliches Edle und Schöne. Doch auch nach dem Schimmernden, Bunten, Stand mein Sinn: wo ich Kieselchen fand und glimm'rigen Schiefer, Konnt' ich darein taglang mich mit glühendem Auge vertiefen. Selten nur hatt' ich Gespielen: mich scheuten die Altersgenossen, Denn ich liebte zu herrschen; auch haßt' ich beinahe die Knaben, Und ich gesellte mir lieber ein halbwild schweifendes Mägdlein, Welches auf einsamem Felde die Zicklein pflegte zu hüten. Gänzlich gehorchte sie mir, und half mir glänzende Steinchen Suchen: da fanden wir einst am Weg einen lichten Karfunkel: Meinte, das wär' ein Sternlein, gefallen vom Himmel, und hoffte, Gleich mit dem blitzenden Stein mir ein königlich Reich zu gewinnen. Damals träumt' ich von Schwertern und Kronen und Purpurgewändern Fort und fort: ich verlor das Gestein, doch es blieb mir der Glückstraum. Und nun hielt ich mich gerne zu Reisigen, Händlern und Schiffern, Die weit waren gewandert und manches Erstaunliche, Fremde Hatten nach Hause gebracht: mir entbrannte das Herz vor Begierde, Selber die Fremde zu schau'n. Viel hört ich erzählen vom Goldland, Eldorado genannt: ausmalt' ich die Pracht mir des Landes, Und ich dacht' es bewohnt mir von hohen und herrlichen Menschen. Gern wol hätt' ich durchzogen die Länder als Schiffer und Kaufherr, Doch da Vater und Mutter erblichen, ein hungernder Knabe Blieb ich zurück: es erbarmte sich meiner ein wackerer Volksmann, Nahm mich auf und erzog mich zum Jünger und Helfer im Handwerk. Aber es schweifte der Geist aus der dumpfigen Stube doch immer Mir auf den Markt und die Gassen hinaus, und die Erker, die Zinnen Stolzer Gebäude, die Pfeiler, die ragenden Thürme der Kirchen Hatt' ich wie träumend vor Augen. Am Festtag starrt' ich den Priester An im Dom, da er stand in den Weihrauchwolken am Altar, Und schon die Wölbungen selber des Domes, die Bilder, die Säulen Rührten das Herz mir wie Klänge der Orgel; das Leuchten und Flimmern, Duften und Klingen, es kam wie Verheißung unendlichen Glückes Über mich her und ich dünkte mir träumend im Äther zu schweben. Trunkenen Ohrs auch horcht' ich nach Wundergeschichten aus alter Zeit, nach der Kunde der Reinen auf Montsalvatsch, nach der Ritter Kämpfen um's heilige Grab. Und auch von Zauberern hört' ich, Hörte von Faust, von Adepten, die Golderz brauen im Tiegel, Und Elixiere des Lebens. Von neuen atlantischen Inseln Hört' ich, woher Kleinode so viel nun in unseren Welttheil Strömen, und wo Seefahrer, das Schwert in der Hand, eine neue Schönere Welt sich erobern, umleuchtet von neuen Gestirnen. Nimmer gefiel mirs zuletzt in der dumpfen, der nebligen Heimat, Im Flachlande, bespült von der Flut, eintönig und endlos: Und so folgt' ich dem Drang und gesellte mich fahrenden Leuten, Handelsgenossen und Schiffern: das blühende Flandern durchschweift' ich, Stand am geschäftigen Strande des Britten, die Städte des Südens Schaut' ich, bis Lissabon zog ich hinab. Da ging mir die Sonne Leuchtender auf, und ich lernte vom Häßlichen scheiden das Schöne, Scheiden vom Rohen das Edle; den feineren Sinnen genügte Nun nicht mehr, was zuvor mir im nordischen Lande gefallen. Arm wie ein Bettler durchzog ich die Welt, wie ein König genoß ich Sie, als Betrachter, als Träumer. Doch ach, erst halb nur verkörpert Fand ich das, was ich träumte; noch immer das Beste vermißt' ich. Nirgends ja sah ich die Menschen beglückt; und das Hohe, das Reine, Wie es mir stand im Sinn, so in Wahrheit fand ich es nirgends. Halb nur befriedigt, in Sinnen verloren, so kehrt' ich zur Heimath. Doch bald faßte der Drang mich, zu wandern, aufs Neue. Der wackre Lips van Straaten, er lockte den müßigen Träumer nach Deutschland, Welches ich selbst schon ersehnte zu schauen: so folgt' ich den Gauklern. In armseligem Flitter, in kindischem Spiele begann ich Mir zu gefallen: in Reimen, in feurigen Versen versucht' ich Mir eine eigene Welt zu erbau'n. Auf dem Haupte die Krone, Thöricht erschien ich mir selbst, doch ich träumte den Traum des Karfunkels Wieder, und träumend vergaß ich zu nehmen vom Haupte den Flitter« . . . »Jüngling«, sagte der Anabaptist, »was du träumtest und suchtest, Niemals werden wir schweifend es mühlos finden am Wege, Niemals wird es beschert uns werden im Schlafe. Wir selber Müssen nun Hand anlegen, die bessere Welt zu erschaffen. Und wie sollten wir nicht? Was schiene denn jetzt noch unmöglich? Haben das Größte wir nicht schon erlebt im Sturze der alten Kirche? Gescheh'n nicht Zeichen und Wunder? Ist nicht ein bedeutsam Zeichen das knallende Pulver des Mönchs, das in Schutt die granit'ne Zwingburg wirft? sind nicht ein bedeutsam Wunder die Künste Guttenbergs, die die Blätter, die weißen, im Flug wie mit tausend Händen auf ein Mal beschreiben? ein deutsam Wunder die gold'nen Gaben der Meere des Westens? wie kam uns das Alles auf einmal, Wenn nicht völlig verjüngen die Welt sich sollt' und erneuern?« – Also der Anabaptist, sein Antlitz stralte begeistert. Und bald fügt' er hinzu: »So oft ich ins Auge dir schaue, Jüngling, so oft ich betrachte die leuchtende Stirn, da verkündet Sich's im Gemüthe mir immer: als Gaukler im Flittergewand nicht Soll der ziehen gen Münster! Vernimm! ich komme gewandert Nicht allein, denn es wallen aus Nachbarlanden die Jünger Mächtig in Schaaren heran, doch zerstreut, auf verschiedenen Wegen, Um zu entgehen den Spähern des Bischofs. Und der Vereinung Stunde, sie naht: schon ruh'n sie versteckt in den Gründen der Davert, Hier und dort, und harren dem grauenden Morgen entgegen, Wo, indessen des Bischofs Heer, frei lassend die andern Wege, bei Telgte sich sammelt, nach Münster vereint wir hineinzieh'n!« – »Wenn ihr Wiedergetauften es seid«, so versetzte der Jüngling Glühenden Aug's, »die kommen zu stiften des seligen Friedens Reich, und des Glücks, wo das Schöne vom Rechten, das Rechte vom Schönen Nimmer sich trennt, wie es träumt mein Herz – denn wisse, so feurig Ich mir ersehne das Glück, wird auch nach dem Rechten und Reinen Ewig mir trachten der Sinn – wenn Solches ihr wollt, und ihr wahrhaft Wißt zu vereinen, was lang auf Erden sich mied – o so nehmt mich Hin als Jünger und Streiter mit euch und lasset des Herzens Mächtigen Sehnsuchtsdrang in euerem Kreise mich stillen!« – So der erglühende Jüngling und ihn umarmte der hohe Greis mit Thränen im Aug', und zu reden aufs Neue begann er: »Ich bin alt, mein Haar ist ergraut, und es deutet der Vater Oft mir im Herzen es an, daß ich selbst das gewaltige Werk nicht Ganz vollende, das jetzt das Geschick zu beginnen mich antreibt. Jüngling, wirf sie hinweg, die du trägst, die papierene Krone! Denn dich erkieset der Herr zum Streiter sich, wenn ich dahin bin! Siehe, das hab' ich gewußt, das fiel mir ins Herz wie ein Lichtstral, Seit du gekrönt mir erschienst, wie ein Traumbild, unter den Gauklern!« Jetzo standen die Beiden auf felsiger Höhe des Waldes, Hell vom Monde bestralt, zwei leuchtende hohe Gestalten, Hehr umweht von den Schauern der Einsamkeit und des Nachtgrau'ns. Vortritt Jan zum Rande des felsigen Hangs, wo der Abgrund Steil abfällt und sich unten verliert im Dunkel. Da reißt er Sich die papierene Krone vom Haupt und schleudert hinab sie, Tief in die dämmernde Schlucht. Abseits wild braus'te der Sturzbach, Der da breit und gewaltig hinabschoß über die Felswand. Und an die stürzende Flut, umragt von Blöcken und Kiefern, Trat nun der Anabaptist: aus dem brausenden Sturz der Gewässer Schöpft' er die Handvoll sich und über das Haupt, das geneigte, Seines Erkorenen gießt er die Flut mit den weihenden Worten: »Jan von Leyden! ich netze das Haupt dir unter dem lichten Sternenzelt: ich weihe zum Bunde der Wiedergebornen, Wiedergetauften dich ein: zum Bunde der Freien und Reinen Weih' ich dich: zum Bürger, Verkünder und Streiter des neuen Sion, des göttlichen Reichs, das im ältesten Bund war verheißen, Und von welchem erst wir nun erhoffenden Tag der Vollendung!« – So der Prophet, und es traf aus den fliegenden Wolken der Mondstral Wie mit verklärendem Lichte die beiden Gestalten am Waldstrom Auf hochragender Warte der Felseinöde. Die Sterne Standen am nächtlichen Himmel und funkelten, lindes Gesäusel Lief durch die Wipfel der Kiefern. Da wars, als klänge von fernher Geisterhaft-leise hervor aus der Tiefe des Walds ein gedämpfter Feierlich-ernster Choral, doch nur in verlorenen Tönen, Wieder verhallend sogleich: aufhorchte der Greis, und es blitzte Hell sein Aug'. Im hohen und sternhell dämmernden Äther Flatterten weiße Gewölke, wie Züge der Geister: zu streiten Schienen sie gegeneinander mit blinkenden Schilden am Himmel Über dem Plan, wo ragten die Zinnen von Münster im Mondlicht. Und nun schritten die Beiden hinunter den felsigen Abhang, Zwischen Geröll und Gestrüpp, windbrüchigen Stämmen und Farrnkraut. Dichter umgab sie wieder der Wald. Aufflatterten kreischend Nächtliche Vögel vor ihnen. Ha, sieh', Irrlichter im Moorgrund Hüpfen vor ihnen einher. An felsiger Höhle vorüber Nehmen sie jetzo den Weg. Da bedünkt es den Jüngling, als säh' er Stehn einen riesigen Mann in der Kluft, der ein rostiges Schwert schliff: Seltsam tanzt auf der Schneide, der blanken, ein irrender Lichtstral, Der sich verlor in die Kluft. Hinspäht der verwunderte Jüngling, Aber es zieht ihn fort der Prophet. Noch öfter bedünkt es Jan, als säh' er verschwimmend im Nachtgrau'n unter den Bäumen Seltsame fremde Gestalten, in Gruppen gelagert und einzeln: Stets fortzog ihn der Greis. Und schauriger wurden die Pfade, Dunkel umgab sie. Von fern mit satanisch-unheimlichem Klange Scholl Rohrdommelgestöhn durch die Nacht aus Sümpfen. Da that sich Auf das Gehölz, frei glänzte der Plan, und auf moosigen. Felsblock Fanden sie Divara sitzend im Schein der Gestirne. Sie lächelt: Über dem Haupt ihr flittert und flirrt die papierene Krone, Die in den Abgrund eben der Jüngling hatte geschleudert Hoch vom ragenden Fels. Und es hatte das Weib sich mit blühenden Tollkirsch-Ranken umwunden die Stirn und den Leib, und so saß es Lächelnd auf moosigem Stein. Es befragten die Männer verwundert Sie, wie her sie gelangt, und woher ihr gekommen der Goldreif? Und es berichtet das Weib, daß, während zuvor sie der schönen Mondnacht auch sich zu freuen gedacht am Fuße der Felswand, Dort, wo von oben herunter der Wildbach stürzt in die Waldschlucht Plötzlich herab in den Schooß ihr die funkelnde Krone gefallen. Stumm anblickten sich Jene. Mit Lächeln erhob von dem Steinsitz Divara sich, und es setzten die drei nun vereint durch die Wildniß Weiter den Fuß: durch Dick und Dünn, durch Gestrüpp und Gesümpf hin Führte die Männer das Weib, als wär' seit Monden vertraut ihr Jeglicher Pfad. Hingleitet sie, schlüpft sie behend wie das Eichhorn, Sacht wie die Natter. Doch golden gekrönt, mit Blumen umwunden, Scheint sie ein lockend Gebild weit mehr, als ein dräuender Unhold. Sie vor Augen, dahingeht schier wie im Traume der Jüngling. Endlich spricht er, gewandt zu dem greisen Begleiter: »Wie ward dir Diese gesellt, die voran uns schwebt?« – »Wie der Seele des Leibes Last, wie dem strebenden Geiste der Erdschlamm«, sagte der Meister. »Siehe, so ward dies Weib mir gesellt nach des Ewigen Rathschluß. Und wie der Leib mit der Seele, der irdische Schlamm mit dem Geiste, So, nicht besser, verträgt dies Weib und der Anabaptist sich! Zwanzig Jahre nun sinds, da fand vor der Kirche zu Harlem, Während am vollsten der Markt, sich unter den Leuten ein fremdes Mägdlein, braun und verwildert, vielleicht sechsjährig: das lief so Hin, barfüßig, die Haare verwirrt, wild funkelnd die Augen. Niemand kannte das Kind. Es umringten die Leute, die eben Kamen vom Dom, neugierig mit Fragen die Kleine. Doch wirr nur Sprach sie, in seltsamen Worten. Sie schien mehr trotzig als ängstlich. Plötzlich über den Markt her kam ein gewaltiges Thier stracks Unter die Leute gerannt: erst schien es ein stattlicher Hund nur; Doch als näher es kam, da erscholls: »ein Wolf!« und die Menge Wich zur Rechten und Linken zurück mit Entsetzen. Das Mägdlein Aber, das lächelt' entgegen dem Unthier, das auf sie zukam, Rief es mit schmeichelnden Worten und kraute den Kopf ihm vertraulich, Stieg auf den Rücken zuletzt ihm, und siehe, das gräuliche Wolfsthier Spornstreichs rannt' es hinweg aus der Stadt, auf dem Rücken das Mägdlein. Etliche dachten an Zauber, da fand man, streifend und spähend Rings umher, vor der Stadt ein Lager von Leuten des braunen Wandernden Stamms, und darunter betraf man das seltsame Mägdlein Wieder, mitsammt dem Wolf. Man zerstreute die wüsten Gesellen, Aber das Mägdlein hielt man zurück und bracht' es nach Harlem, Weil es so eigen geartet, und alle bestach, die es ansah'n. Ich nun erblickte das Kind und weil mich rührte die Waise, Nahm ich sie auf. Sie erwuchs; da spornte der Geist mich, die Braune Gar zu freien: so wurde das Weib sie des Bäckers von Harlem, Welchen vor Augen du siehst. Doch wüst stets blieb sie und eigen, Schwand auf Tage hinweg, auf Wochen; ich ließ sie gewähren, Stellt' es seufzend dem Himmel anheim, und verehrte den Rathschluß, Der dies Weib mir gesellt« . . . So erzählte der Alte von Harlem. Still-nachdenklich vernahm die erstaunliche Kunde der Jüngling. Aber erreicht ist die Stelle nunmehr, wo still die Gefährten Jan's noch liegen im Schlummer. Nun grauet der Morgen, der Nebel Raucht im tieferen Grunde, verbreitend sich zwischen den Kiefern, Zwischen den Felsen umher; es durchlöchert ihn hier schon ein Felsgrat, Dort ein starrender Ast: so schwankt er zerrissen und unstät. Kühl ists; es wiehert und schnaubt mit witternden Nüstern die alte Stute hinaus in die Lüfte des Morgens: da strecken die Vögel Kreischend die Schnäbel hervor, die sie unter den Flügeln geborgen, Schlummernd in thauigen Wipfeln. Erschreckt vom Gewieher der Stute Flattern sie, sträuben die Flügel, und von den erschütterten Ästen Schleudern sie Tropfen herab, hellfunkelnde. So ist erwacht nun Mälig die Wildniß. Die Schläfer, vom thaufeucht schwellenden Moospfühl Heben sie gähnend die Häupter, ermuntern sich, reibend die Augen. Über dem Wald aufgeht aus röthlichen Schleiern die Sonne. Still ist noch Alles umher. –                                               Da plötzlich erklingt aus dem Walde Fernher leiser Gesang. Aufhorcht der Prophet und der Jüngling Horcht in die Ferne wie er. Was er hört, ist derselbe gedämpfte, Feierlich-ernste Choral, den schon in der Nacht er aus tiefstem Walde vernommen, wie leise verhallende Stimmen der Geister. Doch er verhallt nicht mehr. Anschwellend erklingen die Töne Nah' und näher heran: aus dem Frühtraum reißen die Gaukler Nun erst völlig sich los, aufhorchend: da tritt aus des Waldes Gründen hervor ans Licht ein langer und feierlich-stiller Zug, zu Fuß und zu Roß, phantastische, bleiche Gestalten. Langsam zieh'n sie einher und nachdem sie geendet die Strophe, Halten sie an, selbst lauschend hinaus in die Ferne. Da klingt es Leis' antwortend herüber von anderem Hange des Waldes; Eben denselben Gesang in sacht anschwellenden Tönen Tragen die Lüfte heran, und horch, von noch anderer Seite Hallt es wieder, und gleichwie die Stimmen der Vögel erwachen Allwärts rings in den Büschen am Morgen, so klingen die Chöre Hier und dort im Gehölz. Und hier und dort aus dem Wald nun Ziehen die singenden Schaaren heraus. Auch einzelne Waller Kommen gezogen; sie kommen zu zweien, zu dreien, es halten Männer und Frau'n an der Hand sich und Kinder und Greise – sie kommen Alle heran, sie umarmen einander in heiliger Freude, Sich mit dem Spruche begrüßend der Wiedergetauften: » Das Wort ist Fleisch geworden und wohnet in uns! « So erwacht und so wimmelt, Die so öde, so todt vor Kurzem erschienen, die Wildniß: Aber so traumhaft regt, so feierlich hehr, so ergreifend, Wie in Hallen des Doms, sich der singende, klingende Heerbann. Schier noch glauben zu träumen die Gaukler, betrachtend die Scene, Die sich vor ihnen entrollt auf geräumiger Wiese des Waldes. Weiter bewegte nunmehr sich, geordnet in Reih'n, die vereinte Schaar und es führte der Weg sie vorüber am Lager der Gaukler. Aber vorbei so ziehend, erblickten inmitten der Gaukler Sie den gewaltigen Greis. Da erscholl's mit freudigem Zuruf: »Heil dir, o Matthisson, Heil dir! In Treue gewärtig Sind wir: o führ' uns jetzt zur erkorenen Stätte des Heiles, Die du verkündet uns hast! Wir folgen dir, Meister von Harlem!« Und vortritt der Prophet: »Zur harrenden Stadt an der Aa nun Führ' ich euch: lang währte die Nacht und weit war der Umweg, Doch nun erstralt uns der Tag, der versammelt die Streiter von Sion!« Sprach's, und sie hoben empor auf ein stampfendes Roß den Propheten. Aber heran zu sich zog er den Wiedergetauften am Waldstrom: »Diesen«, so sprach er, »gewann ich im Frührothschein der Entscheidung: Diesem bestralten die Stirn auf ragendem Felsen die ersten Stralen des Tages, mit welchem beginnt das erneuerte Sion!« Und zujauchzten ihm Alle, dem hohen und sinnenden Jüngling, Hoben empor auch ihn auf ein Roß, ein schimmerndes, weißes. Neben ihm schwang auf ein falbes behend sich das Weib des Propheten. Und so, den Seher zur Rechten, zur Linken die Dunkelgelockte, Hatte bereits in die Mitte der Zug ihn genommen. Da drängte Lips van Straaten heran: »Ihr lockt mir«, rief er, »den Besten Meiner Getreuen hinweg? Was sollen wir ohne den König David? Dankst du mir's so, Graubart, daß den Knechten des Bischofs Ich dich entriß heut Nacht mit klugen, bedächtigen Worten?« – »Kommt mit uns!« so erscholl's aus den Reihen der Anabaptisten, »Thut, wie der Jüngling! kämpfet mit ihm für das heilige Sion, Daß ihr mit ihm auch theilet die Herrlichkeiten von Sion!« – Umschau hielt im Kreise der Seinen van Straaten, der Führer, Sah' schon manches entschloss'ne Gesicht. Zu den Anabaptisten Sprach er: »Genug schon ward uns von euerer Lehre gepredigt Gestern: ich träumte die Nacht von nichts als den Wundern der neuen Sionsstadt: da sah ich den Markt von Juwelen gepflastert, Müßig sah ich und lachend die Leute vor goldenen Häusern Sitzen vom Morgen zur Nacht, sah Rheinwein regnen, und Zucker Schnei'n, und wachsen auf Bäumen in Fülle die leckersten Kuchen. Freunde, was meint ihr wol?« so fuhr er fort, zu den Seinen Wieder sich wendend; »gedenkt ihr dem Rathe der Männer zu folgen? Sind Landsleute zumeist, aus Ostfriesland und aus Holland! Wollt' ihr Frau Fortuna versuchen? Was wär' zu verlieren? Brüder, ich seh', ihr schwankt schon ein wenig; ihr wollet den edlen Jan nicht lassen in Stich: bei Gott! ich wäre der letzte, Der es vermöcht'; ich kannt' ihn als Kind, ich hatte den Jungen Lieb, wie den eigenen Sohn. Ich sah heut Nacht auch im Traum ihn Sitzen mit Matthisson auf goldnem Gestühl in der goldnen Sionsstadt: und so scheint mirs gerathen, dem Stern des Propheten Muthig zu folgen, ihr Brüder, als Gaukler, als Anabaptisten, Wie es das Schicksal fügt. Ruft Heil dem versprochenen Sion, Heil dem Propheten zugleich, dem erleuchteten Meister von Harlem!« Also Lips, und die gestern ein Hoch ausbrachten dem Bischof, Jetzo fröhliches Heil dem versprochenen herrlichen Sion, Heil dem Propheten zugleich, dem erleuchteten Meister von Harlem, Riefen sie, rafften sich auf, sich gesellend den Wiedergetauften, Und hinzogen sie all' in den thaufrisch glänzenden Morgen. Zweiter Gesang. Unter den Arkaden.                           Ueber den Torfmoorgrund, wo in schimmernden Flocken das Wollgras Zittert im Wind, und unter dem Schritt aus dem Boden die Feuchte Schwarzbraun quillt: dann wieder durch einsame Haiden, wo kniehoch, In blaßröthlichem Flor, weithin das Gekräut' wie ein Saatfeld Wogt, zieh'n Matthissons Schaaren dahin auf dem Weg der Verheißung. Und wo die Haide die Wandrer entläßt, da empfängt sie die Sandflur; Rieselnder, knirschender Sand empfängt sie, begleitet sie weithin, Und aus dem Sand aufragt wie verweht, wie verschneit in der Öde, Hier die verkrüppelte Kiefer, der Felsblock dort. Und die Krähen Sitzen den Weg entlang mit Unglücksaugen; verdrossen Hängen am Thymianstrauche die Falter, und schrill in die weite Traurige Heide hinaus, eintönigen Klanges, entsendet Aus Wachholdergebüschen die klagenden Rufe der Kibitz. Reglos steht auf dem Bein, wie ein Pflanzengebild auf erhab'nem Stiel, der beschauliche Storch. Dort zwischen verkommenem Zwergholz Sitzt auf vereinzeltem Block in der schweigenden Öde der Schafhirt, Und ein Trupp Haidschnucken um ihn rupft zwischen den Kieseln Spärliches Gras. Reglos, wie der Storch, in Brüten versunken, Nimmer ein Lebender scheint er, der Hirt, nur ein Stück von dem Felsblock, Drauf er sich lagert, ein Stück vom versteinerten Leben der Haide. Denn zum Schweigen verdammt und zu brütendem Traume verzaubert Scheint die Natur umher, des entzaubernden Stabes noch harrend, Der sie höher beseelt: sie träumt von den Menschen im Halbschlaf, Die da so unruhvoll mit den pochenden Herzen heranzieh'n . . . Aber es wendet der Pfad sich auf ein Mal nun, und es tauchen Felder, mit Hecken umsäumt, und grünende Wiesen, und Höfe Zwischen Gehölz empor, und Dörfer mit röthlichen Dächern. Weiher mit Fischen im Grund, mit edlem Geflügel im Schilfe, Blitzen wie Spiegel: verwundert betrachten die Wand'rer den Segen, Der sich üppig verbreitet und reich, hart neben der Ödniß. Und noch begehrlicher blicken sie jetzt nach der prangenden Stadt aus, Und noch rascher beflügelt ihr Schritt sich. Da bringen die Lüfte Einen verlorenen Klang wie von hallenden Glocken herüber. Mächtiger schlagen die Herzen und wie Kreuzfahrer mit Jubel Grüßten das ältere Sion vor Zeiten, so grüßten die neue Sionsstadt an der Aa nun die Anabaptisten: vor ihnen Lag das verheißene Ziel, glanzreich: westphalischen Landes Perle, von Linden umgrünt, vielthürmig, das heilige Münster. »Seht«, rief Einer der Schaar, »dort hebt die gigantische Kuppel Hoch Sanct Lamberts Thurm in die Luft – dort leuchtet der Dom – dort Schimmert die Prachtthurmkrone der Liebfrau'nkirche – da drüben Ragt Sanct Ludgeri Zinne, die zierliche, luft'ge« . . . So nannt' er Leuchtenden Auges sie alle, die Zinnen umher, und die Kuppeln, Die da ragten aus blüh'ndem Gesträuch, Baumgängen und Laubgrün: Silberig blitzte herüber aus wiesigen Gründen der Aafluß. Habt ihr Münster geseh'n und den reizvoll prangenden Marktplatz? Habt ihr das Rathhaus drinnen, das hochaufragende Prachtwerk, Und die Paläste geseh'n, die gegiebelten, und die Arkaden, Welche, gewölbt zu den Seiten des lang sich streckenden Marktes, Lieblich geschwungen die Zeile der prangenden Häuser begleiten? Habt ihr geschaut sie, die Bogen, die ragenden Erker, die Zinnen, Wie sie dereinst prachtüppig erstanden auch unter des Nordens Kälterer Sonne, bestaunt von den nüchternen Menschen der Jetztzeit? Glanzlos bricht sie sich heut an den Wundergebäuden, die matte Flut alltäglichen Lebens: nur mehr einförmige Menschen In einförmiger Tracht durchwandeln die stolzen Arkaden! O wie so anders zur Zeit, da die Schaaren der Wiedergetauften Morgendlich zogen gen Münster! Da wogte das Leben noch farbig: Glänzend gesellte sich da zu phantastischem Schmucke der Wohnstatt Noch die phantastische Zierde der Tracht: wie erglänzten die bunten Bauschigen, reichen Gewänder im Schimmer der Sonne, die Wämser, Vielfach geschlitzt und betreßt, und die Spangen, die Ringe, die Gürtel, Purpurn, mit Perlen gestickt, die Barette mit nickenden Federn, Und die gediegenen Klingen, besetzt mit köstlichen Steinen! Und wetteifernd im Prunk schritt neben dem Bürger der Landsknecht, Schritt der bekuttete Priester, die Tinten des Schwarzen und Weißen, Grauen und Braunen erschöpfend in mancherlei Ordens Gewandung. Doch schon ist Eins zu vermissen am Tag, wo die Anabaptisten Grüßen die Thürme von Münster: wo bleibt der gebietende Dickbauch? Ja, wo bleiben sie nur, die bekannten, die feisten Gestalten, Sie, die Beherrscher des Landes, die Edelgebornen, die Domherrn, Die mit den seid'nen Baretten, den glitzernden goldenen Ketten Um den gewulsteten Hals, mit dem schwärzlichen Kragen des Priesters Über dem wallenden Rocke, dem weißen, noch lieber in üppig Weltlicher, fürstlicher Tracht durch die Straßen von Münster stolzierten? Klüglich weilen sie fern: in den Straßen von Münster, da weht es Schon wie ein Blättergesäusel bei nahendem Wetter im Waldgrund. Drangvoll wirbeln sie heut durch einander, die Bürger von Münster. Die da so ängstlich vorbei sich drücken mit niedergeschlagenen Augen, das sind die Papisten ; die dreisteren Schrittes einhergeh'n, Schwören auf Luther ; und Jene, die Düsteren dort, die in's Erdreich Bald einbohren den Blick, bald heben in fliegende Wolken, Und dann wieder mit drohend-fanatischen Augen um sich schau'n, Das sind Jünger und Schüler des schwärmenden Anabaptisten , Welcher der neuesten Lehre die Bahnen gebrochen zu Münster. Sieh', dort schleicht er selbst, der berufene Träumer und Schwarmgeist, Bleich, mit glutenden Augen, verloren in düsteres Sinnen! Und der hinter ihm geht, wie hinter dem Hirten der Wolfshund Geht durch die Heerde der Lämmer, der Mann mit den wuchtigen Schultern Urecht-Münster'sches Blut, – der laut mit sich selber im Gehen Spricht und ballt in Gedanken die Faust, zu dem Haupte der Arm ist Dieser, der mächtigste Kämpe der Wiedergetauften zu Münster! Die da kommen heran, mit gewichtiger Miene zum Rathhaus Schreitend, das sind die Vertreter des Volks, Obmänner der Zünfte, Meister der Gilden von Münster: vom Schohaus zieh'n sie zum Rathhaus, Dort nach der Väter Gebrauch mit den Männern des Raths zu verhandeln, Und daß schwanger von wicht'gen Entscheidungen heut die Berathung, Zeigt in den Mienen der Ernst und die trotzig entschiedene Haltung. Mächtiger wächst das Gewirr. Schon wird im Gedränge den Marktfrau'n Übereinander gestoßen der Kram. In dem wilden Gewoge, Wer ist's, der Stand noch hält? ein uralt Mütterchen seh' ich Reglos kauern – es kauert auch heute, verwittertem Steinbild Gleich, wie die Väter sie kauern geseh'n und die Väter der Väter, Dort auf den Rathhausstufen und betet, so wie sie die Väter Beten gehört und die Väter der Väter, mit leisem Gemurmel: »Komme zu uns dein Reich!« und »führ' uns nicht in Versuchung! «Wie vom Tode vergessen, ein halb Jahrhundert so sitzt sie Dort, und es ist kein Laut zu vernehmen vom Munde der Greisin, Als ein murmelnd Gebet. Gleichgültig schwindet und achtlos Jahr um Jahr ihr hinweg, wie das Küglein ihr rollt von der Betschnur. Aber allein nicht sitzt sie im wogenden Trubel, die greise Timmermannin: es hat sich ihr heute gesellt der verrückte Dusentschur , der geworden zum schweifenden Bettler vom Goldschmied, Ein schmalbrüstiger Alter, gebückt, graubärtig, das Antlitz Häßlich entstellt von den Narben der fressenden Pocke – doch seltsam Glüht sein Aug', und es blitzt manchmal dort neben dem Wahnwitz Auf wie ein höheres Licht. Er ist stumm und stottert nur mühsam Laute hervor, die Keiner versteht. Man erzählt sich im Volke, Daß er begabt mit dem zweiten Gesicht , und daß, so er einmal Wieder die Rede gewinnt, er Erstaunliches werde verkünden. Ei, was treibt er doch dort auf den Rathhausstufen? Zu flechten Ist er bemüht einen Kranz von Ranunkeln und Winden und Goldklee: Und so wunderlich ist er nun schon drei Tage beschäftigt, Stille für sich hin lächelnd, und um das Getümmel um ihn her Nichts sich kümmernd, als sei er der größeren Stunde gewärtig. Einzelne Wellen des wilden Gewogs auf dem Markte verlieren Sich in den Rathhauskeller, den wirklichen: dort bei Gesprächen Sitzen die Bürger; doch trotzen Parteien und feindlich geschied'ne Lager auch hier: der Tisch ist papistisch und lutherisch jener, Anabaptistisch der dritte. Wo immer sich Zecher gesellen, Fehlt nicht gerne der Mönch; so sitzen im kühlen Gewölb' auch Hier, im papistischen Kreis, zwei Männer mit bräunlichen Kutten: Peter und Paul, aus dem Kloster am Aafluß; dieser nur zechend, Aber der andere schwatzend mit Eifer und scheltend die böse Zeit, auch Vieles erwähnend von unheilkündenden Zeichen, Wie sie jetzo geschah'n: von sich kreuzenden Schwertern in Wolken, Und wie draußen vor Münster bei nächtlicher Weile die Hirten Plötzlich in Flammen erblickten die Stadt, und, näher gelaufen, Wieder im Dunkel sie sah'n; und wie oft die Bewohner von Münster Schreckte des Nachts ein plötzlich Getös' von Drommeten und Pauken, Welches vom Wall her scholl und sonst von einsamen Orten, Und wie er selbst auch kürzlich bei Nacht, an den Fenstern des Domes Wandelnd vorüber, ein Schluchzen gehört und Seufzen und Wimmern. »Aber vor Allem«, so rief er zuletzt, »noch denkt ihr des Schwanzsterns, Der vor Kurzem erschien, der immer des Morgens geradhin Über dem Scheitel uns stand, und, obgleich Schwanzsterne des Schweifes Richtung häufig verändern, doch als ein besonderes Wunder Lange den Schweif vornehmlich hieher gen Münster gekehrt hielt? Und noch seltsamer war's, daß er lief von Osten nach Westen, Jeglicher Norm der Kometen zuwider: was Alles doch wahrlich Schlimmes nur konnte bedeuten: erschröcklichen Wandel der Dinge, Umsturz jeglicher Ordnung. Unseliges Münster! mit Besen Kehrt man dereinst noch zusammen den Schutt hier, wo du gestanden!« . . . Also der eifernde Mönch; ihn maß mit wüthenden Blicken Ein Prädikant, der wandernd das Evangelium kündete: d'rüben Unter den Lutherschen saß er und lang schon horcht' er herüber. Der nun rief: »Sei still, Gottesser, und thu' wie der Dickwanst, Dein Cumpan, und ereif're dich nicht; dann schlägt wol auch besser Dein Gottessen dir an – so aber verzehrt dich die Galle!« Wüthig erblaßte der Mönch. Es erhoben um ihn sich die Andern, Für und wider ihn eifernd: doch gegen sich hatt' er die Mehrzahl. »Fort mit den Kutten und Glatzen!« so scholl's, und es faßte der Fremde Kecklich den geistlichen Bruder am Arm, und mit ihm den andern Bruder, den wänstigen Zecher, und schob zur Thür sie und stieß sie Über die Schwelle hinaus . . .                                                 Da erschien von draußen am Eingang Jener gewaltige Mann, der zuvor dicht hinter dem blassen Rottmann schritt im Gewimmel. Vom Marktplatz langsam herüber Schreitet zum Rathhauskeller er jetzt: er sieht, wie die Mönche Sind vor die Thüre gesetzt und erfährt, wie sich Alles ereignet. »Recht so! ein löbliches Werk ist's«, ruft er mit Grinsen, »die Pfäfflein Über die Schwelle zu werfen; doch, soll's nicht halb nur gethan sein, Werft auch den luther'schen Gauch mir heraus auf's Pflaster! wir brauchen, Mein' ich, in Münster den Einen so wenig mehr wie den Andern!« – Zornig blickt, was da luth'risch gesinnt, auf den Anabaptisten. Aber der Mann ist stark – auf breitem, gedrungenem Nacken Trägt er ein Haupt, auf dem sich das kurze geschorene Blondhaar Sträubt wie drohend, obgleich, man muß es gestehen, die hellblau Leuchtenden Augen ihm steh'n in dem starken und knochigen Antlitz Nicht unsanft, und schier gutmüthig ein Lächeln den breiten Mund nicht übel ihm ziert. Still ist es geworden um ihn her, Und nur der Wanderapostel, der luther'sche, welchen die schnöde Rede gekränkt, der wagt sich an ihn, zornrothen Gesichtes: »Hebe du selbst dich hinweg aus dem Kreise besonnener Männer, Schwarmgeist, Anabaptist, von des Rottmann Troß, der die reine Lehre nur trübt und schändet, wie Kröten und Frösche den Waldborn!« Also rief er ergrimmt, da fühlt er sich selbst, wie noch eben Von ihm die Mönche, gefaßt von der nervigen Rechten des Schwarmgeists, Eh' er sich dessen verseh'n, und hinaus vor die Thür auf des Marktes Pflaster gesetzt. Nun eilten vom menschendurchwimmelten Marktplatz Haufen des Volkes herbei, ein Theil zwar willig, des Fremden Haupt zu beschirmen mit Wort und That: doch die Zahl der Papisten War noch groß, und größer der Anabaptisten, am größten Jener, die schwankten annoch von der einen zur anderen Lehre. Doch als der Kämpe vom Schwarm sich der heimischen Bürger nmringt sah, Allen im Volke bekannt und vertraut – wer hätte zu Münster Nicht Bernt Knipperdolling gekannt? Tuchhändler am Markte Wär er, der rüstige Bernt; doch schmählich gelangt auf den Holzweg War' sein Handel schon oft, wenn nicht stets willig die reiche Mutter der Gattin auf's Neu vorspannte die goldenen Füchslein: Denn nachdem sie vermählt ihm die Tochter mit reichlicher Mitgift, Und mit stattlichem Haus auf dem Marktplatz, nahe dem Schohaus, Stand es bei ihm, zu verdoppeln durch eigenen Eifer den Reichthum. Aber er saß viel lieber im Rathhauskeller mit Freunden Bei polit'schem Gespräch, wol auch in der oberen Kammer, In Flugblätter vertieft; und kam vor's Haus ihm die Kundschaft, Mußte die Finger sie wund sich klopfen, bis endlich der Kaufherr Aufthat, mürrisch, den Störer verwünschend. Es drängten sich dennoch Zu Bernt Knipperdolling die Käufer: man kaufte so wolfeil Nirgends; er nahm, was man bot, wenn Einer nur sonst im Gespräche Recht ihm ließ und schelten ihm half auf Pfaffen und Herren. Immer schon hatt' er gehaßt sie, die Pfaffen und Herrn, und so manchen Possen gespielt zu Münster dem Bischof selbst und den Domherrn, Sie, wo er konnte, gehänselt, für sie Spottnamen erfunden, Und mit Vermummungen oft sie verspottet bei Schwänken der Fastnacht. Auch mit dem Rath stets lebt' er in Hader. Unzählige Male Mit Geldbußen und Haft abbüßt' er die Frevel. Als Luthers Lehre Bekenner gewann, da schützt' er sie vor den Papisten; Doch seitdem ihn begeistert die Lehren der Anabaptisten, Ward er diesen ein Hort, und es gingen zu Münster von da an Ohne Behelligung immer des Weges die Anabaptisten . . . Dieser begann nunmehr in dem Kreise der heimischen Bürger: »Leute, was steht ihr und gafft, wie der ehrliche Knipperdolling Aufräumt? Nehmt ein Exempel! Der ehrliche Knipperdolling Soll wol Alles allein zu Münster verrichten? Ich sag' euch, Wenn nicht Jeder so denkt wie der ehrliche Knipperdolling, Werden aus Münster'schem Fell bald Riemen geschnitten! Da steht jetzt Ganz in der Näh' mit den Söldnern der Zwingherr, und in dem Rathhaus Dort, da berathen sie noch, ob dem »gnädigen Herrn« sie den Einlaß Dürfen verweigern – dem Mann, der mit uns wie das Schwein mit dem Mehlsack Umspringt, der da gewaffnet als Feind durch Söldner im Lande Weg und Steg unsicher gemacht und den Münst'rern das Hornvieh Wegfing, welches sie trieben zu Markt, als ein Räuber und Strauchdieb, Auch mit dem Schwert als Henker in Münster'schen Landen gewüthet, Schmählich vergossen das Blut evangelischer Männer zu Coesfeld. 's ist ja ein Gräu'l, Mitbürger! wir fassen seit etlichen Jahren Immer den Aal beim Schwanz noch! des Luther gereinigte Lehre, Sagt, was half sie uns denn? Ist nicht noch ein Pfaffe des Landes Eigner und Fürst, und mästen wir nicht Faullenzer im Domhof Nach wie vor, Domherren, die, fahren sie heute von dannen, Morgen doch kehren zurück und es treiben so wie sie's getrieben? Sind das Diener des Herrn? Ja, seht die Paläste der frommen Diener im Domhof drüben! Da seht ihr Geweihe von Hirschen Über die Pforten genagelt zum Prunk! Ei, Herren von Adel Sind's, nicht Priester, und leben als solche. Mit Spiel und mit Waidwerk Bringen die Tage sie hin, und führen ein weltliches Leben, Üppig und weichlich mit Dienern und Rossen und Hunden und Weibern In den Palästen der Stadt und im Sommer auf lustigen Schlössern. Nicht, weil gelehrt sie und fromm, nein, nur weil sie ad'lig geboren, Etwa des Studiums halber zu Padua etliche hundert Kronenthaler verzehrt und zuletzt in die Kutte gekrochen, Sitzen sie d'rin im Kapitel. Was nützt uns Bürgern die neue Lehr', wenn stets noch die Männer der alten von unserem Beutel Haben in Händen die Schnur und von jeglicher Suppe das Fett sich Schöpfen und schnöd faullenzend auf Privilegien ausruh'n? Doch nicht Pfaffen allein, auch die stolzen Patrizier sind es, Welche den Bürger verachten. Die wollen's den ländlichen Rittern Gleichthun, dünken sich was, und daß man sie halte für adlig, Putzen sie, statt mit dem Schwamm, mit den Krumen der Semmel die Kinder, Spielen im Rathe die Herrn und entscheiden der Bürger Geschicke. Mög' uns der Himmel erhalten im Lande die edlen Geschlechter! Als Gott Vater die Welt zu beglücken mit edlen Geschlechtern Dachte, da trug ein Engel in mächtigem Sacke sie fliegend Über die Erde dahin, gleichmäßig über die Länder Sie zu verstreuen gewillt: doch als nun eben der Engel Flog ob den Münster'schen Landen, da plötzlich platzte der Sack ihm, Und es ergoß sich die Fülle, die ganze, des adligen Segens Auf westphalische Erde: so ward uns die schöne Bescherung. Aber es halten zusammen die Pfaffheit stets und der Adel, Gleichwie die Wölf' und die Raben. In städtischen Dingen, da freilich Reden ein Wörtlein kräftig bisweilen die Männer der Zünfte Mit den Genossen des Raths; wie aber, wie ist's auf dem Landtag? Merkt einmal: da stimmen nach Ständen sie ab. Pfaff, Ritter und Bürger, Seht, drei Stände, das macht drei Stimmen. Nun, Leute, nun frag' ich, Was da die Städte vermögen? wie hält da den beiden vereinten Stimmen des Pfaffen und Ritters die Stimme des Bürgers die Wage? Aber ich sage, die Städte, sie müssen erstarken, und wachsen Muß bald Gras auf den Steinen der Klöster und Burgen! – Die Vehme , Hier auf unserem Boden zu heimlichem Trutze den Fürsten War sie ersonnen; doch jetzt ist die Zeit, um offen zu trutzen! Was uns der Luther versprach und zuletzt im Sacke behalten, Männer, das müssen wir haben: die christliche Freiheit und Gleichheit! Wollt ihr wissen, wer ernstlich es meint mit der christlichen Freiheit? Rottmann ist's, und die Andern, die lehren die doppelte Taufe. Darum halt' ich zu ihnen nach Kräften, und schütze den Rottmann: Und wer immer ein Haar ihm krümmt auf dem Haupte, dem schreib' ich Gern mit der Faust auf den Rücken, und auch in's Gesicht, wenn es sein muß, Und er's so besser begreift, das Bekenntniß der christlichen Freiheit« . . . Also ereiferte sich, von den Bürgern umringt, der entflammte Knipperdolling: es hallte der Marktplatz, hallten die Gassen Von zustimmenden Rufen, doch Andere schrien dagegen; Und so schwoll das Getümmel, der Lärm, weit über den Markt hin. Jetzt auf des Rathhaussaales Altan zeigt plötzlich ein Rathsherr Sich, der verständlich zu machen sich müht, zum Volke zu reden. Etliche horchen nach ihm. Der gewaltige Knipperdolling Ruft: »Was krächzt denn das Männlein, das patzige, dort mit der dünnen Stimme herab? Seid still, ihr Leute, der treffliche Bentinck Spricht, der Gescheutesten einer; ihr seht ja, es lauscht ihm das Köpflein Klug aus der Krause hervor, schier wie aus dem Käse das Mäuschen! Laßt ihn kommen zu Wort: vielleicht doch hören wir Gutes!« – Still nun ward's im Getümmel umher, und vernehmlicher tönte Von dem Altane das Wort des Patriziers. »Bürger von Münster!« Sprach er, »ihr wißt, hier innen im Saal, da berathen soeben Sich mit dem Rathe die Gilden. Es ziemt euch, Ruhe zu halten, Nicht die Berathung zu stören mit Lärm und Geschrei vor dem Rathhaus. Schweigt und zerstreut euch, Männer! Es werden die Räthe beschließen Was zum Wohle der Stadt, und Rechten und Pflichten gemäß ist!« Sprach's, und wandte sich, aber es rief ihm nach der gewalt'ge Knipperdolling: »Ihr macht es zu lang, ihr Herren, wahrhaftig! Laßt doch so lang nicht warten den Bischof drauß' vor dem Stadtthor!« – Im Rathssaale, dem hohen, da standen die Meister der Zünfte Vor dem versammelten Rath. Aufrief ihr Sprecher: Wir sagen, Heischen im Namen des Volks, daß zurück man weise den Bischof, Oder als weltlichen Herrn nur mehr ihn erkenne von jetzt an, Mit dem Beding, daß er Freiheit des Glaubens, Gewissens uns lasse, Wie auch der kirchlichen Übung, und daß er die Kanzeln von Münster Ganz freigebe den Männern, die wir uns selber erkiesen; Daß auch Rottmann werde gestattet zu pred'gen für Alle, Die ihn zu hören verlangen, und künftig der Wiedergetauften Lehr' und Gedeihen zu Münster dem Bischof nimmer als Vorwand Solle gereichen, die Stadt mit bewaffneter Hand zu befehden. Billig ist, daß im Volk nach dem eigenen Glauben ein Jeder Leb', und Alle zusammen als friedliche Bürger und Brüder!« Also der Sprecher; entgegen ihm hob ein Patrizier heftig Sich: »Wir gönnen ja gerne den friedlichen Bürgern die Freiheit, Fordern sie mannlich vom Bischof selbst. Doch den Anabaptisten Trauen wir nicht: die achten ja nicht mehr göttlich' noch menschlich' Regiment, und sie denken auf Umsturz jeglicher Ordnung. Bürgt uns erst, daß sie wahren den Frieden, sich fügen der Satzung, Und sie mögen es halten im Übrigen, wie es sie gut dünkt!« – Jetzo begann Rottmann , der zu Münster der neuesten Lehre Hatte gebrochen die Bahn. Bleichwangig, mit glutenden Augen Trat er hervor, sprach schwärmerisch-feurig: »Ich leiste Gewähr euch, Männer des Raths, für die übel verläumdeten Anabaptisten. Wißt, nicht suchen sie Streit. Nach Frieden und heiliger Eintracht Geht ihr Verlangen: ein Leben in thätiger Liebe Gemeinschaft Wollen sie führen: ein Reich glückseligen Friedens zu stiften Trachten sie einzig: ein Reich, aus welchem für immer verbannt ist Selbstsucht, Unrecht, Kränkung des Bruders, und jegliches Übel, Welches das Dasein schändet: das ist anabaptistische Losung . . .« So Rottmann. Da erhob von Neuem der wilde Tumult sich Auf dem geräumigen Markt und es scholl ein Lärmen und Schreien Störend herauf. »Ei«, sagte mit bitterem Lächeln zu Rottmann Schückinck , einer der Männer vom Rath: »Ihr hört, was da unten Wieder sich regt, und es dünkt mich, die Euren, die Anabaptisten, Sinds, die am lautesten lärmen; heraus stets hör' ich den wilden Bernt, wie den Löwen aus kleiner'm Gethier. Sind wirklich so fügsam, Wie ihr versichert, die Euren, so schafft uns Ruhe, damit wir Endlich zum Ziele gelangen: denn so nicht kommen wir vorwärts!« – Solcherlei stachelnde Reden vernehmend, erklärte sich Rottmann Willig, hinab zu den Schreiern zu gehn und Ruhe zu schaffen. Aber es schloß sich an ihn von den Rathsherrn selber noch Tilbeck, Ein freidenkender Mann, der im Stillen den Täufern geneigt war. Als nun hinunter gelangt auf den Markt zu dem Volke die Beiden, Fanden sie ärgern Tumult, ein Gewühl, in dem sie verschwanden, Gleichwie wenige Tropfen des Öls in stürmischer Brandung. Zahlreich waren indessen aus Nachbarorten nach Münster Mancherlei Haufen zusammen geströmt, Kleinstädter und Dörfler, Die von den lutherschen Männern gelockt, die von den Papisten, Die von den Anabaptisten: nun mühten sich alle Parteien, Um abspenstig einander zu machen die Bundesgenossen. Aber es hatte zuletzt auf der Seinigen Seite die Meisten Knipperdolling gezogen, der Allen im Lande bekannt war, Und der Alle verstand mit freundlichem Wort zu bereden: »Seid mir gegrüßt, ihr Männer von Soest! Euch ziemt es ein Wörtlein Drein auch zu sprechen, so oft es um unseres Münster'schen Landes Wohl und Wehe sich handelt; ist euere Stadt doch die ält'ste Auf westphälischer Erde! Die Zeit ist nimmer vergessen, Wo noch das Wappen von Soest auf meerdurchkreuzenden Schiffen Stand; und wer wüßt' es nicht, wie für städtisches Recht ihr vor hundert Jahren mit Speer und Spieß als verteufelte Kerle gefochten? Männer von Soest! ihr dürfet im nahenden Kampf der Entscheidung Dort nur steh'n, wo man gegen die Pfaffen und Herren die Bolzen Fiedert! – Ei sieh, das lass' ich mir wahrlich gefallen – auch ihr da, Freunde vom Borne der Pader? Man kennt sie, die wackere Rasse, Die Schwarzköpfe mit hitzigem Blut, die beherztesten Raufer Weitum im Münster'schen Land! Schlagt ein, wir stehen zusammen! – Seid mir von Herzen gegrüßt, liebwertheste Männer von Telgte! Von euch war's zu erwarten, daß ihr als die Nächsten der Nachbarn Kommt auf ein Tänzchen zu uns! Was hier wir in Münster ertanzen, Kommt euch in Telgte zu gut! Doch, was Teufel, was tragt ihr denn Alle Jetzt so gewaltige Bärte, wie nimmer zuvor ich gesehen, Wenn ich besuchte das Städtlein? . . Wie? die Barbiere von Telgte Haben den Preis unbillig erhöht, und ihr habt euch verschworen, Den Bartscherern zu trotzen? Ha, ha! d'ran kenn' ich die Braven! Echt westphälisches Blut! so lob' ich's! nicht um den Stüber Ist's; nur wegen des Rechtes, des alten, verjährten: ihr bietet Immer so Trotz für's Recht, das weiß ich, Brüder von Telgte!« Manches ermunternde Wort sprach so noch, über den Markt hin Schreiteud, der rüstige Kämpe; noch grüßt' er die Männer von Coesfeld, Die auch von Warndorf, die auch von Aalen und Becken und Dülmen, Wo allwärts schon bedrängt der Papist war, gegen den Bischof Immer bedrohlicher glomm in erregten Gemüthern der Aufruhr. Und nun kommt es getrabt auf den Markt von berittenen Bauern, Nur mit Äxten bewaffnet und Knüppeln, doch schreckenverbreitend. Und es begrüßt auch diese mit Freuden der redegewandte Knipperdolling: »Da seht mir einmal doch die prächtigen Kerle«, Ruft er, »wie stählern sie sitzen auf ihren gewaltigen Gäulen! Männer, wir können euch brauchen! Ihr wehrt euch der eigenen Haut nur, Wenn ihr uns helft zu kuranzen im Lande die Pfaffen und Herren! Seid ihr Bauern denn nicht die geplagtesten Tröpfe? da lebt ihr Hin in rauchigen Hütten und müßt euch rackern, und müsset Frohnen dem Junker und frohnen dem Pfaffen. Ihr Armen, es tritt euch Jeder mit Füssen. Es sprengt euch mit Rossen und Hunden der Burgherr Über die Saat. Einnistet in euere Küchen der Mönch sich, Holt für's Kloster das Fleisch und das Ei und beschwatzt für sich selber Euere Weiber daneben. Und wenn ihr mit saueren Müh'n euch Einmal erholt und es laufen die Ferkel, die Gänse, die Hühner Euch auf dem Hof umher, kommt wieder der schweifende Landsknecht, Zieht aus dem Stall euch das Rind und das Fell euch über die Ohren. Und wer nimmt sich der Rechte des Bäuerleins an? Auf dem Landtag Freilich, da seid ihr vertreten – etwa durch die eigenen Leute? Nein, durch die Ritter! – bei Gott, das ist, als würden die Wölfe Als Vormünder gesetzt für die Lämmer. Ja, wenn noch die Ritter Alle so wären wie Götz, wie der Sickingen, oder der Hutten! – Wißt ihr, daß euere Brüder am Rhein, in Franken, in Schwaben, Jüngst zu den Gabeln gegriffen und gegen die Schlösser gezogen? Freilich, der »Bundschuh« platzte für diesmal; es rauchte von zwanzig Tausend gemetzelten Bauern das Blut zum Himmel. Warum? Ei, Weil sie verrathen sich sah'n von den evangelischen Brüdern. Hat doch der Luther die Fürsten gehetzt: »Schlagt todt sie, die Bauern!« Antichristen erkennen wir zwei , wir Anabaptisten: Einer der Papst und der and're der Luther, und der ist der schlimmste! Sagt vom Luther euch los, wie vom Papst und vom Teufel, ihr Brüder! Steht, wo der Rottmann steht und der ehrliche Knipperdolling!« – »Ja, das wollen wir!« scholls; doch Andere riefen: »Bedenkt doch, Wer uns nach Münster berief? Die Patrizier waren's, von welchen Mancher von uns Kornäcker und Wiesen vor Münster in Pacht hat; Weh' uns, wenn wir sie reizen! Auch liegen in unseren Dörfern Draußen die Söldner, und wenn wir dahier zu Rebellen und Ketzern Stehen, so spalten sie uns, wenn heim wir kommen, die Köpfe!« »Feigling, schämst du dich nicht?« rief Knipperdolling. »Sei ruhig! Ein westphälischer Kopf, der ist hart, den wird so geschwind nicht Spalten der Söldner!« – Nun drängten heran sich Luther'sche lärmend: »Trauet den Anabaptisten doch nicht!« so riefen sie warnend. Aber es kamen auch neue Genossen der Wiedergetauften, Und es erhob sich Gezänk. Schon wollte mit Fäusten der wilde Knipperdolling entscheiden die Sache, doch fiel in den Arm ihm Rottmann, zog ihn zurück. Es erzürnte sich Jener gewaltig Gegen den Freund, und schalt ihn Klosterlateiner und Buchwurm, Und Duckmäuser, der Muth auf der Kanzel nur hab', doch auf eb'nem Grund, im Menschengewimmel, erzitt're vor Angst wie ein Knäblein. Doch nun verstummt der Tumult und es wenden die Augen sich alle Plötzlich dahin, wo über den Markt her drängend ein fremder, Seltsamer Zug sich bewegt. Ausweichen zur Rechten und Linken Willig die Leute, bestaunend den neugierweckenden Aufzug. Langsam, diese zu Fuß, auf Rossen und Mäulern die Andern, Kommt er heran. Ernstblickende, düstere, hohe Gestalten, Drollige Käuze dazwischen. Fanatische, bleiche Gesichter, Lässig in Kittel gekleidet, und Bursche, sich brüstend in bunter Tracht, grellfarbig, auch Manche mit funkelnden Helmen und Panzern. Siehe, der Zug fremdländischer Gaukler und Anabaptisten Ist's, die im Wald sich vereinigt. Es hatten die Gaukler vor Münsters Thor mit dem Flitter und Tand der Komödientracht sich behangen. Prunkhaft reitet dem Zuge voran, im Gewande des Herolds, Lips van Straaten, der stolz wie ein Triumphator um sich sieht. Aber ihm folgt auf weißen, geruhig trabenden Rossen Sitzend ein Paar, nicht eitel beflittert, doch würdigen Anseh'ns: Matthisson, der Prophet, und Jan von Leyden, der Gaukler: Neben dem Greise mit düster-fanatischen Zügen der Jüngling Mit rein-leuchtender Stirne, mit ernsten und stolzen, und dennoch Sehnsuchtglühenden Augen, mit Lippen, die dürsten nach Leben . . . Aber einherzieht hinter den beiden Gestalten die braune Divara, lässig sich wiegend auf schnaubendem Falben – ihr schwarzes Haar umflattert sie wild, und dieselbe noch ist sie, wie sitzend Auf dem Gestein sie gefunden im Walde der Greis und der Jüngling. Über den Locken noch trägt sie den rauschgoldgleißenden, leichten Kronreif, welcher des Nachts vom Felsen herab aus den Händen Jan's in den Schooß ihr fiel; und die Ranken der Belladonna Blühen ihr noch um die Glieder: unheimlicher Zauber, wie gestern Tief im Wald, umschwebt sie auch heut noch im Lichte des Tages . . . Vorwärts wogte die Schaar. Wie ein ziehender Strom an der Mündung Nicht sogleich sich verliert in dem Wellengewoge des Meeren, Nein, beisammen noch hält die Gewässer und weithin die eig'ne Bahn noch wallt, Durchschneidend den ruhigen Spiegel der Meerflut: So durchwogte der Zug das Gedränge des Markts, bis zur Stelle, Wo sich prangend erhob mit den luftigen Zinnen das Rathhaus, Und auf den Stufen noch saß, kranzwindend still, der verrückte Dusentschur. Der aber, wie drängend heran vor das Rathhaus Wallte der Zug, sprang auf und mit funkelnden Augen entgegen Stürzt' er dem Greis in der Mitte des Zugs. Aufkreischend vor Freude, Wollt' er ihm reichen den Kranz mit dem dumpfen Gebelfer des Stummen. Aber den Jüngling erblickend nun erst an der Seite des Greises, Starrt er ihn an, und verwirrt, als ob ihm ein Wunder erschienen, Wirft er auf's Antlitz sich, und erhebt sich wieder und reichet Diesem den Kranz, ihn grüßend mit wahnsinnstollen Geberden. Alles bestaunte den Zug und das seltsame Thun des Verrückten. Rings von den Fenstern herunter der prangenden Häuser am Marktplatz, Selbst von des Rathhaussaales Altan schau'n Männer des Rathes, Meister der Gilden verwundert der Fremdlinge seltsamen Aufzug. Nur die Sibylle noch dort auf den Rathhausstufen, die Greisin, Sitzt reglos wie zuvor, und murmelt verlorene Worte: »Komme zu uns dein Reich« und »führ' uns nicht in Versuchung!« –                       Aber nun plötzlich erschallt aus der gaffenden Menge der Ausruf: »Matthisson!« und es stürzt ein Mann sich heran, und ein zweiter Folgt ihm, ein Dritter, und eilig die Reihen des Volkes entlang läuft Jetzo das Wort, mit Freude gejauchzt, mit Ängsten geflüstert: »Matthisson, der Prophet, der begeisterte Meister von Harlem!« Allwärts drängen heran sich die jubelnden Anabaptisten. Rottmann kommt, und erglühend, mit freudigem Leuchten des Auges, Faßt er des Fremdlings Hand. »O sei mir gegrüßt, du Ersehnter!« Ruft er, »du, der bisher aus der Ferne das Herz mir befeuert; Du, auf welchen die weit umher in den Landen Zerstreuten Blicken als Führer und Herrn, den sterbende Seher verkündet Als den Begründer des Reiches der himmlischen Güter auf Erden; Du, den oft ich ersehnt, wenn grübelnd ich Nachts mit dem Unhold Rang, und mir vor dem Aug' sich verwirrten die Pfade der Wahrheit, Oder ich zagte, zu thun, was die innere Stimme mir eingab! Siehe, du wardst als Helfer mir stets, als Vollender verheißen! Denn was der Grübler ersinnt, traumwandelnd im stillen Gemache, Selbst nicht führt er es aus, nein, Andere sendet der Himmel, Männer der That. So kommst du und nimmst von den Schultern die Last mir! Ihr auch, Brüder umher, frohlockt! zujauchzt dem Propheten, Der mit den Seinen zu uns her kam, dieweil ihm der Vater Münster im Traume gezeigt als erkorene Stätte des Heiles!« Mächtig erscholl ringsher aus den Kehlen der Anabaptisten Freudiger Ruf: stumm schlichen die luther'schen Männer bei Seite, Grollend, zur Abwehr winkend einander, und als nun verstärkte Schaaren der Ihrigen nahen, bedroh'n sie die Anabaptisten, Stören mit Murren und Lärmen die Worte, mit welchen der hohe Fremdling erwidert den Gruß. Da plötzlich ruft der gewalt'ge Knipperdolling, durchbrechend die Menge mit kräftigen Armen: »Mir nach, Anabaptisten und Brüder! die Lämmer und Böcke Gilt es zu sondern vorerst! wolauf zu des heiligen Lambert's Kirchhof, dort, wo schon öfter in früheren Tagen wir Rottmanns Reden gelauscht, als man ihm zu Münster verwehrte die Kanzel! Dort soll sprechen zum Volk der Prophet!« – So rief er und faßte Stracks am Zügel das Roß des umjubelten Alten. Es wälzte Hinter ihm her sich der Schwarm der begeisterten Anabaptisten, Aber auch sonst viel Volkes, zu hören die neue Verkündung. Als sie vom Markt nun gelangt zum nahen ummauerten Kirchhof, Welcher geräumig und still Sanct Lambert's Münster sich anschloß, Leitete zwischen den Gräbern hindurch der beeiferte Führer Roß und Reiter dahin zur erhöhteren Stelle, zum Beinhaus, Über die Stufen empor, wo dem Volke oft predigte Rottmann. Und nachdem er gestiegen vom Roß, dort stand der Prophet nun Auf der erhöhtesten Stufe, dem Volk weit sichtbar und hörbar. Und er begann: »Ihr Brüder von Münster, geliebte, vernehmt mich! Hört, ich rede zu euch hier zwischen den Gräbern! Ein neues Leben verkünd' ich dahier auf der Stätte des Tods. In den Gräbern Seit Jahrhunderten ruh'n hier euere Väter! und hier auch Steht Sanct Lamberts Münster vor euch, wo dem Herrn sie gedienet, Nach Urvätergebrauche, die Väter. Was aber verstanden Unter dem Dienste des Herrn sie, die Väter? was nannten sie Frommsein? Höret, ich will's euch sagen. Das hieß: Litaneien und Psalmen Singen bei Glockengebimmel und Weihrauchsdüften, geweihte Kerzen und Palmen und Fahnen und Heiligenbilder verehren: Rutschen auf nackenden Knie'n hieß das, wallfahren und Hände- Falten, Reliquien küssen, mit neuen Gewändern die Mutter Gottes beschenken, als wäre sie eitel, und Heil'ge mit Rüstzeug, Gold'nem, als sollten sie helfen die Türken vertreiben, Gelübde Machen und Silbergehängsel als Weihegeschenk in die Tempel Tragen, getreulich den Fest und den Fasttag halten, in frommen Brüdervereinen gemeinsam mit Andern durch etliche Tausend Paternoster ein Häuflein von Seelen erlösen, und Messen Stiften und Klöster erbau'n, einsetzen zum Erben die Kirche – Seht, das nannten sie dienen dem Herrn, so verstanden's die Väter: Und dieweil sie es also verstanden, so hat es geholfen Ihnen zu himmlischen Freuden und zeitlicher Ruh' des Gewissens. Doch, was lebendig befruchtet die Herzen der Väter, zu leerem, Todtem Gepräng ist's geworden, aus welchem die Seele gewichen! Heimlich lächelt der Priester der eig'nen Mysterien, Heuchler Nennt das Gewissen ihn selbst, der sich rühmt, er besitze den Glauben! Nein, wir besitzen ihn nimmer, den Glauben! Wer aber vermöchte Schmach uns zu bieten darum? Ist nicht ein Wunder der Glaube? Nicht eine Gabe von oben? Und wenn er uns eben versagt ist, Und dafür in die Seele der Drang uns, zu denken, gelegt ward, Ist nicht Gottes Geschenk der Gedanke zuletzt, wie der Glaube? Werden in göttlicher Hand nicht denkend wir stehen wie glaubend? So ihn noch Einer besitzt, er freue sich dessen; wir aber, Die nicht haben den Glauben, verschmähen den Glauben zu heucheln Und wir gehen wie Kinder, die neuer Gewande bedürftig, Weil sie den alten entwachsen, zum Vater; wir legen die Krücken Auch vor ihn und fragen: Was weiter nun, Vater? Versuchen Wir's auf eigenen Füssen? Es lohnt doch wol der Versuch sich! – Glaubt mir, es lässet der Herr nie haltlos über dem Abgrund Schweben die Welt, und so wahr ich glaub' an die waltende Liebe, Glaub' ich, entbehrlich auch ist, was faul, wurmstichig und morsch ist! Laßt nur das innere Feuer einmal und des Guten und Rechten Mächtigen Drang in den Herzen erwachen, und das, was als Buchstab', Als ein geschrieb'nes Gesetz uns von außen beherrschte, lebendig Sprechen in eigener Brust! Denn der Drang zum Guten und Rechten Liegt auf des Menschengemüths Urgrund als innerstes Wesen . Daß entbehrlich die Tempel dereinst und die Dienste des Tempels, Höret, die heiligen Schriften bezeugen es selbst: ja, sie weisen Über sich selber hinaus und sagen vom Reiche der Zukunft: » Nicht einen Tempel erblick' ich in Sion – der Herr, der allmächt'ge, Selbst, und das Lamm sind der Tempel in Sion, und nimmer bedarf es Sonne noch Mond, denn erleuchten ja wird des unendlichen Geistes Sonne das göttliche Reich: und es werden die Völker der Erde Wandeln im Licht, und vorbei wird dann für immer die Nacht sein! « – Aber die Zeit, die die Blätter der Apokalypse verkünden, Die da erweckt des Gemüths ureigenstes innerstes Walten, Nah' schon ist sie. Ich hab' es erlebt, mit Augen geschauet, Wenn zu den Menschen ich sprach, wie der Geist urplötzlich zuweilen Über sie kam und fort sie riß: und seht, so ergreift er Bald nun Alle zugleich: dann feiert die Menschheit ein Pfingstfest, Eines Empfindens zu sein und Eines Gedankens für immer. Denn wie vielerlei Beeren den Wein, und vielerlei Körner Geben das Brot, so müssen die Menschen verwachsen zu einem Leben, zu einer Gemeine – und nur wenn einerlei Regung, Einerlei Wille sie spornt, dann wird entbehrlich der Priester Sein, und des Richters Gesetz. Dann brauchen wir keinerlei Zwang mehr, Keinerlei Eigenbesitz, und auch kein Ehegelöbniß. Alles ist dann ein Geist, ein Sinn, ein Leben . . . Wolan denn! Pflegt Einkehr in euch selbst, und horchet nach innen, und fragt euch, Ob in euch ist der Drang und die Kraft des vergöttlichten Lebens? Aufbau'n müssen in uns wir das, was wir außen zertrümmern! Müssen erwecken den Gott in uns, eh' wir stürzen die Götzen! Prüfet euch: denn nur dem Reinen gereicht zum Heile die Freiheit! Habt ihr die Reinheit nicht und den Drang und die Kraft, o so laßt mich Ziehen von dannen, dieweil noch ferne die Zeit der Erfüllung: Habt ihr sie aber, so kommt, und laßt euch weihen zu Bürgern Sions, und lasset euch neu mit heiliger Sprenge benetzen, Die ein läuterndes Zeichen uns sei für die neue, die große Wiedergeburt im Geist! Unmündige taufte die alte Kirche: sie war der Unmündigen Hort! doch die neue, sie tauft euch Wieder – als Mündige nun! Nach freiem Entschlusse vereint ihr Euch zur Gemeine des neuen, prophetenverkündeten Sion! Aber in Sion, da muß sich erfüllen das Wort: » Ich erneu're Jegliches Ding! « Wie sollt' uns der Luther'schen Lehre genügen? Denn sie erneuert die Welt nicht ganz – sie ist nüchtern, im Elend Läßt sie das Volk, zaghaft, und schmeichelt den Fürsten der Erde. Aber die Fürsten, sie müssen herab von den goldenen Stühlen! Schreibt denn nicht der Prophet, daß der Herr das Gevögel des Äthers Schickt, um das Fleisch zu verzehren der Potentaten der Erde, Und um zu trinken das Blut der gewaltigen Hansen? – Ich aber Seh' im Geiste die Zeit, wo die Madengefäße, die eitlen, Fürsten genannt, die da meinen, es wäre zu ihrem Belieben, Ihrem Genuß nur die Welt – wo nicht sie fressen die Geier, Nur auf wankenden Thronen noch sitzen, als bleiche, gekrönte Schatten, die nicht mehr Böses noch Gutes vermögen zu wirken; als Puppen, Die man stellt in den Winkel zuletzt, wo im Staub sie vermodern! – Männer, ihr habt es zuweilen mit Augen geseh'n, wie verwelkte Blätter vom vorigen Herbst bei Knospen des Lenzes im Strauchwerk Hängen! der selbige Saft, der das frische Geblätter hervortreibt, Stoßt auch die welken zuletzt von den Bäumen, wie zähe sie trutzen! Wenn der gewaltige Gott nicht eben so wol, wie zu schaffen , Auch zu vernichten verstünd', und bei Seite zu räumen das Todte, Wäre die Welt längst voll, und erstickt in dem eigenen Unrath. Seht, auf dem Kirchhof hier, da liegen bestattet im Erdreich Ganze Geschlechter – wir senken die Leiber, sobald sie verblichen, Rasch in die bergende Grube, hinweg aus dem Lichte des Tages. So, ihr Brüder, so laßt uns jegliches Todte bei Seite Karren auch ohne Verzug – was vermorscht ist, was nach Verwesung Duftet – hinweg, hinweg damit aus den Augen der Menschen! – Meint ihr, daß ich gekommen, um zu predigen euch einen süßen Christus, der mild nur und sänftlich erlösen die sündige Welt will? Nein, einen bittern Erlöser verkünd' ich euch, der in der Rechten Schwingt ein feuriges Schwert zum nahen Gerichte der großen Buhlerin, welche da thront als in prunkenden Purpur und Scharlach Üppig gekleidetes Weib, dem geschrieben das Wort auf die Stirne: »Babel, der Unzucht Mutter und jeglichen Gräuels auf Erden!« Lasset das wankende Babel uns stürzen, und prangend entgegen Stellen dem Schutte von Babel das neue, das herrliche Sion! « – So der Prophet; und es scholl ihm rings von Verzückten ein Zuruf Tausendstimmig entgegen. Da kam von dem Markte die Botschaft, Eilig die Schaaren der Männer durchlaufend, daß mit den Papisten Luther'sche Männer vereint sich rüsten zu stürmen den Kirchhof, Und zu vertreiben von dort die rebellischen Anabaptisten. Doch zu noch grimmiger'm Muthe befeuert die Schwärmer die Botschaft, Und der Prophet, er erhebt die gewaltige Stimme noch einmal, Und, mit wilden Geberden und glüh'ndem Gesicht, in Verzückung Ruft er: »Lasset sie kommen, wir wollen sie würdig empfangen! Wenn uns fehlen die Waffen, wir greifen nach Todtengebeinen! Mag zum Zeughaus werden das Beinhaus: lasset uns schlagen Mit den Gebeinen der Väter die Enkel, auf daß sie auch selber Werden zu Todtengebein! Und wenn mit Karthaunen sie nahen, Schleudern wir ihnen als Kugeln die grinsenden Schädel entgegen!« Rief's in fanatischer Wuth, und schwang in den Sattel des Rosses Sich von den Stufen herab auf's Neue: die Schaaren der Seinen Ritt er entlang und gebot, sich in Eile zum Kampf zu bereiten. Und nun ziehen die Einen und Andern auch blitzende Waffen Zwischen den Kleidern hervor, scharfspitzige Schwerter und Dolche, Feuergewehre sogar, und zum Heerbann wird das Gewimmel. Und sie beschließen entgegen zu ziehen den drohenden Feinden. Rasch aus dem Kirchhof wogen zurück sie, finden die Gegner Halb nur bereit zum Kampf: wie vor Meerkatzengeschlechtern, Welche sich grimmvoll, schreiend und fletschend die Zähn', aus dem Bergwald Stürzen, die Hündlein flüchten, so weichen vom Markt in Bestürzung Jene zurück, da sie plötzlich des wilden fanatischen Schwarmes Kampfruf hören, und sehen die blinkend-geschwungenen Waffen. Weichend entschwindet ein Theil alsbald ins Ludgerikirchspiel Mittagwärts, ein Theil durch die Halle des westlichen Durchgangs, Welche hinauf in den Domhof führt. Es erblicken die Täufer Sich als gebietende Herren des Markts und gegeben in ihre Hände das Rathhaus auch: denn entwichen durch hintere Thüren Sind schon die Männer des Rathes. Die Häupter der Anabaptisten Schaaren sich um den Propheten, inmitten des Markts, und sie schwören, Fest da wurzelnd im Grund, zu erwarten den feindlichen Angriff, Trotzend der Übergewalt. »Gebt Acht, mit Donnergeschützen Rücken sie uns auf den Leib alsbald!« rief Einer im Kreise. Aber mit fröhlichem Sprung entgegnet – ein kühner Gedanke Hat ihn entflammt wie ein Blitz – der gewaltige Knipperdolling: »Auf, nur ein Häuflein Leute zu Roß, und dazu noch ein Dutzend Kräftiger Gäule! wir eilen hinab zum Ludgerithore Flugs, wo das Zeughaus steht, das strotzt von Karthaunen!« – So rief er, Und es umgab ihn rasch ein berittener Trupp, und sie sprengten Eilig die Straße hinunter zum erzwehrstrotzenden Zeughaus. And're indessen enteilten zur Lambertskirche, der nahen, Rissen die Bänke heraus, und schleppten noch mancherlei Holzwerk, Balken und Fässer herbei, um damit zu verrammeln den Marktplatz. Aber es schlichen in Eile nach ihren Behausungen And're, Holten Gewaffen sich dort, schußfertige Büchsen und Dolche, Armbrüst', Pfeile zu schleudern, und stählerne Hämmer und Äxte, Stangen und Spieße dazu, und was sonst zur Wehr sich noch darbot. Und dann wieder mit Glück durch feindliche Gassen zum Marktplatz Stahlen sie sich. Zuströmten auch andere, neue Genossen Aus den Bezirken der Stadt, um Hilfe zu bringen den Ihren. Auch was von Männern, die heut' aus Nachbarstädten gekommen, Und von Dörflern noch eben der redegewaltige Volksmann Hatte für Sion gewonnen, es wogte heran. Und gerasselt Kamen die Ludgeristraße herauf nunmehr die Karthaunen Knipperdollings – den minder besonnenen Gegnern am Zeughaus War zuvor er gekommen in muthiger Eil' und erbeutet Hatt' er ein zwiefach Paar todspeiender Röhren: erbeutet Hatt' er den »Burlebaus« und den »Umpenplump« und die »faule Grete«, den »Satan« dazu; die kamen auf wuchtigen Rädern Jetzo gerollt: es erscholl von Gejauchze der Markt bei dem Anblick. Und stracks wurde gewiesen der Posten für jeglichen Erzschlund. Dort, wo vom Marktplatz her Sanct Michaels Pforte sich westwärts Gegen den Domhof wölbt, genüber dem prangenden Rathhaus, Stellten die Grete sie auf, die gewaltige; dort, wo gen Mittag Ludgeri Straße gerade zum Ludgerithore hinabführt, Drohte der Burlebaus mit geöffnetem Schlunde zur Abwehr; Und wo die andere Straße, die Mittagsgrenze des Domhofs Streifend, im Bogen geschwungen hinüber zur Brücke der Aa läuft, Ragte der Umpenplump , todschwanger, ein lauernder Unhold; Nordwärts aber hinauf, wo der Lamberts-Münster den Marktplatz Schließt und der Kornmarkt weiter noch leitet die schönen Arkaden Ganz um des Domhofs Grenze von Osten, da klaffte des Satans Rachen geöffnet, bereit allstündlich, Feuer zu speien. Und es vertheilen zugleich sich die Schaaren der Anabaptisten: Diese das Rathhaus mannlich besetzend, und Jene den Münster Sanct Lamberts, den geräumig erhab'nen, noch Andre der Straßen Mündungen wacker bewachend. Entflammt durchwandelt die Reihen, Spornend, der ernste Prophet.                                                 Doch die Luther'schen und die Papisten, Rüsten im Domhof sich und im Kirchspiel »über dem Wasser«, Welches zur anderen Seite der Aa sich im Westen verbreitet. Dort auch rasseln Karthaunen und blinken geschwungene Lanzen. Und so standen sie grollend einander entgegen in Waffen, Hüben und über der Aa, sich bedräuend, die Bürger von Münster: Beide Parteien gerüstet, doch Beide vorerst nur auf Abwehr Sinnend, und beide gewärtig in jedem Momente des Angriffs. Immer geschäftig umher ging Knipperdolling und grüßte Jeglichen ziehenden Trupp, und lobte die Männer der Zünfte: Denn stets hielten sich gerne die Männer der Zünfte zusammen. »Muth, ihr Metzger; voran mit Äxten und Messern!« so rief er: »Habt ja den meisten Gewinn, daß jetzt man die Kirche verbessert: Sehet, es klingt euch das Geld im Seckel nunmehr auch am Fasttag, Wo sonst Bürger und Pfaff und Herr sich stopfte mit Fischen Und mit Klößen den Bauch! – Ei, ei, da sieh, wie die wackern Schmiede sich tummeln! So lob' ich's! Es geht doch der Hammer den Zünften Immer voran, und ihr spottet der Männer vom Rath, die auf euch längst Scheel seh'n, weil ihr so rasch euch auf Rottmann's Seite gestellt habt. Aufrecht wisset ihr immer den Kopf zu behalten! Wie habt ihr Kürzlich sie mürbe gemacht, die Gestrengen, als euren Genossen Kruse sie faßten! es ward ihm gekrümmt kein Härlein! Ihr wackern Männer, ich sag', wär' Christus der Herr ein Genosse der Schmiede- Gilde zu Münster gewesen, sie hätten ihn nimmer gekreuzigt!« – Also begrüßt' und spornte sie All' der gesprächige Volksmann. Aber der Tag entschwand und es nahte die Nacht, und in Waffen Standen sie hier wie dort noch immer, die Männer von Münster. Doppelten Eifer nun schien zu gebieten das waltende Dunkel. Ein Wachtfeuer entflammten gemach in der Mitte des Marktes Lärmend die Anabaptisten und drüben auch über dem Aafluß Leuchtet's von Feuern bereits, von wandernden Fackeln, Laternen, Und Pechkränzen, auf Pfähle gesteckt. Und hüben und drüben Sperrt man nach altem Gebrauche mit eisernen Ketten die Gassen. Im Halbdunkel, wo bald aufleuchtet die Fackel, und bald grins't Wieder die schweigende Nacht, schreckt doppelt das Waffengeklirr; dumpf Dröhnt der Gewaltschritt über den Markt; auf den Steinen der Bogen- Wölbungen klirrt, aufprallend, der eiserne Kolben des Handrohrs. Bebend vernehmen's, die wohnen in schönen Gemächern der Bogen- Häuser am prangenden Markt, die Patrizier alle, die reichsten: Und wo sonst sich ein üppig-behagliches Leben entfaltet, Wie flieht heute der Schlummer die Augen da oben, wie zittern Frauen und Jungfrau'n da vor den grimmigen Anabaptisten, Die mit Getös' sie umlagern – wie färbt sich behäbigen Rathsherrn Ihr weinrothes Gesicht angstbleich, denn es könnten die wilden Aufruhrstifter ja keck die Behausungen sprengen im Ansturm: Aber es wehrete Solches besonnenen Geistes den Seinen Matthisson: ausgab er die Losung, Aller zu schonen, Die mit gewaffneter Hand nicht gegen sie stürmten zum Angriff. Manchmal verklingt das Geklirr und Getös und empor in den nächt'gen Glanzsternhimmel erschallen Choräle der Anabaptisten, Weih'voll, mächtig ergreifend; es treten zuweilen Verzückte Plötzlich hervor, prophezeiend und predigend: wilder Erregung Funke beginnt zu erglüh'n, doch er glimmt noch wie unter der Asche. Sieh', vor dem Rathhaus dort ist ein Bündel von brennenden Fackeln Rund im Kreise gestellt und es wirft weit über den Markt hin Dies Wachtfeuer den Glanz. In dem Banne der brennenden Fackeln Sitzt der Prophet, um ihn die Genossen: der düstere Rottmann Ihm zunächst, und Jan, und neben dem Jüngling die braune Divara, krieg'risch gerüstet, und Lips van Straaten, der Gaukler, Der sich wenig gefällt im Tumulte der nächtlichen Kriegswacht. Prachtvoll ragt da, bestralt von der Fackeln Geloder, das Rathhaus, Hebt sich im nächtlichen Blau wie verklärt mit den luftigen Spitzen. Annoch fehlt in dem Kreis der gewaltige Knipperdolling. Doch nun tritt er herzu, und es wandelt in seiner Gesellschaft Ein hochwüchsiger Mann, ein riesiger: wie ein Cyklop, stark Und einäugig dazu. Ein Elennsfell um die Schultern Trägt er; es deckt ihm das Haupt, uralt, ein verrosteter Stahlhelm, Den er sich irgend wo selbst, so scheint's, aus der Erde gegraben. Aber er trägt in den Händen als einzige Waffe den wucht'gen Kreuzdornknüppel. Der Mann, er erschien wie ein Recke der Vorzeit. Tylan war er genannt, und strich umher in den Landen Heimatlos; aufhielt er am liebsten an düsteren Orten Sich, bei Gräbern der Hünen auf einsam schweigenden Haiden, Und in des Osnings Wäldern, wo handdick wuchert der Moospelz Über den Sandsteinblöcken, und uralt heidnisch Getrümmer Ragt im Eichengestrüpp. Was dort er im Schlummer gesehen, Ist ihm wirklich: so lebt er in seinem besonderen Traumreich. Unwirsch weis't er die Gabe zurück und das ärmliche Geldstück, Wie man dem Bettler es reicht; doch holt er sich selbst von der Stelle, Wann er hungert, des Tages Bedarf: vor den Augen des Eigners Harmlos nimmt er das Huhn vom Hof wie vom Baume den Apfel. Seit undenklichen Zeiten gekannt und als Riese gefürchtet Ist er im Land umher und so ließ man zuletzt ihn gewähren. Dieser nun trat an der Seite des rüstigen Knipperdolling Jetzo auf Münsters Markt in die Kreise der Anabaptisten. »Seht, da bring' ich«, so rief der gewaltige Knipperdolling, »Euch einen Recken, der weithin in Münster'schen Landen bekannt ist, Aber doch fremd euch Fremden im Land: ein trefflicher Zielschütz, Der, so er zielt, nicht braucht erst blinzelnd zu schließen ein Auge, Denn er besitzt nur eins. Der ist euch im Stand', mit des Fingers Nägeln die Steine zu ritzen, und Glas mit den Zähnen zu beißen, Und wo er drauß' einmal im Feld mit dem Leibe sich hinwarf, Wächst kein Gras. Nur mit Einem im Münster'schen Landen, so denk' ich, Nimmt er's so bald nicht auf: mit Knipperdolling – die Andern Hebt er wie Knäblein auf; nicht wahr, mein wackerer Tylan?« – Grinsend erfaßte der Riese den wuchtigen Knipperdolling, Hob ihn vom Boden empor, daß er zappelte, und in der Runde Lautes Gelächter erscholl. »Schon gut«, rief Jener mit heit'rem Ärger; »du hast dich gewiß wo draußen im Wald mit verfluchter Teufelssalbe geschmiert, daß ein Christ nicht gegen dich aufkommt! Thut nichts! will es ertragen, daß hier du in Sion der Stärkste, Wenn du zu uns nur hältst und unseren Feinden die Köpfe Drischest wie Sommergetreid' mit dem Weißdornknüppel! Du wirst doch Steh'n bei den Wiedergetauften und gründen uns helfen das neue Tausendjährige Reich? Du weißt ja doch, daß es losgeht?« – Wieder nun grins'te der Riese, geheimnißvoll in die Höhe Ziehend die buschigen Brau'n: »Ei freilich«, sprach er, »vernahm ich's Kürzlich im Lippe'schen Land, dort wo auf der Haide die Blöcke Paarweis' steh'n: die schützten im Schlaf mich gegen den Windstoß, Der kalt über den Moorteich strich. Da hört' ich die Halme Des Sandhafers im Wind sich bereden bei Tag, und es kamen Unter den Blöcken hervor bei Nacht auch die Stimmen der Riesen, Welche darunter begraben; und also vernahm ich die Kunde. Längst ist Alles bereit auch: das Schwert des Gewaltigen liegt schon Blank und scharf im Gesträuch, und herbei zur richtigen Stunde Bring' ich's, sobald er selbst, der Gewaltige da ist, der König, Der es ergreift!« – Es verstand in dem Kreise die Rede des Alten Keiner; doch Jan aufhorchte gespannt: ihn däucht' es, als säh' er Wieder denselbigen Mann, den gewaltigen, der ihm erschienen Gestern im grausenden Wald, in der nächtlichen Höhle der Davert, Wetzend das blinkende Schwert. Zu den Anderen lagerte jetzt sich Bernt, und lud auch den Riesen zur Rast am Feuer. Der warf sich Hin, und es ward ihm ein Humpen gereicht voll kräftigen Weines, Welchen er leerte. Nun fragten die Männer ihn, wie er es meine Mit des Gewaltigen Schwert? Doch er führte nur seltsame Reden, Wirr, unfaßlich. So ruhten um's nächtliche Feuer die Kämpen, Und hingingen die Stunden der Nacht.                                                             Da kam aus dem Kirchspiel Über dem Wasser ein Herold. Den krieg'rischen Anabaptisten Bot er Friedensvergleich, und erlesener Männer Entsendung Heischt' er, um friedlich sofort mit den Männern des Raths zu verhandeln, Die sich hatten versammelt im Kirchspiel über dem Wasser, In Tilbecks, des Patriziers, Haus. Gleich folgten ihm Rottmann, Matthisson, der Prophet, und der mächtige Knipperdolling, Um mit dem Rath zu verhandeln als Sprecher der Anabaptisten. Still und stiller nun ward's am Feuer im Kreis. Es verlor sich Einer hinweg um den Andern. Mit Wenigen blieben zuletzt nur Jan und Divara noch. Auf dem untergebreiteten Mantel War allmälig zurücke das Weib des Propheten gesunken, Müde, geschlossenen Aug's: bald schien, wie die Anderen alle, Die noch ruhten am Feuer, auch sie vom Schlummer bewältigt. Aber dem Jüngling von Leyden auch sanken die Lider. Da führt' ihn Wieder ein Traum in die Davert, und sitzend in schimmernder Höhle, Gleißend geschmückt und gekrönt, als Fürstin der Gnomen erblickt' er Divara. Aber zur Seite der gleißenden Fürstin der Gnomen Stand ein dienender Kobold, mit häßlichem Höcker und röthlich- Ruppigen Haaren. Gesang auch hört' er: er hörte den ernsten, Hehren Choral nun wieder der Anabaptisten, dazwischen Plötzlich das Lied, das erklungen aus Divaras Mund in der Wildniß. Diese vermischten sich immer und schienen zu streiten. Es siegte Bald der Choral, bald Divaras Lied voll feuriger Wildheit. Und nun erwachte der Jüngling: da fand er am flackernden Feuer Divara näher gerückt im Schlaf, und herüber auf seinen Mantel gesunken ihr Haupt, das umlockte, von Flammen umstralte. Aber ein Männlein auch, unfern von Divara schlummernd, Sah er, das nimmer zuvor er im Wachen erblickte; doch alsbald Wiedererkennt er in ihm mit Staunen des höckrigen Kobolds Abbild, welchen der Traum ihm gezeigt, an Divaras Seite. . . . Divara lag tief athmend in ruhigen Schlummer versunken. Über ihr Antlitz beugte sich Jan. Grellroth war der Glutschein, Den d'rauf gossen die Fackeln; es spielten darüber die Lichter Schaurig und schreckbar fast, wie ein infernalischer Abglanz. Doch was mischte verlockend sich auch in den Schauder, je länger Über das seltsame Weib sich der Jüngling beugte betrachtend? Glüht nachwirkend in ihm noch der Erdbeerschmaus in der Davert? Über den Lippen der Schlummernden wiegt ein Lächeln voll wüster Grazie sich; dann ist's, als ob im Traume der Busen Hoch ihr beginne zu wogen; es öffnen zur Hälfte, wie lechzend, Sich ihr die glühenden Lippen, die üppigen; stammelnde Worte Ringen sich los aus dem Busen des Weibes: bedrohlich und lockend Klingen die Worte zugleich, wild-lüstern. Es regt sich ein Abscheu Tief in des Jünglings Seele, der stolz, das Gemeine verachtend, War durch's Leben gegangen. Und dennoch – dennoch bedünkt ihn, Als umgürte vor ihm dies Weib mit dämonischen Waffen Sich, als ford're zum Kampfe sie ihn und als wäre der Wettkampf Mit dem dämonischen Weib fortan ihm die Losung des Lebens; Ja, als müsse der Kampf mit ihr fortan auch die Losung Werden in Sion – es dünkte bedrohlicher ihn, was da schlummernd Lag in Weibesgestalt, für das neue, verheißene Sion, Als eine Welt in Waffen . . . Noch immer versetzt in die Davert Dünkt er sich, wie im Traum, allein mit dem schlummernden Weibe: Doch nun schreckt ihn der Fackeln Geknister und blendender Lichtschein Plötzlich empor: er erblickt nun wieder um sich her die hohen Zinnen und Erker, die Giebel am prangenden Markte der fremden Stadt, die er heute betrat als Stätte des neuen Geschickes. Und mit glühendem Haupt auf Jegliches wieder besann er Sich: des Propheten gedacht' er, der nächtlichen Tauf' in der Davert, Dachte des Sionsreiches, des Bundes der Freien und Reinen, Und der Verkündung am Fels, und des Kranzes zugleich, den der tolle Bettler ihm jubelnd gereicht, da er einzog heute zu Münster. Doppelt erwachte der Stolz in der feurigen Seele des Jünglings, Und er begriff nicht mehr, was den Sinn ihm erregte so seltsam Hier vor der Schlummernden eben: er hob wie ein zürnender Held sich Hoch vom Boden empor, und, die Seele von hohen und reinen Idealen geschwellt, abschwur er dem Weibe für immer, Schob es verächtlich von sich hinweg mit dem Fuße . . . verloren Saß er in Sinnen sodann, bis der Tag anbrach . . .                                                                                 Da erschollen Fröhliche Rufe: von Schwärmen des jubelnden Volkes begleitet, Kehrten nun endlich die Sprecher der Anabaptisten vom Kirchspiel Über dem Wasser zurück, und sie brachten erfreuliche Botschaft. Siegreich waren die Zünfte: dem Willen der Männer des Volkes Hatte der Rath sich gefügt und zurücke gewiesen den Bischof, Völlige Freiheit bewilligt zu Münster den Wiedergetauften. Fröhlichen Muthes zerstreu'n sich die heimischen Anabaptisten In die Behausungen wieder, und führen mit sich aus dem Schwarme, Der dem Propheten nach Münster gefolgt, und den Schaaren der andern Helfer, so viel zu bewirthen bei sich ein Jeder vermochte. Aber ihn selbst, den Propheten, und mit ihm den Jüngling von Leyden, Und des Propheten Gesponsin, mit freudigem Stolze geleitet In sein Haus auf dem Markt sie der ehrliche Knipperdolling. Mit Schnitzwerk in der Front und schön vorspringenden Erkern War es geziert, dies Haus, und es ragten geschnörkelt die Giebel. Durch's schmuckprangende Thor in die Hausflur traten die Fremden, Gingen am Herde der Küche vorbei, wo das prasselnde Feuer Traulich flammte, hinauf in das obere wohnliche Stockwerk: Über gewundene Treppen zum wenig gelichteten Vorsaal Kamen sie erst, wo standen die Truhen, mit reichlichem Vorrath, Und an der Wand auch hingen umher die Gewaffen des Hausherrn: Helme von blinkendem Stahl, Brustharnische, Büchsen und Schwerter. Und nun eilten entgegen dem wackeren Knipperdolling Und den Begleitern die Frauen: die sanfte, bescheidene Hausfrau Selbst, und die Mutter mit ihr, die verständige, rüstige Greisin. Herzlich erfreut ist so mit den Seinigen allen der wackre Knipperdolling, bei sich zu bewirthen den großen Propheten; Aber noch mehr zu Jan, dem erlesenen Jüngling von Leyden, Fühlt er sich innig gezogen, umschmeichelt ihn stets, wie die Alten Bildeten einst den Silen, zugrinsend dem blühenden Bacchus. Alles im Haus rings weis't er den Fremden: Gemächer und Säle, Reich und behaglich geschmückt nach dem Brauch des begüterten Bürgers: Zierlich die Wände belebt von flandrischen bunten Tapeten, Hausrath, künstlich geschnörkelt, und reiches Geschirre von blankem Silber und Zinn, seltsamlich gestaltet; Pokale mit Schnitzwerk Und mit schelmischen Sprüchen in drollig gewundener Umschrift; Edles venetisches Glas, wie Krystall, und Töpfergebilde Delfftischer Arbeit, künstlich bemalt. Doch es führte des Hauses Wirth in die Kammer die Gäste nun auch, wo in zierlicher Wiege Lag sein Büblein; er nimmt es heraus und weis't es den Freunden Lächelnd, mit fröhlichem Stolz; er bemerkt, wie lieblich es lache, Wie es gedeihe, wie rundlich und weich ihm erglänzen die Knielein. Und der gewaltige Kämpe, der ehrliche Knipperdolling, Welcher noch eben durchtobte den Markt – nun scheint er ein sanfter Mann, kein Wässerchen trübend; am heimischen Herde so friedlich Hält er den Sprößling empor und trällert ein Münsterisch Liedlein Ihm von der röthlichen Kuh und vom Schaf mit den glänzenden Füßchen. Freundlich sah der Prophet und freundlich der Jüngling von Leyden Hin auf das lächelnde Kind: nur das bräunliche Weib des Propheten Wandte verächtlich sich ab, und fand kein Lob für das Knäblein. Bitter vermerkt' es gekränkt der gewaltige Knipperdolling: Tief in der Seele verhaßt fortan war das bräunliche Weib ihm. Dritter Gesang. Der Morio.                 Tag für Tag zu den Schaaren des Volks auf dem Markte von Münster Sprach der Prophet, nie rastend, vom Morgen zum sinkenden Abend. Unablässig ja war er bemüht, zu erwecken das inn're Wort machtvoll in den Herzen der Jünger, erhab'ne Begeist'rung, Freiheit, aber vereint mit der Freiheit immer den edlen Ernst und die heilige Strenge des Lebens, der Sitte: des Menschen Inn're Vergöttlichung, welche ja, selbstlos, einzig vermöchte Gänzlich entbehrlich zu machen für immer die äußere Satzung. Aufzuerwecken die Liebe , die jauchzend sich senkt in den Urgeist, Eins sich wissend mit ihm, und über das Schicksal erhaben, Und aus zertrümmerten Bildern den ewigen Sinn zu erlösen – Schwer war, riesig das Werk. Schier schwanden die Kräfte des Greises, Einzig die fiebrische Spannung der Nerven nur hielt ihn noch aufrecht. Doch es gelang: er entflammte das Volk, das der Drang schon der Zeiten Mächtig bewegte. Herab oft kam's, wo er sprach, wie Verzückung Über die Männer und Frau'n, daß selbst sie zu schwärmen begannen, Und durchrannten die Stadt mit dem Ruf: »Thut Buße! bekehrt euch! Folget dem göttlichen Reiche, dem Reiche der Freien und Reinen!« – Anfangs höhnt sie das Volk, bald aber betrachtet's mit Neugier Sie, und endlich ergreift auch Spötter das heilige Rasen. Stumme gewinnen die Sprache, vom kommenden Reiche zu reden, Blinde durchwandern die Stadt und erzählen von Zeichen am Himmel. Jeglicher Bettler, der schweift durch Münster, und jeglicher Tolle Wird mit heiliger Scheu nun betrachtet: die Rede des Irrsinns Scheint ja geheimeren Sinn zu verbergen und innere Stimmen. Weiber durchschwämmen die Gassen und suchen die Spur des Propheten; Nicht nur Männer des Volkes, Patrizier folgen dem Strom auch: Mönche sogar und Nonnen, entlaufen dem Banne des Klosters, Mischen sich unter die Schwärmer, um heißer als Alle zu schwärmen. Also regte zu Münster sich jetzo der Geist, der gewaltig Fiebernd die Menschen ergriff, wie ein Taumel, ein heiliger Wahnsinn, Als in schmerzlichem Kampfe das Dasein rang nach Verjüngung, Und sich gährend die neuen Geschicke der Völker erfüllten. Aber von außen heran auch kamen nach Münster gezogen, Folgend dem Ruf des Propheten, die Schaaren der Wiedergetauften. Über die Haiden und Moore, von Hollands Buchten, den Marschen Ostfrieslands, Kraftmänner, im ewigen Kampf mit des Meeres Tücken gestählt, daher , wo gekühlt von den Winden der Ostsee, Mecklenburgs Saatfelder erblüh'n, und der rüstige Preuße Bernsteinküsten umwohnt, von der Elbe, vom Rhein, von des Säntis Grünendem Fuß, von dort, wo durch blühende Auen die Donau Wallt und das Alpengebirg sangliebende Menschen umwohnen, Kamen gesellt sie und einzeln, die anabaptistischen Männer, Gründen zu helfen in Münster das neue, verheißene Sion. Aber es kamen daher auch Söhne des wandernden Stammes , Dunkel gelockte: die waren nach Münster dem Weib des Propheten Heimlich gefolgt und umgaben sie jetzt wie Trabanten die Fürstin. Münster, die heilige Stadt, wie so ganz nun ist sie verwandelt! Schüchtern nur noch und vereinzelt im Schwarme der Wiedergetauften, Wie der Papist, schleicht jetzo der Luther'schen Lehre Bekenner. Und als gekommen der Tag, wo die Bürger erkiesen den neuen Rath, da schreiten hervor als Väter der Stadt die Getreuen Matthissons. Und der Rath ist bald nur ein Schattengebild noch: Denn es gebeut nur Einer zu Münster, der Bäcker von Harlem. Wieder nun hat er zu sich auf den Markt die Gemeine berufen, Stein zum Steine zu fügen im Bau der sionischen Ordnung, Meisternd das Volk. Da trat aus der Menge hervor und vor ihn hin Krechting , ein seltsam Männlein, mit häßlichem Höcker und röthlich- Ruppigem Haar. Nicht wußte genau man, woher er gekommen, Aber er hielt sich gern zu den Söhnen des wandernden Stammes, Die sich um Divara schaarten. Er pflegt' in der Männer Versammlung Lebhaft sich zu ereifern, und heut auch tritt er entrüstet Vor den Propheten und klagt mit greinenden Worten, zu lässig Sei in der Stadt für die fernher gewanderten Fremden die Sorge: Stets noch müßten ja diese zu Münster sich schmiegen und drücken, Und sich behelfen, verdankend der Milde, wie Bettler ein Obdach, Während die Luther'schen noch und Papisten vor ihnen sich gütlich Thäten, und breit sich machten noch stets in Palästen und Klöstern. »Wär's nicht besser«, so ruft er, »die unbußfertig Verstockten Fort aus der Stadt zu verbannen? wie lang noch sollen die gleichen Rechte genießen die Feinde dahier, wie die Bürger von Sion? Naht sich der Bischof nicht? und wird nicht Jeglicher, der nicht Mit uns ist, zum Feind alsbald, zum Verräther uns werden In der belagerten Stadt? Mit Feinden von außen und innen Sollen zugleich wir uns raufen? Prophete, bedenk' es, und laß nicht Länger in feindlicher Hand, was schmerzlich entbehren die Unsern!« – Also das eifernde Männlein mit häßlichem Höcker und röthlich- Ruppigem Haar. Dem kleinen und doch hellkreischenden Dränger Gibt Antwort der Prophet, bei sich mit der inneren Stimme Werd' er gehen zu Rath, und das, was der Wille des Herrn sei, Und was erheische das Wohl der sionischen neuen Gemeine, Künden am anderen Tag. So spricht er, und sinnend hinweg dann Schreitet er, nächtlich zu Rathe zu gehen mit der inneren Stimme. Aber die Stimme, die nächtlich im Traum er glaubte zu hören, Kam nicht manchmal sie auch von den flüsternden Lippen der braunen Zauberin, die mit dem Gatten, dem träumenden, theilte das Lager? – Als nun graute der Morgen am nächsten der Tage, verkündet Heroldsruf in den Straßen umher: wer nicht bis am dritten Tag sei wiedergetauft, der solle den Freien und Reinen Nimmer verengen den Raum auf erkorener Stätte des Heiles! Dort auf der Mitte des Markts, vor sich den geräumigen Eimer, Stand Rottmann, ruh'los, vom grauenden Morgen zum Abend, Und es kamen herbei, die erneuerter Taufe begehrten. Und hier neigten das Haupt sie, und drei Mal netzte besprengend Sie mit der Flut aus dem Eimer der eifrige Täufer, und drei Mal Sprach er murmelnd dazu die bedeutsame Rede: » Das Wort ist Fleisch geworden und wohnet in uns! Seid wiedergeboren, Wiedergetauft im Geist und im Namen des ewigen Vaters!« – Und nun wieder berief auf den Markt, als gekommen der dritte Morgen, das Volk der Prophet. Es entfaltet die Rollen der Bürger Sions vor ihm Rottmann, und er sieht, wie gewachsen sie riesig. Kunde vernimmt er zugleich, daß die Bürger von Münster, die jetzt noch Hatten die Taufe verschmäht, nun eben sich rüsten, durch Münsters Thore von dannen zu zieh'n. »Ihr Brüder«, so ruft er, »die fernher Kamen gewandert, vertheilt nun friedlich, in heiliger Eintracht, In die Behausungen euch der entweichenden Feinde von Sion!« Aber es tritt auf's Neue der zungengewaltige Krechting Hin vor den Meister, und scharf, mit der Stimme, der dünnen und schrillen, Welche so schneidend und kühl einklingt in die feurige Rede Matthissons und der andern begeisterten Männer in Sion, Fragt er, wie zu ernähren, zu pflegen man denke die Fremden, Welche gekommen als Helfer und Streiter und Bürger von Sion? – Und es entgegnet ihm eifrig, gehobenen Tones, der ernste Meister, es seien die Tage der heiligen Liebe gekommen; Und, wo Jeder ergriffen vom neuesten Geiste, durchdrungen Sei von dem inneren Wort, da müsse ja spielend und eilig Ebnen sich jeglicher Pfad, und sänftigen jegliches Hemmniß, Das Gottlose verwirrt. Wie der frühesten Kirche Bekenner, Müsse für sie nun auch, die verbrüderten Bürger von Sion, Fortan jeder Besitz und jegliche Habe gemein sein. »Seit Jahrtausenden steht«, so rief er, »als Gräuel und Schreckniß, Grausiger noch als der Krieg, und grausiger noch als die Knechtschaft, Grausiger noch als der Tod, vor den Augen des Edlen die bleiche, Die hohläugige Noth , die verdammt zu Qualen des Hungers Schaaren, von Gott nur gezählt! – Ein Wicht, wer mit Anderem anhebt, Als mit dem heil'gen Erbarmen für Jene, die schmachten in Elend, Wenn er sich rühmt, zu erneuern die Welt! Ist berechtigt zu gleichem Theil doch, zu leben, was lebt! O, wie kommt's, daß dem Prasser der Bissen Nicht im Munde noch stockt, so er denkt: du prassest vom Antheil Eines verhungernden Bruders? – Ihr fragt, wie zu lösen die Wirrniß, Und wie zu sühnen nun endlich ein uraltwaltendes Unrecht? Brüder, ich habe gegrübelt mit glühendem Haupte: der Selbstsucht Tod nur ist's, der die Dulder erlös't, die begeisterte Liebe . Wißt, wem Liebe berührte die Brust, der kommt und zum Opfer Bringt er, was leicht er entbehrt! doch wenn sie durchdrungen ihn völlig, Opfert er jeglichen eig'nen Besitz, daß er Allen gemein sei! Kommt denn, Brüder und Schwestern, wofern im Herzen die Lieb' euch Glüht, kommt freudig, und laßt uns erproben zu leben gemeinsam, Theilend die Arbeit in Sion, und theilend den Lohn, den Genuß auch. Bringe nun Jeder, was sein er genannt, und hole sich künftig, Was er bedarf, ein Jeder vom Allen gemeinsamen Vorrath. Nicht mehr wandl' in Purpur der Ein', in Lumpen der And're, Nicht mehr schwelge der Ein' und hungernd verschmachte der And're: Jeglicher finde bereit sein Kleid und als Brüder von heut an Soll uns täglich das Mahl am gemeinsamen Tische vereinen!« Also sprach der Prophet, und lang noch, feurig-beredsam, Pries er dem lauschenden Volke die heilige Gütergemeinschaft, Strenge verdammend das Leben der Üppigen und die Verschwendung, Welche da schreit zum Himmel um Rache, so lang in dem Staub noch Tausende, hungernd und siech, vor den Thüren der Schwelger verschmachten. Und er sprach, bis die Herzen der Hörer fanatisch erglühten, Bis sie zu schwärmen begannen, zu jauchzen, zu springen, zu tanzen, Preisend die Herrlichkeit des erneuten sionischen Reiches. Und in die Arme nun stürzen sie sich, es versöhnt mit dem Todfeind Freudig der Todfeind sich, und hier, vor dem Aug' des Propheten, Frieden und Liebe gelobt sich die heilige Brüdergemeine. Und dann eilen sie hin, um, was sie zu Eigen besitzen In den Behausungen, willig zu Füßen zu legen dem Meister. Was sich emsig erworben der Bürger in Jahren an goldnen, Silbernen Rollen, er bracht' es dar; und es kamen die Frauen, Legten die Ringe, das edle Geschmeid, die Korallen und Perlen Vor den Propheten, entäußerten froh sich des liebsten Besitztums. Und wer kalt noch geblieben, wer heimlich im Herzen noch schnöde Selbstsucht nährte, gezwungen doch folgt' er der mächtigen Strömung. Wie im Triumphe geleiten die Bürger von Sion als neue Brüder die Fremden vom Markte zu ihrer bestimmten Behausung. Männer, nach Münster gewandert von Nah' und Ferne beziehen Jetzo die stattlichen Klöster im Kirchspiel »über dem Wasser«, Räumige Nester, aus welchen die Vögel entflogen: am Aa-Fluß Und in der Mitte der Stadt. Die verlaß'nen Patrizierhäuser Stehen geöffnet, und in den Palästen am prangenden Marktplatz Wirft sein ärmliches Bündel der viel schon gewanderte Volksmann Schmunzelnd hin, und macht sich's bequem in den schönen Gemächern. Welch' ein Gestoß und Gedräng' in den Straßen von Münster! Die Fremden Wogend in Schaaren, zu suchen die ihnen gewiesene Wohnstatt; Ihnen entgegen die Züge der Flüchtenden, welche Verbannung Lieber gewählt, als die Sprenge von Rottmanns Eimer am Marktplatz. Eilig zieh'n sie dahin mit unmuthbleichen Gesichtern, Und doch ängstlich zugleich, denn es blickt von den Anabaptisten Auf sie Mancher, mit Hohn und mit Drohungen Eile gebietend. Trauer, Verwirrung herrscht im drängenden Schwarm der Vertrieb'nen: Söhne ja waren von Vätern getrennt und Brüder von Brüdern, Gatten sogar auch hatte zuletzt des veränderten Glaubens Hader entzweit, und es sah mit düsteren Augen der Jüngling Ziehen die weinende Braut, die entfremdete Jugendgespielin. Doch es durchwanderten auch Diakone die Straßen geschäftig, Welche gesandt der Prophet, in der Stadt rings jeglichen Vorrath, Jeden Besitz zu verzeichnen, damit er werde Gemeingut. Krechting führte sie an: doch nicht mit der Milde des Sions- Bürgers betrieb er das Werk: er nahm, was der Willige darbot, Barsch wie ein Scherge dahin. Was Goldes und Silbers er vorfand, Oder von Schmuck und Gewanden und anderem köstlichen Hausrath, Und was nicht schon der Eigner bereits aus eigenem Antrieb Brachte zum Rathhaus hin, das schleppt' er hinweg. Und auf Wagen Lud er den Mundvorrath, der umher in Fülle gespeichert Lag in Kammern und Scheunen: unzählige Scheffel der Kornfrucht, Speck und Butter und Käse, den Stockfisch auch und den Häring. Davon nahm er mit sich auf die Wagen, so viel nur die Deichsel Trug, und das Übrige merkt' er sich an zu erneuerter Umfahrt. Und auch das Roß und das Rind in den Stallungen wurde verzeichnet, Denn es sollte fortan an gemeinsamer Krippe gefüttert Sein, zu gemeinsamem Dienst, zu gemeinsamer Speisung in Sion. Oftmals sperrten die Bahn in den Straßen die schwankenden Karren Krechtings, oft auch stießen gehemmt im Gedräng' sie zusammen Mit den enteilenden Zügen der Bürger zu Fuß und zu Wagen. Wer ist der stattlich Beleibte mit doppeltem Kinn und mit güldener Kett' um den wulstigen Hals, den ein prunkendes Rappengespann dort, Von den betreßten Lakaien umgeben, in Eile dahinführt? 's ist der verspätete Probst aus dem Maurizstifte, der jetzt erst Zog von dannen, nachdem in der Stadt er noch Manches geordnet. Unglücksel'ger Prälat! zu tief in den Becher in später Nacht wol hast du geguckt, daß heut' du so noch in Münster Wagst dich zu zeigen im Lichte des Tages! Der Troß, die Karosse Mit Kleinoden befrachtet, die güldene Kette, die weichen Finger der golden beringten und fettglanz-spiegelnden Patschhand, Welcher die Knöchel verschwinden im Fett: das Alles, o Dickwanst, Solltest du sorgsam heute verbergen am Tage der großen Abrechnung! – Weh' dir! mit den stechenden Augen erlauert Hat dich der schelmische Krechting schon! Mit ironischem Bückling Naht sich das höckrige Männlein und fällt in die Zügel den Rappen: »Würdiger Herr! ich wünsch' euch glückliche Reise vom Herzen, In's Heerlager hinaus des gewesenen gnädigen Bischofs! Zieht in Frieden dahin! Nur was das begleitende Fahrgut Anlangt, wisset, daß heut' in Münster die Gütergemeinschaft Wurde verfügt, und auf des Propheten Geheiß hier eben ich selber Schaff' auf belasteten Wagen zum Rathhaus hin, was die Bürger Früher zu Eigen besessen und jetzt die Gemeine beansprucht. Euch auch, würdiger Herr, dieweil noch in Münster verweilend, Trifft dies neue Gesetz; so erlaubt, daß ich so wie der andern Ehrlichen Leute Besitz, auch den eurigen für das gemeine Wesen in Anspruch nehmend, erfülle die Pflicht, die mir obliegt!« – Sprach's und winkte die Helfer herbei, und im andern Moment saß Kläglich gerupft und beschämt wie ein Pfau mit entrissenen Federn In der Karosse der Propst. Frei ließen sie jetzt ihm die Zügel: Und nun doppelt geröthet von glühendem Ärger das Antlitz, Fuhr er zum Thore hinaus, noch erflehend im Stillen des Himmels Rach' auf die Stadt und die schnöden Erfinder der Gütergemeinschaft. Als nun völlig geräumt von den Luther'schen und den Papisten Münster sich sah, die vom Himmel erkorene Stätte des Heiles, Senkt auf die Anabaptisten, die schwärmenden, bleichen, des Jubels Drang sich herab, und die jüngst noch in düsteres Brüten verloren Schlichen, wie waren sie jetzo im Taumel der Freude verwandelt! Hin durch's wimmelnde Volk schritt Matthisson und belobte Freudig die Bürger von Sion, daß willig sie Alles geopfert: Schon in's Unendliche mehre der Vorrath sich auf dem Rathhaus, Silbers und Goldes und sonst noch anderen köstlichen Gutes, Machtausstattung in Fülle gewährend dem streitenden Sion. Aber es rief im Schwarme mit zwinkernden Augen der wilde Knipperdolling: »Was jagen wir Spatzen, ihr Leute, vergessend Schier auf das fetteste Wild im Revier? In den Kirchen, da gibt es Weihegeschenke noch viel, goldstrotzende Priestergewänder, Kelche von lauterem Gold, Monstranzen und Ampeln; dazu auch Wackere Heil'ge, die halb schon zu Schinken geräuchert der Weihrauch, Und die im silbernen Herzen verlangen nach läuternder Schmelzung! Auf in die Kirchen!« – So rief der gewaltige Knipperdolling. Und nachhallt es im Schwarm: »In die Kirchen!« und billigend nickte Matthisson: und es warfen die Schaaren vom Markt in den Domhof Sich, wo auf prangendem Platz, in säuselnder Linden Umschattung, Ragte der Dom, und stolz sich im weitum laufenden Viereck Hoben der Bischofssitz und die stattlichen Häuser der Domherrn. Jüngst noch tummelte hier sich geräuschvoll üppiges Leben: Aber so einsam war es, so stille geworden im Domhof! Lang schon weilten sie ferne, des Hochstifts Häupter. Nun aber Füllte den prangenden Platz neuschwärmendes Leben: es drängten Sich vor den Pforten des Domes die stürmenden Anabaptisten. Und nun öffnete weit mit wuchtiger Rechte die Pforten Knipperdolling: da wogten hinein in die Halle, bedeckten Hauptes, die Stürmer, voran der Prophet, zur Seit' ihm die andern Führer in Sion. Doch drinnen im Dom, in heiliger Dämm'rung, Standen auf zwanzig Altären umher die Gestalten der Engel, Der Erzväter und Heil'gen, so ernst und mild, und Madonna Blickte herab von der Wand, wo farbig auf goldenem Grund sie Franko von Züthphen, der Meister, gemalt mit unsäglichem Liebreiz: Alle sie stralten verklärt: einbrach durch farbige Scheiben Dämmerndes Licht in die Halle, die prangte mit ragenden Säulen. Aber die heil'gen Gestalten im himmlischen Frieden des Tempels, Hehr wol standen sie da, doch machtlos. Nieder vergebens Dräute mit flammendem Schwert von dem Hochaltare der Cherub, Und es befiel wie ein leises Erbeben die Evangelisten , Die vor dem hohen Altar Wacht hielten, auf prächtig geschmückter Umfangsmauer des Chors, vier marmorne, ragende Bilder, Haupt und Blick zur Gemeine gekehrt und den Finger der Rechten Legend auf's offene Buch, das empor mit der Linken sie hoben. Glutvoll haftet der Blick des Propheten auf dieser Gestalten Marmorpracht; es verdüstert das Antlitz tiefer sich, wilder Runzelt die Stirne sich ihm. »Seht«, ruft er, »wie hier sich die todten Steine noch brüsten, wie keck mit dem steinernen Blick sie herabschau'n! Wie auf versteinerte Blätter mit steinernem Finger sie weisen! Wie auf steinernen Lippen noch liegt die versteinerte Botschaft, Welche lebendig war vor mehr als einem Jahrtausend! Anderer Evangelisten bedarf nun die Welt, eines neuen Evangeliums – seht! was da weisen die steinernen Finger, Ist ein lebendiges Wort nicht mehr: ein steinerner Buchstab' Ist's, der schreckt und verwirrt. In entseelter, versteinerter Hülle Ward uns der ewige Gott zum Götzen, der Götze zum Dämon, Ward zum Gespenste der Geist – nicht anders daraus zu erlösen, Als indem man zertrümmert den Stein! Streng wandelt das Schicksal Über Lebendiges hin – wir sollten die Steine verschonen?« – So der Prophet und die Stufen besteigt er und streckt sich gigantisch Hoch empor: »Ich zertrümm're den Stein, um den Geist zu befreien!« Ruft er, und flammenden Auges, mit kräftigem Stoße der Rechten Wirft er donnernd hinunter sie, eins nach dem andern, die hohen Marmoridole, daß rings in dem vierfach dröhnenden Hinsturz Säulen und Wölbungen zittern, und selber die Todten erwachen, Und aus den Grüften des Doms nachwimmert ein schauriges Echo . . . Und vor dem Donnergedröhn auch erbeben die Anabaptisten: Nur der Prophet steht ruhig und hehr dort unter den Trümmern, Wie ein Titan, der den Himmel gestürmt, und den Sterblichen ihre Götter soeben zur Erde herab vor die Füße geworfen . . . Aber es rief, vor den Andern sich fassend zuerst, der gewalt'ge Knipperdolling: »Ein Krach war das, der gewiß so ergiebig Nachdröhnt rings in der Welt, daß empor in die Lüfte geschnellt wird Gar aus dem Neste der Vogel, aus weichlichem Bette der Schläfer, Und aus dem Seckel des Reichen das Gold; aus der Kanzel das Pfäfflein, Und manch' waltender Fürst aus dem üppig gepolsterten Thronstuhl! . . Wahrlich, es ist nicht Schad' um die steinernen Evangelisten! Aber die silbernen dort auf dem Nebenaltar, die Apostel, Diese zerschmettern wir nicht, die schmelzen wir sänftlich, und prägen Blinkende Thaler daraus, auf daß sie hinaus in die Welt geh'n, Wie es Aposteln geziemt!« – Er sprach's, und riß vom Altare Lachend herunter die zierlich getriebenen Silbergebilde. Und der fanatische Drang, der, entflammt in des Volkes Gemüthern, Eben den eig'nen Besitz hinopferte freudig – wie sollt' er Schonen der Schätze des Doms? Monstranzen und goldene Kelche, Silberne Leuchter und Ampeln und golden gestickte Gewänder – Vom Altar, von der Wand, aus den Schränken entraffen sie Alles Lärmvoll, stürzen sich über Reliquienschreine zertrümmernd. Asche in Silbergefäßen und Knochen der Heil'gen, in Perlen Zierlich gefaßt, Gliedmaßen, die nimmer verwelken, geschmückte Finger und Zeh'n, auch Zähne sogar und Nägel der Finger, Gleißen in Gold: das Alles verwüsten sie, reißen herunter Perlen und Erz und verstreuen die Todtengebeine. Zum Rathhaus Schleppt man in Körben die Beute. Doch immer noch wildere Schaaren Dringen von außen heran. Ha sieh', wie des wandernden Stammes Söhne dazwischen sich tummeln! Zu Roß in die heilige Halle Kam auch Krechting getrabt und band, hart vor dem Altare, Lachend den stampfenden Gaul an die nächste der prangenden Säulen. Und er war's, der spornte, wo Andere zagten, die braunen Söhne des wandernden Stamms, zu vollenden das Werk der Zerstörung: Denn es gezieme, so rief er, nun schonungslos zu vernichten, Was von papistischem, Geist-einlullendem Zauber noch übrig. Und sie vollenden es, traun! Was prangend von zierlichem Schnitzwerk Stand und Gebilden des Meißels im Dome, heruntergeschmettert Ward es; besudelt, zerkratzt an der Wand auch wurden die Bilder, Klirrend zerschlagen die Scheiben, die farbigen, keck die geschnitzten Prachtarbeiten des Chors und die prangenden Stühle zertrümmert. Die Rauchfässer entweihten, die Weihbrunnkessel sie schamlos. Schneidend herab von der Orgel, der ragenden, klang in gequälten Tönen ein disharmonisch' Gebraus, denn es tastete rohe Hand des Zigeuners darauf, zum Scherz: es klang wie der Wehruf Eines gefesselten Riesen, von tückischen Zwergen gefoltert. Wüste Gesellen in Priestergewändern, in Stolen und Infeln, Tanzten dazu. So waren des alten papistischen Zaubers Rest zu vernichten beeifert die Stürmer im Dome zu Münster. Doch als jetzo verlassen den Dom der Prophet und die Seinen, Listig blinzelt nun wieder der rüstige Knipperdolling, Und indem ihm der Blick hin über die Häuser der Domherrn Schweift, und des Bischofs Palast: »Wie Schad', daß entflohen«, beginnt er, Hier aus den Nestern die Vögel mit sammt den vergoldeten Eiern! Die hochmögenden Herren, mit Kisten und Kasten entwichen Sind sie, haben uns nichts als die Wände, die kahlen, gelassen. Einer nur ist erst kürzlich entfloh'n, und in drängender Eile Bracht' er zur Hälfte nur fort das Geräth aus der weiten Behausung. Seht ihr den stattlichsten hier von allen Palästen im Domhof? Das ist der seine: da haus't' er, ein fürstlicher Schwelger, der Domherr Melchior: Domcellarius war er; vom edlen Geschlechte Derer von Büren entstammt: hinlebt' er mit üppigen Weibern, Bankettirend und zechend, dazwischen sich freuend des Waidwerks. Still nun stand der Prophet und mit ihm bestaunten die Fremden Alle den stolzen Palast. Neugierig drängte der Schwarm sich Jetzo, von Knipperdolling geführt, in die inneren Räume. Und sie betraten Gemächer, wo leise gedämpft nur die Tritte Auf Prachtteppichen klangen, und farbig erglänzten die Wände Von anmuthigen Scenen. Da sah man Diana, die schlanke, Birschend im Wald, und es lechzte mit hängenden Zungen die Meute Rings um die Göttin her. Und wieder auf anderem Plane Saß, von Trauben umhangen, auf strömendem Fasse der Weingott, Lachend, und Grazien auch, pausbackige fröhliche Dirnen, Tanzten auf grünenden Au'n, und, in rosigen Lauben entschlummert, War Frau Venus gemalt, eine derbere, nordische Schöne, Ruhend auf Blumen, und neben ihr stand ein dreister Cupido. Manches Geräth war übrig: die Würfelbehälter, die Damen- Bretter, sie standen umher noch auf zierlichen Tischen, auch Leiern Fand man, Geigen und Flöten, bestaubt in den Winkeln. Doch nicht bloß Weichlicher Künste Geräth war heimisch im Hause des Domherrn: Rittersmann von Geburt ja war er, und hatte den Harnisch Lang vor der Kutte getragen: im Rüstsaal barg er die blanken Panzer und Helme, Pistolen und Schwerter, und Sättel und Sporen, Und noch manches Gezeug für Krieg und fröhliches Waidwerk. Lieblich verbreitete sich von des Domherrn Hause nach rückwärts Ein reich blühender Garten mit künstlich geschmückten Rotunden: Säle wie Grotten, die Wände mit seltenen Muscheln und bunten Steinen geziert, und dazu kühlplätschernde, springende Bronnen, Laub- und Blumengerank, zum trauten Asyl für des Sommers Mittagsschwüle bestimmt. In der traulichsten Ecke des Gartens Ragte, von Epheuranken umgrünt und üppigem Weinlaub, Ein gar zierlicher Bau, mit purpurnverhangenen Fenstern. Dort auch traten sie ein nun, die spähenden Anabaptisten, Und ein duftiger Raum umgab sie: wohnlich und üppig War er geschmückt. Und sieh', da fanden sie schimmernde Gürtel, Schleier, auch goldene Schnüre, das weibliche Haar zu durchflechten, Und von Frauengewand buntfarbigen, glänzenden Reichthum, Wirr durcheinander gehäuft: manch zierlich gewundenen Kopfputz, Mieder von rothem Damast, und Pantöffelchen, perlengestickte: Aber in dämm'riger Nische, da stand, umschlossen von seid'nen Prunkvorhängen, das Lager mit goldig gleißendem Schnitzwerk. »Seht«, sprach Knipperdolling, »da haus'te das schönste der Weiblein Melchiors – denn er begnügte sich nicht, wie And're, mit einem Kebsweib, nein! hier aber verbarg er die lilienweiße Schöne mit röthlichen Haaren, genannt Gabriele von Ottwitz. Närrisch plagt' ihn die Lieb', und er trank auch zuweilen, so sagt man, Wie ein Polack, aus dem Schuh der Geliebten. Es waren unlängst noch Schier allmächtig zu Münster bei uns dickhalsige Domherrn; Doch allmächtiger war, als der Dompfaff selber, das Kebsweib Des hochmögenden Herrn, und so viel hochmögende Herren Wir da hatten, so viel Kebsweiber auch gab es, und mehr noch: Und sie wohnten im Haus des Galans; und wenn er verschämt thun Wollte, der Pfaff, vor den Leuten, so nannt' er Base das Weibchen. Und bei Gelagen und Festen, da saß zuoberst das Kebsweib Des ehrwürdigen Herrn – dann erst die Gesponsin des Rathsherrn!« – So durchstreifend die Räume des Domherrn, fanden die Männer Sättel und Flinten, und Würfel und Becher und Flöten und Leiern, Gürtel und Mieder sogar, und seidene Kissen und Decken: Eins nur fanden sie nicht in den weiten Gemächern des Domherrn: Geistliche Bücher und Schriften: es lag im Winkel ein einzig Ärmliches Lederbrevier, das die Betaufgabe dem Frommen Weidlich hatte verkürzt, denn es fehlten unzählige Blätter . . . Aber es hatten sich andere Schaaren der Anabaptisten Stürmend indessen gewendet zu anderen Kirchen und Klöstern; Und als nun der Prophet mit den Seinen vom Hause des Domherrn Kam, da wälzte sich ihm entgegen ein Schwarm, der gefangen Führte mit Jubel ein Paar Mönchlein in der Mitte. Die Mönchlein Siehe, dieselben ja sind es, die kürzlich so schnöd man hinausstieß Über die Schwelle des Kellers am Markte! »Wir kommen«, berichtet Einer der lärmenden Schaar, »vom verlassenen Kloster am Aafluß. Als in den Keller hinab wir drangen, zu seh'n, was von firnem Tranke der mönchische Troß in der Eile noch etwa zurückließ, Fanden wir einen von diesen, den Wänstigen da, vor dem größten Stückfaß sitzend, das Glas in der Hand voll köstlichen Rheinweins. Harmlos lacht' er uns an mit dem weinig-gerötheten, breiten Zechergesicht, und als wir mit Spott und Gelächter ihn grüßten, Hielt er uns freundlich grinsend entgegen das blinkende Kelchglas, Und mit lallender Zunge verlangt' er, wir sollten Bescheid thun. Längst schon hatte geflüchtet sich fort aus dem Kloster die Pfaffheit, Er nur, der wackere Paul, der verwaltende Meister des Kellers, War auf dem Posten geblieben und kümmerte nichts um die Welt sich. Nichts von dem wilden Tumult, von der Wirrsal dieser vergangnen Tage war nieder zu ihm in die traulichen Räume gedrungen. Hätten wir dort ihn gelassen, er hätte vergnüglich dem jüngsten Tag entgegengezecht: wir aber, wir rollten die Fässer Ihm vor der Nase hinweg; da folgt' er uns gerne von selber. Anders ertappten wir diesen, den hageren Bruder. Ihn fanden Wir in der Zelle noch sitzend. Wie Paul bei den Fässern, so hatte Dieser bei alten Scharteken in einsamer Zelle des Fliehens Stunde versäumt, und grübelnd die Welt um sich her vergessen. Brütend betrafen wir ihn in der Zelle, bemüht zu vollenden Noch ein gelehrt' Traktätlein von heiligen Dingen. Da les't nur: »» Quaestiones , gelös't nach den Regeln scholastischer Weisheit: Caput primum : Wie viel Erzengel und Engel auf einer Nadelspitze zu sitzen vermögen. – Secundum : Geringer Ist das Vergeh'n, einen Menschen zu tödten, als etwa dem Armen Sonntags flicken die Schuh', dem Verbot der Kirche zuwider. Tertium caput : Ein größer Verdienst ist's, ertränken ein Hexlein, Als zwölf tausend ertrinkenden Christen das Leben zu retten.«« Solches und Anderes gibt aus des Mönches gelehrtem Traktätlein Dieser zu hören im Kreis. Doch es drängen von anderer Seite Lärmende Schaaren herbei. Und es nahen auch diese sich leer nicht: Denn ein Weib in der Nonnen Gewand, doch gesegneten Leibes Bringen sie jubelnd geführt. »Seht«, rufen sie fröhlich den Brüdern Zu, »wir kommen daher aus dem Nitzingkloster, wo fromme Jungfrau'n dienten dem Herrn. Doch es haben vor etlichen Tagen, Sie auch in Eile das Weite gesucht, mit der Habe sich flüchtend. Nun, wir haben alldort Nachlese gehalten! Da sah'n wir Gleich, wasmaßen dem Herrn sie gedient im Kloster, die Nönnlein! Wißt ihr, was wir gefunden so hie und da in den Zellen, Und in den Winkeln der Schränke vergessen, auch wol auf dem Boden Hin und wieder verstreut in der Eile? Von zärtlichen Brieflein Lasen wir auf ein Schock; Nachschlüssel, die Pforte des Klosters Heimlich zu öffnen bei Nacht, Strickleitern, vom Fenster der Zelle Reichend hinab zum Boden des nächtlich-einsamen Gartens: Solcherlei fanden wir dort, und dazu: die gesegnete Jungfrau Da, hochschwangeren Leib's, die, weil zwei Herrn sie im Kloster Hatte gedient, sich jetzt, wie ihr seht, mit dem doppelten Segen Schleppte zu schwer, um in Eile von dannen zu flieh'n wie die Andern! Gings ihr doch wie dem Wolf, der schmächtigen Leibes geschlüpft war Durch ein Loch in den Stall, doch dann, bei gedunsenem Umfang, Nicht mehr konnte zurück!« – So scherzt er und Spott und Gelächter Schallt ringsum.                           's ist Krechting vor Allen, der Töne des Muthwills Anschlägt, seit der Prophet sich entfernt mit den ernsteren Schwärmern. Und im beweglichen Volke verkehrt bleichwangiger Ernst sich Zu spottsüchtiger Laune gemach vor der Nonn' und den Mönchlein: Aber zumeist vor Paul, dem bezechten: er taumelte drollig Immer, und suchte zu sprechen mit lallender Zunge. Sie necken, Stoßen ihn. Ausruft Einer im Schwarm: »Ei, wäre nur Fastnacht Heut in Münster, wir könnten das dicke, betrunkene Pfäfflein Herrlich als Morio brauchen – als Narrenpatron, wie wir immer Einen aus Lappen zusammengeflickt, mit strohener Füllung, Und dann hielten mit ihm an der Fastnacht Schlusse den Umzug!« Vielfach schallt's in der Menge: »Bewahrt ihn auf bis zur Fastnacht, Diesen betrunkenen Gauch, daß wir ihn als Morio brauchen!« – »Meint ihr, Leute«, so ruft mit der kreischenden Stimme dazwischen Krechting, »wenn auf den Leib uns der Bischof jetzt mit den Söldnern Rückt, und die Stadt einzäunt und zu streiten es gilt für das neue Sionsreich, daß Muße noch bleibt, um zu feiern die Fastnacht? Denkt ihr ein Schalksnarrenfest altmünsterisch noch zu begehen, Und einen Narrenpatron im Triumph umher zu geleiten, Thut es am heutigen Tag! wir feiern ja heut die Befreiung Von einheimischen Feinden! Die äußern, die Söldner des Bischofs, Steh'n noch bei Telgte zu Hauf'. Wer weiß, wie bald sie heranzieh'n! – Weht doch freier die Luft, da Matthisson mit den finstern Muckern von dannen gegangen. – Ich sehe die fröhlichen Bursche Lips van Straatens um mich und die Leute vom wandernden Stamme. Ei, was sollten nur Alle dahier in Münster umhergeh'n So kopfhängerisch-düster wie Matthisson und wie Rottmann?« – Sprach's; und fröhlich umarmte den höckrigen Kleinen der wilde Knipperdolling: »Du sprichst aus der Seele mir, Bruder!« so rief er. »Wisset«, so fuhr er fort, zu den Fremden im Kreise gewendet, »Wißt, daß jährlich dahier zu Münster ein strohener Popanz, Den wir Morio nennen, als Narrenpatron in der Fastnacht Wird umher im Triumphe geführt. Wenn aber die tollen Tage vorüber, entkräftet die Leiber, die Beutel geleert sind, Und zur Besinnung gekommen die Narren, da schleppen noch einmal Unseren Narrenpatron wir an's Licht; doch diesmal als armen Sünder, und bringen ihn vor ein Gericht, ein eigen bestelltes, Wo man scharf ihn verklagt und sämmtlicher Frevel bezichtigt, Als zuchtlosen Patron, Erzsäufer, gefräßigen Dickwanst, Als Schutzherrn der Verdummung, als Unfriedstifter, mit einem Wort, als Vater und Nährer unzähliger Übel auf Erden. Aber das Urtheil sprechen sodann ihm die Richter, das immer Lautet auf Tod durch's Feuer. Nun wird er auf einen entflammten Haufen von Scheitern gesetzt und verbrannt, daß im Winde die Funken Fliegen vom Markt weit über die Stadt und hinunter zum Aafluß. Sehet, ihr Brüder, so übten den Brauch bisher wir zu Münster! Und nun sag' ich mit Krechting, dieweil wir den Morio haben, Lasset uns Fastnacht halten! Auch ich bin nicht für das ew'ge Augenverdreh'n, Kopfhängen! ich bin so Einer vom alten Schlag, westphälische Art: Dreinschlagen, das will ich von Herzen Gern, wenn's gilt, doch das Schwärmen, das Predigen und das Verzücktsein Steht mir nicht zu Gesicht. D'rum mein' ich mit Krechting, wir sollen Fröhlich sein vor dem Herrn! Wer taugte zum Morio besser, Als der Geschorene da? Wir machten in Münster ja längst schon Ähnlicher stets einem Pfaffen den Morio, als einem andern Gottesgeschöpf! und während er brannt' auf den Scheitern, der Popanz, Dachte so Mancher im Kreis: o wär's doch Dieser und Jener Von den Gesalbten da d'rüben im Domhof! Ja, in die Kutte Hätten wir stets ihn gesteckt am liebsten, den Morio, wenn nicht Ängstlich der Rath uns verdorben den Spaß! Nun, Brüder, nun wollen Wir's nachholen: Ihr wählt die Gerichtsbeisitzer am Marktplatz, Und mich laßt vorstellen den Kläger! dem Moriopfaffen Will ich ein Liedlein singen, wie keines bisher ihm geklungen! Nüchtern gedenk' ich zu machen den Schlucker, wie voll er auch sein mag!« –                   Sprach's und es waren alsbald mit der Nonne die Mönche gehoben Auf ein Gefährt, mit Eseln bespannt, und im tollen Triumphzug Ging's durch die Straßen dahin mit Pfeifen und Trommeln. Es trabten Reiter daneben einher, und ringsum wogte der Volksschwarm. Auch wol Vermummungen trieben sie lärmend, mit Infeln, Talaren, Schimmernden Priestergewändern, soeben den Kirchen entrissen. Wer da im brausenden Trubel am besten das trunkene Mönchlein Auf dem Gefährt nachahmte, dem esel-bespannten, mit Lallen, Oder wer sonst noch geschickt nachäffte der dunkelen Männer Einen, die Münster gekannt und die jetzt aus der Stadt sich geflüchtet, Diesen belohnte die Menge mit lärmvoll jubelndem Beifall. Aber zumeist doch bejauchzt war der lustige Knipperdolling: Denn der äffte den Bischof nach, schritt bald gravitätisch Hin im Ornat, bald regt' er die Hand', als dreht' er die Spindel, Drechselnd, und sang ein Liedlein dabei zum Spotte des Bischofs, Spillendreher ihn schimpfend, dieweil er in Stunden der Muße Drechselnd, so hieß es, bisweilen sich pflegte geheim zu vergnügen. Dreimal wogte den Markt so hinauf und hinunter der Umzug: Und nun hielt er gemach vor den ragenden Stufen am Rathhaus, Wo an erhabener Stelle bereits mit drolliger Würde Saßen die Richter, erkoren vom Volke, zu sprechen das Urtheil. Aber es trat nunmehr der gewaltige Knipperdolling Über die Stufen empor und gebot mit erhobenen Armen Ruhe dem Volk, daß er übe das Amt und die Klage beginne. »Hört, einsichtige Richter!«, so hub er an, »zu beweisen Denk' ich anjetzt, daß der Morio hier mit Recht vor Gericht steht, Als zuchtloser Patron, Erzsäufer, gefräßiger Dickwanst, Als Schutzherr der Verdummung, als Unruhstifter – mit einem Wort, als Vater und Nährer unzähliger Übel auf Erden. Seht ihn nur an, den da mit dem Wanst: eine wirkliche Arche Noah's ist er, der Wanst, die aufnimmt sämmtliche Thierlein – Freilich gekocht und gebraten! doch welcher entronnen der Sündflut, Müßte versaufen im Wein, so da schwabbt in der Arche des Mönches! Morio, sag' einmal, wie viel der geräumigen Fässer Zechtest du leer, seitdem du allein, wie im Kraut der Karnickel, Saßest im Keller des Klosters? Zu Bern, so hört' ich erzählen, Tranken dereinst drei Pfaffen vereint zwei Eimer in sieben Tagen – was schärfet euch also den Durst, ihr Pfaffen? Schon Manchen Gab's, der das Kirchengeräth in der Schenke verzechte! Bei solchem Üppigen Leben, bei solchem Geschlemme daheim und in Schenken, Denkt ihr zu halten das bitt're Gelübd', und das Fleisch zu bezwingen? Wär' das die richtige Kost für Selbstabtödter? »Ein gutes Bißlein«, pflegt man zu sagen, »erwecket die Ader«. Und dazu Lungert ihr müßig zumeist! Ei freilich, ihr faulen und starken Gäuche, was sollt ihr thun? da setzt ihr euch in die Schenken, Nistet euch ein in die Häuser begüterter Leute, scherwenzelt Keck um die Weiblein her! Und die Weiblein dulden's! Natürlich! Solch ein gemästeter Mönch ist in Buhlschaftsschulden ein wack'rer Zahler! Betrachtet ihn, Leute, den Morio! Stellt ihn nur etwas Jünger euch vor: – wie gemacht, nicht wahr? um zu dienen als Burgpfaff Ältlichen Witwen von Adel? Bei Gott, mich wundert es gar nicht, Daß sich vor Kurzem geweigert die wackeren Bürger von Nürnberg, Fort zu Felde zu ziehn, weil sie, wie sie sagten, Bedenken Trügen, die Weiber indessen daheim bei den Pfaffen zu lassen . . . Euch zu beweiben in Ehren und eh'liche Sprossen zu zeugen, Ist euch verwehrt, daß der Diener des Herrn nicht diene dem Weibe. Doch da versagt euch das Eh'weib ist, so beherrscht euch das Kebsweib, Oder die Schaffnerin gar und das dienende Weib in der Küche. Runzelt die Köchin des Pfaffen die Stirn, so erzittert das Kirchspiel. – Frommes, entsagendes Leben, das soll um des Clericus Stirne Spinnen den Heiligenschein, so meinten's die Stifter der Orden. Heiligenschein? ei, wie? was wird aus dem Heiligenscheine, Wenn ein Pfaff in der Gosse sich wälzt, und Nächtens geführt wird Von Stadtknechten hinweg aus der Straße, dieweil er in später Stund' vor der Thür des Bordells als ein trunkener Heide gelärmt hat? Weiß doch Jeder ein Lied vom trunkenen Pfaffen zu singen! Kürzlich gen Osnabrück mit Anderen reis't' ich; wir saßen Auf dem gemieteten Wagen. Da hatten zum Reisegenossen Wir einen Pfaffen, der toll und voll wie ein Kärrner bezecht war. Lallend die Frau'n stets neckt' er im Wagen, und als nun die Nacht kam, Scholl bald hier, bald dort aus der Ecke des finster'n Gefährtes Ängstlich ein weibliches Rufen von wegen des frechen Gesellen. Selber ein ältliches Weib, das im Arm einen weinenden Säugling Hielt, nicht wußte sie, sollte den schreienden Rangen sie stillen, Oder sich scheltend erwehren des frech umtastenden Saufbolds . . . Zornig bedrohten wir ihn, auf die Straße hinaus ihn zu werfen, Aber es half nicht viel. Da bändigt' ihn endlich der Schlummer, Und er legte das Haupt, das weinschwernickende, g'rade Mir auf die Brust; ich lacht' und ließ ihn gewähren: mir macht' es Spaß, wie er arglos schlief, nicht ahnend, der pfäffische Schlucker, Daß er schlief an dem Busen des grimmigen Anabaptisten. Gibt es ein Schauspiel wol, so schnöd, als ein trunkener Pfaff ist? Müßte nur sein, daß der Heuchler noch widriger ist und der Mucker, Der vor den Leuten die Sünden und heimlichen Frevel verkleistert Mit scheinheiligem Firniß. – Auf menschliche Schwächen beruft ihr Euch und natürlich Bedürfniß? O ihr – weit über Bedürfniß Seid ihr verlottert und schmutzig, und Mancher, der sollte der Hirt sein, Lebt als das räudigste Schaf oft selbst in der ganzen Gemeine! – Nein, nicht menschliche Schwäche nur ist's, die bricht das Gelübde; Denn ihr macht das Gelübd' mit dem Vorsatz schon, es zu brechen! Einst wol führte den Frommen ins Kloster der Drang der Entsagung, Jetzo den Faulen der Drang, ein behaglich Leben zu führen. Was einst Fromme gestiftet für heilige Diener der Kirche, Jetzo verzehren's die Diener des Bauchs. Und daß euch der Seckel Allzeit strotze, verkauft ihr der Einfalt schmunzelnd den Himmel, Schier wie der Fuchs, der den Mond im Brunnen als Käse verkaufte Seinem Gefährten, dem Wolf. Nur wenn in dem Kasten der Pfennig Klingt, sprach Tetzel, da springt aus dem Feuer das büßende Seelchen! Ist nicht lange genug schon das Silber der Deutschen in wälschem Schreine gewandert nach Rom, um die päpstlichen Lüste zu füttern? – Ja, in weltlichem Sinn hinlebt ihr, das Geistliche thut ihr Lässig und eilig nur ab. Ihr plappert die Messe herunter, Worte verschluckend, daß Gott im Himmel die Sprüchlein so wenig Als ihr selber versteht. Ihr verstehet sie nicht , denn vergessen Habt ihr euer Latein. Unwissende seid ihr und Tröpfe, Sprecht wie die Mastschweintreiber, und möchtet die Leuchten der Welt sein? Meint ihr, die heilige Weihe, sie mache zum würdigen Pfaffen Den hainbüchenen Klotz? da irrt ihr: was hilft es dem Langohr, Wenn er's Ciborium trägt? In den Klöstern die Büchergestelle, Wie sie gelehrtere Väter und frömmere Männer errichtet, Was sind diese für euch? was soll denn der Kuh die Muskatnuß? Salz der Erde, wo bist du? Wol mag's noch Etliche geben, Wie der bewanderte Lange vor Jahren in Münster gewesen, Und wie ich selber den wackern Ambrosius Haßlinger kannte, Den Traumüller , den Edinger auch, und den würdigen Hülskamp: Aber die Meisten von denen, die heut sich scheeren die Glatze, Sind von verlotterter Art, sind Buhler und grobe Bacchanten! Und da wundert es Manchen, daß nirgends mehr in der Welt noch Einer was hält auf Pfaffen, und daß man die Kirche verachtet? Unglückseliges Rom, das in solchen gefährlichen Zeiten Solcherlei Rüstzeug hat! Nicht schlagen die Ketzer und Feinde , Nein, nur die Söldner der Kirche – die schlagen die Dauben dem Faß aus! Pfaffe, was hast du zu sagen zu deiner, und deiner Gesellen Schutz und Verteidigung? sprich!« –So rief in's Ohr der gewaltige Knipperdolling dem Mönch, dem bezechten. Doch der war inzwischen Ruhig entschlummert. Er hatte das Haupt, das beschwerte, zur Seite Gegen die Nonne geneigt, und ruht' ihr über der Schulter. Doch jetzt wandte der Kläger zum anderen Mönch sich und sagte: »Du da, hag'rer Gefährte des wänstigen Moriobruders, Schier zu vergleichen wie eine von Pharaos mageren Kühen Neben der fetten, und neben der satten die lüsterne Todsünd', Meinst du, daß fertig ich sei mit dem Sündenregister der Pfaffheit? Dünkst dich besser als dieser, dieweil dir mangelt der Dickwanst? O, ich kenne dich wol! Du bist von dem Holze, von welchem Man zwar nicht Burgpfaffen mit kupf'rigen Nasen, doch Henker Schnitzelt und Hexenverbrenner! Wer ist rachsüchtiger, frag' ich, Als ein Pfaffe? Dieweil euch die fröhliche Liebe verboten, Haßt um so gründlicher ihr. Wie viel Erzengel auf einer Nadelspitze zu sitzen vermögen, das glaubst du zu wissen? Und wer zweifelt an dir, den bedräu'st du mit Folter und Holzstoß! Mönchshand hat Jahrhunderte lang Brandscheiter geschichtet Gott zur Ehr'; ließ Haufen von zauberverdächtigen Weiblein, Haufen von Ketzern den Stoß in geschwefeltem Hemde besteigen: Ewig steht sie, die Säule des Rauchs – Schandsäule des Mönchthums! Mönchshand stieß in die Kerker hinab die erlesensten Geister! Mönchshand metzelte jüngst sechstausend Täufer in Holland . . . Ist denn immer der Mönch nur ein Mast thier, oder ein Raub thier? Sagt doch ein Sprüchlein: Der Mönch – wenn schwarz, so ist es der Teufel, Und wenn weiß – so ist es die Frau Großmutter des Teufels!« – Also der Kläger: es lohnt' ihn der Schwarm mit Gelächter und Beifall. Aber es hatten, von Krechting geleitet, inzwischen die braunen Söhne des wandernden Stammes entflammt einen mächtigen Holzstoß , Den sie grinsend umtanzten mit frech-muthwilligen Sprüngen. Jetzo ruft, der da führt, hoch wölbend die Brauen, den Vorsitz In dem Gericht, van Straaten, der Gaukler: »Nun kneipt mir den trunk'nen Morio, daß er erwach', und ziemend vernehme das Urtheil!« Und es erwachte der Mönch, von den Händen der Männer geschüttelt. Nochmals führt zu Gemüthe der Richter ihm, daß er bezichtigt Als »zuchtloser Patron, Erzsäufer, gefrässiger Dickwanst, Als Schutzherr der Verdummung, als Unruhstifter – mit einem Wort, als Vater und Nährer unzähliger Übel auf Erden«: Und dann wandt' er zum andern, dem hageren Moriobruder Sich, und bewies, daß beide nun erst im Vereine der rechte Völlige Morio seien, daher sie billig das Urtheil Treffe vereint. Sie sollten zuerst ablegen die Kutten, Werfen ins Feuer sie stracks: dann wolle man gnädiger strafen. »Petrus!«, rief er, »bedenk', daß die Schlüssel des Himmels in and're Hände gerathen! Du, Paulus, bedenk', daß du nur ein Saulus! Und so besinnt euch rasch! denn so ihr dessen euch weigert, Wird man verfahren mit euch nach dem Moriobrauche der Väter!« – Peter, der Hagere, stand mit finsteren Blicken und stummem Trotz vor dem Volke. Doch Paul, der gemästete, als den Bescheid er Hatte vernommen, auch einigermaßen dabei sich ernüchtert, Drohend umringt, abzog er die weinig triefende Kutte, Warf ins Feuer mit raschem Entschluß sie, rufend: »In Gottes Namen! ist letztlich die Zeit in Wahrheit also verändert, Und die Geschornen vertagt und die Keller der Klöster geleert auch, Will ich von heut' kein Pfaff mehr sein!« – Beifälliger Zuruf Scholl im Volk und Lips van Straaten, der munt're, begann so: »Höret anjetzt, ihr Männer, den Urtheilsspruch, den ich künde! Weil sich der Morio nur zur Hälfte bekehrt, und zur Hälfte Trotzt, muß zwiefach sein auch der Spruch. Der Bekehrte, der Dickwanst, Werde belohnt, indem man ihm die gesegnete Nonne Gibt zum Weib, zu welcher ihn zog ein heimlicher Drang schon, Denn ihr saht, wie er traulich auf sie sich im Schlafe gelehnt hat! Aber der Hagere da, der schweigend noch immer in schnödem Trotze verharrt« – »Ins Feuer mit ihm!« so kreischte der wilde Krechting; »ins Feuer mit ihm nach dem Moriobrauche von Münster!« – Aber nun plötzlich erscheint der Prophet inmitten des Volkes Wieder; um ihn das Gefolg der Getreusten, der Feurigen, Ernsten, Und der Verzückten und Seher, die ihn wie Trabanten umgaben. Finster und unwirsch blickt' er: das lärmende Thun mißfiel ihm, Und von den Rathhausstufen herab ansprach er die Menge: »Bürger von Sion! mich dünkt, mit eitlem Gejauchz' und Gelärm' nicht Gilt es zu feiern den Tag der Befreiung! Den Bürgern von Sion Ziemt ein heiliger Ernst nur! Des inneren Wortes Erweckung, Welches erlösen die Welt nun soll, nicht ist sie vollendet: Einkehr heischt sie ins Herz, nicht lärmendes, eiteles Treiben. Viele noch gibt es, ich seh's, die im Geist nicht wiedergeboren! Freiheit, Brüder, sie hat's nicht Noth, daß sie feiert ein Sieg'sfest, Auf Marktplätzen und Straßen, bevor nicht frei, wie von außen, Auch von innen wir sind, und gesichert was kaum wir errungen. Sendet den Mönch zum Thore hinaus in das Lager des Bischofs!« »Das ist's«, rief nun Lips, »was ich selber gedachte zu sagen. Hört, wie als Richter ich's meine. Dieweil im Trotze der Hag're Schweigend verharrt, so soll man sofort mit Stricken ihn binden Auf einen Esel verkehrt, und hinaus durch's Thor auf die Straße Jagen gen Telgte den Esel, hinein in das Lager des Bischofs! – Fahr' wol, Freund, und berechne, wie viel Erzpfaffen auf einem Eselsrücken zu sitzen vermögen!« – Er sprach's, und gebunden Ward auf den Esel der Mönch und hinaus gen Telgte getrieben. »Aber in's Feuer«, so rief noch Lips, »in den brennenden Holzstoß Werft die Traktätlein des Mönchs, die in unseren Händen geblieben!« Und man warf in die Glut die Traktätlein des hageren Mönches, Sah sie mit Jubel verkohlen. »Ins Feuer mit Allem«, so scholl es, »Was noch übrig in Münster von solchen Scharteken des Mönchthums!« Und nun schleppte man fröhlich die Reste papistischer Schriften Aus den Behausungen her und warf in die Glut sie mit Jauchzen. »Männer von Sion, ich lob' euch«, begann nun der Meister von Harlem, Fieb'risch erglühend, »daß, wie ihr zertrümmert daheim und in Kirchen Heute die Bilder, damit nicht mehr sie ihn trüben, des Geistes Bildlos sich in die Tiefen der Wahrheit tauchenden Augstern, So auch jetzo vernichtet den Rest des papistischen Schriftthums! Aber ich sag', nicht sollten allein die Scharteken des Mönchthums, Nein, ihr Männer von Sion, es sollte verstummen das ganze Krause Geschwätz' und Gelärme des äußeren Worts in beklexten Pergamenten und Blättern, das ganze papierene Babel , Das unendlich sich thürmend, wie einstens das steinerne Babel, Zungen und Geister verwirrt. Was sind sie, die Bände, die Rollen, Welche die Menschen gehäuft, und worein sie sich brütend versenken, Ohne doch je zu erlauschen des innersten Geistes Verkündung? Die Buchklexer, sie ließen entarten das ehrliche Wort längst Zum buntlappigen Schalk, zur bepinselten Metze die Wahrheit! Und die Gelehrten, was thaten sie anders, als hüten der Weisheit Goldene Barren, anstatt sie zu nützen? Wie Kinder, so plappert Einer dem Andern nach die Orakel der ewigen Wahrheit, Und nicht Einer bedenkt, daß das Herz sie sollten befeuern! Todt ist die Buchweisheit: d'rum soll der beseelte Gedanke, Und das lebendige Wort nun springen in zündenden Funken Mitten im Volk von Stirne zu Stirn, von Lippe zu Lippe! Längst schon ist sie gefunden, die Wahrheit, aber sie modert Seit Jahrtausenden schmählich in Schränken; hinaus denn ins Leben, Frisch hinaus! ei was da gedruckt , ei was da gebunden? Nein, von Druck und Banden befreit, wie der Vogel in Lüften, Soll sie fliegen, und singen von jeglichem Wipfel ihr Liedlein! Kalt ist der Buchstab', aber das Wort, es glüht und es zündet! Wie uns erstarrte das Bild , so ist uns erstarrt auch der Buchstab, Uns zum Dämon geworden, anstatt zum Befreier und Mittler! Darum hinweg mit dem Wust, der die inneren Quellen verschüttet! Laßt nur verstummt erst sein im Gesümpfe den quackenden Froschchor, Und ihr werdet den Sprosser alsbald im Gebüsche vernehmen! Erst wenn ganz wir befreit, wenn ganz wir verjüngt und erneuert Sind von innen heraus, dann mag auch das Bild und das Wort sich Wieder verjüngen und wieder zu Ehren gelangen der Buchstab'. Doch kein Mitleid jetzo für diese verlotterten Sünder! Was sie zusammen gesündigt, das sollen zusammen sie büßen! Werft in's Feuer die Bücher, so viel noch zu finden in Sion!« Solches und Anderes sprach der Prophet. Da qualmte der Holzstoß Höher empor, und es schleppten herbei die sionischen Bürger Nach dem Gebote des Bäckers von Harlem Bücher und Schriften, Feurig erregt. In den Hallen der eilig verlassenen Klöster Standen des Schriftthums Schätze bestaubt, vom Folioriesen Bis zum winzigen Zwerg. In der Eingangshalle des Doms auch War seit Jahren gehäuft des gedruckten, geschriebenen Reichthums Fülle, der Stolz von Münster, zum Nutzen der ganzen Gemeine. Rascher entleert als gefüllt nun ward sie, die räumige Halle! Hei, wie da im Gedränge der Eifrigen wieder vor Allen Knipperdolling sich regte, mit ihm auch der riesige Tylan! Triefend von Schweiß, auf den Armen und wuchtigen Schultern getragen Brachten sie Berge von Bänden, erstickend beinahe den Holzstoß, Wenn sie die wuchtige Fracht auf die brennenden Scheiter entluden! Anders bemüh'te sich Krechting: mit helfenden Schaaren zum Rathhaus Eilt' er; aus den Gemächern und moderbestaubten Archiven Bracht' er der Stadt Urkunden geschleppt: die verwitterten Schriften, Die Privilegien, Pflichten des Raths, des Capitels, der Gilden, Obrigkeitlich und bürgerlich Recht, Schuldbücher, und Alles, D'rauf des Besitztums Ordnung der Bürger zu Münster beruh'te. All' das bracht' er geschleppt und lachend, mit höhnischer Freude Sah er in knisternder Flamme die gelblichen Blätter verkohlen. Und wie ein Taumel ergreift nunmehr des Verbrennens, Vernichtens Lust die Gemüther; es bringt frohlockend der Schüler die Büchlein, D'rüber er schwitzend gesessen; und selbst der Magister, vom wilden Geiste des Tages ergriffen, gehorcht dem Gebot des Propheten, Und mit Freuden entleert er den Schrank in die lodernden Flammen. Horch, aus dem Holzstoß klingt's, wie die wimmernden Seelen der Bücher! Wie das prasselt und glüht! Wie in wehender, wallender Lohe Kochend die bräunlichen Massen mit schwarzen, verkohlten sich mischen, Durcheinander sich drängen, als wollten der Qual sie entfliehen Aus der verzehrenden Glut! Es rollen sich knisternd die Blätter Eins nach dem anderen auf, als blättr' in dem Buche des Teufels Faust: ha, wie sie sich windend und krümmend verlodern, verkohlen! Wo nicht selbst sie die Flamme berührt, da setzt sie der Gluthauch Schon in Brand, der heiß sie umweht, und es bricht aus erhitzten Massen die Lohe von selbst wie aus leichtem entzündlichem Schwefel. Aber es bleibt noch zurück ein spinnwebdünnes Geblätter, Und auf dem stofflos-leichten verkohlten Geblätter ist lesbar Stets noch die Schrift – Buchstabe, du zäher Geselle, so lange Trotzest des Feuers Gewalten du noch und der Rache des Schicksals? Und das Geblätter, es flattert empor, von den Lüften getragen, Stöbert umher um den Stoß, wie der Flaum, wenn Tauben der Geier Zauset in wehender Luft . . .                                               Heißa; wie poltern die wucht'gen Folianten hinunter, daß hoch aufstieben die Funken, Während im Sturz sie zu Asche die glimmenden Scheiter zermalmen! Hei, an diesen wol nagt er sich müde, der glutende Wolfszahn! Schier zu kurz ist der Zahn, zu enge der feurige Rachen, Um zu zerkau'n, zu verschlingen die riesig gewaltigen Massen! Ha, wie wehrt sich und sperrt sich das Ledergebinde, das zähe! Aber des Glutelements unermüdlich erneuerter Anfall Zwingt es zuletzt; in verdoppeltem Qualm hin über den Marktplatz Wogt mißduftiger Rauch von den glimmenden Resten der Thierhaut. Lips von Straaten, der Gaukler, mit lustigen Reden und Sprüngen, Schnüffelt er, wittert er immer umher an dem brennenden Holzstoß, Schwörend, er witt're genau die verschiedenen Gerüche heraus noch Von den verkohlenden Häuten: es dampfe heraus aus den Flammen Noch von Esel und Bock und Rind und Schaf, die den Büchern Hatten die Häute gelieh'n, und oft mit den Häuten – die Seelen . . . »Dies Fegfeuer, es reinigt gewißlich in Sion die Lüfte«, Fügt er hinzu; »ei, glumset und gloset nur, Böcklein und Langohr! Zeit ist's, daß ihr nun endlich zum fegender Feuer verdammt seid!« – Lustig genährt, wächst riesig der Brand in der Mitte des Marktes. Hei, wie thürmt sich genüber den stolzen Palästen der Holzstoß, Selber ein Flammenpalast! Hoch züngeln als goldene Zinnen Flammen ins Blaue hinauf! – Endlos um die glühenden Scheiter Über einander gehäuft wächst riesig das flammengeweihte Schrifttum – nur allmälig vermag man's zu bieten der Lohe, Die schon allzu bedrohlich durchglutet die Lüfte. Gethürmt ist's Bis zu den Rathhausstufen hinan. Auf der höchsten der Stufen Steht der Prophet und nimmt, zornvoll, ein Buch nach dem andern Aus den geschichteten Haufen und wirft es hinab in die Flammen. »Welch' unendliche Fülle gedruckter, beschriebener Blätter!« Ruft er mit bitterem Lächeln. »Wie viele geschwätzige Blätter Hängen am Baum der Erkenntniß, und ach wie so wenige Früchte! « Wieder ergreift er ein Buch, er streift mit dem Blicke die Umschrift, Und er lies't: »» Theophrastus, vom innersten Wesen der Dinge: Handelt von heimlichen Kräften der Steine, der Pflanzen und Thiere. «« »Liegen sie nicht in uns selber , die besten der magischen Kräfte? Denken wir d'ran, sie zu nützen! In's Feuer mit dir, Theophrastus!« Wieder ergriff er ein Buch und las: » Von den Thaten des großen Alexander, wie weit er in Persia, India vordrang « – »Ei, was soll es uns helfen, wie weit Alexander gedrungen, Wenn wir, es lesend, nur um so beharrlicher hinter dem Ofen Sitzen, gebogene Rücken und schwächliche Beine gewinnen? Selbst ist der Mann! Wer thut, was er soll, ist so groß wie die Größten! Fort – in's Feuer hinab mit dir, Macedonierkönig! –« »» Commentarius «« . . . Notengestrüpp, wo der Wicht den gelehrten Gegner mit seinem Latein und mit gröblichen Wendungen abtrumpft . . .«« Fort in die wabernde Glut! – Ei, »» Quintessentia rerum , Schule der Weltweisheit, der gesammten, so alten als neuen, Handlich geordnet «« –»ich wette, der Bursch hat selber im Traume Nimmer geahnt, daß auch noch zu Anderem da ist die Weisheit, Als so handlich geordnet zu steh'n auf den Büchergestellen« . . . »» Petri Fels: Grundveste des heiligen, römischen Papstthums «« Und hier: »» Lutheri Spiegel der Ehren – der Kampf mit dem Papstthum! «« Wörtergezänk – noch balgt kleingeistiger Troß in des Tempels Vorhof sich, wenn längst schon entriegelt das Inn're des Tempels! Fort in die Glut ihr beide zugleich, kleingeistige Zänker!« – Und nun reicht ihm ein Buch aus dem Haufen der grinsende Krechting: »Ei, da siehe, das Wort, das geschrieb'ne, verehrte: die Bibel! « » Bibel ist Babel! « versetzt der Prophet, und in wilder Verzückung Fügt er hinzu: »Hinab auch die Bibel!« Da nahte der bleiche Rottmann schüchtern dem Meister: »Enthält nicht Wahrheit die Bibel?« – »Bruder«, versetzt der Prophet, »Was ist Wahrheit?« fragt schon Pilatus. Manchmal wird ihr zu Muthe, der Wahrheit, schier wie dem Vogel, Welcher sich mausert, und mehr, es wird ihr zu Muth, wie dem Vogel Phönix im Araberland! Da meinen so Manche, sie dürfe Nicht so thun, wie der Phönix im Araberlande: sie müsse Thun wie die Eule , die lichtscheu hockt im Geklüft, und der Ibis, Der träg füttern sich läßt von den Händen der Priester im Tempel. Ja, Kleinmüthige sagen, man müsse sie unter den Glashut Stellen und doppelt verehren die alternd-gebrechliche, doppelt Ängstlich sie hüten und schonend ihr fristen das schwächliche Leben. Wisset, ihr Männer, im Dome zu Lübeck sah' ich ein Weiblein Unter dem Glas, nur so groß wie ein Mäuschen . Ihm wurde durch Zauber, Als es ein Mägdlein war, in frischester Schöne noch prangend, Ewiges Leben verlieh'n, doch zugleich nicht ewige Jugend. Und so ist sie verwelkt und vergilbt und vertrocknet zum uralt Runzligen Mütterchen erst, und endlich zur Größe des Mäusleins Ist sie zusammengeschrumpft. Es durchscheint ihr die Glieder die Sonne, Hält man sie gegen das Licht. Wie ein Fötus im Leibe der Mutter Hockt sie und brütet so hin und regt sich nur einmal im Jahre. Sehet, das wäre das Loos auch der alternd-erhaltenen Wahrheit! Aber sie will sich verjüngen! Sie will nicht thun wie die Eule, Nicht wie der Ibis, noch leben so hin, wie zu Lübeck das Weiblein Unter dem Glas im Dome! Sie will so thun wie der Vogel Phönix im Araberland! Sie will ihr eigener Sohn sein, Wie ihr eigener Vater! Sie will ihr Unsterbliches retten, Opfernd das Sterbliche kühn! Was verbrennt, ihr sterbliches Theil ist's!« – Also rief der Prophet, und wie er in Hallen des Domes Hatte die Bilder herunter gestürzt, daß erbebten die Grüfte, So auch warf er in lüstern entgegen ihm züngelnde Flammen Jetzo das heilige Buch, machtvoll, aus erhobenen Händen: Gierige Lohe verschlang's, und es wühlte nunmehr auch die glühe Teufelsfaust in den Blättern der heiligen Apokalypse . . . . Wieder ein anderes Buch nun reicht ihm der grinsende Krechting, Und er las: »des Ovidius Naso Göttergeschichten, Zierlich anjetzt in Reimen verdeutscht .« Ein stattlicher Band war's, Und mit Bildern der Götter und Göttinen lieblich geziert auch. »Fabelgeschwätz«, so rief der Prophet, mit düsterer Strenge; »Tand, der die Geister entfremdet dem Ernst, mit lieblichen Worten Und mit üppigen Bildern in weichliche Träume sie wiegend – Fort auch dieses!« Er rief's, und erhob in den Händen das Buch schon, Um es mit kräftigem Schwunge hinab in die Flammen zu schleudern. Doch wer tritt da plötzlich hervor? Ha, siehe, der bleiche Träumer, der Jüngling-Mann, mit den reinen und stolzen und ernsten Zügen, den sehnenden Augen, den Lippen, die dürsten nach Leben, Jan von Leyden . Zuerst am heutigen Tag, seit jenem, Da er nach Münster gelangt, entreißt er dem brütenden Schweigen Sich, worein er versank, zu vereinen sich mühend des Meisters Lehre, die kühn zwar, frei, doch düster und ernst, mit dem eig'nen Gährenden Drang, den Gedanken der eigenen feurigen Seele. Nicht ein Laut war entfloh'n seit Wochen dem Munde des Träumers: Doch nun trat er hervor und, erfaßend den Arm des Entflammten, Rief er ihm zu: »Halt ein, o Prophet! nicht allzugewaltig Schür' und nähre den Brand, sonst wird er, uns über den Scheitel Wachsend, auch Sion verzehren zugleich mit dem schuldigen Babel! Laß uns den Naso, Freund! laß leben in Sion die schönen Fabeln und Bilder der Dichter! Es wechselt auf Erden die Wahrheit, Ewig wahr ist die Fabel allein auf den Lippen der Sänger! Wirf ins Feuer die Bibel, und lösche die Lampen, die dämm'rig Matt uns erhellten die Nacht, da es Tag nun geworden; doch nimmer Schmähe das liebliche Licht, das aus wieder erstandenen Rollen, Wieder erstandenen Bildern der Heiden heraus uns den ersten Heiteren Stral in die dunkle, die mönchisch-verdüsterte Welt warf! Sie, die aus Welschlands Schutte gegraben die Bilder der alten Götter, ihr Grabscheit war's ja zuerst, was die Festen des Mönchthums Schaufelnd gelockert, eh' Wort und Schrift sich zur Fehde beflügelt! Ist durch sie doch der lieblich-erhabene Name der Schönheit Über die Alpen gedrungen: da sah'n wir, wie trüb und wie traurig Hier uns das Leben umgab, und es floß in verkümmerte Seelen Wieder ein männlich Gefühl, es erschlossen sich wieder die Sinne. Wirf ins Feuer was todt, o Matthisson, doch verschone Was zu erneuertem Leben erwacht! Da den Phönix der Wahrheit Du hellblickend erkannt, der, alt und schwach, in die Flammen Eben zu stürzen sich sehnt, so verkenne den Phönix der Schönheit Nicht, der soeben verjüngt aus dem flammenden Grab sich emporhebt! Wie du die Evangelisten gestürzt und die Bibel verbrannt hast, Hat man nicht so dereinst auch die heiteren Götter der Alten Grollend ins Feuer gestürzt? Doch sieh', es verzehrten die Flammen Auch nur ihr sterbliches Theil – als Götter nur sind sie vernichtet, Aber als leuchtende Bilder der Schönheit, Leben-verklärend, Sind sie nun wieder entstiegen dem Grab: frisch, hehr, in verjüngtem Reize verbünden sie sich dem befreienden Geiste der Zeiten, Unserem Geist, dem die Stätte wir eben bereiten in Sion! Laß uns den Naso, Freund, und der Anmuth heiteres Erbe; Laß uns die lieblichen Märchen, die lieblichen Bilder der Dichter!« – Also der muthige Jüngling. Da war wie getroffen ins tiefste Herz der ergraute Prophet. Sein flammengehärteter Sinn war Einwurfs nimmer gewohnt. »Man merkt«, rief er, »daß umher du Zogst mit der Rotte der Gaukler, der liederlich-schnöden Gesellen: Liederlich sind sie ja immer, die Gaukler, die Comödianten! Liederlich sind sie, die Singer und Reimer, die Lautner und Harfner! Liederlich sind, die hantiren mit Pinsel und Meißel! Sie geben Ehre mit zierlichen Worten dem Schönen, in lieblichen Bildern Stellen sie's dar; sie erbauen die schönsten, die herrlichsten Tempel, Aber im eigenen Geist, tief drinnen, da sind sie des Unflaths Voll und der Unschönheit, unlauteren Sinns und verwildert! Und indeß um sich her sie verklären die weltlichen Dinge, Hängt es wie Spinnengeweb' um ihre unsterblichen Seelen! Seht, wie Babel sich brüstet mit üppig-verlockenden Künsten! Seht, wie zu Rom auf dem Stuhle der Päpste der weichliche, bunte Tand mit jeglicher Schmach sich verschwistert! Da herrschet die Hoffart, Und die Tiara befleckt sich mit heimlichem Mord und mit Blutschand! Darum stürz' ich mit allem papistischen Zauber auch diesen! Darum verbann' ich aus Sion die weichlichen, üppigen Künste! Darum schleudr' ich hinab in die Glut dies Buch wie die andern!« – »Willst du von Neuem«, so rief der erglühende Jüngling, »zur düstern Zelle gestalten die Welt, nur daß uns der Zauber des Schönen Nicht zum Bösen verlocke? Mir trachtet die Seele nach reinem, Göttlichem Leben wie dir! doch wahrlich, ohne der Anmuth Herzenerhebenden Reiz, nicht möcht' ich leben auf Erden, Auch mit Heiligen nicht! Und kannst du des Guten und Edlen Würdigen Ernst nicht einen mit heiterer Freude des Lebens, Sag' nicht, daß du erlöset die Welt und begründet das neue Sion, die Stätte des Heils! – Du saßest in einsamer Zelle, Still, dein schwärmender Sinn, zuwandt' er sich immer nur einem Pole des Lebens: es wölbte sich eng dir der Kreis der Betrachtung Über dem Haupt! Ich aber, ich habe durchwandert die Lande Jugendlich offenen Sinns; von wärmerer Sonne befeuert Ward mir das Blut, und zerstreut hat helleres Blau mir die nord'schen Nebel im Geist. So erschloß sich die Welt mir des Geistes und Herzens Voll und ganz: nun glüh' ich nach Einem: zu schauen auf Erden Endlich in seligem Bunde vereinigt die Lust und die Tugend! Siehe, so spiegelt sich anders in deinem und anders in meinem Geiste das Sionsreich! Bis hieher, o Meister von Harlem, Sind wir zusammen gewandert; nun aber, nun zweiet der Pfad sich Dir und mir: so entfalten geschiedene Banner in Sion Wir in ehrlichem Streit, und den Irrenden richte das Schicksal!« – Also der Jüngling, und rings aufhorchend erschrack die Gemeine Vor den gewaltigen Worten, mit welchen dem hohen Propheten Jan von Leyden getrotzt. Es erstaunten die Bürger von Sion Vor des gebietenden Jünglings Gestalt und es neigten im Stillen Schon sich die Herzen ihm zu, durch heimlichen Zauber gewonnen. Aber es stand todtbleich der Prophet, wild rollte das Aug' ihm Unter den buschigen Brau'n. Ihn befiel ein Zittern – zur Ruh' dann Winkt' er das leise Gemurmel im Volk und gedachte zu reden . . . Doch nun drängen heran sich eilende Boten. Sie melden, Daß ausbrachen gesammelt am heutigen Tage des Bischofs Schaaren von Telgte gen Münster, und schon von den Thürmen der Stadt sich Zeige der nahende Feind, sie mit stürmender Hand zu befehden. Mächtig drohe das Heer, denn es sei mit reisigem Hilfsvolk Und mit Kriegesbedarfe verstärkt von rüstigen Nachbarn, Cöln und Cleve voran, und sogar auch der luther'sche Hesse Stelle sich unter die Fahnen des Pfaffen im Streite gen Münster. Heftig erregt war das Volk. In sich wie zusammengesunken Schien der Prophet. Doch endlich erhob er aus brütendem Schweigen Wieder das Haupt und wie tobend mit heftiger Stimme begann er: »Männer von Sion! es nahet der Feind, daß ich kämpfend und siegend Auch den Bethörten in Sion bewähre die göttliche Sendung, Welche hierher mich geführt. Obsieg' ich den äußeren Feinden, Werden beschämt mir vor Augen die heimischen Gegner verstummen! Wisset, ihr Brüder im Herrn! seitdem ich geschritten durch Münsters Thore, hat kaum einmal mir der Schlummer die Lider der Augen Leise berührt; kaum fand ich die Zeit, um die brennenden Lippen Mir zu benetzen des Tags einmal, wenn eifernd von Morgen Bis zum Abend ich rang, um das Sionsreich zu begründen, Mahnend und predigend immer, das innere Wort zu erwecken. Heiß kocht mir das Gehirn wie in ewigem Feuer; denn groß ist, Drückend und schwer ist das Werk, zu welchem der Herr mich berufen . . . Und nun sollte das Wort des Propheten in Sion geschändet Sein, und der Lüge geziehen der Geist, der in mir sich verkündet?« . . . So der Prophet. Da versagt' ihm die Kraft und die Stimme. Gebrochen Sank er in Rottmanns Arme. Doch neu aufrafft er sich wieder: »Männer von Sion«, so rief er mit fieberisch-glastenden Augen; »Gehet nun hin, und schließet die Thor', und umgürtet die Waffen, Harrend der Stunde, die nahet, bevor noch die Sonne zum zweiten Mal gen Westen sich neigt, und in welcher es Allen euch kund wird, Was mir die Stimme des Herrn in die flammende Seele gelegt hat: Ja, geht hin, und harret der Stunde, in der ihr mit Augen Schaut, wie der Herr durch mich und die Treuesten meiner Erkornen Sion führt zum Triumph und das Wort des Propheten verherrlicht!« – Sprach's und entließ mit dem Wink die Versammelten. Wogend vom Marktplatz Strömte zurück in die halb schon umdunkelten Gassen die Menge, Stürmisch erregt, in Gesprächen, entgegen mit feurigem Muthe Blickend dem kommenden Tag, und erglüht, sich zu rüsten zur Abwehr. Vierter Gesang. Die Nonne.                 Schwere Geschütze durchrasseln die Stadt auf rollenden Rädern Nachts und im grauenden Morgen. Wo nicht Zugthiere bereit steh'n, Hand anlegen die Männer, die Weiber. Geschleppt auf die Wälle Wird nun der Burlebaus und der Umpenplump und der Satan , Wird Basilisk und Adler und Kauz , und was sonst noch zu Münster Von rundlippigen Schlünden in Händen der Täufer. Die faule Grete nur bleibt auf dem Markte zurück. Schwerfällig, und mühsam Ist sie vom Orte zu rücken: darum auch heißt sie die faule . Und man weis't auf dem Markt ihr den ständigen Platz vor dem Rathhaus, Daß als die mächtigste sie von den Donnergeschützen zu Münster, Dröhnend bedeute den Streitern von Sion die Stunde des Angriffs. Doch nicht auf die Umwallung allein, auf der Häuser Bedachung, Jener, die nahe dem Wall, hinwälzt man die ehernen Schlunde: Hinter den Luken der Thürm' und den Löchern, in Mauern gebrochen, Gähnen, noch schweigend, die Röhren: wie Drachen, die lauernd am Eingang Kauern des Felsengeklüfts. Blockhäuser umragen die weite Stadt, vor jeglichem Thor ist erhöht ein gewaltiger Erdwall. Aber das Inn're von Münster, zum Zeughaus hat sich's verwandelt, Zu Werkstätten die Häuser am Markt, wo schwitzend berußte Männer am Glutherd steh'n und ein stählern Geklirr und Gehämmer Unablässig erschallt. Es beseelt Ein Geist die Bewohner. Knipperdolling und Krechting durcheilen die Gassen wie rasend, »Kommt«, so rufen sie, »klettern wir auf zu den Spitzen der Thürme! Nieder mit ihnen! auf daß wir mit Mörsern bespicken die Plattform! Was hoch ragte, das soll nun erniedriget werden in Sion!« – So durchlodert der Eifer die Stadt. Doch verborgen in stiller Zelle noch weilt der Prophet: es erblickt ihn Keiner im Schwarme. Einsam stand im Gemache der Greis, mit stierenden Augen Gegen die Wände gekehrt, nicht Trank noch Speise verkostend. Hat ihm gebrochen die Kräfte der Drang des vergangenen Tages? Ganz ihm die Sinne verwirrt?                                                 Nun sinken die Schatten des Abends: Und es vertheilen die Führer die Thore der Stadt zur Bewachung. Erst auf dem Markte versammeln die Schaaren sich, hören die Losung, Ziehen bewaffnet dahin, wo man ihnen gewiesen die Posten. Aber der Jüngling von Leyden, er leitet die Schaar, die gesandt war Zu dem Servatienthor, wo nahe der Mauer das Kloster Nitzing ragte, verödet nunmehr, da entwichen die Nonnen. So war genahet die Nacht. Da tritt aus der einsamen Zelle Plötzlich hervor der Prophet und besteigt sein Roß und umgürtet Sich mit gewaltigem Schwert. Es umgibt ihn ein Haufe verzückter Schwärmer, gewaffnet wie er. Was sträubt so verwirrt auf des Greises Haupt sich das graue Gelock? was erglänzen so gläsern die Augen? Was stiert drinnen so schaurig? –                                                       Es ist der umnachtende Wahnsinn! Ihn, den Giganten, ihn selbst hat so des gewaltigen Schicksals Blitz nun ereilt, auslöschend des himmelanstürmenden Geistes Leuchte: gebrochen, und doch noch trotzend, ein Nebucadnezar, Schwankt er den Seinen voran. Und es merket zu Münster es Keiner, Daß wahnwitzig der Meister . . . wer schiede zu Münster den Wahnsinn Von der Begeisterung noch? Voraus ihm, dem irren Propheten, Rennt ein Verzückter und ruft, er sehe die Schaaren der Engel Himmelherab sich senken, zu theilen den Streit der Entscheidung. Und dies schrie der Verzückte mit tollen Geberden, als wollt' er Fliegen den himmlischen Schaaren entgegen, und drehte nach rückwärts Weiter und weiter das Haupt; aus den Höhlungen traten die Augen, Starr nach oben gerichtet; er fiel auf den Rücken und wälzte Sich auf dem Boden zuletzt, und es trat auf die Lippen der Schaum ihm. Andere ritten dem Zuge voran, und riefen die Bürger Auf in den Straßen, sich rasch zu gesellen der Schaar der Erkornen. Und in Wahrheit kamen Begeisterte, hörend den Zuruf, Feurigen Muths, und folgten der Schaar, der erwählten, des Greises Dort mit dem stierenden Blick und mit dem verwilderten Grauhaar, Der wahnsinnig hinaus in die finstere, schweigende Nacht zog . . . Aber indeß der Prophet auszog nordwärts durch das Kreuzthor, Stand am anderen Ende der Stadt, am Servatienthore, Nahe dem Nitzingkloster, mit seinem bewaffneten Haufen Jan von Leyden, als Führer und Ordner, bestellend die Thorwacht. Und er vertheilte die Einen am Thor, auf dem Walle die Andern, Hinter den Mauern zugleich, in die manch gähnendes Rundloch Gegen das Lager hinaus für Büchs' und Karthaune gewölbt war. Und in die räumigen Höfe des Klosters auch legt' er Besatzung. Jegliches hatt' er geordnet. Da plötzlich ersah er die braune Divara wieder vor Augen. Sie schloß an die Streiter sich mannhaft, Drängte mit liebendem Eifer sich stets in die Nähe des Jünglings; Und so nah'te sie ihm auch jetzt. Doch der Sinnende wandte Stolz von der Nahenden sich, dem verlockend-unheimlichen Weibe. Und entweichend vor ihr, einsam durchschritt er die innern Hallen des düsteren Klosters, verlor sich tiefer und tiefer In den mäandrisch-verschlung'nen, den nächtlich-umdunkelten Gängen. Schauerlich hallte der Tritt in der finsteren Öde – das Dunkel Schreckte den Wandelnden hier und dort mit gespenstigen Larven. Und es bedünkt' ihn, als huschten, den Grüften entstiegen, die Jungfrau'n All' um ihn her, die seit Jahrhunderten hier in den Zellen Krank an vergeblichem Sehnen das blühende Leben vertrauert, Und als drängten sie sich, mit blutlos lechzenden Lippen Gleich Vampyren heran, ruh'los, noch sehnlich verlangend Selbst noch im Grabe, dem kühlen, was ihnen versagte das Leben . . . Sinnend so schreitet er hin, es umgraut ihn das nächtliche Dunkel. Doch was schimmert ihm dort wie ein Sternlein vom Ende des langen Finsteren Ganges entgegen? Er folgt dem erzitternden Irrschein, Schreitet vorüber die Reihen der Zellen, hinab bis zur letzten, D'raus ihm das Lichtlein schimmert. Da, horch, es erklingt wie ein Seufzer Ihm aus der Zelle heraus – ein Seufzer, so eigen und seltsam Klingt er, so heiß, so erstickt, wie gehaucht in höchster Entzückung. Und er öffnet entschlossen die Thür. In die einsame Zelle Fällt sein Blick, da steht er betroffen. Es flackert ein Lämpchen, Und ein Weib, das Gelock entfesselt, in weißem Gewande, Sieht auf den Knieen er liegen in andachtheißer Entselbstung. Noch nicht merkt sie des Fremdlings Nah'n. Ihr lodernder Blick ist Starr nach oben gerichtet, nach einem von Rosen umkränzten Heilandsantlitz, umschwebt von himmlischen Knaben, und mild-ernst Blickend. Verklärung stralt um die Beterin her, wie der Goldgrund Um ein Heiligenbild.                                   Nun tritt genüber der Jüngling Ihr, und es trifft ihn der Blick der Verzückten: da lodern die starren Augen noch mächtiger ihr, noch flammender glüh'n ihr die Wangen Einen Moment, und sie stammelt aus brennenden Lippen gepreßten Laut – ein Seufzer noch folgt – dann aber, wie Flammen Plötzlich verloschen, als wären sie müd, wenn zuhöchst sie gezüngelt, Stirbt in den Wangen, den Augen des Weibes die Glut: sie erhebt sich, Tritt entgegen dem Fremden, wie Einer, gerissen aus tiefem Traum, unwilligen Blicks, in Verwirrung dem Störer begegnet. Hoch nun erscheint die Gestalt: eine schwärmende Heilige scheint sie, Und Heroine zugleich. Mit so mächtigem Baue der Glieder, Wie doch vereint in den Zügen so rührender, himmlischer Ernst sich? Wie mit so stolzer Gestalt so schwärmerisch schmachtender Augstral? Büßerin scheint sie, zerknirscht und reuig – und dennoch umschwebt sie Magdlich ein Unschuldshauch! – Und wie ist sie verwandelt so völlig, Seit im Gesicht ihr erloschen die Gluten der frommen Entzückung! Mälig hat sich der Purpur der flammenden Wange zu krankhaft- Leuchtender Blässe gedämpft, und des schwärmerisch-blickenden Auges Ränder umspielt und umschattet in bläulichen, grünlichen Tönen Himmlische Müdigkeit und die Schwermuth heiliger Liebe. Seltsam im Herzen bewegt, spricht Jan zur Frommen gewendet: »Sage, wie kommt's, daß allein du zurück in des düsteren Klosters Hallen noch bliebst und nicht mit den anderen Schwestern hinauszogst, Weichend der nahen Gefahr, und dem Wort des Propheten gehorchend?« Ruhig erwidert die Nonne darauf: »Wol zogen der Schwestern Letzte hinweg noch am Morgen des heutigen Tags, in ein neues Leben sich stürzend; ich aber, o Fremdling, werde von hier nicht Weichen, so lang im Winkel der Krug und das schimmelnde Brot mir Fristet das Leben und nicht die Gewalt aus der Zelle mich fortreißt!« Also die Nonne. Dem Jüngling erschließt sich das Herz, so wie Einem, Welchem in düsterer Schlucht eine prangende Blume sich plötzlich Zeigt, die da wie ein Stern in der Waldnacht steht. Es vermag nicht Kühl zu bezähmen des Herzens Erregung der staunende Träumer, Und mit der Sprache des off'nen, des jugendlich-feurigen Muthes Ruft er: »O herrliches Weib, warum aus der einsamen Zelle Hast du den Spiegel verbannt für immer? O wie doch vermochtest Du dich zu bergen so lang vor dem spähenden Auge der Sehnsucht, Welches die Weiten durchschweift, ein Bild wie das deine zu finden?« Sprach's, und sie blickte wie zürnend. Doch er fuhr fort in Entzückung: »Wenn ich mir dacht' ein Weib, ganz würdig der Liebe, beglückend, Dacht' ich es mir so hehr und so stolz, so schön und so edel, Dacht' ich es mir mit so großen und mondhaft leuchtenden Augen, Dacht' ich das stolze Gesicht so verklärt mir von reizender Blässe, Dacht' ich so ernst mir und sinnend die Stirn, und die Locken so goldbraun Schimmernd, die Lippen umschwebt von solch liebreizender Schwermuth! Ist's denn möglich, daß fremd ich dir scheine, wie alle die Andern? Dünkt mich doch, als wärst du vertraut mir gewesen von jeher!« – Also rang aus des Jünglings Gemüthe, des stolzen, auf einmal Glühend hervor sich die Fülle des liebenden, tiefen Empfindens. Männlich und kindlich zugleich, harmlos und vertraulich, mit kecker Hand, schier ohn' es zu wissen, erfaßt er eine der langen Hangenden Flechten der Nonne, von jenem entzückenden Goldbraun, Welches wie goldene Fassung den blanken Juwel des Gesichtes Leuchtend umrahmt. Doch es fällt aus dem Auge der Schönen ein Zornstral Auf den verwegenen Schwärmer: gebieterisch weis't sie hinweg ihn. Zornvoll steht sie vor ihm.                                           Da erwacht auch im Busen des Jünglings Wieder ein stolzeres Regen: im Aug' eine Flamme des Unmuths, Trotzt er der kühnen Geberde des Weibes. Ein leuchtender Blick trifft Sie so gewaltig, dem ihren begegnet der seine so sieghaft Jetzt mit des männlichen Geistes Gewalt, daß ein leises Erbeben Plötzlich den Leib ihr durchläuft . . . Ist das noch der schwärmende Jüngling, Der wie ein spielendes Kind nach den bräunlichen Flechten gegriffen? Ei, wie kommt's, daß sie zittert und daß ihr Aug' vor des Fremdlings Auge betroffen sich senkt? – Da zuckt es wie flüchtiges Lächeln Über die Züge des Jünglings; ein freudig-stolzer Gedanke Streift ihm die leuchtende Stirn. Doch erloschen sogleich ist das stolze Lächeln in liebender Milde des Blicks, und wieder beginnt er: »Sprich, warum doch willst du der Welt entsagen für immer?« »Weil ich sie hasse!« versetzt mit bitterem Lächeln die Jungfrau. »Weil sie ein sündiger Pfuhl – kein Engel entrinnt der Befleckung! Weil ein dämonischer Finger nach Allem, was rein ist auf Erden, Neidisch greift und verrucht, wie nach glänzenden Augen der Kinder Picken die Raben« . . .                                     »O schmähe sie nicht«, so erwidert der Jüngling: »Schmähe sie nicht; denn wisse, die Welt will mächtigen Schwunges Eben sich schöner erneu'n, zustrebend erhabenen Zielen! Andere Zeiten begrüßen wir bald, wo das Edle, das Reine, Heimisch wieder zu werden vermag auf irdischem Boden . . . Komm, laß freudig dich grüßen als edelste Tochter von Sion!« Sprach's und mit sanfter Gewalt an der Hand zu erfaßen die Jungfrau Strebt er, sie aber ergrimmt, wie berührt von verwegenem Unhold: »Weiche zurück von mir!« ruft sie . . . und mit bebender Stimme Fügt sie leiser hinzu: »mir schaudert vor deiner Berührung!« Anstarrt Jan sie betroffen: er weiß nicht, ob sich verwirrte Sinne geberden so fremd, ob heilige Scheu der Geweihten? »Wie, du schauderst?« so ruft er. »Ich schaud're«, versetzte die Jungfrau Und sie blickte dabei wie betäubt, wie verloren, mit großen Augen den Jüngling an; »ja Fremdling, ich schaud're vor deinem Blick, vor dem Lächeln des Mundes . . . so blickte, so lächelte Jener, Welcher zuerst mich schaudern gelehrt, und vor welchem ich schaudernd Zuflucht hier nur gefunden in düsterer Zelle des Klosters« . . . Forschend in's Antlitz blickte der Jüngling ihr, es ergriff ihn Mitleid innig. Und wieder begann er: »Vertraue mir, Edle, Künde mir, wie du gelernt, vor dem Blicke des Mannes zu schaudern?« Bitter, wie Hohn, umzuckt es der Jungfrau Lippen: »Erzählen Soll ich dem Fremdling, dir, was ich trotzend verhehlte dem trauten Ohre der flehenden Mutter?« – »Erzähle mir's dennoch!« – Ein Zauber Lag in des Bittenden Stimme, die tief aus dem Herzen heraufklang. Wieder nun senkte die Nonne den Blick. Und ruhig zu sprechen Fortfuhr Jener: »Vertraue dich mir! du bedarfst des Beschirmers! Weißt du es nicht, daß die Stadt seit gestern den Wiedergetauften Gänzlich geworden zu Eigen? Daß Mönch und Nonne fortan nur Sicher im Kriegsfeldlager noch weilen des Grafen von Waldeck, Welcher als Bischof jüngst und als Fürst zu Münster geherrscht hat?« Ei was bricht sie zusammen bei Waldeck's Namen, die stolze Nonne? was sinkt sie hinab auf den eichenen Schemmel des Betstuhls, Gleich als ob ihr versagten die Knie' und schwänden die Sinne? Und mit den Händen verhüllt ihr Gesicht sie. Aber nun plötzlich Springt sie empor, tritt hin vor Jan, und: »Vernimm mich«, so ruft sie, »Anabaptist! – du magst, ja du sollst es erfahren, das Schicksal Hillas, und was sie hieher in die Zelle des Klosters geführt hat! Höre mich an, denn es spornt mich zu reden ein flammender Drang setzt! Höre mich an: dann gib mir getreuen Bericht, ob in Wahrheit Besser geworden die Welt, seit Hilla für immer entsagt ihr!« – Ernst aufhorchte der Jüngling; die Nonne begann zu erzählen: »Eigen gesinnt, bald träumerisch-still, bald knabenhaft trotzend, Weltscheu, fromm und züchtig erzogen von frommen Erzeugern, Tief in der Brust ein gewaltig Verlangen, dem dürftig und schal sich Zeigte die Welt, das gern sich verlor in unendliche Fernen, So wuchs Hilla heran. Man pries im Volke der Jungfrau Jugendlich blühenden Reiz, und ein Ritter von edlem Geschlechte Wollte die Minne gewinnen der Spröden, der Züchtigen, Scheuen. Magdlich erglüht sie. Da drängt er an sie sich mit wilder Begierde: Aber es war unbezwinglich die Scheu vor des Mannes Berührung Ihr in die Seele gelegt, und ebenso stolz und gewaltig War sie, als schwärmerisch-fromm. Nun ergrimmte der stürmische Werber, Raubte zuletzt ruchlos die sich Sträubende, brachte sie tückisch Auf ein einsames Schloß und erneute die schändliche Werbung. Aber sie wandte sich nun vom Bedränger mit doppeltem Abscheu, In jungfräulicher Seele gekränkt, daß er, Minne gelobend, Nur entweih'n sie gewollt zum Zielpunct frecher Begierden. Ach, die erblühende Blum' im Feld, sie ist näher den Füßen Als der Hand, und sie läßt sich bequemer zertreten als pflücken! Lang noch trotzte sie ihm; in gewaltigen Gliedern zur Abwehr Hatte sie männliche Kraft. Da wandt' er zu Mitteln der Hölle Sich: er versetzte den Trank ihr mit tückischen Säften: bewußtlos Sank sie in Schlaf, wie der Tod so tief. Und als sie erwachte, Fand auf dem Lager sie ruhend gesellt sich dem Ruhenden, wehrlos, Sah um den Nacken den Arm des Entführers vertraulich geschlungen. Schlummernd, so lag er, die Lippen umschwebte zufriedenes Lächeln. Aber ihr selbst war zu Muth, als wär' ein entsetzlicher Frevel An ihr gescheh'n: es durchzuckt ihr die zitternden Glieder ein fremdes, Nimmer verstand'nes Gefühl; sie beginnt vor sich selber zu schaudern, Rafft sich empor, und zurück auf das weichliche Lager den Böswicht Schleudernd, der, eben erwachend, noch fest sie zu halten bemüht ist, Stürzt sie hinaus in die Nacht . . . Viel Tag' lang schweift sie in Wäldern, Schweift sie auf Haiden umher, schläft Nachts in Höhlen. Und nimmer Sieht sie den heimischen Herd. Aufnimmt zuletzt sie die Zelle. Und nie wieder, das schwört sie, gedenkt sie zu lassen die Zelle, Nimmer zu schauen die Welt. So ist Hilla Nonne geworden. Und auch der Werber aus edlem Geschlecht, der hieher sie gescheucht hat, Warf sich in Priestergewande: doch nicht um der Welt zu entsagen, Nein, er zog, wie so Mancher aus edlem Geschlechte, den Chorrock Über den Harnisch, als Fürst einen Bischofsstuhl zu besteigen: Und bevor noch erhalten die sämmtlichen Weihen der Edle, Ward ihm gedrückt auf die Stirne die Bischofsinfel zu Münster «. Seltsam erstaunt, fragt Jan: »Du sprichst vom Grafen von Waldeck?« Hilla neigte das Haupt. »Er fand auf dem fürstlichen Thronstuhl«, Sagte sie, »nimmer das Glück und den Glanz, den mit weltlich gesinnter Seel' er gesucht. Mir aber erblühte der Frieden in einsamer Zelle, Und ein Glück, das ich nimmer geahnt. O, wie könnt' ich entsagen Jemals der himmlischen Lust, die beseliget ohne Befleckung, Ohne zurück im Herzen zu lassen den Stachel der Reue! Mir durchglühte die Seele nach höherem Glücke die Sehnsucht Unruh'voll, und nun fand ich es hier zu den Füßen des Heilands! O, wer schildert die Wonne, zu welcher auf himmlischer Andacht Schwingen der Geist sich erhebt in der einsamen Kammer, die süßen Schauer, mit welchen die Hallen der Kirche den Beter umwittern! Ruhe, so süß, wie sie schwebt um den Altar, wie von den hohen Wölbungen nieder sie quillt, winkt nirgends auf Erden! Das Taglicht Hat nichts Irdisches mehr, und es schweben wie spielende Engel Im Halbdunkel verloren die himmlischen Lichter und Stralen. Weihrauchdüfte berauschen den Sinn, und die Stimmen der Orgel Sind ein klingender Sturm, der die Seelen wie Blätter dahinreißt, Brausend nach oben sie führt! Und die Bilder der Heil'gen, sie leben, Denn sie erwidern die Liebe, in immer erhöhterem Liebreiz Stralend, je länger der Blick sie umschmiegt in brünstiger Andacht! Sieh' den Gekreuzigten hier! Dies Bild, o wie ist es zum Seelen- Bräutigam mir geworden, zum himmlischen Tröster, zum hohen Spender der Freuden! Wie schmückt es die einsame Zelle so lieblich! Wie du heute mich fandest verloren in süßer Entzückung Siehe, so lag ich Nacht um Nacht, und wünschte des Dunkels Nahen herbei, wenn der Tag mich umgab, mit heißem Verlangen. Und wenn das Herz mir schwoll und zu eng mir wurde die Zelle, Und ein Sehnen die Brust durchwogte, mir selbst unerfaßlich, Eilt' ich nächtlich hinaus in die einsame Halle des Kreuzgangs: Da quoll zauberisch mir in den Busen herab durch die hohen Fenster der goldige Mond: auf die kühlenden Quadern des Kreuzgangs Sank ich nieder und trank es in mich, das berauschende Mondlicht, Und als wären mir leise die rinnenden Adern geöffnet, Fühlt' ich ein wonnig Zerfließen. Da schwanden mir alle die Bilder, Und der Gekreuzigte selbst; es umfaßte mit glühenden Armen Mich ein unendliches Glück und in Schauern der Wonne verging ich!« So sprach Hilla und wieder erglühten ihr Wangen und Augen: Liebeberauscht und erstralend in mehr als irdischer Schönheit Stand sie vor Jan. O dieses von himmlischer Liebe verklärte Jungfrau'nbild – wem es wäre vergönnt, an die Brust es zu drücken, Und zu sagen: Du bist mein eigen! Ein glühender Seufzer Ringt aus des Jünglings Brust sich empor. »O Hilla«, so ruft er, »Ströme die Woge der Lieb' aus dem Borne der edelsten Seele Nicht ins Unendliche hin! laß lieber sie segnend erfrischen Diese bedürftige Welt! o schwebe vom Himmel, dem hohen, Wieder zur Erde herab, um die Erde zum Himmel zu machen! Hilla, kennst du die Minne, die irdische? schüttle das Haupt nicht! Himmlisches, irdisches Lieben – es ist ein Trachten, ein Sehnen Nach dem unendlichen Glück! Wer glutvoll betet , o Hilla, Wie ich dich beten geseh'n, der versteht auch glühend zu minnen! O du kennst sie, die Minne! Die Alltagskinder da draußen In dem Gedränge der Welt mißbrauchen den Namen der Minne, Doch du , Nonne, du kennst sie! Unendlichen Schatz der Empfindung Birgt dein Herz, doch es kam ein Würdiger nicht, ihn zu heben. Jener Gewaltsame, welcher dir frevelnd entrissen das Höchste, Heiligste, statt mit den Lauten des Herzens, den rührenden, zarten, In dir sacht zu beschwören den Schauder der magdlichen Seele – Niemals hat er die Minne gekannt! Und Tausende steigen Tag um Tag in das Dunkel der Gruft, nicht kennend die Minne, Nicht die Wonnen der Minne, und noch viel minder den heiligen Ernst der Entzückung in Liebe, der keuscher als selber die Unschuld Ist, und Eins mit der Treu', und stärker als Himmel und Hölle . . . Immer verlangte das Herz mir, nach Kronen des Glückes zu greifen, Immer erträumt' ich ein Reich, wo sich Himmlisches, Irdisches einten: Und dies wonnige Reich, was wär' es mir ohne die Minne? Glaub' mir, ich habe, wie du, als Träumer die Menschen geflohen, Und doch flammte der Drang in der Brust mir nach einem geliebten Bilde, vor welchem ich könnt' anbetend vergehen in Liebe. Ei, sie schelten uns stolz: doch Stolze nur wissen zu lieben! Gänzlich zum Sklaven sich machen in jubelndem Drange des Herzens, Das ist der Gipfel des Glücks für die stolzesten, freiesten Seelen, Welche die tiefste der Gluten im innersten Grunde verbergen! Das ist Wonne, wie nimmer sie werden die Zwerge begreifen, Die nur zu Sklaven sich machen, dieweil sie als Sklaven geboren . Wer da besitzt kein Selbst, wie vermag der eines zu opfern? Einzig die Edlen verstehen zu minnen. Wir, Hilla, versteh'n es! Aber nur Edle versteh'n auch zu lohnen das Opfer der Minne! Schmeichelnd – o Schicksalshohn! – umdrängten mich lockende Weiber, Seit mir der Erstlingsflaum um das Kinn und die Lippen gesproßt ist: Aber was konnten sie bieten, als kleine Gefühle, die Kleinen? Freilich – sie schwärmten und lärmten mit klingendem Prunk der Empfindung, Sie umtanzten mich Spröden mit Cymbelgetön, wie Verzückte, Aber was soll der Bacchantinnen Chor mir? ich suche die Göttin! Gleichwie verschmachten der Dürstende muß in umwogender Salzflut Auf der unendlichen See, so, auf Wellen der Liebe getragen, Hab' ich nach Liebe geschmachtet! – Ich lernte verachten die Weiber, Lernte verschmähen der Minne Geschenk. Da nahte vor Monden Mir ein Weib, ein dämonisch Geschöpf, mit verlockendem Anreiz, Und als wollte sie rächen an mir ihr Geschlecht, das verschmähte, Strebte sie mich zu bestricken durch Zauber. Doch schlecht nur gelang ihr's. Aber es drohte die Fessel doch stets noch mit leisem Geklirre . . . Siehe, da fand ich dich: und ich sah, was lang ich ersehnte: Holdestes, Reinstes vereint, eine Heil'ge zugleich und Titanin! Und nun gänzlich gelöst ist der Zauber, der schnöde, für immer, Jenes unheimlichen Weibes! Du bist mein Heil nun, o Hilla! Folge mir! Schwelgen wol mag ein Weib in himmlischer Liebe, Aber die irdische nur mag krönend vollenden ihr Schicksal!« – Also der Jüngling, und wieder die Hand zu erfassen der Jungfrau Strebt er in liebendem Drang. Sie stößt aufs Neue zurück ihn – Aber ihr zittert die Hand. Schon hat vor dem leuchtenden Jüngling, Welcher in schöner Erwarmung mit Lauten des Herzens zu ihr spricht, Wie noch nie sie vernommen, ein Zauber sie mächtig ergriffen, Herz und Sinne berückend, ein fremder, berauschender Taumel. Und das gewaltige Weib mit den müden und schmachtenden Augen Glüht wie zuvor sie geglüht: doch die Glut, sie ist anders geartet! Macht Entsagung nur weicher das Herz, nur reifer die Sinne, Nur empfänglicher noch für den zündenden Blitz des Verlangens? O wer vermöcht' es zu schildern, das rührend-entzückende Schauspiel, Wenn aus Zügen, der Welt entfremdet, aus kühlen und strengen Augen, aus bleichem Gesicht voll herben, vom Stolze gedämpften Reizes auf einmal schämig ein minneverlangender Purpur Bricht, zur bebenden Braut sich die Spröde, die Heilige wandelt! Aber die Nonne, sie faßt sich wieder – noch weiß sie es selbst nicht, Was ihr die Sinne verwirrt, noch kämpft sie mit dunklen Gefühlen. Angstscheu blickt sie um sich, mit wogendem Busen, wie schwindelnd, Gleich als spähte sie aus nach Hilfe. Zuletzt mit verwirrten Lauten noch stammelt sie: »Horch! klang nicht vom Thurme die Stunde Mahnend herab, die zu Psalmengesang in der Kirche die Schwestern Rief in der Samstagnacht? Mir ziemt es, hinab in die heil'gen Räume zu wandeln, wie sonst, ob allein auch, daß ich des Ordens Heiligen Brauch vollzieh', und getreu nachlebe dem Eidschwur, Den ich gethan vor Gott!« So die Jungfrau. Aber mit sanftem Lächeln entgegnete Jan: »Umsonst heut nach dem gewohnten, Mahnenden Schlage der Stunden im Thurm hinlauschest du, Hilla – Wisse, heruntergestürzt ist die Spitze des Thurms, und Karthaunen Sind auf die Quadern gepflanzt! O gewöhn' an andere Klänge Jetzt, o Hilla, das Ohr! horch auf! vor dem Fenster der Zelle Schmettert der Sprosser ein Lied, im duftigen Garten des Klosters!« – Spricht's und es lauscht eine Weile den brünstigen Tönen die Nonne, Unruh'voll, sich selber vergessend. Doch dann, wie erschreckend, Reißt mit Gewalt ihr Ohr von den schmelzenden Klängen, ihr scheuer Blick von dem Jüngling sich los und flüchtet, gescheucht wie ein Vogel, Hin zu des Heilands Bild: einen leisen und flehenden Seufzer Sendet sie hin aus der Brust, der gepreßten . . .                                                                           Da plötzlich erlischt still Knisternd die Lampe, die glomm vor dem Bild und erhellte die Kammer. Und durch's Fenster herein quillt leuchtend der goldene Vollmond: Und es steht wie verklärt nun auf einmal der Jüngling in vollem Licht, doch das Heilandsbild, es verliert sich im schattigen Dunkel. »Hilla!« rief mit Begeist'rung der Jüngling, »die flackernde Flamme, Siehe, verlischt, da verzehrt in der qualmenden Lampe das Öl ist, Und es quillt in die Zelle herein uns von oben ein neues, Himmlisches Licht! O mißtrau' ihm nicht, dem helleren Glanze Dieses unendlichen Lichts! Laß fahren die flackernde Lampe!« – Aber sie fleht: »O weiche von mir, du schnürst mit den sanften, Seltsamen Worten so schmerzlich das Herz in der Brust mir zusammen! O, mir ist als wär' das Gemach voll Qualm! es versagt mir Odem und Stimme!« – So klagt sie. Da drückt an's Fenster der Zelle Sacht ein wehender Hauch – es erschließt sich – die freieren Lüfte Quellen herein. Sie hauchen so würzig, von Düften geschwängert Blühender Sträucher im Garten des Klosters – es geht durch die Bäume Wie im Traum ein leises Geflüster. Ein magischer Bann zieht Hilla mit Jan an's Fenster, das off'ne: die Beiden, sie blicken Schweigend hinaus, und es steht vor ihren erglühenden Augen Die sternprangende Nacht: von den Stralen der Stern' und des Mondes Fühlen sie sich wie von Wellen umrieselt – unendliches Leben Thaut vom Äther herab in die jugendlich-glühenden Seelen. »Siehe, wie weit und wie herrlich die Welt, und wie enge die Zelle!« Ruft der begeisterte Jan. »O komm, und folg' mir in's lichte Leben hinaus! Du schweigst? o, du mußt mir folgen, und sträubst du Spröde noch länger dich hier, so werd' ich mit kräftigen Armen Dich umfassen und liebend hinweg aus der Zelle dich tragen!« Und mit dem Muthe, dem tollen, der Liebe, der Jugend, umfaßt er Stürmisch die Nonne: da läuft durch den Leib ihr ein plötzlicher Schauer: Bleich ist ihr Antlitz, bleich wie im Tod, kalt Wangen und Stirne: Und er dünkt sich entsetzt einen Leichnam im Arme zu halten . . . Aber da weht ihm plötzlich ihr Odem glühend entgegen . . . Doch sie findet noch einmal sich wieder: mit schweigendem Ernste Tritt sie bebend zurück. Ihr folgen die Blicke des Jünglings. Und auf's Neue nun blitzt es im Aug' wie erwachender Stolz ihm. Aber er spricht mit Ruhe zuletzt: »Fahr' wol denn, o Hilla! Konnt' ich selbst nicht wecken in dir die gewaltige Minne, Mein ist die Schuld, nicht dein. Wie sollt' ich eitel dir zürnen? Wahrlich, solang dich noch Sünde bedünket die Minne, so lang noch Höllische Flamme der Kuß dir scheint, und des Mannes Berührung Schauder erregt, so lang nicht freudig zu folgen dem Manne, Ihm wie ein harmlos Kind am Busen zu ruh'n du vermöchtest, Vorwurfslos – so lang nicht pochend das eigene Herz dir Sagt, daß ernster auf Erden und heiliger nichts als die Minne: Siehe, so lang wär' wahrhaft Sünde die Minne! Die echte Minne ja wäre sie nicht! – Und so fahr' wol denn, o Hilla! Konnt' ich zur Liebe noch nicht, zu sündlos-freudiger Liebe, Wecken das Weib , nicht will ich die Nonne zur Sünde verlocken! – Sprach's und wandte sich ab, um hinweg aus der Zelle zu schreiten. Aber dem Scheidenden schlägt noch an's Ohr ein plötzlicher Aufschrei. Wie in der Glut des Gefechtes zuweilen ein Krieger noch fortkämpft, Wenn ihn das tödtliche Blei schon ereilt, dann aber vom Streitroß Plötzlich sinkt, ein Entseelter, bevor er noch spürte die Wunde: So war das ringende Weib unwissend vom Pfeil des Verlangens Lang schon getroffen in's Herz, und nun endlich brach sie zusammen. Aber der Jüngling wendet das Haupt und sieht sie am Boden Niedergesunken, und ruh'n mit geschlossenen Augen, bewußtlos. Hoch aufwogt ihm das Herz, frohlockend mit glühendem Antlitz Neigt er sich über die holde Gestalt und bedeckt sie mit Küssen.                                 Aber nachdem sie erwacht und geöffnet die lieblichen Augen, Wunderbar ist sie verwandelt, ist wiedergeboren in Wonne! Hat sie die Rolle getauscht nunmehr mit dem liebenden Jüngling? Zärtlich umschmiegt sie das Haupt des Geliebten: im Taumel des Herzens Stammelt sie selbst nun immer auf's Neue die minnige Frage: »Liebst du mich, süßester Freund?« – Es erfüllt mit Entzücken des Jünglings Herz dies zärtliche Stammeln vom Munde des herrlichen Weibes. »Siehst du, Geliebte«, so ruft er mit süß-wehmüthigem Lächeln, »Siehst du, inmitten des Haders, des feindlichen Waffengerassels, Welches die Stadt umdröhnt, und umlagert von grimmigen Schaaren, Hat nun allein uns beiden ein himmlisch Asyl sich erschlossen Hier in der einsamen Zelle! Wie hat in diesem Asyl sich Kraft und Muth mir gestählt! Nun doppelt vertrau' ich dem neuen Sion, doppelt erglüht mein Herz für die leuchtenden Ziele, Die mir winken! O tritt zur Seite mir, Tochter von Sion! Bist du doch wiedergetauft, ja wiedergetauft durch die Liebe!« – Also schwelgten die Beiden in wonniger Herzensentzückung. Viel noch, feurig beredt, sprach Jan vom sionischen Reiche, Und aufhorchte begeistert die Jungfrau: williger niemals Trank ein lauschendes Ohr die Verkündung der Anabaptisten. Feurig ergriff ihr Geist, der gewalt'ge, die großen Gedanken, Und sie horchte so lang, bis aus ihrem Gemüthe gewichen Jeglicher Selbstvorwurf, bis im innersten Grund sie verwandelt Schien und als schmerzlicher Traum ihr entschwebt das vergangene Leben. Doch, was streift sie noch ein Mal ein plötzlicher Schatten der Schwermuth? Heftig fährt sie empor, und ergreifend die Hand des Entflammten, Ruft sie: »Was je ich empfand, mit verstärkter Gewalt durchstürmt mich's! Doppelt haß' ich ihn jetzo, den Schändlichen, welcher, so ruchlos Minne vergeltend mit Schmach, mein Leben für immer vergiftet! Bin ich denn werth noch der Minne, du edler, du herrlicher Werber? Wilde Gewalten durchtoben die Brust mir, und droh'n sie zu sprengen! Nie mehr find' ich die Pfade zurück zum Frieden der Zelle! Höre den Schwur, o Geliebter! als würdige Tochter von Sion Wird sich Hilla bewähren, sobald ihr winket die Stunde! Doch du gelobe mir Eins: laß hier in der Zelle mich still noch Wenige Tage bedenken, wie bald ich erfülle den hohen Schwur, und Vergang'nes aus meinem Gedächtniß verlösche für immer! Forsche nach mir nicht mehr bis dahin! Wenn da ist die Stunde, Selbst dann tret' ich vor dich, dein werth, dein eigen in Wahrheit!« Aufrecht wieder und stolz nun steht sie vor Jan. Aus der Nonne Herrlich zur Heldin gereift, doch im Aug' noch grollende Schwermuth, Steht sie leuchtend vor ihm, und er stürzt ihr bewundernd zu Füßen. Horch, da plötzlich erdröhnt in den dämmernden Morgen ein dumpfer, Donnernder Knall, daß des Klosters Gemäuer und Wölbungen zittern. Lauschend empor zuckt Jan: was da hallt, ist der donnernde Weckruf Aus dem metallenen Munde der Riesenkarthaune, die vorlängst War von den Wiedergetauften gepflanzt auf den Markt vor dem Rathhaus, Daß sie für sämmtliche Bürger und Streiter das Zeichen in Sion Gebe mit dröhnendem Knall, wenn gekommen die Stunde des Kampfes, Und vor den Thoren das Heer der Umlagernden schreite zum Angriff. Freudig vernimmt es der Jüngling, das Donnersignal der Entscheidung. »Horch«, so ruft er, »es regt sich der grimmige Löwe von Sion Brüllend schon gegen den Feind! o wie flammt mir in Freude das Herz auf! Jüngling war ich bisher und Träumer; nun fühl' ich zum Kämpfer Mich, zum Manne gereift! Aus den Armen der Lieb' in den Kampf sich Stürzen, ist halber Triumph schon: ich fühl's in den glühenden Adern! Fahr' wol, herrliche Braut, und harre du mein, bis entschieden Ruhet der Kampf, und der Sieg dich umjauchzt, sobald du hervortrittst!« – Spricht's, und noch einmal versenkt er den liebenden, leuchtenden Glutblick Tief in die Seele der Edlen, erneuernd das heil'ge Gelöbniß. Und eh' er scheidet, noch pflückt er zum Pfand aus dem Kranze der weißen Rosen am Heilandsbild eine halb erst erschlossene Knospe . »Hilla!« ruft er, »die Knospe, sie soll noch im Tode mich mahnen, An die gesegnete Nacht, wo mir sproßte die Knospe des Glückes! Möge zum prangenden Kelch sie sich bald nun und ganz mir erschließen!« – Sprach's und eilte hinweg zu den Seinen, und jetzo vernahm er, Daß in der Nacht der Prophet mit erkorenem Haufen, im Wahnsinn, Bis zu der schlummernden Feinde Gezelten gedrungen, erschlagen Viel auftaumelnde Söldner im Kampf, doch der riesigen Mehrzahl Endlich umzingelt erlegen mit sämmtlichen Schwärmergenossen. Aber es stürzten nunmehr von hier und dort sich die Streiter, Die nicht schon an den Thoren der Stadt, auf den Wällen zur Abwehr Standen, zum Marktplatz hin, um dort sich in Schaaren zu ordnen, Hörend der Führer Befehl. Indessen begannen die Feinde Kecklich zu lösen die Mörser: es kamen herüber die schweren Eisernen Kugeln geflogen, und hier und dort in die Dächer Schlugen sie, daß in die Straße die Ziegel, die Trümmer der Mauern Stürzten; und, Widdern vergleichbar, mit wuchtigem Stoß an die Thore Pochten sie, daß von den Balken die Splitter wie Funken vom Amboß Stoben, und klirrend zersprangen die Scheiben der Fenster: es dröhnte, Von schwerwiegender Bombe getroffen, die riesige Glocke Drinnen im Lambertsthurme, der einzigen, ragenden Zinne, Welche zu Münster noch stand. Herab von den Wällen und Dächern Antwort gaben dem Gegner die Schlünde der Wiedergetauften. Aber die größere Zahl der bewaffneten Streiter in Sion War zusammen geströmt auf dem Markte, dem Ruf der gewalt'gen Lärmkarthaune gehorchend. Sie Alle beseelt das Verlangen, Kämpfend zu opfern ihr Blut für Sion. Doch weh! des Propheten Ordnend-entscheidendes Wort, es verstummte für immer! Erwägend Stehen die Streiter, ob sie sich begnügten, mit Waffen zu schirmen Wall und Thore der Stadt, ob durch's Ludgeri-Thor, wo des Feindes Ansturm drohte zumeist, ausfallend zu kühner Entscheidung, Gegen die Söldner ihr Glück sie im offenen Felde versuchten. Lang so berathen die Männer sich dort in wilder Erregung. Plötzlich in irrendem Laufe, gesattelt, doch ohne den Reiter, Kommt mit fliegenden Mähnen gerannt und traurig gesenktem Haupt ein schimmerndes Roß, schweift ziellos über den Markt hin. Dem weißmähnigen Thier zuwandten sich Alle, dem edlen. Und wehklagend erscholl's: » O sehet das irrende Streitroß Matthissons, das nun ohne den Herrn aus dem Kampfe zurückkehrt! « Seufzer und Klagen durchliefen die sämmtlichen Reihen der Männer, Schmerzlich gedachten sie Alle des edlen entrissenen Führers. Traurig gesenkt war inmitten der Streiter das Banner von Sion, Welches geweiht der Prophet für die nahenden Tage des Kampfes: Auf rothleuchtendem Grund das sionische Wappen: in Goldglanz Stralend die Kugel der Welt, die gekreuzt zwei Schwerter durchstachen. Trauer umschwebte die Schaaren, es faßte sie banges Verzagen. Da stürzt Jan von Leyden hervor mit flammendem Antlitz: Und wie im Wüstengebiet ein flüchtiges Roß der behende Araber fängt, so behend und so feurig-raschen Entschlusses Haschte der Jüngling im Laufe das schweifende Roß des Propheten, Faßte die flatternden Zäum' und warf sich in muthigem Aufschwung Auf den gesattelten Renner: und, sprengend dahin durch die Reihen, Laut zurief er dem Volke wie flammenbeflügelt: »Ihr Männer! Sion lebt, und es lebt noch das leuchtende Banner von Sion, Welches geweiht der Prophet für die nahenden Tage des Kampfes! Bannerbehüter, was hältst du gesenkt sie, die heilige Fahne? Reiche sie mir, damit ich sie wehend in Lüften enthülle!« – Rief's und ergriff das Panier und entrollt' in wehenden Lüften Auf rothleuchtendem Grund das sionische Wappen: in Goldglanz Stralend die Kugel der Welt, die gekreuzt zwei Schwerter durchstachen. Hell aufjauchzten die Schaaren der Streiter in wilder Begeist'rung, Als sie das heil'ge Symbol in Goldglanz flatternd erblickten. »Auf, ihr Männer, zum Kampf!« rief Jan; »nicht hinter den Mauern Laßt uns erharren die Feinde: zu offenem Streite hinauszieh'n Laßt uns, und während sie nah'n, um die Wälle mit Macht zu berennen, Stürzen wir muthig hinaus aus den plötzlich sich öffnenden Thoren: So wird doppelt der Kampf, und doppelt auch wird der Triumph sein!« – So sprach Jan, da ergriff ein fanatischer Taumel die Schaaren. Und: »Wir folgen dir«, scholl's, »o Jan!« und es wogte der Heerzug Ihm nach, gegen das Ludgeri-Thor. Mit verzückten Geberden Stürmten sie hin; es erklangen noch Stimmen der Seher und Psalmen, Aber im Waffengerassel erstarben sie. Golden und blutroth Wehte zum Himmel das Banner der schwärmenden Wiedergetauften. Aber es hatte bereits ein erbitterter Kampf sich entsponnen Rings von den Wällen herab mit dem Feind, dem der Fall des Propheten War ein gewaltiger Sporn. Andrängten voreilige Fähnlein, Suchten, mit Erde, mit Stroh, Riedgras, und Bündeln von Reisig Füllend den Graben, sich Brücken zu bahnen; es stürzten auch Manche Sich in's schlammige Wasser des Grabens, erreichten die Wälle, Rissen die Zäune herab und zerhieben die Pfähle mit Schwertern, Legten zuletzt Sturmleitern, mit Haken verseh'n, an die Mauern; Doch die Vertheid'ger, sie faßten die Leitern, und schleuderten kräftig Weithin sie von der Mauer zurück, daß krachend im Hinsturz Sie mit den taumelnden Söldnern erschütterten drunten das Erdreich. Siedendes Wasser und Öl und glutende Massen von Kalk auch, Pech und Schwefel sogar entleerten aus glühenden Kesseln Anabaptistische Männer und Weiber herab auf die Rotten In fanatischer Wuth; auch tränkten mit brennendem Pech sie Werg, um hölzerne Reife gewickelt, und warfen den Klett'rern Stracks um die Hälse die Kränze, die feurigen: rasend nach Hilfe Schrieen die also Bekränzten: es klebt' um den Nacken das Brandjoch Ihnen, und fest auch klebten am glühenden Harze die Finger, Welche zu lösen bemüht die Umkränzung. So rannten verzweifelnd Weiter sie, mehrten im Lauf nur der Flammen Gewalt, bis sie stürzten, Röchelnd am Boden sich wälzten und sterbend versengten die Gräser. Also bekämpften sich Söldner des Bischofs und Anabaptisten Heiß an den Mauern bereits, als Jan mit dem Kerne der Streitmacht Kühn durchs Ludgerithor ausfiel zu entscheidendem Angriff. Dort schon sammelten sich zum Hauptansturme die Fähnlein Zahlreich gegen das Thor; dort standen mit starker Bemannung Dräuend die ehernen Schlünde des Feinds. Da öffneten plötzlich Sich, schwerwuchtig, die Flügel des Thors, und mit wehendem Banner Stürzten hervor sich die Schaaren der Wiedergetauften. Es flüchten Jene sich hinter die Schlünd' und entfesseln ein donnerndes Feuer Gegen die stürmenden Reih'n. Doch es rollen die Anabaptisten Mächtige Stücke, wie jene, heran, und es blitzen die Lunten, Und von dem Wall auch sausen die Kugeln in's Lager des Feindes. Wildes Gebraus und Geschmetter erwacht ringsum: von der Armbrust Saus't in Lüften der Pfeil, eine fliegende Viper, es knattern Unablässig die Büchsen, der Steinwurf schwirrt von der Schleuder. Horch, wie sie bellen, die ehernen Hunde der Schlacht, die Karthaunen, Heftiger stets! Falkonette bespei'n, Feldschlangen, aus langen Hälsen das Feld; Basilisken und Singerinnen entladen Fliegendes Eisen in Zentnern; bedachtsam schleudert der kurze Mörser mit dumpfem Gekrach Steinkugeln im Schwunge des Bogens; Tückisch platzt die Granate – heissa, von dem scharfen, doch kleinen Tindlein, welches das Blei halbpfündig aus schmächtigem Rohr wirft, Bis zur Haubitze, die speit zweihundert-pfündige Steinlast, Ras't da gegen einander vom Wall und im offenen Felde Sämmtliches Feuergezeug: zehn Meilen umher in der Runde Zittert der Boden im Münsterland von dem dumpfen Gedonner. Doch nicht lange so tobt das Geschütz. Hinsprengt durch die Reihen Wieder der feurige Jan. »Wolauf, Sioniten!« so ruft er, Grad'hin jetzt auf die Feinde gestürmt! Mit Äxten und Schwertern, Keulen und Speeren entscheide der Kampf sich!« – Hinter dem Jüngling Wandelt einher und ruft mit gewaltiger Stimme der wilde Knipperdolling: »Mir nach!« – Auf der feindlichen Stücke Bemannung Stürzt mit der vordersten Schaar er sich: von den schnöde verlassenen Donnergeschützen erbeutet die einen er muthig, den andern, Schwerer beweglichen, sperrt er mit eisernem Nagel den Rachen, Daß sie schmählich verstummen, aus feurigen Speiern zu schadlos Gähnenden Klötzen geworden.                                                   Verwirrung erfaßte des Bischofs Söldner, doch helfend vom Lager herbei schon eilte Verstärkung. Trommelgewirbel erklang allwärts, Trompetengeschmetter, Rufend des Bischofs Heer zum Streite. Zusammen von allen Seiten nun zog man die Kräfte heran zum Kampf der Entscheidung. Zahllos entwickelten schon sich die Rotten mit fliegenden Fähnlein Weithin im Feld, sich schaarend zum Kampf: bei jeglichem Fähnlein Starrte geharnischt die Reihe der Pikeniere mit scharfen Ragenden Lanzen; dazwischen, mit wuchtigen Äxten gerüstet, Standen die Hellebardier' und die Musketiere, mit langen Feuerrohren gewaffnet. Und neben den Fähnlein des Fußvolks Trabten die Reitergeschwader heran: da kamen die Lanzen- Schwingenden Küraßreiter; die handrohrführenden, leichten Arkebusier', und die Musketiere zu Roß, die Dragoner. Stattliche Helmbuschzier auf den Häuptern, das Banner des Ordens Mit achtspitzigem Kreuz vor sich, aufzogen die stolzen Johanniter, gewappnete Mönche, bekuttete Krieger. Bischofssöldner und Truppen des Reichs, Hilfstruppen von Cleve, Cöln und den anderen Nachbarn, Papisten und Luther'sche standen Jetzt einträchtig gesellt, zu bekämpfen die Wiedergetauften. Manch westphälischer Ritter und Herr, mit reisigen Knechten Sich einstellend vor Münster, erstralend in prächtiger Erzwehr, Rüstet nunmehr in den Reihen der Bischofsstreiter zum Kampf sich. Aber es ordneten sich auch die Reihen der Anabaptisten, Glühend den mächtigen Feind in geordneter Schlacht zu bestehen. »Seht da, Brüder«, so rief der gewaltige Knipperdolling, Wie gleich Maden im Käse sie wimmeln, die Söldner des Pfaffen! Aber ein Narr, wer zittert! Schon haben wir ihrer Geschütze Eherne Mäuler gestopft – nun kommt an sie selber die Reihe! Schreckt euch der Pikenier? nur ein Thörichter wird in den langen Spieß ihm laufen; wer klug ist, der bückt sich und läuft ihm darunter Zehnmal weg! Und die Schützen mit ihren veralteten Rohren Und schwerfälligen Gabelmusketen? Bevor nur so Einer Erst vor sich hin gestellt auf den Boden die Gabel, das Rohr dann Zwischen die Haken gelegt, dann sacht nach bedächtigem Zielen Losbrennt, ist schon die Kugel aus unseren handlichen Büchsen, Oder ein anabaptistischer Pfeil in den Leib ihm gefahren! Und was den Reiter betrifft, den eisernen Popanz, den fürcht' ich Erst, wenn am Boden ich liege; da kann sein Gaul in den Leib mir Treten ein Loch, 's ist wahr; doch was will er, trifft er mich aufrecht? Und wenn einmal ein Stoß ihn selber, den eisernen Popanz, Stracks vom Hengste geworfen, auch heil und gesund, da genügen Kaum vier Männer, ihn wieder gemach auf die Beine zu heben. Also nur d'rauf und d'ran, ihr anabaptistischen Brüder, Fremde, wie Heimische! Aber vor Allen wir Bürger von Münster Müssen das kräftigste Wort heut reden dahier mit dem Bischof! D'rauf und d'ran! Wer da fällt im Kampf, dem wollen wir Rosen Pflanzen auf's Grab; doch der Feigling, der Weichling, der soll, nach dem Sprüchlein, Finden ein Grab im Fladen der Kuh, wie ein Käfer am Wege!« – Beifall jauchzten dem Sprecher die heimischen Münster'schen Männer. Aber die Reihen der ernster'n, der schwärmenden Anabaptisten Liehen des Jünglings Worten das Ohr und begeisterter Seher. Und hinstürzten nunmehr zu vernichtendem Kampf in der Nähe Wild auf den Feind sich die Schaaren: und alsbald tobte das grause Ringen durch's Feld, mit Schwertergeklirr und Büchsengeknatter, Rossegestampf und Geröchel: im Blut ausglitschte der Fußtritt. Sind es Dämonen der Hölle, die rasenden Anabaptisten? Wer hat den bleichen Gesellen die Kraft in den Gliedern verdreifacht? Manchmal erblickt einen Anabaptisten am Boden der Söldling Drohend auf ihn her blickend aus starren entsetzlichen Augen, Und er stürzt, um sich sein zu erwehren, auf ihn mit der Mordaxt: Doch nun merkt er mit doppeltem Schauder, daß todt der Geselle, Der so entsetzlich und drohend aus offenen Augen ihn anstarrt . . . Ei, so heiß ist's geworden noch nie dem erprobtesten Soldknecht, Nicht vor dem Säbel des Türken und nicht auf lombardischer Wahlstatt. Mälig wichen die Söldner; das Banner der Anabaptisten Blähte sich stolz wie ein Segel, des Soldheers narbige Fähnlein Flatterten ängstlich im Winde, wie Blätter im Wald vor dem Abfall. Knipperdolling, durchtobend mit blutigem Beile die Schlachtreih'n, Sieht aufjauchzend der Gegner schon rathlos schwankendes Weichen. »Seht nur«, ruft in der Freude des Herzens der wuchtige Kämpe, »Seht, schon liegen sie reichlich umher auf dem Rücken, die Söldner, Gleichwie Frösche, vom Hagel getroffen am Ufer des Moorteichs. Gnädigster Herr, wo steckt ihr nur? wo sind die gestrengen Räthe, die Feldhauptleute? Den einzigen Wilcke von Stedinck Seh' ich noch rüstig im Felde: die Anderen halten sich abseits, Seit sie den Corytzer führen geseh'n aus der Schlacht, dem ein Schleud'rer Mit armseligem Stein aus dem Auge den Apfel geschnellt hat, Wie sich die Äpfel vom Baum auch holen mit Steinen die Buben. Malchus, der Domherr, stürzte vom Roß, und den Grafen von Bentheim Sah ich von hinnen auf schnödem Karthaunengefüllsel in's Jenseits Reiten – das schreckte die Andern. Denn Herren und Ritter wie Pfaffen Machen sich's jetzo bequem: wenn einmal Einer so glänzend- Glatt sich gemästet, so will er am Ende doch auch noch mit heiler Haut und mit völligen Gliedern, und nicht als gespaltene Rübe Oder durchlöchertes Sieb in die ewige Herrlichkeit eingeh'n! Doch da seh' ich noch einen vom älteren Korne, den hagern Ritter von Gütersloh, der im Ausland weidlich gekämpft hat Gegen die Mohren, und der doch selber die frohnenden Bauern Schindet daheim auf dem Gut wie ein Türk' und Heide! Den alten Sünder, den will ich vom Braunen herab mit der Kugel mir holen!« Sprach's, und faßte die Büchs', und den Ritter, vom stattlichen Streithengst Warf ihn das sausende Blei. Und lächelnd begann zu den Männern Wieder der Sionshort, unermüdlich in Worten und Thaten: »Seht ihr, wie heut sich's lohnt, daß wir uns in friedlichen Zeiten Fleißig im Schießen geübt? Sonntägliches Bürgervergnügen War es für uns vormals – nun seht, nun können wir's brauchen! Aber was ist das? es kommt, um zu rächen den Alten, gestreckten Speers, ein Bürschchen da gegen mich her: das ist wol der Absproß Jenes von Gütersloh? der aber ist nicht mehr vom echten Schrott und Korn wie der Alte: das ist schon ein heutiger Windhund! Luftiger Fant, komm' an! dich schluck' ich in mich, wenn ich athme, Und wenn ich niese, so fliegst du mir wieder hinaus durch die Nase!« Aber es sprengte heran auf den rüstigen Knipperdolling Wirklich der Junker nunmehr, hochmüthig, mit flatterndem Helmbusch. Hart an den Fluten der Aa, dort wo aus den wiesigen Gründen Sie sich wendet zur Stadt, da war's wo die Beiden sich trafen: Knipperdolling erfaßte den Speer, und stieß ihn gemächlich Gegen die Brust des auf ihn ansprengenden prunkenden Jünglings, Daß er über den Bug des Rosses hinaus in den Aafluß Weithin flog: er versank, und die rollende Woge begrub ihn. »Ist kein ritterlich Haupt mehr da?« rief nun der gewalt'ge Knipperdolling; »da muß ich nun wol an's Gesinde mich halten. Sieh' da, ein alter Bekannter! Der Friese, der Münster'sche Stadtknecht, Der schon zwanzig Herren gedient, und zuletzt sich dem Bischof Schnöde verkauft, und kecklich mit eschener Lanze den Unsern Stochern nun möchte die Zähn'. Gib Acht, du friesischer Schlingel! Bist noch lange genug, auch wenn um den Kopf du gekürzt wirst!« Sprach's und auf muthigem Roß ansprengend so gegen den Soldknecht, Hieb er das struppige Haupt ihm herab mit der wuchtigen Streitaxt, Und hinrollte der Rumpf in die Lache des eigenen Blutes. So durchtobte das Feld der gewaltige Knipperdolling, Hier und dort sich erkiesend den Feind, und immer ein Scherzwort, Immer ein Sprüchlein findend, um Hieb und Stoß zu gesegnen. Schweigend, doch schrecklicher weit als der mächtige Knipperdolling, Würgt ein anderer Reck' im Getümmel, der riesige Tylan . Noch ist ein Elennsfell sein Mantel, der rostige Stahlhelm Deckt ihm das Haupt, doch er schwingt einen riesigen Hammer in Händen, Ähnlich dem donnernden Thor, vorzeitlichem Gotte des Nordlands, Oder den grimmigen Hünen, den lange begrabenen Riesen, Die einander mit Hämmern aus stündiger Ferne geworfen. Brüllend so stürzt er sich immer und tobend ins tiefste Getümmel: Ob auch zu Hunderten rings ihn die Schwerter, die Spieße bedräuen, Schartig prallt von den Knochen, den stählernen, jeglicher Mordstahl Ab, und zersplittert die Lanze. Die Speere, die ihm sich entgegen Drängen, mit nervigen Fäusten ergreift er sie, reißt mit den Speeren Reihen der Männer zu Boden. Und wenn ihm ein würdiger Gegner Näher im Kampfe begegnet, so schwingt er den Hammer und läßt dumpf Nieder ihn krachen auf Haupt und Helm, daß der ehernen Kuppe Funken mit Tropfen sich mengen des hauptentsprühten Gehirnes. Ei, will sämmtliche Grauen- und Reckengestalten der Vorzeit Senden das finstere Reich, mitkämpfend vor Münster den heißen, Wilden Entscheidungskampf in den Reihen der Wiedergetauften? Wer ist, tummelnd den Falben mit schwärzlichen Mähnen und dunklem Schweif, die Beflügelte dort, die Walkyre mit flatternden Haaren? Divara ist es, das Weib des gefall'nen Propheten in Sion: Stets auftaucht sie vor Jan, dem kämpfenden, immer im wilden Streitergetümmel verfolgt ihr Auge den herrlichen Jüngling Wie mit glühenden Pfeilen, und wenn sie die glühendsten machtlos Sieht abgleiten am Schild des von höherer Liebe Gefeiten – Rasender stürzt sie sich wieder zurück in 's blutige Kampfspiel. Hei, wie die Lanze sie schwingt und den schwirrenden Bolz in das Soldheer Wirft, und behend dann wieder im näheren Kampf die Pistole, Oder den Dolch aus dem Gürtel sich reißt, wildlachend vor Kampflust! Oft anspornt sie in wilden und seltsam klingenden Lauten Ihre Getreuen, die Söhne des bräunlichen wandernden Stammes. Ohne Versehrung bleibt sie im wild'sten Gemetzel: doch weh' ihm, Den nur ein Pfeilwurf ritzt, nur streift eine Kugel von ihrer Hand: er fällt wie vom Blitze berührt oder giftigem Anhauch. Wie so gewaltig erscheint nun und sehnig des bräunlichen Weibes Schlanke Gestalt! manchmal auf dem Rücken des fliegenden Rosses Richtet sie tollkühn stracks sich empor, um stehend zu kämpfen, Stehend zu werfen den Pfeil. Wildschön ist ihr feuriges Antlitz! So wol mochte die Hunnin auf feurigem, fliegenden Rosse Blicken, durch's Schlachtfeld jagend, auswerfend die hänfene Fangschnur, Und den Gehaschten erwürgend. So mocht' ein germanisches Mannweib Rollen die Augen dereinst, in verschollenen Tagen des Odin, Wenn im Linnengewand, barfüßig, mit härenem Gürtel, Im Streitwagen sie stand, grimmvoll, und dem bleichen Gefang'nen Warf einen Kranz um das Haupt, einen Strick um die keuchende Brust her, Und ihn empor zu sich zog, um mit Erz zu durchschneiden den Hals ihm, Und aus dem dampfenden Blute sodann, das hinab sich in eh'rne Kessel ergoß, des Schlachtengeschicks Wahrzeichen zu schöpfen. So, als des Kampf's Walkyr', als Furienschwester, als Unhold, Tobte die Wüthige dort, mit dem rüstigen Knipperdolling Und mit dem riesigen Tylan, erglühend in Lieb' wie in Mordlust. Doch wie neben Giganten und ihrer dämonischen Urkraft Ragte dereinst olympisch der Fernhintreffer, der Lichtgott, Leuchtend: so ragte nun auch im gewaltigen Kampfe vor Münster Neben den Schlachtdurchstürmern, dem mächtigen Knipperdolling, Neben dem Riesen und neben der wilden Walkyre des Kampfes, Tummelnd das Roß des Propheten, der hohe, der leuchtende Jüngling Jan von Leyden empor, in der Linken das wehende Banner, Und in der Rechten das Schwert: sieghaft durch's blutige Feld hin Stürmend, bestaunt, mit Begeist'rung umjauchzt von den Wiedergetauften: Denn wo er nahte, der Jüngling mit leuchtenden Zügen, inmitten Drängender Schaaren, da pochten die Herzen, und Siegesgewißheit Wehte wie Palmenhauch durch die brennende Schwüle des Kampfes. Schauerlich-wonnig erfaßt, wie der Taumel der Lieb', auch der Kampflust Taumel ein männliches Herz: und so stürmte mit klopfender Brust nun Jan dahin: sein Streben und Hoffen und Sehnen und Trachten, Alles was je durchflammt ihm die träumende, feurige Seele, Fühlt er so ganz nun ergossen in seines geschwungenen Armes Männliche Kraft, die im Streit sich erprobt, daß er feurig-bedachtlos Hin wie zum Brautfest eilt. Da plötzlich erblickt er den tapfern Wilcke von Stedinck, den einz'gen der Feldhauptleute des Bischofs, Der in den vordersten Reih'n noch kämpft auf beflügeltem Renner. Und so gewaltig erfaßt vor Jenem den feurigen Jüngling Stürmische Glut, daß er stürmt wie berauscht in die feindlichen Reihen, Um zu bestehen den Führer des Feinds im Kampf der Entscheidung. Und schon sprengte heran der herkulische Wilcke von Stedinck, Tummelnd das schnaubende Roß, und mit ragender Lanze den Jüngling Faßt' er ins Aug': der aber vermied anrennend den Speerstoß, Feurig-behend, mit dem Schwunge des jugendlich-schmiegsamen Leibes, Und dann ließ er so kräftig den Stahl auf den ehernen Gegner Wettern, der erst schwerfällig das Schlachtschwert gegen ihn aufhob, Daß er ihm spaltet das Erz des Visiers hart unter den Brauen, Und ihm umnachtet für immer das eine der Augen. Doch ringsum Wogen die Landsknechthaufen heran, und es starren die Piken Mörderisch-dräuend um Jan; auch hebt, nicht achtend der Wunde, Wilcke von Neuem das Schwert, um, schnaubend nach Rache, dem kühnen Gegner zu spalten das Haupt: aufschreien die Anabaptisten Angstvoll: siehe, da plötzlich kommt der gewaltige Hammer Tylans geflogen in sausendem Schwung, und es bäumt sich der Streithengst Wilckes empor, schmerzwiehernd: ihm klafft die zertrümmerte Stirnwand, Und vom stürzenden Roß in den Sand tief gleitet der Reiter. Und nun nah'n sich, ermuthigt, mit Jauchzen die Anabaptisten, Stürmend: es weichen die Söldner, aus feindlichen Händen nur mühsam Rettend den Feldhauptmann, den betäubten, mit blutigem Antlitz. Schreck und Verwirrung trug in die Reihen der feindlichen Söldner, Die schon lange geschwankt und das Schlachtfeld schauten von tausend Leichen der Ihren beblutet, die Kunde vom Sturze des tapfern Feldhauptmanns, und nun wandten sie unaufhaltsam in Schaaren Sich zur Flucht. Gen Telgte zurück, wo die Zelte des Bischofs Standen, enteilten, mit Mühe sich sammelnd, die Fähnlein des Fußvolks, Und auf den Rossen, besudelt von Staub und Blute, die müden Reitergeschwader. Dazwischen auch rasselte über den Sandgrund Vielfach gehemmt, was nicht von dem reisigen Zeug die beritt'nen Anabaptisten erbeutet zuletzt noch in grimmer Verfolgung. Und siegtrunken erschallt das Gejauchze der Wiedergetauften, Als so geräumt sie das Blachfeld schau'n. Nun werfen die Schaaren All' auf die Kniee sich hin, und unter dem leuchtenden, siegreich Wehenden Banner erschallt zehntausendzüngig der hehre, Feierlich-ernste Choral der sionischen Wiedergetauften, Welcher erklungen zuerst in den waldigen Gründen der Davert. Und der umjubelte Führer, der Jüngling von Leyden, er führt nun Freudig die Schaaren der Sieger zurück durch die Thore von Münster. Schmunzelnd zur Seit' ihm reitet der mächtige Knipperdolling, Divara auch, sich drängend zu Jan, und in stolzer Gefallsucht Tummelnd den Renner vor ihm, und der wilde, der riesige Tylan; Krechting auch, der Verschmitzte, der schweigsam-düstere Rottmann, Ziehen gesellt. Hell tönten die Pfeifen, die Zinken, die Trommeln, Und wenn diese verstummten, erklang in den wogenden Reihen Psalmengesang, lobsingend der Herrlichkeit Sions. Entgegen Wallten den Siegern die Schaaren der Greise, der Kinder und Frauen, Blumen zu streuen, und als die begeisterten Töchter von Sion Schauten den herrlichen Jan, an der Spitze der Wiedergetauften, Noch in der Rechten das Schwert, in der Linken das wehende Banner, Hoch auf dem schimmernden Roß – da warfen sie sich wie Verzückte Ihm in den Weg und leerten die sämmtlichen Körbe der Blumen Jubelnd über ihn aus und behängten mit duftigen Kränzen Ihn und den schnaubenden Renner . . .                                                             Da plötzlich sprang aus des Volkes Ringsher schwärmenden Schaaren hervor der verrückte, der greise Dusentschur , und hinein in den freudigen Jubel des Zuges Rief er: » Dem Könige Heil, dem stralenden König von Sion! « Staunen erfaßte das Volk ringsher: es hatten den Stummen Alle zu Münster gekannt – nun hatt' er die Sprache gewonnen, Wie es voraus war verkündet. Da richtete jeglicher Augstern Sich auf Jan; erst Stille noch herrscht – dann läuft ein Erbeben Fieberisch hin durch's Volk. Dann ist's, als rausche der Fittig Neuen Geschicks hin über die Häupter der Männer, und jauchzend Springt vom Munde des Stummen das Wort aus jegliche Lippe: Und durch Münster erschallt's, von einem zum anderen Ende: »Heil dem Könige, Heil dem stralenden König von Sion!« – Fünfter Gesang. Der König.                           Ist das noch die belagerte Stadt? Ein Asyl nur der reichsten Fülle des Lebens erscheint sie; ein wandelndes Eldorado Ist, der drängend sich wälzt, mit unendlichem Menschengewimmel, Hin durch die lärmenden Gassen von Münster, der schimmernde Festzug, Gegen den prangenden Markt. Drommeten und Zinken und Trommeln Jauchzen dem glänzenden Zuge vorauf mit tönendem Festschall. Blumenumwunden die Fenster, die hohen Balkone, die Säulen, Farbiger Prunk der Tapeten entrollt, helljubelnder Ausruf Rings umher und verklärte Gesichter im Strale der Festlust. Reichliche Muße, so scheint's, hat seit der Bestürmung dem neuen Sion gelassen der Feind, daß so schimmernde Pracht es gefertigt, Und seither statt Waffen nur goldene Zierden noch hämmert, Nutzend des köstlichen Erzes unendlichen Schatz auf dem Rathhaus. Wie viel Sammet und Seide, Brokat und Purpur und Scharlach, Wie viel Silber und Gold und Perlen und edle Gesteine, Die noch kürzlich am Leib der Madonnen und Heiligen stralten, Oder am Festtag schmückten den opfernden Priester am Altar, Oder als todter Besitz in den Truhen der Reichen geschlummert, Gleißen nun eitel im Lichte des Tags bei dem festlichen Umzug! Siehe die leuchtende Zier der Erkornen des Königs von Sion, Die ihn geleiten zum Ort, wo auf Scharlachpolstern der Kronreif Gleißend ihm winkt! Sieh' da die beritt'nen Trabanten, in Purpur Stralend die Leibesumhüllung zur Hälfte, zur anderen hellblau: Aber am Ärmel gestickt das bedeutsame Wappen von Sion: Von sich kreuzenden Schwertern durchstochen nach unten die gold'ne Kugel der Welt, und zwischen den Griffen das Zeichen des Kreuzes. Siehe die lieblichen Knaben, die minniglich lächelnden Jungfrau'n, Stralend in knappen, mit Gold und Silber gestickten Gewändern, Blumen und blühende Zweig' in Händen, wie Engel mit Liljen Und Palmzweigen auf Bildern der Heil'gen – mit Blumen und Goldglanz, Stein und Perlengeflirr wetteifert der bunte Gewandprunk: Sammt'ne, damastene Wämser, mit Fransen besetzt und mit lichten Fäden durchwirkt, und die röthlich-erschimmernde, prunkende Seide, Die aus den bauschigen Falten der Arm- und Hüften-Umhüllung Bricht, wie aus berstenden Knospen das üppige Rosengeblätter: Perlengestickte Barette, und goldene Ketten, und seid'ne Schnür' um den Hals mit dicht an einander gereihten Dukaten, Gulden und Kronen – zum Schmuck nur dient noch in Sion die Münze. Doch von Panzern auch funkelt's dazwischen und Helmen, und stahlblank Glänzenden Waffen, in welchen die Stralen der Sonne sich spiegeln. Aber inmitten des Zugs, auf dem Zelter, dem prächtig geschmückten, Glänzt die Gestalt, die erhab'ne, des königlich blickenden Lieblings Aller sionischen Männer und Frauen; es bäumt sich der schneeweiß Schimmernde Renner, von golden gestickter Schabrake die Flanken Reich umwallt, und beflittert von edlem Gesteine die Halfter. Goldzier blitzt um Sattel und Zäume; des Reiters geschlanke Glieder umwogt, milchweiß, ein Mantel mit purpurnen Rändern, Golden besternt, und die Locken bedeckt ein goldiger Streithelm. Aber es schreitet vor ihm mit dem blumenumschlungenen, siegreich Wehenden Banner von Sion einher der gewaltige Tylan. Also bewegte der Zug sich zum festlich prangenden Marktplatz. Dort vor dem Rathhaus ragt, weit leuchtend, mit seid'ner Bedachung, Ein Baldachin, von Blumen umkränzt, wie durch Zauber geschaffen. Still da hält nun der Zug, und herab vom muthigen Renner Hebt sich Jan; bei doppelt gewaltig anhebendem Vollklang Heller Trompeten und Zinken die teppich-verhangenen Stufen Steigt er hinan, zur Bühne, der prunkenden, leuchtend erhöhten, Unter dem Wundergezelt, wo die lieblichsten Töchter von Sion Schimmernd in lichten Gewändern, mit duftigen Kränzen im Goldhaar, Steh'n und auf Scharlachpolstern dem nahenden König entgegen Heben die Prunkkleinode des neuen sionischen Reiches. Doch in der Jungfrau'n Mitte, das Auge zum Himmel gerichtet, Steht Rottmann, der Ermahner und Täufer, der priesterlich-ernste. Brausend erscholl die Musik, als der Jüngling die Stufen hinanstieg: Oben nun stand er, und jetzo verstummte der tönende Festschall. Und nun fragte, zum Volk sich wendend in ruhiger Hoheit, Jan von Leyden mit über den Markt hin tönender Stimme: »Bürger des Sionsreiches zu Münster, verlangt ihr in Wahrheit, Daß ich ergreife die Zügel der Macht und in Sion gebiete?« Donnernd zur Antwort scholl es im Volk: »Sei König, Jan von Leyden! sei König im neuen, verheißenen Sion!« Da sprach Jan, sich wendend zum obersten Priester, zu Rottmann: »Kröne du mich mit der Krone des neuen sionischen Reiches! Reich' mir den Scepter, damit ich als König in Sion gebiete!« »Neige die Stirn«, sprach Jener, »damit das erkorene Haupt dir Werde gesalbt nach dem Brauch, uraltem, in Israel! Wie einst Wurde zum König von Sion gesalbt ein bescheidener Jüngling, Welcher die Heerden geweidet, so salb' ich zum König des neuen Sion, o Jüngling, dich, nicht fragend nach deinen Erzeugern. Wie ich dich netze mit Öl, so beträufle der ewigen Weisheit Thau das begnadete Haupt dir – ein Reich ja der Weisheit ist Sion!« Sprach's und besprengte den Jüngling mit heiligem Öle den Scheitel. Und nun faßt' er mit Händen den königlich stralenden Mantel, Den ihm entgegen gehalten mit Lilienhänden die Jungfrau'n, Und er legt' um die Schulter das Königsgewand dem Gesalbten, Welches auf purpurnem Grunde von stralendem Golde durchwoben War, und von innen gefüttert mit schneeweiß blendender Flocke. Aber es sprach Rottmann: »In fehllos schimmernder Reinheit Leuchte das Gold, und leuchte die Flocke, die weiße: denn Sion Ist ein Reich ja des Lichts und des reinesten Wandels im Lichte! – Jetzo um Hals und Brust dir schling ich' die stralende Kette , Tragend die goldene Kugel der Welt: es durchsticht sie von oben, Schräg wie zum Streit sich kreuzend, ein Paar hellblinkender Schwerter, Tiefer Entzweiung Bild: doch sieh', da zwischen den Griffen Ragt der erlösenden Liebe Symbol! Treu wahre den Hort stets: Sion ist ja das Reich der erlösend-versöhnenden Liebe! « – Sprach's und hing um die Brust ihm die stralende goldene Kugel, An schwerwiegender Kett', abwechselnd aus edlen Gesteinen Und aus goldenen Ringen gebildet, ein köstliches Kleinod. Aber nun hob Rottmann vom Scharlachpolster den Goldreif. »Siehe«, so sprach er, »die Krone des Reichs! kein offener Stirnring Ist sie, wie ärmliche Fürsten er schmückt: sie ist zu erhab'ner Weltreichskrone gewölbt, und wie hier sich die goldenen Spangen Über der Höhlung im Bogen zum Knauf in der Mitte vereinen, So auch vereinen zum Bund muß bald nun die Stämme der Menschheit Alle das herrliche Reich, das muthig zu Münster gestiftet Wird für die Welt: denn ein Reich der verbrüderten Völker ist Sion!« Sprach's, und drückt' auf die Stirn die gewichtige Krone dem König, Reicht' ihm den goldenen Scepter sodann, von goldenen Kettchen Dreifach umringelt; die Spitze bestralt ein lichter Karfunkel, Blitzend, als hätt' ein Zaub'rer den Blitz auf metallener Spitze Keck auffangend, gebannt dorthin, und versteinert durch Zauber. »Führe den Scepter, so sprach er, den friedlich waltenden Scepter, Und bald schwinde für immer das Schwert aus der Könige Händen! Kampf ja bedeutet das Schwert, doch in Sion herrsche der Friede! Und es bedeutet Gewalt – doch in Sion herrsche das Recht stets! Knechtschaft bedeutet das Schwert – doch in Sion herrsche die Freiheit! Und so schwinge den Scepter, o König, und wiege die gold'ne Weltreichskugel in Händen, und trage die Krone, den Mantel, Als ein König des Lichts und des reinesten Wandels im Lichte, Als ein König der Lieb' und der heiligen Menschenverbrüd'rung, Als ein König des Friedens, ein König des Rechts und der Freiheit!«– »Heil dem Könige, Heil dem erkorenen König von Sion!« Stimmte das Volk nun ein; auf's Neu', wie in heller Verzückung, Starrten die Augen auf Jan. Da erhob der begnadete Jüngling Höher das Haupt, und sprach zum Volk.                                                                 »Sioniten!« so rief er, »Jauchzend verlangtet ihr mich zum Führer, den Jüngling von Leyden, Und zum König! Wolan! So will ich gestalten das neue Sionsreich, wie ich sinnend und träumend in feuriger Seele Längst es getragen, und wie ich, in grübelndes Schweigen verloren, Groß es im Busen genährt, seitdem durch die Thore von Münster Ich an Matthissons Seite gewandert! In leuchtenden Zügen Steht es vor mir – nicht mehr wie ein Traum: Eine Stätte dem Glücke Unter den Menschen, und Allem, was schön und edel auf Erden, Will ich bereiten – ein Eden für Seel' und Sinne! Versammeln Will ich in Sion die Weisen der Erde, daß kühnlich der Wahrheit Schleier sie lüften; daß muthig und unablässig sie sinnen, Wie aus dem Leben zu bannen die Übel; und daß sie uns lehren, Wie die Natur wir bezwingen, die Kräfte der Höhen und Tiefen Zähmen für unseren Dienst! Werktüchtige Bildner und Künstler Will ich versammeln in Sion, damit auch diese das Dasein Heiter beleben und schmücken und wonnig die Herzen befeuern! Mögen das Werk sie krönen, sobald uns lächelt der Friede! Aber auch jetzt nicht will ich, ob auch noch dräuen die Feinde, Glanzlos herrschen! Man soll nicht spotten, der König von Sion Sei ein ärmlicher König, ein schnöder Komödienkönig! Nein, zur Beschämung den Feinden – zum Sporn den noch zagenden Freunden, Soll sich verbreiten umher in sämmtlichen Landen die Kunde Vom hellleuchtenden Glanze des neuen sionischen Reiches! Schilt man uns, daß wir lieben den Glanz? wir wollen ihn lieben, Nicht wie unheimliche Raben das Glänzende pflegen zu suchen – Nein, als Kinder des Lichts , die im Glanze begrüßen des Lichtes Bild, und des eigenen Geists , der dem goldenen Lichte verwandt ist! Tugend und Lust sind Eins fortan für die Kinder des Lichtes! Denn wie sollte die Freude, die göttliche Freude des Lebens, Nicht auch veredeln den Menschen? wie sollte der Äther der Freiheit, Welcher den Menschen umfließt wie den Adler die Lüfte des Himmels, Nicht auch läutern das Herz, und dem Rohen für immer obsiegen? Gleichwie die Lindwurmbrut hinweg mit den Sümpfen geschwunden, D'rin sie gehaust, so wird aus dem Leben das Häßliche schwinden Und das Gemeine hinweg im Strale des goldenen Lichtes! Dann wird Tugend und Lust und Himmel und Erde verschwistert Sein für immer! Und wenn wir erfüllt, Sioniten, die Sendung, Unter uns selbst entfachend und nährend das göttliche Feuer, Herzen erwärmend und Häupter erhellend, und Alle zur gleichen Zinne des Geistes gehoben, so wird die sionische Lehre Sich wie ein fegender Sturm hin über die Länder verbreiten: Und es werden vor ihr die Gewalten der Erde sich beugen, Und sich reichen die Hände zu ewigem Frieden die Menschen! Und dann wird sich vollenden im Schooße verbrüderter Völker, Was wir begonnen zu Münster!« –                                                         So sprach der begeisterte Jüngling, Hell umleuchtet die Stirn von des Genius Zeichen. Das höchste Streben, das edelste Fühlen entstrahlte dem Aug'. Wer ihn ansah, Tieferen Geists, der empfand: das ist der Erkorenen einer, Ja, der Erkorenen einer, die gleichen der Welle des Meeres, Welche, nach aufwärts trachtend, an ragenden Klippen emporrauscht, Und stolz oben sich krönt mit der funkelndsten Krone des Schaumes, Eh' sie, zerstiebend in Nichts, zu den ungekrönten zurücksinkt. Stürmisch umjauchzen die Männer von Sion den Jüngling von Leyden. Nun erst, riefen sie, sei es begründet, das herrliche Sion, Und was begann der Prophet , das werde vollenden der König . Überall pochende Herzen und feurig erglühende Augen . . . Theilnahmlos, reglos im jubelnden Menschengewimmel Blieb nur ein einzig Wesen: die immer sich gleiche, die greise Bettlerin dort, die vom Tode vergess'ne, die heute wie immer Sitzt auf den Rathhausstufen und murmelt verlorene Worte: »Komme zu uns dein Reich« und »führ' uns nicht in Versuchung« . . . Und nun wieder umwogte der glänzende Troß den Gekrönten, Der, nachdem er auf's Neue den prangenden Zelter bestiegen, Durch Sanct Michaels Pforte geleiten sich ließ in den Domhof, Wo er im schönsten Palast sich erkoren den würdigen Wohnsitz. Zwiefach glänzend nun wogte der Zug hin, stockte gehemmt oft, Denn stets drängten die Männer, die Frauen zu Jan sich, des Kleides Saum ihm küssend, und fassend, wie Sinnenbethörte, des Rosses Zügel, um länger zu schau'n in des Jünglings leuchtendes Antlitz. Plötzlich taucht aus dem bunten Gedräng – wie aus Fluten ein Meerweib Taucht in berückender Schöne des Nachts – eine herrliche Jungfrau, Hält empor einen Kranz weißblühender Rosen, mit Lorbeern Grün durchflochten, und reicht ihn dem König: und dieser ergreift ihn Freudig erschrocken – denn wieder erkannt hat rasch in der holden Geberin er die Erkor'ne, die Braut, die in einsamer Zelle – Ihm ist's schier wie ein Traum! – er gefunden, und seither vergebens Wiederzuseh'n sich gesehnt, zu erfüllen das heil'ge Gelöbniß. Aber es traf wie ein Pfeil aus des Königs Gefolge die Jungfrau Scharf noch ein weiblicher Blick. Aus den pechschwarz glutenden Augen Divaras sprüht er, die stolz mit den Ersten der Männer in Sion Lenkt ihr feuriges Roß – und dem Aug' der Entflammten entging nicht Das kranzspendende Weib, noch des Jünglings freudiger Glutblick: Spähend befiedert den Pfeil sie des düsteren Aug's nach der edlen Hohen Gestalt, doch im dichten Gedräng' entrinnt sie ihr spurlos. Aber der Domhof ist nun erreicht und nachdem sich der König Einmal dem Volk noch gezeigt, und begeisternden Gruß ihm entboten, Wird er vom Zelter gehoben, und tritt, von den Ersten in Sion Und den Trabanten gefolgt, durch's Thor des erkornen Palastes. Aber es schwärmt noch fort in den Straßen von Münster die Festlust. Und ein Reigen beginnt um die riesigen Linden des Domhofs, Die man mit Kränzen behängt, beim Klange der Flöten und Geigen. Goldig sprudelt der Wein: denn daß an dem köstlichsten Vorrath Heut sich erlabe das Volk, ist des Königs Wille: zu feiern Würdig den glänzenden Tag, sich heiter im Herrn zu erfreuen, Eh' sich gerüstet zu neuer Bedräuung die Feinde von Sion. Und nicht will er aus Sion die lächelnde Freude verbannt sehn, Wie vordem der Prophet – nein, innig verknüpft und verbündet Soll sie bleiben fortan mit dem edelsten Streben und Ringen! Und so öffneten heut sich der fröhlichen Lust auch die ernsten Anabaptisten, und bald in des bunteren Schwarmes Gemüthern Regte der Muthwill sich, und die väterererbte, die derbe Scherzlust wieder und griff nach den Lieblingsspielen: es tummeln Krechting und Knipperdolling sich wieder, ermunternd die Andern: Dann wetteifern die Gaukler mit Divaras brauner Cohorte, Mummenschanz zu erneuern; zuletzt ein Brettergerüste Richten sie auf im Chore des Doms und es lauschet die Menge Einem Komödienspiel, wie die Gaukler, die fremden, aus Holland, Willig zum Besten es geben, die einst'gen Gefährten des Königs. Im hochprangenden Saale des königlich stolzen Palastes Stand der Erkorne von Sion inmitten der besten Getreuen, Würden und Ämter vertheilend. »Ihr habt zum Ersten in Sion«, Spricht er, »zum Haupt mich bestellt; doch welche nun sollen zur Seite Steh'n mir als Helfer? Die Starken und Klugen! Empfange du, wack'rer Knipperdolling , das Schwert der Gewalt! Schwertführer in Sion Bist du fortan! Mag rosten das Schwert, wenn völlig zur Wahrheit Uns die sionische Lehre geworden! – Du, rüstiger Tylan , Der du vor Münster im Kampf ein Hort mir gewesen, du bleib' auch Fortan treu mir gesellt! Du sollst in silbernem Panzer Steh'n an der Schwelle der Thür, Leibwächter des Königs von Sion! Dich, anstelliger Krechting , im Dienst des Propheten erprobt schon, Hab' ich erwählt zum Helfer auch mir, zum Boten und Herold: Nenne dich Kanzler, verkündend und deutend dem Volke getreulich, Was ich zu ordnen gedenk', und besorge die rasche Vollstreckung! Theil' in Gemarkungen Münster mir ein, und aus jeder Gemarkung Wähl' einen Ältesten mir, der die Ordnung besorgt der Gemarkung. Aber die Ältesten sammeln sich täglich in meinem Palaste, Daß sie Bericht mir erstatten, und meine Gebote vernehmen. Doch auch zu hören den Rath und Willen versammelter Bürger Denk' ich: nicht als Despot in Sion zu herrschen begehr' ich! – Kerkering , trefflicher Kämpe, der Schanzen zu bauen und Minen Weislich zu graben gelernt, und jetzt, aus der Fremde zur Heimat Wiedergekehrt, ob ergraut auch, sich unserer Sache geweiht hat, Wirke mit Eifer als Lenker der Kriegsarbeiten in Münster! Doch, daß bedächtigem Rath die beflügelte That sich geselle, Will ich zur Seite dir stellen den feurigen Gerlach von Wullen: Sei du das Auge des Adlers und er die bewegliche Schwinge! – Dein ist ein milderes Amt, stillsinnender ehrlicher Rottmann! Grüble du still, wie bisher, in der einsamen Kammer, zu schärfen Blinkende Pfeile des Worts und der Schrift, indeß wir in Waffen Steh'n auf dem Felde der Thaten. Erquicke die Müden des Kampfes Du mit lebendigem Wort, auf daß wir mitten im Streit noch Treulich im Herzen bewahren den himmlischen Frieden des neuen Sion, die heilige Glut, die verjüngen, erneuern die Welt soll! Aber hinaus auch sende von hier der sionischen Lehre Samen, hinaus in die Welt in geflügelten Blättern und Schriften! – Nun zu Tilbeck will ich mich wenden, dem edel gebornen! Viel schon wurde gethan zum prangenden Schmucke von Sion, Seit uns Muße gelassen der Feind: wie Schwerter und Lanzen Eifrig in voriger Zeit wir geschmiedet, so ward nun des edlen Erzes unendliche Fülle, das hier in Münster gehäuft ist, Zu Kleinoden gehämmert des neuen sionischen Reiches! Trefflicher Tilbeck, du, der längst, prunkliebend und edel, Sich auf höfische Sitte verstand, du besorge von jetzt an Weislich als Hofmarschalk, was fehlt, zu gestalten den Hofhalt! Aber es ziemt uns, zu denken der Zukunft auch und zu sorgen, Wie sich verbreit' und gedeihe das Reich, das wir eben begründet! Manches noch bleibt uns zu thun, daß nicht von außen erstickt wird, Als ein umzingelter Brand, dies eben begründete Sion! Fliegende Funken geziemt es von diesem umzingelten Brande Steigen zu lassen, daß über das Haupt der Umzingelnden weg sie Tragen in andere Lande den Brand, und Flammen entfachen, Die sich verbreiten, und endlich verschmelzend sich alle begegnen! Aber die fliegenden Funken, das sind vom Geiste durchdrungne Männer, die sich aus der Stadt, der umlagerten, hin durch das Soldheer Schleichen, zu künden den Fernen die neue sionische Botschaft! Tretet hervor, ihr Muthigsten und ihr Begeistert'sten! Wer ist's, Der da berufen sich fühlt und im Herzen empfindet die Sendung?« – Also der König. Da traten hervor die begeistert'sten Männer, Dunkelerglühenden Augs, Sendboten, die vielfach gewandert Schon in den Landen vordem, nun versammelt zu Münster. Hervortrat Friese , der redegewandte, der schwärmerisch glühende Brentrup , Vinnius auch und Strahl , und der nimmer ermüdende Schlachtschap , Andere viel noch. Aus ihnen erkor sich der König die Zwölfzahl Wandernder Boten, und drei der Erkornen entsandt' er gen Coesfeld Westwärts, drei dann sandt' er gen Osten, nach Warndorf; südwärts Drei, gen Zusen; gen Osnabrück entsandt' er die Letzten. Aber bevor er die Männer entließ, von köstlichem Schreine Hob er den Deckel, und sieh', da funkelte goldener Münzschatz, Kürzlich geprägt, schwerwuchtig; von diesem entnahm er, so viel ihm Zwölf Mal faßte die Hand, und er reicht' eine schimmernde Handvoll Jedem der Zwölf und sprach: »Nehmt hin sie, die leuchtenden Münzen, Tragend des Königs Bild und die Losung der Wiedergetauften, Welche sich jetzo erfüllt im sionischen Reiche: » Das Wort ist Fleisch geworden und wohnet in uns! « Nehmt hin sie, die gold'nen Zeugen des Sionsreiches, damit ihr Feinden und Zweiflern Kühn vor die Füße sie werft, und trostvoll weiset den Brüdern, Die, noch harrend des Heiles, umher in den Landen zerstreit sind!«– Sprach's und mit segnender Hand dann winkt' er den Boten, von hinnen Muthig zu geh'n, nicht säumend; und sie, mit Freudegeberden, Zogen dahin, Heil rufend im Scheiden dem König von Sion. Aber mit ihnen entließ die Getreuen nun alle der König. Und jetzt ist er allein mit sich in der räumigen Halle. Tief in Gedanken versinkt er: es schwillt im Busen das Herz ihm. »Nun ist betreten der Hang«, so spricht er zu sich, »der hinanführt Auf die erhabenste Warte des Glückes, und ewigen Nachruhms – Aber hinab auch, hinab in schwindelnde Tiefen . . . ob König, Oder ob Gaukler mich nennen die spätern Geschlechter, ob Hohn mir Oder Bewunderung folgt – das hängt an der launisch-bewegten Braue der Göttin des Glücks . . . Wie aber, wie nenn' ich mich selber? Bin ich ein Gaukler, ein Thor? ist wieder ein Tand nur die gold'ne Krone, die jetzo das Haupt mir schmückt? Nein! waffengewaltig Ist das sionische Volk, und kühn! Unermeßliche Schätze Nenn' ich mein! Ob auch enge gesteckt noch die Grenzen des Reiches , Stets doch wachsen die Streiter – es breitet der Wiedergetauften Lehre sich weithin aus, es sind aus Nachbargebieten Schon auf dem Wege nach Münster bewaffnete Schaaren. Erschollen Ist weitum in den Landen die Kunde des Kampfes vor Münster, Und schon feiert das Volk in Liedern den schönsten der Siege! Wird nicht reichen die Macht des sionischen Scepters , so weit sich Schwingt in beflügelten Worten die anabaptistische Lehre? Aber auch jetzt, in enger Umschränkung, zu herrschen vermag ich, Großes zu thun, zu erfüllen die schönste, die edelste Sendung. Ein Stück Erd' ist mir eigen, auf dem, wie auf eigenem Acker, Ich mag säen und ernten, entfalten zur Reife die Keime, Wie sie schon oft von den Sternen herab in die Seelen der Dichter Fielen, doch nie sich erschlossen bisher in's blühende Leben. Träumer- und Schwärmergedanken, ihr Kinder der edelsten Häupter, Die ihr bisher, leiblos, unstät, in den Lüften geschwebt nur, Heimathlos, von den Kalten verschmäht, und gehaßt und befehdet Von den Gebietern der Erde – o kommt, laßt nieder wie Tauben Euch auf den Zinnen von Münster: ich will euch die Stätte bereiten!« – Lang so sinnt der Entflammte. Da plötzlich berührt ein Gedank' ihn, Süß und besorglich zugleich. »Was wäre die Macht und der Glanz mir, Wenn nicht nah' mir das Liebste . . . warum nicht tritt sie hervor jetzt, Wie sie gelobt? es ersehnt mein Herz so lang sie vergebens! Aber ein Pfand ist der Kranz ja, den heut sie gereicht dem Gekrönten!« Spricht's und greift nach dem Kranze: da schimmert ihm zwischen den Blüten Weiß entgegen ein Blatt: drauf lies't er gegraben die Worte: » Harre noch wenige Zeit, dann wirst du von Hilla vernehmen! « Freudig bewegt ist des Königs Gemüth, und wieder versenk er Tief in die Träume der Liebe, des Glücks und der Herrschergewalt sich. »Wär' es so thöricht, zu glauben, daß nah' schon dem Sturze die morschen Throne der Fürsten, und daß die entfesselten Völker dem neuen, Hellaufleuchtenden Sterne sich neigen, dem Sterne von Sion?« – Solches erwägend und sinnend erhebt er das Haupt, da erblickt er Vor sich stehend die hohe Gestalt des gewaltigen Tylan . Fest auf ihn ist das Auge des Riesen gerichtet. In Händen Trägt er ein wuchtiges Schwert, seltsamlich gestaltet und uralt, Doch hellblinkend geschliffen. Der Recke beginnt in verwirrten Reden zu sprechen vor Jan: »Nimm hin dies Schwert, du Erkorner! Denn dies Schwert nur vermag dir Gewalt zu verleihen auf deutschem Boden! es ruht im Geklüft Jahrhunderte lang schon, und immer Gibt es der Wissenden einer im Sterben zu hüten dem andern, Daß nicht gänzlich es fresse der Rost, bis der Himmel den deutschen Helden erweckt, es zu führen. An steinernen Gräbern der Riesen Lag ich jüngst und versank in Schlaf bei dem Brausen des Eichwalds, Und da vernahm ich die Recken: »Wolauf, und schleife das Schwert nun«, Sagten sie, »nah' ist der Tag, wo im Kampfe die Welt sich erneuert!« Und ich erwacht' und holte das Schwert aus der finsteren Felskluft. Herrlich gerüstet mit Weisheit und Muth, mit Kraft und mit Schönheit Wird der teutonische Held sich erheben: so hört' ich's verkünden. Doch nicht zwingt er die Welt mit dem Schlag , noch dem Hiebe des Schwertes, Nein, vor dem Blitze des Stahles allein hinsinken die Feinde. Und so wird, ausrottend das Laster und tilgend das Unrecht, Er die Provinzen durchzieh'n, und, entfaltend die heilige deutsche Reichssturmfahne, die Stämme der Deutschen zum Bunde vereinen, Wird von den Thronen auch stossen die Mächtigen, jegliche Zwingburg Brechen, befreien die Völker, und sämmtliche Lasten und Frohnen Nehmen vom Nacken der Menschen, auf daß fortan sie in Frieden Unter dem Fruchtbaum sitzen, vergnügt, und unter dem Weinstock. Und dann wird von hinnen er zieh'n weit über die Grenzen, Um zu bezwingen die Türken und Heiden; und fern auf dem Throne Von Byzantium, wie in den Reichen von Persia, India, wird er Als Statthalter bestellen und Könige seine Getreuen. Und dann wird er zuletzt eine Burg sich mitten in deutschen Landen erbau'n aus Gold und Helfengebein, und die Zinnen Werden erglänzen von lichten Korallen und edlem Karfunkel. Und es wird sich ihm füllen hinauf bis zum Giebel das Schatzhaus Mit dem Tribute der Völker. So Herrliches wird er vollbringen Einzig durch Zaubergewalt, mit dem Blitze des heiligen Schwertes! Dir nun reich ich's, das Schwert, du Begnadeter! Gürte die Hüften Dir und erob're die Welt, denn die Stund' ist gekommen! Im Eichwald Krachen die Wipfel und klaffen die Felsen: es kommen erwachend Bald auch die Recken hervor mit den eisgrau wallenden Bärten, Stiften zu helfen das neue, das tausendjährige Weltreich!« – Also der Alte, und Jan, in tiefe Gedanken versinkend, Dachte des Mannes, den schärfen das Schwert er sah in des Waldes Ödem Geklüft. Rasch wie er gekommen, so war er entwichen Wieder, geheimnißvoll, der Gewalt'ge. Doch hell vor dem König Lag das geschliffene Schwert, und glitzerte, funkelte seltsam. Glutvoll hing an der Waffe das Auge des Königs. »Ein deutscher Held ist verheißen«, so sprach er, »der siegend entfaltet die deutsche Reichssturmfahne? der eint die Verwandten, die Stämme des Nordens? Der nun endlich zu lauschen gedenkt, was die Sunde des Nordmeers Flüstern, anstatt Jahrhunderte noch, in schnöder Verblendung, Bluttribut zu entrichten dem fernen italischen Süden? Ja, wol rastet das Schwert der germanischen Kraft in den Höhlen Tief noch verborgen: es fehlte der Held, der's wüßte zu führen! Mir nun reichst du das Schwert, wahnwitziger Alter? Warum nicht Sollt' ich's ergreifen als Glücks-Wahrzeichen der winkenden Zukunft? Wenn die germanischen Völker die neue, sionische Lehre Fort in die kühnere Laufbahn reißt und die Welt sich erneuert, Wird nicht mehr bald gelten das Schwert des Erkornen von Sion, Als das vermorschende Scepter des heiligen, römischen Reiches? Kaiser und Papst – ein Römling der eine so gut wie der and're! Nichts von Römlingen mehr und von Rom! Neu rege der alte Kühne cheruskische Trotz nun wieder in nordischer Brust sich! Auf westphälischer Erde ja war's, wo schon einmal des Römers Stolz und Siegesgewalt todwund im Gesümpfe verröchelt . . . Gibt es Könige heut, die vom Geiste der Zeiten durchdrungen? O wer ein Held und ein König in Wahrheit wär', in den Schooß ihm Fiele die Weltherrschaft, wie gereift vom Baume der Apfel! – Welcher gewaltige Drang durchflammt und schwellt mir die Adern? Herrliches weis't mit dem Finger das Schicksal mir! O was bliebe Noch mir zu wünschen, als Fülle der Kraft, unsterbliches Leben, Zu vollführen das Alles, was glühend mir pocht im Gehirne? . . . Also versinkt in Betrachtung des bläulich blinkenden Schwertes, Jan von Leyden, der König. Da tritt in's Gemach zu dem Träumer Knipperdolling herein. Zuführt' er ihm eine fremde Bärtige Greisengestalt mit den Worten: »Zu schauen, o König, Wünscht dich der Fremdling hier, als Gelehrter gekommen und Weiser, Der sich versteht auf mancherlei Kunst. Sein Nam' ist Agrippa: Weit in den Landen bekannt.« – »Was heischest du?« fragte den Fremdling Jan, nachdem sich entfernt der geleitende Knipperdolling. »Dir zu dienen verlang' ich, o König von Sion! ein Weiser Bin ich, ein Zaub'rer, so sagen die Leute.« – »Wie kommst du nach Münster Eben zu mir?« sprach Jan. »Ei, wie zu dem Topfe der Deckel«, Sagte der bärtige Greis, »und wie Alles auf Erden sich findet, Was da zusammengehört, so bindet der Narr und der Weise Sich zum König. Es ist gar schwer, einen Herren zu finden, Dem durch geleistete Dienste man wirklich vermöchte zu dienen. Großes versteh' ich zu leisten und herrliche Güter zu schaffen, Doch nicht fand ich den Mann bisher, der sie wüßte zu brauchen . Da wardst du mir im Traume gezeigt, und so zog ich gen Münster! Hast du vernommen von Faustus, dem Zaub'rer, der trotzte dem Alter, Und sich zu schwingen verstand auf wallendem Mantel in's Luftreich? Hast du vom ewigen Juden gehört und vom ew'gen Johannes, Welche den Tod nicht kennen? warum doch bleiben sie einzig? Elixiere zu brauen ist leicht, doch schwer ist's, zu finden Einen, der wüßte zu leben, ich mein' ein wirkliches Leben. Auch Gold machen ist leicht, doch schwer ist's, Einen zu finden, Der mit dem schönen Metall was Recht's zu beginnen verstünde. Jugendlich muthiger König von Sion, von dir zu vernehmen, Und zu begreifen, du seiest der Würdige, siehe, war Eins mir!« – Sprach's, da versetzte der König: »Du beut'st unalternde Jugend, Goldene Schätze mir an? Wol wüßt' ich Beides zu brauchen; Aber ich habe der Jugend, ich habe der Schätze genug noch, Und so werd' ich so bald nicht Magierkünste bedürfen!« – »Jüngling, du weißt nicht«, sagte der Greis, »wie bald eines Königs Scheitel ergraut und wie bald eines Königs Seckel geleert ist! Und dann – besser ist besser! zu viel nie hat man des Guten!« – »Nun, so sei's«, rief Jener und lächelte; »fülle mit Gold mir Bis an den Giebel die Hallen! So will ich im Golde mich wälzen, Und mit goldenen Pfeilen und Kugeln die Feinde von Sion Treffen, daß statt zu erzittern, sie goldgierfunkelnden Auges Pfeil' und Kugel im Leib' als köstliche Beute betrachten, Und die Verwundeten selbst um die gold'nen Geschosse sich raufen! Ja, nie hat man des Guten zu viel! Fahr' wol denn für heute, Magiergreis! nicht laß' dich den Weg nach Münster gereuen!« – Fern war der Magier schon. Doch der König, er lächelte sinnend. »Ist es der Himmel«, so spricht er zu sich, »ist's Tücke der Hölle, Welche die Boten mir sendet? Ich nehme sie an als Verkünder Herrlichsten Menschengeschicks, das erblüh'n mir, wie Keinem zuvor, soll – Alles vereint sich, zu schwellen die Brust, zu befeuern die Seele . . . Heiß schon glüht mir die Stirn – mir schwindelt! – Ich lechze nach Kühlung, Lechze nach Ruhe, zu dämpfen des Herzens Erregung! – Wer tritt da Wieder zu mir in's Gemach? – Dies Antlitz mein' ich zu kennen! – Lips van Straaten , du bist's?« –                                                     »Ja, Lips van Straaten, der Gaukler«, Rief der Besucher; »ich seh', man ist meiner in Gnaden gedenk noch! Sei mir gegrüßt, mein Jan! Das nenn' ich doch wacker den König David spielen! Ist's nicht so gekommen, wie ich's in der Davert Weislich sagte voraus? – Ei sprecht, Herr König, ist's nicht so?« Lächelnd erwiderte Jan: »Wo stecktest du nur in der letzten Zeit, Freund Lips? Schon hab' ich dich lang nicht wiedergesehen! Ei, wo bliebst du, indeß wir gekämpft und gesiegt für das neue Sionsreich?« Da zwinkerte klug mit den Augen der munt're Lips: »Sieh', Jan«, so begann er, »du darfst es nicht mir verübeln: Nach Lorbeern, wie Helden sie blüh'n, hat niemals im Leben Sonderlich heiß mich gelüstet. Auch gellten zu heftig die Ohren Mir von dem vielen Gezeter in Sion. Da zog ich zurück mich Etwas weiter vom Felde der Thaten, zu kühleren Leuten – Gott sei Dank, noch gibt's ja dergleichen in Münster! – Im Kirchspiel Über dem Wasser – du kennst sie wol nicht, die Taberne »zur Rose«, Noch auch die Wirthin zur Rose, das trefflichste Weib in dem Kirchspiel? Nun, ich lernte sie kennen, das Weib und die Schenke; sie beide Waren nach meinem Geschmack. Rund strotzte das Weib wie ein Stückfaß, Nett und drall – wir Langen und Hageren lieben dergleichen! – Bald auch war ich der Hahn im Korbe. Der trefflichen Wittib – Denn ihr Mann war gestorben verwichenen Sommer – gefiel ich: Und wir paßten zusammen: wie sie das beleibteste Stadtkind, War ich der Hagersten Einer in Israel. Auch war ich immer Fröhlichen Muths, und sah, wie sie sagte, dem Seligen ähnlich. Und resolut, wie sie war – doch da muß ich dir erst noch erzählen, Wie man sie wiedergetauft . Da sie niemals mehr aus dem Haus kam, Weil zu schwer sie geworden, so konnte sie auch auf den Markt nicht Geh'n, sich taufen zu lassen. Da kam ihr der Gelbe, der Rottmann, Endlich gar auf die Stube gerückt, sie wiederzutaufen. Aber sie schwärmt nicht sehr für dergleichen; wie wär's zu verlangen, Daß man schwärmen noch sollte mit so viel Fleisch auf den Knochen? Schenkwirthin – und wiedergetauft! ein Klumpen von dritthalb Centnern, und wiedergetauft! – Sie kümmerte nicht einen Pfennig Sich um die Herrlichkeiten des neuen, sionischen Reiches. Aber der Rottmann drängte sie arg, und drohte, wofern sie Nicht sich füge dem Brauch, so müsse sie Münster verlassen. Nun, da erboßte sie sich und schrie: »So tauft in des Teufels Namen mich wieder; im Namen des Herrn ja bin ich getauft schon!« Und so ward sie getauft. Mir gefiel's nicht schlecht von der Dicken, Daß sie zuletzt mit so guter Manier in die Sache sich schickte. Und so nahmen wir Beide die Sachen zuletzt wie sie waren: Mich auch nahm sie zum Mann, wie ich war, und ich sie zum Weibe. Heiter so lebten wir hin. Und wahrlich, es war doch so leicht nicht, Heiter zu leben in Münster, bei solchem Karthaunengedonner, Büchsengeknatter – um nicht zu erwähnen des Psalmengesinges – Wie wir's zu Münster erlebt in vergangenen Wochen. Verzeih' mir's, Jan, daß verdorben ich bin zum Bürger und Streiter von Sion – Zum Prophezei'n zwar hätt' ich ein schönes Talent, doch zu heiser Bin ich, um weidlich zu schrei'n auf dem Markt, und zu träg zum Verzücktsein – Aber wofern du bedarfst eines lustigen Rathes am Hofe, Rufe den Lips nur, den Gaukler, den Wandergenossen und Landsmann!« »Freund!«, entgegnete Jan, »kühlscherzende Rede des Schalksnarr'n Mischt in den heiligen Chor der begeisterten Stimmen in Sion Schier wie ein Mißton sich, und es weht das beflügelte Scherzwort Sacht abkühlend hinein in die Schwüle der ernsten Empfindung! Aber warum auch nicht? ist allzu gewaltig die Schwüle, Kühl' sie, du munterer, aller Gesell! Und so lang du um mich bist, Wirst du auch immer des frühern, des Jugend geschicks mich erinnern, Welches hieher mich geführt; du wirst mich der menschlichen Schranken Immer gedenk sein lassen, des ewigen Wandels der Dinge« . . . »Meinst du?« lächelte Lips; »und so wär' ich denn glücklich bestallter Narr am glänzenden Hof des erhabenen Königs von Sion? Denn ich setze voraus, daß Urlaub mir für den Hofdienst Gibt mein werthes Gemahl: für den Tag zum Mindesten, hoff' ich. Aber, du weißt doch, Jan, daß ich hinke? nun sage, verschlägt dir's Nichts, wenn die närrische Weisheit so langsam hinter dir herhinkt? Schad', wenn sie käme zu spät! Nicht wahr, Jan, trefflicher Junge? Gott sei Dank, nun darf ich doch wieder dich nennen, wie vormals, Frisch von der Leber so weg: denn hoffentlich gönnst du dem Schelme Sein herkömmliches Recht, daß immer mit Kaiser und König Er so spricht, wie ein Gleicher mit Gleichen, – das heißt, wie mit Schelmen?« – Also die Beiden. Da nah'ten in Eile Trabanten dem König, Knipperdolling und Krechting mit ihnen; erregten Gemüthes Brachten sie Kunde, erschienen soeben vom Lager des Bischofs Sei an den Thoren der Stadt, der geschlossenen, eine Gesandtschaft, Fähnlein schwingend, verlangend zum Volke von Münster zu reden; Und als das Volk sich erbot, vor den König, den eben gekrönten, Sie zu geleiten, da hätten die Boten geäußert, sie wüßten Nichts von Königen, wären gekommen zum Volke zu reden, Nicht zu des Volkes Verführern, verwegenen Strolchen des Auslands. Da sei kräftig erschollen im Volk, zum Trotze den Wichten, » Tod und Verderben dem Waldeck! « und » Heil dem Erkornen von Sion! « – Und dann habe hieher sie genöthigt der Schwarm wie Gefang'ne Bis vor den Königspalast. So erzählten dem König die Männer. »Noch nicht kennen sie ihn, den Erkornen von Sion?« erwidert Jan, »so werden von ihm doch künftig sie wissen zu sagen! Führt sie herauf, und lasset indessen sie hier in des Thronsaals Vordergemache verweilen – ich will sie würdig empfangen!« Also der König, und hinter den golden gewirkten Tapeten, Die das Gemach abschlossen, verschwand er. Es tummelten jetzt sich Diener des Königs, in Eil' vollziehend des Ordners Befehle, Und es versammelten sich auch die Träger der Würden des Reiches. Nunmehr traten, geleitet von andern Trabanten, des Bischofs Boten herein, ansehnliche Männer: der Graf von der Recke, Zwei Patrizier auch, die zuvor im Rathe von Münster Saßen, dazu als Führer und Sprecher der düstere Priester Odo von Drensteinfurt, allmächtig im Rathe des Bischofs. Als nun das Vordergemach sie betraten, da blickten die Boten Stolz um sich und suchten inmitten der Schaar von Trabanten den König. Aber sie fanden nur Lips hier unter geschäftigen Dienern, Welcher zurück da geblieben und schon sich Freunde gewonnen Mit Scherzworten und Possen im Schwarm der Betreßten des Hofes. Und dieweil nun vor ihnen der Schalk so keck in die Brust sich Warf, so meinten die Boten in ihm den plebejischen König Jan von Leyden zu schau'n, von welchem sie Kunde vernommen: Und es umspielte die Lippen der Männer ein spöttisches Lächeln. »Steh'n wir«, begann ihr Führer und Sprecher, der finstere Priester, »Steh'n wir hier vor dem Mann, der jetzt sich in Münster die höchste Macht anmaßt, und vor welchem die Anderen alle sich beugen?« – »Teufel, das glaub' ich!« erwiderte Lips; »wol beugen sich meiner Pritsche die Männer von Münster, und wer sich der Größte bedünket, Lächelt und schweigt, wenn Pinsel und Schelm und Tropf ich ihn schelte!« – »Wenn du es bist«, fuhr fort der Gesandte, »so höre die Mahnung, Welche noch einmal in Gnaden Euch Allen entbietet der Bischof! Du laß ab vor Allen, o Fremdling, die Bürger von Münster Keck zu befeuern, zu spornen zum frevelnden Trotz der Rebellen« . . . »Meint ihr?« entgegnete Lips; »Ich befeu're die Bürger von Münster? Ich bin's, der sie bestärkt? bei Gott, Ihr Herren, Ihr wißt nicht, Wie ihr mir Unrecht thut! So ist's, so verblendet der Ärger . . . Freilich, ich kann es begreifen, daß eure Gemüther verbittert Sind in den laufenden Tagen: es ist nichts Kleines, in Wahrheit, Also gerüttelt zu werden aus seinem bequemlichen Dasein, Und, wie zu Telgte gescheh'n, bei nächtlicher Weil' noch im Eislauf Gar sich versuchen zu müssen, im Hemd . . . doch, ihr Herren, ich sag' euch: Tröstet euch nur und hofft auf der Zeiten beständigen Umschwung. Freilich, wir treiben es arg nun in Münster; doch seht, wie bedrohlich Sich auch die Leute geberden im Vorwärtstrachten – wer weiß denn, Ob sie sich wirklich vom Flecke bewegen? sie dreh'n sich vielleicht nur Um sich selber herum, wie im Veitstanz! Wenn sie ermüdet Sinken zu Boden, da kommt ihr wieder an's Ruder, Ihr Herren! Sehet, die Münst'rer, die jetzt von den Kirchen die Thürme gerissen, Und von den Wänden die Bilder, das werden noch einmal die besten Katholiken im Reich, gebt Acht, wenn sie tüchtig gewalkt sind, Und so etliche Schock von Anabaptisten vor ihren Augen, wie Sperlinge, neben einander am Feuer geschmort sind, Oder geköpft! sie werden's so bald nicht wieder vergessen . . .« Sprach's, und es blicken verwundert den Sprecher die Männer, und selbst dann Unter einander sich an, und es freut sich ein Jeder, zu merken, Solcherlei Reden vernehmend, und kaum noch trauend den Ohren, Daß der Erkorne von Sion ein drolliger Schwätzer, ein Schalksnarr, Ein armseliger Tropf, der gewiß nur Verrückte befehligt . . . Doch da schneidet auf einmal die spöttisch-tollste Grimasse Ihnen der Narr, und plötzlich, als wandelte Zauber den Schauplatz, Rauscht und rollt aus einander der Prachtvorhang der Tapeten, Welcher das Vordergemach abschließt von den inneren Räumen, Und in blendender Pracht dehnt weithin schimmernd der Thronsaal Sich vor den staunenden Augen der Fremden: inmitten des Saales Ragt, goldstrotzend, der Thron; auf dem Throne, vom Schwarm der Trabanten Und der Getreuen umgeben in bunten und glänzenden Trachten, Sitzt, vom Königsgewand umwallt, auf dem Haupte die Krone, Jan von Leyden.                           Da senken, verblüfft und geblendet, des Bischofs Boten die Augen. Es leitet der Hofmarschalk zu des Thrones Stufen sie hin und heißt nunmehr sie entrichten die Botschaft, Die sie vom Lager gebracht. Vor den Andern ermannt sich der düst're Priester und, kühn zu dem König erhebend die Augen, beginnt er: »Jan von Leyden! dieweil uns verwehrt, zum Volke zu sprechen, Wie es der gnädigste Bischof wollte, des Münster'schen Landes Herr und Fürst, so treten vor dich wir, der du in Münster König dich nennst! Es entbietet noch ein mal Gnade der Bischof Allen Bewohnern der Stadt, so fremden als heimischen, einzig Heischend, daß friedlich mit ihm fortan, bei geöffneten Thoren, Münster verhandelt! Mißachte du nicht den vom Himmel gesetzten Fürsten und Herrn! Sieh', mächtiger wächst vor den Thoren das Soldheer Täglich, verstärkt durch Hilfe verbündeter Fürsten! Es grollt euch Kaiser und Reich! Wie lang noch, ihr Frevler, vermögt ihr zu trotzen? Geh' in dich, und bewahre das Volk vor dem Tage der Rache! Beuge dich, weiche, verschone die heiligen Rechte der Kirche, Denn ihr Arm ist mächtig und lang, und er wird dich ergreifen, Ob du auch thurmgleich hier dir erhöhtest in Münster den Thronsitz!« Lächelnd erwiderte Jan von Leyden mit ruhigen Worten: »Priester! der Menschheit Recht, sich neu zu gestalten , ist älter , Heiliger auch, als des Bischofs Recht, in Münster den Krummstab Über die Bürger zu schwingen! O sprich! soll sich in den Bischof Schicken die Zeit, und nicht vielmehr in die Zeiten der Bischof? Sieh', mit dem Recht, dem verbrieften, dem zeitlichen Rechte des Bischofs Streitet der Menschheit Recht, zureifend dem edleren Dasein, Endlich die Bande zu sprengen der mönchisch-dumpfen Umschränkung! Lange genug ja hat sie gebüßt die bacchantischen Sünden Heidnischer Zeiten – mit Recht – in Kasteiungen und in Entsagung. Aber nun ziemt ihr's, geläutert hervor aus der Zelle des Büßers Wieder zu geh'n, und zu wandeln auf sonniger Höhe des Daseins, Daß sich edel und frei, gottähnlich, vollende des Erdsohns Lange verkümmertes Bild, und nach winterlich dumpfer Erstarrung Endlich zu göttlicher Blüte das irdische Leben gelange! Seht ihr nicht sie mit Augen, die Zeichen und Wunder der neuen Zeit? Ihr nennet uns Schwärmer, dieweil wir erkennen des Himmels Wink, ihn begeistert erfassen, und ihn zu verwirklichen ringen? Wisset, im Schwarmgeist brauset das Wehen des ewigen Geistes! Was da Großes auf Erden gescheh'n, vollbrachten die Schwärmer! O ihr Klugen der Welt! So klug ihr seid, es behalten Recht doch immer die Schwärmer zuletzt: was Väter bespöttelt, Ist alltägliche Lust für die Enkel, aus Brüsten der Amme Nährend-unschuldige Milch: kein Lebendes möchte sie missen! Was mißtraut ihr dem Drange des ringenden Menschengemüthes? Laßt ihn erproben sich selbst: denn ist er vom Übel, so wird er Selbst sich richten! Und folgt er zuletzt nicht immer den Bahnen, Die ihm ewig bestimmt? und führt zu geheiligten Zielen, Ob auch vielleicht auf rauhen, auf krausen, verworrenen Pfaden? Seht wie der Pendel der Uhr, rechtshin ausweichend und linkshin, Immer doch kehrt zur Mitte zurück! So kann uns des Lebens Wildester Drang nie völlig entrücken dem ewigen Schwerpunkt! Jedes Zuviel, nie hat es Bestand: rasch gleicht es von selbst sich Aus im Schwung! Zur Ruh' wol könnt ihr den Pendel verdammen; Doch dann steht auch stille die Uhr: im Schwung nur ist Leben! O ihr Ängstlichen, welchen die neue, die hellere Leuchte Fremd und verdächtig erscheint, wie dem nächtlichen Beller der Vollmond! Schreckt euch der Wechsel so sehr? Ei, wechseln zu unseren Füßen Nicht auch die Blumen? und nicht die Gestirne zu unseren Häupten? Nicht im Haupt die Gedanken, der Glaube, die Meinung? Was Wahrheit, Weiß nicht Einer, so lang es ein Heut noch gibt und ein Gestern Und ein Morgen: die drei, sie beschämen ja ewig einander! So viel Menschengeschlechter hinab in die Gräber gewandert, So viel Meinungen auch und Altär' und wechselnde Götter Sind zu ewiger Ruh' in den Grüften der Erde bestattet! Trauriges Menschheitsloos – urewiges Wanken und Schwanken – Aber was hilft es, sich unter die Räder der Zeiten zu werfen? Was nach Erneuerung ringt in uns, wenn erstorben das Alte, Das ist Stimme des Geistes der Welt, tiefinnerster Antrieb, Welcher, sich halb nur bewußt, vollzieht einen göttlichen Rathschluß, Und den ewig vergebens bekämpft kleingeistiger Stumpfsinn! Sehet, so steh' ich vor euch, ein Verkünder der ewigen Rechte, Glühend zum Streite gerüstet, und wissend, ich bleibe doch Sieger, Auch wenn ich falle , vor Euch! denn seht, auch wenn es gelingt euch, Opfer in Schaaren zu schlachten, und tausend Mal für das Erstorb'ne Thöricht den Kampf zu erneu'n, und zu baden im Blute der Gegner, Ewig der Streiter nur ist's, der erliegt, doch nie der Gedanke! Und obsiegt ihr ihm heut und hier , so siegt er an anderm Ort und zu anderer Zeit – und schwerer nur immer und schwerer Wird euch werden der Sieg, und kürzer nur immer und kürzer Sein wird euer Triumph: und zuletzt dann sinken und fallen Werdet ihr, schwinden für immer dahin . . . Ihr nennet Euch mächtig? Mächtig ist Eins nur auf Erden: die waltenden, ewigen Mächte, Welche die Zeiten und Völker bewegen: und was in Verblendung Diesen entgegen sich stellt und verwegen auf menschliche Macht trotzt, Oder auf göttliche hofft, ein Koloß ist's auf thönernen Füßen! – Also der König: es gab Antwort ihm, verwegenen Muthes, Laut sich ereifernd, mit düster erglühendem Auge der Priester: »Jan von Leyden, du irrst! nicht kündet im Menschengemüth sich Geist und Wille des Herrn! Nur in heiligen Schriften verkündet Steht er für ewige Zeiten; ihn aber zu deuten ist Priesters Amt, Vorrecht der Geweihten. Herunter vom goldenen Throne, Jan von Leyden! auf Thronen zu sitzen, nur Jenen geziemt es, Welche, vom Priester gesalbt, nach uraltheiligem Rechte Herrschen, und, immer gedenk, durch göttliche Gnade zu herrschen, Stets als ein Rüstzeug dienen dem Herrn und der heiligen Kirche! Steig' herunter, o Jan von Leyden, vom Throne, den rechtlos Keck du bestiegst, und gewähre der Welt nicht länger das Schauspiel, Kron' und Scepter zu seh'n auf dem Haupt, in den Händen des Gauklers! Denn Scheinkönig nur ist und eitler Komödienkönig, Wer nicht herrschet als König nach uraltheiligem Rechte!« – So der verwegene Priester. Doch Jan, mit leuchtendem Antlitz Richtet er stolz sich empor, und faßt in's Auge den Sprecher, Und, die Lippen umzuckt von erhabenem Hohne, begann er: »Wenn mit demselbigen Recht du, o Priester, das Priestergewand trüg'st, Wie dies Königsgewand ich trage, so wärst du in Wahrheit Das, was in trotzigem Muth du fälschlich zu sein dich vermissest! Doch, der jetzt Schein könig mich schilt, Schein priester nur bist du, Ja, Scheinpriester nur seid ihr, du selbst und deine Genossen Alle, so viel ihr seid, denn das Wort aus euerem Munde, Schal ist's geworden, entkräftet auf euerem Scheitel die Weihe! Aber ich dünke zu sein mir ein König in Wahrheit , o Sendling! König in Wahrheit ist nicht, wer deshalb nur auf dem Thron sitzt, Weil vom Schooße der Mutter heraus er in purpurne Windeln Fiel; nein, Jener nur ist's, der König geworden wie David! König in Wahrheit ist nicht, wer Macht nur hat, weil er König – Nein, nur Jener, der König geworden, dieweil er die Macht hat! Nicht weil ich herrsche , gehorcht mir das Volk von Sion: ich herrsche, Weil mir gehorcht das Volk! Und siehe, so bin ich ein echter König, und fruchtlos greifst du mit thöricht-vermessenen Händen Nach dem erhabenen Reis auf dem Haupt des gewesenen Gauklers! Wenn einen wirklichen König der Menschheit Genien brauchen Und nicht finden auf Thronen, wo Thoren und Weichlinge sitzen, Holen sie ihn vom Markte herauf in die gold'nen Gemächer! – Nicht ein schimmernder Popanz nur auf dem goldenen Thronsitz, Dem um die Schultern des Purpurs Besatz, um die Schläfe der Goldreif Schlotterig hängt, und der wacklig in schwächlichen Händen den Scepter Hält – nein, König in Wahrheit dem Volke zu heißen gedenk' ich! Solches verkünde du deinen Genossen im Lager des Bischofs, Deines vom Priester gesalbten, vom Himmel begnadeten Fürsten, Der mit zitterndem Grimm, unmännlich, in seinem Gezelt saß, Als vor der Stadt ihm die Schaaren des Gauklers zersprengten das Soldheer! – König bin ich, vernehmt! Dieweil ein königlich Wollen In mir lebt! – Meint ihr, daß Trabanten mich machen zum König? Oder das purpurne Kleid und die Kron'? – Nein, trät' ich auf wüster Insel vor euch – einsam – mit dem Winke der Brauen noch zwäng' ich Euch, mir zu dienen . . . O seht, ableg' ich den goldenen Scepter, Nehme die Krone vom Haupt, und das Purpurgewand von den Schultern, Rede zu euch als ein Mensch zu Menschen . . . zurück, ihr Trabanten, Weichet vom Throne zurück, und lasset allein mich mit diesen!« – Also der König, und legt sofort aus den Händen das Scepter, Nimmt vom Haupte die Kron' und schüttelt des faltigen Mantels Zier von den Schultern; es rollt ihm hinab zu den Füßen der Purpur. Und er schreitet hinunter sodann, hinab bis zur letzten Stufe des goldenen Throns. Schmucklos da steht er und glanzlos. »Sehet«, so spricht er, »ich habe mich jeglichen Schimmers entkleidet, Jeglicher Stütze der Macht, und nur kraft jener Gewalt noch, Der ich mich nicht zu entäußern vermag, die als königlich Wollen In mir lebt, ist bewußt mir im Geiste, daß Keiner von Euch nun, Keiner von Euch Hochmögenden, Würdigen, Edelgebornen, Hier vor den Gaukler gestellt, einen einzigen muthigen Blick noch Findet, in's Aug' ihm zu schau'n, ein Wort ihm zu sprechen in's Antlitz, Wie auch das Blut euch wallt und die Zunge zu reden gelüstet! « – Trotzend erhebt noch ein Mal der Priester die Stirne, zu reden, Doch er begegnet dem Auge des Königs. Da löset in Stammeln Sich ihm die Rede. Die stolz fortweisende Rechte des Königs Scheint wie von Blitzen umstralt. Es erfaßt ein Zittern die Boten, Und es verwirrt sich ihr Sinn; sie stehen und finden das Wort nicht, Senken das Auge beschämt vor des Jünglings leuchtendem Antlitz, Und vor dem Zauber des Blicks, den Keiner noch ruhig ertragen. – Und sie ermannen sich nur, um sich schweigend zu wenden zum Ausgang, Ängstlich von dannen zu schleichen.                                                           Von Königstrabanten geleitet, Bleich und verstört, nicht rechtshin schauend noch linkshin gelangen Sie an's Thor: aufathmen sie erst aus ihrer Beklemmung, Als im Rücken sie haben die Mauern von Münster, der grausen Stadt, und nahe vor Augen die winkenden Zelte des Bischofs. Sechster Gesang. Im Lager.                             Müssiges buntes Gewimmel erfüllte die Straßen der Zeltstadt Vor dem Servatienthor, auf der Südostseite gen Wolbeck, Wo Hof hielten des Heers Anführer, und weit sich des Lagers Hauptplatz dehnte, bedeckt mit Marketendergezelten. Stattliche Ritter, gefolgt von Falknern und adligen Knaben, Zogen den Platz entlang; heimritten behäbige Domherrn Sacht mit der Beute der Jagd, mit der würzigen Schnepf' und dem Wildhuhn, Aus dem Gesümpf der Umgebung. Auch rollende Kutschen ersah man D'rin gar zierliche Dämchen sich brüsteten – Nichten der Domherrn. Zechend und spielend und fluchend vertrieben die Zeit sich die Söldner, Wüste Gesellen, mit Schrammen, und knebelgebartet. Es balgte Sich auf dem staubigen Rasen mit seinen Genossen der Troßbub. Krämer und fahrende Juden umschlichen die Zelte: mit ihnen Feilschten die Landsknechtfrau'n und die Dirnen. Auch Theriakhändler Gab es, und And're dazwischen, die Farr'nkrautsamen verkauften, Welcher, um unsichtbar sich zu machen, als Mittel geschätzt ist, Oder auch anderen Zauber, vor Schuß und Hieb sich zu feien. Knechte des Bischofs selber: dazu noch allerlei Hilfsvolk, Geld'rische, Cleve'sche Reiter, und hessische Fähnlein, und endlich Kaiserlich Volk, Papisten und Luther'sche, finden zusammen Hier sich, zu zechen, zu spielen, aus ihren gesonderten Lagern. Bauern auch treiben sich lungernd, bewehrt mit Schaufel und Schnappsack, Hier umher, die bestellt, um Schanzen zu graben, in's Lager Aus umliegenden Dörfern, und heut ist eben der Lohntag. Aber der Landsknecht zieht, der verschmitzte, den klotzigen Landmann Stracks in den lustigen Kreis, wo das Würfelchen tanzt auf dem Kalbfell, Oder auf Mänteln, am Boden verbreitet, beim Klange der Becher. Doch nicht lange verträgt Landsknecht sich und Pflüger. Schon hat sich Dort um die Trommel, die öfter der Würfel berührt als der Schlägel, Zank und Hader entsponnen. Es wehrt da erboßt ein bezechtes Bäuerlein sich: »Ihr Schelme, das sind nicht ehrliche Würfel!« Ruft er; »die kennen wir schon! die fallen nur gut, wenn den Kunstgriff Einer versteht! ja ihr Schelme, das sind Schelmbeine, die Würfel!« »Bankert!« gibt ihm Einer zurück, »willst nichts du verlieren, Spiele daheim mit dem Kater!« – Dem Bäuerlein hatte die Geister Mächtig befeuert der Trunk; er erhob sich auf schwankenden Füßen: »Ho, ho, willst du mich hänseln, du Leutebetrüger, du Schafdieb? Ja, Schafdiebe, das seid ihr! Ihr schleicht euch mit eueren Buben Nachts auf die Weiler hinaus, um Hammel zu stehlen, ihr Schelme, Oder ein Schwein aus dem Koben zu fangen: dem gebt ihr getränkten Schwamm zu verschlucken und zieht alsdann am hängenden Bindseil, Das an den Schwamm ihr gebunden, das Thier sacht hinter euch her so! Glaubt ihr, sie sind uns verborgen, die Tücken, die Schliche, die Listen, Wie ihr sie übt? Im Kriege, da raubt, im Frieden da maus't ihr!« »Was?« so ertönt's im Kreise, »was krächzt der besoffene Schlingel? Will er Händel beginnen? nun wart! wir wollen dich zausen, Du nichtsnutziger Schelm, daß das Blut in den Schuh dir hinabläuft!« Aber noch lauter, wiewol nur lallend, und schwank auf den Füßen, Schrie das Bäuerlein: »Kommt nur heran! will seh'n, wer den Muth hat, Mir ein Leides zu thun dahier vor dem Zelte des Bischofs! Ich will reden, so wie ich es denk', ihr Segenverwüster, Ihr Landfahrer, die ihr uns jegliches Übel in's Land schleppt: Pest, und fressende Beulen, die Blattern und jegliche Landplag'« . . . »Hinter die Hecken mit ihm,« so erscholl's, »damit wir ihn abseits Drillen nach Landsknechtbrauch!« – »Ein Roßhaar zieht dem Hallunken Stracks durch die lästernde Zung'!« – »Einen Kübel vom Wasser der Pfütze Gießt ihm ein!« – »Ei was da? es bleibt doch immer der Hauptspaß, Solchem Gesellen die Fersen mit flüßigem Salz zu bestreichen, Und ablecken zu lassen von kitzelnder Zunge der Geiß dann! Warte nur, Schelm, sollst lachen alsbald, wie du nie noch gelacht hast, Wenn du das Zünglein spürst am gesalzenen Ballen! Hinweg denn, Hinter die Hecken mit ihm, daß nicht uns ein grämlicher Waibel Störe den Spaß!« So scholl's und man wollte das Bäuerlein fassen, Doch das schrie, was es konnte, bis daß aus dem Zelte des Bischofs Wilcke von Stedinck trat, um des Lärms Anlaß zu erkunden: Wilcke, der Feldhauptmann, der beherzte, der wandelt als Einaug', Seit sich das Soldheer maß mit den Anabaptisten vor Münster. »Was für ein Tanz ist los? man hört ja das eigene Wort nicht D'rin im Gezelt – rief er. »Potz Blitz, da seh' ich schon wieder Einen mit schlotternden Knie'n: was zitterst du, Tölpel, als ob dir's Ging' an's Leben? was hat denn der Bauer dahier an der Trommel Bei Kriegsleuten zu thun? Da setzt es doch immer nur Püffe! Aber was merk' ich? es klappert schon wieder das leidige Schelmbein? Ei, potz Wetter, ihr Schlingel! Da seh' mir nur Einer die frummen Landsknecht' an! Rebelliren und lärmen von wegen des Soldes, Wenn nicht da ist zur Stunde der Pfennig: zum Saufen und Würfeln Haben sie's stets vollauf! das verdammte Gesäuf' und Gewürfel! Und das Gezänk' und Hadern dazu, und das gottlose Fluchen, Das schon so oft euch vergebens im Lager verboten der Bischof, Hol euch der Teufel, ihr Schelme, zusammt – wann wollt ihr es lassen?« »Herr« entgegnet ein Söldner, »wofern ihr glaubt, daß des Geldes Reichlich vorhanden zum Zechen und Würfeln, so thut ihr uns Unrecht: Was wir zechen, das kommt seit Wochen schon wieder auf's Kerbholz, Und was das Würfeln belangt, o Himmel, da steht es im Lager Längst schon wieder so schlimm, daß Einer mit Wehr und mit Waffen, Oder mit Mantel und Wamms statt Geld's muß lösen die Spielschuld! Denn so selten zu seh'n ist der Pfennigmeister vor Münster, Wie ein Gespenst um die Mittagszeit und ein Ketzer im Beichtstuhl!« »Wenn du den Pfennigmeister vermissst«, sprach Wilcke, so kann ich Dir wol weisen den Büttel dafür, und den Galgen, der draußen Steht, wo die Zeltreih'n enden, auf sanftansteigendem Hügel« . . . Weiter noch dacht' er zu schelten, da brachten herbei auf des Lagers Hauptplatz Musketiere geführt einen blühenden Jungen. Diese, den Feldhauptmann inmitten des Haufens erblickend, Traten heran, um Kunde zu bringen, es habe der Junge, Kecklich aus Münster geflüchtet, soeben beim Geld'rischen Blockhaus Sich freiwillig gestellt, und geleitet zu werden in's Lager Hab' er begehrt, da als Söldling zu dienen er denke dem Bischof, Manches auch wisse zu melden vom Stande der Dinge zu Münster. »Ei«, rief Jener und that einen Schlag auf die Schulter des Jünglings, »Stattlich und breit ist der Bursch um die Brust, hat Augen im Kopfe – Teufelsaugen! Gedulde dich nur, mein Junge, vorerst noch, Denn mit den Kriegsherrn setzt sich der Bischof eben zu Tische, Und nach Tische da geht's an's Berathen. Doch wenn wir zu Ende, Halt' dich bereit dann, Bursch, ich selber geleite zu ihm dich!« – Sprach's und wieder verschwand er im prangenden Zelte des Bischofs. Aber den Jungen umgaben sogleich nun die Söldner und zogen Ihn zu sich auf den Sitz um die weinigbesudelte Trommel, Und sie verlangten, er solle gebührlich im Zechen Bescheid thun, Neckten ihn auch ob des glatten und weißen Gesichts, ob des bartlos Kahlen und weichlichen Kinns, doch lobten zugleich sie die drallen Lenden, das Auge, so blitzend, das goldbraun wallende Haupthaar. »Sag doch«, riefen sie dann, »wie steht's in Münster, der tollen Stadt, wo der Fastnachtskönig gebietet, der Schneider und Gaukler? Ist's nicht wahr, daß den Bock er führt in Siegel und Wappen?« »Jan von Leyden regiert zu Münster«, versetzte der Jüngling Mit aufflammendem Blick, »als ein echter, gewaltiger König: Willig gehorcht ihm das Volk, seitdem aus der Schlacht er als Sieger Kehrte zurück in die Stadt an der Spitze der Wiedergetauften!« »Gleichviel!« riefen die Söldner, »er bleibt doch der Schneider von Leyden! – Haben uns da vor Kurzem die lumpigen Münsterer kecklich Her ins Lager gejagt einen Gaul, und ein strohener Bischof Saß auf dem Gaul, und am Schweif, da baumelte schnöd des Vergleiches Urkund', welchen den Münst'rern geboten in Gnaden der Bischof . . . Dachten damit uns zu necken: wir aber, wir zahlten es zwiefach Heim: wir nagelten eine zerrissene Hose den Schuften Nächtlich an's Thor, und schrieben dazu, wir ersuchten den König Jan, den berufenen Schneider von Leyden, zu flicken die Hose!« – »Spottet des Schneiderleins nicht!« ruft jetzo ein And'rer; »er hat doch Höllische Hilfe zur Seite. Das Weib des gefall'nen Propheten Ist eine Hexe. Noch mein' ich sie stets vor Augen zu sehen, Wie, als den Wall wir berannten, und noch vor den Thoren in freiem Feld nicht tobte der Kampf, sie zwischen den rauchenden Pfannen Stand auf dem Wall; wie sie braute den siedenden Trank, und als kecke Pechkranzwinderin lachend auf uns her Tod und Verderben Sprühte, und Gleiches zu thun auch spornte die anderen Weiber. Aber das Alles genügte der Hexe noch nicht, und sie griff nun Gar nach höllischem Zauber. Denn als sich ein Theil von den Unsern Wieder auf's Neue gewagt an den Wall, dort wo sie ihr Wesen Trieb, da knattert's auf einmal im sandigen Grund, und wir seh'n uns Plötzlich von Flammen umringt: schier war's, als bräch' aus der Erde Feuer der Hölle hervor: mit Grausen entfloh von den Unsern, Was nicht schon, wie die Milben im Lichte, versengt war im Feuer, Welches die Hexe durch Zauber gelockt aus der Erde!« – »Vielleicht war's Zündstaubsaat, die zuvor sie gesä't«, sprach zweifelnd ein Reiter, Und entzündet im rechten Moment?« – »Nein«, sagte der Sprecher, »Denn nicht hatte sie's nöthig, Zigeunerin ist sie und Hexe, Solches behaupten ja selbst einstimmig die Anabaptisten!« – »Ja so ist's!« sprach nickend ein Reiter im Kreise; so hört' ich's Selbst auch jüngst, als mit Andern die Wach' in der Schanz' ich besorgte Gegen das Maurizthor. Ein Übergelauf'ner aus Münster Hat uns da von der Braunen berichtet, wie sie aus Zigeunern Jetzt sich gar einen Trupp Leibwächter gebildet; mit diesem Schlug sie den Wohnsitz auf in einem verfallenen Thurme, Welchen den Popanzthurm man benennt, das ist Thurm der Gespenster , Weil's dort spuckt bei Nacht seit Jahren im öden Gemäuer. Nahe dem Kreuzthurm liegt, an den Wall sich lehnend, der Spuckthurm. Und da erzählt nun vom Treiben der Zaub'rin im wüsten Gebäude Seltsame Dinge das Volk. Mit den Ihrigen nächtliche Feste Feiert sie dort: man erblickt durch Spalten der Mauern die Hallen Grell und schaurig beleuchtet: es schallt von wilden Gesängen Und von Theorben und Cymbeln heraus aus dem schwarzen Getrümmer, Und von Reigen, in welchen die Geister der Hölle sich mischen: Wüst und wirr da erklingt es von fremden, satanischen Lauten, Wenn sie so feiern die Nächte mit höllisch entzügelten Lüsten! – Recht, Freund, hast du gethan, daß das teuflische Nest du verlassen!– »Ja, wol thatest du Recht«, so spricht zu dem Jungen der Eine Noch und der And're im Kreis, »daß du Münster verlassen; denn wahrlich, Übel ergeht's noch Jedem, der drinnen!« – Es fügte mit Lächeln Leiser hinzu noch Einer: »Nun ja, daß du Münster verlassen, Hast ganz wol du gethan; doch hör' – im Vertrauen dir sag' ich's – Daß hieher du gelaufen zu uns , mein trefflicher Junge, Das war weniger klug! Was willst du dem lumpigen Bischof Dienen? Der hat kein Geld! Da ist Meister der Küche der Schmalhans Immer, das heißt für die Söldner. Die Herren da drinnen, die freilich Drückt kein Mangel: es schnappt nur erlesene Bissen des Domherrn Hund, und es sitzt rothbackig in gold'ner Karosse das Kebsweib. Nein, wahrhaftig, es mangelt da nichts als der Sold für den Landsknecht! Neulich, noch oben darein, kam Krankheit unter die Knechte, Und ein gewaltiges Sterben war herrschend durch etliche Wochen. Reißaus haben die Meißner vor Kurzem genommen mit ihrem Hauptmann Biltzius: leer stand da frühmorgens ihr Lager Vor dem Ägydienthor und die Kriegsherrn hatten das Nachseh'n. Andere folgen vielleicht. Mehr plagt, als der Hunger, die Langweil: Denn da liegen wir nun schon Monate rathlos und thatlos, Seit uns mißlungen der Sturm, und die Herrn Kriegsräthe da drinnen, Die Hochweisen, die sitzen beisammen, berathen und schwatzen, Wissen noch nicht, wo sie fassen ihn sollen, den Stier: bei den Hörnern Oder beim Schwanz? Von des Heer's Hauptleuten der einzige Stedinck Ist kein Gauch: das ist Einer, der fähig, zu fangen den Teufel Selbst aus der Hölle heraus beim Schweif; doch die Anderen alle, Sind Bär'nhäuter und Tröpfe. So kommt's, daß kecker die Münst'rer Werden mit jeglichem Tag, und daß sie sogar nun die Kühe Treiben heraus vor's Thor auf die Weide vor unseren Augen. Freilich, da hat sich der Bischof den Offenkamp , einen neuen Feld-Zeugmeister verschrieben: der soll so erfahren und klug sein, Daß er das Husten der Mücke vernimmt, und wachsen das Küchlein Sieht im Ei schon: der Kahlkopf kommt nun mit mancherlei klugem Plan und Entwurf, da stecken um ihn sie die Köpfe zusammen, Schwatzen von Gräben und Minen, Rondelen und Bastionen, Von Blockhäusern und Schanzen, und von vorrückenden Dämmen, Und drauf los dann schanzen die Bauern, und graben und stechen, Und wenn Eines mißlingt, so sinnt einen anderen Rath gleich Offencampius aus, der gelehrte, die Zeit zu vergeuden« . . . – Also der Söldner; da fiel in die Red' ihm ein narbiger Graubart: »Schweig, du raubst ja die Freude dem Jungen! – Das Leben des Landsknechts, Mußt du wissen, o Sohn, es bleibt doch das lustigste Leben, Nur auf beständigen Wandel gestellt; und das ist das Beste Noch beim Spaß; man gewöhnt sich d'ran, will nimmer es anders! Wenn du ein Landsknecht wirst und weiter umher dich das Schicksal Treibt, so erprobst du es bald! Heut mußt du im schäbigen Koller Barfuß laufen, und morgen beschaffst du dir kecklich ein Sammtwamms, Scharlachhosen dazu, auf dem Hut eine farbige Feder, Bist im Stand, dir mit Silber zu posamentiren die Hosen, Daß dich beneidet im Lager darum dein eigener Hauptmann. Heut mußt du, wie die Gans im Dorf, aus Tümpeln und Pfützen Stillen den Durst, und schlucken die Milch, in welcher der Bäu'rin Mäus' und Ratten ersoffen, und folgenden Tages, so Gott will, Liegst du vor'm rinnenden Faß, hast Braten und Kuchen um dich her, Daß zehn Mäuler und Mägen du füllen dir könntest für einen. Heut ein erbärmlicher Wicht bist du, und vermagst dir zu halten Kaum einen ruppigen Hund: es entläuft dir der hungernde Bube, Der für dich bettelt und stiehlt, es sagt von dir los sich die Dirne, Die mit dem Troß dir gefolgt auf gefährlichem Marsch und in's Lager, Und für dich wäscht und dich pflegt und dir leistet die sonstige Treue: Aber schon morgen erhebt dich ein strotzender Seckel zum großen Herrn, und du kannst von der Beute das Dirnchen dir kleiden in Seide! – Trink, mein Junge! der Wein gibt fröhliches Blut und Courage! Ei, was bist du wie Kreide so weiß im Gesicht und so schweigsam, Hüllst dich so eng in den Mantel, als frör'st du? du bist wol ein lindes Benjaminchen, erwachsen daheim bei gebratenen Äpfeln Hinter dem Ofen? – Das Leben genießen, das Leben verachten, Lautet der Landsknechtspruch, und den Tapferen meidet die Kugel! Und wenn ängstlich du bist, dein jugendlich Leben dich dauert, Ei, potz Wetter! da ist einem wackeren Burschen noch immer zu helfen: Brauchst vor die Brust nur ein Päckchen mit Farr'nkrautsamen zu stecken, Und du bist unsichtbar für den Feind. Und magst du ein Schutzhemd Tragen, aus Wolle, gesponnen am Christtag oder Charfreitag, Ritzt kein Hieb, kein Schuß dich. Und hast du gesegnete Kugeln, – Gleichviel, ob sie der Priester, ob sie dir der Teufel gesegnet – Triffst du den Mann, den du meinst, und kannst noch gar um die Ecke Schießen, sofern dir's beliebt!« –                                                       »Ei, närrische Possen!« begann jetzt Eifernd ein hessischer Reiter. »Ein ehrlicher Kerl, der behilft sich Ohne den Kram! Vor Augen den Tod, das ist ja die Würze, Gibt erst den richtigen Schick und die heimliche Lust im Dareinhau'n! Hab' ich das Landsknecht leben erkieset, so will ich den schönen Landsknechts tod auch haben im Feld, viel lieber als schnödes Bettelgeläuf' durch's Land bei verkrüppelten Gliedern im Alter! Denke zu leben, zu sterben nach Observanzen und Bräuchen Ehrlichen Landsknechtthums und mich deß' noch im Tod zu getrösten!« »Recht so, Bruder!«, erwidert mit Grinsen ein wüster Geselle, Hebend das blinkende Glas; »nur ein wenig doch mein' ich es anders: Schierst dich zu viel, beim Teufel, um Observanzen und Bräuche! Ist's doch gleich, ob dir Einer den Kopf absichelt im Schlachtfeld, Oder der Geier dich holt zwei Ellen so über dem Erdreich, Daß dir über dem Kopf und unter den Füssen zusammen Schlagen die Lüfte – 's ist Eins! auch das ist für's Sterben gerechnet! Wie ich sterbe , das schiert mich nicht; doch ob ein vergnüglich' Leben ich führe, das kümmert mich sehr: denn leben das muß ich Alle die Tage, die Gott mir schickt, doch sterben nur einmal! – Also der Söldner, und blickt' um sich, weintrunkenen Auges, Und fuhr fort: »Gebt Acht, Kameraden! Die Zeiten, die kommen, Sind für uns wie geschaffen. Den Zank und Hader, der allwärts Jetzt entbrennt in der Welt, den muß ausfechten der Landsknecht! Sind wir nun so gesucht, dann, wißt ihr, können wir selber Machen den Preis, dann dürfen sie nicht erst lang mit uns markten, Nicht mit Gesetzen und Regeln und Observanzen uns hudeln! Trachtet doch Jeder nunmehr, wie er kann, sein Loos zu verbessern, Und schon wirbeln die Menschen und Dinge so wirr durcheinander, Daß, wer nur wacker sich rührt, sich erraffen ein tüchtiges Theil auch Mag von den Gütern der Welt, die bisher nur Wenige schmeckten! Wir auch spüren den Drang im Leib – mag künftig wer will da Hinter dem Pflug hertrotten im Feld, und hinter den Säcken Steh'n in der Bude des Krämers: wir lieben die lustige Freiheit – Und wer sie uns zu bieten vermögend, die lustige Freiheit, Deß' ist unsere Faust. Ob er Recht hat oder ob Unrecht, Kümmert uns nicht; das entscheiden ja selbst die Gelehrten, die Weisen Nun und nimmer: die Welt wird stets doch am Ende mit uns'rer Elle gemessen, das heißt mit der eisernen Pike des Landsknechts! Nun, so laßt sie uns nützen, die günstige Zeit, wo der Söldner Herr ist im Land! Jetzt sind wir die Gäst', und lassen's uns wol sein Hier in der Welt, und wenn sie demnächst, wie die Pfaffen verkünden, Geht zu Grund, so brauchen die Zeche wir nicht zu bezahlen: Denn wenn die Schenke verbrennt, so verbrennt mit der Schenke das Kerbholz! « – Also besprachen zusammen im fröhlichen Kreis sich die Söldner. Aber versammelt indeß in des Bischofs schimmerndem Prachtzelt Saßen die würdigen Herrn beim Mahl. Hoch ragte des Zeltes Prangender Giebel empor, und es standen gepflanzt vor den Eingang Zwei Karthaunen zur Wacht; daneben stolzierten in bunter Glänzender Tracht zu den Seiten der Pforte die Hellebardiere. Und an ragender Stange befestigt, erhob sich das Banner Hoch in die wehende Luft mit dem Wappen des Grafen von Waldeck. Aber das prächtige Zelt, von innen in Säl' und Gemächer Waren die Räume getrennt durch Prunkvorhänge, die farbig Stralten und golden gestickt, mit schimmernden Fransen berändert. Und in dem weitesten Raume des Zelts, wo sich's wie ein Prunksaal Dehnte, da saß beim Mahle mit glänzenden Gästen der Bischof: Saß da zuoberst er selbst, ein Herr von stattlicher, hoher, Stolzer Gestalt: noch stets voll männlicher Schöne des Anseh'ns War er, ob gelblich auch und halb schon erschlafft ihm die Wange Hing und ein grämliches Wesen umwob sein ad'liges Antlitz. An ihn reihten die Domherrn sich: dickleibig und weinroth, Neben Gesichtern von hagern und scharfen und galligen Zügen. Neben den geistlichen weltliche Herrn, Kriegsoberste, Räthe: Wirich von Daun vor Allen, der Graf, der im Heere des Bischofs Führte den Oberbefehl, ein bedächtig blickendes Männlein: Schmächtig er selbst, doch gewaltig der eisgrau wallende Kinnbart, Einer Cascade, die schäumend gefroren im Sturz, zu vergleichen. Ferner Gesandte von Cleve, von Cöln, von Hessen und andern Nachbarlanden, für heut zur Berathung in's Lager entboten. Aber in eig'ner Person auch saßen benachbarte Fürsten Heut am gastlichen Tisch: so der bremische Bischof, von Braunschweig- Grubenhagen der Herzog selbst, Herr Philipp, zur Seite Sitzend dem Münster'schen Herrn. Da saßen auch Viele der edlen Ritter des Münster'schen Land's, die mit reisigen Knechten dem Bischof Zogen zu Hilfe: so Mengersheim, so Galen und Bentheim. Nicht war im glänzenden Kreise der würdigen Herr'n zu vermissen Liebliche Blüte der Frau'n; denn es theilten die Freuden des Mahles Manche Befreundete, welche der Bischof oder der Domherr'n Einer mit sich aus der Stadt in's Kriegsfeldlager genommen. Würzig dampfte das Mahl auf blinkenden, silbernen Platten, Reichlich und üppig: es winkte Fasan und Pfauenpastete, Lockte gebraten der Lachs und die Schnepf' und das köstliche Rebhuhn. Muskateller und Sect und feurig-süßer Tokayer Schwemmten die leckeren Bissen hinunter. Der bremische Bischof Lobte mit Eifer die Schnepfen des Land's: Feinschmecker und Kenner War er wie Keiner. »Vor Zeiten«, versetzte bedauernd der Domherr Melchior, war's noch besser bestellt mit dem wilden Geflügel Hier um Münster. Da hatten wir bis vor die Thore der Stadt hin Stets eine treffliche Jagd: doch seit das Gesümpf in der Gegend Mehr und mehr sich verengt und vom Ackergelände verdrängt wird, Hat sich auch darin verschlechtert die Zeit– wie in anderen Dingen!« Zusprach baß dem Tokayer, dem Sect, Herr Philipp von Braunschweig, Und mit heiterem Muthe dem Wirth in's grämliche Antlitz Blickend, begann er: »Was habt ihr doch nur, liebwerthester Vetter, Daß nicht Speise noch Trank euch erquickt und die Augen erheitert? Rührt ihr doch wenig nur an von den Werken des trefflichen Koches, Den ihr im Lager da habt, und um den ich euch wahrlich beneide!« – Ihm entgegnete d'rauf mit verdrießlicher Miene der Bischof: »Vetter, ich bin nicht mehr wie dereinst! es fehlt in der Nacht mir Schlaf, beim Mahle des Essens Gelüst. Es vermeinen die Ärzte, Daß an der Leber gemach mir ein tückisches Uebel sich festsetzt. Und, beim Himmel, zu wundern ist's nicht, wenn siech mir die Leber Wird von der Fülle der Gall', die nun seit Monden ich schlucke! Könnte noch Einer aus deutschem Gebiet ein waltender Fürst sein, Ohne zu kranken an Leber und Herz? Denn immer umlauern Ihn rauflustige Neider, und Nachbarn, seinem Besitzthum Keck nachtrachtend, in's Land ihm fallend, und immer ihn schutzlos Findend, vom Reiche verlassen, und preis so gegeben dem Stärkern. Und nun das Glaubensgezänk noch dazu, und die Bürgerempörung! Obenauf trachten die Bürger zu sein, und sie möchten am Liebsten Gar Niemand als Herrn mehr erkennen, nach eigenem Stadtrecht, Frei von Fürstengewalt, selbsteigen das Ihre verwalten! Schwärmen vom Hansabund, und versprechen sich goldene Berge! Aber am Schlimmsten doch fahren bei ihnen die geistlichen Fürsten. Ging's nach dem Willen der Neu'rer, so nisteten Spatzen in Inseln Längst, und der Krummstab wäre zum Bettelstabe geworden! Weiß doch ein geistlicher Fürst kaum mehr, wo ruhig er hausen Mag, sein Haupt hinlegen des Nachts, in dem eigenen Lande! Münsters Bischöfe haben schon längst an jeglichem Orte Lieber verweilt, als zu Münster daheim in der fürstlichen Hauptstadt. Ich auch hielt mich am Liebsten entfernt auf ländlichen Schlössern, Bis ich gezwungen mich fand, an der Spitze gedungener Haufen Hier mich zu legen in's Feld, zu befehden die wüsten Rebellen! Mußte der Gräu'l, der verwünschte, der schwärmenden Anabaptisten Eben auf meinem Gebiet zur Blüte gelangen, und finden Im westphälischen Land so verwegene Jünger und Kämpen?« Also klagte der Fürst. Ihm erwiderte seufzend der dicke Probst von Hamm, der im Lager des Bischofs eben zu Gast war: »Ei was sagt doch von jeher vom Münster'schen Manne das Sprichwort? Westphalus est sine pi, sine pu, sine con, sine veri: Ruchlos, schamlos ist er, gewissenlos und ohne Wahrheit! Mag Westphalia pralen mit ihren gelehrten Skribenten! War es doch eben die viele lateinische Bildung in Deutschland, Was uns verderbte das Volk. Denn seit die lateinische Bildung Um sich griff, hat Alles vom Handwerk weg und vom Pflug sich Zu den lateinischen Schulen gedrängt, nach Höherem trachtend; Dann, als an Amt und Erwerb es gebrach für die vielen Lateiner, Schweiften im Land als Vaganten, als fahrende Schüler, sie bettelnd Um vor den Thüren der Klöster, Pfarreien, stipitzten den Bauern Weg aus den Höfen die Gänse. Da keimte das luther'sche Wesen, Und nun waren es diese, die Ganshalsdreher, die wichtig Als Prädikanten sich machten im Volk, als Gottesgelehrte: Wühlten bei Bürgern und Bauern, als tückische Feinde der Kirche, Bis auch diese begannen, in Bücher zu stecken die Nasen. Disputieren nun wollten, sogar mit lateinischen Brocken, Bäcker und Schuster, gelehrt-theologisch, im Bad und in Schenken, Selbst auch im freien Gefild, wenn eng war dem Haufen die Stube. Und es wollte von da an der Laie belehren den Priester. Kam's doch am Ende so weit, daß entgegen dem Mönch auf der Kanzel Manchmal zu streiten begann ein verwegenes Glied der Gemeine! Solches geschah in dem Hause des Herrn, auf der heiligen Stätte! Wollte der Himmel, es wäre der ärgste der Frevel gewesen! Aber noch schrecklicher ward's: man zertrümmerte Heiligenbilder, Plünderte Klöster und Kirchen! Nun gar noch die Gräuel zu Münster! O du sündige Stadt! wie wird dich strafen der Himmel! Unglücksort! bald wird es in deinem Gemäuer so öde Sein, wie zu Walterskirch, wo die Wölfe gefressen den Schultheiß Mitten auf offenem Markt, so verlassen und wüst war das Städtlein!« – So wehklagte der Probst, ein kugelig rundes und rothes Männlein, und reichte hinunter dem schlanken, getiegerten Fanghund Pollux, welcher die Knie' ihm umschnüffelt', ein saftiges Kopfstück Vom Rebhuhn, das im Eifer er eben zerlegt' auf dem Teller. »Wahrlich, erwäg' ich es recht«, sprach jetzt aufbrausend der Bischof, »Wär' es das Klügste gewesen, auf ein Mal ganz zu gewähren, Was stückweis' man sich nimmt, durch Versagen noch wilder erbittert: Freiheit des Glaubens und Denkens. Als ketzerisch Münster geworden, War's rathsamer, zu opfern die geistliche Macht, um zu retten Mindestens die weltliche noch: jetzt haben wir Beides verloren« . . . Sprach's und erschrack gleich selbst vor dem Wort, das den Lippen entschlüpft war: Zornig schaute herüber der finstere Rotger von Smisink , Domscholaster zu Münster, und sprach mit gerunzelter Stirne: »Niemals, gnädiger Bischof – erlaubt mir, daß ich es sage – Niemals für solches Beginnen, den Rechten der Kirche zuwider, Hätte gestimmt das Capitel. Genug und übergenug schon Hat man Duldung den Ketzern gezeigt, nach meinem Bedünken. Frecher nur macht Nachsicht die Verwegenen. Läßt man den Teufel Erst in die Kirche hinein, so stellt er sich gleich auf den Altar!« – Also ereiferte sich der Scholaster von Münster. Der Bischof Schwieg und leerte mit einem gewaltigen Zuge das Kelchglas, Das vor ihm stand, um zu dämpfen die innere Flamme des Unmuths. Wennemar von der Recke, des Herzogs von Cleve Gesandter, Lenkte die Blicke der Gäste des Bischofs jetzt auf den hohen Prachtaufsatz in der Mitte der Tafel, ein meisterlich' Kunstwerk: Ganz aus Teige geformt, Sanct Lamberts prangenden Münster, Mit hochragender Spitze des Thurms, die in eckiger Kuppel Steckt wie die Nadel im Kissen: es freuten sich Alle des Anblicks, Lobten den Koch einstimmig, den Künstler, der Solches gebildet. Und zustimmend versetzte, nun besserer Laune, der Bischof: »Wahrlich, er ist ein Meister der Kunst, so der Bild- wie der Kochkunst: Gibt er in Marzipan doch immer und sonstigem Backwerk Uns die belagerte Stadt stückweis' zu genießen: das Rathhaus Jetzt, dann Lamberts Münster, und andere Kirchen und Klöster, Oder den Domhof gar, und was sonst zur Gestaltung ihn anregt. Aber den Gaukler von Leyden, der jetzo in Münster sich König Nennt, den bringt er uns immer in neuer Gestalt auf den Richtplatz: Jetzo gerädert und jetzo gespießt, und so immer mit and'rem Tode bestraft. Heut' hat er ihn feiner gebildet als jemals, Hier in vergittertem Käfig mit Knipperdolling und Krechting Hängend zum Fenster des Thurmes heraus: da seht die Figürlein! Seht nur, der Mittlere hier, der ist es, der Gaukler von Leyden!« – Sprach's und wies die Figürchen den Gästen. Der bremische Bischof Und Herr Philipp, der Herzog, sie schauten mit regsamer Neugier Auf den gebackenen König der Wiedergetauften. »Er prunkt ja«, Sprach Herr Philipp, »im Königsornat gar stattlich! Der Bildner Hat ihm auch noch im Käfig die goldene Krone gelassen! Ist er denn wirklich so stolz und so königlich stattlichen Anseh'ns, Wie man erzählt, und so würdig in seinem Benehmen und Wesen?« »Davon«, sagte der Bischof, »vermögen die edelen Männer, Die wir vor Kurzem nach Münster als mahnende Boten gesendet, Euch ein Liedchen zu singen! Die haben ihn sitzen gesehen Hoch auf dem schimmernden Thron, umgeben von seinen Trabanten! Das war ein Prunk! es konnt' ihn darum auch der Kaiser beneiden! Auszustaffiren versteht er sich trefflich, der Gaukler von Leyden!« »Sagt man doch, daß als Knab' er selber die Nadel geführt hat«, Warf mit spöttischem Lächeln ein And'rer dazwischen. »Da kann's nicht Wundern, daß jetzt er als König annoch auf schöne Gewandung Hält, und es liebt, daß üppig florirt zu Münster das Handwerk!« »Sei dem, wie immer«, versetzte mit schelmischem Lächeln der Kriegsrath Conrad Hesse, der Alte; »man hört, daß zu Münster die Weiber Schwärmen für ihn; und hier auch im Lager, da sind ihm die Frauen Gar nicht feind, seitdem sie von ihm so Vieles vernommen Und sein Bildniß betrachtet. Die Nichte, die edle, des würd'gen Domherrn Melchior dort, die mit Geist und Reizen geschmückte Gabriele , sie hat ihn schon oft mit Eifer vertheidigt, Wenn ihn Einer geschmäht, und ich denke, sie hat von den Püppchen, Wie sie der Koch auf die Tafel uns stellt, eine reichliche Sammlung; Denn stets macht sie den Jan bei Tafel zu ihrem Gefang'nen, Trägt ihn fort in der Tasche, den glücklichen Anabaptisten!« – Also der schelmische Alte, und purpurn saß vor Beschämung Gabriele, die reizende, da, und die Wange des würd'gen Domcellarius färbte von heimlichem Ärger sich blauroth, Während er jetzt auf den Spötter, und jetzt auf das Weib einen Glutblick Warf. Doch ein jüngerer Ritter, der Neffe des Grafen von Bentheim, Der schon längst im Geheimen die schmachtende Schöne verehrte, Und abspenstig sie oft schon zu machen versuchte dem Domherrn, Sprach mit Entrüstung: »Die edel geborene Dame von Ottwitz Sollte sich kümmern, ob häßlich, ob leidlich gestaltet ein Mensch ist, Der einst führte die Nadel? Die adlige Nichte des Domherrn, Ritterlich will sie umworben und ritterlich will sie geminnt sein!« »Ach, was ritterlich«, gab, zulächelnd dem Jüngling, der alte Mengersheim ihm zurück; »vorbei sind der höfischen Minne Zeiten, des Minnegesangs, und der sonstigen ritterlich-edlen, Herrlichen Dinge. Verraucht ist der Muth, der immer gesattelt War, und gespornt, um zu reiten auf Abenteuer. Den Ritter Hat nun der Krämer verdrängt, und den Mönch auf der Kanzel der Schreier, Welcher im Weinhaus tobt und auf offenem Markte. Dahin ist All das nun in der Welt, wie die alte germanische Leh'nstreu, Und in den Städten der alte, der schweigende Bürgergehorsam, Und der Tiara Gewalt, die so lange beherrschte den Erdkreis« . . . »Und – die ergiebige Jagd auf Schnepfen hier außen vor Münster!« Sprach Herr Stedinck. Es schmunzelten Manche, doch Andere seufzten.                   Aber es drängte die Zeit nun, zu schreiten zur ernsten Berathung, Und nachdem sich die Frauen entfernt und die Diener des Mahles Rest von der Tafel gehoben, da rückten zu engerem Kreise Alle die würdigen Herr'n, die Gesandten und Räthe zusammen. Und es begann zu entrollen die traurige Posse des deutschen Reichselendes im Kreis der berathenden Freunde der Bischof: Zählte vor ihnen herab an den Fingern ein völliges Dutzend Reichs- und Kreisabschiede: wie jene von Speier und Augsburg, Welche des Reichs Churfürsten und Fürsten und Stände verpflichten, Daß ein Nachbar helfe dem andern; er dachte des Kreistags, Welchen gehalten die Fürsten des rheinischen Kreises zu Koblenz, Eig'ne Gefahren erwägend, beschließend, im Namen des Kreises Weiter zu führen den Krieg, daher auch den obersten Kriegsherrn Selber bestellend, den Grafen von Daun, im Namen des Kreises, Mit vier Räthen im Lager dazu. Er gedachte des Reichstags Ferner zu Worms, wo des Reichs Churfürsten und Fürsten und Stände Nach unendlichem Hader zuletzt doch erkannten, es müsse Kaiser und Reich sich erheben, den anabaptistischen Gräuel Stracks aus der Welt zu vertilgen, zu Felde zu ziehen im Kreuzzug Gegen die Wiedergetauften, wie gegen die Heiden und Türken. Aber zu sparsam fließe die Hilfe, so klagt' er, zu langsam, Welche des Reichs Mitstände zu Worms ihm gewährt und zu Koblenz. Fruchtlos mühe sich immer der Pfennigmeister, den Pfennig Abzuverlangen umher bei säumigen Bundesgenossen, Und so sei um den Sold man beständig verlegen im Lager, Ja, zu befürchten auch sei, daß gar sich die Söldner verlaufen, Sonderlich, da es ja wimmle nunmehr von Werbern im Lande, Die sich, um anderswohin zu verlocken die Knechte, bemühen. »Schon neun Monde nun sind's«, so beendet die Klage der Bischof, »Daß wir liegen vor Münster. Wir halten die Stadt nun mit sieben Schanzen umzingelt, die alle verbunden durch Gräben und Wälle, Und fünf Hunderte liegen in jeglicher Schanze, daneben Etliche Reitergeschwader. Wir bau'n vorrückende Dämme Gegen die Stadt seit Wochen: von Bauern auch etliche Tausend Halten wir Tag für Tag mit den Schanzarbeiten beschäftigt. Leicht zu ermessen ist nun, wie des Bisthums Mittel der Aufwand Hinter sich läßt, und der Krieg gar bald ausschlägt zu des Reiches Schmach, wird kräftiger nicht und rascher die Hilfe geleistet!« – Also der Münster'sche Herr. Nachdenklich vernahmen im Kreis' ihn Boten und Räthe. Sie schwiegen und rückten umher auf den Stühlen. Zögernd sodann sprach Dieser und Jener von seines Gebieters Eig'ner Gefahr und Noth. Es berief sich der auf des Landes Schuldlast, der auf den Bauerntumult, und der auf den Mißwachs Und das gewaltige Sterben im Land vom vorigen Sommer. Einer der Fürsten bedauerte herzlich durch seinen Gesandten, Daß so böslich vor Kurzem an Geld und Gut ihn geschädigt Ein langwieriger Streit mit den Sippen. Der bremische Bischof, Ein vielmögender Herr, er betheuerte, daß er an Baarem Niemals weniger hatte zu Handen als jetzt. Und so fand denn Jeder zu klagen, und selbst war hilfebedürftig ein Jeder. »Und was hab' ich zu hoffen«, so fragte betrübten Gesichtes Waldeck nun, »von dem Nachbar Cleve? Was bietet der Vetter Landgraf mir, Herr Philipp von Hessen? was denket des Kaisers Majestät für Münster zu thun? auf diese ja muß ich Hoffen zumeist!« – Da beginnt zu erwidern des cleve'schen Herzogs Rath. Von den eigenen Nöthen des cleve'schen Lands, von dem neuen Reichsbeitrag für den Krieg, der da drohete gegen die Türken, Sprach' er; indessen gedenk', ein Äußerstes thuend, der Herzog Nächstens zu stellen des Weitern zum Kampf vor Münster ein halbes Dutzend Karthaunen von schwerem Kaliber, wofern nur der Bischof Sich ihm verpflichte, den Schaden, der etwa d'ran sich begäbe, Nach dem beendigten Kriege mit Geld nach Gebühr zu vergüten. Also Cleve. Die hessischen Räthe vermelden, es habe der Landgraf Freilich zu thun vollauf, sich zu wehren der eigenen Feinde, Dennoch find' er bereit sich, dem Bischof noch siebenzig Tonnen Pulvers zu schicken, wofern nur dieser dafür sich verpflichte, Daß er der Fähnlein Hälfte, so er für sich nun geworben, Zu dem Gelöbniß vermöge, nach Münsters Erob'rung sich keinem Anderen Herrn zu verdingen als ihm: er bedürfe der Söldner. Solches verlangte der Hesse. Des Kaisers und Reiches Gesandter Sprach nach den Anderen jetzt, Herr Georg Schenck, der in Friesland Und im oberen Yssel als Erbstatthalter bestellt war. Dieser bewies, daß der Kaiser der Hilfe von Fürsten und Ständen Selber ermangle, da sie, statt mannlich und ernstlich des Reiches Sachen die Kräfte zu weih'n, sie zersplittern in eigenen Fehden. Eben ja sehe das Reich sich wieder genöthigt zu rüsten Gegen der christlichen Welt grausamst androhenden Erbfeind, Ganz zu geschweigen von Händeln in Holland, wie in Brabant auch, Und davon, daß der tück'sche Franzos' auf Gelegenheit laure . . . Und so bleibe von daher nichts für Münster zu hoffen . . . Bitteres Lächeln umspielte die Lippen des Grafen von Waldeck. »Wird so wenig bedacht die Gefahr, die Allen gemein ist?« Rief er; »dringender sollte doch nichts nun erscheinen im Reiche, Als im Keim zu ersticken den Gräuel der Anabaptisten, Welcher das weltliche Recht zugleich mit dem geistlichen umstürzt!« – Jetzo erhob sich zu reden der Bote des Bischofs von Lüttich, Sprach, sein gnädiger Fürst und Herr, der leider auch selber Schwer von Anabaptisten geplagt und gewaltig erbittert, Sei nicht übel geneigt, dem gnädigen Bruder von Münster Ein Darleh'n zu gewähren, damit er zur Ketzervertilgung Habe die Mittel, wofern nur dem gnädigen Bruder und Bischof Für Rückzahlung der Summe zu Handen verläßliche Bürgschaft . »Bürgschaft?« fragte der Bischof; »die ist nicht leichter zu haben, Als ein Seckel mit Baarem!« – Im Kreise der Bundesgenossen Ließ er schweifen das Aug'. Nur zuckende Achseln begegnen Ihm und schweigende Lippen, zu Boden gekehrte Gesichter. Dennoch faßt er sich wieder, und wendet zum bremischen Bischof Sich: »Viellieber Bruder und Freund, Ihr seid in der Runde Weit als begüterter Herr in Ruf, und zuvor auch betheuert Habt Ihr, daß nur im Moment Euch Baares gebreche – nun fügt sich's, Sehet, daß Ihr auch so mir ein Helfer zu werden vermöget, Leistend die Bürgschaft bloß, die der Freund und Bruder von Lüttich Von uns eben verlangt!« – Das hätte dem bremischen Bischof Wenig ein Stündlein früher gefallen; doch hatt' er indessen Sich in rheinischem Weine zu heiterer Laune begeistert, So daß er schmunzelte nur zu Jeglichem, und mit beschwertem Haupt, schier ohn' es zu wissen, von selbst Ja nickte zu Allem. Und so nickt' er auch jetzt gar freundlich dem Bischof von Münster Zu, und stammelte: »Ganz wie du willst, liebwerthester Bruder!« Aber es rückte mit neuer Erklärung der Lütticher jetzo Wieder bedächtig heraus. Sein gnädiger Herr, so versetzt' er, Hab' ihn ernstlich verpflichtet, zu seh'n auf verläßliche Bürgschaft. Aber wer sei noch verläßlich? im heutigen Stande der Dinge Sei schier Niemand verläßlich: am Wenigsten seien's die Fürsten. Nicht viel besser sei Clerus und Adel, und einzig die Bürger , Meint er, seien was werth auf dem Geldmarkt heutigen Tages, Und nur die Städte noch zeigten Bestand und ein wachsend Gedeihen. Und so frage vorerst sein gnädiger Herre von Lüttich, Ob sein gnädiger Bruder und Bischof von Münster die Bürgschaft Stellen ihm könne von Köln etwa, von Bremen, von Augsburg? Nicht von den Herren des Lands – von der Stadt , von der Bürgergemeine « . . . Lächelnd vernahmen die Rede des Bischofsgesandten von Lüttich Alle, die saßen im Rath, und es sagte, sich neigend zum Nachbar, Mancher: »Er ist sehr klug, wahrhaftig, der Bischof von Lüttich!« – Aber der Münster'sche Herr, zum Lütticher sprach er mit Unmuth: »Meint ihr wirklich, es wissen die Krämer von Bremen und Augsburg Gar nichts Bessers zu thun mit ihrem erschacherten Gelde, Als sich für geistliche Fürsten und Herren damit zu verpfänden?« – »Klar ist's«, so fuhr er fort, nicht länger erstickend den Unmuth: »Nicht mehr bleibt von des Reichs Mitständen mir Hilfe zu hoffen! Sei es: so mag denn geschehen, wozu mich treibt die Bedrängniß! Wisset, der Engelländer begehrt schon längst an der Nordsee Boden zu fassen; auch Andere möchten gen Süden und ostwärts Um sich greifen, und daß ich es euch nur offen gestehe, Gestern noch war im Lager dahier ein heimlicher Sendling, Der ausgiebige Hilfe verbürgt, wofern eines Landstrichs Mich durch Verkauf zu entäußern sofort ich wäre gesonnen!« – Also der Bischof. Da sagte der kölnische Bote bedenklich: »Gnädiger Bischof, denkt Ihr in's Land uns zu locken die Fremden? « »Warum nicht?« sprach Jener; »man wird es auch so noch erleben, Daß auf unseren Boden der lüsterne Fremde den Fuß setzt. Blickt nicht Pfälzer und Baier auch über den Rhein, mit dem Reichsfeind Sich zu verbünden bereit, sobald es die eigene Haut gilt? Wenn nicht selbst wir uns schützen, wir Fürsten, so mag es das Ausland Thun, sonst wird uns am Ende noch Alle verschlingen des Kaisers Majestät: dann haben wir einen Gebieter in Deutschland, Ja einen König, der schmählich erdrückt die Vasallen im Reiche, Wie es die Könige thaten in Engelland und in Frankreich, Und noch sonst in der Welt' – vor welchem Verderben der Himmel Einzig uns Deutsche bisher noch bewahrt! Woferne des Kaisers Majestät sich vermisset zu Anderem noch, als den kleinern Fürsten in dem, was er hat, und was er vermag, zu beschützen, Wenn sie vor Andern nach Obmacht strebt, dann ist mir der Fremde G'rade so lieb als der Kaiser – was hilft uns da weiter das Reich noch?« Also ereifert' er sich. Beifällig nickte der Herzog Philipp dazu, beifällig auch nickte der bremische Bischof, Und beifällig im Kreis auch nickten so manche der Boten. Aber der kölnische Rath, sich ein Weniges noch zu gedulden Bat er den Bischof, zu halten entfernt die Vermittler des Auslands; Hilfe ja soll' ihm werden, nur gelt' es vorher noch die Sache Reif zu bedenken, zu holen von Haus auch weitere Vollmacht. Und so schlag' er für heute nur vor, daß am zehnten des nächsten Monats Alle sie träten zu neuer Berathung zusammen. Also der kölnische Rath. Zustimmten ihm sämmtlich die andern Boten und Räthe, beschließend sofort, daß am zehnten des nächsten Monats Alle sie träten zusammen zu neuer Berathung. Schweigend-unmuthig gedenkt, und müde der langen Verzög'rung, Sich zu erheben der Bischof. Da ließ der gewaltige Stedinck Fallen die wuchtige Faust auf die Tafel. Er hatte beim Mahle Mächtige Humpen geleert, und indeß anging die Berathung, Hatt' er geschwiegen, doch immer gerollt sein grauliches Einaug', Und wie im Zorne gezerrt am gewaltigen Knebel- und Schnauzbart, Jetzt fiel nieder die Faust, und erschreckt auffuhren die Gäste. Scharf anblickt' ihn der Bischof: »Was ist euch, ehrlicher Wilcke?« – Und es poltert heraus, freimüthig, der tapfere Degen: »Gnädiger Herr, mir graus't vor dem heiligen römischen Reiche! – Greift doch schier in einander des heiligen römischen Reiches Regiment und Getrieb wie ein Rattenkönig , bei welchem Sind mit einander verwachsen die Schwänz' unzähliger Ratten, Aber es trachten die Köpfe nach anderer Richtung ein Jeder. Macht und Hilfe des Reiches, was ist das? man muß sie zusammen Suchen wie Hadern. Da sendet der Ein' uns etliche Tonnen Pulver, der And're ein Dutzend verrosteter alter Karthaunen; Mit Hellebarden und Spießen und sonstigem Waffengerümpel Hilft uns ein Anderer aus. Schindmähren beschafft uns der Eine, Ohne die Reiter dazu, und der Andere liefert uns Reiter Ohne die Gäule. Wenn's hoch kommt, schickt man von Knechten ein Fähnlein; Doch der versprochene Sold? Allmonatlich läuft da der wack're Pfennigmeister die Beine sich wund und die Lungen, von einem Fürstlichen Hofe zum andern als ewiger Jude zu wandern, Sammelnd den Heller von da und den Heller von dort, und zuletzt doch Halb nur zu bringen den Seckel gefüllt in's murrende Lager. Eins nur haben die Fürsten und Stände des Kreises zu Koblenz Glücklich zu Stande gebracht: nachdem sie die Hilfe versprochen, Haben den Kriegsfeldherrn alsbald im Namen des Kreises , Und vier Räthe dazu, sie bestellt. Im Namen des Kreises Ward Euch, gnädiger Bischof, und mir, dem bisherigen Feldherrn, Solchergestalt entwunden das Heft. Im Namen des Kreises Führt nun vor Münster den Krieg Herr Wirich. Im Namen des Kreises Sitzen wir hier auf dem Fleck seit Monden. Im Namen des Kreises Wird uns noch holen der Geier! Doch freilich, es ward uns zu Worms ja Auch Reichs hilfe gewährt, wie zuvor Kreis hilfe zu Koblenz! Die Reichshilfe, was half sie? Daß von Reichswegen die Anzahl Der Kriegsräthe von vier auf sechs uns im Lager vermehrt ward! – Zahllos sind sie bereits, die Beratungen, die wir gehalten. Ja wir kommen zusammen und was wir zuletzt da entscheiden, Einzig die Frage nur ist's: wann kommen wir wieder zusammen? Gnädiger Herr, Ihr nehmt's nicht übel: wenn Einer zu eigen Geben mir wollt' ein Ländchen, wie etwa das eure, in Deutschland, Sagt' ich mit herzlichem Dank: Gebt's weiter dem Nächsten, ich bitt' Euch! Ja, mir graus't, Herr Bischof, vor'm heiligen römischen Reiche! Machtlos Kaiser und Fürsten, und machtlos immer das Volk auch! Müssen denn g'rade wir Deutschen so elend sein, so zersplittert? Lernt denn der Dümmling nimmer, der Deutsche, was andere Völker Saugen an Brüsten der Mütter? wo einmal ein Deutscher mir vorkommt, Welcher auf sich was hält und begreift, was nöthig dem Deutschen, Denk' ich, verzeih' mir's Gott, der Kerl ist gewißlich ein Bankert: Etwa ein Kukuksei, das ein wälscher, ein wendischer Buhler Tückisch gelegt in's Nest einem ehrlichen Deutschen und Hahnrei. Schwatzen, Unmögliches haschen, das Mögliche schnöde verachten, Lieber noch opfern das Was , als ein einziges Jota vom Wie nur, Hand nicht regen, noch Fuß, in Erwartung, daß Flügel ihm wachsen, Nergelnd und zankend zerstampfen die spärlichen Keime der Thaten, Das ist die Art des Deutschen. So bleibt es nach innen und außen Elend, schwach und zerrissen, das edle, teutonische Kernvolk! Schlüge doch einmal ein Starker darein mit der Keule, daß Ordnung Würd' im Reich' – bei Gott, und wär's auch selber der Teufel, Wollt' ich ihn ehren und dankend ihm küssen den Huf und die Hörner!« – So sprach Wilcke. Bestürzt aufsperren die Gäste die Augen, Einige schütteln die Köpfe bedenklich und Andere schmunzeln. Wirich, der Graf von Daun, war bleich, und der bremische Bischof Nüchtern geworden vor Schreck. »Feldhauptmann«, sagte der Bischof, Wahrlich, es will mich bedünken, als spräch' aus dem Mund euch der helle Feurige Ungarwein; geht, ehrlicher Wilcke, zu Bette!« Sprach's und erhob sich, und mit ihm erhoben sich alle die Gäste. Und es vertheilt sich der Schwarm in dem mittleren Raum des Gezeltes Hier und dort, zu Gesprächen, gesondert in kleinere Gruppen, Alle noch höchlich betroffen von Stedincks verwegenen Reden. Aber es zog bei Seite den ehrlichen Wilcke der Bischof, Welchen er immer geliebt als den tapfersten Degen im Lager. »Hat euch der Teufel geritten«, so sprach er leise, daß Ihr mir Also die Gäste beschimpft, und die Räthe mir kränkt, und den Wirich?« – »Gnädiger Herr!« sprach Wilcke, »wenn ein Mal nur mit den Räthen Auf drei Tage verreis't Herr Wirich, so bin ich erbötig, Mittlerweil' zu erobern die Stadt!« – »Und was faselt Ihr krauses Zeug«, spricht Waldeck weiter, »von Deutschland und von den Deutschen?« – Wilcke versetzt: »Herr Bischof, es hole der Teufel die Wirthschaft!« – »Und auch die Fürsten dazu, nicht wahr?« sprach Jener. Du meinst wol, Freund, daß ich soll mein Ländchen sofort zu Handen des Kaisers Geben, mich nichts mehr kümmern um alle die Wirrsal und Drangsal? Ei, mein Lieber, wir wollen's zuvor doch anders versuchen! Nein, so ergeb' ich mich nimmer! Zu triumphiren gedenk' ich Endlich doch, und als Sieger zu kehren zurück in den Domhof, Und sie verbrennen zu lassen in Haufen, die zehn Mal verwünschten Anabaptisten, die mir so viel Herzqualen bereiten! Ja, bei Gott, nicht will ich sie schonen! Dem Henker ist Arbeit Sicher mit Beil und Strick und Scheitern und glühenden Haken!« – Zuckend die Achsel versetzte darauf ihm der wackere Stedinck: »Wie' s euch beliebt, mein gnädiger Herr!« – Allmälig verloren Sich aus dem Bischofszelte die Gäste nach langen Gesprächen. Abendlich dunkelts bereits. Da besinnt vor dem Scheiden sich Stedinck, Und er spricht: »Herr Bischof, ein Übergelauf'ner von Münster Ist in' s Lager gekommen, ein feiner und stattlicher Bursche, Der Euch zu sprechen verlangt im Geheimen. Gestattet Ihr, daß ich Her ihn führ' in das Zelt, noch heute, bevor Ihr zur Ruh' geht?« »Einer aus Münster?« entgegnet der Bischof; »laß mich ihn sehen; Botschaft bringt er vielleicht aus der Stadt, die mir wichtig und nützlich!« – Stedinck geht und es zieht sich zurück indessen der Bischof In sein Ruhegemach, um unwirsch, müd' und verdrossen, Wie er ist, sich dort in des prunkvoll-weichlichen Armstuhls Kissen zu werfen. Es stralt umher von silberner Ampel Mächtiger Glanz und beleuchtet den fürstlichen Prunk des Gemaches. Gold'nes Geräth, weichschwellend die Teppiche, seiden die Kissen Hinter den Prachtvorhängen des winkenden, üppigen Lagers. Auf ein Tischchen – die Platte vom Holze der Libanonsceder, Goldig verkleidet der Fuß – stellt jetzo des köstlichen Weines Vorrath hin in kristall'nen Gefässen ein Diener, daneben Silbern blinkende Teller mit seltnem Geflügel und Backwerk, Und was sonst noch der Schwelger als Imbiß liebte zum Nachttrunk. Und nun führt in's Gemach den sionischen Jüngling der Alte, Läßt mit dem Bischof dort ihn allein. Der mustert ihn leichthin, Findet Gefallen an seiner Gestalt, an dem edelen Antlitz, Winkt ihn näher zu sich. »Du bist ein Patriziersöhnlein«, Ruft er; »es wundert mich nicht, daß du Münster verlassen. Was bringst du Neues mit dir aus der Stadt? Will sich noch immer der freche Gaukler von Leyden; der König sich nennt, und meine Gesandten Heim in's Lager geschickt, kleinlaut wie begossene Hunde, Nicht zur Erkenntniß bequemen? Er möge sich hüten, der Schwärmer! Meint er wirklich zu stiften ein Reich auf Erden, ein neues Sion? Er sehe nur zu, bald legt ihm der Teufel den Schwanz wol Auf sein herrliches Sion! Ihm selbst wird schließlich der Henker Schlagen herunter die Kron' mit dem Haupte zugleich! Doch zuvor noch Laß ich ihn foltern mit Zangen, den schändlichen Anabaptisten! – Nun, mein Sohn, was bringst du für neuen Bericht mir aus Münster?« Aber der Jüngling schweigt. In's Antlitz blickt er dem Bischof, Seltsamen Blicks, und dieser, je länger den Blick er erwidert, Schier wie gebannt, um so mehr entschwindet der Gaukler Ihm aus dem Sinn: es befängt ihn gänzlich das seltsame Räthsel Dieser gewaltigen Augen, die Unheil droh'n wie Kometen. »Jüngling«, ruft er, »wer bist du«? Da blitzten die Augen des Fremdlings Düsterer noch; dann streift' er von sich, wie ein Falter die Puppe Sprengt, das geöffnete Wamms, und es rollte hinab zu den Knöcheln Schimmerndes Frauengewand. Vor den staunenden Augen des Bischofs Stand ein Weib, reizprangend. »Erkennst du mich?« fragt sie. Der Bischof Blickt noch zweifelnd sie an. Fortfährt sie: »Vergaßest du Hilla? « »Hilla?«, rief der Erstaunte; »wol denk' ich des lieblichen, spröden Kindes, das Hilla sich nannte, zur Zeit, als der Bischof von Münster Noch als fröhlicher Ritter gelebt! Ei, Schönste, was bringt dich Mir nun wieder zurück? Ich hoffe, die alte, die niemals Rostende Liebe? Du hast dich lange besonnen, du Schelmin! Reich' zum Willkommgruße die Hand mir! Wie? du versagst es? Immer noch spröd'? und doch freiwillig in's Lager gekommen? Sage, wie sind dir entschwunden die Jahre, die langen, seitdem ich Dich nicht wiedergesehen? Doch – immer noch bist du die schöne Hilla, schöner als je: das genügt. Nur zeige mir, Kind, nicht Solch ein grämlich Gesicht! Komm, labe zuvor dich ein wenig, Daß dir völlig das Herz aufthaut und sich löset die Zunge!« Sprach's und rückte heran den mit lieblicher Blume des Weines Reichlich belasteten Tisch, und der wiedergefundenen Freundin Bot er das flüssige Gold im schimmernd bemalten Kristallglas. Und sie that ihm Bescheid. Deß' freut' er sich baß, und er leerte Becher und Becher, und Lächeln umspielt' ihm nun wieder das Antlitz. »Siehe«, so rief er, »was mich in den ewigen Sorgen und Plagen Immer auf's Neu' doch tröstet und labt und die Stirn mir erheitert, Das ist der Wein, und ein Blick in schöne, gefällige Augen! Meintest du etwa, der Graf von Waldeck hasse die Frauen, Seit er der fürstlichen Krone zu Lieb' sich zu Münster dem Chorrock Mußte bequemen? Er ehrt sie so ritterlich heut noch wie vormals! Gott sei Dank, wir leben in Zeiten, wo man's so genau nicht Nimmt mit Tonsur und Gelübd', und die Welt sich an Manches gewöhnt hat. Weiß doch Jeder im Land, wie hold ich der schönen Äbtissin Ida zu Minden gewesen, und daß sie im Laufe der Jahre Mir fünf liebliche Pfänder geboren. Ich liebte sie thöricht, Ließ als Madonna sie malen zu Münster vom trefflichen Meister Lüdger vom Ring, und wenn die verdammlichen Anabaptisten Nicht auch zerstörten das Bild, wie die anderen Werke des Meißels, Prangt es wol heut' noch im Dom auf dem Seitenaltare zur Rechten. Herzlich hab' ich beklagt, daß der Tod sie so früh mir entrissen! Doch nun, Hilla, wie gerne vergeß' ich der schönen Äbtissin, Wenn du freundlich mir lächelst, mir hold wie vor Zeiten gesinnt bist!« – Also der Bischof, heiß vom Weine. Da klang von des Zeltes Äußern Gemächern ein leises Geräusch. Abhorcht wie geängstigt Hilla – der Bischof spricht, sie beruhigend, lächelnd: »O fürchte Nichts! es betritt dies inn're Gemach nur der, den ich rufe!« Sprach's und erhob sich zugleich, um mit gold'ner Agraffe die beiden Flügel des schweren Damasts in einander zu nesteln, des Vorhangs, Welcher das Schlummergemach abschloß von dem anderen Zeltraum. Doch eh' schwankenden Fußes er noch, vom Wein und der schönen Freundin Nähe berauscht, sich zurücke zu beiden gewendet, Hatte mit Säften des Schlummers, wie einst er sie selbst für die Jungfrau Tückisch hatte gebraut, ihm das Weib im Becher die Goldflut Rasch und heimlich gewürzt. Er aber, behaglich und arglos, Leerte den Becher und drängte mit schmeichelnden Worten die Schöne, Wieder Bescheid ihm zu thun. Und vertraulich begann er auf's Neue: »Bleib' im Lager bei mir, mein Kind! nicht soll's dich gereuen! Wahrlich du sollst mir gelten, so viel mir die schöne Äbtissin Ida gegolten! Wer weiß, ob zuletzt ich Infel und Chorrock Nicht auch werfe von mir, wie es and're Geschorene thaten, Los mich sage von Rom, und folge der neuen Bewegung, Um als weltlicher Fürst fortan im Lande zu herrschen. Längst schon hätt' ich's gethan – denn wenig gilt mir die Kirche, Und wer leugnete noch, daß sie krankt an innerster Fäulniß? – Aber es hielt unlöslich bisher mich immer der Knappzaum, Den um des Bischofs Hals, des erkorenen, schlingt das Capitel. Noch nicht durft' ich es wagen; doch bringt nur ferneren Umschwung Uns der Verhältnisse Strömung im Reich, und hab' ich nur glücklich Erst zu Münster gehangen die schändlichen Anabaptisten, Welche der Himmel verdamme – so wird sich erfüllen, was längst ich Heimlich erwogen im Geist. Und wenn ich geopfert den Bischof , Um noch den Fürsten zu retten, und von mir geworfen, wie Luther, Habe die Kutte – wie Luther erkies' ich sodann mir ein Bräutchen. Hilla, wer weiß, ob ich nicht . . . du bist schön, beim Himmel, o Hilla! Schöner beinah' als die schöne Äbtissin von Minden gewesen!« – Also huldigt gesprächig mit schmeichelnder Rede der Bischof Seinem noch schweigenden Gast, und der innersten Seele Geheimniß Gibt er preis. Schon flammt ihm das Aug', schon glüht ihm die Wange. Jugendlich scheint er, verschönt: nachdenklich betrachtet ihn Hilla. Ganz ist verschwunden der Priester und Träger der kirchlichen Würde, Gänzlich verschwunden im Ritter, im feurigen Grafen von Waldeck. Kosend ergreift er die Hände der Schönen, umschlingt ihr den Nacken. Aber nun ist's, als berühr' ihm ein rächender Zauber die Stirne: Denn allmälig erscheint sein lüsternes Aug' wie von feinem Nebel umflort, und es sinken beschwert ihm die Lider der Augen. Schwer auch wird ihm die Zunge: sie lallt nur noch, und das Haupt auch Sinkt auf die Brust ihm hinab . . . Es beginnen die Säfte zu wirken, Welche den Trank ihm gewürzt. Und seltsam war es zu sehen, Wie Schlaf trunkenheit jetzt sich in ihm mit des Weins und der Liebe Trunkenheit stritten: doch mächt'ger als Eros und Bacchus ist Morpheus. Immer ermannt er sich neu in des reizenden Weibes Betrachtung, Immer den Becher auf's Neu' mit unsicheren Händen ergreift er, Jetzt Liebkosungen stammelnd und preisend die Reize der Huldin, Jetzo verlangend, sie solle noch einmal wacker Bescheid thun, Auf das Verderben der Feinde, der schändlichen Anabaptisten, Welche der Himmel verdamme . . . sodann ward's still im Gemache . . . Rückwärts war er gesunken, geschlossenen Auges, der Trunkne, Schlummerbelastet das Haupt, vom Zauber der Säfte bewältigt. Grabstill war es geworden, und laut nur pochte der Herzschlag Hillas im engen Gemach. Ein Bild des Gekreuzigten fällt ihr Plötzlich in's Auge. »Wie kommt«, so spricht sie zu sich, in des Wüstlings Schlummergemach dies Bild? Um drohend-unwillig zu schrecken Mich, die entwichene Nonne, die brach in der Zelle den Eidschwur? Nicht mehr kann es mich schrecken! Befreit ist der Sinn mir von Allem, Was vormals mich befangen! Die Fesseln zerbrach ich und will sie Ganz abwerfen und nicht nachschleppen die Kette der Reue! Frei und groß sein will ich, dem höheren Drange gehorchen, Der mein Wesen erneuert! Da ganz mir verschlossen der Rückweg, Will ich denn vorwärts geh'n! Ein gewaltiges Thun zu vollenden Ist mir noth, soll nicht im Busen das Herz mir zerspringen!« Spähend um sich her blickt sie. Sie sucht eine Waffe des Todes: Und sie erblickt bald, was sie gesucht. Es flimmert im Winkel Zierliches Waffengeräth. Sie zieht aus prunkender Scheide funkelnd geschliffenen Dolch. Sie betrachtet ihn lang und sie führt dann Wie zum Versuch einen Stoß mit Macht in die Lüfte. So kräftig Muß sie führen den Stoß, soll nicht mit gellendem Aufschrei Rasch der Getroffene bringen das schlummernde Lager in Aufruhr, Und sie hindern zuletzt, durch des Zelts Rückwände den Ausweg Schnell sich zu bahnen, zertrennend das rings umschirmende Linnen. Krampfhaft hält in der Hand sie den Stahl. Ihr bleiches Gesicht ist Düster verstört, entstellt, wie das Antlitz jeglichen Weibes, Das einen Mordstahl schwingt. Sie tritt zu dem marmornen Tische: »Nicht zu dem Bild dort«, spricht sie bei sich, »und zum grollenden Himmel Darf ich und will ich fleh'n, auf daß er mir Stärke verleihe; Nun, so stärke denn du mich, Natur, mit der feurigen Labe!« Und sie ergreift vom Tisch den Pokal voll perlenden Weines, Schlürft die befeuernde Welle. Die Wangen der Bleichen erglühen, Feurig rollen die Augen. Und jetzo wendet sie hastig Sich zu dem Schläfer zurück. Harmlos in Schlummer versunken, Ruht er vor ihr. Es beglänzt sein stolzes und ad'liges Antlitz Mit hellstralendem Schein vielarmig die silberne Leuchte. Ritterlich schön nun erscheint er von Ansehn. Schlummer und Tod ja Machen zum Engel das Kind, zum Kind beinahe den Sünder. Nichts mehr kann an den Priester gemahnen das Auge der Jungfrau In der Gestalt, die vor ihr da schlummert. Es hatte, sich wendend In sein Schlummergemach nach der langen Berathung, der Bischof Sich entledigt des geistlichen Kleids, sich lässig geworfen In des fürstlichen Mannes bequemere, leichtere Haustracht. Franz von Waldeck war's, wie Hilla dereinst ihn als Ritter Hatte geschaut, und für den sie geglüht in magdlicher Reinheit, Und vor dem sie geschaudert, als wüst und roh und gewaltsam Er anfaßte das reine, das magdlich blühende Leben. Ja, er war's, nur gereifter nunmehr, in männlicher Vollkraft. Lange betrachtet sie ihn. Durchbohrt, statt des Dolchs, ihn ihr Blick nur?– »Hilla!« flüstert der Graf im Traum, mit schmeichelnden Lauten, Und er lächelt dabei . . . da zucket der Stahl in des Weibes Händen – es ist ja das Lächeln, das stolze, das siegesbewußte, Das sie kennt, und vor dem jungfräulich dereinst sie geschaudert. Und sie schaudert nun wieder davor. Noch tiefere Röthe Färbt ihr Gesicht, wie Grimm, wie des kämpfenden Herzens Empörung, Und dann wieder erbleicht sie, ist bleicher , als je sie gewesen . . . Und die gehobene Hand, sie sinkt mit dem blinkenden Dolche Tief hinab, wie gelähmt . . .                                             »O, ihn, ihn«, flüstert sie bebend Vor sich hin, »ihn hab' ich geliebt. Als schuldlose Jungfrau Liebt' ich ihn, fast noch Kind . . . Und der einstigen Liebe Gedächtniß, Warum taucht es empor vor mir wie ein höhnend Gespenst nun, Daß in den Adern das Blut mir gerinnt? Was stellt es sich grinsend Zwischen die Schuld und die Rache, beleuchtet mit grausigem Lichte Plötzlich ganz mir das Schreckniß des eig'nen verlorenen Lebens? Nun erst ermess' ich's: ich habe geliebt nur ein Mal . . . O Schmach dir, Schmach dir, unseliges Weib – was beugte dich unter des Jünglings Zaubergewalt, der betend dich fand in der einsamen Zelle? – Schmach dir, ewige Schmach! nur tückischen Blutes Empörung, Höllische Rache vielleicht nur der sklavisch gebändigten Sinne War's in der Nonne, dem Weibe, dem jung noch blühenden – wehe! . . . Das nur hatt' ich noch einzig dem edelsten Werber zu bieten? . . . Zehnfach könnt' ich dich morden, du trunkener Schläfer, dafür nicht, Daß kein Herz du, nur Sinne , nur glühendes Blut in den Adern Trugst zur Zeit, als ich selbst nur ein magdlich-liebendes Herz erst, Noch nicht Sinne besaß; als ich glühte , doch rein, wie im Frühroth Glüht auf Bergen der Schnee – nein, dafür, daß du der Jungfrau Heiligste Regungen stahlst, für's Leben, für immer vorwegstahlst, Daß ich dem Würdigsten nur Unwürdiges hatte zu bieten . . . Dafür sollt' ich mich rächen, ja dafür sollt' ich dich morden . . . Doch – bin ich feig? Vor dem Bild des Gekreuzigten dort, ha, da war ich Stark, und hier vor dem Antlitz des schlummernden Elenden beb' ich? Weh' dir, unselige Nonne! die heilige Liebe, sie hast du Dir aus dem Herzen zu reißen vermocht, und die irdische bleibt dir Unaustilgbar im Tiefsten als ewiges sklavisches Brandmal? Vor mir selbst nun schaudr' ich – was stoß' ich den Dolch in die eig'ne Brust mir nicht? was büß' ich sie nicht, die Schuld, daß ein Weib ich War wie die anderen Weiber, die unter dem ewigen Fluche Ihres Geschlechtes vergehen: dem Fluch, zu frühe zu lieben, Oder zu spät . . .                             Doch ich hätte nur mehr zu dieser geringsten Aller verwegenen Thaten den Muth? – –                                                                   Und Zeugen ja muß ich Haben im Sterben, damit es vernehme der König von Sion, Daß ich gestorben, ein » Heil « noch für ihn auf den Lippen! denn so nur Wird er freundlich im Herzen der Sionstochter gedenken, Die da Großes gewollt, doch unwerth war der Erfüllung, Weil man die Heiligthümer ihr stahl aus dem Tempel des Herzens, Ehe der Gott noch erschien, der bestimmt, in dem Tempel zu thronen – Weil mit dem Schmutze der Zeit sie besprengte das tückische Schicksal, Als sie nach Reinem gelechzt – weil schnöd' sie die Fessel umstrickt hat, Die, nun seh' ich es klar, nur löset der Tod , der Befreier!« – Also sprach die Verlorne zu sich, und fort aus den Händen Wirft sie den blinkenden Dolch, daß er klirrend und rasselnd zu Boden Fällt und den Schläfer erweckt. Mit Augen, noch trunken von Schlummer, Sieht er Hilla vor sich und den Dolch am Boden. Betroffen Erst ankarrt er sie noch: soll wach er rufen die Diener, Werfen in Fesseln das Weib? Doch der Graf von Waldeck, er fürchtet Nicht ein Weib: und der Schlaf ist gewichen, doch nicht die Berauschung . Spottend lallt er: »Was war das, Hilla? Gestehe, du wolltest Tödten den Bischof von Münster? Doch hat dich's gereut – das bezeugt mir Hier am Boden der Dolch! Eine Biene nun ohne den Stachel Bist du – doch ohne den Honig nicht! Hör', Anabaptistin! Weil du bereut , so vergeb' ich dir! Du bist schön – es verschönt dich Zorn und Reue bezaubernd – o komm', Kind! rächen den Mordplan Werd' ich mit mörderischen Küssen . . .                                                                 Auftaumelt er, reißt sie zu sich hin . . . Aber vom Boden empor rafft blitzschnell Hilla den blanken Dolch, und der Stahl, er blitzt in den Lüften geschwungen – zurückschwankt Blutigbesudelt der Bischof – doch nicht sein eigenes Blut ist's: Hillas Herzen entsprudelt der purpurne Quell, der dahinsprüht Über den prangenden Tisch, daß mit Resten des Weins in den Bechern Zischend die Tropfen sich mischen des Bluts, das er hatte befeuert . . . Todt stürzt Hilla zu Boden: es beugt sich über ihr Antlitz Waldeck bebend: da weht es kalt den Berauschten vom bleichen Munde der Lieblichen an, und er zürnt der entweichenden Seele, Die in den Händen ihm läßt einen kalten, schaurigen Leichnam. Siebenter Gesang. Der böse Genius.                       Düstere Nebel umgrauten die Zinnen von Münster, die Winde Kamen und wehten herab von den Bäumen die letzten der Blätter. Doch wenn Zeit sich und Himmel im ewigen Wechsel verändern, Wechselt das Menschengemüth wie sie. Schwermüthig und sinnend Schaute von seinem Palast auf die riesigen Linden des Domhofs Jan von Leyden, der König, hinaus, sah fallen im Winde Blatt um Blatt von den Zweigen. An Hilla dacht' er, und Unruh' Schlich ihm tiefer in's Herz. Da trat, von der Stirne des Jünglings Scherzend zu bannen das trübe Gewölke, zu ihm der vertraute Schalksnarr Lips van Straaten. Ihn fragte der König: »wie lebst du? Hat nicht dir auch die Trübe des Himmels die Laune verdüstert?« »Nein«, entgegnet der Narr; es gefällt zu Münster mir besser Jetzt, als zuvor: das Psalmiren, das Bußegeschrei, das Verzücktsein, Ist seit Matthissons, des Propheten, Verschwinden beträchtlich Stiller geworden in Sion: man hört von mancherlei Kurzweil', Seit nach Münster gewandert die braune, verwegene Sippschaft Divaras, Leute, die wissen das Volk und sich selbst zu ergetzen. Freilich, es gibt noch Schwärmer in Sion: die alte Cohorte Matthissons, des Propheten, der Jegliches wußte, nur das nicht, Daß sein Weibchen dem Jan nachstrebte, dem Jüngling von Leyden – Nun, die Cohorte des Alten ereifert sich gegen die muntern Brüder zuweilen. Es läßt auch sonst die sionische Eintracht Manches noch übrig zu wünschen. Es gibt Streithänse zu Münster! Hör', Jan, sond're doch nächstens einmal von den Lämmern die Böcke! Etliche gibt es in Sion, die minder der Drang, der erhab'ne, Mitzustreiten den großen sionischen Streit , als die Nothdurft, Mitzuessen am großen sionischen Tische hieherzog.« – »Laß mich sorgen!« entgegnete Jan; »ich ford're das Schicksal Kühnlich heraus; ich spotte der Hemmnisse, die mich umgeben Noch auf dem Weg zum Ziel. Mein Wink ja gebietet in Sion: Kleinlicher Geister Bemüh'n, wie sollt' ich's fürchten? Ich will es Spielend vereiteln, die Keime des Übels ersticken, ein Eden Schaffen in Münsters Mauern, sobald mir des eigenen Schicksals Frage gelöst vom Herzen mir endlich genommen der Alpdruck; Ja, bis ganz sie gestillt, die Beängstigung, die um ein theures Haupt mich erfüllt. Bald werden von selbst auch Sions Geschicke Neu sich gestalten. Es ist mir erfreuliche Kunde geworden: Muthig ziehen gen Münster aus Nachbarlanden an vierzig Tausend der Wiedergetauften, bewaffnete, feurige Streiter, Völlig genügend, zu sprengen den Gürtel, der hier uns umschnürt noch. Ist entsetzt nur die Stadt, trag' ich an der Spitze der Schaaren Weiter das Banner von Sion in's Herz der germanischen Lande!« – Also der König. Da traten vor ihn drei Boten . Der Erste Brachte von Holland Kunde: »Vor zwanzig Tagen, o König, Schiffte, gesonnen, dahin an der Küste zu segeln und dann sich In's Westphäl'sche zu werfen, von Anabaptisten ein Heerzug Auf fünf Schiffen sich ein: doch verfolgt und besiegt und ersäuft ward Kläglich der sämmtliche Schwarm bei Vollenhoe in der Meerflut. Noch eine stärkere Schaar, schier zwanzig Tausende zählend, Warf bei Zwoll in ein Kloster sich kämpfend und macht' es zur Veste, Trotzigen Muths. Es berannte der Erbstatthalter sie dreimal, Immer vergeblich, und erst nach langem verzweifeltem Ringen Stürmt' er die Mauern. Da ließ an den Galgen er schmählich die Führer Hängen, die Anderen metzelt' er all' mit dem Schwerte, der Wüth'rich: Zwanzig Tausend – von Blut roth strömten im Lande die Bäche« . . . Aber der zweite der Boten, der trat vor den König und sagte: »Herr, von den Männern, die du in die Nachbarlande gesandt hast, Büßte die Hälfte bereits mit dem eigenen Blute das Wagniß. Die nach Osnabrück du gesandt und Zusen, sie künden Muthig noch dort und mit Eifer dem Volk die sionische Botschaft. Die nach Coesfeld gingen, sie wurden ergriffen, getödtet Schon in des Bischofs Lager. Die Warndorp glücklich erreichten, Fanden ein willig Gehör im Volk: bald flammte der Aufruhr Gegen den Zwingherrn auf, doch es folgt' ihm ein schmählicher Ausgang, Da der Verrath an's Messer dem Feind die Apostel geliefert. Und so ereilte die Boten ein grauses Geschick – von dem Rumpfe Wurde geschlagen das Haupt, auf's Rad noch geflochten der Leib dann« . . . Aber der Dritte der Boten, die kamen, ein Königstrabant war's, Meldend, daß Leute des Bischofs herein vom Lager geritten, Die da brächten mit sich, von vier Landsknechten getragen, Ein schwerwiegend Geschenk, das, gnädig gesinnt, wie sie sagten, Waldeck sende dem König, von diesem allein zu eröffnen. Und nun traten die Boten herein, und hinter den Boten Brachten getragen die vier Landsknechte das dunkel verhüllte, Wuchtig schwere Geschenk. Da hieß sie der König enthüllen Vor ihm die Spende des Feinds. Und sie zogen herunter die Hülle Von dem Behälter: es war ein Sarg . Und sie hoben den Deckel Ab vom Sarge, da lag vor des Königs Augen ein holdes Weib, todblaß und entseelt, noch offen die starrenden Augen: Aber hinab war gestreift das Gewand vom Busen: da klaffte Weit ein Spalt, hart unter der Brust, von vertrocknetem Blut roth. Und als der König erblickte das Weib, da warf er zu Boden Sich vor dem Sarg, und berührte die Lider der starrenden Augen, Und dann fuhr er empor, grimmvoll: » Ihr habt sie getödtet? « Ruhig entgegnet ihm Einer der Bischofsboten: »Berührt nicht Hat sie feindliche Hand: sie hat sich selber gerichtet: Schaudernd selbst vor der That, der verruchten, für die man sie dingte, Hat in den eigenen Busen den rächenden Dolch sie gestoßen, Den auf ein höheres Haupt sie gezückt« . . .                                                                     Da verstummte der König, Und er winkte die Boten und Alle, die stumm ihn umgaben, Düsteren Blickes hinweg aus seinem Gemache. Mit Hilla Blieb er allein und starrte sie an, als wollt' in erblich'nen Zügen er finden die Lösung entsetzlicher Räthsel. Und wild dann Rief er, mit bitterem Lächeln – es klang wie Hohn die Verzweiflung: »Weib, was blickst du mich an mit dem offenen Aug' und der offnen Wunde? o öffne doch lieber die grausam schweigenden Lippen! Ei, was schließest du sie, krampfhaft, zu ew'gen Verstummen? – Sprich zu mir – und wär' dein Laut von den Schauern des Todes Mörd'risch-entsetzlich umgraut, ich will ihn mit Wonne vernehmen! Rechenschaft heisch' ich von dir, ja Rechenschaft heisch' ich vom Morde, Von der Gewaltthat, die du an dir – die an mir du begangen!«– Über die Schweigende beugt sich Jan. Da zuckt' ein Gedank' ihm Hell durch's Haupt – ja, hell wie der Blitz, und düster und schaurig Doch wie die Nacht und der Tod. Und er schaudert zurück vor dem Leichnam: »Hilla!« ruft er, »du liebtest den Feind noch – konntest den Stoß nicht Führen auf ihn, du schwanktest, und scham-entsetzt vor dir selber, Hast mit dem eigenen Dolch du gerächt nur die eigene Schwachheit! Nicht für den Mordanschlag hast reuig du selbst dich gerichtet – Nein, du rächtest an dir, daß du nicht zu vollzieh'n ihn vermochtest! Mord nicht war es und Haß, nein Liebe nur, was du gesühnt hast! – Hilla, Hilla, wie stürzt dein Bild von himmlischer Höhe Tief in den irdischen Schlamm mir nun vor den Augen herunter! – O die erbärmliche Welt – morsch ist sie, wo man sie anfaßt! – O wie fühlt' ich mich hoch auf die Zinne des Glückes gehoben! Und nun schreibt das Geschick mir in flammender Schrift an die Pforte Des glanzvollen Palast's: Sei elend! Sei wie die Andern, Die je kriechend sich wanden durch's Jammergefilde des Daseins! Soll ich dafür büßen so schwer, daß an irdisches Glück ich Glaubte, dafür, daß ich hoffte, durch menschliches Wollen und Streben Lasse sich kühn vorgreifen dem neidisch-kargenden Schicksal?« – – So wehklagte der König. Da plötzlich weht es wie Trosthauch Um sein jugendlich Haupt. Zu stolz noch, um zu verzagen, Hebt er auf's Neue die Stirn: »Was mach' ich des eigenen Schicksals Bild zum Bilde der Welt und des Völkergeschicks? Ist gescheitert Auch mein Glück, nicht soll mich's gereuen zu ringen, zu streben Für das gewaltige Werk der erhabenen Menschenbefreiung, Menschenveredlung und Menschenbeglückung! – Das Rabengekrächze, Welches die heutigen Boten zum Ohr mir brachten, es soll nicht Schrecken , es soll nur ein Sporn mir sein! Anfaßt mich das Schicksal Wie mit eisiger Hand, und fordert heraus, was von Mannheit In mir ist . . . Wolan! was sollt' ein Weib mich hinunter Mit sich zieh'n in die Nacht, und mich rauben dem goldenen Leben? Hilla, du hast mich verrathen – im Tiefsten der Seele gebrochen Bin ich für immer – ich zürne dir, Weib! ich stosse von mir jetzt So dein Bild, wie von mir ich Divara stieß« . . .                                                                             Er erhebt sich, Ruft die Trabanten herein: »Hinweg dies Weib, daß ich länger Nicht vor Augen es schaue!« – Sie treten heran. Doch es fällt noch Einmal des Königs Blick auf das holde Gesicht der Erblich'nen, Von Goldlocken umwallt, und verklärt von der Ruhe des Todes. Und um die Lippen noch scheint ein Lächeln zu schweben, so traurig Süß, wie zur Stund', wo erglühend zum Weib sich die Heil'ge gewandelt In still-traulicher Zelle . . . Da faßt es den Jüngling erschütternd Mächtig an, und, hinweg noch einmal winkend die Männer, Stürzt er nieder am Sarg.                                         »O Hilla«, ruft er, »du schönes, Bleiches, geliebtes Kind, fahr' wol! ich zürne dir nimmer! Süßes, erkorenes Bild, fahr' wol auf ewig! Wie sollt' ich Zürnen dir noch? Unselig bin ich, unseliger warst du Selbst, o Weib! Ich zürne dir nicht! Tiefinnerste Rührung Faßt mich! Wie unter die Sterne versetzt nun leuchtest du still mir: Nimmer ein Stern zwar des Glücks , doch ein Leitstern, ruhigen Glanzes! Nein, ich zürne dir nicht! Laß mich auf die Lippen, die kalten, Ach, auf die Lippen, die süßen, die nie mir wieder erwarmen, Wie sie dereinst mir erwarmt in der traulichen Zelle, den letzten Kuß mich drücken, und fromm dir schließen die Lider der Augen! Könnt' ich die Wunde dir schließen, wie ich dir schließe die Augen , Mit einem Kuße des Mundes!« –                                                     Er spricht's, und erhebt sich gefaßt dann, Wieder ein Held und König. Dem Volke verkündet er Hilla's Wagniß und Trauergeschick. Auf erhabenem, purpurnem Prunkpfühl, Königlich prangend in Schmuck und von lieblichen Blumen umduftet, Stellt einen Tag lang er sie den trauernden Blicken der Bürger Sions aus, dann läßt er mit düsterem Pomp sie bestatten. So wie der Krönungszug vor Kurzem, so wogt nun ein dunkles Trauergeleit durch die Gassen. Zur Ruhstatt aber erkieset Seiner erblichenen Braut der Gebeugte die düstererhab'ne Halle des Domes, des jetzo verlass'nen; denn g'rade vor Augen Hat er den ragenden Bau von den Fenstern des eig'nen Palastes: Und so will er, ihn schauend, der Lieblichen immer gedenk sein, Die er bestattet darin. Ein Tempel, entweiht und verwüstet, Ragte der Dom: nun ist er auf's Neue geheiligt, als Grabmal, Welches das modernde Glück umschließt des Königs von Sion. – – Täglich saßen annoch, wie Matthisson es geordnet, Unter den Linden auf weit sich erstreckendem Platze des Domhofs Bei dem gemeinsamen Mahle versammelt die Bürger von Sion. Sollten doch Alle, so Tag für Tag einträchtig gesellt, sich Bald wie Genossen des Hauses, wie Brüder sich kennen und lieben. Frauen und Kinder vereinte zugleich das gemeinsame Mahl hier, Doch von den Reihen der Männer getrennt an besonderen Tischen. Einzig die Säuglinge fanden und Kranken daheim in den Häusern Pflege von emsigen Frau'n: und die auf dem Wall, an den Thoren Standen zum Schutze der Stadt, darreichte man ihnen die Speisung Dort, wo sie pflagen der Wacht. Die geräumige Mitte des Domhofs War mit Pfählen besteckt, und es wurden auf diese die Platten Eichener Tische gelegt, alltäglich zur Stunde der Mahlzeit. Gegen die Stralen des Sommers, der Herbstzeit rauhere Unbill, Waren den Tafelgenossen zu Häupten beschirmende Linnen Übergespannt: da saßen sie wie unter Zelten gemächlich. Aus zwölf Küchen, errichtet im untern Geschoß der Paläste, Die um den Domhof standen, da ward in riesigen Töpfen, Schüsseln und Pfannen getragen das Mahl. In gewaltigen Massen Duftet, die Tische belastend, das Speckschwein da, und das Bratlamm, Auch das gepöckelte Fleisch, und der Fisch, der gesalz'ne. Das Rind liegt Auf Erzplatten zerschrotet. Die Bohne, der Kohl, mit des Speckes Würze, sie dampfen gehäuft in Kufen. Aus bauchigen Fässern In die gewaltigen Krüge, von diesen in Kannen und Becher Sprudelt das Gerstengebräu' und die kärgere Labe des Weines. Neblich grau ist der Himmel; es sitzen die Bürger von Sion Eben im Domhof wieder vereint beim Mahle. Wie seltsam Sind sie gemacht! von jeglichem Zweig des germanischen Stammes Hatte nach Münster hieher ein Blättlein getragen der Wirbel Dieser bedrohlichen Zeit. Der vom grünenden Fuße des Säntis Kam, sitzt neben dem Mann von der Elbe: der Pilger aus Holland Hat zum Tischnachbar einen Älpler, der fern von der Salzach, Oder der steirischen Mark herkam, wo im grünlichen Murstrom Sacht hingleitet das Floß zu den windischen Bergen hinunter. Herzlich umschlang im Beginn die Begeisterten alle die Eintracht. Aber es sonderten bald von den Schwärmern die Lauen, die Kalten Sich, und es hielt beim Mahl zu den Fremden sich lieber der Fremde, Als zu den Heimischen. Oft auch neckten die Einen die Andern, Trotzend sionischer Regel, und folgend dem alten, dem derben Brauch der germanischen Art. So sollt' es auch heute geschehen. Schweigsam waren die Schwärmer, die Lauen und Kalten geschwätzig. Ein rheinfränkischer Mann, Hanns Eyler, der wandte zum nächsten Nachbar sich: »Wahrhaftig! des saftig-genießbaren Fleisches Vorrath scheint auf die Neige zu geh'n!« Zustimmte der Nachbar, Benno, der Sachse, geheißen: »Mir ist sie lang schon zuwider, Die westphälische Küche; bei Gott, sie beschwert mir den Magen, Ist zu derb und zu ranzig!« – Ein vielumgewanderter Schwabe, Melchior Scheffel, versetzt: »Ich wollt' sie mir lassen gefallen, Die westphälische Kost, wenn nur so sauer und dünn nicht Wäre der Trank, um hinunter zu schwemmen die zäheren Bissen! Trauriges Land, wo mangelt das grüne Gebirg und die Reben! Wahrlich, ein Frosch sein muß man, im Norden sich wohlzugefallen: Immer Gesümpf nur und Sand, und Haidegekräut, und dazwischen Krüppelgehölz – langweilig die Marsch, langweilig das Geestland! Komme vom sonnigen See, wo die taubenumflatterten Giebel Lindau's ragen, gewandert: nun frißt mir der Nebel die Lungen Hier im nordischen Land!« – »Und so wie das Land, so die Leute, Fällt ein Pfälzer nun ein; »unfreundlich, verschlossen und finster, Ja, schwerfällig und zäh, bärbeißig, von rauher Gemüthsart Sind sie, die Leut' im Land'!« – »Kratzborstige Kerle, das sind sie!« Spricht mit Lächeln ein Dritter – er kam von der sandigen Mark her – Habt ihr das Mährlein gehört, wie Gott, der Herre, vor Zeiten Den Westphalen erschuf? Gebt Acht, ich will's euch erzählen. Einstens gelangte der Herr auf Erden mit einem der Jünger In's westphälische Land, so meldet die Sage. Da fand er's Ganz von Wäldern bedeckt, und als einzige Bewohner des Landes Fand er Schweine, verzehrend die Eicheln der Wälder. Da mahnte Christum der Jünger, er sollte doch Menschen erschaffen im Lande. Christus schüttelte lange das Haupt, doch als Jener ihn drängte, Sprach er: »So mag's denn sein: doch du sieh zu, wie es abläuft!« Und dann stieß er gemach einen Eichklotz, der ihm im Weg lag, So mit dem Fuße nur an und sprach die gebietenden Worte: »Eichklotz, werd' ein Mensch!« – Da erhob sich vom Boden der Eichklotz Als ein trutziger Mann, und schnaubte den gnädigen Schöpfer Unwirsch an: » Was stößest du mich? « Und das war der erste Münsterländer: bei seiner Erschaffung bereits mit dem Schöpfer Hat er gezankt – nach ihm sind die Anderen alle geartet!« Also erzählte der Märker; es lachten die Männer des Auslands, Welche zunächst ihm saßen und hörten das schnakische Mährlein. Aber erlauscht auch hatte die spottenden Reden der Männer Mit scharfhorchendem Ohre der fernab sitzende Krechting, Und anstieß er den Freund, den gewaltigen Knipperdolling, Dem er sich immer gesellt, und flüsterte: »Bruder, vernimmst du, Was die dort sich erzählen? Sie reden in schimpflichen Worten Eben von Land und Leuten im Münster'schen! Gibt es denn Keinen Hier am Ort, der kräftig den schnöden Gesellen den Mund stopft?« – »Was?« rief Knipperdolling, »sie spotten der Leute von Münster?« – Weidlich war er bezecht – als Träger sionischer Würden Heischt' er doppeltes Maß, und Mancher der Nüchternen ließ ihm Gern vom gemeinsamen Trunk sein Theil, denn es liebten ihn Alle, Als gutmüthig und ehrlich, wiewol gähzornig und polternd. Jetzt auch fuhr er empor, zornwüthig, vom Weine befeuert: »Wer ist's, der da spottet der Münsterer? will uns der Fremde Gar noch necken dahier und hänseln? auf unserem Boden Will ein fahrender Schwab', ein Gauch von der sandigen Mark uns Kecklich trotzen? uns meistern ein Hungerleider aus Holland Oder aus Ostfriesland, der daheim auf Brettersandalen Torkelt über das Moor, und dahier sich spreizt wie der Truthahn, Über den Markt stolzirend und hin durch die Straßen von Münster?« – »Hört einmal!« rief lachend, dem zornigen Sprecher zur Antwort, Ein holländischer Mann, »wie der wackere Knipperdolling Eifert; es ist, wie das Sprichwort sagt: ein jeglicher Hahn kräht Keck auf dem eigenen Mist! Ihr sollt doch bedenken, ihr Münst'rer, Daß wir allein, wir Fremden, den Dingen zu Münster den rechten Schick und den Schwung zum Bessern gegeben: ja, ohne die Fremden Stündet am selbigen Fleck ihr heut' noch, zanktet euch schwatzend Unentschieden herum mit dem Rath und mit dem Capitel!« – Knipperdolling entgegnet, und ihm noch barscher der And're, Und so drohet zum Kampf alsbald beim Mahl zu entbrennen Zwischen den heimischen Bürgern und Fremden der Zank. Es erhebt schon Ein grobkörniger Mann aus den bairischen Landen die Fäuste Gegen die Männer von Münster. Da treten die edleren Bürger Eifrig dazwischen mit bleichen Gesichtern, ein Wehe zu rufen Über den Gräuel. »Erfüllt ihr so nun euer Gelöbniß«, Rufen sie, »liebend als Brüder zu leben, ihr Wiedergetauften? Seid ihr wiedergeboren im Geist und im inneren Worte? Fluch dem Tag, der zuerst nun wieder die Bürger von Sion Als schwachherzige Menschen geseh'n, wie Gottlose hadernd Gegen einander mit schnöden und lieblos kränkenden Worten!« – Also die ernsteren Männer; da schwiegen im Kreise die Andern, Und so ruhte der Streit. Nur Knipperdolling und Krechting Sprachen noch weiter zusammen vom Hochmuth hung'riger Fremden. Und mit berechnetem Wort aufreizte der tückische Krechting Mehr noch den ehrlichen Freund. Halb ernst, halb scherzend, mit Grinsen, Warf er bedauernd so hin, daß, wenn nach dem Rechten es ginge, Herrschen wol müßte zu Münster der wackere Knipperdolling: »Bist du doch von den Kämpen der neuesten Lehre zu Münster«, Sprach er, »der erste gewesen, das Haupt: Macht hast du und Einfluß Wie kein Zweiter besessen im Volk, bis die Fremden gekommen, Die Holländer und Friesen, und an sich gerissen die Zügel. Und für sämmtliche Dienste, der heiligen Sache geleistet, Hat von allen den Würden in Sion der König dir keine Bess're zu bieten gewußt, als daß er das »Schwert der Gewalt« dir Gab in die Hände, das heißt, zum Henker dich machte, was wahrlich Doch kein Ehrenberuf! Wol bleibt es nun einmal ein alter Brauch, daß daheim nichts gilt der Prophet: und so hat denn von Harlem Münster sich jetzt den Propheten geholt und von Leyden den König!« – »Wetter!« so fügt er hinzu, »versteh'n die's einzig, das Pred'gen Und Prophezei'n? kannst du nicht rufen so gut wie die Andern: Heilig ist Sions Volk! Thut Buße, geliebteste Brüder! Hast du den Geist nicht auch, und kannst einblasen ihn Andern, Wenn dir's der Vater gebeut? Du solltest's nur einmal versuchen!« – Aufmerksam hinhorchte der trunkene Knipperdolling Nach den berechneten Reden des Wichts und es stieg das Geflüster Ihm zu Kopf wie der Wein, den er schlürfte. Verleidet auf einmal War ihm das »Schwert der Gewalt«, das er früher in ehrlicher Einfalt Trug mit Stolz, und den König, für welchen er lauter als Einer Immer geschwärmt, nun haßt er ihn schon. »Ja, Bruder, man hat nicht Würdig gehandelt an mir«, rief er, »man lohnt mich mit Undank! Eben die Fremden, die jetzt uns beherrschen, wer hat sie nach Münster Hieher geladen zuerst, sie im eigenen Hause beherbergt? Knipperdolling nur war's, der in Schaaren die Leute bewirthet, Als barfüßig und hungernd nach Münster sie kamen gelaufen. Seht 'mal, der Bäcker von Harlem, und mit ihm der Gaukler von Leyden, Aßen und tranken und schliefen bei mir sammt ihrer Gefolgschaft! Und, beim Himmel, auch wenn man zu Münster die Gütergemeinschaft Niemals hätte verfügt und geleert bis zur Neige die Truhen, Wäre so blank ich geworden, mit Weib und Kindern, wie Einer, Rein zum Bettler geworden durch Anabaptisten-Bewirthung! Und so lohnen sie mir's nun, die Fremden! So dankt mir der König Jan, den ich immer geliebt, von Anfang an, und gehätschelt Wie einen eigenen Sohn; denn der Junge – nun heißt er der König – Hat mich verzaubert; ich konnt' ihm, bei Gott, nicht anders als gut sein. Aber das ist vorüber: ich hass' ihn von heut an und will nicht Mehr sein »Schwert der Gewalt«; er muß mich zu Besserem machen!« – Also sprach er, und leerte den Becher, den Krechting ihm füllte. Weidlich zürnt' er dem König, der jüngst ihm gewesen ein Abgott, Und mit derselbigen Treue, die sonst er erwiesen dem König, Hing er sich jetzt, harmlos wie er war, an den schmeichelnden Krechting. Und der füllte von Neuem den Becher ihm, hetzte von Neuem Grinsend den Freund, mit funkelndem Aug': »Beim Himmel, er muß dich Machen zum Mitregenten!« – »Was meint ihr, Leute?« so fuhr er Fort, zu heimischen Bürgern sich wendend mit schnödem Geflüster, »Wär's nicht billig, daß neben dem Fremden, der sitzt auf dem Throne, Auch ein Heimischer säße, zu theilen mit ihm die Gewalten? Die Holländer und Friesen, sie stecken noch ganz in den Sack euch! Ei, was duldet ihr's denn? ihr vermögt' s ja leichtlich zu ändern!« Solches vernehmend erhob sich, erregt noch vom Streit mit den Fremden, Und auf Krechting zu horchen gewohnt, der Alle verblendet, – Manch' altmünster'scher Bürger mit laut beistimmendem Ausruf. Da trat plötzlich der König heran, von Trabanten begleitet, Unter das Volk beim Mahl, wie er oftmals that, um zu sprechen Zu den Versammelten, oder Beschwerden und Wünsche zu hören. Bleich war, düster, der Jüngling. Er nahte den Tischen, zu sehen, Was da bedeute der Männer Erhebung und lärmender Ausruf. Als nunmehr ansichtig des Königs geworden der wilde Knipperdolling, so sprang er empor, entgegen ihm taumelnd, Und mit der lallenden Zunge des Trunk'nen zu reden begann er: »Jan – doch nein – Herr König – denn König, das bist du nun freilich Hier in Münster, und herrschest allein – doch es muß sich nun ändern: Denn so will es der Vater, und Krechting auch, und wir Alle, Daß nicht länger die Fremden allein hier herrschen zu Münster, Sondern daß so es geschehe, wie mir es der himmlische Vater Gestern verkündet im Traum, und wie Krechting sagt, und wir Alle, Daß ich herrsche mit dir; denn sag', ist etwa geringer Knipperdolling, als du? noch erfahrener bin ich und älter, Und auch heimischer Bürger von Münster! Ihr aber, aus Holland Lieft ihr, ihr Wiedergetauften, daher! O, ich auch verstehe Zu prophezeien, zu pred'gen, und Wunder zu thun, wenn's verlangt wird! Mich auch erleuchtet der Herr, daß ich rufe so gut wie ein And'rer: »Heilig ist Sions Volk! Thut Buße, geliebteste Brüder! Ich auch habe den Geist und kann einblasen ihn Andern, Wie mir's der Vater gebeut! Komm her, du dort mit der grünen Kappe, dich heiligen will ich! Ich will einblasen den Geist dir, Und so Jedem im Volk, der verlangt nach dem Geist und der Wahrheit!« Also faselt der Trunk'ne, zur Frazze verkehrend der Seher Geist und Reden in Sion, nach Krechtings tückischem Anschlag. Und im gaffenden Schwarm anhaucht er Diesen und Jenen, Rufend: »Empfange den Geist, ich will dich heiligen!« – »Sehet,« Fährt er fort, »ihr Brüder, es wanken die Häuser, die Giebel Stürzen sogleich von den Dächern herab – thut Buße, bekehrt euch, Hört auf den Willen des Vaters, der euch durch mich sich verkündet!« So nachäfft er noch weiter den Ton der Propheten. Der König, Ruhig zu seinen Trabanten gewandt: »Führt weg den Berauschten«, Spricht er, »damit nicht länger er Ärgerniß gebe den Bürgern! Kerkert ihn ein, bis geschwunden vom Geist ihm die schnöde Beneblung!« Hand anlegten sogleich an den Trunk'nen die Diener des Königs. Und er blickte vergeblich sich um nach Helfern, es wichen Alle zurück vor dem Jüngling, der heute so bleich und so trüb war, Wie sie nie ihn gesehn. Hartnäckig sträubte der wilde Knipperdolling sich lang, den Trabanten zu folgen; doch endlich, Als er verlassen sich sah und von Stärkeren Händen bewältigt, Ward er sanft wie ein Lamm, und es liefen aus trunkenen Augen Zähren ihm über die Wangen herab. Mit zärtlichem Vorwurf Sprach er, zum König gewandt: »O Jan, das muß ich erleben Heute von dir? von dir, den ich immer doch liebte so thöricht, Wie mein eigenes Blut? Weiß Gott! seitdem ich zuerst dich Sah, stets warst du an's Herz mir gewachsen; ja wahrlich! und Alles Hab' ich willig gethan, was ich nur an den Augen dir absah! Immer ja hab' ich gesagt zu den Bürgern von Sion: Der Himmel Hat uns den Jan von Leyden gesendet, den herrlichsten, besten, Weisesten Jüngling der Welt! Und nun, Jan, lohnest du so mir's? Nein, du hast nicht redlich gehandelt am Freund, an dem alten Knipperdolling, o Jan!« – so schwatzt er noch weiter, doch faßten Ernstlich jetzo die Männer ihn an, um weg ihn zu führen. Aber er wandte noch ein Mal sich, wehklagend und rufend: »Jan, das kannst du mir thun? und du warst doch an's Herz mir gewachsen, Wie mein eigener Sohn . . .« Fortzogen ihn rasch die Trabanten. Ernst und düster und zürnend nun wendet zum Volk sich der König: »Welcher dämonische Geist, entstiegen den Grüften der Hölle, Bringt solch häßliches Bild mir vor Augen inmitten von Sion? Solches vermag zu gescheh'n auf der Stätte, wo schöneren Daseins Frühroth herrlich erglänzte? Wohin nun ist sie geschwunden, Jene gemeinsame Glut, die zu Anfang Alle begeistert? Wölfe, bedünkt mich, schlichen sich ein mit den Lämmern der Hürde, Welche den edleren Geist zu ersticken geheim sich bemühen! Aber ich kenne sie wol, und ich werde sie wissen zu treffen! Anzieh'n will ich sie straffer in Münster, die Zügel der Herrschaft, Weil es die Noth so erheischt, bis unschädlich geworden die Wölfe!« Also der König. Da scholl ihm ein »Heil« von unzähligen Lippen, Zeugend dafür, daß wach der sionische Geist in der Mehrzahl.                         Aber nachdem er entfernt sich mit seinen Begleitern und wieder War entschwunden den Blicken der Bürger, da trat vor die Menge Krechting hin, und im Herzen bewußt, daß Israel reif nun Sei für neues Beginnen, mit funkelnden Augen zu sprechen Hub er an: »Ihr habt es gehört, ihr Männer von Sion? Straffer noch will er fortan, so sagt er, die Zügel der Herrschaft Anzieh'n! Ei, mich bedünkt, straff sind sie bereits ja genugsam! Sagt, was soll aus den Rechten des Volks, der sionischen Freiheit Werden, wenn uns, nachdem wir soeben der alten Tyrannen Ledig geworden, schon wieder sich setzt auf den Nacken ein neuer? Mag er herrschen als König! Doch hab' ich's mit eigenem Ohr nicht Selber gehört, wie er schwur, in jeglichem Puncte der Bürger Rath und Wunsch zu vernehmen? Und noch gar Manches zu rathen, Manches zu wünschen noch gibt's! Kein Stillstand, Männer, nur vorwärts, Bis wir Alles erreicht, was Einer noch wünschen im Volk mag! Nur kein Blatt vor den Mund! Hat doch einen glücklichen Einfall Dieser und Jener, der werth der Erwägung. So hab' ich erst gestern Reden gehört einen Mann, der im Kreis aufhorchender Brüder Treulich erzählte den Traum, den seltsamen, den er geträumt hat. Lang schon hatt' er gebetet zum Herrn, er möge verkünden Den Sioniten die Wege, das Sionsreich zu erweitern, Und der Genossen und Streiter von Sion Zahl zu vermehren, Da noch zögern von außen zum Theil die erwarteten Helfer. Zwei großschollige Felder erblickt' er; auf jeglichem Felde Stand ein Mann, zum Säen bereit: doch es leerte der Eine Auf eine einzige Stelle des Ackers den sämmtlichen Samen; Aber die Furchen entlang hinschreitend, bestreute das ganze Feld mit den Körnern der And're. Da sproßte dem Erstern die Handvoll Nur von goldenen Ähren, doch üppig meiste dem Andern Hundertfältige Saat, in der Läng' und Breite des Ackers. Dies Traumbild nun erzählt er: da sannen wir, was es besage. Jetzt sprang Einer empor: Ich weiß, was der thörichte Sämann, Und was der kluge bedeutet! – Da scholl es: So löse das Räthsel! Und er sprach: Wir sollen so thun, wie der klügere Sämann, Der mit dem Samen gewuchert und hundertfältige Frucht sah! Israel soll, das neue, fortan nachleben dem Beispiel, Welches das ältere gab. Das sionische Volk zu vermehren, Sollen wir thun, wie Abraham that, und Jakob und Isaak Thaten, erfüllend den Willen des Herrn: mit mehreren Weibern Soll ein Jeder von uns Nachkömmlinge zeugen! So wird sich Mehren wie Sand am Meer das sionische Volk und gedeihen! – Sehet, so meinte der Deuter des Traums. Was denket ihr, Männer?« – Schweigend vernahmen die Rede die Wiedergetauften; sie blickten Schier wie betreten sich an, und es schüttelten Viele die Häupter. Aber es ließen alsbald sich muthige Stimmen vernehmen, Die da meinten, es seien die Träume begeisterter Männer Nicht zu verachten und wol zu erwägen die Winke des Himmels. Und so erwogen sie eifrig den neuen und kühnen Gedanken. Und nicht Lüsterne bloß, nein, bleiche Fanatiker selbst auch Wünschten in Wahrheit so das sionische Volk zu vermehren, Nach Erzvätergebrauch. »Wir wollen den kundigen Rottmann Ziehen zu Rath!« so sprachen sie. Doch es erwiderte Krechting: »Laßt ihn, den düsteren Grübler! Er hat seit Monden ja wieder Gänzlich zurück sich gezogen, zu schreiben ein neues Traktätlein Über das Sionsreich! Ei, laßt ihn in seiner Spelunke! Denn nicht schreitet er fort, er bleibt auf dem selbigen Fleck stets! Laßt ihn! jeglicher Tag ja erzeugt sich seinen Propheten! Wählt nur einige Männer, mit mir vor den König zu treten, Und mit ihm zu berathen!«                                             So sprach er. Es folgten des Männleins Rath die sionischen Bürger sogleich. Denn mächtigen Einfluß Hatte der Bucklige schon sich erschlichen im Volke. Die braune Divara nur stand über ihm hoch, ihr Bote nur schien er . . . Wenn so das lächelnde Weib, und Krechting, ihr grinsender Sendling, Schritten dahin durch die Schaaren begeisterter Wiedergetauften, War es, als striche durch Sion ein fremder, veränderter Lufthauch. Wider den heiligen Ernst im Volk hat Divaras Lächeln Sich mit Krechtings Grinsen vereint zu heimlichem Bündniß. Divaras Lächeln, es war ein feurig-verlockendes Lächeln, Krechtings Grinsen, es war ein freches und eisiges Grinsen, Scheuchend zurück das erglühte Gefühl in die Winkel des Herzens, Menschen entseelend, versteinernd, das irdische Leben entgötternd: Jenes das lüsterne , dieses das höhnische Lachen des Satans; Jenes der feurige Pol, und dieses der kalte der Hölle. Divara sandte vor sich her den Wicht: sein tückisches Grinsen Eilte voraus, bahnbrechend, dem Lächeln des Weibes in Sion . . . Schwermuth herrscht in des Königs Palast. Mit gebrochenem Muthe Schleicht Jan düster und schweigsam hin durch die gold'nen Gemächer. Aber vor ihn tritt jetzt mit des Volkes erwählten Gesandten Krechting, heischend von ihm, daß er höre die Wünsche des Volkes. »Viel noch«, sprach er zu ihm, »bleibt übrig zu ordnen in Sion, Viel noch heischen die Bürger. Wir haben die Gütergemeinschaft: Doch nicht bloß der Besitz , auch die Ehe verlangt im erwählten Volk nun veränderten Brauch. Hör' auf die erleuchteten Männer, Die uns weisen den Weg! es ziemt uns zu leben, wie einstens Die Erzväter gelebt: es vermähle sich mehreren Weibern Jeder, so wird durch sich selbst sich die Zahl der Erwählten vermehren! So auch verlangt's die Natur . Viel kann für des Menschengeschlechtes Wachsthum wirken der Mann, doch das Weib nur wenig. In einer Nacht hat fünfzig Rangen gezeugt, so meldet's die Sage, Herkul, der griechische Held! Alltäglich ist fruchtbar die Mannheit, Aber der weibliche Schooß bringt Frucht im Jahre nur einmal. Lang vor der Blüte des Mann's fällt welkend die Blüte des Weibes! Neben dem alternden Weib steht seufzend der Mann in der Vollkraft. Siechend, verdroßen und launisch vereitelt das Weiblein des Eh'bunds Zweck gar häufig. Ein Drittel entzieht von jeglichem Monat Laune der Weibesnatur dem Geschäfte der Ehen – des Leibes Segen ein Drittel des Jahrs . Wie viel von den Kräften des Mannes Bleibt da auf immer verloren – wie viel wird eitel vergeudet! Aber es heißt: Seminis jacturam facere nefas! Will sich das Menschengeschlecht zehnfältig reicher erneuern? Laßet es thun, wie vor Zeiten es that! – So ist's, und so wird es Ewig bezeugen des kühlen, des klaren Verstandes Erwägung!« – Ernst und ruhig erwidert der König dem eifrigen Neu'rer: »Freund, ist die Welt ein Gestüt? ist der Mensch nur als Züchter geboren? Billigen wird, was du sagst, der Verstand , doch ewig verdammen Wird es des Menschen Gemüth! Hat nicht das Gemüthe , das Herz auch Rechte, so wie der Verstand, als Berather in menschlichen Dingen? Wenn aus der Welt du die Liebe verscheucht und entwürdigt das Weib hast, Lohnt sich's der Müh' denn noch, sie hundertfach zu bevölkern?« Also der König. Unmuthig darauf entgegnete Krechting: »Bleibe die Thorheit verbannt der Verliebten vom reifen Geschlechte! Lange genug anmaßte sich kecklich die Hosen das Weiblein, Schnöde die Männer beherrschend durch Launen und eiteles Wesen: Magd sein soll sie nun wieder, wie auch schon die Schrift es geboten! Und das Gemüthe, das Herz – was soll das? in menschlichen Dingen, Führe das Wort der Verstand alleinzig: das menschliche Trachten Muß auf das Nützliche geh'n – der Rest ist für schwärmende Knaben!« – »Freund«, entgegnete Jan, »du sprichst in seltsamem Tone! Gibt es der Männer noch mehr, die also denken in Sion?« »Viele noch gibt es«, erwidert ihm Krechting, »ja Viele, die also Reden im Volk, wo nicht dein Wort, dein Blick sie verschüchtert! Denn du verstehst mit den Augen, dem Laute der Stimme, die Menschen Schier zu berücken, und Keiner im Volk, dir blickend in's Antlitz, Wagt es, And'res zu wollen als du! Mißbrauche die Macht nicht, Welche Natur dir verlieh, willst nicht Tyrann du genannt sein! Ist ein Wüthrich nur Jener , der herrscht durch blutige Schrecken? Nein, auch den , der da wirkt mit des übergewaltigen Geistes Macht, um der übrigen Menschen Gemüth und Sinn zu befangen, Nenn' ich Tyrann! – Laß unter sich ruhig entscheiden die Bürger, Gleich dann wirst du erkennen die wahre Gesinnung in Sion! Hast du gelobt doch, o König, zu achten den Willen der Bürger!« – Und es erwiderte Jan: »Ihr Männer von Sion, ich sag' euch: Stark ist, ihr wisset es wol, mein Muth, mein Wille gewaltig, Und wo ich wollte gebieten, da ward mir noch immer gehorcht auch! Aber das Reich von Sion, gegründet ist's nimmer auf eines Einzelnen Mannes Gewalt, auf den Willen des einzelnen Herrschers! Wenn sie erloschen, die Glut, die gemeinsame, scheitert auch Sion! Nicht eines Zwingherrn Stab, und nicht eines Richters und Henkers Schwert kann hemmen den Fall! Gern will ich es glauben, o Krechting, Gott'surtheil sei der Wille des Volks und immer unfehlbar! Mag denn entscheiden der Gott im Volk – ihm will ich mich fügen! Nicht mein Wort, mein Blick, soll knechten berathende Männer! Wahrlich, es lebt in mir ein königlich Wollen – so dünkt mich – Aber ich trag' in der Brust auch den heil'gen Gedanken der Freiheit , Tiefer vielleicht, als die ihn auf lärmenden Lippen entweihen! Krechting, versammle das Volk – ja das Volk, das der Himmel erkoren, Herrliches kühn zu erstreben, und das er entflammt und erleuchtet Hat wie durch Zauber und Wunder. Ob auch vom Beginne der Lauen Zahl nicht gänzlich geschwunden, ob auch sich unter die Lämmer Wölfe geschlichen, durchdrungen vom göttlichen Geist ist die Mehrzahl Noch, und ihr nun stell' ich anheim die Geschicke der Zukunft!« – Sprach's, und entließ die Gesandten des Volks. Da entbeut zur Versammlung Krechting die Bürger: »Es achtet geziemend und weise der König« Ruft er, »den Willen des Volks, und euer nun ist die Entscheidung, Ob es erlaubt in's Künft'ge dem Mann, sich mehrere Frauen Anzuvermälen, auf daß sich mehre die Zahl der Erkor'nen!« – Rief's, und es stimmte das Volk, nach freier Entschließung ein Jeder. Und man zählte die Stimmen: da neigte die Wucht der Entscheidung Sich auf die Seite der Männer, die nach Vielehe verlangten. Nachricht wurde gebracht von des Volkes Entschließung dem König. Und er vernahm sie erbleichend. In düsteres Brüten versank er, Fuhr dann wieder empor, unmuthig; mit bitterem Lächeln Sprach er zu sich: »Ei, siehe, wie gut bleichwangiger Schwärmer Wilde, fanatische Glut, und der herzlos rechnende, kalte Alltagsmenschenverstand, im Bunde mit lüsterner Frechheit, Schon sich befreunden in Sion! O Menschengeschlecht! Wie der Sonne Kuß mit dem Anger die Blumen, mit schlammigem Sumpfe die Pest zeugt, So auch leuchten die großen Gedanken am Himmel des Geistes, Aber ihr Stral, meist trifft er in irdischen Herzen nur wüsten Schlamm, und so weckt, statt Blüten des Himmels, er gährende Fäulniß! Hat nicht's Hohes Bestand? Wo hoffnungsreich es hervorsproßt, Jauchzt man, es werde gedeih'n, fortzeugend sich immer veredeln: Aber als Erstlingsgeburt was bringt es? Das eigene Zerrbild! – Liegt ein ewiger Fluch nicht über dem Hohen und Reinen? Selber die Flamme, das Reinste der Erde, gebiert nur ein trübes Kind, den Rauch , den es qualmend zum ewigen Himmel emporschickt! – Nun erst seh' ich mit Augen es klar, wie schon vom Beginn an Sich ein tückischer Feind in die Schaar der Erwählten geschlichen, Der, ablenkend gemach auf die Bahnen des Rohen und Wüsten Jegliches kühne Bemühen, ertödtet die edle Begeist'rung, Hader entfacht, und zur Frazze verkehrt das sionische Leben! – O, mir ist wie dem Moses, der nieder von Sinais Höhen Hoffnungsfreudig, verklärten Gesichts, in der Hand des Gesetzes Tafeln, als göttlicher Bote zum Volk der Erwählten hinabstieg, Und anbetend es fand auf den Knie'n vor dem goldenen Kalbe! Und wie von Zorn er erglühend zertrümmert die göttlichen Tafeln, Als er den Gräuel erschaut, weil ihrer unwürdig das Volk war, Welches von Gott schmachvoll sich wieder gewandt zu den Götzen: So auch möcht' ich mich grollend von diesen Entarteten wenden, Und mit dem Hohn der Verachtung sie schweigsam lassen gewähren! – Und – wenn ich auch mich entgegen zu stemmen versuchte, vermöcht' ich's? Leicht ist zu führen, zu lenken die vorwärts strebende Vollkraft: O, es vermöcht' ein Kind sie zu drängen, zu leiten nach vorwärts: Aber zurück sie zu dämmen, wenn einmal genommen die Richtung – Nein, kein Riese vermag's, kein Held, kein Gott: – Und so steh' ich Muthlos da, ohnmächtig! – Ich muthlos , ach, der ich feurig, Siegesgewiß mich jüngst zu titanischem Kampfe gerüstet Gegen die Welt! Es umrauscht mir die Seel' ein düsterer Fittig – Nicht seit heute , fürwahr! – seit jenem unseligen Tag' schon, Der mir das Liebste geraubt! – O wir strebenden Söhne der Erde, Muthig wollen wir stürmen den Himmel: schon stehen wir oben, Plötzlich trifft uns ein Blitz – doch nein, nur der Stich einer Wespe , Der die verwegene Hand uns lähmt – und wir taumeln zurücke, Seh'n, daß elend und klein wir sind, wie groß wir auch denken! – Dennoch – bewahr' ich zu tiefst nicht Etwas noch, was dem Schicksal Trotzt und den Mächten der Hölle? – Den Trost noch hab' ich, zu ragen Über den Schwarm und den Wust umher – und die Welt zu verachten!« – Hin so schwanden die Tage und Jan blieb grollend und einsam In den Gemächern. Da naht ein Mann von seltsamem Anseh'n Einmal dem Könige sich in der dämmernden Stunde des Abends, Schwärzlich-braunen Gesichts, mit pechschwarz funkelnden Augen. In fremd klingender Rede geheimnißvoll zu dem König Sprach er, verkündend, er sei nur der Bote des größeren Boten, Der Hochwichtiges habe zu deuten dem Herrscher von Sion. Wenn er zu hören geneigt an verborgenem Orte den letzten Willen des todten Propheten , zu hören, zu schauen noch And'res, Was ihm zu schauen bestimmt, auf daß sich die Loose des neuen Israel endlich erfüllen, so mög' er aus brütender Schwermuth Los sich reißen und folgen aus seinem Palaste dem Führer. Seltsam dünkten dem König die lockenden Worte des Mannes, Zögernd erwog er der Rede verborgenen Sinn, bis zuletzt ihn Spornte der muthige Drang in der Seele, zu folgen dem Rufe. Und so wandelt, verhüllt und vermummt, er aus seinem Palaste, Folgend dem Dunkelgelockten in dämmernder Stunde des Abends Durch einsamere Gassen der Stadt, bis über den Aafluß, Und zum ragenden Wall, wo nahe dem nördlichen Kreuzthor, Halb schon verfallen der alte, der spuckhaft-düst're, verruf'ne Popanzthurm sich erhob. Durch's Thor, d'ran Frazzengebilde Grinsen, gemeißelt in Stein, tritt Jener, und muthigen Herzens Folgt ihm Jan.                         Lang schreiten sie hin: umdunkelte Gänge Nehmen sie auf und leiten sie fort im dämmernden Nachtgrau'n, Bis wo ein Saal sie umgibt mit hochaufragender Wölbung, Von mattglimmender Ampel erhellt. Es entfernt sich der Führer, Läßt den Erstaunten allein in dem wunderlich-grausen Gewölbe. Von Schlingpflanzen erblickt wie zum Schmuck er umwuchert die feuchten Dumpfigen Wände; besproßt hellroth von funkelnden Beeren, Wie mit blutigen Tropfen besprengt. Die verwitternden Steine Gleißen dazwischen hervor, unheimlich schillernd. Ein Grinsen Scheint ihr Glanz. Was hüpft und was kreucht mit Krächzen und Knurren Zischen und Kreischen am Boden? Was will das Gethier, das verruchte, Im Halbdunkel sich regend? Es hackt und zerrt da ein Rabe Grimmig umher im Winkel an Stücken vermorschenden Fleisches. Hat hieher sich geflüchtet der sämmtliche Spuk aus der Davert? Tanzt nicht dort, blitzäugig, in zornigen Sprüngen das Eichhorn? Los auf den Fremdling springt es, und schießt in verweg'ner Spirale An ihm empor und hinab mit satanischem leisen Gekicher. Doch, wie das Auge des Königs sich schärft im Dunkel, da sieht er Blinkende Waffen gehäuft, in grausem Gewirr, in den Winkeln, Allerlei seltsamen Schmuck und gleißende, bunte Gewänder. Und nun dämmert hervor aus dem hintersten Grund des Gemaches Ihm ein Bild: auf Teppichen ruhend, im Arm die Theorbe, Divara , wie er vordem sie geseh'n in der Öde der Davert. Wieder nun wallen um's Haupt ihr die pechschwarz-glänzenden Locken, Wieder nun blickt sie ihn an mit den feurig-unheimlichen Augen. Doch nun erhebt sie sich rasch und entgegen dem Könige tritt sie, Spricht: »Hab' Dank, daß dem Ruf du gefolgt, hochsinniger Jüngling! Divara ist's, durch welche dir kund soll werden der letzte Wille des todten Propheten, des leuchtenden Meisters von Harlem!« »Matthisson!« sprach seufzend der König mit düster umwölkter Stirn: o, ihn preis' ich beglückt, den Begeisterten, daß er gefallen, Ehe der Stern von Sion zum Untergange sich neigte, Eh' zur schmutzigen Erde gesunken, dem Koth sich vermälend, Die Schneeflocke, die weiße, des himmlischen reinen Gedankens!« – Also der König; da zog ihn das Weib auf des schwellenden Sitzes Polster, indessen sie selbst, einer schmeichelnden Sclavin vergleichbar, Sank auf die Teppiche nieder und flammenden Aug's zu ihm aufsah. »Laß sie fahren, o Jan, laß fahren die hohen Gedanken!« Rief sie: »und wenn zu beglücken die Welt dir wenig gelungen, O so verschmähe doch nimmer das Glück, das dir selbst in den Schooß fällt! Bist nicht reich du gesegnet? und liegt nicht köstlicher Güter Fülle wie Sand am Weg um dich? o genieße, genieße! Kurz ist das Leben, und kürzer die Jugend, am kürzesten aber Sind die Momente des Glücks, die das Schicksal gönnt zu genießen. Kurz vielleicht ist auch dein Glück nur, o gesegneter König! Darum verschmähe du nicht, es rasch und ganz zu ergreifen! Sions Schätze, sie sind dein eigen; zum Tranke der Freuden Schmilz' sie dir ein, und leere den hochaufsprudelnden Becher Bis auf den Grund, o Jan, bevor einbricht das Verhängniß! Jüngling, vertraue dich mir, ich will dich lehren das Leben, Will dich lehren die Liebe, die feurig-schwelgende Liebe! Siehe, nun ist sie gekommen, o Trauter, die Stunde, zu sagen Dir's, wie Divara lechzt, nachdem dein Traum dir zerronnen, Dich zu beglücken, zu trösten! In ihren umstrickenden Armen, Jüngling, will sie dich halten, das hat ihr Herz sich geschworen, Seit sie zuerst dich erblickt! Dein stolzes und sprödes Versagen Soll noch schmelzen wie Schnee vor Divara's glühenden Lippen! Zaudere nicht, o Geliebter! Das Weib des Propheten, die kühne Streiterin, sie, auf welche die Deinigen alle bewundernd Schau'n, als die muthigste Tochter von Sion – geselle sie würdig Dir – so will es das Volk, so will's das Geschick, und so wollt' es Auch der Prophet , eh' hinaus in den tödtlichen Kampf er gezogen: Sprich ein Wort, und Divara ruft noch einmal herauf ihn Dir aus dem finsteren Reich – o! Divara bändigt die Geister, Kennt manch' kräftigen Spruch« . . .                                                           Ein bittres, verachtendes Lächeln Spielt um die Lippen des Königs. »Der Zauber, o Divara«, spricht er, »Welchen an mir du geübt vordem in der Öde der Davert, Machtlos ward er und schal, seitdem am Herzen ich dies hier Trage: die Blüte – die nie sich erschlossen zur volleren Rose « . . . Sprach's und zog aus dem Busen die Knospe, die einst er in Hillas Zelle gepflückt. Welk war sie, doch fest, wie zur Perle verhärtet. »Sieh'!« sprach Jan, » die Blume, sie wird kein Wurm mir benagen! – Rosen des Glücks, die ganz und voll sich erschlossen, entblättert Leicht und für immer der Wind; doch welche nur halb sich erschlossen, Dauern, als Knospe gepflückt: ihr Geblätter, in schirmender Hülle Ruht es erstarrt – man mag zeitlebens sie tragen am Busen!« . . . Und er fügte hinzu: » Nicht hoffe , o Divara, Sions König werde dir weih'n sein Herz – zu sich auf den gold'nen Thronsitz liebend erheben die Wittwe des Meisters von Harlem!« – Sprach's, da begannen die Augen des Weibes im Zorne zu funkeln, Und aufsprang sie, und stand vor Jan, mit höhnischem Lächeln Rufend: »Der König verschmäht sie, die Wittwe des Bäckers von Harlem? Denkt er, wie er verschmäht des erhab'nen Propheten Vermächtniß, Auch zu beschämen die Seher zugleich, die der Wittwe des Bäckers Lange vor ihm zusangen, in Münster'schen Landen die goldne Krone zu tragen? Vernimm, daß edelstes Blut in den Adern Divaras rollt, uredelstes Blut, o Gaukler von Leyden!« – Und sie rief fremdklingend ein Wort. Da tritt ein gebroch'ner, Zitternder Greis hervor; tief neigt er das Haupt, und die Arme Kreuzt er über der Brust. Wie ein Sklave der bräunlichen Herrin Nahet der Alte; sie spricht: »Gib Kunde von dem, was geschaut du Hast auf dem Markte zu Borken im Münster'schen Lande, vor siebzig Jahren, um Mitternacht, beim Glanz rothsprühender Fackeln!« Seltsam lächelt der Alte vor sich hin, dann, wie im Irrsinn, Mälig beginnt er zu rollen die Augen, zuletzt in die Leere Blickt er starr, und schaudert, als säh' er auf's Neue lebendig Werden mit leiblichen Augen vergangener Zeiten Ereigniß. »Will es künden«, begann er mit zitternder Stimme; »berichten Will ich es wieder und wieder, was ich mit Augen erschauet, Was seit siebenzig Jahren noch stets ich schaue mit Augen . . . Sehe das Brettergerüst in der Mitte des Marktes – die Wolken Fliegen und decken den Mond – doch Männer mit sprühenden Fackeln Steh'n um das dunkle Gerüst, und weh'! auf dem dunklen Gerüste Kniet er, der Herrliche, Hohe, ja, kniet er, der schöne, der edle Herzog des wandernden Stamm's: tief beugt sein Haupt, ach, das edle Haupt mit dem langen, dem pechschwarz dunklen Gelock, auf den Block ihm Nieder der Henker – der Henker in grünem Gewand, mit geschorenem Bräunlichem Haar: und grinsend um ihn steh'n ringsher die andern Männer, mit Fackeln beleuchtet die knochigen weißen Gesichter – Horch, o horch – zwölf Schläge vom Thurm – mit dem letzten der Schläge Blitzt das geschwungene Schwert und blutig rollt in den Staub hin Das schwarzlockige Haupt, und offen noch steh'n in dem schönen, Dem todbleichen Gesichte die schwarzen und glänzenden Augen – Und um die Lippen noch zuckt es wie racheverlangendes Lächeln . . . Das ist Horkan , der Schöne, der Edle, der Stolze: der letzte Herzog des wandernden Stamm's, in den Landen des Morgens gepriesen, Wie in den Landen des Abends, und gleichwie ein Gott von des Stammes Kindern verehrt – so rollt sein königlich Haupt in den Staub hin, Unter dem Beile der Männer mit braunem, geschorenem Haupthaar, Nachts, bei Fackelgeleucht', auf dem düsteren Markte zu Borken – Ja, auf dem Markte zu Borken im Münster'schen Lande! Sie morden Ihn, weil als Herzog Einen vom wandernden Stamm er gerichtet Im Weichbilde der Stadt, bei Nacht, im Kreise der Fackeln – Gleiches nun thun sie an ihm, und nennen ihn Mörder, den Edlen, Ihn, der doch hatte Gewalt als Herzog über die Seinen! Aber es künden die Seher, daß rächen ihn werden die Enkel Und sein Wandergeschlecht noch dereinst an den Enkeln der Mörder. Und weil nichts sie den König des wandernden Stammes geachtet, Wird sein Sproß, sein letzter , im Münster'schen Land auf dem Haupte Tragen die goldene Kron' und die weißen Gesichter beherrschen! Solches verkünden die Weisen, die Seher des wandernden Stammes – Und nun ist sie gekommen, die Zeit, ja die Zeit der Erfüllung!« – Also der Greis. Und Divara sagte: »Den letzten der Zeugen Hast du gehört, der geschaut sie, die That, und den letzten der Sprossen , Welche dem Letzten entstammt von den Fürsten des wandernden Stammes, Siehst du vor Augen. Es spricht zu dir des enthaupteten Königs Enkeltochter, durch die sich erfüllen nun muß die Verkündung! Siehe, das Schicksal führte hieher auf verschlungenen Wegen Divara nun: und Viele der Söhne des wandernden Stammes Kamen, als Fürstin sie grüßend, und als des enthaupteten Ahnherrn Erbin, huldigend ihr im Geheimen. Als muthigste Tochter Sions schauen die Deinen mich waltend im Lichte des Tages: Aber die Nacht, sie feir' ich allein mit meinen Getreuen Hier im gemiedenen Thurm. Da schmückt mir die Krone des braunen Stamm's, die ererbte, das Haupt, da schlingen den Reigen die heißen Kinder des sonnigen Ostens, die freiesten Söhne der Erde! Und da schwören wir Rache den tückischen Mördern des Ahnherrn, Rache den Männern des Westens, und Rache der menschlichen Satzung! Zauberin nennen sie oft mich, die Bürger von Sion: ich bin es! Innig ist Zaubergewalt ja verwebt mit dem Leben der freien Söhne der freien Natur! Es gehorchen mir Kräfte, die nimmer Kennt dies dumpfe Geschlecht, das da keucht im Joche der Nothdurft! Zweifelst du, Jan von Leyden? wolan, du bist ja ein König – Und so magst du denn heute der Königin Divara Gast sein!« – Also ruft sie. Da bricht in die hohe, geräumige Halle Undurchdringliches Dunkel: doch stralend erhellt sich von oben Plötzlich auf's Neue der Raum und Alles umher ist verwandelt, Wie von des Magiers Stabe berührt. Hellflackerndes Naphta Brennt in riesigen Lampen und Pfannen, die Wände bestralend, Die da sprühen und blitzen und funkeln von blanken Gesteinen: 's ist wie ein Himmelsgewölb' voll Stern' und leuchtender Wunder. Aber umringt von den braunen, den dunkelgelockten Trabanten, In phantastischer Tracht, grellroth, liegt Divara prangend Auf thronartigem Lager. Ein Kronreif funkelt ihr golden Rings um die wallenden Locken, die schwarzen und glänzenden: reizvoll Schmiegt um den weichen, doch schlanken und sehnigen Leib das Gewand sich, Golden auf Scharlachgrunde beflittert; des Nackens und Busens Bernsteinfarbige Welle bestralt Karfunkel und Perle, Blitzend gereiht. Wie über dem gelblichen Wachse der Kerze Flackert die Blume des Lichts, so flammt an des bräunlichen Weibes Leibe das Edelgestein. Im Schooß ihr ruht die Theorbe, Schimmernd, rubinenbesetzt. In goldenen Schalen kredenzen Ihr süßduftigen Trank, der bläuliche Flämmchen wie Blasen Aufwirft, liebliche Knaben: auch sie schwarzlockig und gelbbraun, Mit weißschimmernden Zähnen und kirschroth blühenden Lippen, Schalkhaft lächelnd und dreist, anmuthig und feurig, im reinsten Gleichmaß flink die geschmeidigen, zierlichen Glieder bewegend. Mädchen auch nahen sich gaukelnd nunmehr, gleichlieblichen Anseh'ns, Neigen sich, beugen sich schwebend: da rauschen die Saiten, das Cymbal Schwirrt, dumpf sauset das Tamburin, und in feurigem, wilden Tanz hinwirbeln mit flatterndem Haar sie und wogendem Busen Und lustsprühendem Aug um der leuchtenden Divara Thronsitz. Doch bald schlingen sie auch um den sinnenden König von Sion Ihren verwegenen Reigen, kredenzen ihm lächelnd den gold'nen Duftigen Trank im Pokal, mit den knisternden, bläulichen Flämmchen. Schwül, als wären die Lüfte gewürzt von Aromen des Ostens, Weht's um den Jüngling her, den erstaunenden; sinnebethörend Schallt ihm bacchantischer Lärm der Theorben und Pauken und Cymbeln. Enger und enger umkreisen sie ihn, die verwegenen Gestalten. Aber die keckste von ihnen entwindet zuletzt ihm, in raschem Fluge vorüber sich schwingend, das Pfand aus der Zelle der Nonne. Und nun kichern die Mädchen und werfen sich tanzend das welke Blümlein, wie einen Fangball, zu, und schleudern zuletzt es Hin in der Königin Schooß.                                             »Zurück mir gib sie, die Blume!« Ruft unmuthig der Jüngling. Die reizende Divara lächelt: »Reich' mir die goldene Kron' in Sion, o Jüngling von Leyden, Reiche sie mir, wie mir sie gebührt, du trautester Jüngling, Wie es die Seher verkündet, und wie es gewollt der Prophet auch, Und wie es längst auch heischen geheim die sionischen Männer, Jauchzend dem Weib des Propheten – o reiche die Krone der braunen Divara, süßester Freund – dann gibt das zerknitterte Röslein Dir sie zurück! Ist königlich nicht ihr Sinn? Wie zum König Du, zur Königin so, mein Trautester, ist sie geboren!« – Also erklingt's, wie Musik, aus Divaras Munde. Der Jüngling Starrt auf das lockende Weib. Und endlich spricht er die Worte: »Königlich ist dein Sinn? zur Königin bist du geboren? Und du heischest von mir, daß ich nicht länger das Anrecht Weigere dir, als dem letzten der Sprossen des wandernden Herzogs, Und als dem Weib des Propheten, der muthigsten Tochter von Sion? Mir auf dem Throne gesellt, und mir gleichbürtig in Sion Willst du sein, nach des Schicksals Schluß?–O Weib, schon erprobt' ich's, Daß weit mächtiger ist, als menschlicher Wille, das Schicksal! – Divara, du bist stolz – und der Stolze, zu herrschen verdient er! Sagt' ich zu herrschen? vergib, ich meinte, die Krone zu tragen! – Schal und verächtlich ist Alles um mich her geworden in Sion: Mag mir das Große noch bieten Ersatz, wenn das Edle gescheitert! – Königsenkelin, ziehe hinaus denn, ziehe mit deinem Königsgefolg aus dem Thurme hinaus auf den offenen, hellen Markt, daß dir huld'ge das Volk! – Mir aber, du Schöne, mir hoffe Anderes nimmer zu sein, als Genossin des prunkenden Thrones! Ein Bild nur ist in's Herz mir gepflanzt! Mit dem Klang der Theorbe Willst du den Sinn mir erheitern? Versuch' es, du Zaubergewalt'ge! Nehmen wir wieder ihn auf, o Weib, den gewaltigen Wettkampf, Welcher begann in der Davert! Erprobe dich, Mächtige! stähle Deinen verlockenden Reiz mit tückischem Zauber der Hölle – Nie doch tilgst du im Herzen des Jünglings von Leyden den Schauder, Welchen in ihm du erweckst mit unheimlicher Flamme des Auges!« – Also der Jüngling. Am anderen Morgen bestaunten die Bürger Sions den Festaufzug, der prangend von Divaras Thurme Wallte zum Domhof hin, und es grüßte das Volk an des Königs Seite mit Jubel die neu mit der Krone Geschmückte, die Witwe Matthissons, des Propheten, die muthigste Tochter von Sion. Achter Gesang. Neues Leben.                             Wieder begrünt sich die Flur und stets noch lagert des Bischofs Heer unthätig vor Münster, bedacht, statt ferneren Angriffs, Nur zu umzirken die Stadt und ihr zu verwehren die Zufuhr. Aber im Innern von Sion, da reifen dämonische Saaten Mächtig entgegen der Sense. Veränderte Weise der Ehen Zeugte veränderte Sitte, verändertes Leben, und weiter Auf abschüssiger Bahn hinleitet der tückische Krechting Sions müßiges Volk. Wol stemmen entgegen sich Manche: Zwietracht lodert beständig, entzweiend die Männer, die Frauen. Kaum ist in Münsters Bann zu entdecken ein jüngeres Weib noch, Welchem geschändet das Antlitz nicht von der älteren Frauen Grimm und Neid. Doch befehden die Frau'n sich zu Münster, befehdet Sich auch der Männer Geschlecht um die mannbar-blühenden Jungfrau'n. Und es erweisen sich spröde die Blühenden, folgen dem jüngern, Stattlichen Mann und verschmähen den alten und ruppigen Freier – Endlich entscheidet den Streit auf dem Markte die Bürgerversammlung. Knipperdolling nun auch, ja der ehrliche Knipperdolling, Welcher mit Weib und Kindern vordem hinlebte so friedlich, Läßt sich beschwatzen vom Freunde, dem höck'rigen, grinsenden Krechting, Daß er nach Hause sich führt ein zweites und jüngeres Weibchen. Aber er büßt es schwer. Mit Thränen und schmerzlichem Vorwurf Tritt ihm die ältere Gattin entgegen; doch schlimmer die reiche Mutter der Gattin, das rüstige Weib, das im Hause des starken, Doch gutmüthigen Mann's stets führte die Zügel der Herrschaft. »Trunkener Wicht!« so schallt ihr Gruß ihm; »was soll's mit der Dirne? Was? ein jüngeres Weibchen? du Gott- und Ehrevergess'ner, So weit ist's nun gekommen? so weit nun hat es der schnöde Krechting mit dir gebracht, der erst zum Zechen und Schlemmen, Und nun gar dich verführt zu den Gräueln der Türken und Heiden? Wie? du wagst es, in's Haus, in mein Haus, wo ich an fünfzig Jahr' in Ehren gewaltet und christliche Sprossen erzogen, Jetzt eine Dirne zu bringen, ein Kebsweib? Was? du vermissest Dich, der getrauten Gesponsin, den Kindern, den eh'lich erzeugten, Unter die Augen zu geh'n mit der her da gelaufenen Fremden? Sieh' es nur einmal an, dein Jüngstes« – sie nahm's aus der Wiege, Hielt es ihm vor das Gesicht – »da sieh' das unschuldige Würmlein, Welchem die Mutter du raubst, Unmensch! wie soll sie's ertragen? Sieh', wie in Thränen sie schmilzt, wie das Herzleid völlig das Herz ihr Abstößt – trunkener Gauch! das kannst du ruhig mitanseh'n? Trolle dich fort aus dem Haus! Meinst du, ich fürchte dich etwa, Und dein Schwert der Gewalt? Ich stoße zur Thüre hinaus dich – Dich, mit der Dirn' und dem Schwert der Gewalt!« So ergoß die beredte Wuth sich vom Munde der Alten; vertheidigen will der Verblüffte Sich, doch umsonst: und zuletzt, wahr machend die wüthige Drohung, Stößt die Entflammte den Sünder, den glotzenden Knipperdolling, Kecklich zur Thüre hinaus, mitsammt dem erkorenen Weibchen Und mit dem Schwert der Gewalt. Er hatte gelernt, sie zu fürchten, Und so fügt' er auch jetzt sich und wich, mit schweigendem Ingrimm. Und hinging er im Zorn, und klagte dem grinsenden Krechting, Was ihm begegnet daheim. »Freund, laß mich machen!« erwidert Der, und begibt sich ohne Verzug in das Haus des Vertrieb'nen, Schlägt durch Helfer in Fesseln die Weiber, die Gattin, die rüst'ge Mutter der Gattin dazu, und wirft sie vorerst in den Kerker, Daß man sie richte demnächst ob ihres verwegenen Trotzes. Und dann führt er zurück, gleichwie im Triumph, den Vertrieb'nen In sein Haus, und mit ihm das erkorene jüngere Bräutchen. Und da feiern sie nun mit anderen, munteren Freunden, Auch mit Söhnen und Töchtern des wandernden Stamm's, und mit Gauklern, Eine vergnügliche Nacht, in welcher für reichlichen Zutrunk Krechting sorgt, und für andere Lust und andere Kurzweil. Und auf des Königs Geheiß sich berufend, daß heitere Freude Zieme dem Sionsreich , anspornend zur Lust die Genossen, Weiß es zu fügen der Wicht mit berechnender Tücke der Hölle, Daß die Vermälung im Hause des ehrlichen Knipperdolling Bald entartet zu frechem, zu schamlos wüstem Gelage: Reichlich sprudelt der Wein, und es tanzen die braunen Zigeuner, Tanzen bei Cymbalklang in frech-muthwilligen Sprüngen. Aber es sieht noch Männer und Weiber der tückische Krechting, Welche nur schüchtern zu theilen ihm scheinen das tolle Gebahren. Diesen verweis't er mit schnöden, sophistischen Worten und Winken Die blödsinnige Scheu. Vom Fleisch und den Sinnen beginnt er Freche Verkündung. Wie öfter geschah, daß, wo Sioniten Abendlich waren versammelt, begeistert sich Einer von ihnen Plötzlich erhob, und zu künden begann, was der Geist ihm eröffnet, So nun erhebt sich zu reden der schamlos-grinsende Krechting. »Meint ihr wirklich«, so ruft er, »geliebteste Brüder und Schwestern, Daß es sich also verhalte, wie Pfaffen es lehrten im Beichtstuhl: Daß Kasteiung, Entsagung bezwinge den Löwen, der umgeht, Suchend, wen er verschlinge? Den Löwen des sündigen Fleisches Müßt ihr anders bezwingen! Ich lehr' euch bessere Mittel, Stumpf sie zu machen, die regen, die allzubegehrlichen Sinne! Ist es das Heimliche nicht, und das Seltene, und das Verbot'ne, Was am Meisten uns reizt? Nun gut, ihr Brüder und Schwestern, Macht's zum Gewöhnlichen , macht es zum Offenen und zum Erlaubten! Reizt nicht doppelt die Hülle? Nun gut, so laßet das Nackte Erst zum Natürlichen uns, zum Harmlos-Unschuldigen werden, Und so wird es gar bald nicht reizen uns mehr noch verführen! Sehet, so werden wir klüglich dem Trieb des Geschlechtes benehmen Seinen gefährlichsten Reiz. Seid klug und behandelt ihn völlig So, wie den Durst und den Hunger! Nur Eins ist im Stand zu ertödten Völlig den Stachel: das volle, das unumschränkte Genießen. Wie wer Süßigkeiten verkannt, und einmal vom Vorrath Satt sich gegessen und voll, abstumpft die Begierde für immer, So wird besser durch volle Gewährung als blödes Entsagen In uns ertödtet das Fleisch und gebrochen der lüsterne Zauber, Welcher die Heil'gen verwirrt, und am Schlimmsten die Frömmsten belästigt!«– Also sprach er; er hatte, wie heut schon öfter gepredigt, Immer bemüht, mit dem Hauch des ertödtenden, kalten Verstandes Ganz zu verwüsten die Seele, das Menschengemüth zu entgöttern. Ärgerniß gab er noch Manchen in Sion: doch Andere lobten, Was er verkündet, der neue Prophet; bleichwangige Schwärmer, Welchen entflammt war das Blut und gereizt schon längst durch des Schwärmens Gluten, sie waren's, die jetzt den Gedanken begeistert erfaßten, Die zum Heiligsten machten das Frechste – und schwärmten wie vormals. Und als so die Gemüther entflammt der satanische Krechting Durch sein Wort, durch den Wein, durch die Tänze der braunen Zigeuner, Hin so gerissen sie schaute, berauscht, in schwärmendem Wahnwitz, Nannt' er Sünde die Kleider und pries den Erglühten die Rückkehr Zur Natur – dann mahnt' er sie, walten zu lassen im Dunkel Frei die Sinne: das hieß er die letzte, die feurige Taufe . . . Also entfesselt der Wicht, als der bräunlichen Divara Sendling, All die Dämonen in Sion, und alle die finsteren Mächte, Die da stets zu erwachen bereit, wenn mächtig ein Umschwung Tief aufwirbelt die Geister, enthüllt manch' schaurigen Abgrund . . . Jetzt, beim Fest der Vermälung des trunkenen Knipperdolling, Triumphirend gedachte zu führen der grinsende Krechting Alle die häßlichen Gräu'l auf den Gipfel der schnöden Entartung: Weit war gediehen die Nacht – trüb flackernd erloschen die Lampen: Aber in diesem Moment urplötzlich von mächtigen Schlägen Dröhnte die Pforte des Hauses. Es schracken die trunk'nen Genossen Auf aus der wüsten Berauschung. – Was dröhnt vor der Thüre, den Fenstern, Nächtlicher Lärm? –                                   Längst hatten sionische, ernstere Männer, Welchen erschien mißfällig das neueste Treiben in Sion, Sich im Geheimen verschworen. Und diesen bewaffneten Meut'rern War es gelungen bei Nacht, zu besetzen den Markt und das Rathhaus. Jetzo hatten umzingelt die stürmenden Männer das Haus auch, Wo zuchtlos sich ergetzten soeben die wüsten Gesellen. Und sie besetzen den Ort, und leicht, mit verwegenem Handstreich, Greifen sie Krechting, den Wicht, und den trunkenen Knipperdolling, Fesseln sie, schleppen vorerst sie hinweg in finst're Verließe. Aber sie dringen nunmehr voll Muth in des Königs Palast auch. Und dort sprechen zu Jan die Rebellen: »Wir wissen, gebilligt Hast du die Neuerung nicht: so tritt denn an unsere Spitze! Wirf dich mit uns, den Getreuen, entgegen den Schreiern des Marktes!« – Doch es erwidert der König: » Ich habe geschworen, der Mehrzahl Willen zu achten! Zurück in die Scheide das Schwert, Sioniten!« – »Gibst du solchen Bescheid«, so rufen nunmehr die Rebellen, Giltst du als Feind uns auch, wie die Anderen, und wir ergreifen Dich als Gefang'nen: ergib dich, du bist in uns'rer Gewalt nun!« – Und andringen die Männer, zu faßen ihn. Aber der König, Hastig entreißt er dem einen der beiden erschrocknen Trabanten, Die ihn umgeben, den Speer, und schleudert gesenkt ihn vor sich hin, Daß in den Boden er fährt, aufragend mit zitterndem Schafte, Zwischen der tobenden Schaar und ihm: dann ruft er mit kühner Ruhe, gebietenden Blickes, den Dolch im Gürtel entblößend: »Sehet den Grenzpfahl, Männer: im Boden die Lanze! der Erste, Der nicht achtet die Mark, ihn trifft ein vernichtender Stahlblitz!« – Und schon tritt auch heran, zur Seite des Königs, die braune Königin Divara, sie, die als Zauberin gilt, wie als Heldin: Da entweichen sie scheu vor dem trotzigen Paar, die Rebellen, Lassen hinaus vor die Thür von Trabanten wie Hunde sich stoßen . . . Aber es haben inzwischen ermannt sich die anderen Bürger, Ziehen heran zu bekämpfen die meut'rischen Haufen: ein Speerkampf Tobt durch die Gassen der Stadt und der Markt ist die blutigste Wahlstatt. Bald ist gänzlich bewältigt die kleinere Schaar, auch die Rathhaus- Pforte gesprengt, und gezogen aus finsteren Kerkerverließen Knipperdolling und Krechting. Gefangen dafür und gefesselt Wird Mollhecke, der Schmied, der Erreger und Führer des Aufruhrs, Sammt den Genossen. Es schallt siegfreudiges Lärmen. Die Volksschaar Jauchzt den Befreiten entgegen, und lästert die bleichen Gefang'nen, Fordert, zum Tod sie zu führen, die Frevler, die Feinde von Sion. Plötzlich auf weißlichem Zelter erscheint im Gedränge der König, Und es verstummt das Gebraus. Nach dem ernsten Gesichte des Jünglings Kehrt sich jeglicher Blick. Da beginnt er zum Volke zu reden: »Bürger von Sion!« spricht er, »gedenkt ihr noch, daß zu stiften Jüngst wir strebten ein Reich, wo zwanglos sollte, gesetzlos Herrschen in Frieden das Recht, und wo nicht mit dem Schwerte des Henkers Einzelne sollten gebieten: die sämmtliche Bürgergemeine Sollte, von höheren Licht's Glutstralen erwärmt und erleuchtet, Heil'ger Begeisterung voll, nachleben dem inneren Worte! Und nun entweiht die Entartung bereits und die gährende Zwietracht, Und das vergossene Blut, und die wilde, barbarische Rachlust Diese erkorene Stätte? Besinnt euch, Brüder in Sion! Ja, wol sollte der Wille des Volkes dem Volke Gesetz sein; Und mein Wille war Eins noch jüngst mit dem Willen des Volkes Tief durchdrungen, so dacht' ich mir eure Gemüther, wie meines, Von dem erlösenden Geiste, der führt zum Guten und Rechten! Und so wähnt' ich mich stark: mit euerem Willen den meinen Eueren Kräften die meinen verbündet – zu siegen in diesem Zeichen vermeint' ich! Wenn aber in euch nun erloschen der Funke, Richtet ihr bald euch selbst, und das wankende Sion begräbt uns All' in schmählichem Sturz! – Ein Reich zwar der Freiheit ist Sion, Aber ein Reich auch der Lieb' und des reinesten Wandels im Lichte! Laßet den edleren Geist uns erneu'n, und vor Allem verstummen Laßt den barbarischen Ruf nunmehr nach dem Blute der Brüder! « – Also der mahnende König und Beifall ruft ihm die Menge, Und schon neigen, bezwungen, zur Milde sich alle Gemüther. Aber wie rasend erhebt alsbald sich der zornige Krechting, Rauft sich vom Haupte das Haar und ruft dreimaliges Wehe. »Wehe der heiligen Freiheit«, so kreischt er, »wehe den Führern Sions, und weh' uns Allen, den rechtlichen Bürgern von Sion, Wenn der Verrath sein Haupt straflos hier wagt zu erheben! Wer hat begonnen den Streit, unbrüderlich-mörd'rischen Aufruhr? Wir nicht, wahrlich, die wir nun das Blut der Verruchten verlangen! Jene nur sind's, die geheim sich verbündeten gegen die neue Ordnung, und gegen den heilig zu achtenden Willen der Mehrzahl! Sollen wir werden den Feinden zum Raub, wehrlos, den Verräthern? Feinde genug schon sind vor dem Thor, auf dem Wall zu bekämpfen: Sollen wir selbst sie noch hegen und füttern inmitten von Sion?« Krechting ruft's, da erhebt sich erneut und verstärkt um den König Wieder der wüthige Ruf im Volk nach dem Blut der Gefang'nen: »Laß uns entscheiden, o König«, so riefen sie, »laß uns entscheiden, Wie es gebührt nach dem Brauch der sionischen Bürgerversammlung!« – Stumm abwendet sich, grollend, vom lärmenden Volke der König, Finsteren Ernst im Blick, auf den Lippen ein bitteres Lächeln . . . »Ei«, rief Krechting, als Jan entschwunden den Augen der Menge, »Wenig nur hätte gefehlt, so hätt' euch Alle der edle Liebling der Weiber auf's Neue beschwatzt! Natürlich, der schlanke, Zierliche, glatte Gesell mit geringeltem Haar und mit hellen Augen, der hat euch nun einmal verzaubert! Was ist doch dagegen Solch ein höck'riger Wicht, wie Krechting – der häßliche Kobold! Aber ich sag' euch, der edle, geschniegelte Junge von Leyden Ist ein Tyrann: vor'm Munde hinweg euch schnappt er die Freiheit Nächstens, verräth euch zuletzt an die wüthigen Knechte des Bischofs, Oder, bevor's an den Kragen ihm geht, mit den Schätzen von Sion Macht aus dem Staub er sich fort! – Gebt Acht, ihr Männer! mißtraut ihm! Laßt nicht kommen zu Wort ihn und hört auf den ehrlichen Krechting! Wißt ihr, welche das Volk muß immer erkiesen zu Führern? Leicht ist die Sache. Wer ruft: »Nur vorwärts immer, nur vorwärts! « Folgt ihm blind! Doch wer ängstlich ruft: »Wir können, wir dürfen Nicht mehr weiter, es stößt uns die Nase bereits an die Mauer« – Hängt ihn, es ist ein Verräther! – Wie lang noch läßt sich von blödem Schwärmergefühl nasführen die Menschheit? Den kühlen Verstand laßt Einzig reden! Und darum hinweg auch mit der verruchten Ehrfurcht vor dem Tyrannen, dem zierlichen Helden von Leyden! Sagt doch, wer hat ihn gemacht zu dem, was er ist, als wir selber?– Also geiferte lang noch der tückische Krechting, den Jüngling Schmähend, und preisend mit Eifer die nüchterne Kühle des Herzens . . . Aber es hatten inzwischen allmälig am Himmel sich schwarze Wolken zusammengeballt, und Donner begannen zu rollen, Störend zuweilen die Rede des Wichts, wie mit grollendem Einwurf. Plötzlich zuckt aus den Wolken ein Blitz und schlägt in den Boden Hart vor dem Sprecher. Da faßte das Volk ein gewaltiger Schrecken. Einige riefen: »Da sehet, der zürnende Himmel bedräut ihn, Weil er den König gelästert.« – Als Krechting Solches vernommen, Mächtig befiel ihn die Wuth. Wie toll aufkreischt er: »Ihr Tröpfe, Bleibt ihr doch ewig dieselben! – Mich schrecket er nimmer mit seinem Blitz und Donner, der Himmel! – Ich geb' ihm's treulich zurücke! Droht er, so droh' ich ihm auch! Fletscht er nach unten die Zähne, Will ich sie fletschen nach oben! Wir haben auch Donner und Blitze, Ganz so gut wie die seinen: ich will's euch weisen, ihr Memmen!« – Rief's und sprang, wie vom Taumel ergriffen, zur Riesenkarthaune, Die da stand auf dem Markt, ließ richten gen Himmel die Mündung, Faßte die Lunte sodann, losbrennend das Stück, daß die eh'rne Kugel empor mit Gekrach in's finstere Wettergewölk flog . . . Heimlich erbebten die Männer. Nur Divaras braune Gesellen Sprangen dabei vor Lust, mit gellendem wildem Gelächter. – – Aber der König, er lebt nun wieder in seinem Palaste Einsam hin, stillgrollend. Es knirrscht der gefesselte Wille Wie ein umgitterter Leu im Busen des feurigen Jünglings. Selten nur tritt er hervor, auf dem Walle zu halten den Rundgang, Oder auf offenem Markte zu schlichten die Zwiste der Bürger; Alle die übrige Zeit, freudlos in seinem Palaste Schwindet sie ihm: es zerstreut die Gedanken, die trüben, ihm einzig, Schweigend zu schau'n in die feurig-unheimlichen Augen der braunen Divara, oder zu hören die muntere Rede des Schalksnarrn. Wieder nun tritt vor den König der Narr. »Jan«, ruft er, »ich bitt' dich, Laß doch köpfen die Leute, die immer mich necken und hänseln, Weil mir die Meine genug noch immer und übergenug ist! Himmel! das fehlte nur noch, daß heim ich brächte der trauten Ehegesponsin ein neues, ein junges sionisches Weibchen! Kam da kürzlich so Einer von Krechtings Leuten und schwatzte Viel von dem neuen Gebrauche mit mir, so daß sie es hörte; Und er bewies haarscharf, daß null und nichtig die alten Ehen, daß Kebsin sei die Gesponsin des Anabaptisten, Wenn er nicht auf's Neue nunmehr ihr vor Zeugen die Hand gibt. Jetzo begann mein trautes Gemahl auch den Punct zu erörtern, Und sie zerkratzte dem Mann sein Pockengesicht, daß er aussah, Wie ein Sperling, den eben gezaust in den Klauen der Habicht. Siehst du, es wollen die Weiber, zumal die mit schärferen Nägeln, Mit Erzvätergebrauch in der Ehe sich nimmer befreunden! Knipperdolling sogar, ja, der ehrliche Knipperdolling, Der so behaglich daheim aufpäppelte früher die Kleinen, Und an der Wiege des kleinsten vergnügt sang Eiapopeia, Wenn er nicht auf dem Markt als Volksaufwiegler sich umtrieb, Hat es erlebt mit Schrecken, als Krechting ihn tückisch beschwatzte, Was es bedeute, nach Hause zu führen ein jüngeres Weibchen! – Aber das Kratzen und Beißen, es hilft nichts! »Wachset und mehrt euch« Bleibt doch das höchste Gesetz und die neueste Losung in Sion. Und sie sagen: Bemannt muß jegliches mannbare Weibchen Sein fortan, und beweibt muß jeglicher mannbare Mann sein, Mindestens doppelt! Es danken dafür vom Herzen dem Himmel Sämmtliche Häßliche nun, und die Ältlichen, wie auch die Nonnen, Welche den Münster'schen Klöstern entlaufen: sie hoffen nun alle Unter die Haube zu kommen. Es waren der mannbaren Weiber Immer zu viel in Münster, der mannbaren Männer zu wenig: Aber nun droht auf die Neige zu geh'n von Jenen der Vorrath, Und so finden Bewerber mit dreizehn Jahren die Mägdlein. In der Ägydienstraße, da wohnt, seit Menschengedenken Als Wehmutter bekannt, ein Weiblein, die Knupperin heißt sie: Die nun errichtete kürzlich in ihrer Behausung ein kleines Hospital für die zwölf- und die dreizehnjährigen Töchter Sions, an welchen sich nicht zum Besten bewährte das Sprüchlein: »Zeitig gefreit, hat Keinen gereut!« – Ei, hätt' es denn Einer Vormals den Schwärmern, den bleichen, die sonst aufschlugen die Augen, Nur gen Himmel sie fromm zu verdreh'n, nur schwatzten vom Geiste , Zutrau'n mögen, daß einmal bei ihnen das Fleisch so gesucht wär'? Ja, die Verzückung, ob geistlich, ob weltlich, sie kommt doch am Ende Immer dem sündigen Fleische zu gut! Und so ist's erklärlich, Daß bleichwangige Schwärmer mit Krechting bereits in die Wette Predigen hie und da, in Männer- und Weibergesellschaft, Neue und lustige Mittel der Fleischabtödtung im Großen. Aber wozu denn brauchen wir erst subtile Begründung? Viele schon haben geübt und gelehrt durch thätiges Beispiel, Was nun die Schwärmer verkünden: vor Allem die braune Cohorte Divaras, Kinder der freien Natur, als schönes Exempel Leuchtend vergnüglicher Freiheit, wie Bären und Wölf' in der Wildniß – Sie, die dem neuesten Leben die Bahnen gebrochen in Sion!« – So der geschwätzige Lips, und schweigend, mit bitterem Lächeln Horchte der König. Da trat in die prangende Halle mit einmal Sinnend ein lange Verscholl'ner, der bleiche, der düstere Rottmann. Lange verschwunden dem Aug' der Befreundeten und der Gemeine, Weilt' er im stillen Gemach, um Blätter auf Blätter zu füllen, Stolz fortträumend den Traum vom Reiche der Freien und Reinen, Und nicht wissend, daß längst im unaufhaltsamen Umschwung Ganz sich verändert die Welt und Sion geworden zu Babel . Und nun bracht' er dem König mit stralendem Auge die neu'ste Schrift » von den Herrlichkeiten des göttlichen Reiches auf Erden .« Mächtig hatt' er zuvor die Gemüther entflammt durch ein Büchlein, Das » Von der Rache « benannt; nun hofft' er, die Bürger des neuen Israel neu zu erbau'n, und der übrigen Welt, die auf Münster Blickte vertrauend, zu senden geflügelte Grüße des Heiles. Doch schwermüthiges Lächeln umspielte die Lippen des Königs. »Glücklicher Träumer!« so rief er, »in deinem begeisterten Büchlein Lebt noch Sion in alter, in nimmer verkümmerter Reinheit: Aber uns Anderen ist's vor den nüchternen Augen zerronnen!« – Lärm und verzücktes Geschrei scholl jetzt von dem Platze des Domhofs Bis zu des Königs Gemache hinauf. An's geöffnete Fenster Winkte der König den Freund. Da sahen sie unten im Volksschwarm Einen Verzückten mit wüstem Geschrei wie toll sich geberden, Predigend und weissagend – ist schnöde bezecht der Geselle, Oder ergriffen vom Geist? Hinwandelt er, mahnend zur Buße, Drehend das Haupt und die Augen empor, ausrufend: »des Himmels Herrlichkeit seh' ich erschlossen in stralendem Glanz dort oben!« Aber zugleich, nicht achtend des Wegs, und starrend nach aufwärts, Strauchelt er, taumelt und fällt, stürzt über den Haufen des Kehrichts, Der da lag: und hier, so wie er gefallen, so blieb er Liegen gemach und schwieg und entschlief auf dem Haufen des Kehrichts . »Sieh«, sprach Jan, zum Freunde gewandt, »hier stellt sich dir Sions Jüngstes Geschick im Bilde vor Augen: es hat sich in wüsten Rausch die Verzückung gewandelt, und während wir glaubten, den Himmel Offen zu seh'n, sind schmählich gestrauchelt wir über den Kehricht! Und da liegen wir nun! – O Rottmann! siehe das Wort ist Fleisch geworden – doch wehe, das Fleisch ist geworden zum Aase « . . . Rottmann blickte verwirrt, stumm schritt er von dannen und sinnend. Horch, da scholl ein Geknatter herüber vom Markte. Der König Lauschte dem Knalle der Büchsen. »Was ist das?« rief er, »O gar nichts«, Sagte der Narr; »es beeilen sich bloß auf dem Markte die Bürger, Abzuthun die Rebellen, die man zum Tode verdammt hat. Einfach ist das Verfahren: man lehnt an die Mauer in Reihen Sie mit dem Rücken, ein Graben vor ihnen; nun knallt's, und es taumeln Mit durchschossener Brust in die offene Grube die Bursche« . . . – Wild aufflammte der Groll in des Königs Gesicht; ein Erblassen Folgte der Röthe. Da lächelte Lips, sich vertraulich ihm nahend: »Sag' einmal, Freund Jan, wie ich höre, so bist du als König Hier zu Lande bestellt?« – Es erwidert mit bitterem Lächeln Jan: »Ei, Scepter und Kron', Prunkkleider und goldene Schätze Hab' ich, doch sieh', mein Lieber, als wirklicher König beherrsch' ich Nur noch Zwei, die verläßlich und treu, und die blind mir gehorchen« . . . Also der König und wandte den Blick nach dem Winkel der Halle, Wo ein riesiges Paar von Rüden in Ruhe gestreckt lag. »Hab' dies Paar mir weislich gesellt«, sprach weiter der König, »Seit dem Tag, wo in meine Gemächer die Meuterer drangen. Über die Beiden allein darf ohne Beding ich verfügen, Ohne zu fragen vorher die berathende Bürgerversammlung. Und wenn Meuterer wieder, wenn stürmende Knechte des Bischofs Einst mich siegend bedrängen, so werd' ich zuletzt doch allein nicht Steh'n – als König noch fall' ich, umgeben von meinen Getreuen!« »Jan«, gab Lips ihm zurück, »Jan, höre, du hättest das Zeug doch Für einen wirklichen König: ich habe mir lassen erzählen, Daß vormals in der Schlacht, als von Blut durchtränkt war das Erdreich Schier wie ein Schwamm, und die Kugeln so dicht von hüben und drüben Flogen, daß hie und da mit den Köpfen sie prallten zusammen – Daß du benommen dich da wie ein jugendlich feuriger Kater, Wenn er ein Mäuslein fängt, sein erstes im Leben . . . Du wärest, Sag' ich, ein wirklicher König; doch für einen wirklichen König Ist nicht Platz, wo die Freiheit herrscht . . . geh' unter die Wilden, Unter die Mohren, o Jan, um ein Königreich dir zu gründen! Hier ist nichts mehr zu thun . . . hier kannst du höchstens noch König Über die – Königin sein . . . und auch das ist schwer – denn die braune Divara scheint mir so wenig als du zum Gehorchen geboren. Nimm dich in Acht, Freund Jan, vor der Braunen; es wäre doch traurig, Jan, wenn es käme so weit, daß in Sion du nicht einmal König Über die Königin wärst . . .                                             So neckte mit Lächeln und Blinzeln Lips van Straaten, der munt're, den schweigenden König, nach rückwärts Schreitend hinweg aus der Halle, mit drohend gehobenem Finger. »Ehrlicher Lips!« spricht Jan bei sich, »wol ist sie, die braune Divara, fähig zu herrschen, mit Zauber sogar auch ein freies, Stolzes Gemüth zu umspinnen! – Es drängt das entartete Sion Auf mich selbst mich zurück, und meinem unendlichen Drange, Großes und Hohes zu schau'n, das über dem Flachen und Schalen Ragte, mit welchem die Welt mich umgibt, will nichts mehr begegnen, Als dies seltsame Weib! – Wie nenn' ich den tückischen Zauber, Welchen sie übt? ich glaubte, das Weib, es könne den Mann nur Durch die gewaltige Minne beherrschen, zu welcher das Herz sie Heiß ihm entflammt – nun seh' ich, es gibt noch andere Künste, Höllische Künste vielleicht, durch welche die Weiber bestricken . . . Nicht ist's der Liebe Gefühl – o niemals könnt' ich sie lieben, Wie ich Hilla geliebt: ich hasse sie – hasse das braune Schmiegsam-begehrliche Weib mit den ruchlos blickenden Augen! Nur als ein wunderlich Räthsel erscheint sie mir, welches zu lösen, Ganz zu ergründen mich reizt, und ich meine, je mehr ich's ergründe, Müss' in mir wachsen der Schauder, der heimliche, den sie mir einflößt . . . Während des Weibes, des schnöd ihn verwirrenden, dachte der König, Trat sie herein in die Halle, die Stirn von Wolken des Unmuths Leicht umsäumt. Sie begrüßte den Sinnenden ernst nur und wortkarg. Und er sprach: »Was blickst du so finster, o Divara? Dir ziemt's, Heitern Gemüthes zu sein, um das meine zugleich zu erheitern! Laß auch heute wie sonst mich den Klang der Theorbe vernehmen, Die, so oft dein Finger sie rührt, gar feurig und seltsam Zu mir spricht, und das Herz mir befreit aus Banden der Schwermuth!« – Divara schüttelt das Haupt, bleibt spröde, verschlossen und schweigsam. Ernster in sie dringt Jan, unmuthig. »Du hast ja nun Alles«, Ruft er, »was du gewollt. Zur Königin selber in Sion Wardst du erhöht, o Weib! was bliebe dir weiter zu wünschen?« – Und sie spricht: »Du verachtest mich, Jan! Zur Genossin des Thrones Machtest du Divara, schmücktest das Haupt ihr mit goldener Krone, Ehrest die Königin endlich in ihr, nach dem Winke des Schicksals, Doch du verschmähest das Weib . Fremd ist's noch stets dem Gemüthe, Fremd ist's dem Lager des Königs . . . wie trüg' ein Weib die Verschmähung?« Ihr entgegnete Jan: »Es berief zum Thron dich das Schicksal, Wie du sagst, die Geburt, und ein königlich Wollen im Herzen, Und im Kampfe der Muth. Doch in welchen Gestirnen geschrieben Fandst du den Herzenstribut , den von mir du wagst zu verlangen?« – Also Jan, da entfärbte die Wange der Stolzen sich zornblaß, Höhnisch zuckte die Lippe, der Augstern funkelte seltsam: Und sie sagte: »Du fragst, in welchen Gestirnen geschrieben Stand dein Herzensgeschick? o ganz in denselben Gestirnen, Welche zur Taufe geleuchtet am tosenden Sturz in der Davert: Denn zur selbigen Zeit, als oben ihr standet im Mondlicht, Euch zu verschwören, ein Reich zu begründen der Freien und Reinen , Sieh, da verschwor auch Divara sich tief unten in stiller Schlucht mit mächtigen Geistern . . . ist nicht ein leises Gekicher Bis zur leuchtenden Höhe gedrungen, auf welcher ihr standet? Ei, ihr vernahmt's wol nicht, da ihr glühtet in heil'ger Begeist'rung?« – Also ruft sie, und drohend zum zaubergewaltigen Mannweib Scheint empor sie zu wachsen: Doch nein – schon umgürtet sie wieder Sich mit verlockendem Reiz: schon lächeln sie wieder, die kirschroth Blühenden Lippen, es schimmern die blendenden Zähne wie Perlen. Schmeichlerisch nahet sie Jan, und drängt mit den schmiegsamen, heißen Gliedern sich scherzend an ihn, indeß hinunter den Nacken Wogt ihr dunkles Gelock. »Laß ab, nach Sternen zu fragen!« Spricht sie. »Bebst du zurück, mein Held? Schreckt Divaras Drohung Dich? o nein! du bebst vor der feurigen Liebe des Weibes!« – Sprach's, da lächelte Jan, und wie in Gedanken vor sich hin Sprach er das Wörtlein Liebe . »Du Tochter des wandernden Stammes,« Rief er sodann, »sprich, kennst du die Liebe? zu wissen verlangt mich, Ob Natur sie dir gab – ob diese durchbohrenden, dunklen, Ruchlos lockenden Augen erglüh'n auch könnten in Liebe , Nicht in wilder Begier allein und im Rausch der Entzückung? Wahrlich, das möcht' ich ergründen! und wer die Frage mir lös'te, Lohnen ihm wollt' ich es gern mit der Hälfte der Schätze von Sion! Kann ich doch selbst nicht sagen, warum dies Räthsel so mächtig Lockt mein thöricht Gemüth! Bei Gott, nicht reizen des Erdkerns Tiefen, des Meerabgrunds unergründliche, seltsame Wunder, Noch die Geheimnisse mich des nach oben gegipfelten Abgrunds, Himmel genannt, so sehr, wie die Tiefe des Weibergemüthes , Eines Gemüthes wie deins , o Divara! – Wahrlich ich möchte Thun wie der Römerdespot vorlängst, der, von Wein und von Liebe Trunken, das Herz aus dem Leib ließ schneiden der reizendsten Sklavin, Um zu seh'n, ob sie eines besitze und ob sie ihn liebe! – – Nimm die Theorbe, o Weib, und lulle mit Klängen mir diese Frag' in Schlaf, wie die andern, die pochen in meinem Gehirne!« – Divara lächelte. »Denkst du, o Jan«, so sprach sie, »der Nacht noch Am Wachtfeuer inmitten des Markts, wo des schlummernden Weibes Haupt hochmüthig und spröde von dir mit dem Fuß du hinwegschobst?« – Sprach's, und schlüpfte hinweg, wie die Schlange, nachdem sie gestochen. – Flüchtiges Roth lief über die Züge, die bleichen, des Königs. Unmuth faßt' ihm das Herz. »Weh' mir, so weit ist's gekommen«, Sprach er beschämt zu sich selbst, »daß des Weibes dämonische Augen Und ihr Theorbengeklimper mit Banden der eitlen Gewöhnung Mich umstricken, und mich eine schnöde, beschämende Regung Heimlich ergreift, wenn sie mir sich entzieht, die berechnende Spröde? Ist das in Wahrheit das Weib, das ich lange verachtend zurückstieß, Das so lästig mir fiel mit den Liebeverlangenden Augen? Ei, sieh da, ein Weib, das wahrhaft nie mich beglücken Könnte, wie Hilla gekonnt – mich zu quälen vermags, zu verwirren! Jüngst noch gereicht' es zum Stolz mir, zum einzigen Troste, zu ragen Über den Schwarm und den Wust umher und die Welt zu verachten: Ist mir' s verhängt, nun zuletzt mit der Welt mich selbst zu verachten? Fordern die finstern Gewalten, die Sions Blüte verwüstet, Nun mich selber heraus zum letzten, entscheidenden Kampfe? – Nun, ich will ihn bestehen! Ich verachte die schnöden Gewalten! Fühle ja stolz mich und stark! Nie werd' ich unwürdige Fessel Ruhig ertragen! Ich werde mich rächen am ruchlosen Weibe, Das mich beschämt vor mir selbst; das, schmeichelnd durch tückischen Zauber Erst mich verwirrt, und jetzt, nur um mich mehr zu verwirren, Spröd' sich geberdet und stolz! Demüthigen will ich sie wieder! – Doch wie bekämpft man am besten ein Weib? Mit den eigenen Waffen! Was Natur ist in ihr, als Kunst nun will ich es üben – Kühl und berechnend! Der Kampf, der begann in der Wüste der Davert, Kämpfen wir endlich ihn aus, o Divara! und noch erproben Sollst du, daß stets noch gewachsen an Muth und Kraft dir der Gegner! – Birg dich vorerst, weichmüthig Gefühl, in den Tiefen des Herzens, Larve des Spotts , sei Waffe du fortan gegen das Weib mir, Das mich so wenig beglückt , und doch so sehr schon erniedrigt! « – Wieder zurück kehrt Divara nun. Mit heiterem Antlitz Ruft entgegen ihr Jan: »Nun, hat sich besonnen der wilde Schwan? und will er nun wieder mit Klängen das Herz mir erheitern?« – »Hast du selbst dich besonnen?« erwidert die Spröde, »und willst du Endlich mir Alles gewähren, was mir die Gestirne verheißen?« – Also neckten sie grollend einander, das Weib und der Jüngling. Siehe, da kam in den Königspalast von sionischen Frauen Eine Gesandtschaft, heischend Gehör vom König, der lächelnd Winkte Gewährung. Herein nun traten die weiblichen Boten, Hin vor Jan, noch blühend in Jugend die Einen, die Andern Üppig gereift, doch Manche darunter verwelkt schon und alternd. Aber es trat aus dem Schwarme, dem bunten, nunmehr die erkorne Sprecherin vor, ein Weib von entschloß'nem, gewaltigen Anseh'n, Und mit geläufiger Zunge sofort anhub sie zu reden: »Hör' uns, o König! Es wehret den Frauen die Bürgerversammlung, Mitzuberathen im Rath, und mitzubeschließen: so wenden Wir uns zu dir, o Gebieter in Sion, dir offen zu künden, Was wir halten, wir Frauen, vom neuesten Brauche der Ehen . Tilge du wieder, o König, ihn aus, den unseligen, schnöden Gräu'l: denn daß du es wissest, wir sämmtliche Frauen in Sion Wir mißbilligen ihn, wir verdammen ihn Alle, verabscheu'n Diesen entsetzlichen Brauch, daß christliche Männer wie Türken Leben, und Frauen erkiesen, so viel sie gelüstet. O, tilg' ihn Wieder den Gräuel, Gebieter! Ob auch hartnäckig die Männer, Wissen wir doch, daß ein Wort, ein Blick von dir sie bewältigt! Möcht' es dir einmal wieder gefallen, als König zu herrschen! Gönnst du Bestand ihm, dem neuen Gesetz, dann mögen die Männer Nur auch für ewige Zeiten verzichten auf Liebe der Frauen! Jede von uns, die zuvor einem Mann als liebende Gattin Anhing, oder als Braut, nun haßt sie ihn, würde die Augen Ihm auskratzen mit Lust, seitdem sie weiß, daß er, folgend Dem gottlosen Gebrauch, nach mehreren Frauen sich umsieht. Lieb' um Liebe, so sei das Gesetz, und Treue um Treue! Gleichwie dem Manne das Weib, so gehört ja dem Weibe der Mann auch! »Freiheit!« ruft ihr begeistert, den Strolch und den Bettler befreit ihr: Wann doch befreit ihr das Weib? das denkt ihr doppelt zu knechten! Kinder verlangt ihr von uns, und reichlicher, rascher bevölkern Sollen wir Sion? Ihr wollt von uns kein liebendes Herz mehr, Nur einen trächtigen Schoos? Doch den Segen versage der Himmel: Mach' er uns unfruchtbar, und wo nicht, so laß' er uns rächend Dies unheilige Sion mit Wechselbälgen bevölkern! Nie auch werden die Männer mit Gründen uns kirren, nur schwatzend Von Vorteilen und Zwecken, und diesem und jenem Bedürfniß – Und – das versteht sich von selbst – nur immer von ihrem Bedürfniß, Nie von dem unsern . . . Zugleich auch berufen sie sich auf die Bibel, Weisen auf Abraham uns, auf Isaak und wie sie heißen, Die auch mehrere Weiber gefreit. Nun, wir haben das Buch ja, Eh' man's verbrannt, in Händen gehabt, und mit Schauder gelesen, Wie es uns Frauen, uns armen, im älteren Bund schon ergangen. O, wir haben gelesen, wie solch' ehrwürdiger Graubart Oft mit den Weibern verfuhr; wie er heut sie freite, sie morgen Jagte zur Thüre hinaus; wie die Hagar Nachts mit dem Söhnlein Ihr Erzvatergemahl in die grausige Wüste hinausstieß. Nein, nichts wollen wir hören von Gründen, noch biblischem Beispiel Für solch neuen Gebrauch: und was wir erwidern, ist dies nur, Daß wir nimmer ihn dulden, wir Frauen, so lange das Recht noch Recht, und das Weib noch Weib, und weibliche Zunge noch Zunge, Die für unser Geschlecht ja zugleich auch Feder und Schwert ist!« – »Ja, wahrhaftig, wir dulden es nicht!« so fiel in die Red' ihr Jetzo ein älteres Weib aus dem Schwarm, von behäbigem Ansehen. Und sie ereiferte sich: »Nun war ich dem Gatten an zwanzig Jahre genug, und soll ihm auf einmal nimmer genug sein? Bin doch gesund noch und frisch, ja, ich darf's wol sagen, gesünder, Runder und stattlicher jetzt, als damals, wo er mich freite, Da ich noch unreif war und ein schwaches, ein thöriges Mägdlein! Und nun bringt er ein Püppchen, wie ich es damals gewesen, Mir in's Haus, und das sollte dieselbigen Rechte genießen, Wie ich sie zwanzig Jahre genoß als waltende Hausfrau? Nein, wir dulden es nicht, wir andern berechtigten Frauen!« – Also die Alternde. Schleunig ergriff ein jüngeres Weibchen Nach ihr das Wort und begann: »O, ihr Älteren seid es fürwahr nicht, Welchen am heißesten lodert die Hölle. Wir Jüngern, gezwungen Folgend dem Mann in's Haus und in's vielspännige Bette, Haben den schlimmeren Theil. Ihr älteren Frauen mißgönnt uns Jeglichen freundlichen Blick aus den Augen des Mannes, und glücklich Ist, die gescholten allein von der ältern Genossin, und nicht auch Schmählich gepufft und am Boden umher bei den Haaren gezerrt wird! Doch nicht Ältere bloß mit den Jüngeren – unter einander Haben die Jüngern genug auch der eifernden Sucht und des Zankes. Nein, viel lieber verkümmern im Hans, altjüngferlich-einsam, Als so gefreit! Wie kann da wirkliches Glück uns erblühen? Denn nicht können wir lieben und nicht froh werden des Gatten, Wenn er der Trefflichste auch, und der Schönste, der Edelste wäre!« – Lächelnd entgegnet der König, indeß anmuthiger Spott ihm Neckisch die Lippen umspielt: »Ei, wirklich? ich sollte doch meinen, Besser ein Mann, ein ganzer , wenn auch nur zur Hälfte gewonnen, Als ein Mann, der ein halber nur ist, ausschließlich besessen! – Aber erwägt, ihr Frau'n! soll wirklich verzichten der Bürger Auf so manchen Gewinn, den ihm Vielehe bereitet, Dem zu Lieb', was so fraglich , so wenig verläßlich: die Neigung Mein' ich in weiblicher Brust? – Nie, sagt ihr, vermöchtet ihr liebend Anzugehören dem Mann, der mehrere Frauen erkieset? Sagt doch einmal, ist so sicher man euerer Liebe und Treue, Wenn man nur eine von euch sich erkies't? Ihr erkaltet doch immer Dann am Ersten, sobald ihr des liebend errungenen Mannes Sicher euch wisset! Der Zweifel dagegen, die Angst, die Besorgniß Hält euch das Herz in der Brust und die Glut im Herzen lebendig. Und so wird aus des Neides Gefühl, der des einzelnen Mannes Lagergenossinnen quält, auch manches Erfreuliche sprießen. Denn einen rühmlichen Eifer in euren Gemüthern entflammen Wird er, dem Mann zu gefallen, und ihn nicht bloß zu gewinnen , Nein, auch zu fesseln – ihn nicht durch Launen und Kälte zu foltern! Und so füget euch denn, ihr Frau'n, in die leidige Satzung: Hilfe vermöcht' ich euch nicht zu gewähren, auch wenn ich es wollte: Wenig ja nützt mir des Blicks und der Stimme Gewalt, die ihr rühmet: Denn ich habe verzichtet schon lange darauf, sie zu brauchen! Sion, so hab' ich's beschworen, es soll eine Stätte der Freiheit , Oder es soll nicht sein! Es geziemt mir gewähren zu lassen – Ziemt mir zu achten den Schluß der beratenden Männerversammlung!« Also der König. Da tritt vor ihn aus dem Schwarm der Verblüfften Ein reizprangendes Weib, schlank, lilienweiß und mit braunroth Schimmerndem Haar. Und sie spricht mit leiser, erbebender Stimme, Liebliche Röthe der Scham auf den Wangen: »O leuchtender König Wenn du nimmer zu helfen vermagst den Vermählten in Sion, Magst du des Fleh'ns dich erbarmen der Freien , die Keinem vermählt noch! – Eines verlangen wir nur, wir Freien, daß keine von uns mehr Werde gezwungen , zu folgen dem Mann, für welchen ihr Herz nicht Liebend erglüht, und daß es gestattet, zu weilen in Sion Magdlich frei wie zuvor, nur gehorchend der Stimme des Herzens! Solches, o König, erfleh' ich von dir, die als edelgebornes Weib ich gelebt vordem in dem Hause des mächtigsten Domherrn, Meines begüterten Ohms, dem in's Lager hinaus ich gefolgt war, Liebend umworben alldort und gehegt wie der Apfel des Auges. Aber es zog mich der Drang unseliger Herzensbethörung Nach der belagerten Stadt: ich stahl mich hinweg aus dem Lager – Wenige Tage nur sind's – und hier in den Mauern von Münster Pocht mein liebendes Herz im Geheimen entgegen dem Hohen, Deß' hellleuchtendes Bild seit Monden so hehr und verlockend Immer vor Augen mir stand. Nun ist zur Qual mir der Anblick Jegliches anderen Mannes, und flehend verlang' ich, o König, Ohne Behelligung wandeln zu dürfen als Tochter von Sion, Einzig bedacht, den im Stillen Geliebten von Ferne zu schauen, Schweigend das Herz ihm zu weih'n, bis endlich das Aug' mich des Edlen Gnädig trifft, und die Gluten entdeckt, die für ihn mich durchlodern« . . . Also das blühende Weib, und es fragte der König: »Wer bist du, Und wer ist der Erles'ne in Sions Mauern, der solches Weib zur Minne berückt? nicht schwer wol möcht' es dir werden, Ihn zu gewinnen, zu fesseln, und ganz ihn dir zu verbinden!« – Also der König; da senkte mit neuem Erröthen die schlanke Schöne den stralenden Blick, und endlich mit wogendem Busen Sprach sie: »Zu reden gebeut'st du! – Ich bin Gabriele von Ottwitz! Und der gepriesene Held, deß' königlich leuchtendes Wesen Mir entflammte das Herz, noch eh' ich mit Augen ihn schaute, Fort mich Thörichte trieb zuletzt aus dem Lager des Bischofs – Zürne mir nicht, o König und Herr! Du selber – du bist es!« – Mächtig erstaunten die Frau'n. Nachdenklich blickte der König Hin auf das glühende Weib. Da durchzuckt' ihn ein rascher Gedanke. Und er sprach bei sich selbst: » Hab' ich nicht eben geschworen, Mich an der Kühnen zu rächen , die vor mir selbst mich erniedrigt, Die mich verwirrt und quält? – Als Puppe verschmäht sie zu prangen Auf dem sionischen Throne? sie fordert die Rechte der Gattin , Um mich ganz zu beherrschen? – Wie wär's, wenn ich andere Puppen Neben sie stellte zum Trotz? wenn ich mir ein Häuflein von Weibern, Folgend sionischer Regel, zu »Königinnen« erkies'te, Sie mit Flitter behängte, wie Divara selbst ich behängte? Leeres Gepräng nur wären sie mir – das schwör' ich dir, Hilla! . . . Ward zum leeren Gepräng', zum Spiel nicht längst mir das ganze Königthum? was sollten mir nicht auch blühende Weiber Leeres Gepräng' nur sein? . . . Eine grinsende Maske des Hohnes Sei das Gepränge, das Spiel mir, womit ich beschäme des kühnen Weibes Gelüst, das gedachte, das stolzeste Herz zu beherrschet« – Also sann er bei sich, dann wandt' er sich heiter zur Schönen: »Hebe das Haupt – nicht senke das Aug', liebreizende Fraue! Wisse, dich führte hieher in günstiger Stunde das Schicksal! Weichend dem Wunsche des Volks, den ich oft schon habe vernommen, Bin ich selbst nun entschlossen, aus blühenden Töchtern von Sion Etliche noch zu erkiesen zu Königinnen in Sion! Neben der Wittwe des großen Propheten, nun königlich waltend, Sollst du die Nächste mir sein fortan, Gabriele, du Schöne! Und es erfreut mich, dahier in der Schaar anmuthiger Frauen Manche zu schauen, die noch nicht anderem Gatten verpflichtet, Und die es werth durch prangenden Reiz, eine Krone zu tragen!« – Divara hörts. Ihr Blick auf Jan, ein vergifteter Pfeil ist's: Denn sie begreift, ihr gelte der Streich, den er führte so plötzlich . . . Aber mit klopfendem Herzen vernehmen die Rede des Königs Rings im Kreise die Frauen, die Keinem vermält noch, die Jungfrau'n: Und die noch eben erbittert und grollend verdammten den neuen Brauch in Münster, und Fehde geschworen für immer den Männern, Gänzlich beherrscht der Gedanke sie jetzo, das eitle Verlangen, Werth zu erscheinen der Liebe und werth des Begehrens dem hohen Herrlichen Jüngling, der Allen schon längst war gewesen ein Abgott. Holdes Erröthen und Lächeln und minnige Blicke begegnen Allwärts lockend dem Auge des königlich glänzenden Freiers. Siehe, wie drängt, schier ohn' es zu wissen, zu wollen, die Eine Jetzt sich der Anderen vor, und die Frauen im Kreis, die vermält schon, Und so entrückt der Bewerbung, sie blicken mit heimlichen Seufzern Vor sich hin. Und Mancher noch stralt in den Blicken die Hoffnung, Durch vorleuchtenden Reiz und die glühende Sprache der Augen Auch so noch zu obsiegen, des Königs Herz zu bestechen! Aber die musternden Blicke des Jünglings, sie treffen ein reizend Paar von Schwestern, in Zügen verwandt doch verschiedenen Alters: Üppig erschlossen die Eine, der offenen Rose vergleichbar, Magdlich und zart noch die And're, die Knospe nur eben erschließend. Und er erkundet die Namen der Schwestern, die eine Gestalt ihm Zeigen in holdem Contrast von erschloß'ner und knospender Blüte, Und er vernimmt, daß stammend aus edlem Geblüte die Beiden, Aber verwais't und verarmt, weit waren im Lande gepriesen, Und von Geschenken umworben begüterter Freunde der Schönheit. Doch, nicht minder verlockend, ein blaßes, doch liebliches Antlitz, Mit blauschmachtenden, warmen, und liebeverheißenden Augen, Blickte zu Jan empor. Er vernahm, daß gelebt sie als Nonne: Und er verstand es, das lange gedämpfte, verzehrende Feuer, Das nun bacchantisch-entfesselt in schmachtenden Augen entbrannte. Neben ihr stand, nur klein von Gestalt, doch üppig, mit großen Augen ein Jungfräulein: ihr Blick war begehrlich und schelmisch, Und ihr lachte von Lippen und Augen der rosige Leichtsinn, Der nur strebt zu gefallen, zu schmücken sich und zu vergnügen. Schon war freilich ihr Herz einem blühenden Werber verpfändet, Den sie allein zu besitzen gewünscht. Doch jetzt, da des Königs Aug' auf ihr ruhte, vergaß sie den Werber und dachte des Glanzes Nur, und des goldenen Reifs, der plötzlich ihr winkte verlockend. Also musterte Jan die in Stolz und Hoffnung erglühten Töchter von Sion, und lächelnd, in heiter erzwungener Laune, Divara's Stolz zum Trotz, zum Hohne der Welt und dem Schicksal, Kor er zu Bräuten sich aus, zu Schaufiguren und Puppen, Die vor den Andern an ihn sich gedrängt: Gabriele, die schöne, Und das gefeierte Paar von Schwestern, die schmachtende Nonne, Und das begehrliche Kind mit leichtsinn-sprühenden Augen, Else genannt, das vergessen so plötzlich des älteren Freiers. Und auffordert er setzt die Erkorenen: »Offen bekennet, Ob ihr der Werbung zu folgen gesinnt, freiwillig und zwanglos?« Alle bejahen es stolz und mit freudig erstralenden Augen. »Gehet nun hin«, spricht Jan, »und verkündigen wird es ein Herold Morgen dem Volk, daß der König aus heimischen Töchtern von Sion Königinnen erkor, die vereint mit Divara thronen. Aus den Behausungen wird euch sodann ein prangender Aufzug Herrlich geschmückt und gekrönt zu meinem Palaste geleiten.« Sprach's, entlassend die Frauen: es gingen von dannen die Einen Freudig und stolz, doch die Andern gequält vom Stachel des Neides. Aber es warf, eh' er selbst sich wandte von hinnen zu gehen, Noch einen Blick auf Divara Jan, und mit lächelndem Spotte Spricht er: »Noch immer so übelgelaunt, so verdüstert der wilde Schwan? Er gefällt dir doch wol, dein neuer und glänzender Hofstaat, Den ich geworben soeben aus reizenden Töchtern des Landes? Selbst zwar lob' ich ihn nimmer, den neuen Gebrauch, doch des Volkes Wunsch und Wille gebeut – und dem König geziemt's zu gehorchen. Und was soll ich nach bittrer Enttäuschung den Trost mir versagen, Mich umgeben zu seh'n von erheiternder Blüte der Schönheit? Gleichthun will ich's dem Mann, der, als er das brennende Haus nicht Länger zu löschen vermochte, gemach an den Flammen sich wärmte!« – Also der König und bohrt mit Bedacht in den Busen des kühnen Weibes, das Meisterin schon sich geglaubt, sein stachelndes Scherzwort. Divara schweigt, erdfahl das Gesicht, des dämonischen Auges Stern, er zitterte wieder und funkelte, grünlich und unstät: Ganz so funkelt er nun, wie das Auge der Schlang' in der Davert, Vor dem Jan sich entsetzt . . . und jetzt auch weicht er mit Schauder. Doch in der Zauberin Zügen, da dämmert, nachdem er verschwunden, Mälig ein lachender Hohn und vor sich hin murmelt sie tückisch: »Brüste dich nur, o Jan, und spotte! noch halt' ich dich dennoch, Halte dich fest an den Banden des unaustilgbaren Zaubers, Welcher geheim dich umspann beim Erdbeerschmaus in der Davert. Einen gewaltigen Trumpf ausspielst du, verwegener Jüngling! Aber die zierlichen Puppen mit glatten und rosigen Lärvchen, Selber das Liebesgegirr der entlaufenen Dirne des Domherrn, Soll nicht lange mich stören, und nicht aufhalten den Sieg'slauf Jener Gewalten, die kühn sich verschworen zum Sturze von Sion. Bald nun ist es vollendet, der süßen und lieblichen Rache Werk an dem feigen Geschlecht: mein Geist ist's und meiner Getreuen Geist, der herrschet in Sion – dem Stolze der »Freien und Reinen« Warf ich entgegen den Hohn der entzügelten ewigen Kräfte, Die da lachend obsiegen, und ewig beschämen die Schwärmer! Mein ist Sion, und mein muß taumelnd zuletzt auch der Jüngling Werden, der Stolze, der rein sich bedünkt und erhaben vor Allen, Mein mit Leib und mit Seele, die Gluten des Brandes zu löschen, Der mir den Busen durchwüthet: die Gluten der Lieb' und der Rache! Halb ist der Sieg erst mein: als Königin, Rächerin, Heldin, Hab' ich gesiegt – nun will auch das Weib triumphiren in Sion!« Neunter Gesang. Mitternacht im Dom.                     Bieder im Königspomp zieht hin zum prangenden Marktplatz Jan, Recht sprechend dem Volk, wie er pflegt allwöchentlich. Wieder Prunken beritten zur Seit' ihm die Träger der Würden in Sion Und der Trabanten Gefolg' in den schimmernden bunten Gewändern. Aber auch Divara folgt, und mit ihr die anderen Frauen, Welche der König erkor, Diademe gedrückt in die Locken, Stralend in Sammt und Damast, aus Gewanden des Domes geschnitten, Und im Glanz der Juwelen und Ketten und goldenen Spangen, Welche gegleißt an den Leibern der Heiligen und der Madonnen. Weich umschmiegte die Schultern das schimmernde Vließ, und es prangte Auf buntschillerndem Sammte des Hutes die farbige Feder, Lang nachwallend; es blitzte von edlem Gesteine der Gürtel, Blitzte der Purpurschuh. Stolz wiegten die blühenden Weiber Sich in den Sätteln, wie Falter auf Blumen; und neben den Zeltern Schritten die prunkenden Diener, in Händen die purpurnen Zügel. Ja, wol war es der Pomp noch, der alte, so stolz und so glänzend, Wie am Tag, wo um Jan von Leyden, den herrlichen Jüngling, Wogte der Krönungszug durch die jubelnden Straßen von Münster. Aber der König, er war's nicht mehr, der mit goldenen Sporen Damals spornte das Roß, und deß' königlich leuchtendes Antlitz Sinn und Bedeutung lieh dem entfalteten stolzen Gepränge. Lässig umschmiegte der Sammt ihm, der schillernd verzierte, des Pelzrocks, Jetzt die gebeugte Gestalt, und lässig über die Brust hing Jetzt ihm die Kette, die gold'ne, die wuchtige mit der gekrönten Kugel der Welt. Bleichwangig, gekehrt in sich, und verdroßen, Saß auf dem Zelter er nun, der, matt nur gespornt, wie in Schwermuth Senkte das Haupt auch selbst. Nur manchmal, wenn sich des Träumers Antlitz hob, sein Aug' blitzartig streifte die Menge, Schien's, als belebe sich neu die Gestalt, als zuckten die Finger Krampfhaft ihm an dem Griffe des Schwerts; doch wieder versank er Still in sich, wie gelähmt: wie gebrochene Flügel des Adlers Hingen herab ihm die Arme . . .                                                     Doch gern an den Zügen des Jünglings Hing noch das Volk, das sich drängte von überall her, um zu schauen Ihn und den prächtigen Zug. »Heil!« riefen ihm lärmend die Männer, »Heil« auch riefen die Frau'n, die Matronen, die Jungfrau'n: immer begeistert, Immer noch schwärmend für ihn, den erkorenen König von Sion. Unter den Weibern hervor stralt Divara. Stets wie ein Dämon Blickt sie, welcher zur Sünde verlockt, und den Sünder zugleich auch Reißt in die Flammen der Hölle hinab. Doch am meisten begafft sind Jetzo die kürzlich Gekrönten, die Jan sich erkoren. Sie musternd Sagte mit blinzelndem Aug zum Nachbar Mancher im Volke: »Wahrlich, die träumten sich's nicht, daß zu solchem Geschick sie erlesen!« – »Ei, nicht Alles, was glänzt, ist Gold!« rief Einer. »Der König, Müßt ihr wissen, behandelt die Weiblein schier wie der Pfauhahn Die Pfauhennen behandelt; und schlimmer sogar: denn er hat noch Keine von ihnen in Liebe berührt, wie ich hör'; und er spielt nur Dann und wann so mit ihnen, aus Langweil', oder in Mißmuth, Wie mit den scheckigen Rüden in seinem Palast. Es erzählte Mir ein Befreundeter, welcher dem König dient im Palaste, Kürzlich hab' er die Jutta, die Jüngste der Weiber des Königs, Fast noch Kind, in der Hall' auf dem Teppich sitzend gefunden, Zwischen den riesigen Hunden, den Lieblingsgenossen des Königs. Und da habe der König, in übelster Laune, wie toll sich Damit vertrieben die Zeit, daß er, mit geschwungener Peitsche, Durch einander zum Scherz sie hetzte, das Weib und die Rüden, Bis zu weinen die Kleine begann und zu heulen die Hunde. Seht, so behandelt der König die reizenden Dinger, nach welchen Anderen wässert der Mund! nur Divara scheut er, die braune!« – Aber gelangt nun war mit dem langen Gefolge der König Bis auf den prangenden Markt vor das Rathhaus, dort, wo ein Thronsitz Ragte, behangen mit Tüchern, in Gold und Silber gestickten. Und es erhob auf den Thron sich Jan: zur Seit' ihm die ersten Träger der Würden in Sion, desgleichen die prunkenden Frauen. Und Herolde begannen dem Volk zu verkünden, eröffnet Harre das Königsgericht: da drängten vorerst sich die Weiber Klagebegierig heran, wie ein Schwarm von kreischenden Elstern. Aber es winkte der König zu sich hin die Ält'sten von Sion, Welchen vertraut Obhut und Verwaltung in Münsters Bezirken. Sie zu vernehmen gedacht' er vor andern. Sie gaben Bericht ihm Von dem Verhalten der Bürger. Da wurden die Einen bezichtigt, Daß sie die Schaffner bedrängt, und mehr, als erheischte die Nothdurft, Hatten verlangt für sich, so verkürzend bescheidener Bürger Theil; und And're, daß, trotzend sionischer Gütergemeinschaft, In den Behausungen Geld sie, und anderen Werth noch verbargen. So vor den Richter geschleppt ward Einer, bei dem man ein goldnes Ringlein hatte gefunden: er trug es versteckt an den Zehen. Etliche wurden genannt, die Eigenbesitz zu erwerben, Und dann unter einander geheim, entgegen der Satzung, Kauf und Verkauf zu betreiben, auch wol gar eigenen Haushalt Hinter dem Rücken der Andern zu führen geheim sich vermaßen. Müller und Brauer auch wurden belangt, die gebraut und gemahlen Heimlich für einzelne Bürger; auch Solche, die ihrer Behausung Thüren und Thore verriegelt, obgleich die sionische Ordnung Schlösser verbot und Riegel. Es traf auch Viele der Vorwurf, Daß sie träge befolgt, was ihnen oblag zu verrichten, Oder verweigert sogar die Verrichtung: obgleich der Gemeine Doch zustehe das Recht, zu vertheilen in Sion die Arbeit, Wie sie vertheile des Lebens Bedarf vom gemeinsamen Vorrath. Solches und Anderes klagten die Ältesten. Aber es schwiegen Nicht die Beklagten. Es riefen die Anspruchsvollen, und Jene, Die man des Eigenbesitzes gezieh'n und eigenen Haushalts: »Ist nicht auch, wie die Menschen, verschieden der Menschen Bedürfniß?« Andere gaben zurücke den Ält'sten und Schaffnern den Vorwurf, Klagten sie an: »Partheiisch verfahrt ihr im Werk der Vertheilung, Mehr zutheilend dem Einen, und Besseres oft als dem Andern! Ja, wir sagen es dreist, daß Betrug und Entwendungen heimlich Oftmals verkürzen den Bürgern die spärlichen Bissen, die kleiner So schon werden von Tag zu Tag!« Die man hatte bezichtigt, Daß sie verriegelt die Thüren, entgegneten: »Gibt es in Sion Nicht noch Leute« – sie schielten dabei nach den braunen Gesellen Divaras hin – »die man oft umher in den Straßen verdächtig Schweifend gewahrt von Hause zu Haus, mit spähenden Blicken In die Gemächer sich schleichend, und wol auch kecklich verlangend, Daß, nachdem sie vergeudet ihr Theil vom gemeinsamen Vorrath, Nun sein Theil auf's Neue der Mäßige theile mit ihnen?« – Die man der Trägheit hatte gezieh'n und störriger Säumniß, Fragten: »Warum doch gebt ihr gerade die schwerste Verrichtung Oder die niedrigste uns? warum soll uns es obliegen, Straßen und Plätze zu fegen, zu karren bei Seite den Unrath? Sind wir schlechter als And're, und sämmtliche Bürger in Sion Nicht vom selbigen Rang? Wir begreifen es freilich und leugnen's Nicht, daß dergleichen auch wolle gethan sein; aber warum doch Sollen denn wir es thun, und warum nicht lieber die Andern?« – Etliche fragten: » Warum nur sollte sich Einer noch placken, Da doch Keiner vermag durch Arbeit mehr zu gewinnen, Als die bequemer sich's machen? Da Eigenbesitz zu erwerben Noch war erlaubt, man wußte, wofür man sich plackte; doch jetzo Weiß es Keiner: wir essen doch All' aus dem nämlichen Topfe!« – »Männer von Sion!« begann nach sinnendem Schweigen der König; »Männer von Sion! mich dünkt, da von euch nun gewichen der Geist ist, Welcher die Neuerung schuf, so sollt' auch fallen die Neu'rung! Kehret zurück zur alten verlassenen Weise des Lebens! Gütergemeinschaft – wisset, sie könnte nur werden zur Wahrheit, Wenn ein höherer Geist für immer durchdringt die Gemeine: Sonst entartet das Leben, erstarrt zum hölzernen Triebwerk, D'ran sich nüchtern und dumpf, seellos-einförmig die Menschen Ewig im Kreis als treibend-getriebene Räder bewegen!« – Also der König. Entgegen ihm kreischt mit höhnendem Grinsen Krechting: »Was sagst du? es wäre gewichen der Geist von den Unsern? Nein, er regt sich, ist mächtig im Munde der klügeren Männer! Wahlspruch ist es für uns: » Kein Stillstand, Männer! nur vorwärts! « Und du drängst uns zum Alten zurück? Wenn Einzelne fehlen Gegen die Regel in Sion, so soll das büßen die Regel? Strafe die Schuldigen lieber, die gegen die Regel gesündigt!« – So rief Krechting; es scholl zustimmender Ruf aus der Menge. Flüchtig umspielt ein Lächeln des Königs Gesicht. Er erhebt sich, Und er richtet . Die Maß nicht hielten, verdammt er zu halber Kost, und die Säumigen, Trägen, verdammt er zu doppelter Arbeit. Die sich störrig erwiesen und fragten, warum man die Straße Ihnen zu fegen geboten, verdammt er die Straße zu fegen, Daß sie künftig doch wüßten, warum sie fegten die Straße. So für Jeglichen sprach er das Urtheil. Aber den Schaffnern, Wie auch den Ält'sten empfahl er, zu theilen in ehrlichem Gleichmaß Unter die Bürger des Lebens Bedarf; den Gesellen des braunen Stammes verbot er, müßig umher in den Straßen zu schleichen. Jetzo wogten heran aus dem Schwarme des Volkes die Kläger, Weiber zumal, die sich drängten und stießen; denn jegliche wollte Kommen die erste zu Wort: es erscholl mißtöniges Lärmen. Als nun erblickte die Schaar klagführender Weiber der König, Wie sie auch sonst zahllos ihn umdrängten an jedem Gerichtstag, Wandt' er unmuthig sich ab. Doch Lips, sein hinkender Freund, sprach, Merkend des Königs Verdruß: »Du bist heut' übel gelaunt, Jan! Laß mich spielen den Richter für dich: ich kenne die Weiber, Weiß sie baß zu behandeln!« Da lächelte Jan und versetzte: »Lips, mein trefflicher Narr, du magst sie entscheiden an meiner Statt für heut, als Richter, die häuslichen Zwiste von Sion!« »Gut«, sprach Lips; »ich will es. Ihr Bürger! zwar bin ich ein Narr bloß, Aber ich denke, daß Gott mit dem Amte mir auch den Verstand gibt! Kommt denn heran, ihr Weiber! mit böslich zerkratzten Gesichtern Seh' ich die Meisten von euch: das ist worden in Münster die Haustracht, Seit die sionischen Männer sich doppelt beweiben und dreifach. Ja, das bringt so die Zeit mit sich. Wie die Gütergemeinschaft Leicht wo ein Fremder erkennt an Schmutz in den Straßen und Mißduft, Also getrau' ich mir auch in jeglicher Stadt zu erkennen Die Vielehe sogleich an zerkratzten Gesichtern der Weiber.« Sprach's. Da begannen die Klagen der älteren gegen die jüngern Weiber, und wieder sodann auch der jüngeren gegen die ältern, Wie auch der jungen vermälten Genossinnen gegen einander. Schmählich hatten sich Viele mißhandelt mit Worten und Thaten. Ward doch geführt vor den Richter sogar ein trotziges Mannweib, Welches erwürgt die Genossin. Es ward eine And're beschuldigt, Daß sie den Gatten erstickt im Schlaf. Schweiß trof von der Stirne Dem strengrichtenden Lips. Er verfügte, daß jeglicher Bürger Halte die Gattinnen immer getrennt in verschied'nen Gemächern, Und vorschiebe den Riegel der Thür an jedem Gemache, Wenn er verlasse das Haus.                                             Noch andere Klagen entschied er Mit salomonischer Weisheit. Gealterte Lüstlinge wurden Schmählich verklagt und beschämt von den eigenen blühenden Weibern, Weil sie zur Ehe genommen die jüngsten und frischesten Mägdlein, Als untüchtige Greise, betrügend die knospende Jugend Um ihr ewiges Recht auf die Freuden der Lieb' und des Lebens. »Sehet mir doch!« sprach Lips; »so machen sie's immer, die Alten! Faunischer, lüsterner gibt es auf Erden doch nichts als die Ohnmacht! Nimmt sich die würzigsten Blüten für zitternde Hände zum Spielzeug! Schämt ihr euch nicht, Graubärt', Eunnuchen des eigenen Harems, Blühende Weiblein zu hüten, wie Barren des Goldes und Silbers? Setzt es in Umlauf lieber, das blanke Metall, daß es Präger Findet und Nutzung bringt; und wärmet das nächtliche Lager Mit Wärmpfannen euch lieber, als mit jungfräulichen Gliedern!« – Männer verklagten die Frau'n, weil trotzig und spröd sie der Ehe Pflichten verweigert, und Andre begehrten die Scheidung, dieweil sie Satt der Gesponsinnen waren. Es fällte für Solche das Urtheil Wider Erwartung Lips. Absprach er Jenen die Weiber, Weil ersichtlich sie nicht zu behandeln verstünden die Weiber: »Wer nicht Mannes genug, um ein sprödes Gemahl zu bezähmen«, Sagt' er, »den Trotz ihr zu brechen durch schmeichelnde zärtliche Werbung, Dieser verdient auch keines!« – Den Anderen aber gebot Lips: »Euch soll bleiben das Weib Zeitlebens, zur Sühne dem Unmaß! Hättet vom Übermaße vordem ihr euch ferne gehalten, Würdet ihr jetzo auch nicht vom Überdrusse geplagt sein!« – Weiber auch wurden beschuldigt des frevelen Bruches der Ehe . Da nun erforschte den Gatten, den Buhler, und jeglichen Umstand Lips, der Gerechte. Und hört' er, daß sorglos gewesen der Gatte, Daß er thöricht dem Weibe vertraut, daß er frei sie gelassen, Daß beim Wein er schwatzte von ihren verborgenen Reizen Mit den Genossen, und selber in's Haus ihr führte den Buhlen – Hört' er Solches, erboßte sich Lips, und verdammte zu schwerster Tagarbeit in den Schanzen der Stadt den verblendeten Gatten, Durch Fasttage verschärft. »Bei Gott!« so rief er, »die Buhler Sind es nicht, und die Schmeichler und glatten Sponsierer – die blöden Gatten nur sind es – die blinden, vertrauensseligen Tröpfe, Welche die Weiber verderben«. So sprach er und trennte vom Gatten Fortan für immer das Weib. »Denn besser gelös't als gebrochen! « Rief er, als Einer ihn fragt', ob es rathsam, Ehen zu lösen? Und er schickte sogleich in's Haus dem Verführer das Weibchen. Zahllos waren die Männer und zahllos waren die Weiber, Welche zu tauschen verlangten die Gattinnen oder die Gatten. Keck und lüstern, entweihend des Herzens verschämteste Tiefen, Kamen die Frauen, verderbt durch sionischen Brauch wie die Männer. So auch drängten vor Andern ein älteres Weib und ein junges Sich zu dem Richter heran. Es erbat einen älteren Mann sich Die, einen jüngeren Jene. Die Ält're berief auf die Regel Sich, daß im Bunde der Ehen den Ausschlag gebe die Neigung: Sie nun, sagte sie, müsse gesteh'n daß ihr blühende Knaben Besser als reifere Männer gefielen. Ihr jetziger Gatte Sei schon Witwer gewesen; und darum erbitte sie höflich Sich vom König zum Mann einen noch unschuldigen Jüngling, Der kein Weib noch geküßt; denn darnach stehe der Sinn ihr . . . »Wie viel Jahre nun zählst du?« fragte der Richtende. »Dreißig!« Lispelte sie. »Du lügst!« sprach Lips; »dein Wunsch ist ein Zeiger, Welcher auf Vierzig weis't! Es bezaubert in kräftiger Reife Mannlich der Ritter das Jungfräulein, und der Page die Vettel. Weibergetändel beginnt mit Puppen und endet mit Püppchen!« Sprach's und wandte zur Jüngeren sich, die verlangt' einen ältern Mann, als den Laffen, der neben ihr stand, unbärtig und blöde. »Hast du rauh sie behandelt?« so fragte den blöden Gesellen Lips. Der zögerte, sagte verschämt: »Nein, blöde nur war ich, Ohne Geschick und Erfahrung – da weinte sie, zürnte mir störrig« . . . »Ohne Geschick und Erfahrung?« versetzte der richtende Schalksnarr, »Ei, das ist schlimm! Denn keinen entsetzlichern Quäler und Feind hat Jugendlich-magdliche Scham, als den Unschuldstölpel! Gar leichtlich Ist Euch Beiden zu helfen, ihr Weiblein! Tauschet die Männer! Freie die Ältliche, Bursch, und du, Blühende, folge dem Wittwer!« – Sprach's, und es fügten die Vier sich dem Spruche zufrieden und willig. Ein frechblickendes Weib, aus dem Schwarme geführt vor den Richter, Wurde bezichtigt, daß unter den Frau'n sie kecklich verkündet, Daß es erlaubt sein müsse nunmehr auch den Frauen in Sion Mehrere Männer zu freien. »Warum doch«, wandte sie trotzig Sich an den richtenden Lips; »warum soll Weibern versagt sein, Was euch ihr Männer erlaubt? Ist's nicht für Alle dasselbe?« – » Nein! « entgegnen Lips! » nicht ist's dasselbe , du Dirne! Kann doch bestehen die Welt, wenn auch sie geworden zum Harem , Aber es gnad' ihr Gott, wenn dereinst Bordell sie geworden! Nein, nicht ist es dasselbe , das wisse! – was du da verlangtest, Nicht nur der Himmel verdammt's, die Natur auch selber verflucht es! Jagt mir die Metze zum Thore hinaus, zu den Söldnern des Bischofs!« – Endlich schienen die Klagen erschöpft für diesen Gerichtstag, Sämmtliche Fragen des Rechtes, die großen und kleinen. Da siehe, Sprang noch Einer zuletzt von den Satelliten der braunen Divara plötzlich hervor, und mit funkelnden Augen begann er: »Schalksnarr! steig von dem Stuhl, laß Recht nun sprechen den König! Ja, sprich Recht nun, o König! Den friedlichen Scepter, o leg' ihn Ab, und greif nach dem blutigen Schwert. Sonst bist du geschändet, Bist für immer entehrt! Hör' an, ein abscheulicher Frevel Wurde begangen an dir, dem erhab'nen Gebieter von Sion! Hört es, sionische Bürger! Vernimm es, o leuchtender König!« Also der braune Gesell, und sprang und geberdete rasend Sich vor Jan. Der hieß ihn künden die Sache. Da rief er: »Dir ward schmählich besudelt, o Herrscher, die Ehre! Gebrochen Hat von den Frau'n, die du kürzlich erkorest, dir Eine den Treuschwur: Lisabeth Wandtscheerer genannt! Dort unter den schönen Königsgemalinnen sitzt sie noch prunkend, die goldenen Locken Tragend im goldenen Netz, in der Jacke mit köstlichem Pelzwerk, Und mit der seidenen Schleppe! Des Nachts, Herr, hat sie den Buhlen Heimlich geherzt, den zuvor sie geliebt, dann schnöde verleugnet, Weil ihr besser der König gefiel und der schimmernde Goldreif. Aber geheim noch sieht sie den Buhlen! Er schlich in der Nacht sich Heute zu ihr in's Haus, in's Gemach, und sie schloß ihm die Thür nicht: Denn ich sah ihn, ich selbst, aus dem Hause der Frauen des Königs Schleichen im grauenden Morgen. Sie brach dir, o König, die Ehe! Der dort ist's in dem Schwarme, der rosige, lockige Jüngling, Der ist ihr Buhler! ergreift ihn, Männer, damit er bezeuge, Was ich erzählt« . . .                                   So schrie er; den Jüngling ergriffen die Männer, Schleppten ihn hin vor den König. Er bebt' und erbleichte – doch trotzig Leugnet er jegliche Schuld. Da bedeutet der prunkenden Else Jan, zu verlassen den Sitz inmitten der übrigen Frauen, Und zu treten vor ihn. Sie that es, und leugnete kecklich Daß sie die Ehre befleckt des erhabenen Gatten. Ihr Auge Blickte so unschuldsvoll, so gefaßt und so heilige Eide Schwur sie, daß Jedem im Kreis, der es hörte, die Seele gerührt war. Nicht so Jan. Der faßte die Hand ihr, und schaute mit seinen Mächtigen Augen sie an, und rief mit gewaltiger Stimme: » Weib, du lügst! « und sie, nicht konnte den Blick sie ertragen, Stürzte zusammen vor ihm und verbarg in den Händen das Antlitz Mit unendlichem Schluchzen und Weinen. Nun wagt' auch ihr Buhle Nimmer zu läugnen die That. Er erzählt, wie sich Alles begeben. Jugendgespielin, so sagt' er, sei Elsbeth schon ihm gewesen, Habe mit heiligen Eiden ihm oftmals unendliche Liebe, Ewige Treue gelobt. Und alsbald habe sie dennoch Schnöd' ihm den Rücken gewandt, da verlockend ihr winkte der Goldreif. Gramvoll hab' er entsagt ihr für immer; da sei mit Geflüster Ihm ein Bote genaht, ein Mann vom wandernden Stamme: Der nun habe mit sich ihn gelockt, und heimlich geführt ihn Bis vor Elsens Gemach im bergenden Dunkel des Abends. Dann, auf den Wink des Begleiters, des heimlich verlockenden Führers, Hab' er geöffnet die Thür; da sei schier tödtlich erschrocken Else vor ihm: denn sie nicht hatte den Boten gesendet. Beide nun hätten verwundert sich lang, dann seien des Herzens Triebe vom Neuen erwacht, und erst am grauenden Morgen Hab' er verlassen das traute Gemach. So erzählte der Jüngling. Schweigend vernahm es der König. Nun aber, gewendet zu Elsbeth, Spricht er: »Du hast ihm geschworen unendliche Liebe und Treue?« – Und es war, als träte das sämmtliche Bittre dem König Jetzt auf die Lippen, was längst schon gährend das Herz ihm erfüllte, Und als müßt' er nun strafen an einem unseligen Haupte, Was ihm empört das Gemüth, seit Sions Blüte verderbt war. »Siehe, du brachest dem Gatten, dem König die Ehe: den Tod so Hast du verdient. Doch vernimm! Um mich nicht sollst du ihn leiden, Nein, du sollst ihn erleiden, dieweil du gebrochen den Treuschwur, Den du dem ersten Geliebten gethan einst! – Nicht für die Buhlnacht Tödt' ich dich: für das Geschwätz von unendlicher Liebe und Treue Stirbst du! – Was weißt vom Unendlichen du, armselige Puppe? – Knipperdolling, versieh' dein Amt! – Ich wollte, die Weiber, Die von Unendlichem schwatzen, ich wollte, sie hätten zusammen Nur einen einzigen Hals « . . .                                                 Er sprach's; es ergriffen die Schergen Else, das zitternde Weib. –                                             In seines Palastes Gemächer Wiedergekehrt war Jan. Doch Ruh' nicht ließ ihm des Herzens Wilde Bewegung. Noch einmal, bevor sich neigte die Sonne, Schritt er aus dem Palast, auf dem Walle zu halten den Rundgang, Wie nicht selten er that. Ihn begleiteten Diener und Freunde: Knipperdolling und Krechting, und Lips, und der riesige Tylan. Über den Markt hin schritt er, nachdem er verlassen den Domhof. Aber entlang dann wandelnd die Straße des heiligen Mauriz, Ostwärts immer sich wendend, bestieg er die Mauerumwallung, Nahe dem Maurizthor, von welchem ein weidenbesetzter Weg, anmuthig im Sommer, zum Maurizstifte sich hinzog. Frisch aufathmete Jan, nachdem er verlassen die dumpfe Stadt, und die freieren Lüfte des Walls ihm bestrichen das Antlitz. Über den Wall, der schräg sich nach außen zum Graben hinabsenkt, Jenseits neu sich erhebt, von Sträuchern und ragendem Pfahlwerk Dicht umzäunt und gekrönt, und vom äußeren Graben umgürtet, Blickt er hinweg, läßt schweifen hinüber den Blick zu den Zäunen Und Erdwällen und Schanzen und Gräben des feindlichen Lagers, Und zu den Zelten dahinter des tapferen Wilcke von Stedinck, Der mit dem siebenten Theile des Heer's dort hatte den Standort Gegen das Maurizthor, bei dem Kloster des heiligen Mauriz, Welches nun lag in Trümmern, verbrannt und zerstört und geplündert. Aber es sieht auf dem Walle der König die Streiter von Sion Müssig lungern und schwatzen. Karthaunen auf riesigen Rädern Stehn nach dem Lager der Feinde gekehrt, und es lagern um sie her Sich bei Würfelgeklapper und wüstem Gesange die Männer, Gleich Landsknechten verwildert, mit bleichen, verlebten Gesichtern. Und sie grüßen den König mit heiser'm Geschrei. Nach des Tages Kleinen Begebnissen forscht er: der Männer Bedauern vernimmt er, Daß sich halte so feig der Belagerer hinter den Schanzen, Kaum noch biete die Stirne zu flüchtigen, kleinen Scharmützeln. »Wahrlich«, so klagte der Eine, wenn nicht durch verwegenen Ausfall Wir sie kitzelten manchmal hervor, sie hätten sich längst schon Ganz in die Erde vergraben; sie wollen nur sichern die Haut sich: 's ist, als wären sie selbst die Belagerten, wir die Belag'rer. Die Maulwürfe! Das führt statt Büchsen nur Schaufel und Spaten, Wechselt noch kaum einen Schuß!« – »Um so besser!« erwidert ihm Krechting, »Denn so sparen wir Kugeln!« – »Bei Gott, die werden in Münster Rar wie der Mundvorrath!« entgegnet ein And'rer; »mit Kieseln Laden bisweilen die Stücke wir schon!« – »Was sollten sie schießen?« Ruft ein Dritter; sie denken, es macht uns mürb' schon der Hunger! Und wahrhaft! kaum haben das Salz wir, geschweige die Butter Noch zum Brod. Vor Monden, da stachen wir ältere Gäule Zahlreich nieder, dieweil uns des Heu's Vorrath und des Hafers Droht' auf die Neige zu geh'n: gebt Acht, bald wird uns gereuen, Daß wir so schnöde verscharrten das Fleisch!« – »Es erboßten sich Manche«, Fügt' er lächelnd hinzu, »vorlängst, in besseren Zeiten, Als der Prophet vorschrieb den sionischen Bürgern, die Thüren Allwegs offen zu halten: es liefen da Einem die Ferkel Oft in die Stube hinein; nun aber, o Himmel, wie gerne Öffnete Jeder die Thür, wenn ein Ferkel ihm lief' in die Stube!« – »Schweig, Pfahlbürger!« so rief, sich erboßend, der bucklige Krechting; Feige nur schwatzen von Mangel! Wir haben noch etliche Hundert Kühe, wir haben auch voll noch etliche Zuber mit Fischen. Auch ist gepflügt und besamt, was im Weichbild Münsters von freien Grasigen Plätzen vorhanden. Bereits inmitten der Stadt hier Wächst uns die Rübe, der Kohl, und was sonst noch eben gedeih'n mag. Aber ich denke, wir brauchen es nicht: denn ehe die Saat noch Völlig gereift, anrücken auf Münster die Schaaren der Helfer, Uns zu entsetzen. Und dann erst, Brüder, begründen das Reich wir, Wo sich's lohnt , daß man Bürger sich nennt und Streiter von Sion! Dann erst wird sie beginnen, die Zeit der ergiebigen Ernte! Dann erst fallen die Güter der Erde bequem in den Schooß uns, Daß wir d'ran uns erlaben! Der Blitzstral treffe den Feigling, Der auf Ergebung sinnt! Ausharren wir bis zum Entsatze, Und bis für Alles, was etwa in Hunger wir leiden und Mühsal, Reif die Entschädigung ist in reichlichem Maße – so mein' ich's!« – Also Krechting. Da riefen mit funkelnden Augen die Männer: »Ist uns in Freiheit und Freuden zu leben bestimmt für die Zukunft, Wollen wir baß noch hungern und harren und spotten der Drangsal; Haben gelernt frei sein, froh werden des Lebens: ein Schelm ist, Wer da zurück noch wollt' in die Bande verrotteter Satzung!« – Schweigsam setzte der König fort auf dem Walle den Rundgang, Kam an die Stelle, wo ragte die luft'ge Servatienkirche, Und das Servatienthor durch einen befestigten Rundbau Führte von Münster hinaus auf die Südoststraße gen Wolbeck; Schritt dann weiter vorüber am jetzo verlassenen Kloster Nitzing, wo einst – ein verschollener Traum! – er Hilla gefunden, Auch vorüber am Nitzingthurm, zum Ludgerithore, Nahe der Ludgerikirche, wo südlich die Straße nach Hamm läuft: Dort sah man in Gezelten, unferne der Stadt, von des Bischofs Heere gelagert den Theil, den Albert Corytzer führte. Weiter sodann zum Ägydienthore gelangte der König, Im Südwesten der Stadt, wo durch wiesige Gründe der Aafluß Tritt in die Stadt, sie durchschneidend und nördlich sie wieder verlassend. Hier scholl gräuliches Lärmen dem wandelnden König entgegen: Streiter von Sion fand er bezecht, sich mit heftigen Worten Und Faustschlägen befehdend. Ein Weinfaß wars, das einander Sich da bestritten die Männer, am Boden es hierhin und dorthin Zerrend in schwankendem Kampf. Erst als sie erblickten den König, Ließen sie ab, und standen der Frage des Zürnenden Rede. Und er vernahm, wie vom Wall sie erspähend die günstige Stunde, Keck vor's Thor sich gewagt und erklettert den feindlichen Erddamm, Dort sich kecklich gestürzt auf ein abseits lagerndes Häuflein, Glücklich erbeutet daselbst nach heft'gem Scharmützel ein Weinfaß, D'raus sie dann auf dem Wall mit Gesang und Lärm sich bezechten, Sitzend im Kreis umher, bis and're sionische Brüder Traten zu ihnen, erblickten das Faß und heischten vom Labtrunk Für sich selber den Theil nach dem Rechte der Gütergemeinschaft: »Wollt ihr den Theil vom Trunk «, so hatten sie ihnen erwidert, »Nehmt erst den Theil von den Püffen , für welche den Trunk wir gewonnen!« – Und so waren sie hart an einander gerathen. Es tadelt Zürnend der König die Raufer, und Krechting, der Ordner, gebietet, Ohne Verzug in die Vorrathskammern zu liefern den Weinrest.                   Weiter verfolgend den Weg auf dem Walle, gelangte der König Zum Westende der Stadt in dem Kirchspiel »über dem Wasser«, Wo sich über die Häuser empor aufthürmte die stolze Liebfrau'nkirche: gedehnt lag weithin das räumige Kirchspiel. Bald zum Liebfrau'nthore gelangt er, vor welchem ein Erddamm Ragte zu doppeltem Schutz, und wo fernher weißlich die Zelte Sittards blinkten, des Feldhauptmanns im Heere des Bischofs. Aber von hier dann führte der Weg zum fünften der Thore, Im Nordosten der Stadt: vom »Felde der Juden« benannt war's. Hier, zu beiderlei Seiten des Thores erhoben sich Thürme, Stattlich gefügt aus Quadern. Es waren gekehrt die Karthaunen Gegen die geldrischen Völker, die dort absteckten im Schutze Mächtiger Schanzen ihr Lager: es führte sie Egbo von Devern. Dann fortwandelnd erblickte der König das nördliche Kreuzthor, Wo eine steinerne Veste sich hob zur Rechten. Und hier auch War's, wo ragte der Popanzthurm, drin kürzlich die braune Divara Hof noch hielt mit den Söhnen des wandernden Stammes. Aber gelagert im Feld war das cleve'sche Reitergeschwader: Laurenz Horst ihr Führer. Doch jetzo schwiegen die Waffen, Und es betraf auf dem Walle der König die Wächter des Kreuzthors Anders beflissen. Inmitten des müßigen Schwarmes erblickt er Springend, sich schwingend die Söhne des wandernden Stammes mit Weibern In muthwilligen Tänzen, und Andere schlugen wie rasend Cymbel und Tamburin. Es ergötzten die Männer von Sion Erst sich schauend, zuletzt, vom feurigen Taumel ergriffen, Fassen sie lachend auch selber und schwingen im Tanze die braunen Weiber mit flatterndem Haar und mit lockenden, funkelnden Augen; Und wild wirbelte nun der entfesselte Schwarm durcheinander: Bald war gewichen die Scham, frech küßten sich, kos'ten die Paare, Und nicht merkten das Nah'n sie des Königs im wüsten Getümmel: Stumm abwandte sich dieser, Verachtung umspielt' ihm die Lippen. Fürbaß dacht' er zu schreiten, da scholl ein Büchsengeknatter Plötzlich heran aus der Ferne vom feindlichen Lager. Es horchen Selber die wirbelnden Paare nun auf, und es stocket der Reigen. Und sie erblicken den König: der sieht von der Fläche des Walles Spähend hinaus in's Gefild, wo erscholl das Geknatter der Büchsen. Kunde vermochte vor Andern zu geben dem Forschenden alsbald Einer vom wandernden Stamm. Der sagte, zu necken die Feinde, Hab' aus dem Thore vor Kurzem, wie oftmals schon, sich geschlichen Divara, führend den Schwarm amazonischer, muthiger Frauen, Welche zu werben sie pflegt aus der edelsten Blüte von Sion, Und die sie Waffen zu schwingen gelehrt und besteh'n die Gefahren. Heut' nun habe sie auch Gabriele , die schöne, befeuert, Daß sie hinaus ihr gefolgt vor die Stadt zu keckem Scharmützel, Sagend, heroischer Sinn nur gewinne die Liebe des Königs . . . Alle nun spähten hinaus vom Wall in die Ferne. Da sah man Gegen die Stadt her eilen auf hurtigen Rossen ein Häuflein, Wie von Andern verfolgt, und es knallten noch immer die Büchsen. Jetzt kam näher heran der berittene Zug, und wer scharfen Lichtes der Augen sich freute, der rief, er erkenne der stolzen Divara Frauencohorte, die nun heimkehre vom Ausfall. Näher schon sprengten heran sie, die krieg'rischen Frauen. Doch mitten In dem beflügelten Haufen erblickte man todt auf den Renner Eine von ihnen gebunden, und Divara führte die Zügel. Gabriele, die schöne, sie war's, die da lag auf des Rosses Rücken entseelt . . . Einsprengte der Trupp in sausender Eile Durch das geöffnete Thor in die Stadt, und entschwand so des Königs Augen und seiner Gefährten. Verstummt war Jan; doch die Andern Wechseln, indeß er fürbaß schreitet, bedeutsame Blicke, Heimlich flüsternd davon, wie Divaras Augen gefunkelt, Über der Leiche der Schönen . . . »Je nun!« sprach Einer, »die beste Beute, die heim mag bringen ein Streiter vom Kampf, ist ein todter Nebenbuhler . . . Gelang's doch dieser Zigeunerin immer, So in den Tod zu verlocken die schönsten der Töchter von Sion!« – »Wißt ihr«, flüstert ein Andrer, »daß jener Geselle, der Elsbeths Kläger gespielt, von Divara kam, ja, daß auch der Bote, Welcher geheim in das Haus der Erkornen des Königs zur Buhlschaft Lockte den Jüngling des Nachts, von Divara's Stamme gewesen?« – Leiser noch fügte hinzu der gewaltige Knipperdolling: »Sprecht von dem höllischen Weibe mir nicht; 's ist eine von denen, Welchen bei Nacht, wenn sie liegen im Schlaf, aus dem Munde die Seele Kriecht in Spinnengestalt« . . . So flüsterten heimlich die Männer. Stumm hinschreitet der König, verdüstert, indeß von des Abends Dämm'rigen Schleiern gemach sein Pfad sich beginnt zu umdunkeln. Über dem »Thore der Brücke« nun steht er, bei welchem der Aafluß Tritt aus der Stadt. Hier wehen, im weit sich verbreitenden Aakamp, Und bei den Mühlen am Fluß, von des Bischofs Heere die Fähnlein, Die Schwerhusen befehligt. Zum Höxter'schen Thore gelangte Jan von dort: vollendet nun bald um die Stadt war der Rundgang. Still war hier und öde der Wall. Nur in düsterem Winkel Sah man ein Häuflein steh'n bleichwangiger Männer und Frauen, Matthissons alte Cohorte, verschollen, vergessen in Sion: Still wie vergangener Tage Gespenster im dämm'rigen Dunkel Standen, am einsamen Orte, sie dort, um den greisen Propheten Dusentschur, der in bunten, verworrenen Reden von Sions Fall und Entartung sprach und von drohenden Schreckensgerichten. Ganz war gesunken die Nacht, es umwoben die Nebel das Flachland, Trübroth glühten hindurch nur die nächtlichen Feuer des Lagers. Sternlos war sie und düster, die Nacht. Es gedachte der König, Wie vormals ihm so anders das Herz entzückte der Rundgang Auf der Umwallung, in Nächten des Sommers, wenn laulich die Lüfte Wehten, und funkelnd auf ihn, sternprangend, der Himmel herab sah, Oder am Rande des Himmels in lang sich streckender Wolke Dann und wann aufzuckte der Blitz, wie ein Schläfer in Träumen . . . O, dies Wettergeleucht' – wie begrüßt' er's im himmlischen Äther Stürmischer Regungen voll damals – wie dehnte das Herz sich Weit ihm und stolz, wenn die Nacht hellglänzend sich über ihm wölbte, Wenn so die Sionsstadt, vielthürmig, in goldiger Dämm'rung Unter ihn schlief, und vor ihm sich weithin dehnten im Flachland Die mondhellen Gezelte, wo stumm der geschlagene Feind lag . . . O wie so anders jetzt! Wie legte sich jetzt um die Seel' ihm Kalt und öde die Nacht! Trüb war in die Ferne der Ausblick. Schauerlich gähnten die Gräben, und schauerlich ragten die Wälle, Ragten die Schanzen empor der Belagerten und der Belag'rer In die umdunkelten Lüfte: die fernen Gezelte des Lagers Standen im Nebel wie weiße Gespenster. Unheimliche Stimmen Klangen, unhörbar sonst, nur in nächtlicher Stille vernehmlich. Ganz ist verlassen die Stelle des Walls, wo Jan mit den Seinen Geht; zwei Knaben nur huschen vorüber: es deutet der eine Ängstlich dem andern hinaus auf die nächtlich-umdunkelte Sandflur Rings um den Wall, und flüstert: »Da sieh den gespenstigen Rappen, Hauptlos wandelnd, der immer sich zeigt, wenn am folgenden Tage Blut wird vergossen in Sion, und sonst sich Grauses ereignet!« Schweigend noch hinschritt Jan und schweigend auch seine Begleiter. Einzig der riesige Tylan, der herging neben dem König, Fühlte geweckt sein träumend Gemüth von den Schauern des Abends: Und er begann seltsame, verworrene Reden zu führen: Vieles von Witt'kind sprach er, dem heidnischen König, dem wilden Sachsenbeherrscher, deß' Grab er vor Zeiten im Lande der Engern Hatte geseh'n, mit dem Bilde des Helden in perlengezierten Schuh'n und im Purpurgewande, dem köstlichen, silbergestickten: Nicht sei gesunken er todt in verlorener Schlacht, wie erzählt wird! Gegen das Erlengehölz mit dem flüchtigen Trosse gezogen Sei er: es habe der Berg sich vor ihm und den Seinen erschlossen; Und noch haus' er daselbst, in finsteren Nächten zuweilen Auf weißmähnigen Rossen das Wesergebirge durchreitend, Mit hellblinkenden Speeren, bei Rossegewieher und Hornschall, Rastend am schwärzlichen Kolk, am schauerlich brütenden Moorteich . . . Aber nun werd' er hervor bald zieh'n mit gewaltiger Heerschaar, Selber zu schau'n, was geworden aus jenem geheiligten Schwerte, Das jüngst hell war geschliffen, und schmählich nun wieder verrostet. Kämpfen wol müßten die Alten, dieweil schon ermüdet die Jungen . . . Also der riesige Tylan, der träumende. Aber indessen War zu dem Maurizthore gelangt stillsinnend der König, Wo er erstiegen den Wall. Und hier auch verließ er ihn wieder, Kehrte zurück durch die Straßen der Stadt nach seinem Palaste. Einsam wünscht' er zu sein, entließ die Begleiter. Der Letzte, Der ihm zur Seite noch stand, war Lips. Und es sagte der Schalksnarr: »Jan, sei munter! Du hast ja gehört, was der wackere Tylan Uns vom heidnischen König erzählt, der nächstens in Sion Kommt zu Besuch, so ich recht ihn verstanden, den wackeren Hünen. Kommt er nur glücklich daher, juchhei! dann haben in Sion Wir zwei Könige gar – ich will euch beiden mit Narrheit Dienen, so viel ihr verlangt!« . . . »Was soll noch ein König in Sion?« Lächelte Jan; »wer braucht einen Herrn da noch und Gebieter?« – »Freund, du irrst«, gab Jener zurück, »denn es muß in der Welt doch Immer noch Könige geben: sie sind nicht leicht zu entbehren. Herrscht auch Freiheit im Land, und die Regel der Gütergemeinschaft, Braucht einen Menschen man doch, der die köstlichsten Bissen hinwegißt, Welche zu rar , als daß man sie könnt' an Alle vertheilen, Und der trägt in der Krone die halb faustgroßen Demanten, Die nicht gern man in Splitter zerschlägt für sämmtliche Bürger! Auch muß Einer doch sein, an den man die gold'nen Gewänder Hängt und die kostbaren Vließe, die nicht ausreichen für Alle! Nein, ein Fürst muß sein, ein König, zum Schmuck des gemeinen Wesens, o Jan! das leugne nur nicht! – Und wärest du pfiffig, Jan, so würdest du's machen als König im Volk wie die Krähe, Die sich setzt auf den Rücken des Schweins und die Würmer hinwegpickt, Welche das Schwein aufwühlt« . . . So scherzte der schelmische Spötter. Schweigend entließ ihn der König, und tief in der Seele den Stachel Fühlt' er der Schalksnarr'nrede. Dahin durch die weiten Gemächer Schreitet er düster, in Sinnen verloren, bis daß er zur Kammer Divaras kommt. Und er findet sie ruhend auf schwellendem Pfühle, Lockender heut, als je: so leicht nur geschürzt, und so üppig Ruht sie dort, wie als Braut, um den Bräutigam zu erwarten . . . Trefflich ist sie gelaunt. Sie gedenkt triumphirend der schönen Nebenbuhlerin, welche zurück aus dem Kampfe sie brachte, Bleich und todt. Sie berichtet es Jan. Gleichgiltig vernimmt er's, Schweigend, denn ihm ist befangen von andern Gedanken die Seele. Hin zur Erfüllung drängt sein Schicksal sich, und entscheidend Ward ihm der heutige Tag. Was heut er mit Augen geschauet, Was er gehört und erlebt auf dem Wall, bei dem musternden Rundgang, Was er gehört und erlebt Recht sprechend zuvor auf dem Marktplatz – Tief in die Seele geprägt hat dies des entarteten Sions Bild ihm, den schmählichen Sieg der Verderbniß; des Menschengeschlechtes Thorheit, Schwächen und Laster und Stolz und prunkenden Irrwahn. Und ganz ist ihm versunken der Geist in das innere Grauen . . . Schmeichelnd blickt ihm entgegen das Weib, und zieht ihn zu sich hin, Legt an die Stirn ihm die Hand: »Was ist so bleich dir die Wange, Und so pochend die Schläfe? was ist dein Auge so brennend, Und dein Lächeln so kalt, so schneidend-verächtlich, so trotzig? Soll das Gewitter sich wieder, wie oft, auf die arme, verschmähte Freundin entladen? was grollst du? ich will ja gern dich erheitern, Lieder zum Klang der Theorbe dir singen – was wünschest du mehr noch? Hier ist ein Becher mit Wein! komm, schlürfe die duftige Labe!« – Lang noch brütet er schweigend. Doch endlich beginnt er zu reden: »Hast du gehört, daß zuweilen im Sarg aufquellende Leichen Sprengen den lastenden Deckel des Sargs, handbreit, und empor ihn Heben, so daß, wer mit Augen es sieht, voll freudigen Schauders Meint, es erstehe vom Tod der Erblichene; doch wenn er näher Tritt, nur entsetzlicher gährt da noch ihm entgegen die Fäulniß! – Sieh, das hab' ich erlebt! – Ich verachte die Menschen, verachte Ganz dies schnöde Geschlecht. Ihr Leben ist bunte Verwesung. Was da glänzt, es ist Moder, und was da gährt, es ist Fäulniß. Ach, was hilft es dem Menschen, zu sprengen die Gruft, wenn er modert? Und was hilft es dem Menschen, zu sprengen die Fessel der Knechtschaft, Wenn er ein Wicht, durchfressen zutiefst vom Gift der Verderbniß? Groß ist die Zeit und gewaltig, doch wehe, wenn unsere Herzen Rein nicht sind; wie sollen im riesigen Kampf wir bestehen? So sprach einst der Prophet, der begeisterte Meister von Harlem. Und nicht waren sie rein – schlecht sind wir bestanden im Kampfe! O, ich machte zum Knecht mich, zum Sklaven der Freiheit in Sion – Doch als der Mehlthau fiel auf der Hoffnung Blüten, Verderbnis Sich einschlich – um da noch zu hemmen des wankenden Sions Fall und Verderben – da hätt' ich müssen in Sion Tyrann sein! Ja, Tyrann sein, ergreifen mit ehernen Fäusten die Zügel! – O ich hätt' es vermocht! . . . Und fürwahr! noch heute vermöcht ich's Wenn ich es wollte« . . .                                         So sprach er. Und Divara lächelte , fragend: »Warum willst du es nicht? Was zürnst du den Menschen? sie sind nur Klein und erbärmlich, sie sind nicht böse, noch würdig des Hasses. Schwächlich sind sie und blöd'. Was zürnst du dem Volke? Noch niemals Hat es geherrscht, noch herrschet es je: nasführt es ein König Nicht, nasführt es ein Schreier des Markts: der verwegene Krechting Hat es erprobt: ihm folgt man längst schon in Israel blindlings . . . Wähnen sich frei, die Bethörten, und laufen am Drahte des Knirpses! – »Ei, wie kam es doch nur?« sprach Jan; »ein Reich zu begründen Dachten wir ja, ein Eden des zwanglos Guten und Rechen: Und das wir träumten , das Reich, es konnte der Zügel entbehren. Doch das wir träumten, das Reich, ist's jemals wirklich geworden? Kann dies Sion, das uns're , entbehren der Zügel, wie jenes? Nein! es bedarf noch ihrer! Und wer soll halten die Zügel, Wenn nicht ich , der einzig die Welt um sich her verachtend, Über den Schwarm noch ragt mit reiner und leuchtender Stirne! Wenn einer ehernen Faust es bedarf, eines Strengen Gebieters, Eines Tyrannen sogar, nun wol, so will ich Tyrann sein! Besser Tyrann als Puppe, zu welcher ein edler, ein thöricht- Ehrlicher Sinn mich gemacht! Nun sollen die zagen Gedanken Schweigen, die Regungen all', die schnöde mir lähmten die Arme. Jene Gewalt , die verlieh'n mir über der Menschen Gemüther, Die ich gedämpft , dem Gelöbniß treu, das mir Krechting entrissen, Soll mir gelten fortan als der Herrschaft ewiges Anrecht! Über der erblichen Thorheit der erblichen Völkergebieter, Über der ewigen Wildheit der maßlos waltenden Massen, Rage der Weise, der Held, der geborene Führer und Herrscher! Ja, ich will sie ergreifen mit ehernen Fäusten, die Zügel, Will sie schaaren um mich, die geheim noch hegen den alten, Besseren Geist, und werfen in Bande den Schreier des Marktes, Welcher bethörte das Volk, daß jegliche andere Mahnung Eitel verscholl; will kirren den Schwarm nicht mehr durch das sanfte , Mahnende, nein, das gebietende Wort; zu meiner Gedanken Werkzeug will ich ihn machen, anstatt zum Herrn der Geschicke! O mir ist, als wüchsen nun erst weit stärkere Schwingen Mir zu gewaltigem Schwunge, zu größeren, stolzeren Thaten, Und zu dem Ziele des Glücks! Und muß ich verachten die Menschheit, Muß ich entsagen für immer dem Jünglingstraume des schöner'n, Edleren Menschheitlebens, so will ich im eigenen Geiste Suchen Ersatz, um zu stillen den Hunger nach Großem und Hohen! Ging das sionische Reich in Trümmer, so will ich ein Reich doch Stiften, auf welches ich drücke den Stempel des eigenen Wollens! – Größe noch winkt mir und Macht; ob Sions Bürger entartet Ist, ob edel gesinnt – gleichviel! er dient mir als Sklave!« – So ruft Jan, und stachelt die eig'ne, gewaltige Seele Grollend zur Selbstsucht auf. Der Sions leuchtendes Urbild Schmählich zur Frazze verkehrte, der Dämon, umschattet er tückisch Ihn auch, den Stolzen und Reinen? Ist's siegende Nacht, die hereinbricht, Oder nur ziehend' Gewölk, das flüchtig die Sonne verdunkelt? – Fieberisch glüht, so schwärmend, der König. Und Divara lächelt, Lächelt so heiter; ein Wörtchen nur wirft sie bisweilen dazwischen: Kurz nur und harmlos scheint's, und doch wie ein höllischer Funke Fällt es in Ohr und Herz. Und endlich zieht sie den Jüngling Näher zu sich, und kredenzt ihm den Becher mit funkelndem Weine. Und er schlürfte den Trank. Sie lächelte wieder und sagte: »Jan, du trautester Schwärmer, für Blüten der Weisheit und Tugend Ist sie verdorben, die Welt, und zu spröde der irdische Boden! Aber die Blüten der Freude gedeih'n, und der Trank des Genusses Schäumt uns aus ewigen Urnen in lockender, labender Fülle. Schal ist und schnöde die Welt und die Menschen sind Thoren und Wichte, Aber der Traube Geblüt ist ein lieblicher Trank, und des Weibes Busen ein wonniger Pfühl – das wirst du noch, Liebster, erproben! – Sei doch klug, laß fahren das düstere Grübeln und Sinnen, Welches das Haupt dir verwirrt, o Jüngling! Des feurigen Weibes Gürtel bedünke fortan dich das einzige Räthsel auf Erden, Welches der Lösung werth! – Scheinkönig nur warst du für Sion, Und Scheingatte für mich: sei endlich König und Mann doch!« – So sprach lächelnd und schmollend die braune, verlockende Schöne. »Höre mich an!« sprach Jan; »ja höre mich, lockende, dunkle Zauberin du! Heut' will ich das tiefste Gemüth dir erschließen. Warum sollt' ich es nicht? Abbrach' ich die Brücke für immer Hinter den Träumen der Jugend, und jeglicher schwärmenden Regung, Welche so zag mich gemacht, und mir, wie den Arm, auch die Zunge, Selber die Sinne gelähmt! – So erfahre, du lockende, dunkle Tochter des wandernden Stamms mit den ruchlos blickenden Augen! Mir zu bethören die Seele, die stolze, mit tückischem Zauber, Ist dir gelungen: ich liebe dich nicht – doch du hast es verstanden, Erst mir drängend zu nahen mit liebeverlangender Werbung, Dann mich sacht zu umstricken mit Banden der holden Gewöhnung, Dann mich launisch zu quälen; zu reizen mich und zu verwirren – Nein, ich liebe dich nicht: ich hasse dich, Weib! doch, dich missen – Nimmer vermag ich es mehr, noch will ich's versuchen von heut an – Nicht mehr bin ich derselbe wie sonst! im Tiefsten verwandelt Hat mich der heutige Tag! – Fahrt hin, ihr Träume der Liebe , Hin mit den anderen Träumen! – Von edelster Liebe durchdrungen Wähnt' ich das Herz für immer , von einem Gefühle bewältigt! Aber ich war ein Thor, und von heut an empfind' ich es anders. Kann es im Reich der Empfindung ein dauernd Unendliches geben? Nein, Unwankendes hat nicht Raum im irdischen Haushalt, Und auf ewigen Wandel gestellt ist das Leben. Wo immer Tritt hervor ein unendlich Gefühl, ein unendliches Streben, Geltend zu machen sich müht, da beschwört es ein rächendes Schicksal Immer herauf, und es grollt die Natur . . . Was wär' aus der Menschheit, Was aus dem Leben geworden, wenn wahrhaft wäre die Liebe Das , was uns schildern die Dichter, und was ich im Wahne der Jugend Selber erträumt und gefordert? Es ruhte des Menschengeschlechtes Hälfte geschmiegt an Urnen, Verlorenes ewig betrauernd. Nein, das duldet sie nicht, die Natur! sie pflanzt uns den schnöden Unbestand in die Brust, und ob knirschend wir auch ihn verdammen, Endlich obsiegt er doch stets. So baumeln am Draht wir als Puppen: Das Urweib, die Natur, sie lenkt uns an schmählichem Zügel . . . Lenkt uns nach irdischem Zweck – und höheres Streben ist eitel! – Solche Gedanken, sie nahten mir manchmal in finsteren Nächten, Grinsend; ich stieß sie von mir noch stets, wie Geburten der Hölle: Doch heut nehm' ich sie auf! Mir pocht wie im Fieber die Stirne: Sag' mir doch, Weib, ist's Wahrheit, Traum, ist's fieb'rischer Irrwahn, Was in mir gährt, und sich trotzig in wüsten Gedanken entbindet?« – Divara lächelt noch immer. Begleitet ein leises Gekicher Nicht dies seltsame Lächeln? Sie lächelt so stolz, so bedeutsam, Daß es den Jüngling bedünkt, als ruhe vor ihm auf den Kissen, Wie mit himmlischen Reizen zu höllischer Rache gerüstet, Das Urweib, die Natur, das er grollend soeben gescholten . . . Wieder nun rückt sie heran mir zierlichen Händen des Weines Funkelnde Labung, und lächelt und lispelt: Erquicke dich, Liebster! Und je ernster er blickt, so bacchantischer lächelt sie, kichert, Lacht, daß den schimmernden Hüllen entwogt ihr bräunlicher Busen. Und sie kredenzt ihm noch einmal den schäumenden Becher. Sie flüstert: »Süßer Gemahl!« – Er nippt; ihm schwindelt: am pochenden Herzen Fühlt er den Busen des Weibes und ihre versengenden Lippen: Und mit feurigen Armen umschlingt sie ihn fest wie ein Dämon . . . Nah' war die Mitte der Nacht: da riß sich der Jüngling von Leyden, Trunken, vom Weine betäubt und vom Rausch dämonischer Küsse, Los aus den Armen des Weibes. Ihm pochte das Haupt zum Zerspringen. Was ihm brachte der Tag, was ihm brachte der Abend, durchschüttert Hat es zutiefst ihm die Seel'; in stürmischer wilder Erregung Taumelt er hin, vom Fieber geschüttelt, durch seine Gemächer. Schlummern und Ruh'n – nicht kann er's: ein Ungeheures belastet Dumpf ihm die Brust: nicht will sich's gestalten zu lichten Gedanken. Und er starrt auf den Boden vor sich hin, wirr und bewußtlos . . . Glühend, nach frischerem Hauch nun lechzt er – durch's offene Fenster Blickt er mit glasigem Aug. »Was ist das?« ruft er, »versengend Brennt der Mond, es träuft sein Gold wie geschmolzen herunter Mir auf das Haupt!« – Hin über den mondhell leuchtenden Domhof Starrt er zum Münster, der grau mit den wuchtigen Zinnen emporragt. Kommt in den Sinn ihm die Nonne, die edle, die dort er bestattet? Aber erleuchtet erblickt er von innen den Dom – ist's des Fiebers Wahn, was ihn äfft? im Glase der Scheiben ein spielender Mondstral? Nein, in Wahrheit erleuchtet ein Schimmer das Inn're: der greise, Tolle, gespenstige Küster des Doms, der verfallen in Wahnwitz, Seit er die Frevel mit Augen geschaut und die wilde Zerstörung, Welche die Wiedergetauften verübt am geheiligten Orte, Stets noch haus't er im Thurm, durchwandelt die einsamen Hallen: Und um die Mitte der Nacht bisweilen entfacht er die Lampen. Dann sieht, wer da noch wandelt des Nachts am Dome vorüber, Schaurig die Fenster erhellt. Und es klingt auch zuweilen ein wüstes Orgelgetön aus dem öden Gebäu. Es behaupten im Volke Manche, daß todt sei der Küster und nur als Gespenst noch umher dort Wandle des Nachts und entfache die Lampen und rühre die Orgel: Ängstlich sputet darum sich der Einsame, welcher vorüber Geht, und gespenstig erhellt sieht leuchten die Scheiben der Fenster. Lang nach den leuchtenden Scheiben wie sinnlos starrte der König. Ei, was zieht ihn nur fort? er wankt an den schlummernden Wächtern Still vorüber, verläßt den Palast; quer über den mondhell Dämmernden Domhof schreitet er hin zu den Pforten des Domes: Wie Mondsüchtige schreiten, so schreitet er still und bewußtlos. Und er öffnet die rasselnden Pforten; es flattern erschreckte Dohlen aus Nischen hervor. Nun betritt er das Inn're des Münsters, Und er sieht im Scheine der Lampen die dämm'rige Halle Sich in's Unendliche wölben: und doch wie ein dumpfiger Gruftraum Scheint sie düster und drückend ihm über dem Haupte zu lasten. Im Halbdunkel des tieferen Grunds auftaucht wie ein Schreckbild Des wahnwitzigen Küsters Gestalt. Jan folgt ihm – vorüber Huscht das gespenstige Bild, ist spurlos wieder entschwunden. Und wie das Fieber, so schüttelt das Grauen den nächtlichen Waller. Doch er erwehrt sich des Grau'ns mit dem Muthe des Trunk'nen, und fordert, Gleich als schämt' er sich seines Erbangens, die Mächte der Tiefe Wie zum Kampfe heraus. Es ruft sein krankes Gehirn sich Mühsam stolze Gedanken zurück, zu welchen, dem Schicksal Grollend, er heut sich erschwungen. So wankt er dahin. Und nur eine Stelle vermeidet er stets – ist's Trotz, ist's siegender Schauder, Was ihn bannt von der Stelle? – –                                                         Da horch, es verkündet die zwölfte Stunde der Nacht mit dumpfem Gedröhn aus der Höhe die Domuhr. Welch' ein Geschwirr und Gewisper in Nischen und Wölbungen! Matter Flackern die Lampen und droh'n zu verlöschen. Und jetzo beginnen Plötzlich die Pfeifen der Orgel zu tönen. Mit wachsendem Grausen Aufhorcht Jan; ihn will es bedünken, als tauche des tollen Küsters Haupt, das ergraute, mit starr-wahnwitzigen Augen Hinter der Orgel empor im dämmernden Dunkel. Es rauschen Sinneverwirrend hernieder die Klänge. Die tubabewehrten Engel, die krönen als schwebende Zierde das mächtig gethürmte Tonwerkzeug, sie scheinen ihr helles Trompetengeschmetter In das Gebrause der Pfeifen zu mischen: es klingt durch die Hallen Wie die Posaunen des jüngsten Gerichts. Nicht mächtig der Sinne Mehr ist der wankende König; es hat ihn bethört bis zum Wahnwitz Trunkenheit, Fieber und Grau'n. Aufhorcht er den Klängen: da mischen Andere schaurige Töne sich d'rein: in den Tiefen der Kirche Hallt ein Gekrach wie von berstenden Särgen – mit ängstlichen Augen Wendet dahin sich der Jüngling, und Wachen und Träumen, es schmilzt ihm Fortan schaurig in Eins, in den Schreckensgerichten des Fiebers. Hat bei dem wüsten Gekrach in den Tiefen der Kirche der Grabstein Hillas nicht sich gehoben, und schwebt aus der finsteren Gruft nicht, Weißlich, von Nebel umsponnen, ein Jungfräulein? doch – ein Kind ist's Mit dem Gesicht eines Jungfräuleins. Aus dem Nebel der Steingruft Taucht's wie der steigende Mond, und schwebt empor zu des Domes Wölbungen sacht, dann senkt es sich wieder und schwebt nun auf einmal Jan entgegen – o horch! es klingen die Töne der Orgel Mild und weich – und es glaubt zu erkennen die Züge der Süßen, Die er verloren, der Jüngling: es glüht sein Herz – doch auf einmal Wandelt die holde Musik sich in wüstes Gedröhn', und des Kindes Trautes Gesicht, es verwandelt auch dies in ein anderes Antlitz Sich, wie näher es schwebt, und zeigt in bedrohlichem Schreckbild Divaras düsteren Reiz und verlockend-satanisches Lächeln! Drohend-entsetzlich schwebt es heran vom Grunde der Halle Gegen den hohen Altar – und toller erbrausen die Töne. Auf sich gerichtet erblickt der Verwirrte des schwebenden Mägdleins Aug' in tückischem Hohn; entsetzt auf die marmorne Kanzel Flüchtet er vor dem Phantom – doch hieher auch schwebt' es, und weiter Taumelt er, während die Kanzel, vom Hauche des tückischen Kindes Flüchtig berührt, in Trümmer zerfällt. Und es jagt ihn der Wahnwitz Hinter den hohen Altar. » Wo bist du, Jan? « so erklingt es Höhnend dem Fiebergehetzten. Er flüchtet von Neuem – der Altar Stürzt, wie die Kanzel, in Trümmer, vor'm Hauche des schwebenden Kindes. Wilder erdröhnt ihm die Orgel: es leuchten die Augen des Unholds In diabolischer Glut. Und es flüstern um ihn her Dämonen: »Hilla – Divara – Sion und Babel!« – Hintaumelt er, strauchelt Über den Sarkophag in der dämmernden Tiefe der Kirche, D'raus das gespenstige Bild sich erhoben. Er taumelt und strauchelt, Stürzt in den Steinsarg selbst. Ihm schwinden die Sinne – noch hört er Ein dumpfdröhnendes Eins von der Domuhr hallen: zurück kehrt Jetzo das schwebende Kind, es verlöschen die Lampen, der Orgel Töne verhallen: bei geller und höhnischer Lache des Tollen Hört zuklappen den Deckel des Steinsargs Jan. In der Grau'nnacht Liegt er, erlöschenden Sinn's, reglos, zu den Todten gebettet: Und an den Busen ihm schmiegt sich das Jungfräulein wie ein Vampyr . . . Aber am anderen Tag, da ward in den Gluten bewußtlos Liegend gefunden der König in offener Halle des Domes. Und wie den griechischen Helden dereinst auf dem Oeta die Flamme Läuternd ergriff, nach schmählichem Fall, so von läuternden Bränden Mächtig ergriffen, indessen die Tage, die Wochen entschwanden, Stumm auf glühendem Pfühl lag Jan von Leyden, der König. Zehnter Gesang. Die Sühne.                     Als nach enteilenden Wochen aus Träumen des Fiebers der König Wieder erhob sein Haupt und auf sich selber sich langsam Wieder besann, da genas mit dem wiedergenesenden Leib' ihm Auch die geläuterte Seele. Beschwichtigt ist wie durch ein Wunder Jetzo der Sturm, der das Herz ihm erregte zu wogendem Aufruhr, Müd' in sich selber erloschen der wilden Gewalten Empörung. Still auf Vergangenes blickt er, und ruhig gedenkt er der Zukunft. Daß sein trotzig Verzagen ihn führte zu wilden Entschlüssen, Daß sein besseres Ich er verläugnet – für einen Moment sich Schmählich ergeben dem Dämon, der Sions Blüte verwüstet, Tief empfindet er's nun. Im Ohr ihm summt es und klingt es: »Groß ist die Zeit und gewaltig, doch wehe, wenn unsere Herzen Rein nicht sind« – »Nicht waren sie rein«, so sinnt er; »erkaltend Sind sie zum Raube geworden der Selbstsucht und der Genußgier: So war eitel die Müh'! – Doch der ärgste der Sünder in Sion War ich selber; denn ich war stolz: hoch über dem Schwarme Meint' ich zu ragen, vertraute mir selbst, zum Richter berufen Wähnt' ich mich kühn: doch ein Urtheil spricht kein sterblicher Richter, Welcher in sich nicht heimlich den Keim einer größeren Schuld trägt, Als die ist, die er richtet . . . Und so, als ich stolz nach dem Richtschwert Griff, um zu rächen, zu strafen, da fühlt' ich vom Rausch der Verderbniß Bebend mich selber erfaßt. Die Verderbniß trägt, nun erfuhr ich's, Selber der Edle zutiefst im Blut, wie die Keime der Krankheit Und wie den Tod . . .                                   So haben wir denn uns selber gerichtet! – Ewig ein Kind ist das Volk, und der Führer geschwätzige Weisheit Ist nur eitles Gestammel, unsicheres Tappen und Tasten! Blinden geziemt nicht Hast! – Entschieden nun seh' ich das Schicksal Sions, entschieden das Loos auch der vorwärts drängenden Mitwelt. Dein ist die Welt, o Luther! der feurige Meister von Harlem Kam zu frühe. So wird denn weiter sich tasten die Menschheit, Kühl und nüchtern; und nicht auf Schwingen der heil'gen Begeist'rung Wird sie fliegen zum Ziel. In die Bande, die alten, sich schmiegen Wird sie vorerst: auf den Thronen wird nach wie vor die gekrönte Thorheit sitzen, und nach wie vor auf seidenen Pfühlen Schwelgen die sündige Schmach, und nach wie vor auf dem faulen Stroh hinschmachten die Tugend . . .                                                           Und doch – ein Schritt ist geschehen Näher dem Ziel, und das Ziel, es ward, ob schmählich verfehlt auch, Doch mit dem Finger gewiesen – bezeichnet vom Finger des Schwärmers! Mag ein spät'res Geschlecht bergan auf's Neue den Felsblock Schieben, und unser gedenken, so oft er auf's Neue hinabrollt Bei der Dämonen Gekicher, und nur noch tiefer den Abgrund Wühlt, d'raus Mühsal keuchend von Neuem ihn ewig emporwälzt! – Aber es mag sich mit Sions Geschick nun erfüllen das meine! Was um mich sich ereignet, mir soll's fortan wie ein Märchen Sein, das in Büchern ich lese gelangweilt, oder ein Schauspiel, Das, auch wenn es mich fesselt, mich nicht mehr schreckt wie Erlebtes. Seltsam ist mir zu Muth – ja, heiter beinahe; des Lebens Hoffnungen sind, wie die Qualen des wildaufregenden Bangens, In mir erloschen: gefaßt auf die eig'nen Verwirrungen blick' ich Wie auf die fremden zurück: ich weiß ja, daß ich sie sühne . . . Wie am Rande des Kraters, der jüngst noch Feuer gespieen, Sacht aufsprießen die Blumen, so wachsen mir aus des verkohlten Herzens Asche die Blüten der ruhigen sanften Betrachtung . . . Glüh'n auch Funken vielleicht noch unter der ruhenden Asche? Ruh' ist in meinem Gemüth: ist's Ruhe der sühnenden, holden Nähe des Tod's? ist's dumpf hinbrütende, tückische Ruhe, Die unheimlich in mir noch dem letzten der Stürme vorangeht?« – So sprach sinnend zu sich der in Schmerzen geläuterte Jüngling. Aber es trafen indeß in den Hallen des Königspalastes Lips zusammen, der Narr, und der Alchymist, der gelehrte, Der da fernher gekommen, zu dienen dem König von Sion. Und den Geschäftigen fragte der Narr, was den Schritt ihm beflügle? »Laß mich!« entgegnete Jener; »gelungen ist heut mir die Mischung Trefflich: es glänzt das gedieg'ne Metall mir im Tiegel, wie Meersand, Und nun eil' ich zum König, den goldenen Schatz ihm zu zeigen« . . . »Freund!« entgegnete Lips »nach Brot schreit Sion, verhungernd, Und du stellst einen Tiegel mit Gold, staubtrocken, und steinhart, Uns auf den Tisch? Nun, freilich, die Zähne gewöhnen zuletzt sich Auch wol an goldene Kost; schon übt an gesottenem Schuhwerk Sich, an gestossenem Glas, Sägspänen, geriebenen Ziegeln, Mancher dahier in Sion. Wie schad ist's, daß wir die Bücher Alle verbrannt, da man jetzt schmackhaft zu bereiten gelernt hat Selbst Schweinsledergebinde, die zähesten Deckel und Schwarten. Ja, es gäbe nun Mancher bereits sein hübschestes Weibchen Für ein Linsengericht in Münster. Ich selbst, ich besitze Drei gar niedliche Schätzchen, die Rike, die Fike, die Mike, Die man nach Landesgebrauch mir vermält, seitdem mir die Alte – Ruhe sie sanft! – wegstarb: das beleibteste Frauengebilde Sions war sie, doch seit man die Bissen so mager uns zuschnitt, Welkte sie hin: auch fraß ihr heimlich die Leber der Unmuth. Nun, Gott habe sie selig! – die Rike, die Fike, die Mike, Sind, wie gesagt, mir jetzo vermält, nachdem sie dahin schied – Denn, wär's früher gescheh'n, so stünd' ich nimmer lebendig Hier in des Königs Palast – Nun sag' ich: gar liebliche Kinder Sind sie, die drei; und doch, bei Gott, schon gäb' ich die Rike Für ein saftiges Stück einheimischen Schinkens; die Fike Für einen Schluck Torgauergebräu; und böte mir Einer Jetzt mein Lieblingsgericht, Kuheuter in Brühe mit Ingwer, Gäb' ich vielleicht auch die Mike dahin, die behäbige Blonde, Deren Gesicht und Äuglein erscheinen als wären am Vollmond Kleben geblieben dereinst zwei rundliche freundliche Sternlein. War das doch im Beginn ein Geschrei, daß in Sion das Wort sei Fleisch geworden! ach Gott – wenn in Wahrheit immer ein Quentchen Fleisches geworden aus jedem der vielen und herrlichen Worte, Die man geredet in Sion – nun brauchten wir nicht zu verhungern!« – So der gesprächige Narr. Da trat in die Halle der König, Und es näherte sich ihm der Alchymist, zu berichten, Daß ihm gelungen das Werk und im Tiegel erstrale das Golderz. Aber es lächelte Jan zur Erwiderung; wandte sich fragend Dann zu Lips, der wie sinnend zum Himmel durchs Fenster hinaussah: »Ei, was erblickst du in Lüften?« – »Es fliegen«, versetzte der Schalksnarr, »Rings um die Stadt seit etlichen Tagen so häufig die Raben. Hoffen die Bursche sich Aas? Cras! cras! so krächzen sie immer; Ei, wie meinen sie's denn? was soll denn »morgen« geschehen? Hör' nur, sie krächzen, die Schufte, wie Krechting in der Versammlung. Aas, cras , krächzen, und Krechting – das reimt sich trefflich zusammen, Und nichts Gutes bedeutet's!« – »Du bleibst doch ein munterer Schalksnarr Auch am traurigen Tag«, sprach Jan; »dafür sollst du ein neues Schalksnarr'nkäppchen erhalten, bevor dich verzehren die Raben!« »Galgenhumor!« rief Lips; »nur Galgenhumor! doch es freut mich, Wenn dir der Narr noch behagt . . . Nur laß statt des Käppchens ein saftig Restchen vom Krönungsbraten mir reichen – ist nicht's davon übrig? Sieh', seit Wochen gewöhnt' ich mich, wieder nach Fliegen zu schnappen, Wie manchmal auf dem Weg gen Münster vor Zeiten! – So wahr ich Bürger von Sion bin, schon setzt sich Moos an die Zähne Deiner Getreuen, o Jan! – Wol hast du silberne, blanke Münzen geschlagen in Sion – da hab' ich selbst in der Tasche Noch einen glitzernden Thaler. Was soll ich damit nur? man läßt mich Nicht aus Sion hinaus, daß ich etwan d'rüben in Telgte, Oder in Warndorf stracks einen Weck mir vermöchte zu kaufen . . . Freilich, es hat auf den Plätzen der Stadt uns der wackere Krechting Mancherlei Saaten gepflanzt, und wir wissen ja schon, daß es aufgeht , Was uns der Bucklige pflanzt. Gott segne das schöne Gemüse! Nichts so gesund wie Gemüs', sprach Kunz, und verzehrte die Knackwurst. Laß dir's gesagt sein, Jan, und verachte mir nicht das Gemüse; Schließlich mußt du ja doch Gras rupfen wie Nebukadnezar! Rund ist die Welt, o Freund, wie die rollende Kugel Fortunas! Und wer haschen sie möchte, der stolpert zuweilen darüber. Und ich frage dich, Jan: durch's Nadelöhr eines Schneiders Sollte sie gehen, die Welt? dies höck'rige Ding? wie ist's möglich? Kannst du das billiger Weise verlangen?« –                                                                       So scherzte der Schalksnarr. Halb nur hört' ihn, in eig'ne Gedanken verloren, der König. Denn von Tage zu Tag wuchs jetzo in Münster die Drangsal, Wuchs die Entbehrung, der Hunger. So karg schon wurde die Speisung Bei dem gemeinsamen Mahle der Hungernden, daß sie des Hungers Stachel nur schärfte . Des Tags drei Mal an den Tischen im Domhof Saß das sionische Volk vordem, doch jetzt nur noch ein Mal. Und es beschnitt und bestahl ihr Theil noch den Bürgern der Schaffner Trug und heimliche Gier. Nun wurden die letzten der magern Gäule geschlachtet, die Katzen daneben, die Hunde. Nach Krähen Schoß manch lüsterner Jäger. Der Frosch aus der Jauche des Grabens Galt als leckere Beute. Das zähe Gemüse bestrich man Nur noch mit schmeidigem Talg. Sorgsam auslas man die Knochen, Um in den wallenden Topf sie zu werfen, zu würzen mit ihrem Marke die Brühen.                               Doch schlimmer noch kam's. Nicht heimlicher Diebstahl Mehr, und unehrliche Schaffner verkürzten dem Bürger den Antheil, Nein, wild stritt sich und raufte verzweifelnde Gier um die kargen Reste des Mundvorraths, wie um Aas sich streiten die Geier, Daß nur der Stärk're zuletzt sich labte, die Schwachen verhungernd Brachen zusammen. Gejagt ward jetzo, in Fallen gefangen Eifrig die Ratte, die Maus. An Leder, an Rinden der Bäume Nagte die Noth, und begrüßte das Laub an den Bäumen als Labung. Einen Verhungerten fand man, auf offener Straße verschmachtet, Der noch zwischen den Zähnen, dem kauenden Rinde vergleichbar, Hielt ein Büschel von Gräsern. Es schabten die Kinder, nach Speise Gierend, und weinend vor Hunger, das Weiße herab von den Wänden. Säuglinge hingen verschmachtend am Busen verschmachtender Mütter, Saugten an dorrender Brust: es verschmachteten doppelt die Mütter. Aber die Liebe der Mütter, sie schlug oft um in des Hungers Thierische, wilde Begier – es vergriff sich die grause Verzweiflung Rasend am eigenen Fleisch . . .                                                   O, die Anabaptisten, die bleichen – Bleicher als je nun wandeln sie hin durch die Straßen von Münster! – Erst hat schwärmender Drang sie gebleicht, dann hat an der Männer Marke gezehrt das Gelüst der sionischen Ehen, und wüstes Treiben, nach Münster verpflanzt von den Söhnen des wandernden Stammes: Und nun brechen zusammen die Reste der Kraft vor des Hungers Wühlendem Zahne. Sie wandeln dahin, wie Gespenster: nur schlotternd Hängt um die Glieder die Haut. So verdorrt, so verblaßt sind die Lippen, So durchscheinend die Flügel der Nasen, die Ohren, wie Blätter, Die man mit Tinte beschreibt; wie versumpft ist das Aug' in der Höhlung; Spitz vorragen die Knochen der Backen, als wollten die fahle Haut sie durchbohren. Es schwollen auch Manchem die unteren Glieder, Während die oberen welkend vertrockneten; oft auch durchbrachen Eiternde Beulen die Haut. Auf den Wällen die Streiter vermochten Kaum noch die Waffen zu schleppen; sie waren wie Fliegen im Herbstmond Matt. Sie stützten im Geh'n sich auf Krücken und Stäbe. Der Mißduft In der umlagerten Stadt, er vergiftete nun auch die letzte Labe der Menschen, die Luft: ausbrachen die Seuchen, zu mehren Mit hohläugigem Hunger im Bunde die Ernten des Todes. Jan trat unter das Volk in den Straßen mit seinen Begleitern. Ernst hinschritt er vom Markte die weit sich und prächtig im Halbkreis Schwingende Straße der Bogen entlang, bis hinüber zum Aafluß, Bis zur Brücke, die führt in das Kirchspiel über dem Wasser: Und ihm streckte das Volk wehklagend entgegen die Hände, Sich in Schaaren versammelnd. Er dachte zu reden. Da plötzlich Kam es mit Sausen daher in den Lüften geflogen, und prasselnd Stürzt eine wuchtige Kugel herab zu den Füssen des Königs, Zwanzigpfündiges Erz. Aufhob mit Ruhe der Jüngling Sie, und wog in der Hand sie betrachtend. Geschweißt an das Erzrund Fand er geglättetes Leder; auf diesem gegraben die Zeilen: »Männer! Ergebung fordert noch ein mal gnädig des Hochstifts Herr und Fürst: doch wofern ihr verschmäht auch heute die Mahnung, Nicht soll bleiben ein Stein auf dem andern in Münster, und Alles, Was nicht tödtet das Schwert, ist verfallen dem Stricke des Henkers, Oder dem Rad, und dem Roste, dem glühenden. Doch dem Verführer, Der euch bethörte so lang, mit glühenden Zangen am Holzstoß Wird von den Gliedern das Fleisch ihm, das Herz aus dem Leibe gerissen!« Solches besagt, entsendet aus mächt'ger Karthaune, die Botschaft. Denn für andere Boten des Bischofs weigern den Einlaß Lang schon die Männer von Münster. Es lies't hellstimmig dem Volke Jan die Verkündung. Um sich dann blickt er, als wär' er des Bischofs Sendling selbst, und erwarte des Volks Antwort und Entscheidung. Doch jetzt naht auf dem Falben sich Divara. Dunkelgelockte Schwärmen um sie. Und sie rief: »Ihr Männer von Sion, vernehmt mich! Nachricht gab ich euch oft. Ihr wißt, wie sich Mancher der Meinen Schlich durch's Bischofslager, und Kundschaft brachte vom Ausland, Brieflein brachte sogar, die zusammengerollt er im Ohr trug, Oder verbarg in den Flocken des dichten und schwärzlichen Haupthaars. Aber es meldete mir im Geheimen der letzte der Boten: Nicht mehr täuschen wir schleichend die wachsam lauernden Söldner, Durch ein Wunder entrannen dem Tode die letzten der Unsern. Aber ein anderes Wagniß ersannen die Helfer aus Holland: Wenn zehn Tage verstrichen, so sagten sie, sollen die Münst'rer Wol im Auge behalten die Aa, und die regengeschwellte, Sacht hingleitende Flut – so empfangen sie weitere Botschaft. Heut ist der zehnte der Tage. Behaltet im Auge den Aafluß!« Sprach's, und sie hatte geendet noch kaum, da sah man in grüner Welle der Aa hergleiten ein Faß; wie verlornes Gerümpel Trieb es daher. Da stürzte behend in die Flut sich ein kecker Schwimmer hinab und zog an's Ufer die schaukelnde Beute. Und auf der Königin Wink abhob man vom Fasse den Deckel. Da, wie aus berstender Schale das Küchlein, sprang aus dem Eimer Plötzlich ein Knabe hervor, schwarzlockig, mit bräunlichen Wangen. Und weittönend begann er zu reden, zu künden dem Volke: »Sionsstreiter, es grüßen die Schaaren der Brüder aus Holland Euch, und von Ostfriesland, von Brabant, vom Rhein- und vom Mainstrom! Nahe dem Münster'schen Land schon sind sie: noch wenige Tage, Und sie stehen vor Münster zu Tausenden, euch zu befreien, Und zu vernichten im Streit die Verruchten, die Feinde von Sion!!« – Also der bräunliche Knabe. Da blitzt in fanatischen Augen Wieder ein Stral der Verzückung. Und jauchzend noch einmal ermannen Sich die sionischen Streiter. Nur säugende Weiber, und Greise, Und Todsieche, sie standen verloren in schweigendem Stumpfsinn Da – sie hofften ja nicht, wie nah' er auch sei, zu erleben Jenen erlösenden Tag! Auf sie, mitleidigen Herzens, Blickte der König, und wieder begann er zu sprechen. Es lauschte Ringsum das Volk, zu vernehmen das Wort des gebietenden Jünglings. »Welcher von euch«, so begann er, »ihr Brüder und Schwestern, in Sion Duldend zu harren getrieben sich fühlt vom Geiste, der bleibe: Aber die nah' dem Verderben, die Schwachen, die Greise, die Siechen, Oder wer sonst es verlangt von den duldenden Bürgern, hinauszieh'n Ohne Verhinderung mag er sofort durch die Thore von Münster! Keiner verweile gezwungen, zu theilen mit Andern die Drangsal, Unfreiwillig zu tragen, was Keiner vermag zu ertragen, Der nicht willig es trägt!« Da dankten mit thränenden Blicken Viele der schmachtenden Mütter, am Busen die jammernden Kinder, Und Todsieche dem König, und wandten sich ab, um zu gehen, Und sich zu schleppen hinaus vor die Thore. Doch ihnen entgegen Kamen Verlorne, wie sie, mit Seufzern und Klagen; die riefen: »Was ihr offen versucht, wir versuchten es heimlich soeben! Ja, wir flohen geheim; da irrten wir zwischen den Schanzen, Zwischen den Gräben umher, und statt des mit Thränen erflehten Mitleids fanden die Meisten den Tod von den Händen der Söldner. Denn sie wollen es nicht, daß hinaus in ihr Lager sich flüchten All' die Verschmachtenden; nein, sie wollen, daß Alle zusammen Ihnen, entsagend dem Trotz, sich ergeben; wo nicht, daß zusammen Hier wir Alle verderben!« So sprachen sie klagend. Da hoben Jene zum Himmel empor in stummer Verzweiflung die Blicke. Siehe, da plötzlich kommt mit begleitenden Schaaren den langen Markt herunter in Eile der rührige Knipperdolling: Und die Beeiferten ziehen, mit freudig erhellten Gesichtern, Hinter sich her eine Reihe von rasselnden, stattlichen Karren. Aber die rasselnden Karren, sie sind – o Wunder! – befrachtet Schwer mit Näpfen und Fässern, mit wuchtigen Laiben des Brodes, Speck, und gepöckeltem Rind und Thran und gesalzenen Fischen. Hochauf jauchzte das Volk bei dem Anblick, kaum noch den Augen Trauend, und drängte sich rings um die Karren, verblüfft und begierig. Und von Fragen erscholl es: »Woher?« und »Wie?« Es erwidert Knipperdolling mit Lachen: »Ihr meint wol, das sendet der Bischof? Nein! wir hatten es hier, ganz nahe; nur galt es zu suchen. Wisset, ihr Leute, so kams: Daß Viele verdarben vor Hunger, Ging mir kläglich zu Herzen. Doch Manche bemerkt' ich, die liefen Noch mit munteren Augen umher und rundlichen Leibern, Wie Masttauben des Winters inmitten verkommener Spatzen. Seht, da kam mir's zu Sinn, Umschau noch einmal zu halten In den Gelassen und Kellern von Sion. Als hier auf dem Marktplatz Waren die Bürger versammelt, und leer schier jede Behausung, Nun, da benützt' ich die Zeit, durchforschte mit etlichen Spatzen Die Masttaubengehege. Da fanden sich mancherlei Truhen, Mancherlei Säcke; von Häringen gab's manch' Schock, und von Schinken Manchen genießbaren Rest, und dazu manch' wacker gefüllten Eimer des köstlichen Weins aus den Kellern verlaufener Pfaffen. Vieles betraf man vergraben, in heimlichen Löchern, im Bettstroh, Unter dem Holz und sogar auch unter den Brettern der Dielen. Ei, da wurde mir's klar, wie's kam, daß Mancher in Sion Noch mit rundlichem Bauch und munteren Augen umherging! Seht euch nur um! dieselbigen sind's, die jetzt so viel bleicher Werden auf einmal, als früher sie röther gewesen denn And're! Billig trifft sie die Reihe, zu schmachten, zu fasten von heut an, Bis sie der Hunger so bleicht, wie jetzo das böse Gewissen!« – Sprach's, und die selbst sich verriethen durch ängstlich Erbleichen und Zittern, Wurden ergriffen, zu harren des strengen Gerichts auf dem Rathhaus. Aber den Mundvorrath, den willkommenen, nimmer gehofften, Ihn umdrängte die Menge mit Jubel. Es traten die Schaffner Jetzo heran, zu berechnen, wie lang wol reiche der Vorrath Für den gemeinen Bedarf. Da kreischte die hungernde Volksschaar: »Abseits denkt ihr zu bringen die glücklich errungene Beute? Sie zu verkümmern uns noch, zu vertheilen in euerer Weise? Nein! wir wollen doch wieder einmal, nach langer Entbehrung, Satt uns essen! Es kommen ja bald die erwarteten Helfer! Nein, nicht wollen wir jetzo noch sparen, wobei man zu leben Nicht, noch zu sterben vermag! Ein Festmahl wollen wir halten, Würdig zu feiern die Kunde vom nahenden Tag der Erlösung!« – Also riefen sie wild; hohläugige, bleiche Gestalten, Fiebernd vor grauser Begier, blutlosen Vampyren vergleichbar, Stürzten sie über die Labung. Es schwanden die wuchtigen Brode, Sämmtliche Massen des Fleisches, der Thran, die gesalzenen Fische, Nimmer zerstückt und vertheilt, nein, gierig mit Händen zerrissen. Um die gewaltigsten Stücke, die duftigst verlockenden Massen, Stand ein Reigen gedrängt, wie Rudel von Wölfen gedrängt steh'n Um ein getödtetes Thier in der Wildniß. Aber dahier auch Sättigte sich nur der Starke; der Schwächere, grollend erwarten Mußt' er, was etwa noch übrig ihm ließ die Begierde der Stärkern. Und so gellte Gezänk durch den Markt hin, wildes Gedränge, Laute des Groll's, sich mischend mit tollem und wüstem Gejubel. Schon war verschlungen der letzte der Bissen; doch immer noch strömte Reichlich die Labe des Weins: denn groß war die flüssige Beute. Bauchigen Fässern entquoll sie noch unablässig, die standen An vier Ecken des Markts. Als die Nacht einbrach, da entflammten Fackeln die Männer umher auf dem Markt und festliche Feuer, Rollten die Fässer heran zu den Feuern und zechten und sangen. Muthwill war nun wieder erwacht, wie dereinst, und es klangen Heilige Lieder zum Spott mit unheiligen, frechen zusammen, Und den Choral, den erhab'nen, der Anabaptisten, ihn johlten Jetzo aus heiseren Kehlen, bezecht, die Zigeuner, die Gaukler. Bald auch erklang es im Kreise von Lauten und Pfeifen und Geigen, Und hinrissen die Männer zum wüsten Gelage die Weiber. Söhne des wandernden Stamms und Gaukler ergötzten mit frechen Possen die lüsternen Schaaren. Zuletzt, beim Schwirren des hellen Cymbals sprangen herbei schwarzlockige Töchter des braunen Stamms, und keck und verbuhlt vor dem Volk in bacchantischen Tänzen Drehten sie sich. Da ward – wie der schlagende Funke noch einmal Ein Scheinleben erweckt in erblichenen Leibern – zu letzter Regung gestachelt der Reiz in kraftlos erstorbenen Sinnen Bleicher sionischer Männer, erschöpft von wilder Verschwendung: Aber verdoppelt erfaßt die Entnervten das lüsterne Fieber: Und so schwangen sich wild, frechkosend, die Männer mit Weibern: Schaurig war es zu seh'n, wie die hageren, schwanken Gestalten, Spornend mit letztem Entschluß, wie zum Henkermahle, die Mannskraft, Siech, hohläugig, erhitzt von Wein und Gierde, gespenstig Grell von den Flammen bestralt, umtanzten die lodernden Feuer . . . Also brachte den Tag das sionische Volk und die Nacht hin. Mächtig erscholl das Getümmel der Lust auf dem Markt und im Domhof Vor dem Palaste des Königs. Auch dort nun vereinte die Festlust Eine befeuerte Schaar an glänzender, prunkender Tafel. Divara war es, die braune, die Königin, welche geladen Hatt' in des Königs Gemächer die Träger der Würden von Sion. Denn es gezieme, so sprach sie, zugleich mit dem Volke den Häuptern Sions, zu feiern den Tag. Nach ihrem Gebote verzaubert War die geräumigste Halle des weiten Palasts in ein lichtes Eden der Freude, bestellt aus des Vorraths Resten ein Festmahl. Mehr war zu schauen des Golds, als der Farben in schimmernder Halle: Unabsehbar erstreckte, gekreuzt, sich die prangende Tafel Hin durch die Läng' und Breite des Saals. Von der goldigen Decke Hingen herab Kronleuchter, wie Kränze gestaltet, und zierlich Mit einander verwoben durch Blumengebinde. Die Wände Waren verkleidet mit Sammt, durchwuchert von goldenem Stickwerk: Aber in blendendem Schimmer, zu Pyramiden gethürmt, stand Ringsum vertheilt in der Halle, der Schatz des sionischen Reiches: Gold und Silber gehäuft, Erzbilder und blanke Gefäße, Opfergeräth, Monstranzen und Kelche, aus Kirchen und Klöstern Stürmend erbeutet; dazwischen die Fülle der edel-metall'nen Reichen Patrizierhabe, geliefert auf's prangende Rathhaus Nach des Propheten Geheiß: Goldschalen, kristall'ne Pokale, Flimmerndes Silbergeschirr. Und daneben Korallen und Perlen, Edles Gestein, buntschillernd, und funkelnde Ketten und Spangen, Gürtel und Prunkkleinode noch sonst, von Vätern auf Enkel Manch' Jahrhundert vererbt in Münster: das stralte gesammelt, Stand zur Schau als ein reicher Bazar, wie nur Märchen ihn schildern. Auch durch die Mitte der Tafel, der riesigen, welche gekreuzt sich Streckte den Saal entlang auf zierlich geschnörkelten Stützen, Lief wie ein schimmernder Steg eine Reihe von lichten Kleinoden, Theile des Sionsschatzes, des großen; und, wechselnd mit diesen, Standen Gerichte zur Weide dem Aug' , nach dem Brauche der Zeiten, Eß-Schaubilder , geschnitzt und bemalt, Kleinode sie selber. Aber ein Blumengewinde verband auch der riesigen Tafel Gleißenden Prunkaufsatz; Ziersträucher sogar, mit candirten Früchten behangen, erblühten dazwischen. Zu Häupten der Tafel Glänzte das Wappen von Sion, umkränzt mit Rosen und Lorbeern . . . Bei dem Beginne des Mahls anregte den Gaumen der scharfe Salzige Nordseefisch. Ihm folgte des zäheren Rindes Fülle, gekocht und geschmort, vielfältig verwandelt, und Backwerk, Mannigfaltig geformt: aus ein und demselbigen Stoffe Hatte des Meisters Geschick das Verschiedenste lecker bereitet, Also verdeckend die Noth mit dem prunkenden Scheine des Reichthums. Reichlicher floßen auch hier die befeuernden Weine, die Laune Sämmtlicher Tafelgenossen zu heiterem Muthe beflügelnd. Lips ist gesprächig und sprudelt von Scherzen; die Frauen des Königs Lächeln mit blitzenden Augen und rosigen Wangen; sie essen Marzipan, und nippen aus zierlichen Gläschen den süßen Muskateller daneben; der König ist heiter, ein seltsam Feuer ist ihm in den Augen erglüht, und erhellt ihm das Antlitz. Er ist schön ; sein Wesen, es leuchtet: die Blicke der Frauen Hängen an ihm: sie schauten ihn nie so Herzen-gewinnend. Düster und streng ja zeigt' er sich meist. Nachholt er, so scheint es, Was er versäumt: für Jede nun hat er ein freundliches Wörtchen, So daß eifernde Sucht sich bereits in den Augen der braunen Divara malt. Sie sitzt in scharlachrothem und grellem Prunkstaat neben dem König. Mit gleißenden goldenen Ketten Hals und Busen behängt, um die Stirn einen blitzenden Goldreif, Funkelt sie unter den Frauen hervor, wie unter des Himmels Mildhell leuchtenden Sternen hervor in düsterer Pracht gleißt Ein blutrother Komet. Nachdenklich jetzo und finster Blickt sie, und lacht dann wieder ein triumphirendes Lachen . . . Lips, der gesprächige, trank und aß. Doch am Liebsten versucht' er Sich an den Eß-Schaubildern der Tafel, mit drolligem Unmuth Über den farbigen Tand sich beklagend, der schmählich des Hungers Spotte, indeß er ihn reize. »Ich wollt', es wäre der Aafluß Malvasier«, so rief er, und sämmtliche Schätze von Sion Wären von Marzipan, wahrhaftigem, echtem. Was nützt mir's, Daß so gediegen und echt im sionischen Reiche das Gold ist, Wenn unecht der Fasan und der Pfau, die Pastete, der Kuchen? O du goldenes Sion! was nützt uns der goldene Scepter Noch, und die goldene Kron', und die anderen goldenen Schätze, Wenn die sionischen Nüsse , die gold'nen, die man uns beschert hat, Hohl sich zeigen, indeß wir sie knacken? das flimmernde Rauschgold Ist nun heruntergewetzt, und es knurrt der betrogene Magen! Jan, du mußt es gesteh'n, daß besser doch waren die Zeiten, Als noch der ehrliche Lips van Straaten, der Gaukler, den Scepter Führt' und den Seckel, der Mann, der jetzo geworden zum Schalksnarr'n Seines dereinstigen Volks . . . o du mein goldenes Holland! Säßen wir wieder daheim, o Jan, in der Schenke zu Leyden!« – Also der klagende Lips; und es lachten die Gäste, die wüsten, Bleichen Gesellen, und jetzo begann, zu beschämen den Spötter, Rauschender Klang der Musik, der Drommeten und Pfeifen und Geigen. Schwül ist die Luft und berauschend. In magischem Glanze, berückend, Stralt der sionische Schatz: im Schein unzähliger Lampen Funkelt's und flittert und flirrt, und das Flimmern, so zauberisch unstät, Scheint Unruhe zu sprüh'n in die wild schon erregten Gemüther. Wüst auch wirken die Geister der Traube. Mit nickenden Häuptern Sitzen die Ältesten da, und die jüngeren Männer befeuern Sich zu lüsternen Scherzen und frechem Gelächter. Aus gold'nen Kelchen bezechen sie sich, vor welchen dereinst, wenn des Priesters Hand sie erhob am Altare, das Volk anbetend in's Knie sank . . . Alle die erdfahlbleichen, verfall'nen Gesichter beleben Sich mit gespenstigen Funken, ein lüsternes Grinsen umspielt sie. Aber die wüstesten Zecher beim Königsgelage, das waren Knipperdolling doch immer und Krechting. Sie hielten auch heut' sich, Wie schon lange, zusammen. Der zwerghaft-höck'rige Krechting Schwur, er vertrage noch mehr des befeuernden Tranks, als der durst'ge Knipperdolling; der rühmte sich aber, in Sion der größte Zecher wie Raufer zu sein: und so tranken sie denn um die Wette. Aber beflügelt entschwanden den Gästen die Stunden, und schon war Nahe die Mitte der Nacht; unheimlicher flammten die Augen. Rottmann nur saß schweigend im Kreis, und leise vor sich hin Murmelte Dusentschur, der verrückte, und sah mit den stieren Augen zum Himmel empor, von Keinem beachtet. Es schwirrten Heiser die Stimmen. Da machte vor Andern die kreischende Rede Krechtings sich lauter und lauter vernehmlich. Es hatte von beiden Streitenden Keiner gesiegt – gleichmäßig erlagen sie beide, Knipperdolling und Krechting. Doch Krechting, zu kreischen, zu krächzen Hub er an, wie er pflegte zu thun. Er schrie, zu vermissen Sei noch Manches in Sion; man müsse noch weiter und weiter Geh'n und immer so weiter; man habe die Gütergemeinschaft , Die Vielehe dazu; doch das sei nimmer genug noch: Nein, man müsse nunmehr auch gelangen zur Weibergemeinschaft: Sonderlich müßten von heut an die schönsten der Weiber gemein sein! Schreiendes Unrecht sei's, daß die schönsten der Weiber der König Für sich habe; die Regel in Sion, sie wolle, daß Keiner Etwas noch habe für sich, daß Alles für Alle gemein sei; Warum nicht auch die Weiber? – So rief er; der düstere Rottmann Straft' ihn mit grollendem Blick, doch Andere johlten ihm Beifall Zu in der Runde, und spornten zu reden ihn, weil er ergriffen Eben vom Geist. Fortfuhr er, erwidernd des grollenden Rottmann Blick mit höhnischem Grinsen: »Verlangt ihr das Beste zu hören, Sag' ich: werfet hinaus aus Sion die letzten der Schwärmer! Männer, die Zeit ist da für bessere, neue Verkündung! Matthisson kam, der Prophet, nach ihm der Erkorne von Leyden, Aber zuletzt kommt Krechting. Nur vorwärts, Männer, nur vorwärts! Matthisson hat euch erlöset vom äußeren Wort; doch vom innern Wurde gefaselt sodann, das ein Gott in die Seel' uns geschrieben! Inneres Wort? ich verspüre das nicht! mir hat er dergleichen Nicht in die Seele geschrieben! Und hätt' er's gethan auch, ich frage, Was das kümmern mich soll, und warum ich's sollte befolgen? Nein, nicht schiert mich, was Einer, den ich nicht kenne, gekritzelt Irgendwohin, und wär's auch mir auf den eigenen Rücken. Hab' ich, bevor er gebot, ihm gelobt, daß ich werde gehorchen? » Gut sein « soll ich? Warum? ei, sage nur einmal mir Einer Einen vernünftigen Grund, warum ich's solle, so will ich's! Nein, der gesunde Verstand weiß nichts vom inneren Worte! Schweigt mir vom menschlichen Herzen: das ist nur die hintere Thüre, Welche die sämmtlichen Götzen, Tyrannen und Quäler der Menschheit, Die man zur vorderen Thüre hinauswarf, wieder hereinläßt! G'rade das »innere Wort« ist von allen Tyrannen der schlimmste! – Sünde? was nennt ihr Sünde? nur das, was entgegen der Satzung: Gut, so stürzt sie, die Satzung: so ist auch die Sünde beseitigt, Und ihr wandelt dahin, fehllos, wie die Heil'gen im Himmel. Ei, was will das Gewissen? das will von den Kirschen das Fleisch euch Schnöde verbieten, und gibt euch zu schlucken die steinigen Kerne! Haltet an's Fleisch euch, in's Antlitz werft dem Gewissen die Kerne! Ist so ein selbstlos Wesen der Mensch, daß fremden Geboten Folgen er muß, wie den Lüften der Rauch und die Welle dem Rinnsal? Seid wie der Vogel in Lüften, und wie das Gethier in der Wildniß! Seht, losgeh'n sie auf das, was ihnen behagt, und sie fragen Nicht nach dem Willen des Himmels, sie haben genug an dem eig'nen. Lebt, wie der wandernde Stamm nun seit Jahrhunderten hinlebt! Sehet, die freu'n sich des Lebens als freieste Söhne der Erde! Strolche benennt sie die Welt? Ich aber, ich sage, die Strolche Müssen erneuern die Welt. Gleich ist, was Menschengesicht trägt, Gleich ist also dem Weisen der Strolch: auf, Strolche! die Welt ist Euer, sobald ihr wollt: ihr habt ja auf Erden die Mehrzahl, Folglich die Übergewalt, und das Recht, zu entscheiden die Dinge! Fletschet die Zähne vor Gott! bohrt Eselsohren dem Himmel! Denkt ihr dran, wie ich ließ im Gewitter die Mündung der großen Donnerkarthaune, die steht auf dem Markt, schnurg'rade nach aufwärts Richten und schoß eine Kugel hinauf in den zürnenden Himmel? Sehet, so macht' er's kürzlich, der kleine, der bucklige Krechting! Ei, ihr schüchternen Recken, ihr laßt euch vom Zwerge beschämen?« – Also sprach er, da jauchzten ihm zu die sionischen Männer. Selber der König – warum doch lächelt der König so seltsam Bei dem Gelall des bezechten, des höckrigen kleinen Titanen? Ist ihm jeglicher Groll und jeglicher Ernst in des Rheinweins Goldenen Fluten ersäuft, und hat er die lastende Schwermuth Ganz aus der Seele gespült? – Aus irdischen Banden erhebt sich Wieder, zu heiterer Freiheit erlös't, sein Geist, und zu stiller Göttlicher Ironie ist geläutert die dumpfe Verzweiflung Ihm an der Welt und sich selber. Des himmelanstürmenden Knirpses Kreischen belustigt ihn jetzt, und es wird ihm zur Posse das Schauspiel Eigenen Trauergeschicks. In keck-aussprühender Laune Ruft er: »Bringt mir die Krone herbei, ihr Trabanten, den gold'nen Scepter, den purpurnen Mantel!« Dem Wort des Gebieters gehorchend, Bringen die Diener getragen die Krone, das Scepter, den Mantel. Und es bekleidet sofort mit der Herrschaft Zeichen der Jüngling Krechtings schnöde Gestalt, des taumelnden, wirft um des Rückens Höcker den Mantel ihm her, in die Hand ihm drückt er den gold'nen Scepter, die goldene Kron' auf's Haupt. »Wenn Einer die Krone«, Ruft er, »zu tragen verdient noch in Sion, so bist du es, Krechting, Denn es verkörpert in dir, wie in Keinem, des neuesten Sions Bild sich und höchster Gedanke! Vertausche den Sitz mit dem meinen! Und auch die Schätz' und die Weiber, um die du so sehr mich beneidest, Sollst dein eigen du nennen von heut an, wackerer Krechting! Rufet ihm Heil denn, Männer, dem neuesten König von Sion!« – Sprach's; es erstaunten die Zecher, und Krechting stack wie ein Kobold Grinsend im Königsgewand. Doch er faßte sich bald, und zu kecker Würde sich blähend, sofort mit des Königs vergoldetem Armstuhl Tauscht er den eigenen Sitz, und schwankend, mit drolligem Nicken Dankt er dem Ruf: »Hoch lebe der neueste König von Sion!« Und aus dem Becher ergänzend das vollere Herrscherbewußtsein, Schlürft in gewaltigen Zügen er sprudelnde Fluten, bis endlich Ganz die Gedanken sich ihm in dem trunkenen Haupte verwirren, Und er nur stammeln noch kann von »Vorwärts«, »Weibergemeinschaft«, »Größerer Freiheit in Sion«. Zuletzt dann wendet er täppisch Sich zu den reizenden Weibern, die ihm zur Seite nun sitzen, Ihm nun gehören. Er lächelt sie an mit blinzelnden Augen, Will liebkosend ergreifen die Hände der einen und andern. Aber mit ängstlichem Schrei abwenden sie von dem gekrönten Kobold sich, von dem Wichte, dem häßlichen; und er bedroht sie, Allen zusammen demnächst abschlagen zu lassen die Köpfe.                     Doch nun wendete Lips van Straaten, der hinkende Schalksnarr, Sich zu dem neuen Gebieter und fragt' ihn, wie er des Kanzlers Amt zu besetzen gedenke, nachdem er König geworden? »Willst du, erhabener König«, so rief er, »für solcherlei Würde Den volkstümlichsten Mann und den frei'sten in Sion, so nimm mich! Weiß doch Jeder in Münster, daß ich es gewesen, der immer Hatte den allergeringsten Respect vor dem früheren König! Wie zum vorigen König du , so pass' ich zum neuen! Denn probat ist die Regel in sämmtlichen Reichen der Erde: Herrscht als König ein Narr , so erkieset den Schuft er zum Kanzler, Herrscht als König ein Schuft , so nimmt er zum Kanzler den Narren! Zögere nicht, und mach' mich zum Kanzler, erhabener König!« – Sprach's, da schmunzelte Krechting, und nickte mit trunkenem Haupt ihm Gnädig zu; dann lallt' er: »Sei Kanzler in Sion, du Schalksnarr!« Neben den König nun setzte sich stolz der erkorene Kanzler, Und zu den Männern im Kreis, die mit glasigen, triefenden Augen Zechend vor sich hin sah'n und die Wandlung der Dinge bestaunten, Sprach er: »Ihr Bürger und Häupter von Sion, es ziemt euch fürwahr nicht, Mich zu beneiden; denn kommt nur die Gnadenlavine des Königs Einmal in's Rollen, da werdet ihr sehen! Erobern die Welt wir, Vicekönige, denk' ich, und Erbstatthalter und And'res Braucht er in Menge sodann: nicht überall kann er ja selbst sein. Ei, da gilt's zu vertheilen die Länder. Da finden zuletzt sich Pfründen für Alle. Nun seht, ihr Männer, ich bin in der Welt rings Viel umher schon gekommen, ich hab' schier sämmtlicher Herren Länder gesehn; wenn Einer vermag, sie geschickt zu vertheilen, So bin ich's! Ihr seht, wie er nickt schon, der König; er billigt, Was ich euch sag' als Kanzler. Da ist Churhessen, ein schönes Land, und bequem zu regieren. Wer will's? ei, wackerer Xantus , Nimm dich des Ländleins an, wenn auch nur mir zu Gefallen! Gebhart , tapferer Held, in Lothringen, bitt' ich, und Elsaß Nimm in die Hände die Zügel! Du, Schulze , du laß dir im Schwarzwald Huldigen! Müller , im Thüringerlande, dem schönen, als Landgraf Mach' dir's bequem! Kurt Mayer aus Ulm, als Schneider gewandert Bist du im Ungarland, wie ich höre: wie wär's, wenn als Fürst du Dahin kehrtest zurück? Für dich, Haus Pfeffer aus Nürnberg, Ist Friesland wie gemacht; zieh' hin, und regiere mir's glorreich! Jost van der Schanz , du setz' dich in Wälschland fest; Pomeranzen Blüh'n dir und Feigen alldort! Land Böheim ist für den Tylan , Welcher die Wache da drauß' vor dem Eingang hält so getreulich. Portugal, ei, potz Blitz! da glüh'n goldfarbig die Weiber, Und goldfarbig der Wein! Hör', wackerer Knipperdolling , Wenn ich's einem vergönne, das Land, dir will ich es gönnen! Wenn sie dich krönen, so denk' an mich, und laß bei dem Festmahl Leben den ehrlichen Lips im goldenen Wein von Oporto!« – »Wie?« fiel hier in die Rede dem ehrlichen Lips van Straaten Xantus, der einstige Fleischer, der jetzo am Meisten bezecht war; »Wenn im dortigen Land die erlesensten Weiber gedeihen, Und die erlesensten Weine, so mag Churhessen ein And'rer Nehmen; ich selber verlange nur König zu sein von Oporto!« – »Narr!« entgegnete zornig der trunkene Knipperdolling; »Was? Churhessen verschmähst du? für dich ist's lange zu gut noch!« – Wild aufbraus'te der And're sofort. In sionischen Männern Waren die Nerven gereizt zu krankhaft zitternder Spannung, Rasch und mächtig erglomm in dem siechen Geblüte die Wallung. Und so kehrte sich Xantus mit krampfhaft wüthigem Faustschlag Über den Tisch nach dem Haupte des rasch ausweichenden Gegners. Aber anstatt des bedroheten Haupt's baß traf er des Tisches Kante: den Tisch nicht brach er, den eichenen, ehern gefügten, Aber die schwammigen Knochen der Hand, daß er ächzend zurück sank. Also befehdeten dort zwei trunkene Männer von Sion Sich um die Länder der Erde mit grollender, wilder Erbitt'rung . . . Nur mit Mühe beschwichtigt den drollig-unheimlichen Wettkampf Lips van Straaten, der Narr. Und es eifert der trunkene Krechting: »Lasset den Zank um die Länder: ich will für die heutige Nacht erst Theilen die Weiber, die jetzt zwar spröde noch thun: doch gewöhnen Müssen sie sich fortan, alltäglich zu wechseln die Gatten!« – Und er beginnt sofort zu vertheilen die blühenden Weiber. Diese gewährt er dem Kanzler, dem neuen, die and're dem Tilbeck, Und so Anderen And're. »Und mir?« lallt trunkenen Muthes Knipperdolling entgegen dem Freund. Da lachte der wüste Krechting: »Dir geb' ich die Schönste, die Königin Divara selber! Nimm sie hin und erfreu' dich an ihr!« – Erst fühlte geschmeichelt Sich durch das schöne Geschenk der gewaltige Knipperdolling. Und er erhob mit galantem Gegrinse sich taumelnd. Des alten Grolls nun schien er vergessen zu wollen, der stets ihm die braune Königin hatte verleidet. Er nahte sich ihr, doch die Stolze Stieß hohnlachend den Trunk'nen zurück, daß taumelnd er hinfiel. Fluchend nun lag er am Boden und stieß mit der Wuth des Berauschten Häßliche Schmähungen aus, und schwur, er habe die Braune Immer gehaßt, die werth, daß nach Hexengebrauche mit Kerzen Man ihr bestecke den Leib, bei Satansfesten zu leuchten . . . Gräulich verzerrt das Gesicht sich des tückischen Krechting, und heimlich Bebend befiehlt vor die Thür' er zu werfen den schmähenden Saufbold. Und dann wieder beginnt er umher zu vertheilen die Weiber. Doch zu gering war die Zahl; und es stritten die wankenden Männer Sich um die Weiber alsbald, wie zuvor um die Länder der Erde. Aber gar seltsam lächelnd begann jetzt Divara: »Hört mich, Männer von Sion! Ich war's, die zu Gaste hieher euch gebeten! Mir obliegt es zu sorgen, daß kräftig gedeihe die Festlust. Immer noch Solche gewahr' ich, die mürrisch dahier und verdrossen Sitzen im fröhlichen Kreis. Ei, sind der sionischen Männer Sinne geworden so stumpf? und stärkerer Mittel bedarf es, Um sie zu reizen, zu spornen? Wolan, so laßt mich vorerst noch Füllen die Becher mit ander'm Getränk, mit dem Besten, was Sions Keller verbargen bis heut'!« – Sie winkt, und dunkelgelockte Diener gehorchten dem Wink, in kristall'nen Gefäßen kredenzend Duftiges Naß, weißblinkend und hell, das, in Becher gegossen, Schäumt' und gährte mit Macht und wie flüssige Glut in den Kehlen Süßlich brannte. Die Augen der Männer begannen zu leuchten, Und es umspielte die Lippen ein wonnig-heiteres Lächeln. Aber es winkte von Neuem die Königin. Siehe, da schwebten Plötzlich herein in die Halle die reizendsten Weiber, und lächelnd Ihnen voran ein Knäblein. Das Knäblein trug in den Händen Schwebend die zierlichste Lampe, die hell mit rosigem Lichtschein Glomm, und alle Gestalten im prangenden Saale mit hohem, Lieblichem Zauber umgoß. In diesem verklärenden Lichte Schwebte die lächelnde Schaar liebreizender, holder Gestalten. Mitten in's düstere Treiben herein der sionischer Zecher, Sprangs wie ein Reigen verscholl'ner hellenischer Göttergebilde. Jugendlich frisch und blühend, erstralend in heiterer Schöne, Schwebten sie her und hin und begannen zuerst nur bei sanftem Flöten- und Saitengetön in Gruppen und holden Symplegmen Jeglichen Reiz zu entfalten. In pantomimischen Spielen Wagten und schmiegten sie sich als arkadische Schäfer und Jungfrau'n: Neckisches Haschen und Flieh'n, süßlockendes Winken und Trotzen, Schüchternes Schmachten zuerst, dann stürmisches keckes Umwerben, Zärtliches Tändeln, zuletzt obsiegende, feurige Liebe: Solches erschöpften sie spielend, die lächelnden Zaubergestalten, Wandelnd dahin in tänzelndem Schritt, dann wieder auf weichen Teppichen ruhend, und hold sich umschlingend, wie Liebende kosen, Traulich allein. Doch plötzlich verstummten die weichlichen Flöten Und es erscholl, wildlärmend, bacchantisches Rauschen und Sausen, Cymbel und Tamburin – und empor vom Boden aus sanften Liebesumschlingungen rissen, in stürmischer wilder Erregung, Sich die Entflammten und drehten in rasend-beflügeltem Schwung sich. Und hinblickt auf den Reigen, begeistert, der Männer von Sion Trunkener Schwarm. Da erlischt die gemeine, die wüste Berauschung Ihnen im Haupt, und zu höherer Lust aufregt sie der Zauber Dieser berückenden Schöne. Sie selbst auch leuchten wie Götter, Kräftig, blühend, verjüngt im Scheine der magischen Lampe. Und Jan selber, entrissen auf ein Mal des lächelnden Hohnes Schnödem Gefühl, das im Herzen das wüste Getrieb ihm erregte, Blickt in den Schönheitsreigen mit neu sich belebenden Augen: Und noch einmal befeuert das leben-verlangende Herz ihm Dies aufregende Tosen der Cymbeln, der wogende Rhythmus Und der befeuerte Tact, und der wilde, bacchantische Tanzschwung. Und die Begeisterung schwellt, mit Wehmuth leise sich mischend, Hoch ihm das Herz. »Ei«, spricht er zu sich, »es berührt mich die Schönheit Einmal noch, und die Lust , mit ihrem berückenden Zauber? Seit ich lebe, war immer nach heiterer Freude die Sehnsucht, Jegliche süße Berauschung des Geistes und Herzens verschwistert Eng in mir mit dem Streben nach Hohem und Reinem und Edlem. Ist's so Menschengeschick? ist's nur der Unseligsten Erbtheil? Ach, warum ist die Freude, der heitere Jubel der Sinne, Hier auf Erden geknüpft an's Besudelte, Schnöde, Gemeine? Aber im Schmutze sogar, o Freude, du Tochter des Himmels, Trägst du berauschend die Spur noch der hohen und himmlischen Züge! Weht dein Hauch noch einmal mich an? Schwül duften die Blumen Vor dem Gewitter, und schwül auch duften der Freude, der Schönheit Blüten einher vor dem Schritt des sich düster erfüllenden Schicksals« . . . Und so ergriff auch ihn die Berauschung. Nur Lips, in ein grelles Spöttisches Lachen, um sich her die Mienen Verzückter gewahrend, Bricht er aus – was soll es bedeuten, das gellende Lachen? Aber es warfen entflammend-verlockende, minnige Blicke Während des Tanzes die holden, die feurigen Weibergestalten Auf die entflammten Betrachter. Es tritt aus den Reihen der Schönen Manche mit Lächeln heraus, um die Liebebethörten zu necken, Und mit Gekos' und Geplauder den zärtlichsten Wink zu erwidern; Andere werden gehascht mit Gewalt aus dem schwebenden Tanzschwarm Bis zuletzt, wie sich löset ein Kranz, aus welchem man spielend Blum' um Blume gezogen, sich löset der prangende Reigen. Fröhlich wiegt auf den Knieen ein reizendes Weib nun ein Jeder. Jan auch, dem Sinnenden, nähert sich schmeichelnd die Schönste der Schönen: Aber es schreckt sie zurück das Geknurr der gewaltigen Hunde, Die zu den Füßen des Jünglings ruh'n. Doch die Anderen wiegen Lachend die Weiber im Schooße, begierig nach Kuß und Umarmung. Aber der Schalksnarr Lips, er springt wie ein Toller mit Possen Zwischen den Paaren umher, und plötzlich, scherzend und lachend, Stößt er, unwissend, so scheint's, und tölpisch, die magische Lampe Dröhnend vom Tische herab –                                                   Da starrt mit Graus und Entsetzen Auf die Gestalt, die er glühend noch hält in umschlingenden Armen, Jeder sionische Zecher: es grinsen die reizenden Weiber Frech, zigeunerhaft-roh, hohläugig und runzlig und hager Ihnen entgegen, mit welken und schwammigen Gliedern, mit gelben, Wüsten, verbuhlten, in höhnischer Lache verzerrten Gesichtern: Aber sie selbst auch, die Männer von Sion, entsetzen der Eine Sich vor dem Anderen jetzt, denn sie blicken sich an mit den bleichen Zügen, den hager-verfall'nen, gespenstig – als jenes entstellte Menschengebild, das aus ihnen zu formen begonnen die Wollust , Und vollendet der Hunger . . . So steh'n sie in dumpfer Erstarrung Schweigend: es tönt um sie nur das grelle Gelächter des Schalksnarr'n Hin durch den dampfenden Saal. Inzwischen, von Keinem bemerkt, ist Krechting, der neueste König, gesunken mit Scepter und Krone Hinter den Tisch, vom Weine bewältigt. Der brütende, düst're Dusentschur hat den Finger getaucht in verschüttete Reste Des glutsprühenden Tranks: wahnwitzig beschreibt er die Wand jetzt Mit dem befeuchteten Finger. »Was kritzelst du?« fragt ihn der Schalksnarr, Nähernd der Wand ein Licht: Da entzünden sich bläulich die Zeichen, Und aufleuchtet in flammendem Zug » Mene tekel upharsim «, Wie es geleuchtet dereinst bei dem Königsgelage Belsazars. Wieder nun lachte der Narr. »Da seht wie geartet der Trank ist, Den man euch heute credenzt – er brennt an der Wand wie im Leibe!« – Schauder ergreift die Erstarrten – und todstill war's in der Halle – Horch – da erscholl, dumpfdröhnend, ein mächtiger Donner vom Markt her: Dann ein Büchsengeknatter; auch wüstes, wirres Geschrei scholl Zu dem Palaste herüber. Die Männer – ein doppelt Entsetzen Faßt sie. Da stürzt ein Bote, der hinter sich her eine Blutspur Zieht, mit dem Rufe herein: »Zu den Waffen!« Er ruft es, und bricht dann Sterbend zusammen.                                   Gekämpft auf dem Markt ward eben ein kurzer Grausiger Kampf. – –                                     Ruh' hatte geherrscht bis heut' in des Bischofs Heer, und mehr als je heut' schien sie zu herrschen im Lager. Aber hinaus war geschlichen zu Wilcke, dem Tapfern, aus Münster Einer vom wandernden Stamm; der sprach: »Herr, reif ist der Apfel, Komm', ihn zu pflücken! Die Männer von Münster, in wilder Berauschung taumeln sie heut' umher, wehrlos und kraftlos und sinnlos: Komm' um die Mitte der Nacht, und du findest entriegelt das Kreuzthor Für dich selbst und die Söldner!« So flüstert der schleichende Bote Wilcke, dem Tapferen, zu, dem Feldhauptmann, an dem Tage, Als nach Hamm war geritten mit sämmtlichen zaudernden Räthen Wirich, der Kriegsfeldherr . . .                                                 Und Wilcke gedachte des Schwures . . . Und er rüstet die Seinen, erwartend die nächtliche Stunde. Und als gekommen die Stunde, da führt er gegen das Kreuzthor Sacht die bewaffneten Schaaren, und trifft es entriegelt, und harrend Steht am Thore der braune Verräther, zu leiten die Söldner Still durch verödete Gassen. Verkommene wüste Gestalten Ruh'n auf den Boden gestreckt. Sind's Todte? Berauschte nur sind es . . . Aber aus dumpfer Berauschung empor nun taumelt erschrocken Mancher der marklosen Streiter, den hallenden, dumpfen Gewaltschritt Wandelnder Krieger und Eisengeklirr in den Straßen vernehmend. Ja, sie taumeln empor, mit fieberndem Haupt, und mit starrem Aug' anglotzend den Feind: schon sind sie Gespenster, bevor noch Sie hinmetzelt am Weg im Vorwärtsschreiten der Söldner. Aber was treten hervor die Gestalten vergangener Tage, Lange verschollen in Sion? Die treu noch Geblieb'nen, die Ernsten Sind es, die einzig bewahrt noch den Funken des einstigen Feuers: Matthissons alte Cohorte, verlacht seit lange, verspottet. Wenige sind's: kaum fünfzig sionische Männer: aus bessern Tagen ein spärlicher Rest. Sie treten hervor und sie schaaren Sich auf der Mitte des Marktes, gewaffnet, zu eherner Phalanx, Und, entrollend noch einmal das heilige Banner von Sion, Stimmen noch einmal sie an den verschollenen Psalm des Propheten Matthisson, den erhab'nen Choral der Wiedergetauften, Welcher vor Münsters Thoren erscholl nach dem schönsten der Siege: Wüthig stürzen die Söldner heran auf die todesgeweihte, Düstere, bleiche Cohorte der letzten sionischen Streiter. Schwächer und schwächer erklingt der Choral – das besudelte Banner Sions, es badet sich rein noch einmal im Blute der letzten Anabaptisten, der letzten vom Bunde der Freien und Reinen, Die da geträumt in begeisterter Seele, die Welt zu erneuern . . . Aber im Domhof d'rüben, im hohen Palaste des Königs, Als sie vernommen den Boten, die bleichen Genossen des Festmahls, Und von dem Marktplatz her das Geknatter, da kam die Besinnung Halb den Berauschten zurück. Zu den Scheiben der Fenster in Eile Stürzend, und prallend zurück, und mit stummem Entsetzen hinabwärts Deutend einander, erblicken sie feindliche Lanzen im Domhof Blitzend, und Fackelgeleucht, und Schaaren der Söldner, umstellend Im Halbdunkel der Nacht den Palast. Durch Säl' und Gemächer Sinnlos eilen sie hin, die betäubten Genossen des Festmahls, Suchend ein heimlich Asyl. Die halb sich ernüchtert, sie taumeln Über die völlig Berauschten, die schlafend noch liegen am Boden. Aber zu Jan, dem König, der schweigend, mit blitzenden Augen, Steht in der Mitte der Halle, die Hand am Griffe des Schwertes, Laut umbellt von den Rüden, den immer getreuen Gefährten, Kehrt im Vorbeigeh'n flüchtig sich Lips van Straaten, der Schalksnarr. »Jan, nur Geduld!« so spricht er vertraulich; »das närrische Stück, gleich Geht es zu Ende; der Vorhang sinkt, es verlöschen die Lichter. Wirf in die Ecke den Trödel und geh' zur Ruhe; du hast dich Wacker gehalten, so wie ich's erwartet: mit leidlichem Anstand Hast du die Davidsrolle gespielt; mit besserem Anstand Freilich, als Glück und Dank! Denn das Stück, das war ein verdammtes Stück, ein wunderlich-krauses . . . Zur Ruh', Freund Jan! – Für den Ausgang, Und für den kräftigen Schluß, laß mich noch sorgen, den alten Lips van Straaten, den Gaukler, den Führer des Trupps, der auf Solches Sich doch muß am Besten versteh'n . . . zur Ruhe, du junges Blut, zur Ruh'! Schlaf süß, und träume von besseren Dingen, Als von der irdischen Welt und der traurigen Posse des Lebens!« – Flüchtig so im Vorbeigeh'n sprach zu dem schweigenden König Lips. Dann faßt' er am Arme den riesigen Tylan, der eben, Mit einer Fackel in Händen, wie sinnlos ihm in den Weg lief. »Komm, Freund Tylan!« so sprach zu dem schweifenden Riesen der Schalksnarr. »Komm mit mir!« – Und es folgt ihm nickend der Träger der Fackel. Aber es führte den Riesen der Narr in des räumigen Hauses Untersten Keller hinab. Da lag umher in dem weiten Düstern Gewölbe gehäuft von Gewaffen unzähliger Vorrath: Schwerter und Feuergewehr, und eiserne Panzer, und Haufen Riesiger Kugeln dabei. Und es stand in der Mitte des Kellers Eine gewaltige Tonne . Ihr nahte sich Lips, und den Deckel Hob er herab und beguckte mit seltsamem Grinsen den Inhalt . . . »Tylan!« sprach er sodann, wie toll, mit närrischem Lachen, »Weißt du es wol, was der Bischof thut mit dem König von Sion, Wenn er ihn hat in Händen? nun, hör', ich will es dir sagen! Nicht soll bleiben ein Stein auf dem andern in Münster und Alles, Was nicht tödtet das Schwert, ist verfallen dem Stricke des Henkers, Oder dem Rad, und dem Roste, dem glühenden; aber dem König, Jan von Leyden, dem edlen, mit glühenden Zangen am Holzstoß Wird ihm das Fleisch von den Gliedern, das Herz aus dem Leibe gerissen! Wie von brennenden Mooren und Haiden, so wird sich verbreiten Im westphälischen Land vom rebellischen Fleische der Brandduft! Wackerer Tylan, siehe, so wird es kommen!« – Der Riese Runzelt die Stirn, dann ruft er mit drohender, wilder Geberde: »Laß mich, laß mich hinauf! will schützen den König von Sion, Und mit Hammer und Keule zerspalten den Schädel des Bischofs!« »Halt!« sprach Lips; »halt ein, du Hammer- und Keulengewalt'ger! Diesen da oben ist nimmer zu helfen mit Hammer und Keule! Wir zwei nur, wir halten uns tapfer und trotzen dem Bischof, Hier im Verließ. Da haben wir Waffen; und siehst du, die Tonne – Schad' um die Tonne, die volle, daß nutzlos hier sie der Staub deckt! Komm' nur einmal und sieh'!« – Heran trat, näher dem Faße, Tylan jetzt und blickte hinein. Auflachte der Schalksnarr: »Komm doch zu nah' nicht, Freund, mit der Fackel, du bringst ja den Bischof Sonst um den Spaß, ha ha! wenn etwa platzte der Bowist, Und zugleich mit dem Staube der Königspalast in die Lüfte Flög', und der König dazu, und die, die da oben soeben Nach ihm strecken die Hände, die Söldner des Wilcke – da wär' ja, Haha! schnöd' um das Beste betrogen Capitel und Bischof! Freund, das bedenk! bleib' ferne dem Zündstaub da mit dem Stablicht!« – So rief grinsend der Narr, als Warner, und drängte doch immer Näher der Kufe den Riesen und mit ihm die brennende Fackel – Schwatzend und lachend umher, so stößt er ihn, toll sich geberdend, Hart am Faß. Und schauerlich hallt sein wüstes Gelächter Wieder im grausen Gewölb. Doch die gellende Lache des Schalksnarrn Plötzlich erstirbt sie, verschlungen, verhallt in des berstenden Eimers Ungeheurem Donnergekrach: einstürzt das Gewölbe, Stürzt der Palast: um die Trümmer empor hell schlagen die Flammen . . . Aber bevor vom Donnergekrach des berstenden Eimers Münster erbebt, hat oben im prangenden Saal, wo im grausen Wirrwarr todbleich schwanken die Männer, erwachend der trunk'ne Krechting empor sich gerafft vom Boden. Die Krone vermissend, Die ihm vom Haupte gefallen, entgegen dem König, der ruhig Immer noch steht, umbellt von den Rüden, inmitten des Aufruhrs, Taumelt er, ballend die Faust, und heischt mit Gelall' die verlor'ne Krone von ihm: da stürzt auf den Drohenden wild sich der Rüden Feuriges Paar, und es zucken zerfleischt auf dem dampfenden Estrich Die Gliedmaßen des Wichts. Doch Zeit nicht bleibt mehr, zu schaudern: Söldlinge stürmen herein. Da birst mit Gedonner den Stürmern Unter den Füßen der Grund, und rauchende Trümmer begraben All' die Genossen des Mahls, und alle die Schätze von Sion, Alle die Bischofssöldner, die über die Schwelle gedrungen. – – Doch wie durch Zauber erhalten ist Jan von Leyden, der König, Unter den stürzenden Trümmern: im Sturz ihm zu schützender Wölbung Haben sie über dem Haupt sich gefügt. Zwar sind ihm die Sinne Schaudernd geschwunden im Donnergedröhn der zertrümmerten Mauern, Doch wie vom Scheintod Einer erwacht in der Gruft, so der Jüngling Jetzt im schaurigen Dunkel.                                             Da faßt eine glühende Hand ihn Plötzlich am Arm und zieht ihn fort durch's finstere Grauen. Und so weiter und weiter auf endlosem Pfade gerissen Fühlt er sich; undurchdringlich umgibt ihn immer das Dunkel. Dumpf und schwer ist die Luft. Entführen ihn unter dem Erdreich Geister der Tiefe? doch plötzlich trifft sein glühendes Antlitz Freier, erfrischender Hauch. Wo ist er? um's Auge geworfen Fühlt er Hüllen, und dann mit Gewalt sich gehoben, gebunden Auf ein stampfendes Roß. Und er hört noch andere Rosse Schnauben im thauigen Hauch. Fort jetzt auf den schnaubenden Rossen Geht's durch die finstere Nacht. Er lauscht. Horch – donnernde Brücken! Horch! nun knirschet der Sand! horch, horch, auf der Haide der Ginster Ist's, was da flüstert im Wind – nun braus't es von heiseren Wassern – Horch, wie das Mühlrad rauscht! Nun schweigende Stille der Ödniß – Nur noch das Stampfen und Schnauben der Rosse. – So weiter und weiter Geht's durch die finstere Nacht in sausender, brausender Eile. Rauscht nicht Blättergesäusel nunmehr? Vom Sattel gezogen Fühlt sich der Jüngling jetzt, und geführt mit verbundenem Aug' still Aufwärts über Geröll. Dumpf kreischende nächtliche Vögel Flattern ihm über dem Haupt. Wann endet die schaurige Wand'rung? Unmuth schwellt ihm die Seele. Gedrängt durch Felsengeschiebe Wird er mit schnöder Gewalt. Nun glaubt er inmitten der Felsen Einsam gelassen zu steh'n. Da fallen vom Aug' ihm die Binden. Aber ein Schimmer bewältigt den eben erschlossenen Augstern Blendend: vom nimmer Erwarteten prallt er versehrt wie ein Fühlhorn Ab. Nicht Mond und Sterne zu Häupten erblickt der Betroffne. Über ihm dehnt sich, bestralt von rosigem Licht, eine Wölbung Weithin im Felsengeklüft. Und geschmückt ist die prangende Grotte, Wie die kristallene Behausung der Stromfei, oder des Berggeists Halle, von Gnomen erbaut. Und die flimmernden Wölbungen starren In phantastischer Pracht, und schwellende Teppiche glätten Zum einladenden Pfühl den verborgenen, zackigen Felsgrund. Aber entgegen dem Jüngling hebt sich lächelnd die braune Königin Divara wieder. Im tieferen Grunde der Halle Dämmerts von braunen Gestalten. »Wo bin ich?« ruft er mit Unmuth. »Laß mich von hinnen, o Weib! Mir ist, als stürzte die Wölbung Über mich her! Was willst du von mir? Weib, sage, wo bin ich?« – Divara lächelt und führt durch felsige Pforten den Jüngling Schweigend hinaus. Da erstaunt er. In nächtlicher Öde der Davert Steht er auf ragendem Fels: auf derselbigen Warte, wo vormals Matthisson ihn getauft aus dem brausenden Sturz der Gewässer, Wo er mit weihenden Worten das Haupt ihm unter dem lichten Sternengezelte benetzt, zum Bund' ihn der Wiedergebornen, Wiedergetauften geweiht, zum Bunde der Freien und Reinen! Wieder nun standen die Stern' am Himmel und funkelten. Wieder Ging ein Gesäusel dahin durch die träumenden Wipfel der Kiefern. Und wie der Jüngling stand mit dem leuchtenden Meister von Harlem, Steht mit dem Weib er jetzt auf der felsigen Höhe des Waldes, Vom Mondlichte bestralt: zwei ragende, stolze Gestalten, Still umweht von den Schauern der Einsamkeit und des Nachtgrau'ns. Träumerisch klang durch die Nacht hin das heisere Brausen des Waldstroms. Aber es schmiegte das Weib sich mit schmeichelndem Laut an den Jüngling: »Bist du zufrieden, o Jan? seit Monden gehöhlt war der Fluchtweg Tief in der Erde für uns: den erlesensten meiner Getreuen War er vertraut; und hier in den heimlichen Grotten der Davert Ist von den Meinen ein sich'res Asyl uns für Wochen bereitet. Sieh', es erschließt für uns sich der schimmernde Saal in der Felskluft, Prangend geschmückt, wie von Gnomen erbaut für den Fürsten der Geister. Da nun halten wir Rast: da hüten wir mit den Getreuen Unsern Besitz – o wisse: Juwelen und schimmernde Perlen, Gold'nes Geschmeid, und edles Gestein, des sionischen Schatzes Köstlichste Fülle, der Scepter sogar und die schimmernde Krone Blieb dir gerettet, o Freund! In der sicheren Grotte der Davert Bergen den Schatz wir, bis freier geworden im Lande die Pfade, Und bis sicher wir mögen entflieh'n, weit über die Grenzen, In ein blühendes Land, wo reich wir und üppig und prangend Wieder im stolzen Palast uns freuen der Liebe, des Lebens!« – So das verlockende Weib. Doch in flammenden Augen erhab'nen Zorn, rief Jan: »Entweiche von mir, entweiche, du braunes Weib – dein höllischer Zauber, du dunkle, bezwang mich im Leben , Aber ich triumphier' im Tod! Zum Lichte, dem reinen, Schwing' ich mich wieder empor, und mit dir im Dunkel zurücke Laß' ich, was mich befleckt! Fahr' hin! laß sterben mich einsam!« – Ruft's und wendet sich ab, von hinnen zu schreiten. Sie aber Faßt noch einmal ihn an mit gewaltiger Hand, und mit wilden, Weit sich erschließenden Augen, umwogt vom entfesselten Haupthaar, Steht sie verlockend vor ihm in diabolischer Schönheit . . . »Weiche von mir«, ruft Jan auf's Neue, mit flammenden Augen; »Weiche von mir! Du erscheinst so voll mir des Grau'ns, wie der Dämon, Der so schmählich verwüstet das hoffnungsfreudige Sion! Weib, entweiche! die Hand, die du lockend mir reichst, ist die schnöde Teufelsfaust, die nach Blüten des Himmels, so oft sie auf Erden Prangend sich wollen entfalten, die neidische Hölle heraufstreckt! Weib, dein Lächeln, es ist unheimlich mir, wie des Satans Ewiger Hohn, ja, die ew'ge, die höhnische Lache des Satans Über des Menschengeschlechts urewige thörichte Schwachheit, Ewig strebenden Drang und ewiges schnödes Ermatten – Über den ewigen Tod des erhabensten Wollens in grauser Selbstsucht, und des Erglühens, des schönsten, in rascher Erkaltung: Weib, dein Wort, es erklingt mir, wie Sprüche des tückischen Zaubers, Welcher den Geist zum Gespenst und den Gott im Menschen zum Teufel Ewig verzerrt – zur Frazze verwandelt den reinen Gedanken, Wenn er in's Dasein tritt – und zum Aase das Wort, wenn es Fleisch wird – Weib, im Aug' dir spiegelt die Chaosnacht sich, die alte, Ja, die unselige Nacht, die kindesmörderisch ewig Wieder verschlingt das Licht, das, befruchtet vom Geist, sie geboren . . . Weiche von mir!« –                                 Er ruft's. Sie ergrimmt – sie ergreift ihn gewaltsam In unbändigem Drang, wie die Windsbraut oder ein Dämon, Der den Verdammten entführt. Er aber, ein zürnender Held nun, Ringt mit ihr, in grausigem Kampf: beim Scheine des fahlen Mondlichts, hoch auf der Warte des felsigen Hangs, wo der Abgrund Steil abfällt und sich unten verliert in schaurigem Dunkel, Ringen sie: wild, wie der Cherub ringt mit dem Geiste der Tiefen, Ringt mit dem Weibe der Jüngling. Titanische höhere Kräfte Fühlt er erwacht in den Armen: und gleich wie der Adler den Schakal, Den er vergeblich bekämpft auf irdischem Plane, nach aufwärts Mit sich reißt, wo er leicht ihm obsiegt, im heimischen Luftreich – So faßt Jener das Weib, und hält es mit ehernen Armen Über dem Boden empor, daß es, schwebend gelöst von des Erdreichs Sicherem Halt, sich windet, von seinen Gewalten verlassen, In ohnmächtigem Grimm; und »Hinab mit dir in den dunklen Schlund, du Tochter der Nacht!« so ruft er, und schleudert obsiegend Tief sie hinab in die Schlucht: wild tanzen und stieben des Waldstroms Schaumglanzfunken um sie, wie der Willkommjubel des Abgrunds . . . Aber vom Felsengeklüft her scholl's wie Dämonengewimmer. Durch das Geblätter des Walds ging wilderes Rauschen – die Eulen Kreischten in Lüften. Von fern durch die Nacht, aus den Sümpfen der Nied'rung Scholl Rohrdommelgestöhn mit satanisch-unheimlichem Klange . . . Neu aufathmet der Sieger und leuchtenden Blickes zum Himmel Schaut er empor. »Nun schwebe hernieder zu mir, du Befreier, Sühnender Engel des Todes!« so ruft er . . . »Ich danke dir, Tylan, Der du geschliffen ein Schwert für mich in der Öde der Davert Hier, in derselbigen Nacht, da der schwärmende Meister zu hohem Schicksalskampf mich berief. Von sämmtlichen Schätzen in Sion Hab' ich werth es geachtet und nie von der Seite gelassen: Nun ist's der letzte Besitz mir: die Welt mir damit zu erobern, Hab' ich gehofft; nun wol! eine Welt mir damit zu erobern, Seh' ich gekommen die Stunde: die Welt zwar nicht, die ich meinte – Nein, eine andere wird, eine bess're , der Stahl mir erschließen« . . . Sprach's, und erhebend das Schwert, abstreift von der Brust er die Hülle Sich mit der Linken. Da fällt vor die Füsse hinab ihm ein Röslein – Rührung beschleicht ihm das Herz. »Bei der ich unendlichen Glückes Traum eine Stunde geträumt, sei du mein letzter Gedanke«, Ruft er; »die Stunde des Glücks, lichtvoll aufwiegt sie ein ganzes Leben voll Schicksalshohn, voll schmerzlichen Ringens. O Hilla! Seit du mir dich entrissen, entschwand mir das schöne Vertrauen Auf mich selbst und die Welt und auf alles Erhabne und Edle. Doch mit der Knospe, die wieder mit hellen, geläuterten Augen ich schaue, Die sich zur Rose mir nicht entrollt, doch zur Perle versteint hat, Kehrt mir der liebliche Glaube zurück an das Ewige, Hohe, Und an das winkende Glück, das in grauender Ferne die Menschheit Ewig erblickt: ja ich glaube daran auf's Neue: wie hoch es Schweben auch mag und wie rasch unheiligen Händen entschwinden, Die es zu haschen vermeinen: als reifende Frucht in der Schooß einst Wird es den Würdigen fallen! so jauchzt das vertrauende Herz mir, Und in diesem Vertrauen umarme der sühnende Tod mich!« Also ruft er. Es hebt sein Aug' in des leuchtenden Äthers Halle noch ein Mal sich. Und nun wieder in dämmernden Lüften Flattern die weißen Gewölke, wie Züge der Geister: zu streiten Scheinen sie gegen einander mit blinkenden Schilden am Himmel, Über dem Plan, wo erglänzen die Zinnen von Münster im Frühlicht. Und wie verzückt empor blickt Jan. »Nach gewaltigen Schlachten« Ruft er, »kämpfen die Geister noch fort der Erschlag'nen im Luftraum – Also berichten die Sagen: so wird der sionische Kampf auch Weitergekämpft noch in Lüften – ja weitergekämpft noch in großer Geisterschlacht: und wer weiß, wie zuletzt noch fällt die Entscheidung? All' dies irdische Lanzengeklirr und Schwertergerassel, Eitel Getöse nur ist's; in den Wolken die Kämpfe der Geister , Sie nur sind es zuletzt, die entscheiden der Menschen Geschicke! Kämpft ihn denn aus, ihr Geister da oben im leuchtenden Äther, Kämpfet ihn aus, ihr, den Kampf des sionischen großen Gedankens , Daß er leuchtend und hehr, von trübender Schlacke geläutert, Noch obsiege dereinst. Doch den sterblichen Kämpfern , die todwund Sinken mit Speer und Schild in den Staub der besudelten Wahlstatt, Müde des Lebens, und müde des Strebens, und müde des Irrens – Diesen vergönnt sei die Rast in der heiligen Stille des Todes!« – Ruft's, und zücket den Stahl: und das jugendlich-blühende Leben Blutend verhaucht in der Öde, von Stralen des Morgens umfunkelt, Einsam Jan von Leyden, der König der Wiedergetauften. – Und nun dämmert der Tag. Es steht blutfarbig im Osten Hoch ob Münster das Morgenroth. Blutroth ist der Himmel, Blutroth ist in den Straßen von Münster der Boden, und blutroth Wälzt, von Leichen geschwellt, dahin sich durch Münster der Aafluß. Niedergemetzelt nun sind auf dem Markt die sionischen Streiter Bis zum letzten. Aus Häusern noch schleppt bei den Haaren der Landsknecht Zitternde Ketzer hervor und durchsticht sie, oder aus Fenstern Stürzt er sie lachend hinab in die Spieße der wilden Gesellen. Einhalt thut nach Tagen dem blutigen Morden der Bischof: Fortan ereilt nicht ohne Gericht mehr den Ketzer die Rache – Nein, erst wird er gefoltert: mit glühenden Zangen zerfleischt dann, Oder verbrannt, wo nicht auf's Rad ihm geflochten die Glieder . . . Und so entschwindet ein Mond. Dann wird's alltäglich und stille Wieder in Münster wie einst. Das Verwegene, Grausige, Tolle, Was da gescheh'n, es bedünket Dieselbigen, die es erlebten, Nur wie ein Traum. Einlenket das Leben auf's Neu' in die alten Bahnen; es ist, als hätte sich niemals And'res ereignet. Ruhig folgt dem Geschäfte des Tag's in den Straßen der Bürger, Ruhig geht er den Markt entlang. Dort sitzt die uralte Bettlerin wieder, wie einst, auf den Rathhausstufen und murmelt: Komme zu uns dein Reich, und führ' uns nicht in Versuchung! – Ruhig kommen und gehen die Monde, die Jahre. Der Mönch steht Vor den Altären zu Münster, wie einst, und von den entweihten Kanzeln spricht er zum Volk; aufhorchet die Menge mit Andacht. Jährlich feiern den Tag mit Pomp im Dome die Priester, Welcher zurücke geführt in die Mauern von Münster den Bischof, Und es feiern die Bürger ihn mit. Es lies't in vergilbten Blättern mit Schauder der Enkel die grause Geschichte der Väter – Kaum noch begreift er es jetzt, wie möglich Solches geworden . . . Aber die Zeit, sie kommt, wo Verschollenes wieder bedeutsam Wird – und sobald sie gekommen, die sinnige Muse bedenkt es. Und so hebt aus des Zeitstroms Flut, der ja ewiger Sterne Spiegel und Grab, dies Bild sie: verständlich dem neuen Geschlechte, Schreckend und spornend zugleich, auf schwebendem Kahne der Dichtung Über den Brandungen rage der leuchtende König von Sion.