Gustav Falke Herr Purtaller und seine Tochter Erstes Kapitel Herr Purtaller machte drei seiner raschen, zappelnden Verbeugungen, bevor er sich auf den angebotenen Stuhl in Frau Köpkes Wohnstube niederließ; als er saß, verneigte er sich noch ein viertes Mal. Frau Köpke, die breit und behaglich ihm gegenüber Platz genommen hatte, hielt eine nicht sehr saubere Visitenkarte zwischen ihren fleischigen Fingern. Eine leise Enttäuschung zeigte sich auf ihrem runden, gutmütigen Gesicht, während sie ihre hellen Augen zwischen der Karte und ihrem Besucher hin- und herwandern ließ. »Hier steht ›Kand‹ vor Ihrem Namen. Heißen Sie so?« fragte sie. Herr Purtaller konnte seine Heiterkeit nicht bezwingen. »Das heißt Kandidat,« erwiderte er lächelnd. »Kandidat Purtaller.« »So, so.« »Ja. Ich bin nämlich von Haus aus Theologe.« »So–o–.« »Ja. Ich habe auch schon auf der Kanzel gestanden. Ja. Kennen Sie Harnack? »Wie heißt der Mann?« »Harnack, der berühmte Harnack.« »So, den,« sagte Frau Köpke, obgleich sie keine Ahnung hatte, wer das sei. »Ja, den. Ich besitze ein Buch von ihm, mit eigenhändiger Widmung.« Herr Purtaller bemühte sich, von oben herab auf sein Gegenüber zu sehen: was sagst du nun? »Wie interessant,« sagte Frau Köpke. »Nicht wahr? Es ist ein Schatz für mich!« rief Herr Purtaller. »Und warum sind Sie denn nicht auf der Kanzel geblieben?« fragte Frau Köpke. »Ich eignete mich nicht zum Theologen. Ich war es nur meinem Vater zur Liebe geworden. Ich studierte dann Philologie, konnte aber nicht ausstudieren, weil mein Vater starb. So mußte ich mir mein Brot als Journalist suchen.« »Ach,« sagte Frau Köpke bedauernd. »Ja, in Merseburg; da schrieb ich die Theaterkritiken, und das war mein Unglück, grade das.« »Das Theater war Ihr Unglück?« »Ja, es wurde meine Leidenschaft, meine Liebe. Ich wollte selbst Theaterdirektor spielen, hatte auch bald eine kleine Truppe beieinander; aber nach einem halben Jahr brach alles zusammen. Und da sitz ich nun.« Auf Frau Köpkes Gesicht zeigte sich ein leises Unbehagen. Herr Purtaller bemerkte das. »Ich weiß, das alles empfiehlt mich nicht sehr; aber ich erzähle es Ihnen, damit Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben. Ehrlich und offen, das ist mein Prinzip. Vertrauen gegen Vertrauen.« »Und nun wollen Sie Stunden geben?« »Ja, darum bin ich hier. Und ich glaube, mein Preis ist nicht zu hoch.« »Nein, das ist er wohl nicht. Eine Mark die Stunde, nicht wahr, Herr Purtaller?« »Eine Mark. Unter dem kann ich es nicht. Ich habe eine kranke Frau.« Herr Purtaller legte sein Gesicht in schmerzliche Falten, und Frau Köpke schüttelte bedauernd den Kopf. Eigentlich war ihr Herr Purtaller nicht sehr sympathisch, aber er war billig, und studiert hatte er auch. Und er hatte ein Buch von dem berühmten Manne – wie hieß er doch gleich? Die Schullehrer nahmen drei Mark für die Arbeitsstunde. Jeden Tag drei Mark, das war ihr zu viel neben dem teuren Schulgeld. Da hatte sie durch die Zeitung gesucht und unter den vielen Offerten die Purtallers ausgewählt, weil sie die billigste war. Herr Purtaller war der billigste, und er hatte eine kranke Frau. Beides machte Eindruck auf Frau Köpke. Sie ließ einen mitleidigen Blick über das magere, schlechtgekleidete Männchen gleiten; sein Kragen war schmutzig und sein schwarzer Rock glänzte speckig. »Dann können wir es ja miteinander versuchen,« sagte sie, »dann will ich den Jungen mal holen.« Sie ging an die Tür und rief hinaus: »Max! Max. komm mal her!« Ein zehnjähriger Junge von kräftigem, gesundem Aussehen erschien und machte schon in der Tür eine linkische Verbeugung vor Herrn Purtaller. »Das ist dein Lehrer,« sagte Frau Köpke, »sei nun auch recht fleißig.« Max versprach es und gab Herrn Purtaller ein wenig blöde die Hand. »Er ist ein gutes Kind,« sagte die Mutter, »und ist auch ganz fleißig. Bloß mit dem alten Französisch und dem Rechnen will es nicht so. Und wenn er Ostern mit in die Quinta will, muß er sich noch recht anstrengen, sagt der Herr Lehrer.« »Ostern kommt er in die Quinta, verlassen Sie sich darauf,« sagte Herr Purtaller mit einer Bestimmtheit, die jeden Zweifel ausschloß. »Das wäre ja schön.« »Er muß!« eiferte Herr Purtaller. »Und er kann, ich sehe es ihm an.« Er hatte sich erhoben, sichtlich froh, daß er die Stelle erhalten hatte. Er verabredete die tägliche Stunde, ließ sich Maxens Bücher zeigen, war sehr aufgeräumt, lächelte viel und sprach mit der Wichtigkeit eines Mannes, der sich auf verantwortungsvollem Posten weiß. »Wie er sich freut, der arme Schlucker,« dachte Frau Köpke. »Trinken Sie ein Glas Wein, Herr –?« Sie suchte nach seinem Titel. »Kandidat, Kandidat Purtaller,« half er verständnisvoll aus. »Für Titel habe ich immer ein schwaches Gedächtnis gehabt,« entschuldigte sich Frau Köpke. »O bitte, bitte,« sagte Herr Purtaller. Frau Köpke entnahm dem Eckschrank ein Glas, holte eine Flasche vom Büfett, hielt sie gegen das Licht, ob auch noch etwas darin sei, und schenkte dann Herrn Purtaller ein. »Auf Ihr Wohl,« sagte er, und machte eine theatralische Verbeugung. Max hatte sich in die Fensternische zurückgezogen und folgte von dort aus aufmerksam den Bewegungen seines neuen Lehrers. Der Herr Kandidat hatte sein Glas in einem Zuge geleert und stellte es mit einer Verbeugung gegen Frau Köpke wieder auf den Tisch. »Darf ich noch einmal einschenken, Herr Kandidat?« »O, aber nein, sehr liebenswürdig!« Er machte einige schwache Bemühungen es zu verhindern, ließ es aber doch geschehen, daß Frau Köpke ihm auch den Rest der Flasche in das Glas goß. Max lächelte ironisch, als Herr Purtaller mit zusammmengekniffenen Augen zum zweitenmal das Glas leerte, und als er nach dem letzten Schluck ein wenig mit der Zunge ausleckte. Als die Tür sich hinter Herrn Purtaller schloß, ahmte Max dessen Verbeugungen mit grotesker Übertreibung nach. »Laß das!« sagte Frau Köpke verweisend. »Er ist jetzt dein Lehrer, du sollst nun Respekt vor ihm haben.« Max sah sie ungläubig an, wagte aber nicht zu widersprechen. »Wenn er dich in die Quinta bringt, hat er seine Mark ehrlich verdient,« fuhr Frau Köpke fort. »Du weißt, daß dein Vater sich mit dir gequält hat.« Frau Köpke war seit einem halben Jahr Witwe. Ihr Mann hatte sie nach kurzer Krankheit mit zwei Kindern zurückgelassen, mit dem zehnjährigen Max und der dreizehnjährigen Hanna. Er hatte einen gutgehenden Handel mit alten Fellen betrieben. Es hatte sich ein Käufer für das Geschäft gefunden, und Frau Köpke war froh, dieser Sorge ledig zu sein. Ein kleiner Teil des Warenbestandes lagerte noch auf der Diele. Das ganze Haus war seit Jahren mit dem strengen, beizenden Geruch alter Felle geschwängert. Frau Köpke und die Kinder waren daran gewöhnt, und sie trugen diesen Duft in ihren Kleidern mit auf die Straße. Man hatte Frau Köpke zugeredet, das alte Haus zu verkaufen und draußen vor dem Tor in heiterer und gesunder Gegend ein kleineres, freundliches Häuschen zu erwerben. Doch sie hatte sich nicht entschließen können, die liebgewordenen Räume zu verlassen; sehr zum Ärger Hannas, die lieber nach Rosen und Nelken geduftet hätte, als nach alten Fellen. Max aber war mit der Mutter für das Wohnenbleiben; des längeren Schulweges wegen, der ihn zum frühen Aufstehen nötigen würde. Er war ein kleiner Langschläfer, und es kostete immer einige Mühe, ihn aus dem Bett zu kriegen. Als Herr Köpke noch lebte, sputete er sich morgens beim Aufstehen und kam rechtzeitig an den Frühstückstisch; seitdem aber die väterliche Zucht von ihm genommen war, hatte er sich einer läßlichen Lebensweise ergeben, deren Folgen sich auch in der Schule bald bemerkbar machten. Frau Köpke sah mit Bedauern, daß ihr hoffnungsvoller Sprößling Rückschritte machte, und hatte nicht die Macht, sie aufzuhalten. Ihre beweglichen Klagen konnten wohl Maxens Fleiß zeitweilig etwas anspornen, aber seiner Schwäche im Französischen nicht aufhelfen. Das sollte nun Herrn Purtallers Aufgabe sein. Zweites Kapitel Herr Purtaller kam, um Max die erste Stunde zu geben. Diesmal trug er keinen schmutzigen Kragen, sondern hatte ein graues Wolltuch glatt um den Hals gelegt und die Enden unter die Weste geschoben. »Sind Sie erkältet?« fragte Frau Köpke. »Erkältet?« fragte Herr Purtaller zurück, einen Augenblick verständnislos. Aber dann faßte er sich schnell. »Ja, danke der Nachfrage, ein wenig.« Und er tupfte mit zwei Fingern der linken Hand ein paarmal schnell nacheinander auf seinen eingewickelten Hals. Frau Köpke wiegte bedauernd den Kopf. »Bei diesem Wetter sind fast alle Leute erkältet,« sagte sie, und Herr Purtaller stimmte eifrig bei. »Heute ist es doch ganz schön,« erlaubte sich Max zu sagen. »Heute, ja, mein Junge,« sagte Herr Purtaller wohlwollend, »aber vorgestern.« »Vorgestern war es auch schön,« fiel Max ein. »Sei nicht vorlaut,« ermahnte ihn die Mutter, und Herr Purtaller warf ihm einen mißbilligenden Blick zu. »Man kann sich doch auch bei gutem Wetter erkälten, mein guter Junge,« sagte er in belehrendem Ton, und seine Stimme klang schon viel rauher. Er räusperte sich, fuhr mit der Hand an das graue Halstuch und sah Frau Köpke erwartungsvoll an, als wollte er sagen: können wir nun beginnen? Er konnte beginnen. Frau Köpke verschwand, und Herr Purtaller und Max ließen sich an dem runden Sofatisch der guten Stube nieder. – Herr Purtaller hatte eine merkwürdige Art zu unterrichten. Sein Sprechen war ein lautes heftiges Poltern! Manchmal überschrie er sich. »Öng, Junge. Sprich mal nach, öng, ö–n–g!« »Ön,« sagte Max. »Öng, verstehst du mich? öng!« »Önk!« »Nicht önk. Mit einem g. Weich, durch die Nase.« »Sie sind auch erkältet,« sagte Max. »Frecher Junge, was erlaubst du dir?« Frau Köpke, die es im Nebenzimmer hörte, war starr. Sollte sie sich hineinmischen? Aber nein, jetzt lachte Herr Purtaller, lachte ganz laut, und Max lachte mit. Und eine Zeitlang schlugen nur leichte, heitere Töne an ihr Ohr. Dann aber begann das Schreien wieder. » Le! le! le! le! Nicht la! Wie heißt es?« » Le libre! « schrie Max ebenso laut zurück, daß Frau Köpke zusammenfuhr. Und dann begann Max zu lesen. Nach dem dritten Wort unterbrach Herr Purtaller ihn, um ihn überhaupt nicht mehr ohne Unterbrechung lesen zu lassen. Und jedesmal schrie er lauter, und Max steigerte seine Stimme gleichfalls, und es wurde ein Toben. »Mein Gott,« dachte Frau Köpke, »ob das die rechte Art ist, Französisch zu lehren?« Aber sie hatte bereits den Nachbarn gegenüber geprahlt, daß sie einen Kandidaten für Max genommen hatte, einen studierten Kandidaten. Durfte sie dem gelehrten Mann nicht so viel Vertrauen schenken, daß sie ihn gewähren ließ? Und dem Max war es ganz gut, daß er nun mal gewahr würde, was lernen eigentlich heißt. Als die Stunde zu Ende war, kam Max mit einem heißen Kopf aus dem Nebenzimmer und sagte: »Herr Purtaller möchte dich gerne sprechen.« »Hat er wohl über dich zu klagen?« »Nein,« sagte Max überzeugungsvoll. Er wollte wieder mit der Mutter zu Herrn Purtaller zurück, aber sie schob ihn beiseite und schloß die Tür. Herr Purtaller erhob sich aus der Sofaecke. »Nun, wie war es?« fragte Frau Köpke. »O, danke, für den Anfang ganz gut.« »Ich meinte schon, Sie hätten über ihn zu klagen.« »Nein, nein, durchaus nicht. Ein prächtiger Junge. Ich halte schon ordentlich etwas von ihm. So aufrichtig, so – so – gradeaus. Das mag ich gerade leiden bei einem Jungen.« »Ja, offen ist er.« »Ja, offen ist er,« bestätigte Herr Purtaller und verlor sich in einem unendlichen Wortschwall über die Vortrefflichkeit seines Schülers, wobei er hinter einen Stuhl trat und mit dem Oberkörper beständig über dessen Lehne pendelte, als befände er sich auf dem Katheder oder auf der Kanzel. Er versicherte wohl zwanzigmal, daß er Max sicher bis Ostern zur Quintareife bringen würde. Er verschwor sich, seine letzten Blutstropfen an dies hohe Ziel zu setzen, und der Zweck dieser langen Rede war, Frau Köpke um einen kleinen Vorschuß zu bitten. »Die Hälfte meines Honorars. Eigentlich müssen Privatstunden ja immer pränumerando bezahlt werden. Aber mißverstehen Sie mich nicht. Ich bestehe nicht darauf. Ich beanspruche den Vorschuß nur von Ihrer Güte. Ich weiß vollkommen die Ehre zu schätzen, in Ihrem Hause tätig sein zu dürfen. Aber es handelt sich um fünfzehn Mark, die ich dringend nötig habe. Der Umzug, die Krankheit meiner Frau, ach, das Leben erfordert so vieles!« Frau Köpke ließ den Wortschwall über sich ergehen und rechnete währenddes nach. Der Oktober hatte einunddreißig Tage, davon gingen vier Sonntage ab, blieben also siebenundzwanzig Stunden. Da machte also die Hälfte des Honorars dreizehn Mark und fünfzig Pfennige. Herr Purtaller gab zu, sich verrechnet zu haben, an die Sonntage habe er nicht gedacht. Frau Köpke holte das Geld, und Herr Purtaller zog ein Blatt Papier aus seiner Brieftasche, worauf er bereits vorsorgend über den Empfang quittiert hatte. »Sie sehen, ich bin ordnungsliebend,« sagte er auf Frau Köpkes Verwunderung. »Glauben Sie nicht, daß ich auch nur auf den Vorteil eines Pfennigs ausgehe. Ich rechne immer am letzten eines jeden Monats ab, die kleinen Vorschüsse werden strengstens notiert.« Herr Purtaller stieß noch ein paar glühende Dankesworte heraus und verabschiedete sich mit wiederholten Bücklingen. – Diese kleine Szene wiederholte sich in der Folge noch öfter. Herr Purtaller kam aus den kleinen Vorschüssen nicht heraus. Frau Köpke wandte nichts dagegen ein, teils aus Gutmütigkeit, teils auch, weil Max wirklich von Herrn Purtallers Unterricht Nutzen hatte. Vielleicht war diese laute, turbulente Art gerade das Rechte für ihn; sie hielt ihn munter und verhinderte, daß er zerstreut war. Vielleicht war es auch der Umstand, daß er jetzt überhaupt wieder arbeitete, was ihm nach und nach bessere Zensuren in der Klasse verschaffte; und was Maxens eigene Meinung über Herrn Purtaller anbetraf, so war sie eine gute. »Ich finde ihn ganz nett,« sagte er. »Manchmal muß man ja über ihn lachen, aber dann lacht er einfach mit.« »Merkst du denn, daß du etwas bei ihm lernst?« »O ja, ich hab doch gar keine Vier wieder, immer nur Dreien,« erwiderte Max stolz. Es war immerhin für bescheidene Ansprüche ein Fortschritt, und Frau Köpke sah dem Fortgang des Unterrichts mit Beruhigung zu. – Eines Morgens – es waren drei Monate vergangen – kam das Dienstmädchen mit einer Handvoll zerrissener Schulhefte und zerknülltem Papier ins Zimmer. »Sehen Sie mal, Frau Köpke!« »Was soll das?« »Ja, kommen Sie nur mal mit. Das hat alles in dem neuen Sofa in der guten Stube gesteckt.« »In dem neuen Sofa?« »Ja, in dem neuen Sofa: kommen Sie nur mal mit, da steckt noch viel mehr in.« Zwischen Seitenlehne und Sitz, aus den dunkelsten und verborgensten Abgründen des Sofas holte das Mädchen ein Papier nach dem andern heraus; ein ganzer Berg häufte sich auf dem Fußboden. »So, nun ist da nichts mehr in.« Frau Köpke war starr. »Das tut er immer,« erklärte Max, als er aus der Schule kam. »Immer, wenn er meine alten Hefte zerrissen hat, stopft er sie da in das Sofa hinein.« »Und das sagst du gar nicht?« »Das kann ich ihm doch nicht sagen,« meinte Max. »Aber mir doch! Das ist doch zu arg! Mein schönes neues Sofa!« »Sag ihm das doch,« sagte Max. »Das mag man ja gar nicht, solchem Mann so was sagen,« rief Frau Köpke. »Heute nachmittag stellst du ihm Papas alten Papierkorb hin, das wird er ja wohl verstehen; wenn er es dann wieder tut, sagst du ihm, deine Mutter möchte das nicht haben. Verstehst du?« Max freute sich auf Herrn Purtallers Gesicht, wenn er das vorwurfsvolle und mahnende Korbmöbel neben seinem Sitz erblicken würde. Herr Purtaller kam, sah den Papierkorb und lächelte ironisch. Er verlor jedoch kein Wort darüber, zu Maxens Verwunderung, zerriß aber jedes Stück Papier, dessen er habhaft werden konnte, mit großer Energie in tausend kleine Fetzen und warf sie mit einer erhabenen Geste in den Korb. Er war sehr strenge heute und sprach mit Absicht sehr laut. »Meine Mutter ist nicht zu Hause,« erlaubte sich Max zu sagen. Herr Purtaller starrte ihn sprachlos an. »Hab ich nach deiner Mutter gefragt?« fuhr er auf. »Ich meine nur,« sagte Max gelassen. »Du hast nichts zu meinen, dummer Junge! Glaubst du, es macht mir Vergnügen, zu euch zu kommen? Schon das Haus! Wie riecht es hier?! Das ist ja unerträglich!« »Das sind die Felle, die so riechen,« sagte Max mit der ihm eigenen Ruhe. »Es sind ja gar nicht die Felle,« fing Herr Purtaller plötzlich an zu jammern. »Es sind doch die Felle,« beharrte Max. »Es ist die große Demütigung, die Erniedrigung!« Und nach einer Pause der Rührung: »Mein lieber Junge, wenn ich dich nicht so liebte, nicht eine Stunde länger würde ich kommen, nur deinetwegen tue ich es. Es wäre mir eine persönliche Schande, wenn du nicht in die Quinta kämest.« »Na, na,« dachte Max, »so schlimm wird es nicht sein.« Am Abend aber sagte er zur Mutter: »Heute war Herr Purtaller sehr nett zu mir.« »So? Na, sei nur recht aufmerksam und fleißig, dann wird er schon immer nett zu dir sein.« »Er sagte,« begann Max wieder, wurde aber rot und meinte: »Ach, na, nichts. Das sagt er doch man so hin.« »Was sagt er?« »Ach, er sagt, er liebte mich, er käme nur meinetwegen.« Trotzdem blieb Herr Purtaller am nächsten Tag aus, nicht gerade zu Maxens großem Schmerz. Er kam aber auch am folgenden Tag nicht, und Frau Köpke dachte: »Was bedeutet das? Er hat nun zwanzig Mark Vorschuß.« Aber ihre Besorgnisse waren grundlos. Es kam ein Brief von Herrn Purtaller, worin er mitteilte, seine Frau sei so krank, daß er sie nicht verlassen könne. »Der arme Mann,« sagte Frau Köpke. Ob er eigentlich Kinder hat, dachte sie. Sie hatte ihn oft schon danach fragen wollen, hatte es aber immer wieder vergessen. Hoffentlich hat er keine. Aber arme Leute haben immer Kinder. Wenn er nun sieben Kinder hat? Sie dachte sich in dieses Elend hinein und beschloß, sich einmal nach Herrn Purtallers Familie umzusehen. Drittes Kapitel Frau Köpke stieg die vier Treppen zu Herrn Purtallers Wohnung hinauf. Sie hatte ihren Alltagshut auf, ihren lila Kapotthut. »Willst du nicht deinen neuen aufsetzen?« hatte Hanna gemeint. Aber Frau Köpke war nicht eitel und war schonsam. Das Haus, in dem Purtallers wohnten, lag in einem abgelegenen Viertel, wo nur kleine Leute ihr Heim hatten. Es lag in einer dunklen, engen, schmutzigen Straße. Dunkel und schmutzig war es auch im Hausflur, dunkel und schmutzig waren die schmalen, knarrenden Treppen. Eine üble Luft herrschte im Hause; alle Küchendüfte, die aus den verschiedenen Wohnräumen in das Treppenhaus zogen, vermischten sich zu einem unnennbaren Etwas, das desto scheußlicher wurde, je höher man stieg. Was war gegen diese Dünste der Fellgeruch im Köpkeschen Hause! Oben im vierten Stock lichtete es sich etwas. Durch die schmutzigen Scheiben des Oberlichtes schien trübe der Tag herein. Zwei gelbbraune häßliche Türen lagen sich gegenüber. Vor jeder lag eine abgetretene, zerfetzte Strohmatte. Purtallers Visitenkarte, die mit Heftzwecken befestigt war, führte Frau Köpke an die rechte Tür. Sie las noch einmal aufmerksam: Kand. A. Purtaller. Sie suchte die Klingel, aber es war keine vorhanden. Sie drückte auf den Türgriff, und die Tür öffnete sich und stieß gegen eine rasselnde Kette. »Ist da wer?« fragte eine Kinderstimme. »Ja, es ist da wer,« antwortete Frau Köpke. Alsbald wurde aufgemacht, und ein zartes, blasses Mädchen von etwa vierzehn Jahren richtete zwei große blaue Augen erstaunt und fragend auf die Besucherin. Ein Wuschelwald von blondem Haar, den ein schmutziges blaues Band zusammenhielt, umrahmte das schmale Gesicht. »Ist Herr Purtaller zu Hause?« fragte Frau Köpke. »Nein, Papa ist ausgegangen,« sagte die Kleine. Das ist also sein Kind, dachte Frau Köpke und sah die Kleine von oben bis unten forschend an. »Ist deine Mama denn zu Hause?« »Mama ist krank, Mama liegt im Bett.« »Vielleicht könnte ich sie doch einmal sprechen, ich bin Frau Köpke.« Die Kleine wurde rot und sagte: »Aber bitte, treten Sie näher, ich will mal eben fragen.« Sie ließ Frau Köpke in das Wohnzimmer eintreten und verschwand in den Nebenraum, wo alsbald eine klagende Stimme laut wurde. Frau Köpke sah sich im Wohnzimmer um. Höchst dürftig, dachte sie. Ein Tisch, zwei Stühle, ein altes Haartuchsofa und eine Kommode bildeten das ganze Möblement. Über dem Sofa hing ein blinder Spiegel mit abgeblättertem Goldrahmen, darunter ein kleines stockfleckiges Familienporträt in rundem, schwarzem Rahmen, eine Frau und einen Mann darstellend, die Hände verschlungen auf dem Schoß. Vielleicht die Eltern Purtallers, oder er und seine Frau. An der gegenüberliegenden kahlen Wand hing eine einsame verstaubte Geige. Frau Köpke trat an das Fenster, vor dem ein kümmerlicher Geranientopf stand. Das Fenster führte auf einen Hof hinaus. Man sah von dieser Höhe aus über die niedrigen Dächer der Nachbarhäuser hinweg in eine Welt von Schornsteinen und Drähten. Die klagende Stimme nebenan ließ sich noch ein paarmal vernehmen; man hörte verschiedene Geräusche, ein Stuhl wurde gerückt, eine Bettdecke geklopft, dann kam die Kleine und sagte schüchtern: »Mama läßt bitten.« Frau Purtaller lag im Bett und erschreckte Frau Köpke durch ihr leidendes Aussehen. Mit eingefallenen, hektischen Wangen und fiebernden Augen lag sie da; sie versuchte sich ein wenig zu erheben und verbindlich zu lächeln, aber beides mißlang. »Ich bin Frau Köpke. Sie wissen wohl – ich wollte doch mal sehen –« »Ach ja, mein Mann ist schon zweimal nicht bei Ihnen gewesen. Seien Sie nur nicht böse.« »Er schrieb, daß Sie krank seien,« sagte Frau Köpke. »Da wollt ich mich doch mal persönlich danach umschauen. Sind Sie sehr krank?« Die Kranke lächelte schwach. »Ich glaube, ja.« Dann nickte sie apathisch vor sich hin und sah auf den Ofen, der zu Füßen ihres Bettes stand. »Ja, ja, krank sein ist nicht schön,« sagte Frau Köpke, indem sie sich einen Stuhl näher ans Bett zog. »Haben Sie denn ordentliche Pflege?« »Mein Mann tut ja, was er kann,« sagte die Kranke, »und mein Donchen auch.« Ein zärtlicher Blick traf die Tochter, unter dem die Kleine errötete und sich bis ans Fenster zurückzog. »Entschuldigen Sie,« sagte Frau Köpke. »Aber Sie kommen mir so furchtbar bekannt vor, je länger ich Sie ansehe. Nur weiß ich nicht gleich, wo ich Sie hintun soll.« Die Kranke wurde aufmerksam und sah ihren Besuch mit großen Augen an. »Malchen Schönemann sind Sie wohl nicht?« fragte Frau Köpke. »Das ist mein Mädchenname,« antwortete Frau Purtaller. »Male!« rief Frau Köpke. »Du bist es? Ich bin Minna.« Ein Erkennen lief über das Gesicht der Kranken. »Minna?« »Minna, deine Minna.« Frau Köpke hatte Frau Purtallers Hand ergriffen und sah sich nach Donia um. »Das ist also deine Tochter? Ja, man sieht es doch auf den ersten Blick. Ganz die Mama. Sag mal, dein Mann hat wohl ganz gut zu tun, so billig wie er ist?« Frau Purtaller machte eine krampfhafte Kopfbewegung, ein Hustenanfall würgte sie. Dann befreite sich die gepeinigte Brust mit bellendem, pfeifendem Geräusch. Als sie sich ein wenig beruhigt hatte, antwortete sie: »Ach nein. Er verdient ja kaum das Nötigste.« »So, so. Ja, es laufen so viele junge Leute herum, die Stunden geben. Ja. Das ist wohl recht schwer. Wer kocht dir denn nun?« »Donia,« antwortete die Kranke. »Donia? Den Namen habe ich noch nie gehört,« sagte Frau Köpke. »Es ist die Abkürzung von Sidonia,« erklärte Frau Purtaller, die das Sprechen sichtlich angriff. »Ein schöner Name, Sidonia,« sagte Frau Köpke, und sah sich nach dem Mädchen um, das noch immer bescheiden in der Fensternische stand. Sie nickte ihr freundlich zu. »Kannst du denn schon ordentlich kochen?« »Ein klein wenig. Mutter ist immer so gut und ist immer zufrieden.« »Und der Papa?« Die Kleine schwieg verlegen. »Die Männer sind immer anspruchsvoller,« sagte die Kranke entschuldigend. »Mein Mann war das gar nicht,« versetzte Frau Köpke. »Im Gegenteil, ein so anspruchsloser, bescheidener Mann, wie mein Mann, – na, wir sind ja alle verschieden. Sage mal, Male, möchtest du wohl mal ein Glas Wein trinken, so recht schönen, guten Wein?« Die Kranke lächelte und sagte: »Ach Gott, du bist so gut, liebe Minna. Wein bekommen wir allerdings seit langem nicht mehr zu sehen.« »Er ist aber so stärkend. Ich meine, er sollte dir gut tun. Schick nur mal deine Kleine zu mir. Hörst du? Tu es aber auch! Gleich morgen schick sie nur mal zu mir.« Frau Purtaller versprach es, und bedankte sich noch einmal für Frau Köpkes Güte. »Dafür mußt du nicht danken. Das ist Christenpflicht. Oder soll ich die Flasche Wein deinem Mann mitgeben?« »Donia kommt gerne zu dir,« sagte die Kranke abwehrend. Frau Köpke hätte gern mehr von dem Schicksal der Jugendfreundin gehört. Aber Frau Purtaller war sichtlich angegriffen von der Unterhaltung. »Ich komme bald wieder, Male,« sagte Frau Köpke. »Pfleg dich man recht, dann wirst du schon wieder werden.« Und Frau Köpke empfahl sich mit dem Bewußtsein, ein gutes Werk getan zu haben. – Die arme Male, wie krank sie war! Und die Kleine sah auch nur schlecht aus. Wie die armen Leute doch manchmal durchkommen müssen! Und das war nun ein studierter Mann! Er hatte sogar auf der Kanzel gestanden, und wohnte nun vier Treppen hoch in Schmutz und Elend! Frau Köpke war froh, als sie wieder in bessere Straßen kam, und stärkte ihre gesunkenen Lebensgeister an den bunten Auslagen der Schaufenster. Bei einem blauen Kleide, das ihrer Hanna gut stehen würde, mußte sie aber doch plötzlich an die blasse Donia denken. Aber so ist nun einmal die Welt. Einige Leute sind rot und rund, und andere wieder sind blaß und schmal, und es geht nicht allen gleich gut. Wenn wir nur immer unsere Christenpflicht tun. Ob sie den Kindern erzählte, daß sie in Frau Purtaller eine Jugendfreundin wiedergefunden hatte? Vielleicht ein anderes Mal. So ein bißchen peinlich war es ihr doch, Herrn Purtallers wegen. Aber sie konnte es doch nicht unterlassen. »Denk dir, Hanna, Herrn Purtaller seine Frau ist eine alte Schulfreundin von mir, Malchen Schönemann.« Aber Hanna nahm diese Mitteilung sehr gleichgültig auf. »Das ist ja gelungen,« meinte sie. – Am andern Tage kam Donia, den Wein zu holen. Hanna öffnete ihr. Beide Mädchen musterten sich kritisch. Donia ein wenig schüchtern, Hanna ein wenig verwundert und von oben herab. »Und?« fragte sie einsilbig. »Ist Ihre Frau Mutter zu sprechen?« fragte Sidonia bescheiden. »Was wünschen Sie?« fragte Hanna, die das Sie nicht mit einem Du erwidern mochte. »Ich möchte den Wein für Frau Purtaller holen.« »Ach so! Bitte, treten Sie näher.« Donia trat bescheiden näher und blieb an der Tür auf dem Korridor stehen, bis Frau Köpke mit dem Wein kam: diese gab Donia die Hand, mit einem ermunternden, wohlwollenden Blick. Donia sah besser aus als zu Hause. Sie hatte ein frisches Band im Haar, und die blonde Fülle war angemessen geglättet. Das dürftige Kleid, obwohl rein und heil, war ihr jedoch reichlich kurz; ein paar lange, grobbestrumpfte Beine staken in plumpen Schuhen. »Wie geht es deiner Mutter?« fragte Frau Köpke. »Sie hat heute nacht sehr viel gehustet,« sagte Donia. »Aber heute morgen liegt sie still vor sich hin und schläft viel.« »So, so. Sie soll nur recht viel schlafen. Grüße deine Mutter, und sie möchte sich an dem Wein stärken. Ich käm auch bald mal wieder vor. Kommt denn dein Vater heute?« »Ich soll bestellen, er würde noch kommen,« sagte Donia. »Hörst du, Hanna?« wandte sich Frau Köpke an diese, »sage es dem Bruder nachher.« Aber in diesem Augenblick kam Max die Treppe herausgestürmt, laut und pfeifend. Als er Donia sah, stutzte er und verstummte. Sie machte ihm bescheiden Platz. Wer ist denn das? fragten seine Augen. »Das ist Donia Purtaller, die Tochter deines Lehrers,« sagte Frau Köpke. Max machte eine steife Verbeugung und starrte sie unverwandt an, so daß sie errötete. »Ich danke auch vielmals,« sagte sie und reichte Frau Köpke ihre kleine, magere Hand. Und dann gab sie auch Hanna die Hand, und gab sie nach kurzem Zögern auch Max. Er nahm sie mit einem verlegenen Lächeln und zog sich dann mit rotem Kopf hinter seine Mutter zurück. »Bringe Donia an die Haustür,« sagte Frau Köpke zu Hanna. Und Hanna geleitete Donia über die Diele bis auf die Straße. »Es riecht hier immer so nach Fellen,« bemerkte sie entschuldigend. »O bitte, das macht nichts,« erwiderte Donia. Als Donia weg war, dachte Hanna: die roch auch nicht gut, so nach armen Leuten. Oben wiederholte sie die Bemerkung, aber Frau Köpke verwies es ihr. »Wir können nicht alle gleich gut riechen,« sagte sie strenge. Max fand übrigens nicht, daß Donia »muffig« gerochen hätte. »Du mit deiner Nase,« sagte er. »Was du immer alles riechst!« Hanna war empört über diesen Angriff auf ihre Nase. »Morgen kommt übrigens Herr Purtaller wieder,« sagte sie scharf und schadenfroh. »Freut mich,« rief Max. Viertes Kapitel Herr Purtaller kam aber nicht, sondern schickte einen Brief, seine Frau sei über Nacht gestorben. »So schnell,« sagte Frau Köpke bedauernd. »Die arme Frau! Aber wer weiß, wozu es gut ist.« Sie dachte an den Wein, der nun nicht mehr viel genützt hatte, und daß sie ihn hätte sparen können. »Was soll sie nun noch mit dem Wein? Nun trinkt er ihn aus. Na, laß ihn.« Sie war nicht geizig, und die Flasche Wein reute sie nicht. Sie beschloß sogar, einen Kranz zu schicken. Das war sie Malchen doch schuldig. Und das wäre am Ende auch nicht mehr als schicklich Herrn Purtallers wegen, der doch immerhin Maxens Lehrer war. Max und Hanna sollten gemeinschaftlich den Kranz hinbringen. »Laß ihn doch schicken,« meinte Hanna. »Die Blumenhändler schicken immer die Kränze.« »Nein, es macht sich besser, wenn ihr ihn selbst bringt. Dann könnt ihr gleich kondolieren.« »Das mag ich nicht,« sagte Max. »Was soll ich dann sagen?« »Viele Grüße von Mutter, und es täte uns allen sehr leid.« »Das kann ich doch nicht sagen,« meinte Max. »Du bist doch zu dumm,« entschied Hanna. »So klug, wie du, können nicht alle sein, mein Kind,« erwiderte Max. »Schämt ihr euch nicht!« sagte Frau Köpke. – Am andern Tag gingen sie verträglich zusammen zu Purtaller; Hanna, als die Älteste, trug den Kranz. Sie sahen beide sehr feierlich und ernst aus und sprachen nur im gedämpften Ton zueinander. Sie gingen schneller, als sie in die Straßen des ärmlichen Viertels kamen, und waren böse auf die Mutter, daß sie sie genötigt hatte, diesen Gang zu tun. Sie kannten ja Frau Purtaller gar nicht, und ihr Tod ging ihnen nicht nahe. Endlich hielten sie vor dem Hause und zögerten einen Augenblick, bevor sie eintraten. Sie sahen sich auf der schmutzigen und dumpfen Diele mit mißbilligenden Blicken um und gingen vorsichtig die dunkle Treppe hinauf, um sich nicht zu beschmutzen. »Wie riecht es hier?« sagte Max. »Nach armen Leuten,« sagte Hanna. Herr Purtaller öffnete ihnen selbst. Er war ehrlich überrascht. Aber dann brach er in einen Schwall gerührter Worte aus. Er roch nach Wein, und sie sahen durch die offene Tür des Wohnzimmers Flasche und Glas auf dem Tisch stehen. »Der einzige Kranz, den man meiner teuren Amalie bringt, und von euch, meine lieben Kinder, von eurer lieben, hochverehrten Mutter. Wie würde meine Amalie sich freuen, wenn sie das wüßte.« Er hielt den Kranz steif vor sich hin und trug ihn ins Wohnzimmer, wo er ihn über den Stuhl hing, der vor der Weinflasche stand. Dann reichte er den Kindern seine beiden Hände und schüttelte sie kräftig. Seine Augen waren feucht, und seine Rührung erschien echt. »In dieses Haus des Jammers kommt ihr unschuldigen Kinder! In dieses Haus des Jammers! In diese Wohnung des Elends,« deklamierte er pathetisch, und die Tür zum Nebenzimmer öffnend, rief er: »Donchen, liebes Donchen!« Und Donia erschien in ihrem gewohnten Kleid, nur trug sie statt des blauen ein schwarzes Band im Haar. Aber sie war noch blasser als sonst, und ihre Augen waren vom Weinen gerötet. Als sie die Kinder erblickte und Herr Purtaller mit einer theatralischen Geste nach dem Kranz zeigte, brach sie in Tränen aus; die Hände vor das Gesicht geschlagen, lehnte sie sich schluchzend an den Türpfosten. Hanna, die von Natur weich war, bekam nasse Augen, und Max wandte sich mit einem roten Kopf ab. Herr Purtaller war an seine Tochter herangetreten und hatte seinen Arm um ihre mageren Schultern gelegt. »Weine nicht, Donchen, weine doch nicht,« sagte er. Als sie sich nicht faßte, ließ er die Tür zum Nebenzimmer weit auf: »Da liegt sie, unsere Unvergeßliche. Nicht wahr, ihr fürchtet euch nicht?« Aber Hanna und Max warfen nur einen scheuen Blick auf die Tote, die unkenntlich in ihrem Bett lag und in den weißen Händen ein paar rote Blumen hielt; es waren die Geranien, die Frau Köpke auf dem Fensterbrett gesehen hatte, und die Donia nun für diesen Zweck abgeschnitten hatte. Max zupfte Hanna am Rock. »Wir müssen nun wohl wieder gehen, Herr Purtaller,« sagte Hanna. »Mutter läßt auch vielmals grüßen, und es täte uns allen sehr leid.« Sie gaben Herrn Purtaller die Hand und gaben sie auch Donia, die ihnen ein tränenüberströmtes Gesicht zeigte. Auf den Zehen schlichen sie hinaus, von Herrn Purtaller bis an die Treppe geleitet. Vor der Haustür trafen sie auf den Tischler, der brachte auf einem kleinen Handwagen den Sarg, eine schmucklose schwarze Kiste. Sie waren empfänglich geworden für die Schauer des Todes und wandten sich schnell und furchtsam ab. Max fand zuerst das Wort wieder. »Hast du gemerkt, wie er nach Wein roch?« »Wein riecht immer so,« sagte Hanna abweisend. Nach einer Weile wieder meinte Max: »Junge, die hat aber geweint, nicht?« Hierauf antwortete Hanna gar nicht. Was versteht auch so ein dummer Junge von dem Schmerz einer Tochter, die ihre Mutter verloren hat. Max schielte sie von der Seite an und dachte: es ist doch am Ende schicklicher, nicht so viel zu sprechen; wir kommen doch von einer Toten. Und er ging mit finstrer Miene neben der Schwester her. Mit einem fragenden »Nun?« empfing sie die Mutter und sah von einem zum andern. »Sie hat furchtbar geweint,« sagte Hanna und seufzte, als ob es ihr sehr nahe gegangen sei. »Ja, wenn man seine Mutter verliert, das ist kein Spaß,« erwiderte Frau Köpke. – Am Tage nach der Beerdigung kam Herr Purtaller, um sich für die Teilnahme und den »geradezu herrlichen« Kranz zu bedanken. Er hatte einen reinen Kragen um, und Frau Köpke nötigte ihn in die gute Stube und setzte ihm Wein und Keks vor. »Hat Ihre liebe Frau viele Kränze bekommen, Herr Kandidat?« fragte sie teilnehmend. Purtaller sah sie mißtrauisch an. Warum fragte sie danach? Glaubte sie wirklich, es könnten viele Kränze gekommen sein? »Viele Kränze? Nicht viele, Frau Köpke, nur einen. Aber der war dafür um so herrlicher; ich erlaube mir dafür einen Schluck auf Ihr Wohl zu trinken, wenn Sie gestatten.« »Bitte, gern geschehen,« sagte Frau Köpke geschmeichelt. »Es freut mich doch, daß Ihre liebe Frau nicht so ganz ohne Kranz unter die Erde gekommen ist: das habe ich immer so schrecklich gefunden, wenn die armen Leute immer so ganz ohne Blumen begraben werden. Ich möchte das nicht; wenn ich mir denke, daß ich so ganz ohne Kranz –« »Aber ich bitte, Frau Köpke,« unterbrach Herr Purtaller sie mit einer Gebärde beider Hände, die deutlich ausdrückte: eine Frau wie Sie sollte ohne Kränze begraben werden? Er machte eine Handbewegung, als wolle er sie unter einem Hügel von Blumen betten. »Und Ihre kleine Tochter?« fragte Frau Köpke, die sich nicht gerne lange bei ihrem eigenen Tode aufhielt. »Ihre Kleine – wie heißt sie doch gleich? Dora?« »Donia.« »Wie geht es ihr?« Herr Purtaller setzte eine sorgenvolle Miene auf, zuckte die Achseln und sagte: »Donia, meine arme Donia! Ach, die hat mehr verloren als ich. Ich bin ein alter, gebrochener Mann. Was kann ich ihr sein? Wie soll ich ihr die Unersetzliche ersetzen?« Er sah Frau Köpke fragend an, als wüßte sie Rat. »Sie ist jung, und die Zeit heilt und hilft,« sagte Frau Köpke. »Sie wird Trost und Ersatz finden, wenn sie ihrem alten Vater nun das Haus führt, ihn umsorgt und pflegt. Sie ist doch häuslich und umsichtig?« Herr Purtaller lobte seine Tochter sehr. Donia war demnach ein Ausbund an Tugend und Tüchtigkeit. Sie war fleißig, sauber und sparsam, konnte kochen und nähen und würde einem großen Hausstand vorstehen können. Aber sie war zart, schwach, blutarm und völlig aufgerieben von der Pflege der Mutter; sie bedurfte selbst der Pflege. Aber woher nehmen? Hatte Herr Purtaller Geld? Herr Purtaller verdiente kaum das Nötigste. Aber er wollte gern arbeiten. Er schämte sich nicht zu arbeiten, für sein Kind, für sein einziges Kind. Er versicherte das pathetisch und hob die Arme zum Himmel, als wolle er es selbst mit einer Welt voll Arbeit aufnehmen. »Und darum wollte ich anfragen; nicht wahr? ich darf doch die Stunden wieder aufnehmen? Die unerbittliche Not des Lebens gestattet keine lange Zeit der Trauer.« »O gewiß, kommen Sie morgen nur wieder,« sagte Frau Köpke. »Und vielleicht können Sie da auch der Hanna gleich ein bißchen englische Stunden geben; sie fängt erst damit an, und es wird ihr leider etwas schwer. Sie hat nun einmal kein Talent dafür.« Herr Purtaller verbeugte sich nach jedem Wort zustimmend, er stände zu jedem Dienst zur Verfügung. »Sie können doch auch Englisch, Herr Kandidat?« Herr Purtaller errötete, lächelte überlegen und rieb sich die Hände. Frau Köpke errötete nun auch. Ihre Frage war taktlos. Sie war jetzt vollkommen überzeugt, daß Herr Purtaller Englisch könne. Sie war besorgt, ihren Fehler wieder gut zu machen und forderte Herrn Purtaller auf, seiner Donia zu sagen, sie möchte die Kinder mal besuchen. »Ach, wie wird sie sich freuen,« rief Herr Purtaller. »Das arme Kind hat so gar nichts vom Leben. Sie sind zu gütig, Frau Köpke.« Hanna fand das auch. Die Mutter war viel zu gutmütig. Was sollte Donia bei ihr? Sie würde muffig riechen, eine geringe Schulbildung haben und sich nicht zu benehmen wissen. Was die Mutter auch immer für Einfälle hatte. Natürlich würde das »Gör« gleich angelaufen kommen. Solchen Leuten fehlt es ja an Takt. Fünftes Kapitel Donia aber kam nicht gleich angelaufen; ihre Scheu war zu groß. Dagegen nahm Herr Purtaller die Stunde am nächsten Tage wieder auf und war sanft und schonend gegen Max. Nach der französischen Stunde erschien Hanna, von Herrn Purtaller mit einer Verbeugung begrüßt; er nannte sie Fräulein Hanna und war von ausgesuchter Liebenswürdigkeit, hinter der sich eine leichte Verlegenheit zu verbergen schien. Hanna war in der Schule vom Englischen dispensiert worden, weil ihr das Französische schon genug Schwierigkeiten machte. Nun wollte sie sich von Herrn Purtaller vorbereiten lassen, um nicht in den höheren Klassen hinter ihren Mitschülerinnen zurückzubleiben. Herr Purtaller begann mit der ersten Seite des Buches und bemühte sich, Hanna die Aussprache klar zu machen. Es ging überraschend leicht, und Hanna schien die Schwierigkeiten der englischen Aussprache spielend zu überwinden. Wie Herr Purtaller es ihr vorsprach, sprach sie es nach, und er war immer zufrieden. Es war übrigens nicht schwer, es so zu machen, wie Herr Purtaller es vormachte. Er besaß eine große Gabe, alles recht deutlich vorzumachen. Er legte seine Zunge lose zwischen die Vorderzähne, und ließ Hanna die rosige Spitze seiner Zunge so lange ansehen, bis sie die ihrige auf dieselbe Weise zwischen die Zähne brachte. Und dann zischten sie gegeneinander an und waren erfreut, wie schön ihnen das th gelang, »weich und stimmhaft«. Herr Purtaller hatte eine virtuose Zunge. Er riß den Mund auf und ließ Hanna sehen, wie die Spitze dieser Zunge leicht den harten Gaumen berührte; dann ließ er sie vibrieren, während die Luft aus dem Munde entwich, und das schönste R rollte dahin. Viermal machte er es, viermal wiederholte Hanna es und belustigte sich köstlich dabei. »Englisch ist furchtbar leicht, Mama,« sagte sie nachher zu Frau Köpke, »soll ich dir mal etwas vorlesen?« »Jetzt nicht, mein Kind, nachher.« Nachher aber war Hannas Eifer verraucht, und sie begnügte sich mit der Versicherung, daß es ihr gar nicht schwer fiele. – – »Warum kommt Ihre Tochter nicht?« fragte Frau Köpke eines Tages. »Schicken Sie sie doch einmal zu uns.« »Sie hat so viele häusliche Abhaltung,« entschuldigte Herr Purtaller sie. »Bedenken Sie, sie soll nun alles allein tun.« »Das arme Kind! Aber es muß sie doch glücklich machen, so für ihren Vater sorgen zu können.« »Es ist ihr größtes Glück,« sagte Herr Purtaller mit Überzeugung. »Leider nur ihr einzigstes,« setzte er mit Bedauern hinzu. Das veranlaßte Frau Köpke, ihn noch einmal aufzufordern, Donia doch ja zu schicken. »Wenn sie auch etwas älter ist, so spielt sie am Ende doch noch mit Hanna.« Herr Purtaller erklärte, daß Donia sich unendlich freuen würde und versprach, daß sie kommen solle. Nun mußte Donia ihre Scheu überwinden. Sie kam in einem neuen Kleid, mit einem breiten schwarzen Band in ihren blonden Locken. Die Verlegenheit hatte ihre Wangen gerötet. Sie sah allerliebst aus und roch gar nicht muffig. Frau Köpke empfing sie sehr freundlich, und Hanna begrüßte sie mit einem gezierten Lächeln. »Wie nett, daß du kommst.« Im Herzen aber dachte sie: was soll ich nur mit ihr anfangen? Sie zeigte ihr ihre Bücher und ihre Ansichtskarten. »Zeige Donia doch mal deine neue hübsche Puppe,« sagte Frau Köpke. Hanna wurde dunkelrot. »Ach,« sagte sie, und machte eine wegwerfende Bewegung. Was würde Donia davon denken, daß sie noch eine Puppe hätte. Die Mutter war auch immer so komisch; sie könnte es doch wissen, daß die Puppe hier nicht am Platze sei. Frau Köpke aber fragte Donia geradezu, ob sie auch noch mit Puppen spiele. »Aber Mama!« rief Hanna. Donia verneinte es bescheiden. Sie habe lange keine Puppe gehabt. Ihre letzte – ja, wo sei doch ihre letzte Puppe noch geblieben? Irgendwo in einem Ascheimer war sie verendet. Donia wurde sehr gesprächig in Erinnerung an diese Puppe; sie beschrieb sie genau, wie sie in ihrem gesunden und in ihrem leidenden Zustand gewesen war, und wußte noch die Anzahl der Kleider, die sie besessen. »Wie hieß sie?« fragte Hanna. »Sie hieß Hanna,« erwiderte Donia, ein wenig errötend. »Das ist doch kein Puppenname,« sagte Hanna mit leiser Entrüstung. »Wie heißt denn deine Puppe?« erlaubte Donia sich zu fragen. »Meine heißt Alma. Es ist aber auch eine ganz große Puppe. Sie könnte ebensogut lebendig sein, so groß ist sie.« Donia machte ungläubige Augen und sagte: »Ich habe immer nur ganz kleine Puppen gehabt.« »Das glaube ich,« sagte Hanna, ging ins Nebenzimmer und holte Alma. Sie hielt sie still und triumphierend ihrem Besuch hin. Donia hatte noch nie eine so schöne Puppe gesehen, außer in den Schaufenstern. »Darf ich?« fragte sie und nahm die Puppe in die Hand. »Kann sie auch schreien?« »Nein, es ist ja kein Baby,« belehrte Hanna sie. »Spielst du noch damit?« fragte Donia. »Manchmal,« antwortete Hanna wegwerfend. »Aber nur selten. Möchtest du noch mit Puppen spielen?« »Ach ja, gern!« rief Donia. Wie dumm mag sie noch sein, dachte Hanna, daß sie noch mit Puppen spielen mag; so alt wie sie schon ist. »Ich spiele viel lieber Klavier,« sagte sie dann. »Spielst du auch Klavier?« »Leider nein.« Hanna ging gleich ans Klavier und schlug den Deckel zurück. Donia legte die Puppe leise auf einen Stuhl und trat zu Hanna. »Du kannst gewiß schon sehr schön spielen?« »Sie spielt ja erst seit einem Jahr,« sagte Frau Köpke. »Zeig Donia doch mal, was du kannst, Kind.« Hanna blätterte in ihrer Klavierschule und spielte endlich: »Lang, lang ist's her.« Sie spielte es ausdruckslos und machte zweimal einen Fehler. Aber Donia hörte andächtig zu, und ihre Augen wurden größer, ihr blasses Gesicht spiegelte eine tiefe Bewegung wider, und plötzlich fing sie an, heftig zu weinen. Hanna brach ab und starrte sie verwundert an. Frau Köpke aber, in einer plötzlichen Erleuchtung, verstand Donia; sie legte ihren Arm um sie und zog sie an sich. »Ja, ja,« sagte sie mütterlich, »weine dich nur aus.« Donia wagte kaum ihr verweintes Gesicht aus der Umarmung wieder aufzurichten, so schämte sie sich vor Hanna. Sie wollte eine Erklärung für ihr Verhalten geben, aber die Tränen erstickten ihre Stimme, und sie konnte nichts weiter hervorbringen als: »Dieses Lied ...« »Ja, es ist so traurig,« sagte Frau Köpke. »Warum spielst du auch ein so altes trauriges Lied, Hanna! Du kannst doch auch etwas Heiteres.« Hanna empfand diesen Vorwurf als ungerecht. Wie konnte sie ahnen, daß Donia bei dem langweiligen Lied weinen würde; sie, Hanna, war noch nie davon gerührt gewesen. Sie hatte dieses Lied auch ganz gern, weil es sich so leicht spielte, man konnte sich kaum dabei verzählen: aber gerührt hatte es sie nie. Sie wußte nicht, was sie sagen sollte; Donias Schmerz war so echt, daß er Eindruck auf sie machte. Sie empfand etwas wie Scheu vor Unverstandenem, Geheimnisvollem. Sie hatte doch etwas die Weichheit ihrer Mutter geerbt und war so aufrichtigen und wahren Tränen gegenüber wehrlos. Sie fühlte eine Rührung in sich aufsteigen, ein Mitgefühl; die Heiligkeit des Schmerzes ließ sie verstummen. Schweigend stand sie am Klavier und sah fast scheu auf Donia. »Donia kommt mal wieder,« sagte Frau Köpke. »Dann sind wir vergnügt miteinander.« Donia, ganz beschämt, daß sie diese Szene gemacht hatte, wagte kaum, die Augen zu Hanna zu erheben und ließ sich wie ein Kind vor die Türe bringen. Sechstes Kapitel Als Herr Purtaller am andern Tag von diesem Vorfall hörte, sagte er: »Sie ist so weich, die Kleine, so sehr weich.« »Und nun grade jetzt, wo sie eben die Mutter verloren hat,« meinte Frau Köpke. Herr Purtaller nickte schmerzlich mit dem Kopf. »Was war es doch für ein Lied, das du spieltest?« »Lang, lang ist's her,« antwortete Hanna. »Lang, lang ist's her,« wiederholte Herr Purtaller erschrocken. »Meine arme kleine Donia! Ja, sehen Sie, liebe Frau Köpke, grade dieses Lied, es war das Lieblingslied ihrer Mutter. Sie hat es ihr immer vorsingen müssen, und es war das erste Lied, das Donia schon als ganz kleines Kind singen konnte. Wirklich ganz rein und richtig singen konnte. Und so ausdrucksvoll. Ich mußte sie oft auf der Geige begleiten: ich spiele ein wenig Geige, müssen Sie wissen.« Frau Köpke erinnerte sich der verstaubten Geige an der Wand des Purtallerschen Wohnzimmers. »So,« sagte sie, »sang sie schon so niedlich, als sie noch klein war? Sie ist wohl recht begabt?« »Ach ja, das ist sie,« versicherte Herr Purtaller. »Ihre Mutter sang auch so schön; sie ist ja Sängerin an der Hofoper gewesen.« »An der Hofoper?« fragte Frau Köpke mit geziemender Ehrfurcht vor einem solchen Institut. »In Berlin?« »In Zwickau.« »Haben sie da auch Hofoper?« Herr Purtaller antwortete nicht darauf, sagte aber mit einer stummen Gebärde: man singe auch anderswo als in Berlin. »Warum ist denn Ihre Frau nicht dabei geblieben?« fragte Frau Köpke. Herr Purtaller sah sie mitleidig an: Wie kann man nur solche Fragen stellen! »Unglück, Krankheit –« er machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand: »Schweigen wir lieber davon.« Und sie schwiegen davon. – Hanna war in der Stunde unaufmerksam, sie mußte immer an Donia denken. Donia war also das Kind einer Sängerin, ein Künstlerkind. Und ihr fiel ein, daß Herr Purtaller Theaterdirektor gewesen war. Ob er wohl auch gesungen hatte oder als Schauspieler aufgetreten war? Sein drolliges Mundverziehen, seine Aussprache des Englischen begann von diesem Gesichtspunkt aus sie zu interessieren. Sie hatte einmal etwas von der Sprechtechnik der Schauspieler gehört. Herr Purtaller gewahrte, daß Hanna ihm aufmerksamer als sonst auf den Mund sah. Er fühlte sich als Pädagoge geschmeichelt und machte die sonderbarsten Verzerrungen des Mundes und allerlei Verrenkungen der Zunge, so daß Hanna plötzlich laut lachen mußte. »Warum lachen Sie, Fräulein Hanna?« fragte Herr Purtaller ernst. »Weil die englische Sprache so furchtbar komisch ist,« sagte Hanna. »Ja, nicht wahr? Eine wunderliche Sprache,« stimmte Herr Purtaller bei. Und sie lachten zusammen über die wunderliche Sprache, bei der man so komische Grimassen schneiden mußte. Daß Herr Purtaller von dieser komischen Sprache nicht mehr verstand als sie selbst, und daß er jede Lektion mit ihr zusammen lernte, bis er sich hineinfand, ahnte sie freilich nicht. Sie nahm Herrn Purtaller, der Max im Französischen so gut gefördert hatte, als Autorität, und lernte vertrauensvoll sein wunderliches Englisch. – »Mister Pörtaller«, wie sie ihn übermütig taufte, hatte dem Anfang der englischen Lektionen nicht ohne Bangen entgegengesehen, bald aber hatte er sich beruhigt, da weder Hanna noch ihre Mutter gegen sein Englisch etwas einzuwenden hatte. Er fühlte sich wohl im Hause Köpke und kam gern in die Stunden, die ihm so leicht gemacht wurden. Frau Köpke pflegte ihm stets eine Tasse Kaffee ins Zimmer zu schicken. An dem Tage, da er von Donias tränenreichem Mißgeschick gehört hatte, fand er sogar ein Stückchen Kuchen vor, das Frau Köpke ihm in Aufwallung gutmütiger Rührung auf den Teller legte. »Wohl Geburtstag?« fragte er. »Warum meinen Sie?« fragte Hanna zurück. »Ich meine nur,« fugte Herr Purtaller ein wenig beschämt. Wie konnte er aus einem so kleinen Stückchen Kuchen auch gleich auf einen Geburtstag schließen. Sie werden immer Kuchen haben, sagte er sich. Nur heute bekommst du ein wenig ab. Und er mutmaßte den Zusammenhang zwischen Donias Tränen und dem Stückchen Kuchen. – Zu Hause fand er Donia am Herd stehen und Bratkartoffeln bereiten. Er war in genußfreudiger Stimmung, und dieses alltägliche Mahl erschien ihm sehr gering. Was war er doch für ein armer Mann! Er war gerührt und küßte Donia. »Armes Kind,« fagte er seufzend. Sie sah verwundert zu ihm auf. Sie ist so gut und so zufrieden, dachte er. Und niemals findet sie Kuchen zum Kaffee. Er war in einer weichen, gehobenen Stimmung, und nach dem Essen spielte er zart auf Donias Mißgeschick bei Köpkes an; und als sie errötete, sagte er: »Ich weiß, ich weiß, mein teures Kind. Es war so schmerzlich. Wie lange haben wir dieses Lied nicht gesungen. Ach ja, lang, lang ist's her.« Und er sah gerührt in das Licht der alten Lampe. »Willst du es mir nicht wieder einmal singen?« fragte er. »Ich habe es so lange nicht gesungen,« sagte Donia. »Du solltest es aber wieder tun.« »Ich weiß nicht, ob ich überhaupt noch singen kann.« »Eben darum.« Donia war noch unschlüssig, aber er hatte sich in den Gedanken verbissen. Endlich gab sie nach. Er nahm die alte Geige von der Wand, und während sie den Tisch abräumte, stimmte er die Saiten. Sie blieb etwas länger draußen, und er probierte inzwischen das alte Instrument. Sie hörte in der Küche seine zittrigen Töne, und es tat ihr weh. Er hatte nie sehr gut gespielt, und sie hatte ein feines Ohr. Aber sie mochte ihm nicht sagen, daß sie besser singen würde ohne seine Begleitung. »Spiele erst ein bißchen allein,« sagte sie, als sie zu ihm zurückkehrte, »ich muß erst etwas in Stimmung kommen.« Er besann sich auf seine Kunst, begann mit der »Letzten Rose«, spielte »In einem kühlen Grunde« und sah dann Donia fragend an. »Nun denn,« sagte sie mit einem leisen Lächeln. Und als er sich zurechtsetzte, mit einer feierlichen Haltung, und sie sich an den Tisch stellte, die Hände hinter dem Rücken leicht zusammengelegt, zeigten sie beide, wie ernst sie es mit dem Liede meinten. Und leise, etwas zaghaft erhob sich Donias Stimme, breitete sich aus und schwebte dann rein und ruhig in dem kleinen Raum. »Sag mir das Wort, das so gern ich gehört, lang, lang ist's her, lang ist's her. Sing mir das Lied, das so oft mich betört, lang, lang ist's her, lang ist's her. Nun du bei mir, ist der Kummer entflohn, lang lebst du fort: ich vergab es dir schon! Gönn mir wie einst deiner Lieb süßen Ton! Lang, lang ist's her, lang ist's her.« Alle drei Verse sangen sie durch, und Vater und Tochter waren ganz in der süßen Wehmut dieser Melodie vertieft. Herr Purtallers Kinn preßte sich immer fester auf das Instrument, seine Stirne legte sich in Falten, und seine Blicke folgten den Bewegungen seines Bogens. Als sie geendet hatten, und er aufblickte, sah er, daß Donia den Kopf ein wenig zur Seite gewandt hatte und mit nassen Augen zum Fenster hinausschaute, auf die dunklen Dächer und Schornsteine, die sich schwarz gegen den Abendhimmel abhoben. Er legte leise sein Instrument auf den Tisch. »Donia, wie schön war das,« wollte er sagen, aber die Rührung übermannte ihn; er sank auf seinen Stuhl zurück, und über die Stuhllehne gebeugt, das Gesicht auf den Arm gedrückt, schluchzte Herr Purtaller mit gurgelnden Lauten auf. Donia erschrak. Sie trat zu dem weinenden Vater und legte ihm sanft ihre Hand auf den grauen Kopf. Aber unter der sanften Berührung seines Kindes weinte Herr Purtaller nur noch heftiger. Und während er so dasaß unter Donias weicher Hand, zog sein ganzes verfehltes Leben an ihm vorüber. »Vater, wir wollen dieses Lied nie wieder singen,« sagte Sidonia kindlich. Da schlang er seinen Arm um sie und sagte leise und schamhaft: »O meine arme Donia, du hast einen so schlechten Vater.« »Du bist mein guter Vater,« sagte Donia. »Bin ich das?« rief Herr Purtaller und drückte sie fest an sich. »Bin ich das wirklich?« »Was redest du nur,« sagte Donia und entwand sich seinen Armen. »Ja, ja, ich rede wohl Unsinn,« stimmte ihr Herr Purtaller erleichtert bei. »Ach, Donia, es ist alles so traurig, so furchtbar traurig.« »Es wird schon wieder besser werden,« tröstete sie. »Das wird es, das soll es!« rief Herr Purtaller aufspringend. »Beim Andenken an deine unvergeßliche Mutter, das soll es.« Und die Hände in den Hosentaschen vergraben, lief er im Zimmer auf und ab, als könnte er die Zeit nicht erwarten, wo es besser werden würde. »Wollen wir nicht schlafen gehen, Vater?« mahnte Donia. »Schlafen, schlafen,« murmelte Herr Purtaller. »Du hast recht, jetzt wollen wir schlafen gehen.« Und er küßte sein Kind und nahm die Lampe, während Donia im Dunklen ihre Kammer aufsuchte, wo sie eine kleine Wachskerze entzündete, die in einem zerbrochenen Porzellanleuchter stand. Siebtes Kapitel Donia war das Herz schwer. Sie hatte den Vater wohl früher schon weinen sehen, aber so wie heute abend hatte sie ihn nie gesehen. Sie saß halb ausgekleidet auf dem Rand ihres Bettes und starrte in die kleine Flamme des Lichtstümpfchens; sie brannte sehr trübe, eine Schnuppe kohlte am Docht, und ein feiner, leiser Rauch stieg unruhig auf. Donia achtete dessen nicht. Ihre Gedanken waren zu weit weg. Sie waren in der armen, dürftigen Vergangenheit, und schweiften hinüber in die unbestimmte Zukunft: was sollte werden? Der Vater hatte so zuversichtlich gesagt, es müsse, es solle besser werden. Aber wie? Sie sah keinen Weg. So lange der Vater einiges verdiente, würde es ja gehen. Sie brauchten ja so wenig seit die Mutter tot war. Wenn sie sich nun auch um Arbeit bemühte, strickte oder nähte, wie es die Mutter früher getan hatte, als sie noch nicht bettlägerig war, dann müßte sie und der Vater doch ganz gut zusammen durchkommen können. Sie war ja noch so jung und es würde ihr schon glücken. Der Vater wollte freilich nichts davon wissen, wollte durchaus allein sorgen. Ach, sein Wollen war immer stärker als sein Können gewesen, und er wurde immer älter. Das Licht flackerte zweimal auf, und sie nahm eine Haarnadel und reinigte den Docht. Ein Gähnen überkam sie. Es war Zeit zum Schlafen. Sie löschte das Licht und streckte sich aus. Im Dunklen sah sie immer die Flamme, in die sie zu lange hineingesehen. Die Augen fielen ihr zu, aber noch hinter den geschlossenen Lidern sah sie die kleine Flamme; sie wurde sogar größer und heller und bewegte sich auf sie zu. Sie nahm Gestalt an, die helle Flamme. Mutter! wollte Donia rufen. Aber es war nicht ihre Mutter. Sie hatte sich getäuscht. Es war ein lichtes, himmlisch schönes Wesen. Ein Engel? Es war mehr ein Fühlen und Empfinden, wie schön die Erscheinung war, als ein Sehen. Es war alles nur ein Licht, ein helles, reines, weißes Licht, überirdisch hell, und doch sanft und nicht blendend. Es floß wie die Falten eines weißen Gewandes, war wie das Fließen heller Locken, es hatte Gestalt und himmlische Züge und war doch wesenlos und unkenntlich. Und darum war ein strahlendes Blau, wie ein weiter, weiter Himmelsraum. Und nun schwebte das gestaltete Licht, oder die lichte Gestalt vor Donia her, und sie folgte, nicht wie unter einem unwiderstehlichen Zwang, sondern wie selbstverständlich, freiwillig. Und aus der weiten, lichten Bläue wurde eine schöne Landschaft: die war ganz erfüllt von dem reinen, klaren Licht, das nun nicht mehr ihr zur Seite, ihr voran schwebte, sondern überall war. Und sie ging mitten darin, allein, und doch nicht allein; ihr war so leicht und geborgen und behütet zu Sinn, wie es den ersten Menschen im Paradiese gewesen sein mochte, als sie eben rein und schön aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen waren und sich noch eins fühlten mit ihm, dem Schaffenden. Donia war nur von ihrem dünnen Hemdchen bekleidet, aber sie empfand keine Scham. Ihre bloßen Füße gingen über einen beblümten Teppich weiter Wiesen, als wäre sie immer barfuß gegangen. Ihr war nicht warm und nicht kalt. Ihr war, als wäre sie körperlos. Baum und Busch wichen ihr nicht aus, und doch waren sie ihr kein Hindernis. Die Dornen der Rosen rissen sie nicht, die Steine taten ihren Füßen nicht weh, und das Wasser netzte sie nicht. Lange hatte sie in diesem wesenlosen Schweben verharrt ohne eine Empfindung der Zeit, als sich in der paradiesischen Landschaft, die sie in immer reicherem Wechsel umgab, eine umbuschte Wiese auftat. Hier schwebten, statt der schimmernden Vögel und Falter, die sie bisher umspielten, reizende Engelsgestalten auf und nieder, und ein lieblicher Gesang ertönte: Melodien und Klänge, die sie nie vernommen hatte, viel schöner als die schönste irdische Musik. Vom Ende der Wiese her aber kam ihre Mutter auf sie zu. Sie trug das Kleid, in dem sie sie zuletzt noch auf dem Krankenlager gesehen hatte: ein tiefer Schrecken ging durch Donias Herz. Ihre Schritte beflügelten sich, und als sie mit ausgebreiteten Armen an der Mutter niederglitt, waren Wiese und Engel und die ganze paradiesische Landschaft verschwunden. Die Mutter lag in ihrem schmalen ärmlichen Bett, und die grauen Wände der elenden Dachwohnung umgaben sie. Am Fenster aber stand der Vater, die Geige unter dem Kinn, und sagte gebieterisch: »Singe, Donia.« Aber er spielte wunderliches, krauses Zeug, das sie nie von ihm gehört hatte, und sie konnte nicht singen, konnte keinen Ton aus der Kehle herausbringen. Und da sie nicht sang, kam er auf sie zu, unter seltsamen schwankenden Bewegungen, und verlangte, sie solle singen. Und da ihr die Kehle wie zugeschnürt war, wurde er zornig und schlug mit dem Violinbogen nach ihr, so daß sie vor Schreck und Angst erwachte. Es war ganz dunkel im Zimmer, und ihr war bange. Als sie ein wenig gelegen hatte, mit geschlossenen Augen, aber wachen Ohren, hörte sie ein Klopfen an ihre Tür. Und dann hörte sie die Stimme ihres Vaters: »Donia, wachst du?« Sie zündete ihr Licht an und öffnete. »Ich kann nicht schlafen,« jammerte Herr Purtaller und beleuchtete mit der erhobenen Lampe seine zitternde Tochter. »Die Mutter war bei mir,« sagte er. Donia erschrak. »Mutter?« fragte sie entsetzt und ungläubig. »Sie sitzt auf dem Rand meines Bettes. Immer wenn ich die Augen schließe, ist sie wieder da und sieht mich an, ohne zu sprechen.« »Dir träumte, Vater,« sagte Donia mit ängstlicher Stimme. »Ich habe noch gar nicht geschlafen, Kind. Kein Auge habe ich zugetan,« sagte Herr Purtaller kläglich. »Das glaubst du,« tröstete Donia. »Aber du wirst doch geschlafen haben.« »Nein, nein,« unterbrach er sie heftig. »Ich werde doch wissen, ob ich geschlafen habe.« Sie setzte ihr Licht weg und nahm ihm die Lampe aus der zitternden Hand, und sie gingen ins Wohnzimmer und setzten sich an den Tisch, sahen sich mit furchtsamen, fragenden Blicken an und froren in ihren dünnen Nachtkleidern. »Mir hat auch von Mutter geträumt,« sagte Donia und erzählte ihren Traum. »Wunderlich, höchst wunderlich!« sagte Herr Purtaller. »Aber dein Traum ist das Licht, das meinen erhellt. Nun verstehe ich den Besuch deiner stummen Mutter. O, jedes Wort, das sie ungesprochen gesagt, ich verstehe es jetzt. Es betrifft dich, Donia, es betrifft deine Zukunft.« Und Herr Purtaller wurde ganz wach und lebhaft. »Siehe, Donia, ich konnte nicht schlafen, weil ich an deine Zukunft dachte. Und da kam mir ein Gedanke, ein Gedanke, Donia; du hast heute abend so schön gesungen, ja, ja, ich verstehe auch etwas davon, du hast schön gesungen. Und da habe ich gedacht, wenn man aus dieser Stimme ein wenig Gold machen könnte, wie die Mutter es gekonnt hatte, als sie noch nicht krank war. Aber wie das machen? Wo soll ich das Geld hernehmen. Aber die Mutter soll nicht umsonst zu uns gekommen sein, Donia. Gewiß, sie kam, um meine Gedanken zu segnen, denn nun weiß ich, ich habe recht, nun ich auch deinen Traum gehört habe. Ich bin abergläubisch – ja, ich bin es.« »Wollen wir nicht lieber wieder zu Bett gehen?« fagte Donia sanft; »du erkältest dich.« Und sie zog ihr dünnes Jäckchen fester um sich. »Ich werde nicht schlafen können. Aber wenn sie nicht wiederkommt, weiß ich, daß sie meinen Entschluß billigt.« »Wir wollen es noch einmal beschlafen,« sagte Donia. Sie nahm die Lampe, um den Vater wieder ins Schlafzimmer zu geleiten. Aber er irrte mit einem suchenden Blick durchs Zimmer, von Winkel zu Winkel, und blieb unsicher an dem kleinen Eckschrank hängen. »Siehst du etwas?« fragte Donia. »Mir ist so – wunderlich – so beklommen,« sagte er heiser. »Ich fürchte, ich werde nicht schlafen können – – vielleicht – wenn ich – – –« Donia hatte ihn verstanden. »Ich hole dir ein Glas Wasser,« sagte sie schnell und setzte die Lampe auf den Tisch. »Nein, nein! Nicht Wasser!« rief er heftig. »Ach Kind, dein armer Vater braucht einen Schlaftrunk. – Diese jagenden Gedanken. – Diese Erscheinung, diese Gestalt!« Er schlug die Hände vors Gesicht, als wollte er sich vor etwas Schrecklichem schützen. Donia ging stumm an den Schrank. Er verfolgte sie mit gierigen Augen. »Na ja, so ist es recht, Donchen, da unten rechts in der Ecke: ein Gläschen wird grade noch drin sein.« Donia hielt die Flasche gegen das Licht: sie war noch viertel voll. Es war schlechter, billiger Rotwein, von dem er vor einiger Zeit welchen mit nach Hause gebracht hatte. Nur für den Magen, Donchen, hatte er gesagt. Und hatte drei Glas nacheinander getrunken, die halbe Flasche. Nur für den Magen. Donia hatte seitdem die Flasche unter Verschluß. Jetzt schenkte sie ihm stumm ein Glas des sauren Weines ein. Er schien seiner wirklich zu bedürfen. Nach all den Aufregungen des Abends und der Nacht mochte sie ihm diesen Schlaftrunk nicht verwehren. Gierig goß er den Wein hinunter. Als sie ihm mehr verweigerte, wurde er heftig. »Der elende Rest! Soll er ganz sauer werden?« Achselzuckend ließ sie ihn gewähren. »Vielleicht schläfst du wirklich besser danach.« »Ich hoffe es,« sagte er wehleidig. »Ich hoffe es, Donia, hoffe es. Ich danke dir, mein liebes Kind.« Er küßte sie, und sie ertrug geduldig den Weindunst seines Mundes. Nach einer Weile hörte sie ihn schnarchen, und die gurgelnden, näselnden Töne beruhigten sie. Sie selbst aber fand den Schlaf nicht. Ihre Gedanken waren unruhig. Ihr Traum beschäftigte sie und gewann in Verbindung mit dem Traum des Vaters erhöhte Deutung. Sie konnte sich nicht gleich in seinen Zukunftsplan hineinfinden. Sie wußte aber, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, ließ er nicht leicht davon ab. Er würde seine Idee nicht fahren lassen, und er würde sie auf den Weg drängen, den er einmal gefunden zu haben meinte. Donia sang gern, aber sie wußte nicht, daß ihre Stimme schön sei. Sie hatte ihre Mutter nur in den ersten Jahren ein paarmal singen hören und hatte sie im bunten Theaterflitter gesehen, und diese Pracht war ihr als etwas Herrliches erschienen. Aber nachher hatte ihre Mutter verächtlich von diesem bunten Elend gesprochen und gesungen hatte sie nie mehr; ihre Stimme sei dahin, hatte sie behauptet. Aber Donia müßte nicht das Kind ihrer Eltern gewesen sein, wenn ihre Phantasie nicht einen verführerischen Schimmer um dieses neue Zukunftsbild gebreitet hätte. So lag sie noch lange wach, bis auch sie endlich der Schlaf übermannte. Herr Purtaller sprach am andern Morgen nicht mehr von der Sache und Donia war froh darüber, denn im nüchternen Licht des Tages bekam alles ein ganz anderes Aussehen. Herr Purtaller aber war keineswegs gesonnen, seinen Plan aufzugeben: er trug ihn vielmehr hätschelnd mit sich herum und ließ ihn immer festere Gestalt annehmen. Donia würde Gönner finden, Donia würde ausgebildet werden. Sie würde ein Stern am Musikhimmel werden. Geld würde kommen, würde herzuströmen. Man würde sich besser einrichten, moderner, eleganter. Sidonia Purtaller, es klang gut. Er sprach den Namen seiner Tochter mit Zärtlichkeit, mit Achtung, mit Bewunderung aus. Ja, er redete sie sogar zeitweilig so an: Sidonia. Und Donia wunderte sich. »Warum sagst du auf einmal immer so feierlich Sidonia?« »Du wirst immer älter und größer, Kind; ich kann dich doch nicht immer noch Donchen nennen,« meinte er. »Aber Donia,« sagte sie. »Sidonia klingt so geziert.« Er überlegte. Donia Purtaller würde auch noch gut klingen, obgleich Sidonia Purtaller doch noch besser klang. Er hatte ein feines Ohr für so etwas. Der Tonfall macht es. Eine Silbe ist oft von unendlicher Bedeutung. Aber er sah ein, daß es noch Zeit hatte, sich darüber schlüssig zu werden, und beließ es vorläufig wieder bei Donia. Achtes Kapitel Warum kommt Donia gar nicht mal wieder zu uns,« fragte Frau Köpke. Herr Purtaller horchte freudig auf. Er hatte die Absicht, nach der Stunde Frau Köpke wieder einmal um Vorschuß zu bitten. Nun sie ihm so freundlich entgegenkam, schöpfte er hierzu neuen Mut. Sie würde ihm doch die zehn Mark nicht verweigern. »Ich werde Donia schicken, mit Ihrer gütigen Erlaubnis. Sie wird sich unendlich freuen. Sie hat Ihr Haus so lieb gewonnen. Sie ist ein so dankbares Kind. Wirklich, sie liebt Ihr Haus.« Herr Purtaller glaubte das ruhig versichern zu können. »Ich habe es ja auch so lieb gewonnen. Ich komme so gern zu Max und zu Fräulein Hanna. Es sind so liebe, wohlerzogene Kinder.« »Ja, es sind gute Kinder,« bestätigte Frau Köpke. »Aber ich möchte Sie doch bitten, nicht Fräulein Hanna zu sagen. Sie ist ja noch ein Kind.« Herr Purtaller dienerte. »Wie Sie wünschen. Aber sie ist doch beinahe schon eine junge Dame.« »Ein dummes Gör ist sie,« sagte Frau Köpke kurz. »Na, na,« lächelte Herr Purtaller. Währenddessen trat Max ein, und Frau Köpke entfernte sich. Max war sehr aufgeräumt. Er hatte eine Eins im Französischen davongetragen. Herr Purtaller jubelte innerlich. Er wollte jetzt um fünfzehn Mark Vorschuß bitten. Oder sollte er gleich um zwanzig anfragen? Doch nein, unbescheiden wollte er nicht sein. »Der Lehrer meint, ich brauche jetzt keine Nachhilfestunden mehr,« meinte Max. Herr Purtaller erschrak heftig, doch Max setzte schnell hinzu: »Aber Mama will es ja durchaus.« »Siehst du? Siehst du?« triumphierte Herr Purtaller, »deine Mama hat sehr recht. Du hast ja große Fortschritte gemacht, sehr große Fortschritte. Ein bißchen Verdienst darf ich mir doch auch zuschreiben, obgleich du wirklich sehr fleißig gewesen bist. Aber ein halbes Jahr noch, ein halbes Jahr! Deine Mutter weiß, was sie tut.« Max war es im Grunde ganz recht, noch länger die Hilfe Herrn Purtallers genießen zu dürfen. Die Stunde verlief sehr angeregt. Herr Purtaller spitzte seinen Bleistift und entwarf eine Quittung für Frau Köpke über fünfzehn Mark, und Max erzählte Anekdoten aus der Schule. Dann kam Hanna mit ihrer englischen Grammatik. Sie sah sehr hochmütig und mißvergnügt aus. Herr Purtaller dienerte nur stumm und rieb sich die Hände. »Herr Purtaller, meine Freundin behauptet, mein Englisch wäre alles falsch,« sagte Hanna und sah ihn herausfordernd an. Herr Purtaller erschrak abermals. Er fühlte sich getroffen. Aber er setzte eine beleidigte Miene auf und erwiderte mit überlegenem Ton: »Ich kenne Ihre Freundin nicht, Ihre Frau Mutter – überhaupt – –« Herr Purtaller kam ins Stottern – »Wenn ich, Ihr Lehrer, Ihnen sage, daß Ihr Englisch richtig ist –« Hanna zuckte die Achseln: »Sie sagt es.« »Sie sagt es,« wiederholte Herr Purtaller mit verächtlicher Betonung. »Was sagt sie denn?« »Zum Beispiel fohr, vier, wäre ganz falsch.« »Ja, habe ich Ihnen denn fohr gesagt? Forr! forr!« »Sie haben fohr gesagt.« »Forr habe ich gesagt, f–o–r–r. übrigens sind das Kleinigkeiten, durchaus nur Kleinigkeiten. Kein Engländer spricht genau so wie der andere. Ganz wie im Deutschen auch: Zum Beispiel – – – Tach und Tag.« Herr Purtaller war glücklich über seinen Einfall und sah Hanna triumphierend an. Die zuckte mit den Achseln. »Es ist ja auch ganz gleichgültig, ich hab es ja doch nicht für die Schule auf.« Es wurde eine verdrossene Stunde; Herr Purtaller bemühte sich, die richtige Aussprache zu treffen, und Hanna lag auf der Lauer, ihn eines Fehlers zu überführen. Aber da sie selbst nicht kundig war, gelang es ihr nicht. Er muß es ja wissen, dachte sie. Am Schluß der Stunde bat Herr Purtaller, Frau Köpke einen Augenblick sprechen zu dürfen. Er war sehr beunruhigt. Wenn Hanna der Mutter von dem Zweifel der Freundin erzählt hätte? Dieses dumme Gör, grade heute, wo er Vorschuß brauchte. Aber Frau Köpke erwähnte des Englischen nicht. Sie wiegte nur den Kopf und machte ein bedenkliches Gesicht zu Herrn Purtallers Forderung. »Ich weiß, ich weiß,« rief Herr Purtaller. »Sie müssen mich für unbescheiden halten. Sie waren schon einmal so gütig, mir Vorschuß zu geben.« »Einmal?« fragte Frau Köpke. »Ganz recht, es war damals schon – ich entsinne mich nicht mehr so genau –« »Aber ich, Herr Purtaller,« sagte Frau Köpke scharf. Herr Purtaller wurde rot; er mußte andere Saiten aufziehen. »Liebste, beste Frau Köpke,« sagte er flehend. »Tun Sie es nur dieses eine Mal noch: ich weiß ja, ich mißbrauche Ihr gütiges Herz. Aber die Not, die blanke Not zwingt mich. Meine Donia – sie braucht Pflege – Sie wissen ja –« »Ist sie krank?« fragte Frau Köpke. »Krank? Das grade noch nicht, aber ich bin doch nicht ohne Sorge. Sie hat eine kränkliche Mutter gehabt. Aber Sie wissen das ja alles. Sie sind ja auch Mutter.« »Ich kann das auch nicht immer so,« sagte Frau Köpke. »Ich bin auch nicht reich.« »O, Sie!« rief Herr Purtaller überzeugungsvoll, als zweifle er nicht an Frau Köpkes glänzendem Vermögen. Frau Köpke schien unangenehm berührt zu sein, und Herr Purtaller sah sofort ein, daß er einen Fehler begangen hatte. »Verzeihen Sie,« sagte er, »ich maße mir nicht an, irgend einen Zweifel, nein, Sie verstehen mich schon, liebe Frau Köpke. Ich weiß ja, das ist Mißbrauch Ihrer Güte, Ihrer grenzenlosen Güte. Aber ich verspreche Ihnen heilig, daß es das letztemal sein soll. Ich verspreche es Ihnen schriftlich, wenn Sie es wünschen.« Frau Köpke ließ sich noch einmal erweichen und entnahm ihrer Börse die gewünschte Summe. Herr Purtaller zog seine Quittung hervor und sagte: »Ich habe mir erlaubt, Ihnen eine Quittung auszustellen. Damit wir wissen, damit ich weiß –« »Schon gut, Herr Kandidat,« sagte Frau Köpke etwas kühl und nahm das Blatt Papier entgegen, auf dem Herr Purtaller mit kühnen Zügen sich zu dem Empfang eines Vorschusses von fünfzehn Mark bekannte. »Und Donia darf ich wieder einmal schicken? Wie wird das Kind sich freuen.« Frau Köpke war verstimmt. Doch durfte sie jetzt nein sagen, nachdem sie vorher selbst gefragt hatte, warum Donia sich gar nicht mehr sehen ließe? »Gewiß,« sagte sie. »Schicken Sie Ihre Tochter nur. Hanna wird sich sehr freuen.« »Donia auch, Donia hat Fräulein Hanna so in ihr Herz geschlossen.« Mit vielen Verbeugungen, wie immer, empfahl sich Herr Purtaller. Auf der Straße war es ihm, als sei er einer großen Gefahr entronnen. Wie vielen Gemütsbewegungen war er ausgesetzt gewesen! Der Zweifel, ob Frau Köpke den Vorschuß bewilligen würde; die, wenn auch schnell vorübergegangene Furcht, Max würde der französischen Stunden nicht mehr bedürfen: der Schrecken, den ihm Hanna mit der Kritik ihrer Freundin eingejagt; die Vorwürfe Frau Köpkes bei der Bewilligung des Geldes; dazu die Einladung Donias – das alles versetzte ihn in einen gelinden Taumel der Gefühle. Bedurfte er nicht der Erholung, der Stärkung, bevor er zum nächsten Schüler ging? Ob er überhaupt ging? Er hatte ja nun fünf Mark mehr in der Tasche, als er ursprünglich von Frau Köpke hatte erbitten wollen. Diese fünf Mark gehörten von rechtswegen ihm allein. Donia wußte nichts davon. Fünf Mark, das waren gleich fünf Stunden. Wenn er davon eine Stunde feierte? Wer wollte es ihm verdenken, daß er sich einmal Ruhe gönnte, einmal ausspannte? An zwei Wirtschaften war er langsam vorübergegangen, als ihm der Gedanke kam, für die fünf Mark Donia eine Freude zu machen. Der Gedanke erregte ihn, und er machte im Geiste hundert Einkäufe, allerlei Kleinigkeiten. Aber vielleicht wäre es besser, ein großes Stück zu wählen. Er musterte die Auslagen, ging von Fenster zu Fenster und endlich über die Straße, wo das blinkende Schaufenster eines Juweliers ihn anzog; Herr Purtaller vertiefte sich trotz der hohen Preise in die Kostbarkeiten. Aber da war ein bescheidenes Ringlein zu drei Mark ausgelegt. Seine Augen sogen sich daran fest. Drei Mark. Er würde dann noch zwei Mark übrig behalten. Diese zwei Mark für sich selbst anzuwenden, würde kein Unrecht sein. War er nicht schon groß und gut und edel, daß er sofort an Donia gedacht hatte? O, er war ein guter Vater; ein armer vom Unglück verfolgter, aber kein schlechter Mensch. Herr Purtaller schwelgte im Bewußtsein seines Wertes. Herr Purtaller zog die Uhr. Es war eine halbe Stunde über die Zeit, der Schüler hatte also schon gewartet; mochte er ganz warten. Eigentlich ging ja nun schon eine Mark von den fünfen ab. Aber solche »Zukunftsrechnung«, wie er es nannte, ließ Herr Purtaller nicht zu. Er war ein Mann der Gegenwart, ein Mann des Augenblicks, ein Mann schneller Entschlüsse. Herr Purtaller trat in den Laden und erstand den billigen Ring. Er erschien ihm in der Hand noch unscheinbarer, ein dünnes Reifchen mit einem grünen Stein. Es ist echt Gold, empfahl der Juwelier. Der Ring wurde in ein zierliches Kästchen gelegt und dann das Kästchen in ein Seidenpapier gewickelt. Dadurch wurde der Umfang seines Geschenkes ein wenig größer. Das beruhigte Herrn Purtaller. Wenn er das Kästchen so heimlich auf den Tisch stellen würde, und Donia es dann so zufällig sehe, was würde es für Augen machen, das gute Kind! Herr Purtaller versicherte sich unterwegs wiederholt, ob er den kleinen Schatz auch noch in der Tasche habe, und jedesmal überkam ihn aufs neue das Gefühl einer guten Tat. Der Edle aber ist seines Lohnes wert. In ein bescheidenes Weinstübchen trat Herr Purtaller mit der Ruhe und der Sicherheit eines Mannes ein, der sich bewußt ist, sich ein Glas Wein leisten zu können. Er bestellte eine halbe Flasche Rotwein und nach einiger Überlegung ein Sardellenbrötchen. Ihm blieben noch einige Pfennige. Schade, daß es nicht noch zu einem Brötchen reichte. Diese Sardellen waren gar zu delikat. Vielleicht hätte Donia an einem hübschen Bande, an einem paar Handschuh zu zwei Mark dieselbe Freude gehabt. Vielleicht war es doch töricht gewesen, so viel Geld für einen Ring auszugeben. Ein goldener Ring in ihrem Stande war immerhin Luxus. Aber das Edle in Herrn Purtaller gewann wieder Oberhand. Er schämte sich ein wenig. Um ein Sardellenbrötchen hatte er seine Donia benachteiligen wollen! Herr Purtaller steckte den Rest des Geldes, es waren nur dreißig Pfennige, ein, ließ den Kellner vergebens auf ein Trinkgeld warten, und kaufte sich gegenüber beim Schlachter noch ein halbes Pfund Leberwurst. Neuntes Kapitel Donia wartete auf den Vater; sie saß beim trüben Schein der kleinen Lampe und stopfte seine Strümpfe. Sie hatte den letzten Rest des Petroleums auf die Lampe gefüllt. Ob es reichen würde für diesen Abend? Wenn der Vater kein Geld nach Hause brächte, würde sie morgen im Dunkel sitzen müssen. Müde führte sie die Nadel durch den durchlöcherten Strumpf. Es war kein Meisterwerk, das sie machte. Sie hatte wenig Geschick zu solchen Arbeiten, und die Mutter hatte sie kaum darin unterwiesen. Es war nur gut, daß der Vater nicht anspruchsvoll war. Auf dem Tisch lag ein aufgeschlagenes, arg zerlesenes Buch. Ein Band Schiller. Zwei Bände Schiller, ein paar Schulbücher und der Band von dem berühmten Harnack, den er samt der Widmung irgendwo antiquarisch erstanden hatte, bildeten die ganze Bibliothek des Vaters. Sie kannte den Inhalt dieser Bände auswendig. Heute las sie zum sechsten oder siebenten Mal Maria Stuart, las ein paar Seiten, machte ein paar Stiche und sah immer wieder zwischendurch auf die Uhr. Es stand Brot und Butter auf dem Tisch, ein kärgliches Abendmahl. Sie war hungrig, mochte aber nicht essen, bevor der Vater da war. Vielleicht brachte er ja Geld und auch etwas Eßbares mit, ein wenig Käse, ein Stückchen Wurst. Wenn er aber kein Geld brachte? Was dann? Wie sollte es am andern Tag werden? Man borgte ihr schon noch beim Fleischer, beim Krämer, beim Milchmann, aber mit einem Gesicht, das sie abschreckte. Doch der Vater würde schon Geld bringen. Er hatte noch immer in der letzten Not Rat geschafft. So war auch Donia schon mit einem gewissen leichtsinnigen Vertrauen erfüllt. Wie es bisher gegangen war, würde es auch weiter gehen. Und sie hatte sich daran gewöhnt, den Vater allein sorgen zu lassen, und hatte sich damit begnügt, ihm die Wohnung in Ordnung zu halten. In Ordnung? Nun ja, es war nicht viel in Ordnung zu halten; aber das Wenige, was da war, stand auf seinem Platz, und es war alles einigermaßen rein, wenn man nicht gar so peinlich war und in den Ecken nachsuchte. Donia hatte es jetzt eigentlich nicht schwer. Sie hatte es viel schwerer gehabt, als die Mutter noch lebte, wenigstens in der Zeit der Krankheit. Und es war in jener Zeit ein wenig unordentlich zugegangen; das war verständlich. Und der Vater war ja so anspruchslos. Er war selbst ein wenig unordentlich. Donia mußte beiseite hängen, beiseite legen, was er hatte liegen lassen; seinen Hut, seinen Stock, seine Stiefel, seine Bücher. Sie kannte das nicht anders, von klein auf an. Es lag immer etwas herum. Und sie selbst ließ auch immer etwas herumliegen. Zigeunerwirtschaft nannte es der Vater. Die kleine staubige Standuhr schlug acht dünne zittrige Schläge. Der Vater kam doch sonst schon um sieben Uhr nach Hause. Vielleicht hatte er doch Geld bekommen und saß nun beim Bier. Sie gönnte es ihm. Nur wenn er zuviel getrunken hatte, das konnte sie nicht leiden, davor hatte sie einen Ekel. Ein paarmal war das vorgekommen, nicht oft, vielleicht zwei- oder dreimal nach dem Tode der Mutter, aber sie dachte mit Widerwillen daran. Donia legte den fertigen Strumpf beiseite, zog das Buch näher heran und las mit halbleiser Stimme: Was klagt ihr? Warum weint ihr? Freuen solltet ihr euch mit mir, daß meiner Leiden Ziel nun endlich naht, daß meine Bande fallen, mein Kerker aufgeht, und die frohe Seele sich auf Engelsflügeln schwingt zur ew'gen Freiheit. Da, als ich in die Macht der stolzen Feindin Gegeben war, Unwürdiges erduldend, was einer freien, großen Königin nicht ziemt, da war es Zeit, um mich zu weinen! – Wohltätig, heilend nahet mir der Tod, Der ernste Freund! Mit seinen schwarzen Flügeln Bedeckt er meine Schmach – den Menschen adelt, den tiefstgesunkenen, das letzte Schicksal. Die Krone fühl ich wieder auf dem Haupt, den würd'gen Stolz in meiner edlen Seele! Donia horchte auf. Endlich Schritte auf der Treppe. Der Vater! Sie schob das Buch zurück und eilte an die Tür. Doch klopfenden Herzens blieb sie stehen. Die Schritte waren lauter und unsicherer als sonst. Sie öffnete die Tür nicht, sondern machte nur die Sperrkette ab, und wartete, bis der Vater eintrat. »Da bin ich, Donchen!« rief Herr Purtaller. »Endlich bin ich da!« Er trat mit weinseligem Lächeln ein und bemühte sich, Haltung zu zeigen. »So spät?« sagte Donia vorwurfsvoll und trat einen Schritt zurück. »Schilt nicht, Donchen,« sagte Herr Purtaller schmeichelnd und machte eine Geste mit der linken Hand, die ein wenig unsicher ausfiel. »Du hast wieder getrunken, Papa.« »Ja, ich habe getrunken, Donchen,« gab Herr Purtaller zu. »Vor Freude habe ich getrunken, Donchen, vor Freude. Und du sollst dich auch freuen.« Er suchte in allen Taschen. »Aber willst du nicht erst in die Stube kommen und ablegen?« fragte Donia. »Ja ja, ich werde erst ablegen.« Und er folgte ihr in die Stube, ließ sich Hut und Stock aus der Hand nehmen, und sah Donia mit lustig zusammengekniffenen Augen und herausforderndem Lächeln an. »Nun, rat mal!« sagte er. »Wurst!« rief Donia. Herr Purtaller wollte sich ausschütten vor Lachen. »Käse,« rief Donia weiter. »O, wie du schlecht raten kannst,« sagte Herr Purtaller. Donia strengte sich an. »Bücklinge?« Herr Purtaller lachte, daß ihm die Tränen aus den Augen liefen. »Bücklinge, geräucherte Bücklinge!« stotterte er. »Ja, grade so etwas, grade so etwas. Wie du gut raten kannst!« Und mit geschlossenen Augen und einem schlürfenden Mundspitzen hielt er ihr das Schächtelchen mit dem Ring hin. Donia nahm es mit verwunderten Blicken entgegen. »O!« rief sie, als der Ring zum Vorschein kam. Ihr Gesicht drückte ebensoviel Staunen als Verlegenheit aus. »Freust du dich?« fragte Herr Purtaller. Sie hielt den Ring in der Hand und wußte nicht, was sie sagen sollte. »Von Frau Köpke?« fragte sie unsicher. »Närrchen, von deinem Vater! Was sagst du jetzt, du Närrchen?« Sie wollte ihm um den Hals fallen, aber vor seinem Munde wich sie zurück. »Woher hast du den Ring?« fragte sie ernst. »Gekauft habe ich ihn, für dich gekauft!« »So hast du Geld bekommen?« Er nickte nur vergnügt und zog aus der andern Tasche das Stückchen Wurst. »Wie schön,« sagte Donia auf den Ring blickend. Es klang fast wie ein Seufzer. »Aber wie konntest du so viel Geld für mich ausgeben?« »Ich wollte dir eine Freude machen.« Sie hörte seine leise Enttäuschung heraus und sie überwand sich und küßte ihn. »Ich danke dir tausendmal. So einen Ring habe ich mir schon lange gewünscht.« »Siehst du!« rief Herr Purtaller frohlockend. »Wußt ich's nicht, was Donchen sich wünscht?« Donia steckte den Ring an den Finger, ging an die Lampe und ließ ihn blitzen, während Herr Purtaller ihr an den Tisch folgte und seine Augen auf das Buch fielen. Er blätterte mechanisch darin. »Schiller!« fugte er pathetisch. »Der große Schiller! Maria Stuart! Der ist ein Rasender, der nicht das Glück Festhält in unnachsichtiger Umarmung, Wenn es ein Gott in seine Hand gegeben!« deklamierte Herr Purtaller. »Wollen wir nicht essen, Vater?« fragte Donia. »Ich bin sehr hungrig.« »Du bist sehr hungrig, armes Kind? Die Krone ist von deinem Haupt gefallen, Du hast nichts mehr von irdischer Majestät. Versuch es, laß dein Herrscherwort erschallen, Ob dir ein Freund, ein Rächer aufersteht. O Kind, als ich noch den Mortimer spielte!« Herr Purtaller ließ sich mit diesem elegischen Seufzer in die Sofaecke fallen und sah tiefsinnig auf die Butter, die auf einem irdenen Teller vor ihm stand. »Laß jetzt Mortimer, Papa,« sagte Donia. »Der Tee wird dir gut tun.« Sie ging in die Küche und kam mit einem Topf heißen, dünnen Tee zurück. Herr Purtaller schnalzte mit den Fingern, als fiele ihm eine Vergeßlichkeit ein. »Du hast wohl nicht einen Schuß Rum oder Roten? Nur so ein kleines Schüßchen? Aber nein, woher solltest du. Es geht auch so.« Donia stellte sich, als hätte sie diese Frage überhört. Der Tee tat Herrn Purtaller auch ohne Rum gut. Die Geister des Weines verließen ihn, und die Ernüchterung ließ ihn Betrachtungen darüber anstellen, ob Donia sich genügend über den Ring gefreut habe oder ihm etwas schuldig geblieben wäre. Er hatte eigentlich erwartet, einen größeren Eindruck mit dem Geschenk zu machen. Er war ein wenig gekränkt, und jetzt fiel ihm ein, daß er noch nichts von Frau Köpkes Einladung gesagt hatte. Er wollte damit Kohlen auf Donias Haupt sammeln. »Frau Köpke läßt dich bitten, Hanna doch wieder zu besuchen. Sie war so sehr lieb, so sehr teilnehmend. Nun, ich darf auch wohl sagen, beide Kinder machen Fortschritte bei mir, große Fortschritte. Die Frau erkennt es an. Sie sucht förmlich danach, mir ihre Erkenntlichkeit zu zeigen. Und wie könnte sie das besser, als wenn sie sich deiner etwas annimmt.« »Was soll ich da?« sagte Donia ein wenig mißmutig. »Was du da sollst?« fragte Herr Purtaller vorwufsvoll. »Ist es denn nicht schön für dich, in ein so gutes Haus zu kommen, wo du durch die Verdienste deines Vaters – ich darf wohl mal frei von der Leber sprechen und meine verdammte Bescheidenheit einmal in die Ecke stellen – ich meine, wo du von den Verdiensten deines Vaters doch immerhin einige Vorteile ziehen könntest. Ich verstehe dich nicht, Donia.« »Die Frau ist ja sehr nett,« sagte Donia. »Eine entzückende Frau, eine herrliche Frau! Und die lieben Kinder –« »Ich mag die Hanna nicht,« sagte Donia. »Kennst du sie denn?« Donia zuckte die Achsel. Aber Herr Purtaller redete eifrig auf sie ein, so daß sie zuletzt sagte: »Ich kann ja gern noch einmal hingehen, wenn du es wünscht, aber mir liegt nichts daran.« »Du mußt, Donia, mir zur Liebe,« sagte Herr Purtaller. »Frau Köpke bat so sehr darum. Sie hat dich lieb gewonnen. Ja, so sagte sie, genau so. Sie haben dich herzlich lieb gewonnen. Da wäre es unhöflich, wenn du nicht gingest. Und vielleicht ist es dein Glück.« Zehntes Kapitel Donia ging grade an dem Tage zu Köpkes, als Hanna ihrer Mutter von Herrn Purtallers lächerlichem Englisch erzählt hatte. Hanna hatte ihre Freundin mitgebracht, die in der Schule zu den besten Engländerinnen gehörte, und deren Bruder seit einem halben Jahr in London im Geschäft war. Diese Autorität galt viel in Frau Köpkes Augen, und über Herrn Purtallers Haupt zog sich ein drohendes Wetter zusammen. »Wie kann der Mensch englische Stunden geben, wenn er kein Englisch kann,« sagte Frau Köpke entrüstet. Und in diesem Augenblick trat Donia in die Tür. Der Empfang war infolgedessen etwas frostig, und Donia sagte mit zaghafter Stimme: »Ich störe doch nicht?« »Das ist nett, daß du kommst,« antwortete Frau Köpke mit kühlem Ton, aus dem keine Freude sprach. »Aber ich will wirklich nicht stören,« wiederholte Donia, die fühlte, wie ein Etwas ihr die Kehle zusammenpreßte. »Hanna!« rief Frau Köpke ins Nebenzimmer. »Donia Purtaller ist da.« Es blieb einen Augenblick still, dann hörte man ein heftiges Stuhlschurren und das Geräusch hingeworfener Bücher. Hanna erschien in der Tür und sah gleichgültig auf Donia. »Guten Tag!« sagte sie gedehnt. »Guten Tag,« erwiderte Donia, die am liebsten wieder umgekehrt wäre. »Ich störe dich jedenfalls bei der Arbeit.« »Nur beim Englischen,« sagte Hanna spöttisch. Aber Donia konnte diesen Spott nicht verstehen. »Das tut mir leid,« entschuldigte sie sich. »Papa sagt, gerade das Englische sei so schwer.« »Ja, es ist furchtbar schwer!« rief Hanna und lachte hell auf. Donia wurde rot; sie hörte jetzt wohl den Spott heraus, wußte aber nicht, was sie davon zu halten hatte. »Aber willst du nicht Platz nehmen,« sagte Hanna und bot ihr einen Stuhl. »Nachher habe ich leider Klavierstunde.« »Aber dann will ich doch lieber gleich wieder gehen,« meinte Donia und erhob sich. »Nein, nein, bis dahin habe ich Zeit,« rief Hanna. Sie sah Donias Verlegenheit, und ihre natürliche Gutmütigkeit regte sich. »Wir wollen in mein Zimmer gehen, willst du?« Und sie führte Donia eine Treppe höher in ihr Zimmer, das im zweiten Stock lag. Donia folgte ihr mit dem Wunsche, nicht gekommen zu sein. Was sollst du eigentlich hier? dachte sie. Frau Köpke hat dich liebgewonnen, hat der Vater gesagt; sonderbare Liebe, die so kalt sein kann. Hannas Stube war klein, aber hell und gemütlich. Es waren alle kleinen Dinge da, womit ein Backfisch gern sein Zimmer schmückt. Es roch nach Veilchenseife. »Ist es nicht mollig hier?« fragte Hanna. »Reizend,« sagte Donia und sah sich lebhaft um. Ja, wer es so haben konnte! Sie hätte kein Mädchen sein müssen, um sich nicht angeheimelt zu fühlen. Wie kahl und nüchtern war es dagegen in ihren vier Wänden. Sie fühlte, wie der Druck von der Kehle sich löste, und sie atmete diese feine parfümierte Luft mit Behagen ein. Hanna, die merkte, welchen Eindruck ihr Zimmer auf die arme Donia machte, fühlte sich geschmeichelt und taute auf. Sie nahm ihr den Hut ab und drückte sie in die bunten, weichen Kissen ihres niedrigen Schaukelstuhls. »Hier möchte ich auch wohnen,« sagte Donia. »Warum kommst du so selten? Komm doch öfter,« meinte Hanna. »Wenn ich darf?« »Gewiß, gern,« sagte Hanna gönnerhaft. »Du mußt nur Sonnabends kommen, da habe ich mehr Zeit. Mittwochs habe ich immer Klavierstunden.« »Wie schön,« rief Donia. »Nicht wahr?« sagte Hanna, die eigentlich gar nicht für Klavierstunden schwärmte. »Wenn ich doch auch spielen könnte,« meinte Donia, »ich schwärme so für Musik.« Hanna zuckte die Achseln, als wollte sie sagen, jeder kann es natürlich nicht. Aber dann fügte sie hinzu: »Aber du singst ja.« »Ein wenig,« sagte Donia. Hanna dachte an die lächerliche Szene von damals und sah Donia von unten bis oben an, wie man jemand mustert, aus dem man nicht recht klug wird. »Mama sagt, ich hätte gar keine Stimme,« sagte Hanna. Jetzt zuckte Donia die Achsel; jeder kann natürlich nicht singen. »Ist dein Klavierlehrer nett?« fragte sie. »Na,« antwortete Hanna zögernd. »Es geht. Er kann wenigstens ganz nett sein. Meine Freundin nennt ihn immer das alte Ekel. Aber ich finde ihn ganz nett. Das heißt, hübsch ist er gar nicht, das mußt du nicht denken.« Donia lachte. »Das ist ja auch nicht nötig.« »Nein, meinetwegen könnte er so häßlich wie die Nacht sein,« sagte Hanna wegwerfend. »Ist er noch jung?« fragte Donia, nur um etwas zu sagen. »Na, zu haben ist er noch. Aber ich danke!« Sie lachten beide. Donia fand, obgleich ihr die Unterhaltung recht albern vorkam, daß es ganz nett bei Hanna sei. Diese wußte aber so recht nichts mit ihrem Besuch anzufangen und verfiel darauf, ihre Kleider zu zeigen. Sie holte eins nach dem anderen aus dem Schrank und breitete es vor Donia aus. Donia bewunderte sie pflichtschuldigst und gewann dadurch Hannas Gunst. Sie ist doch ganz nett, dachte Hanna. Als Donia sich verabschieden wollte, mußte sie noch einmal bei Frau Köpke eintreten, um noch eine Tasse Tee zu trinken und noch etwas Keks zu essen; sie dankte zwar höflich, nahm es aber gern. Das Klavier war schon geöffnet in Erwartung des Musiklehrers, und die Noten lagen auf dem Pult. »Singst du noch fleißig?« fragte Frau Köpke. Donia, in Erinnerung an ihr Mißgeschick, errötete. »Manchmal, Papa hört es so gern.« »Ja, ich habe es von dem Vater gehört, daß du so hübsch singst,« sagte Frau Köpke. »Ach, sing mal etwas,« bat Hanna. Und obgleich Donia sich wehrte, mußte sie sich doch zuletzt entschließen, ein Lied zu singen. Aber Hanna konnte nicht mit der Begleitung zurechtkommen. Darüber verging die Zeit, und der Klavierlehrer trat ins Zimmer. Donia brach erschrocken ab und stand verlegen neben dem Klavier. »Ach, Herr Peters!« rief Hanna und errötete gleichfalls, wegen ihrer Stümperei. »Störe ich?« fragte Herr Peters. »Donia Purtaller – Herr Peters,« stellte Frau Köpke vor. Donia machte einen steifen Knicks, und Herr Peters nickte freundlich mit dem Kopf. »Das kleine Fräulein singt?« fragte er. Aber Donia beeilte sich, sich zu verabschieden; sie reichte allen schnell die Hand, auch Herrn Peters, und ließ es sich gefallen, daß Frau Köpke sie an die Treppe begleitete. »Ganz nette Stimme,« sagte Herr Peters zu Frau Köpke. »Nicht wahr!« rief Frau Köpke. »Eine kleine süße Stimme. Schade, daß sie nicht ausgebildet werden kann.« Herr Peters sagte nichts dazu. Ausgebildet werden können! Die gute Frau Köpke! Ob sie eine Ahnung hatte, was dazu gehörte? Süße Stimme. Na ja, ganz nettes Material. Aber die Ausbildung! Fleiß und Ausdauer, ganz abgesehen vom Talent und von der musikalischen Begabung! Und dann die Hauptsache: Geld, Geld und wieder Geld! Aber Frau Köpke meinte wohl nur, Gesangstunden nehmen, so wie die jungen Mädchen alle ein bißchen singen lernen. Die Kleine erschien ihm übrigens noch reichlich jung. Das alles dachte Herr Peters, schwieg aber und wandte sich zu Hanna, die indes am Klavier Platz genommen hatte. Frau Köpke verließ das Zimmer. In einer halben Stunde würde Herr Purtaller kommen. Sie hatte die Absicht gehabt, die englische Stunde zu kündigen. Aber nun Donia dagewesen war, war es ihr doch peinlich. Hanna und Donia waren heute schon ganz vertraut miteinander gewesen. »Alte eklige Sache,« sagte Frau Köpke zu sich. »Man kann doch das Kind nicht ins Haus ziehen und dem Vater kündigen.« Eigentlich kündigen wollte sie ja auch nicht; nur für das Englische. Die französischen Stunden sollte Herr Purtaller ja beibehalten. Nun, morgen war auch noch ein Tag. Heute wollte sie noch nicht davon sprechen. Und da fiel ihr der viele Vorschuß ein. Wann sollte Herr Purtaller den abarbeiten? Wie lange würde das dauern, wenn er nur eine Stunde täglich gäbe. Und sie lächelte, wenn sie daran dachte, daß Donias Stimme ausgebildet werden sollte. Herr Purtaller würde das auch bezahlen können! Als nun Herr Purtaller erschien, war das erste, daß sie auf Donias Stimme zu sprechen kam. Herr Purtaller hatte Donia unterwegs getroffen und hatte erfahren, daß man sie wieder zum Singen aufgefordert hatte. Auch vom Klavierlehrer hatte Donia erzählt; er habe zwar nichts gesagt, aber er habe sie so eigentümlich angesehen. »Meine Donia kommt grade von Ihnen,« sagte Herr Purtaller mit schmeichelnder Stimme. »Das gute Kind war noch ganz voll davon.« »Ja,« sagte Frau Köpke. »Die beiden Mädchen freunden sich immer mehr an.« »Sie haben wieder zusammen musiziert! Wie schön, wie anregend für meine Donia,« fagte Herr Purtaller erfreut. »Schade, daß Sie Donia keine Gesangstunden geben lassen können. Sie hat so eine hübsche Stimme.« Herr Purtaller machte ein betrübtes Gesicht. Wo sollte er das Geld hernehmen? »Ja, wenn die Stimme es wirklich wert wäre,« sagte er, »wenn daraus etwas zu machen wäre – ich weiß ja – jedes Opfer würde sich einst zehnfach lohnen. Und sie ist es wert. Ich habe ein wenig Ohr dafür. Eine innere Stimme sagt es mir.« »Ja, eine kleine, süße Stimme hat sie ja,« betonte Frau Köpke noch einmal. »Ich will doch mal mit Herrn Peters sprechen. Vielleicht prüft er sie mal. Sie wissen wohl, Hannas Klavierlehrer.« »O, das wäre nett! O, das wäre lieb! Das wäre ja einfach großartig!« rief Herr Purtaller enthusiastisch. »Donia würde es Ihnen auf den Knien danken!« Frau Köpke machte eine abwehrende Bewegung, als fürchte sie, daß Herr Purtaller in diesem Augenblick selbst auf die Knie fallen würde. »Gehen Sie nur hinein,« sagte sie. »Max wartet schon.« Elftes Kapitel Herr Purtaller kam sehr ernst nach Hause. Doch bevor er etwas sagte, hing er Hut und Mantel mit einer gewissen feierlichen Würde an den Haken, wobei er wiederholt seine Tochter mit vielsagenden Blicken ansah. Dann trat er zu ihr, legte ihr seine beiden Hände auf die Schultern und sagte gütig ernst: »Donia, heute entscheidet sich deine, entscheidet sich unsere Zukunft.« Donia sah ihn verständnislos an. »Ja, entscheidet sich,« wiederholte er mit Nachdruck. »Unser Schicksal soll sich nun wenden und zwar durch dich.« »Durch mich?« fragte Donia erstaunt. »Ja, durch dich!« versicherte Herr Purtaller und räusperte sich, ehe er fortfuhr. »Du hast bisher so in Unschuld und Kindlichkeit dahingelebt, bescheiden und ohne Ansprüche, aber du bist im Besitz eines Schatzes, liebe Donia. Ich möchte deine kindliche Unbefangenheit nicht zerstören, aber ich muß es dir sagen, muß es dir heute sagen.« Donia war sehr gespannt. »Du singst, liebe Donia. Du singst hübsch! Ich habe dich immer gern gehört. Und oft schon drängte es mich –« Herr Purtaller machte eine Pause und sah tiefsinnig nach oben, als überlegte er, was er weiter sagen sollte. Dann fuhr er fort: »Kurz, meine liebe Donia, du hast eine gottbegnadete Stimme. Der Himmel hat dich gesegnet, mein Kind. Du hast eine goldene Kehle, eine gol–de–ne Kehle.« Er trat einen Schritt zurück und sah sie triumphierend an. »Ach Unsinn,« sagte Donia und lächelte ungläubig. »Traust du deinem alten Vater kein Verständnis zu?« fragte Herr Purtaller. »Dir winkt eine Laufbahn, eine Entwicklung, liebes Kind. Du weißt, ich war nicht immer ein armer, stundenlaufender Privatlehrer. Die Kunst hat auch mich an ihrem Busen getragen.« »Ich meine, du bist nur beim Schauspiel gewesen?« warf Donia ein. »Ganz recht. Aber die Musen gehen Hand in Hand, liebes Kind. Eine Freundin deiner Mutter, Gott habe sie selig; deine Mutter meine ich, die Freundin lebt noch, ich will es wenigstens hoffen. Sie sang also, diese Freundin. Sie war Hofopernsängerin. Eine Königin in ihrem Fach. Wie hieß sie doch gleich – Senta Sansoni. – Ganz recht, Senta Sansoni. Das heißt, eigentlich hieß sie Piesemann, Lottchen Piesemann.« Donia lächelte. »Du lachst, Kind; sie hätte auch diesen Namen geadelt. Aber immerhin, Senta Sansoni war klangvoller als Lottchen Piesemann. – Übrigens Donia Purtaller klingt gar nicht übel. Oder vielleicht noch besser Sidonia Purtaller.« »Ach Vater, laß doch das!« Herr Purtaller sah sie strafend an. »Ich spreche im Ernst, Sidonia. Es ist mein heiliger Wille, daß wir sehen, was an deiner Stimme ist. Ich werde zu ihm – wie heißt doch gleich der Klavierlehrer von Fräulein Hanna –« »Du willst doch nicht zu Herrn Peters gehen!« fuhr Donia auf. »Das will ich nicht! Das sollst du nicht!« »Versündige dich nicht an deinem alten Vater, Sidonia,« sagte Herr Purtaller eindringlich. »Es ist zudem Pflicht, an die Zukunft zu denken. Ich bin alt, ich bin gebrochen, zerschellt an den Klippen des Schicksals. Soll ich ewig die Sorge um dich –« »Vater, so meine ich es ja nicht!« rief Donia. »Aber ich fürchte mich so. Wenn er mich auslacht.« Herr Purtaller erklärte das für völlig ausgeschlossen, und Donia sah, daß es sein fester Wille war, zu Herrn Peters zu gehen. Wenigstens wußte sie, daß sie ihn heute abend nicht mehr davon abbringen würde. So ergab sie sich vorläufig. In der Nacht aber konnte sie vor dem neuen Gedanken nicht schlafen. Ihr war nicht unbekannt, wie hohe Gagen erste Sängerinnen oft bezogen, wie glänzend ihre Zukunft sich gestalten könnte, wenn sie wirklich eine gottbegnadete Stimme hätte, wie der Vater sagte. Aber die Mutter sollte auch so talentvoll gewesen sein, eine – »gottbegnadete Künstlerin –« eine »phänomenale Maria Stuart« eine »herrlichste Julia«, eine »unvergleichliche Jungfrau«. Aber was war ihr Schicksal gewesen? Bitterstes Elend. Freilich nur die niedrigsten Kabalen neidischer Menschen waren schuld daran, wie der Vater sagte. Aber wer würde sie, Donia, vor solchen Kabalen schützen? Doch je länger Donia es sich durch den Kopf gehen ließ, je mehr erwachte ihre Sehnsucht nach einem besseren, reicheren Leben, erwachte auch ihre Eitelkeit. Es könnte ja doch sein, daß es ihr glückte. Warum sollte der Vater nicht zu Herrn Peters gehen? Sie wollte nicht mehr dagegen sein. – Ein paar Tage später ging Herr Purtaller zu Herrn Peters. Herr Peters wohnte in der Kirchstraße, in einem dunklen schmalen Hause, ganz im Schatten der Jakobikirche. Herr Purtaller gab seine Karte ab, und Herr Peters empfing ihn. Sie hatten sich nie gesehen, trotzdem sie in demselben Hause unterrichteten. »Purtaller. Vater von Donia Purtaller. Sie erinnern sich gewiß.« Herr Peters machte eine Verbeugung, zeigte aber deutlich, daß er von Donia Purtaller nichts wisse. »Sie haben sie singen hören, bei Frau Köpke,« sagte Herr Purtaller. »Ich komme, Sie zu fragen, was Sie von ihrer Stimme halten.« Herr Peters erinnerte sich nicht, Fräulein Purtaller singen gehört zu haben. »Ich erinnere überhaupt nicht, je eine Dame bei Frau Köpke singen –« »Keine Dame, keine Dame,« unterbrach ihn Herr Purtaller, »ein Kind, ein Mädchen, meine Tochter.« »Was soll sie denn gesungen haben?« fragte Herr Peters. »Lang, lang ist's her.« »Lang, lang ist's her?« »Ich meine doch,« sagte Herr Purtaller. »Vielleicht war es auch »Ein Schäfermädchen weidete«. Sie sollen grade hinzugekommen sein.« Herr Peters lächelte und sah Herrn Purtaller so an, als hielte er ihn für nicht ganz klar im Kopfe. Aber auf einmal dämmerte es ihm. »Ach,« rief er belustigt, »das meinen Sie! Das war also Ihre Tochter?« Und Herr Peters beschrieb Donia mit ein paar flüchtigen Worten und machte ein paar Handgesten, die ihre Größe angeben sollten. »Richtig! Richtig!« rief Herr Purtaller erfreut. »Die ist es, meine Tochter Donia!« »Ja, lieber Herr Purtaller. Was soll ich Ihnen da sagen? Ein paar Töne hab ich grade aufgefangen. Ich kann nicht einmal sagen, von welchem Lied.« »Aber diese Töne!« rief Herr Purtaller. »Was hielten Sie von diesen Tönen?« Herr Peters wurde ein wenig ärgerlich. »Kinderstimme,« fagte er. »Ganz niedlich, so viel ich erinnere. Und was soll's?« Herr Purtaller war enttäuscht. »Nach Frau Köpkes Schilderung durfte ich annehmen, daß Sie sehr begeistert waren,« sagte er niedergeschlagen. »Ich dachte natürlich an Ausbilden. Das heißt, Frau Köpke dachte daran. Und nachher dachte ich auch daran. Und mein verehrter Herr Peters, ein klein wenig verstehe ich auch davon. Die Stimme ist gut, die Stimme ist sogar sehr gut, meine ich.« »Mag sein,« sagte Herr Peters. »Aber ich kann doch nach drei Tönen kein Urteil haben; da muß ich Ihre Tochter doch erst mal wirklich singen hören.« »Natürlich! Versteht sich!« rief Herr Purtaller eifrig. »Das müssen Sie und das sollen Sie auch. Sie muß Ihnen etwas vorsingen. Sie wird sich nicht weigern.« »Ja aber, verehrter Herr – nun habe ich Ihren Namen vergessen –« »Purtaller, wenn ich bitten darf.« »Ja so, verzeihen Sie. Wissen Sie, Herr Purtaller, ich bin kein Gesanglehrer, ich befasse mich nicht damit.« »Aber Sie sind doch Musiker. Sie haben doch ein Urteil. Ich habe keine Verbindungen. Zu wem soll ich gehen? Wenn Frau Köpke mir nicht von Ihnen gesprochen hätte –« »Hat Frau Köpke Sie zu mir geschickt?« »Ja, das heißt, gekommen bin ich aus eigenem Antrieb. Aber vielleicht sprechen Sie selbst einmal mit Frau Köpke. Frau Köpke ist entzückt von Donias Stimme. Eine so süße Stimme, sagte sie.« Herr Peters hielt nicht viel von Frau Köpkes musikalischem Verständnis. Er willigte aber doch ein, Donia zu prüfen. Herr Purtaller war glücklich. »Tausend Dank! Der Himmel vergelte es Ihnen, edler Mann! O, wenn Sie wüßten! Von Ihrer Entscheidung hängt alles ab, Donias ganze Zukunft, ihr ganzes Glück. Die Hoffnung eines zärtlichen Vaterherzens. Ja, ich kann es wohl sagen, eines zärtlichen Vaterherzens. Wenn man nur ein Kind hat, ein einziges, und sieht es im Schatten verkümmern, wo es vielleicht berufen ist, auf sonnigen Höhen zu wandeln – –« Herr Peters lächelte ungläubig. »O, Sie lachen, Sie wollen sagen – ich weiß, was Sie sagen wollen. Illusionen, wollen Sie sagen. Einer von tausend erreicht den goldenen Hafen. Sie haben recht. Ich habe ihn auch nicht erreicht. Auch ich ging einst, ein stürmischer Jüngling, die Wege des Ruhms. Ich war nämlich einige Zeit Theaterdirektor, müssen Sie wissen. Ich weiß, wie dornenvoll die Laufbahn eines Künstlers ist, alles weiß ich. Aber wenn es sich um das einzige Kind handelt –« »Grade deswegen,« unterbrach Herr Peters den Redeschwall. »Nicht wahr? Grade deswegen!« rief Herr Purtaller, der ihn falsch verstand. »Grade deswegen! Also Sie sind so gut!« Herr Peters hatte den dringenden Wunsch, daß Herr Purtaller sich wieder entferne und sagte deshalb: »Nun ja, also morgen, nein, übermorgen. Kommen Sie bitte zwischen elf und zwölf Uhr mit Ihrer Tochter zu mir.« »Gott segne Sie! Unendlich verbunden!« rief Herr Purtaller, drückte Herrn Peters innig die Hand und ging mit vielen Verbeugungen rückwärts zur Tür hinaus. »Himmel!« rief Herr Peters und griff sich mit beiden Händen an den Kopf. »Diese zärtlichen Väter!« Zwölftes Kapitel Sag mir das Wort, das so gern ich gehört, Lang, lang ist's her, lang ist's her. Den ganzen Abend erklang in der Purtallerschen Dachwohnung Musik. Es war ein schöner, warmer Sommerabend. Die Fenster standen offen, und Donias süße Stimme und Herrn Purtallers kümmerliches Geigenspiel klangen auf die stille Straße hinaus. Donia mußte alle Lieder singen, deren sie sich noch erinnerte. Herr Purtaller war nicht immer zufrieden. »Die ›Letzte Rose‹ hast du sonst besser gesungen,« sagte er. »Wollen wir es nicht noch einmal machen, Donia?« Donia gab zu, daß sie es oft vielleicht besser gesungen hätte, und sie wiederholte willig das Lied, das Herr Purtaller mit Aufbietung seiner ganzen Gefühlsinnigkeit begleitete. Auf einmal fiel ihm ein, daß Donia vielleicht ihre Stimme überanstrengen könne. »Wir wollen lieber aufhören, Donchen, du mußt dich für morgen schonen. Trinke ein Glas Zuckerwasser.« Donia meinte, es sei nicht nötig, aber Herr Purtaller drang darauf, und Donia ging in die Küche. »Aber warm, Donchen! Warm! Um Gottes willen kein kaltes Wasser.« Das Wasser in der Leitung war lauwarm. Sie suchte nach Zucker. Es waren nur noch drei Stückchen da; die wollte sie für den Vater lassen. Sie rührte eifrig mit dem Löffel in dem ungesüßten Wasser, um ihn zu täuschen, nippte einen Schluck und goß den Rest weg. »Das ist recht,« sagte Herr Purtaller, als sie wieder in das Wohnzimmer kam. »Deine Stimme muß jetzt dein Alles sein, Kind. Du kannst nicht vorsichtig, nicht sorglich genug sein.« Donia lächelte. »Jetzt wollen wir doch erst hören, was Herr Peters morgen sagt,« meinte sie. – – Am nächsten Tag zur bestimmten Stunde ging Herr Purtaller mit Donia zu Herrn Peters. Herr Purtaller war sehr siegesgewiß. Man sah ihm diese Zuversicht und den Stolz auf seine Tochter an. »Du bist doch nicht ängstlich, Donchen?« fragte er aufmunternd. »Gar nicht!« versicherte Donia, obgleich sie wenig Mut hatte. Sie fürchtete sich etwas vor Herrn Peters. Er hatte sie damals so eigentümlich angesehen, und sie wußte von Hanna, daß er manchmal sehr scharf sein konnte. Als sie nun in die Nähe der Kirche kamen, wurde sie noch zaghafter, und als sie vor der altmodischen grünen Haustür des schmalen dunklen Hauses stand, in dem Herr Peters wohnte, mußte sie ein paarmal tief atmen, so schwer wurde ihr plötzlich das Herz. Und jetzt schrillte die Glocke, schrillte entsetzlich laut, zeterte förmlich. – Herr Peters hatte selbst geöffnet und seinen Besuch ins Zimmer geführt. Er war sehr freundlich gewesen, hatte sie mit wohlwollendem Lächeln begrüßt und beiden die Hand gegeben. Ja, er hatte Donias Hand eine ganze Weile festgehalten, während er sagte: »Das ist also die kleine Sängerin? Oder eigentlich die große. Das kleine Fräulein ist eigentlich schon ein recht großes Fräulein.« Und dann hatte er ihre Hand losgelassen und sie zum Sitzen genötigt. »Sie wollen also Sängerin werden, liebes Fräulein?« Donia errötete. »Papa meint – meine Stimme – –« Herr Purtaller setzte zu einem Wortschwall an, aber Herr Peters unterbrach ihn rechtzeitig. »Jawohl, jawohl, Sie sagten mir schon. Wir können ja gleich einmal sehen.« Er ging an das Klavier. »Was wollen wir denn nun zuerst singen?« fragte er freundlich, indem er sich mit einem Ruck auf dem Drehsessel zu Donia umwandte. »Na, kommen Sie mal ein bißchen näher. So, da stellen Sie sich mal ein bißchen hin. Und nun, was soll ich spielen?« Herr Purtaller rückte auf seinem Stuhl hin und her. Er schien hier Nebenperson sein zu sollen. Donia sah ihn hilflos an. Herr Purtaller wollte ihr raten, aber wieder kam Herr Peters ihm zuvor. »Na, singen Sie mal dasselbe Lied, das Sie damals bei Frau Köpke sangen, als ich Sie überraschte.« »Ein Schäfermädchen weidete,« sagte sie verlegen. »Gut, lassen Sie also das Schäfermädchen mal weiden.« Herr Peters begann zu spielen, und Donia fiel mit zitternder Stimme ein. Als sie geendet, brummte Herr Peters etwas in den Bart und nickte mit dem Kopf. »Nur nicht ängstlich, liebes Kind.« »Nicht ängstlich, Donchen, nicht ängstlich!« ermahnte Herr Purtaller. »Wir sind ja ganz unter uns. Sing doch mal: Lang, lang ist's her.« Und Donia sang das alte, liebe Lied. Sie sang es noch ein wenig zittrig, doch das schadete diesem Liede nicht. Ihre süße Stimme füllte sich mit heimlichen Tränen. Sie sang alle drei Verse und sang immer sicherer und inniger. Aber wie begleitete Herr Peters sie auch! Das war anders anzuhören, als das Gekratze des Vaters und das Gestümper Hannas. Herr Purtaller saß ganz still auf seinem Stuhl, das Kinn auf die Brust gesenkt. Als Donia geendet, begann Herr Peters ganz verloren das Lied noch einmal, brach aber dann plötzlich ab. »Die Stimme ist ganz hübsch,« sagte er. »Ob sie so bleiben wird? Es kommt auf die Schulung an. Wie ist es mit den Skalen?« »Womit?« fragte Donia verlegen. »Mit den Tonleitern. Singen Sie mal C-Dur.« Aber Donia wußte nichts von C-Dur und von den Tonleitern. Sie sang lediglich nach, was Herr Peters ihr vorspielte, doch schien er zufrieden zu sein. »Noch ein paar Treffübungen,« sagte er. Donia war selbst erstaunt, wie gut sie es traf, und Herr Purtaller saß mit offenem Munde da und wandte keinen Blick von seiner Tochter. »Ja,« sagte Herr Peters, »Stimme und Gehör sind da, ich kann nicht abraten. Wie denken Sie sich nun die Sache? Ich selbst gebe natürlich keinen Gesangunterricht.« Donia sah ihren Vater, und Herr Purtaller seine Tochter an. »Guter Unterricht muß es natürlich sein,« sagte Herr Peters. »Ja, guter Unterricht muß es sein,« wiederholte Herr Purtaller. »Ich würde Ihnen raten, zu Herrn Mellini zu gehen,« sagte Herr Peters. »Zu Herrn Mellini,« wiederholte Herr Purtaller mit achtungsvoller Betonung. »Kennen Sie Herrn Mellini?« fragte Herr Peters. »Nein,« gestand Herr Purtaller. »Ich kenne Herrn Mellini nicht. Aber ich fürchte, er wird zu teuer sein.« Herr Peters zuckte die Achseln. »So viel ich weiß, nimmt er fünf Mark für die Stunde.« Herr Purtaller knickte zusammen, und Donia wurde blutrot. »Vielleicht tut er es ja etwas billiger,« meinte Herr Peters. »Ja, vielleicht tut er es etwas billiger,« sprach Herr Purtaller tonlos nach. »Das müssen Sie sich überhaupt sagen, daß so ein Studium nicht nur viel Fleiß und Arbeit kostet, sondern auch viel Geld,« sagte Herr Peters. »Und Sie wissen nicht vielleicht einen billigeren Lehrer, der für den Anfang gut genug ist?« warf Herr Purtaller ein. Herr Peters lachte belustigt auf. »Für den Anfang gut genug!« rief er. »Grade für den Anfang braucht man die besten Lehrer. Wo kein guter Grund gelegt ist, kann auch nicht gut gebaut werden. Das ist immer die Meinung der Leute, daß für den Anfang –« Herr Purtaller machte eine abwehrende Bewegung. »Gewiß, gewiß! Sie haben ganz recht. Ich bin ja selbst Lehrer. Ich – aber – ach Gott! Als Privatlehrer, was verdient man da? Und nun so ein teures Studium!« Und er klagte in beweglichen Tönen, klagte, daß er nichts für seine Tochter tun könne, daß das gottbegnadete Talent nun verkümmern müsse, weil ihr Vater es nicht verstanden habe, Reichtümer zu sammeln. Donia saß dabei und hätte in die Erde sinken mögen. Als Herr Peters zu Wort kam, versprach er, mit Herrn Mellini reden zu wollen. Herr Mellini wäre ein guter Freund von ihm. Herr Purtaller erhob sich sofort aus den Tiefen seiner Klagen zur Höhe der Hoffnungsfreudigkeit. »Edler Mann!« rief er stürmisch. »Wir würden Ihnen das nie vergessen! Nicht wahr, Donia? Nie vergessen!« »Nein,« hauchte Donia und reichte in ihrem Gefühl des Dankes Herrn Peters scheu die Hand. Herr Peters ergriff ihre Hand und schüttelte sie kräftig. »Ich will sehen, was ich tun kann, liebes Fräulein,« sagte er, ohne auf Herrn Purtallers Tiraden zu achten. »Ich werde Herrn Mellini in diesen Tagen sehen und dann mit ihm sprechen. Also noch eine kurze Zeit Geduld. Wenn nicht, müssen wir andren Rat schaffen.« »Was er für gute Augen hat,« dachte Donia, als ihre Hand in der seinen lag und sie halb verschämt, halb froh zu ihm aufblickte. »Ich danke Ihnen,« sagte sie leise. Herr Peters geleitete seinen Besuch an die Tür. Wieder schellte die Glocke, aber diesmal lange nicht so schrill und erschreckend, sondern nur laut und lustig, und Herr Purtaller und Donia befanden sich wieder auf der Straße. Donias Wangen brannten, und ihre Augen leuchteten, als sie neben ihrem Vater leichter dahinschritt als vorher. Herr Purtaller aber strahlte vor Siegeszuversicht. »Donia, dieser Tag! Ich werde ihn nie vergessen!« sagte er. »Er ist ein Schicksalstag. Du wirst glücklich werden. Du wirst goldenen Tagen entgegengehen. Ich habe es immer gesagt, immer, schon zu deiner Mutter: Donias Stimme ist ein Schatz!« So begeisterte sich Herr Purtaller. Am Abend mußte Donia wieder eine Stunde mit dem Tee auf ihn warten, und als er endlich kam, roch er nach Rotwein. Dreizehntes Kapitel Herr Mellini hatte sich auf Herrn Peters Fürsprache bereit erklärt, Donia zu unterrichten und seinen Preis auf drei Mark zu ermäßigen. Er mache nur Herrn Peters zuliebe eine Ausnahme. Freilich hatte sich bei Herrn Mellini herausgestellt, daß Donia nicht einmal Klavier spielen könne. Das aber sei unerläßlich. Vater und Tochter waren sehr niedergeschlagen. Aber Herr Purtaller, immer kühn, wenn es galt, sich auf das trügerische Meer neuer Hoffnungen hinauszuwagen, rechnete sofort mit Herrn Peters. »Wir werden mit Herrn Peters sprechen, Donchen. Er wird nicht zu teuer sein.« Donia wagte nicht so hoffnungsvoll zu sein. Ach, wenn sie bei Herrn Peters Unterricht haben könnte, ja, das wäre herrlich! Und was würde Hanna dann wohl sagen? Aber daran würde wohl wieder alles scheitern. Wo wollte der Vater all das viele Geld hernehmen? In der Tat hätte man alle diese schönen Pläne aufgeben müssen, wenn Frau Köpke sich nicht erboten hätte, auszuhelfen. Damit hatte Herr Purtaller eigentlich von Anfang an gerechnet. Herr Peters hatte ein warmes Wort für Donia eingelegt, und Frau Köpke mit ihrem weichen Herzen gefiel sich in der Rolle einer Gönnerin. Und Donia war die Tochter ihrer Jugendfreundin, der armen Male. »Gott, die arme Male! Ich kann doch ihr Kind nicht so ganz ohne Freundschaft lassen. Und so ein kleines nettes Mädchen, wie sie eigentlich ist.« Frau Köpke hatte freilich Herrn Purtaller kündigen wollen, doch damit würde sie ja ihre neue Wohltat zum Teil wieder aufheben. So kam sie nach langem Hinundherdenken zu dem Ausweg, mit dem Englischen für Hanna allerdings Schluß zu machen, aber dafür Herrn Purtaller zu bitten, sich Max noch etwas mehr zu widmen, indem er auch dessen andere Arbeiten beaufsichtigte. Max hatte nichts dagegen. Er war bequem genug, um sich jede Hilfe gern gefallen zu lassen. Jetzt freilich standen die Sommerferien vor der Tür, und Herr Purtaller würde fünf Wochen feiern müssen. Er war das gewohnt und war darauf vorbereitet. Wenn andere ihre schönsten Wochen des Jahres hatten, hatte er seine schlechtesten. Donia mußte schon früh anfangen, um für die Ferienwochen einen Notgroschen zurückzulegen. Diesmal mußte die Hoffnung auf die kommende, goldene Zeit über die Fastentage hinweghelfen, sie war die einzige Zukost zu ihrem mageren Brot. Währenddessen erholte sich Frau Köpke mit ihren Kindern in der Sommerfrische von den Strapazen ihres täglichen Lebens, und kehrte nach Ablauf der fünf Wochen gesund und vergnügt wieder in ihr Haus zurück. Max und Hanna hatten rote Backen bekommen, und Frau Köpke war noch ein wenig rundlicher geworden. Max hatte einen Glashafen mit vier jungen Laubfröschen mitgebracht: ganz kleine Tierchen, nur eins war ein wenig größer. Er ging sogleich durch alle Stuben und fing die Fliegen, die an den Wänden und Fenstern saßen, für seine Frösche. Er zimmerte eine kleine Leiter, um sie in den Hafen zu stellen, auf dessen Grund etwas feuchtes Moos und ein paar Brombeerblätter waren. Die Frösche hüpften auf die Leiter und schienen sich ganz wohl zu fühlen. Wenn Max eine lebendige Fliege durch das durchlöcherte Papier, mit dem das Gefäß verschlossen war, steckte, so konnte das unglückliche Geschöpf kaum einmal in dem gläsernen Gefängnis umhersummen, sofort hatte auch schon einer der hungrigen Grünröcke es mit einem treffsicheren Sprung erhascht; gewöhnlich war es der größte, der den Raub verzehrte, während sich die Kleinen mit der Hoffnung auf spätere Fliegen sättigen mußten. Als Herr Purtaller wieder in die Stunde kam, mußte er die Laubfrösche bewundern, und Max fing in seiner Gegenwart eine Fliege; natürlich erst nach längerer Jagd, deren Ergebnis Herr Purtaller gern und geduldig abwartete. »Dürfen sie hier wohl stehen bleiben?« fragte Max, sicher, daß Herr Purtaller nicht Nein sagen würde. Und der Hafen mit den Fröschen stand mitten auf dem Tisch zwischen Lehrer und Schüler, und beide konnten sich nicht enthalten, ab und zu einen Blick auf die Tiere zu werfen. »Haben Sie gesehen?« rief Max begeistert. »Mit einem Satz auf die oberste Sprosse!« »Ein famoser Kerl,« lobte Herr Purtaller. Und nach einer Weile fragte Max: »Ob die Kleinen wohl noch wachsen?« Herr Purtaller zog den Hafen zu sich heran, hielt ihn gegen das Licht und beguckte die Frösche. »Das glaube ich doch,« entschied er. »Wenn sie hübsch Fliegen kriegen,« meinte Max. »Das ist wohl nötig,« sagte Herr Purtaller überzeugungsvoll. Wie sollte man auch wachsen, wenn man nichts Ordentliches zu essen bekäme. Er starrte gedankenvoll aufs Glas. »Glückliche Tiere,« dachte er, »für die so liebreich gesorgt wird.« – Donia, die jetzt bei Herrn Peters fleißig studierte, durfte jeden Morgen zu Köpkes kommen, um dort zu üben, da sie ja selbst kein Klavier besaß. Hanna war dann in der Schule und Frau Köpke im Hausstand beschäftigt; so war Donia ungestört und störte auch andere nicht. Aber sie bekam auf diese Weise Hanna fast kaum mehr zu sehen. – Nach einem Jahr war Donia so weit, daß sie auch mit dem Gesangunterricht beginnen konnte. Herr Mellini war ein sehr strenger Lehrer. Von Donia verlangte er besonderen Fleiß, da sie ihm Dankbarkeit schuldig war. Er interessierte sich für ihre Stimme und wollte gern etwas Gutes aus ihr machen. Er war ein großer, dicker Herr mit schwarzem Vollbart und angehender Glatze. Er war verheiratet und leitete den Cäcilienverein, die vornehmste Musikgesellschaft. Er war eine »Größe« in der Stadt, und Donia konnte stolz sein, zu seinen Schülerinnen zu gehören. »Meine Tochter studiert bei Mellini,« prahlte Herr Purtaller überall, wo er Gelegenheit hatte. »Bei Professor Mellini.« »Ach so, bei dem,« sagten die Leute, auch wenn sie ihn gar nicht kannten. So bereitete Herr Purtaller jetzt schon die Welt auf den Ruhm Donias vor. Daß die Leute über ihn lächelten, merkte er nicht. Indessen nahm Donia ihr Studium sehr ernst. So machte sie schnelle Fortschritte, und oft, wenn sie übte, saß Frau Köpke horchend hinter der Tür, freute sich der glockenreinen Stimme und der geläufigen Skalen und lobte Donia in ihrem Herzen als »ein kleines prächtiges Mädchen«. Wie kommt Herr Purtaller zu solcher Tochter? dachte sie. So ein kleines, zappeliges, krähendes Männchen, so ein – na – wie sollte sie ihn nennen? Allzu viel Hochachtung hatte sie gerade nicht vor ihm. Wenn sie nicht so eine gutmütige Seele wäre, könnte er sein Brot schon anderswo suchen, als in ihrem Hause. Aber von Donia hielt sie etwas. »Wirklich, weißt du, Hanna, ich halte ordentlich was von dem Mädchen, und ich finde, sie wird auch jetzt recht hübsch; meinst du nicht auch?« Hanna stülpte die Lippen auf und sagte: »Hübsch kann ich sie nun nicht finden.« »Ja, Hanna, sie ist hübsch,« erklärte Frau Köpke. »Ihre Mutter war früher auch so hübsch.« »Sie sieht ja ganz gut aus,« gab Hanna zu, »aber unter hübsch verstehe ich doch etwas anderes.« Und nach einer Weile sagte sie: »Überhaupt, ich verstehe gar nicht, wie du dich so um Purtallers hast.« »Hast? Wieso hast?« fragte Frau Köpke gereizt. »Nun ja, was gehen uns eigentlich die Leute an? Und du gibst sogar Geld für sie aus; ob sie dir das danken, ist noch groß die Frage. Aber du bist immer so gutmütig.« »Pfui!« rief Frau Köpke strenge. »Schäme dich, Hanna! Ich bin gar nicht gutmütig, ich tue nur meine Christenpflicht.« Vierzehntes Kapitel Du wirst erreichen, Donchen, was dein Vater vergeblich erstrebte, und was deine arme Mutter nicht erreichen durfte,« sagte Herr Purtaller. »Du wirst ein Stern am Himmel der Kunst werden.« Er spornte sie an, fleißig zu üben, obgleich das bei ihrem Eifer durchaus unnötig war. War sie einmal erkältet, oder glaubte er, daß sie es sei, so brachte er ihr Malzzucker oder Hustenpastillen mit, und knappte sich das Geld dafür von seinem mageren Verdienst ab. Sagte sie: »Aber ich bin ja gar nicht erkältet,« so versicherte er dringend: »Doch, doch, du bist erkältet! Ich höre es ja. Ich habe ein Ohr. Deine Stimme klingt rauh.« Er war rührend in seiner Sorge um Donias Stimme. Daneben wiegte er sich beständig in den glänzendsten Träumen, und nach jedem Fortschritt Donias und nach jedem Lob, das sie von ihrem Lehrer mit heimbrachte, trank er ein Glas auf Donias Wohl und eins auf ihre Zukunft. Und zwischen beiden Gläsern hielt er wortreiche Reden über den Schatz, den ihm der Himmel in Gestalt einer genialen Tochter geschenkt habe. »Anvertraut habe,« sagte er. »Ich bin dem Himmel schuldig, über sie zu wachen. Ich lebe nur noch meiner Tochter.« Darüber wurde er freilich lässig in der Erfüllung seiner andern Pflichten. Es gab Stunden, wo er eigentlich nur mit seinem Schüler zusammen Fliegen fing und die Laubfrösche fütterte. Herr Purtaller hatte eine bewundernswerte Gewandtheit im Fliegenfangen. Wo Max täppisch zufuhr, wußte er mit der spielerischen Leichtigkeit eines sammetpfötigen Kätzchens das geflügelte Wild zu erhaschen. Anderswo, wo man keine Laubfrösche hatte, ließ Herr Purtaller sich auf andere Weise gehen, und eines Tages verlor er zwei Schüler auf einmal. Der leidende Teil bei solchen Ereignissen war aber immer Donia. Die Kasse wurde immer schmäler und ihre Wangen auch. Sie wurde schwach und wurde schwächer infolge der großen Enthaltsamkeit, zu der Herr Purtaller sie nötigte, und eines Tages bekam sie während ihrer Übungsstunde bei Frau Köpke einen Ohnmachtsanfall. Frau Köpke hatte schon lange mit Sorge beobachtet, wie schmal und blaß Donias Gesicht war, und hatte sie ermahnt, sich doch nicht zu überanstrengen. Auch jetzt glaubte sie anfangs, daß dieses die Ursache von Donias Anfall sei. »Du strengst dich zu sehr an, liebes Kind, und pflegst dich wahrscheinlich nicht genug,« sagte sie. »Ißt du jeden Morgen ein Ei? Du solltest es tun. Und recht viel Milch trinken.« Aber Donias verlegenes Lächeln brachte sie schnell auf den rechten Gedanken. Und sie hätte nicht Frau Köpke sein müssen, wenn sie nicht bald durch allerlei Fragen dahinter gekommen wäre, wie schmählich Herr Purtaller seine Nachtigall hungern ließ. Herr Purtaller hatte sich vor Frau Köpke zu verantworten. Er stellte sich anfangs gekränkt. Mit einem Sturm der Entrüstung wies er die Vermutung zurück, er könnte sein Kind nicht väterlich betreuen. »Könnte sie einen besseren Vater haben, als mich? Sagen Sie selbst. Für wen mühe ich mich von morgens bis abends? Doch nicht für mich? Ich bin ein alter Mann.« Aber allmählich wurde das Tempo seiner Rede weniger stürmisch, der Ton klagender, und der Schluß war ein tränenreicher Erguß über seine jammervolle Lage, die ihn zwang, sein Kind, dieses Kind, das Kind mit der herrlichen Begabung hungern zu lassen. »Buchstäblich hungern zu lassen!« rief er mit schmerzvoller Empörung. »Schon lange hatte ich die Absicht, aber wie sollte, konnte ich es übers Herz bringen – Ihre in Anspruch genommene Güte – beurteilen Sie mich nicht falsch – ein verzweifeltes Vaterherz redet zu Ihnen – mit einem ganz geringen Vorschuß – – Sie wissen, die Krankheit meiner lieben Frau – Donias Erziehung – –« Frau Köpke sah Herrn Purtaller strenge an. Er fühlte, daß er sich verredet hatte; seine Frau war doch schon etwas lange tot, und für Donias Erziehung trug jetzt Frau Köpke einen Teil der Kosten. Er versuchte einzulenken, kam aber unter Frau Köpkes vorwurfsvollem Blick nicht damit zurecht. Und jetzt fing Frau Köpke an zu sprechen. Sie sprach von seiner Lebensführung, die sie nicht billigen könne; sie sprach von ihrer Gutmütigkeit, die ihm so manches nachgesehen; sie sprach von der merkwürdigen englischen Stunde, die er Hanna gegeben, und sie sprach sogar von Herrn Purtallers Geschick, Fliegen zu fangen. Herr Purtaller glaubte die Verpflichtung zu haben, außer sich zu geraten. Er versuchte es wenigstens. »Da muß ich doch bitten!« rief er. »Fliegen fangen? Ich muß meiner ganzen Verwunderung Ausdruck geben. Sollte Max mich –« »Max hat mir gestern von diesem albernen Treiben erzählt!« »Das ist aber arg!« rief Herr Purtaller empört und rang mit gutgespielter Fassungslosigkeit die Hände. »Gewiß habe ich Fliegen gefangen. Zwei, vielleicht waren es drei. Aber – aus reiner Liebe zu Max, und aus Mitleid mit den armen hungrigen Tieren. Und das – das wird mir nun vorgeworfen!« Herr Purtaller schwieg. Die unerhörte Beschuldigung machte ihn rat- und hilflos. Er sah Frau Köpke mit dem tiefgekränkten Blick eines Ehrenmannes an. Aber Frau Köpke hatte heute eine fühllose Seele. »Es ist mir peinlich, Ihnen das alles sagen zu müssen, lieber Herr Purtaller,« sagte sie. »Wäre es nicht Donias wegen, ich habe sie liebgewonnen –« »Wer hat sie nicht lieb!« beeilte sich Herr Purtaller einfließen zu lassen. »Donia darf nicht bei Ihnen –« verkommen, wollte Frau Köpke sagen, begriff sich aber noch und fuhr fort: »Dem armen Kind fehlt die Mutter, und Sie sind durch Ihren Beruf zu sehr in Anspruch genommen.« Frau Köpke sagte das so, daß Herr Purtaller unwillkürlich errötete. »Ich will sehen, was wir für Donia tun können,« fuhr Frau Köpke weiter fort. »Sie bedarf der Pflege, eines geordneten Lebens. So geht sie zugrunde.« Herr Purtaller zuckte zusammen. »Meine arme Donia! Meine arme Donia!« jammerte er. Aber Frau Köpke hörte nicht auf ihn und bereitete der Unterhaltung ein Ende. – Herr Purtaller war aufs tiefste empört. Diese Behandlung! So sein Vaterherz zu mißhandeln! Und diese alberne Geschichte mit dem Fliegenfangen. Empörend! Einfach empörend! Wenn er doch nur ein paar Pfennige bei sich hätte. Er fühlte entschieden das Bedürfnis, ein Glas Wein zu trinken. Das würde ihn beruhigen, den Sturm seiner Gefühle besänftigen, seine Gedanken klären. Aber keinen Pfennig hatte er im Portemonnaie. Wie hatte er sich in Frau Köpke getäuscht. In dieser Lage seine Bitte um Vorschuß einfach abzuschlagen, das war mehr als hartherzig. Und plötzlich kam ihm eine Idee, eine wirklich sehr gute Idee. Wenn er zu Herrn Peters ginge und ihn um einen kleinen Vorschuß bäte! Herr Peters nimmt gewiß Anteil an Donia, sagte sich Herr Purtaller. Herr Peters kennt mich, wir unterrichten in demselben Hause. Er wird begreifen, daß ich Frau Köpke nicht um Vorschuß bitten möchte in dieser Stimmung, nicht darum bitten konnte aus Gründen des Feingefühls. Herr Peters – Herr Purtaller dachte nichts weiter mehr, als Herr Peters, Herr Peters. Und wie unter einem inneren Zwange nahm er den Weg in die Kirchgasse. Herr Peters, ein Darlehn, ein Glas Wein. Ein Glas Wein, ein Darlehn, Herr Peters. Wie ein Rad ging diese Vorstellung in seinem Kopfe herum. Eine Mark würde genügen. Wenn Herr Peters ihm nur eine Mark gäbe. Wie sollte er es abschlagen. So eine lumpige Summe. Lächerlich. Und dann kam Herrn Purtaller die geringfügige Summe selbst lächerlich vor, ja geradezu unmöglich. Wie konnte er Herrn Peters um eine Mark ansprechen! Er müßte mindestens drei Mark fordern. Sonst sah es wie eine Bettelei aus. Bewahre, er war kein Bettler. Als Herr Purtaller bei Herrn Peters schellte, war er fest entschlossen, Herrn Peters um zehn Mark zu bitten, zurückzahlbar am Ersten des nächsten Monats. So erschien es ihm würdig, einzig anständig. Herr Peters empfing ihn mit fröhlichem Erstaunen: »Ah, Sie auch, Herr Purtaller?« rief er und nötigte ihn ins Zimmer. »Papa!« rief Donia verwundert und erhob sich von dem Stuhl, der neben Herrn Peters' Schreibtisch stand. Herr Purtaller machte ein dummes Gesicht, ein sehr dummes Gesicht. »Ihre Tochter war so liebenswürdig, mir einen Brief von Herrn Mellini zu bringen! Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Purtaller?« fragte er. »Sehr liebenswürdig, sehr liebenswürdig,« stotterte Herr Purtaller. »Danke, dann will ich mich gar nicht erst lange hinsetzen. Ich wollte – ich möchte – dürfte ich vielleicht meine Tochter abholen?« »So, so. Sie wußten also?« »Woher weißt du, daß ich hier bin?« fragte Donia. »Ich vermutete es, das heißt, ich dachte es mir,« stammelte Herr Purtaller. »Ich sah dich nämlich zu Herrn Peters hineingehen.« »Das ist ja ein drolliger Zufall,« sagte Herr Peters. »Nun, ich danke Ihnen vielmals, Fräulein Purtaller, ich werde Herrn Mellini gleich antworten.« Und sich zu Herrn Purtaller wendend, setzte er hinzu: »Ihre Tochter sieht nicht gut aus. Nur ja nicht überanstrengen. Sie müssen sie mal ordentlich pflegen.« Donia wurde rot, als Herr Peters dieses Thema anschlug. »Ich fühle mich aber sehr wohl,« behauptete sie tapfer. »Ja, ja, aber Herr Peters hat doch wohl recht,« sagte Herr Purtaller. »Schone dich nur. Schonen, schonen, das ist es ja, was ich immer sage.« – Herr Purtaller hatte nicht gedacht, so schnell wieder draußen zu sein. Er war sehr verstimmt und war ärgerlich auf Donia. Was hatte sie grade in dieser Stunde bei Herrn Peters zu suchen? War das mit dem Brief von Herrn Mellini nicht vielleicht nur ein Vorwand? »Das kommt mir doch sonderbar vor,« sagte er. »Schämst du dich nicht, Papa? Hab ich dich je belogen?« fragte Donia. Da schämte Herr Purtaller sich. »Nun, nun, ich scherze ja nur,« sagte er kleinlaut. Fünfzehntes Kapitel Frau Köpke hatte darüber nachgedacht, was sie für Donia tun könne, und war zu dem Entschluß gekommen, sie zu sich ins Haus zu nehmen. »Bei ihrem Vater verkommt sie,« sagte sie. Hanna wußte nicht, ob sie sich freuen sollte. Aber Max rief begeistert: »O ja, das ist famos! Soll sie ganz zu uns ins Haus kommen?« »Meinst du halb?« höhnte Hanna. »Schaf!« erwiderte Max. »Wenn ihr so miteinander umgeht, wird Donia nicht gerne bei euch sein,« sagte Frau Köpke vorwurfsvoll, worauf beide schwiegen, aber nicht unterließen, sich noch ein Gesicht zu schneiden. »Will Donia denn?« fragte Hanna. »Das müssen wir eben mal sehen,« sagte Frau Köpke. Donia war erst überrascht, dann bestürzt, dann brach sie in Tränen aus, und zuletzt hörte sie stumm und ergeben Frau Köpkes Gründe an. Herr Purtaller redete ihr zu. Sein Vaterherz hatte sich mit dem Gedanken befreundet, daß Donia es nun gut haben würde, sie sollte ja auch nicht ganz von ihm getrennt sein. Sie sollte ihn besuchen, wenn sie Neigung dazu verspüre. Er selbst würde sie auch besuchen dürfen. Es war in jeder Weise eine glückliche Vereinbarung. Freilich mußte Herr Purtaller sich nun fremden Menschen anvertrauen. Er mußte seine Wohnung verlassen und sich bei einer Nachbarsfrau in Kost und Logis begeben. Frau Köpke hatte das alles abgemacht. Herr Purtaller hatte dabei ein Gefühl, als solle er nun wieder ein freier Mann werden. Ein wenig hatte Donia ihn doch immer kontrolliert. Herr Purtaller lächelte bei dem Gedanken. Wie konnte er überhaupt nur einen solchen Gedanken aufkommen lassen. Aber dennoch, ganz heimlich, ganz versteckt war er da. Eine unbestimmte Vorstellung von einer schönen, manneswürdigen Freiheit beherrschte ihn. Doch die Hauptsache blieb ja freilich immer Donias Glück. Und Donia würde es nirgend besser haben können, als bei Frau Köpke. Allein schon das gute Essen! Herr Purtaller dachte an Hanna, die gesund und wohlgenährt aussah, ein Bild der Kraft gegen seine zarte Donia. Donia, von ihrem Vater beredet, willigte ein, sich von ihm zu trennen. »Du sollst ganz wie zu Hause sein,« sagte Frau Köpke und umarmte sie. »Du wirst nun wieder eine Mutter haben,« sagte Herr Purtaller gerührt. »Ja, und Hanna wird dir eine Schwester sein,« setzte Frau Köpke hinzu. »Und Max ein Bruder,« sagte Herr Purtaller. Frau Köpke warf ihm einen Blick zu, als wollte sie sagen, das habe ich zu bestimmen. Acht Tage sollte Donia noch bei dem Vater bleiben, und bis dahin sollte alles zu ihrem Empfang bereit sein. Die ersten Tage vergingen unter gemeinsamem Ausmalen der Zukunft. Donia hatte sich an den Gedanken gewöhnt, und die Vorteile dieser Veränderung erschlossen sich ihr nach und nach. »Wir werden uns täglich sehen,« sagte Herr Purtaller, »du wirst mir die Türe öffnen, wenn ich zu Max komme, und du wirst mir den Kaffee bringen.« »Oder die Liese bringt ihn,« sagte Donia. »Oder die Liese natürlich,« wiederholte er. »Aber du wirst es so einrichten können, daß du mir den Kaffee bringst; Frau Köpke wird das schon selbst so einrichten, so eine gute, einsichtsvolle Frau.« Aber am dritten Tag kam Herr Purtaller ganz niedergeschmettert nach Hause. »Was ist dir?« fragte Donia erschreckt. »Nichts, nichts,« rief Herr Purtaller. »Alles ist aus! Alles! Das ist gegen die Abrede! Dazu kann ich meine Zustimmung nicht geben! Empörend! Einfach empörend!« Herr Purtaller warf sich auf einen Stuhl, streckte die Beine von sich und sah vor sich hin. Donia war bestürzt. Was war geschehen? »Aber was bleibt mir übrig? Was soll ich tun?« sagte Herr Purtaller dumpf. »Aber um Gottes willen, was ist denn?« fragte Donia ängstlich. »Geopfert! Auf die Straße geworfen!« »Auf die Straße geworfen?« »Du oder ich. Der Vater oder die Tochter. Der Vater der Tochter geopfert,« murmelte Herr Purtaller. »Ich verstehe dich nicht, Vater. So erzähle doch!« rief Donia bittend. Herr Purtaller erhob sich, legte ihr beide Hände auf die Schultern und sah ihr lange und ernst in die Augen. »Ich habe es getan, Donia. Dein Glück geht mir über alles. Ich habe das Opfer gebracht. Dein Vater räumt den Platz dir zur Liebe. Möchte es dein Glück sein. Was liegt an mir? Ich bin ein alter Mann, ein gebrochener Mann, ein verbrauchter Mann.« Seine Stimme schlug um in Rührung. »Um Gottes willen, ich verstehe immer noch nicht,« jammerte Donia. »Verstehst es nicht? Nun, es ist auch nicht zu verstehen. Ich verstehe es selbst nicht.« »Aber was ist es denn?« rief Donia jetzt laut und ärgerlich und schüttelte seine Hände von ihren Schultern. »So rede doch deutlich!« »Entlassen, gekündigt! Aus ist es!« sagte Herr Purtaller dumpf. »Bei Köpkes?« Er nickte nur. »Sollst du die Stunden nicht mehr geben?« Er nickte wieder, nickte resigniert, hoffnungslos. Donia schwieg. Frau Köpkes Gründe waren ihr auf einmal klar. »Sie meinte, es ginge nicht, es passe sich nicht,« sagte Herr Purtaller. Und dann wäre ich ja nun auch genügend entlastet, da sie mir die Sorge für dich abnähme; es müsse mir ja jetzt viel leichter werden, mich durchzubringen.« »Das wird es doch auch, Vater,« sagte Donia unsicher. »Gewiß, gewiß! Für mich allein werde ich wohl noch sorgen können, was brauche ich viel zum Leben. Ein einzelner alter Mann mit so bescheidenen Ansprüchen.« Herr Purtaller war gekränkt, daß Donia nicht gleich in seine Entrüstung einstimmte, und daß sie Frau Köpkes Handlungsweise zu billigen schien. Donia aber hatte schon immer mit schwerem Herzen daran gedacht, daß sie nun täglich ihren Vater bei Köpkes treffen sollte, und zwar in einer wenn auch nicht untergeordneten, so doch abhängigen Stellung, und wie sehr es ihr das Einleben in die Familie erschweren würde; lieber würde sie dann ganz darauf verzichten, zu Köpkes zu ziehen. Aber davon wollte Herr Purtaller nichts wissen, übrigens sei es dazu auch schon zu spät. Frau Köpke würde nicht auf Donia verzichten und dafür ihn wieder annehmen. Nein, wenn hier ein Opfer gebracht werden müßte, sollte Herr Purtaller es sein. Aber Donia erklärte mit heftiger Entschiedenheit, sie wolle unter diesen Umständen nicht zu Frau Köpke gehen; dann müßten sie eben beide dort wegbleiben. Noch hingen sie ja wohl nicht ganz von Frau Köpke ab. Sie wären bisher allein durchgekommen und würden auch wohl ferner noch ohne Frau Köpke leben können. Herr Purtaller machte ein bedenkliches Gesicht. Dachte denn Donia gar nicht daran, wie oft er Frau Köpkes Hilfe in Anspruch hatte nehmen müssen? Der Vorschuß war noch nicht abgearbeitet, aber Frau Köpke hatte erklärt, unter den neuen Verhältnissen darauf verzichten zu wollen. Das hatte sie getan; ach, ohne Frau Köpke fertig werden, das sollte erst versucht werden. Herr Purtaller setzte Donia alles auseinander, und sie sah ein, daß sich nichts machen ließ, und daß sie zu Frau Köpke ziehen müsse. Die acht Tage waren vergangen, und Hanna brachte den Bescheid, daß am andern Morgen alles zu Donias Empfang bereit sei. Frau Köpke würde jemanden schicken, Donias Sachen abzuholen. Es war der letzte Abend, den Vater und Tochter in der alten Wohnung beieinander waren. Donias Schloßkorb, welcher ihr bißchen Garderobe und Wäsche enthielt, stand an der Wand unter der Violine. Auf dem Tisch brannte die Lampe, und Donia räumte das Geschirr ab. Sie hatten gerade zu Abend gegessen, ohne daß es ihnen geschmeckt hatte. Donia dachte, daß es das letztemal gewesen sei, daß sie ihrem Vater den Tee bereitet hatte, daß sie das letztemal den Weg in die Küche ginge. Von morgen ab würde eine andere Person für den Vater sorgen. Sie wusch Teller und Tassen, um nichts unsauber zurückzulassen, und stellte jedes an seinen Platz auf dem Bort. Sie ließ sich auf dem schlichten Küchenstuhl nieder, stützte den Kopf in die Hand und hätte am liebsten geweint. Doch sie hatte sich vorgenommen, dem Vater den Abschied nicht schwer zu machen. »Wo bleibst du, Donchen?« fragte Herr Purtaller und erschien in der Küchentür. Sie sprang auf, ließ noch einen raschen, leeren Blick über Herd und Wand gleiten und folgte ihm in die Wohnstube. Herr Purtaller setzte sich schweigend in die Sofaecke, und Donia nahm ebenso schweigend am Tisch Platz. »Morgen also,« sagte Herr Purtaller nach einer Weile verloren. »Morgen,« wiederholte Donia tonlos. Dann sahen sie beide zum Fenster hinaus. Schade, dachte Donia, das sollst du nun nie wieder sehen, diese alten Schornsteine und Dächer und die Drähte darüber und das Stückchen Himmel. Und drüben das Dachfenster des Schusters, wo hinter den roten Gardinen jeden Abend die Lampe so traulich leuchtete. So vertraut, so anheimelnd grüßte die abendliche Dächerwelt von draußen herein. Donia trat ans Fenster, legte den Arm gegen das Holz und sah hinaus. »Siehst du etwas?« fragte Herr Purtaller, der jeder ihrer Bewegungen mit zärtlicher Aufmerksamkeit folgte. »Ist da etwas zu sehen?« »Zu sehen? Nein! Warum fragst du?« »Ich meine nur.« Und nach einer Pause sagte Herr Purtaller: »Du wirst jetzt eine schönere Aussicht haben. Diese alten schmutzigen Dächer! Es ist so schön auf der Welt, und du wirst nun vieles davon sehen.« Donia antwortete nicht. Sie dachte, ob sie wohl in der schönsten Welt dieses Dachfenster mit seiner Aussicht vergessen würde. »Donia,« sagte Herr Purtaller wieder aus seiner Sofaecke. »Vater?« »Du mußt recht oft zu mir kommen, Kind. Nun, du wirst es schon tun.« »Aber sicher, Vater!« rief Donia, indem sie sich umwandte. Es sollte recht fröhlich und zuversichtlich klingen, aber es blieb ihr halb in der Kehle stecken. Und als sie ihn so allein auf dem Sofa sitzen sah, in sich zusammengesunken, da übermannte es sie, und sie umarmte ihn, und sein grauer Kopf lag wie hilflos an ihrer jungen Brust. »Wie komisch,« sagte sie. »Wir sitzen hier so trübselig, und morgen soll doch alles, alles viel schöner werden.« Und dabei stürzten ihr die Tränen aus den Augen. Sechzehntes Kapitel Frau Köpkes Absicht war, daß Donia mit Hanna das Zimmer teilen sollte, aber Hanna erklärte, das wäre schrecklich, wäre einfach scheußlich. Sie brummte und maulte. Wenn Frau Köpke zuletzt nachgab und erklärte, Donia sollte doch lieber ein Zimmer für sich haben, so waren es andere Erwägungen, die sie leiteten. Sie kannte ja Donia noch viel zu wenig. Vielleicht war sie unordentlich und hatte einen schlechten Einfluß auf Hanna. Aber wenn sie auch ordentlich und sauber wäre, so hätte sie doch jedenfalls viel weniger und geringere Garderobe, und wenn sie immer die schönen Kleider und Wäsche an Hanna sähe, würde sie vielleicht neidisch und unzufrieden. Und dann die Hauptsache – ob sie ganz gesund sei? Frau Köpke machte sich allerlei Gedanken, auf die sie vorher nicht gekommen war. Nun, es würde ja wohl alles gut gehen. Wenn die beiden Mädchen sich nur vertragen würden. Vielleicht hatte Hanna doch recht. So in einem Zimmer zusammen, das gibt immer am ersten Anlaß zum Zank. So wurde denn ein kleines Zimmer neben Hannas Stube, das bisher als Schrankzimmer gedient hatte, für Donia hergerichtet. Die Schränke fanden Platz auf dem Korridor, wo es freilich ein bißchen dunkel war, aber wo sie doch auch wieder mehr zur Hand standen. Das Zimmer war nur schmal, mit einem Fenster, aber es war ziemlich lang und bot Raum genug, und das Fenster ging überdies, wie dasjenige Hannas, nach hinten hinaus; jedes Haus in der Straße hatte einen kleinen Hintergarten, und alle diese Gärten sahen sehr lustig und freundlich aus. Donia war entzückt über das reizende Zimmer und war sehr dankbar. So schön hatte sie noch nie gewohnt. Frau Köpke hatte manches neu angeschafft, unter andern die kleinen weißen Gardinen vor den Fenstern, die mit einem blauen Band zusammengehalten wurden. Der Kleiderschrank war so geräumig, daß Donias wenige Kleider fast darin verschwanden. Auf dem Waschtisch lag ein neues Stück Seife, das einen milden Maiglöckchengeruch in dem kleinen Zimmer verbreitete. Über dem Bett hing ein alter Stich in braunem Rahmen, der stellte Napoleon auf der Brücke von Lodi vor. Das war nun kein geeignetes Bild für das Zimmer eines jungen Mädchens, aber in Frau Köpkes Augen war ein Bild ein Bild, und war es die Hauptsache, daß die Wand nicht so kahl aussah. Donia betrachtete das Bild sehr genau und verliebte sich ordentlich ein wenig in den jungen Napoleon, der da so kühn im Pulverdampf den Degen schwang und seine Soldaten zum Sturm über die Brücke aufrief. Noch besser gefiel ihr der Blick aus dem Fenster: O wie schön! so ins Grüne sehen zu können! Ja, das war freilich schöner als ihre Dächer und Schornsteine. – Herr Purtaller hatte Donia selbst bis ans Haus gebracht. Ach, wie hatte ihr das Herz geklopft, als sie nun die Klingel gezogen hatte. Aber Hanna war ihr sehr freundlich entgegengekommen und hatte sie mit einem: »Bist du da?« begrüßt. Frau Köpke hatte sie mütterlich umarmt und gleich in ihr Zimmer geführt, wo sie ihren Schloßkorb schon vorfand. Jetzt saß man um den Frühstückstisch, und Donia wagte kaum zuzulangen und ließ sich nötigen. Da war ein Ei für jeden, da war ein bißchen kaltes Fleisch und zweierlei Käse – kurz, es war nach Donias Begriffen eine üppige Frühstückstafel. Ob es immer so sein würde? Doch am Mittagstisch war Donia noch viel erstaunter. Es gab eine Suppe mit Eierstich, Schweinskotelett mit Linsen und Kartoffeln und ein wenig Birnenkompott. Am Nachmittag gab es zum Kaffee ein Stückchen Kuchen; diesen Kuchen aber nur zur Feier von Donias Einzug, wie Frau Köpke bemerkte. Abends wurde Tee und kalter Aufschnitt aufgesetzt und ein paar gewärmte Reste von der Mittagstafel. Donia begriff nun, daß Hanna so rund und gesund aussah. Wie sie aber auch essen konnte! »Donia muß noch viel besser essen lernen,« sagte Frau Köpke. »Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen.« Donia lächelte nur verlegen, nahm sich aber vor, sich zu bessern. Doch machte sie nur langsame Fortschritte und hatte mit ihrer natürlichen Bescheidenheit manchen Kampf zu bestehen. »Mama, Donia ißt wieder gar nichts,« sagte Max dann wohl, der es sich zur Pflicht zu machen schien, auf Donias Appetit zu achten. »Doch, doch, ich esse ja in einem fort,« verteidigte sich Donia. »Ja, wie ein Spatz.« Max sprach überhaupt immer sehr burschikos. Er war jetzt Obertertianer, rauchte heimlich Zigaretten und spielte sich furchtbar auf, wie Hanna sagte. Donia mochte ihn wohl leiden. Er war groß und kräftig, hatte etwas Forsches und Frisches und bemühte sich, den Galanten zu spielen, natürlich nicht gegen Hanna, die er sehr »klobig« behandelte. »Er ist jetzt ein furchtbarer Flegel,« beklagte sich Hanna. »Er meint es nicht so,« verteidigte Donia ihn. Manchmal lächelte Donia, manchmal mußte sie sich auch wundern. Sie hatte sich ein ganz anderes Bild von Geschwisterliebe gemacht. Sie hatte sich oft einen Bruder oder eine Schwester gewünscht. Sie war immer so allein gewesen. Sie hätte sich gewiß mit der Schwester vertragen. Vertrug sie sich doch jetzt auch mit Hanna ganz gut. Aber auch mit dem Bruder wäre sie wohl fertig geworden. Wie nett war Max zu ihr! Wenn er es zu Hanna nicht war, so hatte diese doch wohl selbst auch ein wenig Schuld: sie neckte selbst gern und nahm es übel, wenn Max wieder neckte. Und Max verstand das Necken viel besser. Manchmal tat er nichts weiter, als ihr mit seiner großen Hand so von hinten her über das Gesicht zu fahren. Dann konnte Hanna wie eine Furie auffahren: »Dummer Junge, ich sag es Mama!« War Hanna in der Schule, so hatte Donia das Reich für sich. Sie half Frau Köpke in der Wirtschaft, wobei sie sich anstellig erwies. Dabei hielt sie gewissenhaft ihre Übungsstunden inne. Zweimal in der Woche ging sie zu Herrn Mellini, der mit ihren Fortschritten sehr zufrieden war, und einmal spielte sie bei Herrn Peters, nach Hannas Klavierstunde. Es wurde ihr alles sehr leicht, und auch Herr Peters hatte seine Freude an ihr. Die Hauptsache blieb aber der Gesang, und ihre Stimme wurde bei dem verständig geleiteten Studium immer schöner und kräftiger. Wenn Hanna sie bat, ein Lied zu singen, weigerte sie sich. »Herr Mellini hat es verboten.« »Ach, ein Lied – was soll es dir schaden?« Aber wenn Donia dann fest blieb, sagte Hanna wohl: »Hab dich man nicht so,« und machte eine geringschätzige Miene. Donia aber hatte an Frau Köpke Beistand. »Wenn Herr Mellini das sagt, dann muß Donia es tun.« »Ich werde ja bald so weit sein,« tröstete Donia. »Donia singt noch einmal ganze Arien und Opern,« bekräftigte Frau Köpke. »Nur nicht immer alles mit einmal. Tante Rosa hatte auch Gesangstunden, als sie jung war. Nur ein paar Töne zurzeit durfte sie singen. Nachher hat sie aber auch im Gesangverein immer die erste Stimme gesungen, und sogar einmal ein Solo in Schillers Glocke. Ach Donia, wenn ich das noch an dir erlebte!« Donia hoffte ernstlich, Frau Köpke diese Freude machen zu können: sie wollte schon fleißig sein. Hanna war in der letzten Zeit auch etwas vorwärts gekommen in der Musik. Sie spielte ein paar Lieder ohne Worte von Mendelssohn ganz manierlich, und Herr Peters hatte sie gelobt. Das und Donias Beispiel feuerten sie an. Und Frau Köpke war nun glücklich, daß ihre Hanna endlich aufwachte. »Sie kann ja ganz gut, wenn sie nur will, sie hat es in sich, es muß nur erst mal herauskommen. Tante Rosa war doch auch so musikalisch, und wenn ich auch nicht singe, so höre ich doch gern eine gute Oper. Und ihr Vater hatte sogar eine ganz gute Stimme. So einen schmelzenden Tenor. Er sang nur immer so falsch, das war sein einziger Fehler.« Nur Max war nicht musikalisch. Frau Köpke hatte gewünscht, daß Herr Peters es mal mit ihm versuche. Aber Max hatte durchaus nicht gewollt, und Herr Peters hatte gemeint: Zur Musik müsse man keinen Menschen zwingen. Wer nicht aus Lust und Liebe daran ginge, der solle lieber davonbleiben. »Siehst du!« hatte Max triumphiert, »das ewige, alte Geklimper und Gegröhl.« »Hörst du, Donia, du gröhlst,« sagte Hanna. Donia lachte und Max ärgerte sich. »Mit Donia ist es ganz etwas anderes,« behauptete er. Max wollte um alles in der Welt Donia nicht kränken. Er hatte keine Vorliebe für Donias Gesang, ihre Übungen fand er scheußlich, aber für Donia schwärmte er. Das merkte freilich niemand als Donia selbst. Sie empfand seine kleinen Aufmerksamkeiten, die meist ganz versteckt und verschämt herauskamen. Doch wußte sie nicht, daß er auch Verse auf sie machte. Max Köpke und Verse! Eine lächerlichere Ideenverbindung schien es nicht zu geben. Hätte er gesagt: Donia Purtaller ist die Schönste im ganzen Lande; wer's nicht glaubt, dem hau ich eine runter. Ja, das wäre glaubhaft gewesen. Aber Verse? Und doch war es so. Max machte heimlich Verse auf Donia. Ich bin dir gut, Du junges Blut, Ich hab dich lieb. Du Herzensdieb. Oder: Seit du in unserm Hause bist, Wie ist die Welt so trüb und trist. Ich geh am Bache ganz allein, Und starre in die Flut hinein. Welcher Bach gemeint war, hätte Max jedoch sehr schwer sagen können. Aber er ging ganz allein an diesem Bache und starrte in seine Fluten. Und er war tief unglücklich, obgleich er für gewöhnlich über das ganze Gesicht strahlte. Siebzehntes Kapitel Donia besuchte häufig ihren Vater. Wenn sie von Herrn Mellini kam, machte sie jedesmal einen kleinen Umweg und ging zu Herrn Purtaller, der noch in der alten Straße, aber ein paar Häuser weiter, bei einer alten Witwe wohnte. Er hatte ein freundliches Zimmer und ein Schlafkabinett, bekam morgens sein Frühstück von der Wirtin und aß im übrigen im Speisehaus. Das gefiel ihm ungemein. Daß er nicht mehr für Donia zu sorgen hatte, war doch eine große Erleichterung. Wenn er sparsam lebte, konnte er mit dem Wenigen, was ihm seine Privatstunden abwarfen, auskommen. Da er nur nachmittags und nach der Schule zu unterrichten hatte, blieb ihm Zeit genug, durch Adressenschreiben und andere kleine Arbeiten sich ein paar Mark zu verdienen. Herr Purtaller fand den Wechsel der Verhältnisse ganz angenehm und vorteilhaft, zumal Donia ihn nicht vernachlässigte. »Donchen verleugnet ihren alten Vater nicht, wird nicht hochmütig durch ihr Glück,« sagte er. »Verleugnen?« fragte Donia. »Warum verleugnen? Sollte ich mich denn deiner schämen?« »Du sollst es nicht, und du tust es nicht. Nein, gewiß nicht. Aber es gibt Kinder, die sich ihrer Eltern schämen. Und wenn du nun auf mich herabsehen würdest –« »Du tust ja, als ob ich jetzt eine Prinzessin geworden wäre,« lachte Donia. »So ein armer Adressenschreiber,« fuhr Herr Purtaller unbeirrt fort. »So ein alter durchgefallener Student, der sich im Alter sein Brot kümmerlich mit Stundengeben und Schreibereien verdienen muß.« »Bist du durchgefallen als Student?« fragte Donia erstaunt. »Nun, ich brauche so den Ausdruck,« sagte Herr Purtaller etwas verlegen. »Jedenfalls, mein liebes Kind, wenn alles so geglückt wäre, dein Vater wäre vielleicht heute Professor oder Konsistorialrat.« Herr Purtaller lachte, und Donia wußte nicht, ob sie mitlachen oder ihn bedauern sollte. »Aber du hast es doch jetzt ganz gut,« sagte sie tröstend. »Wenigstens besser als sonst.« »Teure Donia, ich klage auch nicht. Hast du deinen Vater überhaupt je klagen hören? Ich bin völlig zufrieden mit meiner jetzigen Lage, leb ich doch nur für dich und dein Glück.« Donia war gerührt und beruhigt. »Und wie gemütlich du es hier hast,« sagte sie und sah sich um. »Und dann nur eine Treppe hoch.« »Ja, ich wohne fürstlich, Kind; keine Dachwohnung mehr.« Mit besonderer Befriedigung nahm Donia wahr, daß ihr Vater jetzt immer einen Kragen um hatte, wenn sie kam. »Trägst du dein altes Tuch nicht mehr?« fragte sie, um ihm zu zeigen, daß sie es bemerkte. Herr Purtaller griff sich an den Hals in alter Gewohnheit. »Ach so, das Tuch. Nein, Kind. Frau Sedewisch ist so gut und sorgt für meine Wäsche; das ginge so in Einem mit hin, sagt sie. Na, und dann erste Etage, da kann man doch nicht –« Herr Purtaller lachte über seinen Scherz, und Donia schämte sich ein wenig; sie hätte früher besser aufpassen sollen, daß der Vater mehr auf sich hielt. Eine Frau ist doch etwas ganz anderes, dachte sie. Wie gut, daß der Vater jetzt Frau Sedewisch hat. Ja, es war gut für Herrn Purtaller, daß er Frau Sedewisch hatte, und es war gut für ihn, daß er nun erste Etage wohnte. Und daß Donia auf so gutem Wege war. Und daß er nun in einem Speisehause essen konnte, wo alle Herren einen weißen Kragen um hatten. Das alles gab seinem ganzen Menschen einen inneren Ruck. Herr Purtaller fühlte sich gesellschaftlich gehoben. Einmal in vierzehn Tagen durfte er auch zu Frau Köpke kommen und Donia besuchen. Es war ein fester Abend, an dem er jedesmal zum Abendbrot erschien und immer ein paar Blumen mitbrachte, die er Frau Köpke mit feierlicher Würde überreichte. Ein Zeichen unwandelbarer Dankbarkeit. Donia wurde jedesmal rot, denn es war ein gar mageres Sträußchen, das der Vater zu überreichen pflegte, da aber Frau Köpke tat, als sei sie hocherfreut, gab auch Donia sich zufrieden und errötete nicht mehr. Herr Purtaller war an diesen Abenden von gewinnender Liebenswürdigkeit. Er erzählte aus seiner Kanzelzeit und von seinen Theatertagen. Frau Köpke hörte ihn am liebsten vom Theater erzählen, meinte aber dann mit Rücksicht auf die Kinder, daß es doch nicht immer das geeignete Thema sei und führte oft das Gespräch auf das Geistliche hinüber. Herr Purtaller lebte an diesen Abenden wirklich auf. Und Donia war verwundert über ihren Vater und freute sich. Nur Hanna und Max stellten manchmal Vergleiche an zwischen dem Herrn Purtaller der Privatstunden und dem Herrn Purtaller am Teetisch. Sie fanden beide eigentlich sehr komisch. Punkt zehn Uhr empfahl sich Herr Purtaller gewöhnlich. Frau Köpke sorgte für die Pünktlichkeit, indem sie ganz unbefangen ein paar bedeutungsvolle Blicke auf die Uhr warf; sie liebte es nicht, bis in die Nacht aufzusitzen, obgleich der Besuch ganz unterhaltsam war. »Herr Purtaller ist eigentlich ein ganz interessanter Mensch. Was weiß der Mann nicht alles?« – Ein halbes Jahr verstrich auf diese Weise zu aller Zufriedenheit. Dann aber ging eine Wandlung in Herrn Purtaller vor. Es fing damit an, daß Donia ihn manchmal nicht zu Hause traf. »Der Herr Kandidat ist ausgegangen,« sagte Frau Sedewisch. »Wohin?« fragte Donia. Frau Sedewisch konnte keine Auskunft geben. Aber einmal bat sie Donia in ihr Zimmer und sagte: »Sagen Sie mal, Fräulein, was ist es eigentlich mit Ihrem Herrn Vater? Ich habe schon seit zwei Monaten keine Miete bekommen.« Donia erschrak. »Seit zwei Monaten? Ja, das weiß ich nicht. Ich will es ihm sagen, er hat es gewiß nur vergessen.« »Vergessen? Nein, vergessen kann er das nicht. Ich erinnere ihn doch immer daran.« Herr Purtaller trug die Folgen seiner gesellschaftlichen Erhöhung. Die erste Etage, das besser zubereitete Essen, alles gab ihm ein äußeres Ansehen, das seinen Kredit erhöhte. Herr Purtaller machte jetzt im Speisehause nach dem Essen regelmäßig ein Spielchen, nur einen kleinen Skat. Um Pfennige, um eine Tasse Kaffee. Wie wohl ihm das tat, einmal Mensch mit Mensch sein zu dürfen, wie er sich ausdrückte. Den kleinen, unschuldigen Freuden des Daseins bescheiden huldigen zu dürfen. Einen Kognak zum Kaffee trinken viele. Warum sollte Herr Purtaller das nicht auch tun? Für alte Leute hat der Kognak etwas Wohltuendes, geradezu der Gesundheit Dienliches. Ein Geistesarbeiter – so durfte er sich doch wohl bescheiden nennen – bedarf solcher kleinen Reizmittel, die ermüdeten Lebensgeister wieder zu ermuntern. Kann ein Mann seiner Bildung, seines Berufs ein Leben ohne geistige Anregung, ohne ein gebildetes Gespräch aushalten, ohne zu verbummeln, zu vertrocknen? Herr Purtaller konnte diese Unterhaltung im Speisehaus nicht entbehren. Da war Herr Sachse, seines Zeichens Reisender für das Weinhaus Wagner Söhne, ein weitgereister, witziger Mann. Da war Herr Postsekretär Kimmerle und da war Herr Registrator Bürstenbinder, zwei vortreffliche Beamte, und da war Herr Doktor Mendel, der Tierarzt, der mehr wußte, als mancher Menschendoktor und der mit seinem tiefen Baß die ganze Tafelrunde beherrschte. Lauter gebildete Leute, die ein politisches Urteil hatten, Skatspielen konnten und Herrn Purtaller immer mit »Herr Kandidat« anredeten. Wie wohl das tat! War es zu verwundern, daß Herr Purtaller auch am Abend einmal das Bedürfnis fühlte, die Gesellschaft dieser Herren aufzusuchen? Abends grade, wo seine Donia ihm fehlte und er sich so einsam fühlte? Und sparte er nicht Licht und Heizung, wenn er ins Wirtshaus ging? Herr Purtaller rechnete und fand, daß es keine Verschwendung sei, an jedem Abend seine Zeitung im »Goldenen Engel« zu lesen und ein Glas Bier dazu zu trinken. Der Wirt war ein gefälliger Mann. Alle Herren hatten Kredit. Auch Herr Purtaller. Herr Purtaller war ja Stammgast. Eines Abends gab es eine bescheidene Festlichkeit im »Goldenen Engel«: Herr Postsekretär Kimmerle feierte seinen Geburtstag. Unglücklicherweise war es der Abend, wo Herr Purtaller hätte bei Frau Köpke sein müssen. Aber er gab seinem Vaterherzen einen Stoß und entschied sich für Herrn Kimmerle. Wie gerne hätte er seine Donia gesehen, aber solche Opfer sind nicht immer zu umgehen. Um so mehr erzählte er im Kreise der Stammgäste von seiner Donia. »Ein Talent, meine Herren. Es klingt komisch, wenn ein Vater das von seiner Tochter sagt, aber in aller Bescheidenheit, Herr Mellini – Sie wissen, der berühmte Herr Professor Mellini –« »Soll sie denn zum Theater?« fragte Herr Sachse. »Mal sehn, mal sehn,« sagte Herr Purtaller wichtig. »Unsicheres Pflaster,« meinte Herr Kimmerle. »Aber hier –« sagte Herr Bürstenbinder und machte die Bewegung des Geldzählens. »Ja, wenn sie etwas kann,« meinte Herr Kimmerle, »sonst ist es nur ein buntes Elend.« Herr Purtaller tat einen tiefen Zug, sah in sein Glas und lächelte geheimnisvoll, als wollte er sagen: abwarten, abwarten, meine Herren; Sie werden schon Ihr Wunder erleben. Achtzehntes Kapitel Eines Tages erschien Frau Sedewisch bei Frau Köpke. Sie war ebenso groß und breit wie diese und gab sich sehr würdevoll. »Frau Registrator Sedewisch,« sagte sie. »Nicht wahr, Sie sind die Tante von Fräulein Purtaller?« »Die Tante nun grade nicht,« sagte Frau Köpke. »Aber womit kann ich dienen?« »Sie sind nicht die Tante? So,« sagte Frau Sedewisch und dehnte das So in das Unendliche. »Sie sind nicht die Tante? Herr Purtaller sagte mir doch, Sie seien seine Schwägerin.« Frau Köpke war empört, gekränkt. Wie konnte Herr Purtaller so etwas sagen! Aber sie beherrschte sich und sagte: »Das ist ja auch einerlei. Seine Tochter wohnt bei mir. Was wünschen Sie?« »Ja, sehen Sie, das ist nun so eine Sache. Herr Purtaller – die Tochter ist doch nicht etwa in der Nähe?« Frau Sedewisch sah sich um. »Nein, Donia ist nicht zu Hause,« erklärte Frau Köpke. »Schön,« sagte Frau Sedewisch. »Da brauch ich ja kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Sagen Sie mal, was sind das eigentlich für Leute, die Purtallers?« »Kommt Herr Purtaller seinen Verpflichtungen nicht nach?« fragte Frau Köpke kühl. »Das ist es ja! Das tut er nicht! Gar nicht tut er das. Seit vier Monaten hält er mich hin, und wo bleibt das Geld, frage ich Sie. Er verdient doch.« Frau Köpke zuckte die Achseln. Was wußte sie, wo Herr Purtaller mit seinem Gelde blieb. »Ich will es Ihnen sagen, wo er damit bleibt,« sagte Frau Sedewisch triumphierend. »Ins Wirtshaus bringt er es. Und dann kommt er abends voll nach Hause.« Was für eine Ausdrucksweise, dachte Frau Köpke und machte ein mißbilligendes Gesicht. »Er ist vielleicht einmal etwas vergnügt gewesen,« sagte sie entschuldigend. Frau Sedewisch lächelte überlegen. »Meinen Sie? Na, ich nenne das anders. Und wissen Sie – ich bin eine alleinstehende Frau, und was denken die Leute? Ich muß auf mein Renommee achten, und vor allem muß ich mein Geld haben.« »Wieviel bekommen Sie denn?« fragte Frau Köpke. »Vierzig Mark sind es nun schon. Ich bin eine alleinstehende Frau, und das ist keine Kleinigkeit für mich.« »Sie werden Ihr Geld schon bekommen, liebe Frau,« sagte Frau Köpke. »Ich bürge dafür. Gehen Sie nur ruhig wieder nach Hause, ich stehe für die Miete ein.« »Ja, das ist etwas anderes. Wenn ich das gewußt hätte, Frau Köpke. Ich bin ja nicht so, daß ich die Leute absolut drängele. Aber Sie wissen ja, Geld braucht man immer, und ich wollte nur mal zufragen. Sehen Sie, man weiß ja von nichts. Na, denn kann ich es Ihrem Herrn Schwager ja sagen.« Frau Köpke ärgerte sich über den Schwager, nahm aber im Grunde der Frau nicht übel, daß sie zu ihr gekommen war. Was sollte sie machen? Aber Donias wegen war ihr die Sache doch schrecklich unangenehm. Und wie sollte das enden? Sie hatte auch kein Geld, für Herrn Purtaller einfach die Miete zu bezahlen. Und dann machte sie sich Vorwürfe, daß sie Donia von dem Vater weggenommen hatte; sie hatte doch am Ende guten Einfluß auf ihn gehabt. Oder ob er früher auch wohl manchmal so nach Hause gekommen war, so – sie mochte auch in Gedanken den Ausdruck der Frau Sedewisch nicht wiederholen. Die arme Donia! Sie hatte das Kind wirklich liebgewonnen. Wie kam das Kind zu solchem Vater? Frau Köpke hatte ein paar schlaflose Nächte davon. Gut war es, daß Frau Sedewisch sich nicht an Donia gewandt hatte. So viel Zartgefühl hatte sie also doch gehabt. Natürlich, wenn Herr Purtaller sich für ihren Schwager ausgegeben hatte, lag es nahe, daß Frau Sedewisch gleich zu ihr gekommen war. Diese Unverschämtheit von Herrn Purtaller! Aber der Mann hatte schon allen moralischen Halt verloren. Frau Köpke sah ihn schon ganz unter die Füße kommen. Je mehr sie darüber nachdachte, je mehr fühlte sie sich mitschuldig, weil sie Donia von ihm getrennt hatte; aber sie ihm wiederzugeben war unmöglich. Vielleicht, wenn sie mit Donia spräche, und Donia bewußt ihren Einfluß auf den Vater ausübe? Donia kam strahlend nach Hause. Herr Mellini hatte sie gelobt und hatte ihr zum erstenmal eine Arie zu studieren gegeben. Agathes Arie aus dem »Freischütz«: »Und ob die Wolke sie verhülle«. Sie hatte sich die Noten gleich mitgebracht und ging sofort an das Klavier und ließ ihre helle Stimme erklingen. Nein, Frau Köpke konnte unmöglich mit Donia sprechen. Wie sollte sie es nur machen? Aber zwei Tage später kam Donia blaß und zitternd heim, ging gleich auf ihr Zimmer, und Frau Köpke fand sie dort in Tränen aufgelöst. Donia war bei ihrem Vater gewesen und hatte ihn in jenem Zustande angetroffen, den Frau Sedewisch anders benannte als Frau Köpke. »So ist er nun oft,« hatte Frau Sedewisch der erschrockenen Donia gesagt. Frau Köpke hatte anfangs nichts aus Donia herausbekommen können. Aber als sie hörte, wo sie gewesen war, ahnte sie, um was es sich handelte, und erfuhr durch vorsichtige Fragen die Wahrheit. »Armes Kind,« sagte sie, »dein Vater bedarf der Stütze.« »Ich hätte gar nicht von ihm gehen sollen,« schluchzte Donia. »Es war schlecht von mir, ihn allein zu lassen.« »Du kannst nichts dafür,« sagte Frau Köpke. »Das darfst du nicht sagen.« »Doch, doch!« rief Donia. »Ich will wieder zu ihm zurück. Ich muß. Ach, bitte bitte, laß mich!« Donia streckte flehend die Hände aus. »Beruhige dich, liebes Kind,« sagte Frau Köpke. »Sieh mal, wenn dein Vater nun zu uns ins Haus käme, was meinst du dazu?« Diese Aussicht kam Donia so unerwartet, daß sie zuerst kein Wort fand, sondern Frau Köpke nur verständnislos anstarrte. »Wäre dir das recht?« fragte Frau Köpke. »Mutter, liebe Mutter!« rief Donia und machte Miene, Frau Köpke um den Hals zu fallen. Aber sie war so überwältigt, daß sie auf ihr Bett zurücksank und in ein heftiges Schluchzen ausbrach. Es war das erstemal, daß Donia sie Mutter genannt hatte. Frau Köpke war sehr gerührt. »Weine dich nur tüchtig aus,« sagte sie, »und dann überlege es dir.« Sie küßte sie leicht auf den Scheitel und ließ sie allein. Bei Frau Köpke stand es nun fest, daß sie Donias Vater ins Haus nehmen wollte. Eine Dachstube war schon freizumachen. Er mußte sich natürlich begnügen. Sie sprach mit Herrn Peters darüber. Mit irgend einer männlichen Person mußte sie darüber sprechen, die Verantwortung war doch zu groß. Herr Peters riet entschieden ab und schlug ein Trinkerasyl vor. »Nein, pfui,« sagte Frau Köpke. Herr Peters zuckte die Achseln. »Oder irgend eine andere Anstalt. Aber nicht ins Haus. Schon der Tochter wegen.« »Grade. Vor der Tochter wird er sich schon in acht nehmen, da schämt er sich.« »Was sagt denn Fräulein Purtaller dazu?« meinte Herr Peters, der sonst immer Fräulein Donia gesagt hatte, und jetzt rot wurde, als er Fräulein Purtaller sagte. »Die arme Donia,« sagte Frau Köpke. »Sie ist damit einverstanden. Ich glaube, sie freut sich auch ein bißchen. Es ist doch immer ihr Vater.« »Ja, sie kann einem leid tun,« sagte Herr Peters. »So ein gutes, liebes Mädchen,« sagte Frau Köpke. »Sie hat etwas ungemein Sympathisches,« versicherte Herr Peters enthusiastisch. Obgleich Herr Peters nicht grade zugeraten hatte, fühlte sich Frau Köpke doch in ihrem Vorhaben durch diese Unterredung bestärkt. »Ich gehe morgen zu deinem Vater, Donia, und spreche mit ihm,« sagte sie. »Wenn Papa es nur tut,« meinte Donia schüchtern. – Herr Purtaller saß in Hemdärmeln am Tisch und schrieb Adressen, als Frau Köpke ihm gemeldet wurde. Er hatte es sich bequem gemacht und hatte nicht einmal einen Kragen um. Er riß schnell den alten grauen Wollschal, der in der Sofaecke lag, an sich, schlang ihn sich um seinen mageren Hals und hastete in seinen Rock. »Guten Tag, Herr Purtaller,« sagte Frau Köpke. »Ich muß Sie notwendig sprechen.« Herr Purtaller sah gleich, daß etwas Ernstes sie zu ihm führte. »Es ist doch nichts passiert?« fragte er ängstlich. »Nein, Donia geht es gut,« sagte Frau Köpke, »ich komme Ihretwegen, Herr Purtaller.« »O danke, mir geht es auch gut!« rief Herr Purtaller, »nur ein wenig erkältet.« In Anbetracht des dicken Wollschals schien es ihm richtig, das zu sagen. »So?« fragte Frau Köpke, »Donia sorgt sich manchmal um Sie.« »Das gute Kind!« rief Herr Purtaller gerührt. »Sie wären nun so allein, und sie glaubte, es wäre wohl nicht immer alles so, wie es sein müßte,« sagte Frau Köpke und sah ihn strenge und fragend an. »Ach Gott, ach Gott,« jammerte Herr Purtaller, »wie es sein müßte, ja, was soll ich dazu sagen?« »Und ich fürchte, Donia hat recht,« fuhr Frau Köpke fort. »Nicht alles so, ach Gott, nicht alles so, wie es sollte. Alles nicht.« Herrn Purtallers Stimme wurde wehklagend. »Sie haben gewiß Sehnsucht nach Donia?« Herr Purtaller nickte mit einem Ausdruck von Herzlichkeit. »Wie Sie sich gewiß denken können, Frau Köpke, wie Sie sich gewiß denken können.« »Und wären froh, wenn sie wieder zu Ihnen käme?« Herr Purtaller konnte nicht verbergen, daß diese Frage ihn erschreckte. Wie meinte Frau Köpke das? Donia wieder zu ihm? »Aber Donia,« sagte er erschrocken, »Donia, liebe Frau Köpke. Ach, das arme Kind! Ich sollte es wieder herausreißen aus seinem Glück, aus Ihren mütterlichen Armen?« »Ja, was ist denn nun aber Ihr Leben ohne Donia?« sagte Frau Köpke; »wie ich schon gesagt habe, es ist nicht alles so, wie es sein könnte.« Herr Purtaller sah Frau Köpke lauernd an. Was meinte sie? Da er schwieg, fuhr sie fort: »Donia war manchmal bei Ihnen und hat Sie nicht sehen können.« Herr Purtaller wurde rot. »Ach ja, das arme Kind. Ich war ein wenig krank. Ich war nicht ganz wohl. Es hat sie wohl recht erschreckt?« »Das hat es, Herr Purtaller, das arme Kind hat sehr geweint. Nein, sagen Sie nichts,« wies sie ihn zur Ruhe, als er sie unterbrechen wollte. »Donia hat Ihre Krankheit ganz richtig erkannt. Pfui, schämen Sie sich denn gar nicht? So ein alter Mann wie Sie?« Frau Köpkes Entrüstung kam zum Durchbruch und sie hielt Herrn Purtaller eine scharfe Predigt, so daß er ganz geknickt vor ihr saß. »Sie haben recht,« stammelte er. »Wie recht haben Sie! Ja, ich schäme mich. Aber bedenken Sie, dies eine Mal –« »Frau Sedewisch sagt, es käme oft vor,« unterbrach sie ihn. »Oft? o! Frau Sedewisch? Nein, wie kann sie das sagen! Nun ja, ich gebe ja zu –« Frau Köpke ließ nicht nach, und Herr Purtaller gab zuletzt alles zu. Als sie aber mit ihrem Plan herausrückte, warf er sich wieder in die Brust. »Ich in Ihr Haus?« rief er, »gleichsam als verlorener Vater? Diese Schande soll ich Donia antun? Nie!« »Überlegen Sie es sich, Herr Purtaller,« sagte Frau Köpke. Er zog den Kopf zwischen die Schultern und erhob beide Hände wie abwehrend. »Ich meine, Sie überlegen es sich erst einmal recht,« sagte Frau Köpke. Neunzehntes Kapitel Donia half selbst bei der Ausschmückung der Dachstube. Herr Purtaller hatte sich alles überlegt. Seine wenigen Möbel waren geholt worden und füllten gerade das Zimmer aus; es konnte an die Dachwohnung von früher erinnern, und Donia fühlte sich ganz angeheimelt. Um dem Vater eine besondere Freude zu machen, hatte sie einen Geranienstock gekauft, der nun mit seinen roten Blumen das Fensterbrett zierte, ganz wie damals. Und draußen vor dem Fenster breitete sich wie damals eine Welt von Dächern und Schornsteinen aus. Herr Purtaller war sehr gerührt, als er einzog. Seine Rührung war echt, ebenso die Scham, die er empfand, wenn er an die Ursache dieses abermaligen Wohnungswechsels dachte. Frau Köpke hatte ihm versichert, daß Max und Hanna nicht anders wüßten, als daß alles nur Donia zuliebe geschähe, um ihr eine Freude zu machen. So brauchte er sich doch wenigstens vor den Kindern nicht zu schämen. Im Innersten seiner Seele glaubte er freilich, daß er eigentlich gar keine so große Veranlassung dazu hätte. Wie oft hatte er denn einen kleinen Rausch gehabt, wenn er sich so kraß ausdrücken wollte? Er war doch höchstens ein wenig angeheitert gewesen. Und wie oft? Es war wirklich nicht der Rede wert. Und wenn man bedachte, daß er einen alten, schwächlichen Körper hatte, wie konnte man sich wundern? Dennoch war vielleicht alles so am besten. Nun war für ihn gesorgt. Daß er Frau Köpke nun zu lebenslänglichem Dank verpflichtet sei, konnte er nicht leugnen. Doch durfte ihn das drücken? Beinahe sah er etwas wie eine Verpflichtung gegen ihn, als Donias Vater, gleichsam als Vater der süßen Stimme, eine Verpflichtung, ihn nicht in Not und Sorge sitzen zu lassen. Gewiß, Frau Köpke tat ein gutes Werk, ein christliches Werk. Aber er war doch immer Donias Vater. Und dann war seine Amalie eine Jugendfreundin von Frau Köpke gewesen, eine »liebe Jugendfreundin«. Herr Purtaller, der natürlich an allen Mahlzeiten teilnahm, fiel durch mancherlei kleine Manieren auf, die Donia früher nicht an ihm beachtet hatte. Und der reine Kragen, den er jetzt immer umband, ersetzte nicht völlig diese Mängel. Aber hier zeigten sich Hannas und Maxens Gutmütigkeit und gute Erziehung, indem sie mit keinem Blick in Donias Gegenwart merken ließen, daß ihnen etwas an Herrn Purtaller nicht behagte. Frau Köpke, die immer darauf gehalten hatte, daß man die Mahlzeiten ohne viel unnützes Gerede einnahm, sah sich durch Herrn Purtallers Unterhaltungsgabe mehr, als ihr lieb war, in Anspruch genommen. Donia saß oft wie auf Nadeln und versäumte nicht, Herrn Purtaller nach Tisch auf seinen Fehler aufmerksam zu machen. »Du redest zu viel, Papa,« sagte sie möglichst schonend, »es ist viel gesünder, beim Essen nicht so viel zu reden.« »So? Ja, wenn es das ist, so werde ich weniger sprechen, obgleich ich weiß, daß viele Ärzte und große Männer anderer Ansicht sind und waren.« Seitdem bemühte sich Herr Purtaller, weniger zu sprechen. Wenigstens sagte er nichts, ohne vorher zu fragen: »Ist es erlaubt, mal eine Bemerkung zu machen? Ich weiß nicht, ob es angebracht ist. Aber ich habe etwas Drolliges zu erzählen.« Oder er räusperte sich so lange und rückte so lange auf seinem Stuhl herum, bis Frau Köpke fragte: »Haben Sie etwas, Herr Purtaller?« Und dann hatte Herr Purtaller immer etwas. Doch der Tag bestand nicht aus lauter Mahlzeiten, und im übrigen war die Hausgenossenschaft Herrn Purtallers wenig störend. Er hatte seine Tagesbeschäftigung. Am Nachmittag unterrichtete er seine wenigen Privatschüler und am Vormittag schrieb er Adressen. Da er jetzt keine Miete zu zahlen hatte, stand er sich recht gut und hatte immer etwas Geld in den Händen. Frau Köpke dachte, wie sie ihn bewegen könnte, dies Geld ihr oder aber Donia in Aufbewahrung zu geben. Sie selbst mochte es ihm nicht sagen, und Donias Versuch scheiterte. Sie hatte zwar nur eine leise Anspielung gemacht, um ihn nicht zu kränken. Aber er war mißtrauisch geworden und hatte gefragt, ob man ihn unter Kuratel stellen wollte. übrigens betrug Herr Purtaller sich tadellos. Donia war glücklich, und Frau Köpke bereute nicht ihre Handlungsweise. Donia aber saß oft bei ihrem Vater, half ihm Adressen schreiben und hielt ihm seine Sachen in Ordnung wie früher. – Ein halbes Jahr war vergangen, als der Himmel dieses friedlichen Zusammenlebens durch ein erstes Wölkchen getrübt wurde. Frieda, das Dienstmädchen, hatte zu Frau Köpke gesagt: »In Herrn Purtallers Stube riecht es jetzt immer so eigentümlich.« »Er lüftet wohl nicht ordentlich. Alte Leute sind so empfindlich. Und dann der alte Tabaksrauch.« »Nein,« hatte Frieda gesagt, »nach Zigarren riecht es nicht. Ich glaube, es ist Rum.« Frau Köpke war entsetzt, und als Herr Purtaller nicht zu Hause war, inspizierte sie sein Zimmer. »Ei, also hinter dem Bett.« Sie nahm die Flasche an sich. Eine leere Flasche. Und als Herr Purtaller nach Hause kam, sagte sie ernst und vorwurfsvoll: »Herr Purtaller, Flaschen hinterm Bett dulde ich nicht.« Er heuchelte Verständnislosigkeit: erinnerte sich dann, daß er Rum zum Einreiben gebraucht habe. »Nur zum Einreiben, liebe Frau Köpke. Sie denken doch nicht?« »Was fehlt Ihnen denn, Herr Purtaller?« »Zahnweh. Ach, diese fürchterlichen Schmerzen! Nun, Sie werden es kennen.« »Und dagegen hilft Rum?« »Ein ganz vortreffliches Mittel, Frau Köpke: nur einen Mund voll, versuchen Sie es einmal.« Frau Köpke wollte dies Mittel lieber nicht versuchen. »Wenn Sie mal wieder Zahnschmerzen haben, sagen Sie es mir nur, ich habe da noch andere Mittel.« Und dann verfiel sie auf einen guten Gedanken. »Sie nehmen gewiß gern ein wenig Rum zum Tee,« sagte sie eines Abends. Herr Purtaller wurde rot und wußte nicht, was er sagen sollte, aber er gestattete mit vielen Komplimenten, daß man einen Schuß Rum in seinen Tee goß. »Das hätte ich nur wissen sollen,« sagte Frau Köpke, »das hätten Sie ja schon längst bekommen können.« Donia sah Frau Köpke dankbar an. Wie gut sie doch war! Der Vater hatte ja schon früher seinen Tee gerne ein bißchen »angewärmt« getrunken, wie er es zu nennen pflegte. Mit so ein bißchen Klugheit kann man alles zum Guten wenden, dachte Frau Köpke. Sie dachte auch weiter darüber nach, wie man Herrn Purtaller sonst noch etwas moralischen Halt geben könne. »Sie möchten gewiß auch einmal in die Kirche gehen, Herr Purtaller,« sagte sie eines Sonnabends, »gehen Sie doch mal mit Donia in die Kirche. Nicht wahr, Donia, du gehst mal mit dem Vater hin?« Donia war natürlich gern bereit, und Herr Purtaller mit seinem bösen Gewissen beeilte sich, zu versichern, daß das längst sein Wunsch gewesen wäre. »Ich bin auch so lange nicht dagewesen,« sagte Frau Köpke, »Hanna, wir könnten auch einmal wieder hingehn.« Hanna wäre lieber zu Hause geblieben, schämte sich aber vor Donia. »Und Max?« fragte sie. »Max geht auch mit,« entschied Frau Köpke. Hanna wunderte sich, daß Max keinen Widerspruch erhob. Aber Max ging schon Donias wegen gerne mit. Sein neuestes Gedicht lautete: Donna Donia, Donna Donia, Don Rodrigos Herze blutet, Denn er liebt dich, Donna Donia, Wahr und treu und hochgemutet. In vierundzwanzig Strophen erzählte das Gedicht von Maxens Liebe, der für Donna Donia sein Leben lassen wollte. Am Sonntag morgen ging das ganze Haus Köpke in die Kirche. Da sie selten hingingen, war Frau Köpke schon vor der Zeit unruhig und trieb zur Eile, um ja nicht zu spät zu kommen, und so fanden sie Platz auf einer der ersten Bänke. Herr Purtaller saß neben Donia, und Frau Köpke zwischen ihren Kindern. Max ärgerte sich, daß Hanna neben Donia saß, und daß seine Mutter so breit war, daß sie ihm den Ausblick auf Donia völlig versperrte. Das störte seine Andacht etwas. Der Pastor predigte von dem Weinberg des Herrn, und Frau Köpke dachte in ihrer Einfalt: »Das paßt ja mal schön heute,« und schielte nach Herrn Purtaller. Herr Purtaller aber, der sich seiner eigenen Kanzelzeit erinnern mochte, sah mit einem leisen Lächeln auf den Geistlichen, das Frau Köpke sich nicht zu deuten wußte. »Warum lächelt der Mann immer so?« dachte sie. Donia, von Orgel und Gesang ergriffen, war die einzige, die wirklich andächtig war. Sie wußte, daß dort oben Herr Peters an der Orgel saß. Wie schön spielte er! Und die frischen Kinderstimmen rührten sie. Ach, wenn sie auch einmal dort oben stehen und in den weiten, hohen Raum hineinsingen könnte! Wer weiß, vielleicht war es ihr noch einmal vergönnt. Am Mittagstisch äußerten sie sich alle sehr zufrieden über ihren Kirchenbesuch. »Das müssen wir doch mal öfter machen,« meinte Frau Köpke, »man ist eigentlich ein alter Heide, daß man so wenig in die Kirche geht.« »Tut nach meinen Worten und nicht nach meinen Werken,« sagte Herr Purtaller malitiös. »Das mögen Sie wohl sagen, Herr Purtaller,« sagte Frau Köpke ebenso malitiös. »Sie müssen das ja wissen, Sie haben ja auch einmal auf der Kanzel gestanden.« Herr Purtaller machte eine Bewegung, die sagen sollte: Das war einmal, meine Liebe. »Gehen Sie nur gern in die Kirche,« sagte Frau Köpke, »das schadet Ihnen noch lange nichts, dazu ist man nie zu alt. Ich fühle mich wirklich recht gestärkt heute. Noch ein Stückchen Braten, Herr Purtaller?« Herr Purtaller bat um noch etwas Schweinebraten und ließ das Kirchengehen auf sich beruhen. – Am nächsten Sonntag hatte Frau Köpke eine Gans für den Mittagstisch. »Mit der Gans kann ich Frieda nicht allein lassen, das versteht sie nicht. Da müßt Ihr wohl ohne mich in die Kirche gehen.« Hanna sträubte sich und wollte ohne die Mutter nicht gehen. Donia aber bat ihren Vater, doch mit ihr zu kommen, schon der Orgel und des Gesanges wegen, und Herr Purtaller weigerte sich nicht; er zeigte sich gern mit seiner hübschen Tochter. Da schloß auch Max sich an. »Max wird fromm,« spottete Hanna, worauf Max gekränkt tat und versicherte, daß er durchaus nicht fromm sei, er ginge nur der Orgel wegen hin. »Du und der Orgel wegen,« lachte Hanna. »Laß ihn doch,« schalt Frau Köpke, »es ist ganz gut, wenn Max mal in die Kirche geht.« Max aber war selig. Donna Donia, Donna Donia, Don Rodrigos Herze blutet, Denn er liebt dich, Donna Donia, Treu und wahr und hochgemutet. Zwanzigstes Kapitel Es schien aber doch, als ob die Kirche nicht den Einfluß auf Herrn Purtaller hatte, den Frau Köpke sich von ihr versprochen hatte. Wenigstens ereignete sich eines Tages etwas, was darauf schließen ließ. Es war mittlerweile Winter geworden, viel Schnee war gefallen und ein leichter Frost herrschte. Da kam Herr Purtaller die breite Straße herunter, den Hut etwas im Nacken, ein Paket unterm Arm, das Kuverts enthielt, die er mit Adressen zu versehen hatte, und mit einem vergnügten Lächeln auf dem kleinen Gesicht. Herr Purtaller hatte einen absonderlichen Gang. Er ging nicht wie andere Leute, sondern setzte beharrlich ein Bein über das andere. Zwei kleine Jungen, Krabben von fünf oder sechs Jahren, gingen hinter ihm her und bemühten sich, diesen Gang nachzuahmen. Die Leute blieben stehen und belustigten sich. Es sah auch zu drollig aus, wie die kleinen Racker genau die Bewegungen des Herrn Purtaller nachahmten. Bald gesellten sich ein paar größere Jungen dazu, sie bewarfen Herrn Purtaller mit Schnee. Andere Kinder kamen und es wurde ein Lachen und Johlen. Herr Purtaller wandte sich um und sah verwundert das Gefolge, das nun stehen blieb. »Kinder,« lallte Herr Purtaller, »Kinder –« Er blieb im Anfang seiner Rede stecken, und Gelächter und erneutes Schneeballwerfen antwortete ihm. Herr Purtaller war schon ganz weiß besternt, da kam Max Köpke mit ein paar Freunden des Weges. Kaum hatte er Herrn Purtaller erkannt, als er auch über die Straße stürzte und auf die schreienden Kinder zufuhr; die wichen vor dem großen Jungen mit der roten Gymnasiastenmütze eine Strecke zurück. »Bande,« schrie Max. »Kommen Sie, Herr Purtaller, was machen Sie denn? Das geht doch nicht.« Und er nahm Herrn Purtaller unterm Arm und entführte ihn seinen Verfolgern. »Sien Vadder, dat's sien Vadder,« rief die Horde hinter ihm her. Max war blutrot, als er so mit Herrn Purtaller durch die Straßen zog. O, wie schämte er sich. Donna Donia, Donna Donia, Don Rodrigos Herze blutet. O, wenn sie jetzt Donia träfen! Wie sollten sie ungesehen ins Haus kommen! Glücklicherweise war es Frieda, die ihnen öffnete. Mit einem Schrei fuhr sie zurück. »Halten Sie doch das Maul,« zischte Max sie an. »Na nu,« rief Frieda. Max war doch sonst nicht so grob. Aber sie begriff schnell und flüsterte: »Gehen Sie nur rasch hinein, Madame ist in der Küche.« Aber Herr Purtaller schien durch Friedas Flüstern gereizt zu sein. »Sprechen Sie nur laut,« stotterte er, »Sie meinen wohl –« Max schüttelte ihn am Arm und machte: Scht, Scht! Aber Frau Köpke kam gerade aus der Küche, hörte Herrn Purtallers laute Stimme und fragte: »Was ist denn los?« »Ich – ich –,« lallte Herr Purtaller, »erlauben Sie mal – ich –« »Donia, wo ist Donia?« rief Frau Köpke in ihrer Angst. Donia war glücklicherweise nicht zu Hause, und Max und Frieda konnten Herrn Purtaller ungesehen die Treppe hinaufbringen. Max bemühte sich, Herrn Purtaller seines Rockes zu entledigen. Aber es gelang ihm nicht, und er setzte den Alten in die Sofaecke und fragte, ob er ein Glas Wasser wolle. Und da Herr Purtaller nur unzusammenhängende Reden führte, ließ er ihn mit einem höchst mißbilligenden Blick allein. Als Donia nach Hause kam, wollte man sie nicht zu Herrn Purtaller lassen. »Dein Vater ist nicht wohl,« sagte Frau Köpke. »Nicht wohl? Es ist doch nichts Schlimmes?« fragte Donia ängstlich. »Es ist nicht gefährlich, er wird sich wieder erholen. Nur ein paar Stunden Ruhe.« Donia war doch besorgt. Der Vater war nicht mehr jung. Warum waren denn alle so niedergeschlagen, wenn es nichts Schlimmes sei? Alle hatten sie so sonderbare Blicke, auch Frieda. Als Herr Purtaller auch abends nicht erschien, konnte sie es nicht länger aushalten. »Sagt es mir doch, bitte, bitte, nicht wahr, er ist krank, er ist sehr krank?« Frau Köpke beruhigte sie. »Ich sage ja, es ist nichts.« Aber Frieda fühlte Mitleid mit Donias großer Angst und sagte treuherzig: »Es ist wirklich nichts, Fräulein, Sie können sich wohl schon denken, was es ist. Aber das kann ja jedem mal passieren. Das kommt in den besten Familien vor.« Einen Augenblick starrte Donia sie verständnislos an. Dann aber stieg ihr eine heiße Blutwelle ins Gesicht. Das also war es! O diese Schande, diese Schmach! Daher alle diese sonderbaren Blicke. Eine flammende Empörung stieg in ihr auf und sie ging zum Vater. »Ist es wahr,« rief sie zitternd, »sag, ist es wahr?« Herr Purtaller war nicht gewohnt, so von seiner Tochter angeschrien zu werden. Er war sehr kleinlaut, sein Schweigen gestand seine Schuld ein. »Pfui, pfui,« rief Donia, »das tust du mir an? Schäm dich, schäm dich!« Die Tränen wollten ihr aus den Augen stürzen, als Herr Purtaller mit einer theatralischen Geste aufsprang. »Du sprichst zu deinem Vater. So spricht man nicht zu seinem Vater! Du vergißt dich! Du hast kein Recht, so zu sprechen.« Und als Donia ihn überrascht ansah, steigerte er sich in eine künstliche Entrüstung hinein und sprach von seinem Elend, von seiner Verlassenheit, seiner Ausgestoßenheit. »Wo wohnt dein alter Vater? Unterm Dach wohnt er. Während die feine Tochter in der Beletage lebt wie eine Prinzessin. Am Gnadenknochen muß ich nagen. Unter Kontrolle wie ein kleines Kind. Keinen Hausschlüssel, kein Glas Bier. Sonntags in die Kirche laufen, beten und singen. Scheinheilig tun. Wie ich diese ganze Fatzkerei belache! Aber lehre sie mich kennen, diese reichen Leute mit ihren Wohltaten!« »Papa,« unterbrach ihn Donia hart, »du versündigst dich.« »So, so, versündige ich mich? Natürlich versündige ich mich.« Herr Purtaller stieß ein häßliches Lachen aus. »Womit versündige ich mich? Daß ich solche Wohltaten annehme? Ganz recht, liebes Kind. Aber du versündigst dich mit und noch zehnmal mehr als ich.« »Ich verstehe dich nicht,« sagte Donia, mit ihren Tränen kämpfend, »aber das ist ja alles Unsinn, was du sagst. Du meinst das ja gar nicht so.« »Unsinn,« kreischte Herr Purtaller, der einen gelinden Wutanfall bekam, »Unsinn? Du wagst es, deinem Vater Unsinn vorzuwerfen? Mir, der ich fünf Jahre auf der Universität studiert, der ich auf der Kanzel gestanden, ein Theater geleitet habe, der ich, ich darf es sagen, Jahre hindurch mit meinem Wissen und Können dich und deine Mutter ernährt habe?« Donia trat an ihn heran und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Papa, reg dich doch nicht so auf. So meine ich es ja gar nicht, beruhige dich doch.« Aber er schleuderte ihre Hand mit einer heftigen Bewegung des Armes von sich. »Ich will reden, ich muß reden, ich ersticke,« schrie er. Donia aber trat totenblaß zurück, und mit einem ängstlich traurigen Blick auf den Tobenden verließ sie Herrn Purtaller. In ihrem Zimmer brach sie zusammen. »O, wie soll ich mich unten wieder sehen lassen,« jammerte sie. »Was wird Frau Köpke sagen. Wie kann ich noch in diesem Hause bleiben?« Ihre Gedanken liefen durcheinander. Dabei sah sie immer den roten Geranienstock am Fenster des Vaters vor sich. So einen Geranienstock hatte die Mutter auch. Die Vergangenheit stand vor ihr auf. Das kleine Dachzimmer, wo die Mutter gestorben war. Die Zeit nach ihrem Tode. Der Vater trat mit einem Rausch in das Zimmer. Auf einmal tauchten Max, Herr Peters und Herr Mellini auf. Alle sahen sie an, und da war auch Hanna mit kalten höhnischen Blicken. Donia schlug die Hände vors Gesicht. Frieda klopfte an. »Fräulein möchte zum Tee herunterkommen.« Donia antwortete nicht. Was sollte sie auch antworten? Frieda klopfte lauter. »Fräulein, Fräulein!« »Ja, ja,« hauchte Donia, und Frieda entfernte sich. Aber Donia konnte sich nicht entschließen, hinunterzugehn. Da kam Frau Köpke selbst. Sie sah Donia weinend auf dem Bett sitzen und ahnte sogleich den Zusammenhang. Sie faßte sie um und wollte sie emporheben. Aber Donias Scham widerstrebte. »Mein Vater, mein Vater!« jammerte sie in sich hinein. »Frieda hat mir alles erzählt.« »Die verdammte Deern,« schalt Frau Köpke, »die soll doch! Ich sag ja, da verlaß sich einer darauf. Dann bleib nur oben,« fuhr sie weich fort, »ich schicke dir eine Tasse Tee herauf und iß auch nur ein bißchen. Morgen sprechen wir in aller Ruhe darüber. Das ist alles nur halb so schlimm.« Einundzwanzigstes Kapitel Donia war krank, und alles ging auf den Zehen. Sie phantasierte von Wiesen und Engeln, von der Mutter und Herrn Peters, und dazwischen lallte sie mit schwacher Stimme: »Lang, lang ist's her.« Frau Köpke mußte immer weinen, wenn sie das hörte. Manchmal hustete Donia und gab ein wenig Blut auf. »Eine gehörige Lungenentzündung,« sagte der Arzt: »das kleine Fräulein muß sich wohl irgendwo erkältet haben.« »Das ist ja so leicht zu,« meinte Frau Köpke; »ach Gott, wo mag sie sich das wieder geholt haben?« Genug, Donia war krank, sehr krank, und alles sorgte sich um sie. Herr Mellini fragte an und wünschte gute Besserung. Herr Peters vergaß nie, nach dem Befinden Fräulein Purtallers zu fragen, und erlaubte sich einmal sogar, ein paar Blumen für die Kranke mitzubringen. »O Herr Peters,« rief Frau Köpke aus, »da wird Donia sich aber freuen.« Aber Donia konnte den Blumenduft nicht vertragen, und Frau Köpke stellte die Blumen zu Herrn Purtaller ins Zimmer. Herr Purtaller war sehr gebrochen. Sein Gewissen peinigte ihn. Seine arme, kleine Donia! Als er sie wiedergesehen, nachdem sie ihn im Zorn verlassen hatte, ihn, den elenden, schlechten Vater, da lag sie schon im Fieber. »Von grünen Wiesen phantasierte sie. Ach, sie hat ja nie grüne Wiesen gesehen. Immer nur schmutzige, graue Dächer. Und die Engel – und die Mutter – ach, meine Amalia, siehst du, wie unser Kind leidet?« Der arme Herr Purtaller bedurfte des Trostes, und da Frau Köpke in diesen trüben Tagen die Augen nicht überall haben konnte, gelang es Herrn Purtaller wieder, eine Flasche hinter das Bett zu bringen. Es war keine Sünde, nein, Herr Purtaller war fest davon überzeugt; es war ihm Bedürfnis, ein unabweisliches Bedürfnis. Wie sollte er bestehen in seinem Schmerz? Wie sollte er ihn anders tragen, diesen großen Kummer? Max hatte ein bewährtes und zugleich unschädliches Mittel, sein Herz zu erleichtern, das Herrn Purtaller leider nicht zu Gebote stand. Welkest du dem Grab entgegen, Donia, holde Rose du, Mich auch soll man zu dir legen, Betten in des Todes Ruh. Was mir oben nicht gegönnet, Unten wird es mir geschenkt; Wenn man deinen Namen nennet, Daß man meiner auch gedenkt. Diese Verse zeugten gewiß von der schmerzlichen Erregung seiner jungen Seele. Im übrigen war er von gutem Appetit und behielt die gesunde Färbung seines Gesichts, obgleich sein Herz voll ehrlicher Anteilnahme an Donias Leiden war. »Ob sie wieder besser wird?« fragte er Hanna. Hanna hoffte es. »Es wäre doch schrecklich, wenn sie nicht wieder besser würde,« sagte Max. Hanna gab das zu. »Ich mag sie jetzt doch auch ganz gerne leiden,« sagte sie; »zuerst mochte ich sie gar nicht leiden, aber sie ist doch ganz nett.« »Sehr nett sogar,« beteuerte Max. »Daß du in sie verliebt bist, weiß ja schon die ganze Welt,« sagte Hanna. Max wurde rot. »Dummes Zeug,« rief er, schämte sich aber, in dieser Stunde Donna Donia zu verleugnen, und sagte ritterlich: »Das weiß ich! Ich liebe Donia auch. Bisher habe ich noch nicht gewußt, was Liebe ist.« »Nun wird's Tag!« rief Hanna und ahmte ihm nach: »Bisher habe ich noch nicht gewußt, was Liebe ist!« »Du weißt es natürlich schon lange,« höhnte Max. »Jedenfalls länger als du.« »Glaub nur nicht, daß Karl Möller noch für dich schwärmt; der hat jetzt eine ganz andere!« fagte Max. »Deine dummen Schuljungens!« rief Hanna verächtlich. »Glaubst du, ich verlieb mich in so einen dummen Mützenfatzke?« Max sah aber doch, daß er Hanna tödlich geärgert hatte und triumphierte über sie. Dumm war es ja von ihm gewesen, daß er mit Hanna von seiner Liebe zu Donia gesprochen hatte. Und doch, in innerster Seele war es ihm eine Genugtuung, daß er sich offen zu Donia bekannt hatte. Donna Donia, Donna Donia, Ewig treu bleibt Euch dies Herze, Lispelt Euren Namen, Donna, Noch im letzten Todesschmerze. So schloß seine Romanze von Donna Donia und dem edlen Ritter Don Rodrigo. Sauber abgeschrieben auf vier mit roter Seide zusammengehefteten Blättern lag sie ganz unten in seiner Schublade. Donna Donia aber, nachdem sie vier Wochen auf ihrem Krankenbette zugebracht hatte, genas wieder. Wieder bist du uns gegeben, Wieder bist du uns geschenkt, Meiner Liebe Sehnsuchtsbeben Hat dein Lebensschiff gelenkt. Wieder soll mir deine süße Stimme in die Seele singen, Und ich küsse deine Füße, Die mich auf die Knie zwingen sang Max jubelnd. Aber weder küßte er ihre Füße, noch erklang Donias süße Stimme ihm wieder. Die war auf immer dahin. Am härtesten traf das Herrn Purtaller, der nun alle seine goldenen Zukunftsträume auf einmal zerrinnen sah. Und sein Gewissen schob ihm die Schuld zu. Zwar sagte er sich immer wieder, daß der Arzt eine Erkältung festgestellt hätte, eine einfache Erkältung als Ursache der Lungenentzündung. Aber die innere Stimme wollte nicht schweigen. Gleich nach der häßlichen Szene mit ihm war Donia erkrankt. Scheu und gebrochen schlich Herr Purtaller umher und litt unter Donias Liebe nur noch mehr. Diese, die doch am meisten betroffen war, zeigte sich am tapfersten. Zwar sah auch sie ihre Hoffnungen mit schmerzlichem Bedauern dahinschwinden. Ach, wie schön hatte sie es sich gedacht, einstmals so aus voller Seele ihre Lieder in die Herzen der Menschen singen zu können. Und ein bißchen Eitelkeit und Freude am Ruhm und ein bißchen Gedenken an Gold und Wohlleben war auch dabei gewesen. Und als sie zur Gewißheit kam, daß das nun alles verloren sei, für immer verloren, weinte auch sie ein paar Tage. Aber als sie sich ordentlich satt geweint hatte, dachte sie verständig: Was jetzt? Nun heißt es etwas anderes anfangen. Und sie besprach es mit Frau Köpke, der sie so vielen Dank schuldig geworden war, und die nun alle ihre Güte und ihr vieles Geld an einen Traum verschwendet hatte. Herr Peters gab zuletzt den Ausschlag mit seinem Rat, jetzt das Klavierstudium um so eifriger fortzusetzen. Donia sei musikalisch genug, um es noch mit einigem Fleiß so weit zu bringen, um sich selbst einmal mit Unterrichten ihr Brot zu verdienen. Wie glücklich war Donia, daß Herr Peters dieses Vertrauen in sie setzte. »Und dann ist Herr Peters ja auch billiger als Herr Mellini,« sagte Frau Köpke. »Und wenn du das denn gerne willst, so ist mir das auch recht.« Herr Peters schien sehr erfreut über diese Wendung. Vielleicht war er es auch um so mehr, als Hanna nun vor der Konfirmation stand und ihre Musikstunden aufgeben sollte. »Für ihre Bildung hat sie nun genug getan,« sagte Frau Köpke, »nun soll sie erst mal kochen lernen.« Herr Peters fand das sehr vernünftig, gerade für »Fräulein Hanna« sehr vernünftig. Im Grunde war er des Tausches sehr froh; er wollte lieber zehn Donias für eine Hanna unterrichten. Mit einer Donia mußte er sich nun freilich begnügen. Aber er wandte an diese einen zehnfachen Eifer. »Herr Peters sieht jetzt immer so vergnügt aus, wenn er kommt,« sagte Hanna. »Warum soll der Mann nicht vergnügt sein?« meinte Frau Köpke. »Bei mir war er immer so brummig,« behauptete Hanna. »Das bildest du dir wohl nur ein, Kind. Ich finde, Herr Peters war immer ganz nett zu dir.« »Na, meinetwegen,« sagte Hanna. »Mir ist es gleich. Du hast nur kein Auge dafür.« »Wofür habe ich kein Auge?« »Ach, ich meine nur.« »Du tünst schon wieder,« entschied Frau Köpke. »Gut, dann tün ich,« sagte Hanna. »Was hast du jetzt immer für ein Wesen?« schalt Frau Köpke. »Du mußt nicht glauben, weil du nun konfirmiert werden sollst.« »Was tu ich denn?« unterbrach Hanna die Mutter. »Ich tu doch gar nichts.« Hanna meinte das ehrlich. Es war ihr selbst nicht bewußt, daß sie eine kleine vorlaute Person geworden war. Sie stand nun an der Grenze der Kindheit und fing an, sich zu fühlen und kam mit dem Erwachsensein noch nicht so zurecht. »Das sind so die schlimmsten Jahre,« klagte Frau Köpke. »Was man da für 'ne Not mit den Mädchen hat, das glaubt keiner.« Ostern wurde Hanna konfirmiert, und alle gingen sie wieder einmal in die Kirche, auch Herr Purtaller. Hanna und Donia hatten neue Kleider an und sahen jede in ihrer Weise ganz niedlich aus. Auch Frau Köpke hatte sich fein gemacht und trug viel Würde zur Schau. Max benahm sich, wie immer bei solchen Gelegenheiten, sehr wohlerzogen. Er sang sogar lauter als sonst und nötigte dadurch dem jetzt meist trübselig gestimmten Herrn Purtaller ein Lächeln ab. Herr Peters spielte ganz besonders schön die Orgel, und Donia wandte fast keinen Blick von der Empore, obgleich da nichts weiter zu sehen war, als dann und wann ein blonder oder schwarzer Knabenschopf, wenn sich einmal einer der Chorschüler auf die Zehenspitzen stellte und versuchte, einen neugierigen Blick in die Kirche hinunterzuwerfen. Zweiundzwanzigstes Kapitel Seitdem Hanna nicht mehr in die Schule ging, schien es, als wäre die Einigkeit zwischen ihr und Donia ein wenig gestört. Vielleicht hatte Max schuld, der behauptet hatte, Donia hätte am Konfirmationstage viel hübscher ausgesehen als Hanna. »Das weiß ich,« hatte Hanna gesagt, aber es schien ein Stachel in ihrem Herzen zurückgeblieben zu sein. Dazu kam, daß Frau Köpke jetzt häufiger mit ihr schelten mußte, denn Hanna war nicht die Anstelligste in der Wirtschaft, und Frau Köpke war sehr eigen. »Mit mir schiltst du immer,« sagte Hanna, »aber die süße Donia –?« Frau Köpke war starr, war böse, war bekümmert. »Das ist ja wohl die reine Eifersucht,« sagte sie. »Hanna, Kind. Du bleibst doch immer meine Tochter. Meinst du am Ende, deine Mutter hätte dich nicht ebenso lieb?« »Ja, ebenso,« sagte Hanna empfindlich. »Nein, Hanna, so was darfst du nicht sagen. Das glaubst du deiner Mutter ja wohl noch, daß sie dich am liebsten hat?« Und Frau Köpke nahm Hanna in ihre Arme, was sie sonst nie tat. »Sieh, Kind, du mußt nicht vergessen, daß Donia keine Mutter mehr hat,« sagte sie. »Doch hat sie ja noch ihren Vater,« meinte Hanna. »Ja, den hat sie wohl, aber was für einen? Möchtest du auch lieber solchen Vater haben?« »Egitt,« sagte Hanna. »Pfui, Hanna; das mußt du nicht sagen. Er ist doch immer ihr Vater. Und dann –, was hat der Mann alles durchgemacht. Und in seiner Art hat er Donia doch auch sehr lieb. Das hab ich so recht gemerkt, als Donia krank war. Nein, Hanna! Egitt darfst du nicht zu ihm sagen. Wenn Donia das hörte!« »Ich sage es ja auch gar nicht zu ihm,« entschuldigte sich Hanna. »Ich meine ja nur. Und furchtbar gern magst du ihn doch auch nicht leiden.« »Nein, furchtbar gern mag ich ihn auch nicht leiden. Aber das ist ja auch nicht nötig. Sieh mal, was seine Frau war, als die so auf dem Krankenbett lag, und ihr der Tod so aus den Augen sah – das hab ich nie vergessen können. Und sie war doch meine Schulfreundin. Und da hab ich mir gesagt, für ihre kleine Tochter willst du sorgen, darum hat dich der liebe Gott ja wohl zu ihr geführt. Es war ja der reine Zufall. Ich hatte ja keine blasse Ahnung davon.« »Ja, aber Herrn Purtaller hast du doch nur durch die Annonce bekommen?« sagte Hanna. Frau Köpke war etwas verblüfft durch diesen Einwand. »Das hab ich,« sagte sie. »Aber das ist eine Sache für sich. Und wer weiß, ob der liebe Gott das nicht auch gewollt hat.« Hanna sagte nichts mehr, aber sie dachte: Alles soll immer der liebe Gott getan haben! Ein wenig beruhigt war sie seitdem darüber, daß die Mutter Donia nicht lieber hatte als sie. Auch bemühte Frau Köpke sich, kleine Eifersüchteleien nicht mehr aufkommen zu lassen, ohne daß Donia ein verändertes Betragen merkte. Ach, Donia lebte überhaupt seit einiger Zeit wie in einem Traum und zeigte wenig Aufmerksamkeit für Dinge, die sie nichts angingen. »Du gehst ja wohl noch ganz in deiner Musik auf,« sagte Frau Köpke. »Treib es nur nicht zu arg.« »Ich muß doch vorwärts kommen, Mutter,« sagte Donia. »Das mußt du wohl. Aber Herr Peters ist auch so zufrieden mit dir. Der Mann strahlt ja förmlich, wenn er von dir spricht.« »Und Donia erst!« rief Hanna dazwischen. Donia wurde ganz rot. »Ich strahle doch nicht,« sagte sie. »Nein, nein,« rief Hanna ironisch. »Was du nur hast, Hanna,« erwiderte Donia gekränkt. »Daß ich Herrn Peters gern leiden mag, leugne ich gar nicht. So viel wie ich bei ihm lerne. Ich bin eigentlich jetzt erst musikalisch geworden. Viel mehr wie bei Herrn Mellini.« »Was man mit Liebe betreibt,« warf Hanna hin. »Ich verbitte mir das!« fuhr Donia heftig auf, erschrak selbst, wurde rot und lief hinaus. »Du mußt sie nicht immer necken,« sagte Frau Köpke. »Du hast doch auch für Herrn Peters geschwärmt.« »Ich? für den?« Hanna wollte sich ausschütten vor Lachen. »Laß dein dummes Lachen sein,« schalt Frau Köpke. »So'n Görenkram mag ich nicht leiden.« – Donia war empört auf ihr Zimmer gelaufen. Diese Hanna! Was fiel ihr nur ein? Sie war sich nicht bewußt, »gestrahlt« zu haben. Und sie nahm sich vor, nie, auch nicht im geringsten zu strahlen, wenn von Herrn Peters die Rede wäre. Und sie selbst würde sich hüten, je in Hannas Gegenwart wieder von Herrn Peters zu sprechen. Und Donia achtete strenge auf sich. Selbst Herrn Peters gegenüber war sie anders als sonst, war gemessen, fast abweisend. Wenn Herr Peters sie dann verwundert ansah und ebenso zurückhaltend war, dachte sie: Ach, heute habe ich ihn gewiß gekränkt. Und er tat ihr leid. Manchmal ärgerte sie sich auch, daß er sich so von ihrem Wesen beeinflussen ließ, und auch einsilbig wurde, wenn sie es war. Aber wenn sie sich dann vornahm, in der nächsten Stunde wieder freundlicher zu sein, wurde es ihr im gegebenen Augenblick doch schwer und wurde ihr immer schwerer. Hassen könnte sie Hanna, die mit ihrem dummen Gerede an allem schuld war. Das ganze schöne Verhältnis zu Herrn Peters war gestört. Die letzte Stunde war geradezu fürchterlich gewesen. Herr Peters hatte überhaupt nichts mehr gesagt, einerlei wie sie spielte; er hatte nur stumm dagesessen und sie angestarrt. Donia war ganz unglücklich, und ihr graute ordentlich vor dem nächsten Besuch des Herrn Peters. Trotzdem trieb es sie schon eine Viertelstunde früher ans Klavier, als er nun kommen sollte, als ob sie die Zeit nicht erwarten könnte. Und als er dann eintrat, wurde ihr heiß und kalt, und das Blut stieg ihr stoßweise ins Gesicht. Gott sei Dank war Herr Peters wenigstens nicht so steif und stuhr wie das letztemal. Er war im Gegenteil von einer merkwürdigen Unruhe. Sagen tat er nicht viel, aber er rückte auf seinem Stuhl, stand auf, setzte sich wieder, und sie wollte ihn schon fragen, ob er nicht bequem sitze, ob er vielleicht einen andern Stuhl wünsche. Aber da fagte Herr Peters selbst: »So geht es nicht weiter. Ich muß ein Ende machen.« Donia erschrak, hielt unwillkürlich auf zu spielen, wagte aber nicht ihn anzusehen. »Fräulein Purtaller,« fuhr Herr Peters fort. »Es ist Ihnen gewiß schon sonderbar vorgekommen. Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig. Ich habe es schon lange auf dem Herzen. Aber es wollte sich immer nicht der passende Augenblick finden.« Donia sah noch immer grade aus auf die Noten, und das Herz schlug ihr bis in den Hals. Und jetzt tastete Herr Peters nach ihrer Hand, und obgleich sie einen schwachen Versuch wagte, sie zurückzuziehen, bekam er sie doch zu fassen und behielt sie während der folgenden Worte, so daß sie ganz deutlich fühlen konnte, wie er zitterte. »Fräulein Donia,« fügte er leise und fast bittend, »wollen Sie meine Frau werden?« – – – Eine Viertelstunde später »strahlte« Donia wieder. Dreiundzwanzigstes Kapitel Donia und der Herr Peters zeigten ihre Verlobung an. Treulos, Donna Donia, treulos, Falsch sind alle Weiberherzen! Don Rodrigo rief's und stürzte In sein Schwert mit tausend Schmerzen. So sang Max. Im Grunde jedoch war es ihm gleichgültig, daß Donna Donia sich verlobte. Heiraten konnte er sie ja doch nicht. Er war zwar schon Sekundaner, aber wenn er auch Ostern die Schule verließ und bei Döscher u. Co., einer angesehenen Firma in der Kolonialbranche, eintrat, wie lange würde er noch warten müssen, bis er Donia seine Hand anbieten könnte. Er hatte sich auch nie mit diesem Gedanken getragen. Er hatte für sie geschwärmt, sie war ihm die Muse gewesen, die Donna Donia, ohne die sein Don Rodrigo nicht hätte sein können. Jetzt hatte Don Rodrigo sich in sein Schwert gestürzt, und er, Max Köpke, war für das weitere Schicksal Donna Donias weder verantwortlich, noch war er damit verbunden. Er wünschte Donia recht viel Glück und sagte: »Das habe ich schon lange geahnt.« »Das hast du geahnt?« fragte Donia lachend. »Meinst du, ich habe nicht gesehen, daß du immer rot wurdest, wenn Herr Peters kam, oder wenn von ihm die Rede war?« »Ich rot geworden? Na nu? Das hast du dir doch wohl nur eingebildet!« »Mama, ist Donia nicht immer rot geworden, wenn Herr Peters kam?« »So? davon habe ich nichts gemerkt,« sagte Frau Köpke. »Hanna?« wandte sich Max an seine Schwester. Aber Hanna sagte nur: »Dummer Bengel!« Max war gekränkt, war empört. Da kam Donia ihm zu Hilfe: »Ja, Max, du hast recht.« Da triumphierte Max und vergaß in seinem Jubel, daß Don Rodrigo sich bereits in sein Schwert gestürzt hatte. Donna Donia, ewig schwört Don Rodrigo, dich zu lieben, Dem du hast das Herz betört, Der dir ewig treu geblieben. – Ostern trat Don Rodrigo bei der Firma Döscher u. Co. als Lehrling ein, und Herr Purtaller legte sich hin und wollte sterben. »Unsinn, Vater,« sagte Donia. »Was solltest du wohl sterben! Sollst mal sehn, du wirst noch wieder ganz fix.« Aber Herr Purtaller schüttelte den Kopf und hustete so bedenklich, so heftig und lange, als wollte er damit beweisen, daß er recht habe. Donia war auch nicht ohne Sorge. Der Vater war alt, durch ein selbstverschuldetes, kummervolles Leben geschwächt, und seine moralische Widerstandskraft war nie groß gewesen. Und eines Tages war seine Stunde da. Donia saß an seinem Bett und zählte die röchelnden Atemzüge, während sie seine alte, welke Hand in der ihren hielt. Das Fenster war offen, und eine schöne, milde Frühlingsluft strömte in das Zimmer. Sonne lag auf den Dächern, und man hörte die Sperlinge in den Rinnen zwitschern. Herr Purtallers Fieber stieg und mit ihm Donias Angst. Herr Purtaller fing an zu phantasieren. »Singen – o wie schön – Amalia – – hörst du Donia singen? – Weg – weg – laß mich – – ich will nicht – – Donia –« Herr Purtaller wollte sich aufrichten, wollte aus dem Bett. »Vater, Vater,« rief Donia, »Vater, ich bin ja bei dir.« Sie drückte ihn sanft in die Kissen zurück, aber der Kranke wollte sich nicht geben. Donia wollte nach der Tür und Frau Köpke rufen, aber sie wagte nicht, den Vater loszulassen. Und in ihrer Angst schoß es ihr durch den Kopf – er hatte von ihrem Singen phantasiert – von ihrer Mutter – und mit bebender Stimme, halb über ihn gebeugt, hub sie an, das Lied ihrer Kindheit zu singen: »Sag mir das Wort, das so gern ich gehört, Lang, lang ist's her, lang ist's her.« Sie sang mit schluchzender, tonloser Stimme, und es schien, daß das Lied den Kranken beruhigte, und zuletzt lag er still in seinen Kissen, lag mit geschlossenen Augen und pfeifendem Atem aus halb offenem Munde. »Er schläft,« sagte sie leise, während ihr die großen Tränen langsam über das Gesicht liefen. Und dann kam Frau Köpke. »Er schläft,« wiederholte Donia leise. »So ruh dich aus, Kind, du siehst schlecht aus; ich will wohl aufpassen.« Und Frau Köpke setzte sich an Herrn Purtallers Bett, während Donia in ihr Zimmer ging, um sich satt zu weinen. Dann fielen ihr die Augen zu, sie hatte die ganze Nacht nicht geruht. Sie schlief lange und fest. Und als sie wieder erwachte, war Herr Purtaller tot. Frau Köpke nahm Donia in ihre Arme. »Meine Tochter,« sagte sie und weiter nichts. Donia verstand sie und schmiegte sich fester an sie. An einem schönen Junimorgen begruben sie Herrn Purtaller. Donia fuhr mit Herrn Peters, Frau Köpke und Hanna in einem Wagen hinter dem schlichten Sarg her, auf dem gerade so viel Kränze lagen, daß es nicht ärmlich aussah. Durch lauter Sonne fuhren sie dahin, und auf dem Friedhof blühte der Flieder und sangen die Vögel. »Wie nett, daß der alte Herr so schönes Wetter bei seiner Beerdigung hat,« sagte Frau Köpke.