Robert Hamerling Aspasia Ein Künstler- und Liebesroman aus Alt-Hellas Vorwort. Wenn dieser Roman, einem vielcitierten kritischen Mahnworte unserer Zeit entsprechend, ein Volk – das alt-hellenische – »bei seiner Arbeit aufsucht«, die weltgeschichtliche Arbeit des Hellenenvolks aber eine Künstler-, eine Dichter- und Denkerarbeit war, wird dieser Art von Arbeit und ihrer Schilderung nicht etwas Gedankenhaftes, Lehrhaftes anzukleben scheinen? Wird sie an frischem Reize des Eindrucks nicht zurückstehen hinter den Bildern, welche aus dem Borne eines naiven, urwüchsigen, in der Tatkraft aufgehenden, poetisch vielleicht noch gar nicht ausgenützten Lebens geschöpft sind? Und mußte ein solcher Versuch, so gut wie auf den Reiz des Naiven, Naturwüchsigen, nicht andererseits auch wieder verzichten auf den Reiz des in modernem Sinne Geistreichen, des realistisch-Pikanten, auf die bunten, grellen Lichter der heutigen Dichtung? Durfte hellenisches Leben anders dargestellt werden als mit hellenischer Einfachheit? Und durfte der Darsteller nach anderem trachten, als nach einem Hauche hellenischen Geistes, hellenischer Anmut? – Ist es nicht überhaupt bedenklich, untergegangenes Leben zu schildern? Detailmalerei des modernen Lebens wird als anziehender Realismus der Darstellung gepriesen; die des antiken wird auf viele den fröstelnden Eindruck der Gelehrsamkeit machen. In der Tat, wer dieses Werk nur flüchtig durchblättert, merkend, daß die einzelnen Abschnitte Ausblicke auf verschiedene Seiten hellenischen Lebens eröffnen, der wird rasch zur Hand sein mit dem Urteil, er wird ein loses Skizzenbuch vor sich zu haben glauben, im besten Falle einen »kulturhistorischen« Roman, was nach der Anschauung der meisten beiläufig soviel besagt als kein Roman. – Und doch – wenn der Roman als künstlerisches Werk von der Biographie, der Geschichte, der bloßen Erzählung durch innere und äußere Gliederung sich unterscheidet, wenn er nicht bloß der Ausdruck eines sinnvoll in sich abgeschlossenen Lebens und Schicksals ist, sondern auch eines Konfliktes in folgerechter Entwicklung und Lösung, so ist das, was ich hier erzähle, ein Roman. Denn nicht bloß lebt in bestimmter Gestaltung darin die schöne, geistverklärte Sinnlichkeit sich aus, in ihrer Entfaltung, ihrer Blüte, ihrem Niedergang; der Widerstreit zwischen dem ästhetischen Lebensideal und dem sittlichen entspinnt und entscheidet sich in einem Einzelgeschick und in einem Völkergeschick zugleich. Immer hat dieser Parallelismus von Einzel- und Völkergeschick, von individuellem und allgemeinem Leben mir als das Kunstgeheimnis der epischen Dichtung, als ihr oberstes Prinzip, als ihr eigenstes Schema vorgeschwebt. Nicht so jedoch, daß das Detail des erzählten Einzellebens und das des allgemeinen eben nur neben einander herlaufen, eines gleichsam die Episode des andern, sondern daß beide soviel als möglich an einem und demselben Detail sich abspinnen, daß sie, soviel als möglich, einem organischen Gebilde gleich, lebendig ineinander verwoben und verschlungen sind. Nur mäßig durfte, um den reinen, gefälligen Eindruck des Bildes nicht zu stören, der Konflikt angedeutet sein: nur sachten Schrittes durfte er fortschreiten, und so scheint vielleicht an dünnem Faden die Handlung sich hinzuziehen. Aber was an Gesprächen und Schilderungen als Abschweifung erscheint, das alles ohne Ausnahme rückt zuletzt in sein rechtes, volles Licht, zeigt sich in seiner Notwendigkeit, in seinem Bezuge zum Ganzen, zur Idee. Aber nicht zu einer Idee in abstraktem Sinne des Wortes. Laß dich nicht zu dem Gedanken verleiten, geneigter Leser, irgend einer »Tendenz« zuliebe sei der Verlauf dieser Geschichte gedreht, gewendet, gemodelt worden, was ich erzähle, ist die ungefälschte, parteilose Wahrheit. Ich schildere die Menschennatur und den Weltlauf. Ich gebe das Tun und Treiben, das Ringen und Streben der Menschen wieder, und die Worte, mit welchen sie es verteidigen. Ich habe keine Tendenz im Auge, als die des Lebens, keine Moral, als die der Notwendigkeit, keine Logik, als die der Tatsachen, welche aus Stoß und Gegenstoß besteht, so beständig und so gleichmäßig, wie das Hin- und Widerwogen eines Fichtenwipfels im Winde. Die Weisen behaupten wohl mit Recht, daß die Idee niemals rein aufgehe in der Wirklichkeit. Der Tendenzpoet verfolgt sie bis zu einem Höhepunkt ihrer Entwicklung, hält sie da auf einem Punkte, den sie doch eigentlich nur im Fluge berührt, gewaltsam fest, läßt sie farbig schimmern und schillern zur Freude der Sterblichen, und macht die Seifenblase zum Fixstern. Die reine, absichtslose Poesie aber begleitet die Idee auf dem Wege der Verwirklichung am liebsten bis zu jenem Punkte, wo sie, um in ihrer Reinheit sich wiederherzustellen, phönixgleich dem Flammentode sich selbst überliefert. Graz, am 1. November 1875. R. H. I. Der Schatz von Delos. s war ein sonniger Tag der schwülen Zeit, als in der Stadt der Athenäer eine schlanke jugendliche Frauengestalt, begleitet von einer Sklavin, eiligen Schrittes ihren Weg über die Agora nahm. Die Erscheinung dieses Weibes hatte die sonderbare Wirkung, daß auf seinem ganzen Wege nicht ein einziger Mensch ihm begegnete, der nicht, nachdem er an ihm vorbeigekommen und in sein Antlitz geblickt, hinter ihm still gestanden wäre und eine geraume Weile wie festgebannt es mit seinen Blicken verfolgt hätte. Die Ursache davon lag nicht sowohl in dem Umstande, daß es schier eine Seltenheit, ein freigeborenes Athenerweib der vornehmeren Art öffentlich in den Straßen wandeln zu sehen, sondern vielmehr darin, daß diese Frauengestalt von einer wunderbaren und verblüffenden Schönheit war. In den Gesichtern derjenigen, welche bei der Begegnung sie anstarrten oder hinter ihr in den Boden wurzelnd sie mit dem Auge verfolgten, malte das Erstaunen sich in allen möglichen Arten des Ausdrucks. Einige lächelten mit Wohlbehagen, die Augen graubärtiger Greise funkelten, es gab welche, die den Blick eines Fauns nach dem schönen Weibe warfen, andere wieder, in deren Miene sich eine Art von Ehrfurcht spiegelte, als ob sie eine Göttin erblickten. Einige trugen eine ernste, befriedigte Kennermiene zur Schau, und andere blickten fast töricht, mit vor Verwunderung halbgeöffneten Lippen. Etliche wenige gab es freilich auch, die ein spöttisches Grinsen sehen ließen und einen bösen, stechenden Blick auf die Schöne richteten, als ob Schönheit ein Verbrechen wäre. – Männer, welche zu zweien gingen, oder in Gruppen standen, unterbrachen ihr Gespräch. Gesichter, auf welchen Langeweile gelagert war, erschienen auf einmal belebt; gerunzelte Stirnen glätteten sich. Es kam Bewegung in die Gemüter. Die Erscheinung des Weibes war wie ein Sonnenstrahl, der in eine Rosenlaube fällt, und in welchem die Mücken in bacchantischem Wirbel zu tanzen beginnen. Unter denjenigen, deren Aufmerksamkeit die verblüffende Frauengestalt auf sich zog, waren auch zwei Männer, welche schweigend neben einander hergingen. Ruhig, ernst, würdevoll und edel waren sie beide von Ansehen; jünger der eine, dunkel gelockt, stattlich, doch nicht ohne eine Spur von Weichheit in den Zügen; höher noch, fast ehrfurchtgebietend, ragte neben ihm des älteren Mannes Bildung: aber kahl wölbte sich sein mächtiges Vorhaupt über der tiefsinnigen Stirn. Es war, als sähe man neben dem feurigen Achill den völkergebietenden Agamemnon einherschreiten. Der jüngere heftete einen Blick der Ueberraschung auf das bezaubernde Weib; ruhig blieb dagegen der ältere: es schien, als hätte er die Schöne nicht zum ersten Male gesehen, und so teilnahmlos, so tief versenkt in andere Gedanken erschien er, daß sein Begleiter eine Frage unterdrückte, die schon auf seinen Lippen schwebte. Ein Sklave ging hinter den beiden Männern her. Sie schritten den langen, staubbedeckten Weg gegen den Piräus hinaus. Spähend blickte im Vorwärtsschreiten zuweilen der jüngere nach der blitzenden Fläche des saronischen Golfs hinüber. Sein Auge war scharf wie das Aug' eines Adlers. Er sah ein Schiff, das noch für keines anderen Menschen Blick erreichbar war. Er sah es auftauchen am Rande des Meerhorizonts. Des Fahrzeugs Weiterrücken war unmerklich in der weiten Entfernung. Der Adleräugige hatte das Ansehen eines Mannes, der sich zu fassen weiß; aber wenn er so nach dem fernen Fahrzeug hinübersah, da schien es doch bisweilen für einen Augenblick, als wolle er mit dem Odem seiner eigenen Brust das zögernde Segel beflügeln. Schweifte der Blick von dem Wege, welchen die beiden Männer gingen, zur Rechten ab, so stieß er in einiger Entfernung auf eine in der Sonne blinkende Mauer, die schier unabsehbar hinablief von der Stadt bis zum klippigen Meerstrand. Zur Linken sich wendend, sah man eine Mauer derselben Art, die soeben vor den Blicken des Beschauers emporzuwachsen schien. Die Bauleute türmten rechtwinklig behauene Werkstücke übereinander, und wo die Masse fertig stand, da scholl weithin der Hämmer Gedröhn, welche die verbindenden Erzklammern in die Quadern schlugen. Auch diese Mauer erstreckte sich hinunter bis ans Meer, in weiter Krümmung dort sich auszubreiten und, wie oben die Stadt, so unten, mit der anderen vereinigt, den Hafen samt seinen Gebäuden mit schützendem Arm zu umfangen. Auf diesem Mauerbau ruhte das Auge des jüngeren der beiden Männer prüfend und mit einer Art von Befriedigung, wenn es auf Augenblicke abglitt vom segelbeschwingten Ziel in der Ferne. Und mit Lächeln sprach er zuletzt, indes seine Blicke die endlose Linie festgefügter Quadern entlang glitten, zu seinem Gefährten gewendet: »Wär' jedes drängende Wort, das ich um dieses Werkes willen zu den Athenäern sprach, zum Werkstein für dasselbe geworden, wahrlich, längst stünd' es uns fertig vor Augen. Aber auch so sehen wir es nun endlich der Vollendung nahe.« »Und war sie in der Tat unentbehrlich, diese mittlere Mauer?« fragte, mit einem gleichgültigen Blicke das Werk streifend, der ältere. »Sie war es!« versetzte jener. »Viel zu weit schweift die ältere linke Mauer ab gegen Phaleron. Eine große Strecke des Hafenstrands blieb offen. Jetzt erst ist die Aufgabe völlig gelöst. Aus der Brandasche des Perserkriegs verjüngt hervorgegangen, hat die Stadt der Pallas Athene, glänzend und mächtig, genährt vom Tribut der hellenischen Küsten und Inseln, diesen Quadergürtel um ihre Glieder geschlungen, stark genug fortan, den Neidern griechisch redender Zunge nicht minder als dem Anprall aller Barbaren des Morgenlandes zu trotzen.« Der Mann, der so zu seinem Gefährten sprach, war des Xanthippos Sohn, der Alkmäonide Perikles, den sie den Olympier nannten. Sein Gefährte aber war ein gepriesener Erz- und Marmorbildner, Pheidias geheißen. Seiner Hände Werk war das riesige Standbild der »Vorkämpferin Athene«, das von der Höhe des Burgberges weit hinausleuchtete ins attische Land und in die Meeresferne sogar, wo annahende Schiffer die goldglänzende Lanzenspitze der Göttin freudig begrüßten, als erstes Wahrzeichen aus dem Banne des »veilchenbekränzten Athen«. Einförmig fast erschienen die weithinlaufenden Quaderzüge, aber sie hatten, in das Licht des griechischen Himmels getaucht, nichts Düsteres. Ein bewegtes Getümmel wogte zwischen ihnen hin und her. Laut erschollen die spornenden Rufe der Maultiertreiber, und in langen Zügen gingen vom Hafen zur Stadt, von der Stadt zum Hafen die reich befrachteten Tiere den Weg entlang. Hie und da trat ein Olivengehölz bis hart an die Straße heran, in dessen grünen Wipfeln von Zeit zu Zeit ein erfrischender Hauch, vom Golf herüberwehend, verzitterte. Wenn solches geschah, zog der Erzbildner den breitrandigen Petasos vom Haupte und ließ seine hohe kahle Stirn von der Brise bestreichen. Der »Olympier« aber schritt nur immer mutiger aus, hielt nur immer fester sein Aug' auf die Triere gerichtet, die aus der Weite der Seebucht nun doch allmählich näher gegen den Hafen herankam. Jetzt sind die beiden unfern dem Meere angelangt. Der Hafen ist erreicht. Auch hier schweift das Auge des Mannes, welchen sie den Olympier nennen, mit Befriedigung umher. Sein Werk ist zum großen Teile, was da dem Auge sich bietet, ein Neues dem Volke der Griechen in jener Zeit: breite, stattliche, gerade laufende Straßen. Hier prangt der große, von Säulenhallen umgebene Marktplatz, welcher den Namen nach seinem Erbauer Hippodamos, dem Milesier, erhielt. Staffelförmig erheben sich zur Linken, über den Säulenwald des Theaters hin, an den Abhängen des befestigten Hügels Munychia, die Häuserreihen, und auf der Höhe des Hügels ragt leuchtend das Marmorheiligtum der Artemis. Drunten aber in der Ebene dehnen sich bis ans Meer hin endlos die Hallen: hier die prächtige Stoa des Perikles, hier die ungeheuren Warenhäuser, wo ausgeschiffte Frachten bis zum Verkauf oder bis zur Weiterbeförderung lagern können, hier der riesige Bazar des Hafens, die Warenbörse, das »Deigma«, wo Schiffahrer und Händler ihre Waren Zur Schau stellen, wo sie ihre Verträge beraten. In diesen Hallen, auf diesen Quaderterrassen steht der kluge Grieche wie auf dem Boden seiner Kraft, sich freuend, daß mit dem Gedeihen des Gemeinwohls auch sein persönliches wachse. Hier nimmt er aus den Händen des befreundeten Meergotts das Füllhorn aller Gaben der Fremde und sieht die letzten Wellenringe des Pontos, des Nils, des Indermeeres an seinem Gestade verschäumen. Hier tummelt sich's, das Griechenvolk des Perikles: schöne, dunkelbraune Gestalten, malerisch sich abhebend vom Hintergrund der weißen Marmorhallen. Unbedeckt die Häupter der meisten, Sandalen zur Not an den Füßen, die karge, tuch- oder mantelartige, helle Gewandung lässig über die Schulter geworfen – dennoch in plastischer Schönheit, wie braune Erzbilder, stehen sie zwischen den Säulen. Nur daß sie lebensvoll sich gebärden, im bunten Stimmengewirre die Laute des klangreichen Hellenenidioms vernehmen lassend, energievoll in Reden und Gebärden und würdevoll zugleich wie Histrionen. Seit der Athenäer nach glücklich geführten Kriegen die See beherrscht, hat er gelernt, hinauszugehen in die Hafenstadt des Piräus und sich zu bereichern. Er geht in den Piräus und sucht Reeder für überseeische Fahrten und Unternehmungen auf. Er geht zu den Geldmäklern, den Wechslern, legt Gelder bei ihnen nieder, oder erhebt welche, und wenn er keine zu erheben, keine zu hinterlegen hat, so entlehnt er welche. Denn Handel und Wandel blüht, und der Athenäer kennt die Gelegenheiten. Er weiß, wann es Zeit ist, Getreide vom Pontus zu holen, oder Holz aus Thrazien, oder Papyros aus Aegypten, oder Teppiche aus Milet, oder feines Schuhwerk aus Sikyon, oder Trauben von Rhodus. Er weiß auch, wo sein Olivenöl, sein Honig, seine Feigen, seine Metallarbeiten, seine Tongefäße gesucht und am besten bezahlt werden. Und der Mäkler, der Wechsler gibt das Geld ohne vieles Bedenken. Der Zinsfuß ist hoch, und für reiche Prozente kann man etwas wagen. So mancher Freigelassene, mancher Pasio, mancher Simo, mancher Phormio sitzt jetzt wohlgemut hinter seinem Wechslertisch im Piräus und gebärdet sich wie eine obrigkeitliche Person, denn man legt Kontrakte bei ihm nieder. Er gibt zwei Talente, ohne eine Miene zu verziehen, hin und empfängt ebenso gleichgültig zwei Talente, wenn man sie bei ihm hinterlegt. Er schreibt die Summe und den Namen dessen, der sie hinterlegt hat, in sein Buch, und die Sache ist abgetan. Man vertraut der Ehrlichkeit Pasios, und Pasio ist ehrlich, wenigstens so lang, als nicht der Vorteil einer Unehrlichkeit die Nachteile des gefährdeten Rufes seiner Ehrlichkeit aufwiegt. Jene beiden erblicken jetzt das Meer, sanft gekräuselt und smaragdgrün anwogend an die Steinterrassen. Offen liegt vor den Blicken das tiefeingebuchtete Rund des piräischen Hafens. Als Wächter der Meerespforte hüten zwei mächtige Türme zur Rechten und zur Linken den Eingang. In Zeiten der Gefahr kann von einem Turme zum andern die eherne Riesenhemmkette geschlungen werden. Zahllos liegen in der Bucht die runden, bauchigen Handelsschiffe vor Anker; das Gestade zur Linken aber ist ganz bedeckt von den hochgebordeten Trieren der athenischen Flotte, nach Griechengebrauch ans Festland hinausgezogen, jedes in seinem besonderen Gehege, wie Ungeheuer in ihren Höhlen ruhend, gewaltige Meeresdrachen mit phantastischen Schnäbeln und befloßten, übermütig emporschnellenden Schwänzen; und drüben, auf der andern Seite der piräischen Halbinsel, in den Kriegshäfen von Zea und Munychia, lagern noch weit mehr dieser prächtigen Meeresungeheuer, und hinter ihnen dehnen sich die Seezeughäuser, wo das »hängende Zeug« der abgerüsteten Schiffe verwahrt wird, und weiterhin erstrecken sich Werften, wo unablässig neue Schiffshölzer abgeladen, rastlos neue Kiele gezimmert werden. Nun läuft das Fahrzeug, welches der »Olympier« auf dem Wege zum Piräus so scharf ins Auge gefaßt hat, in den Hafen ein. Es ist das athenische Staatsschiff »Amphitrite«. Die Massen des Volkes wogen gegen den Landungsplatz; in allen Hallen, auf allen Steinterrassen erschallt ein Gebrause von Stimmen. »Die Amphitrite ist da – die Amphitrite mit dem Schatze von Delos! – Die Amphitrite mit der Bundeskasse! – So hat er es durchgesetzt, der Schlaukopf Perikles? – Was werden die Bundesgenossen dazu sagen? – Was sie mögen! wir stehen an ihrer Spitze, wir schützen sie, wir senden unsere Trieren an Ihre Küsten, wir führen ihre Kriege, dafür entrichten sie die Bundesgelder – was wir erübrigen, ist unser Eigentum.« Der Schall von Flöten erklingt vom Fahrzeug, wie es näher kommt. Auf der »Amphitrite« wird, wie auf allen Staatsschiffen der Athener, der Ruderschlag durch Flötenschall gelenkt. Auch Gesang schallt von den Ruderbänken, und dazwischen tönt das Geplätscher der von unzähligen Rudern geschlagenen Meereswelle. Goldig leuchtet von der Spitze des Schiffsschnabels herab das Bild der Meeresgöttin, von welcher das Schiff den Namen trägt. Schön bemalt erglänzt der Rand des hohen Bordes im Sonnenschein. Gesang und Flötenschall und Meergeplätscher wird übertönt vom hellen Freudenruf des Volkes, den vom Schiffe her die wettergebräunten Seeleute kräftig erwidern. Der Flötenschall verstummt, die Ruder regen sich nicht mehr, das Schiff steht, es beginnt ein Knarren von Tauen, ein Rasseln von Ketten, ein Hin- und Herlaufen an Bord, der Anker wird ausgeworfen, die Segel werden eingezogen, eine Treppe wird vom Ufer aus ans Schiff gelegt. Einige athenäische Würdenträger stehen ganz vorn am Rande des Uferdammes. Zu ihnen tritt Perikles, der Olympier, und spricht einige Worte. Der Laut seiner Stimme hat etwas Eigenartiges, wundersames. Die ihn noch nicht erkannt haben, erkennen ihn jetzt. Nicht alle Athener sahen genau die Züge seines Antlitzes in den Volksversammlungen auf der Pnyx. Aber alle hörten, alle kennen seine Stimme. Einige von den obrigkeitlichen Personen begeben sich über die Treppe an Bord des Schiffes. Nach einiger Zeit werden aus der Tiefe des Schiffsbauchs ein paar ehern-beschlagene, wohlverwahrte Tonnen gehoben und ans Land gebracht, wo ein Maultiergespann die wuchtige Fracht erwartet. Der Trierarch kommt ans Land und spricht mit Perikles. Es ist ein goldner Hort, was die »Amphitrite« unter den Augen des teilnahmvoll gespannten Athenervolks herantrug auf den blauen Meereswellen. Es ist der Schatz des athenäischen Bundes. Er kommt von Delos, dem »Stern des Meeres«, nach dem mächtigen Athen, auf des Perikles Betrieb, nicht mehr zu verwalten als Schatz des Bundes, in Empfang genommen als Tribut der Städte und Inseln. Um goldene Horte webt ein Unheimliches, ein Dämmerschein, ein Hauch des Ungewissen, der bewußte Hoffnungen entflammt. unbewußte Beängstigung einflößt. Die Barre Goldes wird gemünzt, aber auch die Münze wird in der Hand des Eigners wieder umgeprägt. Sie verwandelt sich unter jedem Finger, der sie berührt. Dem einem wird sie Segen, dem andern Fluch. Und so dieser Schatz von Delos, auf welchen die Augen des Schwarmes der Athenäer erwartungsvoll gerichtet sind – wer weiß, ob mehr des Segens oder des Fluches daraus hervorgeht, ob mehr des Genusses oder der Reue damit erkauft wird, ob mehr des Dauernden oder des Vergänglichen damit geschaffen wird? Wer kennt die Winde, die aus diesem Aeolsschlauche wehen werden? »Mit diesem Golde könnte man Athen zur unbezwinglichen Burg von Hellas machen!« dachten einige von den Amtspersonen, welche den Perikles umgaben. »Mit diesem Golde könnte man die Seemacht Athens verstärken, Sizilien und Aegypten erobern, die Perser bekriegen, Sparta unterdrücken!« dachte der Trierarch. »Von diesem Golde könnte man uns Fest- und Schauspielgelder zahlen!« dachte das Volk, das die Steinterrassen des Hafens füllte. »Von diesem Golde könnte man die herrlichsten Tempel bauen, die glänzendsten Standbilder aufrichten!« dachte der sinnende Marmor- und Erzbildner an der Seite des Perikles. Und Perikles, der Olympier, selbst? – In seinem Haupte, und in dem seinigen allein, waren alle diese Gedanken vereinigt ... Der Maultierzug, welcher bestimmt war, die goldene Last vom Hafen in die Stadt zu schaffen, setzte sich in Bewegung. Mit ihm der Schwarm der Athener, und nachdem das Gedränge sich verlaufen hatte, traten auch Perikles und Pheidias den Heimweg an. Da des Volkes größerer Teil dem Schatze nachwogte, so war hinter ihm die Straße des Piräus ziemlich menschenleer und einzelne Erscheinungen konnten leicht für das Auge hervortreten. Auf der Marmorplatte eines der Grabdenkmäler, welche zur Seite des Weges sich befanden, saßen zwei Männer in einem lebhaften Zwiegespräch begriffen. Das Antlitz des einen zeigte die heitere Würde des Weisen, düster waren die Züge des andern, und aus seinen glutenden Augen sprach ein fanatischer Eigenwille. Den vorübergehenden Perikles grüßte jener mit vertraulichem Lächeln, dieser Düstere aber warf ihm einen scharfen Blick aus feindlichen Augen zu. Wieder waren die beiden Männer eine Strecke weiter gekommen, da sahen sie mitten auf dem Wege einen jüngeren Mann nachdenklich in sich versunken stehen. Er schien die Welt um sich her vergessen oder unter den Füßen verloren zu haben, und darüber nachzusinnen, wo er eine neue finden könnte. Er hatte eigentümliche, nicht eben anmutende Züge, und starrte mit unverwandten Augen gegen die Erde hinab. »Einer von meinen Steinmetzen«, sagte der ernste Pheidias zu seinem Gefährten, indem er im Vorüberschreiten dem Nachdenklichen auf die Schulter klopfte, wie um ihn aufzurütteln; »ein braver, aber wunderlicher Bursch. Er arbeitet einen Tag lang mit Eifer in meiner Werkstätte, und den nächsten ist er verschwunden. So nachdenklich dazustehen ist seine Art.« Unfern von dem Nachdenklichen kauerte ein lahmer, krüppelhafter Mann am Wege, ein Bettler mit wunderlich grinsendem Antlitz. Der gutherzige Perikles warf ihm ein Geldstück zu. Der krüppelhafte Bettler aber verzerrte sein grinsendes Angesicht noch mehr und schien etwas wie ein Schmähwort zwischen den Lippen zu murmeln. Als die beiden etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten und aus einem Olivengehölz, welches den Weg eine Strecke lang säumte, hervortraten, tauchte die Akropole der Stadt vor ihnen auf und man sah das riesige Erzbild der »Vorkämpferin«, der »Athene Promachos«, im Scheine der Abendsonne leuchten. Man sah ihr behelmtes Haupt, man sah die gehobene Lanze und den großen Schild, auf den ihre Linke sich stützte. Auch funkelte vom Abhange des Berges augenblendend ein goldenes Gorgonenhaupt herüber, das ein begüterter Athener dorthin als Weihegeschenk gestiftet. Von diesem Augenblicke an ging eine seltsame Veränderung in dem Wesen des Bildners vor. Er schien mit seinem Begleiter nun völlig die Rolle getauscht zu haben. So wie nämlich auf dem Wege von der Stadt zum Hafen dieser mit erregtem Gemüt und entflammtem Auge nach einem Ziel in der Ferne blickte, der Gefährte aber ernst, schweigsam, fast teilnahmlos neben ihm herging, so war jetzt umgekehrt auf dem Heimwege der Bildner mit beschleunigtem Schritte und befeuertem Blicke unverwandt der Akropolis zugekehrt, während sein Gefährte gelassen und schier ermüdet ihm zur Seite einherschritt. Es war, als ob den Bildner der Anblick seiner Göttin nach dem, was er im Piräus geschaut, eigentümlich erregte. Dort war ihm der Pomp des Nützlichen vor Augen getreten: des Hafens Getümmel, zankender Mäkler Geschrei, die gewaltigen, aber in ihrer Größe einförmigen Hallen, welche götterlosen Tempeln glichen, zuletzt der vom Dämmerhauch des »Ungewissen« umwobene Goldschatz: das alles hatte seine Bildnerseele beinahe verdüstert. Er mußte es gelten lassen, aber es störte ihm den Reigen unverwirklichter, idealer Glanzgebilde, von welchen sein Inneres erfüllt war. Jetzt, wo die Akropolis vor ihm auftauchte, schien er verwandelt und ließ so sinnend, so erwägungsvoll und gleichsam messend seinen unverwandten Blick über die leuchtende Höhe des Burgberges schweifen, daß Perikles ihn schon nach dem Grunde dieser nachdenklichen Aufmerksamkeit fragen wollte. »Vater!« sagte in diesem Augenblicke ein Knäblein zu einem älteren Manne, in dessen Geleit es unmittelbar vor Perikles und Pheidias auf der Straße einherging, mit den dunklen Augen unablässig nach der Akropolis blickend: »Haben die Athenäer ganz allein die stadtschirmende Göttin Pallas auf ihrer Burg, oder wohnt sie auch bei anderen Menschen?« »Auch die Rhodier«, antwortete der Mann mit dem Knäblein, »wollten sie bei sich auf ihrer Burg haben; ihnen aber gelang es nicht.« »Hat ihnen Pallas Athene gezürnt?« fragte das Knäblein weiter. »Die Athenäer auf dem Festland«, erwiderte der Mann, »und im Meere die Rhodier bewarben sich um die Göttin. Jene wie diese veranstalteten ein Opferfest auf ihrer Burg, um der Pallas Gunst zu gewinnen. Aber die Rhodier waren vergeßlich; sie gingen auf ihre Burg hinauf, und als sie das Opfer bringen wollten, da hatten sie kein Feuer. So brachten sie kein gehöriges, sondern ein kaltes Opfer, während bei den sinnigen Athenäern Feuer und Fettdampf lustig aufsprühte über den Felsen der Akropolis. Aus diesem Grunde gab Pallas Athene den Athenäern den Vorzug. Aber die Rhodier dauerten den Zeus, und um sie zu entschädigen, goß er vom Himmel einen goldenen Regen herunter, der ihre Gassen und Häuser anfüllte. Dess' freuten sich die Rhodier und trösteten sich damit, und stellten auf ihrer Burg den Gott des Reichtums, Plutos, auf.« Diese Erzählung, welche der Mann dem Knäblein machte, traf das Ohr der beiden Männer, welche hinter ihnen schritten. Pheidias lächelte ein wenig, wendete sich nach einigen Augenblicken des Schweigens zu seinem Gefährten und sagte: »Perikles, mich dünkt, die Zeiten haben sich geändert, und wir werden bald tun wie die Rhodier. Gedenkst du nicht auch den Plutos aufzustellen auf der Burg?« »Fürchte nichts!« erwiderte Perikles lächelnd. »Solange das Meer den attischen Strand bespült, wird deiner Göttin Erzbild herrschend ragen aus der Hochstadt der Athenäer!« »Aber unter Tempeltrümmern!« versetzte Pheidias. »Halbwüst liegt noch immer der Burgfels, wie ihn der sengende Perser gelassen. Laßt doch die Säulen und Trümmer herunterschaffen und baut eure Hafendämme und eure langen Mauern damit weiter; denn was der Perser oben zerstörte, das baut ihr doch nur im Piräus wieder auf!« – In diesem Augenblicke wendete sich der Mann, welcher das Knäblein führte, da er den Laut der Redenden hinter sich vernahm, und er erkannte den Perikles; dieser erwiderte freundlich seinen Gruß, denn er kannte ihn seit langer Zeit und war sein Gastfreund gewesen, als jener noch in Syrakus lebte. »Dein und deines Söhnleins Lysias Gespräch, mein lieber Kephalos«, sagte er zu dem Manne, »hat unserm Pheidias hier soeben Anlaß gegeben, mir heiß zuzusetzen.« »Wie das?« fragte Kephalos. »Wir kommen aus dem Piräus«, fuhr der Olympier fort, »und schon dort war unser Freund, Pallas Athenes Liebling, fast verstimmt. Er möchte nur immer unter Göttergestalten wandeln. Er haßt die langen Mauern, die weiten Hallen, die Warenballen, die Säcke, die Tonnen, die geißledernen Schläuche; das Geschrei der Mäkler im Piräus hat sein Ohr zerrissen. Er wird, wenn er durchs Tor in die krummen, unansehnlichen Gassen der athenäischen Altstadt wieder eingetreten, mit erleichtertem Herzen den Staub des Weges zum Hafen von seinen Füßen schütteln.« »Aber sage doch«, fuhr Perikles, zu dem Bildner gewendet, fort, »was starrst du so gedankenvoll und unverwandt nach der Höhe der Akropolis? Ist es der Anblick deiner Göttin, der dich erregt – deiner behelmten, lanzenschwingenden Vorkämpferin?« »Wisse«, versetzte Pheidias, »die behelmte, lanzenschwingende Vorkämpferin ist seit geraumer Zeit in meiner Seele verdrängt durch eine Pallas Athene des Friedens; durch eine Pallas, welche nicht mehr kämpft mit rasselndem Erz, sondern geruhig und doch sieghaft mit leuchtendem Gorgoschild die Geburten der Nacht versteinert, wenn ich nun meinen Blick auf die Höhe der Akropolis richte, so wisse, daß ich dort dies in meinem Geiste gereifte Bild aufstelle, und daß ich ein herrlich prangendes Festhaus darüber wölbe: daß ich des Festhauses Giebel und Friese mit hundertfachem Bildwerk schmücke, und daß ich sogar auch weithin leuchtende Prachtvorhallen erbaue, von der Seite, auf welcher der Festzug der Panathenäen hinanwallt. Aber fürchte nicht, Perikles, daß ich mir Gold und Elfenbein für jene Pallas Athene des Friedens, und Marmor für jenes Festhaus von dir erbitte; nein, ich baue und bilde nur so in Gedanken – fürchte nichts!« »So sind sie alle, diese Bildner und Poeten!« sagte Perikles, fast verletzt durch die spöttische Rede des Freundes. »Sie wissen nicht, daß das Schöne nur die Blüte des Nützlichen ist. Sie vergessen, daß vor allem das Gemeinwesen gesichert, das Volkswohl auf feste Grundlagen gestellt werden muß und daß die volle Blüte der Kunst sich nur in reichen, mächtigen Staaten entfaltet. Unser Pheidias grollt mir, weil ich ein paar Jahre lang an Getreidehallen im Piräus und an der mittleren langen Mauer gebaut habe, statt die Tempel der Akropolis wieder aufzurichten, und weil ich es nicht ganz allein der ragenden Lanze seiner erzbewehrten Göttin auf der Burg überlasse, uns wider jeden Feind, der zu Lande oder zur See androhen mag, zu beschützen« ... Pheidias erhob das Haupt wie verletzt und warf einen Blick voll dunkler Glut auf Perikles. Dieser aber begegnete dem Blicke des Gekränkten mit versöhnendem Lächeln und fuhr fort, die Hand des Freundes ergreifend: »Kennst du mich so wenig, daß du mich ernstlich einen Feind und Bespötteler der göttlichen Bildkunst schelten dürftest? Bin ich nicht alles Schönen begeisterter Freund und Pfleger?« – »Ich weiß es«, sagte Pheidias, nun seinerseits sarkastisch lächelnd. »Ich weiß, du bist des Schönen Freund. »Ein Blick in die Augen der schönen Chrysilla...« »Nicht das allein!« sagte Perikles rasch und fuhr in ernstem Tone fort: »Glaubt mir, Freunde, wenn die öffentlichen Sorgen mich belästigen, und neben den öffentlichen die eigenen, wenn manche Gegnerschaft mich drückt, mancher Widerspruch mich erbittert, wenn ich verstimmt heimkehre aus der Versammlung der Athenäer und nachdenklich, fast verstört durch die Gassen wandle, so ist oft ein kleines Säulenwerk, das mit schönen Verhältnissen meinem Auge begegnet, oder ein Bildwerk zur Seite des Weges, mit feinem Geist entworfen, im stande, mich anzuziehen und umzustimmen, und ich erinnere mich nicht, daß ich einmal ein Leid gehabt, welches mir nicht durch die Vorlesung eines Gesanges aus dem Homeros wenigstens erleichtert worden wäre.« Die Freunde waren jetzt durchs Tor in die Stadt geschritten. Hier erschienen die Gassen enger, die Wohnhäuser weniger stattlich als im Piräus. Aber es war das echte Athen. Es war heiliger Boden. Als Pheidias schon in die Nähe seines Hauses gekommen, sagte er zu Perikles und Kephalos: »Wenn ihr Lust und Muße hättet, bei mir noch ein wenig einzutreten, so werdet ihr einen nicht geringen Wettstreit in meiner Werkstätte durch euer Urteil entscheiden helfen.« – »Du stachelst unsere Neugier!« erwiderte Perikles. »Ihr erinnert euch doch«, fuhr Pheidias fort, »des Marmorblocks, den das Perserheer übers Meer zu Schiff mit sich herüberschleppte, um nach unserer Unterwerfung ein persisches Siegesdenkmal aus persischem Gestein in Hellas aufzurichten, und der, als die Barbaren geschlagen entflohen, auf dem Schlachtfelde von Marathon in unseren Händen zurückblieb. Nach manchen Wanderungen wurde das schöne Gestein in meine Werkstätte geliefert, und wie dir bekannt ist, Perikles, wünschten die Athener ein Bild der kyprischen Göttin daraus gemeißelt, um den Bezirk der Gärten damit zu schmücken. Keinen meiner Schüler hielt ich für fähiger, als den Agorakritos von Paros, durch Vollendung solchen Bildwerks sich Ruhm zu erwerben; und so überließ ich ihm auf sein Verlangen den Marmorblock, aus welchem er nun ein treffliches Werk gefertigt hat. Aber ein anderer meiner besten Schüler, der ehrgeizige Alkamenes, neidete dem Agorakritos den Block und den Ruhm seiner Arbeit und vermaß sich, im Wettstreit mit dem Parier, meinem Liebling, wie er ihn nennt, ein Marmorbild derselben Göttin zu formen. Nun ist beider Jünglinge Gebild vollendet, und eine gute Anzahl von kunstliebenden Männern versammelt sich heute in meinem Hause. Wolltet ihr euch zu diesen gesellen, welcher Sporn wäre es für jene beiden! Kommt und seht, wie verschieden das schönste der Götterwesen in zweier Jünglinge Seelen sich gespiegelt hat!« Nicht lange besannen sich Perikles und Kephalos. Sie nickten zustimmend und traten mit gespannter Erwartung in das Haus des Pheidias. Sie fanden hier schon viele der kunstverständigen Männer versammelt. Es war da unter andern der Milesier Hippodamos, Antiphon, der Redner Ephialtes, der volksfreundliche Parteigenosse des Perikles, ferner Kallikrates, der Erbauer der mittleren langen Mauer, und Iktinos, ein Baumeister von vieler Gelehrsamkeit und großem Kunstverstande, dem Pheidias insbesondere befreundet. Als diese Männer und die neuen Ankömmlinge sich begrüßt hatten, führte der Meister sie in einen der geräumigen Höfe seines Hauses. Dort erhoben sich auf einem Sockel neben einander zwei hochragende verhüllte Marmormassen. Ein farbiges Linnen war zum Schutze des reinen, weiß leuchtenden Marmors gegen Staub und Besudelung darüber geworfen. Das Linnen zog jetzt ein Sklave auf den Wink des Pheidias hinweg. Da enthüllten sich die beiden glänzenden Werke in ihren gewaltigen, edel geformten Umrissen den Blicken der Beschauer, welche vor ihnen versammelt standen. Die Männer blickten lange und ohne ein Wort zu sagen nach den beiden Bildern hin. In ihren Mienen war ein eigentümlicher Ausdruck von Betroffenheit zu lesen. Es war offenbar die merkwürdige Verschiedenheit der beiden Bildwerke, was sie in Verlegenheit setzte. Das eine derselben zeigte eine weibliche Gestalt von erhabener Schönheit und übermenschlichem Adel. Sie war bekleidet, und ihr Gewand wallte in großen, edel geordneten Brüchen bis auf die Knöchel hinab. Nur eine der beiden Brüste war unverhüllt gelassen. Das Gebilde erschien durchaus fest und streng: nichts Weichliches war in den Zügen, nichts Ueppiges in den Gliedern, nichts Zärtliches in der Haltung. Und dennoch war es schön. Es war eine herbe, eine reife und doch jungfräuliche Schönheit. Es war Aphrodite ohne den Duft der Krokus- und Hyakinthosblüten, mit welchen die später geborenen Charitinnen und die Waldnymphen des Ida die Göttin bekränzten. Sie duftete noch nicht von Wohlgerüchen und sie lächelte noch nicht. Solange die Betrachter auf dieses Bild allein hinblickten, vermißten sie nichts. Eine von allen Grazien und Liebesgöttern umflatterte Kypris war bis dahin im Hellenengeiste nicht gereift. Wie sie da stand, die Schaumgeborene, von der Hand des Agorakritos gebildet, so war ihr Ideal von den Vätern ererbt. Sobald indes der Beschauer von diesem Bilde weg auf das des Alkamenes eine Zeitlang sein Auge gerichtet hatte, so wurde er von einer Art von Unruhe ergriffen; und wenn er dann wieder zu jenem ersten Bilde zurückkehren wollte, so schien es ihm, als ob es ihm weniger als früher verständlich wäre, und als ob er inzwischen den Maßstab für die rechte Würdigung desselben verloren hätte. Es war ein Neues, was da den Blicken der Männer sich darbot. Noch konnten sie nicht sagen, ob ihnen dies Neue gefalle. Noch wußten sie nicht, ob es ein Recht habe, ihnen zu gefallen. Gewiß war nur, daß ihnen das Alte daneben jetzt weniger gefiel. Je öfter aber der Blick von dem Bilde des Alkamenes zu dem des Agorakritos, von diesem zu jenem schweifte, desto länger blieb es auf jenem haften. – Was an demselben mit solchem heimlichen Zauber wirkte, war die Spur eines Reizes, einer Beseelung, einer Frische und Unmittelbarkeit der lebendigen Form, wie sie der Meißel des Griechen bisher nicht erreicht, nicht angestrebt hatte. Von allen hing keiner so lange, keiner mit so glühenden Augen an den Formen, welche Alkamenes hier zur Schau gestellt, als Perikles. »Dies Werk«, sagte er zuletzt, »will mich fast an das Standbild des Pygmalion erinnern; es scheint sich zu beseelen und eben auf dem Uebergange von der Starrheit des Marmors zu warmdurchpulster Leiblichkeit begriffen zu sein.« »In der Tat«, rief Kephalos, »das Werk des Agorakritos ist voll vom Geiste des Meisters Pheidias, nur seinen Ernst noch überbietend. In das Gebilde des Alkamenes aber scheint mir ein Funke aus einer fremden Esse gefallen, der es mit einem seltsamen, eigentümlichen Leben durchglutet.« »Ei, mein wackerer Alkamenes«, rief Perikles, »welcher neue Geist ist über dich gekommen, da man doch bisher deine Weise von der des Agorakritos kaum zu unterscheiden vermochte? Hast du etwa die Göttin im Traum gesehen? Weißt du, daß du mich in ein Entzücken versetzt hast, wie es noch kein Marmor in mir erregte?« Alkamenes lächelte. Aber Pheidias blickte jetzt, wie von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt, scharf nach dem Werke des Alkamenes und schien die Umrisse, die Formen einzelner Glieder unter dem Einflusse jenes Gedankens zu mustern. »Nicht ein Traumbild«, sagte er zuletzt, »scheint mir in diesem Marmor verkörpert, sondern vieles Reizende aus sinnfälliger Wirklichkeit aufgenommen, um das Bild der Göttin damit auszuschmücken. Je länger ich die Schlankheit dieses ganzen Gebildes, das Zarte und doch Üppige dieses Busens und dieser Hüften, die eigentümliche Feinheit dieser spitz zulaufenden Finger und des anmutig gebogenen Handgelenks betrachte, um so stärker fühle ich mich an ein Weib erinnert, das wir in letzter Zeit ein paarmal in diesem Hause gesehen« – »Es ist, wenn nicht das Angesicht, doch die Leibesgestalt der Milesierin!« rief ein anderer von den Schülern des Pheidias, herantretend; und alle Schüler, einer um den andern sich nähernd, erst das Bild und dann unter einander sich anblickend, riefen: »Kein Zweifel: es ist die Milesierin.« »Wer ist diese Milesierin?« fragte Perikles hastig und gespannt. »Wer sie ist?« sagte Pheidias lächelnd, »du hast sie schon einmal flüchtig gesehen – einen kurzen Augenblick hat der Strahl ihrer Schönheit dich getroffen. Im übrigen frage den Alkamenes« – »Wer sie ist?« wiederholte nun der feurige Alkamenes. »Ein Sonnenstrahl ist sie, ein Tautropfen, ein schönes Weib, eine Rose, ein erfrischender Zephir, wer wird einen Sonnenstrahl nach Namen und Herkunft fragen? Vielleicht weiß Hipponikos anderes von ihr zu sagen, der sie als Gast in seinem Hause beherbergt.« »Einmal kam sie mit Hipponikos herüber in diese Werkstätte«, sagte Pheidias. »In welcher Absicht?« fragte Perikles. »Um Dinge zu sprechen«, erwiderte Pheidias, »wie ich sie noch nicht aus eines Weibes Munde vernommen.« »Bei Hipponikos also wohnt sie als Gast?« fragte Perikles. »In einem kleineren Hause, das ihm gehört«, sagte Pheidias, »und das zwischen seinem Wohnhause und diesem da gelegen ist. Seit aber die Milesierin im Nebenhause weilt, ist mir ein wunderlicher Geist in diesen ganzen Schwarm da gefahren.« »Wie das?« forschte Perikles. »Seit jener Zeit«, erwiderte Pheidias, »ist der Duckmäuser, den du auf der Straße zum Hafen einsam stehen und vor sich hinstarren gesehen, noch weit nachdenklicher geworden, und was den Alkamenes anlangt, so gehört er zu denjenigen, welche ich am öftesten droben auf dem flachen Dache des Hauses betraf, von wo man in das Peristyl des Nebenhauses hinabsieht, und wohin sie von ihrer Arbeit weg sich schlichen, bald unter dem Vorwande, einen entkommenen Vogel oder Affen einzufangen, bald in der Abendkühle sitzend, um sich zu erholen, weil ihnen, wie sie sagten, das Blut so heftig gegen das Haupt ströme – in der Tat aber, um das Saitenspiel der Milesierin zu belauschen.« »Und dieser Zauberin also«, sagte Perikles, »hat unser Alkamenes die Reize abgesehen, die uns auch hier im Marmor entzücken?« »Wie es zuging, vermag ich nicht zu sagen!« versetzte Pheidias. »Vielleicht hat der Nachdenkliche den Kuppler gespielt; denn dieser scheint vertraut mit ihr zu sein. Dieser Wunderliche hat sich nämlich einen Eros zu meißeln vorgenommen, und hält es zu diesem Zwecke für nötig, sich zuvor über das Wesen dieses Gottes und seinen Begriff zu unterrichten. Denn so ist er nun einmal geartet: er strebt niemals nach den Dingen selber, sondern immer nach ihrem Begriffe, nach der Wahrheit und Weisheit, wie er sagt; weshalb wir ihn auch immer nur den Weisheitsfreund, den Wahrheitsucher nennen. Gegenwärtig nun jagt er dem reinen Begriffe der Liebe nach und will sich darüber von jener schönen Milesierin belehren lassen. Diese läßt, wie es scheint, den Sonderling gewähren, und ich habe sie einmal eine Stunde lang hier in diesem Hofe, auf einem Steinblock sitzend, sich mit ihm unterreden sehen. Hat nun wirklich nicht bloß dieser, sondern auch Alkamenes des geheimen Unterrichts der Milesierin genossen, so mag er auch fernerhin auf diesem Wege sein Heil versuchen. Mag er fortfahren, mehr von den schönen Weibern zu lernen, als von den Meistern seiner Kunst.« »Was hier vor Augen steht«, rief Alkamenes aufwallend nach diesen spöttischen Worten des Pheidias, »ist meiner Hände Werk; den Tadel, der es trifft, nehm' ich auf mich, und das Lob, das man ihm zollt, brauch' ich mit keinem zu teilen!« »Ei, doch!« rief Agorakritos finster; »mit der Milesierin hast du es zu teilen! Sie schlich heimlich zu dir!« ... Ein heller Purpur schoß in die Wangen des Alkamenes. »Und du?« rief er, »wer schlich zu dir? Meinst du, wir merkten es nicht? Pheidias selber war es, der Meister, der des Nachts in deine Werkstätte schlich, um die letzte vollendende Hand an das Werk seines Lieblings zu legen« ... Nun war es Pheidias, dessen Angesicht eine dunkle Röte unterlief – er warf einen zornigen Blick auf den verwegenen Schüler und wollte etwas erwidern. Aber Perikles trat zwischen die beiden und sagte begütigend: »Keinen Zank, ihr Trefflichen! Es sei wie ihr sagt: zu Alkamenes ist die Milesierin, zu Agorakritos ist Pheidias geschlichen. Lerne jeder, wo und wie er es vermag, und neide keiner dem andern das Schöne, das ihm durch die Gunst der Musen, oder der Charitinnen, oder irgend welcher andern Göttin zu teil wird.« »Ich habe nicht verschmäht, von Pheidias zu lernen«, sagte Alkamenes, welcher von den dreien zuerst seine heitre Ruhe wieder gewonnen hatte; »aber auch der lebendigen Wirklichkeit ihr Schönes abzulauschen, ist der verständigen Künstler Art; und daß ich es offen gestehe, mir scheint eine Milesierin, oder sonst eine Tochter der lebensfrohen ionischen Küsten weit besser geeignet, dem prüfenden Auge des Bildners die Geheimnisse der schönen Natur zu enthüllen, als die Frauen und Jungfrauen unseres heimischen attischen Landes. Es ist nicht gleichviel, wie der Bildner das Weib erblickt; ob es in blöder Verschämtheit dem Wurme ähnlich sieht, der sich in sich selber verkriechen zu wollen scheint, oder ob es die Blüte seiner Leiblichkeit in freier Anmut entfaltet. Unsere Athenerinnen bringen ihr Leben unter strenger Hut in der Zurückgezogenheit der Frauenwohnung hin. will man eines Weibes Anblick genießen, das es versteht, ohne Blödigkeit und ohne Frechheit das Auge mit seinem Reiz zu entzücken, so muß man sich an diese Ionierinnen, an diese Lyderinnen halten, die, von der jenseitigen Küste herüberkommend und gleichsam einen Hauch von der schönen Ungebundenheit ihrer heimischen Taumelfeste mit herüberbringend, das heitere Gesetz der Schönheit und der Sinnenfreude verkündigen.« Viele von den Anwesenden stimmten dem Alkamenes bei und priesen ihn glücklich, daß er ein Weib wie diese Milesierin willfährig gefunden. »Willfährig?« sagte Alkamenes. »Ich weiß nicht, was ihr meint; die Willfährigkeit dieses Weibes hat ihre Grenzen ... fragt nur den Nachdenklichen dort, den Wahrheitsucher, ihren Freund« – So sprach Alkamenes und wies auf den jungen Steinmetz hin, der vorher auf der Straße zum Piräus sinnend gestanden und mittlerweile heimkehrend in den Raum des Hofes eingetreten war. Alle Umstehenden blickten bei den Worten des Alkamenes auf den Nachdenklichen und lächelten; denn sie fanden in seinem Wesen nichts, was ihn des Umgangs und der Freundschaft eines schönen Weibes hätte würdig erscheinen lassen. Er war stumpfnasig, und sein ganzes Ansehen war nicht das eines wohlgebildeten Griechen. Freilich, sein Mund lächelte trotz der wulstigen Lippen nicht unfein, und wenn seine Augen sich nicht im Nachdenken allzu starr auf einen Punkt hefteten, so blickten sie hell und Vertrauen erweckend. »Wir kommen von unserem Gegenstande ab«, bemerkte jetzt Pheidias. »Alkamenes und Agorakritos stehen noch immer da und warten auf unsern Richterspruch. Vorläufig scheinen wir nur darüber einig, daß Agorakritos eine Göttin, Alkamenes ein schönes Weib gemeißelt.« »Nun!« sagte Perikles, »ich glaube wahrlich, unser Alkamenes nicht bloß, sondern auch unser Agorakritos, so viel frömmer er sich auch bedünken mag, werden die Unsterblichen erzürnen, weil sie doch beide von ihrem Meister Pheidias gelernt haben, wenn sie ein Götterwesen darstellen wollen, der menschlichen Leibesbildung bis in ihr feinstes Geäder nachzugehen. Im Grunde seid ihr Bildner doch alle darin gleich, daß ihr Götter zu bilden vorgebt, in welchen wir in der Tat ein Göttliches zu erblicken und anzustaunen glauben: sehen wir aber genauer zu, so finden wir, daß dieses Göttliche doch nur die reinste Blüte und Ausgestaltung des Menschlichen, und daß auch der ätherische Götterleib nur eine Verbindung menschlicher Pulse, Sehnen, Muskeln, Gelenke und Faserbündel ist. Vernehmt doch auch einmal jenen zweiten Schüler der schönen Milesierin, euren Nachdenklichen dort! Auch er ist berufen, ein Urteil abzugeben.« »Was meinst du«, rief Alkamenes dem Nachdenklichen zu, »ist die Natur des Menschen würdig, ein göttlich Wesen in sich darzustellen?« »Was den Homeros und den Hesiodos betrifft und die andern Poeten«, sagte der Nachdenkliche, »so erinnere ich mich, daß sie das Meer und die Erde und alles mögliche göttlich nennen; es sollte mich daher wundern, wenn nicht auch die Menschennatur mit ihren Muskeln, Sehnen und Adern göttlich wäre. Pindaros scheint mir sogar noch weiter zu gehen, wenn er singt: »Eins ist von Anbeginn der Götter und der Sterblichen Geschlecht!« Und den weisen Anaxagoras erinnere ich mich gar kurzweg sagen gehört zu haben, daß alles, was ist, lebendig, und alles Lebendige göttlich ist. Wollt ihr aber diese Alten nicht hören, so fragt die schöne Milesierin« ... ,,Ich denke«, versetzte Perikles, »wir wären alle gar nicht abgeneigt, diesen Rat zu befolgen, wenn wir nur wüßten, wie wir es anzustellen haben, die Milesierin zur Entscheidung der Sache herbeizurufen. Kann uns etwa Pheidias diesen Dienst leisten, oder will uns Alkamenes das Geheimnis verraten, wie man sich Rat von dieser Schönen holt, oder sollen wir uns dem Nachdenklichen anvertrauen?« »Dem Nachdenklichen!« rief Alkamenes lebhaft. »Seid gewiß, daß dieser, wenn er will, uns die Milesierin noch heute aus dem Hause des Hipponikos, wie ein Schlänglein aus seinem Versteck, durch Zaubermelodien und Besprechungen herüberlockt!« »Wenn Alkamenes selber uns an diesen weist«, sagte Perikles, »so ist wohl der und kein anderer der rechte Mann für uns in dieser Sache. Was aber können wir dem Manne versprechen, damit er sich unser erbarmt und hingeht und uns die Milesierin herüberlockt?« »Es dürfte nicht schwer sein«, versetzte der Nachdenkliche, »jemand zu bewegen, hier einzutreten, wenn er schon gleichsam wartend hinter der Tür steht.« »Die Milesierin ist also in der Nähe?« fragte Perikles. »Als ich vordem«, erwiderte der Nachdenkliche, »von meinem Spaziergange auf dem Wege nach dem Piräus zurückkehrte und, von hinten her in das Haus tretend, hart an dem Gartengehege des Hipponikos vorüberkam, sah ich die Milesierin zwischen Blumenbeeten und blühenden Sträuchern stehen und einen Zweig von einem Lorbeerbusche pflücken. Ich fragte sie, welchen Helden oder Weisen oder kunstbegabten Mann sie mit diesem Lorbeer zu schmücken gedenke? Sie erwiderte, derselbe sei bestimmt für denjenigen der beiden trefflichen Schüler des Pheidias, welcher heute nach dem Urteile der Kunstverständigen als Sieger aus dem Wettstreite hervorgehen würde. »Du willst also das Glück des Siegers ins Unendliche steigern?« sagte ich; »suche doch auch den Unterliegenden einigermaßen zu trösten!« – »Gut«, erwiderte die Milesierin, »man muß sich auch des Unterliegenden erbarmen; ich will eine Rose für ihn pflücken!« – »Eine Rose?« versetzte ich, »ist das nicht etwa zu viel? Bist du sicher, daß dann nicht der Sieger den Unterliegenden gar noch beneidet?« – »So mag der Sieger wählen«, rief sie; »hier nimm den Lorbeer und hier die Rose, und überbringe sie.« – »Solltest du sie nicht selbst überreichen?« fragte ich. »Meinst du?« sagte sie. »Gewiß«, erwiderte ich. »Nunwohl!« gab sie zurück; »schicke mir den Sieger und den Besiegten hierher an die Gartenpforte, sobald die Kunstrichter das Urteil gesprochen und sich entfernt haben.« – »Wisset also«, schloß der Nachdenkliche seine Rede, »daß die Milesierin mit dem Lorbeerzweig und der Rose hinter dem Gartengehege des Hipponikos steht.« »Gut«, sagte Pheidias, »so gehe und hole sie herüber!« »Wie kann ich das?« versetzte jener. »Wie soll ich sie bewegen, herüber zu kommen in Gegenwart einer solchen Schar von Männern?« »Gleichviel, wie du es anstellst«, sagte Pheidias, »das gehört zu deinen geheimen Kupplerkünsten, die brauchst du uns nicht zu verraten. Geh' nur und hole sie, da es Perikles so sehr wünscht.« Der Nachdenkliche gehorchte. Er ging, und nach einigen Augenblicken kehrte er mit einem Weibe zurück, in dessen Gestalt die edelste Feinheit mit reizender Ueppigkeit der Bildung in wunderbarer Weise vereinigt waren. Perikles erkannte sogleich in ihr die Schöne, die er flüchtig gesehen, als er mit Pheidias sich anschickte, vom Markte aus nach dem Hafen zu gehen. Sie war schlank, und die Glieder dennoch von anmutigster Weichheit und Rundung. Ihr Gang war fest und reizvoll zugleich. Ihr krauses, weiches Haar schimmerte rötlich-braun, ihr Antlitz war von unvergleichlicher Schönheit. Das bezauberndste aber an ihr war ein feuchter Glanz, ein weicher, aphrodisischer Schimmer der wundervollen Augen. Ihr Gewand aus gelbem, weichem Byssos floß eng anschließend über die feinen, aber doch schön gerundeten Hüften zu den Knöcheln hinab. Nach oben war der Vorderteil des Gewebes an der Schulterhöhe mit dem Hinterteile durch zierliche Agraffen ineinander genestelt. Der Ueberschuß desselben aber fiel von den Schultern wieder als eine Art von Obergewand in schönen Falten hinab bis zur Mitte des Leibes. Unbedeckt ließ das ärmellose Gewand die edelgeformten Arme und verbarg nicht ganz den Umriß des jugendlich zarten und doch voll und fest entwickelten Busens. Es war der gewöhnliche Chiton der griechischen Frauen, welchen die Fremde trug, aber reich und bunt, wie man ihn bei ionischen und lydischen Frauen der asiatischen Küste sah. Die Farbe des Gewandes war glänzend gelb, die Säume mit bunten Stickereien reich geziert. Das rötlich-braun schimmernde Haar wallte gekräuselt, wie es war, über den Nacken hinab; ein Purpurband, welches an der Stelle, wo es auf dem Vorhaupt ruhte, mit einer giebelartig gestalteten Metallplatte geziert war, hielt das reiche Gelock zusammen. Als dies reizende Weib im Geleite des Nachdenklichen eintrat und einen so großen Kreis angesehener Männer, und darunter selbst den gewaltigen Perikles, erblickte, zögerte sie ein wenig. Aber Alkamenes trat ihr entgegen, faßte sie bei der Hand und sagte: »Perikles, der Olympier, wünscht die schöne und weise Milesierin zu sehen.« »Wie groß und gerecht auch das Verlangen gewesen sein mag, ein so hochgepriesenes Weib zu sehen«, sagte Perikles, »verschweigst du doch mit Unrecht, Alkamenes, daß wir zunächst durch die Verlegenheit, in welche die Entscheidung des Wettstreits zwischen dir und Agorakritos uns versetzte, auf den Rat des Wahrheitsuchers uns entschlossen, die Weisheit der schönen Milesierin zu Hilfe zu rufen. Es ist nämlich unter uns die Frage aufgeworfen worden, ob es erlaubt sei, eine Göttin unter dem Bilde eines schönen hellenischen Weibes darzustellen. In den Athenäern, fromm und den Göttern ergeben, wie sie sind, beginnt sich das Gewissen zu regen, ob sie denn nicht etwa die Sterblichen übermütig und die Götter neidisch machen, wenn sie das Göttliche allzu menschlich darstellen, und ob ihre Bildkunst überhaupt den Göttern wohlgefällig oder verhaßt sei?« »Des griechischen Himmels Milde und Klarheit«, begann die Milesierin mit einer Stimme, deren Silberklang nicht weniger bezaubernd war, als der Strahl ihres Auges, »ist überall gepriesen, und die Leibesgestalt des Hellenen wird als die götterähnlichste selbst von Barbaren anerkannt. Die Götter von Hellas werden dem Athenäer nicht zürnen, wenn er ihnen Tempel baut, die so heiter-erhaben sind, wie der Aether, der sich über ihnen wölbt, und wenn er Bilder von ihnen aufrichtet, deren Wohlgestalt nicht hinter der Wohlgestalt derjenigen zurückbleibt, welche vor diesen Bildern Opfer bringen. Wie das Land, so der Tempel, wie der Mensch, so seine Götter! Beweisen nicht aber auch sonst die Olympischen, daß es ihr Wille und ihre Lust ist, sich zu spiegeln in der Seele des Athenäers? Haben sie nicht ihm vor allen den bildsamen Geist verliehen, und haben sie nicht der attischen Erde den besten Ton, das unvergleichlichste Gestein zum Bauen und zum Bilden anvertraut?« »In der Tat!« fiel hier der feurige Alkamenes lebhaft ein, »alles besitzen wir; nur noch nicht das rechte, schrankenlose Feld der Betätigung! – Wahrhaftig, mir und uns allen«, fuhr er fort, auf seine Genossen weisend, »zuckt es längst in allen Fingerspitzen, und der Meißel in unseren Händen wird heiß vor Ungeduld« – Ein Gemurmel der Zustimmung durchlief bei dieser plötzlichen Wendung des Gesprächs die ganze Werkstätte des Pheidias. »Sei nur getrost, Alkamenes«, sagte die Milesierin, mit Nachdruck die Worte betonend; »Athen ist reich geworden, übermäßig reich, und wohl nicht umsonst ist der goldene Schatz von Delos übers Meer zu euch herübergeschwommen« ... Das schöne Weib blickte bei diesen Worten mit dem bezaubernden Auge auf Perikles. Dieser war, während sie sprach, mit seinen Blicken am Geringel ihrer hellbraunen, weichen und feinen Flechten gehangen und sagte nun zu sich im stillen: »Bei den Göttern, dieses Weibes Blondhaar selbst ist ein schimmernder Goldschatz von Delos, und mit jenem gemünzten wäre dieser ungemünzte zu teuer nicht erkauft ...« Dann senkte er eine geraume Zeitlang nachdenklich das Haupt, während aller Blicke auf ihn gerichtet waren. Zuletzt begann er: »Mit Recht erwartet ihr, Pfleger und Freunde der schönen Bildkunst, daß der delische Schatz nicht umsonst ans Gestade von Attika herübergeschwommen. Und hätt' ich nur nach des Herzens Belieben, nicht nach den Forderungen des Gemeinwesens zu fragen, wahrlich, ich hätte den Schatz am liebsten unmittelbar von Piräus hierher schaffen lassen in die Werkstätte des Pheidias. Aber hört, wie die Dings für denjenigen, welchem die Sorge für das Gemeinwohl obliegt, sich darstellen. Als der Perser mit seinen Scharen das Land verheerend überschwemmt und die gemeinsame Gefahr alle Hellenen vereinigt hatte, dann aber jener geschlagen abgezogen, und die große Lehre, die uns der Kampf gegeben, wieder vergessen, und der Sondergeist allenthalben wieder erwacht war, da hoffte ich dennoch, daß es möglich sein würde, das, was wir, von der Not des Krieges gedrängt, begonnen, auf friedlichem Wege fortzusetzen. Meinem Rate folgend, lud das Volk der Athenäer alle Hellenen ein, ihre Vertreter nach Athen zu senden, um über die gemeinsamen Angelegenheiten Griechenlands zu verhandeln. Ich wollte bewirken, daß mit gemeinsamen Mitteln alle von den Persern verbrannten Tempel und Heiligtümer wieder hergestellt würden. Ferner sollten die Hellenen von da an frei und sicher verkehren dürfen auf allen hellenischen Meeren, an allen hellenischen Küsten; Bürgschaften sollten geboten werden, daß unter dem Schutze eines ungetrübten Friedens das Gemeinwohl aller Hellenen ungetrübt erblühe. Zwanzig Männer wählten wir aus dem Volke, Männer, welche selbst mitgekämpft hatten in den großen Perserschlachten. Und welche Antworten brachten sie heim, diese Boten? Ausweichende von hier, unverhohlen ablehnende von dort. Vor allen aber bemühte sich Sparta den Samen des Mißtrauens gegen Athen bei den Stammverwandten reichlich auszustreuen. So scheiterte der Versuch, und Athen gewann die Erfahrung, daß es auf die Eintracht der Hellenen nicht rechnen dürfe, daß der Neid seiner Nebenbuhler nicht schlummere. Wäre mein wohlmeinender Plan gelungen, so hätte sich Athen und ganz Hellas rückhaltlos den Künsten des Friedens hingegeben, seine schönste und edelste Blüte unverweilt entfalten können. So aber ist es unsere erste Pflicht, nach immer größerer Macht, nach immer größerem Einfluß in Hellas zu trachten und immer so, wie jetzt, unangreifbar gerüstet dazustehen. Diese erste der Notwendigkeiten gebietet uns, hauszuhalten mit unsern Mitteln, so glänzend sie für den Augenblick auch sein mögen. Urteilt nun selbst, ihr Männer, ob wir die Rücksichten, welche uns die Behauptung unseres Vorranges in Hellas auferlegt, aus dem Auge verlieren und die goldenen Geschenke des Glücks schon jetzt an das Schöne und Angenehme verschwenden dürfen.« So sprach Perikles, und da die Männer seine Rede schweigend, aber doch, wie er zu bemerken glaubte, nicht ohne heimliches Bedenken hörten, so fuhr er fort: »Erwäget die Sache, oder gebt sie dem Nachdenklichen hier, dem Wahrheitsfreunde, oder, wenn man Frauen auch in politischen Dingen hören darf, dieser Schönen aus Milet zu erwägen.« »Wenn ich den Worten des Perikles mit meinem Verstande gefolgt bin«, hub der Nachdenkliche in seiner etwas umständlichen Art zu reden an, da alle im Kreise schwiegen, »so hat der große Staatsmann es als eine feststehende Tatsache hingestellt, daß Athen sich bemühen müsse, den Vorrang unter den griechischen Staaten zu behaupten. Auf welchem Wege aber diese Sicherung des Vorrangs erzielt werden könne, dies hat er uns noch zu erwägen anheim gestellt. Zwar hat er die bisherige allgemeine Ansicht, daß der Vorrang eines Gemeinwesens vor dem andern sich allein auf eine gewaltige Kriegsmacht stützen müsse, auch für die seinige ausgegeben. Aber weise wie er ist, unterscheidet er sich von allen früheren Staatsmännern dadurch, daß er noch andere Mittel für möglich zu halten scheint; denn wenn er solche nicht für möglich hielte, wie hätte er uns zu ihrer Erwägung aufgefordert?« »Bist du es«, sagte Perikles, »der uns solche andere Mittel für den gleichen Zweck angeben kann, so sprich!« »Man müßte«, versetzte der Nachdenkliche, »um diese Mittel zu erfahren, solche Personen fragen, welche erwiesenermaßen sich darauf verstehen, andern den Vorrang abzugewinnen und die Menschen ohne Anwendung von Gewalt aufs schönste und beste zu unterwerfen und zu beherrschen. Man müßte eben wieder die schöne Milesierin befragen.« Die Fremde warf lächelnd einen Blick auf den Nachdenklichen, und dieser fuhr in seiner gewohnten Redeweise, zu ihr gewendet, fort: »Du hast gehört, daß wir erwägen, ob ein Gemeinwesen vor dem andern nur durch Kriegsgewalt und Schätze sich den Vorrang sichert, oder auch noch durch etwas anderes in der Welt, etwa durch die Pflege des Schönen und des Guten und jeder inneren Trefflichkeit. Du zählst nun zu denjenigen, welche sich darauf verstehen, andern den Vorrang abzulaufen und die Menschen ohne Gewalt aufs schönste und beste zu beherrschen. Willst du uns nicht sagen, wie du das anstellst?« »Was uns Frauen betrifft«, versetzte die Milesierin lächelnd, »so kann ich nur sagen, daß es auf ein gewisses Maß von Wohlgestalt ankommt, und auf die Art sich zu kleiden, und auf die Kunst, anmutig zu tanzen oder bezaubernd die Zither zu spielen und was man sonst noch für Künste des Gefallens unterscheidet.« »So weit es sich um Frauen handelt, wäre also die Frage gelöst!« sagte Perikles. »Wie aber? sollen auch wir Athenäer die Sparter und alle Inselbewohner und Asiaten durch Prunkgewänder und Wohlgestalt und anmutige Tänze und Zitherspiel zu unterwerfen und uns aufs schönste und beste zu beherrschen suchen?« »Warum nicht?« versetzte die Milesierin. Dieses dreist hingeworfene Wort verblüffte die Männer. Das reizende Weib aber fuhr fort: »Jenes Gemeinwesen wird vor allen am meisten zu Macht und Ansehen gelangen, wo man am anmutigsten zu tanzen, am schönsten die Zither zu spielen, am besten zu bauen, zu meißeln und zu malen versteht, und wo die trefflichsten Poeten gedeihen!« »Du scherzest!« sagten einige von den Männern. »Durchaus nicht!« erwiderte lächelnd die Schöne. »Wenn man näher zusieht«, sagte Hippodamos, »so scheint die schöne Milesierin mit ihrer kühnen Behauptung, die uns im ersten Augenblick lächeln machte, nicht völlig unrecht zu haben. In der Tat! Wenn die Schönheit nun einmal das Siegreiche in der Welt ist, warum sollte nicht auch ein Volk durch den Reiz des Schönen andern den Vorrang ablaufen, Ruhm, Bewunderung, Liebe, unberechenbaren Einfluß gewinnen, ganz wie eine schöne Frau?« »Wenn nur die rückhaltlose Pflege des Schönen«, versetzte Perikles, »die Gemüter nicht weichlich und weibisch machte!« »Weichlich und weibisch?« rief die Milesierin; »ihr Athener seid es zu wenig. Gibt es nicht viele bei euch, welche euer Gemeinwesen ganz nach der düstern und rauhen Art der Sparter gestalten möchten? Es ist unrecht, zu sagen, daß das Schöne die Menschen verderbe. Das Schöne macht die Bürger heiter, zufrieden, fügsam, opferwillig, begeisterungsfähig. Was könnte beneidenswerter sein, als ein glücklich Volk, zu dessen Festen von nah' und fern die Menschen strömen? Laß den finstern, rauhen Sparter sich verhaßt machen: Athen wird salbenduftig und blumenbekränzt, wie eine Braut, sich die Herzen erobern!« »Du meinst also«, sagte Perikles, »daß die Zeit schon gekommen, in welcher wir das Schwert aus der Hand legen dürfen, um uns dem Schönen und allen Künsten des Friedens hinzugeben?« – »Gestattest du mir, es auszusprechen, o Perikles«, sagte die Fremde, »wann es nach meinem Bedünken Zeit ist, das Schöne zu schaffen?« »Sprich!« versetzte Perikles. »Die Zeit, Großes und Schönes zu schaffen«, sagte die Milesierin, »ist dann gekommen, meine ich, wenn die Männer da sind, welche berufen sind, es zu schaffen! – Jetzt habt ihr den Pheidias und die anderen Meister: wollt ihr mit der Ausführung ihrer Gedanken zögern, bis sie tatlos gealtert? Leicht findet ihr das Gold, um Schönes zu bezahlen, aber nicht immer die Männer, es auszuführen!« Lauter und allgemeiner Beifall erscholl bei diesen Worten im ganzen Kreise. Es gibt Blicke, es gibt Worte, die dem zündenden Blitze ähnlich in eine Menschenseele fallen. Des Perikles Seele war von einem solchen Blicke und einem solchen Worte zugleich getroffen worden. Der zündende Blick war aus dem bezauberndsten Auge, das zündende Wort von der bezauberndsten Lippe gekommen. Der Macht des Wortes war Perikles sich bewußt; des Blickes Gewalt aber durchzuckte ihn mit einer süßen Flamme, aus deren Gluten er mehr, als er selbst es wußte, verwandelt hervorging. Sein Auge begann Heller zu leuchten, und er wiederholte vor sich hin die Worte der Fremden: »Die Zeit, Schönes zu schaffen, ist dann gekommen, wenn die Männer da sind, welche im stande sind, es zu schaffen!« – »Ich muß gestehen«, fuhr er fort, »dies Wort ist eines von den einleuchtenden und schlagenden. Einen besseren Anwalt konnte das, was uns allen am Herzen liegt, nicht finden. Ich glaube, du hast mich und alle, die hier sind, überzeugt. Indessen, es wäre dir nicht so leicht gefallen, schöne Fremde, wenn das, was du sagtest, nicht schon im Hintergrunde unserer Herzen geschlummert hätte. Aber willst du es mir vergönnen, daß ich mich nicht ganz und gar überwunden gebe? Willst du dich mit mir in einen gütlichen Vergleich einlassen? Ich denke, wir werden uns bemühen, unser Athen kriegstüchtig und mächtig, wie es ist, zu erhalten; aber du hast recht, wir dürfen auch nicht länger aus ängstlichen Rücksichten zögern, das zu tun, wofür die Zeit nun gekommen, weil, wie du uns zu bedenken gegeben, Männer da sind, die, wenn sie dahingegangen, niemals wiederkehren werden! – Dank' es dieser Schönen, Pheidias, wenn meine Bedenken geschwunden, und wenn ich dir und den Deinigen, welchen, wie uns Alkamenes zurief, der Meißel in den Händen brennt vor Ungeduld, die Schranken zu öffnen gelobe, damit ihr hingeht, wie ein begeistert Heer in die Schlacht, Zertrümmertes wieder aufzurichten und Schöneres, Herrlicheres, wovon ihr lange geträumt, neu zu begründen. Sehet, nicht wenig ist geschehen, um unser Athen zu befestigen. Die Hafenstadt ist neu gestaltet, die mittlere Mauer nahezu vollendet. Eine geräumige Ringschule für die athenische Jugend zu erbauen, war seit längerer Zeit mein Gedanke; auch den musischen Künsten, der Ton- und der Dichtkunst, will ich eine würdige Stätte errichten. Mit prangenden Göttertempeln aber und mit herrlichen Standbildern krönen wir geziemend das Werk der Erneuerung, das im Piräus unten begonnen worden.« Freudiger Beifall scholl bei diesen Worten des Perikles aus den Reihen der Bildner und der übrigen versammelten Männer. »Mahnend ragen die Riesensäulen des Tempels«, fuhr Perikles fort, »welchen Peisistratos dem olympischen Zeus zu erbauen begonnen, und an welchen seit dem Sturze des Gewaltigen niemand wieder die Hände gelegt hat. Wär' es nicht billig, diesen zuerst zu vollenden?« »Nein!« rief lebhaft der volksfreundliche Ephialtes. »Das hieße den Ruhm des Feindes der Volksfreiheit verewigen. Mag ein Tyrann vollenden, was ein Tyrann begonnen hat! Das freie Volk der Athener läßt das Denkmal des Peisistratos in seinen Trümmern liegen, zum Zeichen, daß kein Göttersegen ruht auf den Werken der Despoten!« – »Ihr habt den Volksfreund Ephialtes gehört«, sagte Perikles, »und wenn ihr den Ephialtes gehört, so habt ihr das gesamte Volk der Athenäer gehört. – Auf der Akropolis oben steht das uraltehrwürdige Heiligtum des Erechtheus und der Stadtgöttin Athene, halb zerstört und nur notdürftig nach dem Perserkampfe für den Götterdienst wieder hergestellt« – »Dort hausen die Eulen!« rief der freigesinnte Kallikrates, »Alt und düster sind dort die Tempelräume, alt und düster die Priester, und selbst die Götter sind dort vom alten düstern Moder angefressen.« »So bauen wir den Tempel licht und heiter wieder auf!« sagte Perikles. »Dann wird Pheidias zur Muße verdammt sein«, versetzte Kallikrates; »du weißt, niemals darf das uralt-heilige, vom Himmel gefallene Holzbild der Athene Polias im Tempel des Erechtheus durch ein anderes ersetzt werden – niemals darf es in seiner Unförmlichkeit verändert, sondern immer nur mit neuem Flitter behängt werden!« »5o lassen wir die alten Priester mit ihren alten Göttern in den alten Tempeln hausen«, erwiderte Perikles, »und sprechen wir mit Pheidias, damit er uns erzähle, was er mit wachen Augen träumt, wenn er seinen Blick auf die Akropolis richtet!« – Pheidias stand in Gedanken. Perikles trat zu ihm und sagte, seine Schulter berührend: »Sinne du nur – rüttle sie auf, die großen Gedanken in deinem Haupt, so viel ihrer sind, denn ihre Zeit ist gekommen!« – Pheidias lächelte, dann sagte er mit glänzenden Augen: »Iktinos hier mag dir erzählen, wie oft ich die Fläche des Burgberges und seine Felsterrassen mit ihm abgeschritten – wie wir maßen und rechneten und heimliche Pläne schmiedeten, nicht wissend, wann die Stunde kommen würde, sie zu verwirklichen« – »Und welche Pläne waren das?« fragten die Männer. Pheidias verkündete, was still seit langer Zeit in seinem Gemüte gereift war. Begeistert hörten sie ihn. »Aber wird nicht«, fragte einer der Männer, »ein solches Werk, wie schon einmal, vereitelt werden vom Neide der Erechtheuspriester auf der Burg?« »Wir werden über diesen Neid triumphieren!« rief Ephialtes. »Der Schatz von Delos«, sagte Perikles, »soll hinterlegt werden zu den Füßen der Göttin – im Hinterhause des Tempels soll er geborgen werden: und so soll auf leuchtender Höhe des Burgfelsens derselbe Raum die Unterpfänder der Macht und Größe Athens vereinigen!« Mit begeistertem Zurufe erwiderten die Anwesenden die letzten Worte des Perikles. Dieser aber, wie sich plötzlich besinnend, begann wieder, mit einem Blicke auf den Lorbeerzweig und die Rose in den Händen der Schönen: »Manches ist hier entschieden worden, nur nicht der Wettstreit des Alkamenes und des Agorakritos. Welcher dieser beiden Aphroditen gibt wohl die schöne und weise Fremde den Vorzug?« »Ist auch dies hier eine Aphrodite?« fragte die Milesierin, auf das Werk des Agorakritos blickend; »ich habe sie für eine strengere Göttin gehalten, etwa für eine Nemesis« – Agorakritos, der die Zeit über finster und grollend abseits auf einem Steinblock gesessen, lächelte bitter und wie höhnisch bei diesem Worte. »Eine Nemesis?« wiederholte Perikles, »in der Tat, die Bezeichnung ist treffend. Ist Nemesis nicht die strenge Göttin des Maßes, dessen Ueberschreitung immerdar sich rächt? Nun, in diesem Werke des Agorakritos scheint in der Tat alles Daseins ernstes, strenges Gesetz und Maß lebendig verkörpert. Die Schönheit dieser Göttin ist fast drohend, fast erschreckend. Im übrigen – sind Kypris, die Göttin des holden Maßes, und Nemesis, die Richterin des überschrittenen Maßes, nicht von Anbeginn ein wenig verwandt? Wenn es sich nun so verhält, daß die Athener eine Aphrodite im Bezirk der Gärten aufstellen wollen, und nur Alkamenes eine Aphrodite gemeißelt, so können wir auch nur diese im Bezirk der Gärten aufstellen. Das Werk des Agorakritos aber, welches eine herrliche Nemesis vorstellt, werden wir mit seiner Erlaubnis, denke ich, im Tempel dieser Göttin zu Rhamnos aufrichten. Leicht ist es dem Bildner, ihr noch einige äußere Kennzeichen und Symbole anzufügen.« »Das werde ich!« rief der finstere Agorakritos mit einem dunkelerglühenden Blicke. »Zur Nemesis soll sie werden, meine kyprische Göttin!« – – »Wem also, schöne Fremde«, sagte Perikles, »wem wirst du nun den Lorbeer, und wem die Rose reichen?« – »Beides dir!« erwiderte die Milesierin. »Von diesen beiden ist keiner Sieger und keiner besiegt. Und in diesem Augenblicke ziemt es sich, alle Kränze niederzulegen in die Hand des Mannes, welchem es diese verdanken, wenn ihnen die Bahn eröffnet ist, nach den edelsten Kränzen zu ringen!« Damit reichte sie Lorbeer und Rose dem Perikles. Die leuchtenden Blicke der beiden begegneten sich, flammten einen Moment bedeutungsvoll ineinander. »Ich werde«, sagte Perikles, »den Lorbeer unter die beiden Jünglinge teilen, die duftige, wonnige Rose aber zu eigen behalten.« Er brach den Lorbeerzweig in zwei Stücke und verteilte sie unter die beiden. Dann sagte er, im Kreise umhersehend: »Ich glaube nun keinen Unzufriedenen hier mehr zurückzulassen. Nur der Nachdenkliche dort scheint mir noch mit einer gewissen Unruhe und mit ernster Miene vor sich hinzublicken. Hast du noch ein Bedenken, Weisheitsfreund?« »Ich befragte vordem«, erwiderte der Angeredete, »die schöne Milesierin in eurem Namen, ob bloß durch Gold und Kriegsmacht oder etwa auch durch die Pflege des Schönen, des Guten und alles Trefflichen ein Gemeinwesen andern den Vorrang abgewinnen könne. Bezüglich des Schönen hat uns die Milesierin bewiesen, daß es sich zu diesem Zwecke vorzüglich eigne. Ich möchte nun aber wissen, ob es sich auch bezüglich dessen, was ich sonst noch genannt habe, des Guten und alles innerlich Trefflichen, so verhalte« ... »Ich denke«, sagte die Milesierin, »daß das Gute eins ist mit dem Schönen: sollte es aber dies nicht sein, sondern demselben widerstreiten, dann, glaube ich, würde es für jenen Zweck entbehrlich sein.« »Denkst du uns auch die Beweise dafür anzugeben?« fragte der Nachdenkliche. »Beweise?« versetzte die Milesierin lächelnd; »ich weiß nicht, ob es Beweise dafür gibt. Wenn mir welche beifallen, so werde ich sie dir sagen.« »Ganz recht!« fiel Perikles ein; »wir wollen diese Erörterung auf ein andermal verschieben.« Der Nachdenkliche zuckte die Achseln und ging hinaus. »Er scheint nicht ganz zufrieden, dieser Wunderliche!« bemerkte Perikles. »Nein«, versetzte Alkamenes; »ich kenne ihn; er gibt sich den Anschein großer Bescheidenheit, aber es wurmt ihn sehr, wenn man ihm die Zügel der Unterredung entwindet, und wenn die Erörterung nicht haargenau an jenes Ziel gelangt, welches er derselben heimlich gesteckt hat. Doch sein Groll geht vorüber; er ist eine gutgeartete, versöhnliche Seele.« »Wie nennt er sich doch, der weisheitsfreundliche Sonderling?« fragte Perikles. »Sokrates, des Sophroniskos Sohn!« erwiderte Alkamenes. »Und die schöne Fremde, von welcher wir heute so viel gelernt, wie nennt sie sich?« fuhr Perikles fort. »Aspasia!« sagte Alkamenes. »Aspasia?« rief Perikles. »Der Name ist weich und süß; er zerschmilzt wie ein Kuß auf der Lippe.« II. Frau Telesippe. n wachen Gedanken hatte Perikles seit der Zusammenkunft der Männer im Hause des Pheidias die Nächte hingebracht. Ihn beschäftigte der Schatz von Delos, mit welchem eine neue Zeit für die Macht und Herrlichkeit der Athener gekommen; der Nachklang jener Gespräche, welche im Hause des Pheidias geführt worden waren, hallte beständig in seiner Seele wider, und schloß er, dem Wirbel dieser Gedanken sich zu entziehen, die Augen, so führte ein halbwacher, flüchtiger Traum ihm das anmutreiche Bild der Milesierin zurück, und der feuchte, aphrodisische Glanz ihrer bezaubernden Augen durchstrahlte ihm die Tiefen der Seele. Mancherlei Pläne, seit langer Zeit erwogen, gärten in Perikles. Schwankende Gedanken befestigten sich allmählich in ihm, und Entschlüsse sprengten über Nacht, wie Rosen, die Knospe. Sinnend saß er eines Morgens in seinem Gemache. Da kam, ihn zu besuchen, sein Freund Anaxagoras. Seit den ersten Jugendtagen mit dem weisen Klazomenier vertraut, war Perikles so manche Morgenstunde noch immer beschäftigt, mit der offenen, feurigen Seele des Griechen die neuen Offenbarungen in sich aufzunehmen, wie sie kühne Denker jetzt, vor allen Anaxagoras selbst, über kindliche Anschauungen der Väter sich erhebend, aus der Tiefe des sich auf sich selbst besinnenden Geistes zu schöpfen begannen. Heut aber merkte der weltweise Mann eintretend sogleich, daß Gedanken andrer Art seinen Freund gefangen hielten; er fand den sonst würdevoll Gefaßten erregt und sein Auge von jenem matten Feuer leuchtend, das eine in Gedanken durchwachte Nacht verrät. »Ist das Volk heute zu einer Versammlung von Wichtigkeit auf den Hügel der Pnyx berufen?« fragte der Greis, dem Olympier ins Antlitz blickend; »ich erinnere mich, nur bei solcher Gelegenheit dich so nachdenklich getroffen zu haben.« »In der Tat versammelt sich heute das Volk«, sagte Perikles, »und wichtige Dinge sind es, die ich da zu betreiben mir vorgesetzt habe. Mir bangt, ob ich durchdringen werde ...« »Du bist Stratege«, erwiderte Anaxagoras, »du bist Verwalter der öffentlichen Einkünfte, du bist Leiter der öffentlichen Bauten, du bist Ordner der öffentlichen Feste, du bist – die Götter wissen, wie sie alle heißen, die Aemter und Würden, welche die Athenäer dir mit ordentlichen und außerordentlichen Vollmachten immer wieder von neuem übertragen; gleichviel: du bist, was das allein Wichtige ist und in einem Freistaate die Hauptsache – du bist der große Redner, welchen sie den »Olympier« nennen, weil mit dem Donner deiner Rede eine Art Herrschergewalt verknüpft ist, wie mit dem Donner des Zeus. Und du bist ängstlich?« »Ich bin es!« versetzte Perikles, »und ich versichere dich, daß ich niemals den Rednerstein der Pnyx besteige, ohne insgeheim die Götter anzurufen, damit meinen Lippen kein unbedachtes Wort entfahre, und damit ich nie einen Augenblick vergesse, daß es Athener sind, zu welchen ich spreche. Du weißt, wie ungeduldig das Volk zuletzt schon geworden, als ich es immer wieder veranlaßte, neue Geldmittel zur Errichtung der mittleren langen Mauer und zur Erneuerung des Piräus zu bewilligen. Und nun hat mich Pheidias beschwatzt, mich mit neuen großen Plänen angesteckt. Sein und der Seinigen gärender Drang soll nicht länger gezügelt, unser Athen soll mit den lang bedachten Werken dieser Männer geschmückt und vor dem ganzen übrigen Hellas verherrlicht werden. Du weißt, ich gehöre zu denjenigen, welche Neues nur mit Bedacht ergreifen, das Ergriffene aber festhalten und mit feurigem Mute betreiben. Und so habe ich auch in dieser Sache mich anfangs viel bedacht; jetzt aber bin ich im stillen vielleicht schon heißer entbrannt als Pheidias selbst und die Seinigen.« »Ist das Volk der Athener nicht warm beseelt, nicht kunstliebend?« sagte Anaxagoras. »Und ist nicht der reiche Schatz von Delos angekommen?« »Ich fürchte das Mißtrauen«, erwiderte Perikles, »welches geheime und offene Gegner säen. Die Partei der Oligarchen ist nicht ganz überwältigt. Auch weißt du, daß es Lakonerfreunde gibt und solche, die dem Lichte und allem Heiter-Schönen abhold sind. Hast du es doch selbst erfahren, seit du zwischen den Säulen der Agora zuerst hervorgetreten, um uns Athenäern die Botschaft der reinen, freien, geistgebornen Wahrheit zu verkündigen. Indessen ich werde heute einen Trumpf ausspielen, der vorerst mir die Menge völlig verpflichtet. Es gibt arme Bürger, die von der Hand in den Mund leben, und die morgen hungern müssen, wenn sie heute ihre Arbeit ruhen lassen, um ihre Bürgerpflicht nicht zu versäumen, in die Volksversammlung gehen. Warum sollten sie nicht mit ein paar Obolen aus der Staatskasse entschädigt werden? Auch die armen Bursche dauern mich, die gern den öffentlichen Schauspielen beiwohnen möchten, aber das Eintrittsgeld nicht aufbringen können. Sie sollen von Staats wegen hingehen dürfen, um sich an den Werken der Poeten unvermerkt zu bilden und zu veredeln, während sie bloß ihrem Vergnügen nachzugehen glauben. Und jene guten alten Käuze, welche zu Tausenden aus dem Volke ausgelost und den vielen Gerichtshöfen als Beisitzer zugeteilt werden, sie sollen künftig nicht mehr ohne Entgelt den langen Tag verlieren, um die zahllosen Streithändel ihrer Mitbürger im Schweiße ihres Angesichts zu schlichten. Athen ist reich, neue goldene Quellen rauschen um uns und ergießen sich von den Ländern der Bundesgenossen her in unseren Staatsschatz. Ein großer Ueberschuß ist in den Kassen. Ich habe mich gefragt: soll er als Hort der Zukunft zurückgelegt werden, oder soll er der Gegenwart zu gute kommen? Ich glaube, daß die Gegenwart auf ihn ein größeres Recht hat. Das Volk soll die Frucht seiner Siege und seines Aufschwunges genießen, es soll frei und glücklich sein; ein schönes, beneidenswertes, menschenwürdiges Dasein soll in unserm göttergeliebten Athen begründet werden.« »Ich habe den würdevollen Perikles öfter schon aufwallen sehen in solch edler Glut«, bemerkte Anaxagoras, »aber diese heutige Aufwallung scheint mir stärker zu sein als alle früheren.« »Ich danke den Göttern«, erwiderte Perikles, »daß sie mir zur Besonnenheit der Erwägung das rasche Feuer des Entschlusses und den zähen Mut der Ausführung gegeben. Bist du etwa unzufrieden mit mir? Scheine ich dir allzuweit zu gehen in meinen Entwürfen oder in meinen Rücksichten auf das freilich immer unberechenbare und zuweilen undankbare Volk?« »Laß es mich offen gestehen«, erwiderte der Greis, »ich befasse mich nicht mit Politik. Ich bin kein Athener, ich bin vielleicht nicht einmal ein Hellene, sondern Weltbürger, Philosoph. Mein Vaterland ist der unendliche Weltraum.« »Aber du bist weise«, sagte Perikles, »und kannst das Tun der Staatsmänner beurteilen, ob es zum guten oder zum bösen ausschlagen wird.« »Davor werde ich mich hüten!« rief Anaxagoras. »Nicht bloß die Poeten, auch die Staatsmänner folgen unwissend einem Götterwink, sind von einem Dämon besessen, der sie begeistert und schier unbewußt sie treibt zu dem, was für den Augenblick wahrhaft nötig und nützlich. Vorschnell urteilen und irren wird oft der gemeine Menschenverstand, wenn es sich um das Tun gottbegeisterter Staatsmänner handelt. Ich habe mich in die Tiefen der Natur versenkt und überall den Geist in ihr waltend gefunden! Der Geist aber, er ist unfehlbarer und mächtiger im Schaffen und Wirken als im Urteilen ...« So besprachen sich vertraulich die beiden Männer im Gemache des Perikles. In diesem Augenblicke aber trat ein Sklave herein, von des Perikles Gattin Telesippe gesendet. Eine wunderliche Botschaft war es, mit welcher dieser Sendling kam von der waltenden Herrin des Hauses. Vom Landgute des Perikles war der Schaffner diesen Morgen hereingekommen und hatte einen jungen Widder mitgebracht, der auf besagtem Gute zur Welt gekommen, und dem statt zweier Hörner nur eines sproßte mitten auf der Stirn. Dies Tier nun hatte der Schaffner soeben, nicht ohne ängstliche Bedenken, seiner Herrin vorgewiesen. Telesippe, eine Frau von frommen Gesinnungen, hatte rasch nach dem Seher Lampon gesendet, damit er sofort das Wunderzeichen deute. Nun rief sie den Gemahl, daß er komme, um das seltsame Gebilde mitanzusehen und den Ausspruch des Sehers mit ihr zu vernehmen. Perikles hörte die Erzählung des Sklaven an und sagte dann gutmütig zu dem Freunde: »Laß uns der Frau den Willen tun und hinausgehen, um den einhörnigen Widder anzustaunen.« Anaxagoras erhob sich und folgte willig dem Perikles. Sie traten hinaus ins Peristyl des Hauses. Das Haus des Perikles war einfach. Es war nicht größer, nicht reicher ausgeschmückt als das eines andern athenischen Bürgers von bescheidenen Mitteln. Es war einfach wie die Lebensweise des Eigentümers. In einem Freistaate muß der einflußreichste Mann einfach leben, wenn er sich gegen das Mißtrauen seiner Mitbürger behaupten will. Aber auch ohne Berechnung und Absicht wird ein Mann, der rastlos sich dem Gemeinwesen widmet, sein eigenes Hauswesen immer ein wenig vernachlässigen. Einfach und schmucklos war auch das Peristyl im Hause des Perikles. Aber es mangelte nicht des traulichen Reizes, der mit diesem eigentümlichsten, anmutendsten Teile des Hauses, diesem saalartigen, von Säulen umgebenen kleinen Hofe überall verbunden war. Fand man sich hier doch im Innersten und unter freiem Himmel zugleich. Abgeschlossen war man da von allem Lärm der Außenwelt und doch im Verkehr mit den frischen Lüften des Himmels, die von oben hereinwehten, mit Sonne, Mond und Sternen, die ungehindert aus der Höhe ihr Strahlengold in die Marmorhalle warfen. Die Schwalben flogen vertraulich zwitschernd aus und ein und bauten ihre Nester an Säulenkapitälern und Simsen. Nicht einladend nach außen, wie der Tempel, sondern nach innen wendete, gleichsam abwehrend, das Wohnhaus seinen Säulenschmuck, um den freien und doch traulich-geborgenen, anmutigen Familienraum zu schaffen. Hier saß man, hier erging man sich, hier empfing man auch wohl die Besucher. Hier nahm man auch zuweilen das Mahl ein. Hier brachte man auch die häuslichen Götteropfer; hier stand des Hauses eigentlicher Herd, der Altar des herdbeschützenden Zeus. Hinter dem Säulengange, der alle vier Seiten des Peristyls umsäumte, reihten sich die Wohngemächer im Hause des Perikles. Die Türen der Gemächer mündeten in denselben. Geschmackvoller Zierat schmückte die Pfosten und Gesimse der Türen; die Oeffnungen derselben waren zum Teil nur durch farbige Teppiche malerisch verhängt. Nach hinten schloß ans Peristyl sich die Frauenwohnung, und hinter dieser lag der kleine wohlumfriedete Garten. Betrat man von der Straße her das Haus, so führte ein Gang, der durch das vordere Gelaß des Hauses lief, geradeswegs ins Peristyl. Auf der Seite des Einganges selbst nun, sowie zur Linken und Rechten des im Viereck sich öffnenden Raumes, liefen die Säulenhallen; auf der Seite jedoch, welche dem Eingange gegenüberlag, grenzte durch ein Pfeilerpaar ein Mittelraum sich ab, der, nach einwärts sich vertiefend, einen nach dem Peristyl hin offenen, auf den drei übrigen Seiten aber von Wänden eingeschlossenen Vorsaal bildete. In diesem Vorsaal stand Telesippe, die Gattin des Perikles, von einigen Sklaven und Sklavinnen umgeben, und neben ihr der Schaffner, der vom Landgute hereingekommen war, mit dem einhörnigen jungen Widder auf den Armen. Telesippe war ein hochgewachsenes Weib, von strengen, nicht unschönen, aber etwas plumpen Zügen. Sie war stattlich und wohlbeleibt, aber ihr Fleisch war nicht mehr blühend. Schlaff hingen die Wangen, schlaff der Busen, schlaff, nachlässig und anmutslos hingen auch die Gewande über ihre Glieder hinab. Ihr Haar war noch ungeordnet, nach hinten zu in einen großen Wulst gebunden. Sie war bleich, denn sie hatte diesen Morgen sich noch nicht geschminkt. Dies Weib, des großen Perikles Gemahlin, war früher dem reichen Hipponikos angetraut gewesen. Dieser trennte sich von ihr, und sie gewann als neuen Gatten den Perikles. Damals war sie noch von jugendlichem Ansehen; mit ihren kühlen, strengen Augen versöhnte die blühende Wange. Als Telesippe, in jenem, nach dem Peristyl hin offenen Vorsaal stehend, ihren Gatten nicht allein, sondern im Geleit des Anaxagoras sich nähern sah, machte sie Miene, vor dem Fremden, wie es die Sitte gebot, sich ins Frauengemach zurückzuziehen. Perikles winkte ihr, zu bleiben. Sie blieb, ober ohne das graue Haupt des Weisen ferner eines Blickes zu würdigen. Sie glaubte Grund zu haben, diesen greisen Freund und Ratgeber ihres Gatten nicht zu lieben. Mit einer Art von Angst blickte sie auf den Widder. »Ich habe den Seher Lampon rufen lassen«, sagte sie; »ich fürchte eine schlimme Vorbedeutung.« In diesem Augenblicke öffnete der Türsteher die äußere Pforte und ließ den Seher ein, der sofort vom Eingang her durch den langen Gang sich näherte. Der Seher Lampon war Priester eines kleinen Dionysos-Heiligtums, das nicht viel abwarf. Er verlegte sich daher auf die Mantik, und zwar mit Glück. Er erfreute sich eines beträchtlichen Rufes bei den Frommgesinnten. Er trug, um seinen Beruf äußerlich anzukündigen, die Priesterbinde um die Stirne und überdies den apollinischen Lorbeer auf dem Haupte. Im übrigen suchte er, nach der Gewohnheit der Männer seines Schlages, durch nachlässiges Gewand, struppigen Bart, wirr flatterndes Haar und einen scheuen, wie verloren schweifenden Blick das Erdentrückte des Sehergemütes anzudeuten. »Dies Wundertier«, sagte Telesippe zu Lampon, »ist auf unserem Landgute geboren und diesen Morgen in die Stadt gebracht worden. Du bist der kundigsten einer unter den Zeichendeutern; deute uns dies Wunder, ob wir es als günstig betrachten sollen oder als verhängnisvoll?« Lampon befahl, den Widder auf den Altar des herdbeschirmenden Zeus zu legen. Eine Kohle glimmte zufällig eben noch auf dem Altare. Lampon riß ein Haar aus der Stirn des Widders und warf es auf die glimmende Kohle. »Das Zeichen ist günstig«, sagte er; »denn das Haar ist verbrannt ohne heftiges Knistern.« Dann wandte er den Blick auf Perikles und beobachtete die Stellung desselben zu dem Widder. Perikles stand zufällig rechts vom Widder. »Das Zeichen ist günstig für Perikles!« sagte der Seher mit gewichtiger Miene, steckte, den Bräuchen der Mantik folgend, ein Lorbeerblatt in den Mund und kaute es, um durch den Genuß des dem Sehergotte geweihten Krautes in den Zustand des heiligen Taumels sich zu versetzen, das rechte Seherwort in hellem, gottbegeistertem Schauen zu finden. Die Augensterne des Sehers begannen sich wie in krampfhaften Zuckungen zu drehen. Plötzlich bog der Widder sein Haupt zur Seite, das Horn in der Mitte seiner Stirn wies geradehin auf Perikles, und er ließ einen eigentümlichen Laut dabei vernehmen. »Heil dir, Alkmäonide!« rief Lampon; »Heil dir, Sohn des Xantippos, des Perserbesiegers bei Mykale, des edlen Sprossen aus dem Geschlechte der Buzygen, der heiligen Palladiumshüter. Heil dir, Sieger von Thrakia, von Phokis, von Euboia! Vordem besaß der Widder Athen zwei Hörner: den Oligarchenführer Thukydides, und Perikles, den Führer der Partei der Volksherrschaft. Fortan aber wird der Widder Athen nur ein einzig Horn auf seiner Stirn haben: beseitigt ist für immer die Partei der Oligarchen, und Perikles allein lenkt mit Weisheit und Hochsinn die Geschicke der Athenäer!« Anaxagoras lächelte. Perikles nahm den Freund beiseite und sagte leise zu ihm: »Der Mann ist schlau; er rechnet darauf, unter die Zeichendeuter mitaufgenommen zu werden, welche mich von Staats wegen in den nächsten Feldzug begleiten.« »Was aber soll mit dem Widder geschehen?« fragte Telesippe. »Dieser«, erwiderte Lampon, »muß so fett als möglich gefüttert und hernach dem Dionysos dargebracht werden. Denn für diesen Gott eignen sich die Böcke als Opfer, wegen des Schadens, den sie den Weinstöcken zufügen; eigentlich die Ziegenböcke – aber Bock ist Bock, und in Ermangelung eines Ziegenbocks ist auch ein Schafbock, wie dieser, dem Gotte nicht mißfällig.« So lautete der Bescheid des Sehers. Er nahm drei Obolen in Empfang als Lohn für seine mantische Bemühung, neigte das Haupt, um welches die Locken wallend hingen, und ging von dannen. »Herrin Telesippe«, sagte Anaxagoras, »wie teuer bezahlt man doch heutzutage die Weisheit! Drei Obolen gibt man für das Orakel eines Bocks, der mit einem einzigen Horne hervortritt, um uns das zu sagen, was ohne Entgelt schon die Eulen Athens in ihren Löchern krächzen!« Telesippe warf dem Sprecher einen zornentflammten Blick zu, den dieser mit der heiteren Miene des Weisen aufnahm. Telesippe machte auch Miene, dem grollenden Blicke eine spitze Bemerkung folgen zu lassen. Da scholl ein Klopfen von der äußeren Türe her. Der Türhüter öffnete, und herein huschte eine Frau, begleitet von einer Sklavin, welche an der Türe zurückblieb. Das Antlitz dieser Frau hatte die Röte, aber auch die Runzeln eines alten Apfels, welcher im langen Liegen eingeschrumpft. Ein leichter Anflug kurzer, dunkler Härchen überschattete die obere Lippe. »Elpinike, die Schwester des Kimon!« sagte Perikles dem Anaxagoras ins Ohr. »Gehen wir auf die Agora; denn gegen diese beiden Frauen zusammen können wir hier im Hause nicht stand halten.« So sprechend zog Perikles den Freund seitwärts in die Säulenhalle und trat mit ihm, nachdem er Elpinike vorbeigelassen, hastig über die Schwelle des Hauses auf die Straße hinaus. Elpinike, die Schwester des Kimon, war ein Frauenwesen sonderlicher Art. Sie war die Tochter des gefeierten Helden Miltiades, die Schwester des nicht weniger berühmten Feldherrn Kimon, und die Freundin des trefflichsten unter den hellenischen Malern jener Tage, des Polygnotos. Sie war einmal schön und rosig gewesen, schön genug sogar, um einen feinsinnigen Bildner zu entzücken. Aber sie mußte Aphroditen gereizt haben, denn durch eine boshafte Laune der Göttin war in ihre Seele kein anderes zartes Gefühl gepflanzt, als die Liebe für ihren Bruder. In ihrer mannweiblichen Brust war kein Verlangen nach Eheglück; sie wünschte nur, ihr Leben lang in der Nähe des Bruders weilen zu dürfen. Da begab es sich aber, daß Kimon durch den Tod seines Vaters Miltiades in eine schlimme Bedrängnis geriet. Miltiades war von den undankbaren Athenern angeklagt und zu einer Geldstrafe von fünfzig Talenten verurteilt worden, und da er bald darauf starb, ohne diese Summe bezahlt zu haben, so ging die Schuld von fünfzig Talenten, den harten Bestimmungen des Gesetzes gemäß, auf seinen Sohn Kimon über. So lange Kimon diese fünfzig Talente nicht entrichtete, war er bürgerlich ehrlos. Aus Liebe zu ihrem Bruder hatte Elpinike unvermählt bleiben wollen; aus Liebe zu ihrem Bruder vermählte sie sich jetzt. Um den Preis ihrer Hand tilgte ein gewisser Kallias die Schuld des Kimon. Dieser Kallias starb nach einiger Zeit, und Elpinike suchte ungesäumt das Haus des Bruders wieder auf. Von der Belagerung und Unterwerfung der Insel Thasos brachte Kimon den Maler Polygnotos, einen geborenen Thasier, mit nach Athen zurück. Kimon hatte des Jünglings Begabung erkannt, gewann ihn lieb und wünschte seiner Kunst ein weiteres und würdiges Feld zu eröffnen. Durch seine Vermittlung erhielt Polygnotos von den Athenern den Auftrag, den Tempel des Theseus mit Gemälden zu schmücken; auch malte er auf der Agora in der großen Halle, welche nach eben diesem Farbenschmuck die »bunte« oder die »gemalte« genannt wurde, Scenen aus der Eroberung Trojas. Beständig ein- und ausgehend im Hause seines Freundes und Gönners Kimon, entbrannte der Jüngling in Liebe für Elpinike, und als das Gericht der griechischen Helden über die Gewalttat des Ajas an der Kassandra in jener Halle fertig gemalt war, da trug unter den gefangenen troischen Frauen die schönste von Priamos' Töchtern, Laodike, die Züge der Schwester Kimons. Elpinike war nicht undankbar für diese Huldigung. Sie versagte zwar dem Künstler Herz und Hand, aber sie schenkte ihm ihre Freundschaft. Seitdem waren viele, viele Jahre verflossen, aber das Freundschaftsbündnis dieser beiden währte noch immer, nachdem Kimon gestorben und Elpinike, wie Polygnotos, alt geworden. Ja, Elpinike war alt geworden, und zwar, ohne es zu wissen. Nur eine ganz kurze Zeit ihres Lebens, und wider ihren Willen, vermählt, den ganzen Rest ihrer Tage hindurch der unfruchtbaren Schwärmerei einer schwesterlichen Liebe hingegeben, hatte sie, obgleich Witwe, doch in ihrem Wesen jenes Wunderliche ausgebildet, welches gattenlos gealterte Jungfrauen kennzeichnet. Altjüngferlichen Frauen aber ist eben dieses eigen, daß ihnen nicht aufwachsende Sprößlinge als Marksteine der vorrückenden Zeit, als Meilenzeiger ihrer Lebenswanderung dienen, daß also das Alter sich ihnen unvermerkt nähert. Sie fühlen sich von innen ewig jung. Diese Mischung von innerer Jugend und äußerem Alter drückt ihnen vor der Welt erst leise, allmählich aber immer stärker den Stempel des Lächerlichen auf. So war auch Epinike alt und lächerlich geworden, ohne es zu merken. Der hohe Preis, mit welchem Kallias ihre Hand bezahlte, die Huldigung, welche ihr der Farbenkünstler darbrachte, und anderes dieser Art hatte sie eitel gemacht auf ihre Schönheit. Sie blieb noch eitel, als das, worauf sie eitel war, schon längst dahingeschwunden. Sie glaubte, sie sei noch immer wie Polygnotos sie gemalt als die schönste von Priamos' Töchtern. Denn sie war unverheiratet, sie hatte keinen Gatten, der ihr sagte: »Du bist alt!« – Der sanfte, ruhige, ehrenfeste Polvgnotos wollte und konnte ihr dies auch nicht sagen. Er war Hagestolz geblieben und brachte die etwas steife, aber wohlgemeinte Huldigung eines alten Junggesellen der einstigen Erkorenen seines Herzens unverändert dar. Ihr Bruder Kimon war einige Zeit vor seinem Tode von den Athenern verbannt worden. Seine Anhänger bemühten sich, ihm die Erlaubnis zur Heimkehr beim Volke zu erwirken. Sie fürchteten aber den Einfluß des jungen Perikles, dessen Stern im Aufgehen war, und dem die Fernhaltung seines älteren Nebenbuhlers gewiß nur Vorteil bringen konnte. Da faßte Elpinike, abenteuerlichen Geistes, wie sie immer gewesen, einen kühnen Plan, um auch diesmal für das Heil ihres Bruders entscheidend einzuschreiten. Sie schminkte sich und salbte sich, warf sich in ein Prunkgewand und ging zu Perikles. Sie wußte, daß der große Staatsmann nicht unempfindlich sei für weibliche Reize. Sie wollte vor ihn treten mit dem durch Kunst erhöhten Zauber einer Gestalt, die den Kallias entzückte, den Polygnotos begeisterte. Sie ging zu Perikles, um ihn zu veranlassen, daß er den olympischen Donner seiner Rede in der Volksversammlung zurückhalte, wenn der Antrag auf Zurückberufung des Kimon vorgebracht würde. Als Perikles das wunderliche, grell geputzte, salbenduftige Weib vor sich stehen sah, mit einer Art von Siegeszuversicht im Angesicht, merkte er, daß es mit diesem Schritt auf die Empfänglichkeit seines Herzens abgesehen sei. Er wußte, daß er im Ruf einer solchen Empfänglichkeit stehe, und dies erregte seinen Aerger. Es wurmte ihn, daß ein solcher Ruf sich befestigte, trotz seines ernsten, würdevollen Wesens. Und nun kam noch die gealterte Elpinike und vermaß sich, ihn mit den kahlen Resten ihrer Schönheit fangen zu wollen! Perikles war sanftmütig von Natur. Aber daß das grellgeputzte Weib mit dem Bartflaum über der Lippe es für eine so leichte Sache nahm, den Schönheitsfreund zu bezaubern, das machte nach Kronions verborgenem Ratschluß diesen mildgesinnten Mann für einen Augenblick zum Tyrannen. Er sah die Fürsprecherin eine Zeitlang schweigend an, musterte ihren Putz, dann ihr Gesicht und sagte zuletzt sehr ruhig: »Elpinike, du bist alt geworden!« Er sprach diese Worte im sanftesten Tone. Und doch waren sie boshaft. Sie sind die einzige Bosheit, welche die Ueberlieferung von Perikles, dem Olympier, berichtet. Ein heimlicher Schauer überlief ihn selbst, als er das verhängnisvolle Wort gesprochen. Er ahnte, daß es eines von denjenigen sei, deren Folgen Klios Griffel zu verzeichnen hat. Von dem Worte: »Epinike, du bist alt geworden!« konnte eine Schicksalswendung des Perikles, Athens, des ganzen Hellas ihren Anfang nehmen... Bürgerkrieg, Persereinfall, Blut, Jammer, Tränen, Unheil jeder Art, des Hellenenvolkes Untergang konnte aus diesem Worte hervorwachsen. Denn was vermag nicht ein Weib, zu dem man gesagt hat: Du bist alt? – Und der Gutmütigste aller Hellenen hatte dies herbste aller Worte gesprochen! Elpinike zuckte zusammen, warf einen grollenden Blick auf Perikles und ging. Aber was half es dem guten Rufe des Perikles, daß er die gefallsüchtige Elpinike so wenig höflich behandelt hatte? Verdarb der Gutmütige nicht alles wieder dadurch, daß er geschaudert hatte vor dem ihm entschlüpften herben Worte, daß er es bereute, und daß er auf der Pnyx es gut zu machen suchte? Denn als das Volk versammelt war und der Antrag auf die Zurückberufung des Kimon gestellt wurde, und alles auf Perikles blickte, in der Erwartung, daß er heftig dagegen sprechen werde, er aber schwieg und ins Blaue sah, als ob ihn die Sache nichts kümmerte, so daß die Anhänger Kimons gewonnenes Spiel hatten, da lachten die Athener, und einer flüsterte dem anderen mit schlauem Blinzeln zu: »Da sehe doch einmal einer die alternde Elpinike! Aufgedonnert ist sie zu Perikles gegangen, und der Weiberfreund hat richtig angebissen – angebissen auf den ranzigen Köder!« – Armer Perikles! – Nach des Kimon Tode zürnte Elpinike der Welt, daß sie ohne Kimon ihren Gang so weiter gehe. Nun haßte sie den Perikles und die neue Zeit noch mehr. Ihre Rede war immer gewürzt mit Ausdrücken, wie: »Mein Bruder Kimon pflegte zu sagen«, oder: »Mein Bruder Kimon pflegte dies oder jenes zu tun«, oder: »Mein Bruder Kimon hätte in diesem Falle so und so gehandelt.« War schon Kimon ein Lakonerfreund gewesen, ein Mann, der seine Sympathien für Sparta so wenig verheimlichte, daß er einem seiner Söhne den Namen Lakedaimonios gab, und der in seinem ganzen Wesen mehr von einem spartanischen Haudegen an sich hatte, als von einem musisch gebildeten, feinen und beweglichen Athener, so konnte es niemand wundern, daß seine mannweibliche Schwester die Lakonerfreundschaft bis zum Zerrbild übertrieb. Sie diente der Partei, welche jedem freien und heiteren Aufschwunge des attischen Wesens abhold war, durch den Eifer, mit welchem sie das Familienleben der Gegner überwachte. Sie war gerade mit jenen Frauen am vertraulichsten befreundet, deren Männer sie haßte. So mit Telesippe, der Gattin des Perikles. Immerhin aber erschien dies wandelnde Denkmal der guten alten Zeit, diese altjüngferliche Freundin des im stillen gleichfalls mißvergnügten Hagestolzen Polygnotos, nicht durchaus unholden und widerwärtigen Wesens. Sie war boshaft und wohlmeinend, tückisch und ehrlich, gravitätisch und beweglich, lächerlich und ehrwürdig zugleich. So geartet also war das Frauenwesen, vor welchem Perikles und sein Freund, der weise Anaxagoras, in solcher Eile die Flucht ergriffen, als sie kam, ihre Freundin Telesippe zu besuchen. Telesippe half den mageren Leib der Schwester des Kimon aus dem mantelartigen Himation loswickeln, mit welchem Elpinike, als eine züchtige Athenerfrau, wenn sie über die Straße ging, nicht bloß ihren Oberleib, sondern auch ihr Haupt bis auf Mund und Augen zu umhüllen pflegte. Dann rückte Telesippe einen Stuhl zurecht, legte ein Kissen darauf und hieß ihre Freundin niedersitzen. Elpinike war sehr reinlich und mit einer gewissen altväterischen Sorgfalt gekleidet. Nicht weniger sorgfältig war ihr Haar geordnet. Auch paßte der Haarputz vortrefflich zum Wesen der Trägerin. Der Haarschopf war am Hinterhaupte durch ein unten herumgeschlungenes und oben in gefälliger Form geknotetes Tuch, den sogenannten Sakkos, zusammengehalten und in die Höhe gehoben, während das Vorderhaupt durch die Stephane geziert war, jene schon erwähnte Metallplatte, die, einigermaßen einem Diademe vergleichbar, über der Stirne spitz zusammenlief. Große runde Ohrgehänge von altmodischer Form baumelten zu beiden Seiten des Angesichts der ehrwürdigen Elpinike. »Telesippe«, rief die Besucherin, »du bist heute bleicher als gewöhnlich. Was hat dies zu bedeuten?« »Es mag eine Nachwirkung der Angst sein«, erwiderte Telesippe; »hatten wir doch heute schon ein Wunderzeichen im Hause.« »Was sagst du?« rief Elpinike. »Ist Oel oder Wein bei der Spende verschüttet worden? Oder haben die Balken ohne Ursache gekracht? Oder ist euch ein fremder schwarzer Hund ins Haus gelaufen?« »Ein auf unserem Landgute geborner Widder«, versetzte Telesippe, »dem ein einziges Horn, und zwar mitten auf der Stirne, wuchs, ist diesen Morgen vom Schaffner in die Stadt hereingebracht worden.« »Ein Widder mit einem einzigen Horne?« rief Elpinike. »Bei der Artemis! Es wundert mich nicht, wenn Zeichen und Wunder sich ereignen. Am Brilessos soll in der vorletzten Nacht ein großer Meteorstein vom Himmel gefallen sein, einige wollen auch einen Schwanzstern in Gestalt eines brennenden Balkens gesehen haben. Etliche Götterbilder sollen in letzter Zeit zu schwitzen oder zu bluten angefangen haben. Kürzlich hat sich gar ein Rabe auf das vergoldete Pallasbild zu Delphi gesetzt und hat die Früchte der ehernen Palme, auf welcher es steht, mit seinem Schnabel losgehackt. Aber was das Schönste von allem – stelle dir vor: Der Eumenidenpriesterin zu Orchomenos soll ein langer, starker Bart gewachsen sein! – Ihr habt doch einen Zeichendeuter rufen lassen?« »Den Lampon!« erwiderte Telesippe. »Lampon ist gut!« versetzte Elpinike mit beifälligem Nicken. »Er ist der Beste von allen. Ein Tier schlachten und aus den Eingeweiden weissagen kann jeder. Aber man muß den Lampon sehen und hören, wenn er ein Ei übers Feuer hält und aus dem Schwitzen oder Bersten desselben seine Wahrzeichen schöpft, oder wenn er mit Getreidekörnern, die er auf den Boden legt, ganze Buchstaben und Worte zusammensetzt, dann Hühner dazuläßt und darauf achtet, was sie hinwegpicken und was nicht. Auch aus der Hand und selbst aus dem klaren Wasser und aus allem, was man will, wahrzusagen versteht er wie keiner. Lampon ist tüchtig und verläßlich, was Lampon sagt, daran kannst du glauben, als hätte es die Priesterin auf dem Dreifuß zu Delphi gesagt. – Aber du erzählst ja nicht, wie er euch das Wahrzeichen gedeutet hat?« – »Er hat das Einhorn auf die Herrschaft des Perikles über Athen gedeutet«, erwiderte Telesippe. Elpinike rümpfte die Nase. Sie sagte nichts mehr zum Preise des Lampon. »Mein Bruder Kimon«, sagte sie, »achtete so gut wie einer auf die Götterzeichen und ließ einmal zwölf Tage hinter einander täglich einen Widder schlachten, bis die Eingeweide günstig waren. Dann erst griff er den Feind an. Aber er pflegte stets, wenn er ins Feld zog, dem Zeichendeuter, der ihm von Staats wegen mitgegeben wurde, zu sagen: »Zeichendeuter, tu', was deines Amtes ist, aber schmeichle mir nicht! Fälsche nicht den Götterwink, um mir zu gefallen!« Die heutigen Staatsmänner dagegen, die wollen es freilich anders. Die Seher wissen wohl, wer die Wahrheit hören will und wer nicht. Und mögen Leute, die sich schmeicheln lassen, auch eines flüchtigen Erfolges sich rühmen: wahrer Göttersegen ist doch nimmer bei solchen, welche die Götter nicht achten!« »Meinst du«, erwiderte Telesippe, »daß Perikles dem Lampon sich sonderlich dankbar erwies für seine Weissagung? Er lächelte bloß. Und sein Freund, der alte, verkommene, von den Göttern verlassene Anaxagoras, erlaubte sich gar noch spöttische Bemerkungen.« »Seit meines Bruders Kimon Tod«, rief Elpinike, »haben wir die Sophisten ins Land bekommen, die Götterverächter!« – »Und diese Leute«, sagte Telesippe, »untergraben nicht bloß die Götterfurcht und die guten Sitten im Staate, sie stören auch das Glück und das Gedeihen des Hauses. Ich bin des reichen Hipponikos Frau gewesen, und ich hätte vor diesem gar den Archon Basileus heiraten können, den Archon Basileus, dessen Gemahlin doch eigentlich die höchste weibliche Würde im Staate bekleidet, weil sie nach altem Brauch an den heiligsten oberpriesterlichen Verrichtungen ihres Mannes Anteil nimmt. Aber ich ließ mich erst durch den reichen Hipponikos, dann durch des Perikles würdevolles und dabei sanftes, einschmeichelndes Wesen gewinnen. Und was muß ich hier nun erleben, die an Besseres gewöhnte Frau! In welches Hauswesen bin ich aus dem des Hipponikos herübergekommen! Und wie haben sich die Dinge nur immer verschlimmert! Perikles vernachlässigt sich und sein Haus, wenn ich zu ihm gehe, um über die wichtigsten häuslichen Angelegenheiten mit ihm zu beraten, so hat er keine Zeit dafür. Ich darf es kaum mehr wagen, des Morgens sein Gemach zu betreten. Er weist mir ja förmlich die Tür! »Liebe Telesippe«, sagt er, »behellige mich am Morgen nicht mit solchen Dingen, oder komm wenigstens nicht ungebadet und ungekämmt, damit du mir nicht die Ohren und die Augen zugleich beleidigst!« – Ich bin des reichen Hipponikos Frau gewesen, und er hat mir vergönnt, in Prunk zu leben; dennoch hat er zu keiner Zeit mit solchen Worten zu mir gesprochen. Hier dagegen, im Hause des Perikles, wo mich statt jenes Prunks und jener Fülle nur Knauserei und Armseligkeit umgibt, hier soll ich dem gestrengen Eheherrn immer nur gebadet und gesalbt und bekränzt entgegentreten! Wie habe ich mich dagegen gesträubt, als er auf den Einfall kam, seine Besitzungen kurzweg zu verpachten und alles Geld seinem vertrauten Sklaven Evangelos zu übergeben. Der ist nun Säckelmeister und Schaffner im Hause, und ich, die Hausfrau, bin verurteilt, das Geld aus der Hand des Sklaven zu nehmen. Weißt du, von wem Perikles diese schöne Art hauszuhalten gelernt, und wer ihm dabei mit seinem Beispiel vorangeleuchtet? Kein anderer als sein teurer Anaxagoras. Bevor dieser heimtückische Grübler und Müßiggänger von seiner Heimat Klazomenä aufbrach, um hierher nach Athen zu wandern, machten seine Verwandten ihm Vorwürfe und fragten ihn, warum er seine vom Vater ererbten Grundstücke nicht bewirtschafte. Er erwiderte: »Tut es selbst, wenn es euch Vergnügen macht!« Und zuletzt ging er von dannen und ließ all' das Seinige, wie es lag und stand, und sagte den Klazomeniern, sie sollten die Ziegen der Gemeinde auf seine Aecker und Wiesen treiben. – Von solcher Art sind die Freunde und Ratgeber des Perikles!« Telesippes Klage wurde unterbrochen durch einen Sklaven, der sich näherte, um sich in einer häuslichen Angelegenheit Bescheid zu holen. Andere Sklaven und Sklavinnen kamen vom Markte zurück mit eingekauften Lebensmitteln für das häusliche Mahl. Telesippe prüfte den Geruch oder Geschmack des einen oder des anderen Stückes, ließ über die Frische des Meerhechts auch Elpinike ihr Urteil abgeben und erteilte dem Koche bestimmte Weisungen. Auch übergab sie einzelnen Sklavinnen Flachs, Gespinst, Linnen und anderes Gewebe für die Tagesarbeit des Spinnens, Webens und Nähens im Hause. Dann kehrte sie zu ihrer Freundin zurück, um das abgebrochene Gespräch fortzusetzen. »Ich habe das Schlimmste noch nicht erwähnt!« sagte sie. »Vordem war dies hier ein ärmlicher, aber doch friedlicher Hausstand. Das ist anders geworden seit der Zeit, als Perikles seinen Mündel, den Knaben Alkibiades, den verwaisten Sohn des Kleinias, aus unbedachter Gutmütigkeit ins Haus genommen, um ihn da mit seinen eigenen Sprossen gemeinsam erziehen zu lassen. Ich sage aus Gutmütigkeit: aber gutmütig erwies er sich dabei nur gegen seine Verwandten, rücksichtslos gegen mich und sein eigen Fleisch und Blut. Du weißt, wie gutgeartet meine beiden Knaben, Xanthippos und Paralos, immer gewesen, und in welcher Zucht sie von mir gehalten wurden. Den ganzen Tag über saßen sie ruhig in einem Winkel, und der Pädagog schlief bei ihnen ein, so wenig machten sie ihm zu schaffen. Perikles nannte sie nur immer »Duckmäuser« und schalt sie ob ihres Mangels an Regsamkeit. In der Tat aber waren es eben wohlerzogene Kinder, wie sie sich alle Väter nur wünschen können. Sie hatten gelernt auf den Wink zu gehorchen. Sie taten nichts, was ihnen nicht befohlen war. Sie saßen oder gingen, aßen und schliefen, wenn man es haben wollte, wenn man sagte: »Paralos, stecke nicht die Faust in den Mund!« oder: »Xanthippos, bohre nicht in der Nase!« so zog Paralos die Faust aus dem Munde und Xanthippos den Finger aus der Nase. Und machte doch einmal einer Miene ungeduldig zu werden, so brauchte man nur zu sagen: »Die Mormo kommt«, oder: »Die Empusa, oder die Akko, oder der Wolf ist da«, oder: »Das Pferd beißt«, so erbleichten sie und benahmen sich zahm wie die Lämmer. Und jetzt? Du erkennst die Knaben nicht wieder, seit jener Range Alkibiades ins Haus gekommen. Mit ihm ist Gezeter und Gepolter und jede Art von ungefügem Wesen in die Kinderstube eingezogen. Das erste war, daß er die Kinderklappern und Kreisel, welche für Xanthippos und Paralos schon als das Aeußerste des Vergnügens galten, in den Winkel warf und nach hölzernen Pferden und Wägelchen rief. Perikles gab ihm, was er verlangte, und damit polterte er lärmend im Peristyl umher, als wäre er in der Rennbahn zu Olympia. Bald aber genügten ihm die hölzernen Pferde nicht mehr, und er spannte den Paralos und den Xanthippos, ja zuletzt sogar auch den Pädagogen vor seinen ›olympischen Siegeswagen‹, wie er ihn nannte. Zur Abwechslung fing er Schwalben im Peristyl, stutzte ihnen die Flügel oder ließ sie an langen Schnüren flattern. Anfangs sahen die beiden Knaben dem Treiben ihres neuen Gefährten mit einer Art von ängstlichem Erstaunen zu. Allmählich gewöhnten sie sich an die Sache, traten zu ihm heran, wenn er einen bösen Streich machte, und sahen ihm mit Ernst und Eifer zu. Später halfen sie ihm dabei, und endlich begannen sie gar, was der Wildfang tat, gleich Aeffchen täppischerweise nachzuahmen. Aber die eingeborne bessere Art zeigte sich in ihnen doch, indem sie gar niemals von selbst auf einen schlimmen Einfall kamen. Sie taten nur alles getreulich, was ihnen Alkibiades befahl. Wenn ich nun von der Mormo, der Empusa, der Akko, dem Wolfe oder dem beißenden Pferde zu sprechen anhub, so lachte Alkibiades. Als Xanthippos und Paralos sahen, daß Alkibiades lachte, und daß Mormo und Empusa und Wolf und Pferd sich dies gefallen ließen, so lachten sie ebenfalls. So verlor ich die Macht über die Knaben. Sie gehorchen mir nicht mehr. Der Pädagog ist ein alter Mann, ein im Dienst des Hauses ergrauter Sklave, der von einem Oelbaum fiel und ein Bein brach, und den deshalb Perikles, wieder aus Gutmütigkeit, damit er nichts Anstrengendes mehr zu arbeiten brauche, zum Knabenaufseher gemacht hat. Nun ist der Feuerbrand auf dem Herde vor den Wichten nicht sicher; sie verwüsten und zerbrechen, was verwüstet und zerbrochen werden kann, sie klettern hinan, wo hinanzuklettern, sie fallen herab, wo herabzufallen nur immer möglich ist. Die Sklavinnen im Hause werden geneckt und gekneipt, die Sklaven verspottet und geschlagen. Denke ich nun einmal ernstlich einzuschreiten und gehe mit der Sandale in der Hand auf die Knaben drohend los, so verkriechen sich Xanthippos und Paralos blitzschnell unter Tische und Lagerstätten, und Alkibiades schwingt sich wie ein Eichhörnchen an den Säulen des Peristyls bis zum Gesims empor. Und Perikles? Klage ich ihm die Not, so lächelt er und nimmt den Rädelsführer Alkibiades in Schutz gegen die »Duckmäuser«... In diesem Augenblicke wurde Telesippe durch den kleinen Paralos unterbrochen, der weinend gelaufen kam. Die beiden anderen Knaben folgten ihm auf dem Fuße. »Wir spielten den rasenden Ajas«, sagte Alkibiades, »den rasenden Ajas, welcher die vielen Rinder erschlug, als er wahnsinnig wurde, weil er sie für Achäer hielt, und welcher der Ahnherr unseres Hauses ist, wie mir mein Vater Kleinias sagte. Ich machte den Ajas, Paralos und Xanthippos stellten die Rinder vor. Ich habe sie aber nur mäßig geschlagen.« »Unmenschlicher Junge!« rief Telesippe zornig, winkte den Paralos und den Xanthippos zu sich und liebkoste sie, um sie zu trösten. Indessen blickte Elpinike unverwandt auf den kleinen Alkibiades. »Ein reizender Knabe ist es doch!« sagte sie. »Diese schwarzfunkelnden Augen – diese blendend weiße Stirn – diese prächtigen, wallenden Locken« – »Ein unzähmbarer Range ist's!« rief Telesippe, gereizt durch die Worte der Bewunderung, die ihr die Freundin an den Knaben zu verschwenden schien. Dann rief sie den Pädagogen. Hinkend kam der Alte heran. »Warum hast du geduldet, daß Alkibiades die beiden Knaben mißhandelte?« rief Telesippe. »Dieser war ja selbst bei dem Spiele beschäftigt«, fiel der Knabe Alkibiades ein; »er stand schon bereit als trojanisches Pferd, mit welchem ich nachher in Ilion einziehen wollte.« Erstaunt blickte Telesippe auf den Pädagogen. »Herrin Telesippe«, erwiderte dieser, »es ist das erste Mal nicht, daß ich mich gezwungen fand, der Laune des tollen Bürschchens meinen Rücken zu leihen. – Gestern hat er mich in die Hand gebissen, wie ein junger Hund.« – »Pfui! Sag', wie ein junger Löwe!« rief unwillig Alkibiades. »O Zeus und Apollon!« rief Elpinike mit lebhafter Gebärde. Dann aber, den Knaben zu sich heranziehend, fuhr sie schmeichelnd fort: »Du bist ein mutiger Knabe, und hättest du unter dem großen Kimon, meinem Bruder, gelebt, du hättest gewiß die Perser schlagen geholfen. Zu jener Zeit aber, mein Kind, da waren die Knaben anders geartet als heutigestags. Sie waren nicht zungengewandt und naseweise und vorlaut. Und sie verschmähten die Salben und die warmen Bäder. Bei Tische saßen sie fein artig, ohne die Schenkel zu kreuzen und ohne sich auch nur ein Stengelchen Gemüse mit eigenen Händen herauszulangen. In der Ringschule streckten sie, wenn sie im Sande saßen, die Beine so aus, daß die Schamhaftigkeit nicht zu Schaden kam, und standen sie auf, so verwischten sie gleich die Spur ihrer jugendlichen Leibesformen im Sande. Des Morgens sah man sie in luftigem Gewand, auch wenn es stürmte und stöberte, zum Musikmeister wandern, und sie lernten da alte, kernige Sachen, wie »Pallas, du Stadtbewältigerin«, oder »Geschoren, gute Widder« von Simonides, nicht so weichliche Liederchen der heutigen Mode mit Ausweichungen und Schnörkeln, für welche man solch' einem beifallslustigen Rangen die Rute geben sollte. Bedenke, Söhnlein des Kleinias, bald wirst auch du mit deinen Gespielen in die Häuser der Lehrer geschickt werden, du wirst Grammatik lernen und Gymnastik und die Laute spielen und die Flöte blasen« – »Nein!« rief der kleine Alkibiades; »die Flöte blasen mag ich nicht – das macht häßlich – es bläht die Backen auf – so« – dabei blähte er seine Backen, so weit er konnte. »O, wie eitel!« rief Elpinike und wollte den Knaben küssen. Aber altjüngferliche Frauen haben bei Kindern wenig Glück. Der Knabe Alkibiades entlud, um sich dem Kusse der Schwester des Kimon zu entziehen, ihr ins Antlitz mit knabenhaftem Uebermut die Luft seiner geblähten Backen und sprang mit spöttischem Lachen davon. Elpinike war empört. Sie schoß von ihrem Sitz empor, um sich augenblicks zu entfernen. Sie nahm ihr Himation wieder auf, warf den einen Zipfel der Breitseite des langen Tuches zuerst über die linke Schulter nach vorn und hielt ihn mit dem linken Arm am Körper fest. Dann zog sie das Gewebe über den Rücken nach der rechten Seite dergestalt, daß es diese Seite des Körpers nicht bloß, sondern auch das Haupt, mit Ausnahme des Gesichts, verhüllte. Zuletzt schob sie es unter dem Kinne wieder über die linke Schulter zurück, so daß der Zipfel desselben über den Rücken herabhing. »Du siehst«, sagte Telesippe, die Freundin an der Hand noch zurückhaltend, »du siehst, welches Geschick ich trage. So leb' ich hin, die böse Kinderplage auf dem Halse, an der Seite des sorglosen Gatten, freudlos, geplagt, mißachtet, ich, die der Archon Basileus zur Gattin haben wollte – zur Mitteilnehmerin an den heiligsten Verrichtungen des athenäischen Götterdienstes!« »Mein Bruder Kimon pflegte zu sagen«, gab Elpinike zurück, ›»Neue Zeiten, böse Zeiten!‹ – Die Welt geht ihren Gang, und vorwärts schiebt sie der Männer ehrgeiziges Trachten. Aber auch wir Frauen sind da. Gib acht, Telesippe, und laß dir, was ich sage, für heute genug sein: wenn wir zusammenhalten, wir Frauen, und an die Räder uns hängen, so wird man sie nicht so bald völlig hinauswälzen, die Welt, aus den alten Geleisen!« – III. Der Bandkrämer von Malimos. ls der Staatsmann Perikles und sein Freund, der weise Anaxagoras, das Haus des Perikles verlassen hatten, gingen sie die Straße, welche vom großen Theater des Dionysos am Fuße des Südabhangs der Akropolis hinführte, hinunter und wendeten sich dann nordwärts, um die Straße einzuschlagen, die zwischen dem westlichen Abhange der Akropolis und dem Hügel des Areopag bis zur Agora hindurchlief. Nun hatten sie ihr Ziel erreicht. Sie standen auf der Agora. Weithin dehnt sich im Stadtbezirke des Kerameikos dieser Mittelpunkt des athenischen Lebens und Verkehrs. Er liegt wie geborgen in der Hut der sämtlichen Hügel Athens: auf der Seite des Mittags hat er den schroffen Fels des Areopag und die Akropolis, auf der abendlichen Seite den Nymphenhügel, an welchen in mittäglicher Richtung die berühmtere Höhe der Pnyx sich schließt, mitternachtwärts liegt die mäßige Erhöhung, welche den Tempel des Theseus trägt, und im Nordwesten grüßen die Hänge des gefeierten Kolonos herüber. So blicken alle die sagenberühmten und geheiligten Höhen Athens hinunter auf die Agora. In ihrer Mitte ragt der Altar der zwölf großen olympischen Götter. Hier erheben sich ferner die ehernen Standbilder der zehn sagenhaften Stammesheroen des attischen Volkes und Landes. Angesichts dieser Standbilder der Stammeshelden ist jedem der neun Archonten, dieser ehrwürdigsten obrigkeitlichen Männer Athens, die Stätte seiner öffentlichen Wirksamkeit im Banne der Agora zugeteilt. Hier steht auch die Mehrzahl der Gerichtshöfe; hier sind die Versammlungsorte des Rates der Fünfhundert: das Bonleuterion und das mit einer Kuppel bedeckte Rundgebäude des Tholos. Dichter als gewöhnlich wogt heute der Volksschwarm vor diesen Versammlungsorten. In den Tholos sieht man eilig die Prytanen gehen, jene Männer, welche der eben amtierenden Abteilung des Rates angehören. Auch viele andere obrigkeitliche Personen werden über den Platz hinschreitend gesehen. Man beachtet sie wenig. Nun aber kommt Perikles, der Stratege. Auf ihn sind sogleich die Augen aller gerichtet. Er verabschiedet sich von seinem Begleiter Anaxagoras und geht in den Tholos zu den Prytanen. Er hat mit diesen Männern, welche die Gegenstände der Volksversammlung zuvor beraten und in ihr selber den Vorsitz führen, noch einiges für den heutigen Tag zu besprechen. Auch stattliche Tempel ragen im Umkreise der weithin sich erstreckenden, prangenden Agora der Athener, und es dehnen sich in edlem Schmucke der Kunst prangende Hallen. Augerfrischend wirkt inmitten dieses weiten Kreises von sonneglänzenden Zinnen und Säulengängen das Grün der Platanen, welche, als ein dankenswertes Erbe Kimons, die sommerliche Schwüle der Agora dämpfen und wohltätig ihr heißes Getümmel beschatten. Unter Rutengeflechten, die vor Regen und Sonne schützen, entfaltet in zahllosen Buden sich der buntfarbige, duftige, vielgestaltige Reichtum des athenischen Marktes. Lauch und Lattich, und Kümmel und Kresse, und Thymian und Honig, und Rind und Fisch, Geflügel und Gewild – verdienen sie einen Blick, weil sie uns auf dem Markte des alten Athen begegnen? Warum nicht? Was unter Attikas Himmel reift, ist von edler Art, und die griechische Sonne hat es gewürzt mit feineren Säften. Auch die Nachbarn liefern ihr Bestes auf den Markt von Athen. Dies zarte, saftige Grün hat Megara gesendet. Diese Gänse, diese ausgesuchten Wasserhühner und Strandläufer kommen aus dem fetten Böoterlande. Schier das größte Getümmel des Marktes aber drängt sich dort um die geschuppte Wasserbrut. Vom billigen Salzfisch, dem Wohlfeilsten, was es gibt, und der doch, mit Oel bestrichen, in gewürzhafte Blätter gewickelt und in heißer Asche gebraten, trefflich schmeckt, bis zum gepriesensten und teuersten Leckerbissen dieser Gattung, dem Böoter-Aal, ist hier alles ausgelegt, was in den hundert Golfen der vielgezackten griechischen Küsten Genießbares und Leckeres wimmelt. Diese Sardellen da aus der nahen Bucht von Phaleron sind so zart, daß sie, um fertig gebraten zu sein, das Feuer sozusagen nur zu sehen brauchen. Wer nicht Lust hat, den Rohstoff des Mahles nach Hause zu tragen, der kann am Orte sein Verlangen stillen. Nach dem Geruche zu schließen, ist selbst der saftige Eselsbraten dort nicht zu verachten, sein Verkäufer rühmt wenigstens das Bauchstück als einen Leckerbissen. Der Nachbar bietet freilich mit hellaustönender Stimme die ganze Beredsamkeit des Griechen auf, um zu beweisen, daß sein Ziegenfleisch den Vorzug verdiene, und daß es das nahrhafteste von allen Arten Fleisches sei und eine wahrhafte »Athletenkost«. Willst du dich dem Fleisch- und Blutgedüft entziehen – an welchem übrigens doch selbst die opferfrohen Olympier ihr Wohlgefallen haben – und verlangst du, dich an feineren und zarteren Düften zu erlaben, so begib dich dort hinüber nach der Stelle, wo die schalkhaften Blicke einer Kranzwinderin oder eines rosigen Knaben dir winken. Der Athener liebt die Kränze in unglaublichem Maße. Sie begleiten ihn vom Mutterschoße bis zur Gruft. Mit Kränzen schmückt sich zu Athen nicht bloß der Ruhm, die Liebe, der Tod, die Freude und jede Art von Festeslust; nicht bloß der Zecher umwindet seine Stirn, ja seinen ganzen Leib mit Kränzen beim Symposion, auch der Würdenträger setzt einen Kranz aufs Haupt, wenn er seines Amtes waltet, und der Redner tut desgleichen, wenn er sich anschickt, auf der Pnyr zu dem versammelten Volke zu sprechen. Aus Myrten windet Athen seine Kränze, aus Rosen; den Efeu und selbst das Laub der Silberpappel verschmäht es nicht, Hyazinthen flicht es gern ins Grün der Myrten; aber am meisten scheint es doch die sinnigen Veilchen zu lieben, denn seine Dichter nennen es das »veilchenbekränzte«. Nun aber stehen wir auf dem Töpfermarkte, dem Stolz des athenischen Kunsthandwerks. Benennt sich doch von den Töpfern seit uralten Zeiten dieser ganze Stadtbezirk, und auf den Schiffen der Seefahrer gehen von hier die Erzeugnisse der göttergesegneten attischen Töpfererde in alle Welt. Der Athener formt diesen gesegneten Ton seines heimischen Bodens, wie seinen attischen Marmor, mit dem bildsam-feinen Sinne, den ihm die Götter zu seinem trefflichen Ton und Marmor wohlbedacht hinzuverliehen. Da sieh! Von der kleinen, flachen, henkel- und fußlosen Phiole bis zum riesigen Pithos, der hundert Amphoren Weines faßt und doch Töpferarbeit ist, hat alles sein zugemessenes Teil von edler Zierlichkeit. Diese weitbauchigen, doppelhenkligen Amphoren, diese Hydrien, diese Salbenfiäschchen mit engem Halse, aus welchem die Flüssigkeit nur tropfenweise und mit einem glucksenden Tone herausfließt, diese gewaltigen Mischgefäße, diese Schöpfgefäße, diese hundertfach gestalteten Becher, sie alle sind schön. Kein einziges Stück ist darunter, das formlos wäre und nur dem Bedürfnis diente. Auch schon das Gefäß des täglichen Gebrauchs, auch schon das Gefäß, in welchem der Grieche seinen Wein, seinen Honig, sein Speiseöl, sein Salböl aufbewahrt, ist schön. Es entbehrt nicht des Reizes gefälliger Gliederung, wohlberechneter Umrisse. Wenn man hier wandelt, so glaubt man nicht auf einem Markte und unter Waren zu wandeln. Denn das Schöne gehört nicht bloß dem, der es bezahlt, es erfreut jeden, der vorübergeht, und wo die Dinge, mit welchen der Mensch sich umgibt, den herzerfreuenden Stempel der Schönheit tragen, da haben alle an allem Teil, und es verwirklicht sich im besten Sinne das Ideal der Gütergemeinschaft. Wir möchten wohl auch den Salbenmarkt durchschreiten und den Kleidermarkt, wo mit der heimischen Tracht Moden des Auslandes, megarische Mäntel, thessalische Hüte, amykläische und sikyonische Schuhe Liebhaber und Abnehmer finden. Und am liebsten wohl möchten wir die Bücherrollen mustern, die dort meist in cylindrisch geformten Behältern zur Schau stehen. Gern möchten wir die breiten Blätter des beschriebenen Papyros entrollen, die um runde, an den beiden Enden mit elfenbeinernen oder metallenen Knöpfen verzierte Stäbe gewickelt und von roten oder gelben Pergamentbändern zusammengehalten sind. Aber der Lärm der Ausrufer, das Getümmel des Marktes ist zu groß, als daß wir uns vertiefen könnten in die Bücherweisheit der Athener. Ein Kohlenbrenner aus Acharnä und ein Bandkrämer aus Halimos wetteifern da soeben, im Vorüberwandeln ihre Ware anzupreisen. Ihnen gesellt sich ein dritter, welcher das Athenervolk auffordert, seine vortrefflichen Lampendochte aus Binsenmark zu kaufen. Bald aber ertönt es von allen selten: »Kauft Oel!« »Kauft Essig!« »Kauft Scheiter!« Und dazwischen verkünden öffentliche Ausrufer, daß diese und jene Schiffe im Hafen angekommen, daß diese und jene Waren ausgeschifft worden, oder machen den Preis bekannt, welcher für die Entdeckung des Täters eines Diebstahls oder für die Wiederbringung eines entlaufenen Sklaven ausgesetzt worden ist. Was man im Gedränge des Marktes vermißt, sind die Frauen. Kein Athener sendet seine Gattin oder Tochter auf den Markt. Er sendet seinen Sklaven, oder er – geht selbst und besorgt in eigener Person den Einkauf für das Familienmahl. Aber treibt nicht dort, beim Tempel der Aphrodite Pandemas, eine Anzahl von eigenartig geputzten Frauenspersonen sich umher? Nicht zu den Käuferinnen des Marktes gehören diese, sondern zu den Verkäuferinnen. Sie sind Verkäuferinnen und Ware zugleich. Es sind darunter Flötenbläserinnen und Tänzerinnen, die sich mieten lassen für die Symposien der Reichen zur Ergötzung fröhlicher Zecher. Auf der Agora stehen auch Wechslertische, so gut wie im Piräus, und der Athener legt seinen Barvorrat bei diesen Wechslern und Bankhaltern nieder, um ihn nach Bedarf in kleinen Beträgen wieder zurückzunehmen. Der Athener hat unzählige Gründe, täglich wenigstens einmal die Agora zu besuchen, und wenn es ihm dennoch zufällig an einem Grunde fehlen sollte, so begibt er sich ohne Grund dahin. Er ist überaus geselliger Natur. Beständiger Verkehr mit seinesgleichen ist ihm Bedürfnis. Ueberall schlägt diese Geselligkeit und Gesprächigkeit ihren Tummelplatz auf: in den Hallen, in den Bädern, in den Barbierstuben, in den Verkaufsläden, selbst in Werkstätten der Handarbeiter, nur nicht in Schenken: diese kennt der Athener jetzt noch kaum oder überläßt sie der untersten Hefe des Volkes. Was will der große, wohlbewaffnete Schwarm von Leuten, der dort gerade in der Mitte der fast unabsehbaren Agora gelagert ist? Das sind die tausend skythischen Bogenschützen, welche als Söldlinge den Markt nach altem Herkommen bewachen, eine Art von Stadt- und Polizeiwache, die dem Rate der Fünfhundert zur Hand ist. Diese Söhne des fernen Skythenlandes ergötzen die Männer von Athen durch das barbarische Kauderwelsch, mit welchem sie das Griechische radebrechen, und durch – den unstillbaren Durst ihrer Kehlen. Sie sind stumpfnasig und haben ausdruckslose Gesichter, die sich von den prächtig geschnittenen Köpfen und bedeutenden Zügen der Eingebornen unvorteilhaft abheben. Jene Ausländer sind plump und ungeschlacht von Ansehen: diese Einheimischen dagegen sind fein gebaut, und doch ist alles Feuer und Nerv an ihnen. Die Bewegungen jener erscheinen bald träg und schleppend, bald unschön überhastet. In den Bewegungen dieser liegt etwas edel Gemessenes. Selbst jener Kohlenbrenner aus Acharnä hält sich gerade, und jener Bandkrämer aus Halimos, der seinem ärmlichen Linnengewande mühselig durch etwas Kreide zu einigem neuen Glanze für den heutigen Volksversammlungstag verholfen hat, er blickt, seine Ware ausrufend, mit einer Art von Stolz um sich. Er wirft, über den Markt hinschreitend, die Hüften hin und her; aber sein Oberleib verharrt in würdevoller Ruhe. In den Augen aller dieser Männer wohnt der sprichwörtliche »attische Blick«. Was dieser Blick bedeutet? Es ist schwer zu sagen. Der »attische Blick« ist, wie das ganze Wesen des Atheners, ein Spiegel sehr verschiedener, liebenswürdiger und unliebenswürdiger Eigenschaften. Jeden Moment ist dieser attische Blick bereit, sich in ein attisch gewürztes, beißendes Scherzwort umzusetzen. Der Athener scheint ernst, aber aus seinem Ernst springt und sprüht unversehens ein sarkastischer Einfall, wie der Funke aus dem Stein. Er hat Mutterwitz und weiß ihn zu brauchen. Durch das Getümmel der Agora bewegt sich seit einiger Zeit ein Mann, dessen Gewandung und stattliches Ansehen Wohlhabenheit verraten, der aber hier offenbar mit den Augen des Neulings um sich blickt. Er ist hie und da zu den Buden der Händler hingetreten, hat nach dem Preise dieser, jener Ware gefragt, immer aber schien er Schwierigkeiten zu finden, wie sie einem Fremden begegnen. Soeben schreitet der Bandkrämer von Halimos langsam an ihm vorüber. »Ich werde nicht klug«, spricht der Fremde den Bandkrämer an, vielleicht ermuntert durch einen Blick der Neugier oder des Anteils, den dieser ihm zugeworfen; »ich werde nicht klug aus den Forderungen dieser Händler. Ich glaube, man will mich prellen ...« »Bist du denn ein Fremder?« fragte der Bandkrämer. »Allerdings!« erwiderte jener. »Ich bin mit den Meinen aus Sikyon ausgewandert und erst vor wenigen Tagen hier angekommen. Ich denke mich hier niederzulassen. Ich will künftig lieber Beisasse sein zu Athen, als Bürger in Sikyon, wo mir von meinen Feinden übel mitgespielt worden.« Der Bandkrämer von Halimos, da er hörte, daß dieser Mann, der ihn ansprach, kein athenischer Bürger, sondern nur ein Beisasse – er hatte ihn für einen Ratsherrn gehalten –, richtete sich noch etwas strammer empor und sagte dann mit einer Art von Herablassung: »Freund«, sagte er, »wenn dir die Werte unserer Münzen und die Preise unserer Waren unbekannt, so mußt du dich eben bemühen, sie kennen zu lernen, und zwar womöglich von einem ehrlichen Manne.« – »Siehst du hier«, fuhr er fort, indem er ein ganz kleines dünnes Silberstück hervorzog und auf die Fläche seiner Hand legte, »siehst du, das ist attisches Silber, wie wir's da drüben in Laurion graben. In der ganzen Welt findest du kein so feines und reines Silber wie dieses. Die Münze da aber ist unser kleinstes Silberstück, ein halber Obolus; dafür kannst du dir einen gemeinen Käse, oder ein Würstlein mit kleinen Leberchen, oder auch ein ziemliches Stück Fleisch kaufen, wie du es bei gutem Appetit allein zu verzehren im stande bist. Gibst du einen ganzen Obolus, so erhältst du ein Fleischgericht in trefflicher Zubereitung. Um den Preis von vier solcher Obolen aber kannst du einen leckeren Meerfisch nach Hause tragen. Hast du sechs Obolen beisammen, so ist das soviel wie eine Drachme, und du kannst dir ein größeres Silberstück mit dem Kopfe der Athene auf der einen und der lorbeerumkränzten attischen Eule auf der andern Seite dafür einwechseln. Für eine solche Drachme nun bekommst du schon eine Schüssel gut zubereiteter Meerigel; für zwei Drachmen einen ganzen Scheffel Gerstengrütze, für drei einen Scheffel Weizen oder einen kopaischen Aal, für zehn solcher Drachmen aber kannst du dir schon einen Chiton kaufen. wenn er nicht von besonders feiner Art sein soll. Hast du hundert Drachmen beisammen, so gibt das eine Mine, und für anderthalb solcher Minen kannst du dir einen Sklaven kaufen; für drei Minen ein Pferd oder ein ganz kleines Häuschen, willst du ein größeres und besseres, so mußt du freilich bis an die sechzig Minen geben, und das macht schon ein Talent. – Siehst du, in dieser Weise kannst du vielerlei Leckerbissen und Herrlichkeiten zu Athen kaufen für weniges Geld. Wenn dir aber auch dies wenige gebricht, so mußt du es machen, wie wir anderen ärmeren Leute: du mußt dich bescheiden nähren von unserem heimischen Gerstenfladen und kannst dazu den würzigen heimischen Knoblauch kauen« – In diesem Augenblick wurde der Sprecher unterbrochen durch den Klang einer gewaltigen Stimme, die über den Markt hintönte. Es war die Stimme des Herolds, welcher die vor dem Bouleuterion schriftlich an die Athener gerichtete Aufforderung, sich auf der Pnyx zu versammeln, nun mündlich wiederholte, beifügend, daß nach Ablauf einer Stunde von jetzt an die Versammlung eröffnet werden solle. Zugleich wurde auf der Höhe der Pnyx eine große Fahne aufgezogen, welche als Zeichen der bevorstehenden Volksversammlung weithin sichtbar über der Stadt in den Lüften flatterte. Ueberall staute um den Herold sich das Gedränge des Volkes und eine Art von Gärung griff in der Masse um sich. Schon seit dem frühen Morgen waren die Männer von Athen auf den Beinen, und überall, wo sich die Leute zu sammeln pflegten, hörte man lebhaftes, nicht selten haderndes Gespräch. Der Ausruf des Herolds entfachte den Eifer des politischen Gesprächs zu neuen und helleren Flammen. »Achtzehnhundert Talente soll der Schatz betragen, der mit dem Staatsschiffe von Delos herübergebracht worden!« rief einer inmitten einer Gruppe von Bürgern. »Dreitausend Talente sind's!« rief ein zweiter. »Sechstausend!« fiel ein dritter lebhaft ein. »Sechstausend Talente, sag' ich euch, sind von Delos herübergekommen, – bare sechstausend Talente« – »Juchhei!« rief ein vierter mit einem Freudensprunge, »wo Geld ist, sagt das Sprichwort, da geht das Ruder und bläst der Wind!« – »Was die neuen Bauten betrifft«, sprach ein fünfter im Kreise bedenklich, »insbesondere das neue Festhaus der Pallas auf der Burg, so lasse ich mir dies gefallen; aber was den Richtersold anlangt, und insbesondere die Schauspielgelder« – »Was? Gönnst du diese dem Volke nicht?« scholl es dem Sprecher von seiten der umstehenden ärmeren Bürger entgegen. »Ich wohl!« versetzte jener. »Ich meine nur, der Antrag wird nicht durchgehen. Die Oligarchen werden ihn nicht durchgehen lassen. Schauspielgelder für's Volk? Das werden die vielen Lakonerfreunde nicht bewilligen. Nein, gewiß nicht!« »Ich dagegen glaube«, warf ein anderer ein, »die Schauspielgelder werden leichtlich durchgesetzt werden, denn die Masse des Volkes ist ja doch auf der Pnyx gegen die Oligarchen in der Mehrzahl. Aber in betreff der Bauten, und insbesondere des neuen Festhauses der Pallas Athene« – »Was?« unterbrachen mehrere lebhaft den Sprecher, »du willst, daß wir nicht bauen sollen?« »Das nicht!« entgegnete jener. »Ich meine nur ...« »Ei, wartet doch!« unterbrach ihn einer, »hören wir erst den Perikles!« »Ja, hören wir erst den Perikles!« hallte es im Kreise nach. Nur der Wurstmacher Pamphilos rümpfte die Nase und sagte: »Perikles und immer Perikles! Müssen wir denn immer auf diesen hören?« »Warum nicht?« gab man ihm zur Antwort; »Perikles ist klug – Perikles ist wohlmeinend – Perikles ist der Mann, dem wir Athener die Fettaugen auf der Suppe verdanken – Perikles ist der einzige hier zu Athen, dem seine Mitbürger nichts Böses nachzusagen wissen« – »Was?« rief jener Widersacher;, »nichts Böses? Sagen nicht alle älteren Leute, daß er in seinen Zügen eine gewisse Aehnlichkeit hat mit Peisistratos, dem Tyrannen?« »Das ist wahr«, bemerkte Pamphilos. »Auch hat er, was nicht allen bekannt ist, einen sogenannten Zwiebelkopf!« »Was? Einen Zwiebelkopf?« riefen die Hörer. »Einen Zwiebelkopf!« entgegnete jener. »Wisset«, fuhr er geheimnisvoll fort, »wisset, daß der schöne und stattliche Perikles auf der Höhe seines Scheitels einen kleinen Höcker trägt, so daß sein Kopf einigermaßen spitz zuläuft, einer Zwiebel nicht unähnlich« – »Possen!« riefen die anderen. »Hat einer diesen Zwiebelkopf des Perikles gesehen?« »Niemand!« fuhr jener lebhaft fort. »Niemand hat ihn gesehen! Das ist gewiß. Aber wie käme denn auch einer dazu den Zwiebelkopf des Perikles zu sehen? Im Felde trägt Perikles seinen Strategenhelm, und auch im Frieden werdet ihr ihn, wo es nur angeht, mit seinem Strategenhelm den Kopf bedecken sehen. Und wo es nicht angeht, nun, da sucht er sich anders zu helfen. Auf der Rednerbühne z. B. trägt er den üblichen Myrtenkranz des Redners auf dem Haupte; und für gewöhnlich sieht man ihn auf der Straße mit dem breitkrämpigen Thessalerhut; und so ist es allerdings wahr, daß niemand den Kopf des Perikles genau gesehen; aber eben weil ihn keiner gesehen, liegt die Vermutung nahe, daß sein Kopf ein Zwiebelkopf; denn wäre er dies nicht, welchen Grund hätte Perikles, ihn so geflissentlich zu verbergen?« – »Freilich, freilich!« sagten viele der Hörer mit zustimmendem Nicken: »es ist kein Zweifel, daß des Perikles Kopf ein Zwiebelkopf« – »Wenn das ist«, bemerkte lächelnd einer von der Oligarchenpartei, der sich in der Gruppe befand, mit einem spöttischen Seitenblick auf einige ärmlich aussehende Männer aus dem Volke, welche dem Gespräch zuhörten, »wenn der Volksfreund Perikles einen Zwiebelkopf besitzt, so mag er denselben hüten vor der Liebe seiner besten Freunde und Anhänger, der Zwiebel- und Knoblauchkauer« – »Einige belachten den Scherz des Oligarchen. Aber unter den Männern, welche der spöttische Seitenblick getroffen hatte, befand sich auch der Bandkrämer von Halimos. Er antwortete zunächst mit einem Blitz aus seinen schwarzen Augen, ballte die Faust und stand auch auf dem Punkte, ein scharfes Wort gegen die Oligarchen zu schleudern. Aber in diesem Augenblicke näherte sich ein Mann, der seinen Markteinkauf in der Busenfalte des Gewandes trug. »He da, Pheidippides!« rief einer ihm entgegen; »hast wieder eine halbe Stunde lang gefeilscht, alter Knauser! Nicht wahr?« »Allerdings«, versetzte Pheidippides, »für diese beiden Fischlein da begehrte die Vettel zwei Obolen!« – »Und zuletzt bekamst du sie –?« »Für einen!« versetzte schmunzelnd Pheidippides, fügte aber sogleich hinzu: »Ohne Zweifel taugt die Ware nichts, sonst hätte die Alte sie mir nicht so billig gelassen. Man ist immer der Betrogene.« Die Hörer lachten. »Pheidippides«, fuhr jener fort, »du bist ein Mann, der hauszuhalten weiß, was sagst du zur Verschwendung des Perikles, der jetzt haben will, daß wir den hierher gebrachten Bundesschatz für allerlei Sold und Schauspielgelder und für ein großes, prächtiges Festhaus der Pallas auf der Akropolis verwenden sollen? Hast du nichts dagegen einzuwenden, Pheidippides?« »Pallas Athene bewahre mich davor!« rief Pheidippides. »Komme aller Götter Segen über das Haupt unseres großen und weisen Perikles! Ganz und gar nichts habe ich dagegen einzuwenden; im Gegenteil, ich sage: wir müssen bauen; das prächtige Festhaus der Athene auf dem Burgberge müssen wir haben, und wenn es die sämtlichen Bundesgelder verschlingen sollte« – »Was? Du knauserst im eigenen Hause, du spaltest den Kümmel für den Tagesbedarf, und mit den öffentlichen Geldern bist du so freigebig?« fragten einige. »Ja seht«, erwiderte Pheidippides, »zu Hause, da lohnt sich's nicht der Mühe, freigebig zu sein, sich's verschwenderisch einzurichten, wann ist denn unsereiner zu Hause? Wann erlauben es dem athenischen Bürger seine Geschäfte, zu Hause zu sein? Jetzt muß er auf den Markt gehen, jetzt in die Volksversammlung, jetzt in die Stammesgenossenschafts-Versammlung, jetzt in die Bruderschaftsgenossen-Versammlung, jetzt in die Gaugenossenschafts-Versammlung, jetzt in diesen, jetzt in jenen Gerichtshof, jetzt in den einen oder den anderen Klub, jetzt in den Piräus, jetzt aufs Land, um nach seinen Aeckern und seinen Schafen zu sehen – wann also, frag' ich, ist der athenische Bürger zu Hause? Der athenische Bürger gehört der Oeffentlichkeit und die Oeffentlichkeit ihm; darum ist immer mein Wahlspruch: bescheiden am häuslichen Herd, aber großmütig und freigebig für's Gemeinwesen, für's Allgemeine! Womit ich mein eigenes Haus schmücke, das ergötzt mich kurze Zeit, und vielleicht schon mein Sohn und Erbe verzettelt's, was ich auf der Akropolis droben bauen helfe, das währt, und das vererb' ich den spätesten Enkeln!« »Pheidippides hat recht!« sagten die Männer, einander anblickend und dabei mit den Häuptern nickend. Aber der Mann von der Oligarchenpartei, der früher den volksfeindlichen Scherz sich erlaubt hatte, erhob nun seine Stimme aufs neue. »Alles mit Maß!« sagte er. »Man muß mit der Hand und nicht mit dem Sacke säen. Halten wir nicht Maß, so geht das Gemeinwesen abwärts, und das stolze Gebäude der athenäischen Macht und Größe kommt zu schmählichem Falle!« »Fall' es dir auf die Nase!« rief der noch immer grollende Bandkrämer von Halimos, die Faust gegen den Oligarchen gewendet. Die Umstehenden lachten. Pheidippides aber begann wieder: »Seht doch einmal die reichsten Männer Athens. Sie wissen es gar wohl, womit sie sich den meisten Ruhm verschaffen können; nicht indem sie großartige Behausungen für sich herstellen, sondern indem sie Schiffe für den Staat ausrüsten und Chöre für die öffentlichen Schauspiele auf ihre Kosten einüben und anderes dieser Art leisten, wozu das Gesetz sie verpflichtet, worin sie aber unter einander einen rühmlichen Wetteifer, mehr als das Verlangte zu leisten, entwickeln. Gibt es etwas, worauf sie ihre Reichtümer lieber verwenden als auf solches, obgleich sie damit nur den Glanz des Gemeinwesens mehren, sich selbst aber beinahe in Armut stürzen?« »In der Tat«, fiel der Oligarch hier ein, »so handeln die Reichen. Aber leider kommt man jetzt dahin, bei den Leistungen mehr auf äußeren Glanz und Tand, als auf das Tüchtige und wirklich Ersprießliche zu sehen. Die Trierarchen gehen oft an Bord, ohne sich für ihre Mannschaft mit etwas anderem als Mehl, Zwiebeln und Käse zu versehen. Diejenigen aber, welche einen tragischen Chor auf ihre Kosten auszustatten und einzuüben übernehmen, füttern diese Chorenten zur Ausbildung und Erhaltung ihrer Stimme eine geraume Zeit hindurch mit allen Süßigkeiten und Leckerbissen und müssen sich, wenn ihr Chor gegen einen anderen im Wettkampfe zurückbleibt, noch überdies verlachen und beschimpfen lassen. Diese Gewohnheiten werden uns weichlich machen. Wollten wir doch nur ein wenig mehr auf das Beispiel der mannhaften Lakedaimonier achten.« »Ein Lakonerfreund!« riefen spottend einige im Kreise. »Ja, ein Lakonerfreund!« sagte der Oligarch. »Ich wiederhole es, wir müssen das Beispiel der Spartaner nachahmen, sonst wird unsere Herrlichkeit nicht lange währen, insonderheit wenn wir fortfahren, die Zügel des Gemeinwesens immer mehr in die Hände der unbemittelten, hungrigen, bestechlichen Klasse schlüpfen zu lassen.« Der Bandkrämer von Halimos, aus der Entfernung zuhörend, ballte bei diesen Worten des Oligarchen neuerdings die Faust. Mit Mühe beschwichtigte ihn einer seiner Gefährten. »Ich habe die verwichene Nacht einen wunderlichen Traum gehabt«, begann jetzt einer im Kreise der Männer, »und möchte wohl wissen, was er etwa bedeutet. Ich sah zuerst eine große Finsternis rings umher verbreitet. Dann sah ich einen Mann kommen – er trug die Züge des Perikles – und eine Fackel aufstecken, die immer größer wurde, bis sie zuletzt als feurige heiße Sonne vom Himmel leuchtete. Da glänzte alles rings im heiteren Tagesglanz. Aber jene riesige Sonnenfackel begann eben durch ihren heißen Strahl wieder Dünste aus der Erde an sich zu ziehen – diese wurden immer dichter und trüber und ballten sich zu Wolken, und zuletzt verschwand die Fackel ganz hinter ihnen, und es war so dunkel wie zuvor. Es war ein seltsamer Kreislauf von Licht und Finsternis. Ob dieser Traum nicht etwa Unheil bedeutet?« »Nicht alle Träume senden die Götter!« erwiderte einer der Zuhörer. »Du irrst!« warf der Oligarch ein. »Träume sind immer bedeutungsvoll. Mich selbst rettete einmal ein warnender Traum, als ich ein Schiff zu besteigen die Absicht hatte, welches nachher mit allen darauf Befindlichen in den Wellen unterging. Die Götter haben nicht gewollt, daß ich auf solche Art umkommen sollte« ... »Vielleicht wollten sie, daß du gehangen werden solltest!« rief der Bandkrämer von Halimos herüber, seinen lang verhaltenen Groll nicht länger bezähmend. Finsteren Blickes sah der Oligarch auf den Mann, der so gesprochen. Er hatte das Ansehen, als ob er den kühnen Spötter zur Rechenschaft zu ziehen gedächte. Aber im Kreise umher blickend, begegnete er nur solchen Mienen, welche dem Spötter Beifall lachten, und da dieser überdies so kampflustig auf ihn zutrat, als ob er ihm mit der Ferse an die Hüfte springen wollte, so zog er es vor, im Gedränge der Gruppe des Volkes zu verschwinden, welche sich in Bewegung setzte, um den Weg gegen die Höhe der Pnyx einzuschlagen, denn die Stunde der Versammlung war gekommen. Auch der Bandkrämer von Halimos schloß sich an, noch immer erregt vom Zorne gegen den Oligarchen. Der Sikyonier war in seiner Nähe. »Hast du gehört«, sprach er, sich ihm wieder gesellend, »was ein Schurke von Oligarch noch immer zu Athen sich erlaubt? Das gemeine Volk zu verachten! Unser einen zu verachten, weil man arm ist – als ob man deshalb weniger athenischer Bürger wäre! Es ist wahr, ich bin ein Bandkrämer, und mein Weib hat sich im Drange der Not schon ein paarmal als Amme verdingen müssen. Aber das Gesetz verbietet ausdrücklich, daß man einem athenischen Bürger, wenn er aus Armut rechtlich ein Gewerbe treibt, dieses zum Vorwurf mache. Und bei der Pallas, ich bin ein athenischer Bürger so gut als irgend einer, wenn ich auch nicht in der Tripodenstraße wohne, sondern in einem kleinen Vororte drunten an der Bucht von Phaleron. Nun, ich denke, besser ist's, mit dem Bündel auf dem Rücken seinen Unterhalt suchen, als in der Weise derjenigen leben, welche lieber verhungern würden als arbeiten, es aber nicht unter ihrer Würde halten, als Schmarotzer die Teller anderer Leute rein zu lecken oder umherzugehen und zu lauern, wo etwa irgend ein Mensch wissentlich oder unwissentlich gegen eines der unzähligen Gesetze Athens verstößt, damit man ihn anklagen und von der Geldstrafe, in die er verfällt, seinen bestimmten Anteil einstreichen könne. Halten sie's für eine Ehre, als Parasiten oder als Sykophanten zu leben, wohl bekomm's! Ich aber dünke mich besser als diese, und wer meiner spotten will, der komme heran: da steh' ich und fürchte keinen, ich, der Bandkrämer von Halimos! Ich tue meine Bürgerpflicht so gut als einer; ich stecke etwas Brot und Zwiebeln in meinen Ranzen und stehe dann wohlgemut dem Vaterlande den ganzen Tag zu Diensten auf der Pnyx! Ich danke den Göttern, daß sie mich als Athener geboren werden ließen: und wenn ich so am frühen Morgen von Halimos gegen die Stadt her wandere und die Akropolis im Glanz der Morgensonne mir entgegenleuchten sehe, und die riesige Vorkämpferin Athene mir zu winken und zu sagen scheint: »Auch du bist einer von meinen Söhnen!« da geht das Herz mir auf und im stillen sag' ich dem alten Helden Theseus Dank, daß er uns Kinder des attischen Landes alle, gleichviel ob wir in der Stadt oder in den ländlichen Gauen hausen, in Urväterzeiten zu einem einzigen Gemeinwesen vereinigte. Denn das müßt ihr anderen Hellenen doch zugeben: wie sich Städte von Dörfern unterscheiden, so unterscheidet sich wieder unser Athen von allen übrigen hellenischen Städten, wir Athener sind nun einmal Autochthonen und anerkanntermaßen das reinste, unvermischteste Hellenenblut. Du begreifst aber auch, daß es nichts Geringes ist, ein Gemeinwesen, wie dieses, als Bürger regieren und verwalten zu helfen. Ich habe mir in den letzten Tagen weidlich den Kopf zerbrochen, inwieweit man den Anträgen des Strategen Perikles gerecht werden könnte. Perikles ist klug, sehr klug, und ich bin ganz einverstanden mit der Uebertragung der Bundeskasse von Delos nach Athen, auch mit der volkstümlichen Verwendung der Gelder und mit dem neuen Tempelhause der Pallas Athene auf der Burg. Aber wir Bürger können doch andererseits auch nicht alles gleich so unbesehen bewilligen, als ob es sein müßte – wir müssen eben merken lassen, daß wir die Herren sind, und daß wir zu entscheiden haben, wir, das Volk, und daß wir die Volksherrschaft haben hier zu Athen« ... So sprach der Bandkrämer von Halimos nachdrucksvoll, als athenischer Bürger, zu dem neuen Beisassen aus Sikyon. Dann trat er in den Laden seines Freundes, des Bartscherers Sporgilos, und ließ sich von ihm das Kinn und die Wange glatt rasieren, damit er unter den anderen Bürgern in der Volksversammlung würdig erschiene; zugleich übergab er dem Sporgilos sein Krämerbündel, damit er es ihm bis zur Zurückkunft aus der Volksversammlung aufbewahre. Mittlerweile war durch eine Anzahl der skythischen Bogenschützen unter Anführung eines der sogenannten Lexiarchen im Umkreise der Agora ein Seil gespannt worden, in der Art, daß nur die Straße frei blieb, welche auf den Hügel der Pnyx hinaufführte – ein alter Brauch, dessen Sinn und Zweck nur war, die Athener, welche gern auf dem Markte schwatzend säumten, zu erinnern, welchen Weg sie einzuschlagen hätten. Und da das Seil mit Mennig bestrichen war, um diejenigen, welche es überspringen wollten, rot zu zeichnen, so mußte der Ausreißer fürchten, sich dem Gelächter der spottlustigen Menge auszusetzen. Der Bandkrämer nahm mit dem Schwarme der übrigen Bürger seinen weg nach der Pnyx. Der Beisasse blieb an seiner Seite, begierig, noch manches von ihm zu erfahren. Bis an die Schranken des Volksversammlungsplatzes durfte er ihn ja begleiten. Der Hügel der Pnyx ist der mittlere von jenen dreien, welche auf der Abendseite der Stadt von Mittag her sich erstrecken. Nordwestlich trennt ihn eine Schlucht von dem sogenannten Nymphenhügel, auf der Mittagseite eine noch tiefere Einsenkung, durch welche ein in den Felsen gehauener Fahrweg läuft, von dem Hügel des Museion, der am höchsten ansteigt in dieser Gruppe meist schroffer Erhebungen. Gen Norden und in der entgegengesetzten Richtung senkt der Hügel sich ziemlich sanft gegen die Ebene; auf dem östlichen Abhange aber, gegen die Akropolis hin, stützt eine schroffe Mauerterrasse in Form eines Kreisausschnittes das Erdreich, erweitert die Oberfläche des Hügels und gleicht die Unebenheiten derselben aus. Felstreppen und durch Kunst gebahnte Wege führen zu dieser teils natürlichen, teils durch Menschenhand erweiterten und geebneten Hochfläche hinauf, die in Urzeiten den Felsaltar des obersten Gottes trug. Der Bandkrämer von Halimos und sein Gefährte aus Sikyon hatten die Höhe erreicht. Die Schranken waren geöffnet, am Eingange aber standen die Lexiarchen, sechs an der Zahl, Amtspersonen, in deren Händen die Verzeichnisse der athenischen Bürger hinterlegt waren und welche hier an den Schranken dafür sorgten, daß kein Unberechtigter in die Versammlung der Bürger sich einschleiche. Dreißig Gehilfen standen ihnen zur Seite. Das Volk strömte ins Innere des weiten, eingehegten Bezirkes, über welchen nur der blaue Himmel sich wölbte. Der Bandkrämer aber leistete dem Beisassen, welcher vor den Schranken zurückbleiben mußte, noch ein wenig Gesellschaft. Mit neugierigen Blicken musterte der Sikyonier über die Schranken hinweg den Raum, der mit den dichten Massen des herandrängenden Athenervolks sich füllte. Er sah den Hintergrund der Hochfläche durch eine Felswand abgeschlossen, aus welcher ein hoher, würfelartiger Stein vorsprang. Dieser im Viereck zugehauene Stein war die Bühne, von welcher herab die Redner zum Volke sprachen. Zu beiden Seiten führte eine schmale Treppe auf dieselbe hinauf. In alten Zeiten war dieser Raum ein Heiligtum, dieser Steinwürfel der Altar des höchsten Zeus gewesen. Der Rednerbühne gegenüber reihte sich hinter einander eine Anzahl von steinernen Bänken, auf welcher ein Teil der Versammelten sich niederlassen konnte. Nachdem der Fremde diese Dinge betrachtet, wendete er sich rückwärts und ließ seine Blicke von der Höhe des weitschauenden Hügels gegen die Stadt hin schweifen. Er sah vor sich die gesamte Stadt der Athener, im Kreise gelagert um den heiligen Felsberg der Akropolis, der in geringer Entfernung, der Pnyx gerade gegenüber, emporragte. Die Glimmeradern seiner über einander getürmten Felsmassen funkelten in der Sonne. Zur Linken des Berges der Akropolis erhob sich, viel niedriger von Ansehen, aber aufstarrend als ein einziger riesiger, wildzerklüfteter Felsblock, der Areshügel, die geheiligte Stätte des Areopags, umweht zugleich von den Schatten ihres Eumenidenheiligtums. Immer dichter ward das Gedränge des Volks um den Standort der Lexiarchen an der Schranke des Eingangs. Lebhaft zeigte sich auch hier, wie auf der Agora, das Wesen des Atheners. Jeden Augenblick erschollen die Zurufe des Lexiarchen: »Vorwärts, Eubulides! Nicht so lange geschwatzt hier vor den Schranken!« – »Ruhig, Charondas! Nicht so gezaudert mitten im Gedränge! Patz gemacht für die Hintermänner!« – Der Bandkrämer von Halimos drückte sich beiseite, um, unbemerkt von den gestrengen Amtsleuten, seinen wißbegierigen sikyonischen Gefährten im Gedränge der Zuströmenden einzelne Gestalten zu weisen, die ihn zu der einen oder der anderen Glosse veranlaßten. »Siehst du«, sagte er, »die beiden dort mit den langen, struppigen Bärten, den blassen, finsteren Gesichtern, den kurzen und grobwolligen Mänteln und mit den dicken Stöcken in der Hand? Ihre Ohren sind platt eingedrückt, als ob sie täglich den erzgebuckelten Faustriemen einander um den Kopf schlügen. Sie möchten aussehen wie Athleten, die mindestens schon einmal in Olympia gesiegt. Das sind die Leute, die wir Lakonisten zu nennen pflegen, weißt du? Die für Sparta schwärmen und hier alles so haben möchten, wie es dort ist« ... Wieder stieß der Bandkrämer seinen Gefährten an: »Jener dort ist Pheidias – Pheidias, der Bildner, der die große Vorkämpferin Athene gefertigt auf der Burg – die Schar, die ihn umgibt, das sind die Seinen, seine Schüler und Helfer – die stimmen alle für Perikles!« Jetzt kamen die Prytanen herangeschritten. Der Bandkrämer zeigte sie seinem Gefährten. Bald aber stieß er diesen noch heftiger an: »Da sieh – Perikles! Der Stratege Perikles!« »Und seine Begleiter?« fragte der Sikyonier. – »Sind ebenfalls Strategen!« erwiderte der Bandkrämer. »Wie heißen sie?« fragte jener weiter. »Das mögen die Götter wissen!« gab der Krämer zurück. »Es gibt, glaub' ich, zehn Strategen in Athen, aber wir kennen nur den Perikles.« »Und die ehrwürdigen Männer, die da mit so würdevollen Schritten sich nähern?« fuhr der Sikyonier fort zu fragen. »Das sind die neun Archonten!« sagte der Bandkrämer. »Sind es nicht diese«, fragte der Sikyonier, »welche bei euch von allen obrigkeitlichen Personen die meiste Ehre genießen?« »Ehre wohl«, erwiderte der Bandkrämer, »aber höher schätzen wir im Grunde doch die Strategen« – »Wie das?« fragte jener. »Weil wir unsere besten Köpfe dazu wählen«, versetzte mit schlauer Miene der Krämer. »Bei den Archonten sehen wir auf Alter, fleckenlosen Ruf und ehrwürdiges Aussehen. Große Ehre genießt ein solcher Archont, sehr große Ehre, das ist nicht zu leugnen; seine Person wird beinahe für heilig geachtet. Dafür ergeht es ihm aber auch schlimm, wenn seine Amtszeit verflossen, und wir mit ihm nicht ganz zufrieden sind. Wir verurteilen ihn – rate wozu? Ein Standbild aus purem Gold in Lebensgröße nach Delphi zu stiften« – »Ein Standbild aus purem Gold in Lebensgröße?« rief erstaunt der Sikyonier, »das ist ja doch keiner zu bezahlen im stande« – »Eben darum!« versetzte der Bandkrämer. »Ein Schuldner des Staats, der nicht zahlen kann, ist nach unserem Gesetze bürgerlich ehrlos. Ein solcher Archont bleibt also zeitlebens ehrlos. Und mit Recht. Hat er früher die große Ehre genossen, so soll er jetzt auch die große Schande dafür haben.« »Wer ist denn nur jener lahme, krüppelhafte, mit Lumpen behängte Mann, mit dem Bettlerranzen um die Schultern, der sich dort mit tollen Gebärden um den Eingang der Volksversammlung drängt?« »Jenen tückisch-grinsenden Bettler meinst du?« erwiderte der Bandkrämer. »Dies stadtbekannte Menschenkind ist als Sklave in einem Prozesse seines Herrn gefoltert worden und seither verkrüppelt geblieben, hat auch seinen Verstand halb eingebüßt, und jetzt, als Bettler sich herumtreibend, ist er von der Sucht befallen, sich überall einzudrängen, wo athenische Bürger sich versammeln, auf dem Markte, auf der Pnyx. Immer wird er hier von den Lexiarchen zurückgestoßen; dann antwortet er mit Schmähungen und lästert das ganze Athenervolk, wofür er oft geschlagen oder gar mit Steinen beworfen wird, wenn ihn der junge Steinmetz Sokrates nicht beiseite führt, der des tollen Menon – so wird er genannt – sich gern erbarmt, und den du auch jetzt wieder in seiner Nähe dort erblickst.« – Nunmehr wurde die Fahne eingezogen, welche von der Höhe der Pnyx den Athenern die bevorstehende Volksversammlung angekündigt hatte. Mit ihrem Einziehen war das Zeichen der Eröffnung gegeben. Jetzt beeilte sich auch der Krämer von Halimos, den umhegten Raum zu betreten, mit einem Gemisch von Stolz und Mitleid sich von dem Sikyonier verabschiedend, der vor den Schranken zurückbleiben mußte. Dem Gezwitscher eines vollen Vogelnestes ähnlich erscholl das Gemisch von Stimmen der Männer von Athen, die in dem weiten Raume sich drängten. Nun gebot ein Herold Ruhe. Sein heller Ausruf klang weithin über die Höhe. Es ward stille. Der Sikyonier war stehen geblieben, wo er zuvor im Gespräch mit dem Krämer von Halimos gestanden, und betrachtete, so gut es aus dieser Entfernung möglich war, die Vorgänge innerhalb des weitgedehnten, von Menschen dichtgefüllten Raumes der Versammlung. Sein Standort war ein wenig erhöht, so daß er über die Köpfe der Menge hinweg zu blicken vermochte. Er sah, wie jetzt, nach vollkommen hergestellter Ruhe, ein als Reinigungsopfer geschlachtetes Ferkel unter dem Vortritt eines Priesters umhergetragen und mit dem Blute desselben der Platz, sowie die Bänke besprengt wurden, Er sah dann, wie ein helles Feuer angefacht und das eigentliche Rauchopfer gebracht wurde. Und neuerdings wurde ihm des Herolds Stimme vernehmlich, welcher die Götter feierlich anrief. Er sah, wie aus der Mitte der Prytanen sich einer erhob, wie die Athener der Vorlesung eines Schriftstücks lauschten, das ohne Zweifel die dem Volke gestellten Anträge des Strategen Perikles und die Vorbeschlüsse des Rats enthielt, wie dann wieder der Herold sich erhob, um zu fragen, wer über diesen Gegenstand zu sprechen verlange; er sah, wie nunmehr die Redner zur Bühne emporstiegen, wie sie nach altem Brauche sich den Myrtenkranz aufs Haupt setzten, wie sie zum Volke sprachen; er sah, wie das Volk zustimmend oder mißbilligend sich äußerte, jetzt atemlos lauschte, jetzt unruhig aufwallte, erst sacht, wie ein Aehrenfeld, welches von mäßigen Winden gekräuselt wird, dann aber ungestüm aufgärend, lärmend, tobend, wie ein sturmgeschüttelter Bergwald, so daß der Herold auf den Wink des ersten der Prytanen Ruhe gebieten mußte; er sah, wie zuweilen der Widerstreit der Meinungen in den Volksmassen zum Kampf der Hände zu entarten drohte, wie hier ein Mann aus dem Volke die Faust gegen einen Oligarchen schüttelte, dort ein Lakonerfreund den Knotenstock mit lauten Verwünschungen gegen die Volksmänner emporhob; er sah jetzt die großen Massen des Volks wie ein Mann jubelnden Beifall zollen, während die Oligarchen murrten oder grollend verstummten; dann sah er wieder diese durch Mienen, Gebärden und Ausrufe ihre Befriedigung an den Tag legen, jene aber in Lauten des Unmuts lärmend sich Luft machen. So gingen im erregten Gewoge der Meinungen und Stimmungen einige Stunden hin. Jetzt sah der Sikyonier den Strategen Perikles, der schon früher, aber nur mit wenigen Worten, zum Volke gesprochen, neuerdings die Rednerbühne besteigen, wieder herrschte völlige Stille im Schwarm der Athener. Ruhig und würdevoll ragte die Gestalt des Mannes, den sie den Olympier nannten, inmitten des Volks empor. Er machte keine lebhaften Bewegungen. Seine Hand verbarg sich ruhig im Obergewande. Aber seine Stimme erscholl mit eindringlichem und wunderbarem Klange hin über die Häupter der Lauschenden. Der Sikyonier vernahm den Klang dieser Stimme, und ohne die Worte selbst zu erfassen, horchte er wie durch einen Zauber gebannt nach jenen Lauten hin, welche einschmeichelnd waren wie der säuselnde Westwind und doch markig zugleich, wie der Laut des sachtrollenden Donners in den Lüften. Plötzlich sah der Sikyonier den Perikles die Rechte unter dem Obergewande, in welchem er sie bisher verborgen hatte, hervorziehen und sie gerade vor sich hin ausstrecken, hinüberweisend auf die nachbarliche, gegenüber aufragende Höhe der Akropolis. Bei dieser Gebärde des Perikles wendeten alle die Tausende von Athenern die Häupter, und alle blickten, der Richtung folgend, welche ihnen die ausgestreckte Rechte des Redners wies, nach der im hellen Tageslichte leuchtenden heiligen Höhe der Akropolis hinüber. Der Sikyonier tat desgleichen. Es war, als ob jene geheiligte Höhe immer heller erglänzte, als ob sie ein neuer, ahnungsvoller Schimmer umzitterte. Der ahnungsvolle Glanz aber, welchen die Akropolis ausstrahlte, schien sich in den Augen der unverwandt hinüberblickenden Athener widerscheinend zu spiegeln. Es war, als sähen sie dort bei dem Klange der Worte des Perikles vor ihren geistigen Augen etwas emporsteigen, was für die leiblichen Augen noch nicht sichtbar. Es schien, als wolle der Berg sich mit einer Zauberkrone schmücken, welche viele Herrscherkronen überdauern und viele Geschlechter der Menschen an sich vorüberziehen sehen würde, und welche in reinem Glanze ruhig fortleuchten würde bis ans Ende der Tage ... Der lauschende Sikyonier hörte den Rededonner des Olympiers Perikles verhallen; er sah, wie der Redner den Kranz vom Haupte nahm, wie er herabstieg von der Bühne unter dem Jubel des Athenervolks, wie der Vorsitzende Prytane das Volk zur Abstimmung aufforderte, wie dieses durch Emporheben der Hände der Aufforderung nachkam, wie die Entscheidung verkündet, und zuletzt durch den Herold auf den Wink des Prytanen das Ende der Versammlung angesagt wurde. Die Menge strömte zurück durch die geöffneten Schranken. In aufgeregten Wogen ergoß der Strom sich den Abhang der Pnyx hinunter. Fragend trat der Sikyonier seinem Befreundeten aus Halimos entgegen, als er ihn wiedersah: »Wie ist's abgelaufen, Freund?« »Wir haben alles bewilligt!« rief der Mann aus Halimos mit leuchtenden Augen, »wir haben zuerst die Oligarchen und Lakonerfreunde niedergestimmt«, fuhr er fort, »und den Kriegersold, den Richtersold und die Schauspielergelder bewilligt. Denke dir den Jubel des ärmeren Volkes, als wir den Oligarchen zum Trotz uns selber alle diese schönen Dinge bewilligten! Und was das neue prächtige Festhaus der Pallas auf der Burg betrifft, mitsamt dem Hinterhause für den öffentlichen Schatz und mit dem großen Standbilde der Pallas und der dreifach gegliederten Prachtvorhalle, durch welche der Festzug der Panathenäen künftig die Akropolis beschreiten soll, und deren Plan von Pheidias ebenfalls schon entworfen wurde, so gibt es keinen athenischen Bürger, so viel ihrer jetzt innerhalb der Schranken gewesen, der nicht die Hälfte dessen, was er sein nennt, dafür hingäbe, wenn der Prachttempel schon so vollendet droben stünde, wie ihn Perikles uns geschildert und förmlich mit dem Finger gezeigt hat. Nur einige von jenen mit den langen Bärten und den dicken Lakonerstöcken – du weißt schon – machten Einwendungen: es sei schon viel gebaut worden; die neue Ringschule und das Odeion sei auch schon in Angriff genommen; man könne mit dem großen Marmortempel auf der Burg noch warten; der Bau werde ungeheure Summen verschlingen. Da kam aber Perikles. »Wenn ihr Athener«, sagte er, »dies herrliche Werk nach dem Plane des Pheidias und des Iktinos nicht ausführen wollt auf öffentliche Kosten, so haben schon Hippias und Hipponikos, und Dionysodoros und Pyrilampes und viele andere der reichsten Männer Athens das Gelöbnis getan, den Bau mit ihren Mitteln zu betreiben, und diese Männer, nicht das Volk der Athenäer, werden sodann den Ruhm davon haben für immerwährende Zeiten!« Das war genug. Du kannst dir vorstellen, wie wir uns beeilten, die Hände mit lautem Ausruf emporzustreben und zu bewilligen, was Perikles und Pheidias wollten. Und denke dir, wie wir eben im größten Eifer der Bewilligung sind, tritt Pheidias hervor, von Perikles gerufen, damit er uns die Kosten des Baues und der Bildwerke auseinandersetze, und sagt: »Aus Elfenbein und Gold gefertigt, wird meine Pallas Athene so und so viel kosten; aus Marmor oder Erz aber nur so und so viel« – Da scholl es von allen Seiten: »Aus Gold und Elfenbein! Nur nicht geknausert, Pheidias, und geh' sogleich an die Arbeit!« – So erzählte der athenische Mann aus dem Volke unter lebhaften Gebärden dem neuen Beisassen aus Sikyon. Ganz Athen war in einer Art von Aufregung, welche die von der Pnyx Herabkommenden überall hin verbreiteten. Stolz wie ein König, träumend von Schauspielgeldern, öffentlichen Spielen, Prachttempeln, Schatzhäusern, Gold- und Elfenbeinbildern, sich freuend über all' dieses, als stünde es schon fertig da und wäre seines eigenen Hauses Zier, schritt durch das Tor des Südens der Bandkrämer von Halimos seiner Heimat zu. Er erzählte allen, denen er begegnete, von den Verhandlungen auf der Pnyx und begrüßte, in seinem Flecken angelangt, sogar sein braunes Weib, das ihm mit dem Kinde auf dem Arme an der Schwelle des Hauses entgegen kam, feierlichst mit den Worten: »Wir haben alles bewilligt!« – IV. Die Pansgrotte. och und weit, in ungetrübter Bläue, wölbte der Horizont des Friedens sich über der Stadt der Athenäer. Ihr Ruhm wuchs zusehends, und ihre Macht schien kein Nebenbuhler mehr antasten zu wollen. Getrieben von einem starken Drange und mit einer Eile, als fürchteten sie, den rechten Augenblick zu versäumen, gingen die Männer von Athen an die Ausführung der Pläne des Perikles und des Pheidias. Aus allen Gegenden Griechenlands waren dem Pheidias geschickte und strebsame Kunstjünger zugeströmt. Viele Bildhauer waren nötig, um für die Bauten der Akropolis die ausschmückenden Werke des Meißels herzustellen. Für den Giebel des Hauses der Pallas galt es, eine nicht geringe Anzahl von Götterkolossen, für die Metopenfelder und Friese desselben lange Reihen sinnvoller Gebilde zu vollenden. Ueberdies wetteiferten die reichen Athener, bei den Bildnern Weihegeschenke zu bestellen, die sie gleichzeitig mit der Eröffnung des großen neuen Tempels auf der Akropolis aufzustellen gedachten. Und die Künstler selbst wetteiferten miteinander, für denselben Zeitpunkt und um desselben Zweckes willen ihr Schönstes und Bestes darzubringen. Unzählige Bau- und Zimmerleute waren bei den Bauten der großen Ringschule und des Odeion beschäftigt; noch mehr bei den Arbeiten auf der Akropolis. In den Steinbrüchen des Pentelikos erwachte jetzt ein doppelt reges Leben. Unablässig zogen von da die maultier- und rinderbespannten Lastwagen gegen die Stadt. Der Abhang des Felsberges der Akropolis widerhallte beständig von dem Rufe der Lasttiertreiber, denn es kostete große Mühe, die gewaltigen Marmorblöcke auf die Höhe des Berges hinauszuschaffen. Und wie nach ihrem Marmor auf dem Pentelikos, gruben die Athener jetzt fleißiger denn je nach ihrem Edelmetall in Laurion und nach ihrer vortrefflichen Töpfererde in dem heimischen Boden. Und was sie nicht schon hatten, das brachten ihnen die Kauffahrer übers Meer herüber: so das Cypressen- und das Ebenholz und manches Erz und Färbstoffe, und aus dem fernen Morgenlands das Elfenbein. Die Steine und die Hölzer mußten behauen werden, die Erze mußten geschmolzen werden, das Elfenbein mußte durch die Hände von Leuten gehen, welche es für die Zwecke der Kunst vorzubereiten und sogar geschmeidig zu machen verstanden; die Gold- und Silbersticker waren vollauf beschäftigt, allerlei Tempelschmuck und Weihegeschenke anzufertigen; die Seildreher mußten den Bau- und Zimmerleuten und den Führern der Lastwagen Taue von ungewöhnlicher Stärke liefern, die Wegmacher mußten Wege für den vielen Transport ebnen, und so gab es Arbeit überall, und alles wurde in den gärenden Wirbel der Betriebsamkeit mit hineingezogen. Für die beschwerlichste Handarbeit bei den Bauten wurden auch ausländische Helfer gedungen. Vor andern brauchbar erschien der schweigsam-ernste, zähe, geduldige Aegypter. Wie bei seinen heimischen Pyramiden, ermüdete er auch als Söldling in der Fremde nicht, mit der Ausdauer des Lasttiers geruhig Quadern auf Quadern übereinander zu türmen. Ganz Athen war in jenem Zeitpunkte eine große Künstlerwerkstätte. Als der eigentliche Herd aber, auf welchem die Opferflamme des den Göttern wohlgefälligen neuen Bestrebens am mächtigsten emporloderte, stand die luftige Höhe der Akropolis da, ein altes Heiligtum, und eine feste Burg der Athener zugleich, um deren Fuß sich nach und nach die Behausungen der Ansiedler zur Stadt vereinigt hatten. Zur »Burg« machten diese Höhe nur ihre natürlichen Felsen und die gewaltigen Mauern, welche die nördliche und die südliche Seite derselben schützten. Noch ist es kein dem Auge erfreulicher Anblick, was uns in diesem Augenblicke auf der Höhe begegnet, wüst und kraus erscheint die geräumige Hochfläche. Uralter Schutt liegt noch umher, mit Trümmern zerstörter Werke, zu neuer Verwendung ausgeschieden. Gegen den Südabhang ist zum Teil das Erdreich aufgegraben, und aus der Vertiefung sieht man schon einen massigen Quaderunterbau, zum größten Teil auf den Ueberresten eines alten, bis zur Bodenfläche und darüber empor sich erheben. Die übrige Fläche ist größtenteils verdeckt von Marmorblöcken, welche soeben zubehauen werden. Haufen von Erde, Geröll und Sand sind aufgeschüttet, Werkstätten verschiedener Art schließen im Hintergrund der Baustätte sich an. Ueberall ist das Klopfen der Hämmer zu vernehmen und das Knarren der Taue und der dumpfe, erderschütternde Hall gewälzter Steine und Balken, dazu die Rufe der Aufseher, welche das Heer der Werktätigen leiten und spornen. Aber mitten in diesem wirren und unruhigen Getriebe des Werdenden auf der Akropolis steht noch ein festbegründetes ehrwürdiges Denkmal der alten Zeit, etwa wie ein grauer halbverfallener Turm am Meergestade, welchen die stürmischen Wellen umrauschen, begierig, ihn mit ihren Brandungen zu unterhöhlen, zu stürzen und hinwegzuschwemmen. Dies Denkmal war die Stätte des ältesten religiösen Dienstes der Athener; das geheimnisreiche, düstere Tempelhaus des schlangenfüßigen Erechtheus, des attischen Stammesheroen, zugleich den Kult des Meergottes Poseidon, der Kekropstochter Pandrosos und der Athene Polias in seinen Räumen umschließend, halb zerstört im Perserkriege und vorläufig nur zur Not wieder aufgerichtet. Wundersam klangen die Sagen von Erechtheus aus den Urzeiten des attischen Landes und Volkes: wie in wohlverwahrtem Behälter Pallas Athene den Töchtern des auf der Akropolis herrschenden Königs Kekrops das neugeborne, schlangenfüßige Kind von ungewisser Herkunft übergab, mit dem ernstlichen Verbot, den Behälter zu öffnen, wie aber die Kekropstöchter – sie hießen Pandrosos, Aglauros und Herse – dennoch, von Neugier getrieben, die Kiste öffneten und das Knäblein fanden, von einem gräulichen Schlangenungetüm ganz umringelt; und wie dann, wahnsinnig vor Entsetzen über den Anblick, die Jungfrauen sich hinunterstürzten über die Felswände der Akropolis. Aber das Schlangenkind Erechtheus wuchs heran, in des Königs Kekrops Obhut, und ward zum gewaltigen Hort der Athener. Jener Tempelraum umschließt sein Grab, und noch immer gilt des Halbgotts wohlverwahrte Gruft als ein fester Schirm und Landeshort. Des alten Stammeshelden Seele aber lebt, nach dem Glauben des Athenervolks, in einer Schlange fort, welche beständig in dem Heiligtums genährt wird. Als des Tempels geheimnisvolle Hüterin gilt das Tier, und allmonatlich bringt man ihm Honigkuchen zum Opfer. En heiliger Quell entspringt im Bezirk des Tempels; seine Flut ist salziges Meergewässer, als ob er unterirdisch mit dem Meere zusammenhinge, und beim Wehen des Südwinds, sagen die Athener, vernimmt man in demselben das leise Brausen der Meereswellen. Kein Wunder, denn diesen Quell entlockte, sagen die Athener, der Meergott Poseidon mit einem Schlage seines mächtigen Dreizacks dem Felsen der Akropolis, als er mit Pallas Athene sich stritt um den Besitz des attischen Landes. Noch sind im Felsgrunde die Dreizackspuren des Gottes vorhanden, und jeder kann sie schauen. Pallas Athene aber ließ dem Quell gegenüber einen Oelbaum aufsprossen, den Oelbaum, von welchem die andern Oelbäume in Attika alle, dieser Stolz und höchste Segen des attischen Landes, stammen. Durch den Oelbaum aber behauptete im Wetteifer der Segensspenden die weise Göttin Pallas Athene den Sieg über den gewaltigen Dreizackschwinger. Auch jenen uralt-heiligen Oelbaum umschließt noch der Tempelbezirk. Niederbrannte ihn der Perser: am nächsten Morgen aber war er durch Götterhuld schon wieder ellenhoch emporgegrünt. Das höchste Heiligtum aber im Bezirke des Erechtheions ist das uralte Bild der Athene Polias, aus Oelbaumholz, nicht von Menschenhand geschnitzt, sondern vom Himmel gefallen. Erechtheus selber hat es aufgestellt, und unverändert – so lehrt das Priestergeschlecht, das im Tempelhause des Erechtheus waltet – muß es an dieser Stelle aufbewahrt werden für immerwährende Zeiten. Eine ewige Lampe brennt vor demselben im düstern Raume des Tempels. Auch Weihegeschenke von merkwürdiger, Art sind da zu finden: ein aus Holz geschnitzter Hermes, beständig von lebendigen Myrtenzweigsn wurzellos umgrünt, aus den Zeiten der Kekrops herrührend, ein eigentümlich geformter Sessel, den der Tausendkünstler Dädalus in Urzeiten gefertigt, auch Trophäen aus den Perserkriegen: erbeutete Panzer und Schwerter besiegter persischer Heerführer. Vor dem Tempel aber im Freien steht ein Altar des Zeus. Nichts Lebendes darf auf diesem geopfert werden; auch keine Weinspende darf ausgegossen werden; nur Opferkuchen werden hier dem höchsten Gotte dargebracht. So beschaffen ist das im Liede des Homeros erwähnte »Haus des Erechtheus«, welches, mehrere geschiedene Tempelräume für den Dienst der oben genannten Gottheiten umfassend, gegen den Nordabhang des Berges hin, ungleichmäßig auf ungleichem Boden, sich erhebt, und welchem gerade gegenüber man das neue Prachthaus der Pallas Athene zu errichten im Begriff ist. Eine heilige Handlung wird eben in diesem Augenblicke vor dem Eingange des Tempels vollzogen. Gereinigt und neu bekleidet wird von Zeit zu Zeit das alte Holzbild der Stadtschirmerin Athene, und in feierlicher Weise pflegt diese Reinigung zu geschehen. Ein religiöses Fest ist's wie ein anderes, und dieses Fest nun findet eben statt. Seinen Schmuck und sein Gewand hat man dem Bilde abgenommen, und eine Hülle wird über dieses gebreitet, während das Gewand eigens hierzu bestimmte Personen zu waschen beschäftigt sind. Und damit niemand während dieser Verrichtung den Tempel unberufen betrete, bleibt derselbe, solange die heilige Handlung dauert, mit einem gespannten Seil umzogen. Die Reinigung ist nun vollbracht, die Göttin wird wieder bekleidet, ihr Haar – denn sie ist mit weiblich behaartem Haupte gebildet – wird sorgsam neu gekämmt und geordnet, ihr Leib aufs neue geschmückt mit Kränzen, Diademen, Halsketten und Ohrgehängen. Die Personen, welche an dem heiligen Gebrauche teil genommen, entfernen sich. Bald sieht man nur mehr zwei Männer auf den Stufen vor dem Eingänge des Tempels stehen und sich unterreden. Der eine von ihnen ist der Priester des Erechtheustempels, Diopeithes. Seine Miene ist umdüstert, und er wirft von der Schwelle des Tempels grollende Blicke hinüber nach dem Schwarme der Werkleute, deren Getümmel und Gelärme als eine frevle Störung der heiligen Verrichtung ihm erschienen war. Das Geschlecht der Eteobutaden, aus welchen seit Urzeiten der Priester des Erechtheus und die ihm zur Seite stehende Priesterin der Athene Polias stammten, war das älteste und lange Zeit auch das angesehenste Priestergeschlecht in ganz Attika. Aber in neuerer Zeit hatten die verwandten Eumolpiden, das Priestergeschlecht der Demeter zu Eleusis, mit deren Dienst die großen Mysterien verbunden waren, als Hierophanten oder Oberpriester dieser Geheimfeier von Eleusis zu einem noch höheren Range in der attischen Hierarchie sich emporgeschwungen. Nicht ohne geheimen Groll ertrugen die Eteobutaden diese Zurücksetzung. Aber dieser Groll war es nicht allein, was das Gemüt des Diopeithes, des nunmehrigen Priesters im Heiligtum des Erechtheus auf der Burg, verdüsterte. Neuerdings einen Blick des Unmuts nach den Arbeiten des Parthenon hinüber werfend, begann er zu dem Manne, welcher mit der ergebenen Miene eines Vertrauten und Helfers neben ihm stand und welcher kein anderer als jener Lampon war, der Seher, der ins Haus des Perikles berufen worden, um das Wunderzeichen des einhörnigen Widders zu deuten: »Der Friede«, sagte er, »ist gewichen von dieser geweihten Höhe, seit auf ihr jene lärmvolle Schar des Pheidias und des Kallikrates ihr Wesen treibt, und wundern sollt' es mich, wenn nicht bald die Götter selbst vor dem Getümmel jenes törichten und unfrommen Tuns sich entweichend zurückziehen. Denn töricht und unfromm ist, was jene beginnen, und niemals kann es den Göttern gefallen. Statt zu allererst das uraltheilige Haus des Erechtheus glänzender herzustellen, das nach dem Frevel, welchen der Perser daran verübt, vorerst nur notdürftig wieder aufgerichtet worden, beginnen jener Perikles und jener Pheidias damit, einen ganz neuen, unnützen Prunktempel diesem echten alten Heiligtum gerade gegenüber aufzutürmen. Schweifte mir bisher der Blick ungehemmt von dieser Stelle in die weite Ferne hinaus, so legt nun bald jenes Prunkgebäude sich wie ein Wall dahier vor meine Augen. O, ich weiß, wonach sie trachten, jene heimlichen Götterverächter! Sie wollen diesen altehrwürdigen Tempel und seine Götter in den Hintergrund drängen; ausrotten wollen sie den alten strengen Götterdienst und mit ihm den frommen Sinn; sie wollen an die Stelle der alten Tempel und der alten Götterbilder solche setzen, welche durch eitlen Prunk und leeren Glanz das Auge bestechen, aber kein Gefühl der wahren Götterfurcht in den Herzen erwecken. Was soll es werden, dieses »Haus der Jungfrau«, dieser Parthenon? Ein Tempel ohne Priester, ohne Dienst, ein prahlerisches Schaustück, ein Ziel- und Mittelpunkt bloß für das Festgepräng der Panathenäen, und daneben – doch nein, nicht nebenbei, sondern in seinem eigentlichen Wesen, o Schmach! ein Schatzhaus, ein Aufbewahrungsort für das Gold der Athener, das sie wohl oder übel an sich bringen! Nur als Hüterin dieses Goldes stellen sie im Tempelraume die Göttin auf! Und welche Göttin! Was will das Prunkgebild aus Gold und Elfenbein? Ein Machwerk wird es sein von Menschenhänden. Das alte Holzbild, welches dieser unscheinbare Tempel birgt, ist durch keines Sterblichen Ruhmbegier gefertigt worden – göttlich ist sein Ursprung und durch Götterhuld ist es den Athenern zu teil geworden!« So Diopeithes. – »Es ist eine vermessene Zeit«, sagte zustimmend Lampon. »Das Einfache, das Alte, das Ehrwürdige, das Heilige ist bei manchen nicht mehr geachtet, und bald wird dünkelhaft das Menschliche über das Göttliche sich erheben wollen.« Leiser und mit geheimnisvoller Miene begann jetzt Diopeithes wieder: »Jener Perikles und jener Pheidias, welche die Athener zu dem neuen Bau beredet haben, wissen auch eines nicht, was wir Erechtheuspriester wissen, und was wir, immer hier oben wohnend auf der Höhe des Burgberges, vor anderen Menschen zu wissen im stande sind: daß gerade jene Stelle, gerade die Stelle dort, wo sie den schmuckreichen Giebel und den Haupteingang ihres neuen Tempels errichten wollen, zu denjenigen Orten gehört, welche man »unterweltliche« nennt, zu den Orten, wo niemals aus den Lüften ein Vogel sich niederläßt, oder derjenige, der es tut, verendend hinfällt, wie von einem giftigen Hauche getroffen. Laß sie nur bauen, die vorwitzigen, an jener Unglücksstelle; sie werden keinen Segen, sie werden nur Fluch davon haben! Es ist das Erbe der Männer von Athen, unbedacht zu handeln. Wenige wissen, woher es kommt. Wir Eteobutaden wissen es: Poseidon, besiegt im Wettstreit mit Pallas Athene, grollend ob seiner Zurücksetzung, verhängte für alle Zeit unweisen Rat den Athenern!« – »Unweise sind sie«, versetzte Lampon, »und unweise sind ihre Führer, weil sie auf die Lehren derjenigen hören, welche sich Weltweise und Wahrheitsfreunde nennen. Auf Perikles hört das Athenervolk; Perikles selbst aber hört auf Anaxagoras, den Klazomenier, welcher die Natur erforscht, und welcher, weil er alles auf natürliche Ursachen zurückführen zu können glaubt, deshalb die Götter für entbehrlich hält. Kürzlich wurde ich in das Haus des Perikles gerufen, um ein Wunderzeichen zu deuten, das sich dort begeben hatte. Es war nämlich dem Perikles auf seinem Landgute ein Widder geboren worden, dem ein einziges Horn mitten auf der Stirn sproßte. Ich tat, was man verlangte, nach den Regeln meiner Kunst, und Perikles konnte mit meinem Seherspruche zufrieden sein. Aber ich hatte schlechten Dank dafür, denn Perikles schwieg völlig, und Anaxagoras, welcher ihm zufällig eben zur Seite war, lächelte, als ob mein Beginnen eitel und meine Rede töricht wäre!« – »Ich kenne ihn«, erwiderte Diopeithes, und ein düsteres Feuer blitzte dabei in seinen Augen auf, »ich kenne ihn wohl, den Klazomenier; ich habe vorlängst auf dem Wege zum Piräus über Götter und göttliche Dinge ein Gespräch mit ihm gepflogen, und ich habe gesehen, daß seine Weisheit von der verderblichen Art ist. Solche Männer können in unserem Gemeinwesen nicht geduldet werden. Oder ist es so weit mit uns gekommen, daß die Gesetze zu Athen unkräftig sind gegen die Götterleugner? Nein! Noch erbebt die Mehrzahl der Athener in leisem Schauer bei diesem Namen!« So sprach Diopeithes. Jetzt aber mit scharfem Auge rechtshin blickend, wies er auf einige Männer hin, welche, in lebhaftem Gespräch miteinander begriffen, den einzigen auf die Höhe der Akropolis führenden Weg über den westlichen Abhang des Berges hinaufgeschritten kamen. »Mich dünkt«, sagte Diopeithes, »ich sehe dort den unweisen Berater des Athenervolks, den Freund und Gönner des Anaxagoras, soeben heraufkommen. An seiner Seite geht, wenn mein Auge mich nicht trügt, einer von jenen neumodischen Schauspieldichtern, welche den ehrwürdigen Aischylos überwunden zu haben glauben. Wer ist aber jener dritte, die feine, geschmeidige Jünglingsgestalt, welche dem Perikles zur anderen Seite geht?« »Das ist wohl«, erwiderte Lampon, »jener junge Zitherspieler aus Milet, den Perikles, wie ich höre, liebgewonnen, und der jetzt überall an seiner Seite gesehen wird.« »Ein junger Zitherspieler aus Milet«, sagte Diopeithes, und musterte die Wohlgestalt des milesischen Jünglings; »ich habe bisher nur gewußt, daß Perikles ein Kenner und Liebhaber der Reize des anderen Geschlechtes ist; nun sehe ich, daß er das Schöne überall zu schätzen weiß. Denn dieser Jüngling, bei den Göttern, ist würdig, nicht bloß dem sogenannten Olympier Perikles, sondern dem Beherrscher des Olymps selber, dem höchsten Zeus, als Mundschenk zu dienen. Es wundert mich nur, daß dieser sogenannte Olympier, der würdevolle Perikles, kein Bedenken trägt, sich vor den Augen der Athener so ganz öffentlich mit erlesenen Lieblingen zu zeigen!« – Während so der Erechtheuspriester den im Geleite des Perikles gehenden Jüngling mit Blicken der Mißgunst und der Lüsternheit zugleich musterte, waren jene drei näher gekommen. Immer anmutiger entwickelte sich die weiche, jugendliche Gestalt, welche Lampon dem Diopeithes als einen Zitherspieler aus Milet bezeichnet hatte. Der Tragödiendichter, welcher ebenfalls in der Gesellschaft des Perikles ging, warf zuweilen einen warmleuchtenden Blick auf das reizende Jünglingsbild und richtete auch mit Vorliebe sein Wort an den Milesier. Er selbst, der Dichter, war schön und stattlich von Ansehen. Seine reine Stirn schien wie von einem heiteren, ätherischen Lichte umflossen. Jetzt trat den Ankömmlingen aus dem Schwarme der an dem Bau Beschäftigten Kallikrates entgegen, der wackere Meister, welchem die werktätige Ausführung dessen oblag, was Pheidias und Iktinos in der Zurückgezogenheit sinnend und grübelnd entwarfen. Man merkte es leicht an dem Manne, daß es seine Sache war, unablässig hin- und herzuwandeln im Sonnenbrande zwischen den Steinblöcken und den schweißtriefenden Arbeiterscharen auf der Höhe der Akropolis. Sein Gesicht war verbrannt, und die Farbe desselben hob von dem dunklen Barte, der es umrahmte, kaum sich ab. Das nicht minder schwarze, stechende und blitzende Auge schien gleichsam vollgesogen von der Sonnenglut. Die ganze sehnige Gestalt sah wie geröstet aus. Seine Gewandung unterschied sich kaum von der Gewandung derer, die ihn umgaben. Nachlässig und von unbestimmbar gewordener Farbe hing das Stück Zeug, das er seinen Chiton nannte, ihm um die schwarzbraunen Glieder. Und so wie er jetzt im Schwarme der Werkleute auf der Akropolis umherging, so war er vordem schon manches Jahr lang umhergegangen bei der mittleren langen Mauer unten, die sein Werk war, und die er kürzlich zur Freude des Perikles vollendet hatte. Perikles tat an Kallikrates verschiedene Fragen, welche sich auf den Fortgang der Arbeiten bezogen. Mit Genugtuung wies Kallikrates hin auf den nun vollendeten Unterbau, gefügt aus riesigen Quadern von feinem, gelblichem Muschelkalk. »Ihr seht«, sagte er, »der Grund steht vollendet, mitsamt den drei großen Marmorstufen, die ihn umsäumen. Seht nur, wie sich's da schier die ganze Mittagsseite der Bergeshöhe entlang erstreckt! Schon sind auch die Zwischenweiten der Säulen abgesteckt, desgleichen die Umrisse der Innenmauern, sowohl des Gemachs für das Bild der Göttin, als des Hinterhauses für den Schatz, und auch an den Säulentrommeln wie an den Gebälkstücken wird gearbeitet; alles freilich vorerst nur aus dem Groben gehauen; denn die feinere Arbeit folgt erst nach, wenn das Ganze im allgemeinen Umriß wohlgefügt dasteht, und ihr dürft vorläufig nichts nach dem, wie es im Augenblicke sich darstellt, beurteilen. Ihr werdet euch gedulden müssen, denn Iktinos ist ein Zauderer und Pheidias desgleichen« ... »Wohl kann ich mir's vorstellen«, sagte Perikles, »daß der Grübler Iktinos niemals sich selber genug tut« – »Und Pheidias desgleichen«, wiederholte Kallikrates beinahe mit Unmut. »Tagelang sitzen sie flüsternd beisammen und haben vor sich ihre beschriebenen Blätter und Tafeln und rechnen und messen, grübelnd über die rechten Zwischenweiten und Schwellungen und Neigungen der Säulen und über die Verhältnisse der Gesimse und Kapitäler, und gehen dann wieder zum Theseustempel hinab und messen dort herum an Säulen und Gebälk, und sehen sich auch dort nicht befriedigt, indem sie finden, daß dort das Gebälk ein wenig zu lastend, die Zwischenweite der Säulen ein wenig zu groß sei und daß man es hier besser machen müsse. Und dann rechnen sie wieder und zanken sich auch wohl ein wenig und stellen Versuche an, zu erproben, um wieviel die Ecksäulen stärker gebildet sein müssen als die übrigen, und um wieviel der für das Auge gar nicht merkliche Abstand der Ecksäule von der ihr benachbarten enger sein muß als der der übrigen von einander, und wie groß ihre leise Verjüngung nach oben und nach unten ausfallen muß, und wie viel hier von der dorischen, dort von der ionischen Art entlehnt werden muß, und um wie viele Linien die Ausladung an diesem Gebälk oder an jenem Gesims oder Kapitäl oder Fries stärker oder geringer gemacht werden muß, damit alles in einer bisher nie gesehenen Weise aufs schönste und wohltuendste zusammenstimme.« »Wer möchte einen Iktinos nicht um sein feingebildetes Kenner- und Meisterauge beneiden!« rief Perikles. »Es ist das Auge eines Falken!« sagte Kallikrates. »Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie wundersam gesteigert und ausgebildet die Wahrnehmung dieses Mannes ist. Er trägt immer den Maßstab in der Hand, aber er braucht ihn wenig, denn Sehen ist bei ihm schon Messen und Rechnen. Die eingeborne Meßkunst seines Auges ist so erstaunlich, daß er mit rechnendem Bewußtsein Wirkungen unterscheidet, von welchen die Laien kaum ein halbes Gefühl, kaum einen unbewußten Eindruck haben. Er sieht sozusagen mit tastenden Augen und tastet mit sehendem Finger. Und bei Pheidias ist's ebenso. Der pflegt zu sagen, und ihr habt es wohl schon aus seinem Munde vernommen: Gebt mir eine Löwenklaue, und ich stelle euch nach ihr den ganzen Löwen wieder her! – So scharf und wohlgeübt ist auch des Pheidias Betrachtung der Dinge und sein Sinn für alles, was man Form und Gestaltung und Zusammenstimmung nennt.« »Warum sollte das Auge des Hellenen nicht auch so feinfühlig werden können, wie sein Ohr?« sagte der Dichter. »Empfinden wir Poeten und Musiker doch« – er blickte dabei den jungen Zitherspieler an – »die geringsten Feinheiten und Unterschiede des Rhythmus und hören Mitteltöne heraus, die für das Ohr des Laien verloren sind!« »Es ist sehr rühmlich von Iktinos und Pheidias«, fuhr Kallikrates lächelnd fort, »daß sie alles so fein ersinnen und mit Strichen und Zeichen feststellen auf dem Papyros. Aber nun bedenkt, daß all' das Feingedachte, was diese Männer ergrübeln und entwerfen auf dem Papyros, auch ausgeführt sein will – ausgeführt in massigem, widerstrebendem Stoffe. Da seht die Tafel, auf welcher mir Iktinos die Maße und Berechnungen verzeichnet hat, wie er sie braucht und haben will – die soll ich nun im Quadergestein verwirklichen, in kolossalem Maßstabe und doch so genau, mit allen Feinheiten des Entwurfes, als ob ich sie mit einem feinen Messerchen aus Ebenholz schnitzelte.« »Leicht ist die Mühe begreiflich«, sagte der Dichter, »die es kostet, all' die feinen Maße und schnurgeraden Linien jener Entwürfe in der Riesenschrift der Quadern und in wechselnder Formfülle überall festzuhalten« – »Schnurgerade Linien sagst du?« rief Kallikrates mit einem beinahe spöttischen Lächeln. »Schnurgerade Linien? Wollten die Götter! Mit schnurgeraden Linien würde wohl auch ein Stümper fertig. Aber dergleichen gibt es nicht in den Maßen des Iktinos und des Pheidias. Wißt ihr was Iktinos sagt? »Um gerade zu erscheinen, darf die Linie in großen Verhältnissen es niemals wirklich sein!« – Seht euch einmal den Unterbau hier an, und die Stufen, welche zu seiner Oberfläche hinaufführen. Ihr meint wohl, daß diese Oberfläche wirklich so schnurgerade läuft, als sie eurem Auge sich darstellt? Ihr irrt: Die Linie dieser Oberfläche erhebt sich gegen die Mitte zu in leise schwellender, für das Auge unmerklicher und dennoch auf das Auge berechneter Krümmung. Und diese selbe leise, unmerkliche Krümmung könnet ihr später auch beim Gebälk, wenn auch in geringerem Maße, finden, ja überall, in der ganzen Außen-Architektur des Tempels will sie Iktinos durchgeführt wissen; und wie vom Kranzgesims bis zur Grundfeste herunter nichts wirklich Wagerechtes zu finden sein soll, so will er auch nichts völlig Senkrechtes dulden und die nach oben gekrümmten Linien ebenso leise nach innen geneigt wissen. Ohne dieses auf die Gesetze der Sehkraft und auf die Brechungen des Lichtes berechnete Spiel der leisen Krümmungen, sagt Iktinos, erschiene das Ganze schwunglos und hätte, statt frei und leicht emporzustreben, das Anseh'n, als wolle es in den Boden sinken. Haltet was ihr wollt von diesen und ähnlichen Kunstgeheimnissen der beiden Meister; aber bedenket nun, wie ich, um nur eins zu erwähnen, es anstellen soll, daß trotz jener leisen Krümmungen nach oben und unmerklichen Neigungen nach innen die einzelnen Werkstücke, die Quadern, die Säulentrommeln, nach jenen feinen Maßen verschieden berechnet und zugeschnitten, dennoch haarscharf und fest und sicher ineinander sich fügen?« »Du wirst es vermögen, wackerer Kallikrates!« sagte Perikles lebhaft; »ich kenne dich! – Lassen wir im übrigen den Iktinos und den Pheidias mit ihrem feinfühlenden Auge messen und rechnen; es ist ja doch im Grunde ein inneres, göttlich begeistertes Schauen, welchem jene Männer messend und rechnend folgen. Ihnen ist es durch die Götter in die Seele gelegt worden, zu erkennen, auf welchem Wege und durch welche Mittel sie auch uns in äußerlicher Schau dasjenige rein zu genießen geben mögen, was sie im innerlichen Schauen uns gleichsam vorgekostet.« »Solange ein Stein hier über dem andern ruht«, sagte der Dichter zustimmend, »wird wohl das, was gottbegeisterte Männer, wie diese beiden, erst mit der Seele geschaut und dann in Zahlen und Maßen ergriffen und begriffen haben, Sinn und Herz der Betrachter bewältigen.« »Nur nicht Sinn und Herz des Lauschers da drüben«, fiel Kallikrates lächelnd ein, nachdem er eine Weile scharf den Erechtheuspriester und seinen Vertrauten ins Auge gefaßt, welche beide, lauernd und horchend, noch immer am Eingange des Erechtheions standen. »Mit Blicken des Ingrimms«, fuhr Kallikrates fort, »schaut jener beständig nach unserem Tun herüber, aber ich trage kein Bedenken, diese Blicke zu erwidern. Wir necken einander, und zwischen meinen Leuten und seinen Tempeldienern herrscht eine offene Fehde.« »Es darf uns nicht wundern«, sagte Perikles, »wenn der Erechtheuspriester zürnt. Bauen wir doch, statt sein altes Tempelhaus wieder herzustellen, vor seinen Augen ein neues. Aber wer möchte es auch wagen, mit freigestaltender Hand an die altehrwürdigen Geheimnisse jenes düsteren Heiligtums zu rühren?« »Ja«, sagte Kallikrates, »man tut besser, die Eulen dort weiter nisten zu lassen. Die sitzen unter dem alten Tempeldache Tag und Nacht. Jene da drüben wollen nichts wissen von den neuen Götterbildern des Pheidias. Sie wollen keine neuen Götter; sie waschen und kämmen die alten und behängen sie äußerlich mit neuem Kleidertand und glauben, so könnten sie ewig dauern. Diese Leute möchten die Pallas Athene am liebsten noch immer mit dem Eulengesichte gebildet sehen!« – »Dort nähern sich Pheidias und Iktinos«, sagte der Dichter, nach der andern Seite blickend, »wir werden nun sie selber hören« – »Ihr werdet nicht viel hören«, versetzte Kallikrates. »Pheidias ist schweigsam, wie ihr wißt, und Iktinos zürnt einem jeden, der ihn über sein künstlerisches Bestreben zu reden zwingen will. Beide Männer sind nur unter einander, aber mit sonst niemand in der Welt gesprächig.« Inzwischen war Pheidias und Iktinos näher gekommen. Iktinos war ein unscheinbares, etwas gebücktes Männchen. Seine Züge waren schlaff, sein Antlitz gelblich, seine Augen matt, wie von vielem Wachen und Sinnen. Aber in seinen Schritten hatte er dennoch etwas Hastiges, Unruhiges, das auf Erregbarkeit und eine bewegliche Seele schließen ließ. Pheidias erwiderte den Händedruck des Perikles, sowie des ihm gesellten Dichters. Auf den schönen Zitherspieler mit den jugendlichen und weichen Gliederformen warf er einen sonderbaren Blick, Er schien ihn zu kennen und doch nicht kennen zu wollen. Iktinos hatte das Ansehen eines Mannes, dem die Begegnung der Menschen selten erwünscht ist, und schien gesonnen, seinen Weg ohne Pheidias fortzusetzen. Aber der Dichter wollte die Wahrheit dessen erproben, was Kallikrates gesagt, und wendete sich an den geschäftigen und eiligen Mann, um ihn zu versuchen, mit der Frage: »Meister Iktinos, willst du nicht als ein Kundiger eine Frage entscheiden, welche den Perikles und mich und den jungen Zitherspieler hier vor kurzem eine geraume Weile beschäftigt hat? Wir sprachen über die Gründe, welche wohl euch Baumeister veranlassen mögen, daß ihr den Architrav nicht unmittelbar auf dem Säulenschafte aufruhen lasset, sondern ein etwas breiteres Glied, sei es in der Form des dorischen Kapitäls oder der ionischen Schnecke, dazwischen schiebt? Einige behaupteten, dies geschehe, damit es das Ansehen habe, als ob die Last des Gebälks die Masse der Säulen gleichsam auseinanderdrücke – sie an der Spitze gleichsam breit quetsche« – Iktinos lachte in sich hinein. »Also Säulen von Lehm, von Teig oder Butter?« rief er in sarkastischem Tone. »Schöne Säulen das – Säulen von Lehm, die sich breit quetschen lassen – ha, ha, ha – Schöne Säulen das« – »Du spottest dieser Erklärer?« rief der Dichter. »Sag' also selbst, warum tut ihr so?« »Weil das Gegenteil häßlich und abscheulich und unerträglich wäre!« Diese Worte stieß Iktinos kurz heraus, warf dem Frager einen flüchtigen Blick aus seinen grauen Augen zu und huschte vorüber. Die Männer lachten. – »Ich sehe«, fuhr Perikles hierauf, zu Pheidias gewendet, fort, »daß die Arbeiten rüstig fortschreiten. Das ist erfreulich. Wir müssen rasch und mit Eifer arbeiten. Wir müssen die vielleicht nie so wiederkehrende Gunst der Zeiten benützen. Ein ausbrechender großer Krieg würde alles ins Stocken bringen, und bald würden uns vielleicht die Mittel fehlen, das Begonnene zu vollenden.« »Schon wird auch an den Entwürfen und Tonmodellen der gewaltigen Giebelgruppe, sowie der Friese und Metopenbilder in den Werkstätten mit Eifer gearbeitet!« erwiderte Pheidias. »Gedenkst du nicht«, fragte Perikles, »den Polygnotos heranzuziehen, damit auch hier, wie es unten am Theseion geschehen, Meißel und Pinsel in die Ausführung der Metopenfelder sich teile? Doch ich erinnere mich, du denkst nicht am besten von der Schwesterkunst des Pinsels, welche freilich noch ein wenig unbeholfen hinter den Riesenfortschritten des Meißels einherhinkt.« »Habe ich doch selbst als Jüngling es mit dem Pinsel versucht«, erwiderte Pheidias; »aber es genügte mir nicht. Voll und rund und rein wollte ich das, was ich innerlich schaute, hinstellen, das konnte ich nur mit dem Meißel.« »Wohlan!« sagte Perikles; »so möge am neuen Hause der Pallas nur die reifste Kunst sich betätigen, damit es ein Denkmal des Besten sei, was wir vermögen. Wir wollen den Polygnotos bei anderer Gelegenheit zu entschädigen suchen. Wir wollen späterhin auch erwägen, was sich etwa tun läßt für das alte Tempelhaus des grollenden Priesters und auch für das dort so keck auf die höchste Felsterrasse hingepflanzte, halbvollendete Tempelchen der ungeflügelten Siegesgöttin! Möchte doch, wenn ich dereinst vom Schauplatze abtrete, keinem Athener etwas zu wünschen übrig bleiben. So viele noch unzufrieden mit mir zu wissen, ist mir ein peinlicher Gedanke. Du lächelst? Freilich, der ernste, strenge Pheidias will nur sich selber genügen.« – »Das ist eben das Schwerste!« erwiderte Pheidias. »Die Gegner fürchtest du nicht?« fuhr Perikles fort. »Gib acht, es fehlt uns nicht an solchen! Auch du bist beneidet, und was du schaffst, ist nicht allen wohlgefällig!« »Nie läßt mich zittern Pallas Athene!« erwiderte Pheidias mit den Worten des Homeros und wies mit der Hand nach dem ehernen Riesenbilde seiner Vorkämpferin, das mitten in diesem Wuste des Alten und Neuen auf der Akropolis so erhaben in den reinen, ruhigen Aether hinaufragte. Dann entfernte sich Pheidias, um den Iktinos wieder aufzusuchen. Perikles, der Tragödiendichter und der Jüngling aus Milet setzten ihren Rundgang über die Höhe der Akropolis fort. Der tragische Dichter vertiefte sich in anmutige Gespräche mit dem jungen Zitherspieler. War er doch selbst ein trefflicher Meister des Saitenspiels. So fein und scharfsinnig wußte im Gespräch mit dem Dichter sich der Jüngling auszudrücken, daß jener zuletzt verwundert sagte: »Ich wußte, daß die Milesier sehr liebenswürdig sind, aber ich wußte noch nicht, daß sie so weise sind.« »Und ich«, entgegnete der Jüngling, »habe die tragischen Dichter der Athener immer für sehr weise gehalten, aber ich glaubte nicht, daß sie auch so liebenswürdig sein könnten. Ich schloß nämlich voreilig von den Werken der Dichter auf die Dichter selbst. Wie kommt es, daß eure tragische Poesie bisher den zarteren Regungen des menschlichen Herzens so wenig Rechnung trug? Großartig ist da alles, erhaben, nicht selten grauenerweckend; aber der zartesten und doch zugleich mächtigsten Leidenschaft, welche die Liebe benannt wird, gönnt ihr den Spielraum nicht, den sie verdient. Wissen doch Anakreon und Sappho, jener heiter und diese schmerzlich, so viel von ihr zu sagen; warum verschmähte es nur der tragische Dichter bisher, dem Großen und Uebermenschlichen nachtrachtend, Töne jener zärtlichen, echt-menschlichen Regung anzuschlagen?« »Junger Freund«, sagte lächelnd der Dichter, »keinen Würdigeren als dich hätte der zarte, geflügelte, pfeilbewährte Gott finden können, sich seiner anzunehmen. Wenige Tage sind es, daß mir der Gedanke einer Tragödie durch den Kopf gelaufen, in welcher demjenigen, zu dessen Anwalt du dich machst, wohl ein Spielraum gegönnt werden könnte. Ich weiß nicht, ob mir der flüchtige Gedanke wiedergekehrt wäre: aber es trifft sich schön, daß ich von dir in dieser Art daran erinnert werde. Ich denke jene Tragödie jetzt wirklich zu schreiben, so sehr haben deine Worte, und mehr noch deine leuchtenden Blicke, zu Gunsten der Sache, die du vertrittst, mich entflammt und begeistert!« »Vortrefflich!« erwiderte der Jüngling; »ich würde dir den duftigen Kranz für den Siegestag einer Tragödie bereit halten« – »Einen Kranz von roten Rosen!« rief der Poet, »weil ich ja in meinem Gedichte den Allsieger Eros zu preisen gedenke!« »Gewiß!« erwiderte der Jüngling, »und da sieh! der dankbare geflügelte Gott scheint zu wünschen, daß ich die Rosen für jenen Kranz sogleich pflücke.« Damit schwang die weiche, behende Gestalt des Jünglings sich auf einen hervorragenden Fels hinauf, in dessen Spalte ein vielleicht jahrhundertealter mächtiger Strauch grünte, der ganz von blühenden Rosen bedeckt war. »Gib acht, junger Freund«, sagte der Dichter, »du weißt nicht; an welcher Unglücksstätte du stehst! Von der Spitze dieses Felsens hat der Athenerkönig sich ins Meer hinabgestürzt, weil sein herrlicher Sohn, von der Bekämpfung des Untiers heimkehrend, versäumte, im Angesicht Athens als Lebens- und Siegeszeichen das weiße Segel aufzuspannen! Freilich kann der Fuß auf dieser geweihten Höhe keine Stelle betreten, wo nicht Funken der Vergangenheit unter dem Tritte aus dem Boden stäuben und uralte Sagen den Waller umflüstern.« »Doch während der Fuß im Staube der Vergangenheit wandelt«, sagte Perikles, »schweifen die Blicke von dieser Höhe frei hinaus und schwelgen in aller vollen Schöne und Frische der Gegenwart. Bist du so kühn und so behend, milesischer Freund, so folg' uns über den Fels zur weitschauenden Quaderfläche, in welche hier die gewaltige Schutzmauer der Akropolis ausläuft!« Lächelnd eilte der Jüngling voran und bald standen die drei auf der hochragenden Warte. »Horche doch einmal hin«, sagte Perikles, »was dir diese schön geschwungenen attischen Gestade, diese leuchtenden Golfe, diese Inseln erzählen, die mit ihren Bergeshäuptern aus dem schönsten Meeresblau ins schönste Aetherblau sich erheben! Dort steigt aus den Wellen des saronischen Busens vielgegipfelt Aegina. Im Geklüft bargen sich dort die wilden »Ameisenmenschen« der Urzeit. Heut' aber ragt auf des Eilands höchstem Berge in waldschattiger Einsamkeit, unser Volk zu einem seiner schönsten Feste versammelnd, der Tempel des panhellenischen Zeus. Näher da zur Rechten in derselben Meereswoge grünt Salamis, die Heldenwiege. Aber braucht der späte Enkel vor dem Schatten des unsterblichen Helden zu erröten, der von dort gen Ilion auszog? Ward nicht eben dort im schimmernden Sunde, der jetzt so friedlich herübergrüßt, von uns die ruhmvollste aller Meeresschlachten geschlagen? Und mitternachtwärts, wo Kithairon und Pentelikos und Parnesos wallartig als Schutzwehr vor das attische Land sich legen, auf der Seite des Sonnenaufgangs dem von der Mittagsseite her sich erstreckenden Hymettos die Hand reichend, dort erzählt Urvätersage von Löwen, welche in den Waldschluchten hausten. Aber unsere Väter haben die Löwen erwürgt und ihre am Feuer geschmorten Herzen gegessen, damit sie Löwenmut und Löwenkraft ihren Enkeln vererbten. Und es war wohl jener so vererbte Löwenmut, durch welchen unmittelbar hinter jenen Höhen, auf dem Gefilde von Marathon, dem schönsten aller Meeressiege der schönste aller Festlandssiege gesellt ist! Die Löwen und Wölfe jener Schluchten sind erlegt, die Barbaren von jenem Wall des attischen Landes für immer weggescheucht, ruhig graben wir auf der Stätte der alten Löwenjagd den prächtigen pentelischen Marmor und sammeln den Honig der gepriesenen Hymettosbienen. Dort hinter Akrokorinth steht das mächtige Kyllenegebirg in Silberduft, und wenn die letzten Nebelschleier der westlichen Ferne zerreißen, so zeigen sich wohl auch noch die Zinnen von Korinth samt der blauschimmernden Meeresenge den Blicken. Aber vergessen wir der ernsten Grüße nicht, die uns über Aegina und Salamis der nicht allzuferne Peloponnesos herübersendet. Siehst du jene vielbuchtigen Küsten mit den zackigen Höhen von Argolis und hinter ihnen Arkadias Berge? – So oft ich über die Denkmäler und Stätten athenischen Ruhmes hinweg nach jenen Bergen des Peloponnesos blicke, faßt mich stets ein Drang von seltsamer Art, und mir ist, als sollt' ich die Hand an den Griff eines Schwertes legen – mir ist, als reckte sich hinter jenen Bergen das finstere Lakedaimon empor und blickte drohend herüber« ... »Daß doch der Blick der Staatsmänner und Feldherren immer so in die Weite schweift!« fiel der Dichter ein. »Sollen wir statt der fernen Berge des Peloponnesos nicht lieber erst völlig betrachtend genießen, was uns ganz nahe vor Augen liegt? Jüngling, laß dich nicht nach dem Peloponnesos und seinen drohenden Bergeshäuptern locken! Versenke dich in das heitere Bild des welligen, besonnten Binnenlandes da unten, wo zahllos im Gefild die Marksteine der attischen Gaue stehen und wo überall in der Runde die weißen Weiler blinken, der Landbesitz des niemals wegmüden Atheners, der, wenn möglich, Tag für Tag hinausgeht aus der Stadt zu seinen Fruchtbäumen und Saatfeldern und nachsieht, wie die Sklaven seiner Rinder warten und seiner Lämmer und Ziegen. Und wie lieblich schlängeln zwischen den Weilern, Fluren, Oelbaumhainen, offenen Götteraltären, steinernen Denkmälern nach allen Seiten die Wege sich hinaus! Nach dem Piräus hier, und dort nach Rhamnos und Marathon. Am schönsten aber geht abendwärts der Weg nach Eleusis, der heiligen Mysterienstadt, zwischen unzähligen weiß glänzenden Heiligtümern und zwischen Silberpappeln und Oel- und Feigenbäumen hin. Und wie glanzhell liegt die Stadt selber da unten verbreitet zwischen dem Ilissos und dem Kephissos, den kristallklaren, aber freilich kurzlebigen Flüßlein: in den nahen Bergen entspringen sie, und gelangen doch nicht einmal hinunter bis in das nahe Meer, sondern begnügen sich, als Rieselwelle und Sprengtau die Blumengärten der Athener zu netzen, oder tanzend in tausend Springbrunnen ihr junges Leben schön zu verschwenden. Am Ilissos grünen die Gärten, von Menschen gepflanzt; aber ein Garten von Natur und eine liebliche Schatten-Oase im sonnigen Land Attika sind die Täler, wo aus dem hellen Grün der Olive die schönen Gewässer des Kephissos blitzen. Dies Gelände preis' ich mit Stolz, denn es ist mein Heimatgau, der Gau von Kolonos! Dein kriegerischer Freund Perikles würde dir erzählen, daß in diesem Gau die schönsten Rosse gedeihen, und daß es die wilden Prachtfüllen von Kolonos waren, für welche in Urzeiten der Meergott die Zügel erfunden; ich aber sage dir, daß in jenem Tal des Kephissos niemals rauhe Winde wehen, daß dort der Weinstock und die Feige grünen, daß, befeuchtet vom reinsten Taue, dort die Narzissen blühen und die Veilchen und goldiger Krokus und weichrankender Efeu ...« Des Dichters Züge hatten sich feurig belebt, indem er, in die hellen Augensterne des Jünglings blickend, die Reize seines Heimatgaues pries. Zuletzt faßte er die Hand desselben und sagte: »Komm doch selbst einmal in meinen schönen Gau, oder noch besser, folge mir sogleich und verlebe den Tag in meinem ländlichen Hause am Kephissosufer; ich werde dir meine Zithern und Lyren zeigen, und wenn es dir beliebt, können wir in der Weise arkadischer Hirten einen kleinen Wettstreit anstellen mit Saitenspiel und Gesang!« Der Zitherspieler lächelte, und Perikles sagte nach einer kleinen Pause: »Ich selbst werde nächstens einmal dem jungen Aspasios als Wegweiser zu deinem ländlichen Hause dienen; auch bedürft ihr für euren Wettstreit in Saitenspiel und Gesang doch wohl eines Kampfrichters?« »Aspasios nennt sich der Jüngling?« rief der Dichter; »der Name erinnert mich an den einer schönen Milesierin, von welcher ich in letzter Zeit habe sprechen hören« – Der Zitherspieler errötete. Dies Erröten befremdete den Dichter. Er hielt noch immer die zum Abschied ergriffene Hand des Jünglings in der seinigen. Und siehe, in diesem Augenblicke war eine Empfindung in ihm lebendig, die er ohne Zweifel schon früher gehabt, aber ohne sich derselben voll bewußt zu sein. Er fühlte nämlich mit einem Male überaus deutlich, daß die Hand des jungen Milesiers sehr fein, sehr warm und sehr weich war. Einen Augenblick später war er sogar überzeugt, daß diese Hand zu fein, zu warm und zu weich war, um einem männlichen Arme, und war's auch der jugendlich-zarteste, anzugehören. Die eine Hälfte des schönsten Geheimnisses las er in Purpurschrift auf den Wangen des Zitherspielers, die andere Hälfte desselben hielt er sozusagen in der Hand ... Der Dichter irrte nicht. Die Hand, welche er in der seinigen hielt, war nicht die eines Jünglings. Es war die Hand der schönen Aspasia. Perikles und die Milesierin hatten sich im Laufe der Monde wiedergesehen seit jener ersten Begegnung im Hause des Pheidias, zuerst bei Hipponikos selbst, dem gutmütigen Schwelger, welcher dem Perikles befreundet war. Sie sahen oft sich wieder und zuletzt wären sie am liebsten unzertrennlich gewesen. Aspasia warf sich in männliches Gewand und begleitete den Freund zuweilen unter der Maske des »Zitherspielers von Milet«. So war sie heute mit ihm auf die Akropolis gegangen. Auf dem Wege hatte sich der tragische Dichter ihnen angeschlossen. Und dieser offensten, empfänglichsten aller Griechenseelen war es wunderbar ergangen. Durch einen Zauber hatte der Dichter sich in dieser Gesellschaft bestrickt gefunden, der ihm selbst ein Rätsel war. Nun sah er dies Rätsel gelöst. Verwirrt ließ er die feine, weiche Hand fahren. Bald aber faßte er sich wieder und sagte mit bedeutsamem Lächeln zu Perikles: »Ich merke, daß der Seher- und Dichtergott Apollon mir noch immer günstig ist. Er hat den weiten Weg nach Delphi mir erspart, und nicht einmal mein nächtliches Einschlummern hat er abgewartet, um mir mit Offenbarungen im Traume zu erscheinen, sondern plötzlich hat er mir die Gabe verliehen, untrüglich aus der Hand des Menschen wahrzusagen und insonderheit sein Geschlecht daraus zu bestimmen, auch wenn er es noch so sehr verbergen will.« »Du bist von jeher ein Götterliebling«, sagte Perikles, »und vor dir haben die Olympier keine Geheimnisse.« »Daran tun sie wohl«, versetzte der Dichter. »Ich rechne zu ihnen auch den Olympier Perikles« ... »Was auch immer deine cheiromantische Kunst dir über das Geschlecht des milesischen Zitherspielers verraten haben mag«, sagte Perikles, »gewiß ist, daß derselbe ein Recht hat, in männlichen Kleidern zu gehen und sich einen männlichen Namen beizulegen. Der Frauen Art ist's, sich überall empfangend und leidend zu verhalten. Dieser hingegen ist von einer durchaus tätigen und befruchtenden Natur, und du kannst dich ihm nicht nähern, ohne daß er auf dich wirkt und ein Samenkorn in deiner Seele zurückläßt.« »Ich kann es bezeugen«, sagte der Dichter; »auch in mir hat er soeben einen dichterischen Funken so leichthin und gleichsam spielend, mit ein paar hingeworfenen Worten, zu hellen Flammen angefacht. Es ist wunderbar, welche Kraft weise Gedanken aus schönem Munde haben! – Wie verlockend wär' es, sich so erwünschten Wirkungen noch länger preiszugeben! Aber die Sonne neigt sich hinter den Höhen von Akrokorinth zum Niedergange. In jenem Busch schlägt eine Nachtigall, von welcher ich glaube, daß sie aus dem Gau von Kolonos herüberflog, mich zur Heimkehr zu mahnen. Von der höchsten Warte der Akropolis bis zu jenem Weiler, den ihr dort auf dem Abhange des kleinen, von den Wellen des Kephissos umsäumten Hügels aus dem Laube der Oliven blicken seht, ist ein ziemlich weiter Weg zurückzulegen. So nehme ich denn Abschied von euch, und trotz der Verwandlungen, welche inzwischen vorgefallen, und welche anmutiger sind als alle, von welchen unser Mythos berichtet, wiederhole ich das Wort: »Kommt hinüber nach dem Gau von Kolonos! Flüchtet dorthin, wenn euch der Menschen Nähe lästig wird, und lebt einen Tag lang in schöner Einsamkeit!« – »Wir werden deines Wortes gedenken!« sagte Perikles. »Einstweilen laß die Muse dir folgen in deine Einsamkeit. Im Wettstreit aller Künste muß auch die tragische zum höchsten Gipfel emporstreben. Du hast sie von der herben Strenge deiner Vorgänger weitergeführt zur Milde und zu reiner Menschlichkeit. Laß dein neues Werk des Schöpfers der »Elektra« würdig sein, damit wir es bald als die mildeste und reifste Frucht der sophokleischen Muse preisend genießen!« »Schwebe nur über mir«, versetzte der Dichter, »der Geist dieses Zitherspielers, von welchem ich zwar noch keinen Laut auf der Zither gehört, der mich aber doch schon bezaubert hat. Es scheint, daß er sich die Herzen der Staatsmänner und Dichter auserwählt, um seine Melodien darauf zu spielen« ... So sprach der Mann mit der hellen Stirne und den klaren, warmbeseelten, freundlichen Augen, drückte seinem Freunde die Hand, neigte sich vor der verkleideten Milesierin und wendete sich dann, um langsam, nicht ohne sich noch einmal umzublicken, die Akropolis hinabzugehen. »Fürchte nichts von diesem Mitwisser unserer Geheimnisse!« sagte Perikles zu Aspasia. »Ich wollte soeben die gleiche Mahnung an dich richten!« erwiderte lächelnd Aspasia. »Du hast diese edle Dichterseele rasch durchschaut?« fragte Perikles. »Sie ist so heiter und spiegelklar bis zum Grunde, wie die Wellen des Kephissos«, erwiderte Aspasia. »Aber laß uns nun auch den Abhang hinunter gehen«, fuhr sie fort, »denn ich fühle mich durchströmt von der ganzen Schwüle des Sommerabends, und meine Lippen lechzen nach erfrischender Feuchte.« »Komm!« sagte Perikles; »wir wenden uns nur wenige Schritte rechtshin, außerhalb der Mauer da hinab, und wir haben die Pansgrotte mit der gepriesenen Quelle vor uns, die deinen Lippen unverweilt das erwünschte Labsal bieten wird.« Perikles und Aspasia stiegen eine Anzahl von Stufen, die in den Felsen gehauen waren, hinab. Da kamen sie an die Grotte und an die Quelle, welche vor derselben aus dem Boden sprudelte. Es war die Quelle Klepsydra, deren Gewässer sich zuweilen ganz verloren, dann plötzlich wiederkamen. Aspasia schöpfte Wasser in ihre hohle Hand und trank. Hierauf schöpfte sie neuerdings und bot die Handvoll des klaren, erfrischenden Nasses mit neckischer Anmut dem Perikles. Und dieser trank das Wasser lächelnd aus ihrer hohlen Hand. »Kein Perserkönig«, sagte er, »hat jemals aus einer so köstlichen Schale getrunken! Nur ist sie so klein, daß ich schier fürchten muß, sie mit dem Trunke hinabzuschlucken!« Aspasia lachte und wollte den Scherz erwidern, erschrak aber im selben Augenblicke, denn sie bemerkte plötzlich ein Gesicht, das aus dem Hintergrunde der dämmernden Grotte mit einer Art von gutmütig bäurischem Lächeln auf sie herausblickte. Näher tretend fand sie ein ziemlich roh gearbeitetes Standbild des Gottes Pan, dem die Grotte geheiligt war. »Fürchte nichts!« sagte Perikles; »der Hirtengott ist von gutmütiger Art!« »Zuweilen auch von boshafter!« gab Aspasia zurück; »die Erzählungen der Hirten von ihm lauten verschiedenartig.« »Unserm Schnelläufer Pheidippides wenigstens«, versetzte Perikles, »der nach Sparta lief, um die Sparter eiligst zum Mitkampfe gegen die Perser herbeizurufen, begegnete er sehr gutmütig auf dem Grenzgebirge von Argolis und Arkadien, wo er ja heimisch ist; es gefiel ihm, daß der Bursche aus Vaterlandsliebe so atemlos über die argolischen Berge lief, und er gewann eine gute Meinung von den Athenern, um welche er sich früher nicht viel gekümmert hatte. Er kam selber, uns zu helfen, nach Marathon.« »Pan mag so gutmütig sein als er will«, sagte Aspasia, »diese Grotte aber ist zu anmutig für den Bauern- und Hirtengott.« »Du hast recht«, erwiderte Perikles, »und mehr noch, als du denkst: wenn es nämlich wahr ist, was die alte Kunde berichtet, daß eben diese Grotte die Stätte des bedeutungsvollsten Brautlagers gewesen, das jemals innerhalb der hellenischen Welt gefeiert worden: daß hier in der traulichen Dämmerung der Grotte sich der Lichtgott Apollon liebend zur rosigen Erechtheustochter Kreusa gesellte, und daß als die Frucht ihrer Liebesstunde Ion hervorging, der Ahnherr unseres ionischen Stammes!« »Wie?« rief Aspasia erregt, halb scherzend und halb ernst, »dies hier ist die Wiege des edelsten der Griechenstämme, der da blüht in den Gauen Attikas und drüben auf den Gestaden meiner Heimat? Und die Jungfrauen Athens behängen die Wände dieser Grotte nicht Tag für Tag mit Kränzen von Rosen und Lilien? Und statt des leuchtenden Gottes Apollon steht hier mit breitem Gesichte grinsend der plumpe Arkadier, ein Fremdling aus jenen feindselig-düsteren Bergen des Peloponnesos?« Lächelnd erwiderte Perikles: »Warum ereiferst du dich so sehr wider den Gott der Berg- und Waldesstille? Wüßte ich doch keinen, unter dessen Schutze sich ein feurig Paar traulicher begegnen könnte, als unter dem des idyllischen Friedens- und Freudenspenders« ... »Nun«, rief Aspasia, »für eines zum mindesten, für die Schattenkühle, die er hier in seiner Grotte mir spendet, bin ich ihm dankbar!« Damit zog sie den Thessalerhut vom Haupte und setzte ihn auf das Haupt des Hirtengottes. Die goldbraunen, herrlichen Locken fielen ihr herab über die Schultern. »O könnt' ich doch bald«, fuhr sie lächelnd fort, »des Zitherspielers ganze Gewandung dem ehrlichen Pan opfern, wie diese Kopfbedeckung! Wahrlich, sie belästigt mich, wie lange muß ich mich diesem Zwange noch fügen? O, ihr Männer von Athen, wann gestattet ihr dem Weibe Weib zu sein? Gib es nur zu, Perikles, ihr Athener seid nicht die würdigsten der Söhne des Ion, der in dieser Grotte seines Daseins Ursprung nahm. Ihr habt zu viel des dorischen Wesens in euch gesogen. Ihr solltet euch beugen vor den Enkeln der Auswanderer eures eigenen Stammes, die drüben auf den Küsten Asias sich reiner, freier, feuriger entwickelt haben.« »Tun wir es nicht?« sagte Perikles mit bedeutsamem Lächeln, zu Aspasia sich niederlassend, welche zur Rast auf ein breitvorragendes, mit Moos bedecktes Felsstück der Grotte sich gesetzt. »Tun wir es nicht?« wiederholte er und zog ihr duftiges Lockenhaupt an seine Brust. »Pan ist tückisch!« sagte Aspasia; »er versprach Erfrischung in seiner Grotte, aber er scheint mit seinem Odem insgeheim die Schwüle des Abends hier noch anzufachen.« »In der Tat«, sagte Perikles; »fast berauschend wehen die Lüfte herein, vom Gedüft des Thymians und wilder Rosen geschwängert.« Während Perikles und Aspasia so sprachen, hatte das Blau des Himmels sich in glühend Rot verwandelt. Der langgestreckte Hymettos war ganz in Rosenglanz getaucht. Langsam war die Sonne hinter die Berge Arkadias hinabgesunken. Über den Hängen des Brilessos zuckte aus dunstigem Gewölk von Zeit zu Zeit durch den schwülen Äther hin ein mattes Wetterleuchten. »Aspasia!« rief Perikles, »die Botschaft, die du als Griechin zu Griechen aus dem heitern Ionien herüberbringst, sie wetterleuchtet, gleich jener sommerabendlichen Gewitterwolke, schwül und segenschwanger in meiner Seele und über allen Geistern Attikas! Sie soll verwirklicht werden, diese Botschaft: im engsten Kreise von mir und dir, im weitesten vom gesamten Volke der Athener! Wir fühlen alle eine neue Kraft, ein neues Feuer in uns, und wir sehen, das hellenische Leben trachtet empor zu seinen Gipfeln!« So sprach Perikles und drückte einen Flammenkuß auf die Lippen Aspasias. Es war eine und dieselbe Glut, es war ein und derselbe Überschwang, es war die Würze einer und derselben Lebensblüte und Lebensschöne, welche die Faust des Marathon-Kämpfers, den Meißel des Pheidias, den Griffel des Sophokles, den Rededonner des Perikles auf der Pnyx, und seinen Flammenkuß auf den Lippen des schönsten Hellenenweibes beseelte ... Wenn traut gesellt ein Paar wie dies, in welchem das menschliche Dasein zur reinsten, üppigsten und edelsten Blüte entfaltet ist, im Kusse sich berührt, so ist dies des höchsten Lebens Feier und Vollzug, und ein Freudenschauer zuckt geheim durchs Herz der Welt von einem Pole zum anderen – auch er vergleichbar jenem Wetterleuchten des schwülen Sommerabendgewitters über den Hängen des Brilessos. Seelen begegnen sich wie funkenschwangere Wolken. Aber die Wolken entladen sich – des Menschen Seele nährt die Glut. Trunken war die Seele des Perikles, als er mit Aspasia den Abhang des Berges beim blitzenden Gefunkel des Abendsterns herunterstieg. Er drückte die Schöne leis an sich und sagte, den Blick zum mondbeglänzten Riesenbilde der Göttin des Pheidias zurückgewandt:»O Pallas Athene, leg' ab den Erzhelm und gönn' es den Nachtigallen der Kephissostäler, in seinem Raume zu nisten!« – V. Die Pfaue des Pyrilampes. ur Zeit, als die hier erzählten Dinge sich ereigneten, gab es unter den reichen und angesehenen Bürgern zu Athen zwei Männer, welche zuerst den Versuch machten, nicht bloß, wie es Brauch war, durch glänzende Leistungen für den Staat, sondern auch durch einen bis dahin ungewohnten häuslichen Aufwand sich in einen Wettstreit mit einander einzulassen. Der eine dieser beiden Männer war Hipponikos, in dessen gastlichem Hause Aspasia lebte, ein Mann von edlem Geschlechte. Der andere war Pyrilampes, ein Emporkömmling, ein reich gewordener Wechsler aus dem Piräus. Hipponikos leitete den Ursprung seines Geschlechts auf keinen Geringeren als den Triptolemos zurück, den Liebling der Demeter, Stifter der eleusinischen Mysterien, Erfinder des Pfluges, Verbreiter des Ackerbaus und jeglicher Art von Gesittung. Ohne Zweifel hatte das Geschlecht des Hipponikos es der Abkunft von diesem eleusinischen Heros zu danken, daß das Amt eines Daduchen, eines priesterlichen Würdenträgers bei den Mysterien von Eleusis, in ihm erblich war. Auch unser Hipponikos bekleidete diese Würde. Aber sie belästigte den Lebemann wenig. Nur einmal im Laufe des Jahres, zur Zeit der großen Mysterien, war er auf kurze Zeit nach Eleusis sich zu begeben genötigt. Eine wunderliche Eigentümlichkeit eben dieses Geschlechtes des Hipponikos war es, daß die Stammhalter desselben immer abwechselnd Kallias und Hipponikos hießen. Jeder Kallias nannte seinen Erstgeborenen Hipponikos, und jeder Hipponikos den seinigen Kallias. Die Lebensschicksale aller dieser verschiedenen Kalliasse und Hipponikosse waren fast durchgehends sehr denkwürdig. Insbesondere war die Art, in welcher sie zu ihren Reichtümern gelangten, eine meist absonderliche. Dem Hipponikos, welcher zur Zeit des Solon lebte und ein persönlicher Freund dieses Gesetzgebers war, wurde vorgeworfen, daß er den Grund zur Wohlhabenheit seines Geschlechts durch den Mißbrauch einer vertraulichen Mitteilung jenes berühmten Mannes legte. Zur Zeit des Peisistratos hatte ein Hipponikos ganz allein den Mut, die Güter des vertriebenen Tyrannen käuflich an sich zu bringen. In den Perserkriegen verarmten viele, die Familie der Kaliasse und Hipponikosse wurde nur immer reicher. Ein Hipponikos war es nämlich, dem ein gewisser Eretrier, Diomnestos mit Namen, die Schätze in Verwahrung gab, welche er beim ersten Einfall der Asiaten einem feindlichen Feldherrn abgenommen. Beim zweiten Einfall führten die Perser bekanntlich sämtliche Eretrier, und unter ihnen auch jenen Diomnestos, in die Gefangenschaft hinweg, und seine Schätze blieben in den Händen des Hipponikos. Dann war es wieder ein Kallias, welchen bei Marathon ein Perser, um sein Leben von ihm zu erkaufen, heimlich an einen Ort führte, wo seine Landsleute viel Gold vergraben hatten, Kallias gebrauchte die Vorsicht, den Perser, nachdem ihm derselbe die Grube gezeigt, zu töten, damit er nicht etwa das Geheimnis auch einem anderen verrate, bevor Kallias Zeit gefunden, den Schatz völlig zu heben und beiseite zu schaffen. Von solcher Art waren die Überlieferungen, welche für das in diesem Geschlechte forterbende Talent, Reichtümer an sich zu bringen, Zeugnis ablegten. Selbstverständlich gelangten die Sprossen desselben auch zu bedeutendem Ansehen im Gemeinwesen. Mancher Kallias und Hipponikos diente seinen Mitbürgern als Gesandter an den Perserkönig, oder sonst in Sendungen zur Friedensvermittlung; dem einen und dem andern von ihnen wurde auch von Staats wegen eine öffentliche Bildsäule gesetzt. Unser Hipponikos nun, der Gastfreund Aspasias, machte seinen Vätern Ehre. Er war gutmütiger Natur und sehr beliebt beim Volke. Er opferte der Göttin Pallas Athene zuweilen eine wohlgezählte Hekatombe, bewirtete das Volk bei festlichen Gelegenheiten nach Stämmen und Geschlechtern, und beim großen Dionysosfeste veranstaltete er für alle, die da kommen wollten, im Kerameikos ein Zechgelag im Freien und gab ihnen mit Efeu gefüllte Polster dazu, auf welche die Zecher sich niederlassen konnten. Als er einmal nach Korinth reiste, um einen seiner Freunde dort zu besuchen, unterwegs aber hörte, daß der Mann auf dem Punkte stehe, von seinen Gläubigern gepfändet zu werden, schickte er einen Boten mit dem zur Befriedigung der Gläubiger nötigen Gelde voraus, weil es ihm unangenehm gewesen wäre, bei seiner Ankunft den Freund in übler Laune anzutreffen. Sein Haus zu Athen unterschied sich, wie schon gesagt, gar sehr von den damaligen Behausungen der übrigen Athener. Nur der reich gewordene Geldwechsler Pyrilampes versuchte es ihm gleichzutun. Dieser besaß ein Haus im Piräus, das er so einrichtete, wie das Haus des Hipponikos eingerichtet war. Er suchte überhaupt dem Hipponikos in allen Dingen so viel als möglich nachzueifern. Wenn Hipponikos sich ein kleines Hündchen von der durch ihre Zierlichkeit berühmten melitäischen Rasse anschaffte, so schaffte sich Pyrilampes ein noch kleineres von derselben Rasse an. Vermehrte dagegen Hipponikos die Zahl seiner Hunde mit einem neuen Lakoner-, Molosser- oder Kreterhunde, dessen Größe die Leute bewunderten, so ruhte Pyrilampes nicht, bis er einen noch größeren besaß. Hipponikos hatte einen Riesen als Türhüter, und da Pyrilampes keinen noch höher gewachsenen Mann für sich auftreiben konnte, so schmückte er die Pforte seines Hauses mit einem drolligen Zwerge, welcher Aufsehen erregte. Des Hipponikos erstgebornes Söhnlein, welches, wie sich von selbst versteht, Kallias hieß, machte Schwierigkeiten, sich die Namen der vierundzwanzig Buchstaben des Alphabets zu merken. Da ließ Hipponikos die Spielgenossen des kleinen Kallias, seine Haussklaven und andere Personen in des Knaben Umgebung mit den Namen der Buchstaben des Alphabets benennen. Pyrilampes hatte ebenfalls ein Söhnlein, Demos geheißen, und da der kleine Demos am liebsten mit jungen Hunden spielte, so schaffte er vierundzwanzig Hündlein ins Haus, von welchen jedes den Namen eines Buchstaben auf einem Täfelchen um den Hals trug. Hipponikos war berühmt durch die Zucht ausgezeichneter Rosse; da Pyrilampes ihn in dieser Richtung nicht überbieten konnte, so suchte er die Rosse des Hipponikos durch eine Anzahl seltener und merkwürdiger Affen, die er hielt, in Schatten zu stellen. Hipponikos nährte immer viele Hähne und Wachteln, um sie mit einander kämpfen zu lassen, ein Schauspiel, woran die Athener mit Vorliebe sich ergötzten. Ganz besonders aber hatte er sich in letzter Zeit auf die Zucht sikelischer Tauben geworfen, welche zu Athen sehr beliebt waren und welche bald nirgends so schön und so trefflich zu finden waren, als bei Hipponikos. Den Pyrilampes ließ dieser Triumph seines Nebenbuhlers nicht schlafen. Er sann lange, womit er die Tauben des Hipponikos ausstechen könnte. Da erhielt er aus Samos ein Paar jener prachtvollen, durch einen mit hundert Augen geschmückten Schweif ausgezeichneten, der Hera geweihten Vögel, welche damals in Athen fast nur erst dem Namen nach bekannt waren. Pyrilampes ließ die gefiederten Fremdlinge sich vermehren, wartete ihrer sorgsam, und bald schritt eine gute Anzahl der erstaunlich schönen Tiere prunkend-stolz in seinem weiten Geflügelhof, ja selbst auf seines Hauses flachem Dache zum Entzücken der Vorübergehenden umher. Mit diesen samischen Vögeln schlug Pyrilampes den Hipponikos und seine Tauben aus dem Felde. Zahlreich strömten die neugierigen Athener herbei, um die Pfaue des Pyrilampes anzusehen. Man sprach eine Zeitlang fast nur von den Pfauen des Pyrilampes. Der glückliche Nebenbuhler des Hipponikos ruhte nicht, bis ihm auch von Perikles das Versprechen geworden, daß er kommen wolle, um seine Pfaue anzusehen. Perikles ging zu ihm in Begleitung Aspasias, welche sich auch hier wieder in der Verkleidung des milesischen Zitherspielers barg. Wer zu jenem Zeitpunkte in Athen seiner schönen Freundin ein besonders wertes Geschenk machen wollte, der kaufte und verehrte ihr einen der jungen Pfaue des Pyrilampes. Aspasia sprach sich über die prächtigen Vögel mit so unverkennbarem Wohlgefallen aus, und Perikles glaubte den Gedanken, welchen Schmuck ein solcher Vogel dem PeristyI ihrer Behausung verleihen würde, so deutlich in ihren Augen zu lesen, daß er nicht umhin konnte, den Pyrilampes beiseite zu ziehen und ihm insgeheim den Auftrag zu geben, einen der jungen Pfaue zur Milesierin Aspasia, welche im Nebenhause des Hipponikos wohne, zu senden. Der Freundin selbst verschwieg Perikles die Sache, um sie durch das Geschenk zu überraschen. Am Morgen, der auf diesen Besuch des Perikles und der verkleideten Milesierin folgte, trat Hipponikos unerwartet ins Gemach der seine Gastfreundschaft genießenden Schönen. Hipponikos war ein Mann von ziemlich starker Leibesfülle. Sein Gesicht war rot und etwas aufgedunsen. Seine Augen leuchteten gutmütig, und auf seinen ziemlich dicken Lippen schwebte immer ein Lächeln. Mit diesem Lächeln auf den Lippen, das aber doch für diesmal, so weit solches bei Hipponikos möglich war, einen leisen spöttischen Anflug hatte, sagte er zu Aspasia: »Schöne Gastfreundin, ich höre, daß es dir sehr wohl gefällt in der Stadt der Athener« – »Das Verdienst ist dein!« erwiderte Aspasia. »Nicht ganz!« gab Hipponikos zurück; »du hast von Anfang an ergötzlichen Verkehr gehabt mit den Kunstgenossen des Pheidias, und in neuerer Zeit auch mit meinem Freunde, dem großen Perikles. Ich höre, daß du ihn bisweilen, der größeren Bequemlichkeit wegen, in der Verkleidung eines Zitherspielers begleitest. Und wenn ich recht unterrichtet bin, so gefallen dir die sikelischen Tauben des Hipponikos gar nicht mehr, sondern du ziehst es vor, in Gesellschaft des Perikles hinüberzugehen nach dem Piräus und die Pfaue des Pyrilampes zu bewundern« – »Diese Pfaue sind schön«, sagte Aspasia unbefangen, »und du solltest selber gehen, sie anzusehen.« »Ich bin kürzlich am Hause des Pyrilampes vorbeigekommen«, erwiderte Hipponikos, »und ich habe diese Tiere schreien gehört. Das war mir genug. Nun, es ist eines jeden Sache, sein Vergnügen dort zu suchen, wo er es findet. Ein Vergnügen, das man im Hause hat, langweilt. Und es lohnt sich, wie ich merke, besser, Jemand zu unterhalten, als ihn zu bewirten« ... Hipponikos blickte bei diesen Worten Aspasia scharf an und hoffte, daß sie etwas sagen werde. Da sie aber schwieg, so fuhr er fort: »Du weißt, Aspasia, ich habe dich zu Megara aus unangenehmen Verwicklungen befreit; ich habe dich hieher geführt nach Athen; ich habe dich gastfreundlich bewirtet. Ich habe viel für dich getan. Und nun sage, welchen Dank Hab' ich dafür? Hörst du, Aspasia? welchen Dank hab' ich dafür?« »Wer nach dem Dank in solcher Weise fragt«, entgegnete Aspasia, »der will Bezahlung, keinen Dank. Auch du willst bezahlt sein, wie ich sehe, für das, was du für mich getan. Deine Wohltaten haben, wie es scheint, einen bestimmten Preis. Aber du hast versäumt, Hipponikos, diesen Preis deines Wohltuns vorher auszubedingen. Und nun ärgerst du dich gleich einem Hökerweibe auf dem Markte, daß dieser Preis dem Käufer zu hoch ist!« »Verdrehe nicht die Dinge, Aspasia«, sagte schmunzelnd Hipponikos; »du weißt, ich war der Käufer, und deine Gunst war es, die ich mit allem, was dir genehm, zu erkaufen bereit war« – »So bin ich die Ware?« rief Aspasia; »es sei! Ich bin Ware, wenn du willst, und habe einen Preis« – »Und diesen Preis –?« fragte Hipponikos. »Wirst du mit allen deinen Reichtümern niemals bezahlen!« entgegnete rasch Aspasia. Hipponikos machte eine Bewegung auf seinem Sitze. »Keine Redensarten!« sagte er dann, und seine Züge gewannen den gutmütigen Ausdruck wieder. »Du bist nicht mehr zu haben! Das ist alles. – Ein anderer hat dich gekauft. Um welchen Preis – das ist seine Sache. Da es der große Perikles ist, so grolle ich weder ihm noch dir. Ich liebe den Perikles und gönne ihm alles Gute; er hat mir einmal einen großen Gefallen erzeigt, den ich ihm nie vergessen werde. Er hat mir eine lästige Ehefrau, die damals noch schöne, aber zänkische Telesippe, abgenommen. Mögen es die Götter ihm lohnen!« – Mit diesem Ausspruche, den er stets, wenn auf Perikles die Rede kam, von sich zu geben pflegte, erhob sich Hipponikos und ging. Aspasias erster Gedanke, nachdem er sich entfernt hatte, war, daß es ihr nicht länger gezieme, die Gastfreundschaft des Hipponikos in Anspruch zu nehmen. Sie rief ihre Sklavin, ließ ein paar Maultiere mit ihren Habseligkeiten beladen und dieselben zu einer ihr befreundeten Milesierin bringen, einer Matrone, welche seit Jahren in Athen lebte. Mit Aspasias Mutter war sie von Jugend auf vertraut gewesen und liebte nun selbst fast mütterlich ihre jugendlich blühende Landsmännin. Nachdem Aspasia noch dem Hipponikos ihre Danksagung für die erzeigte Gastfreundschaft, und ihren Entschluß, sein Haus zu verlassen, hatte melden lassen, warf sie sich in die gewohnte Verkleidung des Zitherspielers, und machte sich in Begleitung eines Sklaven auf den weg, um den Perikles in seinem Hause aufzusuchen. Sie hatte bis auf diesen Tag einen solchen Schritt noch nicht gewagt, auch nicht in der Verkleidung. Heute aber spornte sie die Ungeduld, die Gelegenheit einer Unterredung mit dem Freunde unverweilt Zu suchen, und mit ihm zu beraten, was sie nach ihrer Entfernung aus dem Hause des Hipponikos nun weiter beginnen solle. Kurze Zeit, nachdem Aspasia hinweggegangen, wurde dem Hipponikos von seinen Leuten gemeldet, es sei ein Sklave von Pyrilampes da gewesen und habe einen jungen Pfau gebracht, bestimmt für die Milesierin, welche in seinem Nebenhause wohne. Hipponikos haßte nichts so sehr in der Welt, als die Pfaue des Pyrilampes, und wäre er der ersten Erregung seines Herzens gefolgt, so hätte er jenem Vogel sofort den Hals umdrehen lassen. Aber er begnügte sich, mit gerunzelten Brauen zu sagen: »Die Milesierin ist fort, und ich weiß nicht, wohin sie gezogen. Tragt den Pfau in das Haus des Perikles! Dieser ist's ohne Zweifel, der ihn gekauft hat.« – Mittlerweile war Aspasia auf ihrem Wege zu Perikles auf der Agora angelangt. Während sie mit einer gewissen Hast durch das Gedränge unbekannter Menschen sich wand, begegnete ihr plötzlich Alkamenes. Der Bildner blieb vor ihr stehen, sah ihr mit seinen hellen Augen ins Gesicht und sagte, überlegen lächelnd: »wohin, schöner Zitherspieler? ohne Zweifel zu Perikles? – Mögen die neuen Freunde mit ihren Ansprüchen auf dich und deine Gunst glücklicher sein als die alten!« »Wem gab ich je ein Recht auf mich?« fragte Aspasia. »Unter anderen auch mir!« erwiderte Alkamenes. »Dir?« sagte Aspasia. »Ich gab dir, was du bedurftest, was dem Bildner nötig war. Nicht mehr, noch weniger!« »Ein Weib muß nichts oder alles geben!« versetzte Alkamenes. »Dann vergiß, daß ich etwas gegeben!« rief Aspasia und verschwand im Gedränge. Rasch waren diese wenigen Worte gewechselt worden. Alkamenes lächelte bitter und spöttisch. Aspasia setzte ihren Weg in Eile fort. – – Im Hause des Perikles war an diesem Morgen Frau Telesippe mit einer frommen Verrichtung beschäftigt. Sie hoffte Ersatz für das, was ihrer Vorstellung nach Perikles in der Führung des Haushalts versäumte, von der Gunst des Zeus Ktesios, des Schützers und Mehrers der Habe, welcher von allen frommgesinnten Athenern mit häuslichem Dienst geehrt zu werden pflegte, Niemand verstand sich auf heilige Urväterbräuche so gut wie Frau Telesippe. Sie umwand ihre Stirn und ihre rechte Schulter mit wollenen Fäden, nahm dann ein noch ungebrauchtes, mit einem Deckel versehenes tönernes Gefäß, umwickelte den Henkel desselben mit weißer Wolle, tat in das Gefäß selbst ein Gemisch von allerlei Früchten, mit reinem Wasser und Oel, und stellte diese Spende zu Ehren des besagten Gottes in die Vorratskammer. Sie war eben mit ihrem frommen Werke zu Ende, als sie bemerkte, daß der Türhüter einen Sklaven einließ, der einen großen fremden Vogel mit langem Schwanzgefieder, die Füße zusammengebunden, auf den Armen dahergetragen brachte. Der Sklave sagte, dieser Vogel gehöre dem Perikles, setzte denselben ab, und ging seines Weges. Telesippe verwunderte sich, und wußte nicht recht, was sie von der Sache halten sollte. Hatte Perikles den Vogel auf dem Markte eingekauft, und sollte derselbe für die Mahlzeit gerupft und gebraten werden? Aber Perikles pflegte sich ja sonst sehr wenig um häusliche Dinge zu kümmern. Sie beschloß die Rückkehr des abwesenden Gatten zu erwarten, vorläufig ließ sie den Vogel in den kleinen Hühnerhof des Hauses bringen. Jetzt huschte eine Frauengestalt, begleitet von einer Sklavin, zur äußeren Tür herein, und als Telesippe derselben entgegentrat, wickelte sich aus dem dichten Himation das wohlbekannte Haupt und Angesicht ihrer Freundin Elpinike los. Die Mienen Elpinikes zeigten diesmal einen ungewöhnlichen Ernst. Ihr Wesen war erregt, ihre Bewegungen hastig, ihre Augen rollten unstät und ihre Lippen zitterten, wie vor Ungeduld etwas zu sagen, sich auszuschütten, sich eines wichtigen Geheimnisses zu entlasten. »Telesippe«, sagte sie, »entferne alle Zeugen, oder ziehe dich mit mir zurück in das innerste deiner Gemächer!« Die Gattin des Perikles war es nicht ganz ungewohnt, ihre Freundin in solch' aufgeregter Art bei ihr sich einführen zu sehen. Hatte diese doch vielen Verkehr und bildete gleichsam den Mittelpunkt, von welchem der Frauenklatsch Athens nach allen Richtungen auslief, sie wußte viel und warf den Zunder aufregender Neuigkeiten in die Stille so mancher Frauengemächer. Als die beiden im innersten Gelasse des Hauses allein und ungestört waren, begann die Schwester Kimons mit einer Art von Feierlichkeit: »Telesippe, was hältst du von der Treue deines Gemahls?« Telesippe wußte nicht sogleich, was sie sagen sollte. »Was hältst du von der Neigung deines Mannes für unser Geschlecht im allgemeinen?« fuhr Elpinike fort. »Ach«, erwiderte jene, »der Kopf dieses Mannes steckt so gänzlich voll von Staatsgeschäften« ... »Daß er an die Weiber nicht mehr denkt, meinst du?« fiel die Schwester des Kimon ein und verzog den Mund zu einem mitleidig-spöttischen Lächeln. »Natürlich!« fuhr sie lauernd fort, »du vor allen mußt es wissen, als seine angetraute Ehefrau, als seine rechtmäßige Lagergenossin!« »Freilich!« erwiderte harmlos das Weib des Perikles. »Elpinike ergriff ihre Hand, lächelte noch einmal mitleidig und sagte: »Telesippe, ist deines Mannes Art und Wesen dir unbekannt? Denke doch ein wenig nach! Erinnere dich an die schöne Thrysilla – die Geliebte des tragischen Dichters Ion, welcher dein Gatte, wie alle Welt weiß, eine geraume Zeit hindurch den Hof machte« – »Aber das ist nun wohl lange vorbei!« entgegnete Telesippe. »Möglich!« sagte die Schwester des Kimon. »Aber ist in der letzten Zeit niemals ein Verdacht in dir aufgestiegen? Hat nichts in deines Mannes Betragen dich mehr als sonst befremdet? Nichts deine Seele mit Ahnungen böser Art erfüllt?« Jene besann sich und schüttelte das Haupt. »Arme Freundin!« rief Elpinike. »So trifft es dich denn unvorbereitet und du vernimmst alles auf einmal!« »Sprich!« sagte die Gattin des Perikles. »Ist der Name Aspasia noch nicht zu deinen Ohren gedrungen?« fragte Elpinike. »Der Name ist mir fremd!« erwiderte jene. »So höre!« sprach die Schwester des Kimon. »Aspasia ist der Name einer jungen Milesierin, welche, die Götter wissen durch welche Irrfahrten und Abenteuer, nach Megara verschlagen und von dort durch deinen ehemaligen Gatten Hipponikos nach Athen herübergebracht wurde. Ich denke, dir ist nicht unbekannt, von welcher Art und was sie wert sind, diese Milesierinnen, diese Ionierinnen überhaupt, diese Weiber von den jenseitigen Küsten? Es sind Bacchantinnen, welche sich über Griechenland verbreiten und mit brennenden Fackeln die Herzen der Männer in Brand stecken. Aspasia ist von allen diesen Bacchantinnen die gefährlichste, die durchtriebenste, die schlaueste, die verwegenste! ... In die Schlingen dieses Weibes ist dein Gatte gefallen!« – »Was sagst du?« rief betroffen das Weib des Perikles. »Wo findet er sich mit dieser Fremden zusammen?« »Im Hause des Hipponikos!« versetzte Elpinike. »Denn sie wohnt im Hause des Hipponikos. – Dort haben diese Hetären ihre Zusammenkünfte. Dort werden Orgien gefeiert, Orgien, Telesippe – schauerlich ist's, was man sich zuflüstert von den Orgien im Hause des Hipponikos! Und dein Gatte mitten darin! – Aber das ist noch nicht das Schlimmste. Gib acht, er verschwendet seine Habe mit der milesischen Buhlerin! Er macht ihr Sklaven, Hausrat, Teppiche, Tauben, sprechende Stare, alles mögliche zum Geschenke! Seit gestern ist das alles stadtbekannt! Bisher trieb man's so geheim als möglich. Es verbreitete sich so schnell wie ein Lauffeuer. Denn gestern hat Perikles seinem schamlosen Treiben die Krone aufgesetzt. Gestern hat er von Pyrilampes einen fremdländischen Vogel, einen Pfau, gekauft für die Milesierin Aspasia! Alle Welt spricht heute von diesem Pfau. Und diesen Morgen ist der Vogel von einem Sklaven des Pyrilampes in das Haus des Hipponikos getragen worden. Ich selbst habe auf dem Wege hierher mit Leuten gesprochen, welche jenen Sklaven den Pfau auf den Armen tragen sahen. Aber nun denke dir! Dieselben Leute erzählten mir, der Pfau sei im Hause des Hipponikos nicht angenommen worden; die Milesierin wohne nicht mehr bei Hipponikos! Merkst du wie das zusammenhängt? Sie ist von Hipponikos weggezogen in ein anderes Haus. Und wer hat ihr dies andere Haus gekauft oder gemietet? Dein Gatte Perikles! – was starrst du mir so nachdenklich ins Gesicht?« »Ich denke nach«, sagte Telesippe, »über den ausländischen Vogel, von dem du mir erzählst. Wenige Augenblicke bevor du kamst, ist ein fremder Vogel von einem Sklaven hieher ins Haus gebracht worden, mit dem Bedeuten, Perikles habe ihn gekauft.« »Wo ist der Vogel?« rief Elpinike. Telesippe führte ihre Freundin in den Hühnerhof, wo der junge Pfau kläglich zappelnd auf dem Boden lag, denn man hatte ihm noch gar nicht die Bande von den Füßen genommen. »Es ist der Pfau!« sagte Elpinike; »gerade so habe ich die Pfaue des Pyrilampes beschreiben hören. Die Sache ist klar. Der Pfau ist im Hause des Hipponikos nicht angenommen worden; der Sklave wollte oder konnte die Milesierin selbst nicht weiter suchen, und brachte den Vogel kurzweg hieher zu dem Käufer. Das ist Götterfügung, Telesippe! Bringe doch der Hera ein Opfer, der Schützerin und Rächerin heiliger Bande!« »Unseliger Vogel!« rief Telesippe und warf einen Blick des Zornes auf das Tier, »du sollst nicht umsonst in meine Hände gefallen sein!« »Schlachte ihn!« rief die Schwester des Kimon; »schlachte ihn und schmore ihn am Feuer und bereite deinem treulosen Gatten ein Thyestesmahl damit!« »Das will ich!« erwiderte Telesippe, »und Perikles darf mir nicht einmal einen Vorwurf machen. Um einen Vogel wie diesen frei umher gehen zu lassen, hat unser Hühnerhof zu geringen Umfang, wenn er ihn also kaufte, so konnte ich nur voraussetzen, daß derselbe gerupft und geschmort und gegessen werden solle. Perikles muß schweigen. Er kann gegen diese Entschuldigung nichts einwenden. Er soll schweigen und heimlich bersten vor Aerger, wenn ich ihm den Vogel gebraten vorsetze. Und erst wenn er die verwünschte Speise grollend hinabgewürgt, will ich meinen Mund öffnen, um das Bild seiner offenbar gewordenen Schändlichkeit ihm rückhaltlos vor Augen zu stellen!« »Du tust wohl!« sagte Elpinike und rieb sich lächelnd die Hände. »Siehst du nun«, fuhr sie fort, »von welcher Art die Staatsgeschäfte sind, die deinen Gemahl seiner rechtmäßigen ehelichen Lagergenossin entfremden?« »Seine Freunde sind es, die ihn verderbt haben!« sagte Telesippe. »Sein Herz ist allenthalben leicht zu entflammen, immer offen ist es für jeglichen Eindruck. Der Umgang mit Götterleugnern hat ihn unfromm gemacht. Ja, er ist unfromm geworden, er betreibt den häuslichen Dienst der Götter mit lauem Gemüte, und tut oder duldet manches dieser Art im Hause nur um meinetwillen. Du erinnerst dich, wie er kürzlich einige Tage am Fieber krank lag. Du rietest mir, ein Amulett um seinen Hals zu hängen, einen Ring mit eingeritzten magischen Zeichen, oder ein mit wirksamen Sprüchen beschriebenes Stück Pergament, in Leder genäht. Ich verschaffte mir ein solches Amulett und hing es dem Kranken um den Hals. Er lag in halbem Schlummer und achtete nicht darauf. Bald danach kam einer seiner Freunde, um ihn zu besuchen. Als dieser das Amulett auf der Brust des Perikles erblickte, nahm er es weg, und warf es beiseite, Perikles erwachte aus seinem Halbschlummer; da sagte der Freund zu ihm, wie mir ein Sklave erzählt, der eben im Gemache war: »Die Weiber haben dir ein Amulett um den Hals gehängt: ich bin ein aufgeklärter Mann, und habe das Ding hinweggenommen!« – »Es ist gut«, sagte Perikles, »aber ich würde dich für noch aufgeklärter gehalten haben, wenn du es hättest hängen lassen.« »Das war gewiß einer von den neumodischen Bildnern«, sagte Elpinike. »Ich habe den Perikles nie geliebt – wie hätte ich den Nebenbuhler meines herrlichen und unvergleichlichen Bruders lieben können? Aber er ist mir sogar verhaßt geworden, seit er sich ganz und gar zum Spiel- und Werkzeug in den Händen des Pheidias, des Iktinos, des Kallikrates, und all' jener Leute gemacht hat, welche jetzt mit ihrem ehrsüchtigen Treiben so viel Lärm machen und welche jedes echte Verdienst in den Hintergrund drängen. Weißt du, daß, während alle diese mit Meißel und Kelle sich auf der Akropolis wichtig machen, der edle Polygnotos, der treffliche Meister, welchen mein Bruder Kimon so hoch schätzte, müßig gehen muß?« Elpinike ergoß sich noch einige Zeit in Klagen solcher Art, erhob sich aber doch zuletzt, um zu gehen. Telesippe begleitete sie bis ins Peristyl. Dort unterredeten die beiden, nach Art der Frauen, welche beim Abschiede schwer das letzte Wort finden, noch eine Weile zwischen Tür und Angel sich lebhaft über die große Angelegenheit des Tages. Da wurde plötzlich die äußere Pforte geöffnet und ein Jüngling trat ins Haus. Der Jüngling war von auffallender Schönheit. Die beiden Frauen hätten beim Anblick eines fremden männlichen Ankömmlings, der strengen athenischen Sitte gemäß, sich zurückziehen sollen. Aber sie waren wie festgebannt. Und war es denn ein Mann, war es nicht ein bartloser Jüngling, was sie erblickten? Auch hatte, bevor Telesippe sich recht besinnen konnte, dieser schon ebenso bescheiden als anmutig sich an sie mit der Frage gewendet, ob Perikles im Hause und geneigt sei, den Besuch eines Fremden zu empfangen. »Mein Gemahl ist ausgegangen!« erwiderte Telesippe. »Ich freue mich, seine Gemahlin, die Herrin des Hauses, begrüßen zu dürfen!« sagte der Jüngling. »Ich bin«, fuhr er fort, die rauhklingenden Namen wie mit Absicht schärfer betonend, »Pasikompsos, der Sohn des Exekestides aus –«, er durfte nicht sagen aus Milet, denn ein Blick auf die beiden Frauen, in deren Hände er gefallen war, hatte ihn belehrt, daß er mit der Nennung des fröhlichen Milet hier keinen besonders günstigen Eindruck machen würde. Den geringsten Verdacht erregte er jedenfalls, wenn er aus dem sittenstrengen Sparta kam – »Ich bin«, sagte er also, »Pasikompsos, der Sohn des Exekestides aus Sparta. Meines Vaters Exekestides Vater Astrampsychos war mit dem Vater des Vaters des Perikles verbunden durch Bande der Gastfreundschaft!« Als Elpinike, die Lakonerfreundin, hörte, der Jüngling komme aus Sparta, war sie entzückt. »Willkommen, Fremdling!« sagte sie, »wenn du aus dem Lande der guten alten Sitte kommst! Aber welcher Mutter Sohn bist du, daß du, ein Sproß des rauhen Sparta, so reichumlockt und so schlanken, geschmeidigen Wesens erscheinst?« »Ich schlug aus der Art!« erwiderte der Jüngling. »Man hat mich daheim in Sparta immer für ein Weib gehalten. Und doch habe ich vor keinem gezittert, der sich mit mir messen wollte. Ich habe manchen vor mir im Staube gesehen. Aber das half nichts. Sie nahmen mich doch immer für ein Weib. Das bekam ich satt, und um den Spöttern auszuweichen, beschloß ich, in die Fremde zu gehen und nicht früher ins rauhe Sparta zurückzukehren, als bis mir ein Bart um das Kinn und die Lippen gesproßt sein würde. Einstweilen denke ich mich hier zu Athen den schönen Künsten, welche da blühen, zu widmen.« »Ich werde dich dem edlen Meister Polygnotos empfehlen«, sagte Elpinike; »ich hoffe, du bist ein Maler, nicht einer von den hier zulande schon so zahlreichen und übermütigen Steinklopfern!« »Allerdings habe ich Steine zu klopfen nicht gelernt«, versetzte der Jüngling; »aber von Farbenauftrag glaube ich etwas zu verstehen, so gut als irgend einer meines Geschlechts, obgleich ich solche Kunstausübung vor der Hand nicht nötig habe, denn ich zehre, den Göttern sei Dank, von den eigenen Mitteln« – »Wie gefällt dir Athen?« fuhr Elpinike zu fragen fort, »und wie gefallen dir seine Bewohner?« »Sie würden mir wohlgefallen«, sagte der Jüngling, »wenn sie alle so ehrwürdig und so liebenswürdig zugleich wären, wie die, welche die Götter so bald nach meiner Ankunft mich in diesem Hause begegnen ließen« – »Jüngling!« rief Elpinike begeistert, »du machst deiner Heimat Ehre. Ach, wenn unsere athenische Jugend doch auch so artig und so bescheiden wäre! O glückliches Sparta! Glückliche spartanische Mütter und Frauen und Jungfrauen!« – »Ist es wahr«, nahm Telesippe das Wort, »daß die spartanischen Frauen die schönsten in ganz Hellas sind? Ich habe das oft versichern hören.« Der Jüngling schien nicht angenehm berührt von dieser Frage. Seine Nasenflügel gerieten in leise Bewegung, und seine Lippen zuckten ein wenig, als er geringschätzend sagte: »Wenn derbe Gestalt eins ist mit weiblicher Schönheit, dann sind die spartanischen Frauen die schönsten!« – »Wenn aber Feinheit und Adel der Formen entscheidet«, fügte der lockige Fremdling nach einer kleinen Pause mit dem liebenswürdigsten Lächeln von der Welt hinzu, und ließ dabei seinen Blick über Gestalt und Antlitz Elpinikes gleiten, »so ist es billig, den Preis der Schönheit den Athenerinnen zuzuerkennen!« »Spartanischer Jüngling«, sagte Elpinike, »du sprichst, wie der Meister Polygnotos sprach, als er mit meinem Bruder Kimon von Thasos nach Athen herüberkam und mich bat, für die schönste der Töchter des Priamos auf dem Bilde, mit welchem er die bunte Halle schmückte, meine Züge entlehnen zu dürfen. Ich saß ihm fünfzehn Tage lang in der bunten Halle, und er malte mich Zug für Zug.« »Du bist Elpinike, die Schwester des Kimon?« rief der Jüngling mit lebhafter Gebärde des Erstaunens. »Sei mir gegrüßt! Von dir und deinem Bruder Kimon, dem Lakonerfreund, sprach mir mein Großvater Astrampsychos zu Sparta, wenn er mich als Knabe auf den Knien schaukelte! Und genau wie er dich mir schilderte, so stehst du vor mir! Und nun erinnere ich mich auch an die schönste von Priamos Töchtern auf dem Bilde des Polygnotos. Ich sah sie gestern, als ich durch die bunte Halle ging, und ich weiß nicht, soll ich mehr dem Bilde des Polygnotos Glück wünschen, daß es dir so ähnlich ausgefallen, oder dir, daß du jenem Bilde so ähnlich bist!« – Die Schwester des Kimon stand da, Hoheit in den Mienen. Aber eine Träne drang ihr ins Auge, und sie mußte dieselbe hinwegwischen. Ihr Herz war berauscht. Wie dieser junge Sparter zu ihr sprach, so hatte seit dreißig Jahren kein heimischer Jüngling mehr zu ihr gesprochen. Sie hätte ganz Sparta, sie hätte alle Sparter umarmen mögen, und sie durfte nicht einmal diesen einen, der vor ihr stand, dem Drange ihres Busens folgend, umarmen! Aber sie lohnte ihn mit einem zärtlichen Blicke. »Amykle«, sagte jetzt die Gattin des Perikles, sich zu einem Weibe wendend, das, mit irgend einer häuslichen Verrichtung beschäftigt, im Peristyl erschien, »hier magst du einen Landsmann begrüßen: der Jüngling kommt aus Sparta!« – Und zu dem Jüngling wandte sie sich mit den Worten: »Dies Weib war die Amme des kleinen Alkibiades, welchen mein Gemahl, als den ihm blutsverwandten verwaisten Sproß des Kleinias, ins Haus genommen. Die gesunden und kräftigen Lakonerinnen sind ja als Ammen überall gesucht. Wir haben Amykle lieb gewonnen, und gegenwärtig dient sie uns als Schaffnerin im Hause.« Der Jüngling erwiderte die kurze Begrüßung, welche das derbe, rotwangige, vollbusige Lakonerweib in ihrer breiten, heimischen Mundart an ihn richtete, mit einem spöttischen Lächeln, und die Amme ihrerseits musterte mit Blicken, in welchen sich einiger Zweifel spiegelte, die feinen und dabei weichlichen, fast üppigen Glieder des angeblichen Stammesverwandten. »Zu solchen derben, wuchtigen Formen«, sagte Telesippe, der sich entfernenden Schaffnerin nachblickend, »wachsen diese Lakonerfrauen heran.« »Hätten sie nicht den großen Ammenbusen«, sagte der Jüngling, »so würde man sie für Lastträger halten. Nun mögt ihr, in so weit von den Ammen auf die Jungfrauen zurückzuschließen erlaubt ist, euch die Spartanermädchen vorstellen, welche laufen, ringen, springen, sich im Diskos- und Speerwurf üben, und mit den Jünglingen sich in Wettkämpfe einlassen. Sie sind derb und keck und tragen das Röckchen kurz, kaum bis ans Knie und obendrein noch an der Seite aufgeschlitzt« – Unbemerkt von den Frauen hatte inzwischen der Knabe Alkibiades sich ins Peristyl geschlichen, hatte den fremden, schönen Jüngling betrachtet und die letzten Worte desselben mitangehört. »Wie aber werden die spartanischen Knaben erzogen?« fragte er, plötzlich hinter einer Säule hervortretend und mit seinem tiefdunklen prächtigen Augenpaare dem Fremden gerade ins Gesicht blickend. Dieser war überrascht durch die plötzliche Erscheinung des anmutvollen Knaben. »Das eben ist der kleine Alkibiades, der Sohn des Kleinias!« sagte Telesippe. »Alkibiades«, fuhr sie fort, zu dem Knaben selbst gewendet, »mache deinen Erziehern nicht Unehre durch Unbescheidenheit! Ein Sparterjüngling ist's, vor dem du stehst!« Der Fremde neigte sich zu dem Knaben herab, um ihn auf die Stirne zu küssen. »Unbeschuht«, sagte er hierauf zu ihm, »gehen in Sparta die Knaben, schlafen auf Stroh, Schilf oder Rohr, dürfen sich niemals völlig satt essen, werden jährlich einmal am Altare der Artemis, zur Abhärtung gegen Schmerzen, bis aufs Blut gegeißelt, erhalten Unterricht in jeder Art von Turnübung, im Gebrauch der Waffen, in Waffentänzen und in der Kunst zu stehlen, ohne sich ertappen zu lassen; dagegen brauchen sie die Buchstaben nicht zu lernen, und es ist ihnen ausdrücklich verboten, sich öfter als ein- oder zweimal im Jahre zu baden und zu salben« – »Pfui!« rief der kleine Alkibiades. »Im übrigen«, fuhr der Fremde fort, »sind sie immer in Rotten zusammengeordnet und die jüngeren haben ältere zu Freunden, von welchen sie allerlei Tüchtiges zu lernen suchen, um deren Beifall sie buhlen, und welchen sie mit Leib und Seele überall ergeben sind.« »Wenn ich ein Sparterknabe sein und einen solchen Freund wählen müßte«, sagte der Kleine mit funkelnden Augen, »so würde ich dich wählen!« Der Jüngling lachte und beugte sich noch einmal zu dem Knaben hinab, um ihn zu küssen. In diesem Augenblick zeigte sich in den Zügen Elpinikes, welche bisher ruhig neben dem Jüngling, in seiner unmittelbaren Nähe, gestanden, urplötzlich eine Aufregung sondergleichen. Es war als ob ein Schauer ihre Glieder durchzuckte. Hastig zog sie Telesippe beiseite und flüsterte ihr leise zu: »Telesippe, dieser Jüngling« – »Nun?« fragte jene ebenso leise. »O Zeus und Apollon!« seufzte die Schwester des Kimon mit unterdrückter Stimme. »Was ist's?« fragte Telesippe gespannt. Wieder näherte sich Elpinike dem Ohr der Freundin. »Telesippe«, flüsterte sie, »ich sah vorhin« – »Was sahst du?« fragte das Weib des Perikles ängstlich. »Als der Fremde sich mit halbem Leib zu dem Knaben hinunterneigte und der Rand des Chitons an seiner Brust sich ein wenig lüftete, da sah ich« – Neuerdings erstickte die Aufregung den Laut in der Kehle der Schwester des Kimon. »Was sahst du?« fragte nochmals Telesippe. »Ein Weib!« stieß Elpinike heraus. »Ein Weib?« »Ein Weib! – Es ist die Milesierin. Schicke den Knaben hinweg und überlaß mir das übrige!« Telesippe befahl dem Knaben, Zu seinen Gespielen zurückzukehren. Er wollte nicht; er wünschte bei seinem »Freunde« zu bleiben. Telesippe mußte Amykle rufen, den widerspenstigen hinwegzuführen. Nachdem dies geschehen, warf Elpinike ihrer Freundin einen bedeutungsvollen Blick zu, richtete sich sodann stolz und streng empor, trat auf den Fremden zu und sah ihm eine Zeitlang mit durchdringendem Auge ins Gesicht. Der Fremde versuchte anfangs den Blick der Schwester des Kimon auszuhalten. Aber ihr Blick schien den seinigen zu packen und festzuhalten, wie der Häscher den ertappten Verbrecher. Unwillkürlich machte der Blick des Schuldbewußten einen leisen Versuch, sich dem Banne des Häscherblicks zu. entziehen – und jetzt erst, nachdem sie aus diesem Zweikampf der Augen als Siegerin hervorgegangen, brach Elpinike das gewitterschwüle Schweigen und begann in schneidigem Tone: »Spartanischer Jüngling! Issest du gerne gebratene Pfaue? Perikles wird heute einen solchen auf seiner Tafel haben. Möchtest du nicht sein Gast sein?« Jetzt nahm Telesippe das Wort, und der Ausdruck ihres Angesichts überbot beinahe noch den vernichtenden Hohn Elpinikes: »Ein Pfau von Pyrilampes ist's! Ein Pfau, den gestern Perikles gekauft. Er wollte ihn einer ionischen Buhlerin zum Geschenk machen, aber nun zieht er vor, ihn gebraten zu essen!« »Bürschchen«, rief Elpinike von der andern Seite, »ist es wahr, daß deine Altersgenossen am Eurotas behauptet haben, du seiest ein Weib? Denke! auch hier zu Athen gibt es Leute, welche behaupten, daß du kein Mann bist, sondern – eine Hetäre von Milet!« – »Elende!« rief nun wieder Telesippe mit rückhaltlosem Zorn; »genügte dir's nicht, daß du die Männer außerhalb des Hauses buhlerisch betörst? Mußt du dich einschleichen sogar ins Heiligtum des häuslichen Herdes? Scheu'st du nicht die Götterbilder dieses Hauses, welche mit Blicken des Unmuts auf die Störerin und Entweiherin der geheiligten Familienstätte herunterblicken? – Stelle dich gesalbt und geschmückt vor deines eigenen Hauses Tür und ziehe die vorübergehenden am Gewande hinein! – wie? du wagst es noch immer, mir ins Angesicht zu blicken? Du gehst noch nicht?« – »Rufe Amykle herbei«, sagte die Schwester des Kimon zur empört aufwallenden Freundin, »damit sie mit ihren echten Lakonerfäusten diesen unechten »Landsmann«, diese üppige Zierpuppe zur Türe hinausstoße!« – »Vorher«, rief Telesippe, welche, nachdem ihr schwer bewegliches Wesen einmal erregt war, nun immer heftiger aufbrauste: »vorher will ich ihr noch das Auge mit diesen Fingern aus dem Gesichte kratzen – ihr das erborgte Truggewand von den Gliedern reißen!« In dieser Weise tobten die beiden Frauen, jene zur Linken, diese zur Rechten der verkleideten und entlarvten Milesierin gestellt, schrankenlos sich ereifernd auf sie ein. Diese selbst ließ die erste und heftigste Flut der Beschimpfung über sich ergehen, bis die Zornentfesselten, wie verblüfft über die ruhige Fassung der Geschmähten, beide zugleich einen Augenblick verstummten. Dann aber begann sie. »Habt ihr nun eure schärfsten, eure giftgetränktesten Pfeile versendet? Ich habe diesen Hagel eurer Zorngeschosse ruhig über mein Haupt ergehen lassen, denn ich begab mich nun einmal in die Gefahr, ich wagte mich in den Bereich dieser zornigen Hausgötter und ich habe, obgleich ihr mein Kleid Lügen straft, doch so viel männliches in mir, um mich in das, was begreiflich und unausbleiblich ist, zu finden. Aber auch du, o Herrin des Hauses, Telesippe, und du, ehrwürdige Elpinike, werdet es begreifen und ertragen, daß ich auf so viele Anreden einiges, wenn auch in einem Tone, der mit dem eurigen nichts gemein haben will, erwidere. – Was ist es denn, Herrin Telesippe, angetraute Gemahlin des großen Perikles, um dessentwillen du mich in so harten Worten schmähst und beschuldigst? Sage, was hab' ich dir geraubt? deinen Herd? deine Kinder? deinen guten Ruf? deinen Tugendstolz? deine Habe? dein Geschmeide? deine Salben- und Schminktöpfe? Nichts von all' dem! Nur ein kleines kann ich dir entrissen zu haben scheinen: Das, was dir das letzte war von allem, was du selber preisgegeben, was du im Grunde nie wahrhaft besessen, was du zu erwerben und zu erhalten niemals ernstlich bedacht gewesen: die Liebe deines Gatten! Und wenn es in der Tat sich so verhielte, wenn dein Gatte mich liebte, dich aber nicht, wäre es meine Schuld? Nein! es wäre die deine! Bin ich nach Athen gekommen, um die Athener zu zwingen, ihre Frauen zu lieben? Besser geziemt es und leichter fällt es mir, die athenischen Frauen zu lehren, wie sie es anfangen sollen, um von ihren Männern geliebt zu werden. Ihr athenischen Hausfrauen, kindergebärende Sklavinnen, verkümmernd in der Verborgenheit eurer Frauengemächer, ihr versteht sie nicht, diese Kunst, des Mannes Herz zu unterjochen, und ihr zürnt uns Ionierinnen, weil wir sie verstehen? Ist es ein Verbrechen, sie zu verstehen? Nein! Es ist ein Verbrechen, sie nicht zu verstehen! Was heißt geliebt zu werden? Es heißt gefallen! Willst du geliebt werden, so gefalle! Da hilft nicht Band, nicht Eidschwur, nicht Berufung auf göttliches oder menschliches Gesetz; da gilt nur der Wahrspruch: Wisse zu gefallen! – Und wann gefällt das Weib? Vor allem wenn es will! Und womit muß es zu gefallen suchen? Mit allem was gefällt. Nicht lange wird es fesseln, wenn es bloß die Sinne besticht, nicht lange, wenn es bloß die Einbildungskraft bezaubert, oder den Geist anspricht, oder das Herz rührt – es muß das alles in sich zu vereinigen wissen, es muß, um es mit einem Worte zu sagen, liebenswürdig sein! – Aber um den Sieg der Liebenswürdigkeit zu vollenden und fremde Leidenschaft desto sicherer zu erwecken, wird es die eig'ne sorgfältiger zu verbergen als zu verraten suchen. Ernüchternd wirkt des Weibes zuvorkommende Glut auf den Entflammten, anwidernd auf den Erkalteten. Sie beginnt damit, den Mann stolz zu machen, und endet damit, ihn zu langweilen. Des Mannes Langeweile aber ist des Eheglücks, der Frauenherrschaft sich'res Grab. Kosen oder grollen, girren oder fluchen mag der Mann, gleichviel; nur gähnen, gähnen darf er nicht! – Du, o Telesippe, tatest zu wenig und zu viel: zu wenig, denn du botest dem Gatten nur deinen Leib und deine Treue; zu viel, denn du brachtest ihm das, was du botest, dar, wie den Trank im Becher! Das Weib soll aber nicht Trank im Becher sein, noch Gerät im Hause, noch Sklavin, selbst nicht »Ehefrau«, wie man es nennt, denn Hymen ist des Eros räuberischer Feind. Täglich neu muß es um sich werben lassen, und die wunderliche Kunst muß es verstehen, abends als Braut sein Lager zu besteigen, und des Morgens als Mädchen wieder aufzustehen! – Das sind die Regeln jener Kunst; befolge sie, wenn du willst und wenn du kannst. Wo nicht, so verzichte auf das, was durch diese Kunst gewonnen wird, und gönne neidlos anderen, die Früchte derselben zu ernten!« – So sprach Aspasia. Hochmütig aber blickte das Weib des Perikles auf sie herab und verzog die Winkel des Mundes zu einem verachtenden Lächeln. »Behalte sie für dich, die Weisheit deiner Buhlerkünste«, sagte sie, »du magst ihrer bedürfen. Unterlaß' es, mich belehren zu wollen, wie man eines Mannes Wohlgefallen und Hochschätzung gewinnt, mich, die der Archon Basileus zur Gattin haben wollte! Was glaubst du denn zu erreichen mit all' deinen Künsten, du, die Fremde, die Buhlerin? Du kannst mir den Gatten verlocken zu heimlicher Buhlschaft, aber fremd bleibst du seinem Hause, seinem Herd; und selbst, wenn er mich verstieße, du kannst sein vollberechtigtes Weib nicht werden, du kannst ihm keinen rechtmäßigen Erben gebären, denn du bist eine Hergelaufene, du bist keine Athenerin! Ob mein Gemahl nach mir mit Liebesseufzern girrt, oder nicht, gleichviel: ich stehe waltend hier am Herd seines Hauses; ich bin des Hauses Herrin, du aber bist ein Eindringling. Ich sage dir: »Geh!« und du mußt gehorchen!« »Ich gehorche und gehe!« erwiderte Aspasia. – »Wir haben ehrlich geteilt!« fügte sie scharf betonend hinzu. »Dir sein Haus und Herd, mir sein Herz! – Behaupte nun jede das ihrige! – Lebe wohl, Telesippe!« – Mit diesen Worten entfernte sich Aspasia. Telesippe war mit Elpinike wieder allein. Diese billigte den Stolz ihrer Freundin, lobte die Antwort, welche sie der Fremden gegeben. Nach erneutem langen Zwiegespräch entfernte auch sie sich; das Weib des Perikles ging an die Besorgung häuslicher Angelegenheiten. Der kleine Alkibiades sprach den Tag über viel von seinem »spartanischen Freunde«, zum Aerger der ehrlichen Amykle, welche den Kopf schüttelte und sagte: »Jenes Bürschchen ist niemals durch den Eurotas geschwommen!« Telesippe verbot beiden, des Fremden in Gegenwart des Perikles zu gedenken. Der Tag verstrich, die Stunde des Mahls war herangekommen. Perikles war heimgekehrt und ging mit den Seinen zu Tische. Er aß von den Speisen, welche aufgetragen wurden, beantwortete die Fragen des kleinen Alkibiades und der beiden anderen Knaben und richtete auch zuweilen ein Wort an Telesippe, welche jedoch in ein halb finsteres, halb höhnisches Stillschweigen versunken blieb. Perikles sah die Menschen um sich gern heiter. Das herbe, schweigsame Wesen seiner Gattin machte ihn unruhig. Nun wurde noch ein Gericht aufgetragen. Es war der gebratene Pfau. Perikles warf einen sonderbaren Blick auf den Vogel. »Was ist das?« fragte er. »Das ist der Pfau«, erwiderte Telesippe, »der auf dein Geheiß diesen Morgen ins Haus gebracht wurde.« Perikles verstummte. Nach einer Pause, während welcher er sich den Zusammenhang der Dinge klar zu machen suchte, fragte er in einem Tone, der aus der Brust des heldenhaften Mannes etwas gepreßt klang: »Wer sagte dir, daß ich den Vogel gebraten haben wolle?« »Was sonst?« erwiderte Telesippe. »Um ein so großes Tier zu füttern und frei umhergehen zu lassen, ist unser Geflügelhof nicht groß genug. Ich konnte also nur denken, daß du den Vogel auf dem Markte eingekauft, damit er für das heutige Mahl bereitet werde. Warum auch nicht? Er ist schmackhaft und trefflich gebraten. Versuche nur ein Stück!« Damit legte sie ein schöngebräuntes Stück auf den Teller des Gatten. Perikles, den sie den Olympier nannten, Perikles, der siegreiche Feldherr, der gewaltige Redner, der Lenker der Geschicke Athens, der mit würdevollem Gleichmut auf die wildbewegte Masse der Athener wie auf die Heerhaufen anrückender Feinde im Schlachtgefild zu schauen pflegte, – er schlug die Augen nieder vor dem Stückchen Pfau, das ihm seine angetraute Gemahlin Telesippe auf den Teller legte. Aber er faßte sich bald. Er erhob sich mit der Entschuldigung, daß er sich gesättigt fühle, und wollte sich in seine Gemächer zurückziehen. In diesem Augenblick tat der kleine Alkibiades die Frage: »Haben die Schwäne im Eurotas ebenfalls ein so prächtiges Gefieder wie dieser Pfau?« – Und ohne die zögernde Antwort abzuwarten, fuhr er fort: »Amykle ist eine alte Törin, wenn sie behauptet, daß mein spartanischer Freund niemals durch den Eurotas geschwommen!« Bei dieser Erwähnung eines spartanischen Freundes sah Perikles erst den Knaben und dann Telesippe fragend an. »Von welchem spartanischen Freunde sprichst du?« fragte er zuletzt. Weder der Knabe, noch Telesippe gab ihm Bescheid. Perikles verließ den Speisesaal. Telesippe folgte ihm. An der Schwelle der inneren Gemächer sagte sie leise, aber in scharfem Tone zu dem Gatten: »Verbiete den milesischen Buhlerinnen, dich hier in deiner Behausung aufzusuchen, damit sie nicht auch schon die Knaben verführen. Gib ihnen dein Herz, diesen Buhlerinnen, o Perikles, wenn du willst; aber dein Haus, deinen Herd sollen sie nicht entweihen. Folge du jenen, wohin du willst, hier aber, in diesem Hause, an diesem Herde, behaupte ich mein Recht. Hier bin ich Herrin, ich allein!« Seltsam ward Perikles berührt von dem Ton dieser Worte. Das war nicht eines gekränkten Weiberherzens Laut, es war der verletzte, kalte Stolz der Herrin des Hauses. Kühl erwiderte er den kühlen Blick der Sprecherin, und sagte ruhig: »Es sei wie du sagst, Telesippe!« – Denselben Tag kam noch ein fremder Sklave zu Perikles mit schriftlicher Botschaft. Perikles öffnete sie und las folgende Zeilen von der Hand Aspasias: »Ich habe das Haus des Hipponikos verlassen. Viel habe ich dir zu berichten. Besuche mich, wenn du kannst, im Hause der Milesierin Agariste.« Perikles antwortete wie folgt: »Komm morgen in das Landhaus des Dichters Sophokles am Kephissosufer. Du wirst mich dort finden. Komm verkleidet, oder laß dich ohne Verkleidung in einer Sänfte dahin tragen.« VI. Am Kephissosufer. enn man in mitternächtiger Richtung die alte Stadt Athen verließ, etwas zur Linken gewandt den äußeren Kerameikos durchschritt, über die Gärten und Platanengänge der »Akademie« hinaus seinen Weg fortsetzte, dann noch eine Strecke mitternachtwärts im Freien auf besonnter Straße zurücklegte, so erreichte man das anmutige, hold umschattete Kephissostal. Man hatte beim Eintritt in dieses Tal sofort einen flüsternden, üppig grünenden Olivenwald zur Linken. Er erstreckte wie ein grüner Wall sich weithin immer zur Seite des Weges. Baumhoch sproßte dazwischen der Keuschlammstrauch, dessen blaue Blüte gegen das sanfte Grün der schmalen Blätter angenehm abstach. Efeuranken hingen von den Aesten überall herab; auch Taxusbäume wuchsen den Abhang empor und bedeckten ihn dergestalt, daß man nichts als Grünes sah. Zur andern Seite des Wegs aber, zur Rechten, kamen die kristallklaren Murmelwellen des Kephissos aus dem Innern des Tales über blitzend weiße Kiesel dem Wanderer entgegen gerieselt, hie und da in den Rosenlorbeer- und Keuschlammbüschen sich bergend. Jenseits des Kephissos sah man aus einiger Entfernung den nicht minder lieblich umlaubten, sagenreichen Hügel Kolonos herüberwinken. Ging man, nachdem man das Tal betreten, eine kurze Strecke zwischen dem Olivenhain und dem fließenden Gewässer hin, so sah man am jenseitigen Ufer des Kephissos, auf wiesigem, sanft ansteigendem Boden einen anmutigen Weiler im Schein der Sonne glänzen, umgrünt von einzelnen uralten, hochgewipfelten Cypressen, Platanen und Pinien, und von einem Garten, der fast bis an den Kephissos herüberreichte. Aber nicht bloß von dieser Seite erstreckte sich jenes Gartengelände bis ans Ufer des Flüßchens, sondern dieses, seinen Weg aus dem Innern des Tals gegen den Eingang desselben fortsetzend, machte eine Krümmung nach der rechten Seite hin und bespülte sonach auch dort die Gründe, in welche der Frucht- und Blumengarten, der das Landhaus umgab, nach jener Seite hin auslief. Nur daß dort der Boden des Gartens einigermaßen sich abdachte, und der Bach in seiner Vertiefung zwischen höherem, von den Strahlen der Sonne durchblitztem und von Nachtigallen durchtöntem Gebüsch um so traulicher plätschernd dahinfloß. In der Mitte des weiten Raumes zwischen diesem sich abdachenden Kephissosufer und dem Wohnhause stand ein von Rosen umbüschtes Gartenhäuschen. An den Ecken des Gartens trat Lorbeer-, Myrten- und Rosengebüsch zu dichten, traulich-verschwiegenen Lauben zusammen. Auch die Scharlachblüte des Granatbaums fehlte nicht. Doppelreihen von Oliven-, Feigen- und anderen Fruchtbäumen umsäumten, von einer dieser Lauben zur andern führend, den Garten. Wo der Boden gegen den Kolonoshügel sanft anstieg, da bräunten sich an sonnigen Hängen die Trauben. Das ländliche Wohnhaus selbst umschlangen Rebengewinde, ja selbst an den Bäumen wanden sie in üppiger Fülle sprossend sich empor. Mit ihnen wetteiferte wuchernd der Efeu, dessen große schwarze Dolden von Wänden und Baumstämmen, nicht minder Trauben ähnlich, herunterhingen, und dessen üppiges Geblätter, sich fortschlängelnd, selbst das Gefild der tauigen Wiese besäumte. Zwischen den blühenden Hecken und freien Rasenplätzen waren kleine Beete von Blumen angelegt. Wenig hatte von den schöntraubigen Narzissen, vom goldenen Schmelz des Krokus, von den Lilien, Irisblumen und Veilchen die vorgerückte Jahreszeit und die kranzwindende Lust des Atheners übrig gelassen, aber unzählig flammten die Rosen überall, von Violen umsäumt, in purpurn lachenden Fluren auf dem Boden sich hinverbreitend, oder auf hohen Sträuchern prunkend, niemals angeweht von rauhen Winden und allmorgendlich erfrischt vom reinsten Taue des Himmels. Leicht erscheint es, so der Dinge, die hier zu schauen waren, Namen und äußere Gestalt mit Worten anzugeben; unmöglich aber ist es, den heitern und glücklichen Frieden zu schildern, welcher über diesen üppig grünen, waldumsäumten, von den Wässern des Kephissos betauten, von Nachtigallen durchschwärmten Talgrund verbreitet lag. Man war der lauten Stadt so nahe und fühlte sich ihr doch weltenweit entrückt. Es war, als müsse der ländliche Gott Pan hier aus schattendunkler Waldstille treten, eine Najade dort unter helllaubigem Schattendach aus dem Bade der Kephissoswellen steigen. Weiter innen in der lauschigen Tiefe des Hains tummelten sich gewiß bocksfüßige Satyrn, und man konnte das Gekicher vollbusiger, reigenschlingender, oder auf grünem Laub zur Ruhe hingelagerter Hamadryaden vernehmen. Zuweilen ging ein Schauer durch die Kronen der Bäume, die in der reinsten Bläue des hellenischen Himmels zitterten, wie ein Wonneahnungsschauer, einherwehend vor dem Schritt des Freudengottes Dionysos, will er etwa vom Talgewässer des Kephissos erobernd hinaufstürmen gegen den von ernsten Kunden der Vorwelt umflüsterten Eumenidenhain auf dem Hügel Kolonos? Aber auch der Reigen apollinischer Gefährtinnen war diesem Orte nicht fern. Hier hauste ja der Musenliebling Sophokles. Dies hier war seine heimische Stätte, wie er sie von der Höhe der Akropolis dem Perikles und der Aspasia lobpreisend aus der Ferne gewiesen. Hier war er geboren, und hier lebte er. Unter den weißen, von Efeu und Blumen überwucherten Denksteinen, welche hie und da aus dem Grün des Gartens und der Büsche hervorblinkten, schliefen seine Väter. Eben saß er, umsäuselt von den Lüften des Morgens, in einer Rosenlaube, und hatte vor sich Wachstäfelchen auf den Knien liegen, auf deren Fläche er zuweilen einige Verse mit einem spitzen Griffel einritzte, mehrmals mit des Griffels stumpfem Ende das Wachs wieder glättend und das Geschriebene austilgend, wenn die erste Eingebung der Muse ihn nicht völlig befriedigte. Dazwischen einen Blick nach dem Talwege hinüberwerfend, sah er einen stattlichen Mann leichten, behenden Fußes das Tal durchschreiten. »Wer ist der Frühwache«, dachte er bei sich, »der da schier beflügelt wie Hermes, der Götterbote, heranschreitet?« Bald war der Wanderer näher gekommen, und der Dichter erkannte den liebsten seiner Freunde. Er ging ihm freudig erregt bis zum Eingang des Gartens entgegen. Perikles schüttelte ihm die Hand. »Ich folge deiner Einladung«, sagte er; »ich bin für heute dein Gast, dem Lärm und Getriebe der Stadt und allen Staatsgeschäften entflohen. Auch der Zitherspieler aus Milet – du erinnerst dich seiner ohne Zweifel – wird kommen und den Tag mit uns zubringen, wenn du es gestattest. Ich habe vieles mit ihm zu besprechen und weiß keinen Ort, wo ich es ungestört tun könnte.« »Der schöne Zitherspieler aus Milet also wird kommen?« rief Sophokles freudig. »Dacht' ich's doch, daß es etwas sehr Begeisterndes sein müsse, was dich herführte, als ich dich so feurig und erregt des Weges kommen sah. Da war nicht viel zu sehen von der ruhigen Würde des Redners auf der Pnyx: ich erkannte dich kaum, so warfst du das Haupt und die Hüften hin und her, mich schier an den bekannten edlen Renner beim Homeros gemahnend, von welchem es heißt, daß er die Halfter in seinem Stalle zerreißt und hochgehobenen Hauptes mit fliegenden Mähnen dahineilt zur Weide der...« »Schweig!« fiel Perikles ein und schloß dem Freunde mit der Hand den Mund. »Es waren die würzigen Lüfte des Kephissostals, die so voll beseelend in der Morgenfrische auf mich wirkten!« »Warum nicht auch das Verlangen, die schöne Milesierin zu sehen?« sagte Sophokles; »ist sie nicht das reizendste aller Weiber?« »Sie ist zart wie eine Lyderin, würdevoll wie eine Athenerin, stark wie eine Lakonerin!« sagte Perikles. »Du brauchst den Ion um die blonde, lilienwangige Chrysilla nicht mehr zu beneiden!« bemerkte Sophokles mit schalkhaftem Lächeln. »Laß die Chrysilla!« rief Perikles. »Aspasia ist unvergleichlich! Man weiß nicht, ob sie mehr von einer Muse oder von einer Charis an sich hat.« »Auch Parze ist sie dir vielleicht«, sagte Sophokles; »sie kann dir Gutes und Böses in den Lebensfaden spinnen!« »Warum nicht gar auch Lamia und Empusa?« rief Perikles. »Und wäre sie's – wir haben reichliches Blut in den Adern und ein Schwert an der Seite, um es, wie Held Odysseus, jeder Kirke gegenüber im rechten Augenblicke aus der Scheide reißen zu können...« »Ich komme zu dir als ein müde Gehetzter«, fuhr Perikles fort, sich den Schweiß des sommerlichen Weges von der Stirne trocknend; »ich habe mich den unzähligen Sorgen und Mühen meiner unzähligen Aemter und Würden einmal entrissen, um einen Tag der schönen Muse und ihrem liebsten Pflegekind, der Liebe, zu leben.« »Du tust wohl«, sagte Sophokles, »wenn du die Muse suchst, um zu lieben. Zur heißen Sommerzeit soll man entweder nicht lieben, oder nichts anderes tun, als lieben.« »Ich glaube, du selber sündigst gegen diesen Ausspruch«, bemerkte Perikles; »die Wachstäfelchen da in deiner Hand beweisen, daß du fleißig Vers an Verse reihst. Das hindert dich aber nicht, wie man erzählt, die schöne Ephesierin Philainion in jenen verschwiegenen Myrten- und Rosengehegen zu bewirten...« »Ist Poesie Arbeit?« fragte Sophokles; »ich wußte das nicht. Wenn die heiße Stirn den Dichter macht, so ist wohl die Poesie ein klingendes Ausatmen all' des schönen Nichts und all' des göttlichen Feuers, das man so mit seinen sterblichen Sinnen aus dem himmlischen Aether in sich trinkt. Licht verwandelt sich in Klang. Und so möchte ich auch die Liebe am Sommertag nicht missen, denn da ist sie am feurigsten und am süßesten und am meisten des Gottes voll. Und am wenigsten möchte ich sie missen, während ich dichte. Da fließt so schön eine Glut in die andere: von apollinischen Flammen erhitzt, suchst du Erfrischung im Wonnehauch der Liebe und kehrst mit wunschloser, schön befriedigter, harmonisch gestimmter Seele zur Muse zurück. Zuletzt vertauschen Eros und die Muse gar die Rollen: die Muse wird zur Kupplerin der Liebesglut, und der Geliebten Auge oder Busen beschenkt dich mit den schönsten Dichtergedanken.« »Ich glaube, man ist niemals so müde«, sagte Perikles, »daß die Liebe nicht Erholung wäre. Wir alle von einem Taten- oder Schaffensdrange mächtig Befeuerten wissen das!« – So unterredeten sich die beiden warmbeseelten, in des Lebens reifer Vollblüte stehenden Männer. Jetzt hielt eine Sänfte vor dem Hause des Sophokles. Aus derselben stieg Aspasia. Sie war in Frauengewändern. Sophokles begrüßte sie und führte sie zu Perikles ins reichbebüschte Gehege des duftigen Gartens. Geborgen vor unberufenen Späheraugen, schlug sie den Schleier zurück, ließ das Himation, das über das Hinterhaupt heraufgezogen war, vom Haupte und von den Schultern gleiten, und stand da im farbenhellen, schmuckreich geränderten Frauen-Chiton, das krause, goldbraune Haar in Wellenlinien an den Schläfen geordnet und auf dem Haupte als einzige Zier eine breite purpurne Haarbinde tragend, die von der oberen Fläche des Scheitels nach hinten ringartig um das reiche Gelock zusammenlief. In der Hand trug sie einen kleinen, überaus zierlich gestalteten Schirm gegen die Strahlen der Sonne, und im Gürtel, der ihr Gewand in der Mitte des Leibes zusammenhielt, stak ein nicht weniger anmutiger, blattförmig gestalteter, buntbemalter Fächer. Sophokles sah Aspasia jetzt zum erstenmal in Frauengewändern. Ein Ausruf der Bewunderung entfuhr ihm. Die Milesierin fiel in die Idylle des Kephissostales als ein fast allzu blendendes, bestechendes Wunder hinein. Sie erschien fremdartig in dieser ländlichen Stille. Sie brachte ein Arom mit sich, ein berauschendes Arom von Schönheit und Jugend, das alle Duftwürze des Hains und den Odem aller Blüten des Gartens in den Hintergrund zu drängen schien. »Laß dir genügen, Aspasia«, sagte Sophokles, indem er die Schöne mit ihrem Freunde einen durch reich belaubten Ranken versehenen Gang entlang führte, »laß dir genügen an dem, was die Natur für diesen Ort getan. Die Gartenkunst der Athener zu bewundern, wirst du keinen Anlaß haben. Ich weiß sehr wohl, daß ihr asiatischen Hellenen es besser versteht, als wir diesseits des Meeres, anmutige Lustgärten kunstreich anzulegen, mit Labyrinthen, Siedeleien und Grotten. Ihr habt ja dort des Persers weitgedehnte, großartig angelegte Paradeise als Muster vor Augen. Wir Athener glauben, daß die schöne Natur, wie eine schöne Frau, auch ungeschmückt schön ist.« »Laß nur Aspasia eine kurze Zeit in diesem Gehege sich ergehen«, sagte Perikles, »und du wirst bald mit der ungeschminkten Natur nicht mehr zufrieden sein. Sie wird dich bald samt deinem Garten verzaubern und verwandeln. Das ist so ihre Art. Wo sie hintritt, da sproßt es unter ihren Füßen. Den Menschen weiß sie unvermerkt einen Stachel ins Herz zu pflanzen, und wenn sie ein paar Worte über deinen Garten, fallen läßt, so wirst du nicht früher zur Ruhe kommen, als bis du etwas hergestellt, was mit dem Fruchthain der Hesperiden, oder dem Garten des Phoibos an der äußersten Meeresgrenze, oder den kyrenäischen Gärten des Zeus und der Aphrodite, oder den Gärten des Midas mit ihren hundertblättrigen Rosen zu vergleichen, oder wenigstens mit der Gartenkunst des homerischen Phäakenfürsten Alkinos auf Scheria sich messen kann.« »Wohl weiß ich«, entgegnete Sophokles, »daß dieses Frauenwesen Unruhe zaubert in der Menschen Gemüter. Habe Mitleid, schöne Zauberin, und laß mich und meinen Garten hier unverwandelt! Ich war bisher so zufrieden und so glücklich hier. Glänzte Phoibos am Himmelszelte, so freute ich mich, daß meine Oliven, meine Feigen, meine Granatäpfel reiften; regnete Zeus, so dankte ich ihm, denn meine Wiesen grünten. Ich begnügte mich mit dem, was da zu finden war: Blumen im Frühling, Schatten im Sommer, Fruchtfülle im Herbst, erfrischender Lufthauch und musengesegnete Stille im Winter. Vor allem aber, mächtige Aspasia, besprich und verwandle mir nicht durch eine Zauberformel das, was mir durch Gewöhnung das Liebste geworden, und was dem Liebenden und dem Dichter immer das Erwünschteste: die trauliche Heimlichkeit dieser Lorbeerbüsche, dieser Myrten und Rosenlauben.« »Sollte in der Tat«, warf Aspasia ein, »die lorbeerumschattete Einsamkeit das Zuträglichste für den Dichter sein? Sollte er nicht lieber, um völlig zu reifen, aus dem stillen Schatten hinaustreten ins volle Licht der Welt und des Gebens?« »Man glaubt so lange«, erwiderte Sophokles, »daß es die Sonne ist, und nur die Sonne, welche die Beeren des Weinstocks reift, bis man entdeckt, daß gerade die größten, die üppigsten, die farbigsten Trauben verborgen unter dem Schatten der dichtesten Blätter hängen. Und wenn du bezweifelst, daß diese Einsamkeit dem Dichter nützt, so wirst du doch gestehen, daß sie dem Liebenden willkommen ist? Hier könnt ihr, so ihr wollt, euch tagelang derselben erfreuen, nur gestört von zwitschernden Vögeln oder rieselnden Wellen. Kein Sklave betritt diesen Garten jemals ungerufen. Wollt ihr aber die traulichste, von den Musen und den Charitinnen am meisten gesegnete Stelle kennen lernen, so kommt!« Perikles und Aspasia folgten dem Dichter. Er führte sie hinab bis dorthin, wo, wie schon erwähnt, der Kephissos, eine Krümmung machend, das Gartengelände auch von der anderen Seite begrenzte. Hier senkte sich der Boden gegen den Bach hin, der in etwas vertiefterem Grunde dahinfloß. Aber nicht steil fiel das Ufer unmittelbar in das Gewässer ab, sondern es war zwischen dem Bache und der ansteigenden Fläche ein überaus lieblicher Raum gelassen, der eben breit genug war, daß zwei Menschen, traulich gesellt, unter grünem, von spielenden Sonnenstrahlen durchblitztem Laubdache den Bach entlang zu wandeln vermochten. Der Dichter führte seine Gäste diesen reizenden Pfad. Hier erklang das Geplätscher und Geriesel der Wellen am lieblichsten, hier trillerten und flöteten die Vogel am süßesten, hier spielten wie neckische Geister die Schatten und Lichter auf den Wellen und zwischen den Aesten. Hier und da fand sich ein üppiger Rasenplatz, wo man zur Rast sich hinstrecken und die erfrischende Kühle des Schattens ruhend und träumend genießen konnte. Auch eine Felsgrotte war hier zu finden, von außen halb verhangen durch blumiges Gerank, das Innere mit Sitzen und Kissen zur Einkehr in den heißesten Tagesstunden einladend ausgestattet. Aspasia war beim Anblicke dieses holden Ruheplatzes entzückt und folgte gern der Aufforderung des Freundes, sich niederzulassen. Perikles und der Dichter selbst folgten ihrem Beispiel. Man sah auf die klaren Wellen des Baches, der hier in einem natürlichen Felsbecken sich ein wenig staute, hinunter. Farbig schimmernde Libellen schwebten und tanzten wie sonnetrunken über den Uferblumen, und ein prächtiges Paar unschädlicher Wassernattern beschrieb, sich ungesehen wähnend, in der Kristallflut sich schlängelnd, seine behenden, reizvollen Windungen. Rasch aber huschten sie, als ihre Betrachter durch ein leises Geräusch sich verrieten, unter das buschige Kräuticht, das üppig wuchernd vom Ufer in das Gewässer des Baches hinunterhing. »Ein bräutlich Paar«, sagte Sophokles; »ich belausche sie hier oft. Sie sind unzertrennlich.« »Schwer ist's«, begann Perikles nach einer kleinen Pause, während welcher alle sich dem Anhauch der sie umatmenden Natur unbewußt hingaben – »schwer ist's, aus dieser friedlichen Welt sich wieder im Geiste zurückzuversetzen zu den Menschen und Dingen, welchen man eben entflohen, welche man weit hinter sich zurückgelassen. Und doch würde der Zweck unserer heutigen Wanderung, Aspasia, nur halb erreicht werden, wenn wir jener Menschen und Dinge, vor welchen wir hierher geflüchtet, gar nicht gedächten. Wir müssen im Gegenteil uns mit ihnen zuerst und vor allem andern beschäftigen, denn nicht bloß du hast von den Ereignissen der letzten Tage mir vieles mitzuteilen, sondern ich selbst habe dich über manches, was dir rätselhaft geblieben, aufzuklären. Hier schweben über den Wassern anmutig die Libellen und aalglatte, behende Schlänglein ziehen in der Flut ihre reizenden Kreise; aber nicht dieser dürfen wir zunächst achten, sondern von Tieren ganz verschiedener Art habe ich zu sprechen, von unseligen Vögeln, die mir und dir gestern verhängnisvoll geworden: von den verwünschten Pfauen des Pyrilampes. Durch des Hipponikos Verrat ward einer jener Vögel, der zum Geschenk für dich bestimmt war, in mein Haus gebracht, und fiel in die Hände der Herrin Telesippe.« »Und was war dort des Fremdlings Los?« fragte Aspasia. »O frage mich nicht nach meinem und seinem Schicksal an jenem Tage!« rief lächelnd Perikles. »Stelle dir den Mann vor, dem man, wie die Sage berichtet, seine Kinder, lecker zubereitet, zum Mahle vorsetzte; seines Gemütes Staunen und Entsetzen weiß ich erst zu ermessen, seit mir das zwar nicht ganz so Grausenhafte, aber kaum minder verblüffende widerfuhr, den prächtigen Vogel, von dem ich glaubte, daß er soeben sein herrliches Gefieder vor der entzückten Aspasia entfalte, und daß sie einen Argus in ihm erblicke, von dem Geliebten ihr zugesendet, um sie an seiner Statt mit hundert Augen der Liebe zu bewachen – daß ich diesen Vogel tot, entfiedert, zu formloser, schnöde gebräunter Masse entstellt auf meinem Teller erblickte!« Heiter lachte bei dieser Erzählung Sophokles. »Du hast dich versündigt«, sagte er, »indem du diesen der Ehegattin Hera geweihten Vogel verwendetest im Dienste ihrer Widersacherin, der goldenen Aphrodite«... »Weit ärger als über dich und deinen Pfau, o Perikles«, sagte Aspasia, »hat der Zorn der Götter am selben Tage über mein Haupt sich entladen. Wisse, daß ich am selben Morgen verkleidet in deinem Hause dich aufsuchte, daß auch ich, wie jener Pfau, in die Hände Telesippes fiel, und daß ich, wenn auch nicht geschlachtet, wie der Vogel, doch einen kaum weniger tückischen und grausamen Empfang als er gefunden. Bei den Göttern, Telesippe wünschte bloß, ich hätte hundert Augen, wie der Pfau, um sie mir alle auskratzen zu können! In der Gesellschaft deiner tobenden Gattin war ein betagtes, lächerliches Frauenwesen, Elpinike geheißen. Diese Matrone entbrannte in Heller Liebesbrunst für den jungen Zitherspieler und verfiel in einen unbeschreiblichen Aerger, als sie entdeckte, daß er ein Weib war. Ich wurde besudelt von diesen beiden Harpyen, mit Schmähungen überhäuft, aus dem Hause gestoßen! »Ich stehe als Herrin an dieses Hauses Herd!« rief Telesippe; »du aber bist eine Hergelaufene, eine Buhlerin! Ich befehle dir von hinnen zu weichen!« Sie fügte hinzu, auf dein Herz wolle sie verzichten, aber deinen Herd sei sie nicht gesonnen preiszugeben. Willig gönn' ich ihr deinen Herd, o Perikles; aber gedenkst du dem Weibe, welches an deinem Herde waltet, das Recht zuzuerkennen, über das Weib, welches dein Herz besitzt, mit Schmähungen und wilden Drohungen herzufallen?« »Was vermag ich zu tun?« versetzte Perikles. »Der athenischen Frauen Rechte sind gering. Aber diejenigen, die sie nun einmal haben, müssen wir achten. Reichen sie doch nur bis an die Schwelle des Hauses«... »Es scheint also«, erwiderte Aspasia, »daß ihr Männer von Athen nicht Herren im Hause, sondern bloß außer dem Hause seid... Wie sonderbar! Ihr macht das Weib zur Sklavin, und dann erklärt ihr euch selbst wieder zu Sklaven dieser Sklavinnen!« »Das ist die Ehe!« sagte Perikles achselzuckend. »Wenn dies die Ehe ist«, erwiderte Aspasia, »so wäre es vielleicht besser, es gäbe keine Ehe in der Welt.« »Den Freudenbund der Herzen schließt die Liebe«, sagte Perikles; »zur Gattin aber und zur Herrin des Hauses wird das Weib durch das Gesetz!« »Durch das Gesetz?« entgegnete Aspasia; »ich meinte immer, es sei eigentlich nur die Mutterschaft, durch welche ein geliebtes Weib zur Gattin würde, und die Ehe beginne sozusagen erst mit dem Kinde«... »Nicht nach athenischem Bürgergesetz!« wendete Perikles ein. »So ändert euer Bürgergesetz«, rief Aspasia, »denn es taugt nichts!« »Frommer Götterliebling Sophokles«, rief Perikles, zu dem Freunde sich wendend, »hilf mir doch diese zürnende Schöne zur Besonnenheit zurückführen, damit sie uns nicht mit ihrer kleinen weißen Hand das gesamte Staatswesen der Athener über den Haufen werfe!« »Wie könnte ich glauben«, sagte der Dichter, »daß unserer hochgesinnten Aspasia des Menschen und seines Glückes bester Teil, die Besonnenheit, verloren gehen könne? – Sie weiß es so gut, daß sie es uns wieder lehren könnte, wenn wir es je vergäßen, daß ein Leben ohne Lust kein Leben ist, daß aber, um des Lebens Lust in schöner Heiterkeit zu genießen, wir uns vor allem hüten müssen, die finstere Göttin Ate, die Göttin der Verblendung und des blindhaftigen, leidenschaftlichen Vorwärtsstürmens, wider uns zu erregen; daß wir niemals gegen etwas ankämpfen sollen, ohne das Maß unserer Kraft vorher weise zu prüfen; daß frohes Behagen unmöglich ist ohne Selbstbeherrschung; daß wir die Menschen lieben sollen, denn sie sind die Gespielen unserer Lust, und die Götter ehren, denn sie sind nicht leere Namen, sondern bezeichnen die Schranken unserer Kraft und stehen mächtig waltend auf der Grenze zwischen unserem Eigenwillen und dem Verhängnis, zwischen der Freiheit und der ewigen Notwendigkeit; daß wir« – »Genug!« fiel lächelnd Aspasia dem Dichter hier ins Wort; »ich fürchte sonst, daß wir aus dem heiteren Aether des reinen Gedankens, in welchen uns deine weisen und schönen Worte emporgetragen, den Weg nicht wieder zurück finden zu den kleinlichen, aber greifbaren Dingen, von welchen wir in unserer Unterhaltung ausgegangen. Wenn es aber erlaubt ist, allgemein Gesagtes auf Besonderes anzuwenden, so scheint es mir, o Sophokles, du habest sagen wollen, daß die ausländischen Vögel und die ausländischen Frauen zu Athen sich darein ergeben sollen, gerupft und gezaust zu werden, und daß sie, in frommer Scheu sich fügend, nicht ankämpfen sollen gegen Landesgesetze, welche sie rechtlos machen« ... »Unserem Freunde hier«, fügte Perikles zu dem was Aspasia gesprochen, hinzu, auf Sophokles weisend, »fällt es freilich leicht, für menschliches Tun und Lassen, insonderheit der Ehemänner, weise Regeln aufzustellen, und ebenso leicht, sie zu befolgen. Sein Leben fließt ohne Widerstreit dahin; denn er lebt unvermählt, und keine Telesippe tritt seinen Aspasien mit einem vom Herde des Hauses gerissenen Feuerbrande drohend entgegen.« »So ergeht es stets den Vermittlern«, erwiderte Sophokles lächelnd, »und allen, welche sich, wenn auch aufgefordert, in die Angelegenheiten der Liebenden mischen. Ich werde nun verspottet und fast gescholten, weil ich, Besinnung predigend, selbst so unbesonnen war, Liebenden Rat erteilen zu wollen. Dafür will ich mich selbst nun strafen, indem ich euch sofort ganz eurer eigenen Weisheit überlasse, und von euch für eine kurze Zeit Abschied nehme, damit ihr eure Angelegenheit unter euch ins reine bringt. Ich gehe, um dafür zu sorgen, daß ihr den Tag über hier nicht ohne Labung durch Trank und Speise bleibt. Und wenn ich nebenbei, während ihr den Gegenstand eurer Erörterung erledigt, ein wenig in jenen Lorbeerbüschen säume, so wisset, daß dort keine Aspasia mich erwartet, sondern daß ich in jener Schattendämmerung, die Täfelchen auf den Knien und den Griffel in der Hand, die Klageseufzer der edlen Oedipustochter belausche« – »Du bist also«, sagte Aspasia, »jenes dichterischen Planes, dessen du auf der Akropolis Erwähnung tatest, eingedenk geblieben?« »Schon ist des Werkes Hälfte vollendet«, erwiderte Sophokles, »und ein Sklave sitzt Tag für Tag mit dem schwarzbefeuchteten Schilfrohrkiel in Händen, um das Vollendete und Gefeilte von den Wachstäfelchen auf den Papyros zu übertragen.« »Wirst du uns nichts davon zum Vorgenusse bescheren?« fragte Perikles. »Eure Zeit ist zu kostbar!« erwiderte der Dichter und entfernte sich. Nachdem in solcher Weise Perikles und Aspasia allein geblieben, kamen sie auf die Gegenstände der Unterredung zurück, welche sich in Gegenwart des vertrauten Freundes entsponnen hatte. Aber es geschah, was bei den Gesprächen der Liebenden gewöhnlich ist, sie irrten von ihrem Gegenstande ab, sie strebten nicht nach strenger Folgerichtigkeit der Erörterung, weil in ihr Denken sich zu vieles Empfinden mischte, und sie erlaubten sich viele Unterbrechungen. Sie horchten dazwischen auf den Gesang eines Vogels in den Zweigen, atmeten den würzigen Duft der Wiesen mit besonderem Wohlbehagen in sich, nahmen hie und da eine lockende Beere aus einer fruchtschwer niederhängenden Traube, oder eine rotwangige, saftige Frucht vom Baume, Aspasia biß einen Apfel an und reichte ihn dem Perikles, und dieser dankte mit dem Lächeln des Glücklichen, denn es war ihm nicht unbekannt, was das Geschenk eines angebissenen Apfels in der Zeichensprache der Liebe bedeute. Auch blieben Gelegenheiten, Liebesorakel zu befragen, nicht ungenützt. Aspasia flocht während des Gesprächs einen Kranz, gab ihn dann dem Perikles zu tragen und lachte, wenn demselben Blätter entfielen, denn dies deutet für die Kundigen auf große Liebesglut im Herzen des Kranzträgers. Perikles dagegen pflückte solche Blüten, deren Kelche die Eigenschaft hatten, wenn man sie zwischen den Fingern zusammendrückte, mit einem kleinen Knall zu zerplatzen, und er verschmähte nicht, aus der Stärke dieses Knalles ein Orakel in betreff des von Liebesfülle geschwellten Herzens der Geliebten zu schöpfen. Aber wie sehr auch die Liebesglut des Perikles ausströmend den Kranz, den er in der Hand trug, zum Welken und zum Entfallen der Blätter bringen, und die Liebesfülle im Herzen Aspasias dem klatschenden Blumenorakel Ehre machen mochte, beide versuchten doch immer wieder auf ein besonnenes Gespräch zurückzukommen. Viele Fragen wurden aufgeworfen; aber freilich nur wenige erledigt. Es wurde erwogen, wie Aspasia mit Hilfe des Perikles ihr neues Hauswesen am besten einrichten könne, ferner, wie sie ihren Verkehr so ungestört als möglich fortsetzen könnten; und da Liebende von nichts lieber plaudern, als von der Geschichte ihrer ersten Begegnung, so kamen auch Perikles und Aspasia auf die ihrige im Hause des Pheidias zurück, und Perikles erwähnte, was infolge jener ersten Begegnung seither sich ereignet, wie seit jenem Tage so Großes begonnen worden, wie er damals gegen die Vorwürfe der Freunde sich verteidigen mußte, zuletzt aber alle befriedigt hinweggingen, bis auf des Sophroniskos Sohn, den Wahrheitsucher, welcher durchaus noch die Frage erörtert sehen wollte, ob die Pflege des Schönen die Pflege des Sittlichen entbehrlich mache? Die Frage war damals fallen gelassen und seither geradezu vergessen worden. Da aber Aspasia bei der Wiedererinnerung an dieselbe sogleich wieder sehr entschieden ihre Lieblingsbehauptung hinwarf, die Forderung des Schönen sei in der Welt ebenso berechtigt, oder noch berechtigter als die Forderung des Sittlichen, und ein Pfau so viel wert, wie eine Ente, obgleich letztere sich besser mästen lasse – und Perikles nicht gleich wußte, ob er ihr so viel zugestehen dürfe, so wurde das lustwandelnde Liebespaar im Garten des Sophokles durch das Wiedererscheinen des Dichters gerade zur rechten Zeit unterbrochen. Dieser kam, um sie zu einem kleinen Morgenimbisse einzuladen. Er führte sie in das Gartenhäuschen, welches in des Gartenraumes Mitte gelegen war. Sie fanden das Innere desselben anmutig ausgeschmückt, beinahe weichlich eingerichtet für bequeme Rast, und in diesem Augenblicke in ein zierliches Speisegemach verwandelt. Bereit standen Pfühle jener Art, auf welche zu Zweien gelagert die Tischgenossen, den emporgerichteten Oberleib auf den linken Arm gestützt, ihr Mahl einzunehmen pflegten. Vor den Pfühlen aber standen die Tischchen mit den Speisen, für jeden Pfühl ein besonderes. Perikles und Aspasia lagerten sich, der Einladung des Sophokles folgend, und streckten die Hände nach den dargebotenen Erfrischungen aus. Es gab da Geflügel, Kuchen, sikelischen Käse, Feigen, Nüsse, Mandeln, Trauben und dazu köstlichen Feuerwein von den Inseln. »Ich hoffe, frommer Sophokles«, scherzte Aspasia, »daß du uns keine gebratenen heimischen Nachtigallen vorsetzest, obgleich in einer Stadt, wo man Pfaue zu braten sich nicht scheut, wohl auch Nachtigallen der Bratpfanne verfallen könnten.« »Schmähe nicht um der einen Frevlerin willen das gesamte Athenervolk!« bat Sophokles. »Ein Weib«, rief Aspasia, neuerdings aufwallend, »das fähig war, einen Pfau zu schlachten, ihm sein schönes Gefieder auszurupfen und ihn selbst in eine Pfanne zu werfen, verdiente mit Ruten aus Hellas hinausgepeitscht zu werden. Wenn über irgend jemand, muß über sie der Zorn der Griechengötter kommen, denn sie hat sich versündigt am heiligsten was es gibt, am Schönen!« – »Wenn wir unserer schönen und weisen Aspasia glauben dürfen«, fiel Perikles ein, zu Sophokles gewendet, »so ist Schönheit das oberste Gesetz des Lebens, und, die Seele wie den Leib durchdringend, aller Tugenden erste und letzte.« »Der Gedanke spricht mich lieblich an«, sagte der Dichter, »ob ich gleich nicht weiß, was Anaxagoras und jener bekannte Steinmetz des Pheidias und die anderen weisen Männer davon urteilen würden. Aber auch von diesen wird keiner die hohe Macht der Schönheit und dessen, was durch sie in den Herzen der Menschen bewirkt wird, der Liebe, bestreiten. Ich habe an eben diesem Morgen, ganz deinem Wunsche gemäß, Aspasia, um die unüberwindliche Gewalt der Liebe zu zeigen, meinem Werke eine Scene eingefügt, in welcher ich den Haimon, des Königs Kreon Sohn, freiwillig in den Hades hinabsteigen lasse, um seiner geliebten Braut Antigone dahin zu folgen« ... »Das ist zu viel, o Sophokles!« erwiderte Aspasia dem einigermaßen betroffenen Dichter, der es ihr doch zu Danke gemacht zu haben glaubte, »von so düsterer Seite soll der Griffel der Poeten die Liebe nicht zeigen. Die Liebe ist heiter in ihrem Wesen und soll eher sich selbst als ihre Heiterkeit aufgeben. Sie soll es nicht sein, die eine menschliche Seele in den Hades hinabführt. Sie soll die Menschen nur mit dem Leben, nicht mit dem Tode befreunden. Düstre, schwärmerische Leidenschaft sollte unter Hellenen nicht mit dem Namen der Liebe bezeichnet werden. Sie ist Krankheit, sie ist Sklaverei!« »Du hast recht, Aspasia!« gab Sophokles zurück. »Die Regel, die du da aussprichst, ist einleuchtend; und du, und Perikles, und ich, wir werden gewiß immer nur der schönen, freien, heitern Liebe huldigen; und wir wollen, wenn es dir angenehm, noch heut' den Göttern ein Opfer bringen, damit sie uns das holde Feuer im Busen niemals zu tod- und verderbenschwangerer Glut entfachen. Aber in der Dicht- und Bildkunst drängt der Geist die Poeten und die Bildner, daß sie das, was sie ausdrücken wollen, auf eine scharfe, eindringliche Spitze hinaustreiben. Mir galt es zu zeigen, daß Eros ein mächtiger Gott sei; aber ich wünsche von Herzen, daß er die ganze Schärfe seiner Macht niemals wieder in solcher Art gegen einen Hellenen kehre. Möge er nur vor allem die Herzen der Schönen mild und willfährig stimmen, denn wer anders als die Schönheit verschuldet die Uebel und das Ungemach der Liebe in der Welt? In der Tat, die Schönheit ist eine verhängnisvolle, vielfach entscheidende, bestimmende Macht im Leben der Sterblichen. Sie sitzt, wenn es so mich auszudrücken erlaubt ist, mitratend im Rate höchster Gewalten.« »Schönheit sitzt mitratend im Rat höchster Gewalten!« wiederholte Aspasia. »Dieser Ausspruch verdiente meines Erachtens, den Sprüchen der Weisen von Hellas angereiht zu werden.« »Wenn du Wohlgefallen an demselben hast«, versetzte der Dichter, »so will ich ihn vor ganz Hellas laut wiederholen und ihn einem Chorgesange auf den Eros in meiner Tragödie einflechten. Wann könnte ich dieses Chorlied auf den Eros unter besserer Vorbedeutung vollenden, als während dein Fuß noch auf diesem Gartenplane wandelt? Ihr dürfet von hier nicht scheiden, bevor ich den Hymnus niedergeschrieben, und ihr euer Urteil darüber abgegeben.« »Kein schöneres Gastgeschenk könntest du uns bescheren!« erwiderte Perikles. »Für jetzt verzeihet«, hub Sophokles wieder an, »wenn ich euch so gar nichts biete, womit man sonst einen Imbiß zu würzen pflegt. Ich führe auch keine Tänzerin und keine Flötenbläserin vor; denn heute sind, wie mich dünkt, meine Gäste sich selbst genug; und überdies, wer möchte vor dem schönen »Zitherspieler aus Milet« mit der Zither sich vernehmen lassen und es wagen, in einen Wettstreit mit einem solchen Kunstgenossen einzugehen?« »Vor allem du selbst!« rief Perikles; »du bist uns den Wettkampf sogar schuldig, denn du hast uns ja auf der Akropolis etwas dergleichen versprochen. Hole nur dein Saitenspiel herbei, o Sophokles, und bringe auch ein zweites für Aspasia; und dann beginnt in der Art sikelischer Hirten mit Spiel und Gesang zu wetteifern, gewärtig meines unparteiischen Spruches – denn daß ihr mich als Kampfrichter gelten lasset, versteht sich wohl von selbst, da ihr außer mir keinen Zuhörer vor euch habt!« – »Das Vergnügen, Aspasias Gesang und Saitenspiel zu vernehmen«, erwiderte Sophokles, »wird für mich um den Preis einer Niederlage nicht zu teuer erkauft sein.« Er entfernte sich, brachte nach kurzer Zeit zwei schön verzierte Saitenspiele und bat Aspasia, sich eines davon auszuwählen. Prüfend streifte die Schöne mit den Fingern die Saiten, und ein liebliches Geriesel entstob sogleich, wie Funken der Esse, dem beseelten Tonwerkzeug. Und nun begannen der Dichter und die schöne Milesierin, erwärmt vom süßen Feuer des Inselweins, zum Klange der Saiten Liederchen von Anakreon und Sappho zu singen, und Skolien und geflügelte Distichen, darunter auch Neues und eigen Gedachtes in rascher Erfindung. »Was heißt Leben und Lust, wenn die lächelnde Kypria mangelt? Möcht' ich nur sterben, sobald wonniger Reize Genuß Nimmer das Herz mir erfreut und ergötzliche Huld und Umarmung: Blüten der Jugend, wie schnell mäht euch die Sense der Zeit!« Feurig erwiderte Aspasia: »Kurz wohl ist sie, die Zeit für den Sterblichen; aber es ladet Bacchos, ladet der Tanz und der blühende Kranz und die Liebe! Dies, nur dies heißt Leben; nur Lust ist Leben – Hinweg denn Sorgen! genieße das Heut', denn das Morgende liegt im Verborg'nen! – Mit leuchtendem Blick auf Aspasia sang der Dichter: »Süß ist, süß, beim Pan, dem arkadischen, was du zur Laute singst, o Aspasia! süß tönet der holde Gesang! Könnt' ich entflieh'n? Es verbirgt sich die himmlische Macht der Eroten In der Sirene Gestalt, welche das Ohr mir entzückt!« Mit bezauberndem lächeln auf den rosigen Lippen sang jetzt Aspasia: »Scherzend ergötzte sich jüngst mit Neära der Freund. Um die Hüften schlang ihr Kypris ein Band, bunt und von Blumen gewebt. Goldene Schrift umgab es. Sie lautete: Liebe mich immer, Aber betrübe dich nicht, wenn mich ein andrer besitzt!« – »Wie lange willst du noch säumen, o Perikles«, sagte der Dichter, »Aspasia den Kranz des Sieges zuzuerkennen?« – »Reich' ihn dem Dichter, o Perikles«, sagte Aspasia; »aber stelle ihm vorher noch eine Bedingung: er soll uns noch ein Distichon auf die schöne Philainion singen!« »Hörst du, was Aspasia verlangt?« sagte Perikles zu dem Dichter; »du sollst Philainion besingen, die schöne Epheserin, welche jetzt, wie man erzählt, die Genossin deiner schönsten Stunden ist, und welche wir beiden fremden Gäste vielleicht für diesen Tag zu deiner heimlichen Qual, aus diesem reizenden Orte verdrängt haben!« »Die Bedingung ist nicht ohne geheime Tücke und Grausamkeit«, erwiderte Sophokles lächelnd, »aber ich will sie nicht unerfüllt lassen.« Und er sang: »Klein zwar ist und schwärzlich Philainion, aber der Eppich Ist nicht krauser und nicht zarter die Blüte des Mohns. Mehr als Kypriens Gürtel bestrickt ihr holdes Geschwätz mich; Was sie gewährt, das gewährt lächelnd von Herzen sie stets. Traun, Philainion lieb' ich, die reizende, bis mir die gold'ne Kypris eine beschert, welche noch reizender ist!« – »Bist du zufrieden, Aspasia?« fragte Perikles, und als diese lächelnd nickte, wandte er sich zu Sophokles und reichte ihm den Preis des Wettkampfs mit den Worten: »Empfange den Kranz, gastfreundlicher Sänger!« »Nicht wär' ich dies«, entgegnete Sophokles, »wollte ich nicht schließen mit dem Lobe der Schönsten: »Kypriens Schönheit hast du, der Peitho Lippen, der Horen       Frühlingsblüte dazu, und der Kalliope Ton, Themis' sittliches Maß, und der Pallas Sinn, und der Charis       Lächelnder Reiz mit dem Ernst sinnender Muse vereint!« »Das heißt uns beschämen«, sagte Aspasia, »und uns zu größerem Danke verpflichten, als wir jemals entrichten können!« – So endete der Wettsang. Der Dichter und die Milesierin erörterten dann noch manches über die Tonkunst, und Aspasia sprach dabei so gelehrt von dorischen, phrygischen, lydischen, hypodorischen, hypophrygischen Tonarten, von den feinen Unterschieden derselben und von den Vorzügen der einen vor der andern, daß Perikles erstaunte und zuletzt ausrief: »Sage mir doch, Aspasia, wie hieß der Mann, der sich rühmen darf, dein erstes aufsprossendes Alter in diese schwierigen Künste eingeweiht und eingeübt zu haben?« »Du wirst es erfahren«, entgegnete Aspasia, »wenn ich dir einmal die Geschichte meiner ersten Jugend erzähle.« »Warum tatest du es noch nie?« gab Perikles zurück. »Wie lange willst du es verschieben? Tu' es heute noch! Die Gelegenheit ist günstig und Sophokles ist so sehr unser vertrauter Freund und so verschwiegen, daß du dich nicht zu scheuen brauchtest, ihn zum Zeugen und Mithörer deiner Erzählung zu machen.« »Nein!« sagte Sophokles; »so anmutend ich mir auch Aspasias Jugendgeschichte vorstelle, so muß ich doch fürchten, daß, wenn du das Vergnügen, sie zu hören, mit einem andern teilen mußt, die Erzählung nicht halb so lang ausfallen wird, als wenn du sie allein vernimmst. Ueberdies erinnere dich, daß ich gelobt, euch nicht zu entlassen, bis ich Aspasia durch einen Chorgesang auf den Eros wieder völlig versöhnt habe, und so muß ich wohl neuerdings meine Einsamkeit aufsuchen, euch aber der eurigen, nicht minder erwünschten, überlassen. Indem ich an demselben Tage, an welchem ich für mein tragisches Werk einen Lobgesang auf den Eros dichte, ein liebend Paar, wie ihr seid, in meinem Asyl beherberge, glaube ich mir ein so großes Verdienst um den Liebesgott zu erwerben, daß es mich nicht wundern sollte, wenn mir das schönste Lied als Götterdank dafür gelänge.« Mit diesen Worten entfernte sich der Dichter. Scherzend rief dem Abgehenden Aspasia nach, er solle nicht zurückkehren, ohne die reizende, krausgelockte Philainion mitzubringen. Perikles und Aspasia waren nun wieder in den traulichen, stillverschwiegenen, duftschwülen Gartenräumen sich selbst überlassen. Noch angeregt von dem heiteren Gespräch bei Becherklang und Saitenspiel und doch in einer Art von sanfter Abspannung, brachten sie, jetzt lustwandelnd, jetzt ruhend, die nächste Zeit in jenem süßen, träumerischen Zustande hin, welcher das Gemüt, namentlich im Walde, auf der Flur, oder in duftigen, schattigen Gärten befängt in den Stunden des Mittags, wenn Pan schläft und seine Geister herrenlos in den einsamen Gründen ihr neckendes Spiel treiben. Die fettglänzende Frucht der Olive funkelte in der Mittagssonne. Keine Lerche mit buschiger Krone schwärmte mehr umher, die Eidechslein lagen schlummernd in den Hecken. Nur die Baumgrille begann hie und da leise und melodisch auf den Aesten zu zirpen. So erwärmt, so angeregt, so durchtränkt von Sonnenschein und Würzeduft ist in solchen Momenten des Lustwandelnden Natur, daß, wenn er zur Rast sich hinstreckt auf beschatteten Rasen unter säuselnden Bäumen, seine Lebensgeister nicht wissen, ob es ein süßes Ermatten ist, was sie durchzittert, oder das ungenützte Uebermaß ihrer Schwungkraft. Die beiden Liebenden weilten zuletzt wieder an jenem efeuverhangenen Ruheorte, wo die Wellen des Kephissos unter durchsonnten Zweigen plätscherten und wo in schwüler Mittagsstille das arglose Paar von Wassernattern, von gaukelnden Libellen überschwebt, sacht hingleitend in der Kristallflut seine Kreise zu beschreiben pflegte. Aus dem Halbschlummer einer träumerischen und wonnigen Siesta erwachend, wiederholte Perikles seine Bitte an Aspasia, das traute Beisammensein dieses Tages durch die lang' versprochene Erzählung der ersten Schicksale ihrer Jugend zu krönen. Aber es ist ein eigen Ding um eine Erzählerin, deren Lippen fein, weichgeschwellt und würzig süß sind wie attischer Honigseim, Perikles gestand, daß er nicht wisse, ob er begieriger sei nach den Küssen seiner Freundin oder nach ihrer Erzählung. Endlich kam sie zu Worte. »Du weißt«, sagte sie lächelnd, »ich bin nicht alt genug, um dich mit einer langen, abenteuerlichen und bunten Erzählung ergötzen zu können. Aber du hast ein Recht, nach meiner Herkunft zu fragen und zu erkunden, von welcher Art mein Geschick war, bevor es mit dem deinigen sich verknüpfte.« »Philammon hieß der Mann, nach welchem du zuvor gefragt, welchem ich meine Kenntnisse in der Tonkunst und in den anderen Künsten und überhaupt alles verdanke, was ein Mensch dem anderen danken mag, und was freilich zuletzt, wie ich glaube, nicht allzuviel sein mag, denn das meiste entscheidet ja doch bei dem Menschenkinde, insonderheit bei dem Weibe, der Boden, auf welchem es emporgesproßt, und der Heimatäther, den es in sich geatmet, und der Dinge Gestalt, die es früh um sich gesehen, vor allem aber die Sendung, und das Verhängnis, und der Stern, unter dem es geboren worden. Der gute Philammon! Ich glaube nicht, daß ich jemals wieder mit einem Manne in so glücklichem Frieden zusammenleben werde als mit ihm; denn er machte keine Ansprüche mehr an mein Geschlecht und ich noch keine an das seinige. Er zählte achtzig Jahre und ich zehn. Freilich erschien er um den vierten Teil seiner Jahre jünger und ich um den vierten Teil der meinigen älter. Nach meines Vaters Axiochos und meiner Mutter Tode zu Milet war ich von ihm als väterlichem Freunde und Vormunde in sein Haus aufgenommen worden. Er war der gelehrteste, weiseste, beredteste und zugleich heiterste Greis im heiteren Milet, der liebenswürdigste Greis vielleicht, den seit Anakreon die Erde getragen. Ich weiß nicht, ob sich irgend etwas schöner befreundet, als ein jugendlicher Greis und ein frühreifes weibliches Kind. Die schönsten Gegensätze des Lebens suchen und berühren sich da aufs sinnigste. Ich war bis zur Leidenschaft entflammt in des Philammon schneeweißen, lang hinabwallenden Bart, in seine hellen Augen, aus welchen mir alles Wissenslicht der Welt zu leuchten schien, in seine Lyren und Zithern, in seine Bücherrollen, in die Erz- und Marmorbilder seines Hauses und in den herrlichen Blumenflor seines Gartens. Was ihn betrifft, schien er an mir nicht weniger Freude zu haben; von der Stunde an, wo ich in sein Haus gebracht worden, trug er ein Lächeln auf den Lippen, wie ich es nie wieder so schön bei einem Glücklichen gesehen, und das zuletzt nicht einmal der Tod auf demselben völlig auszulöschen vermochte. Fünf Jahre lang lebte ich im Dufte der Rosen, mit welchen dieser göttliche Greis seine Becher umkränzte, trank die Weisheit seiner wissenshellen Augen und seiner von Beredsamkeit überströmenden Lippen, spielte auf seinen Lyren und Zithern, entfaltete mit entflammten Wangen seine Bücherrollen, betrachtete seine Erz- und Marmorbilder und pflegte die Blumen seines Gartens. Die Welt der Poesie, der Töne und des Frühlings war für ihn selbst aufs neue lebendig geworden, indem er sie noch einmal mit dem Kinde durchgenoß. Er sagte, er sei achtzig Jahre alt geworden, und er verstehe manche seiner Bücherrollen erst, seit ich, das Kind, sie ihm vorgelesen. Als er tot war, nannten mich die Milesier das schönste Mädchen der ionischen Gestade, und ich sah zum erstenmal in einen Spiegel. Das Leben der reichen Stadt, wo früh der Hellenengeist an Asias Sonne zu üppiger Milde gereift ist, begann mich mit rauschenden Wellen zu umdrängen. Aber ich war unzufrieden. Bei Philammons Bücherrollen und Marmorbildern war ich heiter gewesen; im rauschenden Reigen der Freude, von Huldigungen umgeben, wurde ich ernst, nachdenklich, eigenwillig, launenhaft, anspruchsvoll. Ich vermißte etwas. Die Männer von Milet erschienen mir geckenhaft. Sie umwarben mich; ich verachtete sie. Ich stand nach des Philammon Tode verwaist, jung, arm, unerfahren in der Welt. Da sah mich ein persischer Satrap und faßte sofort den Plan, das vielgepriesene ionische Mädchen nach Persepolis zu bringen, es dem großen König zuzuführen. Meine törichte Mädchenseele ward entflammt. Ich dachte an Rhodopis, welche den Aegypterkönig, an meine Landsmännin Thargelia, welche den Thessalerkönig zum Gemahl gewann. Der Perserkönig selbst aber, der Mächtigste der Erde, schwebte meiner Seele vor als der Inbegriff alles männlich Schönen, Erhabenen, Liebenswerten und geistig Gewaltigen. Als Kind bei Philammon war ich altklug gewesen; jetzt, als heranreifende Jungfrau, ward ich töricht. Zu Persepolis angelangt, wurde ich aufs reichste geschmückt und sodann in die mit blendender Pracht ausgestattete Königsburg geführt. Inmitten dieser Pracht saß der Perserkönig, nicht minder prunkvoll behängt, aber mit dem Antlitz eines gewöhnlichen Menschen. Er glotzte mich mit matten Despotenaugen an. Zuletzt begann er schläfrig nach mir die Hand wie nach einer Ware prüfend auszustrecken. Das empörte mich; Tränen des Unmuts traten mir in die Augen. Dem Perser aber gefiel das und er lächelte mit schlaffen Zügen. Er schonte meiner sogar seit jenem Augenblicke und sagte, der Stolz der Griechinnen gefalle ihm besser als die sklavische Willenlosigkeit der anderen Weiber. Nach wenigen Wochen war des Despoten Herz für mich entflammt. Mich aber befiel eine Angst; ich versank in Schwermut. Fremd, einförmig, ernst erschien mir das Leben um mich her. Diese Menschen ließen nicht auf sich wirken. Dumpf lebten sie hin in ihren, von erschlaffenden Aromen durchwürzten Prunkgemächern. Fremdartig und beängstigend starrte des Morgenlandes Prunk mich an und rasch war der Zauber gewichen, mit welchem er anfangs meine Phantasie gefangen nahm. Ein kühler Schauer ergriff mich vor den Tempeln und Götzen der Fremde; ich sehnte mich zurück zu den Göttern von Hellas. Ich floh nach kurzer Zeit. Hoch atmete ich auf, als ich den ionischen Boden wieder betrat, als ich das griechische Meer, neues und schöneres Glück verheißend, wieder ans Gestade branden sah. Im Geleit einer einzigen treuen Sklavin suchte ich im Hafen von Milet ein Schiff, das mich nach Hellas bringen konnte. Ich fand einen megarischen Kauffahrer, welcher bereit war, mich nach Megara zu bringen. Von dort konnte ich rasch das nahe, stolzaufblühende Athen, nach welchem meine Seele längst sich gesehnt, erreichen. Zu Megara mit meiner Sklavin angekommen, stand ich für den Augenblick allein und ratlos da. Der betagte Schiffsherr, der mich von Milet auf seinem Fahrzeug mit herübergebracht, lud mich in sein Haus und versprach, mich in den nächsten Tagen nach Athen zu entsenden. Ich folgte seiner Einladung. Er aber verzögerte von Tag zu Tag die Vorbereitungen meiner Entsendung, und zuletzt merkte ich, daß er die Absicht habe, in seinem Hause mich festzuhalten. Bald aber sah ich zugleich mit dem Vater den heranwachsenden Sohn in Leidenschaft entbrannt, und, im Hause wie eine Gefangene zurückgehalten, ward ich zu meiner Qual verfolgt von doppelter Liebeswerbung. Für sie, meinten jene Toren, hätte ich, dem Perserkönig unverletzt entflohen, mich aufgespart. Als ich nun spröde blieb und alles tat, um die Fesseln, die man tückisch mir angelegt, zu sprengen, da brach der Groll jener beiden in helle Flammen aus. Des Schiffsherrn Gattin aber hatte von Anfang an die jugendliche Fremde mit argwöhnischem Auge gesehen; und da nun diese, während die beiden Männer mir grollten und unter sich um meinetwillen grimmig haderten, von wilder Eifersucht ergriffen wurde, so sah ich mich wie von Furien umgeben und schwer bedroht von den Leidenschaften aller dieser Erregten. Dem Weibe kam der Gedanke, die Megarer gegen mich als fremde Betörerin, als Störerin des Friedens aufzuhetzen, und da die beiden Männer durch meine Sprödigkeit und die Unmöglichkeit, mich länger zu halten, aufs äußerste erbittert waren, so unterstützten sie aus Rachedurst das Beginnen des Weibes. Ihr Bemühen war nicht erfolglos. War ich doch in Megara, unter Leuten dorischen Stammes; unter Leuten, welche mitten unter umwohnenden Ioniern, losgetrennt von ihren Stammesgenossen im Peloponnesos, dem mächtig drohenden Athen so nahe, nur um so bewußter ihr dorisches Wesen hervorzukehren, nur um so sklavischer mit Spartersitte liebäugeln zu müssen vermeinen. Streng und männlich in ihrem Tun wollen sie erscheinen, aber sie sind doppelt zügellos, wenn die Leidenschaft sie ergreift, denn ihr Gemüt ist roh, gemein ihr Sinn. Ihr heftiges Empfinden ist fremd der Sänftigung, welche über die Gemüter anderer Menschen verbreitet wird vom Hauche der Anmut. Auf mein dringendes Verlangen gab man sich endlich den Anschein, mich ruhig ziehen zu lassen. Ein Maultier stand bereit für meine Habe, eine Sänfte für mich und meine Sklavin. Als ich aber aus dem Hause des Megarers trat, fand ich das gegen mich entflammte Volk auf der Straße versammelt, sah mich mit spottenden und schmähenden Worten empfangen. Dem Megarervolke hatte es genügt zu hören, daß ich eine Milesierin sei, um mich zu hassen und mich in blinder Wut zu verfolgen. Ich weiß nicht, was mit solchem Mute, mit solchem Stolz mich beseelte, als ich diesen Dorer-Pöbel grinsend, schreiend, drohend um mich versammelt sah. Mit erhobenem Haupte durchschritt ich die Menge, hinter mir die zitternde Sklavin. Die vordersten, welche ein wenig vor mir zurückwichen, wurden von denjenigen, welche hinter ihnen standen, neuerdings gegen mich gedrängt; ich sah mich im Knäuel der Verwirrung festgehalten, gestoßen, und da ich, aufglühend, ein Wort des Zornes gegen die Menge schleuderte, so faßten einige mit frecher Bedrohung mich an den Armen und am Gewände. In diesem Augenblick kam ein von Rossen bespanntes Reisegefährt des Weges. In dem Gefährte saß ein Mann, ansehnlich und begütert, wie es schien, von Sklaven umgeben. Als dieser Mann mich erblickte, inmitten des bedrohlichen Getümmels, während einige der verwegensten schon Hand an mich legten, ließ er halten, befahl den Seinigen, mich und meine Sklavin in den geräumigen Reisewagen zu heben, und nachdem dies geschehen, sah ich in wenigen Augenblicken durch das Gespann des Fremden mich der unvergeßlichen Schmach, die mich bedrohte, und dem für immer verwünschten Megara entführt.« »Ich begreife nun, o Aspasia«, fiel hier Perikles ein, »warum du, deinem sonst so maßvollen Wesen zuwider, dich so feindselig entflammt zeigst, sobald der Dorer und dorischen Wesens gedacht wird!« »Ich leugne es nicht«, erwiderte Aspasia, »ich habe seit jenem Tage von Megara allen Dorern Feindschaft und Rache geschworen für immer!« »Jener Mann, der dich rettend entführte«, sagte Perikles, »war ohne Zweifel kein anderer, als Hipponikos?« »Er war es!« erwiderte Aspasia. »Du hast«, fuhr Perikles fort, »des ionischen Wesens üppigste Blüte zu Milet und des dorischen plumpes Uebermaß zu Megara kennen gelernt. Auf dem Boden Athens angelangt, fühlst du dich, wie ich hoffe, in jener schönen und glücklichen Mitte, welche die Versöhnung und Harmonie der Gegensätze in sich schließt.« »Es war mir sogleich ein gutes Zeichen«, gab Aspasia zur Antwort, »daß, nachdem ich den Boden Athens betreten, der Zufall mich mit jener Stätte in Berührung brachte, in welcher des neuen athenischen Geistes lebendigste Funken sprühen – der Werkstätte des Pheidias!« »Und dort«, fiel Perikles ein, »dort fandest du die Männer, die du am Hofe des Persers vermißtest, die regsamen, empfänglichen, auf welche du wirken konntest – dort fandest du den feurigen, blühenden Alkamenes« ... »Und den grübelnden, nicht feurigen, noch blühenden Sohn des Sophroniskos«, versetzte Aspasia; »und beiden strebte ich das zu bieten, wessen sie mir für ihr eigenstes Wesen zu bedürfen schienen. Dem Bildner zeigte ich, daß er nicht bloß von Meister Pheidias lernen könne, und die falsche Bescheidenheit des Wahrheitsuchers, der alle Welt mit seinen grübelnden Fragen quält, gelang es mir zum Teil in eine wirkliche umzuwandeln. Aber noch fehlte der Mann, dem ich nicht bloß dieses und jenes, dem ich alles, dem ich mein ganzes Selbst darzubringen nicht zurückschreckte. Endlich fand ich ihn. Seitdem bin ich der Esse, wo des neuen hellenischen Geistes und Lebens ureigenste Funken sprühen, noch näher gekommen, als in der Werkstätte des Pheidias« ... »Und wo war dies?« fragte Perikles. »Am Herzen des Gemahls der Pfauenschlächterin Telesippe!« erwiderte lächelnd Aspasia und lehnte ihr schönumlocktes Haupt mit bedeutungsvoller Gebärde an die Brust des herrlichen Mannes. Dieser neigte sich mit einem Kusse zu ihr hinab und erwiderte: »Mancher von jenen Lebensfunken des hellenischen Geistes schliefe vielleicht unerweckt in dieser Brust, o Aspasia, wenn du dein schönes Haupt niemals an dieselbe gelehnt hättest!« – So verfloß dem glücklichen Paare der Tag in den Gärten des Sophokles. Der Abend begann zu dämmern, die Büsche dufteten stärker, die Nachtigallen begannen ihr Lied in den Zweigen, und als wollten sie mit diesen wetteifern, erhoben ihre hellen Stimmen im Grase die Zikaden; Glühwürmer leuchteten aus dem tieferen Dunkel der Büsche, und Hesperos sprühte Funken am Abendhimmel. Jetzt erschien der Dichter wieder, um seine Gäste zum Mahle zu laden, wieder führte er sie in jenes trauliche, lieblich ausgeschmückte Gartenhaus. »Du hast mir«, sagte Sophokles, zu Aspasia gewendet, »als ich von euch schied, einen Befehl mit auf den Weg gegeben. Und wer möchte säumen, dir zu gehorchen in allem, was du wünschen magst?« Damit deutete er nach dem Hintergrunde des Gemaches, aus welchem lächelnd Philainion hervortrat. Perikles und Aspasia waren angenehm überrascht. Philainion war klein, aber von bezauberndem Ebenmaß der Gestalt; dabei kräftig an Gliedern und doch voll Anmut in den Bewegungen. Sie hatte die schwärzesten Augen und über der etwas niedrigen Stirne das schwärzeste Kraushaar, das man sehen konnte. Aspasia dankte dem Dichter in anmutigen Worten für seinen Gehorsam und küßte Philainion auf die Stirne. Fröhlich lagerte man sich dann zum Mahle. Viel der süßen Labe ward geboten, und wieder floß der feurige Chierwein unter heiterem, geistbeflügeltem Gespräch und Gelächter. Dann las Sophokles den Gästen seinen versprochenen Lobgesang auf den Eros, das unsterbliche Chorlied auf den »Allsieger im Kampfe«. Berauscht von schöner Begeisterung, begannen Aspasia und der Dichter das Lied sogleich auch zum Klange der Saiten zu singen. Die Melodie dazu floß wie von selbst von ihren Lippen: sie erfanden dieselbe gemeinsam. Philainion, von der gleichen Trunkenheit ergriffen, stimmte ein, und, vom Liede so wie vom feurigen Chier begeistert, fing sie bald auch an, den Gesang mit den reizendsten, ausdruckvollsten Tanzbewegungen zu begleiten. Wer vermöchte das Glück dieser begnadeten Menschen zu schildern? Sie waren heiter-selig wie die olympischen Götter. Als Perikles mit Aspasia den Gartenraum durchschritt in später Stunde der Heimkehr, dufteten die Rosen berauschend, die scharlachrote, geheimnisvoll flammende Blüte der Lichtnelke wetterleuchtete im Dunkeln. Und niemals schmetterten die Nachtigallen am Kephissosufer lauter als in jener Nacht. »Weißt du, was sie singen«, sagte Perikles zur lächelnden, an seiner Seite wandelnden Aspasia. »Sie singen alle das Chorlied des Sophokles an den Eros; sie singen alle: »Eros, du Allsieger im Kampf, Du ruhst auf zarten Wangen Des Mädchens und übernachtest« – Sie singen alle: »Siegenden Zauber spielt Die göttliche Schaumgeborne!« Sie singen alle: »Strahlender Schönheit Reiz Siegt mitratend im Rat Höchster Gewalten! – VII. Der Diskoswurf. eit das von Perikles den tonkünstlerischen Aufführungen gewidmete Prachthaus mit einem Wettkampfe der Tonmeister eingeweiht und eröffnet worden, strömten die Athener fleißig herbei gegen den mittäglichen Fuß der Akropolis, um das eigentümliche Bauwerk und sein keilförmig zulaufendes, aus den Masten erbeuteter Perserschiffe erbautes Dach zu bewundern. Aber gar bald folgte der Vollendung des Odeion die des Lykeion, und wie eben erst zu jenem, so drängt der Schwarm jetzt sich hinaus vor das gegen Sonnenaufgang gewendete Tor nach dem Ilissos hin, um die neue herrliche Ringschule, die nicht ihresgleichen hat, zu sehen. Obgleich noch neu, sind Wände und Säulen doch schon hie und da bekritzelt mit schmeichelnden Inschriften, welche das Lob des einen oder des andern schönen Knaben verkündigen. Denn nicht die schaffenden Bildner allein, welchen die Wohlgestalt der Jünglinge, bei vielen Leibesübungen hier ohne Hülle sich zeigend, eine willkommene Schule des Naturgemäßen und des Schönen in der Bildkunst ist, auch die müßigen Schönheitsfreunde kommen hieher, um an dem Anblick reinentwickelter Jugendblüte sich zu ergötzen. Mit ihren begeisterten Kennerblicken wetteifert das Auge zärtlicher und ehrgeiziger Väter, welche mit stolzer Befriedigung die Uebungen und Wettkämpfe ihrer Erzeugten verfolgten, die Kraftentfaltung und den Eifer derselben mit mancher lebhaften Gebärde, mit manchem lauten Zurufe spornend. Im übrigen gibt es auch schwärmerische Liebhaber der gymnastischen Künste, welchen die Schau derselben an und für sich selbst ein Labsal ist, und welche mit alternden Gliedern, wie verjüngt durch den Eifer, die Bewegungen und Uebungen der Jugend, soviel deren vor ihren Augen gemacht werden, im Zusehen bewußt oder unbewußt mitmachen. Ja, bis auf einen solchen Grad steigt bei manchen dieser leidenschaftlichen Liebhaber die eingeborne Lust, daß sie nicht damit sich begnügen, tagelang müßige Zuschauer im Lykeion so wie in den Palästren abzugeben, sondern geradeswegs, wenn der Drang sie überkommt, werfen sie sich unter die Jünglinge, um an ihren Uebungen teilzunehmen, oder sie fordern gar einen Altersgenossen aus der Menge zu einem kleinen Ringkampfe auf dem Sande des Gymnasions heraus. »He da, Charisios«, heißt es, »wollen wir nicht noch einmal ein Wettspielchen mit einander wagen, wie so oft in unserer glücklichen Ephebenzeit? Welche jungen Herkulesse waren doch wir – wie anders, als diese Knäblein von heute!?« So heißt es, und die beiden Männer gedenken ihrer blühenden Jugendtage, und fassen sich und ringen mit einander nach unvergessenen Regeln der Kunst im Kreise ermunternder Zuschauer. Aber nicht bloß den körperlichen Uebungen dient der Ort: er ist ein riesiger Gesellschaftssaal. Und so sehr ist er dies, daß alle die eigentlichen Uebungsräume auf der einen, mittäglichen Seite des Peristyls hinter der doppelten Säulenhalle liegen, die drei übrigen Hallen aber, so wie die Baumpflanzungen, welche an die Ringschule sich schließen, nur dem geselligen Verkehr der Athener gewidmet sind. Hier finden mit ihren Bewunderern, Freunden, Schülern sich vielgesuchte Männer zusammen. Mag man hier doch immer noch ungestörter sich unterreden, als in den Hallen der lärmvollen Agora. Was die Nachwelt eifrig in bestaubten Bücherrollen lesen wird, das strömt lebendig hier von den Lippen der Denker. An den Meister und seine vorerst nur wenigen Schüler, die hier an seiner Seite horchend dahin schreiten, schließt aus der Menge wer da will sich an. Wenige Tage sind es, seit des Lykeions Räume ihre Pforten erschlossen, und schon könnt ihr den kühnen Flügelschlag des hellenischen Gedankens in denselben rauschen hören. In jenem Greise mit den hellen Augen erkennt ihr den Freund des Perikles, den edlen Anaxagoras wieder. Gleich ihm hat mancher Athener schon gelernt, nach des Naturlaufs Gründen zu fragen und über olympische Götterlaunen hinaus ewige Gesetze des natürlichen Geschehens aufzusuchen. Aber viele noch gibt es auch, die geneigt sind, eine unheimliche Art von Magier in ihm Zu erblicken. »Ist dies nicht der Weise von Klazomenä?« fragte ein Athener, an einen der Schüler und Hörer in der Gruppe sich wendend, welche den Philosophen umgibt; »ist's nicht derselbe, von welchem man sagt, daß er einmal bei den Spielen zu Olympia mit einer Wildschur um den Leib sich hinsetzte, während die Sonne am heiteren Himmel schien, und denjenigen, die ihn deshalb bespöttelten, sagte, daß, bevor noch eine Stunde verflossen, ein Unwetter losbrechen würde; was denn auch in der Tat zu aller Verwunderung eintraf, woher schöpfte wohl der Mann eine solche Voraussicht, wenn er nicht besser als irgend einer auf übernatürliche Dinge und auf die Ausübung der mantischen Künste sich versteht?« »Frage doch ihn selbst!« erwiderte der Schüler. Der Athener befolgt den Rat und wiederholt seine Frage dem Anaxagoras ins Angesicht: »Bist du der Mann, der zu Olympia in einer Wildschur sich hingesetzt und ein Ungewitter vorausgesagt bei heiterem Himmel und hellem Sonnenschein?« »Allerdings!« erwidert lächelnd Anaxagoras. »Und auch du hättest dasselbe vermocht, ohne Anwendung von magischen oder mantischen Künsten, wenn dich, wie mich, ein arkadischer Hirt belehrt hätte über die Haube des Erymanthos.« »Was willst du sagen mit der Haube des Erymanthos?« fragt der Athener. »Der Erymanthos«, versetzt Anaxagoras, »steht als ein hoher Gebirgstock dort, wo die Grenzen von Arkadien, Achaja und Elis zusammenstoßen; und sieht man von Olympia aus einen gewissen Gipfel dieses Gebirges bei großer Hitze und wehendem Nordost sich mit der leichtesten Wolkenhaube bedecken, so entladet binnen weniger als Stundenfrist sich ein Gewitter, das kühlen Schauer bringt und gewaltigen Regenerguß über die pisatischen Auen.« Und als hierauf von den Umstehenden die Rede auf Entstehung und Ursachen der Gewitter gebracht wird, versichert Anaxagoras, der Blitz entstehe durch eine gewisse Art von Reibung der Wolken aneinander. Er geht auch auf andere Naturerscheinungen über und bringt ganz neue, ungewöhnliche Behauptungen vor; so z. B. will er wissen, die Sonne bestehe aus einer glühenden Erzmasse und sei größer als der Peloponnesos. Der Mond, behauptet er, sei bewohnt und habe Hügel und Täler. Während solchergestalt der Weltweise mit seinen Hörern lustwandelt, anderswo lebendig erregte Kreise um den Politiker sich bilden oder um den Neuigkeitskrämer, sitzt in einer menschenleeren Ecke der entferntesten mitternächtigen Halle des Lykeion auf der glattgemeißelten umlaufenden Marmorbank ein Paar, das über wichtige Dinge in der Zurückgezogenheit mit Eifer zu verhandeln scheint. Es ist ein Jüngling von ausnehmender Schönheit, und ein junger Mann von einer Gesichtsbildung, welche der seines Gefährten und Mitunterredners sehr unähnlich ist. Es gab unter den einzelnen, welche vorübergingen, kaum einen, der nicht stehen geblieben wäre, oder im Vorüberwandeln sich nicht wenigstens umgesehen hätte, um die auffallende Schönheit des Jünglings mit einem aufmerksamen Blicke zu mustern. Einige kamen sogar wieder zurück, oder blieben in der Nähe und behielten den Jüngling im Auge, des Augenblicks harrend, wenn er, um an den gymnastischen Uebungen teilzunehmen – denn zu diesem Zwecke schien er doch wohl gekommen – die ganze enthüllte Wohlgestalt seiner Glieder den Blicken darbieten würde. Aber sie täuschten sich, die solches erwarteten. Denn der bezaubernde Jüngling war eben wieder die schöne Freundin des Perikles, die heute noch einmal zu dem Hilfsmittel der männlichen Verkleidung zu greifen sich entschlossen hatte, um eine der Lieblingsschöpfungen ihres Freundes, das nun vollendete Lykeion, zu besichtigen, sie hatte sich diesmal den lange befreundeten Sokrates zum Begleiter erkoren. Sich mit Perikles in dieser Verkleidung öffentlich zu zeigen, konnte sie kaum mehr wagen, da das Geheimnis des im Geleite des allbekannten Mannes gehenden Zitherspielers schon von zu vielen durchschaut war. Sokrates hatte willig auf sich genommen, was Perikles sich selbst und der Freundin versagen mußte. Er hatte sich am frühen Morgen mit ihr dort eingefunden, um ihr das Innere der Ringschule zu zeigen, bevor die Uebungen der Knaben und Jünglinge beginnen würden. Er tat mit Eifer das seinige, indem er Aspasia umhergeleitete in des Gymnasions Mittelraume, dem ins ungeheure ausgedehnten, von Säulenhallen umgegebenen Hofe, hinter welchem geräumige Säle sich reihten, auch die Bäder nicht vergaß, noch die jungen Baumpflanzungen, die neben dem Gymnasion, als eine den Lustwandelnden willkommene Ergänzung desselben, auf dem wiesigen Grunde des Ilissosufers sich hinzogen. Den »Wahrheitsucher«, den »Weisheitsfreund«, den Grübler aus der Werkstätte des Pheidias zum Begleiter wählen, ohne den geheimen Anschlägen des unterredungslustigen Mannes zum Opfer zu fallen, war unmöglich. Und so hatte er denn auch jetzt vorerst, in seiner nachdenklichen Art sprechend, erwogen, wie sinnvoll Perikles das Odeion durch das Lykeion ergänzte und wie er damit vielleicht habe sagen wollen, daß die musischen und die Turnkünste immer verschwistert bleiben müßten, und daß sie vereinigt, die harmonische Tüchtigkeit des Leibes und der Seele erzeugten, und daß nicht bloß in Erz und Gestein der Grieche das Schöne bildend und schauend genießen wolle, sondern im eigenen lebendigen Wesen, dem leiblichen und seelischen, es zu verwirklichen durch einen starken Drang seiner Natur sich getrieben fühle. Und nachdem er schon der Führerpflicht genügt, wußte er Aspasia noch immer festzuhalten, sie noch tiefer in ein Gespräch zu verstricken. Mit ihr auf der zierlichen Steinbank einer der am wenigsten von Menschen erfüllten, entferntesten Hallen sich niederlassend, war er wieder auf jenen Lieblingsgegenstand zurückgekommen, den er auf die Bahn zu bringen nie versäumte, so oft er der schönen Milesierin habhaft werden konnte. Unglücklicherweise fielen, während er auch jetzt sich bemühte, von ihr die lang gewünschte Aufklärung über den Begriff und das Wesen der Liebe zu erhalten, die Antworten Aspasias so aus, daß Sokrates immer zu erwidern sich genötigt glaubte: »Was du da beschreibst, Aspasia, das ist ja nicht Liebe des andern – das ist ja alles nur Liebe zu sich selbst« ... Er wollte nämlich wissen, was es denn eigentlich heiße, wenn man z. B. sagt, Perikles liebt die Aspasia, oder Aspasia liebt den Perikles. Aber welche schöne Wendungen die Milesierin der Sache geben mochte, Sokrates drehte und wendete sie stets noch geschickter, und zog aus Aspasias Worten, sie mochte sagen was sie wollte, stets nur die Erklärung, daß, wer eine andere Person zu lieben scheine, doch im Grunde nur sich selbst und sein persönliches Vergnügen liebe und suche. Ihm schwebte nur der Gedanke einer Liebe vor, welche wirklich Liebe eines andern, nicht bloß seiner selbst wäre. Und grillenhaft, wie er war, stellte er sich an, als könne er in den Erklärungen Aspasias auch nicht die geringste Spur einer solchen Liebe finden. Er fand darin immer nur einen Egoismus – einen Egoismus zu zweien. Der Wahrheitsucher und die Schöne hatten schon geraume Zeit über diesen Gegenstand verhandelt, als sie den weisen Anaxagoras mit einigen Begleitern langsam die Halle heraufkommen sahen. »Die Götter senden uns«, sagte Sokrates, »ohne Zweifel diesen Mann, damit er im Vorübergehen uns aus der Verlegenheit rette.« »Meinst du nicht«, erwiderte Aspasia lächelnd, »daß die Jugend sich schämen müßte, wenn sie sich nach der Liebe bei dem Alter erkundigte?« Anaxagoras war, langsam die Halle heraufkommend und zuweilen einen Augenblick im Gehen einhaltend, soeben beschäftigt, seinen Zuhörern auseinanderzusetzen, der Anfang aller Dinge seien kleine, untereinander ganz ähnliche Teilchen: denn wie das Gold aus Goldstaub, so bestehe das ganze Weltall aus kleinsten, staubkornähnlichen Teilchen, welche durch die in allen waltende Vernunft den ersten Anstoß zu Form und Harmonie erhielten. Diese Vernunft, die er auch den Nus, das ist den Geist, nannte, sei nicht bloß in bewußten Menschenwesen vorhanden, sondern auch des Naturlebens scheinbar dunkelste Tiefen durchwallte sie, und alles sei voll Seelen. Als der Philosoph mit seinen Begleitern jener Stelle ganz nahe gekommen war, wo Sokrates mit Aspasia sich unterredend saß, wendete er von selbst, ohne einen Gruß des jüngeren Mannes abzuwarten, mit einem freundlichen Blicke sich zu ihm, denn er war ihm gewogen. Sokrates erhob sich von seinem Sitze und sagte: »Wie sehr beneide ich diese deine Freunde da, o Anaxagoras, welche dich den ganzen Tag zu begleiten und jeden Augenblick ihren Wissensdurst aus deinem Borne zu löschen im stande sind. Wir anderen, die wir dir nur selten begegnen, tragen die ungelösten Zweifel tagelang in uns umher und quälen uns oder unsere nicht minder wissensdurstigen Freunde mit Bemühungen ab, die zu keinem Ergebnisse führen. Da plage ich nun schon eine Stunde lang den Sohn des Axiochos und will von ihm erfahren, was die Liebe sei, denn er versteht sich auf solche Dinge. Aber er hält, wie es scheint, mit seiner Weisheit geflissentlich zurück, und gibt mit boshafter Neckerei mir Dinge zu hören, bei welchen ich noch unklüger werde als zuvor. Erbarme du dich meiner, Anaxagoras, und sage mir: was ist die Liebe?« »Im Anfang«, erwiderte der Philosoph, die Frage mißverstehend und den Gegenstand von seiner übernatürlichen Seite fassend, »waren die Urstoffe und Samen der Dinge in blinder Unordnung gemischt. Da war alles Chaos und Nacht und Erebos. Nicht Himmel, noch Erde, noch Luft war da, bis die schattenbeschwingte Nacht, vom Winde befruchtet, das Urei gebar, aus welchem die verlangende Liebe zur Welt kam, oder der geflügelte Eros, wie die Dichter sagen, durch dessen waltende Macht der innere Streit und Zwiespalt der Dinge sich löste, und anderes mit anderem liebend sich mischte, bis Wasser und Erd' und Himmel und Menschen und Götter in gesonderten Gestalten hervortraten aus dem Schoße, der allbefruchtenden Natur, als Kinder der Liebe« ... »So wäre also Eros das Urwesen«, sagte Sokrates, einen Augenblick dem ins übermenschliche Gebiet abschweifenden Philosophen folgend; »aber ich habe von dir, o Anaxagoras, auch den Nus als Erstes und Höchstes nennen hören. Sollten Nus und Eros, allwaltende Vernunft und allzeugende Liebe, dasselbe sein?« »Es ist wohl möglich«, versetzte Anaxagoras, »daß sie eins sind im innersten Grunde, und daß sie nach demselben Ziele trachten .. jenes wissend, dieses blind« ... »Dann wäre es mit einem Male erklärt«, rief Sokrates, »was es besagen will, wenn man von der Blindheit der Liebe, von den verbundenen Augen des Eros spricht, wenn ich dich recht verstanden, Anaxagoras, so ist Eros nichts anderes, als der Nus mit verbundenen Augen« ... »Nimm es immerhin so, wenn es dir so, gefällt!« sagte Anaxagoras lächelnd. »Nun sieh' aber, Anaxagoras«, fuhr Sokrates fort, »wie du mich und diesen Jüngling hier, den Sprößling des Milesiers Axiochos, von unserem eigentlichen Gegenstande abgebracht hast, indem du uns in die obersten Höhen der Weisheit entführtest. Denn ich und dieser Jüngling, wir hatten bei unserem Gespräch eine andere Art von Liebe im Auge, als die du uns in deiner Rede vom Streit der Dinge und vom Erebos und vom Urei soeben gedeutet hast, wir fragen nämlich – und auch dieses erscheint der Frage vielleicht nicht unwert – welches denn die eigentliche Natur, das Wesen und der Zweck jener Empfindung sei, kraft welcher ein Mensch den andern, insbesondere aber jener Mann dieses Weib, oder jenes Weib diesen Mann zu lieben behauptet?« »Ein Verlangen dieser Art«, versetzte Anaxagoras, »durch welches der Mann zum Weibe, aber nicht zum Weibe überhaupt, sondern zu einem bestimmten Weibe, und hinwiederum ein Weib nicht zum Manne überhaupt, sondern zu einem bestimmten Manne in leidenschaftlicher und willenloser Begierde hingezogen wird, ist eine Art von Erkrankung der Seele, und als solche wohl beklagenswert. Denn eine krankhafte Begier und leidenschaftliche Neigung dieser Art stürzt nicht bloß denjenigen, dessen Begierde von dem Gegenstande, auf welchen sie sich ausschließlich richtet, ungestillt bleibt, in die kläglichste Verzweiflung und in den trübseligsten Jammer, sondern sie bringt, auch wenn sie Hoffnung hat, gestillt zu werden, oder wirklich zum Teil gestillt wird, die von ihr Behafteten in eine Abhängigkeit von dem geliebten Gegenstande, welcher jeder schon an sich als seiner unwürdig und als schmählich erkennen müßte, welche aber auch deshalb für den Weisen durchaus zu vermeiden ist, weil er, um den Gleichmut und die innere Zufriedenheit der Seele zu behaupten, niemals sich an irgend etwas mit leidenschaftlicher Vorliebe hängen darf. Denn alles, woran wir uns in solcher weise durch Gewöhnung fesseln lassen, kann uns wieder entrissen werden, und sein Verlust bereitet uns dann unerträgliche Qualen. Solch krankhafte Liebesleidenschaft verwirrt das Gemüt, erfüllt es mit beständiger Angst und Eifersucht, macht den Kühnsten zag, den Stärksten schwach, den Besten gleichgültig gegen Ehre und Schmach, und den Sparsamsten zum Verschwender. Untereinander aber entstammt sie die Menschen zum erbitterten Hader und stiftet Unheil für ganze Völker und Städte, so wie ja auch um eines Weibes willen Ilion zerstört worden und die Griechen ein Jahrzehnt lang alle erdenkliche Mühsal und das vergossene Blut ihrer Besten erduldet.« Anaxagoras hatte noch kaum seine Rede beendet, als Perikles, mit einem Begleiter im Gespräch, die Halle heraufkam. Er sah den Anaxagoras mit Sokrates sich unterreden. Er erkannte auch die verkleidete Aspasia an der Seite des Sokrates und warf ihr einen verwundert fragenden Blick zu, den sie mit einem unbefangenen Lächeln erwiderte. Perikles blieb stehen, und da er die letzten Worte der Rede des Anaxagoras gehört, so fragte er die ihn Grüßenden, über welchen Gegenstand sie sich denn eben mit so gespannter Aufmerksamkeit von Anaxagoras hätten belehren lassen. »Laß dir dieses, o Perikles«, sagte Sokrates mit schlauem Lächeln, »von dem Jüngling hier, dem Sohn des Milesiers Axiochos, auseinandersetzen; denn er ist eben schuld, daß Anaxagoras gezwungen wurde, an dieser Stelle Halt zu machen und einiges über einen der nach meinem Bedünken schwierigsten Punkte des menschlichen Erkennens zu äußern.« »Die Rede des weisen Klazomeniers«, sagte Aspasia, »war veranlaßt durch die Frage des Sokrates, was zu halten sei von der Liebe.« »Und was antwortete der weise Klazomenier in betreff dessen, was zu halten sei von der Liebe?« fragte Perikles. »Er sagte«, gab Aspasia zurück, »wenn ich anders seinen Gedanken und nicht bloß seinen Worten gefolgt bin, daß die Liebe, so feurig sie sein möge, doch immer nur Sache des heiteren, fröhlichen Lebensgenusses bleiben müsse, und daß sie nicht zu krankhafter, trübseliger Schwärmerei entarten dürfe, noch zur Tyrannei, noch zu herznagender Eifersucht« ... »Er sagte«, fiel Sokrates mit bedeutungsvollem Lächeln ein, »daß wenn einer den Jüngling, der ihm teuer, oder die Schöne, die er liebt, an der Seite eines anderen, schönen oder häßlichen Mannes erblicken sollte, er deshalb nicht sogleich für nötig halten dürfe, olympische Brauen zu runzeln, oder eine Griechenflotte in Aulis zu versammeln, um in wildem Rachedurst Völker auszutilgen und Städte zu verwüsten« ... Perikles lächelte. Er fand die Silensgestalt des Wahrheitsuchers beinahe drollig neben dem strahlenden Liebreiz der ihm zur Seite sitzenden verkleideten Aspasia. Es war im ersten Augenblicke allerdings befremdend für ihn gewesen, Aspasia hier zu treffen, und seine olympischen Brauen hatten sich in der Tat bei ihrem Anblicke ein wenig zusammengezogen; aber nun schämte er sich beinahe dieser ersten Regung. Er zweifelte nicht an der Absicht seiner schönen Freundin, sich, wie es mit Rücksicht auf ihr Geschlecht ihr geziemte, vor Beginn der Leibesübungen aus der Ringschule zu entfernen. Aber er hielt es doch für geraten, sie durch eine versteckte Mahnung daran zu erinnern, daß dieser Zeitpunkt nahe sei, und daß sie bedacht sein müsse, denselben nicht zu versäumen. Er ließ die Aeußerung fallen, daß die Uebungen unverweilt beginnen würden. Er fügte hinzu, daß es heute für ihn selbst Ehrensache sei, sich hier einzufinden, da seine beiden Söhnlein, Xanthippos und Paralos, so wie sein Mündel Alkibiades, nachdem sie schon eine kleine gymnastische Vorschule in der Palästra durchgemacht, zum erstenmal in den öffentlichen Uebungen der Knaben in der Ringschule teilnehmen würden. Nicht länger sei der kleine Alkibiades zurückzuhalten gewesen, der nichts mehr von der armseligen Palästra hören wolle, und danach glühe, sich auf dem öffentlichen Felde der Ehren, im Lykeion, mit seinen Altersgenossen zu messen. Anaxagoras und seine Begleiter vernahmen diese Nachricht nicht ohne lebhafte Teilnahme und schlossen dem Perikles sich an, um Zeugen der Wettkämpfe des kleinen Alkibiades zu sein, von welchem die Athener, so jung er war, doch schon zu sprechen begannen. Aspasia erhob sich ebenfalls mit Sokrates, wie um den übrigen zu folgen, forderte jedoch insgeheim den Wahrheitsucher auf, sie aus dem Lykeion hinwegzugeleiten. Aber der grüblerische junge Steinmetz aus der Werkstätte des Pheidias schritt, nachdem er mit der verkleideten Schönen aus dem Gedränge entwichen, wie traumwandelnd neben ihr hin, und ohne es zu wissen und zu wollen, führte er sie, statt aus der Ringschule hinaus, in die abgelegenste, eben völlig verödete Halle derselben, weit ab von dem Schauplatze, wo die Jünglinge und Knaben sich übten. Sein Inneres war ganz ausgefüllt durch die schweigsame Erwägung dessen, was Anaxagoras über die Leidenschaft der Liebe geäußert hatte. Die Worte des Weisen waren tief in seine Seele gedrungen. Aspasia fragte ihn zuletzt nach dem Grunde seines nachdenklichen Schweigens. Er antwortete lange nicht; dann aber, wie aus einem tiefen Traume erwachend, begann er, nachdem er seine Begleiterin eingeladen, sich neben ihm auf einen Marmorsitz in der völlig menschenleeren Halle niederzulassen: »weißt du, Aspasia, wann in meinem Leben zum ersten Male mein Dämon sich bei mir meldete?« »Was nennst du deinen Dämon?« fragte Aspasia. »Mein Dämon«, erwiderte jener, »ist ein Mittelwesen zwischen göttlicher und menschlicher Natur. Er ist kein Phantom, kein Hirngespinst: denn ich höre zuweilen ganz deutlich, so deutlich, als man nur etwas vernehmen kann, seine Stimme in meinem Innern. Aber er verschmäht es leider, mir die Tiefen der Weisheit in geheimer Offenbarung aufzuschließen; was Erkenntnis anlangt, scheint er nicht stärker und nicht weiser als ich selbst. Er begnügt sich damit, mir in einzelnen Fällen kurz und ohne alle Begründung mit seiner innerlich vernehmlichen Stimme zu sagen, was ich tun oder was ich lassen soll. Zum erstenmal in meinem Leben vernahm ich diese seine Stimme, als ich dich, Aspasia, zum erstenmal erblickte!« Aspasia fühlte sich sonderbar berührt, als sie den jungen Grübler so ernsthaft und wie von einer wirklichen Person und der natürlichsten Sache von der Welt von seinem Dämon reden hörte. »Und was gebot dir der Dämon in jenem Augenblicke?« fragte sie lächelnd. »Als ich dich erblickte und der Gedanke sogleich sich meiner bemächtigte, dich nach dein Wesen der Liebe zu fragen, da ließ er sich leise, aber deutlich vernehmen. »Tue das nicht!« sagte er. Aber ich dachte: was will dieser Fremdling? was kümmern ihn meine Angelegenheiten? – Ich gehorchte nicht, und fragte dich, fragte dich oft und immer nach dem Wesen der Liebe. Aber nun bin ich entschlossen, ihm für die Zukunft in allem, was er mir gebieten oder verbieten mag, zu gehorchen; denn ich habe mich indessen überzeugt, daß er der rechten Einsicht voll, und wohlwollend, und alles Vertrauens würdig ist.« »Du bist ein Träumer, Freund!« sagte Aspasia, »obgleich du vorgibst, nach den klaren Begriffen der Dinge zu jagen. Zu sehr nach innen gekehrt ist dein Wesen, o Sohn des Sophroniskos! Blick um dich, und sieh' den reinen, ruhigen, gesunden, von heitrer Schönheit gesättigten Umriß des Lebens dich überall umgeben! Opfere den Charitinnen, o Sokrates! Opfere den Charitinnen! Und vergiß nicht, daß du ein Grieche bist!« »Ein Grieche?« erwidert lächelnd Sokrates. »Bin ich nicht zu häßlich, um ein Grieche Zu sein? Meine Stumpfnase fällt hinaus aus der Sphäre des reinen Griechentums. Ich mache aus der Not eine Tugend und suche ein Lebensideal, das verträglich ist mit der Unschönheit!« – Aspasia blickte nach diesen Worten dem Sokrates mit einem Gemisch von Befremdung und von Mitleid ins Gesicht. Der arme Sohn des Sophronistos! Er schritt unter den heiter befriedigten Menschen dahin als der einzige unbefriedigte. Man fing an, ihn zu den Weisen zu zählen. Aber niemand hatte ihn jemals etwas behaupten gehört. Er fragte nur immer. Er wandelte durch seine Mitwelt als ein großes, lebendes, fast unheimliches Fragezeichen, war er das verkörperte Bedürfnis einer neuen Offenbarung, eines neuen Gedankens, einer neuen Zeit? ... Da die Wirklichkeit, selbst in ihrer üppigsten Blüte, seine Fragen nicht ganz beantwortete, so flüchtete er sich ins Gebiet des reinen Gedankens. Er jagte den »klaren Begriffen« nach. Aber nichts liegt der grübelnden Gedankenjagd näher, als ihr scheinbares Widerspiel, die Schwärmerei. Und so sprach er von seinem Dämon. Es war ihm Ernst damit. Des Griechen Auge war gewohnt, klar und offen nach außen zu blicken. Sokrates wendete das seine nach innen. Er hörte sich denken; er entdeckte die Innerlichkeit und erschrak davor, so sehr, daß sie ihm als eine dämonische Macht erschien. Er nannte sie seinen Dämon. Viel wurde von seiner »Ironie« gesprochen. Ach, die Ironie, mit welcher er die Unwissenheit der andern in Gesprächen aufdeckte, sie war nur ein schwacher Nachhall jener Ironie, deren Stachel er gegen sich selbst, gegen das vergeblich nach Erkenntnis dürstende Ringen in seinem eigenen Busen kehrte! Es war sein schmerzlicher Ernst, wenn er von sich versicherte, er wisse, daß er nichts wisse ... Und doch gärte es in ihm von Gedankenkeimen der Zukunft. Er suchte, wie Aspasia ihn soeben sagen gehört, ein Lebensideal, das, ungleich dem hellenischen, verträglich wäre mit der Unschönheit. Er suchte, ahnte ein ernsteres Ideal gegenüber dem Ideal des »allsiegend Schönen«, das über sein Zeitalter den Glorienschein in goldner Lebensblüte warf ... Von solcher Art war das Wesen dieses noch jugendlichen Grüblers. Und doch – er war ein Grieche. Unschön von außen, grüblerisch in seinem Innern, war er doch angehaucht von der Anmut hellenischen Geistes. Ein düst'rer Schwärmer war er nicht und konnte es nicht werden. Der Hauch Aspasias hatte auch ihn berührt; niemals konnte er den düsteren Gewalten ganz verfallen. Mehr und mehr mußte sein Wesen sich verklären zu milder Heiterkeit, wenn auch nur zur Heiterkeit des weisen, der den Giftbecher mit Gleichmut leert, wenn seine Stunde gekommen ... Jetzt aber gärte in ihm noch die Jugend und eine geheime, ihm selbst fast unbewußte, jugendliche Leidenschaft. Noch war er nicht der Mann und nicht der Greis, von welchem die Bücher der Alten erzählen – noch war er der Steinmetz aus der Werkstätte des Pheidias. Er liebte im geheimen die schöne und weise Aspasia. Er liebte sie, und er wußte, daß er eine stumpfe Barbarennase und das Gesicht eines Silens habe, und daß sie ihn niemals lieben könne. Er wußte es, aber er war noch jung, und er ermaß selbst nur halb die Gewalt des Feuers, das heimlich in seinem Busen loderte. »Ich weiß es, Aspasia«, sagte er, »ich scheine dir auf der Blüte des hellenischen Lebens als eine Raupe umherzukriechen, sie heimlich zernagend und mit skeptischem Gedankengeifer besudelnd, und du hättest Lust, mich davon hinwegzuschnellen mit den Spitzen deiner rosigen Finger. Aber sieh, Aspasia, ich möchte ja gerne lieber schön als weise sein, sage mir nur, wie ich es anstellen soll, um schön zu sein?« »Sei immer mild und heiter«, entgegnete Aspasia, »und – ich wiederhole es dir – beeifere dich, den Charitinnen zu opfern!« »Durchsonne mich mit dem Strahl deiner Augen!« rief er, von der Regung seines Herzens überwältigt, der sonst so ruhige Wahrheitsucher. »Dann«, fuhr er fort, »werde ich immer mild und heiter sein!« Er sagte diese Worte in leidenschaftlicher Aufwallung und rückte dabei dem Antlitz Aspasias mit dem seinigen näher, als ob er jenen erheiternden Strahl ihres Auges mit dem seinigen auffangen wollte. Dabei kam das Silensgesicht des Weisheitsfreundes dem liebreizenden Antlitz der Milesierin so nahe, daß seine aufgeworfene Lippe den wonnigen Rosenmund der Schönen beinahe berührte. »Opfere den Charitinnen!« rief Aspasia, sprang empor und enteilte ... In eben demselben Augenblick kam ein nackter Knabe, fast atemlos, flüchtend die Halle herauf gelaufen, stürzte sich, als er den Sokrates erblickte, auf diesen, riß den Mantel desselben an sich und verbarg darin seine nackten Glieder. Der Wahrheitsucher wußte nicht, sollte er seine Blicke auf die von ihm hinweg enteilende Aspasia, oder auf den zu ihm sich flüchtenden Knaben richten. Er sah aus wie ein Mann, dem eine Taube aus der Hand entflieht, und dem im selben Augenblick eine Schwalbe an den Busen fliegt ... Der Knabe, in den Mantel gewickelt, schmiegte sich in seinen Schoß und bat flehentlich, noch immer keuchend vor Angst, ihn zu verbergen und zu beschützen. »Wessen Sohn bist du, und was ist der Grund deines ängstlichen Entweichens?« fragte Sokrates den Knaben. »Ich bin des Kleinias Sohn, des Perikles Mündel, Alkibiades geheißen!« So antwortete der Knabe, – In folgender Art aber hatte sich zugetragen, was das Söhnlein des Kleinias zwang, mit nackten Gliedern zitternd sich in den Schoß des Sokrates zu flüchten. Zur Zeit, als dieser neuerdings sich in ein Gespräch mit Aspasia vertiefte, hatten die Uebungen der Jünglinge und auch der Knaben in den dazu bestimmten Räumen des Lykeion begonnen. Perikles und seine Begleiter umstanden mit vielen anderen den Uebungsplatz der Knaben. Es war eine Schau voll lebendiger Anmut, diese schönen, munteren, zarten, und doch schon durch die Vorübung der Palästra gekräftigten, unverderbt knospenden Knabengestalten, der purpurnen Chlamis entkleidet, im Sande der Ringschule sich tummeln zu sehen. Unter allen aber leuchtete der Knabe Alkibiades hervor, einer der Jüngsten zwar, aber fest schon auf den Beinen und etwas Trotziges, Keckes in seinem Wesen zur Schau tragend. Aber das Kecke und Trotzige wurde gemildert durch den Reiz seiner Schönheit. Die Bildner drängten sich herzu, um dieses noch unentwickelte, aber gleichsam in leiser Andeutung sich ankündende Muskelspiel, diese knospende Wohlgestalt, diese gleichsam auf einen verjüngten Maßstab zurückgeführte männliche Formenharmonie zu bewundern. Nebst dem jungen Alkibiades befanden sich unter den Knaben auch seine beiden Altersgenossen, die Sprößlinge des Perikles, Xanthippos und Paralos; ferner der kleine Kallias, des reichen Hipponikos Sohn, mit welchem Alkibiades schon Freundschaft geschlossen hatte. Auch das Söhnlein des reichen Pyrilampes, Demos geheißen, war da zu sehen. Die Knaben, feurig und lebhaft, wie sie waren, konnten den Beginn der Uebungen kaum erwarten. Mit dem Wettlaufe begannen jetzt unter Leitung der Paidotriben, die Uebungen der Knaben. Die Paidotriben unterwiesen ihre Zöglinge, wie sie im Laufe haushalten sollten mit ihrem Atem und mit ihrer Kraft, wie sie die oberen und die unteren Glieder im Gleichmaß bewegen, wie sie mit erhobenem, gleichsam schwebendem Fuße weit ausschreiten sollten, um mit der kleinen Anzahl von Schritten den größten Raum zu durchmessen; auch gewisse taktmäßige Bewegungen der Arme lehrten sie die Knaben, welche nach ihrer Meinung geeignet waren, dem Ausschreiten der Füße entsprechend, die Schnelligkeit der Bewegung zu fördern. Doch, siehe da! der kleine Alkibiades wollte von dieser Lehre nichts wissen: er erklärte die Bewegungen der Arme, zu welchen man ihn zwingen wollte, für unschön und stritt sich mit den Paidotriben über die Sache. Begütigend mischte einer der Aufseher und Leiter der Uebungen sich in den Streit, streichelte die Wange des Knaben und lobte seinen Eifer für die Bewahrung der dem Auge wohlgefälligen Schönheit in Bewegung und Haltung, verwies ihn aber in betreff der Zweckmäßigkeit jener Bewegungen auf das Beispiel der mauretanischen Strauße, welche ihren Lauf durch die Bewegungen der kleinen Flügel, die sie gleichsam wie Segel gebrauchen, unterstützen. Die nackten Knaben liefen gegen das Ziel mit einem fröhlichen Geschrei, das immer stärker erscholl, je mehr sie dem Ziele sich näherten. Mehrmals wurde der Wettlauf wiederholt – immer war der erste am Ziel der junge Alkibiades. Nach den Uebungen des Laufes kamen die des Sprunges, des Hochsprungs, des Weitsprungs, des Tiefsprungs, an die Reihe. Die Paidotriben gaben den Knaben Gewichte in die Hand und lehrten sie, dieselben so gebrauchen, daß sie, weit entfernt die Leichtigkeit des Sprunges zu hemmen, vielmehr den Schwung des Leibes nach vorwärts beförderten. Auch diese Gewichte mißfielen dem eigenwilligen Knäblein Alkibiades, und wenig fehlte, so hätte er sie einem derjenigen, welche über das sittliche Wohlverhalten der Knaben zu wachen hatten, und der ihm sein widerspenstiges Benehmen mit etwas scharfen Worten verwies, an den Kopf geworfen. Zorn und Scham bemächtigte sich des Perikles, als er, mit seinen Freunden unter den Zuschauern stehend, Augenzeuge ward von der Zügellosigkeit des Knaben. Aber er lächelte versöhnt, als unter dem Beifallsklatschen der Zuschauer der Sohn des Kleinias auch im Sprunge allen Altersgenossen den Vorrang abgewann. Jetzt wurden die Knaben von den dazu bestimmten, sogenannten Aleipten mit Oel gesalbt für den Ringkampf. Das ließ der kleine Alkibiades sich noch gefallen; als man ihm aber den durch das Gel geschmeidigen Leib mit Staub bestreute, um die Schlüpfrigkeit der eingeölten Glieder zu mindern, so legte er gegen diese Verunreinigung lebhafte Verwahrung ein. Aber hier fügte man sich nicht, wie in der Palästra, den eigenwilligen Launen des Knaben; hier galt des Gymnasions strengeres Gesetz, und das Söhnlein des Kleinias mußte sich fügen. Paarweise traten die Knaben zum Ringen an. Mit gelinder Beugung des Knies den rechten Fuß ein wenig vorzustrecken, den Arm zum Angriff wie zur Abwehr auszulegen, Hals und Haupt nicht nach vorn zu neigen, auch den Unterleib einzuziehen, die Brust aber zu runden und zu wölben, des Gegners Bewegungen vorauszuerspähen, im Angriff wie in der Verteidigung beständig kunstgemäß zu verfahren, wurden die Knaben von den Paidotriben unterwiesen. Wie man ferner den Gegner mehr durch Gewandtheit als durch Kraft zum Fallen bringen, den Gefallenen aber mit Händen und Füßen so umschlingen und verwickeln könne, daß er regungslos bleiben und darauf verzichten müsse, sich wieder vom Boden zu erheben, das wurde nebst allen übrigen Kunstgriffen den jugendlichen Ringern eifrig eingeprägt. Aber auf Anstand auch und selbst auf Anmut der Bewegungen richteten die Lehrer und Aufseher der Hebungen ihr Augenmerk. Nicht auf Kraftentwicklung bloß und Gewandtheit bezogen sich die Regeln, welche sie gaben, sondern auch auf Schaustellung jeder Art von Wohlgestalt und jener schönen, freien, leichten Art von Haltung, durch welche der Athener sich von Barbaren und selbst von manchen Griechen unterschied. Der junge Alkibiades rang mit dem ältesten unter den Knaben, und streckte ihn durch einen Kunstgriff, welchen er nicht dem Paidotriben verdankte, sondern in des Augenblickes Drang und Nötigung selbst gefunden hatte, in den Sand. Nun wurden den Knaben die Schabeisen gereicht, damit sie sich den ölgetränkten Staub von den Gliedern schaben konnten, und nachdem dies geschehen, erhielt jeder von ihnen eine Diskosscheibe, auch eine kleine Stange statt des Speers, beides zu den Uebungen im Wurfe. Die Diskosscheibe der Knaben war nicht, wie sonst, von Erz, sondern aus dem Holze einer harten Art geschnitzt. Nichts Leichtes war der Diskoswurf, wenn er kunstgerecht ausgeführt werden sollte. Beim Wurfe die rechte Körperhaltung anzunehmen, ferner der Wurfscheibe, nachdem sie mit etwas Erde rauh gemacht worden, um sie sicherer fassen zu können, die beste Lage in der Hand zu geben, dann aber die Hand in eine wiegende Bewegung zu bringen, um gleichsam das Verhältnis der Kraft, welche aufzuwenden war, zu dem Gewichte richtig abzuwägen, den Diskos schwungrecht und die Muskeln des Armes spannkräftig zu machen, wohl auch die Scheibe im Halbkreisbogen zu schwingen und dann aus der Tiefe herauf in die Ferne zu schleudern – das alles wurde, wie den anderen Knaben, auch dem Alkibiades eingeschärft; er aber verachtete diese Regeln, und als die Knaben einer nach dem andern zum Wurfe antraten, und die weite, welche jeder einzelne mit seinem Wurfe erreichte, am Boden durch ein Zeichen ersichtlich gemacht wurde, schleuderte der Sproß des Kleinias, als an ihn die Reihe kam, seinen Diskos wie es ihm gefiel. Dennoch flog seine Scheibe über die der andern weit hinaus. Da trat noch ein starker Knabe hervor, der im Diskoswurf eine besondere Fertigkeit besaß. Dieser versuchte nun sein Glück, und achtsam, mit Beobachtung aller Regeln der Paidotriben, warf er den Diskos und überholte zwar nicht den Wurf des Alkibiades, blieb aber auch hinter demselben nicht zurück. Seine Scheibe und die des Alkibiades lagen in gleicher Entfernung von den übrigen. Alkibiades erbleichte. Zum ersten Male sollte er seine Siegesehre mit einem andern teilen. Stumm und vor Aufregung zitternd stand er da und warf Blicke des Unmuts nach seinem Nebenbuhler hinüber. Dieser aber vermaß sich zu behaupten, seine Scheibe liege, genau genommen, noch ein weniges über die des Alkibiades hinaus. Bei dieser Behauptung wurde der junge Alkibiades von unbeschreiblicher Wut ergriffen, erhob seine Rechte und schleuderte mit aller Gewalt den Diskos, den er in der Hand hatte, nach dem Haupte des Gegners. Und nur zu gut erreichte der Wurf sein Ziel; ohnmächtig und blutend sank jener Knabe zusammen. Ein großer Tumult entstand. Der fast auf den Tod verwundete mußte hinweggetragen werden. Bei diesem Anblick erbleichte und zitterte der junge Alkibiades einen Moment; als aber die Verwandten und Befreundeten des verwundeten Nebenbuhlers mit Vorwürfen und Drohungen auf ihn eindrangen, zeigte er sich sogleich wieder gefaßt und trotzig. Jetzt aber sah er den zürnenden Perikles in Gesellschaft des würdevollen Gymnasiarchen auf sich heranschreiten, und merkend, daß man ihn ergreifen, hinwegführen, vielleicht gar in schmählicher Weise züchtigen wolle, wendete er sich plötzlich, durchbrach den Ring der Umstehenden, wo er am wenigsten dicht war, und entfloh mit jener Behendigkeit, welche ihm früher beim Wettlauf zum Siege verholfen hatte. Man schickte sich an, ihn zu verfolgen, aber bald war er den Augen seiner Häscher entschwunden. Im abgelegensten Teile des Lykeion war er auf den Sokrates gestoßen, hatte sich, wie schon erzählt, auf ihn gestürzt und schutzflehend sich in seinen Mantel geborgen. »Der Sohn des Kleinias also bist du?« sagte Sokrates in sanftem und ruhigem Tone, nachdem ihm der Knabe auf sein Befragen den Anlaß seiner Entweichung erzählt hatte. »Nimmst du bei deinem Tun und Lassen keine Rücksicht auf Lob und Tadel, keine Rücksicht auf den Wunsch und Willen so vortrefflicher und angesehener Männer, von welchen du stammst, oder welchen du durch Geburt verwandt bist?« »Ich will nicht immer tun, was die anderen wollen«, sagte der Knabe trotzig; »ich will tun, was mir beliebt und was ich selber will und was ich mir vorsetze.« »Du hast ganz recht«, erwiderte Sokrates, immer ruhig; »der Mensch muß tun dürfen, was er selber will und was er sich vorgesetzt hat. Aber was hast du denn eigentlich gewollt und was hast du dir vorgesetzt, als du heute morgen mit den andern Knaben hierher kamst in das Lykeion?« »Der Erste zu sein in allem!« rief lebhaft der kleine Alkibiades, »Der Erste zu sein, mich auszuzeichnen und die größten Ehren unter allen davonzutragen! Das hatte ich mir vorgesetzt!« »Dann hast du also doch nicht getan, was du eigentlich wolltest und was du dir vorgesetzt«, bemerkte mit unveränderter Ruhe Sokrates. »Du wolltest dich auszeichnen, wolltest mit Ruhm bedeckt das Lykeion verlassen; in der Tat aber bist du mit Schmach und Schande fortgehetzt worden und hast vielleicht noch gar, wenn du den Deinigen zurückgegeben wirst, eine Züchtigung zu erwarten, warum bist du denn nicht geradeswegs auf das, was du erreichen wolltest, losgegangen und hast deine Zeit mit Nebensachen, die dich vom Ziele abführten, verloren? Du bist nicht hierher gekommen, um deinem Altersgenossen mit dem Diskos ein Loch in das Haupt zu werfen, sondern, wie du sagst, um Lob und Ehre zu erringen. Dein Fehler war, daß du einen Augenblick ganz und gar vergaßest, was du hier eigentlich wolltest, und dich auf Nebendinge einließest, welche zur Folge hatten, daß du, statt mit Ruhm bedeckt, mit Schmach und Schande aus dem Gymnasion flüchten mußtest?« – Es geschah dem Knaben Alkibiades zum erstenmal, daß ihm das Gesetz des zweckmäßigen Verhaltens nicht als willkürlich und äußerlich drohendes, sondern als etwas in ihm selbst Lebendiges, mit seinem eigensten Wollen wesenhaft verbundenes vor Augen gestellt wurde. Ueberhaupt lag etwas in diesen Worten des Sokrates und in dem Tone, in welchem sie gesprochen wurden, was dem Knaben Vertrauen einflößte. Er sah dem Manne ernst und schweigend ins Antlitz, er sah ihm in die mild-freundlichen, braunen Augen, und sein Vertrauen wurde im selben Augenblick fast unbewußt zu einer Sympathie, wie er sie bisher für keinen Menschen empfunden hatte. Jetzt sah man die Leute, welche den Knaben Alkibiades suchten, darunter den Perikles im Geleite des Gymnasiarchen, sich nähern. Neuerdings begann der Knabe zu zittern. »Fürchte nichts!« mahnte Sokrates; »ich werde es mit der Götter Hilfe versuchen, dich auszusöhnen mit all' diesen grimmigen Feinden und Verfolgern!« Die sich Nähernden erkannten den Sokrates und, an ihn geschmiegt, in sein Himation gehüllt, den Knaben, den sie suchten. Es war, als sähe man den Knaben Achill in Gesellschaft seines Lehrers und Pflegers, des ungeschlacht-gutmütigen Kentauren. Als Perikles und der Gymnasiarch mit den übrigen herangekommen und gerade auf den Sokrates zuging, sagte dieser: »Ich weiß, wen ihr sucht, ihr Männer; aber der, den ihr sucht, ist mein Schutzbefohlener, wie ihr sehet, und ich werde ihn nicht ausliefern, sondern ihn, wie es meine Pflicht ist, nach Kräften verteidigen. Er ist, wie er mir sagt, ins Lykeion gekommen, um sich auszuzeichnen, was ihm nur deshalb nicht völlig gelang, weil er aus Vergeßlichkeit sich mit Dingen befaßte, die nicht zur Sache gehörten, indem er nämlich einem Gespielen den Diskos an den Kopf warf, was ihm Unehre brachte statt der Ehre, die er eigentlich gesucht, was die Verwundung jenes Knaben anlangt, so bedenkt, ihr Männer, daß ein ganz ähnliches Unglück oder Vergehen, wie ihr es nennen wollt, auch durch Götter- und Heroenhände schon geschehen ist; denn, wie ihr wißt, hat selbst Apollon seinen Liebling Hyakinthos, und der Held Perseus seinen Großvater Akrisios mit einem Diskoswurfe getötet. Es ist wahrscheinlich, daß dieser dunkelgelockte, feueräugige Knabe den Göttern und Helden ähnlich werden könnte, wenn er wollte, auch in anderen Dingen« ... Der Zorn des Perikles legte sich bei dem Anblicke des wiedergefundenen Knaben, aus dessen Gesichte jede Spur von Trotz verschwunden war. Er richtete an den Fürsprecher einige freundliche Worte, welche zugleich den noch immer der Züchtigung Gewärtigen beruhigen konnten, und befahl hierauf dem Pädagogen, den Knaben anzukleiden und aus dem Lykeion hinweg nach Hause zu führen. Sokrates schloß sich dem Perikles und dem Gymnasiarchen an, und die Männer unterhielten sich noch eine Weile von der seltsamen Mischung herrlicher und verderblicher Eigenschaften, welche sich in der Natur des Söhnleins des Kleinias begegneten. Dieses selbst aber verließ an der Hand des Pädagogen nicht den Ort, ohne sich mit einem warmen Blicke aus seinen dunkelleuchtenden Augen von dem Schützer und Fürsprecher zu verabschieden. In solcher Art wurde der seltsame Herzensbund geschlossen zwischen Sokrates, welchen sie den Häßlichen nannten, und dem schönsten aller Hellenensöhne, dem jungen Alkibiades, an dem Tage, als dem Wahrheitsucher eine Taube aus der Hand entflog und im selben Augenblick eine junge Schwalbe an den Busen flüchtete ... VIII. Das Opfer der Charitinnen. ein Schaffender und Wirkender geht so völlig wie der Bildkünstler in seiner Arbeit auf. Der Weg des Pheidias ging nur zwischen der Akropolis und seiner Werkstätte hin und her. Er sah selbst in den nächtlichen Träumen nichts anderes als seine Götterbilder, seine Gruppen, seine Friese, und nicht selten fand er, weil sein rastloser Geist geheim im Schlummer ebensowohl als im Wachen tätig war, nicht ohne Verwunderung beim Erwachen in seinen Entwürfen sich weiter gefördert und gereift. Manches seiner Gebilde war ursprünglich ein Traumgesicht, und er konnte sagen, daß ihm die Götter im Traume erschienen, wie den Helden Homers. Die gesamte Welt hatte nur Wert für ihn, insofern sie Beziehung hatte auf sein Kunstbestreben. Er verzichtete auf die Genüsse des Lebens, er war einsam, unvermählt. Seine Seele war erfüllt von den Urbildern aller Dinge, und sein klares Auge spiegelte in reinen Umrissen alles Gewordene. Es war ein buntes Gewirr von Menschen und von Dingen in den Hallen und Höfen der Werkstätte des Pheidias. Immer gab es da Entwürfe zu ersinnen, zu prüfen, zu verwerfen, immer neu in Ton zu modellieren, Maßstab und Verhältnisse zu erwägen. Neben den Vorarbeiten in Ton ward auch schon manches Bildwerk nach dem Modell erst noch von den Steinmetzen aus den Blöcken gehauen, um später der feineren Künstlerhand zur völligen Ausgestaltung überliefert zu werden. Eine Trümmerstätte war des Pheidias Werkstätte zu nennen, aber eine Trümmerstätte der Entstehung, nicht der Zerstörung. Es war das Chaos, aber nicht das Chaos nach dem Untergange, sondern das Chaos, aus welchem die Schöpfung hervorgeht. Bruchstücke lagen überall umhergestreut, welche zum Ganzen vereinigt zu sehen das kunstliebende Auge kaum erwarten konnte. Und über diesem Chaos schwebte der Geist des Pheidias. Dieser Geist lenkte alles, hielt den feurigen Alkamenes und den strengen Agorakritos zu einheitlichem wirken zusammen. Seine beiden gewaltigsten Arme waren dieses Paar. Jener überdies seine beredteste Zunge, was Pheidias einmal gesagt, in einsilbigen, vielleicht rätselhaften Worten hingeworfen, das deutete Alkamenes, wiederholte es, schärfte es ein, überwachte den Vollzug. Soeben wieder hielt er Umschau bei denjenigen Jüngern und Helfern, deren Arbeiten seiner besonderen Obsorge anvertraut waren. Ueberall tadelte, mahnte, spornte er mit dem Ungestüm, der ihm eigen, indem er werdende Bestandteile der Giebelfelder, Friese, Metopenbilder musterte. »Was machst du, Drakyllos? Zu flach gewölbt ist für die Wirkung aus der Ferne hier das Doppelblatt der Brust, das Feld des Unterleibes zu wenig gegliedert, zu wenig von den Weichen sichtlich abgegrenzt! Die Hauptmuskeln zu wenig, die Nebenmuskeln zu viel hervorgehoben! – Charikles, du spannst die Haut hier zu straff, dort zu weich über den Muskeln! Zu wenig locker ist sie hier, zu wenig verschiebbar! Es muß scheinen, als ob man selbst am starren Erz- oder Marmorbilde die Haut mit zwei Fingerspitzen erfassen und ein wenig emporziehen könnte! – Dein Gott, Lykios, ist zu wenig erkennbar aus den Falten seines Gewandes! Gehörst auch du zu den Bildnern, deren Herakles nur an der Keule kenntlich ist? – Auch deine Quellnymphe, Arinagoras, scheint sich auf das Kennzeichen ihrer Urne verlassen zu wollen, statt in den weichen, gleichsam flüssigen, hingegossenen Gliedern das Innerste ihres Wesens erscheinen zu lassen!« – Jetzt kam er an eine Gruppe des Parthenonfrieses: Jünglinge, welche Rosse, die sich bäumten, zügelten. »Bei welcher Mähre, Lykios, hast du dies breite Haupt, diese stumpfen Ohren gesehen? Auch das Ganze ist zu starr, zu wenig losgelöst, zu altmodisch! Bist du bei den Aegineten in die Schule gegangen? Solch' altväterisch' Stümperwerk hätte schon Argeladas nicht mehr gebilligt!« – So rief Alkamenes, tadelte noch dies und jenes im besonderen und schien, sich ereifernd, nicht übel geneigt, das Gebild des Jüngers zu zertrümmern, denn solches war er fähig zu tun, wenn die Leidenschaft ihn überkam. Agorakritos trat hinzu und nahm, wie öfter, des arg Geschmähten gegen den Heißsporn Alkamenes sich an. Diesem schoß das Blut ins Gesicht, und er gab ein lebhaft Wort zurück. In diesem Augenblicke aber näherte sich Pheidias, und in seinem Geleite ein paar, das nicht ganz fremd war in der Werkstätte des Pheidias. Wie hätten Perikles und Aspasia sich versagen sollen, zuweilen einen Blick zu tun auf das stille Werden und Reifen dieser großen Entwürfe? Sie kamen und fanden den Meister mitten im Schwarme seiner Jünger und Helfer, unter den Tonmodellen, halb behauenen Werkstücken und Marmorblöcken; sie fanden ihn einsilbiger, strenger, nachdenklicher, vertiefter in seinem ganzen Wesen als je zuvor. Als Alkamenes die Milesierin erblickte, war er bestrebt, gleichgültig-heiter zu erscheinen und jenen noch immer nicht ganz erstickten Unmut zu verbergen, welchem er bei der flüchtigen Begegnung auf der Agora Ausdruck zu geben sich hatte hinreißen lassen. Der düstere Agorakritos aber gab sich keine Mühe, den Groll zu verheimlichen, den er gegen Aspasia noch immer im Herzen trug. Er ging beiseite und verlor kein Wort an die edlen Besucher. Da diese eintretend noch einiges vom Wortwechsel des Alkamenes und des Agorakritos vernommen hatten, so spann sich über denselben Gegenstand bald die Rede weiter fort, und die lebhafte Aspasia verhehlte nicht, daß sie mit Alkamenes völlig übereinstimme, wenn er die letzten Spuren des Altüberlieferten, des Altertümlichen getilgt sehen wolle aus der Kunstausübung. Bei der Betrachtung der Entwürfe und Tonmodelle für die kolossalen Giebelgruppen, für die Friese und Metopenbilder fand sie manches Schönste noch ein wenig hart und streng, und selbst das edelste Blütenalter der Künste schien ihr noch zu langsam fortzuschreiten. Ohne Rückhalt sprach sie aus, was sie dachte. »Die schöne Aspasia«, sagte Pheidias mit ernstem Lächeln, »sie möchte, daß alles, was wir bilden, so zierlich und so üppig und so reizend wäre, wie sie selbst. Aber vergiß nicht, Aspasia, daß uns Bildnern hier in diesen Aufgaben kein einfach Menschliches, kein alltäglich wohlgefälliges, sondern ein meist Übermenschliches darzustellen und zu gestalten vorgesetzt ist.« »Pheidias hat vielleicht recht«, sagte Perikles, »wenn er sich das, was Aspasia das Herbe, Strenge, das Altertümliche nennt, nicht völlig rauben lassen will. Wer weiß, ob des bildnerischen Schönen höchstes Ideal nicht auf der schmalen Grenze wohnt, welche die keusche, jungfräuliche Schönheit von der üppigen, vollentwickelten scheidet? Der Entwicklung höchste und letzte Stufe ist ja auch schon die erste des Niedergangs; ein wenig diesseits dieser Spitze also, und nicht auf ihr selbst, dürfte dasjenige liegen, was das Gemüt mit dem reinsten, edelsten Zauber erfrischt und beseligt.« »Wenn ich dich, o Pheidias«, sagte Aspasia, ,»auch noch so sehr zum Reizenden, zum Zierlichen und Ueppigen spornen wollte, und du hinwiederum die Deinen zu eben diesem Bestreben aufs äußerste aneifertest, so glaube ich, daß die rechte Grenze doch noch lange nicht überschritten würde. Denn so weit scheinen mir die Deinigen vom allzu Zierlichen und Weichlichen noch entfernt, daß, wenn sie auch mit allen Kräften darauf ausgingen, sie es doch schwerlich erreichten. Ich sage nicht, daß ihr langsam seid, aber der Weg ist weit.« »Wenn ich auf die Gebilde des Pheidias blicke«, sagte jetzt Perikles ablenkend, als fürchte er, daß Pheidias verletzt werden könnte – »oder die Gesänge des Homeros höre, so finde ich, daß sie erhaben sind in ihrem Reiz und reizvoll in ihrer Erhabenheit. Sie sind erhaben, wie jeder weiß, und sie sind reizvoll, wie keiner leugnet, und schön nennen wir sie vielleicht eben, weil sie beides zugleich sind.« »Dies lasse ich mir gefallen!« sagte, von seiner Arbeit aufsehend, der Steinmetz Sokrates, welcher bisher beschäftigt gewesen war, einen Marmorblock nach der Vorschrift aus dem Groben zuzuhauen. »Lange habe ich bei mir nachgesonnen, was denn die Schönheit sei; nun sind mir des Perikles Worte wie ein Strahl in die Seele gefallen. – Als einen mit Erhabenheit gemischten Reiz, als eine anmutige Erhabenheit und eine erhabene Anmut wäre also das Schöne bezeichnet. Und wenn Aspasia und Perikles wiederum mit einander die rechte Grenze der Fortentwicklung in den Künsten erörtern, so werden sie es leicht haben, zu sagen, das Schöne müsse, um das Schöne zu bleiben, niemals bloß reizend und niemals bloß erhaben, sondern immer beides zugleich sein. Gewährten mir nur die Götter, bei jedem Schlage des Meißels, den ich hier in der Werkstätte des Pheidias führe, dieser Lehre eingedenk zu sein, insonderheit wenn ich Hand anlege an die Ausführung des Weihegeschenks, das ich der Göttin des Pheidias für den Tag der Eröffnung ihres Prachthauses auf der Akropolis bestimme.« »Wie?« rief Aspasia, »der nachdenkliche Steinmetz will sich nun auch als freischaffender Bildner versuchen?« »Allerdings!« erwiderte Sokrates. »Zwar haben Pheidias und Alkamenes mir nichts von den Bildarbeiten des neuen Parthenon zu selbständiger Ausführung und Vollendung zugewiesen, und als ich bat, mich an solcher größeren Aufgabe versuchen zu dürfen, so bin ich von Alkamenes mit jenem lächelnden Spotte abgetrumpft worden, dessen er Meister. Beim Zeus! ich habe so gut als einer von Pheidias gelernt, die vollendete Eiform des Antlitzes zu umschreiben, das Haupt klein, aber fein und schön gegliedert zu formen, Stirn und Nase in fast gleicher Linie zu senken, die Augenknochen in scharfer Ausladung hervorzuheben, die Brauen in feinem Bogen zu schwingen, das Auge groß und rund und tief zu höhlen, des Nasenrückens Seiten in sanfter Kante abzudachen, das Kinn markig zu runden, Haar und Bart in gefälligen Einzelmassen zu sammeln. Nicht immer will ich Marmorblöcke aus dem Groben zuhauen und fremde Gedanken als ein willenloser Handwerker verkörpern helfen. Ich will ein Weihegeschenk auf eigene Faust fertigen und es versuchen, mit den kunstgeübten Händen einen selbsterfaßten, klaren, reinen Begriff im Gestein bildsam darzustellen.« »Welcher selbsterfaßte, reine Begriff aber ist es, den du, wie du sagst, im Gesteine verkörpern willst?« fragte Aspasia. »Ihr werdet davon hören«, erwiderte Sokrates; »es ziemt sich doch nicht, von dem Bestreben eines Schülers hier zu reden, bevor ihr nicht von dem Werke des Meisters, von der göttlichen Pallas Athene, so viel gesehen, als jetzt von ihr zu sehen ist.« Perikles und Aspasia verlangten dringend, vom Werk des Pheidias das, was bisher geschaffen worden, zu sehen. Pheidias aber erwiderte: »Ihr werdet in diesem Augenblicke nur Bruchstücke davon sehen, denn in Bruchstücke wurde soeben das Tonmodell zersägt, wie es die Kunstarbeit in Gold und Elfenbein erfordert.« Auch mit dem Anblicke dieser Bruchstücke wollten Perikles und Aspasia für jetzt sich begnügen, und auf ihren Wunsch führte sie Pheidias, im Geleite des Sokrates und des Alkamenes, in einen der geräumigen Höfe. Dort wies er ihnen ein Holzgerüst, um welches die Außenfläche der Gestalt aus Gold und Elfenbein wie Haut und Fleisch um das Knochengerüst gefügt werden mußte. Neben den Arbeitern, welche beschäftigt waren, das Tonmodell des großartigen Werkes in Stücke zu zersägen, sah man andere bemüht, Elefantenzähne, wie sie der Grieche in ausgezeichneter Größe und Schönheit aus Indien bezog, in dünne Platten mit der Säge zuzuschneiden, deren jede bestimmt war, einem der Bruchstücke jener zersägten Tonhülle des Holzskeletts auf das genaueste nachgebildet zu werden. Perikles und Aspasia musterten die gewaltigen Einzelstücke des zersägten Kolosses. Auch diese Einzelstücke gaben zu denken, und glücklicherweise war gerade das Haupt der Göttin noch unzerstückt und unversehrt. Dies also konnten sie nach Herzenslust betrachten und sich hinreißen lassen von dem hohen Gedankenfluge des Meisters, der sich verriet in den hehren, tiefsinnigen Zügen dieser neuen Pallas Athene des Friedens ... Was in denselben sich spiegelte, es war die geistige Macht, es war das Licht der reinen Intelligenz, welches aufgeht über den Tiefen. »So schön und so tiefsinnig, wie das Antlitz der Göttin da vor uns leuchtet«, sagte Perikles, »erscheint sie in der Tat als die nicht vom Weibe geborene, sondern aus dem Haupte des Vaters entsprungene Tochter des Zeus!« »Im Haupte aber«, fiel der nach den Begriffen jagende Sokrates ein, begierig die hingeworfene Bemerkung erfassend, »im Haupte wohnen, wie bekannt, die Gedanken, was ist also die aus des Vaters Haupt hervorspringende Pallas anders, als der lebendig gewordene, verkörperte Gedanke des Zeus? O beglückter, von den Göttern gesegneter Pheidias, der du berufen warst, das höchste darzustellen, was es gibt: den Gedanken! – Ich armer Stümper trachte mein Leben lang ihm nach, dem reinen Gedanken, und möchte ihn grübelnd gerne herüberleiten aus dem Haupte des Zeus in das meinige, wie einen springenden Funken, und kann ihn doch niemals erhaschen! Und dieser Pheidias hier nimmt nur ein bißchen Lehm, ein bißchen Tonerde und knetet sie, und unter seinen Händen wird aus dem Lehm ein Gebilde, das mir die Augen blendet, wenn ich es anschaue, und mich zwingt, davor auszurufen: »Das ist der Gedanke – der Gedanke des Zeus!« – Daß aber Pheidias recht hat, wenn er den Gedanken, wie er ihn da vor uns hingestellt, Pallas Athene benennt, des Hellenentums leuchtende Schutzgöttin, ergibt sich deutlich, wenn man vergleicht, was die Weisen von dem Gedanken, und die Dichter von der Pallas Athene behaupten. Abgesehen von dem vielerwähnten Ursprünge aus dem Haupte des Zeus, versichern die Dichter von der Pallas Athene, daß sie jungfräulich, ferner auch, daß sie von männlicher und weiblicher Natur zugleich sei, ganz im Gegensatz zur Liebesgöttin, welche nichts zu tun hat mit dem Gedanken, sondern ganz aufgeht in den schönen Empfindungen und in den unbewußt zeugenden Werken der Liebe. Wer wird aber leugnen, daß auch der Gedanke jungfräulich und männlich und weiblich zugleich ist? Der Gedanke ist kühl, wie Sternlicht, und bleibt selbstgenügsam in seiner reinen, heiteren Höhe; nur sein Widerspiel, das Empfinden, ist eitel Glut und zeugt und gebiert und geht auf in den Werken der Liebe. Und das entsetzenerregende Gorgonenhaupt, welches die Dichter und die Bildner in den Schild der Göttin Pallas Athene setzen, was ist es denn anders, als das Grausen der überwundenen Nacht, welches der siegreiche Gedanke als Trophäe im Schilde führt? So leidet es denn keinen Zweifel, daß Pheidias hier den Gedanken hat darstellen wollen, daß wir aber immerhin auch sagen dürfen, wenn es uns beliebt, das Haupt da vor uns sei das Haupt der Göttin Pallas Athene.« Der ernste Pheidias lächelte ein wenig, Alkamenes aber klopfte unterbrechend dem Sokrates, wiewohl ebenfalls lächelnd, auf die Schulter und lobt seine Rede, Aspasia sagte: »wenn Pheidias hier, wie du behauptest, o Sokrates, des lichten Gedankens Macht leiblich gestalten wollte, so dürfte er schaffend kaum gedacht haben an diesen Gedanken« ... »Es ergeht wohl auch andern Vätern so!« erwiderte Sokrates. »Dir ergeht es gewiß nicht so!« rief Alkamenes mit schelmischem Lächeln. »Nein!« versetzte Sokrates; »aber warum spottest du meiner deshalb? Denken ist besser als nicht denken. Mögen die Götter ihren Lieblingen das Beste im Traume bescheren, wir andern müssen uns mit wachen Sinnen zu helfen suchen. Du hast dich ohne Zweifel gewundert, Aspasia, daß ich dich so oft nach dem Begriff und dem Wesen der Liebe fragte. Und doch konnte ich nicht anders. So wie Pheidias hier das sieghafte Licht des Gedankens in dem Bilde der Göttin Pallas Athene, so möchte ich in einem Bilde des Eros die Liebe verkörpern. Ihr werdet gewiß nicht behaupten, daß Eros ein verächtlicher Gott ist; nennen ihn etliche Weise doch sogar den ältesten und ersten von allen, und wenn die Liebe, wie es scheint, vor allem ein Streben, ein Trachten und ein Verlangen ist, so kann ich doch wohl sagen, daß jener Gott so recht eigentlich der meinige sei. Um aber über ihn noch genaueres zu erfahren, bin ich, wie ihr wißt, fragend viel bei den Menschen umhergegangen« ... »Das ist wahr«, fiel Alkamenes lächelnd ein, »du bist mehr auf der Agora und in den Hallen und sonst an öffentlichen Orten zu sehen gewesen als hier in der Werkstätte des Pheidias. Von einer besonderen Unruhe scheint dieser Mensch in der Tat umhergetrieben. Erst schlägt er einen halben Tag wie toll auf seine Marmorblöcke los, dann läßt er plötzlich sein Werkzeug fallen und starrt nachdenklich eine Stunde vor sich hin. Dann springt er gar empor und läuft hinweg und kommt einen halben Tag lang nicht zurück. Du willst einen Eros meißeln? Ei, sage doch, wann? weißt du, o Bester, daß Meister Pheidias dich den fahrlässigsten von seinen Schülern nennt?« »Ich weiß es«, erwiderte Sokrates; »aber erinnere dich, daß auch du selbst den Meißel hinwirfst und fortstürmst, mit oder ohne einen Vorwand, und gleich mir der Liebe nachgehst, wie man erzählt, aber freilich ohne viel nach ihrem Begriff und ihrem Wesen zu fragen.« »Du hast recht!« rief Alkamenes lachend, »ich frage nichts nach ihrem Begriff. Aber wer sagt dir, daß ich immer der Liebe nachgehe, wenn ich mich aus der Werkstätte entferne?« »Nicht immer entfernst du dich selbst«, versetzte Sokrates; »zuweilen sendest du nur einen Handlanger oder gar den tollen Menon, wenn er eben hier umherlungert, mit Brieflein zur schönen Korintherin Theodota.« Wieder lächelte Alkamenes und Sokrates fuhr fort: »Mein Freund Anaxagoras hat die Liebesleidenschaft eine Krankheit genannt: ich weiß nur nicht, ob sie eine gewöhnliche Krankheit und mit Arzeneien zu behandeln ist, oder eine göttliche, etwa wie die Begeisterung der Dichter oder die Raserei der delphischen Priesterin. Daß der Liebesgott Flügel haben muß und eine Knabengestalt, weiß ich: wie ich ihn aber sonst darstellen soll, ob ernst oder fröhlich, ob nach oben oder nach unten gewendet – wahrhaftig, ich möchte wissen, Aspasia, wie du es anstellen würdest, die Liebe darzustellen, wenn du einer der Unseren wärst hier in der Werkstätte des Pheidias!« »Ich würde es gar nicht versuchen, sie darzustellen!« sagte Aspasia. »Die Liebe ist eine Empfindung, eine Empfindung aber ist gestaltlos, warum willst du darstellen, was keine Gestalt hat? Stelle anstatt der Liebe dasjenige dar, was Liebe erweckt, das liebenswerte, das Schöne. Denn dies hat eine Gestalt und ist leiblich sichtbar und greifbar und mit allen Sinnen erfaßbar. Und du brauchst nicht erst viel darüber nachzusinnen und Umfrage bei den Leuten zu halten, sondern nur einfach nachzubilden, was deinem Auge an Schönem und Anmutreichem begegnet.« Sokrates dachte einige Augenblicke schweigend nach, dann sagte er: »Nichts ist richtiger, als was du da sagst, Aspasia. Ich werde den Eros fahren lassen und die Charitinnen zu meißeln versuchen. Denn diese sind es doch wohl, auf welche du mich auch jetzt wieder, wie schon öfter, als auf die eigentlichen Göttinnen der Schönheit und Anmut verweisest. Aphrodite ist zwar schön, aber sie ist nicht die Göttin der Schönheit allein, sondern mehr noch der Liebe: in ihrem Wesen ist die Schönheit schon gemischt mit der Liebe; in den Charitinnen aber ist sie noch rein und frei für sich, und in sich selber sozusagen göttlich befriedigt. Ich werde also die Charitinnen meißeln und als Weihegeschenk der Göttin des Pheidias auf der Burg darbringen. Aber wie früher der Liebe, muß ich jetzt der Schönheit nachgehen auf allen möglichen wegen, wo finde ich nur gleich das Schönste und Anmutigste, um es »einfach nachzubilden«, wie Aspasia vorhin sagte?« »Wenn du das Anmutigste sehen willst, das man nur sehen kann, mein lieber Sokrates«, sagte Alkamenes lächelnd, »so kann ich dir einen Rat geben. Bemühe dich, die schöne Korintherin, die du vorhin erwähntest, tanzen zu sehen!« »Die Korintherin Theodota?« fragte Sokrates; »ich habe die Anmut ihres Tanzes schon mehrmals rühmen hören. Aber wer soll uns das Vergnügen, die korinthische Tänzerin zu schauen und zu bewundern, verschaffen, wenn nicht du selbst, Alkamenes, ihr bester Lobredner und Freund und Gespiele?« »Warum nicht?« erwiderte Alkamenes mit heiterem Uebermut. »Wer des höchsten Reizes froh zu werden verlangt, den des Weibes Gestalt in ausdrucksvollem Tanze zu entfalten fähig ist, der schaue Theodota, und ich will zu diesem Genusse jedem, der es wünscht, neidlos als Wegweiser dienen!« Diese Worte des Alkamenes waren nicht ohne geheime Tücke gegen Aspasia. Mit Bedacht rühmte er in Gegenwart der Freundin des Perikles und des Perikles selbst die Anmut und den Reiz eines anderen Weibes. Die schöne Tänzerin und Hetäre war durch Alkamenes veranlaßt worden, von Korinth nach Athen herüber zu kommen. Diese Veranlassung war von sehr eigentümlicher Art gewesen. Als nämlich Alkamenes gemerkt hatte, daß er auf den Besitz Aspasias, dessen er vorher schon sicher zu sein glaubte, verzichten müsse, war er von einem geheimen Unmut und Aerger gegen die spröde Milesierin ergriffen worden. Aber er war zu jung, zu heiter, zu leichtlebigen Wesens, als daß um dieses Verlustes willen der Harm das Herz ihm hätte benagen sollen; sein Trachten ging nur darauf, ein wirkliches Glück, einen wirklichen Liebesgenuß für den erträumten, um welchen er betrogen war, zu erhaschen. Ein sehr reicher Korinther hatte von ihm ein kleines Bildwerk in Marmor ausführen lassen. Alkamenes hatte sich des Auftrages entledigt und das fertige Werk nach Korinth gesendet. Der Besteller war entzückt über den Reiz und die seltene Vollendung der Arbeit und schrieb dem Alkamenes, er möge für dies kleine Meisterstück jeden beliebigen Lohn und Dank verlangen; was immer sein Begehren sein würde; es solle gewährt werden. Hierauf schrieb der junge Bildner mit seinem gewohnten Uebermut an den Korinther folgendes zurück: »Es ist bekannt, daß ihr in eurem reichen und üppigen Korinth seit langer Zeit die schönsten »Freundinnen« besitzet, welche in Hellas zu finden sind. Da du mir freistellst, für mein kleines Marmorwerk jeden Dank zu verlangen, der mir beliebt, so bitte ich dich, mir diejenige Schöne, welche gegenwärtig bei euch in Korinth den größten Ruf besitzt, auf deine Kosten für einen Monat nach Athen herüberzuschicken und sie anzuweisen, daß sie sich für diesen Monat ausschließlich als Modell zu meinem Dienste verpflichte.« Der reiche Korinther lachte, als er diese Zeilen las, und wenige Tage später fand die schönste Hetäre von Korinth, die Tänzerin Theodota, zu Athen bei Alkamenes sich ein. Alkamenes war zufrieden und freute sich einen Monat lang des Besitzes der gepriesenen Schönheit auf des reichen Korinthers Kosten. Als der bedungene Mond verstrichen und die Verpflichtung der schönen Theodota erloschen war, empfand sie wenig Lust, nach Korinth zurückzukehren: sie hatte Athen lieb gewonnen und entschloß sich, zu bleiben. Alkamenes war ihr in beständiger Freundschaft zugetan und pries sie allen, die ihn hören wollten, als das schönste Weib in Hellas. Er versäumte niemals, hinzuzufügen, daß sie reizender sei, als die vielgerühmte Milesierin Aspasia, welche noch mehr durch Schlauheit als durch Schönheit den Perikles gefangen habe. Als nun Alkamenes ähnliches zum Preise Theodotas dem Sokrates gegenüber in Gegenwart Aspasias vorbrachte, erkannte diese sogleich die Gesinnung und Absicht des von ihr beleidigten Jünglings. Sie merkte, daß er ihr geheimen Aerger bereiten wollte durch jenes Lob, welches er in ihrem und des Perikles Beisein einer andern Schönen spendete. Mit der Beweglichkeit und Raschheit des weiblichen Geistes hatte sie im Augenblicke ihre Gedanken geordnet, ihre Entschlüsse gefaßt. Unter den blitzschnellen Erwägungen ihrer Seele war auch diese gewesen, welchen Eindruck etwa die zum Preise Theodotas gesprochenen Worte des Alkamenes auf den empfänglichen Geist des Perikles gemacht haben möchten. Sie bedachte, daß Perikles auf den Einfall kommen könnte, die schöne Korintherin zu sehen und dies Gelüst anders als im Geleit seiner Freundin zu befriedigen. Daß Perikles ohne ihr Beisein mit Theodota zusammentreffe, war ihr unerwünscht; wenig aber fürchtete sie, wenn bei solcher Begegnung sie selbst zugegen war. Sie wußte, was sie allen anderen Weibern gegenüber in die Wagschale zu werfen hatte, was den Alkamenes betrifft, so glaubte sie seine geheime Bosheit nicht besser strafen zu können, als indem sie ihm zeigte, wie wenig sie sich aus Neckereien dieser Art mache. Zu diesen bestimmenden Gründen ihrer Entschlüsse kam als letzter: sie selbst war nicht ohne neugieriges Verlangen, die von Alkamenes gepriesene korinthische Schönheit zu sehen. Und so war es denn sie selbst, die das Anerbieten des jungen Bildners, jeden, der es wünsche, zu Theodota zu führen, zur nicht geringen Verblüffung des Alkamenes aufgriff. Mit heiterer Unbefangenheit sprach sie: »Wenn du, o Alkamenes, im stande bist, uns den Weg zu dem Schönsten und Anmutigsten, was du kennst, zur Schau der tanzenden Theodota, zu zeigen, so wäre es Torheit von Perikles und Sokrates und mir selbst und jedem, der dich hört, nicht sogleich dich beim Worte zu nehmen und dich zu nötigen, ein so lockendes Versprechen ohne Zögerung wahr zu machen.« »Ich nehme an«, sagte Alkamenes, rasch gefaßt, »daß du, schöne Aspasia, sowohl in deinem eigenen, als im Namen dieser beiden, des Perikles und des Sokrates, gesprochen.« Perikles besann sich einen Augenblick, erklärte aber dann, er wolle dem Willen der schönen Aspasia nicht widersprechen, »Wir gehen«, sagte er, »diesen Weg alle nur im Gefolge des Sokrates und um seinetwillen: einem Weisen aber zu folgen, kann niemals einem Manne zur Schande gereichen.« »Unser feuriger Alkamenes«, sagte Sokrates, »ist ein Freund aller raschen und kühnen Gedanken. Seht, wie er sich schon fröhlich die Hände reibt und nach seinem Thessalerhute greift. Ich wette, daß er uns nun keine Ruhe mehr läßt, sondern schon fest entschlossen ist, uns augenblicklich und geradeswegs, wie wir da sind, aus der Werkstätte des Pheidias hinweg in die Behausung der schönen Theodota zu entführen.« »So ist's«, rief Alkamenes lebhaft. »Meister Pheidias hat sich bei unseren letzten Reden schon hinweggeschlichen. Ich rate euch, ihn nicht durch Abschiednehmen zu stören. Ein Ausgang ist hier ganz in der Nähe, die Tür ist offen, die Straße frei, die Behausung Theodotas nicht ferne – gehen wir!« Das Haus Theodotas war bald erreicht. Man durfte nicht fürchten, die Schöne zu belästigen. Alkamenes ging zuerst zu ihr hinein, um seine Begleiter bei ihr anzumelden. Er kam sogleich wieder zurück und bat die Gefährten, ihm zu folgen. Er führte sie in die innersten Gemächer Theodotas. Diese Gemächer waren mit verschwenderischer Weichlichkeit ausgestattet. Ueberall gab es da sanfte Pfühle und Purpurkissen, der Boden war bedeckt mit schwellenden Teppichen, Wohlgerüche dampften aus zierlich gestalteten Schalen. Ein purpurverhangenes Lager war von anmutigen Liebesgöttern getragen und emporgehoben; Schmuck und Gewand waren in malerischer Unordnung umhergestreut, weiche Sandalen, Haarbänder, kostbare Gürtel, Schminktöpfe, Salbenbüchsen, kreisrunde Spiegel aus blankpoliertem Erz mit reicher Plastik des Griffes, reizend geformte Sonnenschirme und buntbemalte, blattförmige Fächer, Kyprias sämtliches Gerät: dazwischen kleine Kunstwerke aus Erz und Marmor, zum Teil Geschenke des Alkamenes, Tonwerkzeuge mit eingelegtem Gold und Elfenbein, welke und frische Kränze aller Art: das alles machte in seiner bunten Unordnung im ersten Augenblick einen sinnverwirrenden Eindruck auf die Eintretenden, einen Eindruck, den die Wohlgerüche des Gemachs verstärkten, während von einem der weichen Pfühle sich die schön geschmückte Hetäre selbst erhob, um die Gäste zu begrüßen. Theodota war schön. Ihr Haar war rabenschwarz, ihr Auge dunkel-feurig. Ihre Züge waren fein. Sie war stark geschminkt, ihre Augenbrauen künstlich gerundet und zugespitzt, ihre Lippen rosiger als jede Wirklichkeit. Sie trug ein blumig-gesticktes Gewand und war mit reichem Schmucke behangen. In der Mitte des Leibes war ihre Gewandung zusammengehalten durch einen Gürtel aus Goldblech, dessen Verschluß reich verziert war, und von welchem nicht minder geschmackvoll und zierlich geformte Anhängsel verschiedener Art herabhingen. Ihr Hals, ihr Busen, ihre Arme und selbst ihre Füße über den Knöcheln waren von schlangenförmig gestalteten, granaten- oder bernstein-besetztem Geschmeide umringelt. Auch das kleine und wohlgestaltete Ohr war durch baumelnde Gehänge von reizender Bildung ausgezeichnet. Auf dem Haupte trug sie eine mit perlen geschmückte Erzstirnbinde. »Ich habe«, sagte Alkamenes zu seinen Begleitern, »Theodota bereits unterrichtet, weshalb ihr hieher gekommen und was euer Verlangen an sie ist.« »Alkamenes ist tollkühn«, sagte Theodota lächelnd, »daß er ganz plötzlich so hochansehnliche und unerwartete Gäste mir zuführt und nicht die geringste Vorbereitung mir gönnt, sie würdig zu empfangen.« »Keiner Vorbereitung bedarf es«, sagte Alkamenes; »denn du bist immer du selbst, und nicht deinem Hause gilt unser Besuch, sondern dir und deinem Reiz und deiner Kunst.« – »Einen weisen und ernsten Mann siehst du hier vor Augen«, fuhr er fort, auf Sokrates deutend, »und dieser glüht vor Verlangen, dich zu sehen und deinen Tanz zu bewundern. Und mehr noch von diesem weisen Manne als meinen begeisterten Worten verdankst du es, Theodota, daß heute selbst der große Perikles und die gefeierte, kunstverständige Aspasia aus Milet über deine Schwelle kommen, um von deiner gepriesenen Kunst sich mit eigenen Augen zu überzeugen.« »Wie?« rief Theodota, »vor einem Weisen, vor einem großen und würdevollen Staatsmanne und vor einer Auserwählten meines Geschlechtes, die, wie es scheint, alle anderen Frauen dieser Zeit an herrlichen Erfolgen übertrifft, soll ich es wagen, mich zu zeigen, und das Geringe, was ich vermag, der Prüfung solcher Richter aussetzen?« »Fürchte nichts, Theodota!« sagte Perikles; »Alkamenes hat dich uns gepriesen, und Alkamenes weiß alles Schönste aufzufinden.« »In der Tat«, fügte Sokrates mit seinem Lächeln und einem Blicke auf Aspasia hinzu, »ihm begegnet das Schönste immer zuerst.« »So mag er es denn verantworten!« sagte Theodota. »Prüde zu sein vor irgend jemand in der Welt und mich dessen, was meine Kunst ist, zu weigern, darf mir nicht in den Sinn kommen. Ihr wollt mich tanzen sehen, wie hunderte von euch, und ich gehorche. Betrachtet euch als meine Gebieter, was verlangt ihr, daß ich tanze und vor euch darstelle? Welche Göttin? Welche Heroine? Welche Mythe oder Geschichte?« Sie wandte sich mit dieser Frage vornehmlich an Perikles. Dieser aber sagte: »Frage den Weisen hier, denn dieser ist mit Absichten hieher gekommen, welche es ihm gewiß erwünscht machen, den Gegenstand deines Tanzes bestimmen zu dürfen. Erkläre dich nur ohne weiteres, Sokrates; was wünschest du, daß Theodota tanze?« »Wenn ihr und Theodota selbst«, erwiderte Sokrates nach einigem Nachdenken, »mir diese Entscheidung überlassen wollt, so wüßte ich nichts Besseres, als Theodota aufzufordern, uns die Werbung der drei Göttinnen um den Preis der Schönheit auf dem Ida zu tanzen. Welche Aufgabe für sie, uns jetzt als Aphrodite, dann als Hera, dann als Pallas zu erscheinen, und uns zu zeigen, wie jede von diesen mit denselben und doch nach ihrer Wesenheit fein veränderten Mitteln den Hirten vom Ida zu bezaubern und den Siegespreis aus seiner Hand an sich zu reißen bemüht ist. Alkamenes hat versprochen, mich hier erfahren zu lassen, was die Anmut sei, und so wollen wir Theodota zwingen, so anmutig und reizend zu sein als möglich, und es in so verschiedenen Arten, als sich nur denken läßt, zu sein.« – Nachdem Theodota sich aus dem Gemache entfernt hatte, um an ihrer Gewandung und ihrem Aeußeren jene Veränderung vorzunehmen, welche die gestellte Aufgabe erheischte, sagte Sokrates: »Wir werden unsern Zweck erreichen: denn Theodota ist nicht wie andere Schönen, welche nur zurückhaltend und tropfenweise zumessen, was sie geben wollen, sondern sie wird uns, was sie zu bieten hat, ehrlich bieten und alles auf einmal wie aus dem Füllhorn der Amaltheia über uns ausschütten. Die Sache ist dann abgetan, und wir können nach Hause gehen. Ich sehe schon, sie ist willfährig und sanft, diese Theodota, aber nicht klug. Wie würde Aspasia tanzen, wenn sie wollte! Aber wer von uns, den Olympier Perikles etwa ausgenommen, hat sie tanzen gesehen?« Nun kam Theodota zurück, leichter geschürzt und in einer Gewandung, welche den freiesten Bewegungen nicht hinderlich war. In ihrem Geleite kam ein Knabe mit der Laute und eine Flötenbläserin. Die Flötenbläserin begann zu spielen, und der Knabe stimmte mit Saitenklängen ein. In die Klänge der beiden aber begannen sich sacht die Bewegungen Theodotas gleichsam zu mischen, und es war unmöglich zu sagen, in welchem Augenblicke sie begonnen hatte zu tanzen. Sie tanzte, wie ihr aufgetragen war, zuerst die Werbung der Aphrodite um den Apfel, den Siegespreis in den Händen des Paris; dann die der Hera, dann die der Pallas. Es war derselbe Tanz, dreimal wiederholt und doch immer mit ganz verschiedenem, dem Wesen der Göttin entsprechendem Ausdrucke. Sie schien dreimal völlig verwandelt, wunderbar war es zu sehen, welche Abwechslung sie mit lebensvollen Bewegungen, sprechenden Blicken, bezeichnenden Gebärden in die Mimik des Werbens zu bringen wußte. Bald erschien dies Werben als ein holdes Flehen, ein süßes Schmeicheln, ein reizendes Getändel, ein verführerisches Umschwirren, eine Verheißung des süßesten Dankes, dann wieder als ein stolzes, siegbewußtes Heischen, ein mehr gebieterisches Verlangen, dann als ein neckendes oder verwegenes Haschen, dann als ein Ueberlisten, oder ein Versuch, mit anmutiger Gewaltsamkeit der Hand des Richters den Siegespreis zu entringen. Dabei war es möglich, jeden Reiz der Leiblichkeit in Stellungen, Bewegungen, Gebärden zu entfalten. Und da jeder fein ersonnene, ausdrucksvolle Zug dreifach wiederkehrte, immer angepaßt dem Wesen der Göttin, so wußte man nicht, sollte man mehr den Reichtum der Erfindung und die Mannigfaltigkeit des Ganzen, oder den Reiz und die Vollendung in der Ausführung der einzelnen Züge bewundern. Es darf nicht unerwähnt gelassen werden, daß Theodota während des Tanzes ihre feurigen Augen voll jenes wechselnden, aber immer werbenden Ausdrucks fast unablässig auf Perikles gerichtet hielt. Ihn machte sie zum unfreiwilligen Widerpart ihres mimischen Spiels, in ihm schien sie den Paris zu erblicken und aus seinen Händen den Siegespreis des Apfels heischen zu wollen. Als Theodota geendet hatte, erteilte ihr Perikles Lobsprüche über die Anmut und die ausdrucksvolle Kunst, mit welcher sie ihre Aufgabe gelöst hatte. »Die Aufgabe, welche ihr der schönen Theodota gestellt habt, war keine allzu schwierige«, sagte Alkamenes; »sie würde andere und größere Aufgaben zu eurem noch viel größeren Erstaunen gelöst haben. Sie ist im stande, nicht bloß der Taube Zärtlichkeit und des Löwen Wildheit, sondern, wenn es sein soll, auch des Wassers weiches wallen oder des Feuers Lohe, oder des Baumes säuselndes Erzittern nachzuahmen.« »Ich zweifle nicht«, sagte Perikles, »daß sie es auch versteht, gleich jenem Tänzer, den ich kürzlich gesehen, sogar des Alphabetes Buchstaben, einen nach dem andern durch die Mimik ihres wunderbar gelenken und geschmeidigen Leibes auszudrücken.« »Und was hast du uns über Theodota zu sagen?« rief Alkamenes und berührte die Schulter des Sokrates, welcher von der Tänzerin während des Tanzes keinen Blick seiner Augen abgewendet hatte und jetzt dastand, wie es schien, in tiefe Gedanken versunken. »Ich werde tanzen lernen!« erwiderte er ernst. »Ich kannte bisher nur eine Weisheit des Hauptes und der Gedanken; nun weiß ich, daß es auch eine Weisheit der Hände und der Füße gibt.« Die Hörer lächelten und meinten, der Nachdenkliche spreche mit seiner gewohnten Ironie. Aber Sokrates fuhr fort: »Der Rhythmus ist Maß, und das Maß ist Sittlichkeit. Ein so schöner Rhythmus des Leibes, wie ihn uns Theodota gezeigt, muß notwendig des Menschen ganzes Wesen mit Sinn und Liebe für schönes Maß erfüllen. Man muß, wenn man dies einmal gesehen, notwendig alles plumpe, Rohe, Gemeine, Ungeschlachte verachten. Ich beneide dich, Theodota, um den schönen Rhythmus, den du im Leibe und in der Seele hast!« »Ich freue mich dieses schönen Rhythmus«, versetzte Theodota lächelnd, »wenn ich ihn besitze, und wenn andere sich daran ergötzen. Die Kunst zu gefallen und zu ergötzen aber scheint bei uns in Hellas mit jedem Tage schwieriger zu werden. Für euer kunstverwöhntes Aug', ihr Männer, ist die schöne Natur im Weibe nicht genug. Ihr verlangt, daß wir uns schmücken mit jedem Reize der Kunst, wenn wir euch anzuziehen oder gar zu fesseln verlangen. – Indessen«, fügte Theodota mit einem anmutigen Lächeln hinzu, »so schwer ihr uns Frauen den Beruf zu gefallen und zu ergötzen auch machen möget, ich werde nicht aufhören, diesen Beruf als den schönsten und, wenn ihr es erlaubt, auch als den meinigen zu betrachten!« »Offenbar«, sagte Sokrates, »gehörst du nicht zu denjenigen Frauen, welche außer sich selbst nur einem einzigen Manne gefallen wollen, und welche man gewöhnlich Verliebte oder Liebende zu nennen pflegt.« »Nein, bei den Göttern!« fiel Alkamenes ein; »zu diesen zählt sie nicht. Sie ist der Schrecken aller schwärmerischen Jünglinge, welche von Liebe faseln. Erst gestern klagte mir der junge Damötas, daß du ihn zur Türe hinausjagtest, Theodota, weil er zu schwermütig geworden!« »In der Tat«, nahm Theodota das Wort, »ich spotte der Fesseln nicht bloß Hymens, sondern auch des Eros. Ich bin keine Priesterin der Liebe, sondern eine Tochter der Freude!« »Ich bewundere dich, Theodota!« sagte Sokrates. »Denn du scheinst mir nicht bloß den schönsten, sondern auch den menschenfreundlichsten aller Berufe gewählt zu haben, welche Selbstverleugnung übst du, o Theodota, welche Selbstaufopferung! Du verschmähst es, der Labetrunk in eines einzelnen Mannes Krug zu sein, ehrenvoll gestellt in den Schatten des häuslichen Herdes, du ziehst es vor, empor zu steigen wie ein leichtes Wölkchen in die Luft, und dahin zu ziehen über die Länder, und dich in einen Blumenregen der Freude auf den Häuptern der Menschen aufzulösen. Du verzichtest auf des Hauses Frieden, auf der Gattin Ehre, auf der Mutter Glück und auf des Alters Trost, nur um dem verstärkten Bedürfnisse nach Schönheit und Genuß im Busen der Männer von Hellas abzuhelfen. Und nicht bloß Hymens Ketten verachtest du – du forderst sogar mit keckem Mute und sozusagen mit prometheischem Trotze den Zorn des Eros, des rachesüchtigsten aller Götter, heraus. Und nicht unbekannt ist dir, wie kurz die Blüte der Schönheit und der Jugend währt. Dennoch stehst du da, entsagungsvoll und aufopfernd, wie ein blühender Baum im Märzmond, und sagst: »Pflücket sie nur alle und schüttelt sie herab, die Blüten meines flüchtigen Lenzes, und binde sich wer will einen Strauß daraus für wenige Tage! Ich will kein Fruchtbaum sein, ich bin ein Blütenbaum!« – welche Aufopferung, o Theodota, welche Selbstverleugnung! Mögen dich die Götter und Menschen dafür segnen und die Charitinnen dereinst deinen Leib unter Rosen bestatten!« – So sprach Sokrates. Theodota dankte mit einem Lächeln. Allzuwohl vertraut war sie mit den Eigentümlichkeiten der verschiedenen Menschen, als daß die Rede des Sonderlings sie hätte befremden können. »Du übertreibst meine Verdienste!« sagte sie. »Ich habe noch lange nicht alles gesagt!« versetzte Sokrates. »Das sei dir ein Grund, wiederzukommen!« entgegnete Theodota. So gingen zwischen den beiden die wechselnden Reden noch eine Weile hin und her. Durch die Teilnahme der übrigen wurde das Gespräch bald lebhafter, und Theodota fand Gelegenheit, noch manchen feurigen Blick, manches bedeutungsvolle Wort an Perikles zu richten, Perikles erwiderte dies in der mild-freundlichen Art, welche ihm den Frauen gegenüber eigen war. Aspasia beobachtete die Annäherung der beiden, aber ohne die leidenschaftliche Verblendung anderer Weiber. Sie selbst verkündete ja die Botschaft der freien, heiteren Liebe und erklärte sich offen gegen das Sklaventum nicht bloß in der Ehe, sondern auch in der Liebe. Ueberdies wußte sie, daß ein Weib, das Eifersucht verrät, verloren ist. Auch des Abstandes blieb sie sich bewußt, der Theodota von ihr trennte. Theodota erfüllte, sorglos hinlebend, ihre Nymphenbestimmung. Aspasia hätte niemals in einem solchen Berufe aufgehen können. Unendlich weit war sie entfernt von jener Selbstaufopferung, welche der Sonderling Sokrates in so wunderlichen Worten an Theodota gepriesen. Sie opferte die Blüten ihres Lenzes nicht dem plumpen Freudenbedürfnis der Menge, sie hatte ein glänzenderes Ziel gesucht und gefunden; sie wurde geliebt, und liebte – freilich nur mit jener heiteren, freien, geisterhellten Liebe, die sie predigte. Und was die Mittel anlangt, zu bezaubern, zu fesseln: Theodota gab, was sie hatte, harmlos hin und hatte bald nichts mehr zu geben. Aspasiens reiches, tiefes Wesen war unerschöpflich. Dennoch verschmähte es diese nicht, darauf bedacht zu sein, wie sie der Nebenbuhlerin die Gelegenheit auch eines flüchtigen und vorübergehenden Sieges entziehen könne. Schnell war ein kleiner Anschlag in ihrer Seele gereift, und nicht ohne Folgen blieb der Besuch bei der korinthischen Schönen. Als Perikles, Aspasia, Alkamenes und Sokrates das Haus Theodotas verlassen hatten, fragte der Bildhauer seinen Genossen: »Wohlan, Freund Sokrates, was hast du gelernt für deine Gruppe der Charitinnen beim dreifachen Tanze der anmutigen Theodota?« »Vieles und Wunderbares!« erwiderte jener. »Ich weiß nunmehr, was die Dreizahl der Charitinnen besagen will, was jede für sich, und was alle zusammen bedeuten. Aber es soll für jetzt mein Geheimnis bleiben; denn es ist Zeit, den Meißel in die Hand zu nehmen, und den Marmor reden zu lassen. Ihr werdet erfahren, was ich heute bei Theodota gelernt, wenn die Gruppe meiner Charitinnen auf der Akropolis vollendet steht. Für heute habet Dank, daß ihr mir freundlich das Geleit gegeben auf dem Wege, den ich getan um jener Schönen und Weisen willen, die mir geboten hat, den Charitinnen zu opfern.« IX. Antigone. enn man im Frühlingsmond Elaphebolion des vierten Jahres der vierundachtzigsten Olympiade am Hause des reichen Hipponikos zu Athen vorüberging, so hörte man Flötengetön und im Chore sich übende Männerstimmen, welche aus dem Innern des Hauses bis auf die Straße herausdrangen. Aehnliches Flötengetön mit eifrig sich einübenden Chören hörte man, wenn man am Hause des reichen Pyrilampes, und am Hause des reichen Midias, und am Hause des reichen Aristokles, und an den Häusern anderer reicher Athener vorüberging. Es schien fast, als sollte der Schlag des Meißels zu Athen wieder einmal übertönt werden vom Klange der Flöten und der Saiten und den Stimmen kunstbegabter, mit Dichterworten befeuerter Kehlen. Denn das Fest der Dionysien war wiedergekehrt, und mit ihm die Zeit, in welcher das öffentliche Interesse zu Athen sich um die bei dieser Gelegenheit statthabenden dramatischen Aufführungen im Theater des Dionysos drehte. Die Stücke waren, dem Brauche gemäß, bei dem zweiten Archonten von den Dichtern eingereicht worden. Dieser hatte nach dem Urteil kunstverständiger Männer diejenigen ausgewählt, welche zur Aufführung gelangen sollten; die Schauspieler, welche in diesen Stücken auftreten sollten, waren auf öffentliche Kosten angeworben worden, und jene reichen athenischen Bürger, welche diesmal die Reihe traf, die Staatsleistung der ›Choregie‹ zu bestreiten, das ist, die Chöre für die aufzuführenden Stücke anzuwerben, zu beköstigen und einüben zu lassen, waren angewiesen worden, ihres Amtes zu walten. Der reiche Hipponikos hatte den Chor zu stellen für die Antigone des Sophokles, der reiche Pyrilampes für eine Tragödie des Euripides, der reiche Midias für eine Tragödie des Ion, der reiche Aristokles für eine Komödie des Matinos, und so andere für anderes, wie es herkömmlich geworden war zu Athen, hatte sich fast ein leidenschaftlicher Wetteifer zwischen den verschiedenen Choregen entsponnen, und sie suchten mit dem ganzen Ehrgeiz, der dem Athener eigen war, sich in sorgsamer, kunstsinniger und prächtiger Ausstattung der von ihnen übernommenen Chore zu überbieten, winkte dem Sieger doch ein Kranz, kaum weniger beneidet als die Kränze von Olympia und Pytho. Stimmenschall und Flötengetön drang eben wieder kräftig aus dem Hause des Hipponikos, als ein Mann von sehr geschmeidiger Gestalt leicht beweglichen Schrittes die Straße herunterkam. Er schien ein Fremder zu sein, denn er hatte einen Maultiertreiber hinter sich, dessen Tier mit einem Reisebündel belastet war. Er ließ seine Blicke in der Gasse umherschweifen, wie einer, der nach einem bestimmten Hause späht. Plötzlich klangen jene Stimmen und jenes Getön aus dem Hause des Hipponikos an sein Ohr. Er horchte ein wenig, lächelte dann zufrieden und sagte zu dem Sklaven: »Wir brauchen niemand zu fragen. Dies hier, und kein anderes, ist das Haus des Hipponikos.« Mit raschen Schritten näherte er sich dem Hause und machte Miene, an die Türe zu klopfen. In diesem Augenblick aber kam ein Mann von der entgegengesetzten Richtung die Straße herauf, und gerade vor dem Hause des Hipponikos stieß er mit dem Fremden zusammen. Bei dem Anblicke dieses Mannes zeigte sich der Fremde aufs angenehmste überrascht, und während jener lächelnd auf ihn zuschritt, bog er das Haupt etwas zurück, legte seine linke Hand auf die Brust, erhob die rechte und sprach in getragenem Tone, als ob sein Fuß im Kothurn steckte, mit klangvoller Stimme die Worte: »Wenn nicht irret mein Geist, Ahnend zu sehn, und wenn nicht Helle Vernunft mir fehlt« ... so geben ein heilverkündendes Zeichen die Götter, indem sie mich gerade hier an des Hipponikos Schwelle zusammenführen mit meinem edlen Freunde, dem tragischen Meister Sophokles«... Damit reichte er die Hand dem Dichter, der sie faßte und herzlich drückte. »Willkommen, trefflicher Polos!« rief er. »Willkommen zu Athen! Hast inzwischen weitum in den Städten von Hellas die Menschen bezaubert mit deiner Stimme Klang auf dem hohen Kothurnos, hast neuen Ruhm geerntet und klingenden Lohn dazu!« »Es ist so«, versetzte Polos. »Man hat Ehre mir erwiesen hier und dort, wo man meiner eben bedurfte bei den Festen in den Städten von Hellas. Aber immer klang es doch in meinem Geiste nach: »Hin möcht' ich, Wo dichtwaldig das Vorgebirg Anragt in die Brandung, hin Zur Hocheb'ne von Sunion, Daß ich Athenes heilige Stadt Könnte begrüßen« – und als mich nun zu Halikarnassos die Botschaft eures Archonten traf, die mich für die Lenäen wieder nach Athen berief, und jeden Lohn versprach, den ich verlangen würde, und als ich überdies vernahm, daß auf deinen Wunsch die erste Rolle in deinem neuen tragischen Werke mir zugedacht sei, da trug es mich wie mit Flügeln über das Inselmeer, denn nirgend schnüre ich den Kothurn doch lieber an meine Füße als zu Athen, und keinem Poeten diene ich lieber mit meiner Kunst, als dem herrlichen Freunde und Meister Sophokles!« Wieder drückte der Dichter dem Schauspieler herzlich die Hand. »So bist auch mir du stets der Erwünschteste!« sagte er. »Drinnen im Hause des Hipponikos«, fuhr er fort, »triffst du die Choreuten und den Chormeister und vielleicht auch schon deine beiden Mitschauspieler, den Demetrios und den Kallipides, beisammen. Hipponikos lud dich für diese Stunde in sein Haus, damit wir uns alle da zusammenfinden, die Rollen verteilen und alles vorbereiten, was nötig, um unserer Tragödie den Sieg zu verschaffen. So laß uns denn hineingehen; Hipponikos erwartet dich mit Ungeduld.« Die beiden Männer klopften an die Pforte und wurden eingelassen. Hipponikos empfing den Polos mit großer Freude und lud ihn sogleich ein, für die Zeit, während welcher er zu Athen weilen würde, seines Hauses Gast zu sein. »Willst du«, erwiderte Polos, »zu allen anderen Mühen und Lasten, die du in diesem Augenblicke hast, dich auch noch mit dieser beladen?« »Diese neue Belastung«, sagte Hipponikos, »wenn es eine solche wäre, würde ich der Rede nicht wert achten. Aber du hattest nicht unrecht, wenn du sagtest, daß ich der Mühen und Lasten nicht wenig zu tragen habe, seit ich die Choregie der »Antigone« vom Archonten zugeteilt bekam. Da waren die nötigen Sänger und Musiker anzuwerben, und nun habe ich sie alle im Hause, und diese Leute wollen bezahlt und beköstigt sein, und wie beköstigt! mit Milch und Honigseim und allem Süßen, damit ihre Kehlen nicht rauh werden! Nachtigallen im Bauer könnte man nicht sorgsamer füttern und pflegen, als ich diese Bursche füttere und pflege. Dann sind noch die Prachtgewande beizustellen und der Schmuck für eben diese Choreuten, und ihr wißt, was heutigentags in diesem Punkte die Athener verlangen. Sehen sie nicht vergoldete Kränze und jede Art dionysischen Prunkes aufgewendet, so ist an einen Sieg nicht zu denken. Ich weiß nicht, ob ich diesmal unter einem Aufwande von fünftausend Drachmen davonkomme. Aber ich würde auch das Doppelte aufwenden, wenn es sein müßte, um den Pfauenzüchter Pyrilampes auszustechen, der mit einer Tragödie des Weiberhassers Euripides sich um den Preis bewirbt. Sophokles weiß es bereits, du aber noch nicht, mein lieber Polos, was dieser Mensch bis heute schon getan, um mir den Sieg aus den Händen zu winden. Gleich anfangs suchte er den Archonten zu bestechen, dann war er bestrebt, mir die besten Choreuten abspenstig zu machen. Zuletzt bot er sogar dem Chormeister heimlich Geld an, damit er die Einübung des Chores lässig betreibe. Das alles genügte ihm noch nicht. Als mein Schmuck und die prächtigen Kostüme für den Chor schon angefertigt waren und im Laden des Verfertigers bereit lagen, von einer Pracht, die nicht zu überbieten ist, ging dieser Mensch hin und wollte den, der dieselben angefertigt hatte, zwingen, sie ihm zu verkaufen. Als dieser nicht wollte, ließ er ihn von seinen Sklaven durchprügeln und drohte, ihm nächtlicherweile das Haus mit allem, was darin, über dem Kopfe in Brand zu stecken. So treibt es dieser Wicht Pyrilampes!« – »Getrost, getrost, du Teurer!« hub Polos mit Pathos an, »Noch ist im Himmel Zeus Und siehet alles und herrscht gewaltig. Ihm stell' es anheim, dein bitt'res Grollen, Und nicht hasse zu sehr, noch vergiß du sie,                   denen du zürnest!« – »Im übrigen«, fuhr Polos in weniger hochgestimmtem Tone fort, »kenne ich diesen Mann und seine Ränke selbst, o Hipponikos! Du meinst, mich über ihn belehren zu können; aber ich selbst kann dir erzählen, was du nicht weißt, welche Mittel er ins Werk setzte, um mich der Tragödie des Sophokles abspenstig zu machen. Aus dem eigenen Säckel versprach er eine große Summe dem öffentlichen Ehrensolde beizulegen, wenn ich in der Tragödie des Euripides auftreten wollte. Ich aber – wie Philoktetes stand ich da, als der schlaue Odysseus ihn und seinen siegreichen Bogen nach Ilion entführen wollte: »Nimmer und nimmer, o wisset es sicherlich, Nicht, wenn mich der glühende Donnerkeil Flammensprühend wollte verbrennen!« – »Ich danke den Göttern, Polos«, sagte Hipponikos, »daß ein Mann wie du so treu zu uns hält; denn ein Chor mag noch so trefflich sein, wenn die vom Staate beigegebenen Schauspieler nichts taugen, so pfeifen und zischen die Athener.« »Und ich danke den Göttern«, sagte Polos, »daß du es bist, Hipponikos, welcher den Chor des Sophokles ausstattet; denn wenn auch die Schauspieler trefflich sind, der Chor aber nicht über die Maßen glänzend, so trommeln die Athener mit den Händen und mit den Füßen!« – Nun traten ein paar neue Ankömmlinge ins Haus. Es waren die Schauspieler Demetrios und Kallipides. Sie wurden von Hipponikos freundlich empfangen und wechselten auch Begrüßungen mit Polos, mit welchem sie sich schon so manches Mal auf der Bühne, namentlich in den Tragödien des Sophokles, zusammengefunden. »Ich sehe nun alles«, sagte Hipponikos, »was für den Sieg der »Antigone« zusammenwirken soll, in meinem Hause versammelt.« »Die Einübung der Chöre«, sagte Sophokles zu den Schauspielern, »hat längst begonnen; wir harrten eurer mit Ungeduld. Nun seid ihr da, und wir wollen nicht säumen. Zur Verteilung der Rollen zu schreiten. Da ist vor allem Antigone selbst: sie fällt dem Inhaber der ersten Rolle zu.« Dabei wendete er sich gegen Polos, den »Protagonisten«. Dieser, so wie seine Genossen, nahm die Sache schweigend hin, als etwas, das sich von selbst verstehe. Sophokles aber unterbrach sich selbst mit der Frage an Polos: »Hast du von der schönen Milesierin Aspasia gehört?« Und als dieser bejahte, fuhr er fort: »Wenn wir auf diese Milesierin hören wollten, lieber Polos, so müßte ich den Archonten bitten, mir ein Weib für die Rolle der Antigone zuzuweisen. Ich hatte mit ihr ein hitziges Wortgefecht zu bestehen, in welchem sie unsern Brauch, die Frauenrollen von Männern spielen zu lassen, tadelte und sagte, man müsse den Frauen erlauben, die Bühne Zu betreten. Vergebens berief ich mich auf die Masken, welche das Antlitz verdecken, und auf den ungeheuren Raum des Theaters.« Polos lachte verachtungsvoll. »Wie?« rief er dann mit Entrüstung, wenn ich als Elektra hervortrat und anhub: »O heiliges Licht, Und du erdumwogender Aether« – vermißte da irgendwer das Weib in mir, in meiner Haltung, in meiner Stimme, die aus den Lippen der trauervollen Maske hervorquoll?« »Niemand! niemand!« riefen alle. »Und wenn ich die Urne mit der vermeintlichen Asche des Bruders leidvoll umfaßte«, fuhr der erregte Polos fort: »Denkmal des teuersten der Menschen, übrig mir Du von Orestes' Leben« – »Das ganze Theater war gerührt, erschüttert, in Trauer aufgelöst!« rief Sophokles, und die übrigen stimmten bei. »Man hörte niemals auf der Bühne«, fuhr Sophokles fort, »eine Stimme, die rührender, nie eine, die weiblicher klang als die deine!« »Hoffentlich willst du damit nicht behaupten«, erwiderte Polos, »daß meine Stimme überhaupt einen weiblichen Charakter habe? Ich denke, du erinnerst dich noch meines Ajas: »Ha, wehe mir, daß ich sie ließ, Die Bösewichte, aus der Hand, Und dafür die gehörnten Stiere Und die laute Geißherde befiel. Das schwarze Blut vergießend« – Die Stimme des Polos erschien beim Vortrag dieser Worte völlig verändert. »Das ist die tiefste, gewaltigste aller Heldenstimmen!« riefen die Hörer begeistert. »Wie? und mein Philoktetes?« fuhr Polos fort; »mein Schmerzensausruf, wenn das alte Schlangengift in mir aufkochte – mein »Ai! ai! ai! ai! weh mir, es kommt – es kommt« – Und wieder riefen alle: »Welche Leidensstimme! Welcher Naturlaut des Gramvollen, Siechen, Gebrochenen!« »Nun wohl!« rief Polos; »wenn ich aber dann am Schlusse der Tragödie anhub: »Wohlan, nun scheid' ich und grüße das Land! Ihr Quellen und du, süßlabender Trank« – »Es war ein herrlicher Augenblick«, sagte Hipponikos zustimmend; »aber das schönste, was ich von dir gesehen und gehört, war doch, wie du als Ajas auf der Bühne standest und jenes wundervolle Selbstgespräch hieltest« ... »Du meinst«, sagte Polos »wie ich in der einsamen Schlucht vor dem sühnenden Selbstmorde das Schwert mit der Spitze aufwärts in den Boden steckte« ... »Da steht der Würger, wie er wohl am besten wen Durchbohrte, wenn zu klügeln wer die Muße hat« – »Das ist's!« rief Hipponikos, »und wie du dann zuerst den Zeus anriefst, und dann die Erinnyen-Jungfrauen, und dann den Helios« ... »O Helios«, fiel Polos ein – »O Helios, wenn mein heimatliches Land du siehst, So halte du den goldgeschmückten Zügel an, Und tue mein Verderben kund und meinen Tod« – »Und wie du so«, fuhr Hipponikos in begeisterter Erinnerung fort, »zu allerletzt noch der Heimaterde gedachtest und des väterlichen Hauses Herd anriefst, und Salamis, und die Stadt des Ruhmes, Athen, und dein verwandtes Athenervolk – da zuckte es flammend auf in den Herzen von zwanzigtausend Athenern! Stolz wogte die Brust eines jeden im Vaterlandsgefühl, und jeder einzelne fühlte sich mitangesprochen vom Scheidegruß des sterbenden Helden! Bis dahin waren sie gerührt gewesen und im stillen erschüttert – jetzt brachen sie los in einen Beifallssturm, der dir galt, und dem Sophokles und dem vaterländischen salaminischen Helden!« »Mit Recht, o Hipponikos«, sagte jetzt Sophokles, »rühmst du den Polos, aber vergiß nicht, auch die Verdienste des Demetrios und des Kallipides anzuerkennen. Auch sie sind gesucht und geehrt in den Hellenenstädten: auch sie haben mancher meiner Tragödien zum Siege verholfen.« – »Dir, Demetrios«, fuhr er fort, »überlasse ich diesmal den würdigen König Kreon; dem jungen Kallipides die Ismene. Ein paar Nebenpersonen gibt es noch, die zwar nur für einige Augenblicke auf der Bühne erscheinen, die ich aber doch nicht den nächsten besten zur Aushilfe herbeigeholten Stümpern anvertrauen möchte.« »Her damit!« riefen die Schauspieler; »jeder von uns ist bereit, so viele Personen als man will, wenn sie nicht zu gleicher Zeit auf der Bühne stehen, zu übernehmen. Unter der Maske läßt sich alles spielen.« »Da ist zunächst der liebende Haimon«, sagte Sophokles; »er tritt erst auf, nachdem Antigone schon zum Tode geführt worden.« »Dann gib mir den liebenden Haimon!« rief Polos. »Des blinden Sehers Teiresias muß sich Kallipides annehmen«, fuhr Sophokles fort. »Dann ist da noch ein Wächter und ein Bote. Diese beiden haben lange Erzählungen vorzutragen, Erzählungen aber sollen auf der Bühne immer so trefflich als möglich vorgetragen werden. Nichts ist unangenehmer, als wenn sie durch einen Menschen, der kaum zu reden versteht, herausgestottert werden. Ich habe mich entschlossen, diese beiden kleinen Rollen selbst zu spielen. Habe ich doch auch bei meinen früheren Stücken manches Mal in dieser Weise mit eingegriffen.« Die Schauspieler klatschten dem Dichter Beifall zu, wie geehrt durch diese Genossenschaft. Hipponikos stimmte ein. »Zuletzt ist da noch Eurydike, die Gemahlin des Kreon«, sagte Sophokles; »sie erscheint mit wenigen Worten gegen den Schluß der Tragödie.« »Her da mit der Eurydike!« rief Polos. »Sie ist weggegeben!« erwiderte Sophokles. »Einer, der noch nie die Bühne betreten, und der ungenannt sein will, wünscht diese Eurydike zu spielen.« Die Neugierde des Hipponikos und der Schauspieler wurde durch die geheimnisvolle Miene des Dichters nicht wenig aufgestachelt. Dieser aber verweigerte jede weitere Auskunft. Er händigte sodann den Schauspielern Abschriften der Tragödie ein, gab ihnen noch Winke über die Auffassung und Darstellung ihrer Rollen und ordnete die Gewandung an, in welcher sie erscheinen sollten. Hierauf stellte ihnen Hipponikos die fünfzehn Choreuten vor, samt dem Chormeister, und lud sie ein, den heutigen Uebungen des Chores beizuwohnen. Unter Flötenschall begann dieser mit feierlichen Sangweisen und jenem feierlichen Tanzschritt, der dem Gotte galt, weil ja der ausdrucksvolle Tanz um des Gottes Altar des dramatischen Spieles erster Beginn gewesen, jetzt zur Rechten, jetzt zur Linken schreitend, jetzt stillestehend, jetzt auseinandertretend, jetzt sich wieder vereinigend, jetzt rascher, jetzt langsamer sich bewegend, die zahlreichen und herrlichen Hymnen der »Antigone« vorzutragen. Feurigen Mutes gab der Didaskale oder Meister und Lehrer des Chors den Takt mit den Händen, mit den Füßen sogar, und manches Mal, wenn der Eifer ihn überwältigte, mit dem gesamten Leibe. Der Dichter selbst trat häufig hinzu. Seine Sache war es ja gewesen, auch die Sangweisen der Chorlieder zu ersinnen, die tanzartigen Bewegungen des Chores festzustellen. Zuweilen ließ er den Flötenspieler beiseite treten, ergriff ein Saitenspiel und begleitete mit diesem den Chor, um besser den Gesang, sowie die feierlichen Bewegungen desselben leiten zu können. Wie Sophokles im Hause des Hipponikos, so bemühte sich Euripides im Hause des Pyrilampes, Ion im Hause des Midias, Kratinos im Hause des Aristokles, und andere Dichter in den Häusern anderer Choregen, gleich Feldherren unter den Ihrigen wandelnd, unterweisend, spornend, alle nach dem dionysischen Siegespreise begierig. Die Häuser der Choregen waren ebenso viele Herde, von welchen aus eine erwartungsvolle Aufregung und eine lebhafte Parteinahme zum voraus über die ganze Stadt sich verbreitete. War am Siege des Choregen doch die engere Stammgenossenschaft, welcher er angehörte, mitbeteiligt und wurde mit ihm als Siegerin ausgerufen. Die in solcher Zeit gewöhnliche Spannung des Athenervolks war diesmal auf einen um so höheren Grad gesteigert worden, da Hipponikos und Pyrilampes die unerhörtesten Anstrengungen machten, sich des Triumphes zu versichern, und da die Feindseligkeiten, welche die beiden Wettkämpfer gegen einander ausübten, und welche jeden Tag in Tätlichkeiten auszuarten drohten, unausgesetzt die Beweglichkeit athenischer Zungen in Anspruch nahmen. Die Angelegenheiten des Staates, die Nachrichten aus den Kolonien, die Geschäfte des Piräus, alles war beiseite gesetzt; und wäre eben irgendwo eine Athenerflotte gegen einen Feind in See gewesen, man würde in diesen Tagen doch weniger von ihr gesprochen haben als von Hipponikos und Pyrilampes. Aber siehe da, auf der Agora begegnen sich soeben zwei Männer, welche in vertraulichem Tone von ganz anderen Dingen mit einander sprechen, als von Hipponikos und Pyrilampes. Die beiden Männer sind Perikles und Anaxagoras. »Du bist nachdenklich«, sprach der Weise den Freund an; »trägst du dich mit einem neuen Gedanken, das Staatswesen betreffend, oder liegt ein schönes Weib dir im Sinne?« »Vielleicht beides!« versetzte Perikles. »Wie schön, wenn man das eine davon, die Weiber, entbehren, sich ungeteilt den Staatsgeschäften, oder der Weisheit, oder sonst einer großen, ernsten Sache hinzugeben vermöchte!« »Man kann die Weiber entbehren – man kann alles entbehren!« sagte mit Nachdruck Anaxagoras und verlor sich in eine Erörterung, um wie viel besser es sei, da man ja doch nichts so eigentlich und wahrhaft und unverlierbar besitzt, auf alles und jedes von vornherein zu verzichten. Perikles hörte den Weisen mild und ruhig an, hatte aber dabei doch nicht das Ansehen eines Mannes, der eines Besseren belehrt und überzeugt worden ist. »Und wenn du nun einmal«, schloß Anaxagoras seine Rede, »das Weib nicht missen magst, so ist, verstandesmäßig betrachtet, das deine, ich meine Frau Telesippe, so gut wie jedes andere. Sie gebiert dir Kinder, was willst du mehr von ihr?« »Du kennst sie ja«, versetzte Perikles. »Du weißt, wie sie abergläubisch ist und beschränkten Sinnes und keiner Muse Freundin. Vielleicht ließe sich das ertragen, wenn sie nur auch soviel Sanftmut besäße, als man ihr erweist. Aber dies Weib ist immer voll des Widerspruchs und voll der Vorurteile, und immer verkehrt sie meine wohlmeinendsten Absichten zur Beleidigung. Wenn ich mir früher noch manches Mal herausnahm, ihr ein zierliches Untergewand zum Geschenk zu machen oder sonst etwas Reizendes, was im Hause oder im ehelichen Gemach für mein Auge sie schmücken sollte, so nahm sie dies sehr übel auf und fragte: »Bin ich dir etwa nicht mehr schön genug, daß du solche Dinge bei mir für nötig hältst? Wenn ich dir nicht gefalle, wie ich bin, so will ich dir auch geschmückt nicht gefallen!« Kann man törichter und unweiblicher sprechen? Schmückt nicht selbst das jüngste, schönste Weib sich gerne für den Geliebten, und ist es nicht der natürliche Drang des Liebenden oder des Gatten, das Weib seiner Wahl zu schmücken? In allen Dingen überhaupt, welche den Verkehr der Liebe betreffen, hat sie immer jenen blöden Eigensinn besessen, welcher das blühendste Weib unleidlich macht. Du weißt ferner, daß es mir eigen, die Reinlichkeit bis zur Leidenschaft zu lieben, wieviel der bitteren Worte sind schon zwischen mir und ihr gefallen wegen des Ferkel- und Geflügelpferchs, der nach alter Unsitte unmittelbar neben dem Herde des Hauses steht, und der mir ein Greuel, ihr aber ans Herz gewachsen ist. Das Gefühl des Ekels kennt sie nicht. Bietet sie mir nicht zum Kusse die Lippe dar, besudelt mit dem Schmutze oder dem Geifer, den sie soeben vom Antlitz ihrer Rinder weggeküßt? Denn im Schmutze, ja selbst im Aussatz der Rinder, wenn sie etwa erkrankt sind, mit Fingern und Lippen ohne Not gleichsam zu wühlen, scheint ihr ein natürlicher und notwendiger Erguß der Mutterliebe. Aber soll die Mutter nicht auch Gattin sein? Soll ein richtig denkend und empfindend Weib nicht beide Liebespflichten zu vereinigen und auszugleichen verstehen? Und was frommt die Mutterzärtlichkeit, der angeborne Trieb, den sie mit jedem Affenweibchen teilt, wenn er in der dunklen Naturtiefe beschlossen bleibt, wenn er nicht gepaart ist mit der richtigen Einsicht, mit der Einsicht dessen, was den Erzeugten wahrhaft ersprießlich und was nicht? Hast du nicht selbst schon oft gefragt: was nützt der Trieb ohne die Erkenntnis und ohne die sittliche Weihe, die ihn aus dem Tierischen erhebt ins Menschliche?« »In diesem letzten Punkte sagst du Schönes und Richtiges!« bemerkte Anaxagoras. »Aber was die schönbefransten, safranfarbigen Röckchen und dergleichen Dinge betrifft, welche Telesippe nicht nehmen will oder wollte, so ist dies, nach der Vernunft betrachtet, Torheit und verderbliche Lüsternheit. Solche Schönseligkeit ist vom Uebel. Weib ist Weib, sage ich dir. Im Namen der Weisheit: Laß ab von der Schwärmerei für die schöne Milesierin Aspasia!« »Ist es meine Schuld«, fragte lächelnd Perikles, »wenn die Schönheit auf Erden von den Göttern mit größerer Macht ausgerüstet worden ist als die Weisheit?« – Am Tage dieses Zwiegespräches ereignete sich etwas, das, wenn Perikles es zufällig mit Augen gesehen, ihn stutzig und bedenklich gemacht, vielleicht seinen Glauben an die Trefflichkeit der Milesierin erschüttert, die helle Glut seiner Begeisterung für sie, wie einen Brand des Herdes durch zugegossenes Wasser, mit plötzlichem Rauch und Qualm getrübt haben würde. Von Aspasia zu dem Dichter Sophokles, von diesem zur Milesierin waren schon zu wiederholten Malen heimliche Boten gegangen. Ja, einmal hatte man den Dichter selbst in dämmernder Abendstunde verstohlen das Haus der schönen Freundin des Perikles betreten gesehen. Diesmal aber ereignete es sich, daß Aspasia, in ihr Haus zurückkehrend, begleitet war von einem Manne, welchen spähende Nachbarn in der Abenddämmerung für den Perikles hielten. Aber es war Sophokles. Vor der Tür des Hauses angelangt, standen die beiden einen Augenblick stille. Erwogen sie etwa, ob der Begleiter die Schwelle überschreiten oder vor derselben umkehren solle? Zuletzt tat dieser in seiner sanften Art an die Schöne die Frage: »Was ist heiliger: die Freundschaft oder die Liebe?« – »Heiliger ist doch wohl in jedem einzelnen Falle diejenige von beiden, welche älter ist« – sagte lächelnd Aspasia, die rätselhafte Frage ebenso rätselhaft erwidernd. – Nachdem diese Worte gewechselt waren, verabschiedete sich Sophokles und ging zurück, während Aspasia in ihr Haus trat. – Am Morgen nach diesem kleinen Begebnis verfügte der Seher Lampon sich in das Haus der ihm wohlwollenden Schwester des Kimon. Er kam von der Akropolis herunter, von Diopeithes, mit welchem er wieder lange geflüstert. Kaum war die priesterliche Verrichtung, um derentwillen Elpinike den Seher gerufen hatte, beendet, so brachte dieser mit einer geheimnisvollen und vielverheißenden Miene das Gespräch auf Perikles und Aspasia. Das Mannweib und der Seher pflegten häufig und gerne die im weiten Kreise erkundeten Neuigkeiten unter einander auszutauschen. »Den stolzen Perikles scheinen die Götter strafen zu wollen«, hub Lampon an. »was ist geschehen?« frug Elpinike gespannt. »Vorläufig dies«, versetzte jener, »daß zu des Olympiers schöner Freundin Aspasia im Dämmerlichte des Abends heimlich auch ein anderer schleicht« ... »Warum nicht?« rief Elpinike. »Ist sie doch eine Hetäre. Aber wer ist dieser andere?« »Des Perikles bester Freund, der »göttergeliebte«, wie er sich gern nennen läßt, der mildlächelnde Tragiker aus dem Gau von Kolonos.« – »Ein Weiberjäger«, rief Elpinike, »ein Weiberjäger und Liebesfeinschmecker wie Perikles selber! – Aber schier alte Kunde ist es, Freund Lampon, die du bringst. Es ist lange her, daß man jenen Poeten zum erstenmal in des Perikles und der Aspasia Gesellschaft gesehen. Es ist allbekannt, daß er nicht weniger als sein Freund entbrannt ist in die Buhlerin. Es war zu vermuten, daß er zu ihr sich schleicht. Aber wer hat ihn gesehen? Wer kann es verläßlich bezeugen?« »Ich selbst!« versetzte Lampon; »ich selbst sah ihn, vernahm sogar im Vorübergehen ein kleines Zwiegespräch der beiden an ihres Hauses Tür. Und einen zweiten Zeugen, wenn ein solcher nötig, stellt Diopeithes.« »Es ist gut!« rief Elpinike mit herzlichem Behagen. »Diese Kunde, dem Perikles hinterbracht, versetzt seinem Liebesbunde mit der Milesierin den Todesstoß. Mittelpunkt und Hort aller Gottlosigkeit zu Athen ist dieser Liebesbund, und das ionische Weib ist die große Verderberin. Sie muß verdrängt, sie muß vertrieben, sie muß zu Grunde gerichtet werden, wer aber übernimmt das Botenamt an Perikles?« – »Am besten Theodota«, meinte Diopeithes. »Dieses Weib hat schon seit einiger Zeit, nicht ganz ohne Erfolg, wie es scheint, ihre Netze nach dem Liebhaber der Aspasia ausgeworfen. Und wenn sie es nun ist, die ihm den Beweis von der Treulosigkeit der Milesierin liefert, so kann sie diese am sichersten dadurch verdrängen, daß sie an ihre Stelle tritt.« »Arme Telesippe!« rief die Schwester des Kimon. »Das beste war' es freilich, du hättest gar keine Nebenbuhlerin; aber für den Augenblick ist schon viel, ist alles gewonnen, wenn nur die Milesierin vor die Tür gesetzt wird.« »So ist's!« versetzte Lampon. »Aus dem Herzen eines Mannes wie dieser Perikles kann ein schönes und schlaues Weib nur wieder durch ein schönes und schlaues Weib vertrieben werden. Theodota ist weit weniger gefährlich als Aspasia. Im Gegenteil, diese käufliche Korintherin ist Wachs in unseren Händen. Sie muß nun den Perikles unter dem Versprechen wichtiger und ausführlicher Mitteilungen über die treulose Aspasia in ihr Haus locken. Dann macht die Sache sich von selbst.« »Der Erfolg ist sicher!« rief Elpinike. »Perikles hat schon ein Auge auf sie geworfen. Ich weiß es. Er ist schon einmal in ihrem Hause gewesen, wenn auch im Geleite der Milesierin, die frech genug war, ihn dahin zu führen« ... »Auf Anstiften des Alkamenes!« sagte Lampon. »Dieser hat uns vorgearbeitet. Auch er zählt zu denjenigen, welche die Milesierin hassen und einen Vorteil davon haben, wenn sie beschämt, gedemütigt, von Perikles verstoßen wird. Er will sich rächen an dem Weibe, das ihn um des Perikles willen verlassen. Lange vor uns hat er den Plan gefaßt, die Milesierin aus der Gunst des gefeierten Mannes durch Theodota verdrängen zu lassen. Ihm fehlen die rechten Waffen gegen Aspasia. Wir wollen sie ihm liefern. Wer aber soll nun den Alkamenes unterrichten, damit dieser mit der Korintherin sich verständige?« – Elpinike dachte einen Augenblick nach, dann sagte sie: »Ueberlaß die Sorge mir. Ich kenne die Mittelwege, welche diese Botschaft einschlagen muß, um genau in der Gestalt, wie wir es wünschen, zum Ohre der Korintherin zu gelangen!« – Von dieser Stunde an hatte Aspasia nicht bloß gegen Telesippe, sondern auch gegen Theodota sich zu ernster Fehde zu rüsten. Elpinike wandte sich an ihren Freund Polygnotos; dieser war mit Agorakritos, Aspasias erbittertem Gegner, befreundet; Agorakritos überlieferte die Botschaft des Lampon und der Elpinike seinem Gefährten in der Werkstätte des Pheidias, und dieser Heißblütige fand die Gelegenheit zur Rache an der stolzen Schönen allzu verlockend; er vermittelte seiner munteren Freundin rasch und leicht die Verständigung. In diesem Zickzack also bewegte der Blitzstrahl sich, der geschleudert wurde gegen den Liebesbund des besten Mannes und des schönsten Weibes in Hellas, und der an erster Stelle heimlich geschmiedet war in der Esse des grollenden alten Gottes Erechtheus auf der Burg. – – Die Feier der Dionysien war freudenvoll und lärmvoll angegangen. Die letzten Tage des Festes waren den Wettkämpfen der tragischen Muse gewidmet. Ein leichtes Regengewölk flog, während die tolle Komödie des Kratinos unter ausgelassenem Jubel der Zuschauer in Scene ging, vom Hymettos her über das Dionysostheater, und dem Oberpriester des Dionysos, der da saß vor allem Volk in seinem herrlichen, mit Bildwerken reich geschmückten, in die Orchestra vorspringenden Marmorlehnstuhl, ward die Nase von einem fallenden Tropfen in dem Augenblicke benetzt, als der übermütige Kratinos gerade gegen die Person dieses selben Oberpriesters Agasthenes, unter hellem Gelächter der sämtlichen Athener, einen gefiederten Pfeil seines attischen Witzes abschoß. »Es beginnt zu träufeln«, sagte der Oberpriester zu seinem Nachbar Perikles, »ich denke, wir lassen das Schauspiel unterbrechen!« »Es geht vorüber!« erwiderte lächelnd der Nachbar. Doch siehe da, ein neuer Pfeil schwirrte. Und dieser Pfeil traf den Nachbar selbst. Die sämtlichen Athener lachten und sahen auf Perikles, und Perikles lächelte mit. Aber noch ein Pfeil schwirrte – von der neuen Hera klang's und dem neuen Olympier Zeus, von Omphale und Herakles ... Wieder blickten alle Athener auf Perikles. Aber Perikles lächelte nicht mehr. Ein Wölkchen flog über die Stirn des Olympiers. Der schwirrende Pfeil hatte Aspasia getroffen ... Andere Schauspiele folgten, und so ging den Athenern des ersten Tages größerer Teil dahin. Manche entfernten sich, um wiederzukehren, viele hielten aus bis zu Ende. Die Begüterten ließen sich Wein, Obst, Kuchen zur Labung von ihren Sklaven reichen. Den nächsten Tag begann das alles von neuem. Wieder saßen dreißigtausend Athener auf den Steinbänken des Dionysostheaters, die bekränzten Würdenträger auf besonderen, schön verzierten Marmorstühlen in den vordersten Reihen, die Reichen auf mitgebrachten Purpurkissen, bedient von ihren Sklaven, die Armen mit einigen Feigen oder Zwiebelfrüchten im Quersack für den ganzen Tag. Und diese wie jene fühlten sich als Männer von Athen, berufen, das Schönste zu schauen, und schwatzten von Sophokles und Ion und Euripides, oder sandten einen spähenden Blick nach den Wölkchen des Himmels, ob nicht etwa eines derselben die Festschau des Tages trüben oder unterbrechen werde. Wieder hatten die ersten Tausende des andrängenden Volkes in den Räumen des ungeheuren Amphitheaters sich wie Pygmäen verloren. Jetzt aber war das ganze Theatron von den obersten Sitzreihen bis zu den untersten vollgedrängt, ein riesiger, gärender und brausender Menschenkrater. Fast schauerlich, schwindelerregend war es, von den obersten Sitzreihen hinunterzublicken auf dies wogende Meer von Menschenhäuptern. In dem wirren Gebrause, welches daraus empordrang, machte mehr und mehr ein bedrohlicher Tumult sich vernehmlich. Sollte doch heute der wildentbrannte Wettstreit zwischen Hipponikos und Pyrilampes zur Entscheidung gelangen. Die Parteien der beiden Choregen schienen auf einander platzen zu wollen. Wenn einer derselben sich zeigte inmitten der Zuschauer, so erscholl Lärm von Freunden und von Gegnern, Zurufe des Beifalls und höhnendes Gezisch. Unablässig hatten die Agonotheten und Mastigophoren von der Orchestra aus, ihrem Standort, des Amtes zu walten, die Treppen, welche die Sitzreihen quer durchschnitten, emporzueilen, um hier einen Zank zu schlichten, dort einen Ungebärdigen zur Ruhe zu verweisen. Der Ruhigste unter so vielen Aufgeregten war Sokrates, der Grübler aus der Werkstätte des Pheidias. Dieser war auch gekommen, aber nicht sowohl um die Schauspiele, als um die Zuschauer zu sehen und über ihr Treiben seinen Gedanken nachzuhängen. »Da sitzen dreißigtausend Athener mit gespannten Mienen«, sagte er zu sich selbst, »alle darauf erpicht, eine erdichtete Geschichte mitanzuhören, sich an falschen Tränen und geheucheltem Leid zu ergötzen. Sie sind wie die Kinder, die sich offenen Mundes Märchen erzählen lassen, nur daß diese nicht wissen, daß dieselben erdichtet sind, jene aber es wissen. Woher kommt doch nur diese seltsame Lust der Menschen am Nachgeahmten, Erdichteten?« – Die schöne Theodota war unter den Zuschauern. Sie war aufs reizendste geschmückt. Ihr Blick war beständig nach dem Strategenstuhle gerichtet, welchen Perikles einnahm. Perikles versagte sich's nicht, zuweilen den Feuerblick der Dunkeläugigen zu erwidern. Endlich erklang in das Brausen der Menge hinein die hell tönende Stimme des ruhegebietenden Herolds. Nun wurde ein Trankopfer gebracht beim Altare des Dionysos. Dann erscholl aufs neue die Stimme des Herolds: »Der Chor des Ion trete hervor!« – Die Tragödie des Ion wurde von dem Athenervolke angehört, beklatscht, gewürdigt mit dem angeborenen Feingefühl. Ein tragisches Werk des Philokles folgte. Der Protagonist des Stückes genügte nicht ganz dem feinen attischen Ohre mit seiner Aussprache. Ein Zorngewitter entlud sich über ihn mit Gelächter, Gemurre, grellen Pfiffen, mit spöttisch schnalzenden Zungen und stampfenden Füßen. Eine Komödie kam an die Reihe. Nun war der Spötter Herr der Welt, erhaben über Zeus sogar und alle olympischen Götter. Der zügelloseste Witz machte sich Luft in den gediegensten Rhythmen. Dann trat der Chor des Euripides hervor. Das Werk dieses Dichters rührte die Herzen. Die Frauen waren bewegt von dem, was zum Gemüte sprach, die Männer hingerissen von den glänzenden Gedanken, mit welchen das ganze Dichtwerk gleichsam durchwoben und durchwirkt war, wie ein Purpurgewebe mit goldenen Fäden. Mit Ausrufen der Ueberraschung und Bewunderung wurde die glänzende Pracht des Chores aufgenommen. Man hatte dergleichen kaum jemals gesehen. Lärmender Beifall erscholl, als das Stück zu Ende ging. Pyrilampes nebst seinen Freunden und Anhängern schwelgten im Vorgefühl des gewissen Triumphes. In der kurzen Zeit, welche man zwischen der Darstellung dieser Tragödie und dem Beginne der nächsten verstreichen ließ, näherte sich plötzlich ein Sklave dem Stuhle des Perikles und überreichte ihm ein zusammengefaltetes Papyrosblatt. Perikles entfaltete es und las die Worte: »Sophokles schleicht im Abenddunkel in das Haus Aspasias.« Perikles war betroffen, wer hatte diese Zeilen geschrieben? – von Theodota kamen sie. Als Perikles nach dem Ueberbringer der kurzen und seltsamen Kunde sich umsah, war derselbe verschwunden. Aus ernstem Sinnen weckte den Strategen die neuerdings hellaustönende Stimme des Herolds: »Der Chor des Sophokles trete hervor!« – Und nun ging eine Tragödie der Liebe vorüber an des Hellenen Aug' und Ohr, eine Tragödie der Liebe in jenen drei Gestalten, in welchen sie nacheinander das Menschenherz besucht auf seinem Lebensgange: der Geschwisterliebe, der bräutlichen Liebe, der Kindesliebe. Um des geliebten Bruders willen stirbt Antigone, um der geliebten Braut willen stirbt Haimon, um des geliebten Sohnes willen stirbt Eurydike. – Langes, dunkles Trauergewand umwallt die hohen Gestalten der Oedipustöchter. Die Masken zeigen ernste, edle Mädchengesichter, weich und rührend tönen ihre Stimmen – den Bruder zu bestatten schwört Antigone, den geliebten Bruder, welchen König Kreon zum Fraß den Hunden und den Vögeln vorgeworfen; eingepflanzte göttliche Pflicht erfüllen will sie zum Trotze menschlicher Satzung. Der Chor der edlen thebanischen Greise tritt hervor, seinen ernsten Reigen entfaltend, in Purpurgewanden voll dionysischen Festprunks, die Häupter golden bekränzt, es erklingt der herrliche, stürmisch bewegte, im Wechsel seiner Rhythmen hinreißende Hymnus: »Strahl von Helios' Glanz, du Licht« – König Kreon betritt die Scene in goldgesticktem Purpurgewand, die Stirn mit einem Diadem geschmückt, auf ein Scepter gestützt, dessen Spitze einen Adler trägt. Ueber das menschliche Maß hinaus erhöht der Kothurn seine Gestalt, gebietende Würde verleiht ihm die Maske, gewaltig steht er da, selbst für das Auge des fernsten Beschauers im ungeheuren Raume. Des gebietenden Herrschers Recht macht er geltend der edlen Mädchengestalt gegenüber – sie aber kennt nur eine höchste Pflicht, ihr ins Herz geschrieben: die Liebe – und dem König, welcher die Grausamkeit gegen den Bruder mit dem gerechten Hasse der Bürger von Theben gegen den Toten begründet, hat sie nur das eine unsterbliche Wort zu erwidern: »Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da!« – Und sie geht hin, zu tun, was sie gelobt, und das Recht der Lebendigen für das Recht der Toten zu opfern. In ernster, erhabener Psalmodie erwägt der Chor des Menschen wagenden Sinn und himmelstürmenden Entschluß – und wieder betrauert er das fortzeugende, forterbende Leid der Labdakiden – Haimon kommt, des Kreon eigner Sohn, und fleht um das Leben der Antigone, um das Leben seiner Braut – aber starr an seiner Satzung hält der Fürst – es gibt der Bräute noch genug, und »pflügbar ist auch anderes Ackerland« – hin geht, verzweifelnd, mit unheilschwangerem Wort der Bräutigam – und nun ertönt im Chor der edlen Thebanergreise jenes Lied, das gedichtet ward an dem glutenreichen Tage, da Perikles und Aspasia weilten in des Dichters Rosengehegen am Kephissosufer: »Eros, du Allsieger im Kampf« – Jetzt aber beginnt im hymnischen Wechselgespräch mit dem Chore die rührende Totenklage der Oedipustochter, welche lebendig hinabzusteigen verdammt ist in die Steingruft – herzergreifend erklingt die lange Threnodie, und von erhab'ner Rührung feuchtet auf diesem Höhepunkte des Trauergeschicks sich jedes Aug' im weiten Kreise der lauschenden Athener – an Danae erinnert, der Jungfrau nachblickend auf ihrem Todesweg, der Greise Chor, an sie, die, wie nun Antigone, »des Tages Glanz verlor in dem erzdichten Gebäu« – Teiresias kommt, der unfehlbare Sehergreis, und spricht mit ernster Mahnung tief ins Gemüt des Unversöhnlichen, und endlich wenden seinen starren Sinn die Himmlischen – ab läßt er, von grauser Ahnung plötzlich erfaßt, von seinem Herrschertrotz – schon jubelt der Chor auf in einem freudigen Hymnus, herbeirufend den Freudengott Dionysos – wunderbar erklingt der Jubelchor nach dem düsteren Grabgesang – aber er verhallt und macht aufs neue Platz dem Grabgesang – schon hat Antigone in der steinernen Gruft sich selbst getötet, und ihren Leib umfassend ist Haimon mit ihr hinabgegangen, verblutend am eignen Stahl, in des Hades Nacht – Und nun erscheint des jammernden Königs Kreon Gemahlin Eurydike. Aus des Boten Munde vernimmt sie die Botschaft der vereinten Todeslose in der Steingruft der Oedipustochter. Sie vernimmt des Sohnes Tod, und diese Kunde bricht der Mutter eignes Herz. Wunderbar ergriff die Gemüter jener Todesbericht aus dem Munde des Boten. Wunderbar noch erklangen die wenigen Worte aus dem Munde der todgeweihten Königin. Atemlos lauschte die Menge dem Ausklingen des hehren Trauerspiels: in einer die Besonnenheit preisenden Strophe verhallte wie mit großartigem Schlußakkorde die Dichtung. Groß und tief war der Eindruck, welchen die Tragödie des Sophokles, drei Liebesbünde und drei Todeslose in einander schlingend, auf die Gemüter der lauschenden Hellenen hervorbrachte. So schön war der strenge, finstere Ernst der tragischen Kunst noch nie gemildert worden – so menschlich war das Erhabene, so erhaben das Menschliche niemals ausgesprochen worden. Aber auch niemals hatte in einem tragischen Werk die Fülle herrlicher Gesänge so reich und sinnvoll über die Zuhörer sich ergossen; so harmonisch vollendet bis ins kleinste hatte die attische Bühne keine Darstellung gesehen, und so kunst- und glanzvoll war niemals ein Chor vor die versammelten Athener getreten. Als dieser Chor des Hipponikos abgegangen war, und der dramatische Wettstreit des Jahres zu Ende gekommen, erhob das gesamte Volk mit lautem Rufe sich so ungestüm zu Gunsten des Hipponikos, daß die Preisrichter ohne Beratung unverweilt den Dichter der Antigone und seinen Choregen den noch versammelten, auf den Urteilsspruch mit Spannung lauschenden Athenern als Sieger im Vereiche der Tragödie verkündigten, Sophokles und Hipponikos erschienen dem Brauche gemäß auf der Scene, um noch vor den Augen des Volkes jeder für sich einen Siegeskranz aus den Händen der Preisrichter in Empfang zu nehmen. Unmöglich ist es, die Freude und den Stolz des Hipponikos zu schildern, unmöglich auch die grollende Erbitterung des Pyrilampes und seiner Anhänger. Als Perikles durch die Pforte des Ausgangs, umdrängt von dem übrigen Volke, des Theaters Raum verließ, sah er im Gedränge plötzlich Theodota neben sich. Ihr schönes Antlitz war ihm einen Moment mit den ausdrucksvollsten Blicken, mit dem bedeutungsvollsten lächeln des Mundes verlockend zugewandt. Ungesehen drückte sie nun selbst ein beschriebenes Blatt in seine Hand. Perikles las auch dies. Sein Inhalt lautete: »Verlangst du Kunde von Sophokles und Aspasia, so komm zu Theodota! Ein Sklave erwartet dich unter den Säulen des Tholos und wird auf verborgenem Wege durch eine Hinterpforte in mein Haus dich geleiten.« – Bevor Perikles sich besinnen konnte, ob er dieser Aufforderung folgen solle, geriet er weiterschreitend in den Schwarm der Freunde des Sophokles, welche diesen beglückwünschend umdrängten. Als der Dichter ihn erblickte, entzog er sich den Freunden und eilte ihm entgegen. Perikles, obwohl verstimmt und nachdenklich, beglückwünschte auch seinerseits den Sieger. »Ich danke dir«, sagte Sophokles, »aber sprich nicht als Freund zu mir, sondern als Kunstrichter.« Mit Mühe das, was in diesem Augenblicke ihn mehr als alles innerlich beschäftigte, zurückdrängend, sagte Perikles: »Weißt du, was mich nachdenklich gemacht hat in deinem Trauerspiel? Es hat mich gleich vielen anderen deiner Hörer fast befremdet, neben den Banden des Blutes, welche dem Hellenen von uralter Zeit her immer hochheilig gewesen, nun auch die Bande der bräutlichen Liebe mit gleichem Recht, mit gleicher Macht, mit gleichem Todesernst in der Tragödie zur Geltung gebracht zu sehen, lebhaft beschäftigt diese Neuerung meinen Geist, und noch weiß ich nicht zu sagen, ob du völlig recht getan.« Abspringend von dem Gegenstände fuhr Perikles fort: »warst du es nicht selbst, der unter der Maske des Boten jene ergreifende Erzählung vom Tode des Haimon weihevoll gesprochen? Ich glaubte deine Stimme zu erkennen, wer aber sprach die Worte der Eurydike? welcher Schauspieler steckte unter der Maske dieser Königin? ich weiß nicht, welcher eigentümliche, auf das Gemüt geheim wirkende Zauber die Scene umschwebte, in welcher ihr beide, du als Bote und jene Königin, einander gegenüber standet. Ich habe niemals auf der Bühne so sprechen gehört, wie diese Königin gesprochen, welcher Mann, wenn nicht Polos, vermochte den wunderbaren Reiz dieser Stimme zu erkünsteln?« »Auch Polos nicht!« erwiderte Sophokles lächelnd. »Du hast von Neuerungen in meiner Tragödie gesprochen; wisse, daß bei dieser Darstellung heut' auch eine Neuerung sich vollzog, von welcher bis jetzt keine Menschenseele Kenntnis hat, als ich selbst und der ehrliche Hipponikos. Zum ersten Male seit der Zeit, als Thespis seinen Karren in Bewegung setzte, hat am heutigen Tage auf unserer Bühne sich unter der Maske ein wirkliches Weib verborgen. Sei du der dritte Mitwisser dieses Geheimnisses und laß es zwischen uns dreien begraben sein für alle Folgezeit.« »Und wer war das Weib«, fragte Perikles, »das es gewagt hat, wenn auch unerkannt, die Bühne zu betreten, und dem alten Brauche, der alten guten Sitte zu trotzen?« »Du sollst sie sehen!« erwiderte Sophokles, verschwand für einen Augenblick, und kehrte zurück mit einer bis zur Unkenntlichkeit vermummten und verkleideten Frauengestalt. Als Sophokles in Begleitung dieser Frauengestalt den Perikles etwas weiter abseits geführt hatte, bis sie völlig sicher waren vor den neugierigen Blicken der Menge, sagte er: »Bedarf es noch der Entschleierung, Perikles, um das Weib zu erkennen, welches nicht bloß das schönste, sondern auch das kühnste seines Geschlechtes ist?« Perikles war betroffen. »Es bedarf der Entschleierung!« sagte er in kühlem und ernstem Tone. Mit entschiedener Handbewegung zog die Frauengestalt den Schleier vom Gesicht, und Perikles stand Aspasia gegenüber. Er blieb stumm. Der Inhalt jener Zeilen Theodotas schien nun bestätigt. Aspasia hatte, wie es jetzt offenbar wurde, ohne sein Wissen mit dem Dichter geheim sich verschworen, hatte den verwegenen Plan im Vereine mit diesem ausgeführt. Allerdings kannte er die Freundestreue des edlen Sophokles; aber Aspasia hatte einen neuen Beweis gegeben, daß ihr Geist in heiterer Freiheit aller Fesseln spotte. Alles, was der ihr stumm ins Antlitz blickende Perikles dachte, las Aspasia klar auf seiner Stirne, in seinen Brauen, im Blicke seiner Augen. Und dies beredte Schweigen mit beredtem Wort erwidernd hub sie an: »Runzle nicht die Stirne, o Perikles, und vor allem zürne nicht deinem Freunde Sophokles, von mir gezwungen tat er, was er tat« ... »Zürne aber auch Aspasia nicht«, fiel der Dichter ein, zu Perikles gewendet, »und wisse vor allem, daß sie es war, die mir zu bedenken gab, heiliger als die Liebe sei die Freundschaft, wenn sie älter ist als die Liebe« ... »Kampf gegen das Herkommen ist meine Sendung!« fuhr Aspasia fort. »Und warum zürnest du mir, daß ich an des Dichters Gebilden nicht geringeren Anteil nehme, als an den Marmorbildern in der Werkstätte des Pheidias? Um die Schönheit und die Freiheit zu finden, ging ich nach Hellas. Hätte ich Sklaverei gesucht, so wäre ich am Perserhofe geblieben und hätte hingelebt unter dem schläfrigen Liebeswink aus den müden Augen des großen Königs. Was dich in diesem Augenblicke beherrscht, Freund, das ist ein Wahn, ein Vorurteil, ein grämliches Empfinden, unwürdig eines Hellenen. Hinweg damit, o Perikles!« In diesem Augenblicke trat Hipponikos hinzu und lud den Perikles und mit ihm Aspasia ein, an dem Festmahle teil zu nehmen, mit welchem er an einem der folgenden Tage seinen und des Sophokles Sieg in würdiger Weise zu feiern gedachte. Es begann bereits abendlich zu dämmern, als Perikles sich von Hipponikos, Sophokles und Aspasia trennte. Sinnend schritt er heimwärts. Er dachte an Aspasia. Er erwog in seinem Herzen, was sie soeben zu ihm gesprochen. Er gab ihr völlig recht. Keine Fessel durfte die Liebe sein, kein Sklavenjoch für Aspasia. Aber auch für ihn selbst nicht! – »Du kannst Theodota besuchen!« sagte er zu sich; »es ist vielleicht nicht gut, in erstarrender Gewöhnung lange Zeit einem einzigen Weibe zu frönen.« – Die Forderungen der stolzen und freien Aspasia klangen jetzt harmonisch in seinem Gemüte zusammen mit den Mahnworten des Anaxagoras. Er erinnerte sich nun wieder des Briefleins der Korintherin, und des Sklaven, der ihn unter den Säulen des Tholos erwartete. Die Kunde, welche ihm Theodota gegeben, war ihm freilich inzwischen durch Sophokles besser enträtselt worden, als Theodota es zu tun vermocht hätte. Aber konnte sie nicht doch noch etwas zu sagen haben? – Er kam zu den Säulen des Tholos. Der Sklave trat auf ihn zu und führte ihn durch menschenleere Gäßchen, bis zu einem Gartengehege, wo er eine kleine Pforte zu öffnen sich anschickte. Perikles stand an Theodotas Schwelle. Er konnte eintreten. Niemand sah ihn. Die Nachtigallen trillerten in den Büschen des Gartens. Plötzlich aber stockte der Fuß des Perikles. Er besann sich nun erst, daß jetzt, ja eben jetzt die Lust zu einem Gespräche mit Theodota ihm gänzlich fehle ... Er erstaunte über sich selbst. Er sagte dem Sklaven, er müsse es auf ein andermal verschieben, durch dieses Pförtchen einzutreten. Verblüfft sah ihm der Sendling ins Gesicht. Er aber entfernte sich mit langsamen Schritten und verfolgte seinen Weg. – Der Mond war aufgegangen. In seinem Widerschein erglänzte das Meer und silbern schimmerten die Gipfel der Berge von Attika. Die Luft war lind und labend. Da schlugen plötzlich noch einmal, von den abendlichen Lüften getragen, aus der Ferne Bruchstücke des Chorgesanges »Eros, du Allsieger im Kampf« ans Ohr des Perikles. Die aus dem Theater heimziehenden Jünglinge sangen die Bruchstücke jenes Eosliedes, das sie begeistert hatte, fröhlich hinaus in die laue Frühlingsnacht ... Eine Unruhe anderer Art gesellte sich zu der inneren Erregung des Perikles und zu seinen Gedanken an Aspasia. Er beneidete den Sophokles und den Hipponikos um die Lorbeern des Tages. Es war ihm, als sollte er sich umgürten mit dem Schwerts, und ein Heer oder eine Flotte versammeln, und fortstürmen zu glänzenden Siegen. Der lange Friede begann ihm glanzlos zu erscheinen. Ein drückendes Gefühl beschlich ihn, von welchem er im sinnenden Weiterschreiten zuletzt nur wieder loskam durch den Anblick der vor ihm aufglänzenden Akropolis und durch den Nachklang des Antigone-Tages in seiner Seele. Er war nämlich inzwischen an der Stelle des ansteigenden Weges angelangt, wo von einer Seite die gewaltige Granit- und Marmormasse des Dionysostheaters ihren weiten Schlund in der Tiefe auftat, darüber aber von der anderen Seite die Felsen des Burgberges mondbeglänzt emporragten. Grabstill war es geworden in den ungeheuren Räumen des Theaters, wo den Tag über ein so buntes, bewegtes Leben sich geregt hatte, wo die höchsten Gebilde hellenischer Dichtung weihevoll erklungen waren. Perikles blickte hinunter in diesen marmornen Abgrund und dann wieder empor zu der monderhellten Höhe der Akropolis, wo das sich formende Gestein des werdenden Tempels erglänzte. Sein persönliches Ich, sein Einzelgeschicksal zerrannen ihm in einer größeren Strömung, das Wölkchen auf seiner Stirn zerstreute sich, seine Brust hob sich, und von dieser Tiefe herauf, wie von jener Höhe herab, fühlte er ahnungsvoll sich angeweht von einem Hauch unsterblichen Lebens. X. Die Trinkkönigin. ls Perikles nach dem Siege des Hipponikos und dem darauf folgenden Gespräche mit Aspasia sich einige Tage lang den wechselnden Empfindungen überließ, welche die Freiheitsliebe der Milesierin in ihm erregte, war wiederholt der Gedanke in ihm erwacht: »Ich werde dem Liebeswink der reizenden Theodota folgen! warum soll jenes milesische Weib mich in Bande schlagen, die sie selbst nicht kennt?« – Immer aber ging dieser Gedanke wieder unter in dem stärkeren an Aspasia selbst, an die freie, stolze Seele dieses Weibes, an die Möglichkeit, ihres Alleinbesitzes verlustig zu werden. Neben der Wärme, zu welcher des Perikles Liebesneigung durch eben diesen Gedanken allmählich entfacht war, konnte die neue Regung nicht so leicht sich behaupten. Vorausgesehen, ja vorausberechnet war von Aspasia diese Wirkung. – Aber Perikles fuhr fort, mit sich selbst zu kämpfen, und an neuer Anregung sollte es diesem Kampfe nicht fehlen. Hipponikos, der alles aufbot, um vom Glanze seines Reichtums und der Verschwendung seiner Feste reden zu machen, hatte nicht geruht, bis Perikles und auch Aspasia zugesagt hatten, bei seinem Siegesfestmahle sich einzufinden. Als der bestimmte Tag herangekommen, sah man im Hause des Hipponikos die erlesensten Häupter, die glänzendsten Träger des athenischen Ruhmes vereinigt. Perikles und Aspasia und die übrigen Geladenen hatten kaum sich eingefunden, so begann Hipponikos den Prunk seines Hauses vor ihnen zu entfalten. Er führte sie umher und wies ihnen seine Gemächer, seine Gärten, seine Bäder, seinen Ringplatz im Hause – ein Gymnasion im kleinen –, seinen Fischweiher, seine edlen Rosse, seine Hunde, seine seltenen Vögel, seine Hähne und Wachteln, die er zum Vergnügen hielt, um sie miteinander kämpfen zu lassen. Er zeigte ihnen das Grabmal, welches er einem verstorbenen Lieblingshündchen melitischer Rasse errichtet hatte. Er sagte, sein Haus sei eine Herberge, immer voll von Gästen, er füttere ein Dutzend Parasiten täglich an seinem Tische. Die »Bursche«, sagte er, »sind so fett gemästet, daß es mir leid tut, sie euch heute nicht zeigen zu können. Denn heute habe ich es mir in den Kopf gesetzt, nur die hervorragendsten Männer Athens an meiner Tafel zu sehen.« Einer von den Gästen fragte ihn ein wenig boshaft nach seiner Gemahlin. Er erwiderte, daß sie sich wohl befinde, und daß er sie nicht stören wolle in ihren Frauengemächern. Alle Welt wußte, daß er diese Frau nur dazu benutze, sie des Prunkes wegen mit Edelsteinen und Perlen zu behängen, und sie in neumodischer Art zuweilen in einem zierlichen, mit sikyonischen Rossen bespannten Wagen durch die Straßen fahren zu lassen. Im übrigen hielt der alte Feinschmecker – ebenfalls nach neumodischem Brauche – sich eine ausländische Freundin, und man sagte, daß gegenwärtig die vielgepriesene Theodota seiner Huldigung sich erfreue. Auch der Sprößlinge erwähnte er vor den Gästen, seines Söhnleins Kallias, das er soeben, wie er sagte, nach Delphi gesendet hatte, um das Knabenhaar desselben dort scheren und nach alter Sitte dem Apollon weihen zu lassen; seiner seines Töchterleins Hipparete, dessen Schönheit und sittiges Wesen er nicht genug rühmen konnte, und das er sehr zu lieben schien. »Dies Kind«, sagte er, »wächst heran zur schönsten und edelsten aller athenischen Jungfrauen, und es wird schwer fallen, einmal einen Bräutigam zu finden, der ihrer würdig, was Schönheit anlangt, wüßte ich keinen Knaben in Athen, von dem man sich versprechen könnte, daß er als Jüngling dieser Jungfrau zur Seite gestellt zu werden verdiente, es wäre denn dein Mündel, o Perikles, der kleine Alkibiades. Ich habe ihn ein paarmal in der Ringbahn gesehen, und dieser Knabe mag sich allerdings rühmen, unter den Knaben beinahe das zu sein, was Hipparete unter den Mägdlein. Was das Alter der beiden anlangt, so dürften sie darin so ungefähr zusammenstimmen. Nun, wer weiß, was die Götter verhängen, wenn diese beiden Knospen einmal aufgebrochen sind, was meinst du, Perikles? Doch, davon zu sprechen ist noch Zeit!« – Nach diesen und ähnlichen Gesprächen führte Hipponikos seine Gäste in den großen, schön verzierten Speisesaal. Hier standen im weiten Kreise die Pfühle, auf welche man sich bei Tische hinzulagern pflegte. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß die darüber gebreiteten Teppiche reich und buntdurchwirkt, die runden Kissen, auf welche man den Arm im Ruhen stützte, prächtig in Farben gestickt waren, die silbernen und goldenen, selbst mit Edelsteinen besetzten Gefäße auf den Schenktischen mehr noch durch die Zierlichkeit ihrer Formen, als durch ihre Kostbarkeit die Blicke auf sich zogen, daß in ebenso zierlichen Schalen Wohlgerüche dampften, den ganzen Raum mit einem die Sinne angenehm befangenden Hauche durchwürzend; daß die Wände bemalt waren mit Bildern der Lust, des Genusses. Gruppen und Scenen gab es da, zwischen welchen unzählige Liebesgötter dargestellt waren, alle in reizender Weise auf Tauben und Sperlingen reitend. Merkwürdiger noch war der Fußboden anzusehen. Er schien im ersten Augenblicke ganz bedeckt von den Abfällen einer reichen Tafel: von ausgekernten Fruchtschalen in den verschiedensten Farben, von Knochenstücken, von Brodkrumen, von abgeschnittenen Hahnenkämmen, von buntschillernden Federn gerupfter Vögel, von Speiseresten aller Art. Aber wenn man näher zusah, so fand man, daß alle diese Dinge auf dem Boden künstlich dargestellt waren, durch eingelegte farbige Steine in feinster Mosaik. Große, schön bemalte Gefäße waren zu weiterem Schmucke des ausgedehnten Saales an passenden Orten aufgestellt. Dem Eingange des Gemaches aber gegenüber stand ein blumenbekränzter Altar, auf welchem eine Wohlduft verbreitende Flamme brannte. Hipponikos lud die Gäste ein, nach freier Wahl auf den Pfühlen sich zu gesellen. Sie ließen sich zuerst nur sitzend nieder; Sklaven kamen herbei mit schön geformten silbernen Becken und Kannen, um vor Beginn des Mahles den Gästen die Riemen der Schuhe oder der Sandalen zu lösen, ihnen die Silberbecken unter die entblößten Füße zu halten, und über diese den Inhalt der Silberkannen auszugießen. Dieser Inhalt aber bestand anstatt des Wassers aus duftigem Weine, noch würziger gemacht durch die Mischung wohlriechender Gele und Essenzen. Auch die Hände wurden so besprengt und dann mit seinen Tüchern getrocknet. Die Gäste des Hipponikos hatten, der Einladung des Wirtes folgend, auf den einzelnen Pfühlen zu zweien sich gesellt, wie es der Zufall, oder die Befreundung der Männer untereinander mit sich brachte. Der Wahrheitsucher Sokrates hatte Platz genommen neben dem weisen Anaxagoras; der Bildhauer Pheidias neben seinem Freunde, dem Baumeister Iktinos; der Dichter Sophokles neben dem Schauspieler Polos, der Sophist Protagoras neben dem Arzte Hippokrates. Der Sophist Protagoras war eben in Athen anwesend und eingekehrt bei seinem Gastfreunde Hipponikos. Seine Ankunft zu Athen hatte großes Aufsehen gemacht, denn dieses Mannes Ruhm wuchs in Hellas von Tag zu Tag. Er war ein geborner Abderite, ein Thrazier also, und doch ein Ionier, denn Abdera war gegründet von Ioniern. Lastträger sei er in seiner früheren Jugend gewesen, hieß es, bis ein weiser Mann seine Fähigkeiten entdeckte und entwickelte. Viel war er dann umhergewandert, hatte selbst aus dem Weisheitsborne des Morgenlandes geschöpft, und ging nun am Himmel von Hellas auf als ein leuchtendes Meteor. Er verstand sich gleichmäßig auf die Wissenschaft aller Dinge; auf die Wissenschaft der Gymnastik, der Musik, der Redekunst, der Dichtkunst, der Erd- und Himmelskunde, der Mathematik, der Ethik, der Politik, und überall, wohin er kam, hatte er einen außerordentlichen Zulauf von wißbegierigen. Reiche Jünglinge gaben die größten Summen hin, um seines Unterrichts zu genießen. Er war eine Erscheinung, welche das Auge bestach, er hatte den Anstand eines Königs, ging prächtig gekleidet, und hinreißend wirkte die Gabe der Rede in seinem Munde. Dieser Protagoras also gesellte sich dem noch jungen, aber sehr kundigen und scharfsinnigen Arzte Hippokrates, einem Neffen des Perikles. Durch einen etwas wunderlichen Zufall hatte der zurückhaltende und hier nicht ganz sich behaglich fühlende Polygnotos den übermutigen, auch als Zecher berühmten Komödiendichter Kratinos zum Nachbar erhalten. Aber so unähnlich von Natur die beiden Männer erscheinen mochten, ein Punkt der Berührung und der Genossenschaft fand sich doch zwischen ihnen. Sie waren die einzigen, welche diesem ganzen versammelten Kreise nicht durch Bande der Freundschaft angehörten, und nur dem ehrgeizigen Wunsche des Hipponikos, die in jeder Art ausgezeichnetsten Männer Athens bei sich zu sehen, ihre Einladung verdankten. Kratinos war ein Spötter, dessen Witz, dem Blitze ähnlich, am meisten durch das Hervorragende angezogen wurde. Hatte er doch in seiner jüngsten Komödie auch den Perikles und die schöne Freundin desselben nicht verschont, Polygnotos aber, der Freund Elpinikes, nährte heimlichen Groll gegen Pheidias. Und so waren es denn auch diese beiden, Kratinos und Polygnotos, welche sich bedenklich ansahen, und sich leise Worte zuflüsterten, als sie Aspasia auf die Einladung des Hipponikos Platz nehmen sahen zwischen Hipponikos und dem Perikles, auf einem besonderen Pfühle, auf welchem sie nach Frauensitte aufrecht saß, während die männlichen Gäste, den linken Arm auf das Kissen gestützt, mit der linken Seite des Körpers auf die Pfühle hingelagert waren. Kratinos und Polygnotos fragten sich geheim, wie es komme, daß man hier einer Fremden, einer Hetäre solche Ehre erzeige. Anders dachten die übrigen Gäste. Sie waren Freunde des Perikles, sie bildeten die glanzvolle Schar der Seinen, sie kannten den Wert und die Macht Aspasias, und hatten aufgehört, über irgend etwas, was die Milesierin betraf, sich zu wundern, was den Protagoras anlangt, so sah er zwar Aspasia heute zum erstenmal, aber ihr Anblick hatte ihn vom ersten Augenblicke an so ganz bezaubert, daß ihm alles eher in den Sinn kam, als an ihrer Gegenwart Anstoß zu nehmen. Auf den Wink des Hipponikos wurde nunmehr vor jeden Speisepfühl ein kleiner Tisch gerückt, die Speisen wurden zum Teil aufgetragen, zum Teil herumgereicht, und das Mahl begann. Wie die Vereinigung von berühmten Gästen im Hause des Hipponikos einzig war, so hatte dieser es sich vorgesetzt, bei seinem Mahle es an nichts fehlen zu fassen, was dem athenischen Markte Ehre machen konnte. »Wenn ich«, sagte Hipponikos, während seine Gäste die Hände zu dem lecker bereiteten Mahle erhoben, »es mir heute zur Pflicht gemacht habe, eine solche Schar von auserlesenen Männern an meinem Tische zu bewirten, so möchte ich sie wohl so gut als möglich bewirten. Aber ihr wißt, so weit wir Athener es gegenwärtig in den anderen Künsten gebracht haben, in der Kunst gut zu essen sind wir noch einigermaßen zurück. Die Kunst gut zu essen ist jedoch meines Bedünkens durchaus nicht eine solche, welche vor anderen vernachlässigt zu werden verdiente. Ich für meine Person habe mir immer eine Ehre daraus gemacht, für einen Feinschmecker zu gelten, und ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich etwas dazu beitragen könnte, um die attische Küche auf einen höheren Grad der Vollkommenheit zu erheben. Ich sehe einige von euch ein wenig spöttisch lächeln, als ob sie sagen wollten, daß unser Athen dergleichen nicht nötig habe, und daß es zwar in den anderen Künsten, nicht aber in dieser berufen sei, an der Spitze der Völker zu wandeln. Erlaubt mir, euch zu sagen, daß dies ein Irrtum ist. Denn wenn ihr euch auf unseren ausgezeichneten Marmor, unsere treffliche Tonerde und dergleichen beruft, so will ich euch leicht beweisen, daß ihr auch Salz und Oel und Essig, und aromatische Kräuter, welche ja doch immer die wirksamsten Kräfte bleiben in den Händen der Kochkünstler, unter keinem Himmelsstriche besser findet, als bei uns. Vom attischen Salze nicht zu reden, das in zwiefachem Sinne berühmt ist, weiß jeder, daß nichts zu vergleichen ist mit der Frucht des attischen Oelbaums, daß die Kräuter des Hymettos die würzigsten, und eben darum auch der Honig desselben Hymettos der köstlichste ist, den es gibt. Ich bedaure, daß ich, um einen wirklich ausgezeichneten Koch zu haben, mir einen solchen aus Sizilien habe verschreiben müssen. Dieser aber, Anarcharsis geheißen, ist nun wirklich ein Meister seltener Art und ich darf ihn wohl einen Pheidias oder Sophokles der Kochkunst nennen. Keiner versteht wie er, die Vorkost zur Anregung der Eßlust zu würzen. Die Brühen, in welchen er uns da die Würstchen, die Gekröse, die Wildschweinslebern, die kleinen Vögel und ähnliches vorgesetzt hat, werden den Kenner befriedigen. Von seiner Geschicklichkeit, die Thunfische, Aale, Muränen auszuweiden, sowie auch die Ferkel, und sie aufs feinsinnigste zur Ergötzung des Gaumens wieder zu füllen mit Krammetsvögeln, Eiern und Austern, seid ihr ebenfalls hier euch ein Urteil zu bilden im stande. Seine Hasen und Rehe, seine Rebhühner, Schnepfen und Fasane werdet ihr ebenso trefflich finden, als seine Kuchen, mit Milch und Honig zubereitet, und mit Früchten verschiedener Art gefüllt. Ihr hättet soeben, ich wiederhole es, Gelegenheit, die Leistungen dieses trefflichen Mannes zu würdigen; aber ihr alle, – und ich möchte sagen die Athener überhaupt – ihr seid in eurem Gemüte beständig zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, um mit wahrem Feingefühl solches zu prüfen und den Wert dieser Kunst neidlos anzuerkennen. Im Grunde sind nur die Parasiten von Fach wirkliche, ausgebildete Feinschmecker und dankbare Tischgenossen. Zum Glücke wächst die Zahl dieser Fachmänner der Kunst, auf fremde Kosten gut zu essen, in Athen von Tag zu Tag. Ich habe, wie gesagt, ein Dutzend solcher Kenner täglich an meinem Tische, und ich kann sie nicht entbehren; denn es ist langweilig, das Beste ganz allein zu genießen. Ihr solltet sehen, mit welchem Ernste diese Leute ihrem Berufe obliegen, wie sie schnalzen mit der Zunge, wie sie die Augenbrauen in die Höhe ziehen, wenn mein Koch sie mit einer neuen Erfindung, oder mit einer seinen, nur dem Kenner merklichen neuen Schattierung des Bekannten überrascht. Von dieser Art seid ihr nun freilich nicht, sondern während ihr die besten Werke meines trefflichen Anarcharsis über die Brücke eures Gaumens gleiten lasset, denkt ihr der eine an dies, der andere an jenes, Perikles an seine Staatsgeschäfte, und an eine neue Kolonie, die er aussenden will, Sophokles an ein neues Trauerspiel, Pheidias an die Friese des Parthenon, Polygnotos erwägt, wie man die Wände dieses Speisegemachs noch besser hätte bemalen können, und Sokrates zergliedert im stillen einen Begriff, anstatt des Rebhuhns, das er auf dem Teller hat.« In solcher Weise machte Hipponikos seinen Empfindungen Luft, und die versammelten Gäste belächelten heiter des Feinschmeckers gutmütigen Vorwurf. Nun aber erhob sich Hipponikos und brachte die übliche Spende, mit einer Würde, die er als Daduch zu Eleusis kaum feierlicher entfalten konnte. »Dem guten Geiste!« rief er, goß einige Tropfen des ungemischten Weines aus der Schale auf den Boden, trank dann selbst, ließ den Becher neuerdings füllen und unter den Gästen rechtshin im Kreise herumgehen. Es herrschte während dieser Spende ein feierliches Schweigen, nur das Spiel zweier Flöten begleitete dieselbe mit ernsten, gedämpften Tönen. Dann wurden die kleinen Tische hinweggehoben, und der Fußboden gereinigt. Als hierauf die Trinkbecher gebracht und der große Mischkrug aufgestellt, zugleich der Nachtisch aufgetragen war, mit allerlei Naschwerk, bestimmt, die Lust des Trinkens anzuregen, auch Stirnbinden und duftige Kränze von Rosen, Veilchen, Myrten hereingetragen worden, mit welchen die Gäste ihre Häupter umwanden, wurde der Päan zu Ehren des Dionysos angestimmt, und auf dem blumenbekränzten Altare ward noch eine Spende gemischten Weines in die Flamme gegossen, zu Ehren den sämtlichen olympischen Göttern. »Ihr wisset, werte Gäste und Freunde«, hub Hipponikos wieder an, »was die alte schöne Sitte von uns erheischt. Ist es euch genehm, den Symposiarchen zu wählen, oder zieht ihr vor, ihn durchs Los zu bestimmen?« Pheidias, Iktinos, Anaxagoras und einige andere sprachen sich sogleich dagegen aus, daß man das Los werfe, denn sie müßten sonst fürchten, sagten sie, von demselben getroffen zu werden, und sie fühlten geringen Beruf in sich für das Amt eines Trinkkönigs, eines Lenkers und Ordners geselliger Freuden. »Wenn es nötig ist«, sagte Protagoras, »den Symposiarchen zu wählen, so wüßte ich nicht, wem anders wir dieses Ehrenamt zuerst anbieten müßten, als dem ansehnlichsten unter so vielen ansehnlichen Männern, dem großen Perikles.« Dieser lehnte lächelnd ab, und sagte: »Wählt den Sokrates! Dieser versteht es, kluge Gespräche zu leiten, warum soll er nicht auch ein Symposion zu leiten verstehen?« Sokrates aber erwiderte: »Ich weiß nicht, ob ich kluge Gespräche zu leiten verstehe, oder nicht; dies aber weiß ich, daß, wenn es sich auch so verhielte, es doch eine unverzeihliche Ueberhebung von mir wäre, sei es bei einem Gespräche oder bei einem Symposion, mir eine solche leitende Rolle anzumaßen in Gegenwart meiner Lehrerin und Meisterin Aspasia, deren siegreiche Weisheit allen Anwesenden hier sattsam bekannt ist. Ich gebe zu, daß die Sitte verlangt, einen Trinkkönig zu wählen, und daß Aspasia ein Weib ist; aber ich wüßte nicht, was das Geschlecht mit der Rolle eines Symposiarchen zu tun haben sollte? Hipponikos will, daß dies Symposion einzig in seiner Art sei: wohlan, unterstützen wir ihn in seiner Absicht, und wählen wir statt des Symposiarchen eine Symposiarchin!« Im ersten Augenblicke erschienen die Zechgenossen wie verblüfft, bald aber scholl von allen Seiten lebhafte Zustimmung dem Sokrates entgegen. »Sonderbar, aber vielleicht weise ist es«, sagte Aspasia, »zum Trinkkönig jemand zu wählen, welcher selbst zu trinken nicht versteht.« »Welcher Wein ist es«, fuhr sie fort, »mit welchem da vorläufig unsere Becher gefüllt worden sind?« »Es ist Wein von Thasos«, erwiderte Hipponikos; »thasischer Wein von der besten Sorte, wie sie gespendet wird im Prytaneion zu Thasos! Den köstlichen Duft hat der Wein von sich selber, die Süßigkeit aber von dem mit Honig angemachten Weizenmehl, das man nach kunstgerechtem Brauch in die Fässer geworfen hat.« »Honigsüßer, würzig-duftiger Wein von Thasos!« rief Aspasia, »du bist würdig, getrunken zu werden auf das Wohl der beiden Männer, deren Sieg mit diesem Mahle gefeiert wird! Zechgenossen! Leert eure Becher auf das Wohl des sieggekrönten Choregen und des sieggekrönten Dichters der Antigone.« Freudig taten alle im Kreise Bescheid und von neuem wurden die Becher gefüllt auf das Gebot der Trinkkönigin. »Thrax!« rief Hipponikos einem der aufwartenden Sklaven zu, »bringe das Verzeichnis der Weine herbei, welche bereit stehen für das heutige Symposion, und übergib es der Trinkkönigin! – verzeichnet findest du, Aspasia, auf derselben Tafel die Spiele und Ergötzungen, über welche wir heute in diesem Hause verfügen. Möge es der Symposiarchin gefallen, für unser Vergnügen immer das, was ihr eben das Schönste und passendste dünkt, auszuwählen und es durch ein Wort oder einen Wink wie mit einem Zauberstabe herbeizubeschwören!« »Willst du mir nicht eine Zither reichen lassen?« fragte Aspasia. »Ich möchte mir als Symposiarchin nichts weiter anmaßen, als den Grundton für die Stimmung und Harmonie dieses Symposions anzugeben.« Sogleich ließ Hipponikos durch einen Sklaven eine mit Edelsteinen und Elfenbein reichverzierte Zither herbeibringen. Die schöne Milesierin ergriff sie und hub an zu den Tönen derselben folgende Verse zu singen: »Lächelnd, violenbekränzt, von syrischer Narde durchduftet, von dionysischem Tau golden und rosig besprengt, Laßt uns mit Saitengetön und klingenden Stimmen verkünden, Daß sie das schönste der Welt, daß sie das höchste: die Lust !« Darauf ließ sie die Laute dem Sokrates reichen. Dieser aber sagte: »Da zum Amte des Symposiarchen auch dies gehört, Rätsel zur Ergötzung der Leser aufzugeben, so habe ich gleich vorausgeahnt, Aspasia werde unseren Scharfsinn mit solchen Dingen auf die Probe stellen, was sie da eben erst, um den Grundton für unser Symposion anzugeben, wie sie sagt, von der Lust des Lebens zu den Saiten dieser Zither scheinbar unverfänglich gesungen, was ist es, genau besehen, anders, als ein lockendes Rätsel, das sie uns hinwirft? Diese schöne Milesierin erscheint mir in der Tat wie eine Sphinx, einen Abgrund neben sich, in welchen sie uns alle stürzen wird, wenn wir ihre Rätsel nicht lösen, wie beneide ich jetzt den trefflichen Hipponikos! denn dieser erscheint doch wohl am meisten unter uns allen sich auf die Lust und den heiteren Genuß des Lebens zu verstehen, und so vielleicht einzig geeignet, das gesungene Rätsel der Aspasia im rechten Sinne zu deuten und zu lösen. Denn worin einer am geschicktesten ist in der Ausübung, darüber muß er wohl auch den besten Unterricht zu geben verstehen!« – Lebhaft und heiter zustimmend riefen alle: »So ist's! Hipponikos ist der Mann, uns über den Genuß des Lebens und über die Lust zu belehren.« »Wenn schon die leidige Weltweisheit bei diesem Symposion nicht ganz vermieden werden kann und soll«, begann Hipponikos mit schelmischem Lächeln, »so danke ich den Göttern, daß wenigstens nur auf diesen und keinen anderen Gegenstand die Rede gekommen. Denn dieser ist in der Tat, wie Aspasia sagte, derjenige, bei welchem ich mir anmaßen darf, ein Wörtchen mitzusprechen. Ihr erinnert euch wohl noch, wie ich zuvor mich bemüht habe, euch zu Gemüt zu führen, daß man schwerlich irgendwo in der Welt es in der Kunst gut zu essen und zu trinken weiter bringen kann, als hier zu Athen, wenn man nur will. Es läßt sich überhaupt der Satz aufstellen, daß auf diesem Boden, unter diesem hellenischen Himmel die Menschen geboren sind, glücklich zu sein. Ich will euch aber auch beweisen, daß es bei uns in Griechenland leicht ist, das angenehmste Leben mit der Weisheit, der Tugend, oder Frömmigkeit, oder Götterverehrung, oder wie ihr es sonst nennen wollt, zu verbinden. Denn die Hellenengötter verlangen alles mögliche, nur nicht Entsagung oder Verzicht auf die Freuden des Lebens. Nicht einmal von mir verlangen sie das, obgleich ich von priesterlichem Geschlechte bin, und jährlich einmal bei der Feier der Mysterien zu Eleusis das Amt des Daduchen zu verwalten habe. Den übrigen Teil des Jahres lebe ich zu Athen dem Vaterlande und meinem Vergnügen, ohne daß es den Göttern oder sonst irgend wem in der Welt einfiele, mir daraus einen Vorwurf zu machen. Wenn der arme Schlucker Diopeithes droben auf der Burg mir feind ist, und Böses von mir sagt, so geschieht es nicht, weil ich eine gute Tafel und schöne Frauen liebe, und mir's wohl sein lasse, was er herzlich gern auch täte, wenn ihm nicht die Mittel dazu fehlten; sondern nur, weil das eleusinische Priestergeschlecht dem seinigen, die Eumolpiden den Eteobutaden, was Glanz und Ansehen betrifft, den Rang abgelaufen haben. Wenn Diopeithes als Duckmäuser lebt, so tut er es auf eigene Faust; die Hellenengötter kümmern sich nicht darum, und obgleich ich bessere Tafel halte als er, so rühme ich mich doch ein so frommer und den Göttern wohlgefälliger Mann zu sein als er. Ist irgend einer, der behauptet, daß ich nicht fromm bin und die Götter ehre wie irgend einer in Athen? Zeus Herkeios hat seinen Altar an meinem häuslichen Herde; in der Nische hinter der Tür steht Hermes Strophaios, der göttliche Hüter der Türangel; vor der Tür steht das übliche Hekate-Häuschen, und die kegelförmige Säule des Apollon Agyieus, des straßenbehütenden Gottes, und der dem Gotte heilige Lorbeerbaum daneben, zum Schutze gegen Zauberei und gegen die Fallsucht; an der Tür selbst bleibt von einem Pyanepsienfeste zum andern der Segensölzweig hängen, den man, mit weißer Wolle umwunden, im Apollotempel bei jenem Feste weihen läßt; es fehlt auch nicht die Inschrift an der Tür, welche das Haus unter den Schutz der Götter stellt, nebst dem gebräuchlichen Medusenkopfe darüber, welcher allem Bösen den Eingang wehrt. Ich versäume weder die geziemenden Götterspenden, noch die Reinigungen und Sühnungen, noch die Gebete, noch die Opfer, noch die reichlichen Beiträge, um den Glanz der Götterfeste zu erhöhen, und ich habe mir's eben wieder 5000 Drachmen kosten lassen, um den Chor, dessen unser Sophokles zu seiner »Antigone« bedurfte, so prächtig als möglich auszustatten. Wer also kann auftreten und sagen, daß ich kein frommer Mann bin, und die Götter nicht nach Urvätergebrauch ehre? Wir Griechen sind ein frommes Volk, und ich bin ein Grieche. Darum scheue ich die Götter, wie es recht ist, aber ich fürchte sie nicht, und wenn ich mir's noch so wohl sein lasse. Denn im Tartaros gibt es viele, welche unterschiedlicher Vergehungen wegen die ärgsten Strafen leiden, aber ich erinnere mich nicht, daß einer darunter wäre, der dort leidet, weil er ein Feinschmecker und ein Lebemann gewesen. Ist einer darunter? Nein! Nicht ein einziger! Also noch einmal: ich bin ein frommer Mann und brauche die Götter nicht zu fürchten. Ich fürchte nichts in der Welt, ausgenommen die Diebe und Einbrecher, welche mir meine Schätze, meine Perlen und Edelsteine, meine persischen Gold-Dareiken entführen könnten!« Alle Tischgenossen begannen heiter zu lachen bei diesen letzten Worten des Hipponikos und klatschten Beifall; er aber fuhr fort: »Da bauen sie wohlweislich ein Schatzhaus für die Staatsgelder droben auf der Burg, unter dem Schirme der Stadtgöttin. Wie soll aber ein patriotischer Mann, wie unsereiner, sein Wohlerworbenes in Sicherheit bringen? Ich leugne nicht, daß, seit ich sechstausend Sklaven in meinen Silberminen beschäftige, und meine Habe sich täglich mehrt, ich einigermaßen ängstlich bin« – »Sei getrost, Hipponikos«, rief Perikles, »ich werde mich beim Volke verwenden, daß dir gestattet wird, ein Schatzhaus für deine Person auf der Akropolis zu bauen. Du hast solches, wenn nicht durch anderes, schon durch die treffliche Rede verdient, die du soeben gehalten.« Wieder klatschten alle Tischgenossen beifällig und lobten den Hipponikos und seine Rede. Nur der spöttische Witzbold und unermüdliche Zecher Kratinos fragte den Feinschmecker: »Wenn du, edler Hipponikos, wirklich die Götter nicht fürchtest, sondern bloß die Diebe, und sonst gar nichts in der Welt als die Diebe, was hältst du von der Wassersucht und von anderen Folgen eines frommen und zugleich angenehmen Lebens? Und vom Zipperlein, welches, wie ich leider von mir selber weiß, an allzu reichliche Besprengung mit dionysischem Taue sich zu knüpfen pflegt? Hast du auch vor diesen keine Furcht? Oder vertraust du in diesem Punkte ganz auf deinen Freund Hippokrates, den trefflichen Arzt, den du weislich an deinen Tisch zu laden pflegst?« »Du hast es erraten«, versetzte Hipponikos; »in diesen Dingen verlasse ich mich auf Hippokrates, mit welchem ich, wie mit den Göttern, auf gutem Fuß zu stehen liebe. Ihm überlasse ich es auch, zu entscheiden, ob Zipperlein und Wassersuchten und Schwindsuchten, und ähnliche Dinge wirklich von dem herrühren, was man die Lust des Lebens nennt.« »Nicht so eigentlich«, sagte Hippokrates lächelnd. »Es ist zwar nicht zu leugnen, daß die Anfüllungen und Erschöpfungen, welche mit der Lust des Lebens verbunden sind, Wassersuchten und Schwindsuchten und ähnliches veranlassen können. Was aber die Lust an und für sich betrifft – und um diese allein, in ihrem Begriff an sich, handelt es sich doch wohl in gegenwärtiger Unterredung – so ist diese als ein der Gesundheit überaus Zuträgliches zu betrachten. Die Lust ist nämlich eine Körper- und Seelenstimmung von eigentümlicher Art, welche die Wangen rötet, die Augen erhellt, den Odem beflügelt, das Blut leicht durch die Adern treibt, das Stockende löst, das Zerfließende bindet, alle Lebensgeister weckt, alle Kräfte steigert, und des Menschen ganzes Wesen in einen Zustand schöner, wirkungsvoller Harmonie versetzt. Sogar dem Kranken ist die Lust eine so heilsame Arznei, daß ich nicht weiß, ob unter allen Kräutern, Pflastern und Tränken, welche wir Heilkundigen bei dem Kranken anwenden, ein zauberkräftigeres Mittel zu finden als dieses.« Lachend und Beifall klatschend, gelobten alle Zechgenossen, niemals einem anderen Arzte sich anzuvertrauen, als dem Hippokrates. »Weiser Heilkünstler!« rief der weinselige Kratinos, »du hast mich völlig beruhigt! Nun ist mir's klar: wie hätte ich, den sie den Freund der Flasche nennen, besonders seit ich eine Komödie geschrieben, in welcher gefüllte Flaschen, meine Freundinnen, den Chor bilden, wie hätte ich, sag' ich, den mit der Lust des Trinkens verbundenen Anfüllungen doch bis auf diesen Tag so leidlich getrotzt, wenn nicht die heilkräftige Lust des Trinkens an sich selbst mich aufrecht erhalten hätte? – Wäre ich Symposiarch statt jener schönen Fremden, welche sich vermutlich besser versteht auf die Werke der goldenen Aphrodite, als auf die des Bacchos, so würde ich augenblicklich einen Doppelumtrunk anordnen zu Ehren des weisesten aller Aerzte, des Hippokrates!« »Thrax!« rief Aspasia dem neben ihr stehenden Sklaven zu, »reiche dem Kratinos einen Becher von der doppelten Größe der unsrigen! – Und nun lasset uns den Umtrunk halten zu Ehren des Hippokrates!« – Als nun alle zu Ehren des Hippokrates getrunken und auch Kratinos seinen doppelt so großen Becher schmunzelnd geleert hatte, ergriff Polos das Wort: »Ich weiß nicht, wie unter uns heute von der Lust gesprochen werden könnte, ohne daß man vor allem der Worte gedächte, welche ihr in der Tragödie, deren Sieg wir feiern, aus dem Munde des Boten vernommen: »Sobald der Lust entsagt Der Mensch, acht' ich sein Leben für kein Leben mehr: Lebendig tot erscheint ein solcher meinem Aug'! Sei mächtig, reich im Hause, leb' als König selbst: Das alles ist doch Schatten bloß und eitel Dunst, Gebricht dir eins in deinem Sein: die holde Lust!« – »Ich preise die Lust«, sagte hierauf Sophokles, »nicht bloß, weil sie das Leben angenehm, sondern weil sie es schön macht. In der Tiefe des Lebens hausen viele Schrecken, und es ist oft die Frage aufgeworfen worden, ob es nicht besser sei, nicht zu leben, als zu leben. Da wir aber nun einmal leben, so müssen wir den Abgrund des Lebens und seine Schrecken, so gut wir können, zu überdecken suchen mit Blumen der Schönheit und ihrer Zwillingsschwester, der Freude. Eng ist die Schranke um des Menschen Sein gezogen: aber innerhalb dieser Schranke Mensch zu sein, ist gestattet, und das reine Menschentum schön und edel im kleinen Kreise zu entfalten. Mensch sein aber heißt edel sein und mild, und dem Edlen, Heiter-Milden wird die Schranke holdes Maß, innerhalb dessen er sein Dasein göttlich empfindet. Wie schön und heiter, so auch edel und mild genannt zu werden, sei des Hellenen Stolz!« – »Ich danke dir für diesen Ausspruch!« sagte Perikles. »Man hat mich im Kriege zuweilen allzu mild und nachsichtig gescholten, aber ich glaubte eben als Hellene zu handeln. Wenn es wieder Kämpfe gibt, ob zur See oder zu Lande, so werde ich mir vom Volke der Athener den Dichter der »Antigone« zum Mit-Strategen erbitten.« »Den Sophokles als Strategen?« riefen einige im Kreise. »Warum nicht?« sagte Sophokles lächelnd; »ist mein Erzeuger doch ein Waffenschmied gewesen. Dies deutet darauf hin, daß ich zum Strategen geboren sei.« »Zu gutem Glück!« rief Hipponikos; »aber meinst du, Perikles, daß es nächstens wieder einmal Kriegsvolk einzuschiffen und in See zu stechen gilt?« »Es ist wohl möglich!« erwiderte Perikles. »Ich bin zufrieden«, rief Hipponikos, »aber ich hoffe, Perikles, daß du dir die neuen Lorbeern auf keinem anderen Admiralschiffe holst, als auf dem, welches ich als Trierarch ausrüsten werde!« »Das will ich!« sagte Perikles. »Aber lassen wir nicht die kriegerische Begeisterung überhand nehmen bei einem so friedlichen Gelage. Unart wär' es, wenn wir nicht, bevor wir zu anderen Dingen übergehen, den weisen Anaxagoras fragten, ob er das, was hier von der Lust gesagt worden ist, verwirft oder billigt?« »Wenn ihr meine Meinung zu hören wünscht«, sagte Anaxagoras, »so will ich sie euch nicht vorenthalten, was ihr da vorgebracht, beweist, daß euer Verlangen danach geht, von außen her so viel Schönes und Gutes und Angenehmes an euch zu bringen, als eben möglich. Aber ich behaupte, die wahre, die rechte Lust ist diejenige, welche nicht von außen kommt, sondern welche man als innerstes wesenhaftes Leben in seiner erkennenden Natur hat. Nicht eins mit dem Genusse ist die Lust; und so wenig besteht das Glück in den Dingen außer uns, daß es vielmehr am besten ohne sie besteht! Freiwillig sich der allgemeinen Weltvernunft unterwerfend, den Eigenwillen ertöten, ist Weisheit und Tugend und aller rechten Freude Hort zugleich, die feste Burg der Apathie, in welcher wunschlos thronend der Leidenschaftslose. Selbstgenügsame sogar den Schicksalsmächten gegenüber unüberwindlich sich erweist!« Die Worte des Anaxagoras machten einen eigentümlichen Eindruck. Perikles hörte sie mit jener nachdenklichen Aufmerksamkeit an, deren er immer die Herzensergießungen seines alten Freundes würdigte. Ueber die Stirn Aspasias aber flog ein leichtes Wölkchen. Ihr Auge begegnete dem des Protagoras. Wie in geheimem Einverständnis trafen sich die Augen des schönen Weibes und des Sophisten. Und als nun der glänzende Redekünstler im schweigenden Kreise umhersah, bereit, dem Philosophen zu antworten, da schienen die Strahlen aus Aspasias Augen seine Gedanken befeuern, seine Worte beflügeln zu wollen. »Streng und herbe«, begann er, »klingen die Worte des Weisen von Klazomenä an dieser Stätte, wo eben noch unter dem Klange heiterer Skolien des Festmahls Lust den blumenbekränzten Altar des Dionysos umbrandete! Aber auch er – das merket wohl! – auch er, der strenge, herbe Weise, hat von der Lust als von des Menschen höchstem Ziele gesprochen. Nur über die Wege, welche zu ihr führen, denkt er verschieden. Und in der Tat, vielnamig ist die Lust und vielgestaltig, und vielerlei sind die Pfade, welche emporführen zu ihrer sonnigen Höhe. So manche finden ihr Genügen im Rausche der Sinne, andere, durch einen höheren Adel der Seele zum Schönen getrieben, erheben sich zu reineren Sphären der Lust, und ein drittes Geschlecht ist das der göttergleichen Menschen, welche über Wolken und Winden in ewiger Heit're wunschlos wohnen. Wißt ihr, welcher von diesen dreien Arten, der Lust nachzugehen, ich den Vorzug gebe? Keiner, sondern derjenigen, welche es versteht, nach Zeit und Ort einen jeden dieser verschiedenen Wege zu wandeln! wenn Becher winken und schöne Augen blitzen, dann lasset uns der fröhlichen Weisheit des Hipponikos folgen; wenn vor unsern Augen die Wunder des Schönen leuchten und das Menschliche seine edelste Blüte entfaltet, dann teilen wir die geistverklärte Freude des Sophokles; wenn der Himmel sich verdüstert, wenn unabweisbar Schmerz und Mißgeschick auf uns eindringen, dann ist es Zeit, zur schönbekränzten Freude gelassen zu sagen: Fahre wohl! und sich zu umgürten mit dem göttlichen Gleichmut und der schönen Ruhe des weisen Anaxagoras! Entbehren können ist rühmlich – aber wir wollen diese Kunst nur dort üben, wo wir ihrer bedürfen, wenn es Zeit ist sich zu freuen, wollen wir uns freuen, wenn es Zeit ist zu entbehren, wollen wir entbehren, wer weise zu genießen versteht, dem wird auch die Weisheit der Entsagung nicht fehlen. Er wird die Freude zu seiner Sklavin machen, nicht sich selbst zum Sklaven der Freude, Er wird die Dinge sich, nicht sich den Dingen unterwerfen. Und wenn das, was unserer Lust von der Weisheit als Schranke gesetzt wird, nichts ist als das naturgemäße rechte Maß der Lust, und die Lust, in ihrem Uebermaß erstickend, nicht mehr sie selbst ist, sondern ihr Gegenteil, so daß sie ihre Schranke und ihr Maß nicht außer oder neben sich, sondern in sich hat, wozu dann noch von Tugend reden und Enthaltsamkeit, als von etwas, das der Lust als eine fremde, gleichberechtigte, ja feindliche Sache gegenüber steht? Entbehrung, Entsagung, Tugend ohne Lust kann dem Gedanken des Hellenen, niemals seinem Gemüte vertraut werden. Selbst gemeines Schweißbemühen, handwerksmäßiges Treiben und Hasten in des gemeinen Bedarfes Dienst, erachtet er als seiner unwürdig. Darum arbeitet der Sklave, arbeitet der Barbar für den Hellenen. Der Menschheit unedlerer Teil muß sich für den edleren opfern, damit das Ideal wahrhaft menschenwürdigen Daseins verwirklicht werde, wäre ich ein Gesetzgeber, ein neuer Lykurgos und Solon, und würden des Gesetzes Tafeln unbeschrieben in meine Hand gelegt, ich würde sie fassen und mit goldnem Griffel an ihre Spitze die Worte setzen: Ihr Sterblichen, seid schön – seid frei – seid glücklich!« So sprach Protagoras, dabei unverwandt auf Aspasia blickend, und froh der zustimmenden Ermunterung, welche ihm unverkennbar aus ihren Mienen entgegenleuchtete. Diese Zustimmung ward eine fast allgemeine im Kreise, und Perikles sagte, er wolle dem Protagoras die nächste Kolonie zu führen geben, die von Athen ausgehen werde. Denn er scheine geeignet, ein Gemeinwesen in hellenischem Geiste zu ordnen. »Glücklicher Protagoras«, begann jetzt Sokrates; »glücklicher Protagoras, dem es vergönnt, das Gold des Schweigens der Aspasia in die klingende Münze bestechender Reden umzusetzen! Wenn ich die Worte deines Mundes so gut verstanden habe, wie du die Sprache der Augen Aspasias, so scheinst du mir die Weisheit insofern als eines der Mittel zur Beförderung der Lust zu betrachten, als man sie sozusagen bereit halten, und aus der Tasche hervorziehen kann, wenn eben nichts Besseres zur Hand ist« ... »Was ist Weisheit?« rief Protagoras. »Frage tausend Menschen, und was der eine Weisheit nennt, wird der andere Torheit nennen. Frage sie aber, was Lust und was Unlust ist, so werden alle derselben Meinung sein!« »Meinst du dies wirklich?« versetzte Sokrates. »Es käme doch auf die Probe an«... »Erlaube, Protagoras«, fiel hier Aspasia ein, »daß ich es auf mich nehme, dem Sokrates zu antworten: nicht mit Worten, denn wie könnte ich mich vermessen, solange es sich um Worte der Weisheit handelt, an des Protagoras Stelle treten zu wollen? Ich will dem ewigen Zweifler und Frager mit jenen Mitteln begegnen, welche mir als Symposiarchin zur Prüfung des von ihm zuletzt vorgebrachten Einwurfes zur Hand sind!« »Fürs erste«, fuhr Aspasia fort, »lasset die Lippen, die vielleicht des Gespräches Hitze getrocknet, mit frischem Taue befeuchten!« Auf ihr Gebot wurde neuer Wein im Krater gemischt und den Gästen kredenzt in neuen, größeren Bechern. »Das ist Wein von Lesbos!« sagte Hipponikos, »die Blume der Rebe! er ist weniger wohlriechend als der thasische, aber sein Wohlgeschmack ist noch größer.« »Er ist mild und feurig zugleich, wie die Seele seiner Landsmännin Sappho!« rief Protagoras, vorerst mit der Spitze der Lippen das Naß in seinem Becher vorkostend. Die Becher wurden geleert, aus Aspasias Geheiß, zu Ehren der mildfeurigen Sängerin von Lesbos, und wieder gefüllt, während die Augen der Zechgenossen in hellerem Feuer zu leuchten begannen. »Nun erlaubet denjenigen einzutreten«, begann Aspasia wieder, »welche bereit stehen, um uns etwas von dem zu bereiten, worüber die Menschen nach des Protagoras Behauptung alle einig sind, nach des Sokrates Meinung aber nicht.« Flötenbläserinnen, Tänzerinnen und Gauklerinnen betraten den Saal, alle jugendlich und reizend, alle bekränzt und duftig gesalbt und geschmückt und in verführerischer Gewandung. Das Flötenspiel begann in weichen, süßen Tönen, und dazu wurden zuerst von den Tänzerinnen mimische Tänze ausgeführt. Was Sokrates bei Theodota bewundert, das hatte er nun vervielfacht, in einer Gruppe blühender Gestalten vor Augen. Nachdem diese Tänzerinnen durch ihre Kunst aller Augen entzückt hatten, übte das, was nach ihnen die Gauklerinnen vollführten, eine sinnverwirrende, bestrickende Wirkung. Wenn diese bei Flötenschall nach dem Takte der Musik eine Anzahl Reife oder Bälle zugleich während des Tanzes geschickt in die Höhe warfen und wieder auffingen, oder den sogenannten Kugellauf auf einer Töpferscheibe ausführten, lag in den windschnellen Bewegungen der jugendlich schlanken, geschmeidigen Mädchengestalten eine bezaubernde, ja berauschende Anmut. Wenn sie aber den erstaunlichen Schwertertanz anhuben, wenn sie zwischen den Klingen, die mit der Spitze nach oben in den Boden gesteckt waren, tanzend dahin gaukelten und über den blinkenden Stahlspitzen nach vorwärts und rückwärts sich überschlugen, da fühlten die aufgeregten Zuschauer von einer mit Grausen gemischten Lust sich durchzittert. Wenn eines dieser schlanken reizvollen Mädchen in leichtester, knapp anliegender Gewandung, die den vollen und reinen Umriß des Leibes hervortreten ließ, nach vorn mit den Händen auf den Boden sich stützend, von rückwärts in anmutigster Beugung des Leibes die Füße über Rücken und Haupt herüberstreckten, um damit aus dem vor ihr stehenden Mischkrug einen Becher zu füllen, während sie mit den Zehen des anderen die Handhabe des Schöpfgefäßes hielt oder in derselben Lage einen Pfeil vom Bogen schnellte – da war es nicht bloß das Erstaunliche der bewiesenen Fertigkeit, sondern zugleich das zu höchster Freiheit und fast übermenschlicher Leichtigkeit entwickelte Formenspiel der blühenden Glieder, was die Sinne der Gäste des Hipponikos in eine Art von Taumel versetzte. Als diese Tänze und Spiele beendet waren, und die Tänzerinnen, die Gauklerinnen und Flötenbläserinnen unter dem lebhaftesten Beifall der Tischgenossen sich wieder entfernt hatten, sagte Aspasia: »Es scheint, daß uns allen das, was wir gesehen, Vergnügen bereitet hat, und daß wir einig sind in dieser Lustempfindung, während wir doch früher, wo es sich um Lehren der Weisheit handelte, nicht einig werden konnten. Die Probe, auf welche es ankam, wie du sagtest, o Sokrates, ist also gemacht«... »Du weißt sehr wohl, Aspasia«, entgegnete Sokrates, »daß niemand in der Welt sich lieber belehren läßt, als eben ich. Erlaube mir nur noch eines von Protagoras zu erfragen. Wenn es, wie er uns lehrte, verschiedene Arten der Lust gibt, und wir das, was Lust gewährt, ein Gut nennen, so gibt es wohl auch verschiedene Güter und unter diesen ein höchstes. Um aber dieses höchste Gut, aus anderen Gütern herauszufinden, und somit auch die höchste Lust aus anderen Lüsten – denn die Lust ist ja, wie wir gesagt, nicht selbst das Gut, sondern wird erst durch den Besitz des Gutes hervorgebracht – bedarf es da nicht doch wohl ein wenig der Einsicht, oder der Erkenntnis, oder der Weisheit, oder wie man es sonst nennen will?«... Lächelnd sagte Aspasia: »Du siehst, Protagoras, daß dieser Mann dich in die Enge treibt; aber es ist meine Pflicht, zu sorgen, daß der Streit nicht allzu heftig entbrenne. Schon seit einer halben Stunde habe ich einen kleinen Anschlag gegen diesen kampflustigen Sokrates im Sinne. Es dünkt mich nicht gut, daß Sokrates denselben Lagerpfühl hier teilt mit Anaxagoras, und so aus dem Anhauche seines Meisters beständig neue Kraft und Streitlust schöpft. Es scheint mir überhaupt, daß des Hipponikos Gäste sich hier zum Teil in einer Weise gesellt haben, welche gefährlich für das Allgemeine und geheimen Verschwörungen günstig ist. Ich merkte früher wiederholt, daß Pheidias und Iktinos leise zusammen flüsterten. Auch den Kratinos sehe ich öfter, als es nötig scheint, sich mit gespitzten Lippen zum Ohre seines Nachbars, des Polygnotos, neigen. Kraft meiner Vollmacht als Symposiarchin werde ich einen allgemeinen Wechsel der Plätze und der Genossenschaft anordnen.« »Immerhin!« riefen die heiter gelaunten Tischgenossen; »wir wollen dir gerne gehorchen. Laß hören, wie denkst du uns neu zu gesellen?« »Wohlan!« sagte Aspasia; »der Feinschmecker Hipponikos heiße den Sokrates aufstehen und lagere sich neben den weisen Anaxagoras; der beredte Polos nehme Platz neben dem schweigsamen Iktinos; der übermütige Kratinos erhalte zum Nachbar den milden, frommen Sophokles. Pheidias finde sich endlich einmal mit Polygnotos zusammen. Wie aber geselle ich den Sokrates? Unmöglich kann ich ihn dem Protagoras zur Seite ruhen lassen, im Gegenteil, ich muß diese beiden Gegner so weit als möglich von einander entfernen. Was bleibt also übrig, als daß ich dich, Protagoras, bitte, meinen Platz hier einzunehmen, während ich selbst bis zur Beendigung des Streites mich zu Sokrates setze?« Damit stand Aspasia auf und setzte sich an den unteren Rand des Lagerpfühls, auf welchem Sokrates seinen Platz hatte. Willig hatten inzwischen die Tischgenossen die Weisung der Symposiarchin vollzogen; nur beneideten sie jetzt geheim und laut den Sokrates um seine Genossenschaft. Auf diesen selbst übte die unmittelbare Nähe der Schönen eine eigentümliche Wirkung. Hatte früher der Anhauch des Anaxagoras, wie Aspasia sich ausdrückte, ihn zur Streitlust befeuert, so mochte jetzt der Anhauch des reizvollen Weibes ihn friedlich und versöhnlich stimmen... »Was ist das?« rief Aspasia, sich zu Sokrates neigend und seinen Kranz betrachtend, »dem Kranze auf deinem Haupte sind schon viele Blätter entfallen. Das gilt als ein Wahrzeichen geheimer Herzensqualen des Trägers! Ist es etwa dein jüngster Freund, der mutwillige Knabe Alkibiades, der dir Verdruß bereitet? Doch, ich bin ja gekommen, um dir Rede zu stehen. Welche Bedenken waren es, o Sokrates, die du noch gelöst haben wolltest?« Sokrates, bestrahlt von den Augen Aspasias, umweht vom Hauche ihres Mundes, umrauscht vom Geknister ihres Gewandes bei jeder ihrer Bewegungen, erwiderte: »Aspasia! ich hatte Bedenken – und sie waren in meinem Haupte hintereinander schön gereiht wie in Schlachtordnung. Aber man hat mir, als ich sie eben in bester Ordnung ansprengen lassen wollte, eine schönbekranzte Barre vorgeschoben, so daß es scheint, als müßten sie, darüber setzend, die Beine brechen. Was ich bedenklich finde, soll ich äußern, o Aspasia? Ich finde in diesem Augenblicke nur dies eine bedenklich, daß du neben mir sitzest.« Ein wenig spöttisch lächelnd blickte der alte Anaxagoras, der inzwischen schweigend dem Becher zugesprochen hatte, auf seinen so schmählich die Waffen streckenden Freund herüber. »Du siehst, Anaxagoras«, sagte Sokrates, »ich bin im Kampfe für eine gute Sache gefallen, und du, der Greis, für den ich eigentlich das Schwert gezogen, muß jetzt mich, den jüngeren Mann, aus dem Kampfe tragen. Räche mich, wenn du es vermagst, o Anaxagoras!« »Warum nicht?« versetzte Anaxagoras, nachdem er einen Trunk aus seinem Becher getan hatte; »ich fühle mich durchaus nicht so sehr als altersschwacher Priamos, um vor der jungen Weisheit dieses Achilleus zitternd zu verstummen. Ich will noch ein Wörtchen mit dir reden, Protagoras...« »Halt!« rief Aspasia; »wenn gewichtige Worte zu sprechen deine Absicht ist, so erlaube mir zuvor, daß ich meiner Symposiarchen-Pflicht nachkomme, und mit einem Trunke des feurigsten und köstlichsten aller Weine, welcher aufgehoben worden bis zuletzt, mit den Wonnefluten der Traube von Chios, deine Zunge noch besser beflügle!« Damit ließ Aspasia den gefeiertsten aller Griechenweine kredenzen. Die Becher wurden geleert, und von diesem Augenblicke an gab es keinen mehr im Kreise, der nicht, weit hinausgehoben über die Sphäre des nüchternen Verstandes, verfallen gewesen wäre den begeisternden Gewalten des Dionysos... Anaxagoras leerte seinen Becher und begann etwas verwirrt durcheinander zu sprechen von Lust und Tugend und Erkenntnis und allgemeiner Weltvernunft... Wie um ihn anzuregen zu größerer Sammlung des Geistes, bot ihm Aspasia selbst noch einen Becher des allbezwingenden Chiers dar. Er trank, und die Rede des Weisen wurde noch verwirrter; er begann zu stammeln und mit dem Haupte bedenklich zu nicken. Zuletzt sank das Haupt ihm völlig auf die Brust herab. Wenige Augenblicke noch, und der Greis war ruhig entschlummert. Ein heiteres Lachen ging durch die Reihen der Zechgenossen. »Was hast du getan, Aspasia?« riefen sie, »die letzten Vorkämpfer der strengen Weisheit hast du entwaffnet und in Schlummer gewiegt!« »Bei fröhlichem Gelage«, erwiderte Aspasia, »geziemt es der strengen Weisheit, einzunicken. Aber nicht ohne die Charitinnen ist dieser Edle entschlummert. Da seht! wie schön ist der Anblick des in ruhigem Schlummer atmenden Greises! Ich stelle den Antrag, daß wir alle die Kränze von unseren Häuptern nehmen, um sie auf das Haupt und die Schulter des Schlafenden niederzulegen und in solcher Art zu bestatten die so schon und friedlich entschlummerte Weisheit!« Die Tischgenossen taten, wie Aspasia geboten und in wenigen Augenblicken war das Haupt des Weisen unter Blumen begraben. Sokrates fuhr fort zu trinken, ohne trunken zu werden, aber er stellte sich trunken, um ungestraft die wunderlichsten Dinge ins Ohr der neben ihm sitzenden Aspasia flüstern zu dürfen. Der ernste Pheidias sagte dem Knaben, welcher ihm den Becher füllte, daß er ihn als Modell für eine seiner Ephebengestalten im innern Friese des Parthenon verwenden wolle. Kratinos stieß heimliche Verwünschungen aus und sagte zu seinem Nachbar Sophokles: »Dies Zauberweib, diese Circe, diese Omphale soll meiner gedenken! Sie läßt mich sogar den Chier aus dem großen Becher trinken! So lange ich nüchtern war, merkte ich nichts; jetzt aber ist mir klar, worauf sie es abgesehen hat!« – Polygnotos versicherte seinen Nachbar, daß er mit Ausnahme der jugendlichen Elpinike ein so wohlgestaltetes Weib wie Aspasia nicht gesehen habe. – »Perikles«, sagte der weinrote Hipponikos gerührt, »Perikles, du weißt, daß ich dich immer geehrt habe, dir auch großen Dank schulde, insofern du nämlich vor Jahren mich von der damals noch schönen aber zänkischen Telesippe befreit hast. Tue mir nur den Gefallen von wegen des Schatzhauses auf der Burg – denn ich beschäftige sechstausend Sklaven in den Silberbergwerken, und meine Habe mehrt sich täglich, und man ist vor Dieben nicht sicher. Und wenn dein Mündel Alkibiades heranwächst – mein Töchterlein Hipparete – die schönste aller Jungfrauen« ... »Laß es nur gut sein!« sagte Perikles gutmütig lächelnd. Er war der einzige von der Gewalt des Bacchus völlig Unberührte im ganzen Kreise; nicht weil er weniger getrunken, sondern weil seine Natur ebenso stark war, als seine Seele mild. Er unterhielt sich mit Protagoras über politische Dinge, über die Wandlungen der Volksherrschaft zu Athen, über die auszusendende Kolonie, über die Möglichkeit eines baldigen Feldzuges. Protagoras aber blickte viel nach der schönen Milesierin hinüber. Zuletzt überraschte der schweigsame Iktinos, vom Chier begeistert, die Zechgenossen, indem er einen Päan auf den Dionysos anstimmte, welcher dann im Chore von allen gesungen wurde. – So bewegte sich bei dem Symposion im Hause des Hipponikos die Woge der geselligen, von des Bacchos Gaben, vom lieblichen Reiz der Sinne, vom Zauber der Milesierin beflügelten Festlust, gewürzt mit der Blume hellenischen Geistes, bis zum grauenden Morgen. Dann erhob sich der glänzende Protagoras und sagte: »Die Symposiarchin Aspasia hat, wie ihr wißt, ihren Platz mir abgetreten. Ich benütze dies, um einen Augenblick auch ihre Symposiarchen-Würde mir anzumaßen und euch aufzufordern, diesen letzten Becher zur Ehre Aspasias selbst zu leeren. Hoch hat sie als Trinkkönigin das Panier der schönen Freude gehalten, hat mit spielender Hand siegreich das Reich der holden Lust verteidigt gegen des Ernstes Androhen und gegen die Strenge der Weisheit – hat immer in wohlberechnetem Augenblicke, jetzt mit des Bechers Gaben, jetzt mit lieblichem Reiz der Sinne, jetzt mit des Eros und der Charitinnen Beistände angekämpft gegen das Feindliche, hat mit sanfter Narkose die Fragen des Wahrheitsuchers eingelullt und das vom Jugendfeuer verlass'ne greise Haupt des Weisen unter Blumen begraben – hat uns alle gemach auf die hohe See der dionysischen Freudenwelle hinausgesteuert! Aber gefahrlos ist die holde Trunkenheit für edle Hellenenstirnen, und nicht verderblich in die Tiefe des Hauptes dringt sie ein, sondern aufgefangen schlägt ihr Silbernebel als Tau sich nieder auf die Blätter der Kränze, mit welchen wir kühlend unsere Stirne beschatten! – Und so leert denn die letzten Becher zu Ehren der schönen und weisen Symposiarchin Aspasia!« So sprach Protagoras, und Bescheid taten ihm die erlesenen Männer, welche beim Mahle des Hipponikos vereinigt waren als bekränzte Zecher, auf dem Felde des Ruhmes aber um Perikles und Aspasia sich reihen als die leuchtenden Sterne von Alt-Hellas! Und als die letzten Becher geleert waren, gingen die Männer mit Händedrücken hinweg aus dem Hause des Hipponikos im Morgengrauen. – »Bist auch du zufrieden mit der von Protagoras gepriesenen Symposiarchin?« – So fragte Aspasia den Perikles, als sie mit ihm sich allein fand. »Ich bewundere dich noch mehr von heute an«, sagte Perikles; »aber fürchtest du nicht, daß ich dich etwas weniger liebe?« »Warum das?« fragte Aspasia. »Du hast immer etwas für jeden«, erwiderte jener; »was hast du übrig für Perikles?« »Mich selbst!« erwiderte Aspasia. Er küßte sie auf die Stirn und sie umschloß ihn mit beglückenden Armen. »Ich weiß nicht«, sagte Perikles, als er von ihr schied, »ich möchte mich entweder ins Feld der Taten stürzen, getrennt von dir, oder ungestörter als je einen Honigmond der Liebe mit dir in idyllischer Ruhe durchleben!« »Vielleicht gewähren dieses oder jenes, oder beides zugleich zur rechten Zeit die Himmlischen!« versetzte Aspasia. Die Milesierin schloß an jenem Morgen die müden schönen Augen mit dem Bewußtsein, daß sie wieder näher gekommen dem Ziele. Sie gedachte der Stunde, wo sie gedemütigt entweichen mußte aus dem Hause des Perikles; sie gedachte der stolzen Telesippe, die sich so unangreifbar wähnte, so unerschütterlich in ihrem Herrschertum am Herde des Hauses – sie sagte sich, daß ihre verschwiegenen und offenen Pläne der Erfüllung entgegenreiften, und daß sie triumphieren werde in ihrer Sendung, auf den Trümmern des Herkommens und des Vorurteils das Banner der Freiheit, der Schönheit und der Freude für immer aufzupflanzen. XI. Samos. ätt' es nicht gedacht«, rief der alte Kallippides in einer der zahlreichen Gruppen des Athenervolkes, welche, auf dem großen Markte des Piräus zusammenstehend, sich mit Eifer besprachen – »hätt' es nicht gedacht, als ich neulich an der Vorkämpferin Athene auf der Burg vorüberging. Ich sah den Speer der Göttin voll Baumgrillen, welche darauf saßen und zirpten. Das bedeutet Friede, sagte ich zu mir selbst. Aber freilich, den nächsten Tag ist kurz vor der Volksversammlung ein Wiesel über die Pnyx gelaufen« ... »Du willst doch nicht Unheil krächzen, alte Dohle?« riefen die andern. »Samos kann andere Bundesgenossen zum Abfall verleiten«, entgegnete der Alte, »es kann eine Empörung gegen uns erregen, Sparta kann sich einmischen, ein allgemeiner Hellenenkrieg kann entbrennen. Es liegt, wie man zu sagen pflegt, viel Zunder aufgehäuft, was kümmert es uns so eigentlich, ob die Samier oder die Milesier Priene besitzen?« »Das Ansehen Athens muß aufrecht erhalten werden!« fiel ein jüngerer heftig ein, indem er die Hand ausstreckte und den Kopf über den stramm gehaltenen Nacken emporwarf. »Samos und Milet haben als Angehörige des Bundes ihre Streitsachen der Entscheidung Athens, als des Hauptes der Bundesgenossenschaft, anheimzustellen. Samos verweigert dies. Und darum ist Perikles in Wut entbrannt gegen die Samier« ... »Und in seiner Wut hat er den sanften Sophokles von der Volksversammlung zum Mitfeldherrn sich ausgebeten!« sagte lächelnd einer von den Männern. »Der Antigone wegen!« riefen andere. »Er hat recht getan. Es lebe Sophokles!« »Ihr wißt alle nichts!« sagte hinzutretend der Bartscherer Sporgilos, den die Neugier und die Aufregung des Zeitlaufs in den Hafen getrieben. »Ihr wißt alle nichts in dieser ganzen Angelegenheit: ihr wißt nicht, wie dieser ganze samische Handel entstanden, und wer ihn eigentlich angezettelt!« – »Es lebe Sporgilos!« riefen einige. »Hört den Sporgilos! Der ist einer von denjenigen, welche immer des Morgens genau wissen, was Zeus mit der Hera in der Nacht geplaudert hat!« »Gleich soll eine Lügenblase faustgroß auf der Nase mir auffahren«, rief Sporgilos, »wenn das, was ich euch jetzt erzählen werde, nicht die volle Wahrheit ist! Aspasia, die Milesierin, hat den Perikles beschwatzt. Ich weiß es ganz genau – hört mich nur an! Am Tage nachdem die milesische Gesandtschaft hier eingetroffen war, stand ich eben auf dem Markte, als die Gesandten vorbeikamen und dabei um sich sahen, wie Leute, die nach etwas fragen wollen. In der Tat kam einer von ihnen auf mich zu und sagte: »Heda, athenischer Freund, kannst du uns nicht die Behausung der jungen Milesierin Aspasia weisen?« Die Männer glaubten gewiß, ich kenne sie nicht: ich kannte sie aber – schon an ihren geschmeidigen Manieren und kostbaren Gewändern würde ich sie erkannt haben, wenn ich sie nicht sonst schon gesehen hätte. Ich erwies mich ihnen so höflich als ich konnte und beschrieb ihnen aufs genaueste das Haus der Milesierin und den Weg dahin, worauf sie sich schönstens und bestens bedankten und schnurstracks den weg einschlugen, den ich ihnen gewiesen. Es war schon dämmernder Abend. Sie schlichen in die Behausung der Milesierin. Merkt ihr's nun? Die Gesandten, sag' ich euch, haben mit der Milesierin heimlich verhandelt; sie hat hernach dem Perikles das Kinn gestreichelt und ihm den großen Zorn eingeflößt gegen die Samier« ... »Da habt ihr's!« rief einer von den Zuhörern. »Sporgilos weiß also in der Tat, was die Hera mit dem Zeus geplaudert hat. Doch – da seht den Perikles, mit seinem Gefährten Sophokles – er drillt ihn ohne Zweifel soeben für sein neues Amt!« In der Tat sah man die beiden Männer abseits an ziemlich menschenleerer Stelle zwischen den Säulen wandeln. Sie hatten sich in ein vertrauliches Gespräch vertieft. »Wahrhaftig!« sagte Sophokles, »du überraschest die Athener; man hätte den Perikles in diesem Augenblicke zu allem eher geneigt geglaubt, als dazu. Denn völlig aufgegangen schien er jetzt in den Werken des Friedens, in der Förderung des inneren Gedeihens und – in der Liebe zur schönen Aspasia« ... »Freund!« sagte Perikles lächelnd, »ist es denn zu verwundern, wenn den Strategen die Lorbeern seiner mit Kelle, Meißel und Griffel arbeitenden Freunde nicht ruhen lassen? Schon lange, ich gestehe es dir, fühlte ich in meinem Innern mich befangen und unruhig. Ich dünkte mich müßig unter all' diesen rastlos Tätigen, und fast beschämend erschienen mir bisweilen die weichlichen Rosenbande, die mich fesselten.« »Wie?« entgegnete Sophokles, »daß du in Wirklichkeit doch der Rastloseste bist unter den Rastlosen, daß alles, was getan und geschaffen wird, nur durch dich möglich gemacht, gefördert und zu gutem Ende hinausgeführt wird, das rechnest du für nichts?« »Es genügt nicht den Forderungen, die einer von uns, wie wir da sind, an sich selber stellen mag!« erwiderte Perikles. Ich will nicht bloß Helfer sein, ich will etwas Eigenstes vollbringen, und da kann ich als Stratege eben nur wieder zum Schwerte greifen. Warum sollte ich allein vom schönen Feuer der Ehrbegier, das rings um mich entbrannt ist, unberührt bleiben?« »Und du willst diesmal durchaus deinen Kriegsruhm mit mir teilen?« fragte nach einer kleinen Pause der Dichter. »Lieber als – die Gunst eines reizenden Weibes!« entgegnete Perikles, und faßte dabei den Freund scharf ins Auge. Dieser stutzte. »In meinem Haupte«, sagte er dann, »beginnt es plötzlich zu tagen, und ein wunderbares Licht verbreitet sich über die wahre Ursache meiner Wahl zum Strategen« ... »Alles, was in der Welt geschieht, liebster Freund«, versetzte Perikles lächelnd, »hat nicht eine, sondern hundert Ursachen, wer mag immer sagen, welche die nächste?« – »Willst du nicht lieber mich zurücklassen, und die Schöne mit dir nach Samos nehmen?« fragte der Dichter. Perikles lächelte nur wieder. »Sei getrost«, sagte er dann; »es ist nur eine kleine Fahrt zu unserm Vergnügen, die wir unternehmen, ein Seezug von wenigen Wochen; denn an einen ernsten Widerstand der Samier gegen das mächtige Athen ist nicht zu denken. Samos ist eine prächtige Stadt, die dir gefallen wird; Melissos, der Befehlshaber des samischen Geschwaders, das wir uns gegenüber haben werden, ist, wie du weißt, ein namhafter Philosoph aus der eleatischen Schule, dessen Bekanntschaft du vielleicht mit Vergnügen machen wirst; und wenn wir an Chios vorübersegeln, so wollen wir deinen Dichtergenossen Ion, den Tragiker, besuchen, der dort hauset in schöner behaglicher Muße.« »Du willst Ion besuchen?« rief Sophokles; »erinnere dich, daß er nichts Gutes von dir hält, seit du sein Nebenbuhler bei der schönen Chrysilla gewesen.« »Mein Verhalten gegen einen Menschen«, erwiderte Perikles, »wird niemals dadurch bestimmt, was er von mir hält, sondern dadurch, was ich von ihm halte, Ion ist ein wackerer Mann. Er wird uns mit der besten Sorte seines einheimischen Chiers bewirten, obgleich du sein Nebenbuhler in der Tragödie gewesen.« »Und du, ich wiederhole es«, fiel Sophokles ein, »sein Nebenbuhler bei der schönen Chrysilla, die jetzt, so viel ich weiß, auf Chios in seiner Gesellschaft lebt« ... »Laß die Chrysillal« sagte Perikles. Der Dichter ergab sich heiter in sein Schicksal, Perikles begann ihn über das, was sein neuer Beruf mit sich brachte, zu unterrichten. Wenn man in jenen Tagen ein beschriebenes Blatt in den Händen des Sophokles sah, so war es kein tragischer Entwurf, kein Chorgesang, kein Hymnus auf den Eros oder Dionysos, sondern die Liste der seepflichtigen Mannschaft, die er einberufen, der reichen Bürger, welche er auffordern mußte, als Trierarchen die einzelnen Schiffe zu führen und zum Teil auch auszurüsten. Aus der lieblichen Einsamkeit seines grünen Kephissostales sah er sich jetzt von Perikles mit hinausgeschleppt in die Zeughäuser und Kriegshäfen von Zea und Munychia, in den Lärm des Piräus, wo die gefürchteten Meeresdiachen der Athenerflotte aus ihren Behältern wieder in die Flut gezogen wurden, ins Getümmel der Arsenale, wo es ein Scharren gab und ein Hobeln, Hämmern, Nageln, Kreischen ohne Rast. Schier unheimlich wurde es im Beginne dem schönheitseligen Dichter dort beim Geschrei der Ruderknechte und Matrosen, den zurzeit noch müßigen, unter welchen es Streit gab um Flötenmädchen und zuweilen auch Löcher in den Köpfen. Das Ohr gellte ihm von den schrillen Bootmannspfiffen, Rudertaktrufen, Fanfaren: denn mit denjenigen Trieren, deren Ausrüstung bereits vollendet war, stellten ihre Trierarchen täglich kleine Wettfahrten im Golfe an, um zu erproben, welches von den Schiffen am besten und raschesten segle. Als nun aber der Tag zu der Abfahrt herangekommen war, und man die hochgebordeten Schiffe mit ihren drei übereinander sich erhebenden, umlaufenden Ruderreihen, mit den ragenden, schwanenhalsartig emporgetürmten Vorder- und Hinterteilen, dem Schmuck ihrer Bemalung, den goldglänzenden Pallasbildern und anderen Emblemen, den drohend zugespitzten Balken des Schiffskiels, frei und kühn in wohlgeordneten Reihen auf der blauen Welle schweben sah, und auf das Zeichen einer Trompete eine feierliche Stille eintrat, während welcher der Herold mit lauter Stimme vom Bord des Admiralschiffes ein Gebet sprach, welches alle von den einzelnen Schiffen aus nachsprachen, und in welches selbst das Volk vom Ufer aus mit einstimmte, und Opferrauch emporstieg vom Verdeck der Schiffe in die blaue Morgenluft, das gesamte Heer aus goldenen und silbernen Bechern Trankopfer ausgoß und einen Päan zu singen begann, zuletzt aber die Flotte sich in Bewegung setzte, die Segel sich im Winde entfalteten, das Meer unter dem Schlage unzähliger Ruder erbrauste, und, begleitet von Segenswünschen der Nachblickenden, die lange Reihe der Fahrzeuge aus dem Hafen auf die offene See hinauszog – da war der Dichter Sophokles zum Strategen geworden mit ganzer Seele, und nicht hochgemuteter kann sein Held Ajas aus Salamis gen Troja gezogen sein, als jetzt er selber aus dem Gau von Kolonos gen Samos zog. – Nach Verlauf einiger Wochen lief ein Schnellsegler mit Berichten des Perikles für den Rat und die Volksversammlung in den Piräus ein. Der Befehlshaber desselben Schiffes, das diese Nachrichten überbrachte, bestellte insgeheim, nicht als Trierarch, sondern als persönlicher Freund des Strategen Perikles, ein Schriftstück, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war. Es war ein Schreiben des Perikles an seine Freundin Aspasia. Das Schreiben lautete: »Ich weiß nicht, wie es zuging, daß meine Brust kaum jemals höher schlug, als in dem Augenblicke, da ich mit der Flotte den Hafen von Athen verließ und wieder die hohe See unter mir fühlte. Als ich auf dem Verdeck des Schiffes stand und die Winde des Ägäermeeres meine Stirne bestrichen, da war es, als ob mit ihnen ein Hauch der Freiheit mich umwehte, und als ob ich mich selbst wiedergewonnen hätte, wiedergewonnen? Ein törichtes Wort! Hatte ich mich denn verloren? Ich wüßte nicht – wenn nicht etwa an dich, Aspasia! Einen Augenblick schien es mir damals in der Tat, als hätte ich in dieser letzten Zeit ein wenig zu weichlich und zu willenlos auf das Rosenlager der Liebe mich hingestreckt. Ich zürnte dir beinahe. Aber als ich mich besser besann, da mußte ich mir sagen, daß ich dir das größte Unrecht tat, und daß ganz im Gegenteil gerade das, was von deinem Wesen ausgeht, und was niemals ein Erschlaffendes, sondern immer ein bewußt oder unbewußt Spornendes, Treibendes ist, mich beherrschte und aus dem stillgewordenen Athen mich auf das Feld der Taten hinauszog. So brauche ich mich denn nicht mehr meiner Liebe zu dir, noch des Verlangens, das ich schon jetzt wieder nach dir empfinde, zu schämen. Schlecht gerüstet fand ich die Samier und in halber Vorbereitung überrascht. Ich schämte mich fast des leichten Sieges. Zu tun schien bald nichts mehr übrig, ich schickte mich also an, nach Athen zurückzukehren, in der Hoffnung, es würde mir bei der Einfachheit der zum Erfolge aufgewendeten Mittel wenigstens die Raschheit des Erfolges zum Ruhme gereichen. Ob an dieser beschleunigten Heimkehr nicht auch das Verlangen, das, was ich in Athen zurückgelassen, sobald als möglich wiederzufinden, einigen Anteil hatte? Ich bin mir dieser unmännlichen Regung nicht geradezu bewußt, aber ich wage es nicht, die Möglichkeit davon zu leugnen. Jedenfalls aber erwies sich die Eile, mit welcher ich zurückkehren wollte, nicht als so vorteilhaft, wie die, mit welcher ich ausgezogen war. Ich lernte, daß man im Kriege mit Eile ins Feld rücken, aber bedachtsam heimkehren müsse. Doch wozu soll ich dir von Dingen berichten, welche nun wohl zu Athen in aller Munde sind? Unsere Flotte brennt vor Eifer, den früher versäumten Seekampf nachzuholen; selbst der sanfte Sophokles glüht in diesem Augenblicke vom Feuer des Ares. Ich habe ihn nach Chios und Lesbos gesendet, um die Schiffe der Verbündeten von dort herbeizuholen; andere Verstärkungen sind unterwegs. Sende mir Nachrichten von dir und den Freunden zu Athen durch denselben mir befreundeten Trierarchen, der dir dies Schreiben übermittelt hat, und wisse, daß ich auf deine Nachrichten nicht weniger gespannt bin, als du auf die meinigen. Sage dem Pheidias, daß er sich nicht stören lasse durch den Lärm des Krieges in seiner ruhigen Friedensschöpfung. Des Heimkehrenden schönste Freude wird es sein, wenn ihm die hohen Tempelsäulen des Burgberges der Vollendung nahegerückt entgegenleuchten.« – Dies also war der Inhalt des Schreibens, welches Perikles an Aspasia sandte. Die Milesierin erwiderte dasselbe wie folgt: »Es freut mich, daß du so rasch von dem Gedanken zurückgekommen bist, das Wesen des kühnen Perikles sei in letzter Zeit durch Aspasia verweichlicht worden. Muß ich nicht im Gegenteile mir den Vorwurf machen, daß ich durch Fürsprache, die ich für meine Landsleute bei dir einlegte, dich hinaustreiben half auf das Feld der Taten, wie du es nennst? Nicht unvorteilhaft dünkt mich eine solche kurzwährende Trennung; denn ein wenig überdrüssig scheinst du bereits des Friedens geworden, und des Genusses, und der Liebe zu Aspasia. Aber das frühe Verlangen, mich und die Freunde wiederzusehen, hast du dir schon deshalb nicht zum Vorwurfe zu machen, weil die Sehnsucht, Liebgewordenes wiederzusehen, ja immer am stärksten ist unmittelbar nachdem man es verlassen oder verloren hat. Ich fürchte, du wirst die Entfernung immer leichter ertragen, je länger sie dauert, und am Ende, wie Agamemnon vor Troja, zehn Jahre lang, wenn es sein muß, in zunehmender Gemütsruhe vor Samos liegen. Mein Verlangen nach dir dagegen kann nicht schwächer werden durch die Zeit, denn es wird genährt durch Tatlosigkeit und Einsamkeit. Du hast mich hier beinahe so vereinsamt zurückgelassen, als ob ich deine Gemahlin wäre; du hast den mildheitern Sophokles mit dir fortgenommen und den glänzenden Protagoras mit einer Kolonie ins ferne Ausland gesendet. Nur Sokrates ist da, und dieser sucht zuweilen meine Gesellschaft. Aber sei es nun aus Mißtrauen gegen mich, oder gegen sich selbst, oder gegen dich – er wagt sich nicht ohne fremdes Geleit in meine Nähe und erscheint an meiner Schwelle immer in Gesellschaft eines Kauzes, der beinahe so wunderlich ist als er selbst. Es ist der Tragödiendichter Euripides, unseres Sophokles jüngerer Nebenbuhler. Er und Sokrates sind unzertrennliche Freunde und man sagt sogar, dieser helfe ihm bei Abfassung seiner Tragödien, weil dieselben so reich sind an sinnigen Sprüchen. Aber das ist töricht. Die beiden sind einander so ähnlich von Natur, daß ich nicht weiß, was einer von dem andern zu entnehmen brauchte. Sie triefen alle beide von Weisheit, was Sokrates unter den Denkern, das ist Euripides unter den Dichtern: ein Grübler und ein Sonderling. Auch ein Bücherwurm: er hat sich eine große Büchersammlung angeschafft und lebt da ganz den Musen. Im übrigen sieht er aus wie alle Poeten: ein von Anbeginn altes Gesicht auf einem ewig jugendlich beweglichen Leibe. Er ist zurückgezogen, mürrisch und schroff in seinem Wesen und geht nur mit Sokrates und den Sophisten um. Indessen vermochte Sokrates doch so viel über ihn, daß er begierig wurde, mich zu sehen. »Dieser Mann hier«, sagte Sokrates, als er ihn mir vor Augen brachte, »ist der vortreffliche Tragödiendichter Euripides, den du, wie ich hoffe, doppelt bewundern wirst, wenn du hörst, daß sein Vater Mnesarchos ein Schenkwirt, und seine Mutter Kleito eine Gemüsehändlerin gewesen. Auch mußt du wissen, daß er gerade am Tage der großen Perserschlacht von Salamis auf dieser Insel selbst geboren wurde.« »Eine große Vorbedeutung!« sagte ich. »Das ist möglich«, nahm Euripides selbst das Wort; »aber was die Götter ursprünglich mit mir wollten, ist noch nicht völlig klar.« Dann erzählte er mir ausführlich – denn nachdem er einmal zu reden angefangen, wurde er wider Erwarten ziemlich gesprächig – wie seinem Vater durch ein Traumgesicht die Verheißung zu teil geworden, daß sein eben gebornes Söhnlein dereinst als Sieger aus rühmlichen Wettkämpfen hervorgehen werde. Sein Vater habe dies als ein echter Hellene auf Siege zu Olympia oder Nemea gedeutet, und habe ihn mit Sorgfalt in den gymnastischen Künsten unterrichten lassen; auch habe er dann wirklich schon als Knabe einen schönen Sieg bei den Panathenäen davongetragen, aber er habe allmählich mehr Geschmack an Bücherrollen als an Faustriemen und an Wurfscheiben gefunden und sei zuletzt, statt eines preisgekrönten olympischen Athleten, ein Bewerber um tragische Siegespreise geworden. »Wie kommt es«, fragte ich ihn, »daß du in jede deiner Tragödien Aussprüche gegen die Frauen einflichtst, und daß man dich allgemein als einen Weiberfeind bezeichnet?« »Ich bin verheiratet!« erwiderte er. »Ist dies ein Grund«, sagte ich, »alle Frauen zu hassen, auch diejenigen, mit welchen du nicht durch Bande dieser Art verbunden bist?« »Sokrates hat mich zu dir geführt«, versetzte er, »um mich von meinem Weiberhasse zu heilen. Vorläufig schätze ich nur ein einzig Weib, das Weib, das mich gebar: die vormalige Gemüsehändlern Kleito – ich sage vormalige, denn gegenwärtig habe ich sie veranlaßt, den Gemüsehandel aufzugeben und ein kleines Landgütchen zu verwalten, was ich besitze.« Ich zeigte Verlangen, diese Frau kennen zu lernen. »Wenn es dich nicht langweilt«, gab er zur Antwort, »die Geschichte, wie ich auf Salamis während der großen Schlacht in einer Ufergrotte von ihr geboren worden bin, erzählen zu hören – denn mit dieser Erzählung verschont sie keinen Sterblichen, der sich ihr nähert – so ist es ein Leichtes, dein Verlangen zu befriedigen.« Ein paar Tage später suchte ich, begleitet von einer Sklavin, das abgelegene, bescheidene Landhaus auf, in welchem Mutter Kleito waltet, und dessen Stille nur manchmal durch die erdröhnenden Trimeter ihres dichtenden Sohnes unterbrochen wird, wenn er, um ganz ungestört zu sein, in die ländliche Einsamkeit sich zurückzieht. Ich fand die gute Frau unter ihren Hühnern, Enten und Ferkelchen, und sagte ihr, daß ich die Geschichte, wie ihr berühmter Sohn auf Salamis während der großen Seeschlacht von ihr geboren wurde, zu hören wünschte. Herzlich erfreut und mit sichtlichem Stolze sagte das Mütterchen: »Das ist eine Geschichte, Frau, welche sich sogar der große Themistokles von mir hat erzählen lassen!« Dann lud sie mich ein, auf einem Rasensitze mitten im Garten Platz zu nehmen, nachdem sie zuvor die Hühner und Tauben, welche auf demselben saßen, hinweggescheucht hatte. »O Kind«, sagte sie dann, »das war ein Tag des Grausens, als die Perserscharen hereinbrachen in unser heiliges Athen und alles niederbrannten, und die Menschen an den Altären erwürgten, und pechgetränkte Feuerpfeile vom Areshügel aus gegen die Akropolis warfen, bis alle Tempel droben in Flammen standen, und ein ungeheurer Rauch in schwarzen Wolken über das Meer flog. Aber während die Stadt verbrannte, und alle Männer schwuren, sie wollten mit der Waffe in der Hand sterben unter den rauchenden Trümmern, und die Weiber dazwischen heulten, und ein unermeßliches Wehklagen erscholl, weil Athen, das heilige Athen verbrannt, vertilgt sei von der Erde, da kam Themistokles daher, Themistokles, der Seeheld, und streckte die Hand aus gegen das Meer und gegen die Flotte und rief: Dort ist Athen! und trieb alles, was männlich war, auf die Schiffe. Und neben ihm stand der langbärtige Priester aus dem Erechtheustempel auf der Burg und verkündete, ein hochbedeutsames Wunder sei geschehen: die heilige Burgschlange sei von selbst aus dem brennenden Tempel verschwunden, zum Zeichen, daß die Stadtschirmerin Pallas Athene selber und alle Götter von hinnen gewichen, und daß des Atheners Vaterland in diesem Augenblicke nirgends sei als auf der See, auf den Schiffen der Flotte des Themistokles. Während nun die Männer alle auf die Schiffe gingen, war es ein Jammer zu sehen, wie sich die Weiber, die Kinder und die Greise durcheinander gewirrt in die Boote warfen, die da bereit standen an der Küste, und auch drunten an der Furt von Salamis, und von welchen viele umschlugen, weil sie die Menge der Flüchtenden nicht zu fassen vermochten. Nicht einmal die Hunde wollten zurückbleiben in der verlassnen Stadt: sie stürzten sich ins Meer und schwammen neben den Schiffen ihrer Herren einher, solange sie konnten. Du mußt aber wissen, Kind, daß ich damals hochschwangeren Leibes war, und in diesem Zustande erreichte ich mit einem ganzen Schwarme glücklich das Gestade von Salamis, und dort schlugen in einer Felsgrotte am Ufer einige Frauen und Kinder, darunter ich, ihre Nachtherberge auf. Die Nacht war über die Maßen unruhig, denn es sammelten sich nächtlicherweile um Salamis alle Griechensegel, und es schollen die Zurufe unablässig von Schiff zu Schiff die ganze Nacht hindurch, so daß es auch den Sorglosen unmöglich gewesen wäre, ein Auge zu schließen. Es war aber zufällig eben auch die Zeit des Jakchosfestes, an welchem das Bild des Gottes bei einbrechender Nacht von Aegina herüber nach Eleusis gebracht wird übers Meer, bei Fackelgeleucht, in großem Feierzuge, und Themistokles hatte nicht gewollt, daß man diese Feier des Schreckens halber unterlasse, und eben als die Griechen ihre Schiffe ordneten, kam das festlich geschmückte Fahrzeug mit den heiligen Bildern der Aeakiden von Aegina herüber, und vom Fackelschein erglänzte die ganze Bucht, so daß alle Griechen auf den Schiffen noch mehr befeuert wurden, weil sie sahen, daß die Heimatgötter noch lebendig walteten. Und als nun der helle Morgen angebrochen war, und ich mich mit anderen Frauen ans Ufer hinausschleppte, da sah man schon die vereinten Schiffe der Hellenen kampfgerüstet dastehen im Morgenglanz, und der ganze Euripus wimmelte, und die große Perserflotte segelte langsam, unabsehbar von Phaleron herüber. Mir aber vergingen die Sinne, ich mußte in die Grotte zurückkehren. Des Mutterleibes Not und Drangsal überwältigte mich. Und nun lag ich da, verlassen auf dem Lager von Seegras, denn die Frauen, welche die Nachtherberge mit mir geteilt hatten, liefen alle hinweg, und was da war von Weibern und Kindern auf Salamis, das wußte die Gatten und die Väter auf den Schiffen, und da standen sie denn alle dichtgedrängt auf dem hohen Ufer draußen und blickten nach den Fahrzeugen hinüber und rangen die Hände und flehten zu den Göttern. Jetzt hörte ich ein gellendes Trompetengeschmetter, und einen Päan hört' ich singen von vielen tausend Stimmen – fernher klang es gedämpft bis an mein Schmerzenslager. Da war es, wie wenn ein fürchterlicher Orkan in einen dichten Oelbaumwald sich stürzt, und als ob tausend brechende Wipfel krachten – es war aber das Gekrach der Schiffe, die aneinander prallten, und dazwischen scholl immer dumpf aus der Ferne das Kampfgeschrei der Unsrigen und der Barbaren. Wie lange dies so gewährt – ich weiß es nicht, und die Schlacht kann ich dir nicht erzählen, Tochter, denn ich sah sie nicht, ich wand mich hilflos den langen Tag auf meinem Lager und lechzte nach Labung, und sank verschmachtend zuletzt in einen Schlaf, der wohl mein letzter gewesen wäre. Da hört' ich plötzlich durch meinen todmatten Halbschlummer hindurch ein helles Jubelgeschrei der Weiber und ich gewann mein Bewußtsein wieder und besann mich, daß ich auf Salamis liege. Aber es mischte sich mancher plötzlicher Jammerruf in das Jubelgeschrei, denn nicht bloß unzählige Schiffstrümmer wurden herangewälzt an das salaminische Gestad', sondern auch Leichen, unter welchen manche von den Frauen ihren Sohn oder Gatten erkannte. Aber auch viele von den im Kampfe Verwundeten und viele von der Mannschaft jener Schiffe, welche zertrümmert worden waren und welche dem Strande von Salamis näher waren als dem jenseitigen athenischen Ufer, retteten sich auf die Insel, und brachten die Botschaft: der Perser ist geschlagen und flüchtet tödlich getroffen übers Meer und entweicht aus den rauchenden Trümmern Athens, und noch heute dürfen wir zurückkehren in die befreite Vaterstadt. – Nun denke dir aber, Kind, wie mir erst zu Mute ward, da unverhofft, als ob ihn die Götter selber herbeigeführt hätten, mein Gatte Mnesarchos, der unter jenen Gelandeten war, in die Grotte hineinstürzte mit dem Ausrufe: »Athen ist wieder frei, Athen ist wieder unser!« und so wollte er fortfahren mit freudigem Geschrei, aber nun stelle dir das Schauspiel vor, wie er mich plötzlich erblickte und neben mir das nackte, neugeborne, wimmernde Knäblein. Da konnte er gar nicht mehr sprechen, er faßte nur das Knäblein heftig, und hob es auf seinen Arm, und tanzte damit umher in seiner Sieges- und Vaterfreude, lief dann mit dem Kinde hinaus ans Meer und wusch es ab, und dann rannte er fort und brachte mir Wasser und anderes Labsal, so daß ich mich endlich, wiewohl langsam, erholte von der tödlichen Ermattung, in welche ich versunken war. Den nächsten Tag wurde ein großes Siegesfest auf der Insel gefeiert. Bekränzte Jünglinge tanzten um die Trophäen, während der Perser abzog und heimflüchtete mit dem Reste seiner Scharen nach dem fernen Morgenlande. Da ging Mnesarchos mit dem neugebornen Knäblein auf den Armen im festlichen Gedränge umher und zeigte es allen Griechen und erzählte, wie es zur Welt kam in der Stunde des Kampfes. Und als Themistokles selber hinzutrat und die Sache, wie sie war, vernahm, sagte er: »Gepriesen seien die athenischen Mütter, welche uns neue Bürger gebären noch während des Kampfes, zum Ersatz für jene, welche gefallen sind fürs Vaterland!« So sprach er und befahl, dem Mnesarchos hundert Drachmen auszuzahlen. Da ging es fröhlich her, und Mnesarchos nannte den Knaben Euripides, zum Gedächtnis dessen, daß er geboren ward am Siegestage im Euripus, in der Meeresfurt von Salamis!« – So erzählte mir das ehrliche Mütterchen Kleito, genau so, wie ich es für dich niedergeschrieben.« – Wenige Tage, nachdem das Schreiben Aspasias an Perikles abgesendet war, kamen Siegesnachrichten aus Samos und mit ihnen neue schriftliche Botschaft an Aspasia. Sie lautete: »Du bist unvergleichlich, Aspasia, und immer ganz du selbst. War es Zufall oder geheime Absicht, daß du mir in deinem Briefe von jenem Mütterchen und von Salamis erzähltest? Als mit der verlangten Verstärkung aus Athen deine Zeilen an mich eintrafen, stand ich mit meiner Flotte der samischen bereits gegenüber. Ich las die Erzählung deines Mütterchens, und, salaminischer Begeisterung voll, gab ich das Zeichen zum Angriff. Wir siegten. Aber ich werde mich wohl hüten, dir von der Schlacht eine Schilderung zu geben. Wie könnte es mir beifallen, jenem Bilde gegenüber, mit welchem du mir so lebendig die Erinnerung an die Großtat von Salamis heraufbeschworen, mit meinem kleinen samischen Erfolge zu prahlen, durch welchen die Samiersflotte unschädlich gemacht, der Widerstand der Stadt selbst aber noch nicht gebrochen ist. Wir umlagern sie zu Wasser und zu Lande. Dieses Samos ist eine gewaltige Stadt und prächtig von Ansehen; aber ihr größter, altberühmter Tempel ist, wie du weißt, der Ehegöttin Hera gewidmet, und in diesem Tempel werden ganze Herden jener Vögel gemästet, welche der Göttin heilig, uns beiden aber verhaßt geworden sind ... Auch Sophokles hat dein Schreiben gelesen, mit großer Freude über die Erzählung des Mütterchens. Da er selbst unter den bekränzten Jünglingen und Knaben gewesen, welche beim Siegesfeste, von welchem das Mütterchen spricht, um die Trophäen tanzten, Aischylos aber unter den Kämpfern, so haben diese tragischen Poeten sämtlich ihren Teil an den Ehren von Salamis – den kleinsten freilich dein Euripides, der sich eben nur geboren werden ließ. Ich habe mich im übrigen auch nach dem Wesen des Euripides bei Sophokles erkundigt und ihn gefragt, was er von der Weiberfeindschaft desselben halte. Sophokles erwiderte mir, Euripides hasse die Weiber nur, weil er sie liebe. Denn wenn er sie nicht liebte und ihrer entraten könnte, so würde er sich nicht um sie kümmern, er würde von ihnen nicht reden, und es würde ihm gleichgültig sein, ob sie gut oder böse. So weit Sophokles: ich denke also, der Ruhm, den Euripides von seinem Weiberhasse zu heilen, wird für dich nur ein geringer sein.« – Dies Schreiben des Perikles beantwortete Aspasia in folgender Weise: »Du hast mit deinem Siege vor Samos den Athenern Anlaß zu großem Jubel gegeben, in welchen ich im stillen von Herzen mit einstimmte; nur hast du meinen Teil der Freude mir durch die Bescheidenheit verkümmert, mit welcher du in deinem Schreiben die Schilderung deines Seegefechtes mir vorenthältst. Ich bin im allgemeinen einverstanden, wenn du deine Blätter an mich nicht mit Staats- und Kriegsangelegenheiten füllst und dich auf das beschränkst, was deine Person betrifft: aber man sagt, daß eben diese Schlacht dich in deines Waltens und Wirkens Glanz gezeigt, daß du persönlich das Schiff des feindlichen Feldherrn in den Grund gebohrt. Nicht um die Dinge ist es mir zu tun, sondern um dich, um das helle Bild eines Wesens, das mir daraus entgegentritt, so daß ich wie mit leiblichen Augen dich schaue. Der Bau des Parthenon nimmt seinen Fortgang mit einer fast unglaublichen Raschheit. Freilich, bei vollen Kassen ist gut bauen, wie Kallikrates zu sagen pflegt. Vor einigen Tagen ereignete sich auf der Akropolis ein Unglücksfall, der Aufsehen erregte. Ein Arbeiter fiel vom Gerüst und wurde tödlich verletzt; und daß dies gerade an der Stelle geschah, welche Diopeithes als eine »unterweltliche«, als eine Unglücksstelle in Verruf gebracht, hat die Gemüter und die Zungen der Abergläubischen zu Athen gewaltig erregt. Triumphierend weist der Erechtheuspriester auf seine erfüllte Prophezeiung hin und stellt weiteres Unheil in Aussicht, welches die Götter verhüten mögen. Er blickt von der Schwelle seines alten Tempels noch immer finster und grollend auf den munteren Kallikrates herüber und wünscht ihm den Sonnenstich aufs Haupt. Aber die heißesten Pfeile Apollons prallen ab an der Stirn des Unermüdlichen. Pallas Athene hält ihren Schild über ihn. Er neckt den Gegner, wo er es vermag, und wenn die mißgünstigen Blicke desselben ihm allzu unbequem werden, so weiß er es so einzurichten, daß seine Leute eine Staubwolke in der Nähe des Erechtheions aufwirbeln, welche den Priester zwingt, sich augenreibend in das Innere des Heiligtums zurückzuziehen. Jetzt ist sogar auch ein Maulesel in den Hader dieser beiden verflochten worden. Unter den Maultieren nämlich, welche nun schon einige Jahre lang beschäftigt sind, Tag für Tag den Abhang der Akropolis auf und nieder zu trotten, Gestein und andere Lasten auf die Höhe derselben zu schleppen, befand sich auch eines, das teils durch sein Alter, teils durch eine Verletzung, die es in seiner Berufstätigkeit sich zuzog, untüchtig zur Arbeit wurde. Sein Treiber wollte es schonen und es im Stalle zurücklassen. Damit aber war das wackere Tier nicht zufrieden und ließ sich selbst durch Schläge nicht abhalten, zu tun was es gewohnt war seit so langer Zeit, und mit seinen Gefährten, wenn auch unbelastet, zur Akropolis hinauf und wieder hinabzutrotten. Und dies tut es nun getreulich Tag für Tag, und alle Welt kennt den »Maulesel des Kallikrates«, wie man ihn nennt, da Kallikrates das unbrauchbar gewordene, aber noch immer dienstwillige Tier unter seinen besonderen Schutz nimmt. Da aber dieser Maulesel auf der Akropolis müßig geht, und umherschlendernd zuweilen dem Tempelbezirke des Erechtheion zu nahe kommt, auch schon ein paarmal Miene gemacht hat, heilige Kräuter, welche dort gepflanzt werden, mit unheiliger Schnauze zu beschnuppern, so haßt Diopeithes diesen getreuesten aller Arbeiter des Parthenon beinahe noch mehr, als den Kallikrates selbst, und es ist nicht abzusehen, welche Verwicklungen aus dieser Sache noch hervorgehen werden. Lebe wohl, mein Held, und denke nicht immer bloß an die Erzählung des Mütterchens, an Salamis und Themistokles, sondern auch an deine Aspasia. Nicht Hera und nicht alle Pfaue von Samos sollten mich abhalten, zu dir zu eilen, wenn du es wolltest.« – Nicht lange nachher empfing Aspasia von Perikles folgende Zeilen: »Du zürnst mir, daß ich dir die Beschreibung meines Seegefechtes vorenthalte? Du willst nicht völlig darauf verzichten, mich vor Samos waltend und wirkend und handelnd zu schauen? An und für sich ist eine Seeschlacht vielleicht das sehenswerteste von allen Schauspielen, und ich gestehe, daß ich, so oft ich veranlaßt war, mich als Stratege auf der See mit einem Feinde zu messen, wie sehr auch mein Feldherrnamt mich in Anspruch nehmen mußte, doch immer einen Blick der Bewunderung übrig hatte für das Schöne und Gewaltige des Anblicks, den ein Kampf segelbeschwingter Kolosse auf offener See gewährt. Dir hat das Mütterchen Kleito zum Glück nur die Nebenumstände der Schlacht von Salamis, nicht die Schlacht selber schildern können, und so will ich es nun doch wagen, dir die Geschichte des Kampfes der Schiffe vor Samos kurz zu berichten: mit dem Bedeuten aber, daß diese Erzählung von kriegerischen Dingen die einzige sein soll, die du während des Feldzuges mir entlockst. Bei der Insel Tragia war ich der von Milet herkommenden Samierflotte begegnet. Meines Angriffs gewärtig, nahm sie sofort eine feste Kreisstellung ein, um mich zu hindern, das zu tun, worauf ich im Seekriege stets mein Hauptaugenmerk zu richten pflege: die feindlichen Schiffe in rascher unvermuteter Wendung von der Seite anzugreifen. Ich sandte einige kühne Segler aus, um die Kreisstellung der Feinde umschwärmend zu verwirren, durch Scheinangriffe und verstellte Flucht hier und dort ein feindliches Fahrzeug aus seiner Reihe herauszulocken. Auch erhob sich ein ziemlich heftiger Wind, was ebenfalls dazu beitrug, bei wogender See den geschlossenen Kreis der Samierflotte zu lockern. Unsere Flotte stand von Anfang an mit vorgestreckten, gegen die feindlichen Flanken zu gekrümmten Flügeln, bereit, jedes aus der feindlichen Linie sich vorwagende Schiff von der Seite zu fassen. Indessen gelang es dem Samier-Feldherrn, während sein Vordertreffen bereits in einen ziemlich heftigen Kampf sich verwickelte, aus dem rückwärts stehenden Teile des erschütterten und halb aufgelösten Kreises ein gerades Treffen zu bilden, mit welchem er plötzlich, während die Schiffe des Vordertreffens auf seinen Befehl sich zurückzogen, in geschlossener Ordnung hervorbrach. Für einen Augenblick setzte der Anprall dieser geschlossenen Phalanx unsere vordersten Reihen in Verwirrung. Die bauchigen Fahrzeuge der Samier mit ihren rüsselförmig gestalteten Vorderteilen und den unzähligen flink bewegten Rudern waren wie Ungetüme anzusehen, welche mit tausend Füßen gegen uns herangekrochen kamen. Nur war dies Kriechen ein flügelschnelles, windbeschwingtes. Aber nach wenigen Augenblicken, während welcher auch ich die zerstreuten Segel in Eile ordnend zurückzog, stand unsere Phalanx der samischen ebenso geschlossen und ebenso ehern gegenüber. Jetzt entbrannte der eigentliche Kampf in wilder Erbitterung. Mit hellem Geschrei aufeinander losgehend, bohrten sich gleichsam die Vorderreihen der Unseren und der Samier ungestüm in einander, so daß jedes attische Fahrzeug nach zwei Seiten hin angriff, jedes feindliche nach zwei Seiten hin sich verteidigte. Glichen die Samierschiffe drohend vorgestreckten Schweinerüsseln, so waren die unseren Seeschlangen vergleichbar, welche zwischen jenen Rüsseln behend und mit tödlichen Bissen nach links und rechts sich hindurch zu winden verstanden. In der gedrängten Ordnung aber begannen von Schiff zu Schiff die gewaltigen Kriegswerkzeuge zu spielen, die geschoß-schleudernden Katapulte und Skorpione, und die furchtbaren Delphine, lange Balken mit Erzblöcken an der Spitze, welche, emporgehoben über dem feindlichen Fahrzeug, in wohlberechnetem Niedersturz den Mast zertrümmerten, oder das Verdeck durchschlugen, und das wie mit ehernen Klammern festgehaltene Schiff zur Beute der Angreifer machten. Und während die Aufmerksamkeit eines feindlichen Fahrzeuges durch einen Hagel von Pfeilen, mit welchen sein Verdeck überschüttet wurde, in Anspruch genommen war, umschwärmten es verwegene leichte Boote in der Tiefe, deren Bemannung mit Beilen sein Ruderwerk zertrümmerte. Und wie zuletzt Kiel an Kiel immer näher gedrängt stand, und die hochragenden Borde der Unsern und der Feinde sich berührten, da bildeten die vereinigten Flächen der Verdecke bald ein Schlachtgefild, auf welchem die Schwerbewaffneten mit Lanze und Schwert, Mann gegen Mann, einander gegenüber standen. Die Kühnsten ließen sich nicht abhalten, über den Bord in die Fahrzeuge ihrer nächsten Gegner zu dringen. Einigen der Unsern gelang es hier und dort, die feindliche Bemannung niederzuhauen, den Trierarchen gefangen zu nehmen, sich des Steuers zu bemächtigen, und die wehrlosen Ruderknechte zu zwingen, das erbeutete Fahrzeug aus der samischen Linie in die athenische hinüber zu rudern. Wie rühmlich auch in solchen Wagnissen heldenhafter Sinn sich bewährte, ich mißbilligte des persönlichen Mutes allzu eifriges Vordrängen, immer bedacht, im Seekampfe das Blut der Streiter so viel als möglich zu schonen, und mehr die Schiffe als die Menschen gegen einander kämpfen zu lassen, warum sollen diese sich würgen, wo jene mit kühnen, raschen, gewandten Bewegungen die Entscheidung herbeizuführen im stande sind? Ich fuhr zwischen den Schiffen der Flotte hin und rief den Trierarchen zu, sie sollten mehr mit Schiffsschnäbeln und ehernen Balkenspitzen, als mit Schwert und Lanzen kämpfen und ihr Schiff nicht als Burg, sondern als Waffe betrachten. Sie verstanden mich, und da die Samier zahlreiche untüchtig gemachte Schiffe aus dem Treffen zogen, mit dem Reste aber näher zusammenrückten, so wurde es uns um so leichter, mit den Schiffen der vorgestreckten Flügel enternd gegen ihre Flanken anzurennen. Jetzt war alles Augenmerk nur darauf gerichtet, die feindlichen Schiffe in den Grund zu bohren. Es war in der Tat ein Kampf der Schiffe selbst geworden. Neben der Wucht anrennender Schiffsschnäbel, neben der Kraft eherner Balkenspitzen am Schiffskiel, bewährte sich in jenem Kampf auch die von mir selbst ersonnene Vorrichtung der »eisernen Hände«, die manches Samierfahrzeug faßten und festhielten in unlösbarer Umklammerung. Ins dumpfe Gedröhn aneinander prallender Schiffsbalken mischte sich das helle Geknatter zerbrechender Ruder, wenn in rascher, wohlberechneter Streiffahrt ein Fahrzeug, hart neben dem feindlichen hinsegelnd, das vorgestreckte Ruderwerk desselben zerbrach wie dürres Baumgeäst. Die Samier schwankten, sie gerieten in Unordnung, aber sie wichen nicht. Erzürnt über diesen Trotz, überdrüssig des langen Kampfes, wollte ich soeben den Befehl geben, einige Transportschiffe, mit Werg und Reisig beladen, anzuzünden und in die feindlichen Reihen zu senden, um den Rest der widerspenstigen Samierflotte zu verbrennen, als plötzlich eine gewaltige Steinlast gegen den Mast meines eigenen Schiffes flog. Der Mast wurde nicht getroffen, wohl aber der Steuermann, der sogleich mit zerschmettertem Haupte von seinem Sitz am Steuer herabsank. Im Niederrollen hatte der Steinblock auch noch das Steuer selbst mit allem, was in der Nähe lag, zermalmt. Der Stein war aus dem Feldherrnschiff der Samier geschleudert worden, woraus ich ersah, daß der Samierfeldherr sich gleichsam mir selbst persönlich zum Kampfe stellen wollte. Aber mit dem steuerlosen Schiff war Widerstand unmöglich. Rasch, und ohne daß der Feind es merken konnte, stieg ich vom Hinterteil des Schiffes auf einer Leiter in ein Boot hinab, und warf mich von diesem aus mit beflügelter Hast in ein anderes Fahrzeug, die »Parthenos«, und während das samische Feldherrnschiff über jene steuerlose Beute sich hermachte, um sie, mit mir selbst, wie die Samier meinten, als Gefangenen an Bord, hinter sich her fortzuziehen, fuhr ich pfeilschnell mit der »Parthenos« gegen die Seitenwand des Samiers heran, so daß er durchlöchert augenblicklich Wasser fing, und, seitwärts geneigt, unter den Wasserspiegel herabsank. Der Samierfeldherr selbst war einer der wenigen, welche unter dem Pfeilregen der Unsern, die zugleich ein helles Siegesgeschrei erhoben, mit genauer Not sich schwimmend retteten. Jetzt erst wichen die Samier und der Sieg war unser. Noch am Abend desselben Tages kam der samische Feldherr, Melissas, unter sicherem Geleite zu mir auf mein Schiff, um sich mit mir in Friedensverhandlungen einzulassen, stellte aber solche Bedingungen, daß man mich für besiegt hätte halten müssen, wenn ich sie angenommen hätte. Er erklärte, die Flotte der Samier sei zwar unterlegen, die Stadt aber bereit, eine lange Belagerung auszuhalten. Ueberdies sei phönizische Hilfe in Anzug und Geldunterstützung sei angeboten worden von dem persischen Satrapen in Sardes. Melissas entwickelte bei der ganzen Unterredung eine Zähigkeit und einen Eigensinn, wie ihn nur ein Philosoph zu entwickeln im stande ist. Er ist von hoher Gestalt, schon ziemlich vorgerückten Alters, und seiner Stirn ist der Stempel des tiefsinnigen Denkers so sehr aufgeprägt, daß es mir fast unglaublich schien, in ihm den Mann vor mir zu sehen, der noch eben eine Flotte gegen mich befehligte, und den ich mit der Behendigkeit eines Jünglings die trümmervolle Flut hatte durchschwimmen sehen. Bald erblickte ich in ihm nur den in ganz Hellas mit Ruhm genannten Weisen aus der Schule des Parmenides. Ich weiß es selbst nicht mehr zu sagen, wie es kam, daß unser Gespräch sich allmählich und unmerklich in ein philosophisches verwandelte. Tatsache ist, daß er mir zuletzt mit großer Lebhaftigkeit auseinandersetzte, wenn etwas sei, so sei es ewig, das Ewige aber sei auch räumlich unbegrenzt, und das wahrhaft Seiende sei eins und unendlich, und fasse alles in sich, denn wenn es zwei oder mehrere Unendlichkeiten gäbe, so müßten sie einander begrenzen, wären also nicht mehr unendlich und das All müsse ein in sich Gleichartiges sein, denn gäbe es wahrhaft Ungleichartiges, so bestünde nicht mehr eins, sondern vieles, vieles aber könne nicht bestehen, denn daß es bestehe, sei nur Schein, gelte nur für die sinnliche Wahrnehmung, nicht für die denkende Betrachtung des Geistes ... Als zufällig einige andere Strategen und Trierarchen herzutraten, welche mit großer Neugier dem Ergebnis unserer Friedensberatungen entgegensahen, jetzt aber hörten, daß der Samierfeldherr und ich über die Unbegrenztheit des All und über die Unendlichkeit des ungewordenen Seins sprachen, so blieben sie ganz verblüfft und fast mit offenem Munde stehen, und wir selbst mußten lächeln, merkend, daß wir, die wir kurz vorher mit Schiffsschnäbeln und Todesgeschossen gegen einander gewütet, jetzt in einen Wortwechsel solcher Art verwickelt waren. Denn da ich dergleichen Sätze, wie sie Melissas vorbrachte, zu Athen aus dem Munde des Zenon oft gehört, und diese eleatischen Streitfragen mich immer lebhaft für sich eingenommen hatten, so war ich dem Melissos die Antwort nicht schuldig geblieben, und unser Gespräch hatte in der Tat beinahe die Gestalt eines philosophischen Streites angenommen. »Wie viel besser wär' es«, sagte ich zu Melissos, »als wir Abschied nahmen, indem ich ihm die Hand schüttelte, »wenn wir Hellenen alle, so weit unsere Sprache reicht auf Küsten und Inseln, da wir doch durch ein geistiges Streben verbunden sind, auch durch ein politisches Gemeinwesen im Laufe der Zeiten vereinigt würden!« Ein Blitz schoß bei diesen meinen Worten aus den grauen Augen des finster blickenden Samiers. »Ohne Zweifel«, sagte er mit bitter spöttischem Lächeln, »hoffst du, daß es Athen sein wird, das alle Hellenen in sein Gehege lockt und, wollend oder nicht, zu einem Gemeinwesen vereinigt?« – Ich verstand die Gefühle des für die Unabhängigkeit seiner Insel kämpfenden Mannes und ehrte sie. Es ist nun einmal das Los aller wohlgemeinten Absichten und Gedanken, daß sie scheitern am Widerstand kleinlicher Vorteile, welche doch eigentlich bestimmt sind, in den größeren aufzugehen. Es lohnt sich schlecht, den Gedanken eines großen Ganzen ins Herz zu fassen, und dafür wirken zu wollen. Mahne ich die Hellenen zur Einigkeit, so wittern sie darin nur athenische Eroberungslust oder gar Absichten persönlichen Ehrgeizes. So fühlt man mit seinem besten Wollen und Wirken auf einen herkömmlichen, engsten Bereich sich zurückgetrieben und eingeschränkt. Hierdurch wird mir auf Augenblicke zuweilen alles äußere Tun und Streben nichtig, und ich flüchtete mich dann in die reine Sphäre des Gedankens, wo der Geist sich tummeln mag in schrankenlosem Fluge, wenn ich in stiller Nacht, hinaustrete auf das Verdeck des regungslosen Fahrzeugs, über mir den sternbesäten Himmel – die Masten unbewegt aufragend und über ihnen die ganze Unendlichkeit des Aethers ergossen – nichts vernehmlich als das träumerisch-leise Plätschern der Meerflut am Kiel im Hauche des Nachtwinds – dann erinnere ich mich des Melissos und denke nicht mehr bloß, sondern empfinde seine unendliche Ureinheit alles Daseins ... Oefter als du es glauben magst, gedenke ich deiner, der Freunde zu Athen, und dessen, was unter ihren Händen dort der Vollendung entgegenreift. Jetzt, wo hier, wie es scheint, das Schwerste getan ist, und eine vielleicht lange, unerquickliche Belagerung mich zu einem Stillstande verurteilt, welcher beinahe der Untätigkeit gleich kommt, darf ich meine Sehnsucht nach Athen vielleicht gestehen, ohne mich derselben zu schämen. Das Mißgeschick, welches den Arbeiter bei dem Baue des Parthenons getroffen, und welches Diopeithes in so boshafter Weise ausbeutet, ist mir sehr zu Herzen gegangen. Ich habe den Hippokrates ersuchen lassen, sich des verunglückten, wenn er noch am Leben, anzunehmen, und wenn es uns glückt, ihn zu retten und den Diopeithes zu beschämen, so gelobe ich, der Pallas Hygieia zum Dank einen Altar auf der Akropolis errichten zu lassen. Was aber das wackere Maultier des Kallikrates betrifft, so bin ich der Meinung, daß dasselbe als ein Geschöpf zu betrachten sei, welches durch seine Unverdrossenheit sich verdient gemacht um das Gemeinwesen der Athener, und um zu verhüten, daß die Mißgunst des Diopeithes ihm gefährlich werde, habe ich ihm die Vergünstigung erwirkt, zu naschen und zu grasen, wo es ihm beliebt und alles, was es etwa von fremdem Eigentum sich aneignet oder schädigt, wird den Eigentümern ersetzt werden von Staats wegen.« – Noch bevor Aspasia Gelegenheit gefunden hatte, dies Schreiben des Perikles zu erwidern, empfing sie neuerdings einige Zeilen von ihm, die Bestätigung des Unglücks enthaltend, welche das athenische Lager vor Samos betroffen, während Perikles der phönizischen Hilfsflotte entgegengezogen. Nur mit wenigen Worten gedachte dieser Dinge Perikles in seinem Schreiben an Aspasia. Dann aber fuhr er fort: »Wirst du es für möglich halten, daß unter Hellenen noch immer sich ereignen kann, was mir begegnete, als ich mich zu den Landsoldaten begab, welche die Belagerung der Stadt von der Landseite betreiben und welche unter dem Ausfalle der Samier ebenfalls nicht wenig gelitten hatten? Laute Wehklage scholl mir entgegen, als ich das Kläger betrat. Den Priester des Heeres fand ich eben beschäftigt, dem rettenden Zeus ein Opfer zu bringen. In dem Kreise, welcher sich um den Altar und den Priester gebildet hatte, sah ich fünfzig gefangene Samier mit gebundenen Händen stehen. Ich fragte, was es mit diesen Leuten, die nicht anders als wie gebundene Opfertiere um den Altar standen, für eine Bewandtnis habe. Da erfuhr ich, der Seher, welcher von Staats wegen dem Heere beigegeben war, habe verkündet, es sei der Wille des rettenden Zeus, daß ihm die fünfzig samischen Gefangenen feierlich als Opfer geschlachtet würden. Und eben war man daran, den Ausspruch des Sehers zu vollziehen. Ich trat dem Priester und dem Seher entgegen, erklärte es vor dem gesamten Heere für eine Lüge, daß die Hellenengötter ein Menschenopfer wollen, und begnügte mich damit, die Stirnen der fünfzig Samier mit dem Mal eines Schweinerüssels in der Art samischer Schiffsvorderteile zu zeichnen, zur Wiedervergeltung für den Schimpf, welchen sie unsern Gefangenen kurz zuvor durch die eingebrannte Eule angetan. Nun belagern wir aufs neue die Stadt, bestürmen sie von der Landseite mit Mauernbrechern und Wurfmaschinen. Die Briefe, welche ich von Telesippe erhalte, sind voll von Klagen über den jungen Alkibiades.« – Aspasia erwiderte die Nachrichten des Perikles wie folgt: »Vieles und Gewichtiges, o teurer Perikles, haben deine beiden letzten Briefe mir gebracht: Manches, wobei ich aufjubeln konnte vor Freude, und anderes wieder, das ein, wenn auch nur vorübergehendes Bangen um dich über meine Seele verbreiten mußte. Aber warum soll ich den Wechsel der äußern Begebenheiten und Zufälle allzusehr beklagen, wenn in eben diesem Wechsel die Unveränderlichkeit deines eigenen trauten Bildes mir nur um so schöner entgegentritt? Du hast mir, wie ich es gewünscht, unabsichtlich dich selbst geschildert. Wie arm sind Worte, und wieviel feuriger würde ein Kuß, auf deine Stirn gedrückt, dir sagen, was ich empfinde! Mir schwindet der Tag, indem ich an dich denke und die Lieder der Sappho zum Klange der Saiten meiner Laute singe. Pheidias und die Seinigen sind unermüdlich. Versenkt in ihre Aufgabe, und wie von einer dämonischen Macht ergriffen, hören sie nur mit halbem Ohr auf das, was außer ihrem Tun noch sonst in der Welt sich ereignet. Vergib ihnen, denn sie arbeiten ja doch auch für dich und deines Namens Ruhm in aller Folgezeit! – Von dem Knaben Alkibiades vernehme auch ich so manches; denn er fängt an, die Aufmerksamkeit der Athener auf sich zu ziehen. Es gibt viele, die sich in der Ringbahn, oder wo er sonst zu sehen ist, an ihn drängen. Aber er hält sich nur an den Sokrates, vielleicht weil dieser ihm nicht schmeichelt. Als er kürzlich in Begleitung des Pädagogen über die Straße ging und eine Wachtel, sein Lieblingstier, im Busen versteckt mit sich trug, drängte wieder sich viel Volks an ihn. Während er nun auf diese Leute zu achten gezwungen war, entfloh ihm die Wachtel aus den Busen, und da der Knabe darüber in heftige Aufregung geriet, so machte das halbe Athen sich auf die Beine, um die Wachtel des Alkibiades wieder einzufangen. So sind die Athener! Indessen wenn sie den Knaben Alkibiades verhätscheln, so geschieht es zum Teil auch darum, weil er der Mündel des Perikles, des großen Perikles, der nach dem Siege bei Tragia wieder mehr als der Held des Tages ist. Nur Diopeithes feindet insgeheim dich an, und die Schwester des Kimon, und dein Weib Telesippe. Auf ihrer Seite stehen die altväterischen Gesellen mit den wollebefransten Röcken, dem überm Scheitel zusammengebundenen Haarschopf, die eitlen, alten Marathonsschläger und eichenklötzigen Griesgrame, und die Spartergecken, welche langes Haar tragen, turnen, hungern, sich niemals waschen, mit dem Knotenstock auf den Steinen der Straße rasseln, auch manche von den weisheit-gespreizten Grüblern und Silbenstechern, welche barfuß und in durchlöchertem Mantel laufen, aber die Brauen hinaufziehen, die Nase in den ungekämmten Hängebart versenken, und das Kinn in der würdevoll darunter aufgebauschten Haut wie in einem Sacke tragen. Alle diese Leute denken in deiner Abwesenheit, wie man zu sagen pflegt, »unbewachten Wein zu lesen«. Theodota fährt, wie ich höre, fort, zu schwören, der Schwertfisch Perikles werde noch in ihrem Netze zappeln. Geheime Fäden scheinen noch immer zwischen diesem Weibe und unseren Feinden gesponnen. Elpinike läuft sich die Zehen wund, um ihre Freunde und Freundinnen gegen mich aufzuhetzen. Von ihr und deinem Weibe werde ich offen verfolgt; sie sehen, daß ich wehrlos und schutzlos dastehe und halten mich für eine leichte, sichere Beute. Euripides scheint das, was dein Gefährte Sophokles von ihm sagte, Lügen strafen zu wollen. Ich sehe ihn immer nur ernst, finster, mürrisch. Doch machte er mich in Gegenwart des Sokrates zum Vertrauten seines Ehegeschicks. Er gab mir eine Schilderung des Wesens seiner Gattin, eine Schilderung, die ich dir nicht zu wiederholen brauche, denn jene Angetraute des tragischen Poeten ist das getreue Spiegelbild von Frau Telesippe. Nun aber höre, welchen Entschluß der Poet kundgab, um sich von dieser unerträglichen Gesellschaft zu befreien. Er gedenkt das Weib fortzuschicken und einen besseren, dem Bedürfnisse seines Herzens entsprechenden Bund zu schließen. – Teurer Held Perikles, was sagst du zu solch' mannhaftem Entschlusse des Poeten?« – Nach einiger Zeit schrieb Perikles an Aspasia: »Ich weiß nicht, ob ich das Lob des Edelmuts verdiene, das du mir spendest. Ich bin des bitteren Unmuts voll gegen diese starrköpfigen Samier und werde sie, wenn die Zeit dazu gekommen, ihren Trotz empfindlich büßen lassen. In den Tagen des Stillstandes und der Ungeduld ist mir der edle, heitere Sophokles ein doppelt erwünschter Genosse, der auch sonst als Mit-Stratege sich trefflich bewährt. Immer ist er aufs beste zu verwenden, insonderheit zu friedlichen Sendungen. Als Vermittler und Unterhändler wirkt er allenthalben so, als ob ein Zauber ihm zu Gebote stünde, was mich nicht wundert, denn so ganz anmutig ist sein Wesen, daß er ohne Einschränkung von allen geliebt wird. Er steht mir getreulich zur Seite, um der Verwilderung der Gemüter entgegenzuarbeiten, welche bei längerer Dauer des Krieges so leicht im Kriegsvolke sich einschleicht. Da gilt es bald die Gesetze der Menschlichkeit aufrecht zu halten, bald ein ärgerliches Vorurteil zu zerstreuen. Du weißt, wieviel in diesem Sinne selbst bei unserem Athenervolke noch zu tun ist. Wenn ein Gewitter losbricht und ein Blitz uns mitten ins Lager fällt, oder der Steuermann meines Schiffes bei eintretender Sonnenfinsternis den Kopf verliert, so muß ich alles, was ich über natürliche Entstehung solcher Erscheinungen von Anaxagoras weiß, aus meinem Gedächtnisse hervorholen, um die Erschreckten zu beruhigen. Doch ich erzähle dir, wie ich beflissen bin, die Vorurteile anderer auszurotten, und vergesse, daß du mir zuweilen schuld gibst, selbst noch solchen zu frönen. Du fragst den Gemahl Telesippens, was er sage zur mannhaften Entschließung des Euripides? – Ich werde dir mündlich Rede stehen, wenn ich heimgekehrt bin nach Athen.« So schrieb Perikles. Neun Monate lang widerstand die trotzige Inselstadt, und noch manches Blatt ging zwischen Samos und Athen, zwischen Perikles und Aspasia mit neuer Kunde hin und her. Endlich meldete der Athener-Feldherr seiner milesischen Freundin: »Samos ist erstürmt, der Trotz des Melissos gebrochen, der Friede geschlossen. Die Samier liefern ihre Schiffe aus und schleifen ihre Mauern. Dennoch ist es mir nicht möglich, sofort nach Athen zurückzukehren. Ich muß vorher nach dem nahen Milet unter Segel gehen, wo manches zu ordnen ist. Nur kurz ist dieser Aufschub, und wir werden binnen wenigen Wochen uns wiederfinden. Auf der Flotte herrscht Jubel, und die Trierarchen erfreuen sich des Sieges zum Teil in Gesellschaft ihrer Freundinnen, deren einige schon während der langwierigen Belagerung von Athen nach Samos herübergekommen. Diese Schönen haben gelobt, nach der Eroberung von Samos in der Stadt des berühmten Heratempels auf ihre Kosten nun auch der Liebesgöttin einen Tempel zu bauen. Sie scheinen entschlossen, dieses Gelöbnis wirklich auszuführen. Vor wenigen Tagen ist auch Theodota hier eingetroffen, auf den Wunsch ihres Freundes Hipponikos, welcher ebensowohl Patriot als Lebemann ist und sich auf dem Schiffe, dessen Trierarchie ihm zufiel, nicht durch einen anderen vertreten ließ, sondern den Seezug persönlich mitmachte. Lebe wohl! Zu Milet, in deiner Vaterstadt, werde ich unablässig deiner gedenken!« – Als Aspasia das Schreiben des Perikles gelesen hatte, wurde sie nachdenklich. Dann faßte sie einen raschen Entschluß. Einen Tag später sah man sie reisefertig mit einer Dienerin sich in den Piräus begeben und ein Fahrzeug besteigen, welches im Begriff stand, aus dem Hafen Athens nach der ionischen Küste zu segeln. XII. Ionischer Honigmond. on Samos herüber hatte Perikles mit zweien seiner Trieren die kurze Fahrt nach Milet gemacht. Der Trierarch des zweiten Schiffes war kein anderer als Hipponikos. Dieser hatte es sich von Perikles erbeten, ihn nach Milet begleiten zu dürfen. Im Geleite des Hipponikos aber war die schöne Theodota. So rückte die reizende Tänzerin wieder bedrohlich in den Gesichtskreis des Perikles. Die Milesier empfingen den athenischen Strategen mit Jubel. Mit rauschenden Festen feierten sie seine Ankunft, und mit einem goldenen Lorbeerkranze ehrten sie den Sieger von Samos. Perikles fühlte wie von einem schwülen Hauche sich angeweht, seit er Kleinasiens Küste betreten. War es doch das Land der Dianenbilder mit den tausend Brüsten, was er betrat, mit den Riesentempeln, welche hellenische Formen mit der ins Kolossale, Ungeheuerliche sich verlierenden Weise des Morgenlandes vereinigten, das Land der Aphrodite-Priesterinnen, welche sich preisgaben, das Land der weichlichen, weibischen Tonweisen, das Land der Göttermutter, deren Festreigen auf dem Tmolos orgiastischen Taumel bis zur mystischen Raserei des Orients beflügelte, das Land auch ihres Pflegesohnes, des Freudengottes Dionysos, der schon durch sein Wesen und äußeres Ansehen, zart und weichlich von Gestalt, und doch voll Mut und Feuer, weichgelockt, und des Haares üppigen Reichtum gekrönt durch eine lydische Mitra, in buntfarbigen, weiten Gewändern, als Kleinasiens echten Sohn sich erwies. Und wenn irgendwo an den ionischen Küsten Asias, so wehte dieser schwüle Hauch, den der Athener Perikles empfand, in den Straßen des reichen, prächtigen, rosenberühmten Milet. Hier hörte man von den Persern und von den Satrapen zu Sardes reden wie zu Athen etwa von den Megarern oder Korinthiern. Man sah Perser und andere Morgenländer auch wandeln in den Straßen. Reich und bunt, wie das Gefieder morgenländischer Vögel, und doch geschmackvoll erschien die Kleidung der Männer von Milet und ihrer reizvoll üppigen Frauen. Gewandungen erblickte hier der Athener, welche den Persern, andere, welche den Aegyptern entlehnt waren; er sah sie von allen Farben: purpurn, krokusgelb, meerblau, er sah sie von der Farbe der Veilchen und der Hyazinthen, er sah sie sogar in grellen Feuerfarben. Er sah die Milesier umhüllt mit den Geweben Persiens, behängt mit den Edelsteinen Indiens, von den Salben Syriens triefend. Perikles und Hipponikos genossen während ihres Aufenthalts zu Milet der Gastfreundschaft des reichsten und angesehensten Bürgers, des Artemidoros. Dieser führte sie auf sein prächtiges Landgut in der Nähe der Stadt. Unferne diesem ländlichen Sitze stand ein Myrtenhain, von welchem die Sage ging, daß in seinem von süßen Vogelstimmen durchtönten Dämmerschatten zuweilen die Göttin Aphrodite in leibhafter Gestalt sich zeige. In den Gemächern des Artemidoros herrschte die Pracht des Morgenlandes. Mit bunten persischen Geweben prunkten die Wände und das Gerät wie die Leiber. Es flimmerte von Gold, es blinkte von Elfenbein, es duftete von Sandelholz. Eine Schar von schönen Sklavinnen schwärmte im Hause umher. Es gab welche unter ihnen von den Gestaden des kaspischen Meeres stammend, blendend weiß im Gesicht, wie die Marmorbilder, andere braun wie die Erzfiguren im Hause des Artemidoros, und noch andere glänzend schwarz, wie die mit Gold eingelegten Ebenholztische in seinen Gemächern. Mit Bildwerken und Gemälden war das Haus des Artemidoros reich geschmückt. Es fehlte nichts, was das Gemüt eines asiatischen Griechen in der Vaterstadt Aspasias befriedigen konnte. »Ihr anderen Griechen nennt unser Ionien eine Brutstätte der Ueppigkeit«, sagte Artemidoros zu seinen Gästen, als er sie an köstlicher Tafel bewirtete; »und wie ich vernehme, sollen in der Tat unsere schönen Milesierinnen der Tugend athenischer Männer noch gefährlicher sein, als die galanten Milesier den athenischen Frauen« ... Perikles lächelte. »Vergeßt nicht«, fuhr Artemidoros fort, »daß unser Ionien nicht bloß die Brutstätte der Ueppigkeit, sondern auch der Poesie, ja sogar der Weisheit ist, da wir euch anderen Hellenen neben schönen Frauen auch den Thales, den Herodotos, und, wenn wir uns nicht zu viel anmaßen, auch den Homeros gegeben.« »Wer zweifelt daran«, erwiderte Perikles, »daß des Hellenengeistes kräftige Blüte nie und nirgend erschlafft, selbst nicht in der Schwüle des Rosenlagers der Freude?« »Sage, daß sie nirgends glänzender sich entfaltet als eben da!« rief Artemidoros. »Es gibt keinen Fortschritt der Menschen und Völker ohne das, was die Zeloten Ueppigkeit nennen.« Am Abende des zweiten Tages führte Artemidoros seine Gäste in jenen Myrtenhain, welcher an sein prunkendes Landhaus grenzte und welchen er selbst in der Art eines Lustgartens mannigfach hatte ausschmücken lassen. Die schöne Theodota war als Freundin und Begleiterin des Hipponikos von dem geschmeidigen Artemidoros mit eingeladen worden. Sie erschöpfte die Macht ihrer dunklen Augen, um den Freund Aspasias zu entflammen. Im Geleite ihres Wirtes durchwandelten Perikles, Hipponikos und Theodota die reizende Wildnis blühender Myrten. Da der weitgedehnte Hain sich über eine sanfte Anhöhe hin erstreckte, so hatte man an manchen Stellen, wo der Grund von Bäumen entblößt war, einen herrlichen Ausblick auf die Stadt, auf das blaue Meer und die Inseln, die wie zum Schutze vor den vier Häfen von Milet lagen. An solchen Stellen ließ der reiche Artemidoros durch die Sklaven, die seinen Schritten folgten, morgenländische Teppiche ausbreiten oder ein Purpurzelt aufschlagen, um da zu rasten, Erfrischungen zu nehmen oder dem weichen Klange lydischer Flöten zu lauschen, welche auf des Artemidoros Geheiß mit den Nachtigallen im Haine wetteiferten, das Ohr zu ergötzen. Die Sklaven und Sklavinnen des Artemidoros bevölkerten den Wald als Silene, die hier und dort den Lustwandelnden aus Weinschläuchen volle Becher kredenzten, und als Heben, die ein gleiches taten, wie auch als Nymphen, die aus Füllhörnern Blumen und würzige Früchte darboten. Drei der schönsten unter den letzteren schlangen auf einem freien Rasenplatze einen reizvollen Reigen, wozu die asiatische, bei den Kybelefesten gebräuchliche Handpauke in lärmender Weise geschlagen wurde, so daß der Sinne sich eine Art von Verwirrung und Trunkenheit bemächtigte. Ein kleiner See in der Mitte des Haines war bevölkert mit allen Gestalten der hellenischen Meeresfabel. Fischgeschwänzte Meerweiber erblickte man, die sich mit Schilf bekränzten, und Sirenen, auf Felsen gelagert, und diese sangen im Wettkampfe mit Tritonen, welche auf Muscheln bliesen, leise, verlockende Lieder. Auch der prophetische, gestalten-wechselnde Meergreis Proteus fehlte nicht, welcher allen weissagte, die es verlangten. Auch Perikles trat zu ihm und wünschte einen Schicksalsspruch von ihm zu vernehmen. »Ich will, wenn es nötig ist, nicht versäumen, dich festzuhalten«, sagte er scherzend, »wie es Brauch ist bei denjenigen, welche dich fragen, damit du nicht in immer neuen Verwandlungen dem Frager entschlüpfest.« Willig stand der Meergreis dem Perikles Rede und erteilte ihm folgenden Orakelspruch: »Dort, wo die Nachtigall nistet, am üppigsten duftet die Rose, Schlagen in Bande für dich günstige Götter das Glück! Halt' es fest nur, o Held, mit der tapferen Faust, wie du mich hältst! So nur gehalten entschlüpft nimmer das flüchtige dir.« Perikles verstand nicht, was der Meergreis sagen wollte. Als er nach der Unterredung mit ihm nach seinen Gefährten sich umsah, waren dieselben verschwunden. Er ging also allein eine Strecke weiter fort. Die Vögel, welche von Zweig zu Zweig, von Baum zu Baum hüpften, und dabei ihre schmelzendsten Lieder anstimmten, lockten ihn immer tiefer in den Wald hinein. Aber auch Elstern, Stare, Papageien saßen hie und da in den Zweigen, welche den Perikles mit »Sei gegrüßt!« und »Freue dich!« und »Komm nur, komm!« und andern verwunderlichen Reden ansprachen und neckten. Schwatzend hüpften sie so immerfort neben dem Lustwandelnden einher. Bald aber glaubte Perikles statt der einzelnen Vögel einen ganzen Chor von Nachtigallen in einiger Entfernung zu vernehmen. Zugleich drang ein starker Rosenduft, wie von den Lüften aus der Ferne hergetragen zu ihm: er mußte von einem großen, blühenden Rosengehege kommen. Und seltsamerweise schien in dies Rosengedüft sich das Arom indischer Salben zu mischen. Halb unwillkürlich setzte Perikles seinen Weg in der Richtung fort, von welcher der Rosenduft und der schmetternde Gesang der Nachtigallen kam. Er tat es absichtslos und an die Weissagung des Meergreises dachte er nicht mehr. Hie und da sah er in der Dämmerung des Haines aus der Ferne etwas Hellfarbiges durch die Zweige schimmern. Die Vögel, welche dem Lustwandelnden, von Zweig zu Zweig hüpfend, singend; gleichsam das Geleite gaben, verstummten jetzt und schienen mit schalkhaften Augen auf ihn herabzublicken. Und statt ihres Gesanges erklang hie und da in den Wipfeln der Bäume ein stärkeres Flügelrauschen, und Laute, die einem leisen Kichern ähnlich waren, wie von flatternden und den Wanderer neckenden Liebesgöttern ... Nun erblickte Perikles das üppige Rosengehege selbst, dessen Düfte zuvor schon aus der Ferne ihm berauschend zugeströmt waren. Zwischen den Zweigen des Geheges aber sah er nun deutlicher jenes Geheimnisvolle schimmern, wie von Purpur und Gold und blendend weißer Gewandung. Er näherte sich und es war ihm möglich, eben von der Seite, von welcher er kam, den Blick tiefer in die Laube dringen zu lassen. Inmitten dieser üppigen Rosenpracht nun sah er die reizendste Scene vor seinen Augen verwirklicht. Umgeben von einer Schar holder Knaben, welche purpurn gekleidet und mit goldenen Flügeln an den Schultern ausgestattet waren, auch goldene Pfeile in silbernen Köchern an der Seite trugen, stand eine Frauengestalt in weiß schimmerndem Gewande, mit goldenem Gürtel um die Mitte des Leibes und von Rosenkränzen umschlungen. Das Antlitz der Schönen war Perikles nicht im stande deutlich zu erblicken, denn eben, während er sich näherte, waren die kleinen Liebesgötter mit dem übermütigsten Eifer beschäftigt, das Haupt, die Brust und den ganzen Leib des Weibes immer dichter mit Rosenketten zu umflechten, so daß es darunter fast verschwand. Perikles dachte an die Sage, die sein milesischer Gastfreund ihm mitgeteilt hatte, daß in diesem Haine die Göttin Aphrodite zuweilen leibhaft erscheine, und er war nicht abgeneigt, jene unter Rosen fast begrabene Schöne für eine Göttin zu nehmen. Nachdem die goldgefiügelten Knaben die schlanke Frauengestalt ganz mit den Rosenketten umwunden hatten, zogen sie dieselbe an eben diesen Ketten nieder auf ein Blumenlager, banden scherzend die Enden der Kränze an Stämmen und Gezweig der Sträucher fest, und überstreuten dann die Gefesselte, in fröhlichen Sprüngen um sie tanzend, noch immer mit Rosen, die sie von den schwer belastet niederhängenden Zweigen des dichten Geheges brachen. Beim Anblick des Fremden sprangen die kleinen Eroten insgesamt lächelnd davon und ließen die Gefesselte allein. Perikles trat in die Laube. Jetzt erklang aus dem Blumengrabe hervor die Bitte der Gefangenen an den fremden Ankömmling, sie zu befreien. Perikles zerriß eine der Rosenketten, schob die Rosen beiseite, welche Haupt und Angesicht des Weibes verdeckten, und seinem Blicke begegneten die strahlenden Augen Aspasias ... Das Gefühl des ersten Moments bei diesem Anblick war im Herzen des Perikles das der schrankenlosen Freude. Im nächsten Augenblicke aber machte das Erstaunen sich geltend, das eine Ueberraschung dieser Art in ihm hervorrufen mußte. Und schon schwebte eine bedenkliche Frage nach den Umständen, durch welche ein so unerwartetes Wiedersehen möglich geworden, auf seinen Lippen. Aber nun erhob sich Aspasia, die Rosenfesseln um sich her abschüttelnd, und sagte mit dem süß betörenden Klange ihrer Silberstimme: »Wisse, teurer Perikles, daß auch ich, wie Sokrates, meinen Dämon habe, der in entscheidenden Augenblicken mir zuflüstert, nicht bloß, was ich lassen, sondern auch was ich tun soll. Dieser Dämon nun hat, als dein letztes Schreiben aus Samos an mich gelangt war, jenes Schreiben mit der Kunde des geschlossenen Friedens, der Ankunft Theodotas in Samos und deiner bevorstehenden Reise nach Milet, sich augenblicklich in mir vernehmen lassen und mir geboten, unverweilt ein Schiff zu besteigen, um in Samos, oder, wenn du dort nicht mehr zu finden wärest, in Milet dich aufzusuchen. Vielleicht wollte der Dämon mir das schönste Doppelglück bescheren, Milet nicht ohne dich, und dich nur in Milet wiederzusehen. Ich kam nach Milet, ich wendete mich an deinen Gastfreund Artemidoros, ich hörte von Ueberraschungen, welche dir die schöne Theodota auf eigenen wie fremden Antrieb in diesem aphrodisischen Haine bereiten wollte. Ich hörte von den Vorbereitungen, welche unter dem Beistande des großmütigen Artemidoros bereits gemacht waren, aber ich fand für gut, im geheimen Einverständnisse mit eben demselben Artemidoros, die Rolle der Ueberraschenden, welche Theodota spielen wollte, auf dieser Bühne selbst zu übernehmen. Dem Artemidoros also hast du es zuzuschreiben, wenn nicht Theodota, sondern mich die Liebesgötter an dieser Stätte dir gebunden überlieferten.« »Für mich«, erwiderte Perikles, »hast du die Sage vom Erscheinen der Liebesgöttin in diesem Haine wahr gemacht; für mich bist du die Göttin der Liebe, die Göttin des Glücks, und vor allem, erlaube mir dies hinzuzufügen, die Göttin der Ueberraschungen« ... »Gibt es ein Glück ohne Ueberraschungen?« rief Aspasia. Ein trauliches Gespräch vereinte die beiden noch eine geraume Zeit an jener lieblichen Stelle. Sie hatten, wie alle Liebenden nach langer Trennung, in vielfach abschweifender Rede sich tausend Dinge zu sagen. Als aber Küsse die Worte zu verdrängen drohten, und die Dämmerung einbrach, da sprangen plötzlich wieder jene Liebesgötter aus den Büschen hervor und machten Miene, mit den neuen Kränzen, welche sie inzwischen geflochten hatten, nun auch den Perikles umschlingend zu fesseln. »Hüte dich vor diesen Kleinen!« sagte Aspasia. »Es ist Zeit aufzubrechen und für heute Abschied zu nehmen. Dein Weg ist weit, kürzer der meine; denn zur Wohnung ist von Artemidoros mir jenes kleine reizende Gartenhaus eingeräumt, das wenige Schritte von hier entfernt und nur durch das dichte Myrtengebüsch von hier aus vor unsern Blicken zur Hälfte versteckt ist. Dahin will ich mich begeben. Du aber, mein teurer Perikles, kehre zurück zu Artemidoros, zu deinem Freunde Hipponikos, und zur schönen Theodota, der feueräugigen Korintherin!« – Bei diesen Worten Aspasias brachen die Liebesgötter in ein helles, fröhliches Gelächter aus, ihre Ketten um den Perikles noch dichter schlingend, und dieser stimmte ein in ihr Gelächter, und zuletzt Aspasia selbst; die Liebesgötter aber verflochten sich und Perikles und Aspasia zu einer lachenden Gruppe, die sich, rosengefesselt und von den kleinen Genien fortgezogen, verlor zwischen den Myrten- und Rosengebüschen, während es nächtlich still geworden war im verödeten Haine und nur noch die Nachtigallen sangen und die Rosen dufteten. Und Perikles fand ein süßeres Glück bei Aspasia, als er es gefunden hätte bei der feueräugigen Korintherin. Denn nicht der Moment, in welchem ein feurig liebend Paar zum erstenmal sich in schrankenloser Wonne begegnet, ist der süßeste des Liebelebens; derjenige ist es, in welchem es nach langer Trennung, nach langer Entbehrung sich wiederfindet. Der Flamme des grünen Holzes gleicht die Lust der allerersten Umarmung, nicht ohne trübenden Rauch und ohne heftiges Knistern; den sich Wiederfindenden aber lodert die Freudenlohe hoch und hell und ungetrübt empor. Als am Morgen nach jener Nacht Perikles und Aspasia aus dem Gartenhause des Artemidoros Hand in Hand heraustraten in den taufunkelnden Gartenhain, da glichen sie selbst zwei herrlichen Menschenblüten, vom funkelnden Taue morgenfrisch benetzt. Und so wenig die süße Tonkunst in den Kehlen der Vögel, oder die verschwenderisch ausströmende Würze des Duftes in den schwellenden Rosenkelchen sich erschöpft hatte, so wenig hatte die Liebe sich erschöpft in den Herzen dieser beiden. Sie bestiegen eine der kleinen Anhöhen, von welchen man einen freien Ausblick hatte auf Stadt und See und Strand, auf das Gefild des Mäander mit Palmen, Rosenlorbeer und Keuschlamm an seinen gewundenen Ufern, und den blauen Latmos in der Ferne, und den See Biblis, aus dessen Schilfe buntbefiederte Wasservögel aufflatterten. Perikles aber ließ seine Blicke über die Zinnen der Stadt hinschweifen, ließ sie einen Augenblick ruhen auf den stolzen athenischen Trieren, die im Hafen lagen, und dann weiter dringen in die Meeresferne hinaus, wo Samos lag, in Nebelduft gehüllt, die Stätte, an welcher er ein Jahr seines Lebens in männlichem Bemühen dem Vaterlande geopfert. Dann wieder zurückkehrend mit den Blicken zur schön gebauten Stadt, rühmte er die heitere stattliche Pracht ihres Ansehens, den aufgeweckten, lebensfreudigen Geist ihrer Bewohner. »Noch ist Milet stattlich und ihre Bewohner lebensfroh«, erwiderte Aspasia. »Aber die Patrioten gedenken der Zeit, wo Milet die Beherrscherin dieser Meere, wo es nicht bloß reich und üppig, sondern auch mächtig und unabhängig war, wo es seine Kolonien aussandte bis an die fernen Küsten des Pontos. Diese Zeit ist dahin: Milet ist nicht mehr unabhängig, und muß sich beugen vor dem mächtig aufgeblühten Athen.« »Du sprichst diese Worte fast mit Bitterkeit«, erwiderte Perikles lächelnd, »aber bedenke, daß, wenn Milet nicht athenisch wäre, es persisch wäre. Nicht der stammverwandte Hellene hat eure Macht gebrochen, sondern der Perser, als er diese Küsten verheerend überschwemmte. Und hätten nicht die Athener drüben bei Salamis und Marathon gekämpft, ein persischer Satrap herrschte jetzt zu Milet so gut wie in Sardes. Zürne nicht der Athenerflotte, welche schirmend ihren Arm über diese Gestade hält!« »So muß ich also«, sagte Aspasia, »statt dem Athener zu grollen, dankend seine Stirne küssen?« Damit drückte sie einen Kuß auf die Stirn des Perikles und dieser versetzte: »Deine goldbeflügelten Liebesgötter haben gestern dies Milet gerächt an dem Führer der mächtigen Athenerflotte.« »Laß dich's nicht gereuen«, sagte Aspasia, »diesem milesischen Strande eine Woche deines tatenreichen Lebens zu weihen. Ehre die Stätte, welche nicht bloß als die Heimat der üppigsten Rosen und der zartesten Wolle der Welt, sondern auch als die der schönsten Märchen berühmt ist. Oder wäre zärtlichen Herzen etwas teureres ersonnen worden, als unsere milesische Liebesfabel von Eros und Psyche?« »Du hast recht«, erwiderte Perikles; »aber«, fuhr er schalkhaft lächelnd fort, »soviel ich weiß, ist unter diesem Himmelsstrich auch die Fabel der »Witwe von Ephesus«, wenn es eine Fabel ist, ersonnen worden« ... »Deren Sinn«, fiel ihm Aspasia ins Wort, »dem gewöhnlichen Verständnis zufolge darin liegt, daß die Frauen wortbrüchig, wankelmütig, treulos sind? Aber eine schlechte Fabel ist die, welche nicht mehr als einen Sinn zuläßt, nicht mehr als eine Wahrheit in sich schließt. Erlaube mir, daß ich die ephesische Witwe in Schutz nehme. Sie wurde nur dem toten Gatten ungetreu. Die Liebe hängt so sehr mit dem Leben zusammen, daß eine Liebe und eine Treue über das Grab hinaus, ein Leben, das sich mit einem Leichnam zusammenkoppeln läßt, ein Unding ist. Die blutlosen Schatten des Hades dürfen sich nicht vom Blute der Lebendigen nähren.« So unterhielten sich in heiterem Gespräche die beiden. Dann kam Artemidoros und machte Aspasia scherzhafte Vorwürfe, daß sie ihm den Gast entwendet, und nachdem er beide auf einen Imbiß zu sich geladen, führte er sie auf zierlichem, mit weißen Rossen bespanntem Wagen zum weitberühmten Tempel des Apollon, welcher in einiger Entfernung von der Stadt gelegen war, und zum Tempelgehege der Kypria an des Seeufers flachem Gelände, von zartsprossendem Rohr umgrünt und von gelben Halkyonen umflattert. Die schöne Meeresküste fuhren sie entlang und auf dem Rückwege bestiegen sie eine Barke, um über die samtweiche, tiefblaue Welle sich hinüberrudern zu lassen nach einer reichbebüschten Insel, welche die begleitenden Sklaven des Artemidoros sogleich wieder zu einem kleinen Paradiese umgestalteten, bunte, weiche Teppiche ausbreitend und jede Art von köstlicher Labe bietend. In solcher Art verging der Tag so rasch als die Nacht vergangen war, und wieder gehörten die beiden sich selbst an in der von Nachtigallen umtönten Einsamkeit ihres Gartenhaines. Artemidoros hatte Aspasien seinen Gast nun völlig abgetreten, und seiner Verehrung des Perikles nicht bloß, sondern auch der verschwenderischen Großmut, welche ihm eigen war, gereichte es zur Genugtuung, die schöne Landsmännin mit all' den äußeren Behelfen auszustatten, deren sie bedürfen konnte, um ihrem Freunde die idyllische Einsamkeit des Myrtenhains mit dem wechselnden Zauber einer unerschöpflich erfindsamen Liebe zu würzen. Und Aspasia machte nicht weniger Gebrauch von diesen Behelfen, als von denjenigen, welche die Natur selbst, noch verschwenderischer als der reiche Artemidoros, in ihr reizvolles, jedes schönen Zaubers kundiges Wesen gelegt hatte. Das gesteigertste, veredeltste Genußleben des Geistes und der Sinne feierte in diesen beiden göttergeliebten Seelen ihr selt'nes Wonnefest. Vieles und Großes hatte Perikles geschaffen und vollbracht, vieles Schöne und Unvergängliche Aspasia wirksam angeregt, indem sie die zündenden Funken ihres Geistes und ihrer Schönheit nach allen Seiten sprühend warf. Aber das Schönste und Höchste vollzogen sie beide, indem sie sich liebten und glücklich waren: so glücklich, wie es nicht die Stumpfsinnigen, sondern nur die götterähnlichen Menschen zu werden vermögen. Dessen, was sie anregten, schufen, wirkten, mochten sich die Sterblichen erfreuen; auf ihr Liebesleben aber schauten die seligen Olympier selbst mit Befriedigung herab. Das Ideal des menschlichen Glückes in schöner Lebens- und Liebesfreude zu verwirklichen, erschien in jenen halkyonischen Tagen von Milet den beiden selbst als der beste Teil ihrer Bestimmung ... In der Tat genossen Perikles und Aspasia zum ersten Male ganz das Glück ihrer Liebe in dieser Verborgenheit. Aber das schönste Asyl der ungestörten Einsamkeit, ein schöneres und ungestörteres, als der Hain und das Gartenhaus gewähren konnte, hatte die Zauberhand Aspasias geschaffen. Das offene, flache Dach des Hauses, umsäuselt von den Wipfeln hoher Linien und Cypressen, war von ihr in einen kleinen Lustgarten umgewandelt worden. Den Blicken der Außenwelt war dieses Asyl durch blühendes Strauchwerk und auf hohen Stengeln sich schaukelnde Blumen, welche den Rand nach allen Seiten umsäumten, und durch Purpurlinnen entzogen, mit welchen man zeltartig die ganze Terrasse bedecken konnte. In diesem von der Welt abgeschlossenen, nur den beiden Liebenden allein zugänglichen Blumenasyle brachten sie wonnevolle Stunden hin. Hier genossen sie die sichere Einsamkeit eines verschlossenen Gemachs, ohne die dumpfe Schwüle eines solchen; sie hatten den freien Aether über sich und fühlten sich angeweht von den süßen, duftgewürzten und erfrischenden Lüften des Haines. Die Einsamkeit der Myrten, die Einsamkeit des Hauses genügte ihnen nicht; zärtlichen Tauben ähnlich entflatterten sie zum Dache, zur wonnigen, in den blauen Aether hinauf entrückten Stätte, und nur was schwingenbegabt war, vermochte ihnen dahin zu folgen: die Tauben, die Pfaue, die zwitschernden Singvögel. Hier ruhten sie zwischen den Blüten, hier gab Aspasia dem Freunde die Gesänge der Poeten zu hören, die in ihrem Munde einen wunderbaren Reiz gewannen, hier umstrickte sie ihn, zum Schall der Saiten singend, mit dem Silbernetz ihrer Töne, mit der Magie ihrer tief einschmeichelnden, das Gemüt des Hörers wonnevoll aufregenden Stimme, hier erzählte sie ihm reizende milesische Märchen, hier plauderten sie bald töricht wie Kinder, bald weise wie graubärtige Grübler. Hier konnten sie die Purpurtücher um sich und über sich zusammenziehen, und wie Götter, in ein olympisches Rosenlicht getaucht, mit verklärten Leibern in purpurner Dämmerung atmen. Oder sie konnten dem hellen Glanze des Tagesgestirnes von oben herein zu strömen vergönnen, und der liebende konnte Antlitz und Glieder der Geliebten, von blendend weißem Glanze übergossen, von den Reflexen der grünen Sträucher zauberisch umspielt, in erhöhtem Reiz wie ein ätherisches Gebilde bestaunen. Aspasia kleidete sich nach milesischer Sitte jetzt purpurn, jetzt meerblau, jetzt feuerfarbig, jetzt krokusgelb. Sie liebte es, dem Freunde in wechselnder Gestalt zu erscheinen. Sie entlehnte Gewandung, Haltung, Ausdruck, Wesen jetzt von dieser, jetzt von jener Göttin oder Heroine, und auf den Wunsch des Perikles gab sie ihm mimische Tänze zu schauen, die diesen wechselnden Gestalten entsprachen, und die an kunstvollem Reize alles übertrafen, was die schöne Theodota in dieser Art hatte bewundern lassen. Bei diesen Verwandlungen seiner unvergleichlichen Freundin konnte Perikles nicht umhin, jener Verse des Meergreises Proteus zu gedenken, welche dieser ihm auf den Weg gegeben, als er, ohne es zu wissen, ausging, Aspasia zu finden. Jene Verse, die ihm das schönste Glück versprachen, und ihn aufforderten: »Halt' es nur fest, o Held, mit der tapferen Faust, wie du mich hältst: So nur gehalten entschlüpft nimmer das flüchtige dir!« »Ich werde dich festhalten müssen, wie den weissagenden, gestalten-wechselnden Proteus, damit du nicht auch in einer deiner Verwandlungen mir entschlüpfest!« sagte Perikles scherzend zu Aspasia. »Wie willst du es anfangen, mich festzuhalten?« fragte die Milesierin. »Das hoffe ich von dir selbst zu hören!« versetzte Perikles. »Etwa nach athenischem Brauche im streng vergitterten Käfig?« fragte Aspasia. »Welchen Käfig meinst du?« sagte Perikles. »Jenen Käfig«, versetzte Aspasia, »den ihr Männer das Frauengemach in eurem Hause zu nennen pflegt.« »In diesen Käfigen«, sagte Perikles nach einer kleinen Pause, »sind vielleicht nur Telesippen, nicht aber Aspasien festzuhalten.« Die Milesierin antwortete nur mit einem Lächeln. Ihr genügte es, jenes Wort hingeworfen zu haben, um es in der Seele des Perikles nachwirken zu lassen. Es begab sich eines Tages, daß Perikles mit Artemidoros in Abwesenheit Aspasias über diese selbst sich unterredete. »Die Sagen und Geschichten aller Zeit«, sagte Artemidoros, »berichten von Helden genug, welche auf längere oder kürzere Frist der Gewalt schöner Frauen anheim fielen. Den nach seiner Heimat schmachtenden Odysseus hielt die schöne Nymphe Kalypso in ihrer Grotte jahrelang zurück. Den frommen Aeneas wußte die liebende Dido zu gewinnen, sogar den stärksten der Starken bannte die tückische Omphale eine Zeitlang an ihren Spinnrocken. Aber alle diese Weiber verstanden es nicht, den Gewonnenen für immer zu fesseln: ihr Zauber erlosch, die Fesseln sprangen, der überdrüssige Held holte das rostige Schwert oder die vergessene Keule wieder aus dem Winkel hervor, besserte eines Morgens sein halbmorsches Fahrzeug wieder aus und ging mit flüchtigem Abschiedsgruß von der Schönen fort auf neue Abenteuer. So würde wohl auch Aspasias Reiz erlöschen, wenn du in diesem freudenreichen Asyl beständig mit ihr verweilen müßtest!« »Gewiß«, sagte Perikles, »wenn Aspasia Theodota wäre, wenn sie nichts besäße, als den wonnigen Reiz ihrer Glieder. Aber es gibt etwas, das einen Liebenden wohl auch für immer zu fesseln vermöchte. Ich spreche nicht von den Mitteln gemeiner Weiber, welche durch verstellte Sprödigkeit oder durch Unruhe und Qualen und Schwierigkeiten des Besitzes, die sie dem Liebenden bereiten, dieses zu erreichen glauben. Es gibt bevorzugte weibliche Naturen, welchen es vergönnt ist, den Liebenden trotz schrankenloser Hingebung, durch welche das Glück gewöhnlicher Weiber scheitert und eben durch diese, mit immer festeren Banden zu umstricken. Sollte ich jenes Unsagbare nennen, wodurch ihnen solches gelingt, so könnte ich es nur die Charis nennen: jene wundersame Mischung von Reiz und Huld, einschmeichelnd ohne Aufdringlichkeit, das Gemüt durchsonnend, wie ein olympisches Götterlächeln. Diese Charis, glaube ich, ist der Zauber, welchen Aphrodite verwahrt in ihrem goldenen Gürtel. Tausend trübende Wölkchen steigen auf am Himmel der Liebenden: nur die Charis weiß sie zu bannen: nur im Strahl der leuchtenden, lächelnden Seelenanmut verschwindet alles Trübe. Nur durch ihren Anhauch mildert sich alles Schroffe und Harte. Ihr wird alles erlaubt und alles verziehen, weil sie keine Wunde schlägt, ohne sie augenblicklich zu heilen. Aspasia besitzt diese Seelenanmut, diese Charis, diesen Gürtel der Aphrodite, und mit diesem allein vereitelt sie spielend alle Bemühungen Theodotas! Denn ich kenne die Weiber, und weiß, wie selten, wie einzig in der Welt das ist, was Aspasia besitzt.« »Ich verstehe dich ganz«, sagte Artemidoros; »was du sagst, habe ich oft empfunden. Der Prüfstein des Weibes und seiner Zaubermacht ist nicht der Genuß, den es bereitet, sondern die Art, wie es die Pausen zwischen den Genußmomenten eines Honigmondes auszufüllen weiß!« »Aspasia versteht es«, erwiderte Perikles, »in jedem Augenblick einen glänzenden Funken ihres Geistes aufsprühen zu lassen, etwas wie eine Rakete oder auch nur wie eine schillernde Seifenblase, etwas, wonach man haschen muß, und was die schleichende Stunde beflügelt. Und dies alles tut Aspasia ohne Anstrengung, ohne Zwang und Künstelei; sie tut es, weil es ihr natürlich ist. Und eben nur weil es ihr natürlich ist, wirkt es unwiderstehlich. Der Honigmond der Geistesarmen ist eine Sinnenhetze, gemischt mit tödlicher Langeweile; nur aus der Seele quillt, was dem Süßesten Wert und Dauer gibt.« Der Tag, an welchem Perikles mit seinen beiden Schiffen wieder nach Samos zurückkehren sollte, um von dort aus noch einen kurzen Besuch auf Chios zu machen, kam heran. Das Entgegenkommen der Milesier hatte es dem Perikles leicht gemacht, die Absichten, die ihn nach Milet geführt, zu verwirklichen; und so war es ihm vergönnt gewesen, nur den geringsten Teil der Zeit seines milesischen Aufenthaltes politischen Unterhandlungen, den großen Rest aber seinem geheimen Glücke zu leben. Der gastfreundliche Artemidoros gab dem scheidenden Athenerfeldherrn ein Gastmahl, an welchem auch Aspasia teilnahm. Bei diesem Festmahle sagte Perikles zu seinem Wirte Artemidoros: »Kein Wunder, wenn der geheime Zauber dieses Himmelstriches auch mich erfaßt hat, und ich sieben Tage lang schier unbewußt einem glücklichen Müßiggange mich hingab. Man merkt es, daß ihr Griechen dieser Küste den heißblütigen Phöniziern nahe wohnet, welche zuerst die Liebesgöttin verehrten, und jener kyprischen Insel, welche dieser üppigen Göttin auf ihrem Siegeszuge aus der sidonischen Bucht nach Hellas die Stätte der ersten Wegesrast geboten. Und wie von Süden her die Festbegeisterung der kyprischen Götter, so dringt von Norden, von den Höhen des Tmolos, der Festlärm des Dionysos und seiner göttlichen Amme Rhea zu euch. Und so seid ihr gleichsam umzingelt und umbrandet von den Wogen der Festlust jener Freudengötter. Wie aus übervollen Eutern die Milch, wird hier der Tau der Ueppigkeit ausgeschüttet aus dem Füllhorn jener Götter und aus den tausend quellenden Brüsten der Artemis. Euch Milesiern mögen die grausig-schwärmerischen Orgien auf dem Tmolos wohl nicht bloß vom Hörensagen bekannt sein. Es sollte mich wundern, wenn nicht den einen oder den anderen von euch die Neugier einmal getrieben hätte, zur Festzeit sich in die Nähe jener geheimnisvollen Stätte im nachbarlichen Lydien zu wagen und, wenn auch vielleicht nur aus scheuer Entfernung, die Raserei der Korybanten zu belauschen.« Bei diesen Worten des Perikles verdüsterten sich ein wenig die Züge des Artemidoros, und ein leiser Seufzer entrang sich seiner Brust, so daß Perikles ihn verwundert und fast betroffen anblickte. »Mich selbst«, begann Artemidoros, »hat das Verhängnis einst dorthin geführt, und ich würde dir das, was ich erlauschte und erlebte, gern erzählen, wenn sich nicht so viel Düsteres mit diesen Erinnerungen für mich verknüpfte.« Diese Worte vermehrten die Spannung des Perikles, und als Artemidoros es merkte, fuhr er fort: »Ich sehe es wohl, ich muß auch wider Willen sprechen und meine Befangenheit mit der Rechtfertigung bezahlen, die deine Mienen, o Perikles, von mir heischen. So vernimm. Wenige Jahre sind es her, daß ich noch den reizendsten Jüngling von Milet meinen Sohn nannte. Er war ausgestattet mit allen Vorzügen des Geistes und des Körpers, aber auch mit einer beschwingten Phantasie, die keinen Zügel kannte, mit einem bis zur Schwärmerei entzündlichen Gemüte. Es hat nie an Jünglingen zu Milet gefehlt, welche durch die Erzählung von den rasenden Orgien auf dem Tmolos zu freventlicher Neugier aufgestachelt wurden, und mancher ist der Hut seiner sorgsamen Erzeuger entflohen, um jenem wilden Reigen sich anzuschließen; ja Zeiten gab es, in welchen dieser Drang wie eine Art von Seuche um sich griff. Ich erwog, wie ich eine ähnliche Verirrung von meinem allzu empfänglichen Chrysanthes abzuwenden vermöchte. Wie ich befürchtet hatte, zeigte auch er sich bald von jener Krankheit mitergriffen. Die Zeit der lydischen Feste kam heran. Chrysanthes wurde auffallend schweigsam, nachdenklich, seine Wangen bleichten, und er sah aus, wie von einer geheimen, fieberhaften Ungeduld verzehrt. Schon war ich entschlossen, ihn als Gefangenen im Hause zu behandeln, ihm Wächter beizugeben, die jeden seiner Schritte im Auge behalten sollten. Dennoch ließ der Zustand, in welchem ich ihn sah, mich sein Entweichen befürchten und bald kam mir das Bedenken, daß der Jüngling infolge des gänzlich ungestillten Verlangens in gefährlichen Trübsinn oder in eine tödliche Krankheit verfallen könne, und daß es heilsamer wäre, wenn ich dem Drange seiner, wie es schien, immer wachsenden Neugier zum Teil, aber in einer Weise Befriedigung verschaffte, welche ohne persönliche Gefahr für ihn wäre. Ich eröffnete ihm, daß ich selbst mich mit ihm auf den Tmolos begeben, die mystischen Gebräuche der Korybanten mit ihm belauschen werde. In meiner Gesellschaft, unter meiner unmittelbaren Obhut, mußte ja der Jüngling vor jeder Gefahr gesichert sein. Eine Reise von mehreren Tagen brachte uns ans Ziel. Wir bestiegen im Geleite eines Sklaven, der Lebensmittel für einen Tag trug, den waldbewachsenen, noch verödeten Tmolos und erwarteten den Augenblick, wenn der wilde Schwarm der Korybanten von Sardes her den Bergeshang heraufkommen würde. Begonnen hatte das orgiastische Frühlingsfest schon am vorigen Tage damit, daß man die größte Riesenfichte des Tmolos fällte, sie umwand mit Kränzen unzähliger Frühlingsveilchen, die in den Gründen des Tmolos sproßten, und die so bekränzte unter wildem Festjubel hinunterschleppte bis in den Tempel der Kybele, um sie der allgebärenden Göttermutter als Frühlingsopfer darzubringen. Nun war des Festes größter und geräuschvollster Teil noch übrig. Ein dumpfes Getöse scholl an unser Ohr noch früher, als wir den in der Abenddämmerung heranziehenden Schwarm der Korybanten erblicken konnten. Wir verbargen uns bei ihrer Annäherung im dichten Gebüsch, um, selbst unbemerkt, von hier aus ihres Treibens Zeugen zu sein. Der Schwarm kam näher, das Getöse wurde betäubend. Ein jeder dieser Korybanten, von welchen manche ganz nackt, andere nur mit dem zottigen Fell eines wilden Tieres um die Lenden bekleidet waren, trug eine Handpauke, die er mit aller Gewalt in dumpfen Tönen schlug, oder eine lärmende Zimbel, oder blies auf einem Horne, wieder andere hatte Schwerter und Schilde in den Händen, die sie dumpf zusammenschlugen. Aber all diesen Lärm des Erzes und der Tonwerkzeuge übertönte noch das Geschrei, das Gebrüll vielmehr, welches einen Jubelgesang zu Ehren des verlorenen und nun wiedergefundenen Jünglings Attis, des Lieblings und Boten der allzeugenden Mutter Rhea, nur in abgerissenen Lauten vernehmen ließ. Vom verlorenen und wiedergefundenen Attis sangen sie, aber es war die aus ihrem Todesschlafe wiedererwachte, wildgärende Triebkraft der Natur, welche diese Menschen nicht bloß feierten, sondern in sich selbst aufschäumen ließen bis zu wahnsinnigem Taumel. Angeführt wurde der Schwärmerzug von Kybelepriestern, welche, hellflammende Kienfackeln in einer Hand, in der andern scharfgeschliffene, krumme Messer trugen, die sie mit fanatischen Blicken schwangen. Ein großer Phallos wurde vorangetragen. Das Gehen dieser Menschen war nicht ein Schreiten zu nennen, sondern ein vom Getöse jener Lärmwerkzeuge begleitetes, wüstes Springen und Tanzen mit wild verrenkten Gliedern. Die Gesichter aller waren hochgerötet, manche auch bis zu tiefem Dunkelblau unterlaufen, die Augen schienen aus ihren Höhlen zu quellen, und nicht wenigen stand der Schaum vor dem Munde. Dabei schüttelten sie wild die langen Locken, die ihnen, meist aus fremden Haaren künstlich angefügt, um die Schläfe hingen, und die ihnen ein mann-weibliches Ansehen gaben. Was auf dem Wege von wilden oder zahmen Tieren in ihre Hände gefallen war, schleppten sie mit sich. An der Spitze des Zuges wurde ein Panther geführt. Einige sahen wir mit Schlangen in den Händen, die sie aufgegriffen hatten, und mit welchen sie so unbefangen wie mit Kränzen oder Bändern spielten. Während der tosende Zug an uns vorüber stürmte, sah ich den jungen Chrysanthes neben mir von einer immer wachsenden Aufregung ergriffen. Er schwieg, aber sein Angesicht erglühte, sein Auge blickte starr auf die rasende Festschar, und er begann einige von den Bewegungen, die er an jenen Tollen bemerkte, unbewußt zu wiederholen. Unfern der Stelle, wo wir im Gebüsche versteckt waren, dehnte sich eine große, von ungeheuren Fichten umschlossene, kräuterbewachsene Fläche. Hier machte der Schwarm Halt, aber nicht um zu rasten, sondern um noch toller zu wüten. Der Phallos und die mitgeschleppten Tiere wurden in die Mitte gebracht, auch die Priester traten in die Mitte, und in der Runde umher scharten sich die Korybanten. Einem ermunternden Worte der Priester folgend, stürzten sie sich auf den Panther und auf die übrigen Tiere, zerrissen dieselben erst mit den Händen, dann mit den Zähnen, schlürften ihr warmes Blut und steckten die Reste des blutenden Fleisches auf ihre Thyrsusstäbe wie auf Spieße. Dann begannen sie unter dem verstärkten Getöse der Pauken und Zimbeln und des geschlagenen Erzes den Phallos zu umtanzen, die große, allzeugende Göttermutter preisend, und die alllebendige Zeugungskraft, die unerschöpfliche Lust und Liebeskraft, deren Bild unter ihnen vor aller Augen emporragte ... Die wilden Tiere flüchteten sich vor dem Lärm in die entferntesten Gründe: ein Löwe brach erschreck in eiligem Laufe hart neben mir und Chrysanthes durch das Gebüsch. Und in der Tat, die fanatischen Ausrufe, das rauchende Opferblut, die lodernd geschwungenen Fackeln, vor allem das Getöse des Tympanons, mußten jedes Tier- und Menschengemüt in Angst oder in den wildesten Aufruhr bringen. Ich selbst verlor fast die Besinnung. Da machte plötzlich Chrysanthes neben mir den Versuch, von mir sich loszureißen. Entsetzt sah ich auf ihn und merkte, daß er in seinem ganzen Wesen schon jenen Rasenden ähnlich war. Ich hielt ihn fest, aber, Riesenkraft in den jugendlichen Gliedern entwickelnd, machte er sich frei, und fortstürmend sprang er hinab über eine Felswand, so hoch und schroff, daß nur durch ein Wunder seine Glieder unzerschmettert blieben – hinab, mitten unter jene Rasenden sprang er, und wie die schäumende Flut einen Tropfen, verschlang ihn der taumelnde Reigen. Vor Schrecken starr, ratlos, fast besinnungslos stand ich da. Der rasende Tanz ging weiter vor meinen schwindelnden Augen. Einige stürzten wie tot zusammen, erhoben sich wieder und begannen von neuem. Wieder brachen Ausrufe der Entflammtesten, begleitet von winkenden Zeichen, wunderlich tollen Gebärden, durch den Lärm sich Bahn. Und als der Taumel aufs höchste gestiegen, traten einige hervor und verschafften sich Gehör mit Worten, von welchen an mein Ohr nur weniges vernehmlich drang. Sie wiesen nach dem Phallos hin, sie riefen mit aufgeregten Gebärden, das tote Scheinbild auf jener Stange müsse nach altheiligem Gebrauche ersetzt werden durch die Blutwärme der Wirklichkeit, und den Begeistertsten im Reigen gezieme, zur Feier der alllebendigen Kraft die persönliche darzubringen, als freudiges Dankopfer der allzeugenden Göttin ... Unheimlich blinkte das scharfgeschliffene krumme Messer, die uralte asiatische Harpe, in den Händen der Kybelepriester – – Mir schwanden die Sinne, ich sah nur mehr einen wüsten Knäuel sich durcheinander bewegen, in welchem die Rasendsten sich mit blitzender Klinge verwundeten, verstümmelten – ich gedachte meines Chrysanthes – es wurde Nacht vor meinen Augen, ich sank zu Boden. Als ich die Besinnung wieder erlangte, war der Mond taghell aufgegangen, die Korybantenschar war weitergezogen, das Getöse des Tympanons scholl aus dem Innern des Waldgebirges wie ferne verrollender Donner. Ich begab mich nach dem nahen Sardes, der Stätte des Priestertums der Kybele, weil ich dort am ersten hoffen konnte, vom Schicksal meines Chrysanthes etwas zu vernehmen, den geliebten Verlornen wieder zu erhalten. Und ich erhielt ihn wieder: er wurde mir zurückgebracht auf einer aus Fichtenzweigen des Tmolos geflochtenen Bahre, verwundet, verstümmelt, verblutet – – Der Jüngling voll blühender Kraft und Schöne lag vor meinen Augen da, jener veilchenbekränzten Fichte vergleichbar, gefällt auf dem Tmolos vom Messer der Korybanten, als Dankopfer der »allzeugenden Göttin« ... So lautete die Erzählung des Artemidoros. Die Heiterkeit des Festmahls war getrübt. Als es vorüber war, und Perikles mit Aspasia sich allein befand, sagte er: »Milet ist schön, und die Erzählung des Artemidoros wird mir die Erinnerung der wonnigsten Tage nicht gänzlich trüben, welche die Götter mir hier zu durchleben vergönnten. Aber ich fühle, daß es Zeit ist, den Fuß von diesem heißen Strande hinweg wieder auf das schwebende Meerschiff zu setzen, und meine fast beklemmte Brust wird erst wieder völlig frei aufatmen in den heimischen, mildkräftigen, attischen Lüften!« – XIII. Diopeithes und Hipparete. spasia befand sich verkleidet auf dem Schiffe, welches den athenischen Strategen von Milet zu seiner Flotte vor Samos zurückführte. Als die Triere aus dem Hafen hinausruderte in die offene, morgendlich glänzende See, wandte die Milesierin an der Seite ihres Freundes den Blick zurück nach dem blühenden ionischen Gestade. Heere von Kranichen und von langhalsigen Schwänen flogen über die Au und ließen, die rauschenden Fittiche schlagend, sich nieder am hallenden Ufer. Aspasias Blicke aber hafteten auf den entschwindenden Zinnen ihrer Vaterstadt. Ihr Gemüt fühlte von der stolzen Empfindung sich durchdrungen, daß sie hier an der Stätte, wo sie das Licht zuerst erblickt, den schönsten Triumph ihres Lebens besiegelt und den Zauberbann der Liebe fester als jemals, ja unauflöslich, um den gefeiertsten hellenischen Mann ihrer Zeit geschlungen. Auch Perikles blickte nach dem entschwundenen Gestade Ioniens mit heller glänzendem Auge zurück: er gedachte der süß verlebten Tage und wie seine unvergleichliche Freundin, ein weiblicher Antäus, aus der Berührung ihrer Heimaterde gleichsam eine verdoppelte Kraft sieghaften Liebreizes in sich gesogen. »Fast möchte ich klagen«, sagte er, »um den entschwundenen milesischen Honigmond; aber wie sollte mich der Gedanke nicht beruhigen, daß ich doch dich selbst als schönste Beute wieder mit mir entführe?« »Ueberall hin«, erwiderte Aspasia, »wird uns das Glück und die Liebe folgen; nur eines lassen wir zurück, um es vielleicht nie wieder zu finden: die glückliche Verborgenheit, die wir hier genossen, und die schöne Freiheit von allen beengenden Fesseln.« Perikles senkte das Haupt und sah nachdenklich vor sich hin. »Nach Athen zurückgekehrt«, fuhr Aspasia fort, »bist du wieder der Staatslenker, auf dessen Tun und Lassen aller Augen gerichtet sind, bist wieder Bürger Athens, von des Herkommens strenger Regel gebunden, bist wieder Telesippens Gatte – und ich – nun ich bin eben wieder die Fremde, die Heimatlose, die Rechtlose, ich bin, wie deine Gattin und ihre Freundin sich ausdrücken, die Hetäre von Milet« ... Perikles erhob langsam sein Haupt und blickte der Freundin scharf ins Angesicht. »Hast du nach anderem verlangt, Aspasia?« sagte er; »hast du nicht beständig als ein Sklaventum die Ehe verspottet, und als ein Gefängnis das Frauengemach des Atheners?« »Ich erinnere mich nicht, Perikles«, erwiderte Aspasia, »daß du es mir jemals in der Tat anheimgestellt hättest, ob ich mich entscheiden will für den Stand der Hetäre oder für den der athenischen Ehefrau.« »Und wenn ich es täte«, sagte Perikles, »wenn ich diese Entscheidung dir anheimstellte, welche Antwort würdest du geben?« »Ich würde dir sagen«, erwiderte Aspasia, »daß ich weder für das eine noch für das andere mich entscheide; daß ich freiwillig weder Hetäre sein will, noch eines Atheners Ehefrau.« Perikles war betroffen. »Eines Atheners Ehefrau?« wiederholte er dann; »du scheinst also nicht jede Art von Ehebund, sondern bloß die athenische verschmähen zu wollen; sage mir doch, wo in aller Welt das Ideal von Ehebund zu finden ist, welches deinen Beifall hat?« – »Ich weiß es nicht«, versetzte Aspasia; »ich denke, daß es noch nirgends in der Welt vorhanden ist; aber ich trage es in mir.« »Und wessen würde es bedürfen, um das, was du in dir trägst, zu verwirklichen?« fragte Perikles. »Wenn es eine Ehe geben soll«, erwiderte Aspasia, »so soll sie auf das Gesetz der Freiheit und auf das Gesetz der Liebe gegründet sein.« »Und was müßte ich tun«, fragte Perikles, »um dies Ideal mit dir zu verwirklichen?« »Du müßtest mir alle Rechte der Gattin einräumen, ohne mir eines von den Rechten zu entziehen, welche du bisher der Geliebten eingeräumt!« versetzte Aspasia. »Du willst«, sagte Perikles, »daß ich Telesippe verstoße und dich an ihrer Stelle als Herrin in mein Haus einführe? Dies ist mir verständlich; unklar aber ist mir der Rest deines Verlangens. Was verstehst du unter den Rechten, die ich dir nicht entziehen soll?« »Vor allem das Recht, zwischen mir und dir kein Gesetz als das der Liebe anzuerkennen!« versetzte Aspasia. »So bin ich dir gleichberechtigt wie die Geliebte, nicht Sklavin, wie die Ehefrau. Du bist des Hauses Herr, doch nicht der meine; du begnügst dich mit dem Opfer meines Herzens, ohne meinen Geist in Fesseln zu schlagen und mich zu dumpfer Untätigkeit in der Einsamkeit des Frauengemachs zu verdammen.« »Du willst mir also dein Herz darbringen«, sagte Perikles, »deines Geistes Vorzüge und Wirkungen aber sollen wie bisher Gemeingut sein? Du willst dir nicht versagen, in Berührung zu bleiben mit allem, was deine Phantasie anzuregen, deinen Geist zu beschäftigen vermag?« »So ist es!« rief Aspasia. »Und wenn wir den Versuch eines solchen Bundes machen wollten«, sagte Perikles, »weißt du, ob dieser Versuch möglich ist, nicht bloß vom Gesichtspunkte des Herkommens, sondern auch vom Gesichtspunkte der Liebe selbst betrachtet?« »Wenn er dir unmöglich scheint, wer zwingt uns, ihn zu machen?« versetzte Aspasia lächelnd, drückte den Freund mit einem zärtlichen Kusse an sich und begann von anderen Dingen zu sprechen. Der Weg nach Samos war rasch zurückgelegt. Nachdem Perikles hier einige Anordnungen bei der Flotte getroffen, bestieg er neuerdings eine Triere, um nach Chios zu segeln. »Wie?« rief Aspasia scherzend, »trägst du so großes Verlangen, jene einst von dir geliebte Schöne wieder zu sehen, die, so viel ich weiß, bei dem Dichter Ion auf Chios lebt?« Perikles lächelte wie über einen Scherz. Diesmal war Sophokles im Geleite des Perikles. Der Dichter war nicht wenig überrascht, die Milesierin in altgewohnter Verkleidung auf dem Schiffe des Perikles wiederzusehen. Sie war nun wieder der reizende Jüngling, dessen Geheimnis nur wenigen Eingeweihten enthüllt war. Auf Chios, dem Heimatlande der edelsten Trauben, die unter griechischem Himmel reiften, dessen Bewohner die reichsten Leute in ganz Hellas genannt wurden, lebte der tragische Dichter Ion, ein geborner Chiote, der mit seinen Tragödien zu Athen schon manchen Lorbeer errungen. Freilich soll er die Bürgerschaft Athens durch einige Fässer Chierweins, die er bei der Aufführung seiner ersten Tragödie dem Volke spendete, für sich und seine tragische Poesie günstig gestimmt haben. Er war, wie schon diese Freigebigkeit beweist, einer der reichsten Männer von Chios, und als solcher auch von bedeutendem politischen Einfluß auf seiner heimatlichen Insel. Mit Perikles stand Ion nicht auf gutem Fuße, seit beide Männer Nebenbuhler bei der reizenden Chrysilla gewesen, und der Dichter war noch immer verstimmt gegen Perikles, obgleich die Schöne zuletzt sein eigen geblieben und dem begüterten, in Ueppigkeit lebenden Manne gefolgt war in sein Heimatland. Perikles bedauerte die Nachwirkung alter Gegnerschaft im Gemüte seines einstigen Nebenbuhlers. Denn er hatte von den Chioten einige nicht unwichtige Zugeständnisse für Athen zu erwirken und mußte nun fürchten, daß ihm der einflußreiche Ion aus persönlicher Abneigung im Wege stehen werde. Sophokles nahm es auf sich, Ion mit Perikles zu versöhnen, und da niemand zum Vermittler so sehr von Natur geeignet war, als der liebenswürdige, alle Menschen leicht für sich einnehmende Dichter der »Antigone«, so gelang ihm auch jener Versuch bei seinem Kunstgenossen Ion so trefflich, daß dieser den Perikles sogleich mit Sophokles zu sich einlud und es sich zur Ehre rechnete, die beiden athenischen Strategen zu bewirten. Nur von einem Morgen bis zum andern konnte Perikles auf Chios verweilen, und nachdem des Tages größerer Teil den politischen Unterhandlungen gewidmet worden, schickte Perikles unter Begleitung des Sophokles sich an, der Einladung des Ion zu folgen. Aber nicht ohne einen dritten begaben sich die beiden in das Haus des chiotischen Gastfreundes. Aspasia war nicht ohne geheime Absicht darauf bestanden, dem Freunde diesmal in der Verkleidung eines Sklaven zu folgen und dort, wohin er sich begab, nach dem Brauche der Sklaven, welche im Geleite ihrer Herren gingen, dienstbereit ihm nahe zu bleiben. Die geheime Absicht aber, welche die Milesierin hatte, war keine andere, als die Wiederbegegnung des Perikles und der schönen Chrysilla unschädlich zu machen, die Aufmerksamkeit ihres Freundes von Chrysilla und die der Schönen von Perikles abzuziehen. Perikles willigte in die Verkleidung Aspasias und suchte den Grund derselben in einer verzeihlichen Neugier seiner Freundin, jene Chrysilla kennen zu lernen. Ion bewohnte ein Landgut an der reizvollsten Stelle des zuerst scharf, dann sanft ansteigenden Meerufers, rings umgeben von besonnten Geländen, die voll der reifenden Gabe des Bacchos hingen. Er führte seine Gäste hinaus auf eine Terrasse, die auf einem von der lieblichsten Meereswelle umspülten Felsvorsprunge lag. Auch sie war überdacht von helllaubigem Rebengeschlinge, von welchem die Chiertrauben verlockend niederhingen, und zwischen welchem dem Auge ein entzückender Ausblick auf das schimmernde Meer und die blühenden Nachbarinseln vergönnt war. An diesen lieblichen Ort führte Ion seine Gäste, und nachdem ihre Augen von der holden Schau gesättigt waren, hieß er sie auf weichen Pfühlen sich niederlassen und bewirtete sie mit köstlichen Erfrischungen. Das edelste Naß wurde kredenzt in silbernen Pokalen. Chrysilla war anwesend. Sie blühte noch wie eine Rose, aber die Blüte ihrer Glieder hatte im Laufe der Zeit auf Chios zu solcher Ueppigkeit sich entwickelt, daß des Atheners feiner Sinn das schöne Maß darin vermißte. Sie glich einer stolzen, vollprangenden Rose; aber die Rose ist eben nur die üppigste und duftigste, nicht die schönste der Blumen. Ion, der im Grunde doch ein Mann von guter Gemütsart und ein heiterer Freund des Genusses war, empfing Perikles mit versöhntem Geiste und unverstellter Herzlichkeit. Er erhob den Becher, in welchem die feurigste Flut seiner Gebinde schäumte, auf das Wohl des Perikles und vergaß nicht des berühmten Genossen desselben, des edlen Sophokles. Als aber Ion sich weiterhin erging in begeistertem Lobe der beiden Männer und der Erfolge gedachte, welche sie als Strategen vor Samos erfochten, da lehnte Sophokles für seinen Teil dies Lob ab und sagte, daß es ungeteilt seinem Freunde Perikles gebühre. »Gleichwohl«, fuhr Sophokles zu Ion und einigen von Ion geladenen, vornehmen Chiern gewendet fort, »würdet ihr Unrecht tun, wenn ihr in diesem unserm Perikles vor allem den Staatsmann und Feldherrn bewundern wolltet. Vom Ruhme seiner Unternehmungen und Schöpfungen geht die Kunde durch ganz Hellas, aber sie meldet nur von denjenigen Eigenschaften des großen Mannes, welche Lärm verursachen und weithin glänzen. Ich dagegen weiß von dem edleren, dem geräuschlosen Teil seiner Tugenden mehr als je zu sagen seit dieser Mitgenossenschaft in den Kämpfen von Samos. Von den Siegen wißt ihr, die er dort erfochten, aber ihr wisset nicht, daß er, als jeder von den fünfzig reichen Samiern, die er als Geiseln nach Lemnos schickte, ihm heimlich ein Talent für seine Freilassung anbieten ließ, diese Anträge so wie die Summen, mit welchen der persische Satrap ihn zu bestechen versuchte, zurückwies. Andere erzählen euch, wie viele feindliche Schiffe er in den Grund gebohrt, wie viele Feinde er getötet hat – ich aber will euch sagen, wieviel er aus Mitleid am Leben gelassen, auch wie sparsam er mit dem Blute der Seinigen umgegangen, und wie ich ihn ein paarmal scherzend zu den Soldaten habe sagen hören, wenn es auf ihn ankäme, sollten sie ewig leben. Er erfand die »eisernen Hände« für seine Schiffe, damit die Hände von Fleisch und Bein sich besser schonen konnten. Ihr wisset, daß er ein Held ist in den Stunden des Kampfes; ich aber sag' euch, daß er ein Weiser ist in den Stunden der Ruhe, und daß er, wenn es eben Muße im Lager gab, seinen Kriegern Wind und Wetter und Sonnen- und Mondesfinsternisse und alle Erscheinungen am Himmel erklärte, weshalb ihn auch viele für einen Zauberer hielten. Von seiner Gelehrsamkeit und Stärke in der Philosophie haben sie eine so hohe Meinung, daß viele jetzt für gewiß behaupten, er habe den samischen Feldherrn Melissos, einen namhaften Philosophen, weniger durch seine geschickte Strategie, als durch mörderische Syllogismen in die Flucht geschlagen. Es gab keinen sanfteren und keinen strengeren, keinen gefürchteteren und keinen beliebteren Mann im Lager als ihn, keinen schweigsameren, wenn Reden überflüssig war, und keinen beredteren, wenn es nötig war zu reden. Dies wollte ich euch sagen von Perikles, damit ihr den edlen und trefflichen Mann als solchen rühmet, nicht immer den Strategen und Seehelden; denn als solcher verdient er zwar Lob, aber nicht unbedingt, insofern er, nachdem er vor Samos sich gut gehalten, zu Milet, wie ich höre, sich weniger tapfer benommen, ja seiner Flotte und seines Feldherrnamtes beinahe vergessen, und einige Tage länger als nötig in der dortigen Bucht vor Anker gelegen, was ich als einen strategischen Fehler betrachte.« Ion und die anderen Zuhörer lächelten bei dieser Schlußwendung des Sophokles, Perikles aber besann sich nicht lange, die Rede seines Freundes wie folgt zu erwidern: »Mein Amtsgenosse und Freund Sophokles hier will euch bereden, wie ich höre, mich lieber zu den Weisen als zu den großen Strategen zu zählen. Gerne würde ich, um nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten, umgekehrt von ihm behaupten, daß er mehr zu den großen Strategen als zu den Weisen zu rechnen, aber es liegt allzusehr auf der Hand, um es bemänteln zu können, daß er mit mir in gleicher Lage ist: Von der Strategie nämlich und von dem, was zum Seewesen gehört, versteht auch er sozusagen nicht allzuviel. Er wird sein Leben lang viel leichter die Namen sämtlicher Nereiden des Meeres, als die Benennung der Bestandteile eines wohlgebauten athenischen Dreiruderers seinem Gedächtnisse einprägen. Aber er hat uns während dieses Seezuges als Stratege einen prächtigen Päan auf den Asklepias gedichtet, der auf der ganzen Flotte gesungen wird, und der, wie alle Steuerleute und Ruderknechte bezeugen, uns bei Stürmen auf der See schon die trefflichsten Dienste geleistet. Und wie sein Päan die aufgeregten Meereswellen besänftigt und die helfenden Götter der Seefahrt günstig stimmt, so ist sein ganzes Wesen einem milden Oele vergleichbar, das alles Rauhe glättet, alles Wilderregte beschwichtigt. Die Leute auf seinem Schiffe tun das Rechte, auch wenn er ein verkehrtes Zeichen gibt, und halten ihn für einen zwar im Seewesen unerfahrenen, aber gottgeliebten Mann. Wenn aus meinem Munde etwas kommt, was die Leute für weise halten, so meinen sie, daß ich dies von dem Klazomenier Anaxagoras habe; wenn aber Sophokles den Mund öffnet, so sind alle überzeugt, daß ihm das, was er sagt, die Götter selbst im Traume eingegeben. Von dieser Art, ihr Männer von Chios, ist mein Mit-Stratege Sophokles hier. Ich meine ihn gelobt zu haben und würde den Göttern danken, wenn das Lob, welches er über mich ausgegossen, so wohl verdient wäre, als dasjenige, welches ich ihm mit diesen Worten gespendet.« So rühmten einander, angeregt vom feurigen Geiste des Bacchos, herzliches Empfinden unter der Maske anmutigen Scherzes bergend, die beiden athenischen Schiffsbefehlshaber im Kreise heiter beseelter Männer, unter den Traubengehängen der schönen Meerterrasse des Ion. »Geziemt es doch fast zu erröten«, sagte Ion, »wenn man Männer vor sich sieht wie Perikles und Sophokles, welche mit großen Dingen beschäftigt und unablässig für das Allgemeine tätig sind, während man selbst in der Zurückgezogenheit nur dem Genusse des Daseins und den Musen lebt. Aber ich denke, es gibt neben rühmlichem und schönem Tun auch einen löblichen und schönen Müßiggang. Ich habe diesen erkoren.« »Gewiß«, sagte Sophokles, »ist ein Müßiggang schön zu nennen, der schöne Früchte bringt. Die Athener haben deine Tragödien nicht vergessen!« »Noch deinen Chierwein!« fügte Perikles hinzu. »Ich weiß«, versetzte Ion gutmütig lächelnd, »ihr Athener sagt, daß ich durch meinen Wein euren Beifall im Theater erkaufen wollte, aber sagt was ihr wollt, nur nicht, daß der Wein schlecht gewesen. Denn, wenn ihr meinen Chier nicht lobt, so kränkt ihr mich mehr, als wenn ihr meine Tragödien tadelt.« »Da sehe man doch diese tragischen Poeten«, sagte Perikles, »wie sie so fröhlichen Geistes sind, während sie es doch lieben, in ihren Tragödien sich mit den finstersten und schrecklichsten Dingen zu befassen, immerfort beschäftigt mit Götterzorn, uraltem Fluch, forterbender Schuld, entsetzlichen Schicksalswendungen und dergleichen.« »Eben weil wir heiteren Geistes sind«, versetzte Sophokles, »lassen wir uns mutig mit dem Düsteren ein; wir ringen damit und möchten es gerne bezwingen. Es ist nun einmal da, und will überwunden sein. Mutig ringen wir mit jenen alten blinden Natur- und Schicksalsmächten, um die menschlichen Dinge, so gut wir es vermögen, aus dem Banne einer finsteren Notwendigkeit zu befreien. In den hellen Sternnächten, welche ich am Bord meiner Triere vor Samos zubrachte, habe ich mich viel im Geiste mit jenem duldenden thebanischen Greise beschäftigt, und ihn verfolgt auf dem Wege, wie er zuerst, von verzweifelter Reue ob unfreiwilliger Schuld getrieben, des Augenlichtes sich selber beraubt und ins Elend wandert, allmählich aber hindurchdringend zu des Geistes reiner Klarheit und Freiheit, Schuld und Reue zuletzt von sich abschüttelt, vor seines Lebens Ende das greise Haupt mit dem Stolze des Schuldlosen emporrichtet, und aus einem Verbrecher zum Richter wird über diejenigen, welche nicht unfreiwillig und unwissend wie er, sondern bewußt, nicht durch äußerlichen Schicksalsfluch, sondern von innen heraus durch Verleugnung edler menschlicher Gefühle gefrevelt haben.« »Freund!« sagt Ion, »in dem, was du von Oedipus sprichst, steckt doch die alte bekannte Schwärmerei für deinen Heimatgau; denn dort war es ja, wo dein greiser Dulder zur Ruhe einging« ... »Ich gestehe gern«, erwiderte Sophokles, »und ich erblicke ein günstiges Zeichen für mein tragisches Dichteramt darin, daß eben in jenem Gau, der mich gebar, jene uralten tragischen Wirrnisse sich lösten.« »Ehre deinem Heimatgau!« sagte Perikles; »aber gestatte mir zu erwähnen, Freund, daß nicht bloß dein Gau, sondern ganz Athen der Boden ist, auf welchem alte Wirrsale sich lösen, alte Schuld gesühnt wird, vorzeitliches Dunkel zerrinnt an der Stätte der lichten Göttin Pallas Athene! Auf dem gnadenreichen Boden Athens hat nicht bloß jener Duldergreis, sondern auch der furiengepeitschte Jüngling Orest seines Fluches Lösung gefunden, ja ihr alle kennt den Erdschlund in der Nähe des unvollendeten Tempels des olympischen Zeus, und wir wollen gerne glauben, was die Sage berichtet, daß in diesem Erdschlund die Wasser der deukalionischen Flut sich verlaufen haben.« – Während dieser und ähnlicher Gespräche hatte die Sonne sich allmählich zum Niedergange geneigt: mit flammendem Purpur färbte sich weithin die Meerflut und füllte mit ihrem letzten goldigen Glanze das Innere der traubenverhang'nen Terrasse. Die Gäste des Ion sogen mit Behagen die linden, erfrischenden Abendlüfte in sich, welche über das Meer herüber kamen. Ion ließ die Becher aufs neue füllen, und das Naß in den Silberpokalen leuchtete, als ob auch in ihm die Purpurglut der scheidenden Sonne sich spiegelte. Perikles ließ sich den Becher von keiner andern Hand, als von der seines mitgebrachten Sklaven kredenzen. Dieser versah sein Schenkenamt mit einer Anmut, welche dem Auge des Ion, der schönen Chrysilla und der übrigen anwesenden Chioten ebensowenig entging, als die Schönheit der Züge des Jünglings. Derselbe schien es für seine Pflicht zu halten, den Schenkendienst auch bei Sophokles auf sich zu nehmen, was der Dichter lächelnd und mit sichtbarer Genugtuung sich gefallen ließ. »Dein mitgebrachter Schenke, o Perikles«, sagte er, »hat nur einen Fehler.« »Und welchen?« fragte Perikles. »Daß er sich beim Darreichen des Bechers so sehr beeilt«, versetzte der Dichter; »man würde es lieber sehen, wenn er dabei ein wenig zögerte, um sich in seine Augen blicken zu lassen, die, beim Zeus! von einer merkwürdigen Art sind.« Der Jüngling errötete, als er die Blicke aller nach dieser Rede des Sophokles auf sich gerichtet sah. Dieser belächelte des Jünglings Verlegenheit und rief mit den Worten eines alten Dichters: »Wie schön auf Purpurwangen glänzt des Eros Licht!« »Was sagst du zu diesem Verse des Phrynichos? Wie gefallen dir die Purpurwangen?« »Mir gefallen sie nicht«, erwiderte der Jüngling, welcher seine Fassung rasch wieder gewonnen hatte. »Es scheint mir, daß die Poeten in ihren Versen Dinge preisen, welche sie in der Wirklichkeit durchaus nicht schön finden würden. Ich glaube, daß eine Wange, mit wirklichem Purpur bemalt, häßlich wäre« ... »Wie?« rief Sophokles, »dann würdest du ja wohl auch die Rosenfinger der Eos bei Homer nicht gelten lassen?« »Allerdings nicht!« versetzte der junge Sklave, »wenn meine Finger rot wie Rosen wären, so würde Perikles, mein Gebieter, glauben, daß ich mich mit Blut oder sonst etwas besudelt habe und mir befehlen, die Hände zu waschen« ... »Daß doch alle nörgelnden Kunstrichter Sklaven wären wie du!« rief Sophokles. Aber lachend neckte Perikles den Freund, daß er nun endlich als Poet seinen Richter gefunden habe. Mancherlei Scherzreden wurden so geführt, auch Blicke, von der Glut des Dionysos befeuert, flogen hin und her, und dazwischen entflammten die unsichtbar schweifenden Liebesgötter ein kleines, harmlos neckisches Wechselspiel der Eifersucht, Perikles fand, daß sein Freund Sophokles das Geheimnis des schönen Sklaven zu wenig achte, und von diesem hinwiederum dünkte es ihn, als ob er seines Schenkenamtes bei dem Dichter mit größerem Eifer als nötig walte. Aspasia dagegen glaubte bemerkt zu haben, daß Chrysillas Blicke denen des Perikles öfters begegneten, und daß dieser die seinigen zuweilen ein wenig auf den üppig erblühten Formen der Freundin des Ion ruhen lasse. Bald aber änderte sich die Sache. Chrysilla hatte in der Tat anfangs mit ihren Blicken die des Perikles gesucht, aus weiblich eitler Begier, zu erforschen, ob die Macht ihrer Reize über den Mann, der ihr einst gehuldigt hatte, völlig erloschen. Dennoch konnte auch von ihr der schöne Sklave nicht unbemerkt bleiben, der aller Augen auf sich zog, und dieser für seinen Teil schien es sich vorgesetzt zu haben, die feurigsten seiner Blicke eben an Chrysilla zu verschwenden. So gelang es ihm zuletzt, die Augen der Freundin des Ion von Perikles ab fast gänzlich auf sich selbst zu lenken. In diesem Bemühen war er durch Sophokles unterstützt worden. Ion hatte anfangs den Wechsel von Worten und Blicken zwischen Perikles und Chrysilla nicht ohne ein leises Mißbehagen beobachtet und sah zuletzt mit ebenso wenig Behagen die Aufmerksamkeit seiner Freundin dem fremden Jüngling zugewendet, gab aber auch selbst der Freundin einigen Grund zu Besorgnissen, indem er den Eindruck merken ließ, welchen der aufgeweckte Geist und die Schönheit eben jenes Jünglings in fast geheimnisvoller Weise auf ihn übte. Neue Becher wurden gebracht. Als Sophokles wieder den seinigen aus der Hand des schönen Schenken empfing, betrachtete er den Rand des Bechers mit scharfem Blicke, und sagte zu dem Sklaven gewendet: »Ich muß mich zum ersten Male beklagen, daß du nicht achtsam genug dein Amt versiehst. Am Rande dieses Bechers sehe ich eine leichte Flocke, die du versäumt hast zu entfernen!« Lächelnd schickte der Jüngling sich an, mit der zarten Spitze des Fingers leicht über die Stelle des Randes, wo das Flöckchen haftete, hinwegzustreifen, um sie so zu entfernen. »Dergleichen Dinge«, sagte Sophokles, »wollen nicht mit dem Finger angefaßt, sondern mit dem Hauche des Mundes leicht hinweggeblasen werden.« Damit hielt er dem Jüngling den Becher entgegen und dieser bückte sich lächelnd herab, um das Flöckchen, wie der Dichter es wünschte, hinwegzublasen. Der aber hielt den Becher so, daß das Haupt des Jünglings dem seinigen so nahe als möglich kommen mußte. So sah er das goldbraune Gelock desselben fast unmittelbar an seinem Busen leuchten. Er sog das berauschende Arom in sich, welches daraus emporstieg, empfand die leise Berührung seiner Wangen durch das sich neigende und dann wieder hebende Lockenhaupt, und setzte hierauf die Lippen genau an der Stelle des Becherrandes an, welche der Hauch des rosigen Mundes berührt hatte. Mit wachem Auge hatte Perikles diesen Vorgang beobachtet. »Freund Sophokles«, sagte er, »ich wußte nicht, daß du ein Kleinigkeitskrämer bist, der so viel aus einem winzigen Flöckchen macht!« »Gestehe lieber«, versetzte Sophokles, zufrieden lächelnd, »daß du nun einsiehst, früher geirrt zu haben, als du mich vor allen diesen ausführlich als einen sehr schlechten Strategen und Taktiker bezeichnetest. Indessen beruhige dich; ich habe die Genugtuung, auf die es abgesehen war, erlangt, und verspreche dir, daß ich es bei diesem kleinen Beweise meiner Fähigkeiten bewenden lassen werde.« So sprechend reichte Sophokles dem Freunde die Hand, und dieser drückte sie mit heiterem Lächeln. Die Schatten sanken, aber noch tief in den dämmernden Abend hinein mischte sich Becherklang und heiter lebendiges Gespräch auf der meerumwogten Terrasse des Ion. Im Meere war der Purpurglanz allmählich verglommen, aber noch leuchtete er in den immer neugefüllten, schäumenden Bechern von Chios. Seltsamerweise war zuletzt der schöne, muntere, schlagfertige Mundschenk des Perikles zum Mittelpunkte des ganzen Kreises geworden. Jeder wollte endlich nur von ihm den Becher sich füllen lassen. Jeder wollte einen Blick aus seinen heiter beseelten Augen, ein schalkhaftes Wort aus seinem Munde für sich erhaschen. Als Chrysilla einmal den Wunsch nach einer besonders schönen Traube äußerte, welche vom Geländer herabhing, beeilte sich der immer flinke und willige Mundschenk, dieselbe zu pflücken und sie der Herrin darzubringen. Chrysilla errötete, errötete vor dem Sklaven – und niemand wunderte sich darüber. Ion billigte es nicht, fand es aber begreiflich. Und so drehte sich zuletzt alles um die verkleidete Milesierin. Obgleich sie sich den Scherz machte zu dienen, herrschte sie ... Zuletzt fragte Ion, welcher seinem eigenen köstlichen Weine nicht karger als die Gäste zugesprochen hatte, den Perikles, ob er ihm diesen Sklaven nicht verkaufen wolle. »Nein!« erwiderte Perikles; »ich denke ihm die Freiheit zu geben, und heute noch will ich es tun – in dieser Stunde! Er soll zum letztenmal diese Kleider getragen haben. Hier vor euren Augen spreche ich ihn frei!« – Alle Anwesenden priesen diesen Entschluß mit Begeisterung. Die Becher wurden auf das Wohl des Mundschenken geleert und seine Freigebung mit dem Blute der edelsten Traube besiegelt. Einer aber in dem heiteren Kreise bei Ion, Perikles selbst, war zuletzt ernst und nachdenklich geworden. »Du hast«, sagte Aspasia lächelnd zu ihm, als sie von Ion hinweggingen, »meine Freigebung mit einer Feierlichkeit ausgesprochen, welche selbst denjenigen auffiel, denen es nicht unbekannt war, daß sie ein Scherz sei.« »Es war kein Scherz«, erwiderte Perikles; »ich will, daß du niemals wieder dich selbst erniedrigst!« »Ich bin begierig zu erfahren«, erwiderte Aspasia, »wie du es der Fremden, der sogenannten Hetäre aus Milet, ersparen willst, sich zu erniedrigen?« »Du wirst es erfahren!« sagte Perikles. Am nächsten Morgen kehrte der Athenerfeldherr nach Samos zurück und ohne Verzug erteilte er hier der Flotte die Weisung, für den nächsten Morgen sich segelfertig zu machen zur endlichen Heimkehr nach Athen. Mit Jubel wurde dieser Befehl begrüßt, und stolz bewimpelt, unter Anstimmung eines hellen Freudengesanges, schiffte bei Anbruch des nächsten Tages das siegreiche Geschwader der Athener aus dem samischen Hafen in die hohe See hinaus, westwärts steuernd, um nach einer Abwesenheit von elf Monden die Heimat wieder zu sehen. »Ich denke«, sagte Aspasia zu dem Freunde in der Stunde der Abfahrt, »daß du jenes Grausen, welches dich am letzten Abende zu Milet infolge der Erzählung des Artemidoros befallen, schon auf Chios überwunden hast, und daß es dazu nicht erst, wie du glaubtest, der attischen Lüfte bedurfte.« »Dennoch«, versetzte Perikles heiter erregt, »ist meine Seele ganz erfüllt von Sehnsucht nach dem heimischen Gestade, und immer klingen mir einige Verse im Ohr, die ich aus dem Munde des Sophokles gehört: »Inos Sohn, Melikertes, und du, Leukothea, milde Herrin grünlicher Flut, immer zur Hilfe bereit, Nereus' Töchter, und du, Poseidon, rauschende Wogen, Du auch, thrakischer West, mildester Herrscher des Meers, Huldreich nehmet mich auf und führt mich über die weite Salzflut sonder Gefahr nach dem geliebten Athen!« Die Fahrt ging den ersten Tag bei günstigem Winde und unter wolkenlos leuchtendem Himmel vorüber an den Eilanden des blauen Archipelagos. Den beiden Liebenden war diese Fahrt durch das Inselmeer ein wonniger Genuß, wie blickten sie so gerne, während das vordringende Fahrzeug die Wogen rauschend zerteilte, vom Rande des Schiffes hinunter in die samtweiche Flut, welche im nächsten Umkreise des Schiffes wiesengrün erschien, weiter hinaus aber in leuchtendes Blau getaucht sich zeigte, und von unzähligen blendenden Silberfunken unter den Strahlen der Sonne flimmerte. Möven umflogen den Mast mit ihren weiß beränderten, langen Fittichen, und in ganzen Scharen folgten Delphine der weißglänzenden Schaumspur, welche die Kiele, durch die Flut hinrauschend, hinter sich ließen. In mutwilligem Spiele, mit den zweizackigen Schwanzflossen um sich schlagend, wälzten sie sich in den Strudeln der Salzflut, schwangen über den Spiegel der See sich hinaus, um dann ihre schwärzlich glänzenden Leiber in den Wellenhügeln neuerdings zu begraben. Bei Einbruch der Nacht ließ Perikles die Flotte vor Tenos ankern. Der einförmige Gesang der Ruderer verstummte, mit ihm das Rauschen der kieldurchfurchten See, im reinen, leuchtenden Aether funkelten die Gestirne, und das Mondlicht schlug im Osten seine goldne Brücke übers Meer. Perikles stand sinnend am Bord des Fahrzeugs, während alles rings um ihn in Schlummer sank. Da schmiegte sich eine weiche, warme Hand in die seinige. »Warum blickst du so gedankenvoll hinab in die Meerflut?« fragte Aspasia: »Sehnst du zu den ambrosischen Töchtern des Nereus dich hinab, welche mit rosigen Füßchen die kristallene Tiefe durchwandeln?« Ihres Mundes Silberlaut weckte den Träumer. Perikles antwortete mit einem Kusse, und die beiden begannen ein Liebesgespräch, unter welchem sie allmählich bei hellem Mondeslicht, wie in Träume gewiegt, das ganze Meer rings um sich belebt erblickten. Aus feuchten Gründen tauchten die Nereustöchter empor, auf Tieren des Meeres reitend, und Tritonen drängten sich zuhauf, schmetternde Seetrompeter, welche Hochzeitslieder auf Muscheln bliesen; in ihrer Mitte aber zog die Meernymphe Galathea einher: sie hob die Purpurschleppe des Gewandes aus der Flut, und ließ es, von sanften Hauchen geschwellt, wie ein Segel über sich flattern. Im ersten Morgengrauen vernahmen Perikles und Aspasia plötzlich Saitenklang aus der Ferne. Es klang ihnen wie von der Leier des Orpheus, welche ja, nach alter Kunde, als der Sänger den Tod gefunden, von den Mänaden ins Meer geworfen und von der Flut weiter getragen worden durchs Aegäermeer, und deren Töne die Seefahrer zuweilen bei tiefer Windstille fernher über die Wogen hallend vernahmen. Dies Getön also der im Meere herrenlos schwimmenden Leier des Orpheus schien ans Ohr des Perikles und der Aspasia zu dringen, bis sie merkten, daß die Klänge aus der Triere des Sophokles kamen, die an ihnen vorüberfuhr, als im grauenden Morgen die Flotte sich wieder in Bewegung setzte. Die Freunde grüßten einander und Sophokles folgte der Einladung des Perikles, ihm einen Besuch auf seinem Schiffe zu machen. Da plauderten sie von Athen, vom Wiedersehen der Freunde, von dem Hochfeste der Panathenäen, welches unmittelbar nach der Heimkehr bevorstand, und immer höher spannte Aspasia die Erwartung, mit welcher Perikles und Sophokles den Ueberraschungen entgegensahen, welche Pheidias und die Seinen, nachdem sie rastlos tätig gewesen in dieser langen Zeit, den Wiederkehrenden bereiten würden. Als hierauf der Tag völlig anbrach und die ersten Strahlen das Meer erhellten, tauchte zur Linken das heilige Delos auf, der »Stern des Meeres«, die Insel Apollons, leuchtend im Frührot, und gleichsam geküßt von den ersten Strahlen des Gottes, welchem sie heilig war. Nicht ohne innere Bewegung sah Perikles nach der uralt ehrwürdigen Inselperle des Archipelagos hinüber. Er gedachte des Tages auch, da wie ein Geschenk des Gottes von dieser Insel aus der reiche Goldschatz nach Athen hinüberschwamm. Aber auch das Schiffsvolk ließ das gottgeliebte Eiland nicht ungeehrt vorübergehen. Von den hohen Borden der gesamten Athenerflotte scholl ein hellstimmiger Päan auf Apollon, den Schirmgott des ionischen Stammes, mächtig hinaus in die morgendlich leuchtende Meeresferne. Aber Gesang und heller Zuruf verstummte von da an gar nicht mehr auf den Schiffen, und fröhliche Erregung herrschte überall, denn heute noch sollte man den Heimatstrand erreichen, und je mehr die ersehnten Gestade sich näherten, desto beflügelter schienen die Fahrzeuge, von windgeschwellten Segeln und doppelt kräftigen Ruderschlägen getrieben, ihre feuchte Straße dahinzurauschen. Die Stunden verstrichen, weit schon war man über Tenos und Andros hinausgesteuert. Im zarten Silberduft erschienen über Keos nordwärts die Höhen von Euböa. Zur Linken erhoben sich, groß und kühn gezackt, von demselben silberbläulichen Duft umflossen, die fichtenbewachsenen Berge Aeginas. Ein zarter Reif schien alles zu bedecken, samtartig, wie auf dunkle Pflaumen hingehaucht. Zwischen den beiden Eilanden aber, weit vorspringend, im Hintergrunde von einem Kranze edelgeschwungener Höhen umgürtet, stieg aus den Meereswellen die Küste Attikas. Unzählige Blicke suchten sie – mit freudiger Bewegung wurde sie begrüßt. Aber die Meeresferne ist trügerisch. Schon weit nach Westen war die Sonne geneigt, bevor das winkende Vorgebirg von Sunion erreicht war, schroff aufragend, weißblinkend, wellenumbrandet, mit dem säulengetragenen Marmortempel der Pallas auf seiner einsam leuchtenden Höhe. In einem weiten Bogen umfuhr die Athenerflotte dies nicht ungefährliche, ragende Südkap Attikas, einlenkend in den prächtigen saronischen Golf, zur Rechten den heimischen Strand und die winkenden Zinnen Athens, zur Linken die Berge des Peloponnesos, hinter welchen die Sonne niederging. Nun leuchtete Fernes und Nahes wie durch goldige, rosige Schleier. Die Bergeshöhen und der Aether darüber, das Meer und die Schiffe selbst, sie alle schwammen im Zauberlichte der letzten Tagesstunde. Purpur war alles und schimmerndes Gold. Nur im Südwesten hatte ein schwärzliches Gewölk sich zusammengeballt; plötzlich aber brach es wie eine Feuergarbe daraus hervor, und die Berge von Argos standen in purpurnen Flammen. Ruhig und groß ragten ihnen gegenüber zur Rechten die Höhen empor, welche Athen umkränzen: der lang gestreckte Hymettos, der pyramidal ansteigende Pentelikos, der keck aufragende Felskegel des Lykabettos. Nun aber tauchte, umlagert von der weit gedehnten Stadt, jedem athenischen Auge teuer, die heilige Höhe der Akropolis hervor. Alle Blicke wandten sich dahin. Aber verändert fanden sie die heilige Höhe. Marmorweiße Zinnen, fremd den so lange Zeit Entfernten, blinkten durch den leichten Nebelduft im letzten Tagesstrahl herüber. Nicht nach dem fernher winkenden Haupte und der blitzenden Lanzenspitze der riesigen Vorkämpferin Athene, wie sonst, lugte diesmal der athenische Schiffer von seines Fahrzeugs Bord auf der Höhe von Sunion aus, sondern alle Augen waren von den Borden der heimkehrenden Flotte nach jenen neuen, weißblinkenden Zinnen gerichtet, welche durch die Dämmerung vom Gipfel der Akropolis herüberleuchteten ... Und hellstimmig erklang ein Ruf von Bord zu Bord: »Der Parthenon! Der Parthenon!« – – Zur selben Stunde, da die Blicke der heimkehrenden Sieger nach der Höhe der Akropolis gerichtet waren, begab sich eben dort, im ehrwürdigen Erechtheion, angesichts der stolzen Zinnen des neuen Parthenon, ein geheimnisvolles und fast wunderbares Ereignis. Das größte und herrlichste, in dreijährigen Zwischenzeiten gefeierte Fest der Athener, das Fest der Panathenäen, stand bevor. An diesem Feste wurde der Schirmgöttin Athens, der altverehrten Athene Polias, nach väterererbtem Brauch ein schön gewebter Teppich, der sogenannte Peplos, dargebracht. Dieser Peplos wurde auf der Akropolis selbst, im Heiligtum der Athene Polias, welches mit dem Erechtheion zusammenhing, gewebt. Vier Mädchen in zartem, fast noch kindlichem Alter, aus den vornehmsten Familien Athens gewählt, halfen jenen heiligen Peplos weben und vollzogen überdies, einige Monate lang im Tempelbezirk der Stadtgöttin auf der Akropolis wohnend, manchen andern heiligen Brauch, der mit dem alten, zum Teil geheimnisvollen Kult im Erechtheion auf der Burg zusammenhing. Zwei von diesen Mädchen wurden auserwählt, in einer bestimmten Nacht nicht lange vor der Feier der Panathenäen, von der Akropolis aus auf einem geheimen unterirdischen Wege etwas Unbekanntes, Geheimnisvolles, das niemand sehen durfte, und das, wie es hieß, selbst die Priester nicht kannten, in ein Grottenheiligtum, welches in der Nähe des Ilissos lag, zu tragen, und von dorther etwas ebenso Geheimnisvolles, Unbekanntes nach dem Heiligtume der Athene Polias auf der Burg zurückzubringen. Unter den jugendlich zarten Mädchen, welche für diesmal zu dem Amte der Arrephoren – so nannte man jene Erwählten – berufen waren, befand sich des Hipponikos Töchterlein Hipparete, von deren holdem Reiz und sittigem Wesen Hipponikos gesprochen, als er bei Gelegenheit des choregischen Festmahls dem Perikles den Gedanken nahe legte, dies liebliche Kind und den reizenden Knaben Alkibiades zu dereinstigem Ehebunde schon jetzt zu verloben. In der Tat war Hipparete das Urbild einer echt athenischen, wenn auch noch tief in der Knospe verschlossenen Mädchenblüte, welche bei aller Kindlichkeit schon etwas Sinniges und Würdiges zur Schau trug. Mit den übrigen, zu gleichem Dienste der Göttin berufenen Gespielinnen weilte Hipparete nun auf der Akropolis im Tempelbezirke der Göttin. Die Mädchen wurden hier verpflegt, wie zum Tempel gehörig. Es gab auch einen besonderen Platz, wo sie durch Ballspiel sich erlustigen konnten. Die Priesterin der Athene Polias führte die Aufsicht über sie. Da aber das Heiligtum dieser Göttin mit dem des Erechtheus vereinigt war, so lebten die Mädchen auch unter den Augen des Diopeithes, des Erechtheus-Priesters. War doch neben diesem die Priesterin der Athene Polias nur ein bedeutungsloser Schatten im Bezirke des Erechtheions. Er gab den Mädchen häufige Weisungen und Ermahnungen; am liebsten und öftesten aber pflog er des Gesprächs mit dem Töchterlein des Hipponikos. Ihr vor allen schien er seine Gunst zuzuwenden und rühmte sie stets vor den andern. Nicht selten sprach er mit ihr in langem Beisammensein von Dingen, welche ihren Vater, seine häuslichen Angelegenheiten, den Verkehr der Gäste in seinem Hause betrafen. Hipparete gab ihm Antwort mit der Unbefangenheit eines Kindes. Als er einmal scherzend sie fragte, ob ihr noch kein zukünftiger Gemahl von ihrem Vater bestimmt worden, so nannte sie ganz ernsthaft den Mündel des Perikles, den jungen Alkibiades, und sagte, diesem wolle ihr Vater sie verloben. »Dem Mündel des Perikles?« rief Diopeithes, und seine freundlichen Mienen nahmen plötzlich einen veränderten, höhnischen Ausdruck an. Die feindliche Gesinnung gegen Perikles und alle diejenigen, welche er als Genossen, Ratgeber und Diener dieses Mannes betrachtete, war seit jenem Gespräche mit dem Seher Lampon unablässig genährt worden. Durch die Priesterin der Athene Polias, welche ein Werkzeug in seiner Hand war, stand er in Verbindung mit der Schwester des Kimon und mit der Gattin des Perikles, und erkundete durch diese, was immer im Kreise seiner Gegner vorgehen mochte. Der Abend, an welchem jener geheimnisvolle Gebrauch vollzogen werden sollte, war herangekommen. Die beiden erkorenen, Hipparete und Lysiske, wurden angetan mit kostbaren, weißen, goldgeschmückten Gewanden, welche für diese Gelegenheit zu spenden die Pflicht ihrer Väter war, und welche, nachdem sie gebraucht worden, Eigentum des Tempelhauses blieben. So geschmückt, wurden die beiden Mädchen in das innerste Heiligtum der Athene Polias geführt und empfingen hier von der Priesterin, im Beisein des Erechtheuspriesters, so wie derjenigen, welche gekommen waren, um den heiligen Gebrauch als Zuschauer mitzufeiern, unter verschiedenen Ceremonien die beiden verhüllten Gefäße, um sie von hier aus durch den geheimen Weg ins Grottenheiligtum hinabzutragen. Mit der Linken hielten sie das Gefäß an die Brust, in der Rechten trugen sie eine angezündete Fackel. Bevor sie ihren Weg antraten, gab ihnen der Erechtheuspriester genaue Weisungen über das, was sie zu tun hatten, ermahnte sie, jede frevle Neugier nach dem, was in den verhüllten Gefäßen verborgen sei, aus ihrem Gemüte zu bannen und sich durch nichts, was ihnen auf dem Wege oder in der Grotte selbst begegnen könnte, in Angst versetzen, oder in den heiligen Verrichtungen stören zu lassen. Er sagte ihnen, daß sie unter dem Schutze des Gottes Erechtheus stünden, des Pfleglings jener Taugöttin Herse, zu deren Grottenheiligtum sie niederstiegen, und ermahnte sie, nicht zu zagen, wenn der Gott selbst, und wär's in seiner Schlangengestalt, auch ihnen, wie schon einmal in alter Zeit den Arrephoren, auf ihrem Wege sich zeigen sollte. Nur wenn sie das heilige Geheimnis verletzten, oder ihre heilige Verrichtung nicht tadellos vollzögen, hätten sie den Zorn des Gottes zu fürchten. Im anderen Falle aber hätten sie Gunst und Heil von ihm zu erwarten. Die beiden Mädchen traten ihren Weg an. Gespannt und kindlich glaubensvoll hatte Hipparete den Worten des Priesters gelauscht und war voll freudigen Mutes. Zaghafter ging neben ihr die noch jüngere Lysiske. So stiegen die beiden den unterirdischen Weg, in welchen viele Stufen gehauen waren, hinab. Aengstlich blickte Lysiske um sich, Hipparete sprach ihr Mut ein. Zuletzt begann Lysiske zu fragen, was denn wohl in den beiden heiligen Gefäßen verborgen sein möge? »Was wir zurückbringen werden, vermag ich mir zu denken«, sagte Hipparete. »Was kann die Taugöttin Herse anders geben als Tau? also vielleicht taubenetzte Zweige oder Blumen.« »Aber was wir da hinabtragen?« fragte Lysiske wieder. »Ich weiß es nicht«, erwiderte Hipparete. »wenn wir etwas Feuchtes heraufbringen, so tragen wir vermutlich etwas Trockenes oder Feuriges hinab, denn wie es feucht ist drunten in der Niederung, so ist alles dürr und trocken auf der Bergeshöhe.« »Nein!« sagte die kleine Lysiske nachdenklich und ängstlich, »wir tragen gewiß eine große Eule hinab, wie sie droben im Gemäuer des Erechtheion horsten, und bringen eine schreckliche Schlange zurück, weil die Schlangen in der feuchten Niederung hausen.« »Fürchte dich nicht vor Schlangen!« sagte Hipparete; »du weißt, daß sich in ihrer Gestalt der Gott Erechtheus birgt und daß dieser uns schützt und uns Segen bereitet auf diesem Wege.« Der vielfach gestufte Weg war zurückgelegt, das Ziel der Wanderung erreicht, die beiden Mädchen traten durch eine Felsenpforte in das Heiligtum. Die Grotte war erhellt durch eine Lampe, die vor einem Steinbild der Taugöttin in roter Flamme flackerte. Unter den Ceremonien, welche man sie gelehrt hatte, stellten die beiden Mädchen ihre Gefäße vor der Göttin nieder, und schickten sich an, dafür die bereitstehenden, gleichfalls dicht verhüllten Gefäße aufzuheben und hinwegzutragen. Bei dieser Gelegenheit fielen die Blicke der Mädchen in den Hintergrund der Grotte. Da sahen sie im Halbdunkel desselben zusammengerollt eine riesige Schlangengestalt mit halberhobenem Haupte gelagert. Lysiske erschrak, erbleichte, zitterte und wollte entfliehen. Hipparete hielt sie zurück und gab ihr das Gefäß in die Hand, mit welchem diese ängstlich und ohne sich umzublicken hinwegeilte. Dann nahm Hipparete das andere Gefäß vom Boden auf und schickte sich an, die Grotte zu verlassen. Jetzt aber kam aus dem Hintergrunde der Höhle ein scharfer Hauch, unter welchem die Fackel Hipparetens und mit ihr zugleich die rote Flamme der Lampe erlosch, so daß das Mädchen in völligem Dunkel stand. Und nun hätte auch ihr Herz ein Bangen ergriffen, wäre nicht im selben Augenblick aus dem Hintergrunde eine freundliche Stimme vernehmlich geworden, welche sie ermahnte, unerschrocken zu bleiben wie bisher. »Für deinen edlen Mut und deine fromme Treue«, so klang die Stimme, »verleiht der Gott, o Kind, dir ein Geschenk zum Lohn, das Göttersegen und höchstes Glück dir bringt fürs ganze Leben!« In diesem Augenblick begann die Flamme der Lampe von selbst sich wieder zu entzünden, und der Gott ruhte nicht mehr schrecklich, sondern in ehrwürdiger Heroengestalt an der Stelle, wo früher die Schlange ihr Haupt erhoben hatte. Er forderte das Mädchen auf, zu ihm heranzutreten. Hipparete tat es unerschrocken. Er zog sie an sich und drückte einen Kuß auf ihre Stirn, welche jene glänzende Reinheit hatte, die man an halbentfalteten Blättern der Bäume bemerkt, wenn sie eben erst nach einem warmen Frühlingsregen aus der braunen Knospenhülle hervorgebrochen. »Hast du noch nichts erzählen gehört«, fragte er, »von der Götterhuld, welche sterblichen Erdentöchtern zu teil geworden? Hast du gehört von Alkmene, von Semele, von Danas?« Die Lippe des Sprechers zitterte ein wenig, als er diese Worte sprach, auch seine Hand zitterte leise, als er damit das lockige Haar des Mägdleins streichelte. »Hast du gehört«, begann er neuerdings, »von jenen erkorenen Jungfräulein, zu welchen Zeus herunterstieg, und welche nicht bangten, wenn der Gott sich liebkosend zu ihnen neigte?« So sprechend legte er seinen Arm um das Mägdlein, so daß es fast erschrak, aber es faßte sich und horchte wieder gläubig, und im reinen Kristall seines Auges spiegelte sich nichts als die Erwartung einer erregten Kinderseele, welche den wundersamen und segensreichen Geschenken entgegensah, mit welchen der Gott es zu lohnen versprochen. Plötzlich sagte das Mädchen, in den tieferen Winkel der Grotte blickend: »Das Schlangentier ist ja noch da – nur kleiner ist es jetzt, viel kleiner an Gestalt« ... Hipparete sprach diese Worte ganz ruhig und ohne die geringste ängstliche Regung. Man hatte ihr eingeschärft, sie solle sich vor Schlangen auf ihrem Wege nicht fürchten, und sie fürchtete sich nicht. Sie wußte, daß darunter sich nur der Segensgott Erechtheus berge. Sie hatte jene viel größere Schlange nicht gefürchtet, warum sollte sie jetzt diese kleinere fürchten? Der Gott an ihrer Seite aber entsetzte sich. Der falsche Erechtheus begann zu zittern vor dem Zorne des wirklichen. Starr blickt er nach jenem Winkel hin und sieht, daß dort in der Tat eine Schlange sich ringelt. Das fromme Kind war überzeugt, daß ihm kein Leid widerfahren könne, daß es unter dem Schütze des Gottes Erechtheus stehe: der Gott selbst aber zitterte unter seiner Göttermaske, zitterte vor dem giftigen Wurme ... In diesem Augenblicke erschallt von außen der Lärm eines an der Grotte vorüberziehenden Volksschwarmes, welcher vom Ilissos her gegen den Piräus hinauseilt mit dem jubelnden Ausruf: »Die Flotte von Samos läuft in den Hafen ein! Perikles ist da! Hoch lebe Perikles, der Olympier!« – Mit einem düsteren Blitze der Augen, einem unmutigen Zucken der Lippen erhebt sich der erst durch seine Angst, jetzt durch seinen Grimm entlarvte Erechtheuspriester. Er erhebt sich und schickt sich an, das Kind eilig aus der Grotte hinwegzuführen. Ruhig nimmt Hipparote, auch jetzt ihres Amtes eingedenk, das heilige Gefäß vom Boden auf. Der Priester faßt sie an der Hand und zieht sie fort, durch den dunklen Gang empor. Dort, wo der geheime Weg ins Innere des Erechtheions mündet, verläßt er sie, ihr zu schweigen gebietend über alles, was sie in der Grotte geschaut; dann werde der Segen des Gottes ihr nicht fehlen. Hipparete betritt den erleuchteten Tempelraum und stellt ihr heiliges Gefäß zu den Füßen der Göttin nieder. Dann gedenkt sie schweigend der Erscheinung des Gottes. Und Diopeithes? Er wird hingehen und den Erechtheus zu versöhnen trachten und feuriger als je die Furcht vor den alten Göttern predigen ... Während dies auf der abendlich stillen Höhe der Akropolis sich ereignete, war die heimkehrende Flotte in den Piräus eingelaufen. In Scharen war das Volk der Athener hinausgeeilt, um die Ankommenden zu sehen und zu begrüßen. Das Dunkel war eingebrochen, aber die Dämme des Hafens leuchteten von Fackeln, und nur um so großartiger war das Schauspiel anzusehen, als beim Scheine dieser Fackeln die hundert stolzen Trieren der siegreichen Flotte auf den umdunkelten Wellen herangezogen kamen. Fast abenteuerlich leuchteten im grellen Scheine der hochgeschwungenen Achter die hochragenden Masten, die weißen Segel, die goldigen Pallasbilder und die phantastischen Formen der Schiffsschnäbel, mit dem Schmucke eroberter Schilde, den Zieraten zerstörter feindlicher Schiffe und anderen Trophäen reich behangen. Von den menschenwimmelnden Steindämmen her empfing die Schiffe heller, freudiger Zuruf. Die Ausschiffung erfolgte. Als auch die Strategen ans Land stiegen, drängte sich alles an Perikles heran. Ihm galt der lauteste Zuruf der Menge, und es gab Personen, welche Blumen auf seinen Weg streuten, ihn selbst mit Kränzen beluden. Um sich diesen Begrüßungen zu entziehen, folgte Perikles der Einladung des Hipponikos, der ihm einen Platz anbot in seinem, mit edlen thessalischen Rossen bespannten, den heimkehrenden reichen Schwelger im Piräus erwartenden Gefährte. Aspasia hatte sich von Perikles trennen müssen. Eine Sänfte harrte ihrer, welche sie tief verhüllt bestieg und in welcher sie nach der Stadt gebracht wurde. Inzwischen war der Mond aufgegangen und sein Glanz ergoß sich über das Meer, die Küsten und die Stadt. Perikles hatte im Gefährt des Hipponikos schweigend und in Gedanken verloren die Stadt erreicht. Da sah er bei einer plötzlichen Wendung des Weges, einen Blick in die Höhe werfend, ganz nahe vor sich den Gipfel der Akropolis. Und er erschrak. Ein leiser Schauer überlief ihn. Unmittelbar vor Augen hatte er, was er zuvor aus dämmernder Ferne gesehen, weiß glänzend im Strahle des Mondes, scharf vom Nachthimmel sich abhebend, hoheitsvoll in der Marmorpracht der Giebel und Säulen, stand das neuvollendete Werk des Iktinos und des Pheidias auf seiner lichten Höhe. Und der Zauber, der heute nach die Seelen derjenigen ergreift, welche zum ersten Male hinaufblickten zu den Trümmern des Parthenon zu Athen, durchschauerte in jenem Augenblicks die Seele des Perikles. XIV. Die Panathenäen. enn einen großen Mann das Vaterland ehrt, die Welt feiert, wenn auf allen seinen Pfaden ihm Verehrung, Liebe, Huldigung entgegentritt, so gibt es oft doch eine Stelle, wo seine Größe zusammenschrumpft, wo er sich klein empfindet, wo ihm kalte oder gar mißgünstige Augen begegnen. Und diese Stelle ist sein eigner Herd, sein Haus, der Schoß seiner Familie, der Ausgangspunkt seines Wirkens. Auch Perikles fühlte sich fremd und frostig angeweht, als er, das Ohr noch umtönt von dem Jubelgeschrei, mit welchem das athenische Volk ihn empfing, nach der Abwesenheit eines Jahres wieder über die Schwelle seines Hauses trat. Wie den siegreich heimkehrenden Agamemnon, empfing auch ihn ein heimlich grollendes Weib an der Schwelle. Die Kunde, daß Aspasia in des Perikles Gesellschaft zu Milet verweilt, daß sie auf der Heimfahrt an seiner Seite gewesen, war zu Elpinikes Ohren gedrungen, und aus dem Munde der Freundin hatte sie Telesippe geschöpft. Das Weib des Perikles dachte nicht daran, sich an dem heimkehrenden Gatten zu rächen, wie Klytaimnestra an dem heimkehrenden Agamemnon, noch durch den Zauber eines Nessosgewandes ihn zu verderben, wie Dejaneira den treulosen Herakles. Sie dachte kleinlich, kleinlich war ihr Groll, kleinlich ihr Haß und kleinlich auch ihre Rache. Daß Perikles vor Samos gesiegt, daß er das Schiff des feindlichen Feldherrn in den Grund gebohrt, was half es ihm der Erinnys gegenüber, die an seinem Herde saß? Während die Agora von seinem Ruhme widerhallte, mußte er im Innern seines Hauses das kleinlich keifende Wort, den kleinlich mißgünstigen Blick Telesippes ertragen. Und Elpinike? Sie sprach den Perikles, als sie zum erstenmal nach seiner Heimkehr ihm begegnete, mit den Worten an: »Schäme dich, Perikles! mein Bruder Kimon hat über die Perser, über Barbaren gesiegt, du aber hast Hellenenblut vergossen und lässest dich feiern als Unterdrücker der eigenen Stammesgenossen!« Ohne heftige Erwiderung, schweigsam, wie es seiner im Verkehre mit den Menschen zur Sanftheit neigenden Art entsprach, aber nicht ohne männliche Erwägungen und Entschlüsse bei sich selbst, ließ Perikles den Widerstreit, der mit der Erscheinung Aspasias in sein Leben getreten war, der Entscheidung sich entgegendrängen. Er hatte im Beginn sich vorgestellt, daß es leicht sein würde, die Rechte der Geliebten getrennt zu halten von den Rechten der Gattin. Und hatte nicht auch Telesippe dies geglaubt? Hatte sie nicht verachtend auf die milesische Hetäre herabgesehen, welche zwar das Herz ihres Gatten verwirren konnte, die Herrschaft am Herde des Hauses aber der rechtmäßigen Gattin überlassen mußte? Hatte sie nicht die Fremde hinweggewiesen über die Schwelle des Hauses, und hatte diese nicht weichen müssen? Aber die Dinge waren fortgeschritten. Perikles selbst war nicht mehr derselbe. Das Gedankenbild eines Ehebundes neuer Art war nicht vergebens, wie ein glimmender Funke in seine Seele geworfen worden. – Die Tage, an welchen das größte aller athenischen Feste gefeiert werden sollte, waren wiedergekehrt. Die Bevölkerung der ländlichen Gaue strömte in die Stadt, denn das Fest war, was sein Name besagte, und was es sein sollte nach dem Gedanken seines Stifters Theseus, ein beständig sich erneuerndes Verbrüderungsfest des gesamten Volkes von Attika. Aber auch aus der Ferne, von den verbündeten Städten und Inseln, von den Kolonien, ja von ganz Hellas kamen immer die Gäste. Noch niemals aber hatte Athen eine so große Menge einheimischen und ausländischen Volkes in seinen Mauern versammelt gesehen. Denn diesmal gesellte sich zu der Anziehung, welche die Feier der Panathenäen immer ausgeübt hatte, die Neugier, den Wunderbau des Parthenon zum erstenmal eröffnet, das von Gold und Elfenbein strahlende Standbild der Pallas Athene des Pheidias zum erstenmal enthüllt zu sehen. Mehrere Tage lang gingen dem großen Festaufzuge die üblichen Wettkämpfe voran. In der Niederung am Ilissos kämpften die jungen Helden der athenischen Ringplätze um den Preis. Die erlesensten Knaben kämpften, dann die mutigsten Jünglinge, dann die bewährtesten Männer in allen Arten des hellenischen Ringkampfes. Im Wettstreite der Knaben siegte auch diesmal des Perikles Mündel und aller Athener Liebling Alkibiades, zur Freude des Perikles, aber zum Aerger Telesippes, welche den Knaben haßte, weil er ihre beiden unbegabten, wenig Gutes versprechenden Söhne, den Paralos und den Xanthippos, so gänzlich verdunkelte. wie glühte der jugendliche Sieger, alle die übrigen Wettkämpfe mit anzusehen, an welchen er zu seinem Leidwesen sich nur erst als Zeuge, nicht als Mitbewerber um den Preis beteiligen durfte! Mit welchem Neide sah er im Geleite des Perikles selbst, außerhalb der Stadt auf der Ebene, welche westlich vom Piräus gelegen war, den aufwirbelnden Staub feucht werden vom dampfenden Odem der hineilenden Rosse, sah er auf den rossebespannten Gefährten die Wettkämpfer der hippischen Künste stehen, auf jedem wagen neben dem Lenker den mit Helm und Schild bewehrten Genossen, der, während das Gespann auf der Rennbahn hinstürmte, herabsprang und sicheren Fußes eine Strecke mit dem Gefährte wettlief, um dann mit ebenso sicherem Sprunge auf dasselbe zurückzukehren. Und wie fühlte der Knabe erst von dem berühmten Waffentanze der Jünglinge sich hingerissen! wie glänzte sein Auge bei diesem mimisch kriegerischen Waffenspiel, als die Jünglinge nach dem Takte der Musik in allen Fechterstellungen sich gegen einander bewegten, alle Arten des Angriffs, der Verteidigung, des Ausweichens erschöpfend, in einer Art von Tanzschritt und im Einklänge mit dem Rhythmus rauschender Töne, wobei taktmäßig mit den Schwertern gegen die gehobenen Schilde geschlagen wurde, so daß das helle Erzgetöse, vereint mit den Klängen der Musik, zuweilen auch mit dem Gesänge kriegerischer Lieder, eine Art kampflustiger Begeisterung und Taumel auch in dem Zuschauer erweckte. Als nun gar der Knabe Alkibiades anfing, von diesem Taumel hingerissen, die Bewegungen der Schwerttänzer nachzuahmen und vor Begierde zu brennen schien, sich in ihren Reigen zu mischen, da mußte Perikles an die Erzählung des Artemidoros denken und an die Scene, wie der Milesier seinen Sohn Chrysanthes auf dem Tmolos plötzlich von der Raserei der Korybanten ergriffen erblickte. In der Tat hätte das Getöse des Waffentanzes an das des Korybantenreigens auf dem Tmolos erinnern können, wenn dort nicht alles wild und grausenhaft, hier nicht alles in feierlicher und edler Gemessenheit dem Auge sich dargestellt hätte. Aber auch die Nacht hatte ihr Fest: den großen Fackelwettlauf, mit welchem die Athener ihre Lichtgötter, den Hephaistos, den Prometheus, die Pallas Athene, zu ehren pflegten. Nur die schönsten und gewandtesten Jünglinge Athens wurden zu dem Wettlaufe zugelassen. Es galt, die Lichter brennend ans Ziel zu bringen: wessen Fackel während des Laufs erlosch, der mußte austreten aus dem Reigen des Wettlaufs. Wer langsam lief, um die Flamme zu schonen, der sah von lebhaften spöttischen Zurufen des Volkes sich gespornt. Die athenischen Stämme wählten aus ihrer Mitte die schönsten Greise, die stattlichsten Männer, um den großen Festzug zu verherrlichen, und sie kämpften mit ihrer Auswahl um den Preis. Auserlesen waren auch die am Festzuge teilnehmenden Jünglinge und Jungfrauen; nur bedurfte es bei blühender Jugend nicht so strenger Auswahl, wie bei dem reifen und dem Greisenalter, um dem Auge nur Wohlgefälliges, Schönes und Edles zu bieten. Den Wettkämpfen schlossen auch musische sich an. Perikles war es gewesen, der, jede Art von Tüchtigkeit mit gleicher Wärme umfassend und fördernd, auch Saiten- und Flötenspiel und Tanzchöre in den Kreis der Wettkämpfe der Panathenäen zog. Denn unter den Aemtern und Würden, welche er bekleidete, war auch die eines Ordners der öffentlichen Spiele und Feste zu Athen. Als nun der Tag des eigentlichen Hochfestes anbrach, an welchem der sogenannte Peplos nach altem Brauch der Stadtschirmerin Athene im Erechtheion überbracht und die Sieger in den panathenäischen Wettkämpfen im neuen Parthenon gekrönt werden sollten, ordnete sich der Festzug im Stadtbezirke des Kerameikos. Der ganze weite Bezirk wimmelte von Einzelzügen, welche alle nach dem Orte der Vereinigung sich hinbewegten. Dieser Ort der Vereinigung aber bot dem Auge noch den Anblick einer lebensvollen, bunten und glänzenden Verwirrung. Hier stand das zum Opfer bestimmte, schöngehörnte Rind in seiner Wucht, dort entlud die starke, spannkräftige, ehern-stramme Natur der mutigen Rosse sich gleichsam elektrisch in funkensprühendem Hufschlag. Neben den ungeduldig sich bäumenden Rossen standen Jünglinge, welche sie mit kräftigen Händen an den blinkenden Zäumen hielten, oder beschäftigt waren, sie aufzuzäumen, oder auch, sie in kunstvollen Wendungen prüfend zu tummeln. Und so erfreute schon jetzt sich das Auge an lebendigen Gruppen, an Bildern der Kraft und Wohlgestalt. Aber der bunte Knäuel entwirrte sich. Der Festzug begann sich zu ordnen. Und nachdem dies geschehen, setzte er sich unter den Klängen von Trompeten, Flöten und Saiten-Instrumenten in Bewegung. Den Anfang machte die Hekatombe der Opfertiere, hundert auserlesene glänzende Rinder, bestimmt, auf der Akropolis der Göttin geschlachtet zu werden, dann aber dem Volke zum Festschmause zu dienen: prächtige Tiere, fleischig und stark der Nacken, tief herabhängend die Wammen, die Hörner in der Art der beiden Schenkel einer Lyra schön gekrümmt, mit Blumenkränzen behängt und an den Spitzen zum Teil vergoldet. Geführt waren sie von kräftigen Jünglingen, welche mit fester Hand die ungeduldig sich Sträubenden bändigten. Widder folgten den Rindern, nicht minder schön und stark, schön gehörnt und schön bevliest. Hinter diesen Tieren samt ihren Treibern, Opferdienern und Opferpriestern kamen die Träger anderer Spenden mannigfacher Art: sie trugen auf flachen Schüsseln Opferkuchen, Flüssiges, teils in Schläuchen, teils in großen, edelgeformten Gefäßen. Nun folgte ein glänzender Zug athenischer Frauen und Jungfrauen in reichen Festgewanden, goldene und silberne Opfergeräte tragend, prächtige Schaugefäße, das Jahr über an einem dazu bestimmten Orte aufbewahrt und nur bei solcher festlichen Gelegenheit zur Schau getragen. Zierliche Körbe, gefüllt mit Blumen, Früchten, Räucherwerk, trug ein Teil der lieblichen, in Goldschmuck prangenden Jungfrauen über den Häuptern. Aus den blühendsten Töchtern Athens gewählt, zart und stattlich, reizend und würdevoll zugleich, entzückten diese Korbträgerinnen jedes Auge durch die sittige Anmut ihrer Mienen, ihrer Haltung, ihrer Bewegungen. Es waren Mädchenknospen, keusch in sich verschlossen, aber funkelnd vom Tau der Jugendfrische. Das Jahr über verborgen, gleich jenen goldenen Schaugeräten, und dem Auge der Welt entrückt im Schoße der Frauengemächer, waren auch sie jetzt gleichsam hervorgezogen, um zu glänzen im Lichte des festlichen Tages. Das Hochfest enthüllte, was sonst den Blicken sich verbarg; es enthüllte, entfesselte alles, was schön und glänzend war. Heute warf der Liebesgott seine Pfeile, heute begegneten sich die Blicke holder Jungfrauen und liebewerbender Jünglinge. Jungfräulicher Befangenheit hielt der angeborne, seine Strahlen frei und heiter um sich her ausgießende Reiz das Gleichgewicht. Nach den prunkenden Opfergeräten wurden die noch herrlicheren Weihegeschenke einhergetragen, deren Zahl niemals größer gewesen als diesmal: Prachtgefäße, funkelnde Gold- und Silberschilde, Dreifüße von anmutigster Gestalt mit reicher Verzierung, auch Bildwerke aus den Händen trefflicher Meister. Das alles, offen getragen, schimmerte augenblendend in den Strahlen der Sonne. An den Zug der Jungfrauen schlössen sich die lieblich zarten, noch kindlichen Mädchengestalten der Arrephoren in dem Festschmuck, welchen sie bei ihren heiligen Verrichtungen auf der Akropolis getragen, unter ihnen die holde, kindlich-fromme, mutige Hipparete. Nun folgten die Träger und Geleitsleute jener Geschenke und Opfer, welche der Göttin von den athenischen Kolonien oder von den mit Athen verbündeten Städten und Inseln dargebracht wurden. Jetzt aber kam von allen Weihegeschenken erst das bedeutungsvollste, des ganzen Festzuges glänzender Mittelpunkt, das große, reiche Prachtgewebe des Peplos. Nicht von Menschenhänden wurde es getragen: segelartig war es über eine Art von Prachtschiff ausgespannt, das im Festzuge auf Rädern sich weiter bewegte. Dies schiffartige Gefährt, ein Werk von außerordentlicher Größe und Schönheit, mußte es im Reigen der Schaustellung athenischer Volksherrlichkeit nicht an die Seegewalt der Athener erinnern und an den Meergott zugleich, dessen Kult in uralter Verbindung war mit dem des Erechtheus und der Pallas auf der Burg? Und daß der Peplos statt des Prachtfahrzeuges zur Hauptsache geworden im Panathenäerzuge, erinnerte es nicht an den Sieg der lichten Göttin Pallas Athene im Wettstreit mit dem finsteren Dreizackschwinger? Der lichten Göttin Anteil an dem Götterkampfe wider die Giganten war dargestellt in den schimmernden Goldstickereien, kunstvoll aufgetragen auf den purpurnen oder krokusfarbenen Grund des Gewebes. Über dem Mast des Frachtschiffes ausgespannt sah man dies goldgewobene Bild jenes Kampfes der Lichtgötter wider die rohen Urgewalten erhöht in den Lüften, dem Volke weithin sichtbar leuchten im Glanze der Sonne. Hinter dem Prachtfahrzeug mit dem Peplos schritten die Sieger in den panathenäischen Wettkämpfen stolz einher: die Saitenspieler und Flötenbläser mit ihren Tonwerkzeugen, der Sieger im Fackellaufe, in der Hand seine brennende Fackel, mit welcher nach altem Brauch das Feuer für das große Festopfer der Göttin auf der Akropolis angezündet wurde, die Sieger in dem Wettrennen der Rosse und Wagen mit ihren prächtigen Viergespannen, auf jedem der Lenker und sein Genoß mit Helm und Schild; ferner, mit Ölzweigen in den Händen, jener Zug von schönen und würdevollen Greisen, welcher im Wettkampfe betagter Wohlgestalt den Sieg davon getragen hatte. Wie auf edle Vorbilder blickte die athenische Jugend auf diese Männer im Silberhaar, welche sich würdevolle Schönheit und Frische des Leibes und der Seele bis ins späte Alter bewahrten. Ihnen folgte beritten der Ephebenzug, Athens männliche Jugend, schlanke Gestalten, dunkelgelockt, feueräugig, auf den edlen Rossen als wohlgeübte Reiter sich wiegend. Von den Strategen und Taxiarchen geführt, zog hinter den Epheben die waffenfähige Mannschaft Athens: die Schwerbewaffneten und die Reiterei der Edelgebornen in glänzender Rüstung auf den schönsten und feurigsten Rossen – denn zu Roß erschien der reiche und vornehme Athener im friedlichen Festaufzug wie im Felde –, dann in endlosem Zuge die Bürgerschaft, an ihrer Spitze die Würdenträger: die Archonten, die Männer des Rates, die Oberpriester; das Volk nach den Gauen geordnet, Männer und Frauen in Festgewändern, Myrtenzweige in der Hand, hinter den Bürgern aber die Beisassen, die Frauen derselben mit Eichenzweigen, als Schutzbefohlene des Zeus Xeinios, des Gottes der Gastfreundschaft. Andere Frauen und Töchter der Beisassen gingen hinter den athenischen Bürgerinnen einher, deren Schutz sie genossen, und trugen Sonnenschirme in den Händen, um sie, wenn der Zug in der brennenden Sonne anhielt, über den Häuptern jener zu halten, oder lehnenlose Sessel von kleiner, zierlicher Gestalt, auf welche die Schutzherrinnen, wo der Zug stillstand, sich niederlassen konnten. Dieser Festzug nun bewegte sich vom äußern Kerameikos aus durch die schönsten Straßen der Stadt, bis auf die Agora, welche bestreut war mit Eichenlaub und sonst auch festlich ausgeschmückt: die Verrichtung der Sklaven an diesem Tage. Hier machte also der Zug zum ersten Male Halt, und das Reitergeschwader der vornehmen Athener in seinen glänzenden Rüstungen führte auf weitgedehntem Platze Bewegungen und Uebungen aus, welche schier den prächtigsten Teil der ganzen Festschau bildeten. Während der Zug auf der Agora verweilte, hatte von ihm ein Teil des Geleites der Opfertiere mit einem Teil der Tiere selbst sich abgezweigt, um vorausgehend die beiden üblichen Voropfer, das eine auf dem Hügel des Areopag, das andere beim Altar der Athene Hygieia darzubringen. Nach Vollendung dieser Voropfer setzte der Festzug mit der Hekatombe und dem Peplosschiff sich wieder in Bewegung. Er nahm seinen Weg auch weiterhin durch die vornehmsten Straßen und kam an den berühmtesten Heiligtümern vorüber, an welchen man ein wenig verweilte, den Gott durch Opfer ehrend oder durch den Gesang eines Päans. Als man an der Stelle angelangt war, wo der Weg auf den Hügel der Akropolis hinaufführte, wurde von den Rossen und Wagen zurückgelassen, was auf dem breiten aber steilen Wege dem Zuge nicht folgen konnte, oder was auf des Burgberges Hochfläche nicht genug Raum gefunden hätte. Aber es fehlte nicht an kühnen Reitern, noch selbst an Wagenlenkern, welche mit ihren mutigen Rossen dennoch im Geleite des Zuges blieben, auf des breiten Weges Mittelfläche sich haltend: denn durch gerilltes Pflaster wurde hier die Gefahr des Ausgleitens der Pferdehufe sowohl als Räder gemindert. Angelangt auf der Akropolis, machte der Zug Halt zwischen dem Erechtheion und dem neu vollendeten Festhause der Pallas Athene. Der Peplos wurde in das Erechtheion gebracht, und das große Opfer der Hekatombe begann unter Absingung eines Päans vor einem im Freien stehenden Altare an der östlichen Seite des Parthenon. Aber kein Blick der Menge fiel in die dämmernde Halle des Erechtheions, wo das uralt-heilige Holzbild der Athene, auf einem blumenumhangenen Throne stehend, seinen altgewohnten Tribut, den Peplos, in Empfang nahm; unbeachtet blieb auch des Opfers heilige Verrichtung: jedes Auge wandte sich der leuchtenden Marmorpracht jenes Tempels zu, dessen Pforten sich heute zum erstenmal den Blicken des Athenervolkes erschließen sollten. Des neuen Festhauses erster Eindruck war der einer glänzenden Lichterscheinung. Leuchtender Marmor war alles an ihm, von den Quadern des Unterbaues bis hinauf zum letzten der zierlich gemeißelten Ziegel seiner Bedachung. Und was nicht Marmor war, glänzend in der Reinheit seiner jungfräulichen Weiße, das war Goldschmuck oder heller Farbenzauber. Von der Seite des Sonnenunterganges gegen jene des Aufgangs, in länglichem, säulenumgebenem Viereck sich erstreckend, stand hoch und stolz und frei der Wunderbau, vom Sonnenlicht umflossen, auf seiner Höhe. Edel, klar, maßvoll in seinen Verhältnissen, schien er dennoch von seinem gewaltigen Unterbau mit wunderbarem Schwunge fast riesig empor zu streben. Schon dieser Unterbau mit den emporführenden Marmorstufen ragte hinaus über das Haupt des Beschauers. Der Tempel selbst aber mit seinem Marmorsäulenwald, mit dem Bildschmuck seiner ringsumlaufenden Friese, mit den lebensvollen, kolossalen Marmorgruppen, welche die breiten Giebelfelder wie mit einem Schwarme wunderbarer Gestalten bevölkerten, mit dem leuchtenden Gold- und Farbenschmuck, der hie und da den Glanz des weißen pentelischen Marmors überfunkelt, schier von der lichtumflossenen Hochfläche gleichsam der jungfräulichen Göttin entgegengehoben in ihr heimisches Lichtreich, in den ihr heiligen Aether. Nichts aber fesselte in diesen ersten Augenblicken der Betrachtung das Auge des Atheners so sehr, als die großen, in den gewaltigen Marmorgruppen sich darstellenden Scenen, welche die breiten Felder der beiden Giebel füllten. Dieser Anblick war überwältigend. Denn die herrlichen Gestalten, wie sie da ruhend, stehend, schreitend, nicht etwa nur in halberhobener Arbeit, sondern in Standbildern, losgelöst von ihrem Hintergrunde, in sein angedeutetem Bezuge zu einander sich darstellten, sie schienen aus ihrer Umrahmung hervortreten und heruntersteigen zu wollen zum Volke der gottgeliebten Athener. Maßvoll erschienen sie in Haltung und Bewegung, aber voll gesunden, herrlich blühenden Lebens in sinnvoller Gestaltung. Den Augenblick nach der Göttin Geburt aus dem Haupte des Zeus schaute der Athener dargestellt auf dem Giebelfelde der Seite des Sonnenaufgangs: in der Mitte den Gott, die Göttin und den Titan Prometheus, welcher des Gottes Haupt gespalten, um der Lichtgöttin zur Geburt zu verhelfen: von da nach beiden Seiten hin mit der frohen Botschaft hinwegeilend Nike und Iris, ihnen entgegen Göttinnen und Heroen, die Botschaft freudig vernehmend; in des Giebelfeldes Ecke zur Linken Helios mit seinen Flammenrossen emporstrebend, zur Rechten die Nachtgöttin mit ihrem Gespanne hinabtauchend in die Fluten des Okeanos. Den Streit Poseidons aber mit Pallas Athene um den Besitz und die Schutzherrschaft des attischen Landes enthielt die Giebelseite des Westens: in der Mitte die beiden streitenden Gottheiten: der ungestüme Poseidon, der soeben mit dem Dreizack den heiligen Quell aus dem Felsen geschlagen, ihm gegenüber Pallas Athene und der auf ihr Gebot emporgesproßte heilige Oelbaum; neben ihr das hoch sich bäumende Gespann für den Siegeszug; Gottheiten und Heroen des attischen Landes der Göttin sich anschließend, dem Poseidon das Gefolge seiner Meergottheiten. Von diesen Gestalten, alle über Menschengröße in Marmor gebildet, schweifte das Auge zu den kleineren Bildwerken des Frieses über den Säulen, wo in den langen Reihen der Metopenfelder Kämpfe hellenischer Streiter mit wilden Kentauren gebildet waren; von da durch die Säulen, welche rings um den Tempel liefen, hinein zu dem Gebilde jenes inneren Frieses, welcher die äußere Marmorwand des Tempelgemachs umkreiste. Und mit dem Blicke auf diesen begann das Auge des Atheners noch heller zu glänzen: denn hier erblickte der lebendige Festzug sein eigenes Spiegelbild in Marmor gemeißelt: Scenen aus dem Zuge der Panathenäen und aus den Vorbereitungen zu diesen: Züge von schönen, sittigen Jungfrauen, von Jünglingen auf sich bäumenden Rossen, stolz dahinbrausende Gespanne und Kampfscenen hippischer Agonen, die Ueberreichung des Peplos, und inmitten all' des menschlich Schönen olympische Götter, aus ihrer Unsichtbarkeit und Unnahbarkeit herausgetreten als Zeugen des herrlichsten Festes. So einfach, so prunklos-edel erschien hier bei aller Schönheit jede Gestaltung, daß sie aus dem Marmor zu dem Athenervolke für alle Folgezeit zu sprechen schien: »Haltet ein das schöne Maß und lasset euer Leben immerdar in solch' edler Einfalt, in solcher Schöne und Reinheit blühen, wie es euch hier begegnet in den Marmorgebilden aus der Werkstätte des sinnigen Pheidias!« – Angesichts des harrenden Volkes schritten jetzt, als das Opfer der Hekatombe dargebracht war, in feierlichem Zuge die ersten Würdenträger Athens über die Stufen des Tempels zur Pforte hinauf. Sie ordneten dort sich zu beiden Seiten der Pforte. In ihrer Mitte stand Perikles und der Archon Basileus. Jetzt öffneten sich die breiten schmuckreichen Erztüren des Tempels. Das Innere desselben erschien mit seinen schimmernden Säulen, und das neue hehre Bild der Pallas Athene des Pheidias leuchtete hochragend zum erstenmal aus der heiligen Dämmerung hervor dem Volke der Athener. Da begannen die Teilnehmer des Festzuges einen Preisgesang auf die Göttin anzustimmen. Als dieser verklungen war, trat Perikles hervor und sprach von den Stufen des Tempels herab zum versammelten Volke der Athener. In Urzeiten, sagte er, habe Pallas Athene die Fülle leiblicher Segnungen ausgegossen über die Wiege des Athenervolkes, und als die Spenderin des nährenden Oelbaums, als die Geberin der ersten Güter, als die Begründerin und Förderin der Wohlfahrt des attischen Landes verehre man sie in jenem ehrwürdigen, aber formlosen Holzbilde des Erechtheions. Dann aber sei die Zeit gekommen, in welcher Athen sich mit dem Schwerte umgürtete, an der Spitze von Hellas die Barbaren bekämpfte und in Siegen gekräftigt zur Blüte seiner Macht sich emporschwang. Als Wahrzeichen dieser Zeit rage auf der Burg das über Land und Meer hin sichtbare Riesenbild der Vorkämpferin. Jetzt aber sei angebrochen die Zeit, in welcher der Göttin innerstes und tiefstes Wesen und mit ihm der schönste Teil ihrer Segnungen für das attische Land und Volk sich entfalte. Offenbaren wolle sie sich nun wirklich als die Göttin des lichtspendenden Aethers, in dessen Glanz die Nacht zerrinnt, als die Nachdenkliche, Sinnige, um deren Stirn der freie Gedanke in schöner Klarheit schwebt, als die Förderin aller schönen Fertigkeiten und Künste und jedes aus dem Geiste stammenden Segens. Als solche habe Pheidias jetzt sie hingestellt, eine Pallas Athene des Friedens. Und über diese neue Gestalt der Göttin habe man das neue, ihrer würdige Tempelhaus gewölbt, kein priesterliches Opferhaus, sondern ein panathenäisches Festhaus der Göttin, in welchem sie ihres Wesens echtes Licht und echte Macht, losgelöst von priestertümlichen Schranken, offenbar zu machen vermöge. Sinnvoll umhege dieses Tempelhaus die Göttin, ergänzend die Offenbarung ihres Wesens selbst und zugleich des Volkes, das sie schirmt. Denn in eins verschmolzen sei nun bald das Wesen der Göttin und ihres Volkes. Und so wolle man auch fernerhin den Peplos darbringen dem altehrwürdigen Holzbilde der Stadtschirmerin, uraltheilige Sitte der Väter ehrend, aber Ziel und Mittelpunkt des Festes der Panathenäen sei fortan der Parthenon. Hier sollen von jetzt an die Sieger in den Agonen ihre Preise aus der Hand der zu der Göttin Füßen sitzenden Richter empfangen, und zu den Bildwerken des glänzenden Festhauses werde das Volk sich wenden, um jene Ausstrahlung des innersten Wesens der Göttin in sich aufzunehmen, das Gemüt zu erfüllen mit dem Großen und Bedeutungsvollen, das hier von Wänden und Giebeln und Friesen herab mit marmornen Zungen rede. In diesen Gebilden lese der Athener die Geschichte seines eigenen Selbst, lese das in Stein gehauene Heldenlied der Siege des Lichtes und des Geistes über alles Dunkle und Rohe. Seiner Kraft inne werdend, entbrenne der Hellenen Geist von edler Begier, würdig zu bleiben des Denkmals, das er hier für alle Zeit sich selber gesetzt hat. Nach diesen Worten des Perikles erneuerte das Volk begeistert den tausendstimmigen Päan auf die jungfräuliche Göttin, und unter diesem Gesänge sowie unter dem Schall der Flöten und Saitenspiele, welche den Festzug begleiteten, schritt auf den Wink des Archon Basileus und geführt von ihm, über die Stufen zuerst der Zug der Jungfrauen empor und wandelte durch die geöffneten Pforten des Parthenon, von jungfräulichem Fuße sollte der jungfräulichen Göttin neues Heiligtum zuerst betreten werden. Den Jungfrauen folgten die Jünglinge, und während jene im Innern des Tempels zur Rechten, diese zur Linken des Bildes der Göttin sich reihten, unter dem fortgesetzten Gesänge des Päans, betraten diejenigen, welche die Weihegeschenke im Festaufzuge trugen, das Festhaus und stellten die Geschenke zu den Füßen der Göttin nieder. Andere Weihegaben, insonderheit gold- und silberglänzende Schilde, wurden aufgehangen über den Architraven der Säulen des Tempels. Nun wurden die Sieger in den panathenäischen Wettkämpfen über die Schwelle geführt, mit ihnen die Preisrichter und die Träger der ersten Würden in Athen. Heller erklang Flöten- und Saitenschall, begeisterter rauschte der Päan durch die marmorprangende Halle hin, als nun das strahlende Bild der Göttin den in den Tempelraum Geführten und dem nachströmenden Volke der Athener unmittelbar vor Augen stand. Alle Blicke waren auf dasselbe gerichtet. Augenblendend wie der Tempel, leuchtete auch die kolossale Göttergestalt: von Elfenbein waren ihre unbekleideten Teile gebildet, von Gold alles übrige; tiefsinnig vor sich hin blickte das ernstschöne Haupt, bedeckt vom wuchtigen Goldhelm, unter welchem das reiche Gelock hervorquoll. Nachdenklich waren die Züge des Antlitzes, aber das Sinnende schien sich in eine milde Klarheit aufzulösen. Zur Linken der Göttin ruhte der Schild, friedlich gesenkt, nicht mehr kriegerisch erhoben. Lässig ruhte auch die Lanze in ihrer Hand. Nicht als Kämpferin erschien sie mehr, wohl aber als Siegerin: wie man eine Taube oder einen Falken trägt. Die geflügelte Siegesgöttin hielt ihr einen goldfunkelnden Kranz entgegen. Unter des Schildes Hut geborgen ringelte sich die heilige Burgschlange, Sinnbild der edelgebornen, götterbehüteten Urkraft des attischen Landes und Volkes. Auf der Göttin Brust verbreitete sich der Aegispanzer mit dem strahlenden Gorgonenhaupte. Unter der Wölbung des hochragenden Zierats ihres Helmes war eine Sphinx sitzend gebildet, ihr zur Rechten und Linken Greise, als des Tiefsinns Bilder, des Scharfblicks und der Wachsamkeit. Auch sonst noch strebte vielfach bedeutungsvoller Zierat der Göttin Wesen völlig auszudeuten: auf des Schildes äußerer Seite Kampf gegen die wilden Amazonen, auf der Innenseite die trotzigen Giganten, auf dem Rande der Sandalen die wilden Kentauren; und so überall Kampf mit wilden dunklen Gewalten. Würdig wölbte um die glanzvolle Erscheinung der Göttin sich ihr prächtiges Haus. In doppelter Reihe liefen die schimmernden Säulen, mit Blumenkränzen festlich umwunden, durch die Tempelhalle, in drei Schiffe sich teilend. Bei den Seitenschiffen aber bildete eine zweite Säulenstellung über der ersten ein Obergeschoß, einen offenen Rundgang. In weitem Viereck durchbrochen war die Mitte der auf jener oberen Säulenstellung aufruhenden flachen Bedachung, so daß das Licht in den sonst fensterlosen Tempelraum und auf das Götterbild von oben herabfiel. Wundersam angemessen war diese von oben hereinströmende Helle des Aethers der Würde und göttlich durchschauerten Stille des Tempels: entlastet ward durch den Ausblick zu dieser lichtumströmten Oeffnung und dem blauen Himmel darüber das Gemüt von dem überwältigenden Eindrucke des glanz- und machtvollen Bildwerks. Die Falken und die Adler, das Flammengespann des Helios und die Wetterwolken des Zeus zogen darüber hin, und im wechselnden Spiele der Lichter und Schatten, bald von goldig-warmem Glanze, bald von weißem, kühlem Silberlicht umflossen, bald in halbe Dämmerung getaucht, schien das Antlitz der Göttin wie mit veränderten Zügen, wie mit wechselnden Mienen ernster oder milder herabzublicken von seiner Höhe. In der edlen Herrlichkeit des Tempelraumes war nichts, was das Auge von der Göttin abgelenkt hätte; alles leitete zu ihr hin, selbst die Reihe der schön geformten, glänzenden Weihegeschenke zwischen den Säulen. Nichts war da vorhanden von jener zerstreuten und zerstreuenden Pracht, mit welcher andere Zeiten, andere Völker die Häuser ihrer Götter zu schmücken trachteten. Einsam stand in der glanzumfloßnen, geheimnisvoll-stillen Marmorhalle das riesige, erhaben-schöne Götterbild. – Nachdem so das neue Festhaus der Athene von dem Volke der Athener mit begeisterungsvollen Gesängen, begleitet von Flöten- und Saitenschall, der Göttin dargeboten und geweiht, und die reichen Weihegeschenke zu ihren Füßen niedergelegt waren, begann die Verteilung der Preise an die Sieger in den panathenäischen Kampfspielen. Aufgerufen wurden von den Preisrichtern die Sieger, und da zuerst den siegreichen Knaben, dann den Jünglingen, zuletzt den Männern die Preise zugeteilt und übergeben wurden, so fügte es sich, daß der vierzehnjährige Sohn des Kleinias, Alkibiades, als Sieger unter den Knaben der erste war, der in dem neueröffneten panathenäischen Festhause aufgerufen wurde und den Preis empfing aus den Händen der Richter. Der stolz und fröhlich blickende Knabe empfing eine prächtig geformte Amphora, in leuchtenden Farben geschmückt mit einer Darstellung des jungen, schlangenerwürgenden Herakles. Gefüllt aber war das herrliche Gefäß mit Oel von den heiligen Oelbäumen der Pallas Athene im Garten der Akademie. Aehnliche Ehrengaben empfingen die Sieger in den übrigen Agonen; denjenigen aber, welche aus den musischen Wettkämpfen als Sieger hervorgegangen, wurden goldene Kränze zuerkannt. Als so die Verteilung der Preise vollzogen war, ging unter den Augen des Volkes noch die Uebertragung des athenischen Schatzes in das Hinterhaus des Parthenon vor sich. Dies Hinterhaus, welches, von den Säulen des Parthenon mitumschlossen, an das Tempelgemach in der Richtung gegen Westen sich anschloß, war ein ringsum wohlverwahrter, fensterloser Raum, der nur durch eine Lampe erleuchtet werden konnte, und in dessen geheimnisvollem Dämmerlichte der gemünzte und ungemünzte Schatz Athens, daneben noch Kleinode mancher Art, kostbares Schau- und Prunkgerät, auch Urkunden des Staates von besonderer Wichtigkeit fortan hinterlegt blieben unter der Aufsicht der Schatzmeister des athenischen Volkes. Unter den Scharen der über die Höhe der Akropolis Hinschwärmenden, welche die neu enthüllten Herrlichkeiten des Parthenon bestaunten, befanden sich auch viele, welche aus der Fremde gekommen. Darunter ein Mann aus Sparta. Als dieser sich anschickte, die neue Tempelhalle zu betreten, wurde er von einem athenischen Jüngling, der ihn schon einige Zeit mit Blicken und Schritten verfolgt hatte, bei der Schulter gefaßt und mit den Worten angesprochen: »Hinweg von dieser Schwelle! Doriern ist es versagt, hier einzutreten!« In der Tat verbot ein alter Wahrspruch Männern dorischen Stammes den Eintritt in die Heiligtümer der Burg zu Athen. Und wenigstens den ausgesprochenen Gegnern Athens gegenüber erinnerte man zuweilen sich dieses Wahrspruchs. Als nun eine große Menge Volkes sich um den Sparter versammelt hatte, und der Jüngling Aeußerungen der Mißgunst wiederholte, welche er aus dem Munde desselben zuvor vernommen, so ergriff alles Partei gegen den Fremden, und er wurde gezwungen, die Burg zu verlassen. So loderte, wenn auch nur blitzartig, für einen flüchtigen Moment, selbst bei dem friedlichen Feste die Gegnerschaft, welche die beiden großen Hellenenstämme uralt entzweite, bedeutungsvoll empor ... Aber es gab auch einen Athener auf der Akropolis, welcher in das Festgedränge, das den neuen Parthenon umwogte, mit Blicken des Grolles und der Mißgunst sah. Dieser Athener war der Erechtheuspriester Diopeithes. Zwar war nach altem, unumstößlichem Brauche der Peplos ins Erechtheion getragen, dem Holzbilde der Athene Polias dargebracht worden. Aber flüchtig und kühl war dies geschehen, und dem neuerbauten Tempel, dem priesterlosen Festhause der Pallas Athene, hatte das gesamte Athenervolk sich zugewendet. Nicht dem aus Himmelshöhen herabgesendeten Palladion der Stadt Athen, nicht der Göttin seines Heiligtums, sondern dem eitlen Prunkbilde des Pheidias hatten die Athener gehuldigt. Zu den Füßen dieser neuen Athene, nicht in seinem Tempel waren die kostbaren Weihegeschenke niedergelegt worden. Die Götter des Erechtheions zürnten, und ihre Priester mit ihnen ... Wie an jenem Tage, da Perikles und die verkleidete Aspasia im Geleite des Sophokles auf der Höhe der Akropolis wandelten und den Grund legen sahen von dem, was jetzt vollendet ragte, stand auch nun Diopeithes im Gespräche mit einem seiner Vertrauten an der Pforte des Erechtheions. Und siehe, wie damals, als er mit Lampon in grollenden Worten von der Verderbnis der Zeiten sprach, sah er auch jetzt plötzlich den ihm verhaßten Mann mit eben jener Aspasia über die Höhe des Berges hinwandeln, im Geleite des Pheidias, des Iktinos, des Kallikrates, des Sophokles, des Sokrates und anderer jener erlesenen athenischen Männer, welche mit Pheidias den homerischen Spruch: »Nie läßt mich zittern Pallas Athene!« auf ihre Fahne geschrieben. Als nämlich die Stunde des großen Festschmauses herangekommen war, bei welchem das Fleisch von hundert Rindern der Hekatombe und die Fleischreste der Voropfer dem Volke zum gemeinsamen Mahle dargeboten wurden, beträuft von reichlicher Spende des Dionysos, wandelte jene erlesene Schar auf der stiller gewordenen Akropolis umher, ungestört das Neuvollendete zu betrachten. Das Antlitz des Pheidias war heute nicht ernst in sich versenkt wie sonst, ein heiterer Glanz umschwebte seine Stirn. Hoch erfreut sprach Perikles davon, wie er, nachdem er den Beginn und das allmähliche Wachsen aller dieser Werke verfolgt, nun doch nach einjähriger Abwesenheit von Athen die volle Ueberraschung durch ein Fertiges habe, dessen vollendete Herrlichkeit er nicht vorausgeahnt. Und wieder rühmte er, wie so Vieles und Herrliches in einer kurzen Reihe von Jahren vollendet worden, hervorgegangen gleichsam aus einem einzigen Haupte. Pheidias aber sagte, nicht durch das eine Haupt, sondern durch die tausend kunstfertigen Hände, welche jenem Haupte dienten, sei das Wunder geschehen. Aber nicht sowohl einem einzigen Haupte hätten sie gedient, als einem Geiste, der in schönstem Einklang alle beseelte. Während so die Männer in freudig gehobener Stimmung den Reiz des Neugeschaffenen wie mit trunkenen Augen in sich sogen und ihrem Empfinden Worte liehen, sah man Aspasia zwar aufmerksam, leuchtenden Auges, ja mit geröteten Wangen, aber schweigend die Werke des Pheidias, des Iktinos und ihrer Helfer betrachten. Ihr Schweigen befremdete selbst den Pheidias, den schweigsamsten unter den Männern, und er sprach zuletzt mit jener Art von ernstem Lächeln, die ihm eigen war, sich zu Aspasia wendend: »Wenn die Erinnerung mich nicht täuscht, so ist es seit langer Zeit die schöne Milesierin, welche zu Athen von vielen als die höchste Richterin betrachtet wird in allen die Künste betreffenden Dingen. Auch hat sie, so viel ich mich erinnere, niemals sich zurückhaltend gezeigt mit ihren Urteilssprüchen. Wie kommt es, daß sie, ein Weib, uns Männer heute durch Schweigsamkeit beschämt?« Alle blickten gespannt auf Aspasia und machten sich stillschweigend zu Teilnehmern der Frage des Pheidias. »Mit Recht«, sagte Aspasia, »erinnerst du daran, daß ich ein Weib bin, o Pheidias! Als ein solches bin ich nicht immer so rasch gefaßt wie ihr Männer, und in meinen Gedanken ist weniger strenge Folge und Ordnung als in den eurigen. Beweglich ist des Weibes Gemüt, und ihr möget zusehen, ob ihr nicht zu viel gewagt, daß ihr mir, als einem Weibe, der einzigen meines Geschlechtes, wie es scheint, das Recht, frei zu denken, frei zu reden, eingeräumt. Hier steht der neue Wunderbau, groß wie ein Berg und schön wie eine Blume, und welche Fülle des Vollendeten ist mit ihm zugleich vor unseren Blicken ausgebreitet und enthüllt! Das alles ist so anmutig in seiner Würde, so mannigfaltig in seiner edlen Einfachheit, so bewegt in seiner Ruhe, so gereift in seiner Jugendfrische, so tiefsinnig in seiner Natürlichkeit, so heiter in seinem Ernst, so menschlich in seiner Göttlichkeit, daß jedes männliche Gemüt nur in einen Zustand höchster Befriedigung und völliger Wunschlosigkeit dadurch versetzt werden kann. Der Weiber Art aber ist es, wie der Kinder, daß, wenn sie mit einer Hand Erwünschtes in Empfang nehmen, sie die andere schon nach anderem ausstrecken, und ein drittes vielleicht mit den Augen verfolgen. Wär' ich ein Mann, so würde ich in diesem Augenblicke mich begnügen, den Pheidias begeistert als den ersten, als den größten aller Hellenen zu preisen. Als Weib aber habe ich einen Wunsch übrig, ja sogar eine Anklage wider ihn auszusprechen. Fürchtest du nicht den Zorn der goldenen Aphrodite, o Pheidias? Du scheinst mir immer nur das Hohe, das Reine, das Göttliche zu suchen, um es in der Menschengestalt zu verkörpern; und wäre das Göttliche nicht zufällig immer auch schön, so würdest du, glaube ich, dich um das Schöne nicht kümmern. Denn niemals suchst du es, und was die Sinne reizt, das Herz entflammt, in deiner Seele hat es keinen Widerhall. Den Reiz der Weiblichkeit um seiner selbst willen darzustellen, wie Dichter es begeistert tun, wenn sie von der Aphrodite singen, verschmähst du. In einen heiligen Ernst ist stets dein Sinn getaucht, und deine Seele schwebt, Adlern gleich, nur über den Gipfeln. O Eros, hast du keinen Pfeil für diesen? Warum, o kyprische Göttin, schlägst du diesen nicht in deine goldenen Fesseln, damit er deinem Reiz seinen Meißel weihe, und damit durch ihn endlich auch dein innerstes Wesen so offenbar werde, wie durch ihn seiner Göttin Pallas Athene tiefstes Wesen offenbar geworden ist in diesen Gebilden?« »In der Tat«, sagte Pheidias, »ich habe bisher gegen des Eros Pfeile und der Aphrodite Fesseln Schutz gefunden unter dem Schilde der Pallas Athene, und ihr verdanke ich's wohl, daß meine Kunst nicht weibisch geworden. Klage übrigens die Lemnier an, o Aspasia, wenn ich auch jetzt, nachdem ich eben das Bild der jungfräulichen Göttin für den Parthenon vollendet, meine Kunst nicht der goldenen Aphrodite zuwende. Denn nicht eine Aphrodite ist's, was die Lemnier von mir verlangen, sondern ein Erzbild eben wieder jener Pallas Athene für sie zu fertigen, dringen sie seit langer Zeit in mich.« »Was du da sagst«, versetzte Aspasia nach einer kleinen nachdenklichen Pause, »erfüllt mich mit größeren Hoffnungen als du denkst! Ich vernahm heute, wie Perikles zum Volke sprach, darauf hindeutend, daß man vom unscheinbaren, formlosen Holzbilde fortgeschritten zur gewaltigen Vorkämpferin, von dieser zur Jungfrau des Parthenon. Wer möchte nun nicht glauben, daß auch die Pallas der Lemnier wieder hinausschreiten werde über die Jungfrau des Parthenon? Wer möchte zweifeln, o Pheidias, daß, je mehr du schaffst, um so wärmer, um so leuchtender unter deinem Zauberstab die Feuerwelle des Lebens und der Schönheit aus dem Marmor oder dem Erze hervorbrechen werde? Nachdem du das vorkämpfende Mannweib gebildet und die tiefsinnige Jungfrau, was bleibt dir übrig als das Weib?« »Ob ich vorwärts schreite«, sagte Pheidias, »ob ich seitab schweife, wenn ich auf die Einflüsterungen eines schönen Weibes höre, ich weiß es nicht. Aber was du verlangst, scheint auf meinem Wege zu liegen.« »Du, dessen Auge kein Hellenenweib seinen Reiz versagen würde«, fuhr jetzt Aspasia fort, »stelle das Weib dar und seinen Reiz, und verkünde als Höchstes und Letztes dem Griechenvolke: Nur im Gewande der Schönheit wird die Weisheit alle Herzen erobern!« So unterredete sich Aspasia mit Pheidias. Perikles aber begann jetzt mit Iktinos und Pheidias den Plan der großartigen Vorhallen zu erörtern, welche die Krönung des Burgberges auf seiner abendlichen Seite vollenden sollten, und welche nach den Gedanken dieser Männer nicht minder erhaben und prächtig werden sollten, als der Parthenon selber. Immer von neuem aber kehrte man betrachtend und freudig genießend zurück zu dem Fertigen, zu den Bildwerken, zu den herrlichen Weihegeschenken. Hervorgehoben wurden in den Giebelfeldern und Friesen die Werke des einen oder des andern der Schüler des Pheidias: hier wurde Alkamenes gepriesen, dort Agorakritos, und so jeder von den unzähligen Bildnern, welche mit feurigem Eifer hier ihre Kräfte vereinigt hatten. Jetzt aber geleitete Pheidias den Perikles und alle, welche um ihn waren, zu dem Werke des grübelnden Sohnes des Sophroniskos, zu der Gruppe der Charitinnen, welche der Wahrheitsucher als Weihegeschenk für die Akropolis zu fertigen unternommen. In Marmor gebildet erblickten sie die drei Jungfrauen sich umschlingend, ähnlich einander und doch wieder von verschiedenem Wesen. Reizend war die eine, edel und streng die andere, sinnend die dritte gebildet. Als die Betrachter über diese Verschiedenheit sich verwunderten, sagte der Bildner des Werkes mit einem Ausdrucke leiser Betrübnis in seinem Angesicht: »Ich glaubte, daß ihr diese Verschiedenheit nicht anstaunen, sondern völlig natürlich finden würdet. Warum sollte man eine Dreizahl der Charitinnen annehmen, wenn sie alle drei nur ganz dasselbe sind und bedeuten? Ich machte mich daran, dem tiefen Sinn dieser Dreizahl nachzuspüren, und ich zweifelte nicht, daß drei verschiedene Eigenschaften sich in dem Wesen der Charis vereinigen müßten. Aber es gelang mir nicht, zu erfahren, welches die drei verschiedenen Bestandteile der Charis wären, bis Alkamenes uns zur schönen Theodota führte. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen, als die Korintherin nach einander die Aphrodite, die Hera und die Pallas tanzte. Was ist das Wesen der Aphrodite anders als das leiblich Schöne? was das Wesen der Hera anders als das seelisch Schöne, oder das Gute, das Sittliche? und was das Wesen der Pallas anders als das geistig Schöne, oder das Wahre? und so erfuhr ich denn, daß Leib und Seele und Geist zusammenwirken müssen zum vollendeten Wesen der Charis ... Das war es, was ich damals von Theodota erfahren, und was ich verschwieg, als ihr danach fragtet, denn es drängte mich, nicht in Worten, sondern im Bilde, wie Pheidias, das geistig erfaßte lebendig auszudrücken. Aber es ist mir nicht gelungen. Denn wäre es mir gelungen, so hätte es dieser meiner Worte nicht bedurft. Ich habe mich mit dem Marmor bemüht und mußte nun doch zu den Worten greifen. Du aber, o Aspasia, bedarfst der Worte nicht, um mir dein Urteil auszudrücken; denn ich lese es in deinen Mienen!« »Und was liesest du da?« fragte Aspasia. »Du sagst mir: kehre zurück, du Grübler, von den Bildern und lebendigen Formen zu den Gedanken und Begriffen und Worten! – Ich will es tun! Ich will von diesem Tage an den Meißel aus der Hand legen, oder vielmehr ihn selbst, statt eines Werkes von meiner Hand, der weisen Göttin darbringen als Weihegeschenk. Und dies Gebilde meiner schlechten Kunst will ich zerschlagen, zufrieden, wenn der Gedanke lebt, der es geschaffen, und wenn er, statt in totem Marmor, verkörpert wird im Geist und Sinn und Leben der Athener!« – »Bringe du immerhin, o Sokrates«, sagte Perikles, »deinen Meißel der Göttin dar als Weihegeschenk, um künftig das allein zu betreiben, was deine wahre Sendung ist, und was kein anderer so vermag wie du. Aber dies Weihegeschenk soll unzertrümmert bleiben; denn wenn auch weniger mit Künstlerhänden, als mit dem Geiste des Weisen gebildet, stellt diese Gruppe des Hellenengeistes schönste Bestimmung vor Augen: Leib, Gemüt und Geist vereinigt und verklärt zur schönsten Blüte der Charis! Eindringlicher kann unser aller bisheriges treues Bestreben nicht ausgesprochen, würdiger nicht angespornt werden zu neuem Schwunge des Schaffens und der Tatkraft! Hier vor diesem Bildwerk ist der Ort, uns die Hand zu reichen zur Erneuerung des Bundes, der uns alle vereinigt hat. Hier auch ist, wie mich dünkt, der Ort, hier vor dem Bilde der Charitinnen, unserer edlen Aspasia zu danken für das, was sie im Vereine mit uns gefördert, nicht sowohl mit Worten spornend, als durch ihres Wesens Ausstrahlung unmittelbar befeuernd. – Denn ihr Wesen fällt, ihr wißt es alle wohl, in die Gemüter wie ein Lichtstrahl und entzündet immer Neues und Schönes. Gestalte nach ihrem Bilde deine neueste Pallas, o Pheidias! denn sie sagt es dir nicht bloß, sie hat es an dir und an uns allen mit der Tat erprobt, daß die Weisheit unüberwindlich ist im Gewande der Schönheit!« – »Flüchtig ist sonst«, fuhr Perikles fort, »die Spur des Schönen: es kommt und geht, wie der Strahl des Gestirns, wie die befruchtende Regenwolke. Aber die schöne Huld, welche Aspasias Wesen von sich ausstrahlt, wird uns wie ein wohlverwahrter Schatz erhalten bleiben. Nicht mehr eine Fremde seht ihr vor euch, nach welcher man ungestraft zielen darf mit gehässigen Pfeilen, oder die man beschimpfen darf mit entehrenden Namen. Sie ist von diesem Tage an meine angetraute Gemahlin. Friedlich gelöst ist der Ehebund, der mich mit Telesippe vereinte. An ihrer Statt waltet fortan Aspasia als Herrin an meines Hauses Herd. Ich weiß, daß der Athener mit scheelen Augen den Mitbürger betrachtet, der ein ausländisch Weib als angetraute Gattin einführt in sein Haus. Ich weiß, daß unser heimisches Gesetz den Sprossen aus solcher Ehe sogar das athenische Bürgerrecht verweigert. Dennoch habe ich Aspasia zum Weibe genommen. Aber ein Bund von neuer Art ist's, den ich mit ihr schließe, eine neue Gestalt der Ehe schwebt uns beiden vor, wie sie bisher, ich weiß nicht ob durch die Schuld der Männer oder der Frauen, niemals noch verwirklicht worden. Vielen Wandel hat unser Gemeinwesen in neuer Zeit erfahren: wenn aber das allgemeine Leben sich erneuert, warum sollte nicht auch das bürgerliche, das häusliche trachten dürfen nach einer Wiedergeburt? Mir und diesem Weibe wird der heutige Tag, der das athenische Leben auf einem glänzenden Gipfel zeigt, zugleich zu einem Wendepunkt und Hochfeste unseres persönlichen Schicksals. Athen und ganz Hellas strebt unter neuen Sternen neuen Zielen entgegen: wir beide tun das gleiche im enggeschlossenen Kreise des inneren Lebens. Hier wie dort ist der treibende Geist und Sinn und Gedanke derselbe. Und hier wie dort, meine ich, wird das Gleiche sich in gleicher Weise bewähren!« Bevor von den Freunden einer der Bewegung, welche diese Worte des Perikles in allen hervorriefen, Ausdruck geben konnte, ergriff Aspasia die Hand des neuen Gemahls und sprach: »Es verhält sich, wie du sagst, o Perikles, daß ich mir keine Gewalt des Wortes, noch der bewußten Weisheit anmaße. Wenn ich im Bunde mit euch etwas gefördert, so war die Wirkung, die von mir ausging, die der Weiblichkeit allein, welcher es zum erstenmal vergönnt war, sich ohne die Fesseln des Geschlechtes frei und rückhaltlos wirkend zu äußern. Bin ich eine Sendbotin, so bin ich die der Weiblichkeit. Vielleicht muß aus der Weiblichkeit die Welt, die bisher in die Bande der rauhen Männlichkeit geschlagen war, wiedergeboren werden, um jeden Rest von Barbarei der Urzeit abzustreifen. Und als ein Weib ionischen Stammes bin ich, wollend oder nicht, des ionischen Wesens Vorkämpferin gegen den ernsten, strengen Geist des Dorer-Stammes, der die schönste Blüte des hellenischen Lebens ersticken würde, wenn er zum Siege gelangte. Wehe den schönen Göttern von Hellas, wenn er jemals in der Welt die Oberhand erhält! – Bin ich in der Tat berufen und vermögend, für eine Sache zu wirken und zu kämpfen, und habe ich mich, wie ihr von mir sagt, als Fürsprecherin des Schönen und des Weiblichen erwiesen bei den Meistern der Bildkunst, so möchte ich fortan, auch nach anderen Seiten des Lebens mich erprobend, offenen Krieg erklären jedem Vorurteil, jedem sinnlos gewordenen Herkommen, jeder beschränkten oder verdüsterten Anschauung, jeder menschen-unwürdigen Denkart. Ich werde mich, nach Bundesgenossen strebend, an die Genossinnen meines Geschlechtes wenden. Sie werden mich anhören, denn ich bin die Gattin des Perikles!« – So sprach Aspasia. Die Freunde vernahmen ihre Worte gedankenvoll und mit herzlichem Anteil. Auch der Erechtheuspriester Diopeithes vernahm sie, im Halbdunkel hinter den Säulen verborgen. Seine Lippen zuckten höhnisch. Ein feuriger Blick des Hasses traf die Milesierin. In begeisterten Worten begannen nun die Freunde ihren freudigen Anteil auszusprechen und das Vorhaben des edlen Paares zu preisen. Nur Sokrates schwieg noch, wie er es oft aus Bescheidenheit tat, wenn er in einem Kreise ausgezeichneter Männer sich befand. Da fragte Perikles den Nachdenklichen freundlich lächelnd: »Was denkt unser Weisheitsfreund von dem Bunde, der hier angesichts seiner Charitinnen geschlossen wurde?« »Mir ist nur dies eine klar«, erwiderte der Sohn des Sophroniskos, »daß unser Athen die gepriesenste sein wird unter den Städten der menschenbewohnten Erde. Alles andere ist mir unbekannt und in Dunkel gehüllt. Aber wir wollen das beste in allem hoffen von der Gunst des waltenden Vaters Zeus und seiner herrlichen Tochter Pallas Athene.« XV. Eulen auf der Akropolis. enn es sich vielleicht so verhält, wie die Sage bei dem erhabenen Dichter der Eumeniden berichtet, daß die Herunterholung des Feuers vom Himmel und die Ueberlieferung desselben an die Menschen durch Prometheus auf der athenischen Akropolis stattfand, so ist nicht zu verwundern, daß bei der Nennung des Namens der Akropolis zu Athen vielen nur eine Höhe vorschwebt, ganz in eitel Licht getaucht, gekrönt von den marmorglänzenden Zinnen des Parthenon. Aber es gab auch Eulen auf der Akropolis ... Es gab Eulen zu Athen – es gab ihrer so viele, daß der Ausdruck »Eulen nach Athen tragen« zur Bezeichnung werden konnte eines überflüssigen Tuns. Und diese Vögel waren sogar der Pallas Athene geheiligt. Sie gehörten ihr an, als die Vögel der gedankenzeugenden, sinnigen Nacht. Denn die Nacht selber ist dunkel, aber sie ist schwanger mit dem Lichte, und besser als der laute Tag läßt sie die Gedanken keimen und reifen im wachen Haupte der Menschen. Nicht selten aber betrachtet die Nacht etwas für sich, und mehr als das Licht, das aus ihr geboren wird, zu sein, und stellt sich dann dem Lichte feindlich entgegen. So kommt es, daß auch die Vögel der Nacht, die Eulen, zu Feinden des Lichts geworden. Es gab ihrer, wie gesagt, viele auf der Akropolis, und sie nisteten am liebsten in dem Raume zwischen dem Gesimse und dem flachaufliegenden Dache des altehrwürdigen Erechtheion, gemeinsam mit Eidechsen, Mäusen und Schlangen. Sind sie doch die Lieblingsvögel des Erechtheuspriesters Diopeithes, der soeben dort, unmittelbar vor den Stufen des Parthenon, in lebhaftem Gespräche mit einem Manne und zugleich in einer etwas wunderlichen Verrichtung begriffen ist. Er schreitet nämlich vor den Augen des andern Mannes mit einer gewissen Erregtheit die Stufen des Parthenon hinauf und wieder hinab. Vor dem Tempeleingang sind, um das Emporsteigen zu erleichtern, in die breiten hohen Stufen kleinere gehauen. Diese kleineren Stufen schreitet Diopeithes empor, und zählt dieselben im Schreiten, und spricht die Zahl mit vernehmlicher Stimme vor sich hin. Und nachdem er so schreitend und laut zählend dem anderen Manne die Zahl der Stufen gewiesen, spricht er zu diesem: »Du weißt, welches Gesetz in betreff der Stufenzahl eines Tempelaufgangs durch der Hellenen frommen und wohlbedachten Sinn seit Jahrhunderten festgestellt wurde. Ungerade ist nach alter Regel dieser Stufen Zahl, damit des guten Vorzeichens wegen die erste und die letzte Stufe vom rechten Fuße betreten werden könne.« »So verhält sich's in der Tat!« versetzte der Mann, zu welchem Diopeithes sprach. »Nun wohl!« fuhr Diopeithes fort, »du siehst, daß die Männer, welche diesen Parthenon hier gebaut haben, der guten Vorzeichen nimmer zu bedürfen glauben. Die Zahl dieser kleineren Stufen ist eine gerade. Mögen sie nun wirklich in bewußtem Trotz, oder von den Göttern mit Vergeßlichkeit geschlagen, gegen die heilige Regel gesündigt haben: was sie da aufgerichtet, verrät beim ersten Anblick schon sich als ein unfrommes, den Göttern mißfälliges Werk. Und ich sage: es ist in seinem ganzen Entwurfe eine Beleidigung, eine Erniedrigung, eine Verhöhnung der Götter. Ei, sieh doch nur: seit das Panathenäenfest vorüber ist, seit die Sieger in den Wettkämpfen ihre Preise erhielten, seit das Volk sich satt gegafft am verschwendeten Golde und Elfenbein der Statue des Pheidias, ist der Festtempel, wie sie ihn nennen, wieder geschlossen, das Bild der Göttin ist verhängt, damit es bis zum nächsten Feste nicht der Staub verzehre, und statt priesterlicher Personen sieht man Tag für Tag nur die Schatzmeister aus- und eingehen, welche im Hinterhause ihr Wesen treibend, die einlaufenden und auszufolgenden Summen überzählen. Und so hallt, o Schmach und Frevel! ins Ohr der Göttin statt frommer Worte Klang nur schnödes Geklimper von Gold- und Silberstücken!« Auf diese Aeußerung des Diopeithes hin begann der Mann, mit welchem der Priester sich unterredete, und welcher durch sein Aussehen sich als ein Fremder verriet, angelegentlich nach dem Umfang, dem Werte und Betrage der gemünzten und ungemünzten Schätze zu fragen, welche in diesem Schatzhause, unter der Obhut der Pallas Athene, aufgehäuft lagen, und Diopeithes verweigerte die Auskunft nicht, welche er zu geben vermochte. »Ein schöner Sparpfennig, oder sagen wir lieber eine schöne Beute ist«, bemerkte der Fremde, »was ihr Athener da gesammelt habt. Aber mich dünkt, ihr werdet diesen Vorrat bald erschöpft haben, auch im Frieden.« »Noch lange nicht!« erwiderte Diopeithes. »Ich sehe aber«, fuhr der Fremde fort, »daß, nachdem dieser kostspielige Tempelbau so eben vollendet worden, mit gleicher Hast und gleichem Eifer schon ein neues Werk hier oben begonnen wird, eine Prachtpforte der Akropolis, Vorhallen im größten Stile, nicht weniger großartig als der Parthenon selber« ... »Und nicht weniger sinnlos, nicht weniger überflüssig als dieser!« fiel Diopeithes ein. »Das eben ist ja«, fuhr er fort, »der Frevel jener Uebermütigen, welche Athens Geschicke gegenwärtig lenken. Sie lassen das Heiligtum des Erechtheus verfallen, welches selbst der Perser nur halb zu zerstören wagte, und errichten dafür Prunkhallen, vollgestopft mit eitlen Machwerken der aus ganz Hellas zusammengelaufenen Rotte des Pheidias.« »Ist denn Perikles allvermögend?« rief der Fremde. »Wie kommt es, daß von allen berühmten Feldherrn und Staatsmännern der Athener kein einziger, so viel ich weiß, dem Lose der Verbannung entgangen, Perikles aber eine so lange Reihe von Jahren unangefochten in seiner Uebergewalt sich behauptet?« »Er ist der erste Staatsmann«, sagte Diopeithes, »welchem die Athener Zeit lassen, sie zu Grunde zu richten.« »Das mögen die Götter verhüten!« sagte der Fremde. »Ich bin ein harmloser Mann aus Euboia, und wünsche den Athenern alles Gute!« »Warum verstellst du dich?« sagte Diopeithes, dem Fremden ruhig ins Auge blickend. »Du bist der Mann aus Sparta, den sie beim Feste der Panathenäen von der Schwelle des Parthenon hinweggewiesen. Ich habe den Vorgang mitangesehen, und erkannte dich sogleich wieder, als du jetzt, über die Höhe der Akropolis hinwandelnd, dich mit einigen Fragen an mich wandtest. Ja, du bist ein Lakedaimonier, und wenn du sagst, daß du den Athenern alles Gute wünschest, so sagst du die Unwahrheit. Aber fürchte deshalb nichts von mir! Es gibt Athener, die mir weit verhaßter sind, als das gesamte Spartervolk. Und dir ist ohne Zweifel wohl bekannt, daß hier zu Athen die Gegner der Neuerungen, die Freunde der guten, alten Zucht, Sparterfreunde genannt werden. Und nicht mit Unrecht.« Fast unwillkürlich reichte der Mann aus Sparta dem Erechtheuspriester die Hand. »Glaube nicht«, fuhr dieser fort, »daß die Zahl derjenigen, welche dem Perikles in seinem neuen Athen grollen, wenn auch nur heimlich, gering ist. Komm mit! ich werde dir einen Ort zeigen, um welchen nicht weniger, als um das Erechtheion, unversöhnte Rachegeister schweben.« Damit führte Diopeithes den Sparter bis an den Rand des westlichen Abhanges der Akropolis hinaus, und deutete mit der Hand auf einen schroffen, düsteren, wildgezackten Felshügel, welcher dem Burgberge gegenüber, nur durch eine Schlucht von ihm getrennt, aber niedriger als dieser, sich erhob. »Siehst du diesen schroffen Hügel, dessen Felsblöcke wie von Titanenhänden übereinander gewälzt sind?« fragte Diopeithes. »Siehst du die in den Fels gehauenen Stufen, die zu einem im Viereck sich erstreckenden Raume führen? Dort sind Reihen von Sitzen, in den Fels gehauen, wie die Stufen. Von dieser Stätte aber führt ein anderer Stufenweg, auch er in den Stein gehauen, hinab in eine tiefe, schaurig-dunkle Schlucht, aus welcher ein schwarzes Gewässer hervorquillt. In jener Schlucht steht das Heiligtum der finsteren Rachegöttinnen, der schlangenhaarigen Erynnien, und jener im Viereck sich erstreckende Raum auf der Höhe des Berges ist die Versammlungsstätte des uralten, ehrwürdigen, von den Göttern selber eingesetzten Gerichtes, welches wir den Areopag zu nennen pflegen. Den greisen Beisitzern dieses Gerichtes ist die Obhut jenes Heiligtums der Erynnien anvertraut; in ihre Hände sind uralte Satzungen und Heiligtümer gegeben, auf welchen ein geheimnisvolles Dunkel ruht, und an welche das Heil des Staates geknüpft ist. Sie allein wissen, was der sterbende Dulder Oedipus ins Ohr des Königs Theseus geflüstert, als er auf dem Hügel von Kolonos im Haine der Eumeniden seiner langen Irrfahrt Ziel gefunden. Zwischen blutige Opferstücke werden die Streitenden gestellt, deren Sache diese Richter entscheiden, und einen Eid legen sie ab mit entsetzlichen Verwünschungen gegen sich selbst und gegen die Ihrigen, sollten sie einmal anders als nach der strengsten Gerechtigkeit entscheiden. Schweigend legen sie nach Anhörung der Sache ihre Lose in zwei Urnen, in die Urne der Erbarmung oder in die Urne des Todes. Vorsätzlichen Mord zu richten war von Anbeginn ihr Amt. Aber auch Sittenlosigkeit, Neuerung im Staat und im Dienste der Götter zu ahnden, waren sie in früherer Zeit berufen; ins Innerste der Familien zu dringen war ihnen erlaubt, um die verborgene Schuld ans Licht zu ziehen. Sie straften den Vatermörder, sie straften den Mordbrenner, sie straften den Mann, der ein harmlos Tier ohne Not getötet, straften den Knaben, der mitleidslos einen jungen Vogel geblendet. Einspruch sogar gegen Beschlüsse des versammelten Volkes zu tun, war ihnen freigestellt. Ist es zu verwundern, wenn dieser Hort aus alter Zeit, diese auf den Fels des Areshügels gegründete Burg der frommen Zucht, den Machthabern des neuen Athen schon längst ein Dorn im Auge gewesen? Perikles war es, der zuerst dieser geheiligten Macht zu trotzen wagte, der ihre Vorrechte beschränkte, ihr Ansehen schmälerte, ihren ihm unbequemen Einfluß auf die Staatsangelegenheiten zurückwies. Traun! wie auf eben diesen Areshügel die Brandpfeiler der Perser gegen die Burg und gegen die alten Tempel der Akropolis flogen, so stiegen heimlich jetzt von dort die grollenden Blicke der Areopagiten, schwanger von Unsegen, nach dem neuen Tempel des Perikles hinüber!« – »Aber die große Masse der Athener liebt den Perikles«, sagte der Sparter; – »sie halten ihn für einen aufrichtigen Freund der Volksherrschaft.« »Ich halte den Perikles nicht für blöde genug«, versetzte Diopeithes, »um ein ehrlicher Freund der Volksherrschaft zu sein. Ein geistig hervorragender Mann ist niemals ein ehrlicher Freund der Volksherrschaft. Denn wie sollte es ihm zum Vergnügen gereichen, die Macht, die er der unvernünftigen Menge abgerungen, freiwillig wieder mit ihr zu teilen, und sich in seinen besten Plänen, in seinen schönsten Unternehmungen von beschränkten Köpfen stören und hindern zu lassen? Perikles schmeichelt, wie alle diese Volksmänner, der Masse, um sich derselben zur Ausführung seiner ehrgeizigen Pläne zu bedienen. Vielleicht bleibt ihm aus dem Goldschatze im Hinterhause des Parthenon zuletzt so viel übrig, um sich daraus eine Krone schmieden zu lassen, die er sich an einem Panathenäenfeste vor den Augen des versammelten Volkes und zu den Füßen der Göttin des Pheidias aufsetzt. Bereitet euch vor, ihr Lakedaimonier, dem Hellenenkönig und seiner Königin Aspasia durch Überreichung einer Scholle spartanischen Landes und eines Kruges Wassers aus dem Eurotas huldigen zu helfen!« Bei diesen letzten Worten sah der Priester um sich. »Laß uns hinweggehen«, sagte er zu dem Sparter, »ich sehe Leute sich nähern, welche hier oben den Platz der neuen Vorhallen abstecken. Man würde mich einer Verschwörung mit Lakedaimon zeihen, wenn man uns zusammen redend erblickte.« So sprach der Erechtheuspriester und verschwand alsbald mit dem Manne aus Sparta hinter den Säulen des Erechtheions, wo beide noch eine Zeitlang vertraulich mit einander sich unterredeten. Wenige Tage nach der Feier der Panathenäen hatte Telesippe, durch friedliche Uebereinkunft getrennt von Perikles, das Haus ihres bisherigen Gatten verlassen, und Aspasia war in dasselbe an ihrer Statt eingeführt worden als angetraute Gemahlin. Nicht gedemütigt verließ Telesippe das Haus ihres Gatten, sondern stolzgehobenen Hauptes, denn sie ging einem Lose entgegen, für welches sie zwar sich geboren glaubte, dessen Erfüllung aber sie nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. Immer war es ihrer Klagen Anfang und Ende gewesen: »Ich hätte die Gemahlin des Archon Basileus werden können!« Als der Entschluß, sich von Telesippe zu trennen, in Perikles gereift war, konnte er nicht umhin, darüber nachzusinnen, wie er das Schmerzliche des Eindrucks mildern könne, den diese seine Entschließung auf die bisherige Gattin machen würde. Er erinnerte sich, wie oft sie vom Archon Basileus gesprochen. Der eben amtierende Archon Basileus war ein Freund des Perikles, ziemlich betagt, aber unverheiratet. Perikles ging zu ihm und fragte ihn, ob er nicht geneigt wäre, sich zu verehelichen. Der Archon Basileus war ein stiller, anspruchsloser Mann und sagte, er sei einem Ehebunde nicht abgeneigt, wenn eine passende Braut für ihn sich finde. »Ich kenne eine Frau«, sagte Perikles, »welche geschaffen ist für einen Mann wie du. Es ist meine eigene Gemahlin. Für mich selbst hat sie zu wenig von jener Heiterkeit an sich, an welcher ein vielbekümmerter Staatsmann von seinen Tagessorgen sich erholen mag, und zu viel von jener Strenge, von jenem würdevollen Wesen, welches einen ernsten Mann von priesterlicher Gewalt, wie dich, wohl anzuziehen vermöchte. Ich stehe auf dem Punkte, mich von Telesippe zu trennen, aber ich würde mich sehr glücklich schätzen, wenn ich wüßte, daß sie aus meinem Hause in das eines noch besseren Mannes geht, und daß sie dort, wo sie hingeht, finde, was sie in meinem Hause vermißte.« Der Archon Basileus nahm diese Worte so ernst auf als sie gemeint waren. Ueber das Bedenken, daß ein Archon Basileus in der Regel sich nur mit einer Jungfrau vermählte, half ihm Perikles hinweg, indem er seinen ganzen Einfluß bei den Athenern aufzubieten versprach, die Verletzung eines alten Herkommens ungeahndet zu lassen. Auf dies hin gab der Archont zuletzt die Erklärung ab, er sei bereit, Telesippe aus dem Hause ihres bisherigen Gatten hinweg unmittelbar in das seinige als rechtmäßige Ehefrau zu führen. Perikles eröffnete seiner Gattin zu gleicher Zeit seinen Entschluß, sich von ihr zu trennen, und den Entschluß des Archon Basileus, sich mit ihr zu vermählen. Telesippe vernahm die Entscheidung kalt und stumm und zog sich zurück in ihr Frauengemach. Als sie aber dort ihre beiden Knaben erblickte, die sie nun verlassen mußte, zog sie dieselben an sich, und weinte Tränen nieder auf ihr Haupt. Sie dachte daran, daß sie dem Hipponikos Kinder geboren, daß er sie verstieß, und sie die aus ihrem Schoße geborenen verlassen mußte für immer; daß sie ferner dem Perikles Kinder geboren, und nun auch diese verlassen und von hinnen gehen mußte, einem neuen Gatten angetraut. Sie erschien sich rechtlos, hilflos, von Haus zu Haus gestoßen ... Aber die Gattin des Archon Basileus! Das Ziel ihres Ehrgeizes! Das versäumte, und nun doch erreichte Glück ihres Lebens! Freilich – nur der verstoßenen Gattin war damit Genugtuung geleistet, nicht der Mutter. Durch den törichten Stolz des Weibes hindurch fühlte sie immer wieder die angstvollen Schläge des unversöhnten Mutterherzens. Und als nun der Augenblick gekommen, in welchem Telesippe das Haus ihres Gatten verließ, und auf die Stirnen ihrer Söhne den letzten Kuß drückte, um von ihnen hinwegzugehen für immer, da wurde Perikles plötzlich von einem merkwürdigen Gefühle übermannt: es dünkte ihn, daß man denn doch kein geheiligtes Band, das einmal zwei Menschenherzen vereinigte, zerreißen könne, ohne daß etwas vom Herzblute dabei vergossen würde. Telesippe hatte ihm Kinder geboren, Kinder, die seine Züge, seines Wesens Spur im Antlitz trugen. Wie sollte nicht für immer ehrwürdig, heilig dem Manne das Weib sein, das ihm Kinder geboren, die seine Züge tragen? Auf der Stirn der Kinder Telesippes leuchtete der Stempel der unentweihten Mutterehre. Dies Erbe ließ sie scheidend ihren Kindern und ihrem Gatten. Perikles ward sich dessen klar bewußt, als Telesippe aus seinem Hause hinwegging. Vorhin hatte er sich mit kühlem, ernstem Händedruck verabschiedet; jetzt ergriff er noch einmal die Hand des Weibes, das ihm Kinder geboren, und eine Träne fiel darauf. Und als Telesippe schon längst hinweggegangen war, stand Perikles noch lange mit sinnendem Haupte da, mit einer Frage sich beschäftigend, welche zu denjenigen gehört, die keine menschliche Weisheit jemals löst ... Wunderbar und ewig unentwirrbar kreuzen sich die Pflichten der Menschen und ihre Rechte. Für Perikles und sein Eheleben war der Würfel gefallen. Der Wendepunkt in seinem häuslichen Leben hatte ein Doppelantlitz, wie fast alles irdische Geschehen. Auf Telesippes ernsten Hinweggang folgte der fröhliche Einzug Aspasias. Ihr Eintritt verscheuchte gemach den Schatten auf der sinnenden Stirn des Perikles. Er verbreitete Licht und Glanz bis in den innersten Winkel des Hauses. Aspasia kam im Geleit aller lächelnden Frühlingsgeister. Ein würzig frischer Hauch verdrängte die bis dahin dumpfe Atmosphäre des Hauses. Die alten, ehrwürdigen Hausgötter waren mit Telesippe fortgezogen. Aspasia brachte neue mit sich. Sie stellte im Peristyl des Hauses den freudenreichen Dionysos auf, und die lächelnde Aphrodite, und den lockigen, leuchtenden Schutzgott des heiteren Ionierstammes, den mit Pfeil und Lyra bewährten Führer des Musenreigens, Apollon. Auch fehlten von jetzt an nicht die Charitinnen am Altar dieses Hauses, wo das gebührende Opfer ihnen so lange versagt blieb. Der Geist der Neuerung, welcher den Schritten Aspasias überall hin folgte, begleitete sie auch in das Haus des Perikles. Binnen kurzem war dieses Haus in heiterer und üppiger Weise umgestaltet. Nichts Unschönes, nichts Unedles duldete Aspasia um sich. Weichen mußte, was nicht Gnade fand vor ihren schönheitskundigen Augen. Schönheit wurde ausgerufen als oberstes Gesetz auch am häuslichen Herde. Künstlerhände mußten die Wände der Gemächer mit reizvollen Bildern schmücken. Aus Künstlerhänden mußte fortan nicht bloß das hervorgehen, was das Leben schmückt und verschönert, sondern auch, was immer dienen mag dem Bedarfe des täglichen Lebens. Einfach war bisher das Hauswesen des Perikles; nun mißfiel diese Einfachheit auch ihm selbst. Nichts ist süßer für den Liebenden, als den Aufenthalt der Geliebten so reizvoll als möglich auszuschmücken. Kein Mann schmückt für sich selbst das Haus; für ein geliebtes Weib aber wird auch der Geizhals zum Verschwender. Mit Freuden half Perikles der geliebten Aspasia die Stätte seines neuen Glückes zu einem Tempel der Schönheit umgestalten. Den feinentwickelten Sinn für das dem Auge wohlgefällige, für das Passende und Zusammenstimmende, welcher den Frauen eigen ist, und welchen sie an ihrem Schmuck, an ihrer Gewandung üben, besaß Aspasia in so wunderbarem Grade, daß Perikles sich wie im Banne einer Zauberin befand, und die Geliebte bat, sie möge nur nicht auch ihn selbst, wie alles um sich her, verwandeln. Aber er war schon verwandelt. Ohne ein Weichling geworden zu sein, entwickelte er nun einen Sinn in sich, der bisher in dem rastlos tätigen Manne völlig geschlummert hatte. Die Geliebte, oder vielmehr die Liebe selbst lehrte ihn die sinnige und nicht zu verschmähende Poesie desjenigen erkennen und schätzen, was er bisher nicht beachtet hatte. Was waren ihm früher Perlen und Edelsteine gewesen? Jetzt konnte er eine Gemme, die in einer Goldspange am lilienweißen Arme der Geliebten funkelte, eine endlose Zeitlang betrachten und sich in das farbig sprühende Licht derselben wie in eine wunderbare Offenbarung versenken. Was waren ihm früher duftende Salben, was waren ihm alle Wohlgerüche der Welt gewesen? Jetzt war sein Sinn geweckt für jeden feinsten Dufthauch, der in der Nähe der Geliebten ihn umwitterte, und jeder Art desselben entsprach in seiner Seele eine andere Art von süßer Trunkenheit. Was waren ihm bisher die Farben gewesen? Ein flüchtiger Reiz im besten Falle, dessen er kaum sich bewußt war. Und jetzt? welches Leben, welchen Zauber gewann für sein Auge das glutende Rot, das flammende Gelb, das entzückende Blau, das hold anregende Grün, wenn es den Leib der Geliebten umwogte, oder wenn ihre rosigen Glieder sich davon abhoben in blühender Weiße. Das Band der Liebe und einer schrankenlosen Hingebung mag zwei Herzen noch so lange und glücklich vereinigt haben, das Band, das Hymen um sie schlingt, bereitet ihnen doch ein neues, bis dahin unbekanntes Glück. Die Ehe hat, wie die Liebe, ihren besonderen Honigmond. Täglich neu sich verlieren und täglich neu sich wiederfinden, mag dem Honigmond der Liebe seine Würze verleihen: aber auch das Bewußtsein, sein schönstes Glück immer nahe zu haben, ist beneidenswert. Wer die Ehe schilt, der kennt die Liebe nicht. Jede Tageszeit hatte jetzt für Perikles ihre besondere Lust, ihren besonderen Glanz, ihre besondere Blüte. Immer war Aspasia dem Perikles alles und doch zu jeder Zeit etwas anderes: des Morgens seine rosenfingerige Eos, des Abends seine Selene, süßen Schlummer auf seine Lider träufelnd, den Tag über seine Hebe, die ihm den Becher des Gebens kredenzte. Sie war die Hera des »Olympiers«, aber sie brauchte niemals den Zaubergürtel erst von der goldnen Aphrodite zu entlehnen. Noch mehr: in manchen Augenblicken erschien sie ihm ehrwürdig wie seine Mutter, und in andern Momenten liebte er sie mit der Empfindung, mit welcher man ein Kind liebt. Wenn schon toter Schmuck, Edelsteine, Perlen, Wohlgerüche, leuchtende Farben durch die Liebe einen neuen Zauber gewinnen, dem Liebenden einen neuen, bis dahin ungeahnten Sinn erschließen, welches erhöhte Leben, welche neue Magie muß erst die Poesie, muß die Tonkunst für liebende Herzen gewinnen? Welche Fülle und Mannigfaltigkeit des Reizes und Genusses mußte die zauberkundige Aspasia aus diesen Quellen zu schöpfen und zu kredenzen wissen! Sang Aspasia dem Perikles ein Lied zur Laute oder las sie ihm, wie als Kind dem Philammon, aus Bücherrollen vor, so wußte er nicht, was ihn schöner bezauberte: wenn sie mit erglühenden Wangen ganz aufging im Feuer ihrer Kunst oder des Poeten, den sie las, oder wenn sie in mutwilliger Laune ihren Sang oder ihre Lesung mit kindischem Geplauder, mit überflüssigen Liebesfragen, mit holdem Getändel beständig unterbrach ... Die Athener hatten in der Regel kein eigentliches Daheim. Sie lebten außer dem Hause. Perikles aber besaß jetzt ein Daheim. Daß die Knaben Xanthippos und Paralos, die Söhne des Perikles, nicht Aspasiens Sprößlinge waren, kam es dem Eheglück des Perikles nicht ebenfalls zu gute? Er brauchte die Liebe Aspasias nicht mit diesen zu teilen. Wenn an dem Glücke der beiden etwas fehlte, so war es vielleicht nur das ganze, volle Bewußtsein desselben. Denn zuletzt ermessen doch nicht die Glücklichen selbst, sondern nur die Entbehrenden ganz und voll das Glück der Glücklichen. Wohlmeinend mischen die Götter gern einen Tropfen Wermut in jeden Freudenbecher: denn nur das getrübte oder gefährdete Glück kommt zum Bewußtsein. Die Liebesehe des Perikles und der Aspasia gab den Athenern einen unerschöpflichen Stoff zu Gesprächen. Man erzählte sich auf der Agora, man erzählte sich in allen Hallen, auf allen Ringplätzen, in allen Buden der Handwerker und in allen Barbierstuben von ganz Athen, daß Perikles seine Gattin küsse, so oft er aus dem Hause fortgehe und so oft er wieder zurückkehre. Ein Mann, verliebt in seine Gattin! Man sprach von den weißen sikyonischen Rossen und dem glänzenden Gefährt, welches die neue Gattin des Perikles zuweilen durch die Straßen Athens trug. Man sprach von der Umgestaltung, welche das einst so einfache Haus des Perikles erfahren. Man sprach von den neuen, prächtigen Wandgemälden, mit welchen es geschmückt wurde, insonderheit von einem, welches die Plünderung des Olymps durch die Eroten darstellte. Geschmückt mit dem Raube zogen sie jubelnd einher: die mit dem Blitze des Kroniden, die mit dem Bogen Apollons, die mit des Ares Helm und Schild, mit der knotigen Wehr des Herakles, mit dem bacchischen Thyrsus, mit den Fackeln der Artemis, mit den geflügelten Schuhen des Hermes. Man sagte jetzt auch, Aspasia verfertige dem Perikles die Reden, die er vor dem Volke halte. Perikles, der Olympier, der von jeher gefeierte Redner, ließ sich dies lächelnd gefallen und gab zu, daß er seine glücklichsten Eingebungen Aspasia verdanke. Aspasia besaß den Zauber einer fließenden, schlagkräftigen Rede, wie man ihn zuweilen bei Frauen findet, vereinigt mit lieblichem Silberklang der Stimme: und so machte sie auf die Männer den Eindruck, als wäre sie eine große Redekünstlerin, von welcher man lernen könne. Man erzählte sich aber auch im Volke, daß Aspasia den Perikles verleiten wolle, nach der Königsgewalt zu streben. Man sagte, sie wolle nicht hinter ihrer Landsmännin Thargelia zurückbleiben, welcher es doch auch gelungen, eines Königs Gemahlin zu werden. Reigenführerin der Neuigkeitskrämer zu Athen blieb stets die ehrwürdige Elpinike. Man konnte sie des perikleischen Hauses lebende und wandelnde Chronik nennen. Ihr entstammte die Runde von dem Kusse, welchen Perikles seiner Gattin beim Fortgehen und Wiederkommen gebe. Sie wußte Bescheid, welche Gesinnungen Aspasia gegen die Kinder des Perikles, gegen den jungen Alkibiades hege. Sie wußte zu erzählen, daß Aspasia den Knaben Paralos und den Knaben Xanthippos nicht liebe, daß sie wenig um diese sich kümmere, sie der Obsorge des Pädagogen überlasse, des Knaben Alkibiades aber sich mütterlich annehme, ihn zärtlich behandle, daß unter ihren Händen der Sprößling des Kleinias zum Weichling werde und noch zu Schlimmerem. War es zu verwundern, wenn Aspasia für den herrlich begabten Mündel des Perikles gegen die Söhne desselben Partei nahm, welche zwar die Züge des Vaters im Antlitz trugen, in der Gemütsart aber als Ebenbilder ihrer Mutter Telesippe sich darstellten? Außer dem Alkibiades, dem Paralos und dem Xanthippos wuchs übrigens im Hause des Perikles noch ein anderer Knabe heran, den man nicht wohl zu den Angehörigen des Perikles, und doch auch nicht zu den Sklaven rechnen konnte. Es hatte eine eigene Bewandtnis mit diesem Knaben, welchen Perikles aus dem samischen Kriege mit nach Athen gebracht hatte. Man wußte nicht mehr von seiner Herkunft, als daß er der Sohn eines thrakischen, oder skythischen, oder eines andern nordischen Königs war, daß er von feindlicher Hand als Kind seinen Eltern geraubt und dann als Sklave verkauft worden war. Perikles fand ihn auf Samos; seine Teilnahme wurde erregt durch das Schicksal und das eigentümliche Wesen des Knaben, er kaufte ihn, und führte ihn mit sich nach Athen. Hier ließ er ihn erziehen mit seinen eigenen Kindern. Sein Name war Manes. Weit entfernt waren seine Züge von der Feinheit und dem Adel hellenischer Formen; er konnte vielmehr ein wenig an seine Stammverwandten, die skythischen Mietsoldaten auf der Agora, gemahnen. Aber er war ausgezeichnet durch schönes, hellbraun glänzendes Haar, helle Augen und eine blühende Weiße der Haut. Er war schweigsam und sinnend und verriet ein eigenartiges Empfinden in vielen Dingen. Alkibiades suchte den neuen Gespielen zu verführen, ihn anzustecken mit seiner liebenswürdigen Ausgelassenheit. Es gelang ihm nicht. Manes hielt sich gern allein, zeigte keine glänzenden Gaben des Geistes, versenkte sich aber mit Eifer in alle Gegenstände des Unterrichts, der ihm gemeinsam erteilt wurde mit den Knaben des Perikles. Perikles selbst gewann ihn lieb, Aspasia aber fand ihn drollig, und der junge Alkibiades machte ihn zur Zielscheibe seiner Spöttereien und übermütigen Scherze. Es tat dem häuslichen Glücke des Perikles keinen Eintrag, daß sein Haus jetzt den Freunden offener stand, als ehedem, und daß Aspasia, mit bewußter Absicht den Brauch athenischer Frauen verlassend, in Gesellschaft ihres Gatten teilnahm an den Gesprächen der Männer. Verleiht es ja doch dem Glücke derjenigen, welche sich lieben, nur eine neue Würze, wenn sie auf Stunden in einem größeren Schwarme sich gleichsam verlieren, um zuletzt doppelt beglückt sich wiederzufinden. Von den älteren Freunden des Perikles trat Anaxagoras jetzt mehr in den Hintergrund. Er wurde verdrängt durch den glänzenden Protagoras, welchen Aspasia begünstigte, und dessen frische, vorurteilslose, kühn fortschreitende Lebensanschauung ihn als einen geeigneten Bundesgenossen der Milesierin erscheinen ließen. Auffallend selten zeigte in dem Hause des Perikles sich der Dichter der »Antigone«, sei es, daß er mit dem feinen Lebenstakte, der ihm eigen war, die gegen ihn, wie er wohl wußte, erregte Eifersucht des Freundes nicht schüren wollte, oder daß er in sich selbst eine wachsende, unzeitige Empfindung zu unterdrücken fand, oder auch, daß irgend ein anderes reizendes Frauenwesen seiner sich bemächtigte und den älteren Freunden ihn entzog. Nicht unmöglich erscheint es auch, daß diese sämtlichen verschiedenen Gründen bei ihm zusammenwirkten ... Wenn so der heitere Sophokles sich selten machte, so suchte gerade der mürrische Euripides, sein Nebenbuhler auf dem tragischen Gebiete, um so häufiger die Gesellschaft Aspasias. Mit ihm kam der in seiner Anhänglichkeit unverändert gebliebene Sokrates. Den Pheidias führten Angelegenheiten seines Berufes zuweilen in das Haus des Perikles, und Aspasia genoß den Triumph, zu sehen, daß er ihre Gesellschaft nicht vermied. Ihm gegenüber wußte sie eine Art von Liebenswürdigkeit zu entfalten, welche berechnet war auf das Eigentümliche seines Wesens. Immer aber kam sie in den Gesprächen mit ihm zurück auf seine lemnische Göttin. Sie ereiferte sich, sie erhitzte sich sogar. Ihrer Meinung nach stand Pheidias jetzt an einem Scheidewege, und sie hoffte Einfluß zu nehmen auf die Richtung, für welche er sich entschied. Sie wollte alles daran setzen, den Starrsinn seiner künstlerischen Anschauung zu brechen. Sie wiederholte ihm den Vorwurf, daß er den Reiz der natürlichen Weiblichkeit als Bildner nicht voll auf sich wirken lasse. Pheidias verschmähte in der Tat die sogenannten Modelle. Er trug in sich die vollendeten Urbilder aller schönen Form. So blieb sein Künstlerauge am liebsten nach innen gerichtet, und je älter er ward, desto mehr vertraute er seinem inneren Schauen. Er war zu stolz, die unmittelbare Wirklichkeit einfach nachbildend in Stein oder Erz zu übertragen. Das aber war es gerade, was Aspasia von ihm wollte. Als sie eben wieder ein lebhaftes Gespräch dieser Art mit Pheidias geführt, und dieser sich entfernt hatte, sagte Perikles lächelnd: »Du zürnst dem Pheidias gar sehr, wie es scheint, daß er nicht mehr bei der reizenden Wirklichkeit in die Schule gehen will?« »Allerdings«, sagte Aspasia; »in seiner Seele sind nur die Ideale einer sozusagen unbewußten und ernsten Schönheit vorgebildet. Es wäre Zeit, daß er den vollentfalteten, bewußten Liebreiz aus der Wirklichkeit zu schöpfen nicht verschmähte.« »An welches Weib aber«, fuhr Perikles fort, »würdest du ihn weisen, um diesen vollen und seiner selbst sich erfreuenden Liebreiz wie aus der lautersten Quelle zu schöpfen? Da Pheidias die homerische Helena nicht aus dem Hades heraufbeschwören kann, das schönste aller gegenwärtig lebenden hellenischen Weiber aber, nach dem einstimmigen Urteile aller Menschen, du selbst bist, so wünschte ich zu wissen, in welcher Art du dem Pheidias zu antworten gedenkst, wenn er dich fragt, an welches Weib du ihn weisest?« »Ich würde ihn an ein Weib weisen«, erwiderte Aspasia, »das nur sich selber angehört.« »Wenn er darauf bestände, sich an ein Weib zu wenden, das nicht sich selber angehört?« fragte Perikles. »Dann würde er sich wohl«, versetzte Aspasia, »an denjenigen wenden müssen, dem sie angehört: an ihren Herrn, wenn sie eine Sklavin ist, oder an ihren Gatten, wenn sie eines athenischen Mannes Gattin ist.« »Und glaubst du«, sagte Perikles, »daß ein athenischer Mann jemals sich entschließen könnte, das Weib, das ihm angehört, den Blicken eines andern völlig preiszugeben?« »Warum stellst du eine Frage an mich«, versetzte Aspasia, »die du besser zu beantworten berufen bist, als ich?« »Nun wohlan!« entgegnete Perikles, »ich will sie beantworten. Der athenische Mann wird das Weib, das ihm angehört, den Blicken eines andern niemals unverhüllt preisgeben. Die Schamhaftigkeit des Weibes darf kein leerer Name sein; und wenn die Jungfrau züchtig ist von Natur, so muß das Weib, das einem Manne angehört, es doppelt sein aus Liebe, weil sie durch Entäußerung der Scham nicht sich allein entehrt.« »Deine Willensmeinung ist ehrwürdig«, sagte Aspasia, »und ohne Zweifel gerecht. Der Grund aber, den du dafür anführst, scheint mir nicht in jeder Beziehung stichhaltig zu sein. Es geschieht doch gar nicht selten, daß ihr Männer eure Frauen den Augen und den Händen der Aerzte überlasset, wenn auch nur in eurer eigenen persönlichen Gegenwart. Es scheint also, daß die Schamhaftigkeit nicht die höchste aller Rücksichten, oder nicht jede Enthüllung an sich auch schamlos ist.« So weit waren Perikles und Aspasia in ihrer Unterredung fortgeschritten, als sie plötzlich durch den Besuch zweier Männer unterbrochen wurden, deren gleichzeitiger Eintritt in das Haus sie sehr überraschte. Diese beiden Männer waren Protagoras und Sokrates. »Ei, wie kommt es doch«, fragte Aspasia lächelnd nach der ersten Begrüßung, »daß zwei erlesene Männer, von welchen ich seit jenem Festmahl bei Hipponikos immer gefürchtet, daß sie sich feindlich gegenüberstehen, heute so friedlich gesellt zu gleicher Zeit dieses Haus betreten?« »Ich will dir erzählen, wie es kam«, erwiderte Sokrates, »wenn du durchaus verlangst, es zu wissen. Wir beide, Protagoras und ich, stießen, von entgegengesetzten Richtungen kommend, vor der Tür dieses Hauses zusammen. Ich für meinen Teil stand schon eine Weile vor der Schwelle und zögerte einzutreten, weil mich unmittelbar in dem Augenblicke, als ich eintreten wollte, ein Gedanke erfaßte, den ich nicht los werden konnte. Während ich nun so da stand, den Blick zu Boden gekehrt, kam von der andern Seite Protagoras. Er sah mich aber anfangs eben so wenig, als ich ihn, denn während ich nachdenklich zu Boden blickte, ließ er sein Auge mit emporgerichtetem Haupte in den Wolken und in den Höhen des Aethers schweifen. So prallten unsere Leiber aneinander; ich erkannte den Protagoras und er mich, und da jeder von uns beiden merkte, daß der andere die Absicht habe, hier einzutreten, so wollte jeder von uns beiden wieder umkehren und den anderen allein eintreten lassen. Und da jeder dem andern erklärte, er wolle ihm das Feld räumen, keiner aber dies Opfer des andern annehmen wollte, so kamen wir zuletzt auf den Einfall, auf gut Glück mitsammen einzutreten.« Perikles und Aspasia lächelten und äußerten, sie erblickten eine gute Vorbedeutung in diesem Zusammentreffen, um so mehr, da sie eben in einer Art von philosophischer Erörterung begriffen gewesen seien. Sie hätten sich, sagten sie, mit einer Frage befaßt, zu deren Lösung zwei Männer, die zwar verschieden dächten, aber doch unbestritten weise wären, wohl das ihrige beitragen könnten. Als nun Protagoras und Sokrates fragten, um welche Sache es sich gehandelt habe, so trug Perikles kein Bedenken, den beiden Männern die Angelegenheit auseinanderzusetzen. »Wir begannen die Frage zu erörtern«, sagte er, »ob ein Mann die unverhüllte Schönheit des Weibes, das er liebt, dem Auge eines Bildners zur Nachformung preiszugeben sich bereit finden könne. Ich leugnete dies. Aspasia aber verwies mich darauf, daß wir Männer unsere Frauen ja doch auch den Augen und Händen der Aerzte preisgeben, wenn auch nur in unserer eigenen persönlichen Gegenwart, daß wir also bisweilen geneigt sind, andere Rücksichten für höher, als die Rücksicht auf Schamhaftigkeit zu erachten. Daß euch nun der Zufall eben herbeigeführt, ist ein Götterwink, euch, als weise Männer, zur Entscheidung der Sache heranzuziehen.« »Ohne Zweifel«, sagte Protagoras, »gibt es Rücksichten, welche höher stehen, als die der Schamhaftigkeit, und Beweggründe, welche die scheinbare Verletzung derselben entschuldigen können. Einen dieser Beweggründe hat Aspasia selbst schon angeführt. Ich füge hinzu: was sollte aus der Bildkunst werden, wenn das Schönste sich dem Auge des Bildners spröde versagte? Die Schönheit hat Pflichten nicht bloß gegen sich selbst. Was die Natur ihr verschwenderisch geschenkt, das muß sie der Kunst zu gute kommen lassen. Das Schöne gehört in einem gewissen Sinne immer der Allgemeinheit an, und diese läßt sich ihr Recht darauf nicht rauben. Ueberdies ist die Schönheit ihrer Natur nach etwas Flüchtiges, etwas, das an sich nur für die Mitwelt da ist, und das nicht anders auf die Nachwelt gebracht und verewigt werden kann, als dadurch, daß die Dichter es in Gesängen verherrlichen, wie Homeros das Weib des Menelaos, oder daß ein Bildner den lebendigen Reiz der Leiblichkeit in Marmor oder Erz den kommenden Geschlechtern, soweit es möglich ist, überliefert.« »Nach deiner Meinung«, sagte Perikles, »soll also ein schönes Weib als ein Gemeingut gelten, das keiner ganz für sich allein besitzen darf?« »Nur ihre Schönheit – nicht sie selbst!« versetzte Protagoras. »wie es bei allem, was in der Welt geschehen mag, auf die Art und Weise des Geschehens ankommt, auf die Umstände, unter welchen es geschieht, so könnte meines Bedünkens auch die Schaustellung weiblicher Reize zur Förderung eines großen künstlerischen Zweckes in einer Art und Weise und unter Umständen vor sich gehen, welche das Bedenkliche der Sache völlig aufheben.« »Und welche wären diese Umstände?« fragte Perikles. »Es ist dies eine Sache«, versetzte Protagoras, »welche zu erörtern einigermaßen schwer fällt, wie Aspasia demzufolge, was du von deinem vorigen Gespräche mit ihr uns mitgeteilt, schon angedeutet hat, pflegen wir zwar ein Weib, das des hilfreichen Arztes vertrauliche Nähe ohne Zeugen sucht, für schamlos und verbuhlt zu halten, finden aber jene Art von Preisgebung unbedenklich, wenn sie vor sich geht unter den Augen des Gatten. Dadurch dürfte nun ein für allemal festgestellt sein, daß es eine Art und Weise gibt, in welcher der Mann das Weib einem fremden Auge ohne Entehrung preisgeben zu können glaubt.« »Allerdings«, erwiderte Perikles, »könnte ich mir die Schaustellung eines Weibes, wenn es durch Umstände, oder durch einen großen Zweck geboten wird, nur in dieser Art denken. Hoffentlich fügst du auch noch die Bedingung hinzu, daß das Weib dem Bildner nur gebe, was an ihr des Bildners ist, und daß die Schamhaftigkeit sich zwar zurückziehe bis auf einen Punkt, diesen Punkt aber sozusagen bis auf den letzten Blutstropfen verteidige. Indessen, erinnerst du dich nicht der Geschichte jenes morgenländischen Königs, der, von den Reizen seines Weibes bezaubert, sich beifallen ließ, sie einem Günstling unverhüllt zu zeigen? Wenn ich mich recht erinnere, so verlor dieser König Thron und Weib und Leben durch den Günstling, der, entflammt durch jenen Reiz, nicht ruhte, bis er besaß, was ihn entflammte.« »Mit anderen Augen«, versetzte Protagoras, »mit anderem Sinne, mit anderen Gedanken betrachtet ein Bildner die unverhüllte Wohlgestalt, als der weichliche Günstling eines morgenländischen Königs. Jener nimmt, wenn er herrlich erblühte Glieder betrachtet, so vieles wahr, was eben nur sein formkundiges, formsinniges Auge beschäftigt, eine solche Fülle der Belehrung strömt davon auf ihn ein, daß wenig Raum in seinem Gemüte bleibt für lüsterne Regungen. Und was etwa davon noch Raum finden mag, das hat er zu beherrschen gelernt. Abgestumpft hat auch die Gewöhnung für ihn den gröberen Reiz der Entschleierung. Und was nun gar den alten, ehrwürdigen Pheidias betrifft – ist das ein Mann? Nein, das ist eine gottgeküßte, aber geschlechtlose Bildnerseele, die einen Leib, eine Hand nur hat, um den Meißel führen zu können – das ist einer, für den alles in der Welt nur Form ist, niemals Stoff« ... »Des Protagoras Meinung kennen wir nun«, sagte Perikles. »Lasset uns hören, was Sokrates in betreff dieser Sache vorzubringen hat. Was denkst du, Sokrates? Ist es einem Weibe erlaubt, zur Förderung eines großen, künstlerischen Zweckes ihre Schamhaftigkeit beiseite zu setzen?« »Es scheint mir dies«, erwiderte Sokrates, »davon abzuhängen, ob in der Welt das Schöne dem Range nach über dem Guten steht. Und dies eben ist ja wohl, so viel ich mich erinnere, die Frage, mit deren Lösung wir uns schon so lange beschäftigen, und deren Erörterung auch bei jenem Festmahl des Hipponikos wieder abgebrochen wurde« ... »Bei allen olympischen Göttern«, unterbrach ihn Aspasia lachend, »du wirst mich sehr verbinden, bester Sokrates, wenn du auch heute darauf verzichtest, diese Frage weitläufiger zu erörtern, und wenn du mir vorläufig verzeihst, daß ich nicht einsehe, warum die Sittlichkeit vor der Schönheit einen Vorzug haben sollte, wenn es ein Gesetz ist, daß alles in der Welt gut und sittlich sein soll, so ist es auch ein Gesetz, daß alles in der Welt nach Schönheit trachte, und in ihr die Blüte seines Wesens, das Ziel seiner Entwicklung finde. Schließlich kann doch das eine wie das andere dieser beiden Gesetze nur ein inneres, selbstgegebenes für den Menschen sein. Dabei, glaub' ich, können wir es für heute bewenden lassen.« »Gewiß!« rief Protagoras; »wie ein jeder Mensch Wahrheit nur das nennt, was ihm für seine Person wahr erscheint, so ist auch gut und schön für jeden nur das, was ihm so erscheint. Eine an und für sich feststehende Sittlichkeit gibt es so wenig, als eine feststehende Wahrheit.« Die gutmütigen Züge des Sokrates nahmen einen etwas spöttischen Ausdruck an, und er sagte: »Du behauptest immer, o Protagoras, daß es keine feststehende Wahrheit gebe, und bist doch selbst der Mann, der über alles, was man immer fragen mag, die glänzendste und unumstößlichste Auskunft zu geben im stande ist!« »Seine Meinung offen auszusprechen«, erwiderte Protagoras, »ist besser, als in falscher Bescheidenheit vorgeben, nichts zu wissen, dann aber doch immer alles besser wissen wollen, als andere« ... »Ich trachte nach dem Wissen«, sagte Sokrates, »welches ich nicht besitze. Du aber leugnest alle Möglichkeit desselben. Sollen wir die menschliche Gedankenarbeit als eine vergebliche schon aufgeben, nachdem wir sie eben erst begonnen?« »Immer noch besser«, gab Protagoras zurück, »als die Frische und die Harmonie des hellenischen Gebens durch eine grübelnde und grämliche Betrachtung zersetzen zu wollen« ... »Ich begreife nun«, entgegnete Sokrates, »daß es Menschen gibt, welche, da sie die Kunst des Denkens gering schätzen, die Kunst des Redens um so herrlicher ausbilden. Denn da die Gedanken, welche sie aussprechen, nach ihrem eigenen Geständnisse keinen unbedingten Wert haben, so können es nur die glänzenden Worte sein, durch welche sie auf die Hörer wirken.« »Es gibt auch solche«, versetzte Protagoras, »welche die Kunst der Rede vernachlässigen, weil sie glauben, daß man hinter ihrer verstellten Einfalt Tiefsinn, hinter ihrem Stammeln die Weisheit eines Orakels, und hinter ihren bescheidenen Fragen die Herablassung eines überlegenen Geistes suchen werde.« »Es dünkt mich besser«, sagte Sokrates, »die Menschen durch Fragen, welche ihre Bequemlichkeit stören, zum Denken zu zwingen, als sie durch schnell fertige, immer bereite Antworten, welche dem Frager bequem sind, zur Gedankenlosigkeit anzuleiten.« »Besser ist Gedankenlosigkeit«, erwiderte Protagoras, »als den Boden der Wirklichkeit hinter sich lassend, auf Wolken und Luftgebilden reitend, im Schrankenlosen sich zu verlieren. Indessen ist ein solches Sichversenken in die Welt des unbegrenzten Gedankennebels oft erklärlich. Es gibt wohl solche, die gezwungen waren, sich auf die Jagd nach den Begriffen zu begeben, weil ihnen die Göttergabe lebendigen bildnerischen Schaffens versagt war« ... »Es gibt auch welche«, versetzte Sokrates, »die mit Bildern flunkern, weil ihnen die Gabe der reinen und klaren Begriffe versagt ist« ... »Jene grämlichen Grübler«, sagte Protagoras, »sie eben sind es, welche die Tugend widerwärtig machen, indem sie mit Worten immer darauf zurückkommen.« »Bewunderungswürdiger sind freilich diejenigen«, entgegnete Sokrates, »welche die Tugend ganz beiseite liegen lassen, um niemals aus dem Kreise einer schönen und liebenswürdigen Liederlichkeit herauszutreten.« »So lange die Liederlichkeit schön und liebenswürdig ist«, gab Protagoras zurück, »ist sie besser als die notgedrungene Entsagung derjenigen, welche auf das Feld der Schönheit und des Genusses das Unkraut ängstlichen Zweifels säen, weil sie selbst nicht zur Schönheit und zum Genüsse berufen sind« ... »Ein solcher bin ich!« versetzte Sokrates ruhig. »Du aber, Protagoras, scheinst mir einer von denjenigen zu sein, welche den freien Gedanken zu dem machen wollen, was sie selber sind, zum Knechte der Sinne!« »Ich bedaure«, fiel hier Perikles den Streitenden in die Rede, »daß ihr mit diesem Wortwechsel die Sache, um die es sich handelte, nicht zur Entscheidung gebracht, sondern euch, wie mich dünkt, in unfruchtbaren Worten ereifert habt.« Sokrates sagte: »Ich weiß, daß ich hier nur der Besiegte sein kann!« Nach diesen Worten entfernte er sich ruhig und ohne eine Spur von Aufregung in den Zügen. Bald darauf ging auch Protagoras hinweg, jedoch nicht ohne zuvor seiner Erregung noch durch einige Worte Luft zu machen. »Die beiden weisen Männer«, sagte Perikles zu Aspasia, »scheinen mir einander völlig gewachsene Gegner zu sein. Sie gingen einander zu Leibe als kunstgeübte Fechter, und es ist schwer zu sagen, welcher von beiden die Ehre des Sieges in Anspruch nehmen darf.« Aspasia lächelte nur, und auch als Perikles sie schon allein gelassen hatte, umschwebte jenes Lächeln noch ihre Lippen. Sie wußte genau, was den Streit der beiden Männer auf eine so scharfe Spitze trieb, was selbst von seiten des sanften Sokrates ihm so viel Schneidiges und Bitteres beimischte. Sie las im Herzen des Grüblers so gut, wie in dem des glänzenden Sophisten, der kein Wort sprach, von welchem er nicht wußte, daß es dem Ohre der schönen Milesierin gefallen werde ... Gegen den Sokrates regte seit jenem Wortwechsel desselben mit Protagoras in Aspasia sich ein wachsender Unmut, und fast ohne daß sie sich dessen bewußt war, keimte in ihrer Seele der Anschlag, mit weiblicher Arglist die Weisheit des Mannes, der auf den »freien Gedanken« pochte und die »Knechte der Sinne« verachtete, wo möglich an ihm selbst zu schanden zu machen. XVI. Die Frauen am Thesmophorienfeste. as ist die Schönheit selbst!« riefen die Athener, als Pheidias sein neues Erzbild der Pallas, welches die Lemnier von ihm wünschten, vollendet hatte, und dasselbe zum ersten Male den Blicken seiner Mitbürger enthüllte. Ein Ruf des Staunens und der Ueberraschung ging durch ganz Athen. Was wollte nur Pheidias? So wie er die Göttin in seinem neuesten Bildwerke hinstellte, so hatte noch kein Grieche sie gedacht. Sie war ohne Helm und ohne Schild. Frei wogten die gekräuselten Locken um ihr in hoheitsvoller, aber nicht minder anmutreicher Wendung emporgerichtetes Antlitz. Wunderbar war der Umriß dieses Gesichtes, unvergleichlich zart waren die Wangen gebildet. Man meinte sie erröten zu sehen. Die beiden völlig nackten Arme waren, wie die Hände, Muster der feinsten und edelsten Bildung. Der gehobene Arm gönnte einen Teil der rechten Seite unverhüllt zu erblicken, nur leicht umschmiegte das Gewand die Hüften, und hier wie überall ließ es die Umrisse der Gestalt in unverkümmerter Reinheit hervortreten. So einstimmig die Athener waren im Lobe der Schönheit dieser neuesten Schöpfung des Pheidias, eben so einig waren sie in der Behauptung, daß für diese Pallas dem Künstler Aspasia zum Modell gedient haben müsse. Nicht ganz irrtümlich war diese Behauptung. In der Tat, wenn schon Theodota es verstand, ihren Leib als einen künstlerischen Stoff zu behandeln, die Form mannigfacher weiblicher Götterwesen in demselben zu überraschendem Ausdruck zu bringen und für Kunstleistungen dieser Art ganz Athen zu Zeugen hatte, so wußte Aspasia dieselbe Kunst in noch edlerem und höherem Maße zu bewähren. Aber die einzigen Zeugen dieser Bewährung waren Perikles und Pheidias. Der ernste Pheidias ging so weit, für einen Augenblick zuzugeben, die Natur könne manchmal dem Ideal sich nähern. In der Pallas der Aspasia aber hatte Pheidias schon nicht mehr die bloße Natur vor Augen, was er da schaute, war eine Schöpfung der mimischen Kunst, eine Weiblichkeit, aus dem Geiste heraus wiedergeboren. Aspasia drückte dem natürlichen Stoffe ihrer Schönheit mit künstlerischem Bewußtsein ebensogut einen bestimmten Stempel auf, wie Pheidias nach einer bestimmten inneren Anschauung und Absicht den Steinblock meißelte. Indem Pheidias den ausdrucksvollen Reiz Aspasias, der schönen und weisen, in dauerndes Erz übertrug, vollzog er in der Tat die Mahnung, welche aus dem Munde des Perikles an ihn ergangen war, die Weisheit darzustellen im bezaubernden, allsiegenden Gewande der Schönheit. Schon Alkamenes hatte Neues und Wunderbares erreicht, als es ihm vergönnt war, aus dem lebendigen Borne der Schönheit Aspasias zu schöpfen. Pheidias löste dieselbe Aufgabe, aber er löste sie als der große Meister aller, als der hohe, unvergleichliche. Was Pheidias in seiner letzten Pallas gab, war Aspasia, aber emporgehoben zu einer so reinen und übermenschlichen Höhe, daß sie doch zugleich wie ein Ideal erschien, wie ein verkörperter Traum der edelsten Bildnerseele. Als Sokrates dieses neue Bildwerk sah, da sagte er in seiner sinnigen Weise: »Aus diesem Bilde könnte die schöne Aspasia von dem Meister Pheidias ebensoviel lernen, als der Meister Pheidias gelernt hat von der schönen Aspasia!« Seltsam war es, daß die Lobpreisungen, mit welchen die Athener den Pheidias in betreff seiner lemnischen Pallas überhäuften, ihn verstimmten und mürrisch machten. Er hörte nicht gerne davon sprechen. Er liebte dies Werk vielleicht darum weniger, weil er es nicht ganz aus sich selbst geschöpft hatte. Er hatte, so schien es, mit einem Reste halbunbewußten Unmutes sich der Aufgabe entledigt, welche ihm von außen her gestellt worden, und mit deren Lösung er nur eine Unruhe loszuwerden suchte, welche wie durch einen fremden Zauber in ihm erweckt worden war. Nun schien er um so tiefer in sich selbst zurückkehren zu wollen. Schweigsamer und ernster als je wandelte er umher und versenkte sich in ein erhabenes Gebilde, das in der verborgenen Tiefe seiner Seele leuchtete. Er war wieder ganz er selbst geworden. Er vermied Aspasia, er verkehrte kaum noch mit Perikles, und eines Tages verließ er still und heimlich Athen, an einer für alle Griechen gemeinsam-heiligen Stätte den größten Gedanken seiner großen Seele zu verwirklichen. Der unersättlichste und unermüdlichste Betrachter der lemnischen Pallas blieb Sokrates. Er schien seine Liebe von der Milesierin auf die Göttin des Pheidias zu übertragen. Die natürliche Aspasia schien ihm nicht mehr vollkommen von dem Augenblicke an, wo er ihr höheres Ideal in Stein verkörpert sah. Dennoch konnte man damals von ihm sagen, daß er seine Zeit teile zwischen jener Pallas und ihrem lebendigen Urbilde. Täglich sah man ihn seine Schritte nach der Behausung des Perikles lenken, selbst auf die Gefahr hin, dem beredten Protagoras dort zu begegnen. Wie kam das nur? wenn Sokrates nachdenklich und, wie er meinte, ziellos durch die Gassen Athens wandelte, so fand er zuletzt sich unversehens vor dem Hause des Perikles. Wie das Labyrinth der Gassen, schien er ein Labyrinth von Empfindungen zu durchwandeln, aus welchem er keinen Ausgang fand, und welches ihn immer wieder an dieselbe Stelle zurückbrachte. Absichtslos also geschah es, wenn Sokrates seine Schritte zu jener Behausung lenkte, was aber tat er dort, wenn er absichtslos dahingekommen? Erging er sich in Huldigungen? Gab er Zeichen von heimlichen Flammen, die ihn verzehrten? Hatte er sich, wie Protagoras, daran gewöhnt, seine Weisheit aus fremden Augen zu schöpfen? Nichts von all' dem. Er stritt sich mit Aspasia. Er stichelte auf sie. Gelegentlich tat er einmal in ihrer Gegenwart den Ausspruch, der seither oft wiederholt worden ist, und welchen die Ueberlieferung gewöhnlich dem Perikles zuschreibt, der ihn doch nur von Sokrates hatte: jene Frau sei die beste, von welcher man am wenigsten spricht. Er sagte ihr Bitterkeiten, und selbst wenn er ihr zu schmeicheln schien, war er voll von jener seinen Ironie, welche ein Merkmal seines Wesens und seiner Rede bildete. Und Aspasia? Sie erschien in dem Maße sanfter, versöhnlicher, liebenswürdiger und bezaubernder, als Sokrates seiner freimütigen Laune die Zügel schießen ließ. Und umgekehrt: je sanfter und gewinnender Aspasia sich gab, um so grämlicher und absonderlicher gebärdete sich der weise Sokrates. Was wollten sie von einander, diese beiden Wunderlichen? Kämpften sie miteinander den uralten, neckischen Zweikampf der Weisheit und der Schönheit aus? Sie trieben das seltsame Spiel insonderheit seit jenem Wortwechsel, welchen Sokrates mit Protagoras im Beisein des Perikles und Aspasias gehabt. Aspasia gab sich den Anschein, zu glauben, daß Sokrates das Haus des Perikles um seines Lieblings Alkibiades willen besuche. Sie ging in ihrer neckischen Laune so weit, Verse an ihn zu richten, in welchem sie ihm als einem Liebenden Ratschläge erteilte, Sokrates nahm alles dieses lächelnd hin, ohne die geringste Einwendung, ohne einen Versuch, die schelmische Freundin Lügen zu strafen. Er zeigte sich auch niemals des schönen Knaben überdrüssig, der noch immer mit einer fast zärtlichen Vorliebe an ihn sich schloß. Dem Knaben gegenüber betrug er sich offen, heiter, freundlich, Zutrauen erweckend, ohne eine Spur von jener Grillenhaftigkeit und jener Ironie, mit welcher es ihm gefiel, die anmutendste Begegnung der schönsten aller hellenischen Frauen zu erwidern. Häufige Unterredungen hatte Aspasia auch noch immer mit dem Weiberhasser Euripides, der als tragischer Dichter jetzt zu größerer Geltung gelangte. Die zur Betrachtung neigende Art seiner Muse fand Anklang, und er wurde bald der Lieblingsdichter einer Epoche, welche von der unmittelbaren und naiven Anschauung der Dinge mehr und mehr zu gedankenvoller und aufgeklärter Beobachtung derselben sich fortbewegte. Er hatte reiche Erfahrungen gemacht, und so quoll sein Mund beständig über von den geistigen Ergebnissen dessen, was er erlebte. Dabei hatte er ein scharfes, rückhaltloses Wesen, das ihm gestattete, offen und freimütig auszusprechen, was er dachte. Er machte keine Zugeständnisse, nicht einmal dem Volke der Athener, dem jeder schmeicheln zu müssen glaubte. Als man ihm einmal einen Vers auszischte, dessen Inhalt den Athenern nicht gefiel, so trat er auf offener Scene hervor, um sich zu verteidigen, und als man ihm entgegenschrie, daß man diesen Vers getilgt sehen wolle, so erwiderte er, das Volk habe von den Dichtern, nicht die Dichter vom Volke zu lernen. Er schmeichelte auch Aspasia nicht, und niemand würde es gewagt haben, in dem Tone, wie er, mit ihr von den Frauen zu reden. Er hatte seine erste Frau verstoßen und eine andere genommen, eine Tatsache, welche Aspasia, wie erzählt worden, in einem Schreiben an Perikles mit schlauem Bedacht als ein Beispiel männlichen Entschlusses gepriesen. Eines Tages kam Aspasia mit Euripides zufällig auf diese Sache zurück, im Beisein ihres Gatten und des Sokrates. Nachdem sie neuerdings seiner raschen Entschlossenheit Lob gespendet, fragte sie ihn nach seiner neu erkorenen Gattin. »Sie ist das Gegenteil jener früheren«, erwiderte mürrisch Euripides, »aber darum nicht besser: sie hat nur die entgegengesetzten Fehler. Jene war ein nüchternes, aber ehrliches Weib, das mir mit einer hausbackenen Art von Liebe lästig fiel; diese ist eine Gefallsüchtige, welche durch leichten Sinn und Wankelmut mich zur Verzweiflung bringt. Ich bin aus dem Regen in die Traufe gekommen. Ich bin ein Unglückskind, und alles Bittere geben mir die Götter nacheinander durchzukosten.« »Ich hörte von deiner Gattin erzählen«, sagte Aspasia, »daß sie schön und liebenswürdig ist.« »Jawohl, für alle Welt«, versetzte Euripides, »nur nicht für mich. Sie würde es freilich auch für mich sein, wenn ich mich entschließen könnte, ihre schlimmen Eigenschaften als ebenso viele Tugenden zu betrachten.« »Welche schlimmen Eigenschaften sind es, die du ihr vorwirfst?« fragte Aspasia. »Sie vernachlässigt das Hauswesen«, versetzte Euripides; »das Garn auf dem Webstuhl zerzausen die Hühner. Sie tanzt und schmaust bei Freundinnen, sie hat die Unart, vor die Haustür auf die Straße hinauszugucken.« »Ist das alles?« fragte Aspasia. »Nein!« sagte Euripides. »Sie ist unbeständig, sie ist launisch, sie ist ungetreu, sie ist lügenhaft, sie ist voll Verstellung, sie ist falsch, sie ist boshaft, sie ist tückisch, sie ist ungerecht, sie ist grausam, sie ist rachsüchtig, sie ist neidisch, sie ist eigensinnig, sie ist leichtgläubig, sie ist töricht, sie ist verschmitzt, sie ist schwatzhaft, sie ist eifersüchtig, sie ist putzsüchtig, sie ist gefallsüchtig, sie ist gewissenlos, sie ist herzlos, sie ist kopflos ...« »Genug!« unterbrach ihn Aspasia. »Es dürfte dir schwer fallen, dies alles im einzelnen zu beweisen.« »Dies alles und noch mehr!« erwiderte Euripides. »Vielleicht erzeigst du deiner Gattin zu wenig Liebe«, sagte Aspasia, »und machst sie dadurch dir abgeneigt!« »Ei freilich!« entgegnete Euripides hohnlachend; »wenn man auf solche Weiblein hört, so lassen es die Gatten immer an Liebe fehlen. »Du hast kein Herz, mein Freund!« sagte die Viper zum Ziegenbock. Aber im Gegenteil, ich sag' euch, mein Unglück stammt eben daher, daß ich das Weib nicht so behandle, wie die meisten Athener ihre Frauen behandeln; daß ich ihr zu großen Einfluß auf mich, auf mein Gemüt verstatte, daß ich mich von ihr quälen lasse. Denn sanft wie die Lämmer sind die Weiber, solange man sie kurz hält, werden aber gleich übermütig, wenn man ihnen Anlaß gibt, sich für unentbehrlich zu halten. Ja, es gibt nur ein einziges Mittel, sich eines Weibes, seines Herzens, seiner Liebe, seiner Hochschätzung, seiner Ergebenheit zu versichern; dies Mittel besteht darin, daß man sie vernachlässigt, Wehe dem Manne, welcher sein Weib merken läßt, daß er es nicht missen kann! Es wird ihm den Fuß auf den Racken setzen. Ein Weib lieben, heißt den bösen Dämon in ihm erwecken, wer aber dem Weiblein mit freundlicher Kühle begegnet und im übrigen seiner Wege geht, wer ihm beweist, daß er es entbehren kann, der wird umtänzelt und umkost, dem wird die Wange gestreichelt, dem wird die Hand auf die Schulter gelegt mit der Frage: »Was willst du heute abend essen, liebes Väterchen?« der wird verehrt als »des Hauses und der Familie heiliger Hort und Herr«, dem wird gerührter Dank gezollt für jeden Brosamen der Gnade, den er fallen läßt. Zeigte aber derselbe Alarm sich schmachtend und verliebt, so erschiene er in acht Tagen langweilig, in einem Monat wäre er verabscheut und in einem Jahre zu Tod gequält.« Lächelnd hörten Perikles und Aspasia diese in grämlichem Tone vorgebrachte Auslassung. Euripides aber fuhr mit gleichem mürrischen Ernste und Nachdruck fort: »Des Mannes Parze ist das Weib. Sie ist's, die seinen Lebensfaden spinnt – dunkel oder golden.« Perikles erschrak fast bei diesen Worten, Aspasia lächelte. »Ich kann nicht glauben«, sagte Perikles, »daß der Mann im allgemeinen so abhängig sei vom Weibe.« »Er wird es werden, wenn er es nicht ist«; erwiderte Euripides. »Ich wittere die Zukunft. Des Weibes Macht ist in gefährlichem Wachsen begriffen. Versteht ihr nicht die Dichter und die Bildner, welche seit uralten Zeiten das Fabelbild der Sphinx aufstellten, das weichbusige aber scharfkrallige Rätselweib? Die Sphinx ist das Weib. Das verlockend schöne Antlitz, den verlockend weichen Busen hält es uns entgegen, aber sein übriger Leib ist ein Tier mit Tigerpfoten und tödlichen Krallen!« »Wirst du nicht das Weibergeschlecht stolz machen«, sagte Aspasia, »wenn du seinem Wesen durch solche Vergleiche einen Charakter des Großartigen aufdrückst?« »Großartige Verbrechen«, entgegnete Euripides, »können von seiten eines Mannes Bewunderung einflößen, ein Weib mit großen Lastern ist immer widerwärtig. Denn die Verbrechen des Mannes mögen zuweilen aus einem Uebermaße an sich rühmlicher Eigenschaften entspringen, die Laster eines Weibes aber gehen immer hervor aus kleinlichen, zum Uebermaß gesteigerten Schwächen.« »Und doch sehen wir Weiber mit diesen kleinlichen Schwächen triumphieren!« sagte Aspasia. »Nicht für immer!« entgegnete Euripides. »Es kommt der rächende Tag, der mit den Flammen einer gesunden und berechtigten Leidenschaft das wüste Geflacker einer krankhaften und schwächlichen Neigung auslöscht. Nur solange wir Männer uns schwach zeigen, sind die Weiber stark. Das Weib ist eine Sphinx, allerdings! aber man braucht ihr nur die großen Krallen zu beschneiden, dann ist sie unschädlich. Mit unbeschnittenen Krallen ist sie eine Tigerin, mit beschnittenen nur mehr eine Katze. Unsere Väter haben wohl getan, daß sie die Weiber kurz hielten. Wir Neueren aber sind zu weichmütig – mich einbegriffen – wir lassen den Weibern die Klauen wachsen. Das ist nicht gut« ... Die Stirn Aspasias runzelte sich ein wenig, als der grämliche Poet diese Worte polternd herausstieß. Sokrates merkte dies und sagte: »Vergiß nicht, Freund, daß du zu Aspasia sprichst!« »Zu Aspasia«, versetzte Euripides, schnell gefaßt, »aber nicht von Aspasia. Ich spreche von den Weibern. Aspasia ist ein Weib, aber die Weiber sind keine Aspasien.« Sokrates ließ es, wie schon erwähnt, in seinen Gesprächen mit der Gattin des Perikles nicht an Bitterkeiten fehlen. Aber niemals war er in den Ton des Euripides verfallen. Es geziemt zu erwähnen, daß Euripides in seinen Gesprächen mit Aspasia das ganze weibliche Geschlecht verunglimpfte, Aspasia selbst aber immer mit bereitwilliger Höflichkeit davon ausnahm, während Sokrates umgekehrt seine Pfeile immer nur gegen die Person Aspasias abschoß, das Geschlecht im ganzen aber gerne verteidigte. Und so nahm er denn auch jetzt desselben gegen den Weiberfeind Euripides sich an, indem er sagte: »Es scheint mir eine sonderbare, aber unumstößliche Tatsache, daß jeder Mann, wenn er vom Weibe überhaupt spricht, doch immer nur sein eigenes meint. Man sollte also, dünkt mich, nur solchen Männern über die Frauen im allgemeinen zu sprechen erlauben, welche nicht verehelicht sind. Ich rühme mich, einer von diesen zu sein; und wie sehr mich mein Freund Euripides an sonstiger Weisheit hinter sich lassen mag, in betreff der Weiber habe ich, da er verheiratet ist, den Vorzug einer größeren Unparteilichkeit voraus. Da ferner auch Perikles verheiratet, Aspasia aber selbst eine Frau ist, so bin ich hier der einzige, der berufen erscheint, sich des von Euripides verfolgten Geschlechtes anzunehmen. Mir fehlt nun freilich dazu die Beredsamkeit, und ich möchte den Protagoras herbeiwünschen. Dieser würde nicht verfehlen, uns das Weib zu preisen als die Spenderin der süßesten Freuden, als des schönsten Glückes Verwalterin, als Hüterin des göttlichen Schatzes der Schönheit und der Lust auf Erden, als des Mannes Augentrost, als seiner Mühen Rast, als seiner Qualen Arzenei. »Welch ein Wundergebilde«, würde er sagen, »ist ein schönes Weib! Mit jedem Atom seines Wesens entzückt es. Sein Wesen trieft von Wonne« ... So würde Protagoras sagen. Euripides dagegen behauptet: die Weiber sind Sphinxe; sie haben ein liebliches Angesicht und einen weichen Busen, dazu aber scharfe Krallen, wäre es nicht erlaubt, umgekehrt zu sagen: die Weiber haben zwar scharfe Krallen, aber ein liebliches Angesicht? Warum soll man das Hauptgewicht nicht lieber auf das Gute der Weiber als auf ihr Schlimmes legen? – »Man muß ihnen die Klauen beschneiden«, sagt Euripides. Aber würde ihnen dies außer der Möglichkeit zu schaden auch ihre feindliche Gesinnung benehmen? Wäre es nicht ersprießlicher, geradezu auf die Besserung dieser ihrer Gesinnungen auszugehen? Die Klauen würden dann von selbst unschädlich, wie viele Tugenden zu entfalten vermag ein Weib! wie viele Segnungen vermag es auszustrahlen, nicht bloß durch das, was es gewährt, oder sagt, oder tut, sondern schon durch das, was es ist. Des Schönen natürliche Vorkämpferinnen sind die Frauen: aber da sie jede Sache, für welche sie eintreten, zur sieghaften machen, wie herrlich würde es sein, wenn wir sie dereinst auch zu Vorkämpferinnen des Guten und des Wahren gewinnen könnten! Solange das Licht einer weisen Einsicht der Frauen Häupter nicht erhellt, folgen sie freilich nur den Antrieben ihrer leiblichen Natur, und diese Antriebe sind immer roh und eigensüchtig. Der Männer Bemühen wird in Zukunft vielleicht dahin gehen, die Weiber durch Einsicht aus Dienerinnen der dunklen Naturtriebe nicht bloß zu Priesterinnen der echten Schönheit, sondern auch der lauteren Güte zu machen!« – »Ja, das fehlte noch, daß die Schlangen Flügel bekämen!« rief spöttisch lachend Euripides. »Nicht zu verwundern ist übrigens«, fuhr er fort, »diese Hoffnung auf Besserung der Weiber durch die Erkenntnis von seiten eines Mannes, der überhaupt alles Heil der Menschen von der Einsicht und von den klaren Begriffen erwartet. Ich aber sage, daß des Weibes Wert und Adel nicht auf der Ausbildung seiner erkennenden Kraft, sondern auf der Ausbildung seines Herzens, seines Empfindens beruhe!« »Dies wird sich so verhalten«, entgegnete Sokrates; »aber nun fragt es sich, ob das Herz und sein Empfinden jemals durch sich selbst ausgebildet werden kann, oder ob dazu nicht doch der Einfluß einer bis zu einem gewissen Grade geläuterten Erkenntniskraft erfordert wird?« – Perikles zollte den Worten des Sokrates Beifall. Aspasia schwieg und ließ sofort das Gespräch stocken; denn so sehr auch einiges von dem, was Sokrates gesagt, mit ihrer eigenen Denkart zusammenstimmte, schien es ihr doch, als habe der Nachdenkliche unter der Maske seiner Bescheidenheit sich wieder vermessen wollen, sie zu belehren. Für eine geistige Befreiung, für eine Veredlung ihres Geschlechtes zu wirken, dessen war sie ja selber sich bewußt. Hatte sie nicht ein unverhehltes Ziel sich längst gesteckt? Hatte sie nicht offen sich selbst und den Freunden auf der Akropolis gelobt, jenem Ziele mit allen Kräften zuzustreben, nachdem sie des Perikles Gattin geworden? Sie hatte Wort gehalten. Das Leben und die Stellung der Frauen von Grund aus umzugestalten, war seit jener Zeit ihr kühnes Augenmerk gewesen. Um solches aber zu vollbringen, hatte sie trachten müssen, Einfluß zu gewinnen auf die Frauen Athens, die Rolle des Sauerteigs zu spielen in dieser trägen Masse, diejenigen, welche dem Eindringling feindselig gegenüberstanden, zu versöhnen, sie zu Anhängerinnen, Schülerinnen, Freundinnen zu machen. Perikles war ihren Absichten entgegengekommen, denn er liebte sie. Er verschaffte ihr gern jede Art von Genugtuung. Er führte sie, wenn dieser Ausdruck erlaubt ist, in die athenische Gesellschaft ein. Ausgeschlossen vom Verkehr mit den Männern waren die Frauen Athens; aber sie verkehrten ziemlich lebhaft unter sich. Scheinbar unbefangen mischte in diesen Verkehr sich Aspasia. Unter den schönen und wahrhaft klugen Frauen, welchen es gegeben, die Männer zu bestricken, finden sich solche, welchen es überdies verliehen ist, trotz des Neides, des Hasses, der Eifersucht, welche sie erwecken, doch auch Personen ihres eigenen Geschlechtes anzuziehen und für sich einzunehmen. Selbstverständlich erzielen sie dies nicht durch ein Uebermaß von Liebenswürdigkeit, oder durch geschwätziges, aufdringliches Entgegenkommen, sondern durch die Anspruchslosigkeit, mit welcher sie das gefährliche Licht ihrer Vorzüge freiwillig zu dämpfen scheinen, und durch die genaueste Kenntnis der Eigentümlichkeiten und Ansprüche derjenigen, welche sie für sich gewinnen wollen. Aspasia suchte Vertrauen einzuflößen; unähnlich den Unklugen ihres Geschlechtes, wußte sie, daß ein schönes Weib in den meisten Fallen am sichersten durch ein verständiges, ruhig gefaßtes, würdevolles Wesen sowohl Männer als Frauen besticht. Sie sah zuerst darauf, daß man genötigt war, sie zu achten; liebenswürdig zu erscheinen, ergab sich dann von selbst. Erst nachdem Aspasia durch diese Art des Benehmens, die bei ihr gar nicht einmal ausgeklügelt, sondern Sache des natürlichen weiblichen Antriebes war, den Boden für ihre Unternehmungen vorbereitet, war sie mit ihren Absichten, mit ihren Plänen offener hervorgetreten. Nach einiger Zeit waren die athenischen Frauen der Gattin des Perikles gegenüber in eine Anzahl von Parteien gespalten. Es gab Unversöhnliche, welche sie haßten, und welche mit allen Mitteln weiblicher Feindseligkeit offen und heimlich gegen sie ankämpften. Es gab solche, welche Aspasia eine Art persönlicher Zuneigung nicht versagten, aber der Ansicht waren, daß ihre Bestrebungen allzu kühn und ungezügelt seien, so wie es andere gab, welche zwar die Person Aspasias mit mißgünstigen Augen betrachteten, aber von einem heimlichen Drange ergriffen waren, den Spuren ihrer Bestrebungen zu folgen und es ihr in manchen Dingen gleich zu tun. Es gab aber auch welche, die sich von Aspasia geradezu hatten überzeugen und gewinnen lassen, unter welchen freilich nicht alle den Mut besaßen, sich mit ihrer Meisterin offen zu einem Kampfe um der Frauen unterdrücktes Recht zu verbünden. Zu den unversöhnlichsten und noch immer gefährlichsten Gegnerinnen Aspasias gehörten, wie leicht zu erraten, das verstoßene Weib des Perikles und die Schwester des Kimon. Diese letztere pflegte gleichsam Buch zu führen über das Leben und Treiben Aspasias, sie erkundete und verbreitete Aeußerungen, welche Aspasia vor Frauen tat, und nicht selten geschah es, daß die Aeußerungen entstellt von Mund zu Munde gingen, geeignet, die Gemüter der Athener gegen die Gattin des Perikles aufzuregen. So geschah es eines Tages, daß Aspasia mit einer neuvermählten Frau sich unterredete, in Gegenwart des Gatten derselben. Dies jugendliche Paar verlangte von ihr zu erfahren, worauf das sichere Glück der Liebe und der Ehe beruhe. Aspasia fühlte sich von der Lust angewandelt, einmal die sokratische Redeweise zu versuchen. »Wenn deine Nachbarin«, sagte sie zu der jungen Frau, »ein schöneres Kleid hat als du, welches wirst du vorziehen: das deine oder das ihrige?« »Das ihrige!« antwortete die junge Frau. »Und wenn deine Nachbarin einen schöneren Schmuck hat als du«, fuhr Aspasia fort, »welchen wirst du vorziehen?« »Den ihrigen natürlich!« versetzte die junge Frau. »Und wenn sie einen besseren Mann hat als du, welchem würdest du den Vorzug geben, dem deinigen oder dem ihrigen?« Die junge Frau errötete bei dieser unerwarteten, kühnen, befremdenden Frage. Aspasia aber sagte lächelnd: »Im natürlichen Laufe der Dinge wird das Weib den besseren Mann, der Mann das bessere Weib vorziehen. Es scheint mir also die Sicherung des Glückes in der Liebe und Ehe nicht anders möglich, als dadurch, daß der Mann dem Weibe als der beste aller Männer, das Weib dem Manne als das beste aller Weiber zu erscheinen sich bestrebe. Viele fordern von andern die Liebe als eine Pflicht, was sehr unbillig ist. Man muß sie zu verdienen suchen und fortwährend sie zu nähren bemüht sein.« Was Aspasia mit diesen Worten dem jungen Paare zu bedenken gab, war gewiß nicht ohne sinnvolle Berechtigung. Aber was wurde daraus im Munde einer Elpinike und ihrer Gleichgesinnten? Die Unterredung Aspasias mit dem jungen Ehepaare machte einige Tage lang bei den Athenern die Runde. Aber man erzählte nicht, Aspasia habe es als einzige Bürgschaft unwandelbaren Eheglücks erklärt, daß der Mann sein Weib für das liebenswürdigste der Weiber, das Weib ihren Mann für den besten der Männer halte, sondern man sagte, Aspasia habe die junge Hipparchia in Gegenwart ihres Gatten aufgefordert, einen fremden Mann ihrem eigenen Manne vorzuziehen, wenn ihr jener besser gefiele. Aspasia beschloß, der sokratischen Manier in ihren Unterredungen für die Zukunft zu entsagen und noch sorgfältiger als bisher darauf zu achten, von welcher Art die Personen waren, mit welchen sie sich unterredete. Die Feindinnen Aspasias aber gingen jetzt soweit, daß sie sich absichtlich mit ihr in Unterredungen einließen, um ihr unter dem Scheine der Anhänglichkeit Aeußerungen zu entlocken, welche sie in der Meinung der Athener herabzusetzen geeignet waren. Aspasia durchschaute eine solche Absicht leicht und wußte die Anschläge dieser Gegnerinnen zuweilen in einer Weise zu vereiteln, welche ihr neben der Befriedigung des erreichten Zweckes auch eine Art von Belustigung gewährte. So drängte sich eines Tages eine gewisse Kleitagora mit verstellter Bewunderung an sie. Aspasia aber wußte, daß Kleitagora dem Kreise der Telesippe und der Schwester des Kimon angehörte. Sie legte Aspasia die Frage vor, durch welche Künste ein Weib den Gatten am besten an sich zu fesseln vermöchte? »Die wirksamste von allen Künsten, durch welche ein schlaues Weib den arglosen Gatten an sich und an den häuslichen Herd zu fesseln vermag«, erwiderte Aspasia mit geheimnisvoller Miene, »ist die Kochkunst. Mir ist eine Frau bekannt, welche wie eine Göttin von ihrem Manne verehrt wird, nur um der Leckerbissen willen, welche sie täglich ihm vorsetzt. Ihr Meisterstück ist der zarte und leichte Sesambrei, den sie aus Sesammehl mit Honig und Oel in der Pfanne bereitet. Sie nimmt Gerstengraupen, zerstampft sie in einem Mörser, schüttet das Mehl in ein Gefäß, gießt Oel dazu, rührt diesen Brei, während er langsam kocht, beständig um, netzt ihn von Zeit zu Zeit mit Kraftbrühe von Hühnern oder Ziegen- oder Lammfleisch, sieht zu, daß er nicht überkocht, und wenn er im besten Sud ist, läßt sie ihn auftragen. Auch ihre Hasenpasteten und ihre Pasteten von Grasmücken und andern kleinen Vögeln sind vortrefflich, welcher Mann würde der Verlockung solcher Dinge sich entziehen? Es gibt auch Männer, welche für die sogenannten kappadozischen Kuchen schwärmen. Man knetet sie am besten mit Honig, zerschneidet den Teig in dünne Blätter, die schon beim bloßen Anblick der Pfanne sich aufrollen. Diese Röllchen werden dann in Wein getunkt, müssen aber noch ganz heiß auf den Tisch kommen.« In dieser Art fuhr Aspasia fort, sich über die Regeln einer leckeren Küche zu verbreiten, zum Erstaunen eines Teils ihrer Zuhörerinnen, und zum Aerger des anderen Teiles derselben, welcher in diesen Auseinandersetzungen nichts fand, was sich hätte verwenden lassen, um Aspasia in der öffentlichen Meinung herabzusetzen und den Ruf ihrer Leichtfertigkeit oder ihrer gefährlichen Grundsätze noch mehr zu befestigen. Der unerfreuliche Widerstand, welcher den Bestrebungen Aspasias in der Frauenwelt Athens zum Teil begegnete, ließ sie um so lieber die Gelegenheit ergreifen, die sich ihr bot, ein paar verwaiste Töchter ihrer älteren, zu Milet verstorbenen Schwester bei sich aufzunehmen. In diesen zarten, aber eine reizvolle Entwicklung versprechenden Mädchen, Drosis und Prasina geheißen, die eine fünfzehn Jahre zählend, die andere nur um ein Jahr älter, glaubte Aspasia einen fügsamen Stoff zu finden für die Verwirklichung ihrer Gedanken über die Ausbildung des hellenischen Weibes zu geistiger und persönlicher Freiheit. Man durfte erwarten, sie würden dereinst der Schule, aus welcher sie hervorgingen, Ehre machen, und die Sache Aspasias, welche zugleich die Sache des ganzen weiblichen Geschlechtes war, zum Siege führen helfen. Indessen, Aspasia war ungeduldig, befähigt allerdings, weitaussehende Pläne zu fassen, die ihrer Natur nach nur langsam reifen konnten, aber auch kühnen, raschwirkenden Handstreichen nicht abgeneigt. Einen solchen Handstreich nun versuchte sie, um die Zügel der Führerschaft über ihr Geschlecht zu Athen womöglich mit einem Mal an sich zu bringen. Unter den zahlreichen religiösen Festen der Athener war auch eines, welches ausschließlich von den Frauen gefeiert wurde, und welchem bei strenger Ahndung kein Mann beiwohnen durfte. Dies war das Thesmophorienfest, zu Ehren der Demeter gefeiert, welche nicht bloß als die Göttin des Ackerbaues, sondern auch als die des Ehestandes galt, der Verwandtschaft wegen, welche die Begriffe von Säen und Zeugen, Ernte und Geburt verknüpft. Die heiligen Gebräuche dieses Festes oblagen nicht bestimmten Priesterinnen, sondern Frauen, welche jedesmal aus den einzelnen Stämmen gewählt wurden. Eine gewisse Zeit vorher mußten die Frauen durch Enthaltsamkeit auf die Teilnahme an diesem Feste sich vorbereiten. Sie schliefen auf Kräutern, welchen man die Kraft zuschrieb, das Blut zu kühlen und die Enthaltsamkeit zu erleichtern. Zu diesen gehörte Keuschlamm und eine gewisse Art der Nessel. Die Feier selbst bestand aus festlichen Umzügen, aus Versammlungen im Thesmophorientempel, nebst überlieferten Gebräuchen, in deren Ernst auch Scherz und Neckereien sich mischten. Vier Tage lang dauerte das Fest. Am ersten Tage zog man nach dem Strandort Halimos und feierte in einem dort befindlichen Tempel der Demeter gewisse Mysterien. Am zweiten kehrte man nach Athen zurück; den dritten Tag waren die Weiber vom grauenden Morgen bis zum Abend im Thesmophorientempel versammelt. Demeter und Proserpina und andere Gottheiten wurden angerufen, Tänze zu Ehren derselben wurden ausgeführt. In den Pausen saßen die Weiber auf Keuschlamm und anderen Kräutern der genannten Art und unterhielten sich mit Gesprächen, sowie mit Neckereien, welche für diese Gelegenheit herkömmlich waren. Sie nahmen während ihres Aufenthaltes im Tempel keine Speise zu sich, entschädigten sich aber für diese Enthaltsamkeit durch das fröhliche Opfermahl, mit welchem am folgenden Tage die ganze Feier beschlossen wurde. Man denke sich die Frauen Athens, für gewöhnlich eingeschlossen in den engen Bann ihrer Häuslichkeit unter den Augen der Männer, nun vier Tage lang mit strenger Ausschließung der Männer sich selbst überlassen, zu einer gewaltigen Schar vereinigt, festliche Umzüge haltend, dann im Tempel versammelt, mit Tänzen und heiligen Gebräuchen beschäftigt, zur Rast auf heiligen Kräutern sitzend und schwatzend in völliger Ungebundenheit – man denke sich diese schwirrende Weiberversammlung, und man wird begreifen, daß sie geeignet war, nicht bloß die weibliche Zunge, sondern auch mit der Zunge zugleich den weiblichen Geist zu entfesseln, ihn zum Trotze gegen herkömmliche Schranken anzuregen. Dies Thesmophorienfest war wiedergekehrt. Wieder saßen die Frauen Athens in den Pausen zwischen den Tänzen und den Festgesängen schwatzend auf Keuschlamm im Thesmophorientempel. Wieder schwirrten die Stimmen bunt und kraus durcheinander. Von solchen Dingen wurde da in den verschiedenen Gruppen der auf dem Boden sitzenden Frauen gesprochen! Diese unterhielten sich von den üblen Gewohnheiten ihrer Männer, jene von den Untugenden ihrer Sklavinnen oder davon, daß die Kinder heutigentags weit ausgelassener und unbändiger seien, als in früheren Zeiten; einige stritten sich über die beste Art, Honigkuchen zu bereiten, einige erzählten einander von Zaubermitteln, im Wochenbette zu gebrauchen, oder erteilten den jüngeren Genossinnen Ratschläge über die Bereitung von Liebestränken, einige flüsterten sogar insgeheim sich ins Ohr, wie man Schwangerschaft heucheln und um des Gatten willen ein falsches Kind sich unterschieben könne. Einige erzählten sich Gespenstergeschichten, oder Geschichten von thessalischen Hexen, oder Märchen, oder die neuesten Familiengeheimnisse dieser, jener Genossin. Einige sprachen auch von Aspasia, und dieses Gespräch gestaltete sich allmählich zum lebhaftesten, welches im Tempelraum geführt wurde. »Aspasia hat recht«, sagte ein junges, hübsches Weib, dessen frisches Gesicht von den welken und geschminkten der meisten in der Runde vorteilhaft abstach. »Aspasia hat recht, wir müssen die Männer zwingen, uns so zu behandeln, wie Perikles Aspasia behandelt.« »Das wollen wir!« riefen einige Anhängerinnen der Milesierin. »Wir müssen sie zwingen, das häusliche und das eheliche Leben mit uns so einzurichten, wie Perikles mit Aspasia.« »Ich habe mit meinem Manne schon den Anfang gemacht«, rief eine lebhafte, kleine Frau, Chariklea geheißen. »Mein Diagoras hat sich bereits daran gewöhnt, mich jedesmal, sowohl wenn er aus dem Hause fortgeht, als wenn er zurückkehrt, zu küssen, wie Perikles die Aspasia.« »Empfängst du auch Besuche von Philosophen und dienst den Bildhauern als Modell?« fragte spöttisch eine von den Frauen in der Runde, eine von denjenigen, deren Wangen am meisten welk oder geschminkt waren. »Warum sollten Aspasia und Chariklea das nicht tun, wenn ihre Männer es gestatten?« rief eine andere von den Frauen. »Auch wir werden es tun und unsere Männer zwingen, es zu gestatten.« »Nicht jeder Mann ist zum Hahnrei geboren!« sagte jene erste Fragerin mit boshaftem Lächeln. »Willst du behaupten«, rief Chariklea zornig, indem sie sich vor jenes Weib hinstellte und ihre Arme in die Seite stemmte, »willst du behaupten, daß ich meinen Gatten zum Hahnrei mache?« »Noch will ich es von dir nicht behaupten«, erwiderte jene, »aber deine Meisterin Aspasia wird dich vielleicht auch dies noch lehren!« Als diese frechen Worte gefallen waren, trat eine verschleierte Frau von schlanker und edler Gestalt plötzlich aus dem Kreise derjenigen, welche Zeugen dieses Gespräches gewesen, hervor, schlug unmittelbar vor jener scharfzüngigen Sprecherin ihren Schleier zurück und blickte mit flammenden Augen auf die am Boden Sitzende nieder. »Aspasia!« riefen einige, und rasch verbreitete dieser Name sich weiter, und es entstand eine Bewegung, die bis in die entferntesten Kreise sich fortpflanzte. Der ganze Thesmophorientempel geriet in Aufruhr, »Was gibt es?« riefen die Entferntesten. »Hat etwa ein Mann sich eingeschlichen?« »Aspasia!« hallte es als Antwort zurück. »Aspasia ist hier!« Auf diese Kunde drängten sich alle Frauen herbei, und bald fand die Milesierin sich im Mittelpunkte der ganzen Versammlung. Sie war gekommen, umgeben von der Schar ihrer Anhängerinnen, inmitten welcher sie, überdies zur Unkenntlichkeit verschleiert, den Augen der großen Menge bis zu diesem Augenblicke verborgen geblieben. Von diesen Anhängerinnen war sie auch jetzt wie von einer Leibwache umgeben, als sie hochaufgerichtet mit zornigen Blicken auf die Verwegene herabsah. Während so Aspasia vor der Gegnerin stand, drängte eine von ihren Gefährtinnen sich vor und schleuderte jener die höhnenden Worte entgegen: »Du hast recht! Nicht jeder Mann ist zum Hahnrei geboren. Du mußt das wissen! Ich kenne dich genau! Du bist Kritylla, welche ihr erster Gatte Fanthias verstieß, weil er entdeckte, daß sie nächtlicherweile ein Stelldichein hatte mit ihrem Buhlen vor der Türe, bei dem Lorbeerbaum, welcher den Altar des straßenbeschirmenden Apollon beschattet!« Das Antlitz Krityllas färbte sich mit dunkler Röte, sie sprang empor und machte Miene, sich an ihrer Gegnerin zu vergreifen. Aber sie wurde von den Anhängerinnen Aspasias zurückgedrängt, und diese selbst begann: »Dies Weib hat meinen Gatten beschimpft – beschimpft nur darum, weil er, zuerst unter allen Athenern, die Würde des Weibes in seiner Gattin ehrt und sie nicht zur Sklavin erniedrigt, wenn Männer wie Perikles um der Liebe und der Achtung willen, welche sie ihren Gattinnen zollen, Spott und Verunglimpfung zu ertragen haben, nicht bloß aus dem Munde der Männer, sondern sogar von seiten des Frauengeschlechtes selbst, wie könnt ihr hoffen, daß eure Gatten dem Beispiele des edelsten der Männer zu folgen sich entschließen werden?« »So ist es in der Tat!« sagten die Frauen in der Runde, einander anblickend. »Kritylla hat unrecht getan, den Perikles und den Diagoras zu beschimpfen. Wollten die Götter, daß alle Männer so wären wie diese!« »Die Männer sind, wie ihr sie verdient!« fuhr Aspasia fort. »Versucht es nur einmal, die Macht, den unwiderstehlichen Einfluß, welcher dem weiblichen Geschlechte verliehen ist, zu gebrauchen! Ihr habt es bisher versäumt, diese Macht in euch zu entfalten, ja, es scheint, daß ihr sie nicht einmal gekannt habt. Eure Sklaverei ist eine freiwillige. Ihr prahlt mit dem Titel von Herrinnen des Hauses und seid strenger gehalten als Sklavinnen – denn Sklavinnen dürfen doch frei auf den Straßen oder auf dem Markte sich zeigen. Ihr seid Gefangene! Ist's nicht so?« »So ist es in der Tat!« rief eine der Frauen im Kreise. »Mein Gatte hat einmal, als er auf ein paar Tage verreiste, mich ins Frauengemach eingesperrt und die Türe desselben mit seinem Petschaft versiegelt.« »Der meine«, rief eine andere, »hat einen großen Molosserhund angeschafft, der an der Türe Wache halten muß, nur damit kein Buhler in seiner Abwesenheit sich einschleicht.« »Nicht einmal das Hauswesen ist euch ohne Rückhalt anvertraut!« fuhr Aspasia fort. »Ganz richtig!« fiel wieder eine der Frauen lebhaft ein; »mein Gatte trägt den Schlüssel zur Vorratskammer mit sich umher.« »Laufen sie nicht selber auf den Markt, um Fleisch und Gemüse einzukaufen?« rief eine Zweite. »Ja, und wenn es eben Kriegszeit ist«, rief eine dritte, »und die Männer bewaffnet umhergehen, so kann man einen geharnischt und mit dem Gorgoschild am Arm auf dem Markt um Eier und Gemüse feilschen sehen, oder er bringt zu Pferde Pökelfleisch im ehernen Helm nach Hause.« »Und da sie nicht einmal am häuslichen Herde euch etwas gelten lassen«, nahm Aspasia wieder das Wort, »so ist es nicht zu verwundern, wenn sie euch noch viel weniger gestatten, in öffentlichen Angelegenheiten ein Wort zu sprechen. Kommen sie von der Pnyx, wo über Frieden oder Krieg verhandelt worden, dürft ihr euch auch nur beikommen lassen, zu fragen, was da entschieden wurde?« »Nicht im geringsten!« riefen die Frauen. »was geht's dich an?« heißt es da. »Bleib' bei deiner Spindel und schweige!« »Und wenn ihr nicht schweigt?« »So setzt es Schlimmeres!« »Mein Mann«, sagte eine von den Frauen, »wiederholt mir bis zum Ekel das alte, alberne Sprüchlein: O Weib, des Weibes schönste Zier ist Schweigsamkeit!« »Das kennen wir auch, das Sprüchlein! Es ist in aller Männer Mund!« tönte es im Kreise. »Wozu haben wir dann die Zunge?« fragte eine und fügte hinzu: »Etwa bloß zum Küssen und Schnäbeln und Züngeln?« Die Weiber lachten unverschämt über diese Aeußerung, denn sie waren unter sich. Aspasia aber fuhr fort: »Sie wollen, daß ihr geistlos und stumpfsinnig seid, denn nur so können sie euch beherrschen, von dem Augenblick an, wo ihr klug und verständig wäret, wo ihr euch der Macht bewußt würdet, welche dem weiblichen Geschlechte über das männliche gegeben ist, von diesem Augenblicke an wäre es vorbei mit ihrer Tyrannei. Ihr glaubt schon alles getan, wenn ihr das Haus rein haltet, wenn ihr eure Kinder badet und säugt, wenn ihr darauf sehet, daß euch die Wolle am Rocken nicht von den Motten zernagt, und das Garn am Webstuhl nicht von den Hühnern zerzaust wird, und wenn eine von euch ein Uebriges tun und ihrem Manne gefallen will, so meint sie, mit einem krokusfarbenen Kleide und Schnabelschuhen und einer durchsichtigen Busenhülle und mit Salbenbüchschen und ein wenig Zinnober sei dieser Zweck zu erreichen. Aber nur in den Händen derjenigen, welche auch ein wenig Geist besitzen, ist leibliche Schönheit und Putz eine für die Männer gefährliche Waffe, wodurch aber könntet ihr das, was ich ein wenig Geist genannt habe, erringen, als durch einen freieren Verkehr mit der Welt, von welcher die Männer wie mit einer ehernen Mauer euch abschließen? Es muß euch künftig erlaubt sein, die dumpfen Gemüter mit dem einströmenden Hauche der Freiheit zu reinigen und zu erfrischen, die Außenwelt auf euch wirken zu lassen, und so, wie ihr die Eindrücke der Welt und dessen, was geschieht, in euch aufnehmt, auch wieder auf Welt und Leben zurückzuwirken mit der alles veredelnden Freiheit des ausgebildeten weiblichen Geistes. Der weibliche Geist muß mit dem männlichen in der Welt sich zu gleichmäßiger Wirkung verbinden. Dann wird nicht bloß die Ehe und das ganze häusliche Leben umgestaltet werden, dann werden die Künste zu ihrer schönsten Blüte gelangen, dann wird der Krieg und alles Rohe unter den Menschen ein Ende haben. Laßt uns einen Bund schließen, eine friedliche Verschwörung anzetteln und einander das Gelöbnis leisten, daß wir mit allem, was in unserer Gewalt ist, unserem Geschlechte sein Recht erkämpfen wollen, dessen es bedarf, um jene Macht frei zu betätigen, zu welcher es berufen ist.« Diese Worte Aspasias begleitete lebhafte Zustimmung von selten eines großen Teils der Versammlung; dann aber folgte ein so lautes und verwirrtes Gebrause von Stimmen, daß man nichts Deutliches mehr vernehmen konnte, da die Frauen unter einander den Gegenstand mit Heftigkeit zu erörtern begannen und alle zusammen auf einmal sprachen. Es war, als hätte ein wandernder Zug laut zwitschernder und kreischender Vögel sich im Thesmophorientempel niedergelassen. Zuletzt aber sah man eine schmächtige, dabei jedoch lebhafte und energische Gestalt durch den dichtgedrängten Schwarm hindurch mit den Armen sich Bahn machen und gegen die Mitte des Kreises, wo Aspasia stand, sich vordrängen. Das weiße Tuch, welches ihr Haupt umhüllte, verbarg auch den größeren Teil ihres Gesichts, so daß man sie nicht sogleich erkennen konnte. Als sie aber nun in der Mitte des Kreises stehen blieb und ihr Auge mit boshaftem Blick auf Aspasia richtete, erkannte man die scharfen, mannweiblichen Züge der mutigen Schwester des Kimon. Elpinike war gefürchtet in ganz Athen, gefürchtet von allen Genossinnen ihres Geschlechtes. Sie herrschte durch die Gewalt ihrer Zunge, durch ihre fast männliche Willenskraft, durch die weite Ausbreitung ihrer Verbindungen. Darum entstand sofort ein ängstliches Schweigen im ganzen Kreise, während die Schwester des Kimon auf Aspasia losging mit den Worten: »Mit welchem Rechte gestattet sich hier die Fremde, das Wort zu ergreifen im Kreise eingeborner athenischer Frauen?« Diese Frage Elpinikes machte sogleich einen tiefen Eindruck, und viele von den Frauen, lebhaft mit dem Kopfe nickend, wunderten sich, daß ihnen dies Bedenken nicht gleich anfangs gekommen. Jene aber fuhr fort: »Wie mag die Milesierin sich erdreisten, uns hier belehren zu wollen? Wagt sie es etwa, sich mit uns in eine Reihe zu stellen? Ist sie mit uns herangewachsen? Hat sie unsere Sitte, unseren Brauch, unsere Heiligtümer von Kindesbeinen an mit uns geteilt? Wir sind Athenerinnen: wir haben im achten Jahre das heilige Gewand der Arrephoren getragen, wir haben zehnjährig das Opfermehl im Tempel der Artemis gemahlen, wir sind beim Brauronsfeste als blühende Jungfrauen derselben Göttin geweiht worden, wir sind mitgewandelt als Korbträgerinnen im Festzuge der Panathenäen. Und diese da? Aus der Fremde ist sie gekommen, ohne Göttergeleit, ohne Göttersegen, eine Abenteurerin, ruchlos und verschmitzt, und nun will sie in unsere Schar sich drängen, weil sie einen athenischen Mann zu betören vermochte, so daß er sie wider Gesetz und Herkommen in sein Haus aufnahm?« Ruhig, doch nicht ohne ein spöttisches lächeln entgegnete Aspasia: »Du hast recht! Ich bin nicht aufgewachsen in der dumpfen Oede eines athenischen Frauengemachs; ich habe nicht euren Brauronsfesten im Safranröckchen beigewohnt, ich habe nicht bei euren Panathenäen einen Festkorb über dem Kopfe und eine Schnur von welken Feigen um den Hals getragen, ich habe nicht mitgeheult auf den Dächern bei euren Adonisfesten. Ich habe hier nicht als Athenerin zu Athenerinnen, ich habe als Frau zu Frauen gesprochen!« – »Männerverderberin! Bundesgenossin der Gottlosen!« rief Elpinike noch heftiger entstammt, »unsern Tempel wagst du zu betreten, unsere Heiligtümer mit deiner Gegenwart zu entweihen?« Diese Worte wurden ungestüm herausgestoßen. Die kurzen Härchen über Elpinikes Oberlippe sträubten sich dabei. Die Freundinnen Elpinikes, welche sich um sie vereinigt hatten, nahmen gegen die Milesierin eine drohende Haltung an. Aber auch die Freundinnen Aspasias scharten sich enger um ihre Führerin, bereit, sie zu verteidigen. Und nicht gering war die Zahl derjenigen im Thesmophorientempel, welche noch auf der Seite der Gattin des Perikles standen. Wieder begann das Gewirr der Stimmen lebhaft zu werden, und mancher heftige Wortwechsel drohte einen leidenschaftlichen Streit der Parteien anzufachen. Da verschaffte die entschlossene Schwester des Kimon noch einmal sich Gehör, um den kräftigsten ihrer Trümpfe auszuspielen. »Denkt an Telesippe!« rief sie; »denkt daran, wie diese fremde Abenteurerin, diese milesische Hetäre ein athenisch Eheweib von ihrem Herde, von den Sprößlingen ihres Leibes, von ihrem Gatten verdrängte! Welche von euch glaubt sich sicher vor dieses Weibes buhlerischen Künsten, wenn es ihr in den Sinn kommt, auch noch anderer Frauen Männer zu betören? Bevor ihr auf das Zischeln dieser Schlange hört, erinnert euch, daß sie Gift in ihrem Munde birgt!« »Seht sie dort«, unterbrach sich Elpinike, die Augen nach einem Winkel des Tempels gewendet, »sehet Telesippe! seht sie in ihren Gram gehüllt – seht ihr bleiches Gesicht – seht wie die Tränen ihr vom Auge rollen bei der bloßen Erwähnung ihrer Sprößlinge!« Die Häupter aller Frauen wendeten sich, den Blicken Elpinikes folgend, auf das verstoßene Weib des Perikles, welches in einiger Entfernung stand und bleich vor Groll und Unmut auf Aspasia herübersah. Elpinike aber fuhr fort: »Wißt ihr, was sie von uns Athenerinnen hält? Brauche ich es euch zu sagen? Hat sie es euch nicht selbst gesagt? Sie hält uns für töricht, für unwissend, für unerfahren, für unwert der Liebe eines Gatten, und gnädig läßt sie sich herab, uns belehren zu wollen, sicher in ihrem geheimen Stolze sich bewußt, daß wir doch niemals werden können wie sie selbst, die schöne, die weise, die unvergleichliche, die alles bezaubernde Milesierin, mit welcher auch die schönsten von euch sich niemals messen können!« Diese Worte Elpinikes machten eine unglaubliche Wirkung auf die gesamte Frauenversammlung. Verändert war plötzlich die Stimmung, selbst in den Herzen derjenigen, welche bisher sich Aspasia zugeneigt hatten. Elpinike ergriff neuerdings das Wort: »Wißt ihr, was ihre Freunde, die Genossen des Perikles, von ihr sagen, und was schon alle Männer von Athen unter einander wiederholen? Aspasia ist das liebenswürdigste Weib Athens – ja das einzige liebenswürdige Weib Athens – nach Milet müsse man gehen, sagen sie, wenn man schöne und bezaubernde Weiber finden wolle« ... Bei diesen Worten brach die Beschämung der Weiber und der mit schlauer Tücke entfachte Unmut derselben in offene Flammen aus. Man begann mit wildem Geschrei, mit gehobenen Armen auf Aspasia einzudringen. Diese aber stand ruhig und aufrecht und, blaß vor Zorn, doch mit einem Blicke unsäglicher Verachtung, sagte sie: »Ruhig, ihr Rüben-, Petersilien-, Kümmelfrauen! Ruhig, ihr Aepfel-, Käse-, Butterhökerinnen! – warum schreit ihr, warum dringt ihr auf mich ein? Gedenkt ihr auch noch zu kratzen und zu beißen?« – Die wenigen treu und mutig gebliebenen Anhängerinnen Aspasias warfen sich dazwischen, es entstand ein wildes Getümmel und fast eine Balgerei der Weiber. Einige von den Gefährtinnen Elpinikes machten Miene, Aspasia die Augen mit ihren Nägeln auszukratzen; andere zogen die spitzen Heftspangen aus ihren Kleidern und gingen damit drohend auf die Feindin los. Diese aber verließ unter dem Schutze derjenigen, welche sich noch tapfer um sie scharten, eilig den Thesmophorientempel. In dieser Art endete für diesmal der Versuch Aspasias, die Frauen Athens durch den Geist zu befreien. XVII. Das Mädchen aus Arkadien. inige Jahre waren so hingegangen. Aspasia hatte mutig gekämpft, aber sie durfte sich nicht rühmen, gesiegt zu haben. Die ungestüme Scene im Thesmophorientempel war stadtkundig geworden, und Aspasia hatte die Beschämung zu ertragen, welche unter allen Umständen mit einer Niederlage verknüpft ist. Es fehlte auch fernerhin nicht an solchen, die ihr anhingen, der größere Teil ihres Geschlechtes aber war durch Neid, Verblendung und die boshaften Ausstreuungen ihrer Feindinnen wider sie entflammt. Eine schwermütige Stimmung bemächtigte sich zuweilen des Perikles. Er gedachte des ungetrübten Glückes, welches er mit der Milesierin in der kurzen, aber wonnigen Zurückgezogenheit am Strande Ioniens genossen. Es überkam ihn zuweilen, als müsse er wieder einmal den Sorgen des Tages sich entreißen, hinweg sich flüchten aus dem geräuschvollen Athen, wo sein bestes Glück durch die vielzüngige, wie mit Bienengesumm sein Haupt umschwirrende Gehässigkeit der Menschen verleidet wurde. Als die Kunde nach Athen gelangte, Pheidias habe in Elis sein Gold- und Elfenbeinbild des olympischen Zeus vollendet, das größte und erhabenste seiner Werke, wie verlockend erschien für Perikles dieser Anlaß zu einer kurzen Fahrt mit Aspasia ins Dorerland! Aber allzu beschwerlich dünkte Aspasia die Wanderung durch das Gebirgsland von Argos und Arkadia; und nur als ein anmutiger Scherz war der Gedanke einer solchen Fahrt, als er zuerst zwischen den beiden auftauchte, zu betrachten. Im Volke von Athen hatte jene Art von Abneigung gegen die Gattin des Perikles sich eingeschlichen, mit welcher schöne und einflußreiche Frauen, deren Geschick mit dem eines hochstehenden Mannes verknüpft ist, fast immer zu kämpfen haben. Man fuhr fort, ihr geheimen Einfluß auf die staatsmännischen Pläne und Unternehmungen des Perikles zuzuschreiben und zu behaupten, sie reize den Perikles, sich zum Tyrannen von ganz Hellas aufzuwerfen. Die ausgelassenen Dichter der Komödie, an ihrer Spitze Kratinos, des Polygnotos Freund, der noch vom Festmahle des Hipponikos her der Milesierin grollte, spitzten ihre Pfeile gegen sie nur immer schärfer zu. Die attische Muse glich der Biene: sie troff von Honigseim, aber sie führte auch einen scharfen Stachel. Perikles zürnte und machte einen Versuch, den Uebermut der Komödie einzuschränken. Der Versuch wurde vor aller Welt dem Einfluß Aspasias zugeschrieben. »Halten sie mich für einen alten Löwen«, sagte Kratinos, »welchem die Zähne ausgefallen und der nur mehr geifern kann?« Und in seiner nächsten Komödie schleuderte er ungescheut vor den gesamten Athenern ein gemeines Schmähwort nach dem Haupte Aspasias. Das Schmähwort des Kratinos war frech über alles Maß, es war bis ins Mark verletzend, beinahe vernichtend. In ihm gipfelte die Mißgunst der geheimen und offenen Verfolger Aspasias. Die spottlustige Menge griff es auf und wiederholte es. Der Boden Athens begann heiß zu werden unter den Füßen der Milesierin ... Von jenem Tage an war die Reise nach Elis zwischen Perikles und Aspasia eine beschlossene Sache. Sie ahnten nicht, daß sie manches Bedeutungsvolle, das sich von außen wie in ihrem eigenen Innern vorbereitete, durch diesen Schritt nicht verzögerten, sondern beschleunigten. Zu Athen war das Wesen der Milesierin geteilt unter viele, die gleichsam am Strahle ihres Geistes und ihrer Schönheit sich sonnten. Auf den ernst-stillen Fluren von Argos, auf den idyllischen Höhen Arkadiens, selbst im Getümmel Olympias würde sie, so dachte Perikles, gänzlich nur wieder seinem und ihrem Glücke leben. Rasch wurden die Vorbereitungen der Reise getroffen, und bald konnte die aller Dinge zuerst kundige Schwester des Kimon dem redseligen Athen davon erzählen, daß Perikles im Begriffe sei, nach Olympia zu gehen, und daß der weibische Held seine geliebte Aspasia, welche im übrigen wohl tue, sich der Schmach, die zu Athen sie bedecke, zu entziehen, nicht missen wolle. Es gab viele, welche scherzten über die Unzertrennlichkeit des Paares. Manche freilich gab es auch, welche dasselbe im stillen beneideten ... Ein leichtes Gefährt trug die beiden Unzertrennlichen bis an den Isthmos. Sklaven und Maultiere waren bis Korinth vorausgesendet worden, um von dort an für die Wanderung auf den beschwerlichen Pfaden des Peloponnesos zu dienen. Wie atmeten jetzt die beiden auf, als sie das sonst so geliebte Athen hinter sich hatten! – Willkommener schien der grollenden Milesierin jetzt der rauhe Grund der verhaßten Peloponeshalbinsel, als der brennende Boden Athens ... Von den prächtigen Land- und Meeransichten, die im beständigen Wechsel ihrem Auge sich boten, bis herab zu den Denkmälern an den Seiten des Weges, den Hermessäulen und den Hekatehäuschen an den Scheidewegen, war den jetzt wieder Neubeglückten alles anregend, alles bedeutend. Sie fanden die breite Straße von Eleusis voll von Wanderern. Man sah Frommgesinnte und Menschenfreundliche vor die Bilder und Kapellen der Wegegötter Früchte und andere Speisen hinlegen, damit arme und hungernde Wanderer sich daran erquicken konnten. Hier und da standen Obstbäume gepflanzt zur Seite des Weges, deren Früchte ebenfalls Gemeingut aller Dürstenden waren. Auch an Herbergen gebrach es nicht. »Ein wanderlustig Volk sind wir Hellenen«, sagte Perikles zu Aspasia. »Vielverzweigte Gastfreundschaft und fröhliche Feste locken von Ort zu Ort. Und für den Wanderer ist, wie du siehst, gesorgt.« An Berghängen zur Seite des Weges sprang manch lustiger Quell aus dem Gestein. In den Riesenstamm der Pappel, welche den Quell beschattete, hatte mancher rastende Wanderer zum Dank einen Spruch, einen Vers eingeschnitten, oder ein Weihegeschenk daran aufgehängt. Blühende, tempelreiche, säulengeschmückte Städte und Flecken zogen an den Blicken der beiden vorüber. Zuerst Eleusis, die heilige Stadt der Mysterien, wo auf des Perikles Betrieb soeben ein neues, prangendes Haus der Mysterienfeier unter des Iktinos Händen emporstieg. Dann Megara, die Dorerstadt, deren Anblick dem Geiste Aspasias unerfreuliche Erinnerungen weckte. Ihr liebliches Antlitz verdüsterte sich; sie schwieg, aber unvergessenes Leid und ungesühnte Schmach erpreßte ihr eine Träne des Unmuts. Perikles verstand sie und sagte: »Sei getrost! Deine Feinde sind auch die meinigen. Megara wird büßen, was es verbrach!« Angelangt in dem menschenwimmelnden Korinth, begab sich Perikles in das Haus seines Gastfreundes Amynias, der ihn und seine Gemahlin mit hohen Ehren bei sich empfing. Allzu verlockend winkte den Ankömmlingen die Höhe des weitschauenden Akrokorinth, die Akropole der Stadt Korinth, der von Blumen und Kräutern dicht überwucherte Felsberg, steil abfallend gegen die Stadt, eine Hochwarte des hellenischen Landes. Von seinem Gipfel leuchtete der allberühmte Tempel der Liebesgöttin. Denn wie das geistbelebte Athen unter dem Schutze der sinnigen Pallas Athene stand, so stellte die reiche, genußliebende Handelsstadt sich unter den Schutz der Freudenspenderin Aphrodite. Wie Pallas Athene dort, war hier Aphrodite Beherrscherin der Burg, und bewaffnet stand sie in ihrem Heiligtume. Von der höchsten Felskuppe glänzten ihre Tempelzinnen weit hinaus ins Meer, auch sie ein Wahrzeichen den Schiffern. Tausend Hierodulen, Dienerinnen der Göttin, reizende und willfährige Töchter der Freude, wohnten im Tempelbezirk auf der Bergeshöhe, die durch angebaute Terrassen, Säulenhallen, Gärten, Haine, Bäder und Gastwohnungen zu einem auf so weitschauender Fläche doppelt anmutenden Eden umgeschaffen war. Von dieser Höhe nun, im Mittelpunkte der hellenischen Länder und Meere stehend, überschauten Perikles und Aspasia alle die wunderbar geformten, in eigentümlichem Farbenzauber leuchtenden Bergesgipfel, erblickten im Norden das Schneehaupt des Parnassos und weiter ostwärts den Helikon, grüßten die sämtlichen Berge von Attika, und mit nicht geringer Herzensfreude sahen sie sogar die holdvertraute Felswarte der athenischen Akropolis durch die reinen Lüfte aus weiter Ferne herüberwinken. Südwärts schweifte ihr Blick über die Höhen Nordarkadiens. Sie sahen zwischen den unzähligen Bergen und Tälern die schimmernden Seebuchten und Küsten, auch grünende oder felsig-weiß blinkende Meereilande, alles vom Reiz eines unvergleichlichen Lichtes übergossen. In dieser holden Schau wurden Perikles und Aspasia einigermaßen gestört durch die Schwärme der Hierodulen, welche sich in der Nähe des Tempelbezirkes in den Säulengängen und Hainen umhertrieben. »Ihr habt zu Athen«, sagte der korinthische Gastfreund, welcher das Paar begleitete, mit einem Blicke auf diese Schönen zu Perikles, »solche Art von Götterdienst noch nicht, und ihr seid vielleicht nicht geneigt, in diesen Priesterinnen, welche zu Gunsten des Tempelschatzes sich preisgeben, geheiligte Personen zu erblicken. Bei uns steht solches Priestertum seit langer Zeit in hohem und ehrwürdigem Ansehen. Diese gastlich heiteren Mädchen, welche, des Dienstes der Aphrodite waltend, »aufwärts streben im Gemüt zur Mutter der Liebe«, sind bei Opfern und anderen religiösen Verrichtungen gegenwärtig, nehmen an Festaufzügen der Bürger teil und singen dabei den Päan der Aphrodite. Man wendet sich an sie um Fürsprache bei der Göttin, der Beschützerin unserer Stadt. Ihr lächelt? Nun, ihr Athener mögt der Pallas Athene mehr zu verdanken glauben. Bei euch ist das Gemeinwesen reich und vielvermögend, bei uns sind es die einzelnen Bürger. Jeder ist ein Kroisos, ein König für sich, und freut sich der durch Handel und Seefahrt errungenen Güter des Lebens. Wir streben nicht nach Macht und Reichtum in Griechenland, wir verwenden unsere Schätze nicht auf den Bau von Festungswerken oder Flotten und ähnliche Dinge, aber wir leben bequem und glauben, daß am Ende doch nur der Einzelne lebt, die Gesamtheit aber ein bloßer Begriff ist. Mag sich das verhalten wie es will, und mögt ihr Athener noch so verachtend auf uns herunterblicken, die Bahn habt ihr doch eingeschlagen, die euch uns näher bringt. Ihr liebt und pflegt das Schöne, mit welchem immer auch die Liebe zu den Annehmlichkeiten des Lebens sich einstellt.« Diese Worte des Korinthers machten einen tiefen Eindruck auf Perikles, ohne daß er viel darauf zu achten schien. Er blickte nach den Bergen des Peloponnesos hinüber und sagte nach einiger Zeit, mit einem flüchtigen Lächeln zu Aspasia gewendet: »Es ist bedeutungsvoll, daß uns eben hier, gleichsam an der Schwelle des ernsten, strengen Peloponnesos, noch das Bild einer auf ihrem Höhepunkte angelangten Ueppigkeit hellenischen Lebens begegnet. Wer sollte glauben, wenn er von dem heiteren, kunstliebenden, gedankenhellen Athen herkommt, oder wenn er hier im genußfrohen Korinth, von verführerischen Hierodulen umschwärmt, auf der Höhe des Aphroditetempels steht, daß so ganz unferne jenseits des Isthmos und jener düsterragenden Berge auf den Höhen Arkadias ein unverderbtes Hirtenvolk in vorzeitlicher Lebenseinfalt hauset, daß, diesen Stätten eines schönen, genußreichen Müßiggangs gegenüber, da drüben jenseits der Berge der rauhe Sparter und der finster-grollende Messenier, zottigen Löwen oder Wölfen gleich, in grausen Schluchten oder dunklen Wäldern sich würgend befehden? Welch eine Ringstätte wilder, heldenhafter Kraft ist von uralten Zeiten her dieser Erdstrich jenseits der ragenden Berge! Aus Burgen, mit übereinander gewälzten Felsen aufgebaut, zogen die Argiverfürsten gen Ilion. Auf den Pfaden des Peloponnesos gingen Herakles und Perseus ihren Heldenweg, erwürgten die Löwen und bekämpften die Brut der Schlangen im Gesumpf und das Gezücht unheimlicher Vögel in der Luft. Und ringt nicht auch heute noch auf den Auen der Pelops-Halbinsel, auf dem Isthmos, zu Nemea, zu Olympia männliche Tatkraft um den Preis? Wandern nicht dorthin die Männer von ganz Hellas, welchen nach dem Lorbeer heldenhafter Stärke gelüstet? Düster, drohend und rauh erscheint er, dieser Peloponnesos, und die Wasser des Styx bespülen nicht umsonst sein finsteres Berggelände. Aber wir wollen seinen Schrecken trotzen, wir wollen uns in die Höhle des Löwen wagen. Und wenn wir zu weichlich geworden, so wollen wir mit neuer Kraft uns stählen in jenen rauheren Lüften.« »Seit wann«, sagte Aspasia lächelnd, »ist Perikles zum Bewunderer und selbst zum Neider der rauhen und einfältigen Männer jenseits des Isthmos geworden? Sei nur getrost, Freund! laß jene dort ringen und kämpfen, wie sie mögen. Ueber ihren düsteren Bergeshöhen leuchtet nicht wie über Athens Akropole das siegreiche Licht der Pallas Athene!« – Mit einem starken Geleite brachen die Reisenden am nächsten Morgen von Korinthos auf, um frohen Mutes ihre Wanderung ins Dorerland über die argolischen Berge anzutreten. Aspasia verschmähte meist die Sänfte, welche Perikles in liebreicher Sorgfalt für sie hatte anfertigen lassen, und welche von Sklaven oder Maultieren über die beschwerlichen Strecken des Gebirges getragen werden konnte. Sie zog es vor, auf einem Maultier zur Seite des Gatten zu reiten. Und so wanderten sie denn, sich traulich unterredend, durch die säuselnden Gebirgswälder, dem Laufe der Bäche, welche den Schlünden zustürzten, entgegen, gelangten über steile Hänge und waldige Gipfel zu freien Hochflächen, dann wieder durch Engpässe und Täler, wo Oleander- und Lentiskussträucher und wilde Birnbäume über den dunklen Pfad ihr schattiges Gezweig in einander schlangen. In solchen düsteren Gründen drang denn doch mancher Blick aus den Augen der mutigen Aspasia etwas ängstlich spähend ins Gestrüpp, ob nicht eines Räubers dunkle Gestalt daraus hervortrete. Dann lächelte Perikles und sagte mit einem Blick auf das wohlbewehrte, pfadkundige Gefolge einheimischer Männer, welche er zur Begleitung durch das Gebirge angeworben hatte: »Fürchte nichts, Aspasia! Längst sind die wilden Riesen auf diesen Pfaden ausgetilgt, und dahin ist längst auch der Fichtenbeuger Sinis, der tückische Wütrich. Nur vor den Schlänglein dieser Höhen und Täler mögen wir uns hüten; denn du gedenkst wohl, was hier ganz nahe auf Nemeas Au geschah, als die Amme das Knäblein ins Gras hinlegte, um für die vorbeiziehenden Sieben gegen Theben auf ihr Verlangen einen Trunk erfrischenden Wassers zu holen.« Nach einer angestrengten Tagreise fanden sich die Wanderer an der Schwelle der Inachosebene und sahen zwischen zwei grauen, spitzen Bergen des Agamemnon sagenberühmten Herrschersitz, die uralte Hüterin dieser Bergstraßen, die Burg von Mykenä, lauernd in ihrer Felsenecke liegen – »im Winkel von Argos«, nach den Worten des homerischen Liedes. Zur Rechten starrte der kahle Kegelberg mit der alten Burg Larisa empor, die Akropole der Stadt Argos, die zu den Füßen des Berges auf weitem Raum in der Ebene sich erstreckte, noch immer blühend, und nicht minder stark als die Stadt der Athener bevölkert. Ueber die langgedehnte Strandebene des »rossenährenden Argos« herüber glänzte die blaue Meeresbucht von Nauplia, Bergketten, in die Farben des Sonnenuntergangs getaucht, ragten hier mit scharfgezackten Gipfeln gen Himmel, liefen dort in hochgeschwungenen Bogen bis ans Meer. Auch jenseits des schimmernden Golfes tauchten die dämmernden Umrisse mächtiger Bergeshäupter auf. Eine wunderbare Empfindung bemächtigte sich der Reisenden. Ihre Blicke hingen an der grauen Felshöhe von Mykenä, die Spuren der Königsburg der Pelopiden suchend, und all der anderen unzerstörbaren Reste kyklopischer Schatzhäuser, Gräber, Mauern und Gewölbe der Urzeit. Als sie Mykenä selbst erreicht hatten, war das Dunkel eingebrochen. Sie standen auf der Felshöhe, wo das graue, von Moos und Efeu überwucherte, aus riesigen, aber regelrecht behauenen Felsblöcken aufgewälzte Mauerwerk in der Dämmerung fast unheimlich und beängstigend ragte. Dennoch verschmähten sie es, hinunter zu wandern zu den Wohnstätten der wenigen Mykenäer, welche in der längst verfallenen und verödeten Königsstadt der Atriden noch hausten. Perikles und Aspasia beschlossen, die laue Sommernacht der Nähe dieser ehrwürdigen Ueberreste der Vergangenheit unter einem Zelte zuzubringen. Aber der Mond ging auf und übergoß das Mauerwerk und die Höhe selbst und alle Bergeskuppen von Argos ringsumher und die Ebene dazwischen bis an den fernen Golf mit weißglänzendem Lichte. Obgleich ermüdet, konnten Perikles und Aspasia der Verlockung dieser zauberischen Mondeshelle nicht widerstehen. Sie schöpften neue Kraft aus der wundersamen Erregung ihrer Gemüter. Vor wenigen Tagen noch umgab sie das geräuschvolle Athen, und jetzt standen sie auf Mykenäs Trümmern, von den Schauern der sternenhellen Nacht umgraut, in der totenstillen Einsamkeit der argolischen Berge. Der Geist des Homeros kam über sie. Im Rauschen des Windes, im Säuseln der Baumkronen vernahmen sie etwas wie einen leisen Nachhall jenes unsterblichen Heldengesanges. Das Vollmondlicht, das ringsumher auf den Kuppen der Berge von Argos brannte, gemahnte sie an die Feuer, die einst von einem dieser Berggipfel bis zum anderen aufloderten, um die Botschaft des Hellenensieges von Ilion über Meer und Gebirg hieher zu bringen bis an die Burg Agamemnons, wo die wilde Klytaimnestra, den Buhlen Aigisthos an der Seite, der Heimkehr des siegreichen Hellenenführers mit heimlich geschärftem Todesstahl entgegensah. Und innerhalb dieser verödeten Burgtrümmer, die da vor ihnen lagen in der grabstillen, nachtumgrauten Einsamkeit, ward er gezückt, dieser Mordstahl. Hinter diesen Mauern verhallte dumpf das Todesröcheln des heimgekehrten Völkergebieters ... Perikles und Aspasia schritten den mächtigen Mauerring entlang, der dem Rande des schroffen Burghügels mit zahlreichen Ecken und Winkeln folgte. Sie gelangten an das altberühmte Löwentor, die ehrwürdige Pforte der Atridenburg, über welcher des Weltteils ältestes Bildwerk ragt. Durch dieses Tor betraten sie den Burgraum und standen vor den inneren Mauerzügen, hinter welchen die Atriden unangreifbar hausten; aber nur noch die Grundfesten bezeichneten ihnen die Stelle der eigentlichen Fürstengemächer. Sie setzten ihre Wanderung fort und erreichten weiterhin, nicht mehr auf der Höhe des Berges, sondern auf seiner Abdachung, das ehrwürdige, noch unversehrte Rundgebäude, welches ein Schatzhaus und die Gruft der Pelopiden zugleich war. Als Perikles und Aspasia sich diesem Rundbau näherten, erschreckte sie die Gestalt eines riesigen Mannes, welcher an der Pforte lag, und welcher bei der Annäherung der Fremden sich mit halbem Leibe emporrichtete. Der Mann erinnerte an die Reckengestalten des Homeros, welche sich mit Felsblöcken bewarfen, deren Wucht die später Gebornen nicht mehr vom Boden zu erheben vermochten. Perikles sprach ihn an und merkte nach kurzer Unterredung, daß er es mit einem in den Bergen von Argos umherschweifenden Bettler zu tun habe. Die Glieder desselben waren kärglich mit Lumpen bedeckt, sein dunkelfarbiges Antlitz war wie zernagt von Wind und Wetter. So vielleicht war der vielduldende Irrfahrer Odysseus anzusehen, in dem Augenblicke, als er sich schiffbrüchig ans Festland rettete, nachdem er tagelang schwimmend mit dem Meere gerungen und die scharfe Salzflut ihm die Glieder verwüstet hatte. Der greise, wunderliche, hünenhafte Bettler behauptete, er hüte den Schatz des Atreus und ohne seine Einwilligung dürfe niemand der Pforte des Schatzhauses sich nähern. Von ungeheuren goldnen Schätzen begann er zu faseln, welche in geheimen Verstecken dieser Felskammern noch immer verborgen lägen, und welche den Finder zum reichsten aller Sterblichen, zum Führer und König in Hellas, zum Erben und Nachfolger des Hellenenfürsten Agamemnon machen würden. Lächelnd sagte Perikles zu Aspasia: »Wohl war Mykenä in Urzeiten berühmt als die goldreichste Hellenenstadt; aber ich denke, das Gold Mykenäs ist längst nach Athen geflossen, und wir brauchen es nicht mehr zu suchen. Dennoch lockt mich diese wunderbare Felsgruft der Atriden unwiderstehlich.« »Führ' uns heute noch in das Schatzhaus, das du bewachst!« fuhr Perikles fort, zu dem Hünen gewendet, »wir sind Athener und in die Berge von Argos gekommen, dem Staube der göttlichen Atriden unsere Verehrung zu bezeugen!« Dann befahl er einigen Sklaven, Fackeln anzuzünden. Der Bettler, auf welchen das Wesen des Perikles eine gewisse Macht zu üben schien, zeigte sich schweigend bereit, als Führer zu dienen. Mit wuchtiger Hand schob er, seine Riesenkraft betätigend, ein großes Felsstück beiseite, das vor dem Eingang lag und denselben völlig versperrte. Aber auch so noch war es nicht leicht, über Schutt und Geröll hinweg durch die fast verschüttete Pforte dem Weg ins Innere des tief in die Erde hinabreichenden Gewölbes zu folgen. Durch den aus mächtigen Quadern gebildeten Torweg gelangten Perikles und Aspasia in das hohe, düstere Rundgewölbe, dessen Wände sie nicht in der gewöhnlichen Art eines Gewölbes errichtet sahen; in immer enger werdenden Ringen fanden sie die Steinschichten übereinander gelagert und oben durch eine kegelförmige Wölbung abgeschlossen. Sie fanden die Spuren alter Erzverkleidung an den Wänden; ein beliebter Wandschmuck jener Zeiten, von welchen Homeros meldet, wie möchte in den Fürstengemächern die geglättete, blanke Erzwand im Widerschein helllodernder Fackeln geschimmert haben! Aber gewaltsam herabgerissen waren hier schon die Platten des Erzes, unverkleidet starrten die grauen Steinmassen der mächtigen, übereinander aufgetürmten Ringe den Beschauern entgegen. Aus dem Rundbau traten Perikles und Aspasia durch eine engere Pforte in eine Felsenkammer, welche, ganz in den lebendigen Fels gehauen, im Viereck sich verbreitete. Sinnend standen die beiden. Nur dämmerig erhellte das trübe Licht der brennenden Fackeln die düsteren Steingewölbe. »Ein kühner Gedanke wär' es«, sagte Perikles zuletzt, »in dieser von wunderbaren Schauern durchwehten Steingruft eine Nachtherberge aufzuschlagen!« Aspasia schauderte ein wenig, aber im nächsten Augenblicke lächelte sie und konnte sich des Zaubers nicht erwehren, welchen der Schauer erweckende und doch verlockende Gedanke auf sie übte, eine Nacht zuzubringen in der tausendjährigen Pelopidengruft, zu ruhen über dem Staube des Atreus und des Agamemnon. Manches Bedenken wurde noch erwogen, zuletzt aber schritt man zur Ausführung des kühnen Gedankens. Teppiche wurden auf den Steinboden der kleineren Felskammern von den Sklaven ausgebreitet und auf denselben das Lager bereitet. Im Rundgewölbe streckte der reckenhafte Bettler sich zum Schlummer hin, die Sklaven lagerten sich um den äußeren Eingang. Nun fanden Perikles und Aspasia sich allein in dem schauerlichen, ganz in den Felsen gehauenen Gemache. Der ungewisse Schein der in den Boden gesteckten Fackel spielte gespenstisch auf den grauen, fensterlosen Felswänden. Um sie herrschte Totenstille. Es war die wirkliche Ruhe einer Gruft, die sie umgab. »In dieser Nacht«, sagte Perikles, »und in diesem Raume tritt mir der Gedanke an Verwesung und Vernichtung beinahe in leibhafter Gestalt mit titanischer Uebergewalt entgegen. Wie zart und veränderlich und hinfällig erscheint alles Lebendige, und wie starr und zähe trotzt dem Zahne der Zeiten das, was wir das Tote zu nennen pflegen! Atreus und Agamemnon sind längst dahin, und wir trinken vielleicht die unsichtbaren Atome ihres Staubes mit dem Odem, welchen wir einziehen. Diese toten Mauern aber, welche jene Menschen aufgetürmt haben, umragen uns noch heute und werden vielleicht auch jene noch umragen, welche die Atome unseres tausendjährigen Staubes trinken!« – »Nicht ganz wie du, o Perikles«, erwiderte Aspasia, »finde ich, daß das flüchtig-lebendige Menschendasein Grund hat zum Neide gegenüber dem unverwüstlichen Leben des Toten. Der stürzende Felsblock begräbt die Blumen, aber die Blumen kehren wieder mit jedem Frühling und schlingen ihre Ranken um den Stein, und zuletzt verwittert nach Jahrtausenden der Stein, die Blumen aber sind immer wieder da. So liegt das Leben auch begraben unter Städtetrümmern, aber zwischen den Trümmern schlüpft es heimlich hervor und umspinnt das mit seiner Dauer sich brüstende Gestein: sein treibendes Gezweig durchwächst sogar und sprengt den Fels, und so ist zuletzt doch nur das scheinbar Flüchtige und Vergängliche wahrhaft ewig.« »Du hast recht«, sagte Perikles; »das Leben würde bald müde und seiner selbst überdrüssig werden, wenn ihm die Unveränderlichkeit des Toten beschieden wäre. Unvergänglichkeit ist schon eins mit dem Tode, nur der Wechsel ist Leben.« »Der Heldensinn des Agamemnon«, sagte Aspasia, »erneuert er sich nicht in tausend Leiden? Und lebt die Liebe des Paris und der Helena nicht in unzähligen Liebespaaren ewig wieder auf?« »Allerdings kommt und geht das Leben«, erwiderte Perikles, »und in ewigen Verwandlungen kehrt es wieder. Sind wir aber gewiß, daß es bei diesem Kommen und Gehen nicht doch zuletzt etwas einbüßt von seiner Urkraft? Sollte das Große in der Welt nicht ein wenig den Steinringen gleichen in der Wölbung dieser Gruft, welche nach oben hin sich zwar wiederholen, aber immer enger werden? – Der Heldensinn Agamemnons scheint zwar wiedergekehrt, und wir haben die Perser geschlagen, aber es will mich bedünken, als ob wir gegen die Helden Homers doch ein wenig eingeschrumpft wären.« »Manches«, erwiderte Aspasia, »mag schwächer werden in der Wiederkehr: aber verkennst du, daß vieles noch kräftiger und herrlicher sich erneuert? Die Kunst, welche mit diesen Trümmern unterging, ist wiedergekehrt und hat die bildgeschmückten Marmorzinnen des Parthenon gemeißelt!« »Wenn aber«, sagte Perikles, »auch jene bildgeschmückten Zinnen einst in Schutt gesunken sind – wenn das herrliche Viergespann der Pallas vielleicht, vom Giebel des Parthenon hinunter stürzend, mit Donnergekrach zerschellt ist am Felshang, bist du gewiß, daß auch dann die Kunst nur immer herrlicher wiederkehrt? Oder kommt eine Zeit, deren Ruhm nur noch zehrt vom Abglanz unsterblicher Trümmer?« »Darum mögen die späteren Geschlechter sich kümmern!« erwiderte Aspasia. »Du hast auch von der Liebe jenes schönsten Paares der Vorzeit gesprochen«, fuhr Perikles fort, »und wie sie sich erneuert in unzähligen Paaren?« »Zweifelst du daran?« sagte Aspasia. »Nein!« rief Perikles, »und ich glaube, daß die Liebe, und eben nur die Liebe, immer da ist mit gleicher Kraft, mit gleicher Lebensfrische, mit gleicher Beseligung!« »Die Liebe und die Freude!« fiel Aspasia lächelnd ein. »So ist es!« wiederholte Perikles. »Zwar muß ich mit Beschämung wandeln auf dieser Stätte und bin vielleicht nicht würdig, auch nur eine Nacht über dem Staube homerischer Helden zu ruhen. Aber wenn ich mit schmerzlichem Neide verzichten muß auf die Heldenehre des Achill, so teile ich doch das Glück des Paris: den Besitz des schönsten hellenischen Weibes!« – Die Miene, mit welcher Perikles dies sprach, war nicht ganz in Uebereinstimmung mit den Worten selbst. Er hatte das Ansehen, als ob er zweifelte, daß es dem Manne gezieme, auf den Ruhm Achills zu verzichten und sich zu begnügen mit dem Glücke des Paris ... Aber mit dem Zauber des schönsten hellenischen Weibes wußte Aspasia die Gedanken einzulullen, welche in der männlichen Seele des Perikles sich regten. Ihr Auge streute einen magischen Glanz in die düst're Felsgruft, von ihren Wangen schien der Rosenschein sich durch den ganzen Raum zu verbreiten. Die Fackel, welche zuvor so düster geflackert, wie vielleicht jene, welche einst zur Bestattung des getöteten Agamemnon hier geleuchtet, schien plötzlich heiter aufzuflammen wie eine Hochzeitsfackel. Durch den Strahl der Schönheit, der in die finstere Tiefe fiel, schien selbst die Gruft nun verwandelt in ein Brautgemach, und die ewige Frische des Gebens und der Liebe gewann die Oberhand über die Schauer des Todes und der Verwesung, über den tausendjährigen Moderstaub der Atriden. – Als Perikles und Aspasia die Stätte ihrer nächtlichen Rast verließen und aus der düsteren Felskammer hervortraten, glänzte ihnen der Morgen tauig von allen Fluren und Hängen entgegen. Aber es war auch in dem glänzenden Lichte des Tages nicht weniger einsam und totenstill unter den Trümmern der Atridenburg. Nur ein Geier schwebte regungslos mit weit ausgebreiteten Fittichen über Mykenä hoch im Blau. Während hierauf die Reisenden von dem mitgebrachten Vorrate und dem Weine, den ein Sklave in geißledernem Schlauche trug, einiges zum Morgenimbiß zu sich nahmen, fragte Perikles Aspasia, ob sie nicht einen Traum gehabt während des nächtlichen Schlummers in der Atridengruft. »In der Tat«, versetzte Aspasia, »hat mich ein Morgentraum mitten unter das Heldengetümmel von Ilion versetzt. Ich habe den Achill leibhaft gesehen, und er schwebt mir noch immer vor Augen. Es war eine wild-schöne Jünglingsgestalt von fast dämonischem Ansehen, hoch und schlank, das im reinsten Eirund geschnittene Antlitz von dunklen Locken umrahmt, die Augen schwarz wie eine Kohle und beinahe kreisrund, was seinem Gesichte bei allem Adel der Züge etwas Gorgonenhaftes, Schreckliches gab; der Mund ungewöhnlich schmal, die Lippen aber kräftig ausgeprägt – überall die Züge jugendlicher Schönheit mit dem Ausdrucke wilder, fast übermenschlicher Heldenkraft vereinigt erscheinend. So sah ich ihn an den Schiffen stehen mit funkensprühendem Haupte, durch seinen Kampfruf allein schon Entsetzen verbreitend innerhalb der Mauern von Ilion.« »Auch mich«, sagte Perikles, »hat der Traum zur selben Zeit in die homerische Welt entführt, aber seltsamerweise nicht unter die Helden, sondern ich sah Penelope, und was noch seltsamer ist, ich sah sie nicht so wie Homer sie schildert, als des Odysseus in Treue harrendes Eheweib, sondern als jugendliche Braut im Lichte einer Sage, die mich noch sinniger anmutet als alles, was Homer von ihr gesungen hat. Du kennst gewiß die Sage von des Odysseus Werbung: wie der Sparterkönig Ikarios seine Tochter Penelope dem werbenden Odysseus zwar zusagte, hoffend, diesen zu bewegen, sich in Lakedaimon niederzulassen, als dies ihm aber nicht gelang, die zärtlich geliebte Tochter dem Freier wieder abspenstig machen wollte, ja als Odysseus die Braut nach Ithaka hinwegführte, dem Wagen mit väterlichem Flehen nacheilte, bis Odysseus die Jungfrau aufforderte, sich zu erklären, ob sie ihm freiwillig folgen oder lieber mit ihrem Vater nach Sparta zurückkehren wolle. Und wie dann Penelope nichts erwiderte, sondern nur schamhaft ihr Angesicht verhüllte; worauf Ikarios sie ziehen ließ und an der Stelle, wo dies sich ereignet hatte, eine Bildsäule der jungfräulichen Scham aufrichtete. Welch ein liebliches Bild ist diese stumm errötende, in jungfräulicher Verschämtheit das Haupt verhüllende Penelope! Und eben in dieser jungfräulichen Gestalt habe ich sie heute Nacht im Traume gesehen!« So erzählten Perikles und Aspasia sich die Träume, welche ihnen zu teil geworden über dem Staube der Atriden, und erwogen halb scherzend, halb im Ernste, ob etwa eine Vorbedeutung, ein geheimer Sinn in diesen Traumgesichten sich berge. Noch einen Blick sandten sie von der Trümmerhöhe Mykenäs auf die Inachosebene hinab und auf das alte Argos. Dann brachen sie auf, um ihren Weg fortzusetzen und die Wanderung aus den argolischen Bergen in die arkadischen hinüber anzutreten. Perikles und Aspasia fanden ein Vergnügen darin, große Strecken zu Fuße zu durchwandern und, gleichsam lustwandelnd auf den Pfaden des grünen Waldgebirges, traulichen Gespräches zu pflegen. Aspasia war bisher nur auf Polstern und Teppichen zu ruhen gewohnt; nun erfuhr sie, daß es möglich sei, auch auf grünen Rasen, auf Moos, Kräuter, Fichtennadeln zur Rast sich hinzulagern. Wenn sie so bisweilen an einer anmutigen Stelle sich niederließen, so brachte ein Sklave auf den Wink des Perikles eine von den Bücherrollen herbei, welche die Gesänge des Homeros enthielten, und Aspasia las dem Gatten auf sein Verlangen Stellen daraus mit ihrer süßen, hellen Stimme vor. Nicht ohne den Sänger hatten sie die Ueberreste des alten Atridenreiches besuchen wollen, und in der Tat, seit sie diese Trümmer gesehen, erschien jener ihnen in seiner Wahrhaftigkeit. Es knüpfte daran von Zeit zu Zeit sich ein flüchtiges, kleines Zerwürfnis, wenn Perikles allzu begeistert in das Lob der patriarchalischen Heldenzeit sich verlor, während Aspasia das Ideal des Menschheitlebens lieber in der Gegenwart oder gar in der Zukunft suchte. »Bei Homer«, sagte Perikles einmal, »glaube ich eine merkwürdige Lehre zu finden: daß nämlich der Mensch einmal Tier gewesen und allmählich zum Menschen geworden. Man sieht bei ihm, namentlich in der Odyssee, wie die Menschwerdung allmählich vor sich gegangen. Er legt überall das Hauptgewicht auf den Sieg der Menschlichkeit über das Rohe, Tierische. Ueberall dieser Kampf des Menschentums mit den noch nicht völlig überwundenen Resten der Tierheit. Er zeigt uns in den wilden Lästrygonen und Kyklopen, was wir einst gewesen. Er malt dann sinnig diesen wilden Halbmenschen gegenüber das menschlich-edle Empfinden aus, stellt den Menschenfressern die gastfreundlichen Phäaken gegenüber, und um das Menschliche vor dem Rückfall ins Tierische zu bewahren, knüpft er es so innig als möglich ans Göttliche an. Pallas Athene, die Göttin der menschlich besonnenen Einsicht, der durch Menschlichkeit geadelten Tatkraft, ist seiner Helden stete Begleiterin und Lenkerin. Menschlichkeit ist's, was er predigt, Menschlichkeit im Gegensatze zur Tierheit. Bei ihm ist reines Menschentum ausgeprägt in reiner Poesie. In reinem, klarem Aether schwimmen bei ihm alle Gegenstände. Beredter sprach erhabene Einfalt aus keinem Munde, als aus dem seinigen.« Hier unterbrach Aspasia den Perikles in seiner Lobrede. »Erlaube«, sagte sie, »dir ist da ein Wort entschlüpft, welches ich nicht gelten lassen darf, und welches du vielleicht selbst gerne zurücknimmst. Homer ist weder einfältig noch einfach, wenigstens nicht in dem Sinne, wie etwa die Bildner vor Pheidias gewesen. Mit Homer sprang, um ein altes Gleichnis zu gebrauchen, die Poesie in voller Reife aus dem Haupte des Zeus. Seine Rede ist breit, reich, volltönend. Seine Schilderungen sind zuweilen ebenso pomphaft als lebendig, und es gibt Stellen in der Ilias und Odyssee, welche kein später Geborner an rhetorischer Pracht des Ausdrucks übertreffen wird. Und seine Beredsamkeit! Sind die Reden, mit welchen der grollende Achill zur Wiederkehr in den Kampf bewogen werden soll, und die Antwort, die er gibt, nicht Meisterstücke? Und dies nicht etwa durch den Schwung allein, sondern auch durch die Anordnung und durch die schlagende Kraft der Beweisführung bleiben sie Muster einer ausgebildeten Redekunst.« »Was du da vorbringst, ist die Wahrheit!,« sagte Perikles, »Dennoch besitzt Homer in einem gewissen Sinne wieder das, was ich erhabne Einfalt nenne. Vielleicht ist es das Geheimnis der höchsten Kunst, daß sie durch den ausgebildeten Prachtstil jene hohe Einfachheit noch hindurchklingen läßt und mit der Reife der Gegenwart urweltliche Naturfrische vereinigt.« – Nach einer fortgesetzten Wanderung von einigen Tagen befanden sich die Reisenden mitten in dem rauhen, gebirgigen Teile des Hirtenlandes Arkadien. Sie durchwandelten das Gebirg im Geleit einheimischer Hirten, welche ihnen nicht bloß als Führer, sondern, mit Keulen und wuchtigen Lanzen gerüstet, als Beschützer zugleich dienten. Sie sahen in der Einsamkeit der Berge über sich die Adler in den Wolken kreisen, sie sahen andere scharfkrallige und krummschnablige Vögel auf zackigem Felsen mit lautem Gekrächz sich befehden, sie sahen Schwärme von Kranichen, von Staren und Dohlen vor dem Habicht flüchten, der von den Gipfeln der Berge her auf sie herunterstieß. Hier und da schollen Schläge der Axt aus der Tiefe des Waldes, und das Gekrach uralter Stämme unter den Händen holzhauender Männer. Von den reißenden Tieren, welche meist nur in der Nacht aus ihren Höhlen hervorbrechen, kreuzte keines ihren Pfad. Nur von helläugigen Schildkröten, welche zwischen Kräutern und Gestein schwerfällig sich wälzten oder in der Sonne sich wärmten, fanden sie den Boden der Wälder Arkadiens überall bedeckt. So wandelten Perikles und Aspasia auf stillen Fluren, und während sie Fremdes, Neues mit ruhigen Sinnen als ein Zufälliges flüchtig aufzunehmen glaubten, war doch das alles für sie von schicksalvoller, heimlicher Wirkung, fügte der Ordnung ihres Daseins wie ein vorherbestimmtes Glied sich ein, und gleichsam lustwandelnd schritten sie den neuen Wendungen, Wandlungen, Entscheidungen ihres inneren Gebens und äußeren Geschickes entgegen. – Ueber wolkennahe Hochflächen ziehend, gewannen die Reisenden oft wunderbare Ausblicke in die Weite von Hellas. Von den fernsten Grenzen her sahen sie zuweilen die Gipfel schneebedeckter Berge leuchten. Eines Tages waren sie vor dem Morgengrauen aufgebrochen und zogen über das noch nächtlich umgraute Gebirge. »Dich fröstelt im kühlen Morgenwinde?« fragte Perikles die schauernde Aspasia. »Mich schaudert vor dieser nachtdunklen, öden Bergeseinsamkeit!« erwiderte sie. »Mir ist, als ob wir nicht mehr auf hellenischem Boden wandelten, und als ob wir verlassen wären von allen Hellenengöttern!« In diesem Augenblicke haftete das Auge des Perikles auf einem Goldwölkchen, das am Rande des Horizonts im fernen Norden sichtbar wurde. Er lenkte auch den Blick Aspasias darauf. Das Goldwölkchen vergrößerte sich ein wenig, stand aber immer fest an seiner Stelle und hob von dem übrigen gleichförmigen Grau des Nachthimmels wunderbar sich ab. Allmählich gewann die Oberfläche des Wölkchens eine merkwürdige Deutlichkeit und festere Umrisse, welche gar nicht mehr als die einer Wolke erschienen. Es hatte das Ansehen einer fernen goldnen Au, auf welcher selige Götter wandelten. Und in der Tat, als der Morgen graute, und die Linien ferner Gebirgszüge hervortraten, da verbreitete jener Glanz sich in die Tiefe, und die Wanderer merkten, daß es nicht ein feststehendes, lichtes Wölkchen gewesen, was sie geschaut, sondern die schneebedeckte Gipfelfläche eines fernen Berges im Norden, beleuchtet von der noch nicht sichtbaren Sonne. »Es ist, denk' ich, der Gipfel des thrakischen Olymps, des Götterberges!« sagte Perikles heiter zu Aspasia. »Siehst du, daß die Hellenengötter uns noch nicht verlassen haben? Fernher von dem Sitze, wo sie in ewiger Heit're thronen, senden sie durch einen Spalt des Hochgebirges uns einen Gruß in diese unerfreuliche Einsamkeit.« »Sie wollen uns sagen«, erwiderte Aspasia lächelnd, »vergesset unser und alles Schöne nicht ganz im düstern Dorerlande!« – Alsbald aber gelangten die Reisenden von kahlen Hochflächen in den baumreichen, quellsprudelnden Westen des arkadischen Landes. Hier ergossen sich unzählige kleine Flüßchen, lieblich anzusehen, bald rauschend, bald nur leise murmelnd, von den waldigen Hängen herunter. Auf den Matten stand selbst in der Sommerglut das üppig sprossende Grün beständig frisch und unversengt. Hochauf grünten zum Himmel, die Ulmen, die Buchen, die Platanen und Eichen. Vom Gebrüll der Rinderherden widerhallten die Täler. Ueberall merkten die Reisenden, daß sie im Bereiche des rauhschenkligen Gottes sich befanden, welchem um die Schultern das rötliche Fell des Luchses hing und welchem auf allen diesen Höhen ringsumher das Opferblut purpurn schäumte aus der zottigen Brust des Widders. Ueberall fand man sein schlichtes Bild aufgestellt, aus dem Holz der Ulme geschnitzt; überall seine Spuren. Hier war ein struppig Eberfell zu schauen, ihm zu Ehren an eine Platane gehängt, dort das Zackengeweih eines Hirsches, ihm zum Dank an eine Buche genagelt. An den Quellen aber sah man Nymphenbilder, von den Hirten gestiftet: dabei aufgehangene Weihegeschenke. Perikles und Aspasia wanderten durch hochgelegene Eichwälder, welche das auf- oder untergehende Tagesgestirn mit einem Meer von goldnem Schimmer übergoß, und wo ein Stück Sonne durch den Spalt einer Baumkrone wie ein Karfunkel glomm, lange Strahlen sprühend, die man glaubte mit Händen greifen zu können. Das alles war ihnen so neu, so wunderbar. Sie hatten auf Dinge dieser Art niemals geachtet. Eines Tages merkten die Pilger, einen Wald durchwandernd, der viele Stunden weit ihren Pfad begleitete, ein ungewöhnlich starkes Rauschen in den Zweigen. »Ich erinnere mich, von einem arkadischen Eichwalde gehört zu haben«, sagte Perikles, »welcher Pelagos, das Meer, genannt wird, von dem meerähnlich starken Rauschen seiner unzähligen Wipfel. Es ist vielleicht der Hain, den wir durchwandern.« Die einheimischen Führer aber, die Begleiter der Reisenden, erklärten, dies Rauschen des tiefen Waldes sei nicht das gewöhnliche, und wiesen zugleich nach dem Himmel hinauf, der kurz vorher noch völlig heiter gewesen, jetzt aber glanzlos geworden war wie angelaufener Stahl. Die Arkadier schlossen auf einen nahenden Sturm. Die Reisenden beflügelten ihre Schritte, um vor dem Ausbruch desselben noch den Ort zu erreichen, in welchem sie die Nacht zuzubringen gedachten. Bald aber ging das Rauschen des Haines in ein wildes Brausen über, und die Wipfel begannen zu krachen. Einzelne kleine, aber nachtschwarze und regenschwere Wolken flogen, vom Winde gepeitscht, durch den dunstig grauen Aether hin. Die vorher noch golden strahlende Sonne stand schwefelgelb über den hochgescheitelten Bergen, deren Gipfel noch einmal aufleuchteten in fahlem Scheine. Von den Wipfeln der Bäume stieg die Windsbraut auf den Boden herab und fegte Laub und Sand und kleine Zweige wirbelnd vor sich her. Jetzt begannen einzelne Tropfen zu fallen, und wenige Augenblicke später stürzte die Regenflut, anfangs gemischt mit Hagelkörnern, prasselnd hernieder. Eilig flüchteten die Reisenden unter das breite Schirmdach einer riesigen Eiche. Plötzlich erschütterte ein ungeheurer Donnerschlag das Gebirge. Und von da an folgte Blitz auf Blitz, Donnerschlag auf Donnerschlag, und die Wetter schienen von verschiedenen Gegenden des Himmels her sich zu begegnen. Die blaugelben Blitze kreuzten sich über den Häuptern der erschrecken Wanderer, und die Donner fanden ein Echo in den hundert Tälern und Gründen. Dabei strömte der Regen unaufhörlich, der Sturm brauste, die Raubvögel kreischten, und aus weiter Entfernung vernahm man das Geheul eines Wolfes. Mit ängstlichen Augen blickten die Wanderer von ihrem Asyl unter dem Blätterdach der Eiche hinaus in das Grausen des Ungewitters, welches sie von allen Seiten her umgab. Da fiel plötzlich vor ihren Augen aus einer schwarzen Wolke, die über dem Kamm eines zackigen Felsberges hing, der Blitz in einen der höchsten Bäume des Waldes. In schauriger Pracht loderte der Riesenstamm empor und erschien im Augenblick vom Fuß bis zum Wipfel gehüllt in Flammen: ein Funkenregen stob hernieder aus den knisternden Aesten, Schwefelgedüft durchwitterte die Luft. Von der brennenden Eiche aber züngelten die Flammen hinüber zu anderen Wipfeln und bedrohten auch schon das Asyl der Reisenden. Die arkadischen Männer versprachen, die Flüchtenden zu den nächsten Ansiedelungen zu führen, wo sie die Nacht zubringen könnten. Fort durch unwegsame Gründe eilten sie, abwärts gewendet, den Führern folgend. Nach einiger Zeit hatte die Gewalt des Regens ausgetobt; aber man hörte das dumpfe Gebraus angeschwollener Gießbäche, welche von den Höhen in die Talschluchten hinunterstürzten, Geröll und Sand, gebrochene Aeste und Felsstücke sogar wurden durch die Gewässer weggeschwemmt und in die Abgründe mit hinuntergerissen. Inzwischen war der Abend eingebrochen, aber während die Wanderer durch die Waldgründe dahineilten, wich das Gewitter. Bald war das Gewölk von den Winden zerstreut, und der Mond ging ruhig auf über den Waldhöhen, welche noch eben der wilde Kampf der Elemente durchtobte. Nun gelangten die Flüchtenden zu einer großen Lichtung des Waldes, zu einer kräuterreichen Halde, welche über einen sanften Abhang hinunter sich erstreckte. Ein großes Rundbild eigentümlicher Art erschloß sich hier in der Nachtstille den Blicken. weit umher ragten alle die Felswarten der Berge und zackigen Gipfel empor in die Helle des Mondes, der bald ganz klar am reinen Himmel stand, bald dämmrig durch flatternde Wölkchen brach. Das Auge hatte viel aufzufassen, und die Wegmüden schritten wie in wachen Träumen hin. Dazwischen rauschten die Bergströme mächtig hinab. In der Mitte der freien Lichtung lag einsam das Gehege und Gehöft eines Hirten. Als die Reisenden sich anschickten, auf dasselbe zuzugehen, trat ihnen plötzlich ein Mann entgegen, der bewaffnet und in Tierfeile gekleidet war, und der offenbar das Gehöft vor den nächtlichen Angriffen wilder Tiere bewachte. Ein paar gewaltige Hunde gingen bellend an seiner Seite. Rasch verständigten sich mit ihm die einheimischen Männer. Sie begehrten Gastfreundschaft für die athenischen Reisenden. Der Wächter führte die Fremden, mit Steinwürfen die kläffenden Hunde verscheuchend, hinter die mit schützendem Hagdorn umzäunte Mauer, welche, das Gehöft umschließend, einen weiten Hof bildete, in dessen Mitte ein Wachtfeuer brannte. Der Eigner des Gehöftes, ein schlichter Hirte, kam herbei und hieß die Gäste willkommen, ohne nach ihrer Herkunft, oder nach ihrem Namen, oder nach ihrem Reiseziel zu forschen. Er ließ einen Hammel schlachten, um denselben zur Bewirtung der Gäste am Feuer zu schmoren. Nachdem er die Reisenden in solcher Art gelabt, wies er den Sklaven ihr Nachtlager in den Scheunen an, dem Perikles und der Aspasia aber trat er seine und seines Weibes eigne Kammer ab und stellte ein reinliches Lager für sie her, indem er kleines Reisig und dürres Gekraut auf den Boden streute und weichwollige Schafvliese darüber breitete. Zur Decke gab er ihnen einige Ziegenfelle und überdies seinen Mantel. Die wechselnden Zufälle, die kleinen Abenteuer, und selbst das Ungemach einer Reise vermehren die Lust der vereinigt Wandernden, anstatt sie zu vermindern. Der laute Wechsel von Bildern und Begebnissen ergötzt zuletzt, und aus den freien Lüften des Himmels strömt den Müden nicht bloß Stärkung und Erfrischung zu, sondern auch fröhliche Laune. Perikles fühlte sich niemals heiterer als hier in der Hütte des Hirten im Angesichte des ärmlichsten Lagers. Das silberhelle Lachen Aspasias mischte sich gar eigen in das idyllische Gebrüll der Rinder aus den dampfenden Ställen ... »Wie viel Wunderbares bescheren uns die Götter, welchen wir uns wandernd anvertraut!« sagte Perikles. »Vor wenigen Tagen hatten wir zum Schlafgemach eine uralte Königsgruft, die uns mitten in die Ilias versetzte, und heute scheint es, daß wir die Abenteuer der Odyssee erleben sollen. Der Geist Homers umschwebt uns, seit wir über den Isthmos gegangen; ich glaube, wir werden uns wandernd verändern, und wenn wir zurückkehren, nimmer passen zu den verfeinerten, fast weichlichen Athenern!« Als Perikles und Aspasia, früh geweckt durch Hundegebell und das gedehnte Brüllen der Rinder, sich von ihrem Lager erhoben und in den geräumigen Hof hinaustraten, sahen sie ungeschlachte Hirtenknechte zu den Ställen schreiten. Ein großer zottiger Hund spielte mit einer Kröte, die er in dem noch regenfeuchten Grase gefunden. Er griff sie unter gewaltigem Bellen und Springen bald mit der Tatze, bald mit der Schnauze an, und zerrte sie umher bis sie tot auf dem Rücken lag. Ein anderer Hund kämpfte oder spielte vielmehr mit einem Schafbock. Der Bock stieß ihn mit den Hörnern, der Hund aber schnappte nach dem Barte des Bocks und versuchte, ihn in die Schnauze zu beißen. Am Brunnen saß ein nacktes Kind und warf mit Steinchen nach der glänzenden Sonnenscheibe, welche in dem Brunnen sich spiegelte. Jetzt kam aus den Ställen die Rinderherde schweren Schrittes gewandelt: voran, seiner Kraft froh, der Zuchtstier; die Kälber sprangen mit Geblök um die Mütter. Zwei Knechte folgten mit krummen Hirtenstäben in der Hand, von zwei gewaltigen Hunden begleitet. Dann kamen, von Knaben geleitet, die meckernden Ziegen. Den voranschreitenden Geißbock faßte der herantretende Hirt am struppigen Kinn und liebkoste ihn. »Dieser Treffliche«, sagte er zu Perikles und Aspasia gewendet, »zeigt immer in finsteren Nächten den Wolf oder den Fuchs an, der das Gehöft beschleicht, wenn selber die Hunde schlummern und säumen, das Getier zu verscheuchen.« Die blökende Lämmerherde aber versammelte sich um ein braunes Mädchen, dessen Haupt von einem breitrandigen Hute umschattet war, und das einen Hirtenstab in der Hand hielt. Das Mädchen hatte etwas an sich, was im ersten Augenblick die Aufmerksamkeit erregte, einen Eindruck hervorbrachte, über den man nicht sogleich Rechenschaft geben konnte. Sah man aber näher zu, musterte ihre Gestalt und das ärmliche Gewand, welches sie umhüllte, so fand man, daß es ein Schäfermädchen war, welches sich kaum von andern unterschied, und erblickte nichts Eigentümliches an ihr, als blonde Haarflechten und Augen von einer sonderbaren Art. Diese Augen waren nämlich merkwürdig tief und träumerisch und schienen selbst in diese dem Mädchen wohlbekannte und gewohnte Welt mit einer Art von kindlicher Verwunderung zu blicken. Die Lämmer drängten sich blökend um sie und sprangen an ihr empor. Eines der jüngsten, von schimmernder Weiße, beleckte des Mädchens liebkosend ausgestreckte Hand. Als die versammelte Lämmerherde durch das Tor des Hofes, geleitet von dem Mädchen, hinausgezogen war, trat der gastfreundliche Hirt zu Perikles und Aspasia, und von ihm erfuhren sie, daß die junge Hirtin seine Tochter war, sein einzig Kind, und daß sie Kora hieß. Er setzte ihnen jetzt verschiedenes von seinem ländlichen Vorrat zum Morgenimbiß vor, wobei sein Weib, Glykaina, ihm behilflich war. Perikles fragte den Hirten, ob er ihm gestatten wolle, mit den Seinigen einen Tag lang bei ihm Rast zu halten, deren sie nach den Anstrengungen der letzten Wanderung sehr bedürftig waren. Mit Freuden bewilligte dies der Hirt, lief zu seinem Weibe hinaus und sagte geheimnisvoll: »Glykaina, ich glaube immer, daß jene beiden Fremden, die uns da ins Gehöft gekommen, keine Sterblichen sind, was Ansehen und Schönheit der Gestalt betrifft, scheinen sie mir verkleideten Göttern ähnlich, wie sie doch schon manches Mal bei armen Hirten eingekehrt. Auch rühren sie gar wenig an den Speisen, welche man ihnen vorsetzt.« »Und die Sklaven«, sagte Glykaina, »hältst du diese auch für Götter?« »Nein«, sagte der Hirt, »diese essen und trinken menschlich. Aber jene beiden – nun gleichviel! Bewirte du sie mir nur, so gut du es vermagst.« Darauf kehrte der Wirt zu seinen Gästen zurück, führte sie überall umher, zeigte ihnen seine Ställe und seine Fruchtspeicher, auch seine glattgebohnten Melkeimer, die mit der Molke bis zum Rande gefüllten Näpfe und die von Käse strotzenden Körbe. Er führte sie auch zu den in ihren Kofen zurückgebliebenen weißzahnigen Mutterschweinen und Ferkeln, rühmte das blühende Fleisch derselben und fütterte sie vor ihren Augen mit Steineichfrüchten und roten Kornellen. Wenn Aspasia Miene machte, sich ermüdet irgendwo niederzulassen, so war der Hirt rasch mit einem gesprenkelten Gemsenfelle zur Hand, um es ihr unterzubreiten, und lächelte dabei klug, als ob er merken lassen wollte, er wisse wohl, welche Behandlung verkleidete Göttinnen von Sterblichen heischten. Felle und Köpfe von getöteten Raubtieren waren an der Umfriedung des Gehöftes, sowie an den Bäumen, welche dasselbe umgaben, zahlreich aufgehangen, und nachdem Perikles und Aspasia auch diese betrachtet, atmeten sie, ins Freie hinauswandelnd und sich selbst überlassen, höher auf im würzigen Kräuterduft der Bergeshalde. Morgendlich erglänzten im frischen Grün, wie vom Guß des Regens rein gewaschen, die Berge. Die taunassen Gräser blitzten auf ihrer der Sonne zugekehrten Seite wie geschliffene Klingen. Ein Schwarm von Krähen flog, wie in geschäftiger Hast, über die Waldwiese, ließ auf einen einzeln stehenden Baum sich nieder, flog nach wenigen Augenblicken ebenso hastig wieder auf und verlor sich in der Bläue des Aethers. Ueber die entfernten Bergspitzen sah man Hirten mit ihren Herden ziehen. Die Täler dazwischen waren ganz mit weißem Nebel und Höhenrauch gefüllt, der wie Meereswellen wallte, und in welchen die von den Höhen herabkommenden Herden untertauchend zu verschwinden schienen. Lämmer und Rinder sah man in allen Niederungen weiden, und muntere Ziegen kletterten empor zu den Felshängen. Hier und da scholl Syringengetön, auch Gesang, der Zeitverteib des Hirten auf dem Gefilde. Von einer bestimmten Gegend her vernahmen die beiden Lustwandelnden Töne, deren Lieblichkeit sie anlockte. Sie schlugen den Weg in jener Richtung ein und fanden eine Gruppe von Hirten, welche um den trefflichsten Bläser der Hirtenflöte lauschend versammelt war. Bald aber trat aus der Mitte der Lauschenden einer hervor, um sich in einen Wettstreit mit jenem einzulassen. Als Perikles und Aspasia sich näherten, entsank den beiden Wettbläsern die Schalmei aus dem Munde und fast auch aus den Händen, und alle Hirten umher standen betroffen vor der fremden Erscheinung. Als aber Perikles in freundlichen Worten sie aufforderte, ihren Wettkampf fortzusetzen, und ihnen sagte, daß er und seine Gattin Athener seien, welche, nach Elis reisend, durch ein heftiges Ungewitter hierher verschlagen worden, so nahmen die beiden kunstfertigen Hirten mit noch größerem Eifer als zuvor ihr Wettspiel wieder auf und baten den Athener und seine Gattin, das Richteramt zu übernehmen. Perikles und Aspasia waren entzückt durch das wetteifernde Getön der Hirtenflöten. Sie erstaunten, daß unter so rauhen, ungeschlachten Menschen, wie diese bergbewohnenden Arkadier waren, dennoch eine, wenn auch armselige Kunst zu solcher Feinheit und Vollendung sich hatte ausbilden können. Aspasia fragte die Hirten, ob sie nicht auch in nachahmenden Tänzen mit einander zu wetteifern verständen. Da wiesen sie auf den jüngsten unter ihnen, einen schlanken Knaben, der auf des Perikles Verlangen hervortrat und halb drollig, halb anmutig einen ländlichen Tanz zum besten gab, in welchem er bestimmte Verrichtungen des Landlebens in nachahmenden Tanzbewegungen darzustellen wußte. »Könntest du nicht auch einen Tanz zu zweien versuchen?« fragte Aspasia den Knaben. »Wenn Kora wollte –« sagte dieser, in fast traurigem Tone und mit schwermütigen Augen in die Ferne hinausblickend. »Kora?« riefen die anderen Hirten lachend. »Törichter Junge! was redest du von Kora? Kora will nichts von dir wissen!« Der Knabe seufzte und schlich beiseite. Weiter wandelnd gelangten Perikles und Aspasia zur Lämmertrift, einer traulich verborgenen, von Bäumen rings umgebenen Waldwiese. Hier fanden sie Kora unter ihren Lämmern sitzend. Von den jungen, weißwolligen, vergaßen einige der Weide und zogen es vor, um Kora gelagert, die Köpfe auf ihre Kniee legend, zu ruhen. Kora selbst aber war, mit gesenktem Haupte dasitzend, ganz in den Anblick einer Schildkröte vertieft, welche in ihrem Schoße lag, und welche den Blick des Mädchens mit ihren schönen klugen Augen erwiderte. »Wo fandest du dieses Tier?« fragte Perikles, welcher sich mit Aspasia genähert hatte. Das Mädchen war so sehr in seine träumerische Betrachtung versunken gewesen, daß es die beiden Fremden erst bemerkte, als sie vor ihr standen. Nun blickte sie auf, maß jene beiden mit einem Blicke aus ihren großen, rundlichen Kinderaugen und sagte: »Aus dem nahen Walde kommen diese Tiere selber zu mir herangekrochen. Besonders eine von ihnen, diese da, kommt immer wieder und ist so wenig scheu, daß sie ihren Hals und Kopf, statt sie zu verbergen, wenn ich sie anfasse, immer so weit als möglich vorstreckt, und mir mit den hellen Augen beständig entgegenblickt. Die alte Baubo sagt, daß zuweilen Pan selbst in der Gestalt einer Schildkröte sich verbirgt. Ich glaube«, fuhr das Mädchen leise fort, »daß auch diese da etwas Geheimnisvolles in sich birgt, denn seit sie immer zu mir aus dem Walde kommt und den Tag bei mir und den Lämmern zubringt, vermehrt sich und gedeiht die ganze Herde auf eine wunderbare Weise.« Einmal zu erzählen veranlaßt, ließ das arkadische Mädchen sich durch Fragen Aspasias gerne verleiten, fortzufahren mit wunderlichem und kindlichem Geplauder. Lieblich zu hören war die Erzählung des Hirtenkindes mit den ernsten Augen von dem Wald- und Hirtengotte Pan, wie sein Flötenspiel aus weiter Ferne so wundersam in den einsamen Bergen erklinge, wie er sich bald gnädig, bald tückisch erweise. Sie erzählte auch von den bocksfüßigen, walddurchschweifenden Satyrn, welche nicht bloß die Nymphen, sondern auch die Hirtenmädchen neckend verfolgen, und von welchen einer auch ihr einmal nachstellte, bis sie ihn mit einem Feuerbrande verscheuchte, den sie aus dem im Walde angezündeten Wachtfeuer gerissen; auch von den Nymphen, welche sich wie die Satyrn in den Wäldern aufhalten, und welche zuweilen im Mondlichte dem Menschen begegnen, was aber ein Unglück sei, denn wer eine Nymphe im tiefen Walde erblicke, der werde von Wahnsinn befallen und ihm sei nimmer zu helfen. Die Seele des Mädchens war ganz erfüllt von den seltsamen Sagen und Geschichten seines arkadischen Heimatlandes. Sie sprach von wildem Gesümpf und von grausigen Schluchten, von götterverfluchten Seen im Walde, in deren Gewässer kein Fisch gedeihe, von Höhlen, in welchen böse Geister ihre Schlupfwinkel haben, von merkwürdigen Heiligtümern des Pan auf einsam-düsteren Bergeshöhen. Und je schauerlicher die Erzählung des Mädchens wurde, desto weiter öffneten sich seine kindlich-ängstlichen Augen. »In Stymphalos«, sagte sie, »da schweben unter dem Tempeldache aufgehangen die toten stymphalischen Vögel, wie sie der Held Herakles erlegte. Mein Vater selbst hat sie gesehen. Und hinter dem Tempel stehen Marmorbilder von Jungfrauen mit Vogelfüßen. Jene toten stymphalischen Vögel sind so groß wie Kraniche, und sie flogen auf die Menschen zu, als sie noch lebten, und zerhackten ihnen die Köpfe mit ihren Schnäbeln und verzehrten sie. Ihre Schnäbel waren so stark, daß sie sogar das Erz damit zerbeißen konnten.« Von den götterverfluchten Seen im Waldesgrunde, in welchen kein Fisch leben könne, und in welchen selbst die zufällig darüber hinfliegenden Vögel, wie sie sagte, tot herunterstürzen, kam sie auf das grausige Gewässer des Styx zu sprechen, welches in der schauerlichsten Bergschlucht Arkadiens hoch vom wüsten Felsgestein herunterträuft; und von den grausen Gewässern auf die wilden Tiere der Bergwälder und auf die Jagden, welche die arkadischen Männer auf dieselben anstellen. Da aber verlor ihr Auge den kindlich-ängstlichen Ausdruck, und eine mutige Seele schien daraus hervorzuleuchten. Sie erzählte, wie die Hirten, wenn ein Raubtier in der Nähe der Gehöfte sich aufhalte, so manche stürmische Regennacht im Freien durchwachen müßten, wie man weithin glänzende Feuer des Nachts in den Höfen unterhalte, wie man das heißhungrige Brüllen des Tieres in der Nachtstille fernher aus dem Walde vernehme, und wie dann alles sich aufmache, um seine Spur zu verfolgen, oder wie man ihm in einem Hinterhalt auflauere, und wenn es im Sprunge über die Ringmauer des Gehöftes setzen will, plötzlich aus dem Versteck hervor auf dasselbe eindringe mit geworfenen Speeren und Steintrümmern und Feuerbränden, bis es erliegt, überwältigt von der Schar seiner Angreifer. Perikles und Aspasia waren überrascht von dem Ausdrucke mutigen Anteils, der bei diesen Erzählungen aus den Blicken und Mienen des Hirtenkindes leuchtete, in dessen Gemüte noch eben außer dem sagengenährten Aberglauben seiner Heimat nichts mehr Raum zu haben schien. »Es scheint ja, daß du selbst an solchen Kämpfen nicht ungern teilnehmen würdest!« sagte Aspasia. »O wie gerne!« rief das Mädchen. »Ich habe außer jenem bösen, mutwilligen Satyr auch schon zweimal einen Wolf, der meiner Herde sich nähern wollte, mit Feuerbränden weggescheucht.« »Das Mädchen gemahnt mich«, sagte Perikles zu Aspasia, »wie sie in diesem Augenblick vor uns steht, an jene berühmte Tochter des arkadischen Landes, Atalante, welche, von ihrem Vater ausgesetzt als Kind, weil er keine Töchter, nur Söhne haben wollte, von einer Bärin genährt und von Jägern auferzogen ward, und dann in den arkadischen Wäldern, mit Speer und Bogen bewaffnet, hinlebte, ein Schrecken der wilden Tiere, eine kühne, jungfräuliche Jägerin, die von keiner zarten Regung wissen wollte.« »Bist du denn immer so einsam hier bei den Lämmern?« fragte Aspasia. »Gibt es nichts, was du liebst, und was du immer um dich haben möchtest?« »O freilich!« sagte Kora und blickte der Fragerin wieder mit jenem kindlich verwunderten Ausdrucke ihrer Augen ins Gesicht. »Ich liebe die Schildkröte da mit den klugen Augen, die mich immer anblickt, und die sich vielleicht plötzlich einmal verwandelt und anfängt mit mir zu sprechen, denn ich träume zuweilen des Nachts von ihr, und dann spricht sie immer. Ich liebe auch die Lämmer; und auch diese wohlbekannten, rauschenden Bäume ringsumher liebe ich, und stundenlang höre ich ihrem Rauschen zu. Ich liebe auch den Sonnenschein; aber auch der auf die Blätter klatschende Regen ist mir lieb, und das Gewitter, das so schön im Gebirge dahinrollt. Auch die Vögel liebe ich, sowohl die großen, die Adler und die Kraniche, die mir hoch über dem Haupte hinfliegen, als auch die kleineren, welche in den Zweigen singen. Am meisten aber liebe ich die fernen Berge, besonders des Abends, wenn sie rosenrot leuchten, oder in der Nacht, wenn ihre Gipfel, während alles still, ganz stille ist, so ruhig im weißen Lichte stehen.« Perikles und Aspasia lächelten. »Es scheint, daß wir neuerdings geirrt«, sagte Perikles, »indem wir ein Hirtenmädchen, das so viele Dinge liebt, für unfähig aller zarten Regungen hielten.« Aspasia zog den Perikles beiseite und sagte: »Was für Augen würde diese einfältige, arkadische Hirtentochter machen, welche mit der Schildkröte im Schoße dasitzt und darauf wartet, daß der Gott Pan sich daraus entpuppe, wenn man sie plötzlich nach Athen versetzte? Wie drollig würde sie sich gebärden, wenn ich sie jenen beiden mir anvertrauten Mädchen zugesellte, die ich bei mir aufgenommen, und die man zu Athen schon anfängt meine Schule zu nennen?« »Sie würde wie ein Rabe unter Tauben erscheinen!« versetzte Perikles. Immer aufs neue aber fühlten sich die beiden angezogen von dem Geplauder des Mädchens, aus welchem eine fremdartige Phantasie und eine ebenso eigentümliche Art von Empfindung ihnen entgegentrat. Bald aber fing Aspasia an, mit der Arkadierin die Rolle zu tauschen, indem sie aus der Hörerin zur Erzählerin wurde. Sie begann dem Hirtenmädchen von Athen zu erzählen, bis Perikles sie veranlaßte, das Gespräch abzubrechen, indem er sie aufforderte, den eingeschlagenen Weg in seinem Geleite weiter zu verfolgen. Bald verloren sie sich lustwandelnd im Walde. Es war Mittag geworden, die Sonne hatte die Feuchtigkeit des Morgens aufgezehrt und, die Tiefen des Gesträuchs durchwärmend, alle würzigen Düfte desselben entfesselt. Auf den Waldwiesen und in den Holzschlägen stand hochaufgeschossenes, blühendes Kräuterdickicht, dessen Gedüft, vereinigt mit den Aromen des Baumharzes, die Bergluft erquickend, fast berauschend machte. Von Zikaden schwirrte das Gehölz unter der brennenden Sonne. Als die Lustwandelnden in der Abgeschiedenheit des Bergwaldes rasteten, krochen auch zu ihnen die Schildkröten heran, welche Kora liebte; auch über ihren Häuptern flogen die großen Vögel und sangen in den Zweigen die kleinen; das Rauschen der Wipfel, welches Kora stundenlang belauschte, wehte auch über ihnen, und Koras geliebter Sonnenschein umspielte sie. »Das tiefe Rauschen dieser arkadischen Bergwälder«, sagte Perikles, »das wie aus unendlicher Ferne zu kommen scheint und in unendlicher Ferne sich wieder verliert, durchweht mich mit einem eigentümlichen Schauer. Ich habe dergleichen niemals im Leben empfunden. Ich habe niemals nach den Stimmen eines Waldes hingehorcht, ich bin gleichgültig vorübergezogen an Dingen, welche mir nun plötzlich etwas sagen zu wollen scheinen. Da sieh nur einmal den feinen, in der Sonne glänzenden Faden, der von der Spitze des Windhaferhalms zur Kronenspitze der blauen Glockenblume gespannt ist: hast du das wunderfeine, silberig schimmernde Werk der Spinne schon einmal aufmerksam betrachtet? Dieses arkadische Mädchen belehrt uns, daß man auch Dinge betrachten und lieben lernen kann, welche man gewöhnlich kaum bemerkt und deren man so ohne Bewußtsein sich erfreut, so ohne Dank, wie man den Atem in sich trinkt.« »Dein Gemüt, mein Perikles«, erwiderte Aspasia, »öffnet neuen Eindrücken, wie es scheint, sich allzu leicht! Nun hat dich ein arkadisches Hirtenkind mit einer ganz neuen und unerhörten Art von Liebe angesteckt, mit der Liebe zu Bäumen und ziehenden Wolken und hoch hinfliegenden Vögeln, und der Duft der arkadischen Bergeskräuter erscheint dir vielleicht schon lieblicher, als der Duft aller Rosengehege von Milet!« »Gib nur zu«, sagte Perikles, »daß dieser würzige Waldesduft das Herz erfrischt, unter schwül-duftenden Rosen aber der Sinn des Menschen zuletzt ermattet. In der Tat, ich fühle mich hier von einem Hauche erneuerten Lebens angeweht. Als wir einst auf der Akropolis in der Pansgrotte standen, und du über den Hirtengott die Nase rümpftest, da ahnten wir nicht, daß dieser Gott uns später einmal so freundlich zu Gaste laden, so schön bewirten würde. Friedliches Glück umgibt uns hier, und wenn ich im Geiste aus dieser urweltlichen Stille mich nach dem geräuschvollen Athen zurückversetze, so erscheint mir das ungestüme Tun und Jagen und Hasten jener Menschen beinahe eitel, der göttlichen Ruhe dieser Hirten gegenüber auf ihren einsamen Bergeshalden.« »Ich teile nur halb dein Wohlgefallen an den Genüssen, welche die Gastfreundschaft des Hirtengottes uns hier bereitet«, sagte Aspasia. »Diese Menschen sind plump und einfältig, die fernen Schneehäupter der Berge frösteln mich an, und das nahe Gebirge beängstigt mich, als wollte es mit seinen Gipfeln über mich herstürzen. Das ernst-eintönige Rauschen dieser hochstarrenden Fichtenwipfel berührt mich unangenehm und scheint mir geeignet, im Menschengemüte ein düsteres, nachdenkliches und schwärmerisches Wesen anzufachen. Ich lobe mir offene, besonnte Fluren, blühende Auen, Gestade mit weitem Ausblick auf die See. Ich lobe mir jene Stätten, wo der heiter waltende Geist in schöner Reife sich entfaltet. Du möchtest, wie es scheint, hier bei diesen Hirten zurückbleiben, ich dagegen möchte sie alle von hier mit mir hinwegführen, um sie zu Menschen zu machen. Wohlan, tue, wie Apollon tat, dem es ja auch einmal gefiel, zu den Hirten sich zu gesellen und Herden zu weiden. Bleibe hier! Du kannst da wie eine Zikade leben: weise, leidlos und blutlos. Und gelüstet's dich doch noch manches Mal nach Tätigkeit, so kannst du Grillenfallen flechten oder Leimruten sacht zwischen den Baumzweigen empor schieben, um Vögel zu fangen, oder mit Kieseln, von der Schleuder geworfen, die Stare und Kraniche von den Saatfeldern scheuchen. Oder du kannst die Lämmer Koras hüten, welche mich nach Athen begleiten wird.« Perikles lächelte. »Du denkst also in der Tat daran«, sagte er, »Kora mit dir zu entführen?« »Allerdings, ich denke daran«, erwiderte Aspasia, »und hoffe, daß du deine Einwilligung dazu mir nicht versagen wirst.« Perikles war überrascht. »Meine Einwilligung«, sagte er, »wird dir nicht fehlen; aber welche Absicht hast du bei dieser Sache?« »Es ist ein Scherz!« versetzte Aspasia. »Diese drollige Arkadierin wird zu meiner Belustigung dienen. Es bringt mich zum Lachen, wenn ich in ihre großen, rundlichen, ängstlich blickenden Augen sehe.« Es war, wie Aspasia sagte. Sie wollte mit dem Mädchen sich einen Scherz machen, sie wollte sich belustigen, sie wollte sehen, wie seltsam sich das abergläubische, unerfahrne Hirtenkind gebärden würde, wenn man es plötzlich in das überfeinerte Leben Athens versetzte. Die Erkrankung eines seiner Sklaven veranlaßte den Perikles, noch für einen zweiten Tag des Hirten Gast zu bleiben. Auch diesen verlebte das athenische Paar meist in des braunen Hirtenmädchens Gesellschaft. Wieder plauderte Kora, erzählte Hirtengeschichten, ja, sie sang auch einige wunderliche, kindische Lieder, die sie selber gedichtet, wie das folgende: Das Bächlein kommt vom Felsenhang Zur Schlucht herabgestürzt, Und grasen die Rehe im Waldestal, So sieht es zu und lacht. Es besprengt die Blumen mit seinem Tau Und löscht der Tiere Durst, Und kommt der rauhe Winter dann, So ist es klares Eis. Sie erzählte auch vom liebekranken Daphnis, welcher in Schwermut und Sehnsucht verging, und den hernach alle Tiere betrauerten. Diese schwermütige Erzählung aber fand nicht den Beifall Aspasias: sie nahm dieselbe mit spöttischem Lächeln der rosigen Lippen naserümpfend auf ... Wenn sie lustwandelnd zu einer von saftigen Kräutern umgebenen Quelle kamen, welche ein kleines, kristallhelles Becken bildete, und Aspasia sich darin spiegeln wollte, so zog Kora sie ängstlich zurück und warnte sie, indem sie sagte, daß einer, der sich in einer Quelle beschaut, zuweilen plötzlich ein anderes Bild als das seine darin erblicke, nämlich das einer Nymphe, die ihm über die Schulter sieht, und dann sei er verloren. Als die Sonne im Zenit stand und das Getön einer Syrinx in der brütenden Mittagsstille vernehmlich wurde, sagte Kora: »Pan wird wieder zürnen; er will nicht, daß man ihn zur Mittagszeit, wenn er ruht, mit Syringen oder anderem Getön aus dem Schlummer wecke.« – Das Getön aber rührte von dem Hirtenknaben her, welcher den Tag zuvor, von Perikles und Aspasia aufgefordert, einen ländlichen Tanz ausgeführt hatte. Wohl wußte der Knabe, daß Pan das mittägliche Syringengetön nicht liebe; aber er spielte immer die Syrinx, wenn er merkte, daß Kora in der Nähe sei, weil er ihr damit zu gefallen glaubte. Kora aber schalt den armen Knaben. Und doch hatte sie ein weiches Herz. Sie rettete vor Perikles und Aspasias Augen mitleidig eine Zikade, die sich in das Netz einer Spinne verwickelt hatte. Ernst horchte das Mädchen wieder auf, als Aspasia neuerdings begann, ihr von Athen zu erzählen. In wohlbewußter Absicht malte Aspasia in den Gesprächen, welche sie mit Kora noch im Laufe des Tages pflog, das Leben der Athenerstadt in verlockenden Farben. Sie störte den Frieden dieser idyllischen Natur, sie weckte einen Zwiespalt in der harmonischen Welt dieses kindlichen Herzens. Zuletzt forderte sie Kora auf, ihr nach Athen zu folgen. Kora schwieg, aber sie schien in tiefe Gedanken versunken. Aspasia wendete sich an Koras würdiges Elternpaar und erklärte ihnen, daß sie Kora mit sich nach Athen nehmen würde, daß ihre Tochter dort ein glückliches Los erwarten dürfe. »Wollten die Götter!« sagte der redliche Hirt. »Wollten die Götter!« erwiderte die Hirtin. Aber sie sagten nicht Ja. ... Und so oft auch Aspasia die Frage nach ihrer Einwilligung erneuern mochte, immer sagten die beiden nur: »Wollten die Götter!« Man sah, daß es dem väterlichen und mütterlichen Herzen kein Leichtes war, ihr einzig Kind, wenn auch zum glücklichsten Lose, von sich zu lassen. Am Abende desselben Tages wurde Kora plötzlich vermißt, nachdem sie doch mit ihrer Lämmerherde bereits heimgekehrt, und lange Zeit wurde sie vergebens gesucht. Endlich sahen Perikles und Aspasia, unfern dem Eingange des Gehöftes stehend, das Mädchen den Abhang heraufkommen. Aber sie kam in sehr auffallender Gestalt und Haltung. Sie hatte nämlich die gehobenen Hände zu beiden Seiten fest an die Ohren gedrückt. In einiger Entfernung von Perikles und Aspasia standen, außerhalb des Gehöfts, die Sklaven des Perikles, zu einer Gruppe vereinigt. Als das Mädchen dieser Gruppe ganz nahe gekommen war, zog es plötzlich die Hände von den Ohren weg und schien nach den Worten der sich unterredenden Sklaven zu lauschen. Fast in demselben Augenblicke schrak sie ein wenig zusammen, drückte die Hand gegen die Brust und blieb einen Augenblick wie in den Boden gewurzelt stehen. Perikles und Aspasia näherten sich ihr und fragten sie nach der Ursache ihrer Befangenheit. »Ich habe Pan gefragt, ob es die Götter wollen oder nicht, daß ich euch nach Athen folge«, versetzte sie. »Wie das?« fragten die beiden. »Dort unten im Talgrunde«, sagte das Mädchen, »liegt ein Grottenheiligtum des Pan. Dort steht des Gottes Bild, aus Eichenholz geschnitzt, in der Höhle. Dahin gehen die Hirten alle, wenn sie etwas Geheimes erfragen wollen. Man flüstert dem Gott die Frage still ins Ohr, dann hält man sich die eigenen Ohren mit den Händen zu, bis man unter Menschen kommt, die sich eben unterreden. Dann zieht man die Hände plötzlich weg und das erste Wort, das man vernimmt, ist der Wahrspruch Pans, des Gottes Antwort auf die Frage, die man ihm ins Ohr geflüstert.« »Und welches Wort hast du zuerst unter jenen Sklaven vernommen?« fragte Aspasia. »Das Wort Athen!« erwiderte Kora und zitterte dabei vor Erregung. »Pan will also, daß ich nach Athen gehe«, fuhr sie seufzend fort. »Er gestattet dir auch, deine Lieblingsschildkröte mit dir zu nehmen!« sagte Aspasia lächelnd. Die Eltern Koras kamen herbei. »Pan will, daß ich nach Athen gehe!« sagte das Mädchen in traurigem aber entschiedenem Tone. Und sie wiederholte die Erzählung, wie sie in der Grotte Pans das Orakel sich geholt. Der Hirt und die Hirtin vernahmen die Erzählung, blickten einander bestürzt an und wiederholten dann nicht minder traurig als das Mädchen die Worte: »Pan will, daß Kora mit den Fremden nach Athen gehe!« Dann gingen sie auf die Weinende zu und küßten sie. »Kora wird belohnt werden für den Gehorsam gegen den Gott!« sagte Aspasia. »Sie wird häufige Boten senden, welche euch Nachrichten und Geschenke von ihr bringen und wenn ihr Greise geworden, so wird sie euch zu sich berufen, damit ihr den Rest eurer Tage bei ihr verlebet.« »Gestern geschah schon ein Vorzeichen im Hause«, sagte der Hirt nachdenklich, »indem eine Schlange, welche das Nest der Schwalbe am Dachgesims beschlich, durch das Rauchloch mitten auf den Herd herunterfiel!« Aspasia sprach noch weiter mit ermunternden und verheißungsvollen Worten zu dem Hirtenpaare, und schweigend fügte dies zuletzt, wiewohl schmerzbewegt, sich dem Götterwillen. In traurigen Tönen klang aus der Ferne die Syrinx des liebenden Hirtenknaben, während tiefer der Schatten die stillen Pfade des ländlichen Plans umdunkelte. Nun gingen alle mitsammen hinein ins Gehöfte, um die Nacht da zuzubringen, welche für Perikles und Aspasia die letzte war in den arkadischen Bergen. Denn mit dem dämmernden Morgen dachten sie aufzubrechen, und ihre Wanderung nach Elis fortzusetzen, wo größere Dinge ihrer harrten, als in dem stillen Hirtenlande. XVIII. Der neue Gott und sein Blitzstrahl. icht um die olympischen Wettläufer zum Ziele fliegen, die Ring- und Faustkämpfer sich im Sande tummeln zu sehen, nicht um den vieltausendstimmigen Zuruf des Hellenenvolkes zu hören, welcher die Sieger im Wettlauf, im Ring- und Faustkampf, im Sprunge, im Speer- und Diskoswurf, im Waffenlaufe begrüßte, waren Perikles und Aspasia nach Elis gewandert. Dem Freunde Pheidias schlugen ihre Herzen entgegen, als im Glanze eines taufrischen Morgens sie anlangten in der gefeierten, von des heiligen Stromes Alpheios Wellen durchrauschten Talebene von Olympia. Alle Straßen, welche aus den arkadischen Bergen heraus, oder aus dem Süden des Peloponnesos über Messenia her, oder von Norden über Achaia zum elischen Strande führten, vor allen aber die sogenannte heilige Feststraße, welche längs des Alpheios lief, fanden sie angefüllt mit Wanderzügen; auch über die Bahnen des nahen westlichen Meeres sahen sie die bekränzten Schiffe herankommen von Italiens und Sikeliens Küsten. Sie gerieten ins Gewirre der zum pisatischen Kampfgefilde wallenden Festkarawanen, der Festgesandtschaften, wie sie kein größeres Gemeinwesen in Hellas zum großen, friedlichen Hellenenkampf in Olympia zu senden versäumte. Wo eine solche Festkarawane des Weges kam, da staute sich der Strom der übrigen Wanderer zu Fuß und zu Wagen, und alles bestaunte die Teilnehmer des Zuges, welche in Prachtgewändern, bekränzt auf bekränzten Wagen saßen, und die Wagen selbst, welche nicht selten mit Malereien verziert, vergoldet und mit Teppichen behangen waren, auch die herrlichen Opfertiere, das kostbare Opfergerät, das zahlreiche Geleite. Unfern dem Bezirke der Zelte und Buden, dem Eingange des heiligen Hains beinahe gegenüber, befand sich eine große Bildhauerwerkstätte. In dieser Werkstätte war seit Jahren der hohe Pheidias tätig; hier trieb er im Vereine mit Alkamenes und anderen seiner Schüler in der Abgeschiedenheit der elischen Niederung, deren Ruhe nur in jedem fünften Jahre der olympische Festlärm unterbrach, die Vollendung des größten und tiefsinnigsten seiner Gebilde. Dem Banne des heiteren Athen entflohen, losgelöst von allen Einflüssen, welche die Erhabenheit seiner Gedanken mit Blumenketten zur Erde niederziehen wollten, schuf er hier in der Einsamkeit, von Bergeslüften angeweht und umrauscht von den Wassern des heiligen Stromes, seinen olympischen Zeus. Von der Werkstätte des Pheidias her sieht man zwei Männer kommen und den Strand des Alpheus aufwärts gehen. In dem einen dieser beiden Männer erkennen wir den feurigen Alkamenes. Sein Gefährte ist der gepriesene Polykleitos von Argos, durch seine Gebilde in Marmor und Erz wetteifernd mit dem großen Athener, aber mit dem nüchternen und ruhigen Geiste des Peloponnesiers bestrebt, das Menschliche als solches rein zu erfassen, vor allem aber das Männliche, das er am liebsten in Standbildern der Athleten verkörperte. Seine Schule war Olympia: hier übte und befruchtete er sein Auge und seinen Sinn an den lebendigen Umrissen einer harmonisch kräftigen Bildung. Die Verschiedenheit der Kunstrichtungen des Pheidias und seines argivischen Nebenbuhlers begründete eine, wenn auch stille Gegnerschaft zwischen ihnen. Während der Athener glaubte, daß man die schwunglose Kunst des Argivers allzuhoch anzuschlagen beginne, fand dieser sich insgeheim verletzt, daß man seiner, des peloponnesischen Künstlers, uneingedenk, den Athener mit seinen Genossen herbeigerufen, um das größte und erhabenste Bildwerk auf peloponnesischem Boden zu vollenden. Es war dies einer jener athenischen Triumphe, welche Aspasia vorausgesagt hatte, als sie dem Perikles zu beweisen suchte, daß ein Gemeinwesen durch die Pflege des Schönen seine Nebenbuhler überflügeln könne ... So war denn Polykleitos während seines Aufenthaltes zu Olympia ohne Umgang mit Pheidias und seinen Genossen, den Alkamenes ausgenommen, dessen offenes, heiteres und lebhaftes Wesen sich über kleinliche Bedenken immer gerne hinaussetzte, und der denn auch soeben jetzt, bei zufälliger Begegnung, unbefangenes Gespräch mit dem argivischen Kunstgenossen angeknüpft hatte. Polykleitos, ein besonnener, verständiger Mann, bei welchem auch die Gegnerschaft dem Pheidias und seiner Schule gegenüber ohne leidenschaftliche Bitterkeit war, erkundigte sich nach Agorakritos, und fragte, warum dieser nicht seinem Meister gefolgt sei, um so, wie auf der Akropolis zu Athen, auch hier an der Seite desselben Rühmliches vollenden zu helfen. »Du wunderst dich mit Recht«, sagte Alkamenes, »daß gerade der Lieblingsschüler des Meisters hier fehlt, während ich, der ich seit dem Siege, den ich mit meiner Aphrodite über diesen Lieblingsschüler errungen, der persönlichen Zuneigung des Meisters mich kaum mehr rühmen darf, ihm doch auch hierher gefolgt bin und fortfahre, an seiner Seite zu wirken. Nun, wenn man zusammen leben und wirken soll, so kommt es nicht darauf an, ob man mehr oder weniger sich liebt, sondern darauf, ob man verträglicher Natur ist. Ich für meinen Teil hätte die Genossenschaft des Agorakritos, obgleich er mir feindlich gesinnt ist, immerhin ertragen; nicht so er, und nur um mein verhaßtes Angesicht nicht mehr zu sehen, ist er seit der Vollendung des Parthenon seine eigenen Wege gegangen. Er hat inzwischen einen Zeus für Koroneia zu fertigen übernommen. Aber wie er damals, als er eine Aphrodite zu meißeln sich vorsetzte, eine Nemesis fertig brachte, so nahm man seinen Zeus, als er vollendet stand, für einen Gott der Unterwelt. So verliert er immer mehr sich im Düsteren, und da meine Kunstweise mehr und mehr die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen, so sind wir auf einem Punkte des Gegensatzes angelangt, wo wir allerdings nicht mehr dazu taugen, an der Lösung gleicher Aufgaben nebeneinander zu arbeiten.« »Dein lebhafter Geist, Alkamenes«, erwiderte Polykleitos, »treibt dich, große Schritte in der Kunst zu machen, welchen deine Genossen überhaupt nicht leicht zu folgen vermögen.« »Ich konnte mich hier freier bewegen, als bei den Werken auf der Akropolis zu Athen«, sagte Alkamenes. »Dort hielt des Meisters Geist nach festem Plane alles Schaffen zu strenger Einheit zusammen; hier überließ er mir und dem Paionios den äußeren Schmuck des Tempels ganz und gar, er selbst aber blieb völlig versenkt in seinen olympischen Götterbeherrscher.« Als Alkamenes diese Worte gesprochen, hafteten seine Augen plötzlich auf einer entfernten Stelle im Schwarme derjenigen, welche das Ufer des Alpheus entlang wogten. Er schien dort jemand erkannt zu haben, und sein Wesen begann eine ungewöhnliche Aufregung zu verraten. Er wendete sich zu Polykleitos und sagte: »Siehst du dort den stattlichen, würdevollen Mann, der an der Seite eines dichtverschleierten Weibes von reizender Gestalt im Gedränge sich Bahn zu machen sucht? Es ist Perikles aus Athen, begleitet von seiner Gattin, der schönen Milesierin Aspasia.« »In der Tat«, sagte Polykleitos, »ich erkenne den Perikles wieder, ich habe ihn vor Jahren zu Athen gesehen. Aber fremd ist mir das schöne Weib.« »Ein eben so gefährliches und schlaues, als schönes Weib!« sagte Alkamenes. »Man kann sie nicht lieben, ohne sie zu hassen, und nicht hassen, ohne sie zu lieben.« Als Perikles und Aspasia den Alkamenes erblickten und an seiner Seite den Polykleitos und näher kommend das athenische Paar und die beiden Bildner bei der Begegnung sich herzlich begrüßten, erkundigte sich Perikles sogleich nach Pheidias. »Wir sind«, sagte er, »gestern am späten Abend hier in Olympia eingetroffen, nicht um die Spiele mit anzusehen, welche für mich den Reiz der Neuheit längst verloren haben, und welchen als Zuschauerin beizuwohnen meiner Gattin, als einer Frau, versagt ist, sondern nur um des Pheidias und seines Gottes willen, von welchem man Wunderdinge schon jetzt erzählt. Nun sind wir eben daran, den Meister aufzusuchen, und du, Alkamenes, wirst uns ohne Zweifel gerne zu ihm geleiten.« »Er befindet sich im heiligen Haine«, erwiderte Alkamenes, »im neuvollendeten Tempel des Zeus. Er hat sich dort mit Gehilfen und Arbeitern eingeschlossen und will niemand den Zutritt gestatten, teils um nicht in seinem Tun gestört zu werden, teils weil er sein Werk den Augen der Menschen nicht früher preisgeben will, als bis es an seinem Orte und in seinem vollen Glanze völlig aufgerichtet dasteht. Erst nach Beendigung der Spiele wird der Tempel eröffnet werden. So strenge nun auch der zurückgezogene und fast menschenfeindliche Mann alles von sich abwehrt, will ich es doch versuchen, in den verschlossenen Tempel zu ihm einzudringen und ihm Gäste anzukündigen, welche mit Freuden zu empfangen er gewiß nicht säumen wird.« »Laß das, Alkamenes!« sagte Perikles; »auch von uns soll Pheidias nicht gestört werden in seinem Tun; und auch von uns wird er wünschen, daß wir sein Werk nicht anders als im Glanze der Vollendung schauen. Wir wollen uns ein wenig gedulden. Aber die feierliche Eröffnung des Tempels gedenke ich mit Aspasia nicht zu erwarten. Nicht im Gedränge unzähliger Hellenen möchten wir jenes Anblicks zum erstenmal genießen. Ich hoffe, daß Pheidias wenigstens einen Tag vorher uns in die Halle des noch einsamen Tempels führt und uns vergönnt, sein völlig aufgerichtetes Götterbild in der Stille zu betrachten.« »Du wirst, o Perikles«, erwiderte Alkamenes, »mit diesem Wunsche gewiß dem Wunsche des Meisters selbst entgegenkommen. Wollt ihr also den Pheidias für jetzt in seinem Tempel ungestört lassen, so begnüget euch mit mir und dem wackeren Polykleitos hier, der auf dem Boden Olympias heimisch ist, wie kaum ein zweiter Hellene, und dessen Erz- und Marmorbilder dort zwischen dem Laube der Platanen und Oelbäume des heiligen Haines glänzen.« Mit freundlichem Danke nahmen Perikles und Aspasia das Geleit der beiden kunstberühmten Männer an. Sie durchschritten mit einander das unabsehbare Gewimmel des großen, freien Bezirks, welcher sich ausdehnte zwischen dem baumbeschatteten Ufer des Alpheus und dem heiligen Haine Altis, wo des olympischen Zeus neuer Festtempel sich erhob inmitten eines Waldes von Erz- und Marmorbildern. Sie gingen vorüber an den Behausungen, bestimmt für die zahlreichen Personen, welche dem Dienste des Tempels angehörten, an den Herbergen, welche für die Fremden lange nicht ausreichten, an den Räumen zur Aufbewahrung der Kampfwagen, an den Behältern, in welchen die edlen Rosse und Maultiere wieherten. Den größeren Teil des herbeiströmenden Volkes sahen sie im Freien unter Zelten gelagert. Nach wenigen Schritten stießen sie auf das Prachtzelt der Festgesandtschaft von Sikyon, etwas weiter hin auf das von Korinth, dann auf jene von Argos, von Samos, von Rhodos und andere. Um diese Zelte drängten sich viele, insonderheit die mit den Eignern durch Landsmannschaft verbundenen. Dann hieß es wieder: dies hier ist das Prachtzelt des reichen Periander aus Chios, das des reichen Euphorides aus Orchomenos, das des reichen Pauson aus Eretria. Die Bewohner der Zelte standen am Eingange derselben, schwatzend und sich lebhaft gebärdend, und grüßten ihre Freunde und luden sie ein, unter den Schatten ihrer Purpurlinnen zu treten. Fremde, sonnengebräunte Jünglinge näherten sich ihnen, und trachteten mit den Hälften zerbrochener Ringe, deren andere Hälften in den Händen der Angeredeten waren, als die Söhne und Angehörigen alter Gastfreunde sich zu erweisen. Verkaufsbuden aller Art schlossen sich an die buntfarbige Zeltstadt. Der Volksschwarm wogte. Man hörte die verschiedensten hellenischen Mundarten durcheinander schwirren. Man verstand einander nicht immer. Neben der härteren Rede des Peloponnesiers, der breiten des Thebaners, der plumpen des Megarers, erklangen die weichen ionischen und äolischen Laute. Aus dem Gewühl der Hellenen traten vor allen erkennbar die lebhaften, heiterblickenden Athener und die ernsten, finsteräugigen Sparter hervor. Oft sah man einen von diesen und einen von jenen zum mindesten mit einem feindseligen Blicke sich messen. Auch die reckenhaften Gestalten der Athleten waren umherwandelnd zu sehen. Man wies mit dem Finger auf sie und nannte ihre Namen und ihre Siege. Vor dem Zelte der chiotischen Festgesandtschaft erblickten Perikles und Aspasia einen weinenden Knaben, welchen ein hochbetagter Greis, sein Großvater vielleicht, vergebens zu trösten suchte. Perikles fragte nach der Ursache dieser vergossenen Tränen und erfuhr, daß der Knabe unter dem Vorwurfe der Weichlichkeit vom Wettkampfe der Knaben ausgeschlossen worden, weil er mit langem Haar und einem Purpurkleide nach Olympia gekommen. Mit halb spöttischen, halb erregten Worten tadelte Aspasia ohne Scheu vor denjenigen, die es hören konnten, die finstere, altväterische Strenge der elischen Kampfspielaufseher; dann streichelte sie tröstend das dunkle Lockenhaar des Knaben und sagte: »Weine nicht! Perikles von Athen wird sich für dich bei den Hellanodiken verwenden!« – Immer dichter füllte sich mit Menschen der weite Bezirk. Hier und da stauten sich die Massen. Perikles und Aspasia trafen im Weiterschreiten auf Gruppen, sich drängend um Bildner, welche ihre Werke hier öffentlich ausstellten, oder um Rhapsoden, oder um einen hellstimmigen Mann, der eine Art von Rednerbühne bestiegen, dem horchenden Hellenenvolke die von ihm verfaßten Geschichten griechischer Städte und Inseln vorzulesen, oder um einen trefflichen Tonkünstler, oder um Männer in auffallender Purpurtracht und stolzer Haltung, welche durch die sie bestaunende Menge schritten, Sophisten, welche den Ruhm ihres Namens zu Olympia noch vermehren wollten, und welche der um sie versammelten Menge eine Prunkrede zu halten bereit waren über jeden beliebigen Gegenstand; oder um ein unscheinbares Männlein, auf dessen kahlem Scheitel unter der brennenden Sonne von Elis der Schweiß wie morgendliche Tautropfen funkelte, und welcher eine astronomische Tafel, ein Werk des Scharfsinns und mühevoller Berechnung, zur allgemeinen Besichtigung ausstellte. Ein hochbetagter, weißlockiger Sparter blickte recht finster und mißvergnügt auf dies ehrgeizige Treiben. »Ich lobe mir die Zeit«, sagte er zu dem Gefährten an seiner Seite, »wo Olympia nichts weiter war als der Kampfplatz für die Betätigung hellenischer Manneskraft, während es jetzt immer mehr zu einer Schaustellung weibischer und weichlicher Künste mißbraucht wird. Als ich noch ein Knabe war, da fand man hier nichts Verkäufliches außer den unumgänglichen Lebensmitteln und etwa noch den Gegenständen, welche unmittelbar zu dem Feste gebraucht wurden, wie Schmucksachen, Stirnbinden, Kränze. Jetzt strotzen die Verkaufsbuden von eitlem Tand; wir haben zur Festzeit eine große Messe von Hellas hier, bei welcher das Krämervolk von allen Städten und Inseln seine verlockendsten Waren ausstellen will. Auch wimmelt es immer mehr von Rhapsoden, Musikern, Bildnern, Sophisten und anderem Volke dieser Art und bald wohl verschwindet der große Zweck des altheiligen, olympischen Festes unter den Schaustellungen und Bezeigungen unmännlichen Wetteifers, mit welchen Athener und andere Hellenen des Flachlandes, der Inseln und der ionischen Küste sich vorzudrängen versuchen. Ehrsüchtige Toren! Jeder will mit etwas prunken, jeder will bemerkt sein. Dort, siehst du, ritzen einige Megarer ihre Namen in die Rinden der Pappeln am Alpheus, um doch auch etwas für ihre Unsterblichkeit zu tun.« »Einige sehe ich dort auch beschäftigt«, versetzte der Gefährte, »die schönen, buntfarbigen Kiesel aus dem Sande des heiligen Stromes aufzulesen. Ich muß auch einige dort sammeln, um sie meinem Knaben zu bringen, damit er frühzeitig an Olympia denke.« Damit verlor der Freund des Sparters sich unter den Pappeln des Alpheusufers. In diesem Augenblicke erklang wieder die alles übertönende Stimme des Herolds, welcher von Zeit zu Zeit, die Zeltstadt und das Menschengewimmel durchschreitend, die Augen und Ohren aller Hellenen für einen Augenblick auf seine Person vereinigte. Er war der allgemeine Mund der Hellenen. Er verkündete die verschiedensten Dinge. »Die Panormitaner und Leoniter verständigen feierlich alle Hellenen von dem Friedensvertrage, welchen sie mit einander nach Beilegung ihrer Streitigkeiten geschlossen haben!« Und wieder: »Die Magnesier bringen den Hellenen zur Kenntnis, daß sie mit den Larissäern und Demetriern zur Verteidigung für immerwährende Zeiten sich verbündet haben!« – Jetzt aber erscholl sein volltönender Ausruf: »Die Lechäer danken vor dem gesamten Hellenenvolke den Phliern für die ihnen im Streite mit den Kenchräern geleistete Hilfe!« – »Das lohnte die Mühe!« rief ein anwesender Kenchräer mit spöttischem Lächeln. »Meinen die Lechäer in der Tat, daß wir uns vor ihnen und den Phliern gefürchtet? Beim Herakles! Sie werden am nächsten olympischen Feste ganz andere Heroldsrufe vernehmen!« »Nur immer zu!« entgegnete spöttisch ein Lechäer, der unferne stand, »wir haben noch Pfeile genug, um die ganze Kenchräerstadt damit zu bedecken!« »Und wir noch Lanzen genug«, versetzte der Kenchräer, »um die Nieren sämtlicher Lechäer darauf zu spießen!« »Weg da«, rief zornglühend der Lechäer, »sonst erkennst du morgen dein Gesicht im Spiegel nicht wieder!« – Dabei erhob er die Faust. Ein Athener fiel ihm in den Arm: »Was soll das? – Laß den Kenchräer, oder du hast's mit mir zu tun!« »Ei, siehe da«, begann ein Samier unter den Zuschauern, welche um die Streitenden sich drängten; »die Athener wollen sich einschmeicheln sogar bei den Kenchräern, und man weiß, worauf sie bei ihren Gunsterschleichungen es immer absehen!« »Ja wohl, man kennt das!« fielen einige Sparter und Argiver ein. »Seit einiger Zeit«, rief einer der Argiver, »bewerben sich die Athener wieder auffallend um gute Freundschaft auf der Landenge und an den Eingängen des Peloponnesos!« »Haben sie denn Zeit?« rief einer der Sparter grinsend. »Ist denn der große Perikles, der Olympier, schon fertig mit seinen großen Prachttempeln und Propyläen und goldelfenbeinernen Pallasbildern? Und gelüstet's der Hera des athenischen Olympiers, ihr Reich auch jenseits der Fichtenwälder des Isthmos auszubreiten?« »Ihre Freunde und Vorkämpfer hat sie ja schon vorausgesendet!« rief der Argiver, mit dem Finger über seine Schultern nach der Werkstätte des Pheidias hinüberdeutend. Die anwesenden Athener wollten den Spott sich nicht gefallen lassen. Wilder und allgemeiner drohte das Wortgefecht zu entbrennen. Da erklang plötzlich eine gewaltige und wohltönende Männerstimme, von so wunderbarer Eindringlichkeit, daß sie augenblicklich sich allgemeines Gehör verschaffte. »Wessen ist die Hellenenzunge«, rief der gewaltige Sprecher, »die da spöttelt über die neuen Tempel und Götterbilder der Athener? Was rühmliches zu Athen geschaffen worden, das ist geschaffen zur Ehre des gesamten hellenischen Namens! Und bedenkt, daß seit Jahrhunderten immer Friede gehalten worden von unseren Vätern, wess' Stammes sie sein mochten, auf dieser Stätte, wo die heiligen Wasser des Alpheus den Takt rauschen zum olympischen Festreigen des gesamten Hellenenvolks. Zu friedlichem Wettkampfe haben wir immer hier uns eingefunden; hier war heiliger Boden, hier Gottesfriede. Im Tempelbezirk des gemeinsamen Gottes Zeus vereinigt uns das Panhellenenfest. Haltet Frieden, Stammesbrüder, auf der pisatischen Au! Nicht Waffen sollen hier zusammenschlagen, und kein Erzklang soll hier vernommen werden, als das Geklingel prüfend aneinander geschlagener Ringhälften, an welchen hellenische Gastfreunde aller Gaue sich liebend erkennen!« – Der Ausruf »Perikles!« hallte nach diesen Worten hin durch die Menge. »Perikles von Athen! Perikles, der Olympier!« Väter hoben ihre Knaben empor, um ihnen den Perikles zu zeigen. Nur von wenigen war er vorher erkannt worden. Jetzt, nachdem er gesprochen, nachdem sein olympischer Rededonner erklungen, erkannte ihn das gesamte Griechenvolk. Und noch fand, was er gesprochen, ein Echo in den Herzen der beweglichen, leicht erregten Hellenen. Ein Beifallsruf widerhallte bis über den Alpheus, und die Wasser des Stromes schienen aufrauschend mit einzustimmen. Perikles entzog sich der Menge, indem er mit Aspasia und den Freunden in den heiligen Hain Altis trat und dort sich verlor zwischen den Tempeln und Heiligtümern aller Art, den Standbildern, Dreifüßen, Denksäulen, umsäuselt vom Laub der Oelbäume, der Weißpappeln, Platanen und Palmen. Von der Giebelspitze des neuen Zeustempels funkelte ihnen eine vergoldete Siegesgöttin, zwischen zwei ebenfalls vergoldete Preisgefäße gestellt, augenblendend entgegen. Sie betrachteten auf dem hinteren Giebelfelde die Bildwerke des Alkamenes. Er hatte dort den Kampf der Lapithen und Kentauren ausgeführt und darin seiner Vorliebe für bewegtes Leben und mannigfachen Wechsel der Stellungen und Gebärden mehr als auf der Akropolis die Zügel schießen lassen. Geführt von Polykleitos und Alkamenes, betrachteten Perikles und Aspasia hierauf die übrigen, zahllosen Wunder des heiligen Haines. Zuletzt stiegen sie eine freie Treppe empor, welche aus der Altis nordwärts auf eine mächtige breite Terrasse hinaufführte. Diese Steinterrasse zog längs des südlichen Fußes des Kronoshügels bis zum Stadion sich hin. Auf ihr stand eine Reihe von sogenannten Schatzhäusern verschiedener Städte, in welchen diese ihre nach Olympia gestifteten Weihegeschenke hinterlegten. Von den Schatzhäusern den Kronoshügel aufwärtssteigend, sahen Perikles und Aspasia die Heiligtümer, welche diesen Hügel schmückten. Vom Gipfel desselben aber hatten sie den schönsten Ausblick über ganz Olympia. Sie sahen unter sich den heiligen Hain Altis mit seinen Tempeln und Standbildern sich ausbreiten; sie sahen jenseits der Altis den majestätischen Strom Alpheios durch die Ebene dahinwallen; sie sahen zur Rechten den Fluß Kladeos, aus den pisatischen Bergen herabkommend, seine Wasser mit denen des Alpheus mischen; sie sahen zur Linken das Stadion und weiter abwärts den Hippodrom, die Schauplätze der olympischen Wettkämpfe, den heiligen Hain begrenzend. Zur Rechten vom Kronoshügel, näher dem nördlichen Ausgange der Altis, sahen sie Gebäude, welche die Mittelpunkte der Verwaltung Olympias bildeten, und wo sowohl die Kampfrichter, als die Athleten selbst das Gesetz des Rumpfes vor dem Standbilde des mit doppeltem Blitzstrahle bewaffneten Zeus Horkios beschworen. Darüber hinaus aber war von allen Seiten nichts zu erblicken als der Kranz ragender Berge, in deren Hut die heilige Feststätte von Olympia lag. Das Auge der Männer weilte mit Behagen auf diesem Bilde. Aspasia aber begann über glutende Schwüle zu klagen und über die vielen Stechmücken, welche sie belästigten. »Wie kommt es nur«, sagte sie, »daß die Hellenen für ihre Athletenkämpfe die Hochsommerzeit und diese schwüle, sumpfige Niederung des Alpheios sich gewählt?« »Der Stifter Herakles hat an die Mücken nicht gedacht!« sagte Alkamenes lächelnd. »Und wir Männer bisher auch nicht!« fügte Perikles hinzu. »Du hast nicht wohl getan, Aspasia, uns aufmerksam zu machen auf diese kleinen Blutsauger und ihre Frechheit!« – Durch die Altis zurückkehrend, verweilten Perikles und Aspasia nur noch bei den Standbildern des Polykleitos. Immer lebhafter war inzwischen in des Tages Verlauf das Getümmel und die Bewegung geworden zwischen der Altis und dem Alpheios. Zahlreiche Opfer wurden gegen Abend dargebracht bei den mit Blumen umkränzten Götteraltären der Altis. Man sah die Athleten nach Vorbedeutungen ihres Erfolges in den Eingeweiden der Opfertiere spähen. Den größten Schwarm von Zuschauern versammelte das festliche Brandopfer auf dem altberühmten Aschenaltare des Zeus. Die Vollziehung dieser heiligen Gebräuche dauerte bis tief in die Nacht, unter dem Schalle der Musik und beim Scheine des Mondes, welcher sich seiner Vollheit näherte. Alles ging vor sich in pomphafter Weise und doch in schöner Ordnung zugleich, in Ehrfurcht gebietender Stille. Um Mitternacht erst erloschen die Fackeln im heiligen Haine, und die letzten Flammen auf den Opferaltären sanken verglimmend in sich zusammen. Jetzt aber eilte schon ein nicht geringer Teil des Volkes zu der Rennbahn hin, um dort, seiner Plätze sicher, die grauende Frühe und den Beginn der Spiele zu erwarten. Am Morgen bestiegen Perikles und Aspasia wieder den Kronoshügel. Das Auge des Perikles hing an dem menschenwimmelnden Stadion, dessen Anblick aus der Ferne sich darbot, mit dem Anteil, welchen eine solche Schau dem Griechen immer abgewann. Er hatte nur Aspasia zu Liebe dem Genuß entsagt, sich unmittelbar unter die Zuschauer im Stadion selbst zu mischen. Nicht mit dem gleichen Wohlgefallen wandte das Auge der Milesierin dem Schauplatze sich zu, wo mit gewaltsamem, zum Teil fast mörderischem Eifer gesteigerte Leibeskraft in Staub und Sonnenglut sich betätigte. »Warum streift dein Auge beinahe verachtend jene schaulustige Menge?« fragte Perikles. »Scheint es nicht«, sagte Aspasia, »als ob das Hellenenvolk, so groß geworden in vielem, was wahrhaft schön und herrlich, die höchste seiner Ruhmeskronen dem Athleten von Olympia vorbehielte? Soll in der Tat der Arme Kraft und der Füße Behendigkeit als der höchste aller Vorzüge gelten dürfen auf hellenischem Boden?« »Ich begreife dich«, versetzte Perikles; »du bist die Vorkämpferin der Weiblichkeit und alles dessen, was das Leben verfeinert, veredelt, verschönert. Hier aber feiert die rauhe Männlichkeit ihre Triumphe.« »Ein echtes Dorerschauspiel«, sagte Aspasia, »ist ein solcher Ring- und Faustkampf, bei welchem die Männer gegen einander wüten, bis das Blut ihrem Schlund entstürzt. Du hast recht, ich hasse diese Spiele; denn wo die Männlichkeit über ihr Ziel schweift, da scheint mir die Barbarei nicht ferne. Ich fürchte, daß der rohe Reiz dieses Schauspiels den Sinn der Menschen immer mehr bestrickt und sie aufs neue der Verwilderung cntgegenführt.« »Du gehst zu weit!« versetzte Perikles lächelnd. Der Widerstreit in den Meinungen des Perikles und seiner Aspasia sollte noch vor Ablauf dieses Tages durch eine kleine Scene, von welcher sie Zeugen wurden, einen weiteren Sporn erhalten. Als nämlich Perikles und Aspasia am Abende desselben Tages im Geleit des Polykleitos und des Alkamenes in der Nähe des Stadions umhergingen, und Aspasia die ihr fremden Räume betrachtete, so geschah es, daß, während sie eben zur Rast auf eine Steinbank sich niederließen, ein Schwarm von Athleten, welche an den Kämpfen des Tages teilgenommen, einem anderen Schwarme begegnete, worauf der gesamte Haufe, zum Teil auf den Boden sich hinwerfend, in ein sehr lebhaftes Gespräch sich verwickelte. Die Kämpfe des ersten Tages wurden mit Worten noch einmal durchgekämpft, und jeder Erfolg einem scharfen Urteil unterzogen. Jene, welche unterlegen waren, setzten auseinander, durch welchen Zufall ihre Gegner Meister geworden, und wie der Sieg nur eben an einem Haar gehangen, oder sie beschuldigten die Gegner geradezu, daß sie gegen die Regeln des Kampfes gesündigt hätten. Aber es half ihnen meist doch wenig, und sie mußten zuweilen auch noch den Spott der Genossen vernehmen. »Gleich viel, guter Theagenes«, hieß es, »du mußt die Püffe tragen, die du von Nikostratos erhalten. Ganz erbärmlich bist du anzusehen mit dem ölgetränkten Lappen um das zerschlagene Haupt und verbreitest den Geruch eines Laternenpfahls!« »Spottet nur!« sagte der so Angeredete, ein noch jugendlicher Ringer und Faustkämpfer, welcher übel zugerichtet war und daher den Kopf mit einem ölgetränkten Tuche umwickelt trug. »Spottet nur!« sagte er; »ich habe jetzt erprobt, was Fleisch und Bein zu ertragen im stände ist. Püffe habe ich erhalten auf das Haupts welche, glaube ich, einen Quaderstein zermalmt hätten. Und meint ihr, daß ich außer einer kleinen Erhitzung ein Ungemach im Haupte verspüre? Höchstens ein paar unschädliche Beulen sind aufgelaufen. Aber das Rückgrat fängt nachgerade an, mich ein wenig zu schmerzen – es mag wohl von der Gewalt herrühren, mit welcher ich im Ringkampf rücklings auf den Boden hinstürzte.« »Man sieht, daß du ein Neuling bist!« sagten die andern, »da du noch nicht weißt, daß das Haupt der unempfindlichste, das Rückgrat aber der empfindlichste Teil des Menschen ist!« »Dein Rückgrat wird sich in drei Tagen erholen«, sagte einer, »aber sieh mich an: woher soll ich nun gleich meine Zähne wieder bekommen? Hätte ich sie ausgespuckt, als ein Faustschlag des Meleager sie mir traf, so hätte ich meine Schlappe damit eingestanden; so habe ich sie lieber hinabgeschluckt. Es ist eine unangenehme Sache, seine Zähne, statt im Munde, im Magen mit sich herumzutragen.« »Du wirst sie verdauen!« sagte der Böotier Knemon. »Ein Athletenmagen muß auch Zähne verdauen.« »Davon werde ich schwerlich so viel Fleisch auf die Glieder bekommen, wie du hast!« versetzte Theagenes. – Knemon war in der Tat ein ältlicher, ungeschlachter Geselle, welcher das Mark vieler Rinder, Kälber und Lämmer in sich gesogen. Die Ohren waren ihm zerquetscht von Faustschlägen; ehern schien sein Fleisch an der breiten. gewölbten Brust und am Rücken; er glich einem hammergeschmiedeten Erzbilde. An den Armen strotzten die Muskeln rund und fest gleich Steinen im Flußbette, welche die Flut in ihren Wirbeln lange Zeit gewälzt und gerundet hat. »Meint ihr«, rief er, »daß ich einem von euch nachstehe, weil ich ein wenig schwerfällig bin und nicht so leichtfüßig wie ihr? Nun, ein Schnelläufer bin ich nicht, aber ich bin der Mann, den man so wenig umwirft als eine eherne Säule. Und wenn die Erde selber bebt – ich bleibe stehen!« Dabei legte Knemon eine Wurfscheibe auf den Boden und fuhr fort: »Wohlan! ist einer unter euch, der mich hinunterstößt?« Vergebens erprobten die Athleten einer nach dem andern ihre Kraft. Nun ließ Knemon die Wurfscheibe mit Oel begießen, so daß sie sehr schlüpfrig wurde. Aber auch jetzt behauptete er sich auf derselben. Dann streckte er seine rechte Hand gerade aus und hielt die ebenfalls ausgestreckten Finger der Hand fest aneinander geschlossen. »Nun versucht es einmal«, rief er, »den kleinen Finger da von den übrigen loszureißen!« – Sie versuchten es, aber der Finger schien wie mit Erz an die andern gelötet. »Das will nichts sagen!« rief prahlerisch der Argiver Sthenelos. »Ich halte, wenn es sein muß, ein Viergespann in vollem Laufe fest, indem ich ihm mit der Hand in die Speichen greife!« »Und ich«, sagte der Eleer Thermios, »ich habe zu Pylos einmal einen Hengst beim Hufe gefaßt, und als er sich losriß, behielt ich den Huf in der Hand.« »Das sind Kraftstücke«, sagte der Thessalier Euagoras; »aber tut mir einmal nach, was ich zu Larissa getan: ich habe dem berühmten Schnelläufer Kresilas im vollen Wettlauf die Sandalen von den Füßen gestohlen!« »Wie!« rief der Sparter Anaktor, »der thessalische Leichtfuß will vor Männern der Faust sich brüsten? Was helfen dir deine geschwinden Beine, wenn ich dich da mit dem Gesicht in den Boden pflanze?« »Meine Fäuste sind nicht schlechter als meine Beine!« rief der Thessalier; »und wenn ich dich anrühre, so magst du deine Knochen hier aus dem Sande zusammenlesen!« »Schweig!« rief der Sparter, »sonst quetsche ich dir die Augen aus, wie der Koch dem Tintenfisch!« »Ich zerzause dich«, entgegnete der Thessalier, »daß dich die Ameisen brosamenweise hinwegtragen!« »Ihr kämpft mit Worten!« rief der Böotier Knemon dazwischen. »Das ist nicht Athletenbrauch. Laßt es doch auf eine Probe ankommen!« »Das wollen wir!« riefen die beiden. »Sehr gut!« sagte der dicke Thebaner; »aber was wollt ihr eigentlich? Wollt ihr miteinander wettlaufen, oder wollt ihr euch mit der Faust bearbeiten? Lauter nicht zu verachtende Proben. Indessen, wißt ihr, was des Athleten beste Probe ist, und worin sich alle Athleten, seien sie nun Schnelläufer oder Faustkämpfer oder was immer, wie auf einem gemeinsamen Gebiete begegnen?« »Nun?« fragten der Sparter und der Thessalier zugleich. »Des Athleten beste Probe«, sagte der Thebaner, indem er dabei sich den Bauch strich, »bleibt die Kraft der Verdauung. Denkt an Herakles; er erwürgte die Löwen nur so dutzendweise im Gebirg, aber er war auch der Mann, der einen Stier auf einem Sitze verzehrte. Hier ist Rhodos, ihr Männer, hier tanzet! Laßt, ich will nicht sagen ein Rind – denn was wäre Herakles, wenn er nicht der einzige in seiner Art bliebe? – aber doch einen großen, fetten Hammel braten, und teilt ihn in zwei gleiche Hälften und verzehrt ihn auf einem Sitze! Wessen Magen früher seinen Dienst versagt, der gebe sich besiegt, denn er ist der schwächere von euch beiden.« »Ganz recht«, scholl es in der Runde; »Anaktor und Euagoras sollen die große Athletenprobe vor unseren Augen bestehen! Wir bringen sogleich den Hammel herbei und braten ihn am Spieße.« Anaktor und Euagoras waren einverstanden. Und zugleich entfernten sich einige, um den stärksten Hammel, der zu finden sein würde, herbeizuholen. Soweit war die Scene vor den Augen des Perikles und seiner Gefährten vorgeschritten, als Aspasia sich von ihrem Sitze erhob mit den Worten: »Laß uns gehen, Perikles; ich habe nicht länger Kraft genug, diese olympischen Wettkämpfe mitanzusehen!« – Lächelnd erhoben sich nun auch die übrigen Männer und schlugen mit Aspasia den Rückweg ein. »Das Gefühl Aspasias diesen Athleten gegenüber«, sagte Alkamenes, »scheint mir nicht mehr und nicht weniger zu sein, als das Gefühl eines Weibes, welches gesund ist an Leib und Seele, und welches von einem natürlichen und rechten Antriebe geleitet wird. Wozu sind sie denn eigentlich nütze, diese Kraftmänner? Sind sie denn im Kriege tüchtiger als andere? Mähen sie Reihen der Feinde nieder, wie die homerischen Helden? Nein! Die Erfahrung spricht dagegen. Sind sie geeignet, sich um die Verbesserung der menschlichen Rasse Verdienste zu erwerben? Nein! Auch dagegen spricht die Erfahrung. Sie taugen zu nichts, als zu dem, was sie im Stadion betreiben unter dem Beifallsjauchzen der Zuschauer.« »In der Tat«, versetzte Perikles, »nicht an den Personen der Athleten selbst verwirklicht sich das Nützliche der Kunst, die sie betreiben. Aber groß und unschätzbar ist der Gewinn, der aus jener Schaustellung von ungebildeter Kraft und aus der dafür im Uebermaß gezollten Ehre hervorgeht, insofern das Hellenenvolk dadurch aufs lebhafteste daran erinnert wird, daß man des Körpers Fähigkeiten nicht weniger als die der Seele steigern und entwickeln könne. Größer ist die Gefahr, daß der Mensch sein Körperliches, als daß er sein Geistiges vernachlässige, denn zu geistiger Uebung und Betätigung fühlt er beständig durch einen inneren Drang und durch die Notwendigkeit sich getrieben. Die Ausbildung des Körpers aber pflegt er der Natur zu überlassen, wenn er nicht von außen dazu gespornt wird.« Bei diesen Worten des Perikles hatten die Lustwandelnden eben den heiligen Hain erreicht und standen neuerdings einigen Standbildern berühmter Sieger von der Hand des Polykleitos gegenüber. Aspasia sagte, den Blick auf diese Bilder gewendet: »Wenn ich die Werke des Polykleitos hier betrachte, so scheint mir der Bildner in dieser Streitfrage auf meiner Seite zu stehen. Denn nicht das Uebermaß der Kraft oder die ungefüge Wucht der Glieder hat er darzustellen gewürdigt, sondern Bilder und Typen des rechten Maßes, der harmonisch, voll und rein entwickelten Gestalt stellt er vor Augen. Immerhin scheint mir der treffliche Polykleitos zu loben, daß er nicht wie Pheidias die sterbliche Natur beinahe verachtet, sondern ihr die Ehre gibt, die ihr gebührt, und daß, wie Pheidias das Göttliche am erhabensten darstellt, so er das anspruchlos Menschliche am klarsten verwirklicht.« Weniger angenehm, als Aspasia dachte, berührte dieser Lobspruch das Gemüt des Polykleitos. »Der Künstler«, sagte er, »hängt ab von den Wünschen und Bedürfnissen derjenigen, welche seine Kunst in Anspruch nehmen. Daß es in Hellas nur dem Pheidias verliehen sei, die Götter würdig darzustellen, scheinen allerdings auch die Eleer zu glauben, indem sie ihn nach Olympia beriefen, nicht aber die Argiver, welche es mit mir, dem einheimischen Manne versuchen wollen und mir das Gold- und Elfenbeinbild der Hera in ihrem großen Tempel zu Argos zu fertigen aufgetragen.« So sprach Polykleitos, und es gelang Aspasia nicht mehr, die sichtliche Verstimmung des Meisters auszugleichen. Er entfernte unter irgend einem Vorwande sich nach kurzer Zeit. »Du hast, o Aspasia«, sagte Alkamenes lächelnd, »nun auch dem Polykleitos als Sporn gedient, damit er sein Bestes tue, und die Hera von Argos des Zeus von Olymipa würdig sei.« »Ein treffliches Werk mag er, dem Pheidias nacheifernd, vollenden«, sagte Aspasia. »Aber so wie Pheidias, nachdem er mit seiner lemnischen Pallas einmal sich zur Erde herabgelassen, rasch wieder zum Olymp sich aufschwang und seither Buße tut zu den Füßen des olympischen Zeus, so, glaube ich, wird Polykleitos vom Olymp rasch wieder auf die Erde und auf sein eigenstes Gebiet heruntersteigen. Allerdings deutet der schwunglose Peloponnesier in seinen Gebilden des seelischen Lebens Bewegtheit und Tiefe wenig an; aber lassen nicht auch die athenischen Künstler noch etwas zu hoffen und zu wünschen übrig? Darf ich es euch gestehen, daß ich zuweilen Göttergestalten im Traume erblicke, die bisher kein Pheidias, kein Alkamenes, kein Polykleitos mit dem Meißel verwirklicht hat? In verwichener Nacht erschien mir Apollon, mir der liebste von allen Göttern, der Gott des Lichtes und der Töne. Er erschien mir in wunderbarer, schlanker, kühn und doch anmutvoll hinschreitender, sieghafter, bezaubernder Jünglingsgestalt. Tödlich getroffen krümmten vor seiner bloßen Erscheinung und vor dem Bogen in seiner ausgestreckten Hand sich die Drachen der Finsternis. Wer meißelt mir den Gott, wie ich ihn gesehen? Auch du nicht, Alkamenes! Aber du bist der feurigste unter den Bildnern, und mit beständig jugendlich bewegter Seele gibst du dem Leben und seinem Reiz dich hin. Darum erschließt wohl auch das Leben dir sein Geheimnis, und sein mächtiger Anhauch kräuselt in deinen Gebilden die allzu ruhige Fläche der reinen Gestaltung.« Die Augen des Alkamenes erglühten in Begeisterung bei diesen Worten. »Deinem Lieblingsgotte«, sagte er, »gedenken die Arkadier seit langer Zeit einen großen Tempel zu bauen; und um seinen Fries mit Bildwerken zu schmücken, wandten sie sich an Pheidias. Dieser wies sie an mich. Aber bedächtig ist der arkadischen Männer Sinn und wohl manches Jahr warten sie noch, bis etwa der Gott mit den tödlichen Geschossen sie zur Erneuerung des Gelübdes veranlaßt. Wenn sie aber dann ihres Planes und meiner gedenken, so sollen die Bildwerke jenes Frieses für alle Folgezeit von der Flamme Zeugnis geben, welcher freien Lauf zu lassen du mich ermunterst, Aspasia!« »Sei ganz du selbst«, sagte Aspasia, »und horche nicht auf das Wort der Kalten und Strengen, und du wirst etwas schaffen, was selbst die Tadler staunend bewundern.« Von diesem Augenblicke an erlosch der letzte Funke des Grolles gegen Aspasia im Herzen des Alkamenes. Er suchte immer aufs neue ihre Gesellschaft, sprach mit ihr von seinen Plänen und Entwürfen, begeisterte, belehrte sich an ihrem Worte, und sie versagte ihm nicht, was er so eifrig suchte. Am folgenden Tage war Perikles durch einen Zufall veranlaßt, einen kleinen Weg ohne Aspasia zu machen und sie in der Gesellschaft des Alkamenes, des Polykleitos und einiger anderen Freunde, welche er zu Olympia gefunden, zurückzulassen. Nach einem längeren Gespräche entfernten sich alle jene Männer bis auf Alkamenes, welcher die Unterredung mit seiner gewohnten Lebhaftigkeit fortsetzte. Immer feuriger wurden die Worte des Alkamenes, immer belebter seine Blicke. Aber nicht bloß entflammt zeigte sich Alkamenes der Gattin des Perikles gegenüber, als er nun mit ihr sich allein fand, sondern er schlug auch unbewußt, wie es schien, und unwillkürlich einen Ton an, welcher etwas von Vertraulichkeit an sich hatte. Berechtigte ihn dazu die Willfährigkeit, mit welcher einst die kunstbegeisterte Milesierin in einen freundlichen Verkehr sich eingelassen mit dem begabtesten Jünger des Pheidias? Aspasia empfand jenen Ton der Vertraulichkeit mit einem Gefühle gekränkten Stolzes. Der entflammte Alkamenes begann Vergleiche anzustellen zwischen den Formen ihrer reifen und denen ihrer früheren jugendlichen Blüte und sprach dabei von diesen Formen, wie man von Dingen spricht, mit welchen man gründlich vertraut ist. Auch dies verletzte die hochgemutete Aspasia. Alkamenes ergriff ihre Hand, musterte sie mit Kennerblicken, pries die Reize derselben und sagte, sie sei ihm ein unerschöpflicher Quell der künstlerischen Belehrung. Aspasia entzog ihm die Hand und erinnerte ihn daran, daß Theodota nicht weniger unerschöpflich sei an belehrenden Reizen. »Du zürnst mir, weil ich Theodota gepriesen!« rief Alkamenes. »Habe ich es dich je entgelten lassen?« erwiderte Aspasia kalt; »hast du mich feindselig gefunden, als wir hier uns wiedersahen? Habe ich aufgehört, Hoffnungen, die dich ehren, auf dich zu setzen und dich, als den Fähigsten, zur Erreichung der höchsten Ziele zu spornen? Ich wußte, daß du mich haßtest, aber mir sind die Kunst des Alkamenes und Alkamenes selbst gesonderte Dinge. Ich habe weder die Liebe, noch den Haß des Alkamenes erwidert.« »Kühl und verständig«, sagte Alkamenes, »möchten deine Worte klingen, aber sie sind in heimlicher Erregtheit scharf und bitter zugespitzt. Du zürnst mir dennoch um Theodotas willen! Vergib, was ich gegen dich verbrochen! was du meinen Haß nennst, es war die Rache der Liebe!« »Lange bevor mir dein Haß offenbar wurde«, erwiderte Aspasia, »sagte ich dir schon, was ich dir soeben zu bedenken gab: daß eine Grenze gezogen ist zwischen dem Anteil, welchen der Geist des Menschen an etwas nimmt, und seinem Herzensanteil.« »Auch beim Weibe?« fragte Alkamenes mit verwegenem Lächeln. »Ich wiederhole dir: du zürnst um Theodotas willen! Und ein Werk der Rache war es vielleicht auch, daß du in mir die alten Flammen wieder angefacht! – Noch einmal, vergib! verdamme nicht in diesem Augenblicke das Feuer, das du doch selber sonst im Wesen des Alkamenes gepriesen!« Bei diesen Worten umfaßte der Ungestüme in auflodernder Leidenschaft das Weib des Perikles. Die stolze Schöne traf den Angreifer mit einem Blicke, der ihm die verlorene Besinnung zurückgab. In diesem Augenblicke trat Perikles herein. Er las, was vorgefallen, im Antlitze des Alkamenes. Dieser nahm verwirrten Abschied und stürzte fort, mit neuerdings verwandeltem Herzen, beschämt, von Unmut gegen Aspasia erfüllt. Perikles war bleich. »Bedarf es einer Erzählung?« sagte Aspasia; »du hast in den Mienen des Alkamenes gelesen« ... »Es scheint«, versetzte Perikles, »daß Alkamenes dich behandelt hat, wie man ein Weib behandelt, das man« ... »Vollende nicht!« sagte Aspasia. »Ich weiß«, sagte Perikles, »welche Grenze du ziehst, im Sinne des Protagoras, zwischen deinen Reizen und deiner Person. Ich kenne jene Lehre, nach welcher die Schleier des Weibes zusammenschrumpfen dürfen auf ein Feigenblatt. Du siehst, Alkamenes hat eine andere Ansicht als du von der Unangreifbarkeit eines Feigenblattes. Er irrt, sagst du; aber seine Ansicht von der Sache, und nicht die deinige, ist bestimmend für seine Art und Weise, dir zu begegnen. Du kennst des Mannes nicht unedles, aber leidenschaftliches Wesen. Er wird von nun an doppelt gegen dich erbittert sein, er wird die Zahl deiner offenen Gegner vermehren.« »Er findet, wie es scheint, bei dieser Gegnerschaft einen unverhofften Bundesgenossen!« sagte Aspasia. Noch ein paar herbe Reden und Gegenreden fielen. Perikles verließ das Gemach Aspasias. Unmutsvoll stieß Aspasia mit dem Fuße gegen den Boden. »Dieser verwünschte Boden des Peloponnesos«, sagte sie, »bringt mir Unheil.« Bald aber faßte sie neuen Mut. Es ist leichtes Gewölk, dachte sie, wie es unschädlich durch den heitern Himmel der Liebe segelt. Heller lodert die Glut nach der neuen Erwärmung auf, als vor der Erkaltung. Aspasia täuschte sich nicht. – Aber bleibt hinter jenen heller auflodernden Flammen nicht doch vielleicht ein unbequemer Rest der alten Asche in der Brust zurück? Und vergißt die Liebe alles, was sie vergibt? – Perikles und Aspasia waren zu Olympia die Gastfreunde des Pheidias. Er hatte ihnen Gemächer in einem der weiten Gelasse seiner Werkstätte zur Behausung eingeräumt. Er selbst aber blieb unsichtbar. Unablässig war er im Tempel mit der Vollendung und Aufrichtung des gewaltigen Gold- und Elfenbeinbildes beschäftigt. Er verweigerte jede Begegnung, aber er hatte durch Alkamenes versprechen lassen, daß Perikles und Aspasia die ersten im gesamten Volke der Hellenen sein würden, welchen er das größte Werk seiner Hände enthüllen würde. Die mit Spannung erwartete Stunde kam heran. Einem glutenden Sommertage war ein gewitterschwüler Abend gefolgt. Fliegendes, dunkles Gewölk hatte sich über den himmelanstarrenden Gipfeln der Berge gesammelt. Nach Einbruch der völligen Dunkelheit kam ein Sklave des Pheidias und meldete dem Perikles, daß er beauftragt sei, ihn und Aspasia ins Innere des Zeustempels zu führen. In ihrer Begleitung war, auf Aspasias Wunsch, das arkadische Mädchen. Sie durchschritten, dem Sklaven folgend, den heiligen Hain der Altis, der unter umwölktem Nachthimmel in tiefem Schatten lag. Einsam war es rings, und nur ein leises Rauschen ging schauernd durch die Wipfel der Bäume. Nun erreichten sie den Tempel. Der Sklave schloß die Pforten auf und führte sie in das innere Tempelgemach. Dort lenkte er ihre Schritte auf einen etwas erhöhten Platz im Hintergrunde, wo sie sich niederlassen konnten. Dann entfernte er sich, die Pforte neuerdings hinter sich schließend, und ließ die drei allein im Dunkel. Ein schwacher Lichtschimmer fiel vom nächtlichen, wolkenumhangenen Himmel durch die Oeffnung der Tempelbedachung. Aber er drang nicht in die Tiefe des Raumes. Stumm, fast ängstlich harrten Perikles und Aspasia und das Hirtenmädchen, Plötzlich zerriß vor ihren Augen der Schleier der Finsternis, und sie erschraken, geblendet durch eine plötzliche, unbeschreibliche Glanz-Erscheinung. Der Vorhang, welcher den Hintergrund des Tempelgemachs vom vorderen Raume getrennt hatte, war hinweggezogen worden, und die drei erblickten im hellen Lichte vor sich den Gold- und Elfenbeinkoloß des olympischen Gottes. Auf schimmerndem, reichgeschmücktem Throne war er sitzend gebildet und dennoch hinaufreichend bis zur Decke des Tempels mit jenem erhabenen Haupte, das in seiner göttlichen Ruhe schon durch eine Vorwärtsbewegung der Locken, nach dem Worte des Sängers, die Höhen des Olympos erschüttert. Um die Elfenbeinglieder des Götterkönigs schlang sich golden der Mantel, die linke Schulter samt dem Arme und den unteren Teil des Körpers umhüllend. In buntfarbigem Email funkelte der goldene Mantel, der Zierat kleiner Figuren und blühender Lilien war in seine Fläche gleichsam eingestickt. Aus grün emailliertem Golde war auf die Locken des Olympiers der Oelbaumkranz gedrückt. In der Linken hielt er das, aus verschiedenartigen, edlen Erzen kunstvoll gearbeitete, bunt glänzende, ruhig nach vorn auf den Boden aufgestützte Scepter. Auf der ausgestreckten Rechten aber trug er eine Siegesgöttin, aus denselben Stoffen, wie die Gestalt des Gottes selber gebildet. Auf vier pfeilerartigen Füßen, zwischen welchen auch noch kleine Säulen standen, ragte der schmuckreiche Thron, strahlend in buntem Wechsel von Gold und Marmor, Ebenholz und Elfenbein. Dunkelblau war des Thronsitzes flache Vorderwand gefärbt, ein wohlberechneter Hintergrund für den Glanz des Goldes und des Elfenbeins. Bedeutungsvoll umgab von allen Seiten reiches Bildwerk die Gestalt des Gottes und den Thron. Auf des Scepters Spitze saß ein Aar, goldne Löwenbilder schmückten die Stützen des Schemels, auf welchem die Füße des Götterbeherrschers ruhten. Sphinxe trugen des Thronstuhls Armlehnen, Sinnbilder der unerforschlichen Ratschlüsse Kronions. Auf den Seitenflächen des Thronsitzes erglänzten, von der Hand des Panainos gemalt, in heller Farbenglut die Taten des ruhmvollen Zeussohnes Herakles. Anderes Heldenhafte schloß sich an: auch die Bilder aller Kampfarten von Olympia. Auf der breiten Fläche des Sockels aber, über welchem der Thron sich erhob, stieg die herrlichste der Zeustöchter, die goldene Aphrodite, aus dem Schaume des Meeres. Göttlich mild erschien des Olympiers Angesicht, und doch voll unbeschreiblich erhabenen Ernstes. Die milde Güte war mit strenger Macht und ernster Weisheit wunderbar vereint. Vorwaltend aber war und überwältigend der Eindruck höchster Macht. Aspasia barg fast erschrocken ihr Haupt an der Brust des Perikles. Schier unheimlich ergriff sie diese leuchtende Uebergewalt. Hier war nichts weibliches mehr dem Göttlichen beigemischt, wie in der Gestalt der Jungfrau Pallas Athene. Zu ihrem Gipfel emporgeführt war hier die männlich ernste, strenge, hohe Kraft des Götterbeherrschers. Aspasia fühlte bei diesem Anblick etwas wie einen fliegenden, jähen Schmerz in ihrer Brust ... Auch das Mädchen aus Arkadien war im ersten Augenblicke heftig erschrocken: gleich darauf aber zeigte es sich gefaßt und blickte zu dem Gotte empor mit der Zuversicht eines Kindes. Das Gewitter war leise und allmählich heraufgezogen. Man sah durch des Tempels obere Oeffnung Blitze am Himmel zucken und hörte ferne Donner rollen. Aspasia wollte den Perikles mit sich fortziehen. Er aber blieb in stummem Anschauen festgewurzelt. Auch er war gewohnt, von der Bildkunst einen anmutenden Eindruck zu empfangen. Hier aber sah er sich dem Erhabenen in nie geahnter Gestalt gegenüber. Es lag etwas wie eine neue Offenbarung in diesem Götterbilde. Draußen rollten die Donner näher und näher. Plötzlich fuhr ein Blitz durch die Oeffnung des Tempeldachs herab. Perikles und Aspasia verloren für einen Augenblick die Besinnung. Als die Blendung ihrer Augen vorüber war, sahen sie eine Marmortafel im Räume des Tempels, auf welcher die zwölf olympischen Götter in erhabener Arbeit gebildet waren, vom Blitze gespalten und geschwärzt ... Das Antlitz des Zeus hatte im Schein des Blitzes einen Augenblick titanisch furchtbar aufgeleuchtet. Es war, als hätte seine Hand den Blitz geschleudert, der seine olympischen Nebengötter zermalmte .. Aber nun glänzte das Antlitz des Gottes wieder in so ruhiger Hoheit fort, daß bei seinem Anblicke die Schrecken jener Blitzerscheinung besänftigt zerrannen. So groß erschien der Gott, daß ihn selbst die Blitze nur wie ein leichtes, mattes Funkenspiel umgaben. »Dieser Gott des Pheidias«, sagte Perikles, verloren in tiefes Sinnen, »ist hinausgewachsen über die Tempel der Hellenen. Er strebt mit dem Haupte hinauf ins Unerreichliche, Unendliche« ... Nur halb gezwungen folgte endlich Perikles der drängenden Aspasia. Sie suchten den Pheidias auf. Dieser aber hatte ungesehen die beiden beobachtet, während sie vor dem Bilde des Gottes betrachtend standen. Jetzt verlor er sich und wich den Worten aus. Er blieb verschwunden. Als Perikles und Aspasia sinnend zurückgekehrt waren in ihre Behausung, da schüttelte Aspasia den Eindruck der ernst-erhabenen Schau von ihrer Seele ab, wie ein Vogel funkelnde Regentropfen von seiner leichten Schwinge schüttelt. Nicht so Perikles. Aber Aspasia ruhte nicht, bis sie den olympischen Ernst auf seiner Stirne gemildert hatte. Zuletzt trat auch ihm das Unheimliche, ernst Erhabene des unter Blitz und Donner Geschauten in den Hintergrund, und des unvergleichlichen Bildners Bewunderung gewann in seiner gehobenen Seele die Oberhand. Noch mit geschlossenen Augen sah im Schlummer jener Nacht das Mädchen aus Arkadien sich umwogt von Lichtströmen, aus Goldglanz, Elfenbeinschimmer und Blitzgefunkel wundersam gemischt. Aber Perikles fuhr ein paarmal unruhig aus dem Schlaf empor. Er hatte geträumt, der sitzende Gott des Pheidias habe sich in seiner ganzen Größe aufgerichtet und mit seinem Haupte die Decke des Tempels in Trümmer gestoßen. Und Aspasia hatte einen andern wunderlichen Traum. Sie sah den Adler des Zeus, wie er von der Spitze des Scepters herunterflog gegen den Sockel, und dort mit seinem Schnabel den Tauben der goldenen, heiterlächelnden, wonnigen Aphrodite die Augen aushackte ... XIX. Das Kind des Lichts und die Priester der Nacht. ie waren ein wundersames Widerspiel jenes ionischen Honigmondes, diese peloponnesischen Fahrten des Perikles und seiner Aspasia! Dort an Milets heiteren Gestaden zog die siegreiche Weiblichkeit mit weichen Armen den Athenerhelden in ihren Zauberkreis; hier zwischen starrenden Bergeshäuptern trat der männliche Dorergeist im Geleite vieler Dinge, welche das Gemüt ernst zu stimmen geeignet waren, an Perikles heran. Hier goß die Natur selbst eine Art von ernstem Schauer in seine Seele; hier sprachen zu ihm alte Ueberreste einer heldenhaften Vergangenheit, welcher gegenüber die Nachgebornen sich doch nur als ein schwächliches Geschlecht empfinden konnten; hier wurde auf Stätten, deren Sagen an die alte Heldenwelt unmittelbar anknüpften, ein Kult und ein Wettstreit der Männlichkeit gepflogen, geeignet, wie Aspasia richtig fühlte, in der Seele des Griechen Gesinnungen zu wecken, zu erhalten, und groß zu ziehen, welche den Sieg der Schönheit und der Weiblichkeit auf allen Gebieten des Lebens weit eher beeinträchtigen als fördern konnten. Auf bergeinsamen Fluren der Hirten hatte Perikles hier ein einfaches, wenn man will, idyllisches Dasein geschaut, welches unberührt war vom Hauche der neuen Gesittung, und welches Anschauungen, Empfindungen, Ahnungen nährte, die vielleicht nur den Niedergang des echten Hellenengeistes erwarteten, um mit einem grauen, einförmigen Nebel die heitere, hellenische Welt zu umspinnen. Hier hatte selbst die Kunst des Atheners, im Tempel des olympischen Götterkönigs ihr höchstes und letztes hinstellend, den Triumph des ernst Erhabenen über das anmutend Schöne vor dem Auge des Griechen, wie es schien, für immer besiegelt. Anders stand diesen Anregungen und Einflüssen Perikles, anders Aspasia gegenüber. Denn nicht völlig gleich war die Natur ihrer Gemüter, und verschieden die Art ihres Verhältnisses zur Außenwelt. Aspasia war die nach allen Seiten hin Wirkende, Gebende, Tätige, Perikles war, seiner männlichen Tatkraft unbeschadet, der von allen Seiten her mit offener, edler Griechenseele auf sich wirken Lassende, Empfangende. Er war, wie das Hellenenvolk selbst, mit seiner Empfänglichkeit zwischen die Gegensätze gestellt; und wie das Hellenenvolk und der Hellenengeist, durchlebte er im Wandel dieser Einflüsse und Gegensätze eine Entwicklung, eine innere Geschichte, deren Ziel und Ausgang noch nicht abzusehen war, während Aspasia unverrückbar und unwandelbar fest stand im innersten Kern ihres Wesens; als die zaubermächtige Vorkämpferin hellenischer Lebensheitre und Lebensschöne. War nicht zu fürchten, daß durch diesen gelinden Gegensatz, bisher verdeckt von den Rosengewinden der Liebe und des Glückes, die schöne Harmonie des Liebelebens, welches das edle, herrliche Paar vereinigte auf dem Gipfel des Daseins, einmal getrübt werden könnte? Wohl lag sie nahe, die Gefahr, aber jene Rosen der Liebe und des Glückes schienen nun einmal unverwelklich zu sein für dieses Paar, begabt mit einem Zauberduft von ewiger Dauer. Noch immer blieb ja Perikles der Empfängliche, Empfangende, Aspasia die siegreich Wirkende, Gebende. In ihren Gesprächen zwar befehdeten die beiden sich oft, und nicht selten glaubte Perikles, das geliebte Weib zu seiner Meinung, in seine Strömung mit herüber gezogen zu haben. Zuletzt aber merkte er doch meist, daß sie es war, die ihn umgestimmt hatte, daß es unmöglich blieb, des wirkenden Zaubers, der in die Hand dieses unvergleichlichen Weibes gelegt war, sich ganz zu erwehren. Immer wieder ließ er von der Schönen sich zurückführen auf den Gipfel freier, heiterer Lebensanschauung. Immer aufs neue wurde der schöne Einklang der beiden Seelen wieder hergestellt, immer aufs neue verwirklichten sie das Ideal des hellenischen Lebens auf seinem Höhepunkte und boten ein Schauspiel, auf welches die Olympier mit Befriedigung herunterblickten. Aspasia verstand es trefflich, die Stimmungen des Gatten zu bekämpfen. Ob sie für immer im stande sein werde, seines innersten Lebens neu-sprossende Keime zu ersticken, den Fortschritt seiner inneren Entwicklung aufzuhalten, das blieb freilich unmöglich für jetzt zu ermessen. Gewiß ist nur, daß Aspasia es stets verstand, den Scherz der Lieder des Anakreon mildernd in den Ernst zu mischen, zu welchem Perikles an Hymnen des Pindaros sich begeisterte, und daß zwischen diesen beiden echter Griechensinn noch immer Recht behielt. – In dem kleinen Zwischenfalle mit Alkamenes hatte die Vergangenheit einen flüchtigen Schatten auf das Eheglück des Perikles geworfen. Aspasia atmete freier auf, als sie mit ihrem Gatten auf der Heimkehr von Olympia nach Athen den Boden des Peloponnesos hinter sich hatte. Sie ahnte nicht, daß unerfreulicheres ihr auf dem Boden Attikas selber, unmittelbar vor dem erreichten Ziele, bevorstand. Während Pheidias zu Olympia seinen Zeus für ganz Hellas schuf, wie er früher zu Athen die Pallas Athene für die Athener geschaffen, war sein früherer Genosse und Freund Iktinos in der attischen Mysterienstadt Eleusis tätig gewesen, wohin er berufen war, um ein neues Haus der Demeter für die Feier der großen Mysterien zu erbauen. Da die Tage der Mysterienfeier bevorstanden, so hielt sich Hipponikos, welcher bei dieser Feier die an sein Geschlecht geknüpfte Würde eines Daduchen bekleidete, eben in Eleusis auf, ein Landgut bewohnend, wie es auch andere reiche Athener in der Gegend des schön gelegenen Eleusis besaßen. Denn diese Stadt lag unfern dem Meeresstrande, der Furt von Salamis und dieser Insel selbst gerade gegenüber. Die Hügel hinauf zogen sich die Behausungen der Einheimischen und die großen Tempelbauten mit ihren weitläufigen, heiligen Bezirken, innerhalb welcher sie standen. Perikles nahm bei Hipponikos seinen Aufenthalt während der Zeit seiner Anwesenheit zu Eleusis. Der erste Tag war der Besichtigung des neuen großen, durch Iktinos vollendeten Weihetempels gewidmet, der, auf die Mysterienfeier berechnet, viele unterirdische Gelasse und labyrinthische Gänge von großer Ausdehnung zählte, die Stätte jener Geheimnisse, welche zu schauen nur den Eingeweihten erlaubt war. Die eleusinischen Geheimnisse waren nun ein Gegenstand, gegen welchen Aspasia sogleich wieder auf das entschiedenste die Spitze ihres Geistes und Witzes kehrte. Ihr schien alles, was dem Lichte sich entzog, was das Dunkel suchte, was mit dem Schleier des Geheimnisses sich umgab, zusammenzuhängen mit Aberglauben und Schwärmerei, und so erblickte sie auch in diesen Mysterien eine Gefahr für den freien, zum Lichte sich emporringenden Geist der Hellenen. Als sie die Ehrfurcht tadelte und die heilige Scheu der Athener vor diesen Mysterien, sagte Perikles: »Vielleicht ist diese Scheu der Hellenen die geheim sich ankündende Scheu des Menschengeistes überhaupt vor den Geheimnissen, die noch in seiner eigenen Tiefe unentwickelt schlummern. Wer weiß, wie viele Offenbarungen der Menschengeist noch hervorholt aus dieser heiligen Tiefe!« »Ich will nichts hören von Offenbarungen der Zukunft!« entgegnete Aspasia. »Die Offenbarung der Gegenwart ist die Offenbarung der schönen Menschlichkeit, und alles was folgen könnte, wäre nur eine Verschlimmerung. Klammern wir uns mit Geist und Seele und allen Fasern unseres Wesens an die schöne, heitere Gegenwart!« Perikles verwies Aspasia auf den Daduchen Hipponikos und fragte sie, ob denn dieser Mann, dessen Leibesgestalt immer mehr sich rundete, und dessen Wangenrot immer glänzender wurde, irgend eine Spur von Schwärmerei an sich trage? Und doch sei er nicht bloß Eingeweihter, sondern auch Träger einer Priesterwürde zu Eleusis, einer von denjenigen, welche die Einweihung der Mysterien vollziehen. Aspasia entgegnete, diejenigen, welche andere in das Reich des Aberglaubens und der Schwärmerei einführen, seien nicht selten frei von den Gesinnungen, welche sie anderen einflößen; zuweilen aber, sagte sie, geschehe es auch, daß die Träger und Vermittler heiliger Geheimnisse den Maultieren ähnlich seien, welche hie und da nach altem Brauch zum Träger heiliger Tempelgeräte oder Götterbilder verwendet werden, und auf welche nichts von dem Göttersegen übergeht, welchen sie anderen auf ihrem Rücken zutragen und vermitteln. Der harmlose Hipponikos, fügte Aspasia hinzu, scheint mir zu dieser letzteren Art zu gehören. Hipponikos war stolz auf seine Daduchenwürde, weil in der Tat eine Ehre vor dem Hellenenvolke damit verbunden war. Aber was mit dieser Würde sonst zusammenhing und was sie von ihm erheischte, dazu fühlte er wahrlich durch keinen inneren Antrieb, durch keine persönliche Neigung, sondern einzig durch den Umstand sich berufen, daß er dem Geschlechte angehörte, aus welchem die Daduchen von Eleusis gewählt zu werden pflegten, und daß ihn diese Wahl getroffen hatte. Er verteidigte der Gattin des Perikles gegenüber die Mysterien als eine Sache, die er zwar vertrat, aber ohne sich dafür zu ereifern. Philosophischer Erörterung abhold, begnügte er sich, Aspasia auf ein Gemälde zu verweisen, welches seinen Speisesaal schmückte. Dies Gemälde war von der Hand des Polygnotos und stellte den Besuch dar, welchen der Irrfahrer Odysseus im Reiche der Schatten machte. Der Hades war gemalt mit allen seinen Schrecken, und unter den bleichen Schatten bewegte sich unerschrocken der noch lebende Fürst von Ithaka. Als Perikles mit Aspasia das Gemälde betrachtete, merkte er als ein Eingeweihter sogleich, daß die Einzelheiten desselben viele Beziehungen zu den Geheimnissen von Eleusis hatten. Hipponikos bestätigte dies und sagte zu Aspasia: »So viel ist wohl zu verraten erlaubt, daß der Weg zu dem heiligen Lichte von Eleusis durch den Hades führt, durch die Schrecken des Erebos. Was aber die Nichteingeweihten betrifft, und diejenigen, welche es hartnäckig verschmähen, sich einweihen zu lassen, so ist ihr Schicksal in der Unterwelt für die Kundigen sehr anschaulich auf diesem Bilde bezeichnet.« So sprach Hipponikos und riet Aspasia ernstlich, sich einweihen zu lassen, indem er ihr in Erinnerung brachte, daß nach allgemeiner Ueberzeugung der Hellenen diejenigen, welche in die Mysterien der Demeter zu Eleusis eingeweiht sind, nach ihrem Tode in seligen Auen wandeln, den Nichteingeweihten aber bestimmt ist, eine ewige Zeit hindurch in schauerlicher Finsternis und Oede zu schmachten. »Ich habe es oft behaupten hören«, sagte Aspasia, »und es hat dies meinem Ohre immer so geklungen, wie wenn jemand auf einer verstimmten Zither unharmonische Töne zuversichtlich greift, oder über eine Glasfläche mit einem spitzen Eisen ritzend dahinfährt. Es ist erstaunlich, an welche Dinge sich sogar hellenische Ohren gewöhnen mögen. Ich weiß, daß es Personen gibt, welche sich, wenn sie ihr Lebensende herannahen fühlen, noch schnell einweihen lassen, und manche beeilen sich ja, ihre Kinder schon im zarten Alter dieses Heiles teilhaftig werden zu lassen.« »Bin ich doch selbst«, sagte Perikles, »wie fast alle Athener, eingeweiht, und gerne wär' ich bereit, auch diese Geheimnisse wie alles andere mit dir zu teilen.« »Ich begreife«, versetzte Aspasia, »daß den Unverständigen der Aberglaube, den Verständigen die Neugier Grund genug ist, sich einweihen zu lassen. Auf das Recht der Neugier aber habe ich ja als Frau doppelten Anspruch. Was muß ich tun, Hipponikos, um jener Weihen teilhaftig zu werden?« »Die Sache ist leicht«, sagte Hipponikos. »Du meldest dich im nächsten Jahre bei der Feier der kleinen Eleusinien zu Athen, erhältst auf die Fürsprache eines schon Eingeweihten die geringeren Weihen und begibst ein halbes Jahr später dich mit dem eleusinischen Festzuge von Athen hierher nach Eleusis, um hier in die großen Weihen eingeführt zu werden, und die eigentlichen Geheimnisse zu schauen.« »Wie?« rief Aspasia, »so lange soll ich meine Neugier bezähmen? Die kleinen Eleusinien soll ich erwarten und dann noch ein halbes Jahr verstreichen sehen, bevor sich die Geheimnisse mir enthüllen? Bist du nicht Daduch, Hipponikos, und kannst als solcher mir die Vergünstigung erwirken, daß ich die kleineren Weihen nun hier zugleich mit den großen empfange?« »Unmöglich!« erwiderte Hipponikos. »Was hindert dich?« fragte Aspasia. »Die Zwischenzeit der beiden Weihen ist festgestellt durch den heiligen Gebrauch«, entgegnete der Daduch. »Du vermagst mir hinweg zu helfen über den heiligen Gebrauch, wenn du nur willst!« warf Aspasia ein. »Der Hierophant ist einer von den Strengen und Ernsten in der Art des Diopeithes zu Athen«, sagte Hipponikos. »Soll ich den Zorn dieses obersten Priesters auf mich laden?« Aspasia bestand auf ihrem Verlangen, aber der Daduch wiederholte sein »Unmöglich«. Er war ein Feind von bedrohlichen Verwicklungen. Er verspürte keine Lust, die ganze eleusinische Priesterkaste gegen sich aufzubringen. Er liebte den Frieden und die Behaglichkeit. Den nächsten Tag kam der eleusinische Aufzug von Athen nach Eleusis herüber. Perikles und Aspasia befanden sich mit Hipponikos unter denjenigen, welche als Zuschauer dem Schwarme begegneten, als derselbe zu vielen Tausenden einhergezogen kam auf dem heiligen Wege. Während die Blicke Aspasias hinschweiften über die im Zuge getragenen Heiligtümer und über die Schar der Mysten selbst, alle bekränzt mit Myrte und Eppich, Aehren und Ackergerät in Händen tragend zu Ehren der Erdfruchtspenderin Demeter, da traten ihr plötzlich beim Scheine der brennenden Fackeln – denn die Ankunft des eleusinischen Zuges fiel in die dunkelnde Abendstunde – aus der bunten Menge der Gesichter die matten Augen und die schlaffhängenden Wangen Telesippes entgegen. Telesippes Gatte, der durch des Perikles Einfluß immer wieder neu gewählte Archon Basileus, dem auch die Aufsicht der eleusinischen Mysterien oblag, ging im Geleite der athenischen Priester und obrigkeitlichen Personen; Telesippe wandelte als Basilissa, als Teilnehmerin seiner religiösen Würden und Verrichtungen erhobenen Hauptes an seiner Seite. Würdevoll erschien das Weib des Königs-Archonten in der stattlichen Fülle des Leibes; und als ihr Blick, stolz zur Rechten und zur Linken schweifend, auf den früheren Gemahl und auf die Milesierin an seiner Seite fiel, da richtete sich ihr Haupt noch höher auf, und ein Zug der Verachtung erschien auf ihrer wulstigen Unterlippe gelagert. So feierlich war ihre Miene, als stände sie eben wieder am Lenäenfeste als »des Gottes mystische Gattin« im Tempel des Dionysos, an der Spitze untergebener priesterlicher Frauen, geheimnisvolle Bräuche vollziehend, Bräuche, die kein männliches Auge schauen durfte, und über welche sie den Teilnehmerinnen feierlichst das Gelübde des Stillschweigens abnahm. Als Aspasia das Weib erblickte, so hoch emporgetragen vom Bewußtsein seiner priesterlichen Würde und den Pfeil der Verachtung aus mißgünstigen Augen schleudernd, da regte sich der alte Haß und die scharfzüngige Spottlust im Busen der Ionierin. »Siehe da«, sagte sie lächelnd zu Perikles, »siehe, wie sie einherstolziert, reichlich blühendes Fett um die Glieder, die würdige Frau Telesippe! Nachdem sie zweier sterblicher Männer Ehefrau gewesen, ist sie nun gar des Gottes Dionysos mystische Gattin geworden! Es sollte mich aber wundern, wenn der jugendliche Gott sie nicht bald auch einem andern abträte, und zwar dem Silen, seinem dickbäuchigen Begleiter; denn für diesen erscheint sie ganz wie geschaffen!« – Einiges von dieser scharfgewürzten Spottrede drang zu Telesippes Ohr. Noch besser aber ward sie vernommen von Elpinike und von dem Seher Lampon, welche hinter Telesippe im Zuge gingen, und welche, gleich dieser, den Perikles nebst der Milesierin im Vorübergehen scharf und lauernd ins Auge gefaßt hatten. Blicke mühsam unterdrückter Erbitterung wurden auf die Verwegene geschleudert, und ein stillschweigendes Gelöbnis, längst geschworene Rache zu beschleunigen, flammte gleichzeitig in drei empörten Seelen auf. In der Nacht schwärmte zur Küstenstrecke des eleusinischen Meerbusens der Festreigen, geführt vom Gotte Iakchos mit leuchtender Fackel. Hier flammte der nächtliche Lichtschein auf über der blumigen Au, und um den Gott her schlang sich der begeisterte Chor, den Boden stampfend im Tanze, das Lockenhaar schüttelnd samt dem Myrtenkranze darin und den schwellend gereiften Beeren im Kranze. In mannigfachen Windungen kreuzte sich mit den hochgeschwungenen Fackeln der Reigen. Ein Myste übergab häufig die Fackel wechselnd dem andern. Als heilig wurde dieser mystische Fackelglanz betrachtet, und die davon abspringenden Funken galten als Reinigungsmittel der Seelen jener, die sie niederfallend berührten. Mit Einbruch jenes Abends aber, welcher der Vorfeier ein Ende machte und den Geheimnissen im Weihetempel vorausging, bereiteten die Mysten auf die Weihen sich vor durch mancherlei Reinigungen, Spenden, Opfer und andere heilige Bräuche. Wiederholt hatte Aspasia inzwischen an Hipponikos das Verlangen erneuert, durch seine Vermittlung in die Mysterien miteingeführt zu werden. Hipponikos erinnerte sie daran, daß die Feier der Mysterien unter der Aufsicht des Archon Basileus, des Gemahls Telesippens, vor sich ging, und daß, wie der Archon Basileus die Oberaufsicht über die eleusinischen Priester hatte, so seine Gemahlin den Priesterinnen von Eleusis als Basilissa für die Zeit der Mysterien vorstand. Das alles schien den Eigenwillen Aspasias nur noch zu stacheln: aber sie hätte wohl kaum den Widerstand des Hipponikos gebrochen, wäre es diesem zuletzt der Gattin des Perikles gegenüber nicht so ergangen, wie dem Alkamenes zu Olympia. Er hegte nicht umsonst tagelang den Feuerbrand, der ihm das Herz schon einmal versengt hatte, in seinem Hause. Jenes Zwischenfalls mit Alkamenes eingedenk, würde Aspasia sich sonst wohl gehütet haben, diese Flamme neuerdings zu schüren und eine Gefahr heraufzubeschwören, welche ihr um des Perikles willen verhängnisvoll erschien. Aber sie hatte sich nun einmal vorgesetzt, das, was sie bekämpfen wollte, genau zu ergründen, um es mit noch größerem Erfolge zu bekämpfen. Sie sah mit Genugtuung die Gluten des Hipponikos, den sie sonst verachtete, neuerdings auflodern; waren sie ihr doch eine Bürgschaft, daß er ihrem Verlangen zuletzt willfahren werde. Und so geschah es auch. Der Daduch willigte endlich ein, jene kleineren Weihen, welche Aspasia schon vor einem halben Jahre zu Athen hätte empfangen sollen, ihr jetzt zu erteilen. Er wußte den sogenannten Mystagogen für sich zu gewinnen, welchem es vornehmlich oblag, bei den kleineren Eleusinien zu Athen die Neulinge einzuführen und vorzubereiten. Der Daduch ließ Aspasia nach vorausgegangenen Zeremonien der Reinigung auf das Vlies eines dem Zeus geopferten Lammes treten, dann unterrichtete sie der Mystagog in gewissen Bräuchen und Formeln, deren sie im Tempel bedurfte, um zu beweisen, daß sie eingeweiht war, daß ihr der Eintritt mit den Mysten ins Innerste des Heiligtums nicht versagt werden dürfe. Schwören ließ er sie zuletzt, daß sie über alles, was sie im Hause der großen Weihe hören und sehen würde, unverbrüchliches Schweigen beobachten wolle für immer. Nicht auf einmal wurden, als die Tage der Weihen gekommen, alle Mysten eingeführt, sondern eine Abteilung folgte der andern. Unter der zuerst eingeführten Mystenschar befanden sich Perikles und Aspasia. Ein Lächeln schwebte auf den Lippen Aspasias, als sie mit dieser Schar, geführt vom Mystagogen, den inneren Raum des Heiligtums betretend, den Hierophanten samt den übrigen Oberpriestern und Helfern in glänzende und bedeutungsvolle Gewänder gehüllt erblickte, Diademe auf dem frei auf die Schultern herabwallenden Gelock des Hauptes, hohe Greisengestalten, ehrfurchtgebietend von Ansehen, überdies geheimnisvolle Sinnbilder zur Schau tragend: unter ihnen der Daduch mit einer Fackel in der Hand. Und noch reizender lächelte die schöne Milesierin, als nunmehr der »heilige Herold« seine Stimme erhob vor den versammelten Mysten mit der Aufforderung, daß jeder, der nicht die Weihen empfangen, sich entferne, desgleichen jeder, dessen Hand nicht rein von Schuld und der nicht würdig vorbereitet, zu schauen das heilige Licht von Eleusis, und zuletzt allen den feierlichen Schwur noch einmal abnahm, ewiges Schweigen zu beobachten über das, was sie schauen und hören würden, hierauf aber jedem einzelnen eine Frage ins Ohr geflüstert wurde, die nur der Myste beantworten konnte, und welche er eben so leise ins Ohr des Fragenden erwiderte, wahrend von einem unsichtbaren Chore der feierliche Hymnus auf die Göttinnen von Eleusis gesungen wurde. Und noch immer umschwebte das feine Lächeln die geistbeseelten Lippen Aspasias, als die Mysten in das Innerste des Tempels eingeführt und gewisse heilige Gegenstände ihnen dort zuerst gezeigt wurden, Ueberbleibsel aus Urzeiten, Sinnbilder der Segnungen und Geheimnisse des eleusinischen Götterdienstes, auch zur Berührung und zum Kusse dargereicht und mit weihevollem Wort aus dem Munde des Hierophanten gedeutet. Und mit dem gleichen Lächeln verfolgte Aspasia die nachahmenden Darstellungen der heiligen Sagen, lebendig und ergreifend anzusehen im geheimnisvollen Halbdunkel des Tempels, von Saiten- und Flötenklang und Gesängen begleitet. Jetzt aber wurde die Mystenschar abwärts geführt über Stufen in unterirdische Gewölbe und Gänge. Bald sahen sie von völliger Finsternis sich umgeben. Irrfahrten begannen, und ein langes, mühevolles, zielloses Umherschweifen in nächtlichem Dunkel. Nur des Hierophanten Stimme diente mit ernstem, würdevollem Laut in bedeutsamen Sprüchen und Zurufen als Führer der dunklen labyrinthischen Irrfahrt. Plötzlich wurde ein dumpfes Getöse, als ob die Grundfesten der Erde erbebten, vernehmlich: darein schienen sich Geheul, Gestöhn, brausende Wasser, rollende Donner zu mischen. – Der vorher ruhigen Schau folgte nunmehr im Schwarme der Mysten ängstliches Staunen, Schauder, Zittern; Schweiß bedeckte die Stirnen. Immer größer aber wurden die Schrecknisse; denn beim Schein blitzartig leuchtender Flammen, welche aus dem Boden wechselnd emporschlugen, und deren Farbe rot, blau, weiß oder fahl und grausig anzusehen war, sah man entsetzliche Schreckgestalten, Scheusale der Unterwelt, flüchtig beleuchtet: Gorgonen mit entsetzlichen Häuptern, auf Schlangenfüßen heranschleichende Echidnen, abenteuerliche Chimären, welche des Löwen, der Ziege und der Schlange Gestalt in sich vereinigten, zähnefletschende Harpyen mit ungeheuren Rachen, bleiche, blutlüsterne Empusen, mit Hundeköpfen bellende Skyllen, und das grausenhafte Bild der Hekate... Aber noch immer entsetzlicher wurden die Schreckenserscheinungen. Zuletzt erschien im fahlen Lichte Thanatos, der Todesgott, thronend auf Totengebein, in nachtschwarzem Gewande, die Stirn umkränzt von Asphodill, eine umgestürzte Fackel in der Hand, neben ihm ein falbes Roß, auf welchem er reitend unendliche Fernen im Fluge zurücklegt. Rings um ihn aber waren seine Getreuen gelagert: Eurynomos, der Dämon der Verwesung, einer der Hadesgeister, dessen Amt es war, das Fleisch der Leichen bis auf die Knochen abzunagen. Er saß auf Aas, wie ein Rabe oder Geier, und hackte seine Zähne gierig in das mürbe Fleisch. Weiter war zu sehen um den fahlen Thanatos die Pest, und der blasse, abgezehrte Hunger, und des Krieges Furie Enyo, und die kranke, herznagende Liebesraserei, und Ate, die Torheit, der Verblendung und der Schuld blindwütiger Dämon. Aspasia lächelte noch immer, aber ihr Lächeln war nicht mehr reizend, und ihr Antlitz marmorbleich ... Während aber jetzt auf des Hierophanten Wink der Daduch seine Fackel an einer der aus dem Boden aufzuckenden fahlen Flammen entzündete, und immer schauerlicher die Weisen der Flöten und des unsichtbaren Chores erklangen, nahm eine düstere, von mephitischen Dünsten erfüllte Höhle den Schwarm der Eingeweihten auf. Aus der Ferne erscholl ein dumpfes Brausen, wie von Stromgewässern, und dazwischen das helle, wie aus dreifachem Haupte kommende Gebell eines Hundes. Als nun die Mysten den langen, schauerlichen Höhlenweg zurückgelegt, erblickten sie wie im Traum ein weites, einförmiges, düsteres, gleichsam von Schlummersäften triefendes Reich vor sich, umgürtet von traurig hinwallenden Strömen. Beschwichtigt wurde durch des heiligen Herolds bannenden Stab das Gebell des dreiköpfigen Höllenhunds, und die Mystenschar sah sich umgraut von Persephonens Totenhain, wo in fahlem Lichte Weiden und Silberpappeln standen, blaßfarbig und regungslos und mit traurig niederhängenden Zweigen. Dann kam die Asphodeloswiese, ganz überwuchert von der traurigen Todesblume, deren bleiche Blüte auf hohen Stengeln wie träumend schwankten. Ueber dieser Wiese aber schwebten die Schatten, die Seelen der Toten hin und her: wie Traumbilder, oder wie Rauch, unfaßbar, ohne menschlichen Laut, nur mit einen: leisen einförmigen Gesumme den weiten Raum des Erebos erfüllend. Auch halb nur bewußt waren sie, wie versunken in brütenden Halbschlummer, einzig erweckbar zu vollem Bewußtsein durch einen dargereichten Trunk von dampfend frischem Opferblut. Nachtgevögel schwirrte in der Luft, auch dieses schattenhaft und gespenstig. Und schattenhaft, mit durchscheinenden Leibern, glitten auch die Fische träg und lautlos hin im Gewässer der Unterweltsströme. Diese Ströme aber, welche den Erebos umgürteten, waren Acheron, der Strom des ewigen Weh's, der Tränenstrom Kokytos, der Feuerstrom Pyriphlegeton, und der Styx mit nachtschwarzem Gewässer. Durch das Zwielicht der schwebenden, schwankenden Schattenwelt gingen wie traumwandelnd die Mysten, geführt von dem heiligen Herold, bis plötzlich mit Donnergedröhn ein ehernes Riesentor vor ihnen aufkrachte. Ueber eherne Schwellen betraten sie den Tartaros, jener Seelen Aufenthalt, welchen es nicht vergönnt war, leid- und freudlos im Halbschlummer über der Asphodeloswiese zu schweben, sondern welche von rächenden Erinnyen hinabgerissen waren in des Hades tieferen, jammererfüllten Abgrund. Unsterblich aufs rollende Rad geflochten – von ewig drohenden wankenden Felsblöcken überhangen sein – nach ewig entweichenden Fruchtzweigen in ewig ungestillter Begier die Hände ausstrecken – in ewig vergeblichem Schweißbemühen den immer wieder zurückrollenden Stein bergaufwärts wälzen – die immer wieder entrinnende Flut mit verzweifelter Anstrengung in den durchlöcherten Eimer schöpfen – die immer sich erneuernden Eingeweide dem Bisse eines Geiers, und die Glieder den Schlangengeißeln der Erinnyen preisgeben – ein Spielball sein für immer in den Händen jener stygischen Schreckgestalten: dies war das Los derjenigen, welche die Schar der Geweihten auf dem schmerzenreichen Grunde schaudernd erblickte. Zahlreich waren sie, die Bilder dieser Qualen der Unterwelt, am zahlreichsten aber die Bilder eines ewig vergeblichen, schmerzlichen Ringens und Trachtens. – – So wurden durch die Schrecken der Tiefe, durch das Leid des Lebens, und die Grausen des Todes hindurchgeführt mit angsterfüllter Seele die durch die Weihe Berufenen. Feierlich erklang die Stimme des Hierophanten durch alle die Erscheinungen und Schrecknisse hindurch, deutend und mahnend. Immer entsetzlicher wurde das unterirdische Dunkel, immer lauter das Gewinsel und Gestöhne der Büßenden. – Die Ströme der Unterwelt begannen zu brausen, das ganze Nachtreich schien aufzustöhnen in einem herzzerreißenden Todesseufzer; aber auch die oberweltliche Natur schien einzustimmen und die Stimmen aller Kreaturen sich zu vereinigen in ein unendliches, qualerpreßtes Ach! ... Da brach mit einem Male ein wunderbares Licht aus dem Schoße der tiefsten Finsternis hervor. Freundliche Gegenden erschienen, Auen, bedeckt mit goldenen Blumen; liebliche Stimmen erklangen, selige Reigen schwebten dahin über das wonnige Gefilde. Hier winkte Persephones Palast in hellem Lichte. An des Palastes Schwelle stand, im Arme die Lyra, Orpheus, der uralt-heilige Mysteriensänger, und sein tönender Mund verkündete geheimnisvolle Dinge. Hinter ihm winkte das Knäblein Demophoon aus der läuternden Flammenlohe, mit welcher seine göttliche Pflegerin Demeter zum Schrecken der sterblichen Mutter es umgeben hatte, unversehrt lächelnd den Mysten. Ueber des Tempels goldenen Pforten aber schwebte leuchtend, beglänzt vom hellsten Strahl, das Symbol der geflügelten Psyche, nicht mehr schattenhaft im Hades brütend, sondern über Asphodeloswiesen und Tartaros und Elysion hinaus empor sich schwingend in den verwandten göttlichen Aether ... Durch die Pforte wurden die unterweltlichen Pilger nun geführt, um wahrhaft Schauende zu werden. Hier enthüllte sich ihnen der unausgesprochene Teil der Geheimnisse. Hier erglänzte ihnen, aber freilich jedem einzelnen nur nach seines Augsterns Kraft erfaßbar, das volle, heilige Licht von Eleusis. – – Am Tage, welcher der Einführung Aspasias an der Seite ihres Gatten Perikles mit einem großen Teil der Mysten in die eleusinischen Weihen folgte, befand die Milesierin sich in einem wirren, eigentümlich veränderten Zustande. Ihr Wesen war von einer Aufregung ergriffen, welche sich fast zur Höhe des Fiebers steigerte. In einem lebhaften Gespräche mit Perikles über das, was sie an seiner Seite mitangesehen und mitangehört, suchte sie ihres Gemütes gestörte Harmonie wieder herzustellen. Denn gleichwie es Nachtvögel und andere Nachtgeschöpfe gibt, deren Auge das Dunkel liebt und den hellen Strahl des Lichtes nicht verträgt, so gibt es auch wieder Kinder des Lichtes, welche sich nur im goldnen Strahle des verwandten und vertrauten Elementes wohlbefinden, und deren Augstern es nicht verträgt, in die schwarzen Abgründe der Nacht hinabzustarren. Aspasia gehörte zu diesen. Ein Blick ins Dunkel aber, ein Blick in die schwarze Nacht hinab, schien ihr jene Wanderung, und was sich das heilige Licht von Eleusis nannte, nicht als ein Licht erschien es ihr, sondern als eine andere Art von Finsternis, denn es war düster und führte ins Düstere. Sie aber konnte sich das Licht nur heiter denken. Ihr galt als Licht nur das, was erhellte und erheiterte zugleich. Das fahle, kalte, gespenstig-dämmerige, dann wieder augenblendend grelle Licht, das der Hierophant von Eleusis in des Lebens Tiefen fallen ließ, erschien ihr als des wahren, des rosigen Lichtes schnödes Widerspiel. Gaukeleien und wüsten Bildertand nannte sie die ans Zauberhafte grenzenden phantastischen Künste der eleusinischen Priester. So fühlte sie sich denn erregt, von drangvoller Unruhe ergriffen, und zum Widerstreit herausgefordert wie noch nie. Es war inzwischen in dem von Fremden, namentlich von Athenern wimmelnden Eleusis kein Geheimnis geblieben, daß Aspasia an der Seite ihres Gatten sich in die Mysterien hatte einweihen lassen. Aber auch von den Nebenumständen dieser Einweihung waren diejenigen bald unterrichtet, welche mit dem scharfen Auge der Mißgunst das Tun und Lassen der Milesierin begleiteten. Die schlimmsten ihrer Feindinnen, eben wieder aufs neue beleidigt und zur Rache gereizt, weilten zu Eleusis, und Lampon fehlte nicht, der geschäftige Lampon, welcher es verstanden hatte, das Vertrauen und die Freundschaft Telesippes in noch höherem Maße zu gewinnen, seitdem sie die Gattin eines oberpriesterlichen Mannes geworden, und welcher zum Werkzeuge des rachedurstigen Weibes und ihrer ränkespinnenden Freundin trefflich sich eignete. Dem arglosen Mystagogen hatte Lampon bald das Geheimnis des kühnen, der heiligen Regel trotzenden Wagnisses entrissen, welchem Aspasia ihre Einweihung verdankte. Durch ihn gelangte die Kunde davon an jene Feindlichgesinnten. Bald wurde der Archon Basileus, als Hüter der heiligen Gesetze, von dem Frevel verständigt, und ein Gewitter zog sich zusammen über das Haupt Aspasias und ihres Helfers Hipponikos, welcher ihr gegen die Regel zur Einführung verholfen hatte. Noch wußte Aspasia nichts von dem, was sie bedrohte und ehe sie davon Runde erlangte, stand im Hause des Daduchen ihr ein unerfreuliches Ereignis anderer Art bevor. Aspasia saß mit Perikles und dem gastfreundlichen Hipponikos bei einem Frühmahle. Der heilige Gebrauch gebot für die Zeit der Mysterienfeier eine gewisse Enthaltsamkeit; desto mehr gefiel sich Aspasia darin, den alten Schlemmer Hipponikos durch heitere Trinksprüche und Skolien anzuregen, daß er mehr des begeisternden Gottes Iakchos eingedenk war, als der strengen Persephone. Er sprach dem Becher fleißig zu, und immer entflammter funkelten seine Augen, während das reizende Weib gegen den düsteren Ernst der Mysterien zu Felde zog und gegen alles Düstere überhaupt, auch gegen den düsteren Begriff der Pflicht, welchem sie das heitere Recht des Lebens und der Freude gegenüberstellte. Perikles entfernte sich, um einen in Eleusis anwesenden Amtsgenossen aufzusuchen, und Aspasia begab sich in ihr Gemach. Plötzlich stand der trunkene Hipponikos vor ihr und begann ihr Vorwürfe zu machen. »Weib«, rief er lallend aus, »dein Name ist Undank! Habe ich dich nicht zu Megara aus bösen Verwicklungen befreit? Und was war mein Lohn dafür? Und habe ich nicht jetzt wieder mich kopfüber für dich in die Gefahr gestürzt, indem ich dich, allem heiligen Gebrauche zuwider, in die großen Mysterien einschmuggelte? Und auch dafür soll ich keinen Dank haben, nicht den geringsten? Ei, wenn du so freien Sinnes bist, warum denn nur so spröde gegen mich? Fürchtest du deinen Gatten? Der ist abwesend. Oder den düsteren Begriff der Pflicht? Diesen hast du soeben lächerlich gemacht. Bin ich dir nicht jung und schön genug? So nimm diesen Ring mit den kostbaren Steinen darin! Er hat bare zwei Talente gekostet! – Weißt du denn, ob Perikles dich immer lieben wird? Ob er dich nicht auch einmal verstößt wie Telesippe? Alles dreht sich im bunten Wechsel und Wirbel in der Welt! Verlaß dich auf gar nichts! Greif zu! Nimm den Ring, schönes Weibchen! Nimm den Ring mit dem Steine, der zwei Talente gekostet hat! Weißt du denn, Weib, wie lange du noch reizend sein wirst? Noch bist du es freilich, aber es kommt die Zeit, wo du alt und häßlich bist! – Nimm den Ring, schönes Weib, und gib mir einen Kuß dafür!« Einen Augenblick wich der Trunkene vor den zornglühenden Augen Aspasias zurück. Dann aber ergrimmte er und lallte: »Wer bist du denn?, He, wer bist du denn? Ein Hetärchen aus Milet, bei der Demeter! Ein Hetärchen aus Milet! Seit wann willst du denn ein Spartanerweib sein, eine sittenstrenge Matrone? – O Spröde du, die doch einst dem jungen Alkamenes ohne Sprödigkeit als Modell zu Diensten gestanden!« – Aspasia erbebte und erbleichte vor Unmut gegen den trunkenen, frechen Beleidiger. Noch einmal stieß sie den Taumelnden zurück, warf rasch ihr Obergewand um sich und stürzte fort aus dem Gemach, aus dem Hause, ihrem Gatten Perikles entgegen. Sie hatte kaum das Haus verlassen, als der geschmeidige Freund des Diopeithes, der Seher Lampon, dasselbe betrat. Er war von Diopeithes gesendet, welcher den Tag zuvor in Eleusis eingetroffen war. Als jene von tödlicher Leidenschaft gegen Perikles und Aspasia Beseelten zuerst die Kunde der unrechtmäßigen Einweihung Aspasias vernahmen, waren sie sogleich entschlossen, sowohl Aspasia selbst, als den Daduchen bei dem heiligen Gerichte anzuklagen, und die meisten freuten sich, außer dem von ihnen gehaßten Weibe auch den vielbeneideten Hipponikos ins Verderben stürzen zu können. Aber Diopeithes selbst, das eigentliche Haupt dieser feindseligen Partei, war anderer Meinung. Er ersann einen Rat, der seiner Schlauheit Ehre machte. Gern hätte er dem Hipponikos die Anklage und den verdammenden Richterspruch gegönnt, aber er berechnete, daß der nicht angeklagte, nicht verurteilte Hipponikos der Partei nützlicher sein könne, als der angeklagte und verurteilte. »Wenn wir ihn sofort anklagen«, sagte er, »so wird ihm der mächtige Perikles mit seinem ganzen Einflusse zur Seite stehen, und er wird, wenn nicht straflos ausgehen, doch viel milder gestraft werden als wir es wünschen. Er wird vielleicht mit einer für den reichsten Mann Athens sehr erträgliche Geldbuße davon kommen. Er wird bezahlen, und derselbe bleiben, der er ist. Anders wird es sein, wenn wir ihn nicht sofort wirklich zur Rechenschaft ziehen, sondern die Anklage vorläufig als eine beständige Drohung über seinem Haupte schweben lassen. Wir werden ihn wissen lassen, daß wir sein Geheimnis kennen, und daß es in unsere Hand gegeben ist, ihn zu verderben, sobald wir wollen. Dies wird ihn gefügig in allen Dingen machen. Er wird als ein Mann, welcher seine Behaglichkeit über alles liebt, und welchem kein Preis zu hoch ist, um einer Verlegenheit oder Verwicklung auszuweichen, durch die bloße Angst für uns zu einem willenlosen Werkzeug werden. Sein Einfluß zu Athen und die Macht seiner Reichtümer ist groß: besser wird dieses Gewässer auf unser Rad, als auf das der Gegner geleitet.« – So sprach der tückisch-schlaue Erechtheuspriester zu den Genossen und sandte den Lampon in das Haus des Hipponikos. Der Seher traf den Daduchen in einem sonderbaren Zustande. Er fand ihn trunken und zugleich in der heftigen Zornerregung, in welche er durch das, was soeben zwischen ihm und dem Weibe des Perikles vorgefallen, versetzt worden war. Nichtsdestoweniger ließ Lampon in ein Gespräch mit Hipponikos sich ein und sagte ihm gerade heraus, es sei bekannt geworden, daß er die Gattin des Perikles auf eine der heiligen Regel zuwiderlaufende Art in die Mysterien eingeführt habe. Bei diesen Worten erschrak der berauschte Hipponikos so sehr, daß er beinahe nüchtern wurde. Aber mit doppelter Heftigkeit brach sein Zorn gegen die Milesierin aus. Er begann sie jammernd zu verwünschen, als eine Verführerin und Verderberin. »Haltet euch an sie!« rief er, »rädert sie, pfählt sie, spießt sie, tut was ihr wollt mit ihr, sie verdient es!« – Mit Wohlgefallen vernahm Lampon die Ausdrücke des Zornes gegen Aspasia aus dem Munde des Hipponikos und nachdem er erst noch in schlauer Weise diesen Groll und die Angst des Mannes vor der verderblichen Anklage aufs äußerste gesteigert hatte, rückte er mit der Eröffnung heraus, daß diejenigen, welche damit umgingen, ihn in Anklagezustand zu versetzen, bereit seien, sich insgeheim mit ihm in Unterhandlungen einzulassen. Er fragte ihn, ob er der Einladung folgen wolle, welche jene Männer zum Behufe einer Unterredung an ihn richteten. Hipponikos atmete wieder auf und sagte zum voraus alles zu, was man von ihm verlangen würde. Und sofort ward zwischen ihm und Lampon Ort und Stunde der Unterredung festgesetzt. Während dieses Gesprächs des Lampon mit Hipponikos durcheilte Aspasia die Gassen von Eleusis. Bald stockte ihr rascher Schritt im Gedränge. Es konnte nicht fehlen, daß sie bemerkt, daß sie erkannt wurde. Sie sah sich zum Gegenstande einer Aufmerksamkeit geworden, welche nicht verfehlen konnte, sie zu verwirren, sie in Verlegenheit und Unruhe zu stürzen. Die in Eleusis versammelte Menge war von den Feinden und Feindinnen Aspasias in jeder möglichen Weise aufgeregt worden gegen die Gattin des Perikles. Die Gerüchte über ihre unrechtmäßige Einweihung machten im Volke die Runde. Es gab überdies Leute, welche sich laut zu sagen erkühnten, Aspasia sei vordem eine Hetäre zu Milet und Megara gewesen, sie sei von letzterem Orte mit Schimpf hinweggejagt worden, und schon um dieser Vergangenheit willen sei ihre Einweihung ein Frevel gewesen. Uebertreibungen und Fabeln der törichtsten Art gingen, wie es zu geschehen pflegt, über sie von Mund zu Mund, verbreiteten Mißachtung, ja Erbitterung. Von Gesinnungen dieser Art erfüllt war die Menge, durch welche die Gattin des Perikles in ängstlicher Hast sich drängte. Es fehlte nicht an Frechen, welche neugierig ihrem Schritte folgten, ja sogar, hinter ihr hergehend, kränkende Worte fallen ließen, die ihr Ohr treffen und verletzen mußten. »Was gibt es neues in Athen?« »Nichts, als daß ein Weib dort Speer und Schild trägt, und die Männer weibisch sind« ... »Es ist nicht zu leugnen, daß Athen von einem Weibe beherrscht wird« ... »Von der Pallas Athene willst du sagen?« »Nein, von einer milesischen Hetäre. Perikles wird, so heißt es, nächstens ihr Bild auf der Akropolis aufstellen lassen.« »Der arme Perikles! Den Weibern hat er nie widerstehen können. Ist er doch auch Elpinikes Liebhaber gewesen, und man weiß, daß diese ihn noch mit ihren alternden Reizen bestochen« ... »Ist jene Milesierin dieselbe, mit welcher er sich vor Jahren einmal in Kleinasien umhergetrieben?« »Ja wohl; es hieß, daß er mit ihr zu dem Unterrocke der Heldenbezwingerin Omphale gewallfahrtet, welcher bekanntlich im Dianentempel zu Ephesus aufgehangen ist« ... »Aber wie kam ihm doch nur zu Sinn, daß er dasselbe Weib jetzt mit sich in den rauhen Peloponnesos geführt hat, wo sie sich doch unmöglich heimisch fühlen kann. Das Kätzlein, sagt ein Sprichwort, schläft gern weich« ... »In der Tat, man sagt, daß ihr schon die Stechmücken von Elis sehr unbequem gewesen sind; und ich wette, die Bremsen von Eleusis werden ihr noch weniger gefallen.« »Wahrhaftig, das Gesumm derselben scheint ihr sehr schlecht zu behagen!« »Ach, diese zarten Hühnchen aus Paphias Neste, welche von ihrer Kindheit an auf Purpurflocken geschlafen, diese Ionierinnen mit den schmelzenden Augen und den geschmeidigen Armen, ohne Knochen im Leibe, ganz Weichheit und Liebeszauber – was sollen sie in dem kampfheißen Olympia zu suchen haben, oder in dem ernsten Eleusis?« So klangen die Stichelreden, boshaft berechnet, hinter der im wachsenden Gedränge hinwandelnden Aspasia. Als dies eine Weile so gedauert hatte, stand Aspasia mit raschem Entschlusse plötzlich still, schlug die Hülle ihres Hauptes zurück, so daß ihr Antlitz völlig frei erschien, und warf einen ruhigen Blick aus ihren leuchtenden Augen auf die Menge um sie her. Dann öffnete sie den Mund und sprach in folgender Weise zu dem sie umgebenden, sie anstarrenden Volke: »Vor vier Jahren stand ich einmal als hilfloses Weib in den Straßen von Megara, umringt von der Menge, schuldlos geschmäht, schuldlos verfolgt mit Blicken und mit Worten. Mit Augen, glühend vor Haß, ward ich betrachtet: denn es war feindseliges Dorervolk, was mich umgab. Mit ungerechtem Wort ward ich verhöhnt, mit frechen Händen angefaßt, denn es war roher, wilder Dorerpöbel, der mich umdrängte. Heut umdrängt mich die Menge in den Straßen von Eleusis. Aber ich erhebe ruhig und gefaßt mein Haupt: denn Athener, dünkt mich, sind es zumeist, die mich umgeben. Nicht dorisches Volk ists, sondern ionisches, dessen schlimmster Pfeil, meine ich, der kecke Blick des Auges ist und das unbedachte Wort, das immer bereit von der scharfgespitzten Zunge springt. Aber warum drängt ihr mich? Warum starrt ihr mich an? Ich habe mich unberufen in die Geheimnisse von Eleusis eingedrängt, meint ihr? Denket nicht allzu kleinlich, hellsinnige Athener und folget nicht allzu bereitwillig den Winken und Worten derjenigen, welche das Licht hassen und die Finsternis lieben, und welche euch die Finsternis für Licht verkaufen! Männer von Athen! ehret nicht allzusehr das düstere Paar der Göttinnen von Eleusis und bleibet eingedenk der heimischen Pallas Athene, der lichten Göttin, der wahren und würdigen Beschützerin attischen Landes und Volkes, deren Bild in heiterem Glanze, alle Geburten der Nacht verscheuchend, ragt auf eurer Burg!« – Als das Weib des Perikles diese Worte gesprochen hatte, das leuchtende Antlitz furchtlos erhoben vor der versammelten, sie umdrängenden Menge, so blickten die Männer einander an und sagten einer zum andern: »Sie ist, bei den Göttern, ein schönes Weib, diese Aspasia von Milet, und man muß ihr vieles verzeihen!« So sagten sie und wichen ein wenig auseinander und ließen sie ruhig ihren Weg fortsetzen. – Aber die Freunde des Diopeithes, welche unter der Menge waren, grollten der Milesierin jetzt nur noch mehr und gingen hin zu dem Erechtheuspriester und berichteten ihm, daß Aspasia mit kecker Stirne vor dem versammelten Volke geringschätzend gesprochen von den Heiligtümern und den ehrwürdigen Göttinnen von Eleusis. Die Stunde der Unterredung bei Diopeithes, zu welcher man den Hipponikos geladen hatte, war gekommen. Eine Anzahl von Männern düsteren Ansehens, erklärten Gegnern des Perikles, waren bei dem Priester versammelt. Der zitternde Daduch ließ sich willfährig finden in allen Dingen. Gestützt auf seine Erklärungen und auf jene Ausbrüche des Zornes gegen Aspasia, von welchen Lampon Zeuge gewesen, rechnete Diopeithes ihn fortan unter die Zahl seiner Bundesgenossen und Helfer. Um seinetwillen, hieß es, wolle man in einer nach den athenischen Gesetzen höchst gefährlichen Sache die Anklage Aspasias so lange verschieben, als er sich der Schonung würdig zeige. Um das Weib des Perikles zu verderben, meinten die Verschwörer, seien auch jene kühnen, unehrerbietigen Aeußerungen genügend, welche sie vor allem Volke über die eleusinischen Göttinnen sich erlaubte. In jedem Augenblicke könne man um dieser Sache willen die Anklage der Gottlosigkeit, der Religionsverachtung über sie verhängen. Es waren Männer der Oligarchenpartei zugegen, welche sagten, man müsse weiter gehen, man müsse sich nicht damit begnügen, die Milesierin anzugreifen, welche doch immer nur ein Weib sei, man müsse sich endlich einmal an Perikles selber heranwagen. Auf die verderbliche Umgestaltung des Gemeinwesens deuteten sie hin, die von ihr ausgegangen, auf die unbeschränkte Volksherrschaft, die durch seine Nachgiebigkeit eingerissen, und die durch nichts im Zaume gehalten werde, als durch des volkstümlichen Strategen persönlichen Einfluß. Der Willkür und dem Belieben des einzelnen also seien die Angelegenheiten der Athener preisgegeben. Andere meinten, Männer wie Anaxagoras, Sokrates und die Sophisten seien des Übels eigentliche Wurzel im Staate. Diese hätten die Athener frei zu denken und vermessen zu reden gelehrt über Götter und göttliche Dinge, und diesen vor allen andern müsse man beizukommen suchen. Es gab überdies Gegner und Neider des Pheidias und seiner Schule unter den Anhängern des Diopeithes, welche auch auf diesen die Verfolgung ausgedehnt sehen wollten. Des Diopeithes Augen funkelten bei der Nennung aller dieser Namen. Ihm waren sie alle in gleichem Maße verhaßt. »Wir werden sie alle zu fassen wissen«, sagte er, »alle der Reihe nach oder auf einmal. Aber lasset uns schlau die rechte Gelegenheit erlauern, lasset uns die günstige Stimmung der Athener erwarten. Inzwischen aber lasset uns im stillen nach einem festen Plane alles tun, um das Verderben dieser Schuldigen vorzubereiten.« So sprach der Erechtheuspriester. Vieles wurde dann noch erwogen, vieles verabredet unter den bei Diopeithes versammelten Männern. Aspasia war an jenem Tage nicht ins Haus des Hipponikos zurückgekehrt; nur Perikles verfügte sich am Morgen des nächsten Tages, auf dem Punkte mit seiner Gattin Eleusis zu verlassen, noch einmal zu dem Daduchen. Er stellte ihn zur Rede ob der frechen Beleidigung, welche er Aspasia zugefügt hatte. Hipponikos entschuldigte sich mit der Berauschung, deren Schuld ja zum Teil auf Aspasia selbst zurückfalle, welche durch anakreontische Skolien und Gespräche bei heiterem Mahle ihn zu dionysischer Freiheit aufgestachelt. Dann beklagte er sich bitter über die Verlegenheit und Gefahr, in welche er durch seine Mitschuld an der unrechtmäßigen Einführung Aspasias in die Mysterien geraten sei. Perikles bedauerte diese Verlegenheiten und versprach ihm seinen Schutz. Aber Hipponikos war nicht zu beruhigen. Als jedoch Perikles achselzuckend schied, folgte ihm der Daduch bis an die Tür, sah sich mehrmals ängstlich um, und flüsterte dem alten Freunde dann ins Ohr: »Sei auf der Hut, Perikles! Bei Diopeithes wurden gestern im Abenddunkel böse Dinge geplant. Auch ich war dabei – gezwungen – denn es ging mir an den Hals. – Hüte dich vor Diopeithes, und mache ihn unschädlich, wenn du kannst. Man will Aspasia und den Anaxagoras und den Pheidias und dich selber verderben. Mich haben sie in der Hand, diese Wüteriche – mußte nur immer so mit dem Kopfe nicken zu allem, was da vorgebracht wurde – aber die Hunde und die Raben sollen ihn zerfleischen, den Erechtheuspfaffen, und seinen sämtlichen Anhang!« – XX. Die Schule der Aspasia. eit dem Tage, an welchem der Knabe Alkibiades durch einen Diskoswurf seinen Altersgenossen im Lykeion verwundet hatte, war eine Reihe von Jahren dahingegangen. Zum Jüngling war der Knabe herangeblüht. Er war mündig geworden, denn er hatte das achtzehnte Lebensjahr erreicht. Er war nach athenischem Brauche mit den anderen Jünglingen, welche in demselben Jahre in das Alter der Mündigkeit eintraten, in der Volksversammlung vorgestellt worden, er war mit Speer und Schild bewaffnet zum Heiligtum der Agraulos am Fuße der Akropolis geführt worden, er hatte dort den feierlichen Eid geleistet, mit welchem der neue athenische Bürger dem Vaterlande sich weihte: er hatte geschworen, seine Waffen nicht mit Unehre zu tragen und seinen Nebenmann in der Schlacht nicht zu verlassen, zu kämpfen für die Heiligtümer und für das Gemeingut aller, das Gemeinwesen dereinst nicht gemindert, sondern womöglich vergrößert an Macht und Ehre den Nachkommen zu hinterlassen, den Gesetzen, welche das Volk gegeben, zu gehorchen und nicht zu dulden, daß ein anderer sie verletze oder aufzuheben versuche. Aber das Vaterland, welchem der junge Alkibiades mit diesem Eide Treue schwur, machte für jetzt nur mäßigen Anspruch an seinen Eifer und seine Bemühungen. Der Peribolendienst, welchen die eben mündig gesprochenen athenischen Jünglinge zu leisten hatten, bestand in kleinen Streifungen zur inneren Sicherheit des attischen Landes, und diese waren mehr als ein Vergnügen denn als eine Last zu betrachten. Das Gemeinwesen ließ dem jungen Sohne des Kleinias hinreichende Muße, sich des Genusses der goldenen Jugend zu freuen. Mit ihm war der junge Kallias herangewachsen, der seinen Vater Hipponikos einen Knauser nannte, und der junge Demos, der durch seine Schönheit bekannte Sohn des Pyrilampes, welcher gleichfalls der Meinung war, daß sein Vater Pyrilampes von seinen Reichtümern keinen rechten Gebrauch zu machen wisse. Alkibiades, Kallias und Demos waren unzertrennlich. Xanthippos und Paralos wurden bisweilen durch die Laune des Alkibiades, der ihnen den Ruhm der Tugend nicht gönnte, als Helfer bei einem übermütigen Streiche mit herangezogen, aber sie mußten sich mit einer untergeordneten Rolle begnügen. Denn erstlich fehlte es den Sprößlingen Telesippes an Geist und Witz, und dann strotzte ihr Säckel nicht so voll wie der Säckel jener beiden Söhne der reichsten Männer Athens, und wie der Säckel des Alkibiades selbst, welchem mit erreichter Mündigkeit der freie Besitz seines väterlichen Erbes zugefallen war. Eine Neigung eigentümlicher Art hatte Alkibiades für den jungen Manes gefaßt, jenen Knaben von fremder Herkunft, welchen Perikles aus dem samischen Kriege mitgebracht, und welchen er gemeinsam mit seinen Söhnen und mit dem des Kleinias in seinem Hause hatte erziehen lassen. Aber die Bemühungen des letzteren, diesen träumerischen, schweigsamen, etwas schwerfälligen Jüngling in seinen munteren Kreis zu ziehen, mißlangen. Derselbe Jüngling begann übrigens zu jener Zeit, durch eine sonderbare Art von Krankheit, die ihn befiel, der Gegenstand einer Aufmerksamkeit zu werden, welche mit dem Eindrucke des Unheimlichen verknüpft war. Es entwickelte in ihm sich jener rätselhafte Hang, welcher bekannt ist unter dem Namen des unbewußten Nachtwandelns oder der Mondsucht. In tiefer Nachtstille, wenn alles im Schlummer lag; erhob er sich von seinem Lager, mit geschlossenen Augen das monderhellte Peristyl zu durchschreiten, dann zum flachen Dache des Hauses emporzusteigen, auch dort eine Weile geschlossenen Auges umherzuwandeln, und zuletzt auf seine Lagerstätte wieder ebenso unbewußt, als er sie verlassen hatte, zurückzukehren. Die Kunde von dem traumwandelnden Jüngling im Hause des Perikles verbreitete sich in ganz Athen, und man begann von diesem Augenblicke ihn wie einen, der unter dem Einflusse dämonischer Gewalten stehe, mit einer gewissen Scheu zu betrachten. Hatte schon der Knabe Alkibiades die allgemeine Aufmerksamkeit der Athener auf sich gezogen, so machte er begreiflicherweise noch mehr von sich reden, als das Kinn ihm rauh geworden vom »zarten Gekräusel der Mannheit«. Sein tolles Treiben bildete das Tagesgespräch, und nachdem er frühzeitig den Zauber und den Reiz kennen gelernt hatte, welcher mit dem Rufe eines liebenswürdigen Taugenichts verbunden ist, so legte er sich nicht nur keinen Zwang auf, sondern wenn er einen tollen Streich begangen, über welchen die Athener die Köpfe schüttelten, so brachte er denselben dadurch in Vergessenheit, daß er einen noch tolleren beging. Er wußte ja, daß selbst die Tadler ihn heimlich bewunderten. Es hatte manchmal den Anschein, als wolle er geradezu erproben, ob er nicht doch etwas tun könne, was die Athener ernstlich gegen ihn aufbrächte. Vergebens! Sein Tun mochte so mutwillig sein, als es wollte, er selbst blieb immer liebenswürdig. Hipponikos verharrte bei dem Gedanken, daß die schönste Jungfrau Griechenlands, seine Tochter Hipparete, nur des schönsten hellenischen Jünglings Gattin werden dürfe. Er erzeigte sich daher so gut er konnte dem jungen Alkibiades gefällig, lud ihn häufig zu Gaste und behandelte ihn fast schon mit der Zärtlichkeit eines Schwiegervaters. Alkibiades machte sich lustig über ihn wie über alle Welt und neckte ihn mit übermütigen Scherzen. Eines Tages sandte ihm Hipponikos köstlich zubereitete Fische auf einem goldenen Teller. Alkibiades behielt den Teller und bedankte sich bei Hipponikos mit den Worten: »Es ist allzu gütig von dir, daß du mir außer dem goldenen Teller auch noch so köstliche Fische auf demselben geschickt hast.« – Hipponikos lachte, daß ihm der Schlemmerbauch wackelte, und pries vor aller Welt den Witz seines künftigen Tochtermannes. Die holde Jungfrau Hipparete selbst, durch ihren Vater hingewiesen auf den jungen Alkibiades als künftigen Gemahl, war heimlich entbrannt in den herrlichen Jüngling. Sie hatte ihn einige Male bei öffentlichen Festen gesehen. Er aber spottete des züchtigen Jungfräuleins. Er hielt für jetzt sich lieber zu den schönen und geistreichen Hetären, deren Anzahl in der Stadt der Athener sich mehrte. Insonderheit war es Theodota, welche den Jüngling einweihte in die Mysterien des heitersten Lebensgenusses. Ungefähr ein Jahrzehnt war verflossen, seit Alkamenes diese Schöne von dem reichen Korinther als Lohn für sein treffliches Kunstgebild sich ausbedungen. Nun war Theodota zu Athen vielleicht nicht mehr die blühendste, aber doch die berühmteste unter ihren Genossinnen. Sie war für Alkibiades der Mittelpunkt eines Kreises verschwenderisch schäumender Jugendlust und Lebensfreude. Aber sie war eben nur der Mittelpunkt, während der Kreis selbst sich immer weiter zog. Diopeithes rieb sich vergnügt die Hände und sagte: »Den verheißungsvollen Mündel des Perikles richtet uns Theodota zu Grunde!« Aber wirkliche Gesundheit, wirkliche Kraft und wirkliche Schönheit sind, wie es scheint, zuweilen unverwüstlich. Der zügellose Alkibiades blühte wie eine Rose im Taue des Morgens. Er besaß jene Wangenblüte, welche die Sittenprediger wohlmeinend den Tugendhaften zuschreiben zu müssen glauben, während eben die Tugendhaften nicht selten mit jenen fahlen Wangen und glanzlosen Augen umhergehen, welche der Sittenprediger hervorzuheben pflegt, wenn er mit Flammenworten das abschreckende Bild des Lüstlings malt. Theodota erfüllte ihre Aufgabe bei dem lebensdurstigen Jüngling anfangs mit heiterer Hingebung, allmählich aber begannen in ihrem Herzen Regungen einer tieferen Leidenschaft zu erwachen. Die Ärmste! So gewiß es als das beneidenswerteste Glück erschien, von Alkibiades geliebt zu werden, so gewiß war ihn zu lieben das schlimmste Mißgeschick! – Die Mündigsprechung des jungen Alkibiades war wenige Tage nach der Rückkehr des Perikles und seiner Gattin von der elischen Reise erfolgt. Obgleich nun der Jüngling, in den Besitz seines väterlichen Erbes tretend, aufhörte, ein Hausgenosse des Perikles zu sein, führte doch Gewohnheit und Neigung, und der Zauber, welchen Aspasia auch auf ihn auszuüben nicht verfehlen konnte, häufig genug ihn zurück an die Schwelle des Hauses, in welchem er herangewachsen war. Bedarf es der Erwähnung, daß der verwegene Liebling der Charitinnen es wagen zu dürfen glaubte, auch der noch immer sieghaft schönen Gattin des Perikles mit einem Anfluge jener Art von Huldigung zu begegnen, welche er in der Schule Theodotas gelernt hatte? Aber die schöne Milesierin war noch immer zu jung, um die unentwickelte Mannesblüte verlockend, zu verständig, um sie überhaupt begehrenswert zu finden, und viel zu stolz, um sich, selbst wenn sie die außerordentliche Schönheit des Jünglings in Betracht zog, vor den Triumphwagen eines flaumbärtigen Weiberhelden spannen zu lassen. Sie wußte, daß kein Weib, auch nicht sie selbst, diesen beflügelten Gaukler in der Tat haschen, in Bande schlagen und beherrschen würde. Größer als das zweideutige Vergnügen, die Zahl der Weiberherzen, welche er eroberte, zu vermehren, war für sie der Reiz des Gedankens, ihr Geschlecht an ihm zu rächen, und ihn für einen Flattersinn zu bestrafen, welchen an ihr selbst zu erproben, sie ihm nicht einmal Gelegenheit gab. Es kam ihr daher auch nicht in den Sinn, gegen den Jüngling jenen mütterlich zärtlichen, angeblich durch den Unterschied des Alters gerechtfertigten Ton anzuschlagen, in welchem sich oft die Liebeswerbung alternder Frauen birgt, oder die Rolle einer Vertrauten bei ihm zu suchen. Sie erwiderte die Artigkeiten des Jünglings einfach dadurch, daß sie dieselben völlig übersah, daß sie ihm zwar nicht mit mütterlicher Zärtlichkeit, wohl aber mit mütterlichem Ernste begegnete. Dies verblüffte den siegbewußten, verwöhnten Eroberer. Er empfand heimlichen Unmut, aber die Hochschätzung, welche er der Milesierin zollte, wurde dadurch nicht vermindert, sondern wuchs im Gegenteile, ohne daß er sich dessen völlig bewußt war. So fühlte er zu Aspasia sich immer wieder zurückgetrieben und drang ihr jene Vertrautenrolle auf, welche zu suchen sie weit entfernt gewesen war. Eines Tages verbreitete sich durch Athen die Nachricht von einem neuen Streiche des Alkibiades, welcher mehr als alle früheren geeignet war, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und alle Zungen zu beschäftigen. Es hieß nämlich, Alkibiades habe auf einem Ausfluge, den er mit den erlesensten seiner Genossen nach Megara gemacht, sich dort in Händel eingelassen, zuletzt gar ein Mädchen geraubt und mit sich fortgeführt, das er nun bei sich zu Athen wie eine Gefangene verborgen halte. Nicht gering sei, so erzählte man, die Erbitterung der den Athenern schon immer feindlich gesinnten Megarer. Manche sprachen bereits von den öffentlichen Feindseligkeiten, welche infolge dieses Streiches der athenischen Jünglinge zwischen Athen und der dorischen Nachbarstadt zum Ausbruche gelangen würden. Alkibiades leugnete, wenn er gefragt wurde, die Sache keineswegs und erzählte zuletzt den ganzen Hergang ausführlich, ja mit Behagen seiner mütterlichen Freundin Aspasia. »Wir waren müde geworden«, sagte er, »des langweiligen Peribolendienstes in den ländlichen Gauen – wenn wir auch zuweilen eine Abwechslung in denselben dadurch brachten, daß wir mit den Strolchen und Räubern zechten, die wir fangen sollten, und, statt auf diese, lieber Jagd machten auf eine Thrakermagd in den Phelleusbüschen, oder auf eine kernige Acharnerin. So beschloß ich denn in Gesellschaft meiner Freunde Kallias und Demos wieder einmal eine kleine Meerfahrt auf etliche Tage zu unternehmen. Wir hatten uns schon vor längerer Zeit eine schöngeschmückte, geräumige Lustbarke auf gemeinschaftliche Kosten erbauen lassen, die wir zuweilen auch zum Fischfange benutzten. Diese Barke bestiegen wir und nahmen drei junge Ionierinnen mit uns, welche sich nebst ihrer Schönheit vortrefflich auf Musik und Gesang verstanden; ferner ein paar Jagdhunde, nebst Fangnetzen und Wurfspießen, denn wir hatten die Absicht, längs der Küste hinzurudern, und hie und da auch ein wenig ans Land zu steigen, um zu jagen. Wir fuhren durch die Meerenge von Salamis. Die »Bacchantin«, so hieß unsere Barke, tanzte lustig über die Wellen hin. Ihr buntbemaltes Vorderteil, welches in ein vergoldetes Panthertier auslief, auf welchem eine Bacchantin ritt, funkelte in der Sonne. Den Mast hatten wir wie einen Thyrsusstab mit Efeu und Blumen umwunden. Der Grund des Fahrzeuges war belegt mit Teppichen und bequemen Ruhekissen. Wir plauderten und scherzten und sangen; von den drei Schönen blies eine die Flöte, die andere spielte die Zither, die dritte schlug die Zimbel, so daß das Meer von Sang und Klang und heiterer Fröhlichkeit widerhallte, und wir die neugierigen Delphine mit Ruderschlägen auf die Köpfe vertreiben mußten, wenn wir nicht wollten, daß sie uns die Barke zerstießen oder umwarfen. Am Strande hinfahrend, kamen wir an vielen Landhäusern vorüber. Vor einem derselben hielten wir ein wenig, um der Schönen, welche es bewohnt, ein Ständchen zu bringen, wir sangen und musizierten. Die Schöne freute sich, als sie den Liederklang vom Meere herauf vernahm und die schön bekränzten jungen Freunde erblickte. Lächelnd stand sie auf dem Söller des Hauses: wir warfen ihr Kränze hinauf und Kußhände. Nun ging es weiter in die See hinaus. Die Sonne brannte, aber wir wußten uns zu helfen, wir spannten die Obergewande unserer Freundinnen und die eigenen gegen die Sonne über unseren Köpfen aus. Das gab ein schön bewimpelt und besegelt Fahrzeug, und der Widerschein des Purpurs in der See färbte die Wellen. Es schien, als müsse man jetzt das helle, glockenreine Lachen einer Sirene vernehmen. Es waren gerade die halkyonischen Tage, während welcher Windstille herrscht und der Eisvogel brütet. Wir hatten die Enge von Salamis hinter uns und den megarischen Strand zur Rechten vor Augen. Hier begannen die Gestade einsam und einförmig zu werden, von Zeit zu Zeit drang zu uns der Klang einer Hirtenflöte von den Bergeshöhen herunter, und man sah Rinder-, Lämmer- und Ziegenherden grasen. Wir legten hie und da an und ergötzten uns auf mannigfache Weise, wir fingen Fische mit Angeln, die wir von Felsen des Ufers an langen Fäden ins Meer hinuntersenkten, erbeuteten auch einige wilde Gänse, Enten und Trappen mit Schlingen. Als wir eben wieder unser Schiff bestiegen hatten, um den Weg in der Richtung gegen Megara fortzusetzen, begegnete uns ein Lustfahrzeug, das dem unsern an Zierlichkeit und üppigem Schmucke nichts nachgab. In dieser Prachtbarke saß ein betagter Mann mit einem reizend schönen Mädchen an der Seite. Der Anblick dieses Mädchens entflammte mich. Aber allzu flüchtig war die Begegnung. Rasch glitten die beiden Fahrzeuge an einander vorüber; der megarische Lustfahrer bog unmittelbar darauf um einen Felsvorsprung und entschwand so unseren Blicken. Wir stiegen wieder ans Land, an einer Stelle, die uns besonders anlockte. Es gab da einiges Gehölz, welches unsere Hunde sogleich durchstöberten. Nach wenigen Minuten scheuchten sie einen Hasen auf, wir griffen nach unsern Fangnetzen und Wurfspießen, und in der Hoffnung, das Tier zu erbeuten, folgten wir demselben und ließen unsere Freundinnen zurück in der Nähe des Fahrzeugs. Der Hase wurde durch die Hunde vom Walde weg in die Felder und Weidetriften gescheucht; indem aber jene mit heftigem Gebell über die Triften und Felder jagten, brachten sie das Volk der Hirten und die Herden selber in Aufruhr. Einem Ziegenhirten aber geschah es, daß seine Herde vor den mitten durch sie hinstürmenden Hunden auseinanderstob, und die erschreckten Ziegen sich einzeln bis ans Meer herunter verliefen. Erzürnt über diese Zerstreuung seines Weideviehes, griff der Wicht nach einem spitzen Steine, der ihm gerade vor Augen lag, warf ihn nach einem der Hunde und verwundete denselben tödlich am Haupte. Es war der treue Phylax, ausgestattet mit allen Eigenschaften eines vortrefflichen Fängers. Als wir den Vorgang aus der Ferne wahrgenommen, ließen wir den Hasen und eilten zornglühend auf den Ziegenhirten los. Dieser aber hatte inzwischen andere Hirten zu seinem Schutze herbeigerufen, und wir sahen uns, als wir hinkamen, einer drohenden Schar gegenüber. Wir machten jedoch Miene mit unseren Wurfspießen auf sie loszugehen. In diesem Augenblicke kam aus einem nahe gelegenen Landhause ein Sklave herbeigerannt, welcher im Namen seines Herrn erkunden wollte, was dieser Aufruhr bedeute. Als wir aus den Reden des Sklaven entnommen, daß der Ziegenhirt im Dienste des Herrn jenes Landhauses stehe, verlangten wir mit diesem selbst zu sprechen, um Genugtuung für das verwundete Tier von ihm zu erhalten. Wir folgten dem Sklaven, und als wir uns dem Landhause näherten, welches ein stattliches Ansehen hatte und als der Besitz eines begüterten Mannes sich darstellte, erstaunten wir nicht wenig, in einem neben dem Hause gelegenen Garten eben jenen Greis und jenes reizende Kind lustwandeln zu sehen, welchen wir kurz vorher auf dem Meere begegnet waren. Wir erzählten dem Manne den Vorfall und sagten, daß wir Rache an dem Hirten zu nehmen gedächten. Der Alte, als ein Megarer und Feind der Athener, antwortete mit unfreundlichen Worten. Die Hirten, von welchen ein großer Teil uns auf dem Fuße gefolgt war, klagten mit heftigem Geschrei uns der Verwüstung ihrer Gefilde, der Zerstreuung ihrer Herden an. Vereinigt mit den Sklaven des Hauses, welche durch Winke ihres Herrn ermuntert worden waren, zwangen sie uns, unter Schmähreden gegen die übermütigen Athener auf uns eindringend, vor ihrer Überzahl ohne erlangte Genugtuung vom Platze zu weichen. Wie sehr auch der Vorgang mich aufregte, hatte ich doch nicht versäumt, einige Blicke nach der jugendlichen Schönen zu werfen, welche vom Garten aus den Streit nicht ohne ein Gemisch von Neugier und Schrecken mit angesehen hatte. Zurückgekehrt mit meinen Genossen, gab ich diesen sogleich zu wissen, welchen Entschluß ich schon gefaßt hatte, mich an dem nichtswürdigen Megarer zu rächen. Das schöne Kind hielt ich für eine gekaufte Lieblingssklavin. Mein Anschlag war, mich mit den Genossen eine Zeitlang in der Nähe verborgen zu halten und den Augenblick zu erlauern, wo das Landhaus unbewacht wäre und das Mädchen allein im Gartengehege verweilte, dann uns rasch auf sie zu werfen und sie zu entführen. Früher als wir gehofft, fand sich die erwünschte Gelegenheit. Bevor der zweite Tag noch verstrichen, hatten wir das Mädchen erspäht, ergriffen, durch eine um den Mund geschlungene Binde am Schreien verhindert und in fliegender Hast auf das unter Felsgeklipp verborgene Schiff hinabgebracht. Im Schutze der eingebrochenen Dämmerung entflohen wir, die holde Beute an Bord, mit eiligem Ruderschlag den megarischen Küsten.« »Und das Mädchen?« fragte Aspasia. »Fand sich in sein Los«, erwiderte Alkibiades, »obgleich es nicht, wie wir gedacht, eine erkaufte Lieblingssklavin war, sondern eine Freigeborne, die Nichte jenes verwünschten Megarers. Simaitha ist ihr Name und ich nenne sie die reizendste der hellenischen – nicht der hellenischen Frauen, aber doch gewiß die reizendste der hellenischen Jungfrauen!« Megara! Das Wort hatte einen eigenen Klang für das Ohr Aspasias. Mit unverkennbaren Zeichen des Anteils hatte sie die Erzählung des verwegenen Jünglings angehört. Sie erkundigte sich nach den Eigenschaften des Mädchens mit vielen Fragen. Alkibiades entwarf eine fast schwärmerische Schilderung von ihr. Aspasia verlangte Simaitha zu sehen. Gern fand der Entführer sich bereit, ihrem Wunsche zu willfahren. Er brachte Simaitha zu ihr. Das Mädchen war von außerordentlicher Schönheit, so daß Aspasia selbst erstaunte. Aber das Wesen derselben glich einem ungeschliffenen Edelsteine, war sie doch in Megara erzogen worden. Es war Zeit gewesen, daß sie entführt wurde, wenn nicht diese Perle in der Verborgenheit glanzlos untergehen sollte. Der reiche Megarer hatte sie als zartes Kind in sein Haus aufgenommen. Er hatte sie besser gehalten als eine Sklavin, aber auch nicht wie eine Tochter. Er schien, im Hinblick auf ihre vielversprechende Schönheit, sie nur zum willenlosen Werkzeug seines Vergnügens erziehen zu wollen. In keiner weise glich der alte Megarer jenem herrlichen Greise von Milet, jenem Philammon, welchen Aspasia in der Erzählung ihrer Jugendgeschichte dem Perikles mit solcher Wärme gepriesen. Simaitha haßte ihn und erklärte, daß sie lieber sich töten, als jemals wieder in das Haus des Erziehers zurückkehren würde. Aspasias durchdringender Blick erspähte die Keime weiblicher Vorzüge höchsten Ranges in dem Wesen des Mädchens, welches das fünfzehnte Lebensjahr kaum überschritten hatte. Aus seinen Augen leuchtete ebenso viel Geist, als Schönheit aus seinen Zügen. Aspasia brannte vor Begier, diese herrlichen Keime zu entwickeln. Rasch war ihr Entschluß gefaßt. Sie sagte dem Alkibiades: »Das Mädchen ist dein: nicht sowohl durch den Raub, den du verübt, als durch seinen eigenen festen Entschluß, nicht mehr in das Haus des Megarers zurückzukehren. Aber du bist seiner noch nicht wert. Für Knaben deiner Art sind edlere Mädchenblüten, ja selbst das zimperliche Töchterlein des Hipponikos viel zu gut. Weiber vom Schlage Theodotas sind vorhanden für dich und deinesgleichen: an diesen mögt ihr euch sozusagen die Hörner eures Uebermutes ablaufen. Im übrigen würdest du des Besitzes Simaithas, wie sie nun ist, nur halb dich erfreuen. Bald würdest du ihrer überdrüssig werden, denn unentwickelt liegen in ihr noch die Keime jener Eigenschaften, welche nötig sind, wenn der Ueberdruß nicht zuletzt die Herrschaft über die Liebe erlangen soll. Ueberlaß mir das Kind auf einige Zeit. Hinterlege bei mir den Schatz, den du erbeutet, lege gleichsam auf Zinsen deinen Besitz: du wirst ihn, wenn die Zeit um ist, verzehnfacht an Wert aus meinen Händen zurückempfangen.« Alkibiades war allzu jung und allzu flatterhaft, als daß es ihm hätte schwer fallen sollen, das erbeutete Mädchen für einige Zeit aus seinem Hause in das Aspasias auszuliefern. »Ich bin bereit«, sagte er, »meinen kostbaren Schatz bei dir auf Zinsen zu legen. Ich weiß zum voraus, daß diese Zinsen mich reichlich entschädigen werden für die kurze Entsagung, die ja auch nicht eine völlige sein wird, da du mir ohne Zweifel gestattest, das schöne Kind in deinem Hause zu sehen.« »Warum nicht?« erwiderte Aspasia; »du magst ein beständiger Zeuge ihrer Fortschritte sein.« Simaitha wurde zu Aspasia gebracht. Perikles hatte zuerst seine Einwilligung verweigert; aber seiner Seele war eine wundersame Milde eingepflanzt, und auf das immer wiederholte Andringen Aspasias machte er zuletzt das verlangte Zugeständnis, knüpfte es jedoch an die Bedingung, daß der Aufenthalt des Mädchens in seinem Hause nur so lange währe, bis über die Auslieferung oder Nichtauslieferung desselben bestimmt entschieden sein würde, wären die Megarer nicht so sehr zu Athen verhaßt gewesen, man hätte die Nachgiebigkeit des Perikles, welcher aus Liebe zu Aspasia dem Mädchen eine Freistätte in seinem Hause gewährte, ohne Zweifel schärfer beurteilt, als es in der Tat geschah. Man hatte schon vor längerer Zeit angefangen, zu Athen von einer Schule der Aspasia zu sprechen, und mehr als je war von jetzt an dieser Name gerechtfertigt. Es gab nun in der Tat nicht weniger als vier, in erster Jugendblüte stehende Mädchen, welche im Hause Aspasias unter der unmittelbaren Zucht der Milesierin lebten. Den schon längere Zeit bei ihr weilenden milesischen Nichten und der von der elischen Reise mitgebrachten arkadischen Kora hatte jetzt das Mädchen aus Megara sich angereiht. Völlig entsprechend war der Name einer Schule den innersten Absichten Aspasias. Ihre persönlichen Bemühungen, das Frauentum zu Athen veredelnd und befreiend umzugestalten, waren von sehr zweifelhaftem Erfolge gewesen. Der lebendige Drang ihrer Seele aber gönnte ihr nicht Ruhe. Sie glaubte sich überzeugt zu haben, daß es ein vergebliches Bemühen sei, das gereifte, fertige Weib umformen zu wollen. Im knospenden Alter, meinte sie, müsse die Einwirkung beginnen. Nicht Hetären wollte sie erziehen, sondern Kämpferinnen und Helferinnen, welche durch Geist und Schönheit, in ähnlicher Art wie sie selbst, Einfluß zu erringen geeignet wären. In der Schule, welche sie gründete, sollte ihre Ueberlieferung lebendig erhalten und von da aus weiter verbreitet werden. Durch ein Wirken vereinigter Kräfte in ihrem Sinne sollten endlich die Vorurteile erschüttert, der Sieg, des Geistes, der Schönheit und der Weiblichkeit völlig entschieden werden. Nicht im Vordergrunde stehend, aber doch auch nicht fremd war der hochstrebenden, kühl berechnenden Milesierin der Gedanke an die Vorteile, welche in anderer Hinsicht dieser ihrer Schule entsprießen konnten. Ihre Schülerinnen konnten, der Meisterin gleich, mächtige und hervorragende Männer zu Gatten gewinnen, die perikleische Herrschaft sichern und befestigen helfen und durch ihren Einfluß das Aufstreben seiner Gegner bekämpfen. Trug die Gattin des Perikles kein Bedenken, eine Anzahl jugendlich reizender Mädchen unter den Augen ihres Gatten bei sich zu versammeln? Erhaben war diese stolze, kühne, nach lebendiger Wirkung strebende Seele über feige Rücksichten und kleinliche Gefühle; nicht war sie, wie ein gewöhnlich Weib, zufrieden mit persönlichen Erfolgen, sondern für einen großen Gedanken lebte und wirkte sie. Und sie wußte, daß Aphrodites Gürtel noch immer in ihrer Gewalt war, daß er in ihrer Hand noch nichts von seinem Zauber eingebüßt. Sie wußte, daß sie noch lange die Meisterin unter ihren Schülerinnen bleiben werde, und daß diese erst werden müßten, was sie war. Und was insonderheit den Perikles betraf, so hatte sie die Ueberzeugung, daß nichts in der Welt die Kraft des Bannes brechen oder mindern würde, mit welchem sie sein Herz bestrickt hatte, und der durch die Gewöhnung nur immer fester geworden. Eine Laune der Natur hatte Aspasia die Freuden der Mutterschaft versagt. Sie ertrug es ohne Klage, war es ihr nicht vergönnt, weibliche Sprossen ihres Leibes zu ihren Ebenbildern heranzuziehen, so führte ihr das Schicksal in jenen vielverheißenden Mädchenblüten einen Ersatz entgegen, an welchem sie nach Herzenslust die Zauberkraft ihrer bildenden Meisterhand erproben konnte. Die Musen und die Charitinnen schienen vom Olymp herabzusteigen und sich gleichsam als Lehrmeisterinnen in der Schule Aspasias zu verdingen. Da wurde die hohe Lehre gedeutet, wie die Natur zur edlen Kunst geläutert, und die Kunst wieder Natur werden müsse. Da wurde die Einheit alles Schönen begriffen und verwirklicht: da wurde die Musik zum Tanz der Seelen und der Tanz eine Musik der Glieder – da wurde die Schönheit Poesie und die Poesie Schönheitszauber. Aspasias Bemühen war, in ihren Schülerinnen durch die Schönheit und um der Schönheit willen den Geist zu erwecken und den erweckten zu befreien. Als geisterweckend aber diente ihr nicht bloß jede Art von Kunst, auch manches von Weisheit, von Erkenntnis, von der Ausbeute des Wissens, wurde wie befruchtender Samenstaub auf den Flügeln der Eroten in die Schule Aspasias getragen. Ausgeschlossen war nur das Ernste, das Strenge, das Düstere. Heiterkeit blieb verkündet als der Schönheit und des Lebens oberstes Gesetz. Was Aspasia ihre Schülerinnen vor allem lehrte, war dies, wie töricht es wäre, allen Erfolg von ihren Reizen zu erwarten. Sie zeigte ihnen, daß diese noch lange nicht für sich allein das Liebenswürdige seien. Sie sagte ihnen, Schönheit sei eine Tugend und müsse wie jede andere erlernt, geübt und ausgebildet werden. Sie machte ihnen klar, daß auch nur der Geist die Würze sei, welcher, der Schönheit beigemischt, sie frisch erhalte. »Eine blöde Schönheit altert schnell«, sagte sie, »und bald verwelkt auch der Reiz, den die Gemeinheit wie ein trüber Sumpf umgibt. Nichts zerstört so rasch die Blüte, als ein stumpfsinnig Hinleben in geistloser Alltäglichkeit. Schön sein«, sagte sie, »ist kein Zustand, sondern ein Tun, ein Wirken. Schönheit ist die höchste Wirksamkeit und ihr Tun beruht auf der Zusammenstimmung aller edelsten Wirksamkeiten – auf einer anmutigen und harmonischen Regsamkeit des Leibes und der Seele. Sie ist kein totes Schaustück, kein regungsloses Licht, sondern wie das Sonnenrad, ein lebendiges Strahlenspiel, ein Funkensprühen.« »Man kann sich die Schönheit nicht unmittelbar geben«, pflegte sie auch zu sagen, »aber man kann überall das Häßliche ersticken, dämpfen, mildern. Nicht allzu oft könnt ihr einen Blick in den Spiegel werfen: nicht um zu sehen, wie schön ihr seid, sondern um euch auf der Häßlichkeit zu ertappen. Nur so werdet ihr erfahren, daß niemand immer schön und niemand immer häßlich ist – daß die Blüte jeder Schönheit wohl hundertmal in des Tages Lauf Gestalt und Farbe wechselt, daß sie, sich selbst überlassen, halt- und bestandlos schwankt, daß eine Schönheit, welche, ihrer selbst sicher, die Hand in den Schoß legen darf, ein Traum der Törinnen, und daß schön zu sein eine schwere Kunst ist auch für die Schönsten. Lasset in keiner Gestalt das Häßliche an euch kommen! Zahllos sind seine Gestalten, seine Verkleidungen. Das Häßliche ist ein Dämon, mit welchem wir alle Tage ringen müssen, wenn er uns nicht schleichend überwältigen soll. Am öftesten aber wendet er vom Hinterhalt der Seele aus gegen des Leibes Blüte seine tödliche Waffe.« Aber nicht mit ermahnenden Worten bloß, auch tätig unterstützte Aspasia ihre Schülerinnen im Kampfe gegen jenen tückisch bedrohlichen Dämon. Sie war hinter den Keimen und Spuren jeder Häßlichkeit her, gleich dem Häscher hinter dem Diebe, wie Meister der Schule einen Stab oder eine Rute, so trug sie einen kleinen Silberspiegel in der Hand, und hielt ihn der Schuldigen vor, in welcher ein Funke leiblicher oder seelischer Häßlichkeit aufblitzte. So lehrte sie jene Mädchenblüten Selbstbeherrschung, Unterdrückung jeder entstellenden Laune und Leidenschaft, Ruhe, Heiterkeit, edles Gleichmaß des Leibes und der Seele. Von den beiden Nichten Aspasias entwickelte die eine, Drosis, eine glänzende Naturanlage für den mimischen Tanz, Prasina dagegen glänzte vornehmlich durch Fertigkeit in Gesang und Saitenspiel. Aber Aspasia litt nicht, daß die eine oder die andere sich etwa ganz auf die Ausbildung einer solchen einseitigen Fertigkeit legte. Sie verlangte von jeder, daß sie nicht durch eine bestimmte Kunstausübung, sondern durch eine harmonisch entwickelte Persönlichkeit zu gefallen suche. »Einseitige Kunstausübung«, sagte sie, »veranlaßt immer eine Vernachlässigung der Persönlichkeit selbst und ihrer harmonischen Ausbildung.« Drosis war von Natur bezaubernd durch ihre Anmut. Ihre Gestalt war schlank und zierlich, so ätherisch leicht und schwebend, daß sie, einer Nymphe gleich, keinen Halm und keine Blume im Hinwandeln über das Gefilde knicken zu können schien. Ihre Glieder waren von jener Schlankheit, von jener jugendlichen Feinheit und anmutigen Zartheit, welche die Sinne noch weit mehr berückt als plumpe Ueppigkeit. Prasina war ihr ähnlich an Schönheit, aber sie hatte den Vorzug der hellen Silberstimme voraus, mit welcher sie, die Lieder Sapphos zur Laute singend, jedes Ohr entzückte. Gibt es überhaupt etwas Süßeres, als den jungfräulichen Klang einer sechzehnjährigen Mädchenstimme? Prasinas Stimme übertraf an Lieblichkeit, Schmelz und süßem Feuer die Nachtigallstimmen der Kephissostäler. Aber die reizende Drosis, die feurige Prasina, sie wurden bald überflügelt durch die herrlich sich entfaltende Blüte Simaithas. In Simaithas Gestalt, in ihren Zügen fand der edelste hellenische Formenzauber in reinster Verkörperung sich ausgeprägt. Züge von dieser wunderbaren Reinheit der Linien hatten selbst die Meister der Bildkunst kaum geträumt, Sie besaß jene unbeschreibliche Klarheit, jene glanzvolle und doch etwas träumerisch angehauchte Frische des Auges, welche zuweilen bei Mädchen in zarter Jugendblüte mit hinreißender Wirkung hervortritt. Aber wie an Wohlgestalt, so stand auch an Geist und Seele Simaitha der Meisterin Aspasia am nächsten. Innig verwandt erschien sie ihr durch die ganze sich entwickelnde Art des Denkens und Empfindens. Nicht weniger als die Milesierin versprach sie eine Verkörperung des echten sinnenfreudigen und schönheitseligen Hellenengeistes Zu werden. Mit glühender Begeisterung erfaßte sie die Gedanken Aspasias. Sie übertraf an hellem Verstande bei weitem ihre Gespielinnen. Sie liebte die Künste, und für die Bildkunst schien sie das unvergleichlich sinnige und verständnisvolle Auge Aspasias Zu besitzen. Auch darin glich sie ihrer Meisterin, daß sie auf keine einzelne persönliche Kunstbefähigung Gewicht legte, sondern alle Fähigkeiten in schöner Harmonie entwickelte. So war sie denn die Perle der Schule der Milesierin, welche fast mit der Zärtlichkeit einer Mutter sie liebte und ihre schönsten Hoffnungen auf sie setzte. Und Kora, das Mädchen aus Arkadien? Es war schwer zu sagen, ob man sie zur Schule Aspasias rechnen durfte. Als Aspasia sie ihrer arkadischen Heimat entführt hatte, reizte sie eben die Sprödigkeit des Stoffes, ihre bildende und erziehende Kunst daran zu versuchen. Aber die Sprödigkeit des Stoffes erschien bald größer noch als die Meisterschaft der bildenden Kunst Aspasias. Kora diente den Gespielinnen zum Gespött, und man erniedrigte sie fast zur Dienerin. Aber das Mädchen aus Arkadien hatte doch auch wieder etwas in seinem Wesen, was es nicht ganz zur Sklavin herabsinken ließ. Nicht reizend war sie, nicht von edler Wohlgestalt, auch nicht heiteren Geistes, sondern ernst und nachdenklich, und was sie Eigentümliches in ihrem Wesen nach Athen mit sich gebracht, das blieb unverändert. Aber sie überraschte durch Blitze und Funken des Geistes und des Gemütes, welche immer etwas Ursprüngliches und Ungewöhnliches hatten und dadurch einen Anteil besonderer Art für sie erweckten, wie ein Wesen erschien sie aus einer fremden, bis jetzt noch unbekannten Welt. Aspasia fand es geraten, ihre Zöglinge, der athenischen Sitte zuwider und ihres jugendlichen Alters ungeachtet, in den freien bildenden Verkehr mit der Welt und den Menschen zu bringen. Nach wie vor besuchten ihr Haus Männer von hervorragendem Geiste, durch deren Gespräche die Seelen der Mädchen frühzeitig über die dumpfe Alltäglichkeit erhoben werden konnten. Aber auch weibliche Besuche waren nicht ausgeschlossen, wer von jenen hervorragenden Männern eine schöne Freundin in diesen Kreis einführen wollte, dem war es gern gewährt, unter denjenigen, welche von dieser Freiheit Gebrauch machten, befand sich der junge Bildhauer und Architekt Kallimachos, welcher ein verwaistes, durch Schönheit ausgezeichnetes junges Mädchen, Philandra mit Namen, von Korinth nach Athen gebracht hatte. Er liebte das Mädchen zärtlich und schien entschlossen, es zu seiner Gattin zu machen. Aber von ärmlicher Herkunft und noch im zarten Alter stehend, entbehrte Philandra einer des Freundes würdigen Bildung. wie konnte ihr diese besser zu teil werden, als durch den Verkehr mit dem Kreise Aspasias? Diese verschmähte es durchaus nicht, den Kreis ihrer Schule über den Bann ihres Hauses hinaus zu erweitern. Philandra war eine Schönheit von üppigen aber edlen Formen der Glieder. Sie verriet eine leidenschaftliche, heftige Natur und erschien ihres stattlichen Ansehens wegen reifer als sie war. So hatte sich denn, man mochte sagen ein weiblicher Olymp in dem Hause Aspasias zusammengefunden. Der junge Alkibiades pflegte die Mädchen nach den Göttinnen zu benennen, welchen sie am ähnlichsten waren. Künstler begeisterten sich in diesem Olymp zu schönen Gebilden, Dichter zu anmutigen Gesängen. Aber der Uebermut und alles Unedle blieb verbannt aus diesem Kreise. Aspasias Blick wußte selbst den kühnen, sprudelnden Alkibiades im Zaume zu halten, und immer behielt die Priesterin der Schönheit auch die Zügel des edlen Maßes in der Hand. Eingedenk blieb Aspasia immer, was sie der Ehre des Hauses ihres Gatten schuldig sei. Und zu verhüten wußte sie, daß in betreff der Schule, die sie um sich versammelt hatte, die Bedenken ihres Gatten sich bis zur Entfremdung, bis zum Zerwürfnis fort sich steigerten. Eines Tages lud der junge Alkibiades Aspasia und ihre Mädchen zu einer Meerfahrt auf sein Lustfahrzeug. Aspasia nahm die Einladung des Jünglings an unter der Bedingung, daß er darauf verzichte, einen seiner übermütigen Altersgenossen mit sich zu nehmen. An einem Sommermorgen voll leuchtender Frische bestieg Aspasia mit Drosis, Prasina, Simaitha und Kora das Schiff des jungen Alkibiades. Ihnen schloß noch Kallimachos mit Philandra sich an, und im Geleite Philandras eine Freundin derselben, Pasikompsa mit Namen, welche, gleich Philandra selbst, bei Aspasia eingeführt und von dieser würdig erachtet war, eine Gespielin ihrer Schülerinnen abzugeben. Außer diesen Genannten und einigen Rudersklaven befand sich niemand auf dem Schiffe. Man fuhr den Strand entlang und gelangte bald in die schöne Bucht von Salamis. Zur Linken hatte man die grüne, im Taue des Morgens funkelnde Insel, zur Rechten das attische Gestade, an welches die ägaleischen Hügel herantraten. Nichts vermag die Seele lieblicher und harmonischer anzuregen, als das Vergnügen einer Kahnfahrt über einen sonnigen blauen Meeresgolf. Kein herrlicheres Meeresblau aber gibt es, als das der Bucht von Salamis. So fühlte denn auch die Gesellschaft auf dem Schiffe des Alkibiades sich von des Meeres und der Freude Wellen anmutig geschaukelt. Ueber den Häuptern das Blau des Aethers, unter sich das ätherische Blau des Meeres, schwammen sie gleichsam zwischen zwei Himmeln, sich wiegend in einem sel'gen Blau. Ob das des Aethers lieblicher, oder das des Meeres, wußten sie nicht zu sagen, noch fragten sie danach: sie sahen nur, daß zuweilen die Vögel auf einen Augenblick aus dem Aetherblau herab in das des Meeres tauchten, wie um seinen Reiz zu verkosten, die Fische dagegen aus ihrem Meeresblau zuweilen für einen Moment lustig emporschnellten ins Aetherblau, wie um einen flüchtigen Wonnetrunk daraus zu tun. Die Gesellschaft auf dem Schiffe des Alkibiades glich diesen munteren, am Reize des Meeres und des Aethers sich erquickenden Fischen und Vögeln. Sie sogen alles Wonnige in sich und machten sich dabei so wenig Gedanken, als die Vögel und die Fische. Die jugendlich reizenden Gespielinnen Aspasias sahen vom Schiffsrand in die schöne Meereswelle hinunter, aber nur um ihre lieblichen Gesichter darin zu spiegeln. Nur Kora sah, wenn sie in die Flut hinunter blickte, nicht ihr Gesicht, sondern das Meer selbst. In ihrem Gemüte allein wurde der Meereszauber lebendig und seiner selbst bewußt. Die anderen Mädchen spiegelten sich im Meer, das Meer aber spiegelte sich in Kora. Fast bis zum Schrecken stieg in ihrem Gemüte der Eindruck. Denn sie begann zuletzt mit einer Art von Angst in den Zügen nach dem Meeresgrunde hinunter zu horchen. Und als man sie lächelnd fragte, ob sie etwa die Stimmen lockender Sirenen aus der Tiefe herauf vernehme, so bejahte sie dies, und das helle Gelächter ihrer Gespielinnen klang auf ihre Kosten weithin übers Meer. Vielleicht angelockt von der Musik dieser Stimmen, begleitete die Lustfahrer ein Delphin, der ganz auf der äußersten Oberfläche der Wellen dahinglitt. Ein Vögelchen, das sich zu weit vom Lande ins Meer hinaus verirrt hatte, setzte sich einen Augenblick, wie um zu rasten, auf den Rücken desselben, ohne daß er es merkte. Gerade als das silberstimmige Lachen über Kora wieder auf dem Fahrzeuge des Alkibiades erklang, kam an der Lustbarke ein großes Kauffahrerschiff vorbei. Da der Kauffahrer an der Barke ganz nahe vorüberfuhr, so konnte die Bemannung desselben und die Gesellschaft in der Barke des Alkibiades mit Blicken sich mustern. Die Männer auf dem Kauffahrer hatten ein rauhes, wildes Ansehen und blickten aus buschigen Brauen finster, fast bedrohlich wie Habichte auf die Taubenschar im Schiffe des Alkibiades herüber. Da aber der Kauffahrer weit schneller ruderte, ließ er bald die Barke hinter sich, und die muntere Gesellschaft achtete auf ihn nicht weiter. Ein Megarerfahrzeug wollte Kallimachos in demselben erkannt haben. In einer kleinen Bucht wurde angehalten, und man beschloß zu landen, um sich da eine Zeitlang auf dem lieblich anlockenden Gestade zu vergnügen. Es war eben die Stelle, wo man den Felsenstuhl des Perserkönigs Xerxes zeigt, auf einem gegen das Meer hin abfallenden Hange der ägaleischen Berge, jenen Felsenstuhl, den der große König, als er seine Flotte hier zur Entscheidungsschlacht entfaltete, an erhöhter Uferstelle einnahm, und von welchem aus er erst mit stolzer Siegeszuversicht und dann mit wachsendem Grausen dem salaminischen Schlachtgewitter zusah. Kallimachos und Alkibiades geleiteten Aspasia und die Mädchen hinauf zu diesem Felsensitze, und Alkibiades forderte Aspasia auf, sich als die würdigste auf demselben niederzulassen. Aspasia folgte der Aufforderung. Kallimachos nahm an ihrer Seite Platz. Die Mädchen mit Alkibiades blieben in anmutiger Gruppe um sie gelagert. Büschel von Meergras und Myrtengesträuch voll dunkler und Heller Beeren sproßten zwischen den Klippen. Es lag ein wunderbarer Friede über das sonnige Land und das flimmernde Meer gebreitet. Doppelt lieblich erschien von dieser erhöhten Stelle aus gesehen das gegenüber liegende Salamis. Zwischen der Insel und dem Festlandufer blaute das regungslose Meer. Silberhelle, glitzernde Streifen durchfurchten hie und da das tiefe Blau wie schimmernde Brücken. Kein Laut in der ganzen Weite, als das leise Rauschen und Knirschen der breiten, in gleichmäßigem Rhythmus langsam heranziehenden und wieder zurückweichenden Wellen drunten im Ufersande und von Zeit zu Zeit das Gekreisch einer Möve, welche den Klippenstrand umschwirrte. »Bei allen Meeresnymphen!« sagte Alkibiades, »es ist hier so friedlich, so idyllisch-still, wie am sikelischen Meergestade. Man meint, es müsse hier in der Nähe irgendwo der verliebte Kyklop Polyphemos sitzen, aufs Meer hinausstarrend, wo das Bild der Galathea in der Flut sich spiegelt, indem sie darüber hinwegwandelt. Des plumpen Schäfers Hund rennt bellend an den Strand hinab ihr entgegen, die Nymphe aber bespritzt lachend den Liebesboten mit einer rollenden Schaumwoge, so daß er winselnd zurückläuft« ... In der Tat, es herrschte eine wonnige Stille, von welcher man nicht glauben konnte, daß sie jemals unterbrochen worden sei, noch daß sie jemals unterbrochen werden könne. Aspasia warf von ihrem Felsensitze aus einen Blick hinüber nach den Bergen des Peloponnesos. »Wenn es möglich ist«, sagte sie, »alles widerwärtig Düstere, was ich jenseits der Berge dort gesehen und erlebt, aus meiner Seele hinwegzuspülen, so ist es in dieser Stunde möglich. Zu lichtvoll ist das Meer an diesem Gestade und der Aether darüber, als daß hier das Düstere jemals wie dort drüben zum Siege gelangen könnte. Ich fordere dich mutig heraus zum Kampfe, rauher Peloponnesos!« »Ich mit dir!« rief Alkibiades und ballte die Faust gegen die Berge von Argolis. »Wir alle!« riefen lachend die Mädchen. In diesem Augenblicke fiel Aspasias Blick, rechtshin schweifend, auf das Megarerfahrzeug. Es erschien jetzt klein in der Entfernung. Es schien still zu stehen. Aspasias stolzer, beinahe verachtender Blick glitt rasch wieder davon ab. In ihren Augen blitzte jetzt etwas von jenem Uebermute, der das Herz des Perserkönigs erfüllte, als er auf diesen Felsenstuhl sich niederließ. Ein Sklave brachte auf den Wink des Alkibiades einen Schlauch mit köstlicher Labung, und bald erklangen die Becher und ein hellstimmiger Rundgesang dazu. Reizvoll klang das Freudenlied in der schönen Meereseinsamkeit, und weithin widerhallte die friedliche Seebucht. Getrieben von dionysischem Geiste, zerstreuten sich die Mädchen teils am muschelreichen Strande, teils auf den Hängen, wo zwischen dem Gestein duftige Kräuter sproßten. Gaukelnden Faltern waren sie zu vergleichen, geneckt, gehascht von Alkibiades. Bald liefen sie mit hellem Ausruf zusammen, um ein totes Meergetier, einen Polypen etwa oder einen Delphin, der früher, die Salzflut durchjagend, die kleinere Meeresbrut in Schrecken gesetzt und des Nereus Töchter auf seinem Rücken getragen, und den eine schäumende woge im Sturm ans Felsengestade geworfen. Dann wieder saßen sie, und Alkibiades erzählte den Aufhorchenden wunderliche Jagdgeschichten, etwa: wie er kürzlich einmal am Meergestade einen großen Polypen und einen Hasen zugleich erbeutete, indem er angelnd den Polypen aus dem Gewässer ans Land schleuderte, dieser aber auf einen Hasen fiel, der im Meergrase schlummernd versteckt lag, und der sofort von den hundert Armen des Polypen umstrickt ward. Inzwischen unterredete sich Kallimachos mit Aspasia. Die Stellung des Kallimachos zu der schönen Gattin des Perikles war von sonderlicher Art. Herzliche Freundschaft vereinigte ihn mit Alkamenes, und durch diesen unterrichtet von allem, was zwischen dem Nebenbuhler des Agorakritos und der schönen Milesierin jemals vorgefallen, hatte er aus Korinth, woher er kam, ein Vorurteil, ja fast einen geheimen Groll gegen Aspasia nach Athen im Herzen mitgebracht. Nach der heftigen Scene, welche zwischen Alkamenes und Aspasia in Olympia sich ereignet hatte, und von welcher Kallimachos ebenfalls Kenntnis erhalten, hatte er mit seinem Freunde zu einer Art von Rachebund gegen Aspasia sich verschworen. Zu Athen näherte er sich der Milesierin, und, von ihrem Zauber angezogen, vergaß er halb, doch eben nur halb, jener Rachegedanken. Aspasia selbst brachte die Rede auf Alkamenes und rühmte den Flug seiner gestaltenden Phantasie. »Du tust wohl«, sagte sie, »daß du Freundschaft hältst mit diesem Manne, und mich dünkt, daß eine gewisse Seelenverwandtschaft euch zusammengeführt hat. Denn so wie ihn, scheint auch dich ein gewisser Drang zu beseelen, die Kunst auf neue Bahnen zu lenken.« Aspasia spielte mit diesen Worten darauf an, daß dem Kallimachos der Meißel schon nicht mehr genügte, daß er mehr mit dem Bohrer als mit dem Meißel arbeitete und die Einzelheiten seiner Werke mit einem so wunderbaren Fleiße, einer so glänzenden Kunstfertigkeit ausführte, wie man es vor ihm nicht gesehen. »Wenn man mir zugesteht«, sagte Kallimachos, »die Bildkunst durch fleißige Anwendung des Bohrers weiter gefördert zu haben, so möchte ich mich auch der verschwisterten Baukunst nützlich erweisen. Schon lange beschäftigt mich eine Sache, die, wie es scheint, sehr leicht und einfach ist, in der Tat aber – du wirst lächeln, wenn du es hörst – mir durchaus nicht gelingen will. Die fortschreitende Kunst scheint mir für unsere Säule einen reicheren Schmuck zu fordern. Die ionische Schnecke ist das äußerste, wozu wir es gebracht haben. Damit begnügen wir uns seit Jahrhunderten. Liegt es nicht nahe, mit einem kühnen Griffe sich darüber hinaus zu wagen?« »Im Morgenlande«, versetzte Aspasia, »sah ich Blätter- und Blumenformen mit seiner Phantasie zum Schmuck der Kapitäler verwendet. Wir sind schüchtern, wie du mit Recht bemerkst. Warum wagst du nicht, was du doch für nötig hältst?« »Wirst du es glauben«, erwiderte Kallimachos, »daß nun schon seit Jahren um dieser Sache willen mein Gehirn sich zermartert? Hundert Formen habe ich ausgesonnen, keine hat bisher mir ganz genügt!« »Warum willst du die neue Form ersinnen und erklügeln und ganz aus dir selber schöpfen?« fragte Aspasia. »Die Natur ist eine große Lehrmeisterin, ihr muß der Baumeister wie der Bildner sein Bestes ablauschen. Halte die Augen offen, und was du suchst, wird dir begegnen. Du brauchst es dann nur recht zu erfassen und mit klugem Sinn völlig auszugestalten.« In diesem Augenblicke wurden Kallimachos und Aspasia durch die herbeikommenden Mädchen unterbrochen, welche erzählten, daß sie an einer verborgenen, lieblichen Stelle des Felsufers ein kleines Grabdenkmal entdeckt hätten. Sie wünschten es Aspasia zu zeigen. Aspasia und Kallimachos folgten der Aufforderung und ließen von den Mädchen sich an die Stelle führen, wo das kleine Denkmal sich befand. Es lag zwischen den Uferfelsen verborgen und war durch überhängendes Gestein beinahe verdeckt. Aus einem einfachen, schmalen Steine bestand es, auf welchem eine kurze Inschrift eingegraben war. Ueber der Steinplatte stand ein zierlicher Korb, gefüllt mit welken Blumen und Kränzen. Aspasia versuchte die Inschrift zu lesen und entzifferte halb einen Mädchennamen, aber es fiel ihr schwer, denn reichlich sprossender Akanthus hatte mit seinem großen edelgeformten Laube nicht bloß den Denkstein selbst schon fast überwuchert, sondern rankte auch an dem Korbe sich empor. Bedeutsam stach sein frisches, lebendiges Grün gegen die traurig-welken Blumen ab, welche in dem Korbe lagen. Aspasia und die Mädchen sprachen ihre Verwunderung aus, an dieser Stelle ein Grabdenkmal zu finden. Kallimachos aber sagte: »Mir war das Vorhandensein dieses kleinen Denkmals kein Geheimnis.« Als hierauf die Mädchen neugierig nach dem Ursprunge desselben forschten, erwiderte Kallimachos: »Derjenige, welcher dies Denkmal mit dem Korbe hier stiftete, war mein Freund, und ich bin einer der wenigen, welchen er die Geschichte desselben anvertraute.« »Der Freund, von welchem ich spreche«, fuhr er fort, »war ein trefflicher athenischer Jüngling und betrieb die Bemalung von Gefäßen und Graburnen mit großer Tüchtigkeit zum Erwerbe seines Unterhaltes. Während er zu Korinth verweilt, begegnet seinem Auge das reizendste Blumenmädchen jener Stadt, und er entbrennt in Liebe für dasselbe. Aber auch ein junger Sparter, der eben zu Korinth mit einigen Freunden sich aufhielt, liebt das Mädchen und will es besitzen. Durch Gewalt und Drohungen weiß er es einzuschüchtern und steht auf dem Punkte, es von Korinth zu entführen. Der Athener, entflammt von leidenschaftlichem Zorne, stellt sich dem Nebenbuhler zum Kampfe und tötet ihn. Hierauf, um der Rache der Freunde des Getöteten zu entgehen, zieht er das willig folgende und seine Liebe erwidernde Mädchen mit sich fort, besteigt ungesäumt einen Kahn mit ihr und entflieht nach dem heimischen Athen. Heiter fährt das Liebespaar den Strand entlang: voll seliger Lust das Herz des Jünglings, und das Mädchen strahlend in der Blüte seiner bräutlichen Jugend und Schönheit. Sie besitzt außer ihrem Liebreiz nichts als das Blumenkörbchen, gefüllt mit frischen Blumen, wie sie es auf dem Markte zu Korinth am Morgen jenes Tages eben in Händen trug, als der Geliebte sie entführte. Die Perlen des Meeres sprühen um den Kahn und benetzen die Rosen im Korbe, während aber der Jüngling einen mutwilligen Kuß auf die Lippen des Mädchens drückt, entgleitet der Blumenkorb über den Rand des Kahns ins Meer hinab, das Mädchen bückt sich hastig, ihn wieder zu erhaschen; indem sie allzu weit die Hand ausstreckt, schwankt der Kahn, und die Ahnungslose folgt aus dem halbumgestürzten Fahrzeug dem Korbe hinab in die Meerflut. Mit verzweifeltem Ausruf wirft der Jüngling sich in die Wogen, erfaßt, eine Zeitlang mit diesen ringend, den Leib des Mädchens und schwimmt damit dem nahen Ufer zu. Dort klettert er mühsam an Geklipp empor, den Leib der Geliebten mit der Linken fest an sich gedrückt. Nun bettet er sie auf eine flache Stelle des Felsgestades. Ihre Augen sind geschlossen, ihr Antlitz bleich, vergebens ruft er tausend Liebesworte ihr ins Ohr. Er hat nur einen Leichnam gerettet. Den Tag lang starrt er regungslos auf die Entseelte, dann schickt er sich an, sie zu bestatten. Er höhlt ihr das Grab an der Stelle, wo er sie ans Land gebracht. Was begegnet da plötzlich seinem Auge zwischen den Felsen? Der Blumenkorb des Mädchens ist, auf den Wellen schwimmend, dieser Uferstelle zugetrieben worden und ruht nun da festgehalten zwischen den Klippen. Er steigt hinab, und traurig seufzend hebt er das zierliche, mit den frischen Blumen gefüllte Körbchen empor und stellt es, betaut von seinen Tränen, auf des Mädchens Grab. Er geht nach Athen und kehrt bald wieder zur verborgenen, vom Meer umrauschten Grabesstelle mit diesem einfachen Denkstein. Er richtet ihn hier auf, und darüber stellt er wieder den Korb mit den welkenden Blumen. Die Verborgenheit der Stelle sichert ihn vor unfrommen Händen, und auch der Akanthus hat, wie ihr seht, die Rolle des Beschützers übernommen, indem er Denkstein und Korb mit den Ranken seines herrlichen Laubes fast bedeckt.« – Aufmerksam hörten die Mädchen die Erzählung des Kallimachos, und laut beklagten sie des jugendlichen Paares Trauerlos. Aspasia aber sagte nach einer Pause: »Wie sehr deine Geschichte, Kallimachos, das Gemüt zum Mitleid anregt, kann ich doch auch dem Eindrucke mich nicht verschließen, welchen dieser schmale, flache Stein, dieses Grabdenkmal, für welches die Natur weit mehr als die Kunst getan, auf mich und gewiß auf alle machen wird, die es schauen. Wie zierlich rankt das vom Boden aufsprießende Laub des Akanthus sich um den anmutigen, mit welken Blättern gefüllten Korb über der weißen Marmorplatte! Ist dies nicht eine jener Gestaltungen, welche der Natur gleichsam in spielender Laune gelingen, und welche kaum ein Bildner jemals so reizend ersinnen würde?« Kallimachos antwortete nicht, aber er war von einem Gedanken wie von einem Blitze durchzuckt. Er starrte eine Zeitlang auf den laubumrankten Korb, dann rief er, zur Milesierin gewendet: »In der Tat, o Aspasia – dieser anmutvoll umrankte Korb ist eines jener Gebilde, für welche, wie du früher sagtest, der Bildner die Augen offen behalten muß, weil er von ihnen lernen kann« ... »Und weil er vielleicht in ihnen finden kann«, fiel Aspasia lächelnd ein, »was er mit vergeblicher Anstrengung lange gesucht hat.« Begeistert verbreitete sich Kallimachos nun sogleich über das, was seine Seele erfüllte. Während er aber der Milesierin die in ihm erweckte Idee des neuen Säulenschmuckes auseinandersetzte, welcher in der Tat berufen war, siegreich in der Welt des Schönen hervorzutreten, und dessen Ruhm mit dem Namen des Kallimachos für immer verknüpft bleibt, verloren die Mädchen sich, um Blumen zu pflücken, mit welchen sie das Grab der jungen Korintherin zu schmücken gedachten. Bald gaukelten sie wieder fröhlich umher am Gestade, Nymphen des Meeres ähnlich, unter welchen die Rolle des neckenden und haschenden Triton Alkibiades erneuerte. Allmählich aber begann die Sprödigkeit und Zurückhaltung der an einsamer Uferstelle zurückgebliebenen Kora auf den mutwilligen Jüngling einen größeren Reiz zu üben, als die Munterkeit ihrer Gespielinnen. Daß er eine scherzende Unterredung mit dieser suchte, daß er gegen ihren Willen mit ihr sich belustigte, merkte die reizende Simaitha ohne irgend welche Regung der Eifersucht; denn auch darin war sie das Ebenbild ihrer Meisterin, daß sie für solche Leidenschaft nur wenig Raum hatte in ihrer siegesstolzen Seele. Auch sie schien nur jener Liebe fähig, welche die heitere Ruhe des Gemütes nicht bedroht. Und welche verächtliche Nebenbuhlerin war überdies das Hirtenkind für die glänzendste Perle der Schule Aspasias! – Weltentrückt erfreuten sich jene dort der holden Stille dieser Meeresbucht, welche, wie es schien, durch nichts in der Welt gestört werden konnte. Und doch waren auf die zwanglos Fröhlichen feindselige Augen fernher lauernd gerichtet. Als jenes Megarerfahrzeug an der Lustgondel des Alkibiades vorübergefahren war, hatten die Männer, welche sich darauf befanden, einen spähenden Blick in dieselbe geworfen. Nachdem sie daran vorbeigekommen, sagte einer von ihnen erregt und hastig zu seinen Genossen: »Habt ihr den Athenerjüngling gesehen, der da mit jungen Hetären auf dem Meere sich umhertreibt? Das eben ist jener freche, nichtswürdige Mädchenräuber Alkibiades! Ich erkenne ihn! Mehrmals habe ich zu Athen ihn gesehen. Und unter den jungen Mädchen war Simaitha – die geraubte Simaitha!« »Wie?« riefen die megarischen Männer, heftig erglühend, »wie? dies ist jener Verwegene, der das Mädchen aus dem Landhause des Psaumias raubte, und der seines Raubes noch immer ungestraft sich erfreut?« »In der Tat«, sagte jener, »freut er sich noch seines Raubes ungestraft, denn er steht unter mächtigem Schutze. Vergebens waren, wie ihr wißt, alle Bemühungen des Psaumias und seiner Mitbürger, welche die Auslieferung des Mädchens von den übermütigen Athenern verlangten. Glauben diese Athenerhunde nicht von jeher, des megarischen Gemeinwesens spotten zu dürfen? Es wird die Zeit kommen, ihnen zu beweisen, daß sie mit Unrecht die Dorerstadt an ihren Grenzen verachten. Für jetzt aber, Freunde, müssen wir, was Simaitha betrifft, die Genugtuung uns nehmen, zu welcher die Gelegenheit in dieser Stunde sich bietet. Auf jenem Lustfahrzeuge befinden sich neben dem unbärtigen Mädchenräuber, einem andern unbewehrten Manne und den wenigen Rudersklaven, nur Weiber. Unser aber sind genug, um das ganze Schiff, wenn wir es angreifen, wegzunehmen, jedenfalls aber Simaitha zurückzurauben und sie nach Megara mit uns zu entführen.« Dieser Anschlag gefiel den megarischen Männern. Während sie aber berieten, wie sie das Schiff angreifen wollten, war die Genossenschaft des Alkibiades in der kleinen Felsbucht gelandet. Die Megarer bemerkten dies aus der Ferne. »Desto besser!« sagte ihr Führer, »wir werden hier unser Schiff am Strande verbergen und unsere Beute auf dem Lande verfolgen. Der größere Teil von uns wird das Fahrzeug verlassen, um jenen einzeln sich näher zu schleichen und dann etwa zu zweien am klippenreichen Gestade, wo jene sich zerstreut umhertreiben, in den Hinterhalt zu legen. Leicht wird es uns fallen, im rechten Augenblick hervorzubrechen und des Mädchens, auf welches wir es abgesehen haben, uns zu bemächtigen, ohne daß die beiden athenischen Jünglinge und ihre Rudersklaven es verhindern können, ja vielleicht ohne daß sie es merken. Denn wenn wir den Moment erlauern, wo Simaitha getrennt von ihren Gespielinnen und die Aufmerksamkeit der Männer anders wohin gewendet ist, so gelingt es uns vielleicht, Simaitha völlig unbemerkt aufzuheben, und wir sind dann vor jeder Verfolgung sicher. Jene wissen dann nicht, wohin das Mädchen gekommen, bis wir den Raub in Sicherheit gebracht. Müßten wir aber Gewalt anwenden, so wäre zu fürchten, daß jene Jünglinge doch vielleicht durch ein des Weges kommendes athenisches Fahrzeug Verstärkung erhalten, und daß man uns den Raub noch bevor wir das Schiff erreicht haben oder auf dem Meere selbst wieder abjagt. Darum also lasset uns Vorsicht brauchen und aus dem Hinterhalte die günstige Gelegenheit erlauern!« So sprach der Führer des megarischen Fahrzeuges, und die Männer taten, wie er sie anwies. Sie verbargen sich einzeln oder zu zweien am Ufer und auf den Hügeln und blickten aus ihrem Versteck scharf beobachtend auf die arglos Schwärmenden. Lange wollte der für die Megarer günstige Augenblick nicht kommen. Endlich geschah es, daß Simaitha, Drosis und Prasina, Blumen pflückend, einem umbuschten Felshange sich näherten, hinter welchem einige von den Megarern sich verborgen hielten. Alkibiades war in weiter Entfernung mit Kora beschäftigt und Kallimachos noch immer in Gesellschaft Aspasias bei dem Grabdenkmale des korinthischen Mädchens. Die Megarer stürzten hervor, um sich geradeswegs auf Simaitha zu werfen. Diese, als sie die wild aussehenden Männer plötzlich auf sich zukommen sah, entfloh mit Angstgeschrei, Drosis und Prasina folgten ihr, nicht weniger die Lüfte mit lautem Hilferuf erfüllend. Simaitha aber kam den beiden Gespielinnen weit voraus auf ihrer Flucht. Schon hatte sie beinahe die Stelle erreicht, wo Alkibiades verweilte. Dieser, sowie Kallimachos und auch die Ruderer unten bei dem Schiffe vernahmen das Angstgeschrei der Mädchen und eilten rasch herbei. Alkibiades trug beständig einen Dolch, diesen zog er hervor, auf die Räuber in Gesellschaft der mit Ruderstangen bewaffneten Sklaven loszugehen. Aber nicht ohne Beute wollten die Megarer vom Platze weichen. Sie haschten und ergriffen, da ihnen Simaitha entgangen war, die Genossinnen derselben, Drosis und Prasina, welche in ihrer Angst, gescheuchten Tauben ähnlich, nicht so sicher den Weg der Flucht gefunden hatten. Gefahr in der Säumnis erkennend, und aus den früher erwähnten Gründen offenen Kampf vermeidend, rissen die Megarer Drosis und Prasina mit sich fort, hinunter ans Gestade, warfen sich mit den beiden in ihr Schiff und eilten der Bucht von Megara zu, bevor Alkibiades mit den Helfern seine Barke zu ihrer Verfolgung besteigen konnte. Dennoch wollte der Zornentbrannte sich blindlings in sein Fahrzeug stürzen, um den Räubern nachzueilen. Aber als er sich dazu anschickte, erhoben die Mädchen ein lautes Geschrei, wehklagend, daß sie am Ufer verlassen und vielleicht noch lauernden Feinden preisgegeben würden. Sie aber mit sich ins Fahrzeug zu nehmen und so den Feinden nachzusetzen, war ihm nicht minder verwehrt durch die Angst der Mädchen, welche in solcher Art dem Feinde als Beute gleichsam entgegengeführt zu werden vermeinten. Kallimachos, die Ruderer und Aspasia vor allen, gaben ihm zu bedenken, daß die Verfolgung unmöglich, und daß der Mittel und Wege genug sich finden würden, den Uebermut der Megarer zu züchtigen. Aspasia war beim Anblick jener Tat der Megarer bleich geworden, und rasch war dem Erbleichen ein zorniges Erröten gefolgt. Nun aber war sie die erste wieder gefaßt und ruhig; fast lächelnd forderte sie den Alkibiades zur unverweilten Heimkehr auf. Eilig bestiegen alle das Fahrzeug wieder, zu schleuniger Rückkehr nach Athen. »Rache den Megarern!« rief Alkibiades und schleuderte, aufrechtstehend im Fahrzeug, während es vom Ufer stieß, einen Becher gegen das scharfe Felsgeklipp. »Wie dieser Becher am Geklipp, wird Megaras Zwergentrotz und der Trotz aller seiner Stammesgenossen schmählich zerschellen an der Felsenstirn der athenischen Akropolis!« – XXI. Der Maulesel des Kallikrates. in Leichtes war es dem Perikles, sich seiner Gemahlin anzunehmen und die beiden geraubten Mädchen von den Megarern zurückzufordern. Denn die Megarer zu züchtigen, war damals zu Athen aus mancherlei Gründen das Losungswort des Tages. Die Megarer aber erwiderten, daß sie Drosis und Prasina, welche vorläufig als Geißeln dem Gewahrsam eines angesehenen Mitbürgers übergeben worden, auszuliefern nicht säumen würden, sobald die von den athenischen Jünglingen geraubte Simaitha zurückgegeben würde. Gegen diese Zurückgabe aber verwahrte sich mit flehentlichen Bitten Simaitha selbst und fand eine mächtige Stütze an Aspasia. Das Mädchen aus Megara war der Liebling Aspasias geworden. Die Megarer waren zu Athen so verhaßt, wie die Athener zu Megara. Perikles hatte mehr als einen Anlaß, einen Volksbeschluß durchzusetzen, welcher den Megarern den Besuch der athenischen Häfen und des Marktes von Athen so lange verbot, bis sie nicht bloß jene Mädchen ausgeliefert, sondern den Athenern auch in einigen anderen Angelegenheiten die verlangte Genugtuung gegeben haben würden. Empfindlich traf diese Ausschließung vom athenischen Markte die Megarer, und nicht lange, meinte man, würden sie trotzen. Da aber zu fürchten stand, daß die Megarer sich insgeheim an die Sparter wenden würden, um die tätige Vermittlung derselben zu suchen, und da überdies durch ziemlich ernste Händel mit Korinth und durch den Abfall der attischen Kolonie Potidaia eine gewisse Unruhe sich der Athener bemächtigte, so benutzten die Feinde des Perikles und der Aspasia den Anlaß, das Volk gegen sie aufzuregen. Durch den Uebermut des ausländischen Weibes, sagten sie, und durch die Zügellosigkeit ihrer Freunde werde nun gar der öffentliche Friede von Hellas bedroht, und um zweier geraubter Hetärlein willen schleudre Perikles den Volksbeschluß gegen die Megarer wie eine Brandfackel unter die Griechen. Große und beliebte Staatsmänner pflegen volkstümlichen Satzungen nicht immer zu widerstreben, weil sie wissen, daß das Volk ja doch zuletzt in einer Art blinden Vertrauens ihrer Leitung folgt, und das Gefährliche jener Satzungen durch die Macht ihres persönlichen Einflusses wenigstens für so lange, als sie selbst am Ruder stehen, ausgeglichen wird. Aber die Aengstlichen fragen, was geschehen solle, sobald die Männer solcher Art, etwa durch den Tod abgerufen, die Zügel des Gemeinwesens nicht mehr in ihrer festen Hand halten. Andrerseits erblicken die Volksfreunde, welche um die Aufrechthaltung der Volksherrschaft besorgt sind, gerade in jener schmiegsamen Uebereinstimmung des allgemeinen Willens mit dem Willen und den Ansichten eines einzelnen ausgezeichneten Mannes die größte Gefahr für die Freiheit. So kam es, daß der allvermögende Perikles doch insgeheim die Kämpen der unbedingten Volksherrschaft ebensowohl, als die Partei der Oligarchen gegen sich hatte. Der Gerber Kleon, der Schafhändler Lysikles und der Wurstmacher Pamphilos waren der Meinung, daß die Weisheit eines einzelnen im Staate gefährlicher sei, als die Torheit der Menge, und erneuerten ihren Mitbürgern gegenüber, so oft sie konnten, die Warnungen vor dem »neuen Peisistratos«. Die Leute von der Art jenes Gerbers Kleon, jenes Schafhändlers Lysikles und jenes Wurstmachers Pamphilos wagten es schon bisweilen in der Volksversammlung, mit ungebärdigem Geschrei der Würde des Perikles entgegen zu eifern. Nicht gleichgültig sah Perikles auf die Verlegenheiten, welche ihm manches im Tun Aspasias, und welche ihm die Ausgelassenheit des Alkibiades bereitete. Aspasia war unangreifbar in ihrem Wesen. Der Sturm vermag Eichen zu entwurzeln, aber nicht eine Blume zu knicken. Dem jungen Alkibiades aber verwies Perikles mit ernsten Worten seine Zügellosigkeit, durch welche nun zum Teil jener unliebsame megarische Handel veranlaßt war. Er ermahnte ihn, seinen Vätern nachzueifern, sich verdient zu machen um das Vaterland und nach der Auszeichnung rühmlicher Taten zu streben. »Das will ich!« versetzte der junge Alkibiades in halb ernstem, halb scherzhaftem Tone, »wer aber ist schuld als du, Perikles, daß ich keine Gelegenheit finde, durch rühmliche Taten mich auszuzeichnen? Wie lange noch sollen wir uns hinschleppen in diesem langweiligen Frieden? Gib mir eine Flotte, so will ich dir Karthago und Sicilien erobern! Aber selbst die wenigen, armseligen Dreiruderer versagst du mir, die nötig wären, um die beiden heiterblickenden Mägdlein, Drosis und Prasina, aus der Gefangenschaft des elenden Megara heimzuholen. Mir bleibt nichts übrig, wenn ich mich für das Vaterland verdient machen will, als etwa nach Sparta zu gehen und das Weib des Sparterkönigs zu verführen, damit ich das dorische Blut fälsche mit ionischem zu Gunsten der Athener! Gewiß, o Perikles, es fehlt mir nicht an Tatendrang« ... »Sprudelnder Tatendrang ohne Würde und Ernst der Gesinnung«, sagte Perikles, »wird niemals Nutzen stiften, sondern immer sich nur verderblich erweisen. Deine Vorzüge, mein Alkibiades, sind keine Hoffnung, sondern eine Gefahr für das Vaterland, solange sie mit Untugenden, wie die deinigen, vereinigt sind.« »Ist es eine Untugend«, rief Alkibiades, »das Vergnügen zu lieben, und ist nicht die Jugend des Genießens beste Zeit?« »Du irrst!« versetzte Perikles ernst; »die Jugend ist nicht die Zeit des Genusses selbst, sie ist die Zeit, an Leib und Seele sich auf den wirklichen Genuß des Lebens vorzubereiten. Sie ist die Zeit, die Fähigkeit des Genießens auszubilden, nicht sie abzustumpfen. Du meinst zu genießen, jugendlicher Sohn des Kleinias! Aber dein Umhernaschen in allen Freudenkelchen ist nicht viel mehr als knabenhafter Mutwille, gedankenloses Spiel!« »Nur ein Leben geben die Götter zu genießen!« sagte Alkibiades. »Eben deshalb«, erwiderte Perikles, »sollen wir es nicht zu vergeuden, sondern zu erhalten bedacht sein!« – So unterredete Perikles mahnend sich mit dem Jüngling. Dieser aber ging von Perikles zu seiner Freundin Theodota, wiederholte ihr mit lächelndem Munde die Worte des Perikles und fügte hinzu: »Nun sehe ich, daß mein alter Freund, mein vielgeliebter Sokrates, in der Tat weiser ist als Perikles und als all' die anderen weisen Männer zu Athen. Denn dieser Sokrates allein unter allen hat es längst völlig begriffen, daß bei dem Sohne des Kleinias Ermahnungen von jener Art töricht und vergeblich sind!« ... Eine geraume Zeit war verstrichen, seit Perikles und Aspasia von der elischen Reise nach Athen zurückgekehrt waren und der Erechtheuspriester Diopeithes geheim zu Eleusis mit den Feinden des edlen Paares sich verschworen hatte. Aber nicht unbenutzt war diese Frist dem Diopeithes verstrichen. Schon vorher war die Waffe für den ersten Angriff geschmiedet worden. Diopeithes hatte die Abwesenheit des Perikles von Athen benutzt, um in der Versammlung des Volkes mit dem Vorschlage eines Gesetzes gegen diejenigen hervorzutreten, welche die Religion des attischen Landes verleugneten, und gegen die Philosophen, deren Lehren im Widerspruch wären mit dem väterererbten Götterglauben. Mit dem Ansehen eines Gottbegeisterten war der Erechtheuspriester vor die Menge getreten, und so leidenschaftlich entflammt war seine Rede gewesen, so gewürzt zugleich mit Drohungen und unheilkündenden Orakelsprüchen, daß es ihm in der Tat gelang, die entscheidende Mehrzahl der Stimmen auf der Pnyx für sein Gesetz zu gewinnen. Seit jenem Tage hing das Schwert des Damokles über dem Haupte des greisen Anaxagoras. Auf ihn war zunächst der Pfeil des Diopeithes berechnet; aber seine Absichten gingen noch weiter. Im geheimen erwarb er Bundesgenossen und Helfer, verbündete sich mit des Perikles Feinden jeder Art. Der Groll in seiner Seele fand neue Nahrung mit jedem Tage. Denn ihm vor Augen schritt noch immer jener verhaßte Kallikrates unter wimmelnden Arbeiterscharen auf der Höhe der Akropolis umher, das Prachtwerk der Propyläen unter des trefflichen Mnesikles Leitung mit gleichem Eifer fördernd, wie vordem das des Festhauses der Pallas. Ein Greuel war Kallikrates dem Priester, ein Greuel waren ihm die Helfer desselben, welche bei Tage das verhaßte Werk betrieben, des Nachts aber in Scharen auf Gestein oder Haufen Sandes zum Schlummer sich hinstreckten, ein Greuel war ihm auch jenes Tier, jener betagte Maulesel, welcher, wie schon erzählt, die unfreiwilligen Muße seines Alters nicht ertragen konnte, sondern nach alter Gewohnheit auf der Akropolis umherging, und welchem die Vergünstigung zu teil geworden, daß der Schaden, den er etwa grasend und naschend irgendwo an fremdem Eigentume verursachte, von Staats wegen ersetzt werden sollte. An kleine Ursachen knüpfen, wie das Sprichwort sagt, sich große Wirkungen. Uebermütig geworden durch die offenbare Gunst, welche das Volk der Athener ihm zuwandte, setzte der Maulesel des Kallikrates, auf der Akropolis umherschweifend, das ungezügelte Verhalten fort, durch welches er schon längst die Erbitterung des Diopeithes aufs äußerste gebracht. Er wagte sich ohne Scheu an die Heiligtümer des Erechtheion heran. Er schien nichts so schmackhaft zu finden, als die Kräuter, welche im Tempelbezirke des Erechtheion wuchsen. Er fürchtete nicht die giftigen Blicke, welche Diopeithes auf ihn warf, ja kaum die feindseligen Püffe, mit welchen die Tempeldiener ihn zu vertreiben suchten. Er beschnüffelte nach wie vor bisweilen die Opferkuchen, welche auf den vor dem Erechtheion im Freien stehenden Altar des Zeus von Frommgesinnten niedergelegt wurden. Beklagte Diopeithes sich über den Frevel bei Kallikrates, so berief dieser sich achselzuckend auf die gesetzlichen Vorrechte des Tieres und auf die Bereitwilligkeit der öffentlichen Schatzmeister, den von ihm etwa angerichteten Schaden zu vergüten. So mit seinen Klagen wenig erwirkend, hatte der Priester längst dem frechen Tiere Rache geschworen. Dieses aber, blindlings in sein Verderben rennend und das Maß seiner Frevel unbewußt erfüllend, vermaß sich eines Tages, durch die zufällig offene und unbewachte Tür ins innerste Heiligtum des Erechtheus und der Athene Polias sich einzuschleichen, und die entsetzten Tempeldiener trafen es mit verwegener Schnauze an einem frischen Kranze naschend, mit welchem man das uralte Holzbild der Göttin am Morgen jenes Tages umwunden hatte. Am nächsten Tage lockte Diopeithes den Maulesel des Kallikrates heimlich an sich und warf ihm einen Kuchen vor. Am Abende desselben Tages fand man das Tier verendet liegen an den Stufen des Parthenon. Einer von den Arbeitern des Kallikrates hatte es aus der Ferne bemerkt, daß der Erechtheuspriester dem Maultiere eine Speise vorgeworfen, und nun waren alle überzeugt, das Tier sei der Rache des Diopeithes zum Opfer gefallen. Einige schwuren, ihn dafür zu züchtigen, sammelten sich vor dem Erechtheion und überhäuften den Priester mit lauten Schmähungen. wäre nicht der zur rechten Zeit erscheinende Mnesikles eingeschritten, so wäre es dem Diopeithes unter den Händen der Werkleute des Kallikrates übel ergangen. Voll war jetzt die Schale des Zorns im Busen des Erechtheuspriesters. Er konnte nicht länger säumen, sich Lust zu machen, Hand ans große, langbedachte Werk der Rache zu legen. Eine Sturmnacht war es, eine Nacht, in welcher der Himmel sich verdüstert hatte und zerrissene Wolken den Mond umflogen. Da kamen in der öden Eumenidengrotte auf dem Hügel des Areopag drei Männer zu heimlicher Unterredung zusammen. Diopeithes war einer von diesen Männern, und er war es auch, der die beiden anderen zur Unterredung dorthin eingeladen. Denn allzu sehr den Späheraugen des Kallikrates ausgesetzt war auf der Akropolis sein Verkehr mit den heimlichen Verbündeten. Der zweite jener Männer, welche in der Eumenidengrotte auf dem Areshügel zusammenkamen, war der von Perikles gestürzte Oligarch Thukidydes. Er und Diopeithes betraten zuerst die Grotte. Nun kam der dritte der Männer, halb vermummt, einem nächtlichen Diebe nicht unähnlich, auf leisen Sohlen geschlichen. Mit einer gewissen Neugier blickte der Oligarch diesem dritten entgegen. Diopeithes hatte ihm den Namen desselben nicht genannt. Als aber nun der neue Ankömmling den beiden anderen Männern in der verborgenen Grotte gegenüber stand und das Antlitz desselben beim einfallenden Lichte des in demselben Augenblicke sich zufällig entschleiernden Mondes sichtbar wurde, da fuhr der Oligarch mit einer unwilligen Gebärde zurück. Seine Lippen umspielte ein Lächeln des Unmuts und der Verachtung. Er hatte die plumpen Züge des Gerbers Kleon erkannt, des ihm und der gesamten Oligarchenpartei tödlich verhaßten Volksredners, dessen roher Ungestüm mit polternden Reden auf der Pnyx die von Perikles begründete, aber auch durch seine weise Einsicht gezügelte und gelenkte Volksherrschaft über jede Schranke hinauszutreiben bestrebt war. Mit Staunen und Unmut wendete sich der Oligarch zu Diopeithes: »Mit welchem Manne«, sagte er, »führst du mich da zusammen?« Aber auch Kleon warf mit dem Ausdrucke der Verwunderung in den Mienen und mit einem spöttischen Lächeln dem Erechtheuspriester die Aeußerung entgegen: »Einen wunderlichen Bundesgenossen bietest du, o Diopeithes, dem Volksmann Kleon!« »Ich habe euch nicht hierher geladen«, sagte der Erechtheuspriester, »um den Kampf der Oligarchie und der Volksherrschaft mit einander auszufechten. Ich habe euch gerufen zum gemeinsamen Kampfe gegen gemeinsame Feinde.« »Soll ich Feinde bekämpfen«, sagte der Oligarch, »zum Vorteil eines Mannes, der ärger ist als sie?« »Soll ich die Gegner verderben«, sagte Kleon, »mit Hilfe desjenigen unter diesen Gegnern, der mir vor allen am meisten verhaßt ist?« Von solcher Art waren die Ausrufe der beiden Männer im Augenblicke der ersten Begegnung. Aber nach einer Stunde heimlichen Gesprächs, im welchem das Wort meist der schlaue und tückische Erechtheuspriester führte, hätte ein Späherauge, wenn ein solches gewacht hätte in jener öden Nacht auf dem Felshügel des Ares, dieselben beiden Männer, beim Heraustreten aus der Grotte sich, wiewohl nur flüchtig und ohne Herzlichkeit, die Hände reichen sehen. Diopeithes befaßte sich scheinbar gar nicht mit politischen Dingen. Er stand mit dem wüsten Volksführer Kleon auf so gutem Fuße, wie mit dem Oligarchen Thukidydes. Er kämpfte, so behauptete er, nur für das Ansehen der Götter des Landes und ihrer Heiligtümer. In diesem Kampfe ihn zu unterstützen, trug weder der Volksmann, noch der Oligarch Bedenken, wenn sie dafür, wie sie beide glaubten, eines nicht zu verachtenden Bundesgenossen in der Verfolgung ihrer eigenen Pläne sich versicherten. In der Tat aber waren beide nur Werkzeuge in der Hand des weit schlaueren Priesters, dessen einziges Ziel war, seine persönlichen Feinde, zunächst Anaxagoras, Pheidias und Aspasia, zu verderben. Um diese zu verderben, mußte er sie in gefährliche Anklagen verwickeln. Um sie anklagen zu können, hatte er ein auf sie berechnetes Gesetz persönlich veranlaßt. Damit sie aber verurteilt würden, mußte er des Volkes sicher sein. Er mußte Einfluß zu gewinnen suchen auf die Stimmen der Menge. Dazu aber bedurfte er der Helfer und Bundesgenossen. Daher seine Befreundungen, sein heimlicher Verkehr mit Personen der verschiedensten Art. Sein erster, gleichsam vorbereitender Angriff sollte dem Anaxagoras gelten, dann sollte ein Hauptschlag, der auch den Perikles mit treffen mußte, gegen Aspasia geführt werden. Zuletzt sollte das Schwerste, das anscheinend Unmögliche versucht und alle Kräfte vereinigt werden zum Sturze des von der großen Mehrzahl des Athenervolkes geliebten Perikles. Er spürte alles auf, was in Athen von Gegnern Aspasias zu finden war, und scharte es insgeheim um sich. Er lenkte und führte es wie ein wohlgeordnetes Heer und verwendete jeden einzelnen als Kämpfer und Sendboten in einem bestimmten Kreise. Er stand durch die ihm nahe Poliaspriesterin in Beziehung zur Frauenwelt Athens, zu Telesippe und der Schwester des Kimon. Er knüpfte Verbindungen an mit dem finsteren Agorakritos. Er machte sich zum Bundesgenossen eines Kratinos, eines Hermippos und der anderen Komödiendichter, welche gegen Aspasia doppelt aufgebracht waren, seit auf ihre Klagen hin Perikles sich endlich entschlossen hatte, die Zügellosigkeit der Komödie zu beschränken. Seine Verbindungen erstreckten sich bis auf den tollen Menon, den gewesenen Sklaven, den stadtbekannten und bei der Hefe des Volkes beliebten Sonderling, welcher willig die Hände zu allen Ränken bot, und welcher es gerne auf sich nahm, mit boshaften und sarkastischen Einfällen, rohen Scherzen und plumpen Erfindungen den Pöbel in den Straßen aufzuhetzen gegen die Philosophen und gegen das Weib des Perikles. Kaum war ein Mond verstrichen seit der Zusammenkunft jener drei Männer auf dem Areshügel, als die größere Hälfte des Athenervolkes durchdrungen war von feindseliger Gärung wider Aspasia und wider die besten Freunde des Perikles. Was den Anaxagoras betraf, so war man darüber einig, daß er ein Gottesleugner sei. Es gab kaum einen, der nicht irgend eines kühnen Ausspruchs sich erinnert hätte, welchen er auf der Agora, im Lykeion oder an einem anderen öffentlichen Orte aus dem Munde des Philosophen vernommen. Was man früher kaum beachtet, ja zum Teil mit Beifall aufgenommen, das fand der Wankelmut des Volks nun auf einmal bedenklich, nachdem die Stimmung umgeschlagen und durch den mit Diopeithes heimlich verbündeten Kleon Haß gegen die Philosophen in der Hefe des Volkes gesät worden war. Eines späten Abends, als die Straßen von Athen schon menschenleer geworden, ging ein Mann mit eiligen und verstohlenen Schritten, nicht ohne eine gewisse Besorgnis, gesehen zu werden, um sich blickend und offenbar im schütze des Dunkels, das bei wolkenverhangenem Himmel ihn umgab, von der Tripodenstraße herkommend, in der Richtung gegen den Ilissos hin. Er war ohne das Geleit eines Sklaven, welcher doch sonst hinter einem nächtlichen Wanderer mit einem Fackellichte herzugehen pflegte. Als jener Mann den Ilissos erreicht hatte, überschritt er denselben und setzte seinen Weg fort bis zum itonischen Tore, wo nur mehr wenige und unansehnliche Behausungen standen. An eines dieser unansehnlichen Häuser klopfte der Mann. Es wurde ihm geöffnet, und er sprach leise ein paar Worte mit dem öffnenden Sklaven. Darauf führte ihn dieser in das Schlafgemach eines Greises. Das Gemach war ärmlich, und auf einem ärmlichen Lager ruhte der Greis. Dieser Greis war Anaxagoras, und sein später, nächtlicher Besucher war Perikles. Ein wenig verwundert blickte der Alte auf den Freund, den er nun schon geraume Zeit nicht gesehen, und von welchem er sich beinahe vergessen glaubte. »Nicht mit einer erfreulichen Botschaft«, sagte Perikles, »bin ich veranlaßt, deinen nächtlichen Schlummer zu stören; aber daß ich es bin, der sie dir bringt, mag dir als eine tröstliche Vorbedeutung erscheinen. Und nicht als Bote bloß, sondern auch als Berater und Helfer möchte ich gekommen sein.« »Wenn es nur mehr die schlimmen Nachrichten sind«, versetzte der Greis, »welche den Perikles zu seinem alten Freunde Anaxagoras führen, so mögen auch diese willkommen sein. Sprich es einfach und ohne Rückhalt aus, was du zu sagen hast!« »Der ehrgeizige und, wie ich weiß, von dem Erechtheuspriester heimlich geköderte Kleon hat am heutigen Tage eine Klage wider dich auf Leugnung der Götter beim Archon Basileus übergeben.« »Auf Götterleugnung«, sagte ruhig Anaxagoras, »steht, so viel ich mich erinnere, der Tod nach dem Gesetze des Diopeithes. Eine gelinde Strafe für einen alten Mann!« »Ein bedrohtes ehrwürdiges Greisenhaupt«, versetzte Perikles, »erweckt größeres Mitleid als ein jugendliches. Indessen für deines Hauptes Sicherheit würde ich mit dem meinigen einstehen. Ich selbst würde vor deine Richter hintreten als dein Fürsprecher und für dein Haupt, wenn es nötig sein sollte, das meinige bieten. Was ich aber zu hindern nicht im stände bin, ist dies, daß man bis zur Entscheidung deiner Sache dich in den Kerker führen wird – und lange währen kann die schnöde, mitleidlose Haft.« »Laß sie mich gefangen setzen«, erwiderte Anaxagoras. »was hilft es mir, den Fuß frei zu haben, wenn mein Wort es nicht mehr ist?« »Das wird vorübergehen!« versetzte Perikles. »Auch deinem Worte wird die Freiheit wieder gegeben werden und eine Beute der nagenden Mäuse wird das Gesetz werden, welches der Erechtheuspriester tückisch bei dem eingeschüchterten Volke durchgesetzt, als ich fern von Athen weilte und mein Wort nicht zur Entscheidung in die Wagschale werfen konnte. Für jetzt aber weiche der Nötigung des Augenblicks. Erhebe dich und binde die Sohlen unter deine Füße. Verlaß unverweilt und heimlich Athen für einige Zeit! Alles ist vorbereitet zu deiner Flucht. Drunten an der einsamen Bucht von Phaleron steht ein Fahrzeug bereit, dich dorthin zu tragen, wohin du selbst es willst. Mit meinem Freunde Kephalos habe ich alles für dich beraten und vorgesehen, und er selbst wird dich geleiten auf deiner Flucht, bis dein erkorenes Asyl erreicht ist. Schwer fällt mir's, in der Nacht ans Lager des schwachen Greises zu treten und ihm zu sagen: Mache dich auf und gehe! Aber ich muß es. Im verschwiegenen Dunkel dieser Nacht noch führe ich dich selbst hinab zur Bucht von Phaleron, wo Kephalos dich erwartet.« »Ich habe keinen triftigen Grund zu gehen«, sagte Anaxagoras, »aber noch weniger einen, zu bleiben, denn ich bin alt, und alle Wege der Welt führen zur letzten Ruhe des Hades. Und wenn der Mann in Phaleron mit dem Fahrzeug auf mich wartet, warum sollte ich ihn vergebens warten lassen? Bringt mich an die mysische Küste, nach Campsakos! Dort wohnen mir befreundete Männer. Dort mögen sie mich bestatten und das Wort Wahrheit auf mein Grab setzen, und die Enkel der Athener mögen es lesen, wenn sie Lampsakos besuchen und sehen, daß man am Gestade des Hellespont, nahe dem Gebiete der Barbaren, der Wahrheit und einem sterbenden Greise, der sie predigte, eine Stätte vergönnt hat. Rufe meinen alten Sklaven, Perikles, damit er mir die Sandalen an die Füße bindet und jenen zweiten Chiton dort und die wenigen Bücherrollen in ein Bündel schnüre und mich damit ans Meer hinunter und weiter, wenn er will, begleite. Der Greis erhob sich mit Hilfe des Perikles von seinem Lager, ließ sich von dem Sklaven die Sandalen unter die Füße binden, bekleidete sich mit dem Chiton, und in einigen Augenblicken war er bereit zur Wanderung. Dann gingen die beiden Männer, hinter ihnen der Sklave, unter dem Schutze der tiefen, dunklen Nacht still durch das itonische Tor und hinunter neben der langen Mauer auf dem öden Wege gegen die Bucht von Phaleron. Nun hatten sie die Bucht erreicht und fanden den Kephalos an einer felsumhegten Stelle, wo das Meer nur leise wie im Traume, an das Ufer schlug. Mit schweigendem Händedruck begrüßten sich die Männer. Anaxagoras stand bereit, sich von Perikles zu verabschieden und vom Strande hinab in das Fahrzeug zu steigen. Und indem sich beide zum Abschiede die Hände reichten, sah Perikles mit einem Blicke tiefer Rührung auf den Greis, der nächtlicherweile hinausgestoßen ward in die Fremde und auf das wogende Meer. »Warum bedauerst du mich?« sagte der Greis. »Mich trifft in der Welt nichts unvorbereitet. Ich habe in meinem langen Lebenslaufe Stück für Stück von dem, was in uns fähig ist zu leiden, ertötet. Als feuriger Jüngling litt ich viel, ich sah, wie verlockend das Leben, aber auch wie flüchtig und eitel. Da warf ich alles nach und nach von mir und tauchte immer tiefer hinab in die ruhigen Abgründe wunschloser Verachtung. So bin ich alt geworden und morsch mein Leib, aber die feste Säule des unzerstörbaren Friedens steht unverrückbar fest in meiner Seele. Auf das schwanke Meer vermeint ihr Athener mich hinauszusenden und auf sicherem Festlande zurückzubleiben. In der Tat aber bin ich es, der vom ruhigen Strande aus euch schwanken sieht auf wüstbewegter Schaukelwelle des Lebens! – Dir, mein Freund, ist anders als mir das Los gefallen. Du hast dem Schönen, dem Glücke, dem Leben, dem Genusse, der Herrschaft, dem Ruhme nachgetrachtet. An einem schönen Weibe hängst du, das deine Sinne gefangen nahm, an einem Weibe, schön genug, dich zu beseligen. Selig preis' ich dich darum, aber soll ich dich auch glücklich preisen? Selig ist der Genießende, aber glücklich nur, wer nichts verlieren kann, und welchen das Leben zu täuschen nicht vermag, weil er nichts von ihm fordert.« »Verschiedene Wege zu gehen«, erwiderte Perikles, »ist dem Sterblichen vom Schicksal zugeteilt. Ich habe vielem nachgetrachtet, manches erreicht, aber erst der letzte Augenblick schließt die Rechnung ab, und nur der Tod zieht die Summe des Lebens. Ich hänge, wie du sagst, an einem Weibe. Einen Bund neuer Art bin ich mit ihr eingegangen, zu schönem, freiem und edlem Genusse des Daseins. Neues zu erproben vereinigten wir uns, und wie es in der Probe sich bewähren wird, noch ist es meinem Geiste verborgen. Manches Verwirrende tritt dazwischen, ein bitterer Tropfen fällt zuweilen in den Freudenkelch, und etwas wie Unruhe überschleicht nicht selten mein Gemüt. Habe ich vielleicht allzu viel der Schönheit und dem Leben und dem Glücke und ihren leuchtenden Verheißungen vertraut? Wie immer es kommen mag, die Würfel des Lebens sind gefallen, und das Geschick will männlich erfüllt sein!« – So tauschten Perikles und Anaxagoras in stiller Nacht, am Wogenschlage des Meeres von einander Abschied nehmend, das Tiefste und Innerste ihrer Seelen aus. Dann gedachten sie ihrer vierundzwanzigjährigen, herzlichen Freundschaft und umarmten und küßten einander. Anaxagoras blickte noch einmal nach der dämmernden Stadt zurück und sprach: »Lebewohl, du Stadt der Pallas Athene! Lebewohl, attische Erde, die du mir lange gastlich gewesen! Du hast meinen Samenkörnern eine Stätte geboten. Aus dem, was sterbliche Hände säen, keimt Gutes und Schlimmes allzugleich; aber nur das Gute hat unsterbliche Dauer. Ruhig und mit Segenswünschen trete ich, von dir scheidend, hinab in das schwankende Fahrzeug und vertraue als Greis derselben Woge mich wieder, die mich als jugendkräftigen Mann an dein Gestade getragen!« Nach diesen Worten stieg der Weise von Klazomenä in das Fahrzeug hinab. Noch einmal winkte er mit erhobenem Arme dem Perikles, dann erklangen einige Ruderschläge – ein leises Wellengeplätscher – und das Schiff glitt still und rasch über den grauen Wellenspiegel ins umdunkelte offene Meer hinaus. Einige Meervögel in den Klüften des Felsufers fuhren aus ihrem Schlummer empor, sträubten ein wenig die Schwingen und entschlummerten wieder. Perikles stand am einsamen Ufer und sah dem enteilenden Fahrzeug lange nach. Dann ging er in tiefen Gedanken zurück gegen die Stadt, umweht von den kühlen Schauern des ersten Morgengrauens. Als er auf die Agora kam, sah er, daß trotz des frühen Morgens schon eine große Menge Volkes um die sogenannte königliche Halle sich drängte. Die Menge staute sich vor einer Schrift, welche eine Veröffentlichung des Archonten enthielt. Es war die Abschrift einer öffentlichen Anklage. Da nun das Gedränge groß war und die Untenstehenden ungeduldig wurden, so las ein hochgewachsener Mann mit Stentorstimme diese Anklageschrift vor, welche ausgehängt war vor dem Amtssitze des Archon Basileus in der königlichen Halle. Sie lautete wie folgt: »Anklage, unterzeichnet und vertreten unter eidlicher Bürgschaft von Hermippos, Sohn des Lysides, gegen Aspasia, Tochter des Axiochos von Milet: Aspasia ist schuldig des Verbrechens, die Götter des Landes nicht anzuerkennen, unehrerbietig gesprochen zu haben von den heiligen Gebräuchen der Athener, sich den Erörterungen und Meinungen der götterleugnenden Philosophen anzuschließen. Sie ist ferner schuldig des Verbrechens, durch gefährliche Reden die Jugend zu verführen und zu verderben, und sowohl junge Mädchen, welche sie bei sich im Hause hält, als auch freigeborene Frauen, welche sie bei sich empfängt, zur Zuchtlosigkeit und zur Preisgebung ihrer selbst zu verleiten. Strafantrag: der Tod.« Laut erklangen diese Worte über den Markt hin, als eben Perikles, unbemerkt von dem der königlichen Halle zugewandten Volke, vorüberging. Er erbleichte ... »Heissa!« rief einer in der Menge. »Das fällt ins Eheglück des Perikles, wie der Blitzstrahl in ein Taubennest!« »Und Hermippos der Ankläger!« rief ein zweiter. »Hermippos, der Komödiendichter!« »Das war zu erwarten!« versetzte ein dritter. »Hab' es selber aus des Hermippos Munde gehört, nachdem Perikles auf Aspasias Antrieb der Komödie die Flügel beschnitten. Nur zu! sagte er; wenn man uns auf der Bühne den Mund schließt, so werden wir auf der Agora ihn öffnen!« – Selten waren durch eine Anklage die Gemüter der Athener in gleichem Maße erregt, selten der Widerstreit der Parteien in solchem Maße entstammt worden, als durch die Anklage der Gattin des Perikles, und mit nicht geringer Ungeduld sah man dem Tage entgegen, an welchem die Klage vor den Heliasten öffentlich verhandelt werden sollte. Zur selben Zeit kam Pheidias von Olympia nach Athen zurück, und Diopeithes war nicht wenig erbittert, als er den ihm verhaßten Mann nun wieder häufig auf der Akropolis hin und her wandeln, mit Mnesikles und Kallikrates sich unterreden und durch seinen Rat die Arbeiten der Propyläen fördern sah. Eines Tages erblickte Diopeithes, hinter den Säulen des Erechtheion stehend, den Pheidias in Gesellschaft seines einstigen Lieblings Agorakritos. Die beiden Männer schritten eine Zeitlang in Gesprächen zwischen dem Parthenon und dem Erechtheion auf und nieder, dann näherten sie sich einem Marmorblock, welcher ganz in der Nähe des von ihnen nicht bemerkten Diopeithes lag, ließen auf diesen sich nieder und setzten, hier ruhend, ihre Unterredung fort. Dem Erechtheuspriester war es leicht, das ganze Gespräch der beiden mitanzuhören. »Wunderbare Wege«, sagte Agorakritos, »beginnt die Bildkunst der Athener einzuschlagen. Dinge von eigentümlicher Art finde ich, nach mancher Irrfahrt Athen wieder besuchend, zur Schau gestellt in den Werkstätten der jüngeren Kunstgenossen. wo ist die alte Erhabenheit und Würde hingeschwunden? Hast du den Eingeweideröster des Styppax gesehen? Wir wendeten unser Bestes an die Bilder der Götter und Heroen; und nun wird mit allen Feinheiten der Kunst ein armseliger Sklave hingestellt, welcher, Eingeweide röstend, aus vollen Backen das Feuer anbläst. Des jungen Strongylion Kunst versucht sich an der wüsten Aufgabe, das trojanische Pferd in Erz zu gießen, von Demetrios sah ich einen alten Mann mit Schmerbauch und kahler Platte des Hauptes, strotzenden Adern und einem Barte, von welchem einzelne Haarbüschel wie vom Winde bewegt aus der Masse herausflattern.« »Die Bildner würden nicht solches schaffen«, sagte Pheidias, »wenn es nicht anfinge, den Athenern zu gefallen, wer möchte verkennen, daß Entartung leider sich einschleicht in Herz und Adern des Athenervolks, wie in der Bildkunst das Häßliche anfängt, sich neben das Schöne zu stellen, so wird ja auch auf der Pnyx neben dem olympischen Rededonner des edlen Perikles mehr und mehr das wüste Geschrei eines Kleon vernehmlich, Und vordem hatten wir einen Hipponikos und einen Pyrilampes, jetzt haben wir ihrer hundert.« »Ueppigkeit und Genußsucht überwuchert«, sagte Agorakritos. »Und wer hat sie zuerst offen gepredigt, die Botschaft der Ueppigkeit und der Genußsucht? Seit die Freundin des Perikles meinem, und fast darf ich sagen, auch deinem Werke einst den Preis entriß, zu Gunsten des übermütigen Alkamenes, seit jenem Tage ist der Groll gegen das betörende Weib mir nicht aus der Seele geschwunden. Als sie schnöde meine Aphrodite zur Nemesis umdeutete, da zuckte mir durchs Gehirn der Gedanke: Ja, zur Nemesis soll sie dir werden, meine Aphrodite! Du sollst sie empfinden die Macht der rächenden Göttin! Und in der. Tat, mit langsamen, aber sicheren und unabwendbaren Schritten naht sie, die Rache!« »Gleichmäßig und billig werden die Götter richten!« versetzte Pheidias ernst. »Und wenn sie den lächelnden Uebermut der Milesierin dämpfen, so werden sie auch die geheime Tücke jenes Diopeithes strafen. Zu dessen Bundesgenossen dein Rachedurst dich gemacht hat. Was wir auch immer an dem Weibe des Perikles zu tadeln und zu rächen haben mögen, vergiß nicht, daß ohne ihr mutiges und herzeinschmeichelndes Wort die Zinnen unseres Parthenon nicht hier vollendet emporragten, und daß wir keinen grimmigeren Widersacher bei eben diesem Werke gehabt haben, als den tückischen Erechtheuspriester!« »Du wirfst dich also zum Freunde und Beschützer der Milesierin auf?« sagte Agorakritos. »Nicht das!« versetzte Pheidias. »Ich liebe Aspasia so wenig als den Erechtheuspriester, und ich weiche beiden aus, indem ich von Athen sogleich wieder zurückgehe nach dem mir lieb gewordenen Olympia. Ich habe die Elier dankbarer gefunden als die Athener. Ich habe, dünkt mich, genug getan für Athen. Den Rest meiner Tage will ich dem großen Hellas weihen. Ich überlasse Athen seinen Aspasien, seinen Demagogen, seinen Schlemmern und seinen tückischen, nichtswürdigen, rachesüchtigen Erechtheuspriestern!« »Du tatest recht«, sagte Agorakritos, »daß du Athen den Rücken kehrtest; die Athener hätten vielleicht selbst deine Kunst verweichlicht und verderbt: nach ihrem neuesten Geschmacke müßtest du vielleicht Priape meißeln statt der olympischen Götter« ... »Oder dieses Bettlers ekle Mißgestalt, die auf der reinen Höhe wie ein sumpfentschlüpfter Molch sich sonnt!« sprach Pheidias und wies auf den wohlbekannten Krüppel Menon hin, der eben zwischen den Säulen in der Sonne lag. Der Bettler hatte die Worte des Pheidias vernommen, grinste, ballte hinter ihm die Faust und sandte ihm eine Verwünschung nach. Pheidias erhob sich mit Agorakritos, und einen Schritt weiter in der Richtung des Erechtheion machend, sah er Diopeithes hinter den Säulen stehen. »Ei siehe, wie wachsam sind die Eulen des Erechtheion!« sagte Pheidias. »Einen düsteren Blick des Hasses warf der beschämte Lauscher auf den Bildner herüber. »Scharfe Schnäbel und scharfe Klauen haben sie, die Eulen des Erechtheion!« rief er. »Gib acht, daß sie nicht zur Unzeit deinem Auge begegnen!« So Diopeithes. Der Bildner aber wiederholte auch jetzt wieder jenes homerische Wort: »Nie läßt mich zittern Pallas Athene!« »Wohlan!« murmelte vor sich hin Diopeithes, als die beiden Männer sich schon abgewendet hatten. »Baue auf den Schutz deiner Pallas, ich baue auf die Macht der meinigen! Lange genug vorbereitet ist er, der Entscheidungskampf zwischen deinem goldelfenbeinernen Machwerk und dem echten alten Götterbilde da drinnen im heiligen Räume des Erechtheion!« Er wollte sich eben entfernen, als der tolle Menon mit seiner Krücke, noch immer den Pheidias im Selbstgespräche schmähend, gegen eine der glatten, schimmernden Säulenschäfte schlug, so daß ein Splitter davon lossprang. Dies gewahrend, trat Diopeithes näher zu Menon heran; die Blicke des tollen Bettlers und des Erechtheuspriesters begegneten sich. Sie kannten einander. Menon war einst, wie schon erwähnt, mit den übrigen Sklaven seines angeklagten Herrn gefoltert worden. Nicht anders als mit der Folter wurden hellenische Sklaven vor Gericht befragt. Unter der Folter also hatte Menon seine Aussage gemacht, und auf Grund derselben Aussage war der Athener freigesprochen worden. Aber dem Sklaven Menon war von der Zeit jener peinlichen Befragung vor Gericht eine Verkrümmung der Glieder zurückgeblieben. Er war zum Krüppel geworden. Aus Mitleid hatte sein Herr ihn freigegeben und ihm, als er starb, eine beträchtliche Summe vererbt. Der halbverrückte Menon aber warf das empfangene Geld in den Erdschlund des Barathron und zog es vor, als müßiger Bettler unter den Athenern sich umherzutreiben. Er lebte zum Teil von den Speisen, welche man den Toten auf die Gräber legte, wenn er im Winter fror, so wärmte er seine gichtbrüchigen Glieder an den Essen der Schmiede oder an den Öfen der öffentlichen Bäder. Sein Lieblingsaufenthalt war ein unheimlicher Ort in Melite, wo man die Körper der Hingerichteten und die Stricke und Kleider der Selbstmörder hinwarf. Er sammelte die Stricke sorgfältig und zählte sie täglich. Ein Hund, welcher räudig geworden und deshalb von seinem Herrn fortgejagt worden, war ihm zugelaufen und seither unzertrennlich von ihm. Menon war von boshafter, tückischer Natur, und sein höchstes Vergnügen schien es, wenn er Unfrieden stiften konnte oder anderes Unheil unter dem Volke, von einem heimlichen Rachegefühl schien er durchdrungen, und alles was er tat, schien darauf berechnet, das Sklaventum an den freien Unterdrückern zu rächen. Absichtlich gab der zum Krüppel Gefolterte sich verrückter als er war, um den Athenern ungescheut die derbsten Wahrheiten ins Angesicht zu schleudern und überhaupt alles wagen zu dürfen, was man einem Menschen von gesunden Sinnen nicht verziehen hätte. Er war immer auf der Agora oder sonst an öffentlichen Orten zu sehen, und auch auf der Akropolis war er heimisch geworden, wo er im Schwarme der Werkleute sich umhertrieb. Denn überall befand er sich wohl, wo es von Menschen wimmelte und wo er seine tückische Rolle zu spielen vermochte. Insbesondere aber hatte es ihm auf der Akropolis von dem Augenblicke an gefallen, als er gemerkt hatte, daß der Erechtheuspriester Diopeithes und der Baumeister Kallikrates mit Erbitterung sich befehdeten. Er schien seine Aufgabe darin zu finden, die Tempeldiener des Erechtheuspriesters und die Leute des Kallikrates gegen einander zu hetzen. Er ließ sich auch willig als Zwischenträger oder als Späher verwenden. Beiden Parteien diente er und beide haßte er gleichmäßig, wie er alle haßte, welche freigeboren und Athener waren. Diopeithes selbst unterredete sich zuweilen mit ihm und erkannte bald die Brauchbarkeit dieses Werkzeuges, war der Mann doch immer unter dem Volke, erspähte und belauschte alles. Niemand glaubte vor dem Blödsinnigen etwas verbergen zu müssen, und der beißende Witz seiner bösen Zunge machte ihn ebensowohl beliebt als gefürchtet auf dem Markte und in den Straßen. Menon also und Diopeithes kannten einander und sie verstanden sich sehr gut. Der Instinkt des heimlichen Grolls und der Rachsucht machte den lahmen Bettler und den Priester zu Verbündeten. »Du zürnst dem Pheidias?« begann Diopeithes. »Schnappe der Höllenhund nach ihm mit seinen hundert Rachen zugleich! – Hochmütiger Wicht! Stieß mich immer zur Türe hinaus, wenn er es merkte, daß ich mich wärmte am Feuer der Schmelzöfen in seiner Werkstätte – faselte von meiner Ungestalt. – Du bist ein Unhold, Menon, sagte er, ein Scheusal! – wollte nur olympische Götter und Göttinnen um sich sehen – ha, ha, ha. – Daß der Blitz ihn erschlage, ihn und die sämtlichen Athener!« »Du verweiltest also öfter in seiner Werkstätte?« – »Sah mich nicht immer – ich aber ihn – Menon weiß zu kauern in Winkeln – sah ihn betreiben sein eitel gleißend Tagewerk – sah ihn hantieren, ihn und die Seinigen mit dem weißen Gestein und dem Erz und dem Elfenbein und dem gleißenden Golde« ... »Sahst ihn hantieren mit dem Golde?« Seltsame Lichter begannen bei diesem Worte um die Augen, die Lippen des Erechtheuspriesters zu spielen. »Sahst ihn mit dem Golde hantieren, Menon?« wiederholte er mit unheimlich zwinkernden Augen; »mit dem gleißenden Golde, welches die Stadt der Athener ihm in seine Werkstätte geliefert, damit er daraus und aus dem Elfenbein die Götterbilder der Akropolis fertige?« »Freilich, freilich – mit dem gleißenden Golde der Athener – sah ihn wühlen in ganzen Schatzkammern von Gold und Elfenbein – das flimmerte, das glitzerte« – »Ob wohl das gleißende Gold der Athener immer alles in den Schmelzofen wanderte, Menon? Ob nicht vielleicht zufällig etwas davon hängen blieb unter den Fingern derjenigen, welche damit hantierten?« Bei dieser lauernden Frage sah der Bettler den Priester grinsend an. Dämonisch zuckte es auf in seinem Angesicht. »Ha, ha, ha«, lachte er – »Menon weiß zu kauern, zu lauern – sah ihn hantieren, auch wenn er sich allein und unbemerkt glaubte – sah ihn Schreine heimlich öffnen, wo das verborgene funkelte – ha, ha, ha – das helle Gold – das Gold der Athener – Augen machte er da wie ein schatzhütender Greif – griff darein wie mit Krallen – so – trat ihm der Schaum vor die Lippe, als er mich entdeckte – stieß mich zur Türe hinaus – wollte nicht, daß ich mich wärmte. – warte, du Wicht – blitze nur mit den Augen, alter, grauer Greif« ... Und wieder erhob der Bettler den Krückenstock wie drohend gegen den Parthenon, als wollte er diesen dem Meister zum Trotz in Trümmer schlagen. Nach einer kleinen Pause trat der Priester noch näher heran und flüsterte: »Höre, Menon, was du da gesagt, würdest du das auch auf der Agora sagen – vor den sämtlichen Athenern?« »Vor den sämtlichen Athenern – von den sämtlichen zwanzigtausend Lumpenhunden von Athenern! – Daß die Pest sie verderbe!« Von der Stunde dieser Unterredung an verbreitete sich durch ganz Athen die Kunde von harten, stolzen, kränkenden Reden, welche Pheidias geführt habe gegen seine Kunstgenossen und gegen das gesamte Athenervolk. Erzählt wurde, wie er die Volksherrschaft geschmäht, und wie er, sein Vaterland verachtend, die Elier gepriesen, und wie er Athen den Rücken zu kehren und fortan nur anderen Hellenen seine Dienste zu weihen geschworen. Zugleich wurde geflüstert von dem Golde, das man ihm von Staats wegen geliefert, und das nicht rein und voll aufgegangen in den Schmelzöfen seiner Werkstätte ... Wie ein böser Same ausgestreut, schossen diese Reden empor im Volke zu einer Giftsaat der Erbitterung und der Feindseligkeit auch gegen den edlen, still wirkenden Meister des Parthenon. – Der Tag war gekommen, an welchem die Sache Aspasias vor den Heliasten unter dem Vorsitze des Archon Basileus in einem der Gerichtshöfe der Agora verhandelt werden sollte. Vom frühen Morgen an umwogte das Volk den Gerichtshof. Ruhig und gefaßt war an jenem Tage unter allen Athenern nur Aspasia selbst. Sie stand im oberen Gelasse des Hauses und blickte durch eine fensterartige, auf die Straße hinausgehende Öffnung auf den Schwarm hinab, welcher gegen die Agora zog. Sie war etwas bleich, doch nicht vor Angst, denn um ihre Lippen schwebte ein verachtendes Lächeln. Perikles trat zu ihr. Er war bleicher als Aspasia, und ein tiefer Ernst lag auf seinen Zügen. Er warf schweigend einen Blick nach dem trüben Himmel hinauf. Es war ein grauer Tag. Schwärme von Kranichen zogen vom nordischen Strymon her über Attika, und ihr Gekrächze schien den Regen herbeizurufen. Nun kam ein langer Zug von meist betagten Männern die Straße herauf. Es war die Abteilung der Heliasten, welchen die Sache Aspasias zugewiesen war. Es waren die Richter, vor welchen das Weib des Perikles sich stellen, von welchen ihr Urteil gesprochen werden sollte. »Da, sieh die alten Bursche!« sagte Aspasia lächelnd und auf die Heliasten hinunterdeutend. »Die Hälfte von ihnen trägt schäbige Mäntel und hat ein hungriges Aussehen und stützt sich im Gehen auf die langen, mir unleidlichen Athenerstöcke, welche nicht einmal Pheidias in seinem Friese auf der Akropolis den Augen der Schönheitsfreunde erspart hat. Es sind auch welche darunter, die Knoblauch kauen und die schmutzigen Obolen, welche sie als Richtersold für diesen Tag soeben bekommen, zwischen die Lippen gesteckt tragen.« »Es sind Männer aus dem Volke«, sagte Perikles achselzuckend, »Es sind Männer jenes Volkes der Athener, welches dir einst wohlgefiel, und welchem zuliebe du, wie du mir erzähltest, den Perserhof und dein schönes Milet verließest und von Sehnsucht getrieben übers Meer herüber kamst, um es aufzusuchen und unter ihm zu leben« ... Aspasia antwortete nichts. »Dieses Knoblauch kauende, lange Stöcke tragende, Obolen in den Mund steckende Athenervolk«, fuhr Perikles fort, »ist eben dasselbe, dessen Wohlgestalt und ungezwungener Anstand dir bewundernswert erschien, dessen Vaterlandsliebe dich rührte, dessen kunstsinniger Geist dir nicht bloß in den Werken der schaffenden Bildner und Poeten unvergleichlich schien, sondern auch in der Begeisterung, in dem feinen Verständnis der Schauenden, Hörenden und Genießenden« ... »Nun aber weiß ich«, erwiderte Aspasia, »dem vielgerühmten, feinen attischen Volke ist ein Rest von Roheit, ich möchte sagen von Barbarei, noch immer beigemischt« ... »Nichts vollkommenes wandelt unter der Sonne!« sagte Perikles, »und großen Richtern gesellen sich um so größere Schatten. Ich erinnere mich, kürzlich in der Werkstätte eines unserer Bildner ein sonderbares Bildwerk gesehen zu haben: es war eine Gestalt mit Flügeln an den Schultern und mit Bocksfüßen. Dieser Mischgestalt ähnlich erscheint mir das athenische Volk. Es ist beschwingt zum höchsten Fluge, aber es wandelt auch auf Bocksfüßen. Im übrigen bedenke, daß das athenische Volk seine größten Vorzüge für sich allein hat, seine Schwächen aber mit andern teilt. Und wie das schönste Weib noch immer Weib, so bleibt das begabteste Volk noch immer Volk, behaftet mit den Schwächen und Leidenschaften dessen, was man eben das Volk, die Massen, die große Menge nennt.« »Mehr als andere«, rief Aspasia aufwallend, »ist das athenische Volk undankbar, wankelmütig, von jedem Hauche erregbar, leichtgesinnt« ... »Aber es ist liebenswürdig!« sagte Perikles mit leichter Ironie, »und genußliebend und heiter und ein begeisterter Freund und Pfleger des Schönen ... was willst du noch mehr, Aspasia? – Hast du nicht selber oft genug den armen Grübler Sokrates belächelt und bespöttelt, weil er vom Volke der Athener noch andere Tugenden zu verlangen schien, als diejenigen, die ich eben dir nannte?« Aspasia wandte stolz und wie verletzt sich ab. »Es ist Zeit«, sagte nach einer Pause Perikles, »zu gehen und uns in den Gerichtshof auf die Agora zu begeben, wo die Richter dich erwarten. – Hast du keine Furcht, Aspasia? Deine Züge verraten nichts davon, willst du die bange Besorgnis mir allein zu tragen überlassen?« »Ich fürchte«, versetzte Aspasia, »weit mehr des Knoblauchs Mißduft in jenen Räumen, als das Urteil, das aus dem Munde jener Männer mich treffen kann. Noch fühle ich von demselben Mute mich beseelt, der unter dem Pöbel von Megara und im Volksgedränge der Straßen von Eleusis in mir aufflammte.« Während dieses Gesprächs der beiden waren die Heliasten im Gerichtshofe auf der Agora angelangt, auch der Archon Basileus mit einigen untergeordneten Amtspersonen, öffentlichen Schreibern, hatte sich eingefunden, ferner die aufgerufenen Zeugen des Klägers und der Angeklagten. Vor dem Gerichtshofe aber tummelte sich der Schwarm des Volkes in lebhafter Bewegung. Bunt durcheinander schwirrten da die Reden, Urteile, Wünsche, Vorhersagungen. Man konnte Gegner, man konnte Anhänger der Angeklagten, man konnte Unparteiische vernehmen. »Wißt ihr, warum sie den Anaxagoras angeklagt haben und die Aspasia?« rief einer, »weil sie den Perikles empfindlich treffen möchten und sich an ihn selber nicht wagen. Denn es gibt keinen Menschen in ganz Athen, der es wagen möchte, den Perikles selber offen anzugreifen« ... »Aber könnte man's nicht?« rief ein verschmitztes Männchen mit lauernden Augen, herantretend. »Könnte man's nicht? Könnte man von Perikles nach langjähriger Verwaltung nicht bessere und genauere Rechnungslegung verlangen, als er bisher geleistet hat? Kommen in seinen Rechnungen nicht Kosten vor mit der bloßen Bezeichnung: »Zweckmäßig verwendet«? was soll das heißen, ich bitt' euch, zweckmäßig verwendet? He? Kann man dem Volke frecher Sand in die Augen streuen? Hört doch einmal, zweckmäßig verwendet« ... So rief der Mann und setzte seinen Weg durch die Menge fort und fragte überall, was das heißen solle: »zweckmäßig verwendet!« »Das sind Summen«, bemerkte ihm einer geheimnisvoll, »welche Perikles aufgewendet, um einflußreiche Männer im Peloponnesos mundtot zu machen, damit sie nichts Böses anstiften gegen Athen« ... »Damit sie ihn nicht hindern an der Aufrichtung der Tyrannis zu Athen!« fiel der Verschmitzte mit den lauernden Augen höhnisch lachend ein. »Denn wenn ihr euch einbildet, daß der gelehrte Perikles, so oft er mit seinen Freunden flüstert, mit ihnen nur Flohfußlängen und Mückensteißweiten berechnet, so irrt ihr! Er faselt schon lange von der Einheit des Gesamthellenenlands – er möchte, um es kurz herauszusagen, Tyrann von ganz Hellas werden. Sein Weib, die Milesierin, hat ihm diesen Wurm ins Ohr gepflanzt, der sich jetzt in sein Gehirn einbohrt und ihn in Raserei versetzt. Nach nichts Geringerem als nach einer Krone gelüstet's dieser Hetäre: sie möchte gerne Königin heißen – Königin von Hellas; die Lorbeern ihrer Landsmännin lassen sie nicht schlafen.« So der scharfzüngige Tyrannisriecher. Im Gerichtshofe auf der Agora aber saßen bereits, des Beginns der Verhandlung gewärtig, auf ihren hölzernen Bänken die Richter. Den Vorsitz führte der Archon Basileus, umgeben von Schreibern und Dienern. Von Schranken umschlossen war die Gerichtsstätte, eine Gittertür gewährte nur denjenigen Einlaß, welche der Archon Basileus aufrief. Jenseits dieser Schranken drängte sich das Volk, soviel dessen Platz fand, um die Verhandlung mit anzuhören. Den Bänken der Richter gegenüber war dem Angeklagten sowohl als dem Kläger eine etwas erhöhte Bühne eingeräumt, welche die Gestalten derselben weithin sichtbar, die Stimmen derselben weithin vernehmlich machten. Auf dem einen dieser erhöhten Plätze saß Hermippos, ein Mann von unheimlichem Wesen, dessen stechendes Auge unruhig umherschweifte. Auf dem andern saß Aspasia, neben ihr Perikles. Denn als Weib, mehr noch als Ausländerin, mußte sie vor Gericht sich vertreten lassen von einem Manne, einem einheimischen Bürger. Ein das Herz vieler bewegendes Schauspiel war es, das schönste und gefeiertste Weib ihrer Zeit, das Weib des großen Perikles, auf der Bühne der Angeklagten zu sehen. Daß Perikles neben ihr saß, ihr Mitangeklagter gleichsam, vermehrte noch das Ernste und Ergreifende des Anblicks. Mit einem gewissen Stolze warfen die Richter und die Mehrzahl des Volkes selbst sich in die Brust, da sie sahen, wie auch die Mächtigsten vor ihrem Richterstuhl sich stellen, dem allwaltenden Bürgergesetze sich unterwerfen mußten. Mit boshaften Augen blickte Hermippos auf das schöne Weib herüber, über dessen Antlitz eine sanfte Blässe lag, die den Eindruck des ungebeugten Sinnes, welcher aus ihren Zügen leuchtete, kaum zu mildern vermochte. Jetzt eröffnete der Archon Basileus die Verhandlung. Er nahm dem Kläger einen Eid ab, daß er nur um der Wahrheit und Gerechtigkeit willen die Anklage eingebracht. Die Richter selbst hatten schon beim Antritt ihres Amtes den Eid der Gerechtigkeit und Gewissenhaftigkeit verlesen. Nun ließ der Archont durch einen öffentlichen Schreiber zuerst die Klageschrift, dann die auf die Klageschrift eingereichte Gegenschrift verlesen. Dann forderte er den Kläger auf, seine Klage mündlich und ausführlich zu begründen. Hermippos erhob sich. Seine Rede troff von Sarkasmen. Man fühlte sich auf die komische Bühne versetzt. Er besprach mit scharfen, einschneidenden Worten die Tatsachen, auf welche, seinem Vorgeben nach, die Anklage gegen Aspasia sich stützte: wie sie zu Eleusis vor allem Volke unehrerbietig gesprochen von den eleusinischen Göttinnen und von den heiligen Gebräuchen des Landes; wie sie Verkehr gepflogen mit Sophisten, mit Anaxagoras, mit Sokrates, vor allem aber mit jenem beredtesten Götterleugner Protagoras, welcher eine geraume Zeit zu Athen gelebt, gegenwärtig sich aber wieder, Irrlehren predigend und die Jugend verderbend, umhertreibe in anderen hellenischen Städten; wie sie ferner ihr ganzes Trachten darauf gerichtet, die athenischen Frauen zur Widerspenstigkeit gegen die Satzungen des Landes aufzustacheln, und wie sie einmal bei Gelegenheit des Thesmophorienfestes vor alle Athenerinnen hingetreten, um sich mit ihnen zu verschwören zum Umsturz jener ehrwürdigen Gesetze, durch welche die Ehe und das Familienleben der Athener geheiligt sind; wie sie ferner freigeborene Frauen in ihr Haus gelockt, um sie zur Buhlschaft und zu den Gesinnungen der Hetären zu verführen, endlich gar so weit gegangen, eine Anzahl von Mädchen im Hause zu halten, offenbar zu keinem anderen Zwecke, als um sie zur Selbstpreisgebung heranzubilden und sie angesehenen Männern Athens zu verkuppeln. Als Zeugen führte Hermippos viele von denjenigen vor, welche zu Eleusis die öffentlichen Aeußerungen Aspasias mit angehört; von einigen aber ließ er die schriftlichen Aussagen durch den öffentlichen Schreiber vorlesen. Die Aufreizung der Frauen zur Verschwörung gegen die Staatsgesetze ließ er von Weibern bezeugen, welche an jenem Thesmophorienfeste teilgenommen. Den Versuch der Verführung freigeborener Frauen zur Zuchtlosigkeit ließ er durch die vorgelesene Aussage der Gattin des Xenophon bekräftigen, welcher diese Zeugenschaft erpreßt worden war von Telesippe und der Schwester des Kimon. Was die jungen Mädchen im Hause Aspasias anlangte, berief er sich auf die allgemeine Kenntnis der Athener von dieser Sache und versäumte nicht, hervorzuheben, wie eben um jener Mädchen willen in letzter Zeit der athenische Staat selbst in nicht ungefährliche Verwickelungen geraten sei mit Megara und mit den Verbündeten dieser feindselig gesinnten dorischen Nachbarstadt. Er schloß mit der Darlegung, daß Aspasia sich dreifach vergangen: gegen den Götterglauben und die Religion des Landes, gegen den Staat und das Ansehen seiner Gesetze, gegen die gute Zucht und die Sittlichkeit. Er ließ von dem Schreiber eine Anzahl von Gesetzen vorlesen und wies nach, daß nach athenischem Recht alle jene Handlungen straffällig, und daß auf die meisten derselben der Tod als Strafe gesetzt, Aspasias Haupt und Leben also, nachdem sie jener Verbrechen überführt worden, dem Gesetze verfallen sei. Er bat schließlich die Richter in leidenschaftlich gesteigerter Erregung und mit gehobener Stimme, sich des Heiligsten, was ein Gemeinwesen besitze, anzunehmen, den auf den Umsturz väterererbter Satzungen abzielenden Uebermut jener Fremden zu züchtigen und den bisher göttergeliebten, göttergesegneten Staat der Athener nicht untergehen zu lassen in der Schule der Zuchtlosigkeit, der Gesetzesverachtung und der Götterverleugnung. Die feurige Rede des Hermippos machte einen tiefen Eindruck auf die Richter, deren Mehrzahl betagt und aus den untersten Klassen des Volkes hervorgegangen war. Auch in dem Schwarme, welcher jenseits der Schranken mit lautloser Stille der Auseinandersetzung des Hermippos gefolgt war, erhob sich ein Gemurmel: »Hermippos hat glänzend gesprochen – seine Beweisführung war scharf und schlagend – er hat die Gesetze auf seiner Seite – das Haupt der Milesierin ist dem Tode verfallen.« – Nachdem Hermippos geendet und auf seinen Sitz sich niedergelassen, erhob sich Perikles. Augenblicklich herrschte wieder die tiefste Stille, und jedes Ohr horchte gespannt nach dem ersten Laut aus dem Munde des Gatten Aspasias. Perikles schien verändert in seinem Wesen. Nicht so erschien er, wie vor dem Volke auf der Pnyx, wenn er die Rednerbühne bestieg und in würdevoller Ruhe, sicher des Erfolges, seine Meinungen kund gab. Zum erstenmal schien die Ruhe erkünstelt, die er äußerlich auch heute zur Schau trug, und ein leises Erzittern der Stimme machte sich bemerklich, als er anhub zu reden. Er leugnete die Schuld Aspasias. Er suchte, einen Klagepunkt um den andern vornehmend, darzutun, daß es nur der gehässigen Uebertreibung gelungen, Aspasias Verhalten bis auf das Gebiet todeswürdigen Verbrechens hinüberzuziehen. Und wo er nicht leugnen konnte, daß des athenischen Gesetzes Buchstabe wider Aspasia spreche, da berief er sich von den Handlungen auf die edlen Absichten und suchte klar zu machen, daß edles Bestreben niemals verbrecherisch sein könne. Aber es war diesmal etwas Unsicheres in der Beweisführung des gepriesenen Redners, welcher den Beinamen des Olympiers führte. Und man mußte bemerken, daß seine Worte nur einen geringen Eindruck auf die Hörer hervorbrachten. War die innere Bewegung zu groß, die seinen Sinn befing? – Zuletzt aber tat Perikles, wie Hermippos getan. Er ließ seiner Auseinandersetzung eine Ansprache an die Richter folgen, welche, aus dem Gemüte kommend, sich an die Gemüter wendete. Er sagte: »Dies Weib hier ist meine Gattin. Und wenn sie schuldig ist der Verbrechen, deren jener sie anklagt, so bin ich ihr Mitschuldiger. Hermippos klagt uns an, daß wir das Ansehen der Götter geschmälert, das des Staates beeinträchtigt, die Zucht und die Gesittung geschädigt. Männer von Athen! Wenn ich mir etwas vom Ruhme dessen anmaßen darf, was ihr getan auf mein feuriges Betreiben, so habe ich das Ansehen der Gottheiten des Landes nicht geschmälert, sondern sie verherrlicht wie keiner vor mir durch prächtige Tempel und ragende Bildwerke auf der Akropolis und zu Eleusis. Ich habe den Staat nicht beeinträchtigt, sondern für ihn gekämpft in Schlachten, ich habe die Macht der Oligarchen gebrochen und dem Volke die Freiheit gegeben. Ich habe die Zucht und die Gesittung nicht geschädigt, sondern gefördert, indem ich unter euch die Pflege des Edlen und des Schönen zu verbreiten suchte, dieser ewigen Ueberwinder alles Gemeinen und Rohen. Und in solchem Bemühen, Männer von Athen, hat mich dieses Weib, Aspasia von Milet, nicht gehindert, sondern unterstützt und angespornt. Ihr Verdienst ist zum nicht geringen Teil, was das Volk und die Stadt der Athener vielleicht für alle Zeiten verherrlicht! Nicht mit dem Verfall dieses Gemeinwesens, sondern mit der edelsten Blüte, Macht und Herrlichkeit wird ihres Namens Andenken für immer verknüpft sein. – Dies sind die Tatsachen, ihr Männer von Athen, und wir beide glauben uns verdient gemacht zu haben um Volk und Stadt der Athener. Jener Hermippos aber kommt und ruft euch zu: »Reißt das erkorene, das angetraute Weib vom Busen des Perikles und schleppt sie vor seinen Augen zum Tode!« – Bei diesen Worten trat eine Träne in das Auge des Perikles. Eine Träne im Auge des ruhigen, würdevollen Perikles. Eine Träne im Auge des Olympiers! Sie wirkte wie etwas, das nicht denkbar ist nach gewöhnlichem Naturgesetz. Sie wirkte verblüffend, wie eine Wundererscheinung, wie ein Meteor, wie ein göttergesandtes Zeichen vom Himmel ... Diejenigen, welche mit eigenen Augen gesehen hatten, wie die Träne einen Moment erglänzte in dem männlichen Auge des Perikles, um rasch zerdrückt wieder zu verschwinden, sahen sich mit ernster Miene an. Sie flüsterten einander zu: Perikles hat geweint! Vom Saale des Gerichts verbreiteten sich hinaus auf die Agora die Worte: Perikles hat geweint! Von der Agora lief es in kurzer Zeit durch die ganze Stadt Athen: Perikles hat geweint! Zu gleicher Zeit kam nach Athen die Nachricht von einem Seetreffen bei Sybota, in welchem athenische Schiffe den Kerkyräern gegen die Korinther siegreich zu Hilfe gekommen. Aber man hörte nur halb auf die Kunde – man sprach von der Träne des Perikles. Der Rede des Hermippos vor den Heliasten war eine Schranke gesetzt worden durch die ablaufende Sanduhr, der Rede des Perikles machte die hervorquellende Träne eine Ende. Ein Diener trat auf den Wink des Archonten hervor und verteilte die Stimmsteine unter die Richter. Jedem von ihnen gab er vor aller Augen einen weißen und einen schwarzen Stein, einen lossprechenden und einen verdammenden. Dann verließen die Heliasten ihre Sitze, näherten sich einer nach dem andern einer ehernen Urne und warf einen Stimmstein in dieselbe, den von weißer oder den von schwarzer Farbe. Den zweiten übrig gebliebenen Stein warfen sie in ein anderes hölzernes Gefäß. Die erste Abstimmung der Heliasten galt der Schuld oder Unschuld. Die zweite galt im Schuldfalle der beantragten Strafe des Angeklagten. Nun waren die Stimmsteine sämtlicher Heliasten abgegeben. Sorgsam wurden die weißen und die schwarzen sofort gezählt unter den Augen des Archonten. Mit unendlicher Spannung waren die Augen aller auf die aus der Urne hervorrollenden weißen und schwarzen Steine gerichtet. Und siehe da! Die hellen Lebenslose mehrten sich, und siegreich überglänzten sie die dunklen Todeslose. Das Weib des Perikles war freigesprochen. In die Wagschale der Themis war entscheidend die schwerwiegende Heldenträne gefallen. Aus dem Munde des Archonten erklang die Entscheidung und verbreitete sich wie auf Schwingen getragen über die ganze Agora. Aspasia erhob sich. Ein leichtes Erröten färbte ihr Antlitz. Ihr Blick streifte einen Moment mit hellerem Glanze die ehrwürdigen Häupter der Heliasten. Dann reichte sie stumm ihre Hand dem Perikles. Und dieser führte sie hinweg. Ein Schleier deckte ihr Gesicht, während sie die Menge durchschritten. Auf der Agora empfing und begleitete den Perikles ein hellstimmiger Gruß der Athener. In allen Gassen, welche Perikles heimkehrend durchschritt mit seiner verschleierten Gattin, staute sich das Volk und das Verschiedenste wurde nach der Gesinnung des einzelnen bei Aspasias Anblick ausgerufen oder geflüstert. Ein Ausruf aber war es, der immer und überall wiederkehrte, und dieser Ausruf lautete: »Welch ein herrliches Weib ist noch immer Aspasia!« Dieser Ausruf erhielt zuletzt die Oberhand über alle andern, und nur noch der verrückte Menon rief der schönen Milesierin, als sie an ihm vorüber kam, ein freches Schmähwort nach. Plötzlich stand, aus der Menge auftauchend, Sokrates neben Perikles und Aspasia. »Ich wünsche dir Glück, Aspasia!« sagte er, sich den Wandelnden anschließend. »Welche Stunden der Qual waren diese letzten für deine Freunde!« »Wo warst du«, fragte Aspasia, »während das Entscheidungsurteil gefällt wurde?« »Immer mitten unter dem Volke!« erwiderte Sokrates. »Und welche Reden vernahmst du im Volke, während dieser langen Zeit?« fragte Aspasia wieder. »Viele und mannigfache«, versetzte Sokrates; »zuletzt blieben aber nur zwei davon übrig und gingen von Munde zu Munde.« »Und wie lauteten diese?« »Perikles hat geweint!« und »Welch ein schönes Weib ist noch immer Aspasia!« »Sonderbares Zusammentreffen!« fuhr Sokrates in seiner klügelnden und wunderlichen Weise fort. »Das schönste Weib ist Aspasia, und des schönsten Weibes glücklicher Gatte hat geweint! – Gib acht, Aspasia, daß diese Träne des Perikles die letzte bleibe! Denn nur die erste Träne des Mannes ist erhaben, die zweite wäre lächerlich. Nur die erste ergreift, erschüttert – eine zweite bliebe wirkungslos. Perikles darf niemals wieder weinen! Hörst du, Aspasia? Perikles darf niemals wieder weinen!« »Bin ich es etwa, welche darauf ausgeht, Tränen dem Auge des Perikles zu entpressen?« fragte geheim verletzt Aspasia. »Ich behaupte nichts als dies, daß Perikles niemals wieder weinen darf!« erwiderte Sokrates und verlor sich unter der Menge. Aspasia war erregt. Wie? das feindlich gesinnte Volk der Athener hatte sie heute freigesprochen, und aus der Schar versöhnter Feinde trat ein Freund hervor, mit nörgelndem, unheilkündendem Wort sie anzuklagen? – »Du kennst den Wunderlichen!« sagte Perikles. »Habe Geduld mit ihm! Du weißt, er meint es gut mit uns!« – Aspasia aber zürnte. Und ein Gedanke, längst gehegt in ihrer Brust, den Sonderling zu strafen für den immer bereiten, immer verwegenen Freimut seiner Zunge, erwachte mit verstärkter Gewalt aufs neue in dem hochgesinnten Weibe, während es siegesstolz an der Seite des Gatten dahinschritt. – Zwei Männer folgten in einiger Entfernung dem Paare mit lauernden Blicken; ein höhnisches Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie miteinander flüsterten. Es war Diopeithes und der Oligarch Thukidydes. »Das Weib ist uns entwischt!« sagte finster blickend der Oligarch. »Desto schlimmer für sie!« versetzte der Priester. »Du kennst das Volk, wäre sie verurteilt worden, so würde man sie bedauern und den Perikles bemitleiden; nachdem sie frei ausgegangen, wird man alsbald sagen, daß die Richter doch zu milde geurteilt haben, und daß die Macht des Perikles immer gefährlicher wird, wenn man ihm zu Liebe die Schuldigen freispricht!« »Triumphiere nur für heute!« fuhr Diopeithes fort, aus der Ferne die Faust hinter dem Gatten Aspasias ballend: »Die Pfeile, die du vom Haupte deines Weibes abgelenkt, sie werden um so sicherer dein eigenes treffen!« XXII. Kämpfe und Siege. erikles betrat mit seinem Freunde Sophokles in morgendlicher Stunde die Agora, als der finsterblickende Euripides, begleitet von dem Wahrheitsucher, des Weges kam. Ein wenig überrascht durch den Anblick des Gepäcks, welches einige Sklaven hinter ihm hertrugen, standen jene beiden stille und fragten den Reisefertigen, was dieser Aufbruch bedeute und wohin er die Fahrt zu richten gedenke. »Ich schiffe nach Salamis hinüber«, versetzte Euripides. »Auf dem stillen Eilande hoffe ich endlich die Abgeschiedenheit und den Frieden zu finden, dessen ich bedürftig bin. In der Ufergrotte, in welcher ich das Licht der Welt zuerst erblickte, will ich fortan meinen Lieblings-Ruhesitz aufschlagen und ohne Störung meinen Gedanken mich überlassen.« »Bietet denn nicht dein Landhaus dir der Stille genug und der Abgeschiedenheit?« fragte Perikles. »Sprecht mir nicht von dem Landhause!« erwiderte unwirsch der Dichter, »Gründlich ist dies mir verleidet worden durch das Ueberhandnehmen der Froschbrut, welche des Abends in dem nahen Weiher quakt, noch mehr aber der Grillenschar, welche durch ihr unabläßliches Gezirpe bei Tag und Nacht mich stört im Denken und Dichten. Der alte Schwätzer Anakreon hat sie besungen, diese »hellstimmigen Zikaden«, ich aber verwünsche sie! Wund ist mir das Haupt, und schier verrückt bin ich geworden vom schrillen Gelärm dieser Quälgeister, dieser zirpenden bösen Dämonen! Vergebens half Freund Sokrates mir ein paar Tage lang, sie in ihren Löchern zu haschen und auszutilgen ... Du lächelst, lammherziger Sophokles? Du bist freilich im stande, uns stehenden Fußes eine begeisterte Lobrede auf die Grillen und die Frösche zu halten!« »Warum nicht?« sagte Sophokles lächelnd. »Die ganze Natur ist ja klangfroh und singt. Es singen die Wellen, es singen die Winde, die Fichte singt, es singt der Stein, wenn ihn der Fuß des Wanderers anstößt. Und so gerne hört der Klang sich selbst, daß er, ein Narziß, sein eigenes Bild beliebaugelt im Spiegel der Eccho. Darum, trefflicher Euripides, laß uns auch den Grillen und den Fröschen ...« »Da haben wir's!« fiel Euripides dem Sprecher mit Heftigkeit ins Wort. »O, diese Schöngeister, diese »Schönheitseligen«, diese »Schönlebenden«, und wie sie sich sonst genannt wissen mögen! Alles, auch das verwünschteste, verstehen sie mit dem Firnis schöner Redensarten zu übertünchen, nirgends gewillt, dem Ernste des Lebens ernst ins Auge zu blicken! Ich sage euch, die Zikaden bleiben ein unleidliches Geschmeiß, was auch der alte Anakreon und nach ihm der fromme Sophokles hier darüber poetisch flunkern mögen. Im übrigen sind es, wie ihr wißt, nicht bloß die Grillen und die Frösche, welche mir den Aufenthalt auf attischer Festlandserde verleiden. Es gefällt mir nicht mehr zu Athen. Man hat nicht Lust, um eines entlaufenen Weibes willen den Spott der Gassenjungen zu ertragen, so attisch gewürzt er auch sein mag. Nicht nach meinem Geschmack ist diese Verlotterung des Lebens, und allerlei Bedrohliches liegt auch sonst noch in der Luft. Wozu sind wir denn aufgeklärter geworden, wenn sich die Sitten verschlechtern? – Lebet wohl! Ich gehe vorläufig nach Salamis hinüber« ... »Soll denn unser Glück vom Orte abhängen?« wandte Sophokles ein. »Man muß ausharren an seiner Stelle. Des griechischen Mannes Stolz soll es sein, denke ich, bei allem Herben und Düsteren, das etwa hereinbricht, in sich selbst unverändert zu bleiben, fortzuleben in ungetrübter Heitre und Schöne, als einer, der das Höchste und Beste des Menschheitslebens in der schönen Harmonie des eigenen Wesens verwirklicht und durch nichts gestört wird im edelsten Genüsse des Daseins.« »Und wenn das Alter dir naht mit den schlotternden Knien«, warf Euripides ein, »und die Quellen des Genusses versiegen?« »Dann werde ich auf den Genuß, dessen Quellen versiegen, Verzicht leisten«, entgegnete Sophokles; »aber nur, um des Mannes froher Lebenslust, die noch immer mit einer gewissen Unruhe verknüpft ist, die noch unvergleichlich schönere, wahrhaft göttliche Ruhe und Heiterkeit, den halkyonischen, durch die Schönheit erst recht verklärten Frieden des Greises folgen zu lassen.« »Du sprichst als ein Sohn der guten, alten Zeit«, sagte Euripides, »und bedenkst nicht, daß wir allgemach zu nachdenklich geworden, um in idyllisch-schöner Heiterkeit so hinzuleben.« »Was mich betrifft«, hub jetzt Sokrates bedächtig an, »so finde ich es von Sophokles wunderbar gesagt, daß wir eine schöne Harmonie des eigenen Wesens bewahren müssen. Ich möchte nur erfahren, und es drängt mich, unsern Sophokles ausdrücklich zu fragen, ob er, von »schöner Harmonie« sprechend, das Sittliche im Auge hat, oder ob er die Harmonie in jenem Sinne schön sich denkt, wie man etwa Frauen oder Werke der Bildkunst schön und angenehm und für das Auge wohlgefällig nennt? Ob er, um es anders zu sagen, das Hauptgewicht auf das Gute legt oder auf das in gewöhnlichem Sinne schön Genannte? Womit wir denn wieder bei jener alten, so oft zwischen uns aufgeworfenen und niemals von uns erledigten Frage angelangt wären, ob das Schöne vor dem Guten oder dieses vor jenem den Vorrang verdiene?« Mit Spannung blickte nach diesen Worten der Wahrheitsucher dem Dichter ins Angesicht, die Antwort desselben erwartend. In demselben Augenblicke aber entstand ein Lärm und eine Bewegung unter dem Volke, welches inzwischen auf der Agora sich angesammelt hatte. Das Zeichen zum Beginne der Volksversammlung auf der Pnyx war gegeben worden, und alles setzte sich dahin in Bewegung. Lächelnd sagte, ebenfalls diese Richtung einzuschlagen sich anschickend, Perikles: »Auch heute, vielwerter Sohn des Sophroniskos, werden wir deine Lieblingsfrage nicht erledigen. Denn auf die Pnyx wird das Volk der Athener soeben berufen, und Dringenderes gibt es für uns dort zu entscheiden« ... Sokrates stand da, schweigend und betroffen wie einer, dem neuerdings so recht zur Unzeit das Wort sozusagen vor dem Munde abgeschnitten worden. »Myrmekides«, sagte ein athenischer Bürger zu seinem Nachbar, im Begriff die Agora zu verlassen und mit den übrigen erregten Massen des Volkes gegen die Hochfläche der Pnyx emporzusteigen, »was wir auch immer heute da oben beschließen mögen, mir ahnt Schlimmes, Schlimmes für Hellas. Es verlauten Orakel – Unheils-Orakel; auch Orakel des Bakis gehen um, die jetzt auf einmal verständlich werden. Aber was das Bedenklichste, du weißt, daß Delos, das heilige Delos, die Insel des ionischen Stammgottes Apollon, niemals heimgesucht wurde von einem Erdbeben.« »Niemals!« versetzte Myrmekides; »jeder Knabe weiß von Kindesbeinen an, daß das heilige Delos wie mit ehernen Ketten befestigt ist am Meeresgrund und nicht wie die andern Eilande des Archipelagos erschüttert werden kann durch das unterirdische Gewitter.« »So glaubte man bis gestern«, fuhr Rynogenes fort; »aber gestern ist die Nachricht eingelaufen, daß ein minutenlanges Beben verspürt worden ist auf der Insel, und daß dumpf und drohend das untere Gewitter unter derselben dahinfuhr.« »Delos erschüttert?« rief Myrmekides; »dann gibt es nichts Feststehendes mehr in Hellas!« Andere Männer gesellten sich zu Myrmekides und Kynogenes, in ihr Gespräch sich mischend. Aber sie wurden bald unterbrochen und veranlaßt, sich umzuwenden, durch einen lauten Tumult, der hinter ihnen noch im Bereiche der Agora sich erhob. »Ein Megarerhund!« erscholl es, »ein Megarerhund!« – »Tötet ihn, steiniget ihn!« Eine große, schreiende Menge hatte rasch um einen Mann sich versammelt, welcher von einigen Athenern ergriffen worden und unter Ausbrüchen des Zornes festgehalten ward. Es war nicht das erste Mal, daß ein Megarer in böse Händel verwickelt wurde zu Athen. Schon bevor der athenische Markt und die Hafen Athens der dorischen Nachbarstadt untersagt worden, war mancher Bürger derselben, der etwa fett gemästete Ferkel oder anderes auf den Markt zu Athen brachte, dort schmählich geneckt, gescholten oder gezaust worden. Zur Wut aber hatte sich der Groll gegen die Megarer bei den Athenern gesteigert, seit jene in barbarischer Roheit es gewagt, den von Athen nach Megara gesendeten Herold zu erschlagen. Seit jenem Tage hatte das athenische Volk geschworen, jeden Megarer, der sich zu Athen betreffen lassen würde, augenblicklich zu steinigen. Der Ergriffene flehte um sein Leben und schwur bei allen Himmlischen, daß er kein Megarer, daß er aus Eleusis komme. »Glaubt es nicht!« rief derjenige, der ihn zuerst gefaßt hatte und ihn noch immer wie mit eherner Hand festhielt. »Glaubt es nicht! Ich kenn' ihn! Ein Megarerhund ist's – ein Megarerhund!« In diesem Augenblick kamen einige Archonten vorüber, und diese, nachdem sie die Sache erkundet, verhinderten des Mannes Ermordung, riefen einige skythische Bogenschützen herbei und ließen denselben gefangen hinwegführen. Eben auf der Pnyx, ein wenig abseits vom Orte der Volksversammlung, flüsterten drei Männer leise, doch eifrig zusammen. Es war der Gerber Kleon, der Schafhändler Lysikles und der Wurstmacher Pamphilos. Sie schienen unter sich nicht einig zu sein ... Jetzt schritten die Gesandten der Lakedaimonier den Weg der Pnyx herauf, um sich in die Volksversammlung der Athener zu begeben. Genugtuung zu fordern waren sie gekommen für das ihnen stammverwandte, verbündete Megara. Mit feindseligen Blicken maßen sich diese spartanischen Männer und die Mehrzahl der sie umgebenden Athener. Aber ein Oligarch flüsterte dem anderen leise ins Ohr: »Sollen wir Krieg oder Frieden wünschen?« »Es wäre vielleicht ersprießlich«, versetzte der andere, »wenn die Peloponnesier kämen und ein wenig aufräumten im Lande« ... Erregter als es die Pnyx bestiegen, kam das athenische Volk nach Verlauf einiger Stunden wieder von dort herab. Auf der Agora bildeten sich zahlreiche Gruppen. »Ich finde, daß Perikles niemals so trefflich gesprochen!« rief Myrmekides. »O dieser Fuchs mit dem Löwenantlitz! Wie maßvoll er sich benahm, wie ruhig, wie voll scheinbarer Nachgiebigkeit! Wie schien er bereit zu jedem möglichen Zugeständnis! Nur stellte er Gegenforderungen, von welchen er wohl wußte, daß man sie niemals gewähren würde! Welch ein Meisterzug, als er sagte, Athen sei bereit, seinen Bundesgenossen die volle Freiheit zurückzugeben, nur müßten die Sparter vorher mit den ihrigen das gleiche tun!« »Ich wittere Teergeruch, Rudergeknarr, Trierarchengeschrei, Pallasbildervergolderei im Piräus« – sagte der Bartscherer Sporgilos bedenklich. »Warum nicht, du Hasenfuß?« riefen die andern. »Hast du keine Lust zu einem fröhlichen Seezug?« »Ei, das Meer ist doch immer so eine salzig bittere Sache!« gab Sporgilos zurück. »Laß dich mit Knoblauch füttern!« scholl es um ihn, »mit Knoblauch, du Memme, wie die Kampfhähne, damit du hitziger wirst und Mut bekommst!« – Jetzt wurde die Stimme Kleons, die Stimme des berufenen Gerbers Kleon, in einer anderen dichten Gruppe vernehmlich. »Ich will Krieg, aber ohne den Perikles!« rief er, »Der Krieg darf den Perikles nicht noch größer machen, wie wollen wir Rechenschaft von ihm verlangen, wie wollen wir ihm beikommen, wenn er an der Spitze eines Heeres oder einer Flotte steht? Also fort mit Perikles! Die Forderung der Sparter, daß er als Alkmäonide aus Athen verbannt werde, diese einzige Forderung hätte man bewilligen sollen! Man verbanne den Perikles! Man verbanne den Perikles!« So rief Kleon unter heftigen, plumpen Gebärden, indem er immer sich mit dem ganzen Leibe herumwarf und keinen Augenblick auf derselben Stelle verharrte. »Krieg, aber ohne den Perikles!« wiederholte er unablässig. Derselben Meinung war Pamphilos, welcher jedoch mit wetteiferndem Geschrei hinzufügte, daß man den Perikles nicht verbannen, sondern um seiner Staatsverwaltung willen zur Rechenschaft ziehen und in den Kerker werfen müsse. Nun kam der alte Kratinos herbei, mit Hermippos und einem dritten Begleiter, einem Jüngling, welcher in noch weit höherem Grade den »attischen Blick« hatte als die beiden, und von welchem es hieß, daß er nächstens ebenfalls mit einer Komödie hervortreten werde. »Bist du für den Krieg oder für den Frieden, alter Satyr?« rief dem weinseligen Alten einer aus der Menge entgegen. »Ich«, versetzte dieser, »ich bin für gebratene Hasen, Wein im Kruge, Silber im Kasten, Feigen im Speicher, bekränzte Böcke, Lämmergeblök, Dionysosfeste, frischen Most, umgestürzte Kannen, dralle, hochaufgeschürzte, tanzende Dirnen« ... »Dann bist du also für den Frieden?« ... »Jawohl, und dagegen, daß man den Megarern den athenischen Markt versperrt. Nehmt Vernunft an, ihr veilchenbekränzten Athener! Laßt ab davon, jede Vettel, die auf dem Markt sich blicken läßt, zu beargwöhnen, daß sie ein Mann und verkleideter Megarer sei! Seit ihr die Megarer vom Markte ausschließt, ist kein gutes gebratenes Ferkel mehr zu haben, wie es alte Marathonssieger verdienen. Bald wird es dahin kommen, daß wir gebratene Grillen verzehren. Im übrigen, was zankt ihr euch denn da noch über Krieg und Frieden? Sind die Sparter aus der Volksversammlung mit einem andern Bescheide hinweggegangen, als Perikles beantragt hat? Laßt doch den Perikles walten und die anderen dergleichen, die Volksmänner, die Gerber und Wollviehhändler und Wurstmacher, die euch den Bart krauen und die Fliegen vom Kopf wedeln und den Staub von den Schuhen putzen und die Flocken vom Gewand herunterlesen« ... Diese Stichelreden versetzten das Blut des Kleon in Wallung. »In einem Punkte«, rief er, »hat Perikles recht getan: indem er dem bissigen, zuchtlosen Völkchen der Komödienschreiber einen Maulkorb anzulegen versuchte – diesen Kötern, die nach jedermanns Wade schnappen« ... »Ei, siehe da, Kleon!« rief Kratinos; »Kleon, der Fürchterliche! Hätt's gar nicht gewagt, hierher zu kommen, wenn ich gewußt, daß der Gieriggezahnte, Grausige mit den rollenden Augen da ist. Schon der fernhin verbreitete Ledergeruch hätte mich eines Besseren belehren sollen.« Kleon ergrimmte. Myrmekides hielt ihn zurück, während Kratinos fortfuhr: »Zuchtlos nennst du uns, dieweil wir die Fuchtel über den Köpfen schwingen, unbekümmert, wen es trifft? Trifft es nicht immer den rechten Mann, so trifft es doch die rechte Sache vielleicht! Fragt Zeus im Himmel, wenn es blitzt, wohin es trifft? Ihm ist's genug, wenn er die Lüfte gereinigt.« »Alter Geiferer!« rief Kleon; »bist du nicht der Mann, von dem es heißt, daß er seine Begeisterung vom Fasse zapft?« »Und du«, entgegnete Kratinos, »bist du nicht der Giftgeschwollne, von dem es heißt: eine Schlange biß ihn neulich und – krepierte? Aber das tut nichts, wir fürchten uns nicht, wir nehmen den Kampf auf mit dem Seehundsledergestank, mit den Wutblicken der rollenden Triefaugen, mit hundert rotbehaarten Cerberusköpfen. Und wenn wir nur erst mit dem Weiberhelden Perikles fertig geworden: mit den Schalksnarren, den Wurstmachern, den Wollviehhändlern, den Gerbern denken wir und die sämtlichen »veilchenbekränzten Athener« in halbem Schlafe fertig zu werden. Bei diesen Worten des Kratinos erscholl plötzlich hinter einer Säule hervor ein gelles Hohngelächter. Man blickte hin und sah hinter der Säule den tollen Menon kauern. »Sieh da, Menon!« rief jener jüngste von den drei Komödiendichtern. »Der Kerl sieht so zerrissen und so schmutzig aus, daß ihn ohne Zweifel Euripides nächstens zum Helden eines Rührstücks machen wird!« Die Athener lachten. Menon fletschte die Zähne und rief: »Lumpenhunde! veilchenbekränzte Lumpenhunde!« Man wollte ihn prügeln; er hetzte seinen Hund gegen die Angreifer. Jetzt hob man Steine auf, um sie nach seinem Kopfe zu werfen. In diesem Augenblicke kam aber Sokrates herbei, erbarmte sich des Mannes und führte ihn aus dem Gedränge fort. Die Menge zerstreute sich dann. Pamphilos erblickte, zornig hinweggehend, den Perikles, schloß sich ihm an und verfolgte ihn den ganzen Tag, so oft er ihn sah, mit Schmähreden. Wieder ging er hinter ihm her. »Du bist ein Tyrann, wie Peisistratos!« sagte er. »Zum Scheine nur hältst du die Volksherrschaft aufrecht. In der Tat bist du es allein, der die Zügel Athens in Händen hat!« Perikles schwieg. »Du willst die Athener in einen Krieg stürzen«, fuhr Pamphilos fort, »um das Heft in der Hand zu behalten und nicht Rechenschaft legen zu müssen!« Perikles erwiderte nichts. »Du lässest das Verdienst anderer Männer, die nicht weniger als du zu Rednern und Volksführern geboren sind, nicht aufkommen!« eiferte Pamphilos. Perikles war stumm. »Du hast deine Herrscherkunst gelernt im Umgang mit Sophisten und Buhlerinnen! – Du hast die Kraft des Athenervolkes in wachsender Üppigkeit und Weichlichkeit ersticken lassen!« Bei diesen Worten des Pamphilos war Perikles vor seinem Hause angelangt. Es herrschte schon völlige Dunkelheit in den Straßen, Perikles hatte einen Sklaven mit einer angezündeten Fackel nach athenischem Brauche hinter sich. Der Sklave klopfte an die Tür. Der Pförtner öffnete, Pamphilos stand noch immer da. »Geleite diesen Mann zurück mit der Fackel durch die Gassen, denn es ist sehr dunkel geworden!« sagte Perikles zu dem Sklaven und trat ruhig in sein Haus. Noch immer ging Sokrates, bald mit, bald ohne die Gesellschaft seines Busenfreundes Euripides, in des Perikles Behausung ein und aus. Noch immer besuchte er Aspasia, noch immer liebte er es, sich mit ihr zu unterreden, nur daß die Reden von seiner Seite immer verworrener, immer rätselhafter, immer orakelhafter klangen. Wenige Tage nach jener entscheidenden Versammlung auf der Pnyx betrat Sokrates wieder das Haus Aspasias. Bald war er in ein lebhaftes Gespräch mit ihr verwickelt. Aspasia sprach mit freudigem Mute von dem bevorstehenden Kampfe gegen die Dorer, aber mit Unmut von den Parteiungen der Agora, von den feindlichen Plänen des Erechtheuspriesters, von den Umtrieben der Lakonerfreunde, von der Roheit der Demagogen. »Um dieser barbarisch gesinnten Männer willen«, sagte sie, »stehen wir vielleicht bald vor der welkenden Blüte von Hellas!« »Vor der welkenden Blüte von Hellas?« rief Sokrates. »Wie wäre dies möglich? Du irrst gewiß! Wie lange ist es denn her, daß gesagt wurde, Hellas nähere sich seiner vollendetsten Blüte? Seit jenem Tage, als wir festfreudig auf der Akropolis vor dem vollendeten Parthenon standen und ich schon den Augenblick jener herrlichsten Blüte gekommen glaubte, du aber sagtest, daß zwar unsere Kunst nun beinahe göttlich geworden, aber noch manches fehle, um auch unser Leben durchaus und in jedem Betracht schön zu gestalten – seit jenem Tage war ich immer sehr gespannt auf den versprochenen Augenblick der vollendeten Blüte und wartete mit Ungeduld darauf. Und da ich von Blumen des Morgenlandes gehört, welche nur in einer einzigen Mitternacht, von den Augen des Zeus heimlich angestrahlt, ihren Wunderkelch völlig entfalten, und ich dachte, die Blütenalter der Sterblichen seien vielleicht auch von dieser Art, so ließ es mir sozusagen auch des Nachts keine Ruhe, und ich fürchtete immer, ich könnte das Schönste schlafend versäumen. Insbesondere aber habe ich jenen ganz neuen, merkwürdigen Liebes- und Ehebund, welchen Perikles und du vor meinem Bilde der Charitinnen auf der Burg geschlossen, immer im Auge behalten; denn in seinem Gelingen schien mir eben die schönste Blüte des hellenischen Gebens besiegelt. Und da ihr uns Nebenstehende damals ausdrücklich zu Zeugen aufriefet, so habe ich meines Zeugenamtes fortwährend bei euch in Treue gewaltet, denn ich habe es ernst genommen und glaubte mich berufen, nicht bloß einen Augenblick, sondern für immer ein aufmerksamer Zeuge jenes wunderbaren Bündnisses zu sein, wie man aber im Garten ein besonders seltenes und fruchtverheißendes Bäumchen Tag für Tag besucht, immer fürchtend, es einmal von einer rauhen Hand gebrochen oder vom Reife versengt oder verdorrt zu finden, und immer aufs neue seiner unversehrten Frische sich freuend, so komme ich zu dir, nicht mehr um zu hören wie einst, sondern um zu sehen, was die Liebe ist und wie sie sich entwickelt, und von welchen Punkten sie ausgeht, und zu welchen Zielen sie hinführt. Es ist gewiß eine wichtige Sache, wenn Ionier und Dorier zum endlichen Entscheidungskampfe sich rüsten; aber fast wichtiger noch ist mir die Geschichte eures Liebesbundes und die endliche Entscheidung des Kampfes, den ihr außer euch und in euch kämpft. Denn die Völker sind unsterblich oder wenigstens langlebig, und ihre Geschicke können sich immer wieder von neuem umgestalten und ausgleichen; ein Menschenlos aber ist im engsten Kreise beschlossen; wie es fällt, so bleibt es meist besiegelt, denn zur Erneuerung und Ausgleichung gönnt die Parze keine Frist. Ich verfolge die innere und äußere, fortschreitende Geschichte eurer so wundersamen, auf die Freiheit gegründeten Liebe. Und so leise der Schritt sein mag, mit welchem sie fortschreitet, meine Sinne sind nicht allzu stumpf, ihn wahrzunehmen.« »Du bist also«, sagte Aspasia, »aus einem liebenden ein Zuschauer und Zeuge fremder Liebe geworden?« »Seit dem Tage im Lykeion, wo du, rasch von mir hinwegeilend, mir zuriefst, den Charitinnen zu opfern«, erwiderte Sokrates, »seit jenem Tage habe ich den Charitinnen geopfert; aber vergebens, wie es scheint. Nicht feiner sind meine Lippen, nicht anmutiger meine Züge geworden. Und ich habe seither begriffen, daß die Schönheit mit dem Geiste zu erfassen und zugleich mit den Sinnen zu genießen, selten oder niemals einem und demselben Sterblichen beschieden ist.« Aspasia bezweifelte, daß die Glut, welche damals im Gemüte des jungen Grüblers einen Augenblick schrankenlos aufgelodert war, nun völlig erloschen sei. Die Zeit, den kleinen Racheplan, mit welchem sie seit langem zu erneuter Demütigung und Beschämung des Philosophen sich trug, schien ihr gekommen. Arglistig begann sie: »Jener Augenblick im Lykeion, dessen du nach langer Zeit nun wieder gedenkst, ist auch meinem Gedächtnis nicht entschwunden, und, daß ich es dir offen gestehe, ich bedauerte manches Mal im stillen, daß ich ohne Not und in einer falschen Voraussetzung damals dich gekränkt, indem ich, von dir hinwegfliehend, dir zurief, den Charitinnen zu opfern, welchen Zuruf du so gedeutet, als hätte ich dir sagen wollen, du müßtest, um geliebt zu werden, erst jene Eigenschaften zu erwerben suchen, welche liebenswürdig machen. Ich hätte bedenken sollen, daß du ein Weiser bist, dem es nicht einfallen konnte, ernstlich nach meiner Liebesgunst zu trachten. Es war mir seit jener Zeit beständig zu Mute, Sokrates, als ob ich dir eine Genugtuung schuldete.« »Du mir?« sagte Sokrates mit schmerzlichem Lächeln. »Nein, von dir hatte ich keine Genugtuung zu fordern; aber ich selbst glaubte mir eine solche schuldig zu sein seit jenem Augenblicke« ... »Ich war damals töricht!« sagte Aspasia. »Arglos würde ich heute mein Haupt an deine Brust lehnen, denn ich kenne dich nun« ... Aspasia saß mit Sokrates in einem Gemache, welches sehr traulich war und üppig ausgestattet und durchhaucht von seinen, berauschenden Düften, welche von Aspasia selbst auszuströmen schienen; denn sie war, wie die Götter und Göttinnen des Olymps immer von einem gewissen himmlischen Wohlgeruch umflossen. Sie strahlte von unverwelklich blühendem Reize, und eine bezaubernde Heiterkeit umspielte ihre Züge. Sie schien in der trefflichsten Laune zu sein – wenn etwas so Kleinliches, wie die Laune ist, für Aspasia überhaupt vorhanden war. Eine Taube flatterte im Gemache hin und her. Es war der geflügelte Liebling Aspasias, ein anmutiges Tier von glänzend weißem Gefieder, mit einem reizenden, blauschillernden Ringe um den Hals. Nicht selten flog die Taube auf die Schulter Aspasias und suchte den gewohnten Leckerbissen zwischen den Lippen der Schönen. Häufig aber flog sie auch auf das Haupt des Sokrates und ließ da mit solcher Hartnäckigkeit sich nieder, daß Aspasia zu wiederholten Malen sich genötigt glaubte, in eigener Person den Gast von dem zudringlichen Vogel zu befreien, wobei sie nicht vermeiden konnte, jenem sich unmittelbar zu nähern. Wenn sie nun das Tier mit Mühe vom Scheitel des Sokrates weggescheucht hatte, so flatterte dieses fort und ließ sich anderswo nieder, nicht ohne vor dem Niedersitzen sein dumpfes »Gru, Gru« ertönen zu lassen. »Wenn es nicht durch das allgemeine Urteil der Menschen festgestellt wäre, daß das Gegirre der Tauben zärtlich und lieblich klingt«, sagte Sokrates, »so würde ich es in meinem Ungeschmack für häßlich halten. Ich möchte es ein sehr abgedämpftes Gewieher nennen.« »Wie?« rief Aspasia, »du schiltst den Vogel der Aphrodite? Gib acht, daß nicht der Vogel oder die Göttin selbst sich an dir räche!« »Sie haben es zum voraus getan!« versetzte Sokrates. »Unberechenbar sind die Götter«, sagte Aspasia; »einmal sind sie mißgünstig und halten ihre Gaben zurück, ein andermal sind sie günstig gestimmt und gewähren zehnfach, was sie früher versagten. Die launenhafteste aller Göttinnen aber ist Aphrodite. Sie verlangt durchaus, daß jemand, der eine Gnade von ihr wünscht, den rechten Augenblick und die rechte Laune erwarte und öfter wiederkehre. Töricht ist, wer nur einmal sein Glück bei ihr versucht. Ist dir dies unbekannt, Sokrates? Und machen es die Schönen nicht vielleicht ebenso wie die Göttinnen?« »Ich weiß es nicht«, sagte Sokrates, »denn ich habe es nicht erprobt.« »Daran tatest du unrecht!« sagte Aspasia. »Es ist nun deine Schuld, wenn du nicht weißt, ob Aphrodite und die Frauen dir günstig oder nicht.« Solche und ähnliche verwunderliche und neckende Reden führte Aspasia. Dabei liebkoste sie die Taube und wechselte mit ihr Küsse. Sokrates erinnerte sich nicht, sie jemals so bis zur Ausgelassenheit heiter gesehen zu haben. Je mutwilliger sie wurde, desto schweigsamer, desto gedankenvoller und ernster zeigte er sich selbst. Wieder flog die Taube mit einem Girren, das jetzt fast einem Gekicher ähnlich war, auf den Scheitel des Sokrates. Diesmal aber verwickelte sie sich mit der kleinen Kralle ihres Fußes so fest in sein Haupthaar, daß sie nicht wieder loskommen konnte. Aspasia beeilte sich, ihm zu Hilfe zu kommen und die Kralle der Taube aus seinen Haaren zu lösen. Er spürte ihren Finger in seinen Haaren. Die unmittelbare Nähe eines duftigen, lebenswarmen, reizvollen Frauenleibes durchrieselte ihn – der Busen des schönen Weibes wogte nahe vor seinem Antlitz, nahe vor seinen Lippen – nur die kleinste Bewegung und seine Lippen mußten die lieblich wogende Welle berühren. Keine Meerflut wogt so tückisch, mit solcher Gefahr des rettungslosen Versinkens, als die Brust eines Weibes. So nahe war des Sokrates Lippe dieser lieblichen Welle, wie sie dem Rosenmunde der Schönen gewesen, als der Grübler mit Aspasia vertraulich plaudernd in der einsamsten Halle des Lykeion saß. Nur die kleinste Bewegung – und der neuerdings entflammte Sokrates holte sich eine neue Beschämung, kränkender als die einstige im Lykeion, vollendete durch eine neue Uebereilung des Herzens und der Sinne den Triumph der arglistigen Schönen, der heimlichen Gegnerin. Was ging vor in der Seele des Sokrates in jenem Augenblicke? ... Ruhig und gefaßt erhob er sich und sagte: »Laß die Taube, Aspasia! Ich glaube nicht zu teuren Kaufes loszukommen von dem rachsüchtigen Vogel, wenn ich eine Locke meines Haupthaares in der Kralle desselben zurücklasse« ... »Ich begreife es«, erwiderte Aspasia mit einer veränderten, etwas spöttischen Art von Uebermut, »ich begreife es, daß du die Kahlheit nicht fürchtest. Hängt die Kahlheit doch mit der Weisheit zusammen, und du bist ein vollendeter Weiser geworden! So vollkommen und weise bist du geworden, daß du verdientest, kahl gezaust zu werden bis auf das letzte deiner Haare von der Kralle des aphrodisischen Vogels.« »Kahlheit mag dem Weisen ziemen«, sagte Sokrates, »aber wisse, daß ich auf alles, selbst auf den Ruhm der Weisheit verzichtet habe, und daß ich im Augenblicke nur daran denke, meine Bürgerpflicht zu tun. Schon morgen gehe ich mit anderen Bürgern, welche das Los getroffen, ab ins Lager vor Potidaia. Alkibiades geht ebenfalls dahin.« »Auf diesen also scheinst du nicht zu verzichten«, versetzte Aspasia, »nachdem du, wie du sagst, auf alles übrige verzichtet?« »Wir folgen vereint dem Rufe des Vaterlandes!« erwiderte Sokrates. »Billigst du es etwa nicht? Gilt es nicht die Dorer zu bekämpfen?« »Du gedenkst die Dorer zu bekämpfen?« rief Aspasia. »Du selbst bist ein Dorer geworden!« »Nein!« erwiderte Sokrates, »ich glaube ein echter Sohn der gedankenvollen Pallas Athene zu sein.« »In der Tat«, sagte Aspasia lächelnd, »du hast dich von Eros und den Charitinnen ganz zur kühlen, mannweiblichen Athene gewendet, wohin ist die Glut geschwunden, welche deine Seele befeuerte, als du mich im Lykeion zum letztenmal nach dem Wesen der Liebe fragtest?« »Meiner Liebesglut, o Aspasia«, versetzte Sokrates, »ist dasselbe widerfahren, wie deiner Schönheit, seit Pheidias dein Bild vergöttlicht hat zur lemnischen Aphrodite. So wie nämlich dein Reiz über das Irdische und Zeitliche hinausgehoben worden ist in jenem Gebilde, so ist auch mein Lieben gereift und vergöttlicht und, ich möchte fast sagen, versteinert worden. Aus der glutenden Kohle ist ein Stern geworden« ... In diesem Augenblicke ließ die flatternde Taube sich nieder auf die Schulter Aspasias. Welcher Dämon, welcher mutwillige Erote steckte in dem Vogel? Er verfing sich mit der Kralle jetzt dort, wo eine Spange die beiden schmalen Streifen des Chitons zusammenhielt. Ungebärdig bewegte der Vogel den Fuß, um ihn loszubekommen, bis die Spange sich löste und des Gewandes Streifen herunterfiel und die glänzende Schulter enthüllte. »Opfere diesen Vogel den Charitinnen!« sagte Sokrates, deckte seinen Mantel über die entblößte Schulter des schönen Weibes und ging hinweg. Die stolze Milesierin erbleichte – sie griff erregt mit leise zitternder Hand nach einem Silberspiegel und erschrak zum erstenmal vor einem Schatten der Entstellung, der über ihre Züge flog. War die Schönheit nicht mehr das Allsiegende? Gab es etwas, das ihr zu trotzen wagte? Ein leiser Schauer durchlief sie. – – – Der junge Alkibiades war hoch erfreut, als ihm endlich jener Wunsch, welchen er gegen Perikles geäußert hatte, auf dem Felde der kriegerischen Ehre sich tummeln zu dürfen, erfüllt wurde. Ihn, sowie den Sokrates, hatte das Los denjenigen athenischen Bürgern angereiht, welche Zur Belagerung der von Athen abgefallenen Bundesstadt Potidaia entsendet werden sollten. Alkibiades hatte bis dahin seine tolle Lebensweise fortgesetzt und niemals ließ er es an Stoff fehlen für die Geschwätzigkeit der Athener. Er hatte die sogenannte Gesellschaft der Ithyphaller gegründet, in welcher die übermütigsten und ausgelassensten jungen Leute sich zusammenfanden, um sich gemeinsam den zügellosesten Launen zu überlassen, wie man es von einer Gesellschaft erwarten konnte, welche nach dem unsauberen Dämon Ithyphallos sich benannte. Schon das Schauspiel der Einweihung in dieselbe war mutwillig und possenhaft im verwegensten Sinne. Nur diejenigen wurden aufgenommen, welche auf die Gunst jenes Dämons in besonderem Grade pochen zu dürfen glaubten. Um des Herkommens zu spotten, welches zu Athen ein vormittägiges Zechen verbot, veranstaltete Alkibiades mit seinen Genossen morgendliche Zechgelage. In seinem Uebermute ließ er von einem trefflichen Maler sich im Schoße einer jungen Hetäre sitzend malen, und ganz Athen lief herbei, das Bild zu sehen, Er besaß einen Hund, welchen er sehr liebte und welchem er den Namen »Dämon« gab, und es war sehr drollig zu hören, wenn er, gleich dem Sokrates, von »seinem Dämon« sprach. Schien so der Mutwille, von welchem der Sohn des Kleinias sprudelte, selbst den Sokrates zu treffen, so hinderte dies ihn doch nicht, denselben Mann vor aller Welt als den besten und liebsten seiner Freunde auszuzeichnen. Er war dem Grübler und Wahrheitsucher in der Tat noch immer mit einer fast rätselhaften Art von Liebe zugetan, aber freilich, wie es schien, ohne ihm irgend welchen Einfluß auf sein Tun und Lassen zu gönnen. Als Alkibiades nach Potidaia abging, geschah auch dies nicht ohne Nebenumstände, welche zu reden gaben. Er ließ sich Waffen von besonderer Art anfertigen. Er hatte einen Schild aus Gold und Elfenbein. In dem Schilde aber führte er, gleichsam als Wappen, einen Eros, bewaffnet mit dem Donnerkeil des Zeus. Eros mit dem Donnerkeil! Ein glänzender Gedanke, würdig einer Hellenenstirne. War es doch in der Tat die Zeit, wo es schien, als wolle der Donnerkeil des Zeus übergehen in die Hände des geflügelten Knaben ... Einige von den Genossen des Alkibiades zogen ebenfalls ins Feld. Sie suchten es ihrem Vorbilde nun auch gleich zu tun in kostbaren und absonderlichen Arten von Rüstungen. Der junge Kallias, der Sohn des Hipponikos, zog zu Felde, wie es heißt, in einem Panzer, genäht aus der Haut eines Löwen. Es gab ein Weib zu Athen, welches tiefer Betrübnis voll war, als Alkibiades auf dem Punkte stand, die Stadt zu verlassen; ein Weib, welches lange weder den Schmerz gekannt, noch die Liebe, welches nicht bloß die Bande Hymens verachtet, sondern auch der Fesseln des Eros gespottet, ein Weib, welches von sich selbst gesagt hatte: ich bin nicht der Liebe, nur der Freude Priesterin. Dies Weib war Theodota. Sie war es, wie schon erwähnt, gewesen, welche der junge Alkibiades als seine Lehrerin betrachtete, als er in den Wirbel des Genusses und jugendlicher Ausgelassenheit sich stürzte. Seine Eitelkeit brachte es mit sich, daß er vor allen die schönste und berufenste Hetäre von Athen sein eigen nennen wollte, jene Theodota, welche damals nicht mehr auf dem Höhepunkte ihrer Blüte, wohl aber auf dem Höhepunkte ihres Rufes stand. Auch Theodota war stolz auf den Besitz des Alkibiades, und nicht wenig vermehrte eben dieser Besitz auch wieder den Glanz ihres Rufes. Eine geraume Zeit verkehrte der junge Alkibiades mit keinem Weibe lieber als mit der dunkeläugigen Korintherin, führte seine Freunde am öftesten zu fröhlichen und mutwilligen Gelagen in Theodotas Haus. Ihre Heiterkeit nicht minder als ihr Reiz, waren die Würze im Becher jener überschäumenden Jugendlust des Alkibiades und seiner Genossen. Aber Theodota blieb nicht immer so fröhlich, als sie im Beginne des Verkehrs mit Alkibiades gewesen. Allzu schön war der Jüngling, als daß ein Weiberherz, hätte es auch nie geliebt und die Liebe verschworen fürs ganze Leben, nicht doch zuletzt die Lust seines Umgangs mit der Freiheit hätte bezahlen sollen. Wenig hatte es anfangs sie gekümmert, wenn der junge Freund auch anderen Weibern und Hetären neben ihr zulächelte. Sie selbst hatte, wenn er mit Kallias und Demos Gelage bei ihr hielt, jugendliche und reizende Freundinnen in ihrem Hause versammelt. Alsbald aber glaubte der junge Ithyphallerfürst nicht ohne Mißbehagen zu bemerken, daß das Wesen der Korintherin mehr und mehr sich verändere. Sie erschien nachdenklich, ernst, sie seufzte manchmal, ihre fröhliche Zärtlichkeit erschien gleichsam angekränkelt von einer Art von Leidenschaft, von einem gewissen Ungestüm, krampfhaft umschloß sie bisweilen den Liebling, als wollte sie ihn festhalten für alle Zeit, manche Träne rollte in ihren Kuß, und wenn jetzt Alkibiades einem anderen Weibe vor ihren Augen zulächelte oder gar es liebkoste, so erblaßte sie, und ihre Lippen zuckten im Krampfe der Eifersucht. Diese Veränderung im Wesen Theodotas war nicht nach dem Geschmacke des Uebermütigen, der überall den Freudenbecher sich voll einschenkte, austrank und wieder davon ging. Vorbei war es jetzt mit Theodotas Reiz, vorbei mit ihrem Zauber. Trübselig erschien dem Jüngling nun ihr Wesen. In Augenblicken, wo sie eifersüchtigen Aufwallungen sich überließ, forderte sie seinen Zorn heraus; aber er verzieh ihr dies noch lieber, als das Uebermaß von schwärmerischer, tränengewürzter Zärtlichkeit, mit welchem sie ihn belästigte. Sie schwur, ihn zu lieben, ihm allein anzugehören. Das war ihm gleichgültig. Der Vollbesitz eines einzelnen Weibes, höchstes Bedürfnis dem Herzen des reiferen Mannes, ist dem knabenhaften Weiberjäger wertlos und lästig. Alkibiades sagte zu Theodota: »Seit du angefangen, mit deinen tränenreichen Liebesklagen mich zu quälen, beginnst du mir auch unausstehlich zu werden! Du weißt nicht, wie häßlich ein Weib ist, das, statt durch strahlende Heiterkeit und lächelnde Anmut immerdar zu bezaubern, ihr Gesicht entstellen läßt durch die Züge der Eifersucht, die eigenen Wangen oder gar noch die des Geliebten mit der heißen und gesalzenen Flut der Tränen überschwemmt und, zur Furie geworden, mit leidenschaftlichen Anklagen um sich wirft. Du unterhältst mich nicht mehr, Theodota! Du langweilst mich! Nicht mit trübseligen Klagen und leidenschaftlichem Ungestüm wirst du mich fesseln: damit nährst und verschlimmerst du nur, was mir mißfällt! Soll ich sein, der ich gewesen, so sei auch du mir wieder, die du gewesen!« – Sie bemühte sich, heiter zu erscheinen. Aber es mißlang ihr meist. Wenn dann Alkibiades zürnend sie verließ, so demütigte sie sich, überhäufte ihn mit Boten und mit Briefen, eilte zu ihm, flehte ihn an, ließ von dem Uebermütigen sich mißhandeln ... Eines Tages kam Sokrates in das Haus seines jungen Freundes und sah das Weib in Tränen aufgelöst vor der Schwelle des unerbittlichen Jünglings liegen. Sie sah ihn an und erkannte den Mann, welcher ihrer heiteren »Selbstaufopferung« einst eine so wunderliche Lobrede gehalten. Sie war dieser Selbstaufopferung nicht mehr fähig. Sie wollte, was sie damals gern entbehrte: liebend geliebt sein. Jammernd klagte sie dem Sokrates ihr Leid. Er sprach ihr tröstlich zu und führte sie hinweg. Dann wollte er zu Alkibiades zurückkehren, um Fürbitte für das Weib bei diesem einzulegen. Aber er war so in Gedanken versunken, daß er, an der Tür des Alkibiades angelangt, nicht eintrat, sondern sinnend stehen blieb, und als Alkibiades ausging, fand er den Freund an der Schwelle. »Was sinnst du?« fragte er. »Eben wieder«, versetzte Sokrates, »glaubte ich dem Wesen der Liebe auf der Spur zu sein. Ich glaubte, einen Augenblick gefunden zu haben, das Wesen der Liebe bestehe darin, daß man entweder Tränen vergießt oder erpreßt – mißhandelt oder sich mißhandeln läßt – tritt oder sich treten läßt – aber im Handumdrehen ist es mir doch wieder zweifelhaft geworden« ... Als Alkibiades ins Lager von Potidaia abging, dankte er den Göttern, der Liebe des Weibes entronnen zu sein, das um seiner Entfernung willen, wehklagend ihr Haar zerraufte. Nach einiger Zeit schrieb Alkibiades aus dem Feldlager vor Potidaia an Aspasia folgendes: »Du wünschest von mir zu erfahren, wie unser Sokrates sich bewährt in seinem neuen Berufe. Nun, er ist im Lager von Potidaia genau derselbe, der er vor Jahren in der Werkstätte des Pheidias gewesen. Bald ist er mit größtem Eifer bei der Sache, bald wieder kopfhängerisch, in müßiges Grübeln verloren. In hellen Sternnächten, wenn alles rings in den Zelten schlummert, da geht Sokrates umher und wacht einsam und sinnt – und fragt – und sucht – freilich vergebens. Er will immer verzichten auf das Wissen, aber es treibt ihn doch immer wieder aufs neue, zu sinnen, zu suchen und zu fragen. Du hast mir vorzeiten einmal, als ich noch ein Knabe war und du für einen Tag ein Sparterjüngling, der in das Haus des Perikles kam, von den Freundschaften der jungen Sparter gesprochen, von Freundschaften, welche die Jüngeren mit den Aelteren verbinden und sie zu unzertrennlichen Kampfgenossen machen. Eine ähnliche, unzertrennliche Genossenschaft hat nun zwischen mir und Sokrates sich gebildet. Und wahrhaftig, der Treffliche hat immer vollauf zu tun, um sich als meinen Freund zu bewähren. Ich habe häufige Händel mit Leuten in den Nachbarzelten, die es nicht leiden wollen, daß ich in dem meinigen des Nachts mit guten Freunden zeche und singe, weil wir sie, wie sie sagen, im Schlafe stören. Ja, diese Pfahlbürger lehnen sich sogar bei Tage dagegen auf, daß wir fröhlich sind, und rümpfen die Nase, wenn wir nach dem Frühstück noch ein wenig in den Tag hinein trinken und lärmen. Sie führen bei den Strategen und Taxiarchen Klage wider uns, daß wir angeblich in der Trunkenheit gegen ihre Sklaven und gegen sie selbst allerlei Mutwillen verüben. So gibt es denn häufigen Zank und zuweilen auch ein kleines Handgemenge. In solchen Fällen ist selbst der Stratege und Taxiarch ohnmächtig, und nur die Fürbitte des Sokrates rettet den einen oder den andern aus der Gefahr, nach allen Regeln des Gymnasions in den Sand gestreckt oder auch durchgebläut zu werden. Mir gefällt dieser Sokrates, weil er nicht das anspruchsvolle Wesen hat, welches mir andere Sophisten, Philosophen und Sittenprediger unausstehlich macht. Er besitzt eine Art von Seelenadel und stiller Trefflichkeit, von welcher kein Mensch in ganz Hellas weiter entfernt ist als ich selbst. Aber man bewundert am meisten, was man selbst nicht hat, und gerade der Gegensatz zieht, wie es scheint, die Menschen zu einander. Es geht zuweilen von seinem sonst unscheinbaren Wesen etwas aus, wie der Blitz von etwas Göttlichem, und dies ist mit den Jahren immer wirksamer bei ihm geworden; und oft habe ich bemerkt, daß einer, der von diesem Blitze getroffen ward, gleichsam durchleuchtet und durchwärmt erschien: er errötete, sein Blut wallte, nicht anders, als ob er einem reizenden Weibe gegenüberstände. Kürzlich hatte ich mich einmal mit dem jungen Kallias zu einem kleinen nächtlichen Streiche verabredet. Uns stak der prächtige homerische Gesang von dem nächtlichen Ausgange des Diomedes und des Odysseus und vom Raub der Rosse des Rhesos im Kopfe, und, obgleich es bei den Potidaiern schwerlich Rosse dieser Art zu rauben gab, wollten wir doch einmal ein kleines Abenteuer auf eigene Faust bestehen. Wir wußten, daß kleine Nachtwachen der Potidaier häufig vor den Mauern umherschweiften. Eine solche wollten wir überfallen, niedermachen und ihre Waffen als Beute zurückbringen, wir verließen also still das Lager gegen Mitternacht, und, angelangt in der Nähe der Mauern von Potidaia, stießen wir in der Tat auf ein Häuflein Bewaffneter, welches die Runde machte, wir gingen auf diese Bursche los und töteten ein paar von ihnen, die übrigen ergriffen die Flucht, machten aber Lärm, bis andere von den Ihrigen herbei kamen, und, so verstärkt, machten sie noch einmal Kehrt und wandten sich in großer Mehrzahl gegen uns. wir hielten tapfer stand, aber ich weiß nicht, was aus uns geworden wäre, einer solchen Zahl gegenüber, wenn nicht plötzlich ein Mann, wie aus der Erde emporgetaucht, sich ins Treffen gemischt hätte, der so wacker und mit solcher Wucht auf die Potidaier mit einhieb, daß diese nach Erlegung einiger ihrer Tüchtigsten es neuerdings geraten fanden, das Gefecht abzubrechen und gegen die Mauern zu flüchten. Jener Helfer aber war kein anderer als Sokrates, den zufällig eben wieder die schöne Nacht hinausgelockt hatte, zwar nicht auf Abenteuer, aber auf die Gedankenjagd zu gehen, und der, außerhalb des Lagers sich umhertreibend, durch unsern Waffenlärm angezogen herbeieilte und zu rechter Zeit eingriff. Bei dieser Gelegenheit habe ich wieder gesehen, was dieser Mann zu leisten vermöchte, wenn er ganz und gar ein Krieger und nicht nebenbei ein Weiser wäre. Er schlug auf die Potidaier nicht anders los, als vorzeiten mit dem Meißel auf die Steinblöcke in der Werkstätte des Pheidias. Und so wie es, als er noch Steinmetz war, die Steine entgelten mußten, wenn ihm das Gedankenproblem, das ihn eben beschäftigte, große Schwierigkeiten machte, so mußten in jener Sternnacht die Köpfe der Potidaier es büßen, daß Sokrates sich eben wieder vergeblich bemüht hatte, das Rätsel der Welt zu lösen. Er ist im stande, mitten in einem Gefechte auf den Gesang eines Vogels in den Lüften zu horchen, oder, wenn er als Wache ausgestellt wird, sein Augenmerk statt auf die Bewegungen der Potidaier, auf die der Gestirne am Himmel zu richten. Noch immer ist er nämlich gewohnt, das Alltäglichste nachdenklich zu betrachten, und wenn man ihn deshalb zur Rede stellt, so sagt er, die Dinge kämen ihm gespenstig vor, weil er sie nicht verstehe, und weil sie ihm ihr Wesen nicht offenbaren wollen. Gegenwärtig brütet er über einem Plane, wie man den Krieg entbehrlich machen könnte, und wenn er nicht gerade selbst auf die Feinde losschlägt, so setzt er uns auseinander, wie abscheulich dieser Wechselmord der Menschen sei, und wie man von Leuten, welche sich im Kriege mordeten, dereinst nicht anders reden werde, als man jetzt von Menschenfressern rede, und daß eine Zeit kommen werde, wo man es gar nicht werde begreifen können, daß das Menschengeschlecht einmal so wild und roh gewesen. Er sagt, es müsse ein Bund der Völker gestiftet und ein oberstes Schiedsgericht eingesetzt werden, vor welchem die Streitigkeiten geschlichtet werden können. Und er meint, daß etwas Aehnliches schon zu erreichen wäre, wenn nur ein, oder ein paar Staaten öffentlich erklären wollten, daß sie sich von jetzt an in jedem Völkerkriege auf die Seite des Angegriffenen stellen würden oder dessen, dem ein Unrecht widerfährt. Träumereien, würdig eines Sonderlings! Man darf dem Tatendrange der Menschen nicht die Flügel unterbinden, und die Welt wäre ohne Haß und Streit und Krieg so langweilig wie ohne die Liebe! Was mich betrifft, so scheint es, daß die kriegerische Beschäftigung mir wohlbekommt. Ich bin, glaube ich, auch schon um vieles tugendhafter geworden. Ich schränke mich jetzt so sehr in allen Dingen ein, daß ich eine geraume Zeit hindurch eine Geliebte mit meinem Freunde Axiochos gemeinsam hatte. Doch das sind Dinge, die dich langweilen müssen. Lebewohl, Aspasia, und berichte nun auch du mir, wie sich der Rest der Stadt ohne den Alkibiades befindet.« – – Ein Gemeinwesen von kleinem Umfange kann niemals ein großes Landheer, leichter aber eine große Flotte besitzen. In dieser Lage war Athen, nachdem König Archidamos von Sparta mit sechzigtausend Peloponnesiern in Attika eingefallen. Auch die meisten der Bundesgenossen konnten nur zur See sich hilfreich erweisen. Während die Flotte sich bereit machte, flüchtete das Volk der von Archidamos überschwemmten ländlichen Gaue in die Stadt, was innerhalb der Stadt kein Unterkommen fand, das lagerte im Freien, namentlich zwischen den langen Mauern, und richtete dort sich ein, so gut es ging. Die ganze Strecke zwischen der Stadt und dem Piräus wimmelte von diesen Gästen, und es entstand allmählich dort eine Zeltstadt, denn unter Zelten, welche an die schützenden langen Mauern sich lehnten, wohnten die Leute. Aber man sah die Aermeren auch ihre Behausung aufschlagen in Fässern von der riesigen Art, wie sie zu Athen im Gebrauche waren, Von den Mauern der Stadt aus konnte man die Wachtfeuer der Peloponnesier sehen, welche in den Feldern und Weinbergen lagen. Aber Dank den Befestigungen, mit welchem der Eifer des Perikles längst die Stadt der Athener versehen hatte, sah diese sich hinlänglich gesichert gegen jeglichen Angriff. Getreu seinem ursprünglichen Plane, von welchem er in seiner festen Ruhe sich auch durch die lebhafteste Ungeduld der Athener nicht abwendig machen ließ, sandte Perikles nur die Reiterei aus den Toren der Stadt hinaus, um streifend die Umgebung der Stadt zu bewachen. Als Archidamos von den Höhen Attikas eine stolze Flotte von hundert Fahrzeugen aus dem Piräus auslaufen und gegen den Peloponnesos steuern sah, geschah, was Perikles voraus gesehen und geplant. Der unangreifbar befestigten Stadt sich gegenüber sehend, und zu gleicher Zeit die unverteidigten, unbefestigten Städte ihrer Heimat der mächtigsten Feindesflotte und den darauf eingeschifften erlesenem Heere preisgegeben wissend, brachen die Peloponnesier auf, verließen Attika und zogen heimwärts über den Isthmos. Perikles hatte auf die persönliche Führung der auslaufenden Flotte verzichten müssen. Denn unentbehrlich schien er zu Athen, so lange noch die Peloponnesier auf attischem Boden standen. Als jedoch diese abgezogen, war des Perikles erstes Unternehmen, daß er mit einem kleinen, aber trefflich gerüsteten Heere vor Megara rückte. Abrechnung mit der verhaßten Stadt verlangte gebieterisch das entbrannte Volk der Athener. Die Abwesenheit des Perikles von Athen aber war manchem wieder hocherwünscht. Die Eulen auf der Akropolis erwachten in ihren Schlupfwinkeln und regten die Schwingen. Des Menon bediente sich Diopeithes gegen den Pheidias, begierig, den längst gehegten Plan zum Verderben auch dieses Mannes auszuführen. Ein verrufener Sykophant, Stephaniskos mit Namen, trat auf des Diopeithes Anstiften als eigentlicher Ankläger des Pheidias hervor. Dieser Mensch hatte eine Hetäre geheiratet, welche, wie man sagte, in seinem Hause ihr Gewerbe fortsetzte, während er selbst als Sykophant Erwerb suchte, Er behauptete in seiner frechen Anklage, Pheidias habe von dem Golde, welches ihm zur Vollendung des Standbildes der Athene Parthenos übergeben war, einen Teil beiseite geschafft und sich angeeignet. Ferner machte er ihm zum Vorwurf, daß er eine mit der Ehrfurcht gegen die Götter und ihre Heiligtümer nicht verträgliche Eitelkeit bewiesen, indem er in der Amazonenschlacht auf dem Schilde der Göttin sein eigenes Bild und das des Perikles anbrachte. Als Zeugen aber für die Entwendung des Goldes führte er den Menon vor. Dieser habe vordem eine Zeitlang auch in den Werkstätten des Pheidias sich häufig eingefunden, und da gegen solche Gaben, wie sie dem Bettler zu teil werden, untergeordnete Dienste geleistet, während jener Zeit nun, behauptete derselbe, einmal aus dunklem Versteck hervor erlauert zu haben, wie der sich unbemerkt glaubende Pheidias von dem Golde, welches ihm zur Verfertigung der Parthenos auf der Burg übergeben worden, einen Teil beiseite geschafft und verborgen habe, offenbar um dasselbe sich anzueignen. Die von den Anhängern des Diopeithes seit langer Zeit auch gegen Pheidias ausgestreute Saat der Verleumdung war üppig aufgegangen. Und so fand der Ankläger Stephaniskos im Athenervolke einen wohl vorbereiteten Boden. Der eben wieder zu Athen anwesende ehrwürdige Bildner wurde auf jener Anklage des Stephaniskos hin in den Kerker geworfen. Der Erbauer des schönsten Denkmals, welches, wie Perikles sagte, das Athenervolk für alle Folgezeit sich selbst gesetzt, wanderte unter schmählicher Beschuldigung ins Gefängnis. Wie Diopeithes die Abwesenheit des Perikles sich zu nutze machte, so waren auch die gemeinen, ehrsüchtigen Volksaufwiegler bestrebt, während der Entfernung desjenigen, der allein sie bändigte, ihren Einfluß im Volke zu erweitern. Durch das Hereinziehen der Landleute in die Stadt während des Einfalls der Peloponnesier war die Masse des gemeinen Volkes in Athen sehr vermehrt worden. Diese Menge hatte sich überdies an einen gewissen Müßiggang gewöhnt, und viele waren auch nach dem Abzug des Archidamos in der Stadt zurückgeblieben, weil ihr Landbesitz durch die Feinde verwüstet war. Es bildete sich allmählich das, was man Pöbel nennt, indem die Zahl der mittellosen Bürger sich mehrte. Aber gerade diese Hungerleider strömten am fleißigsten in die Volksversammlung, denn sie bekamen ja dort ihre zwei Obolen auf die Hand gezahlt. Zahlreicher besucht und geräuschvoller als je waren deshalb die Versammlungen auf der Pnyx. Kleon, Lysikles und Pamphilos wagten sich offener hervor, und das athenische Volk gewöhnte sich allmählich daran, Leute dieses Schlages die Rednerbühne besteigen zu sehen. Von diesen drei Männern war Pamphilos am entschiedensten der Meinung, daß man es versuchen müsse, den Perikles zu stürzen. Eines Tages stand er auf der Agora, umgeben von einer großen Zahl athenischer Bürger und setzte diesen auseinander, auf welche Gründe hin man den Perikles anklagen könnte. Er schalt ihn einen Feigling, welcher das attische Land durch den Feind habe verwüsten lassen, und welcher den Bürgern tyrannisch die Art vorschrieb, in welchen sie sich verteidigen sollten, und während der ganzen Zeit, daß die Peloponnesier auf attischem Boden standen, keine Volksversammlung auf der Pnyx zu stande kommen ließ, um nur ganz nach persönlicher Willkür schalten zu können. Es fanden sich viele unter der Menge, welche der Meinung des Pamphilos waren, insbesondere drängte sich ein gewisser Krespilos hervor, welcher den Wurstmacher an wüstem Geschrei gegen Perikles fast noch zu überbieten suchte, und welcher die Notwendigkeit dartat, den Strategen beim Volke sofort in Anklagezustand zu versetzen. Da kam plötzlich der Barbier Sporgilos gelaufen. »Gute Neuigkeiten!« rief er von weitem. »Eine Schnur von Bretzeln her für den Bringer guter Neuigkeiten! – Perikles ist auf dem Heimwege von Megara! Er steht schon in Eleusis mit den Seinigen! Die Megarer hat er gezüchtigt nach Gebühr, und noch heute wird er eintreffen in Athen!« Pamphilos färbte sich grünlich-fahl im Angesicht vor Aerger. »Eine Schnur von Bretzeln verlangst du?« erwiderte er dumpf; »die Zunge soll man dir ausschneiden für deine Neuigkeit, du Hundesohn!« Auch auf die übrigen Verschwörer machte die Nachricht einen sehr niederschlagenden Eindruck, und obgleich auch jetzt noch Pamphilos sich bemühte, die Menge aufzureizen, schlich doch einer nach dem andern sich hinweg und meinte, gegen den siegreich heimkehrenden Perikles sei es schwer, etwas auszurichten, man müsse die Sache auf eine bessere Gelegenheit verschieben. Als nun auch Krespilos achselzuckend von dannen gehen wollte, faßte ihn der erzürnte Pamphilos am Gewande und schrie: »Feigling! Ausreißer! Schämst du dich nicht, bei dem bloßen Worte »Perikles ist da«, schmählich die Flucht zu ergreifen? – Sieh' mich an! ich scheue mich keinen Augenblick, dem Perikles persönlich entgegenzutreten! Ich habe Mut! Ich bin geboren am Schlachttage von Marathon!« »Ich nicht!« erwiderte Krespilos. »Ich war eins jener Kinder, welche im Theater zu Athen von ihren vor Schreck kreißenden Müttern zu früh geboren wurden, als man die Eumeniden des Aischylos aufführte!« Mit dieser Entschuldigung machte Krespilos sein Gewand los aus den Händen des Pamphilos und lief davon. »Weg sind sie«, rief der Demagog mit Zähneknirschen, »weg sind sie, die verfluchten Kerle – auseinandergestoben, als hätte man einen Spülichteimer über ihren Köpfen ausgeleert!« – Da kam der tolle Menon auf ihn zu und fragte ihn nach dem Grunde seiner Erbitterung. Diesem klagte er seine Not. »Narr!« sagte Menon grinsend, »willst eine Mauer umstürzen und stemmst dich vergebens mit der Achsel an? Lege dich darunter und schlafe: zur rechten Zeit fällt sie von selbst dir über dem Kopfe zusammen!«– – XXIII. Dionysosfest. it doppeltem Glanze, mit doppelter Lebhaftigkeit wurden nach dem Aufatmen aus der dumpfen Kriegesbedrängnis zu Athen die winterlichen Feste gefeiert. Völlig aber ist nun die fröhliche Lust entfesselt, seit milder die Lüfte über das Meer wehen und seit die Zeit des größten der Bacchosfeste, die Zeit der großen oder städtischen Dionysien, angebrochen. In den Wäldern zeigt sich der Weih, fröhlich zwitschern am Meergestade die Halkyonen und an den Dachgesimsen die Schwalben. Auf den Höhen des Hymettos, des Pentelikos, des Lykabettos knospet in jedem Strauche der Frühling. Veilchen und Anemonen, Primeln und Krokus sprossen, und der auf der Flur vergessene Stab des Hirten ist am Morgen von Blumen und Gräsern übergrünt. Die Schiffer im Hafen winden die Anker auf, entstricken das Tauwerk, richten die Masten empor und übergeben die Segel den Winden. Neues Leben erwacht auf den Wellen des saronischen Golfes. Die Abgesandten der verbündeten Städte und Inseln kommen und bringen die Tribute eben zur Festzeit nach Athen. In allen Herbergen, in allen Häusern der athenischen Bürger wimmelt es von fernherkommenden Gästen. Mit Kränzen geschmückt, in Festgewändern treiben jetzt von frühem Morgen an in den Straßen die Schwärme der Einheimischen und der Fremden sich umher. Nicht bloß mit Kränzen behangen sind alle im Freien stehenden Altäre und Hermesbüsten, sondern auch gewaltige Mischkrüge sind daneben aufgestellt, gefüllt mit der Gabe des Bacchos, von den Reichen gespendet und zu freiem Genusse dem Volke dargeboten. Wieder gibt Hipponikos Heimischen und Fremden zu trinken im Keramaikos, alles Volk, das kommen will, zu sich ladend und es im Freien auf efeugefüllten Polstern bewirtend. Vergessen ist die Kriegsnot, der Hader der Parteien hält Waffenruhe, die Anschläge des Diopeithes stehen für den Augenblick still in ihrem sonst rastlosen Fortgange. Nur Lust und Friede herrscht. Zwar klingt allenthalben lauter Scherz und fröhliches Gelächter, und doppelt scharf ist jetzt der Witz, doppelt beweglich die Zunge des Atheners. Aber wehe dem, der in dieser Zeit eine Gewaltsamkeit ausübt gegen einen athenischen Bürger! Nicht einmal der Vorwand der Trunkenheit schützt ihn: sein Haupt und Leben ist verwirkt. Wie kommt es, dass man nun auf einmal so viele reizende Frauen in den Straßen Athens erblickt? Wer sind die heiterblickenden, reichgeschmückten, verführerischen Schönen? Es sind Hierodulen aus dem Tempel der Aphrodite zu Korinth und andere Freudenpriesterinnen dieser Art, welche, die Zahl der einheimischen Genossinnen vermehrend, herbeigekommen aus verschiedenen Städten Griechenlands zu dem fröhlichsten und ausgelassensten Feste der Athener. Hei, welches Gemisch fremden, umherwandernden Volkes hat sie herbeigelockt, die lustige, menschenwimmelnde, dionysische Festzeit! Sehet die vielgewanderten Gaukler und Wundermänner mit ihren von der Sonnenglut schwarzgebrannten Gesichtern! Sehet, wie sie vor aller Augen Schwerter verschlucken oder einen Feuerregen aus dem Munde speien! Sehet dort die Thessalermädchen, welche ihren Schwertertanz aufführen inmitten eines gaffenden Schwarmes! Fehlt doch keinerlei Schauspiel bis hinab zu des wandernden Puppenspiels uralter Kinderlust und den buntgeputzten, auf Kamelen tanzenden Äffchen. Auch handeltreibendes Volk ist von nah' und fern gekommen und schlägt seine Buden auf da mitten im Gedränge der Agora, im Piräus und am Ilissos. Ländliche Scharen mischen sich unter die Städter und teilen mit ihnen die Festlust, versammeln sich um ihre Lieblinge, die thebanischen Pfeifer, welche sonst musizierend die ländlichen Gaue zu durchwandern pflegen, oder verpflanzen das Lieblingsspiel ihres ländlichen Dionysosfestes in die Stadt: das Springen auf eingeölte Schläuche, wo jeder, der im Sprung auf dem schlüpfrigen Balle mit nackten Füßen festen Boden zu fassen sucht, unter unendlichem Gelächter der Zuschauer mit drolligem Gezappel immer wieder heruntergleitet. Ungebundener waltet die Lust in den Straßen sobald die Dunkelheit eingebrochen. Da wandern die Nachtschwärmer umher: sie haben Schellen und tragen Fackeln und sind bekränzt, Weiblein sind darunter, welche Männerkleider an sich haben und Männer in Frauengewändern – mit den Händen wird geklatscht neben dem Lärm der Schellen, um wie mit Zimbeln den Takt zu schlagen zu dem Schellenklang und Gesänge. Viele wandeln in Masken. Einige haben bloß mit Weinhefe die Gesichter bestrichen oder mit Mennig, oder verlarvt mit Baumblättern oder Baumrinden. Andere aber tragen schön bemalte Larven von teils würdevollem, teils lächerlichem Ansehen: Hier treibt der gehörnte Aktäon, dort der hundertäugige Argos sich umher, dort die teilweise in ein Pferd verwandelte Equippe; Giganten, Titanen, Kentauren stampfen den Boden, Methe taumelt, Peitho schmeichelt, Apate lockt, Hybris tollt, und selbst Schreckgestalten mischen zuweilen sich unter den Reigen. Am allerhäufigsten aber, ja vorwaltend, tummeln in den Straßen sich die bocksfüßigen Satyrn und die kahlköpfigen Silene, diese altgewordenen, aber noch immer fröhlichen Satyrn. Sie haben die Häupter bekränzt mit des Efeus Immergrün. Auch Bacchanten schwärmen, sie tragen als Thyrsos häufig nur einen Rebschoß, mit Efeuzweigen umwunden. Ausschweifende Lustigkeit, ja Trunkenheit, wird als eine Pflicht gegen den Gott betrachtet in diesen Tagen und Nächten. Und der Gott, er rechtfertigt in dieser Zeit seinen Beinamen eines »Befreiers«. Selbst die Gefangenen werden aus den Kerkern entlassen für die Tage der Festlichkeit. Und sogar den Toten wird Wein auf die Gräber gegossen. Man will die Schatten beschwichtigen, welche ja gewiß nicht ohne Neid die Lust der lebendigen entbehren, Wollen doch die Aengstlichen sogar wissen, die Seelen der Toten mischten um diese Zeit zuweilen sich heimlich in den Reigen der Schwärmenden, und unter mancher Satyrmaske im Festschwarm berge sich ein fleischloses Totenhaupt ... Frau Telesippe kaut in diesen Tagen fleißig die Blätter des Wegdorns und läßt ihre Pforte mit Teer bestreichen, denn nur so ist das Unheil abzuwenden, das zur Zeit des großen Dionysosfestes die Lebendigen bedroht von seiten der neidischen Schatten. Fast unheimlich ist es in der Tat anzusehen, wie des Nachts bald hier, bald dort in den dunklen Gassen Fackelschein aufglänzt und ein phantastischer Zug auftaucht, welcher lärmend dahinrast. Jetzt bewegt sich ein ungeheurer Schwarm durch die Straßen, welche vom Lenaion zum Theater führen. Man trägt das Bild des Dionysos aus seinem Tempel im Lenaion in das Theater und stellt es dort inmitten der Festversammlung auf. Das Bild des Gottes, welches da getragen wird, ist ein neu vollendetes Werk, ein Werk aus der Hand des feurigen Alkamenes. Wie auf der Burg neben das alte Holzbild der Athene Pheidias sein neues, glänzendes Werk gestellt, so gesellt sich jetzt auch im Lenaion dem altehrwürdigen, schlichten Dionysosbild das neue, herrliche Werk des Alkamenes. Und dieses eben trägt man jetzt in die Festversammlung des großen Dionysostheaters. Bacchantenscharen umgeben es. Wer ist der tolle Schwarm, der einen Phallos dem Bilde voranträgt und Lieder singt zu Ehren des Priapos? Es ist Alkibiades mit seiner Ithyphaller-Gesellschaft. An den Scheidewegen und auf den offenen Plätzen hält der Zug, um Trankopfer zu spenden oder Opfertiere zu schlachten. Die wie Altane gebauten Dächer der Häuser sind voll von Zuschauern, von welchen viele Fackeln und Lampen in Händen halten. Auch die Frauen fehlen dabei nicht. Bald mischt Mutwille und Scherz von den Dachterrassen herab sich in die Ungebundenheit des Straßengetümmels. Der junge Alkibiades scheint auf dem Gipfel seiner tollen Laune angelangt, er übertrifft sich selbst in übermütigen Streichen an der Spitze seiner Gesellschaft. »Bedenkt«, ruft er den Ithyphallern zu, »daß wir, die wir auch sonst schon schwärmen und rasen, am Dionysosfeste verpflichtet sind, doppelt zu schwärmen und zu rasen, wenn wir nicht in der Schwärmerei eingeholt und übertroffen werden wollen von den nüchternsten Pfahlbürgern der Athenerstadt!« Unter solchen Aneiferungen stürmte Alkibiades mit seinen Gefährten, alle Athener kennend und von allen gekannt, durch die Schwärme des Volkes hin. Als die Nacht eingebrochen war, ließ er sich Fackeln vorantragen, und führte die Seinen in lärmendem Aufzuge, unter voraufziehender Musik, zu den Häusern schöner Mädchen und Knaben, um ihnen Ständchen zu bringen. Die Musizierenden selbst waren meist Flöten- und Lautenspielerinnen, als Mänaden gekleidet, und da auch die mit Musik begrüßten dem Zuge sich anschlossen, so gestaltete derselbe sich immer ähnlicher einem Schwärme von Bacchanten, die um den Gott Dionysos geschart sind. Zuletzt bemächtigt sich der mutwillige, trunkene Alkibiades einer jugendlichen Hetäre, Bacchis geheißen, welcher er, umherschweifend, begegnet, und zwingt sie, seinem Zuge sich anzuschließen. Er nennt sie seine Ariadne und sich selber ihren Bacchos. Vor der Behausung Theodotas angelangt, bringt er auch dieser ein rauschendes Ständchen und tritt mit seinem Gefolge bei ihr ein. Theodota hatte schon lange Zeit den jungen Alkibiades nicht mehr bei sich gesehen. Immer heftiger geworden war ihre Liebespein. Nun sah sie den geliebten Jüngling wieder; aber wie unerfreulich, wie peinlich war doch ihrem Herzen sein Eintritt! Trunken kam er an der Spitze eines tollen Schwarmes. Das hätte sie verziehen; aber er führte ein jugendlich blühendes Hetärchen mit sich, das er der Freundin sogleich als seine Ariadne vorstellte, und deren Reiz er begann in überschwenglichen Worten zu preisen. Nun wurde ein Gelage veranstaltet in den Gemächern der widerwilligen Theodota, welche nicht offen sich sträuben durfte, und welcher doch vor geheimer Qual beinahe das Herz zersprang. Alkibiades forderte sie auf zur Fröhlichkeit, zur Ausgelassenheit. Er begann in seiner Trunkenheit zu erzählen von Streichen, welche er an diesem Abend schon verübt hatte, er rühmte sich, ein sittiges junges Mädchen mitten im Festgedräng des Lenaion geküßt zu haben, und pries die Sitte, die doch wenigstens am Dionysosfeste die Fesseln löse von den Händen der athenischen Frauen. Er sprach von Hipparete, der reizenden Tochter des Hipponikos, von ihrer geheimen Liebesglut für ihn, von ihrem Erröten bei seinem Anblick. Dabei machte er sich lustig über ihr zimperliches, verschämtes, jungfräuliches Wesen. Er sprach auch von Kora, dem aus Arkadien nach Athen verpflanzten Hirtenkinde, dem lächerlichsten und sprödesten Geschöpfe, das man finden könne, das aber doch sein werden müsse um jeden preis. Lieber wolle er auf die strahlende Simaitha, auf dieses neue Wundergestirn der Schönheit, verzichten, als auf den arkadischen Trotzkopf. Nach diesen Reden schalt der weinberauschte Jüngling Theodota ob ihrer Schweigsamkeit und ihres trübseligen Wesens. »Theodota«, rief er, »du bist häßlich geworden! Diese weinerlichen Mienen entstellen dein Angesicht. Empfängt man so einen alten Freund wie mich? Worüber beklagst du dich? Ueber meinen Mutwillen? Bist du es nicht selbst gewesen, die mich diesen Mutwillen gelehrt hat? Gedenkst du nicht mehr jener fröhlichen Tage und Nächte, wo ich deinen Unterricht empfing in allen Arten des schönen Uebermutes? Und heute? Was soll dies grämliche Wesen? Warum soll ich jetzt ein anderer sein als damals, zur Zeit, da wir einander am besten gefielen und die fröhlichsten Stunden mit einander verlebten? Sei verständig, Theodota! Sei eingedenk der verliebten Toren, deren traurige Schwärmerei dir einst so lästig fiel, und welche du ohne Mitleid lachend von deiner Türe hinwegstießest! Und nun wolltest du selber zur Schwärmerin werden? Kann man so schmählich seine besten Grundsätze, seine liebenswürdigsten Eigenschaften verleugnen? Sei wieder fröhlich und ausgelassen, Theodota Gib uns einen deiner prächtigen Tänze zum besten! Tanze, ich will es, und wir alle wollen es! Laß dich wieder einmal in deinem vollen Glanze bewundern!« So sprach Alkibiades. Aber Theodota konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie antwortete mit leidenschaftlichen Vorwürfen, sie schalt ihn übermütig, treulos, ruchlos, mitleidslos. »Was klagst du mich an«, erwiderte Alkibiades, »wenn du selbst dich verändert hast, wenn du älter geworden, und wenn die Fröhlichkeit der Jugend dir verloren gegangen? Klage lieber die Zeit an, die uns alle verwandelt. Auch ich muß es mir gefallen lassen, wenn ich dereinst aus einem jungen Satyr ein alter, kahlköpfiger Silen geworden bin. Ich werde auch als kahlköpfiger Silen noch immer fröhlich sein. Du aber zürnst und wütest gegen mich und gegen das Schicksal, weil du nicht mehr ein reizvoll blühendes, heiteres Mägdlein bist wie Hipparete oder Simaitha oder wie diese Bacchis hier. Ei, willst du durchaus wieder ein Jungfräulein werden, so reise nach Argos. Dort gibt es, wie es heißt, ein Heiligtum mit einem Quell, in welchem du nur zu baden brauchst, um wieder als Jungfrau daraus hervorzugehen. Auch die Hera pflegt, wie die Dichter erzählen, von Zeit zu Zeit dieses Bad zu besuchen, um sich dem Göttervater wieder angenehm zu machen, wenn sogar der alte Göttervater dergleichen noch zu schätzen weiß, warum nicht ich, der blühende Jüngling, der Ithyphaller-Genosse?« In dieser Art scherzte der trunkene Alkibiades weiter, während Theodota jetzt nur noch heftiger mit Worten und Tränen antwortete und in Ausbrüchen der Wut sogar gegen die junge Bacchis sich erging, so daß sie einer Rasenden ähnlich schien. »Siehe da meinen wackeren Gefährten Kallias«, sagte Alkibiades; »der hat den Grundsatz, kein Weib öfter als ein einzigmal zu berühren. Und ich – bin ich nicht lange genug immer wieder an deine Schwelle zurückgekehrt? Ha, beim wonnigen Eros, bin ich nicht oft genug gekommen des Abends, selbdritt oder mit noch mehreren Freunden, Goldäpfel des Dionysos im Busen, über dem Haar den Weißpappelkranz des Herakles, durchflochten von purpurfarbigen Binden? Aber das soll nun nicht wieder geschehen. Ich gedenke niemals wieder hierher zurückzukehren, weder allein noch mit anderen! Gehen wir. Freunde! Ich langweile mich hier! Lebewohl, Theodota!« – Erschreckt durch diese Drohung, hielt Theodota den Zürnenden zurück und gelobte, ihre Tränen trocknend, sich nach seinem Wunsche zu betragen. »Wohlan!« rief Alkibiades, »so tue, wie ich schon früher verlangte! Mache deiner gepriesenen Kunst wieder einmal Ehre!« »Was soll ich tanzen?« fragte Theodota. »Du warst soeben«, entgegnete Alkibiades, »vom Stachel deiner Leidenschaft gehetzt, der Io nicht unähnlich, welche durch eine von Hera gesandte Bremse verfolgt und verzweiflungsvoll in allen Ländern der Welt umhergetrieben wird. Zeige uns, wenn es dir beliebt, durch die Kunst verschönert, was du uns erst schauen ließest in roher, mißfälliger Wirklichkeit!« Schweigend schickte Theodota sich an, die Io zu tanzen. Sie tanzte zu Flötenklängen die Geschichte der Inachostochter, wie sie von Zeus geliebt, dann von Hera verfolgt wird, wie sie gebunden und bewacht wird auf Heras Befehl durch den Hundertäugigen Argos, wie nach der Tötung ihres Wächters sie von der unversöhnlichen Hera durch die scharfgestachelte Bremse verfolgt und durch alle Länder gehetzt wird. Anfangs hatte Theodota nur mit Ueberwindung ihrer selbst der Aufforderung sich gefügt. Allmählich aber schien sie, mehr und mehr befeuert, ihre Seele in das, was sie darstellte, ganz zu ergießen. Ihr nachahmender Tanz gewann eine Kunstvollendung und einen feurigen Ausdruck, von welchem alle Zuschauer hingerissen wurden. Als sie nun aber zur leidvollen Irrfahrt der Io überging und dem Entsetzen vor Heras Zorn und vor dem, von der Göttin gesandten, gestachelten Tiere Ausdruck gab, und ihre Gebärden den Charakter einer wilden, leidenschaftlichen Hast annahmen, und in der Angst der Flüchtenden das Leid um das verlorene Liebesglück sich zu mischen schien, da erhielten die Züge und das ganze Wesen Theodotas allmählich ein fast erschreckendes Ansehen. Sie spielte mit entsetzlicher Naturwahrheit die Rasende, Gehetzte, Verzweifelnde. Aber sie spielte sie bald nicht mehr. Ihre Augen traten hervor und rollten schauerlich in den Höhlen, ihr Busen wogte, ihre geöffneten Lippen bedeckten sich mit leichtem Schaum. So wild und ungestüm wurden ihre Bewegungen, daß Alkibiades und seine Freunde erschrocken auf sie zustürzten, um sie festzuhalten um der entzügelten Tollheit eine Schranke zu setzen. Jetzt begann Io-Theodota sich zu beruhigen. Sie blickte im Kreise umher mit blöden Augen, lächelte irr und sprach die Umstehenden mit wunderlichen Namen an. Den Alkibiades selbst nahm sie für Zeus, den als Silen verkleideten Kallias für ihren Vater Inachos; aber in dem jungen Demos vermeinte sie den hundertäugigen Wächter Argos zu erblicken, und plötzlich, das Auge starr auf Bacchis gerichtet, wallte sie neuerdings auf in toller Leidenschaft: Verwünschungen ausstoßend gegen die tückische Hera, wollte sie auf das Mädchen sich stürzen ... Theodota war wahnsinnig geworden ... Sie brach jetzt erschöpft zusammen und stieß wimmernde Klagen hervor in verwirrten, unsinnigen Worten. Alkibiades und seine Genossen wurden von einem leichten Schauer ergriffen. Aber sie waren trunken vom Weine. Sie überließen das Weib den Sklavinnen und taumelten aus Theodotas Behausung auf die Straße hinaus, wo die lärmende bacchantische Lust in ihren Wirbel sie fortriß. Den nächsten Tag fand ein neuer Umzug mit dem Bilde des Dionysos statt. Und zwar war es diesmal das uralte, aus Eleutherä nach Athen gekommene Bild des Gottes, das aus dem Lenaion nach einem kleinen Tempel außerhalb der Stadt, in der Nähe der Akademie, getragen wurde, wo dasselbe in alten Zeiten aufgestellt gewesen, Jährlich einmal, bei den großen Dionysien, wurde das Bild auf kurze Zeit in festlichem Zuge an den alten Ort gebracht. Dies geschah nun eben wieder. Zahlreich und überaus prächtig, wie nie zuvor, weit abweichend von der bisherigen schlichteren Weise der Väter, war diesmal das Festgeleite des Götterbildes. In allen Straßen, welche dasselbe durchwandelte, und von allen Dachterrassen, von welchen man auf dasselbe herabsehen konnte, wimmelte es von Zuschauern, welche selbst auch im Schmucke ihrer Veilchenkränze einen festlichen Anblick boten. Voran im Zuge gingen Schwärme von Satyrn und Silenen in roten Gewändern, mit Efeuranken die Leiber umschlungen. Dann wurde ein bekränzter Altar einhergetragen, umgeben von Knaben in Purpurgewändern, welche Weihrauch, Myrrhen und Safran trugen auf goldenen Schüsseln. Dann folgte allerlei Mummenschanz. Zuerst ein Greis mit der Maske eines Doppelgesichtes, welcher die Zeit vorstellte, dann die jugendlich blühenden Horen, welche die Früchte trugen, die ihrer Zeit entsprachen, dann ein prächtig geschmücktes Weib, welches die Symbole der dionysischen Festzeit an sich hatte, endlich ein schöner Jüngling, in dessen Maske der fröhliche Dithyrambos sich verkörperte. Dann kam eine Schar von dreißig Saitenspielern, welche goldene Kränze auf den Häuptern trugen und auf goldenen Lyren spielten. Jetzt aber kam ein auf vier Rädern rollender Prachtwagen, auf welchem das Bild des Dionysos geführt wurde. Der Gott war bekleidet mit einem safranfarbigen Gewande und einem goldgestickten Purpurmantel darüber. Er erhob in der Rechten einen goldenen Becher, gefüllt mit funkelndem Weine. Neben ihm stand ein riesiger goldener Mischkrug. Ueber ihn war ein Sonnenschirmdach ausgespannt, von welchem das Laub des Efeus und der Rebe in reichlichen grünen Ranken herabhing. Der Wagen selbst war ganz umwunden mit Kränzen, und sein umlaufender Rand war geschmückt mit tragischen und komischen Masken, jene mit Ernst und Würde, diese mit drolligem Grinsen auf das Volk herunterblickend. Das unmittelbare Gefolge des Gottes bildeten Bacchanten und Bacchantinnen mit gelösten Haaren, die Häupter bekränzt mit Ranken des Weines oder des Efeus oder der Stechwinde. Diesem Gefährt folgte ein anderes, auf welchem eine vergoldete Kelter sich befand. Die Kelter war ganz mit künstlich gebildeten Trauben gefüllt, und dreißig Satyrn standen in dem Wagen und kelterten zum Scheine die Trauben unter einem fröhlichen Winzerlied, das sie zu den Tönen der Flöten sangen, und auf dem ganzen Wege troff duftiges Naß in einen Schlauch, genäht aus Pardelfellen. Den Schlauch aber umschwärmten Satyrn und Silene, welche zechend und lärmend die Weinflut auffingen in die untergehaltenen Becher. Dann kam noch ein drittes Gefährt. Auf diesem war eine von hellem Gestein schimmernde, efeuumrankte Grotte gebildet, in welcher Quellen aller hellenischen Weine sprangen. Bekränzte Nymphen saßen lächelnd an diesen Quellen, Tauben umflatterten die Grotte und flogen aus und ein und schnäbelten sich in den grünen Zweigen des Efeus. Satyrn und Silene suchten die Tauben zu haschen, die an den Busen der Nymphen sich flüchteten. Dann folgten singende Knabenchöre, dann der Aufzug der vornehmen Athener auf ihren prächtigen Rossen, dann Jünglinge, welche goldene und silberne, dem Dienste des Dionysos geweihte Frachtgefäße trugen. Schwärmende Scharen schlossen sich an, Bacchanten und andere Mummerei, welche in ausgelassener Laune das Gepränge des Festzuges possenhaft nachahmte. Auf der Agora wurde Halt gemacht bei dem Altar der zwölf olympischen Götter, und hier sangen Männer und Knabenchöre den Dithyrambos, wobei der Chor zugleich im rhythmischen Tanzschritt um den Altar sich bewegte. Diese Töne waren kaum verhallt und der dionysische Reigen weitergezogen, als eine Scene der fremdesten und wunderlichsten Art die Aufmerksamkeit der Athener auf sich zog. In jener Zeit nämlich hatten wandernde Bettelpriester der Kybele, welche man Metragyrten zu nennen pflegte, ferner Sabaziosdiener, Apostel des mit Dionysos ursprünglich wesensgleichen, aber ins Mystische hinübergezogenen Gottes Sabazios, auch Schwärmer, welche die mystische Weisheit des Orpheus zu erneuern sich brüsteten, in Athen hervorzutreten und ihr Wesen zu treiben begonnen. Die Sabaziosdiener verkündeten und feierten einen mächtigen Heiland der Welt, durch welchen die Menschheit von allen Uebeln erlöst und der Sterbliche jedes gewünschten Heiles teilhaft zu werden vermöchte: eben jenen Sabazios. Sie und die Metragyrten zogen umher in den Straßen mit dem Bilde des Gottes oder auch der Göttermutter; unter den Klängen der Zimbeln und der asiatischen Handpauke führten sie Tänze auf, bei welchem sie wie Korybanten sich rasend gebärdeten. Geißelung und sogar Selbstverstümmlung übten und empfahlen sie, wie die Priester der Kybele auf dem Tmolos. Im ganzen Lande wanderten sie bettelnd umher, ein Esel trug ihre Heiligtümer, allerlei Geheimmittel verkauften sie und erboten sich, für Geld auch Götterzorn zu beschwichtigen, ja selbst verstorbene von den begangenen Verbrechen zu entsühnen und aus den Qualen des Tartaros zu befreien. Sie machten sich zu Verkäufern und Unterhändlern der Götterhilfe für die Sterblichen. Nicht mehr allzu spröde verhielt sich der Geist der Hellenen solcher Schwärmerei gegenüber, und hie und da begann sie in den Gemütern einzelner Wurzel zu fassen. Niemand blickte auf solche Versuche, einen düsteren und mystischen Götterkult aus dem Morgenlande herüber nach dem heiteren Hellas zu verpflanzen, mit größerer Erbitterung als Aspasia, und mit allen Mitteln, die ihr zu Gebot standen, kämpfte sie dagegen. Der lebensfrohe, junge Alkibiades, welchem düstere Schwärmerei nicht minder unverständlich und ein Greuel war, stand ihr als mutiger Kämpe gegen jene Dunkelmänner und Gaukler zur Seite. Während des Dionysosfestes nun glaubten auch die wandernden Metragyrten und Sabaziosdiener die günstige Gelegenheit gekommen, Anhänger zu werben für ihren Gott und Heiland Sabazios und für seinen fanatischen und grausenhaften Dienst. Sie zogen umher, mit Pappellaub und Fenchel bekränzt, wie sie pflegten, trugen Schlangen in der Hand, die sie über dem Haupte schwangen, und tanzten, von Schwärmen des Volkes umgeben, unter dem korybantischen Getöse der Zimbeln und des Tympanons ihren Rasetanz, die sogenannte Sikinnis. Dabei geißelten sie sich und verwundeten sich aufs Blut. Ein Metragyrte hatte eine große Menge Volks um sich versammelt und predigte mit heftigen Gebärden und lautem Geschrei den erlösenden Gott Sabazios. Er sprach von geheimen Weihen, er sprach auch von der höchsten und dem Gotte wohlgefälligsten Tat des Sabaziosdienstes, der Selbstverstümmlung. Während die Menge lauschend und zum Teil mit nicht unbewegtem Gemüte um den Metragyrten stand, kam plötzlich die Schar der schwärmenden, trunkenen Ithyphaller des Weges. Sie hörten den fremden Schwärmer von Sabaziosdienst und Selbstverstümmlung reden. »Wie?« rief der ausgelassene Fürst der Ithyphaller, »von Selbstverstümmlung wagt es einer vor uns zu sprechen, inmitten des Ueberschwanges bacchischer Festlust? Nein! Solche Worte sollen nicht gehört werden auf hellenischem Boden, so lange es Ithyphaller gibt!« Damit stürzte sich die Schar der trunkenen und übermütigen Jünglinge auf den Metragyrten, schleppte ihn hinweg und warf ihn, der seinesgleichen längst geschwornen Rache eingedenk, in den unfern gelegenen Erdabgrund des Barathron. – – – Unter den Bacchantinnen, welche den Festzug umschwärmten, hatten sich auch die Mädchen Aspasias befunden. Wie hätten sie, die zur Freiheit erzogen wurden, der Freiheit nicht froh werden sollen in den Tagen, an welchen selbst für jene, welche sonst unfrei waren, alle Fesseln sprangen und alle Schranken fielen? Auch das arkadische Hirtenkind hatte man, obgleich es nur widerwillig sich fügte, in die Maske einer Bacchantin gesteckt, und mit fortgezogen wurde es von dem entzügelten Reigen. Einen großen Anteil schien der junge Alkibiades daran zu haben, daß unter den Bacchantinnen, welche aus dem Hause Aspasias kamen, auch Kora nicht fehlte. Kora stand allerdings an Schönheit weit zurück hinter ihren Gespielinnen. Aber sie war spröde, und ihr wunderlicher Ernst reizte den Mutwillen des Jünglings, entflammte ihn zuletzt bis zur Vermessenheit. Um Koras willen folgte er den Mädchen Aspasias mit seinen Gefährten, unkenntlich gemacht durch Satyrmasken. Das Wagnis, mit dessen Absicht er sich trug, war kein geringeres, als die spröde Arkadierin von ihren Gefährtinnen wegzulocken, oder, wenn dies nicht gelang, mit Gewalt sie aus der Mitte derselben fortzuziehen und in sein Haus zu entführen. Scherzend mischten die Satyrn sich unter die Bacchantinnen, Alkibiades hielt sich zu Kora, fand sie aber widerspenstig wie immer. Plötzlich stürzten an einer einsamen Stelle, welche dem Unternehmen günstig war, auf einen Wink des Alkibiades die Gefährten desselben und er selbst sich auf das Mädchen, um es unter dem Schutze der bereits eingebrochenen Dämmerung mit Gewalt beiseite zu führen. Aber im Herzen der Arkadierin erwachte derselbe Mut, mit welchem sie vorzeiten schon einmal einen angreifenden Satyr in die Flucht getrieben. Und wie sie damals einen Brand aus dem Feuer im Walde riß, um den Verwegenen damit zu verscheuchen, so riß sie jetzt einer ihrer Gefährtinnen die brennende Fackel aus der Hand und stieß sie dem vermummten Angreifer Alkibiades ins Angesicht, so daß seine Satyrmaske, von der Flamme in Brand gesteckt, augenblicklich hell aufloderte und er in Verwirrung zurückwich. Diesen Augenblick benutzte Kora, um mit der Behendigkeit des flüchtigen Rehes von dannen zu eilen, und spurlos entschwand sie in kurzer Zeit den Augen ihrer Verfolger. Rastlos durcheilte sie mit klopfender Brust die Gassen, bis das Haus Aspasias erreicht war. Was Kora an diesem Tage unter den Bacchantinnen gewesen, das war der junge Manes, der Pflegesohn des Perikles, unter den Satyrn. Auch ihm hatte man die Maske aufgenötigt, auch er war dem Xanthippos und dem Paralos widerwillig in das tolle Mummenspiel gefolgt. Unerfreulich, ja beängstigend erschien ihm das Getümmel, das ihn umgab. Die Festlust um ihn herum nahm eine zügellose Gestalt an. Der tolle Menon benahm sich auf der Agora schamlos wie sein Hund. Zuletzt sah Manes gar sich zur wehrlosen Zielscheibe der Spötter geworden. Unbehilflichen Wesens, wie er war, verstand er den Neckereien, den Scherzworten, mit welchen man auf ihn eindrang, nicht zu begegnen. »Gebt acht!« sagten einige im Kreise, »dieser trübselige Satyr da ist verdächtig! Schon manches Mal haben beim Dionysosfeste in solcher Maske neidische Schatten der Unterwelt unter die Lebenden sich eingeschlichen, oder gar Thanatos selber, oder die Pest! – Reißt ihm die Larve herab! Wer weiß, welchem Gramgesicht wir begegnen!« Die Gedanken des Jünglings verwirrten sich, sein Haupt begann ihn zu schmerzen, er machte sich Bahn durchs Getümmel mit seinen kräftigen Armen und schlug den Heimweg ein. Im Hause angelangt, schlich er sich unbemerkt auf die Dachterrasse hinauf, welche in diesem Augenblick völlig einsam war. Dort ließ er sich auf eine kleine Steinbank nieder, nahm die Satyrmaske vom Gesicht, legte sie neben sich und versank in Gedanken. Seine Züge hatten den Ausdruck einer tiefen Schwermut angenommen. Er schien ein geheimes Leid in der Brust zu tragen, wenn er dem lauten Freudentaumel des Dionysosfestes sich entzog, so lag der Grund vielleicht nicht bloß in seiner Abneigung gegen solches Treiben überhaupt, sondern in einer Befangenheit, welche infolge eines tiefen und mächtigen Eindrucks sich gegenwärtig seiner Seele bemächtigte. Lange war Manes in dieser Weise, nachdenklich und traurig zu Boden blickend, da gesessen, die Satyrmaske neben sich. Da stand plötzlich Aspasia vor ihm. Erschrocken blickte er empor. Schweigend sah die Herrin des Hauses ihm einige Augenblicke lang ins schwermutverdüsterte Antlitz. Dann begann sie mit freundlichen Worten: »Wie kommt es, Manes, daß du die Vergnügungen deiner Altersgenossen so lange verschmähst? Fühlst du nichts in deinem Blute von dem, was andere treibt, sich der schönen, flüchtigen, nie wiederkehrenden Jugendzeit zu erfreuen?« Manes blickte betroffen zu Boden und erwiderte nichts. »Bedrückt dich irgend ein Leid?« fuhr Aspasia fort. »Bist du unzufrieden in diesem Hause, und würdest du es vorziehen, unter anderen Menschen zu leben? Zürnst du vielleicht dem Perikles geheim, daß er dich von Samos mit sich hiehergenommen und dich wie einen eigenen Sohn im Hause erzogen?« Bei diesen Worten Aspasias erhob sich der Jüngling unwillkürlich von seinem Sitze, und mit lebhaft abwehrender Gebärde legte er gleichsam Verwahrung ein gegen eine solche Voraussetzung, während eine Träne zugleich aus seinem Auge quoll. Aspasia fuhr fort, nach den Gründen seiner Betrübnis zu forschen. Manes antwortete bald mit einem leisen Seufzer, der aus seiner Brust sich stahl, bald mit einem Erröten. Seine Hand zitterte leise. Er wagte selten aufzublicken; wenn er es aber tat, so hatten seine braunen Augen einen seelenvollen, fast rührenden Ausdruck. Der Jüngling war so ungefüge, so ungeschlacht in seinem Wesen, und doch hatte er jetzt an sich etwas Weiches, fast könnte man sagen etwas Mädchenhaftes. Aspasia blickte auf ihn mit dem Anteil, welcher die notwendige Wirkung des Ungewöhnlichen, des Wundersamen, des Rätselhaften ist. Mit jedem Augenblick fand sich Aspasia mehr bestärkt in der Mutmaßung, daß ein geheimes Leid an dem Herzen des Jünglings zehre. Liebe konnte es nicht sein; denn wem hätte sie gelten können, diese geheime Glut? Doch wohl nur einer der jugendlichen Hausgenossinnen? Diesen aber hatte ja Manes immer verschämt und blöde sich fern gehalten. Hatte man nicht mit Eifer sich bestrebt, den Jüngling in den fröhlichen Kreis zu ziehen, und war dies Bestreben nicht immer vergeblich gewesen? Ein Gedanke durchzuckte Aspasia. Ein Gedanke, der im ersten Augenblick beinahe etwas Drolliges für sie hatte, sie beinahe belustigte ... Aber wenn der Jüngling sein seelenvolles Auge zu ihr erhob, so milderte sich das Drollige jenes Gedankens, sie fand sich in einer Weise, welche sonst gar nicht in ihrer Natur lag, ergriffen von einer Regung herzlichen Mitleids. Nicht müde wurde sie, die unmännliche Schwermut des Schweigsamen mit sanften Worten zu tadeln und ihn zu der Heiterkeit, die seiner Jugend gezieme, aufzumuntern. Während so Aspasia mit dem Jüngling sich beschäftigte, saß Kora einsam in dem verlassenen Peristyl des Hauses. Sie hatte, zurückgekehrt aus dem wilden Wirbel der Festlust, dort still sich hingesetzt, die Maske der Bacchantin abgenommen und neben sich gelegt. So saß sie da, in tiefes Sinnen verloren, als Perikles, zufällig eben in das Haus zurückkehrend, das Peristyl durchschritt. Er war betroffen durch den Anblick des Mädchens, welches so einsam und nachdenklich da saß, die abgelegte Maske der Bacchantin neben sich. Er ging auf Kora zu und fragte sie nach dem Grunde ihrer so eiligen Rückkehr, ihrer Trennung von den Gespielinnen, mit welchen sie das Haus verlassen hatte. Kora schwieg. Sie hatte einen Kranz im Schoße, den sie als Bacchantin getragen. Mit den Blumen dieses Kranzes spielte wie unbewußt ihre Hand, und sie zerpflückte dieselben. Der Boden um sie her war bedeckt mit den zerpflückten Blättern der Blumen. Einen Anblick von besonderer Art bot das Mädchen in diesem Augenblicke. Die Haltung, in welcher sie da saß, das Spiel mit dem Kranze, der Ernst des bleichen Gesichtes bildeten zu dem Gewande und den Kennzeichen der Bacchantin, die sie an und neben sich hatte, einen Gegensatz, welcher fast ein Lächeln herausforderte. Perikles fuhr fort, ihr ins Antlitz blickend: »Eine Bacchantin mit so traurigen Mienen erinnere ich mich nicht jemals gesehen zu haben. Mich dünkt, Kora, du möchtest den Thyrsosstab weit lieber wieder mit dem Hirtenstabe vertauschen? – Ist es nicht so? – Du fühlst dich nicht glücklich in diesem Hause? Du sehnst dich nach deinen heimischen Bergwäldern, nach deinen Lämmern und Schildkröten?« Kora schlug ihre Augen einen Augenblick zu Perikles auf, die Augen, welche denen des Rehes zu vergleichen waren, und sah ihn an mit einer Miene, noch trauriger als zuvor, aber zugleich mit einem treuherzigen, fast kindlichen Blicke, in welchem eine aus tiefer Seele kommende Zustimmung Zu liegen schien. »Willst du, daß wir dich heim entsenden?« fragte Perikles in herzlichem, vertrauen erweckendem Tone. »Sprich offen, Kind, und ich werde alles tun, um dich sobald als möglich in die geliebte Heimat und zu deinem wahren Glücke zurückzuführen, willst du dieses Haus verlassen, Kora? Sprich!« Eine sonderbare Wirkung übten diese Worte auf das arkadische Mädchen. Im ersten Augenblicke zuckte etwas wie ein Freudenstrahl über ihr Antlitz, plötzlich aber blickte sie, wie von einem neuen Gedanken erfaßt, wieder ernst zu Boden, sie wurde bleich, ihr Busen begann zu wogen, eine Träne stahl sich zitternd über ihre Wimpern. »Sprich es aus«, sagte Perikles, »was du wünschest und was dir zur Fröhlichkeit gebricht in diesem Hause. Es gibt gewiß etwas, was du vermissest?« – Perikles sprach diese Worte in eindringlichem Tone und blickte dem Mädchen, auf Antwort harrend, ins Gesicht. »Verlangst du hinweg aus diesem Hause?« wiederholte er. Kora schüttelte stumm und traurig das Haupt. »Deine Betrübnis scheint also ohne Grund zu sein«, fuhr Perikles fort, »eine Melancholie, die als eine Art von Krankheit dein Gemüt befällt. Bekämpfe sie, mein Kind! Gib ihrer Macht nicht widerstandslos dich hin! Sieh, auch mich möchte der Dämon der üblen Laune zuweilen erfassen, aber ich ringe mit ihm. Das Lieben muß heiter sein und eine Lust für uns: denn wäre es dies nicht, so müßten wir ja die Toten beneiden, wollen denn die Menschen nicht alle froh werden und glücklich sein und sich heiter miteinander des Daseins freuen? warum suchst du die Einsamkeit? willst du denn nicht auch heiter und glücklich sein?« Wieder schlug Kora treuherzig zu Perikles die Augen auf und sagte zögernd: »Ich bin glücklich, wenn ich einsam bin!« »Wunderliches Kind!« rief Perikles. Er blickte Kora schweigend und sinnend an. Sie war nicht schön. Der Reiz ihrer Jungfräulichkeit war ohne allen Sinnenzauber. Und doch lag in dieser Jungfräulichkeit, in dieser Kindlichkeit, in dieser wunderlichen Art zu empfinden etwas, was eine besondere Art von Sympathie in edlen Naturen erwecken konnte. Perikles hatte den Inbegriff aller weiblichen Reize und Vorzüge in Aspasia verkörpert gefunden. Jetzt trat ihm plötzlich die Weiblichkeit in einer neuen, ungeahnten Gestalt entgegen, was er da in Kora vor seinen Augen verkörpert sah, das war verschieden von allem, was er bisher gesehen, was er bewundert, was er geliebt hatte. Nicht liebenswürdig, nicht reizend erschien ihm diese neue Art von Weiblichkeit, aber eine Rührung überkam ihn, ebenso neu und fremd als dasjenige, wodurch sie hervorgerufen war, Er legte seine Hand auf das Haupt der Arkadierin und empfahl ihr krankes Gemüt dem waltenden Schutze der Himmlischen. Dann sagte er: »Wollen wir nicht mitsammen Aspasia aufsuchen?« Und als er von einem Sklaven vernahm, daß Aspasia sich auf die Dachterrasse begeben, so faßte er das Mädchen freundlich an der Hand, um es der Herrin zuzuführen. Wunderbares Zusammentreffen! In demselben Augenblicke, in welchem Perikles im Peristyl des Hauses seine Hand mit einer Art von ernster Rührung auf das Haupt des betrübten Hirtenkindes legte, in demselben Augenblicke lag die Hand Aspasias, welche mit Manes ihr Gespräch auf der Terrasse des Daches beendete, auf dem Haupte des trübseligen nordischen Jünglings! War es doch, als ob diese ihre Hand mit einer fast mütterlichen Zärtlichkeit sein braunes Gelock berührte, ihr Auge fast mit Wärme ruhte auf den Zügen des jugendlichen Sonderlings! Dennoch thronte heitere Unbefangenheit auf ihrer freien, stolzen Stirne, und mit ruhigem Lächeln begrüßte sie Perikles, als dieser, das Mädchen an der Hand, zu ihr herantrat. »Ich führe dir die schwermütige Kora zu«, sagte Perikles zu Aspasia; »sie scheint mir nicht weniger als Manes freundlichen Zuspruches bedürftig!« Perikles hatte bei seiner Annäherung den warmen Blick bemerkt, mit welchem das Auge Aspasias auf denn Jüngling ruhte. Sie folgte seinem leisen Wink, und er führte sie an eine entfernte Stelle der Dachterrasse, wo ein Ruheplatz angebracht war unter blühenden Ranken. Hier erzählte Aspasia ihr Gespräch mit Manes dem Perikles, dieser ihr das seinige mit dem arkadischen Mädchen. Zuletzt sagte Perikles mit ruhigem Ernste: »Du hast warmbeseelte Blicke, ja, selbst schmeichelnde Gebärden aufgeboten, um das umdüsterte Gemüt des Jünglings aufzuhellen!« »Und dies bringt dich auf den Gedanken, daß er mir wert sein könnte?« sagte Aspasia. »Nein«, fuhr sie fort, als Perikles schwieg, »ich liebe ihn nicht, denn er ist fast häßlich. Seine plumpen Backenknochen beleidigen mein Auge. Aber eine flüchtige Rührung, ich weiß selbst nicht von welcher Art, überkam mich. Es war vielleicht Mitleid.« »Weißt du so genau, was Liebe nicht ist, und was sie ist?« fragte Perikles. »Was Liebe ist?« rief lachend Aspasia. »Beginnst auch du mich nun mit der törichten Frage zu quälen? – Liebe ist ein Ding, nicht abzuweisen, wenn es kommt, und nicht aufzuhalten, wenn es geht« ... »Und anderes weißt du nicht von ihr zu sagen?« fragte Perikles. »Nichts, als was ich schon öfter gesagt«, versetzte Aspasia, »ein Gefühl ist sie, das entarten kann zur Tyrannei, indem sie das Geliebte zum willenlosen Werkzeug machen will. Diesen Drang zur Entartung muß sie zu unterdrücken wissen. Sie muß ein mit Freiheit geschlossener, mit Freiheit aufrecht erhaltener Freudenbund der Herzen sein!« »So oft du mir dies wiederholtest«, sagte Perikles, »hat es mir immer unwiderleglich geschienen. Mein ruhig erwägender Sinn ist davon heute noch so gut überzeugt, als an dem Tage, wo wir selbst einen solchen Freudenbund der Herzen mit Freiheit schlossen. Liebe muß dem tyrannischen Drang entsagen, die Freiheit dessen, was sie liebt, zu vernichten; aber ungelöst steht vor meinem Geiste die Frage: Kann dies die Liebe? Ist sie jemals im stande, siegreich diesen Drang zu bekämpfen?« »Sie kann es!« versetzte Aspasia, »denn sie muß es können!« »Nicht aufzuhalten sei die Liebe, wenn sie geht, so sagtest du!« fuhr Perikles nach einer Weile sinnend fort, »was wird aus uns werden, Aspasia, wenn ihr schönes Feuer auch in unserer Brust erlischt?« »Dann werden wir sagen«, erwiderte Aspasia, »wir haben miteinander das Höchste des irdischen Glückes genossen! Wir haben nicht umsonst gelebt! Wir haben auf dem Gipfel des Daseins in hoher Lebens- und Liebeskraft den Freudenkelch geleert!« »Geleert – geleert!« – wiederholte Perikles, die Worte dumpf vor sich hin sprechend. »Du lässest mich da ein Wort vernehmen, das mich schaudern macht« – – – »Es ist das Los der Becher, sich zu leeren«, sagte Aspasia, »und das Los der Blumen, zu welken, und das Los alles Lebenden, scheinbar hinzuschwinden, in der Tat aber in ewigem Wechsel sich zu erneuern. Des Sterblichen Sache aber ist es, auf diesen Wandel und Wechsel um ihn und in ihm selbst mit der heiteren Ruhe der echten Weisheit zu blicken. Töricht wäre es, sich an die Ferse des Entfliehenden zu heften. Es kommt die Zeit, den Becher getrost in den Abgrund zu schleudern, aus welchem die beglückende Welle geschäumt hat. Zu einem Gipfel strebt alles empor, um dann wieder abwärts zu sinken auf der Stufenleiter des Daseins bis zur Vernichtung. Naturlauf ist alles« – – – Als Perikles und Aspasia diese Worte gewechselt hatten, schickten sie sich an, hinab ins Haus zu gehen. Und als sie wieder der Stelle sich näherten, wo sie Manes und Kora verlassen hatten, sahen sie diese beiden in einem Gespräche miteinander begriffen. Das flache Dach war durch Aspasia in eine Art Gartenterrasse umgewandelt worden. Es befanden sich da Lauben zum Schutze gegen die Sonne, und hohes blühendes Gesträuch, das in Gefäßen, gefüllt mit Erdreich, wurzelte. Ein solches Gesträuch verbarg Perikles und Aspasia, als sie sich näherten, vor den Blicken des Jünglings und des Mädchens, welche überdies zu sehr in ihr Gespräch vertieft waren; als daß sie die Annäherung der beiden hätten bemerken sollen. Perikles und Aspasia standen unwillkürlich einen Augenblick still, betroffen durch den Anblick. Sie hatten niemals vorher bemerkt, daß Manes und Kora sich miteinander unterredet, daß eines des andern Gesellschaft gesucht hätte. Schweigsam und zurückhaltend wie gegen alle Welt, waren sie auch gegen einander gewesen. Es war an sich selbst eine wunderliche Scene, welche das Auge wohl auf sich zu ziehen vermochte, einen traurigen Satyr und eine schwermütige Bacchantin mit einander sich unterreden zu sehen. Kora erzählte dem Jüngling von ihrer arkadischen Heimat, von den schonen Bergwäldern, von den Schildkröten, vom Gotte Pan, von den stymphalischen Vögeln, von den Jagden der wilden Tiere. Manes hörte mit großer Spannung zu. »Du bist sehr glücklich, Kora«, sagte er dann, »daß du alles dieses so klar in deiner Seele hast und dich daran beständig erinnern kannst. Mir ist, wenn ich wache, gar nichts erinnerlich von meiner Heimat und von meiner Kinderzeit. Nur in Träumen finde ich mich zuweilen versetzt in tiefe, rauschende Wälder, oder ich sehe rauhe Männer, in zottige Vliese gekleidet, auf schnellen Rossen sitzend und dahin sprengend über die Ebene. Ich bin dann immer den Tag über sehr traurig, wenn ich solche Träume gehabt habe, und an einer Art von Heimweh krank' ich, obwohl ich keine Heimat habe und nicht wüßte, wohin ich zuerst meine Schritte lenken müßte, wenn ich sie aufsuchen wollte. Nur daß ich nordwärts gehen müßte, immer nordwärts, dies weiß ich, und es träumt mir auch oft, daß ich nordwärts wandere, immer nordwärts in eine unendliche Ferne. Du bist gewiß doppelt betrübt, Kora, daß du nicht in deine Heimat zurückkehren kannst, weil du sie ja kennst und auch deine Erzeuger, und sie immer leicht wieder zu finden wüßtest. Sag mir's, Kora, wenn du zurückkehren willst in deine Heimat, ich führe dich heimlich dahin, und ich bleibe dann auch dort, denn ich bin doch jung und stark. Warum sollt' ich nicht mit den arkadischen Männern zusammenleben und die wilden Tiere mit ihnen jagen?« »Nein, Manes«, sagte das Mädchen, »nach Arkadien sollst du nicht gehen, weil dich ja deine Sehnsucht gegen den Norden zieht. Nein, ich möchte durchaus nicht, daß du nach Arkadien zögest, weil du dich gewiß immer nach deiner Heimat sehnen würdest. Du mußt gegen den Hellespont hinwandern und dann immer weiter gegen Norden, dann findest du gewiß deine Heimat und vielleicht gar ein Königreich« ... »Ich möchte wohl gerne gegen den Norden hin wandern«, sagte Manes, »aber ich würde traurig sein, wenn ich daran dächte, daß du hier bist und dich vergebens heim nach Arkadien sehnst.« Kora blickte nachdenklich zu Boden und nach einer kleinen Pause sagte sie: »Ich weiß nicht, wie es kommt, Manes, daß ich ebenso gerne gegen Norden ziehen würde, wie nach Arkadien, wenn wir mitsammen wanderten. Und mir ist, als wäre überall, wohin wir mitsammen gingen, Arkadien« ... Bei diesen Worten des Mädchens errötete Manes, und seine Hand zitterte wieder, wie immer, wenn er von einer großen und dabei schüchternen inneren Bewegung sich ergriffen fühlte, und er vermochte anfangs gar nichts zu sagen; erst nach einer Pause begann er wieder: »Aber du willst gewiß viel lieber nach Arkadien gehen, Kora, zu den Deinigen! Ich will ja gerne dich begleiten und ein Hirt werden, und mir ist, als fände ich überall, wohin ich dich begleite, meine Heimat wieder und sogar ein Königreich« ... Hier stockte er und errötete wieder. Von der Straße herauf scholl der tobende Lärm eines vorüberziehenden Bacchantenschwarmes. Fackeln erglänzten, heller Freudengesang ertönte, die Lust jauchzte in entfesselter Freiheit – hier oben aber standen der Jüngling und das Mädchen sich mit kranken Herzen blaß und stumm und verschämt gegenüber, und keines wagte die Hand des andern zu fassen, und selbst das Auge schlugen sie vor einander schüchtern zu Boden – der Satyr und die Bacchantin! – »Sie lieben sich!« sagte Perikles zu Aspasia. »Sie lieben sich, diese beiden: aber mit einer wunderlichen Art von Liebe, wie es scheint. Es ist, als ob sie sich ganz und gar nur mit den Seelen liebten. – Sie sprechen nur immer von Opfern, die sie einander bringen möchten« ... »In der Tat«, versetzte Aspasia, »mit einer Art von Liebe lieben sich diese beiden, wie nur Manes und Kora sie erfinden konnten. Sie haben durch die Liebe alle Munterkeit verloren, sie sind bleich und krank, sie sind traurig, und obgleich sie wissen, daß sie einander lieben, haben sie doch keinen Genuß von ihrer wechselseitigen Liebe, denn sie wagen es gar nicht einmal, sich die Hände zu reichen, geschweige sich zu küssen.« »Es ist eine verschämte Liebe«, sagte Perikles, »eine keusche, eine schmerzliche, eine selbstlose, eine entsagende, eine opferwillige Liebe. Vielleicht ersetzt diese Art von Liebe durch Bestand und schönes Gleichmaß, was ihr fehlt an wonneschauerndem Göttergenusse. Vielleicht trifft von ihr weniger zu, was du früher von der Liebe behauptet hast, daß sie dem blinden Naturlauf unterworfen sei« ... »Eine Krankheit ist diese traurige Liebe!« rief Aspasia erregt. »Wehe dem Tage, an welchem sie erfunden worden! Nicht aus dem morgenroten Meere, sondern aus den arkadischen Styxgewässern stieg diese neue, mit weißen Rosen bekränzte, bleichwangige Aphrodite! Diese Art von schmerzlicher, leidenschaftlicher Liebe ist so schlimm, wie Krieg und Pest und Hunger für die Menschen. Zu Eleusis habe ich diese Art von Liebe unter dem Gefolge des Thanatos gesehen, und dieser Gedanke war der einzige, der mir gefiel, dort in den eleusinischen Weihegrüften!« ... Nun traten Perikles und Aspasia hervor, und Aspasia führte das arkadische Mädchen mit sich hinab ins Haus. Am Abende desselben Tages fand im Hause des Perikles ein kleines Gelage statt, wie es die dionysische Festzeit mit sich brachte in den Häusern aller athenischen Bürger. Einige Gäste waren da, unter ihnen Kallimachos mit Philandra und Pasikompsa. Man hatte diesmal nicht im gewöhnlichen Speisesaale des Hauses, sondern im kühleren und geräumigeren Peristyl sich versammelt, wo die Lüfte der lauen Frühlingsnacht von oben erquickend hereinwehten. Perikles hatte, wie es seine Art war, sich früh zurückgezogen. Plötzlich kam der junge Alkibiades mit einigen seiner Freunde. Er stürmte in ausgelassener Festlaune beinahe die Pforte des Hauses und nahm, mit seinen Gefährten eindringend, sofort Platz unter den schon Versammelten. Bei seinem Eintritte flüchtete Kora sich sogleich ängstlich ins Innere des Hauses. Als Alkibiades dies merkte, gedachte er bei der reizenden Simaitha sich schadlos zu halten. Diese aber wies ihn stolz von sich. Sie verachtete ihn, seit er soweit sich erniedrigt hatte, das arkadische Hirtenmädchen mit Gewaltsamkeiten zu verfolgen in toller Liebeslaune. Auch die übrigen Mädchen erwiesen aus gleichem Grunde sich trotzig gegen ihn. Lange bemühte er sich, die Grollenden umzustimmen, aber vergeblich. »Wie?« rief er zuletzt, »Kora entläuft vor mir, spröde wie eine Fackeldistel, wenn der heiße Sommer sie dürr macht – Simaitha kehrt mir den Rücken – die gesamte Schule Aspasias blickt ernst und runzelt die Stirnfalten, wie der alte Anaxagoras – wohlan! wenn ihr alle mich zurückweist, so werde ich an die holde Hipparete mich halten, des Hipponikos züchtiges, verschämtes, reizvoll blühendes Töchterlein!« »Tue das immerhin!« sagte Simaitha. »Ich werde es!« rief Alkibiades; »du sollst mich nicht vergebens aufgefordert haben, Simaitha! Alkibiades läßt nicht mit sich scherzen! Ich gehe morgen mit dem Frühesten zu Hipponikos und begehre von ihm sein Töchterlein. Ich verheirate mich, werde tugendhaft, entsage allen tollen Vergnügungen und vertreibe mir die Zeit damit, Sicilien zu erobern und die Athener nach meiner Pfeife tanzen zu lassen!« »Hipponikos wird dir seine Tochter nicht geben!« rief der junge Kallias; »er hält dich für einen zu großen Taugenichts!« Lachend stimmten die übrigen Genossen ein: »Hipponikos wird dir seine Tochter nicht geben, du bist ein allzu großer Taugenichts!« »Hipponikos wird mir seine Tochter geben«, rief Alkibiades mit Nachdruck, »auch wenn ich unmittelbar zuvor ihn geohrfeigt haben sollte. Wollt ihr euch in eine Wette mit mir einlassen? Ich mache mich anheischig, den Hipponikos zu ohrfeigen und dann um seine Tochter bei ihm anzuhalten. Und er wird sie mir geben.« »Du bist ein Prahler!« riefen die Freunde. »Es gilt die Wette!« entgegnete Alkibiades. »Tausend Drachmen, wenn es euch gefällig ist!« »Es gilt!« riefen Kallias und Demos. Alkibiades reichte den Freunden die Hand hin, und diese schlugen ein. Es galt die Wette von tausend Drachmen. »Warum sollte ich nicht in mich gehen und tugendhaft werden«, rief Alkibiades, »da rings um mich her so viele traurige Zeichen und Wunder sich begeben? Nicht genug, daß Kora vor mir flüchtet, Simaitha sich von mir lossagt, Theodota wahnsinnig geworden, mußte ich nicht auch erleben, meinen ältesten und besten Freund zu verlieren? Er hat mir die Treue gebrochen und eine Frau genommen.« »Von wem sprichst du?« fragten einige. »Von wem anders, als von Sokrates?« entgegnete Alkibiades. »Wie? Sokrates hat sich verheiratet?« fragte Aspasia. »So ist es!« erwiderte Alkibiades; »in aller Stille hat er dieser Tage eine Frau genommen. Gebt ihn auf – ihr seht ihn niemals wieder!« »Wie kam das nur?« fragte Aspasia weiter, »mir ist noch nichts davon zu Ohren gekommen.« »Es mögen etwa zwei Wochen verstrichen sein«, sagte Alkibiades, »da stand ich in einer der stillsten Gassen drüben am Ilissos im Gespräch mit einem Freunde, dem ich da zufällig begegnete. Plötzlich öffnet sich die blumengeschmückte Tür eines Hauses, und ein Zug von Flötenspielern und Sängern, mit Fackeln in den Händen und bekränzt, tritt heraus. Diesen folgt eine verschleierte Braut, einherschreitend zwischen dem Bräutigam und dem Brautführer. Die drei besteigen einen vor dem Hause stehenden, mit Maultieren bespannten Wagen und nehmen Platz auf demselben. Mittlerweile kommt die Brautmutter mit der Fackel nach, die sie am Herdfeuer des Brauthauses angezündet; ihr schließt das übrige, weißgekleidete, fackelntragende und bekränzte Geleite sich an, der Wagen setzt sich in Bewegung, und fort geht es, die Straße hinab bis zum Hause des Bräutigams mit Flötenspiel und Gesang und fröhlichem Jauchzen und Springen. Der Bräutigam aber war kein anderer als Sokrates, der Freund Aspasias, sein Brautführer der Weiberfeind Euripides.« »Und die Braut?« fragten viele. »Eines schlichten Mannes schlichtes Kind«, versetzte Alkibiades, »das aber des Hauswesens Zügel sofort ergriff wie mit ehernen Händen und sich auf die Kunst versteht, mit dem wenigen hauszuhalten, was Sokrates von seinem väterlichen Erbe noch besitzt. Sokrates verheiratet! Der arme Wahrheitsucher! Wahrheit hat er gesucht und hat – ein Weib gefunden! Ich wiederhole euch, es geschehen Zeichen und Wunder! Die alte Welt will, scheint es, aus den Fugen gehen. Sokrates verheiratet – die lustige Theodota wahnsinnig – nehmt nun noch dazu, daß auf Aegina und in Eleusis, wie man sagt, einige Fälle der Pest vorgekommen, die schon längere Zeit am ägyptischen Gestade spukt, und daß man heute auf der Agora eine verdächtige Satyrmaske bemerkt haben will, unter welcher, meint man, sich Thanatos, oder die Pest, oder sonst etwas Grausenhaftes eingeschlichen – nehmt das alles zusammen, und ihr werdet zugestehen müssen, daß es langweilig zu werden droht in der Stadt der Athener. Wenn nun gar noch ich die Tochter des Hipponikos heirate, so färbt der hellenische Himmel sich grau wie ein Aschenhaufe. Aber heute wollen wir noch fröhlich sein – beim Eros mit dem Donnerkeil! Nicht länger geschmollt, Mädchen! Laßt uns einen lustigtollen Krieg beginnen wider die trübseligen Mächte, die uns bedrohen! Laßt uns ein spöttisches Schnippchen schlagen allen Zeichen und Wundern! Und wenn frohe Lust aus ganz Hellas verschwunden wäre, in diesem Kreise müßte sie noch zu finden sein. Habe ich nicht recht, Aspasia?« »Du hast recht!« versetzte Aspasia; »im Kampfe wider alles Trübselige sind wir Bundesgenossen.« So sprach sie und ließ neue Becher bringen, und im Mischkrug schäumten die köstlichen Fluten wieder auf, geleert und wieder geleert wurden die funkelnden Pokale. Heller Scherz, Gelächter und Freudengesang durchschallte das Peristyl, und Alkibiades sprühte von Funken dionysischen Geistes. So war es Mitternacht geworden. Plötzlich öffnet sich im Hintergrunde eine Tür, die ins Peristyl mündet. Aus der Tür kommt langsam wie ein Gespenst, mit geschlossenen Augen, Manes geschritten – Manes, der Traumwandler! – Er war dem Gelage fern geblieben und hatte sein stilles Lager aufgesucht. Nun aber hatte die unheimliche Sucht den Schlummernden wieder vom Pfühl seiner Ruhe gezogen. Bei dem Anblicke des mit geschlossenen Augen das Peristyl Durchwandelnden verstummte die helle Fröhlichkeit, und alles blickte, von leisem Schauer ergriffen, stumm nach dem gespenstischen Waller. – Nachdem er das Peristyl durchschritten, wendete er sich der Treppe zu, welche emporführte zum flachen Dache des Hauses. Ueber diese Treppe stieg er sicheren Schrittes hinan und verschwand alsbald den Augen der bei dem Gelage Versammelten. Ihm zu folgen beschloß die Mehrzahl der Zechgenossen, nachdem der erste Schauder überwunden war. »So straft Dionysos diejenigen«, rief Alkibiades, »welche seinem heiteren Freudendienst widerstreben. Wir wollen den Verächter des Gottes bekehren! Kommt! Wir wollen ihn wecken und dann ihn mit Gewalt zu unserem Gelage ziehen!« – Damit setzte der größere Teil der Zechgenossen sich in Bewegung und nahm den weg nach den Dachterrasse des Hauses. Als sie dort angelangt, bot sich ihnen ein Anblick, der neuerdings das Grausen in ihrer Brust entfesselte. Manes wandelte auf einem erhöhten, etwas abschüssigen Vorsprunge des Daches, hart am äußersten, abfallenden Rande des Vorsprunges selbst, an einer Stelle, wo nur die Mondsucht mit geschlossenen Augen wandeln konnte, jeder Wache aber schwindelnd in die Tiefe stürzen mußte. Inzwischen waren auch die übrigen Hausgenossen auf die Kunde, daß Manes traumwandle, herbeigeeilt. Auch Perikles erschien. Auch er schauderte, als er den Jüngling erblickte, und sagte: »Wenn er in diesem Augenblick erwacht, so stürzt er rettungslos in die Tiefe. Sich ihm rettend zu nähern aber ist an jener Stelle unmöglich!« Eben als Perikles diese Worte sprach, kam auch Kora herbei. Entsetzt, totenbleich, die großen, rundlichen Augen weit geöffnet, das Gesicht umflogen von dem aufgelösten Gelock ihres Hauptes, starrte Kora nach dem Traumwandler. Die Worte des Perikles vernehmend, zuckte sie einen Augenblick schaudernd zusammen, dann aber stürzte sie wie beflügelt nach der Stelle hin, wo Manes wandelte, schwang über den erhöhten Vorsprung sich empor, tat sicheren Fußes, ohne zu schwindeln, einige Schritte abwärts auf der abschüssigen, gefährlichen Bahn, faßte die Hand des Jünglings und riß ihn zurück von der äußersten Zinne, zurück bis dorthin, wo sie den sicheren Boden unter sich fühlte. Erst als Manes gerettet war, überwältigte sie der Schwindel, und ohnmächtig sank sie zusammen. Jetzt war es Manes, der, erwachend und die Augen aufschlagend, angstvoll das Mädchen umfaßte und es weiter hinabtrug in seinen Armen, bis es sein Bewußtsein wieder gewann und halb erschrocken, halb beschämt, errötend von dannen eilte. Die Genossen des Gelages hatten diese Scene verfolgt mit staunenden Augen. Jetzt umringten sie den Manes und führten ihn unter fröhlichem, ermunterndem Zuspruch hinab ins Peristyl. Nur Perikles blieb einen Augenblick mit Aspasia zurück. »Wie bedaure ich«, sagte Perikles zu Aspasia, »daß Sokrates nicht Zeuge dieser Scene gewesen!« »Warum bedauerst du dies?« fragte Aspasia. »Er würde nun wohl endlich«, erwiderte Perikles, »erfahren zu haben glauben, was die Liebe ist« ... Aspasia schwieg einen Augenblick, in den Mienen des Perikles forschend. Dann sagte sie: »Und du?« Perikles erwiderte: »Mich beschämt und verwirrt dies Paar ein wenig. Es ist, als ob es sagen wollte: Tretet ab, ihr beide, von der Bühne, und räumet uns den Platz!« – – – Noch einmal blickte Aspasia dem Perikles eine Zeitlang ins nachdenklich-ernste Gesicht. Dann sagte sie: »Du bist kein Grieche mehr!« – Gering an Zahl waren die Worte, die da gewechselt worden, aber sie waren bedeutsam. Sie fielen schwerwiegend in die Wage des Schicksals. Mit ihnen ereignete sich etwas wie ein geheimer Riß zwischen zwei hohen, einst so schön und innig verbündeten Seelen. Ein lange vorbereiteter Einzug neuer, dunkler, trüber Gewalten: des Zweifels, des innern Zwiespalts in der Seele des Perikles war vollzogen. Ab schloß mit diesem kurzen Wortwechsel der langsame, geräuschlose Zusammenbruch von etwas Großem, Schönem und Herrlichem ... Mit den Worten: »Du bist kein Grieche mehr!« hatte Aspasia von Perikles nach einem letzten, halb zürnenden, halb mitleidigen Blicke ihr Antlitz abgewendet. Beide gingen schweigend hinab: Perikles in sein Gemach, Aspasia zurück zu den Gästen. Inzwischen hatten die Zechgenossen vergebens sich bemüht, den jungen Manes bei ihrem Gelage festzuhalten und ihn zu des Freudengottes geziemendem Kult zu bekehren. Er hatte sich losgerissen und war zurückgekehrt in die innern Gemächer des Hauses. Nun erging man sich eine Zeitlang in Gesprächen über Kora, bewunderte ihren Mut, oder vielmehr die merkwürdige Gewalt einer Empfindung, einer Stimmung, einer Leidenschaft, unter deren Einfluß sie gehandelt hatte, durch welche sie gleichsam blind und bewußtlos hingerissen war, und welche für alle beinahe das Gepräge eines unlösbaren Rätsels hatte. Und jetzt begann auch Alkibiades sein Bedauern auszusprechen, daß Sokrates dieser Scene nicht beigewohnt. »Welch ein Festschmaus«, sagte er, »wäre dies für das Auge des Grüblers und Wahrheitsuchers gewesen, der schon über die alltäglichsten Dinge in tiefe Betrachtungen sich versenkt, und der nun wohl auch nicht ruhen würde, der Bedeutung dieses merkwürdigen Vorganges bis ins Innerste nachzuspüren. Ist er doch selbst eine Art von Traumwandler, ein von der Mondsucht der Philosophie Befallener, der die Augen schließt, um besser denken zu können, und dabei sich hinaus verirrt auf schwindelnde Höhen. Nur daß keine Kora für ihn erscheint, die ihn mit weicher Hand von den Abgründen des Gedankens zurückzieht. Nun, ich will zu ihm gehen und ihm diese ganze Sache berichten, obgleich es fast eine Gefahr ist, den Sokrates in seiner Behausung aufzusuchen. Denn die junge Frau Xanthippe fürchtet immer, daß ich ihren Gatten verführe, und hat überhaupt ein mißgünstiges Auge auf mich geworfen. Als ich die Neuvermählten mit einigen Freunden besuchte, setzten wir sie schon in arge Verlegenheit, und das Weiblein stellte ein Geschrei und Wehklagen darüber an, daß sie so vornehme Leute, wie wir seien, nicht gebührend bewirten könne. »Laß es nur gut sein«, sagte Sokrates; »wenn es gute Leute sind, die uns besuchen, so werden sie zufrieden sein; wenn es böse sind, so kümmern wir uns nicht um sie!« – Das sind aber Reden, mit welchen er Xanthippe nur noch mehr in Harnisch bringt. Ich merkte gleich, daß sie im Hause die Herrschaft hatte. Nun machte ich mir erst recht den Scherz, aufs freieste mit ihrem Gatten zu reden und ihn zu überhäufen mit freundschaftlichen Liebkosungen. Seit dieser Zeit brennt sie vor Wut gegen mich, und als ich kürzlich ihrem Manne einen leckeren Kuchen ins Haus sandte, ging sie in ihrem Zorn soweit, denselben aus dem Korbe auf den Boden zu werfen und ihn mit den Füßen zu zertreten. Und Sokrates? Der wagte bloß zu sagen: »Was hast du jetzt davon? Hättest du den leckeren Kuchen nicht zertreten, so hättest du ihn essen können!« – O Jammer! es scheint, daß zu Athen die weisesten Männer die Weiber nicht mehr zu behandeln verstehen!« – »Bei meinem Dämon«, fuhr Alkibiades fort, nachdem er seinen Becher geleert, »ich wiederhole es, die Welt geht aus den Fugen! Delos erschüttert, Theodota wahnsinnig, die weisen gezaust von ihren Weibern, ich selbst auf dem Punkte, um die Tochter des Hipponikos anzuhalten, Sabaziosdiener in den Straßen, Mondsüchtige auf den Dächern, der Peloponnesos in Waffen, zu Lemnos und auf dem nahen Aegina die Pest« ... »Vergiß nicht die Sonnenfinsternis«, fiel hier Demos ein; »auch ist zu erwähnen, daß, wie man hört, ein Spukgeist umgeht im Hause des Hipponikos« ... »Ist dies wahr?« fragten alle den anwesenden Kallias, des Hipponikos Sohn. »So ist es in der Tat!« erwiderte dieser und erzählte, daß wirklich ein Spuk sich zeige in seines Vaters Hause, und daß Hipponikos tiefsinnig und bleich und mager geworden, daß ihm der köstlichste Bissen nicht mehr behage, und daß des Nachts der Alp sich auf ihn lege. »Da habt ihr's«, rief Alkibiades – »also auch Sonnenfinsternisse und Spukgeister in den Häusern alter lustiger Lebemänner. Hole der Geier die Welt, wenn sie anfängt in solcher Weise sich zu verdüstern. Noch einmal, Freunde: wohlauf zum Kampfe gegen die Trübseligkeit der Zeiten, welche hereinzubrechen drohen!« »Bedarf es einer Aufforderung?« rief der junge Kallias. »Beim Herakles! Haben wir nicht diese ganze Festzeit über das unsere getan, wie nie zuvor? Warfen wir nicht den Metragyrten ins Barathron? Betrugen wir uns nicht vollauf so, wie man es von den lustigen Ithyphallern erwarten konnte? Und hatten wir nicht die ganze Athenerjugend hinter uns? Gab es mutwilligere Dionysien jemals zu Athen, als die gegenwärtigen? Habt ihr das Volk jemals so munter und so toll gesehen? Ist der Wein jemals in reicheren Strömen geflossen? Ist jemals eine größere Anzahl junger Mädchen im Gedränge verführt worden? Wimmelte es jemals mehr zu Athen von bereitwilligen Freudenpriesterinnen? Und waren sie jemals mehr gesucht? Was redest du von trübseligen Zeiten, Alkibiades? Es ist eine lustige Zeit, sag' ich. Die Welt schreitet vorwärts in der Fröhlichkeit, nicht rückwärts, wie du meinst. Und was da immer drohen mag, sie wird nur immer fröhlicher werden! Und so geziemt sich's auch! Hoch lebe die Lust!« »Hoch lebe die Lust!« schallte es zurück, und die Becher klangen zusammen. »Kallias, trefflicher Junge, laß dich umarmen!« rief Alkibiades und küßte den Freund. So will ich dich und euch alle reden hören! Es lebe die Lust! Und damit sie ewig lebe und wachse und gedeihe im Volke der Athener, müssen die Ithyphaller einträchtig zusammen halten mit der Schule, welche Aspasia gestiftet. Auf die Ithyphaller und auf die Schule Aspasias gegründet ist die feste Burg der Heiterkeit und aller reizenden Ausgelassenheit und alles fröhlichen Mutwillens! Darum nicht geschmollt, Simaitha! Nicht getrotzt, Prasina! Nicht das Mäulchen verzogen, Drosis, gegen Alkibiades! Lächle wieder, Simaitha! Du bist niemals reizender gewesen als heute. Beim Zeus! Für das ganze, volle, reizende Lächeln deines Mundes will ich die tausend Drachmen, die ich gewettet habe, verlieren und das Töchterlein des Hipponikos noch eine Weile warten lassen!« Nun wandte sich alles zu Simaitha und sprach ihr zu, sich mit Alkibiades zu versöhnen. Aspasia selbst mischte sich in die Sache. »Grolle dem Alkibiades nicht länger!« sagte sie. »Wenn er behauptet, daß die Schule der Aspasia gute Freundschaft halten müsse mit der Ithyphaller-Genossenschaft, so mag er recht haben, doch nur insofern, als die Ausgelassenheit der Ithyphaller gezähmt und gezügelt werden muß durch anmutige Frauenhände. Wir müssen uns dieser Ithyphaller annehmen, um ihnen den Zaum des rechten und schönen Maßes aufzulegen, damit das heitere Reich der Freude nicht im Wüsten und Rohen untergehe.« »Wir unterwerfen uns euch!« rief Alkibiades. »Wir wollen Simaitha zur Königin im Reiche der Freude mit unbeschränkter Gewalt erwählen« ... »Das wollen wir!« hallte es in der Runde nach. »Warum sollten die Ithyphaller sich nicht zügeln lassen von so reizenden Händchen?« In heller Fröhlichkeit wurde die lächelnde, reizstrahlende Simaitha ausgerufen zur Trinkkönigin und zur siegreich waltenden Beherrscherin des Reiches der Freude. Man errichtete für sie einen herrlichen, mit Blumen reich bekränzten Thron, man hüllte sie in Purpurgewande, ein goldenes Diadem wurde in ihre Locken gedrückt, mit Rosen- und Veilchenkränzen wurde ihr Leib umschlungen. Sie strahlte im vollen, unvergleichlichen Zauber ihrer Jugend und Schönheit – eine echte Königin, selbst Aspasias Auge hing an ihr mit Bewunderung. »Aspasia beherrschte die Gegenwart«, rief Alkibiades, »dir, Simaitha, gehört die Zukunft!« Die Becher wurden gefüllt mit berauschendem Trank und geleert zu Lehren der strahlenden Freudenkönigin. »Von dieser Königin beherrscht«, riefen die Jünglinge, »wird das Reich der Freude sich verbreiten über den Erdkreis!« »Kallias und Demos, nehmt eure tausend Drachmen in Empfang!« rief Alkibiades. »Ich gebe die Wette verloren. Ich gehe morgen noch nicht zu Hipponikos. Der Fürst der Ithyphaller schließt einen neuen Bund mit der Königin der Schönheit und der Freude! – Den Göttern sei Dank! Sie lächelt wieder, und ihre Zähne schimmern dabei, wie eine Marmorsäulenreihe des Parthenon!« Dann näherte der bekränzte, von Wein und Liebesverlangen berauschte, verwegene Jüngling sich dem königlich geschmückten, reizvoll prangenden Mädchen, schlang unter dem Jubel seiner Gefährten den Arm um sie und wollte das geschlossene Bündnis mit einem Kusse besiegeln. In diesem Augenblicke fiel allen, welche Simaitha anblickten, eine heftige Röte auf, die ihr Gesicht überströmte. Sie wehrte mit ausgestreckter Hand die Annäherung des Alkibiades ab und klagte, daß eine plötzliche flammende Hitze ihr Haupt ergriffen habe. Zugleich schienen ihre von der Glut getrockneten Lippen nach Labung zu lechzen. Man reichte ihr einen mit Bein gefüllten Becher, sie stieß ihn zurück und verlangte nach der Erquickung kühlenden Wassers – sie stürzte Becher auf Becher der kühlen Flut hinab, aber es war, als ob nur schwache Tropfen auf eine Masse glühenden Erzes fielen. Nun merkte man auch, daß ihre Augen, mit Blut unterlaufen, sich röteten. Die Zunge des Mädchens wurde schwer – rauh, heiser klang ihre Stimme – über brennende Schwellung des Schlundes, der Mundhöhle, der Zunge begann sie zu klagen. Aus brach zugleich ein drängendes Angstgefühl – krampfige Bewegungen erfaßten die Gelenke der Hände, der ganze Körper zitterte, dünner, kalter Schweiß bedeckte die Glieder. Man wollte sie fortführen in ihr Gemach, auf ihr Lager; aber wie gehetzt von der wilden Beängstigung, verlangte sie, in einen Brunnen, in ein tiefes, kühles Gewässer sich zu stürzen – hinwegeilen wollte sie, einer Rasenden ähnlich – nur mit Gewalt wurde sie zurückgehalten. Man hatte den Perikles herbeigerufen. Er erschien. Er sah den Zustand des Mädchens und erbleichte. »Entfernt euch!« sagte er zu den Genossen des Gelages. Diesen waren die Häupter noch halb umnebelt von der bacchischen Berauschung. »Warum entsetzt der Zustand des Mädchens dich so sehr?« riefen sie. »Hast du ihr Uebel erkannt, so sprich!« »Entfernt euch!« wiederholte Perikles. »Was ist's, was ist's?« rief Alkibiades. »Die Pest!« sagte Perikles dumpf und leise. So still das Wort gesprochen war, es fiel wie ein Wetterschlag in die Versammlung. Alles verstummte, erbleichte, stob auseinander. Die Mädchen begannen zu wehklagen – Aspasia selbst war todesbleich und bemühte sich zitternd um den verlorenen Liebling. Das Mädchen wurde hinweggebracht. Die Zechgenossen begannen sich bestürzt und stumm zu entfernen. Nur Alkibiades gewann seine Fassung wieder, er, der Trunkenste von allen. »So sollen wir uns überwunden geben den finsteren Mächten?« rief er, einen Becher ergreifend. »Vergebens wäre unser Kampf gewesen? – Was stiebt ihr auseinander, Freunde? Feiglinge, die ihr seid! Wenn ihr alle verzagt und euch schmählich überwunden gebt, ich ergebe mich nicht! Ich trotze auch der Pest und allen Schrecken des Hades!« In diesem Tone sprach er fort, bis er zuletzt merkte, daß er ganz allein stand im verödeten Peristyl, unter zerstreuten Kränzen und halbgeleerten oder umgestürzten Bechern. Er blickte um sich mit glasigen Augen. »Heda, wo seid ihr«, rief er, »lustige Ithyphaller?« »Allein!« fuhr er fort – »ganz allein! – Sie haben mich alle verlassen – alle! – Das Reich der Freude ist verödet – die düsteren Gewalten siegen« – – »Es sei!« rief er zuletzt, den Becher von sich schleudernd. »Fahr' wohl, schöne Jugendlust! – Ich gehe zu Hipponikos!« – XXIV. Der Satyr und die Bacchantin. n jener ereignisreichen Nacht, in welcher Simaitha gekrönt wurde als Königin der Freude beim fröhlichen Gelage im Hause des Perikles, und der Fackelschein schwärmender Bacchanten aufglänzte in allen Straßen von Athen, in eben jener Nacht saß oben auf der einsamen, stillen Akropolis, auf dem umdunkelten Giebel des Parthenon, ein Unglücksvogel, eine düsterblickende Eule und ließ wiederholt ihren nächtlichen, schauerlichen, unheilverkündenden Klageruf ertönen. Aus den Gassen der Stadt herauf klang gedämpft der Freudenlärm, und in diesen mischte sich seltsam der nächtliche Ruf der Eule vom Giebel des Parthenon. Weit hinaus klang er in die dunkle Ferne von den Zinnen der Akropolis wie eine Todesbotschaft. Und er war in der Tat eine solche. Denn eben in diesem Augenblicke, als der junge Alkibiades und seine Genossen auf dem Gipfel fröhlichen Uebermutes ihre Becher erhoben bei dem Gelage im Hause des Perikles und der reizstrahlenden Königin der Freude zutranken – in demselben Augenblicke starb Pheidias im Kerker; – in demselben Augenblicke hauchte der unsterbliche Meister des Parthenon, seit geraumer Zeit von verzehrender Krankheit ergriffen, einsam seine große Seele aus. In jener Stunde aber, in welcher die erhabenste Griechenseele, des ruhmreichsten athenischen Schaffens Mittelpunkt, in dunkler Kerkernacht erlosch, und Aspasia dem Perikles die Worte zurief: »Du bist kein Grieche mehr!« – in jener Stunde war es, als ginge ein Riß nicht bloß durch des Perikles und der Aspasia Freudenbund, sondern durchs Herz der Hellenenwelt – als verdunkele sich ihr Stern; und neben dem siegreichen Ruf der Eule auf dem Parthenon klang es wie ein schadenfrohes Gekicher böser Dämonen aus den Lüften über der Höhe der Akropolis. Der Erechtheuspriester erwachte bei jenem Eulenrufe auf seinem nächtlichen Lager. Es war ihm, als laute der Eulenruf: »Wohlauf, deine Zeit ist gekommen!« Und die Dämonen flüsterten einander zu: »Nun endlich ist uns die Gewalt gegeben, hervorzubrechen! – Wohlauf, lassen wir uns nieder auf Athen, nieder auf Hellas! – An der Spitze dieses Reigens von Unglücksdämonen flogen die Zwietracht und die Pest. Diese letztere breitete ihre schwarzen Fittiche aus und flog allen übrigen voran, hin über die nachtumdunkelte, aber vom bacchischen Lärm durchhallte Stadt der Athener. Sie spähte nach der Stelle, wo die Festlust am hellsten aufschäumte – sie fand diese Stelle und stürzte wie ein Geier sich hinab auf die reizstrahlende junge Königin der Freude im Hause des Perikles ... Das am schönsten aufblühende, jugendliche Hellenenweib, welchem, wie Alkibiades meinte, die Zukunft gehörte, war die erste Beute des Dämons. Zeiten gibt es, wo mit innerem Verderb, mit den Umwälzungen der sittlichen Natur, mit Verwirrung und Entartung sich das Eintreten großer physischer Uebel vereinigt, wo die Harmonie und Ordnung der geistigen Welt und der leiblichen zugleich gestört erscheint. Eine solche Zeit brach jetzt herein für Athen, brach herein für ganz Hellas. Dem innerlich schleichenden Verderb des Bürgertums, wie es langsam und allmählich vorbereitet war durch wachsende Ueppigkeit und Genußsucht, durch das Überhandnehmen wüster Demagogie, zumeist aber durch den natürlichen Verlauf der menschlichen Dinge, welcher mit Notwendigkeit von der Blüte zum Verfall und zur Entartung führt – diesem inneren Verderb gesellte sich der Ausbruch blutiger Fehde unter den Stämmen von Hellas, aus welcher zuletzt niemand als Sieger hervorging, sondern das Wohl und die Freiheit aller gemeinsam unterging, gesellten sich die Greuel der Pest, der menschenvertilgenden Seuche. Die hellenische »Kalokagathia« sollte erschüttert werden – nicht mehr sollte es »eine gesunde Seele in gesundem Leibe« sein, wessen das hellenische Leben sich rühmen durfte. Rasch hatte die Kunde des ersten Pestfalles im Hause des Perikles die ganze Stadt der Athener durchlaufen, und Platz machte sofort die ausgelassene bacchische Lust der bleichen Angst, der lähmenden Sorge. Andere tödliche Pfeile des Würgengels folgten, und in wenigen Tagen wütete schon die Seuche, alle ihre Schrecken entfaltend. Wie es bei Simaitha geschehen, pflegte die Krankheit mit großer Erhitzung des Hauptes auszubrechen, zugleich mit entzündlicher Schwellung im Schlunde. Blutiger Eiter wurde ausgesondert aus dem Rachen, aus der Mundhöhle, sogar aus der Zunge. Dann wurde die Brust ergriffen, und ein heftiger Husten stieß wenigen und dünnen Speichel mühsam aus. Gewaltiges Ohrensausen trat hinzu, Krämpfe der Hand, Zittern des ganzen Leibes, Angstgefühl und Unruhe, bis zur Tollheit sich steigernd, verzehrender Durst, innere Hitze, so stark, daß sie manche in die Cisternen trieb. Zuweilen auch in die Eingeweide hinabsteigend, verursachte die Krankheit heftiges Erbrechen. Gerötet war die Haut, zuweilen dunkelblau, Geschwüre und Blasen traten darauf hervor. Doch fehlten, wie es scheint, bei dieser wie bei den übrigen Pestseuchen, von welchen aus dem Altertume berichtet wird, jene Beulen, welche bekannt sind als das vornehmste Kennzeichen der morgenländischen Pest, der in späteren Zeiten gefürchteten Geißel der Völker. Bis gegen den achten Tag zog die Krankheit meist sich hin; dann erfolgte der Tod bei hohlen Augen, spitzer Nase, kalt und rauh anzufühlendem Körper. Nicht leichten Kaufes kamen selbst die Genesenden davon. Denn bis in die äußersten Gliedmaßen verbreitete sich manches Mal das Verderben: Füße, Hände und andere Glieder starben ab, gelähmt oder ergriffen von brandiger Zerstörung. Auch das Augenlicht ging nicht selten verloren. Das Gedächtnis litt und die Verstandeskraft, blödsinnig blieben manche Genesene, und es gab welche, die, wieder erstehend vom Krankenlager, sich selbst auf ihre Namen nicht mehr besannen. Wirkungslos blieben alle Heilmittel. Auf des Hippokrates Rat wurden große Feuer angezündet, da man bemerkt haben wollte, daß Schmiede, beständig in der Nähe des Feuers arbeitend, seltener erkrankten. Aber die Gewalt des Uebels nahm nur immer zu. Da die Wissenschaft sich ohnmächtig erwies, suchte man Hilfe bei dem Aberglauben. Niemals wurden die unzähligen Gebräuche der Sühnungen, Reinigungen, Beschwörungen, welche den Hellenen zu Gebote standen, eifriger geübt. In den ersten Wochen war die Stadt durchhallt von Totenklagen, erfüllt von Leichenzügen, welche die von der Seuche Dahingerafften zur Bestattung in Gräbern oder zu den Scheiterhaufen hinausgeleiteten. Als aber das Sterben überhand nahm, und die Ansteckung, welche von Kranken oder Leichnamen ausging, Angst und Entsetzen verbreitete, auch viele verlassen und einsam in verödeten Häusern oder selbst in den Straßen dahinstarben, so wurden die geheiligten Gebräuche vernachlässigt. Nicht mehr wurde dem Toten sein Obolus für den unterweltlichen Fährmann in den Mund gesteckt, nicht mehr wurde ihm der Kuchen zur Beschwichtigung des Höllenhundes in die Hand gedrückt, nicht mehr wurde er sorgfältig gebadet und mit wohlriechender Salbe eingerieben, nicht mehr schön bekleidet und bekränzt mit Eppich auf einem Lager im Peristyl des Hauses ausgestellt, nicht mehr gingen laut Weheklagende dem Leichenzug voran, nicht mehr wurde er geehrt durch ein langes Geleit von Trauernden, durch Totenmahle und Totenopfer, durch die sonst von Ueberlebenden getragenen dunkeln Trauergewande: eilig und klanglos und fast ohne Geleite trug man sie hinaus, die zahllosen Leichname, und verscharrte sie in die Gruben oder legte sie auf die Scheiterhaufen. Zuletzt aber geschah es, daß selbst diese Pflicht und Ehre der Toten, welche dem Hellenen immer als die heiligste von allen gegolten, versäumt wurde. In ausgestorbenen Behausungen blieben die letzten Leichen verwesend liegen. Man fand auch Tote in leeren Tempeln, wohin sie vielleicht sich geschleppt, um die Hilfe der Götter anzurufen; man fand auch viele bei den Brunnen, zu welchen sie, von innerer Glut verzehrt, sich gewälzt, um die vertrockneten Lippen zu laben; und damit auch das äußerste des Grausens sich erfülle, fand man Leichen sogar in dem Gewässer der Cisternen selbst, in welches die Tobenden und von innerem Brande Gehetzten sich gestürzt. Bald wurde das erquickende Naß aus den Brunnen nur mehr mit Argwohn und Schauder betrachtet – konnte es doch verunreinigt sein vom Greuel der Verwesung... Leichname häuften sich in den Straßen von solchen, welche sich entweder selbst dorthin geschleppt, oder welche entseelt aus den Häusern herausgetragen und in verstohlener Hast hingeworfen, oder gar von den Dächern der Häuser, um sich ihrer nur rasch in verzweifelter Angst zu entledigen, hinabgeschleudert wurden. Und wenn man dann diese Leichen zusammenraffte, dann verwirrte die Scheu des Hellenen vor der Berührung toter Leiber im Vereine mit der Angst vor der Ansteckung die Gemüter, und in blinder Hast wurden Sterbende unter die Toten, Besinnungslose unter verwesende geworfen. Und wo von Angehörigen ein Scheiterhaufen zur Verbrennung eines Verstorbenen errichtet war, da drängten andere mit anderen Toten sich herbei und wollten auch diese in dieselben Flammen werfen, bis der Brand erstickt wurde durch die Zahl der Leichen, und ein wilder Kampf sich entspann um die brennenden Scheiter. Zu bemerken glaubte man, daß nicht einmal Raubvögel und wilde Tiere, welche Aeser suchen, die unbestatteten Pestleichen berührten. Taten sie es aber, so fielen sie selbst der Krankheit rasch zum Opfer und verendeten. Dies geschah auch häufig den Hunden. Die Furcht vor Ansteckung entfremdete die Menschen einander. Die Agora verödete, die Ringschulen standen leer, das Volk wagte nicht mehr, sich auf der Pnyx zu versammeln. Die Pforten der Häuser waren entweder fest verschlossen, weil man alle Annäherung abwehrte, oder sie standen völlig offen, weil das Innere verödet war und ausgestorben. Selbst die Bande des Blutes löste der Schauder. Auch der Willkür der Sklaven sahen viele sich preisgegeben, indem dieselben jetzt für frühere Unterdrückung sich rächten durch Ungehorsam, Trotz, verweigerte Hilfe, Diebstahl, freche Plünderung. Erbitterung wechselte in den Gemütern mit stumpfsinniger Ergebung. Nicht wenige aber trieb das Verlangen, sich zu betäuben, zu wilder Ausgelassenheit und dem Genuß ungezügelter Lüste. Man suchte Mut oder Vergessenheit in der Berauschung. Als ein unerschrockener und als lachender Verächter der Gefahr trat der tolle Menon hervor. Dieser war überall zu finden, wo das äußerste Grausen der Seuche heimisch war. Am liebsten schien er unter Leichen zu weilen. Man sah ihn manches Mal auf einem Hügel von toten Leibern sitzen, sich gleichsam freuend des Unheils und das feige Volk verspottend, das vor den Leichen und vor ihm selbst, dem Verpesteten, entfloh. Und da man merkte, daß eben er, welcher die Gefahr in trunkenem Uebermut herausforderte, verschont blieb, so mehrte sich die Zahl derjenigen, welche ein Gleiches taten. Bald waren die Gassen und Plätze betrunkenen Strolchen überlassen, welche gleichsam der Königin Pest zutranken und lachend ihren Schrecknissen trotzten. Eben diese waren es dann auch, welche für Gold sich herbeiließen, die Toten aus den Häusern wegzutragen oder in den Straßen aufzulesen und sie der Bestattung oder Verbrennung zuzuführen. Sie übten ihr Handwerk mit der rohen Vermessenheit von Menschen, welche ihr Leben nicht umsonst aufs Spiel setzen wollen. Sie forderten und nahmen, was ihnen gefiel, plünderten und verübten in den Behausungen, in welche ihr Beruf sie führte, jede Art von Gewaltsamkeit. Scheu vor dem Gesetze gab es nicht, denn die Tätigkeit der Gerichte war längst ins Stocken geraten, und der Verbrecher dachte, daß die Seuche entweder diejenigen, die ihn anklagen könnten, dahinraffen, oder ihn selbst der Notwendigkeit, sich zu verantworten, überheben werde. Aber nicht bloß Männer der ärmeren und der untersten Klassen überließen sich roher Ausschweifung, auch Begüterte taten so, vornehmlich war es die Jugend, welche in solcher Art sich gegen den Eindruck des sie umgebenden Grausens zu waffnen suchte. Viele sahen sich plötzlich reich geworden, indem das Erbe ihrer Eltern, ihrer Geschwister, ihrer Verwandten ihnen auf einmal zufiel. Da sie aber fürchten mußten, bald ein gleiches Schicksal zu erleiden wie diejenigen, welche sie beerbt hatten, so suchten sie der ihnen zu teil gewordenen Glücksgüter so viel als möglich froh zu werden und vergeudeten dieselben in betäubenden, wilden Genüssen. Beim Anblicke dieser schnell Bereicherten schlug in anderen die Erwartung Wurzel, eines gleichen Loses froh zu werden; aus der Erwartung aber keimte Hoffnung und frevelhafter Wunsch. So lösten auch in diesem Betracht sich mehr und mehr die sittlichen Bande, und es freuten die Ueberlebenden sich der Vorteile, welche aus dem Unmaße des allgemeinen Sterbens für sie erwuchsen. Wenn aber die Seuche mit ihren Wirkungen den Genußtrieb in vielen krankhaft zu steigern schien, so machte auch hier wie überall die Regel sich geltend, daß die Gegensätze neben einander walten, oder daß einer in den anderen umschlägt. Mit dem zügellosen Treiben und mit der Auflösung aller Bande breitete mehr und mehr auch düsterer Aberglaube seine Herrschaft aus. Bald suchten diejenigen, welche noch eben zu wilder Trunkenheit und Ausgelassenheit sich geflüchtet, ein neues Schutzmittel und einen neuen Trost in übertriebener Frömmigkeit, in abergläubischer Verehrung der Götter. Männer traten hervor wie Diopeithes, welche das über Athen verhängte Mißgeschick als eine Strafe darstellten für die vorher verübte Götterverachtung, und der Grimm des Volkes wendete sich gegen diejenigen, welche ihm von Diopeithes und seinesgleichen als die hauptsächlichsten Urheber des Götterzornes bezeichnet wurden. Nun gedachte man auch jenes mystischen Sabazioskultes wieder, und von jenem Metragyrten wurde gesprochen, welcher in den Erdschlund des Barathron gestürzt worden war durch die übermutigen, trunkenen Ithyphaller. Und viele gab es jetzt, welche der Meinung waren, man habe vielleicht mit Unrecht jenen Heiland Sabazios verschmäht, jenen Erlöser von allen Uebeln, und in der Freveltat, welche an dem schuldlosen Metragyrten begangen worden, sei der eigentliche Anlaß des Götterzornes und insbesondere die Rache des beleidigten Sabazios zu erblicken. Ihn zu versöhnen, meinten sie, sei nun ihre erste Pflicht und das einzige Heilmittel der menschenvertilgenden Seuche. Eine gewisse, zu Athen lebende Fremde, Ninos geheißen, ein Weib, welches auf allerlei Zauber und geheimnisvolle Dinge sich verstand, warf zu einer Priesterin und Verkünderin des Sabazios sich auf. In die Weihen dieses Gottes sich aufnehmen zu lassen, galt bald als Heiligung und Errettung. Mit wunderlichen Gebräuchen wurde der Aberglaube vollzogen: ein Rehfell wurde den Einzuweihenden umgehangen, ein Weihetrank wurde ihnen zu trinken gereicht, sie wurden mit Lehm und Kleien eingerieben, und eine Schlange wurde durch ihren Busen gezogen. Sie saßen dabei auf der Erde, und mit dem Ausrufe: »Dem Uebel entrann ich, das Bess're gewann ich« erhoben sie sich nach vollbrachter Weihe. Eine nächtliche Feier vereinigte düstere Bräuche mit Orgien der Sinne. So fand das, wozu die Not der furchtbaren Landesplage verirrte Gemüter trieb, Ausschweifung und Aberglaube, in dem Sabaziosdienste sich vereinigt. Man sah nun häufige Umzüge zu Ehren der Kybele und des Sabazios. Viele gab es, welche es den Metragyrten gleich taten, die Sikinnis tanzten und dabei sich geißelten und verwundeten. Aber auch die Pest zu heilen rühmten sich die Anhänger des phrygischen Gottes. Sie setzten den Erkrankten auf einen Stuhl und umtanzten ihn mit wildem Getöse. Sich in diesen Reigen zu mischen, galt als ein Schutzmittel gegen die Krankheit für die Gesunden. So weit war es gekommen mit dem Volke der Athener. Was Aspasia gefürchtet hatte und verhindern zu können glaubte, geschah: Fremdes und Düsteres drang ein in die heitere und schöne Griechenwelt, um, wenn auch nicht sofort zu völligem Siege zu gelangen, doch dasjenige vorzubereiten und anzudeuten, worin das Hellenentum wie ein heller Stern in trübem Gewölk erlöschen sollte. Während zu Athen die furchtbare Seuche dumpfe Verzweiflung und geisttrübenden Wahn ausbrütete und einem fremden Aberglauben die Bahn brach, der nicht mehr harmlos war wie der heimische und eingeborne, sondern die Wurzel gesunden Lebens benagte, umlauerten Schrecken anderer Art das attische Land. Der Krieg war neuerdings entbrannt. Neuerdings überfiel peloponnesisches Volk die ländlichen Gaue Attikas und drängte die Bevölkerung derselben in die Stadt, neuerdings war eine starke Flotte, diesmal geführt von Perikles selbst, ausgelaufen, und wieder zwangen die Erfolge, welche dieselbe an den Küsten des Peloponnesos erkämpfte, den Sparterkönig zu eiliger Heimkehr. Aber Potidaia widerstand noch immer, Korinth mußte belagert werden, und bald hier, bald dort loderte in Kolonien und verbündeten Städten die Flamme des Aufruhrs neu empor. Um Aspasia und seine beiden Söhne, Paralos und Xanthippos dem Bereiche der größten Gefahr zu entrücken, hatte Perikles ihnen für die Zeit seiner Abwesenheit das ländliche Gut zum Aufenthalte angewiesen. Dorthin begab sich Aspasia mit ihrer ganzen Hausgenossenschaft. Aber das Unheil folgte ihr, und aus der Pflanzschule der geistbeseelten Anmut wurden nach Simaitha auch Drosis und Prasina hinweggerafft. Sie waren aus der Gefangenschaft zu Megara durch den siegreichen Perikles nur befreit worden, um zu Athen in ihrer Jugendblüte dem Würgengel der Pest Zu verfallen. Wer es vermochte, der entfloh gleich Aspasia aus der verpesteten Stadt in die ländlichen Gaue oder auf nahe gelegene Inseln, wo die Gefahr geringer schien. Zerrissen war der Freundeskreis Aspasias. Euripides hatte nicht erst jetzt Athen verlassen. Zum Menschenfeinde geworden, lebte er auf Salamis in stiller Verborgenheit und brachte am liebsten seine Zeit in jener Ufergrotte hin, in welcher er unter wildem Schlachtgewitter das Licht der Welt zuerst erblickt hatte. Hier saß er einsam und hing seinen Betrachtungen nach, die Augen auf das Meer gerichtet und nichts von Athen zu hören verlangend, als was ihm etwa die Wellen zuflüsterten, die von dort herüberkommend zu seinen Füßen verschäumten. Sophokles lebte nach wie vor in seiner ländlichen Zurückgezogenheit am Kephissosufer, und das Haupt des Götterlieblings blieb dort unberührt von der Geißel, welche das Schicksal über den Athenern schwang. Heitere Weisheit war ihm treu geblieben und hatte ihn gelehrt, dem Lose des Perikles zu entgehen, nichts seinem Herzen allzu teuer werden zu lassen, und dem Ernste des Gebens nicht allzu große Gewalt über sein Gemüt zu verstatten. Auch das Haupt des Sokrates verschonte die Geißel, obgleich er die Brutstätte der wütenden Seuche nicht verließ, furchtlos die Gassen Athens durchwanderte, auch die Nähe der Menschen nicht vermied und überall, wo er konnte, hilfreich sich erwies. Der junge Alkibiades hatte inzwischen des Hipponikos Tochter, die rosige Hipparete, als Gattin in sein Haus geführt. Auch er trotzte mit dem alten Uebermut den Schrecken der Seuche, obgleich er sah, daß der Götterzorn die Ithyphaller nicht schonte, und die Pest einen seiner liebsten Genossen, den jungen Demos, den Sohn des Pyrilampes, von seiner Seite dahinraffte. Als Perikles mit den Schiffen auszog, war Alkibiades in seinem Geleite. So konnten die Sabaziosdiener ihr Wesen treiben, ohne die wilden Ithyphaller und den Erdschlund des Barathron fürchten zu müssen. Die Seuche ließ ein wenig nach, eben nur soviel, daß der einzelne auch des Gemeinwesens wieder gedenken und die Stadt der Athener von dem, was sie unmittelbar bedrängte, den Blick wieder auf das zu richten vermochte, was im weiteren Kreise sie umdrohte. Die sich erneuernde Kriegsnot fand verzagte Gemüter; die waffenfähige Mannschaft war verringert durch die Pest, auch auf der Flotte und vor Potidaia herrschte die Seuche. Erfolgreich kämpfte Perikles mit seiner Flotte auch jetzt an der peloponnesischen Küste. Aber was half es, da allmählich ganz Hellas, in Parteien gespalten, in die Wirrsal mit hineingezogen wurde, an diesem Punkte der Kampf erlosch, an jenem wieder entbrannte, überall nicht bloß die beiden Gegner, sondern auch die Verbündeten derselben aneinander gerieten, die Bundesgenossenschaften selbst aber beständig schwankten und wechselten. Nicht mehr war die Führung einem einzelnen möglich; was hier errungen wurde, ging an einem anderen, entfernteren Punkte wieder verloren, nirgends stellte der Feind sich zu letzter Entscheidung, in unzählige Einzelkämpfe zersplitterte sich der große Hellenenkrieg. Auf die Kunde, daß das zage Volk zu Athen in Unterhandlungen mit Sparta sich einließ, beschleunigte Perikles seine Heimkehr. Die Athener neu zu ermutigen, schmachvolles Verzagen zu hindern dachte er; aber diese, mürbe gemacht durch die schwere Heimsuchung des Schicksals, kamen günstiger als je den geheimen Plänen der Demagogen und des Diopeithes entgegen. Der Erechtheuspriester war von der Pest befallen worden und wieder genesen. Seit jener Zeit war sein wilder, fanatischer Eifer noch gewachsen. Einen Götterwink erblickte er in seiner Errettung aus der tödlichen Gefahr. Eines Tages ereignete es sich, daß auf der Agora ein Häuflein von Bürgern um einen Mann versammelt stand und seinen Reden lauschte. Denn allmählich wagten die Athener es wieder, sich einander zu nähern, während noch kurz vorher einer den andern wie die Pest selber geflohen hatte. Der Mann, der inmitten des Häufleins von Zuhörern stand, war einer von den mutig und frei Gesinnten, welchen nun doch zuweilen wieder die Zunge gelöst schien. Er vermaß sich nicht bloß, unverhohlen gegen die Demagogen zu eifern und aufs lebhafteste für den Perikles einzutreten, sondern auch den Aberglauben zu verurteilen, welchem das athenische Volk zur Beute geworden. Da nun unter den Zuhörern viele Anhänger des Diopeithes und des Kleon waren, so entspann sich ein heftiges Gezänk, und jener Freigesinnte wurde zuletzt von den auf ihn eindringenden Gegnern ergriffen und mißhandelt. In diesem Augenblick kam der Erechtheuspriester des Weges, begleitet von einer Anzahl seiner Anhänger und Freunde. Als er vernahm, daß jener den Perikles verteidigt und das Vertrauen der Athener auf die Götter kleinmütigen Aberglauben gescholten, nahmen die Züge des Priesters den Ausdruck einer unheilvollen, düsteren Erregung an. Er drehte eine Zeitlang seine Augen starr aufwärts, wie unmittelbar im Geiste mit dem Himmlischen verkehrend, und dann begann er, zum Volke gewendet: »Wisset, ihr Athener«, sagte er, »daß in dieser Nacht die Götter mir einen Traum gesendet und jetzt zur rechten Zeit mich an diese Stelle geführt haben. Schuld auf Schuld ist gehäuft worden in einer langen Reihe von Jahren zu Athen: Sophisten und Götterleugner haben euch betört, Hetären haben euch beherrscht, Tempel und Götterbilder sind errichtet worden, nicht zur Ehre der Götter, sondern zu leerem Prunk und zum Verderb der schlichten Denkart und der frommen Weise der Väter. Zur Strafe für Entartung, Götterleugnung, Ueppigkeit leidet ihr nun, was ihr leidet. Nicht zum erstenmal entladet sich Götterzorn über die Hellenen. Und ihr wißt, in welcher weise Götterzorn in Urväter-Zeiten beschwichtigt zu werden pflegte. Ihr wißt, daß die Götter zuweilen nur durch das höchste aller Sühnopfer, durch ein Menschenopfer versöhnt werden konnten. Ergreift diesen Götterleugner: sein Leben ist durch die frevelhafte Leugnung der Götter nach dem Gesetze ohnedies verwirkt. Er ist ein Verbrecher, unrettbar dem Tode verfallen. Aber statt durch die Hand des Scharfrichters seine Strafe zu erleiden, soll er in der Weise des uralten, halbvergessenen Brauchs den Göttern dargebracht werden als Sühnopfer, soll mit Sang und Klang durch die Straßen geleitet, verbrannt und, zu Asche verwandelt, in die Winde gestreut werden!« Während der Priester sprach, hatte immer mehr des Volks sich versammelt. Darunter war auch Pamphilos. Als dieser hörte, daß man jenem Freunde und Verteidiger des Perikles ans Leben gehen wolle, zeigte er sogleich sich einverstanden. »Drüben am Ufer des Ilissos«, sagte er, »brennen Tag und Nacht die Scheiterhaufen, auf welchen die von der Seuche Dahingerafften verbrannt werden. Auf einem jener lustig flackernden Holzstöße wird auch Platz sein für diesen! ...« Damit faßte er selbst, der erste, jenen Schuldigen, und eine Zahl der wildesten unter seinen Gesellen schickte mit ihm sich an, den Unglücklichen hinwegzuschleppen. Jetzt kam Perikles auf die Agora, im Begriffe, sich in das Buleuterion zu begeben. Er sah den Tumult und erforschte die Ursache desselben. Laut hallte es aus der wilderregten Menge zurück, daß die Götter ein Sühnopfer verlangen, und daß man eben sich anschicke, denselben ein solches in der Person des Frevlers und Götterleugners Megillos darzubringen. Perikles drängte sich mit abwehrender Gebärde dazwischen. Ihm aber trat Diopeithes entgegen. Und nun standen die beiden Männer, auf welchen die Führerschaft des großen Kampfes beruhte, der seit Jahren zu Athen gekämpft wurde und der Entscheidung immer näher rückte, zum erstenmal persönlich wie im Zweikampfe sich gegenüber. »Zurück, Alkmäonide!« rief der Erechtheuspriester. »Willst du auch jetzt noch den Göttern entziehen, was ihnen gebührt und was sie gebietend verlangen? Willst du dem Volke der Athener es wehren, die schuldige Sühne zu suchen und die endliche Errettung aus der Not, in welche kein anderer als du selbst es gestürzt hat? Siehst du nicht, wohin deine Verblendung dies früher von den Göttern gesegnete Volk geführt hat? Dein Werk ist es, wenn sie von der alten frommen Weise sich abgewendet, wenn sie nach Reichtum, Wohlleben und eitlem Glanz getrachtet, wenn sie falschem Lichte gefolgt sind und gehört haben auf die Worte der Götterverächter!« »Und du, Diopeithes?« entgegnete Perikles mit ernster, aber ruhiger Entschiedenheit; »wohin gedenkst du das Volk der Athener zu führen? Zum fanatischen Morde der Bürger – zur Erneuerung rohen, unmenschlichen Greuels, vor welchem, einer helleren Gesittung zureifend, der Hellenengeist schon seit Jahrhunderten mit Schauder sich abgewendet!« »Danke den Göttern, o Perikles!« rief Diopeithes, »daß sie diesen da in unsere Hand gegeben – danke den Göttern, wenn sie mit dem Blute dieses Mannes sich für jetzt begnügen wollen! Denn wenn sie den eigentlichen Schuldigen von uns forderten, den Schuldigsten im Volke der Athener, weißt du, wen wir ergreifen und den Flammen überliefern müßten? Wie einst der Seher Teiresias den übermütig prahlenden Oedipus, so müßten wir dir zurufen, Alkmäonide, du bist der Schuldige, du bist der Urheber des Götterzornes! Alter Fluch ruht auf deinem Geschlechte! Durch dich, durch deine Genossen und Freunde ist Athen gottlos geworden, durch dich ist die Kriegsnot über uns hereingebrochen, und die schlimmste Geißel in Götterhänden, die Pest, sollte zu voller Sühne mit keinem andern, als mit deinem Blute abgewendet werden!« ... »Wenn es sich so verhält, wie du sagst«, entgegnete ruhig Perikles, »so laßt den Mann da los und opfert denjenigen, welcher euch der Schuldigste dünkt!« Damit befreite Perikles den zum Tode Verurteilten aus der Hand des Pamphilos. Mit einem Grinsen der Genugtuung ließ dieser sein früheres Opfer los und säumte nicht, froh des Tausches, Hand an den ihm verhaßten, nun selbst sich darbietenden Strategen zu legen. »Was zögert ihr?« sagte Perikles zu den betroffenen, stummen und regungslosen Athenern. »Meint ihr, daß ich nur in der Erwartung mich darbiete, von euch verschont zu werden? Glaubet, Männer von Athen, daß es mir fast gleichgültig erscheint, ob ihr mich verschont oder mich hinweg zum Tode schleppt! Dem schönsten Glücke, dem ruhmvollsten Glänze, dem vollen Lichte der Wahrheit und der Freiheit meinte ich Athen entgegenzufahren, und nun sehe ich, daß ein götterverhängter Umschwung – oder ist es ein Fluch von Anbeginn, der allem Naturlaufe anhängt? – uns wieder ergreift und zurückführt in Nacht und Wirrsal; daß nicht bloß äußeres Ungemach hereinbricht über Hellas, sondern auch in unserem Innern allmählich dunkle Gewalten über die lichten siegen! Ich danke den Göttern, wenn ich meines Vaterlandes Glanz und Blüte nicht überlebe! – Tötet mich!« – Stumm und regungslos standen noch immer die Athener. Pamphilos wurde ungeduldig. Jetzt trat ein Mann aus der Menge hervor und sagte, indem er Miene machte, hinweg zu gehen: »wenn ihr den Perikles töten wollt, so tut es ohne mich. Ich will nichts davon sehen. Mich hat er einmal in Thrazien als Schwerverwundeten mit eigenen Händen fortgeschleppt, als alle andern vor der großen Ueberzahl der Angreifer entflohen und mich in Feindeshand zurücklassen wollten!« »Auch ich gehe!« rief ein Zweiter. »Ich wurde von ihm im samischen Kriege begnadigt, als die andern mir feindlichen Strategen ob eines geringen Vergehens mich zum Tode verurteilen wollten.« »Auch ich will mit der Sache da nichts zu tun haben«, sagte ein dritter; »auch mir hat Perikles Gutes erwiesen durch seine Fürsprache, als ich bei allen Obrigkeiten Athens das mir gebührende Recht nicht fand.« »Auch mir! auch mir!« scholl es aus der Menge, und immer größer wurde die Zahl der Männer, welche von dem Haufen sich absonderten. »Durch die wissentliche Schuld des Perikles hat kein Athener jemals Trauer angelegt!« ertönte es. Pamphilos hielt sein Opfer, das ihm zu entgehen drohte, krampfhaft fest. »Laß den Perikles los, Pamphilos!« riefen einige. Dann riefen es noch mehrere, und endlich scholl der Ruf im lauten Thore: »Laß den Perikles los, Pamphilos!« ... An diesem Manne konnten die Athener selbst in ihren schlimmsten Augenblicken sich nicht vergreifen. »Noch einmal hast du gesiegt!« rief höhnend Diopeithes dem Befreiten Zu. »Aber es war vielleicht der letzte deiner Triumphe. Auf dein Haupt wälze ich die Schuld, wenn die Götter unversöhnt bleiben und ihre Geißel fortwütet über uns!« – Kurze Zeit nach diesem Begebnis wurden die beiden Söhne des Perikles, Paralos und Xanthippos, von der Seuche ergriffen und fielen derselben zum Opfer. Als Genugtuung wies der Erechtheuspriester auf den offenbar gewordenen Götterfluch, welcher nun endlich das Geschlecht der Alkmäoniden austilge. Die Gewalt der Seuche nahm wieder zu. An das unterlassene Sühnopfer und an Perikles, der es hintertrieben hatte, erinnerten jetzt unablässig Diopeithes und seine Anhänger. Glaubwürdig erschien die Verschuldung und der Götterzorn nach dem Unglück, welches von den Himmlischen über den Mann verhängt erschien. Mehr als je wurden die Gemüter der Athener verdüstert. Das Feld war den Gegnern des Perikles überlassen. In einer Art von dumpfer Gleichgültigkeit ließ Perikles, nach so vielem Ungemach nun auch noch durch den plötzlichen Tod seiner Sprößlinge, durch den Untergang seines Hauses erschüttert, den Dingen ihren Lauf. Der Augenblick, den lange vorbereiteten Streich zu führen, war für seine Feinde gekommen. Ihn seines Strategenamtes und aller andern von ihm bekleideten Würden zu entheben, wurde in spärlich besuchter Volksversammlung von frecher Bosheit beantragt und von stumpfsinniger Verwirrung gutgeheißen. Nach Jahrzehnten ruhmvoller Staatslenkung sollte Perikles, der Olympier, wieder einfacher athenischer Bürger sein? Diopeithes sollte endgültig gesiegt haben? – Wohlauf denn, ihr Männer, hieß es jetzt, die ihr das große Wort im Volke führt, Kleon, Lysikles, Pamphilos, zungenfertige Redner und Ratgeber auf der Pnyx – stellt euch an die Spitze der Flotten und Heere! ergreift die Zügel, die man den Händen des herrschsüchtigen Perikles entwunden! – Auf der Agora ereifert in der Tat sich eben wieder der unermüdliche Pamphilos, einen Schwarm des Volkes um sich versammelnd, den Beruf seines Freundes Kleon zur Führerschaft darzutun, den Mut desselben, seine Gesinnungen, seine Fähigkeiten zu rühmen. Nach langem und lebhaftem Gespräche der Versammelten tritt plötzlich ein ärmlicher Mann von sonderbarem, halbverwildertem Ansehen hervor und beginnt vor dem Volke mit Eifer: »Mitbürger!« ruft er, »wir haben den Perikles abgesetzt, wir, das athenische Volk. Und dies war gut, insofern Perikles daraus ersehen konnte, daß wir noch die Volksherrschaft haben hier zu Athen. Insoweit, sage ich, war es gut. Im übrigen aber bleibt es doch eine verwünschte, wunderliche Sache, sich ein Bein abzusägen in dem Augenblicke, wo man zu Olympia wettlaufen soll – und nachdem wir aus dem Rauch ins Feuer gekommen und vom Pferde auf den Köter ...« »Der dir in die Waden fahren soll, du Wicht!« unterbrach ihn ergrimmt der Mann aus der rohen Hefe des Volkes. »Wirst du nicht schweigen?« »Ich schweige nicht!« entgegnete jener halb Verwilderte. »Ich bin athenischer Bürger so gut als einer und scheue niemand. Ich bin ein Mann aus Halimos: Bandkrämer war ich und habe bessere Tage gesehen; aber nachdem mir Weib und Kinder hingestorben an der Pest, und ich selber nur mit genauer Not unter Leichen vom Krankenlager wieder aufstand, habe ich alles liegen lassen, wie es lag, und mich hier in der Stadt als Leichenträger verdungen, das heißt, ich helfe die Pestleichen aus den Häusern zu den Scheiterhaufen schleppen.« Bei dieser Aeußerung des Mannes wichen alle scheu von ihm zurück und hielten sich in ängstlicher Entfernung von seinem Leibe. Der einstige Bandkrämer aus Malimos aber ließ sich dadurch nicht stören und fuhr fort: »Ich rühme mich, wie ihr mich da seht, ein Mann von Erfahrung zu sein in politischen Dingen. Ich war vor fünfzehn fahren unter denjenigen auf der Pnyx, welche die Erbauung des Parthenon beschlossen, und welche den Richtersold und die Schauspielgelder bewilligten. Ich habe immer meine Bürgerpflicht getan und das Wohl des Gemeinwesens im Auge gehabt, und ich sage euch, die Peloponnesier sind keine Rinder und Schafe, daß sie sich von dem Gerber Kleon so ohne weiteres das Fell möchten gerben lassen. Und wenn die beiden Söhne des Perikles an der Pest hinwegstarben, so hätte man, genau genommen, den unglücklichen Mann, den kinderlos gewordenen Vater, bedauern, nicht aber deshalb ihn als einen vom Götterzorn Bezeichneten schmähen und verfolgen sollen.« – »Genug von Perikles«, unterbrach den Bandkrämer wieder der schreiende Pamphilos. »wir wollen nichts mehr hören von Perikles. Er taugt nichts mehr. Er kränkelt, wie man hört, was soll uns ein kranker Mann?« »Gib acht, Pamphilos!« rief der andere; »das Heilmittel des kranken Löwen ist, wie das Sprichwort sagt, daß er einen Pavian verzehrt!« »Du willst mich lästern?« schrie der Wurstmacher und hob seine Ferse schon empor, um der Hüfte des Gegners damit einen Stoß zu versetzen. »Komm heran!« rief der Mann aus Halimos, »ich gerbe dich durch, bis dein Fell ein Purpurkleid! – Ich reiße dir die Lunge aus dem Leibe und hasple dein Gekröse!« – Pamphilos entwich scheu vor der Berührung des Pestleichenträgers. »Zurück!« rief er, »zurück! Wage es nicht, deine verpestete Hand an den Leib eines athenischen Bürgers zu legen! Zurück, Elender! Elendester, Allerelendester der Menschen!« – »Warum?« rief der Pestleichenträger grinsend. »Du wirst es vielleicht noch leiden müssen, wenn ich dich anrühre! Solche Bursche wie dich, hoffe ich noch einige Dutzend auf meinen Karren zu bekommen! Im übrigen aber wiederhole ich: es war gut, daß wir den Perikles absetzten, damit er sehe, daß wir ihn absetzen können, wenn wir wollen; nachdem er dies aber gesehen, ist das beste, daß wir hingehen und ihn wieder einsetzen und ihm die Flotte wieder anvertrauen, denn wir können ihn nicht entbehren, sag' ich – wir haben keinen zweiten seinesgleichen, und nicht jeder, der eine Keule trägt, ist auch ein Herakles« ... In der Tat, wer zu Athen wieder den Krieg wollte, der mußte auch den Perikles wollen. Potidaia war endlich gefallen – neu regte sich, wenn auch nur mit mattem Flügelschwunge, die Hoffnung, Rasch schlug die Stimmung im beweglichen Athenervolke wieder um. Am nächsten Tage strömten die Athener zur Pnyx und meinten, es sei noch der alte Perikles, welchem sie neuerdings sich anvertrauten. Sie irrten ... Sophokles war der erste, der seinem Freunde die Runde von dem neuen Entschlusse des Volkes brachte. »Die Athener haben dir alles zurückgegeben!« sagte glückwünschend der Dichter. »Alles«, entgegnete Perikles bitter lächelnd, »nur nicht das Vertrauen auf sie, das Vertrauen auf das Glück Athens und das Vertrauen auf mich selbst!« ... »Diopeithes triumphiert dennoch!« fuhr er fort. »Scheinbar ist er zuletzt nun wieder unterlegen, in Wahrheit aber sind wir die Besiegten zu Athen. Das nächste seiner Ziele zwar erreichte Diopeithes nicht, aber was er und die Seinen getan und vorbereitet seit lange, das war nicht verloren im Volke der Athener!« »Verbanne die trüben Ahnungen aus deinem Herzen!« mahnte Sophokles. »Athen und Hellas stehen noch auf ihrer Höhe: noch manches Herrliche werden sie zeitigen, noch manchen Ruhmeskranz erringen. Nicht uns geziemt es, zu klagen, welchen es vergönnt war, die edelste Blüte entfaltet zu schauen« ... »Aber auch den Wurm, der sich festsetzt in dieser edelsten Blüte!« erwiderte Perikles. »Noch ist sie nicht da, die Zeit, die sich ankündigt, aber eine dunkle Zukunft wirft ihre Schatten weit voraus. Nach einem Gipfel heiterer Freiheit, Schönheit und Erkenntnis strebten wir. Verwirklicht hat von unseren Träumen der Traum der Schönheit sich – die anderen aber zerrinnen in Nacht und Wirrsal. Kurz sind, wie es scheint, die Lebensfrühlinge der Völker, und ihre Blüten welken, bevor sie sich noch völlig entfaltet!« So sprach an jenem Tage Perikles zu dem edelsten seiner Freunde. – Noch einmal wuchs die Gewalt der verheerenden Seuche. Es kam im Wandel der Monde eine finstere Nacht, eine sturmdurchsauste Nacht. Kühl wehte der Wind her über das attische Land von den Klüften und Zacken des Pindus. Finster schlugen im Piräus die Wogen an die Steindämme. Die Schiffe im Hafen schwankten, ihre Balken krachten, ihre Ruderstangen knarrten. In den menschenleeren Straßen von Athen spukten die Winde wie Gespenster, mit den offenen Türflügeln verödeter Behausungen spielend, einsame Peristyle durchwimmernd. Man wußte zuweilen nicht, ob es das Heulen und Gewimmer des Windes war oder die Klagen und Seufzer jammernder Mütter, was man vernahm. Ueber Zinnen, Giebel und Marmorbilder des Parthenon flog schwarzes Gewölk. Die als Weihegeschenke aufgehangenen Schilde schlugen klappernd an die Architrave, an welchen sie hingen. Nächtliche Vögel krächzten. Das Riesenbild der mit Lanze und Helm bewehrten Athene Promachos erbebte auf seinem granitenen Sockel. In dieser dunkeln, winddurchsausten Nacht, wo jeder sich im Innern seines Hauses hielt, und die Straßen wieder leergefegt sich zeigten, irrte ein Mann umher, von einer seltsamen Unruhe getrieben. Dieser Mann war Sokrates. Nicht fremd geworden war ihm die alte Gewöhnung, nächtlich umherzuwandeln in wilder Gedankenjagd: mehr selbst gejagt von den Gedanken, als nach ihnen jagend. So schweifte er auch in jener Nacht umher, blindlings, wie nach einem unbewußten Ziele getrieben. Er geriet ans öde Ufer des Ilissos, wo niedergebrannte Scheiterhaufen lagen, und wo bei Hügeln von Asche und glimmenden Kohlen der tolle Menon saß. Der Tolle grinste, fachte mit seinem Odem die Kohlen an und wärmte sich dabei und schlürfte zuweilen einen Schluck aus einer Flasche edlen Chiers, weggetragen aus einem durch die Pest entvölkerten Hause, dessen Vorräte den Strolchen zur leichten Beute geworden. Hier und da stieß der Fuß des eilenden Sokrates im Dunkel auf nur halb verbrannte, schwarzverkohlte Glieder. Und weiter verfolgte er, ziellos, seinen Weg. Da fühlte er von Veilchenduft sich angelockt. Er nähert sich und stößt auf einen Brunnen, mit Veilchen umpflanzt nach Athenersitte. Die Veilchen dufteten so seltsam. Die heiße Stirn zu kühlen, beugt Sokrates sich nieder, und seine trockenen Lippen suchen die labende Feuchte. Aber auch hier grinst ihm der Tod entgegen, und bald wird ihm des Veilchenduftes seltsame Mischung erklärlich. Einen Leichnam trug die besudelte Welle, einen der Unglücklichen, welche die verzweifelte Gier nach Kühlung noch in den Stunden der Agonie zu dem Brunnen trieb. Schaudernd fuhr Sokrates zurück. Dann aber, sich fassend, pflückte er eines von den Veilchen, betrachtete es lange sinnend und sagte: »O ihr attischen Veilchen, wer wird künftig euch noch preisen und die veilchenbekränzten Athener, wenn euer gefeierter Würzeduft so arg gemischt ist mit Moderdüften?« – Er stürzte zurück, tiefer in die Gassen, wo die Türen verödeter Häuser im Winde klapperten. Er blickte zur Akropolis empor und sah das schwarze, tiefgesenkte, zerrissene Gewölk, das mit den kreischenden Nachtvögeln zugleich, Geistern des Unheils ähnlich, das Riesenbild der Athene Promachos umflog ... Als ob die Unglücksgeister, die er dort zu erblicken glaubte, sich zu ihm niederließen und ihn verfolgend hetzten, irrte Sokrates umher. Plötzlich fand er sich vor dem Hause des Perikles. Er blieb stehen. Wie oft hatte er diese Schwelle überschritten! Und welch lange Zeit war nun verstrichen, seit er sie nicht wieder betreten! Er näherte sich wie unbewußt und unwillkürlich der Pforte. Er merkte, daß sie nicht verschlossen war, wie vergessen, vernachlässigt, ohne Hüter. Er trat ein, öde war die Halle des Eingangs. Kein Laut drang ihm aus dem Innern entgegen. Schauerlich war die Stille, die ihn umgab. Da begegnete ihm vom Peristyl her der Schein einiger trübe flackernder Lichter. Es überlief ihn kalt, er wußte nicht weshalb. Aber zugleich drängte eine unbekannte Gewalt ihn vorwärts. Da sah er in der Mitte des Peristyls ein Lager mit Purpurkissen aufgerichtet. Auf den Purpurkissen lag ein Verblichener, den Leib umhüllt von glänzenden, weißen Gewanden – die Stirn umkränzt von grünenden Ranken des Eppichs. Neben dem ausgestellten Totenlager saß ein Weib, das Haupt gesenkt, blaß und stumm wie ein Steinbild. Sokrates blieb im Hintergrunde. Wie festgebannt stand er stille. Seine Augen hafteten starr und wie die eines Besinnungslosen auf dem Leichnam und auf dem bei dem Leichname sitzenden Weibe. Das marmorbleiche, regungslose Weib war Aspasia. Der mit Eppich bekränzte Verblichene auf dem Purpurlager war Perikles, der Olympier. Entseelt lag der Alkmäonide, der Reigenführer jener unsterblichen Schar von erhabenen Geistern, welche Griechenland für immer verherrlichten – der Held eines goldenen Blütenalters der Menschheit, das noch immer seinen Namen trägt, das er heraufgeführt hatte über Hellas, und mit dessen Schwinden er nun auch selber dahinging. Größer und stattlicher noch erschien jetzt der Leib des vom Pfeile des Würgengels gefällten, heldenhaften Mannes. Aber Milde war, wie im Leben, so auch jetzt ausgegossen über sein männliches Antlitz. Selbst die Pest hatte diese edlen Züge nicht entstellt. Und es war, als hätte der Tod den Olympier nicht hingeworfen und vernichtet, sondern den innerlich Gebrochenen zu seiner vollen Größe wieder aufgerichtet. Erneuert leuchtete nun wieder in den Zügen des Toten jene heitere Ruhe, die dem Lebenden zuletzt verloren gegangen, ausgeglichen schien der Zwiespalt, der in das innere Wesen des Gatten Aspasias zuletzt sich eingeschlichen ... Was sann die bleiche Aspasia am Totenlager des Perikles? An ihrem Geiste ging ein glänzender Reigen schöner, großer, herrlicher Erinnerungen vorüber. Sie gedachte des Augenblicks in der Werkstätte des Pheidias, wo dieses Mannes Feuerauge dem ihrigen zum erstenmal begegnete, wo nach männlich ernstem Ringen für die Größe und Macht Athens die Schönheit ihn in Bande schlug. Vor schwebte ihr sein Bild jetzt, wie er auf der Rednerbühne der Pnyx stand und das Volk mit sich fortriß – jetzt, wie er gehobenen Sinnes, begeisterungsvoll mit ihr dahinwandelte über die Höhen der Akropolis, des Herrlichen sich freuend, das unter seinen Augen dort entstand – jetzt, wie er, wiederum von Tatendrang erfaßt, vor Samos neuen Lorbeer sich erstritt – jetzt, wie er warm beseelt zu Milet, das schönste Menschenlos erfüllend, auf blühender Höhe des Gebens den berauschenden Becher der Freude mit ihr leerte – jetzt, wie er auf der Akropolis im Angesichte neu vollendeter, unsterblicher Schöpfungen einen Bund mit ihr schloß, die Seele voll von großen Gedanken und Hoffnungen ... In seiner edlen Größe schwebte er ihr vor, in seiner bestrickenden Gewalt über die Menschen, in seiner Empfänglichkeit und Wärme, in seiner würdevollen Männlichkeit – mild und klug und heldenhaft zugleich – des echten Hellenen Urbild, zu geist- und seelenvoll, um aufzugehen in einem rauhen Heldentum, und wieder zu vollbeseelt, zu tatkräftig, um sein volles Genüge zu finden in weichlichem Genuß, im Zauberbanne der Schönheit und Liebe. Dann aber schwebte ihr sein Bild auch vor, wie er an ihrer Seite wandelte auf den Fluren des Peloponnesos, wie mehr und mehr der Ernst mit leisen Schatten über seine Stirne flog, wie er, durchpulst vom geheimsten Leben und Weben der fortschreitenden Zeit, durchwittert vom Ahnungshauch einer neuen, ernsteren, trüben Zukunft, schweigsam sein tiefstes Empfinden barg, bis er aufhörte, ein Hellene zu sein im Geiste und Sinne des schönen Weibes, mit welchem er den heiteren Freudenbund der Liebe geschlossen, und bis er, nachdem er des Hellenentums Entwicklungslauf in seiner eigenen Seele durcherlebt, von unheilbar trüben Ahnungen erfaßt, mit der Macht und Größe seines Vaterlandes selbst zusammenbrach. Wie Aspasias Auge an dem Antlitz des entseelten Perikles, so haftete das Auge des Sokrates regungslos an dem bleichen Angesichte des Weibes. Wie das verkörperte Hellas schien sie ihm, welches trauernd saß an der Bahre des edelsten seiner Söhne. Wie bleich und ernst blickte es aus den Zügen des schönen Weibes, dies einst so heitere Hellas! – Jetzt erhob Aspasia ihr Auge, und ihr Blick begegnete dem des Sokrates. Es war ein langer, langer Blick, mit welchem Aspasia und Sokrates sich begegneten. Es war ein langer, tiefernster Blick, und kein Wort würde die Empfindungen erschöpfen, welche in diesem langen Blicke sich begegneten. Nicht ein Laut des Mundes, nur dieser eine Blick wurde zwischen den beiden gewechselt. Dann verschwand Sokrates. wie ein gespenstischer Schatten war er aufgetaucht vor dem Weibe – lautlos schwand er hin. Einsam saß wieder beim Totenlager des großen Hellenen, regungslos und marmorbleich, Aspasia. – – Fort setzte Sokrates seine nächtliche Wanderung, planlos, ziellos eilte er dahin durch die Gassen, eine ungemessene Zeitlang, mit tief erregtem Gemüte. Die Gewalt der wimmernden und heulenden Windsbraut hatte nachgelassen. Stiller und noch einsamer als zuvor war es geworden um den nächtlichen Waller. Mitternacht war lange vorüber. Der Morgen kündigte von fern sich an mit einem fast noch unmerklichen, grauen Streifen im Osten. Aber noch war es Nacht, dunkle Nacht über den Gassen Athens. Durch das zerrissene Gewölk des Himmels blinkten nur einzelne sinkende Sterne. Plötzlich tauchte vor Sokrates ein Mann auf, reisefertig, wie es schien, begleitet von einem Sklaven. Es war ein Mann von strengen, ernsten, beinahe finsteren Zügen. Er musterte den Sokrates bei der Begegnung. Sokrates blickte auf, als jener ihm den Weg vertrat, und erkannte den Agorakritos. »Wohin in dunkler Nacht?« fragte den Grübler der einstige Genosse in der Werkstätte des Pheidias. »Mich rief ein dringendes Geschäft nach Athen«, fuhr Agorakritos fort, als Sokrates mit der Antwort zögerte; »aber ich beeile mich, wieder hinwegzugelangen aus der verpesteten Stadt. Ich gehe nach Rhamnos, um endlich zu tun, was man seit so vielen Jahren von mir verlangt, um meine dort aufgestellte Göttin mit jenen äußerlichen Kennzeichen zu versehen, welche sie unzweifelhaft aus einer Aphrodite zu einer Nemesis machen. Ich habe lange gezögert – aber nun treibt es mich, den Leuten zu willfahren. Sie sollen nicht länger zweifeln, die Männer im Lande Attika, daß wirklich die Nemesis anstatt der lachenden Aphrodite mitten unter ihnen steht. Bin ich ihr doch Dank schuldig, jener mit langsamen, aber sicheren Schritten wandelnden Göttin! Hat sie mich nicht gerächt an dem Weibe, das ich hasse? Eingekehrt ist sie, die Göttin der Wiedervergeltung, im Hause des Perikles und der Aspasia. Und nun vernahm ich noch zuletzt, daß gar die Seuche selbst vor wenigen Tagen den Perikles ergriff und aufs Krankenlager warf!« Sokrates blickte auf, sah dem Agorakritos ins Angesicht und sagte leise: »Er ist tot!« Agorakritos schwieg betroffen. Beide gingen eine Strecke stumm neben einander hin. »Tot?« fragte dann Agorakriws. »Ich sah ihn selbst!« erwiderte Sokrates dumpf. Wieder schwiegen die beiden eine Zeitlang. Endlich begann Agorakritos: »Du hast den Perikles entseelt gesehen, mir ist es zu teil geworden, den Pheidias vor meinen Augen im Kerker sterben zu sehen. Ich war bei ihm in seiner letzten Stunde. Als ich hörte, daß er schwer erkrankt sei, eilte ich zu ihm. Die Leute sagten mir, daß er alle Arznei und jede Art von Hilfe verschmähte, Perikles hat den Hippokrates zu ihm geschickt: er aber begann mit dem naturkundigen Manne sich über die Verhältnisse der Formen und Linien des menschlichen Körpers zu unterreden. Denn ihn beschäftigte auch jetzt auf seinem Krankenlager nur das, was ihn früher einzig gekümmert hatte. Als ich kam, erzählten mir diejenigen, welche im Kerker um ihn waren, daß er häufig in Fieberphantasien rede und selten jemand mehr erkenne. Ich ging zu ihm hinein und traf ihn sterbend. Er erkannte mich anfangs noch ein wenig, allmählich aber verwirrten sich im Fieber seine Gedanken. Er sprach immer von großen Tempeln und Bildwerken, von Gold- und Elfenbeinbildern und Marmorfriesen – er erteilte seinen Schülern Weisungen, ganz als ob er noch in seiner Werkstätte wäre, spornte sie zur Arbeit an und schalt die Trägen, gab auch genau an, wie sie dieses oder jenes vollenden sollten, und war ungehalten, wenn sie es nicht ganz nach seinem willen machten. Manches Mal rief er ausdrücklich mich oder den Alkamenes. Zuletzt aber schien er ganz allein zu sein mit seinen leuchtenden Gebilden, und es erschienen ihm seine Götter und seine Göttinnen, seine Pallas Athene, sein olympischer Zeus. Und es schien, daß die Götter des Olymps alle zu ihm herunterkamen und um sein Lager standen, ihm allein sichtbar während er starb, denn er blickte mit verklärtem Angesicht um sich und grüßte sie und sprach sie bei ihren Namen an. Zuletzt aber schien es, als ob Pallas Athene ganz allein bei ihm zurückgeblieben wäre und ihm winkte, denn er sagte auf einmal: »Wohin willst du mich führen? Ich komme!« Dann richtete er sich ein wenig empor, als ob er sich aufmachen wollte, um mit derjenigen, welche ihm winkte, hinweg zu gehen, sank aber zurück, und sein Auge brach. Er starb mitten in seinem Fiebertraumgesicht. Er starb schön, wie nur irgend ein Hellene, indem das schönste Licht von Hellas noch einmal ihn umleuchtete, und die Götter ihn gleichsam von der Erde hinweg zu sich in den Olymp entrückten, in dem Augenblicke, wo die Nacht des Unheils über Athen hereinbrach, so daß er von diesem gar nichts mehr gewahr wurde, sondern mit ungetrübtem Geist hinüberging. Anfangs hatte es mir einen großen Schmerz verursacht, zu sehen, wie dieser Mann im Kerker auf seinem Lager sterbend lag, denn nachdem er die Athene Promachos errichtet auf der Burg und die Athene Parthenos, und den Parthenon selbst, und den olympischen Zeus zu Olympia, und so vieles Große, das keiner übertraf, noch jemals einer übertreffen wird, und wodurch Hellas zumeist verherrlicht ist, war von den Menschen dies sein Lohn, daß er entehrt und einsam starb im Dunkel des Kerkers. Aber als ich ihn sterben gesehen, fühlte ich eine Rührung in der Brust, welche nicht ohne Trost war, und ging still hinweg, nachdem ich dem Meister die Augen zugedrückt und seine Stirne geküßt, und beklagte nur mehr Hellas und uns alle, die wir zurückbleiben, nachdem die Größten und Besten dahingegangen!« – Nach dieser Erzählung des Agorakritos schritten die beiden Männer noch eine Weile sinnend neben einander hin. Dann trennten sie sich. Jener ging nordwärts gegen Rhamnos, aber auch Sokrates setzte, von der inneren Bewegung getrieben, seinen Weg noch weiter fort, und als er kaum ein paar Schritte gegangen, stieß er auf einen angezündeten Scheiterhaufen. Auf diesen waren viele Pestleichen geworfen. Unter diesen Leichen aber sah Sokrates auch den tollen Menon liegen. Den bis zur Betäubung Berauschten hatten die Pestleichenträger unter Leichnamen tiefschlafend gefunden und den scheinbar Leblosen auf den Holzstoß geworfen, wo die Flamme ihn schon umzüngelte. Ein Hund umkreiste winselnd den Scheiterhaufen. Jetzt ergriff den Tollen die Flamme. In diesem Augenblicke sprang auch der Hund auf den Holzstoß und verbrannte mit seinem Herrn. Ein wundersames Gefühl überlief den Sokrates. »Nun bist du frei, Menon!« sagte er. »Nun bist du frei!« wiederholte er noch mehrmals, während er mit glutender Stirne seinen Weg fortsetzte. »Kommt vielleicht einst eine Zeit, wo alle Sklaven frei sein werden?« dachte er im Weiterschreiten. – »Oder alle Freien Sklaven?« fügte er sinnend bei sich selbst hinzu. – – Er durchwanderte nun schon entlegene Gassen, nicht mehr im Bereiche der Stadt selbst, sondern in ihrer Umgebung, wo Landsitze der Athener und Gärten wechselten mit freiem Gefilde. Eine Schwalbe verkündete auffliegend den Tag mit rudernden Schwingen. Der wie von seinem Dämon geführte Sokrates gelangte zu einem Hause, in welchem eine gewisse Bewegung herrschte. Viele Personen kamen und gingen. Es war das Haus des Ariston, eines edlen Atheners. Sokrates stand still und vernahm von denjenigen, welche da aus- und eingingen, daß dem Ariston in dieser Nacht ein Söhnlein geboren worden. Nach so vielen Todesbildern eine Geburt, ein erwachendes Leben ... Wieder regte sich ein rätselhafter Drang in der Brust des Sokrates. Er betrat das Haus des ihm befreundeten Mannes. Das Kind lag im Peristyl, in den Armen der Amme. Ein hochbetagter Greis, der einem Seher oder Priester ähnlich war, beugte sein schneeweißes Haupt soeben darüber und betrachtete es aufmerksam. Auch Sokrates betrachtete das Kind, welches eine breite, schöne Stirn hatte, eine Denkerstirn, und dessen Antlitz schon umflossen schien von einem milden, hohen, mehr als kindlichen Ernste. Plötzlich kommt eine Biene geflogen – eine Biene vom nahen Hymettos – eine der gepriesenen attischen Bienen – sie kommt geflogen und umschwirrt das Kind und streift einen Augenblick die Lippen desselben, nur leicht und arglos und gleichsam küssend. Dann fliegt sie wieder hinweg. Bei diesem Anblick spricht der Sehergreis: »Ein Götterzeichen ist der Kuß der Hymettosbiene. Von den Lippen dieses Kindes wird dereinst die Rede verlockend träufen wie Honigseim!« Den Sokrates erfaßt des Kindes Anblick wunderbar. Er vermag das Gefühl seiner Brust sich nicht zu deuten. Aber die Zukunft wird die Deutung bringen. Der Knabe, der da vor den Augen des Ruhelosen, des Wahrheitsuchers liegt, er wird, zum Jünglinge gereift, eine neue Botschaft verkündigen. Seine Lippe wird träufen von attischem Honigseim. Aber mit der süßesten Beredsamkeit wird er die bitterste der Lehren predigen! Er wird lehren, daß der Leib ein Kerker der Seele, und daß die Seele, von ihm sich losmachend, sich emporringen müsse ins Ueberirdische. Er wird lehren, daß Eros die Erdenwelt verachten und emporsteigen müsse ins helle Reich der ewigen, in unwandelbarer Schöne leuchtenden Ideen ... Und diese Lehre wird ein Echo finden auf nahen und fernen Gestaden und die Losung werden einer neuen Zeit und im Nachhall auf eines Galiläers Lippen die Welt erobern. Mit ihr aber wird auch triumphieren in neuem Sinne das Wort der Sabaziosdiener und Metragyrten, das düstere Wort der Selbstpeinigung und Selbstverstümmlung ... Sokrates ging sinnend aus dem Hause des Ariston. Er hatte eine Höhe nun erreicht, von welcher aus er das attische Land und das Meer im Morgenschein erblickte. Auf dem Meere, gen Sunion hin, sah er ein Fahrzeug schweben. Er blickte, in Gedanken versunken, immer nach diesem Fahrzeug, ohne es zu wissen. Dies Fahrzeug trug den »Satyr« und die »Bacchantin« – trug Manes und Kora nordwärts, einer neuen Heimat zu. Sie zogen dahin, in der Brust den Keim einer Zukunft, welche berufen war zu dem Bemühen, das Reich des Guten aufzurichten über den Trümmern der Schönheit. Sie zogen dahin, still beseligt von ihrer ernsten Liebe. Von der Höhe der Meeresbucht blickten sie zurück und betrachteten, scheidend für immer, zum letztenmal die Stadt der Athener. Ein leichtes, weißes Wölkchen stieg, unfern der Akropolis, aus der Stadt in die reine, klare Morgenluft empor. Es kam von dem Scheiterhaufen, welcher den entseelten Leib des Perikles in heiliger Lohe verzehrte. Dies Wölkchen stieg empor und schwebte um die Zinnen der Akropolis. Manes und Kora verfolgten es mit den Blicken, wie es die weiße Marmorstirn der heiligen Pallasburg umwob. Aber das Wölkchen zerrann, und rein und wunderbar standen im klaren Lichte die Zinnen und Giebel des Parthenon und der neu vollendeten Propyläen. Hoch hinauf ragte über den Wust und die Wirrsal der Athenerstadt und der sterblichen Menschenkinder die unsterbliche Krone des Berges. Aus den Trümmern des Vergänglichen erhob sich im Hellenenland ein Unvergängliches, siegreich in ewiger Heitre. Und es schien zu sagen: »Erhaben bin ich über das wechselnde Los der Menschen und ihr kleinliches Elend. Ich leuchte durch die Jahrhunderte. Ich bin immer wieder da. Ich bin wie das zaubervolle Licht über den Bergen von Hellas und wie der ewige Glanz der Gewässer in seinen Golfen!« Nach dem Guten und nach dem Schönen trachten die Völker. Menschlich und edel ist das Gute – göttlich und unsterblich aber das Schöne.