Edward Gibbon Verfall und Untergang des Römischen Reiches – 1. Band Übersetzung und © 2012: Cornelius Melville I GRÖSSE UND MILITÄRISCHE STÄRKE DES REICHES IM ZEITALTER DER ANTONINE IN DEN JAHREN A.D. 98 – 180   EINLEITUNG Im zweiten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung begriff das Römische Imperium den schönsten Teil der Erde und den kultiviertesten Teil des Menschengeschlechtes in sich. Die Grenzen dieser ausgedehnten Monarchie wurden durch bewährte, disziplinierte Truppen geschützt. Der sanfte, aber wirkmächtige Einfluss von Gesetz und Sitte hatte das Gemeinschaftsgefühl unter den Provinzen allgemach gefestigt. Ihre friedfertigen Einwohner genossen und missbrauchten die Vorteile, die Wohlstand und Luxus mit sich bringen. Dem Konstrukt, welches eine freie Verfassung vorstellte, wurde die geziemende Achtung erwiesen. Der Römische Senat besaß nach außen hin die Regierungsgewalt und nutzte sie, um dem Kaiser alle Befugnisse zu übertragen. Während einer glücklichen Periode von achtzig Jahren wurde die öffentliche Verwaltung durch die edlen und befähigten Kaiser Nerva, Trajan, Hadrian und die zwei Antonine geführt. Es ist für dieses und die folgenden zwei Kapitel geplant, die glückhaften Umstände des Reiches darzulegen; und anschließend, vom Tode des Marcus Antoninus an, die wesentlichen Bedingungen für seinen Zerfall und Untergang: jener Umwälzung, die immer im Gedächtnis den Nationen dieser Erde bleiben wird und dessen Einfluss sie noch heute spüren.   ZURÜCKHALTUNG DES AUGUSTUS UND SEINER NACHFOLGER Die wichtigsten Eroberungen Roms wurden in der Zeit der Republik gemacht; die Kaiser gaben sich in der Regel damit zufrieden, die Gebiete zu halten, welche ihnen die Politik des Senats, der Ehrgeiz der Konsuln und die kriegerische Gesinnung des Volkes erworben hatten. Die ersten sieben Jahrhunderte waren eine rasche Folge von Triumphen; es blieb Augustus vorbehalten, den ehrgeizigen Plan einer vollständigen Unterwerfung des Erdkreises aufzugeben und den Geist der Mäßigung in die Senatsversammlungen einkehren zu lassen. Temperament und politische Lage machten ihn friedensbereit, und bald entdeckte er, dass Rom bei seiner gegenwärtigen Größe vom Kriegsglück bedeutend weniger zu erhoffen als zu befürchten habe; und dass in auswärtigen Kriegen die Operationen täglich schwieriger, ihr Ausgang zweifelhafter, die Erwerbungen unsicherer und weniger segensreich würden. Augustus' eigene Erfahrung verlieh diesen heilsamen Überlegungen zusätzliches Gewicht, und überzeugten ihn schließlich, dass durch Verhandlungen von wohldosierter Nachdrücklichkeit auch den furchtbarsten Barbaren diejenigen Zugeständnisse abzuringen sei, welche die Würde oder Sicherheit Roms etwa erfordern mochten. Anstelle sich selbst und seine Legionen den Pfeilen der Parther auszusetzen, erreichte er durch einen ehrenhaften Friedensschluss die Herausgabe der Feldzeichen und der Kriegsgefangenen, welche ihnen nach der Niederlage des Crassus in die Hände gefallen waren Vergleiche hierzu Cassius Dio (1, 54 und die Fußnoten von Reimar), der alles gesammelt hat, was römische Eitelkeit hierüber hinterlassen hat. Das Monumentum Ancyranum, auf welchem Augustus von seinen Taten berichtet, versichert uns, dass er die Parther zur Herausgabe der Feldzeichen des Crassus gezwungen hatte. . Seine Generäle versuchten zu Beginn seiner Regierung, Äthiopien und Arabia Felix zurück zu gewinnen. Sie marschierten fast tausend Meilen südwärts; aber das heiße Klima schreckte die Eindringlinge ab und schützte so die kriegsuntüchtigen Einwohner jener abgelegenen Landstriche Strabo, (1,16) Plinius d.Ä.(Nat.his 1,6, c28,29) und Cassius Dio (1,53 und 1,54) haben uns äußerst merkwürdige Details zu diesen Kriegen hinterlassen. Die Römer eroberten Mariaba oder Mareb, eine unter den Orientalen berühmte Stadt in Arabia Felix. Bis auf drei Tagemärsche waren sie an die Grenzen des Gewürzlandes herangekommen, dem lohnendsten Ziel ihres Unternehmens. . Die nördlichen Länder Europas lohnten die Kosten und Mühen der Eroberung kaum. Die Urwälder und Sümpfe Germaniens waren von einem kühnen Barbarengeschlecht bewohnt, die ein Leben in Unfreiheit für nichts achteten; und obwohl es zunächst den Anschein hatte, dass sie Roms erstem Ansturm erliegen müssten, haben sie schon bald darauf durch eine Art Verzweiflungsakt ihre Unabhängigkeit zurückgewonnen und Augustus Durch die Niederlage des Varus und die Vernichtung seiner drei Legionen. (Tacitus, 1 Buch der Annalen. Sueton, Leben des Augustus, 23 und Vellejus Paterculus 1,2, c117) Augustus reagierte auf diese üble Nachricht nicht mit derjenigen Festigkeit und Gefasstheit, die man sich sonst von seinem Charakter erwarten durfte. an die Unzuverlässigkeit des Glücks erinnert. Nach dem Tode jenes Kaisers wurde sein Testament im Senat öffentlich verlesen. Er hinterließ seinen Nachfolgern als wertvolles Erbteil den Rat, das Imperium auf diejenigen Grenzen zu beschränken, die ihm von der Natur als dauerhaftes Bollwerk und Grenzmark vorgegeben seien: Im Westen der Atlantik, Rhein und Donau im Norden, der Euphrat im Osten, und zum Süden hin die Sandwüsten Arabiens und Afrikas. Tacitus, Annalen 1,2; Cassius Dio, 1,56 und die Rede des Augustus selbst in Julians Caesarenleben. Die gelehrten Anmerkungen seines französischen Übersetzers M. Sponheim werfen helles Licht darauf. Zum Glück für den Frieden der Menschheit wurde die gemäßigte Politik, die die Weisheit des Augustus anempfohlen hatte, von seinen unmittelbaren Nachfolgern befolgt, sei es aus Furcht oder Unfähigkeit. Vollauf beschäftigt mit der Ausübung von Lustbarkeiten oder von Tyrannei, ließen sich die ersten Cäsaren nur selten bei der Truppe oder in den Provinzen blicken; auch waren sie nicht gemeint zuzugestehen, dass Triumphe, die ihnen wegen ihrer Trägheit entgingen, dem Unternehmungsgeist ihrer Feldherren zufallen durften. Der militärische Ruhm eines Untergebenen wurde für einen ungehörigen Zugriff auf kaiserliche Gerechtsame angesehen; und so wurde es für jeden General zur Pflicht und zum wohlverstandenem Eigeninteresse, die ihm anvertrauten Grenzgebiete zu bewachen, und nicht mit Eroberungsplänen schwanger zu gehen, die für ihn selbst nicht weniger verhängnisvoll ausgehen mochten Germanicus, Suetonius Paulinus und Agricola wurden auf ihrer siegreichen Eroberungszüge angehalten und zurückkommandiert; Corbulo wurde getötet. Militärisches Verdienst war, wie es Tacitus so wunderbar ausdrückt, im eigentlichen Sinne des Wortes eine imperatoria virtus. (Eine Kaiser-Tugend) wie für die bezwungenen Barbaren.   EROBERUNG BRITANNIENS DIE ERSTE AUSNAHME VON DIESER MASSREGEL Der einzige Zuerwerb des Römischen Reiches im ersten nachchristlichen Jahrhundert war Britannien. Dies war der einzige Fall, in welchem die Nachfolger Cäsars und Augustus' dem Beispiel des ersteren und nicht dem Rat des letzteren folgten. Die Nähe Britanniens zur gallischen Küste schien ihre Waffen nachgerade einzuladen; die erfreuliche, wiewohl unbestimmte Kunde von einer Perlenfischerei Cäsar selbst verschweigt diese niederen Beweggründe; aber Sueton (Caesar 47) erwähnt sie. Die britischen Perlen erwiesen sich indessen wegen ihrer dunklen und trüben Farbe als wertlos. Tacitus merkt mit gutem Grund an (Agricola 12), dass es sich um einen naturgegebenen Defekt handelt: »Ego facilius crediderim, naturam margaritis deesse quam nobis avaritiam« (Ich glaube eher, dass es den Perlen an natürlicher Schönheit als den Unseren an Habsucht fehlte.) mochte ihre Habgier anstacheln; und da Britannien als eine in sich abgeschlossene Inselwelt angesehen wurde, war seine Eroberung schwerlich eine Verletzung der allgemeinen Maßregel der Zurückhaltung auf dem Kontinent. Nach einem fast vierzigjährigen Krieg, ausgelöst durch den einfältigsten, fortgeführt durch den verkommensten und beendet durch den feigsten aller Imperatoren Claudius, Nero und Domitian. Pomponius Mela 3,49 (er schrieb unter Claudius) drückt die Hoffnung aus, dass man im Anschluss an den Sieg der römischen Waffen die Insel und ihre halbwilden Einwohner besser kennen lernen möge. Es ist amüsant, derlei Passagen mitten in London zu lesen. , beugte sich der größte Teil der Insel unter das römischen Joch. Die verschiedenen Stämme der Britannier waren stark, aber führungslos, und freiheitsliebend, aber uneins. Sie griffen in wildem Grimm zu den Waffen, legten sie alsbald nieder, oder sie richteten sie immer mal wieder in wildem Wankelmut gegen sich selbst; und da jeder für sich alleine kämpfte, waren sie schon bald, einer nach dem anderen, unterworfen. Weder der Mut des Caractacus, noch Boadiceas Verzweiflung, noch der Fanatismus der Druiden konnten die Sklaverei abwenden, oder dem beständigen Vormarsch der kaiserlichen Generäle widerstehen, welche die Nationalehre emporhielten, als die schwächsten oder schäbigsten unter den Menschen den Cäsarenthron besudelten. Genau zu der Zeit, als der in seinen Palast eingesperrte Domitian die Folgen des von ihm ausgelösten Terrors spürte, besiegten seine Legionen unter dem Befehl des tapferen Agricola die vereinigten caledonischen Streitkräfte am Fuße der grampanischen Hügel; und seine Flotten, die sich in unbekannte und gefährliche Gewässer vorwagten, zeigten überall auf der Insel die römischen Waffen. Die Eroberung Britanniens galt bereits als vollendet Hierzu die wunderbare Kurzfassung des Tacitus (Leben das Agricola) und die wortreiche, wenn wohl auch nicht vollständige Darstellung unserer eigenen Gelehrten Camden und Horsley. ; es war der Plan des Agricola, seinen Erfolg mit der raschen Eroberung Irlands abzuschließen und zu festigen, für welches Unternehmen ihm eine Legion und ein paar Hilfstruppen Die irischen Autoren, besorgt um die Ehre ihrer Nation, reagieren wegen dieser Stelle mit heftiger Erbitterung auf Tacitus ebenso wie auf Agricola. genügen mochten. Die Insel im Westen hätte zu einem Besitztum von dauerhaftem Wert werden können, und die Britannier würden ihre Ketten mit geringerem Widerwillen tragen, wenn erst der Anblick und das Beispiel von Freiheit ringsum aus ihrem Blick entfernt wären. Aber die unbestreitbaren Verdienste Agricolas bewirkten nur seine rasche Abberufung aus Britannien; und so wurde sein durchdachter, wenngleich ausufernder Eroberungsplan für immer vereitelt. Vor seiner Abreise hatte der umsichtige General für Sicherung und Verwaltung des eroberten Landes Sorge getragen. Er hatte bemerkt, dass die Insel durch zwei gegenüberliegende Buchten – heute heißen sie die Firths von Schottland – in zwei ungleiche Teile nahezu gespalten wird. Entlang dieser Einschnürung von etwa vierzig Meilen ließ er eine Linie mit Militärposten einrichten, welche später, unter Antoninus Pius zu einem auf einem Steinfundament errichtetem Rasenwall ausgebaut wurde Hierzu Horsley »Britannia Romana 1,1, Kap 10 . Dieser Antoninus-Wall zwischen den heutigen Städten Glasgow und Edinburgh bildete die Grenze der römischen Provinz. Im äußersten Norden der Insel bewahrten die eingeborenen Kaledonier ihre wilde Unabhängigkeit, die sie ihrer Armut nicht weniger zu danken hatten als ihrer Kampfkraft. Ihre Überfälle wurden regelmäßig abgewehrt und bestraft; aber ihr Land wurde niemals unterworfen Der Dichter Buchanan besingt mit Glanz und Geist die unverletzte Unabhängigkeit seines Vaterlandes (Hierzu seine Sylvaae, 5) wäre aber eine Provinz des Vespasian nördlich des Antoninus-Walles durch Richard Colchester hinlänglich belegt, so würde sich diese Unabhängigkeit auf sehr engem Raume eingeschlossen finden. . Die Römer, Herren der lieblichsten und gesündesten Landstriche der Welt, wandten sich mit indigniertem Schauder ab von den düsteren Hügeln, über die die Winterstürme tobten, von Seen, die im blauen Dunst verschwanden und von kalter und einsamer Heide, über welche die Tiere des Waldes von einem Haufen nackter Barbaren gehetzt wurden Appian und die eintönige Darstellung Ossians, der allgemein für einen Caledonier gehalten wird. .   EROBERUNG VON DACIEN DIE ZWEITE AUSNAHME So stand es um die römischen Grenzen und um die Regeln der imperialen Politik, vom Tod des Augustus bis zur Thronbesteigung Trajans. Dieser tapfere und unternehmende Regent hatte die Ausbildung zu einem Soldaten erhalten und besaß die Talente zu einem General Hierzu Plinius Panegyrikos, der aber auf Tatsachen zu beruhen scheint . Das friedensbewahrende System seiner Vorgänger wurde nun durch kriegerische Wechselfälle und Eroberungen unterbrochen; und die Legionen gewahrten nach langer Unterbrechung wieder einen soldatischen Kaiser an ihrer Spitze. Die ersten Expeditionen gingen gegen die Dacier, die kriegerischsten unter den Völkern, welche jenseits der Donau siedelten und welche während der Herrschaft Domitians ungestraft die Majestät Roms gekränkt hatten Cassius Dio, 1, 57 . Zu ihrer barbarischen Kraft und Wildheit kam noch ihre Geringschätzung des Lebens, welche sich aus einem festen Glauben an Unsterblichkeit und Seelenwanderung herleitete Herodot 1,4, cap. 94 . Der Dacierkönig Decebalus erwies sich als ein dem Trajan nicht unwürdiger Gegner; auch wurde er, wie selbst seine Feinde eingestehen, an seinem und seines Stammes Schicksal solange nicht irre, bis er alle Hilfsmittel der Tapferkeit und der Staatsklugheit erschöpft hatte Plinius, Briefe, 8,9 . Dieser denkwürdige Krieg dauerte, bei kurzer Unterbrechung der Feindseligkeiten, fünf Jahre; und da der Kaiser ohne Einschränkung auf alle Machtmittel des Staates zurückgreifen konnte, wurde er erst nach vollständiger Unterwerfung der Barbaren beendet Cassius Dio, 1, 68; Julian de Caesaribus; Eutropius, 8,2,6; Aurelius Victor in den Epitomen . Die neue Provinz Dacien – dies stellte zum zweiten Male eine Abkehr von Augustus' Grundsatz dar – maß etwa dreizehnhundert Meilen im Umfang. Ihre naturgegebenen Grenzen waren der Dnjester, die Theiss oder Tibiscus, die untere Donau und das Schwarze Meer. Die Reste einer Militärstraße können heute noch zwischen den Ufern der Donau nahe Bender (welcher Ort in der jüngeren Geschichte bekannt wurde) und der gegenwärtigen türkisch-russischen Grenze aufgespürt werden Hierzu die Memoir von M. d'Anville über die Provinz Dacien in der »Academie des Inscriptiones« Band 28, 444-8 .   EROBERUNGEN TRAJANS IM OSTEN... Trajan war ruhmsüchtig; und solange die Menschheit fortfährt, ihren Verderbern bereitwilliger Beifall zu zollen als ihren Wohltätern, wird der Durst nach Kriegsruhm die Untugend auch der stabilsten Charaktere bleiben. Das Lob Alexanders, das ganze Generationen von Dichtern und Chronisten angestimmt hatten, hatte in Trajans Gemüt einen gefährlichen Ehrgeiz entfacht. Wie jener, so unternahm der römische Kaiser eine Expedition gegen die Völker des Ostens, aber er beklagte unter Seufzen, dass sein fortgeschrittenes Alter ihm schwerlich eine Aussicht lasse, es dem berühmten Sohn Philipps gleich zu tun Trajans Stimmungen wurden sehr einfühlsam von Julian, Caesaren dargestellt. . Indessen, Trajans Erfolg war schnell errungen, aber nur vorübergehend und trügerisch. Die Parther, verkommen und durch interne Streitigkeiten geschwächt, flohen vor seinen Waffen. Von den armenischen Bergen marschierte er im Triumph den Tigris bis zum persischen Golf hinab. Er freute sich der Ehre, als erster römischer General dieses entlegene Meer zu befahren, wie er denn auch der letzte war, dies zu tun. Seine Flotten suchten die Küsten Arabiens heim; und Trajan mochte sich schmeicheln, dass er sich den Grenzen Indiens näherte Eutropius und Sextus Rufus haben sich angestrengt, diese Illusion zu verewigen. Siehe hierzu die sehr sorgfältige Abhandlung von M. Frenet in der Academie des Inscriptions, Band 21, S.55 . Täglich erhielt ein erstaunter Senat Zeitung von neuen Namen und neuen Nationen, die seine Vormacht anerkannten. Sie erfuhren davon, dass die Könige von Bosporus, Colchos, Iberia, Albanien, Ostoene und selbst der Monarch der Parther ihre Diademe aus der Hand des Kaisers empfangen hatten; dass die unabhängigen Stämme der Meder und des karduchischen Berglandes seinen Schutz erfleht hätten; und dass das wohlhabende Armenien, Mesopotamien, und Assyrien den Status einer Provinz angenommen hätten Cassius Dio, 1, 68 . Aber der Tod Trajans verdunkelte bald diese glanzvollen Aussichten; und es konnte mit Fug erwartet werden, dass diese vielen fernen Nationen das ungewohnte Joch abschütteln würden, sobald die starke Hand, die es ihnen einst auferlegt hatte, sie nicht mehr daran würde hindern können.   ...VON SEINEM NACHFOLGER HADRIAN AUFGEGEBEN Eine Überlieferung aus jener Zeit, da das Capitol von einem der römischen Könige begründet wurde, erzählt, dass der Gott Terminus (zuständig für den Schutz der Grenzen und dem Brauchtum der Zeit gemäß durch einen großen Stein dargestellt) als einziger der niederen Gottheiten sich geweigert habe, Jupiter selbst seinen Platz zu überlassen. Diese Widersetzlichkeit gab Raum für eine glückverheißende Deutung; die Auguren interpretierten sie mit Bestimmtheit dahin, dass die Grenzen der römischen Macht niemals zurückweichen würden Ovid, Fasten, 1, 2 Vers 667; Nach Livius unter der Herrschaft des Tarquinius . Während langer Zeiträume sorgte diese Vorhersage, wie es zu gehen pflegt, für ihre eigene Erfüllung. Aber wenn sich der Gott Terminus auch der Allmacht Jupiters widersetzt hatte, so beugte er sich doch der Autorität des Kaisers Hadrian Augustinus amüsiert sich königlich über diesen Beweis der Schwäche der Gottheit Terminus, sowie über die Blindheit der Auguren. (Vom Gottesstaat, 4,29) : Die Aufgabe aller Eroberungen Trajans im Osten war die erste Maßnahme seiner Regierung. Er gestattete den Parthern die Wahl eines eigenen, unabhängigen Herrschers; zog die römischen Garnisonen aus den Provinzen Armenien, Mesopotamien und Assyrien ab; und bestimmte, in Übereinstimmung mit dem Rat des Augustus, den Euphrat zur Reichsgrenze Historia Augusta 5, Chronik des Hieronymus und die zugehörigen Epitomisten. Es mutet überraschend an, dass ein solch denkwürdiges Ereignis Cassius Dio oder Xiphilin übersehen haben sollten. . Die Kritik, welche die öffentlichen Handlungen und die privaten Bewandtnisse eines Herrschers beurteilt, hat die Eifersucht als Ursache für diese Maßnahmen ausgemacht, welche doch viel eher Hadrians Einsicht und Mäßigung zugeschrieben werden müssten. Der schwankende Charakter dieses Herrschers, der der niedrigsten wie der erhabensten Gefühle fähig war, mag diesem Verdacht wohl Nahrung geben. Aber es hätte mit Sicherheit seine Kräfte überstiegen, die Überlegenheit seines Vorgängers noch deutlicher aufzuzeigen als durch das Zugeständnis, mit der Aufgabe überfordert zu sein, die Eroberungen eines Trajan wenigstens zu erhalten.   GEGENSATZ ZWISCHEN DEN CHARAKTEREN VON HADRIAN UND ANTONIUS PIUS Das kriegerische und ehrgeizige Gemüt Trajans bildet einen eigenartigen Gegensatz zu der Selbstbescheidung seines Nachfolgers. Der unermüdliche Fleiß des Hadrian war nicht weniger bemerkenswert, verglichen mit der behaglichen Gemütsruhe eines Antoninus Pius. Das Leben des ersteren war eine beständige Reise; und da er die unterschiedlichen Talente des Kriegers, des Staatsmannes und des Gelehrten in sich vereinte, willfahrte er seiner Wissbegierde, indem er seine Pflicht tat. Unbekümmert um Jahreszeit oder Klima, zog er zu Fuß und barhaupt durch den Schnee von Caledonien und die schwülen Ebenen von Oberägypten; es gab keine Provinz, welche im Laufe seiner Regierungszeit nicht die Ehre seines Besuchs Cassius Dio 1,69; Hist. August. 5,8. Wenn alle unsere Geschichtsschreiber verloren wären, so würden Münzen, Inschriften und anderes hinreichen, um die Reisen des Hadrian zu rekonstruieren. gehabt hätte. Antoninus Pius indessen verbrachte sein beschauliches Leben im Schoße Italiens; während der dreiundzwanzig Jahre seiner Amtsausübung reiste dieser liebenswürdige Herrscher niemals weiter als von seinem Palast in Rom bis zu der Einsamkeit seiner Villa in Lavunia Hist. Aug . Der individuellen Unterschiede ungeachtet, wurde das allgemeine System des Augustus von Hadrian ebenso übernommen und durchgeführt wie von den beiden Antoninen. Die Würde des Reiches zu bewahren, ohne auf seine Vergrößerung zu sinnen, blieb ihr dauerhaftes Bestreben. Jedes nur irgend ehrbare Hilfsmittel diente ihnen dazu, die Freundschaft von Barbaren zu gewinnen; ihr Bemühen war, die Menschheit davon zu überzeugen, dass die Macht Roms, der Versuchung nach ferneren Eroberungen überhoben, nur noch von der Liebe zu Ordnung und Gesetz geleitet werde. Dreiundvierzig Jahre lang war diese ehrsame Anstrengung von Erfolg gekrönt; und wenn wir ein paar kleinere Reibereien ausnehmen, welche den Grenzlegionen mehr zur Übung dienten, so vermittelt die Regierungszeit des Hadrian und des Antoninus Pius den erfreulichen Aspekt eines allgemeinen Friedens Wir müssen jedoch daran erinnern, dass in Hadrians Zeit eine religiös begründete Erhebung der Juden stattfand, wenn auch nur in einer einzigen Provinz. Pausanias erwähnt zwei unvermeidliche und erfolgreiche Kriege: 1: gegen Nomaden, welche in die Einsamkeit des Atlasgebirges abgedrängt wurden; 2: gegen Räuberbanden aus Britannien, welche in die römische Provinz eingedrungen waren. Beide Kriege sowie einige andere Feindseligkeiten werden in der Historia Augusta S.19 erwähnt. . Der Name Roms stand auch bei den entlegensten Nationen in Ehre. Die wildesten Barbaren unterwarfen ihre Streitereien oft genug dem Schiedsspruch des Kaisers; und ein zeitgenössischer Chronist erzählt uns, dass er Abgesandte gesehen hätte, denen man die einzige Ehre, die sie erfleht hätten, nämlich römischer Bürger zu werden, ausgeschlagen hätte Appian von Alexandria in der Einleitung zu der Geschichte der Römischen Kriege. .   DIE RÖMISCHEN LEGIONEN, IHRE AUSBILDUNG, BEWAFFNUNG UND DISZIPLIN Die Abschreckung, die von den römischen Waffen ausging, verlieh der Zurückhaltung der Kaiser zusätzliche Glaubwürdigkeit. Sie bewahrten Frieden, indem sie beständig auf Krieg vorbereitet waren; und da Gerechtigkeit ihr Handeln leitete, konnten sie den Nationen an den Grenzen des Reiches verkünden, dass sie nicht gemeint seien, Unrecht hinzunehmen noch es auszuüben. Militärische Stärke, die zu demonstrieren dem Hadrian und dem jüngeren Antoninus genügt hatte, wurde erst wieder gegen die Parther und die Germanen unter Kaiser Marcus eingesetzt. Die Feindseligkeiten der Barbaren erregten den Groll dieses philosophischen Monarchen, und in gerechter Notwehr errangen er und seine Generale zahlreiche glänzende Siege, am Euphrat wie an der Donau Cassius Dio, 1,21 Die Siege über die Parther hat eine Anzahl elender Historiker auf den Plan gerufen, deren Andenken durch eine lebhafte Kritik bei Lucian vor dem Vergessen bewahrt und zugleich der Lächerlichkeit preisgegeben wurde. . Die militärische Elite Roms, die auf diese Weise Gewähr für Ruhe ebenso wie für Erfolge geleistet hatte, soll nunmehr der angemessene und wichtige Gegenstand unserer Aufmerksamkeit sein.   DAS MILITÄR ZUR KAISERZEIT In den glücklicheren Zeiten des römischen Gemeinwesens war der Dienst mit der Waffe denjenigen Bürgern aufgespart, die ihre Heimat liebten, ein Eigentum zu verteidigen hatten, die mitwirkten an der Beschlussfassung von Gesetzen, welche anschließend zu verteidigen ihr Interesse wie ihre Pflicht war. Aber in demselben Maße, wie mit der Ausdehnung des Reiches die öffentliche Freiheit verloren ging, entwickelte sich der Krieg zu einer Kunst empor und verkam zu einem Geschäft. Die ärmsten Dienstgrade besaßen über vierzig Pfund Sterling, ein äußerst hoher Betrag, als das Geld so knapp war, dass eine Unze Silber siebzig Pfund Messing entsprach. Die durch die alte Verfassung ausgeschlossenen Besitzlosen wurden von Marius unterschiedslos zum Heeresdienst zugelassen. (Sallust, Bell. Jug. 91) Es wurde selbst dann, wenn die Legionen sich aus Bewohnern der entlegensten Provinzen rekrutierten, vorausgesetzt, dass sie nur römische Bürger enthielten. Dieser Ehrenname war im Allgemeinen entweder eine gesetzliche Voraussetzung oder ein wertvolles Abschiedsgeschenk für Soldaten; aber die eigentlichen Meriten von Dienstalter oder militärischem Rang wurden angemessener vergütet Cäsar bildete seine Legion Alauda aus Galliern und Landesfremden; aber dies geschah während der gesetzlosen Zeiten des Bürgerkriegs; nach dem Krieg gab er ihnen zur Belohnung die Bürgerrechte. . Bei allen Aushebungen wurden die nördlichen Zonen zu Recht gegenüber den südlichen bevorzugt; der Typus des Mannes, der zum Waffendienst geboren war, wurde auf dem Lande und nicht in der Stadt geworben, und auch lag einige Vernunft in der Annahme, dass die grobschlächtigen Berufe des Schmiedes, Zimmermannes oder Jägers der Körperkraft und Entschlossenheit förderlicher seien als bequeme Berufe im Dienste des Luxus Vegetius de re militari 1,1, c1-2 . Obwohl das Vermögen keine Voraussetzung mehr für Heeresdienst war, wurden die Armeen der Kaiser überwiegend von freigeborenen und freierzogenen Offizieren befehligt; aber der gemeine Soldat wurde, ähnlich wie die Söldnertruppen des modernen Europa, aus den niedrigsten und sehr oft auch den verkommensten Schichten rekrutiert.   DISZIPLIN Jene Bürgertugend, die von den Alten Patriotismus geheißen wird, hat seinen Ursprung in einem starken Eigeninteresse, welches die Erhaltung und das Gedeihen einer unabhängigen Regierung, an der wir teilhaben, für wichtig hält. Dieses Gefühl, welches die Legionen der Republik nachgerade unbesiegbar gemacht hatte, konnte die Mietlinge eines despotischen Herrschers nur in Maßen befeuern; so erwies es sich als notwendig, jenem Mangel durch andersgeartete, wenngleich durchaus nicht schwächere Antriebskräfte zu steuern – Ehre und Religion. Der Bauer oder der Handwerker war erfüllt von dem Bewusstsein, dass er zu dem ehrbaren Waffenhandwerk aufgestiegen war, in welchem Rang und Ansehen einzig von seiner Leistung abhingen; und dass, obwohl der Heldenmut eines Gefreiten oftmals unbeachtet bleiben mag, sein persönliches Verhalten bisweilen eben doch Ruhm oder Schmach über die Kompanie, die Legion oder gar die ganze Armee bringen kann, mit deren Ehre er eng verbunden war. Bei seinem ersten Eintritt in den Dienst wurde ihm mit jedwedem Aufwand an feierlichem Ernst ein Eid abgenommen. Er versprach, niemals sein Feldzeichen zu verlassen, seinen eigenen Willen dem des Befehlshabers unterzuordnen und sein Leben für die Sicherheit von Kaiser und Reich hinzugeben Der Diensteid wurde jedes Jahr am 1. Januar erneuert. . Das Band zwischen den römischen Soldaten und ihren Feldzeichen wurde durch die vereinigte Wirkung von Ehre und Religion noch zusätzlich gefestigt. Der goldene Adler, welcher der Legion voranglitzerte, war der Gegenstand ihrer innigsten Verehrung; wie denn umgekehrt nichts für gottloser und schändlicher galt als in der Stunde der Gefahr dieses geheiligte Tacitus nennt die Legionsadler Bellorum Deos. (Kriegsgötter) Sie wurden im Lager in einer Art Kapelle untergebracht und, zusammen mit anderen Gottheiten, von der Truppe religiös verehrt. Insignium im Stiche zu lassen. Diese Motive, die ihre Wirkmächtigkeit zunächst nur der Phantasie schuldeten, wurden durch Besorgnisse und Hoffnungen von mehr materieller Art verstärkt. Regelmäßiger Sold, gelegentliche Geschenke und eine festgesetzte Abfindung nach einer bestimmten Anzahl von Dienstjahren milderten die Härten des Soldatenlebens Gronovius, de pecunia vetere, 1,3, p120 Kaiser Domitian erhöhte den jährlichen Legionärssold auf zwölf Goldstücke, was zu jener Zeit etwa zehn unserer Guineas entsprach. Diese Zahlung wurde später allmählich angehoben, dem wachsenden Wohlstand entsprechend. Nach zwanzig Dienstjahren erhielt der Veteran dreitausend Denare (etwa einhundert Pfund Sterling) oder ein entsprechend großes Stück Land. Sold und Prämien der Garden waren i.A. doppelt so hoch wie die der Legion. , während es andererseits unmöglich war, den sehr harten Strafen für Feigheit und Ungehorsam zu entgehen. Centurionen hatten die Befugnis, die Prügelstrafe zu verhängen, Generäle konnten sogar auf die Todesstrafe erkennen; und es war eine eherne Regel der römischen Disziplin, dass ein guter Soldat seinen Vorgesetzten mehr fürchten müsse als den Feind. Durch solch löbliche Kunstgriffe erhielten die kaiserlichen Truppen eine derartige Festigkeit und Lenkbarkeit, dass sie durch keine noch so ungestüme und ungeordnete Barbarenwut zu beeindrucken waren.   DRILL Rohe Kraft ohne Übung und Praxis ist unvollkommen; dessen waren sich die Römer so sehr bewusst, dass ihn ihrer Sprache der Name für »Heer« sich aus einem Wort herleitete, das »Übung« bedeutete Exercitus ab exercitando, Varro, de lingua latina, 1,4; Cicero, Tusculan. Disp. 1,2,37. Hier ist die Gelegenheit für ein sehr dankbares Werk, welches das Verhältnis zwischen Sprache und Gebräuchen der Völker aufdeckt. . Drill war das wesentliche, unverzichtbare Fundament von Disziplin. Rekruten und jüngere Soldaten mussten beständig exerzieren, morgens wie abends, und weder Alter noch Erfahrung dispensierten die Veteranen von der täglichen Wiederholung von etwas, was sie doch längst beherrschten. In den Winterquartieren errichteten die Truppen große Hallen, damit kein noch so stürmisches Wetter ihren nutzvollen Bemühungen Abbruch tue; auch ward sorgfältig darauf geachtet, dass die Waffen, mit denen der Krieg geübt wurde, doppelt so schwer seien wie die, die der Ernstfall erforderte Vegetius, 1,2 und der Rest des ersten Buches . Es liegt nicht in der Absicht dieses Werkes, in eine übergenaue Schilderung des römischen Exerzierreglements einzutreten. Wir wollen lediglich anmerken, dass es alles vorsah, was dem Körper Stärke, den Gliedmaßen Gelenkigkeit und den Bewegungen Anmut verlieh. Die Soldaten wurden sorgfältig ausgebildet zu marschieren, zu laufen, zu springen, zu schwimmen, schweres Gepäck zu tragen, und jede Art von Waffe, die zum Angriff oder zur Verteidigung etwa erforderlich sein mochte, im Nah- wie im Fernkampf zu handhaben; die verschiedenen Stellungswechsel auszuführen; und sich bei Flötenklang zum Pyrrhischen oder Waffentanz zu bewegen Der Pyrrhische Tanz wird sehr eindrucksvoll von M. de Beau dargestellt (Academie des Inscriptions, Band 35, S.262) Es hat dieses gelehrte Akademiemitglied in einer Anzahl von Schriften alle Textstellen der Alten versammelt, die Bezug zur Römischen Legion aufweisen. . Mitten im Frieden waren die römischen Truppen mit der Kriegspraxis durchaus vertraut; und ein antiker Historiker, der gegen sie im Felde gestanden hatte, merkt hierzu artig an, dass das Vergießen von Blut der einzige Unterschied sei, welchen man zwischen Schlachtfeld und Exerzierplatz ausmachen könne Flavius Iosephus, Der Jüdische Krieg, 1,3, c5 Wir sind diesem jüdischen Autoren für einige sehr eigenartige Einzelheiten bezüglich der römischen Disziplin verpflichtet. . Es war Staatsklugheit, wenn die fähigsten Generäle und sogar der Kaiser selbst durch seine Anwesenheit und sein persönliches Vorbild diesen soldatischen Eifer noch befeuerten; und wir hören davon, dass Hadrian, ebenso wie Trajan, sich oftmals nicht zu schade dafür waren, den Anfänger anzuleiten, den Gewissenhaften zu belobigen und gelegentlich um die Krone höherer Körperkraft oder Gewandtheit zu ringen Plinius, Panegyrikos 13 und Leben des Hadrian in den Aug. Hist. . Unter diesen Herrschern pflegte man die Schule der Taktik mit Erfolg; und solange das Imperium noch irgend Stärke besaß, anerkannte man ihre militärischen Instruktionen als das unübertroffene Muster an römischer Disziplin.   DAS HEER IN DER KAISERZEIT Neun Jahrhunderte kriegerischer Auseinandersetzungen hatten den militärischen Einrichtungen allgemach Änderungen und Verbesserungen beschert. Die Legionen, wie sie uns Polybius zur Zeit der Punischen Kriege beschrieben hat Vergleiche hierzu den unbedingt lesenswerten Exkurs im sechsten Buch seiner Historien , unterschieden sich in handgreiflicher Weise von denen, die Caesar Siege errangen oder denen, die die Monarchie eines Hadrian oder der Antonine schützten. Die Verfasstheit einer kaiserlichen Legion soll in wenigen Worten beschrieben werden Vegetius de re militaria, 1,2, c 4 \&c Ein beträchtlicher Teil seiner konfusen Kurzfassung war den Dienstvorschriften des Trajan und Hadrian entnommen; und die Legion, wie er sie beschreibt, passt zu keiner anderen Zeit des Römischen Imperiums. . Die schwere Infanterie, welche ihr die Hauptkampfkraft verlieh Vegetius a.a.O., c 1 In den guten Zeiten eines Caesar und Cicero war das Wort miles (Soldat, Krieger) fast nur der Infanterie vorbehalten. Im späten Kaiserreich und in den Zeiten der Ritter wurde es ebenso ausschließlich für bewaffnete Reitern verwandt. , war in zehn Cohorten unterteilt, sowie in fünfundfünfzig Kompanien mit der entsprechenden Anzahl von Tribunen und Centurionen. Die erste Cohorte, welche stets die Ehrenposten und Bewachung des Legionsadlers für sich reklamierte, enthielt elfhundertfundfünf Soldaten von bewährter Tapferkeit und Treue. Die verbleibenden neun Cohorten bestanden aus je fünfhundertfundfünf Soldaten; die Gesamtstärke der Legionsinfanterie belief sich auf sechstausendeinhundert Mann. Ihre Bewaffnung war einheitlich und ihrer Zweckbestimmung trefflich angepasst; ein Brustpanzer oder Kettenpanzer; Beinschienen, und am linken Arm einen großen Schild. Letzterer war konkav und länglich, vier Fuß lang und zwei und einen halben Fuß breit, mit leichtem Holz eingefasst, mit Rindsleder belegt, und mit Messingplatten armiert. Außer einem leichten Speer in seiner Rechten hatte jeder Soldat noch das fürchterliche pilum , einen schweren Wurfspieß von immerhin sechs Fuß Länge, an dessen Spitze eine große dreieckige Stahlspitze von wenigstens achtzehn Zoll montiert war In den Zeiten von Polybios und Dionysos von Halikarnassos (1,5, c 45) war die Stahlspitze des Pilum anscheinend viel länger. Zu Vegetius' Zeiten wurde er auf einen Fuß oder sogar nur noch neun Zoll verkürzt. Ich habe einen Mittelwert gewählt. . Dieses Instrument war unseren modernen Feuerwaffen zweifellos deutlich unterlegen; denn mit einem einzigen Wurf über eine Distanz von zehn bis zwölf Schritt erschöpfte sich seine Wirkung. Indessen, wenn er aus fester und geübter Hand geschleudert ward, mochte sich sobald keine Kavallerie erkühnen, in seine Reichweite zu geraten, noch konnte irgendein Schild oder Panzer dem Ungestüm seines Schwunges widerstehen. Sobald der Römer sein pilum geschleudert hatte, zog er sein Schwert und ging zum Nahkampf über. Es war eine kurze spanische Klinge mit doppelter Schneide und für Hieb und Stich in gleicher Weise geeignet; dem Soldaten jedoch war aufgegeben, dem Letzteren den Vorzug zu geben, da er sich so weniger Blößen gab und dem Feinde ernstlichere Verwundungen zufügen konnte Zu Fragen der Bewaffnung der Legion vgl. Lipsius de militia romana 1,3, c 2-7 . Die Legionen waren für gewöhnlich acht Mann tief gestaffelt Siehe hierzu den anmutigen Vergleich bei Vergil, Georgica, 2, 279 . Nach der Seite und in die Tiefe wurde ein Abstand von drei Fuß eingehalten. Ein Truppenkörper, der diese Anordnung in breiter Front und bei raschem Angriff einzuhalten gewohnt war, war wohl vorbereitet, jedes Manöver auszuführen, welches die Umstände des Gefechtes oder die Eingebungen ihres Feldherrn etwa erforderlich machten. Der Soldat hatte dadurch freien Raum für Waffen und Bewegungen, und außerdem stand ausreichend Platz zur Verfügung, um die erschöpften Kämpfer rechtzeitig auszuwechseln M. Guichard, Memoires Militaires, Band 1, c4, und Nouveaux Memoires, Band 1, S 293-311 hat diesen Gegenstand nach Art eines Gelehrten und Offiziers behandelt. . Die Taktik der Griechen und Römer leitete sich aus ganz anderen Prinzipien ab. Die Stärke einer Phalanx beruhte auf sechzehn Reihen sehr langer Piken in der gedrängtesten Anordnung. Siehe Arrian, Taktik. Mit echt griechischer Voreingenommenheit beschreibt Arrian lieber die Phalanx, von der er nur gelesen, als von der Legion, die er immerhin befehligt hatte. Aber gar bald wurde offenbar, durch reines Nachdenken ebenso wie durch die Ereignisse selbst, dass die Wucht der Phalanx der Behändigkeit der Legionen nicht gewachsen war Polybios, 1, 17 .   KAVALLERIE... Die Kavallerie, ohne die die Stärke der Legion unvollständig geblieben wäre, war in zehn Teile oder Schwadronen, untergliedert; die erste, als die Gefährtin der ersten Cohorte, bestand aus einhundertrundzweiunddreißig Mann, während die übrigen neun jeweils sechsundsechzig Mann stark waren. Alle zusammen bildeten sie ein Regiment, wenn dieser moderne Ausdruck gestattet ist, siebenhundert und sechsundzwanzig Pferde stark, die mit ihrer jeweils zugehörigen Legion wie natürlich zusammen operierte, gelegentlich aber auch auf sich gestellt war oder die Flügel des Heeres bildete. Vegetius de re militaria, 1,2,c6. Seine nachdrückliche Bestätigung, die sich noch durch Indizienbeweise untermauern ließe, sollte diejenigen Kritiker zum Schweigen bringen, welche den kaiserlichen Legionen eine angemessene Kavallerie absprechen wollen. Schon lange nicht mehr diente in der Kavallerie der Kaiser, wie noch in der Republik, Roms und Italiens edelste Jugend, die, indem sie ihren Militärdienst zu Pferde ableisteten, sich auf den Senatoren- und Konsulberuf vorbereiteten; und die vermittels beherzter Taten die zukünftige Wahlstimmen ihrer Landsleute einwarben Livius (passim), besonders aber 42, 61 . Seit sich dieses Brauchtum und die Regierungsform geändert hatten, waren die wohlhabendsten Ritter in Justiz und Steuerwesen beschäftigt Plinius, Hist. Nat, 33, 2. Den eigentlichen Sinn dieser dunklen Stelle hat als erster M. de Beaufort (Republique Romaine, 1,2, c2) entschlüsselt. ; und wenn sie einmal dem Waffendienst oblagen, wurde ihnen alsgleich eine Abteilung Reiterei oder Fußtruppen unterstellt. Wie die Beispiele des Horaz oder Agricola zeigen. Hier scheint ein Mangel des römischen Systems zu liegen, welchem Hadrian durch Festlegung des Mindestalters für Militärtribune abzuhelfen suchte. Trajan und Hadrian bildeten ihre Kavallerie in denselben Provinzen und mit denselben Untertanen, aus denen sie auch die Mannschaften für ihre Legionen rekrutierten. Die Pferde wurden zumeist in Spanien oder Kappadokien gezüchtet. Die Bewaffnung, mit der sich die Reiter des Ostens beschwerten, achteten die römischen Kavalleristen gering; ihre Rüstung bestand aus Helm, einem Langschild, leichten Stiefeln und einem Kettenhemd. Ein Wurfspieß und ein breites Langschwert waren ihre wichtigsten Angriffswaffen. Den Gebrauch von Lanze und Morgenstern haben sie wohl den Barbaren abgeschaut Arrian, Taktik, 4 .   ...UND HILFSTRUPPEN Ehre und Sicherheit des Imperiums waren in erster Linie den Legionen anvertraut, aber Roms Politik gestattete es, auf jedes andere nützliche Kriegsmittel zurück zu greifen. Beachtliche Aushebungen fanden in denjenigen Provinzen statt, welche sich noch nicht den Anspruch auf die Würde, römisch zu sein, erworben hatten. Vielen abhängigen Herrschern und Gemeinden entlang der Grenzen wurde für eine Weile zugestanden, sich ihre Freiheit und Sicherheit durch militärische Dienstleistungen zu erkaufen. Dies war besonders der Status der Bataver. Tacitus, Germania 29 Sogar auserlesene Truppen feindlicher Barbaren wurden oftmals überredet oder genötigt, ihre für Rom gefährlichen Kräfte doch in entlegenen Landstrichen Marcus Antoninus verpflichtete die bezwungenen Quadi und Marcomannen, ihn mit beträchtlichen Truppen zu unterstützen, welche er umgehend nach Britannien schickte. Cassius Dio, 1,71 und zum Wohle des Staates aufzureiben. Alle wurden sie unter dem Sammelbegriff der Auxiliartruppen erfasst; und wie immer auch ihre Zahl unter dem Zwang der Umstände oder der Zeitläufte geschwankt haben mag, selten nur lag sie nennenswert unter der Zahl der regulären Legionen Tacitus, Annalen, 4,5. Diejenigen, welche sich auf gleich viele Infanteriesoldaten und doppelt so viele Reiter festlegen, verwechseln wohl die Hilfstruppen der Kaiserzeit mit den italischen Alliierten aus der Zeit der Republik. . Die tapfersten und pflichttreuesten Abteilungen aus den Reihen der Auxiliartruppen wurden dem Kommando von Präfekten und Centurionen unterstellt und ernstlich im römischen Waffenhandwerk ausgebildet; aber der weitaus größte Teil sparte sich für die Waffen auf, zu denen sie die Landesnatur oder bewährtes Brauchtum besonders geschickt gemacht hatten. Hierdurch erhielt jede Legion, der Auxiliartruppen zugeteilt waren, jede Art von Leichtbewaffneten und von Fernwaffen; und war so imstande, jede Nation mit ihren eigenen Waffen und ihrer eigenen Taktik zu bekämpfen Vegetius, 2,2. Arrian in seiner Schilderung der Marschordnung und der Schlacht gegen die Alanen. . Auch entbehrten die Legionen nicht dessen, was man, modern gesprochen, als Artillerietrain bezeichnen würde. Er bestand aus zehn Wurfmaschinen der größten und fünfundfünfzig von kleineren Bauart Die antike Wurfmaschine wird sehr kenntnisreich von Chevalier Folard behandelt. (Polybe, tom 2, p233-290) Er zieht sie in vieler Hinsicht unseren modernen Kanonen und Mörsern vor. Wir können feststellen, dass ihr Gebrauch in Kampfhandlungen in dem Maße zunahm, wie persönliche Tapferkeit und militärische Ausbildung zusammen mit dem römischen Reich untergingen. Wenn es keine Männer mehr gibt, greift man zu Maschinen. , welche aber alle, sei es in schiefer oder horizontaler Anordnung, Steine und Pfeile mit unwiderstehlicher Wucht abschossen.   TAKTIK · GRÖSSE UND STATIONIERUNG DER LEGIONEN Ein römisches Lager bot das Erscheinungsbild einer befestigten Stadt Vegetius beendet sein zweites Buch und die Beschreibung der Legion mit folgenden eindrücklichen Worten: »Universa quae in quoque belli genere esse creduntur, secum legio debet ubique portare, ut in quovis loco fixerit castra, armatam faciat civitatem.« (Alles, was für die Kriegsführung für erforderlich gehalten wird, muss eine Legion überall mit sich führen, damit, wo immer sie ein Lager errichtet, eine wehrhafte Gemeinschaft entsteht.) . Sobald das Terrain abgesteckt war, ebneten Pioniere den Grund und entfernten jedes Hindernis, das seine vollendete Ebenmäßigkeit etwa gestört hätte. Der Grundriss war ein Viereck; und wir können berechnen, dass ein Quadrat mit siebenhundert Yard Kantenlänge für die Unterbringung von zwanzigtausend Römern ausreichte, obgleich eine ähnliche Zahl von unseren Truppen dem Feinde eine Front von dreifacher Länge bieten würde. Im Zentrum des Lagers erhob sich, alles andere überragend, das praetorium oder General-Quartier; Kavallerie, Infanterie und Hilfstruppen nahmen ihre jeweiligen Stationen ein; die Lagerstraßen waren absolut gerade gezogen, und zwischen Zelten und Wall wurde überall ein leerer Raum von etwa zweihundert Fuß gelassen. Der Lagerwall selbst war normalerweise zwölf Fuß hoch und mit schweren Palisaden bewehrt; er wurde geschützt durch einen Graben, der zwölf Fuß breit und ebenso tief war. Diese wichtige Arbeit wurde von den Legionären in Handarbeit ausgeführt; denen indes der Umgang mit Spaten und Hacke nicht weniger vertraut war als der mit Schwert und pilum. Draufgängerische Kraft mag eine Gabe der Natur sein, aber eine solch geduldige Sorgfalt kann nur die Frucht von Übung und Disziplin sein Zum Römischen Lagerbau vgl. Polybios, 1,6 mit Lipsius de Militia Romana, Flavius Josephus, Jüd. Krieg 1,3,5; Vegetius 1. 21-25 u 3,9 sowie Memoires de Guichard, Band 1, c1 . Gab das Signalhorn das Zeichen zum Aufbruch, wurde das Lager unverzüglich abgebrochen, und die Mannschaften gingen unverzüglich und geordnet zu ihren Truppenteilen. Neben ihren eigentlichen Waffen, die sie schwerlich als Last ansahen, waren die Legionäre beladen mit Kochgerät, Schanzwerkzeugen und der Verpflegung für mehrere Tage Cicero, Tusc disp. 2, 37 und Flavius Josephus, Jüd Krieg 1,3,5 und Frontinus 4,1 . Unter diesem Gewicht, das die Empfindlichkeit heutiger Soldaten alsbald überbürdet hätte, waren sie imstande, in sechs Stunden beinahe zwanzig Meilen zurückzulegen Vegetius, 1,9 und Memoires de l'Academie, Band 25, S 187 . Beim Erscheinen eines Feindes warfen sie ihr Gepäck zur Seite und gingen durch einfachen und schnellen Stellungswechsel von der Marsch- in die Schlachtordnung über Diese Entwicklung wird bewundernswert dargestellt von M. Guichart in Nouveaux Memoires Band 1, S 141-234 . Vor der Front plänkelten Schleuderer und Bogenschützen; Hilfstruppen bildeten die erste Linie, wobei die Kampfstärke der Legion sie unterstützte; Kavallerie deckte die Flanken, und die Wurfmaschinen wurden in Stellung gebracht.   GRÖSSE UND VERTEILUNG DER LEGIONEN So war es um die Kriegskunst bestellt, mit der die römischen Kaiser ihre ausgedehnten Eroberungen verteidigten und soldatischen Geist noch emporhielten, als jede andere Tugend unter der Last von Luxus und Despotismus erstickte. Wenn wir jetzt von der Beschreibung der Disziplin ihrer Armeen zu der Berechnung ihrer Zahlenstärke übergehen, werden wir es schwierig finden, diese mit der gehörigen Genauigkeit anzugeben. Indessen, wir können errechnen, dass eine Legion, eine Einheit mit einer Stärke von sechstausenachthundertundeinunddreißig Römern, mit ihren zugehörigen Hilfstruppen sich auf zwölftausenfünfhundert Mann belief. Die Friedensordnung des Hadrian und seiner Nachfolger sah nicht weniger als dreißig dieser fürchterlichen Brigaden vor; was mit einiger Wahrscheinlichkeit ein stehendes Heer von dreihundertundfünfundsiebzigtausend Mann ergab. Anstelle dass die Legionen in befestigten Garnisonsstädten untergebracht wurden, was den Römern vielmehr als Zeichen der Kleinmut und Schwäche galt, schlugen sie ihre Lager an den Ufern der großen Ströme auf oder entlang der Grenzen zum Barbarenland. Da ihre Stationierungen dauerhaft waren, können wir es wagen, die Verteilung der Truppen darzustellen. Drei Legionen waren für Britannien genug. Die Hauptmacht lag am Rhein und an der Donau, mit sechszehn Legionen in folgender Verteilung: zwei in Unter- und drei in Obergermanien; eine in Rhaetien, eine in Noricum, vier in Pannonien, drei in Moesien und zwei in Dacien. Die Verteidigung des Euphrat oblag acht Legionen, von denen sechs in Syrien und zwei in Kappadokien stationiert waren. Was nun Ägypten, Afrika und Spanien betrifft, so konnte eine einzige Legion in jeder dieser großen Provinzen, die ja weit genug von jedem wichtigen Kriegsschauplatz entfernt waren, die heimische Ruhe aufrechterhalten. Selbst Italien war nicht frei von Militär. Etwa zwanzigtausend ausgesuchte Soldaten, durch die Bezeichnungen »Städtische Cohorte« und »Prätorianergarde« vor den anderen ausgezeichnet, wachten über die Sicherheit des Monarchen und der Stadt. Als die Verursacher nahezu jeder Umwälzung, die das Reich schwächte, werden die Prätorianer sehr bald und sehr geräuschvoll unsere Aufmerksamkeit erheischen; in ihrer Bewaffnung und ihren Einrichtungen können wir nichts finden, was sie von den anderen Legionen unterschied, außer, dass ihr Erscheinungsbild prunkvoll und ihre Disziplin miserabel war Tacitus (Annalen 4,5) hat uns den Zustand der Legionen unter Tiberius geschildert: und Cassius Dio (1, 4) den unter Alexander Severus. Ich habe danach getrachtet, zwischen diesen beiden Epochen die Mitte zu finden. Siehe hierzu etwa Lipsius, de magnitudine Romana 1,1, c 4,5 .   MARINE KLEIN, ABER VOLLWERTIG Die Größe der kaiserlichen Marine könnte, gemessen an ihrer Bedeutung, unangemessen erscheinen; aber sie war für jedes nützliche Unternehmen der Regierung vollkommen ausreichend. Roms Ehrgeiz beschränkte sich auf das Land; auch fühlte sich dieses kriegerische Volk niemals von dem Unternehmungsgeist aufgerüttelt, welcher die Seeleute von Tyrus oder Karthago oder sogar Marseille vermocht hatte, die Grenzen der bekannten Welt auszudehnen und die entlegensten Küsten des Weltmeeres aufzusuchen. Für die Römer blieb der Ozean ein Gegenstand der Furcht und nicht der Neugier Die Römer suchten ihre Unkenntnis und Angst hinter dem Vorwand religiöser Bedenken zu verhehlen. Tacitus, Germania c 34 ; das Mittelmeer in seiner Gesamtheit war nach der Zerstörung von Karthago und der Vernichtung der Seeräuber von ihren Provinzen eingefriedet. Die Politik der Kaiser verfolgte lediglich den Zweck, die See friedlich zu beherrschen und den Handel ihrer Untertanen zu schützen. Zu diesen anspruchslosen Zielen ließ Augustus zwei Flotten in den bequemsten Häfen Italiens stationieren, eine in Ravenna an der Adria, die andere in Misenum im Golf von Neapel. Die Alten scheinen sich auf Grund langer Erfahrung davon überzeugt zu haben, dass eine Galeere mit zwei, oder sogar drei Ruderreihen mehr dem hohlen Prunk als nützlichen Zwecken dienlich sei. Bei seinem Sieg zu Actium hatte Augustus persönlich die Überlegenheit seiner leichten Fregatten (sie wurden Liburnen genannt) über die himmelanstrebenden, aber plumpen Großkampfschiffe Plutarch, Leben des Marc Aurel. Und dennoch hatten diese Ungetüme, wenn wir Orosius glauben dürfen (6,19) nicht mehr als zehn Fuß Freibord. seines Gegners erfahren. Aus diesen Liburnen ließ er zwei Flotillen zu Ravenna und Misenum bauen, deren Bestimmung es war, den westlichen beziehungsweise östlichen Teil des Mittelmeers zu kontrollieren; zu jedem dieser Geschwader gehörten einige tausend Mariner. Neben diesen zwei, man könnte sagen, Haupthäfen der römischen Marine gab es noch eine beachtliche Einheit zu Freius an der Provenceküste, und außerdem war das Schwarze Meer von vierzig Schiffen und dreitausend Soldaten bewacht. Hierzu müssen wir noch die Flotte zählen, die die Verbindung zwischen Britannien und Gallien aufrecht erhielt, sowie eine große Anzahl von Fahrzeugen, die an Rhein und Donau lagen, das Land zu beunruhigen oder den Barbaren die Flussüberquerungen zu verwehren Lipsius, de Magnitud. Romana 1,1, c 5 Die letzten sechzehn Kapitel von Vegetius behandeln Marinethemen. . Wenn wir nun diese kaiserliche Macht im Überblick betrachten, Kavallerie wie Infanterie, Legionen, Hilfstruppen, die Garden und die Marine, so gestattet uns auch die weitherzigste Berechnung nicht, die Gesamtstärke zu Lande und zu Wasser auf mehr als vierhundertundfünfzigtausend Mann festzulegen: eine Militärmacht, welche – wie furchterregend sie auch erscheinen mag – der eines Monarchen aus dem letzten Jahrhundert Wir müssen jedoch daran erinnern, dass Frankreich immer noch an den Folgen dieser außerordentlichen Anstrengungen zu leiden hat. gleichkommt, dessen Reich aber nicht größer als eine römische Provinz war. Wir haben versucht, die Gesinnung darzustellen, die die Macht Hadrians und der Antonine mäßigte, und die Stärke, auf der sie aufgebaut war. Wir wollen es nunmehr unternehmen, mit Klarheit und Genauigkeit die Provinzen zu schildern, die einst unter ihrer Macht vereint waren und die nun in so viele unabhängige und feindliche Staaten zerfallen sind.   DIE PROVINZEN: SPANIEN Spanien, der westlichste Vorposten des Reiches, Europas und der alten Welt, hat zu allen Zeiten dieselben natürlichen Grenzen besessen: Pyrenäen, Mittelmeer und Atlantik. Diese große Halbinsel, die gegenwärtig in zwei so ungleiche Königreiche geteilt ist, wurde unter Augustus in drei Provinzen, Lusitania, Baetica und Tarraconensis aufgeteilt. Das Königreich Portugal nimmt nunmehr den Platz der streitbaren Lusitanier ein; und der Verlust, den erstere im Osten erlitten hatten, ist durch Landgewinn im Norden aufgewogen. Die Grenzen von Grenada und Andalusien entsprechen denen des antiken Baetica. Das übrige Spanien – Gallicia, die Asturien, Biscaya, Navarro, Leon, die beiden Kastilien, Murcia, Valencia, Katalonien und Arragon – bildeten den dritten und umfänglichsten Teil der römischen Verwaltung, welche nach dem Namen seiner Hauptstadt Tarragona genannt wurde Strabo, 1,2. Die Annahme ist nahe liegend, dass der Name Arragon sich von Tarraconensis herleitet, und mehrere heutige Autoren, die in Latein geschrieben haben, benutzen die beiden Begriffe als synonym. Es ist indessen unbestreitbar, dass der Arragon, ein kleiner Nebenfluss des Ebro aus den Pyrenäen, zunächst dem Land und dann dem Königreich seinen Namen gegeben hat. D'Anville, Geographie du Moyen Age p181 . Von den eingeborenen Barbaren waren die Celtiberer die stärksten und die Cantabrianer und Asturier die widerspenstigsten. Im Vertrauen auf ihre mächtigen Berge unterwarfen sie sich den Waffen Roms als letzte, und waren die Ersten, die das Joch der Araber abschüttelten.   GALLIEN Das antike Gallien hatte so, wie es das gesamte Land zwischen Pyrenäen, Alpen, Rhein und Ozean umfasste, eine größere Ausdehnung als das moderne Frankreich. Zu dem Herrschaftsbereich dieser Großmacht mit seiner jüngsten Beute, dem Elsass und Lothringen, müssen wir noch Savoyen hinzuzählen, die Schweizer Kantone, die vier rheinländischen Kurfürstentümer und die Gebiete von Lüttich, Luxemburg, Hennegau, Flandern und Brabant. Als Augustus den Eroberungen seines Vaters gesetzliche Ordnung gab, wurde Gallien so unterteilt, wie es das Vordringen der Legionen, der Lauf der Flüsse und nationale Besonderheiten – es gab über einhundert selbständige Staaten – nahe legten Einhundertundfünfzehn sog. Städte werden in den »Notitia Galliarum« genannt. Und man weiß, dass diese Bezeichnung nicht nur der jeweiligen Hauptstadt appliziert wurde, sondern auf der gesamten Staatsfläche. Plutarch und Appian vermehren die Zahl der Stämme auf drei oder sogar vierhundert. . Die Mittelmeerküste Languedoc, Provence und Dauphiné erhielten ihren Provinznamen von der Kolonie Narbo. Der Bezirk Aquitanien dehnte sich zwischen den Pyrenäen und der Loire aus. Das Land zwischen Loire und Seine nannte man keltisches Gallien, hatte es aber bald in Anlehnung an die berühmte Kolonie Lugdunum oder Lyon umbenannt. Belgien lag jenseits der Seine, und in früheren Zeiten war nur der Rhein die Grenze gewesen; aber kurz vor dem Zeitalter Caesars hatten die Germanen unter missbräuchlichem Einsatz ihrer Überlegenheit ein beträchtliches Stück belgischen Landes an sich gerissen. Die römischen Eroberer nahmen sich mit Eifer eines so einladenden Umstandes an, und die gallische Rheingrenze zwischen Basel und Leyden erhielt den hochklingenden Namen Ober- und Untergermanien D'Anville, Notice de l'Ancienne Gaule . Dies waren unter den Antoninen die sechs gallischen Provinzen: Narbonne, Aquitanien, keltisches Gallien oder Lyon, Belgien und die zwei Germanien.   BRITANNIEN Wir hatten bereits Gelegenheit gehabt, der Eroberung Britanniens zu gedenken, und die Grenzen der römischen Provinz auf dieser Insel zu bestimmen. Sie umfasste ganz England, Wales und die schottischen Lowlands bis zu den Firths von Dumbarton und Edinburgh. Vor dem Verlust seiner Freiheit war das Land höchst ungleich unter dreißig Barbarenstämme aufgeteilt, von denen die mächtigsten die Belger im Westen, die Briganten im Süden, die Silurer in Südwales und die Icener in Norfolk und Suffolk waren Whitaker, History of Manchester vol 1,c. 3 . Soweit wir die Ähnlichkeiten von Sprache und Brauchtum zurückverfolgen und ihnen Glauben schenken können, waren Spanien, Gallien und Britannien von ein und derselben Rasse von verwegenen Barbaren besiedelt. Bevor sie sich den römischen Waffen unterwarfen, leisteten sie zähen Widerstand und nahmen den Konflikt immer wieder auf. Nach ihrer Unterwerfung bildeten sie den Westen der europäischen Kolonien, welcher von den Säulen des Herkules bis zum Antoninuswall reichte und von der Mündung des Tejo bis zu den Quellen von Rhein und Donau.   ITALIEN Vor seiner Eroberung durch die Römer zählte das Land, welches jetzt Lombardei genannt wird, nicht zum eigentlichen Italien. Ein machtvoller Gallierstamm hatte sie erobert, sich selbst am Po zwischen Piemont bis zur Romagna niedergelassen und zwischen Alpen und Appenin ihren Waffen und ihrem Namen Geltung verschafft. Die Ligurer bewohnten die Felsenküste, die heutzutage die Republik von Genua darstellt. Venedig war noch nicht gegründet; aber die Gebiete östlich der Etsch wurden von Venetiern Die italienischen Venetier sind, obwohl oftmals mit den Galliern verwechselt, wohl eher illyrischer Herkunft. M. Frenet, Memoires de l'Academie des Inscriptions, to, 18 besiedelt. Der mittlere Teil der Halbinsel, welcher heute das Herzogtum Toscana und den Kirchenstaat umfasst, war der antike Sitz der Etrusker und Umbrer, welchen erstgenannten Italien die frühesten Keime der Zivilisation zu danken hat Maffei Verona Illustrata 1,1 . Der Tiber strömte am Fuße der Sieben Hügel Roms, und das Land der Sabiner, der Latiner und der Volsker war der Schauplatz ihrer jugendlichen Siege. Auf diesem berühmten Boden errangen die ersten Konsuln Triumphe, ihre Nachfolger ließen prunkvolle Villen bauen, und deren Urenkel Der erste Gegensatz fiel schon den Alten auf (Florus,1,2); der zweite muss sich notwendig jedem modernen Reisenden aufdrängen. Klöster. Capua und Campanien besaßen das Kerngebiet beider Neapel; der Rest dieses Königreiches wurde von vielen kriegerischen Stämmen, den Marsern, Samniten, Apuliern und Lucanern bewohnt; und die Meeresküste beherrschten die zahlreichen blühenden Kolonien der Griechen. Wir sollten noch anmerken, dass Augustus, als er Italien in elf Verwaltungsbezirke unterteilte, die kleine Provinz Istrien dem Sitz der römischen Herrschaft zuteilte Plinius (Nat. Hist. 1,3) folgt der Einteilung Italiens durch Augustus. . Roms europäische Provinzen wurden durch den Lauf von Rhein und Donau gesichert. Der letztere dieser beiden gewaltigen Ströme, welcher geringe dreißig Meilen von ersterem entspringt, fließt über dreizehnhundert Meilen dahin, fast immer nach Südosten, empfängt den Tribut von sechzig schiffbaren Nebenflüssen, und mündet in den Pontos Euxeinos, der diesen Wassermassen kaum gewachsen zu sein scheint Tournefort, Voyages en Grece et Asie Mineur, lettre 18 . Die Donauprovinzen erhielten bald den allgemeinen Namen Illyricum oder illyrische Grenze Der Name Illyricum bezog sich ursprünglich auf die Adriaküste, wurde von den Römern aber allmählich auf das gesamte Gebiet von den Alpen bis zum Schwarzen Meer ausgedehnt. , und galten als die kriegerischsten des ganzen Reiches; aber sie verdienen eine eingehendere Betrachtung unter ihren Namen Rhaetia, Noricum, Dalmatia, Dacia, Moesia, Thracia, Macedonica und Griechenland.   DONAUPROVINZEN: RHAETIEN Die Provinz Rhaetien, welche alsbald den Namen der Vindelicaner verdrängte, erstreckte sich von den Alpengipfeln bis zu den Ufern der Donau, und zwar von ihrer Quelle bis zum Zusammenfluss mit der Inn. Der größte Teil des flachen Landes ist heute dem Kurfürsten von Baiern untertänig; die Stadt Augsburg steht unter dem Schutz der Verfassung des Deutschen Reiches; die Graubündener sind in ihren Bergen geschützt; und das Land Tirol wird unter die zahlreichen Provinzen des Hauses Österreich gerechnet.   NORICUM UND PANNONIEN Das beträchtliche Gebiet zwischen Inn, Donau und Save – Österreich, Steiermark, Kärnten, Herzogtum Krain, Niederungarn und Slovenien – kannten die Alten unter dem Namen Noricum und Pannonien. In seinem ursprünglichen, unabhängigen Zustand standen ihre kämpferischen Einwohner in enger Beziehung zueinander. Unter der Herrschaft der Römer wurden sie häufig vereint, und auch heute noch sind sie das Erbgebiet einer einzigen Familie. Sie sind Residenz eines deutschen Herrschers, der sich selbst Römischer Kaiser benennt, und sie sind der Mittelpunkt so gut wie der Grundstein von Österreichs Macht. Es scheint nicht unpassend anzumerken, dass alle Gebiete des Hauses Österreich, wenn wir Böhmen, Mähren, den Nordsaum Österreichs und einen Teil Ungarns ausnehmen, in die Grenzen des römischen Reiches einbegriffen waren.   DALMATIEN Dalmatien, auf das der Name Illyricum besser passt, war ein langer, enger Landstrich zwischen Save und Donau. Der wertvollste Teil der Küste, der heute noch seine antike Benennung trägt, ist eine Provinz von Venetien und Sitz der kleinen Republik Ragusa. Das Binnenland trägt die slawischen Namen Kroatien und Bosnien; erstere gehorchen einem österreichischen Governeur, letztere einem türkischen Pascha; aber das Land in seiner Gesamtheit wird immer noch von Barbarenstämmen belästigt, deren wilde Unabhängigkeit die unscharfe Grenze zwischen christlicher und mohammedanischer Macht bildet Ein venezianischer Reisender, der Abt Fortis, hat uns unlängst einige Kunde von jenen unbekannten Ländern gegeben. Aber über die Geographie und die Altertümer des westlichen Illyrien kann man nur durch das Entgegenkommen des Kaisers, seines Landesherren, etwas zu erfahren hoffen. .   MOESIEN, DACIEN Nachdem die Donau die Wasser der Theiß und Save empfangen hat, erhält sie, zumindest bei den Griechen, den Namen Ister Die Save entspringt nahe der Grenze von Istrien, und wurde von den früheren Griechen als der Hauptstrom der Donau angesehen. . Sie hat bereits Moesien und Dacien geteilt, und letzteres war, wie wir bereits sahen, eine Eroberung Trajans und die einzige Provinz jenseits dieses Flusses. Wenn wir nun den gegenwärtigen Stand dieser Länder untersuchen, so finden wir, dass auf der linken Seite der Donau Temeswar und Transsilvanien nach vielen Wechselfällen von der ungarischen Krone annektiert wurde, während die Fürstentümer von Moldavien und der Walachei die Herrschaft der ottomanischen Pforte anerkennen. Am rechten Donauufer findet sich Moesien, welches, im Mittelalter in die Königreiche Serbien und Bulgarien zersplittert, neuerlich wieder in türkischer Sklaverei vereint ist.   THRAKIEN, MAKEDONIEN, UND GRIECHENLAND Der Name Rumelien, welcher noch heute von den Türken für die ausgedehnten Ländereien von Thrakien, Macedonien und Griechenland verwendet wird, bewahrt das Andenken an ihren Zustand unter dem römischen Reich. In der Zeit der Antonine hatten die Gebiete der kriegerischen Thraker zwischen den Haemus- und Rhodopus-Bergen bis zum Bosporus den Status einer Provinz erhalten. Des Wechsels von Herrschern und Religionen ungeachtet ist das Neue Rom, von Konstantin an der Küste des Bosporus gegründet, seitdem immer die Hauptstadt einer großen Monarchie geblieben. Das Königreich Makedonien, welches unter Alexanders Herrschaft Asien eroberte, zog aus der Politik der beiden Philippe handfestere Vorteile und erstreckte sich, zusammen mit den abhängigen Ländern Epirus und Thessalien, von der Ägäis bis zum Ionischen Meer. Wenn wir über das Schicksal von Theben und Argos, von Sparta und Athen nachsinnen, ist es uns kaum fasslich, dass so viele unsterbliche Republiken des alten Griechenland in einer einzigen römischen Provinz sich sollen verloren haben, welche wegen des übermächtigen Einflusses des Achäischen Bundes für gewöhnlich die Provinz Achäa genannt wird.   PROVINZEN ASIENS UND AFRIKAS Dies der Zustand Europas unter den römischen Kaisern. Die Provinzen Asiens – die vorübergehenden Eroberungen Trajans werden hier nicht ausgenommen – sind heute sämtlich in die Grenzen türkischer Macht einbegriffen. Aber bevor wir uns den willkürlichen Einteilungen von Despotismus und Ignoranz anschließen, fahren wir sicherer und zugleich angenehmer, wenn wir die unvertilgbaren Merkmale der Natur beachten. Der Name Kleinasien wird mit einigem Recht der Halbinsel verliehen, welche, begrenzt vom Schwarzen Meer und dem Mittelmeer, sich vom Euphrat bis nach Europa ausdehnt. Der ausgedehnteste und reichste Distrikt westlich des Taurusgebirges und Halysflusses wurde von den Römern mit Ausschließlichkeit durch dem Namens Asia geehrt. Der Bereich der Herrschaft dieser Provinz erstreckte sich über die alten Monarchien von Troja, Lydien, Phrygien, die Küstenländer der Pamphylier, Lycier und Karier sowie die Ionischen Griechenkolonien, welche ihrem Mutterland, wo nicht im Ruhm der Waffen, so doch der Künste gleichkamen. Das Königreich von Bithynien und Pontos herrscht über den nördlichen Teil dieser Halbinsel von Konstantinopel bis Trapezunt. Auf der anderen Seite reichte die Provinz Kilikien bis zu den Bergen Syriens: das Innere des Landes, vom Asia der Römer durch den Halys-Fluß und von Armenien durch den Euphrat getrennt, war einst das unabhängige Königreich Kappadokien gewesen. An dieser Stelle sollten wir anmerken, dass die Nordküste des Schwarzen Meeres, jenseits von Trapezunt in Asien und jenseits der Donau in Europa, die Oberhoheit der Kaiser anerkannten und entweder tributpflichtige Herrscher oder römische Garnisonen von ihnen annahmen. Budzak, die Tartarei der Krim, Circassien und Mingrelien sind die modernen Bezeichnungen jener kulturfernen Länder Periplus des Arrian. Er erkundete die Küsten des Schwarzmeeres, als er Gouverneur von Kappadokien war. .   SYRIEN, PHOENIKIEN, UND PALAESTINA Unter den Nachfolgern von Alexander war Syrien der Sitz der Seleukiden, welche das obere Asien beherrschten, bis der erfolgreiche Aufstand der Parther ihre Länder zwischen den Euphrat und das Mittelmeer begrenzte. Als Syrien den Römern untertänig wurde, bildete es den östlichen Teil des Imperiums und kannte in seiner größten Ausdehnung keine anderen Grenzen als die Berge von Kappadokien im Norden und im Süden das Rote Meer. Phönizien und Palästina standen bisweilen unter Syrischer Herrschaft, bisweilen waren sie von ihr getrennt. Ersteres war eine schmale Felsenküste, letzteres war kaum größer und kaum fruchtbares als etwa Wales. Dennoch werden Phönikien und Palästina für immer im Gedächtnis der Menschheit leben, da Amerika wie Europa von den einen die Buchstabenschrift und von den anderen die Religion Die Geschichte der Religion ist wohlbekannt. Der Gebrauch der Buchstabenschrift wurde etwa fünfzehnhundert Jahre v. Chr. bei den Barbaren Europas eingeführt. Die Europäer brachten sie nach Amerika, etwa fünfzehnhundert Jahre n.Chr. So hat im Laufe von dreitausend Jahren das phönizischen Alphabet beträchtliche Veränderungen erfahren, seit es durch die Hände der Griechen und Römer gegangen war. empfangen haben. Eine Sandwüste, wald- und wasserlos, säumt in unbestimmter Weise die Grenze Syriens vom Euphrat bis zum Roten Meer. Das nomadische Leben der Araber war die unverzichtbare Voraussetzung für ihre Unabhängigkeit, denn wann immer sie an einem weniger unwohnlichen Ort eine Niederlassung wagten, wurden sie alsbald römische Untertanen Cassius Dio, 68, .   ÄGYPTEN Den Geographen des Altertums war es oftmals zweifelhaft, welchem Erdteil sie Ägypten Ptolemäus und Strabo legen den Isthmus von Suez als Grenze zwischen Afrika und Asien fest. Dionysius, Mela, Plinius, Sallust, Hirtius und Solinus ziehen den westlichen Mündungsarm des Nil vor, oder sogar den großen Catabathmus, welche letztere Ansicht nicht nur Ägypten, sondern sogar einen Teil Lybiens nach Asien verlegen würde. zuzählen sollten. Seiner Lage nach bildet dieses hochberühmte Königreich einen Teil der unfasslich großen Halbinsel Afrika; aber es ist nur von Asien aus zugänglich, dessen Umwälzungen in fast jeder Epoche der Geschichte es sich demütig fügte. Ein römischer Präfekt saß auf dem berühmten Thron der Ptolemäer; und das eiserne Szepter der Mameluken wird nunmehr von einem türkischen Pascha geschwungen. Der Nil durchströmt das Land etwa fünfhundert Meilen vom Wendekreis des Krebses bis zum Mittelmeer, und kennzeichnet auf seinen beiden Ufern das Ausmaß seiner Fruchtbarkeit durch den Umfang seiner Überschwemmungen. Cyrene, westlich an der Küste gelegen, war ursprünglich griechische Kolonie, danach Provinz Ägyptens und verliert sich jetzt in der Wüste Barka.   AFRIKA Von Cyrene bis zum Atlantik erstreckt sich etwa fünfzehnhundert Meilen afrikanische Küste; indessen ist sie so sehr zwischen Mittelmeer und Sahara, oder die Sandwüste, eingeengt, dass sie selten mehr als achtzig bis hundert Meilen breit wird. Der östliche Teil wurde von den Römern als die eigentliche Provinz Afrika angesehen. Bis zur Ankunft der Phönikier war dieses fruchtbare Land von Lybiern bewohnt, den rohesten unter den Menschen; unter der unmittelbaren Herrschaft der Karthager wurde es der Mittelpunkt von Handel und Herrschaft; aber heute ist die Republik Karthago herabgekommen zu den schwachen und ungeordneten Staaten Tripolis und Tunis. Die Algerische Militärdiktatur unterdrückt das weiträumige Numidien, welches einst unter Massinissa und Jugurtha vereinigt war; aber zu Augustus Zeiten waren die Grenzen Numidiens enger gezogen; und endlich erhielten zwei Drittel des Landes den Namen Mauretania und den Beinamen Caesarea. Das ursprüngliche Mauretanien, oder Mohrenland, welche von der antiken Stadt Tingi oder Tanger die Benennung Tingitana erhielt, wird durch das heutige Königreich Fez dargestellt. Sallè am Atlantik, jüngst unrühmlich bekannt geworden durch sein Piratenunwesen, wurde von den Römern als die äußerste Grenze ihrer Macht und fast auch ihrer Geographie angesehen. Eine ihrer Pflanzstädte kann man noch heute nahe Mequinez auffinden, der Residenz eines Barbaren, welchen wir uns herbeilassen den Kaiser von Marokko zu nennen. Es sieht jedoch nicht darnach aus, als ob seine südlicher gelegenen Ländereien, Marokko selbst und Segemessa, jemals römische Provinz gewesen wären. Die westlichen Teile Afrikas werden durch Ausläufer des Atlasgebirges zerschnitten, ein von müßiger Dichter-Phantasie gefeierter Name Die Länge, mäßige Höhe und sanfte Abschüssigkeit machen den Atlas einem alleinstehenden Berg, dessen Gipfel in den Wolken verschwindet und den Himmel zu tragen scheint, höchst unähnlich. Der Berg von Teneriffa erreicht im Gegensatz dazu eine Höhe von einer und einer Halben nautischen Meile über der Meeresoberfläche und mag, da er häufig von den Phöniziern aufgesucht wurde, so die Aufmerksamkeit der griechischen Dichter auf sich gelenkt haben. Buffon, Histoire Naturelle, Bd. 1, p. 312. Histoire des Voyages, Bd. 2 , welcher aber jetzt über der Unermesslichkeit des Ozeans schwebt, der zwischen dem alten und neuen Kontinent wogt Herr de Voltaire, Bd.14, p. 297 weder durch Fakten noch auch nur durch Wahrscheinlichkeit gestützt, hat die Kanarischen Inseln großherzig dem römischen Reich zugeschlagen .   DAS MITTELMEER UND SEINE INSELN Nachdem wir nun unsere Rundwanderung durch das römische Reich beendet haben, sollten wir noch anmerken, dass Afrika von Spanien durch eine nur zwölf Meilen breite Meeresstraße getrennt ist, durch welche der Atlantik in das Mittelmeer fließt. Die unter den Alten hochberühmten Säulen des Herkules sind zwei Berge, die durch irgendeinen heftigen Streit der Elemente auseinander gerissen zu sein scheinen; am Fuße des europäischen Berges liegt die Feste Gibraltar. Das Mittelmeer in seiner gesamten Ausdehnung, seine Küsten und Inseln lagen im Machtbereich Roms. Von den größeren Inseln sind jetzt die beiden Balearen, die Mallorca und Minorca heißen und ihren Namen von ihrer jeweiligen relativen Größe erhielten, das erstere Spanien, das zweite Britannien unterworfen. Es ist leichter, Korsikas Schicksal zu beweinen als seinen gegenwärtigen Zustand zu beschreiben. Zwei italienische Könige leiten einen Königstitel von Sardinien und Sizilien her. Kreta, oder Candia, Zypern und die meisten der kleineren Inseln Griechenlands und Asiens sind durch türkischen Waffen unterworfen; während das kleine Felsennest von Malta ihrer Macht die Stirn bietet und unter der Regierung seines kriegsbereiten Ordens zu Ruhm und Reichtum emporgekommen ist.   ALLGEMEINE BEMERKUNG ZUM RÖMISCHEN REICH Die ausgedehnte Aufzählung von Provinzen, deren Absprengsel so viele starke Königreiche hervorgebracht haben, könnte uns beinahe dazu verführen, den Alten ihre Eitelkeit und Unkenntnis zu vergeben. Geblendet von ihrer eigenen unwiderstehlichen Übermacht, und der tatsächlichen oder auch nur eingeredeten Mäßigung ihrer Herrscher, gestatteten sie es sich, die Außenländer, die noch die Freuden einer barbarischen Unabhängigkeit genossen, entweder zu verachten oder ganz zu vergessen; und allgemach gestanden sie sich die Freiheit zu, das römische Reich mit dem Erdball gleichzusetzen Bergier, Hist. Des Grands Chemins, 1,3, c.1,2,3,4. Eine sehr hilfreiche Sammlung! . Aber die Geistesverfassung eines modernen Historikers ebenso wie seine Kenntnisse legen ihm eine zurückhaltendere und präzisere Sprache auf. Er wird ein zutreffenderes Bild von Roms Größe entwerfen, wenn er schlicht festhält, dass das Imperium in der Breite mehr als zweitausend Meilen maß, vom Antoninuswall und der Nordgrenze Daciens bis zum Atlasgebirge und dem Wendekreis des Krebses; und dass es mehr als dreitausend Meilen Längenausdehnung besaß, vom Ozean im Westen bis zum Euphrat; dass es zwischen dem vierundzwanzigstem und dem fünfundsechzigstem Grad nördlicher Breite im schönsten Teil der gemäßigten Zone lag; und dass seine Fläche auf über sechszehnhunderttausend Quadratmeilen zumeist fruchtbaren und wohlbestellten Landes geschätzt wurde Vgl. Templeman, Survey of the Globe: aber ich misstrauen beidem, den Kenntnissen des Doktors und seinen Karten. . II EINHEIT UND WOHLFAHRT DES RÖMISCHEN REICHES UNTER DEN ANTONINEN · KUNST UND WISSENSCHAFTEN   GRUNDSÄTZE DER REGIERUNG Nicht allein die Schnelligkeit oder das Ausmaß der Eroberungen sollten für uns den Maßstab liefern, wenn wir die Größe Roms ermessen wollen. Der Herrscher der Weiten Russlands etwa regiert über einen erheblich größeren Teil des Erdballs. Bereits im siebenten Sommer nach der Überquerung des Hellespont errichtete Alexander die makedonischen Feldzeichen am Ufer des Hyphasis. Etwa auf halbem Wege zwischen Lahor und Delhi. Die Eroberungen Alexanders in Hindustan endeten am Punjab, welches Land durch die gigantischen Ströme des Indus bewässert wird. In weniger als einem Jahrhundert hatten der unwiderstehliche Dschingis Khan und die Mongolenfürsten seines Stammes die Erde vom Chinesischen Meer bis an die Grenzen Ägyptens und Deutschlands M. de Guignes, Histoire de Huns, 15, 16 und 17 mit ihren grausamen Verwüstungen und ihrem kurzlebigen Reich heimgesucht. Der feste Bau des Römischen Reiches hingegen war durch die Weisheit von Jahrhunderten errichtet und bewahrt worden. Die gehorsamen Provinzen Trajans und der Antonine waren durch Gesetze geeint und durch Kultur erhoben. Bisweilen haben sie wohl unter dem Missbrauch von verliehener Macht gelitten; aber grundsätzlich war die Regierungsform weise, klar und wohltätig. Sie übten die Religion ihrer Väter, während sie an bürgerlichen Ehrenstellungen und in ihrem Fortkommen ihren Eroberern nach Billigkeit gleichgestellt waren.   ALLGEMEINER GEIST DER TOLERANZ... Zum Glück hatte die Religionspolitik der Kaiser und des Senates in der Denkungsart des aufgeklärten Teils des Publikums ebenso eine Stütze wie in dem Gebaren des abergläubischen. Die unterschiedlichen Formen der Anbetung, deren man in der römischen Welt pflegte, sah das Volk als gleich wahr an; der Philosoph als gleich falsch; und die Regierung als gleich nützlich. Und so erzeugte Toleranz nicht nur religiöse Duldung, sondern sogar religiöse Eintracht.   ...DER BEVÖLKERUNG... Der Aberglaube des Volkes war durch keinerlei Theologengezänk getrübt, noch ging er in den Ketten irgendeines spekulativen Systems. Der aufrichtige Polytheist, wenn er auch den Riten seines eigenen Landes besonders zugetan war, tolerierte demnach mit Entschiedenheit die anderen Religionen der Erde Es gibt keinen anderen Autoren, der den wahren Geist des Polytheismus so lebendig beschreibt wie Herodot. Die besten Kommentare hierzu kann man bei Mr. Humes Natural History of Religion finden; und den schärfsten Gegensatz dazu in Bossuers Weltgeschichte. Einige Spuren von Intoleranz findet man bei den Ägyptern (Juvenal, Satiren 15). Und die Christen und Juden unter den römischen Kaisern bildeten eine derart gewichtige Ausnahme, dass ihre Erörterung ein eigenes Kapitel in diesem Werk erforderlich macht. . Furcht, Dankbarkeit oder Neugierde, ein Traum oder ein Vorzeichen, eine Erkrankung oder eine weite Reise: all dies machte ihn beständig geneigt, seine Glaubensartikel und die Liste seiner Beschützer zu erweitern. Das dünne Gewebe heidnischer Gotteskunde war zwar mit unterschiedlichen, aber keinen sich ausschließenden Materialien durchflochten. Sobald es erst einmal anerkannt war, dass Weise oder Helden, deren Leben oder Sterben dem Wohl ihres Landes gegolten hatte, Allmacht und Unsterblichkeit erlangt hätten, wurde auch allgemein gebilligt, dass sie, wo nicht die Anbetung, so doch wenigstens die Verehrung der gesamten Menschheit für sich reklamieren durften. Die Gottheiten von tausend Hainen und tausend Flüssen hatten alle ihren lokalen und besonderen Einfluss. Es konnte doch nicht der Römer, der den Zorn des Tibers durch Flehen abwendete, sich über den Ägypter mokieren, welcher dem guten Genius des Nil sein Opfer brachte! Die sichtbaren Naturkräfte, die Planeten, die Elemente: es waren überall dieselben. Die unsichtbaren Herrscher der moralischen Welt wurden unvermeidlich in die gleiche Gussform aus Allegorie und Dichtung gegossen. Jede Tugend, sogar jedes Laster erforderte einen göttlichen Sachwalter; jede Kunst, jedes Gewerbe seine Beschützer, deren Attribute in frühesten Zeiten und entlegensten Ländern sich aus den Vorstellungen ihrer jeweiligen Jünger entwickelt hatten. Eine Republik von Göttern mit so unterschiedlichen Stimmungen und Neigungen verlangte nach der lenkenden Hand eines obersten Vorsitzenden, welcher mit fortschreitender Gotteserkenntnis allmählich mit den hohen Befugnissen eines Ewigen Vaters oder Allmächtigen Königs Die Vorrechte, Machtstellung und Ansprüche des obersten Olympiers werden im XV. Gesang der Ilias sehr deutlich dargestellt, im griechischen Original, um genau zu sein; denn Herr Pope (Verfasser einer englischen Homer-Übersetzung, A.d.Ü.) hat, ohne es selbst zu merken, mit seiner Übersetzung Homers Theologie veredelt. ausgestattet wurde. So milde war der Geist der Antike, dass die Nationen weniger die Unterschiede als die Ähnlichkeiten ihrer Kulte würdigten. Wenn sich Griechen, Römer und Barbaren vor ihren jeweiligen Altären trafen, so überzeugten sie sich leicht davon, dass sie identische Götter anbeteten, wenn auch unter anderen Namen und mit anderem Ritus. Homers anmutige Mythologie gab dem Polytheismus der alten Welt Caesar, de Bello Gallico 6,17. Innerhalb von ein bis zwei Jahrhunderten benannten die Gallier ihre Götter zu Merkur, Mars, Apollo \&c um. eine schöne, fast harmonische Form.   ...DER PHILOSOPHEN... Die griechischen Philosophen leiteten ihre Moralbegriffe aus der Natur des Menschen und nicht aus der Gottes ab. Sie meditierten jedoch über die Natur der Götter, einem für sie hochbedeutsamen Gegenstand der spekulativen Philosophie, und mit Hilfe dieser grundlegenden Untersuchungen legten sie die Stärken und Schwächen menschlicher Erkenntnis Ciceros bewundernswerte Schrift De natura deorum ist unser bester Fremdenführer durch diesen finsteren und tiefen Abgrund. Mit Genauigkeit erklärt er uns die Meinungen der Philosophen, und mit Scharfsinn widerlegt er sie. bloß. Von den vier berühmtesten Schulen bemühten sich die Stoiker und Platoniker um eine Versöhnung der widerstreitenden Interessen von Vernunft und Frömmigkeit. Sie haben uns die schlagendste Beweisführung für die Existenz und Wirksamkeit einer ersten Ursache hinterlassen; da es ihnen aber unmöglich war, sich die Erschaffung der Materie zu denken, war bei den Stoikern der Werkmeister nicht hinreichend vom Werk unterschieden; während andererseits der Gott Platos und seiner Schüler mehr einer Idee als einem Wesen ähnelte. Die Auffassungen der Akademiker und Epikureer waren weniger religiös angelegt; aber während die Unzulänglichkeit menschlichen Wissens die ersteren zu Zweifeln verleitete, hat eben diese positive Unwissenheit die letzteren vermocht, die Vorsehung eines Obersten Herrschers abzustreiten. Forschergeist, durch Futterneid angestachelt und durch Freiheit gefördert, hatte die Philosophie in eine Vielzahl sich bekämpfender Sekten aufgesplittert. Aber die begabte Jugend, die von überallher nach Athen und zu den anderen Werkstätten des Lernens im Römischen Reich strebte, wurde doch wenigstens in diesem Punkte in jeder Schule in gleicher Weise angeleitet: die Religion der Massen abzulehnen und zu verachten. Wie wäre denn auch ein Philosoph imstande gewesen, die müßigen Fabeln der Dichter und die ungereimten Mythen des Altertums als göttliche Offenbarungen hinzunehmen; oder jene mangelhaften Wesenheiten als Götter zu verehren, die, wären sie Menschen, er nur hätte verachten können! Cicero war sich nicht zu schade, gegen solche unwürdigen Gegner die Degen der Vernunft und Beredsamkeit zu führen; indessen, die Satiren eines Lucian waren bedeutend angemessenere und schärfere Waffen. Wir dürfen getrost voraussetzen, dass ein so weltkundiger Schriftsteller es niemals gewagt haben würde, die Landesgötter dem öffentlichen Gespött preiszugeben, wenn sie nicht schon lange der Gegenstand heimlicher Verachtung der gebildeten und aufgeklärten Gesellschaftskreise gewesen wären. Ich schütze nicht die Behauptung vor, dass in unseren religionsfernen Zeiten natürliche Schrecknisse wie Aberglauben, Träume, Vorzeichen und Gesichte keine Wirkung mehr besäßen. Trotz der vorherrschenden modischen Irreligiosität im Zeitalter der Antonine wurde den Interessen der Priester und der Leichtgläubigkeit des Volkes Genüge getan. In ihren Schriften und Gesprächen standen die Philosophen für die unabhängige Würde der Vernunft; aber ihr Handeln unterwarfen sie den Vorgaben des Gesetzes und Herkommens. Wenn sie auch mit dem Lächeln des Mitleids und der Nachsicht auf die Irrtümer der Masse sahen, so übten sie doch sorgsam den Väterbrauch, besuchten häufig und mit Andacht die Göttertempel und verbargen, indem sie sich zuweilen zu einem Gastspiel im Theater des Aberglaubens herbeiließen, den Standpunkt des Atheisten unter dem Gewand des Priesters. Denker dieser Art waren kaum willens, über Fragen des Glaubens und des Kultus zu ringen. Ihnen galt es gleich, welche Torheit die Menge wohl vorziehen möge, und mit immer gleichbleibender innerer Verachtung und äußerer Verehrung nahten sie den Altären des Lybischen, Olympischen oder Capitolinischen Jupiters Sokrates, Epikur, Cicero und Plutarch lehrten eine angemessene Ehrfurcht vor der Religion ihres Landes wie des Menschengeschlechtes. Epikur war hierin unverdrossen und beispielgebend.(Diogenes Laertius, 10, 10) .   ...DER MAGISTRATE Es ist schwer vorstellbar, weshalb der Geist der Intoleranz sich in die römischen Ratsversammlungen hätte einnisten sollen. Die Magistrate konnten durch gut gemeinte, wenn auch blinde Frömmelei nicht zum Handeln gebracht werden, denn sie waren selbst Philosophen, und die Schule von Athen war ihr Gesetzgeber. Ehrgeiz und Habsucht vermochten ebenfalls nichts über sie, da weltliche wie geistliche Macht in denselben Händen lagen. Die Pontifices wurden aus dem Kreis der erlauchtesten Senatoren gewählt, und das Amt des Pontifex Maximus versahen die Kaiser selbst. Den Nutzen der Religion, sofern sie mit der weltlichen Regierung zusammengeht, kannten sie, und sie schätzten ihn. Sie ermutigten zu öffentlichen Festen, wenn diese denn die Gesittung des Volkes hoben. Die Kunst der Weissagung war für sie ein Instrument der praktischen Politik; auch verneigten sie sich vor der nützlichen Auffassung – bildete sie doch das festeste Band der Gesellschaft – , dass das Verbrechen des Meineides entweder in diesem oder im künftigen Leben durch rächende Gottheiten ganz gewiss bestraft werden würde Juvenal, Sat.18 beklagt allerdings, dass in seiner Zeit diese Ansicht viel an Wirkung verloren habe. Polybius, 6,c 53,54 . Während sie nun die allgemeinen Vorteile der Religion anerkannten, hielten sie sich gleichzeitig überzeugt, dass auch die anderen Kulte in gleicher Weise einem heilsamen Zwecke dienten, und dass der Aberglauben, der in einem Lande geheiligt sei aus Gewohnheit und infolge guter Erfahrung, der für die jeweiligen Einwohner beste sein müsse.   IN DEN PROVINZEN... Habsucht und Freude an schönen Dingen hatten die unterworfenen Nationen sehr oft ihrer attraktiven Götterstatuen und ihres üppigen Tempelschmucks beraubt, Man erinnere sich an das Schicksal von Syracus, Tarent, Arnbracia, Korinth u.v.a., die Raubzüge des Verres (actio II, Oratio 4) und die üblichen Aufführungen der Statthalter (Juvenal, Sat. 7) aber in der Ausübung der Religion ihrer Väter konnten sie zuverlässig auf die Nachsicht, wo nicht den Schutz der römischen Eroberer rechnen. Einzig Gallien scheint, aber es scheint eben nur, eine Ausnahme von dieser allgemeinen Duldsamkeit zu sein. Unter dem gutgewählten Vorwand, die Menschenopfer abzuschaffen, hatten die Kaiser Tiberius und Claudius die gefährliche Macht der Druiden gedämpft Sueton, Leben des Claudius; Plinius, Nat His 30,1 . Die Priester allerdings, ihre Gottheiten und ihre Altäre lebten fort in friedlicher Verborgenheit, bis zum endgültigen Untergang des Heidentums Pelloutier, Histoire des Celtes, Band 6, p 230-252 .   ...UND IN ROM In Rom, der Hauptstadt dieser großen Monarchie, drängten sich beständig Untertanen und Fremde aus allen Teilen der Welt Seneca, Consolat ad Helviam, 6 , und sie alle importierten den jeweiligen Lieblingsaberglauben ihrer Heimat und übten ihn aus. Dionysius Halicarnassos, Antiquitat. Roman 2 Alle Städte des Reiches hatte das Recht, auf die Reinheit ihres jeweiligen überlieferten Kultus zu halten, und der Senat legte sich nur gelegentlich ins Mittel, der Überschwemmung durch fremdartige Riten zu steuern. Der ägyptische Aberglauben, von allen der verächtlichste und abstoßendste, wurde vom Senat oftmals untersagt; die Tempel von Isis und Serapis eingerissen, ihre Bekenner aus Rom und Italien ausgewiesen. Im Jahre 701 a.u.c. wurde der Isis- und Serapistempel auf Veranlassung des Senats und sogar unter Mitwirkung der Konsuln selbst zerstört (Cassius Dio, 40, 47; Valerius Maximus 1,3). Nach Caesars Tod wurde er auf öffentliche Kosten wieder errichtet (Cassius Dio, 47, 15). Als Augustus in Ägypten war, betete er Serapis' Majestät an (Cassius Dio,51,16), aber im Weichbild Roms und noch in einer Entfernung von einer Meile davon blieb die Verehrung der ägyptischen Gottheiten verboten (Cassius Dio, 53,2 und 54,6). Sie lebten indessen unter seiner und seines Nachfolgers Herrschaft recht behaglich (Ovid, Ars Armand. 1,77) bis der Rechtssinn des Tiberius sich zu strengerem Vorgehen veranlasst sah. (Tac, Ann 2,85; Josephus, Antiq.18, 3) . Indessen, eifernder Fanatismus obsiegte leicht über diese lauen und lässigen Maßnahmen der Politik. Die Verbannten kehrten zurück, die Anhänger mehrten sich, die Tempel wurden mit erhöhtem Glanze wiederhergestellt, und endlich erhielten Isis und Serapis ihr Heimatrecht unter den römischen Gottheiten. Tertullian, Apolog. 6,8. Ich neige zu der Auffassung, dass ihre Etablierung der Frömmigkeit der Flavier-Familie zuzuschreiben ist. Es war diese Nachsicht keineswegs ein Abweichen von den bisher geübten Regierungsmaximen. So wurden in den reineren Tagen der Republik Cybele und Äskulap durch festliche Gesandtschaften nach Rom geladen Siehe hierzu Livius 10,47 und 29,11 ; und es war gern geübter Brauch, die Schutzgottheiten belagerter Städte zu versuchen, indem man ihnen höhere Ehren versprach als die, die ihnen in ihrer Heimat zuteil wurden. Macrobius, Saturnalia 3, c 9. Er stellt uns eine Art von Anrufungsformel vor. So wurde Rom allmählich der gemeinsame Tempel für seine Untertanen, und sein Bürgerrecht ward allen Göttern der Menschheit verliehen Minucius Felix in Octavio, p 54; Arnobius 6, 115 .   DAS RÖMISCHE BÜRGERRECHT Die kurzsichtige Politik von Athen und Sparta, ohne Vermischung mit Fremden das Blut ihrer Bürger rein halten zu wollen, hatte das Glück dieser alten Städte gehemmt und ihren Untergang beschleunigt. Roms emporstrebender Genius dagegen opferte seinem Ehrgeiz diese Überheblichkeit und hielt es für klug, und ehrenhaft insgleichen, sich Tugend und Leistung dienstbar zu machen, wo immer sie zu finden waren, und sei es auch unter Sklaven oder Fremden, Feinden oder Barbaren Tacitus, Annalen, 11,24. Der »Orbis Romanus« des gelehrten Spanheim ist eine umfassende Geschichte der Aufnahme von Latium, Italien und der Provinzen in das Römische Bürgerrecht. . In Athens Blütezeit schrumpfte die Zahl der Bürger allmählich von etwa dreißig- Herodot, 5, 97. Es scheint jedoch, dass er hierin einer allgemein verbreiteten, aber zu optimistischen Schätzung folgte. auf einundzwanzigtausend Athenäus Deinosophistai, 6, p. 272 und Meursius, de Fortuna Attica, c.4 . Wenn wir dahingegen das Wachsen der Römischen Republik studieren, so finden wir, dass die Zahl der Bürger, die sich beim ersten Zensus unter Servius Tullius auf nicht mehr als dreiundachtzigtausend belaufen hatte, Appian, de bello civil, 1,1 und Velleius Paterculus, 1,2, c 15,16,17. bis zum Ausbruch des Bundesgenossenkrieges sich auf vierhunderttausendunddreiundsechzig waffenfähiger Männer vervielfacht hatte Vgl. hierzu die sehr genaue Sammlung der Bevölkerungszahlen jedes Lustrums bei de Beaufort, Republique Romaine 4,4 , der beständigen Aderlässe von Kriegen und Koloniegründungen ungeachtet. Als Roms Bundesgenossen gleichen Anteil an Ehren und Vorrechten für sich reklamierten, gab der Senat einem Waffengang den Vorzug vor einem schmachvollen Zurückweichen. Samniten und Lucanianer mussten für ihren Vorwitz am härtesten zahlen, während die übrigen italienischen Staaten, die sich nach und nach auf ihre Pflichten besannen, neuerlich im Schoße der Republik aufgenommen wurden, wo sie alsbald zum Untergang der Römischen Freiheit beitrugen. Unter einer demokratischen Regierung üben die Bürger die Macht aus; diese Macht aber geht verloren, wenn sie einer schwerfälligen Menge überlassen wird. Als nun aber die Volksversammlungen durch die kaiserlichen Regierungen bezähmt waren, unterschieden sich die Eroberer von den eroberten Nationen nur noch darin, dass sie die ersten und ehrbarsten der Untertanen waren, deren Vermehrung, wie rasch auch immer sie vor sich gehen mochte, nicht mehr so gefährlich war wie ehedem. Dennoch wachten die klügeren Herrscher gewissenhaft über die Würde Roms und trugen Sorge, dass, im Einklang mit den Maßregeln des Augustus, das Bürgerrecht nur mit berechneter Freigiebigkeit Maecenas gab ihm den Rat, mit einem einzigen Erlass allen Untertanen das Bürgerrecht zu geben. Wir können allerdings mit Recht vermuten, dass der Historiker Dion der Urheber dieses Ratschlags ist, der gut zur Praxis seines Zeitalters und schlecht zu der des Augustus passte. verliehen wurde.   ITALIEN... Bis die Vorrechte der Römer allen Bewohnern des Reiches zuteil wurden, bestand zwischen Italien und den Provinzen ein wesentlicher Unterschied. Ersteres wurde für das Zentrum der staatlichen Einheit ästimiert, das bewährte Fundament der Verfassung. Italien beanspruchte für sich die Geburt, oder doch wenigstens den Wohnsitz der Kaiser und des Senats Die Senatoren waren verpflichtet, ein Drittel ihres Grundbesitzes in Italien zu haben (Plinius, Briefe,1,6, 19. Brief). Diese Anforderung wurde unter Marc Aurel auf ein Viertel reduziert. Seit der Regierung des Trajan war Italien immer mehr zu einer Provinz herabgesunken. . Die Ländereien der Italiener waren von Steuern, sie selbst von der Willkürjustiz der Provinzstatthalter befreit. Den Körperschaften der Städte, die dem ausgereiften Vorbild der Hauptstadt nachgebildet waren, oblag der Vollzug der Gesetze, wobei die höchsten Gewalt gestrenge Aufsicht führte. Vom Fuße der Alpen bis zum südlichsten Zipfel Calabriens waren alle gebürtigen Italiener römische Bürger. Ihre teilweisen Unterschiede verwischten sich allmählich, und unmerklich wuchsen sie zu einer einzigen großen Nation zusammen, die durch Sprache, Brauchtum und bürgerliche Einrichtungen geeint war. Die Republik konnte Stolz empfinden ob ihrer hochherzigen Politik, und empfing häufigen Lohn aus den Leistungen und Verdiensten ihrer angenommenen Söhne. Hätten sie den Rang eines Römers nur den alten Familien innerhalb ihrer Stadtmauern zuerkannt, so wäre dieser unsterbliche Name einiger seiner schönsten Zierden beraubt worden. Vergil stammte aus Mantua; Horaz war im Zweifel, ob er sich Apulier oder Lucanianer nennen sollte; und in Padua wurde ein Geschichtsschreiber für würdig befunden, die erhabene Reihe römischer Siege aufzuzeichnen. Die patriotische Familie der Catonen stammte aus Tusculum; und das Dorf Arpinum beanspruchte die zweifache Ehre, Marius und Cicero hervorgebracht zu haben, von denen der Erstere es verdient, nach Romulus und Camillus der dritte Gründer Roms benannt zu werden; während der Letztere, nachdem er sein Land vor den Nachstellungen Catilinas errettet hatte, es in die Lage versetzt hatte, mit Athen um die Palme der Beredsamkeit zu streiten. Der erste Teil der »Verona Illustrata« des Marquis Maffei bietet die klarste und reichhaltigste Darstellung der Lage Italiens unter den Caesaren.   ...UND DIE PROVINZEN Die Provinzen des Reiches (so, wie wir sie im letzten Kapitel beschrieben haben) entbehrten jeder Staatsgewalt oder verfassungsmäßigen Freiheit. Der Senat sah es als seine vordringlichste Aufgabe an, in Etrurien, Griechenland Pausanias, 7. Buch. Die Römer gestatteten die Neugründung dieser Bünde, als sie nicht mehr gefährlich werden konnten. und Gallien Caesar erwähnt sie häufiger. Der Abt Dubos versucht sich geringem Erfolg an dem Beweis, dass die Versammlungen der Gallier noch unter den Kaisern stattfanden. Histoire de l'Etablissement de la Monarchie Francois,1, 4. jene gefährlichen Bündnisse aufzulösen, welche der Menschheit vorgeführt hatten, dass man den Römer durch Einigkeit Widerstand leisten könne, so wie umgekehrt sie durch Entzweiung gesiegt hatten. Diejenigen Herrscher, denen Roms demonstrative Anerkennung oder Hochherzigkeit eine Zeitlang gestattete, ein Szepter auf Widerruf zu schwingen, wurden in dem Augenblick abgesetzt, als sie die ihnen zugedachte Aufgabe erfüllt und ihren unterworfenen Völkern das römische Joch erträglich gemacht hatten. Die freien Länder und Städte, die sich der Sache Roms angenommen hatten, traten nominell einem Bündnis bei, waren dann aber allgemach zu Satellitenstaaten abgesunken. Die Ausübung von Macht lag allenthalben in der Hand von Dienern des Senates oder der Kaiser selbst, und diese Ausübung geschah uneingeschränkt und ohne jede Kontrolle. Dieselben heilsamen Grundsätze, die in Italien Gehorsam und Frieden gestiftet hatten, wurden nun auch auf die abgelegensten Eroberungen angewandt. So bildete sich in den Provinzen nach und nach auf zweierlei Weise eine eigene Nation von Römern: durch die Einrichtung von Provinzen und durch die Vergabe des römischen Bürgerrechte an die treuesten und ergebensten Provinzialen.   KOLONIEN UND MUNIZIPIALSTÄDTE »Wo immer der Römer erobert, da siedelt er« Seneca, Consolat. ad Helviam. 6 ist eine zutreffende, durch historische Erfahrung abgesicherte Beobachtung Senecas. Italiens Einwohner, durch Vergnügungslust oder Neugier verleitet, beeilten sich, die Früchte des Sieges auszubeuten; und wir sollten hier festhalten, dass vierzig Jahre nach der Unterwerfung Kleinasiens auf Mithradates' grausame Anordnung hin achtzigtausend Memnon apud Photion, 33. Valerius Maximus, 9,2; Plutarch, Sulla 2 und Cassius Dio. Bei Plutarch und Cassius Dio schwillt dieser Massenmord auf 150 000 Bürger an; indessen dünkt mich die kleinere Zahl mehr als ausreichend. Römer an einem einzigen Tage ermordet wurden. Diese sozusagen freiwillig Verbannten waren überwiegend mit Handel, Ackerbau und dem Einkassieren von Staatseinkünften befasst. Nachdem aber die Kaiser den Legionen dauernde Standquartiere angewiesen hatten, wurden die Provinzen allmählich von einem Geschlecht römischer Krieger bevölkert, da die Veteranen, die als Lohn für ihre Dienste Land oder Geld erhielten, sich mit ihren Familien bevorzugt in den Ländern niederließen, in welchen sie ihre Jugend in Ehren verbracht hatten. Im ganzen Reich, vorzugsweise allerdings im Westen, blieben die fruchtbarsten Regionen und zukömmlichsten Lagen für die Einrichtung von Kolonien reserviert, von denen einige ziviler, andere militärischer Natur waren. In Brauchtum und Innenpolitik waren die Kolonien ein getreues Abbild ihrer großen Mutter; und da sie den Eingeborenen bald durch die Bande der Freundschaft und Verwandtschaft teuer wurden, war auch hier allmählich der Respekt vor Roms Namen erhöht, ebenso wie das – nur selten enttäuschte – Verlangen, nach angemessener Zeit an seiner Ehre und Nutzen teilzuhaben Fünfundzwanzig Kolonien wurden in Spanien gegründet(Plinius Nat his. 3,3,4 und 4,35), neun in Britannien, von denen London, Colchester, Lincoln, Chester, Gloucester und Bath auch heute noch respektable Städte sind. . Die Munizipialstädte zogen an Rang und Glanz unmerklich mit den Kolonien gleich, und zu Hadrians Zeiten war es durchaus strittig, welchen Siedlungen der Vorrang gebühre, denen, die Roms Schoß entsprossen, oder denen, die in ihn zurückgekehrt waren Aulus Gellius, Noctes Atticae, 16,13 Der Kaiser Hadrian zeigte sich überrascht, dass die Städte Utica, Gades und Italica, die bereits Municipialrechte besaßen, nun auch noch den Titel einer Kolonie erbitten wollten. Ihr Beispiel machte jedoch Schule, und das Reich füllte sich mit sogenannten Honorarkolonien. Spanheim, de usu numismatum,13 . Das sogenannte Latinische Recht gewährte den Städten, denen es verliehen worden war, besondere Gunst. Die Magistratsmitglieder, und nur diese, erhielten nach Ablauf ihres Amtes die Würde eines römischen Bürgers; aber da diese Ämter jährlich neu besetzt wurden, hatten sie in wenigen Jahren die angesehensten Familien ausgeübt Spanheim, Orbis Romanus c. 8, p. 63 . Diejenigen Provinzialen, die in den Legionen Waffendienst taten Aristid in Romae Encomio, tom1, p 218 ; welche irgendein bürgerliches Amt ausgeübt hatten; alle, mit einem Wort, die einen öffentlichen Dienst verrichtet oder sonstwie Proben von Talent abgelegt hatten, wurden durch ein Geschenk belohnt, dessen Bedeutung allerdings mit zunehmender Freigiebigkeit der Kaiser an Wert verlor. Aber selbst im Zeitalter der Antonine, als bereits der größte Teil ihrer Untertanen das Bürgerrecht besaß, war es immer noch mit sehr handfesten Vorteilen verbunden. Mit diesem Titel erwarben sie mehrheitlich auch die Segnungen der römischen Rechtsprechung, besonders im Ehe-, Testaments- und Erbschaftsrecht. Und seines Glückes Schmied mochte jeder werden, dessen Ansprüche zusätzlich noch durch Beziehungen oder eigenes Verdienst gefördert wurden. Die Enkel der Gallier, die Cäsar bei Alesia belagert hatten, waren nun selbst Legionskommandanten, Provinzgouverneure oder Senatsmitglieder Tacitus, Annalen, 9, 23, 24 und Hist 4,74 . Anstelle dass ihr Ehrgeiz die Ruhe des Staates gestört hätte, war er innigst mit seiner Sicherheit und Größe verknüpft.   LATEIN DIE VORHERRSCHENDE SPRACHE · DAS GRIECHISCHE So sehr waren sich die Römer des Einflusses der Sprache auf nationale Bewandtnisse bewusst, dass sie die ernstlichsten Anstrengungen unternahmen, mit dem Voranschreiten ihrer Waffen auch den Gebrauch der lateinischen Sprache auszuweiten Plinius, Nat. His. 3, 5; Augustinus, Vom Gottesstaat, 19, 7 Lipsius, De pronunciatione Linguae Latinae c. 3 . Die alten italienischen Dialekte, das Sabinische, Etruskische und Venetische gerieten in Vergessenheit; was nun die Provinzen betraf, so erwies sich der Osten im Vergleich zum Westen der Sprache seines siegreichen Lehrmeisters gegenüber als minder gelehrig. Dies zeichnet die Verschiedenheit der beiden Reichshälften mit kräftigen Farben, welche zwar im gewissen Umfange verschwammen, in der Mittagshelle des Glücks, die aber umso leuchtkräftiger wurden, je mehr sich die Schatten der Nacht auf das Römische Reich herabsenkten. Die westlichen Länder erhielten ihre Kultur aus der Hand, die sie auch unterworfen hatte. Sobald die Barbaren sich mit ihrer neuen Lage ausgesöhnt hatten, öffneten sie sich auch den neuen Eindrücken, die von Wissenschaft und Lebensart ausgingen. Die Sprache eines Vergil oder Cicero wurde, wenn mitunter auch unvermeidlich verderbt, in Afrika, Spanien, Gallien, Britannien und Pannonien Apuleius und Augustinus werden für Afrika bürgen, Strabo für Spanien und Gallien, Tacitus (Leben des Agricola) für Britannien und Velleius Paterculus für Pannonien. Außerdem können wir noch die Sprache auf den Inschriften heranziehen. so allgemein angenommen, dass sich nur in Gebirgen oder unter der Landbevölkerung schwache Spuren des Punischen oder Keltischen erhielten Das Keltische überlebte in den Bergen von Wales, Cornwall und Armorica. In einer Geschichte des Apuleius lesen wir, wie er einen afrikanischen Jugendlichen tadelt, der unter einer punischsprachigen Bevölkerung lebt, das Griechische fast vergessen hat und Lateinisch weder sprechen will noch kann. (Apologie, p.596) – Der größte Teil der Gemeinde des Augustinus kannte bereits kein Punisch mehr. . Erziehung und Studium haben die Bewohner jener Länder unmerklich mit römischer Denkungsart infiltriert, und Italien selbst gab seinen lateinischen Provinzialen Modeströmungen gleichsam mit Gesetzeskraft vor. Sie bewarben sich mit mehr Eifer um die Bürgerrechte und Ehrenstellen, und diese wurden ihnen auch leichter gewährt; sie förderten die Würde der Nation mit ihren Schriften Alleine Spanien brachte hervor: Columella, die Senecas, Lucan, Martial und Quintilian. ebenso gut wie mit Waffen; und brachten endlich in der Person Trajans einen Kaiser hervor, den als Landsmann anzuerkennen die Scipionen nicht angestanden hätten. Die Situation der Griechen war eine entschieden andere als die der Barbaren. Seit langem waren sie zivilisiert und morbide. Um ihre Sprache aufzugeben, besaßen sie zuviel Geschmack, und um fremde Einrichtungen zu übernehmen, zuviel Selbstbewusstsein. Wenn sie auch die Tugenden ihrer Vorfahren nicht mehr besaßen, so doch wenigstens deren Überheblichkeit, und so erkünstelten sie Verachtung Es gibt, so viel ich weiß, von Dionysius bis Libanius nicht einen einzigen griechischen Kritiker, der Vergil oder Horaz wenigstens erwähnt. Es scheint ihnen unbekannt zu sein, ob die Römer auch nur einen Schriftsteller von Rang gehabt haben. für die ungehobelten Aufführungen ihrer römischen Eroberer, während sie doch deren überlegene Weisheit und Macht zu respektieren sich genötigt fanden. Auch war der Einfluss der griechischen Sprache und Denkungsweise nicht auf die engen Grenzen dieses einst so hochberühmten Landes begrenzt. Ihr Wirkungsbereich hatte sich durch Kolonisation und Eroberung von der Adria bis zum Euphrat und Nil ausgeweitet. Asien war mit Griechenstädten übersäht, und die lange Zeit der makedonischen Herrschaft hatte in Syrien und Ägypten einen unmerklichen Wandel ausgelöst. In ihren prunkreichen Höfen vereinigte diese Herrscher die Anmut Athens mit der Üppigkeit des Ostens, und diesem höfischen Vorbild wurde – mit unterwürfiger Distanz – von den Oberschichten der Bevölkerung nachgeeifert. – Soweit diese Unterteilung des Reiches aufgrund der lateinischen und griechischen Zunge. Hier soll sich noch für die Einwohner Syriens und besonders Ägyptens eine dritte Unterscheidung anschließen. Die Gebrauch ihrer archaischen Dialekte erschwerte ihnen den Umgang mit der übrigen Menschheit und war ihrem kulturellen Weiterkommen hinderlich Der neugierige Leser mag bei Dupin nachschauen (Bibliotheque Ecclesiastique, Bd. 19, c. 8), wie stark das Syrische und das Ägyptische noch in Gebrauch waren. . Die träge Verweichlichung der ersteren und die düstere Wildheit der letzteren gewahrten ihre Eroberer mit Abgunst Juvenal, Sat. 3 und 15. Ammianus Marcellinus, 22,16 . Diese Nationen hatten sich zwar der römischen Übermacht gebeugt, aber das römischen Bürgerrecht verlangten sie nicht, noch hätten sie es verdient; es scheint bemerkenswert, dass mehr als zweihundertunddreißig Jahre nach dem Untergang der letzten Ptolemäer vergangen waren, bevor ein Ägypter Aufnahme im Senat fand. Cassius Dio, 75, p. 1275. Zum ersten Male unter der Herrschaft des Septimius Severus. Es ist eine ebenso richtige wie banale Feststellung, dass das siegreiche Rom seinerseits durch die Künste der Griechen unterworfen wurde. Jene unsterblichen Schreiber, die immer noch dem heutigen Europa Bewunderung abverlangen, wurden alsbald das bevorzugte Objekt der Bewunderung und der Nachahmung in Italien und den westlichen Provinzen. Aber diese feinen Genüsse der Römer hatten keinerlei Einfluss auf die robusten Maximen ihrer Politik. Während sie dem Zauber des Griechischen erlagen, stellten sie das Ansehen und den ausschließlichen Gebrauch des Lateinischen im Zivil- wie im Militärbereich sicher. Valerius Maximus, 2,2. Kaiser Claudius entzog einem bedeutenden Griechen das Bürgerrecht, weil er des Lateinischen nicht mächtig war. Vermutlich war er in einer Behörde tätig. (Sueton, Leben des Claudius 16) Beide Sprachen übten nebeneinander ihre eigene Herrschaft im Imperium aus: Erstere war das naturgegebene Idiom der Wissenschaft, letztere diente als Sprache in öffentlichen Angelegenheiten. Wer Bildung und Amt in einer Person vereinte, war in beiden Sprachen gleich bewandert, und es war nahezu unmöglich, in irgendeiner Provinz einen römischen Untertanen von vorurteilsloser Erziehung zu finden, der weder Latein noch Griechisch beherrschte.   SKLAVEN UND FREIGELASSENE · VERGABE DES BÜRGERRECHTES Es geschah durch solche Einrichtungen, dass die Nationen des Imperiums unmerklich mit dem römischen Volk und Namen verschmolzen. Aber inmitten jeder Provinz und jeder Familie verblieb eine unglückliche Gruppe von Menschen, welche die Lasten der Gesellschaft trug, ohne an ihren Rechten teilzuhaben. In den freien Staaten der Antike waren Haussklaven einer Willkür ausgeliefert, die keinerlei Rechenschaft ablegen musste. Der Vollendung des römischen Imperiums waren Jahrhunderte von Raub und Gewalt vorausgegangen. Sklaven rekrutierten sich größtenteils aus Ausländern, gefangen in der Folge kriegerischer Wechselfälle, verschachert um kleinen Preis, Im Lager des Lucullus wurde ein Ochse für eine und ein Sklave für vier Drachmen (etwa drei Schillinge) verkauft. Plutarch, Leben des Lucullus. gewöhnt an ein Leben in Unabhängigkeit und gierig nach Freiheit und Rache. Gegen solche Feinde im Inneren, deren verzweifelte Aufstände die Republik mehr als einmal an der Rand des Abgrundes getrieben hatten Diodorus Siculus in Eclog. Hist. 34 und 36; Florus, 3, 19 und 20 , schienen die strengsten Bestimmungen Ein extremes Beispiel von Grausamkeit bei Cicero in Verrem, 5.3 und die grausamste Behandlung durch das große Gesetz der Selbstbehauptung nachgerade von selbst gerechtfertigt. Als nun aber die wichtigsten Nationen Europas, Asiens und Afrikas unter einem Gesetz geeint waren, da versiegten die Quellen mit ausländischem Nachschub allmählich, und die Römer waren auf die mildere, aber langsamere Methode der Fortpflanzung angewiesen, und so förderten sie in ihren personenstarken Haushalten und insbesondere auf ihren Landsitzen die Verheiratung von Sklaven. Naturgewollte Gefühle, gegenseitige Gewöhnung und der Besitz von einer Art lebendigem Eigentum: dies alles trug zur Erleichterung des harten Sklavendaseins bei Vgl. hierzu bei Gruter und bei anderen Sammlern eine beträchtliche Zahl von Grabinschriften, die die Sklaven ihren Frauen, Kindern, Mitsklaven, Herren usw. errichtet hatten. Sie stammen sehr wahrscheinlich alle aus der Kaiserzeit. . Das Leben eines Sklaven erhielt einen höheren materiellen Wert, und wenn sein Schicksal auch nach wie vor von den Launen und Lebensumständen seines Herren abhing, so wurde doch seine Menschlichkeit nicht so sehr durch Furcht unterdrückt, als dass sie nicht auch die Wahrnehmung seiner eigenen Interessen belebt hätte. Diese Fortschritte der Humanität wurden durch die Tugend oder die Politik der Kaiser befördert, und die Erlasse des Hadrian und der Antonine weiteten den Schutz der Gesetze auch auf die elendsten unter ihnen aus. Das Recht, über Tod oder Leben eines Sklaven zu entscheiden, welche Macht lange geübt und oft missbraucht worden war, ging von privater in ausschließlich öffentliche Hand über. Die unterirdischen Gefängnisse wurden abgeschafft, und, bei berechtigter Klage über unerträgliche Behandlung, erhielt der misshandelte Sklave entweder einen weniger grausamen Herrn oder sogar die Freiheit Historia Augusta (Hadr 18) und die Abhandlung von de Burigny im 35 Band der Academy of Inscriptions über die Römischen Sklaven. .   FREILASSUNG Hoffnung ist die beste Trösterin in unserem unvollkommenen Dasein, und auch den römischen Sklaven wurde sie nicht gänzlich genommen; hatte er Gelegenheit, sich entweder nützlich oder angenehm zu machen, so konnte er mit Fug erwarten, sich nach einigen Jahren der Treue und des Fleißes mit der unschätzbaren Freiheit belohnt zu sehen. Diese Humanität der Herren wurde aber derart häufig durch die niederen Beweggründe der Habsucht und Eitelkeit angereizt, dass die Gesetze sich genötigt fanden, diese überreiche und unterschiedlose Freigiebigkeit eher zu dämpfen als zu begünstigen, da sie sonst zu gefährlichem Missbrauch hätte ausarten können Abhandlung von de Burgny im 36 Band zu den Römischen Freigelassenen und Historia Augusta, Hadrian 18 . Dies war eine Maxime der antiken Rechtsprechung: dass ein Sklave kein Vaterland habe. Mit seiner Freilassung erwarb er den Zugang zu der Gesellschaft, zu der auch sein Patron gehörte. Infolge dieser Gewohnheit wäre das römische Bürgerrecht irgendwann ohne Unterschied an jedermann verschleudert worden. So wurden nur bisweilen einige Ausnahmen gemacht; die ehrenhafte Auszeichnung wurde nur solchen Sklaven gewährt, welche aus guten Gründen und mit Billigung der Obrigkeit eine feierliche und gesetzmäßige Freilassung erhalten sollten. Und sogar diese ausgesuchten Freigelassenen erhielten lediglich bürgerliche Privatrechte und blieben von zivilen oder militärischen Ehrenstellen rigoros ausgeschlossen. Auch ihre Söhne wurden in gleicher Weise eines Sitzes im Senat für unwert erachtet, welche Verdienste oder Vermögen auch immer sie angehäuft haben mochten. Erst in der dritten oder vierten Generation mochten sich die Spuren der Sklavenherkunft allmählich verlieren Spanheim, Orbis Romanus 1, c.6 p. 124 . So blieb ohne Aufhebung von Standesunterschieden auch denjenigen die Aussicht auf Freiheit und Ehrenstellen nicht versagt, die unter die Menschen zu zählen Arroganz und Beschränktheit sich weigerte.   GRÖSSE DER BEVÖLKERUNG Es war vorzeiten angeregt worden, die Sklaven mit einer eigenen Tracht kenntlich zu machen, aber man besorgte nicht ganz zu Unrecht, dass eine Gefahr darin liege möchte, wenn man sie dadurch mit ihrer eigenen Anzahl bekannt machen würde Seneca, de Clementia 1,24 Das Original ist noch deutlicher: »Quantum periculum immineret si servi nostri numerare coepissent.« – (Welche Gefahr würde heraufziehen, wenn unsere Sklaven zu zählen anfingen.) . Ohne die oft benutzten Vergleiche mit Legionen und Myriaden allzu wörtlich zu nehmen Plinius, nat. hist. 33 und Athenaeus, Deipnosophistai. 6, p. 272. Letzterer behauptet verwegen, dass er sehr viele (a m p o l l o i) Römer kenne, die nur aus Prahlsucht zehn-, ja zwanzigtausend Sklaven besäßen. , können wir doch die Behauptung wagen, dass der Anteil an Sklaven, die als wertvoller Besitz angesehen wurden, beträchtlich höher war als der Teil der Diener, der unter die Ausgaben In Paris gibt es nicht mehr als 43 700 Hausdiener jeder Art, und dies ist nicht mehr als ein Zwölftel aller Einwohner. Messange, Recherches sur la Population p. 186 gerechnet wurde. Jünglinge mit vielversprechenden Anlagen erhielten Unterricht in den Künsten und Wissenschaften, und ihr Preis ermittelte sich nach dem Grade ihrer Geschicklichkeit und Ausbildung. Ein ausgebildeter Sklave erbrachte viele hundert Pfund Sterling; Atticus erzog und unterrichtete sie stets persönlich. Cornelius Nepos, Leben des Atticus 13 Im Haushalt eines wohlhabenden Senators waren Künste Viele römische Ärzte waren Sklaven. Middleton und Handwerk fast vollständig anzufinden. Die Anhänger von Pracht und Sinnenfreude übertrafen moderne Begriffe von Luxus um ein Vielfaches Ihre Dienststellungen und Aufgaben werden von Pignorius, de Servis, mit Genauigkeit aufgelistet . Ein Kaufmann oder Fabrikant hatte ein größeres Interesse daran, einen Sklaven zu mieten als zu kaufen, und auf dem Lande wurden sie als die billigsten und arbeitsamsten Ackerwerkzeuge gehalten. Um diese allgemein gehaltenen Anmerkungen über die Anzahl der Sklaven zu präzisieren, können wir eine Vielzahl von Einzelfällen beibringen: So fand man anlässlich eines sehr tragischen Tacitus, Annalen 14,43. Sie wurden allesamt hingerichtet, weil sie die Ermordung ihres Herrn nicht verhindert hatten. Vorfalles, dass in einem einzigen stadtrömischen Palast vierhundert Sklaven gehalten wurden. Dieselbe Zahl von vierhundert gehörten zu dem Landgut einer verarmten afrikanischen Witwe, die es ihrem Sohn hinterließ, während sie für sich selbst den beträchtlich größeren Teil ihres Eigentums einbehielt Apuleius in Apolog. . Ein Freigelassener unter Augustus – er hatte an seinen Besitztümern infolge des Bürgerkrieges beträchtliche Einbußen erlitten – vererbte dreitausendsechshundert Joch Ochsen, zweihundertundfünfzigtausend Stück Kleinvieh und, was zur Aufzählung von Vieh fast dazu gehört, viertausendeinhundertundsechzehn Sklaven Plinius nat. his. 33,47 .   BEVÖLKERUNGSDICHTE DES RÖMISCHEN REICHES Die Anzahl von Untertanen, die dem römischen Gesetz gehorchten, von Stadtbürgern, Provinzbewohnern und Sklaven, kann jetzt nicht mit dem Grad von Genauigkeit angegeben werden, wie es die Bedeutung des Gegenstandes wohl erfordern mag. Wir erfahren jedoch, dass Kaiser Claudius, als er das Zensorenamt ausübte, die Zahl der römischen Bürger auf sechs Millionen und neunhundertundvierundfünfzigtausend bestimmte, was zusammen mit Frauen und Kindern etwa zwanzig Millionen Seelen ausmachen dürfte. Unbestimmt und schwankend ist die Zahl der Untertanen niederen Ranges. Wenn man aber gewissenhaft jeden Umstand einbezieht, der diese Berechnung beeinflussen könnte, so haben zur Zeit von Claudius wahrscheinlich doppelt so viele Provinziale jeden Geschlechtes und Alters gelebt, als es Römische Bürger gab; und dass die Sklaven an Zahl den freien Einwohnern der römischen Welt in etwa gleichkamen. Diese sicherlich nicht fehlerfreie Rechnung würde eine Gesamtzahl von einhundertundzwanzig Millionen Menschen ergeben: Eine Bevölkerung, welche die des modernen Europa Man rechne mit zwanzig Millionen in Frankreich, zweiundzwanzig in Deutschland, vier in Ungarn, zehn in Italien mit seinen Inseln, acht in Großbritannien und Irland, acht in Spanien und Portugal, zehn bis zwölf im Europäischen Russland, sechs in Griechenland und der Türkei, vier in Schweden, drei in Dänemark und Norwegen, vier in den Niederlanden. Dies würde sich auf einhundertundfünf bis einhundertundsieben Millionen aufsummieren. Voltaire, de Histoire Generale. vermutlich übertrifft und somit die größte Gesellschaft bildet, die jemals unter einem Regierungssystem vereinigt war.   GEHORSAMSPFLICHT UND ZUSAMMENHALT Frieden und Eintracht im Inneren waren die naturgemäßen Folgen der von den Römern betriebenen moderaten allgemeinen Politik. Wenn wir nun die Monarchien des Orients ins Auge fassen, so können wir Despotismus im Zentrum und Schwäche an der Peripherie feststellen; Steuereinnahme und Rechtsprechung ist nur durch die Gegenwart einer Armee möglich; im Landesinneren feindliche Barbaren eingenistet; Erb-Satrapen, die die Herrschaft über die Provinzen an sich reißen, und Einwohner, die zum Aufstand bereit sind, ohne zur Freiheit fähig zu sein. Der Gehorsam in der römischen Welt hingegen war unterschiedslos, geschah aus freien Stücken und blieb dauerhaft. Die unterworfenen Nationen, gleichsam zu einem einzigen großen Volk vereint, ließen die Hoffnung, ja irgendwann sogar den Wunsch fahren, ihre Freiheit wieder zu erlangen und sahen ihre Existenz als kaum von der Roms verschieden an. Die wohlbegründete Macht der Kaiser durchdrang ohne Schwierigkeit die Weite ihrer Länder und wurde an Themse oder Nil so mühelos wie am Tiber ausgeübt. Die Aufgabe der Legionen war die Bekämpfung von Staatsfeinden, aber die bürgerliche Gewalt griff nur selten auf militärische Hilfe zurück Jos. Bel. jud. 2,16. Die Rede des Agrippa – genauer gesagt: des Geschichtsschreibers – entwirft ein schönes Bild des Römischen Reiches. . In diesem Stadium allgemeiner Sicherheit widmeten das Volk und die Herrscher ihre Muße und ihren Reichtum der Vervollkommnung und der Ausschmückung des römischen Reiches.   BAUTÄTIGKEIT UND DENKMÄLER Die ungezählten Monumente der römischen Architektur: Wieviele sind spurlos untergegangen, wie wenige haben dem Wüten der Zeiten und der Barbaren widerstanden! Aber selbst die erhabenen Trümmer, die immer noch über Italien und die Provinzen verstreut liegen, würden hinreichend belegen, dass diese Länder einst der Sitz eines gewaltigen Reiches gewesen sind. Allein ihre Größe oder ihre Schönheit könnten uns verzücken; aber zwei wichtige Umstände machen sie noch interessanter für uns, weil sie das Angenehme der Kunstgeschichte mit dem Nützlichen der allgemeinen Geschichte verbinden: Viele dieser Werke wurden auf Kosten von Privatleuten aufgeführt und waren fast sämtlich dem öffentlichen Nutzen gewidmet.   VIELE AUF PRIVATKOSTEN ERRICHTET Es ist eine naheliegende Prämisse, dass die meisten und die größten römischen Bauwerke durch die Kaiser veranlasst waren, die ja unbegrenzt über Gelder und Menschen verfügten. Augustus rühmte sich des öfteren damit, dass er eine Stadt aus Ziegeln vorgefunden und eine Stadt aus Marmor Sueton, Leben des Augustus c 28. Augustus ließ in Rom den Tempel und das Forum des Mars bauen; den Tempel des Jupiter Tonans auf dem Capitol; den Tempel des Apollo nebst öffentlichen Bibliotheken; den Porticus und die Basilika des Gaius und des Lucius; den Porticus der Livia und der Octavia; das Theater des Marcellus. Die Minister und Generäle eiferten diesem Vorbild des Kaisers nach, und sein Freund Agrippina hinterließ ein unsterbliches Monument, das Pantheon. hinterlassen habe. Vespasians Größe war seine Sparsamkeit. Der Geist Trajans liegt in seinen Taten. Die Erbauung öffentlicher Gebäude, mit denen Hadrian jede Provinz zierte, wurde von ihm nicht nur angeordnet, sondern auch beaufsichtigt. Er selbst war Kunstliebhaber und liebte Kunst besonders dann, wenn sie zur Mehrung des kaiserlichen Ruhmes beitrug. Die Antonine hingegen förderten die Künste, wenn sie die Wohlfahrt des Volkes hoben. Aber wenn die Kaiser auch die ersten Architekten des Reiches waren, so waren sie doch nicht die einzigen. Ihre maßgeblichsten Untertanen ahmten ihrem Beispiel nach, und standen nicht an zu erklären, dass ihnen der Geist zum Entwerfen und das Geld zum Vollenden der herrlichsten Unternehmungen zu Eigen sei. Kaum war der stolze Entwurf des Colosseums zu Rom ausgeführt, als ähnliche Gebäude, kleiner im Maßstab, aber aus ähnlichen Materialien, zu Capua und Verona zum Gebrauch und auf Kosten dieser Städte errichtet wurden Maffei, Verona illustrata 4, p. 68 . Die Inschrift an der staunenerregenden Brücke bei Alcantara bescheinigt, dass sie mit Hilfe der Aufwendungen einiger lusitanischer Gemeinden über den Tejo geschlagen wurde. Als Plinius mit der Statthalterschaft über Bythinien und den Pontus belehnt wurde – übrigens weder die reichsten noch sonstwie auffälligsten Provinzen des Reiches – bemerkte er, wie die Städte in seinem Amtsbereich miteinander in einem heftigen Wettbewerb standen, jedwedes nützliche oder schöne Gebäude zu errichten, welches die Aufmerksamkeit von Fremden oder die Dankbarkeit ihrer Bewohner verdienen mochte. Zu den Obliegenheiten des Prokonsuls gehörte es nun, ihnen bei Mangel auszuhelfen, sie in Geschmacksfragen und gegebenenfalls in ihrem Eifer zu lenken Plinius (Briefe, 10. Buch) erwähnt folgende, auf Kosten der Städte errichtete Bauten: In Nicomedia ein neues Forum, ein Aquädukt, und einen Kanal, den ein früherer König unvollendet gelassen hatte; in Nice ein Gymnasium und ein Theater, welches annähernd neunzehntausend Pfund gekostet hatte; Bäder in Prusa und Claudiopolis; und ein sechszehn Meilen langes Aquädukt für Sinope. . Die wohlhabenden Senatoren Roms und der Provinzen erachteten es für eine Ehre, ja fast für eine Pflicht, den Glanz ihrer Zeit und ihres Landes erhöhen, und sehr oft ergänzte auch nur der Einfluss der Mode, was dem Geschmack oder der Freigebigkeit etwa abgehen mochte. Aus der Zahl solcher privater Wohltäter wollen wir Herodes Atticus wählen, einen Athener aus der Zeit der Antonine. Welche Gründe auch immer er für seine Handlungsweise gehabt haben mag, seine Freigebigkeit wäre der mächtigsten Könige wert gewesen.   HERODES ATTICUS Die Familie des Herodes stammte in direkter Linie von Cimon und Miltiades, Theseus und Cecrops, Äneas und Jupiter ab, zumindest, seitdem sie so vom Glück begünstigt war. Die Nachfahren so vieler Helden und Götter waren in die erbärmlichste Lage geraten. Sein Großvater war in die Fänge der Justiz geraten, dies mit fatalem Ausgang; sein Vater Julius Atticus hätte sein Leben arm und verachtet beschließen müssen, hätte er nicht einen ungeheuren Schatz entdeckt, welcher unter einem alten Hause, seinem letzten Erbstück, vergraben lag. Nach der Strenge des Gesetzes hätte der Kaiser hierauf Anspruch erheben können; der umsichtige Atticus jedoch kam durch ein offenes Geständnis dem Diensteifer der Denunzianten zuvor. Der redliche Nerva, der damals den Thron innehatte, weigerte die Annahme auch nur eines Teiles davon und befahl ihm, von diesem Glücksgeschenk den bedenkenlosesten Gebrauch zu machen. Der Athener jedoch beharrte behutsam darauf, dass ein solcher Schatz zuviel für einen einzelnen Untertanen sei, und dass er nicht wüsste, wie er ihn gebrauchen sollte. So missbrauche ihn denn, antwortete der Monarch mit gutgelaunter Verdrießlichkeit, denn er ist dein Historia Augusta, Hadrian 18. Hadrian fand später eine sehr gerechte Regelung, welche alle Schatzfunde zwischen den Ansprüchen des Grundbesitzers und des Finder aufteilte. . Viele werden finden, dass Atticus diesen Rat des Kaisers zu wörtlich befolgte, da er den größten Teil seines Vermögens, das er übrigens noch durch eine vorteilhafte Eheschließung aufstockte, in den Dienst der Öffentlichkeit stellte. So hatte er für seinen Sohn die Präfektur der freien Städte Asien erwirkt; und da nun der junge Präfekt feststellen musste, dass die Stadt Troas unzureichend mit Wasser versorgt wurde, erhielt er durch Hadrians Großherzigkeit dreihundert Myriaden Drachmen (etwa einhunderttausend Pfund) für den Bau eines Aquäduktes. Aber während der Ausführung der Arbeiten zeigte es sich, dass die tatsächlichen Kosten die geschätzten um das Doppelte übertreffen würden, und die Beamten des Schatzes murrten darwider, bis der generöse Atticus ihre Klagen dadurch zum Schweigen brachte, dass er darum bat, man möge ihm doch erlauben, alle zusätzlichen Ausgaben persönlich zu übernehmen Philostratos in Vit. Sophist. 2, p. 548 .   SEINE REPUTATION Die besten Lehrer von Griechenland und Asien wurden durch großzügige Geldesgaben vermocht, die Erziehung des jungen Herodes zu übernehmen. Ihr Schüler wurde bald ein gefeierter Redner im Sinne der Sandkastenrhetorik jener Zeit, welche sich auf den Schulbetrieb beschränkt und es verschmäht, das Forum oder den Senat aufzusuchen. Er wurde mit dem Konsulat zu Rom ausgezeichnet, aber den größten Teil seines Lebens verbrachte er in Athen und seinen unfernen Villen in philosophischer Zurückgezogenheit, beständig umgeben von Sophisten, die die Überlegenheit dieses reichen und spendablen Rivalen neidlos anerkannten Aulus Gellius, Noctes Atticae 1,2; 9, 2; 18, 10; 19, 12; Philostratos, 2.14 . Das, was sein Geist hinterlassen hat, ist untergegangen; aber verschiedene Ruinen künden immer noch den Ruhm seines Geschmackes und seiner Großzügigkeit. Heutige Reisende haben die Reste des Stadions abgeschritten, welches er in Athen erbauen ließ; es war sechshundert Fuß lang, ganz aus weißem Marmor gebaut, konnte die gesamte Bevölkerung aufnehmen und war in vier Jahren fertiggestellt, in welchen Herodes den athenischen Spielen vorstand. Zum Angedenken an sein Weib Regilla baute er ein Theater, welches im Reiche seinesgleichen suchte: kein Holz außer der Zeder, und dieses kunstvoll skulptiert, durfte in irgendeinem Teil des Gebäudes verwendet werden. Das einst von Perikles entworfene Odeum, bestimmt für musikalische Aufführungen und die Einstudierung neuer Tragödien, war ein Sieg der Künste über barbarische Gigantomanie gewesen: die in der Konstruktion verwendeten Hölzer stammten zum größten Teil von den Masten persischer Kampfschiffe. Trotz der Reparaturen, die ein König von Kappadokien an dem altersschwachen Gebäude hatte vornehmen lassen, lag es in Trümmern. Herodes stellte seine alte Schönheit und Größe wieder her. Indessen war die Freigebigkeit dieses berühmten Mitbürgers nicht auf das Weichbild Athens beschränkt. Die köstlichsten Ornamente im Neptuntempel am Isthmus, ein Theater zu Korinth, ein Stadion in Delphi, ein Bad bei den Thermopylen, ein Aquädukt bei Canusium in Italien: all dies reichte nicht hin, seine Schätze zu erschöpfen. Die Bürger von Epirus, Thessalien, Euböa und des Peloponnes erfuhren seine Gunst; und in zahlreichen Inschriften rechnen Städte Griechenlands und Asiens Herodes in Dankbarkeit unter ihre Patrone und Wohltäter Philostratos 2, p. 548; Paus.1,10 und 5, 10; Leben des Herodes im 30. Band der Memoires der Academy of Inscriptions .   GEBÄUDE ZUMEIST FÜR DIE ÖFFENTLICHKEIT; TEMPEL, THEATER, AQÄDUKTE In den alten Republiken von Rom und Athen kündete die anspruchslose Schlichtheit der Privathäuser von gleichen Freiheitsrechten, während die Herrschaft des Volkes in den erhabenen, für den öffentlichen Gebrauch bestimmten Bauten repräsentiert wurde Besonders hervorgehoben für Athen bei Dicaearchos, des Statu Graeciae, p. 8 . Dieser Geist der Republik erlosch zunächst auch nicht mit der Einführung der Monarchie. Werke der nationalen Ehre und Wohlfahrt waren es, mit denen gerade die tugendhaftesten Kaiser Beweise ihre Größe abzulegen sich bestimmt sahen. Der Goldene Palast Neros hatte zu Recht Anstoß erregt, aber der gewaltige Umfang dieses zum Zwecke egoistischen Überaufwandes gestohlenen Bodens wurde unter den nachfolgenden Regierungen sinnvolleren Zwecken zugeführt: dem Kolosseum, den Titusbädern, dem Porticus des Claudius und den Tempeln, die der Friedensgöttin und dem Genius Roms Donatus, de Roma vetere, 3, c. 4,5,6. Nardini, Roma Antica, 3, 11, 12,13 und ein Manuskript, Beschreibung des alten Rom von Bernardus Oricellarius (gen. Rucellai), von welchem ich eine Abschrift aus der Bibliothek des Canonicus Ricardi zu Florenz erhielt. Zwei berühmte Bilder von Timanthes und Protogenes im Tempel des Friedens werden von Plinius erwähnt; und die Laokoongruppe wurde im Titusbad gefunden. geweiht waren. Die Architekturdenkmäler, Eigentum des römischen Volkes, wurden mit den schönsten griechischen Gemälden und Skulpturen ausgeschmückt, und im Friedenstempel stand für alle Gebildeten eine äußerst attraktive Bibliothek offen. In der Nähe befand sich das Trajansforum. Es war umgeben von einem hochragenden Porticus in der Form eines Viereckes, und vier Triumphbögen gewährten einen großzügigen und weiträumigen Zugang: in seiner Mitte erhob sich eine Marmorsäule, deren Höhe von einhundertundzehn Fuß jene des Hügels bezeichnete, welcher zuvor hatte eingeebnet werden müssen. Diese Säule, die noch heute in ihrer antiken Schönheit zu sehen ist, stellt mit Genauigkeit den dakischen Sieg ihres Stifters dar. Der Veteran betrachtete die Geschichte seiner eigenen Feldzüge, und der nationalen Dünkel des militärfernen Bürgers hatte mit Hilfe eines leichtvollzogenen Selbstbetrugs Anteil an den Ehren des Triumphes. Alle anderen Stadtviertel Roms und alle Provinzen des Reiches waren durch den gleichen Geist öffentlicher Größe verschönert worden, besaßen Amphitheater, Theater, Tempel, Porticos, Triumphbögen, Bäder und Aquädukte, welche, jede auf ihre Weise, die Gesundheit, die Andacht und die Zufriedenheit auch des Geringsten förderten. – Die letztgenannten Bauwerke verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit. Die Kühnheit ihres Entwurfs, die Gediegenheit ihre Ausführung und ihr eigentlicher Verwendungszweck reihen die Aquädukte unter die edelsten Denkmäler römischen Geistes und römischer Größe. Die Aquädukte der Hauptstadt beanspruchen zu Recht den Vorrang vor den anderen; aber wollte ein neugieriger Reisender Spoleto, Metz oder Segovia ohne Kenntnisse in der Geschichte erkunden, so würde er ganz natürlich folgern, dass jene Provinzstädte vordem der Sitz eines machtvollen Königs gewesen sein müssen. Asiens und Afrikas Einsamkeit war einst mit blühenden Städten bedeckt, deren Bevölkerungszahl und deren schieres Überleben von solchen künstlichen Lieferungen eines immerwährenden Stromes frischen Wassers abhingen Montfaucon l'Antiquité Expliquée, Band 4, p. 2 c. 9. Fabretti hat eine hochgelehrte Abhandlung über die Aquädukte Roms verfasst. .   DIE STÄDTE DES REICHES... Wir haben die Einwohnerzahl des römischen Reiches berechnet und seine öffentliche Gebäude bewundert. Ein Blick auf die Zahl und die Größe seiner Städte wird uns helfen, die erstere zu bestätigen und die letztere zu vergrößern. Es wird nicht uninteressant sein, verstreute Nachrichten zu diesem Gegenstand einzuholen, wobei jedoch nicht vergessen werden darf, dass die ungenaue Bezeichnung »Stadt« infolge nationaler Eitelkeiten und infolge der Armut der Sprache unterschiedlos auf Rom und etwa Laurentium angewandt wurde.   ...IN ITALIEN... Im alten Italien soll es elfhundert und siebenundneunzig Städte gegeben haben, und für welche Epoche des Altertums auch immer diese Mitteilung gelten mag Aelian, Hist. Var 9, c.16, Er lebte zur Zeit des Alexander Severus. Vgl. Fabricius, Bibliotheca Graeca 4,21 : Es gibt keinen Grund für die Annahme, dass das Land zur Zeit der Antonine dünner besiedelt war als zu denen des Romulus. Die kleinen Städte Latiums waren in der Metropole des Reiches aufgegangen, deren dominierender Einfluss sie angezogen hatte. Die Teile Italiens, welche so lange unter der gleichbleibend öden Tyrannis von Priestern und Vizekönigen zu leiden hatten, wurden nun heimgesucht durch die etwas weniger unerträglichen Beschwernisse des Krieges; die ersten Symptome des Niederganges, die sie erlebten, wurden reichlich wettgemacht durch das rasche Erblühen des cisalpinischen Galliens. Dem Glanz Veronas möge man in seinen Ruinen nachspüren; und dennoch war Verona minder berühmt als Aqileia oder Padua, Ravenna oder Mailand.   ...BRITANNIEN, GALLIEN UND SPANIEN... Der Geist des Fortschrittes überklomm auch die Alpen und war sogar in Britanniens Wäldern spürbar, die man allmählich rodete, um freien Platz zu schaffen für komfortable und anmutige Siedlungen. York war Verwaltungssitz, London durch Handel wohlhabend; Bath wurde wegen seiner heilkräftigen Quellen gerühmt. Gallien konnte sich seiner zwölfhundert Städte berühmen Jos. Bell jud, 2,16. Die Zahl steht nun einmal da, aber man sollte sie mit einer gewissen Freiheit auslegen. ; und wenn sie dennoch, der Norden zumal und Paris eingeschlossen, nicht viel mehr waren als derbe und unzulängliche Ansiedlungen eines Volkes, das erst am Anfang stand, so eiferten wenigstens die südlichen Städte der Eleganz Italiens nach Plinius Nat. His, 3, 5. . Viele Städte gab es in Gallien, Marseille, Arles, Nimes, Narbonne, Toulouse, Bordeaux, Autun, Vienne, Lyon, Langres, Trier, deren antike Beschaffenheit einem Vergleich mit ihrer heutigen nicht scheuen müsste, vermutlich sogar mit Vorteil hieraus hervorgehen würde. Was nun Spanien betrifft, so stand es als Provinz in Blüte und ging unter als Königreich. Erschöpft durch die Verzettelung seiner Kräfte, durch Amerika und durch den Aberglauben, dürfte sein Stolz wohl beschämt werden, wenn wir von ihm eine Liste mit dreihundertundsechszig Städten verlangten, wie sie Plinius für die Regierungszeit des Vespasian angelegt hat Die Liste scheint authentisch und zuverlässig zu sein; die Unterteilung der einzelnen Provinzen und die unterschiedlichen Zustände in den Städten werden bis in Detail aufgeführt. .   ...AFRIKA UND ASIEN Dreihundert afrikanische Städte hatten einst die Herrschaft Karthagos Strabo, Geographie, 17, 1189 anerkannt, und ihre Zahl ist unter der Herrschaft der römischen Kaiser vermutlich nicht geringer gewesen. Karthago selbst blühte erneut aus der Asche empor, und ebenso wie Korinth oder Capua erlangte es, die alte Selbständigkeit ausgenommen, seine frühere Größe wieder. Die Provinzen des Ostens illustrieren den Gegensatz zwischen römischer Größe und türkischer Barbarei. Die Ruinen der Antike, die über unbebautes Land verstreut sind und für die die Unwissenheit irgendwelche Zauberkräfte verantwortlich macht, gewähren dem unterdrückten Bauern oder dem nomadisierenden Araber kaum einmal ein Obdach. Unter den Cäsaren gab es allein im eigentlichen Asien fünfhundert volkreiche Städte Flavius Josephus, bell. jud, 2,16; Philostratos Leben der Sophisten 2,p.548, ed. Olear. , durch natürliche Gegebenheiten reich und mit allen Kunstraffinessen geschmückt. Elf Städte Asiens stritten sich einst um das Vorrecht, Tiberius einen Tempel weihen zu dürfen, und ihre jeweiligen Verdienste prüfte der Senat Tacitus, annales, 4,55. Ich habe einige Mühe investiert, um moderne Reisende bezüglich dieser elf Städte Asiens zu befragen: Sieben (oder acht?) sind vollständig zerstört, nämlich Hypaepe, Tralles, Laodicea, Ilium, Halicarnassos, Milet, Ephesos, und möglicherweise Sardes. Pergamon ist ein elendes Dorf mit etwa zwei- bis dreitausend Einwohnern; Magnesia mit dem heutigen Namen Guzel-hissar eine Stadt von einiger Bedeutung und Smyrna, eine Großstadt mit hunderttausend Seelen. Aber selbst in Smyrna haben die Türken unter der Frankenherrschaft die Kunstwerke ruiniert. . Vier von ihnen wurden sofort abgelehnt, da sie der Aufgabe finanziell nicht gewachsen seien; unter ihnen war Laodicea In Chandler's Travels through Asia minor, p. 223 ist eine genaue und gefällige Darstellung der Ruinen von Laodicea. , dessen einstiger Glanz noch heute durch seine Ruinen hindurchschimmert. Laodicea erzielte beträchtliche Einkünfte aus seinen Schafsherden, deren Wolle gerühmt wurde, und hatte kurz vor jenem Wettbewerb von einem großzügigen Bürger vierhunderttausend Pfund geerbt Strabo, 12, p. 866. Er hatte in Tralles studiert. . Wenn das die Armut von Laodicea war: wie muss es erst um den Reichtum jener Städte bestellt gewesen sein, denen der Vorzug gegeben wurde, insbesondere den von Pergamon, Smyrna, Ephesos, die solange um den Titelprimat Asiens gestritten hatten? M. de Boze, Mem. D l'Academie, Bd.18. Aristides hielt einmal eine – erhaltene – Rede, in welcher er den rivalisierenden Städten Eintracht anempfiehlt. Die Hauptstädte Syriens und Ägyptens hatten einen noch höheren Rang inne: Antiochia und Alexandria blickten mit Hochmut auf eine Menge abhängiger Städte Die Einwohnerzahl Ägyptens, Alexandria nicht mitgerechnet, belief sich auf sieben und eine halbe Millionen (Flavius Iosephus, bell. jud 2, 16. Unter der Militärregierung der Mameluken soll Syrien sechzigtausend Dörfer gehabt haben. herab, und erkannten den Vorrang Roms nur widerstrebend an.   DAS RÖMISCHE STRASSENNETZ Alle diese Städte waren untereinander und mit der Hauptstadt selbst durch öffentliche Straßen verbunden, welche vom Forum Roms ausgingen, Italien durchquerten, die Provinzen durchmaßen und erst an den Grenzen des Reichs endigten. Bestimmen wir die Entfernungen vom Antoninuswall bis nach Rom und von dort nach Jerusalem mit hinlänglicher Genauigkeit, so finden wir, dass diese große Verbindungslinie von der nordöstlichen bis zur südwestlichen Spitze des Reiches sich auf eine Länge von viertausendundachtzig römischen Meilen belief Das folgende Wegeverzeichnis kann hilfreich sein, sich einen Begriff von Richtung und Länge der Straßen zu machen: I. Vom Antoninuswall bis nach York 222 römische Meilen. II. London 227.III. Rhutupie oder Sandwich 67. IV. Seestrecke nach Boulogne 45. V Reims 174. VI. Lyon 330. VII. Mailand 324. VIII. Rom 426. IX. Brindisi 360. X. Seestrecke nach Dyrrhachium 40. XI. Byzanz 711. XII. Ancyra 283. XIII. Tarsus 301. XIV. Antiochia. XV. Tyrus. XVI. Jerusalem 168. Insgesamt also 4080 römische bzw. 3740 Englische Meilen. Siehe hierzu die Itinerarien von Wesseling nebst Anmerkungen; die von Gale und Stuckeley für Britannien und von M. d'Anville für Gallien und Italien. . Diese öffentlichen Straßen waren durch Meilensteine genau unterteilt und liefen in gerader Linie von einer Stadt zur nächsten, der natürlichen Hindernisse oder der Eigentumsverhältnisse nur beiläufig achtend. Berge wurden durchtunnelt, und kühne Bögen spannten sich über die weitesten und reißendsten Flüsse Montfaucon hat (l'Antiquité Expliquée, Band 4 1,5) die Brücken von Narni, Alcantara, Nismes etc beschrieben. . Die Straßen waren zu einer Art Damm erhoben, welcher die umgebende Landschaft beherrschte, bestand aus mehren Lagen Sand, Kies und Zement und war mit großen Steinen und an einigen Stellen in der Nähe der Hauptstadt mit Granit gepflastert Bergier, Histoire des grandes Chemins de l'Empire Romaine, 2, c. 1-28 . Dies die solide Konstruktion der römischen Fernstraßen, deren Festigkeit selbst die Beanspruchung von fünfzehn Jahrhunderten nicht zuschanden gemacht hat. Sie ermöglichten den Untertanen der entferntesten Provinzen bequemen und häufigen Umgang miteinander, aber ihr Hauptzweck war es, den Legionen den Marsch zu erleichtern. Ein Land galt solange nicht als vollständig unterworfen, solange es nicht in alle Richtungen den Gesetzen und Waffen des Siegers zugänglich war. Der Vorteil schnellster Nachrichten- und Befehlsübermittlung veranlasste die Kaiser, im gesamten Reich regelmäßige Poststationen einzurichten Procop, Historia arcana, c 30. Bergier, Histoire des grandes Chemins de l'Empire Romaine, 4; Codex Theodosianus 8, tit. 5 2, p. 506-563 zusammen mit Godefroys gelehrten Kommentaren. . Jede war dauerhaft für vierzig Pferde eingerichtet, und mit Hilfe dieser Relais war es leicht möglich, täglich hundert römische Meilen zurückzulegen Während Theodosius' Regierungszeit reiste ein hochrangiger Beamter namens Cäsarius von Antiochia nach Konstantinopel. Er brach nachts auf, war am folgenden Abend in Cappadocia (165 Meilen von Antiochia entfernt) und kam in Konstantinopel nach sechs Tagen gegen Mittag an. Die Gesamtentfernung hatte 725 römische Meilen betragen. Vgl. hierzu Libanius Orat. 22 und die Itineraria p. 572-581 . Nur, wer über ein kaiserliches Mandat verfügte, durfte von diesen Stationen Gebrauch machen; indessen wurden sie, obwohl für den öffentlichen Gebrauch bestimmt, wohl auch gelegentlich Privatleuten zu Geschäftszwecken oder zur Bequemlichkeit überlassen Plinius, der doch ein kaiserlicher Günstling und Minister war, musste sich dafür rechtfertigen, dass er seiner Frau wegen dringender Geschäfte die Benutzung von Postpferden gestattet hatte. (Briefe 9, 121, 122) .   SEEFAHRT Die Seewege innerhalb des Imperiums waren nicht minder frei verfügbar als die Landverbindungen. Die Provinzen umkränzten das Mittelmeer; Italien ragte wie ein gigantisches Vorgebirge mitten in diesen großen See hinein. Den Küsten Italiens mangelt es im Allgemeinen an sicheren Häfen; und der künstliche Hafen von Ostia, in der Tibermündung gelegen und durch den Kaiser Claudius veranlasst, war nicht nur ein Zeichen römischer Größe, es trug auch das Gepräge des Nützlichen Bergier, Histoire des grandes Chemins de l'Empire Romaine 4,49 . Von diesem Hafen, nur sechzehn Meilen von der Hauptstadt entfernt, gelangten Schiffe bei günstigen Winden häufig schon nach sieben Tagen bis zu den Säulen des Herkules und in neun bis zehn bis nach Alexandria in Ägypten Plinius, Hist. Nat. 19,1 .   VERBESSERUNG DES ACKERBAUS IN DEN WESTLICHEN LÄNDERN Für welche Übelstände auch immer gute oder bloß rhetorische Gründe ein großes Reich verantwortlich machen: Roms Macht hatte für die Menschheit auch unstrittig segensreiche Folgen; und dieselbe Reisefreiheit, die das Laster ausbreitete, half in gleicher Weise, Verbesserungen des sozialen Lebens auszuweiten. In den frühen Tagen der Antike war die Welt ungleich geteilt. Der Osten war seit unfürdenklichen Zeiten im Besitze von Kunst und Luxus, der Westen hingegen bewohnt von rohen und kriegslüsternen Barbaren, die den Ackerbau entweder verachteten oder überhaupt noch nicht kannten. Unter dem Schutze einer wohletablierten Regierung wurden die Erzeugnisse gesegneter Zonen und die Produkte des Fleißes zivilisierter Nationen allmählich auch Europas westlichen Ländern zugänglich; und deren Einwohner ließen sich durch diesen ungehinderten und gewinnträchtigen Handel ermuntern, die Ersteren zu mehren und die Letzteren zu verbessern. Es wäre schier unmöglich, alle Handelsartikel pflanzlicher oder tierischer Provenienz aufzuzählen, die aus Asien oder Ägypten Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass die Griechen und Phönizier einige neue Handwerkskünste und Produktionsverfahren in der Nachbarschaft von Marseille und Gades einführten. nach Europa importiert wurden. Aber es scheint der Würde und dem Nutzen eines historischen Werkes nicht abträglich zu sein, zumindest die wichtigsten von ihnen zu erwähnen.   FRÜCHTE · WEIN · OLIVEN · FLACHS Nahezu alle Blumen, Kräuter und Früchte unserer europäischen Gärten sind von fremder Herkunft, die sich oft schon im Namen verrät. Der Apfel ist ein eingeborener Italiener; als aber die Römer den reicheren Geschmack von Aprikose, Pfirsich, Granatapfel, Zitrone und Orange gekostet hatten, legten sie allen diesen Früchten unterschiedslos den Namen Apfel bei, unterschieden nur durch die zusätzliche Bezeichnung ihres Herkunftslandes. – In Homers Zeiten wuchs der wilde Wein auf Sizilien und höchstwahrscheinlich auf dem benachbarten Festland. Aber noch wurde er durch Zucht nicht verbessert, und er lieferte auch keine Getränke, die dem Geschmack der wilden Einwohner lieblich gewesen wären Homer, Odyssee, 9,358 . Eintausend Jahre später konnte sich Italien rühmen, dass von achtzig hochberühmten und geschätzten Weinsorten mehr als zwei Drittel auf ihrem Boden wuchsen Plinius, Hist. Nat. 14 . Dieser Segen teilte sich bald auch dem narbonensischen Gallien mit; aber nördlich der Cevennen war das Klima so kalt, dass es in Strabos Zeiten für unmöglich galt, in diesem Teil Galliens Im Altertum waren die kalten gallischen Winter fast sprichwörtlich. Wein zur Reife zu bringen. Diese Schwierigkeiten verloren sich jedoch mit der Zeit, und es gibt gute Gründe für die Annahme, dass der Weinbau in Burgund bis in das Zeitalter der Antonine Zu Beginn des IV. Jhdts. erwähnt der Redner Eumenius den Weinbau aus der Gegend von Autun, dass er für lange Zeit aufgegeben worden sei und dass seine Ursprung völlig unbekannt sei. Der Pagus Arebrignus liegt, so die Vermutung von Herrn d'Anville, im Bezirk von Beaune, gerühmt, auch in der Gegenwart noch, für eine der besten Lagen Burgunds. zurückreicht. – Der Olivenbaum folgte in der westlichen Welt der Verlauf des Friedens nach, dessen Symbol er nachgerade darstellt. Noch zwei Jahrhunderte nach der Gründung Roms waren in Italien und Afrika diese nutzbringenden Pflanzen fremd; sie wurden jedoch in diesen Ländern heimisch und gelangte endlich bis in das Herz Galliens und Spaniens. Die irrige Besorgnis der Alten, dass er ein bestimmtes Maß an Wärme benötige und nur in der Nähe des Meeres gedeihe, wurde durch die Erfahrung nach und nach widerlegt Plinius, Hist. Nat. 15 . – Die Kultur des Flachses gelangte von Ägypten nach Gallien und trug zur Hebung des Wohlstandes im ganzen Land bei, wenn er auch den Boden, auf dem er gesät wurde, auslaugte Plinius, Hist. Nat 19 . – Den Gebrauch von Futterpflanzen erlernten die Landwirte Italiens und der Provinzen erst allmählich, insbesondere der Luzerne, welche ihren Namen und Herkunft auf Medien zurückführt Harte, Essays on Agricultur; hier ist alles versammelt, was die Alten und die Modernen zur Luzerne geäußert haben. . Weil reichliches und gesundes Futter während des Winters jederzeit für die Herden zur Verfügung stand, vermehrten auch sie sich und trugen darüber hinaus das Ihre zur Fruchtbarkeit der Böden bei. Neben allen diesen Verbesserungen der Landwirtschaft verwendete man auch noch große Sorgfalt auf Bergbau und Fischerei, welche dadurch, dass sie viele fleißige Hände beschäftigten, den Reichen Gewinn und den Armen Unterhalt erbrachten. Die anmutige Abhandlung Columellas beschreibt den fortgeschrittenen Zustand der spanischen Landwirtschaft zur Zeit des Tiberius; und schließlich soll noch angemerkt werden, dass Hungersnöte, welche der jungen Republik so oft zugesetzt hatten, im ausgedehnten Kaiserreich selten oder nie auftraten. Dem zufälligen Mangel in einer einzelnen Provinz wurde sofort durch den Überfluss ihrer begünstigteren Nachbarn abgeholfen.   LUXUS Landwirtschaft ist die Voraussetzung für Manufakturen, denn die Produkte der Natur liefern der Kunst die Materialien. Unter den römischen Kaisern stand die Arbeit einer fleißigen und erfindungsreichen Bevölkerung beständig im Dienste der Wohlhabenden. In Kleidung, Tafel, Häusern oder Möbeln haben diese Günstlinge des Glücks jede Verfeinerung der Bequemlichkeit, der Eleganz und der Pracht vereint, alles mithin, was ihren Stolz heben und ihre Sinnlichkeit kitzeln mochte. Solche Verfeinerungen haben die Moralprediger aller Zeiten mit dem Schmähwort des Luxus belegt, und es würde vermutlich die Gesittung und das Glück der Menschheit fördern, wenn jedermann das Notwendige und keiner das Überflüssige zum Leben besäße. Aber unter gegenwärtigen betrüblichen Zuständen unserer Gesellschaft ist der Luxus, sei er nun ein Kind des Lasters oder der Dummheit, offenbar das einzige Mittel, der ungleichen Verteilung des Reichtums gegenzusteuern. Der geschickte Handwerker oder der begabte Künstler, die beide an den Gütern dieser Erde keinen Anteil haben, erhalten eine freiwillige Zuwendung von den Grundbesitzern; und diese wiederum treibt ein Eigeninteresse an, jene Ländereien zu verbessern, deren Ertrag ihnen wiederum vermehrte Annehmlichkeiten ermöglicht. Diese Wechselwirkungen, deren besondere Folgen in jeder Gesellschaft festzustellen sind, waren in der römischen Welt noch umfassender wirksam. Der Reichtum der Provinzen hätte sich bald erschöpft, wenn nicht die Herstellung und der Verkauf von Luxusgütern den Untertanen unmerklich jene Gelder erstattet hätten, die ihnen die Waffen Roms und andere Belastungen genommen hatten. Solange dieser Umlauf sich innerhalb des Reichs abspielte, hielt er die politische Maschinerie in Bewegung, und seine Folgen, zuweilen sogar segensreich, konnten niemals ruinös sein.   AUSWÄRTIGER HANDEL Aber es ist kein leichtes Unterfangen, den Luxus auf die Grenzen des Reiches zu beschränken. Die entlegensten Länder der alten Welt wurden durchstöbert, um zu Roms Luxus und Weichlichkeit beizutragen. Die skythischen Wälder lieferten erlesene Pelzwaren. Von der Ostseeküste wurde Bernstein auf dem Landwege bis zur Donau gebracht, und die Barbaren verwunderten sich ob des hohen Preises für eine Sache ohne jeden Nutzen Tacitus, Germania 45. Plinius Hist. Nat 38. bemerkt mit einigem Humor, dass selbst die Mode für Bernstein keine Verwendung gefunden habe. Nero sandte einen Ritter, damit er große Mengen davon an Ort und Stelle erwerbe: an der Küste des heutigen Preußen. . Es gab eine beträchtliche Nachfrage nach babylonischen Teppichen und anderen Erzeugnissen des Ostens. Aber der wichtigste und zugleich unpopulärste Zweig des Außenhandels war der mit Arabien und Indien. Jedes Jahr zur Sommersonnenwende brach eine Flotte von einhundertundzwanzig Handelsschiffen von dem ägyptischen Hafen Myoshormos am Roten Meer auf. Sie überquerte den Ozean in vierzig Tagen, durch Monsunwinde zuverlässig unterstützt. Ziel ihrer Reise war für gewöhnlich die Küste Malabars oder Ceylon Die Römer nannten die Insel Taprobana, die Araber Screndib. Sie wurde unter Claudius entdeckt und wurde im Laufe der Zeit der wichtigste Markt des Ostens. , und auf deren Märkten erwarteten auch Kaufleute aus dem fernen Osten ihre Ankunft. Die Rückkehr der Flotte nach Ägypten wurde dann für Dezember oder Januar erwartet; und sobald ihre wertvolle Fracht auf Kamelrücken den Nil erreicht hatte und auf diesem wiederum nach Alexandria verschifft worden war, gelangte sie ohne Verzug in die Hauptstadt Plinius, Hist. Nat 6 und Strabo, 17 . Die Gegenstände des Orienthandels waren großartig und bedeutungslos zugleich: Seide Hist. Augusta p. 224 Ein Seidengewand galt als Zierde für eine Frau und als Schande für einen Mann. , von der ein Pfund so teuer war wie dieselbe Menge in Gold; Edelsteine, von der die Perle nach den Diamanten Die zwei größten Perlenfischereien waren damals dieselben wie heute, Ormuz und Kap Comorin. Soweit wir die antike mit der modernen Geographie vergleichen können, bezog Rom seine Diamanten aus der Mine von Sumelpur in Bengalen, welches Land beschrieben wird in den Voyages de Tavernier 2, p. 281 den ersten Rang beanspruchte, und eine Vielfalt von Aromen, die bei religiösen Handlungen und Leichenbegängnissen verbraucht wurden. Die Mühen und Gefahren der Seefahrt wurden durch einen unfassbaren Gewinn gelohnt; aber der Gewinn erfolgte auf Kosten römischer Untertanen, und eine Handvoll bereicherte sich an der Gesamtheit.   GOLD UND SILBER · ALLGEMEINE WOHLFAHRT Da nun die Araber und Inder mit den Produkten und Waren ihrer eigenen Länder zufrieden waren, war auf Seiten der Römer das Silber der wichtigste, wo nicht der einzige Tauschgegenstand. Es wurde von Seiten des Senats die ernste, dem Rang dieser Körperschaft angemessene Klage angestimmt, dass man, um weiblicher Putzsucht Vorschub zu leisten, den Reichtum des Landes an auswärtige, ja feindliche Nationen unwiderruflich verschleudere Tacitus, Annalen, 3, 52 (In einer Rede des Tiberius) . Der jährliche Verlust wurde von einem eifrigen, wenn auch tadelsüchtigen Schriftsteller auf etwa achthundertundtausend Pfund Sterling veranschlagt Plinius, Hist. Nat. 12, 18 An anderer Stelle errechnet er nur die Hälfte dieser Summe. Quingenties H.S. für Indien, Arabien ausgenommen. . Dies die Stimme der Skepsis, welche über den finsteren Anzeichen herandrohender Armut brütete. Wenn wir indessen das Verhältnis von Gold und Silber vergleichen, wie es zu Plinius' Zeiten stand und wie es unter Konstantin festgelegt wurde, so können wir innerhalb dieser Zeitspanne einen beträchtlichen Zuwachs verzeichnen Das Verhältnis 1 zu 10 und 12,5 stieg auf 14,4, welchen Satz Konstantin festgelegt hatte. Vgl. Arbuthnot, Tables of ancient coins, c.5 . Es gibt nicht den geringsten Grund zu der Annahme, dass das Gold seltener geworden war; es ist mithin offenbar, dass das Silber mehr in Umlauf kam; und wie groß auch immer der Goldexport in arabische oder indische Länder gewesen sein mag, er konnte den Reichtum der römischen Welt nicht im entferntesten erschöpfen; vielmehr befriedigte der Bergbau die Bedürfnisse des Handels reichlich.   ALLGEMEINES WOHLERGEHEN Trotz der Vorliebe des Menschen, die Vergangenheit zu verklären und die Gegenwart herabzusetzen, wurde der friedliche und wohlhabende Zustand des Reiches mit warmer Dankbarkeit empfunden und offen eingestanden, von Römern in gleicher Weise wie von den Provinzialen. »Sie erkannten an, dass die wahren Grundlagen des gemeinschaftlichen Lebens, Gesetze, Landwirtschaft und Wissenschaft, welche die Weisheit Athens zuerst ersonnen hatte, erst jetzt durch die Macht Roms festen Bestand gewonnen habe, unter dessen segensreichem Einfluss nun auch die wildesten Barbaren durch gleiche Regierung und Sprache geeint seien. Sie bekräftigen, dass sich mit der Verbesserung der Künste auch das Menschengeschlecht sichtlich vermehrt habe. Sie rühmten den zunehmenden Glanz der Städte, das liebliche Erscheinungsbild des Landes, das einem einzigen unermesslichen, gepflegten und geschmückten Garten gleiche; und sie rühmten den langen Feiertag des Friedens, dessen sich so viele Nationen freuen durften, ihrer alten Feindschaften vergessend, frei von Besorgnissen künftiger Gefahren.« Andere Verlautbarungen zum Thema bei Plinius, Hist. Nat. 3,5; Aristides (de urbe Roma) und Tertullian (de anima 30). Wenn auch der rhetorische und deklamatorische Dunst dieser Stellen jeden Verdacht rechtfertigen mag, so stimmt doch ihr wesentlicher Inhalt vollkommen zu der historischen Wahrheit.   VERFALL DES GEISTES Schwerlich hätten die Zeitgenossen in diesem allgemeinen Glückzustande verborgene Anzeichen für künftigen Verfall und Untergang entdecken können. Der lange Frieden, die gleichförmige Regierung der Römer hatte den lebenswichtigen Organen des Reiches ein langsam wirkendes, unbemerktes Gift eingeträufelt. Das Denken der Menschen befand sich auf gleicher Stufe, das Feuer des Geistes war erloschen, und selbst der militärische Genius war verflogen. Die Eingeborenen Europas waren tapfer und kraftvoll. Spanien, Gallien, Britannien und Illyrien stellten den Legionen vorzügliche Soldaten, und bildeten die eigentliche Stärke der Monarchie. Ihre individuelle Tapferkeit besaßen die Römer nach wie vor, aber sie hatten nicht mehr jene öffentliche Tapferkeit, welche sich nährt von der Liebe zur Freiheit, dem nationalen Ehrgefühl, der Nähe von Gefahr und der Gewohnheit zu befehlen. Gesetze und Statthalter gab ihnen der Herrscher vor, aber ihre Verteidigung vertrauten sie einer Söldnerarmee an. Selbst die Nachkommen ihrer kühnsten Anführer waren mit dem Status eines Bürgers oder Untertanen zufrieden. Ihre ehrgeizigsten Vertreter gingen an den Hof oder unter die Fahnen; und die verlassenen Provinzen, jeder politischen Stärke oder Einheit bar, versanken unmerklich in der stumpfen Monotonie des Privatlebens. Die Liebe zu den Wissenschaften, die fast immer eine Frucht von Friede und Zivilisation ist, stand unter den Untertanen Hadrians und der Antonine – diese waren selbst Männer von Bildung und Wissbegierde – in Mode. Sie war im gesamten Reich verbreitet; die nördlichsten Stämme Britanniens hatten der Rhetorik Geschmack abgewonnen; an den Ufern von Rhein und Donau wurden Vergil und Homer abgeschrieben und studiert; noch die dürftigsten literarischen Verdienste wurden belohnt Herodes Atticus schenkte dem Sophisten Polemo für drei Deklamationen über achttausend Pfund Sterling (Philostrates, vita Herodes c.7). Die Antonine begründeten zu Athen eine Schule, in der Lehrer für Grammatik, Rhetorik, Politik sowie die vier großen Philosophensekten angestellt wurden. Das Gehalt eines Philosophen betrug zehntausend Drachmen, entsprechend drei- bis vierhundert Pfund im Jahr. Ähnliche Anstalten gab es auch in anderen großen Städten des Reiches. Lucian in Eunuch, Bd. 2, p. 353; Philostratos, 2, p.566; Historia August. P. 21; Cassius Dio, 71, p. 1195. In einer bitteren Satire (Juvenal, Sat 7, 20), in der er mit jeder Zeile seine Verachtung und seinen Neid verrät, ist Juvenal gleichwohl zu dem Eingeständnis genötigt: ...O Juvenes, circumspicit et agitat vos./ Materiamque sibi ducis indulgentia quaerit.« (Ihr Jungen, es ruht eures Fürsten Blick auf euch, er befeuert euch, voll Nachsicht sucht er nach geeignetem Stoffe.) . Die Physik und die Astronomie wurde von den Griechen mit Erfolg weiterbetrieben; die Beobachtungen eines Ptolemaeus und die Schriften eines Galen werden heute noch von denen studiert, welche ihre Entdeckungen verbessert und ihre Irrtümer beseitigt haben; indessen, wenn wir den unnachahmlichen Lucan ausnehmen, dieses Zeitalter der Dumpfheit ging vorüber, ohne einen einzigen Schriftsteller von Originalität oder mit natürlichem und elegantem Stil hervorgebracht zu haben. Die Autorität Platos und Aristoteles', Zenos oder Epikurs dominierte noch immer in den Schulen, und ihre blindgläubig von einer Schülergeneration zur nächsten weitergereichten Systeme hinderten jeden ernstzunehmenden Versuch, die Kraft des Menschengeistes zu stärken, geschweige denn seine Grenzen zu erweitern. Die Werke von Dichtern und Rednern entzündeten nicht etwa ein dem ihrigen vergleichbares Feuer, sondern veranlassten nur kalte und sklavische Nachahmungen; und wagte einer wirklich einmal ein Abbiegen von diesem Wege, so verließ er gleichzeitig die Grenzen des guten Geschmacks und der Schicklichkeit. Als die Wissenschaften nach langem Schlummer wiederauflebten, riefen Europas Geist eine jugendkräftige Phantasie, nationaler Wetteifer, eine neue Religion, neue Sprachen, eine neue Welt. Aber die Provinzbewohner Roms, die eine einheitliche, gekünstelte und ihnen fremde Erziehung erhalten hatten, befanden sich in einem höchst ungleichen Wettbewerb mit jenen kühnen Alten, welche dadurch, dass sie ihre ureigensten Gefühle in ihrer Muttersprache ausdrückten, bereits jeden Ehrenplatz besetzt hielten. Der Name Dichter war bereits vergessen; den eines Redners beanspruchten die Sophisten für sich. Eine Wolke von Kritikern, Kompilatoren und Kommentatoren verdunkelten das Antlitz der Wissenschaften, und auf den Untergang des Geistes folgte bald die Verderbtheit des Geschmacks.   AUSBLICK Der erhabene Longinus, der in einer etwas späteren Periode und am Hofe einer syrischen Königin den Geist Athens zu bewahren suchte, bemerkt und beweint diese Entartung seiner Zeitgenossen, die ihnen die Gesinnung verdarb, den Mut benahm und ihre Talente unterdrückte. »In gleicher Weise«, so schreibt er, »wie einige Kinder für immer zwergwüchsig bleiben, wenn man ihnen die kindlichen Glieder zu fest eingeschnürt hat, so ist auch unser empfindlicher Geist unfähig sich zu entfalten, da er durch Befangenheit und Gewohnheit in einer selbstverschuldeten Sklaverei gefesselt ist, und er ist unfähig, jene harmonische Größe zu erreichen, welche wir an den Alten so bewundern, die in einer Demokratie lebten und mit derselben Freiheit schrieben, mit der sie auch handelten.« Longinus, de Sublim, c 43: Auch hier nun können wir von Longinus sagen: »Sein eigenes Vorbild macht seine Regeln glaubwürdiger.« Statt seine Gedanken mit Kühnheit auszusprechen, haucht er sie nur mit zärtlichster Scheu, legt sie einem Freund in den Mund und – soweit wir dem verderbten Text entnehmen können – brilliert förmlich bei ihrer Widerlegung. Diese verkleinerte Ausgabe des Menschen Menschengeschlechtes, um im Bilde zu bleiben, entfernte sich täglich weiter unter die alten Maßstäbe, und die römische Welt war in der Tat bevölkert von einer Pygmäenrasse, bis dann die furchtbaren Riesen aus dem Norden einbrachen und dadurch dem Zwergengeschlecht wieder aufhalfen. Sie stellten den mannbaren Geist der Freiheit wieder her, und diese Freiheit wurde nach Ablauf von zehn Jahrhunderten die glückliche Mutter der Künste und der Wissenschaften, um im Bilde zu bleiben, entfernte sich täglich weiter unter die alten Maßstäbe, und die römische Welt war in der Tat bevölkert von einer Pygmäenrasse, als die furchtbaren Hünen aus dem Norden einbrachen und dadurch dem Zwergengeschlecht wieder aufhalfen. Sie stellten den mannbaren Geist der Freiheit wieder her, und diese Freiheit wurde nach Ablauf von zehn Jahrhunderten die glückliche Mutter der Künste und der Wissenschaften. III VERFASSUNG DES RÖMISCHEN IMPERIUMS IM ZEITALTER DER ANTONINE ··· DIE HERRSCHER VON AUGUSTUS BIS DOMITIAN   BEGRIFF DER MONARCHIE · AUGUSTUS Die naheliegendste Definition einer Monarchie ist die eines Staates, in welcher eine Einzelperson, durch welche Betitelung auch immer vor anderen ausgezeichnet, betraut ist mit dem Erlass von Gesetzen, der Verwaltung des Steuerwesens und dem Oberbefehl über die Armee. Wenn aber die öffentliche Freiheit nicht durch mutige und aufmerksame Hüter geschützt wird, dann wird die Stellung eines so mächtigen Amtsinhabers rasch zu Despotismus ausarten. Im Zeitalter des Aberglaubens könnte der Einfluss der Kirche mit Gewinn bei der Verteidigung der Menschenrechte eingreifen; indessen war das Band zwischen Thron und Altar seit jeher so innig geflochten, dass das Banner der Klerisei nur sehr selten auf Seiten der Freiheit gesichtet ward. Ein kampfbereiter Adel und unbeugsame Gemeine, mit Waffen wohl versehen, auf ihren Besitz eifersüchtig und in verfassungsgemäßen Versammlungen vereint: dies ist das einzige Gegengewicht, welches die Freiheit der Verfassung gegen die Anschläge eines ehrgeizigen Fürsten in die Schale werfen kann. Der ausufernde Ehrgeiz Caesars hatte jedes von der Verfassung vorgesehene Hindernis beseitigt. Jede Einengung hatten die grausamen Triumvirn aufgehoben. Nach dem Sieg bei Actium hing das Schicksal der römischen Welt vom alleinigen Willen des Octavian ab, welcher infolge seiner Adoption durch seinen Onkel den Beinamen Caesar und danach infolge senatorischer Kriecherei den Beinamen Augustus erhalten hatte. Der Eroberer stand an der Spitze von vierundvierzig Legionen bewährter Krieger Orosius 6,18 , die sich ihrer eigenen Stärke ebenso bewusst waren wie der Schwäche der Verfassung, denen nach zwanzig Jahren Bürgerkrieg keine Blut- und Gewalttat mehr fremd war, und die dem Hause Caesars mit Leidenschaft ergeben waren, da sie von hier die großzügigsten Belohnungen erhalten hatten und auch fernerhin erwarten durften. Die Provinzen, die so lange durch die Statthalter der Republik ausgeplündert worden waren, seufzten nach der Herrschaft eines Einzelnen, welcher dann der Herr und nicht der Komplize dieser Kleintyrannen sein würde. Die Bevölkerung Roms, die mit heimlichem Wohlbehagen der Demütigung der Aristokratie zusah, verlangte nach Brot und Spielen und erhielt aus der freigebigen Hand des Augustus beides. Die wohlhabenden und wohlgebildeten Italiener, die sich fast alle die Philosophie Epikurs angeeignet hatten, freuten sich an dem gegenwärtigen Zustand der Ruhe und Ordnung und litten es nicht, dass ihr schöner Traum durch die Erinnerung an die vergangene unruhige Freiheit aufgestört werde. Der Senat hatte mit seiner Macht auch seine Würde eingebüßt: viele der angesehensten Familien waren ausgelöscht. Republikaner von Mut und Talent waren entweder auf den Schlachtfeldern oder während der Proskriptionen umgekommen. Das Tor zum Senat war geflissentlich aufgetan für eine heterogene Menge von mehr als tausend Personen, welche ihrer Stellung Unehre machten, als dass sie Ansehen aus ihr gezogen hätten. Iulius Caesar ließ Soldaten, Ausländer und Halb-Barbaren in den Senat (Sueton, Caesar c. 77, 80). Dieser Missbrauch wurde nach seinem Tode noch skandalöser.   SENATSREFORM Die Reform des Senates war die erste Maßnahme, mit der Augustus den Tyrannen verleugnete und sich als Vater des Vaterlandes zu erkennen gab. Er wurde zum Censor gewählt; in Absprache mit seinem Getreuen Agrippa überprüfte er die Senatorenliste, warf einige seiner Mitglieder hinaus, da deren Verbrechen oder Starrsinn ein öffentliches Exempel erheischten, legte mehr als zweihundert von ihnen nahe, der Schande der Verstoßung durch freiwilligen Rücktritt zuvor zu kommen, erhöhte den Vermögenszensus von Senatoren auf etwa zehntausend Pfund Sterling, stiftete eine ausreichende Zahl Patrizierfamilien und nahm für sich selbst den Ehrentitel Fürst ( princeps ) des Senates an, welcher sonst von den Censoren dem durch Ehren und Verdienste hervorragendsten Bürger verliehen wurde Cassius Dio, 53, 42; Sueton, Augustus c. 35 . Aber indem er so die Würde des Senats wieder herstellte, zerstörte er dessen Unabhängigkeit. Die Grundlagen einer freien Verfassung gehen unwiederbringlich verloren, sobald die Regierung die gesetzgebende Gewalt ernennt.   LÄSST SICH SEINE ANGEMASSTE MACHT BESTÄTIGEN Vor einer solchermaßen besetzten und eingestimmten Versammlung hielt Augustus nun eine wohlvorbereitete Rede, welchen seinen Patriotismus offen legte und seine eigentlichen Absichten verschleierte. »Er beseufzte, ja entschuldigte seine früheren Aufführungen. Kindliche Anhänglichkeit hatte ihm die Rache an seines Vaters Mördern abverlangt; seine eigene humane Natur sei zuweilen vor den unerbittlichen Gesetzen der Notwendigkeit zurückgeschaudert, aber auch zu einer erzwungenen Verbindung mit zwei Unwürdigen vermocht worden: solange Antonius noch lebte, habe ihm die Republik untersagt, sie einem heruntergekommenen Römer und einer Barbarenkönigin auszuliefern. Nun aber sei er frei, seinen Pflichten wie Neigungen zu folgen. Er setze den Senat und das Volk feierlich in deren althergebrachten Gerechtsame wieder ein; und wünsche nichts weiter, als sich unter seine Mitbürger zu mischen und so ebenfalls an den Segnungen teilzuhaben, die er seinem Lande gestiftet habe Cassius Dio (53,3) übermittelt uns bei dieser großen Gelegenheit eine weitschweifige und bombastische Rede. Ich habe mir von Tacitus und Sueton nur den allgemeinen Tenor der Rede des Augustus ausgeliehen. .   ERHÄLT DIE TITEL IMPERATOR ODER GENERAL Es würde die Feder eines Tacitus erfordern (wenn Tacitus denn dieser Versammlung beigewohnt hätte), um die unterschiedlichen Gemütsäußerungen des Senates zu beschreiben: die, welche unterdrückt wurden ebenso wie die, die erheuchelt waren. Es war gefährlich, der Aufrichtigkeit des Augustus zu trauen, sich aber den Anschein zu geben, dass man ihr misstraue, möglicherweise noch gefährlicher. Die jeweiligen Vorzüge von Republik und Monarchie haben schon immer die Staatstheoretiker entzweit; die gegenwärtige Größe Roms, die Verderbnis der Sitten, die Zügellosigkeit der Soldaten gaben den Befürwortern der Monarchie neue Argumente an die Hand; und die Besorgnisse und Hoffnungen jedes einzelnen drehten sich diese allgemeinen Ansichten über Regierung jeweils zurecht. Trotz der Erschütterung der Gefühle war des Senates Antwort einmütig und bestimmt. Sie weigerten sich, den Rücktritt des Augustus anzunehmen; sie beschworen ihn, die Republik, die er errettet habe, jetzt nicht im Stiche zu lassen. Nachdem sich der Tyrann in berechneter Schicklichkeit noch etwas geziert hatte, unterwarf er sich den Weisungen des Senats, willigte ein, die Verwaltung der Provinzen sowie den Oberbefehl über die Armee zu übernehmen, und zwar unter dem wohlbekannten Namen eines PROCONSULS und IMPERATORS Imperator bezeichnete in der Republik nichts anderes als einen General, und dieser Titel wurde von den Soldaten verliehen, wenn sie auf dem Schlachtfeld ihren Feldherrn dieser Bezeichnung für wert hielten. Als die römischen Kaiser sich den Titel Imperator im diesem Sinne zulegten, setzten sie ihn nach ihrem eigentlichen Namen und merkten gleichzeitig an, wie oft sie ihn erhalten hatten. . Allerdings wolle er sie nur auf zehn Jahre wahrnehmen. Er hoffe, dass noch vor Ablauf dieses Zeitraumes die Wunden des Bürgerkrieges vernarbt seien und die Republik, zu ihrer alten Kraft und Gesundheit wiedererstanden, nicht länger einer so gefährlichen Zwischenlösung wie dieser allmächtigen Magistratur bedürfe. – Das Andenken an diese Groteske, die zu Augustus Lebzeiten mehrfach neu inszeniert wurde, kultivierte man bis in die späten Tage des Imperiums mit Hilfe der besonderen Aufwendungen, mit denen die lebenslänglichen Monarchen Roms stets ihr zehnjähriges Regierungsjubiläum zu zelebrieren pflegten Cassius Dio, 53, 11 .   DIE MACHT DER RÖMISCHEN FELDHERREN Die Feldherren der römischen Armeen konnten, ohne dabei die Verfassung zu verletzen, eine fast unbegrenzte Macht über die Soldaten, die Feinde und die Untertanen der Republik ausüben. Was nun die Soldaten betrifft, so hatten sie ihren Freiheitssinn bereits in der Frühzeit der Republik der Hoffnung auf Eroberungen und der rechverstandenen Einsicht in militärische Disziplin Platz nachgeordnet. Der Diktator oder Konsul hatte nicht nur das Recht, die Dienste der römischen Jugend einzufordern, sondern Ungehorsam infolge von Starrsinn oder Feigheit mit den schwersten und schmählichsten Strafen zu ahnden: er konnte den Täter aus der Bürgerliste streichen, sein Eigentum beschlagnahmen und ihn sogar in die Sklaverei verkaufen Livius, Epitome zu Buch 14; Valerius Maximus,6,3 . Die heiligsten Freiheitsrechte, die in den porcischen und sempronischen Gesetzen niedergelegt waren, wurden für die Dauer der Militärzeit außer Kraft gesetzt. In seinem Lager übte ein General unumschränkte Macht über Leben und Tod aus; seine Jurisdiktion brauchte keine Verfahrens- oder Rechtsformen zu beobachten, und die Vollstreckung des Urteils geschah sofort und ohne Möglichkeit zur Berufung Vergleiche etwa Livius,8. Buch, der Oberbefehl des Manlius Torquatus und Papirius Cursor. Sie verletzten jedes Natur- und Menschengesetz, aber vertraten die Normen der militärischen Disziplin; und diejenigen, die sich vor dieser Handlung entsetzten, waren gleichwohl genötigt, das Prinzip zu achten. . – Die gesetzgebende Gewalt befand regelmäßig darüber, wer als Feind des römischen Volkes zu gelten habe. Die hochwichtigen Entscheidungen über Frieden und Krieg wurden vom Senat ernsthaft debattiert und vom Volk feierlich bestätigt. Wenn aber die Legionen in großer Entfernung von der Heimat standen, nahmen sich die Generäle die Freiheit, sie gegen welchen Feind und in welcher Weise auch immer einzusetzen, so, wie es ihnen für den Dienst an der Öffentlichkeit am angemessensten erschien. Triumphe hatten sie vom Erfolg ihrer Unternehmungen zu erwarten, nicht von deren Berechtigung. Im Verfolg ihres Sieges, zumal wenn ihnen kein Senatsbevollmächtigter mehr auf die Finger sah, übten sie sich im ungezwungensten Despotismus. Als Pompeius im Osten stand, belohnte er seine Soldaten und die Alliierten nach Belieben, setzte Herrscher ab, teilte Königreiche, gründete Kolonien und verteilte die Schätze des Mithradates. Alle diese Maßnahmen wurden nach seiner Rückkehr durch einen einzigen Senats- und Volksbeschluss gutgeheißen Infolge von recht großzügigen Volksbeschlüssen hatte Pompeius eine militärische Macht angehäuft, die der des Augustus kaum nachstand. Unter die besonders erwähnenswerten seiner Taten sollten wir die Gründung von neunundzwanzig Städten zählen sowie die Verteilung von drei -oder vier Millionen Pfund Sterling unter seine Soldaten. Die Billigung seiner Maßnahmen im Senat stieß allerdings auf einigen Widerspruch. Siehe Plutarch, Appian, Cassius Dio und das 1. Buch der Atticusbriefe (Ciceros). . So stand es um die den Generälen der Republik entweder überantwortete oder von ihnen angemaßte Macht über die Soldaten und über die Feinde Roms. Sie waren zugleich die Verwalter – oder besser Könige – der eroberten Provinzen, vereinigten in sich zivilen und militärischen Rang, verwalteten Rechts- und Finanzangelegenheiten und übten zugleich oberste exekutive und legislative Gewalt des Staates aus.   VERTRETER DES KAISERS Aus dem im ersten Kapitel Dargestellten lassen sich Nachrichten gewinnen über die Armeen und Provinzen, die nun in Augustus Hände gelegt wurden. Da es aber unmöglich war, so viele Legionen an so vielen entfernten Grenzen in Person zu befehligen, gewährte der Senat ihm, wie übrigens früher schon Pompeius, sein umfangreiches Amt auf ausreichend viele Stellvertreter zu übertragen. An Rang und Befugnissen waren diese Offiziere den früheren Proconsuln durchaus vergleichbar, aber ihre Stellung war unselbständig und ungesichert. Sie verdankten ihre Ernennung ja dem Willen eines Höheren, und der Erfolg ihrer Handlungen wurde von Gesetzes wegen seinen Auspizien zugeschrieben. Während der Republik konnte ein Triumph nur dann von einem General beansprucht werden, wenn er Vollmacht besaß, im Namen des Volkes die Auspizien einzuholen. In der letzten Konsequenz, die sich aus diesen religiösen und politischen Vorgaben ableitete, war ein Triumphzug also dem Kaiser vorbehalten, während seine erfolgreichsten Unterfeldherren sich mit Ornamenten zufrieden geben mussten, welche man eigens für sie ausgedacht hatte. Sie waren die eigentlichen Repräsentanten des Kaisers. Der Kaiser alleine war der Feldherr der Republik, und auch seine Rechtsprechung erstreckte sich auf das gesamte eroberte Gebiet. Indessen bemerkte der Senat mit einiger Genugtuung, dass der Kaiser seine Macht stets den Mitgliedern ihrer Körperschaft auslieh. Die kaiserlichen Statthalter waren von prätorianischem oder konsularischem Rang; die Legionen wurden von Senatoren befehligt, und nur die Präfektur Ägyptens war die einzige Stellung von Bedeutung, die einem Ritter anvertraut wurde. Sechs Tage, nachdem Augustus sich die Annahme eines so großherzigen Geschenkes hatte abschmeicheln lassen, entschloss er sich, dem Stolz des Senats ein Bauernopfer zu bringen. Er legte ihnen dar, dass sie seine Macht vergrößert hätten, mehr, als es die betrübliche Zeitläufte gegebenenfalls erfordern mochten. Sie hätten es ihm verwehrt, den strapaziösen Oberbefehl über die Armeen und die Grenzlande auszuschlagen; indessen müsse er darauf insistieren, wenigstens in den friedlicheren und gesicherten Provinzen die mildherzige Zivilverwaltung wiederherzustellen. – In dieser Teilung der Provinzen trug Augustus in gleicher Weise für seine eigene Macht Sorge wie auch für die Würde der Republik. Die Prokonsuln des Senats, insbesondere die Asiens, Griechenlands und Afrikas genossen eines höheren Ansehens als die Statthalter des Kaisers, welche in Gallien oder Syrien residierten. Erstere wurden durch Lictoren geleitet, letztere durch Soldaten. Ein Gesetz verfügte, dass, wo immer der Kaiser sich persönlich aufhalte, er aufgrund seiner außerordentlichen Vollmachten die übliche Jurisdiktion des Statthalters außer Kraft setzen könne; die Praxis kam auf, alle Neueroberungen dem Kaiser zufallen zu lassen; und bald ward ersichtlich, dass die Macht des princeps , – dies des Augustus Lieblings-Epitheton – in jedem Teil des Reichs die gleiche war.   WEITERE KAISERLICHE EHRENSTELLUNGEN UND VORRECHTE Als Gegenleistung für dieses Scheinzugeständnis erhielt Augustus ein wichtiges Privileg, welches ihn zum eigentlichen Herrscher Roms und Italiens machte. Er wurde ermächtigt, den militärischen Oberbefehl und darüber hinaus eine Anzahl Leibwachen, auch in Friedenszeiten und im Herzen der Hauptstadt zu führen, welche Maßregeln eine gefährliches Abweichen von einem bewährten Prinzip bedeuteten. Seine Befehlsgewalt erstreckte sich zwar nur auf die Bürger, die durch ihren militärischen Eid zum Dienst verpflichtet waren; aber der Hang der Römer zur Knechtschaft war bereits so mächtig, dass Magistrate, Senat und Ritterschaft aus eigenem Antrieb diesen Eid leisteten, bis sich dieses Gemenge aus Artigkeit und Schmeichelei allmählich zu einer festlichen jährlichen Treueverpflichtung umgestaltet hatte.   BEFUGNISSE VON KONSULN UND VOLKSTRIBUNEN Augustus sah in militärischer Macht zwar die wichtigste Grundlage seiner Macht; aber klüglich verwarf es als ein denn doch sehr hässliches Instrument der Regierung. Es stimmte mehr zu seiner Gemütsverfassung wie auch zu seiner Politik, unter dem ehrbaren Namen der alten Magistrate zu regieren und in seiner Person geschickt die vereinzelten Fäden der bürgerlichen Zivilgewalt zu zusammenzufassen. In dieser Absicht gestattete er dem Senat, ihm lebenslänglich die konsularische Cicero (de legibus 3,3) gibt dem Konsulat den Namen regia potestas; und Polybius (6,3) entdeckt drei Machtpositionen in der römischen Verfassung: Die monarchische wurde durch die Konsuln verkörpert und ausgeübt. und tribunizische Da die tribunizische Gewalt (eine andere als das Jahresamt des Volkstribunen) zuerst für den Diktator Caesar konstruiert wurde, können wir leicht erraten, dass dies aus Dankbarkeit geschah dafür, dass er die heiligen Gerechtsame der Tribune und des Volkes mit dem Schwert verteidigt habe.( Dazu sein eigener Kommentar in Caesar, de Bell. Civ. 1. Buch) Gewalt zu übertragen, was von allen seinen Nachfolgern in gleicher Weise fortgesetzt wurde. Die Konsuln waren die Rechtsnachfolger der Könige, und verkörperten die Würde des Staates. Sie führten Aufsicht über religiöse Zeremonien, hoben Legionen aus, befehligten sie, erteilten ausländischen Gesandten Audienz und führten bei den Senats- und Volksversammlungen den Vorsitz. Die Kontrolle des Finanzwesens lag in ihren Händen, und obgleich sie selten die Muße hatten, die Justiz persönlich zu beaufsichtigen, galten sie als oberste Hüter des Rechts, der Gerechtigkeit und des öffentlichen Friedens. Dies war im Regelfall ihre Machtstellung; wenn jedoch der Senat dem obersten Beamten Vollmacht gab, die Sicherheit des Gemeinwesens zu besorgen, so wurde er durch diesen Erlass noch über das Gesetz gestellt und übte, während er die Freiheit verteidigte, zeitweilig despotische Augustus übte das Konsulat neun Jahre ohne Unterbrechung aus. Dann weigerte er sich mit kunstreicher Berechnung, dieses Amt wie auch die Diktatur zu übernehmen, entfernte sich aus Rom und wartete, bis die bedrohlichen Wirkungen des Parteienhaders den Senat nötigten, ihm das immerwährende Konsulat anzudienen. Augustus wie auch seine Nachfolger waren indessen bestrebt, eine so ominöse Titulatur zu vertuschen. Gewalt aus. Das Amt eines Tribunen war in jeder Hinsicht von dem der Konsuln verschieden. Das äußere Erscheinungsbild der ersteren war bescheiden und schlicht, aber ihre Person war geheiligt und unverletzlich. Ihre Stärke war der Widerstand, nicht das aktive politische Handeln. Sie waren eingesetzt, um den Unterdrückten beizuspringen, um Vergehen zu verzeihen, um die Feinde des Volkes anzuklagen, und gegebenenfalls mit einem einzigen Wort die ganze Regierungsmaschinerie zum Stillstand zu bringen. Solang die Republik noch lebte, war den gefährlichen Möglichkeiten, die ein Konsul bzw. Tribun sich aus seinen jeweiligen Amtsbefugnissen hätten ableiten können, durch verschiedene Gesetze Grenzen gezogen. Ihre Macht endete zugleich mit dem Jahr, für das sie gewählt waren; das Amt des Konsuls war unter zwei, das der Tribunen unter zehn Personen aufgeteilt; und da sie sich in ihren privaten wie politischen Interessen oftmals feindlich begegneten, trugen ihre gegenseitigen Kontroversen eher dazu bei, dem Gleichgewicht der Verfassung Bestand zu verleihen als ihm Eintrag zu tun. Nachdem aber konsularische und tribunizische Gewalt in einer einzigen Person, noch dazu auf Lebenszeit vereinigt war, nachdem der Oberbefehlshaber der Armee gleichzeitig Minister des Senates und Stellvertreter für das römische Volk geworden war, da war es nachgerade unmöglich geworden, der Ausübung dieser kaiserlichen Macht zu widerstehen, wie es schwierig war, wenigstens ihre Grenzen zu bestimmen.   IMPERIALE PRÄROGATIVE Dieser Ansammlung von Ehrenstellen fügte die Politik des Augustus bald auch noch die glänzenden und einflussreichen Würden eines Pontifex maximus und eines Zensors hinzu. Durch das erste Amt erlangte er Einfluss auf die Religionsausübung, durch das andere die gesetzliche Aufsicht über Sitte und Vermögen der römischen Bürger. Wenn diese vielen verschiedenen und selbständigen Vollmachten auch nicht immer peinlich genau miteinander harmonieren mochten, so fand sich doch der Herzenseifer des Senats stets vorbereitet, jedwedem Bedürfnis durch umfänglichste und außerordentlichste Zugeständnisse abzuhelfen. Die Kaiser als die ersten Beamten der Republik waren von den Verpflichtungen und Strafandrohungen vieler lästiger Gesetze befreit: sie durften den Senat einberufen, an ein und demselben Tage mehrere Gesetzesvorschläge einbringen, Kandidaten für Staatsehren empfehlen, die Grenzen der Stadt ausdehnen, Krieg und Frieden erklären, Verträge abschließen; und endlich waren sie aufgrund einer umfassenden Blankovollmacht berechtigt, alles das zu tun, was nach ihrem Bedünken den Nutzen des Reichen mehrte und was der Majestät der Dinge, öffentlicher wie privater, menschlicher oder göttlicher zuträglich sei Hierzu existiert ein Fragment eines Senatsbeschlusses, die dem Kaiser Vespasian alle Vollmachten überträgt, welche schon seine Vorgänger besessen hatten. Diese seltene und bedeutsame Monument findet sich in Gruters Inscriptiones 242 .   DIE MAGISTRATE Während so alle Exekutivgewalt in kaiserlichen Hände gelegt war, siechten die eigentlichen Magistrate der Republik in Bedeutungslosigkeit dahin, ohne Einfluss, beinahe sogar ohne eigentliche Aufgaben. Namen und Form der überlieferten Verwaltung hatte Augustus mit der peinlichsten Sorgfalt beibehalten. Die Konsuln, Prätoren und Tribunen Zwei Konsuln wurden an den Kalenden des Januar inauguriert; aber im Laufe des Jahres wurden andere an ihre Stelle gesetzt, bis sich ihre jährliche Zahl auf nicht weniger als zwölf erhöht hatte. Prätoren gab für gewöhnlich sechzehn bis achtzehn. (Lipsius, Exkurs D zu Tacitus Annalen Buch 1) Die Ädilen und Quästoren habe ich nicht erwähnt. Polizei- oder Finanzbeamten passen sich jedweder Regierungsform mit Geschmeidigkeit an. Noch zu Neros Zeit besaßen die Tribunen das Vetorecht, obwohl die Wahrnehmung dieses Rechtes gefährlich gewesen sein dürfte (Tac. Ann. 16,26). Für die Zeit des Trajan lässt sich nicht mit Bestimmtheit angeben, ob Tribun ein Amt oder nur noch ein Name war (Plinius, Epist. 1,23). wurden in üblicher Zahl jährlich mit ihren jeweiligen Amtsinsignien ausgestattet und fuhren fort, wenigstens die unwichtigsten ihrer Aufgaben zu verrichten. Diese Ehrenstellen verlockten immer noch den leeren Ehrgeiz vieler Römer; auch die Kaiser selbst, die doch auf Lebenszeit mit konsularischen Würden bekleidet waren, bewarben sich des öfteren um diese Jahres-Ehre, welche dann mit den erlauchtesten ihrer Mitbürger zu teilen sie gnädigst geruhten Die Tyrannen gierten nach den Konsulat, während die rechtschaffenen Herrscher sich hierin maßvoll zeigten und das Amt redlich ausübten. Trajan rief sogar den alten Amtseid ins Leben und schwor vor dem konsularischen Tribunal, dass er die Gesetzte einhalten würde (Plinius, Paneg. 64). . Während der Wahlen zu diesen Ämtern durfte das Volk in Augustus' Regierungszeit ungebärdige Demokratie inszenieren. Dieser fintenreiche Herrscher warb in Demut um Stimmen für sich oder seine Freunde und erfüllte gewissenhaft alle Obliegenheiten eines ganz gewöhnlichen Kandidaten Quoties magistratuum comitiis interesset, tribus cum candidatibus suis circuibat; supplicabatque more solemni. Ferebat et ipse suffragium in tribu, ut unus e populo« (Bei jeder Beamtenwahl, der er beiwohnte, ging er mit seinen Kandidaten in den Wahlbezirken umher und bat nach altem Brauch um die Stimmen. Auch gab er, wie nur einer aus der Masse des Volkes, seine Stimme ab. Sueton, Augustus 56) , und dieses alles ohne die geringsten Anzeichen von Unmut. Die erste Maßnahme der nächsten Regierung bestand darin, die Konsulwahlen dem Senat zu übertragen »Tum primum comitia e campo ad patres translata sunt« (Damals wurden zum ersten Male die Beamtenwahlen vom Marsfeld in den Senat verlegt) Tacitus, Annalen 1,15. Das Wort »primum« ist wohl eine Anspielung auf einige dürftige und glücklose Anläufe, sie dem Volk wiederzugeben. , und wir dürfen getrost wagen, dies seinen Einflüsterungen zuzuschreiben. Volksversammlungen wurden für alle Zeiten abgeschafft, und die Kaiser hatten sich dadurch einer unberechenbaren Masse entledigt, die, ohne die Freiheit eigentlich wiederherzustellen, die bestehende Regierung hätte zumindest ärgern, ja gefährden können.   DER SENAT · DAS KAISERLICHE SYSTEM Indem sie sich zu Beschützern ihres Volkes erklärten, untergruben Marius und Cäsar die Verfassung ihres Landes. Aber sobald der Senat gedemütigt und entwaffnet war, fand man heraus, dass solch eine Versammlung von fünf- bis sechshundert Personen ein Instrument der Herrschaft war, viel formbarer und nützlicher als jenes. Auf eben der Würde des Senates begründeten Augustus und seine Nachfolger ihr neues Herrschaftssystem; und bei jeder Gelegenheit gaben sie sich das Ansehen, die Sprache und Grundsätze dieser Patrizier sich anzueignen. In Ausübung ihrer eigenen Macht konsultierten sie öfters den hohen Nationalrat, und es hatte den Anschein , dass sie seiner Entscheidung die wichtigsten Friedens- und Kriegsangelegenheiten anheim stellten. Rom, Italien und die inneren Provinzen waren der unmittelbaren Jurisdiktion des Senats unterstellt. In Zivilsachen war er die letzte Instanz; in Kriminalsachen war er derjenige Gerichtshof, der alle Verbrechen verhandelte, welche entweder von Inhabern eines öffentlichen Amtes begangen worden waren oder welche den Frieden und die Majestät des Römischen Volkes berührten. Die Rechtsprechung war die häufigste und ernsthafteste Beschäftigung des Senates überhaupt, und wenn wichtige Fälle vor ihm verhandelt wurden, so war auch dem Geiste der alten Beredsamkeit eine letzte Wirkungsstätte eröffnet. Der Senat hatte als Staatsrat und Gerichtshof beträchtliche Prärogative; aber auch in seiner Eigenschaft als Gesetzgeber, in der der Senat als eigentlicher Vertreter des Volkes angesehen wurde, erkannte man die dieser Versammlung innewohnenden Souveränitätsrechte an. Jede Gewalt ging von ihnen aus, jedes Gesetz unterlag ihrer Sanktion. Ihre turnusmäßigen Versammlungen fanden dreimal im Monat statt, an den Kalenden, den Nonen und den Iden. Ihre Debatten wurden in schicklicher Freiheit geführt, und die Kaiser selbst, die sich selbstbewusst mit dem Senatorentitel schmückten, saßen dabei und waren unter ihresgleichen.   DIE DEM KAISERLICHEN SYSTEM ZUGRUNDE LIEGENDE IDEE Um das Regierungssystem in wenigen Worten zusammenzufassen, welches von Augustus geschaffen war und welches diejenigen Herrscher beibehielten, welche auf ihr eigenes Wohl und das des Volkes bedacht sein wollten: es war eine absolute Monarchie in der Maske der Republik. Die Meister der römischen Welt umhüllten ihren Thron mit Dunkel, verschleierten ihre ungebrochene Macht und bekannten sich als die gehorsamen Diener eines Senates, deren unabhängige Beschlüsse sie diktierten und befolgten Cassius Dio, 53,12-18, hat das imperiale Regierungssystem nur lückenhaft und unausgewogen skizziert. Um seine Darstellung zu veranschaulichen und – oftmals – zu korrigieren, habe ich über Tacitus gegrübelt, Sueton durchforstet und die folgenden modernen Autoren konsultiert: Abbé Bleterie in den Memoires de l'Academie des Inscriptions, Band 19, 21, 24, 25 und 27; Beaufort Republique Romaine, Band 1, p. 255-275 die Untersuchungen von Noodt und Gronovius, de lege Regia; gedruckt zu Leyden i, Jahre 1731. Gravina de Imperio Romano, p. 479-544 seiner kleineren Schriften. Maffei, Verona Illustrata, Band 1, p. 245ff   HOFHALTUNG · APOTHEOSE Das Erscheinungsbild des Hofes stimmte zu diesen Formen der Verwaltung. Mit Ausnahme der Kaiser, deren intermittierendes Irresein alle Gesetze der Natur und des Anstands beleidigten, verschmähten die Herrscher jeden Pomp und zeremoniellen Aufwand, der ihren Mitbürgern missfallen, ihre eigentliche Macht aber nicht vergrößert hätte. In den Dingen des täglichen Lebens machten sie sich mit ihren Untertanen gemein und pflegten bei Besuchen und Gastmählern mit ihnen Umgangs von gleich zu gleich. Ihr Aufzug, ihr Palast, ihre Tafel glichen dem eines wohlhabenden Senators; ihr Hofstaat, wie groß und glänzend er auch sein mochte, bestand fast gänzlich aus ihren Haussklaven oder Freigelassenen Ein schwacher Herrscher wird immer von seinen Hausdienern beherrscht. Die Macht von Sklaven vergrößerte Roms Schande noch; und der Senat umschwänzelte sogar einen Pallas und Narcissus, Freigelassene Neros. Es besteht jedoch die Möglichkeit, dass wenigstens in heutiger Zeit ein Günstling auch ein Gentleman ist. . Augustus und Trajan wären darüber errötet, sich der geringsten der freien Römer bei solchen Hofämtern zu versehen, die heutzutage am Hofe und im Schlafraum eines konstitutionellen Monarchen auszuüben sich die Edelsten Britanniens so sehr bemühen.   APOTHEOSE Die Vergöttlichung der Kaiser Abhandlung des Vandale de Consecratione Principum. Es wäre mir leichter gefallen, die Belegstellen dieses gelehrten Holländers abzuschreiben als sie zu überprüfen – was ich getan habe. ist der einzige Punkt, in denen sie ihre gewohnte Besonnenheit und Bescheidenheit aufgaben. Die Griechen Asiens waren die ersten Erfinder und die Nachkommen Alexanders die ersten Objekte dieser knechtischen und gottlosen Kriecherei. Widerstandslos wurde sie von den Königen auf die Statthalter Asiens übertragen; und die römischen Regierungsbeamten wurden oftmals als Provinzialgottheiten, mit Altar und Tempel, Festen und Opfern verehrt Abhandlung des Abbé Mongault im ersten Band der Academy of Inscriptions. . Und so durften die Herrscher naturgemäß nicht das zurückweisen, was man ihren Prokonsuln angedient hatte. Die göttliche Verehrung indessen, welche diese wie jene aus den Provinzen empfingen, sind eher für den Despotismus als die Knechtschaft Roms kennzeichnend. Bald aber taten die Eroberer es den Eroberten in der Kunst des Schmeichelns gleich, und nur zu leicht fand sich der herrschsüchtige Geist des ersten Cäsar darein, bereits zu Lebzeiten einen Platz unter Roms Schutzgottheiten einzunehmen. Das zurückhaltende Gemüt seines Nachkommen wies eine so heikle Ehrung zurück, welche später denn auch nur der Wahnsinn Caligulas und Domitians erneuerten. Zwar gestattete Augustus einigen Provinzstädten die Errichtung von Tempeln zu seinen Ehren unter der Bedingung, dass sie die Verehrung Roms mit der des Herrschers vereinigten; auch ließ er privaten Aberglauben zu, dessen Objekt Jurandasque tuum per nomen ponimas aras, ( wir errichten Altäre und schwören an ihnen bei deiner Gottheit) sagt Horaz zum Herrscher selbst, und Horaz kannte die Gepflogenheiten bei Hofe genau. er denn sein mochte; er selbst aber war's zufrieden, wenn ihn der Senat und das Volk in seiner Eigenschaft als Mensch verehrten, und weislich überließ er die Sorge um seine öffentliche Gottwerdung seinem Nachfolger. Es wurde regelrechter Brauch, dass jeder Herrscher, der nicht wie ein Tyrann gelebt hatte oder wie ein solcher gestorben war, nach seinem Tode durch feierlichen Senatsbeschluss unter die Zahl der Götter eingereiht wurde; und so wurden die Zeremonien seiner Apotheose mit denen seines Leichenbegängnisses durchmengt. Diese ebenso gesetzeskonforme wie unkluge, nach unseren strengeren Maßstäben schauderhafte Profanisierung wurde von der biegsamen Natur des Polytheismus mit kraftlosem Murren Vgl. Cicero, Philippica 1,6 und Iulian in Cäsaribus, Inque Deum templis iurabit Roma per umbras, (und in den Tempeln wird Rom noch bei den Schatten schwören) so Lucans indignierte Anmerkung; aber sie erfolgt eher aus patriotischer als aus religiöser Empörung. aufgenommen, galt aber eher als politische denn als religiöse Einrichtung. Wir würden den Tugenden der Antonine Schmach antun, wenn wir zwischen ihnen und den Lastern eines Herkules oder Jupiter eine Parallele ziehen würden. Sogar die Charaktere eines Cäsar oder Augustus waren wesentlich achtbarer als die der populären Gottheiten. Aber es war das Missgeschick der erstgenannten, dass sie in einem aufgeklärtem Zeitalter lebten und ihre Taten zu genau aufgezeichnet waren, als dass sie Stoff für jene Mischung aus Fabel und Mysterium hätten abgeben können, welche die Menge für ihre Andacht benötigt. Sobald sie von Gesetzes wegen Göttlichkeit erhalten hatten, war diese auch schon wieder vergessen und mehrte so weder ihren eigenen Ruhm noch die Würde ihrer Nachfolger.   DER TITEL AUGUSTUS UND DER NAME CAESAR Bei unserer Betrachtung der kaiserlichen Regierung haben wir öfters schon ihren durchtriebenen Begründer erwähnt, und zwar unter seinem wohlbekannten Titel Augustus, welcher ihm allerdings erst dann verliehen wurde, als er sein Gebäude fast vollendet hatte. Sein obskurer Name Octavianus stammte von seiner unbedeutenden Familie aus der Kleinstadt Aricia. Sie war mit dem Blut der Proskriptionen besudelt; er selbst hätte am liebsten die Erinnerung an sein früheres Leben ausgelöscht, wenn es denn möglich gewesen wäre. Den berühmten Namen Caesar hatte er bei seiner Adoption durch den Diktator angenommen; indessen besaß er genügend Selbsteinschätzung, als dass er gehofft hätte, mit jenem außerordentlichen Manne verwechselt, oder gewünscht hätte, mit ihm verglichen zu werden. Es erging ein Antrag im Senate, dass sein oberster Minister durch eine neue Bezeichnung gewürdigt werde; und nach sehr ernsthafter Debatte wurde aus verschiedenen Vorschlägen der Titel Augustus gewählt, da er den Charakter des Friedens und der Heiligkeit am besten ausdrücke, welchen er in gleicher Weise erstrebe Cassius Dio 53, p. 710 und die bemerkenswerten Anmerkungen Reimars. . Augustus war deshalb eine persönliche, Cäsar eine Familienauszeichnung. Erstere hätte demnach mit dem Tode ihres Trägers erlöschen sollen; und wie sehr auch die letztere durch Adoption und weibliche Verwandtschaft verbreitet worden war, so war Nero dennoch der letzte Herrscher, welcher auf die Ehre des julischen Hauses Erbansprüche erheben konnte. Aber zum Zeitpunkt seines Todes hatte die Praxis eines Jahrhunderts diese Bezeichnungen bereits untrennbar mit der Herrscherwürde verknüpft, und vom Untergang der Republik bis auf den heutigen Tag wurden sie von einer langen Reihe von Herrschern – Römern, Griechen, Franken, Germanen – geführt. Eine Unterscheidung indessen wurde bald eingeführt: Der geheiligte Titel eines Augustus blieb stets dem regierenden Monarch aufgespart, während der Name Cäsar freigebiger unter seiner Verwandtschaft verteilt wurde; aber spätestens seit Hadrian erhielt ihn nur der zweite Mann und präsumptive Nachfolger im Reiche.   CHARAKTER UND POLITIK DES AUGUSTUS Die zärtliche Rücksichtnahme des Augustus auf die Freiheit der Verfassung, die er selbst zerstört hatte, kann nur mit Hilfe einer genauen Charakteranalyse dieses berechnenden Tyrannen erklärt werden. Ein kühler Kopf, ein kaltes Herz und eine feige Gemütsverfassung bestimmten den Neunzehnjährigen, die Maske der Heuchelei an- und niemals wieder abzulegen. Mit derselben Hand und vermutlich mit dem gleichen Gewissen unterschrieb er Ciceros Proskription und Cinnas Begnadigung. Seine Tugenden und sogar seine Laster waren berechnet, und entsprechend den Erfordernissen seiner Pläne war er zunächst der Feind und dann der Vater der römischen Welt Als Octavian zu einem Bankett Cäsars geladen war, wechselte seine Farbe wie die eines Chamäleons. Zunächst blass, dann rot, dann schwarz, nahm er endlich die sanfte Tönung der Venus und der Grazien an. Dieses Bild, welches Julian entworfen hat, (Caesaren, p. 306) ist zutreffend und anmutig. Wenn er allerdings diese Charaktermetamorphosen als real ausgibt und dem Einfluss der Philosophie zuschreibt, tut er der Philosophie und Octavian zuviel der Ehre an. . Als er das kunstreiche System der kaiserlichen Macht zimmerte, war er maßvoll aus Furcht. Das Volk suchte er zu täuschen durch den Anschein von bürgerlicher Freiheit und die Armee durch den Anschein einer bürgerlichen Regierung.   SCHEINBARE FREIHEIT FÜR DAS VOLK I. Der Tod Cäsars stand ihm immer vor Augen. An seine Anhänger hatte er Geld und Ehrenstellen verschwendet, und dennoch waren unter den Verschwörern seines Onkels treuesten Freunde gewesen. Die Treue der Legionen mochte seine Machtstellung wohl gegen offene Rebellion schützen, aber gegen den Dolch eines unbeirrbaren Republikaners konnte ihre Wachsamkeit seine Person denn doch nicht schützen; und die Römer, die das Andenken des Brutus Zwei Jahrhunderte nach Begründung der Monarchie empfahl Kaiser Marcus Aurelius den Charakter des Brutus zum Vorbild für römische Tugend. immer noch heiligten, hätten einer solchen Nacheiferung seiner Heldentat Beifall gezollt. Cäsar hatte sein Schicksal durch Demonstration seiner Macht, wie durch die Macht selbst herausgefordert. Als Konsul oder Tribun hätte er in Frieden regieren können; der Titel eines Königs hatte die Römer gegen ihn zu den Waffen gerufen. Augustus hatte ein feines Gespür dafür, dass Menschen durch Titulaturen regiert werden können; auch täuschte er sich nicht in der Erwartung, dass Senat und Volk sich in die Sklaverei dareinfinden würden, wenn man ihnen nur achtungsvoll zusichern würde, dass sie noch ihrer alten Freiheit genössen. Ein kümmerlicher Senat und ein markloses Volk gefielen sich in dieser beruhigenden Selbsttäuschung, solange sie durch die Tugend, oder sogar durch die Klugheit seiner Nachfolger genährt wurde. Es war Selbsterhaltung und nicht Freiheitsdrang, was die Verschwörer gegen Caligula, Nero und Domitian aufbrachte. Sie attackierten die Person des Tyrannen, aber nicht die Machtstellung des Kaisers selbst.   DES SENATES NACH DEM TOD CALIGULAS Es gibt jedoch eine erwähnenswerte Gelegenheit, bei welcher der Senat nach siebzig Jahren der Geduld einen wenn auch vergeblichen Versuch wagte, seine längst verschollenen Rechte wieder an sich zu nehmen. Als der Thron nach der Ermordung Caligulas ledig war, riefen die Konsuln jene Versammlung auf das Capitol ein, verfluchten das Andenken der Cäsaren, gaben den wenigen Kohorten, auf die sie womöglich rechnen konnten, die Parole Freiheit aus und waren für achtundvierzig Stunden die unabhängigen Herren der freien Republik. Aber während sie noch Rats heischten, hatten die Prätorianer schon entschieden. Der einfältige Claudius, Bruder des Germanicus, war bereits in ihrem Lager, mit dem kaiserlichen Purpur angetan und entschlossen, seine Wahl mit Waffen zu bekräftigen. Der Freiheitstraum war zu Ende; und der Senat erwachte zu unvermeidlicher Knechtschaft mit allen ihren Schrecknissen. Verlassen vom Volk, vom Militär bedroht, sah sich die ohnmächtige Versammlung genötigt, die Wahl der Prätorianer zu bestätigen und in die Gnade einer Amnestie zurück zu kehren, welche Claudius anzubieten klug und darüberhinaus auch einzuhalten edelmütig genug war Es ist äußerst bedauerlich, dass uns hier die Darstellung des Tacitus verloren gegangen ist; wir müssen uns deshalb mit ein paar populären Gerüchten bei Josephus und einigen dunklen Andeutungen bei Cassius Dio und Sueton begnügen. .   DER IMPERATOR UND DIE ARMEE II. Die Disziplinlosigkeit der Armeen erfüllte Augustus mit Besorgnissen wesentlich ernsterer Natur. Die Verzweiflung der Bürger konnte das nur versuchen, was zu erzwingen das Militär jederzeit imstande war. Wie unsicher war doch seine Autorität über Menschen, die er jedwede soziale Verpflichtung zu verletzen gelehrt hatte! Er hatte ihr rebellisches Lärmen vernommen, aber ihre ruhigen Momente des Nachdenkens fürchtete er ebenfalls. Eine Revolution war durch ungemessene Belohnungen erkauft worden, eine zweite würde diese Belohnungen möglicherweise verdoppeln. Die Truppen bekannten ihre wärmste Anhänglichkeit an das Haus der Cäsaren; aber die Anhänglichkeit der Menge ist launisch und flatterhaft. Alles, was in diesen kühnen Geistern noch an römischer Voreingenommenheit schlummerte, rief Augustus zur Hilfe, setzte durch gesetzliche Maßnahmen strengere Disziplin durch, und entschlussfreudig forderte er dadurch, dass er die Majestät des Senats zwischen Kaiser und Armee stellte, als erster Beamter des Staates ihre Treue Augustus stellte die alte Strenge der Disziplin wieder her. Nach dem Bürgerkrieg schaffte er das vertrauliche »Kamerad« ab und sprach nur noch von Soldaten (Sueton, Augustus 25). Vergleiche hierzu, wie sich Tiberius während der Meuterei der pannonischen Legionen des Senats bediente. (Tacitus, Annalen 1,25). .   GEHORSAM DER ARMEE Während einer langen Ära von fast zweihundert Jahren, die zwischen der Begründung dieses künstlichen Systems und dem Tode des Commodus lagen, waren die Risiken, die einer Militärregierung stets innewohnen, weitgehend aufgehoben. Nur selten wurden sich die Soldaten ihrer eigenen Stärke und der Schwäche der Zivilregierung bewusst, welches Bewusstsein vorher und nachher so viel Leid über die Welt gebracht hatte. Caligula und Domitian wurden in ihren eigenen Palästen durch ihre Hausgenossen ermordet, aber die Erschütterungen, die der Tod des ersteren auslöste, blieben auf die Stadt beschränkt. Nero hingegen verwickelte das ganze Reich in seinen Untergang. Innerhalb von achtzehn Monaten kamen vier Herrscher durch das Schwert um, und die Römische Welt erbebte unter der Wut kämpfender Heere. Mit Ausnahme dieses kurzen, obschon heftigen Ausbruchs militärischer Gewalt vergingen die zwei Jahrhunderte von Augustus bis Commodus, ohne dass das Blut des Bürgers sie befleckt oder Revolutionen sie erschüttert hätten. Der Kaiser wurde durch das vom Gesetz vorgesehene Votum des Senates und die Zustimmung der Soldaten gewählt Diese Worte scheinen aus der Verfassung zu stammen, Vgl. Tacitus, Annalen 13,4. . Die Legionen hielten sich an ihren Treueid, und man muss die Annalen Roms sehr genau durchmustern, um drei unbedeutende Aufstände zu entdecken, welche alle in wenigen Monaten und ohne das Risiko einer Schlacht Der erste war Camillus Scribonianus, welcher sich in Dalmatien gegen Claudius erhob und binnen fünf Tagen von seinen Truppen im Stich gelassen wurde; der zweite war L. Antonius, der in Germanien gegen Domitian rebellierte; und der dritte war Avidius Cassius unter der Herrschaft von Marcus Antoninus (Aurelius). Die letzten beiden herrschten nur ein paar Monate und wurden von ihren eigenen Anhängern beseitigt. Es sei angemerkt, dass Camillus und Cassius ihren Ehrgeiz mit dem Vorhaben der Wiederherstellung der Republik schmückten, welches Bestreben, so Cassius, speziell für seinen Namen und seine Familie aufgespart sei. unterdrückt wurden.   BESTIMMUNG EINES NACHFOLGERS In Wahlmonarchien ist die Erledigung des Thrones ein gefahren- und unheilschwangerer Augenblick. In ihrem Bestreben, den Legionen diesen Schwebezustand wie auch die Versuchung einer irregulären Wahl zu ersparen, versahen die römischen Kaiser ihre designierten Nachfolger mit derart großen Machtanteilen, dass er instand gesetzt wurde, nach ihrem Tode auch den Rest an sich zu ziehen, ohne dass das Reich durch den Wechsel an der Spitze erschüttert worden wäre. Nachdem nun vorzeitige Todesfälle alle seine ihm lieberen Aussichten zerstört hatten, ruhten die letzten Hoffnungen des Augustus auf Tiberius, so dass er für diesen seinen Adoptivsohn die zensorische und tribunizische Gewalt erwirkte und zugleich ein Gesetz diktierte, durch welches der künftige Herrscher in die Machtposition eingesetzt werden sollte, wie er sie bereits über Provinzen und Armeen besaß Velleius Paterculus, 2, 121 und Sueton, Tiberius 20 . In gleicher Weise fesselte auch Vespasian den hochfliegenden Geist seines ältesten Sohnes. Titus wurde von den Legionen des Ostens angebetet, welche unter seiner Führung jüngst die Eroberung Judäas vollendet hatten. Seine Macht ward gefürchtet, und da seine Tugenden noch infolge jugendlicher Unbesonnenheit unerkennbar blieben, begegnete man seinen Absichten mit Argwohn. Statt nun solch leeren Einbläsereien Gehör zu schenken, ließ der weltkluge Vespasian ihn an allen kaiserlichen Würden teilhaben; und der dankbare Sohn bewährte sich stets als der demutvolle und getreue Diener eines so einsichtigen Vaters Sueton, Titus, 6; Plinius, Hist. Nat., Praefatio .   DAS HAUS DER IULIER UND FLAVIER Der umsichtige Vespasian griff nun zu jeder Maßregel, um seiner jüngsten und noch unsicheren Stellung Dauer zu verleihen. Der militärische Eid und die Disziplin der Truppen waren durch die Übung von hundert Jahren dem Haus der Cäsaren gewidmet; und obgleich diese Familie eigentlich nur noch durch das symbolische Ritual fortgesetzter Adoptionen am Leben war, verehrten die Römer nach wie vor in der Person Neros den Enkel des Germanicus und direkten Nachfahren des Augustus. Nur unter Widerstreben und Bedauern hatten die Prätorianer die Sache des gestürzten Tyrannen verloren gegeben Dieser Vorstellung geht Tacitus (Hist.1,5, 16; 2,76) oft und mit Gründlichkeit nach. . Der rasche Sturz von Galba, Otho und Vitellius lehrte die Armeen, die Kaiser als Kreaturen ihres Willens und als Diener ihrer Zügellosigkeit zu sehen. Vespasian war von geringer Herkunft; sein Großvater war gewöhnlicher Soldat, sein Vater ein subalterner Finanzbeamter Der gesunde Menschenverstand des Kaisers Vespasians amüsierte sich über die Genealogen, die seine Familie von Flavius, dem Gründer von Reate (seinem Geburtsort) und Gefährten des Herkules herleiten wollten (Sueton, Vespasian 12). , und nur seine eigenen Verdienste hatten ihn im vorgerückten Alter an die Spitze des Imperiums geführt. Aber seine Verdienste waren eher nützlich als glänzend zu nennen, und seine Tugenden wurden durch eine strenge, fast schon klebrige Sparsamkeit getrübt. Dieser Fürst handelte durchaus in seinem ureigensten Interesse, wenn er sich einen Sohn beigesellte, dessen leuchtender und ansprechender Charakter die öffentliche Neugierde von der obskuren Herkunft des flavischen Hauses ab- und zu seiner künftigen Größe hinzulenken imstande war. Unter der milden Regierung des Titus durchlebte Rom ein vorübergehendes Glück, und hinter seinem geliebten Andenken verschanzte sein Bruder Domitian fünfzehn Jahre lang seine Verbrechen.   ADOPTION DES TRAIAN A.D. 96 Nerva hatte kaum den Purpur von Domitians Mördern empfangen, als er sich eingestehen musste, dass sein vorgerücktes Alter es ihm erschweren würde, die Strudel der öffentlichen Unordnung zu kanalisieren, welche sich unter der Tyrannis seines Vorgängers vervielfältigt hatten. Die Gutgesinnten schätzten seine milde Gemütsart; aber die verkommenen Römer verlangten nach einem handfesteren Charakter, dessen große Gerechtigkeit die Schuldigen perhorreszieren sollte. Obgleich er zahlreiche Verwandte hatte, wählte er sich einen Fremden. Er adoptierte Trajan, damals etwa vierzig Jahre alt, welcher ein gewaltiges Heer im Untergermanien befehligte; und unverzüglich ließ er ihn durch Senatsbeschluss zum Kollegen und Nachfolger im Reich ernennen Cassius Dio, 68, p. 1121; Plinius, Panegyr. Wir müssen aufrichtig bedauern, dass wir durch die ekelhaften Berichte von Neros Verbrechen und Dummheiten ermüdet werden und gleichzeitig die Taten des Trajan nur im Halbdunkel von Auszügen oder im zweifelhaften Lichte einer Jubelrede zu sehen bekommen. Ein Lob jedoch kennen wir, das jenseits aller Schmeichelei angesiedelt ist. Mehr als zweihundertundfünfundfünfzig Jahren nach seinem Tode wünschte der Senat bei einem Thronwechsel neben den üblichen Akklamationen dem neuen Herrscher, er möge Augustus an Glück und Trajan an Tugend Felicior Augusto, melior Traiano (8,5) übertreffen.   ADOPTION DES HADRIAN A.D. 117 Wir können getrost glauben, dass dieser Vater des Vaterlandes Bedenken trug, dem zweifelhaften und schwankenden Charakter seines Verwandten Hadrian die Regierungsgewalt anzuvertrauen. Entweder hatten im letzten Moment die Ränke der Kaiserin Plotina Trajans Unentschlossenheit überwunden, oder sie hatte eine Adoption Cassius Dio, 69, p1249 bekräftigt, dass beides nur eine Erfindung war und beruft sich dabei auf seinen Vater, der Gouverneur in der Provinz war, in der Trajan starb und somit beste Gelegenheit hatte, diesen mysteriösen Handel genau zu untersuchen. Bereits Dodwell (Praelect. Camden 17) beharrt darauf, dass Hadrian sich schon zu Lebzeiten Trajans Hoffnungen auf die Herrschaft machen konnte. erdichtet, an deren Wahrheitsgehalt zu zweifeln unklug gewesen wäre; und so wurde Hadrian friedlich als gesetzmäßiger Nachfolger anerkannt. Unter seiner Regierung erblühte das Reich, wie bereits erwähnt, in Frieden und Wohlstand. Er förderte die Künste, reformierte die Gesetze, hielt auf militärische Disziplin und bereiste alle Provinzen persönlich. Sein großer und umtriebiger Geist zeigte sich den umfassendsten Entwürfen wie den winzigsten Kleinigkeiten der Zivilverwaltung gewachsen. Aber die eigentlichen Leidenschaften seiner Seele waren Neugierde und Eitelkeit. Wenn sie vorherrschten und von verschiedenen Gegenständen angezogen wurden, dann war er je nach dem Umständen ein glänzender Herrscher, ein alberner Sophist oder ein eifersüchtiger Tyrann. Sein Verhalten insgesamt verdiente Lob wegen seiner Redlichkeit und Mäßigung. Gleichwohl ließ er in seinen ersten Regierungstagen vier konsularische Senatoren hinrichten, da sie seine persönlichen Feinde waren, sowie weitere Männer, die man des Kaiserthrones für wert gehalten hatte. Gegen Ende seines Lebens machten ihn die Qualen einer schmerzhaften Krankheit starrsinnig und misstrauisch. Der Senat schwankte, ob er ihn zu einem Gott oder einem Tyrannen ernennen sollte; und die Ehrungen zu seinem Gedächtnis erfolgten nur auf Fürsprache des frommen Antoninus Cassius Dio, 70, p. 1171; Aurelius Victor .   ADOPTION DES ÄLTEREN UND JÜNGEREN VERUS Die Launenhaftigkeit des Hadrian spiegelte sich auch in der Wahl seines Nachfolgers. Nachdem er im Geiste mehrere Männer geprüft hatte, die alle verdienstvoll waren und die er respektierte und zugleich hasste, adoptierte er Älius Verus, einen aufgeputzten und üppigen Patrizier, der sich dem Liebhaber des Antinoos Die Vergöttlichung des Antinoos, die Medaillen, Statuen, Tempel, Städte, Orakel und das Sternbild ihm zu Ehren sind hinlänglich bekannt und verdunkeln noch heute das Andenken des Hadrian. Indessen sollte angemerkt werden, dass von den ersten fünfzehn Kaisern Claudius der einzige war, dessen Präferenz in Liebesdingen der Natur entsprach. Zu den Ehrungen von Antinoos siehe Spanheim, Commentairesur les Caesars de Julien, p. 80 durch besondere Schönheit anempfahl. Während aber Hadrian sich noch an seinem eigenen Beifall und dem Jubel der Soldaten berauschte – er hatte ihre Zustimmung durch ein gewaltiges Donativ erkauft – , wurde der neue Cäsar Historia Augustes, p. 13, Aurelius Victor in Epitom. seinen Umarmungen durch einen vorzeitigen Tod entrissen. Er hinterließ nur einen Sohn. Hadrian empfahl den Knaben der Dankbarkeit der Antonine. Er wurde von Antoninus Pius adoptiert und bei der Thronbesteigung des Marcus von diesem mit gleichen Anteilen an der Regierungsgewalt bedacht. Unter den vielen Fehlern dieses jüngeren Verus fand sich immerhin eine Tugend, nämlich eine dankbare Ehrfurcht vor seinem weiseren Thronkollegen, dem er bereitwillig die Last des Regierens abtrat. Der Philosoph auf dem Kaiserthron schaute bei seinen Torheiten beiseite, beweinte seinen frühen Tod und deckte über sein Andenken den Schleier des Anstands. Sobald Hadrians Leidenschaften abgekühlt oder enttäuscht waren, beschloss er, sich den Dank der Nachwelt zu verdienen, indem er das wahre Verdienst auf den römischen Thron brachte. Sein scharfes Auge gewahrte rasch einen Senator von fünfzig Jahren, in allen Geschäften des Lebens untadelig, sowie einen Jugendlichen von siebzehn, der für seine reiferen Jahre die schönsten Hoffnungen erweckte; der ältere der beiden wurde zum Sohn und Nachfolger Hadrians erklärt unter der Bedingung, dass er selbst unverzüglich den jüngeren adoptiere. Die beiden Antonine (denn sie sind es, von denen jetzt die Rede geht) regierten die römische Welt zweiundvierzig Jahre mit stets gleichbleibender Weisheit und Tugend. Obwohl Pius zwei Söhne Ohne die Hilfe einschlägiger Medaillen oder Inschriften wüssten wir von dieser, das Andenken Pius ehrenden Tatsache überhaupt nichts. hatte, war ihm die Wohlfahrt Roms wichtiger als die Belange von Familienmitgliedern: er verheiratete seine Tochter Faustina mit dem jungen Marcus, erwirkte vom Senat die tribunizische und prokonsularische Gewalt für ihn und ließ ihn, unter matter Verachtung oder sogar bei völliger Unkenntnis jedweder Machtgier, an allen Regierungsgeschäften teilhaben. Marcus andererseits verehrte die Art und Weise seines Wohltäters, liebte ihn wie einen Vater, gehorchte Während der dreiundzwanzig Regierungsjahre des Pius war Marcus nur zwei Nächte, und auch dies zu verschiedenen Zeiten, nicht im Palast, Hist. August. p. 25. ihm wie einem Herrscher und führte die Amtsgeschäfte nach dessen Tod ganz nach dem Vorbild und den Grundsätzen seines Vorgängers. Die Regierungen dieser beiden waren möglicherweise die einzige Periode in der Geschichte, in denen das Wohlergehen eines großen Volkes der einzige Zweck der Regenten war.   REGIERUNGEN DES ANTONINUS PIUS UND MARCUS AURELIUS Titus Antoninus Pius ist zu Recht ein zweiter Numa genannt worden. Die gleiche Liebe zur Religion, Gerechtigkeit und Frieden war der hervorstechende Zug beider Herrscher. Nur, dass die Verhältnisse dem letzteren weitaus bessere Möglichkeiten eröffneten, diese Tugenden zu üben. Numa konnte lediglich ein paar Nachbardörfer dazu bringen, sich gegenseitig nicht die Ernte zu zertrampeln. Antoninus hingegen verbreitete Ordnung und Frieden fast über die ganze Erde. Seine Regierung ist durch den seltenen Vorzug ausgezeichnet, dass sie fast keine Materialen für die Geschichtsschreibung hinterlassen hat; welche ja in der Tat wenig mehr ist als ein Katalog von Verbrechen, Dummheiten und Katastrophen. Privat war er liebenswürdiger, gutherziger Mann und der natürlichen Einfachheit seiner Tugend waren Eitelkeit und Affektiertheit fremd. Er genoss mit Maßen die Vorteile, die ihm seine Vorzugsstellung bot und hatte Freude an unschuldigen Vergnügungen Er liebte das Theater und war nicht blind gegen die Reize des schönen Geschlechtes. M. Antoninus, 1,16; Hist. Aug. 20f. der Gesellschaft; und das Wohlwollen seiner Seele äußerte sich in einer freudigen Heiterkeit seines gesamten Wesens. Die Tugend des Marcus Aurelius Antoninus war von strengerer und schwierigerer Natur Die Feinde von Marcus Aurelius warfen ihm Heuchelei vor sowie einen Mangel an Geradlinigkeit, die Pius und sogar Verus ausgezeichnet hatten. Dieser Verdacht, haltlos wie nur einer, mag dennoch die Erklärung liefern für den Beifall, mit dem individuelle Eigenschaften noch vor sozialen Tugenden bedacht werden. Auch Marc Anton hatte man einen Heuchler genannt; aber selbst der verbissenste Skeptizismus hat sich nie dazu verstiegen, dass Cäsar ein Feigling oder Tullius (Cicero) ein Schwachkopf sein könnten. Witz oder Heldenmut werden eher geachtet als Menschen- oder Gerechtigkeitsliebe. , sie war die wohlverdiente Ernte vieler gelehrter Unterredungen, vielen beharrlichen Lesens, vieler durchgrübelter Nächte. Mit zwölf Jahren näherte er sich dem strengen System der Stoa, welches ihn lehrte, seinen Körper dem Geist und seine Leidenschaften der Vernunft unterzuordnen; Tugend als das einzige Gut anzusehen, Laster als das einzige Übel und alle Äußerlichkeiten als gleichgültig Tacitus (Hist.4,5) hat in wenigen Worten die Prinzipien des Portico charakterisiert: Doctores sapientiae secutus est, qui sola bona quae honesta, mala tantum quae turpis; potentiam, nobilitatem, ceteraque extra animum, neque bonis neque malis adnumerant. (In der Philosophie folgte er den Männern, die die Tugend für das einzige Gut halten und das Laster für das einzige Übel; und welche die Macht, Adel der Geburt und alles übrige, was außerhalb des Bereiches der menschlichen Seele liegt, weder den guten noch den üblen Dingen zurechnen) . Seine Reflexionen, die er im Lärm des Lagers verfasst hatte, sind uns überliefert, ja, er ließ sich sogar herbei, Unterweisungen in Philosophie zu erteilen mit mehr Anteilnahme der Öffentlichkeit, als es mit der Zurückhaltung eines Weisen oder der Würde eines Kaisers vereinbar sein mochte Bevor er zu seinem zweiten Feldzug gegen die Germanen aufbrach, las er in Rom an drei Tagen vor römischem Publikum Philosophie-Kolleg. In griechischen und asiatischen Städten hatte er dies auch schon getan. (Hist. Aug., Cassius 3) . Aber sein Leben war der wertvollste Kommentar zu Zenos Lehrsätzen. Gegen sich selbst war er streng, gegen die Unzulänglichkeiten anderer nachsichtig, gerecht und wohlwollend gegen jedermann. Es war ihm leid, dass Avidius Cassius, der gegen ihn in Syrien eine Rebellion angefacht hatte, ihm durch seinen freiwilligen Tod die Freude genommen hatte, aus einem Feind einen Freund zu machen; und die Aufrichtigkeit dieser Bemerkung bestätigte er dadurch, dass er den Eifer des Senats gegen die Anhänger des Verräters dämpfte Cassius Dio, 71, 23; Hist. Aug. Avidius Cassius, c 8 . Krieg verabscheute er als die Schande und das Unglück der Menschheit. Als aber die Notwendigkeit eines Verteidigungskrieges ihn zu den Waffen rief, nahm er an acht Winterfeldzügen an den gefrorenen Ufern der Donau in Person teil, welche Strapazen endlich für seine schwächelnde Konstitution tödlich waren. Eine dankbare Nachwelt ehrte sein Andenken, und noch einhundert Jahre nach seinem Tode bewahrten viele Menschen sein Bildnis zwischen ihren Hausgöttern Hist. August. Marc. Antonin. 18 .   DAS GLÜCK DER RÖMER... Sollte jemand aufgefordert werden, diejenige Epoche zu bezeichnen, die für das Menschengeschlecht die glücklichste und schönste war, so würde er ohne Zögern die Zeit zwischen dem Tode des Domitian und der Thronbesteigung des Commodus angeben. Das gigantische Imperium Romanum wurde unter der Führung von Tugend und Weisheit durch eine absolute Macht regiert und das Heer durch die freundliche, aber bestimmte Hand von vier aufeinander folgenden Kaisern am Zügel geführt, deren Charakter und Ansehen ganz von selbst Achtung erheischten. Getreulich hielten Nerva, Trajan, Hadrian und die Antonine alle Formen der Zivilverwaltung ein, da sie das Bild der Freiheit genossen und sich selbst gerne für die verantwortlichen Minister des Rechts ästimierten. Solche Herrscher hätten die Ehre verdient, die Republik wieder herzustellen, wenn denn die Römer ihrer Tage fähig gewesen wären, eine vernunftgesteuerte Freiheit überhaupt noch zu würdigen.   ...UND SEINE FLATTERHAFTIGKEIT Die Anstrengungen dieser Monarchen wurden durch den Lohn, der mit ihrem Erfolg zwangsläufig verbunden war, mehr als belohnt; durch dezenten Stolz ; durch die einmalige Freude, den allgemeinen Segen zu schauen, dessen Urheber sie waren. Ein ebenso wahrer wie trübseliger Gedanke jedoch vergällte ihnen diesen schönsten aller menschlichen Genüsse: Oftmals werden sie sich bewusst gewesen sein, dass das Glück unbeständig ist, wenn es vom Charakter eines einzigen Mannes abhängt. Der fatale Augenblick nahte vielleicht schon, dass die absolute Macht, die sie der Wohlfahrt ihres Landes gewidmet hatten, in den Händen eines charakterlosen Jünglings oder eines eifersüchtigen Tyrannen zu dessen Verderben missbraucht werden sollte. – Die theoretischen Beschränkungen durch Senat oder Gesetze konnten wohl hilfreich sein, die Tugenden der Herrscher zu entfalten, aber niemals, ihre Verbrechen zu unterbinden. Die Armee war ein ebenso blindes wie wirkungsvolles Unterdrückungsinstrument; und die Verderbnis der römischen Sitten würde stets für Nachschub an Kriechern oder Sklavenseelen sorgen, die begierig waren, der Furcht oder dem Geiz, der Wollust oder Grausamkeit ihrer Meister Beifall zu jauchzen oder ihnen hilfreich beizuspringen.   DAS ANDENKEN AN TIBERIUS, CALIGULA, NERO UND DOMITIAN Diese pessimistischen Überlegungen waren aufgrund früherer Erfahrungen durchaus gerechtfertigt. Die Annalen der Kaiser liefern ein eindrucksvolles und variantenreiches Bild der menschlichen Natur, welches man unter den buntscheckigen und fragwürdigen Charaktermasken der jüngeren Geschichte wohl vergebens suchen würde. In den Lebensgeschichten dieser Monarchen können wir die äußersten Grenzen der Tugend und des Lasters finden, die höchste Vollendung und die niedrigste Entartung unseres Geschlechtes. Dem Goldenen Zeitalter des Trajan und der Antonine war ein Eisernes vorausgegangen. Fast ist es zwecklos, die unwürdigen Nachfolger des Augustus aufzuzählen. Ihre beispiellosen Laster und die grandiose Bühne ihrer Inszenierung haben diese Herrscher vor dem Vergessenwerden bewahrt. Der finstere, starrsinnige Tiberius, der wahnsinnige Caligula, der schwachköpfige Claudius, der ausschweifende und gewissenlose Nero, der animalische Vitellius Vitellius verschwendete durch bloßes Essen in sieben Monaten wenigstens sechs Millionen Pfund. Bereits seine Laster mit Würde oder auch nur mit Anstand zu beschreiben, wäre ein schwieriges Unterfangen. Tacitus nennt ihn ein Schwein; aber er setzt für ein grobes Wort ein sehr schönes Bild: At Vitellius, umbraculis hortorum abditus, ut ignava animalia , quibus si cibum suggeras jacent torpentque, praeterita, instantia, futura, pari oblivione dimiserat. Atque illum nemore Arcino desidem et marcentem, etc.« (Vitellius zog sich in den Schatten seiner Gartenlaube zurück, um wie träges Rindvieh , das nach der Fütterung träge dahindumpft, vor der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft Vergessen zu suchen. Und wie er nun im Hain von Aricia faul und schlapp dämmerte...) Tacit. Hist. 3,36, 2,95; Sueton. Vitell. 13; Dion Cassius, 65,3. , der feige und unmenschliche Domitian: Sie sind zu ewiger Schande verurteilt. Während fünfzig Jahren (ausgenommen nur die kurze und zweifelhafte Regierung Vespasians Die Hinrichtung von Helvidius Priscus und der tugendhaften Eponina verdunkeln Vespasians Regierungszeit. ) stöhnte Rom unter immerwährender Tyrannei, welche die alten republikanischen Familien auslöschte und auf beinahe jede Tugend und jede gute Anlage tödlich wirkte, die in diese unglücklichen Zeit etwa noch aufblühten mochten.   ROMS LAGE UNTER DEN TYRANNEN BESONDERS SCHLIMM Unter der Herrschaft dieser Monstren wurde die Sklaverei der Römer noch durch zwei besondere Umstände erschwert, von denen der eine seinen Ursprung in ihrer früheren Freiheit hatte, der andere in ihren ausgedehnten Eroberungen; dies machte ihre Lage elender als die aller anderen Opfer von Tyrannei aller anderen Zeiten und aller anderen Länder. Aus jenen Ursachen folgte: 1: Die außerordentliche Empfindlichkeit der Dulder; 2: Die Unmöglichkeit, den Unterdrückern zu entkommen.   UNEMPFINDLICHKEIT DER ORIENTALEN 1. Aus der Zeit, da Persien von den Nachkommen des Sefi regiert wurde, einem Fürstengeschlecht, deren unkalkulierbare Grausamkeit häufig ihren Divan, ihre Tafel, ihr Bett mit dem Blute ihrer Favoriten befleckte, wird eine Bemerkung eines jungen Edelmannes überliefert, dass er sich niemals aus der Gegenwart des Sultans entferne, ohne sich zu vergewissern, ob ihm sein Kopf noch auf den Schultern sitze. Die tägliche Erfahrung könnte den Skeptizismus des Rustan Voyage de Chardin en Perse, Band 3, p. 293 wohl rechtfertigen. Dennoch hat das fatale Schwert, das an einem einzigen Faden über ihm hing, offenbar den Schlummer oder die Gemütsruhe des Persers nicht gestört. Ein Stirnrunzeln des Königs konnte ihn zu Staub zermalmen, das wusste er wohl; aber ein einziger Blitzschlag oder ein Gehirnschlag vermochte das gleiche; einem Weisen geziemte es, während des Genusses flüchtiger Stunden das unausweichliche Unglück menschlichen Lebens zu vergessen. Er trug den Würdentitel eines königlichen Sklaven Es ist mehr unter Türken als unter Persern die Übung, Sklaven zu hohen Staatsämtern zu erheben. Die armseligen Länder Georgien und Circassia liefern Machthaber für den größten Teil des Ostens. , war vielleicht unbekannten Eltern abgekauft worden in einem Lande, das er nie gekannt hatte, und war von Kindesbeinen in der gestrengen Disziplin des Serails erzogen worden. Sein Titel, sein Reichtum, seine Ehrenstellung waren ein Geschenk seines Herren, welcher sich ohne jedes Unrechtsbewusstsein wiederholen konnte, was er verschenkt hatte. Falls Rustan irgendwelche Kenntnisse besessen hatte, dienten sie ihm nur dazu, mit Hilfe des Gewohnten seine Vorurteile zu festigen. Seine Sprache kannte kein anderes Wort für »Regierung« außer »absolute Monarchie«, und die Geschichte des Orients belehrte ihn dahingehend, dass dies seit Menschengedenken Chardin berichtet, dass europäische Reisende unter den Persern die Idee von Freiheit und milder Regierung verbreitet hätten. Sie hätten ihnen damit einen üblen Dienst erwiesen. so gewesen war. Der Koran und die Ausleger dieses göttlichen Buches schärften ihm ein, dass der Sultan der Nachfahre des Propheten und der Statthalter des Himmels sei; dass Geduld eines Muselmanen erste Tugend sei und unbedingter Gehorsam die wahre Pflicht des Untertanen. Die Seelen der Römer waren auf die Sklaverei völlig anders vorbereitet worden. Obwohl sie von der Last ihrer eigenen Korruption und Militärmacht schier niedergedrückt wurden, so hielten sie dennoch für lange Zeit die Gesinnungen oder doch wenigstens die Ideen ihrer freigeborenen Ahnen lebendig. Die Erziehung eines Helvidius oder Thrasea, eines Tacitus oder Plinius war die gleiche wie die von Cato oder Cicero. Aus der griechischen Philosophie hatten sie die zutreffendsten und freisinnigsten Ideen von der Würde der menschlichen Natur und dem Ursprung der menschlichen Gesellschaft entnommen. Die Geschichte ihres eigenen Landes hatte sie gelehrt, vor allem anderen eine freie, integre und siegreiche Republik zu schätzen; die Verbrechen von Cäsars oder Augustus auch dann zu verachten, wenn sie erfolgreich waren; und innerlich besonders die Tyrannen zu verabscheuen, die sie mit der widerwärtigsten Schmeichelei anbeteten. Als Magistratspersonen und Senatoren hatten sie nach wie vor Zutritt zu jenem großen Ratsgremium, welches einst der Welt die Gesetze vorgegeben hatte, dessen Name noch immer den Handlungen des Kaisers heiligte und dessen Autorität nun so oft zu den kriminellsten Handlungen der Tyrannei missbraucht worden war. Tiberius und alle die Herrscher, die nach seinem Vorbild arbeiteten, versuchten durchaus, ihre Morde durch juristische Formalien zu decken, und vermutlich haben sie noch klammheimliche Freude dabei empfunden, wenn sie der Senat nicht nur ihr Opfer, sondern auch noch ihr Komplize war. Diese Versammlung verurteilte die letzten noch lebenden Römer wegen erlogener Verbrechen und tatsächlicher Tugenden. Ihre elenden Denunzianten sprachen die Sprache aufrechter Patrioten, die ein gefährliches Subjekt vor den Richterstuhl ihres Landes brachten; und dieser Dienst an der Öffentlichkeit wurde mit Geldgeschenken und Ehrenstellen honoriert Angeblich nach dem Beispiel von Cato und Scipio (Tac. Ann. 3,66). Marcellus Epirus und Crispus Vibius hatten unter Nero zwei und eine halbe Millionen an sich gebracht. Ihr Reichtum, der zu ihren Verbrechen noch erschwerend hinzukam, schützte sie unter Vespasian (Tac. Hist. 4,43; de Orat. 8). Für eine Denunziation erhielt Regulus, eine rechte Zielscheibe für eine Satire des Plinius, vom Senat konsularische Ehren zugesprochen und sechzigtausend Pfund. . Servile Richter gaben vor, die in der Person des ersten Staatsdieners Das Majestätsverbrechen war ursprünglich ein Verbrechen des Verrats am das Römische Volk. In ihrer Eigenschaft als Volkstribunen bezogen Augustus und Tiberius auch ihre eigene Person mit ein und dehnten seinen Anwendungsbereich ins Unendliche. beleidigte Majestät der Republik zu rächen, dessen Milde sie besonders innig dann beklatschten, wenn sie vor weiteren unerbittlich heraufziehenden Grausamkeiten Nachdem die tapfere und unglückliche Witwe des Germanicus hingerichtet worden war, empfing Tiberius den Dank des Senates für seine Milde. War sie doch nicht öffentlich erdrosselt worden, noch wurde ihr Leichnam, wie bei gewöhnlichen Verbrechern üblich, mittels eines Hakens nach Gemoniä geschleift (Tac. Ann 6,25; Sueton, Tiberius 53). am heftigsten zitterten. Der Tyrann befand über ihre Erbärmlichkeit mit der angemessenen Verachtung und erwiderte ihre heimlichen Gefühle des Abscheus mit ungeheucheltem Hass für die ganze Körperschaft des Senats.   FEINDE DES KAISERS OHNE FLUCHTMÖGLICHKEIT 2. Die Teilung Europas in eine Anzahl voneinander unabhängiger Staaten, die höchstens durch die allgemeine Ähnlichkeit von Religion, Sprache und Sitte zusammenhängen, hat für die Freiheit des Menschengeschlechtes äußerst wohltätige Folgen gezeitigt. Ein Tyrann unserer Tage, der weder in seinem Gewissen noch in seinem Volk Widerstand fände, würde doch bald dezente Opposition erfahren durch das Beispiel von seinen Standesgenossen, durch die Sorge vor üblem Leumund bei den Zeitgenossen, durch das Widerraten seiner Verbündeten und durch die Angst vor Feinden. Der Gegenstand seines Hasses würde die Enge seiner Heimat bald verlassen, würde in glücklicheren Landen sichere Zuflucht finden, auch ein seinen Verdiensten angemessenes Auskommen, die Freiheit für eine Klage und vielleicht sogar die Mittel zu seiner Rache. Aber das Imperium Romanum war die Welt schlechthin, und als dieses Reich in die Hände einer einzigen Person fiel, da wurde die Welt ein einziges trauriges und gesichertes Gefängnis für des Herrschers Feinde. Der Sklave des kaiserlichen Despotismus konnte nur in stiller Verzweiflung auf sein Schicksal warten, ob er nun in Rom goldene Ketten trug oder im Exil, etwa auf dem öden Felsen Seriphus Seriphus ist eine kleine Felseninsel in der Ägäis, deren Einwohner wegen ihrer Unwissenheit und Bedeutungslosigkeit verachtet wurden. Ovids Exilort ist bekannt aufgrund seiner berechtigten, wenn auch unmännlichen Klagelieder (»Tristien«). Es sieht fast so aus, als habe er lediglich Order erhalten, Rom binnen einer gegebenen Frist zu verlassen und sich nach Tomi zu begeben. Begleiter und Wachen waren nicht erforderlich. oder an den vereisten Ufern der Donau, seine Tage zählte. Widerstand war der sichere Tod, Flucht war undenkbar. Ringsumher gewaltige Land- und Wassermassen, die er niemals hoffen konnte zu durchqueren, ohne entdeckt, festgesetzt und seinem zornigen Gebieter ausgeliefert zu werden. Jenseits der Grenzen konnte sein suchender Blick nichts finden als das Weltmeer, lebensfeindliche Wüsten, feindliche Barbarenstämme von groben Sitten und unbekannter Sprache, oder abhängige Könige, welche sich des Kaisers Gnade freudig durch das Opfer eines bösen Flüchtlings erkauft hätten Unter Tiberius versuchte ein römischer Ritter zu den Parthern zu fliehen. Er wurde in der Straße von Messina gefasst; aber in diesem Beispiel lag offenbar ein so geringes Nachahmungsrisiko, dass dieser eifersüchtigste aller Tyrannen sich zu einer Strafe nicht herbeiließ (Tac. Annalen, 6, 14). . »Wo immer du sein magst«, so Cicero zu dem exilierten Marcellus, »bedenke, dass du stets gleichbleibend in der Gewalt des Siegers bist. Cicero, ad Familiares 4,7. « IV GRAUSAMKEIT, DUMMHEIT UND ERMORDUNG DES COMMODUS WAHL DES PERTINAX · SEINE REFORMVERSUCHE · SEINE ERMORDUNG DURCH DIE PRÄTORIANERGARDE · UNRUHEN   NACHSICHT DES KAISERS MARCUS AURELIUS.... Die Nachsicht des Kaisers Marcus Aurelius, die auszumerzen auch die strenge Disziplin der Stoa nicht imstande gewesen war, bildete die liebenswerteste und gleichzeitig unzulänglichste Seite seines Charakters. Sein glänzender Verstand wurde bisweilen durch eine gewisse Arglosigkeit des Herzens getrübt. Fintenreiche Männer, die die Vorlieben von Fürsten studieren und ihre eigenen verbergen, pirschten sich an ihn im Gewande philosophischer Würde heran und verschafften sich Ehrenstellen und Reichtümer, indem sie vorgaben, genau diese zu verachten Siehe hierzu die Klagen des Avidius Cassius. (Hist August. p. 45) Es sind dies, zugestandenermaßen, die Klagen einer politischen Parteiung. Aber selbst Parteilichkeit übertreibt eher als dass sie erfindet. . Seine grenzenlose Geduld gegenüber seinem Bruder, seiner Frau und seinem Sohn überstieg das im Privatbereich übliche und wurde zur öffentlichen Kalamität dadurch, dass ihre Verbrechen nachgerade beispielgebend wurden und die entsprechenden Folgen hatten.   ... MIT FAUSTINA ... Faustina, Tochter des Pius und Frau des Marcus, war für ihr Liebesleben ebenso bekannt wie für ihre Schönheit. Der gesetzte Ernst des Philosophen war wenig geeignet, ihren vorsätzlichen Leichtsinn abzulenken, oder jenes unbegrenzte Verlangen nach Abwechslung zu bändigen, welches oft noch in den gewöhnlichsten Sterblichen persönliche Vorzüge wahrnimmt. Der Cupido der Alten war überhaupt eine sehr sinnenfreudige Gottheit; und da man bei Liebschaften einer Kaiserin voraussetzen kann, dass die Initiative einzig von ihr ausgeht, stehen sie selten im Verdacht der Romantik. Marcus Aurelius war der einzige Mensch des Imperiums, der von den Affären der Faustina entweder nichts wusste oder gleichgültig dagegen war; und welche nach den Maßstäben jedes Zeitalters dem betrogenen Gemahl Schande gebracht hätten. Einige Liebhaber beförderte er auf einträgliche Ehrenstellen; ihr selbst gab er während ihrer dreißigjährigen Verbindung unverdrossen Beweise des zärtlichsten Vertrauens und einer Achtung, welche sogar ihr Leben überdauerte. In seinen Meditationen dankt er den Göttern, die ihm eine so treue, sanfte, in ihren Sitten so schlichte Gattin Meditationes 1,17. Die Welt hat über die Leichtgläubigkeit der Marcus gelacht; aber Madame Dacier versichert uns – und wir dürfen ihr hierin als Dame glauben – dass ein Ehemann immer getäuscht werden kann, wenn die Ehefrau bereit ist, sich nur zu verstellen. geschenkt hätten, und der allzeit gehorsame Senat erklärte sie auf sein Andringen zur Göttin. Sie wurde in ihren Tempeln mit den Attributen von Juno, Venus und Ceres dargestellt; auch ward dekretiert, dass am Tage ihrer Eheschließung die Jugend beiderlei Geschlechtes Opfer darbringen sollten vor dem Altare ihrer keuschen Schutzgöttin Cassius Dio, 71, p. 1195; Histor. August. p. 33. Die Vergöttlichung der Faustina ist der einzige dunkle Fleck, den Julians Kritik an dem allseitig vollendeten Charakter des Marcus Aurelius entdecken kann. .   ... UND MIT SEINEM SOHN COMMODUS · DESSEN THRONBESTEIGUNG 180 A.D. Die ungeheuerlichen Verbrechen des Sohnes haben auf die Reinheit der väterlichen Tugenden Schatten geworfen. Man hat Marcus vorgeworfen, dass er das Glück von Millionen seinen persönlichen zärtlichen Empfindungen für einen vollkommen unwürdigen Jüngling geopfert habe; und dass er seinen Nachfolger in seiner Familie und nicht in der Republik gesucht habe. Indessen, der besorgte Vater und die von ihm herangezogen Männer von Tugend und Verstand hatten nichts unterlassen, um die kleindenkende Seele des jungen Commodus emporzuheben, die aufkeimende Verbrechernatur zurückzudrängen und ihn würdig zu machen für den Thron, für den er bestimmt war. Indessen, Erziehung ist selten wirkmächtig außer in den wenigen glückhaften Fällen, wo sie eigentlich schon wieder überflüssig ist. Die schwergewichtige Lehre eines ernsten Philosophen wurde im Handumdrehen durch die Einflüsterungen eines nichtswürdigen Favoriten annulliert, und Marcus selbst verdarb die Früchte seines ausgearbeiteten Erziehungsplanes, indem er seinen Sohn mit vierzehn oder fünfzehn Jahren zur vollen Teilnahme an den Regierungsgeschäften zuließ. Er hatte dann nur noch vier Jahre zu leben, aber es war ausreichend, dass er seine unüberlegte Maßnahme noch bereuen konnte, mit welcher er den unbeherrschten Jüngling außerhalb jeder Kontrolle von Vernunft und Disziplin gestellt hatte.   THRONBESTEIGUNG DES COMMODUS Die meisten Verbrechen, welche den inneren Frieden einer Gesellschaft stören, sind Folge derjenigen Hindernisse, welche notwendige, aber wohl auch unbillige Eigentumsgesetze der menschlichen Habsucht auferlegen, indem sie den Besitz von den Dingen, nach denen sich viele sehnen, nur wenigen ermöglichen. Von allen Leidenschaften und Begierden ist der Machthunger der stärkste, und zugleich unsozialste, da die Anmaßung eines einzigen die Unterwerfung aller erfordert. Im Tumult der Bürgerkrieges gelten die Gesetze des Staates nur wenig, und selten nur selten nimmt die Humanität den ihr zukommenden Platz ein. Die Hitze des Gefechtes, der Stolz des Siegers, der Zweifel am Erfolg, die Erinnerung an vergangenes Unrecht, dies alles trägt dazu bei, das Gemüt zu entflammen und die Stimme des Mitleids zum Schweigen zu bringen. Ursachen dieser Art haben fast jede Seite der Geschichte mit dem Blut des Bürgers besudelt; aber Ursachen dieser Art können für die unkalkulierbaren Grausamkeiten des Kaisers Commodus nicht herangezogen werden, der sich nichts zu wünschen brauchte, aber alles zum genießen hatte. Der geliebte Sohn des Marcus folgte seinem Vater nach, von Senat und Soldaten Commodus war der erste Porphyrogenitus (»purpurgeboren«, d.h. geboren nach seines Vaters Thronbesteigung). Infolge einer neuen Variante von Schmeichelei werden die ägyptischen Medaillen nach seinen Lebensjahren datiert, als ob sie identisch wären mit denen seiner Regentschaft. Tillemont, Hist. Des Empereurs, Band 3, p. 752 umjauchzt; und als er den Thron bestieg(180A.D.), hatte seine glückliche Jugend weder einen Mitbewerber zu beseitigen noch einen Feind zu bestrafen. In dieser friedlichen und zugleich erhebenden Lage wäre es naheliegend gewesen, wenn er die Liebe der Menschen ihrem Hass vorgezogen hätte und den sanften Ruhm seiner fünf Vorgänger dem erbärmlichen Schicksal eines Nero oder Domitian.   CHARAKTERISIERUNG DES COMMODUS Allerdings war Commodus nicht, wie er gelegentlich wohl auch charakterisiert wurde, ein Tiger mit unstillbarem Durst nach Menschenblut und schon von Kindesbeinen an zu den unmenschlichsten Verbrechen fähig Hist. August. Commodus 1 . Die Natur hatte ihn eher schwach als verbrecherisch veranlagt. Seine Einfalt und Feigheit machten ihn zum Spielball seiner Umgebung, die allmählich sein Gemüt verdarb. Seine Grausamkeit, die zunächst nur den Einflüsterungen anderer gehorchte, wurde im Laufe der Zeit gewohnheitsmäßig und schließlich die alles beherrschende Leidenschaft seiner Seele Cassius Dio, 72, 1 .   RÜCKKEHR NACH ROM Nach dem Tode seines Vaters hatte Commodus das Kommando über eine große Armee inne und einen schwierigen Krieg gegen die Quaden und die Marcomannen Nach Tertullians (Apolog. 25) Angaben ist Marcus Aurelius in Sirmium gestorben. Aber Vindobona oder Wien, wohin die beiden Victor seinen Tod verlegen, passt geographisch besser zu Kriegsoperationen gegen die Quaden und Marcomannen. zu bestehen. Die kriecherischen und sittenlosen Jünglinge, welche Marcus noch verbannt hatte, konnten alsbald wieder ihre angestammten Stellungen und damit ihren Einfluss auf den neuen Kaiser zurückgewinnen. Sie bauschten die Gefahren und Beschwernisse eines Feldzuges gegen die grässlichen Völker jenseits der Donau auf und redeten dem phlegmatischen Herrscher erfolgreich ein, dass der Schrecken seines Namens im Verein mit den Waffen seiner Unterfeldherren ausreichen würden, den Feldzug gegen die mutlos gewordenen Barbaren erfolgreich zu beenden oder ihnen doch wenigstens günstige Bedingungen abzutrotzen, die besser wären als jede Eroberung. Geschickt nutzten sie seinen Hang zur Sinnenlust und stellten die Ruhe, den Glanz und die subtilen Vergnügungen Roms dem Lärm des pannonischen Lagers gegenüber, welches weder Muße noch Gelegenheit für ein üppiges Leben darböte Herodian, 1, 6 . Commodus schenkte diesen einleuchtenden Ratschlägen Gehör; aber während er noch zwischen seinen Neigungen und dem Respekt hin- und herschwankte, welchen er für die Ratgeber seines Vaters immer noch empfand, verging allgemach der Sommer und sein Triumphzug durch die Hauptstadt wurde bis zum Herbst aufgespart. Seine ansprechende Gestalt Herodian, 1, 7 , sein einnehmender Umgang und die ihm nachgesagten Tugenden gewannen ihm die Gunst des Publikums; die ehrenvollen Friedensbedingungen, die er kürzlich den Barbaren zugesichert hatte, verbreitete allgemeine Freude Dieser allgemeine Freudenzustand wird uns von Geschichtsschreibern ebenso überliefert wie von Medaillen.( Wotton, Hist. of Rome, p. 192, 193) ; seine Ungeduld, Rom wiederzusehen, wurde billig dem Heimweh zugeschrieben; und die Vergnügungen, denen er sich überließ, wurden – war er doch erst neunzehn Jahre alt – nur halbherzig verurteilt. Während der ersten drei Jahre seiner Regentschaft wurden die äußeren Formen und sogar der Geist der vorherigen Regierung durch jene getreuen Räte bewahrt, denen Marcus seinen Sohn anempfohlen hatte und für deren Weisheit und Aufrichtigkeit Commodus immer noch widerstrebenden Respekt empfand. Der junge Herrscher und seine sittenlosen Favoriten schwelgten in der Ungebundenheit, die nur königliche Macht verleiht, aber Blut klebte noch nicht an seinen Händen, ja er hatte sogar Proben von Hochherzigkeit abgelegt, welche vielleicht zu einer gegründeten Ernsthaftigkeit Manilius, der Privatsekretär des Avidius Cassius, wurde enttarnt, nachdem er mehrere Jahre unentdeckt Material gesammelt hatte. Der Herrscher zerstreute die allgemeine Besorgnis, indem er sich weigerte, ihn überhaupt zu sehen und die Briefe ungeöffnet verbrannte(Cassius Dio, 72, 4) hätte heranreifen können. Ein schicksalhafter Zwischenfall jedoch wies seinem schwankenden Charakter endgültig seine Richtung.   ERFOLGLOSER MORDANSCHLAG 183 A.D. Als der Kaiser eines Abends durch den dunklen und engen Porticus eines Amphitheaters Maffei degli Amfiteatri p. 126 zum Palast zurückkehrte, stürzte sich ein gekaufter Mörder, der in diesem Durchgang auf ihn lauerte, mit gezücktem Schwert auf ihn und schrie dabei: » Dies schickt dir der Senat! « Diese Vorankündigung vereitelte die Tat; die Wachen setzten den Mörder fest und entdeckten unverzüglich den Urheber des Anschlags. Er war nicht im Staat, sondern in den Mauern des Palastes ausgeheckt worden. Lucilla, die Schwester des Kaisers und Witwe des Lucius Verus, unzufrieden mit ihren zweiten Rang und eifersüchtig auf die regierende Kaiserin, hatte den Mörder gegen ihres Bruders Leben bewaffnet. Sie hatte nicht gewagt, dieses finstere Komplott ihrem zweiten Manne, Claudius Pompejanus, zu entdecken, einem Senator von unbestrittenem Verdienst und unerschütterter Treue; aber unter ihren ungezählten Liebhabern (sie eiferte in diesem Punkte der Faustina nach) fanden sich Männer mit zerrütteten Vermögen und wüstem Ehrgeiz, welche sich vorbereitet zeigten, Lucillas Gelüsten dienlich zu sein, ihren wüsten wie ihren zärtlichen. Die Verschwörer erfuhren die harte Hand der Justiz, und die niederträchtige Fürstin wurde erst mit Verbannung, dann mit dem Tode bestraft Cassius Dio, 72, 4; Herodian, 1, 8; Hist. August. Commodus 4 .   COMMODUS HASS AUF DEN SENAT; SEINE GRAUSAMKEIT Aber die Worte des Mörders waren tief in Commodus' Seele gesunken, und dort hatten sie unauslöschliche Spuren der Furcht und des Hasses gegen die gesamte Körperschaft des Senates hinterlassen. Diejenigen, die er bislang wegen ihres wichtigtuerischen Eifers gescheut hatte, verdächtigte er nunmehr als heimliche Feinde. Die Delatoren, berufsmäßige Denunzianten, eine Unterart des Menschengeschlechtes, die unter den vorigen Herrschern bereits mutlos und dann fast ausgestorben waren, begannen wieder fürchterlich zu werden, sobald sie entdeckten, dass der Kaiser Abfall und Verrat im Senat vorzufinden wünschte. In dieser Körperschaft, die Marcus immer als den Großen Rat der Nation angesehen hatte, saßen die verdienstvollsten aller Römer vereint; bald aber war Verdienst jeder Art zum kriminellen Delikt geworden. Der Besitz von Reichtum eiferte die Delatoren zu größerem Fleiße an, strenge Tugend waren ein unausgesprochener Vorwurf gegen die Extravaganzen des Commodus, hervorragende Fähigkeiten eine gefährliche Überlegenheit der Persönlichkeit, und die frühere Freundschaft zum Vater bürgte für die Feindschaft des Sohnes. Verdacht war gleichbedeutend mit Tatbeweis, ein Prozess bedeutete Verurteilung. Die Hinrichtung eines bedeutenden Senators hatte für alle, die sein Schicksal zu beklagen oder zu rächen gedachten, den Tod zur Folge; und nun, da Commodus einmal Menschenblut geleckt hatte, war er zu Mitleid oder Umkehr nicht mehr imstande.   DIE BRÜDER QUINTILIANUS · PERENNIS Von allen schuldlosen Opfern des Tyrannen starb niemand tiefer beklagt als die beiden Brüder aus der Familie Quintilianus, Maximus und Condianus, deren brüderliche Liebe ihren Namen vor dem Vergessen bewahrt hat und ihr Andenken der Nachwelt lieb gemacht hat. Ihre Studien und ihre Beschäftigungen, ihre Bestrebungen und ihre Vergnügen waren immer die gleichen. Da sie im Besitze eines beträchtlichen Vermögens waren, verfolgten sie niemals entgegengesetzte Interessen. Wir kennen noch einige Fragmente einer gemeinsam verfassten Schrift; und bei allem was sie taten, so sagte man wohl, seien ihre beiden Körper von einer Seele bewohnt. Die Antonine, die ihre Fähigkeiten schätzten und sich ihrer Gemeinschaft freuten, ernannten sie im selben Jahre zu Konsuln; Marcus vertraute ihrer gemeinsamen Obsorge die Zivilverwaltung Griechenlands an sowie ein wichtiges Militärkommando, in welchem sie einen bedeutenden Sieg über die Germanen errangen. Commodus gönnte ihnen in leutseliger Unmenschlichkeit einen gemeinsamen Tod. In einer Anmerkung zu der Hist. August., p. 96 hat Casaubon eine Anzahl Details zu diesen berühmten Brüdern gesammelt.   PERENNIS Nachdem die Wut des Tyrannen so lange das edelste Blut des Senates vergossen hatte, nahm sie sich endlich auch des Hauptwerkzeuges seiner Grausamkeit an. Während sich Commodus in Blut und Luxus suhlte, überließ er lästige Details der öffentlichen Verwaltung Perennis, einem gefügigen und ehrgeizigen Minister, der sich seinen Posten durch die Ermordung seines Vorgänger verdient hatte, der aber beachtliche Energie und Begabungen besaß. Er hatte sich ein beträchtliches Vermögen angehäuft, überwiegend durch Erpressung und durch beschlagnahmte Güter von Adligen, die seiner Habgier zum Opfer fielen. Die Prätorianergarden unterstanden seiner unmittelbaren Kommandogewalt; sein Sohn, der gerade sein militärisches Talent entfaltete, stand an der Spitze der illyrischen Legionen. Perennis strebte die oberste Herrschaft an; oder, was in den Augen des Commodus mit diesem Verbrechen gleichbedeutend war, er wäre dazu fähig gewesen, hätte man ihm nicht dabei betroffen und zum Tode verurteilt. (A.D. 186) Im Verlaufe der Geschichte des Imperiums ist der Sturz eines Ministers nur ein Nebenereignis; aber dieser wurde durch eine besondere Episode beschleunigt, welche darlegt, wie sehr die Disziplin bereits gelitten hatte. Den Legionen Britanniens gefiel die Amtsführung des Perennis übel und so bildeten sie eine Abordnung von fünfzehnhundert ausgewählten Kriegern mit dem Auftrag, nach Rom zu gehen und ihre Beanstandungen dem Kaiser vorzutragen. Durch ihr entschiedenes Auftreten, durch Aufhetzung einzelner Abteilungen der Leibwache, durch übertriebene Schilderung der Stärke der britannischen Legionen und indem sie die Feigheit des Commodus in ihr Kalkül mit einbezogen, forderten und setzten sie die Hinrichtung des Ministers durch, als der einzig denkbaren Abhilfe für ihre Beschwerden Cassius Dio 72, 9; Herodian, 1, 8; und Hist. August. Commodus, 4. Cassius Dio entwirft von Perennis ein wesentlich günstigeres Bild als andere Historiker. Diese Zurückhaltung spricht beinahe für die Richtigkeit seiner Darstellung. . Diese Anmaßungen weit entfernter Heere und der Nachweis der Anfälligkeit dieser Regierung waren zuverlässige Vorzeichen für tiefgehende Verwerfungen.   REVOLTE DES MATERNUS Die Vernachlässigung der öffentlichen Verwaltung verriet sich bald darauf durch ein neuerliches Durcheinander, welches aus kleinsten Ursachen seinen Anfang nahm. In den Truppen breitete sich mit Macht der Geist der Desertation aus, und die Deserteure, anstatt dass sie ihr Heil in Flucht und Verborgenheit gesucht hätten, machten die Landstraßen unsicher. Maternus, ein einfacher Soldat, aber mit standesunüblichem Unternehmungsgeist begabt, vereinigte diese Räuberhaufen zu einem kleinen Heer, brach die Gefängnisse auf, forderte Sklaven auf, sich ihre Freiheit zu verdienen und plünderte straflos die reichen und wehrlosen Städte Galliens und Spaniens. Die Provinzstatthalter, die schon seit langem Zuschauer und vermutlich auch stille Teilhaber dieser Plündereien gewesen waren, wurden endlich durch zornige kaiserliche Befehle aus ihrem behaglichen Nichtstun aufgestört. Maternus fand sich von allen Seiten umzingelt und sah seinen Untergang voraus. Eine große Verzweiflungstat war sein letzter Ausweg. Er gab seinen Anhängern Weisung, sich zu zerstreuen, die Alpen in kleinen Gruppen und verschiedenen Verkleidungen zu überqueren und sich in Rom während der ausgelassenen Cybelefeiern Während des zweiten Punischen Krieges führten die Römer aus Asien den Kult der Göttermutter ein. Ihre Feier, die Megalesia, begann am 4. April und dauerte sechs Tage. Die Straßen waren mit verrückten Umzügen, die Theater mit Zuschauern und die öffentlichen Tafeln mit ungebetenen Gästen verstopft. Ordnung und Polizei waren suspendiert und Vergnügen die einzige ernsthafte Beschäftigung in der Stadt. Vgl. Ovid, Fasti 4, 189ff zu sammeln. Dies war nicht der Ehrgeiz eines durchschnittlichen Räubers: Commodus umzubringen und den vakanten Thron zu besteigen. Seine Maßnahmen waren so geschickt aufeinander abgestimmt, dass sich die Straßen Roms allmählich mit seinen unsichtbaren Truppen anfüllten. Der Neid eines Komplizen entdeckte und verdarb diese einzigartige Unternehmung in dem Moment, in dem sie zur Ausführung reif war(A.D. 187) Herodian, 1, 10 .   CLEANDER · A.D. 189 Argwöhnische Herrscher erheben oftmals die untersten des Menschengeschlechtes in der arroganten Überzeugung, dass die, die keine andere Abhängigkeit kennen als die von ihrer Gunst, auch keine andere Anhänglichkeit kennen würden als die zu ihrer, des Wohltäters, Person. Cleander, der Nachfolger des Perennis, war gebürtig aus Phrygien, einer Nation mithin, über deren störrische und zugleich knechtische Natur nur Schläge etwas vermögen Cicero, pro Flacco 27 . Er war aus seinem Lande als Sklave nach Rom gekommen. Als Sklave ging er in den Palast ein, machte sich seinem Herren bei dessen Leidenschaften nützlich und stieg rasch zu der höchsten für Unfreie erreichbaren Stellung auf. Sein Einfluss auf das Gemüt des Commodus war bedeutend stärker als der seines Vorgängers, denn Cleander fehlte jede Begabung, die dem Kaiser hätte Neid, und jeder Vorzug, der ihm hätte Misstrauen einträufeln können. Habsucht war die herrschende Leidenschaft seiner Seele und das oberste Prinzip seiner Verwaltung. Die Stellungen eines Konsuls, Patriziers oder Senators standen öffentlich zum Verkauf; und denjenigen hätte man als Spielverderber angesehen, der sich diese hohlen und beinahe schon schimpflichen Titel mit einem Großteil seines Vermögens zu erkaufen geweigert hätte Eine dieser teuer gekauften Beförderungen brachte das bon mot in Umlauf, dass Julius Solon in den Senat verbannt worden sei. . Bei einträglichen Provinzämtern teilte der Minister mit den Statthaltern die dem Volk gestohlene Beute. Die Rechtsprechung war käuflich und willkürlich. Ein wohlhabender Verbrecher konnte nicht nur die Aufhebung eines rechtmäßig gegen ihn ergangenen Urteils kaufen, sondern jede ihm gefällige Strafe gegen seine Ankläger, die Belastungszeugen und die Richter erwirken. Auf diese Weise hatte Cleander innerhalb von drei Jahren mehr Vermögen zusammengerafft als jeder andere Freigelassene vor ihm Cassius Dio (72, p. 12, 13) stellt fest, dass kein Freigelassener ähnliche Reichtümer wie Cleander besessen habe. Das Vermögen des Pallas belief sich indessen auf über mehr als fünfundzwanzig mal hunderttausend Pfund.. Commodus war's zufrieden, wenn ihm der fintenreiche Höfling in schlauberechneten Augenblicken üppige Geschenke zu Füßen legte. Um die öffentliche Scheelsucht zu zerstreuen, ließ Cleander im Namen des Kaisers Bäder Cassius Dio 72, 12. Herodian, 1,12. Hist. August. Commodus 17.Diese Bäder lagen in der Nähe der Porta Capena. Nardini Roma Antica, p. 79 , Porticos und Sportstätten zum Gebrauch des Volkes errichten. Er schmeichelte sich, dass die Römer, durch diese sichtliche Freigebigkeit geblendet und abgelenkt, von den täglich aufgeführten Blutszenen weniger aufgewühlt würden; dass sie den Tod des Burrus vergessen würden, eines Senators, dessen hervorragende Verdienste den vorigen Kaiser vermocht hatten, ihm eine seiner Töchter zu versprechen; und dass sie die Hinrichtung des Arrius Antoninus vergeben würden, dem letzten Repräsentanten des Hauses und der Tugenden der Antonine. Der erstere hatte mit viel Redlichkeit und wenig Klugheit versucht, seinem Schwager über den wahren Charakter des Cleander die Augen zu öffnen. Dem letzteren wurde ein gerechtes Urteil, das er als Prokonsul in Asien über eine der elenden Kreaturen des Günstlings ausgesprochen hatte, zum tödlichen Verhängnis Hist. Augusta, Commodus 16 . Nach dem Sturz des Perennis schien Commodus seinen Terror kurzfristig wieder auf die Bahn der Tugend einzulenken. Er widerrief dessen schlimmste Anordnungen, warf sein Andenken der öffentlichen Meinung zum Fraße vor und nannte als Grund für die Missgriffe seiner unerfahrenen Jugend des verhassten Ministers üble Ratschläge. Aber diese Umkehr dauerte nur dreißig Tage; und unter der Terrorherrschaft des Cleander wurde die Verwaltung des Perennis nahezu wieder herbeigesehnt.   AUFRUHR · TOD CLEANDERS · A.D. 189 Pest und Hungersnot machten das Maß des Leidens der Römer Herodian 1, 12. Cassius Dio 72, 14. Letzterer berichtet, dass täglich zweitausend Römer starben, und dies über einen beträchtlichen Zeitraum. voll. Die Seuche konnte ja nur dem berechtigten Unmut der Götter zugeschrieben werden, der Hunger jedoch war, wie jeder sofort erkannte (189 A.D.), eine Folge des Getreidemonopols des Ministers; das durch dessen Stellung und Reichtum noch verschärft wurde. Die allgemeine Unzufriedenheit, die für lange Zeit nur im Flüsterton umgegangen war, brach schließlich im vollbesetzten Circus aus. Das Volk ließ sogar seinen Lieblingszeitvertreib im Stich, um sich den subtileren Genüssen der Rache hinzugeben, strömte scharenweise zu einem Palast in den Vorstädten, einem der kaiserlichen Erholungssitze, und verlangte unter Zorngetöse den Kopf des Volksfeindes. Cleander, der die Prätorianergarde Tuncque primum tres praefecti praetorio fuere: inter quos libertinus. (Damals gab es erstmals drei Prätorianische Präfekten: darunter ein Freigelassener). Aus Gründen der Bescheidenheit lehnte Cleander den Titel des Präfekten der Prätorianergarde ab, während er zugleich dessen Macht übernahm. So, wie andere Freigelassene ihren Titel von ihrer Tätigkeit ableiteten (a rationibus, ab epistulis), nannte sich Cleander a pugione, beauftragt mit dem Schutz der kaiserlichen Person. Salmasius und Casaubon haben zu diesem Abschnitt viel Müßiges geschätzt. befehligte, gebot einer Kavallerieabteilung auszufallen und die aufrührerische Menge zu zerstreuen. Dass Volk floh kopflos und ungeordnet in die Stadt; einige wurden erschlagen, viele zu Tode getrampelt; als aber die Kavallerie in die Gassen eindrang, kam ihr weiteres Vorrücken durch einen Hagel von Steinen und Pfeilen von Dächern und Fenstern ins Stocken. Die Garde zu Fuß Herodian, 1, 12. Es ist unklar, ob Herodian die Infanterie der Prätorianer meint oder die cohortes urbanae, eine Truppe von sechstausend Mann, deren Bedeutung und Disziplin nicht zu ihrer Zahlenstärke passte. Weder Tillemont noch Wotton legen sich hier fest. , die der Kavallerie ihre Vorrechte und lose Disziplin schon lange neidete, schlug sich auf die Seite des Volkes. Der Tumult entwickelte sich zu einem regelrechten Gefecht, und es drohte ein allgemeines Gemetzel. Die Prätorianer wichen endlich der schieren Überzahl; die Volkswut flutete mit verdoppelter Heftigkeit gegen die Tore des Palastes zurück, in welchem Commodus lag, in Üppigkeit aufgelöst, und der als einziger von den Unruhen nichts ahnte. Er wäre inmitten dieser Ahnungslosigkeit zugrundegegangen, wenn nicht zwei Frauen, seine älteste Schwester Favilla und Marcia, seine aktuelle Lieblingsbeischläferin, es gewagt hätten, in seine Nähe vorzudringen. Von Tränen blind, mit aufgelösten Haaren stürzten sie zu seinen Füßen nieder und entdeckten dem erschrockenem Kaiser mit einer Beredsamkeit, die nur die Furcht eingibt, die Verbrechen seines Ministers, die Empörung des Volkes und das Verderben, das binnen kurzem über ihn und sein Haus notwendig hereinbrechen müsse. Commodus, aus seinen Lustträumen emporgescheucht, gebot, Cleander dem Volke zum Fraße vorzuwerfen. Dieses erhoffte Spektakel dämpfte alsgleich den Tumult. Und der Sohn des Marcus Aurelius hätte sogar jetzt noch die Zuneigung und das Vertrauen seiner Untertanen zurückgewinnen können Cassius Dio, 72, 13; Herodian 1, 13; Hist. August. Commodus 7 .   EXZESSE DES COMMODUS Aber jedes Gefühl für Anstand und Menschlichkeit war in Commodus abgetötet. Während er weiterhin die Regierung des Reiches unwürdigen Günstlingen überließ, schätzte er an der Regierungsgewalt lediglich die unbegrenzten Möglichkeiten, die sie seinen sinnlichen Begierden eröffnete. Seine Zeit verbrachte er in einem Serail von dreihundert schönen Frauen und ebenso vielen Knaben jeden Ranges und aus jeder Provinz; und wenn die Kunst der Verführung nicht hinreichte, verfiel der brutale Liebhaber auf die Gewalt. Die Geschichtsschreiber der Alten haben sich ausführlich bei der Schilderung dieser Szenen aufgehalten, Szenen, die jeder Schranke der Natur oder der Scham spotteten; es wäre indessen ein heikles Unterfangen, ihre detailfreudigen Darstellungen in den dezenteren Sprachduktus der Gegenwart zu übersetzen. Die Pausen zwischen den Lustanwandlungen waren mit dem niedrigsten Zeitvertreib gefüllt. Der Einfluss eines kultivierteren Zeitalters und die Bemühungen einer sorgfältigen Erziehung waren niemals imstande gewesen, in seine rohe und vertierte Seele auch nur eine Spur von Wissen zu senken; er war der erste aller römischen Kaiser, dem jeder Sinn für geistige Genüsse abging. Selbst Nero glänzte in den schönen Künsten, in der Musik und Poesie, oder gab doch wenigstens vor, hierin zu glänzen. Und keineswegs würden wir seine Versuche geringschätzen, wenn er nicht aus dem Vergnügen einer Mußestunde eine professionelle Beschäftigung und seinen eigentlichen Lebensinhalt hätte machen wollen. Commodus jedoch entwickelte seit seiner frühen Jugend eine Abneigung gegen alles Geistige und eine starke Zuneigung zu rohen Vergnügungen – Zirkusspiele, Gladiatorenkämpfe und Tierhetzen. Die Meister aus jeden Wissenszweig, welche Marcus für seinen Sohn herangezogen hatte, wurden unaufmerksam und widerwillig angehört, während die Mauretanier und Parther, die ihn lehrten, den Speer zu schleudern und mit dem Bogen zu schießen, in ihm einen Schüler fanden, der sich an seinen eigenen Anstrengungen ergötzte und seinen tüchtigsten Lehrern bald an Zielsicherheit und Geschicklichkeit gleichkam.   TIERHETZEN · AUFTRITT IM AMPHITHEATER Die unterwürfige Masse, deren Wohlergehen von den Lastern ihres Meisters abhing, schrie diesem würdelosen Treiben Beifall. Die hinterlistige Stimme der Schmeichelei erinnerte ihn, dass durch vergleichbare Heldentaten, durch Erlegen des nemäischen Löwen, Überwältigung des wilden erymantischen Ebers der griechische Heros Herakles sich einen Platz unter den Göttern und unsterblichen Ruhm unter den Menschen erstritten habe. Sie versagten sich allerdings den Hinweis, dass in der Frühzeit menschlicher Gesellschaften, als wilde Tiere und Menschen sich oft in einem Ringen um unbesiedeltes Land befunden hatten, ein Erfolg in diesem Streit gegen die Bestien ein unschuldsvoller und geradezu wohltätiger Akt von Heroismus ist. Im Zustande der römischer Zivilisation hatten sich wilde Tiere schon längst aus der Nähe des Menschen und bevölkerter Städte zurückgezogen. Sie jetzt in ihren einsamen Verstecken Der afrikanische (Berber-)Löwe fiel, wenn er hungerte, in offene Dörfer und kultiviertes Land ein, und dies tat er ungestraft. Dieses königliche Wild war dem kaiserlichen und hauptstädtischen Jagdvergnügen vorbehalten, und der unglückselige Bauer, der ein solches Tier – auch in Notwehr – tötete, musste einer schweren Strafe gewärtig sein. Dieses Hohe Jagdgesetz wurde erst von Honorius gemildert und von Justinian endgültig abgeschafft. Codex Theodos. Bd.5, p. 92, Kommentar Gothofred. aufzustören, nach Rom zu bringen, auf dass sie vor pompöser Kulisse von kaiserlicher Hand geschlachtet würden, das war ein Unterfangen, für den Herrscher ebenso lächerlich wie für die Bevölkerung ärgerlich. In völliger Unkenntnis dieser Unterschiede begriff Commodus wenigstens die glorreiche Ähnlichkeit und nannte sich, wie wir heute noch auf Medaillen nachlesen können Spanheim de Numismat. 12, Bd. 2, p. 493 , den Römischen Herkules . Die Keule und das Löwenfell wurden neben dem Thron zwischen den anderen Insignien kaiserlicher Macht aufgebaut; auch wurden Statuen errichtet, in welchen Commodus mit den Attributen jenes Gottes dargestellt wurde, mit dessen Kraft und Gewandtheit in seinen täglichen brutalen Vergnügungen zu wetteifern er sich nunmehr anschickte Cassius Dio, 72, 15; Hist. August, Commodus 8 . Emporgetragen durch diesen Prestigegewinn, welcher in ihm die letzten Reste angeborenen Schamgefühls auslöschte, entschloss sich Commodus, vor den Augen des römischen Volkes diese Kunst aufzuführen, die bis dahin für den bescheidenen Rahmen seines Palastes und ausgesuchter Favoriten aufgespart gewesen war. Am festgesetzten Tage bewirkten unterschiedliche Motive – Schmeichelei, Angst, Neugier – dass eine ungemessene Anzahl von Zuschauern sich im Amphitheater drängte; und einiger Beifall ging verdientermaßen auf diese bei Kaisern unübliche Gewandtheit hernieder. Ob er nun auf den Kopf oder das Herz des Tieres zielte, die Wunde war gleichermaßen sicher und tödlich. Mit Pfeilen, deren Spitze wie ein Halbmond geformt war, hemmte er oft den schnellen Lauf oder zerschnitt den langen, knochenreichen Hals eines Straußes Ein Straußenhals ist drei Fuß lang und besitzt siebzehn Wirbel. Buffon, Hist. Nature . Ein Panther ward losgelassen, und der Bogenschütze wartete, bis er auf einen zitternden Übeltäter losstürmte. Im selben Augenblick flog der Pfeil, das Tier stürzte zu Tode und der Mann blieb unversehrt. Die Käfige des Amphitheaters spieen in einem Moment hundert Löwen aus; und hundert Pfeile aus Commodus' unfehlbarer Hand streckten sie nieder, während sie in Raserei durch die Arena stürmten. Weder der gewaltige Umfang des Elefanten noch die gepanzerte Haut des Rhinozeros schützten sie gegen seine Schüsse. Äthiopien und Indien lieferten ihre seltensten Arten, und viele Tiere wurden im Amphitheater geschlachtet, welche bis dahin nur aus künstlerischen Darstellungen oder überhaupt nur als Erzeugnisse der Phantasie bekannt gewesen waren Commodus tötete sogar einen Camelopardis oder Giraffe (Cassius Dio, 72, 10), das größte, sanfteste und nutzloseste aller großen Vierbeiner. Dieses einzigartige Geschöpf aus dem Inneren Afrikas war seitdem bis zum Wiedererwachen der Wissenschaften nicht mehr in Europa zu sehen, und obwohl Herr Buffon es unternommen hat, sie zu beschreiben, wagte er dennoch nicht, die Giraffe auch zu zeichnen. . Bei allen diesen Vorführungen waren sorgfältigste Sicherheitsmaßnahmen getroffen worden, den römischen Herkules vor dem Verzweiflungssprung irgendeiner Bestie zu schützen, die es ungezogenerweise vor der Würde des Kaisers und der Heiligkeit des Gottes an Respekt hätte fehlen lassen Herodian, 1, 15; Hist. Aug. Commodus 11 .   TRITT ALS GLADIATOR AUF Aber auch der verkommenste Pöbel empfand Scham und Entrüstung, als er seinen Kaiser als Gladiatoren in die Schranken treten sah, um Ruhm zu ernten in einem Gewerbe, welches nach Gesetz und Herkommen mit dem wohlerworbenen Makel der Ehrlosigkeit Die besseren und selbst die weisen Herrscher hatten es Rittern und sogar Senatoren bei Strafe der Unehre verboten, diese skandalöse Laufbahn einzuschlagen, oder unter Androhung des Exils, was bei diesen Elenden noch gefürchteter war. Die Tyrannen hingegen veranlassten sie mit Drohungen oder Belohnungen zu dieser Schändlichkeit. Nero hatte einmal vierzig Senatoren und sechzig Ritter in der Arena vorgeführt. Lipsius, Saturnalia, 2,2; Er hat hier eine Passage aus Sueton (Leben des Nero, 2) richtig gestellt. belegt war. Er wählte Ausrüstung und Waffen eines Secutors , dessen Kämpfe mit dem Retirarius zu den spannendsten Augenblicken der Blutspiele der Arena zählte. Der Secutor war mit Helm, Schwert und Buckelschild bewaffnet; sein nackter Widerpart hatte lediglich ein großes Netz und einen Dreizack; mit dem einen versuchte er seinen Gegner einzuwickeln, mit dem anderen, ihn zu töten. Fehlte er mit seinem ersten Wurf, so musste er vor dem Secutor ausreißen, bis er sein Netz für einen zweiten Versuch Juvenal beschreibt in seiner achtzehnten Satire einen solchen Kampf mit großer Anschaulichkeit. vorbereitet hatte. Der Kaiser focht in dieser Disziplin siebenhundert und fünfunddreißig Mal. Alle diese Ruhmestaten wurden in den Staatsakten mit Genauigkeit aufgezeichnet; und damit er nun auch ja keine Gelegenheit zur tiefsten Schande auslasse, bezog er aus einem Fundus für Gladiatoren derart horrende Gagen, dass sich hieraus eine neue und besonders erbärmliche Steuer für die Römer ergab Er erhielt für jeden Auftritt etwa £ 8000.(Hist. August. Commodus 11 Cassius Dio, 72, 19) . Dass der Herr der Welt in diesen Disziplinen allemal Sieger blieb, ahnen wir schon. Im Amphitheater waren seine Siege zwar meist unblutig; aber wenn er Proben seiner Kunst in den Gladiatorenkasernen oder in seinem Palast ablegte, dann beehrte die Hand des Commodus seine unglücklichen Gegner oft persönlich mit dem Todesstoß, und sie mussten ihre Artigkeit mit ihrem Blute besiegeln Aurelius Victor (Caesares 4)berichtet uns, dass Commodus seinen Gegnern nur Waffen aus Blei gestattete, höchstwahrscheinlich aus Furcht vor einer Verzweiflungstat. . Da er aber des Titels Hercules müde ward, durfte nur noch der Name des Paulus, eines gefeierten Secutors, seinem Ohre schmeicheln. Er wurde auf seinen Kolossalstatuen verewigt und in mehrfachen Akklamationen Sie wurden dazu verurteilt, sechshundert und sechsundsechzig Male zu wiederholen: Paulus, erster der Secutoren. von dem zutiefst verängstigten, indessen auch beifallfreudigen Senat wiederholt Cassius Dio, 72, 20. Er redet hier von seiner eigen Erniedrigung und Lebensgefahr. . Claudius Pompeianus, der tugendreiche Gemahl der Lucilla, war der einzige Senator, welcher die Ehre seines Standes emporhielt. Als Vater erlaubte er seinen Söhnen, das Amphitheater zu besuchen und sich so um ihre Sicherheit zu besorgen. Als Römer, so erklärte er, liege sein Leben in des Kaisers Hand; aber niemals würde er sich dareinfinden, wie der Sohn eines Marcus Aurelius seine Person und seine Würde öffentlich prostituiere. Trotz dieser mannhaften Unbeirrbarkeit entging Pompeianus der kaiserlichen Ungnade und war glücklich, seine Ehre und zugleich sein Leben zu retten Gleichwohl waren auch bei ihm Mut mit Klugheit gepaart; die meiste Zeit verbrachte er in ländlicher Zurückgezogenheit, wobei er sein fortgeschrittenes Alter und eine Sehschwäche vorschob. »Ich habe ihn nie im Senat gesehen«, sagt Dion, »außer in der kurzen Regierungszeit des Pertinax.« Alles Schwächeln hatte ihn da verlassen, und dann befiel es erneut und ebenso unvermittelt den Mörder dieses hervorragenden Herrschers (Cassius Dio, 72, 3). .   VERSCHWÖRUNG · SEINE ERMORDUNG AM 31. DEZEMBER A.D. 192 Commodus hatte damit den Gipfel der Infamie und des Verbrechens erklommen. Inmitten der Ovationen eines kriecherischen Hofstaates konnte er nicht vor sich verbergen, dass er die Verachtung und den Hass eines jeden Menschen von Charakter in seinem Reich verdient habe. Sein wüstes Gemüt wurde immer stärker aufgereizt durch das Bewusstsein dieses Hasses, durch Neid gegen jede Art von wirklichem Verdienst, durch berechtigte Angst vor Verschwörungen und durch sein mittlerweile gewohnheitsmäßiges tägliches Morden. Die Geschichte hat eine lange Liste von Senatoren konsularischen Ranges aufbewahrt, die alle Opfer seines allumfassenden Misstrauens wurden, welches bevorzugt die ausgewählte, die zu ihrem Unglück mit dem Haus der Antonine, und sei es auch noch so weitläufig verwandt waren, wobei er zum Schluss selbst die Helfershelfer seiner Verbrechen oder Vergnügungen nicht schonte Die Gardepräfekten wurden beinahe stündlich oder täglich ausgetauscht; und die Unberechenbarkeit des Commodus war oftmals auch für seine vertrautesten Kammerdiener tödlich (Hist. August, Commodus 14, 15). . Schließlich wurde ihm seine eigene Grausamkeit zum Verhängnis. Das edelste Blut hatte er ungestraft vergossen: da er aber seinen eigenen Komplizen furchtbar wurde, war dies sein Untergang. Marcia, seine Vorzugskonkubine, sein Kammerdiener Eclectus, und Laetus, der Gardepräfekt, beunruhigt durch das Schicksal ihrer Vorgänger, kamen zu dem Entschluss, ihrer eigenen Vernichtung, etwa durch eine beliebige Laune des Tyrannen oder durch plötzliche Volkswut, die beide stündlich über ihnen hingen, zuvorzukommen. Marcia ergriff die Gelegenheit, ihrem Liebling einen Trunk vergifteten Weins anzubieten, nachdem er sich bei einer Tierhatz verausgabt hatte. Commodus zog sich zur Ruhe zurück; aber während er unter der vereinten Wirkung von Gift und Trunkenheit darniederlag, betrat ein kräftiger Jüngling, Ringer seines Gewerbes, seine Kammer und erdrosselte ihn ohne jeden Widerstand. Die Leiche wurde in aller Stille aus dem Palast geräumt, bevor auch nur der leiseste Verdacht in der Stadt, ja sogar im Palast selbst aufkommen konnte. Dies war das Ende des Sohnes von Marcus Aurelius, und so leicht war es gewesen, diesen verhassten Tyrannen zu vernichten, welcher dreizehn Jahre hindurch mit einer raffinierten Regierungsmaschinerie Millionen von Untertanen geknechtet hatte, von denen jeder einzelne seinem Herrscher an körperlichen und individuellen Vorzügen gleichgekommen war Cassius Dio, 72, 22; Herodian, 1, 17. Hist. August. Commodus 17. .   PERTINAX ZUM IMPERATOR ERNANNT · A.D. 196 Die Maßnahmen der Verschwörer waren mit kaltem Blut und präziser Schnelligkeit durchgeführt worden, so wie es die Bedeutung des Unterfangens erforderte. Sie beschlossen augenblicklich, den vakanten Thron mit einer Herrscherpersönlichkeit zu besetzen, dessen Charakter die begangene Tat zu rechtfertigen und gleichsam fortzuführen versprach. Ihre Wahl fiel auf den Stadtpräfekten Pertinax Pertinax war aus Alba Pompeia gebürtig und Sohn eines Holzhändlers. Die Stufen seiner Karriereleiter, so wie Capitolinus sie uns überliefert, ermöglichen es uns, sie verallgemeinernd für die Gepflogenheiten und die Organisation der Regierung jener Zeit hinzustellen: 1 Zenturio. 2. Präfekt einer Kohorte in Syrien während des Partherkrieges. 3. Kommando über eine Ala oder Reiterschwadron im Mösien. 4. Kommissar für Verproviantierung an der Via Aemilia. 5. Kommandant der Rheinflotte. 6. Er war Procurator von Dacien mit einem Jahresgehalt von £ 1600. 7. Kommando über die Veteranen einer Legion. 8. Er erhielt den Rang eines Senators... 9... eines Prätors. 10. Kommando über die 1. Legion in Rhaetia und Noricum. 11. Im Jahre 175 Konsul. 12. Begleiter von Marcus im Osten. 13. Kommando über die Donauarmee. 14. Er war Legat von konsularischem Rang und Moesien... 15...Dacien...16...Syrien...17...Britannien. 18. Aufsicht über die öffentliche Getreideversorgung Roms. 19. Prokonsul in Afrika. 20. Stadtpräfekt von Rom. Herodian (1, p.48) tadelt seine apathische Gemütsverfassung, aber Capitolinus, der jedes populäre Gerücht aufzeichnete, hält ihm vor, dass er sein gewaltiges Vermögen durch Bestechung und Erpressung angesammelt habe. , ein älterer Senator von konsularischem Rang, dessen beachtliche Verdienste das Dunkel seiner Geburt überstrahlten und ihn zu tragenden staatlichen Positionen emporgeholfen hatten. Er hatte nacheinander viele Provinzen des Reichs verwaltet und sich bei allen seinen Unternehmungen, seien sie ziviler oder militärischer Natur, beständig durch Beharrlichkeit, Umsicht und Zuverlässigkeit ausgezeichnet. Er war mittlerweile fast als der einzige von allen Freunden und Ministern des Marc Aurel am Leben geblieben; als er nun zu später Nachtstunde geweckt wurde mit der Nachricht, der Kammerdiener und der Präfekt begehrten Einlass, empfing er sie mit tapferer Ergebung und wünschte, sie mögen die Mordbefehle ihres Herren vollziehen. Anstelle der Tötung boten sie ihm den Thron des Römischen Imperiums an. Erst nachdem er sich vom Tode des Commodus überzeugt hatte, nahm er den Purpur mit jenem ungeheucheltem Widerwillen an, welcher die naturgegebene Folge seiner Vertrautheit mit den Pflichten und Gefahren des höchsten Staatsamtes Julian (Caesaren) vermutet in ihm einen Helfershelfer beim Tode des Commodus. war.   VON DEN PRÄTORIANERN ANERKANNT Laetus begleitete den neuen Herren ohne Verzug zu den Prätorianer-Kasernen und streute zugleich in der Stadt die dazu passende Nachricht, dass Commodus einem Schlaganfall jäh erlegen sei; und dass ihm der tugendreiche Pertinax bereits auf den Thron gefolgt sei. Die Truppe war eher überrascht als erfreut von dem nicht unverdächtigen Tode des Herrschers, vom dem sie als einzige Nachsicht und Freigebigkeit erfahren hatte. Indessen: die normative Kraft des Augenblicks, das Ansehen des Präfekten, der Jubel des Volkes: alles dieses vermochte sie, ihr geheimes Missvergnügen hintan zu stellen, von dem nur die in Aussicht gestellten Donative ausgenommen waren, ihm Gefolgschaft zu schwören und mit fröhlichem Zujauchzen und Lorbeerschmuck in den Händen ihn vor das Haus des Senats zu geleiten, auf dass der Wille des Militärs durch die zivile Instanz vollendet werde.   DAS GEDÄCHTNIS AN COMMODUS WIRD GEÄCHTET Die wichtige Nacht war weit fortgeschritten; in der Morgendämmerung und während der Neujahrsfeiern sollten sich die Senatoren zu einer schmachvollen Zeremonie versammeln. Trotz aller Proteste, die von denjenigen seiner Kreaturen kamen, in denen sich tatsächlich noch Fragmente von Klugheit und Anstand fanden, hatte Commodus sich entschlossen, die Nacht in der Gladiatorenschule zu verbringen und von dort aus in der Ausrüstung und im Beisein dieser schäbigen Bande das Konsulat zu übernehmen. Plötzlich nun also wurde der Senat in den Concordiatempel zitiert, wo sie die Garden vorfanden, um die Wahl des neuen Kaisers zu bestätigen. Einige Minuten saßen sie in angespanntem Schweigen, mochten ihre plötzliche Erlösung nicht glauben und fürchteten eine der hinterhältigen Grausamkeiten des Commodus; als ihnen aber des längeren versichert wurde, dass der Tyrann nicht mehr sei, überließen sie sich hass- und freudetrunken allen nur denkbaren Ausbrüchen. Pertinax verleugnete in bescheidener Weise seine niedrige Herkunft nicht und benannte einige edle Senatoren, die mehr als er das Imperium verdient hätte, ward aber durch sie genötigt, den Thron zu besteigen, erhielt alle Insignien kaiserliche Machtfülle und wurde hierin auch durch die aufrichtigsten Treuegelübde bestätigt. Das Andenken an Commodus aber wurde mit ewiger Schande gebrandmarkt. Die Benennungen Tyrann, Gladiator, Staatsfeind durchhallten jede Ecke des Gemäuers. In stürmischen Abstimmungen wurde beschlossen, ihm seine Ehrungen abzuerkennen, seine Titel von den öffentlichen Inschriften zu tilgen, seine Statuen zu stürzen, seinen Körper an einem Haken in die Umkleidekabine der Gladiatoren zu schleifen und so dem öffentlichen Zorn Genüge zu tun; auch zeigten sie Unmut gegen einige beflissene Staatsdiener, welche gemeint waren, wenigstens seine körperlichen Überreste gegen den Zorn des Senats in Schutz zu nehmen. Aber Pertinax konnte jene letzten Ehrenrituale dem Andenken an Marcus und den Tränen seines ersten Schirmherrn Claudius Pompeianus nicht verweigern, welcher das grausame Schicksal seines Schwagers (Commodus) beweinte und fernerhin lamentierte, dass er es eigentlich verursacht habe Capitolinus schildert uns einige Einzelheiten dieser tumultuösen Abstimmungen, welche von einem Senator vorgetragen und dann von der gesamten Körperschaft wiederholt oder besser nachgesungen wurde (Hist. August.). . Diese Ausbrüche ohnmächtigen Zornes gegen einen toten Kaiser, den der Senat zu Lebzeiten mit der widerlichsten Speichelleckerei umkrochen hatte, verrieten eine ebenso begreifliche wie würdelose Rachegesinnung. Indessen waren diese Beschlüsse im Sinne der Staatsverfassung völlig legal. Den ersten Magistrat der Republik, der das ihm übertragenen Vertrauen missbraucht hatte, zu rügen, abzusetzen oder zum Tode zu verurteilen: Dies war das unbestrittene Vorrecht des Römischen Senates von alters her Der Senat verurteilte Nero zum Tode more maiorum (Sueton 49) . Aber nun musste diese Versammlung sich machtlos damit begnügen, einem toten Tyrannen jene staatlichen Strafen aufzuerlegen, vor denen ihn zu seinen Lebens- und Regierungszeiten der starke Arm einer militärischen Gewaltherrschaft bewahrt hatte.   PERTINAX' TUGENDEN Pertinax fand eine vornehmere Art, das Andenken an seinen Vorgänger zu verfluchen – durch den Gegensatz zwischen seinen Tugenden und den Verbrechen des Commodus. Am Tage seiner Thronbesteigung übertrug er seiner Frau und seinem Sohn sein gesamtes Privatvermögen, auf dass ihnen kein Vorwand bliebe, auf Staatskosten Gefälligkeiten zu erheischen. Er weigerte sich, der Eitelkeit der Ersteren durch die Anrede Augusta zu schmeicheln oder die jugendliche Unerfahrenheit des Letzteren durch den Rang eines Caesar zu korrumpieren. Indem er peinlich genau zwischen seinen Pflichten als Vater und denen als Herrscher unterschied, erzog er seinen Sohn in strenger Einfachheit, was ihm zwar kein Anrecht auf den Thron eröffnete, wohl aber die Möglichkeit, seiner würdig zu werden. In der Öffentlichkeit gab sich Pertinax ernst und dennoch leutselig. Er verkehrte mit dem besseren Teil des Senates (und bei einer privaten Gelegenheit hatte er in den wahren Charakter eines jeden genaue Einsicht erhalten) ohne Hochmut oder Eifersucht; betrachtete jeden als Freund und Gefährten, mit denen er die Gefahren der Tyrannei bestanden hatte und mit denen er nun die sichere Gegenwart zu genießen wünschte. Oft lud er sie zu familiärer Geselligkeit, über deren Kargheit sich besonders diejenigen mokierten, welche sich mit Seufzen an die Verschwendungsorgien eines Commodus erinnern mochten Cassius Dio (73, 3) berichtet von diesen Treffen wie ein Senator, der sich mit dem Kaiser verbrüdert und Capitolinus (Hist. August. Pertinax 12) wie ein Sklave, der seine Kenntnisse von einer Scheuermagd bezogen hatte. .   VERSUCHE EINER REFORM DURCH PERTINAX Nun war es die dankbare, wenn auch melancholische Aufgabe des Pertinax, so weit als möglich die Wunden zu heilen, welche die Tyrannis geschlagen hatte. Die unschuldigen Opfer, welch noch am Leben waren, wurden aus dem Exil zurückberufen, aus den Gefängnissen entlassen und wieder in den vollen Besitz ihrer alten Ehrenstellen und ihrer Vermögen eingesetzt. Die unbegrabenen Leichen ermordeter Senatoren (denn Commodus' Grausamkeit reichte noch über den Tod seiner Opfer hinaus) wurden in die Grabstätten zu ihren Ahnen gelegt; ihr Andenken wurde geehrt; und jeder Trost den bedrängten und verfolgten Familien zuteil. Zu den wirksamsten dieser Tröstungen gehörte die Bestrafung derer, die ihren Herren, der Tugend und dem Lande gleich feind waren: der Denunzianten. Aber selbst bei der Verfolgung dieser legalen Mörder bewahrte Pertinax eine Abgeklärtheit, welche alles der Rechtsprechung und nichts der populären Voreingenommenheit oder den Rachegelüsten überließ.   STAATSFINANZEN Die Finanzen des Staates verlangten dem Herrscher die aufmerksamste Fürsorge ab. Obwohl Commodus Erpressung und Raub nach allen herkömmlichen Regeln betrieben hatte, um das Gold der Untertanen in seine Schatztruhen zu leiten, so stand seine Raubgier doch beträchtlich hinter seiner Verschwendungssucht zurück, so dass nach seinem Tode nur noch ganze achttausend Pfund im Staatsschatz Das untadelige Finanzgebaren des Pius hinterließ seinen Nachfolgern einen Schatz von zweiundzwanzig Millionen Sterling. (Cassius Dio, 73, 8) vorgefunden wurden, aus denen die laufenden Ausgaben bestritten und die dringend benötigten Gelder für das großzügige Donativ aufgebracht werden mussten, das der neue Herrscher den Prätorianergarden zu versprechen genötigt gewesen war. Und dennoch besaß unter diesen verzweifelten Umständen Pertinax die selbstlose Standhaftigkeit, um alle von Commodus ausgeheckten Raubsteuern abzuschaffen und alle unberechtigten Ansprüche des Fiskus fallen zu lassen. In einer Regierungserklärung vor dem Senat legte er dar, dass »er lieber eine arme Republik in Schuldlosigkeit regiere, als Reichtümer mit den kriminellen Mitteln der Tyrannei anzuhäufen.« Wirtschaft und Gewerbe betrachtete er als die lauteren und wahren Quellen des Wohlstandes. Und alsbald erhielten von dieser Seite die öffentlichen Belange großzügige Unterstützung. Die Haushaltsausgaben wurden binnen Kurzem halbiert. Alle Utensilien des Luxus kamen zur öffentlichen Versteigerung Neben der Absicht, dieses nutzlose Schmuckwerk zu Geld zu machen (Cassius Dio, 73, 5), nennt Dio noch zwei weitere Motive des Pertinax: Er wünschte, die Verbrechen des Commodus öffentlich zu machen und unter den Käufern diejenigen festzustellen, die ihm am meisten ähnelten. : Gold- und Silberteller, Kutschen von einzigartiger Bauweise, ein überbordender Bekleidungsfundus aus Seide und Stickwerk und eine Unzahl von schöngestaltigen Sklaven beiderlei Geschlechtes. Hiervon nahm eine mitfühlende Menschlichkeit nur die aus, die als Freie geboren den Armen ihrer weinenden Eltern mit Gewalt entrissen worden waren. Indem er die elenden Kreaturen des Tyrannen zwang, einen Teil ihres übelerworbenen Reichtums wieder herauszugeben, konnte er die eigentlichen Gläubiger des Staates zufrieden stellen und darüber hinaus noch ganz unerwartet den rückständigen Lohn für ehrliche Dienste begleichen. Er hob die einengenden Bestimmungen auf, die den Handel behindert hatten und stellte in Italien und den Provinzen unkultiviertes Land für diejenigen zur Verfügung, welche es zu bestellen versprachen; bei zehnjähriger Steuerfreiheit Obwohl Capitolinus (Hist. August., Pertinax 13) viele unerfreuliche Anekdoten aus dem Privatleben des Pertinax gesammelt hat, empfindet er doch wie Cassius Dio und Herodian Bewunderung für seine öffentlichen Auftritte. .   PERTINAX' POPULARITÄT Diese regelgemäße Amtsführung hatte Pertinax bereits die höchste Belohnung eines Herrschers eingebracht: die Liebe und Wertschätzung seines Volkes. Die, welche sich noch an die Vorzüge des Marcus Aurelius erinnerten, entdeckten in ihrem neuen Herrscher mit Genugtuung Züge des Originals und beglückwünschten sich, dass sie sich nun für einige Zeit der segensreichen Einflüsse seiner Verwaltung erfreuen würden. Indessen: Der hastige Eifer zur Reform des heruntergekommenen Staates, welche Maßnahmen mit weniger Bedachtsamkeit durchgeführt wurden, als es Erfahrung und Alter des Pertinax hätten erwarten lassen, erwiesen sich für ihn und sein Land als tödlich. Seine ehrbare Offenheit brachte alle die Sklavenseelen gegen ihn auf, welche sonst in öffentlicher Unordnung ihr privates Auskommen fanden und die die Gunstbezeigungen eines Tyrannen der unerbittlichen Gleichheit vor dem Gesetz vorzogen 50. Leges, rem surdam, inexorabilem esse. (Gesetze hätten kein offenes Ohr, seien unerbittlich). Livius, 2, 3. .   UNZUFRIEDENHEIT DER PRÄTORIANER · ERMORDUNG DES PERTINAX A.D. 193 Inmitten dieser allgemeinen Hochstimmung verrieten nur die mürrischen und verärgerten Mienen der Prätorianer ihre innerliche Ablehnung. Nur widerwillig hatten sie sich Pertinax angeschlossen; ihnen ward vor der Strenge der althergebrachten Disziplin bänglich, die wiederherzustellen er im Begriffe stand; und sie trauerten der Generosität der alten Regierung nach. Ihr Präfekt Laetius heizte diese Unzufriedenheit noch heimlich an, indem er herausfand, als es zu spät war, dass sein neuer Herrscher zwar einen Sklaven belohnen, aber nicht die Regierung einem Favoriten überlassen würde. Am dritten Tage seiner Regierung griffen sich die Soldaten einen Senator von Adel mit der Absicht, ihn in die Kasernen zu schleppen und ihm dort den Purpur anzulegen. Das erschrockene Opfer ließ sich durch diese heikle Ehre durchaus nicht blenden, entkam vielmehr ihrem Zugriff und suchte Schutz zu Füßen des Pertinax. Einige Zeit später vernahm einer der Jahreskonsuln, Sosius Falco, von unbesonnener Jugendlichkeit Wenn wir Capitolinus glauben dürfen (was nicht leicht fällt), verhielt sich Falco Pertinax gegenüber am Tage von dessen Thronbesteigung äußerst ungehobelt. Der weise Herrscher beließ es bei einer Rüge, seiner Jugend und Einfalt halber (Hist.August. Pertinax 5). zwar, aber doch aus alter, wohlhabender Familie, in sich den Ruf des Ehrgeizes. Während einer kurzen Abwesenheit des Pertinax verschwor man sich, indessen ward die Machenschaft infolge seiner schnellen Rückkehr nach Rom und seines entschiedenen Durchgreifens rasch gedämpft. Falco stand es unmittelbar bevor, als Staatsfeind zum Tode verurteilt zu werden, hätten ihn nicht die nachdrücklichen und aufrichtigen Bitten des betroffenen Herrschers gerettet; dieser beschwor den Senat, die Reinheit seiner Herrschaft nicht mit dem Blute selbst eines schuldigen Senators zu beflecken.   ERMORDUNG DES PERTINAX DURCH DIE PRÄTORIANER 28. MÄRZ 193 Diese Fehlschläge indessen trugen nur dazu bei, den Verdruss der Prätorianer weiter anzuregen. Am achtundzwanzigsten März, nur sechsundachtzig Tage nach seiner Thronbesteigung, brach in den Kasernen eine allgemeine Empörung los, welche zu unterdrücken den Offiziere sowohl die Handhabe als auch die Neigung abging. Zwei- oder dreihundert der entschlossensten Soldaten marschierten mittags zum Kaiserpalast, die Waffen in den Händen und Aufruhr im Blick. Die Tore wurden ihnen von den wachhabenden Kameraden aufgetan wie auch von den Hausdienern des alten Regimes, die gegen den gar zu tugendhaften Herrscher ebenfalls eine Verschwörung gebildet hatten. Auf die Nachricht von ihrem Erscheinen ging Pertinax, dem Flucht oder Verstecken gleich verächtlich waren, seinen Mördern entgegen. Er rief ihnen lediglich seine Schuldlosigkeit und die Heiligkeit ihres jüngst geleisteten Eides ins Gedächtnis. Einen Augenblick verharrten sie, schweigend, beschämt über ihr gewalttätiges Vorhaben und von dem erhabenen Anblick und der festen Unerschütterlichkeit ihres Herrschers denn doch mit Respekt erfüllt. Als jedoch die fehlende Aussicht auf Gnade ihren Zorn neuerlich wiederbelebte, tat ein Barbar aus Tongres Aus der heutigen Diözese von Lüttich. Dieser Soldat gehörte vermutlich zu der batavischen berittenen Garde, die zum größten Teil aus dem Herzogtum von Geldern und Umgebung rekrutiert wurden. Sie zeichneten sich aus durch ihre Körperkraft und den Mut, mit dem sie auf ihren Pferden auch die breitesten und wildesten Flüsse durchquerten. Tacit. Hist. 4. 12. Dion 55, p. 797. Lipsius de magnitudine Romans, 1. den ersten Hieb gegen Pertinax, welcher alsbald aus zahlreichen Wunden blutete. Sein Haupt, vom Rumpfe abgetrennt, wurde auf eine Lanze gespießt und im Triumph zur Kaserne zurückgeführt, vor den Augen einer trauernden und empörten Menge, welche um das unverdiente Schicksal dieses ausgezeichneten Herrschers und die Segnungen seiner verflossenen Regierung trauerte. Die Erinnerung an ihn sollte eines unfernen Tages dazu dienen, die herannahenden Schicksalsschläge noch härter zu empfinden Cassius Dio, 73, 10. Herodian, 2, 5; Hist. August. Pertinax 11. Aurelius Victor, Epitome und Caesares; Eutropius, 8, 16. . V ÖFFENTLICHE VERSTEIGERUNG DES REICHS AN DIDIUS JULIANUS DURCH DIE PRÄTORIANERGARDEN CLODIUS ALBINUS IN BRITANNIEN, PESCENNIUS NIGER IN SYRIEN UND SEPTIMIUS SEVERUS IN PANNONIEN ERKLÄREN SICH GEGEN DIE MÖRDER DES PERTINAX BÜRGERKRIEGE UND SIEG DES SEPTIMIUS SEVERUS ÜBER SEINE DREI RIVALEN NACHLASSEN DER DISZIPLIN NEUE REGIERUNGSMAXIMEN   DIE PRÄTORIANERGARDE In einer Monarchie wird die Macht des Schwertes schmerzlicher empfunden als in einer kleinen Kommune. Kompetente Politiker haben geschätzt, dass kein Staatswesen es ohne die Gefahr eines baldigen Zusammenbruchs verkraften kann, wenn mehr als ein hundertstel seiner Einwohner unter Waffen steht oder müßig geht. Aber selbst wenn dieser Prozentsatz mehr oder minder gleichbleibend ist, so wird seine Auswirkung auf den Rest der Gesellschaft doch stark von ihrer inneren Stabilität abhängen. Der Nutzen des Militärs und seiner Disziplin bleiben wirkungslos, wenn nicht eine angemessene Anzahl Soldaten in einer Armee und unter einem Geist vereinigt sind. Nur mit einer Handvoll Kriegern würde eine solche Verbindung wirkungslos bleiben; mit einer ungefügen Masse wäre sie unausführbar; und ebenso würde ihre Dynamik an ihrer Kleinheit respektive an ihrem schieren Eigengewicht zuschanden gehen. Um dies zu illustrieren, müssen wir uns nur vergegenwärtigen, dass kein einzelner Mann mit seinen naturgegebenen Kräften allein, mit Waffen oder erlernten Kunstgriffen imstande ist, hundert seiner Mitgefährten dauerhaft zu unterdrücken; der Tyrann einer Stadt oder eines kleineren Gebietes würde alsbald entdecken, dass eine Gefolgschaft von einhundert Bewaffneten gegen zehntausend Bauern oder Bürger vergleichsweise wehrlos ist. Aber einhunderttausend straff disziplinierte Söldner können ohne weiteres mit despotischem Nachdruck über zehn Millionen Untertanen gebieten; und ein Verband von zehn- oder fünfzehntausend Wachmannschaften kann Terror ausüben über die größte Masse, die jemals die Straßen einer Hauptstadt bevölkert hat. Die Prätorianer, deren unkontrollierbare Ausbrüche das erste Anzeichen und die erste Ursache für Roms Untergang waren, erreichten kaum die zuletzt genannte Zahl Es waren ihrer ursprünglich neun- bis zehntausend Mann (Tacitus und Cassius Dio stimmen in diesem Punkt nicht überein) und wurden in ebenso viele Kohorten zu je tausend Mann unterteilt. Vitellius stockte sie auf sechszehntausend auf, und soweit wir es den Inschriften entnehmen können, ist sie danach niemals wieder unter diese Zahl gesunken. Vgl. Lipsius, de magnitutine Romana 1, c.4. . Aufgestellt wurde diese Einheit von Augustus. Es war sich dieser raffinierte Tyrann durchaus bewusst, dass Gesetze seine usurpierte Alleinherrschaft zwar schmücken, aber nur Waffen sie schützen könnten, und so hatte er Schritt für Schritt diese schlagkräftige Truppe zusammengestellt, die ständig bereit sein musste, seine Person zu schützen, den Senat einzuschüchtern und jedweder Unruhe vorzubeugen oder jedes erste Anzeichen davon zu zertreten. Er zeichnete diese Elitesoldaten durch doppelten Sold und ansehnliche Vorrechte aus; da aber ihr beängstigendes Erscheinungsbild die römischen Bürger alarmiert oder zumindest beunruhigt haben würde, waren in der Stadt immer nur drei Kohorten zugleich stationiert; die übrigen waren auf die umgebenden Städte verteilt Sueton, Augustus 4 .   LAGER DER PRÄTORIANER IN ROM Erst nach fünfzig Jahren friedlicher Sklaverei ließ Tiberius sich die entscheidende Maßnahme einfallen, welche seinem Land für alle Zeiten die Fesseln anlegte: unter dem unschuldigen Vorwand, Italien von den schweren Belastungen durch das Militär zu befreien und dadurch gleichzeitig die Garde einer strengeren Disziplin zu unterwerfen, wurden sie in Rom in einer festen Kaserne stationiert Tacitus, Annalen 4,2; Sueton, Tiberius37; Cassius Dio, 57,19. , deren Verteidigungsanlagen sorgfältig Im Bürgerkrieg zwischen Vitellius und Vespasian wurde die Prätorianerkaserne mit allen Belagerungsmaschinen angegriffen und verteidigt, welche auch bei der Belagerung von wohlbefestigten Städten eingesetzt werden (Tacitus, Historien 3,84). ausgeführt und deren Lage strategisch vorteilhaft Dicht vor den Stadtmauern, auf dem breiten Bergrücken von Quirinal und Viminal. Siehe Nardini, Roma antica, p. 174; Donati, Roma vetus ac recens, p. 46. war.   IHRE STÄRKE UND SELBSTBEWUSSTSEIN Solche furchtbaren Knechte sind dem Thron des Despoten immer notwendig, bisweilen aber auch verhängnisvoll. Indem nun die Kaiser den Prätorianern gleichsam den Zugang zum Palast und zum Senat gewährten, lernten diese, sich allmählich ihrer eigenen Stärke und der Schwäche der Zivilregierung bewusst zu werden; wie auch über die Verbrechen ihrer Herren mit kumpelhafter Missachtung hinwegzusehen und jene ehrfürchtige Scheu der abstrakten Macht gegenüber abzulegen, die nur bei großer räumlicher und mystifizierender Distanz entstehen kann. In der luxusschwangeren Trägheit einer wohlhabenden Stadt kultivierten sie ihre Arroganz noch zusätzlich durch das Bewusstsein ihrer eigenen Stärke. Und so konnte es ihnen auf lange Sicht nicht verborgen bleiben, dass die Person des Herrschers, das Ansehen des Senates, der Staatsschatz, mithin der Mittelpunkt des ganzen Imperiums, eigentlich in ihrer Hand lagen. Um die Prätorianerbande von solch ungesunden Gedanken abzubringen, mussten auch charakterfeste und wohletablierte Herrscher dienstliche Befehle mit Schönrede und Strafen mit Belohnungen schmackhaft machen, ihrer Hoffahrt schmeicheln, über ihre Disziplinlosigkeit hinweg sehen und bei ihren kleinen Übertretungen ein Auge zudrücken, um auf diese Weise und durch großzügige Donative ihre bedingungslose Anhänglichkeit zu erkaufen; welch letztgenanntes Geschenk seit der Thronbesteigung des Claudius in der Art eines Gewohnheitsrecht von jedem neuen Herrscher eingefordert wurde Claudius, den Soldaten zum Herrscher ernannt hatten, sollte als erster solche Geldgeschenke oder Donative leisten. Er zahlte quina dena, £120 (Sueton, Claudis 10); als Marcus Antoninus zusammen mit Lucius Verus in aller Stille den Thron bestieg, gab er vicena oder £ 160 an jeden Gardesoldaten (Historia Augusta, Marcus Antoninus 7; Cassius Dio 73,8) ; eine Vorstellung von der Größe dieser Summe erhalten wir, wenn wir Hadrians Klage hören, ihn habe die Ernennung zum Cäsar ter millies, zwei und eine halbe Millionen Pfund Sterling gekostet. .   IHRE ANMASSUNG Die Befürworter der Garden unternahmen es, ihre auf Waffen beruhende Machtfülle mit Argumenten zu verteidigen; dabei versteiften sie sich darauf, dass – in Übereinstimmung mit den lautersten Verfassungsgrundsätzen – ihre Zustimmung bei der Ernennung neuer Herrscher notwendig sei. Die Wahl von Konsuln, Generälen, Beamten – selbst wenn sich dieses Recht jüngst der Senat angeeignet habe – sei ja nun das althergebrachte und unbestrittene Anrecht des Römischen Volkes Cicero, de legibus 3,3. Das erste Buch von Livius und das zweite des Dionysios von Halikarnassos zeigen die Macht des Volkes selbst noch bei Königswahlen. . Aber wo sei denn dieses Römische Volk zu finden? Ganz gewiss nicht unter jener buntgewürfelten Masse von Sklaven und Fremden, welche die Straßen von Rom bevölkerten; ein Haufen von Sklavenseelen, ebenso geist- wie mittellos. Die Verteidiger des Staates indessen, auserlesen aus der Blüte der italischen Jugend Ursprünglich wurden sie in Latium, Etrurien und den alten Kolonien rekrutiert. Kaiser Otho schmeichelt ihrer Eitelkeit mit den leeren Titeln Italiae alumni, Romana vere iuventus. (»Kinder Italiens« und »Roms wahre Jugend«). , in der hohen Schule der Tugend und des Waffenhandwerks aufgebracht: dies seien die eigentlichen Vertreter des Volkes und berufen, den militärischen Leiter der Republik zu erkiesen. So schwach diese Behauptungen auch begründet sein mochten, es war ihnen spätestens in dem Moment nicht mehr beizukommen, als die Prätorianer ihnen Nachdruck verliehen, indem sie, wie einst der barbarische Eroberer Roms, ihr Schwert in die Waagschale warfen Während der Belagerung Roms durch die Gallier, siehe Livius 5,48 und Plutarch, Camillus 29. . Die Prätorianer hatten die Heiligkeit des Throns durch die brutale Ermordung des Pertinax geschändet; sie entehrten zusätzlich seine Würde durch ihr anschließendes Verhalten. Die Kaserne war ohne Kommandanten, weil selbst der Präfekt Laetius, der ja den Sturm entfacht hatte, der öffentlichen Empörung aus dem Wege zu gehen klug genug war. Inmitten des wilden Aufruhrs bemühte sich des Kaisers Schwiegervater und Stadtpräfekt Sulpicius darum, den Zorn der Menge zu beruhigen – er war bei den ersten Anzeichen der Meuterei in die Kasernen geschickt worden – als er durch die geräuschvolle Rückkehr der Mörder zum Schweigen gebracht wurde, welche auf einer Lanzenspitze den Kopf des Pertinax trugen. Obwohl uns die Geschichte an die Tatsache gewöhnt hat, dass sich jedes Prinzip und jeder Idealismus dem Diktat des Ehrgeizes unterordnet, mag man es dennoch kaum glauben, dass in diesen Augenblicken des Entsetzens Sulpicius das Gelüste angewandelt haben soll, den Thron zu erklimmen, welcher mit dem Blute eines nahen Verwandten und so ausgezeichneten Herrschers besudelt war. Er hatte indessen schon angefangen, das einzige wirksame Argument zu gebrauchen und um die Kaiserwürde zu markten; als aber die wachsameren der Prätorianer gewahr wurden, dass sie bei diesem Geschäfte nicht den angemessenen Preis für die gebotene Ware erhalten würden, stürmten sie den Wall und ließen sich lauthals vernehmen, dass die römische Welt in einer öffentlichen Auktion dem Meistbietenden angeboten werde Cassius Dio 73,11; Herodian 2,6; Historia Augusta, Didius Iulianus 2. Obwohl diese drei Historiker darin übereinstimmen, dass es in der Tat eine Auktion war, besteht allein Herodian darauf, dass sie von den Soldaten als eine solche proklamiert wurde. .   VERSTEIGERUNG DES REICHES AN DIDIUS JULIANUS · 28. MÄRZ A.D. 193 Dieses ungeheuerliche Angebot, dieser unverschämteste Auswuchs militärischer Zügellosigkeit rief in der Stadt allgemeine Bestürzung, Scham und Empörung hervor. Diese Klagen nun erreichten auch das Ohr des Didius Julianus, eines wohlhabenden Senators, welcher, der öffentlichen Kalamitäten ungeachtet, sich opulenten Tafelgenüssen widmete Spartianus mildert in seiner Darstellung die übelsten Einzelheiten von Julians Erhebung und Charakter. . Sein Weib und seine Tochter, seine Freigelassenen und die Schmarotzer überzeugten ihn leichthin, dass der Thron ihm zustehe und beschworen ihn, nun etwas nachdrücklicher, eine solche Glücksgelegenheit beim Schopfe zu packen. Der törichte alte Mann eilte in die Prätorianerkaserne, wo Sulpicius noch mit den Prätorianern feilschte, und begann am Fuße der Wallanlagen mit seinen Gegengeboten. Diese würdelose Unterhandlung wurde mit Hilfe von Emissären ihres Vertrauens geführt, welche zwischen den beiden Kandidaten für und wider eilten, den anderen von dem jeweils letzten Gebot seines Mitbieters zu unterrichten. Sulpicius war bereits bei einem Donativ von fünftausend Drachmen (etwa einhundertundsechzig Pfund) pro Soldat angekommen, als Julian, dem es sehr nach der Krone gelüstete, mit einem Schlag auf sechstausendzweihundertundfünfundzwanzig Drachmen – etwas mehr als zweihundert Pfund Sterling – für jeden Soldaten erhöhte. Alsgleich wurden die Kasernentore dem Erwerber aufgetan; er ward zum Imperator ernannt, empfing den Treueeid von den Soldaten, welche sogar noch Anstand genug besaßen und ihm auferlegten, des Sulpicius' Mitbewerbung zu vergeben und zu vergessen.   SENAT ERKENNT IULIANUS AN Nunmehr oblag es den Prätorianern, ihren Part bei dem Handel zu erfüllen. Sie stellten den neuen Imperator, dem sie gehorchten und den sie verachteten, in ihrer Mitte auf, umgaben ihn von allen Seiten mit ihren Schilden und führten ihn in geschlossener Schlachtformation durch die leerstehenden Straßen der Stadt. Der Senat wurde zusammenbefohlen, und diejenigen, welche die ausgewiesenen Freunde des Pertinax oder die persönlichen Feinde des Julianus waren, hielten es für geboten, ihrer mehr als nur konventionellen Befriedigung über diesen glückhaften Umschwung Ausdruck zu verleihen Cassius Dio, zu dieser Zeit Prätor, war ein persönlicher Feind des Julianus (73,12). . Nachdem nun Julianus das Senatsgebäude mit Bewaffneten gefüllt hatte, erging er sich über die Freiwilligkeit seiner Wahl, seine persönlichen Vorzüge und seine unbedingte Ergebenheit dem Senat gegenüber. Die Versammlung beglückwünschte sich fügsam zu ihren und der Öffentlichkeit Glücksumständen, erneuerten ihre Treueversprechen und übertürmten ihn mit all den verschiedenen Aufgabenbereichen kaiserlicher Machtvollkommenheit Historia Augusta, Didius Iulianus 3,10. Wir erfahren bei dieser Gelegenheit das schnurrige Detail, dass der neue Imperator, welcher Herkunft auch immer er sein mochte, unverzüglich unter die patrizischen Familien gerechnet wurde. . Vom Senat ging's dann mit derselben militärischen Eskorte zum Palast, auf dass auch von ihm Besitz ergriffen werde. Das erste, was er dort sehen musste, war der zurückgelassene Rumpf des Pertinax und dessen frugale Zurüstungen für das Abendessen. Das eine gewahrte er mit Fassung, das zweite mit Verachtung. Ein prächtiges Fest ward auf sein Geheiß vorbereitet und er amüsierte sich bei Würfelspiel und den Aufführungen des Pylades, eines gefeierten Tänzers, bis es ziemlich spät wurde. Nachdem die Schar der Schranzen sich verlaufen und ihn der Dunkelheit, dem Alleinsein und grässlichen Nachtgedanken überlassen hatte, verbrachte er, wie allgemein vermerkt wurde, eine schlaflose Nacht. Vermutlich gingen ihm seine eigene unbedachte Torheit und das Schicksal seines besseren Vorgängers im Kopf herum, und wohl auch der Gedanke an den zweifelhaften und sogar gefährlichen Besitz an einem Imperium, das er nicht durch Verdienst erworben, sondern durch Geld erschachert hatte Cassius Dio 73,12; Historia Augusta, Didius Iulianus 3,10. Ich war bemüht, zwischen den offenkundigen Widersprüchen beider Autoren zu vermitteln. .   EMPÖRUNG DES VOLKES UND DER TRUPPEN Anlässe zum Zittern hatte er. Er fand sich auf dem Thron der Welt ohne Freund und sogar ohne Anhänger. Der Garde selbst war dieser Herrscher peinlich, den zu wählen nur ihre Habgier sie verlockt hatte; in der Stadt gab es keinen Bürger, der nicht mit Schaudern auf diese sogenannte Wahl geblickt hätte, dem vorerst letzten Anschlag auf den Namen Roms. Der Adel, dem seine heikle Stellung und weitläufigen Besitztümer die sorgfältigste Voraussicht abverlangten, verhehlte seine wahren Gefühle, begegnete der verkrampften Höflichkeit des Herrschers mit selbstzufriedenem Grinsen und bekannte sich zu seiner Pflicht. Das Volk indessen ließ seinen Gefühlen freieren Lauf, da es sich in der Anonymität der Masse aufgehoben wusste. Märkte und Straßen hallten von Geschrei und Verwünschungen wider. Die aufgebrachte Menge richtete ihre Wut gegen die Person des Julian, achtete seiner Großzügigkeit nicht und rief, da sie sich der Ohnmacht ihres Hasses durchaus bewusst war, nach den Grenzlegionen, für die beleidigte Majestät des Reiches einzutreten.   TRUPPEN IN BRITANNIEN, SYRIEN UND PANNONIEN GEGEN IULIANUS In der Tat breitete sich die Unzufriedenheit des Publikums rasch vom Mittelpunkt zu den Grenzen des Reiches aus. Die britannischen, syrischen und illyrischen Armeen beklagten den Tod des Pertinax, mit und unter dem sie oft und erfolgreich gefochten hatten. Mit Überraschung, Empörung und wohl auch mit Neid hatten sie die unfassbare Neuigkeit erfahren müssen, dass die Prätorianer das Reich in einer öffentlichen Auktion losgeschlagen hätten; entschieden weigerten sie sich, diesen würdelosen Schacher anzuerkennen. Ihre sofortige und einmütige Erhebung war für Julian fatal, fataler aber noch für den öffentlichen Frieden; denn die Generäle der jeweiligen Armeen, Clodius Albinus, Pescennius Niger und Septimius Severus waren mehr an der Nachfolge als an der Rache des ermordeten Pertinax interessiert. Ihre Truppenstärken waren genau ausgeglichen. Jeder stand an der Spitze von drei Legionen Cassius Dio, 73,14. sowie mehreren Hilfskontingenten. Und so unterschiedlich sich auch ihre Charaktere darstellten, sie waren alle drei Soldaten mit Erfahrung und Wissen.   CLODIUS ALBINUS Clodius Albinus, Statthalter von Britannien, hatte seinen Mitbewerbern immerhin seine adlige Herkunft voraus, die er auf einigen der achtbarsten Namen der alten Republik zurückführte Den Postumianischen und Ceiotanischen; wovon erstere das Konsulamt schon im fünften Jahre nach seiner Installierung innehatte. . Der Seitenzweig, von dem abzustammen er beanspruchte, war in beschämende Umstände gesunken und in eine abgelegene Provinz entfernt worden. Von seinem wahren Charakter lässt sich schwer ein Bild zeichnen. Man warf ihm vor, unter dem Gewande philosophischer Strenge nahezu alle Laster zu verbergen, welche die Natur des Menschen korrumpieren Spartianus hat in seiner kritiklosen Sammlung alle Tugenden und Laster der menschlichen Natur zusammengerührt und damit dann ein und dieselbe Person überschüttet. Von diesem Format sind die meisten Charaktere der Historia Augustea. . Aber seine Ankläger sind Lohnschreiber, welche das Glück eines Severus beweihräuchern und der Leiche seines unglückseligen Rivalen Fußtritte versetzen. Mit Tugend, oder doch wenigstens dem Anschein davon empfahl sich Albinus dem Vertrauen und dem Wohlwollen des Marc Aurel; und dass ihn mit dem Sohn dieselben Interessen verbanden wie mit dem Vater, beweist zumindest, dass er das Talent zu äußerster Geschmeidigkeit besaß. Die Gunst eines Tyrannen ist nicht immer gleichbedeutend mit einem Mangel an Verdienst ihres Objektes. Er kann einen Mann von Charakter und Fähigkeiten belohnen oder für seine Dienste nützlich befinden. Aber nichts spricht dafür, dass Albinus dem Sohne des Marcus als Komplize bei seinen Verbrechen oder als Kumpane seiner Vergnügungen zur Seite gestanden hätte. Er hatte ein ehrenvolles, entferntes Kommando inne, als er einen vertraulichen Brief des Kaisers erhielt, in welchem ihm die verräterischen Umtriebe einiger unzufriedener Generäle eröffnet wurden und die ihm Vollmacht gaben, sich selbst durch Annahme des Titels und der Insignien eines Cäsars zum Retter und Thronnachfolger zu machen Historia Augusta, Clodius 2 und 6 . Klüglich schlug der Gouverneur Britanniens diese gefährliche Ehre aus, die ihn entweder den Nachstellungen des Commodus ausgeliefert oder in dessen absehbaren Untergang verwickelt haben würde. Die Kunstgriffe, mit denen er der Macht nachstrebte, waren vornehmer oder zumindest eleganter. Auf die vorzeitige Nachricht von des Kaisers Tod hieß er die Truppen sich versammeln; in beredter Ausführlichkeit beweinte er die naturnotwendigen Missbräuche des Despotismus, malte ihnen die Glücks- und Ruhmesumstände ihrer Vorfahren aus, derer sie unter konsularischer Herrschaft genossen hätten, und erklärte seine feste Bereitschaft, Senat und Volk wieder in ihre hergebrachten Gerechtsame einzusetzen. Dieser populären Suada stimmten die britannischen Legionen mit viel Geräusch und die Stadtrömer mit heimlichem Beifalls-Murmeln zu. Sicher im Besitz seiner kleinen Welt und mit dem Kommando über eine Armee, die sich allerdings mehr durch Disziplinlosigkeit als durch Größe oder Heldentaten ausgezeichnet hatte Pertinax, der Britannien ein paar Jahre vorher verwaltet hatte, wurde in einer Meuterei von den Soldaten für tot liegengelassen. Aber sie mochten ihn und bereuten ihr Tun; admirantibus eam virtutem cui irascebantur. (...bewunderten sie die Tugend, die sie verabscheuten). , bot Albinus den Anwandlungen des Commodus die Stirn, beobachtete Pertinax gegenüber höfliche, wenn auch unbestimmte Zurückhaltung und erklärte sich alsgleich gegen Julians Thronerwerbung. Die Umwälzungen in der Hauptstadt belebten neuerlich seinen früheren patriotischen Empfindungen, oder besser Bekenntnisse. Herzensanstand bestimmte ihn, die hochmögende Titulatur eines Augustus oder Imperators abzulehnen, und vermutlich eiferte er hierin dem Galba nach, welcher bei einer vergleichbaren Gelegenheit sich selbst nur Leutnant von Senat und Volk genannt hatte Sueton, Galba 10 .   PESCENNIUS NIGER · SEPTIMIUS SEVERUS Pescennius Niger hatte sich aus seiner einfachen Herkunft einzig durch persönliches Verdienst zum Gouverneur von Syrien emporgearbeitet; ein einträgliches und wichtiges Kommando, welches ihn in Zeiten bürgerlicher Unruhen in die Nähe des Thrones rückte. Seine Fähigkeiten indessen hätten besser zu einer Neben- als zu einer Hauptrolle gepasst; er war kein ebenbürtiger Rivale, auch wenn er sich später dem Severus als ausgezeichneter Befehlshaber hätte empfehlen können; dieser nämlich war weitdenkend genug und übernahm von seinem unterlegenen Gegner verschiedene Einrichtungen Historia Augusta, Pescennius Niger . Während seiner Verwaltung gewann Niger die Wertschätzung seiner Soldaten und die Zuneigung der Provinzialen. Seine strenge Disziplin erhöhte die Kampfkraft und den Gehorsam der ersteren, während die sinnenfrohen Syrier nicht so sehr an der zuverlässigen Korrektheit seiner Verwaltung ihre Freude hatten als vielmehr an seiner Volkstümlichkeit und dem sichtlichen Vergnügen, mit welchem er ihren zahlreichen und schwelgerischen Festen Herodian, 2,7. Die Chronik des Johannes Malala von Antiochia schildert die Hingabe seiner Landsleute an derlei Festivitäten, welche ihrem Aberglauben und ihrer Lust am Vergnügen gleichermaßen entgegenkamen. beiwohnte. Sobald die Nachricht von der heimtückischen Ermordung des Pertinax Antiochia erreicht hatte, forderte Asien den Pescennius Niger auf, den Purpur anzulegen und seinen Tod zu rächen. Die Legionen der Ostgrenzen nahmen sich des Falles an; die reichen, wenn auch unbewaffneten Provinzen von den Grenzen Äthiopiens Ein König von Theben in Ägypten wird in der Historia Augusta als Alliierter und Freund des Niger genannt. Falls Spartianus nicht irrt, wie ich stark argwöhne, ist er der Entdecker einer Dynastie von tributpflichtigen Fürsten, die der Geschichte sonst völlig unbekannt sind. bis zur Adria schlossen sich freudig erregt seiner Macht an; die Könige jenseits von Euphrat und Tigris beglückwünschten ihn zu seiner Wahl und boten ihm beides, Anerkennung und Unterstützung. Nigers Gemüt jedoch war außerstande, diese plötzliche Fülle des Glücks angemessen auszubeuten; er redete sich ein, seine Erhebung könne durch Neider oder Blutvergießen nicht wesentlich gestört werden; und während er sich an der leeren Prachtentfaltung seines Triumphes erfreute, vernachlässigte er darüber die Sicherung seines Erfolges. Anstelle mit den Armeen des Westens in zweckdienliche Verhandlungen einzutreten, deren Ergebnisse diesen großen Streit wo nicht entscheiden, so doch im Gleichgewicht hätten halten können; anstelle ohne Verzug nach Rom und Italien aufzubrechen, wo seine Anwesenheit schmerzlich vermisst Cassius Dio, 73,15 und Herodian, 2,7.Ein geflügeltes Wort aus jener Zeit scheint die allgemeine Einschätzung der drei Rivalen auszudrücken: Optimus est Niger , bonus Afer , pessimus Albus . (Der beste ist der Schwarze, gut der Afrikaner, am schlechtesten der Weiße) wurde, vertändelte Niger im Wohlleben Antiochias die unwiederbringlichen Momente, welche durch die entschlossenen Maßnahmen des Severus planmäßig ausgenutzt wurden Herodian 2,8. .   PANNONIEN UND DALMATIEN Pannonien und Dalmatien, gelegen im Gebiet zwischen Donau und Adria, war eine der letzten und schwierigsten Eroberungen Roms. Im Laufe der Verteidigung ihrer nationalen Freiheit hatten einst zweihunderttausend dieser Barbaren im Feld gestanden, die sich neigenden Jahre des Augustus in Unruhe versetzt und die aufmerksame Umsicht des Tiberius an der Spitze der vereinigten Kriegsmacht des Reiches herausgefordert Vgl. dazu den Bericht über diesen denkwürdigen Krieg von Velleius Paterculus (2,119 f), der selbst im Heer des Tiberius dient . Die Pannonier fügten sich allmählich den römischen Waffen und Einrichtungen; ihre jüngste Unterwerfung jedoch, ihre Nachbarschaft und möglicherweise sogar die vereinigte Wirkung aus noch unabhängigen Stämmen und dem Klima, welches, wie man angemerkt hat, geeignet ist, Leibesstärke und Geistesträgheit Dies die Anmerkung von Herodian (2,9). Ob die Österreicher der Gegenwart wohl auch diesen Einflüssen unterliegen? zu erzeugen: dieses alles trug dazu bei, dass Restbestände ursprünglichen Wildheit sich erhielten und unter dem Gewande römischer Wohlanständigkeit die derben Wesenszüge der Landeskinder nach wie vor erkennbar waren. Ihre kriegsfrohe Jugend stellte unerschöpflichen Nachschub an Rekruten für die Donaulegionen und zählte infolge der ewigen Kriegszüge gegen die Germanen und Sarmatianer zu den besten Truppen unter den Waffen.   SEPTIMIUS SEVERUS Zu jener Zeit stand die pannonische Armee unter dem Oberbefehl des Septimius Severus, einem gebürtigen Afrikaner, hinter dessen persönlich-privater Ehrenhaftigkeit sich hochfliegende Ambitionen verborgen hielten, die weder durch die Verlockungen des Vergnügens, noch durch Angst vor Gefahren oder Anwandlungen von Menschlichkeit In dem bereits erwähnten Brief an Albinus bezeichnet Commodus den Servatus als einen jener ehrgeizigen Generäle, die seine Amtsführung verurteilten und seinen Platz einnehmen wollten (Historia Augusta, Clodius 2). von ihrem Ziel abgelenkt wurden. Auf die erste Nachricht von der Ermordung des Pertinax versammelte er seine Truppen, malte in den grellsten Farben das Verbrechen aus sowie die Dreistigkeit und die gleichzeitige Unfähigkeit der Prätorianergarden und rief die Legionen zu Waffentaten und Rache auf. Er schloss (und der Schluss der Rede soll ja immer besonders überzeugend sein) mit dem Versprechen von vierhundert Pfund für jeden Soldaten, ein respektables Geldgeschenk, doppelt so hoch wie die schäbige Bestechungssumme, mit der Julian das Reich erkauft hatte Pannonien war zu arm, um eine solche Summe aufzubringen. Sie wurde vermutlich im Militärlager versprochen und in Rom bezahlt; nach dem Sieg. Bezüglich der Summe habe ich mich den Schätzungen in Casaubons Kommentar angeschlossen. Siehe auch Historia Augusta, Verus 5. . Das Beifallsgelärme der Armee belegte Severus sofort mit den Namen Augustus, Pertinax und Kaiser; und so erreichte er die hochragende Stellung, zu der ihn planmäßiges Handeln ebenso qualifiziert hatte wie eine lange Serie von Träumen und Glückszeichen, den fruchtbaren Kindern seines Aberglaubens oder seiner Politik Herodian 2,11. Septimius Severus wurde am Donauufer zu Kaiser ausgerufen, entweder in Carnutum, wie Spartianus berichtet (Historia Augusta, Verus 5), oder in Sabaria, laut Aurelius Victor (Caesares 20,1). Mr. Hume hat mit den Annahmen, dass Severus wegen seiner niedrigen Geburt für die Krone viel zu unbedeutend gewesen sei, und dass er nach Italien nur als einfacher General marschiert sei, diese Vorgänge nicht mit seiner sonstigen Genauigkeit erfasst. (A.D. 193).   PANNONISCHE LEGIONEN RUFEN IHN ZUM KAISER AUS Der neue Thronkandidat erfasste und nutzte den Vorteil seiner Situation. Seine Provinz reichte bis zu den Julischen Alpen, welche einen bequemen Zugang nach Italien eröffneten; und er erinnerte sich an ein Zitat von Augustus, »dass eine pannonische Armee binnen zehn Tagen in Sichtweite von Rom erscheinen könne Velleius Paterculus, 2,111. Wir sollten den Marsch vom nächstliegenden pannonischen Grenzpunkt bis zum Weichbild Roms auf etwa zweihundert Meilen veranschlagen. .« Nach einem Gewaltmarsch, der zu der Bedeutung des Ereignisses im rechten Verhältnis stand, mochte er vernünftigerweise hoffen, Pertinax zu rächen, Julian zu bestrafen und von Senat und Volk die gebührenden Ehrungen als ihr rechtmäßiger Herrscher zu empfangen, bevor seine Konkurrenten, von Italien durch gewaltige Land- und Wassermassen getrennt, von seinem Erfolg oder auch nur seiner Ernennung überhaupt erfahren hätten. Während des ganzen Unternehmens gönnte er sich kaum einen Augenblick Schlaf oder eine Essenspause. Zu Fuß, in voller Rüstung und immer an der Spitze der Marschkolonnen schlich er sich unbemerkt in das Vertrauen und die Zuneigung seiner Soldaten, spornte ihren Eifer, belebte ihren Geist, beseelte ihre Hoffnungen und war sich nicht zu schade, die Strapazen des Geringsten unter ihnen zu teilen, während ihm selbst sein unermesslich hohes Ziel vor Augen schwebte.   JULIANS PANIK · SEIN TOD A.D. 193 · SEVERUS KAISER Julian in seiner Erbärmlichkeit hatte erwartet und glaubte sich auch vorbereitet, mit dem Gouverneur Syriens eine Auseinandersetzung um den Thron führen zu können; aber in dem unwiderstehlich raschen Anmarsch der pannonischen Legionen erkannte er seinen unabwendbaren Untergang. Seine begründeten Besorgnisse wurden durch das beständige Eintreffen von Eilnachrichten nur noch vergrößert. So erfuhr er nacheinander, dass Severus die Alpen überquert habe; dass die italienischen Städte, denen Neigung und Handhabe fehlten, seinen Vormarsch aufzuhalten, ihn mit den wärmsten Freuden- und Ergebenheitsbezeigungen empfangen hätten; dass die wichtige Stadt Ravenna ohne Widerstand sich ihm ergeben habe und dass sich die Adriaflotte in der Hand des Eroberers befinde. Der Feind stand nur noch einhundertundfünfzig Meilen vor Rom; und mit jeder Stunde verringerte sich die kleine Spanne, die Julian zum Leben und Herrschen noch zugeteilt war. Gleichwohl versuchte er seinen Untergang zu vereiteln oder doch wenigstens hinauszuzögern. Er bettelte um die käufliche Treue der Prätorianer, verstopfte die Stadt mit sinnlosen Kriegszurüstungen, stellte um die Vorstädte Wachposten auf und ließ sogar die Befestigungsanlagen um den Palast verstärken; als ob derlei letzte Verschanzungen, ohne irgendeine Hoffnung auf Entsatz, gegen einen siegreichen Eindringling hätten verteidigt werden können. Einzig aus Angst und Scham blieben die Prätorianer noch auf ihren Posten; aber sie erbebten vor dem Namen der pannonischen Legionen, die einem bewährten General unterstanden und gewohnt waren, Barbaren auf der gefrorenen Donau Dies ist keineswegs eine kindische rhetorische Figur, sondern eine Anspielung auf eine von Cassius Dio mitgeteilte Tatsache (71,7). Es ist dies wohl mehr als nur einmal vorgekommen. zu Paaren zu treiben. Mit Seufzen verabschiedeten sie sich von den Freuden der Bäder und des Theaters, um die Waffen anzulegen, deren Gebrauch sie fast verlernt hatten und unter deren Gewicht sie schier erdrückt wurden. Die Elefanten, deren ungeschlachtes Äußere in den Armeen aus dem Norden, wie man hoffte, Schrecken verbreiten sollte, waren völlig aus der Übung und warfen ihre ungeschickten Reiter ab; und die peinlichen Manöver der Flotte, die man aus Misenum herangezogen hatte, gaben dem Volke allenfalls Gelegenheit zu mancherlei Gelächter; währenddessen der Senat sich mit klammheimlicher Freude an der Verzweiflung und Ohnmacht des Usurpators weidete Cassius Dio, 73,16 und Herodian, 2,11. Es gibt kein zuverlässigeres Indiz für den guten Zustand des römischen Militärs als dieses Unterfangen, zunächst den nutzlosen Schrecken vor den Kriegselefanten zu überwinden, um anschließend ihren nicht ungefährlichen Einsatz zu verschmähen. . Jede Maßnahme Julians verriet nur seine bebende Unruhe. Er bestand darauf, dass der Senat Severus zum Staatsfeind erkläre. Er flehte darum, dass der General aus Pannonien Mitregent werde solle. Er schickte Unterhändler von konsularischem Rang zu seinem Gegner; er schickte auf eigene Kosten bezahlte Mörder, ihm das Leben zu nehmen. Er verfiel auf den Gedanken, dass die Vestalischen Jungfrauen und alle Priesterkollegien in ihren religiösen Trachten, die geheiligten Insignien des römischen Glaubens vor sich hertragend, in feierlichem Aufzuge den pannonischen Legionen entgegen gehen sollten; während er zu gleicher Zeit vergeblich versuchte, das Schicksal durch magische Vorkehrungen und verbotene Opfer zu beschwören oder wenigstens zu beschwichtigen Historia Augusta, Didius Iulianus 5 und 6. .   PRÄTORIANER VERLASSEN IULIANUS Severus, der weder dessen Waffen noch Beschwörungen fürchtete, schützte sich vor der einzig denkbaren Gefahr einer Verschwörung durch die ergebene Wachsamkeit von sechshundert handverlesenen Männern, die ihn und ihre Waffen während des ganzen Marsches Tag und Nacht nicht verließen. In unaufhaltsamen Eilmärschen überquerte er problemlos die Pässe des Apennin, nahm in seinem Heereszug alle Truppen und Gesandtschaften auf, die seinen Siegeslauf aufzuhalten gekommen waren und machte erst bei Interamna, etwa siebzig Meilen vor Rom, einen kurzen Aufenthalt. Der Sieg war ihm bereits sicher; die Prätorianer in ihrer Ausweglosigkeit hätten ihn noch mit viel Blutvergießen hinauszögern können, aber Severus hatte den löblichen Ehrgeiz, den Thron ohne einen einzigen Schwertstreich zu besteigen Aurelius Victor, Caesares und Eutropius 7,17 erwähnen ein Gefecht an der Milvischen Brücke, welches den zuverlässigeren und älteren Autoren jedoch unbekannt ist. . Seine Emissäre, die bereits überall in der Stadt waren, sicherten den Gardetruppen zu, dass, gesetzt, sie ließen ihren nichtswürdigen Herrscher fallen und lieferten die Mörder des Pertinax der Gerechtigkeit des Eroberers aus, er seinerseits bereit sei, das schlimme Geschehen nicht länger als eine Tat der ganzen Truppe anzusehen. Die Prätorianer, die längst alle Hoffnung fahren gelassen hatten und deren Widerstand sich nur noch von einer Art mürrischer Verbohrtheit nährte, willigten freudig in diese günstigen Bedingungen ein, ergriffen den größten Teil der Mordbande und ließen den Senat wissen, dass sie für die Sache Julians nicht länger einzustehen gedächten. Diese Versammlung, – der Konsul hatte sie zusammengerufen – erkannten Severus vorbehaltlos als den rechtmäßigen Herrscher an, beschloss für Pertinax göttliche Ehrungen und erklärte seinen glücklosen Nachfolger für abgesetzt und abgetan. Julian wurde in ein Privatgemach des Palastbades geführt und wie ein gewöhnlicher Krimineller enthauptet(2. Juni 193 A.A.), nachdem er mit einem unermesslichen Geldaufwand eine Herrschaft gekauft hatte, die nur sechsundsechzig Cassius Dio, 73, 17; Herodian,2,12; Historia Augusta, Didius Iulianus 9. Tage gedauert hatte und die angsterfüllt und jederzeit widerruflich gewesen war. Der kaum glaubliche Zug des Severus, der in so kurzer Zeit seine zahlenstarke Armee von den Donau – zu den Tiberufern geführt hatte, demonstrierte zur gleichen Zeit die umfänglichen Versorgungsmöglichkeiten aus Landwirtschaft und Handel, den guten Zustand der Straßen, die Disziplin der Legionen und die nur in Maßen kontrollierbare Launenhaftigkeit der Provinzen Von diesen sechsundsechzig müssen wir sechzehn abziehen, da Pertinax am 28. März ermordet und Severus höchstwahrscheinlich am 13. April von seinen Truppen ernannt wurde. (Siehe Historia Augusta, Didius Iulianus, sowie Tillemont, Histoire des empereurs, Bd. 3, S. 393, Anm. 7.) Um seine mächtige Armee in Gang zu setzen, dürfen wir nicht weniger als zehn Tage nach seiner Wahl veranschlagen. Vierzig Tage bleiben für seinen Eilmarsch, und wenn wir eine Entfernung von etwa achthundert Meilen zwischen Rom und Wien voraussetzen, dann haben die Truppen von Severus zwanzig Meilen am Tage ohne Zwischenhalt zurückgelegt. .   REGIERUNG DES SEVERUS · DIE JAHRE A.D. 193 – 197 Die ersten Maßnahmen des Severus galten zwei Anliegen, deren eine durch politisches Kalkül, die andere durch Anstand vorgegeben waren: die Rache für Pertinax und die seinem Andenken geschuldeten Ehrungen. Bevor der neue Herrscher Rom betrat, hatte er die Kommandogewalt über die Prätorianergarde übernommen und ihnen befohlen, seine Ankunft auf einer großen Ebene in der Nähe Roms zu erwarten, angetan mit dem festlichen Habit, in welchem sie für gewöhnlich ihren Herren erwarteten. Die arrogante Truppe, deren augenblickliche Zerknirschung eine Folge ihrer Untaten war, gehorchte unverzüglich. Eine ausgesuchte Abteilung der illyrischen Armee eskortierte sie mit gesenkten Lanzen. Zu Flucht oder Widerstand außerstande, erwarteten sie ihr Schicksal in schweigender Betroffenheit. Severus bestieg das Tribunal, zieh sie mit Strenge der Treulosigkeit und Feigheit, entließ sie in Unehren aus der Stellung des Vertrauens, das sie enttäuscht hätten, aberkannte ihnen ihre glanzvollen Auszeichnungen und verurteilte sie bei Androhung der Todesstrafe dazu, der Hauptstadt wenigstens auf hundert Meilen fern zu bleiben. Während dieser Gerichtsverhandlung wurde eine weitere Abteilung losgeschickt, um sich ihrer Waffen zu bemächtigen, ihre Kaserne zu besetzen und eventuellen unüberlegten Verzweiflungstaten vorzubeugen Cassius Dio, 74,1; Herodian, 2,13. .   BEISETZUNG UND VERGÖTTLICHUNG DES PERTINAX · SIEGE ÜBER NIGER UND ALBINUS Als nächstes wurde das Begräbnis und die Vergöttlichung des Pertinax mit allen Elementen betrübter Größe vollzogen Cassius Dio (74,4), der der Zeremonie als Senator beiwohnte, gibt hiervon eine äußerst blumenreiche Darstellung. . Melancholisch-gefällig erwies der Senat dem geschätzten und noch immer betrauerten Herrscher diesen letzten Dienst. Die Empfindungen seines Nachfolgers waren vermutlich weniger aufrichtig. Er schätzte die Tugenden des Pertinax durchaus, aber jene Tugenden würden seinen Ehrgeiz für alle Zeiten auf den Privatbereich beschränkt haben. Severus hielt seine Leichenrede mit geschulter Beredsamkeit, innerlicher Genugtuung und glaubwürdig inszeniertem Kummer; und mit dieser frommen Verbeugung vor seinem Andenken überzeugte er die arglose Menge, dass er allein es wert sei, an dessen Stelle zu treten. In der Einsicht jedoch, dass Waffengewalt und nicht Rituale seinen Anspruch auf das Reich bestärken müssten, verließ er Rom nach Ablauf von dreißig Tagen und bereitete, ohne sich seinen leichten Sieg allzusehr zu Kopfe steigen zu lassen, das Treffen mit seinen eigentlichen Gegnern vor. Die ungewöhnlichen Fähigkeiten und die Glücksumstände des Severus haben einen feingebildeten Historiker vermocht, zwischen ihm und dem ersten und bedeutendsten der Cäsaren eine Parallele zu ziehen Herodian, 3,7. . Der Vergleich ist, gelinde gesagt, schief. Wo können wir bei Severus die alles beherrschende seelische Überlegenheit finden, die vergebende Milde und den vielseitigen Geist, der die Vorliebe für Vergnügung, den Durst nach Bildung und das Feuer des Ehrgeizes in sich vereinen und harmonisieren konnte Obwohl es mit Sicherheit nicht die Absicht des Lucan war, Cäsars Charakterbild allzu günstig zu zeichnen, ist dennoch die Vorstellung, die er von ihm im zehnten Buch der Pharsalia entwirft, der erlesenste Panegyrikus; indem er beschreibt, wie Cäsar zu gleicher Zeit Kleopatra liebt, einer Belagerung durch die ägyptische Armee standhält und sich mit den Weisen des Landes unterredet. ? In einem Punkte indessen kann man beide durchaus vergleichen, nämlich der Geschwindigkeit ihrer Entschlüsse und ihren Triumphen im Bürgerkrieg. In weniger als vier Jahren Gerechnet vom Tage seiner Wahl (13. April 193) bis zum Tode des Albinus (19. Februar 197). S. die Chronologie bei Tillemont. unterwarf Severus die Blumen des Ostens und den Heldenmut des Westens. Er unterwarf zwei Gegner von Rang und Namen, besiegte zahlreiche Armeen, deren Bewaffnung und Ausbildungsstand den seinen durchaus gleichkam. Zu jener Zeit waren die römischen Generäle in der Kunst des Festungsbaus und den Grundlagen der Taktik durchaus beschlagen: die eigentliche Überlegenheit des Severus war die eines Künstlers, der die gleichen Hilfsmittel wie seine Rivalen benutzt, aber mit mehr Geschick und Energie als diese. Ich möchte mich nun nicht in eine übergenaue Schilderung der einzelnen militärischen Operationen verlieren; aber da die beiden Bürgerkriege gegen Niger und Albinus in Ablauf, Ergebnis und Folgen nachgerade identisch waren, möchte ich die auffälligsten Umstände in einem Punkte zusammenfassen, um die Persönlichkeit des Eroberers und den Zustand des Reiches darzulegen.   BÜRGERKRIEG · SEVERUS' SCHLICHE Unehrlichkeit und Unaufrichtigkeit, die sich nun einmal schlecht mit der Würde staatlichen Handelns zu vertragen scheinen, verletzen uns hier durch den Einblick in ihre Niedertracht weniger, als wenn wir sie im Privatbereich antreffen. Hier nämlich enthüllen sie Mangel an Mut, bei ersterem lediglich Mangel an Macht. Und da es nun einmal auch für den größten Staatsmann unmöglich ist, nur durch persönliche Energie Millionen von Anhängern und Feinden an der Kandare zu halten, hat die Welt unter dem Etikett der Politik ihnen die allergroßzügigste Nachsicht bei ihren Kunstgriffen und Verstellungen zugestanden. Aber die Schliche des Severus können auch durch die großherzigste Auslegung des Begriffs der Staatsraison nicht mehr gerechtfertigt werden. Versprechen gab er nur, um sie zu brechen, freundlich war er nur, um zugrunde zu richten, und wie sehr er sich auch bei jeweils passender Gelegenheit durch Eid und Vertrag binden mochte: sein Gewissen, die Dienerin seiner Interessen, sprach ihn allemal von diesen lästigen Verpflichtungen frei Herodian, 2,13. . Hätten seine beiden Kontrahenten, durch dieselbe Gefahr geeint, Severus ohne Verzug angegriffen, wäre er ihren vereinten Anstrengungen möglicherweise unterlegen. Selbst wenn sie ihn mit getrennten Armeen zur gleichen Zeit angegriffen hätten, hätte der Kampf lang und von ungewissem Ausgang sein können. Aber sie gingen unter, einzeln und nacheinander, eine leichte Beute der Ränke und der Waffen ihres gerissenen Gegners, in Sicherheit gelullt durch seine mäßigenden Proklamationen und überwältigt durch sein blitzschnelles Zuschlagen. Zuerst griff er Niger an, dessen Fähigkeiten und Stärke er am meisten fürchtete: aber er unterließ jede feindselige Äußerung, vermied sogar den Namen seines Gegners und ließ Senat und Volk lediglich wissen, dass er die östlichen Provinzen zu ordnen gedenke. In privatem Kreise sprach er von Niger, seinem alten Freund und wahrscheinlichem Nachfolger Als Severus einmal schwer erkrankt war, wurde mit Eifer das Gerücht gestreut, dass er Niger und Albinus zu seinen Nachfolgern zu ernennen gedächte. Da er allen beiden gegenüber nicht aufrichtig sein konnte, war er es wohl keinem. Indessen trieb Severus seine Heuchelei soweit, dass er diese Absicht sogar in seinen Lebenserinnerungen bekannte. mit zärtlichster Rücksichtnahme und spendete dessen Plan, den Mord an Pertinax zu rächen, den wärmsten Zuspruch: Den Thronerschleicher zu bestrafen war die Pflicht jedes römischen Generals; unter Waffen zu bleiben und einem rechtmäßigen, vom Senat anerkannten Kaiser Widerstand zu leisten, das hätte ihn zum Verbrecher gemacht Historia Augusta, Severus 8,7. . Nigers Söhne waren ihm in die Hände gefallen, als sie sich in Rom mit anderen Kindern von Provinzherrschern aufhielten, um hier Gewähr für die Loyalität ihrer Eltern zu leisten Diese von Commodus ersonnene Übung erwies sich für Severus als äußerst nutzbringend. Er traf in Rom Kinder von vielen Anhängern seiner Gegner vor; und er benutzte sie mehr als einmal, um die Eltern einzuschüchtern oder auf seine Seite zu ziehen. . Solange der Einfluss von Niger Angst oder sogar Respekt hervorrief, wurden sie gemeinsam mit den Kindern des Severus äußerst sorgfältig erzogen; bald aber waren sie in den Untergang ihres Vaters verwickelt und wurden, zunächst durch das Exil und danach durch Hinrichtung, der öffentlichen Aufmerksamkeit entzogen Herodian, 3; Historia Augusta, Severus 8 und 9. .   AUSGANG DER BÜRGERKRIEGE Während Severus auf den östlichen Kriegsschauplätzen beschäftigt war, hatte er Grund zu gewärtigen, der Gouverneur von Britannien könne die See und die Alpen überqueren, den vakanten Thron des Reiches besetzen und, ausgestattet mit der Autorität des Senates und den Truppen des Westens, seiner Rückkunft sich in den Weg stellen. Die unbestimmten Aufführungen des Albinus, der den Thron nicht annahm, ließ Raum für Verhandlungen. Rasch vergaß dieser seine patriotischen Anwandlungen, übersah die Eifersucht, die jeder herrschenden Gewalt innewohnt und gab sich mit dem leeren Titel eines Caesar zufrieden, als Belohnung für seine verhängnisvolle Neutralität. Bis der erste Waffengang entschieden war, begegnete Severus dem Manne, den er dem Untergang bestimmt hatte, mit allen Anzeichen der Hochschätzung und Zuvorkommenheit. Sogar noch in dem Brief, in welchem er seinen Sieg über Niger mitteilt, heißt er Albinus Bruder seiner Seele und seiner Herrschaft, überbringt ihm die gezierten Grüße seiner Frau Julia und seiner jungen Familie und beschwört ihn gleichsam, die Truppen und die Republik ihren gemeinsamen Interessen geneigt zu halten. Die mit diesem Brief losgeschickten Boten wurden angehalten, dem Cäsar mit Respekt zu begegnen, um eine Privataudienz zu ersuchen und ihre Dolche in sein Herz zu versenken Historia Augusta, Clodius 7. Spartianus hat diesen merkwürdigen Brief in voller Länge in sein Werk eingefügt. . Die Verschwörung wurde jedoch entdeckt, der arglose Albinus setzte endlich auf den Kontinent über und bereitete sich auf einen ungleichen Kampf mit einem Gegner vor, der ihm an der Spitze einer siegreichen Veteranenarmee entgegeneilte. Die militärischen Anstrengungen des Severus scheinen der Bedeutung seiner Erfolge nicht ganz angemessen. Zwei Gefechte, eines in der Nähe des Hellespontes, das zweite in den Engpässen Kilikiens entschieden das Schicksal seines syrischen Mitbewerbers; und die Truppen Europens bewährten auch diesmal wieder ihre gewohnte Überlegenheit über Asiens verweichlichte Landeskinder Vgl. das 3. Buch bei Herodian und das 74. Bei Cassius Dio. . Die Schlacht von Lyon, an der einhundertundfünfzigtausend Römer teilnahmen Cassius Dio, 75,6. , war für Albinus in gleicher Weise verhängnisvoll. Die Kampfkraft der britischen Armee hielt in der Tat in einem lange Zeit offenen Gefechte der straffen Disziplin der illyrischen Legionen stand; für einige Augenblicke schien Severus Sache unwiederbringlich verloren, aber der soldatische Herrscher sammelte seine erschöpften Truppen und führte sie zu dem entscheidenden Sieg Cassius Dio, 75,6; Herodian, 3,7 Historia Augusta, Severus 11. Das Schlachtfeld liegt in der Ebene von Trevoux, drei oder vier Meilen vor Lyon. Siehe Tillemont, Histoire des Impereurs, Bd. 3, p. 406, Anm. 18 . An diesem denkwürdigen Tage war der Krieg beendet. (197 A.D.) Die Bürgerkriege des modernen Europas unterscheiden sich von denen der Alten nicht nur hinsichtlich der bitteren Feindschaft der beteiligten Parteien, sondern auch wegen ihrer hartnäckigen Langlebigkeit. Sie wurden üblicherweise mit viel Prinzipiellem gerechtfertigt, oder doch wenigstens Vorwänden verbrämt, welche der Sphäre der Religion, der Freiheit oder der Loyalität entstammten. Die Kriegsherren waren hochbegüterte, einflussreiche Adlige. Die Truppen fochten, als seien sie am Ausgang des Kampfes interessiert; und da Kampfstimmung und Parteienhader sich im ganzen Staat ausbreiteten, hatte ein unterlegener Anführer raschen Zulauf von neuen Anhängern, die alle nur begierig waren, ihr Blut für die gleiche Sache hinzugeben. Die Römer hingegen fochten nach dem Untergang der Republik nur noch darum, wer der jeweils neue Herrscher werden solle. Unter der Fahne eines volkstümlichen Thronaspiranten sammelten sich wenige aus Begeisterung, einige aus Furcht, viele aus Neugierde, aber keiner aus Prinzip. Die Legionen, die der Parteizank kalt ließ, zogen in den Krieg wegen großzügiger Donative und noch großzügigerer Versprechen. Wenn eine Niederlage einen Heerführer von der weiteren Verfolgung seiner hochgesteckten Ziele abhielt, so löste sich auch der zusammengekaufte Haufen seiner Anhänger auf, denen es überlassen blieb, durch rechtzeitiges Verlassen der verlorenen Sache sich um ihr eigenes Wohlergehen zu bekümmern. Für die Provinzen war es nebensächlich, in wessen Namen sie ausgeplündert oder verwaltet wurden; sie hatten unter dem Druck der jeweiligen Macht zu leiden, und sobald diese Macht einer anderen, stärkeren nachgeben musste, eilten sie, die Milde des neuen Machthabers zu erflehen, welcher, da er zuverlässig hochverschuldet war, die übelwollenden Länder der Raubgier seiner Soldaten auslieferte. In Roms gewaltigem Reich gab es nur wenige befestigte Städte, die sich einer marodierenden Armee hätten widersetzen können; noch gab es eine Person, eine Familie oder ein Gremium, die ein natürliches Interesse gehabt hätten, ohne Unterstützung der Regierung eine untergehende Partei wieder herzustellen Montesquieu, Considérations sur les causes de la grandeur des Romains, c. 12. .   BELAGERUNG VON BYZANZ · A.D. 193 Indessen, in der Auseinandersetzung zwischen Niger und Severus macht eine Stadt eine rühmliche Ausnahme. Da Byzanz eine der wichtigsten Verbindungswege zwischen Asien und Europa war, wurde es zu einer starken Garnisonsstadt ausgebaut, und eine Flotte von fünfhundert Schiffen ankerte im Hafen Die meisten davon, so wurde vermutet, waren nur kleine, offene Boote; einige waren allerdings auch Schiffe mit zwei, wenige mit drei Ruderreihen. . Severus' erster ungestümer Angriff ward an dieser verständigen Art der Verteidigung zuschanden; er überließ seinen Generälen die Belagerung von Byzanz, erzwang die weniger stark geschützte Passage über den Hellespont und, begierig auf einen schwächeren Feind, eilte er weiter, mit seinem Rivalen sich zu treffen. Byzanz, welches von einem zahlenstarken und beständig anwachsenden Feinde belagert wurde – später kamen noch die vereinigten Seestreitkräfte des Reiches hinzu – hielt drei Jahre stand und blieb der Sache Nigers treu. Bürger und Soldaten waren, wir wissen nicht warum, vom gleichen Zorn beseelt; einige der Oberbefehlshaber des Niger, die auf Gnade nicht hoffen konnten oder sie verschmähten, hatten diesen letzten Ausweg gewählt. Die Befestigungsanlagen galten für uneinnehmbar, auch zog ein berühmter Ingenieur bei der Verteidigung der Stadt sämtliche Register der technischen Kunst, wie sie die Alten kannten Der Name des Ingenieurs war Priscus; sein Können rettete ihm das Leben: er kam in die Dienste des Eroberers. Zu den Einzelheiten der Belagerung s. Cassius Dio, (74,11-13; und Herodian 3,6; zusätzlich sollte der phantasiereiche Chevalier de Folard konsultiert werden. Siehe dessen Commentaire sur Polybe, Bd.1, p.76. . Schließlich musste Byzanz sich dem Hunger ergeben. Die Soldaten und den Senat überantwortete man dem Schwert des Henkers, die Mauern wurden geschleift, die Vorrechte der Stadt aufgehoben, und die künftige Hauptstadt des Ostreichs lebte als ein offenes Dorf dahin, der Willkür des Perinthus ausgeliefert. Der Historiker Dion, der Byzanz' Blüte ebenso warm besungen wie ihren Untergang beklagt hatte, machte die Rachsucht des Severus dafür verantwortlich, dass das römische Reich seines stärksten Bollwerks gegen die Barbaren aus dem Pontos und Asien beraubt sei Der Bekundungen des Spartianus und einiger moderner Griechen ungeachtet können wir mit Cassius Dio und Herodian versichert sein, dass Byzanz noch viele Jahre nach dem Tode des Severus in Ruinen lag. . Die Wahrheit dieser Feststellung wurde nur zu trefflich nachgewiesen, als in späteren Zeiten die Flotten der Goten den Pontos Euxenos beherrschten und durch den ungeschützten Bosporus ins Mittelmeer vordrangen. Niger und Albinus wurden auf ihrer Flucht vom Schlachtfeld gefasst und zum Tode verurteilt. Ihr Schicksal löste weder Überraschung noch Mitleid aus. Sie hatten bei diesem Spiel um die Herrschaft ihr Leben aufs Spiel gesetzt und das erlitten, was sie gegebenenfalles selber verhängt haben würden; auch Severus verstieg sich nicht zu der überlegenen Geringschätzung, seine Rivalen in einer privaten Stellung zu belassen. Sein nachtragendes Gemüt, durch Habgier zusätzlich angereizt, lebte dem Geist der Rache, so dass für Ausgleich kein Raum war. Die angesehensten Provinzialen, welche ohne irgendein Gefühl der Feindschaft gegenüber dem siegreichen Bewerber dem jeweiligen Provinzverwalter gehorcht hatten, unter dessen Autorität sie sich zufällig befanden, wurden nun mit Tod, Verbannung und natürlich ganz besonders mit Vermögensentzug bestraft. Vielen Städten des Ostens wurden ihre althergebrachten Rechte entzogen, und darüber hinaus mussten sie in den Schatz des Severus das Vierfache dessen zahlen, was sie dem Niger beigesteuert hatten. Cassius Dio, 74,8.   SEVERUS UND DER SENAT Bis zur endgültigen Entscheidung des Krieges hielt sich die Grausamkeit des Severus noch leidlich bedeckt, wegen der Unsicherheit des Ausganges und wegen seines vermeintlichen Respektes vor dem Senat. Das Haupt des Albinus, den noch ein Drohbrief begleitete, bedeutete den Römern, dass er entschlossen sei, keinem der Anhänger seines glücklosen Gegners Schonung zu gewähren. Er argwöhnte – ganz mit Recht übrigens – dass er niemals die Ergebenheit des Senats besessen habe, und trotz der jüngsten Entdeckung einer verräterischen Korrespondenz verhehlte er nach wie vor seine alte Abneigung. Fünfunddreißig Senatoren jedoch, die der Parteinahme für Albinus angeklagt waren, schenkte er großmütig Pardon; auch war er nach Kräften bemüht, durch sein späteres Verhalten sie davon zu überzeugen, dass er vergeben und vergessen habe. Gleichzeitig jedoch verurteilte er einundvierzig Senatoren, deren Namen die Geschichte aufgezeichnet hat Cassius Dio (75,8) erwähnt nur neunundzwanzig Senatoren, aber einunddreißig werden in der Historia Augusta (Severus 13) genannt, unter denen sich sechs mit dem Namen Pescennius fanden. Herodian spricht von den Grausamkeiten des Severus nur im Allgemeinen (3,8). ; ihre Frauen, Kinder, ihre Klientel folgten ihnen in den Tod, und die edelsten Provinzialen Spaniens und Galliens erlitten ein ähnliches Schicksal. Solch strenge Gerechtigkeit – dies sein Ausdruck dafür – war nach der Auffassung des Severus der einzig gangbare Weg, dem Volk Frieden zu schenken oder dem Herrscher Sicherheit. Und er entblödete sich nicht, die Notwendigkeit zu beseufzen, dass er, um milde sein zu können, erst einmal grausam gewesen sein müsse Aurelius Victor, Caesares 20,13 .   SEINE KLUGE REGIERUNGSPOLITIK Die eigentlichen Interessen eines absoluten Herrschers sind oft mit denen der Bevölkerung identisch. Ihre Menge, ihr Wohlergehen, Ordnung und Sicherheit: dies sind die besten und einzigen Grundlagen seiner wahren Größe; und wenn er auch jeder Tugend ermangelte, so könnte Klugheit immer noch ihre Stelle einnehmen und dieselben Maßregeln anordnen. Severus betrachtete das Römische Reich als sein Eigentum und kaum, dass er dieses Besitzes sicher war, sann er auch schon auf Mehrung und Verbesserung dieser kostbaren Erwerbung. Heilsame Gesetze, die mit unnachsichtiger Strenge durchgeführt wurden, hatten schon bald den schlimmsten Missbräuchen abgeholfen, deren sich seit dem Tode des Marcus eigentlich jeder innerhalb der Regierung schuldig gemacht hatte. In der Justizverwaltung bescheinigte man den Urteilssprüchen des Kaisers Sorgfalt, kritisches Urteilsvermögen und Unvoreingenommenheit; und wenn sie denn einmal vom geraden Weg der Gerechtigkeit abwichen, so geschah dies fast immer zu Gunsten der Armen und Erniedrigten; allerdings geschah dies nicht so sehr infolge humanitärer Empfindungen, sondern vielmehr aus dem jedem Despoten eingeborenen Hang, den Stolz der Großen zu dämpfen und alle Untertanen auf dieselbe gemeinsame Stufe des absoluten Ausgeliefertseins herabzusetzen. Seine kostspielige Neigung zur Bautätigkeit, zu großartigen Veranstaltungen und, mehr als alles andere, eine regelmäßige Korn- und Lebensmittelverteilung sicherten ihm die Zuneigung der stadtrömischen Bevölkerung Cassius Dio, 76,1; Historia Augusta, Severus 8. Severus ließ die Säkularspiele mit ausgesuchtem Pomp begehen, und in den staatlichen Kornkammern deponierte er einen Kornvorrat für sieben Jahre, was etwa 75000 Modii oder 2500 Quart pro Tag entspricht. Ich bin überzeugt, dass die Vorratskammern des Severus für lange Zeit gereicht hätten, aber ich bin mir nicht weniger sicher, dass Politik einerseits und Bewunderung andererseits diesen Schatz beträchtlich über sein wahres Maß hinaus vergrößerte. . Die Unglücksfälle des Bürgerkrieges waren vergessen. In den Provinzen verspürte man erneut Frieden und Ruhe, und viele Städte, die Severus' Großzügigkeit wiederhergestellt hatte, erhielten den Titel seiner Kolonien und drückten auf öffentlichen Monumenten ihre Dankbarkeit und Freude aus Siehe Spanheims Abhandlung über antike Medaillen und Inschriften. Spon, Wheeler, Shaw und Pococke, unsere gelehrten Reisenden, haben in Afrika, Griechenland und Asien mehr Monumente von Severus als von jedem anderen Römischen Herrscher gefunden. . Der Ruhm der Römischen Waffen ward durch den kriegerischen und erfolgreichen Herrscher neuerlich belebt Er führte seine Truppen bis nach Seleucia und Ctesiphon, der Hauptstadt des Partherreiches. Ich werde von diesem Krieg an seinem gehörigen Platze berichten. , und er mochte sich in gerechtem Stolz rühmen, dass er ein Reich übernommen habe, welches in auswärtige und Bürgerkriege verwickelt war und welches er nun im Zustande eines gesicherten, allgemeinen und ehrenhaften Frieden zurücklasse Etiam in Britannis, so sein eigener, berechtigter und entschiedener Ausdruck. Historia Augusta, Severus 12. .   SINKENDE DISZIPLIN DER PRÄTORIANER Wenngleich die Wunden des Bürgerkrieges vollständig ausgeheilt schienen, so wirkte sein tödliches Gift im Lebensnerv des Staates fort. Severus verfügte zwar über beachtliche Energie und Geistesgaben; aber die Kühnheit eines Julius Cäsar oder die politischen Entwürfe eines Augustus waren wenig geeignet, die siegreichen Legionen in ihrer Dreistigkeit unter Kontrolle zu halten. Dankbarkeit, fehlgesteuerte Politik oder scheinbare Notwendigkeit: dies alles veranlasste Severus, in Fragen der Disziplin zu einzulenken Herodian 3,8; Historia Augusta, Severus 12. . Mit der Ehre, Goldringe zu tragen, schmeichelte er der Eitelkeit seiner Soldaten; für ihre Behaglichkeit sorgte er, indem er sie mit ihren Frauen im Komfort ihrer Standquartiere wohnen ließ. Ihren Sold erhöhte er weit über das früher Übliche, und er gewöhnte sie daran, Extrazahlungen bei jeder Gelegenheit einer öffentlichen Gefahr oder Lustbarkeit zu erwarten und bald danach auch einzufordern. Durch Erfolg übermütig gemacht, im Luxus verweichlicht und infolge ihrer bedenklichen Privilegien Über die Privilegien und die Dreistigkeit der Soldaten der Prätorianergarde kann man die 16. Satire konsultieren, welche fälschlich dem Juvenal zugeschrieben wird. Ihr Stil und andere Umstände bestimmen mich zu der Vermutung, dass sie unter der Herrschaft des Severus oder seines Sohnes abgefasst wurde. über die Stufe eines Untertanen gehoben, mochten sie bald die militärische Routine nicht mehr ertragen, wurden dem Lande beschwerlich und waren zu normaler Subordination fast außerstande. Ihre Offiziere glaubten sich und ihrem gehobenem Rang überreichlichen und erlesenen Luxus schuldig zu sein. Es ist ein Brief des Severus auf uns gekommen, in dem er den verwahrlosten Zustand der Armee beklagt und einen seiner Generäle ermahnt, die überfällige Reformen bei den Militärtribunen selbst beginnen zu lassen; doch, wie er mit einem Seufzen hinzufügt, ein Offizier, der die Wertschätzung seiner Soldaten verspielt hat, wird niemals ihrem Gehorsam gebieten Historia Augusta, Pescennius Niger 3. . Hätte der Kaiser diesen Gedanken zu Ende gedacht, so hätte es sich ihm entdeckt, dass die eigentliche Ursache für die allgemeine Verderbtheit nun nicht gerade dem Vorbild, gewiss aber der gefährlichen Indulgenz des Oberkommandierenden selbst zuzuschreiben sei.   NEUORDNUNG DER PRÄTORIANERGARDEN Die Prätorianer, die ihren Kaiser ermordet und das Reich versteigert hatten, waren für ihren Verrat angemessen bestraft worden; aber die notwendige, wenn auch heikle Einrichtung einer Garde wurde von Severus in neuer Gestalt wieder eingeführt, wobei sie das Vierfache der herkömmlichen Mannschaftsstärke erhielt Herodian, 3,13. . Vormals rekrutierten sich diese Truppen aus Italien; da nun aber die benachbarten Provinzen allgemach Roms sanftere Lebensweise in sich aufnahmen, wurden die Aushebungen bis nach Macedonien, Noricum und Spanien ausgedehnt. In Kreisen dieser aufgeputzten Truppe, die sich mehr zur Auszierung des Hofes als für den eigentlichen Kriegsgebrauch eignete, war es durch Severus üblich geworden, dass aus allen Grenzlegionen diejenigen Soldaten, die sich durch Körperkräfte, Energie und Zuverlässigkeit vor anderen auszeichneten, immer mal wieder zum Zeichen ehrender Anerkennung in den begehrten Dienst bei den Gardetruppen abkommandiert wurden Cassius Dio, 74,2 . Hierdurch wurde die italische Jugend vom Waffendienst ausgegrenzt, und die Hauptstadt entsetzte sich über das fremdartige Aussehen und Gebaren ungezählter Barbaren. Aber Severus redete sich ein, dass die Legionen diese ausgewählten Prätorianer als die Vertreter des Militärstandes ansehen würden; und dass fünfzigtausend Mann, durch Bewaffnung und Zusammenhalt jeder militärischen Macht überlegen, die gegebenenfalles gegen sie ins Feld rücken würde, durch ihre bloße Anwesenheit jede Hoffnung auf eine erfolgreiche Rebellion nehmen und ihm und seiner Nachkommenschaft auf diese Weise das Reich sichern würden.   DER PRÄTORIANERPRÄFEKT Das Kommando über diese fürchterliche Elitetruppe wurde über ein kurzes zum wichtigsten Amt des Imperiums. Als die Regierung zu einer Militärdiktatur verludert war, wurde der Prätorianerpräfekt, ursprünglich ein schlichter Hauptmann der Wache, nicht nur an die Spitze der Armee gestellt, sondern auch der Finanzverwaltung und sogar der Justiz. In allen Regierungsangelegenheiten vertrat er die Person des Kaisers und übte dessen Autorität. Der erste Gardepräfekt, der sich dieser immensen Macht erfreuen konnte und sie denn auch sofort missbrauchte, war Plautianus, des Severus bevorzugter Minister. Seine Macht übte er zehn Jahre aus, bis seine Tochter den Sohn des Kaisers heiratete, was seine Stellung zu festigen schien, aber bald Veranlassung für seinen Untergang gab Eines seiner ungeheuerlichsten und böswilligsten Verbrechen war die Kastration von hundert freien Römern, darunter auch einigen Ehemännern und Familienvätern, auf dass seine Tochter bei ihrer Hochzeit mit dem jungen Prinzen von einer Entourage von Eunuchen umgeben sei, würdig einer morgenländischen Herrscherin (Cassius Dio, 76,1). . Hofkabalen, an denen sich der Ehrgeiz des Plautianus ärgerte und seine Besorgnisse erweckten, drohten eine Revolte loszutreten und zwangen den Kaiser, ihn unter Ausdrücken des Bedauerns zum Tode zu verurteilen, obwohl er ihn immer noch schätzte Cassius Dio 76,4; Herodian, 3,12. Der alexandrinische Grammatiker scheint – wie üblich – mit diesem mysteriösen Vorkommnis viel vertrauter und von Plautianus' Schuld fester überzeugt zu sein, als die Römischen Senatoren es sich trauten. . Nach dem Sturz des Plautianus wurde der berühmte Anwalt Papinian ausersehen, das buntscheckige Amt des Prätorianerpräfekten auszuüben.   SEVERUS' HERRSCHAFT DER ANFANG VOM ENDE ROMS Bis zu dem Regierungsantritt des Severus ließen sich die Tugenden und selbst der gesunden Menschenverstand der Herrscher daran ermessen, mit wie viel aufrichtigem oder auch nur erheucheltem Respekt sie dem Senat begegneten und inwieweit sie schonende Rücksicht auf die von Augustus gesetzten subtilen Rahmenbedingungen für die Zivilverwaltung nahmen. Aber Severus Jugend war im soldatischen Geist unbedingten Gehorsams aufgebracht worden, und seine Reifejahre verbrachte er im Absolutismus militärischer Kommandostellen. Sein hochfahrender und spröder Geist hätte niemals einen Vorteil darin gesehen geschweige denn ihn akzeptiert, eine vermittelnde Macht zwischen Herrscher und Armee, und sei sie auch noch so fiktiv, zuzulassen. Er sah sich nicht imstande, den Dienst eines Gremiums zu beanspruchen, welches ihn verabscheute und zugleich vor seinem Zorn bebte; er gab Weisungen, wo Empfehlungen sich als gleich wirksam erwiesen hätten; er gebärdete sich als wie ein Alleinherrscher und Eroberer und hatte doch die vollständige exekutive wie legislative Macht inne. Sein Sieg über den Senat war billig und ruhmlos. Jeder Blick und jeder Anteilnahme war auf die höchste Regierungsgewalt gerichtet, welche über die Waffen und das Vermögen des Staates verfügte, während das sinkenden Ansehen eines Senates, der vom Volk nicht gewählt, vom Militär nicht geschützt und von der öffentlichen Wertschätzung nicht belebt wurde, nur auf dem schwächelnden und bröckelnden Fundament seiner vergangenen Größe beruhte. Die schöne Illusion von einer Republik verflüchtigte sich unmerklich und gab monarchischen Gefühlen Raum, die angebrachter und wesentlich handfester waren. Da nun Roms Freiheiten und Ehren auch erfolgreich auf solche Provinzen übergegangen waren, welche die alte Regierungsform entweder nicht gekannt hatten oder sich ihrer nur mit Grauen erinnerten, war die Tradition republikanischer Ideen abgebrochen. Die griechischen Historiker aus der Zeit der Antonine merkten mit hämischer Genugtuung an Appian, Proömium 6 , dass der Herrscher Roms, obwohl er doch nach altem Herkommen den Titel eines Königs von sich wies, gleichwohl königliche Macht in ihrer ganzen Fülle innehatte. Unter der Herrschaft des Severus füllte sich der Senat mit glattgeleckten und eloquenten Knechtseelen aus den Ostprovinzen, welche den Personenkult mit eigens ersonnenen Lobliedern der Knechtschaft rechtfertigten. Auf diese neuen Verfechter königlicher Prärogative hörte der Hof mit Freuden und das Volk mit Geduld, wenn sie die Pflicht duldenden Gehorsams lehrten und vor den naturnotwendigen Unannehmlichkeiten der Freiheit warnten. Anwälte und Historiker übertrafen sich gegenseitig mit den Nachweisen, dass die kaiserliche Macht sich nicht aus dem Auftrag, sondern der endgültigen Abdankung des Senats herleite; dass der Kaiser Beschränkungen durch das bürgerliche Recht nicht unterliege, nach Gutdünken über Leben und Vermögen seiner Untertanen verfügen und über das Reich wie über sein Privateigentum bestimmen dürfe Cassius Dio hat dies wohl nur zu dem Zweck geschrieben, um diese Auffassungen in ein historisches System einzufügen. Die Pandekten werden noch zeigen, wie beflissen die Juristen ihrerseits im Sinne der kaiserlichen Prärogative forschten. . Die bedeutendsten Zivilrechtler, und insbesondere Papinian, Paulus und Ulpian hatten unter der Ägide des Severus ihre Blüte; und Roms Rechtsgelehrsamkeit, die sich so innig mit dem monarchischen System verbunden hatte, soll damals den Gipfel ihrer Reife erreicht haben. Die Zeitgenossen des Severus verziehen in ihrer Freude über Frieden und Ruhm seiner Herrschaft die Grausamkeiten, unter denen sie entstanden war. Die Nachwelt, die die tödlichen Auswirkungen seiner Prinzipien und seines Vorbildes auskosten durften, hat in ihm ganz zu Recht den Hauptschuldigen am Untergang Roms gesehen. VI SEVERUS' ENDE · CARACALLAS TYRANNEI MACRINUS' THRONRAUB · ELAGABALS TORHEITEN ALEXANDER SEVERUS' HERRSCHERTUGENDEN DIE DREISTIGKEIT DER ARMEE ZUSTAND DER FINANZEN · STEUERN UND TRIBUTE   SEVERUS' LETZTE JAHRE · JULIA · FEINDSCHAFT SEINER SÖHNE Wie steil und gefahrenvoll der Aufstieg zu Ruhm und Größe auch sein mag: für einen unternehmenden Geist kann er erkenntnisreich sein, da ihm so das Bewusstsein und die Bewährung seiner eigenen Stärke ermöglicht wird; der Besitz eines sicheren Herrscherthrones hingegen hat einem ehrgeizigen Gemüt noch niemals längerdauerndes Vergnügen gewährt. Auch Severus bekam diese triste Wahrheit zu kosten, und er musste sie anerkennen. Zufall und Verdienst hatten ihn aus einfachen Anfängen auf den ersten Platz der Menschheit geführt. Er war »alles gewesen, und alles hatte« nach seinen eigenen Worten »nur geringen Wert« Historia Augusta, Severus, 18. »Omnis fui et nihil expedit.« (Alles bin ich gewesen und nichts habe ich davon) . Beschäftigt mit dem Problem, ein großes Reich nicht zu gewinnen, sondern zu erhalten, durch Alter und Gebrechen niedergedrückt, gegen Ruhm gleichgültig und der Macht überdrüssig, konnte er dem Leben keine Perspektiven mehr abgewinnen. Das einzige bleibende Ziel seines Ehrgeizes und väterlichen Fürsorge war nur noch der Wunsch, der Macht seiner Hauses Dauer zu verleihen.   SEVERUS GATTIN IULIA Wie die meisten Afrikaner, so oblag auch Severus den müßigen Studien der Magie und des Wahrsagens, war wohlbewandert in der Auslegung von Träumen und Vorzeichen und genauestens vertraut mit der Astrologie; welche Kunst zu allen Zeiten – außer den gegenwärtigen – den Verstand der Menschen eingetrübt hatte. Während er das Lyonesische Gallien verwaltete Cassius Dio, 76, , war seine erste Frau gestorben Etwa im Jahre 186. Herr de Tillemont hat eine Stelle aus Dio bedauerlicherweise missverstanden, in welcher die Kaiserin Faustina (175 gestorben) vorgestellt wird, die an der Hochzeit des Severus und der Julia ihren Anteil hatte(74,3). Dieser gelehrte Sammler hat übersehen, dass Cassius Dio kein Ereignis, sondern einen Traum des Severus erzählt; und Träume werden durch keine zeitlichen oder räumlichen Bedenken eingegrenzt. Histoire de Impereurs, Band 3, p. 389, Anmkg 6. . Bei der Wahl der zweiten suchte er nur den Bund mit einem günstigen Geschick; und sobald er herausgefunden hatte, dass in Emesa in Syrien eine junge Frau von königlichem Geblüt sei, warb er um ihre Hand und gewann sie Historia Augusta, Severus 3. . Julia Domna (denn so hieß sie) verdiente alles, was die Sterne ihr nur versprechen konnten. Selbst im fortgeschrittenen Alter war sie eine anziehende Schönheit und vereinte eine lebhafte Phantasie mit einer Gemütsfestigkeit und einer Urteilskraft, wie man sie bei ihresgleichen nur selten findet. Ihre liebenswerten Wesenszüge machten auf das finstere und scheelsüchtige Gemüt ihres Gatten jedoch niemals einen tieferen Eindruck. Während der Herrschaft ihres Sohnes leitete sie die wichtigsten Staatsgeschäfte mit einer Klugheit, die seinem Ansehen zugute kam, und mit einer Besonnenheit, die – gelegentlich wenigstens – seine wilden Aufwallungen dämpfte Historia Augusta, Caracalla 10. . Julia befasste sich mit einigem Erfolg und bestem Renommee mit Wissenschaft und Philosophie. Sie förderte die Künste und war jedwedem Manne von Geist freundschaftlich zugetan Cassius Dio, 77,18und 78,4. . Die danksprudelnden Schmeicheleien der Gelehrten haben ihren Tugenden gehuldigt; wenn wir allerdings den Klatschhistorikern des Altertums glauben dürfen, dann war die Tugend der Keuschheit weit davon entfernt, zu den schimmerndsten Wesenszügen der Kaiserin Julia gezählt zu werden. Vgl. die Abhandlung ›De foeminis philosophis'‹ von G. Ménage im Anhang seiner Diogenes Laertios Ausgabe.   IHRE SÖHNE CARACALLA UND GETA Zwei Söhne, Caracalla Bassianus war sein erster Name, vom Großvater mütterlicherseits. Während seiner Regierung nahm er die Benennung Antoninus an. Nach seinem Tode legte ihm der öffentliche Hohn die Spottnamen Tarantus und Caracalla bei. Der erste war von einem berühmten Gladiator entlehnt, der zweite von einem langen gallischen Mantel, welche er einst unter das Volk von Rom hatte verteilen lassen. und Geta, waren die Frucht dieser Ehe und die vorbestimmten Erben des Reiches. Die zärtlichen Hoffnungen des Vaters und der römischen Welt wurden von diesen selbstgefälligen Jünglingen schon bald enttäuscht, da sie nur die träge Sorglosigkeit von Erbprinzen an den Tag legten und die Gewissheit, dass bei ihnen an die Stelle von Verdienst und Anstrengung das Glück treten werde. Mit Tugenden oder Begabungen gleich wenig ausgestattet, widmete sie einander, fast noch in der Wiege, eine grundsolide und bittere Abneigung. Ihre Abneigung, die sich in den Jahren vertiefte und durch die Ränke ihrer jeweiligen Favoriten noch geschürt wurde, manifestierte sich zunächst in kindischen und allmählich auch ernsthafteren Rivalenkämpfen; schließlich spaltete ihr Hass den Hof, den Circus und das Theater in zwei Parteien, welche durch die Furcht oder die Hoffnungen der jeweiligen Anführer zusätzlich belebt wurden. Der einsichtige Herrscher machte mit allem Nachdruck seinen Rat und Einfluss geltend, um der wachsenden Animosität zu steuern. Der unglückselige Konflikt seiner Söhne gefährdete alle seine Entwürfe, gefährdete den Thron, den er mit so viel Mühsal an sich gebracht und mit soviel Blut abgesichert hatte und den er nun mit jedweder Art von Waffengewalt und Geld verteidigte. Mit unparteiischer Hand stellte er zwischen ihnen ein Gleichgewicht der Gunst her, verlieh beiden den Rang eines Augustus zusammen mit dem Beinamen des verewigten Antoninus; und so hatte Rom zum ersten Male drei Herrscher zur gleichen Zeit Die Thronbesteigung des Caracalla legt Herr de Tillemont mit Genauigkeit in das Jahr 198, die des Geta ins Jahr 208. . Aber selbst diese gleichberechtigte Führung der Amtsgeschäfte trug dazu bei, den Konflikt zu verschärfen, wobei der ungestüme Caracalla auf das Recht der Erstgeburt pochte, während sich der sanfte Geta um die Zuneigung des Volkes und der Soldaten bemühte. Den Qualen eines enttäuschten Vaters ausgesetzt, sah Severus mit Schärfe, dass der schwächere seiner beiden Söhne ein Opfer des Stärkeren sein werde; welcher seinerseits an einen eigenen Verbrechen zugrunde gehen werde Aurelius Victor, Caesares 20,23 .   DER CALEDONISCHE KRIEG · A.D. 208 Unter diesen Umständen wurde die Nachricht von einem Kriege in Britannien und einer Invasion nördlicher Barbaren in die Provinzen von Severus mit pädagogischer Erleichterung aufgenommen. Wohl hätte ein Eingreifen seiner Unterführer ausgereicht, diesen entlegenen Feind zurückzuschlagen; dennoch griff er entschlossen nach diesem schicklichen Vorwand, um seine Söhne aus Roms Luxusleben zu entfernen, das nur ihr Gemüt erschlaffte und ihre Leidenschaften aufreizte, und um ihre Jugend in den Fährnissen des Kriegführens und Regierens zu stählen. Trotz seines fortgeschrittenen Alters (er stand bereits in den Sechzigern) und der Gicht, die ihn zwang, eine Sänfte zu benutzen, gelangte er persönlich auf diese entfernte Insel, begleitet von seinen zwei Söhnen, seinem vollständigen Hofstaat und einer gewaltigen Armee. Er zog am Hadrians- und Antoninuswall vorbei und betrat Feindesland in der Absicht, die überfällige Eroberung Britanniens zu vollenden. Er drang ohne eine einzige Feindberührung bis zum äußersten Norden der Insel. Und dennoch heißt es, dass die versteckten Hinterhalte der Caledonier, welche den Flanken und der Nachhut zusetzten, die bittere Kälte und die Härten eines Winterfeldzuges durch die Hügel und den Morast Schottlands die Römer über fünfzigtausend Mann gekostet hätten. Schließlich ergaben sich die Caledonier doch den machtvollen und ununterbrochenen Angriffen, baten um Frieden und lieferten einen Teil ihrer Armee und ihres Territoriums aus. Indessen dauerte ihre Unterwerfung genau so lange wie die gegenwärtige römische Pression. Sobald sich die Legionen wieder zurückgezogen hatten, nahmen sie ihre feindlichen Erhebungen wieder auf. Ihr unruhiger Geist veranlasste Severus, eine neue Armee nach Caledonien zu entsenden, diesmal mit dem Blutbefehl, die Eingeborenen nicht zu dämpfen, sondern auszumerzen. Nur der Tod ihres auffahrenden Feindes bewahrte sie davor Herodian 3,33 die Caracalla- und Geta-Biographien in der Historia Augusta. .   FINGAL UND SEINE HELDEN Dieser caledonische Krieg, der weder durch besondere Vorkommnisse noch irgendwelche wichtigen Folgen merkwürdig war, würde nun schwerlich unser Interesse verdienen; es besteht jedoch die Vermutung, und dies nicht ohne ein beträchtliches Maß an Wahrscheinlichkeit, dass die Invasion des Severus mit einer der wundersamsten Episoden der britischen Geschichte im Zusammenhang steht. Fingal, dessen Ruhm gemeinsam mit dem seiner Heldenschar und Barden in unserem Sprachraum durch eine jüngst herausgegangene Publikation neuerlich belebt worden ist, soll die Caledonier in jener unvergesslichen Zeit befehligt, Severus' Macht getrotzt und einen beachtlichen Sieg am Ufer des Carun errungen haben, bei welcher Gelegenheit der Sohn des Königs der Welt, Caracul, auf dem Felde seines Stolzes vor seinen Waffen floh Ossians Poems Bd. 1, S.175. . Etwas von mystischem Nebel hängt jedoch immer noch über dieser Hochland-Tradition und kann auch durch die scharfsinnigsten Untersuchungen der modernen Kritik nicht gespalten werden Dass der Caracul des Ossian der Caracalla der römischen Geschichte ist, ist möglicherweise der einzige Punkt britischer Altertumsforschung, in welchem die Herren MacPerson und Whitacker der gleichen Meinung sind; und doch liegt selbst dieser Fall nicht so einfach. Während des Caledonischen Krieges war der Sohn des Severus nur unter dem Namen Antoninus geläufig; und es ist doch einigermaßen befremdlich, dass ein Hochlandbarde (nämlich Ossian) ihn mit einem Spitznamen belegen sollte, der erst vier Jahre später erfunden wurde und von den Römern schwerlich benutzt wurde, solange der Kaiser noch lebte und der auch bei den meisten antiken Historikern kaum in Gebrauch war. Siehe Cassius Dioo 78,9; Historia Augusta, Caracalla 9; Aurelius Victor, Epitome 21; Euseb, Chronika ad annum 214. ; aber vergönnen wir uns doch einmal die Vorstellung, dass Fingal mit Gewissheit gelebt und Ossian gesungen habe: der auffällige Gegensatz an Sitten und Gebräuchen der beiden kämpfenden Nationen ist geeignet, ein philosophisches Gemüt zu unterhalten. Aus diesem Vergleich würde die zivilisiertere Nation nicht mit Vorteil hervorgehen, wenn wir etwa des Severus unnachgiebige Rachegelüste der großherzigen Milde des Fingal gegenüberstellten; oder die feige und grausame Brutalität des Caracalla der Tapferkeit, der Güte, dem feinen Talent des Ossian; die beutegierigen Offiziere, die aus Angst oder Neugierde ihrem Kaiser dienten, den freigeborenen Kriegern, die zu den Waffen eilten, wenn der König von Morven rief; wenn, mit einem Wort, wir nachdächten über die unverdorbenen Caledonier, die noch von natürlichen Tugenden glühten, und die heruntergekommenen Römer, die von den niederen Lastern des Reichtums und der Sklaverei befleckt waren.   TOD DES SEVERUS · A.D. 211 Die nachlassende Gesundheit und letzte Krankheit des Severus riefen in Caracallas Seele wilden Ehrgeiz und finstere Leidenschaften auf. Verzug oder Teilung des Reiches litt er nicht und versuchte mehr als einmal, die wenigen seinem Vater noch zugemessenen Tage zu verkürzen; auch bemühte er sich, wiewohl vergeblich, eine Meuterei unter den Truppen anzuzetteln Cassius Dio, 76,14; Historia Augusta, Severus 20; Aurelius Victor . Wie oft hatte doch der alte Kaiser die übel geleitete Milde des Marcus Aurelius gerügt, der mit einem einzigen Rechtsakt Rom die Tyrannei seines unfähigen und unwürdigen Sohnes Commodus hätte ersparen können! Nun er sich in vergleichbarer Lage befand, konnte er erleben, wie leicht doch richterliche Strenge zu väterliche Milde umgeformt wird. Er riet, er drohte; strafen mochte er nicht. Und dieser letzte und einzige Gnadenakt brachte dem Reich mehr Verderben als eine lange Serie von Grausamkeiten Cassius Dio, 76,14; Historia Augusta, Caracalla 11,3 . Die Unruhe seines Herzens verschlimmerten seine körperlichen Leiden; ungeduldig wünschte er zu sterben, und diese Ungeduld verschlimmerte sein Sterben. In seinem fünfundsechzigstem Lebensjahr starb er in York, im achtzehnten Jahre einer ruhm- und erfolgreichen Regierung. In seinen letzten Stunden anempfahl er seinen Söhnen Eintracht, und seine Söhne selbst der Armee. Der heilsame Rat hatte niemals das Herz und vermutlich noch nicht einmal das Verständnis der beiden streitbaren Jünglinge erreicht; aber die Truppen, gehorsamer denn doch und ihres Treueeides sowie der Autorität ihres hingegangenen Meisters eingedenk, widerstanden Caracallas Betteln und riefen beide Brüder zu Kaisern von Rom aus. Die neuen Herrscher ließen die Caledonier in Ruhe, kehrten zur Hauptstadt zurück, begingen ihres Vaters Leichenfeier zugleich mit seiner Vergöttlichung und wurden von Senat, Volk und Provinzen bereitwillig als die rechtmäßigen Herrscher anerkannt. Dem älteren Bruder scheinen einige Vorrechte der Rangordnung zugestanden zu haben, aber beide verwalteten das Reich gleichberechtigt und unabhängig voneinander Cassius Dio, 76, 15; Herodian 3,15 .   EIFERSUCHT UND HASS DER BEIDEN HERRSCHER Eine solche Teilung der Regierungsgewalt hätte auch zwei Brüdern, die einander von Herzen zugetan waren, eine Quelle der Zwietracht werden müssen. Unmöglich konnte sie auf Dauer zwischen diesen zwei unversöhnlichen Feinden bestehen bleiben, da sie eine Aussöhnung weder wünschten noch auf sie vertrauen konnten. Es lag am Tage, dass nur einer regieren konnte und der andere untergehen musste; und da beide von ihrer eigenen Entwürfen auf die ihres Gegners schlossen, schützten sie sich vor wiederholten Angriffen mit Gift und Schwert durch die misstrauischste Wachsamkeit. Ihr Eilmarsch durch Gallien und Italien, bei welchem sie niemals von derselben Tafel speisten oder in demselben Hause schliefen, bot den Provinzen ein abstoßendes Bild brüderlicher Feindschaft. Nach ihrer Ankunft zu Rom halbierten sie unverzüglich das riesige Grundstück des Kaiserpalastes Herr Hume ist zu Recht verwundert über einen Abschnitt bei Herodian (4,1), welcher den Umfang der Palastanlagen gleichsetzt mit der zweiten Hälfte Roms. Das gesamte Gebiet des Palatin, auf dem er errichtet war, hatte einen Umfang von elf- bis zwölftausend Fuß. Wir sollten uns indessen daran erinnern, dass wohlhabende Senatoren mit ihren großangelegten Gärten und Vorstadtpalästen die Stadt nahezu eingekreist hatten und dass im Laufe der Zeit der größte Teil dieser Anlagen von den Kaisern konfisziert worden war. Wenn also Geta in den Parks auf dem Janiculum residierte, die auch seinen Namen tragen und Caracalla in den Gärten des Mäcenas auf dem Esquilin, so waren die feindlichen Brüder durch eine Distanz von einigen Meilen getrennt; und auch in dem dazwischenliegenden Sektor befanden sich die kaiserlichen Gärten des Sallust, Lucullus, Agrippa, Domitian, Caius \&c, die alle die Stadt umgaben und alle miteinander und mit dem Palast durch Tiberbrücken und Straßen in Verbindung standen. Aber diese Erläuterung zu Herodian würde eine besondere, mit einem Plan des antiken Rom illustrierte Abhandlung erforderlich machen, die sich kaum lohnen dürfte. (David Hume, Essay on Populousness of ancient nations.). Zwischen den beiden Hälften war jedweder Austausch untersagt; Türe und Wege wurden sorgsam versperrt, und Wachen zogen auf und wurden abgelöst mit einer Präzision, wie sie sonst nur bei Belagerungen üblich ist. Die Kaiser trafen sich ausschließlich in der Öffentlichkeit in Gegenwart ihrer kummervollen Mutter, beide von starkbewaffneten Anhängern umgeben. Selbst bei solchen Gelegenheiten offizieller Zeremonie konnte die Heuchelei des Hofes die herzliche Abneigung der beiden nur sehr bedingt verbergen Herodian, 4,1. .   VERGEBLICHE UNTERHANDLUNÜGBER DIE TEILUNG DES REICHES Dieser latente Bürgerkrieg paralysierte mittlerweile die gesamte Regierungsarbeit, bis dann ein Plan ausgearbeitet wurde, der dem jeweiligen Interesse der feindlichen Brüder entgegenkam. Da es nun einmal unmöglich sei, ihrer beider Gemüter zu einen, sollten sie ihrer beider Interesse trennen und, so wurde vorgeschlagen, das Reich zwischen sich aufteilen. Die Vertragsbedingungen waren bereits im Detail niedergelegt. Man kam überein, dass Caracalla als der Ältere Europa und das westliche Afrika behalten und die Herrschaft über Asien und Ägypten Geta überlassen solle, der seine Residenz in Alexandria oder Antiochia beziehen möge, Städten, die Rom an Größe und Wohlstand nur wenig nachstanden; dass starke Heere beiderseits des thrakischen Bosporus dauerhaft Stellung beziehen sollten, da hier die Grenze der rivalisierenden Monarchien verlief; und dass schließlich die Senatoren europäischer Abstammung den Herrscher Roms anerkennen sollten, während die in Asien geborenen dem Herrscher des Ostens folgen sollten. Die Tränen der Kaiserin Julia unterbrach diese Verhandlungen, hatte doch das erste Gerücht davon jedes römische Herz mit Überraschung und Empörung erfüllt. Die zur Disposition stehende gewaltige Ländermasse war durch Politik und Zeitläufte so innig miteinander verwachsen, dass es äußerster Gewaltanstrengungen bedurft hätte, sie auseinander zu reißen. Die Römer mochten zu Recht fürchten, dass die beiden Hälften bald wieder infolge eines Bürgerkrieges unter die Herrschaft eines einzigen gezwungen würden; oder, sollte die Trennung dauerhaft bleiben, dies zur Auflösung eines Reiches führen müsse, dessen Einheit bis dato für unantastbar galt. Herodian, 4,4.   GETAS ERMORDUNG · A.D. 212 Wäre der Vertrag umgesetzt worden, so wäre der Herrscher Europas bald wohl auch zum Eroberer Asiens geworden; indessen schwebte Caracalla ein leichterer, wenn auch schuldbeladenerer Sieg vor. Er hörte sich seiner Mutter dringliches Flehen mit berechneter Verstellung an und willigte darein, sich mit dem Bruder in ihrem Palast zu treffen, um des Friedens und der Versöhnung willen. Mitten in der Unterredung fielen einige Centurionen, die es vorzogen unerkannt zu bleiben, mit gezücktem Schwert über den unglückseligen Geta her. Seine entsetzte Mutter wollte ihn in ihren Armen schützen; aber bei dem unvermeidlichen Getümmel wurde sie selber an der Hand verletzt und zugleich mit den Blut ihres jüngsten Sohnes befleckt, während sie mit ansehen musste, wie der ältere den Eifer der Meuchelmörder noch anstachelte und unterstützte Caracalla weihte im Tempel des Serapis das Schwert, mit dem seinen Bruder erschlagen zu haben er sich brüstete. Cassius Dio, 77,23. . Sobald die Tat geschehen war, eilte Caracalla zu der Prätorianerkaserne, mit fliehender Hast und Entsetzen im Gesicht, und warf sich dort, als sei es seine einzige Zuflucht, vor den Statuen der Titulargottheiten Herodian, 4,4. In jedem römischen Lager gab es eine kleine Kapelle in der Nähe des Hauptquartiers, in welcher die Statuen der Titulargottheiten aufgestellt und angebetet wurden. Zu den ersten dieser Gottheiten, so sollten wir noch anmerken, gehörten die Legionsadler und andere militärische Symbole; eine vorzügliche Erfindung, da sie Disziplin mit den Drohwerkzeugen der Religion sicherstellte. S. Lipsius, De militia Romana 4, c. 5 und Buch 5, c.2. in den Staub. Die Soldaten halfen ihm auf die Beine und suchten ihn zu beruhigen. Stammelnd und in ungeordneten Sätzen gab er ihnen Zeitung von seiner unmittelbaren Lebensgefahr und wunderbaren Errettung; während er ihnen einblies, dass er den Nachstellungen seines Feindes nur zuvorgekommen sei, bekundete er zugleich seine Entschlossenheit, mit seinen treuen Truppen zu leben oder unterzugehen. Geta war der eigentliche Liebling der Truppe gewesen; Klagen indessen würden nutzlos, Rache gefährlich gewesen sein, und außerdem verehrten sie in ihm immer noch den Sohn des Severus. Ihr Missvergnügen versickerte in müßigem Murren; auch überzeugte Caracalla sie schon bald von der Gerechtigkeit seiner Sache, indem er ihnen die angehäuften Schätze aus seines Vaters Regierungszeit großzügig zum Geschenk machte Herodian 4,4; Cassius Dio, 77,3. . Die eigentlichen Gefühle der Soldaten waren für seine Macht oder seine Sicherheit wichtig. Sie anerkannten ihn, und dies zog auch das pflichtgemäße Bekenntnis des Senats nach sich. Diese Versammlung der Gefügigen war stets bereit, die jeweiligen Beschlüsse des Schicksals gegenzuzeichnen; und da Caracalla daran gelegen war, die ersten Ausbrüche öffentlicher Empörung zu dämpfen, wurde der Name Geta durchaus mit Ehrerbietung genannt: er erhielt die Begräbnisfeierlichkeiten eines römischen Kaisers Geta wurde unter die Götter versetzt. Sit divus , dum non sit vivus, so sein Bruder. (Soll er göttlich sein, solange er nur nicht lebt. Historia Augusta, Geta 2,8). Einige Spuren von Getas Vergöttlichung sind noch heute auf Medaillen zu finden. . Die Nachwelt hat aus Mitleid für den Unglücklichen den Mantel des Schweigens über seine Untugenden gelegt. Wir erkennen in dem jungen Herrscher nur das unschuldige Opfer seines ehrgeizigen Bruders und vergessen dabei, dass es ihm nicht am Willen, sondern nur an der Macht fehlte, um die gleichen Rache- und Mordanschläge ausführen zu können.   ERMORDUNG VON GETAS FREUNDEN Das Verbrechen blieb nicht ungesühnt. Weder Arbeit noch Ablenkung oder Schmeichelei konnten Caracalla von den Nachstellungen eines schuldigen Gewissens schützen; und unter den Qualen seines gefolterten Gemütes gestand er, dass in seiner wirren Phantasie sein erboster Vater und Bruder zum Leben wiedererstanden seien, zu drohen und Vorwürfe zu machen Cassius Dio 77,15 . Im Bewusstsein seines Verbrechens hätte er versuchen können, die Menschheit mit einer untadeligen Amtsführung davon zu überzeugen, dass die Bluttat einer Schicksalsnotwendigkeit entspreche. Aber Caracallas Reue bewirkte lediglich, alles auszutilgen, was ihn auf Erden an seine Schuld erinnern oder die Erinnerung an seinen Bruder wachhalten konnte. Auf dem Rückweg vom Senat zu seinem Palast betraf er seine Mutter in Begleitung einiger Matronen von Adel, die das allzufrühe Schicksal ihres jüngeren Sohnes beweinten. Der Kaiser sah es mit Neid und drohte ihnen unverzüglich den Tod an, und das Urteil wurde auch an Fadilla vollzogen, der letzten noch lebenden Tochter des Kaisers Marcus Aurelius; und selbst der betroffenen Julia wurde auferlegt, ihren Klagen zu steuern, ihre Seufzer zu unterdrücken und den Mörder mit den Anzeichen der Freude und Zustimmung zu begrüßen. Man hat geschätzt, dass unter dem nebulösen Tatbestand »Freund des Geta« etwa zwanzigtausend Personen beiderlei Geschlechtes den Tod erleiden mussten. Seine Wachen und Freigelassenen, die Helfer seiner ernsthaften Arbeit und die Begleiter seiner vergnügten Stunden, ferner alle, die durch seine Veranlassung zu einem Militär- oder Provinzkommando gekommen waren, die lange Kette der mit diesen wiederum Verbundenen wurden auf die Proskriptionsliste gesetzt; was das Bemühen einschloss, selbst derer habhaft zu werden, die die allergeringste Beziehung mit Geta gehabt hatten, die seinen Tod beklagten oder sogar nur seinen Namen Cassius Dio 77,4; Herodian 4,6. Cassius Dio (77,12) berichtet, dass die Komödiendichter nicht einmal in ihren Stücken Getas Namen zu erwähnen wagten, und dass das Vermögen derer, die ihn in ihrem Testament erwähnten, eingezogen wurde. erwähnten. Helvius Pertinax, Sohn des gleichnamigen Kaisers, bezahlte ein Witzwort zur Unzeit Caracalla hatte den Namen einiger eroberter Länder angenommen; Pertinax bemerkte dazu, dass der Name Geticus (er hatte ein paar Erfolge über die Goten oder Geten erzielt) mit Parthicus, Alemannicus \&c trefflich harmonieren würde. Historia Augusta, Carcalla 8,5. mit seinem Leben. Thrasea Priscus Cassius Dio 77,5. Vermutlich stammte er von Helvidius Priscus und Thrasea Paetus ab, jenen Patrioten, deren festes, aber unzeitgemäßes und nutzloses Auftreten Tacitus unsterblich gemacht hat. beging ein todeswürdiges Verbrechen, indem er aus einer Familie stammte, in welcher Freiheitsliebe zur Erbmasse zu gehören schien. Die speziellen Fälle von Verunglimpfung hatten sich allmählich erschöpft, ebenso die allgemeinen Verdächtigungen; wenn nun ein Senator beschuldigt wurde, insgeheim der Regierung feind zu sein, genügte dem Kaiser als allgemeiner Beweis, dass er wohlhabend und aufrichtig sei. Aus diesen wohlfundierten Rechtsprinzipien zog er dann die blutigsten Konsequenzen.   ERMORDUNG DES PAPINIAN Die Ermordung so vieler unschuldiger Bürger beklagten ihre Freunde und Familien mit heimlichen Tränen. Der Tod des Prätorianerpräfekten Papinian aber wurde als öffentlicher Unglücksfall betrauert. Während der letzten sieben Regierungsjahre des Severus hatte er die wichtigsten Staatsämter innegehabt, und den Kaiser durch seinen wohltätigen Einfluss auf die Bahnen des Rechts und der Mäßigung zurückgeführt. Auf seinem Sterbebett hatte Severus ihn in vollem Bewusstsein seiner Fähigkeiten und seines Charakters beschworen, über das Wohlergehen und die Einheit der kaiserlichen Familie Papinian selbst soll weitläufig mit der Kaiserin Julia verwandt gewesen sein. zu wachen. Papinians ehrbares Bemühen fachte nur den Hass an, den Caracalla seit jeher für den Minister seines Vaters empfunden hatte. Nach dem Mord an Geta erhielt der Präfekt die Anweisung, alle seine Verstandeskräfte und Beredsamkeit in den Dienst der Verteidigung des grauenvollen Verbrechens zu stellen. Der Philosoph Seneca hatte sich einst soweit vergessen und ein vergleichbares Schreiben an den Senat im Namen des Sohnes und Mörders der Agrippina Tacitus, Annalen 14,2 verfasst. Die grandiose Antwort Papinians Historia Augusta, Caracalla 8,5 , der bei der Wahl zwischen Leben und Ehre nicht schwankte, war, »dass es leichter sei, einen Bruder zu ermorden als solch ein Verbrechen zu rechtfertigen.« Diese furchtlose Tugend, die zwischen den Hofkabalen, den Geschäftsgepflogenheiten und allen Kunstgriffen seines Gewerbes rein und unbefleckt erhalten hatte, wirft auf Papinians Andenken ein helleres Licht als alle seine großen Projekte, seine zahlreichen Schriften und sein hohes Ansehen als Anwalt, welches doch in allen Epochen der römischen Rechtsgeschichte sich bewährte Über Papinian siehe Heiniccius, Historia iuris civilis. .   CARACALLAS UMFASSENDE DESPOTIE Es hatte bis dahin für die Römer ein besonderer Glücksumstand oder doch wenigstens, in den schlimmsten Zeiten, ein Trost darin gelegen, dass die Herrschertugenden ihrer Kaiser dominierten und ihre Laster tatenlos waren. Augustus, Trajan, Hadrian und Marcus besuchten ihr ausgedehntes Reich in Person und ihre Rundreisen waren durch eine Spur der Weisheit und Wohltätigkeit markiert. Die Tyrannei eines Tiberius, Nero oder Domitian, die sich fast nur in Rom oder den umliegenden Ortschaften aufhielten Tiberius und Domitian entfernten sich niemals aus dem Umkreis von Rom; Nero machte eine kurze Reise nach Griechenland. »Et laudatorum principum usus ex aequo quamvis procul agentibus. Saevi proximis ingruunt«. (Der Nutzen gerühmter Fürsten ergibt sich für so wie für uns, auch wenn ihr fernab lebt. Nur die Üblen fallen über die nächste Umgebung her. Tacitus, Historia Augusta 4,74 , war durch Senat und Ritterschaft kontrolliert. Aber Caracalla war ein Feind der gesamten Menschheit. Er verließ die Hauptstadt (und sollte nie wieder in sie zurückkehren) etwa ein Jahr nach Getas Ermordung. Seine restliche Herrschaft verbrachte er in den verschiedenen Provinzen des Reiches, namentlich denen des Ostens, und alle Landstriche wurden nacheinander zum Schauplatz seiner Raubzüge und Grausamkeiten. Die Senatoren, die seinen Launen aus Furcht gehorsam waren, zwang er, täglich kostspielige Schauspiele zu veranstalten, die er dann verächtlich an seine Garden zum beliebigen Gebrauch überließ; oder in jeder Stadt großartige Paläste oder Theater zu bauen, die zu besuchen er sich entweder zu schade war oder die er sofort wieder einreißen ließ. Die wohlhabendsten Familien trieb er in den Ruin durch irgendwelche Geldstrafen und Konfiskationen, während die große Masse seiner Untertanen durch neu ausgeheckte, schwere Steuern belastet wurde Cassius Dio 77,9 . Mitten im Frieden, bei allernichtigstem Anlass, befahl er in Alexandria ein allgemeines Massaker. Von einem geschützten Platz im Serapistempel beobachtete und befehligte er die Abschlachtung von vielen tausend Bürgern oder Ausländern, ohne Rücksicht auf das Ausmaß ihrer Schuld, da ja, wie er den Senat kaltsinnig wissen ließ, alle Alexandriner, die erschlagenen wie die entflohenen, in gleicher Weise schuldig seien Dio schildert es uns als ein besonders grausames Massaker, Herodian zusätzlich als ein besonders heimtückisches. Es könnte sein, dass die Alexandrianer den Tyrannen durch ihre Spötteleien und möglicherweise durch Tumult aufgebracht hatten. .   NACHLASSEN DER DISZIPLIN Severus' kluge Anordnungen hatten auf das Gemüt seines Sohnes niemals einen bleibenden Eindruck gemacht, dem, obwohl ihm Phantasie und Beredsamkeit durchaus nicht abgingen, ein Gefühl für Menschlichkeit oder Gerechtigkeit gleichermaßen fehlten Cassius Dio, 77,9 . Eine heikle Lebensregel, die eigentlich nur einem Tyrannen zukam, wurde von Caracalla wieder aufgegriffen und pervertiert, nämlich »die Zuneigung der Armee sicherstellen und den Rest der Untertanen für nichts achten Cassius Dio 76,15. Herr Wotton (History of Rome, p. 330) argwöhnt, dass diese Maxime von Caracalla selbst ersonnen wurde und seinem Vater nur angedichtet worden war. .« Aber die Freisinnigkeit des Vaters war mit Klugheit gepaart und seine Nachsicht gegenüber der Truppe durch Bestimmtheit und Autorität gesteuert. Die unbekümmerte, hirnlose Verschwendung seines Sohnes war Politik und zugleich der unausbleibliche Ruin für beide, die Armee und das Reich. Die Körperkraft der Soldaten ließ man im Luxusleben der Städte dahinschmelzen, anstelle dass man sie durch strengen Drill gefestigt hätte. Die unmäßigen Solderhöhungen und die Schenkungen Cassius Dio 76,15 lässt uns wissen, dass die jährlichen außerordentlichen Schenkungen Caracallas an die Armee sich auf siebzig Millionen Drachmen beliefen (etwa zwei Millionen dreihundertundfünfzigtausend Pfund). Ein anderer Absatz bei Dio befasst sich ebenfalls der Besoldung des Militärs, der, wenn er nicht lückenhaft und verderbt, dann im höchsten Maße sonderbar wäre. Vermutlich will er besagen, dass die Prätorianer zwölfhundertundfünfzig Drachmen pro Jahr (vierzig Pfund) erhielten. Unter Augustus erhielten sie zwei Drachmen oder Denar am Tag oder 720 pro Jahr. Domitian, der den Sold um ein Viertel erhöhte, muss demnach den der Prätorianer auf 960 Drachmen erhöht haben. Diese beständigen Erhöhungen ruinierten das Reich, weil neben der Besoldung auch die Zahl der Soldaten erhöht wurde. Wir haben gesehen, dass allein die Mannschaftsstärke der Prätorianer von 10 000 auf 50 000 Mann erhöht wurde. belasteten die Staatskassen und bereicherten den Soldatenstand, dessen Bescheidenheit in Friedenszeiten und dessen Leistungen im Krieg sonst durch eine karge Anständigkeit sichergestellt wird. Caracallas Auftreten war hochfahrend und arrogant; wenn er aber bei der Truppe war, vergaß er sogar die seiner Stellung angemessene Würde, ermutigte sie zu distanzloser Kumpanei und entblödete sich nicht, unter Vernachlässigung der elementarsten Pflichten eines Befehlshabers Bekleidung und Gebaren des einfachen Soldaten zu imitieren.   ERMORDUNG CARACALLAS · 217 A.D. Es war natürlich ausgeschlossen, dass Caracallas Charakter und seine Aufführungen ihm Zuneigung oder Hochachtung erwarben; solange aber seine Untugenden der Armee vorteilhaft waren, hatte er keine Rebellion zu befürchten. Tödlich wurde ihm jedoch eine geheime Verschwörung, die der Tyrann durch seine eigene Bösartigkeit provoziert hatte. – Die Präfektur über die Prätorianer war unter zwei Minister aufgeteilt. Die militärischen Angelegenheiten lagen in der Hand des Adventus, eines mehr erfahrenen als besonders befähigten Militärs. Zivile Geschäfte wurden von Opilius Macrinus durchgeführt, welcher wegen seiner glücklichen Hand in Verwaltungsangelegenheiten sich im Verein mit seinem ehrenhaften Charakter in dieses hohe Amt emporgearbeitet hatte. Aber seine Stellung war unsicher wie des Kaisers Launen, und sein Leben mochte von dem leisesten Verdacht oder den zufälligsten Umständen abhängen. – Bösartigkeit oder Fanatismus hatten einem Afrikaner, tiefvertraut mit der Kunde von der Zukunftsschau, eine höchst gefährlich Einsicht offenbart, dass nämlich Macrinus und sein Sohn dazu bestimmt seien, das Reich zu regieren. Diese Prophezeiung hatte in der Provinz rasch die Runde gemacht; und als der Mann nun in Ketten nach Rom verbracht wurde, bestand er nach wie vor und auch in Gegenwart des Stadtpräfekten auf der Wahrheit seiner Erkenntnis. Dieser Beamte nun, der die dringendsten Aufforderungen erhalten hatte, sich über diese Nachfolger des Caracalla kundig zu machen, schickte das Ergebnis seiner Befragung dieses Afrikaners unverzüglich an den kaiserlichen Hof, welcher damals gerade in Syrien residierte. Ein Freund des Macrinus fand nun trotz der Zuverlässigkeit der staatlichen Boten Mittel, ihn von der drohenden Gefahr in Kenntnis zu setzen. Der Kaiser erhielt die Briefe aus Rom; da er aber gerade mit der Durchführung eines Wagenrennens beschäftigt war, leitete er sie ungeöffnet an den Prätorianerpräfekten weiter mit der Weisung, Routinegeschäfte selbst zu bearbeiten und ihm die gegebenenfalles in ihnen enthaltenen wichtigen Angelegenheiten zu melden. So las nun Macrinus sein eigenes Verhängnis und beschloss, dem vorzubeugen. Er fachte die Unzufriedenheit einiger subalterner Offiziere an und gewann die Mitarbeit des Martialis, eines Soldaten auf verlorenem Posten, welcher bei der Beförderung zum Centurio übergangen worden war. Religiöse Gefühle hatten Caracalla vermocht, eine Art Wallfahrt von Edessa nach Karrhä zum berühmten Tempel der Mondgöttin zu unternehmen Cassius Dio 78,5,4; Herodian 4,13 . Eine Schwadron Kavallerie begleitete ihn; als der Kaiser nun aus Gründen der Notdurft am Wege angehalten hatte und seine Wachen aus Schicklichkeitsgründen in angemessener Entfernung verblieben waren, nahte sich Martialis ihm unter einem dienstlichen Vorwand und durchbohrte ihn. Der kühne Mörder wurde umgehend von einem skythischen Bogenschützen der Wache erschossen.   CHARAKTERISIERUNG CARACALLAS Dies war das Ende eines Monsters, dessen Leben eine Beleidigung für die menschliche Natur gewesen war und dessen Regierung die Geduld der Römer denn doch sehr offenkundig gemacht hatte. Die Soldaten in ihrer Anhänglichkeit sahen über seine Verbrechen hinweg, dachten nur an seine Großzügigkeit und drängten den Senat, die eigene Würde und die der Religion zu prostituieren und ihm einen Platz unter den Göttern zu sichern. Während er noch auf Erden wandelte, war für ihn Alexander der Große der einzige Heros gewesen, den dieser Gott seiner Bewunderung für wert hielt. Er nahm die Insignien und den Namen Alexanders an, stellte eine makedonische Phalanx als Wache auf, eiferte den Jüngern des Aristoteles nach und ließ mit diesem läppischen Enthusiasmus ein einziges Mal ein Gefühl durchschimmern, welches so etwas wie einen Bezug zu Tugend und Ruhm erkennen ließ. Wir können uns leicht vorstellen, dass Karl XII nach der Schlacht an der Narva und der Eroberung Polens sich damit gerühmt haben mag, mit jenem an Stärke und Mut rivalisieren zu können (wenngleich ihm der Charme von Philipps Sohn abging); aber in seinem ganzen Leben brachte Caracalla keine einzige Tat zustande, die auch nur von Ferne irgendwie an den makedonischen Held erinnerte, mit der Ausnahme, dass er, wie Alexander, zahlreiche eigene Freunde und seines Vaters ermordete Die Vorliebe Caracallas für Alexanders Namen und Insignien hat sich bis heute auf Medaillen dieses Kaisers erhalten. Siehe Spanheim, De usu numismatum Diss 12. Herodian (4,8) hat ein besonders idiotisches Bild gesehen, auf dem eine Figur eine Gesichtshälfte wie Alexander und eine wie Caracalla hatte. .   WAHL DES MACRINUS · A.D. 217 · UNZUFRIEDENHEIT MIT SEINER REGIERUNG Nach dem Untergang des severischen Hauses war dar Römische Reich drei Tage ohne Herren. Die Entscheidung der Armee (der Autorität eines weit entfernten und schwächlichen Senates ward nur wenig Beachtung zuteil) ließ quälend auf sich warten; denn kein Kandidat bot sich ihnen an, dessen ausgezeichnete Geburt oder Taten ihn empfohlen und ihre Stimme vereint hätten. Das entscheidende Übergewicht der Prätorianergarde belebte die Hoffnungen ihrer Präfekten, und so begannen diese einflussreichen Befehlshaber ihren gesetzlichen Anspruch auf den vakanten Thron des Reiches anzumelden. Adventus jedoch, der ältere der beiden, gedachte seines Alters und seiner Hinfälligkeit, seiner geringen Reputation und seiner noch geringeren Eignung und überließ dem drängenden Ehrgeiz seines Kollegen Macrinus diese gefährliche Ehre, welcher mit gutgespieltem Kummer jeden Verdacht ausräumte, er könne an seines Meisters Tod beteiligt gewesen sein Herodian 4,14; Historia Augusta, Macrinus 4. . Die Truppe selbst liebte oder respektierte ihn nicht. Sie hielten nach anderen Bewerbern Umschau, und nur mit Widerwillen gaben sie schließlich seinen Versprechungen von unbegrenzter Großzügigkeit und Milde nach. Kurz nach seiner Thronbesteigung übertrug er seinem erst zehnjährigen Sohn Diadumenianus den Imperatortitel und den populären Namen Antoninus. Der schöne Anblick des Knaben, verbunden mit einem zusätzlichem Geldgeschenk, für das die Krönungsfeierlichkeiten den Vorwand lieferten, mochten, so hoffte man, die Gunst der Armee gewinnen und den schwankenden Thron des Macrinus sichern helfen.   UNZUFRIEDENHEIT DES SENATES Der Senat und die Provinzen hatten sich artig verneigt und die Thronbesteigung des neuen Herrschers damit besiegelt. Es wäre ihnen pedantisch vorgekommen, jetzt, wo sie über den unverhofften Tod des verhassten Tyrannen frohlocken durften, die Tugenden von Caracallas Nachfolger in Zweifel zu ziehen. Sobald sich aber die ersten Wogen der Überraschung und Begeisterung geglättet hatten, begannen sie mit kritischer Strenge die Verdienste des Macrinus abzuwägen und die rasche Wahl der Armee zu missbilligen. Es war bis dato ein eherner Verfassungsgrundsatz gewesen, dass der Kaiser stets im Senat gewählt werde und dass die Herrschergewalt, wenn sie denn schon nicht mehr von der gesamten Körperschaft ausgeübt werden könne, wenigstens einem aus ihrer Mitte zufallen müsse. Indessen, Macrinus war kein Senator Cassius Dio 89,1. Elagabal warf seinem Vorgänger vor, dass er gewagt habe, den Thron überhaupt zu besteigen: dabei hatte er doch als Prätorianerpräfekt überhaupt keinen Zutritt zum Senat, nachdem die Stimme des Ausrufers zur Räumung des Hauses gerufen hatte. Plautianus und Sejanus hatten diese feststehende Regel durchbrochen. Sie stammten in der Tat aus dem Ritterstand, aber sie übten die Präfektur im Range eines Senators und sogar eines Konsuls aus. . Die schleunige Erhebung der beiden Prätorianerpräfekten verriet ihre geringe Herkunft. Und die Ritterschaft hatte immer noch jenes einflussreiche Amt inne, welches mit beliebiger Willkür über Leben und Vermögen der Senatorenschaft verfügte. Ein indigniertes Murren war zu hören, dass ein Mann, der seine niedrige Er stammte aus Caesarea in Numidien und begann seine Laufbahn im Hause des Plautianus, dessen Untergang er nur knapp entkam. Seine Feinde schworen, dass er ein Sklavenkind sei und dass er neben anderen niederen Gewerben auch den Beruf eines Gladiators ausgeübt habe. Die Praxis, über Herkunft und Lebensumstände eines Feindes gering zu reden, scheint sich von der Zeit der griechischen Redner bis zu den gelehrten Grammatikern der Spätzeit gehalten zu haben. Herkunft niemals durch eine Tat von Bedeutung erhöht habe, es nun wagen dürfe, sich mit dem kaiserlichen Purpur zu kleiden, anstelle ihn einem edelachtbaren Senator zu übertragen, dem Geburt und Verdienst mehr Anrecht auf den Glanz der kaiserlichen Stellung zuspreche. Sobald nun der Charakter des Macrinus vor den scharfprüfenden Augen der Missgunst ausgebreitet ward, wurden leichtlich manche Laster und viele Mängel aufgefunden. Die Ernennung seiner Minister wurde – zuweilen sogar zu Recht – gerügt, und das missvergnügte Volk tadelte in gewohnter Deutlichkeit zugleich seine kraftlose Lahmheit und seine übertriebene Strenge Cassius Dio und Herodian sprechen beide mit Offenheit und Unparteilichkeit von den Tugenden und Lastern des Macrinus; aber der Verfasser seiner Biographie in der Historia Augusta scheint ausschließlich bei einigen Miet-Schreibern abkopiert zu haben, welche im Auftrage des Elagabalus das Andenken an seinen Vorgänger einschwärzen sollten. . Sein unbesonnener Ehrgeiz hatte eine Höhe erklommen, auf der man nur unter Schwierigkeiten sicher stehen und von der man unmöglich fallen konnte, ohne dabei zugrunde zu gehen. Wenn er auch in den Schlichen des Hofes und in bürgerlichen Geschäften geübt war, bebte er doch, sobald er dem groben und disziplinlosen Haufen gegenüberstand, über den er das Kommando übernommen hatte: seine militärische Eignung wurden nicht ernst genommen und seine persönliche Tapferkeit beargwöhnt: ein Gerücht, das im Lager umging, enthüllte das grässliche Geheimnis einer Verschwörung gegen den toten Vorgänger, fügte dem Mordvorwurf noch den der charakterlosen Heuchelei hinzu und verminderte so sein ohnehin geringes Ansehen. Um sich den Soldaten völlig zu entfremden und seinen unvermeidlichen Untergang herauszufordern, hätte er nur noch den Ruf eines Reformers haben müssen; hierin bestand ja die besondere Härte von Macrinus' Situation, dass er genau dieses undankbare Geschäft übernehmen musste. Die Verschwendungssucht von Caracalla hatte eine tiefe Spur von Verwüstung und Chaos hinterlassen; und wäre dieser nichtswürdige Tyrann imstande gewesen, die sicheren Folgen seines Vergeudens abzuschätzen, so hätte er sich womöglich noch gefreut über die düsteren Aussichten, die Verzweiflung und die Probleme, die er seinem Nachfolger aufgebürdet hatte.   ARMEEREFORM · TOD DER JULIA · ELAGABALUS Bei der Durchführung dieser notwendigen Reformen verfuhr Macrinus mit einer Umsicht und Klugheit, dass der Armee ihr alter Zustand und ihre Schlagkraft auf leichte, fast unmerkliche Art zurückgegeben worden wäre. Den Soldaten, die bereits länger im Dienst waren, musste er gezwungenermaßen ihre üppige Besoldung und gefährlichen Vorrechte belassen, welche Caracalla an sie verschenkt hatte; aber die neuen Rekruten wurden zu den moderaten, obschon auch recht großzügigen Konditionen des Severus in die Armee aufgenommen und auf diese Weise allgemach an Bescheidenheit und Gehorsam gewöhnt Cassius Dio, 78,28. Die Gesinnung der Verfassers geht eindeutig auf den Kaiser zurück, aber Mr. Wanton hat beide missverstanden, weil er nicht Veteranen und Rekruten, aber alte und neue Legionen auseinander halten konnte. . Ein fataler Irrtum jedoch zerstörte die heilsame Wirkung dieses klugbedachten Planes. Anstelle dass Macrinus die mächtige Armee des Ostens, die der tote Herrscher dort zusammengezogen hatte, sofort auf die einzelnen Provinzen verteilt hätte, war sie genötigt, den Winter nach seiner Wahl in Syrien zu auszuharren. Im trägen Luxus ihrer Quartiere wurden sich die Truppen ihrer Größe und Stärke bewusst, tauschten sich aus über ihre Beschwernisse und bedachten in ihren Gemütern die Vorteile einer weiteren Staatsumwälzung. Die Veteranen waren durch die vorteilhafte Unterscheidung zu ihren Gunsten in ihrem Ehrgeiz keineswegs geschmeichelt, sondern gerieten durch die ersten Maßnahmen des Kaisers in Alarmstimmung, da sie in ihnen nur Vorankündigungen seiner ferneren Absichten sahen. Mit mürrischem Widerwillen taten die Neugeworbenen ihren Militärdienst, dessen Mühsal dieser unsoldatische und knickerige Kaiser vervielfacht, dessen Vergütung er jedoch gekürzt hatte. Das Murren der Armee steigerte sich ungestraft zu aufsässigem Gelärm; und diese vereinzelten Meutereien offenbarten einen Geist der Unzufriedenheit und Entfremdung, dass schon die kleinste Gelegenheit ausgereicht hätte, eine allgemeine Rebellion auszulösen. Bei solcher Stimmungslage fand sich eine Gelegenheit dazu bald von ganz allein. Die Kaiserin Julia hatte alle Höhen und Tiefen des Schicksals durchlebt. Aus kleinen Anfängen hatte sie sich zu Macht und Größe erhoben, nur um die besondere Bitterkeit einer hohen Stellung auszukosten. Ihr Fluch war es, den Tod ihres einen und das Leben ihres anderen Sohnes zu beweinen. Caracallas grausames Schicksal, das zu erwarten sie ihr heller Verstand schon lange gelehrt haben musste, rief in ihr die Gefühle der Mutter und der Kaiserin wach. Obschon der neue Herrscher Severus' Witwe wohlerzogen und mit Respekt begegnete, kehrte sie nach schmerzlichen Kämpfen in den Stand eines einfachen Untertanen zurück und befreite sich bald darauf durch einen freiwilligen Tod aus dieser angstvollen und demütigenden Abhängigkeit. Ihre Schwester Julia Mäas ward angewiesen, den Hof und Antiochia Cassius Dio, 78,23. Die geraffte Darstellung des Xiphilin ist, wenn auch weniger ins Detail gehend, an dieser Stelle deutlicher als das Original. zu verlassen. Sie zog sich mit einem ungeheurem Vermögen, der Ernte von zwanzig Jahren der Gunst, nach Emesa zurück, begleitet von ihren Töchtern Soämias und Mamäa, beide verwitwet und beide Mutter eines Sohnes. Bassianus – dies war der Name von Soämias Sohn – war dem ehrbaren Amt des Hohepriesters der Sonne geweiht; und diese heilige Berufung beförderte den syrischen Jüngling im Verein mit Klugheit oder Aberglauben auf den Thron des Römischen Reiches. In Emesa waren starke Truppenkontingente; da nun die strenge Disziplin des Macrinus sie genötigt hatte, den Winter im Lager zuzubringen, gingen sie mit Racheplänen schwanger ob solcher ungewohnten Bitternis. Die Soldaten, die sich oft und in Massen am Sonnentempel versammelten, betrachteten mit Verehrung und Entzücken die geschmackvolle Ausstaffierung und das Erscheinungsbild des jungen Pontifex: in ihm erkannten sie, oder glaubten es zumindest, die Züge des Caracalla, dessen Andenken sie jetzt vergötterten. Die ränkekluge Mäsa bemerkte diese wachsende Popularität und mehrte sie, indem sie bedenkenlos das Ansehen ihrer Tochter der Karriere ihres Enkels opferte und das Gerücht streute, dass Bassianus der natürliche Sohn des ermordeten Herrschers sei. Die Gelder, die ihre Emissäre mit freigebiger Hand austeilten, brachten jeden Einwand zum Schweigen, und so bewies diese Großzügigkeit die Verwandtschaft oder doch wenigstens die Ähnlichkeit des Bassianus mit dem großen Original. So wurde der junge Antoninus (denn er hatte sich diesen angesehenen Namen zugelegt und besudelt) von den Truppen in Emesa zum Kaiser ausgerufen, reklamierte einen angeborenen Rechtsanspruch und rief die Legionen auf, den Fahnen eines jungen, freigebigen Herrschers zu folgen, der die Waffen aufgehoben habe, seines Vaters Tod und die Umwälzung des Militärwesens zu rächen Gemäß den Angaben des Lampridius lebte Alexander Severus (Elagabals Nachfolger) neunundzwanzig Jahre, drei Monate und sieben Tage. Da er am 19. März 235 getötet wurde, war sein Geburtsdatum der 12. Dezember 205, er zu dieser Zeit folgerichtig dreizehn Jahre alt und sein älterer Cousin etwa siebzehn. Diese Berechnung stimmt erheblich besser zu der Geschichte dieser jungen Herrscher als die des Herodian, welcher beide drei Jahre jünger macht und durch einen umgekehrten chronologischen Fehler die Regierungszeit des Elagabalus um zwei Jahre über ihre tatsächliche Dauer verlängert. .   TOD DES MACRINUS Während nun diese Verschwörung der Weiber und Eunuchen mit aller Umsicht entworfen und mit rascher Entschlossenheit ausgeführt wurde, schwankte Macrinus, der mit einer einzigen entschlossenen Anordnung seinen jugendlichen Feind hätte zermalmen können, zwischen Terror- und Sicherheitsmaßnahmen hin und her, welche ihn beide in Antiochia festhielten. Der Geist der Rebellion durchwehte alle Lager und Garnisonen Syriens, einzelne Kommandos ermordeten ihre Offiziere Infolge einer äußerst unbedachten Anordnung des Thronprätendenten Antoninus hatte jeder Soldat, der den Kopf eines Offiziers brachte, Anspruch auf dessen Privateigentum und seinen militärischen Rang. und ergriffen die Partei der Rebellen; der Sold wurde von Macrinus wieder auf die ursprüngliche Höhe angehoben und die die Privilegien wieder hergestellt: dies wurde ihm als Bestätigung seiner notorischen Führungsschwäche ausgelegt. Endlich rückte er aus Antiochia aus, um der wachsenden und kampflüsternen Armee des jugendlichen Thronanwärters zu begegnen. Seine eigenen Truppen betraten das Schlachtfeld nur mit Bedenken und Widerstreben; aber inmitten des Kampfes Cassius Dio, 78, 37. Herodian, 5,4. Der Kampf fand in der Nähe des Dorfes Immä statt, etwa zweiundzwanzig Meilen vor Antiochia. bewährten die Prätorianer, beinahe gegen ihre Absicht, ihre überlegene Kampfkraft und Disziplin. Die Reihen der Rebellen begannen sich bereits aufzulösen, als die Mutter und die Großmutter des syrischen Prinzen, die sich morgenländischem Brauch gemäß bei der Armee aufhielten, von ihren gedeckten Wagen herunter sprangen, den Ungestüm der Soldaten anfachten und so ihren sinkenden Mut erneuerten. Antoninus selbst, der für den Rest seines Lebens niemals wieder eine männliche Tat zustande brachte, erwies sich wenigstens in dieser Entscheidungsstunde als Kämpfer, bestieg ein Pferd und stürzte sich an der Spitze seiner zusammengewürfelten Truppen, das gezückte Schwert in der Hand, in das dichteste Feindesgewühl; auch der Eunuch Gannys, dessen Tage bis dahin mit Weiberkram und Asiens weichlichem Luxus angefüllt waren, entwickelte die Talente eines befähigten und erfahrenen Feldherrn. Die Schlacht tobte lange Zeit mit unentschiedener Heftigkeit, und Macrinus wäre wohl der Sieger geblieben, hätte er nicht seine eigene Sache durch eine schmachvolle und vorzeitige Flucht preisgegeben. Seine Feigheit verlängerte ihm das Leben nur um ein paar Tage, und sein Untergang ward mit verdienter Schande bedeckt. Überflüssig zu erwähnen, dass seinen Sohn Diadumenianus das gleiche Schicksal ereilte. Die widersetzlichen Prätorianer ergaben sich dem Sieger, sobald sie sich davon überzeugt hatten, dass sie für einen Herrscher kämpften, der sie ehrlos im Stich gelassen hatte. Die eben noch feindlichen Teile der römischen Armee benetzten sich nun einander mit Tränen der Freude und Versöhnung, vereinten sich unter dem Banner von Caracallas angeblichem Sohn, und der Osten anerkannte freudevoll den ersten römischen Kaiser asiatischer Herkunft.   ELAGABALS BRIEFE AN DEN SENAT Macrinus hatte sich in einigen Briefen an den Senat herbeigelassen, von geringfügigen Störungen zu berichten, die ein Betrüger aus Syrien verursacht habe, und unverzüglich wurde ein Senatsdekret erlassen, das den Rebellen und seine Familie zu Staatsfeinden ernannte, jedoch denjenigen seiner irregeleiteten Anhänger Pardon zusicherte, die ihn sich durch unverzügliche Rückkehr zu ihren Pflichten verdienen würden. Während der zwanzig Tage zwischen dieser Erklärung und dem Sieg des Antoninus (denn in so kurzer Zeit entschied sich das Schicksal Roms) wurden Hauptstadt und Provinzen, insonders die des Ostens, zwischen Furcht und Hoffnung hin- und hergerissen, von Tumulten aufgewühlt, mit nutzlos vergossenem Bürgerblut befleckt, da, wer immer von beiden Parteien obsiegen mochte, er auch das Reich beherrschen werde. Die artigen Briefe, mit denen der junge Herrscher dem gefügigen Senat seinen Sieg anzeigte, waren gestopft mit Bekenntnissen zu Tugend und Selbstbescheidung; die glänzenden Vorbilder des Marcus und Augustus würden auch ihm immer als die Leitsterne seiner Verwaltung vorangehen; und mit erkünsteltem Stolz verweilte er bei der Ähnlichkeit zwischen seinem Alter und Schicksal und dem des Augustus, der ja auch in frühester Jugend durch einen erfolgreichen Krieg die Ermordung seines Vaters gerächt habe. Indem er sich dazu den Namen des Marcus Aurelius Antoninus beilegte, Sohn des Antoninus und Enkel des Severus, bekräftigte er stillschweigend seinen ererbten Anspruch auf das Reich; aber dadurch, dass er die tribunizische und prokonsularische Gewalt an sich riss, bevor ein Senatsdekret sie ihm übertragen hätte, kränkte er denn doch die empfindsame römische Voreingenommenheit. Diese neue und widerrechtliche Verletzung der Verfassung hatte ihm entweder die Ignoranz seiner syrischen Höflinge oder die blasierte Gleichgültigkeit seines militärischen Gefolges insinuiert Cassius Dio, 79,4. .   CHARAKTERISTIK DES ELAGABALUS Da nun aber die Aufmerksamkeit des neuen Herrschers zunächst den leersten Vergnügungen zugewandt war, vergeudete er viele Monate auf seiner üppig gestalteten Reise von Syrien nach Italien, verbrachte im ersten Winter nach seinem Siege in Nicomedia und verschob seinen triumphalen Einmarsch nach Rom bis in den folgenden Sommer. Ein naturgetreues Gemälde jedoch, das seinem Einmarsch vorausgetragen wurde und auf sein dringendes Geheiß im Rathaus über dem Altar der Victoria aufgehängt wurde, vermittelte den Römern einen treffenden, wenn auch unwürdigen Eindruck von der Person und ihrem Verhalten. Er war porträtiert in seinem priesterlichen Gewand aus Seide und Gold, das nach der Art der Meder und Phönizier einen lose fließenden Zuschnitt hatte; sein Haupt trug eine hochragende Tiara, seine zahlreichen Hals- und Armreife waren mit Edelsteinen von unschätzbarem Wert gepflastert. Seine Augenbrauen hatten einen Hauch von Schwarz, seine Wangen waren mit künstlichem Rot und Weiß geschminkt Cassius Dio, 78,14. . Der würdevolle Senat bekannte mit einem Seufzen, dass Rom, welches solange die Tyrannei seiner eigenen Landsleute hatte ertragen müssen, sich nunmehr also dem weibischen Luxus des orientalischen Despotismus beuge. Zu Emesa ward die Sonne unter dem Namen Elagabal Dieser Name wird von Gelehrten abgeleitet aus zwei Worten, Ela , einer Gottheit und Gabal , formen, mithin der formende, gestaltgebende Gott; ein hübsches, ja sogar glückliches Epitheton für die Sonne. und in einem konischen Stein verehrt, welcher, wie allgemein geglaubt wurde, vom Himmel auf diesen gesegneten Platz gefallen war. Nicht ganz ohne Grund schrieb Antoninus dieser Gottheit seine Erhebung auf den Thron zu. So war denn auch die Zurschaustellung seiner abergläubigen Dankbarkeit die einzige mit Ernst betriebene Tätigkeit seiner Regierung. Der Sieg des Gottes aus Emesa über alle anderen Religionen der Welt war der einzige Gegenstand seines leeren Eifers; und die Anrede Elagabal (denn als Pontifex und Gottes-Liebling hatte er diesen Namen angenommen) war ihm teurer als alle Titulaturen imperialer Größe. Bei feierlichen Umzügen durch die Straßen Roms wurde sein Weg mit Goldstaub bestreut; der schwarze Stein, mit wertvollen Edelgestein besetzt, wurde auf einem Wagen aufgestellt, der von sechs milchweißen, schabrackenbedeckten Schimmeln gezogen wurde. Der fromme Kaiser führte selbst die Zügel und bewegte sich, assistiert von seinen Bediensteten, langsam rückwärts, auf dass er beständig das Glücksgefühl der Gottesgegenwart genießen könne. In einem großartigen Tempel, der auf dem Palatin aufgeführt wurde, brachte man dem Gotte Elagabal kostspielige Opfer mit feierlicher Umständlichkeit. Die teuersten Weine, die ausgefallensten Opfertiere und das seltenste Räucherwerk wurden auf seinem Altar nachgerade verschwendet. Syrische Jungfrauen führten um diesen Altar zum Klange barbarischer Musik ihre sinnenfrohen Tänze auf, während die Ehrwürdigen des Staates und der Armee, angetan mit langen phönizischen Tuniken, die albernsten Ämter versahen, mit erheucheltem Eifer und empörtem Herzen Herodian, 5,5 . Da nun dieser Tempel das allgemeine Zentrum religiöser Andacht geworden war, ließ der kaiserliche Fanatismus die Ancilia, das Palladium Er brach in das Heiligtum der Vesta und ließ eine Statue stehlen, die er für das Palladium hielt; die Vestalinnen rühmten sich jedoch, mit Hilfe eines frommen Betruges dem ruchlosen Eindringling eine Kopie untergeschoben zu haben. Historia Augusta, Elagabal 6. und alle geheiligten Unterpfänder von Numas Religion in ihn schaffen. Ein Haufen nachgeordneter Gottheiten unterschiedlicher Rangordnung besuchte die Majestät des Gottes aus Emesa. Aber dessen Hofhaltung musste unvollkommen bleiben, solange nicht eine weibliche Gottheit von Bedeutung sein Lager bestiegen hatte; zunächst hatte man Pallas Athene für diese Beiwohnung ausersehen; als man jedoch dagegen erinnerte, die kriegerischen Aufführungen der Jungfrau möchten der heiklen syrischen Gottheit ein Schrecknis sein, wurde die Mondgöttin, von Afrikas Völkern unter dem Namen Astarte angebetet, für eine passendere Sonnengefährtin ästhimiert. So wurde ihr Bildnis, mitsamt der reichen Tempelschätze als Brautgabe, in festlichem Aufputz von Karthago nach Rom verbracht, und das Datum dieser mystischen Hochzeit wurde in der Hauptstadt und reichsweit zu einem Tag der allgemeinen Freudenbekundungen Cassius Dio, 84,12; Herodian, 5,6. Die Untertanen wurden verpflichtet, den Neuvermählten großzügige Geschenke zu machen; und was immer sie zu Lebzeiten Elagabals versprochen hatten, unter der Aufsicht von Mamäa wurde es pünktlich eingetrieben. .   UNMÄSSIGER UND WEIBISCHER LUXUS Ein wollüstiger Mensch von Verstand beugt sich, stets gleichbleibend gehorsam, dem mäßigenden Gebot der Natur und erhöht sich die Sinnenfreuden durch gesellschaftlichen Umgang, zärtliche Verbindungen und eine sanfte Stilgebung aus Geschmack und Phantasie. Elagabal aber (ich meine jetzt den Herrscher gleichen Namens), durch seine Jugend, sein Land und seinen Erfolg gleichermaßen aus der Bahn geworfen, gab sich den üppigsten Vergnügungen mit unkontrollierter Leidenschaft hin und empfand inmitten seiner Zerstreuungen doch nur Ekel und Überdruss. Die aufreizenden Kräfte der Kunst wurde aufgeboten, ihm zu helfen; die wilde Mischung aus Weib, Wein und Speisen und die wohlberechnete Abwechslung von allerlei Raffinessen riefen seine ermatteten Gelüste ins Leben zurück. Neue Fachausdrücke und Erfindungen in diesen Wissenschaften, den einzigen übrigens, die dieser Monarch Die Erfindung einer neuen Sauce wurde großzügig belohnt; fand sie jedoch keinen Beifall, so durfte ihr Erfinder nichts anderes essen, bis er etwas entdeckt hatte, das dem kaiserlichen Gaumen besser konvenierte. Historia Augusta, Elagabal 29. förderte, zeichneten seine Regierung aus und überlieferten seine Niedertracht den nachfolgenden Zeiten. Eine kapriziöse Verschwendungssucht musste für den Mangel an Geschmack und Eleganz aufkommen; und während Elagabal die Schätze seines Volkes mit den wildesten Extravaganzen verschleuderte, applaudierten er und seine Schmeichler dem neuen Geiste der Pracht, den seine lahmen Vorgänger niemals gekannt hätten. Zu seinen bevorzugten Unterhaltungen gehörte es, den Ablauf der Jahreszeiten und des Wetters zu verwirren Er wollte Seefische nur in großer Entfernung vom Meer essen; große Mengen der seltensten Arten, die zu immensen Kosten hertransportiert worden waren, verteilte er unter die Bauern des Binnenlandes. Historia Augusta, Elagabal 23 , sich mit den Leidenschaften und Voreingenommenheiten seiner Untertanen einen Spaß zu machen und jedes Gesetz der Natur oder des Anstandes zu pervertieren. Eine lange Serie von Beischläferinnen, eine schnelle Folge von Ehefrauen, unter denen sogar eine gewaltsam aus ihrem heiligen Asyl entführte Vestalin war Cassius Dio, 79,9. : alles dieses genügte nicht, seine Leidenschaft zufrieden zu stellen. Der Herr der Römischen Welt ahmte in Kleidung und Gebaren das weibliche Geschlecht nach, zog den Spinnrocken dem Szepter vor, und entehrte die höchsten Ämter des Reiches, indem er sie an seine ungezählten Liebhaber verteilte; von denen einer in aller Öffentlichkeit mit dem Titel und den Befugnissen eines Gemahls des Kaisers, oder, wie er sich selbst treffender kennzeichnete, der Kaiserin versehen wurde Hierocles kam zu dieser Ehre (Cassius Dio, 79,15), aber es hätte ihn ein gewisser Zoticus verdrängt, hätte er nicht mit Hilfe eines Trankes bewerkstelligt, die Kräfte seines Rivalen zu schwächen, welcher im entscheidenden Moment versagte und mit Schimpf aus dem Palast entfernt wurde. Ein Tänzer wurde Stadtpräfekt, ein Wagenlenker Präfekt der Wache, ein Barbier Finanzminister. Alle diese Helfer und viele untergeordnete Beamte empfahlen sich enormitate membrorum . (Besondere Größe ihres Gliedes) (Hist. Aug. Elagabal1 2,2 . Es könnte nun der Eindruck entstehen, dass Elagabals Laster und Torheiten durch spätere Gunst abgeschwächt oder durch Parteienhass noch übertrieben wurden Selbst den sonst so arglosen und unkritischen Verfasser seiner Biographie in der Historia Augusta beschleicht der Verdacht, dass man seine Laster überzeichnet habe. . Beschränken wir uns also nur auf die öffentlichen Szenen, die sich vor dem römischen Publikum abspielten und die von zuverlässigen zeitgenössischen Historikern bestätigt wurden, so übersteigt ihre unbeschreibliche Schändlichkeit alles, was aus anderen Zeiten oder Ländern überliefert ist. Die Freiheiten, die sich ein orientalischer Monarch herausnehmen darf, ist hinter den unüberwindlichen Mauern des Serail vor der öffentlichen Neugier sicher. In Europas Höfe der Gegenwart hat das Gefühl für Ehre und Anstand eine Verfeinerung der Vergnügungskultur eingeführt wie auch Rücksicht auf Umgangsformen und Achtung vor der öffentlichen Meinung; aber der tiefverderbte und verschwenderische Adel Roms begrüßte jedes neue Laster, welches sich aus diesem mächtigen Zusammenstrom der Nationen und Sitten herausfischen ließ. Sicher vor Strafe und gleichgültig gegenüber Tadel lebten sie inmitten der geduldigen, erniedrigten Gesellschaft ihrer Sklaven und Parasiten. Der Kaiser seinerseits, der, ohne Rücksicht auf Standesunterschiede, auf alle seine Untertanen mit derselben verächtlichen Gleichgültigkeit herabschaute, reklamierte für sich ohne jeden Abstrich seine angestammten Herrscherrechte auf Lust und Luxus.   ALEXANDER SEVERUS WIRD CÄSAR Noch der Verworfenste unter der Sonne trägt keine Bedenken, bei anderen die Laster zu verurteilen, die er sich selbst herausnimmt; und leicht findet er einige niedliche Unterschiede des Alters, des Charakters oder des Ranges, um die besonderen Unterschiede zu rechtfertigen. Die disziplinlose Soldatenmeute, die Caracallas entartetem Sohne auf den Thron geholfen hatte, erröteten über ihre nichtswürdigen Wahl und wandten sich mit Ekel von dem Scheusal ab, um mit Genugtuung die aufblühenden Tugenden seines Cousins Alexander, Sohnes der Mäsa, zu gewahren. Da Mäsa intelligent genug war zu erkennen, dass ihr Enkel Elagabal zuverlässig an seinem eigenen Irrsinn zugrunde gehen müsse, hatte sie eine andere und zuverlässigere Stütze für ihre Familie vorgesehen Sie hatte die Gunst eines glückhaften Augenblickes genutzt und den jungen Kaiser davon überzeugt, Alexander zu adoptieren und zum Cäsar zu ernennen, auf dass seine eigentliche göttliche Bestimmung nicht weiterhin durch die Aufsicht über die Erde abgelenkt werde. Obwohl dieser liebenswerte Prinz nur in der zweiten Reihe stand, erwarb er sich rasch öffentliche Zuneigung und erregte damit die Abgunst des Tyrannen, der sich vornahm, diese gefährliche Konkurrenz zu beenden, indem er entweder seines Rivalen Ansehen korrumpierte oder ihm das Leben nahm. Seine Ränke blieben jedoch erfolglos; er verriet seine fruchtlosen Anschläge beständig durch seine eigene törichte Geschwätzigkeit, und treue und zuverlässige Diener, die Mäsa in der Nähe ihres Sohnes zu platzieren vorausschauend genug gewesen war, vereitelten sie. In einer heftigen, ungestümen Aufwallung beschloss Elagabal, mit Gewalt auszuführen, was durch Beschleichung zu vollenden er unfähig gewesen war, und entkleidete mittels einer willkürlichen Anordnung seinen Cousin seines Cäsarenranges und seiner Ehrenstellungen. Die Botschaft wurde im Senat mit Schweigen und in den Militärlagern mit Wut aufgenommen. Die Prätorianer schworen sich, Alexanders Leben zu schützen und die beleidigte Majestät des Thrones zu rächen. Die Tränen und Versprechungen des bebenden Elagabal – er bat sie nur um Schonung seines Lebens und darum, ihn bei seinem geliebten Hierocles zu belassen – halbierte ihre berechtigte Empörung; schließlich gaben sie sich damit zufrieden, ihrem Präfekten aufzutragen, über Alexanders Leben und des Kaisers Aufführungen ein wachsames Auge zu haben Cassius Dio, 79,19; Herodian, 5, 8; Historia Augusta, Elagabal 13. Der letzte diese drei Historiker scheint bei der Darstellung der Revolution den zuverlässigsten Autoren gefolgt zu sein. .   ELAGABALS TOD · A.D. 222 Es war ausgeschlossen, dass eine solche Versöhnung von Dauer sein würde oder dass selbst Elagabals verkommene Seele unter solchen erniedrigenden und knechtenden Bedingungen ein Reich werde lenken könne. Mit Hilfe eines riskanten Manövers gedachte er zunächst die Stimmung der Soldaten zu erproben. Die Nachricht von Alexanders Tode und der naturgemäße Verdacht eines Mordes steigerte ihre Zorn zu Raserei, und der Sturm im Lager konnte erst durch die persönliche Gegenwart des populären jungen Mannes gestillt werden. Aufgebracht durch dieses neuerliche Beispiel ihrer Zuneigung zu seinem Vetter, ging der Kaiser das Wagnis ein, einige der Rädelsführer abzustrafen. Diese Strenge zur falschen Zeit erwies sich für seine Günstlinge, seine Mutter und ihn selbst augenblicklich als fatal: Elagabal wurde von den wütenden Prätorianern totgeschlagen Der Zeitpunkt des Todes Elagabals und der Thronbesteigung Alexanders hat die Gelehrsamkeit und Findigkeit von Pagi, Tillemont Valsecchi, Vignoli und Torre, Bischofs der Adria beansprucht. Die Probleme sind allerdings hochkomplex.; ich schließe mich hier der Autorität des Cassius Dio an; die Stimmigkeit seiner Berechnungen ist schlechterdings nicht zu leugnen, und die Zuverlässigkeit der fraglichen Textstellen wird durch die Übereinstimmung mit Xiphilin, Zonaras und Cedrenus erhärtet. Elagabal regierte drei Jahre, neun Monate und vier Tage nach seinem Sieg über Macrinus; er wurde am 10. März 222 getötet. Was sollen wir aber zu den Medaillen sagen, die – zweifelsohne echt – ein fünftes Jahr seiner tribunizischen Gewalt vermuten lassen? Wir können mit dem gelehrten Valsecchi erwidern, dass die Usurpation das Macrinus zerschlagen wurde und dass der Sohn des Caracalla seine Regierungszeit vom Tode seines Vaters an datierte. Ist diese Schwierigkeit erst einmal gelöst, so können auch die kleineren Knoten gelöst oder durchtrennt werden. , sein verstümmelter Körper durch die Strassen gezerrt und in den Tiber geworfen. Der Senat verdammte sein Andenken zu immerwährender Schande, und die Nachwelt hat die Rechtmäßigkeit dieses Urteils bestätigt.   ALEXANDER SEVERUS WIRD KAISER · EINFLUSS SEINER MUTTER MAMÄA In Elagabals Palast wurde nun Alexander Severus, sein Cousin, von der Prätorianergarde zum Kaiser ernannt. Er war mit der Familie der Severer, deren Name er annahm, in gleichem Grade verwandt wie sein Vorgänger; seine Tapferkeit und die überstandene Lebensgefahr hatte ihn den Römern bereits teuer gemacht, und die beflissene Großzügigkeit des Senates überhäufte ihn an einem einzigen Tage mit den verschiedensten Titeln und Insignien kaiserlicher Macht Historia Augusta, Elagabal 1. Mit dieser unüblichen Schnelligkeit gedachte der Senat die Hoffnungen etwaiger Anwärter zu dämpfen und Parteiungen innerhalb der Armee zuvorzukommen. . Da aber Alexander ein bescheidener und pflichtbewusster Jüngling von nur siebzehn Jahren war, lagen die Zügel der Regierung in den Händen zweier Frauen, seiner Mutter Mamäa und seiner Großmutter Mäsa. Als die letztere kurze Zeit nach Alexanders Erhebung gestorben war, blieb Mamäa die einzige Regentin ihres Sohnes und damit des Reiches.   HERRSCHAFT SEINER MUTTER MAMÄA Zu jeder Zeit und in jedem Land hat das weisere, oder wenigstens das stärkere der beiden Geschlechter die Macht im Staate an sich gerissen und den anderen in Freud und Leid des häuslichen Lebens eingebunden. In Erbmonarchien jedoch, und besonders denen des modernen Europa, hat der Geist der galanten Ritterlichkeit und das Erbfolgerecht uns an eine einzige Ausnahme gewöhnt; eine Frau wird oftmals die absolute Alleinherrscherin eines großen Reiches, in welchem man sie auch nicht der unscheinbarsten Aufgabe, sei sie ziviler oder militärischer Natur, für fähig halten würde. Da aber die Römischen Kaiser nach wie vor für Generäle und Magistrate der Republik galten, hatten ihre Frauen und Mütter, ob sie gleich durch den Titel Augusta ausgezeichnet waren, keinerlei Anteil an deren persönlichen Verdiensten. Und die Regierung einer Frau wäre ein unsühnbares Verbrechen gewesen in den Augen jener knorrigen Römer, welche heirateten ohne zu lieben oder die liebten ohne Feinfühligkeit und Achtung Metellus Numidicus, der Censor, erläuterte den Römern in einer öffentlichen Rede, dass wir, hätte eine gnädige Natur uns ohne die Hilfe des Weibes fortzuexistieren erlaubt, einer äußerst schwierigen Begleitung überhoben seien. die Ehe konnte er nur empfehlen als eine Art Opfer von privaten Freuden an die Staatsbürgerpflicht. (Aulus Gellius 1,6) . Die hochfahrende Agrippina war bestrebt, an den Privilegien der Regierung teilzuhaben, die sie ihrem Sohn Nero verschafft hatte; aber ihr krankhafter Ehrgeiz, den jeder Bürger verabscheuen musste, dem noch irgend an Roms Würde gelegen war, scheiterte an Senecas und Burrhus' erfindungsreichen Gegenmaßnahmen Tacitus, Annalen 13, 5. . Der gesunde Menschenverstand oder auch nur die Gleichgültigkeit nachfolgender Herrscher bewahrte jene davor, die Ressentiments ihrer Untertanen zu kränken. Und so blieb es denn dem verkommenen Elagabal vorbehalten, die Senatsverhandlungen mit dem Namen seiner Mutter Soämias zu verunehren, die neben den Konsuln einen Sitz innehatte und als ordentliches Mitglied die Beschlüsse dieser Legislative mitunterzeichnete. Ihre verständigere Schwester Mamäa ließ dieses anrüchige und nutzlose Vorrecht fahren und ein strenges Gesetz ward verabschiedet, das Frauen für alle Zeit aus dem Senat verbannte und die Elende, die diese Anordnung jemals verletzen sollte, den Mächten der Finsternis überlieferte Historia Augusta, Elagabal 4 und 18. . Mamäas Ehrgeiz war auf den Kern der Macht gerichtet und nicht auf ihre prunkvolle Inszenierung. Sie hatte auf ihren Sohn unbegrenzten und dauerhaften Einfluss, und einen Rivalen um seine Zuneigung konnte die Mutter durchaus nicht dulden. Mit ihrer Einwilligung heiratete Alexander eine Patriziertochter, aber sein Respekt dem Schwiegervater gegenüber und seine Liebe zu der Kaiserin waren mit den mütterlichen Gefühlen oder Interessen nicht vereinbar: der Patrizier – eine Anklage wegen Verrat war rasch gefunden – wurde wegen Verrats hingerichtet, und Alexanders Frau in Schanden aus dem Palast gejagt und nach Afrika verbannt Cassius Dio, 80, 2; Herodian, 6,1; Historia Augusta, Severus 49.Herodian stellt uns den Patrizier als unschuldig dar. Die Historia Augusta – hier ist Dexippus der Gewährsmann – nennt ihn schuldig der Verschwörung gegen das Leben Alexanders. Eine Entscheidung zwischen beiden Zeugnissen ist unmöglich. Aber Dio ist ein unwiderlegbarer Zeuge für Mamäas Eifersucht und ihrer Grausamkeit der jungen Kaiserin gegenüber, deren schweres Los Alexander zwar beklagte, ohne dass er Gegenmaßnahmen gewagt hätte..   ALLGEMEINE WOHLFAHRT DES REICHES · A.D. 222 - 235 Ungeachtet dieses Aktes eifersüchtiger Grausamkeit und mehrerer Vorkommnisse von Habgier, in die Mamäa verwickelt war, war der allgemeine Tenor ihrer Verwaltung für ihren Sohn und das Imperium gleichermaßen segensreich. Mit Zustimmung des Senates ernannte sie sechzehn der weisesten und ehrbarsten Senatoren zu einem ständigen Staatsrat, vor dem jede öffentliche Angelegenheit von Bedeutung erörtert und entschieden wurde. An der Spitze stand der berühmte Ulpian, der sich in gleicher Weise durch seine fundierten Kenntnisse des Römischen Rechts und durch seine Achtung vor eben diesem Recht auszeichnete; und die kluge und bestimmende Art dieses Aristokraten stellte die Ordnung und das Ansehen der Regierung allmählich wieder her. Sobald sie die Stadt von ausländischem Aberglauben und Luxus gereinigt hatten, den Überresten von Elagabals überspannter Alleinherrschaft, gingen sie daran, seine unwürdigen Kreaturen aus allen Bereichen der öffentlichen Verwaltung zu entfernen und ihre Posten mit geeigneten und verdienten Männern zu besetzen. Nur durch Kenntnisse und Liebe zum Gesetz konnte man sich für zivile Ämter empfehlen, nur durch Furchtlosigkeit und Liebe zur Disziplin für militärische Ränge qualifizieren Herodian 6,1; die Historia Augusta, Alexander 15, deutet an, dass, wann immer ein Gesetz verabschiedet werden musste, der Staatsrat durch mehrere befähigte Anwälte und Senatoren Unterstützung erhielt, deren Meinungen gesondert eingeholt und schriftlich festgehalten wurden. . Die wichtigste Aufgabe Mamäas und ihres Rats der Weisen war die Charakterformung des jungen Herrschers, von dessen individuellen Fähigkeiten Roms Glück oder Wehe letztlich abhängen würde. Der Boden war fruchtbar und begünstigte seine Kultivierung, machte sie im Grunde sogar überflüssig. Seine hervorragende Auffassungsgabe überzeugte Alexander rasch von den Vorteilen der Herrschertugenden, von den Genüssen der Bildung und von der Notwendigkeit der Arbeit. Eine naturgegebene Gesinnungsmilde und Selbstbeherrschung schützte ihn von den Stürmen der Leidenschaft und der Anziehungskraft der Laster. Seine unwandelbare Anhänglichkeit an seine Mutter und seine Wertschätzung des weisen Ulpian bewahrten seine naive Jugend vor dem Gift der Schmeichelei. Die schlichte Beschreibung eines Tagesablaufs liefert das Bild eines kultivierten Herrschers Siehe seine Lebensbeschreibung in der Historia Augusta; Der kritiklose Kompilator hat diese interessanten Anekdoten unter einem Berg von trivialen und unwichtigen Nebenumständen vergraben. und könnte, bei einiger Nachsicht mit den andersartigen Sitten für moderne Herrscher ohne weiteres ein Vorbild abgeben. Alexander stand früh auf; die ersten Minuten des Tages war seiner privaten Andacht gewidmet, und seine Hauskapelle war angefüllt mit Abbildern jener Heroen, welche das Leben der Menschen verbessert oder geändert und so Anspruch auf die Dankbarkeit der Nachwelt hatten. Aber da er den Dienst am Menschen für den besten Dienst an den Göttern hielt, war er in den Vormittagsstunden zumeist im Rat zu finden, wo er öffentliche Angelegenheiten diskutierte und Privatklagen entschied, und zwar mit einer Nachsicht und Diskretion, die über seinen Jahren lag. Die Eintönigkeit solcher Routine milderte er sich durch den Genuss von Literatur; einen Teil seiner Zeit sparte er sich immer für seine Lieblingsstudien, die Poesie, Geschichte und Philosophie auf. Die Dichtungen eines Vergil und Horaz, Platos und Ciceros Staatsschriften formten seinen Geschmack, erweiterten seine Horizont und vermittelten ihm die höchsten Ideen vom Menschen und vom Herrscheramt. Auf solche Stärkung des Geistes folgte die des Körpers; Alexander, der groß, kräftig und unternehmend war, übertraf in den sportlichen Disziplinen die meisten seines Alters. Erfrischt durch ein Bad und eine leichte Mahlzeit, nahm er mit erneuerten Kräften die Tagesgeschäfte wieder auf und empfing bis zur Stunde des Abendessens, der römischen Hauptmahlzeit, den Besuch seiner Sekretäre, mit denen er die Unmasse von Briefen, Memoranden und Petitionen durchlas und beantwortete, da sie nun einmal an die Adresse des Herrschers des größten Teils der Welt gerichtet werden mussten. Sein Essen war von frugaler Schlichtheit; und wann immer es ihm vergönnt war, seinen eigenen Neigungen zu folgen, bestand seine Gesellschaft aus einigen handverlesenen Freunden, Männern der Wissenschaft, unter denen auch regelmäßig Ulpian zu finden war. Ihre Konversation war offen und ergiebig; und in den Gesprächspausen gab es Unterhaltung durch den gelegentlichen Vortrag schöner Gedichte, welche anstelle von Tänzern, Possenreißern oder sogar Gladiatoren auftraten, die man so oft an die Tafeln reicher Römer zu bestellen pflegte Siehe die 13. Satire von Juvenal. . Die Kleidung von Alexander war einfach und bescheiden, sein Auftreten höflich und umgänglich: zu festgesetzten Stunden stand sein Palast allen Untertanen offen, aber es war die Stimme eines Ausrufers zu hören, der dieselbe Mahnung wie in den Eleusischen Mysterien ausrief: »Niemand betrete diese heiligen Hallen, er habe denn ein reines und unschuldiges Gewissens Historia Augusta, Alaxander 18. .« Ein so gleichförmiger Lebens- und Arbeitsstil, in welchem kein Raum für Laster oder Torheiten bleibt, ist ein besserer Beleg für die Weisheit und Gerechtigkeit von Alexanders Regierung als die Anhäufung der banalen Quisquilien, die Lampridius zusammengestellt hat. Seit der Thronbesteigung des Commodus hatte die Römische Welt vierzig Jahre lang eine bunte Folge der Verbrechen von vier Tyrannen ausgehalten. Nach dem Tode des Elagabal erfreute sie sich dreizehn Jahren lang einer glückhaften Ruhe. Die Provinzen, die endlich von dem Druck der Steuern befreit waren, die Caracalla und sein wüster Sohn sich für sie ausgedacht hatten, erblühten in Frieden und Wohlstand unter einer Verwaltung, welche sich aus eigener Erfahrung davon überzeugen konnte, dass die beste und einzige Methode, sich die Gunst ihres Herrschers zu gewinnen, darin bestand, die Zuneigung der Untertanen zu erwerben. Während dem unschuldigen Luxus des römischen Volkes einige milde Einschränkungen auferlegt wurden, senkte die väterliche Fürsorge Alexanders die Preise für Lebensmittel und das Interesse an Geld, da seine wohlerwogene Freigebigkeit die Bedürfnisse und den Amüsiertrieb des Volkes zufrieden stellte, ohne dabei die Fleißigen zu entmutigen. Würde, Freiheit und Ansehen des Senates wurden wiederhergestellt; und jeder Senator von Tugend mochte sich nun der Person des Herrschers nähern, ohne dabei zu erbeben oder zu erröten.   ALEXANDER LEHNT DEN BEINAMEN ANTONINUS AB Der Name Antoninus, den die Verdienste des Pius und Marcus geadelt hatten, war infolge seiner Adoption dem zügellosen Verus und infolge direkter Verwandtschaft auch dem fürchterlichen Commodus zugefallen. Er wurde die Ehrenbezeichnung der Söhne des Severus, wurde dem Diadumenianus beigegeben und schließlich in den Kot gezogen durch die Infamie des Hohepriesters aus Emesa. Obwohl nun auch dem Alexander die eingeübten, möglicherweise sogar ehrlichen Nachsuchungen des Senates zusetzten, widerstand er dem geliehenen Glanz des Namens, während er durch seine ganze Amtsführung bemüht war, Wohlstand und Glück der Zeitalters der echten Antonine wieder herzustellen Siehe hierzu Historia Augusta, (Alexander 6-11), wo die gesamte Auseinandersetzung zwischen Alexander und Senat aus den Journalen jener Versammlung exzerpiert wird. Es geschah am 6. März, vermutlich des Jahres 223, als die Römer fast ein Jahr lang der Segnungen seiner Herrschaft genossen hatten; der Beiname eines Antininus wurde ihm als Ehrentitel angedient, und der Senat wartete ab, ob Alexander ihn nicht sogar als Familiennamen annehmen würde. .   VERSUCH EINER MILITÄRREFORM In der Zivilverwaltung Alexanders hatte die Weisheit einen Rückhalt an der Staatsmacht, und die Bevölkerung, durchaus empfindlich für das öffentliche Wohlergehen, vergalten es ihrem Herrscher mit Zuneigung und Dankbarkeit. Es blieb noch eine größere, eine notwendigere, aber auch schwierigere Aufgabe zu tun: die Reform des Militärs, dessen Gemütsverfassung infolge langer Straflosigkeit empfindlich geworden war gegen die Einschränkungen, welche die Disziplin nun einmal einforderte und die gegenüber den Segnungen öffentlicher Ruhe gleichgültig geworden war. In der Umsetzung seiner Pläne bemühte der Herrscher sich darum, den Truppen seine Zuneigung zu demonstrieren und seine Sorgen zu verbergen. Eiserne Sparsamkeit in allen anderen Verwaltungsbereichen schuf einen ansehnlichen Gold- und Silberfundus für den normalen Sold der Truppe sowie für Sonderprämien. Auf ihren Märschen mussten sie nicht weiterhin die schwere Last eines Sieben-Tage-Proviantes mit sich schleppen. An den Heerstraßen wurden umfangreiche Magazinhäuser eingerichtet, und sobald sie Feindesland betraten, stand ein starker Tross von Mauleseln und Kamelen bereit, ihrer dünkelhaften Bequemlichkeit zu dienen. Da nun Alexander die Hoffnung fahren ließ, das Wohlleben der Soldaten abzustellen, versuchte er wenigstens, ihr Interesse auf materielle Gegenstände wie Schmuckwerk, schöne Pferde, ziselierte Waffen und gold- und silberbestückte Schilde hinzulenken. Strapazen, die ihnen aufzuerlegen er nun einmal nicht umhinkonnte, teilte er mit ihnen, besuchte persönlich Kranke und Verwundete, führte genau Buch über ihre Leistungen und seine Anerkennung und sprach bei jeder Gelegenheit seine wärmste Hochachtung aus für diesen Verbund von Männern, dessen Wohlergehen, wie er gerne betonte, so untrennbar mit dem des Staates verwoben sei Eine Lieblingswendung des Herrschers war, se milites magis servare, quam seipsum; quod salus publica in his esset. (Er kümmere sich mehr um das Wohlergehen der Soldaten als um sein eigenes; weil das öffentliche Wohl davon abhänge. (Historia Augusta, Alexander 47) . Mit den delikatesten Tricks bemühte er sich, der wilden Meute ein Gespür für ihre Pflicht einzuhauchen und ein wenn auch noch so schwaches Abbild jener früheren Disziplin wiederherzustellen, der die Römer ihre Herrschaft über so viele Nationen zu danken hatten, Nationen, die ebenso kriegerisch und womöglich noch stärker als sie selbst waren. Aber seine Klugheit war vergebens, sein guter Mut verhängnisvoll und seine Reformversuche bewirkten lediglich, dass die Übelstände sich erneuerten, die eigentlich kuriert werden sollten.   DIE ERMORDUNG DES PRÄFEKTEN ULPIAN Die Prätorianergarde war Alexanders Jugend zugetan. Sie liebten ihr zartes Pflegekind, das sie vor den Nachstellungen eines Tyrannen gerettet und auf den Kaiserthron gehoben hatten. Der liebenswerte Prinz fühlte sich ihnen durchaus verpflichtet; da aber seine Dankbarkeit sich nur innerhalb der von Vernunft und Gerechtigkeit gezogenen Grenzen bewegen durfte, nahmen sie über ein kleines an den Tugenden Alexanders stärkeren Anstoß, als sie es jemals bei den Idiotien Elagabals getan hatten. Ihr Präfekt, der weise Ulpian, war menschenfreundlich und gesetzestreu; folglich sahen die Soldaten ihn als ihren Feind an und schoben alle Reformversuche seinen verderblichen Einflüsterungen zu. Irgendein geringfügiges Vorkommnis fachte ihre Unzufriedenheit zu offener Meuterei; ein dreitägiger Bürgerkrieg tobte in Rom, und dankbare Bürger verteidigten in dieser Zeit das Leben des herausragenden Ministers. Da sie aber vor dem Anblick brennender Häuser und vor einem drohenden allgemeinen Feuer zurückbebten, gaben sie ihre Sache auf und überließen den aufrechten, aber glücklosen Ulpian seinem Schicksal. Er wurde bis in den kaiserlichen Palast verfolgt und zu Füßen seines Herrn erschlagen, welcher umsonst sich bemühte, ihn mit dem Purpurmantel zu decken und von der erbarmungslosen Soldateska Pardon für ihn zu erwirken. Soweit war es mit der beklagenswerten Schwäche der Regierung also gekommen, dass der Kaiser nicht einmal mehr seinen ermordeten Freund und seine beleidigte Würde rächen konnte, ohne dabei auf die Künste der Geduld und Verstellung zurückgreifen zu müssen. Epagathus, der Haupträdelsführer, wurde aus Rom entfernt mit der ehrenvollen Aufgabe, die Präfektur Ägyptens zu übernehmen; von diesem hohen Posten wurde er geräuschlos zum Statthalter von Kreta degradiert; und erst, als die Zeit und seine lange Abwesenheit sein Ansehen unter den Garden ausgelöscht hatten, durfte Alexander es wagen, verspätet, aber immer zu Recht die Verbrechen des Mannes zu bestrafen Obschon der Verfasser der Alexander-Biographie in der Historia Augusta (Lampridius) die Erhebung der Soldaten gegen Ulpian erwähnt, verhehlt er doch die eigentliche Katastrophe, da hierdurch die Schwächen der Regierung seines Helden offenkundig werden könnte. Von dieser vorsätzlichen Tatsachenunterdrückung können wir auf das Bedeutung und die Zuverlässigkeit dieses Autors schließen. . So konnte unter der Herrschaft eines gerechten und achtbaren Kaisers die Armee einen aufrechten Minister mit dem sofortigen Tode bedrohen, der unter dem Verdacht stand, die unhaltbaren Zustände der Truppe verbessern zu wollen. – Der Historiker Cassius Dio hatte in Pannonien seine Legionen im Geiste der alten Disziplin geführt; ihre Brüder zu Rom verlangten, allgemeinem militärischen Brauch zufolge, den Kopf des Reformers. Anstelle nun ihrem aufrührerischem Lärmen nachzugeben, zeigte Alexander ein den Verdiensten und Leistungen des Cassius Dio gleichwertiges Gerechtigkeitsgefühl, machte ihn zum Mitkonsul und übernahm aus seinem Vermögen die Unkosten für diese müßige Würde; da aber abzusehen war, dass die Soldaten, würden sie ihn mit den Insignien seines Amtes erblicken, ihre Schmach mit seinem Blute rächen würden, zog sich der nominell erste Beamte des Staates auf Anraten des Kaisers aus der Stadt zurück und verbrachte den größten Teil seines Konsulates in seinen Landhäusern in Campanien Eine Zusammenschau von Ulpians Schicksal und seiner eigenen Gefahr findet sich in dem fragmentarische Schlusskapitel zu Cassius Dio's Geschichtswerk. (80, 4) .   STANDHAFTIGKEIT DES KAISERS Die Sanftmut des Herrschers bekräftigte die Truppen nur noch in ihrer Dreistigkeit; die Legionen nahmen sich die Garde zum Vorbild und verteidigten ihr Vorrecht auf Zügellosigkeit mit verbissener Renitenz. Alexanders Regierung war ein nutzloser Kampf gegen die Verderbtheit seiner Zeit. In Illyrien, Mauretanien, Mesopotamien, Germanien brachen beständig neue Meutereien aus; seine Offiziere wurden ermordet, seine Autorität beleidigt und sein Leben schließlich der brutalen Unzufriedenheit der Armee geopfert Reimar's Anmerkungen zu Cassius Dio (80,2). . Ein Ereignis verdient besonders hervorgehoben zu werden, da es das Verhalten der Truppe trefflich charakterisiert und wenigstens ein Beispiel dafür gibt, dass die Truppen ansatzweise zu Pflicht und Gehorsam zurückgefunden hatten. Während der Kaiser vor Antiochia lag – es war der Feldzug gegen die Perser, dessen Einzelheiten uns später kümmern sollen – verursachte die Bestrafung einiger Soldaten, die sich in den Frauenbädern hatten erwischen lassen, einige Aufregung in der Legion, zu der sie gehörten. Alexander bestieg das Tribunal, und unaufdringlich, aber bestimmt legte er der versammelten Menge die absolute Notwendigkeit und seine unbeugsame Entschlossenheit dar, die Untugenden abzustellen, die sein sauberer Vorgänger habe einreißen lassen sowie die Disziplin aufrecht zu erhalten, von der man, ohne den Namen Roms und seines Imperiums zu ruinieren, nicht ablassen könne. Die Soldaten unterbrachen seine Ausführungen mit Gelärme. »Spart euch das Spektakel«, sagte der Kaiser, unerschüttert, »bis ihr das Feld gegen die Perser, die Germanen und Samarten behauptet habt. Schweigt stille, solange euer Herrscher und Wohltäter bei euch ist, der euch das Getreide, die Kleidung und das Gold der Provinzen verteilt. Schweigt stille, oder ihr seid nicht länger meine Soldaten, sondern meine Bürger Julius Cäsar hatte einst eine Meuterei aufgelöst mit demselben Wort: Quiriten : welches im Gegensatz zu »Soldaten« verächtlich gemeint war und die Empörer so zu ordinären Kleinbürgern erklärte. Tacitus, Annalen 1,43. , wenn denn die, welche Roms Gesetze missachten, überhaupt noch unter die Menschen gerechnet werden können.« Seine Androhung reizte den Zorn der Legionen noch mehr auf, sie schwangen ihre Waffen und bedrohten unmittelbar sein Leben. »Euer Mut«, so der furchtlose Alexander, »würde sich auf dem Schlachtfeld besser ausnehmen; mich könnt ihr umbringen, einschüchtern könnt ihr mich nicht; und die strenge Justiz des Reiches wird euer Verbrechen bestrafen und meinen Tod sühnen.« Die Legionen verblieben weiterhin in lärmendem Aufruhr, als der Kaiser mit gewaltiger Stimme den entscheidenden Satz sprach: »Bürger! Legt eure Waffen nieder und gehet in Frieden, ein jeder an seine Unterkünfte.« Der Sturm legte sich augenblicklich; die Soldaten, von Trübsal und Scham erfüllt, anerkannten stillschweigend ihr Unrecht und die Geltung der Disziplin, ließen ihre Waffen und Feldzeichen liegen und zogen sich verwirrt zwar nicht in ihr Lager, sondern in die Kneipen der Stadt zurück. Alexander genoss dreißig Tage lang das erbauliche Schauspiel ihrer Reue; auch setzte er sie nicht wieder in ihre ursprünglichen Ränge ein, bevor er nicht die Centurionen, deren sträfliche Nachsicht Ursache der Meuterei gewesen war, mit dem Tode bestraft hatte. Die Legion selbst diente ihrem Kaiser zu seinen Lebzeiten in Dankbarkeit und rächte ihn, als er tot war Historia Augusta, Alexander 45. .   DIE STAATSFINANZEN · STEUERN Die Entscheidungen der Masse hängen üblicherweise von einem einzigen Augenblick ab; die Unberechenbarkeit von Leidenschaften kann mit gleicher Wahrscheinlichkeit dazu führen, dass eine aufsässige Legion ihre Waffen dem Kaiser zu Füßen legt oder sie ihm durch die Brust jagt. Vielleicht werden wir finden, wenn ein solcher Vorfall von einem Philosophen gründlich durchdacht worden ist, welche geheimnisvollen Ursachen in jener Affäre den Mut des Herrschers beflügelten oder die Truppen zum Gehorsam zwang; und vielleicht sehen wir, wenn das Ereignis – würdig eines Cäsar – von einem kundigen Historiker analysiert worden ist, dass es genauso gut mit der allgemeinen Charakterlage des Alexander Severus zusammen stimmt. Die Fähigkeiten dieses liebenswerten Herrschers schienen der Situation nicht angemessen, und die Festigkeit seines Auftretens war von geringerer Qualität als die Lauterkeit seiner Absichten. Seine Tugenden enthalten ebenso wie die Laster des Elagabal einen Schimmer von Schwäche und Weichlichkeit, welcher herrührt von dem milden Klima Syriens, dessen Abkömmlinge sie waren, wenngleich er auch über seine Herkunft errötete und mit leerer Selbstgefälligkeit den Artigkeiten der Genealogen lauschte, die seine Familie von altrömischem Adel Genauer: von den Metellern. (Historia Augusta, Alexander Severus, 44) Diese Wahl war klugbedacht. Innerhalb von nur zwölf Jahren brachten die Meteller es auf sieben Konsulate und fünf Triumphe. (Velleius Paterculus 2,11) und die Fasti. herleiteten. Der Hochmut und die Habgier seiner Mutter wirft auf seine illustre Regierung einen Schatten; und dadurch, dass sie von seinen Reifejahren denselben pflichtschuldigen Gehorsam verlangte wie – völlig zu Recht – von seiner unerfahrenen Jugend, gab Mamäa sich und ihren Sohn dem allgemeinen Gespött preis Die Lebensbeschreibung des Alexander in der Historia Augusta ist das bloße Idealbild eines vollendeten Herrschers, eine läppische Kopie der Cyropaedeia (des Xenophon). Die Darstellung seiner Regierung, wie sie etwa Herodian gibt, zeugt von Vernunft und Maß, und befindet sich damit in Übereinstimmung mit der historischen Situation jener Zeit; da, wo sie besonders boshaft wird, hat sie entschieden durch die Fragmente von Cassius Dio gestützt. Aber infolge eines äußerst schäbigen Vorurteils missbraucht die Mehrheit der gegenwärtigen Historiker den Herodian und schreibt aus der Historia Augusta ab, etwa die Herren Tillemont und Wotton. Aufgrund eines entgegengesetzten Vorurteils verweilt der Kaiser Julian (Caesares, S 135) mit sichtlicher Genugtuung bei der weichlichen Schwäche des Syrers und dem albernen Geiz seiner Mutter. . Die Strapazen des Perserfeldzuges reizten die Unzufriedenheit des Heerbannes auf; der erfolglose Ausgang schadete der Reputation des Kaisers als Feldherrn und sogar als Soldaten. Die Umwälzung, die Rom schließlich in eine lange Reihe von inneren Zwistigkeiten verwickelte, wurde durch jeden Vorfall dieser Art vorbereitet und durch jeden Umstand beschleunigt.   EXKURS: DIE FINANZEN ROMS Die zügellose Tyrannei des Commodus, der Bürgerkrieg im Anschluss an seinen Tod und die neu konzipierten Regierungsmaßregeln der Severer hatten alle dazu beigetragen, den gefährlichen Einfluss der Armee zu mehren und das verblassende Rechts- und Freiheitsbewusstsein der Römer zur Gänze auszutilgen. Wir waren bestrebt, die Gründe für diesen inneren Wandel, der schließlich die Fundamente des Imperiums unterhöhlte, mit der gehörigen Genauigkeit und Klarheit aufzuzeigen. Die individuellen Eigenschaften der Kaiser, ihre Siege, ihre Gesetze, Torheiten und Erfolge können uns nur insoweit interessieren, als sie im Zusammenhang mit der allgemeinen Geschichte des Nieder- und schließlichen Unterganges der Monarchie stehen. Unsere beständig auf diesen großen Gegenstand gerichtete Aufmerksamkeit wird uns jedoch nicht dazu verführen, das bedeutendste Edikt des Antoninus Caracalla unbeachtet zu lassen, in welchem allen freien Einwohnern des Reiches der Name und die Vorrechte eines Römischen Bürgers verliehen wurden. Die Quelle dieser grenzenlosen Weitherzigkeit war jedoch nicht eine generöse Gesinnung, sondern seine widerwärtige Habgier, welche sich mit Hilfe einiger Anmerkungen zur Finanzlage des Staates von der Zeit der siegreichen Republik bis zu Herrschaft des Alexander Severus am nachdrücklichsten belegen lässt.   DAS URSPRÜNGLICHE SYSTEM DER BESTEUERUNG Die Belagerung von Veii in der Toscana, das erste Unternehmen Roms von Bedeutung, zog sich zehn Jahre hin, nicht so sehr wegen der Uneinnehmbarkeit der Stadt als vielmehr wegen der Hilflosigkeit der Belagerer. Die ungewohnten Härten so vieler Winterfeldzüge mehr als zwanzig Meilen von zu Hause Nach den Angaben des gewissenhafteren Dionysius war die Stadt selbst nur einhundert Stadien oder zwölf und eine halbe Meile von Rom entfernt, auch wenn einige Vorposten näher gelegen sein mögen. In einer allgemein anerkannten Studie ist Nardini gegen die übliche Vorstellung und die Autorität zweier Päpste angegangen und hat Veii aus der Gegend von Cività Castellana in die Nähe eines Fleckens mit Namen Isola verlegt, etwa auf halber Strecke zwischen Rom und dem Bracchiano-See. entfernt verlangten mehr als die übliche Unterstützung; klüglich baute der Senat dem Murren des Volkes durch Einführung eines regelmäßigen Soldes vor, welchen er aus einer allgemeinen Steuer zog, die er nach den Eigentumsverhältnissen der Bürger bemaß Vgl. Livius, 4, 59. Im römischen Census waren Eigentum und Besteuerung gegeneinander austauschbare Begriffe. . Die Siege der Republik in den zweihundert Jahren nach der Eroberung Veiis mehrten zwar ihre Macht, aber nicht ihren Wohlstand. Die Staaten Italiens zahlten ihren Tribut nur in Form von Kriegsdienst, und die gigantischen Land- und Seestreitkräfte, die während der Punischen Kriege aufgestellt wurden, gingen zu Lasten der Römer selbst. Dieses trotzig-kühne Volk legte sich gern, aber eben nur freiwillig die schwersten Bürden auf in der richtigen Annahme, dass sie alsbald eine reiche Ernte für ihre Mühen einfahren würden. Ihre Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Innerhalb nur weniger Jahre wurden die Reichtümer von Syracus, Karthago, Makedonien und Asien im Triumph nach Rom gebracht. Die Schätze des Perseus allein beliefen sich auf fast zwei Millionen Pfund Sterling, und das Volk Roms, Herrscherin so vieler Nationen, wurde ihrer Steuerpflicht ledig Plinius, Hist. Naturalis 33,3; Cicero, de officiis, 2,22; Plutarch, Aemilius Paulus 38. . Die wachsenden Staatseinnahmen aus den Provinzen wurden für ausreichend befunden, die üblichen Kriegs- und Regierungskosten zu tragen, und die gewaltigen Gold- und Silbermassen wurden im Tempel des Saturn hinterlegt und blieben für unvorhergesehene Staatsnotfälle aufgespart Eine schöne Beschreibung dieses in Jahrhunderten angehäuften Reichtums findet sich bei Lucan, Pharsalia 3, 155 ff. .   BESTEUERUNG DER PROVINZEN Die Geschichtsschreibung hat vermutlich niemals einen größeren und unersetzlicheren Schaden genommen als im Verlust jenes akribischen Registers, eines Erbstückes von Augustus an den Senat, in welchem dieser Herrscher Einnahmen und Ausgaben des Römischen Imperiums mit Genauigkeit aufgelistet hatte Es scheint sie noch in der Zeit des Appian gegeben zu haben. (Tacitus, Annalen, 1,11) . Da wir nun nicht mehr über diese klare und übersichtliche Schätzung verfügen, sind wir darauf angewiesen, einige fragmentarische Andeutungen von solchen antiken Schriftstellern zusammenzuklauben, die sich – mehr oder minder zufällig – weniger mit den glanzvollen als vielmehr den nützlichen Seiten der Geschichte befasst haben. So erfahren wir, dass infolge von Pompejus' Eroberungen der Tribut Asiens von fünfzig auf einhundertundfünfunddreißig Millionen Drachmen oder viereinhalb Millionen Sterling anstieg Plutarch, Pompeius 45. . ÄGYPTEN: Unter den letzten und trägsten Ptolemäern betrugen die Staatseinkünfte Ägyptens angeblich zwölftausendfünfhundert Talente, einer Summe, die mehr als zweieinhalb Millionen unseres Geldes entspricht und die bald darauf durch die erfolgreichere Ökonomie der Römer sowie durch den Äthiopien- und Indienhandel noch beträchtlich erhöht wurde Strabo, 17, S. 798. . GALLIEN lebte vom Raub, so wie Ägypten vom Handel, und die Steuern dieser beiden großen Provinzen hatten etwa den gleichen Wert. AFRICA: Die zehntausend Euböischen Das Euböische, das Phönizische und das Alexandrinische Talent waren doppelt so schwer wie das Attische, Hooper, antike Maße und Gewichte,4, c.5. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dasselbe Talent von Tyrus nach Karthago gebracht wurde. oder Phönizischen Talente, – etwa vier Millionen Sterling Polybios, 15,2 – die Karthago nach seiner Niederlage innerhalb von fünfzig Jahren zu zahlen hatte, waren eher eine symbolische Anerkennung der römischen Oberhoheit und machen nur einen äußerst geringen Teil der Steuern aus, die dem Lande und seinen Bewohnern auferlegt wurden, als die fruchtbare Küste Afrikas zu einer Provinz geworden war Appian, Punica (ed. Tollius), S. 84 . SPANIEN war infolge einer ganz sonderbaren Parallele das Peru und Mexiko der Alten Welt. Die Entdeckung des reichen Landes im Westen durch die Phönizier und die Unterjochung seiner arglosen Einwohner, die gezwungen wurden, in ihren eigenen Minen zum Wohle ihrer Eroberer zu fronen, dies bildet ein getreues Abbild der jüngeren Geschichte von Spanisch-Amerika Diodoros Siculus, 5,37. Cadiz wurde von den Phöniziern etwas mehr als tausend Jahre v. Chr. gegründet. (Velleius Paterculus 1,2). . Die Phönizier waren nur mit der Meeresküste Spaniens vertraut. Habgier und Machtstreben brachten römische und punische Waffen in das Innere des Landes, und beinahe jeder Fußbreit Boden war mit Kupfer, Silber oder Gold geschwängert. Es wird eine Mine in der Nähe von Carthagena erwähnt, welche täglich fünfundzwanzigtausend Silberdrachmen erwirtschaftete Stabo 3, S.148 , entsprechend dreihunderttausend Pfund im Jahr. Zwanzigtausend Pfund Gold erhielt man jährlich aus den Provinzen Asturia, Gallicia und Lusitania Plinius, Nat. Hist. 33,3 Plinius erwähnt ebenso eine Silbermine in Dalmatien, die dem Staat täglich fünfzig Pfund einbrachte. .   DIE FELSENINSEL GYARUS Es fehlen uns Muße und Quellenmaterial, um diese wichtige Untersuchung für alle großen Staaten fortzusetzen, die dem Römischen Imperium einverleibt waren. Eine gewisse Vorstellung von den Staatseinnahmen jener Provinzen, die ihren Reichtum der Natur oder dem menschlichem Fleiß zu danken hatten, können wir uns jedoch machen, wenn wir sehen, mit welcher Aufmerksamkeit man selbst die Heimstätten von Einsamkeit und Unfruchtbarkeit bedachte: Augustus erhielt einst eine Bittschrift von den Einwohnern von Gyarus, die einen Nachlass von einem Drittel ihrer unerträglichen Steuerlasten demütig erflehten. Ihr gesamtes Steueraufkommen betrug in der Tat nicht mehr als einhundertundfünfzig Drachmen, oder fünf Pfund; aber Gyarus war eine kleine Insel, genauer: ein Felsen in der Ägäis, ohne Frischwasser und das Lebensnotwendigste und nur von einer Handvoll ärmlichster Fischer bewohnt Strabo, 10, S. 485; Tacitus, Annalen 3,69 und 4,30. .   SUMME ALLER EINKÜNFTE Infolge des schwachen Scheines dieses so unsicheren und dürftigen Lichtes können wir nur vermuten, dass zum Ersten (mit aller zeit- und umständebedingter Ungenauigkeit) die Staatseinkünfte aus den Provinzen selten weniger als fünfzehn oder zwanzig Millionen unserer Währung betrugen Lipsius (De Magnitudine Romana, 2,3) berechnet die Staatseinkünfte auf einhundertundfünfzig Goldkronen. Aber sein ganzes Buch, obschon gelehrt und unterhaltsam, zeugt dennoch von einer stark erhitzten Einbildungskraft. ; und dass zum Zweiten eine derart gewaltige Einnahme vollständig ausreichte, um alle Ausgaben der haushälterischen Regierungsform des Augustus zu decken, dessen Hofhaltung dem Budget eines Senators von anständiger Kargheit entsprach, und dessen militärische Aufwendungen für die Verteidigung der Grenzen berechnet war und keine weiteren Eroberungen oder Zusatzausgaben infolge einer ausländischen Invasion vorsah.   STEUERSYSTEM DES RÖMISCHEN REICHES UNTER AUGUSTUS Obgleich nun diese beiden Schlussfolgerungen einige Wahrscheinlichkeit für sich haben, ist zumindest die zweite durch Augustus' Äußerungen und Maßnahmen widerlegt. Es ist schwierig zu entscheiden, ob er bei dieser Gelegenheit sich als der Vater der Römischen Welt oder als der Unterdrücker der Freiheit gebärdete; ob er die Provinzen zu entlasten wünschte oder den Senat und die Ritterschaft dämpfen wollte. Er hatte jedoch kaum die Zügel der Regierung in die Hand genommen, als er auch schon durchblicken ließ, dass die Steuereinkünfte unzureichend seien und die Notwendigkeit bestehe, einen angemessenen Teil der öffentlichen Ausgaben auch Rom und Italien aufzubürden. Im Verfolg dieser unpopulären Maßnahme ging er jedoch mit vorsichtigen und wohlerwogenen Schritten voran. Der Erhebung von Zöllen folgten Verbrauchssteuern, und das System der Besteuerung ward abgerundet durch eine sinnreiche Taxierung der Besitz- und Vermögensverhältnisse der Römischen Bürger, die seit mehr als eineinhalb Jahrhunderten von allen Steuern befreit gewesen waren. I. In einem großen Reich wie dem römischen muss sich ein natürlicher Geldfluss allmählich und von selbst eingestellt haben. Es wurde bereits festgestellt, dass so, wie infolge der Eroberungen der Wohlstand der Provinzen in die Hauptstadt gezogen wurde, doch – infolge des Einflusses von Handel und Gewerbe – ein beträchtlicher Teil davon in die erwerbstüchtigen Provinzen zurückfloss. Unter der Herrschaft des Augustus lagen auf jeder Art von Waren Abgaben, welche dann durch tausend Kanäle in das große Zentrum des Reichtums und des Luxus sickerten; und wie immer der Wortlaut des Gesetzes gelautet haben mag, es war der römische Käufer, der die Steuern zu zahlen hatte Tacitus, Annalen, 13,31. . Ihre Höhe variierte von einem Achtel bis zu einem Vierzigstel des Warenwertes; und wir haben guten Grund zu der Annahme, dass die jeweilige Höhe von den ewigen Gesetzen der Politik vorgegeben wurde: dass nämlich auf den Luxuswaren eine höhere Abgabe lag als auf denen des täglichen Bedarfs, und dass man die Erzeugnisse, die der Gewerbefleiß der Reichsuntertanen hervorgebracht hatte, mit mehr Nachsicht besteuerte, als dies bei dem schädlichen, oder wenigstens unpopulären Arabien- und Indienhandel geschah Plinius' Feststellung, (Hist. Nat 6,28 und 12, 18) dass die Waren aus Indien in Rom zum Hundertfachen ihres ursprünglichen Preises verkauft wurden, kann uns einen Eindruck von der Höhe der Zolleinnahmen vermitteln, denn der Einkaufspreis allein betrug mehr als achthunderttausend Pfund. . Uns ist ein langer und dennoch unvollständiger Katalog von den Waren des Ostens überliefert, auf die zur Zeit von Alexander Severus Zölle erhoben wurden: Zimt, Myrrhe, Pfeffer, Ingwer und jedwedes Räucherwerk; die Vielfalt wertvoller Steine, auf denen der Diamant vor allem wegen seines Preises und der Smaragd wegen seiner Schönheit auffiel Die Alten waren mit der Kunst des Diamantenschleifens nicht vertraut. ; parthisches und babylonisches Leder, Baumwolle, Seide, beide roh und verarbeitet, Ebenholz, Elfenbein und- Eunuchen. Herr Bouchaud hat in seiner Abhandlung de l'Impot chez les Romains diesen Katalog aus den Digesten übernommen und versucht, ihn mit einem ausufernden Kommentar zu veranschaulichen. Wir dürfen hier anmerken, dass der Gebrauch und der Preis dieser weichlichen Sklaven mit dem Niedergang des Reiches immer mehr anstieg. II. Die Verbrauchssteuer, die Augustus nach den Bürgerkriegen eingeführt hatte, war außerordentlich bescheiden, galt aber eben allgemein. Selten war sie höher als ein Prozent; aber sie betraf alles, was nur auf Märkten oder öffentlich verkauft wurde, vom umfänglichen Landerwerb bis hin zu unscheinbaren Gegenständen, die Bedeutung nur durch ihre unbegrenzte Menge und ihren täglichen Konsum erhalten. Da eine solche Steuer jeden Menschen direkt betrifft, hat sie schon immer Anlass zur Klage und Unzufriedenheit gegeben. Ein Herrscher, der mit den Bedürfnissen und den Möglichkeiten seines Staates wohlvertraut ist, musste nun durch öffentliche Bekanntmachung erklären, dass die Bezahlung der Armee in großem Umfange von den Einkünften aus der Verbrauchssteuer abhinge Tacitus, Annalen 1,78. Zwei Jahre später gab die Übernahme des verarmten Königreiches von Kappadokien Tiberius den Anlass, die Verbrauchssteuern auf einen halben Prozentpunkt zu senken; aber diese Ermäßigung war nur von kurzer Lebensdauer. .   DIE ERBSCHAFTSSTEUER III. Als sich Augustus zur Einrichtung eines stehenden Heeres zur Abwehr innerer und äußerer Feinde entschloss, führte er eine besondere Kasse ein, aus der die Krieger besoldet, die Veteranen abgefunden und gegebenenfalles die Sonderlasten eines Krieges bestritten wurden. Die beträchtlichen Einnahmen aus der Verbrauchssteuer, die ja genau für diese Zwecke bestimmt waren, wurden nun für zu gering befunden. Um das Defizit auszugleichen, schlug der Kaiser einen Steuersatz von fünf Prozent vor. Indessen, der Adel Roms verteidigte seine Besitztümer mit mehr Zähigkeit als seine Freiheit. Ihr indigniertes Murren nahm Augustus mit gewohnter Gemütsruhe auf. Er überließ die ganze Sache dem Senat zur Entscheidung und mahnte ihn nur, auf ebenso zweckdienliche, aber weniger unpopuläre Methoden zugunsten des Militärs zu sinnen. Man war geteilter Meinung und schwieg. Er ließ durchsickern, dass er bei fernerer Widersetzlichkeit sich genötigt sehen werde, eine allgemeine Grundbesitz- und Kopfsteuer vorzuschlagen. Man fügte sich schweigend Cassius Dio, 55,25 und 56,28. . Die neue Steuer, die man auf Erb- und Hinterlassenschaften legte, war jedoch durch verschiedene Einschränkungen gelindert. Sie griff nicht, wenn der Gegenstand unterhalb eines bestimmten Wertes lag, meist fünfzig oder hundert Goldstücke Die Summe ist nur eine Konjetur. , auch konnte sie von den nächsten Verwandten väterlicherseits nicht erhoben werden. Wie das römische Recht für lange Zeit vorsah, waren die Cognati , oder Verwandte mütterlicherseits, von der Erbfolge ausgeschlossen. Dieses massive Unrecht wurde erst allmählich aus Humanitätserwägungen gelockert und schließlich von Justinian völlig aufgehoben. .Als nun die Rechte der Natur und der Armut auf solche Weise sichergestellt waren, schien es nur vernünftig, dass ein Fremder oder entfernter Verwandter, dem ein unerwartetes Geschenk in den Schoß gefallen war, seinerseits mit Freuden ein Zwanzigstel davon zum Wohle des Staates abtreten werde Plinius, Panegyr. 37 .   DIE KUNST DER AUFWARTUNG UND DER SCHMEICHELEI Solch eine Erbschaftssteuer, die in jedem wohlhabenden Staat sich als äußerst üppig erwiesen hätte, passte aufs glücklichste zu den allgemeinen Verhältnissen der Römer, da sie ihren letzten Wille ganz nach Laune oder Vernunft festlegen konnten und nicht den gegenwärtigen Einschränkungen, etwa durch ein Fideikommiss oder durch eine Überschreibung, unterlagen. Aus unterschiedlichen Gründen erwies sich etwa die Voreingenommenheit väterlicher Zuneigung als wehrlos gegen die strengen Patrioten der Republik oder den verkommenen Adel des Kaiserreiches; und wenn nun der Vater seinem Sohn nur ein Viertel seines Eigentums vermachte, gab es keine gesetzliche Handhabe für eine Anfechtung Heineccius, Antiquitatum Romanorum iurisprudentiam syntagma, Buch 2. . Aber ein reicher und kinderloser Mann war nur ein Haustyrann, und sein Einfluss wuchs mit seinen Jahren und Altersgebrechen. Eine submisse Menge, in der er oftmals auch Prätoren und Konsuln vermuten durfte, sonnte sich in seinem Lächeln, verwöhnte seine Habgier, klatschte seinen Torheiten Beifall, unterstützte seine Leidenschaften und wartete mit Ungeduld auf sein Ableben. Die Kunst der Aufwartung und der Schmeichelei entwickelten sich zu einem äußerst lukrativen Fachwissen; die diesen Beruf ausübten, erhielten eine eigene Bezeichnung; und die ganze Stadt war in zwei Parteien zerfallen, wenn wir denn den lebhaften Schilderungen der Satire glauben dürfen, nämlich die Jäger und ihr Wild Petronius 116ff; und Plinius Epist. 2,20. . Doch während die Gerissenheit täglich so viele ungerechte oder ausgefallene letzte Verfügungen diktierte und Dummheit sie unterzeichnete, waren einige wenige das Ergebnis vernünftiger Erwägungen und wohlerwogener Freigebigkeit. Cicero, der so oft Leben und Eigentum seiner Mitbürger verteidigt hatte, wurde mit Legaten von insgesamt einhundertundsiebzigtausend Pfund bedacht Cicero, Philippica 2,16. ; auch die Freunde von Plinius dem Jüngeren scheinen diesem liebenswerten Redner gegenüber recht generös gewesen zu sein Vgl. hierzu seine Briefe. Jeder dieser letzten Verfügungen gab ihm eine Gelegenheit, sich vor dem Toten zu verneigen und dem Lebenden sein Recht darzulegen. Er versöhnte beides miteinander und war in seinem Verhalten wie ein Sohn, den seine Mutter enterbt hatte. . Was immer nun die Beweggründe des Erblassers gewesen sein mögen, der Fiskus reklamierte unterschiedslos den zwanzigsten Teil des Wertes; und im Verlaufe von zwei oder drei Generationen muss so das gesamte Eigentum der Untertanen einmal durch die Schatullen des Staates hindurchgegangen sein.   STADTRÖMISCHES BÜRGERRECHT FÜR PROVINZIALE In den ersten und goldenen Jahren von Neros Herrschaft ging dieser Kaiser, sei es infolge eines Verlangens nach Popularität, sei es infolge eines unüberlegten Impulses von Güte, mit dem Gedanken um, die Belastungen aus Zoll und Verbrauchssteuern abzuschaffen. Selbst die weisesten Senatoren applaudierten dieser seiner Großherzigkeit: aber sie hielten ihn dennoch von der Ausführung seines Planes ab, welcher den Reichtum und die Ressourcen der Republik unmittelbar betroffen hätte Tacitus, Annalen 13,50; Montesquieu, der Geist der Gesetze 12,19. . Ließe sich so ein überspannter Traum tatsächlich erfüllen, dann hätten solche Herrscher wie Traian oder die Antonine mit Freuden die einmalige Gelegenheit ergriffen und sich die Menschheit durch ein solches Zeichen für immer verpflichtet. Sie warens indessen zufrieden, die Steuerbelastungen zu lindern, abschaffen konnten sie sie nicht. Die Milde und die Genauigkeit ihrer Gesetze gab der Durchführung der Besteuerung einige Sicherheit und schützte die Untertanen gleich welcher Stellung gegen willkürliche Auslegung, verjährte Ansprüche und unerträgliche Belastungen durch die Steuerpächter Plinius, Üanegyr., Historia Augusta und Burman de Vectigal, passim. . Es hat in der Tat etwas Eigenartiges, dass zu allen Zeiten selbst die weisesten Herrscher Roms diese verderbliche Methode beibehielten, die Haupteinnahmen des Staates, Zölle und Verbrauchssteuern, durch Pacht zu erheben Nur die eigentlichen Tribute, so die richtige Bezeichnung für Steuern, wurden nicht verpachtet; denn die guten Herrscher erließen sogar oftmals Millionen von Rückständen. .   DAS EDIKT DES CARACALLA Die Überlegungen und ganz gewiss die Stellung eines Caracalla waren von denen der Antonine deutlich verschieden. Gegenüber dem Wohlergehen des Volkes war er gleichgültig bis zur Abneigung; indessen war er beständig mit der Notwendigkeit konfrontiert, die Habsucht der Truppe, die er selbst verschuldet hatte, zufrieden zu stellen. Von den verschiedenen Zusatzsteuern, die Augustus eingeführt hatte, wurde das Zwanzigstel auf Erbschaften und Legate als die ergiebigste und umfassendste angesehen. Und da er ihren Geltungsbereich nicht auf das eigentliche Rom oder Italien beschränkte, mussten diese Steuereinnahmen mit dem Wachstum der Stadt zwangsläufig zunehmen. Obwohl die neuen Bürger Roms zu denselben Steuerzahlungen verpflichtet waren Die Situation in den neuen Städten wird minutiös von Plinius beschrieben (Panegyr. 37,38 und 39). Trajan erließ ein Gesetz, das für sehr vorteilhaft ausfiel. wie zu der Zeit, als sie nur Reichsuntertanen waren, erhielten sie wenigstens eine unverächtliche Gegenleistung durch den Rang, den sie nunmehr innehatten, durch die Privilegien, die ihnen zustanden und durch die Aussicht auf Vermögen und fernere Ehrenstellungen, die ihrem Ehrgeiz offen standen. Aber die Vorteile, die sich aus diesem Erhalt des Bürgerrechtes ergaben, waren durch Caracallas Verschwendungssucht zunichte gemacht, und widerwillig mussten die Provinzialen den leeren Titel und die realen Verpflichtungen eines Römischen Bürgers übernehmen. Auch war Severus' raffgieriger Sohn nicht zufrieden mit dem Steuersatz, der seinen maßvollen Vorgängern gereicht hatte: anstelle von einem Zwanzigstel legte er ein Zehntel auf alle Erbschaften und Legate; und während seiner Herrschaft (denn nach seinem Tode wurden die ursprünglichen Verhältnisse wieder hergestellt) presste er in gleicher Weise alle Teile des Reiches unter sein eisernes Szepter Cassius Dio, 77,9. .   FOLGEN DES ALLGEMEINEN BÜRGERRECHTES Da alle Provinzeinwohner den besonderen Belastungen eines Römischen Bürgers unterlagen, hätten sie eigentlich von den Tributen, zu denen vorher sie als Reichsuntertanen verpflichtet waren, ausgenommen werden müssen. Es war indessen dies nicht die Regierungsmaxime des Caracalla und seines angeblichen Sohnes. Die alten wie auch die neuen Steuerlasten lagen nunmehr auf den Provinzialen. Es blieb der Herrschertugend des Alexander Severus vorbehalten, sie im großen Umfang von dieser unerträglichen Doppelbelastung zu befreien, indem er die Tribute auf ein Dreißigstel der Summe verminderte, die zur Zeit seiner Thronbesteigung gegolten hatte Wer also dreißig Aurei bezahlte, den üblichen Tribut, war nunmehr nur noch zu einem Drittel eines Aureus verpflichtet, und entsprechende Goldstücke wurden auf Alexanders Weisung hin geprägt. Historia Augusta, Alexander 39, nebst Salmasius' Kommentar . Die Motive, die ihn dazu bewogen, einen so unbedeutenden Rest dieses öffentlichen Übels stehen zu lassen, können wir nicht einmal raten; aber das schädliche Unkraut, welches eben nicht vollständig ausgerissen war, erwuchs bald darauf zu üppigster Blüte und verdunkelte die Römischen Welt in den folgenden Jahrhunderten mit ihren tödlichen Schatten. Im Verlaufe der weiteren Geschichte werden wir noch allzuoft genötigt sein, die Grundbesitzsteuer, die Kopfsteuer und alle die schweren Abgaben zu erläutern, welche auf Getreide, Wein, Öl und Fleisch lagen und von den Provinzen aufgebracht werden mussten, den Hof und die Armee zu versorgen. Solange noch Rom und Italien als der Mittelpunkt der Regierung angesehen wurden, hielt sich in den alten Städten so etwas wie ein Nationalgeist, welcher auch von den hinzugewonnenen Städten allgemach aufgenommen wurde. Die Spitzenpositionen in der Armee hatten Männer inne, welche eine liberale Erziehung genossen hatten, die mit den Vorzügen von Gesetz und Wissenschaft vertraut waren und die eine reguläre Zivil- und Militärkarriere hinter sich gebracht hatten Siehe hierzu die Lebensbeschreibungen von Agricola, Vespasian, Trajan, Severus und seinen drei Kontrahenten und eigentlich von allen bedeutenden Männern jener Zeit. . Ihrem Einfluss können wir den schlichten Gehorsam der Legionen während der ersten zwei Jahrhunderte des Kaiserreiches zuschreiben. Als aber Caracalla die letzte Schutzwehr der Römischen Verfassung zertrampelt hatte, folgte auf die Auflösung des Besitzes die der Rangunterschiede. Nur noch Bürger mit einiger Bildung aus den inneren Provinzen waren qualifiziert, um als Anwälte oder Beamte zu arbeiten. Das raue Waffenhandwerk blieb den Bauern und Barbaren der Grenzmarken vorbehalten, die kein Land kannten, sondern nur ihr Lager, und die von keiner Wissenschaft außer der des Krieges, und außerdem von keinen bürgerlichen Gesetzen und nur wenig von militärischer Disziplin wussten. Mit blutigen Händen, verrohten Sitten und zu allem entschlossen bewachten sie bisweilen den Thron des Herrschers, viel öfter aber bedrohten sie ihn mit Umsturz. VII DIE THRONBESTEIGUNG UND TYRANNEI DES MAXIMINUS REBELLION IN ITALIEN UND AFRIKA · BÜRGERKRIEGE UND ABFALL GEWALTSAMER TOD DES MAXIMINUS UND SEINES SOHNES, DES MAXIMUS, DES BALBINUS UND DER DREI GORDIANE THRONRAUB UND SÄKULARSPIELE DES PHILIPPUS   DAS SCHEINBAR LÄCHERLICHE EINER ERBMONARCHIE... Von allen Regierungsformen, die jemals auf Erden obwalteten, bietet die Erbmonarchie die heitersten Anlässe zur Satire. Wie sollte man denn auch ohne ein bitteres Lächeln davon berichten können, dass nach des Vaters Tode das Eigentum einer Nation wie eine Herde Ochsen seinem unmündigen Sohn zufällt, der bis dato der Welt und sich selbst völlig unbekannt war, oder dass die tapfersten Krieger und die weisesten Staatsmänner, ihr naturgegebenes Anrecht auf die Regierung dahingebend, sich nur mit gebeugten Knien und Bekenntnissen unverbrüchlicher Treue der königlichen Wiege nähern ? Die Satire mag diese Szenerie mit bunten Farben ausmalen, indessen soll unser ernsthafteres Denken dieser nützlichen Einrichtung mit Respekt begegnen, hat sie doch Erbfolgeregeln festgelegt, die über die Leidenschaften von Menschen erhaben sind; und freudig wollen wir uns in jede Zweckdienlichkeit fügen, die der Menge die gefährliche und doch nur eingebildete Macht aus der Hand windet, sich selbst einen Herrscher zu bestimmen.   ...IHRE VORTEILE... Leicht lassen sich im kühlen Schatten der Zurückgezogenheit Regierungsformen ersinnen, in welchen das Szepter dem jeweils Würdigsten von einer freien und unbestochenen Wählerschaft in die Hand gegeben wird. Diese Luftgebilde werden jedoch von der Erfahrung überrannt, welche lehrt, dass die Wahl eines Monarchen weder von dem weiseren noch dem zahlenstärkeren Teil eines Volkes übertragen werden darf. Die einzige Körperschaft, die fähig wäre, eine einheitlichen Meinung zu bilden und sie der übrigen Bevölkerung aufzunötigen, ist die Armee; aber das Gemüt von Soldaten, mit Gewalt und Sklaverei gleichermaßen vertraut, ist denn doch nicht der geeignete Wächter für eine rechtmäßige, geschweige denn bürgerliche Verfassung. Gerechtigkeit, Humanität, politischer Weitblick: dies sind Werte, die ihnen zu ferne liegen, als dass sie sie bei anderen schätzen könnten. Mut kann ihres Beifalls sicher sein und Freigebigkeit ihre Stimmen kaufen; aber die erstgenannte Tugend ist oftmals auch bei den brutalsten Charakteren zu finden, und die letztgenannte kann sich nur auf Kosten der Allgemeinheit profilieren; und beide Werkzeuge schließlich kann der Ehrgeiz eines Mitbewerbers auch gegen den jeweiligen Throninhaber einsetzen.   ...UND NACHTEILE Ist indessen das Vorrecht der Geburt erst einmal durch Gewohnheit und Volkes Meinung geheiligt, so ist sie von allen Ungleichheiten, die es unter Menschen gibt, die nächstliegende und am wenigsten zu beanstanden. Anerkanntes Recht lässt die Hoffnungen von Faktionen schwinden, und ein Monarch wird im Gefühle seiner Sicherheit weniger der Gewalttat zuneigen. Dieser Idee hat Europa im Wesentlichen die friedliche Thronfolge und mildtätige Verwaltung seiner Monarchien zu danken. Der Entartung dieser Idee schreiben wir die häufigen Bürgerkriege zu, mit deren Hilfe sich etwa orientalische Despoten nachgerade zwangsläufig auf den Thron ihrer Väter hinaufmetzeln müssen. Doch sogar im Osten bleibt die Auseinandersetzung meist auf die Prinzen des regierenden Hauses beschränkt, und sobald der glücklichere der Bewerber sich seiner Brüder mit Schwert oder Bogensehne entledigt hat, ist er jeden weiteren Verdächtigung gegen seine geringer gestellten Untertanen überhoben. Das Römische Reich indessen wurde, nachdem der Senat nur noch verächtlich geworden war, eine einzige riesige Bühne der Verwirrung. Die königlichen und Adelsfamilien der Provinzen hatten schon lange vorher die Triumphzüge der hochfahrenden Republikaner geziert. Roms alte Familien hatte die Tyrannei der Cäsaren eine nach der anderen ausgelöscht; und da nun diese Herrscher an die Form der Gemeinschaft gebunden waren und regelmäßig in der Frage ihrer Nachfolge Es gibt kein Beispiel für drei aufeinanderfolgende Generationen auf dem Thron; nur drei Beispiele von Söhnen, die ihrem Vater direkt auf den Thron folgten. Die Ehen der Cäsaren waren trotz der erlaubten und auch gern geübten Scheidungspraxis fast immer unfruchtbar. enttäuscht wurden, konnte sich die Idee einer erblichen Sukzession unmöglich in der Gedankenwelt ihrer Untertanen beheimaten. Da von Geburts wegen niemand das Recht auf den Thron für sich reklamieren konnte, leitete es jeder aus seinen Verdiensten ab. Des Ehrgeizes kühne Hoffnungen wurden von Gesetz und Herkommen nicht weiter behindert, und noch der Geringste unter der Sonne mochte ganz nüchtern darauf hoffen, es durch Mut und Fortune in der Armee zu etwas zu bringen und mit einem einzigen geglückten Verbrechen dem schwachen oder unbeliebten Herrscher das Szepter der Welt zu entwinden. Nach der Ermordung des Alexander Severus und der Thronerhebung des Maximinus konnte sich kein Herrscher des Thrones sicher sein, und noch jeder kulturferne Bauer aus den Grenzmarken mochte auf jene erhöhte, wenn auch reichlich heikle Stellung hoffen.   HERKUNFT DES MAXIMINUS THRAX – FRÜHE KRAFT-TATEN Etwa zweiunddreißig Jahre vor diesem Ereignis machte der Kaiser Severus auf der Rückkehr von einer Unternehmung in den Orient Halt in Thrakien, um mit militärischen Spielen den Geburtstag seines jüngeren Sohnes Geta zu begehen. Ländliches Volk strömte in Massen herzu, ihren Herrscher zu sehen, und ein junger Barbar von gewaltiger Körperstatur bat dringend, wenn auch mit ungehobelter Aussprache, an den Ringerwettkämpfen teilnehmen zu dürfen. Da der Sieg eines thrakischen Bauern über einen römischen Soldaten ein unanständig Ding gewesen wäre, erlaubte man ihm, sich mit den stärksten aus dem Lager-Volk zu messen, von denen er sechzehn nacheinander aufs Kreuz legte. Sein Sieg wurde mit einigen wertlosen Geschenken belohnt sowie mit der Erlaubnis, in die Armee einzutreten. Am nächsten Tage zeichnete sich der glückliche Barbar vor vielen anderen Rekruten aus, als nach der Sitte seines Volkes tanzte und sprang. Sobald er bemerkte, dass das Auge seines Herrschers auf ihm ruhte, lief er zu dessen Pferd und folgte ihm ohne das geringste Anzeichen von Ermüdung in schnellem und ausgedehntem Laufe zu Fuß. »Thrakier,« so Severus mit Erstaunen, »bist du bereit, nach deinem Laufe zu ringen?« – »Dies ganz gewiss, Herr,« antwortete dessen unermüdete Jugend und überwältigte nahezu im gleichen Atemzug sieben der stärksten Soldaten der Armee. Eine schwere Goldkette war der Lohn für seinen unvergleichlichen Mut und seine Kraft, und unverzüglich wurde er in die Garde zu Pferd aufgenommen, der die Wache über die Person des Herrschers oblag Historia Augusta, Maximinus 1 .   SEINE KARRIERE Maximinus – dies sein Name – war zwar auf dem Boden des Imperiums geboren, stammte aber aus einer Verbindung verschiedener Barbaren. Sein Vater war ein Gote, seine Mutter gehörte zum Volke der Alanen. Er zeigte allenthalben einen persönlichen Mut, der seiner Körperkraft angemessen war; und seine naturgegebene Wildheit wurde alsbald durch zunehmende Weltgewandtheit gemäßigt oder doch wenigstens hinter ihr verschleiert. Unter der Herrschaft des Severus und dessen Sohn hatte er den Rang eines Centurio inne und war der Gunst und Wertschätzung dieser beiden Herrscher gewiss, von denen der erstere übrigens Verdienste genau zu wägen verstand. Aus Gründen der Dankbarkeit war es Maximinus nicht möglich, unter dem Mörder des Caracalla zu dienen. Aus Gründen der persönlichen Ehre hatte er an den weibischen Albernheiten des Elagabal keinerlei Anteil. Nach der Thronbesteigung des Alexander kehrte er zum Hofe zurück und wurde von diesem Herrscher in eine Stellung gehoben, die nützlich und für ihn selbst höchst ehrenhaft war: die vierte Legion, zu deren Kriegstribun er ernannt wurde, mutierte unter seiner Führung rasch zu der am besten ausgebildeten des ganzen Heeres. Unter der allgemeinen Zustimmung der Truppe, die ihren Liebling mit den Heldennamen Ajax und Hercules belegte, wurde er allmählich zum Oberkommandierenden Historia Augusta, Maximinus 6; Herodian 6,8; Aurelius Victor. Vergleicht man diese Autoren, so scheint es, als ob Maximinus das besondere Kommando über die Triballianische Reiterei innegehabt hätte, deren allgemeiner Auftrag darin bestand, den Rekrutennachwuchs der gesamten Armee auszubilden. Sein Biograph hätte hier mit mehr Sorgfalt seine einzelnen Verdienste und seine militärische Karriere festhalten sollen. befördert, und hätte nicht etwas zuviel von seiner urwüchsigen Herkunft in ihm gesteckt, dann hätte der Kaiser womöglich seine eigene Schwester dem Sohne des Maximinus zur Frau gegeben Siehe den Brief des Alexander Severus in der Historia Augusta, Maximinus 29 .   ERMORDUNG DES ALEXANDER SEVERUS (19. MÄRZ 235A.D.) Leider waren alle diese Gunstbezeigungen nicht geeignet, seine Treue zu festigen; sie fachten im Gegenteil den Ehrgeiz dieses thrakischen Bauern an, der seine Position, gemessen an seinen Verdiensten, solange für nichts erachtete, solange er genötigt war, einen Höheren anzuerkennen. Wenn es ihm auch an Weisheit gebrach, so besaß er doch eine gewisse Bauernschläue, welche ihn erkennen ließ, dass der Kaiser seine Popularität bei der Truppe verlor und die ihn lehrte, ihre Unzufriedenheit zu seinem eigenen Vorteil zu mehren. Verleumdung und Parteiengeist können ihr Gift mit Leichtigkeit auch gegen die besten Herrscher versprühen und sogar aus ihren Tugenden Anklagepunkte machen, indem sie sie mit den Lastern in Verbindung bringen, zu denen sie eine gewisse Affinität besitzen. Die Truppe lauschte mit Entzücken den Emissären des Maximinus. Sie erröteten über ihren eigenen unbegreiflichen Langmut, mit der sie dreizehn Jahre lang die schikanöse Disziplin dieses weichlichen Syrers ertragen hätten, dieses ängstlichen Muttersöhnchens und Senatssklaven. Es sei nun an der Zeit, so ihr Zorngeschrei, dieses nutzlose Gespenst aus der Zivilverwaltung hinwegzuscheuchen und sich zum Herrscher und Befehlshaber einen waschechten Soldaten zu erkiesen, der im Feldlager aufgewachsen und im Kriege gestählt sei und der nicht nur den Ruhm der Armee mehren, sondern auch die Schätze des Reiches unter seinen Kampfgefährten redlich aufteilen werde. Zu jener Zeit stand unter dem Kommando des Kaisers selbst eine gewaltige Armee an den Rheinufern, welcher unmittelbar nach Beendigung des persischen Feldzuges gegen die germanischen Barbaren zu marschieren sich genötigt fand. Maximinus fiel die wichtige Aufgabe zu, die neuen Rekruten auszubilden. Eines Tages begrüßten die Truppen ihn beim Betreten des Exerzierplatzes, sei es infolge einer plötzlichen Eingebung, sei es infolge einer vorherigen Absprache, als ihren neuen Imperator, brachten durch ihren lärmenden Zuspruch sein hartnäckiges Weigern zum Schweigen und eilten, ihre Rebellion durch die Ermordung des Alexander Severus zu krönen. +++ Über die näheren Umstände seines Todes laufen verschiedene Berichte um. Die Autoren, welche ihn in Unkenntnis von Maximinus' Undankbarkeit und Ehrgeiz sterben lassen, versichern uns, dass er nach einem kargen Mahl in Sichtweite der Armee sich zum Schlafen zurückgezogen habe und dass dann etwa zur siebenten Stunde des Tages eine Abteilung seiner eigenen Leibwache in das kaiserliche Zelt eingedrungen sei und ihren tapferen und ahnungslosen Herrscher ermordet habe Historia Augusta, Alexander 61. Einige der unwahrscheinlichsten Einzelheiten, die sein elender Biograph mitteilt, habe ich beiseite gelassen. So lässt sich aus der – überdies schlecht geschriebenen – Erzählung erraten, dass der Hofnarr des Kaisers versehentlich das Zelt betreten und den schlummernden Monarchen geweckt habe; die Angst vor Strafe habe ihn vermocht, die dem Kaiser bereits entfremdeten Soldaten zu ihrer Mordtat zu überreden. . Wenn wir allerdings einer anderen und sehr viel glaubwürdigeren Darstellung vertrauen wollen, dann empfing Maximinus, mehrere Meilen vom Hauptquartier entfernt, von einer starken Abteilung den Purpur, und sein Vertrauen auf den Erfolg gründete sich eher auf die heimlichen Wünsche als auf die öffentlichen Bekundungen der großen Armee. Alexander hatte noch genügend Zeit, um in seinen Truppen einen schwachen Begriff von Loyalität ins Leben zu rufen; aber ihre knirschend abgelegten Treubekenntnisse verflüchtigten sich beim ersten Erscheinen des Maximinus, welcher sich selbst zum Freund und Verteidiger der militärischen Ordnung ernannte und durch Akklamation der Legionen einstimmig zum Römischen Kaiser ernannt wurde. Der Sohn der Mamäa, verraten und verlassen, verschwand in sein Zelt, da er sein nahendes Verhängnis wenigstens nicht dem Spottgejohle der Menge aussetzen wollte. Bald folgten ihm ein Tribun und einige Centurionen, die das Henkeramt versahen; aber anstelle das Unausweichliche mit männlicher Festigkeit zu empfangen, verdunkeln sein vergebliches Gejammer und Flehen die letzten Augenblicke seines Lebens, und das berechtigte Mitleid, das uns seine Unschuld und sein Untergang einflößen, wird teilweise zur Geringschätzung. Seine Mutter Mamäa, deren Hochmut und Ehrgeiz er noch lauthals als die Ursache seines Verderbens anklagte, ging mit ihrem Sohn zugrunde. Seine ergebensten Freunde fielen der ersten Wut der Soldaten zum Opfer. Andere blieben für die wohlberechneten Grausamkeiten des Thronräubers aufgespart, und dem, der in Schanden aus Hof und Armee ausgestoßen ward, wurde noch die mildeste Behandlung zuteil. Herodian 6,8 und 9.   MAXIMINUS' DESPOTIE Die früheren Tyrannen Caligula und Nero, Commodus und Caracalla waren sämtlich haltlose und unerfahrene Jugendliche Caligula, der älteste der vier, war bei seiner Thronbesteigung nur fünfundzwanzig Jahre alt, Caracalla dreiundzwanzig, Commodus neunzehn und Nero eben siebzehn , im Purpur aufgewachsen und verdorben durch den Hochmut des Herrschens, den Luxus von Rom und das üble Gift der Schmeichelei. Die Grausamkeit des Maximinus wurde aus einer anderen Quelle gespeist, der Furcht vor der Verachtung. Obgleich er lediglich von der Zuneigung der Soldaten abhing, die ihn für seine soldatischen Tugenden liebten, war er sich doch bewusst, dass seine obskure und barbarische Herkunft, sein ordinäres Erscheinungsbild und seine vollständige Unkenntnis der Künste Er scheint von der griechischen Sprache absolut nichts verstanden zu haben, welche doch wegen ihrer weiten Verbreitung in Konversation und Literatur ein unverzichtbarer Bestandteil der höheren Erziehung war. sowie der Einrichtungen des bürgerlichen Lebens einen sehr unvorteilhaften Gegensatz zu dem liebenswerten Auftreten des glückverlassenen Alexander bildeten. Er erinnerte sich, dass er in früheren, niederen Zeiten oft vor den Türen des hochfahrenden römischen Adels gewartet habe und ihm die Grobheit ihrer Sklaven den Zutritt verwehrt hatte. Auch gedachte er der wenigen, die ihm in der Armut beigestanden und seine emporfliegenden Hoffnungen bestärkt hatten. Aber die, die den Thraker angespornt, und die, die ihn gefördert hatten, waren desselben Verbrechens schuldig: der Kenntnis seiner fragwürdigen Herkunft. Für dieses Verbrechen mussten viele mit dem Tode büßen; und die Hinrichtung seiner Wohltäter war der Inhalt einer von Maximinus verfassten, mit Blut geschriebenen, ewigdauernden Geschichte seiner erbärmlichen Undankbarkeit Historia Augusta, Maximinus 8; Herodian 7,1. Letzterer wird ganz zu Unrecht getadelt, dass er die Verbrechen des Maximinus verharmlost hat. .   MAXIMINUS' TYRANNEI Die finstere und blutrünstige Seele des Tyrannen stand für jeden Verdacht offen, besonders gegen diejenigen seiner Untertanen, welche durch Geburt oder Verdienste ausgezeichnet waren. Sobald er Verrat witterte, wurde seine Grausamkeit grenzen- und gnadenlos. Eine Verschwörung gegen sein Leben wurde entdeckt oder auch nur vermutet, und der Name des Magnus, eines Senators von konsularischem Rang, wurde als der Hauptverursacher angegeben. Ohne Zeugen, ohne Verfahren, und ohne die Gelegenheit zur Verteidigung wurden Magnus und viertausend angebliche Komplizen zum Tode verurteilt. Italien und das ganze Imperium waren mit Spionen und Denunzianten verpestet. Bei der windigsten Anzeige wurden Roms erste Adlige, die Provinzen verwaltet, Armeen befehligt oder die auch nur konsularische oder triumphale Ehrenzeichen getragen hatten, auf Staatswagen gefesselt und in Eile ihrem Kaiser vorgeführt. Beschlagnahme der Güter, Exil oder einfacher Tod: dies waren unübliche Beispiele für seine Milde. Einige der Unglücklichen ließ er in Tierfelle einnähen, andere wilden Bestien aussetzen, wieder andere mit Knüppeln zu Tode prügeln. Während der drei Jahre seiner Herrschaft verschmähte er es, Rom oder Italien aufzusuchen. Sein Feldlager, das er vom Rhein an die Donau verlegte, war der Sitz seiner gnadenlosen Regierung, welche auf allen Prinzipien von Recht und Gesetz herumtrampelte und erklärtermaßen von der Macht des Schwertes getragen wurde Die Frau des Maximinus brachte den Tyrannen gelegentlich auf den Pfad der Tugend und Humanität zurück, indem sie ihm mit weiblicher Zärtlichkeit weise Ratschläge einflüsterte. Siehe Ammianus Marcellinus 14,1,8, wo dieser auf das Ereignis anspielt, über welches er mit größerer Ausführlichkeit bei den Gordianen berichtet hatte. Aus den Medaillen entnehmen wir, dass die wohltätige Kaiserin Paulina hieß und aus dem Titel Diva , dass sie noch vor Maximinus starb. Spanheim, De usu numismatium Bd. 2, p 300. . Kein Mann von adliger Geburt, gepflegtem Äußeren oder Kenntnissen in kulturellen Dingen wurde in seiner Nähe gelitten, und am Hofe des Römischen Kaisers belebte sich wieder die Erinnerung an jene alten Anführer von Sklaven und Gladiatoren, deren rohe Gewalt einen so schrecklichen und abscheulichen Eindruck hinterlassen hatte Er wurde mit Spartacus und Athenion verglichen. Historia Augusta, Maximinus 9 .   REVOLTE IN AFRIKA · A.D. 237 Solange Maximinus seinen Hass nur prominenten Senatoren widmete oder sogar nur jenen kühnen Abenteurern, welche am Hofe oder in der Armee ihr Glück probierten, gewahrte das Volk ihre Leiden mit Gleichmut, vielleicht sogar mit Genugtuung. Bald aber vergriff sich die Habgier des Tyrannen – die Maßlosigkeit der Soldaten machte sie notwendig – sogar an öffentlichem Eigentum. Jede Stadt des Imperiums hatte eine Steuerbehörde, welche Brotgetreide für die Massen und die Auslagen für Spiele und Volksbelustigungen beibringen musste. Durch einen einzigen despotischen Verwaltungsakt wurden diese Reichtümer für den Gebrauch der kaiserlichen Schatzkammer beschlagnahmt. Aus den Tempeln wurden die wertvollsten Weihegeschenke aus Gold und Silber hinweggestohlen, und die Statuen von Heroen, Göttern und Kaisern wurden eingeschmolzen und in Münze umgeprägt. Diese gottlosen Maßnahmen ließen sich naturgemäß nicht ohne Tumult und Blutvergießen ausführen, denn oft ließen die Bürger bei der Verteidigung ihrer Altäre lieber ihr Leben, als mitten im Frieden kriegsähnlichen Raub an ihren Städten zuzulassen. Die Soldaten selbst, unter die diese heillose Beute verteilt wurde, nahmen sie nur unter Erröten entgegen; und obgleich sie im Geschäft der Gewalttat gehärtet waren, scheuten sie doch die berechtigten Vorwürfe ihrer Freunde und Verwandten. Durch die ganze Römische Welt ging ein Schrei der Empörung, und die Bestrafung des gemeinsamen Feindes aller Menschen ward erfleht. Schließlich wurde eine friedliche und waffenlose Provinz aus gleichsam privaten Gründen zur Empörung gegen ihn getrieben Herodian, 7,3; Zosimos 1,13. . Der Prokurator von Afrika war ein rechter Diener dieses Meisters, ästimierte er doch willkürliche Geldstrafen und Konfiskationen als die ergiebigsten Einnahmequellen des kaiserlichen Fiskus. Nun war ein Gerichtsurteil von absurder Härte gegen ein paar reiche und leichtsinnige Jugendliche aus jener Provinz ergangen, und die Vollstreckung hätte sie des größten Teiles ihres väterlichen Erbes beraubt. In dieser Situation gab ihnen die Verzweiflung einen Plan ein, der ihren Untergang entweder vollenden oder abwenden musste. Einen Aufschub von drei Tagen, die sie unter Mühen dem raubgierigen Kämmerer abgerungen hatten, benutzten sie, um auf ihren Ländereien zahllose blindergebene Sklaven und Bauern zu versammeln und sie ländlich-derb mit Knüppeln und Äxten zu bewaffnen. Als nun die Anführer dieser Verschwörung zur Audienz vor den Prokurator gelassen wurden, erstachen sie ihn mit Dolchen, die sie unter ihren Gewändern verborgen hatten, besetzten, unterstützt von ihrem bewaffneten Anhang, die kleine Stadt Thysdrus Sie liegt in der fruchtbaren Landschaft von Byzacium, einhundertundfünfzig Meilen südlich von Karthago. Diese Stadt war vermutlich von den Gordianen mit dem Titel einer Kolonie ausgezeichnet worden und außerdem mit einem schönen Amphitheater, welches sich heute noch bestem Zustand befindet. Wesseling, Intineraria, p. 59 und Shaw's Travels, p. 117 und zogen dort die Fahne der Empörung gegen den Herrscher der Römischen Welt empor. Ihre Hoffnungen ruhten auf dem Hass der Menschheit gegen Maximinus und so beschlossen sie folgerichtig, gegen jenen abscheulichen Tyrannen einen Kaiser zu inthronisieren, dessen Milde bereits die Liebe und Wertschätzung der Römer errungen hatte, und dessen Ansehen in der Provinz ihrem Unternehmen Festigkeit und Nachdruck verleihen mochte. Gordianus jedoch, Prokonsul und Objekt ihrer Wahl, sträubte sich mit ungeheuchelter Abneigung gegen diese heikle Ehrenstellung und flehte unter Tränen, man möge ihm vergönnen, sein langes und schuldloses Leben in Frieden zu beenden und sein hinfälliges Alter nicht mit Bürgerblut zu besudeln. Ihr Drohen nötigte ihn schließlich, den kaiserlichen Purpur anzunehmen, was mittlerweile auch seine einzige Rettung vor der neidischen Grausamkeit des Maximinus war; denn entsprechend der Logik von Despoten hat jemand, dem man den Thron angetragen hat, sein Leben verwirkt, und wer darüber nur nachdenkt, begeht Rebellion Herodian 7,3; Zosimos 1,13. .   DIE GORDIANE Die Familie der Gordiane war eine der angesehensten im Römischen Senat. Väterlicherseits führte man sie bis auf die Gracchen zurück und mütterlicherseits bis auf den Kaiser Trajan. Beachtlicher Besitz ermöglichte ihm eine seiner Herkunft angemessene Lebensführung, und hierbei entwickelte er einen erlesenen Geschmack und eine wohltuende Wesensart. Der einstmals von dem großen Pompeius Historia Augusta, Gordiane 3. Den berühmten Pompeius-Palast im Stadtteil Carinae hatte sich Marcus Antonius angeeignet, und folglich wurde er nach dem Tode des Triumvirn Teil der kaiserlichen Domäne. Kaiser Trajan erlaubte, ja ermutigte sogar dazu, dass reiche Senatoren diese ebenso opulente wie nutzlose Palastanlage kauften (Plinius, Panegyricus50). Und wahrscheinlich ist bei dieser Gelegenheit Pompeius' Haus in das Eigentum von Gordians Urgroßvater übergegangen. bewohnte Palast zu Rom war bereits seit mehreren Generationen im Besitze der Familie der Gordiane. Uralte Trophäen von See-Siegen und Malereien der modernen Schule schmückten ihn. Seine Villa auf dem Weg nach Präneste war berühmt für Bäder von einziger Schönheit und Größe, für drei gewaltige Räume von einhundert Fuß Länge und für ein prachtvolles Portico mit zweihundert Säulen aus ebenso kostbaren wie seltenen Marmorsorten Es waren dies der claudianische, numidianische, carystianische und synnadianische Marmor. Die Farben der römischen Marmorsorten hat man nur sehr blass beschrieben und ungenau unterschieden. Es scheint indessen, dass der carystianische von seegrüner Farbe war, während der aus Synnada weiß und mit ovalen Purpurflecken durchsetzt war. Siehe Salmasius Anmerkungen zur Historia Augusta, Gordiane 32,2, p.164 . Die öffentlichen Lustbarkeiten, die auf seine Kosten gingen und in welchen er das Publikum mit hunderten von wilden Tieren und Gladiatoren Historia Augusta, Gordiane 3. Und 4.Bisweilen zahlte er für mehr als fünfhundert Paare, niemals für weniger als einhundertundfünfzig. Einmal spendierte er für Zirkusrennen einhundert sizilianische und ebenso viele kappadokische Pferde. Die für die Hetzen vorgesehenen Tiere waren hauptsächlich Bären, Eber, Bullen, Wildeber, Elche, Wildesel \&c. Elefanten und Löwen scheinen den kaiserlichen Prunkveranstaltungen vorbehalten gewesen zu sein. unterhielt, überstiegen eigentlich die finanziellen Möglichkeiten eines Untertanen; und während sich die Freigebigkeit anderer Beamten auf ein paar Festveranstaltungen zu Rom beschränkte, wiederholte Gordian während seines Jahres als Ädil seine Großzügigkeit jeden Monat und dehnte sie während seines Konsulates auf die wichtigsten Städte Italiens aus. Alexander und Caracalla bestimmten ihn zu letztgenannter Würde zweimal; denn er besaß die seltene Gabe, sich die Wertschätzung edler Herrscher zu erwerben, ohne gleichzeitig das Misstrauen der Tyrannen zu erwecken. Sein langes Leben widmete er, frei von Schuld, dem Studium der Wissenschaften und den friedvollen Ehrenämtern Roms; und bis zu dem Zeitpunkt, als ihn das Senatsvotum und dessen Bestätigung durch Alexander Vergleiche hierzu den Originalbrief (Historia Augusta, Gordiane 5), welcher Alexanders Respekt vor dem Senat bezeigt sowie seine Wertschätzung dem Prokonsul gegenüber, den diese Versammlung ernannt hatte. zum Prokonsul Afrikas gemacht hatten, scheint er sich klüglich von militärischen Kommandos und der Provinzverwaltung ferngehalten zu haben. Solange dieser Kaiser lebte, war Afrika glücklich unter seinem würdigen Stellvertreter. Nach dem Thronraub des brutalen Maximinus suchte Gordianus das allgemeine Elend zu lindern, wenn er es schon nicht verhindern konnte. Er stand bereits in den Achtzigern, als er den Purpur unter Widerstreben angenommen hatte; er war gleichsam ein letztes, kostbares Relikt aus dem glücklichen Zeitalter der Antonine, deren Tugenden er in seiner Person wiederbelebt hatte und die er in einer eleganten Dichtung von dreißig Büchern feierte. Zusammen mit ihm wurde ein honoriger Prokonsul, sein Sohn, der ihn als Leutnant in Afrika zur Seite gestanden hatte, zum Imperator ernannt. Dessen Gesittung war weniger rein, aber sein Charakter war, ähnlich dem seines Vaters, durchaus liebenswert. Zweiundzwanzig offizielle Beischläferinnen und eine Bibliothek von zweiundsechzigtausend Bänden zeugten für die Vielfalt seiner Interessen; und seine Hinterlassenschaften zeigen deutlich, dass sein Fleiß auf beiden Feldern nicht dem äußeren Schein, sondern dem Nutzen gewidmet war Jeder seiner Konkubinen hinterließ der jüngere Gordian drei oder vier Kinder. Seine literarische Produktion, obschon nicht ganz so üppig, war durchaus nicht zu verachten. . In den Zügen des jüngeren Gordianus glaubte Rom Ähnlichkeiten zu Scipio Africanus zu entdecken; auch erinnerte man sich mit Freuden daran, dass seine Mutter die Enkelin von Antoninus Pius war. So ruhte die Hoffnung der Öffentlichkeit auf jenen verborgenen Tugenden, welche sich bis dahin, wie man zärtlich hoffte, unter der luxusträchtigen Gleichgültigkeit eines privaten Lebens verborgen gehalten hatten.   DER SENAT UNTERSTÜTZT DIE GORDIANE Sobald die beiden Gordiane die Aufregung um ihre Wahl beigelegt hatten, verlegten sie ihren Hof nach Karthago. Sie wurden vom Beifall der Afrikaner begrüßt, die ihren Mut bewunderten und die seit den Tagen des Hadrian keine kaiserliche Majestät mehr gesehen hatten. Bestärkt oder abgesichert wurde die Stellung der Gordiane durch diese müßigen Kundgebungen indessen nicht. Sie mussten aus grundsätzlichen Erwägungen und in ihrem eigenen Interesse die Billigung des Senates einholen; und unverzüglich wurde eine Delegation der angesehensten Provinzialen nach Rom geschickt, um dort die Ereignissen ihrer Provinz zu berichten und zu rechtfertigen, welche, nachdem sie lange Zeit in Geduld ausgeharrt, nunmehr zu mutiger Gegenwehr gegriffen habe. Die Schreiben der neuen Herrscher waren bescheiden und respektvoll, wiesen auf die Notlage hin, die sie zur Annahme des Kaiserlichen Titels genötigt hatte und unterwarfen ihre Wahl und ihr Schicksal dem höchsten Urteil des Senates Herodian 7,6; Historia Augusta, Maximinus,14 . Dieser war in seiner Auffassung weder schwankend noch gespalten. Geburt und vielfältige Beziehungen der Gordiane hatten sie mit den hochmögendsten Häusern Roms in innige Beziehung gebracht. Ihre Vermögensumstände hatten ihnen in der senatorischen Versammlung viele Anhänger verschafft und ihre Verdienste viele Freunde. Ihre umsichtige Verwaltungstätigkeit eröffnete sogar vage Hoffnungen auf Wiederherstellung bürgerlicher, ja republikanischer Zustände. Der Terror des Militärs, welcher den Senat gezwungen hatte, zunächst den Mörder des Alexander Severus zu vergessen und dann die Kaiserwahl eines ordinären Bauern abzunicken »Quod tamen patres, dum periculosum existimant inermes armato resistere, approbaverunt« (Aurelius Victor, Caesares 25 (Was die Senatoren dennoch billigten, da es ihnen gefährlich vorkam, sich unbewaffnet einem Bewaffneten Widerstand zu leisten.) , hatte jetzt die gegenteilige Wirkung und veranlasste den Senat, sich für die beleidigten Freiheits- und Menschenrechte einzusetzen. Der Hass des Maximinus auf den Senat war nachgerade offiziell und unversöhnlich; die submisseste Artigkeit hatte seine Wut nicht gedämpft und jedes noch so unschuldiges Auftreten würde seinen Argwohn nicht aus der Welt schaffen; und selbst die Sorge um ihr eigenes Wohlergehen nötigte sie, ihr Schicksal an ein Unternehmen zu hängen, dessen erste Opfer (gesetzt, es misslänge) zuverlässig sie sein würden. Diese Überlegungen und vermutlich noch andere eher privater Natur, waren Gegenstand einer Debatte zwischen Konsuln und Magistraten. Sobald ihr Entschluss feststand, riefen sie den gesamten Senat im Castortempel zusammen, hierbei einem althergebrachten Geheimverfahren Sogar die Hausdiener, die Schreiber \&c wurden ausgeschlossen und ihre Aufgaben vom Senat selbst wahrgenommen. Wir sind hier (Gordiane 12) der Historia Augusta verpflichtet, dass sie uns dieses bemerkenswerte Beispiel von der Ordnung der alten Republik bewahrt hat. folgend, das darauf berechnet war, ihre Aufmerksamkeit zu erregen und ihre Beschlüsse zu verheimlichen. »Patres conscripti«, so der Konsul Syllanus, »die beiden Gordiane, beide von konsularischem Rang, der eine Euer Prokonsul, der andere Euer Leutnant, sind durch Afrikas einhellige Meinung zu Kaisern ernannt worden. Lasst uns Dank abstatten,« führ er beherzt fort, »der Jugend von Thysdrus; lasst uns Dank abstatten dem treuen Volk von Karthago, die uns von diesem grässlichen Monster errettet haben. – Warum hört ihr mich so kaltsinnig an, so ängstlich? Warum diese besorgten Blicke untereinander? Warum zögern? Maximinus ist ein Feind des Staates! Möge diese Feindschaft mit ihm selbst zugrunde gehen, und mögen uns Besonnenheit und Glück von Gordian dem Vater erhalten bleiben, und Mut und Standhaftigkeit von Gordian, seinem Sohn Diese beherzte Rede, übersetzt vom Verfasser der Historia Augusta (Gordiane 11), scheint aus den Originalakten des Senates entnommen zu sein. !« Das edle Feuer des Konsuls weckte den ermatteten Geist des Senats zu neuem Leben: Durch einstimmigen Beschluss wurde die Wahl der Gordiane bestätigt; Maximinus hingegen, sein Sohn und seine Anhänger wurden zu Staatsfeinden erklärt und großzügigste Belohnungen dem in Aussicht gestellt, der den guten Mut und das Glück haben mochte, sie zu vernichten.   SENATSHERSCHAFT · DIE ZWANZIG MÄNNER · TOD DER GORDIANE · 237 A.D. Während der Abwesenheit des Kaisers Maximinus aus Rom blieb hier eine Abordnung Prätorianer zurück, um die Hauptstadt zu schützen oder besser, zu beherrschen. Der Gardepräfekt Vitalianus hatte seine Treue zu Maximinus zu erkennen gegeben durch die Eilfertigkeit, mit der er den grausamen Anordnungen des Tyrannen gehorsamte, ja sogar zuvorkam. Sein Tod allein konnte die Autorität des Senats und das Leben der Senatoren aus ihren gefahrvollen Schwebezustand retten. Bevor ihre Beschlüsse noch durchgesickert waren, wurden ein Quästor und einige Tribune beauftragt, ihm sein Leben zu nehmen, das man ihm abgesprochen hatte. Sie führten ihren Auftrag gleichermaßen mutig und erfolgreich aus; danach eilten sie, die blutigen Dolche in Händen, durch die Straßen und brachten den Bürgern und Soldaten die Post von der glücklichen Wende. Der Freiheitstaumel wurde noch durch großzügige Land- und Geldversprechungen befeuert, die Statuen des Maximinus wurden gestürzt, die Hauptstadt erkannte die Hoheit der beiden Gordiane und des Senats mit Freuden an Herodian, 7,6. ; und dem Beispiel Roms folgte alsbald das übrige Italien. Ein neuer Geist war in diese Versammlung eingekehrt, deren Langmut durch schamlosen Despotismus und militärische Willkür chronisch beleidigt worden war. Der Senat nahm die Zügel der Regierung in die Hand und bereitete sich vor, mit kaltem Mut und mit der Waffe die Sache der Freiheit wieder herzustellen. Unter den Senatoren von konsularischem Rang fanden sich rasch zwanzig Mann, die sich durch ihre Verdienste um den Kaiser Alexander Severus empfahlen und die in der Lage waren, eine Armee zu kommandieren und einen Krieg zu führen. Ihnen ward die Verteidigung Italiens anvertraut. Jeder sollte in dem ihm zugeteilten Bezirk operieren, war zugleich berechtigt, Italiens Jugend unter die Waffen zu rufen und auszubilden und war endlich angewiesen, Häfen und Straßen gegen die zu erwartende Invasion des Maximinus zu befestigen. Zahlreiche Bevollmächtigte von höchstem senatorischem und ritterlichem Range wurden dann zu den diversen Provinzstatthaltern abgeschickt, um diese nachdrücklich zu bereden, Italien zu Hilfe zu eilen und die Nationen an die alten Freundschaftsbande mit Rom zu erinnern. Der allgemeine Respekt, den man diesen Bevollmächtigten entgegenbrachte, der Eifer ferner, den Italien und die Provinzen für die Sache des Senates an den Tag legten: dies bewies hinlänglich, dass die Untertanen des Maximinus bereits bis zu jener Stufe der Verzweiflung fortgeschritten waren, bei der sie von offenem Widerstand weniger zu fürchten hatten als von weiterer Unterdrückung. Das Bewusstsein dieser trübseligen Wahrheit facht oftmals einen Zorn an, der hartnäckiger ist als der, welcher in Bürgerkriegen im Interesse von ein paar händel- und ränkesüchtigen Anführern künstlich erzeugt wird Herodian 7,7 und 8,7; Historia Augusta, Gordiane 13. .   NIEDERLAGE UND TOD DER BEIDEN GORDIANE 237 A.D. Denn während man sich der Sache der Gordiane mit solchem allgemeinen Eifer annahm, waren die Gordiane selbst nicht mehr. Der erbärmliche Hof zu Karthago wurde aufgescheucht durch den Gouverneur von Mauretanien, der der Stadt in Eilmärschen nahte und mit einem kleinen Trupp Veteranen und einer zügellosen Masse von Barbaren die treue, aber unvorbereitete Provinz zu attackieren sich anschickte. Der jüngere Gordian an der Spitze einiger Gardesoldaten und einer zahlreichen ungeübten, im behaglichen Luxus von Karthago großgewordenen Menge machte einen Ausfall, dem Feinde zu begegnen. Sein unnützer Mut sicherte ihm wenigstens einen ehrenvollen Soldatentod. Sein betagter Vater, der nicht länger als sechsundsechzig Tage regiert hatte, setzte seinem Leben bei der ersten Nachricht von der Niederlage selbst ein Ende. Seines Verteidigers beraubt, öffnete Karthago seine Tore dem Eroberer, und Afrika selbst, der räuberischen Grausamkeit einer Sklavenseele ausgesetzt, sah sich genötigt, mit Strömen von Blut und Massen von Gold seinen unersättlichen Beherrscher zufrieden zu stellen Herodian 7,9; Historia Augusta, Gordiane 15ff. Wir dürfen hier anmerken, dass ein Monat und sechs Tage für die Regierungszeit der Gordiane eine zutreffende Richtigstellung von Casaubons und Panvinius' absurder Lesart »Ein Jahr und sechs Monate« ist. Siehe auch den Kommentar Casaubons S. 193. Zosimos 1,16 berichtet, die beiden Gordiane seien während einer Schiffsreise in einem Sturm umgekommen. Welch eine befremdliche Unkenntnis der Geschichte, oder welch eine befremdliche Überstrapazierung von Metaphern! .   BALBINUS UND MAXIMUS Das Schicksal der Gordiane, befürchtet und doch unerwartet, rief in Rom allgemeines Entsetzen hervor. Der Senat, in den Tempel der Concordia zusammengerufen, gab sich den Anschein, er arbeite die üblichen Tagesordnungspunkte ab; furchtbebend weigerte er sich, die Gefahr, in der er selbst und das Volk schwebten, wenigstens zur Kenntnis zu nehmen. Schweigende Betroffenheit beherrschte die Versammlung, bis ein Senator, seines Namens und seiner Herkunft ein Traian, seine Mitbrüder aus ihrer tödlichen Starre erlöste. Er legte ihnen dar, dass ihnen die Möglichkeit der Verzögerungstaktik nicht mehr offen stehe; dass Maximinus, von Natur aus unnachgiebig und durch die Vorkommnisse aufs äußerste erbittert, sich anschicke, an der Spitze der Armee Italien anzugreifen; und dass ihnen lediglich die Alternative gegeben sei, ihm mutig auf dem Schlachtfeld zu begegnen oder apathisch Foltern und Tod in Unehre abzuwarten, die für gescheiterte Rebellen vorbehalten seien. »Wir haben zwei hervorragende Herrscher verloren,« fuhr er fort, »aber solange wir uns nicht selbst aufgeben, sind die Hoffnungen der Republik mit den Gordianen nicht untergegangen. Der Senatoren sind viele, welche die kaiserliche Würde verdient hätten, infolge ihrer Tugenden oder ihrer Fähigkeiten. Darum so lasst uns zwei Herrscher wählen, von denen der eine den Krieg gegen den Staatsfeind führen möge, während sein Kollege in Rom bleibt und die Zivilverwaltung ausübt. Ich für meine Person setze mich freudig der Gefahr und den Anfeindungen des Nominierens aus und stimme für Maximus und Balbinus. Stimmt für meine Wahl, patres conscripti, oder benennt andere, die der Herrschaft würdiger sind!« Angesichts der allgemeinen Zustimmung verstummte das Zischeln des Neides rasch; die Verdienste der beiden Kandidaten waren allgemein anerkannt; und das Haus hallte wider von den aufrichtigen Rufen der Zustimmung wie »Ein langes Leben und Sieg den Kaisern Balbinus und Maximus. Wie ihr glücklich seid mit dem Votum des Senates, möge nun auch die Republik glücklich sein unter Eurer Regierung!« Siehe Historia Augusta, Maximus 1 aufgrund der Senatsprotokolle. Das Datum stimmt wohl nicht, aber das zeitliche Zusammentreffen mit den Spielen des Apoll erlaubt eine Korrektur.   HR CHARAKTER Die Fähigkeiten und das Ansehen der neuen Herrscher rechtfertigten die übersprudelnden Hoffnungen der Römer. Ihre unterschiedlichen Fähigkeiten machten sie geeignet für ihre jeweiligen Aufgaben im Frieden und Krieg und ließen keinerlei Raum für Eifersüchteleien. Balbinus war ein anerkannter Redner, ein Dichter von einiger Bedeutung und ein redlicher Beamter, welcher ohne Fehl und Tadel in nahezu allen inneren Provinzen des Reiches Recht gesprochen hatte. Er war von adeliger Herkunft Er stammte von dem adligen Spanier Cornelius Balbus und war Adoptivsohn von Theophanes, dem griechischen Historiker. Balbus hatte durch Pompeius' Fürsprache das Römische Bürgerrecht erhalten und mit Hilfe von Ciceros Beredsamkeit behalten. Die Freundschaft zu Cäsar (dessen Geheimsekretär er während des Bürgerkrieges war) brachte ihm das Konsulat und das Pontifikat ein, welche Ehrenstellungen bis dahin noch kein Ausländer innegehabt hatte. Der Neffe dieses Balbus obsiegte über den Stamm der Garamanten. Siehe das Lemma Balbus' im Dictionnaire historique et critique von Bayle, wo er die verschiedenen Personen gleichen Namens gegeneinander abgrenzt und die von älteren Autoren verbreiteten Irrtümer mit bewährter Akkuratesse richtig stellt. , sein Vermögen beachtlich und sein Auftreten leutselig und umgänglich. Die ihm eigene Freude an Vergnügungen wurde stets durch ein Gefühl für Würde kontrolliert, geschweige dass ihm hierdurch das Pflichtgefühl abhanden gekommen wäre. Die Person des Maximus war aus derberem Stoff gefertigt. Durch eigene Tüchtigkeit war er aus einfachsten Anfängen zu den höchsten Staats- und Militäraufgaben emporgestiegen. Seine Siege über die Sarmater und Germanen, seine anständige Lebensführung, seine strenge und unparteiische Rechtsprechung während seiner Zeit als Stadtpräfekt brachten ihm die Achtung auch solcher Mitbürger ein, deren Zuneigung eher dem liebenswerten Balbinus galt. Beide waren sie Konsul gewesen, (Balbinus hatte dieses respektable Amt sogar zweimal innegehabt), beide waren unter den zwanzig Männern gewesen, die der Senat ernannt hatte; und da der eine sechzig und der andere vierundsiebzig Jahre alt war Zonaras 12,17; aber ein moderner Grieche bietet nur eine schwache Gewähr für Zuverlässigkeit, wenn er von Geschichte so wenig weiß, dass er sich ein paar neue Kaiser ausdenkt und die echten durcheinander wirft. , standen beide auf der Höhe des Alters und der Lebenserfahrung.   AUFRUHR IN ROM Nachdem nun der Senat den beiden die konsularische und tribunizische Gewalt in gleichem Umfang übertragen hatte, ferner den Titel der Vater des Vaterlandes und das gemeinsame Pontifikat, bestieg man das Kapitol, den Göttern, den Rettern Roms, Dank abzustatten Herodian, 7,10 vermutet, dass der Senat zunächst in das Capitol zusammen gerufen wurde und beschreibt die Szene sehr anschaulich. Zuverlässig erscheint allerdings die Historia Augusta (Maximus 3). . Die weihevollen Opferrituale wurden jedoch durch aufgewiegeltes Volk gestört. Die ungezogene Menge schätzte weder den strengen Maximus, noch flößte ihnen der milde und humane Balbinus hinreichend Respekt ein. In wachsender Zahl umstanden sie den Jupitertempel; mit obstinatem Gelärme reklamierten sie ihr angeborenes Recht, sich ihren Herrscher selbst zu erkiesen; und verlangten, ersichtlich moderater, dass den beiden vom Senat gewählten Herrschern noch ein dritter aus der Familie der Gordiane zur Seite treten möge, als eine Art Danksagung an die beiden Kaiser, die ihr Leben dem Staat aufgeopfert hätten. Maximus und Balbinus versuchten, an der Spitze der Stadtwache und der Jugend des Ritterstandes sich ihren Weg durch die aufgebrachte Menge zu bahnen. Diese, mit Steinen und Stöcken gerüstet, drängten sie ins Kapitol zurück. Es war unschwer abzusehen, dass der Streit, was immer sein Gegenstand sein mochte, einen tödlichen Ausgang nehmen würde. Ein Knabe, erst dreizehn Jahre alt, Enkel des älteren und Neffe des jüngeren der Gordiane, ward dem Volk präsentiert, angetan mit dem Dekor und dem Titel eines Cäsar. Der Tumult wurde durch dieses kleine Entgegenkommen beigelegt, und sobald nun die beiden Herrscher in Rom gütlich anerkannt waren, bereiteten sie Italiens Verteidigung gegen den gemeinsamen Feind vor.   MAXIMINUS GREIFT ITALIEN AN Während nun in Rom und Afrika die Ereignisse sich in diesem erstaunlichen Tempo überstürzten, wurde Maximinus im Innersten durch Zornaufwallungen geschüttelt. Es heißt, dass er die Nachricht von der Erhebung der Gordiane nicht mit der Gemütsverfassung eines menschlichen Wesens, sondern der Wut eines wilden Tieres aufgenommen habe; da er seinen Ingrimm aber nicht am Senat selbst habe auslassen können, bedrohte er statt dessen das Leben seines Sohnes, seiner Freunde und all derer, die in seine Reichweite zu gelangen unvorsichtig genug waren. Auf die hocherfreuliche Zeitung vom Untergang der beiden Gordiane folgte die sichere Kunde, dass der Senat, der alle Hoffnungen auf Pardon oder Vergleich habe fahren lassen, auf einer Sitzung zwei Kaiser an seiner Stelle eingesetzt habe, deren Befähigung ihm nicht unbekannt sein konnten. Seinen einzigen Trost fand Maximinus in Rache, und Rache war für ihn gleichbedeutend mit Gewalttat. Alexander hatte aus allen Teilen des Reiches Legionen gebildet; drei erfolgreiche Feldzüge gegen die Germanen und die Samarter hatten ihren Ruf gemehrt, ihre Disziplin gefestigt, und selbst ihre Zahl war gestiegen, hatte sich doch die Jugend der Barbaren unter ihrer Fahne versammelt. Maximinus hatte das Leben eines Kriegers geführt, und selbst eine strenge, aber objektive Geschichtsschreibung kann ihm persönliche Tapferkeit und sogar die Fähigkeiten eines erfahrenen Generals nicht absprechen Bei Herodian 7,8 und in der Historia Augustea (Maximinus 18 und Gordiane 14) finden wir drei unterschiedliche Reden des Maximinus an die Armee über die Unruhen in Rom und Afrika: indessen hat Herr Tillemont sehr zutreffend bemerkt, dass sie weder untereinander geschweige denn mit der Wahrheit übereinstimmten. Histoire des Empereurs, Bd. 3, p. 799 . Man hätte nun mit Fug von einem solchen Herrscher erwarten können, dass er, anstelle durch Zögern der Rebellion gleichsam Vorschub zu leisten, sich unverzüglich vom Donau- zum Tiberufer aufgemacht hätte und dass seine siegreiche Armee, durch den Hass auf den Senat und die Gier nach italienischer Beute geeint, vor Ungeduld gefiebert haben müsse, dieses leichte und einträgliche Unternehmen zu beenden. Wenn wir jedoch der fragwürdigen Chronologie jener Zeiten trauen können Die Sorglosigkeit der Schreiber jener Zeiten stürzen uns in tiefe Ratlosigkeit: 1. Wir wissen, dass Maximus und Balbinus während der Kapitolinischen Spiele ums Leben gebracht wurden (Herodian 8,8). Censorinus' Zuverlässigkeit ermöglicht uns, jene Spiele mit Bestimmtheit in das Jahr 238 zu legen, Tag und Monat kennen wir indessen nicht (De die natali18). 2. Die Wahl Gordians kann mit gleicher Sicherheit auf den 27. Mai gelegt werden; unmöglich aber können wir sagen, ob in demselben oder dem vorangegangenen Jahr. Tillemont und Muratori, die die entgegengesetzten Meinungen vertreten, führen lediglich einen zusammenhanglosen Haufen von Autoritäten, Konjekturen und Wahrscheinlichkeitserwägungen ins Feld. Der eine scheint die Folge der Ereignisse zwischen den beiden Perioden zu dehnen, der andere zusammenzuziehen, und zwar mehr, als sich mit Vernunft und Geschichtsschreibung verträgt. Dennoch muss man sich notwendigerweise zwischen den beiden entscheiden. , dann scheinen ein paar Manöver eines auswärtigen Krieges die italienische Operation bis ins nächste Frühjahr verzögert zu haben. Aus dem besonnenen Vorgehen des Maximinus mögen wir erkennen, dass die Feder der Parteien die unbeherrschte Seite seines Charakters übertrieben hat; dass seine Leidenschaften, wie stürmisch auch immer, sich gelegentlich doch den Geboten der Vernunft unterwarfen; und dass dieser Barbar etwas von der Großmut eines Sylla besaß, welcher erst die Feinde Roms dämpfte, bevor er es sich zugestand, privat erlittenes Unrecht zu rächen Velleius Paterculus 2,24. Der Präsident de Montesquieu (im Dialog zwischen Sulla und Eukrates) drückt die Gefühle des Diktators auf geistvolle, ja sogar vergeistigte Weise aus. .   EINMARSCH IN ITALIEN Als nun die Truppen des Maximinus in tadelloser Ordnung am Fuße der Iulischen Alpen anlangten, entsetzten sie sich doch über die Ruhe und die Einsamkeit, die hier an Italiens Grenze vorherrschten. Dörfer und unbefestigte Städte waren vor ihrer Ankunft von den Bewohnern verlassen worden, das Vieh fort getrieben, Proviant beiseite geschafft oder verbrannt, die Brücken abgebrochen und nichts, was einem Invasionsheer Schutz oder Hilfe hätte gewähren können, war stehen geblieben. Dies war auf wohlerwogene Anweisung der senatorischen Generäle geschehen, deren Absicht es war, den Krieg in die Länge zu ziehen, die Armee des Maximinus durch das langsame Mittel des Aushungerns zu schwächen und seine Kräfte an der Belagerung der befestigten Städte Italiens sich aufreiben zu lassen, welche mit Mannschaften und Vorräten aus den aufgegebenen Gebieten wohl versehen waren. Auf Aquileja fiel der erste Ansturm der Invasion, und sie widerstand. Die Flüsse, die in die nördliche Adria strömen Muratori (Annali d'Italia, Bd. 2, S.294) meint, die Schneeschmelze passe besser für die Monate Juni oder Juli als für den Februar. Diese Meinung eines Mannes, der sein Leben zwischen Alpen und Appenin zugebracht hat, ist ohne Zweifel von großem Gewicht. Ich möchte jedoch anmerken, dass 1. der lange Winter, der Murotori recht zu geben scheint, nur in der lateinischen Version des Herodianes, nicht aber im griechischen Text zu finden ist; 2. der rasche Wechsel von Regen und Sonne, denen Maximinus' Krieger ausgesetzt waren, eher auf das Frühjahr als den Sommer hinweist. Gleichermaßen wollen wir anmerken, dass die einzelnen Flüsse, als sie zu einem zusammenschmolzen, den Timavus bildeten, der so (in jedem Sinne des Wortes) poetisch von Vergil beschrieben wurde. Sie liegen etwa zwölf Meilen östlich von Aquileja. , schwollen unter den schmelzenden Schneemassen an und bildeten so ein unerwartetes Hindernis für Maximinus' Waffen. Schließlich jedoch brachte er über eine mit ebensoviel Schwierig- wie Kunstfertigkeit gebauten Brücke aus Fässern seine Armee an das andere Flussufer, plünderte die schönen Weingärten in der Nähe von Aquileja, zerstörte die Vorstädte und verwendete das Holz der Gebäude für die Belagerungsmaschinen und -türme, mit denen er die Stadt von allen Seiten angriff. Die Stadtmauern, die während der langen Friedenszeiten allmählich zerbröckelt waren, wurden infolge dieses Notfalles in aller Hast wieder aufgebaut; aber der zuverlässigste Schutz Aquilejas war die Unverzagtheit seiner Bürger; alle Stände waren gleichermaßen, anstelle sich in Betroffenheit zu ergehen, durch die äußere Gefahr und die Kenntnis von des Tyrannen unversöhnlicher Natur belebt. Ihr guter Mut wurde belohnt und angeleitet durch Crispinus und Menopheles, zwei der zwanzig Legaten des Senates, die sich mit einer kleinen regulären Truppenmacht auf den belagerten Platz geworfen hatten. Die Armee des Maximinus wurde durch wiederholte Angriffe zurückgeworfen, alle seine Kriegsmaschinen durch Schauer von künstlichem Feuer zerstört; und der starke Enthusiasmus der Städter erhöhte sich zu fester Siegeszuversicht, weil Belenus, ihre Schutzgottheit, in eigener Person bei der Verteidigung seiner bedrängten Bekenner mitgestritten hatte Herodian 8,3. Die Keltische Gottheit wurde mit Apollo gleichgesetzt und erhielt unter dieser Anrede auch die Danksagungen des Senates. Auch wurde für Venus die Kahle ein Tempel errichtet, zu Ehre der Frauen von Aquileja, die ihr Haar für Seile der Kriegsmaschinen hingegeben hatten. .   KAISER MAXIMUS Der Kaiser Maximus, der bis nach Ravenna vorgerückt war, um diese wichtige Stadt zu sichern und die Kriegsvorbereitungen zu beschleunigen, sah die Geschehnisse aus der etwas zuverlässigeren Perspektive des Verstandes und der Politik. Ihm war durchaus bewusst, dass eine einzelne Stadt den unausgesetzten Anstrengungen einer großen Armee auf Dauer nicht gewachsen war. Und er besorgte, dass der Feind, des hartnäckigen Widerstandes von Aquileja müde geworden, unvermittelt die fruchtlose Belagerung aufheben und Rom direkt angreifen könnte. Das Schicksal des Reiches und die Sache der Freiheit würde dann am Ausgang einer einzigen Schlacht hängen; und welche Armee könnte dann wohl den Rhein- und Donauveteranen Widerstand leisten? Die Jugend Italiens, bereitwillig, aber eben auch verweichlicht, könnte wohl einige neu rekrutierte Truppen stellen; desgleichen ein Corps germanischer Hilfstruppen, von deren Standhaftigkeit in der Stunde der Entscheidung abzuhängen denn doch einigermaßen bedenklich war. Inmitten dieser zutreffenden Überlegungen schlug eine Palastverschwörung zu, bestrafte die Verbrechen des Tyrannen und ersparte Rom und dem Senat die Kalamitäten, die ein Sieg des tobsüchtigen Barbaren zur Folge gehabt hätte.   ERMORDUNG DES MAXIMINUS UND SEINES SOHNES Die Bewohner von Aquileja hatten von den üblichen Bedrückungen einer Belagerung kaum etwas zu spüren bekommen; ihre Magazine waren übervoll; und einige Quellen innerhalb ihrer Stadtmauern stellten die Versorgung mit Trinkwasser auf unabsehbare Zeit sicher. Anders die Soldaten des Maximinus; sie litten gleichermaßen unter den Widrigkeiten der Jahreszeit, ansteckender Krankheiten und den Schrecken des Hungers. Verwüstet das Land ringsum, in den Flüssen, von Blut gerötet, trieben die Leichen. In der Truppe breiteten sich Verzweiflung und Widersetzlichkeit aus; abgeschnitten von allen Nachrichten, glaubten sie gern, dass die ganze Welt die Sache des Senats zu der ihren gemacht habe und sie selbst ausersehen seien, vor Aquilejas unüberwindlichen Mauern zu verderben. Das wüste Gemüt des Tyrannen war aufgebracht durch die Rückschläge, die er aber der Feigheit der Armee zur Last legte. Seine willkürliche und völlig deplazierte Grausamkeit erzeugte Hass und berechtigte Rachegelüste. Eine Abteilung Prätorianer, die um ihre Frauen und Kinder in dem Lager von Alba nahe Rom bangten, exekutierten den Beschluss des Senats: Maximinus, von seinen Wachen im Stich gelassen, wurde in seinem Zelt erschlagen, zusammen mit seinem Sohn (den er an der Ehre des Purpur hatte teilhaben lassen), dem Präfekten Anulinus und den führenden Ministern seiner Gewaltherrschaft 8,5; HIstoria Augusta, Maximinus 23.Die Dauer von Maximinus' Herrschaft wurde nicht mit Bestimmtheit angegeben, außer bei Eutropius, der im drei Jahre und ein paar Tage zugesteht. Wir können den Text als zuverlässig ansehen, da das lateinische Original mit der griechischen Fassung des Paeanius übereinstimmt . Der Anblick ihrer Köpfe, aufgespießt auf Speerspitzen, überzeugte die Bewohner Aquilejas, dass die Belagerung ein Ende habe; die Tore der Stadt wurden geöffnet, für die ausgehungerten Truppen des Maximinus wurde Markt gehalten, und die ganze Armee bekannte sich in Treue feierlich zum Senat, dem Römischen Volk sowie deren legalen Herrschern, Balbinus und Maximus. Dies war das ersehnte Ende eines brutalen Wilden, dem nach allgemeiner Darstellung jedes zivilisierte oder sogar menschliche Gefühl abging. Sein Körper Er maß acht und ein drittel Römische Fuß, was etwas mehr als acht Englischen Fuß (2,50m) entspricht, da beide Maße sich zueinander verhalten wie 967 zu 1000. Siehe hierzu Graves Abhandlung über den Römischen Fuß. Wir erfahren, dass Maximinus an einem Tage eine Amphore (das sind etwa sieben Gallonen oder 26 l) Wein saufen konnte und dreißig bis vierzig Pfund Fleisch aß. Er konnte einen vollbeladenen Wagen ziehen, mit der Faust einem Pferd das Bein brechen, Steine in seiner Hand zerkrümeln und kleine Bäume mit den Wurzeln ausreißen. Siehe auch seine Biographie in der Historia Augusta. passte zu dieser Seele. Er war über acht Fuß groß, und nahezu Unglaubliches wird von seiner unvergleichlichen Kraft und seinem Appetit berichtet. Hätte er in einem weniger aufgeklärtem Zeitalter gelebt, dann hatten Überlieferung und Dichtung ihn ohne weiteres zu einem jener ungeschlachten Riesen gemacht, deren übernatürliche Stärke immer mal wieder zum Verderben der Menschheit tätig wird.   FREUDE IN DER RÖMISCHEN WELT Es ist leichter, sich die Freude der Römischen Welt über den Sturz des Tyrannen vorzustellen als sie zu beschreiben; die Nachricht hiervon soll innert vier Tagen von Aquileja nach Rom gelangt sein. Maximus' Rückkehr geriet zu einem einzigen Triumphzug; sein Kollege und der junge Gordian kamen ihnen noch vor der Stadt entgegen, und die drei Herrscher zogen in die Hauptstadt, begleitet von Abgesandten fast aller italienischen Städte, wurden mit den Geschenken des Dankes und des Aberglaubens überhäuft und von dem ungeheuchelten Beifall von Senat und Volk umbrandet, welche sich einreden mochten, dass auf das Eiserne Zeitalter nunmehr das Goldene folgen werde Siehe das Glückwunschschreiben des Konsuls Claudius Iulianus an die beiden Kaiser (Historia Augusta, Maximus 17) . Die Maßnahmen der beiden Kaiser entsprachen auch diesen Erwartungen. Sie nahmen die Rechtsprechung persönlich in die Hand, und die Strenge des einen fand in der Milde des anderen ihr Korrektiv. Die erdrückenden Steuern, die Maximinus auf Erbschaften gelegt hatte, wurden aufgehoben oder doch wenigstens gemildert. Die Ordnung kam zu ihrem Recht, und auf Anregung des Senates wurden viele vernünftige Gesetze von den kaiserlichen Ministern erlassen, welche die gewaltige Arbeit auf sich genommen hatten, auf den Trümmern einer Militärdiktatur eine bürgerliche Verfassung einzurichten. »Welche Belohnung dürfen wir erwarten, jetzt, wo wir Rom aus den Klauen eines Monstrums befreit haben?« fragte Maximus in einem Augenblick ungetrübten Vertrauens. Balbinus antwortete ohne Zögern: »Die Zuneigung des Senats, des Volkes, der Menschheit!« »Ach!«, so sein etwas schärfer denkender Kollege, »Ach! Ich hatte schon gefürchtet, den Hass der Soldaten und die tödlichen Folgen ihrer Rachsucht Historia Augusta, Maximus 15. .« Seine Mutmaßung wurde durch die Ereignisse nur zu gut bekräftigt.   BÜRGERKRIEG IN ROM · VERDROSSENHEIT DER PRÄTORIANERGARDE Während Maximus die Verteidigung Italiens gegen den gemeinsamen Feind vorbereitet hatte, wurde sein Kollege Balbinus, der in Rom zurückgeblieben war, in Metzelei und innere Zwietracht verwickelt. Im Senat obwalteten Missvertrauen und Scheelsucht; und selbst in die Tempel, ihren Versammlungsorten, brachte jeder Senator, versteckt oder offen, Waffen mit. Mitten unter ihre Beratungen hatten sich zwei Veteranen der Garde, durch Neugierde oder ein finsteres Motiv veranlasst, kühnlich in das Gebäude eingeschlichen und sich allmählich hinter den Altar der Victoria geschlängelt. Gallicanus, ein konsularischer und Mäcenas, ein prätorischer Senator gewahrten mit Empörung ihr ungebührliches Eindringen: sie zogen ihre Dolche und legten die Spione, für die sie die beiden halten mussten, tot vor dem Altar zu Boden und forderten dann, nachdem sie zur Eingangstür gelangt waren, die Menge unklugerweise dazu auf, die Prätorianer als die geheimen Anhänger des Tyrannen zu massakrieren. Die, welche der ersten Zornesaufwallung der Menge entkommen konnten, flohen in das Lager, welches sie mit Überlegenheit gegen die wiederholten Angriffe der Bevölkerung verteidigten, welche noch von Gladiatorenbanden, dem Eigentum reicher Adliger, unterstützt wurde. Dieser Bürgerkrieg dauerte mehrere Tage, mit ungemessenen Verlusten auf beiden Seiten. Als nun die Wasserleitungen zur Versorgung des Lagers zerstört wurden, gerieten die Prätorianer in ärgste Nöte; also machten sie ihrerseits Verzweiflungsausfälle in die Stadt, steckten Häuser in großer Zahl in Brand und überschwemmten die Straßen mit dem Blut ihrer Bewohner. Kaiser Balbinus suchte durch wirkungslose Verfügungen und kurzlebige Stillhalteabkommen die Parteien Roms zu versöhnen. Aber ihre Feindschaft, erstickt nur für kurze Zeit, flammte alsbald mit verdoppelter Stärke auf. Die Soldaten, die den Senat und das Volk verabscheuten, verachteten auch die Schwäche eines Herrschers, dem ersichtlich entweder die Befähigung und die Möglichkeit abgingen, den Gehorsam seiner Untertanen einzufordern Herodian 8,12 . Nach dem Tode des Tyrannen hatte seine schreckliche Armee, wohl eher der Not als wirklicher Einsicht sich beugend, die Autorität des Maximus anerkannt, welcher sich ohne Verzug in das Lager vor Aquileja begeben hatte. Sobald sie vor ihm den Treueid abgelegt hatten, sprach er zu ihnen in Worten der Milde und Mäßigung; beweinte eher die ungeordneten Zeiten, als dass er sie neu eingerichtet hätte und versicherte den Kriegern, dass von allen ihren vergangenen Aufführungen der Senat nur dieses im Gedächtnis behalten habe, dass sie nämlich den Tyrannen nicht weiter unterstützt hätten und freiwillig zu ihren Pflichten zurückgekehrt seien. Maximus gab durch ein großzügiges Geschenk seinen Ermahnungen zusätzliches Gewicht, reinigte das Lager durch ein Sühneopfer und entließ dann die Legionen, in denen, wie er hoffte, ein lebendiger Sinn für Dankbarkeit und Gehorsam wieder aufgelebt sei, in ihre verschiedenen Provinzen Herodian 8,7 . Nichts aber konnte den hochfahrenden Sinn der Prätorianer versöhnen. Sie geleiteten die Kaiser zwar an dem denkwürdigen Tag ihrer öffentlichen Rückkehr nach Rom; aber inmitten des allgemeinen Jubels machten ihre mürrisch-deprimierten Gesichtszüge hinreichend deutlich, dass sie sich eher als Gegenstand denn als Teilhaber des Triumphes ansahen. Als nun der Truppenkörper vollständig im Lager vereint war, tauschten die, die unter Maximinus gedient hatten, mit denen, die zu Hause geblieben waren, sich unauffällig über ihr Ungemach und ihre Besorgnisse aus. Die Kaiser, die die Armee gewählt hätte, seien in Schanden untergegangen; die, die der Senat bestimmt hätte, säßen gefestigt auf dem Throne Diese Feststellung hatte man, unklug denn doch, in die Senatsproklamation einfließen lassen, und den Soldaten musste sie wie eine vorsätzliche Beleidigung vorkommen. Historia Augusta, Maximus 12. . Der ewige Konflikt zwischen ziviler und militärischer Macht war nun durch einen Krieg entschieden, in welchem die erstgenannte einen vollständigen Sieg errungen habe. Die Soldaten müssten nun den neuen Lehrsatz vom Gehorsam gegenüber dem Senat erlernen; und welche Milde auch immer jene Versammlung vorgeben werde, es stehe dennoch eine spätere Rache zu befürchten, vertüncht mit dem Namen Disziplin und geheiligt durch achtbare Vorwände, etwa denen vom Wohle des großen Ganzen. Indessen: noch liege ihr Schicksal in ihrer eigenen Hand; und wenn sie es über sich brächten, die leeren Machtmittel der Republik gering zu schätzen, dann sei es auch einfach, die Welt davon zu überzeugen, dass diejenigen, die die Herren über die Waffen des Staates seien, auch die Herren des Staates selbst seien.   ERMORDUNG VON MAXIMUS UND BALBINUS Als der Senat die beiden Herrscher gewählt hatte, dürfte neben der erklärten Aufgabenteilung für Krieg und Frieden auch die geheime Absicht eine Rolle gespielt haben, durch Teilen die Herrschergelüste des obersten Magistrats zu dämpfen. Dieser Schachzug war zunächst wirksam, aber am Ende erwies er sich für die beiden Kaiser und den Senat als verhängnisvoll. Ihre Machtansprüche wurden infolge ihrer unterschiedlichen Charaktere bald zum Äußersten gereizt. Maximus verachtete Balbinus als einen opulenten Adligen und wurde dafür seinerseits von dem Kollegen als ordinärer Krieger eingestuft. Ihre schweigende Feindschaft war mehr zu erahnen als wirklich zu sehen »Discordiae tacitae et quae intelligerentur potius quam videtur.« Historia Augusta, Maximus 14. Diese geschliffene Formulierung ist wohl bei einem besseren gestohlen. ; aber die gegenseitige Abneigung hielt sie immerhin davon ab, sich gegen ihren gemeinsamen Feind im Prätorianerlager auf wirkungsvollen Maßnahmen zu einigen. – Die ganze Stadt war mit den Kapitolinischen Spielen beschäftigt, und die Kaiser waren nahezu alleine in ihrem Palast. Plötzlich wurden sie durch das Nahen einer zu allem entschlossenen Gruppe von Mördern aufgeschreckt. In Unkenntnis der Umstände und der Pläne des jeweils anderen – sie bewohnten mittlerweile weit voneinander getrennte Wohntrakte – unwillig, vom anderen Hilfe zu erhalten oder sie ihm zu leisten, vergeudeten sie wertvolle Zeit mit müßigen Debatten und gegenseitigen Beschuldigungen. Die Ankunft der Prätorianer beendete diesen sinnleeren Streit. Sie stürzten sich auf diese Kaiser von Senats wegen, denn so nannten sie sie mit bösartiger Verachtung, rissen ihnen die Gewänder herunter und trieben sie in billigem Triumph durch die Straßen Roms mit der erkennbaren Absicht, diesen glückverlassenen Herrschern einen langsamen und qualvollen Tod zuzufügen. Lediglich die Angst vor den treuergebenen Germanen aus der kaiserlichen Leibwache verkürzte ihr Leiden; und die Leichen der beiden, von tausend Wunden zermetzelt, überließen sie dem Hohn oder dem Mitleid des Volkes Herodian 8,8. .   SECHSKAISERJAHR 238A.D. – GORDIAN III WIRD KAISER Innerhalb weniger Monate waren nun sechs Herrscher durch das Schwert umgekommen. Gordian, der bereits den Cäsarentitel innehatte, war der einzige, der den Soldaten geeignet erschien, den vakanten Thron einzunehmen »quia non alius erat in praesenti.« (Weil kein anderer zur Hand war) sagt die Historia Augusta, Maximus 14. . Sie brachten ihn in ihr Lager und riefen ihn einstimmig zum Augustus und Imperator aus. Dem Senat und dem Volk war sein Name teuer; und dadurch, dass sich Rom und die Provinzen dem Willen der Soldaten unterwarfen, ersparte man sich, wenn auch zum Preis der eigenen Freiheit und Würde, den Schrecken eines neuen Bürgerkrieges im Herzen der Hauptstadt Quintus Curtius Rufus (10.9) macht dem Herrscher jener Tage ein artiges Kompliment, weil jener infolge seiner glückhaften Thronbesteigung soviele Feuerbrände erstickt, soviele Schwerter in die Scheide gesteckt und dem Übel einer geteilten Herrschaft ein Ende bereitet habe. Nach genauer Abwägung jedes Wortes dieser Passage komme ich zu dem Schluss, dass es zu der Wahl des Gordian besser passt als zu jedem anderen Ereignis der römischen Geschichte. Sollte dies zutreffen, könnte der Text auch helfen, die Lebenszeit des Curtius Rufus zu bestimmen. Diejenigen, die ihn unter den ersten Cäsaren leben lassen wollen, argumentieren mit seinem klaren Stil, sind aber überrascht, dass Quintilian ihn in seiner genauen Liste der römischen Historiographen nicht aufnimmt. . Da Gordian, der Dritte dieses Namens, zum Zeitpunkt seines Todes erst neunzehn Jahre alt war, würde die Geschichte seines Lebens, wäre sie denn genauer bekannt als sie es tatsächlich ist, wenig mehr enthalten als die Schilderung seiner Erziehung und die Taten seiner Minister, welche der Reihe nach die Arglosigkeit seiner unerfahrenen Jugend ausnutzten oder anleiteten. Unmittelbar nach seiner Thronbesteigung fiel er den Eunuchen seiner Mutter in die Hände, jenen verderblichen Schädlingen aus dem Orient, die sich seit den Tagen Elagabals im Palast eingenistet hatten. Durch raffinierte Ränke hatten diese Elenden einen undurchdringlichen Schleier zwischen den unschuldigen Prinzen und sein unterdrücktes Volk gezogen. Gordians mutiger Sinn ward überlistet und die Ehre des Reiches ohne sein Wissen, aber der Öffentlichkeit bemerklich, an die verworfensten unter den Menschen verkauft. Wir kennen die Glücksumstände nicht, durch welche der Kaiser aus dieser schandbaren Sklaverei entkam und von da an sein Vertrauen einem Minister schenkte, dessen umsichtige Ratschläge kein Ziel hatten außer dem Ruhm seines Herren und der Wohlfahrt des Volkes. Es scheint nun, dass Misitheus sich mit Liebe und Gelehrsamkeit dem Gordian wert und angenehm machte. Der junge Herrscher heiratete die Tochter seines Lehrmeisters und versah seinen Schwiegervater mit den höchsten Staatsämtern. Zwei erstaunliche Briefe der beiden sind auf uns gekommen; der Minister gratuliert Gordian mit überlegener Würde zu seiner Befreiung aus den Fesseln der Eunuchen Historia Augusta, Gordiane 24 und 25. Wegen diverser Andeutungen in den beiden Briefen möchte ich vermuten, dass die Eunuchen nicht ohne sanfte Gewalt aus dem Palast entfernt wurden und dass Gordian ihre Ausmusterung wo nicht betrieb, so doch auch nichts gegen sie einzuwenden hatte. , und besonders dafür, dass er sich dieser Erlösung bewusst ist. Der Kaiser seinerseits anerkennt die Fehler seines früheren Verhaltens und beklagt sich äußerst zutreffend über das elende Schicksal eines Monarchen, von dem die Wahrheit fernzuhalten eine käufliche Clique von Höflingen beständig bemüht ist »Duxit uxorem filiam Misithei, quem causa eloquentiae dignum parentela sua putavit; et praefectum statim fecit; post quod non puerile iam et contemptibile videbatur imperium«, Historia Augusta, Gordiane 23. – (Er nahm die Tochter des Misitheus zur Frau, den er wegen seine Beredsamkeit für würdig hielt, sein Verwandter zu werden; rasch machte er ihn zum Präfekten; woraufhin seine Regierungstätigkeit nicht so kindisch-verächtlich erschien.« .   MISITHEUS · ERMORDUNG DES GORDIAN Misitheus Leben war den Wissenschaften gewidmet, nicht dem Krieg; indessen war der biegsame Geist dieses großen Mannes so geartete, dass er, als er das Amt des Prätorianerpräfekten innehatte, die hier anfallenden militärischen Aufgaben mit Bravour und Befähigung löste. Die Perser waren in Mesopotamien eingefallen und belagerten Antiochia. Der junge Kaiser verließ auf Zureden seines Schwiegervaters den Luxus von Rom, öffnete – dies ist der letzte derartige Fall, den die Geschichte überliefert – den Janustempel und begab sich in Person nach Osten. Als er sich mit seiner gewaltigen Armee näherte, zogen die Perser die Garnisonen aus den bereits von ihnen eroberten Städten ab und marschierten vom Euphrat an den Tigris zurück. Gordian hatte das Vergnügen, dem Senat den ersten Erfolg seiner Waffen anzuzeigen, welchen er allerdings mit schicklicher Bescheidenheit der Umsicht seines Vaters und Präfekten zuschrieb. Während des ganzen Feldzuges hatte Misitheus ein Auge auf die Sicherheit und die Disziplin der Armee; während er zugleich ihrem gefährlichen Nörgeln dadurch vorbeugte, dass er das Lager zuverlässig versorgen und starke Vorräte von Essig, Speck, Stroh, Brotgetreide und Weizen in allen Grenzstädten anlegen ließ Historia Augusta, Gordiane 27; Aurelius Victor, Caesares 27; Porphyrius, Vita Plotini 3. Der Philosoph Plotinus begleitete die Armee, veranlasst durch seinen Wissensdurst und der Hoffnung, bis nach Indien zu gelangen. . Aber Gordians Glück ging mit Misitheus unter; er starb an der Ruhr, wobei ein äußerst starker Verdacht auf Vergiftung bestand. Philippus, sein Nachfolger in der Präfektur, war Araber von Geburt und folglich in jungen Jahren seines Gewerbes ein Wegelagerer gewesen. Sein Aufstieg aus so trüben Anfängen zu den höchsten Staatsämtern scheint indes zu beweisen, dass er ein kühner und befähigter Anführer war. Aber seine Kühnheit stiftete ihn lediglich an, nach dem Thron zu streben, und seine Befähigung setzte er ein, seinen nachsichtigen Herren abzulösen, nicht, ihm zu dienen. Die Gemüter der Soldaten wurden durch Lebensmittelknappheit beunruhigt, die er vorsätzlich im Lager herbeiführte; und die Ausweglosigkeit der Armee suchte und fand ihre Ursache in der Jugend und Unfähigkeit des Herrschers. Wir sind außerstande, das allmähliche Fortschreiten der geheimen Verschwörung und der offenen Auflehnung zu verfolgen, die zum Schluss tödlich für Gordian ausging. Ein Grabmonument wurde zu seinem Gedenken an der Stelle Etwa zwanzig Meilen von der Kleinstadt Circesium entfernt, an der Grenze der beiden Weltreiche. Eutropius 9,2 und 3. errichtet, an der er ermordet wurde, in der Nähe des Zusammenflusses des Euphrat mit dem Bach Aboras Die Inschrift, die ein sehr merkwürdiges Wortspiel enthält, wurde auf Anordnung von Licinius herausgemeißelt, welcher eine entfernte Verwandtschaft mit Gordian für sich beanspruchte; aber den tumulus oder Erdhügel über dem Grab gab es noch in der Zeit des Julian. Siehe Ammianus Marcellinus 23,5 . Der glücklichere Philippus, der durch die Stimmen der Soldaten an die Spitze des Imperiums gelangt war, fand bei Senat und in den Provinzen bereitwilligen Gehorsam Aurelius Victor; Eutropius 9,2; Orosius 7,20; Ammianus Marcellinus,23,5; Zosimos 1,19. Philippus, der aus Bostra stammte, war etwa vierzig Jahre alt. .   HERRSCHAFT DES PHILIPPUS · DIE SÄKULARFEIERN Wir können es uns nicht versagen, an dieser Stelle die glänzende, wiewohl etwas eigenwillige Darstellung einzufügen, in welcher ein bekannter Autor unserer Tage die römische Militärregierung nachgezeichnet hat. »Was sich damals Römisches Imperium nannte, war lediglich eine verunglückte Republik, ähnlich der Aristokratie Kann das Epitheton »Aristokratie« wirklich mit Fug auf die Regierungsform Algeriens angewandt werden? Jede Militärregierung schwankt doch zwischen absoluter Monarchie und ungebändigter Demokratie. in Algerien Die Militärrepublik der Mameluken in Ägypten hätte Herrn Montesquieu (Considerations sur la Grandeur et la Decadence des Romains, c. 16) einen treffenderen und angemesseneren Vergleich geliefert. , wo das Militär, das sich im Besitze des Souveräns befindet, Magistrate, Dey genannt, ein- und absetzt. Vielleicht hat sogar als allgemeine Regel zu gelten, dass eine Militärregierung in mancher Hinsicht eher einer Republik als einer Monarchie ähnelt. Zudem haben die Soldaten keineswegs nur durch das Mittel der Meuterei und der Auflehnung Teil an der Regierung. Die Reden, die die Kaiser an sie richten, sind sie denn nicht aufs Ganze gesehen dieselben, die ehedem Konsuln und Tribunen an das Volk hielten? Und wenn Armeen auch keine regulären Plätze und vorgegebenen Formen für ihre Versammlungen haben, – denn ihre Debatten sind kurzangebunden, ihr Handeln unvermittelt und ihre Beschlüsse selten die Frucht kühlen Nachdenkens – beeinflussen sie nicht dennoch in unumschränkter Form das öffentliche Wohl? Was war denn der Kaiser, wenn nicht der Diener eines Gewaltregimes, der für das private Wohlergehen der Soldaten zu sorgen hatte?« »Als die Armee Philippus zum Kaiser bestimmt hatte, welcher unter dem Dritten der Gordiane Prätorianerpräfekt gewesen war, bestand der letztgenannte darauf, alleiniger Kaiser zu bleiben; dies durchzusetzen war ihm unmöglich. Dann bot er an, dass die Macht zwischen beiden geteilt würde; die Armee hörte gar nicht hin. Er war mit einer Degradierung in den Rang eines Cäsar einverstanden; diese Gnade wurde ihm ausgeschlagen. Schließlich bettelte er darum, wenigstens zum Prätorianerpräfekt eingesetzt zu werden; seine Bitten blieben ungehört. Am Ende flehte er nur noch um sein Leben; in diesem Falle bildete die Armee die letzte Instanz.« Glaubt man dem Historiker, dessen unzuverlässige Darstellung Herr De Montesquieu aufgegriffen hat, war Philippus, der sich während der ganzen Verhandlung in mürrisches Schweigen gehüllt hatte, durchaus geneigt, seinem unschuldigen Wohltäter das Leben zu schenken; in der Erwägung aber, dass eben diese Unschuld in der Römischen Welt für gefährliche Unruhe sorgen könnte, ordnete er, ohne auf sein Flehen Acht zu haben, seine unverzügliche Hinrichtung an. Sofort wurde dieses unmenschliche Urteil vollstreckt Die Historia Augusta (Gordiane 30) ist in diesem Punkte weder mit sich selbst noch mit der Wahrscheinlichkeit in Einklang zu bringen. Wie hätte wohl Philippus seinen Vorgänger zum Tode verurteilen und gleichwohl sein Andenken durch eine Grabstele heiligen können? Wie hätte er seine öffentliche Hinrichtung anordnen und sich zugleich in seinen Briefen an den Senat von aller Schuld an seinem Tode freisprechen können? Philippus war zwar ein von Ehrgeiz zerfressener Thronräuber, aber auf keinen Fall ein schwachsinniger Tyrann. Tillemonts und Muratoris Scharfblick hat auch in dieser angeblichen Mitregentschaft des Philippus einige chronologische Ungenauigkeiten entdeckt. .   REGIERUNG DES PHILIPPUS Nach seiner Rückkehr aus dem Osten nach Rom ließ Philippus in dem Bestreben, die Erinnerung an sein Verbrechen auszulöschen und sich die Zuneigung des Volkes zu erheimsen, die Jahrhundertspiele mit ungemessenem Pomp und Aufwand abhalten. Seit ihrer Stiftung oder Neubegründung durch Augustus Die Darstellung der vermutlich letzten Feiern ist (obwohl sie in eine gut erforschte Geschichtsepoche fiel) derart zweifelhaft und ungenau, dass die Alternative dazu nicht mehr zweifelhaft ist. Als Bonifatius VIII die päpstlichen Jubel- oder Heiligen Jahre als eine Kopie der Säkularspiele ersann, gab dieser durchtriebene Papst vor, er erwecke lediglich eine antike Einrichtung zu neuem Leben. hatten Claudius, Domitian und Severus sie feiern lassen und wurden nun ein fünftes Mal aus Anlass der eintausendsten Wiederkehr des Jahres der Gründung Roms begangen.   SÄKULARSPIELE 21. APRIL 248 A.D. Alle Vorkehrungen dieser Säkularfeiern waren sorgfältig darauf berechnet, abergläubischen Gemütern tiefe und ernstempfundene Andacht einzuträufeln. Der lange Abstand Es waren entweder einhundert oder einhundertundzehn Jahre. Varro und Livius treten der erstgenannten Auffassung bei, aber die unfehlbare Autorität der Sibylle heiligt die letztgenannte. (Censorinus, de die natali 17). Die Kaiser Philip und Claudius behandelten das Orakel ohne den gehörigen Respekt. zwischen den Feiern überschritt die Dauer eines Menschenlebens; und so, wie keiner der Teilnehmer einer beigewohnt hatte, konnte sich auch keiner auf eine weitere Hoffnung machen. An den Tiberufern wurden drei Nächte lang mystische Opfer vollzogen; das Marsfeld erfüllte sich mit Musik und wurde mit ungezählten Lampen und Fackeln illuminiert; Sklaven und Fremde waren von der Teilnahme an diesen nationalen Festivitäten ausgeschlossen. Ein Chor von zweiundsiebzig Jungen und ebenso vielen Jungfrauen von Adel, deren beide Eltern noch am Leben sein mussten, erflehten die Gunst der Götter zum Wohle der gegenwärtigen und inskünftiger Generationen; baten mit religiösen Gesängen darum, dass sie, im Einklang mit altüberlieferten Orakeln, auch ferner noch das Glück und das Reich des Römischen Volkes bewahren und mehren möchten Die Idee der Säkularspiele erschließt sich am besten aus dem Gedicht des Horaz und der Beschreibung des Zosimos 2,5ff. . Der Glanz von Philippus' Darbietungen und Lustbarkeiten blendete die Menge. Die Andächtigen beschäftigten die Rituale des Aberglaubens, während die wenigen Nachdenkenden die Vergangenheit und das künftige Schicksal des Reiches in ängstlichen Gemütern bewegten.   DER VERFALL DES REICHES Seit Romulus mit ein paar Hirten und Landesflüchtigen sich auf den Hügeln in der Nähe des Tibers verschanzt hatte, waren insgesamt zehn Jahrhunderte Die anerkannte Berechnung des Varro legt die Gründung Roms auf einen Zeitpunkt, der mit dem 754. Jahr v. Chr. korrespondiert. Aber so ungewiss ist die Chronologie der frühen Römischen Jahre, dass etwa Sir Isaac Newton dasselbe Ereignis in das Jahr 627 v. Chr. verschob. vergangen. In den ersten vier hatte sich die Römer in der harten Schule der Armut die Künste des Krieges und des Regierens angeeignet. Durch energische Anwendung dieser Fähigkeiten und vom Glück begünstigt, hatten sie in den folgenden drei Jahrhunderten ihre uneingeschränkte Herrschaft über Europa, Asien und Afrika aufgerichtet. Die letzten drei Jahrhunderte waren im äußeren Wohlstand und innerem Niedergang dahin gegangen. Die Nation der Krieger, Magistrate und Gesetzgeber, die einst die fünfunddreißig Stämme des Römischen Volkes gebildet hatten, waren mittlerweile in der Masse der Menschheit aufgegangen und mit den Millionen unterwürfiger Provinzbewohnern vermengt, welche alle den Namen eines Römers besaßen, ohne den römischem Geist zu besitzen. Eine Söldnerarmee, rekrutiert aus den Untertanen und Barbaren der Grenzmarken, war die einzige Menschengruppe, die ihre Unabhängigkeit bewahrte und - missbrauchte. Durch ihre unter Getöse vollzogene Wahl waren ein Syrer, ein Gote und ein Araber auf den römischen Thron gelangt und mit unbegrenzter Gewalt ausgestattet, die sie über die Provinzen und das Land der Scipionen ausüben konnten. Die Grenzen des Römischen Imperiums erstreckten sich noch immer vom Ozean im Westen bis zum Tigris, vom Atlasgebirge bis zu Rhein und Donau. Für den arglosen Betrachter schien Philippus ein Monarch, der nicht weniger mächtig war als vordem Augustus oder Hadrian. Die äußere Form war nach wie vor dieselbe, aber Gesundheit und Kraft waren dahin. Fleiß und Tüchtigkeit des Volkes waren infolge langwährender Steuerbelastung zum Erliegen gekommen. Die Disziplin der Legionen, welche nach dem Erlöschen aller anderen Tugenden die letzte Stütze des Reiches geblieben war, war durch den Ehrgeiz der Herrscher korrumpiert oder infolge ihrer Schwäche erlahmt. Die Stabilität der Grenzen, die bis dahin durch Waffen und weniger durch Festungsanlagen gewährleistet wurde, war unmerklich unterwühlt worden; und die blühendsten Provinzen waren der Raubgier oder dem Ehrgeiz von Barbarenstämmen ausgesetzt, welchen nicht entgangen war, dass das Römische Imperium zur Rüste ging. VIII PERSIEN NACH DER WIEDERHERSTELLUNG DER MONARCHIE DURCH ARTAXERXES Jedesmal, wenn Tacitus sich die Darstellung einer erhebenden Episoden gönnt, wobei er dann von inneren Zuständen bei den Germanen oder Parthern berichtet, ist es ihm vorrangig darum zu tun, den Leser von dem gegenwärtigen Panorama des Verbrechens und allgemeinen Elends abzulenken. Seit der Herrschaft des Augustus bis in die Zeit des Alexander Severus hatte Rom nur zwei innere Feinde: die Tyrannen und die Soldaten. Und das Wohlergehen Roms stand nur in schwachem und entferntem Zusammenhang mit den Umwälzungen, die sich jenseits von Rhein oder Euphrat ereignen mochten. Als dann aber infolge der Militärdiktatur die Macht des Herrschers, die Gesetze des Senats und schließlich sogar die Disziplin in den Kasernen zu wilder Anarchie verkommen waren, da wagten es die Barbaren des Ostens und des Nordens, die die Grenzen schon lange umlauert hatten, die Provinzen des untergehenden Weltreiches anzugreifen. Ihre zunächst nur lästigen Überfälle wuchsen bald zu ernsthaften Invasionen aus, und nachdem man sich zunächst lange Zeit hindurch nur gegenseitig Schaden zugefügt hatte, konnten sich schließlich viele der siegreichen Eindringlinge erfolgreich auf römischen Boden festsetzen. Um von diesen bedeutenden Ereignissen genauere Kenntnis zu gewinnen, müssen wir uns eine vorläufigen Eindruck vom Charakter, der Stärke und den Absichten dieser Nationen zu gewinnen suchen, welche die Sache des Hannibal und Mithradates rächen sollten.   ARTAXERXES STELLT DIE PERSISCHE MONARCHIE WIEDER HER · 253 A.D. In den dunklen Läuften der Geschichte, als der Europa überdeckende Wald ein paar halbnomadischen Horden Zuflucht gewährte, lebten die Bewohner Asiens bereits in volksstarken Siedlungen und hatten große Staaten gegründet, welche die Heimat der Kunst, des Luxus und der Despotie werden sollten. Die Assyrer regierten den Orient Ein antiker Chronologe (Velleius Paterculus 1,6 führt ihn an) bemerkt, dass die Assyrer, Meder, Perser und Makedonier in Asien insgesamt eintausendneunhundertundfünfundneunzig Jahre herrschten, gerechnet von der Thronbesteigung des Ninus bis zur Niederlage des Antiochus durch die Römer. Da das letztgenannte Großereignis im Jahre 189 Jahr v. Chr. stattfand, kann man ersteres wohl in das Jahr 2184 derselben Ära legen. Die astronomischen Aufzeichnungen, die Alexander in Babylon vorfand, gehen sogar noch fünfzig Jahre weiter zurück. , bis irgendwann das Szepter eines Ninus und einer Semiramis ihren kraftlosen Nachfolgern aus der Hand fiel. Meder und Babylonier erbten ihre Machtstellung, bis beide in Persiens Monarchie aufgingen, deren Waffen sich nicht mit den engen Grenzen Asiens zufrieden geben konnten. Mit angeblich zwei Millionen Mann im Gefolge griff Xerxes, Nachfahre des Kyros, Griechenland an. Dreißigtausend Krieger reichten hin, um unter dem Kommando von Philipps Sohn Alexander – ihm vertrauten die Griechen ihren Ruhm und ihre Rache an – Persien zu unterwerfen. Die nachfolgenden Könige des Seleukidenhauses übernahmen die makedonische Herrschaft über den Osten und verloren sie wieder. Etwa zu der Zeit, als sie infolge eines schimpflichen Vertrages das Land diesseits des Taurusgebirges an die Römer abtreten mussten, wurden sie auch aus ihren Provinzen im oberen Asien vertrieben, und zwar durch die Parther, einem obskuren Volk skythischen Ursprungs. Die Großmacht der Parther, deren Reich sich von Indien bis an die Grenze Syriens erstreckte, wurde ihrerseits von Ardaschir (oder Artaxerxes) unterworfen; dieser war der Gründer einer neuen Dynastie, welche unter dem Namen der Sassaniden Persien beherrschte bis hin zum Einfall der mohammedanischen Araber. Dieses Großereignis, dessen fatale Auswirkungen auch die Römer bald zu spüren bekamen, fand statt im vierten Jahre der Regentschaft des Alexander Severus oder im zweihundertunddreiundfünfzigsten der christlichen Zeitrechnung Im fünfhundertundachtunddreißigsten Jahre der Ära der Seleukiden. Siehe Agathias 2,27. Dieser wichtige Vorgang – – so weit geht die orientalische Sorglosigkeit! – wird von Eutychius bis ins zehnte Regierungsjahr des Commodus verlegt und von Moses Chorene bis in die Regierungszeit des Philipp. Ammianus Marcellinus (23,6) hat sich so sklavisch an seine Quellen gehalten, welche in der Tat sehr zuverlässig sind, dass für ihn die Arsaciden in der Mitte des vierten Jahrhunderts immer noch auf dem Thron Persiens sitzen. . Artaxerxes hatte im Heer des letzten Partherkönigs Artaban mit viel Auszeichnung gefochten, und es scheint, dass die übliche Belohnung für herausragende Verdienste, nämlich königlicher Undank, ihn in das Exil und die Rebellion getrieben hat. Seine Herkunft ist zweifelhaft, und diese Zweifel gab seinen Feinden ebenso viel Veranlassung zur Nachrede wie seinen Anhängern zur Schmeichelei: glauben wir den ersten, so ist Artaxerxes die illegitime Frucht der Beziehung einer Lohgerbers-Gattin mit einem gewöhnlichen Soldaten Der Name des betrogenen Gerbers war Babec; der Soldat hieß Sassan; von ersterem leitete Artaxerxes den Beinamen Babegan ab, der zweite erhielten er und alle seine Nachkommen den Namen Sassaniden . . Für letztere ist er der Abkömmling eines Seitenzweiges der alten persischen Königsdynastie, nur hätten Zeitläufte und Ungemach seine Vorfahren in den einfachen Stand von Bürgersleuten zurückversetzt Siehe d'Herbelot unter ›Ardshir‹ in der Bibliotheque Orienthale. . Als ein direkter Erbe der Monarchie reklamierte er sein Recht am Thron und unterzog sich dem edlen Unternehmen, das persische Volk von der Unterdrückung zu befreien, unter der es fünfhundert Jahre lang seit dem Tode des Darius geseufzt hatte. Die Parther wurden in drei großen Schlachten besiegt. In der letzten wurde ihr König Artaban getötet, und der Geist der parthischen Nation war für immer gebrochen Cassius Dio, 80,3; Herodian 6,2; Abulpharagius, Historia Dynastiarium S. 80. . Artaxerxes Vorherrschaft wurde in einer großen Reichsversammlung feierlich anerkannt, welche zu Balch (Baktra) im Khorasan abgehalten wurde. Zwei jüngere Seitenlinien der Königsdynastie der Arsakiden lagen im Staub zwischen den dahingestreckt liegenden Satrapen. Ein dritter glaubte sich mehr dem vergangenen Ruhm als gegenwärtiger Notwendigkeit verpflichtet und versuchte sich mit zahlreichen Vasallen zu seinem Verwandten, dem König von Armenien, zurückzuziehen; indes fing ihn und seine kleine Armee die Wachsamkeit des Eroberers ab und tötete sie; dieser selbst griff beherzt nach der Doppelkrone und dem Titel König der Könige Siehe Moses von Choren, Historia Armeniaca, Buch 2, Kap 65-71. , dessen sich bis dahin sein Vorgänger erfreut hatten. Aber anstelle dass diese leeren Titel der Eitelkeit des Persers genüge getan hätten, erinnerten sie ihn vielmehr an seine Pflicht und entflammten in seiner Seele den Ehrgeiz, das Alte Reich und die Religion des Kyros in vollem Glanze wiederherzustellen.   REFORMATION DER RELIGION DER MAGIER I. Während der langen Knechtschaft Persiens unter dem Joch der Makedonier und Parther hatten die Nationen Europas und Asiens den jeweils anderen Aberglauben übernommen und verdorben. Die Arsakiden übten die Religion der Magier, zersetzten und verunreinigten sie aber durch allerlei Zutat und ausländische Götzenverehrung. Das Andenken an Zarathustra Die Herren Hyde und Prideaux, welche die alten persischen Legenden und ihre eigenen Konjekturen zu einer recht schlüssigen Geschichte verwoben haben, machen Zarathustra zu einem Zeitgenossen von Darius Hystaspis. Es genügt wohl der Hinweis auf die zeitgenössischen griechischen Autoren, welche übereinstimmend Zarathustras Ära viele hundert oder gar tausend Jahre vor ihrer eigenen ansetzen. Die scharfsinnige Kritik des Herrn Moyle erkannte und verfocht gegen seinen Onkel Dr. Prideux die Meinung, dass der persische Prophet in grauer Vorzeit gelebt habe. Siehe Moyle, Works, Bd.2. , den alten Propheten und Philosophen Persiens, war im Osten immer noch lebendig; aber der dunkle und geheimnisvolle Sprachduktus der Zend-Avesta Das alte Idiom nannte man das Zend. Die Sprache der Kommentatoren, die Pehlvi, ist zwar sehr viel moderner, wird aber seit langer Zeit ebenfalls nicht mehr unter die lebenden Sprachen gezählt. Diese Tatsache allein ist eine Gewähr für das hohe Alter der Schriften, welche Herr d'Anquetil nach Europa gebracht und in das Französische übersetzt hat. eröffnete ein ergiebiges Diskussionsforum für insgesamt siebzig Sekten, die die fundamentalen Glaubenssätze ihrer jeweiligen Religion in ganz verschiedener Weise darlegten und die dafür in ganz ähnlicher Weise verhöhnt wurden von der Masse der Ungläubigen, die die göttliche Sendung und die Wundertaten des Propheten einfach nicht wahrhaben wollten. Um nun die Götzenverehrer zu dämpfen, die Schismatiker neuerlich zu vereinigen und die Ungläubigen durch die unfehlbaren Festsetzungen eines allgemeinen Konzils zu widerlegen, lud der fromme Artaxerxes aus allen Teilen des Reiches die Magier zusammen. Diese Priester, die solange in Verachtung und Dunkelheit gedarbt hatten, gehorchten dieser Einladung mit Freuden; und am festgesetzten Tage erschienen ihrer achtzigtausend. Da aber die Debatten einer so unübersichtlichen Versammlung jedenfalls nicht durch die Stimme der Vernunft oder Kunstgriffe der Geschäftsordnung hätten gesteuert werden können, wurde diese Persische Synode schrittweise durch allerlei Tricksereien auf vierzigtausend, dann auf viertausend, auf vierhundert, auf vierzig und endlich auf sieben Magier verkleinert, deren Gottesgelahrtheit und Frömmigkeit sie vor allen anderen auszeichnete. Einer von diesen, Erdaviraph, ein jugendlicher und dennoch heiliger Prälat, erhielt aus der Hand seiner Brüder drei Becher eines schlafspendenden Weines. Er trank ihn und fiel augenblicklich in einen langen und tiefen Schlummer. Sobald er wieder erwacht war, berichtete er dem Könige und der gläubigen Menge von seiner Himmelfahrt und seinem innigen Wechselgespräch, dessen er mit der Gottheit gepflogen. Vor dieser übernatürlichen Gewissheit nun musste jeder Zweifel verstummen. Und so wurden Zarathustras Glaubensartikel mit aller Autorität ausgestattet und mit Genauigkeit niedergeschrieben Hyde, Veterum Prsarum religionis historia, Kap 21. . Eine kurzgefasste Darstellung dieses berühmten Glaubenssystemes wird uns helfen, die Natur des persischen Volkes darzustellen sowie ihre wichtigsten friedlichen wie kriegerischen Transaktionen mit dem römischen Staat besser zu verstehen Ich habe diese Darstellung in ihren Grundzügen der Zend-Awesta Herrn d'Antequil entnommen, während die der Saddah, dem Glaubensbuch der Feueranbeter, Dr. Hyde's Abhandlung verpflichtet ist. Es muss jedoch eingestanden werden, dass die vorsätzliche Dunkelheit des Propheten, der metaphernselige Stil des Ostens und die Vermittlung durch die fehlerhafte lateinische oder französische Fassung uns zu Irrtum und Häresie bei dieser Kurzdarstellung persischer Theologie verleitet haben kann. .   DIE RELIGION ZARATHUSTRAS Der große und grundlegende Glaubensartikel des Systems war die berühmte Doktrin von den zwei Prinzipien; ein kühner, wenn auch untauglicher Versuch der östlichen Philosophie, die Existenz von physischen und moralischen Übeln mit der Existenz eines gütigen Weltenschöpfers und -herrschers in Einklang zu bringen. Das erste und ursprüngliche Sein, in welchem oder durch welches das Universum existiert, wird in Zarathustras Schriften Unendliche Zeit genannt; diese unbegrenzte Substanz ist jedoch zugegebenermaßen eher eine metaphysische Abstraktion des Verstandes als ein reales Objekt, welches sich seiner Selbst bewusst oder moralisch vollkommen wäre. Ob nun durch Zufall oder infolge einer vorsätzlichen Handlung dieser Unendlichen Zeit, welche dem griechischen Chaos doch recht ähnlich sieht: Es bestehen seit Ewigkeiten zwei untergeordnete, aber handelnde Prinzipien, Ormusd und Ahriman, beide mit Schöpferkraft begabt, aber beide aufgrund ihrer unwandelbaren Natur nur dazu imstande, sie zu jeweils entgegengesetzten Absichten einzusetzen. Das gute Prinzip ist in ein ewiges Licht gehüllt, das böse liegt in ewiger Dunkelheit begraben. Die weise Güte von Ormusd befähigte den Menschen zur Tugend, und im Übermaß versah er dessen Heimstatt mit allem Zubehör des Glücks. Durch seine wachsame Voraussicht, durch die Bewegung der Planeten, durch die Folge der Jahreszeiten und das Klima blieb die Mischung der Elemente bewahrt. Ahrimans Bosheit hingegen hat schon lange das Ei des Ormusd durchbohrt, oder, anders gesagt, sie hat die Harmonie seiner Schöpfung beschädigt. Seit jenem fatalen Ereignis sind Gut und Böse in kleinsten Teilchen miteinander durchmischt und aufgestört, unter den wirksamsten Heilpflanzen erwachsen die tödlichsten Giftpflanzen; Überschwemmungen, Erdbeben und Feuersbrünste zeugen vom Streit der Natur; und des Menschen kleine Welt ist beständig von Laster und Elend heimgesucht. Und während der eine Teil der Menschheit in ihres höllischen Widersachers Banden liegt, hält der gläubige Perser seine Anbetung für seinen Freund und Beschützer Ormusd aufgespart und kämpft unter dessen Banner des Lichts, im festen Vertrauen darauf, dass er am Letzten Tage an Seinem Triumphe teilhaben wird. In jener entscheidenden Zeit wird der Gottheit erleuchtete Weisheit Sorge tragen, dass die Macht des Ormusd über die tobende Bösartigkeit seines Feindes obsiegen wird. Ahriman und sein Gefolge werden, entwaffnet und unterworfen, in ihre Urfinsternis zurücksinken; und das Gute wird den ewigen Frieden und die Harmonie des Universums sicherstellen Die modernen Parsen und in gewissem Umfang auch die Saddah erhöhen Ormusd zum ersten und allmächtigen Verursacher, während Ahriman nur ein untergeordneter, wiewohl aufsässiger Geist ist. Ihr Bedürfnis, den mohammedanischen Eroberern gefällig zu sein, hat wohl dazu beigetragen, ihr theologisches System an dieser Stelle zu überarbeiten. .   GOTTESDIENSTLICHE VEREHRUNG Die Theologie Zarathustras wurde von Fremden und von der großen Mehrheit seiner Bekenner nur dunkel erahnt; aber selbst die oberflächlichsten Beobachter waren von der kargen Schlichtheit der Persischen Religion verblüfft. »Dieses Volk,« so Herodot Herodot 1,131. Allerdings meint Herr Dr. Prideaux nicht ohne Grund, dass in der späteren Religion der Magier die Benutzung von Tempeln erlaubt war. , »will von Tempeln nichts wissen, nichts von Altären oder Statuen und es amüsiert sich über die Torheit derjenigen Nationen, welche die Götter mit menschlichen Eigenschaften versieht oder sie sogar von Menschen abstammen lässt. Die Spitzen der höchsten Berge dienen ihnen für ihre Opfer; die wichtigsten Praktiken der Verehrung sind Hymnen und Gebete; an die oberste Gottheit, welche das ganze Himmelsrund erfüllt, sind sie gerichtet.« Und mit der rechten Glaubensgewissheit des Polytheisten beschuldigt er sie, die Erde, das Feuer, die Winde und Sonne und Mond zu verehren. Aber die Perser haben diesen Vorwurf stets zurückgewiesen und das missverständliche Verhalten so weit erklärt, dass es den Anschein von Plausibilität erhielt: Die Elemente, insbesondere Feuer, Licht und Sonne, die sie Mithra nannten, waren Gegenstand ihrer religiösen Verehrung, da sie in ihnen die reinsten Symbole, die edelsten Hervorbringungen sowie die mächtigsten Verbündeten der göttlichen Allmacht und Natur sahen Hyde, Historia, Kap 8. Trotz aller ihrer Abgrenzungsversuche und Proteste, die aufrichtig genug zu sein scheinen, haben ihre Unterdrücker, die Mohammedaner, sie als abergläubige Feueranbeter stigmatisiert. .   MORALVORSCHRIFTEN · ERMUTIGUNG ZUM ACKERBAU In jeder Art von Religion muss, damit sie im Menschengemüt einen tiefen und bleibenden Eindruck hinterlässt, eine Übung für unseren Gehorsam enthalten sein, etwa indem sie eindringlich zu Verehrungspraktiken mahnt, für die es eigentlich keinen Verstandesgrund gibt; und sie muss unsere Zustimmung erringen, indem sie uns moralische Pflichten auferlegt, die uns auch die Stimme unseres eigenen Herzens diktiert. Mit dem Ersteren war die Religion Zarathustras übervoll und auch von Letzterem besaß sie einen hinreichenden Vorrat. In der Pubertät wurde dem gläubigen Perser zum Zeichen des göttlichen Schutzes ein geheimnisvoller Gürtel angelegt. Und von nun an war jedes Tun, sei es das alltäglichste oder das allernotwendigste, geheiligt durch spezielle Gebete, fromme Seufzer oder Kniebeugen; ihre Unterlassung war eine schwerwiegende Sünde, die nicht weniger schwer wog wie eine Verletzung moralischer Pflichten. Diese moralische Verpflichtung zur Gerechtigkeit, Güte, Mildtätigkeit usw. wurden jedoch von den Bekennern Zarathustras erwartet, wenn sie den Nachstellungen Ahrimans entkommen und mit Ormusd einst in paradiesischer Ewigkeit leben wollten, dort, wo die Fülle der Glückseligkeit streng dem Umfang früherer Tugend und Frömmigkeit entsprechen wird Vgl. dazu den Saddah, deren kleinster Teil sich mit Moralvorschriften aufhält. Die auferlegten Zeremonien sind unendlich viele und unendlich nebensächlich. Fünfzehn Arten des Kniee-Beugens, des Betens \&c werden verlangt, wann immer der fromme Perser seine Nägel schneidet, wässert oder sich den heiligen Gürtel anlegt. Sadder, Art. 14,50 und 60 . Allerdings gibt es auch einige bemerkenswerte Beispiele dafür, dass Zarathustra die Rolle des Propheten ablegt, anstelle dessen den Gesetzgeber hervorkehrt und dabei für die private und öffentliche Wohlfahrt ein feines Gespür entwickelt, wie man es unter den teils staubschluckenden, teils visionären Programmen des Aberglaubens nur selten anfindet. Die üblichen Maßnahmen zu Erringung göttlichen Wohlwollens, das Fasten und die Ehelosigkeit, verurteilt er mit Entschiedenheit, da sie nichts anderes seien als eine strafwürdige Zurückweisung der schönsten Geschenke der Vorsehung. In der Religion der Magier ist der Heilige verpflichtet, Kinder zu zeugen, Nutzbäume zu pflanzen, schädliche Tiere zu bekämpfen, die trocknen Lande Persiens zu bewässern und sich sein Heil vermittels harter Landarbeit zu erringen. Wir wollen hier aus der Zend-Awesta eine weise und segensreiche Maxime zitieren, die für zahlreiche Absurditäten entschädigt: »Welcher den Boden mit Liebe und Sorgfalt pflegt, hat sich mehr an religiösen Verdiensten erworben, denn er es durch zehntausend Gebete getan hätte Zend-Avesta, Bd. 1, S. 224, und den ›Précis du système de Zoroastre‹ im Bd. 3. .« In jedem Frühjahr wurde ein Fest gefeiert, in welchem die archaische Gleichheit aller Menschen ihren heutigen Verhältnissen gegenübergestellt wurde. Persiens würdebeladene Könige tauschten ihren hohlen Prunk mit echter Größe und mischten sich ungezwungen unter die niedrigsten, wenn auch nützlichsten ihrer Untertanen. An jenem Tage war unterschiedslos alles Landvolk an der Tafel des Königs oder seiner Satrapen willkommen. Der Monarch nahm ihre Bittschriften entgegen, untersuchte ihre Beschwernisse und verkehrte mit ihnen auf vertrautestem Fuße. »Aus Eurer Arbeit«, pflegte er zu sagen (und er sagte es wahrheitsgemäß, ja aufrichtig) »aus Eurer Arbeit erhalten Wir Hilfeleistung; den Frieden nun, der Euch wird, habt Ihr Unserer Wachsamkeit zu danken; so sind Wir Uns gegenseitig nützlich, und so lasst Uns in Eintracht und Liebe wie Brüder zusammenleben Hyde, Historia, Kap 19. .« In einem wohlhabenden Reich mit despotischer Regierung muss ein solches Fest allmählich zu einem Staatstheater verkommen; aber diese Komödie hatte ein königliches Publikum dennoch verdient und dürfte auf das Gemüt manches jungen Prinzen einen heilsamen Einfluss ausgeübt haben.   MACHT DER PRIESTERKASTE Hätte Zarathustra allen seinen Maßregeln solche Bedeutung verliehen, so stände sein Name in einer Reihe mit Numa oder Konfuzius, und sein System hätte sich mit gutem Recht den Beifall verdient, den zu spenden einige unserer Theologen und sogar Philosophen auch heute noch geneigt sind. Aber in dieser buntscheckigen Verfassung, die von Verstand und Leidenschaft, Begeisterung und Selbstsucht eingegeben war, wurden einige fruchtbringende und tiefe Wahrheiten durch den abwegigsten und gefährlichsten Aberglauben entwertet. Die Magier, die eigentliche Priesterkaste, war äußerst zahlreich, da sich, wie wir bereits gesehen haben, achtzigtausend von ihnen auf einem allgemeinen Konzil einfinden konnten. Ihre Macht wurde durch religiöse Strenge noch gemehrt. Eine straffe Hierarchie war über alle persischen Provinzen verbreitet; und der Erzmagier, der zu Balsra residierte, wurde als das eigentliche Kirchen-Oberhaupt und Zarathustras rechtmäßiger Nachfolger angesehen Hyde, de Religione Persarum, c.28. Hyde wie auch Prideux gefällt es, die Magier mit Bezeichnungen zu versehen, welche der christlichen Hierarchie heilig ist. . Die Reichtümer der Magier waren beachtlich. Neben einem beträchtlichen Besitz des fruchtbarsten medischen Landes Ammianus Marcellinus berichtet uns (23,6), soweit wir ihm denn glauben dürfen, von zwei bemerkenswerten Einzelheiten: 1, dass die Magier einige ihrer allergeheimsten Glaubenssätze von den indischen Brahmanen entlehnt hätten und dass 2. sie sich nicht nur als Zunft, sondern als eine Art Stamm oder Familie ansahen. – dies war noch der unverdächtigste ihrer Besitztümer – belegten sie zusätzlich noch das Vermögen und den Gewerbefleiß der Perser Diese Gotteserfindung des Zehnten ist ein einzigartiges Beispiel für die Übereinstimmung zwischen den Gesetzen Zarathustras und den Mosaischen Vorschriften. Wer anders sich dies nicht zu erklären vermag, kann ja die Mutmaßung hegen, dass die Magier der Spätzeit eine derart nützliche Zutat in die Texte ihres Propheten eingefügt haben. mit einer allgemeinen Steuer. »Wenn auch Eure guten Werke«, so der Prophet nicht ohne Eigeninteresse, »zahlreicher wären als die Blätter an den Bäumen, die Tropfen des Regens oder der Sand am Meer, so müssen sie doch alle vergebens sein, es hätte sie denn Euer Priester vorher gutgeheißen. Um nun die Gutheißung dieses Eures Führers zum Heile zu erlangen, so müsst Ihr ihm getreulich den Zehnten geben von Eurem Gut, Eurem Land, Eurem Geld und allem, was Euer ist. Ist's der Priester nun zufrieden, so wird Eure Seele den Qualen der Höllen entkommen; Ruhm in dieser Welt und Glückseligkeit in der nächsten sind Euer. Denn die Priester sind die Lehrer; alles wissen sie und erlösen die Menschheit Sadder, Artikel 8. .« Diese wohlersonnenen Vorschriften für Ritus und Glaubenspraxis wurden ohne Zweifel bereits in die empfänglichen Seelen der Jugend eingeprägt; denn in Persien waren die eigentlichen Erzieher die Magier, und sogar die Kinder der königlichen Familie wurden ihnen anvertraut Platon, Alkibiades 37. . Die metaphysisch hochbegabten Priester der Perser bewahrten und durchforschten die Philosophie des Orients und standen folglich in dem Rufe, sei es infolge höheren Gelehrsamkeit oder höherer Durchtriebenheit, in den okkulten Wissenschaften wohlbewandert zu sein, was übrigens zu der Bezeichnung der Magier Plinius (Naturalis Historia 30,1) stellt fest, dass die Magie die Menschen mit der dreifachen Fessel aus Religion, Physik und Astronomie ankette. führte. Diese Priester mischten sich in ihrer Betriebsamkeit unter die Welt der Höfe und Städte; und es bleibt festzuhalten, dass die Regierungstätigkeit des Artaxerxes in großem Umfange gesteuert wurde durch den beratenden Beistand des Priesterstandes, dem dieser Herrscher aus Gründen der Politik oder der Verehrung zu seinem früheren hohen Ansehen zurück verhalf Agathias, 4,24. . Der erste Ratschlag der Magier passte denn auch zu ihrer elitären Selbsteinschätzung Herr Hume bemerkt in seiner »Naturgeschichte der Religionen« voll Weisheit, dass die reinsten und philosophischsten Sekten zuverlässig auch die intolerantesten sind. , zu der Regierungspraxis der frühen Könige Cicero, de legibus, 2,10. Xerxes hatte auf Anraten der Magier die griechischen Tempel zerstört. und sogar zum Vorbild ihres Stifters, welcher Opfer eines Religionskrieges wurde, den sein eigener intoleranter Eifer veranlasst hatte: Hyde, Historia, Kap 23 und 24. D'Herbelot in der Bibliothèque Orientale unter ›Zerdusht‹. Die Biographie Zoroasters in Bd. 2 der Zend-Avesta. durch ein Edikt des Artaxerxes wurde jede Religionsausübung mit Ausnahme der des Zarathustra strengstens verboten. Die Tempel der Parther und die Statuen ihrer vergöttlichten Herrscher sanken schmachvoll in den Staub Vgl. Moses von Choren, Historia Armeniaca, Buch 2, c.74 mit Ammianus Marcellinus 23,6. Im Folgenden greife ich auf diese Stellen zurück. . Das Schwert des Aristoteles (denn diese Bezeichnung verliehen die Orientalen dem Polytheismus und der Philosophie der Griechen) wurde mit leichter Hand zerbrochen Rabbi Abraham im ›Tarich‹, ed. Schickard, p. 108 f. ; das Feuer der Verfolgung erreichte bald die weniger elastischen Juden und Christen Der schmachvoll zu Tode gekommene Manes wird von den Magiern wie von den Christen als Ketzer angesehen. ; auch schreckten sie nicht vor den Häretikern ihrer eigenen Nation und Religion zurück. Ormusd' Majestät, die eifersüchtig war gegen jeden Rivalen, hatte in dem Despotismus des Artaxerxes eine tatkräftige Hilfe, der Rebellen ebenfalls nicht litt; und bald waren die Schismatiker innerhalb des Riesenreiches auf vernachlässigbare achtzigtausend Personen zusammengeschrumpft Hyde, Historia, c. 21. . Dieser Geist der Verfolgung wirft Schatten auf die Religion des Zarathustra; da er aber keinen allgemeinen Aufruhr hervorrief, diente er am Ende, die neue Monarchie zu festigen und Persiens Völkervielfalt zu einigen unter dem Banner eines gemeinsamen religiösen Bekenntnisses.   VERWALTUNG DES PERSERREICHES · GEOGRAPHISCHES II. Artaxerxes hatte durch Mut und Umsicht das Szepter des Ostens der alten parthischen Dynastie entwunden. Übrig blieb das weitaus schwierigere Unterfangen, das riesige persische Land mit einer einheitlichen und effektiven Verwaltung zu versehen. Die parthischen Arsakiden hatten mit mattem Desinteresse ihren Brüdern und Söhnen die wichtigsten Provinzen und höchsten Ämter ihres Reiches wie eine Art Erbbesitz abgetreten. Die vitaxae oder achtzehn mächtigsten Satrapen durften den Königstitel führen, und des Monarchen hohles Selbstbewusstsein war mit der nominellen Oberherrschaft über so viele Königsvasallen zufriedengestellt. Doch selbst die Barbarenstämme in den Bergen und die griechischen Sie waren äußerst zahlreich; Seleucus Nicator gründete allein neununddreißig, die alle nach ihm oder einiger seiner Verwandten benannt waren. Die seleucidische Ära (unter den Christen des Orients immer noch im Gebrauch) erscheint noch im Jahre 508 (entsprechend 196 der Christlichen Ära) auf den Medaillen der griechischen Städte innerhalb des Partherreiches. Siehe Moyle, Works, Bd. 1, p. 273ff. und M. Fréret in den Mémoires de l'Académie des Inscriptions et Belles-Lettres, Bd. 19. Städte im oberen Asien anerkannten nur bedingt und gehorchten nur selten irgendeiner Suprematie; und so bot das Partherreich, wenn auch unter anderem Namen, das lebendiges Bild einer Feudalherrschaft Die modernen Perser bezeichnen diese Periode gern als die Dynastie der »Könige der Völker«. Plinius, Nat. Hist. 6.25. , welche später in Europa vorherrschte. Der Sieger indessen, voll Tatendrang und an der Spitze einer starken und gut ausgebildeten Armee, besuchte jede persische Provinz in Person. Die Unterwerfung seiner ärgsten Feinde, das Schleifen ihrer Festungsanlagen Eutychus (Contextio, Bd. 1, p. 367, 371,375) berichtet von der Belagerung der Tigris-Insel Mesene, bei der einige Umstände an die Geschichte von Nisus und Scylla erinnern. machte seinen Namen furchtbar und ebnete der friedlichen Anerkennung seiner Oberhoheit den Weg. Für einige Stammeshäuptlinge erwies sich ihr hartnäckiger Widerstand als fatal; aber ihre Nachfolger wurden mit Milde behandelt Agathias, 2,26. Die Herrscher von Segestan verteidigten ihre Unabhängigkeit über viele Jahre. Da romanhafte Geschichten im Allgemeinen Ereignisse der Gegenwart in die Vergangenheit transportieren, ist nicht auszuschließen, dass die Sage von Ruskan, Prinz von Segestan, dieser wahren Begebenheit aufgestülpt worden ist. . Eine bereitwillige Unterwerfung wurde mit Ehrenstellungen und Reichtümern belohnt; aber der staatskluge Artaxerxes, der nicht leiden mochte, das neben ihm irgendjemand den Königstitel trug, schaffte jede vermittelnde Stellung zwischen dem Thron und seinem Volke ab. Sein Königreich, dessen Größe etwa dem modernen Persien gleichkam, war von allen Seiten vom Meer oder großen Strömen umgeben: vom Euphrat, Tigris, Araxes, Oxus und Indus; durch das Kaspische Meer und den Persergolf Die Küste von Gedrosia oder Makran (am Indischen Ozean von Kap Jask, Vorgebirge Capella) bis Kap Goadel kann dem Persischen Reich wohl nicht zugezählt werden. Zur Zeit Alexanders und vermutlich noch lange Zeit danach war es nur durch ein wildes Volk von Ichtyophagen – Fischessern – bewohnt, die durchaus keinen Herren über sich anerkannten und die durch lebensfeindliche Wüsten von aller Welt abgetrennt waren (s. Arrian, Indika 26). Im zwölften Jahrhundert war die Kleinstadt Taiz (Herr d'Anville mutmaßt in ihr die Stadt Tesa des Ptolemäus) bewohnt und durch Arabische Kaufleute wohlhabend (s. Geographia nubensis, S.58 und d'Anville, Geographie ancienne, Bd. 2, p.283). In den letzten Jahrhunderten wurde das ganze Land unter drei Herrschern aufgeteilt, einem Mohammedaner und zwei Götzenverehrern, welche jeweils ihre Unabhängigkeit bewahrten. (Tavernier, Six Voyages, Teil 1, Buch 5, p. 635). . Im letzten Jahrhundert, so wurde berechnet, gab es in dem Land fünfhundertundvierundfünfzig Städte, sechstausend Dörfer und etwa vierzig Millionen Einwohner Chardin, Voyages en Perse, Bd. 3, Kap. 1-3. . Vergleichen wir die Verwaltung des Sassan mit der des Sedi, den politischen Einfluss der Religion der Magier mit der Mohammeds, so werden wir folgern können, dass das Königreich des Artaxerxes sehr viele Städte, Dörfer und Einwohner gehabt haben muss. Ebenso muss aber zugegeben werden, dass der Mangel an Hafenplätzen und der Mangel an Frischwasser im Binnenland sich zu allen Zeiten nachteilig auf Handel und Landwirtschaft Persiens ausgewirkt haben; während sie bei der Berechnung ihrer Einwohnerzahl sich des niedersten, wenn auch beliebtesten Kunstgriffs im Dienste nationaler Eitelkeiten bedient haben.   SELEUKIA UND KTESIPHON · RÖMERKRIEGE Sobald Artaxerxes' ambitionierter Sinn über den Widerstand seiner Vasallen obsiegt hatte, begann er den Nachbarstaaten furchtbar zu werden, die ihrerseits während des langen Schlummers seiner Vorgänger Persien ungestraft gekränkt hatten. Über die wilden Skythen und die verweichlichten Inder gelangen ihm einige leichte Siege; die Römer indessen verlangten infolge ihrer früheren Schmach und ihrer gegenwärtigen Machtposition seinen Waffen die äußerste Anstrengung ab. Auf die Siege Trajans folgte eine vierzigjährige Friedenszeit, die das Ergebnis von Mut und Maß war. In der Zeit zwischen Mark Aurels Thronbesteigung und der Herrschaft von Alexander Severus waren Römer und Parther zweimal in Kriege verwickelt gewesen; und obgleich die versammelte Macht der Arsaciden es immer nur mit einem geringen Teil der Römischen Macht zu tun hatte, gingen letztere fast immer mit Vorteil aus den Auseinandersetzungen hervor. Macrinus jedoch, veranlasst durch seine heikle Stellung und sein bängliches Gemüt, erfeilschte einen Frieden zum Preise von zwei Millionen unserer Währung Cassius Dio, 28,27. . Die Generäle des Mark Aurel, der Kaiser Severus und sein Sohn errichteten in Armenien, Mesopotamien und Assyrien mancherlei Siegeszeichen. Die Schilderung ihrer Taten, die ohnehin unvollständig bleiben muss und die die wichtigeren Berichte von den heimischen Aufständen in unpassender Weise stören würde, soll beschränkt bleiben auf die wiederholten Katastrophen der beiden Großstädte Seleukia und Ktesiphon. Seleukia, am Westufer des Tigris etwa fünfundvierzig Meilen nördlich des alten Babylon gelegen, war die Hauptstadt der makedonischen Eroberungen im Oberen Asien Zur exakten Lage der – oft miteinander verwechselten – Städte Babylon, Seleukia, Ktesiphon, Modein Bagdad siehe die vorzügliche geographische Abhandlung von Herrn d'Anville in den Mémoires de l'Académie des Inscriptions, Bd. 30 . Noch viele Jahre nach dem Untergang dieses Reiches hatte Seleukia die naturgegebenen Charakterzüge einer griechischen Kolonie beibehalten – Künste, militärische Stärke und Freiheitsliebe. Die Regierung dieser unabhängigen Republik bestand aus einem Senat von dreihundert Adligen; das Volk bemaß sich auf sechshunderttausend Einwohner; die Stadtmauern waren wohlbefestigt, und solange Eintracht in den verschiedenen Ständen obwaltete, konnte man mit Verachtung auf die Stärke der Parther herabblicken; aber zuweilen fühlte sich die Blindwütigkeit von Faktionen bestimmt, die bedenkliche Hilfe des gemeinsamen Feindes zu erbitten, der dann fast vor den Toren der Stadt seine Stellung bezog Tacitus, Annalen 6,42 und Plinius, Naturalis Historia 6,26. . Die Könige der Parther gefielen sich – vergleichbar hierin den Moguln von Hindustan – in dem Nomadenleben ihrer skythischen Vorfahren; und so wurde das königliche Lager immer mal wieder auf der Ebene von Ktesiphon am Ostufer des Tigris aufgeschlagen, nicht mehr als drei Meilen von Seleukia entfernt Dies kann man aus Strabo, 16,p.743 schließen. . In ungemessener Zahl fanden sich die ein, die immer im Gefolge des Luxus und der unbeschränkten Macht sich einfinden, und das kleine Dorf Ktesiphon ward zu einer großen Stadt Jener wissbegierige Reisende Bernier (s. Histoire générale des voyages, Bd. 10), welcher dem Feldlager des Aurungzebe von Delhi nach Kaschmir folgte, beschreibt mit Genauigkeit diese gigantische wandernde Stadt. Die Wache zu Pferde bestand aus 35.000 Mann, die Infanterie aus 10.000. Man hat geschätzt, dass im Lager 150.000 Pferde, Maultiere und Elefanten waren, ferner 50.000 Kamele, 50.000 Ochsen und 3 – 400.000 Menschen. Fast das ganze Delhi folgte dem Hof, dessen Prachtentfaltung ihren Gewerbefleiß förderlich war. . Unter der Herrschaft des Mark Aurel drangen die römischen Generäle bis nach Ktesiphon und Seleukia vor. Von den griechischen Kolonisten wurden sie als Freunde empfangen; als Feinde griffen sie den Sitz der Partherkönige an. Indessen widerfuhr beiden Städten gleiche Behandlung. Die Plünderung und Verbrennung von Seleukia verdunkelte, zusammen mit dem Massenmord an dreihunderttausend Einwohnern, den römischen Sieg Quadratus versucht die Römer zu rehabilitieren durch die Behauptung, dass Seleukias Bürger zuerst die Feindseligkeiten eröffnet hätten. . Seleukia, das durch die Nähe einer zu mächtigen Nebenbuhlerin bereits entkräftet war, erholte sich niemals wieder; aber Ktesiphon war nach dreiunddreißig Jahren wieder soweit zu Kräften gekommen, dass es eine ausführliche Belagerung durch Kaiser Severus aushalten konnte. Die Stadt wurde zwar im Sturm genommen; der König, der an der Verteidigung in Person teilgenommen hatte, floh Hals über Kopf; einhunderttausend Gefangene und üppige Beute wurden den römischen Soldaten für ihre Mühen zur Belohnung Cassius Dio 75,9; Herodian 3,9; Historia Augusta, Severus 16. . Aber trotz dieser Katastrophen blieb Ktesiphon nach Babylon und Seleukia eine der großen Hauptstädte des Orients. Im Sommer genoss der König der Perser zu Ekbatana die erfrischenden Lüfte von Mediens Bergen, und im Winter bestimmte ihn das milde Klima, in Ktesiphon seine Residenz zu nehmen.   EROBERUNG VON OSRHOENE DURCH DIE RÖMER Aus diesen militärisch erfolgreichen Expeditionen zogen die Römer keinen wirklichen oder dauerhaften Gewinn; sie versuchten eigentlich auch gar nicht, diese entlegenen Eroberungen abzusichern, die von den anderen Provinzen des Reiches durch einen breiten Wüstengürtel geschieden waren. Die Unterwerfung des Königreiches Osrhoene war noch unbedeutender, brachte aber einen handfesten strategischen Vorteil mit sich. Dieser Kleinstaat zwischen Euphrat und Tigris besaß den nördlichsten und fruchtbarsten Teil von Mesopotamien. Seine Hauptstadt Edessa lag etwa zwanzig Meilen jenseits des erstgenannten Flusses, und seine Einwohner waren seit der Ära Alexanders des Großen eine Mischrasse aus Griechen, Arabern, Syrern und Armeniern Die Einwohner Antiochias, die sich kultiviert nannten, bezeichneten die von Edessa als Halbbarbaren. Es zeichnete sie jedoch aus, dass von den drei syrischen Dialekten der reinste (das Aramäische) in Edessa gesprochen wurde. Diese Anmerkung hat Herr Bayer (Historia Osrhoena et Edessana, p. 5) von Georgios v. Malatia, einem syrischen Autoren übernommen. . Die ohnmächtigen Herrscher von Osrhoene, die sich beständig durch die unmittelbare Nachbarschaft zu zwei Weltmächten bedroht fühlten, waren der Sache der Parther aus Herzensneigung zugetan; aber Roms drückende Übermacht zwang ihnen eine widerwillige Huldigung ab, was noch heute an ihren Medaillen abzulesen ist. Nach Abschluss des Partherkrieges unter Marc Aurel hielt man weislich dafür, sich ihre schwankende Treue durch handgreifliche Maßnahmen zu sichern. An verschiedenen Stellen des Landes wurden Festen erbaut, und in die starke Stadt Nisibis legte man eine römische Garnison. In den Zeiten der Unruhen, die dem Tode des Commodus folgten, versuchten die Herrscher von Osrhoene durchaus, das römische Joch abzuwerfen; aber Severus' Politik des Durchgreifens brachte sie in neuerliche Abhängigkeit, und die Tücke des Caracalla vollendete diese leichte Eroberung Cassius Dio 75, 1-3. Bayer hat es unterlassen, diese sehr wichtige Stelle auszuschöpfen. . Der letzte Herrscher von Edessa, Abgarus, wurde in Ketten nach Rom gebracht und sein Land zu einer Provinz ernannt; seine Hauptstadt erhielt den Status einer Kolonie; und so erwarben sich die Römer zehn Jahre vor dem Untergang des Partherreiches einen festen und dauernden Vorposten jenseits des Euphrat Dieses Königreich hatte eine Lebensdauer seit seiner Begründung durch Osrhoes, der ihm auch seinen Namen verlieh, bis zu seinem letzten Herrscher Abgarus von insgesamt 353 Jahre. Siehe das kundige Werk von Bayer, Historia Osrhoena. .   PERSISCH-RÖMISCHER KRIEG Mit Staatsklugheit und allenfalls Ruhmsucht hätte man den anschließenden Krieg des Artaxerxes rechtfertigen können, hätte er sich denn mit der Verteidigung oder Glättung einer Grenzlinie begnügt. Indessen verkündete der Perserkönig in aller Öffentlichkeit weitaus ehrgeizigere und ausgreifendere Eroberungsabsichten; auch meinte er, dass seinen hochfliegenden Plänen die Waffen der Vernunft ebenso zur Seite ständen wie die Waffen seiner Armee. Kyros, so seine Argumentation, habe als erster Asien in seiner Gesamtheit von der Propontis bis zur Ägeis unterworfen, und dessen Thronnachfolger hätten diesen Besitz für lange Zeit innegehabt; Karien und Ionien seien unter ihrer Herrschaft von persischen Satrapen verwaltet worden, und ebenso hätte sich Ägypten bis zur äthiopischen Grenze ihrer Herrschaft gebeugt Xenophon entwirft in der Einleitung zu seiner Kyropädia ein klares und großangelegtes Bild vom Umfang des Kyros-Reiches. Herodot verliert sich in eine detailfreudige Beschreibung der zwanzig großen Satrapien, in welche Darios Hystaspis das Perserreich unterteilt hatte. . Infolge eines lange zurückliegenden Raubkrieges seien ihre Rechte ausgesetzt, aber keineswegs aufgehoben worden; und da er nun das Diadem Persiens trage – seine Geburt und sein siegreicher Mut hätten ihm dazu verholfen – bestände die erste große Pflicht, zu der ihn diese Stellung berufe, darin, die alten Grenzen und den alten Glanz der Monarchie wiederherzustellen. Der Großkönig wies deshalb alle Römer an (dies war tatsächlich der hochfahrende Ton seiner Botschaft an Kaiser Alexander Severus), ohne Verzug alle Provinzen seiner Vorfahren zu räumen und, nachdem sie den Persern Asien zurückgegeben hätten, sich selbst mit dem behaglichen Besitze Europas zufriedenzugeben, welchen Besitz ihnen auch niemand streitig machen wolle. Vierhundert der kräftigsten und schönsten Perser überbrachten diese übermütige Botschaft; auf ihren prächtigen Pferden, mit ihren glänzenden Waffen und ihrem reichhaltigen Schmuck vermittelten sie einen Eindruck vom Selbstvertrauen und von der Macht ihres Herren Herodian, 6,2 und 4. . Allerdings war diese Botschaft, derart vorgebracht, nicht so sehr ein Verhandlungsangebot als vielmehr eine Kriegserklärung. Beide, Ardaschir und Alexander Severus, sammelten die Armeen ihrer Reiche und entschlossen sich, in diesem hochwichtigen Kriege ihre Truppenmacht persönlich anzuführen. Wenn wir dem glauben dürfen, was uns von allen Aufzeichnungen noch die glaubwürdigste zu sein scheint, (es ist dies eine erhaltene Rede, die der Kaiser persönlich an den Senat abgefasst hat), so müssen die Siege des Alexander Severus nicht weniger bedeutend gewesen sein wie irgendeiner von denen, die der Sohn Philipps weiland über die Perser errungen hatte. In der Armee des Großkönigs befanden sich demnach einhundertundzwanzigtausend Pferde mit vollständiger Eisenpanzerung; siebenhundert Elefanten, auf deren Rücken Türme mit Bogenschützen waren; schließlich achtzehnhundert Sichelwagen. Diese fürchterliche Macht, die in der Geschichte des Ostens nicht ihresgleichen findet und kaum in den Dichtungen des Orients ausgemalt wurde Im Heer des Darius befanden sich in der Schlacht bei Arbela zweihundert Sichelwagen. In der riesigen Armee des Tigranes, welche von Lucullus besiegt wurde, gab es insgesamt nur siebzehntausend gepanzerte Pferde; Antiochus brachte vierundfünfzig Kriegselefanten gegen die Römer ins Feld; infolge seiner zahlreichen Kriege und Friedensverhandlungen mit dem Herrschern Indiens hatte er einmal sogar auf einhundertundfünfzig von diesen großen Tieren gebracht. Aber es bleibt dennoch fraglich, ob der König von Hindustantatsächlich in einer Schlachtlinie siebenhundert Elefanten aufgestellt hat. Anstelle der drei- oder viertausend Kriegselefanten, die der Großmogul besessen haben soll, standen ihm nur, wie Tavernier durch eine genaue Untersuchung festgestellt hat (Six voyages, Teil 2, Buch 1, p.198), lediglich fünfhundert zu Transport- und nur etwa achtzig bis neunzig zu Kriegszwecken zur Verfügung. Die Griechen haben die Anzahl, die Porus gegen sie ins Feld führte, wie üblich übertrieben; aber Quintus Curtius Rufus, der zumindest in diesem Punkte zuverlässig und maßvoll bleibt, gibt sich mit vierundachtzig Elefanten zufrieden, welche sich alle durch Stärke und Größe auszeichneten. In Siam, wo diese Geschöpfe besonders häufig und besonders hochgeschätzt sind, hält man achtzehn Elefanten für jede der neun Brigaden für ausreichend, welche dann eine reguläre Armee bilden. Die Gesamtzahl von einhundertundzweiundsechzig Kriegselefanten kann zuweilen sogar noch verdoppelt werden. Histoire générale des voyages, Bd. 9, p. 260. , besiegte der römische Alexander in einer großen Schlacht, in welcher er sich als furchtloser Soldat und brillanter Feldherr erwies. Der Großkönig enteilte vor seiner Stärke; eine ungemessene Beute und die Eroberung von Mesopotamien waren die unmittelbaren Früchte dieses großen Sieges. – Das sind also die näheren Umstände einer prunkreichen und unglaubwürdigen Erzählung, welche, wie sich leicht erweisen lässt, die Eitelkeit eines römischen Kaisers vorgegeben hat, welche die schamlose Schmeichelei seiner Schranzen ausgeschmückt hat und welche ein serviler Senat im fernen Rom widerspruchslos akzeptiert hat Historia Augusta, Alexander 55 . Weit davon entfernt zu glauben, dass die Waffen Alexanders irgendeinen nennenswerten Erfolg über die Perser errungen hätten, argwöhnen wir vielmehr, dass dieses ganze Ruhmesgeglitzer nur erfunden wurde, um einige sehr reale Schlappen zu überblenden. Unser Verdacht wird durch die Autorität eines zeitgenössischen Historikers genährt, welcher Alexanders Tugenden mit Respekt und seine Fehler ohne Beschönigung schildert. Er beschreibt einen umsichtigen Feldzugsplan, welcher vor den eigentlichen Krieghandlungen entworfen worden war. Drei römische Armeen sollten in Persien zu gleicher Zeit, aber auf getrennten Wegen einfallen. Aber die einzelnen Vorgaben dieses Feldzuges, obschon klug ersonnen, wurden weder mit dem gehörigen Geschick noch überhaupt mit Erfolg ausgeführt. Sobald nämlich die erste dieser drei Armeen in die Marschenlande des Euphrat eingefallen und in Richtung des Zusammenflusses von Euphrat und Tigris abmarschiert war Schon Herr de Tillemont hat die recht konfusen geographischen Vorstellungen Herodians bemerkt. , wurde sie von der überlegenen Zahl des Feindes eingekreist und durch seine Bogenschützen vernichtet. Die zweite römische Armeekorps fand den Weg nach Medien geöffnet dank der Hilfe von Chosroes, des Königs von Armenien Moses von Chorene (Historia Armeniaca Buch 2, c. 71) schildert diese Invasion nach Medien, und versichert, dass Chosroes, König der Armenier, Artaxerxes besiegt und ihm bis an die Grenzen Indiens nachgestellt habe. Die Kriegstaten Chosroes sind übertrieben dargestellt, aber schließlich handelte er als abhängiger Bundesgenosse der Römer. , sowie der langen Gebirgszüge des Landes, in denen die persische Kavallerie wenig ausrichten konnte. Diese wackeren römischen Truppen plünderten zunächst einmal die anliegenden Provinzen und mehrten durch einige erfolgreiche Aktionen gegen Artaxerxes des Kaisers Selbstüberschätzung. Aber der Rückzug dieser siegreichen Armee war ohne Bedacht angelegt und verlief unglücklich. Auf dem Rückmarsch durch die Berge kosteten die schlechten Zustände der Pässe und der strenge Winter vielen Soldaten das Leben. Der weitere Plan hatte vorgesehen, dass, während diese beiden starken Abteilungen von verschiedenen Seiten in Persien einfielen, die eigentliche Hauptmacht unter dem Kommando von Alexander selbst durch einen Angriff auf das Zentrum des Reiches die Offensive der beiden anderen Korps unterstützen sollte. Aber seine unerfahrene Jugend, die zusätzlich noch von der Mutter bevormundet wurde, und möglicherweise auch seine persönlichen Ängste ließen die unverzagtesten Truppen mutlos werden und die schönsten Siegesaussichten zuschanden gehen; und nachdem er einen ergebnislosen Sommer in Mesopotamien verschenkt hatte, kehrte er nach Antiochia mit einer Armee zurück, welche durch Krankheiten gelichtet und durch Enttäuschungen verstimmt war. – Artaxerxes hatte sich währenddessen erheblich anders aufgeführt. In Eilmärschen von den Bergen Mediens in die Flussmarschen des Euphrat gestürmt, hatte er sich dem Vordringen des Feindes überall persönlich in den Weg gestellt; und in ihm hatte das Schicksal eine starke Führernatur mit beherztem Unternehmungsgeist vereinigt. Allerdings hatte der persische König in mehreren harten Gefechten gegen die römischen Veteranen die Blüte seiner Truppen eingebüßt. So hatten ihn selbst seine Siege am Ende geschwächt. Die günstigen Gelegenheiten, die sich ihm während der Abwesenheit Alexanders boten sowie die Unruhen nach des Kaisers Tod ließ sein Ehrgeiz ungenutzt. Anstelle die Römer aus Asien zu vertreiben, was ja seine erklärte Absicht gewesen war, sah er sich schließlich sogar außerstande, ihnen auch nur die kleine Provinz Mesopotamien zu entreißen Zu Einzelheiten dieses Krieges vgl. Herodian 6,5. Die alten Abbreviatoren und die modernen Kompilatoren haben sich hier blindlings der Historia Augusta angeschlossen. .   CHARAKTER UND REGIERUNGSGRUNDSÄTZE DES ARTAXERXES Artaxerxes' Herrschaft, die, gerechnet von dem endgültigen Sieg über die Parther, lediglich vierzehn Jahre gedauert hatte, stellt für die Geschichte des Orients und sogar Roms eine bedeutende Epoche dar. Sein Charakter scheint jene kühnen und zupackenden Attribute besessen zu haben, die den Herrscher, welcher sein Reich erobert, in der Regel von dem Herrscher unterscheidet, welcher es lediglich erbt. Der von ihm erlassene Rechtscodex war bis in die letzten Jahre der persischen Monarchie die Grundlage aller bürgerlichen und Religionspolitik Eutychius, Contextio, Bd. 2, p. 180. Der große Chosroes I. Noushirwan ließ den Codex des Ardaschir allen seinen Satrapen zukommen; es war die unverrückbare Grundlage ihrer Amtsführung. . Einige seiner Äußerungen sind auf uns gekommen, und eine von ihnen offenbart eine tiefe Einsicht in die Verfasstheit von Monarchien. »Die Autorität eines Herrschers«, so Artaxerxes, »muss durch das Militär verteidigt werden; jene Gewalt kann wiederum nur durch Steuern aufrechterhalten werden; alle Steuern fallen am Ende auf die Landwirtschaft; und Landwirtschaft kann nur unter dem Schutz des Rechts und der Milde gedeihen D'Herbelot in der Bibliothéque Orientale unter ›Ardshir‹. Wir wollen hier anmerken, dass nach der antiken Periode des Märchenerzählens und nach langen Jahrhunderten des Stillschweigens die modernen persischen Geschichtsdarstellungen sich der Dynastie der Sassaniden mit dem Anspruch auf Wahrheit anzunehmen beginnen. .« Artaxerxes übergab sein Reich und seine ehrgeizigen Pläne, Rom betreffend, seinem Sohn Sapor, welcher sich seines großen Vaters würdig erzeigte. Indessen waren jene Pläne für die Macht Persiens zu weitgreifend und dienten am Ende nur dazu, dass beide Völker in langandauernden Zermürbungskriegen sich gegenseitig Übles zufügten.   DIE PERSISCHE INFANTERIE UND KAVALLERIE Die Perser, die schon lange zivilisiert und mithin korrumpiert waren, waren weit von der kriegerischen Ungebundenheit und kühnen Härte entfernt, welche die Barbaren des Nordens zu den Herren der Welt gemacht hatte. Die eigentlichen Kriegskünste stellen die Basis der eher vernunftgegründeten griechischen und römischen Macht dar, so wie dies auch in Europas Monarchien der Fall ist: Im Orient haben sie nie nennenswerte Fortschritte gemacht. Jene präzisen Stellungswechsel waren den Persern völlig fremd, die eine verworrene Masse neu ordnet und sie Mut fassen lässt. Ebensowenig verstanden sie sich auf die Kunst, Festungen zu erbauen, zu verteidigen oder zu belagern. Sie vertrauten viel eher auf ihre Masse als auf ihren Mannesmut; mehr auf ihren Mut als auf ihre Disziplin. Ihr Fußvolk war ein nur halbbewaffneter Haufen gleichgültiger Bauern, die lediglich die Aussicht auf Plünderung einte und die sich nach einem Sieg ebenso leicht wieder zerstreuten wie nach einer Niederlage. Der Großkönig und seine Edlen nahmen ihre üppigen Serails mit ins Lager. Die militärischen Operationen gestalteten sich durch einen nutzlosen Tross von Weibern, Eunuchen, Pferden und Kamelen unübersichtlich, und mitten in einem erfolgreichen Feldzug wurden die persischen Heeresmassen immer mal wieder durch eine plötzliche Hungersnot dezimiert Herodian, 6,5; Ammianus Marcellinus 23,6. Es mögen zwischen den beiden Historikern Abweichungen festzustellen sein: eine naturgegebene Folge der Veränderungen im Laufe von anderthalb Jahrhunderten. . Dennoch bewahrten sich Persien Edle, wenn sie auch in Luxus und Despotismus versunken waren, einen ausgeprägten Sinn für persönliche Tapferkeit und die Ehre ihrer Nation. Mit dem Beginn des siebenten Lebensjahres lernten sie die Wahrheit zu sagen, mit dem Bogen zu schießen und zu reiten; und es bestand durchaus Konsens, dass sie – zumindest in den beiden letztgenannten Künsten Die Perser gelten auch heute noch als die gewandtesten Reiter und ihre Pferde als die besten des Orients. – überdurchschnittliche Fertigkeit besaßen. Die Jugend, wenn sie sich denn irgend auszeichnete, wurde unter den Augen des Großkönigs erzogen, übte im Palasthof und wurden auf langen und beschwerlichen Jagdexpeditionen in Mäßigung und Gehorsam eingeübt. In allen Provinzen hielt der Satrap auf gleiche Weise Schule des Militärs. Der persische Adel (so naturgegeben ist die Idee von Lehensbesitzungen) erhielt aus der Hand seines Königs Land und Haus für seine Dienste im Felde. Auf das erste Signal hin standen sie bereit, ihr Pferd zu besteigen und mit einem kriegstüchtigen und wohlbewaffnetem Anhang sich den zahllosen Gardetruppen anzuschließen, welche aus den kräftigsten Sklaven und verwegensten Draufgängern Asiens rekrutiert worden waren. Diese Armee aus leichter und schwerer Kavallerie, durch ihre unwiderstehlichen Attacken und ihre blitzschnellen Manöver gleich furchtbar, bedrohten wie eine heraufziehende Gewitterwolke die östlichen Provinzen des untergehenden Römischen Reiches Von Herodot, Xenophon, Herodian, Ammianus habe ich solche ›wahrscheinlichen‹ Nachrichten über den persischen Adel übernommen, welche entweder auf alle Geschichtsepochen passen oder speziell zu dem der Sassaniden. . IX ZUSTÄNDE GERMANIENS BIS ZUM EINFALL DER BARBAREN UNTER KAISER DECIUS 248 A.D. Im Zusammenhang mit dem Zerfall und dem Untergang des römischen Reiches haben uns die Regierungsform und die Religion Persiens einige Aufmerksamkeit abverlangt. Wir werden bei schicklicher Gelegenheit der skythischen (oder samartischen) Stämme zu gedenken haben, welche bewaffnet und zu Pferde, mit ihren Herden, ihren Weibern und Kindern über die unermesslichen Ebenen zogen, welche sich vom Kaspischen Meer bis zur Weichsel und von den persischen Grenzen bis zu denen Germaniens ausdehnten. Aber das kriegsgewohnte Germanien, welches dem Weströmischen Reich zunächst trotzte, dann es bestürmte und endlich niederrang, wird in dieser Geschichte einen weitaus wichtigeren Platz einnehmen und ein stärkeres sowie ein, wenn der Ausdruck erlaubt ist, verwandtschaftliches Anrecht auf unsere Aufmerksamkeit und Anteilnahme erheben. Die kultiviertesten Nationen des modernen Europa haben ihre Wurzeln in den Urwäldern Germaniens, und in den archaischen Einrichtungen jener Barbaren können wir noch heute die Ursprünge unserer neuzeitlichen Gesetze und Gesittungen erkennen. In ihrem ursprünglichen, freiheitlichen Zustand hat sie das unfehlbare Auge des Cornelius Tacitus zum ersten Male gemustert und mit seiner meisterhaften Feder zum ersten Male geschildert, jener Historiker, welcher als erster Philosophie auf die Schilderung von Fakten übertrug. Die geradezu expressionistische Präzision seiner Darstellung hat die Anstrengung ungezählter Altertumsforscher und den Scharfsinn und Verstand der philosophisch orientierten Geschichtsschreiber unserer Tage herausgefordert. Der Gegenstand, wie vielschichtig und wichtig er auch sein mag, ist mittlerweile so oft, so kompetent und so fruchtbar diskutiert worden, dass er dem Leser inzwischen vertraut und dem Verfasser deshalb problematisch geworden ist. So werden wir uns darauf beschränken, einige der wichtigsten Umstände des Klimas, der Bräuche und der Einrichtungen festzuhalten, oder genauer gesagt: zu wiederholen, welche die unkultivierten Barbaren Germaniens zu solch fürchterlichen Gegnern von Roms Macht werden ließen.   GERMANIEN, AUSDEHNUNG UND KLIMA Das antike Germanien – frei mit Ausnahme der Landstriche westlich des Rheins, welche sich dem römischen Joch gebeugt hatten – umfasste beinahe ein Drittel Europas. Nahezu das ganze heutige Deutschland, Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland, Livland, Preußen und große Teile Polens wurden von den verschiedenen Stämmen dieser großen Nation bewohnt, die in ihrem äußeren Erscheinungsbild, in ihren Bräuchen und ihrer Sprache frappierende Ähnlichkeit aufwiesen und so einen gemeinsamen Ursprung erkenn ließen. Im Westen trennte der Rhein das antike Germanien von den gallischen und im Süden die Donau von den illyrischen Reichsprovinzen. Eine Gebirgskette, die Karpaten, welche sich über der Donau erhob, schützte Germanien an der dakischen oder ungarischen Seite. Die Ostgrenze zwischen Germanen und Skythen hatte infolge beiderseitiger Abneigung einen nur unbestimmten Verlauf, welcher durch die teils verfeindeten, teils auch wieder verbündeten Stämme der beiden Völker noch zusätzlich verschoben wurde. In der weltenfernen Dunkelheit des Nordens erahnten die Alten einen gefrorenen Ozean, der jenseits der Ostsee und jenseits der skandinavischen Halbinsel oder der Inseln Schwedens moderne Naturphilosophen stimmen darin überein, dass die Ostsee langsam, aber stetig absinkt und getrauten sich, das geschätzte Ausmaß mit einem halben Zoll pro Jahr anzugeben. So müssen zweihundert Jahre zuvor die flachen Küstenländer Skandinaviens vom Meer bedeckt gewesen sein, während die höher gelegenen Gebiete oberhalb des Meeresspiegels sich befanden und Inseln von unterschiedlichster Größe und Form bildeten. Zumindest vermitteln uns Plinius, Tacitus und Mela dieses Bild von den riesigen Ländern rings um die Ostsee. Siehe in der Bibliothèque raisonée, Bde. 40 und 45, einen langen Auszug aus Olof von Dalins in Schwedisch verfassten Geschichte des schwedischen Reiche lag. Einige geistvolle Autoren Insbesondere Mr. Hume, der Abbé Dubos und M. Pelloutier, Histoire des Celtes, Bd. 1. haben die Vermutung geäußert, dass in früheren Zeiten Europa bedeutend kälter war als gegenwärtig; und die meisten Schilderungen der Alten scheinen diese Theorie ohne weiteres zu festigen. Das ständige Gejammer über strenge Fröste und ewigen Winter sollten wir allerdings nur gering achten, fehlen uns doch die Möglichkeiten, das Missvergnügen und die Seufzer eines Mannes, der in Griechenlands oder Asiens mildem Himmel geboren ward, mit exakten Graden auf der Thermometerskala zu quantifizieren. Aber zwei bemerkenswerte und weniger subjektiv gefärbte Tatsachen möchte ich dennoch aufzeigen. 1: Die großen Flüsse in den römischen Provinzen, Rhein und Donau, waren oftmals zugefroren und konnten dabei gewaltige Lasten tragen. Die Barbaren, die für ihre Überfälle die strenge Jahreszeit bevorzugten, transportierten ohne Besorgnis oder Gefahr ihre umfänglichen Arsenale, ihre Reiterei und schweren Gepäckkarren über diese riesige, massive Eisbrücke Diodoros, 5,25; Herodian 6,7; Jordanes, Getica 55.Im Gebiet entlang der Donau war der Wein, wenn er serviert wurde, häufig zu Klumpen, den frusta vini , gefroren. Ovid, Epistulae ex Ponto 4,7,8; Vergil, Georgica 3,364. Diese Tatsache wird durch einen Soldaten und einen Forscher bekräftigt, welche die bittere Kälte Thrakiens durchlitten hatten. S. Xenophon, Anabasis 7,4. . 2: Das Ren, jenes nutzbringende Geschöpf, von dem der Wilde des Nordens noch das Beste für sein freudloses Dasein bezieht, ist von seiner Konstitution her auf Kälte nachgerade angewiesen. Es kommt sogar auf Spitzbergen vor, in einiger Nähe zum Pol; selbst mit den Schneemassen Sibiriens und Lapplands scheint es keine Probleme zu haben. Aber gegenwärtig kann es in den Ländern südlich der Ostsee kaum überleben Buffon, Histoire naturelle, Bd. 12, p. 79 und 116. , geschweige denn sich vermehren. Zu Caesars Zeiten hingegen waren das Ren, ebenso wie der Elch und das Ur im Hercyanischen Waldgebirge heimisch, der damals noch große Teile Polens und Germaniens bedeckte Caesar, Bellum Gallicum 6,23ff Auch die kühnsten Forscherseelen unter den Germanen kannten seine äußersten Grenzen nicht, obwohl einige von ihnen mehr als sechzigtägige Reisen durch sie unternommen hatten. . Die moderne Technik liefert einen hinreichenden Grund für die Abnahme der Kälte. Die ungeheuren Wälder, die vordem die Sonnenstrahlung von der Erde abgehalten hatten, wurden nach und nach gerodet Cluver, Germanica antiqua Buch 3, c.47 spürt den den wenigen und kleinen Resten des Herzynischen Waldes nach. . Sümpfe wurden trockengelegt, und in dem Maße, wie der Boden urbar gemacht wurde, wurde die Luft milder. Das heutige Kanada ist hierin ein getreues Abbild des alten Germanien. Obwohl es auf den gleichen Breitengraden liegt wie Frankreichs und Englands mildeste Landstriche, leidet das Land unter strengsten Frostperioden. Das Ren ist häufig, der Boden von dauerndem Tiefschnee bedeckt und der große St. Lorenz-Strom regelmäßig zugefroren, während Themse und Seine üblicherweise eisfrei sind De Charlevoix, Histoire de Canada. .   EINFLUSS DES KLIMAS Der Einfluss des Klimas des antiken Germaniens auf Körper und Seele seiner Einwohner lässt sich nur schwer abschätzen, aber leicht übertreiben. Viele Autoren haben vermutet und die meisten auch ohne entsprechende Beweise für sicher angenommen, dass die strenge Kälte des Nordens ein langes Leben und die Zeugungskraft begünstige, dass die Weiber fruchtbarer seien und die menschliche Rasse sich hier überhaupt vermehrungsfreudiger erzeige als in wärmeren oder milderen Landstrichen Olaus Rudbeck versichert, dass die schwedischen Frauen oft zehn oder zwölf Kinder gebären, und – durchaus nicht ungewöhnlich! – sogar zwanzig oder dreißig; indessen muss Rudbecks Zuverlässigkeit denn doch bezweifelt werden. . Wir können hingegen mit größter Zuversicht behaupten, dass die klare Luft Germaniens die starken und männlichen Gliedmaßen der Eingeborenen ausgeformt hat, welche im Allgemeinen von höherem Wuchs waren als die Südländer »In hos artus, in haec corpora, quae miramur, excrescunt.« (Sie wachsen sich zu diesen Gliedmaßen und Körpern, die wir bestaunen.) Tacitus, Germania 20; Cluver, Germania, Buch 1, c. 14. ; dass sie ihnen Körperkräfte verlieh, die eher für kurze, gewaltsame Anstrengungen als für ausdauerndes Mühen eingerichtet schienen, und dass sie ihnen endlich eine körperlich bedingte Tapferkeit verlieh, welche ja das Ergebnis von Nerventätigkeit und Geist ist. Diese abgehärteten Kinder des Nordens Die Kimbern rutschten oftmals zum Vergnügen auf ihren breiten Schilden hügelab. nahmen die Leiden eines Winterfeldzuges, welche den Mut der römischen Truppen abzukühlen geeignet waren, kaum wahr, während sie ihrerseits die Sommerhitze nicht ertragen konnten und unter den Strahlen von Italiens Sonne in Mattigkeit und Kränkeln sich verzehrten Die Römer führten unter jedem Klima ihre Kriege und waren aufgrund ihres hervorragenden Ausbildungsstandes bei ausgezeichneter Gesundheit und körperlicher Verfassung. Es sei hier angemerkt, dass der Mensch das einzige Lebewesen ist, welches sich in jedem Lande zwischen Pol und Äquator aufhalten und fortpflanzen kann. An diesem Vorrecht scheint außer unserer Art nur noch das Schwein teilzuhaben. .   FABELN VON DER HERKUNFT DER GERMANEN Es gibt auf diesem Globus kein Land von Größe oder Bedeutung, welches wir bei seiner Entdeckung völlig menschenleer vorgefunden hätten oder dessen erste Besiedlung mit historisch hinreichender Genauigkeit hätte festgemacht werden können. Da aber philosophisch veranlagte Gemüter sich selten des Nachsinnens über die Kindheit großer Nationen entschlagen können, verzehrt sich unser Forschungseifer an mühseligen und überdies fruchtlosen Unternehmungen. Als sich Tacitus über die Reinheit des germanischen Blutes und den düsteren Aspekt ihres Landes verbreitete, kennzeichnete er jene Barbaren als indigenae oder Bodenständige. Wir können als sicher, und vielleicht sogar als wahr annehmen, dass das alte Germanien ursprünglich nicht von ausländischen, in irgendeiner Form politisch geeinten Kolonisten besiedelt war Die Auswanderungswellen der Gallier folgten dem Verlauf der Donau und verteilten sich danach auf Griechenland und Asien. Tacitus konnte nur einen unscheinbaren Stamm ausfindig machen, welcher noch Merkmale seiner gallischen Herkunft aufwies. , sondern die Nation ihren Namen und ihre Existenz der schrittweisen Vereinigung nomadisierender Barbaren aus den Hercynianischen Wäldern zu danken habe. Diese Wilden nun aber als das autochthone Erzeugnis des von ihnen besiedelten Bodens anzusehen, hieße denn doch ein überhastetes Urteil zu fällen, welches überdies von den Grundannahmen der Religion verurteilt wird und für das die Vernunft wohl auch keine Bürgschaft übernehmen dürfte. Ein solcher von der Vernunft geäußerter Zweifel verträgt sich allerdings nur wenig mit dem Geiste volkstümlicher Eitelkeiten. Unter den Völkern, die sich die mosaische Geschichtsauffassung zu eigen gemacht haben, hat Noahs Arche dieselbe Bedeutung wie ehedem die Belagerung Troias für die Griechen und Römer. Auf einem schmalen Fundament allgemein anerkannter Wahrheiten wurde ein gigantischer Überbau müßiger Märchen aufgeführt; und der kulturlose Ire Folgt man Dr. Keating, so ist der Gigant Portolanus am 14. Mai des Jahres 1978 seit Erschaffung der Welt an der Küste von Munster gelandet. Er war der Sohn Searas, des Sohnes von Esra, des Sohnes von Framant, des Sohnes von Fathaklan, des Sohnes von Magog, des Sohnes von Japhet, des Sohnes von Noah. Obwohl ihm dieses große Unternehmen mit Erfolg gekrönt war, entwickelten sich seine privaten Belange infolge der gelockerten Aufführungen seines Weibes zum Übel, woran er sich dermaßen ärgerte, dass er – ihren Lieblings-Windhund erschlug. Dies war, wie der gelehrte Historiker sehr zutreffend anmerkt, das erste Beispiel weiblicher Ränke und Untreue in Irland. konnte ebenso wie der unzivilisierte Tartar Abulghazi Bahadur Chan, A genealogical History of the Tartars. mit Genauigkeit jenen Sohn Japhets benennen, aus dessen Lenden seine Vorfahren in direkter Linie hervorgegangen sein sollen. Das letzte Jahrhundert kennt eine Fülle von ebenso hochgelehrten wie arglosen Altertumsforschern, welche im Schummerlicht von Fabeln und Überlieferungen, von Konjekturen und Etymologie die Urgroßenkel Noahs vom Turm zu Babel in die entlegensten Winkel der Erde entsandten. Unter diesen verständigen Geistern ragte insonders der ergötzliche Olaf Rudbeck, Professor zu Upsala hervor Sein Werk mit dem Titel Atlantica ist ausgesprochen schwer erhältlich. Bayle hat zwei äußerst lesenswerte Auszüge daraus in der République des Lettres, Januar und Februar 1685, veröffentlicht. . Was immer auch einen Namen hatte in Geschichte oder Sage, dieser eifernde Patriot wusste es seinem Lande zuzurechnen. Aus Schweden (das ja selbst ein beträchtlicher Teil Germaniens war) empfingen die Griechen selbst ihr Alphabet, ihre Astronomie und ihre Religion. Das Atlantis von Plato, das Land der Hyperboräer, die Gärten der Hesperiden, die Insel der Glückseligen, und selbst noch die elysäischen Gefilde waren sämtlich nur blasse und dürftige Kopien dieses gesegneten Landes, als das es jedem Einheimischen erschien. Ein Landstrich, von der Natur so sichtlich bevorzugt, durfte nach Noahs Großer Flut unmöglich lange unbesiedelt bleiben. Der gelahrte Rudbeck gestattet der Familie Noah einige Jahre, sich von acht Personen auf zwanzigtausend zu mehren. Daraufhin unterteilt er sie in kleinere Kolonisten-Kollektive, auf dass sie die Erde neuerlich besiedeln und das Menschengeschlecht vermehren mögen. Die germanisch-schwedische Abteilung (welche, wenn ich recht verstanden habe, unter der Führung von Askenaz, des Sohnes von Gomer, des Sohnes von Noah, zogen) zeichneten sich im Verfolg ihres Endzweckes Zieles überdurchschnittlich aus. Dieser Bienenstock des Nordens verbreitete seine Schwärme über die größten Teile Europas, Afrikas und Asiens; und es floss, um eine Metapher des Autors zu übernehmen, das Blut aus den Gliedmaßen zum Herzen zurück.   GERMANEN WAREN SCHRIFTLOS... Aber dieses wohlersonnene Lehrgebäude germanischer Altertümer wird zu Staub durch eine einzige Tatsache, die zu gut erwiesen ist, als dass man sie anzweifeln könnte, und die zu abgesichert ist, als dass sie für Diskussionen noch Raum ließe: zur Zeit von Tacitus verstanden die Germanen sich nicht auf die Verwendung der Schrift Tacitus, Germania 19: literarum secreta viri pariter feminae ignorant. (Männern und Frauen kennen keinen heimlichen Briefwechsel).Wir könnten uns mit der Aussage dieser unbestrittenen Autorität zufrieden geben, ohne in eine fragwürdige Diskussion über das Alter der Runenzeichen einzutreten. Der Schwede Celsius, eine Gelehrter und Philosoph, meinte, sie seien nicht anderes als römische Lettern, bei denen lediglich die Kurven zu geraden Linien ausgezogen seien, damit so das Einritzen erleichtert werde. Siehe Pelloutier, Histoire des Celtes, Buch2, c.11; Dictionaire raisonné de la diplomatique, Bd. 1, p.223. Wir können noch hinzufügen, dass die ältesten Runeninschriften vermutlich dem dritten Jahrhundert entstammen und dass die älteste Erwähnung der Runen sich bei Venantius Fortunatus findet, welcher gegen Ende des sechsten Jahrhunderts lebte. (Carmina 7, 18) Barbara fraxineis pingatur RUNA tabellis« (Barbarische Runen, auf Tafeln von Esche gemalt.) ; und der Gebrauch der Schrift ist nun einmal der wichtigste Umstand, der eine Kulturnation vor einem Haufen Wilder auszeichnet, die außerstande sind, sich Kenntnisse anzueignen oder Ideen zu entwickeln. Ohne dieses geniale Hilfsmittel verliert oder verdirbt das Gedächtnis der Menschheit alsbald die ihm anvertrauten Einsichten; und die edleren Geistestätigkeiten, mit solchen materiellen oder ideellen Hilfestellungen forthin unversorgt, vernachlässigen allgemach ihre Kräfte; das Urteil wird unsicher und schwerfällig, die Vorstellungskraft träge oder unzuverlässig. Lasst uns, um diese wichtige Wahrheit zur Gänze zu erfassen, versuchen, den Unterschied zwischen einem gelehrten Manne und einem schreib- und leseunkundigen Bauern in einer zivilisierten Gesellschaft zu ermessen. Der Erstere vervielfacht seine persönlichen Erfahrungen durch Lektüre und eigenes Nachdenken und ist in der Vergangenheit und fernen Ländern zu Hause; während der Letztere, verwurzelt an seinem Fleckchen Erde und mit einer abschätzbaren Lebenserwartung, seinen Genossen in der Fron, den Ochsen, an geistiger Praxis nur wenig übertrifft. Denselben und möglicherweise einen noch größeren Unterschied kann man zwischen verschiedenen Nationen bemerken; und mit Bestimmtheit können wir sagen, dass ohne einige Kenntnisse einer Schrift kein Volk glaubwürdige Aufzeichnung seiner Geschichte gesammelt, jemals einen erwähnenswerten Fortschritt in den abstrakten Wissenschaften getan oder sich, in welchem Umfang auch immer, lebenspraktische Kulturtechniken angeeignet hat.   ...OHNE KÜNSTE ODER ACKERBAU... Entschieden mangelte es den Germanen an diesen Künsten. Sie lebten in einem derartigen Zustand von Unkenntnis und Armut dahin, dass einige Laienprediger sich bewegt fanden, dies mit dem Epitheton der tugendreichen Einfalt zu versehen. Das heutige Deutschland soll zweitausenddreihundert befestigte Städte besitzen Recherches philosophiques sur les Américains, Bd.3, p.228. Der Autor dieses sehr aufschlussreichen Werkes ist, wenn ich nicht falsch informiert bin, gebürtiger Deutscher. . In einem weitaus größeren Gebiet konnte der Geograph Ptolemäus nicht mehr als neunzig Orte entdecken, die er mit dem Namen einer Stadt versehen konnte Dieser alexandrinische Geograph wird von dem sehr exakten Cluvier häufig kritisiert. ; allerdings hätten sie nach unseren Maßstäben diesen Namen nur wenig verdient. Wir können bestenfalls ungefüge Befestigungen in ihnen vermuten, dazu bestimmt, Weibern, Kindern und Vieh Schutz zu gewähren, während die Stammeskrieger ausgerückt waren, etwa eine plötzliche Invasion zurückzuschlagen Siehe hierzu Caesar, Bellum Gallicum und den gelehrten Herrn Whitacker in seiner History of Manchester, Bd. 1. . Aber Tacitus hebt als wohlbekannte Tatsache hervor, dass die Germanen zu seiner Zeit keine Städte kannten Tacitus, Germania 16. ; und dass sie die römischen Befestigungen als Orte verachteten, die besser zum Einsperren als zur Sicherheit taugten Als die Germanen den Ubiern von Köln anempfahlen, das Römerjoch abzuschütteln und mit ihrer neuerworbenen Freiheit wieder zu den alten Gebräuchen zurückzukehren, bestanden sie auf dem sofortigen Abriss der Stadtmauern. »Postulamus a vobis, muros coloniae, munimenta servitii, detrahitis; etiam fera animalia, si clausa teneas, virtutis obliviscuntur.« (Wir verlangen von euch, die Stadtmauern, dieses Denkmal eurer Knechtschaft, zu schleifen; auch wilde Tiere entarten, wenn man sie einsperrt). Tacitus, Historiae 4,64. . Ihre Gebäude grenzten noch nicht einmal aneinander noch waren sie als regelmäßige Dörfer angelegt In Schlesien sind Straßendörfer einige Meilen lang, Cluvier, 1, c.13. ; jeder Barbar schlug seinen unabhängigen Wohnsitz an dem Platz auf, der sich ihm durch seine Ebenerdigkeit, einen Wald oder einen Fluss mit Trinkwasser empfahl. In diesen Leichtbehausungen gab es weder Steine, Ziegel oder Schindeln 140 Jahre nach Tacitus wurden an Rhein und Donau etwas regelgerechtere Konstruktionen aufgeführt. Herodian 7. . Es waren in der Tat nur niedrige Rundhütten, aus unbehauenen Stämmen gebaut, mit Stroh gedeckt und einem Loch in der Mitte des Daches, auf dass dem Rauch frei abziehen möge. Noch in den härtesten Wintern gab sich der Germane in seiner Robustheit mit einer spärlichen Tierhaut zufrieden. Die nördlicheren Nationen hüllten sich in Pelze, und die Frauen stellten zu eigenem Gebrauch eine Art grobes Leinen her Tacitus, Germania 17. . Großwild, an denen in den germanischen Wäldern kein Mangel war, versorgte seine Bewohner mit Fleisch und Jagdpraxis Tacitus, Germania 5. . Ihr eigentlicher Reichtum waren ihre großen Rinderherden, welche allerdings nicht so sehr ihrer Schönheit als ihrer Nützlichkeit wegen bemerkenswert waren Caesar, bellum Gallicum 6,21 . Geringe Mengen Korn waren das einzige Erzeugnis, das man dem Boden abgewann. Obstgärten oder kultiviertes Weideland waren den Germanen unbekannt; auch können wir nennenswerte Fortschritte in der Landwirtschaft von solchen Menschen nicht erwarten, deren Ackerland in jedem Jahr einen Wechsel der Eigentümer erfuhr und welche den Streitigkeiten im Zusammenhang mit dieser sonderbaren Maßnahme dadurch zuvorkam, dass sie einen großen Teil ihres Landes wüst und unbeackert ließen Tacitus, Germania 26; Caesar, Bellum Gallicum 6,22. .   ...UND OHNE DEN GEBRAUCH VON GOLD, SILBER, EISEN Gold, Silber und Eisen waren in Germanien äußerst selten. Ihren barbarischen Bewohnern gingen die Fähigkeit und die Geduld ab, jene reichen Silberminen ausfindig zu machen, welche die Anstrengungen der Fürsten von Braunschweig und Sachsen so reichhaltig belohnt hatten. Schweden, welches heute Europa mit Erz versorgt, war sich seiner eigenen Reichtümer ebenfalls nicht bewusst; und das Erscheinungsbild der germanischen Waffen liefert einen hinreichenden Beweis, wie wenig Eisen sie für den nach ihrer Ansicht doch wohl edelsten Verwendungszweck dieses Metalls aufbringen konnten. Einige (vornehmlich silberne) Münzen der Römer waren durch friedlichen Austausch oder kriegerische Wechselfälle entlang der Rhein- und Donaugrenze in Umlauf gekommen; aber den entlegeneren Völkern war der Geldverkehr völlig unbekannt, und so fuhren sie fort, innerhalb ihrer begrenzten Möglichkeiten Handel durch Warenaustausch zu treiben und rühmten dabei ihr klobiges irdenes Geschirr als gleichwertig mit den Silbergefäßen, die Rom ihren Herrschern oder Gesandten zum Geschenk gemacht hatte Tacitus, Germania 5. . Für ein nachdenkendes Gemüt bieten solche Tatsachen mehr Aufklärung als ein unübersehbarer Wust zweitrangiger Nebenumstände. Der Wert des Geldes besteht nach allgemeiner Übereinkunft darin, unsere Bedürfnisse und unser Eigentum zu quantifizieren, so wie die Buchstaben erfunden wurden, um unsere Ideen auszudrücken; und beide Erfindungen haben der schöpferischen Energie und dem Enthusiasmus des Menschen Auftrieb gegeben und so dazu beigetragen, die Gegenstände zu vervielfältigen, für die sie ursprünglich stehen sollten. Der Wert von Gold und Silber beruht zum größten Teil auf Einbildung; aber es wäre ein Ding der Unmöglichkeit, alle die wichtigen und vielfältigen Dienste zu benennen, die die Landwirtschaft und die Technik vom Eisen empfangen haben, als es erst einmal durch das Feuer und des Menschen geschickte Hand bearbeitet werden konnte. Mit einem Wort: Geld ist der gebräuchlichste Anreiz und Eisen das stärkste Hilfsmittel menschlichen Fleißes; und kaum lässt sich ausmalen, wie denn ein Volk, durch das eine Mittel nicht angespornt und durch das andere nicht unterstützt, sich aus dem Zustand rohester Barbarei hätte emporarbeiten können Man sagt, dass die Peruaner und Mexikaner auch ohne den Gebrauch von Geld oder Eisen beträchtliche Kunstfertigkeiten erlangt hätten. Diese Kunsterzeugnisse und die von ihnen hervorgebrachten Monumente sind allerdings merkwürdig aufgebauscht worden. Siehe Pauw, Recherches sur les Américains, Bd. 2, p.153ff. .   NEIGUNG ZUM TRUNK · TRÄGHEIT UND ANDERE BRAUCHTÜMER Betrachten wir irgendeine unzivilisierte Nation auf dieser Erde näher, so werden wir Unbeschwertheit und Sorglosigkeit gegenüber der Zukunft als ihr Hauptmerkmal vorfinden. In zivilisierten Staaten hingegen wird jedwedes Talent des Menschen gefordert und ausgeübt; und in einer großen Kette gegenseitiger Abhängigkeiten stehen die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft miteinander in Verbindung. Ihr überwiegender Teil ist beständig mit nutzbringender Arbeit befasst. Wenige Auserlesene, die ein gütiges Schicksal dieser Notwendigkeiten überhoben hat, dürfen ihre Zeit mit dem Verfolgen ihrer Interessen oder dem Streben nach Ruhm, mit den Pflichten, den Freuden und sogar den Torheiten des Gemeinschaftslebens ausfüllen und ihre Besitztümer oder ihre Einsichten mehren. Den Germanen fehlte es an diesen verschiedenen Möglichkeiten. Die Sorge um Haus und Familie, die Bewirtschaftung des Landes und des Viehbestandes waren den Alten und Gebrechlichen anvertraut, den Frauen und den Sklaven. In Ermangelung irgendeiner Beschäftigung, die ihm seine Mußestunden hätte veredeln können, verbrachte der untätige Krieger seine Tage und Nächte mit dem animalischen Vergnügen des Essens und Schlafens. Und dennoch: infolge der wunderbaren Vielfalt der Natur (dies die Anmerkung eines Schreibers, der ihre tiefsten Nischen ausgeforscht hatte) sind dieselben Barbaren die trägsten und zugleich die rastlosesten unter den Menschen. Faulheit ist ihnen lieb, Ruhe widrig Tacitus, Germania 15. . Die müde Seele, von ihrem eigenen Schwere erdrückt, verlangte dringlich nach neuer und kräftiger Nahrung; Krieg und Gefahr sind die jetzt einzigen Unterhaltungen, die ihrer rüden Verfassung angemessen sind. Der Kriegsruf, der die Germanen zu den Waffen rief, war ihren Ohren lieblich. Er riss sie aus ihrem anstrengenden Müßiggang empor, spornte sie in rechter Weise und schenkte ihnen infolge der körperlichen Anstrengungen und der seelischen Anspannungen die aktive Seite seiner Existenz zurück. In den öden Friedensperioden überließen sich diese Barbaren ausgiebigen Spiel- und Trinkgelagen; welche beide, wenn auch auf unterschiedliche Weise – das eine durch Anstacheln ihrer Leidenschaften, das andere durch Betäuben ihres Verstandes – sie der Mühsal des Denkens überhoben. Sie hielten sich einiges darauf zugute, ganze Tage und Nächte an der Tafel zuzubringen; und oft genug befleckte das Blut von Verwandten oder Freunden ihre ebenso zahlreichen wie betrunkenen Zusammenkünfte Tacitus, Germania, 22 und 23. . Ehren schulden (denn unter diesem Epitheton sind uns ihre Spiel schulden überliefert) beglichen sie mit geradezu romanhafter Redlichkeit. Der Hazardspieler, der sich selbst und seine Freiheit auf einen letzten Wurf setzte, ergab sich resignierend dem Beschluss des Schicksals und ertrug es, von seinem möglicherweise schwächeren, aber eben glücklicheren Gegner gebunden, gestraft und anschließend als Sklave in ferne Länder verkauft zu werden Die Kunst des Spielens mögen die Germanen den Römern ja abgeschaut haben; aber auf wunderbare Weise ist die Spielleidenschaft der ganzen menschlichen Art mitgegeben. .   VORLIEBE FÜR STARKE GETRÄNKE Starkes Bier, mit wenig Kunstfertigkeit aus Weizen oder Gerste gewonnen, verderbt (Tacitus benutzt diesen drastischen Ausdruck) zu etwas, das Wein sein sollte: dies genügte den anspruchslosen Zwecken der germanischen Gelage. Diejenigen allerdings, die die köstlichen Weine Italiens oder Galliens gekostet hatten, sehnten sich nach jenen edleren Räuschen zurück. Sie versuchten jedoch nicht (wie dies später mit Erfolg geschehen ist) den Wein an den Ufern von Rhein und Donau heimisch zu machen; auch nahmen sie Abstand davon, etwa durch Fleiß die Grundlagen für einen gedeihlichen Handel zu schaffen. Sich durch Mühsal etwas anzueignen, was man ebenso durch Waffen hätte erlangen können, das schien dem germanischen Gemüte würdelos Tacitus, Germania 14. . Jener Toskaner, welcher sein Land an die Kelten verriet, lockte sie nach Italien mit der Aussicht auf üppige Feldfrucht und köstliche Weine, den Erzeugnissen gesegneter Landstriche Plutarch, Camillus; Livius, 5,33. . Und auf ähnliche Weise wurden die deutschen Hilfstruppen, die während der Bürgerkriege des XVI. Jahrhunderts nach Frankreich gelangten, mit dem Versprechen auf reichhaltiges Quartier in der Champagne und in Burgund geködert Dubos, Histoire de la monarchie françoise, Bd. 1, p. 193. . Trunksucht, die niedrigste, wenn auch nicht die gefährlichste unserer Untugenden, konnte in den weniger zivilisierten Epochen der Menschheit durchaus Anlass für Gemetzel, Kriege oder Revolutionen geben.   ARMUT · BEVÖLKERUNG UND VOLKSVERSAMMLUNGEN Dank der Anstrengungen des letzten zehn Jahrhunderte seit Karl dem Großen ist das Klima des antiken Germanien milder und der Boden fruchtbarer geworden. Dasselbe Land, das gegenwärtig über eine Millionen Bauern und Handwerker leicht und reichlich versorgt, konnte einstmals noch nicht einhunderttausend müßige Krieger mit dem Notwendigsten versehen Helvetien, die Vorläuferin der heutigen Schweiz, hatte 368 000 Einwohner jeden Alters und Geschlechtes, Caesar, Bellum Gallicum 1,29. Gegenwärtig beläuft sich allein die Zahl der Einheimischen im Pay de Vaud (einem kleinen Distrikt am Genfer See, ausgezeichnet eher durch verfeinerte Sitten als durch Bürgerfleiß) auf 112 591. Siehe die tadellose Studie von Muret in den Mémoires de la Société de Berne. . Die Germanen benutzten ihre ungeheuren Wälder lediglich zu Jagdzwecken, das offene Land fast ausschließlich für Weidewirtschaft, betrieben auf den geringen Resten einen sehr primitiven und nachlässigen Ackerbau und beklagten sich über die Kargheit und Unfruchtbarkeit ihres Landes, das sich seine Bewohner zu ernähren weigerte. Wenn Hungersnöte ihnen die Bedeutung der Agrikultur hätten handgreiflich machen können, so schaffte sich das Elend des Landes dadurch Erleichterung, dass ein Drittel oder auch nur ein Viertel der Jugend auswanderte Paulus Diaconus, Historia Langobardum 1,2 und 3. Machiavelli, Davila und sein übrigen Nachfolger stellen diese Auswanderung zu sehr als geplantes und abgestimmtes Unternehmen dar. . Der Besitz und der Genuss von Eigentum sind die Bande, welche die zivilisierte Bevölkerung an ein entwickeltes Land fesseln. Die Germanen indessen, die alles bei sich hatten, was ihnen wertvoll war: ihre Waffen, ihr Vieh, ihre Weiber, gaben das große Schweigen ihrer Wälder freudig dahin für die ungewisse Aussicht auf Raub und Eroberung. Die ungemessenen Horden, die dieses Vorratshaus der Nationen freisetzte oder freizusetzen schien, wurden durch die Angst der besiegten und die Leichtgläubigkeit der nachfolgenden Generationen noch vervielfältigt. Und aus solchermaßen übertriebenen Tatsachen bildete sich allmählich die Meinung heraus und wurde zusätzlich von renommierten Autoren bekräftigt, dass in den Zeiten eines Julius Cäsar oder Cornelius Tacitus die Einwohnerschaft des Nordens bedeutend zahlreicher gewesen sein müsse als in unseren Tagen Sir William Temple und Montesquieu haben sich in diesem Punkte ihrer anerkannt lebhaften Phantasie verschrieben. . Eine ernsthaftere Untersuchung der Bevölkerungsfrage hat moderne Forscher indessen vermocht, die Falschheit, ja sogar die Unmöglichkeit dieser Vermutung anzunehmen. Die Namen eines Mariana oder Machiavelli Macchiavelli, Historia di Firenze, Bd.1; de Mariana, Historia Hispaniae, Buch 5, c.1 können wir gleichberechtigt denen eines Robertson oder Hume Robertson, Charles V; Hume, Essays, moral and political. gegenüberstellen.   FREIHEIT DER GERMANEN Eine kriegerische Nation wie die Germanen, ohne Städte, Schrift, Ackerbau oder Geld, fand für ihren halbwilden Zustand Ausgleich im Genuss ihrer Freiheit. Ihre Armut garantierte ihnen ihre Unabhängigkeit, denn unsere materiellen Wünsche und unser Besitz sind die stärksten Ketten im Dienste des Despotismus. »Bei den Suionen (sagt Tacitus) steht auch der Reichtum in Ansehen. Und deshalb sind sie einem absoluten Herrscher untertänig, welcher hier auch nicht, wie sonst im freien Germanien üblich, einem jeden seine Waffe zur freien Verfügung überlässt, sondern sie vielmehr der Obhut eines Wächters anvertraut, nicht etwa eines Bürgers oder eines Freigelassenen, sondern eines Sklaven. Die Nachbarn der Suionen, die Sitonen, sind sogar noch unter ein versklavtes Volk gesunken: sie gehorchen einem Weibe Tacitus, Germania, 44 und 45. Freinshemius (der seine Ergänzungen zu Livius der Königin Christina von Schweden gewidmet hat), ärgert sich wohl zu Recht an dem Römer, welcher nordische Königinnen so gering achtet. !« Gerade durch die Erwähnung dieser Ausnahmen erkennt der große Historiker hinlänglich eine allgemeine Herrschaftstheorie an. Wir allerdings können noch nicht einmal raten, auf welche Weise denn nun Reichtum und Despotismus in eine solch entlegene Ecke im hohen Norden gelangt sind und die Flamme erstickt haben, welche noch an den Grenzen zu Roms Provinzen so hell leuchtete, oder wie die Vorfahren jener Dänen und Norweger, die sich später so sehr durch ihre Unbeugsamkeit auszeichneten, geradezu lammfromm die Freiheit der Germanen dahingeben konnten Sollen wir da nicht argwöhnen, dass der Aberglauben der Ziehvater des Despotismus gewesen sei? Die Abkömmlinge Odins (die bis in das Jahr 1060 noch nicht ausgestorben waren) haben angeblich über eintausend Jahre in Schweden regiert. Der Tempel zu Upsala war seit alters der Sitz der religiösen und politischen Herrschaft. Für das Jahr 1153 finde ich ein einmaliges Gesetz, welches Besitz und Benutzung von Waffen außer zum Schutze des Königs verbietet. Ist es denn nicht hochwahrscheinlich, dass man es mit der Ausflucht, einen alten Brauch wiederzubeleben, bemäntelt hat? . Einige Stämme an der Ostsee indessen anerkannten die Autorität eines Königs, ohne deshalb ihre Rechte aufzugeben Tacitus, Germania 43. ; im weitaus größeren Teil Germaniens hingegen war die Herrschaftsform eine Demokratie, welche allerdings beschränkt und reguliert wurde, und zwar nicht so sehr durch ein allgemeines oder positives Recht als vielmehr durch das zufällige Ansehen, welches Geburt, Stärke, Beredsamkeit oder des Aberglaubens so mit sich brachten Tacitus, Germania 11-13 .   VOLKSVERSAMMLUNGEN UND HERRSCHER In ihren ersten Anfängen sind zivile Regierungsformen ein freiwilliger Zusammenschluss zum gegenseitigen Schutz. Zu diesem Zwecke ist es unabdingbar, dass jeder Einzelne freiwillig sein persönliches Denken und Handeln dem Urteil der Versammlungsmehrheit unterwirft. Diese etwas ungehobelte, aber von der Freiheit vorgegebene Gesellschaftsform war bei den Germanenstämmen in Übung. Sobald nur ein Jugendlicher, von freien Eltern geboren, das Mannesalter erreicht hatte, wurde er in die Versammlung seiner Stammesgenossen berufen, feierlich mit Schild und Speer ausgestattet und als gleichberechtigtes Mitglied in die Schar der Wehrfähigen aufgenommen. Die Versammlung der Stammeskrieger wurde zu festgesetzten Zeiten oder bei plötzlichen Notfällen einberufen. Die gerichtliche Verfolgung von Verbrechen, die Wahl von Magistraten und die großen Entscheidungen über Frieden und Krieg geschahen durch unabhängige Stimmabgabe. Zuweilen jedoch wurden diese wichtigen Fragen in einer besonderen Versammlung von Stammeshäuptlingen beraten und vorbereitet. Die Magistrate mochten Rats pflegen und sich bereden, das Volk allein konnte beschließen und ausführen; und die Beschlüsse der Germanen waren zumeist bündig und ungestüm. Barbaren, die ihren Augenblickslaunen nachzugeben für Freiheit halten und das Ignorieren der Folgen für Tapferkeit, wandten sich unwillig von den Bedenklichkeiten der Justiz oder der Politik ab, und es war gern geübter Brauch, durch dumpfes Murren sein Missvergnügen an solch bänglichen Einwendungen anzuzeigen. Wann immer jedoch ein volkstümlicher Redner vorschlug, auch noch den letzten Bürger für erlittenes Unrecht zu rächen, habe es sich nun auswärts oder daheim ereignet und seine Landsleute aufrief, sich der nationalen Ehre anzunehmen oder ein ebenso gefahren – wie ruhmträchtiges Unternehmen zu wagen: ein lautes Speer- und Schildgerassel drückte den stürmischen Beifall der Versammlung aus. Denn die Germanen versammelten sich allezeit in Waffen, und es stand fortwährend zu befürchten, dass eine aufgebrachte Menge, durch Parteienhass und Starkbier erhitzt, diese ihre Waffen auch benutzen würde, um ihre Beschlüsse zu bekräftigen und durchzusetzen Grotius verbessert bei Tacitus, Germania 11 das pertractantur (etwas durchdenken) in praetractantur (etwas vorher in Erwägung ziehen), eine ebenso berechtigte wie sinnvolle Korrektur. . Wir müssen uns nur daran erinnern, wie oft im polnischen Reichstag Blut floss und die größere Fraktion der gewalttätigeren weichen musste Sogar in unserem alten Parlament entschieden die Barone eine Frage nicht nach der Zahl der Stimmen als vielmehr ihrer bewaffneten Anhänger. .   FÜRSTENMACHT UND OBRIGKRITEN Ein Oberbefehlshaber des Stammes wurde in Gefahrensituationen gewählt; und wenn die Gefahr übermächtig wurde, einigten sich auch mehrere Stämme auf einen gemeinsamen Anführer. Der tapferste Krieger wurde benannt, seinen Landsleuten im Felde voranzugehen, nicht so sehr um Befehle als vielmehr ein Beispiel zu geben. Aber so begrenzt seine Macht auch sein mochte, so war sie ihnen immer noch unerfreulich. Zusammen mit dem Kriege endete sie, und in Friedenszeiten anerkannten die germanischen Stämme überhaupt kein weiteres Oberhaupt Caesar, Bellum Gallicum 6,23. . Jedoch wurden auf allgemeinen Versammlungen Häuptlinge eingesetzt, um in ihren jeweiligen Gauen Recht zu sprechen, oder genauer: Streitereien beizulegen »Minuunt controversias« (sie verkleinerten Streitigkeiten) ist eine sehr glückliche Formulierung Caesars. . Bei der Wahl dieser Magistrate legte man auf Herkunft ebenso viel Wert wie auf Verdienst »Reges ex nobilitate, duces ex virtute sumunt« (Die Könige wählen sie sich auf Grund ihrer edlen Abstammung, die Heerführer wegen ihrer Tapferkeit.) Tacitus, Germania 7. . Jedem von ihnen wurde durch die Öffentlichkeit eine Art Leibwache beigegeben und ein Beraterkreis von hundert Mann, und die frühesten dieser Herrscher scheinen an Rang und Würden so hervorragend gewesen zu sein, dass die Römer ihnen den Königstitel beizulegen sich gelegentlich versucht fanden Cluver, Germania antiqua, Bd.1, c.38. .   BEDEUTUNG DES INDIVIDUUMS Eine an zwei Beispielen vorgenommene Darlegung der Machtbefugnisse der Magistrate ist für sich bereits ausreichend, um die germanischen Verhältnisse insgesamt zu verstehen. Die Regelung der Eigentumsverhältnisse des Ackerlandes ihres Gaus lag unwidersprochen in deren Händen, und sie vergaben es in jedem Jahre wieder entsprechend einer neu vorgenommenen Aufteilung Caesar, Bellum Gallicum 6,22; Tacitus, Germania 26. . Zugleich waren sie aber nicht befugt, einen Privatmann zum Tode zu verurteilen, ihn einzusperren oder auch nur zu züchtigen Tacitus, Germania 7 . Ein Volk, das derart eifersüchtig auf seine Individualität und derart gleichgültig gegenüber dem Besitztum ist, dürfte für Gewerbe und Künste absolut keinen, für Ehre und Unabhängigkeit hingegen einen sehr starken Sinn besessen haben. An Pflichten erkannten die Germanen nur diejenigen an, die sie sich selbst auferlegt hatten. Noch der unbedeutendste Soldat widersetzte sich mit Abneigung der Obrigkeit. »Noch die nobelste Jugend sieht es als Ehre an, zur treuen Gefolgschaft eines berühmten Gefolgsherren zu zählen, dem sie dann ihre Waffendienste antragen. Ein edler Wetteifer besteht unter den Gefolgsleuten um den ersten Platz in der Wertschätzung ihres Gefolgsherren, so wie unter den Gefolgsherren um die größte Zahl der entschlossensten Gefolgsleute. Beständig von einer großen Zahl erlesener Jünglinge umgeben zu sein machte den Ruhm und die Bedeutung eines Häuptlings aus, es war im Frieden seine Ehre und im Krieg sein Schutz. Der Ruhm solcher ausgezeichneten Helden drang über die engen Stammesgrenzen. Mit Geschenken und Gesandtschaften buhlte man um seine Freundschaft, und der Ruf ihrer Waffen sicherte oft der Partei ihrer Wahl den Sieg zu. In der Stunde der Gefahr war es für den Häuptling eine Schande, sich von seinen Mannen an Tapferkeit übertreffen zu lassen, wie es für diese schmählich war, es dem Häuptling hierin nicht gleich zu tun. Seinen Tod in der Schlacht zu überleben galt als untilgbare Schmach. Seine Person zu schützen und zu seinem Ruhm die eigenen Heldentaten hinzuzurechnen zählte zu ihren heiligsten Pflichten. Die Häuptlinge kämpften für den Sieg, die Gefolgsleute für ihren Häuptling. Die edelsten Krieger blieben, wann immer ihr Land in die dumpfe Friedenszeit zurückgesunken war, auf irgendwelchen entlegenen Kriegsschauplätzen, um ihren ruhelosen Geist weiterhin zu beschäftigen und durch freiwillige Gefahren ihren Ruhm zu mehren. Von der Freigebigkeit ihres Gefolgsherren erwarteten sie angemessene Geschenke, ein Schlachtross und die blutige und stets siegreiche Lanze. Eine ebenso einfache wie gastliche Tafel war der einzige Sold, der er bezahlen konnte oder den sie annehmen würden. Durch Raub, Krieg und freiwillige Geschenke seiner Freunde verschaffte sich der Gefolgsherr die Mittel zu solchem Lohn Tacitus, Germania 13 und 14 .« Wenn diese Einrichtung auch einzelne Stämme gelegentlich schwächen mochte, so festigten sie dennoch den allgemeinen Charakter der Germanen und brachte sogar jene Tugenden zur Reife, für die Barbaren empfänglich sind – Treue und Mut, Gastfreundschaft und die Höflichkeit, welche erst so viel später im Zeitalter des Rittertums hervortreten sollte. Die Ehrengeschenke, die der Gefolgsherr seinen tapferen Mannen zukommen ließ, sollen, so ein sinniger Verfasser, die ersten Ansätze zu einem Lehnswesen enthalten haben: nach der Eroberung der römischen Provinzen hätten die Kriegsherren der Barbaren Land an ihre Vasallen mit der gleichzeitigen Auflage zu Gehorsam und militärischen Gefolgschaft verteilt L'esprit des lois 30,3. Montesquieus sprudelnde Phantasie wird indessen durch den nüchtern-kalten Verstand des Abbé de Mably richtiggestellt. Observations sur l'histoire de France, Bd. 1, p.356. . Diese Bedingungen stehen nun allerdings in einem entschiedenen Gegensatz zu den Maximen der alten Germanen, welche an gegenseitigem Beschenken ihre Freude hatten, ohne dabei sich oder den anderen mit irgendwelchen Verpflichtungen zu beschweren »Gaudent muneribus, sed nec data imputant, nec acceptis obligantur.« (Über Geschenke freuen sie sich, legt mit ihnen aber keine Verpflichtung auf und fühlen sich durch empfangene ebenso wenig verpflichtet.) Tacitus, Germania 21. .   DIE KEUSCHHEIT DER GERMANEN UND IHRE URSACHEN »In den Tagen des Rittertums oder besser der Ritterromane waren alle Männer tapfer und alle Frauen keusch.« Ungeachtet, dass letztgenannte Tugend deutlich schwieriger zu erwerben und heikler zu bewahren ist als die ersterwähnte, wird sie den Frauen der Germanen fast einhellig zugeschrieben. Polygamie ward – mit Ausnahme von einigen Herrschern – nicht geübt, und auch diese taten es nur, um ihre Allianzen zu mehren. Ehescheidungen waren untersagt, nicht so sehr von Gesetzes wegen als vielmehr aus Gewohnheit. Ehebruch wurde wie ein besonders schweres und unsühnbares Verbrechen geahndet, und auch Verführung konnte sich nicht auf Vorbilder oder Moden herausreden Die Ehebrecherin wurde durch das Dorf gepeitscht. Weder ihr Reichtum noch ihre Schönheit konnten Mitleiden hervorrufen oder ihr zu einen zweiten Ehemann verhelfen. Tacitus, Germania 18 und 19. . Leicht können wir nachweisen, dass Tacitus an dem Gegensatz zwischen den Tugenden der Barbaren und den wüsten Aufführungen römischer Damen ein rechtes Vergnügen hatte: tatsächlich gibt es aber auch einige handfeste Begleitumstände, die die eheliche Treue und Keuschheit der Germaninnen als wahr oder doch wenigsten wahrscheinlich erscheinen lassen. Obgleich der Fortschritt der Zivilisation unwidersprochen dazu beigetragen hat, die wilderen Leidenschaften der menschlichen Natur zu kanalisieren, so scheint die Tugend der Keuschheit hiervon weniger profitiert zu haben, ist doch eine gewisse Gemütsmilde ihr gefährlichster Feind. Die Verfeinerung der Lebensart verdirbt und veredelt zugleich den Umgang der Geschlechter. Der nackte Geschlechtstrieb wird zur Gefahr, wenn er durch sentimentale Schwärmerei veredelt, oder genauer: verhüllt wird. Die Anmut der Kleidung, der Bewegung, des Auftretens verleihen der eigentlichen Schönheit Attraktivität und stacheln die Sinne noch zusätzlich. Aufwendiges Amüsement, mitternächtliche Tanzvergnügen und frivole Schauspiele stellen für die anfällige Weiblichkeit eine Versuchung und zugleich eine günstige Gelegenheit dar Ovid hält das Theater für den geeignetsten Platz, die Schönen Roms zu versammeln und sie dahinschmelzen zu lassen in Zärtlichkeit und Sinnenfreude. . Vor solcherart Anfechtung waren nun die vierschrötigen Frauen der Barbaren durch Armut, Vereinsamung und die dauernde Sorge um das häusliche Wohl geschützt. Die Hütten der Germanen, die nach allen Seiten für neugierige oder neidvolle Blicke offen standen, behüteten die eheliche Treue zuverlässiger als die hohen Mauern, Riegel und Eunuchen eines persischen Harems. Hinzu kommt ein weiterer Grund von etwas ehrenhafterer Natur. Die Germanen behandelten ihre Frauen mit Hochachtung und Vertrauen, befragten sie zu allen wichtigen Anlässen und waren tief davon überzeugt, in ihrer Brust wohne Heiligkeit und Weisheit jenseits allen Menschenwitzes. Einige dieser Schicksalsdeuterinnen, wie zum Beispiel Velleda im Bataveraufstand, beherrschte namens der Gottheit eine der gefährlichsten Nationen Germaniens Tacitus, Historiae, 4, 61 und 65. . Alle anderen Geschlechtsgenossinnen wurde als freie und gleichgestellte Begleiter der Krieger angesehen, ohne deshalb gleich als Gottheiten angebetet zu werden; durch die Hochzeitszeremonie wurden sie einem Leben in Mühsal, Gefahr und Ruhm anverlobt Die Mitgift bestand aus einem Joch Ochsen, Pferden und Waffen. Tacitus, Germania 18. Tacitus beschreibt den Gegenstand ein wenig zu blumig. . Bei ihren großen Heerzügen waren die Lager der Barbaren voll mit Frauen, die unerschüttert und unverzagt blieben inmitten des Waffenlärms, in aller Zerstörung und beim Anblick der ehrenvollen Wunden ihrer Männer und Söhne Die Änderung von »exigere« in »exugere« ist eine treffliche Korrektur. . Zurückweichende Heere der Germanen wurden mehr als einmal gegen den Feind zurückgehetzt durch die überreichliche Verzweiflung ihrer Frauen, die die Sklaverei mehr fürchteten als den Tod. War der Tag unverkennbar verloren, dann wussten sie genau, wie sie sich und ihre Kinder mit eigener Hand dem Hohn der Sieger zu entziehen hatten Bevor die Frauen der Teutonen sich selbst und ihre Kinder umbrachten, waren sie bereit gewesen, sich unter der Bedingung zu ergeben, dass sie als Sklavinnen der Vestalischen Jungfrauen übernommen würden. Tacitus, Germania 7; Plutarch, Marius . Heldinnen von solchem Format mögen unsere Bewunderung erheischen; aber mit Sicherheit sind sie weder besonders liebreizend noch für Liebe sonderlich empfänglich. In ihrem Bemühen, den rauen Mannes tugenden nachzueifern, müssen sie sich der anziehenden Milde entschlagen, die nun einmal den Charme des Weibes ausmacht. Stolz, der sich seiner selbst bewusst war, lehrte die Frauen der Germanen alle zärtlichen Gefühlsregungen zu unterdrücken, die ihrer Ehre zuwiderliefen, und die höchste Ehre ihres Geschlechtes war von jeher die Keuschheit gewesen. Die Befindlichkeiten und das Auftreten dieser lebhaften Matronen kann man zugleich als die Ursache und als das Ergebnis des allgemeinen Volkscharakters ansehen. Weibliche Tapferkeit kann immer nur, selbst wenn sie Fanatismus erhöht oder Gewohnheit festigt, ein schwacher und unvollständiger Abglanz der männlichen Tapferkeit sein, welche sich nur durch das Alter oder das Herkunftsland ihres Trägers unterscheidet.   RELIGION Das religiöse System der Germanen (wenn man denn die unsortierten Empfindungen von Wilden so benennen möchte) war ein Erzeugnis ihrer Bedürfnisse, ihrer Ängste und ihrer Unwissenheit Tacitus hat auf diesen dubiosen Gegenstand einige Zeilen, Cluverius einhundertundvierundzwanzig Seiten verwandt. Der erstgenannte entdeckt in Germanien römische und griechische Götter, der letztere ist sich sicher, dass unter den Symbolen von Sonne, Mond und Feuer seine frommen Vorfahren die Dreifaltigkeit anbetete. . Sie verehrten die großen, sichtbaren Naturobjekte, Mond und Sonne, Feuer und Erde; ferner jene imaginierten Gottheiten, denen man die Lenkung der wichtigsten Geschäfte im Leben der Menschen zuschrieb. Sie hielten sich überzeugt, dass sie – infolge irgendwelcher albernen divinatorischen Kniffe – den Willen der höheren Wesen erkennen konnten und dass Menschenopfer die wertvollsten und willkommensten Geschenke an ihren Altären seien. Man hat etwas voreilig den erhabenen Gottesvorstellungen dieses Volkes Beifall gezollt, welches ihre Götter niemals in Tempelmauern eingesperrt oder durch menschenähnliche Plastiken abgebildet hat; wenn wir uns aber daran erinnern, dass die Germanen von der Architektur wenig und von der Bildhauerkunst überhaupt nichts verstanden, so werden wir die wahren Ursachen dieser Skrupel alsgleich benennen können, welche nicht so sehr auf höherer Vernunft als vielmehr auf handwerklichem Unvermögen beruhten. Die einzigen Tempel bei den Germanen waren düstere, alte Haine, die infolge der Verehrung nachfolgender Generationen geheiligt waren. Ihr geheimnisvolles Dämmerlicht, der angebliche Sitz einer unsichtbaren Macht, das Fehlen jedweden erkennbaren Objektes für Furcht oder Anbetung mochte dem Gemüt wohl einen noch tiefer empfundenen Schauder einflößen Der Heilige Wald, den Lucan mit soviel frommen Frösteln ausmalt, stand in der Nähe von Marseille. Aber von dieser Sorte gab es in Germanien übergenug. ; und die Priester, wie ungehobelt und ungebildet sie auch sein mochten, hatten gleichwohl in langer Praxis alle Kunstgriffe gelernt, welche derartige ihren Zwecken dienliche Seelenzustände hervorrufen und festigen konnten.   WIRKUNG IM FRIEDEN... Dieselbe Unwissenheit, welche Barbaren außerstande setzt, die segensreichen Einschränkungen der Gesetze zu verstehen oder wenigsten zu akzeptieren, macht sie auch hilf- und wehrlos gegenüber dem blanken Schrecken des Aberglaubens. Die germanischen Priester kannten diese Schwäche ihrer Landsleute wohl und hatten deshalb auch in weltlichen Angelegenheiten die Rechtsprechung an sich gerissen, welche auszuüben die Magistrate nicht wagen konnte; und in der Tat unterwarf sich der stolze Krieger bereitwillig der Zuchtrute, wenn sie nicht durch Menschengebot, sondern durch Anweisung des Kriegsgottes selbst verhängt worden war Tacitus, Germania 7 . Den Mängeln der bürgerlichen Ordnung wurde so zuweilen durch Vermittlung religiöser Autoritäten abgeholfen. Dieses äußerte sich dadurch, dass sie in den Volksversammlungen Schweigen und Zurückhaltung durchsetzten; auch betätigten sie sich bisweilen in Vorgängen von erhöhter nationaler Bedeutung. So wurden in den Gebieten des heutigen Mecklenburg und Pommern festliche Prozessionen durchgeführt. Das unerkannte Symbol der Erde , verhüllt unter einem dichten Schleier, wurde auf einem Ochsenwagen aufgestellt und umhergezogen. Und so besuchte die Göttin, beheimatet ansonsten auf der Insel Rügen, die Nachbarstämme, in denen sie ebenfalls angebetet wurde. Während ihrer Reise war Kriegslärm nicht zu vernehmen, Streitigkeiten waren beigelegt, die Waffen ruhten und die sonst so unruhigen Germanen hatten Gelegenheit, an den Segnungen des Friedens und der Eintracht teilzuhaben Tacitus, Germania 40 . Der Gottesfrieden, den die Kirche im XI. Jahrhundert so oft und so vergeblich ausgerufen hatte, war sichtlich eine Kopie dieses antiken Brauches Dr. Robertsons History of Charles V, Bd.1, Anm. 10 .   ...UND IM KRIEG Indessen: der Einfluss der Religion vermochte die Leidenschaften der German erheblich wirkungsvoller aufzuregen als sie zu dämpfen. Parteiinteressen und Fanatismus veranlassten die Religionsdiener oftmals, die riskantesten und niederträchtigsten Unternehmungen durch des Himmels Beistand und Erfolgsbürgschaft zu heiligen. Geweihte Feldzeichen, die lange in den Hainen des Aberglaubens verehrt worden waren, trug man in der Schlacht voran Tacitus, Germania 7. Diese Feldzeichen waren lediglich die Schädel wilder Tiere. , und die feindliche Armee wurde mittels grässlicher Verwünschungen den Göttern des Krieges und des Donners überantwortet Ein Beispiel für diesen Brauch findet sich bei Tacitus, Annalen 13, 57 . In den Glaubensvorstellungen von Kriegern (und das waren die Germanen) war Feigheit das unverzeihlichste Vergehen. Ein tapferer Krieger hingegen war der Liebling seiner kriegsliebenden Gottheiten; der Elende, der in der Schlacht seinen Schild verloren hatte, war aus den religiösen wie bürgerlichen Zusammenkünften seiner Landleute ausgeschlossen. Einige nördliche Stämme scheinen die Vorstellung einer Seelenwanderung übernommen zu haben Caesar, Diodor und Lucan scheinen diese Doktrin den Galliern zuzuschreiben, aber Herr Pelloutier (Histoire des Celtes 3,18) ist bemüht, ihren Redensarten einen mehr rechtgläubigen Sinn zu verleihen. , andere stellten sich das Paradies wie ein ewiges Trinkgelage vor Näheres zu dieser grobkörnigen, aber dennoch anziehenden Glaubensvorstellung der Edda findet man in der XX. der Kurzepen in der lesenswerten Übertragung dieses Buches, welche Herr Mallet in seiner »Introduction à l'istoire de Dannemark herausgegeben hat. . Dem aber stimmten alle zu, dass ein Leben unter Waffen und ein ruhmreicher Schlachtentod die beste Vorbereitung für eine glückhafte Zukunft sei, sei es nun in dieser Welt oder der jenseitigen.   DIE BARDEN · URSACHEN FÜR DIE EINDÄMMUNG DER GERMANEN Die Unsterblichkeit, dieses wohlfeile Versprechen der Priesterschaft, wurde sozusagen aushilfsweise von den Barden verliehen. Dieses sonderbare Männerbündnis hat noch jeden fasziniert, der die Kultur der Kelten, der Skandinavier oder der Germanen studiert hat. Ihre Begabung und ihr Charakter, die Hochachtung ferner, mit der man ihrem bedeutenden Tun begegnete: dies alles ist hinreichend dargestellt worden. Wir hingegen können uns nicht so ohne weiteres diese Begeisterung für Waffentaten oder -ruhm ausmalen geschweige denn die Verzückung begreifen, die sie in den Seelen ihrer Zuhörer entfachte. Unter den Gebildeten hat die Freude an der Dichtung eher etwas mit dem Beflügeln von Phantasie zu tun als mit dem Erregen von Leidenschaften. Und dennoch: wenn wir in stiller Zurückgezogenheit die Schlachtenbeschreibungen eines Homer oder Tasso durchlesen, so werden wir unmerklich durch die Darstellung verführt und fühlen vorübergehend Kampfeslust in uns. Aber wie matt und marmorkalt ist diese Empfindung, die ein ansonsten friedfertiges Gemüt aus solchen einsamen Studien ziehen mag! Es war am Tage der Schlacht oder bei Siegesfeiern, dass die Barden den Ruhm der Helden vergangener Tage erneuerten, der Vorfahren jener Häuptlinge, die nun mit Entzücken ihren kunstlosen, aber seelenvollen Klängen lauschten. Der Anblick von Waffen und Gefahr vermehrte die Wirkung der kriegerischen Gesänge; und die Leidenschaften, die sie zu aufzuregen sich bemühten, der Hunger nach Ruhm, die Geringschätzung des Todes: dies waren der Germanen ureigene Gemütszustände Tacitus, Germania 3; Diodoros, 5, 29; Strabon 4, p.197. Der klassisch gebildete Leser möge sich an die Stellung des Sängers Demodocus am Hofe der Phäaken erinnern, oder an die Kampfeswut, die Tyrtaios den resignierenden Spartiaten einflößte. Gleichwohl ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass die Griechen und Germanen das gleiche Volk waren. Viel gelehrter Unfug bliebe uns erspart, wenn unsere Altertumsforscher einzusehen beliebten, dass Ähnlichkeit im Verhalten sich zwanglos durch Ähnlichkeit der Bedingungen erklärt. .   URSACHE FÜR FEHLENDEN FORTSCHRITT Dies also waren die äußeren Lebensumstände sowie die Gebräuche der alten Germanen. Ihr Klima, ihr Mangel an Bildung, Technik und Gesetzen, ihr Bewusstsein für Freiheit, ihr Überdruss am Frieden, ihr Unternehmungsgeist: dies alles trug dazu bei, aus ihnen ein kriegerisches Heldenvolk zu formen. Und dennoch finden wir, dass in den zweihundertfünfzig Jahren von der Niederlage des Varus bis zur Herrschaft des Decius diese fürchterlichen Barbaren nur wenige überhaupt erwähnenswerte Vorstöße gegen die luxusschwangeren, knechtischen Provinzen des Reiches unternommen und keinen einzigen handgreiflichen Erfolg gegen sie errungen hatten. Ihre Ausbreitung wurde behindert durch ihren Mangel an Waffen und Disziplin, und ihre eigentliche Kampfeswut richteten sie überwiegend gegen sich selbst.   MANGEL AN WAFFEN... I. Man hat mit viel Scharfsinn und nicht ohne Wahrheit festgestellt, dass eine Nation, die über Eisen gebietet, alsbald auch über Gold verfügt. Die Stämme Germaniens, die beider Metalle in gleicher Weise ermangelten, konnten sich ohne Hilfe nur allmählich in den Besitz des einen wie des anderen bringen. Der Anblick einer germanischen Armee legt ihren Mangel an Eisen offen. Schwerter und längere Lanzen gab es kaum zu ihrem Gebrauch. Ihre frameae , wie sie es in ihrer eigenen Sprache nannten, waren lange Speere, die mit einer scharfen, aber nur kleine Eisenspitze versehen waren und die sie je nach Gefechtslage aus der Distanz schleuderten oder für den Stoß im Nahkampf einsetzten. Mit diesem Schild und Speer kämpfte auch die Kavallerie. Ungezählte Pfeile, mit unglaublicher Gewalt verschleudert Missilia spargunt , (Sie verstreuen Geschosse). Tacitus, Germania 6. Entweder gebraucht der Historiker hier einen unbestimmten Ausdruck, oder er meint, sie wurden mehr oder weniger aufs Geratewohl geworfen. , waren ein weiteres Kampfmittel der Infanterie. Ihre Kriegstracht, wenn sie denn eine besaßen, war nichts weiter als ein offener Mantel. Verschiedene bunte Farben auf ihren Schilden aus Holz oder Weidegeflecht waren die einzige Zier. Einige Häuptlinge trugen Harnische, kaum jemand von ihnen Helme.   ...UND AN DISZIPLIN Obwohl die Pferde der Germanen weder schön oder wendig waren noch die geschickten Manöver der römischen Kavallerie ausführen konnten, waren einige Stämme wegen ihrer Reiterei besonders gerühmt; gleichwohl, die eigentliche Stärke der Germanen war ihr Fußvolk Dies war der wesentliche Unterschied zu den Samartianern, die stets zu Pferde fochten. , welche in mehreren Heersäulen nach Stammes- und Familienzugehörigkeit aufgestellt wurde. Ihrer Ermüdung nicht achtend, unduldsam gegenüber Verzug, stürmten diese halbbewaffneten Barbaren unter misstönigem Gelärme und in kunstloser Ordnung in die Schlacht; und zuweilen obsiegten sie unter Aufbietung ihrer angeborenen Kräfte über den andressierten Mut der römischen Söldlinge. Da die Barbaren aber in den ersten Angriff ihre ganze Seele legten, wussten sie weder, wie man sich sammelt oder sich zurückzieht. Ein Zurückweichen war deshalb die sichere Niederlage, und eine Niederlage endete gewöhnlich in der vollständigen Vernichtung. Vergegenwärtigen wir uns die Bewaffnung der römischen Legionäre, ihre Disziplin, ihre Ausbildung, Evolutionen und befestigten Lager, so ist es nachgerade überraschend, wie diese halbnackten und ganz auf sich gestellten Barbaren es überhaupt wagen konnten, sich auf offenem Felde der Schlagkraft der Legionen und der sie unterstützenden diversen Hilfstruppen zu stellen. Die Kräfte waren viel zu ungleich, bis endlich Luxus die Stärke der römischen Legionen aufweichte und der Geist des Ungehorsams und der Renitenz ihre Disziplin unterhöhlte. Die Aufnahme barbarischer Hilfskontingente war eine höchst zweischneidige Maßnahme, da durch sie die Germanen allmählich in die höheren politischen und Kriegskünste eingeführt wurden. Obwohl sie nur in geringer Zahl und mit aller Umsicht aufgenommen wurden, überzeugte das Beispiel des Civilis die Römer nachdrücklich davon, dass die Gefahr nicht eingebildet war und ihre Vorsicht nicht immer ausreichend Der Bericht über diese Unternehmung nimmt einen beträchtlichen Teil des IV und V Buches von Tacitus' Historien ein, welche eher durch die Beredsamkeit als durch die Klarheit ihrer Darstellung bemerkenswert sind. Sir Henry Saville hat diverse Ungenauigkeiten festgestellt. . Während der Bürgerkriege nach dem Tode Neros hatte dieser erfindungsreiche und furchtlose Bataver, den seine Feinde mit Hannibal und Sertorius Tacitus, Historiae 4,13. Wie diese, so hatte auch er ein Auge eingebüßt. zu vergleichen nicht anstanden, einen großen Plan entworfen, in welchem sich Freiheitssinn und Ehrgeiz mischten. Acht Bataver-Kohorten, die sich in den Kriegen um Britannien und Italien ausgezeichnet hatten, eilten unter seine Fahnen. Er rückte mit einer Armee aus Germanien nach Gallien ein, zog die mächtigen Städte Trier und Langres durch Überredung auf seine Seite besiegte die Legionen, zerstörte ihre befestigten Lager und bediente sich gegen die Römer aller militärischen Kenntnisse, die er ihnen während seines Dienstes abgesehen hatte. Als er sich nach langem und hartnäckigem Kampfe der Übermacht des Reiches ergeben musste, sicherte Civilis sich selbst und sein Land durch einen ehrenvollen Friedensschluss ab. Die Bataver hielten auch weiterhin die Rheininseln Sie lagen zwischen den zwei alten Rheinarmen, bevor das Land durch künstliche und natürliche Eingriffe verändert wurde. Sie Cluvier, Germania, Bd. 3, p. 30 und 37. besetzt, als Verbündete Roms, nicht als ihre Sklaven.   INNERER ZWIST DER GERMANEN II. Die Stärke des antiken Germaniens wird fürchterlich, wenn wir uns die Wirkung ausmalen, die von ihren vereinten Anstrengungen hätte ausgehen können. In der Weite des Landes hat es sicherlich eine Millionen Krieger gegeben, da alle, die Waffen führen konnten, hierzu auch willig waren. Indessen war diese gewaltige Masse niemals dazu imstande, einen Plan von nationaler Größe zu fassen geschweige denn durchzuführen, sondern sie wurde durch verschiedene und oftmals entgegengesetzte Vorhaben in Atem gehalten. Germanien zerfiel in mehr als vierzig verschiedene unabhängige Staaten; und in den Einzelstaaten war der Zusammenhalt der verschiedenen Stämme nur als sehr lose und vorübergehend zu bezeichnen. Leicht waren die Barbaren beleidigt; Unrecht zu vergeben lag außerhalb ihrer Möglichkeiten, viel weniger Beleidigungen; ihr Hass war blutig und unerbittlich. Die beiläufigen Streitigkeiten, die auf ihren zahlreichen Jagden oder Trinkgelagen sich ereigneten, waren geeignet, eine ganze Nation zu erregen. Die Anhänger und Verbündeten eines angesehenen Stammeshäuptlings machten sich seine Privatfehde zu der ihren. Einen Frechling zu züchtigen oder einen Wehrlosen zu berauben waren ebenfalls Kriegsgründe. Die mächtigsten Gaue Germaniens waren bestrebt, ihr Land mit einem weiten, unbewohnten Niemandsland zu umgeben. Ein großer räumlicher Abstand zu ihren Nachbarn unterstrich nämlich die Stärke ihrer eigenen Waffen und schützte sie im gewissen Umfang gegen Überraschungsangriffe Caesar, Bellum Gallicum 6,23. . »Die Bructerer« (so schreibt Tacitus) »wurden durch Nachbarstämme Im vierten und fünften Jahrhundert werden sie dennoch von Nazarius, Ammianus Marcellinus, Claudianus und anderen erwähnt, jedoch als Stämme der Franken. Siehe Cluver, Germania, Bd. 3, c. 13. restlos vernichtet, die sie durch ihren Hochmut erbittert oder durch die Aussicht auf Beute angelockt hatten; vielleicht hatten sie auch die Götter ermuntert. Über sechzigtausend Barbaren wurden getötet, nicht etwa durch römische Waffen, sondern vor unseren Augen und zu unserer Freude. Dass doch diese Nationen, Feinde Roms, für immer diesen gegenseitigen Hass pflegen wollten! Wir sind nun auf dem Höhepunkt unserer Macht angekommen »urgentibus« ist die übliche Lesart, aber Sinn und Verstand, Justus Lipsius und einige Handschriften sprechen für »vergentibus.« , und uns bleibt nichts mehr vom Schicksal zu wünschen als die Zwietracht der Barbaren Tacitus, Germania 33. Der fromme Abbé de la Bléterie ist hochgradig verärgert über Tacitus, spricht vom Teufel, der Mörder war von Anfang an \&c. \&c. .« Diese Sätze, die weniger für Tacitus' Menschlichkeit sprechen als für seinen Patriotismus, fassen die Grundsätze der römischen Politik präzise zusammen. Die Barbaren gegeneinander aufzuhetzen dünkte sie weit zweckdienlicher als sie zu bekriegen, hätten sie doch aus ihrer Unterwerfung weder Ehre noch Gewinn gezogen. Roms Geld und seine Versprechungen hatte sich in das Herz Germaniens eingenistet, und jeder diplomatische Kunstgriff wurde sorgfältig in Szene gesetzt, besonders jene Nationen ruhig zu stellen, deren Nähe zu Rhein und Donau aus ihnen die schlimmsten Feinde wie die nützlichsten Freunde machen konnte. Häuptlingen von Ansehen und Einfluss schmeichelte man mit erlesenen Geschenken, welche sie entweder als Nachweis für ihre eigene Bedeutung oder als Gegenstand des Luxus ansahen. Bei inneren Zwistigkeiten suchte die schwächere Partei ihre Interessen zu stärken, indem sie in geheime Verbindung mit den Statthaltern der Grenzprovinzen trat. Jedweden Hader unter den Germanen schürte Rom mit seinen Ränken; und jeden Plan, der der Einheit und dem öffentlichen Wohl gedient hätte, ging zuschanden an persönlichen Interessen oder Eifersüchteleien Für diese Politik finden sich bei Tacitus und Cassius Dio zahlreiche Belege; und sehr viele mehr lassen sich aus der Natur des Menschen schöpfen. .   LIGA DER GERMANEN GEGEN MARC AUREL Die allgemeine Verschwörung, die Rom unter Marc Aurel entsetzte, umfasste beinahe alle germanischen Nationen (und selbst der Sarmaten) von der Rhein- bis hin zur Donaumündung Historia Augusta, Marcus Antoninus 22; Ammianus Marcellinus 31,5; Aurelius Victor, Caesares 16. Der Kaiser Mark Aurel war genötigt, die üppigen Palasteinrichtungen zu versilbern sowie Sklaven und Räuber in die Armee aufzunehmen. . Wir können unmöglich entscheiden, ob diese Konföderation durch Not, Vernunfterwägungen oder Ehrgeiz geschmiedet wurde; aber wir können sicher sein, dass die Barbaren weder durch kaiserliche Trägheit verlockt noch durch seinen Ehrgeiz provoziert wurden. Diese lebensgefährliche Invasion forderte ihm alle Standhaftigkeit und Wachsamkeit ab. Es versetzte bewährte Generäle an die verschiedenen bedrohten Angriffspunkte und übernahm in eigener Person die Führung der äußerst wichtigen Provinz an der oberen Donau. Nach langen und wechselvollen Kämpfen wurde der Mut der Barbaren bezwungen. Die Markomannen Die Markomannen hatten einst, von den Rheinufern aus, Böhmen und Mähren besetzt und unter ihrem König Maroboduus (Marbod) eine große und durchaus erschreckliche Monarchie errichtet. Siehe Strabo, 7,290; Velleius Paterculus 2,108; Tacitus, Annales 2,63. und Quaden, die die wichtigste Rolle in diesem Kriege gespielt hatten, wurden am härtesten bestraft. Sie wurden verurteilt, sich fünf Meilen Herr Wotton (The History of Rom) erhöht die Sperrzone auf zehn Meilen. Seine Überlegung besticht vordergründig, ist aber nicht schlüssig; fünf Meilen genügten für eine befestigte Grenzanlage. von ihren Donauufern entfernt zurückzuziehen, und die Blüte ihrer Jugend auszuliefern, welche sofort nach Britannien weitergeschickt wurde, wo sie als Geiseln sicher und als Soldaten nützlich sein mochten Cassius Dio 71,11ff; und 72,2. . Der infolge der zahlreichen Aufstände verbitterte Kaiser beschloss bezüglich der Markomannen und Quaden, ihr Land in eine Provinz umzuwandeln; der Ausführung dieses Planes kam sein Tod zuvor. Die fürchterliche Vereinigung der Germanenstämme aber, der einzigen innerhalb von zweihundert Jahren Kaisergeschichte, löste sich vollständig auf, ohne irgendwelche Spuren in Germanien zu hinterlassen.   STÄMME DER GERMANEN Im Verlaufe dieses einleitenden Kapitels haben wir uns mit einer allgemeinen Darstellung der Verhältnisse Germaniens begnügt, ohne dabei die verschiedenen Stämme zu beschreiben oder zu unterscheiden, welche zur Zeit Cäsars, Tacitus' oder Ptolemäus dieses große Land bewohnten. Sobald die alten oder neuen Stämme im Laufe dieser Darstellung die Bühne betreten, wollen wir ihre Herkunft, ihre Verhältnisse und ihre jeweiligen Besonderheiten gewissenhaft beschreiben. Nationen der Jetztzeit sind etablierte und dauerhafte Gemeinschaften, durch Gesetz und Regierung geeint und an die Scholle durch Technik und Landwirtschaft gebunden. Die Stämme der Germanen waren freiwillige und unbeständige Bündnisse von Kriegern, fast schon von Wilden. Infolge von Eroberung und Vertreibung konnte ein und derselbe Landstrich seine Einwohnerschaft oftmals wechseln. Dieselben Stämme, die sich in Verteidigungs- oder Eroberungsabsichten vereinigten, konnten sich einer neuen Konföderation unter einem neuen Namen anschließen. Die Aufkündigung eines alten Bündnisses gab den unabhängigen Stämmen ihre eigene, wenngleich längst vergessene Benennung zurück. Ein siegreicher Stamm überträgt ja oftmals seinen eigenen Namen auf die Besiegten. Bisweilen versammeln sich auch Freiwillige in Massen aus allen Landen. Besonderheit in ihrem Unternehmen verleiht dieser buntscheckigen Masse dann den gemeinsamen Namen. Die Unterscheidungsmerkmale der Angreifer werden von ihnen selbst beständig geändert und von den erstaunten Untertanen des Römischen Imperiums durcheinander gebracht Siehe die hervorragende Erörterung über den Ursprung und die Wanderung der Völker in den Mémoires de l'Académie des Inscriptions des Belles-Lettres, Bd. 18, p. 48-71. Nur selten geschieht es, dass sich der Altertumsforscher und der Philosoph so glückhaft miteinander verbinden. . Kriege und öffentliche Angelegenheiten sind die wichtigsten Gegenstände der Geschichtsschreibung; aber die Zahl derer, die an diesen Geschäften teilhat, ist höchst unterschiedlich und hängt von der allgemeinen Lage der Menschheit ab. In großen Monarchien obliegen Millionen von braven Untertanen ihren nützlichen Verrichtungen, still und unerkannt. Die Aufmerksamkeit des Lesers wie des Autors wird einzig eingefangen durch einen Königshof, eine Hauptstadt, eine Armee und diejenigen Landstriche, welche zufällig der Schauplatz einer militärischen Operation geworden sind. Indessen machen ein freiheitlich-barbarischer Staat, Zeiten bürgerlicher Unruhen oder eine unbedeutende Soll man annehmen, dass Athen nur 21000 und Sparta nicht mehr als 39000 Bürger gehabt haben? Siehe hierzu Wallace und Hume über Bevölkerungszahlen in alter und neuer Zeit. Republik aus jedem Einzelnen einen Handelnden, der folglich von der Geschichte wahrgenommen wird. Die unberechenbaren Zersplitterungen und rastlosen Züge der Germanen verwirren uns und scheinen dadurch ihre Zahl zu vergrößern. Anlässlich der endlosen Aufzählung von Königen und Kriegern, von Armeen und Völkern übersehen wir leicht, dass es immer dieselben Gegenstände sind, die nur unter ständig wechselnden Bezeichnungen wiederholt werden und dass die glänzendsten Benennungen häufig an die unwürdigsten Gegenstände verschwendet werden. X DIE HERRSCHER DECIUS, GALLUS, AEMILIANUS, VALERIAN UND GALLIENUS ALLGEMEINER BARBARENEINFALL DIE DREISSIG TYRANNEN · IHRE WIRKLICHE ZAHL Zwischen den großen Säkularspielen des Philippus Arabs und dem Tode des Kaisers Gallienus vergingen zwanzig Jahre der Schande und des Unglücks. Während dieser Zeit des Jammers gab es zu allen Augenblicken und in jeder Reichsprovinz Erschütterungen infolge von Barbareneinfällen und Militärdiktaturen, und das verheerte Imperium schien sich in den letzten Stunden seines Todeskampfes zu befinden. Die unsicheren Zeiten und die Kargheit der authentischen Quellen stellen den Historiker vor große Problemen, wenn er den Faden seiner Erzählung ungestört weiterspinnen möchte. Angewiesen auf unzureichende Fragmente, die stets kurzgefasst, oftmals unverständlich und bisweilen widersprüchlich sind, ist er aufs Sammeln angewiesen, auf den Vergleich und aufs Raten; und obwohl er seine Konjekturen niemals mit gesicherten Tatsachen gleichsetzen sollte, kann dennoch seine Kenntnis der Menschennatur und ihrer Leidenschaften für die Mängel des Quellematerials aufkommen – zuweilen jedenfalls.   PHILIPP UND DECIUS (249) So lässt es sich zum Beispiel ohne weiteres begreifen, dass die unaufhörliche Ermordung so vieler Kaiser das Band der Treue zwischen Herrscher und Volk gelockert hatte; dass die vielen von Philipp eingesetzten Generäle geneigt waren, ihrem Herren nachzueifern; und dass die Launen der Armee, die ja regelmäßig in blutige Erhebungen einzumünden pflegten, jeden Tag noch den armseligsten ihrer Waffenbrüder auf den Thron heben konnten. Die Geschichte kann dazu lediglich konstatieren, dass unter den mösischen Legionen im Sommer des Jahres zweihundertundneunundvierzig eine Rebellion gegen Philipp ausbrach und ein Subalternoffizier mit Namen Marinus Dieser von Zosimos (1,20) und Zonaras (12,19) benutzte Ausdruck kann anzeigen, dass Marinus eine Centurie, Cohorte oder Legion befehligte. das Objekt ihrer unbotmäßigen Abstimmung war. Philipp ward alarmiert. Er besorgte, dass der Verrat der mösischen Armee sich als der erste Funken einer allgemeinen Erhebung erweisen könne. Von dem Bewusstsein seiner Schuld und der Gefahr umgetrieben, setzte er den Senat in Kenntnis. Zunächst herrschte düsteres Schweigen, sei es aus Furcht, sei es aus Abneigung, bis schließlich einer aus der Versammlung, Decius – und hierbei bewies er eine seiner noblen Herkunft gemäße Charakterstärke – mehr Furchtlosigkeit zu zeigen wagte, als der Kaiser zu besitzen schien. Er stellte die Angelegenheit verächtlich als einen überhasteten und blödsinnigen Rummel dar, der nach ein paar Tagen infolge derselben Zufälligkeiten versanden würde, die ihn jetzt hervorgerufen hätten. Da sich diese Vorhersage prompt erfüllte, fasste Philipp berechtigtes Zutrauen zu so einem befähigten Ratgeber, und Decius erschien ihm der einzige geeignete Mann, die Ruhe und Ordnung in jener Armee wiederherzustellen, deren aufsässige Gesinnung sich auch nicht beruhigen wollte, als man Marinus ermordet hatte. Decius Seine Geburt in Bubalia, einem Dorf in Pannonien (Eutropius 9,4; Aurelius Victor Caesares 29 und Epitome 29), scheint – wenn sie denn nicht schierer Zufall war – seiner vermuteten Abstammung von den Decii zu widersprechen. Sechshundert Jahre haben das Geschlecht der Decii geadelt. Aber zu Beginn dieser Epoche waren sie lediglich verdiente Plebejer und gehörten zu den ersten, welche mit den hochfahrenden Patriziern ein Konsulat teilten. Plebeiae Deciorum animae, \&c, Juvenal, Satiren 8, 245. Siehe auch die geistvolle Rede des Decius in Livius 10, 7 und 8. hatte sich seiner Ernennung lange widersetzt hatte, denn er scheint sich der Gefahr bewusst gewesen zu sein, wenn man einen Militär von Verdienst den aufgebrachten und zugleich misstrauischen Gemütern der Soldaten vorsetzte; und wieder bestätigten die Ereignisse seine Vorhersage. Die mösischen Legionen zwangen ihren Richter, ihr Komplize zu werden. Sie ließen ihm nur die Alternative zwischen Tod oder Purpur. Vor diese Wahl gestellt, hatte er keine Wahl mehr. Er führte seine Armee – besser: er folgte ihr – an die italienischen Grenzen, wohin auch Philipp geeilt war, um mit allen verfügbaren Kräften den Konkurrenten, den er selbst aufgezogen hatte, zurückzuschlagen. Die kaiserlichen Truppen waren an Zahl überlegen; aber die Rebellen hatten kampferprobte Krieger in ihren Reihen und einen umsichtigen und bewährten Anführer. Philipp wurde entweder in der Schlacht getötet oder wenige Tage später in Verona. Seinen Sohn und Mitregenten ermordeten die Prätorianer in Rom; und der siegreiche Decius, der mehr entschuldigende Begleitumstände für sich geltend machen konnte als nur den üblichen Ehrgeiz jener Tage, wurde von Senat und Provinzen einhellig anerkannt. Es wird überliefert, dass er Philipp unmittelbar nach der ihm aufgezwungenen Übernahme des Augustustitels in einer privaten Botschaft seiner Unschuld und seiner Treue versichert und zugleich feierlich beteuert hatte, dass er bei seiner Ankunft in Italien die kaiserlichen Insignien ablegen und in seine Dienste als ein gehorsamer Untertan zurückkehren werde. Seine Beteuerungen mögen wohl aufrichtig gewesen sein; aber in der Stellung, in welche ihn das Schicksal versetzt hatte, war beides ausgeschlossen, Vergebung zu gewähren, Vergebung zu erhoffen Zosimos 1,22 und Zonaras 12, 19. .   DIE GOTEN ZUM ERSTEN MALE IM RÖMISCHEN REICH A.D. 250 Kaiser Decius hatte sich erst wenige Monate den Werken des Friedens und der Justizverwaltung gewidmet, als ihn die Invasion der Goten an die Donau abberief. Es ist dieses das erste Mal, dass die Geschichte Notiz nimmt von diesem großen Volke, welches später Roms Macht zerschlug, das Capitol plünderte und in Gallien, Spanien und Italien Reiche begründete. So groß war ihre Rolle beim Umsturz der westlichen Reichshälfte, dass wir den Name »Goten« oft, wenn auch zu Unrecht, als allgemeine Bezeichnung für »brutale und kriegslüsterne Barbaren« nennen hören. Später, zu Beginn des sechsten Jahrhunderts und nach der Eroberung Italiens, gaben sich die Goten im Bewusstsein ihrer augenblicklichen Macht ganz natürlich auch der Betrachtung ihrer Vergangenheit und ihrer künftigen Größe hin. Sie wollten das Andenken an ihre Vorfahren bewahren und zugleich späteren Generationen ihren eigenen Ruhm künden. Der oberste Minister am Hofe zu Ravenna, der gelehrte Cassiodor, erfüllte die Wünsche der Eroberer mit einer Geschichte der Goten in zwölf Büchern, welche aber nur in den unvollständigen Auszügen des Jordanes Siehe hierzu die Vorreden von Cassiodor und Jordanes, Gotica. Es überrascht schon, dass der Letztere aus der vorzüglichen Edition Gotischer Autoren von Grotius ausgeschlossen bleiben konnte. vorliegen. Diese Autoren verstanden es, mit höchster Eleganz die Unglücksfälle dieses Volkes auszusparen, ihre Tugenden hervorzuheben und es mit Triumphen zu schmücken, die viel eher dem Skythenvolke zugehörten. Soll man den alten Dichtungen Glauben schenken – es sind die einzigen, aber unzuverlässigen Nachrichten der Barbaren – so entstammen die Goten der riesigen skandinavischen Insel oder Halbinsel Gestützt auf Ablavius' Autorität zitiert Jordanes (Getica 4) einige alte gotische Chroniken in Versen . Dieses Land im hohen Norden war den Bezwingern Italiens nicht unbekannt; das Band einer alten Blutsverwandtschaft wurde durch Freundschaftsdienste jüngeren Datums gefestigt. Und ein skandinavischer König hatte sich mit Freuden seiner rohen Größe entschlagen, um den Rest seiner Tage in dem friedlichen und feinen Ambiente des Hofes von Ravenna Jordanes, Getica 3 zu verbringen. Zahlreiche Hinweise, die man nicht nur volkstümlicher Lust am Fabulieren zuschreiben darf, weisen darauf hin, dass die Goten in alten Zeiten ihren Sitz jenseits der Ostsee hatten. Seit der Zeit des Geographen Ptolemäus scheint der minder unternehmungsfreudige Teil des Volkes Südschweden in dauerhaftem Besitz gehabt zu haben, und selbst heute noch sind ansehnliche Gebiete dieses Landes in ein westliches und östliches Gotland geteilt. Als sich während des Mittelalters das Christentum langsam in den Norden ausbreitete (vom neunten bis zum zwölften Jahrhundert), waren Goten und Schweden zwei verschiedene und zuweilen sogar feindliche Bevölkerungsgruppen unter derselben Krone Die Vorrede des Grotius enthält einige längere Auszüge des Adam von Bremen und Saxo Grammaticus. Ersterer schrieb im Jahr 1077, Letzterer um 1200. . Der zweite Name ist der allgemein übliche, hat aber den ersten niemals vollständig abgelöst. Die Schweden, die sich mit ihrem eigenen Waffenruhm hätten zufrieden geben können, haben sich zu allen Zeiten auch das Renommee der Goten zugeeignet. Als Karl XII von Schweden einmal Anlass hatte, sich an dem römischen Hofe zu ärgern, deutete er an, dass seine siegreichen Truppen keineswegs schwächer seien als ihre tapferen Vorfahren, die schon einmal die Herrscherin der Welt in die Knie gezwungen hätten Voltaire, Histoire de Charles XII, Buch 3. Als Österreich die Hilfe Roms gegen Gustav Adolf erbat, galt dieser Eroberer ihnen als ein direkter Nachfahr Alarichs. Harte, History of Gustavus Adolphus, Bd. 2, S. 123. .   RELIGIÖSE VORSTELLUNGEN DER GOTEN Bis zum Ende des XI. Jahrhunderts stand in Uppsala, der angesehensten Stadt der Schweden und Goten, ein hochberühmter Tempel. Er war ausgeschmückt mit dem Gold, welches sich die Skandinavier auf ihren Piratenzügen zusammengeraubt hatten und welches geheiligt war durch die klobigen Bildsäulen ihrer drei Hauptgottheiten, des Kriegsgottes, der Fruchtbarkeitsgöttin und des Donnergottes. Während des großen allgemeinen Festes, welches alle neun Jahre stattfand, wurden neun Tiere von jeder Art – den Menschen nicht ausgenommen – geopfert, und ihre blutenden Leiber hingen im heiligen Hain, dem Tempel benachbart Siehe Adam von Bremen in der Einleitung von Grotius, Historica Gothorum, S. 105. Den Tempel in Uppsala ließ der Schwedenkönig Ingo zerstören, der seine Regierung im Jahre 1075 antrat; etwa achtzig Jahre später wurde über den Ruinen des Tempels eine christliche Kathedrale errichtet. Siehe Dalin, Geschichte des Schwedischen Reiches. . Die einzige Spur dieses barbarischen Irrsinns findet sich in der Edda, einer Art systematischer Mythologie, die in Island während des XIII. Jahrhunderts zusammengetragen wurde und nun von gelehrten Dänen und Schweden untersucht wird, da sie die kostbarste Quelle für ihre frühe Vergangenheit ist. Des Sagendunkels der Edda ungeachtet können wir gleichwohl zwei Personen mit dem gleichen Namen Odin unterscheiden, dem Gott des Krieges und dem großen Gesetzgeber Skandinaviens. Der letztgenannte, der Mohamed des Nordens, stiftete eine auf das Klima und die Bevölkerung abgestimmte Religion. Zahlreiche Völker auf beiden Seiten der Ostsee unterwarfen sich Odins Macht, seiner überzeugenden Rednergabe und seinem Ruf als vielerfahrener Zauberer. Den Glauben, den er in seinem langen und ereignisreichen Leben verbreitet hatte, festigte er noch durch seinen freiwilligen Tod. Als er merkte, dass ihm ein trübseliges Schwächeln und Altern bevorstand, entschloss er sich zu einem Kriegertod. In einer feierlichen Versammlung von Schweden und Goten brachte er sich an neun Stellen tödliche Wunden bei, entfernte sich in Eile, um, wie er mit ersterbender Stimme versicherte, das Heldenmahl in des Kriegsgottes Palast vorzubereiten. Mallet, Introduction à l'histoire du Dannemarc.   SKANDINAVISCHE HERKUNFT DER GOTEN Das Heimatland und der eigentliche Wohnort Odins sind an der Bezeichnung Asgard abzulesen. Der gefällige Gleichklang dieses Namens mit As-burg oder As-ow Mallet, Introduction, c.4, S.55, hat bei Strabo, Plinius, Ptolemäus und Stephanos von Byzanz die Spuren einer solchen Stadt und eines solchen Volkes gesammelt. , Wörtern von ähnlicher Bedeutung, haben den Anlass zu einem historischen Gebäude von so lieblicher Komposition gegeben, dass wir beinahe wünschen möchten, es sei wahr. Es wird erzählt, dass Odin der Häuptling eines an den Ufern des Maeotis-Sees blühenden Barbarenstammes gewesen sei, bis dann der Untergang des Mithradates und die Waffen des Pompeius den Norden knechteten; dass Odin, in ohnmächtigem Zorne zurückweichend vor einer Macht, der zu widerstehen er außerstande war, seinen Stamm von den Grenzen des asiatischen Sarmatia nach Schweden geführt habe mit dem weitausgreifenden Plan, in jener unerreichbaren Insel der Freiheit eine Religion und ein Volk zu begründen, welche einst, in späteren Zeiten, das Werkzeug seines unauslöschlichen Racheverlangens sein würden; dann nämlich, wenn seine unbesiegbaren Goten, von kriegerischem Fanatismus durchglüht, in großen Schwärmen von ihrer Heimat am Polarkreis aufbrechen würden, um die Unterdrückerin der Welt zu züchtigen Dieser wundersame Zug Odins, aus dem die Feindschaft zwischen Römern und Goten ihren Anfang genommen hat und der die Vorlage für ein Epos bieten könnte, kann wohl nicht als gesichert und authentisch gelten. Folgt man dem offenkundigen Sinn der Edda und der Auslegung ihrer kundigsten Interpreten, dann bezeichnet As-gard nicht eine reale Stadt im asiatischen Samartien, sondern ist die fiktive Benennung der mystischen Götterwohnung, des skandinavischen Olymps: von hier soll der Prophet hernieder gestiegen sein, als er sich anschickte, dem Volk der Goten seine neue Religion zu künden, als diese bereits im südlichen Schweden siedelten. . Wenn so viele aufeinanderfolgende Generationen von Goten eine wenn auch nur blasse Erinnerung an ihren skandinavischen Ursprung zu bewahren imstande waren, dürfen wir von diesen schreibunkundigen Barbaren gleichwohl keine genaueren Angaben über Zeit und nähere Umstände ihrer Auswanderung erhoffen. Das Überqueren der Ostsee war ein einfacher und naturgegebener Vorgang. Die Einwohner Schwedens geboten über eine ausreichende Anzahl von großen geruderten Schiffen Tacitus, Germania, 44. , und die Entfernung zwischen Karlskrona und den nächstgelegenen Häfen Preußens und Pommerns beträgt etwa hundert Meilen. Hier nun endlich landen wir auf gesichertem historischen Grund. Frühestens in der christlichen Ära Tacitus, Annales 2,62. Könnten wir die Seereisen des Pytheas von Marseille als zuverlässig verbürgt ansehen, dann hätten die Goten bereits dreihundert Jahre vor Chr. die Ostsee überquert. , spätestens aber im Zeitalter der Antonine Ptolemaios, Geographica 2. hatten sich die Goten an der Weichselmündung festgesetzt, und zwar in jenem fruchtbaren Landstrich, in welchem lange Zeit später die Handelsstädte Thorn, Elbing, Königsberg und Danzig gegründet wurden Und zwar durch Kolonisten, die dem bewaffneten Deutschritterorden folgten. Eroberung und Bekehrung der Preußen durch diese Abenteurer wurden bereits im dreizehnten Jahrhundert vollendet. . Westlich von den Goten breiteten sich beidseits der Oder und längs der Seeküste von Mecklenburg und Pommern die zahlreichen Stämme der Vandalen aus. Unübersehbare Ähnlichkeiten in Gebräuchen, Charakter, Religion und Sprache scheinen darauf hinzudeuten, dass Vandalen und Goten einmal ein einziges großes Volk gewesen waren In diesem Punkte stimmen Plinius (Naturalis Historia 4,14) und Prokop (De bello Vandalico) überein. Diese Autoren lebten zu verschiedenen Zeiten und hatten unterschiedliche Hilfsmittel zu ihrer Wahrheitssuche. . Die letzteren haben sich dann offensichtlich in Ostgoten, Westgoten und Gepiden aufgeteilt Ostro und visi-goten, die Ost- und Westgoten, erhielten ihre Bezeichnung von ihren ursprünglichen Wohnorten in Skandinavien. Bei allen ihren späteren Zügen und Ansiedlungen behielten sie neben ihren Namen auch immer ihre relative Lage zueinander bei. Bei ihrer ersten Ausfahrt aus Schweden genügten für die Kolonisten drei Schiffe. Das dritte, ein schweres Segelschiff, blieb zurück, und die Mannschaft, die später zu einer eigenen Nation aufblühte, erhielt deshalb den Namen Gepidae, das ist Nachzügler oder Bummler. Jordanes, Getica 17. . Die verschiedenen Stämme unter den Vandalen wurde durch die jeweils eigenständigen Bezeichnungen der Heruler, Burgunder, Lombarden sowie eine Anzahl kleinerer Staaten betont, welche sich in späteren Zeiten zu mächtigen Monarchien weiterentwickelten.   VON PREUSSEN ZUR UKRAINE Im Zeitalter der Antonine siedelten die Goten noch im späteren Preußen. Bis etwa zu der Regierungszeit des Alexander Severus hatte die römische Provinz Dacien ihre Nachbarschaft in Form zahlreicher verheerender Einfälle zu spüren bekommen Siehe ein Fragment von Petros Patrikios (Excerpta legationum) und hinsichtlich der Entstehungszeit Tillemont, Histoire des Empereurs, Bd. 3, p. 346. . In diese siebzig Jahre müssen wir deshalb die zweite Wanderung der Goten von der Ostsee zum Schwarzen Meer legen; die Ursachen dazu liegen zwischen den mannigfachen Motiven verborgen, welche die Wanderungswellen heimatloser Barbaren auslösen. Pestilenz oder Hungersnot, ein Sieg oder eine Niederlage, ein göttliches Orakel oder die Redekunst eines charismatischen Anführers: dies reichte hin, den gotischen Waffen den Weg zu den milderen Zonen des Südens zu weisen. Unabhängig von solchen religiösen Einflüssen waren die Goten nach Zahl und Entschlossenheit den gefährlichsten Gegnern gewachsen. Durch den Gebrauch des Kurzschwertes und des runden Buckelschildes waren sie im Handgemenge fürchterlich »Omnium harum gentium insigne, rotunda scuta, breves gladii, et erga reges obsequium.« (Alle diese Völkerschaften sind an ihren Rundschilden und Kurzschwertern kenntlich sowie ihrem Gehorsam gegenüber Königen.) Tacitus, Germania 43. Das Eisen erwarben die Goten vermutlich durch Bernsteinhandel. ; ihr männlicher Gehorsam gegenüber ihren Erbkönigen gab ihren Beratungen eine ungewöhnliche Einigkeit und Bestimmtheit. Und der hochberühmte Amala, Held jenes Zeitalters und in zehnter Generation Vorfahr von Theoderich, des Königs von Italien, erhöhte durch persönliches Verdienst sein Geburtsvorrecht, welches er von den Ansen oder Halbgöttern der gotischen Nation herleitete Jordanes, Getica 13 und 14. .   ANWACHSEN DES GOTENZUGES Die Nachricht von einem Unternehmen großen Stils erregte die Gemüter der tapfersten Krieger aller germanischen Vandalenstämme, von denen wir viele einige Jahre später unter einer gemeinsamen gotischen Fahne kämpfen sehen Besonders erwähnt werden die Heruler und die Uregunder oder Burgunder; der Markomannenkrieg wurde hauptsächlich ausgelöst durch den Druck von Barbarenstämmen, die ihrerseits vor den Waffen der nördlicheren Stämme flohen. . Zunächst gelangten die Massen an die Ufer des Prypjet, welcher Fluss bei den Alten allgemein für einen Südarm des Borysthenes (Dnjepr) angesehen wurde D'Anville, Géographie ancienne und Teil 3 seines unvergleichlichen Kartenwerkes von Europa. . Der windungsreiche Verlauf dieses großen Stromes durch Polen und Russland gab ihnen die Marschrichtung vor sowie verlässlichen Wasservorrat und Weideland für ihre starken Pferde- und Rinderherden. Sie folgten dem unbekannten Flusslauf, vertrauten auf ihre Stärke und besorgten sich nicht um irgendwelche Mächte, die sich ihrem Zug entgegenstellen mochten. Die Bastarnae und Wenden waren die ersten, die sich ihnen zeigten; und vergrößerten mit der Blüte ihrer Jugend das Gotenheer, sei es nun freiwillig oder gezwungen. Die Bastarnae siedelten an der Nordseite des Karpatengebirges, während die ungeheure Landfläche, die Bastarnae von Finnlands Wildnis trennte, von den Wenden besetzt, oder genauer: verheert wurde Tacitus, Germania 46 ; wir haben Grund zu der Vermutung, dass die erstgenannte dieser Nationen, welche sich auch im Makedonischen Krieg ausgezeichnet hatte Cluver, Germania antiqua, 3, c. 43. und die danach in die kriegerischen Stämme der Peucini, Carpi \&c zerfiel, von den Germanen abstammt. Samartische Herkunft kann man mit besseren Gründen dem Stamm der Wenden Die Wenden, die Slaven und die Antes waren die drei größten Stämme desselben Volkes. Jordanes, Getica 43. zusprechen, welche sich im Mittelalter so rühmlich hervorgetan haben. Indessen hat dieses Durcheinander von Völkern und Bräuchen an jener unsicheren Grenze auch die sorgfältigsten Beobachter verwirrt Tacitus verdient zweifellos diesen Titel, und selbst sein bedächtiges In-der-Schwebe-Lassen ist ein Beweis für sorgfältige Nachforschungen. . Bei ihrem Vormarsch zum Schwarzen Meer trafen die Goten auf die Jazygen, Alani und Roxolani, die mit mehr Recht den Sarmaten zuzurechnen sind; und vermutlich waren sie auch die ersten Germanen, welche die Mündungsgebiete des Borysthenes und der Tanais erblickten. Fragen wir nach kennzeichnenden Unterschieden zwischen Germanen und Samarten, so finden wir, dass sich diese beiden riesigen Bevölkerungsgruppen beispielsweise durch feste Hütten und transportierbare Zelte unterschieden, durch enge Kleidung und lose, mantelartige Umhänge, durch die Verheiratung mit einer Frau oder mehreren, durch eine Armee, die hauptsächlich aus Fußvolk bzw. Reiterei bestand, und schließlich, als wichtigstem Punkt, in ihrer Sprache, der Germanischen und der Slavischen, welch letztere sich infolge späterer Eroberungen von Italien bis in die Nachbarschaft Japans ausbreitete.   DIE UKRAINE Die Goten waren nunmehr im Besitz der Ukraine, einem Land von beträchtlicher Größe und außergewöhnlicher Fruchtbarkeit, von schiffbaren Flüssen durchzogen, die sich beidseitig in den Borysthenes ergießen, und von großen, mächtigen Eichenwäldern durchsprenkelt. Die Masse von jagdbarem Wild und Fisch, von ungezähltem Bienenvölkern in alten Baum- und Felshöhlen, was selbst in jenen kulturlosen Tagen einen beachtlichen Handel ermöglichte, das kräftige Vieh, die milden Temperaturen, die Eignung des Bodens für jede Art von Getreideanbau, die üppige Vegetation allerorts: dieses alles wies auf eine freigebige Natur hin, und lieferte dem Gewerbefleiß des Menschen manchen Anreiz Genealogical History of the Tarttars, p. 593.Mr. Bell durchquerte die Ukraine auf seiner Reise von Petersburg nach Konstantinopel. Die gegenwärtige Beschaffenheit des Landes ist ein getreues Abbild der antiken, da es, in der Hand von Kosaken, sich immer noch im Naturzustand befindet. . Aber die Goten widerstanden derlei Versuchung und hingen nach wie vor einer Lebensart an, die Müßiggang, Armut und Raub beinhaltete.   DER GOTENKRIEG A.D. 250 Die skytischen Horden, die östlich der neuen Siedlungsgebiete der Goten lebten, bedeuteten deren Waffen nichts außer der fragwürdigen Aussicht auf einen nutzlosen Sieg. Der Anblick der römischen Provinzen war da schon bedeutend einladender; die Felder von Dacien waren mit üppiger Ernte bestanden, ausgesät von einem fleißigen Volk und jetzt preisgegeben, nur um von einem kriegerischen Volke geerntet zu werden. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass die Eroberungen Trajans, die seine Nachfolger weniger wegen eines realen Vorteils als vielmehr imaginierter Würde halber in Besitz behielten, zur Schwächung des Imperiums in jenen Regionen beigetragen hat. Die neue und noch unbesiedelte Provinz Dacien war, um den räuberischen Neigungen der Barbaren zu widerstehen, nicht schlagkräftig genug, und nicht wohlhabend genug, um sie zu saturieren. Solange die entfernten Ufer des Dnjestr als die eigentlichen Grenzen der römischen Macht angesehen wurden, wurden die Festungsanlagen an der unteren Donau recht nachlässig gewartet, und die Einwohner Mösiens lebten in Sorglosigkeit dahin, dünkten sie sich doch weitab von allen nur denkbaren barbarischen Eindringlingen. Der Goteneinfall unter Philipp machte sie in schmerzlicher Weise auf ihren Irrtum aufmerksam. Der König – oder Anführer – dieser rüden Nation marschierte verachtungsvoll durch Dacien, querte Dnjestr und Donau und traf nirgendwo auf Widerstand, der geeignet gewesen wäre, seine Eilmärsche auch nur zu verzögern. Die verkommene Disziplin der römischen Truppen überließ den Feinden die wichtigsten Vorposten, und die Furcht vor der verdienten Strafe brachte viele von ihnen dazu, sich den gotischen Fahnen anzuschließen. Der buntscheckige Barbarenhaufen erschien schließlich vor den Toren von Marcianopolis, welche Stadt Trajan zu Ehren seiner Schwester gegründet hatte In Jordanes, c.16, können wir ohne Bedenken statt secundo Moesiam secundum setzen, das zweite (inferior) Mösien, dessen Hauptstadt ohne Zweifel Marcianopolis war. (Hierocles de Provinciis uns Wesseling, Itineraria p.636.) Es ist verwunderlich, wie dieser offenkundige Schreibfehler der scharsinnigen Korrektur des Grotius entgehen konnte. und die damals die Hauptstadt des östlichen Mösien war. Die Einwohner kamen überein, sich durch Zahlung einer hohen Summe Geldes auszulösen, und die Eindringlinge zogen sich in ihre Wüsteneien zurück, durch ihren ersten leichten Waffenerfolg gegen ein fettes und feiges Land eher auf den Geschmack gebracht als wirklich zufriedengestellt. Kaiser Decius erhielt alsbald Kunde davon, dass Kniva, der Gotenkönig, die Donau ein zweites Mal und mit größerer Truppenmacht überquert habe; dass zahlreiche Kleinverbände die Provinz Mösien verheerten und dass die Hauptstreitmacht von etwa siebzigtausend Germanen und Sarmaten, eine zu allem entschlossene Truppe, die Anwesenheit des Kaisers, insonders aber die Aufbietung aller militärischen Kräfte dringlichst erfordere.   EREIGNISSE DES GOTISCHEN KRIEGES A.D. 250 Decius fand die Goten vor Nikopolis am Jatrus, einem der zahlreichen Siegesmahle Trajans Der Platz heißt heute noch Nikop. Der kleine Fluss, an dessen Ufern die Stadt lag, mündet in die Donau. D'Anville, Geographie ancienne Bd. 1, p. 307. . Bei seinem Nahen gaben sie die Belagerung auf, aber nur, um sich einem wichtigeren Unternehmen zuzuwenden, nämlich der Belagerung von Philipopolis, einer thrakischen, vom Vater Alexanders gegründeten Stadt am Fuße des Mons Haemus Stephanos von Byzanz, de urbibus, p. 740. Wesseling, Itineraria, p. 136. Zonaras schreibt auf Grund eines rätselhaften Irrtums die Gründung von Philipopolis dem unmittelbaren Vorgänger des Decius zu. . Decius folgte ihnen in Eilmärschen und durch schwieriges Gelände; als er sich jedoch noch in einigem Abstand von des Gegners Nachhut wähnte, griff Kniva in jäher Zornesaufwallung seine Verfolger an. Das Römerlager war im Handstreich genommen und geplündert, und zum ersten Male entfloh ein Kaiser ungeordnet vor einem Haufen halbbewaffneter Barbaren. Nach langem Widerstand wurde dann Philipopolis, das an Entsatz verzweifeln musste, mit Sturm genommen. Einhunderttausend Menschen sollen bei der Plünderung dieser großen Stadt Ammianus Marcellinus, 31, 5 ums Leben gekommen sein. Den materiellen Wert der Beute erhöhten noch viele Gefangene von Rang; und Priscus, ein Bruder des verstorbenen Kaisers Philipp, errötete nicht, aus der Hand von Roms barbarischen Feinden den Purpur zu empfangen Aurelius Victor, Caesares 29. . Die Zeit jedoch, die während der langwierigen Belagerung verflossen war, ermöglichte es Decius, seinen Truppen den Mut zu heben, die Disziplin wieder herzustellen und neue Truppen anzuwerben. Er fing mehrere marodierende Schwärme der Karpi und anderer Germanen ab, die herzugeeilt waren, am Siege ihrer Landsleute teilzuhaben Die Inschrift »Victoriae carpicae« auf einigen Gedenkmünzen weist auf diese Vorteile hin. , ließ die Bergpässe durch Offiziere von bewährter Treue Claudius, welcher später so ruhmreich regierte, wurde am Thermopylenpass mit 200 Dardanern, 100 schweren und 160 leichten Reitern, 60 kretischen Bogenschützen und 1000 gutausgerüsteten Rekruten eingesetzt. Siehe ein persönliches Schreiben des Kaisers an seine Generäle, Historia Augusta Claudius 16. besetzen, die Festungsanlagen an der Donau ausbessern und verstärken und bot alle Wachsamkeit auf, jedem weiteren Vor- oder Rückmarsch der Goten zu begegnen. Ermutigt durch die Rückkehr des Kriegsglückes wartete er ungeduldig auf eine Gelegenheit, durch einen großen und entscheidenden Schlag seinen eigenen Ruhm und den der römischen Waffen wiederherzustellen Jordanes, Getica 16-18; Zosimos, 1,23. Bei der allgemeinen Betrachtung dieses Krieges ist es leicht, die jeweilige Voreingenommenheit von Jordanes, dem gotischen, und Zosimos, dem griechischen Autor festzustellen. Ähnlich sind sie sich nur in ihrer Sorglosigkeit beim Umgang mit den Fakten. .   WIEDERHERSTELLUNG DES ZENSORENAMTES · VALERIANUS Zur selben Zeit, in welcher Decius mit dem Mute des Löwen kämpfte, dachte er auch, kalt und ruhig inmitten des Kriegsgetöses, über die allgemeinen Gründe nach, die seit den Antoninen den Abstieg Roms so sichtlich beschleunigt hatten. Schon bald wurde er inne, dass es unmöglich sei, dieser Größe Festigkeit und Dauer zu verleihen, bevor nicht öffentliche Tugenden, althergebrachte Grundsätze und Bräuche sowie die darnieder liegende Majestät des Rechts wiederhergestellt seien. Um dieses edle, wenngleich dornenreiche Unternehmen voranzutreiben, beschloss er, zunächst das untergegangene Amt des Zensors erneut ins Leben zu rufen; ein Amt, das, solange es in seiner ursprünglichen Würde bestand, so viel zur Dauer Roms beigetragen hatte Montesquieu, Considération sur les causes de la grandeur des Romains, c.8. , bis es endlich die Cäsaren übernahmen und allmählich verkommen ließen Vespasian und Titus waren die letzten Zensoren. (Plinius, Nat. His 7,49; Censorinus, de die natali.) Trajans Bescheidenheit ließ ihn dieses Amt ausschlagen, das er eigentlich verdient hätte, und sein Beispiel wurde für die Antonine Gesetz. . In der Gewissheit, dass die Fürsprache des Herrschers zwar Macht übertragen kann, aber nur die Wertschätzung des Volkes eigentliche Autorität verleiht, übertrug er die Wahl zum Zensor der Unparteilichkeit des Senates. Durch einstimmigen Beschluss, oder besser noch: durch Akklamation, erwählte man Valerianus, der später Kaiser wurde und sich damals unter Decius im Heeresdienst auszeichnete, für dieses hohe Amt.   27. OKTOBER A.D. 251 Sobald der Kaiser von dem Senatsbeschluss Kenntnis hatte, berief er im Lager eine große Heeresversammlung ein und belehrte den designierten Zensor vor seiner Amtseinführung über die Widrigkeiten und die Bedeutung seiner Aufgabe: »Glücklicher Valerianus!« so der Kaiser zu dem Erwählten, »glücklich infolge der allgemeinen Billigung von Senat und römischem Volk. Nimm die Wahl zum Zensor über die Menschheit an und sei Richter über unsere Sitten! Du wirst diejenigen erwählen, welche auch künftig Senatsmitglied zu bleiben verdienen; du wirst dem Ritterstand seinen alten Glanz zurückgeben. Du wirst die Einkünfte des Staates mehren, und gleichzeitig die Bürde für die Öffentlichkeit mindern. Du wirst die unterschiedlichen und ungezählten Massen der Städter wieder in geziemende Klassen einteilen und gründliche Musterung halten über die militärische Stärke, den Schatz, die Sitten und die Hilfsquellen Roms. Deine Entscheidungen sollen Gesetzeskraft haben. Die Armee, der Palast, die Jurisdiktion und alle hohen Staatsbeamten haben sich vor deinem Richterstuhl zu verantworten. Niemand ist hiervon ausgenommen bis auf die amtierenden Konsuln Trotz dieser Ausnahmestellung musste Pompeius während seines Konsulates vor diesem Gerichtshof erscheinen. Die Ursache war ebenso ausgefallen wie honorig. Plutarch, Pompeius 22. , den Stadtpräfekten, die Opferpriester und (solange sie denn ihre Keuschheit bewahren) die ältesten der Vestalischen Jungfrauen. Auch diese wenigen werden um die Wertschätzung des Römischen Zensors bemüht sein, wenn sie denn schon nicht seine Strenge fürchten müssen Siehe den Originaltext in der Historia Augusta, Valeriane 6. .«   EIN WIRKUNGSLOSER PLAN Ein mit derartigen Machtbefugnissen ausgestatteter Beamter hätte sich eher wie der Kollege als der Diener seines Kaisers fühlen dürfen Diese Verhandlung hat Zonaras (12,20) wohl zudem Irrtum verleitet, Valerian sei tatsächlich zum Mitregenten des Decius erklärt worden. . Valerian fürchtete zu Recht Neid und Argwohn im Gefolge seiner Erhebung. So redete er in bescheidener Weise von dem übergroßen Vertrauensvorschuss, seiner eigenen Unzulänglichkeit und der unheilbaren Verderbnis der Zeitläufte. Das Amt des Zensors, so wusste er klüglich zu verbreiten, war mit der imperialen Würde untrennbar verbunden, seien doch die schwachen Kräfte eines Untertanen der ungeheuren Belastung durch so viel Macht und so viele Aufgaben kaum gewachsen Historia, Augusta, Valeriane 6; die kaiserliche Antwort fehlt. . – Der bevorstehende Kriegsausbruch setzte diesen hochfliegenden, aber unausführbaren Plänen ein vorläufiges Ende und ersparte so dem Valerian die Gefahren und dem Herrscher die fast unvermeidliche Enttäuschung, seine guten Absichten scheitern zu sehen. Die Moral eines Staatswesens kann ein Zensor allenfalls aufrechterhalten, aber gewiss nicht wiederherstellen. Der Träger eines solchen Amtes kann unmöglich seine Befugnisse segensreich oder sogar mit Erfolg ausüben, solange er nicht Unterstützung erhält durch ein lebendiges Bewusstsein für Ehre und Tugend in der Bevölkerung, durch den Respekt der öffentlichen Meinung und durch ein Hilfscorps von nützlichen Vorurteilen, das für die nationale Sache mitkämpft. In Zeiten, in denen diese Grundsätze für nichts gelten, verkommt die Rechtsprechung des Zensors entweder zu einem hohlen Schaugepränge oder zu einem brutalen Unterdrückungsinstrument Wie etwa die Bemühungen des Augustus zu einer Sittenreform. Tacitus, Annales 3,24. . Es schien wesentlich einfacher, die Goten zu vernichten als die öffentlichen Laster; und selbst bei dem erstgenannten dieser Unternehmungen verlor Decius seine Armee und sein Leben.   TOD DES DECIUS UND SEINES SOHNES · A.D. 251 Die Goten sahen sich nunmehr von allen Seiten durch die römische Armee eingekreist und angegriffen. Die Blüte ihres Heeres war bei der langwierigen Belagerung von Philipolis umgekommen, und das erschöpfte Land hielt für die noch lebende Masse verschwenderischer Barbaren keine Mittel mehr bereit. In dieser äußerst prekären Lage hätten sich die Goten von Herzen gern ihren ungehinderten Abzug im Tausche gegen alle ihre Beute und ihre Gefangenen erkauft. Indessen war sich der Kaiser seines Sieges sicher, und da er zugleich gesonnen war, durch einen Sieg über die Eindringlinge den Völkern des Nordens einen heilsamen Schrecken einzujagen, verweigerte er jede Art von Waffenstillstandsverhandlung. Die hochgesinnten Barbaren ihrerseits zogen den Tod der Sklaverei vor. Eine unbedeutende Kleinstadt in Mösien, Forum Terebronii Tillemont, Histoire des empereurs, Band 3, p.598. Da Zosimos und einige seiner Nachfolger die Donau mit der Tanais (Don) verwechseln, verlegen sie das Schlachtfeld in die skythische Ebene. , war Schauplatz des Entscheidungskampfes. Die gotische Armee war in drei Linien aufgestellt, und vor der dritten Linie befand sich, sei es infolge kluger Taktik oder durch Zufall, morastiges Gelände. Gleich zu Beginn des Gefechtes wurde der Sohn des Decius, ein Jugendlicher, der zu den schönsten Hoffnungen berechtigte und der bereits zum Mitkaiser eingesetzt worden war, vor den Augen seines entsetzten Vaters von einem Pfeil tödlich verwundet; dieser nahm jedoch alle Kraft zusammen und rief den entmutigten Truppen zu, dass der Tod eines einzigen Soldaten für die Republik von geringer Bedeutung sei Aurelius Victor lässt die zwei Decii in zwei unterschiedlichen Gefechten sterben; ich habe mich indessen für Jordanes' Darstellung entschieden. . Das Gemetzel war fürchterlich; es war der Kampf der Verzweiflung gegen Gier und Raub. Die erste Linie der Goten wankte und floh dann in Panik; die zweite, die der ersten zu Hilfe geeilt war, teilte dies Schicksal. Und erst die dritte stand unerschüttert, bereit, den Kampf am Morast zu wagen, worauf sich der Feind auch allzu zuversichtlich einließ. »Hier nun wendete sich das Tagesglück, und alles lief gegen die Römer: das Gelände, grundlos von Schlamm, gab nach unter den Stehenden und war schlüpfrig für die Angreifer; die Waffen schwer, die Wasser tief; auch konnten sie in dieser heiklen Lage ihre schweren Wurfspieße nicht einsetzen. Die Barbaren ihrerseits waren an Kämpfe im Morast gewöhnt; mit großen Körpern und langen Spießen trafen sie auch in der Entfernung Ich habe gewagt, aus Tacitus (Annalen 1,64) die Schilderung eines ähnlichen Gefechtes zwischen der römischen Armee und einem Germanenstamm nachzuschreiben. .« In diesem Morast war die römische Armee nach aussichtslosem Kampfe hoffnungslos verloren; auch der Körper des toten Kaisers wurde niemals gefunden Jordanes, Getica 18; Zosimos 1,23; Zonaras 12, 20; Aurelius Victor, Caesares 29,5 und Epitome 29. . Dies war das Ende des Decius in seinem fünfzigsten Lebensjahr; ein befähigter Herrscher, unternehmend im Kriege, leutselig im Frieden Die Decier kamen noch vor Ende des Jahres 251 um, da die neuen Herrscher das Konsulat an den nachfolgenden Kalenden des Januar antraten. , der es verdient, dass sein Leben und Sterben zusammen mit dem seines Sohnes unter den glänzendsten Beispielen antiker Tugenden Auch die Historia Augusta (Aurelian 42) räumt ihnen einen Ehrenplatz ein unter den sehr wenigen verdienstvollen Kaisern, die zwischen Augustus und Diokletian regierten. genannt wird.   WAHL DES GALLUS · 251 A.D. Die fatale Niederlage dämpfte, wenn auch nur für kurze Zeit, die Arroganz der Truppe. Es scheint, dass sie das Senatsdekret, welches die Thronfolge regelte, in Demut abwartete und submissest befolgte. Der Kaisertitel wurde Hostilian, dem einzigen noch lebenden Sohne des Decius, übertragen, was nicht mehr als eine schickliche Verneigung vor dem Toten war; aber denselben Titel, verbunden mit einem Mehr an wirklicher Macht, verlieh man auch an Gallus, dessen Erfahrung und Geschick man zutraute, die gleichschwierigen Wächterämter über den jungen Prinzen und das angeschlagene Reich auszuüben Haec ubi patres comperere...decernunt Aurelius Victor, Caesares 30. (Sobald die Senatoren davon erfuhren,...entschieden sie sich.) .   ABZUG DER GOTEN A.D. 252 Die erste Aufgabe des neuen Kaisers bestand darin, die illyrischen Provinzen von der unerträglichen Belastung durch die siegreichen Gotenhorden zu befreien. Er überließ ihnen die unermessliche Beute ihrer Invasion und, was noch bitterer war, eine beträchtliche Anzahl von Gefangenen, Personen allesamt von Verdienst und Bedeutung. Er versah ihr Lager mit allem Komfort, welcher geeignet schien, ihre aufgebrachten Gemüter zu befrieden oder ihren heißersehnten Abmarsch zu beschleunigen. Er versprach ihnen sogar eine beträchtliche jährliche Summe Goldes gegen die Zusicherung, dass sie künftighin nimmermehr über die römischen Lande herfallen würden Zonaras, 12,21. . Als im Zeitalter der Scipionen die mächtigsten Könige der Welt um die Gunst des Reiches buhlten, empfingen sie Geschenke, die so geringfügig waren, dass sie ihren eigentlichen Wert nur vermöge der schenkenden Persönlichkeit erhielten: ein Elfenbeinstuhl, ein Purpurmantel, eine kleine Goldschale oder eine Handvoll Kupfermünzen Eine Sella (Sessel) eine Toga (Obergewand) und eine goldene Patera ( Opferschale ) von fünf Pfund Gewicht erhielten Ägyptens reiche Könige, und er war froh und dankbar (Livius 27,4). Quina millia Aeris , Kupfer im Wert von achtzehn Pfund Sterling war das übliche Geschenk für ausländische Gesandtschaften. (Livius 31,9.) . Nachdem der Reichtum der Nationen in Rom zusammengeflossen war, zeigte sich die Größe und sogar die Politik der Kaiser durch eine maßvoll, aber regelmäßig ausgeübte Freigebigkeit gegenüber den Verbündeten. Sie milderten so die Armut der Barbaren, belohnte ihre Verdienste und erneuerten zugleich ihre Loyalität. Diese freiwilligen Gesten der Großmut begriff man als einen Ausdruck nicht der römischen Furcht, sondern des Altruismus und des Edelmutes; und während Geschenke und Unterstützung unter Freunden und Bittstellern selbstlos verteilt wurden, wurden sie denen, die sie als eine Art Schuldigkeit abverlangten, mit Bestimmtheit verweigert Siehe die Standhaftigkeit eines römischen Feldherren noch zur Zeit des Alexander Severus, Excerpta Legationum, p. 25. . Aber diese Verpflichtung zu einer jährlichen Zahlung an einen siegreichen Feind war nichts anders als ein schmachvoller Tribut; das römische Gemüt war mit solcherart Diktat von Barbarenstämmen durchaus noch unvertraut; und der Kaiser, der mit seiner Kompromissbereitschaft vermutlich das Römische Reich gerettet hatte, wurde Zielscheibe der allgemeinen Verachtung und Abgunst. Der Tod des Hostilianus, ob er sich auch mitten in einer Pestepidemie ereignete, wurde als persönliche Meucheltat des Gallus ausgedeutet Zur Pest vgl. Jordanes, Getica 19 und Aurelius Victor, Caesares 30,2. ; und selbst die Niederlage des toten Decius schrieb die Stimme des Argwohns den ungetreuen Ratschlägen seines verhassten Nachfolgers zu Diese unglaubwürdigen Anklagen bringt Zosimos (1,24) vor. . Die Ruhe, derer sich das Reich während des ersten Jahres seiner Regierung erfreute Jordanes, Getica 19. Der gotische Autor verweist immerhin auf den Frieden, den seine siegreichen Landsleute dem Gallus geschworen hatten. , diente eher dazu, das öffentliche Missfallen aufzustacheln als es zu beschwichtigen; und sobald sich erst einmal die Kriegssorgen verflüchtigt hatten, wurde der Schandfrieden nur umso deutlicher und schmerzlicher empfunden.   SIEG DES AEMILIANUS · A.D. 253 · VALERIANUS KAISER Die Römer sollten sich indessen noch mehr erregen, als sie nämlich entdeckten, dass der Frieden längst nicht wiederhergestellt war, auch wenn sie ihn zum Preis ihrer Ehre erhandelt hatten. Die gefährlichen Geheimnisse von Roms Reichtum und seiner Schwäche waren der übrigen Welt ruchbar geworden. Neue Barbarenhorden, die sich durch den Erfolg ihrer Brüder ermutigt und durch deren Verträge zu nichts verpflichtet fühlten, verbreiteten Verheerung in den illyrischen Provinzen und Entsetzen bis vor die Tore Roms. Aemilianus, Provinzstatthalter von Pannonien und Moesien, übernahm die Verteidigung der Monarchie, welche das bängliche Gemüt des Herrschers bereits abgeschrieben hatte; er sammelte die zerstreuten Truppen und belebte ihren schwindenden Mut. Die Barbaren wurden überraschend angegriffen, aufgerieben, verfolgt und bis über die Donau gehetzt. Der siegreiche Feldherr verteilte das Geld, das eigentlich für die Tributzahlung bereitgestellt war, als Geschenk an die Soldaten, und per Akklamation ernannten die Soldaten noch auf dem Schlachtfeld Aemilianus zum Kaiser Zosimos 1,28. . Der eigentliche Kaiser Gallus, der unbekümmert um das gemeine Wohl sich den Freuden Italiens überließ, erfuhr praktisch zeitgleich von Sieg, Revolte und raschem Herannahen seines strebsamen Generals. Er brach auf, ihn möglichst noch in der Ebene von Spoleto abzufangen. Als die beiden Heere Sichtkontakt hatten, verglichen die Truppen des Gallus die schmachvollen Gebarungen ihres Anführers mit dem Nimbus und Ruhm seines Rivalen. Sie bewunderten die Leistung des Aemilianus; auch seine Großzügigkeit nahm sie für ihn ein, hatte er doch allen Überläufern beträchtliche Solderhöhungen zugesichert Aurelius Victor, Caesares 31,2. . Die Ermordung des Gallus und seines Sohnes Volusianus beendete den Bürgerkrieg vorzeitig; und der Senat legalisierte im Nachhinein das Recht des Stärkeren. Die Briefe des Aemilianus an jene Versammlung sind eine Melange an Zurückhaltung und Prahlsucht. Er sicherte ihnen zu, die zivilen Belange allein ihrer Weisheit anzuvertrauen und sich selbst mit der Rolle ihres Generals zufriedenzugeben, der über ein Kleines das Ansehen Roms wiederherstellen und das Reich von der Barbaren des Nordens und Ostens befreien Zonaras, 12,22. werde. Der Senat kitzelte sein Selbstwertgefühl durch vielen Beifall, und es sind Medaillen auf uns gekommen, die ihn mit Namen und Attributen des Siegreichen Herkules und des Rächenden Mars darstellen Banduri, Numismata, p. 94. .   VALERIAN RÄCHT GALLUS UND WIRD KAISER Falls der neue Monarch derlei Fähigkeiten besessen hätte, so fehlte ihm doch die Zeit, diese hellen Verheißungen einzulösen. Weniger als vier Monate vergingen zwischen seinem Sieg und seinem Untergang Eutropius 9,6 schreibt »tertio mense« (im dritten Monat). Bei Eusebios fehlt dieser Kaiser. . Gallus hatte er bezwungen: er sank in den Staub vor einem Rivalen, der fürchterlicher war als Gallus. Dieser glücklose Herrscher hatte Valerian – er bekleidete bereits das ehrenvolle Amt eines Zensors – beauftragt, die Legionen Galliens und Germaniens Zosimos 1,29. Eutropius und Aurelius Victor verlegen Valerians Heer nach Rhätien. zu seiner Hilfe heranzuführen. Valerian entledigte sich dieses Auftrags mit Eifer und Pünktlichkeit; als er indessen zu spät kam, seinem Kaiser zu helfen, beschloss er, ihn wenigstens zu rächen. Den Truppen des Aemilianus, die noch in der Ebene vor Spoleto in ihrem Lager standen, flößte die Lauterkeit seines Charakters Respekt ein, noch viel mehr indessen die zahlenmäßige Überlegenheit seiner Armee; und da sie sich zur persönlichen Treue sowenig verstanden wie zur Loyalität gegenüber den Verfassungsprinzipien, bedeutete es ihnen auch nichts, ihre Hände in das Blut eines Herrschers zu tauchen, dessen eifrige Parteigänger sie noch vor kurzer Zeit gewesen waren. Ihrer war die Schuld, Valerian indessen hatte den Gewinn; er kam auf den Thron infolge eines Bürgerkrieges, aber seine persönliche Schuld war klein, was in jenen blutigen Zeiten durchaus selten war: dem von ihm gestürzten Vorgänger schuldete er weder Dank noch Treue.   CHARAKTERISTIK VALERIANS Valerian war etwa sechzig Jahre um Zeitpunkt seiner Thronbesteigung oder – wahrscheinlicher – seines Todes war er etwa siebzig Jahre alt. Historia Augusta, Valeriane 1. Tillemont, Histoire des empereurs, Bd. 3, p. 893, Anm. 1. alt, als er den Purpur empfing, was aber nicht aufgrund einer Volkslaune geschah oder weil die Armee mal wieder Geräusch machte, sondern infolge einmütiger Berufung durch die Römischen Welt. Während seines Aufstiegs durch die einzelnen Staatsämter hatte er sich die Gunst verschiedener Herrscher erworben und sich selbst als Feind jeder Tyrannis zu erkennen gegeben Inimicus tyrannorum . Historia Augusta, Valeriane 1.In den ruhmreichen Kämpfen des Senates gegen Maximinian spielt Valerian eine äußerst maßgebliche Rolle, Historia Augusta, Gordiane 9. . Seine hohe Geburt, sein leutseliges und makelloses Auftreten, seine Bildung, Klugheit und seine Erfahrung wurden von Senat und Volk gleichermaßen hochgeschätzt; und wenn denn die Menschheit die Freiheit gehabt hätte (wie ein antiker Autor anmerkt), sich einen Herren zu wählen, dann wäre ihre Wahl sicherlich auf Valerian gefallen Er hat, folgt man den Angaben Victors, den Imperatortitel von der Armee und den des Augustus vom Senat erhalten. . Denkbar, dass die Verdienste dieses Herrschers seinem Ruf nicht ganz entsprachen; denkbar auch, dass seine Fähigkeiten oder doch wenigstens sein Geist durch die Müdigkeit und Kälte des Alters geschwächt wurden. Im dem Bewusstsein seiner sich neigenden Jahre setzte er einen zweiten Throninhaber ein, jünger an Jahren und unternehmender als er selbst Tillemont (Bd. 3, p.710) hat aus Victor und den erhaltenen Medaillen richtig gefolgert, dass im August des Jahres 253 Gallienus als Mitherrscher eingesetzt wurde. ; die Nöte der Zeit verlangten einen General so gut wie einen Herrscher; und seine Erfahrung als römischer Zensor dürfte ihn veranlasst haben, den Purpur als Belohnung für militärisches Verdienst zu vergeben. Anstatt nun aber eine gewissenhafte Prüfung und Wahl durchzuführen, die seine Herrschaft gefestigt und sein Andenken erhöht hätten, folgte Valerian lediglich den Eingebungen der Sympathie oder Eitelkeit und setzte seinen Sohn Gallienus zum Mitkaiser ein, ein Jüngelchen, dessen verweichlichte Verkommenheit nur infolge seiner bis dahin privaten Stellung noch nicht ruchbar geworden war.   ALLGEMEINE NOTLAGE UNTER VALERIAN UND GALLIENUS A.D. 253 – 268 Die gemeinsame Regierung von Vater und Sohn dauerte sieben, die alleinige des Sohnes acht Jahre. Aber der ganze Zeitabschnitt war eine ununterbrochene Kette von Erschütterungen und Kalamitäten. Da das Römische Imperium zur gleichen Zeit und von allen Seiten blindwütigen ausländischen Eindringlingen und im Inneren ehrgeizigen Thronräubern ausgesetzt war, sollten wir Übersicht zu gewinnen trachten, und zwar nicht durch die anfechtbare Reihung von Daten als vielmehr durch die naturgegebene Anordnung des Stoffes. Die gefährlichsten Feinde Roms während der Herrschaft des Valerian und Gallienus waren: 1. Die Franken; 2. Die Alemannen; 3. Die Goten; 4. Die Perser. Mit diesen übergreifenden Namen wollen wir auch solche abenteuernde Stämme von geringerer Bedeutung bezeichnen, deren unbekannte und rautönige Namen nur das Gedächtnis des Lesers belasten und seine Aufmerksamkeit zerstreuen würden.   DIE FRANKEN · DIE FRANKENKONFÖDERATION I Da die Nachfahren der Franken gegenwärtig eine der mächtigsten und aufgeklärtesten Nationen Europas bilden, ist an die Erforschung ihrer rohen Vorfahren viel gelehrter Scharfsinn verwandt worden. Zunächst gab es kritiklos übernommene Fabeln, dann ein Gespinst von Phantasieprodukten. Jede Spur wurde verfolgt, jeder Fleck durchsiebt, ob sie denn nicht irgendwelche noch so schwachen Hinweise auf ihren Ursprung offenbaren könnten. Als die Wiege jenes berühmten Kriegerstammes waren im Gespräch: Pannonien Es wurden verschiedene Methoden ersonnen, eine schwierige Passage bei Gregor von Tours (2,9) zu deuten. , Gallien und Teile von Nordgermanien Der Umstand, dass der Geograph von Ravenna (1, c.11) Mauringanien an der dänischen Grenze zum alten Wohnsitz der Franken macht, hat Leibniz zu einem ingeniösen System veranlasst. . Schließlich haben die kompetentesten Forscher die angebliche Auswanderung von angeblichen Eroberern fallengelassen und sich auf eine Theorie geeinigt, die so unkompliziert ist, dass sie vermutlich wahr ist Cluver, Germania antiqua, Buch 3, c.20. Fréret in den Mémoires de l'Academie des Inscriptions, Bd. 18. . Die Annahme geht dahin, dass etwa im Jahre 240 Höchst wahrscheinlich unter der Regentschaft von Gordian, wie ein zufälliger Umstand nahe legt, den Tillemont 3, p.710 bis ins Einzelne ausgemalt hat . unter dem Namen der Franken eine Konföderation der alteingesessenen Bewohner von Niederrhein und Weser begründet wurde. Der heutige Bezirk Westphalen, die Landgrafschaft von Hessen sowie die Herzogtümer von Braunschweig und Lüneburg waren die Heimat der Chauken im Altertum, welche, geschützt durch unpassierbares Sumpfgebiet, sich den Waffen Roms widersetzten Plinius, Naturalis Historia 16,1. Die Panegyriker spielen oftmals auf die Sümpfe im Gebiet der Franken an. ; der Cherusker, die das Andenken an Arminius mit Stolz erfüllte; der Chatten, die durch ihre standhafte und mutige Infanterie furchtbar waren; sowie anderer Stämme, die weniger mächtig oder bekannt waren Tacitus, Germania, 30 und 37 . Die eigentliche Leidenschaft der Germanen war ihre Liebe zur Freiheit; deren Genuss ihr wertvollstes Vermächtnis; und das Wort, welches diesen Genuss ausdrückte, besaß für ihre Ohren den lieblichsten Klang. Den Ehrentitel der Franken (oder »Freien«) hatten sie sich verdient, angenommen und beibehalten; wodurch die Namen der anderen Mitglieder der Konföderation zwar nicht ausgelöscht wurden, wohl aber in Vergessenheit gerieten Später sollen die wichtigsten dieser alten Namen beigebracht werden. Spuren bei Cluver, Germania antiqua, Bd.3. . Stillschweigende Übereinkunft sowie der Vorteil für alle Seiten diktierten die ersten Gesetze der Konföderation; Gewohnheit und vorteilhafte Erfahrung festigten sie allgemach. Die Liga der Franken gestattet uns einige Vergleiche mit der Schweizer Eidgenossenschaft. Jedweder Kanton berät sich – unter Beobachtung seiner souveränen Rechte – mit seinen Brüdern bei gemeinsamen Angelegenheiten, ohne dabei die Autorität irgendeiner obersten Führung Simler, De re public Helvetiorum, cum notis Fuselin. oder einer repräsentativen Versammlung anzuerkennen. Aber die Grundideen der beiden Konföderationen waren vollkommen verschieden: Die umsichtige und ehrsame Politik der Schweiz wurde mit einer zweihundertjährigen Friedenszeit belohnt. Hingegen warfen Unzuverlässigkeit, Raublust und Missachtung selbst der feierlichsten Verträge ein trübes Licht auf den Charakter der Franken.   DIE FRANKEN IN GALLIEN · SPANIEN · AFRIKA Die Römer hatten schon früher den unternehmenden Mut der Völker Niedergermaniens erfahren müssen. Die Bündelung ihrer Kräfte erschütterte Gallien jetzt mit einer noch schlimmeren Invasion und machte die Anwesenheit des Gallienus erforderlich, des Teilhabers und Erben des Thrones Zosimos, 1,30. . Während nun dieser Herrscher und sein unmündiger Sohn Salonius sich zu Trier in höfischer Prachtentfaltung bewährten, wurden die Legionen durch ihren tüchtigen General Posthumus ins Feld geführt, der stets die Interessen der Monarchie vertreten hatte, selbst wenn er die Familie des Valerian später verriet. Der pompöse Sprachduktus von Ruhmesreden und einige Medailleninschriften lassen auf eine lange Reihe von Siegen schließen. Trophäen und Titel bestätigen (wenn denn solches Schmuckwerk etwas bestätigen kann) den Ruhm des Posthumus, der wiederholt zum Eroberer Germaniens und Retter Galliens stilisiert wird De Brequigny hat uns eine schätzenswerte Lebensbeschreibung des Postumus geschenkt (Mémoires de l'Académie des Inscriptions, Bd. 30). Eine fortlaufende Kaisergeschichte auf der Basis von Medaillen wurde mehr als nur einmal geplant, fehlt aber noch immer. . Aber eine einzige Tatsache, eigentlich die einzige, von der wir wirklich genaue Kunde haben, lässt diese Truggebäude aus Eitelkeit und Fuchsschwänzerei in großem Umfang einstürzen. Der Rhein, der doch den ehrenden Titel »Wächter der Provinzen« trug, bedeutete für den Wagemut, der die Franken zu ihrer Unternehmung aufstachelte, kein wirkliches Hindernis. Ihr verheerender Siegeslauf führte sie von hier bis zum Fuß der Pyrenäen, aber auch dieses Gebirge hielt sie nicht auf. Spanien, das nie etwas zu fürchten gehabt hatte, konnte dem Einfall der Germanen nichts entgegensetzten. Zwölf Jahre lang – dies war beinahe die gesamten Regierungszeit des Gallienus – , war dieses reiche Land Schaubühne ungleicher und mörderischer Feindseligkeiten. Tarragona, die blühende Hauptstadt jener friedlichen Provinz, wurde geplündert und fast vollständig zerstört Aurelius Victor 33. Anstelle von paene direpto verlangen der Sinn und der Ausdruck deleto ; ob es auch gleichermaßen heikel ist, wenn auch aus gegenteiligen Gründen, den Text der besten und der schlechtesten Autoren zu verbessern. ; und noch bis in die Tage des Orosius, der im V. Jhdt. schrieb, legten armselige Hütten inmitten der Ruinen großer Städte Zeugnis ab vom Furor der Barbaren In Ausonius' Zeiten (Ende des IV. Jhdts.) befand sich Ilerda oder Lerida in einem desolaten Zustand, vermutlich auch dies eine Folge jener Invasion. (Ausonius, Epistulae ad symmachum 25,58). . Und als das ausgeplünderte Land den marodierenden Horden nicht mehr länger dienlich war, bemächtigten die Franken sich in den spanischen Häfen einiger Fahrzeuge Valesius irrt mithin, wenn er die Franken vom Meer her in Spanien einfallen lässt. und setzten nach Mauretanien über. Das ferne Land wurde von dem Wüten der Barbaren völlig überrascht, schienen sie doch aus einer anderen Welt zu kommen, denn ihr Name, ihr Verhalten, ihr Aussehen waren an den Küsten Afrikas in gleicher Weise unbekannt Aurelius Victor, Caesares33; Eutropius 9,6. .   DIE SUEBEN · DIE ALEMANNEN II. In dem Teil Sachsens jenseits der Elbe, welcher heute die Markgrafschaft Lausitz genannt wird, gab es vordem einen heiligen Wald, altehrbarer Mittelpunkt des Aberglaubens der Sueben. Niemand war befugt, den heiligen Bezirk zu betreten, der nicht durch Anlegen von Fesseln und flehende Haltung die unmittelbare Gegenwart der Gottheit bekannte Tacitus, Germania 39. . Patriotismus hat zusammen mit der Verehrungspraxis dazu beigetragen, den Sonnenwald oder Wald der Semnonen zu heiligen Cluver, Germania antiqua 3, p.25. . Es war allgemeine Glaubensüberzeugung, dass die Nation an diesem Heiligen Fleck ihren Ausgang genommen habe. In festgesetzten Zeitabständen kamen Sendboten der Stämme, die sich ihres suebischen Blutes berühmten, hier zusammen, um die Erinnerung an ihre gemeinsame Herkunft durch barbarische Riten und Menschenopfer aufrecht zu erhalten. Der wilde und weitberühmte Name der Sueben erfüllte das innere Germanien vollständig vom Oderbruch bis an die Donauufer. Von den übrigen Germanen unterschieden sie sich im wesentlichen durch die Art, ihr langes Haar zu tragen, indem sie es auf dem Kopf zu einem kunstlosen Knoten zusammenbanden; und helle Freude hatten sie an diesem Aufputz, der sie ihren Feinden noch höher und schrecklicher erscheinen ließ »Sic Suevi a ceteris Germanis, sic Suevorum ingenui a servis separantur.« (So unterscheiden sich die Sueben von den anderen Germanen und so die freigeborenen Sueben von den Sklaven, Tacitus, Germania 38) Eine stolze Abgrenzung! . Obwohl die Germanen sich gegenseitig ihr militärisches Prestige neiden, anerkennen sie einhellig die überlegene Kraft der Sueben; und die Stämme der Usipeter und Tencterer, die es doch sogar mit Caesar aufgenommen hatten, achteten es nicht für Schande, vor einem Volk geflohen zu sein, dessen Waffen selbst die unsterblichen Götter nicht gewachsen seien Caesar, Bellum Gallicum 4,7. .   SUEBEN NENNEN SICH ALAMANNEN In der Regierungszeit des Caracalla erschien ein unübersehbarer Schwarm Sueben am Mainufer und an römischen Provinzgrenzen auf der Suche nach Nahrung, Beute oder Ruhm Aurelius Victor, Caracalla; Cassius Dio 77,13. . Diese Freiwilligenarmee wuchs allmählich zu einem großen und stabilen Volk zusammen und nahm, da sie aus so vielen verschiedenen Stämmen gefügt war, den Namen Alamanni oder »Allmänner« an, um zugleich ihre uneinheitliche Herkunft wie ihre allgemeine Tapferkeit anzuzeigen Diese Etymologie (wesentlich anders als die, mit der sich die Phantasie unserer Gelehrten so verlustiert) wird von dem originellen Geschichtsschreiber Asinius Quadratus überliefert und von Agathias Scholastikos (Historien 1,5) zitiert. . Letztere lernten die Römer bei zahlreichen Überfällen kennen. Die Alamannen fochten hauptsächlich zu Pferde; aber die Kavallerie wurde noch wirkungsvoller durch eingestreute leichte Infanterie, die man aus den schnellsten und kräftigsten ihrer Jugend ausgewählt hatte und die häufiges Üben in die Lage setzte, die Reiter auf den längsten Märschen zu begleiten, beim forcierten Angriff ebenso wie beim raschen Rückzug Die Sueben griffen Cäsar auf diese Weise an, und das Manöver ward von dem Eroberer mit Beifall bedacht. Caesar, Bellum Gallicum 1,48. .   DIE ALAMANNEN IN ITALIEN · GALLIENUS' BÜNDNIS Dieses kriegsfreudige Germanenvolk wurde nun durch die ungemessenen Zurüstungen des Alexander Severus beunruhigt; die Legionen seines Nachfolgers, eines Barbaren, ebenso mutig und rabiat wie sie selber, setzte ihnen ebenfalls zu. Doch solange sie an den Grenzen des Reiches herumzogen, vermehrten sie lediglich das allgemeine Chaos, das nach dem Tode des Decius ausgebrochen war. Auch Galliens reichen Provinzen richteten sie gewaltige Schäden an; und sie sollten die ersten sein, den Schleier fort zu reißen, der Italiens bebende Majestät verhüllte. Ein zahlenstarker Zug von Alemannen drang über die Donau, querte die Rätischen Alpen, gelangte auf die lombardischen Ebenen, kam bis Ravenna und pflanzte seine siegreichen Banner fast vor den Toren Roms auf Historia Augusta, Aurelian 18 und 21; Dexippos, Excerpta Legationum p.8; Hieronymos, Chronik; Orosius 7,22. . Diese Schmach und Gefahr war immerhin geeignet, im Senat einigen längstvergessenen Tugenden neues Leben einzuhauchen. Beide Kaiser waren zwar in ferne Kriege verwickelt, Valerianus im Osten, Gallienus am Rhein, so dass alle Hoffnungen und Mittel der Römer bei ihnen selbst lagen. In dieser Notlage organisierten die Senatoren die Verteidigung der Republik, holte die Prätorianer aus ihren Kasernen, wo man sie zum Schutz der Stadt zurückgelassen hatte und vergrößerte ihre Mannschaftsstärke durch Rekrutierung der kräftigsten und willigsten Plebejer. Die Alemannen wurden durch das plötzliche Erscheinen einer Armee, die der ihren an Zahl deutlich überlegen war, in Erstaunen versetzt und zogen nach Germanien ab, beuteschwer; und bereits dieser Rückzug kam den kriegsentwöhnten Römern wie ein Sieg vor Zosimos 1,37. . Als Gallienus Nachricht erhielt, dass Rom von den Barbaren befreit sei, erfreute ihn der Mut des Senats deutlich weniger als dass er ihn ängstigte, denn diese Courage könnte sie veranlassen, die Republik eines Tages in gleicher Weise gegen einem einheimischen Tyrannen zu schützen wie jetzt gegen ausländische Eindringlinge. Seine feige Undankbarkeit offenbarte er seinen Untertanen mit Hilfe eines Ediktes, in welchem er den Senatoren gebot, ich von militärischen Unternehmungen im Allgemeinen sowie den Legionslagern im Besonderen fernzuhalten. Indessen, seine Sorge war unbegründet. Der reiche und verwöhnte Adel fand alsbald zu seiner eigentlichen Bestimmung zurück, empfand die beleidigende Zurückstellung von den militärischen Pflichten als Auszeichnung und überließ mit Freuden, solange er nur seiner Bäder, Theater und Landhäuser genießen durfte, die gefahrenvollere Sorge um des Reiches Wohlergehen dem rauen Krieger- und Bauernvolk Aurelius Victor, Gallienus und Probus. Seine Klagen atmen einen unüblichen Geist der Freiheit. .   BÜNDNIS DES GALLIENUS MIT DEN ALAMANNEN Ein Schreiber aus dem Späten Reich gedenkt noch einer weiteren Alamannen-Invasion, womöglich furchtbarer anzuschauen, aber im Ergebnis ruhmreicher. Dreihunderttausend kriegserprobte Mannen wären demnach in einer Schlacht bei Mailand von nur zehntausend Römern unter des Gallienus persönlicher Führung niedergemacht worden Zonaras, 12, p.631. . Wir sollten allerdings, und alle Wahrscheinlichkeit spräche dafür, diesen unglaublichen Sieg entweder der Arglosigkeit dieses Historikers zuschreiben oder als irgendeine schamlos übertriebene Heldentat eines nachgeordneten Feldherren ansehen. Es waren nämlich Waffen ganz anderer Art, mit denen Gallienus Italien vor dem Germanensturm zu schützen suchte. Er verlobte sich mit Pipa, der Tochter eines Markomannenkönigs Der eine Victor nennt ihn König der Marcomannen, der andere König der Germanen. ; es ist dies ein suebischer Stamm, der oftmals während ihrer Kriege und Eroberungen mit den Alemannen verwechselt wurde. Dem Vater stellte er als Gegengabe für diese Verbindung umfangreiches Siedlungsland in Pannonien zur Verfügung. Der angeborene Zauber der naturbelassenen Schönen hat, so will es scheinen, ihr die Zuneigung des kapriziösen Kaisers eingebracht, und die Bande der Politik wurden durch die der Liebe noch fester geknüpft. Aber Roms blasierte Vorurteile weigerten sich, die banale Verbindung eines Stadtbürgers und einer Fremden als Hochzeit anzuerkennen und bedachten die germanische Prinzessin mit dem Spottnamen einer Beischläferin des Gallienus. Tillemont, Histoire des Empereurs Bd. 3, p.398.   GOTEN EROBERN DIE KRIM · ERSTES UNTERNEHMEN ZUR SEE III. Wir haben oben die Wanderung der Goten aus Skandinavien, danach aus Preußen, bis in das Mündungsgebiet des Borysthenes verfolgt und sind dann ihren siegreichen Waffen bis an die Donauufer nachgefolgt. Unter der Herrschaft von Valerianus und Gallienus stand die Grenze entlang des letztgenannten Flusses beständig unter dem Druck der Germanen und Samarten; aber die Römer verteidigten sie mit mehr Tapferkeit und Glück als sonst. Die Provinzen, in denen der Krieg hauptsächlich stattfand, stellten der römischen Armee einen schier unerschöpflichen Nachschub an handfesten Soldaten. Und mehr als nur einer dieser illyrischen Bauern übernahm das Kommando und entfaltete dabei die Fähigkeiten eines Generals. Obgleich vereinzelte Trupps der Barbaren beständig bis an das Donauufer und bisweilen sogar bis an die Grenzen Italiens und Makedoniens vorstießen, wurde ihr Eindringen für gewöhnlich durch kaiserliche Untergeneräle verhindert oder ihr Rückzug abgeschnitten Vgl. in der Historia die Viten von Claudius, Aurelian und Probus. . Indessen, die große Flut der Goten wälzte sich in eine ganz andere Richtung. Sie wurden, ausgehend von ihren neuen Siedlungsgebieten in der Ukraine, bald zu den Herren der Regionen nördlich des Schwarzen Meeres; südlich dieses Binnenmeeres lagen die sanften und wohlhabenden Provinzen Kleinasiens, in denen es alles gab, was die Barbaren hätte anlocken, aber nichts, was sie hätte abwehren können.   GOTEN EROBERN BOSPORUS UND WERDEN ZUR SEEMACHT Die Ufer des Borysthenes sind nur sechzig Meilen entfernt von der engen Landbrücke Sie ist noch nicht eine halbe Meile breit. Genealogical History of the Tartars, p.598. zur Krim, die bei den Alten den Namen Chersones Taurica trug de Peyssonel, der französischer Konsul in Kaffa gewesen war, in seinen Observations sur les peuples barbares, qui ont habité les bords du Danube. . Euripides hat, als er mit höchster Kunst alten Sagenstoff in eine neue Form goss, den Schauplatz einer seiner ergreifendsten Tragödien Euripides, Iphigenie bei den Taurern. an diese ungastliche Küste verlegt. Das blutige Opfer der Diana, die Ankunft des Orestes und des Pylades, der endliche Triumph von Tugend und Religion über brutale Wildheit enthalten insofern einen Kern von historischer Wahrheit, als dass die Taurer, die Ureinwohner jener Halbinsel, durch ihren Verkehr mit den griechischen Pflanzstädten an jener Küste im gewissen Umfang von ihren rohen Sitten abgebracht worden sind. Das kleine Königreich Bosporus, dessen Hauptstadt an der Wasserstraße zwischen Maeotis und Schwarzem Meer liegt, war von degenerierten Griechen und halbzivilisierten Barbaren bewohnt. Es existierte seit dem Peloponnesischen Krieg als unabhängiger Staat Strabon, 7, p.309. Die ersten Könige von Bosporus waren Verbündete Athens. , wurde dann eine Beute von Mithradates' Ehrgeiz Appian, Mithradates 67. und unterlag schließlich, wie auch sein übriges Herrschaftsgebiet, der römischen Übermacht. Seit Beginn der Herrschaft des Augustus Es wurde durch Agrippas Macht unterworfen. Orosius 6,21; Eutropius 7,9. Einmal rückten die Römer bis auf eine Entfernung von drei Tagemärschen an den Tanais (Don) vor. Tacitus 12, 17. waren die Könige von Bosporus abhängige, aber durchaus nützliche Verbündete des römischen Reiches. Durch Geschenke, Waffen und schrittweise Befestigung der Landenge verhinderten sie recht wirkungsvoll das Eindringen der streifenden samartischen Plünderer in ein Land, welches aufgrund seiner besonderen Lage und seiner leicht zugänglichen Häfen das Schwarze Meer und Kleinasien beherrschte Hierzu die Toxaris des Lucian, wenn wir denn der Aufrichtigkeit und der Rechtschaffenheit des Skythen Glauben schenken wollen, welcher von einem großen Krieg seines Volkes gegen die Könige von Bosporus erzählt. . Solange die Thronfolge geregelt war, entledigten sich die Erbkönige ihrer wichtigen Aufgabe mit Eifer und Erfolg. Interne Streitigkeiten und die Angst oder die fragwürdigen Interessen der Usurpatoren, die sich des Thrones bemächtigt hatten, ebneten den Goten den Weg an den Bosporus. Zusammen mit dem fruchtbaren Land bemächtigten sich die Eroberer auch einer Flotte, ausreichend genug, ihre Armeen nach Kleinasien hinüber zu schiffen Zosimos, 1,31. . Die auf dem Schwarzen Meer gebräuchlichen Schiffe waren von einzigartigem Zuschnitt. Es waren leichte Boote mit flachem Boden, die ausschließlich aus Holz, ohne den geringsten Anteil von Eisen gebaut waren, und die bei Herannahen eines Sturmes mit einem Schutzdach abgesichert wurden Strabo, 11, S.495; Tacitus, Historie 3,47; Mann nannte sie camarae . . In diesen schwimmenden Hütten vertrauten sich die Goten in aller Sorglosigkeit den Launen eines unbekannten Meeres an, angeführt von Seeleuten, die sie zum Dienst gepresst hatten und deren Können und Zuverlässigkeit in gleichem Maße zweifelhaft waren. Aber die Aussicht auf Plünderung hatte jeden Gedanken an Gefahr verscheucht, und ihr angeborener Wagemut trat an die Stelle jenes rational begründeten Vertrauens, welches die Frucht von Kenntnis und Erfahrung ist. Krieger von solchem Ungestüm dürften des öfteren wider die Feigheit ihrer Führer gemurrt haben, die nach den zuverlässigsten Anzeichen für ruhiges Wetter verlangten, bevor sie die Einschiffung wagten und die sich kaum einmal versucht fanden, außerhalb der Sichtweite des Landes zu segeln. Dies ist zumindest die Praxis in der heutigen Türkei Ein sehr lebensnahes Bild von der Seefahrt auf dem Schwarzen Meer bietet der sechzehnte Brief des Tournefort, Voyage du levant. , und in der Seefahrtskunst standen die Türken den früheren Bewohnern des Bosporus sicherlich nicht nach.   ERSTE UNTERNEHMUNG ZUR SEE Nachdem die Flotte der Goten, die Küste von Circassia linkerhand, abgesegelt war, gelangte sie zunächst nach Pityus Arrian verlegt die Grenzgarnison nach Dioskurias oder Sewastopol, 44 Meilen östlich von Pityus. Die Garnison von Phasis war zu seiner Zeit lediglich vierhundert Mann Infanterie groß. , der äußersten Grenze der römischen Provinzen. Pytius besaß einen annehmbaren Hafen und war mit einer starken Mauer befestigt. Hier trafen sie auf Widerstand, der hartnäckiger war, als man ihn von der untätigen Mannschaft einer abgelegenen Festung füglich erwarten durfte: sie wurden zurückgeschlagen. Und ihre Schlappe nahm dem Namen der Goten einiges von seinem Schrecken. Solange Succesianus, ein Offizier von hohem Rang und ebensolchen Verdiensten die Grenze verteidigte, waren alle ihre Bemühungen fruchtlos; sobald er aber von Valerian zu einem ehrenhafteren, aber unwichtigeren Posten abkommandiert worden war, nahmen die Goten ihre Angriffe gegen Pityus wieder auf; und tilgten durch die Verwüstung der Stadt die Erinnerung an ihre vorangegangenen Niederlagen Zosimos, 1,30. .   BELAGERUNG UND EROBERUNG VON TRAPEZUNT Segelt man den ganzen Bogen der östlichen Schwarzmeerküste entlang, so beträgt die Entfernung von Pityus nach Trapezunt etwa dreihundert Meilen Arrian, Periplus 27 gibt als Entfernung 2610 Stadien an. . Die Goten passierten auf ihrer Fahrt Kolchis, welches die Expedition der Argonauten berühmt gemacht hatte; sie versuchten sogar, wenngleich ohne Erfolg, einen überreich ausgestatteten Tempel an der Mündung des Phasis zu plündern. Trapezunt, welche griechische Kolonie seit dem Rückmarsch der Zehntausend einen bekannten Namen hat Xenophon, Anabasis 4,8 , dankt seinen Wohlstand der Großzügigkeit Hadrians, welcher einen künstlichen Hafen an einer Küste hatte bauen lassen, der es von Natur aus daran fehlte Arrian, Periplus, 26. Die allgemeine Anmerkung stammt von Turnefort. . Die Stadt war groß und bevölkerungsreich; die doppelte Wallanlage schien gegen den Gotenzorn ausreichend, auch war die Stammbesatzung der Garnison durch zehntausend Mann verstärkt worden. Für fehlende Disziplin und Wachsamkeit gab es indessen keinen Ausgleich. Die zahlenstarke Garnison von Trapezunt war mit Ausschweifung und Luxus befasst und durchaus nicht gemeint, ihre uneinnehmbare Festung zu bewachen. Den Goten blieb diese Gleichgültigkeit der Belagerten nicht lange verborgen; sie fuhren in großen Mengen Faschinen auf, überstiegen in der Stille der Nacht die Wallanlagen und betraten, das Schwert in der Hand, die wehrlose Stadt. Sie richteten unter der Bevölkerung ein entsetzliches Massaker an, während die Soldaten sich aufgescheucht durch die Stadttore davonmachten. Die heiligsten Tempel und prächtigsten Gebäude blieben nicht verschont; die Beute der Goten war unermesslich, denn auch die umliegenden Landstriche hatten ihre Schätze in dem angeblich sicheren Trapezunt hinterlegt. Unglaublich war auch Masse der Gefangenen, denn die Goten durchzogen, ohne Widerstand zu finden, die ganze große Provinz von Pontus S. eine Epistel des Gregorios Thaumaturgos, Bischofs zu Neo-Kaisarea, zitiert von Mascov, Ancient Germans 5,37. . Ihr üppiger Raub füllte eine ganze Flotte von Schiffen, die sie im Hafen vorfanden. Die robuste Jugend der Küste wurde an die Ruderbänke gekettet, und die Goten, mit dem Ergebnis ihres ersten Seeunternehmens durchaus zufrieden, zogen sich im Triumph in ihre neue Heimat auf der Krim zurück Zosimos 1,35. .   DIE ZWEITE GOTENEXPEDITION Die zweite Expedition unternahmen die Goten mit noch größerer Bemannung und noch mehr Schiffen; diesmal aber steuerten sie einen anderen Kurs und folgten – an dem ausgeplünderten Pontus lag ihnen nichts – dem westlichen Küstenverlauf des Schwarzen Meeres, kreuzten vor den gewaltigen Mündungsgebieten von Dnjepr, Dnjestr und Donau, verstärkten ihre Flotte noch durch den Raub zahlreicher Fischerboote und näherten sich endlich der engen Meeresstraße, durch welche sich das Schwarze Meer in das Mittelmeer ergießt und die Europa und Asien voneinander trennt. Die Garnison von Chalkedon lag in der Nähe des Tempels von Jupiter Urius auf einem Vorgebirge, welches die Zufahrt zu der Meeresstraße beherrscht; aus Furcht vor der Invasion der Barbaren hatte man dieses Korps so verstärkt, dass es die Armee der Goten zahlenmäßig weit übertraf. Allerdings übertraf er sie wirklich nur zahlenmäßig. In Eile gab die Besatzung ihre vorteilhafte Stellung auf und überließ auch das reiche Chalkedon sich selbst und den Eroberern. Während die Goten noch unschlüssig waren, ob sie das Land oder die See, Europa oder Asien zum Schauplatz fernerer Plünderungen erkiesen sollten, lenkte ein Deserteur von heimtückischer Wesensart ihre Aufmerksamkeit auf Nikomedien, das – früher die Hauptstadt des Königreiches Bithynien – ebenso leichte wie üppige Beute verhieß. Er zeigte ihnen den Weg, der, vom Lager bei Chalkedon an gerechnet, nur sechzig Meilen betrug Wesseling, Itinerarium Hierosolymitanum, p. 572. , führte ihre Angriffe, denen nirgendwo Gegenwehr geleistet wurde, und erhielt seinen Teil an der Beute; denn soviel Staatskunst hatten die Goten mittlerweile gelernt, den Verräter, den sie von Herzen verachteten, gleichwohl auszuzahlen. Nikaia, Prusa, Apamäa, Cius: diese Städte, bisweilen Nachahmer, wenn schon nicht Konkurrenten von Nikomedias Glanz, erging es ähnlich übel, und innerhalb weniger Wochen lag die gesamte Provinz Bithynien verwüstet. Drei Jahrhunderte Frieden, dessen sich Asiens sanftmütige Bewohner erfreuen durften, hatten zugleich den Gebrauch der Waffen und das Bewusstsein für Gefahren eingeschläfert. Man hatte es geschehen lassen, dass die alten Stadtmauern allmählich zerfielen, und die Einkünfte der Städte blieben wesentlich der Errichtung von Bädern, Tempeln und Theatern aufgespart. Zosimos 1,35.   RÜCKZUG DER GOTEN Als die Stadt Kyzikos einst erfolgreich den äußersten Anstrengungen des Mithradates widerstand Er belagerte den Ort mit 400 Galeeren, 150 000 Mann Infanterie und zahlreicher Kavallerie. Siehe Plutarch, Lucullus 9; Appian, Mithridates 72; Cicero, pro lege Manilia 8. , konnte dies nur infolge einer vorausplanenden Gesetzgebung geschehen, welche eine Seestreitkraft von zweihundert Galeeren vorsah sowie drei Arsenale: mit Waffen, Kriegsmaschinen und Getreide Strabon, 12, p. 573. . Nach wie vor war die Stadt wohlhabend und luxusträchtig; aber an seine frühere Stärke erinnerte nichts als seine Lage auf einer kleinen Insel in der Propontis, mit dem asiatischen Festland nur durch zwei Brücken verbunden. Nach ihren jüngsten Heldentaten vor Prusa näherten sich die Goten bis auf achtzehn Meilen Pococke, Descriptions of the east, Bd.2, c. 23 und 24. der Stadt, über die sie bereits das Todesurteil verhängt hatten. Aber der Untergang von Kyzikos wurde durch einen glücklichen Umstand noch einmal aufgeschoben. Die Jahreszeit war regnerisch, und der Apolloniates-See, aus dem alle Quellen des Mons Olympus entspringen, stieg ungewöhnlich hoch an. Der kleine Fluss Rhyndakos, der diesem See entspringt, schwoll zu einem breiten und mächtigen Strom und hemmte der Goten weiteres Vorankommen. Ihr Rückzug nach Heraclea, wo aller Wahrscheinlichkeit nach ihre Flotte lag, geschah in Begleitung eines langen Zuges von Karren mit dem bythinischen Raub und wurde markiert durch die Flammen von Nikaia und Nikomedia Zosimos, 1, 35. , die sie böswillig angezündet hatten. Es ist, wenn auch nur in unklaren Andeutungen, von einem Rückzugsgefecht zweifelhaften Ausgangs die Rede, mit dem sie ihren Rückzug deckten Syncellus erzählt eine wirre Geschichte von König Odaenathus, der die Goten besiegte und von König Odaenathus getötet ward. . Aber selbst ein vollständiger Sieg wäre ohne Bedeutung gewesen, da die nahenden Herbstäquinoktien sie zu rascher Abfahrt drängten. Zwischen September und Mai das Schwarze Meer zu befahren gilt noch den heutigen Türken als zuverlässiges Kennzeichen von Leichtsinn und Dummheit Chardin, Voyages en Perse, Bd.1, p.45. Er fuhr mit den Türken von Konstantinopel nach Kaffa. .   DIE GOTEN IN GRIECHENLAND 257/258 A.D. Wenn wir jetzt hören, dass die Goten auf der Krim nunmehr eine dritte Flotte mit insgesamt fünfhundert Segelschiffen ausrüsteten Syncellus (1, p.382) meint allerdings, die Heruler hätten diese Raubfahrt unternommen. , stellen wir uns sogleich eine entsetzliche Streitmacht vor; nun fassten aber, wie uns der sehr gewissenhaft Strabo versichert Strabon, 9, p. 495 , die von den Barbaren des Pontus und Skythiens benutzten Piratenschiffe höchstens fünfundzwanzig bis dreißig Mann, so dass wir zuversichtlich folgern können, dass zu dieser großen Expedition allerhöchstens fünfzehntausend Krieger eingeschifft wurden. Da ihnen das Schwarze Meer mittlerweile zu eng vorkam, steuerten sie ihren verderbenbringenden Kurs nunmehr vom kimmerischen zum thrakischen Bosporus. Als sie fast in der Mitte der Meeresstraße angelangt waren, wurden sie plötzlich wieder zur Einfahrt zurückgeworfen; denn am nächsten Tag schlug der Wind in glückverheißender Weise um und blies sie in wenigen Stunden in die friedliche Propontis zurück. Ihre Landung auf der kleinen Insel von Kyzikos bedeutete nunmehr den Untergang dieser altehrwürdigen Stadt. Von da aus steuerten sie wieder die enge Durchfahrt des Hellesponts an und segelten auf windungsreichem Kurs durch die ungezählten Inseln der Ägäis hindurch. Es müssen ihnen an der griechischen Küste – so wie vorher an der asiatischen – die Dienste von Gefangenen und Überläufern sehr zustatten gekommen sein, welche ihre Schiffe lotsten und ihre verschiedenen Überfälle anführten. Endlich machten sie im Piräus fest, nur fünf Meilen von Athen Plinius, Naturalis Historia 4,7. entfernt, welches sich tatsächlich zu Vorbereitungen für eine ernsthafte Verteidigung geschickt hatte. Kleodamos, ein Ingenieur, der auf kaiserlichen Befehl die Hafenstädten gegen die Goten befestigte, hatte bereits mit der Ausbesserung des uralten Stadtgemäuers begonnen, welches man seit Sullas Zeiten sich selbst überlassen hatte. Seine Anstrengungen waren indessen vergebens, und die Barbaren wurden Herren der Geburtsstätte der Musen und der Künste. Während sich aber die Eroberer den Freuden der Plünderns und des Trunkes hingaben, wurde ihre Flotte, die nur lässig bewacht im Piräus lag, von dem braven Dexippus angegriffen, welcher zusammen mit dem Ingenieur Kleodamos aus Athen entflohen war, rasch ein paar Freiwillige zusammengestellt hatte – es waren Soldaten und Bauern – und so in gewissem Umfang das Leiden seines Landes rächen konnte Historia Augusta, Galliene 13; Aurelius Victor, Caesares 33; Orosius 7,42; Zosimos 1,39; Zonaras 12,6; Synkellos 1, p. 382. Es geschieht nicht ohne einige Mühe, wenn wir ihre unvollständigen Andeutungen in Übereinstimmung bringen wollen. Und wir können immer noch Spuren von Parteilichkeit bei Deuxippos aufstöbern, wenn er von seinen und seiner Landsleute Heldentaten berichtet. .   GOTEN VERHEEREN GRIECHENLAND So hübsch nun dieser Erfolg der sich neigenden Jahre Athens anzuschauen war, so war er doch ungeeignet, den rauen Mut der Eindringlinge aus dem Norden zu dämpfen. Er wurde vielmehr zusätzlich angefacht, und alle Distrikte Griechenlands gingen zu gleicher Zeit in Flammen auf. Theben und Argos, Korinth und Sparta, die in den guten, alten Zeiten unsterbliche Kriege gegeneinander geführt hatten, waren nunmehr sogar außerstande, eine Armee ins Feld zu schicken oder doch wenigstens ihre heruntergekommenen Festungen zu verteidigen. Von Kap Sunion im Osten bis zum westlichsten Punkt des Epirus tobte der Krieg. Die Goten hatten bereits Sichtkontakt mit Italien aufgenommen, als die unmittelbar drohende Gefahr den phlegmatischen Gallienus endlich aus seinen süßen Träumen emporscheuchte. Der Kaiser, gewappnet, erschien höchstselbst auf dem Plan; und tatsächlich scheint seine Gegenwart den Enthusiasmus des Feindes gedämpft und seine Stärke halbiert zu haben.   SPALTUNG UND RÜCKZUG DER GOTEN Jedenfalls nahm Naubatus, der Häuptling der Heruler, eine ehrenhafte Kapitulation an, trat mit vielen seiner Stammesgenossen in römische Dienste und wurde sogar bestückt mit konsularischen Insignien, welche vorher noch nie durch Barbarenhand profanisiert worden waren Dieser Truppenteil der Heruler galt für lange Zeit als zuverlässig und ergeben. . Zahlreich waren aber auch die Goten, welche, der Fährnisse und Härten ihrer unendlichen Reise müde, in Mösien einbrachen und sich nun anschickten, die Donau zu überqueren und zu ihrer Heimat in der Ukraine zurückzukehren. Dieses planlose Vorgehen hätte zweifellos ihren Untergang bedeutet, wenn nicht Zerwürfnisse zwischen den römischen Feldherren Claudius, Kommandeur an der Donau, bevorzugte gründliches Denken und beherztes Handeln. Sein Kollege neidete ihm seinen Ruhm. Historia Augusta, Galliene 14. den Barbaren noch ein Schlupfloch offengelassen hätte. Der kleine Rest dieses Räuberhaufens schiffte sich erneut ein, nahm Kurs auf Hellespont und Posporus und plünderte im Vorbeisegeln die Küsten Trojas, dessen Ruhm, von Homer unsterblich gemacht, vermutlich auch das Gedächtnis an die gotischen Eroberungen überdauern wird. Sobald sie sich im Schwarzen Meer wieder in Sicherheit befanden, gingen sie zu Anchialus in Thrakien am Fuße des Berges Hämus an Land und gönnten sich nach all' den Strapazen die Heilkraft der warmen Bäder. Den Abschluss des ganzen Unternehmens bildete nur noch eine kurze und erholsame Seereise Jordanes, Getica 20. . – Unter derart wechselnden Sternen stand also diese dritte und bedeutendste ihrer drei Flottenunternehmen. Es ist schwer zu begreifen, wie die ursprüngliche Truppenmacht von fünfzehntausend Kriegern die Verluste und Abspaltungen hatte verkraften können; aber in gleicher Weise, wie sie infolge von Kampf, Schiffbruch und dem Einfluss des milden Klimas immer weniger wurden, frischten sich ihre Truppen doch auch immer wieder durch Banditen und Deserteure auf, die sich unter der Fahne der Plünderung scharten, sowie durch Massen von flüchtigen Sklaven – oftmals germanischer oder sarmatischer Herkunft – welche sich diese ruhmvolle Gelegenheit zu Freiheit und Rache unmöglich entgehen lassen konnten. Die gotische Nation reklamierte für diese Unternehmungen den größeren Anteil von Ehre und Gefahr für sich; zwar werden die Stämme unter dem gotischen Banner von den unzuverlässigen Historikern jener Tage sorgsam auseinandergehalten, zuweilen aber auch mit jenen verwechselt; und als die Barbarenflotte aus der Tanaismündung abgesegelt war, wurde die buntscheckige Horde mit dem zwar vertrauten, aber leider ungenauen Namen der Skythen belegt Zosimos und die Griechen (etwa der Autor der Philopatris) bezeichnen diejenigen als Skythen, welche von Jordanes und den lateinischen Autoren durchweg Goten genannt werden. .   ZERSTÖRUNG DES TEMPELS EPHESOS Im Meere des Leidens der Menschheit ist der Tod eines Einzelnen, und sei er noch so maßgebend, oder die Zerstörung eines Gebäudes, und sei es noch so berühmt, nur ein unbeachtlicher Tropfen. Dennoch können wir unmöglich vergessen, wie der Dianatempel zu Ephesos, nach sieben Unglücksfällen in Reihe wiedererrichtet zu höherem Glanze Historia Augusta, Galliene 6; Jordanes, Getica 20. , von den Goten auf ihrer dritten Plünderungsreise endgültig zerstört wurde. Griechische Kunst und asiatischer Reichtum hatten sich zusammengetan, um jenes monumental-heilige Gebäude aufzuführen. Einhundertundsiebenundzwanzig Marmorsäulen ionischen Stils trugen es; es waren dies Geschenke frommer Monarchen, jede sechzig Fuß hoch. Den Altar schmückten die Meisterskulpturen eines Praxiteles, der vermutlich aus dem populären Sagenstoff der Region geschöpft und die Geburt der göttlichen Kinder der Latona dargestellt hatte, die Zuflucht des Apollo nach dem Kyklopenmassaker oder Bacchus' Milde an den besiegten Amazonen Strabon 14, p. 640; Vitruv 1,1 und 7, Vorwort; Tacitus, Annales 3,61; Plinius, Naturalis Historia 36, 14. . Allerdings war der Tempel zu Ephesos lediglich vierhundertundfünfundzwanzig Fuß lang und hatte damit nur zwei Drittel der Größe von St. Peter zu Rom Die Länge von St. Peter in Rom beträgt 840 römische palmi (Handbreite), wobei ein palmus nicht ganz neun englischen Zoll entspricht. Siehe Greaves, Miscellaneous Works, Bd.1, p. 233 über den römischen Fuß. . In den anderen Abmessungen war er sogar noch kleiner als jene weihevolle Hervorbringung moderner Architektur. Die abgespreizten Arme des christlichen Kreuzes erfordern eine größere Breite als die langgezogenen Tempel des Heidentums; und auch die kühnsten Architekten des Altertums wären vor dem Vorschlag zurückgeschaudert, einen Dom von den Abmessungen und dem Erscheinungsbild des Pantheon aufzuführen. Der Dianatempel jedoch galt als eines der Weltwunder. Das persische, makedonische und das römische Reich hatten nacheinander seine Heiligkeit verehrt und seinen Glanz erhöht Die römische Politik hatte jedoch dazu geführt, dass der Umfang des Asylums, welchen man durch besonderes Privileg schrittweise auf zwei Stadien um den Tempel herum erweitert hatte, wieder zurückgenommen wurde. Strabon, 14, p.641; Tacitus, Annales 3, 60.ff. . Aber den ungehobelten Rüpeln von der Ostsee ging jeder Sinn für die schöne Künste ab, und für die eher symbolischen Drohungen, die der fremdländische Aberglauben gegen sie ausstieß, empfanden sie nur matte Geringschätzung So opferten sie etwa den griechischen Gottheiten nicht. Siehe hierzu die Episteln des Gregorios Thaumaturgos. .   DIE GOTEN IN ATHEN Eine weitere Begebenheit wird im Zusammenhang mit dieser Invasion erzählt, und sie hätte unsere Aufmerksamkeit verdient, stände sie nicht in dem begründeten Verdacht, das wilde Phantasieprodukt eines neuzeitlichen Sophisten zu sein. Es wird erzählt, dass im Verlaufe der Plünderung Athens die Goten alle Bibliotheken zusammengetragen hätten und kurz davor standen, an diesen Scheiterhaufen der griechischen Bildung Feuer zu legen, hätte nicht einer ihrer Häuptlinge, der von etwas feinerer Weltkenntnis als seiner Gebrüder war, sie von ihrem Vorhaben abgebracht mittels der tiefsinnigen Feststellung, dass die Griechen, solange sie dem Studium der Bücher oblägen, sich nimmermehr zu Waffenübungen bereit finden würden Zonarias 12,26. Diese Anekdote war genau nach dem Geschmack von Montaigne. Er verarbeitet sie in seinem lesenswerten Essay über die Pedanterie (Essays, 1. Buch, Kap 24). . Der scharfsinnige Ratgeber (gesetzt, die Geschichte ist wahr) argumentierte nicht eben kenntnisreich. In kultivierten und mächtigen Nationen hat sich Genie jeder Art fast immer zur gleichen Zeit entwickelt; und das Zeitalter der Wissenschaft war fast immer auch das Zeitalter militärischer Stärke und militärischer Erfolge.   PERSER EROBERN ARMENIEN IV. Die neuen Herrscher Persiens, Artaxerxes und sein Sohn Sapor, hatten, wie wir schon sahen, über Arsaces' Haus obsiegt. Von den zahlreichen Prinzen jener alten Dynastie hatte alleine Chosroes, König von Armenien, sein Leben und seine Unabhängigkeit bewahrt. Er hatte viele Verbündete: die Natur seines Landes; indem er beständig Flüchtlinge und Feinde unterstützte; Bündnisse mit den Römern; und, dies vor allem, persönlichen Mut. Dreißig Jahre lang im Felde unbesiegt, wurde er schließlich durch geheime Abgesandte des Perserkönig Sapor ermordet. Die vaterländisch gesinnten Satrapen Armeniens, denen die Freiheit und das Ansehen der Krone am Herzen lag, ersuchten dringend um die Hilfe Roms zugunsten von Tiridates, dem gesetzmäßigen Erben. Aber Chosroes Sohn war noch ein Kind, die Verbündeten fern, und Persiens König näherte sich an der Spitze einer unwiderstehlichen Streitmacht den Grenzen in Eilmärschen. Den jungen Tiridates, die Zukunftshoffnung seines Landes, rettete die Treue eines Dieners, und Armenien wurde für etwa siebenundzwanzig Jahre lang eine renitente Kolonie des persischen Reiches Moses Chorenensis 2, c. 71, 73, 74. Der authentische Bericht dieses armenischen Autors dient der Klarstellung der konfusen Schilderung des griechischen Verfassers – Letzterer redet von den »Kindern des Tiridates,« der damals selbst noch ein Kind war. . Durch seinen leichten Erfolg beflügelt und im Vertrauen auf Roms Schwäche und inneren Zwist zwang Sapor nur noch die starken Garnisonen von Karrhae und Nisibis zur Aufgabe und begnügte sich damit, an beiden Ufern des Euphrat Entsetzen zu verbreiten.   GEFANGENNAHME DES VALERIAN Der Verlust einer wichtigen Grenze, der Untergang eines zuverlässigen und natürlichen Verbündeten und der rasche Erfolg von Sapors Ehrgeiz riefen in Rom tiefe Schuld- und Angstgefühle wach. Valerian mochte sich einbilden, dass die Wachsamkeit seiner Generäle die Sicherheit von Donau und Rhein gewährleisten werde; aber um die bedrohten Grenzen des Euphrat zu verteidigen, beschloss er, seines vorgerückten Alters ungeachtet, in eigener Person abzumarschieren. Während seines Zuges durch Kleinasien stellte die Goten ihre die See-Unternehmungen kurzfristig ein, und die geschundenen Provinzen erfreuten sich eines vorübergehenden Scheinfriedens. Er überquerte den Euphrat, traf nahe Edessa auf den Perserkönig, wurde besiegt und von Sapor gefangengesetzt. Die Einzelheiten dieses Großereignisses liegen im Dunklen und sind nur unvollständig überliefert. Dennoch glauben wir in dem trüben Licht, das uns gegönnt ist, eine ganze Serie von Torheiten, Irrtümern und wohlverdientem Pech auf Seiten des römischen Kaisers zu erkennen. Er setzte auf den Prätorianerpräfekten Macrianus unbedingtes Vertrauen Historia Augusta, Tyrannen 11. Denn da Macrianus war den Christen Feind war, ziehen sie ihn der Zauberei. . Dieser nichtswürdige Minister war einzig Roms Untertanen furchtbar und Roms Feinden verächtlich Zosimos, 1,36. . Durch seine dilettantischen oder verräterischen Ratschläge war die kaiserliche Armee in eine Lage geraten, in der soldatischer Mut oder Kriegskunst gleichermaßen nutzlos waren Historia Augusta, Valeriane 32. . Ein massiver Durchbruchversuch der Römer wurde unter schweren Verlusten zurückgeschlagen Aurelius Victor, Caesares 32; Eutropius 9,7. ; und Sapor, der mit überlegenen Kräften das Lager einschloss, wartete geduldig, dass Hunger und Krankheiten ihm den Sieg schenken würden. Eine unbemessene Goldsumme wurde angeboten als Gegenleistung für einen ehrenvollen Abzug. Aber der Perser wies im Bewusstsein seiner Überlegenheit verächtlich das Geld zurück; vielmehr setzte er die Unterhändler fest, rückte in Schlachtordnung gegen die römischen Schanzanlagen vor und bestand auf einer persönlichen Unterredung mit dem Kaiser. Valerian blieb daher nicht anderes übrig, als sein Leben und seine Würde seinem Feind auf Treu und Glauben auszuliefern. Die Unterredung endete, wie nicht anders zu erwarten war. Der Kaiser wurde gefangengenommen und seine überrumpelten Truppen legten ihre Waffen nieder Zosimos 1,36; Zonaras, 12,56; Petros Patrikios, in den Excerpta legationum, p. 29. . In diesem Augenblick des Triumphs nötigten Stolz und Taktik Saporn, den verwaisten Thron mit einer Kreatur von eigenen Gnaden zu besetzen. Kyriades, ein Überläufer aus Antiochia, in jedem Verbrechen bewandert, wurde erwählt, den römischen Purpur zu besudeln; und der persische Monarch meinte es sich schuldig zu sein, durch Beifallsjauchzen der gefangenen Armee, wie matt auch immer es sich anhören mochte, sich seinen Willen bestätigen zu lassen Historia Augusta, Tyrannen 1. Die Herrschaft des Cyriades erscheint in dieser Sammlung vor dem Tod Valerians; ich habe indessen eine wahrscheinliche Ereignisfolge der zweifelhaften Chronologie eines sehr ungenauen Autors vorgezogen. .   SAPORS ANGRIFFE GEGEN DEN WESTEN · 256 A.D. Der Kaiser-Sklave beeiferte sich, durch Hochverrat an seinem Heimatland sich auch der ferneren Gnade seines Gebieters zu versichern. Er führte Sapor über den Euphrat und durch Chalkis zur Metropole des Ostens. So schnell waren die Angriffe der persischen Reiterei, dass, sofern wir einem äußerst gewissenhaften Historiker Die Plünderung von Antiochia wird, obwohl sie einige Historiker vorwegnehmen, durch das Zeugnis des Ammianus Marcellinus (23,5) mit Bestimmtheit in die Herrschaftszeit des Gallienus verlegt. glauben dürfen, Antiochia überrumpelt wurde, während die dumpf-träge Menge den Genüssen einer Theatervorstellung frönte. Antiochias berühmte Bauwerke, private wie staatliche, wurden zerstört oder ausgeplündert; und die zahlreichen Einwohner überantwortete man dem Schwert oder führte sie in die Sklaverei Zosimos 1,36. . Diese Orgie der Gewalt wurde für einen Augenblick durch das entschlossene Auftreten des Priesters von Emesa unterbrochen. Angetan mit seinem Hohepriesterhabit erschien er an der Spitze einer Schar fanatisierter Bauern, die nur mit Schleudern bewaffnet waren, und verteidigte seinen Gott und sein Eigentum gegen die frevelnden Hände der Bekenner Zoroasters Iannes Malalas, Chronographia, Bd. 1, p.391. Er verunstaltet dieses vermutlich wahre Ereignis durch einige märchenhafte Nebenumstände. . Aber der Untergang von Tarsus und vieler anderer Städte liefern den traurigen Nachweis, dass, abgesehen von diesem einzigen Fall, die Eroberung von Syrien und Kilikien den persischen Waffen nur wenig abverlangte. Rasch waren die engen Pässe des Taurus überwunden, in denen ein Eindringling, dessen Hauptstreitmacht die Kavallerie ist, in ein höchst ungleiches Gefecht hätte verwickelt werden können: aber Sapor ging an die Belagerung von Caesarea, der Hauptstadt Kappadokiens; obgleich diese Stadt nur zweiten Ranges war, wurde sie angeblich von vierhunderttausend Menschen bewohnt. Demosthenes war örtlicher Kommandant, nicht so sehr durch kaiserliches Gebot als vielmehr aus eigenem freien Willen. Lange Zeit konnte er das Verhängnis hinauszögern; und als schließlich Cäsarea durch die Niedertracht eines Arztes verraten wurde, kämpfte er sich seinen Weg durch die Perser hindurch, die strenge Weisung hatten, seiner unter allen Umständen lebend habhaft zu werden. Dieser heldenmütige Kämpe entkam so einem Feind, welcher ihn für seinen hartnäckigen Widerstand geehrt oder auch gestraft hätte; aber tausende seiner Landleute kamen in dem allgemeinen Massaker ums Leben, und Sapor steht unter der Anklage der besonderen Willkür und Grausamkeit gegenüber seinen Gefangenen Zonaras, 12,23. Ganze Täler waren mit den Leichen der Ermordeten angefüllt. Gefangene wurden in Massen wie Vieh ans Wasser getrieben, und viele von ihnen verhungerten. . Vieles davon geht unbestritten auf Rechnung nationaler Animositäten, vieles aus Rache für gedemütigten Stolz; dennoch steht fest, dass derselbe Herrscher, welcher in Armenien die Maske des mildtätigen Gesetzgebers aufsetzte, sich gegenüber den Römern als wilder Eroberer aufführte. Auf einen dauerhaften Ausgleich mit dem römischen Imperium konnte er nicht hoffen und war deshalb lediglich bestrebt, verbrannte Erde zurückzulassen, während er Menschen und Schätze der Provinzen nach Persien schleppte Zosimos 1,28, versichert uns, dass Sapor, hätte er nur mehr Wert auf Eroberung als auf Plünderung gelegt, der Herrscher ganz Asiens hätte bleiben können. .   ODENATHUS BESIEGT SAPOR Während der Osten noch vor Sapors Namen zitterte, erhielt er ein Geschenk, das der größten Könige würdig gewesen wäre – eine lange Karawane von Kamelen, mit den ausgefallensten und wertvollsten Waren beladen. Das üppige Geschenk war mit einem respektvollen, aber durchaus nicht servilem Begleitschreiben versehen; es stammte von Odaenathus, einem der angesehensten und reichsten Senatoren von Palmyra. »Wer ist dieser Odaenathus« (sprach der hochfahrende Sieger, und ließ die Geschenke im Euphrat versenken), »dass er so schamlos seinem Herrn zu schreiben sich erfrecht? Hegt er die Hoffnung, seine Strafe zu mildern, so eile er, vor unserem Thron in den Staub zu sinken, die Hände auf dem Rücken gebunden. Sollte er zögern, darnach zu handeln, so wird rasches Verderben auf sein Haupt herniederfahren, auf seine Familie, auf sein Land Petros Patricios, in Excerpta legationum, p.29. !« Die verzweifelte Lage, in der sich der Palmyrer nunmehr befand, rief in seiner Seele alle verborgenen Kräfte wach. Er traf sich mit Sapor; aber er traf ihn unter Waffen. Sein eigener Mut übertrug sich auf seine kleine Armee, die er aus den Dörfern Syriens »Syrorum agrestium manu« (Durch einen Haufen syrisches Landvolk.) Sextus Rufus 23. Rufus, Aurelius Victor, die Historia Augusta, Tyrannen 13 und einige Inschriften erklären Odaenatus übereinstimmend zum Bürger von Palmyra. und den Zelten Er besaß unter den ziehenden Wüstenstämme so viele Sympathien, dass Prokopios (De Bello Persico 2,5) und Ioannes Malalas (Bd. 1, p.391) in zum »Fürsten der Sarazenen« machen. der Wüste zusammengerufen hatte; sie umkreisten den persischen Feind, überfielen ihn immer wieder auf seinem Rückzug, ergatterten Teile ihrer Schätze und, was ihm saurer ward als jeder verlorene Schatz, mehrere Nebenfrauen des Großkönigs; dieser endlich musste darnach trachten, wenigstens den Euphratübergang zu gewinnen, was, wenn auch ersichtlich ungeordnet und überhastet, gelang Petros Patrikios, in Excerpta legationum p.29. . Durch diesen Erfolg begründete Odenathus seinen späteren Ruhm und Erfolg. Roms Majestät, von einem Perser in Bedrängnis gebracht, ward so geschützt von einem Syrer oder Araber aus Palmyra.   DIE MISSHANDLUNG DES VALERIAN Die Stimme der Geschichte, oft nicht viel mehr als das Werkzeug des Hasses oder der Schmeichelei, wirft Sapor den selbstherrlichen Missbrauch seiner Rechte als Eroberer vor. So erfahren wir, dass Valerian in Ketten, aber mit kaiserlichem Purpur angetan, der gaffenden Menge vorgeführt wurde, ein fortdauerndes Bild gefallener Größe; und dass der persische Großkönig, wann immer er sein Pferd bestieg, seinen Fuß auf den Nacken des römischen Kaiser setzte. Ungeachtet aller Vorhaltungen seiner Verbündeten, die ihm wiederholt rieten, der Unbeständigkeit des Glückes eingedenk zu sein, Roms wiedererstarkende Macht zu fürchten und seinem noblen Gefangenen zum Unterpfand für Friedensverhandlungen und nicht zum Gegenstand von Quälereien zu machen, blieb Sapor halsstarrig. Als Valerian endlich der Last aus Schande und Kummer erlag, wurde seine Haut, ausgestopft mit Stroh und in menschenartige Form gebracht, generationenlang in Persiens heiligstem Tempel aufbewahrt; ein realistischeres Triumphbild in der Tat als alle die Bronze- und Marmormonumente, welche römische Eitelkeit so oft errichtet hatte Die heidnischen Schriftsteller beweinen Valerians Unglück, die christlichen höhnen. Die verschiedenen Zeugnisse sind bei Tillemont (3, p.739f) genau aufgeführt. So wenig ist von der Geschichte des Ostens vor Mohammed überliefert, dass moderne Perser von dem Sieg Sapors überhaupt noch nichts gehört haben, obwohl er doch für ihre Nation ein Ruhmesblatt bedeutet. Siehe die Bibliothéque Orientale. . Die Episode selbst hat einen moralischen Kern und erregt unser Mitleid, aber ihr Wahrheitsgehalt kann mit gutem Gründen in Zweifel gezogen werden. Die Briefe, die die Könige des Ostens an Sapor schrieben, sind eindeutig erdichtet Einer dieser Briefe stammt von Artavasdes, König von Armenien; da aber zu jener Zeit Armenien persische Provinz war, müssen der König, das Königreich und der Brief erfunden sein. ; auch klingt die Annahme unglaubwürdig, ein missgünstiger Monarch würde, selbst in der Person seines Feindes, in aller Öffentlichkeit die Majestät von Königen derartig malträtieren. Welche Behandlung auch immer dem glücklosen Valerian zuteil wurde, dies wenigstens steht fest, dass der einzige Kaiser Roms, der jemals in Feindeshand geraten war, bis an sein Lebensende in hoffnungsloser Gefangenschaft dahinschmachtete.   GALLIENUS ALLEINHERRSCHER Kaiser Gallienus, welcher schon lange mit Ungeduld die Zensorenstrenge seines Vaters und gleichzeitigen Mitregenten aushalten musste, empfing die Botschaft von seinem Unglück mit heimlicher Freude und erheuchelter Gemütsruhe. »Mir war bekannt, dass mein Vater sterblich ist,« sprach er, »und nun er sich als Held bewährt hat, bin ich's zufrieden.« Während Rom das Schicksal seines Herrschers beweinte, wurde die Herzenskühle seines Sohnes von den Hofschranzen höchlich gelobt als die vollkommene Seelenstärke eines Helden und Stoikers Siehe sein Lebensbild in der Historia Augusta. . Es ist schwierig, den leichtsinnigen, den wetterwendischen, den unzuverlässigen Charakter des Gallienus darzustellen, den er ungeniert an den Tag legte, sobald er einmal die Herrschaft angetreten hatte. In jeder Kunst, in der er sich versuchte, verhalf ihm sein wacher Geist zum Erfolg; und da sein Geist der Urteilsfähigkeit ermangelte, versuchte er sich in allen Künsten außer den beiden wichtigsten, dem Kriegführen und dem Regieren. Er war in mehreren sonderbaren, aber nutzlosen Wissenschaften zu Hause, ein passabler Redner, ein Dichter von Geschmack Es ist noch ein sehr hübsches Hochzeitslied überliefert, das Gallienus anlässlich der Vermählung seiner Neffen verfasst hat (Historia Augusta, Galliene 11): »Ite, agite, o pueri, pariter sudate medullis/omnibus inter vos; non murmura vestra columbae,/Bracchia non hederae, non vincant oscula conchae.« (Kommt nun, ihr Kinder, tummelt euch in erhitzter Leidenschaft/ niemals sollen die Tauben euer Gurren übertreffen/ niemals der Efeu eure Arme und niemals die verschlungenen Schnecken eure Küsse.) , ein geschickter Gärtner, ein vorzüglicher Koch und ein absolut unfähiger Herrscher. Als der Staat in großen Kalamitäten steckte und seine Anwesenheit dringend erforderlich gewesen wäre, pflog er Umgangs mit dem Philosophen Plotin Er war im Begriffe, Plotin eine verlassene Stadt in Campanien zu schenken, damit er versuchen könne, Platos Idee vom Staat zu verwirklichen. Siehe die vita Plotins von Porphyrios, in der Bibliotheca graeca von Fabricius, Bd. 4 , vertändelte seine Zeit mit allerlei Quisquilien und Zerstreuungen, bereitete sich auf seine Initiation in die griechischen Mysterien vor oder bewarb sich um einen Sitz im Areopag zu Athen. Seine überreiche Prachtentfaltung war ein Hohn auf die allgemeine Armut; die lächerliche Feierlichkeit seiner Triumphzüge wurde in noch stärkerem Maße als öffentliche Peinlichkeit empfunden Eine Medaille mit dem Kopf des Gallienus hat mit ihrer Umschrift und ihrer Rückseite der Altertumswissenschaft Probleme bereitet: » Gallienae Augustae bzw. » Ubique pax « (Der Kaiserin Galliena bzw. Überall Frieden). Spanheim argwöhnt, dass die Münze von Feinden des Gallienus geprägt worden und als handfeste Satire gegen den weibischen Herrscher gedacht war. Da aber Ironie nur schlecht zu der Seriosität des römischen Münzwesens passt, hat de Vallemont aus einer Textstelle bei Trebellius Pollio (Historia Augusta, Firmus 3) eine geistvolle und schlüssige Erklärung herausgelesen. Galliena war die erste Cousine des Kaisers. Da sie Afrika von dem Ursupator Celsus befreit hatte, hatte sie Anspruch auf den Titel Augusta . Auf einer Medaille aus der Sammlung des Französischen Königs lesen wir die vergleichbare Inschrift Faustina Augusta um den Kopf des Marc Aurel. Was nun das Ubique Pax betrifft: dies erklärt sich zwanglos mit der Eitelkeit des Gallienus, der sich die Gelegenheit einer augenblicklichen Ruhe zunutze machte. S. die Nouvelles de la République des Lettres, Januar 1700, p. 21 – 34. . Für die wiederholten Nachrichten von Einfällen, Niederlagen und Aufständen erübrigte er ein gedankenloses Lächeln; und indem er sich einige besondere Erzeugnisse der verlorenen Provinz hervorsuchte, fragte er, bemüht um den Anschein von Verachtung, ob es wirklich Roms Untergang sei, wenn ihm denn nun nicht mehr ägyptisches Leinen oder gallische Wandbehänge zur Verfügung ständen? – Es gab im Leben des Gallienus jedoch auch einige wenige Augenblicke, in denen er, aufgebracht durch irgendein vorangegangenes Unrecht, sich unvermittelt als unerschrockener Soldat oder grausamer Tyrann erwies; um anschließend, vom Blute satt oder vom Zwist ermüdet, wieder in die für ihn kennzeichnende Milde und Apathie zu verfallen Diese einzigartigen Charakterzüge sind uns, so glaube ich jedenfalls, getreulich überliefert worden. Die Regierungszeit seines unmittelbaren Nachfolgers war kurz und ereignisreich, und die Historiker, welche vor der Dynastie der Konstantine geschrieben hatten, konnte auch nicht das allergeringste Interesse daran haben, den Charakter des Gallienus zu verdunkeln. .   DIE DREISSIG, DIE NEUNZEHN WAREN Liegen die Zügel der Regierung in so kraftlosen Händen, ist es nicht zu verwundern, wenn sich nun Usurpatoren in Menge in jeder Reichsprovinz gegen Valerians Sohn erhoben. In der Idee, die dreißig Tyrannen von Rom mit den »Dreißig von Athen« zu vergleichen, lag eine gewisse Anziehungskraft, welche die Schreiber der Historia Augusta verführt haben mag, sich diese berühmte Zahl zu erwählen, welche dann später zur allgemeinen Benennung werden sollte Pollio insbesondere gibt sich ordentlich Mühe, diese Zahl zu erreichen. . Aber der Vergleich ist in jeder Hinsicht schief und unvollständig. Welche Ähnlichkeiten sollen denn bestehen zwischen einer Clique von dreißig Männern, deren Aufgabe darin bestand, eine Stadt zu tyrannisieren und einem zweifelhaften Verzeichnis von einzelnen Rivalen, welche in unregelmäßiger Folge auf dem Gebiet eines Riesenreiches auftauchten und wieder verschwanden? Und wenn wir nicht auch noch die Frauen und Kinder mitzählen, die mit dem Kaisertitel geschmückt wurden, werden wir die Dreißig niemals zusammenbringen. Die Herrschaft des Gallienus, zerfahren, wie sie nun einmal war, rief nur neunzehn Thronanwärter auf den Plan: Im Osten Cyriades, Macrianus, Balista, Odaenathus und Zenobia; in Gallien und den westlichen Provinzen Posthumus, Lollianus, Victorinus und dessen Mutter Victoria, Marius und Tetricus. In Illyrien und den Donauländern Ingenuus, Regillianus und Aureolus; im Pontus Sein Regierungssitz ist unbekannt; aber es gab im Pontus einen Tyrannen, und die Sitze aller anderen kennen wir. Saturninus; in Isaurien Trebellianus; in Thessalien Piso; in Achaia Valens; Ämilianus in Ägypten; und Celsus in Afrika. Es wäre ein mühsames Unterfangen, ebenso inhaltsleer wie langweilig, jetzt Leben und Sterben all' dieser ephemeren Figuren nachzuzeichnen. Wir wollen uns vielmehr damit zufrieden geben, einige allgemeine Wesenszüge zu untersuchen, welche für die damaligen Zeiten und das Verhalten dieser Männer besonders kennzeichnend sind, für ihre Absichten, ihre Motive, ihr Schicksal und die zerstörerischen Folgen ihrer Ursupationen Tillemont (Histoire des empereurs 3, p.1163) schätzt dies etwas anders ein. .   EXKURS ÜBER TYRANNEN Es ist hinlänglich bekannt, dass der Ekelname Tyrann von den Alten meist nur benutzt wurde, um das Illegale einer Machtausübung zu kennzeichnen, ohne Bezug zu einem möglichen Missbrauch. Einige der Thronanwärter, die gegen Gallienus die Fahne der Rebellion emporzogen, waren Vorbilder an Tugend, und nahezu alle besaßen ein gerüttelt Maß an Tapferkeit und Fähigkeiten. Durch ihre Verdienste hatten sie sich Valerians Gunst empfohlen und sich allgemach zu den höchsten Kommandostellen des Reiches hinaufgearbeitet. Die Generäle, die den Augustustitel beanspruchten, genossen den Respekt ihrer Truppen, sei es aufgrund ihrer Feldherrentüchtigkeit und ihrer strengen Disziplin, wurden bewundert für ihr Draufgängertum und ihre Kriegserfolge, oder für ihre Ehrlichkeit und Freigebigkeit geschätzt. Oftmals war das Schlachtfeld auch der Ort ihrer Erhebung; und selbst Marius, der Waffenmeister, von allen Anwärtern auf den Purpur der ungeeignetste, zeichnete sich, immerhin denn doch, durch unerschütterlichen Mut, ausdauernde Kondition und unverstellte Ehrlichkeit aus Siehe die Rede des Marius in Pollio, Historia Augusta, Tyrannen 7. Die zufällige Namensgleichheit war der einzige Umstand für Pollio, Sallust nachzuahmen. . Sein etwas schlichtes Gewerbe allerdings umkränzt seine Erhebung mit der Aura des Lächerlichen; aber seine Herkunft war nicht unbedeutender als die seiner Rivalen, welche Bauernsöhne waren und von der Pike auf gedient hatten. In unruhigen Zeiten findet jedes Talent den ihm zukommenden Platz; in einem Militärstaat sind soldatische Verdienste die einzigen Pfade zu Ruhm und Größe. Von den neunzehn Tyrannen war allein Tetricus von senatorischem Rang; und von Adel war nur Piso »Vos o Pompilius sanguis« (Ihr, die ihr von (Numa) Pompilius' Blut seid); so die Anrede des Horaz an die Pisonen. (De arte poetica 292 mit Daciers und Sanadons Anmerkungen). . Das Blut eines Numa floss nach neunundzwanzig aufeinanderfolgenden Generationen in Calpurnius Pisos Adern; welcher außerdem durch die Familie seiner Frau das Recht beanspruchte, in seinem Hause die Bildnisse des Crassus und des großen Pompejus Tacitus Annalen 15,48 und Historien 1,15. In der erstgenannten Textstelle wollen wir es wagen, paterna durch materna zu ersetzen. In jeder Generation von Augustus bis zu Alexander Severus treten ein oder mehrere Pisonen als Konsuln auf. Einen Piso befand Augustus sogar des Thrones für würdig (Tacitus, Annalen 1,13), ein anderer stand an der Spitze einer furchtbaren Verschwörung und ein dritter wurde von Galba adoptiert und zum Caesar ernannt. aufstellen zu dürfen. Seine Vorfahren waren mehr als einmal mit allen Ehrenzeichen versehen worden, die die Republik zu vergeben hatte; und von allen altrömischen Familien hatte die calpurnianische allein die Tyrannei der Cäsaren überlebt. Pisos persönliche Vorzüge sind für die Geschichte seiner Familie ein zusätzliches Ruhmesblatt. Der spätere Thronräuber Valens, der ihn ermorden ließ, bekannte mit tiefer Reue, dass selbst ein Feind Pisos Unantastbarkeit hätte respektieren müssen; und obwohl er in Waffen gegen Gallienus starb, beschloss der Senat mit des Kaisers gütiger Permission, einem so tugendreichen Rebellen die Triumphabzeichen zuzusprechen Historia Augusta, Tyrannen 20. Der Senat scheint in einem Augenblick der Begeisterung die Billigung des Gallienus vorweggenommen zu haben. . Valerians Offizierscorps war dem Vater, den es bewunderte, treu ergeben; seinen unwürdigen Sohn, der sich im Luxus langweilte, verachteten sie nur. Auf Loyalität jedenfalls konnte der römische Thron in keiner Weise rechnen; und Verrat gegen einen solchen Herrscher wäre leicht zu einer nachgerade patriotischen Tat geworden. Aber sehen wir uns die Aufführungen der einzelnen Thronaspiranten genauer an, so werden wir rasch finden, dass viel öfter die Angst als der Ehrgeiz sie zu ihrer Rebellion bestimmte. Sie fürchteten Gallienus' blutrünstiges Misstrauen; doch in gleicher Weise fürchteten sie die unberechenbare Gewaltbereitschaft ihrer Truppe. Wenn nun die höchst zweischneidige Gunst ihrer Armee sie des Thrones für würdig befunden hatte, dann bedeutete dies ihr Todesurteil; und auch Lebensklugheit mochte ihnen den Rat geben, für möglicherweise nur kurze Zeit der Herrscherfreuden zu genießen und dann das Kriegsglück zu versuchen, als auf den Henker zu warten. Wenn der Lärm der Soldaten die widerstrebenden Opfer mit den Herrscherinsignien versehen hatte, dann beweinten sie wohl selbst im Stillen ihr bevorstehendes Schicksal. »Ihr habt,« sagte Saturninus am Tage seiner Erhebung, »ihr habt einen für euch nützlichen Befehlshaber verloren und einen erbärmlichen Kaiser gewonnen Historia Augusta, Tyrannen 22. .«   GEWALTSAMER TOD DER TYRANNEN Saturninus' Besorgnisse waren gerechtfertigt durch die wiederholten Erfahrungen mit Revolutionen. Von den neunzehn Tyrannen, welche unter Gallienus sich erhoben, war nicht einer, dem ein Leben in Frieden oder ein natürlicher Tod beschieden gewesen wäre. Sobald sie erst einmal mit dem blutigen Purpur angetan waren, erzeugten sie bei ihren Anhängern die gleiche Furcht oder den gleichen Ehrgeiz, der auch ihre Rebellion hervorgerufen hatte. Von Palastverschwörungen, Meuterei und Bürgerkrieg ringsum bedrängt, standen sie schaudernd am Rande des Abgrundes, der sich ihnen auftat und in welchen sie nach mehr oder weniger kurzer Zeit des Bangens notwendig stürzen mussten. Ehrungen und Ergebenheitsadressen ihrer Truppen oder der Provinzen erhielten diese Monarchen auf Widerruf allerdings; aber ihr Anspruch, der nur auf Rebellion begründet war, hatte vor dem Recht und der Geschichte keinen Bestand. Italien, Rom, der Senat: sie alle standen zuverlässig hinter der Sache des Gallienus, und er allein wurde als der eigentliche Reichssouverän angesehen. Allerdings war dieser Herrscher wenigstens des Odaenathus siegreiche Waffentaten anzuerkennen gnädig genug, hatte dieser sich doch durch sein stets loyales Verhalten gegenüber Valerians Sohn eine Auszeichnung verdient. Unter allgemeiner Zustimmung der Römer und des Gallienus übertrug der Senat dem wackeren Palmyrer den Augustustitel; und die Herrschaft über den Osten, die er de facto schon ausübte, wurde ihm mit so vielen Vollmachten ausgestattet, dass er die Nachfolge wie ein Familienerbe seiner berühmten Witwe Zenobia übertragen konnte Die Auszeichnung des tapferen Palmyrers war noch die volkstümlichste Maßnahme in Gallienus' gesamter Regierung. Historia Augusta, Tyrannen 22. .   DIE SCHLIMMEN FOLGEN DES THRONRAUBES Der rasche und ständig wiederholte Wechsel von der Hütte zum Thron und vom Thron zum Grab könnte einem philosophischen Gemüt ein Gelächter entlocken, wenn es dem philosophischen Gemüt denn möglich wäre, gegenüber der allgemeinen Notlage der Menschen Gleichmut zu bewahren. Die Erhebung dieser Puppenkaiser, ihre Machtausübung und ihr Tod erwiesen sich indessen für die Untertanen und ihre Anhänger in gleicher Weise als verhängnisvoll. Der Preis für ihre fatale Thronerhebung musste in Form eines unermesslichen Donativs an die Truppe sofort erlegt werden, welchen sie dem ohnehin verarmten Volk abpressten. Wie tugendreich sie auch sein mochten, wie hehr ihre Absichten auch waren, so sahen sie sich doch über ein kleines genötigt, ihren Thronraub durch Plünderung und Gewalt abzusichern. Wenn sie fielen, rissen sie Armeen und Provinzen mit. Es ist eine unglaublich brutale Anweisung auf uns gekommen, die Gallienus einem seiner Beamten erteilt hatte, nachdem Ingenuus – er hatte den Purpur in Illyrien erhalten – niedergeschlagen worden war. »Es genügt nicht,« so dieser weichliche und zugleich unmenschliche Herrscher, »dass du die Waffenfähigen hinrichtest: das hätte für mich auch das Schlachtenglück besorgen können. Das männliche Geschlecht jeden Alters muss ausgerottet werden; wofern du nur durch die Hinrichtung von Kindern und Greisen den Weg findest, unsere Autorität zu retten. Jeder soll sterben, der einmal eine Bemerkung gegen mich hat fallen lassen oder einem Gedanken gegen mich Raum gegeben hat, gegen mich, den Sohn des Valerian und den Vater und Bruder so vieler Fürsten Gallienus hatte den Cäsar- und Augustustitel seinem Sohn Salonius verliehen, der zu Köln durch den Usurpator Posthumus erschlagen ward. Ein zweiter Sohn des Gallienus folgte mit gleichem Rang und Titel auf seinen älteren Bruder. Valerianus, der Bruder des Gallienus, hatte ebenfalls an der Herrschaft teil. Weitere Brüder, Schwestern, Neffen und Nichten bildeten so eine zahlenstarke kaiserliche Familie. Tillemont, Histoire des empereurs 3, und de Brequigny in den Mémoires de l'academie des Inscriptions, Bd. 32, p. 262. . Bedenke, dass Ingenuus zum Kaiser ernannt wurde: reiße, töte, schlag in Stücke! Ich schreibe dir dies mit eigener Hand, und ich wollte dich gerne mit meinen eigenen Gefühlen ausstatten Historia Augusta, Tyrannen 8 .« Während so die Kräfte des Staates für Privatfehden verzettelt wurden, standen die Provinzen jedem Eindringling ungeschützt offen. Da ihre augenblickliche Situation höchst unbehaglich war, sahen sich auch die kühnsten Usurpatoren genötigt, mit dem gemeinsamen Feind Schandverträge einzugehen und mit massiven Tributzahlungen die Neutralität oder sogar die Dienste der Barbaren zu erkaufen sowie feindliche und unabhängige Nationen in das Zentrum der römischen Monarchie eindringen zu lassen Regillianus hatte einige Kontingente der Roxolaner in seinen Diensten, Posthumus ein Corps Franken. Es lag vermutlich in der Natur dieser Hilfstruppen, dass sich die letztgenannten sich in Spanien einfanden. . Dies waren die Barbaren, und dies waren die Tyrannen, welche unter der Herrschaft des Valerian und Gallienus die Provinzen zersplitterten und dem Imperium seinen bisher schlimmsten Tiefstand bescherten; dass es sich jemals hiervon erholen würde, erschien allgemein als eine Unmöglichkeit. Soweit die Unergiebigkeit der Quellen es überhaupt erlaubt, haben wir versucht, die allgemeinen Ereignisse jener verhängnisvollen Epoche zu sichten und zu ordnen. Einige besondere Ereignisse ragen dennoch hervor: I. Die Unruhe in Sizilien; II. Der Aufstand in Alexandria; III. Die Rebellion der Isaurier, welche drei Vorkommnisse dazu dienen mögen, jenes Schauergemälde besser ins Licht zu setzen.   DIE EREIGNISSE IN SIZILIEN I. Wenn zahlenmächtige Räuberbanden, die aufgrund ihres Erfolges und ihrer Straflosigkeit auch noch Zulauf haben, es wagen können, sich der Justiz ihres Landes zu widersetzen anstelle vor ihr zu fliehen, dürfen wir getrost folgern, dass die offenkundige Schwäche der Regierung auch von den untersten Bevölkerungsschichten wahrgenommen und ausgenutzt wird. Siziliens geographische Lage schützte es vor den Barbaren; auch konnte – umgekehrt – die waffenfreie Provinz keine Usurpatoren unterstützen. Die Leiden der einst blühenden und immer noch fruchtbaren Provinz hatten andere, tiefer liegende Ursachen. Eine gesetzlose Meute von Sklaven und Bauern beherrschte eine Zeitlang das ausgeblutete Land und rief die Erinnerung an die Sklavenkriege früherer Zeiten wach Die Historia Augusta (Galliene 4) nennt es »Bellum servile«) . Siziliens Landwirtschaft muss durch Plünderungen zugrundegegangen sein, deren Opfer – oder Komplize – das Landvolk war; und da nun die größten Ländereien Eigentum reicher römischer Senatoren waren, deren Güter den Umfang eines früheren Gemeinwesens hatten, ist es durchaus möglich, dass dieses privat erlittene Unrecht der Hauptstadt mehr Schaden zufügte als alle gotischen und persischen Eroberungen zusammengenommen.   ALEXANDRIA II. Alexandrias Gründung ging auf einen hochfliegenden Plan zurück, den Philipps Sohn entwarf und zugleich ausführte. Die schöne und ebenmäßige Anlage dieser Metropole – größer war nur Rom – maß fünfzehn Meilen im Umfang Plinius, Naturalis Historia, 5,10. . Dreihunderttausend freie Bürger bewohnten sie und mindestens ebenso viele Sklaven Diodoros 17,52. . Der lukrative Arabien- und Indienhandel führte über Alexandrias Hafen in die Hauptstadt und die Provinzen des Reiches. Müßiggang war unbekannt. Viele arbeiteten als Glasbläser, andere als Leinenweber, wieder andere in der Papyrusfabrikation. Menschen beiderlei Geschlechtes und jeden Alters waren in Gewerbebetrieben beschäftigt, und selbst der Lahme und Blinde fand eine seiner Behinderung angemessene Beschäftigung Siehe den äußerst merkwürdigen Brief Hadrians in der Historia Augusta, Firmus 29,8. . Indessen: das Volk Alexandrias, in dem sich viele Nationen mischten, vereinigte in sich Eitelkeit und Wankelmut des Griechen mit dem Aberglauben und dem Starrsinn des Ägypters. Die banalsten Anlässe, etwa ein vorübergehender Engpass von Fleisch oder Linsen, ein nachlässig ausgeführter Gruß, die Verletzung des Vortrittsrechtes in einem öffentlichen Bade, selbst ein religiöser Diskurs Etwa wegen der frevlerischen Ermordung einer heiligen Katze, s. Diodoros 1. : dies reichte jederzeit aus, Aufruhr zu stiften im Volke, dessen Zorn fürchterlich war und unstillbar Diese lange und grässliche Unruhe wurde hervorgerufen durch den Streit zwischen einem Bürger und einem Soldaten über ein Paar Schuhe. . Nachdem nun die Gefangennahme des Valerian und die Trägheit seines Sohnes die Autorität des Gesetzes ausgehöhlt hatten, gaben sich die Alexandriner ungehemmt ihrer Leidenschaft hin, und ihr unglückliches Land wurde zum Schauplatz eines Bürgerkrieges, welcher, von ein paar kurzen und trügerischen Waffenstillständen abgesehen, zwölf Jahre dauerte. Dionysios bei Eusebios, Historia ecclesiastica 7,21; Ammianus Marcellinus, 2,16 Jedweder Verkehr zwischen den Stadtvierteln war abgeschnitten, jede Straße mit Blut besudelt, jedes nur irgend haltbare Gebäude zur Festung geworden; der Tumult legte sich selbst dann nicht, als ein großer Teil Alexandrias unwiderruflich ruiniert war. Der großzügig angelegte, herrliche Distrikt von Bruchion mit seinen Palästen, dem Museion, der Residenz der Philosophen und Könige Ägyptens, befand sich zufolge einer Beschreibung, die hundert Jahre später verfasst wurde, in demselben Zustand der traurige Öde wie heute Scaliger, Animadversio ad Eusebiai Chronicam, p. 258. Bonamy in den Mémoires de l'Academie des Inscriptions, Bd. 9. .   REBELLION IN ISAURIEN III. Die bedeutungslose Rebellion des Trebellianus, der den Purpur in Isaurien erhielt, einer unwichtigen Provinz Kleinasiens, hatte immerhin befremdliche und erinnerungswürdige Folgen. Das Kaiserspielen wurde durch einen General des Gallienus rasch abgestellt; aber seine Anhänger, die auf Gnade nicht rechnen konnten, kündigten ihre Treue nicht nur dem Kaiser, sondern sogar dem Reich auf und kehrten plötzlich wieder zu früheren, aber nie ganz aufgegebenen Sitten zurück. Ihre zerklüfteten Felsgebirge – Ausläufer des weitreichenden Taurus – gewährten ihnen zuverlässigsten Schutz. Das bestellte Land in einigen fruchtbaren Tälern Strabon 12, p. 269. versorgte sie mit den Notwendigkeiten des Lebens, und ermöglichte ferner das Brauchtum der Räuberei, verbunden mit dessen Annehmlichkeiten. So blieben inmitten des Römischen Reiches die Isaurier weiterhin eine eigene Nation unbezwungener Barbaren. Die nachfolgenden Herrscher, welche sie weder mit Waffengewalt noch mit Diplomatie in Gehorsam zu zwingen vermochten, anerkannten endlich ihre eigene Schwäche durch die Anlage eines starken Festungsringes Historia Augusta, Tyrannen 25. , welcher sich indes oft genug als unzulänglich erwies, den Verkehr dieser inneren Feinde zu unterbinden. Die Isaurier dehnten ihr Einflussgebiet allmählich sogar bis an die Küste aus, unterwarfen den westlichen, gebirgigen Teil von Kilikien, und dies war immerhin das Nest jener wagemutigen Piraten gewesen, gegen die vormals unter der Führung des großen Pompejus die Republik alle ihre Kräfte mobilisieren musste Cellarius, Geographia antiqua, Bd.2, p. 137, über die Grenzen von Isaurien. .   HUNGERSNOT UND PEST Unsere Denkgewohnheiten stellen so ausgreifend-kühne Verbindungen zwischen dem Schicksal der Menschen und der Ordnung des Himmels her, dass man auch jene düstere Epoche ausgeschmückt hat mit Überschwemmungen, Erdbeben, ungewöhnlichen Himmelszeichen, übernatürlicher Dunkelheit und Omen sonder Zahl, ausgedachten wie übertriebenen Historia Augusta, Galliene 5. . Eine lang andauernde und umfassende Hungersnot aber ist ein wirkliches Übel. Sie ist die unvermeidliche Folge von Plünderung und Unterdrückung, welche die diesjährige Ernte und die Hoffnung auf die künftigen raubt. Auf Hunger folgen fast zwangsläufig Epidemien, verursacht durch knappe und schlechte Ernährung. Es muss aber noch andere Ursachen für die verheerende Seuche gegeben haben, welche von 250 bis 265 A.D. ununterbrochen jede Provinz, jede Stadt, ja beinahe jede Familie des Römischen Reiches heimsuchte. Bisweilen starben täglich bis zu fünftausend Menschen in Rom; und manche Stadt, die dem Würgegriff der Barbaren entkommen war, wurde auf diese Weise vollständig entvölkert Historia Augusta, Galliene 5; Zosimos 1,26; Zonaras 12,21; Eusebios, Chronica; Aurelius Victor, Epitome und Caesares 33; Eutropius 9,5; Orosius 7,21. . Wir haben Kenntnis von einem sehr merkwürdigen Umstand, der uns bei dem trübseligen Geschäft, das Elend der Menschen zu berechnen, hilfreich sein kann. In Alexandria wurde ein genaues Register geführt mit allen Personen, welche an der öffentlichen Getreideverteilung teilhatten. Man hat nun ermittelt, dass die Zahl der Vierzig- bis Siebzigjährigen, die ursprünglich in der Liste standen, ebenso groß war wie die Gesamtzahl der Vierzehn- bis Achtzigjährigen, die nach der Regierungszeit des Gallienus noch am Leben waren Eusebios, Historia ecclesiastica 7,21. Die Tatsache ist überliefert in den Briefen des Dionysios, der in jenen schlimmen Zeiten Bischof von Alexandria war. . Nimmt man diese unwiderlegbare Tatsache als eine Art Sterblichkeitstabelle, so beweist sie, dass die Hälfte der Einwohner Alexandrias gestorben sein muss. Und wenn wir diese Hochrechnung auf die anderen Provinzen des Reiches ausweiten, so folgt, dass Kriege, Seuchen und Hungersnöte innerhalb weniger Jahre die Hälfte der Menschheit dahingerafft haben müssen 11000 Personen, die man in vielen Gemeinden fand, waren zwischen vierzehn und achtzig Jahren alt; 5365 zwischen vierzig und siebzig. S. Buffon, Histoire naturelle 2, p.590. .