Selma Lagerlöf Jerusalem II Im Heiligen Lande 1. Buch. Der heilige Fels und das heilige Grab. Es war ein brennend heißer Augustmonat in Palästina. Jeden Tag stand die Sonne gerade über dem Kopf der Menschen. Da war nicht eine Wolke am Himmel, und seit dem April hatte es nicht geregnet. Es war gar nicht schlimmer, als es um diese Zeit des Jahres zu sein pflegte, aber es war trotzdem fast unerträglich. Man wußte nicht recht, was man tun sollte, um die Hitze fernzuhalten, oder wohin man fliehen sollte, um ihr zu entgehen. Unten in Jaffa war es vielleicht noch am besten. Gerade nicht in der Stadt selbst, die mit ihren dicht zusammengedrängten Häusern auf ihrem steilen Felsen aufragte wie eine einzige große Festung, wo ein unleidlicher Geruch aus den engen Straßen und den großen Seifensiedereien aufstieg. Aber die Stadt lag dicht am Meer, und von dort kam doch etwas Kühlung. In der Umgegend konnte es sicher einigermaßen erträglich sein, denn Jaffa lag inmitten von wenigstens fünfhundert Orangenhainen, in denen die unreifen Apfelsinen unter harten, dunkelgrünen Blättern hingen, die sich ganz und gar nicht von dem Sonnenschein beeinflussen ließen. Aber wie heiß war es nicht auch in Jaffa! Die hohen Rizinusbüsche standen mit ihren riesengroßen, verwelkten und eingeschrumpften Blättern da, nicht einmal die widerstandsfähigen Pelargonien besaßen Kräfte genug, um länger zu blühen, sondern lagen auf Steinhaufen und Sandgruben hinwelkend da, fast begraben unter Haufen von Staub. Wenn man die roten Blüten der Kaktushecken sah, kam es einem vor, als müsse das all die Wärme sein, die die dicken Stämme im Laufe des Sommers eingesogen hatten, und die nun in großen roten Flammen herausschlug. Man verstand erst so recht, wie heiß es war, wenn man sah, daß die Kinder, die über den Strand dahinliefen, um an das Meer hinauszugelangen und zu baden, die Füße hoch aufhoben und jammerten – der schöne, weiße Sand war so warm wie glühende Kohlen. Und wenn man es nun in Jaffa nicht aushalten konnte, wohin sollte man dann fliehen? Da war es wenigstens noch besser als auf der meilenweiten Ebene von Saron, die jenseits der Stadt zwischen dem Meer und den Bergen lag. Es waren ja noch Menschen in den Dörfern und Städten, die über die Ebene zerstreut lagen, aber es war sehr schwer zu begreifen, wie sie es fertig brachten, nicht vor Hitze und Dürre zu vergehen. Sie wagten sich auch nur selten aus ihren Häusern heraus, die ohne Fenster waren, und verließen nie die Stadt, wo doch die Mauern der Häuser und einige vereinzelte Bäume ein wenig Schutz gegen die Sonne boten. Draußen auf der offenen Ebene konnte man ebensowenig einen grünen Grashalm wie einen Menschen finden. Alle die prachtvollen roten Anemonen und Mohnblüten, all die kleinen Gänseblümchen und Nelken, die die Erde mit einem dichten rosa Teppich bedeckt hatten, waren verschwunden. Ebenso die Weizen-, Roggen- und Durraernte, die auf den bestellten Feldern in der Nähe der Stadt gewachsen war, sie war schon längst gemäht und eingefahren, und die Erntearbeiter mit ihren Ochsen und Eseln, mit ihrem Singen und Tanzen waren heimgezogen in ihre Dörfer. Die einzige Spur, die noch von der Herrlichkeit des Frühlings zurückgeblieben, waren die hohen, welken Stengel, die über dem versengten Felde aufragten, und die einstmals schöne, duftende Lilien getragen hatten. Es gab wirklich eine ganze Menge Menschen, die behaupteten, daß sie den Sommer am allerbesten in Jerusalem ertragen könnten. Sie sagten, daß die Stadt ja freilich eng und von Menschen überfüllt sei, da sie aber auf dem Kamm des langen Bergrückens liege, der durch ganz Palästina lief, könne nicht ein Windhauch über das Land hingehen, aus welcher Himmelsrichtung er auch komme, ohne daß seine Kühle nicht die heilige Stadt erreiche. Aber wie es sich auch mit den gepriesenen Winden und der leichten Bergluft verhalten mochte, so war doch auch in Jerusalem ausreichend Sommerhitze. Die Leute schliefen des Nachts auf den Dächern und schlossen sich des Tages ein. Sie mußten sich damit begnügen, übelriechendes Wasser zu trinken, das sich in der Winterzeit in unterirdischen Zisternen angesammelt hatte, und obendrein befürchten, daß es versiegen könne. Der geringste Windhauch wirbelte dichte Wolken von Kalkstaub auf, und ging man auf den weißen Wegen außerhalb der Stadt dahin, so versank der Fuß in dicken, seidenweichen Staub. Aber das schlimmste war, daß die Sommerhitze die Menschen am Schlafen verhinderte. Alle schliefen schlecht, aber viele lagen Nacht für Nacht wach da. Und diese Schlaflosigkeit hatte zur Folge, daß die Einwohner von Jerusalem am Tage niedergeschlagen und reizbar waren und des Nachts beängstigende Gesichte sahen und von Angst und Verzweiflung geplagt wurden. In einer solchen Nacht lag eine Amerikanerin in den mittleren Jahren, die schon längere Zeit in Jerusalem ansässig war, und wand und warf sich auf ihrem Lager umher, ohne einschlafen zu können. Sie trug ihr Bett aus dem Zimmer auf die offene Galerie hinaus, die rings um das Haus herumlief, sie legte kalte Umschläge auf ihren heißen Kopf, aber es half alles nichts. Sie wohnte ungefähr fünf Minuten vor dem Damaskustor, in einem großen, palastähnlichen Hause, das ganz für sich lag. Man hätte also glauben sollen, daß die Luft dort frisch sei, aber in dieser Nacht war es ihr, als habe sich die Schwüle der großen Stadt auf ihr Haus herabgesenkt. Es wehte ja freilich ein wenig Wind, aber der kam aus der Wüste und war heiß und scharf, als sei er voll von unsichtbarem Staub. Obendrein hatte eine Schar Straßenhunde sich auf einen Streifzug vor die Stadt begeben und erfüllte die Luft mit einem jämmerlichen, anhaltenden Gebell. Als die Amerikanerin einige Stunden wach gelegen hatte, überkam sie eine unendliche Niedergeschlagenheit. Sie versuchte, bei dem Gedanken zu verweilen, daß, seit sie infolge einer göttlichen Offenbarung nach Jerusalem gekommen war, ihr alles geglückt sei. Sie hatte eine Gemeinde gegründet und vielfache Versuchungen und Schwierigkeiten überwunden. Aber nichts konnte sie beruhigen; ihre Unruhe stieg mit jedem Augenblick. Sie lag da und bildete sich ein, daß sie und ihre Getreuen ermordet werden, daß ihre Feinde das Haus anzünden würden, nachdem sie erst alle Ausgänge versperrt hatten. Es war ihr, als sende Jerusalem alle seine Fanatiker gegen sie aus, daß sie sie mit all dem Haß und all der Verzweiflungswut überfielen, die es innerhalb der Mauern dieser Stadt gab. Sie bemühte sich, ihre gewohnte, frohe Zuversicht wiederzufinden. Warum sollte sie gerade jetzt verzweifeln, wo ihre Macht so große Fortschritte gemacht hatte, wo die Gordonkolonie durch fünfzig prächtige schwedische Bauern verstärkt worden war, die von Amerika herübergekommen waren, und wo man von Schweden noch gar viele dieser guten, zuverlässigen Menschen erwartete. In Wirklichkeit waren die Aussichten für ihr Unternehmen nie so licht gewesen wie gerade jetzt. Um der Angst zu entgehen, stand sie schließlich auf und warf einen langen, weißen Mantel über, um hinauszugehen. Sie öffnete eine kleine Hintertür und wanderte in der Richtung auf Jerusalem zu. Bald bog sie jedoch vom Wege ab und erstieg einen kleinen, steilen Hügel. Von dessen Gipfel konnte sie in der mondhellen Nacht die Stadt mit ihrer zackigen Mauerkrone und ihren unzähligen großen und kleinen Kuppeln sich vom Nachthimmel abheben sehen. Obwohl sie dastand und mit Angst und Unruhe kämpfte, beachtete sie doch die feierliche Schönheit der Natur. Palästinas grünlich weißer Mondschein goß seinen Schimmer über alles aus und verlieh allem ein Gepräge von etwas Wunderbarem und Geheimnisvollem. Plötzlich kam ihr der Gedanke, daß, ebenso wie es in alten Schlössern Zimmer gibt, in denen sich die Geister aufhalten, vielleicht diese uralte Stadt und die kahlen Hügel ringsumher die Gespensterstuben der alten Welt waren, ein Ort, wo man darauf gefaßt sein mußte, entschwundene Größen von den Bergen herabsteigen und die Toten der Vergangenheit in der Dunkelheit der Nacht umherschleichen zu sehen. Mrs. Gordon empfand keine Angst, als diese Gedanken in ihr aufstiegen. Im Gegenteil erfüllten sie sie mit froher Erwartung. Seit der Nacht, wo sie auf L'Univers Schiffbruch erlitten und Gottes Stimme zu sich hatte reden hören, war es von Zeit zu Zeit geschehen, daß sie eine Botschaft aus der anderen Welt erhalten hatte. Es war ihr, als harre ihrer in diesem Augenblick etwas Ähnliches. Sie hatte ein Gefühl, als erweitere sich ihr Herz, und die Gedanken arbeiteten mit wunderlicher Leichtigkeit und Klarheit. Ihre Sinne waren geschärft, sie merkte, daß die Nacht nicht still war, sondern voll von Stimmen und wunderbaren Lauten. Ehe sie sich die Veränderung, die mit ihr vorgegangen war, klargemacht hatte, vernahm sie eine mächtig brausende Stimme, die aus einer sehr alten und rostigen Kehle zu kommen schien, die Worte aussprechen: »Wahrlich, ich kann mit Stolz meine Stirn über den Staub erheben, niemand ist mir gleich an Macht und Anbetung und Herrlichkeit.« Kaum waren diese Worte ausgesprochen, als sie ein scharfes Läuten von der mächtigen Glocke in der Kirche des heiligen Grabes vernahm. Es war nur ein einziger Schlag, aber er klang stolz und scharf wie ein Widerspruch. Die erste Stimme fuhr fort: »Bin ich es nicht, der die Stadt in der Wüste erbaut und sie bis auf den heutigen Tag erhalten hat? Bin ich es nicht, der die Welt mit Gottesfurcht erfüllt hat? Bin ich es nicht, der den Weltstrom in seinem Lauf gehemmt und ihn in ein neues Bett geleitet hat?« Mrs. Gordon sah sich um. Die Stimme kam aus Osten, von der Seite der Stadt, wo der Tempel Salomonis einstmals gestanden hat, und wo die Omarmoschee sich jetzt scharf von dem graugrünen Nachthimmel abhob. Konnte es einer der Gebetsrufer der Moschee sein, der von einem Minarett herab auf diese Weise seinen Lobgesang in die stille Nacht hinaustönen ließ? »Höre«, fuhr die Stimme von dem alten Tempelplatz fort, »ich erinnere mich dieser Gegend, noch ehe eine Stadt hier auf den Bergen erbaut war. Ich erinnere mich ihrer als eines steilen und unzugänglichen Bergrückens. Zu Anfang war es ein einziger zusammenhängender Felsen, aber all das Wasser, das seit der Erschaffung der Welt über ihn herabgeströmt war, zerbrach ihn und zersplitterte ihn in eine Unendlichkeit von Bergen. Einige von diesen Bergen hatten sanft gerundete Abhänge, andere waren weite Gebirgsebenen mit lotrechten Wänden, wieder andere waren so schmal und steil, daß sie kaum zu etwas anderem dienen konnten, als Brücken zwischen den verschiedenen Bergen zu bilden.« Als die tiefe Stimme diese Schilderung beendet hatte, vernahm man abermals einige kurze Glockentöne von der Seite her, wo sich die Kuppel des heiligen Grabes erhob. Mrs. Gordon hatte ihr Öhr jetzt an die Laute gewöhnt, die durch die Nacht dahinsausten, und es ward ihr klar, daß auch dies eine Stimme war, die vernehmbare Worte aussprach. Es war ihr, als höre sie ein kurzes: »Auch ich habe dies gesehen.« Die erste Stimme ertönte von neuem: »Ich entsinne mich, daß auf dem höchsten Punkte dieser Bergkette ein Berg dastand, der den Namen Moria trug. Er hatte ein düsteres und abstoßendes Aussehen, wie er sich mit seinem jähen Abhang und seinem scharf abgeschnittenen Gipfel aus dem tiefen, dunklen Tal erhob, in dessen Grunde wilde Flüsse brausten. Nach Osten, nach Süden und Westen zu ragte der Berg Moria lotrecht und unzugänglich auf, nur nach Norden war er durch einen breiten Landstreifen wie durch eine Brücke mit den Bergen verbunden, die sich jenseits der tiefen Täler auftürmten.« Mrs. Gordon setzte sich auf einen kleinen Steinhaufen. Sie stützte den Kopf in die Hände und lauschte. Sobald die erste Stimme schwieg, gleichsam ermattet vom Reden, ertönte es von der andern Seite: »Auch ich entsinne mich, wie der Berg zuerst aussah.« »Eines Tages geschah es,« ertönte es von neuem vom Tempelplatz her, »daß einige Hirten, die mit ihren Herden die Berge durchstreiften, diesen Berg erblickten, der so gut zwischen Tälern und anderen Bergen verborgen lag, als brüte er über großen Schätzen oder wunderbaren Geheimnissen.« Hier wurde der Sprechende plötzlich von der Stimme mit dem Glockenklang unterbrochen. »Sie fanden nichts weiter als einen Felsblock, der auf der östlichen Seite des Berges lag. Es war ein großer, runder, ziemlich flacher Stein, der von einem darunterliegenden Felsblock ein wenig über den Erdboden emporgehoben wurde und Ähnlichkeit mit dem Kopf eines Riesenpilzes hatte.« »Aber die Hirten,« fuhr die erste Stimme fort, »die alle heiligen Sagen seit der Erschaffung der Welt kannten, wurden bei diesem Anblick von großer Freude ergriffen. ›Dies ist der große schwebende Felsblock, von dem die Alten so viel zu erzählen hatten‹, sagten sie. ›Dies ist der Stein, der der erste war, als Gott die Welt erschuf. Von hier aus spannte er die Erdfläche nach Westen, Osten, Norden und Süden aus, von hier aus erbaute er die Berge und rollte die Meere bis an das feste Himmelsgewölbe hin.‹« Der Sprecher hielt einen Augenblick inne, als erwarte er einen Widerspruch, aber die Glockenstimme schwieg. »Dies ist wunderbar«, dachte Mrs. Gordon. »Es können keine Menschen sein, die reden.« Aber im Grunde erschien ihr das Ganze wunderbar. Der schwüle Wind und die grünlich bleiche Nacht bewirkten, daß das Wunderbarste ganz natürlich erschien. »Die Hirten eilten mit schnellen Schritten den Berg hinab,« fuhr die alte Stimme fort, »um in der ganzen Gegend zu verkünden, daß sie den Grundstein der Erde gefunden hätten. Und bald sah ich große Menschenscharen zu dem Berge Moria hinausziehen, um auf mir, dem schwebenden Felsblock, dem Herrn zu opfern und ihm für sein herrliches Schöpferwerk zu danken.« Als dies gesagt war, erhob sich die Stimme zu etwas, das einem Gesang glich. Und mit dem hohen, gellenden Tonfall, mit dem die Derwische den Koran herzusagen pflegen, rief sie aus: »Da empfing ich zum ersten Male Anbetung und Opfer. Das Gerücht von meinem Dasein verbreitete sich nach allen Richtungen hin. Fast an jedem Tage konnte man lange Karawanen sich von den weißgrauen Bergen auf dem Wege zu dem Berge Moria hinabschlängeln sehen. Wahrlich, ich kann mit Stolz meine Stirn erheben. Durch mich hatte der schroffe Berggipfel aufgehört, einsam und verlassen dazuliegen. Um meinetwillen strömten so viel Menschen nach dem Berg Moria, daß die Kaufleute ihren Vorteil darin sahen, mit Waren hierher zu ziehen, um einen Markt abzuhalten. Um meinetwillen erhielt der Berg feste Bewohner, die davon lebten, die Opfernden mit Brennholz und Wasser, mit Feuer und Räucherwerk, mit Tauben und Lämmern zu versorgen.« Die andere Stimme schwieg noch immer, aber Mrs. Gordon erhob überrascht den Kopf. Der, der so sprach, mußte der heilige Fels selber sein. Es war die Stimme des großen Felsblockes, der unter dem prachtvollen Mosaikgewölbe in der Omarmoschee ruhte. Jetzt ertönte sie von neuem. »Ich bin der Erste, der Einzige, ich bin der, den anzubeten die Menschen nie aufhören werden.« Kaum war dies gesagt, als mit starken Tönen von der Kirche des heiligen Grabes her geantwortet wurde: »Du vergißt zu erzählen, daß ungefähr in der Mitte derselben Hochebene, auf der du selbst ruhtest, sich ein elender kleiner Hügel befand, der mit einem Hain von wilden Olivenbäumen bewachsen war. Und du möchtest sicher am liebsten vergessen, daß der alte Patriarch Sem, der ein Sohn Noahs, des zweiten Stammvaters der Menschen, war, eines Tages auf den Berg Moria kam. Er war so altersschwach, daß er dem Rande des Grabes nahe war, er ging langsam und mit schleppenden Schritten. Er war von zwei Dienern begleitet, die solche Werkzeuge trugen, wie man sie gebraucht, um ein Felsgrab auszuhauen.« Jetzt schwieg die alte, heisere Stimme. »Du tust so, als wüßtest du nicht, daß Noah, der Vater Sems, den Schädel Adams, des ersten Menschen, als ein kostbares Andenken an den Stammvater der Menschheit besessen und aufbewahrt hatte. Als Noah starb, hinterließ er den Schädel Sem und nicht einem seiner anderen Söhne, weil er voraussah, daß von Sem das höchste aller Völker abstammen sollte. Und als Sem seine letzte Stunde herannahen fühlte, beschloß er, das Heiligtum des Geschlechts auf dem Berge Moria zu begraben. Da er aber die Gabe der Prophezeiung besaß, begrub er den Schädel nicht unter dem heiligen Felsen, sondern unter dem kleinen, unansehnlichen Hügel, der mit Ölbäumen bewachsen war, und der seit jenen Tagen den Namen Golgatha oder Schädelstätte trug.« »Ich entsinne mich wohl dieses Vorfalles,« erwiderte die heisere Stimme, »und ich entsinne mich auch, daß die, die den Steinblock anbeteten, es wunderlich fanden. Sie glaubten, daß der Patriarch, alt und todkrank, wie er war, nicht mehr recht wisse, was er tat.« Ein einziger schriller Ton erklang von der Kirche her. Mrs. Gordon fand, daß er fast einem kurzen Hohngelächter gleiche. »Aber was hat ein so unbedeutendes Geschehnis zu sagen?« ertönte es wieder von der Moschee her. »Der Stein nahm beständig zu an Macht und Heiligkeit. Fürsten und Völker kamen dorthin gewandert, um für ihr Glück und ihren Erfolg zu opfern. Ich entsinne mich auch des Tages, wo ein Patriarch, der größer war als Sem, den Berg besuchte. Ich habe Abraham gesehen, wie er, weißbärtig und ehrwürdig, mit seinem Sohn Israel an der Seite dahergewandert kam, und Abraham suchte nicht dich auf, o Golgatha, sondern auf der schwebenden Felsklippe errichtete er den Scheiterhaufen und band den Knaben fest.« Es kam eine zornige Unterbrechung von der Kirche des heiligen Grabes her. »Dies soll dir natürlich immer zur Ehre angerechnet werden, vergiß aber nicht ganz, daß du die Ehre mit mir teilen mußtest. Entsinnst du dich nicht, daß, als Gottes Engel das Messer aus der Hand des Patriarchen gerissen hatte und auf dem Berg umherwanderte, um ein Opfertier zu suchen, er auf Golgatha einen Widder fand, der mit den Hörnern an einem Olivenbusch festhing.« Mrs. Gordon lauschte noch immer mit der gespanntesten Aufmerksamkeit. Aber je mehr sie von dem Streit der beiden Heiligtümer hörte, um so mutloser dachte sie an ihre eigene Berufung. »Ach, mein Gott, warum hast du mir den Auftrag gegeben, das Gebot der Einigkeit zu verkünden? Streit und Zank sind das einzige, was seit Erschaffung der Welt von Bestand gewesen ist.« Plötzlich begann die alte Stimme von neuem. »Ich vergesse nichts von dem, was des Erinnerns wert ist. Ich vergesse folglich auch nicht, daß schon zu Abrahams Zeiten die Bergebene keineswegs eine Wüste war. Hier lag eine Stadt mit einem König, der der höchste Priester des heiligen Felsens war und über ein Volk von Priestern und anderen Dienern des heiligen Felsens herrschte. Dieser König war Melchisedek, er war der erste, der regelmäßig wiederkehrende Opfer und schöne heilige Handlungen einsetzte, die auf dem heiligen Felsen gefeiert werden sollten.« Gleich darauf kam die Antwort von der andern Seite: »Auch ich erkenne Melchisedek als einen heiligen Mann und einen Propheten an. Nichts beweist besser, daß er einer von Gottes Auserwählten war, als daß er wünschte, in einer Felsengrotte unter Golgatha begraben zu werden, an derselben Stelle, wo Adams Haupt ruhte. Hast du niemals daran gedacht, welche prophetische Bedeutung darin liegt, daß der erste Sünder und der erste Höchstepriester an diesem Ort begraben wurden?« »Ich habe gehört, daß du diesem eine große Bedeutung beilegst,« erwiderte der heilige Fels, »aber ich weiß etwas, was noch mehr zu bedeuten hat. Die Stadt auf dem Berge wuchs und entwickelte sich. Die Täler und Berge hier umher bevölkerten sich und bekamen feste Namen. Bald behielt nur noch die östliche Seite des Berges, da, wo der heilige Fels lag, den Namen Moria. Der Berg an der Südseite wurde Zion genannt, der nach Westen zu Gareb, der nach Norden zu Bezetha.« »Es war aber noch immer nur eine kleine Stadt, dier auf dem Berge lag«, lautete die Antwort von der Kirche her. »Hier wohnten fast nur Hirten und Priester. Die Leute hatten keine Lust, in diese unfruchtbare Steinwüste hinauszuziehen.« Hierauf wurde mit so scharfer und siegesstolzer Stimme geantwortet, daß Mrs. Gordon fast zusammenfuhr, wie sie so dasaß und lauschte. »Ich habe König David gesehen, in einem roten Gewand und schimmernder Rüstung stand er da und sah über diese Stadt hinaus, ehe er den Königssitz hierher verlegte. Warum wählte er nicht das reiche, lächelnde Bethlehem? Warum nicht Jericho in dem fruchtbaren Tal? Warum machte er nicht Gilgal, nicht Hebron zu der Hauptstadt Israels? Ich sage dir, daß er diesen Ort um des schwebenden Felsen willens wählte. Er wählte ihn, weil Israels Könige auf dem Berge wohnen mußten, den meine Heiligkeit seit Jahrhunderten überschattet hatte.« Und jetzt begann die Stimme zum zweitenmal mit langgezogenen Tönen einen Lobgesang anzustimmen: »Ich denke an diese große Stadt mit ihren großen Mauern und Türmen. Ich denke an die Königsburg auf dem Berge Zion mit den tausend Wohnungen. Ich denke an die Kramläden und Werkstätten, an die schimmernden Mauern und die hohen Tore und Türme. Ich denke an die wimmelnden Straßen, an alle die Schönheit und Pracht in der Stadt Davids. Und wenn ich hieran denke, muß ich wohl sagen: Hier ist deine Macht, o Fels! Aus dir ward alles dies hervorgelockt. Stolz kannst du deine Stirn erheben. Niemand ist dir gleich an Anbetung und Heiligkeit! Aber du, Golgatha, warst nur ein Fleck auf Erden, ein kahler Berggipfel außerhalb der Stadtmauer. Wer betete dich an, wer brachte dir Opfer, wer wußte etwas von deiner Ehre?« Zur selben Zeit, als dieser Lobgesang in die Luft hinaustönte, hörte man die Stimme der Glocke zornerfüllt, aber doch ruhiger als bisher, gleichsam von Ehrfurcht gedämpft, reden: »Man merkt, daß du alt wirst, du übertreibst alles, was du in deiner Jugend gesehen hast, so wie die alten Leute es zu tun pflegen. Davids Stadt erstreckte sich nur dort, auf der südlichen Seite, dort über Zion. Sie reichte nicht einmal so weit bis zu mir, mitten auf den Berg hinauf. Es war ja ganz natürlich, daß ich außerhalb der Stadtmauern liegen bleiben mußte.« Aber die singende Stimme fuhr fort, ohne sich unterbrechen zu lassen: »Deine größte Ehre, o Fels, erreichtest du doch unter Salomon. Der Bergrücken um dich her ward so glatt wie ein Fußboden und mit flachen Steinen belegt. Und rings um diesen Fußboden herum wurden hohe Säulengänge aufgeführt, wie um die Festhallen der Könige. In der Mitte wurde der Tempel mit dem Heiligen und dem Allerheiligsten errichtet. Und über dir, o Fels, ward der Tempel erbaut, und auf dir, der du der Grundstein der Erde bist, ruhte die Bundeslade zusammen mit den Gesetzestafeln in dem Allerheiligsten.« Jetzt vernahm man keinen Widerspruch von der Kirche her, nur einen dumpfen Laut, der einer Klage glich. »Und zu Salomons Zeit wurde Wasser aus der Tiefe der Täler zu den Hochebenen um Jerusalem hinaufgeleitet, denn Salomon war der weiseste unter allen Königen. Da sproßten Bäume aus dem dürren, weißgrauen Berge empor, und zwischen den Steinen wuchsen Rosen. Und im Herbst konnte man in den Lustgärten, die den Berg bedeckten, Feigen und Trauben, Granatäpfel und Oliven zur Freude Salomons pflücken. Du aber, Golgatha, warst auch jetzt noch ein nackter Berg innerhalb der Stadtmauern. Du warst so gering und unfruchtbar, daß niemand von den reichen Leuten zu Salomons Zeit dich in seine Lustgärten hinaufzog und kein armer Mann auch nur einen Weinstock auf dir pflanzte.« Als dieser neue Angriff kam, schien es indes, als bekomme der Widersacher Mut, sich zu verteidigen. »Du vergißt aber, daß selbst zu dieser Zeit etwas geschah, das von Golgathas künftiger Herrlichkeit wahrsagte. Denn gerade damals kam die weise Königin von Saba, um Salomon zu besuchen. Der König empfing sie in seinem Palast, der deswegen der Libanonpalast genannt wurde, well er aus den Zedern des fernen Libanon erbaut war. Als Salomon der arabischen Königin dieses mächtige Gebäude zeigte, desgleichen sie noch nie gesehen hatte, fesselte einer der Balken in der Wand ihre Aufmerksamkeit. Er war ungewöhnlich dick, und wenn man ihn genau betrachtete, konnte man sehen, daß er aus drei zusammengewachsenen Stämmen bestand. Das Herz der weisen Königin ergriff ein Beben, als sie sah, daß dieser Baum in den Palast des Königs gebracht war, und sie beeilte sich, ihm seine Geschichte zu erzählen. Sie erzählte ihm, daß der Engel, der das Paradies nach der Austreibung der ersten Menschen bewachte, einstmals Adams Sohn Set erlaubt hatte, in den lieblichen Garten hineinzukommen. Er durfte so weit gehen, bis er den Baum des Lebens erblickte. Als Set wieder hinausgehen wollte, schenkte ihm der Engel zum Abschied drei Samenkörner von diesem wunderlichen Baum. Diese Samenkörner legte Set auf Adams Grab auf dem Berge Libanon in die Erde, und daraus wuchsen drei Stämme hervor und bildeten einen einzigen Baum. Es ist dieser Baum, sagte die Königin, den die Holzhauer König Herams für dich, o König, gefällt haben, und der in dein Schloß hineingebaut ist. Aber es ist prophezeit, daß an diesem Baum einstmals ein Mensch sterben soll, und wenn das geschehen ist, dann wird Jerusalem fallen, und alle Stämme Israels werden zerstreut werden. Damit eine so böse Prophezeiung nicht in Erfüllung gehen möge, riet sie dem Könige, den Baum zu zerstören, und Salomon ließ ihn aus der Wand seines Palastes herausnehmen und befahl, daß er in den Teich Bethesda geworfen werde.« Nach dieser langen Rede wurde es still. Mrs. Gordon glaubte fast, daß sie nichts mehr hören würde. Endlich begann die Stimme der Glocke von neuem: »Ich denke zurück an strenge Zeiten. Ich entsinne mich, wie der Tempel zerstört und das ganze Volk in Gefangenschaft geführt wurde. Wo war da deine Ehre und dein Glanz, o Fels?« Erst eine Zeit darauf ertönte die Antwort des Felsens: »Bin ich denn allmächtig? – Aber selbst wenn ich fiel, habe ich mich immer wieder von neuem erhoben. Entsinnst du dich nicht des Glanzes, der mich zu Herodes' Zeit umstrahlte? Entsinnst du dich der drei Vorhöfe, die den Tempel umgaben. Entsinnst du dich des Feuers auf dem Brandopferaltar, das während der Nacht mit einer so hohen Flamme brannte, daß sie die Stadt erleuchtete? Entsinnst du dich der Tempeltür des Herodes, die die Schöne genannt wurde, wo er mehr als hundert Porphyrsäulen errichtete? Entsinnst du dich des Weihrauchduftes vom Tempel, der bei westlichem Winde bis nach Jericho hinab gespürt werden konnte? Entsinnst du dich des Getöses, wenn die kupfernen Tore aufgetan wurden? Entsinnst du dich, wie die Babylonier Vorhänge vor dem Allerheiligsten aufhängten, die mit Rosen aus purem Golde durchwebt waren?« Kurz und barsch klang es von der Kirche herunter: »Alles dessen entsinne ich mich. Aber ich entsinne mich auch, daß zu jener Zeit Herodes den Teich Bethesda reinigen ließ. Ich entsinne mich, daß seine Arbeiter auf dem Grunde den Baum des Lebens fanden, der in der Wand von Salomons Schloß gesessen hatte, und daß sie den dicken Balken an das Ufer des Teiches warfen.« »Entsinnst du dich,« fuhr die Stimme des Felsens in stolzem Jubel fort, »entsinnst du dich der glänzenden Stadt, wo die Fürsten und Völker Judas auf Zion wohnten, und wo Römer und Fremde in der Nähe von Bezetha wohnten? Entsinnst du dich der Burg Mariamne und der Burg Antonia? Entsinnst du dich der starken Tür, entsinnst du dich der turmgeschmückten Ringmauer?« »Ich entsinne mich alles dessen«, ertönte es von der Kirche her, »aber ich entsinne mich auch, daß gerade zu jener Zeit der Ratsherr Joseph von Arimathia ein Felsengrab in seinem Garten aushauen ließ, der ganz nahe bei Golgatha lag.« Die Stimme von der Moschee her zitterte ein wenig, aber sie fuhr unverzüglich fort: »Entsinnst du dich der mächtigen Völkerwanderung nach Jerusalem zu den großen Festen? Entsinnst du dich, wie alle Wege Palästinas von Menschen wimmelten und die Abhänge vor der Stadt dicht mit Zelten bedeckt waren? Entsinnst du dich der Männer aus Rom, aus Athen, aus Damaskus, aus Alexandrien, die herbeiströmten, um die Herrlichkeit des Tempels und der Stadt zu sehen? Entsinnst du dich dieses stolzen Jerusalems?« Der Glockenklang antwortete mit unerschütterlichem Ernst: »Freilich entsinne ich mich alles dessen. Aber ich habe auch nicht vergessen, daß zu dieser Zeit die Henkersknechte des Pilatus den Baum des Lebens am Ufer des Teiches Bethesda fanden und ein Kreuz daraus zimmerten, auf dem ein zum Tode verurteilter Verbrecher hingerichtet werden sollte.« »Verachtet und übersehen bist du immer gewesen«, tönte es bitter von der Moschee her. »Aber bis dahin warst du doch nichts weiter als ein unbemerkter Fleck auf Erden. Zu dieser Zeit aber widerfuhr dir die Schmach, daß die Henkersknechte dich als Richtstätte benutzten. Ich entsinne mich dieses Tages, wo sie drei Kreuze auf dem Berge Golgatha errichteten.« »Wahrlich verdiente ich, verworfen zu werden, könnte ich jemals des Tages vergessen«, erwiderte die Kirche in feierlichem Ton, der in die Luft hinausströmte, als sei er von lobsingenden Chören begleitet. »Und ich entsinne mich auch, daß gleichzeitig, als der Baum des Kreuzes auf Golgathas Felsen gepflanzt wurde, das große Osteropfer auf dem Berge Moria stattfand. Die Auserwählten traten, festlich gekleidet, in die säulengeschmückten Vorhöfe. Zwischen sich trugen sie lange Stangen, an denen die Opferlämmer hingen. Als die Vorhöfe so voll von Menschen waren, daß sie nicht mehr umfassen konnten, wurde die Tempelpforte geschlossen, und Trompetenstöße gaben das Zeichen, die Feier zu beginnen. Da wurden die Tiere an Haken zwischen den Säulen aufgehängt und geschlachtet. Die Priester standen in einer langen Reihe quer über den Hof aufgestellt und reichten das Blut der Opfertiere in Schalen von Silber und Gold nach dem Brandaltar hinauf. Und so viel Blut wurde da vergossen, daß es den ganzen Hof überschwemmte. Die Priester mußten auf Schemeln stehen, damit nicht die Säume ihrer langen weißen Gewänder mit Blut getränkt wurden. Aber im selben Augenblick, als der Gekreuzigte auf Golgatha starb, wurde das große Opferfest im Tempel unterbrochen. Eine mächtige Finsternis senkte sich über das Heiligtum herab, das ganze Haus erzitterte unter dem Erdbeben, und der babylonische Vorhang zerriß von oben bis unten, als Zeichen, daß von dieser Stunde an die Macht und die Ehre und die Herrlichkeit von Moria auf Golgatha übergehen sollte.« »Dieses Erdbeben erschütterte auch Golgatha«, fiel die alte Stimme ein. »Der ganze Berg zerbarst.« »Ja, wahrlich«, erwiderte die Kirche in demselben tiefen, lobsingenden Tonfall. »Im Golgathaberge entstand eine tiefe Spalte, und, durch die hindurch floß das Blut des Kreuzes hinab bis an das Felsengrab in seinem Innern und verkündete dem ersten Sünder und dem ersten Höchstenpriester, daß die Versöhnung vollbracht sei.« In diesem Augenblick ertönte ein starkes und anhaltendes Läuten von der Kirche her, und gleichzeitig stiegen von dem Minarett der Moschee die langgezogenen, klagenden Laute, die die Gläubigen zum Gebet rufen. Mrs. Gordon konnte hören, daß eine der heiligen Stunden der Nacht angebrochen war, aber dies traf so unmittelbar nach der Rede über die Kreuzigung ein, daß es auf sie wirkte, als hätten die beiden Alten die Gelegenheit ergriffen, um ihrem Stolz und ihrer Demütigung Luft zu machen. Kaum war das starke Getöse verklungen, als die Moschee in einem feierlichen Ton begann: »Ich bin der große Fels, der ewig bestehende, was aber ist Golgatha? Ich bin der, der ich bin; niemand kann daran zweifeln, wo er mich zu suchen hat. Wo aber ist Golgatha? Wo ist der Berg, auf dem das Kreuz in den Felsgrund herabgesenkt wurde? Niemand weiß es. Wo ist das Grab, in das Christus gelegt wurde? Niemand kann mit Sicherheit die Stelle angeben.« Sogleich ertönte die Antwort von Golgatha her: »Kommst auch du mit diesen Beschuldigungen? Du solltest es doch besser wissen, du, der du so alt bist, daß du dich entsinnen kannst, wo Golgatha gelegen hat. Du hast seit Jahrtausenden den Berg auf seinem Platz vor dem Tor der Gerechtigkeit gesehen.« »Ach ja, wahrlich bin ich alt«, wiederholte die Moschee. »Aber du sagst ja, daß die Alten ein schlechtes Gedächtnis haben. Es lagen viele kahle Hügel vor Jerusalem, und es sind unendlich viele Gräber in den Felsen ausgehauen. Wie kann ich wissen, welches das rechte ist?« Mrs. Gordon ward immer ungeduldiger. Sie empfand fast Lust, sich in die Unterhaltung einzumischen. Was war dies? Klangen ihr nur diese wunderlichen Stimmen ins Ohr, um ihr alte Geschichten zu erzählen, die sie schon längst gehört hatte? Sie hatte Lust, ihnen zuzurufen, daß sie ihr die tiefen Geheimnisse des Reiches Gottes offenbaren sollten, während die beiden Alten an nichts weiter dachten, als an eine elende Zänkerei darüber, wer am größten an Ehre und Macht sei. Auch die Stimme der Glocke klang ungeduldig: »Es ist hart, wieder und wieder auf die Anschuldigung antworten zu müssen, daß ich nicht der bin, für den ich mich ausgebe. Du entsinnst dich doch, daß schon die ersten Christen mich zu besuchen pflegten, um die Erinnerung an die großen Begebenheiten aufzufrischen, die rings um Golgatha her stattgefunden hatten?« »Ja,« antwortete die Moschee, »das alles mag ja wahr genug sein, aber ich bin fest überzeugt, daß du den Christen zwischen neuaufgeführten Straßen und Häuserreihen entschwunden bist, als sich die Stadt erweiterte und Herodes Antipas die neue Ringmauer erbaute.« »Ich bin ihnen entschwunden,« erwiderte das heilige Grab, »sie scharten sich beständig um Golgatha, bis die Belagerung von Jerusalem begann, als sie die Stadt verließen.« Hierauf erwiderte der heilige Fels nicht ein einziges Wort. Er schien überwältigt zu sein von den traurigen Erinnerungen, die hervorgerufen wurden. »Denn der Tempel ward zerstört,« rief die Kirche, »der heilige Tempelgrund ward von Ruinen bedeckt, und Roms Kaiser befahl, daß diese Ruinen nicht fortgeschafft werden durften. Sechshundert Jahre lagst du, o Fels, unter Schutt und Asche begraben.« »Was sind sechshundert Jahre für mich«, erwiderte der Fels erzürnt und stolz. »Niemand kann doch daran zweifeln, daß ich auf meinem Platz bin, aber um dich ist immer Streit gewesen.« »Wie kann Streit um mich sein, der ich durch ein Wunder Gottes wiedergefunden wurde?« erwiderte die Kirche mit demütiger Freude. »Das war, als die Kaiserin Helena, die eine Christin und Heilige war, in einem Traum den Befehl von Gott erhielt, nach dem heiligen Lande zu ziehen und die Heiligtümer auf den erinnerungsreichen Stätten aufzubauen.« »Ach ja, ich entsinne mich der Tage, als die Kaiserin nach Jerusalem kam. Ich entsinne mich ihres Gefolges von Fremden und gelehrten Männern. Ich entsinne mich, wie sie zu Anfang vergebens nach der Stätte spähten, wo das heilige Grab zu finden war.« »Aber zu jener Zeit lag ungefähr mitten in der Stadt ein Venustempel, und die Kaiserin hörte, daß Kaiser Hadrian ihn an einem Ort hatte aufführen lassen, den einst die Christen heilig hielten. Sie ließ den Tempel abbrechen, und es zeigte sich, daß er über Golgatha erbaut war. Unter dem Tempelgrunde fand man, vollständig unbeschädigt und auf diese Weise der Nachwelt erhalten, sowohl das heilige Grab als auch den Felsen Golgatha mit dem Grabe Melchisedeks und die Spalte in dem Berge, aus der, wie man behauptete, noch Blut floß. Man fand auch den Salbungsstein– – –« Jetzt unterbrach die Moschee die Rede mit einem lauten Hohngelächter. »Aber höre nun den letzten und wichtigsten Beweis,« fuhr die Kirche fort, ohne sich stören zu lassen.« Nichts wünschte die Kaiserin so sehr, als das heilige Grab wiederzufinden, aber das war vollständig verschwunden. Erst nach langem, vergeblichem Suchen kam ein alter, weiser Mann zu der Kaiserin und erzählte ihr, das Kreuz liege tief unter der Erde versteckt. Er beschrieb die Stelle, wo es zu suchen sei. Man müsse tief graben; denn die Soldaten hatten das Kreuz in einen der Wallgräben geworfen und ihn bis zum Rande mit Steinen und Erde angefüllt. Und ich kann noch die fromme Kaiserin sehen, wie sie dort am Rande des Wallgrabens saß und ihre Arbeiter ermunterte. Ich entsinne mich auch des Tages, als das heilige Kreuz auf dem Grunde des alten Grabens gefunden wurde.« Die Kirche redete jetzt ganz allein. Sie ließ sich nicht dadurch stören, daß von der Moschee her höhnische Rufe und spöttisches Gelächter erklangen. »Ich entsinne mich der Reihe von Wundern, die der Wiederauffindung des Kreuzes folgten. Ich glaube, selbst du wagst nicht, sie zu bestreiten. Auch du hast die Freudenrufe der Kranken gehört, die durch die heilige Reliquie geheilt wurden. Auch du entsinnst dich der Pilgrimzüge, die aus allen Ländern herbeiströmten. Du entsinnst dich der vielen frommen Männer, die sich in den Felsenschluchten Palästinas niederließen. Du entsinnst dich aller der Klöster und Kirchen, die aus der Erde emporschossen. Oder hast du, o Fels, die herrlichen Gebäude vergessen, die Konstantin und seine Mutter über dem heiligen Grabe aufführen ließen? An der Stelle, wo das Kreuz gefunden wurde, ward eine Basilika erbaut, aber über der Felsengrotte des heiligen Grabes errichtete man eine schöne Rundkirche. Sicherlich erinnerst du dich, o Fels, der griechischen Baumeister, die diese Gebäude mit ebenso großer Pracht aufführten, als seien es Gemächer in einem Kaiserschloß. Du entsinnst dich sicher der Karawanen, die über die Berge dahergezogen kamen, mit den kostbarsten Steinen und Gold beladen, die zu der Ausschmückung der Kirche erforderlich waren. Du erinnerst dich der Porphyrsäulen und der silbernen Kapitäle. Du entsinnst dich der Mosaikwölbung der Grabeskirche, du entsinnst dich der schmalen Fenster, durch die das Licht hineinfiel, das sich in Scheiben aus Alabaster und farbigem Glas brach, bis jeder Lichtstrahl blitzte, als ginge er von einem Diamanten aus. Du entsinnst dich des geschnitzten Gitterwerks um die Emporen, der doppelten Säulenreihe und der Kuppel, die stark und licht über dem Gebäude schwebte. Du entsinnst dich mitten in der Kirche der Grotte des heiligen Grabes, die ungeschmückt und unberührt in all dieser Pracht ruhte. Und die Zeit nach der Errichtung dieser Gebäude! Du entsinnst dich wohl, daß alle Christen im Morgenlande Jerusalem als ihre heilige Stadt betrachteten, daß nicht nur schnell davonziehende Pilger allein sie besuchten. Entsinnst du dich nicht mehr, wie Bischöfe mit ihrem Gefolge von Priestern kamen und ihre Kirchen und Schlösser rings um die Grabeskirche bauten? Sahest du nicht den Patriarchen der Armenier ebenso wie den der Griechen und der Assyrer ihre Throne hier errichten? Und sahest du nicht Kopten aus dem alten Ägypten und Abessinier aus dem Herzen Afrikas kommen? Du sahest Jerusalem wieder aufgebaut, eine Stadt von Kirchen und Klöstern, von Gasthäusern und frommen Stiftungen. Du weißt, daß sein Glanz größer war denn je. Aber dies alles war mein Werk, o Fels. Du lagest damals vergessen und unbeachtet auf dem Berge Moria. Du warst mit Ruinen bedeckt und unter einem Aschenhaufen verborgen, niemand erinnerte sich deines Daseins.« Auf diese Herausforderung erwiderte die Felsenkirche: »Was sind einige Jahre der Erniedrigung für mich?! Bin ich nicht beständig der, der ich bin? Es vergingen nur wenige Jahrhunderte, dann kam eines Nachts ein alter, ehrwürdiger Mann mit einem gestreiften Mantel eines Beduinen und dem Turban aus Kamelhaaren auf dem Kopfe zu mir. Dieser Mann war Mohammed, der Prophet Gottes. Er ward lebend in den Himmel aufgenommen, und sein Fuß ruhte auf meiner Stirn, als er von der Erde weggenommen wurde. Im selben Augenblick erhob ich mich durch eigene Kraft mehrere Fuß über der Erde, vor Sehnsucht, ihm folgen zu dürfen. Ich erhob mich aus Schutt und Asche, und ich bin der Ewige, der niemals vergehen kann.« »Du ließest dein Volk im Stich, Verräter!« klagte die Kirche. »Du verhalfst den Gläubigen zur Macht.« »Ich habe kein Volk, ich diene keinem, ich bin der ewige Fels. Der, der mich anbetet, den beschütze ich. Bald kam der Tag, da Omar seinen Einzug in Jerusalem hielt und der große Kalif den Tempelplatz reinigen ließ und selbst einen Korb voll Schutt auf seinen Kopf nahm und ihn forttrug. Und einige Jahre später führten Omars Anhänger auf mir das prächtigste Gebäude auf, das das Morgenland jemals gesehen hat.« Hier unterbrach ihn die Glockenstimme mit ihrer ganzen Heftigkeit: »Ja, das Gebäude ist schön, aber weißt du nicht, woher es stammt? Meinst du, daß ich diese Mosaikgewölbe nicht kenne und diese herrliche Kuppel, diese Marmorwände, unter denen es in ungeschmückter Einfachheit ruht, wie einstmals das heilige Grab in der Rundkirche Helenas? Deine ganze Moschee ist nach dem Muster der ersten Grabeskirche gebaut.« Mrs. Gordon wurde immer ungeduldiger. Der Streit der beiden Heiligtümer erschien ihr ärmlich und kleinlich. Nicht einen einzigen Gedanken hatten sie für die verschiedenen Religionen übrig, deren Abbild sie waren. Sie dachten nur daran, mit den Gebäuden zu prahlen, die sie bedeckten. Die Moschee fuhr fort: »Ich erinnere mich an gar manches, nicht aber, daß ich die schöne Grabeskirche gesehen habe, von der du sprichst.« »Wahrlich ragte sie hier auf Golgatha auf, aber sie wurde bald von Feinden zerstört. Sie wurde wieder aufgebaut und abermals zerstört.« »Dahingegen entsinne ich mich,« sagte die Felskirche, »daß auf Golgatha eine Menge kleiner und großer Gebäude standen, die für heilig gehalten wurden. Sie waren elend und verfallen, der Regen tropfte durch das Dach.« »Ja, das ist wahr,« erwiderte die Kirche, »das war deine Zeit und die Zeit deiner Finsternis. Aber ich kann wie du sagen: Was haben einige Jahre der Erniedrigung zu bedeuten? Ich habe gesehen, wie sich das ganze Abendland erhob, um mir zu helfen. Ich habe gesehen, wie Jerusalem von vielen eisenbekleideten Männern aus Europa erobert wurde, die um meinetwillen ausgezogen waren. Ich habe deine Moschee in eine christliche Kirche verwandeln sehen, und die Kreuzfahrer haben auf dir, o Fels, einen Altar errichtet. Ich habe Kreuzritter ihre Pferde in die Gewölbe unter dem Tempelplatz ziehen sehen.« Der alte Fels erhob seine Stimme und sang, wie ein Derwisch in der Wüste singen würde. Die Kirche ließ sich aber nicht in ihrem Wortschwall unterbrechen: »Ich entsinne mich, wie die Ritter des Abendlandes ihre eisernen Rüstungen ablegten und zu Axt und Mauerkelle griffen, um die Kirche des heiligen Grabes wieder aufzubauen. Ich entsinne mich, daß sie das Gebäude so groß machten, daß es all die heiligen Stätten umfassen konnte. Ich entsinne mich, wie sie das graue Felsgrab mit weißem Marmor von außen wie von innen bekleideten.« Die alte Stimme unterbrach: »Was nützt es dir, daß du von Kreuzfahrern erbaut bist, du bist ja doch verfallen!« »Ich bin voll von Erinnerungen und heiligen Stätten«, rief die Grabeskirche in lautem Tone. »Innerhalb meiner Mauern kann ich auf den Ölberg zeigen, wo Abraham den Widder fand, und auf die Kapelle, wo Adams Schädel begraben wurde. Ich kann auf Golgatha zeigen, und auf das Grab und den Stein, wo der Engel saß, als die Frauen kamen, um über den Toten zu weinen. Innerhalb meiner Mauern liegt der Ort, wo die Kaiserin Helena umherzugehen und die Arbeiter zu ermuntern pflegte, und der Ort, an dem das Kreuz gefunden wurde. Ich besitze die Säule, an der der Gekreuzigte saß, als man ihn mit Dornen krönte, und den Salbungsstein und das Grab Melchisedeks. Ich besitze das Schwert Gottfried von Bouillons. Ich werde noch immer von Kopten und Abessiniern, von Armeniern und Jakobiten, von Griechen und Römern verehrt. In mir wimmelt es von Pilgern – – –« Die alte Felskirche unterbrach sie: »Woran denkst du nur, du Felsblock, du Grab, dessen Stätten niemand kennt, willst du dich in bezug auf Bedeutung mit dem ewigen Felsen messen? Bin ich es nicht, auf den man Jehovas heiligen, unaussprechlichen Namen eingeschrieben hat, den kein anderer als Jesus hat deuten können? Soll nicht in meinen Tempelhof Mohammed am jüngsten Tage herabsteigen?« Als der Streit zwischen den Kirchen so an Heftigkeit zunahm, erhob sich Mrs. Gordon. Sie vergaß, daß ihre Stimme nicht die Kraft besaß, sich zugleich mit den beiden mächtigen Stimmen Gehör zu verschaffen. »Wehe euch, wehe euch,« rief sie, »was seid ihr für Heiligtümer? Ihr streitet und zankt miteinander, und durch eure Uneinigkeit wird die Welt mit Unfrieden und Haß und Verfolgung erfüllt. Aber Gottes letztes Gebot heißt Einigkeit, hört das! Gottes letztes Gebot, das ich empfangen habe, heißt Einigkeit!« Als diese Worte gesagt waren, schwieg sowohl das heilige Grab als auch der heilige Fels. Mrs. Gordon glaubte einen Augenblick fast, daß ihre Worte die Macht besessen hatten, den Streit zu unterbrechen. Da aber sah sie, daß alle Kreuze und Halbmonde, die sich über dem großen Kuppelgebäude der heiligen Stadt erhoben, nach und nach vergoldet wurden und schimmerten. Die Sonne ging über dem Ölberge auf, und alle Stimmen der Nacht mußten verstummen.   Bo Ingmar Maansson. Unter denen, die zu Hellgums Gemeinde ln Amerika gehört hatten, und mit ihm nach Jerusalem gezogen waren, befanden sich drei, die zu dem alten Ingmarsgeschlecht gehörten. Es waren die beiden Töchter des großen Ingmar, die bald nach dem Tode des Vaters nach Chicago gereist waren, sowie ihr Vetter Bo Ingmar Maansson, ein junger Mann, der sich nur zwei oder drei Jahre in den Vereinigten Staaten aufgehalten hatte. Bo war gut gewachsen, hatte blondes Haar und blonde Augenbrauen, war rotwangig und von gutmütigem Aussehen. Es war nicht viel in seinen Zügen, das an das alte Geschlecht erinnerte, aber die Ähnlichkeit trat hervor, wenn er eine schwierige Arbeit vorhatte oder in Gemütserregung geriet. Als Bo heranwuchs und in Storms Schule ging, war er ein träger, schlaffer Junge gewesen. Der Schulmeister hatte sich oft darüber gewundert, daß einem aus einer so klugen Familie das Lernen so schwer werden konnte. Aber die Schlaffheit verschwand indessen ganz, als Bo nach Amerika kam. Er war schnell und aufgeweckt geworden, im Rat wie in der Tat; aber er hatte in seiner Kindheit so oft hören müssen, daß er dumm war, und daher hatte er noch immer ein starkes Mißtrauen zu seinen eigenen Fähigkeiten. Die Leute im Kirchsprengel waren nicht wenig überrascht, als Bo nach Amerika reiste. Die Eltern besaßen einen großen Hof und waren wohlhabende Leute. Sie hätten den Sohn gern zu Hause behalten. Es ging zwar das Gerücht, daß Bo Schulmeisters Gertrud liebe, und daß er fortgereist sei, um sie zu vergessen, aber niemand wußte so recht Bescheid, wie sich die Sache verhielt. Bo hatte niemals einen anderen Vertrauten gehabt, als seine Mutter, und die war nicht umsonst die Schwester des großen Ingmar. Sie konnte man nicht dazu verleiten, mehr zu sagen, als sie Lust hatte. An dem Tage, als Bo seine Heimat verließ, kam seine Mutter mit einem Gürtel zu ihm, den sie ihn bat, auf dem bloßen Leibe zu tragen. Als Bo ihn nahm, fühlte er, daß er schwer war; die Mutter hatte Geld hineingenäht. »Du mußt mir versprechen, daß du dich nur von diesem Gürtel trennst, wenn du in Not kommst«, sagte die Mutter; »es ist keine große Summe, nur so viel, daß du heimkehren kannst, falls es dir schlecht ergehen sollte.« Bo versprach, das Geld nur in der größten Not aus dem Gürtel zu nehmen, und er hielt treulich dies Versprechen. Er war nun freilich noch nie sehr in Versuchung gekommen, es zu brechen, da es ihm in Amerika fast immer gut ergangen war; aber ein paarmal war er doch so arm gewesen, daß es ihm an Obdach und Essen gefehlt hatte. Trotzdem hatte er immer einen Ausweg gefunden, so daß er das Geschenk der Mutter nicht hatte in Anspruch zu nehmen brauchen. Als Bo sich den Hellgumianern anschloß, war er erst ein wenig in Verlegenheit, was er mit dem Gürtel tun sollte. Seine neuen Kameraden bestrebten sich ja, den ersten Christen nachzueifern; sie teilten all ihr Hab und Gut untereinander, und gaben alles, was sie erwarben, in die gemeinsame Kasse. Bo gab auch alles, was er besaß, ausgenommen das, was im Gürtel war. Er konnte sich nicht recht klar darüber werden, was in diesem Fall Recht oder Unrecht war, aber er fühlte bei sich selbst, daß er dies Geld behalten müsse. Und er war ganz sicher, daß der liebe Gott wohl verstehen werde, daß er es nicht aus Geiz behielt, sondern, weil er das Versprechen halten wußte, das er seiner Mutter gegeben hatte. B« behielt auch den Gürtel, nachdem er sich den Gordonisten angeschlossen hatte. Da aber begann er eine gewisse Unruhe zu spüren, wenn er daran dachte. Er merkte bald, daß Mrs. Gordon und mehrere von ihren Anhängern hervorragende Persönlichkeiten waren, und er empfand eine tiefe Ehrfurcht vor ihnen. Es schauderte ihm davor, was diese fehlerlosen Menschen wohl von ihm denken würden, wenn es einmal entdeckt wurde, daß er verborgenes Geld bei sich trug, obwohl er heilig und teuer versichert hatte, daß er alles, was er besaß, der Gemeinde übergeben habe. Hellgum und seine Gemeinde waren im Mai, gerade um dieselbe Zeit, als die Bauern daheim im Kirchsprengel Auktion über ihre Höfe hielten, nach Jerusalem gekommen. Im Juni kam ein Brief nach Jerusalem, der meldete, daß der Ingmarshof verkauft sei, und daß Ingmar Ingmarsson mit Gertrud gebrochen habe, um den Hof seines Vaters wiederzugewinnen. Er hatte sich bis dahin wohl in Jerusalem gefühlt und oft davon geredet, wie froh er über die Umsiedlung sei. Aber von dem Tage an, als er hörte, daß Gertrud frei war, wurde er finster und wortkarg. Niemand in der Kolonie konnte verstehen, was Bo so schwermütig machte. Mehrere versuchten, ihn zu veranlassen, ihnen seinen Kummer anzuvertrauen, aber Bo wollte ihnen nicht sagen, worüber er nachgrübelte. Er konnte nicht erwarten, daß die Kolonisten sonderliches Mitleid mit Herzenskummer haben würden. Sie predigten immer, daß es um der Einigkeit willen notwendig sei, nicht mehr von dem einen Menschen zu halten als von dem andern, und sie behaupteten, daß sie selber alle Menschen gleich innig liebten. Sie alle – auch Bo – hatten versprochen und geschworen, daß sie niemals in den Ehestand treten, sondern in Keuschheit wie die Mönche und Nonnen leben wollten. Bo dachte nicht mehr eine Sekunde an das Gelübde, nachdem er erfahren hatte, daß Gertrud frei war. Er wollte sich sogleich von der Kolonie trennen, um heimzureisen und sie zu gewinnen. Jetzt war er sehr froh darüber, daß er den Gürtel behalten hatte und seiner Wege gehen konnte, sobald er Lust hatte. Während der ersten Tage ging er umher wie in einem Rausch, und dachte nur daran, sich Bescheid darüber zu verschaffen, wann ein Schiff von Jaffa abgehe. Aber es ging in den Tagen gerade kein Schiff, und Bo fing bald an einzusehen, daß es besser aussehen würde, wenn er eine Zeitlang mit der Reise wartete. Kam er jetzt sogleich nach Hause, so würde das ganze Kirchspiel verstehen, daß er um Gertruds willen kam, und gelang es ihm dann nicht, sie zu gewinnen, so würde er von allen Menschen ausgelacht werden. Bo hatte gerade zu dieser Zeit eine Arbeit für die Kolonie übernommen. Die alten Gordonisten hatten nämlich bisher in Jerusalem selbst gewohnt. Das große Haus vor dem Damaskustor hatten sie in Veranlassung der großen Zunahme der Kolonie durch die schwedischen Auswanderer gemietet, und sie waren jetzt eifrig damit beschäftigt, sich dort einzurichten. Man hatte es Bo übertragen, einen Backofen in dem neuen Hause aufzuführen; er beschloß, sich in Geduld zu fassen und nicht abzureisen, ehe er seine Arbeit ausgeführt hatte. Indessen sehnte er sich so heftig, daß ganz Jerusalem ihm nicht besser vorkam als ein Gefängnis. Des Nachts ließ er oft den Gürtel durch die Hände gleiten, und lag da, und befühlte die Münzen, die da hineingenäht waren. Er wurde ganz vergnügt, wenn er die kleinen, runden Gegenstände zwischen seinen Fingern fühlte. Er sah Gertrud vor sich, vergaß, daß sie nie etwas hatte von ihm wissen wollen, und war überzeugt, daß er nur nach Hause zu kommen brauchte, um sie zur Frau zu bekommen. Wenn sich Ingmar so falsch erwiesen hatte, mußte Gertrud doch Bo endlich schätzen lernen, der sein ganzes Leben hindurch nur sie geliebt hatte. Es ging indessen schrecklich langsam mit dem Bau des Backofens. Entweder war Bo kein tüchtiger Maurer, oder auch er hatte schlechtes Material bekommen. Schließlich war er nahe daran zu glauben, daß der Ofen niemals fertig werden würde. Einmal stürzte die Wölbung ein, und ein andermal war der Ofen so verkehrt gemauert, daß der Rauch in die Backstube hineinschlug. Auf diese Weise schob sich Bos Abreise bis in den August hinaus. Währenddes sah er so viel von dem Leben der Gordonisten, daß es ihm besser und besser gefiel. Niemals hatte er Menschen auf diese Weise so ausschließlich dafür leben sehen, Kranken, Armen und Betrübten zu helfen. Und sie sehnten sich nicht wieder zurück in die Welt, obwohl einige von ihnen so reich an Gütern dieser Welt waren, daß sie sich alles hätten anschaffen können, was sie wünschten, und andere so reich an Kenntnissen waren, daß es nichts zwischen Himmel und Erde gab, worüber sie nicht Bescheid wußten. Jeden Tag hielten sie die schönsten Betstunden ab, in denen sie ihre Lehre den Neuangekommenen darlegten, und wenn Bo sie reden hörte, war es ihm, daß es etwas Großes sei, mit Teil daran zu haben, das wahre Christentum wieder aufzuerwecken, das an die zweitausend Jahre vergessen und begraben gelegen hatte, daß er sich fast nicht entschließen konnte, Jerusalem zu verlassen. Aber in der Nacht nahm Bo den Gürtel zwischen die Hände, und wenn er das tat, traten ihm Tränen der Sehnsucht nach Gertrud in die Augen. Und wenn er daran dachte, daß er nun nicht teilhaben könne an der Wiedererweckung des einzig wahren Christentums, dann sagte er sich selbst, daß da so viele seien, die würdiger waren als er. Es würde wohl keinen großen Schaden tun, wenn so ein dummer und einfältiger armer Mensch, wie er, die Kolonie verließ. Es graute Bo aber vor dem Augenblick, wo er in der Gemeinde aufstehen und sagen mußte, daß er heimreisen wolle. Es ging ein Schaudern durch seinen Korper, wenn er daran dachte, daß Mrs. Gordon und die alte Miß Hoggs und die schöne Miß Joung und Hellgum und die Kinder seiner Schwester – daß alle diese, die nur danach trachteten, Gottes Sache zu dienen – ihn als verloren betrachten würden. Und was würde Gott selbst im Himmel zu seiner Flucht sagen? Wie, wenn Bo seine ewige Seligkeit verscherzte, indem er dieser großen Sache untreu wurde? Mit jedem Tag, der hinging, wurde Bo unsicherer und ratloser. Er sah so deutlich ein, wie verkehrt er gehandelt hatte, als er das Geld der Mutter behielt. Hätte er diesen Gürtel nicht gehabt, so hätte er nicht die Mittel besessen, um fortzukommen, und dann hätte er diese schwere Versuchung ganz vermieden. Die Kolonisten hatten gerade zu dieser Zeit große Ausgaben gehabt, teils infolge des Umzuges, teils infolge eines Prozesses, den sie drüben in Amerika führen mußten. Da waren auch eine Menge armer Leute in Jerusalem, die beständig Hilfe bei ihnen suchten. Da sie niemals Lohn für irgendeinen Dienst annahmen, den sie für andere ausführten, wegen des Streites und Zanks, dessen Ursache das Geld hier in dieser Welt ist, so war es kein Wunder, daß sie zuzeiten kaum ihr Auskommen hatten. Ein paarmal, als erwartete Geldsendungen aus Amerika nicht rechtzeitig angelangt waren, hatten sie kaum genug für das tägliche Brot. Die ganze Gemeinde lag oft auf den Knien und flehte zu Gott, daß er ihnen Hilfe senden möge. Bei solchen Gelegenheiten war es Bo, als brenne ihn sein Gürtel, aber jetzt konnte er ihn doch nicht fortgeben, jetzt, wo seine Sehnsucht zu reisen so mächtig war. Er sagte auch zu sich selbst, daß es jetzt zu spät sei, jetzt war es unmöglich für ihn, aufzustehen und zu bekennen, daß er während dieser großen Not so viel Geld mit sich herumgetragen hatte. Im August wurde Bo endlich mit dem Ofen fertig, Und nun wollte er mit dem ersten Dampfschiff reisen, Eines Tages ging er zur Stadt hinaus. Er suchte einen einsamen Ort auf; dort setzte er sich hin, trennte den Gürtel auf und nahm das Geld heraus. Er saß mit den kleinen Goldstücken in der Hand da, und kam sich vor wie ein Dieb: »Ach, Herr, mein Gott, verzeihe mir!« rief er aus. »Wie ich in die Gemeinde eintrat, wußte ich ja nicht, daß Gertrud frei werden würde. Um nichts anderes in der Welt würde ich die Kolonie verlassen haben.« Als Bo nach Jerusalem zurückkehrte, schlich er mit unsicheren Schritten dahin, und mit einem Gefühl, als gehe jemand hinter ihm drein und beobachtete ihn. Als er ein paar von den Goldstücken auf einen der Wechslertische in der Davidstraße legte, sah er so aus, daß der Armenier, der sein Geld wog, glaubte, er sei ein Dieb, und ihn um die Hälfte des Betrages betrog. Am nächsten Tage war Bo früh am Morgen aus der Kolonie fort. Er ging gen Osten in der Richtung des Ölberges, damit kein Mensch Verdacht fassen solle, wohin er sich begeben wollte, und machte einen großen Umweg, um an den Bahnhof zu gelangen. Er kam trotzdem noch eine ganze Stunde zu früh, und er litt große Qualen, während er wartete. Er zuckte jedesmal zusammen, wenn jemand hinüberging, und suchte sich vergebens zu überzeugen, daß er nichts Böses tat, daß er ein freier Mann war, daß er gehen konnte, wohin er wollte. Er sah ein, daß es besser gewesen wäre, wenn er offen mit den Freunden geredet und sich nicht von ihnen fortgestohlen hätte, und er fühlte sich so gequält von seiner Angst, gesehen und erkannt zu werden, daß er kurz davor war, wieder umzukehren. Trotzdem kam Bo mit dem Zuge fort. Alle Wagen waren überfüllt, aber er sah nicht einen einzigen, den er kannte. Er saß da und dachte an die Briefe, die er an Mrs. Gordon und Hellgum schreiben wollte. Er stellte sich vor, wie sie nach dem Morgengebet vor der ganzen Gemeinde vorgelesen würden, und er konnte die Verachtung sehen, die sich auf allen ihren Gesichtern abspiegeln würde. »Ich begehe heute gewiß eine schändliche Sünde«, dachte er, und es war ihm, als besudele er sich heute mit einem Fleck, der nie wieder abgewaschen werden könne. Es kam ihm immer erbärmlicher vor, daß er sich von dannen geschlichen hatte. Er empfand Ekel vor sich selbst, er kam sich vor wie ein elender Lump. Er gelangte nach Jaffa und stieg aus dem Zug. Als er auf den sonnenheißen Platz vor dem Bahnhof kam, sah er dort eine Schar armer, rumänischer Pilger. Er blieb stehen und betrachtete sie, da erzählte ihm ein syrischer Dragoman, daß die Pilger krank von dem Dampfer gekommen seien, der sie nach Jaffa gebracht hatte. Es sei ihre Absicht gewesen, zu Fuß nach Jerusalem zu wandern, aber sie seien nicht dazu imstande. Hier hatten sie nun den ganzen Tag am Bahnhof gelegen. Niemand nahm sich ihrer an, sie hatten kein Geld, sie würden wohl sterben, so wie sie da in der Sonnenhitze lagen. Bo wandte sich ab und verließ schnell den Bahnhof. Er konnte diese Menschen mit den fieberheißen Gesichtern gar nicht wieder vergessen. Einige von ihnen lagen ganz hilflos da und konnten nicht einmal die Fliegen verscheuchen, die ihnen in die Augen krochen. Es war ihm klar, daß Gott diese Armen auf seinen Weg gesandt habe, daß er ihnen helfen sollte. Bo fühlte, daß kein anderer von den Kolonisten an einer solchen Schar von Unglücklichen hätte vorübergehen können, ohne den Versuch zu machen, ihnen zu helfen. Er würde sich ihrer auch angenommen haben, wenn er nicht ein schlechter Mensch geworden wäre. Er wollte seinem Nächsten wohl nicht mehr helfen, weil er Geld hatte und nach Hause reisen konnte. Bo ging durch das Tor der Stadt, ging ein paar Straßen hinab, und gelangte an einen kleinen Marktplatz, der nach der See hinauslag. Hier konnte er die ganze Reede und das offene Meer übersehen. Die Meeresfläche lag silberblau und ganz blank da, nur um die beiden schwarzen Basaltklippen, die mitten in der Einfahrt des Hafens aufragten, erhob sich eine schwache Dünung. Es war ein schöner Tag, um die Seereise zu beginnen. Draußen auf der Reede lag ein großer europäischer Dampfer, der die deutsche Flagge führte. Bo hatte die Absicht gehabt, mit einem französischen Dampfer zu fahren, der noch an diesem Tage in Jaffa ankommen sollte, aber von dem sah er nichts. Er hatte sich wohl verspätet. Der deutsche Dampfer mußte eben angekommen sein. Eine Schar Fährleute machte mit großer Eile ihre Boote los, um die Passagiere hereinzuholen. Sie wetteiferten miteinander, schrien und bedrohten sich gegenseitig mit den Rudern. Da fuhr auf einmal ein Dutzend Boote nach dem Dampfer hinaus. Die großen, kräftigen Bootführer erhoben sich und ruderten stehend, um schneller vorwärtszugelangen. Zu Anfang waren sie einigermaßen vorsichtig, aber als sie an den beiden gefährlichen Klippen vorübergekommen waren, begann ein eifriges Wettrudern. Bo konnte vom Ufer aus hören, wie sie lachten und einander durch Zurufe aufstachelten. Da überkam ihn eine unwiderstehliche Lust, jetzt gleich abzureisen. Er konnte ja ebenso gut mit diesem Dampfer wie mit dem andern fahren. Das war ganz gleichgültig, wenn er nur nach Europa gelangte. Und nun sah er, daß da noch ein Boot am Ufer lag. Der Mann, der es ruderte, war alt, so daß er vermutlich nicht so schnell hatte von dannen kommen können, wie die andern. Es war Bo, als habe sich dies Boot gerade seinetwegen verspäten müssen. Er sprang hinein, und sie stießen gleich vom Ufer ab. Im ersten Augenblick meinte Bo, es sei gut so, daß nun alles entschieden war; aber ehe sie noch ein paar Ruderschläge vom Ufer entfernt waren, überkam ihn eine plötzliche Angst. Was sollte er seiner Mutter sagen, wenn er sie wiedersah? Konnte er ihr erzählen, daß er ihr Geschenk gebraucht hatte, um Schande und Entbehrung über sich zu bringen? Bo sah das Gesicht seiner Mutter mit den vielen Falten und dem scharfen Zug nach dem Kinn hinauf vor sich. Sie war ein wenig kurzsichtig, daher kam sie in der Regel ganz dicht an die heran, mit denen sie sprach, und sah ihnen fest in die Augen. Wenn seine Mutter jetzt hier wäre, so würde sie ganz dicht an ihn herantreten und fragen: »Hast du versprochen, zu diesen Leuten zu halten, Bo, und ihnen bei ihrer guten Sache zu helfen?« »Ja, Mutter, das habe ich getan«, mußte Bo da antworten. – »Dann mußt du auch bei ihnen ausharren«, würde die Mutter sagen. »Wir haben genug an einem Wortbrüchigen in der Familie.« Bo seufzte schwer auf, aber eins sah er doch klar ein, nämlich, daß er nicht mit Schmach beladen zu seiner Mutter heimkehren konnte. So blieb ihm nichts weiter übrig, als nach der Kolonie zurückzukehren. Er befahl dem Fährmann umzukehren, aber der Mann verstand nicht, was er wollte, und fuhr fort, nach dem Dampfer hinauszurudern. Bo richtete sich im Boot auf und wollte ihm die Ruder wegnehmen. Der Mann verteidigte sich, und sie hätten fast das Boot umgeworfen, während sie um die Ruder kämpften. Bo sah gleich ein, daß ihm nichts weiter übrig blieb, als sitzen zu bleiben, und sich nach dem Schiff hinausfahren zu lassen. Aber gleichzeitig fürchtete er, daß der Augenblick, in dem er noch die Kraft besaß, umzuwenden, ihm entrinnen würde. »Komme ich erst an Bord des Schiffes,« dachte er, »dann gewinnt die Reiselust vielleicht Gewalt über mich.« Aber nein – das durfte nicht geschehen: jetzt wollte er dieser Versuchung für immer ein Ende machen. Und er steckte die Hand in die Tasche, holte die blanken Goldstücke heraus und warf sie ins Meer. Kaum war das getan, als ihm eine brennende Reue durch das Herz zog. Ja, jetzt konnte er sagen, daß er das Glück von sich geworfen hatte, jetzt hatte er Gertrud für immer verloren. Er rang seine Hände in Verzweiflung. Als sie noch ein paar Minuten gerudert waren, begegneten ihnen einige Boote, die von dem Dampfer zurückkamen, voll von Passagieren, die in Jaffa an Land gehen wollten. Bo rieb sich die Augen; er glaubte, ein Gesicht zu haben. Es war ganz so, als ein paar von den Kirchbooten, die am Sonntag daheim in den Fluß hinabkamen, jetzt auf dem sommerblanken Meer auf ihn zugerudert kamen. Die Menschen, die in den langen Booten saßen, sahen ebenso feierlich und ernst aus, wie die Leute daheim im Kirchsprengel, wenn sie an der Landungsbrücke unter der Kirche anlegten. Bo konnte sich im ersten Augenblick gar nicht erklären, was er da sah. Er kannte ja alle die Gesichter. »Ist das nicht Tims Halvor?« fragte er sich. »Ist das nicht Karin Ingmarstochter? Ist das nicht Birger Larsson, den ich oft in der Schmiede an der Landstraße habe stehen und Nägel schmieden sehen?« Bo war so in seine eigenen Gedanken versunken gewesen, daß es eine Weile währte, bis er begriff, daß dies die Pilgrime von daheim aus Dalarne sein mußten, die ein paar Tage früher, als man sie erwartet hatte, angelangt waren. Er erhob sich in seinem Boot, winkte mit der Hand und rief: »Guten Tag!« Die stillen Menschen in den Booten sahen auf, einer nach dem andern, und bewegten den Kopf ein wenig, um zu zeigen, daß sie ihn erkannt hatten. Bo begriff, daß er nicht recht getan hatte, indem er sie in diesem Augenblick störte. Es schickte sich nicht für sie, in diesem Moment an irgend etwas anderes zu denken, als an das Feierliche, daß sie jetzt den Fuß auf den Boden von Palästina setzten. Nie aber hatte Bo etwas Schöneres gesehen, als diese steifen Gesichter. Er wurde so froh, und er wurde so betrübt. »Siehe, solche Menschen haben wir daheim«, dachte er, und er empfand eine solche Sehnsucht, daß er sich gern ins Meer gestürzt hätte, um die Goldstücke wieder herauszufischen. Ganz hinten in dem Boot saß eine Frau, die das Kopftuch so tief in die Stirn gezogen hatte, daß Bo ihr Gesicht nicht sehen konnte. Aber gerade, als das Boot, vorüberglitt, schob sie das Tuch zurück und sah ihn an. Und Bo erkannte Gertrud. Da zitterte Bo vom Scheitel bis zur Sohle in tiefer Erregung. Er setzte sich nieder und hielt sich an der Ruderbank fest. Er fürchtete, daß er sich ins Meer stürzen würde, nur um schneller zu Gertrud zu gelangen. Tränen stürzten ihm aus den Augen, während er die Hände faltete und Gott dankte. Nein, niemals war ein Mensch mehr dafür belohnt worden, daß er von einer Sünde abgelassen hatte. Nie in der Welt war Gott so gut gegen jemand gewesen. Der Kreuzträger Während all der Jahre, die die Gordonisten in Jerusalem gewohnt hatten, war jeden Tag in der heiligen Stadt ein Mann erschienen, der ein schweres und plumpes hölzernes Kreuz schleppte. Er sprach mit niemand, und niemand sprach mit ihm. Niemand wußte, ob der Mann ein armer Wahnsinniger war, der sich einbildete, Christus zu sein, oder ob er ein armer Pilger war, der einen Bußgang ausführte. Der arme Kreuzträger schlief des Nachts in einer Grotte draußen auf dem Ölberge. Jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, stieg er auf den Berg hinauf und sah hinab auf Jerusalem, das auf einem etwas niedrigeren Hügel ihm gerade gegenüber lag. Er sah über die ganze Stadt hinaus, wie jemand, der sucht, ließ die Augen von Haus zu Haus, von Kuppel zu Kuppel schweifen, eifrig forschend, als erwarte er, daß in der Nacht irgendeine große Veränderung eingetreten sei. Endlich, wenn es ihm klar wurde, daß noch alles war wie vorher, seufzte er tief auf. Er kehrte in seine Grotte zurück, hob das große Kreuz auf die Schultern und setzte sich einen Kranz, der aus stacheligen Dornenzweigen geflochten war, auf den Kopf. Dann begann er seine Wanderung den Berg hinab, schleppte seine schwere Last zwischen Weingärten und Olivenhainen dahin, bis er die hohe Mauer erreichte, die den Garten von Gethsemane umgab. Hier pflegte er vor einer niedrigen Pforte Halt zu machen, legte das Kreuz an die Erde und stützte sich gegen den Türpfosten, wie um zu warten. Wieder und wieder beugte er sich hinab und legte sein Auge an das Schlüsselloch, um in den kleinen Garten hineinzusehen. Wenn er dann einen der Franziskaner, die die Obhut über Gethsemane führten, sich zwischen den alten Olivenhainen und Myrtenhecken bewegen sah, trat ein gespannter Ausdruck in sein Gesicht, und er lächelte wie in froher Erwartung. Aber gleich darauf schüttelte er den Kopf; er schien zu der Überzeugung gelangt zu sein, daß der, den er suchte, nicht kommen würde. Er nahm wieder das Kreuz und wanderte weiter. Dann pflegte er die tieferliegenden Terrassen des Berges hinabzugehen, hinunter in das Tal Josaphat, mit dem großen jüdischen Kirchhof. Das schwere Kreuz schleppte hinter ihm drein, es rasselte über die großen Grabsteine und fegte die kleinen Kiesel, die darüber ausgestreut waren, zur Seite. Wieder und wieder blieb er stehen, wenn er die kleinen Kieselsteine rasseln hörte, und sah sich um, offenbar in dem Glauben, daß ihm jemand folge. Jedesmal, wenn er merkte, daß er sich geirrt hatte, seufzte er wieder tief auf und wanderte weiter. Diese Seufzer wurden zu einem schweren Stöhnen, wenn er den Talgrund erreicht hatte, und ihm die Arbeit bevorstand, das mächtige Kreuz den westlichen Abhang, auf dessen obersten Gipfel Jerusalem liegt, hinabzuschleppen. Auf dieser Seite liegen die Gräber der mohammedanischen Bevölkerung, und hier sah er oft eine trauernde Frau in ihr weißes Überkleid gehüllt, auf einem der niedrigen, sargförmigen Grabdenkmäler sitzen. Er schwankte dann auf sie zu, bis sie, aufgeschreckt von dem Geräusch, den das Kreuz verursachte, indem es über die Grabsteine dahinschleifte, sich nach ihm umwandte. Ihr Antlitz war von einem dichten, schwarzen Schleier verhüllt und erweckte die Vorstellung, daß dahinter nichts weiter sei, als ein leeres, dunkles Loch. Da wandte er sich mit einem Schaudern ab und wanderte weiter. Mit unaussprechlicher Mühe kletterte er ganz bis auf den Gipfel des Berges hinauf, dort, wo die Stadtmauer aufragt. Dann pflegte er auf einem schmalen Pfad innerhalb der Mauer nach dem Berge Zion auf der südlichen Seite des Berges zu wandern, und kam ganz hinauf bis zu der kleinen armenischen Kirche, die das Haus des Kaiphas genannt wird. Hier legte er wieder das Kreuz an die Erde und lugte wieder durch das Schlüsselloch. Aber er begnügte sich nicht damit; er erfaßte den Glockenstrang und schellte. Wenn er eine Weile darauf ein Paar Pantoffel über die Steinfliesen klappern hörte, lächelte er und führte schon die Hände an die Dornenkrone, um sie vom Kopf' zu nehmen. Aber sobald der Kirchendiener, der die Pforte öffnete, sah, wer es war, schüttelte er den Kopf. Der Büßer beugte sich vor und sah in die halbgeöffnete Tür hinein. Er ließ seine Augen über den kleinen Hof hinschweifen, wo der Sage nach Petrus den Heiland verleumdet hatte, und vergewisserte sich, daß er ganz leer war. Da nahm sein Gesicht, den Ausdruck tiefen Grames an, er zog heftig die Pforte zu und wanderte weiter. Das schwere Kreuz klapperte über die Steine und die alten Mauerbrocken dahin,die den Boden von Zion bedeckten. Es wurde jetzt mit noch größerer Eile dahingeschleppt, als wenn eine ungeduldige Erwartung dem Träger mehr Kräfte verleihe. Er ging durch das Zionstor in die Stadt hinein, und ließ das Kreuz nicht zur Erde sinken, ehe er vor dem schwerfälligen, grauen Gebäude stand, das als Grab König Davids verehrt wird, von dem aber auch gesagt wird, daß es den Saal enthalte, in dem der Herr das heilige Abendmahl eingesetzt hat. Hier pflegte der Alte das Kreuz draußen liegen zu lassen, während er selbst in das Haus hineinging. Wenn der mohammedanische Türhüter, der sonst allen Christen zornige Blicke nachwarf, ihn kommen sah, verbeugte er sich vor ihm, wie vor dem, dessen Verstand bei Gott ist, und küßte ihm die Hand. Jedesmal, wenn der Alte Gegenstand dieses ehrerbietigen Grußes war, sah er dem Türhüter erwartungsvoll in das Gesicht. Aber gleich darauf zog er seine Hand zurück, trocknete sie in seinem langen, groben Mantel ab, wandte sich um und trat wieder hinaus, wo er von neuem das Kreuz auf seine Schultern hob. Darauf schleppte er sich mit unendlicher Langsamkeit nach dem nördlichen Teil der Stadt, wo Christi Leidensweg sich dunkel und schwer dahinzieht. Solange er sich in den menschenwimmelnden Straßen befand, sah er jedem ins Gesicht, blieb stehen, forschte, und wandte sich wieder um, in ewiger Enttäuschung. Gutmütige Wasserträger, die sahen, daß er unter seiner schweren Last schwankte, reichten ihm oft eine kleine, zinnerne Schale voll Wasser, und die Gemüsehändler pflegten ihm eine Handvoll Bohnen oder Pistazien zuzuwerfen. Wenn ihm diese Gaben geboten wurden, nahm er sie zuerst mit freudestrahlendem Antlitz an; dann aber wandte er sich ab, als habe er etwas ganz anderes und besseres erwartet, Wenn er auf den Passionsweg kam, sah er hoffnungsvoller aus, als auf dem ersten Teil seines Weges. Er stöhnte nicht so tief unter der Last des Kreuzes, und er richtete den Rücken auf, und sah sich um, wie ein Gefangener, der jetzt seiner Befreiung sicher ist. Er begann bei der ersten der vierzehn Stationen auf dem Leidenswege Christi, die die ganze Straße entlang durch kleine steinerne Tafeln bezeichnet sind. Aber er blieb nicht stehen, ehe er vor dem Kloster der Zionsschwestern in der Nähe des Ecce-Homo-Bogens stand, wo Pilatus Christus dem Volke vorführte. Hier warf er das Kreuz von seinen Schultern, wie eine Last, die er nicht mehr zu schleppen brauchte, und klopfte dann an die Klostertür mit drei starken, dröhnenden Schlägen. Noch ehe das Tor geöffnet wurde, hatte er die Dornenkrone vom Kopf genommen, ja, zuweilen war er seiner Sache so sicher, daß er sie einem der Hunde hinwarf, die ihren Schlafplatz in der Nähe des Klosters hatten. Drinnen in dem Kloster kannte man dies Pochen. Eine von den frommen Schwestern öffnete die Türluke und steckte ihm ein kleines, rundes Brötchen hinaus. Da geriet er außer sich vor Zorn. Er nahm das Brot nicht an, sondern ließ es zur Erde fallen; er stampfte mit den Füßen und stieß wilde Schreie der Verzweiflung aus. Lange Zeit blieb er vor dem Klostertor stehen. Endlich kehrte der gewohnte Ausdruck geduldigen Leidens in sein Gesicht zurück. Er beugte sich nieder, sammelte das Brot auf und verzehrte es mit Raubtierhunger. Er hob die Dornenkrone wieder auf, und nahm das Kreuz wieder auf seine Schultern. Wenige Augenblicke darauf stand er in glückseliger Erwartung vor der kleinen Kapelle, die man das Haus der »heiligen Veronika« nennt, und von bitterer Enttäuschung niedergebeugt, wanderte er wieder von dannen. Er ging die ganze Straße hinauf, von Station zu Station, er erwartete mit Gewißheit seine Befreiung an der Kapelle, die die Stätte bezeichnet, wo das Tor der Gerechtigkeit stand, durch das Jesus zur Stadt hinauswanderte, sowie an der Stelle, wo der Erlöser zu den Frauen Jerusalems sprach. Wenn er so Christi Leidensweg zurückgelegt hatte, begann er unruhig suchend die ganze Stadt zu durchwandern. In der engen, menschengefüllten Davidstraße war er ein ebenso großes Hindernis für den Verkehr, wie ein Kamel, das mit Reisigbündeln beladen ist, aber kein Mensch schalt ihn aus oder verunglimpfte ihn. Es konnte wohl zuweilen geschehen, daß er auf seiner Wanderung in den engen Vorhof der heiligen Grabeskirche hineinkam. Aber hier legte der arme Kreuzträger seine Last nieder, hier riß er sich die Dornenkrone vom Kopf. Sobald sein Auge auf die graue, dunkle Mauer fiel, wandte er sich um und floh. Niemals sah man ihn dort bei einer der prachtvollen Prozessionen, nicht einmal bei dem großen Osterwunder. Der alte Büßer schien überzeugt zu sein, daß dies der einzige Ort sei, an dem er unmöglich das finden konnte, was er suchte. Aber er sorgte immer dafür, daß er den Karawanen begegnete, die ihre Waren am Tor Jaffa abluden. Er saß dort und gab vor den Herbergen acht, und betrachtete alle Fremden mit forschenden Blicken. Nachdem die Eisenbahn zwischen Jaffa und Jerusalem eröffnet war, ging er fast jeden Tag auf den Bahnhof hinaus. Er suchte Patriarchen und Bischöfe in ihren Wohnungen auf, und jeden Freitag fand er sich auf den Plätzen vor der Klagemauer ein, wo die Juden sich an die kalten Steine schmiegen, und über den Palast weinen, der in Schutt versunken war, über die Propheten, die gestorben waren, über die Priester, die irre gegangen waren, über die Könige, die Jehova verachtet hatten. An einem schönen, warmen Sommertag im August ging der Kreuzträger aus dem Damaskustor hinaus und wanderte auf den kahlen, einsamen Feldern, die die Gordonkolonie umgaben. Während er sich so mühselig dahinschleppte, erblickte er eine lange Reihe von Wagen, die vom Bahnhof kamen und nach der Kolonie hinauffuhren. Es waren Menschen mit barschen, ernsten Gesichtern, die in diesen Wagen saßen; viele von ihnen waren häßlich, hatten blondes Haar mit einem Stich ins Rötliche, schwere Augenlider und eine vorstehende Unterlippe. Als diese Menschen an dem Kreuzträger vorübergekommen waren, tat er, was er immer zu tun pflegte, wenn er neue Pilgerscharen nach Jerusalem ziehen sah: Er lehnte das Kreuz gegen seine Schulter, sein Gesicht klärte sich auf, und er erhob die Arme gen Himmel. Als die Vorüberfahrenden ihn sahen, wie er so mit seinem Kreuz dastand, zuckten sie zusammen, aber nicht vor Überraschung. Es war weit eher, als hätten sie erwartet, daß gerade das das erste sein müsse, was ihren Augen in Jerusalem begegnete. Mehrere von ihnen erhoben sich in innigem Mitleid. Sie streckten die Arme aus; man konnte sehen, daß sie gerne vom Wagen gestiegen wären, um dem Alten seine Last tragen zu helfen. Einige von den Kolonisten, die schon mit den Verhältnissen in Jerusalem bekannt waren, sagten zu den Neuangekommenen: »Das ist ein armer verrückter Mann, so geht er hier jeden Tag. Er glaubt, daß es Christi Kreuz ist, das er trägt, und daß er es tragen muß, bis er jemand findet, der das Kreuz für ihn tragen will.« Die Vorüberfahrenden wandten sich um, und sahen dem armen Kreuzträger nach. Solange sie ihn sehen konnten, stand er am selben Fleck, die Arme gen Himmel erhoben, und mit einem Ausdruck der unbeschreiblichsten Verzückung. Aber dies war das letztemal, daß man den armen Kreuzträger in Jerusalem sah. Die Aussätzigen, die vor den Toren gelagert liegen, warteten am nächsten Tag vergebens auf sein Kommen. Er störte nicht die Trauernden auf den Begräbnisplätzen, er bemühte die Wächter in Kaiphas' Hause nicht, die frommen Damen in Zion hatten keine Gelegenheit, das Brötchen darzureichen, das er sonst jeden Tag holte. Der türkische Türwächter wartete unwillkürlich darauf, ihn kommen und wieder entfliehen zu sehen. Die guten Wasserträger sahen vergeblich in den menschenwimmelnden Straßen nach ihm aus. Der arme Alte ließ sich nie wieder in der heiligen Stadt blicken. Man wußte nicht, ob er tot in seiner Grotte auf dem Ölberge lag, oder ob er nach seinem Heim in dem fernen Lande zurückgekehrt war. Das einzige, was man sicher von ihm wußte, war, daß er die schwere Last nicht mehr schleppte. Denn am Morgen nach der Ankunft der Bauern aus Dalarne fanden die Gordonisten das mächtige Kreuz: es lag auf der hohen Treppe vor dem Eingang zu ihrem Hause.   »Mauern aus lautrem Gold und Tore von reinem Kristall.« Unter den Jerusalemfahrern war auch ein Schmied, der Birger Larsson hieß. Er war während der ganzen Zeit sehr froh über diese Reise gewesen. Niemand war es so leicht geworden, sich von der Heimat zu trennen, und niemand hatte sich so von Herzen darauf gefreut, die Herrlichkeit Jerusalems zu sehen. Aber Birger erkrankte fast in demselben Augenblick, als er in Jaffa an Land ging. Er mußte mehrere Stunden in der Sonnenhitze am Bahnhof sitzen, ehe der Zug abging, und er wurde elender und elender. Als er in einen der heißen Eisenbahnwagen kam, fing ihm der Kopf so an zu schmerzen, als müsse er zerspringen. Und als sie Jerusalem erreichten, war er so matt, daß Tims Halvor und Ljung Björn ihn unter die Arme nehmen und ihn fast auf den Bahnsteig hinaustragen mußten. Bo hatte nach Jerusalem telegraphiert, um die Kolonisten von der Ankunft der Darlekarlier zu benachrichtigen. Mehrere von den schwedischen Amerikanern waren am Bahnhof, um die Verwandten und Freunde zu begrüßen. Da hatte Birger so starkes Fieber, daß er seine alten Landsleute nicht wiedererkennen konnte, obwohl einige von ihnen seine nächsten Nachbarn gewesen waren. Soviel hatte er aber doch verstanden, daß er nach Jerusalem gekommen war, und er war nur von dem Gedanken erfüllt, daß er sich aufrecht halten müsse, bis er die heilige Stadt gesehen hatte. Von dem Bahnhof aus, der eine gute Strecke außerhalb Jerusalems liegt, konnte Birger nichts von der Stadt sehen. Solange er da war, lag er ganz still, mit geschlossenen Augen. Aber endlich hatten alle Platz in den Wagen gefunden, die auf sie warteten. Sie fuhren durch das Tal Hinnom, und oben auf dem Bergrücken über ihnen gewahrten sie Jerusalem. Birger hob die schweren Augenlider, und sah eine Stadt, die von einer hohen Mauer mit Zinnen und Türmen umgeben war. Hinter der Mauer ragten hohe, kuppelförmige Gebäude auf, und einige Palmen wogten im Bergwinde. Aber es war gegen Abend, und die Sonne stand ganz unten am Rande der westlichen Hügel. Sie war sehr rot und groß, und warf einen starken Schein über den ganzen Himmel. Auch die Erde erstrahlte in roten und goldenen Farben. Für Birger aber war es, als ob der Glanz, der auf die Erde fiel, nicht von der Sonne komme, sondern von der Stadt dort oben über ihm. Er ging von ihren Mauern aus, die wie lauteres Gold schimmerten, und von ihren Türmen, die mit reinem Kristall gedeckt waren. Birger Larsson lächelte darüber, daß er zwei Sonnen sah, eine im Himmel, und eine auf der Erde: Gottes Stadt, Jerusalem. Einen Augenblick hatte Birger ein Gefühl, als habe ihm die Freude die Gesundheit zurückgegeben. Gleich darauf aber gewann das Fieber von neuem überhand, und auf dem ganzen Wege bis an das Haus der Kolonisten, das jenseits der Stadt lag, war er bewußtlos. Auch von dem Empfang in der Kolonie wußte Birger so gut wie gar nichts. Er konnte sich ebensowenig über das große Haus freuen, wie über die weiße Marmortreppe oder die schöne Galerie, die rings um den Hof herumläuft. Er konnte nicht Mrs. Gordon schönes, kluges Gesicht sehen, als sie auf die Treppe hinauskam, um sie willkommen zu heißen. Oder die alte Miß Hogg mit den Eulenaugen, oder irgend jemand von diesen neuen Brüdern und Schwestern. Er wußte nicht einmal, daß er in ein großes, helles Zimmer geführt wurde, das von nun an das Heim für ihn und seine Familie sein sollte, und wo man sich beeilte, ihm ein Bett zu bereiten. Am nächsten Tage war er noch ebenso krank, hin und wieder kehrte jedoch sein Bewußtsein zurück. Da war es sein großer Kummer, daß er sterben müsse, ohne in Jerusalem selbst hineingekommen zu sein und seine Herrlichkeiten in der Nähe gesehen zu haben. »Wenn man sich denkt, daß ich so weit gelangt bin,« sagte er, »und daß ich jetzt sterben muß, ohne den Palast Jerusalems und seine Straßen von Gold gesehen zu haben, auf denen die Heiligen in langen, weißen Kleidern mit Palmen in den Händen wandeln.« So lag er da und jammerte zwei Tage. Das Fieber nahm zu, aber selbst in den Phantasien trauerte er immer nur über das gleiche, daß er die goldenen Mauern und die strahlenden Türme nicht sehen sollte, die Gottes eigene Stadt umgaben. Seine Verzweiflung hierüber war so groß, daß Ljung Björn und Tims Halvor sich seiner erbarmten und beschlossen, ihn zufrieden zu stellen. Sie glaubten, er würde genesen, wenn seine Sehnsucht gestillt ward. Sie zimmerten ihm eine Bahre, und eines Abends, als die Luft ein wenig kühler geworden war, trugen sie ihn nach Jerusalem hinein. Sie führten ihn auf den gebahnten Wegen direkt in die Stadt, und Birger war bei vollem Bewußtsein und starrte die steinige Erde und die kahlen Hügel an. Als sie so weit gekommen waren, daß sie die Mauer der Stadt und das Damaskustor sehen konnten, setzten sie die Bahre nieder, damit sich der Kranke an dem Anblick dessen freuen sollte, wonach er sich so lange gesehnt hatte. Birger sagte kein Wort; er lag da und beschattete die Augen mit der Hand, und strengte sich an, zu sehen. Er sah nichts weiter, als eine graublaue Mauer, die aus Steinen und Lehm aufgeführt war, wie alle andern Mauern. Das große Tor erschien ihm so unheimlich mit dem niedrigen Eingang und der gezackten Mauerkrone. Wie er so da lag, matt und schwach, bildete er sich ein, daß ihn die andern nicht nach dem richtigen Jerusalem geführt hätten. Er hatte ja vor ein paar Tagen ein anderes Jerusalem gesehen, das so strahlend war wie die Sonne selbst. »Daß meine alten Freunde und Landsleute so schlecht an mir zu handeln wagen,« dachte der Kranke, »daß sie mir nicht gönnen, das wahre Jerusalem zu sehen!« Die Freunde trugen ihn den steilen Abhang hinauf, der zu dem Tor führte. Virger war es, als trügen sie ihn in einen tiefen Abgrund hinab. Als Birger durch die Torwölbung gekommen war, richtete er sich ein wenig auf. Jetzt wollte er doch sehen, ob sie ihn in die goldene Stadt getragen hätten. Birger wurde wunderlich zumute, als er zu allen Seiten Häuser mit grauen, häßlichen Mauern sah, und noch unheimlicher ward ihm, als er die verkrüppelten Bettler erblickte, die am Tor saßen, und die mageren, schmutzigen Hunde, die zu vieren oder fünfen auf den großen Kehrichthaufen lagen. Er sah auf die Pflastersteine hinab; sie waren von einer vertrockneten Schmutzschicht bedeckt. Er wunderte sich, über alle die Kohlblätter und Fruchtschalen und all den Kehricht, der überall auf der Straße umherlag. »Ich kann wirklich nicht begreifen, wie Halvor auf den Gedanken kommt, mir diese elenden, armseligen Straßen zu zeigen«, murmelte er vor sich hin. Die Männer trugen Birger jetzt schnell durch die Stadt; sie waren schon mehrmals dort gewesen, so daß sie dem Kranken von den bemerkenswerten Orten erzählen konnten, an denen sie vorüber kamen. »Da siehst du das Haus des reichen Mannes«, sagte Halvor, und zeigte auf ein Gebäude, das Birger ganz baufällig erschien. Sie bogen jetzt ab und gelangten in eine Straße, die Birger so dunkel erschien, als sei sie nie von einem Sonnenstrahl erhellt worden. Er lag da und starrte die Halbbögen an, die sich über die Straße hinweg von einem Haus zum andern zogen. »Das mag wohl nötig sein,« dachte er, »wenn diese elenden Hütten nicht ordentlich gestützt werden, würden sie bald einstürzen.« »Dies ist Christi Leidensweg«, sagte Halvor zu Birger. »Hier ist Jesus gegangen und hat sein Kreuz getragen.« Birger lag stumm und bleich da. Das Blut brauste nicht mehr durch die Adern, wie früh am Tage; es war, als stünde es ganz still. Er war kalt wie Eis. Überall, wohin er kam, sah er nichts weiter als baufällige Mauern und hin und wieder ein niedriges Tor. Fenster sah er selten, und wenn da eins war, waren die Fensterscheiben alle zerbrochen, und es waren Lumpen in die Löcher hineingestopft. Halvor machte Halt mit der Bahre. »Hier stand Pilatus' Palast,« sagte er, »hier haben sie Jesus dem Volke vorgeführt und zu ihm gesagt: .Sehet, welch ein Mensch!«' Birger Larsson winkte Halvor zu sich heran und ergriff feierlich seine Hand. »Jetzt sollst du mir eine Frage aufrichtig beantworten, weil du mit mir verwandt bist«, sagte er. »Glaubst du, daß das, was du mir gezeigt hast, das rechte Jerusalem ist?« »Ja, wahrlich, es ist das rechte Jerusalem«, antwortete Halvor. »Ich bin krank, und ich kann morgen am Tage tot sein«, sagte Birger. »Da kannst du doch einsehen, daß du mich nicht belügen darfst.« »Niemand denkt daran, dich zu belügen«, sagte Halvor. Birger hatte so sicher gehofft, daß er Halvor dazu bringen würde, ihm die Wahrheit zu sagen. Und Tränen traten ihm in die Augen, wenn er daran dachte, daß Halvor und die anderen sich so gegen ihn benehmen konnten. Plötzlich kam ihm ein guter Gedanke. »Sie tun es nur, um mich desto mehr zu erfreuen, wenn ich durch die hohe Pforte zu der Stadt der Ehre und Herrlichkeit hineingeführt werde«, dachte er. »Jetzt lasse ich sie tun, was sie wollen. Sie meinen es sicher gut mit mir. Wir Hellgumianer haben ja gelobt, gegeneinander zu handeln als seien wir Brüder.« Die Männer trugen ihn weiter durch die düsteren Straßen. Über einige davon waren große Teppiche ausgespannt, die voller Risse und Löcher waren. Wenn man unter diese Teppiche kam, konnte man es kaum aushalten vor Dunkelheit und Gestank und erstickender Hitze. Das nächstemal machte die Bahre Halt auf dem Vorhof eines großen, grauen Gebäudes. Der offene Platz war von Bettlern und armen Krämern angefüllt, die Rosenkränze, kleine Bilder und dergleichen verkauften. »Hier siehst du nun die Kirche, die über Christi Grab und Golgatha erbaut ist«, sagte Halvor. Birger Larsson sah mit seinem matten Blick zu dem Gebäude empor. Es hatte freilich große Tore und breite Fenster, und ansehnlich hoch war es auch. Nie aber hatte Birger so eine Kirche zwischen andern Häusern eingeklemmt gesehen. Und er sah weder einen Chor noch eine Vorhalle. Niemand sollte ihm einbilden, daß dies ein Haus Gottes war. Und er konnte auch nicht glauben, daß so viele Kaufleute und Krämer in dem Vorhofe sein würden, wenn sich hier wirklich Christi Grab befände. Er wußte ja allerdings, wer die Taubenhändler aus dem Tempel getrieben und die Tische der Wechsler umgeworfen hatte. »Ich sehe es, ich sehe es«, sagte Birger und nickte Halvor zu. Im stillen aber dachte er: »Was sie mir jetzt wohl weismachen werden?« »Ich weiß nicht, ob du heute noch mehr vertragen kannst?« fragte Halvor. »Ja, ich kann es wohl aushalten,« erwiderte der Kranke, »wenn ihr es nur könnt.« Da hoben die Männer die Bahre wieder auf und wanderten weiter. Sie gelangten nun in den südlichen Teil der Stadt. Die Straßen waren von derselben Beschaffenheit wie vorhin, aber jetzt waren sie mit Menschen angefüllt. Halvor hielt die Bahre auf einer Querstraße an und zeigte Birger die dunkelfarbigen Beduinen, die mit dem Gewehr auf der Schulter und dem Dolch im Gürtel umhergingen. Er machte ihn aufmerksam auf die halbnackten Wasserträger, die Wasserschläuche aus Schweinsleder auf ihrem Rücken trugen. Er bat ihn, die russischen Priester anzusehen, die das Haar in einem Knoten im Nacken aufgesteckt trugen, wie Frauen, und die mohammedanischen Weiber, die wie wandernde Gespenster aussahen, wenn sie ganz in Weiß gehüllt und mit einem schwarzen Stück Zeug vor dem Gesicht daherkamen. Birger ward immermehr davon überzeugt, daß seine Freunde irgendeinen wunderlichen Scherz mit ihm vorhatten. Denn diese Leute sahen wirklich nicht aus, wie die Palmenträger des Friedens, die in den Straßen des richtigen Jerusalems wandern sollen. Aber als Birger in das Menschengewimmel hineinkam, ergriff ihn das Fieber von neuem. Halvor und die andern, die die Bahre trugen, sahen, daß er immer kränker wurde. Seine Hände tasteten unruhig auf der Decke herum, die über ihn ausgebreitet war, und große Schweißtropfen perlten ihm von der Stirn. Sobald sie aber davon sprachen, heimzukehren, fuhr er auf und sagte, es würde sein Tod sein, wenn sie ihn nicht soweit trügen, daß er die Stadt Gottes sehen könne. Mit solchen Worten trieb er sie an, bis er auf den Berg Zion hinaufgelangt war. Als er das Zionstor erblickte, rief er aus, er wolle dadurch hinausgetragen werden! Er setzte sich aufrecht auf die Bahre, in der sicheren Hoffnung, daß er jenseits der Mauer die herrliche Gottesstadt finden würde, nach der er sich sehnte. Aber jenseits des Tores sah er nichts weiter, als ein versengtes, unfruchtbares Feld, das mit Steinen, Mauerbrocken und Kehrichthaufen bedeckt war. Dicht neben dem Tor kauerten ein paar arme, elende Menschen. Sie schleppten sich an die Bahre heran und streckten ihre Hände, deren Finger abgefault waren, nach dem Kranken aus. Sie riefen mit Stimmen, die dem Knurren eines Hundes glichen, ihre Gesichter waren halb zerfressen, der eine hatte keine Nase, der andere keine Wangen. Birger schrie laut vor Entsetzen. Schwach, wie er war, fing er vor Angst an zu weinen und jammerte, daß sie ihn in die Hölle hineingetragen hätten. »Das sind ja nur Aussätzige«, sagte Halvor. »Du weißt ja doch, Birger, daß es hier zu Lande Aussätzige gibt.« Sie beeilten sich jedoch, ihn weiter auf den Hügel hinaufzutragen, damit ihn der Anblick der Ärmsten am Tore nicht weiter quälen sollte. Dann setzte Halvor die Bahre nieder, trat an den Kranken heran und hob seinen Kopf vom Kissen auf. »Jetzt mußt du versuchen, aufzustehen, Birger«, sagte er. »Hier kannst du bis an das Rote Meer und den Berg Moab hinabsehen.« Noch einmal schlug Birger seine müden Augen auf. Er sah über die einsame, wilde Berggegend östlich von Jerusalem hinaus. Weit, weit draußen in der Ferne schimmerte ein Wasserspiegel, und jenseits davon lagen Berge, die im Himmelblau, das mit goldenen Rändern verbrämt war, erstrahlten. Das war so schön, so leicht, durchsichtig und strahlend, daß man glauben mußte, daß dieser Anblick nicht der Erde angehöre. Birger richtete sich in Verzückung von der Bahre auf, er wollte dem fernen Bilde entgegeneilen. Er schwankte ein paar Schritte vorwärts – dann brach er ohnmächtig zusammen. Die Bauern glaubten anfänglich, daß Birger tot sei. Aber das Leben kehrte zurück, und er lebte noch zwei Tage. Aber bis zu seiner Todesstunde lag er da und phantasierte von dem wahren Jerusalem. Er jammerte darüber, daß es sich immer weiter und weiter zurückziehe, je mehr er sich anstrenge, es zu erreichen, so daß weder er, noch irgendeiner von den andern dahingelangen könne. Gottes heilige Stadt Jerusalem. Es verhält sich wirklich so, daß nicht alle Menschen stark genug sind, um das Leben in Jerusalem aushalten zu können. Selbst wenn sie das Klima ertragen können und nicht von den Krankheiten angesteckt werden, so kann es doch geschehen, daß sie unterliegen. Die heilige Stadt macht sie schwermütig oder wahnsinnig, ja, sie kann sie geradezu umbringen. Man kann dort nicht zwei Wochen wohnen, ohne die Leute von diesem oder jenem, der plötzlich gestorben ist, sagen zu hören: »Den hat Jerusalem getötet.« Wer das hört, kann nicht umhin, sich höchlich zu verwundern. »Wie kann das nur möglich sein?« fragt man sich selbst. »Wie kann eine Stadt töten? Die Menschen denken sich wohl nichts bei dem, was sie sagen.« Und während man dann in Jerusalem hierhin und dorthin wandert, kann man sich nicht des Gedankens erwehren: »Ich möchte doch wohl wissen, was die Leute damit meinen, daß Jerusalem tötet. Ich möchte wirklich wissen, wo das Jerusalem ist, das den Menschen den Tod bringt.« Es kann ja z. B. geschehen, daß man sich entschließt, eine Wanderung rund um Jerusalem zu unternehmen. Man geht dann durch das Jaffator, biegt dann links ab, vorüber an dem mächtigen, viereckigen Davidsturm, und setzt den Weg auf dem schmalen Pfade fort, der neben der Stadtmauer hinläuft, auf das Zionstor zu. Hart unter der Mauer liegt eine türkische Kaserne, wo man Waffenlärm und kriegerische Musik vernimmt. Dann kommt man an dem großen armenischen Kloster vorüber, das ebenfalls eine Festung ist, mit starken Mauern und Toren mit Schlössern und Riegeln davor. Eine Strecke weiterhin stößt man auf das schwere, graue Gebäude, das Davidsgrab genannt wird, und wenn man das sieht, fällt einem plötzlich ein, daß man auf dem heiligen Zion steht, auf dem Berge der Könige. Da kann man nicht umhin, zu denken, daß der Berg unter einem ein großes Gewölbe ist, in dem König David in seinem goldenen Mantel auf einem Thron von Feuer sitzt und noch heutzutage das Zepter über Jerusalem und Palästina führt. Man muß daran denken, daß die Mauerreste, die die Erde bedecken, Ruinen gefallener Königsburgen sind, daß der Berggipfel gerade vor ihnen, der Berg des Ärgernisses ist, auf dem Salomo sündigte, daß das Tal, in das man hinabsieht, das tiefe Tal Hinnom, einstmals bis an den Rand mit den Leichen der Menschen angefüllt war, die in Jerusalem getötet wurden, damals, als es von den Römern zerstört wurde. Es ist ein ganz wunderliches Gefühl, dort zu gehen. Man meint Kriegslärm zu hören, große Heere ziehen zum Angriff gegen die Mauern, Könige kommen auf ihren Streitwagen dahergefahren. Dies ist das Jerusalem des Krieges und der Macht und der Gewaltherrschaft, denkt man, und man entsetzt sich bei dem Gedanken an all die Untaten und Schrecken, die sich vor dem Blick aufrollen. Da kann es wohl geschehen, daß einem einen Augenblick der Gedanke kommt, ob dies wohl das Jerusalem sein sollte, das Menschen tötet. Aber im nächsten Augenblick zuckt man die Achseln und sagt: »Das ist unmöglich, es ist zu lange her, seit das klirrende Waffengetöse erklang und das rote Blut strömte.« Und man wandert weiter. Aber sobald man um die Ecke der Mauer gebogen ist, und den östlichen Teil der Stadt erreicht hat, begegnet einem ein ganz anderer Anblick. Jetzt gelangt man in den heiligen Stadtteil. Hier denkt man nur an die alten Hohenpriester und Tempeldiener. An der Mauer liegt der Klageplatz der Juden, wo die Rabbiner in langen, roten oder blauen Samtkaftanen stehen und über Gottes Strafgericht weinen. Hier erhebt sich der Berg Moria mit dem herrlichen Tempelplatz. Vor der Mauer fällt das Erdreich langsam ab, bis ins Tal Josaphat mit allen seinen Gräbern. Und auf der andern Seite des Tales sieht man Gethsemane und den Ölberg, von wo aus Christus gen Himmel fuhr. Und hier sieht man auch den Pfeiler in der Mauer, an dem Christus an dem Tage des jüngsten Gerichtes stehen und das eine Ende eines langen Fadens halten soll, der so fein ist wie ein Haar, während Mohammed auf dem Ölberg steht und das andere Ende festhält. Aber die Toten sollen gezwungen werden, auf diesem Faden durch das Tal Josaphat hinzuwandeln, und die Gerechten sollen auf die andere Seite des Tales gelangen, während die Ungerechten in das Feuer Gehennas hinabgestürzt werden. Wenn man hier geht, denkt man: »Ja, dies ist das Jerusalem des Todes und des Gerichts, hier öffnen der Himmel und die Hölle ihre Pforten.« Aber gleich darauf sagt man: »Nein, auch dies ist nicht das Jerusalem, das tötet. Die Posaunen des Gerichts sind weit entfernt, und das Feuer Gehennas brennt nicht mehr.« Wieder setzt man seinen Weg an der Ringmauer entlang fort und erreicht schließlich die Nordseite der Stadt. Wo man jetzt geht, ist es einförmig, öde und einsam. Hier liegt der kahle Hügel, der möglicherweise das wirkliche Golgatha ist, hier liegt die Grotte, in der Jeremias seine Klagelieder dichtete. Hier findet man neben der Mauer den Teich Bethesda, hier schlingt sich die Via Dolorosa unter düsteren Halbbögen hin. Hier ist das Jerusalem der Trostlosigkeit, des Leidens, der Qual und der Versöhnung. Man steht einen Augenblick still und starrt grübelnd diese strenge, ernste Finsternis an. Aber auch dies ist nicht das Jerusalem, das Menschen tötet, denkt man, und wandert weiter. Geht man dann aber nach Nordwesten und Westen weiter, welch eine Veränderung! Hier in dem neuen Teil der Stadt, die außerhalb der Mauern emporgeschossen ist, erheben sich die stattlichen Missionspaläste und die großen Hotels. Hier liegt der umfangreiche Häuserbezirk der Russen, die Kirche und das Krankenhaus und das ungeheure Gasthaus, das zwanzigtausend Pilgern Obdach gewährt. Hier liegen die eleganten Villen des Konsuls und des Priesters, hier wandern Pilger zwischen Läden umher, in denen lauter heilige Sachen verkauft werden. Hier findet man Anlagen und helle, breite Straßen, hier fahren Wagen, hier liegen Banken und Reisebureaus. Auf der anderen Seite breiten sich die ansehnlichen jüdischen und deutschen landwirtschaftlichen Kolonien aus, die großen Klöster, die mannigfaltigen Wohltätigkeitsanstalten. Hier wimmelt es von Mönchen und Nonnen, von Krankenpflegerinnen und Diakonissen, von Popen und Missionaren. Hier wohnen Gelehrte, die die Vergangenheit Jerusalems studieren, und alte englische Damen, die nirgends anders leben können. Hier findet man die prächtigen Missionsschulen, die ihren Schülern unentgeltlichen Unterricht, Wohnung, Kost und Kleidung geben, um Gelegenheit zu haben, ihre Seelen zu gewinnen; hier liegen die Missionshospitäler, wo man die Kranken anfleht, zu kommen und sich pflegen zu lassen, um sie bekehren zu können. Hier werden Gottesdienste und Gebetsversammlungen abgehalten, in denen man um Seelen kämpft. Hier redet der Katholik schlecht von dem Protestanten, der Methodist von dem Quäker, der Lutheraner von dem Reformierten, der Russe von dem Armenier. Hier schleicht der Neid umher, hier sieht der Schwärmer den Wundertäter scheel an, hier streitet der Orthodore mit dem Ketzer, hier wird keine Barmherzigkeit geübt, hier haßt man zu Gottes Ehren seine Mitmenschen. Und hier findet man das, was man sucht. Hier ist das Jerusalem der Seelenjagd, hier ist das Jerusalem der bösen Zungen, das Jerusalem der Lügen, der Verleumdung und Lästerung. Hier verfolgt man, ohne zu ermüden, hier mordet man ohne Waffen. Dies ist das Jerusalem, das Menschen tötet. Von dem Tage an, wo die schwedischen Brüder in die heilige Stadt gekommen waren, spürten alle Mitglieder der Gordonkolonie eine große Veränderung in der Art und Weise, wie sich die Leute gegen sie benahmen. Zu Anfang waren es nur Kleinigkeiten. Es war nur z. B., daß der englische Methodistenprediger es vermied, sie zu grüßen, oder daß die frommen Zionschwestern, die im Kloster am Ecce-Homo-Bogen wohnten, auf die andere Seite der Straße hinüberschlichen, wenn sie ihnen begegneten, als fürchteten sie, von etwas Bösem angesteckt zu werden, wenn sie in ihre Nähe kamen. Es fiel keinem der Kolonisten ein, sich dies zu Herzen zu nehmen, es focht sie auch nicht weiter an, daß einige reisende Amerikaner, die die Kolonie besucht und einen ganzen Abend bei ihnen gesessen und mit ihren Landsleuten geplaudert hatten, am nächsten Tag nicht wieder kamen, wie sie verabredet hatten, und Mrs. Gordon und Miß Joung, als sie ihnen später auf der Straße begegneten, nicht wieder zu erkennen schienen. Eine ernstere Sache aber war es, daß, als die jungen Frauen von der Kolonie in einen der großen Läden am Jaffator kamen, die griechischen Kaufleute sich erlaubten, ihnen Worte zuzurufen, die sie freilich nicht verstanden, die aber in einem Ton und mit einer Miene gesagt wurden, daß ihnen die Schamröte in die Wangen trieb. Die Kolonisten wollten sich gern überreden, daß dies nur auf einem Zufall beruhe. »Man hat dort oben in den christlichen Stadtteilen vielleicht eine Verleumdung über uns verbreitet«, sagten sie. »Aber das wird sich schon geben.« Die alten Gordonisten erinnerten sich, daß schon mehrmals böse Gerüchte über sie im Umlauf gewesen waren. Man hatte von ihnen gesagt, daß sie ihren Kindern keine ordentliche Erziehung zuteil werden ließen, daß sie auf Kosten einer alten, reichen Witwe lebten und sie vollständig ausplünderten, daß sie ihre Kranken ohne Pflege daliegen und sterben ließen, weil sie Gott nicht in die Zügel greifen wollten, daß sie ein Leben in Üppigkeit und Trägheit führten, daß sie sich aber den Anschein geben, als arbeiteten sie daran, das wahre Christentum einzuführen. »Etwas von all diesem wiederholt sich jetzt«, sagten sie. »Aber die Verleumdung wird hinsterben, wie sie es das letztemal getan hat, weil sie kein Körnchen Wahrheit enthält.« Da aber geschah es, daß die bethlehemitische Frau, die jeden Tag kam und ihnen Obst und Gemüse verkaufte, plötzlich wegblieb. Sie suchten sie auf, um sie zu bewegen, wiederzukommen, aber sie erklärte ganz bestimmt, daß sie ihnen nie wieder Kräuter oder Bohnen verkaufen werde. Das war ein deutliches Zeichen. Sie begriffen jetzt, daß etwas Ehrenrühriges über sie erzählt wurde, es war etwas, das ihnen allen galt, und es war in allen Volksschichten ausgebreitet. Es währte nicht lange, bis sie eine neue Bestätigung erhielten. Einige von den Schweden standen eines Tages in der heiligen Grabeskirche, als eine Schar russischer Pilgrime dahinein kam. Die gutmütigen Russen lächelten und nickten ihnen zu; sie konnten sehen, daß sie Bauern waren, gerade so wie sie selbst. Aber im selben Augenblick kam ein griechischer Priester vorüber, und er sagte ein paar Worte zu den Pilgern. Augenblicklich bekreuzigten sich diese und drohten den Schweden mit geballten Fäusten; es sah so aus, als wollten sie sie aus der Kirche hinausjagen. Ganz in der Nähe von Jerusalem liegt eine Kolonie deutscher Bauern, die Sektierer sind. Schon vor vielen Jahren sind sie in das heilige Land gezogen. Daheim in ihrem Vaterlande wie auch hier in Palästina sind sie Gegenstand vieler Verfolgungen gewesen. Man hatte versucht, sie gänzlich auszurotten. Trotz alledem war es ihnen so gut ergangen, daß sie jetzt große, prächtige Kolonien in Caifa und ganz Jaffa besaßen, außer denen, die sie in Jerusalem selbst angelegt hatten. Einer von diesen Deutschen kam eines Tages zu Mrs. Gordon und sagte ihr ganz aufrichtig, er habe böse Gerüchte über sie und ihre Leute gehört. »Die Missionare da drüben«, sagte er und zeigte nach dem westlichen Teil der Stadt hinüber, »verleumden Euch. Hätte ich es nicht selbst erfahren, daß man ganz unschuldig an dem sein kann, weswegen man verfolgt wird, so würde ich Euch weder Fleisch noch Milch verkaufen. Aber ich verstehe ja, daß sie es nicht haben ertragen können, mitanzusehen, daß Ihr in der letzten Zeit so viele Anhänger gewonnen habt.« Mrs. Gordon fragte, wessen man sie denn beschuldige. »Sie sagen von Euch, daß Ihr ein lasterhaftes Leben hier in der Kolonie führt. Ihr gestattet Euren Leuten nicht, in den Stand der heiligen Ehe zu treten, wie Gott es befohlen hat, deswegen behauptet man, daß bei Euch nicht alles so zugeht, wie es zugehen sollte.« Die Kolonisten wollten ihm anfänglich nicht glauben. Aber sie merkten bald, daß er die Wahrheit geredet hatte, und daß alle Menschen in Jerusalem von ihnen glaubten, daß sie einen schändlichen Lebenswandel führten. Keiner von den Christen in Jerusalem wollte etwas mit ihnen zu schaffen haben. In den Gasthäusern wurden die Reisenden gewarnt, sie zu besuchen. Einige von den Fremden wagten sich freilich hin und wieder noch nach der Kolonie hinaus. Wenn sie von dort zurückkehrten, schüttelten sie geheimnisvoll den Kopf und sagten, sie hätten nichts Anstößiges bemerkt; aber sie meinten allerdings, es könne ja allerlei dort betrieben werden, was man nicht zu sehen bekomme. Die Amerikaner, von dem Konsul bis herab zu der geringsten Krankenpflegerin, waren am allergehässigsten gegen die Gordonisten. »Es ist eine Schande für uns alle, daß es Amerikaner sind,« sagten sie, »daß solche Menschen nicht aus Jerusalem hinausgejagt werden können.«   Die Kolonisten waren natürlich klug genug, um sich selbst zu sagen, daß hierbei nichts zu machen sei, daß sie die Leute reden lassen mußten. Ihre Widersacher würden wohl einsehen, daß sie unrecht hatten. »Wir können doch nicht von Haus zu Haus gehen und erzählen, daß wir unschuldig sind«, sagten sie. Sie trösteten sich damit, daß sie ja einander hatten, und daß sie einig und glücklich seien. »Die Armen und die Kranken in Jerusalem haben noch nicht angefangen uns zu scheuen«, sagten sie. »Wir müssen dies vorüberziehen lassen; es ist eine Prüfung, die Gott uns schickt.« Gleich im Anfang ertrugen alle Schweden die häßlichen Verleumdungen mit großer Ruhe. »Sind sie hier draußen so verblendet,« sagten sie, »daß sie glauben, wir armen Bauern haben gerade diese Stadt aufgesucht, in der unser Heiland starb, um ein schändliches Leben zu führen, dann ist ihr Urteil nicht viel wert, und dann ist es ganz gleichgültig, was sie meinen.« Und als die Leute fortfuhren, sie mit Verachtung zu behandeln, war es ihnen eine Freude, zu denken, daß Gott sie würdig erachtete, Verfolgung und Verhöhnung in derselben Stadt zu erleiden, wo man Christus verspottet und gekreuzigt hatte. Aber als es Oktober geworden war, kam eines Tages ein Brief an des Gemeindevorstehers Gunhild. Er war von ihrem Vater. Er schrieb, um ihr zu erzählen, daß ihre Mutter gestorben sei. Der Vater machte ihr keine Vorwürfe, er schrieb nur von der Krankheit und dem Begräbnis. Man konnte wohl merken, daß der alte Gemeindevorsteher bei sich gedacht hatte: »Ich will ihr schonend schreiben, sie wird ohnedies schon unglücklich sein.« Er hatte den ganzen Brief in derselben milden Gemütsstimmung geschrieben, bis er seinen Namen darunterschrieb. Aber da hatte der zurückgehaltene Zorn ihn plötzlich übermannt. Er hatte die Feder schnell und tief in das Tintenfaß getaucht, und mit großen, eckigen Buchstaben hatte er ganz unten an den Rand des Briefes geschrieben: »Deine Mutter hätte den Kummer über Deine Abreise vielleicht überwinden können, aber sie nahm ihren Tod über das, was im Missionsblatt stand, daß Ihr da drüben in Jerusalem ein schändliches Leben führtet. So etwas hatte niemand hier erwartet, weder von Dir noch von denen, in deren Gesellschaft du fortgereist bist.« Gunhild steckte den Brief in die Tasche; sie ging den ganzen Tag damit herum, ohne mit jemand darüber zu reden. Sie zweifelte nicht daran, daß der Vater die Wahrheit geschrieben hatte in bezug auf das, was den Tod der Mutter verursacht hatte. Die Eltern waren immer sehr ehrliebend gewesen und sehr genau in bezug auf ihren guten Ruf. Sie hatte auch etwas davon, niemand in der ganzen Kolonie hatte so sehr darunter gelitten, Gegenstand der Verachtung zu sein. Ihr half es nichts, daß sie selbst wußte, sie war unschuldig; sie fühlte sich doch beschimpft, und es war ihr, als könne sie sich nicht unter Menschen sehen lassen. Schon seit langer Zeit hatte sie sich gegrämt und sich von den bösen Zungen gepeinigt gefühlt, wie von brennenden Wunden. Und nun hatten sie ihrer Mutter das Leben genommen. Gertrud und Gunhild bewohnten dasselbe Zimmer. Sie waren immer die besten Freundinnen gewesen; aber Gunhild sprach nicht einmal mit Gertrud über das, was der Vater ihr geschrieben hatte. Sie fand es unrecht, Gertruds Freude zu stören, die sie darüber empfand, hier in Jerusalem zu sein, wo alles mögliche ihr die Erinnerung an ihren Heiland nahe brachte. Aber den ganzen Tag hindurch nahm Gunhild den Brief wieder und wieder hervor. Sie wagte nicht, ihn zu lesen; nur wenn sie ihn ansah, zog sich schon ihr Herz zusammen in beißendem Kummer. »Ach, könnte ich doch sterben,« dachte sie, »ich werde ja nie wieder glücklich. Ach, könnte ich doch sterben!« Sie saß da und betrachtete den Brief. Sie fühlte, daß er ein Gift enthielt, das sie töten würde. Sie hoffte nur, daß es schnell gehen und bald vorüber sein möge. Am nächsten Tage kam Gunhild durch das Damaskustor gegangen. Sie war in der Stadt gewesen und wollte jetzt nach Hause, nach der Kolonie. Es war ein außerordentlich warmer Tag, was gegen Ende Oktober, ehe der Herbstregen noch begonnen hat, häufig der Fall ist. Als Gunhild aus der finsteren Stadt herauskam, wo Häuser und Bögen Schutz gegen die Sonne gewährt hatten, war es ihr, als wenn der blendende Sonnenschein sie wie ein Stoß traf, und sie hatte die größte Lust, in den kühlen Schatten des Torgewölbes zurückzulaufen. Sie fand, daß der sonnenbeschienene Weg, der vor ihr lag, so unheimlich aussah. Es war, als solle man eine Schießbahn entlanggehen, in der die Soldaten nach der Scheibe schossen. Gunhild wollte indessen um des bißchen Sonnenscheins willen nicht umkehren. Sie hatte freilich gehört, daß es gefährlich sein könne, aber sie glaubte nicht recht daran. Statt dessen tat sie, was man zu tun pflegt, wenn man in einen starken Regenschauer hinauskommt, sie zog den Kopf zwischen die Schultern, schob das Tuch, das sie um den Hals hatte, höher in den Nacken hinauf und eilte, so schnell sie konnte, vorwärts. Während sie ging, hatte sie ein Gefühl, als wenn die Sonne mit einem Feuerbogen in der Hand dasäße und einen glühenden Pfeil nach dem andern auf sie abschösse, und daß sie die ganze Zeit nach ihr ziele. Die Sonne hatte gar nichts weiter zu tun, als sie als Zielscheibe zu betrachten. Das Feuer hagelte auf sie herab, und nicht nur vom Himmel herunter kam es. Alles um sie her glühte und stach sie in die Augen. Kleine, scharfe Pfeile kamen aus den Glimmerkörnern in den Steinen des Weges herausgeschossen. Die grünen Fensterscheiben eines Klosters, an dem sie vorüberkam, blitzten, so daß sie den Blick nicht dahin zu wenden wagte. Der stählerne Schlüssel in einer Tür sandte ihr einen kleinen, boshaften Strahl nach. Und ebenso die blanken Blätter einer Rizinuspflanze, die den Sommer nur deswegen überlebt zu haben schien, um hier zu stehen und sie zu peinigen. Wohin sie auch den Blick wandte, am Himmel und auf der Erde schimmerte und glitzerte es. Es war eigentlich nicht die Hitze, die sie quälte, obwohl die stark genug war, sondern vielmehr das fürchterliche weiße Sonnenlicht, das hinter die Augen hineindrang, und das sich in das Gehirn hineinbrannte. Gunhild fühlte sich so voll von Haß und Zorn gegen die Sonne wie ein armes, gejagtes Tier gegen den, der ihm nach dem Leben trachtet. Es überkam sie eine wunderliche Lust, umzukehren und ihrem Verfolger gerade ins Gesicht zu sehen. Lange widerstand sie, aber zuletzt wandte sie sich um und sah zum Himmel empor. Ja, da saß die Sonne oben wie eine große, blauweiße Flamme. Während Gunhild da hinaufsah, wurde der Himmel ganz schwarz, aber die Sonne kroch hinein, und es war ihr, als könne sie sehen, daß sie sich von ihrem Platz am Himmel loslöste und herabgefahren kam, um sie in den Nacken zu treffen und zu töten. Gunhild stieß einen Schrei aus. Sie hielt die eine Hand empor, um den Nacken zu beschützen, und fing an zu laufen. Als sie eine ganze Strecke auf dem Wege weitergelaufen war, wurde der weiße Kalkstaub in einer erstickenden Wolke um sie aufgewirbelt, und sie gewahrte einen großen Haufen Steine. Es waren die Ruinen eines eingestürzten Hauses. Sie eilte dorthin und war so glücklich, eine Öffnung zu finden, die in den Keller hinabführte. Gunhild gelangte in ein kühles, wohltuendes Dunkel. Sie konnte nicht zwei Schritt vor sich sehen. Sie stellte sich mit dem Rücken gegen den Eingang und ließ die Augen im Dunkeln ausruhen. Hier war nichts, was schimmerte, nichts, was glitzerte. Sie begriff jetzt, wie einem armen Fuchs zumute sein muß, wenn er in seine Höhle hineingeschlüpft ist, während die Jäger hinter ihm her sind. Jetzt standen die Hitze und der Staub und das Licht und der Sonnenschein wie gefoppte Jäger draußen vor ihrer Zufluchtsstätte. Die ganze Schar stand mit ihren glühenden Spießen da und wartete, sie aber war hier drinnen in Sicherheit. Gunhild gewöhnte allmählich ihre Augen an die Dunkelheit; sie entdeckte einen Stein und setzte sich darauf, um zu warten. Sie glaubte, sie würde sich wohl stundenlang nicht aus ihrer Höhle hinauswagen dürfen. Nicht, ehe die Sonne so weit im Westen gesunken war, daß sie ihre Macht am Himmel verloren hatte. Aber sie hatte nur eine ganz kurze Zeit da drinnen in der Dunkelheit gesessen, als tausend Sonnen vor ihren Augen zu sprühen begannen und in ihrem armen, erhitzten Gehirn alles herumwirbelte. Ein heftiger Schwindel ergriff sie, es war ihr, als drehten sich die Winde des Kellers in einem unaufhörlichen Rundtanz. Ihr war so schwindlig, daß sie sich an die Wand lehnen mußte, um nicht zu fallen. »Ach Gott, auch hier drinnen werde ich verfolgt!« rief sie aus. »Ich muß wohl etwas Böses getan haben, da die Sonne mich nicht mehr sehen mag«, fuhr sie fort. Im selben Augenblick fiel ihr der Brief ein und der Tod der Mutter, und ihr großer Kummer und ihr Wunsch zu sterben. Das alles war ganz aus ihren Gedanken entschwunden gewesen, während sie sich in wirklicher Lebensgefahr befunden hatte; da hatte sie nur daran gedacht, sich zu retten. Schnell holte sie den Brief hervor, öffnete ihn und trat an den Eingang, um ihn lesen zu können. Ja – da standen die Worte, genau so, wie sie sie in der Erinnerung hatte, und sie stöhnte. Aber gleich darauf kam ein Gedanke, der ihr beruhigend und tröstend erschien. »Verstehst du nicht, daß es Gottes Absicht ist, dich von dem Leben zu erlösen?« Dies erschien ihr so schön und eine große Gnade von Gott. Sie konnte es sich selbst nicht recht klarmachen, denn sie war nicht ganz bei Besinnung. Der Schwindel war wiedergekehrt, der ganze Keller drehte sich rund herum. Oben über ihrem einen Auge tanzte ein glitzernder Feuerstrahl. Aber sie hielt doch fest an dem Gedanken, daß Gott ihr anbot, aus dem Leben zu scheiden und zu ihrer Mutter im Himmel hinaufzukommen und all ihrem Kummer zu entrinnen. Sie erhob sich, faltete erst die Hände im Nacken, zog sie aber wieder zurück und ging dann in den Sonnenschein hinaus, ganz ruhig, als ginge sie in einer Kirche durch den Mittelgang. Sie war jetzt etwas abgekühlt, und gleich als sie hinauskam, spürte sie nichts von Jägern oder Spießen oder glühenden Pfeilen. Aber sie hatte nur wenige Schritte gemacht, als es alles wieder über sie herfiel, als wenn es sich aus einem Hinterhalt auf sie losstürze. Alles auf der Erde schimmerte und glitzerte, und die Sonne kam sausend hinter ihr drein wie ein scharfer Feuerfunke und traf sie im Nacken. Sie machte noch ein paar Schritte. Dann stürzte sie zu Boden, wie vom Blitz getroffen. Leute aus der Kolonie fanden sie einige Stunden später. Sie lag da, die eine Hand gegen das Herz gepreßt, die andere war ausgestreckt und umklammerte den Brief, wie um zu zeigen, was sie getötet hatte. Auf den Flügeln der Morgenröte An dem Tage, als Gunhild vom Sonnenstich getroffen war, befand sich Gertrud in einer der breiten Straßen in der westlichen Vorstadt. Sie war ausgegangen, um etwas Band und einige Knöpfe zu kaufen, die sie zu ihrer Näharbeit nötig hatte, aber da sie da draußen nicht bekannt war, mußte sie ziemlich lange gehen, ehe sie fand, was sie suchte. Sie beeilte sich auch nicht weiter; es machte ihr Vergnügen, im Freien umherzuwandeln. Gertrud hatte noch nicht viel von Jerusalem gesehen. Sie hatte so wenig Kleider von Hause mitgenommen, daß sie fast die ganze Zeit gezwungen gewesen war, drinnen zu sitzen und zu nähen, um etwas zum Anziehen zu haben. Wie immer, wenn sie auf die Straße hinauskam, trat ein froher Ausdruck in ihr Gesicht. Sie empfand ja freilich die schreckliche Hitze und den scharfen Sonnenschein, aber sie litt nicht darunter, so wie die andern. Bei jedem Schritt, den sie tat, dachte sie daran, daß Jesus auf derselben Erde gewandelt haben mußte, die sie betrat. Sie war sicher, daß sein Blick auf dem Hügel geruht hatte, den sie in der Ferne am Ende der Straße sah. Staub und Hitze hatten ihn geplagt, wie sie jetzt sie plagten. Und wenn sie an das alles dachte, trat er ihr so nahe, daß sie kein anderes Gefühl als eine überwältigende Freude empfand. Was Gertrud nach der Ankunft in Palästina so unendlich beglückte, war gerade das, daß sie Jesus viel näher gekommen war als bisher. Hier dachte sie nie daran, daß ein paar tausend Jahre vergangen waren, seit er hier in diesem Lande mit seinen Jüngern umherging, sondern sie bewegte sich in der glücklichen Vorstellung, daß er noch vor ganz kurzem hier gelebt hatte. Sie sah seine Fußspuren auf der Erde, und sie hörte den Schall seiner Schritte in den Straßen Jerusalems. Als Gertrud den steilen Hügel hinabging, der zum Jaffator führt, kam ein Zug von ein paar hundert russischen Pilgern die Straße herauf. Sie waren mehrere Stunden umhergegangen, um heilige Stätten außerhalb Jerusalems zu besuchen, und waren so müde und ermattet von der Wanderung in der starken Sonnenhitze, daß es aussah, als hätten sie kaum Kräfte genug, um sich bis an das russische Gasthaus auf dem Gipfel des Hügels zu schleppen. Gertrud blieb stehen und sah sie an, während sie vorüberzogen. Es waren alles Bauern, und sie wunderte sich zu sehen, wie sehr sie den Leuten daheim glichen, wie sie in ihren Friesröcken und wattierten Jacken dahergewandert kamen. »Es ist sicher ein ganzes Dorf, das sich auf einmal auf den Weg nach Jerusalem gemacht hat«, dachte sie, wie sie dastand und sie ansah. »Der da mit der Brille auf der Nase ist der Schulmeister, und der da mit dem dicken Stock hat einen großen Hof und regiert das ganze Kirchspiel. Der, der so steif und aufrecht dahingeht, ist ein alter Soldat. Und das kleine Männchen mit den schmalen Schultern und den langen Händen ist der Dorfschneider.« In guter Laune stand sie da und dichtete nach alter Gewohnheit kleine Geschichten nach dem, was sie sah. »Die alte Frau dort mit dem seidenen Tuch um den Kopf ist reich«, dachte sie. »Aber sie hat erst auf ihre alten Tage von Hause fortkommen können, denn erst mußte sie ihren Sohn und ihre Töchter verheiratet und versorgt, und ihre Enkel erzogen wissen. Und die andere alte Frau, die neben ihr geht und ein ganz kleines Bündel in der Hand hat, ist sehr arm. Sie ist eine von denen, die ihr ganzes Leben lang hat arbeiten und sparen müssen, um das Geld zu der Jerusalemreise zusammenzubringen.« Es bedurfte nicht mehr als diese Pilger daherwandern zu sehen, um sie liebzugewinnen. Obwohl sie so staubig und erhitzt waren, sahen sie froh und zufrieden aus; man sah keine mißvergnügte Miene in einem einzigen Gesicht. »Wie fromm und geduldig sie doch sein müssen,« dachte Gertrud, »und wie innig sie Jesus lieben müssen, da sie so glücklich darüber sind, in seinem Lande zu wandern, daß sie keine Qual empfinden.« Am Schluß des Zuges kamen einige, die ganz ermattet waren und sich kaum weiterzuschleppen vermochten. Es war rührend, ihre Verwandten und Freunde umwenden und sie unter den Arm nehmen zu sehen, um ihnen den Hügel hinaufzuhelfen. Aber die, die am allerelendsten aussahen, gingen allein, sie waren offenbar so mitgenommen, daß niemand genug Kraft zu haben glaubte, um ihnen zu helfen. Den Beschluß der Schar bildete ein junges Mädchen von siebzehn Jahren. Dieses war ungefähr das einzige, das jung war; die übrigen waren zum größten Teil alt oder in mittleren Jahren. Sobald Gertrud es erblickte, sagte sie zu sich selbst, das junge Mädchen müsse von einem großen Unglück betroffen sein, da das Leben daheim ihr unerträglich geworden sei. Vielleicht hatte auch sie Jesus im Walde auf sich zukommen sehen, und er hatte ihr geraten, nach Palästina zu ziehen. Das junge Mädchen sah sehr krank und leidend aus. Es war zart gebaut, und die schweren, dicken Kleider, und namentlich die plumpen Stiefel, die es, wie alle andern Frauen, anhatte, beschwerten es offenbar sehr. Es schwankte einige Schritte vorwärts, dann blieb es stehen, um Atem zu schöpfen. Es lag eine große Gefahr vor, daß es von einem Kamel umgerissen oder von einem Wagen überfahren würde, so wie es dort unbeweglich auf der Straße stand. Gertrud empfand einen unwiderstehlichen Drang, ihm zu helfen. Sie besann sich nicht lange, sondern trat zu der Kranken heran, legte den Arm um ihre Taille und zeigte, wie sie sich über ihre Schultern lehnen sollte, um Stütze zu finden. Das junge Mädchen sah mit einem stumpfen Blick auf. Halb unbewußt nahm es die Hilfe an und ließ sich einige Schritte von Gertrud weiterschleppen. Aber im selben Augenblick wandte sich eine der älteren Frauen um, sie sah Gertrud scharf an und rief der Kranken mit strenger Stimme ein paar Worte zu. Das junge Mädchen schien sehr erschreckt zu sein; es richtete sich auf, stieß Gertrud zur Seite und versuchte, allein weiterzugehen, blieb aber gleich wieder stehen. Gertrud konnte nicht begreifen, warum das Mädchen ihre Hilfe nicht annehmen wollte. Sie glaubte, es sei, weil die Russen zurückhaltend waren und keine Hilfe von einer Fremden annehmen wollten. Sie eilte wieder zu der Kranken hin und legte von neuem den Arm um sie. Da verzerrte sich das Gesicht der Fremden in großer Angst und in Abscheu. Nicht genug damit, daß sie sich von Gertrud losriß, sie schlug nach ihr und versuchte zu laufen, um ihr zu entkommen. Nun sah Gertrud schließlich, daß der anderen wirklich bange vor ihr war. Es ward ihr sofort klar, daß dies von nichts weiter als von den schändlichen Verleumdungen kommen konnte, die über die Gordonisten ausgebreitet waren. Gertrud war zornig und betrübt. Das einzige, was sie für die Arme tun konnte, war, sie ganz in Ruhe zu lassen, um sie nicht noch mehr zu erschrecken. Aber während sie stillstand und ihr mit den Augen folgte, sah sie, daß das Mädchen, indem es vor ihr floh, in seinem Schrecken und seiner Verwirrung gerade einem Wagen entgegenlief, der in voller Fahrt den Hügel hinabfuhr. Gertrud sah mit Entsetzen, daß die Fremde unfehlbar verloren war und getötet werden würde. Gertrud wollte die Augen schließen, um sich vor diesem schrecklichen Anblick zu bewahren, aber sie hatte gänzlich die Herrschaft über sich selbst verloren, sie war nicht einmal imstande, die Augen niederzuschlagen. Sie stand mit weit geöffneten Augen da und sah die Pferde geradeswegs auf die Kranke zukommen und sie umreißen. Aber im selben Augenblick standen die prächtigen, klugen Tiere von selbst still. Sie wichen zurück, stemmten die Vorderbeine hart gegen die Erde, um das ganze Gewicht des hinabrollenden Wagens auf sich zu nehmen, warfen sich geschmeidig auf die Seite und setzten die Fahrt fort, ohne daß ein Huf oder ein Rad die Gefallene berührt hatte. Gertrud glaubte schon, daß alle Gefahr vorbei sei. Die junge Russin blieb an der Erde liegen, ohne sich zu rühren, aber das war wohl nur, weil sie vor Schrecken ohnmächtig geworden war. Von allen Seiten stürzten nun Leute herbei, um der Verunglückten zu helfen. Gertrud war die erste, die zu ihr gelangte. Sie bückte sich, um ihr aufzuhelfen. Da sah sie, daß aus ihrem Kopf Blut in den Kies hinablief, und daß ihr Gesicht, das aufwärts gewendet war, sonderbar starr geworden war. »Sie ist tot«, dachte Gertrud, »und ich habe sie in den Tod getrieben.« Im selben Augenblick packte ein Mann Gertrud zornig und warf sie zur Seite. Er brüllte ihr einige Worte zu, die, wie sie verstehen konnte, bedeuteten, daß ein so verrufenes Geschöpf wie sie nicht wert sei, die fromme, junge Pilgerin anzurühren. Im nächsten Augenblick ertönten rings um sie her dieselben Worte aus vielen Mündern. Drohende Hände wurden gegen sie erhoben, und sie wurde gestoßen und gepufft, bis sie sich außerhalb der dichten Schar befand, die sich um die Verunglückte gesammelt hatte. Einen Augenblick wurde Gertrud so erzürnt über diese Behandlung, daß sie die Hände ballte. Sie wollte sich verteidigen, sie wollte wieder zu dem russischen Mädchen hin, sie mußte doch wissen, ob es wirklich tot war. »Nicht ich bin unwürdig, ihr zu nahe zu kommen!« rief sie laut auf Schwedisch aus. »Ihr, ihr habt sie getötet. Eure schändlichen Verleumdungen haben sie in den Tod gejagt!« Niemand verstand sie, und Gertruds Zorn wich bald einer tödlichen Angst. Wenn nun jemand gesehen hatte, wie sich das Ganze zugetragen hatte, und es den Pilgern wiedererzählte! Dann würden alle diese Menschen sich ohne Schonung über sie stürzen und sie totschlagen. Schleunigst flüchtete sie von dem Platze fort, lief, so schnell sie konnte, obwohl niemand sie verfolgte. Sie hielt nicht an, bis sie die öde Strecke auf der Nordseite Jerusalems erreicht hatte. Hier blieb sie stehen, strich sich über die Stirn und preßte die gefalteten Hände hart gegen die Stirn. »O Gott, o Gott!« rief sie. »Bin ich jetzt eine Mörderin? Trage ich die Schuld an dem Tode eines Menschen?« Im nächsten Augenblick wandte sie sich der Stadt zu, deren hohe, finstere Mauer in ihrer Nähe aufragte. »Nicht ich bin es, du bist es!« rief sie, »nicht ich bin es, sondern du!« Schaudernd wandte sie sich von der Stadt ab, um nach der Kolonie hinüberzusehen, deren Dächer sie in der Entfernung sah. Aber einmal über das andere blieb sie stehen, während sie versuchte, nur einigermaßen all die Gedanken zu verlieren, die auf sie einstürmten. – – Als Gertrud nach Palästina gekommen war, hatte sie gedacht: »Hier bin ich in dem Lande meines Herrn und Königs. Jetzt stehe ich unter seiner besonderen Obhut, hier kann mich nichts Böses treffen,« Und sie hatte sich in den Glauben eingelullt, daß Christus ihr befohlen hatte, in sein heiliges Land zu reisen, weil er gesehen hatte, daß sie ein so schweres Leid erlitt, daß sie nicht mehr in diesem Leben zu leiden brauchte, sondern in Zukunft in Frieden und Ruhe leben sollte. Aber jetzt war Gertrud zumute wie jemand, der in einer stark befestigten Stadt wohnt und plötzlich die schirmenden Türme und Mauern einstürzen sieht. Sie sah, daß sie wehrlos war. Zwischen ihr und dem Bösen, das auf sie eindrang, war kein Schutz. Im Gegenteil sah es so aus, als ob das Unglück sie hier schlimmer treffen könne als anderswo. Mutig wies sie den Gedanken zurück, daß sie die Schuld an dem Tode der jungen Russin trage, sie wollte sich keine Gewissensbisse über so etwas machen. Aber sie empfand eine dunkle Angst vor dem Schaden, den dies Erlebnis ihr bereiten könne. »Nun sehe ich wohl immerfort vor meinen Augen die Pferde auf sie zulaufen«, klagte sie. »Ich werde gewiß keinen frohen Tag mehr haben.« In ihr erhob sich eine Frage, die sie einen Augenblick niederzuhalten strebte, die aber wieder und wieder aufstieg. Sie fing an, darüber nachzudenken, warum Christus sie in dies Land geschickt hatte. Es war eine große Sünde, diese Frage zu stellen, aber sie konnte es nicht unterlassen. Was war Christi Absicht, als er sie in dies Land sandte? »Ach Gott«, sagte sie in ihrer großen Verzweiflung. »Ich glaubte, du liebtest mich und wolltest alles für mich zum Besten kehren. Ach Gott, ich war so glücklich, als ich glaubte, daß du mich beschütztest.« Als Gertrud nach der Kolonie zurückkehrte, klang ihr eine wunderliche Stille und Feierlichkeit entgegen. Der Junge, der das Tor öffnete, war ungewöhnlich ernsthaft. Und als sie in den Garten trat, fiel es ihr auf, wie still sie alle über das Pflaster hinschritten, und daß niemand laut sprach. »Hier ist der Tod eingekehrt«, dachte sie, ehe noch jemand ein Wort zu ihr gesagt hatte. Bald erfuhr sie, daß man Gunhild tot auf der Straße gefunden hatte. Sie war schon heimgebracht und auf eine Bahre in der Waschküche im Keller gelegt. Gertrud wußte wohl, daß die Toten im Morgenlande sehr schnell begraben werden müssen. Aber sie war doch entsetzt darüber, daß die Vorbereitungen zu dem Begräbnis schon im vollen Gange waren. Tims Halvor und Ljung Björn zimmerten an einem Sarge, und ein paar von den Frauen waren damit beschäftigt, die Leiche anzukleiden. Mrs. Gordon war zu dem Vorsteher einer der amerikanischen Missionsanstalten gegangen, um die Erlaubnis zu erbitten, Gunhild auf dem amerikanischen Friedhof zu beerdigen. Bo und Gabriel standen draußen auf dem Hof, jeder mit seinem Spaten in der Hand, und warteten nur auf Mrs. Gordons Rückkehr, um hinzugehen und das Grab zu graben. Gertrud ging in die Waschküche hinab. Sie stand lange da und betrachtete Gunhild und brach in heftiges Weinen aus. Sie hatte sie immer sehr geliebt, sie, die jetzt dalag und tot war. Aber während sie dastand und Gunhild ansah, ward es ihr klar, daß weder sie, Gertrud, noch irgendein anderer Mensch Gunhild so viel Liebe erwiesen hatte, wie sie es verdiente. Sie hatten ja alle zusammen gewußt, daß sie ehrlich und gut und wahrheitsliebend war. Aber sie hatte sich selbst und andern das Leben schwer gemacht, indem sie zu viel Wert auf Kleinigkeiten legte. Und das hatte die Menschen von ihr zurückgestoßen. Jedesmal, wenn Gertrud hieran dachte, tat es ihr wirklich leid um Gunhild. Ihre Tränen rannen von neuem. Aber plötzlich hörte Gertrud auf zu weinen und sah Gunhild mit Unruhe und Schrecken an. Sie hatte bemerkt, daß Gunhild mit einem Ausdruck in ihrem Gesicht dalag, wie sie ihn im Leben gehabt hatte, wenn sie über etwas nachgrübelte, das schwierig oder verwickelt war. Es war sonderbar, sie mit der tiefen Falte zwischen den Augenbrauen und den vorgeschobenen Lippen liegen und grübeln zu schen. Gertrud entfernte sich langsam von der Toten. Als sie den fremden Ausdruck in Gunhilds Antlitz gesehen hatte, war sie an ihr eigenes Leid erinnert worden. Es war ihr, als liege auch Gunhild da und frage, warum Jesus sie hierher in dieses Land gesandt habe. »Warum sollte ich hierher ziehen, wenn es nur war, um zu sterben?« schien sie zu fragen. Als Gertrud wieder auf den Hof hinaustrat, kam ihr Bo entgegen. Er bat sie, zu kommen und ein wenig mit Hök Gabriel Mattsson zu reden. Gertrud stand ganz verwirrt da und sah Bo an. Sie war so in ihre eigenen Gedanken versunken, daß sie nicht einmal auffassen konnte, was er sagte. – »Gabriel hat Gunhild am Wege gefunden«, sagte Bo als Erklärung. Gertrud hörte ihn nicht an, sie stand da und dachte daran, warum Gunhild diesen Ausdruck in ihrem Antlitz habe. – »Es war schrecklich für Gabriel, sie so tot auf dem Wege zu finden, während er daherkam und nichts Böses ahnte«, sagte Bo, und als Gertrud noch immer verständnislos dastand, fügte er mit tiefbewegter Stimme hinzu: »Wenn es jemand hier aus der Kolonie gewesen wäre, den ich lieb gehabt hätte, und den ich dann tot auf der Landstraße gefunden hätte, so weiß ich nicht, was aus mir werden sollte.« Gertrud sah sich um, als fahre sie aus dem Schlaf auf. Ja, das ist wahr, sie wußte ja aus alten Zeiten, daß Gabriel Gunhild geliebt hatte. Sie hätten sich ja verheiratet, wenn nicht die Jerusalemreise dazwischengekommen wäre. Aber die beiden waren sich einig darin, daß sie nach Palästina ziehen wollten, selbst wenn sie dann niemals Mann und Frau werden konnten. Und nun hatte Gabriel Gunhild tot auf der Straße gefunden! Gertrud ging auf Gabriel zu, der regungslos am Tor stand und ihr keinen Schritt entgegenkam. Mit zusammengepreßten Lippen und starrem Blick stand er da und bohrte den Spaten zwischen die Steine. Als Gertrud vor ihm stehen blieb, bewegte er die Lippen, aber es kam kein Laut hervor. »Es würde Gabriel gut tun, wenn er nur weinen könnte«, flüsterte Bo Gertrud zu. Schweigend reichte Gertrud Gabriel die Hand, wie man es bei einem Begräbnis den nächsten Angehörigen gegenüber zu tun pflegt. Gabriels Hand lag schlaff und kalt in der ihren. »Bo hat mir erzählt, daß du sie gefunden hast«, sagte Gertrud. Gabriel stand noch immer regungslos da. – »Das war schwer für dich«, fuhr sie fort, während Gabriel wie ein Steinbild dastand. Sie begriff, wie entsetzlich dies für ihn gewesen war. – »Aber ich glaube, Gunhild würde sich gefreut haben, daß du es warst, der sie fand«, sagte sie. Da zuckte Gabriel zusammen; er erhob die Augen und sah Gertrud an. »Glaubst du, daß sie sich darüber gefreut hätte?« – »Ja,« antwortete Gertrud, »ich kann begreifen, daß es schwer für dich war, aber ich glaube, sie würde am liebsten gesehen haben, daß du sie finden solltest.« – »Ich wich nicht einen Augenblick von ihr,« sagte Gabriel leise, »bis Leute kamen, die mir helfen konnten. Ich habe sie sanft und vorsichtig hierher getragen.« – »Ja, davon bin ich überzeugt«, sagte Gertrud. Gabriels Lippen bebten, und plötzlich stürzten ihm Tränen aus den Augen. Bo und Gertrud standen still neben ihm und ließen ihn weinen. Gabriel preßte die Hand gegen den Türpfosten, er schluchzte heftig. Nach einer Weile wurde er ruhiger. Er trat auf Gertrud zu und reichte ihr die Hand. »Hab' vielen Dank«, sagte er. Seine Stimme war jetzt sanft und mild, es klang fast, als wenn sein Vater, der alte Hök Matts, spräche. »Jetzt will ich dir etwas zeigen, was ich eigentlich keinem Menschen zeigen wollte«, fuhr er fort. »Als ich Gunhild fand, lag sie da mit einem Brief in der Hand, der war von ihrem Vater. Ich nahm ihn, ich meinte, ich sei der Nächste dazu, ihn zu lesen. Nun denke ich, daß du auch alte Eltern daheim hast, und ich will ihn dir zeigen, weil du mich zum Weinen gebracht hast.« Gertrud nahm den Brief und las ihn. Dann sah sie Gabriel an. »Also deswegen ist sie gestorben«, sagte sie. Gabriel nickte. – »Ich glaube, es war deswegen«, sagte er. Gertrud schrie fast: »Jerusalem, Jerusalem, du bringst uns alle um. Ich glaube, Gott hat uns verlassen.« Im selben Augenblick trat Mrs. Gordon zum Tor hinein. Sie schickte Gabriel und Bo gleich nach dem Begräbnisplatz. Gertrud ging in die kleine Kammer, wo sie mit Gunhild zusammen gewohnt hatte. Dort saß sie den ganzen Abend allein, in einer so starken und unüberwindlichen Angst, als sei sie von Gespensterfurcht überfallen. Es war ihr, als müsse noch mehr Schreckliches an diesem Tage geschehen, sie ängstigte sich davor, als läge es in einem Winkel und laure auf sie. Und gleichzeitig ward sie von Zweifeln gequält. »Ich weiß nicht, warum Christus uns hierher gesandt hat«, dachte sie. »Wir bringen ja Unglück über uns selbst und über die andern.« Für eine Weile gelang es ihr, den Zweifel in die Flucht zu jagen, aber gleich darauf ertappte sie sich dabei, daß sie dasaß und alle die aufzählte, die infolge der Auswanderung ins Unglück geraten waren. Nichts konnte ja sicherer und gewisser erscheinen, als daß Gott wollte, daß sie nach Palästina reisen sollte. Wie konnte es da sein, daß dies nur Elend zur Folge hatte? Sie hatte Feder und Papier hervorgeholt, um an ihre Eltern zu schreiben, aber sie war nicht dazu imstande. »Was soll ich schreiben, damit sie mir glauben?« rief sie aus. »Falls ich mich hinlegte und stürbe, so wie Gunhild, so würden sie mir vielleicht glauben, daß wir unschuldig sind.« Der Tag schleppte sich langsam hin, und die Nacht kam. Gertrud war so unglücklich, daß sie nicht schlafen konnte. Sie sah Gunhilds Antlitz vor sich und konnte nicht umhin, sich wieder und wieder zu fragen, worüber die Tote nachgegrübelt habe. Schließlich ward es ihr zur Gewißheit, daß Gunhild mit derselben Frage auf den Lippen gestorben war, mit der sie stritt. Noch ehe der Tag graute, stand Gertrud auf und kleidete sich an, um auszugehen. An diesem letzten Tage und in dieser Nacht war sie so weit von Christus weggekommen, daß sie nicht begreifen konnte, wie sie wieder zu ihm zurückfinden sollte. Jetzt, als es Morgen wurde, erfaßte sie eine Sehnsucht, die Stätte aufzusuchen, von der sie ganz gewiß wußte, daß er sie betreten hatte. Und diese einzige Stätte, deren Lage niemals jemand bestritten hatte, war der Ölberg. Sie dachte, daß, wenn sie nun dahin ginge, sie ihm wieder nahekommen würde, sie sich von seiner Liebe überschattet fühlen und seine Absicht mit ihr verstehen würde. Gleich, als sie in die finstere Nacht hinauskam, erfaßte sie eine noch größere Angst. Wieder und wieder durchlebte sie all das Unglück und die Ungerechtigkeit, die dieser eine Tag gebracht hatte. Aber je höher sie auf den Berg hinaufkam, je mehr fühlte sie, daß es wunderlich licht in ihr ward. Die drückende Last wurde von ihren Schultern genommen. Sie fing an, eine Erklärung zu ahnen. Dies ist ja die einzige Möglichkeit, dachte sie, wenn solche Ungerechtigkeit ihren Gang gehen durfte, so mußte man die letzten Tage der Welt erreicht haben. Das war die einzige Art und Weise, wie man verstehen konnte, daß Recht Unrecht wurde, daß Gott nicht die Macht besaß, das Böse zu hindern, daß die Heiligen verfolgt wurden, daß die Lüge unwidersprochen gedieh. Sie blieb stehen und grübelte. Ja, wahrlich, das war es, die Wiederkehr des Herrn stand bevor, und sie würde ihn bald aus den Wolken des Himmels herabkommen sehen. Und verhielt es sich so, dann konnte sie begreifen, warum sie alle nach Jerusalem gerufen waren. Aus Gottes Gnade waren sie und ihre Freunde dort hinabgesandt, um Jesus zu begegnen. Sie schlug die Hände vor Verwunderung und Freude zusammen, als sie daran dachte, wie unendlich groß dies war. Schnellen Schrittes ging sie den Berg hinauf, bis sie den höchsten Punkt erreichte, von wo aus Jesus gen Himmel aufgefahren war. Sie konnte nicht auf den umfriedigten Platz selbst gelangen, aber sie blieb davor stehen und sah zu dem Himmel empor, der jetzt in dem plötzlich hervorbrechenden Tagesschimmer erstrahlte. »Vielleicht kommt er schon heute«, dachte sie. Sie faltete die Hände und sah empor zu dem Morgenhimmel, der mit federleichten Wolken bedeckt war. Im selben Augenblick färbten sie sich rot, und es sah so aus, als ob ein Widerschein von ihnen auf Gertruds Gesicht erglühte. »Er kommt,« sagte sie, »er kommt gewiß.« Sie starrte die Morgenröte an, als sähe sie sie zum erstenmal. Es war ihr, als könne sie tief in den Himmel hineinsehen. Gerade nach Osten zu erblickte sie eine tiefe Wölbung mit einer hohen und breiten Pforte, und sie erwartete nur, zu sehen, wie die Torflügel zur Seite wichen, so daß Christus und alle seine Engel hinausziehen konnten. Nach einer Weile öffnete sich wirklich die Pforte des Ostens, und die Sonne schritt über den Himmel dahin. Gertrud blieb unbeweglich und erwartungsvoll stehen, während die Sonne ihren Glanz über das Bergtal westlich von Jerusalem warf, dort, wo eine Reihe von Felsgipfeln wie Wellen aus einem Meer auftauchten. Sie stand still da und wartete, bis die Sonne so hoch gestiegen war, daß ihre Strahlen das Kreuz auf der Kuppel der Grabeskirche beschienen. Es war Gertrud, als habe sie einmal gehört, daß Christus bei Sonnenaufgang auf den Flügeln der Morgenröte kommen sollte. Da ward es ihr klar, daß sie ihn nur diese eine Stunde des Tages erwarten könne. Und doch fühlte sie sich so bedrückt und unruhig. »Dann kommt er morgen«, sagte sie sich mit der größten Zuversicht. Sie stieg den Berg hinab und kam mit freudestrahlendem Antlitz in die Kolonie zurück. Aber sie sprach mit niemand von der großen, frohen Gewißheit, die sie erfüllte. Den ganzen Tag saß sie bei ihrer Arbeit wie gewöhnlich und sprach über gleichgültige Dinge. Am nächsten Morgen bei Tagesanbruch stand sie wieder auf dem Ölberg. Und Morgen für Morgen ging sie da hinaus, denn sie wollte die erste von allen Menschen sein, die Christus in der Herrlichkeit des Morgens kommen sah. Gertruds Morgenwanderungen erregten bald Aufmerksamkeit in der Kolonie, und man bat sie, zu Hause zu bleiben. Die Kolonisten hielten ihr vor, daß es ihnen schaden könne, wenn Leute sie jeden Morgen auf dem Ölberge knien und Christi Kommen erwarten sahen. Wenn sie so fortfuhr, würde man bald von ihnen sagen, daß sie wahnsinnig seien. Gertrud versuchte, zu gehorchen und zu Hause zu bleiben. Aber in der frühen Morgenstunde erwachte sie. Dann stand es ganz klar vor ihrer Seele, daß gerade heute Jesus kommen würde, und da konnte nichts sie daran hindern, aufzustehen und hinauszueilen, um ihren Herrn und Heiland zu empfangen. Diese Erwartung war ihr zur zweiten Natur geworden. Sie konnte ihr nicht widerstehen, konnte sich nicht davon befreien, in allem andern war sie ganz wie früher. Es war keine Unklarheit in ihrem Gehirn, sie war nur insofern verändert, als sie froher und sanfter war denn zuvor. Nach und nach gewöhnte man sich an ihre Morgenwanderungen, und ließ sie kommen und gehen, ohne sich darum zu kümmern. Aber wenn sie am Morgen hinausging, sah sie einen dunklen Schatten an der Tür stehen und warten. Während sie den Berg hinaufstieg, hörte sie Schritte von eisenbeschlagenen Absätzen hinter sich. Sie sprach niemals mit diesem Schatten, aber sie hatte ein Gefühl von Sicherheit, wenn die schweren Schritte ihr folgten. Zuweilen, wenn sie vom Berge hinabkam, lief sie gerade auf Bo zu, der an eine Mauer gelehnt stand und mit einem Ausdruck hündischer Treue in den Augen auf sie wartete. Bo errötete und sah nach der andern Seite, und Gertrud tat, als habe sie ihn nicht gesehen, und ging weiter.   Baram Pascha Die Kolonisten waren sehr froh darüber, daß sie das große, schöne, neue Haus vor dem Damaskustor hatten mieten können. Es war so groß, daß sie fast alle Platz darin hatten; nur ein paar Familien mußten sich anderswo eine Unterkunft suchen. Es war außerdem so vorzüglich eingerichtet mit seinen Dachterrassen und seinen offenen Säulengängen, die in der Sommerhitze willkommene Zufluchtsstätten bildeten. Sie konnten nicht umhin, es für eine ganz besondere Gnade von Gott zu halten, daß ein solches Haus gerade leer stand, als sie seiner bedurften. Sie sprachen oft darüber, daß sie nicht wüßten, wie sie es hätten machen sollen, um die Traulichkeit und den Zusammenhalt in der Kolonie zu schaffen, wenn sie nicht das Haus für sich bekommen hätten, sondern gezwungen gewesen wären, jeder für sich in der Stadt zu wohnen. Dies war aber so zugegangen: Das Haus gehörte Baram Pascha, der zu jener Zeit Gouverneur von Jerusalem war; er hatte vor ungefähr drei Jahren dies große Haus für seine Frau gebaut, die er mehr als alles andere auf der Welt liebte. Er wußte nämlich, daß er ihr keine größere Freude machen konnte, als wenn er ihr dies Haus baute, wo sie mit ihrer ganzen großen Familie, mit ihren Söhnen und Schwiegertöchtern und Töchtern und deren Gatten und Kinder und dem ganzen Gesinde wohnen konnte. Aber als dies Haus fertig geworden und Baram Pascha mit seiner ganzen Familie hineingezogen war, hatte ihn ein großes Unglück getroffen. In der ersten Woche, in der er darin wohnte, starb eine von seinen Töchtern, in der Woche darauf starb eine zweite Tochter, und in der dritten Woche starb seine geliebte Frau. Da ward Baram Pascha von tiefem Schmerz ergriffen, er zog gleich wieder fort aus seinem neuen Palast, ließ ihn schließen und schwur, daß er ihn nie wieder betreten wolle. Seit der Zeit hatte das Haus leer gestanden, bis die Gordonisten in diesem Frühling gekommen waren und Baram Pascha gebeten hatten, es ihnen zu vermieten. Alle Leute waren sehr erstaunt darüber gewesen, daß er darauf eingegangen war, denn man glaubte, daß Baram Pascha nie wieder einen Menschen innerhalb dieser Mauern wohnen lassen wolle. Aber als dann im Herbst die häßlichen Verleumdungen über die Gordonisten sich auszubreiten begannen, überlegten mehrere von den amerikanischen Missionaren, wie man diese, ihre Landsleute, zwingen könnte, Jerusalem zu verlassen. Sie beschlossen, zu Baram Pascha zu gehen und mit ihm über seine Mieter zu reden. Und das taten sie. Sie erzählten ihm alles das Böse, was sie von ihnen wußten, und sie fragten ihn, wie er so verachteten Menschen erlauben könne, in dem Hause zu wohnen, das er für seine Gattin gebaut hatte.   Es war an einem schönen Novembermorgen gegen acht Uhr. Die schwere Nacht, die mit ihrer Finsternis über der Stadt gebrütet hatte, war schon gewichen, und Jerusalem war im Begriff, sein gewöhnliches Aussehen wiederzugewinnen. Am Damaskustor hatten die Bettler schon vor einer ganzen Weile ihren Platz eingenommen, und die Straßenhunde, die in der Nacht umhergestreift waren, begaben sich nun zur Tagesruhe in ihre Höhlen oder auf die Kehrichthaufen. Eine kleine Karawane hatte am Abend vorher ihr Lager dicht vor dem Tor aufgeschlagen. Sie machten sich jetzt bereit, aufzubrechen; die Führer befestigten die Warenballen auf den knienden Kamelen, die brüllten, als sie die schwere Last auf dem Rücken fühlten. Draußen auf der Landstraße kamen Bauern, die mit großen Körben voller Gemüse in die Stadt eilten. Von dem Berge herab kamen Hirten und wanderten feierlich durch die Torwölbung, gefolgt von großen Schafherden, die geschlachtet werden, und von Ziegen, die gemolken werden sollten. Gerade als das erste Morgengedränge im Tor herrschte, kam ein alter Mann auf einem hübschen, weißen Esel geritten. Er war prachtvoll gekleidet; er trug ein Untergewand von weichem, gestreiftem Seidenstoff und darüber einen fußfreien Kaftan von hellblauem Brokat, mit Pelzwerk verbrämt. Sowohl sein Turban als auch sein Gürtel waren mit reichen Stickereien von goldfarbiger Seide geschmückt. Sein Antlitz war sicher einstmals schön und ehrfurchtgebietend gewesen. Jetzt hatte das Alter ihm seinen Stempel aufgedrückt: die Augen trieften, der Mund war eingefallen, und der weiße Bart hing struppig und leblos herab und war an den Spitzen vergilbt. Alle, die durch das Tor wimmelten, sahen ihm erstaunt nach und fragten einander: »Warum reitet Baram Pascha durch das Damaskustor auf die Straße hinauf, die er seit drei Jahren nicht mehr hat sehen wollen?« Andere fragten: »Will Baram Pascha hinausreiten, um sich nach seinem Hause umzusehen, das er nie wieder zu betreten geschworen hat?« Während Baram Pascha durch das Volksgedränge am Tor ritt, sagte er zu seinem Diener Machmud, der ihm folgte: »Hörst du, Machmud, daß alle diese Menschen, denen wir begegnen, sich wundern und einander fragen: was hat dies zu bedeuten, will Baram Pascha nach seinem Hause hinausreiten, das er seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat?« Und sein Diener antwortete, er habe wohl gehört, daß die Leute sich wunderten. Da sagte Baram Pascha in großem Zorn: »Glauben sie denn, daß ich so alt bin, daß man mit mir tun kann, was man will? Glauben sie, daß ich mich darein finden werde, daß diese Fremden ein schändliches Leben in dem Hause führen, das ich für meine Gattin gebaut habe, die eine gute und fromme Frau war?« Baram Paschas Diener versuchte, seinen Zorn zu mildern, und sagte zu ihm: »Herr, du vergißt, daß es nicht das erstemal ist, daß die Christen einander verleumden.« Baram Pascha erhob den Arm in seinem Zorn und rief aus: »Flötenbläser und Tänzerinnen haben ihre Zufluchtsstätte in dem Hause, in dem meine Lieben starben! Der Tag soll nicht zu Ende gehen, ehe diese Missetäter aus meinem Hause vertrieben sind.« Kaum hatte der alte Pascha diese Worte gesagt, als ihm und seinem Diener eine Schar Schulkinder begegnete, die zu zwei und zwei in raschem Schritt näher kamen. Und als der Pascha sie sah, fiel es ihm auf, wie wenig sie allen den andern Kindern glichen, die sich auf den Straßen von Jerusalem herumtummelten; denn sie waren rein gewaschen, sie hatten helle Kleider und starke Schuhe, und ihr Haar war blond und glatt gekämmt. Baram Pascha hielt seinen Esel an und sagte zu seinem Diener: »Gehe hin und frage sie, wer sie sind.« Aber sein Diener antwortete: »Ich brauche nicht zu fragen, wer sie sind. Denn ich sehe sie jeden Tag. Es sind die Kinder der Gordonisten, und sie sind auf dem Wege nach der Schule, die ihre Leute in der Stadt in dem alten Hause errichtet haben, in dem sie wohnten, ehe sie dies, dein großes Haus gemietet hatten.« Während der Pascha noch still stand und den Kindern nachsah, kamen zwei Männer, die auch zu der Kolonie gehörten, mit einer Karre geschoben, in der die kleinsten Schulkinder saßen, die nicht Kräfte genug hatten, den langen Weg in die Stadt zu machen. Und der Pascha sah, daß die Kleinen in die Hände klatschten, vor Freude darüber, fahren zu dürfen. Und die, die sie zogen, lachten ihnen zu und liefen schneller, um sie zu erfreuen. Da faßte der Diener Mut und sagte: »Glaubst du nicht auch, Herr, daß diese Kinder gute Eltern haben müssen?« Aber Baram Pascha war ein alter Mann und unerschütterlich in seinem Zorn, wie es alte Leute zu sein pflegen. »Ich habe gehört, was ihre eigenen Landsleute von ihnen erzählen«, sagte er. »Und ich sage dir, ehe es Abend wird, sollen sie aus meinem Hause vertrieben sein.« Als Baram Pascha wieder eine Strecke geritten war, begegnete er einer Schar Frauen in europäischer Kleidung, die nach der Stadt gingen. Sie gingen sehr still und ehrbar, ihre Kleider waren einfach, und in den Händen trugen sie schwere, wohlgefüllte Körbe. Der Pascha wandte sich an seinen Diener und sagte zu ihm: »Gehe hin und frage sie, wer sie sind.« Und der Diener antwortete: »Ich brauche sie nicht zu fragen, Herr, denn ich begegne ihnen jeden Tag. Es sind die Frauen der Gordonisten, die mit Heilmitteln und Speisen nach Jerusalem gehen, um den Kranken zu helfen, die zu schwach sind, um nach der Kolonie herauszukommen und dort Hilfe zu suchen.« Baram Pascha antwortete: »Und wenn sie ihre Sünden mit Engelsflügeln verdeckten, so will ich sie dennoch aus meinem Hause herausjagen.« Er ritt weiter auf das große Haus zu. Und als er sich ihm näherte, vernahm er ein Summen von vielen Stimmen, und hin und wieder einen lauten Schrei. Er wandte sich zu seinem Diener und sagte: »Höre, wie ihre Spielleute und Tänzerinnen in meinem Hause lärmen.« Aber als er um die Ecke bog, sah er eine Menge Menschen, Kranke und mit Wunden bedeckte, zusammengekauert vor dem Eingang des Hauses sitzen. Sie sprachen miteinander über ihre Leiden, und einige von ihnen stießen Schmerzensschreie aus. Und Machmud, sein Diener, faßte sich ein Herz und sagte: »Hier siehst du die Spielleute und Tänzerinnen, die du in deinem Hause hast lärmen hören. Diese Menschen kommen jeden Tag hier hinaus, um Rat bei den Ärzten der Gordonisten zu holen, und sich von ihren Krankenpflegerinnen verbinden zu lassen.« Baram Pascha erwiderte: »Ich sehe, daß diese Gordonisten dich betört haben, aber ich bin zu alt, um mich von ihren Lügen betören zu lassen. Ich sage dir, hätte ich die Macht dazu, so hängte ich sie alle miteinander an dem Gesims rings um mein Haus herum auf.« Und Baram Pascha war noch in großer Erregung, als er von seinem Esel stieg und die Treppe hinaufging. Als der alte Mann auf den Hof kam, trat ihm eine große, stolze Frau entgegen und begrüßte ihn. Ihr Haar war weiß, obwohl sie nicht älter als vierzig Jahre sein mochte. Ihr Antlitz war gebieterisch und klug, und obwohl sie nur ein einfaches, schwarzes Gewand trug, war es nicht schwer, zu sehen, daß sie gewohnt war, über viele Menschen zu gebieten. Baram Pascha wandte sich an Machmud und sagte zu ihm: »Diese Frau sieht so klug und so gut aus wie die Gattin des Propheten Kadidscha. Was hat sie in diesem Hause zu tun?« Und Machmud, sein Diener, antwortete: »Es ist Mrs. Gordon, die die Kolonie geleitet hat, seit ihr Mann vor einem halben Jahre starb.« Da brauste der Zorn des alten Mannes von neuem auf, und er sagte mit harter Stimme zu Machmud: »Du sollst zu ihr sagen, daß ich gekommen bin, um sie aus meinem Hause zu vertreiben.« Aber sein Diener sagte zu ihm: »Will der gerechte Baram Pascha diese Christen vertreiben, ehe er selbst ihre Verbrechen gesehen hat? Wäre es nicht besser, Herr, du sagtest zu dieser Frau: Ich bin hierher gekommen, um mein Haus zu besehen? Und wenn du dann findest, daß sie so leben, wie dir die Missionare erzählt haben, dann sage zu ihr: Du sollst dies Haus verlassen, denn an dem Ort, wo meine Lieben gestorben sind, darf nichts Schlechtes betrieben werden.« Da erwiderte Baram Pascha: »Du sollst ihr sagen, daß ich mein Haus besehen will.« Machmud sagte dies zu Mrs. Gordon, und sie antwortete: »Es ist uns eine Freude, Baram Pascha zu zeigen, wie wir uns in diesem Palast eingerichtet haben.« Darauf sandte Mrs. Gordon einen Boten zu der jungen Miß Young, die seit ihrer Kindheit in Jerusalem gewohnt hatte und arabisch wie eine Eingeborene sprechen konnte, und bat sie, Baram Pascha umherzuführen. Baram Pascha nahm den Arm seines Dieners Machmud und ging mit ihr. Und da er verlangte, das ganze Haus zu sehen, führte ihn Miß Young zuerst in den Keller, wo die Wäscherei eingerichtet war. Hier zeigte sie ihm mit Stolz die großen Haufen frisch gewaschener Wäsche, die prächtigen, großen Waschkessel und Kübel und die fleißigen Arbeiterinnen, die an den Waschzubern und Bügelbrettern beschäftigt waren. Daneben lag die Bäckerei. Und Miß Young sagte zu Baram Pascha: »Sehet, welch einen prächtigen Backofen dort unsere Brüder für uns gebaut haben! Und sehet, welch vortreffliches Brot wir backen können.« Aus der Bäckerei führte sie ihn in die Tischlerwerkstatt, wo ein alter Mann stand und arbeitete, und Miß Young zeigte Baram Pascha einige einfache Stühle und Tische, die in der Tischlerei angefertigt waren. »Ach, Machmud, diese Menschen sind mir sicher zu schlau«, sagte der alte Pascha auf türkisch, denn er nahm an, daß Miß Young das nicht verstand. »Sie haben die Gefahr geahnt, sie haben Spione ausgesandt, die ihnen mein Kommen gemeldet haben. Ich habe erwartet, sie am Trinktisch und mit dem Würfelbecher vorzufinden. Und ich finde sie alle bei der Arbeit.« Baram Pascha wurde durch die Küche und die Nähstube geführt und kam darauf in ein Zimmer, dessen Tür man mit einer gewissen Feierlichkeit öffnete. Es war die Webstube, wo die Webstühle klapperten und wo zugleich die Spinnrocken und die Wollkämme in Tätigkeit waren. Da faßte sich Baram Paschas Diener ein Herz und bat seinen Herrn, diesen harten, starken Stoff zu betrachten, der hier angefertigt wurde. »Oh,« sagte er, »dies sind keine leichten Stoffe für Tänzerinnen oder luftige Gewänder für leichtfertige Jungfrauen.« Aber Baram Pascha schwieg und ging weiter. Überall, wohin er kam, sah er Menschen mit klugen, ehrlichen Gesichtern. Alle saßen schweigend und ernsthaft bei ihrer Arbeit, aber wenn er eintrat, erhellte ein freundliches Lächeln ihre Gesichter. »Ich erzähle ihnen,« sagte Miß Young zu Baram Pascha, »daß Ihr der gute Gouverneur seid, der uns erlaubt hat, dies prächtige, große Haus zu mieten, und sie bitten mich, Euch zu danken, weil Ihr so gut gegen uns gewesen seid.« Aber Baram Pascha hatte während dieser ganzen Zeit den barschen und harten Ausdruck in seinem Gesicht und antwortete Miß Young mit keinem einzigen Wort. Und sie fing an, bange zu werden, und dachte bei sich: »Warum spricht er nicht mit mir? Trägt er Böses gegen uns im Schilde?« Sie führte den Pascha in die langen, schmalen Speisesäle, wo man im Begriff war, die Tischtücher von dem Tisch zu nehmen und nach der Morgenmahlzeit abzuwaschen. Auch hier sah er nichts als die größte Ordnung und Einfachheit. Aber sein Diener Machmud faßte sich noch einmal ein Herz und sagte zu ihm: »Oh, wie sollte es möglich sein, daß diese Menschen, die ihr eigenes Brot backen und ihre eigenen Kleider nähen, sich des Nachts in Flötenspieler und Tanzerinnen verwandeln sollten!« Baram Pascha konnte ihm nichts erwidern. Und der Pascha ging durch alle Zimmer in seinem Hause. Er kam an den großen Schlafsaal der unverheirateten Männer mit den einfachen, frisch gemachten Betten. Er kam in die Zimmer der verschiedenen Familien, wo Eltern und Kinder beieinander wohnten. Überall fand er weißgescheuerte Fußböden, weiße Bettumhänge, hübsche Möbel aus hellgestrichenem Holz mit gewürfelten Baumwollüberzügen und selbstgewebten Teppichen. Aber Baram Paschas Antlitz ward immer finsterer, und er sagte zu Machmud: »Diese Christen sind mir zu schlau. Sie haben es zu gut verstanden, ihr sündiges Leben zu verbergen. Ich habe erwartet, die Fußböden mit Zigarrenasche und Fruchtschalen bestreut zu sehen; ich glaubte, ich würde die Frauen eifrig schwatzend dasitzen sehen, während sie ihre Wasserpfeife rauchten oder ihre Nägel bemalten.« Schließlich stieg er die blendend weiße Marmortreppe zu dem großen Versammlungssaal hinauf. Dies war der große Empfangssaal des Paschas gewesen; jetzt war der Saal auf amerikanische Weise mit Gruppen von bequemen Stühlen um die Tische herum eingerichtet, mit Büchern und Zeitschriften, mit einem Klavier und einer Orgel, und mit Photographien hier und da an den hellgetünchten Wänden. Hier trat ihnen Mrs. Gordon wieder entgegen, und Baram Pascha sagte zu seinem Diener: »Sage ihr, daß sie und ihre Anhänger noch vor Abend dieses Haus verlassen sollen.« Aber Machmud, Baram Paschas Diener, erwiderte: »Herr, die eine von diesen Frauen kann deine Sprache reden, laß sie deinen Willen aus deinem eigenen Munde hören.« Da hob Baram Pascha den Blick und richtete ihn auf Miß Young, und sie begegnete seinem Blick mit einem milden Lächeln. Und Baram Pascha wandte sich von ihr ab und sagte zu seinem Diener: »Ich habe noch nie ein Gesicht gesehen, dem der Allmächtige größere Reinheit und Schönheit verliehen hat. Ich kann ihr nicht sagen, daß sie und ihre Freunde sich der Sünde und dem liederlichen Lebenswandel hingeben.« Und Baram Pascha sank auf einen Stuhl nieder und verbarg sein Antlitz in den Händen, während er sich klarzumachen suchte, was wahr sei, das, was er gehört hatte, oder das, was er gesehen hatte. Im selben Augenblick tat sich die Tür leise auf, und ein alter, armer Pilger trat in den Saal. Er hatte einen abgetragenen grauen Mantel um, und seine Beine waren mit Lumpen umwickelt. Auf dem Kopf trug er einen schmutzigen Turban, dessen grüne Farbe ihn als einen Nachkommen des Propheten bezeichnete. Ohne den Pascha zu beachten, ging der Mann hin und setzte sich auf einen Stuhl, ein wenig entfernt von den andern. Man ließ ihn gewähren, ohne nach seinem Begehren zu fragen. »Wer ist dieser Mann, und was will er hier?« fragte Baram Pascha, indem er sich an Miß Young wandte. »Wir kennen ihn nicht,« antwortete Miß Young, »er ist noch niemals hier gewesen. Ihr müßt es nicht übelnehmen, daß er hier hereinkommt, unser Haus steht jedem offen, der Zuflucht bei uns suchen will.« »Machmud,« sagte der Pascha zu seinem Diener, »gehe hin und frage diesen Pilger, der ein Nachkomme des Propheten ist, was er bei diesen Christen zu schaffen hat.« Machmud führte seinen Auftrag aus, und kehrte zu dem Pascha zurück. »Er antwortet dir, daß er hier nichts zu schaffen hat, aber er will nicht vorübergehen, ohne hier einzutreten, weil geschrieben stehet: lasse nicht deine Füße sündigen, indem du an der Wohnung des Gerechten vorüber gehst.« Baram Pascha saß eine lange Weile stumm da. »Du hast sicher nicht recht gehört«, sagte er wieder zu seinem Diener. »Frage ihn noch einmal, was er hier in diesem Hause zu schaffen hat.« Machmud ging und kehrte zurück. Er wiederholte dieselbe Antwort, Wort für Wort. »Dann laß uns Gott danken, Machmud,« sagte Baram Pascha still, »daß er diesen Mann gesandt hat, um uns aufzuklären. Er hat seinen Fuß hierher gelenkt, damit meine Augen der Wahrheit geöffnet werden. Wir wollen jetzt heimreiten, mein Freund Machmud, und ich will diese Christen nicht aus ihrem Hause vertreiben.« Kurz darauf ritt Baram Pascha von der Kolonie fort, aber eine Stunde später kehrte Machmud zurück, und führte den weißen Esel des Paschas am Zügel. Er brachte ihn den Kolonisten als Geschenk von Baram Pascha mit dem Gruß, daß er wünsche, er möge verwendet werden, um die kleinen Kinder des Morgens zur Schule zu fahren.   Blumen aus Palästina Es ist jetzt Ende Februar. Der Winterregen ist vorüber, und der Frühling ist gekommen. Aber noch ist er nicht weit vorgeschritten. Die Knospen an den Feigenbäumen haben noch nicht angefangen zu schwellen, Ranken und Blätter haben noch nicht angefangen, an den schwarzbraunen Weinstöcken hervorzusprossen, und die großen Blütenbüschel der Orangenbäume haben sich noch nicht erschlossen. Aber die kleinen Blumen des Feldes haben sich schon zu dieser frühen Jahreszeit hervorgewagt. Wohin man das Auge wendet, wachsen Blumen: große, brandrote Anemonen, und über alle Felder breiten sich die kleinen Wiesennelken und Tausendschönchen aus, während es in jedem feuchten Gebüsch von Krokus und Kuhblumen wimmelt. Und so wie man in andern Ländern Beeren und Früchte sammelt, so geht man in Palästina aus, um Blumen zu ernten. Aus allen Klöstern, aus allen Missionsstationen zieht man zur Blumenernte aus. Arme jüdische Gemeindemitglieder, europäische Touristen und syrische Arbeiter treffen einander unten in den wilden Felstälern mit Blumenkörben in den Händen. Und am Abend kehren alle diese Ernteleute heim, beladen mit Anemonen und Perlhyazinthen, mit Veilchen und Tulpen, mit Narzissen und Orchideen. Draußen auf den Höfen der vielen Klöster und Hospitäler der heiligen Stadt stehen mächtige steinerne Kübel, in denen die Frühlingsblumen in Wasser gelegt werden, und in Zellen und Stuben sind fleißige Hände eifrig beschäftigt, die Blumen auf großen Bogen Papier auszubreiten, um sie zu pressen. Aber sobald die kleinen Anemonen und Hyazinthen gut getrocknet und gepreßt sind, werden sie zu kleinen Sträußen und zu großen Sträußen, in schönen Zusammenstellungen und in häßlichen Zusammenstellungen geordnet, und auf Karten oder in kleine Albums eingeklebt, mit Einbänden aus Olivenholz, worauf »Blumen aus Palästina« gemalt ist. Und bald wandern alle diese Blumen von Zion, Blumen von Hebron, Blumen vom Ölberg, Blumen aus Jericho in die weite Welt hinaus. Sie werden in Läden verkauft, sie werden in Briefen fortgeschickt, werden als Erinnerungen verschenkt, gegen milde Gaben vertauscht. Weiter als die Perlen aus Indien, und die Seide aus Brussa werden diese kleinen weißen Blumen, der einzige Reichtum des armen heiligen Landes, verbreitet.   Es war an einem schönen Frühlingsmorgen. In der Gordonkolonie herrschte große Geschäftigkeit, alle machten sich bereit, auf die Blumenernte auszuziehen. Die Kinder, die den ganzen Tag Ferien haben sollten, liefen ganz ausgelassen umher und bettelten bei allen Menschen, daß sie ihnen einen Korb leihen möchten, in den sie Blumen pflücken könnten. Die Frauen waren schon seit vier Uhr des Morgens auf gewesen, um Essen zu bereiten, und sie waren noch bis zum letzten Augenblick eifrig in der Küche mit Waffeleisen und Einmachtöpfen beschäftigt. Einige von den Männern packten Butterbrot und Milchflaschen, kaltes Fleisch und Brot in die Ranzen. Andere trugen große Wasserflaschen oder Körbe mit Teekesseln und Tassen herbei. Endlich tat sich das Tor auf, die Kinder strömten zuerst heraus, und dann kamen alle die andern in großen oder kleinen Gruppen, so wie sie Lust hatten. Niemand blieb daheim, das große Haus ward ganz leer. Bo Ingmar Maansson war an diesem Tage glücklich. Er hatte es so eingerichtet, daß er neben Gertrud daherging, und wenn sie einen Hügel hinaufstiegen, half er ihr mit allem, was sie zu tragen hatte. Gertrud hatte das Kopftuch so tief in die Stirn gezogen, daß Bo nur das Kinn und die flaumweichen Wangen sehen konnte. Er ging dahin und lächelte über sich selbst, daß er so glücklich darüber sein konnte, nur an Gertruds Seite zu gehen, obwohl er weder ihr Antlitz sehen noch mit ihr sprechen konnte. Karin Ingmarstochter und ihre Schwester gingen dicht hinter ihnen. Sie stimmten ein Morgenlied an, das sie mit ihrer Mutter daheim auf dem Ingmarshof gesungen hatten, wenn sie in der frühen Morgenstunde am Spinnrocken saßen. Bo kannte das alte Lied: »Der hohe Tag, der jetzt anbricht, Den hat uns der Himmel gegeben.« Dicht vor Bo ging der alte Korporal Fält. Er hatte, wie immer jetzt, alle Kinder um sich versammelt; sie klammerten sich an seinen Stock und hingen sich an seine Rockschöße. Bo, der sich seiner noch aus der Zeit erinnerte, wo alle Kinder weit wegliefen, wenn sie ihn nur sahen, dachte bei sich selbst: »Ich habe ihn nie so steif und barsch dreinschauen sehen wie jetzt. Er ist so stolz darauf, daß die Kinder sich zu ihm halten, daß sein schöner Bart förmlich wie Borsten aufragt, und ich glaube wahrlich, daß selbst seine Nase noch krummer geworden ist als früher.« Mitten in der Schar erblickte Bo Hellgum, der mit seiner Frau an der einen und seiner schönen kleinen Tochter an der andern Hand dahinschritt. »Es ist doch sonderbar mit Hellgum«, dachte Bo. »Er ist ganz in den Schatten gestellt worden, seit wir uns mit den Amerikanern zusammengetan haben. Und das konnte ja nicht gut anders sein, da sie so bedeutend sind und so seltene Gaben haben, Gottes Wort auszulegen. Ich möchte wohl wissen, was er sich dabei denkt, daß sich niemand an einem Tag wie heute um ihn schart. Aber wer sich freut, ihn ganz für sich zu haben, das ist seine Frau. Das kann man ihrer Haltung und ihrer Miene ansehen. Sie ist nie in ihrem Leben so stolz und so glücklich gewesen.« An der Spitze des Zuges ging die schöne Miß Young. Neben ihr schritt ein junger Engländer dahin, der sich der Kolonie vor ein paar Jahren angeschlossen hatte. Bo wußte ebensogut wie die andern, daß dieser junge Mann Miß Young liebte, und daß er in die Gemeinde eingetreten war in der Hoffnung, daß sie seine Frau werden würde. Das junge Mädchen hatte ihn offenbar auch lieb. Aber die Gordonisten wollten ihre strengen Gesetze ihretwegen nicht aufheben, und so hatten die beiden jungen Menschen schon ein paar Jahre in hoffnungsvollem Harren gelebt. Heute gingen sie nebeneinander, sprachen nur miteinander und hatten für niemand sonst Augen. Und wie sie hier leicht und geschmeidig allen andern voraneilten, war es, als wollten sie davonfliegen, wollten die ganze Schar zurücklassen und in die weite Welt hinausfliehen, um einmal ihr eigenes Leben leben zu dürfen. Ganz hinten im Zuge sah Bo Gabriel. In der Kolonie befand sich ein französischer Matrose, der gleich von Anfang an mit dabei gewesen war. Er war jetzt alt und gebrechlich. Gabriel hatte ihn unter den Arm genommen und half ihm die vielen steilen Abhänge hinauf. »Jetzt denkt Gabriel sicher an seinen alten Vater«, dachte Bo bei sich. Der Weg führte anfangs durch eine einsame und wilde Bergschlucht. Hier waren keine Blumen, die Erde war von den steilen Abhängen ganz weggespült, alles war kahl, da war nichts als kahle, gelblichgraue Felsklippen. »Das ist doch sonderbar«, dachte Bo. »Ich habe nie einen so blauen Himmel gesehen wie den, der sich über diesen gelben Bergen wölbt. Und obwohl diese Felsen so kahl sind, erscheinen sie mir doch nicht häßlich. Wenn ich sehe, wie schön abgerundet sie sind, muß ich an die großen Kuppeln denken, die sie hierzulande über den Kirchen und Häusern errichten.« Als die Schar ungefähr eine Stunde gewandert war, erblickte man das erste Felstal, dessen Boden mit roten Anemonen übersät war. Das war eine Freude und eine Geschäftigkeit, alle beeilten sich, mit Rufen und Lachen den Bergabhang hinabzugelangen und mit dem Pflücken zu beginnen. Und man pflückte eifrig Anemonen, bis man gleich darauf ein anderes Tal fand, das ganz mit Veilchen bedeckt war, und dann ein drittes, wo alle möglichen Frühlingsblumen bunt durcheinander wuchsen. Anfangs pflückten die Schweden gar zu eifrig, sie rissen die Blumen gleichsam ab. Aber dann kamen die Amerikaner und zeigten ihnen, wie sie es machen müßten. Man müsse wählen und verwerfen, nicht andere Blumen nehmen, als solche, die sich zum Pressen eignen. Es sei das eine Arbeit, die mit Sorgfalt ausgeführt werden müsse. Bo ging neben Gertrud und pflückte. Einmal richtete er sich auf, um den Rücken zu recken. Da sah er dicht neben sich ein paar von den großen Bauern daheim, die wohl seit vielen Jahren keine Blumen gesehen hatten, umhergehen und so eifrig pflücken wie alle andern. Bo konnte sich fast nicht enthalten, laut zu lachen. Plötzlich wandte sich Bo nach Gertrud um und sagte zu ihr: »Während ich hier gehe, muß ich daran denken, was Christus wohl damit gemeint hat, als er sagte: ›Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein, so könnt ihr nicht in das Reich Gottes kommen.‹« Gertrud erhob den Kopf und sah Bo an. Es war so ungewöhnlich, daß er sie anredete. »Es ist ein eigentümliches Wort«, sagte sie. »Ja,« sagte Bo langsam und nachdenklich, »ich habe beobachtet, daß Kinder niemals so artig sind, als wenn sie spielen, daß sie groß sind. Man hat nie so gute Ruhe vor ihnen, als wenn sie ein Feld pflügen, das sie sich mitten auf der Landstraße gemacht haben, mit einer Peitsche aus Bindfaden knallen, und die Pferde antreiben, während sie die Steine der Landstraße mit einem Tannenzweig aufpflügen. Sie sind so lieb und drollig, wenn sie umhergehen und davon reden, daß sie mit ihrer Aussaat vor dem Nachbar fertig werden müssen, oder wenn sie darüber klagen, daß sie noch nie einen Acker gepflügt haben, der so voller Steine war.« Gertrud ging gesenkten Kopfes und pflückte. Sie erwiderte nichts. Sie verstand nicht, worauf Bo hinaus wollte. »Ich entsinne mich noch, wie herrlich ich mich belustigte,« fuhr Bo mit demselben Ernst fort, »als ich mir einmal einen Kuhstall aus Holzklötzen gebaut, und Tannenzapfen, die Kühe vorstellen sollten, drin aufgestellt hatte. Jeden Morgen und Abend brachte ich den Kühen pünktlich frisches Heu, und zuweilen spielte ich auch, daß es Frühling sei, und daß ich mein Vieh auf die Alm treiben müsse. Dann blies ich ins Horn und rief: ›Stern‹ und ›Goldlilie‹, so daß man es über den ganzen Hof hören konnte. Und ich ging oft umher und sprach mit meiner Mutter darüber, wieviel Milch meine Kühe gaben, und wieviel Butter ich von meiner Meierei erwarten könne. Ich sorgte auch dafür, daß der Stier ein Brett vor die Stirn bekam, und wenn Leute vorüberkamen, rief ich ihnen zu, sie sollten sich in acht nehmen, denn der Stier sei böse.« Gertrud pflückte jetzt weniger eifrig. Sie hörte Bo aufmerksam zu und konnte nicht umhin, sich zu wundern, daß er sich auch dergleichen Gedanken und Vorstellungen machte, wie sie ihr eigenes Gehirn so oft erfüllt hatten. »Am schönsten aber, glaube ich, war es doch, wenn wir Jungen spielten, daß wir alte Männer waren, und dasaßen und Gemeinderat abhielten«, fuhr Bo fort. »Ich entsinne mich noch, daß ich und meine Brüder und viele andere Jungen auf einen Bretterstapel hinaufzuklettern pflegten, der mehrere Jahre daheim auf dem Hofe lag. Der Vorsitzende hämmerte mit einem Holzschuh auf die Bretter, um sich Gehör zu verschaffen, und wir saßen ganz andächtig rings um ihn herum und stimmten ab, wer in der Gemeinde Unterstützungen aus der Armenkasse haben sollte, und wieviel jeder Mann in der Gemeinde an Steuern zu zahlen habe. Wir saßen da und steckten die Daumen in die Ärmellöcher der Weste und sprachen mit einer Stimme, als hatten wir den Mund voller Grütze, und wir redeten einander nie anders an, als Gemeindevorsteher, Küster, Kirchenvorsteher und Dorfschulze.« Bo schwieg und strich sich über die Stirn, als komme er nun zu dem, was er eigentlich sagen wollte. Gertrud hatte ganz aufgehört, Blumen zu pflücken. Sie saß an der Erde, hatte ihr Kopftuch zurückgeschoben und sah jetzt zu Bo hinauf, als erwarte sie, etwas Neues und Merkwürdiges zu hören. »Es mag ja sein,« sagte Bo, »daß ebenso, wie es gut für Kinder ist, zu spielen, daß sie erwachsen sind, es auch zuweilen für Erwachsene gut sein mag, daß sie wieder Kinder werden. Und wenn ich diese alten Männer sehe, die sonst um diese Jahreszeit gewöhnt waren, oben in den wilden Wäldern umherzugehen und sich damit abzumühen, Bäume zu fällen und Holz zu fahren, wenn ich sie jetzt hier umhergehen sehe, mit einer solchen Kinderei, wie Blumenpflücken beschäftigt, so will es mir scheinen, als wenn wir wirklich auf dem besten Wege wären, Jesu Wort zu folgen, nämlich umzukehren, und zu werden wie die Kindlein.« Bo sah, daß Gertruds Augen strahlten. Sie verstand nun, was er sagen wollte, und der Gedanke erfreute ihn. »Ich finde, wir sind alle wie Kinder geworden, seit wir hier in dies Land gekommen sind«, sagte sie. »Ja,« sagte Bo, »wir sind auf alle Fälle in der Beziehung wie die Kinder geworden, daß wir Unterricht in dem einen wie in dem andern haben nehmen müssen. Wir haben lernen müssen, wie wir Messer und Gabel halten, und wir haben es gelernt, Speisen zu lieben, die wir nie zuvor gekostet hatten. Und es war doch sehr kindlich, daß wir im Anfang jedesmal, wenn wir ausgingen, jemand mithaben mußten, um wieder heimfinden zu können, und daß wir vor Menschen gewarnt wurden, vor denen wir uns in acht nehmen sollten, und vor Orten, wohin wir nicht gehen sollten.« »Wir, die wir aus Schweden kamen, waren ganz wie kleine Kinder, wir mußten ja zu allererst sprechen lernen«, sagte Gertrud. »Wir mußten nach den Namen von allen Gegenständen fragen, von Tisch und Stuhl, und Schrank und Bett. Und nun müssen wir uns wohl bald auf die Schulbank setzen, um die neue Sprache schreiben zu lernen.« Sie wurden nun beide ganz eifrig und bemühten sich, neue Ähnlichkeitspunkte zu finden. »Ich habe Blumen und Bäume kennen lernen müssen, so wie meine Mutter es mich lehrte, als ich klein war«, sagte Bo. »Ich habe Pfirsiche von Aprikosen unterscheiden lernen, und den knolligen Feigenbaum von dem knorrigen Olivenbaum. Ich habe gelernt, daß man den Türken an seiner kurzen Jacke und den Beduinen an dem gestreiften Mantel und den Derwisch an der Filzmütze und den Juden an den kleinen Korkenzieherlocken am Ohr erkennen kann.« »Ja,« sagte Gertrud, »das ist ganz so wie damals, als wir in unserer Kindheit die Bauern aus Floda und Gagnef an den verschiedenen Röcken und Hüten voneinander unterscheiden lernten.« »Das allerwichtigste ist aber doch, daß wir die andern ganz für uns sorgen lassen,« sagte Bo, »und daß wir selbst gar kein Geld haben, sondern um jeden Schilling bitten müssen, den wir ausgeben. Jedesmal, wenn mir ein Fruchthändler eine Apfelsine oder eine Weintraube anbietet, muß ich daran denken, wie mir in meiner Kindheit zumute war, wenn ich auf dem Markt war und an den Honigkuchenbuden vorübergehen mußte, weil ich keinen Schilling in der Tasche hatte.« »Ich glaube, wir sind ganz umgewandelt«, sagte Gertrud. »Wenn wir jetzt wieder nach Schweden zurückkehrten, würde uns daheim gewiß niemand mehr kennen.« »Wir können doch nicht umhin, zu finden, daß wir wieder Kinder geworden sind, wenn wir auf einem Kartoffelfelde graben, das nicht größer ist als eine Scheunentenne,« sagte Bo, »und darauf mit einem Pflug pflügen, der aus einem Zweig gemacht ist, und einen kleinen Esel vor den Wagen spannen, wenn wir ausfahren wollen, und keine ordentliche Landwirtschaft haben, sondern nur ein klein wenig Weinbau spielen.« Bo schloß die Augen, um besser nachdenken zu können. Es fiel Gertrud plötzlich auf, daß er Ingmar Ingmarsson auffallend glich – das ganze Gesicht wurde lauter Nachdenken und Klugheit. »Aber das ist doch wohl nicht das wichtigste«, sagte Bo nach einer kleinen Weile. »Das wichtigste ist doch, daß wir kindliche Gedanken über die Menschen bekommen haben, daß wir glauben, daß uns alle wohl wollen, und zwar, obwohl einige von ihnen häßlich genug gegen uns sind.« »Ja, es ist wohl die Gesinnung, an die Christus hauptsächlich dachte, als er diese Worte sagte«, meinte Gertrud. »Aber auch unsere Gesinnung ist verändert worden«, erwiderte Bo. »Das ist sie wahrlich. Hast du nicht bemerkt, wenn wir jetzt einen schweren Kummer haben, so schleppen wir uns nicht Tage und Wochen damit herum, sondern wir lassen das Ganze im Laufe von ein paar Stunden vergessen sein.« Gerade als Bo dies sagte, rief man nach ihnen; sie sollten kommen, und Frühstück essen. Bo war ganz verdrießlich darüber. Er wäre gern den ganzen Tag so neben Gertrud dahingegangen und hätte mit ihr reden können, ohne hungrig zu werden. Jedenfalls lag an diesem Tage eine solche Ruhe und Befriedigung über ihm, daß er dachte, die Kolonie habe wahrlich recht: »Die Menschen brauchen nur in Frieden und Einigkeit zu leben, so wie wir es tun, um glücklich zu sein. Ich bin jetzt ganz zufrieden mit allem, so wie es ist. Ich mache mir nichts mehr daraus, Gertrud zur Frau zu bekommen; ich empfinde keine qualvolle Sehnsucht mehr wie in alten Zeiten. Ich bin ganz glücklich, wenn ich sie nur jeden Tag ein wenig sehen kann und ihr dienen und sie beschützen darf.« Er hätte Gertrud so gern erzählt, daß er vollkommen verwandelt sei, sich auch nach dieser Richtung hin wie ein Kind fühlte; aber er war zu schüchtern, er konnte die rechten Worte nicht finden. Auf dem ganzen Heimweg grübelte er darüber nach. Es war ihm, als müsse er Gertrud notwendigerweise ein paar Worte darüber sagen, daß er ganz verwandelt sei, damit sie sich in seiner Gesellschaft sicher fühle und ihn wie einen Bruder betrachten könne. Sie kamen gerade um Sonnenuntergang nach Hause. Bo setzte sich unter eine alte Sykomore, die vor dem Tor des Hauses stand; er wollte so lange wie möglich im Freien bleiben. Als alle hineingegangen waren, kam Gertrud zu ihm und fragte ihn, ob er nicht auch hineingehen wolle. »Ich sitze hier und denke an das, worüber wir heute vormittag gesprochen haben«, sagte Bo. »Ich denke daran, wie es wohl gehen würde, wenn Christus hier auf diesem Wege daherkäme, den er ja sicher zu seinen Lebzeiten unzähligemal gewandelt ist, und er sich hier unter den Baum setzte und zu mir sagte: ›Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein, so könnet ihr nicht in das Reich Gottes kommen.‹« Bo saß da und sprach mit einem träumerischen Klang in der Stimme, als denke er laut. Gertrud saß still da und lauschte. »Dann würde ich ihm antworten und sagen«, fuhr Bo fort: »Herr, wir helfen einander, ohne Lohn dafür zu fordern, ganz wie Kinder, und wenn wir uns miteinander erzürnen, so entsteht kein lebenslanger Haß daraus, sondern wir sind schon wieder gute Freunde, ehe noch die Sonne untergeht. Siehst du denn nicht, Herr, daß wir sind wie die Kinder?« »Und was glaubst du, das Christus dir dann antworten wird?« fragte Gertrud mit sanfter Stimme. »Er antwortet gar nicht«, sagte Bo. »Er sitzt ganz still da und sieht mich an und sagt wieder: ›Ihr müsset werden wie die Kindlein, wenn ihr in mein Reich kommen wollt.‹ Und ich sage zu ihm ungefähr wie vorhin: ›Herr, wir lieben alle Menschen, so wie es Kinder tun. Wir machen keinen Unterschied zwischen Juden und Armeniern, zwischen Beduinen und Türken, zwischen Weiß und Schwarz. Wir lieben Gelehrte und Ungelehrte, hoch und niedrig, und wir teilen unsere Güter gleichmäßig zwischen Christen und Mohammedaner. Sind wir denn da nicht, Herr, geworden wie die Kinder und können in dein Reich eingehen?‹« »Was antwortet Christus dann?« fragte Gertrud ihn wieder. »Er antwortet nichts«; sagte Bo. »Er bleibt hier unter dem Baum sitzen und sagt ganz leise: ›Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein, so könnt ihr nicht in mein Reich kommen.‹ Und nun verstehe ich, was er meint, und ich sage zu ihm: ›Herr, auch nach der Richtung hin bin ich wie ein Kind geworden, daß ich nicht länger eine solche Liebe empfinde wie in alten Zeiten; meine Geliebte ist für mich wie ein Spielkamerad und eine Schwester, mit der ich auf die Wiese hinausgehe und Blumen pflücke. Herr, bin ich da nicht– – –« Bo unterbrach sich plötzlich. Denn im selben Augenblick, als er diese Worte aussprach, fühlte er, daß er log, und es war ihm, als stünde Christus wirklich vor ihm und sehe bis in sein Innerstes hinein. Und Bo glaubte, daß Jesus müsse sehen können, wie die Liebe sich in ihm aufbäumte und an ihm zerrte wie ein Raubtier, weil er sie in der Nähe der Geliebten verleugnete. Und in heftiger Erregung barg Bo sein Antlitz in den Händen, während er stöhnend die Worte herausbrachte: »Nein, Herr, ich bin nicht wie ein Kind, ich kann nicht in dein Reich eingehen. Vielleicht können die andern es. Aber ich kann das Feuer in meinem Innern und das Leben in meinem Herzen nicht auslöschen. Denn ich liebe und brenne in Begehren, wie nie ein Kind brennen kann. Aber ist es dein Wille, Herr, so soll mich dies Feuer bis an das Ende meines Lebens verzehren, ohne daß ich Linderung für meine Sehnsucht suche.« Bo blieb lange unter dem Baum sitzen und weinte, überwältigt von seiner Liebe. Als er endlich aufsah, hatte Gertrud ihn verlassen. Sie war so still davongegangen, daß er es nicht bemerkt hatte.   In Gehenna. Vor den Mauern Jerusalems, an dem südlichen Abhang des Zionberges, hatte eine der großen amerikanischen Missionsgesellschaften einen Kirchhof gebaut, und hier hatten die Gordonisten Erlaubnis erhalten, ihre Toten zu begraben. Schon eine ganze Menge von ihnen ruhte da draußen, von dem kleinen Jacques Garnier, der Schiffsjunge auf dem Dampfer L'Univers gewesen war, und der der erste der Gordonisten war, der starb, bis zu Edward Gordon selbst, der in diesem Frühling, gleich nach der Rückkehr aus Amerika, gestorben war. Es war der einfachste und ärmlichste Begräbnisplatz, den man sich denken konnte. Er bestand aus nichts weiter als aus einem kleinen Stückchen Land, von einer Mauer umgeben, die so hoch und so breit war, daß sie zu einer Festung gepaßt haben würde. Da waren weder Bäume noch grüner Rasen, man hatte nur dafür gesorgt. Steine und Kalkbrocken aus dem Wege zu schaffen, so daß die Erde einigermaßen eben war. Über die Gräber hatte man große Kalksteinfliesen gelegt, und neben einigen von den Gräbern waren grüne Stühle und Bänke aufgestellt. Unten, in der östlichen Ecke, dort, wo man eine schöne Aussicht auf Moabs goldschimmernde Berge gehabt haben würde, wenn nur nicht die Mauer im Wege gewesen wäre, hatten die Schweden ihre Gräber. Dort lagen schon so viele von ihnen, daß es fast aussah, als ob der liebe Gott meinte, sie hätten genug für ihn getan, indem sie ihre Heimat verließen, und daß er nun nichts mehr von ihnen verlangte, um sie in sein Reich eingehen zu lassen. Hier lagen Birger Larsson, der Schmied, und Ljung Björns kleiner Sohn Erik und des Gemeindevorstehers Gunhild und Brita Ingmarstochter, die kurz nach dem fröhlichen Tage, als die Kolonisten zum Blumensammeln auszogen, an den Pocken gestorben war. Dort lagen auch Peter Gunnarsson und Märta Eskildstochter, die zu Hellgums Gemeinde drüben in Amerika gehört hatten. Der Tod hatte eine so reiche Ernte unter ihnen gehalten, daß die Kolonisten sich fast fürchteten, schon zu großen Beschlag auf den Raum des kleinen Kirchhofs gelegt zu haben. Auch Tims Halvor Halvorsson hatte eins seiner Lieben draußen auf dem Kirchhof. Es war die jüngste seiner Töchter, ein kleines Mädchen, das nicht älter als drei Jahre geworden war. Er hatte sie über alle Maßen geliebt, sie war auch das von allen seinen Kindern gewesen, das ihm am meisten im Geiste geglichen hatte, und es war ihm, als habe er nie so warm für einen Menschen empfunden, wie für dies Kind. Und nachdem es gestorben war, konnte er es gar nicht vergessen. Was er auch unternahm, seine Gedanken weilten beständig bei ihm. Wenn es in Dalarne gestorben und daheim auf dem Friedhof begraben wäre, dann hätte er vielleicht nicht immer an die Kleine zu denken brauchen, aber nun hatte er das Gefühl, daß sie sich da draußen auf dem unheimlichen Kirchhof allein und verlassen fühlen müsse. In der Nacht sah er sie vor sich auf dem kleinen Grabstein sitzen, sie weinte und es fror sie und sie klagte, denn sie fürchtete sich im Dunkeln und vor all den Fremden rings um sie her. Eines Nachmittags ging Halvor in das Tal Josaphat hinab und pflückte beide Hände voll roter Anemonen, die schönsten, die er finden konnte, um sie nach dem Grabe des Kindes hinauszubringen. Wie er so über die grüne Ebene im Tal dahinging, sagte er zu sich: »Ach, hätte ich nur mein kleines Mädchen hier draußen im Freien unter einem grünen Hügel, so daß es wenigstens nicht von der abscheulichen Mauer eingeschlossen wäre.« Er hatte immer die hohe Mauer gehaßt, die den Begräbnisplatz umgab. Jedesmal, wenn er an sein totes Kind dachte, war es ihm, als habe er die arme Kleine in ein kaltes und finsteres Haus eingeschlossen und sie dort ohne Aufsicht gelassen. »Mich friert und ich leide«, meinte er sie klagen zu hören. »Mich friert und ich leide.« Halvor stieg das Tal hinan und folgte dem schmalen Steig, der um die Ringmauer herumläuft, bis er den Berg Zion erreicht. Der Kirchhof lag ein wenig westlich vom Zionstor, unterhalb des großen Gartens der Armenier. Während der ganzen Zeit dachte Halvor an sein Kind. Er erhob die Augen nicht vom Erdboden, während er den wohlbekannten Weg entlangging. Aber auf einmal hatte er ein Gefühl, daß hier draußen nicht alles so war, wie es zu sein pflegte. Er sah auf und bemerkte, daß ein paar Männer damit beschäftigt waren, eine Mauer niederzureißen. Er blieb stehen und sah ihnen zu. Was rissen sie doch da nieder? Hatte dort ein Gebäude oder eine Umfriedigung gelegen? Es mußte ja ungefähr da sein, wo der Kirchhof lag, oder hatte er sich etwa verirrt? Es währte einige Minuten, bis er sich zurechtfinden konnte, aber dann ward es ihm klar, was geschehen war. Es war die Kirchhofsmauer selbst, die die Arbeiter abbrachen. Halvor versuchte sich einzureden, daß sie niedergerissen werde, um einen größeren Platz zu schaffen, oder daß die Mauer durch ein eisernes Gitter ersetzt werden solle. Er versuchte sich auszumalen, daß es dann da drinnen nicht so kalt und feucht sein würde, wenn jetzt die Mauer verschwand. Und dennoch erfaßte ihn eine so heftige Unruhe, daß er zu laufen anfing. »Wenn sie nur nichts an dem Grabe gemacht haben«, dachte er. »Sie liegt ja ganz hart an der Mauer; wenn sie nur nichts an dem Grabe gemacht haben.« Er war ganz außer Atem, als er über die halb niedergerissene Mauer kletterte und auf den Begräbnisplatz gelangte. Endlich kam er so weit, daß er sehen konnte, wie es da drinnen stand. Im selben Augenblick fühlte er, daß etwas mit seinem Herzen vorging. Es stand plötzlich still, dann machte es ein paar heftige Schläge, und dann stand es wieder still. Es war wie ein Uhrwerk, das entzweigeht. Halvor sah sich gezwungen, sich auf einen Stein zu setzen, solange das Herz so unruhig war; und nach einer Weile fing es wieder an zu arbeiten wie sonst, doch etwas schwer und angestrengt. »Ach, ich lebe ja,« sagte er zu sich selbst, »ich lebe ja noch.« Er faßte Mut und sah sich auf dem Kirchhof um. Alle Gräber waren geöffnet, und die Särge, die da drinnen gestanden hatten, waren verschwunden. Hier und da an der Erde lagen einige Totengebeine und Schädel, sie waren aus den Särgen herausgefallen, die zerbrochen waren. Alle Grabsteine waren in einer Ecke des Kirchhofs aufeinandergehäuft. »Ach, mein Gott, was haben sie mit den Toten gemacht!« rief Halvor. Er trat an die Arbeiter heran. »Was habt ihr mit der kleinen Greta gemacht?« fragte er auf schwedisch. Er war seiner selbst nicht mächtig, er wußte nicht, was er sagte. Da merkte er, daß er die alte Sprache redete, strich sich über die Stirn und wurde verlegen. Er versuchte, sich klarzumachen, wer er war. Er war ja doch kein Kind, das ohne Grund bange wurde, sondern ein alter, vernünftiger Mann. Er war ein Großbauer; die ganze Gemeinde daheim hatte ja einmal zu ihm aufgesehen. Es schickte sich nicht für einen Mann wie ihn, so die Fassung zu verlieren. Halvor richtete sich auf und ging hin und fragte die Arbeiter auf englisch, ob sie wüßten, warum der Friedhof geschleift werde. Die Arbeiter waren Eingeborene, aber einer unter ihnen konnte ein wenig Englisch sprechen. Er erzählte Halvor, die Amerikaner hätten den Begräbnisplatz an einige Deutsche verkauft, die dort ein Krankenhaus errichten wollten, und darum müßten die Toten aus der Erde heraus. Halvor stand einen Augenblick still und grübelte über die Antwort nach. Ach so, hier sollte ein Krankenhaus liegen, gerade hier? Warum in aller Welt hatte man nicht einen Platz dafür auf einem dieser vielen kahlen Hügel finden können, warum mußte es durchaus hier liegen? Fürchteten sie sich nicht davor, daß die Toten, die hinausgeworfen waren, kommen und an die Tür des Krankenhauses pochen und Einlaß begehren würden? »Wir wollen hier auch ein Bett haben«, würden sie sagen. Und sie würden dort in einer langen Reihe stehen. Birger Larsson und der kleine Erik und Gunhild, und zu allerletzt sein kleines Mädchen. Halvor stand da und kämpfte mit dem Weinen. Aber er bemühte sich fortwährend, auszusehen, wie jemand, den die Sache gar nichts anging. Er setzte eine gleichgültige Miene auf, stellte einen Fuß vor und stand da, und schwenkte seinen Strauß roter Anemonen hin und her. »Aber was habt ihr mit den Toten gemacht?« fragte er. »Die Amerikaner sind hier gewesen und haben« ihre Särge geholt,« erwiderte der Arbeiter, »und alle, die hier Tote liegen haben, haben Nachricht erhalten, daß sie sie abholen sollen.« Da unterbrach sich der Mann selber und sah Halvor an. »Bist du vielleicht aus dem großen Hause, draußen vor dem Damaskustor?« fragte er. »Die, die dort wohnen, haben nicht einen einzigen von ihren Särgen geholt.« »Zu uns ist keine Nachricht gekommen«, sagte Halvor. Er stand noch da und schwenkte seinen Strauß hin und her. Sein Antlitz sah aus, als sei es zu Stein geworden unter der Anstrengung, dem, Fremden nicht zu zeigen, wie sehr er litt. »Alle, die nicht abgeholt sind, liegen da drüben«, sagte der Arbeiter und zeigte den Hügel hinab. »Ich will dir zeigen, wo sie liegen, damit ihr kommen und sie begraben könnt.« Der Mann ging hin, und Halvor folgte ihm. Während sie über die abgerissene Mauer kletterten, nahm Halvor einen Stein auf. Der Arbeiter ging ganz ruhig und unbekümmert dahin, während Halvor ihm mit dem Stein in der Hand folgte. »Es ist unbegreiflich, daß er sich nicht vor mir fürchtet,« sagte Halvor auf schwedisch, »daß er den Mut hat, so dicht vor mir herzugehen. Und er hat sogar geholfen, sie hinauszuwerfen. Er hat Klein-Greta auf den Kehrichthaufen geworfen. Kleine Greta, die kleine Greta,« fuhr er fort, »sie war so lieblich, daß sie wohl verdient hätte, in einem Marmorsarg zu liegen. Und dann hat sie nicht einmal hier in diesem elenden Grab in Frieden ruhen dürfen. Vielleicht war es gerade dieser Bursche, der sie aus dem Grabe genommen hat«, sagte Halvor und zielte mit dem Stein nach ihm. »Nie habe ich eine solche Lust verspürt, wie sie mich jetzt überkommt, diesen abrasierten Schädel unter der roten Mütze in Stücke zu zerschlagen. Du mußt nämlich wissen, daß es die kleine Greta vom Ingmarshofe war«, sagte er, indem er weiterging und sich selbst anfeuerte. »Und von Rechts wegen hätte sie neben dem großen Ingmar liegen müssen. Sie war aus so guter Familie, daß sie wohl verlangen konnte, bis zum jüngsten Tage in ihrem eigenen Grabe zu schlafen. Hier wurde kein ordentlicher Leichenschmaus für sie gehalten, sie wurde nicht mit Glockenläuten nach dem Kirchhof gefahren, und da war nicht einmal ein ordentlicher Pfarrer, der ihr die Leichenrede hielt. Aber deswegen hättest du es doch nicht nötig gehabt, sie aus dem Grabe herauszuwerfen. Wenn ich auch bisher kein guter Vater gegen sie gewesen bin, so sollst du doch wissen, daß sie nicht so gering ist, daß ich mich darein finde, daß du sie aus dem Grabe herauswirfst.« Halvor erhob die Hand und wollte gerade den Stein werfen, als sich der Arbeiter im selben Augenblick nach ihm umwandte. »Da hast du sie«, sagte er. Mitten zwischen den Kehrichthaufen und den aufgetürmten Steinen befand sich eine tiefe Grube, und da hinein waren die einfachen, schwarzen Särge der Kolonisten geworfen. Sie hatten sie ohne alle Sorgfalt da hineingestürzt, alte Särge waren zerbrochen, so daß die Toten, die drinnen lagen, sichtbar geworden waren. Bei einigen von den Särgen war der Boden in die Höhe gewendet, und aus den halbvermoderten Deckeln sahen lange, fleischlose Hände heraus, als wollten sie sich anstrengen, den Sarg wieder in die richtige Lage zu bringen. Während Halvor dastand und hinabsah, fiel der Blick des Arbeiters auf seine Hand, die den Stein so fest umklammerte, daß die Knöchel ganz weiß waren. Der Mann warf einen Blick auf sein Gesicht, und er mußte etwas Fürchterliches dort gesehen haben, denn er stieß einen Schrei aus und ergriff die Flucht. Aber Halvor dachte nicht mehr an ihn. Er war wie versteinert von dem, was er sah. Das grausamste war, daß der scharfe Leichengeruch in die Luft aufstieg und schon weit und breit verkündete, was geschehen war. Ein paar Geier schwebten schon hoch oben in den Wolken und warteten nur auf die Dunkelheit, um niederzustoßen. In weiter Ferne konnte man das Surren einer Menge schwarzer und gelber Insekten hören, die über den Särgen schwärmten. Ein paar Hunde kamen gelaufen, sie setzten sich mit lang heraushängenden Zungen an den Rand des großen Grabes und guckten hinein. Durch Halvors Körper lief ein Schaudern, als ihm einfiel, daß er sich an dem Abhang des Hinnomtales befand, dicht neben der Stätte, wo einstmals das Feuer Gehennas gebrannt hatte. »Wahrlich, dies ist Gehenna; dies ist die Wohnung des Entsetzens«, rief er aus. Aber lange blieb er nicht in Betrachtung dieses Fürchterlichen stehen. Er sprang in die Grube hinab, schob die schweren Särge beiseite und kroch zwischen den Toten herum. Er suchte und suchte, bis er den Sarg seiner kleinen Greta fand. Und als er ihn endlich fand, hob er ihn auf seine Schultern und stieg aus dem Grabe herauf. »Sie soll wenigstens nicht sagen können, daß ihr Vater sie die Nacht hindurch an diesem Ort hat liegen lassen«, rief er aus. »Liebes, kleines Kind«, sagte er mit ernster und eindringlicher Stimme, als wolle er sich der Toten gegenüber verantworten. »Liebste kleine Greta, wir haben nichts von alledem gewußt. Niemand hat es gewußt, daß du aus der Erde herausgegraben warst. Die andern haben erfahren, was geschehen sollte, aber wir nicht; sie betrachten uns nicht wie Menschen, darum haben sie es nicht der Mühe wert gehalten, uns zu benachrichtigen.« Als er mit dem Sarg aus der Grube herauskam, fühlte er abermals, daß es mit seinem Herzen nicht in Ordnung war. Er mußte sich niedersetzen, bis der ärgste Schmerz vorüber war. »Du brauchst nicht bange zu sein, mein liebes Kind«, sagte er. »Dies geht bald vorüber. Du mußt nicht glauben, daß Vater nicht Kräfte genug hat, um sein kleines Mädchen von hier fortzutragen.« Nach einer Weile gewann er seine Kräfte wieder, und mit dem Sarg auf der Schulter machte er sich auf den Weg nach Jerusalem. Wie er über den schmalen Weg außerhalb der Mauer entlangging, war es ihm, als habe alles sein Aussehen verändert. Die Mauern und die Trümmerhaufen sahen so schreckeinflößend aus. Alles war so wunderlich drohend und feindlich geworden. Das fremde Land und die fremde Stadt freuten sich über seinen Schmerz. »Du mußt nicht böse auf deinen Vater sein, mein liebes Kind, weil man dich in ein so unbarmherziges Land geführt hat«, sagte er. »Wäre dies daheim geschehen,« fuhr er fort, »da würde der Wald geweint und die Berge würden geklagt haben, aber dies ist ein unbarmherziges Land.« Er ging immer langsamer, um sein Herz zu schonen, denn es war, als habe es nicht Kraft genug, um sein Blut durch die Adern zu treiben. Er fühlte sich hilflos und verzweifelt, und namentlich überkam ihn eine Angst, weil er so weit weg war, in einem fremden Lande, wo niemand Barmherzigkeit mit ihm zu haben brauchte. Dann bog er um die Ecke und ging an der östlichen Mauer entlang. Das mit Gräbern angefüllte Tal Josaphat breitete sich vor ihm aus. »Und hier soll das jüngste Gericht abgehalten werden, und die Toten sollen auferwecket werden«, dachte er. »Was wird Gott zu mir am Tage des Gerichts sagen, zu mir, der ich Frau und Kinder in diese Stadt des Todes, nach Jerusalem, geführt habe?« fragte er sich selbst. »Und ich habe sogar auch meine Verwandten und Nachbarn überredet, mit nach dieser schrecklichen Stadt zu ziehen. Sie werden mich bei Gott verklagen.« Es war ihm, als, könne er hören, wie seine Landsleute die Stimme wider ihn erhoben. »Wir glaubten an ihn, und er hat uns in ein Land geführt, wo wir verachteter sind als Hunde, und in eine Stadt, wo uns die Grausamkeit getötet hat.« Er versuchte diese Gedanken von sich abzuschütteln, nicht länger bei ihnen zu verweilen. Aber es war ihm unmöglich. Er sah jetzt auf einmal alle die Gefahren und Beschwerden, die seiner Kameraden harrten. Er dachte an die harte Armut, die bald über sie kommen mußte, da sie keine Bezahlung für irgendwelche Arbeit nahmen. Er dachte an das ungewöhnte Klima und an die Krankheiten, die sie verheeren würden. Er dachte an das strenge Gebot, das sie sich selbst auferlegt hatten, das Spaltung und Untergang mit sich führen würde. Er fühlte sich todmüde. »Ebensowenig wie wir imstande sind, den Boden dieses Landes zu bestellen und sein Wasser zu trinken, ebensowenig können wir hier weiterleben«, stöhnte er. Immer langsamer schleppte er sich weiter. Er war ganz kraftlos und ermattet. Die Kolonisten saßen schon bei der Abendmahlzeit, als man ein schwaches Läuten an der Torglocke vernahm. Als das Tor geöffnet wurde, saß Tims Halvor draußen an der Erde. Er war dem Tode nahe. Der Sarg seiner kleinen Tochter stand neben ihm. Er saß da und zerpflückte einen großen Strauß welker Anemonen und streute die Blumen über den Sarg. Ljung Björn kam heraus und öffnete. Es war ihm, als könne er hören, daß Halvor etwas sagte, und er beugte sich nieder, um besser hören zu können. Halvor begann mehrmals, ehe er ein vernehmbares Wort hervorbringen konnte. »Sie haben unsere Toten hinausgeworfen«, sagte er. »Sie liegen dort unten in Gehenna unter offenem Himmel. Ihr müßt noch in dieser Nacht hingehen und sie holen.« »Was sagst du?« fragte Björn, er verstand gar nicht, wovon er redete. Der Sterbende richtete sich mit einer letzten Anstrengung auf. »Sie haben unsere Toten aus ihren Gräbern herausgeworfen, Björn, noch in dieser Nacht müßt ihr alle nach Gehenna gehen und sie holen.« Als er das gesagt hatte, brach er wieder mit einem Stöhnen zusammen. »Mir ist so schlecht, Björn, es ist gewiß mit meinem Herzen etwas nicht in Ordnung«, stammelte er. »Ich fürchtete, daß ich sterben würde, ehe ich euch dies gesagt habe. Ich habe die kleine Greta nach Hause getragen, aber die andern konnte ich nicht alle mitnehmen.« Ljung Björn kniete neben ihm nieder. »Willst du nicht hineinkommen, Halvor?« fragte er. Aber Halvor hörte ihn nicht. »Versprich mir, Björn, daß die kleine Greta ordentlich in die Erde kommt. Ich will nicht, daß sie denken soll, daß sie einen schlechten Vater hat.« »Ja, ja,« sagte Björn, »aber willst du nicht versuchen, hineinzukommen, Halvor?« Halvors Kopf sank noch tiefer auf die Brust hinab. »Sorge dafür, daß sie unter einem grünen Hügel liegt«, flüsterte er. »Und lege mich auch unter einen grünen Hügel«, fügte er nach einer Weile hinzu. Björn sah, daß er sehr krank war und beeilte sich, Hilfe zu holen, damit er ihn hineintragen könne. Als er zurückkam, war Halvor bereits tot.   Der Paradiesesbrunnen. Es wurde ein entsetzlich schwerer Sommer in Jerusalem, mit Wassermangel und Krankheit. Der Winterregen war in diesem Jahre nur spärlich gefallen, und die heilige Stadt, die nicht viel anderes Wasser hatte als den Regen, der sich zur Winterzeit in unterirdischen Brunnen ansammelte, von denen einer sich in jedem Hause befand, hatte bald unter Wassermangel zu leiden. Und während sich die Leute damit begnügen mußten, das modrige, schlechte Wasser zu trinken, das sich auf dem Boden der Brunnen befand, nahm die Krankheit mit entsetzlicher Gewalt zu. Da war kaum mehr ein Haus, in dem nicht irgend jemand an Kinderpocken oder Ruhr oder klimatischem Fieber krank lag. Die Gordonisten hatten eine arbeitsvolle Zeit; sie waren fast alle durch Krankenpflege in Anspruch genommen. Diejenigen, die lange in Jerusalem gewohnt hatten, schienen nicht empfänglich für die Ansteckung zu sein, sie konnten, ohne daß es ihnen schadete, von einem Krankenbett zum andern gehen. Die Schwedisch-Amerikaner, die schon heiße Sommer in Chicago durchgemacht hatten und daran gewöhnt waren, in Stadtluft zu leben, widerstanden auch der Krankheit wie der Anstrengung. Aber die armen Darlekarlier wurden fast alle krank. Zu Anfang sah es nicht so schlimm aus. Die meisten gingen noch umher, waren aber nicht imstande, zu arbeiten. Obwohl sie abgemagert waren und beständig Fieber hatten, glaubte niemand, daß es etwas anderes sei als ein vorübergehendes Unwohlsein. Aber nach Verlauf einer Woche starb Birger Persons Witwe und bald darauf einer seiner Söhne. Gleichzeitig stellten sich neue Krankheitsfälle ein. Es schien fast, als sollten alle Darlekarlier auf einmal zugrunde gehen. Alle Kranken hatten dieselbe Sehnsucht und Begierde. Sie flehten alle um einen Trunk Wasser, um einen einzigen Trunk reinen, frischen Wassers. Es war, als sei das das einzige, was sie nötig hatten, um wieder gesund zu werden. Wenn man ihnen aber Zisternenwasser anbot, warfen sie den Kopf zurück und wollten es nicht einmal sehen. Obwohl es filtriert und abgekühlt war, fanden sie, daß es modrig rieche und einen widerlichen Geschmack habe. Einige von den Kranken, die versucht hatten, es zu trinken, bekamen heftige Schmerzen und glaubten, daß sie vergiftet seien. Eines Vormittags, als die Krankheit ihren Höhepunkt erreicht hatte, saßen einige von den Bauern in dem schmalen Schatten draußen vor dem Hause und plauderten miteinander. Fieber hatten sie alle; das war ihren abgezehrten Gesichtern und ihren Augen, die matt und blutunterlaufen waren, leicht anzusehen. Keiner von ihnen nahm irgend etwas vor. Sie rauchten nicht einmal ihre kleinen Kreidepfeifen. Ihre einzige Beschäftigung bestand darin, zum Himmel emporzusehen, der sich klar und blau über ihren Häuptern wölbte. Sie hielten aufs genaueste Ausguck, und nicht die geringste Wolke, die am Horizont aufstieg, entging ihrem Blick. Sie waren sich alle klar darüber, daß in den nächsten Monaten kein Regen zu erwarten sei. Aber sobald sich eine der weißen Sommerwolken am Horizont erhob, bildeten sie sich dennoch ein, daß ja ein Wunder geschehen könne, und daß es bald anfangen würde zu regnen. »Wer weiß, ob uns Gott nicht doch schließlich noch helfen wird«, sagten sie. Während sie mit der größten Aufmerksamkeit das Wachsen der Wolken und ihre Bewegung am Himmel verfolgten, saßen sie da und redeten miteinander davon, wie es wohl sein würde, große Tropfen gegen die Mauern und Wände peitschen zu hören, zu sehen, wie das Wasser aus den Dachrinnen plätscherte und den Weg hinabströmte, kleine Steine und Sand mit sich führend. Sie waren sich darüber einig, daß sie keinen Schutz suchen würden, wenn es zu regnen anfing; sie würden ganz still dasitzen und das Wasser auf sich herabströmen lassen. Sie lechzten danach, sich vom Regen durchweicht zu fühlen, ganz so wie das ausgedörrte Erdreich es tat. Aber wenn die Wolke ein Stück weiter am Himmel hinabgestiegen war, mußten sie sich selbst eingestehen, daß sie kleiner wurde und gleichsam zerschmolz. Zuerst wurden die flaumigen Kanten verzehrt, dann begann das Zerstörungswerk von innen heraus, und sie fiel auseinander in kleine Stücke und Fetzen. Und im Laufe von wenigen Augenblicken war die Wolke verschwunden. Wenn die Bauern die Wolke nicht mehr sehen konnten, waren sie ganz verzweifelt, und diese erwachsenen Männer waren so entkräftet von der Krankheit, daß sie sich die Hände vor die Augen hielten, um es zu verbergen, falls sie zu weinen anfingen. Ljung Björn Olofsson, der sich seit Tims Halvors Tode als der Führer der Schweden fühlte, versuchte die andern zu ermuntern. Er fing an, von dem Bach Kidron zu sprechen, der in alten Zeiten durch das Tal Josaphat geströmt war und Jerusalem zu einer wasserreichen Stadt gemacht hatte. Er hatte seine Bibel in der Tasche, schlug darin auf und las alle die Stellen vor, wo der Bach Kidron genannt wird. Er beschrieb ihnen, was für ein großer und mächtiger Fluß der Kidron gewesen war, er hatte Wassermühlen getrieben, und im Winter war er sogar ganz mit Wasser gefüllt gewesen, so daß er über seine Ufer trat und die ganze Gegend überschwemmte. Man konnte es Ljung Björn anhören, daß es ihm eine förmliche Erquickung war, von diesem großen Fluß zu reden, der einstmals an Jerusalem vorübergeströmt war. Er trug den Fluß wohl immer in seinen Gedanken. Am allermeisten verweilte er bei der Stelle, wo erzählt wird, daß David durch den Bach Kidron watete, als er vor Absalom floh. Ljung Björn beschrieb den andern, wie es sein würde, mit bloßen Beinen in kaltem, rieselndem Wasser zu gehen. »Seht, das möchte ich noch lieber als das Wasser trinken«, sagte er. Ljung Björn hatte noch viel vom Kidron zu erzählen, als ihn sein Schwager Kolaas Gunnar unterbrach. Gunnar sagte, daß er sich nichts aus dem Bach Kidron mache, der sei ausgetrocknet und verschwunden. Aber seit die schwere Zeit gekommen war, habe er immerwährend an eine Prophezeiung von Hesekiel denken müssen, im vierzigsten Kapitel im ersten und in den folgenden Versen. Sie handle von einem Fluß, der an der Schwelle des Tempels entspringe und über die Ebene dahinfließen sollte bis hinab an das Rote Meer. Kolaas Gunnar schüttelte sein schwarzes Haar aus der Stirn, während er sprach. Seine Augen strahlten, und er erzählte so, daß alle Bauern die Wasserleitung, die aus Jerusalem herabkam, vor ihren Augen sahen. Leise rieselnd, kam das Wasser in einer steinernen Rinne dahergeflossen, dann teilte es sich in viele kleine Bäche, die durch grüne Wiesen rannen. Weiden und Pappeln wuchsen an ihren Ufern, große, dickblättrige Wasserpflanzen hingen über die Wasserfläche hinab, und auf dem Boden des Baches lagen kleine, weiße Steine, die im Wasser glitzerten und rieselten, wenn es darüber hinströmte. »Und dies wird wahrlich geschehen«, rief Kolaas Gunnar aus. »Denn es ist eine Prophezeiung von Gott, und sie ist noch nicht in Erfüllung gegangen. Ich denke, daß sie sich ja heute oder morgen erfüllen kann.« Aber als Hök Gabriel Mattsson, der auch mit dort unten war, dies hörte, wurde er sehr eifrig, ließ sich Ljung Björns Bibel geben und las einige Verse aus dem Buch der Chronika vor. »Beachtet dies wohl,« sagte er, »dies ist das Merkwürdigste, das ich jemals gehört habe.« Und er las ihnen vor, daß zu König Hiskias Zeiten verlautete, daß Sanherib auszog, um Jerusalem zu belagern. Da beriet sich Hiskias mit seinen Häuptlingen und Obersten und seinen tapfersten Männern, und sie sagten alle: es ist nicht wert, daß die Assyrer so viel Wasser finden; wenn sie kommen, um unsere Stadt zu belagern. Darauf ging Hiskias mit einer großen Heerschar hinaus und dämmte alle Ströme außerhalb Jerusalems ein, sowohl den großen Fluß, der mitten durch das Land strömte, wie auch alle Quellen. Als Gabriel dies gelesen hatte, sah er über das öde Land hinaus, das die Kolonie umgab. »Ich habe viel über diese Geschichte nachgegrübelt,« sagte er, »und ich habe die Amerikaner danach gefragt. Und nun will ich euch sagen, was ich über die Sache erfahren habe.« Gabriel sprach leicht und fließend, ganz so wie sein Vater Hök Matts, wenn der Geist über ihn kam und er anfing zu predigen. Sonst hatte er keine Rednergabe. Aber jetzt, wo das Fieber in seinem Körper raste, strömten ihm die Worte frei und leicht von den Lippen. »Ja, die Amerikaner haben mir erzählt,« fuhr Gabriel fort, »daß zu König Hiskias Zeiten hier Hochebenen mit unzähligen Wiesen und Bächen bewachsen waren. Korn konnte auf diesem felsigen Erdboden nicht wachsen, aber hier lagen eine Menge Gärten, voll von Granatbäumen und Aprikosenbäumen, von Saffran, Kalmus und Zimt, von Koferbüschen und Narduspflanzen, von allen möglichen wohlriechenden Pflanzen und von allen möglichen köstlichen Früchten. Alle diese Bäume waren gut bewässert, aus den Strömen und Bächen lief das Wasser in jeden Garten, und alle Gartenbesitzer hatten das Recht, zu einer bestimmten Zeit des Tages ihr Besitztum unter Wasser zu setzen. Aber eines Morgens ging König Hiskias mit seinen Mannen aus, eines Morgens, als alle diese Bäume in ihrer lieblichsten Pracht standen. Als Hiskias auszog, streuten die Mandel- und Aprikosenbäume ihre Blüten- blätter auf ihn herab. Die Luft war schwer von Balsamduft, als Hiskias auszog. Und als sich der Tag neigte und Hiskias mit seinem Heer heimzog, standen die Bäume noch ebenso da und grüßten ihn mit ihrem milden Duft. Aber an diesem Tage war König Hiskias ausgezogen und hatte alle Quellen Jerusalems eingedämmt und auch den großen Fluß, der mitten durch das Land strömte. Und am nächsten Tage war kein Wasser mehr in den kleinen Bächen, die zu den Wurzeln der Bäume hinabflossen. Einige Wochen später, als die Bäume Frucht ansetzen sollten, da waren sie kraftlos und setzten nur wenig Früchte an, und als die Blätter aus den Knospen hervorbrachen, waren sie klein und verkrüppelt. Aber dann zog eine schwere Zeit über Jerusalem hin, mit Krieg und großem Unglück. Niemand hatte Zeit, die Quellen wieder zu öffnen und den großen Fluß wieder in sein Bett zu leiten. Und da starben denn die Fruchtbäume auf den Hochebenen um die Stadt ringsherum ab, einige in der ersten Sommerdürre, einige in der zweiten und einige in der dritten. Und rings um Jerusalem herum ward das Land öde, wie es noch heutigen Tages ist.« Gabriel nahm einen kleinen Stein und bohrte damit in die Erde hinein. »Aber nun geschah es,« fuhr er fort, »daß, als die Juden von Babylon zurückkehrten, sie den Ort nicht finden konnten, wo der Fluß eingedämmt war, und auch den Ursprung konnten sie nicht finden. Und kein Mensch hat ihn bis auf den heutigen Tag gefunden. Aber wir, die wir hier sitzen und nach Wasser lechzen,« fuhr er fort, »warum gehen wir nicht aus und suchen nach König Hiskias Quellen? Warum gehen wir nicht aus und suchen den großen Fluß und die vielen Quellen? Wenn wir diese fänden, könnten dort wieder Bäume auf der Hochebene wachsen, und dies Land würde reich und fruchtbar werden, und könnten wir sie finden, so würde das mehr wert sein, als wenn wir Gold fänden.« Als Gabriel seine Rede beendet hatte, fingen die andern an, seine Worte zu erwägen; sie räumten alle ein, daß es sich wohl so verhalten könne, wie er sagte, und daß es vielleicht nicht unmöglich sei, den großen Fluß zu finden. Aber nicht einer von ihnen rührte sich, um hinauszugehen und mit dem Suchen zu beginnen, nicht einmal Gabriel. Seine Worte waren offenbar nichts weiter als ein Einfall, mit dem er seine Sehnsucht zu stillen suchte. Da ergriff Bo Ingmar Maansson das Wort; er hatte bisher stumm dagesessen und den andern zugehört. Er selbst hatte kein Fieber, aber niemand sehnte sich so nach frischem Wasser wie er. Denn Gertrud war auch dieser Durstkrankheit unterlegen; um ihretwillen sehnte er sich so nach Wasser, daß seine Lippen trocken waren, und daß er ebensowenig wie die andern an etwas anderes zu denken vermochte als an Quellen und Flüsse. »Ich denke nicht an so heilige und wunderbare Wasser wie ihr«, sagte Bo langsam. »Aber vom Morgen bis zum Abend denke ich an den Fluß, der mit hellem und frischem, mit blauem, glitzerndem Wasser dahinfließt.« Die Bauern sahen mit gespannter Erwartung in ihren Blicken auf. »Ich denke an den Elf, der Zuflüsse von vielen Flüssen und Bächen erhält und breit und wasserreich aus dem finsteren Walde herausfließt und so klar ist, daß man alle Kieselsteine auf dem Grunde schimmern sieht. Und dieser Elf ist nicht eingedörrt wie der Bach Kidron, oder nur ein Traum wie Hesekiels Fluß, oder unmöglich zu finden, wie der des Hiskias, sondern er braust und strömt noch heutigen Tags. Ich denke an den Dalelf.« Die drei Männer erwiderten kein Wort. Schweigend und mit gesenkten Augen saßen sie da. Seit der Dalelf genannt war, konnte sich niemand mehr entschließen, von den Quellen und Flüssen Palästinas zu reden.   An demselben Tage gegen Mittag fand ein neuer Todesfall statt. Es war eins von Kolaas Gunnars Kindern, das starb, ein kleiner, munterer Junge, den alle lieb gehabt hatten. Aber nun geschah es, daß niemand um das Kind zu trauern schien; im Gegenteil, alle Darlekarlier waren von einem Entsetzen ergriffen, daß sie sich kaum zu beherrschen vermochten. Sie glaubten alle, daß der kleine verstorbene Junge dort als Vorbedeutung liege, daß es keinem von ihnen möglich sein würde, die Krankheit zu überstehen. Man machte sich gleich an die gewöhnliche hastige Vorbereitung zu dem Begräbnis, aber diejenigen, die an dem Sarg zimmerten, standen da und dachten daran, wer wohl diese Arbeit für sie verrichten würde. Und diejenigen, die die Leichenkleider ordneten, sprachen während der Arbeit davon, wie sie es haben möchten, wenn sie selber stürben. »Wenn du mich überlebst,« sagte die eine Frau zu der andern, »dann denke daran, daß ich in meinen eigenen Kleidern liegen will.« – »Denke daran,« sagte die andere, »daß ich schwarzen Flor um den Sarg haben will, und ich will meinen Trauring mit mir ins Grab nehmen.« Mitten bei diesen Vorbereitungen ging ein sonderbares Geflüster durch die Kolonisten. Niemand wußte, wer die Worte zuerst gesagt hatte. Aber als sie erst gesagt waren, setzten sie sich bei ihnen allen fest, und man begann darüber nachzudenken und nachzugrübeln. Wie es so oft geht, fanden alle im Anfang, daß das, was hier vorgeschlagen wurde, unvernünftig und unausführbar war, aber nach und nach fanden sie, daß es ganz vernünftig, ja, daß es das einzige sei, was zu tun war. Bald sprach man in der ganzen Kolonie, unter den Kranken wie unter den Gesunden, unter den Amerikanern und unter den Schweden, von nichts anderm. »Es wäre am Ende doch am besten, wenn die Schweden wieder nach Hause reisten«, sagte man. Keiner von den Amerikanern konnte verbergen, daß es so aussah, als wenn alle Bauern in Jerusalem sterben müßten. Wie traurig es auch war, daß so viele gute und rechtschaffene Menschen die Kolonie verlassen sollten, so sah es eigentlich so aus, als wenn es keinen andern Ausweg gäbe. Es war besser, daß sie heimreisten und der Sache Gottes in ihrem eigenen Lande dienten, so gut sie konnten, als daß sie hier in der heiligen Stadt umkamen. Die Schweden meinten zuerst, daß es ihnen ganz unmöglich sei, sich von diesem Lande mit all seinen heiligen Stätten und Erinnerungen loszureißen, und sie schauderten davor, wieder in den Streit und die Unruhe der Welt hinausgestürzt zu werden, nachdem sie sich an dies ruhige, sichere Zusammenleben in der Kolonie gewöhnt hatten. Es gab einige unter ihnen, die meinten, es sei besser, zu sterben, als heimzureisen. Aber dann kam der Gedanke an die Heimat lockend und betörend. »Vielleicht bleibt uns doch nichts weiter übrig, als heimzureisen«, sagten sie. Plötzlich ertönte die Glocke, die die Kolonisten sonst zu Gottesdiensten und Zusammenkünften im Versammlungssaal zusammenrief. Sie waren alle sehr erstaunt und fast bestürzt, sie begriffen gleich, daß Mrs. Gordon wünschte, daß sie zusammenkommen und über die Heimreise beratschlagen sollten. Sie wußten selbst noch nicht, was sie wollten, aber es lag doch eine Erleichterung in dem bloßen Gedanken, der Krankheit und dem Tode zu entrinnen. Das sah man am besten daran, daß mehrere, die sehr krank waren, aufstanden und sich ankleideten, um mit in den Versammlungssaal zu gehen. Dort oben herrschte nicht die Ruhe und Ordnung wie sonst bei den Versammlungen. Niemand hatte sich gesetzt, man stand in Gruppen ringsumher und sprach miteinander. Alle waren in starker Erregung, am eifrigsten aber redete Hellgum. Es war leicht zu merken, daß er, der die Darlekarlier überredet hatte, nach Palästina zu reisen, sich von der schweren Verantwortung bedrückt fühlte, die er auf sich genommen hatte. Er ging von dem einen zu dem andern und drang auf die Heimreise. Mrs. Gordon war sehr bleich; sie sah müde und leidend aus. Sie war sich offenbar so wenig klar darüber, was sie wollte, daß sie sich davor fürchtete, die Verhandlungen zu beginnen. Niemand hatte sie jemals so schwankend gesehen. Die Darlekarlier schwiegen fast alle. Sie waren zu krank und schlaff, um selbst einen Entschluß zu fassen. Sie standen da und warteten darauf, daß die andern für sie beschließen würden. Einige von den jungen amerikanischen Mädchen waren außer sich vor Mitleid. Sie weinten und baten, daß diese kranken Menschen nach Hause geschickt werden möchten, daß man sie hier nicht sterben lassen solle. Während eifrig für und wider geredet wurde, öffnete sich die Tür fast lautlos, und Karin Ingmarstochter trat ein. Karin Ingmarstochter war jetzt sehr gebeugt und zusammengefallen. Sie war auffallend gealtert, das Gesicht war klein und eingefallen, und das Haar war ganz grau. Nach Halvor Halvorssons Tode verließ Karin nur selten ihr Zimmer. Sie saß dort allein in ihrem großen Stuhl, den Halvor ihr gezimmert hatte. Von Zeit zu Zeit entschloß sie sich, etwas für die beiden Kinder zu nähen oder zu flicken, die noch am Leben waren, in der Regel aber saß sie da, die Hände im Schoß gefaltet, und starrte vor sich hin. Niemand konnte anspruchsloser in ein Zimmer treten als Karin. Aber woher es kommen mochte, es wurde auf einmal still, als sie eintrat, und alle wandten sich um und sahen sie an. Karin ging langsam und bescheiden durch das Zimmer. Sie ging nicht mitten in der Stube, sondern an den Wänden entlang, bis sie zu Mrs. Gordon gelangte. Mrs. Gordon trat ihr ein paar Schritte entgegen und reichte ihr die Hand. »Wir sind hier versammelt, um über eure Heimreise zu reden«, sagte Mrs. Gordon zu ihr. »Was sagst du dazu, Karin?« Karin sank einen Augenblick zusammen, als habe sie einen Schlag erhalten. Ihre Augen nahmen einen Ausdruck tiefster Sehnsucht an. Sie sah sicher den alten Hof vor sich und dachte daran, ob sie je wieder bei dem Feuer in der guten Stube sitzen oder an einem Frühlingsmorgen an dem Heck stehen und sehen würde, wie das Vieh auf die Weide getrieben würde. Aber das währte nur einen Augenblick. Karin richtete sich sofort wieder auf, und ihr Antlitz nahm seinen gewöhnlichen Ausdruck von zäher Ausdauer an. »Ich wollte nur eins fragen,« sagte Karin auf englisch und so laut, daß alle sie hören konnten. »Gottes Stimme hat uns befohlen, hierher nach Jerusalem zu ziehen. Hat denn jemand Gottes Stimme uns befehlen hören, daß wir wieder von dannen ziehen sollen?« Es entstand ein tiefes Schweigen in dem Zimmer, nachdem Karin geredet hatte. Niemand hatte den Mut, auch nur ein einziges Wort zu erwidern. Aber Karin hatte Fieber wie alle andern, und sie hatte kaum gesprochen, als sie schwankte und fast gefallen wäre. Mrs. Gordon legte den Arm um sie und geleitete sie hinaus. Als Karin an ihren alten Landsleuten vorüberkam, nickten ihr einige zu: »Hab' Dank, Karin«, sagten sie. Sobald Karin fort war, begannen die Amerikaner wieder von der Heimreise zu reden, als sei nichts geschehen. Die Darlekarlier erwiderten kein Wort, aber gleich darauf schlich bald der eine, bald der andere hinaus. »Warum geht ihr denn?« fragte einer der Amerikaner. »Die Versammlung beginnt ja erst, sobald Mrs. Gordon zurückkehrt.« »Seht ihr denn nicht, daß schon alles entschieden ist?« sagt« Ljung Björn. »Unsertwegen braucht ihr keine Versammlung abzuhalten. Wir waren nahe daran, es zu vergessen, aber jetzt wissen wir es wieder, daß niemand anders als Gott unsere Heimreise bestimmen kann.« Und die Amerikaner sahen mit Staunen, daß Ljung Björn und alle seine Landsleute den Kopf höher erhoben und weniger mutlos und mitgenommen aussahen, als da sie sich zur Beratung versammelt hatten. Ihre Kraft und Ausdauer kehrten zurück, als sie ihren Weg klar vor sich sahen und nicht daran dachten, der Gefahr entrinnen zu können.   Gertrud lag krank in der kleinen Kammer, in der sie mit Gunhild gewohnt hatte. Es war traulich und schön darin. Bo und Gabriel hatten alle Möbel angefertigt, und sie waren schöner und zierlicher als die in den andern Zimmern. Die weißen Gardinen und Bettumhange hatte Gertrud selbst gewebt und mit Hohlsäumen und Spitzen verziert. Nach Gunhilds Tod war Betsy Nelson, eines der schwedisch-amerikanischen Mädchen, zu ihr in das Zimmer gezogen. Sie war Gertrud eine gute Freundin geworden, und jetzt, wo Gertrud krank war, pflegte Betsy sie mit großer Liebe. Es war am Abend desselben Tages, an dem bei der großen Versammlung abgemacht worden war, daß die Darlekarlier in Jerusalem bleiben sollten. Gertrud hatte ziemlich hohes Fieber und lag da und redete unaufhörlich. Betsy saß neben dem Bett und sagte hin und wieder einige Worte, um sie zu beruhigen. Plötzlich sah Betsy, daß die Tür sich leise auftat und Bo hereinkam. Er schlich so still durch die Tür, wie es nur möglich war, kam nicht ganz in die Stube hinein, sondern drückte sich an die Wand und blieb dort stehen. Gertrud schien es kaum zu merken, daß er gekommen war, aber Betsy wandte sich heftig nach ihm um und wollte ihn aus dem Krankenzimmer weisen. Als sie jedoch Bo ins Gesicht sah, wurde ihr Herz weich, und sie empfand das größte Mitleid mit ihm. »Ach, mein Gott, er glaubt gewiß, daß Gertrud sterben muß«, dachte sie. »Ich kann mir denken, daß es keine Rettung mehr für sie gibt, jetzt, wo die Darlekarlier beschlossen haben, in Jerusalem zu bleiben.« Es wurde ihr auf einmal klar, wie glühend Bo Gertrud liebte, und sie sagte zu sich selbst: »Es ist am besten, daß er hier drinnen bleibt, der Ärmste. Ich bringe es nicht übers Herz, ihm zu verweigern, daß er sie solange wie möglich sieht.« Bo erhielt also Erlaubnis, neben der Tür stehen zu bleiben, und da konnte er jedes Wort hören, das Gertrud sagte. Sie hatte kein so hohes Fieber, daß sie phantasierte, aber sie sprach ununterbrochen von Quellen und Brunnen, so wie alle die andern Kranken. Unaufhörlich klagte sie über den entsetzlichen, brennenden Durst, der sie quälte. Betsy versuchte einmal, ihr Wasser in ein Glas zu schenken und es ihr anzubieten. »Trink dies Wasser«, sagte sie. »Du kannst es sehr wohl trinken.« Gertrud erhob den Kopf ein wenig vom Kissen, nahm das Glas und führte es an ihre Lippen. Aber ehe sie es noch geschmeckt hatte, warf sie den Kopf zurück. »Kannst du denn nicht merken, wie abscheulich es riecht?« klagte sie. »Willst du mich denn ganz krank machen?« »Das Wasser hat weder Geruch noch Geschmack«, sagte Betsy geduldig. »Es ist sorgfältig gereinigt und filtriert, damit die Kranken es ohne Gefahr trinken können.« Sie wollte sie zwingen, es zu trinken, aber Gertrud stieß das Wasser so heftig zurück, daß es auf den Teppich floß. »Ich meine, du müßtest sehen können, daß ich schon krank genug bin, ohne daß du mich noch zu vergiften brauchst«, sagte sie. »Du würdest besser werden, wenn du nur versuchtest, das Wasser zu kosten«, sagte Betsy eindringlich. Gertrud erwiderte nichts, aber nach einer Weile fing sie an zu weinen und zu schluchzen. »Aber liebstes Kind, warum weinst du nur?« fragte Betsy. »Es ist doch entsetzlich, daß mir niemand Wasser zum Trinken verschaffen kann«, antwortete Gertrud. »Daß ich hier liegen und vor Durst sterben muß, ohne daß jemand Barmherzigkeit mit mir hat.« »Du weißt ja recht gut, daß wir dir alle gern helfen möchten, wenn wir nur könnten«, sagte Betsy und streichelte ihr die Hand. »Warum gebt ihr mir denn kein Wasser?« schluchzte Gertrud. »Mich macht nur der Durst krank. Ich würde in dem Augenblick wieder gesund sein, wo ich einen Trunk reinen, frischen Wassers bekäme.« »Es gibt kein besseres Wasser als dies in ganz Jerusalem«, sagte Betsy betrübt. Gertrud hörte nicht auf sie. »Es würde nicht so schwer sein, wenn ich nicht wüßte, daß hier gutes Wasser zu bekommen ist«, sagte sie. »Hier liegen und an Durst sterben müssen, wenn es in Jerusalem einen ganzen Brunnen voll frischen, reinen Wassers gibt!« Bo fuhr zusammen, als er diese Worte hörte, und sah Betsy fragend an. Sie zuckte nur die Achseln und schüttelte den Kopf. »Ach, das ist ja nur etwas, was sie sich einbildet«, sagte ihr bleiches Gesicht. Aber als Bo fortfuhr, sie fragend anzusehen, versuchte Betsy, Gertrud dazu zu bringen, ihr zu erklären, was sie meinte. »Ich glaube nicht, daß wirklich gutes Wasser in Jerusalem zu haben ist«, sagte sie. »Das ist doch sonderbar, daß du das nicht mehr weißt,« sagte Gertrud, »oder warst du vielleicht damals nicht mit dabei, als wir den alten Platz sahen, wo der Tempel der Juden gestanden hat?« »Freilich war ich mit dabei.« »Es war nicht die Omarmoschee,« sagte Gertrud und dachte nach, »nein, es war nicht die schöne Moschee, die mitten auf dem Platz lag, sondern es war in der häßlichen, alten Moschee, die an der einen Querseite liegt. Kannst du dich nicht erinnern, daß da drinnen ein Brunnen war?« »Dessen erinnere ich mich wohl, aber ich kann nicht begreifen, wie du glauben kannst, daß dort in dem Brunnen das Wasser besser sein sollte als in allen den andern Brunnen der Stadt.« »Es ist so schwer, so viel reden zu müssen, wenn man so an Durst leidet«, sagte Gertrud. »Du hättest doch auch zuhören können, als Miß Young uns von dem Brunnen erzählte.« Es verursachte ihr Qual, mit trockenen Lippen und brennender Kehle zu sprechen, aber ehe noch Betsy antworten konnte, war sie in vollem Gange, zu erzählen, was sie von dem Brunnen wußte. »Dieser Brunnen ist der einzige in Jerusalem, der immer gutes Wasser hat«, sagte sie. »Und das kommt daher, weil seine Quelle im Paradiese liegt.« »Wie kannst du nur Bescheid über so etwas wissen«, sagte Betsy mit einem Lächeln. «Ja,« fuhr Gertrud sehr ernsthaft fort, »das weiß ich. Miß Young erzählte, daß ein armer Wasserträger einmal im Sommer, während einer großen Dürre in die alte Moschee ging, um Wasser zu holen. Er hängte seinen Eimer an den Haken des Stricks, der über dem Brunnen hing, und ließ ihn hinab. Aber als der Eimer auf die Wasserfläche aufschlug, fiel er vom Haken und blieb auf dem Boden des Brunnens liegen. Nun, du wirst doch wohl begreifen, daß der Mann seinen Eimer nicht verlieren wollte.« »Ja, das begreife ich sehr wohl«, sagte Betsy. »Er eilte deswegen schnell hin, holte ein paar andere Wasserträger und ließ sich von diesen in den Brunnen hinabwinden.« Hier richtete sich Gertrud auf den Ellbogen auf und sah Betsy mit ihren fieberglühenden Augen an. »Er glitt sehr langsam hinab, und je weiter er kam, um so überraschter wurde er. Denn unten, vom Boden des Brunnens, strömte ihm ein sanftes Licht entgegen. Und als er endlich festen Grund unter den Füßen fühlte, war das Wasser ganz verschwunden, und statt dessen lag da ein herrlicher Garten. Weder Sonne noch Mond schienen dort unten zu scheinen, aber es schwebte ein schwacher Tagesschimmer über dem Garten, so daß er ihn ganz deutlich sehen konnte. Das merkwürdigste war, daß es ihm vorkam, als schlafe alles dort unten. Alle Blumen standen mit geschlossenen Kelchen da, die Blätter der Bäume waren zusammengefaltet, das Gras lag weich auf der Erde. Die schönsten Bäume standen da, ihre Kronen im Schlummer einander zugeneigt, als schliefen sie, und die Vögel saßen stumm und unbeweglich in ihren Kronen. Und nirgends dort unten war etwas Rotes und Grünes, sondern alles war grau wie Asche, – und doch war es sehr schön, weißt du.« Gertrud erzählte alles sehr umständlich, als komme es ihr darauf an, daß Betsy ihr glauben solle. »Wie ging es aber dem Mann weiter?« fragte Betsy. »Ja, der stand erst eine Weile da und konnte gar nicht begreifen, wohin er gekommen war, aber dann fürchtete er, daß die Männer, die ihn hinuntergelassen hatten, die Geduld verlieren könnten, wenn er zu lange fortbliebe. Aber ehe er sich wieder an die Oberfläche der Erde hinaufziehen ließ, ging er zu dem größten und schönsten Baum, der in dem Garten wuchs, und brach einen Zweig ab, den er mitnahm.« »Ich finde, er hätte gern ein wenig länger unten im Garten bleiben können«, sagte Betsy lächelnd. Aber Gertrud ließ sich nicht stören. – »Als er wieder zu seinen Freunden heraufgekommen war,« fuhr sie fort, »erzählte er ihnen alles, was er gesehen hatte, und zeigte ihnen den Zweig, den er gepflückt hatte. Und höre jetzt: In demselben Augenblick, in dem der Zweig an das Licht gelangte, kam Leben in ihn hinein. Die Blätter entfalteten sich, sie verloren ihre graue Farbe und wurden frisch und lichtgrün. Und als der Wasserträger und seine Freunde dies sahen, begriffen sie, daß er im Garten des Paradieses gewesen war, der unter Jerusalem liegt und schläft, bis er am Tage des jüngsten Gerichts mit neuem Glanz und neuer Herrlichkeit erstehen soll.« Gertrud atmete schwer und sank auf das Kissen zurück. »Liebes Herz, du wirst so müde von dem vielen Sprechen«, sagte Betsy. »Ich muß ja sprechen, damit du einsiehst, warum es in diesem Brunnen gutes Wasser gibt«, sagte Gertrud. »Und jetzt ist meine Geschichte auch gleich aus. Du kannst doch begreifen, daß niemand dem Mann geglaubt haben würde, daß er im Paradies gewesen war, wenn er den kleinen Zweig nicht mitgebracht hätte. Aber dieser Zweig glich keinem der Bäume, den die Menschen sonst kannten, und deswegen wollten seine Freunde auch gleich in den Brunnen hinabsteigen und das Paradies sehen. Aber nun war das Wasser wieder in den Brunnen zurückgekehrt, und wie tief sie auch hinabtauchten, konnten sie doch nicht auf den Boden gelangen.« »Hat denn sonst nie jemand das Paradies wieder zu sehen bekommen?« fragte Betsy. – »Nein, niemals, und seit der Zeit ist das Wasser auch nie aus dem Brunnen verschwunden gewesen, so daß seither niemand auf den Grund des Brunnens hat gelangen können, obwohl viele, ja, unzählig viele es versucht haben.« Gertrud seufzte tief auf, dann begann sie von neuem: »Siehst du, es ist wohl nicht die Absicht, daß wir das Paradies hier im Lande erblicken sollen.« – »Nein, das glaube ich auch«, räumte Betsy ein. – »Aber das wichtigste für uns ist doch, zu wissen, daß es da liegt und schläft und auf uns wartet.« – »Ja, das ist das wichtigste.« – »Und nun wirst du doch wohl auch einsehen können, Betsy, daß da immer frisches und reines Wasser in dem Brunnen sein muß, wenn er seine Quelle im Paradiese hat.« – »Liebste, könnte ich dir doch nur das Wasser verschaffen, nach dem du dich so sehnst«, sagte Betsy und lächelte wehmütig. Als Betsy dies sagte, öffnete eine ihrer kleinen Schwestern die Tür und winkte ihr: »Betsy, Mutter ist krank geworden«, sagte das Kind. »Sie liegt da und ruft nach dir.« Betsy sah unschlüssig aus, sie wußte nicht, ob sie Gertrud verlassen dürfe. Aber sie faßte einen schnellen Entschluß und wandte sich an Bo, der während der ganzen Zeit an der Tür stehengeblieben war. »Du kannst wohl ein wenig hier bei Gertrud bleiben, während ich fort bin.« – »Ja,« erwiderte Bo, »ich werde sie pflegen, so gut ich kann.« – »Versuche nur, ob du sie nicht bewegen kannst, etwas zu trinken, so daß sie von dem Gedanken abgelenkt wird, daß sie verdursten muß«, flüsterte Betsy, indem sie ging. Bo setzte sich an Betsys Platz neben dem Bett. Es schien Gertrud ganz gleichgültig zu sein, ob er es war oder Betsy, der bei ihr saß. Sie redete doch fortwährend von dem Paradiesesbrunnen und lag da und malte sich aus, wie rein und frisch und erquickend das Wasser von dort sein müsse. »Siehst du, Bo, ich kann Betsy nicht davon überzeugen, daß das Wasser in dem Brunnen besser ist als anderes Wasser in der Stadt«, klagte sie. »Darum will sie mir nichts davon verschaffen.« Bo saß da und starrte vor sich hin. »Ich sitze hier und denke daran, ob ich nicht nach Jerusalem hineingehen und etwas von dem Wasser für dich holen könnte«, sagte er. Gertrud erschrak sehr und packte ihn am Rockärmel, um ihn zurückzuhalten. »Ach nein, daran mußt du nicht denken. Wenn ich mich über Betsy beklage, so geschieht es nur, weil ich so durstig bin. Ich weiß sehr wohl, daß sie mir kein Wasser aus dem Paradiesesbrunnen verschaffen kann. Miß Young erzählte uns ja, daß die Mohammedaner ihn so heilig halten, daß sie nie einem Christen erlauben würden, Wasser daraus zu schöpfen.« Bo saß eine Weile schweigend da, während er fortfuhr, über die Sache nachzugrübeln. »Ich könnte mich vielleicht als Mohammedaner verkleiden«, sagte er. »Du darfst nicht an so etwas denken,« sagte Gertrud, »das ist wirklich töricht von dir.« – Aber Bo wollte den Plan nicht aufgeben. »Ich könnte ja mit dem alten Schuster sprechen, der hier in der Kolonie sitzt und unser Schuhzeug flickt. Ich glaube, der würde mir seine Kleider leihen.« Gertrud lag ganz still und dachte nach. »Ist der Schuhmacher heute hier?« fragte sie. – »Ja, er ist hier«, antwortete Bo. – »Ach, es kann ja doch nichts daraus werden«, seufzte sie. »Ich glaube, es wird am besten sein, wenn ich mich jetzt um die Nachmittagszeit auf den Weg mache: dann ist da keine Gefahr, daß ich einen Sonnenstich bekomme«, sagte Bo. – »Aber bist du nicht schrecklich bange? Du mußt daran denken, daß, wenn sie entdecken, daß du ein Christ bist, sie dich totschlagen.« – »Ach nein, ich bin nicht bange, wenn ich mich nur ordentlich mit einem roten Fes und einem weißen Turban auskleide, und wenn ich ein Paar zerlumpte gelbe Pantoffeln an den Füßen habe und die Beinkleider in die Höhe streifte, so wie die Wassertrager es tun.« – »Aber worin willst du denn das Wasser tragen?« – »Ich nehme ein Paar von unseren großen kupfernen Eimern und hänge sie mir an einer Tracht über die Schultern«, antwortete Bo. Er glaubte, daß Gertrud neues Leben bekomme bei der Aussicht, daß er hingehen und Wasser holen wolle, obwohl sie noch Einwendungen machte. Aber schließlich ward es ihm auch klar, wie unmöglich das ganze Vorhaben war. »Ach Gott,« sagte er zu sich selbst, »wie kann ich nur daran denken, Wasser von dem Tempelplatz zu holen, den die Mohammedaner so heilig halten, daß sie einem Christen kaum erlauben, ihn zu betreten. Die Brüder hier in der Kolonie würden mir nicht einmal erlauben, es zu versuchen, wenn ich es auch noch so gern wollte, und es hat ja auch gar keinen Zweck, denn es ist ja sicher ebenso schlechtes Wasser in dem Paradiesesbrunnen wie in allen den andern.« Während er hierüber nachdachte, überraschte es ihn, daß Gertrud plötzlich sagte: »Um diese Zeit des Tages sind wohl nicht viele Menschen auf der Straße.« – »Jetzt erwartet sie offenbar, daß ich gehe,« dachte Bo, »nun habe ich mich schön hineingeritten. Und Gertrud sieht so vergnügt aus, daß ich ihr nicht sagen mag, daß das Ganze unmöglich ist.« »Nein, da hast du recht«, sagte Bo zögernd. »Es wird sicher alles gut gehen, bis ich an das Tempeltor komme, falls ich da keinem von den Kolonisten begegne.« – »Meinst du denn, daß die es dir verbieten würden?« fragte Gertrud und sah ganz erschreckt aus. Bo hatte gerade die Absicht gehabt, etwas nach der Richtung anzudeuten, um sie von dem Plan abzubringen, aber als er ihre Angst sah, konnte er es nicht übers Herz bringen. »Die sollen es schon lassen, es mir zu verbieten«, erwiderte er munter. »Denn sie können mich nicht einmal erkennen, wenn ich als Wasserträger verkleidet komme und mir die großen Eimer um die Beine baumeln.« Gertrud sah beruhigt aus. Ihre Gedanken schlugen gleich eine andere Richtung ein. »Sind die Eimer denn so groß?« fragte sie. – »Ja, das kannst du mir glauben, die sind groß; das Wasser, das darin ist, kannst du in vielen Tagen nicht austrinken.« Darauf lag Gertrud schweigend da, aber sie sah Bo mit Augen an, die ihn so innig anflehten, fortzufahren, daß er nicht widerstehen konnte. »Innerhalb des Damaskustores wird es schlimmer für mich werden«, sagte er. »Ich weiß kaum, wie ich durch das große Volksgewimmel hindurchkommen soll.« – »Aber die andern Wasserträger können es ja doch«, wandte Gertrud eifrig ein. – »Ja, denn da sind ja nicht nur Menschen, da sind ja auch Kamele«, sagte Bo. Er bemühte sich, alle erdenklichen Hindernisse zu ersinnen. – »Glaubst du denn, daß du dort lange aufgehalten wirst?« fragte die Kranke ängstlich. Es erging Bo wie vorhin, er konnte sich nicht bewegen, Gertrud zu sagen, daß die ganze Wanderung eine Unmöglichkeit sei. »Hätte ich Wasser in den Eimern gehabt, so hätte ich wohl warten müssen, aber jetzt, wo sie leer sind, kann ich wohl zwischen den Kamelen hindurchschlüpfen.« Hier schwieg Bo wieder. Aber Gertrud streckte ihre ohnmächtige Hand aus und strich damit liebkosend über die seine. »Es ist so schön von dir, daß du Wasser für mich holen willst«, sagte sie sanft. »Ach Gott, hilf mir, hier sitze ich und bilde mir ein, daß es sich machen läßt«, dachte Bo. Aber als Gertruds Hand fortfuhr, die seine zu liebkosen, fuhr er fort, davon zu erzählen, wo er dann hingehen wollte. »Dann gehe ich geradeaus, bis ich an die Via Dolorosa komme«, sagte er. – »Ja, da pflegen nie so viele Menschen zu sein«, sagte Gertrud erfreut. – »Nein, da begegne ich wohl niemand weiter als einigen alten Nonnen«, sagte Bo schnell. »Ich setze meinen Weg ohne Hindernisse fort, bis ich an das Seraille und die Gefängnisse komme.« Hier schwieg Bo von neuem, aber Gertrud lag noch immer da und streichelte ganz leise seine Hand. Es war gleichsam eine stumme Bitte an ihn, fortzufahren. »Ich glaube wirklich, sie fühlt den Durst weniger, nur, weil ich davon rede, daß ich ihr Wasser holen will«, dachte er. «Ich werde ihr wohl erzählen müssen, wie es mir dabei ergeht. Dort unten an den Gefängnissen gerate ich wohl wieder ins Gedränge und in Menschengewimmel hinein«, fuhr er fort. »Denn die Polizei wird wohl wie gewöhnlich mit einem Dieb herbeigeschleppt kommen, den sie ins Gefängnis führen will. Und dann bleiben ja immer eine Menge Menschen stehen und reden darüber.« – »Du gehst aber doch so schnell du nur kannst vorüber?« sagte Gertrud. – »Nein, das kann mir nichts nützen, denn dann würden sie ja alle gleich sehen, daß ich keiner von den Eingeborenen bin. Nein, ich bleibe stehen und lausche, als ob ich neugierig darauf bin, zu erfahren, wie das Ganze zusammenhängt.« – »Aber wenn du doch nichts davon verstehen kannst?« – »Ach, so viel verstehe ich doch wohl, daß es einer ist, der gestohlen hat. Wenn alle die Leute dann endlich begriffen haben, daß sie nun nichts mehr von dem Dieb zu sehen bekommen, dann läuft der Haufe auseinander, und ich gehe weiter. Jetzt brauche ich nur noch durch ein dunkles Torgewölbe zu gehen, dann bin ich gleich auf dem Tempelplatz. Aber ich bin sicher, daß, gerade als ich über eins der Kinder hinwegschreiten will, das mitten auf der Straße liegt und schläft, mir ein Junge ein Bein stellt, so daß ich stolpere und mir ein schwedischer Fluch entfährt. Dann erschrecke ich mich natürlich sehr und schiele nach den Kindern hinüber, um zu sehen, ob sie etwas gemerkt haben. Aber die liegen ganz gleichgültig und träge da und wälzen sich im Schmutz herum.« Gertruds Hand lag noch immer liebkosend auf Bos, und das machte ihn so über die Maßen glücklich, er ward so angeregt davon, daß er hätte sagen und tun können, was es auch sein mochte, nur, um ihr zu gefallen. Es war, als ob er einem Kinde Märchen erzähle, und er fing an, sich damit zu belustigen, seine Erzählung mit vielen wunderlichen Abenteuern auszuschmücken. »Nun muß ich, so viel ich kann, aus diesem Gange machen,« dachte er, »denn es amüsiert sie offenbar, hinterher muß ich dann sehen, wie ich mich aus dem Ganzen herauswickle.« »Ja, ich komme also in den Sonnenschein auf den großen, offenen Tempelplatz hinaus,« sagte Bo, »und du kannst mir glauben, daß ich im ersten Augenblick sowohl dich als auch den Brunnen und das Wasser, das ich holen soll, ganz vergesse.« – »Was in aller Welt stößt dir denn da zu?« fragte Gertrud und lächelte ihn an. – »Da stößt mir gar nichts zu«, erwiderte Bo mit großer Sicherheit. »Die Sache ist nur die, daß es hier so hell und schön ist und so voller Freuden im Vergleich zu der schwarzen Stadt, aus der ich komme, daß ich gar keine Lust zu etwas anderem habe, als stillzustehen und mich umzusehen. Und dann ist da ja die herrliche Omarmoschee, die auf einer Anhöhe in der Mitte liegt, und all die vielen Pavillons und Torgewölbe und Treppengänge und überdachten Brunnen, und dann all die Erinnerungen! Ich denke daran, daß ich in dem alten Tempelhof der Juden stehe, da wünsche ich, daß die großen steinernen Fliesen, mit denen der Platz gepflastert ist, reden und mir alles erzählen könnten, was sie erlebt haben.« »Aber glaubst du nicht, daß es gefährlich ist, wenn du so lange dort stehen bleibst, so fremd wie du aussiehst?« fragte die Kranke. – »Gertrud sehnt sich wohl danach, daß ich mich beeilen soll und mit Wasser zu ihr komme«, dachte Bo. »Es ist sonderbar, wie eifrig sie ist, ganz, als glaube sie, daß ich mich wirklich auf dem Wege nach dem Paradiesesbrunnen befinde.« Aber eigentlich war es Bo so ergangen: er ging so vollständig in seiner Erzählung auf, daß er den ganzen Tempelplatz vor sich sah und von seinen Erlebnissen erzählte, als sei es wirklich alles geschehen. »Ja, sehr lange bleibe ich auch nicht stehen«, erwiderte er. »Ich gehe an der Omarmoschee vorüber, und vorüber an den großen, schwarzen Zypressen, und hinüber auf die andere Seite, an dem großen Wasserbassin vorbei, von dem sie sagen, daß es das kupferne Gefäß aus Salomons Tempel sein soll. Und überall, wohin ich komme, liegen Menschen auf den Fliesen und lassen sich von dem Sonnenschein braten. An einer Stelle liegt ein Haufen Kinder, die spielen, und an einer andern Stelle steht ein Haufen Tagediebe, die schlafen, und ein Derwischscheik sitzt an der Erde, mit seinen Jüngern um sich herum. Er beugt den Oberkörper hin und her, während er zu ihnen redet, und während ich dastehe und ihnen zusehe, kann ich nicht unterlassen, bei mir selbst zu denken: ›So hat Jesus gewlß auch einmal auf dem Tempelplatz gesessen und seine Jünger unterwiesen.‹ Gerade wie ich da stehe und daran denke, sieht der Derwischscheik auf und richtet seinen Blick auf mich. Du kannst mir glauben, daß ich mich erschrecke; er hat große, schwarze Augen, die einen Menschen durch und durch sehen können.« – »Wenn er nur nicht entdeckt, daß du kein richtiger Wasserträger bist«, sagte Gertrud. – »Ach nein, es scheint nicht so, daß er sich über mich wundert, aber gleich darauf muß ich an wirklichen Wasserträgern vorübergehen, die dastehen und Wasser aus einem Brunnen heraufziehen. Sie rufen mich an, aber ich wende mich um und mache ihnen ein Zeichen, daß ich in die Moschee hinein will. Dann wird es ganz still hinter mir.« – »Ach, wenn sie nun entdecken, daß du kein Muselmann bist!« –- »Ich wende mich noch einmal um und sehe ihnen nach; aber sie stehen ganz still, den Rücken mir zugewendet, und reden miteinander.« – »Sie haben vielleicht etwas erblickt, was noch merkwürdiger ist als du!« – »Ja, das haben sie wohl.« »Dann bin ich endlich ganz dicht an der alten Moschee El Aksa angelangt, in der sich der Paradiesesbrunnen befindet«, sagte Bo. »Und ich komme dicht an den beiden Pfeilern des Tores vorüber, die so nahe beieinander stehen und von denen man sich, wie du weißt, erzählt, daß nur ein Gerechter dazwischen hindurchgehen kann. Ja, sage ich zu mir selbst, ich werde mich schon hüten, mich heute zwischen den Pfeilern hindurchzudrängen, wo ich im Begriff bin, Wasser zu stehlen.« – »Wie kannst du doch nur so etwas denken,« unterbrach ihn Gertrud, »das ist doch das Beste, das du in deinem ganzen Leben getan hast.« – Gertrud lag nun da und lauschte in froher Erwartung. Sie hatte so heftiges Fieber, daß sie Dichtung und Wirklichkeit nicht mehr auseinander halten konnte, sondern fest überzeugt war, daß Bo sich wirklich auf dem Wege nach dem Paradiesesbrunnen befand, um Wasser zu holen. »Dann schlüpfe ich aus den Pantoffeln heraus und gehe in die El-Aksa-Moschee«, fuhr Bo fort. Er fand, daß es merkwürdig glatt ging, diese Geschichte zusammenzustellen; aber ihm graute vor dem Augenblick, wo er Gertrud erzählen mußte, daß er ihr das Wasser in Wirklichkeit nicht verschaffen könne. »Und wenn ich dann da hineingekommen bin, sehe ich gleich links den Brunnen in dem ganzen Wald von Säulen. Da hängt eine Winde mit einem Strick und einem Haken darüber, und es ist keine Kunst, die Eimer hinunterzulassen und sie gefüllt wieder heraufzuziehen. Und du kannst mir glauben, das Wasser, das ich aus dem Brunnen ziehe, ist das reinste, klarste Quellwasser. ›Sobald Gertrud dies Wasser zu sehen und zu schmecken bekommt, wird sie schon gesund werden‹, denke ich bei mir selbst, während ich die Eimer fülle.« »Ja, wenn du nur bald damit nach Hause kommen wolltest«, sagte Gertrud. – »Nun mußt du wissen,« sagte Bo, »daß ich jetzt gar nicht so ruhig bin wie damals, als ich ankam. Jetzt, wo ich das Wasser habe, bin ich bange, es zu verlieren. Und wie ich auf den Ausgang zugehe, werde ich immer ängstlicher, denn es ist mir, als könnte ich Rufe und Schreie hören.« – »Ach, was glaubst du doch mir, was da los sein könnte?« fragte Gertrud, und Bo sah, daß sie ganz blaß vor Angst wurde. Aber Bos Phantasie hatte Flügel bekommen, als er sah, wie interessiert Gertrud war, und er rief aus: »Was da los ist? Das will ich dir sagen. Ganz Jerusalem kommt mir jetzt entgegen.« Er hielt einen Augenblick den Atem an, als wollte er seiner Überraschung und seinem Schrecken Ausdruck verleihen. »Ja, sie haben sich erhoben, alle die, die da draußen auf den Fliesen lagen und sich sonnten, und nun stehen sie draußen vor El Aksa und rufen, und ihre Rufe bringen Leute von allen Seiten herbei. Aus der Omarmoschee her kommt der oberste Tempelvorsteher mit seinem großen Turban und seinem Fuchspelz gestürzt, und aus dem Tor herauskommen Kinder, und aus allen Ecken und Winkeln des Tempelplatzes kommen Tagediebe, die da gelegen und geschlafen haben. Und ich sehe nichts vor mir als geballte Fäuste und schreiende Münder und emporgehobene Arme. Und vor meinen Augen ist ein dichter Wirrwarr von buntgestreiften Mänteln und wogenden Gewändern und roten Gürteln und gelben Pantoffeln, die auf die Erde stampfen.« Bo warf Gertrud einen Blick zu, als er das erzählte. Sie unterbrach ihn nicht mit Fragen, aber sie hörte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu, und in ihrer Angst hatte sie sich ein wenig von dem Kissen erhoben. »Ich verstehe kein Wort von dem, was sie mir zurufen, was du dir wohl denken kannst«, fuhr Bo fort. »Aber so viel kann ich doch begreifen, daß sie darüber zornig sind, daß ein Christ gewagt hat, Wasser aus dem Paradiesesbrunnen zu holen.« Gertrud sank ganz bleich auf das Kissen zurück. »Ja, ich kann mir wohl denken, daß du nicht mit dem Wasser zu mir nach Hause kommen kannst,« sagte sie ganz tonlos. »Nein, das ist nicht so leicht,« dachte er bei sich selbst. Aber als er ihren Kummer sah, ward sein Herz bewegt. »Ich glaube wohl, daß ich es so machen muß, daß das Paradieseswasser dennoch glücklich zu Gertrud gelangt«, dachte er. »Nahmen sie dir denn das Wasser weg?« fragte Gertrud. – »Nein, zuerst stehen sie nur da und rufen; sie wissen wohl selbst kaum, was sie wollen.« Bo schwieg ein wenig, er wußte wirklich auch selber nicht, was er nun erfinden sollte, um sich aus der Klemme zu ziehen, in die er sich hineingeritten hatte. Da kam ihm Gertrud zu Hilfe. »Ich hoffte, daß der Mann, der mit seinen Jüngern dasaß, dich retten würde«, sagte sie. Bo atmete tief auf. »Nein, daß du das erraten kannst!« rief er aus. »Ich sehe nun, daß der große Moscheevorsteher mit dem feinen Fuchspelz anfängt, seinen Leuten Befehle zu erteilen«, fuhr er fort. »Und dann ziehen einige von ihnen ihre Dolche aus dem Gürtel und fahren auf mich ein. Es ist wohl ihre Absicht, mir gleich den Garaus zu machen. Aber sonderbarerweise bin ich gar nicht besorgt um mein Leben. Ich bin nur besorgt, von dem Wasser zu verschütten. Und während sie auf mich zustürzen, setze ich natürlich die Eimer an die Erde und stelle mich davor. Als sie mich dann ergreifen wollen, strecke ich meine Arme aus und stoße sie um. Sie sehen ganz erschreckt aus, während sie zu Boden rollen; sie haben noch nie erfahren, was es heißt, mit einem Darlekarlier ins Handgemenge zu kommen. Aber sie kommen ja gleich wieder auf die Beine, und es kommen mehrere hinzu. Und nun sind da so viele, daß ich deutlich sehen kann, daß sie Macht über mich gewinnen werden.« – »Aber jetzt sollst du sehen, jetzt kommt der Derwischscheik«, fiel ihm Gertrud in die Rede. Bo nahm sogleich den Gedanken auf. »Ja, er kommt ganz still und würdig gegangen, er sagt einige Worte zu der Volksschar, und gleich halten sie inne mit ihren Drohungen und Angriffen.« – »Ja, ich weiß wohl, was er dann tut«, sagte Gertrud. – »Er sieht mich mit einem klaren und ruhigen Blick an«, sagte Bo. – »Ja, aber was dann?« – Bo strengte sich an, so sehr er konnte, um etwas zu erfinden, aber seine Gedanken standen ganz still. »Ja, du hast es wohl schon erraten«, sagte er, um Gertrud zu verlocken, wieder etwas zu sagen. Gertrud sah den ganzen Auftritt deutlich vor sich; sie war nicht einen einzigen Augenblick im Zweifel. »Dann schiebt er dich zur Seite«, sagte sie, »und sieht in die Wassereimer hinab.« – »Ja, gerade das tut er«, sagte Bo. – »Er sieht in das Wasser des Paradiesesbrunnens hinab«, sagte Gertrud bedeutungsvoll. Ehe sie aber noch ein Wort mehr gesagt hatte, hatte Bo, ohne selbst zu wissen wie, ihre Gedanken erraten, so daß es ihm auf einmal klar wurde, wie sie sich den Ausgang der ganzen Geschichte dachte. Er fing an, sehr eifrig zu erzählen: »Du mußt wissen, Gertrud, daß nichts als Wasser in den Eimern war, als ich sie aus El Aksa heraustrug, nichts weiter als klares Wasser.« – »Aber jetzt?« – »Ja, jetzt, als sich der Derwisch darüber beugt, sehe ich ein paar Zweige auf dem Wasser schwimmen.« – »Ja,« sagte Gertrud, »ich wußte ja, daß das geschehen würde. Und an den Zweigen sitzen ein paar zusammengerollte graue Blätter; siehst du das nicht auch?« – »Ja, das sehe ich auch.« – »Er ist wohl eine Art Wundertäter, dieser Derwisch?« – »Das ist er gewiß«, sagte Bo. »Aber er ist auch gut und barmherzig.« »Und nun beugt er sich nieder, nimmt die Zweige und hebt sie in die Höhe«, sagte Gertrud. »Und da entfalten sich die Blätter und bekommen die schönste frische, grüne Farbe.« – »Und dann bricht die ganze Volksschar in einen Schrei des Entzückens aus«, beeilte sich Bo hinzuzufügen. »Und mit den frischen Blättern in der Hand geht der Derwisch zu dem Vorsteher der Moschee. Er zeigt auf die Zweige, und er zeigt auf mich. Ich kann mir ja denken, was er sagt: ›Dieser Christ hat ja Blätter und Zweige aus dem Paradiesesbrunnen heraufgeholt, könnt ihr da nicht begreifen, daß er unter Gottes Schutz steht, es kann nicht angehen, ihn totzuschlagen.‹ Darauf tritt er auf mich zu, noch immer mit den schönen Blättern in der Hand. Ich sehe, wie diese im Sonnenlicht schimmern und die Farbe wechseln. Bald sind sie rot wie Kupfer und bald blau wie Stahl. Er hilft mir die Tracht auf die Schultern und macht mir ein Zeichen, daß ich gehen soll. Und ich gehe so schnell, wie ich kann. Aber ich kann nicht unterlassen, mich noch ein paarmal umzudrehen. Und immer noch steht er da und hält die schimmernden Blätter in die Höhe, und die Volksmenge steht ganz still und sieht ihn an. Und so bleibt er stehen, bis ich ganz vom Tempelplatz heruntergekommen bin.« »Ach, Gott segne ihn«, sagte Gertrud. Sie lag da und lächelte Bo zu. »Und nun kommst du gut nach Hause mit dem Wasser aus dem Paradiesesbrunnen?« »Ja,« sagte Bo, »jetzt ist alle Gefahr überstanden, jetzt komme ich wohl glücklich nach Hause.« Im selben Augenblick erhob Gertrud erwartungsvoll den Kopf und lächelte wieder. »Ach, lieber Gott, sie glaubt sicher, daß ich jetzt das Wasser hier habe«, dachte Bo, »es war schändlich von mir, sie so zu hintergehen. Sie stirbt sicher, wenn ich ihr sage, daß nichts von dem Wasser hier ist, nach dem sie sich so sehnt.« In seiner Verzweiflung ergriff er das Glas Wasser, das auf dem Tisch stand, dasselbe Wasser, das Betsy vorhin Gertrud angeboten hatte, und reichte es ihr. »Willst du nicht das Wasser aus dem Paradiesesbrunnen kosten, Gertrud?« sagte er, und seine Stimme zitterte vor Erregung. Er war fast entsetzt, als er Gertrud sich im Bett aufrichten und das Glas mit beiden Händen ergreifen sah. Sie trank die Hälfte des Wassers mit großer Begier. »Gott segne dich,« sagte sie, »jetzt glaube ich, daß ich leben werde.« – »Du sollst gleich noch mehr haben«, sagte Bo. – »Ich möchte gern, daß du auch den andern Kranken von dem Wasser abgibst, daß auch sie genesen«, sagte Gertrud. – »Nein,« sagte Bo, »das Wasser aus dem Paradiesesbrunnen ist nur für dich. Das soll kein anderer kosten.« – »Aber du selbst, willst du denn nicht schmecken, wie herrlich es ist?« sagte sie. – »Ja, das will ich«, sagte Bo. Er nahm das Glas aus Gertruds Hand, drehte es so herum, daß seine Lippen die Stelle berührten, wo sie getrunken hatte, und sah Gertrud mit Augen an, die vor Glückseligkeit strahlten. Aber ehe er noch das Glas geleert hatte, war Gertrud auf das Kissen zurückgesunken und eingeschlafen, so leicht und schnell wie ein Kind.   Ingmar Ingmarsson An einem Sonntagnachmittag, als die Darlekarlier schon einundeinhalbes Jahr in Jerusalem waren, hatten sie sich mit den andern Kolonisten zum Gottesdienst versammelt. Es war kurz vor Weihnachten, und der Winter hatte begonnen, aber der Tag war mild und warm, so daß die Fenster in dem großen Versammlungssaal offen stehen konnten. Gerade als man mitten in einem von Sankeys Liedern war, hörte man die Torglocke läuten. Es war ein sehr schwaches und demütiges Läuten, eigentlich nur ein einzelner Schlag, und hätten die Fenster nicht offen gestanden, so hätte es gewiß niemand beachtet. Einer von den jungen Leuten, die der Tür zunächst saßen, ging, um zu öffnen. Und dann dachte niemand mehr daran, wer wohl gekommen sein mochte. Nach einer Weile hörte man schwere Tritte langsam und vorsichtig die Marmortreppe heraufkommen. Als der Kommende die oberste Stufe erreicht hatte, machte er einen langen Aufenthalt. Es klang, als stehe er still und besinne sich, ehe er mit größtem Zögern den Marmorboden in der großen, offenen Vorhalle vor dem Versammlungssaal überschritt. Endlich hatte er seine Hand auf den Türgriff gelegt und drückte ihn nieder. Da tat sich die Tür ungefähr einen viertel Zoll auf, und weiter schien sie sich nicht öffnen zu wollen. Gleich als man die Schritte vernommen hatte, senkten die Darlekarlier unwillkürlich ihre Stimmen, um besser zu hören, und nun wandten sich alle Gesichter dem Eingang zu. Diese vorsichtige Art, eine Tür zu öffnen, kannten sie nur zu gut. Sie vergaßen ganz, wo sie waren, hatten plötzlich ein Gefühl, als säßen sie daheim in Dalarne in einer ihrer eigenen kleinen Stuben. Aber sie kamen schnell wieder zu sich und sahen in ihre Gesangbücher hinein. Die Tür glitt jetzt langsam und lautlos auf, ohne daß sich der, der sich draußen befand, schon sehen ließ, Über das Antlitz von Karin Ingmarstochter und ein paar anderen huschte eine tiefe Röte wie eine rote Wolke hin, während sie sich bemühten, die Gedanken zu sammeln und dem Gesang zu folgen. Aber die Männer fingen an, lauter zu singen, mit kräftigerem Baß als bisher, ohne sich daran zu kehren, ob sie im Takt waren. Endlich, als sich die Tür ungefähr eine viertel Elle geöffnet hatte, erschien ein großer, häßlicher Mann, der sich durch die enge Öffnung zu klemmen suchte. Seine Haltung war sehr demütig, und in seiner Angst, den Gottesdienst zu stören, wagte er nicht, ganz in den Saal hineinzukommen, sondern blieb mit gesenktem Haupte und gefalteten Händen neben der Tür stehen. Sein Anzug war aus seinem, schwarzem Tuch, aber er hing ihm in Beuteln und Falten um den Leib. Seine Hände, die aus ein Paar zerknitterten Manschetten hervorsahen, waren groß und schwielig, mit dicken Adern unter der Haut. Er hatte ein großes, sommersprossiges Gesicht mit ganz weißen Augenbrauen, eine stark vorstehende Unterlippe und einen scharfen Zug um den Mund. Im selben Augenblick, als der Neuangekommene in die Tür trat, erhob sich Ljung Björn von seinem Platz und sang stehend weiter, und in der nächsten Sekunde erhoben sich alle Darlekarlier, alt und jung, ebenso wie Ljung Björn. Sie hielten noch immer die Gesichter über das Buch gesenkt, und kein Lächeln verklärte sie. Nur hin und wieder schlich ein verstohlener Blick zu dem Mann an der Tür hinüber. Aber der Gesang wurde auf einmal stärker, gleichsam wie ein Feuer von einem Windhauch angefacht wird. Die vier Ingmarstöchter, die alle schöne Singstimmen hatten, führten an, und es kam ein Jubel und ein Schwung in den Gesang wie nie zuvor. Und die Amerikaner sahen erstaunt die Darlekarlier an, denn ohne es selbst zu wissen, hatten sie alle angefangen, schwedisch zu singen.   2. Buch Barbro Svenstochter Am Tage nach Ingmars Ankunft in Jerusalem saß Karin Ingmarstochter allein in ihrer Stube, wie sie zu tun pflegte. Den ganzen vorhergehenden Abend war sie in ihrer Freude, Ingmar wiederzusehen, im Versammlungssaal geblieben und hatte teil an der Unterhaltung genommen. Aber jetzt war die Verstimmung wieder über sie gekommen, sie saß aufrecht in Halvors Lehnstuhl und starrte vor sich hin, die Hände im Schoß. Da tat sich die Tür auf, und Ingmar trat herein. Karin bemerkte ihn nicht, ehe er dicht neben ihr stand. Sie ward verlegen darüber, daß der Bruder, als er kam, sie so ganz müßig dasitzen sah; tiefe Röte bedeckte ihr Antlitz, und sie griff eifrig nach einem Strickstrumpf. Ingmar setzte sich auf einen Stuhl und blieb still sitzen, ohne Karin anzusehen. Ihr fiel jetzt ein, daß sie an dem vorhergehenden Abend nur mit ihm darüber geredet hatte, wie es ihnen selbst hier in Jerusalem ergangen war, und daß niemand etwas über ihn, Ingmar, erfahren hatte, oder warum er sie aufgesucht hatte. »Das will er mir jetzt wohl erzählen«, dachte sie. Ingmar bewegte die Lippen ein paarmal, wie um eine Unterhaltung zu beginnen, aber er brachte keinen Laut hervor. Währenddessen saß Karin da und sah ihn an. »Es ist doch wirklich schrecklich, wie alt er geworden ist«, dachte sie. »Vater hatte keine tieferen Runzeln in der Stirn trotz seines Alters. Entweder muß Ingmar krank gewesen sein, oder auch er hat etwas sehr Ernstes durchgemacht, seit ich ihn zuletzt gesehen habe.« Karin dachte darüber nach, was Ingmar wohl begegnet sein könne. Sie hatte eine unklare Erinnerung, als wenn die Schwestern einmal aus einem Brief vorgelesen hatten, was ihn betraf, aber sie war so in ihren eigenen Kummer vertieft gewesen, daß alles, was in der Außenwelt geschehen war, an ihr vorbeigegangen war, als gehe es sie nichts an. Sie versuchte nun auf ihre vorsichtige Art, Ingmar zu bewegen, ihr zu erzählen, wie es ihm ergangen sei, und warum er nach Jerusalem gereist war. »Es ist gut, daß du zu mir kommst, damit ich ein wenig Bescheid darüber erhalte, wie es daheim im Dorf steht«, sagte sie. – »Ja,« erwiderte Ingmar, »ich dachte wohl, daß da allerlei ist, worüber du gern Bescheid haben möchtest.« – »Es ist ja immer bei uns daheim so gewesen,« sagte Karin und sprach langsam wie jemand, der sich Mühe gibt, sich etwas ins Gedächtnis zurückzurufen, was ihm schon lange aus den Gedanken entschwunden ist, »daß sie einen haben müssen, nach dem sie sich richten können; erst war es Vater, und dann war es Halvor, und eine ganze Zeitlang war es der Schulmeister. Ich habe darüber nachgedacht, wer es jetzt wohl sein mag.« Kaum hatte Karin diese Frage an Ingmar gerichtet, als er die Augen niederschlug und sitzen blieb, ohne eine Miene zu verziehen. »Vielleicht ist der Pfarrer jetzt der Leitende bei euch geworden?« riet Karin. Ingmar saß da, steif wie ein Pfahl, und antwortete noch immer kein Wort. Aber Karin fuhr fort: »Ich habe mir gedacht, daß jetzt wohl Ljung Björns Bruder, Peter, der erste Mann im ganzen Kirchsprengel ist.« Aber auch diesmal blieb Ingmar die Antwort schuldig. »Ich weiß ja,« begann sie von neuem, »daß es Sitte war, daß sich die Leute nach dem Herrn auf dem Ingmarshofe richteten, aber man kann ja nicht verlangen, daß sie sich von jemand leiten lassen sollen, der so jung ist wie du.« Sie hielt inne, und endlich gab Ingmar eine Antwort. – »Du weißt ja, daß ich zu jung bin, um in den Gemeinderat und den Amtsrat gewählt zu werden.« – »Man kann ja auch Einfluß auf die Leute haben, ohne so viele Ehrenämter zu haben«, sagte Karin. – »Ja,« erwiderte Ingmar, »das kann man auch.« Als Ingmar dies sagte, durchzuckte Karin ein Gefühl der Freude. »Ach,« dachte sie, »ich mache mir ja nichts mehr aus alle diesem«, aber sie konnte es doch nicht lassen, sich darüber zu freuen, daß die alte Macht und das alte Ansehen der Familie auf Ingmar übergegangen war. Sie richtete sich auf und sprach mit selbstbewußterem Ton als bisher: »Ich erwartete ja, daß die Leute vernünftig werden und einsehen würden, daß es richtig von dir war, den Hof zu übernehmen.« Ingmar sah Karin mit einem langen Blick an. Er verstand, was hinter ihren Worten lag. Sie hatte gefürchtet, daß er unter der Verachtung des Dorfes hatte leiden müssen, weil er Gertrud im Stich gelassen hatte. »Gott hat mich nicht auf die Weise gestraft«, sagte er. »Wenn es das nicht ist, so muß es irgendein anderes schweres Unglück sein, das ihn getroffen hat«, dachte Karin, und sie mußte lange stumm dasitzen und nachgrübeln; nur mit großer Mühe arbeitete sie sich in die Gedanken und Gefühle hinein, die sie in der alten Heimat gehabt hatte. »Ist da irgend jemand im Kirchsprengel, der an unserer Lehre festgehalten hat?« fragte Karin. – »Höchstens einer oder zwei, mehr sicher nicht.« – »Ich habe mir immer gedacht, daß noch an mehrere der Ruf Gottes ergehen würde, damit sie uns folgten«, sagte sie und sah Ingmar mit forschendem Blick an. – »Nein,« sagte Ingmar, »es sind nicht mehr berufen worden, soviel ich weiß.« – »Gestern, als ich dich sah, dachte ich, daß dir vielleicht Gottes Gnade widerfahren sei«, sagte Karin. – »Nein, aus dem Grunde bin ich nicht hierher gekommen.« Karin schwieg eine Weile, ehe sie wieder mit ihren Fragen begann. Sie fragte jetzt zurückhaltender, gleichsam, als fürchte sie sich vor der Antwort, die sie erhalten könne. »Jetzt denkt wohl niemand daheim mehr an uns, die wir fortgezogen sind?« – Hierauf antwortete Ingmar wieder mit einer gewissen Verlegenheit. »Man trauert ja nicht mehr so sehr wie im Anfang.« – »So, hat man um uns getrauert?« sagte Karin. »Ich dachte, es wäre nur eine Erleichterung gewesen, uns loszuwerden.« – »Ja, wahrlich hat man getrauert und euch entbehrt, als ihr gereist waret«, sagte Ingmar eifriger. »Es währte lange, ehe eure Nachbarn sich an die gewöhnen konnten, die an eure Stelle eingezogen waren. Ich weiß, daß Börs Berit Perstochter, die Nachbarin von Ljung Björn, jeden Abend im Winter hinging und um das Haus herumschlich, wo er gewohnt hatte.« – Karins nächste Frage kam sehr zögernd. »Dann ist wohl Börs Berit diejenige gewesen, die am meisten von allen getrauert hat?« – »Ach nein,« erwiderte Ingmar mit harter Stimme. »Da war einer, der jeden Abend im Herbst, wenn die Dämmerung hereinbrach, den Fluß bis zum Schulhause hinaufruderte und sich auf einen Stein am Elf hinsetzte, wo Gertrud bei Sonnenuntergang zu sitzen pflegte.« Jetzt glaubte Karin zu wissen, warum Ingmar so gealtert war, und sie beeilte sich, den Gegenstand des Gesprächs zu wechseln. »Besorgt nun deine Frau den Hof, während du fort bist?« fragte sie. – »Ja,« antwortete Ingmar. – »Ist sie eine tüchtige Hausfrau?« fuhr Karin fort. – »Ja«, antwortete Ingmar wieder. Karin strich ihre Schürze mit der Hand glatt, ehe sie von neuem sprach. Es war ihr jetzt, als entsinne sie sich, daß die Schwestern erzählt hatten, daß kein gutes Verhältnis zwischen Ingmar und seiner Frau bestehe. – »Habt ihr keine Kinder?« fragte sie zuletzt. – »Nein,« sagte Ingmar, »wir haben keine Kinder.« Nun geriet Karin ins Stocken. Sie glättete und glättete an ihrer Schürze. Sie konnte sich nicht überwinden, Ingmar geradeaus zu fragen, warum er gekommen war. So etwas war niemals Sitte auf dem Ingmarshof gewesen. Da kam ihr Ingmar selbst zur Hilfe. »Barbro und ich wollen uns scheiden lassen«, sagte er mit harter Stimme. Karin fuhr auf; plötzlich war sie wieder ganz die Alte von daheim, als sie als Hausmutter auf dem Ingmarshof saß. Sie dachte an nichts weiter als an ihre alten Gefühle und Vorurteile. – »Gott bewahre deinen Mund«, rief sie aus. »Niemals hat sich jemand in unserer Familie scheiden lassen.« – »Es ist bereits geschehen«, sagte Ingmar. »Auf dem Herbstthing sind wir auf ein Jahr von Haus und Bett geschieden. Wenn das Jahr um ist, müssen wir um richtige Scheidung einkommen.« – »Was hast du nur gegen sie?« fragte Karin. »Du kannst doch nie eine bekommen, die wohlhabender und ansehnlicher ist.« – »Ich habe nichts gegen sie«, sagte Ingmar ausweichend. – »Will sie sich denn scheiden lassen?« – »Ja,« sagte Ingmar, »sie will sich scheiden lassen.« – »Wärst du gegen sie gewesen, wie du solltest, so hätte sie keine Scheidung verlangt«, sagte Karin heftig. Karin umklammerte fest den Arm ihres Lehnstuhles. Sie befand sich in heftiger Gemütserregung, das konnte man namentlich daran merken, daß sie plötzlich anfing, von Halvor zu sprechen. »Es ist gut, daß Vater und Halvor tot sind, so daß sie dies nicht erleben«, sagte sie. – »Ja, es ist gut für alle die, die tot sind«, sagte Ingmar. »Und jetzt bist du Gertruds wegen gekommen!« rief Karin aus. Ingmar erwiderte nichts, er senkte nur den Kopf. »Es wundert mich nicht, daß du dich schämst«, sagte die Schwester. – »Ich habe mich mehr an dem Tage geschämt, wo die Auktion auf dem Ingmarshofe abgehalten wurde.« – »Was meinst du, das die Leute dazu sagen werden, daß du hinausreist und um eine neue freist, ehe du richtig von der ersten geschieden bist?« – »Da war keine Zeit zu verlieren,« sagte Ingmar sanftmütig, »ich war gezwungen, hierher zu reisen, um mich Gertruds anzunehmen. Es kam ein Brief zu uns daheim, in dem stand, daß sie nahe daran wäre, den Verstand zu verlieren.« – »Darum brauchtest du dich nicht zu kümmern,« sagte Karin heftig, »hier sind Leute, die Gertrud besser in Obhut nehmen können, als du es kannst.« Sie schwiegen beide eine Weile, dann erhob sich Ingmar. »Ich hatte einen andern Ausgang von dieser Aussprache erwartet«, sagte er. Und es lag jetzt eine solche Würde über ihm, daß Karin unwillkürlich einen ähnlichen Respekt vor ihm empfand wie einst vor dem Vater. »Ich habe Gertrud und Storms großes Leid zugefügt, Storms, die wie Vater und Mutter gegen mich gewesen sind. Jetzt glaubte ich, würdest du mir behilflich sein, mein Unrecht wieder gutzumachen.« – »Du machst es nur schlimmer, wenn du deine rechtmäßig angetraute Frau verläßt«, sagte Karin heftig. Sie suchte ihren Zorn mit bösen Worten am Leben zu erhalten, sie fing an zu befürchten, Ingmar könne sie dahin bringen, die Sache mit seinen Augen zu sehen. Ingmar antwortete nichts auf das, was sie von seiner Frau sagte, er erwiderte nur: »Ich glaubte, es sei nach deinem Sinn, wenn ich versuchte, Gottes Wege zu gehen.« – »Verlangst du von mir, daß ich sagen soll, du gehst Gottes Wege, wenn du Weib und Haus verläßt, um deiner Liebsten nachzulaufen?« Ingmar ging still auf die Tür zu. Er sah müde und unglücklich aus, zeigte aber keinen Zorn; er sah nicht aus wie jemand, der von einer großen, unwiderstehlichen Leidenschaft getrieben wird. »Lebte Halvor jetzt, so weiß ich, daß er dir raten würde, heimzureisen und dich mit deiner Frau zu versöhnen«, sagte Karin. – »Die Zeit ist vorüber, wo ich nach dem Rat der Menschen fragte«, sagte Ingmar. Karin erhob sich jetzt auch; sie ward wieder erbost über Ingmar, weil Ingmar andeutete, daß er auf Gottes Wegen wandle. »Ich glaube nicht, daß Gertrud noch auf die Weise an dich denkt wie früher«, rief sie aus. – »Ich weiß wohl, daß niemand hier in der Kolonie an Ehe denkt«, sagte Ingmar. »Aber ich will es jetzt trotzdem versuchen.« – »Ja,« unterbrach ihn Karin, »du brauchst dir nichts daraus zu machen, was wir, die wir zu der Gemeinde gehören, einander gelobt haben, aber vielleicht wird es mehr Eindruck auf dich machen, wenn ich dir erzähle, daß Gertrud ihren Sinn jetzt wahrscheinlich einem andern zugewandt hat.« Ingmar stand jetzt neben der Tür. Als er Karins Worte hörte, blieb er stehen und tastete, als könne er das Schloß nicht sehen; er wandte sein Gesicht nicht nach ihr um. Es währte eine Weile, dann nahm Karin ihre Worte zurück. »Gott soll mich bewahren, zu sagen, daß jemand von uns einen andern Menschen mit fleischlicher Liebe lieben könne,« sagte sie, »aber ich glaube, daß Gertrud jetzt den geringsten Bruder hier in der Kolonie mehr liebt als dich, der du außerhalb derselben stehst.« Ingmar seufzte tief, öffnete schnell die Tür und ging von dannen. Karin Ingmarstochter saß eine Weile in tiefem Schweigen da, dann erhob sie sich, glättete ihr Haar, band ihr Kopftuch um und ging, um mit Mrs. Gordon zu reden. Karin erzählte ihr gerade heraus, warum Ingmar gekommen sei. Sie riet der Vorsteherin, Ingmar nicht in der Kolonie zu lassen, wenn sie sich nicht der Gefahr aussetzen wolle, eine von den Schwestern zu verlieren. Aber nun traf es sich so, daß, während Karin sprach, Mrs. Gordon am Fenster saß und in den Hof hinabsah, wo Ingmar an einer Wand gelehnt stand und hilfloser und elender aussah denn je zuvor. Da flog gleichsam ein Lächeln über Mrs. Gordons Antlitz. Sie erwiderte Karin, daß sie sehr ungern jemand aus der Kolonie vertreiben wolle. Am allerwenigsten einen, der von so weit hergekommen war und so viele nahe Verwandte unter den Kolonisten habe. »Falls Gott Gertrud nun eine Prüfung gesandt habe,« sagte sie, »so müsse sie sich wohl in acht nehmen, sie daran zu hindern, sie durchzumachen.« Karin war überrascht über diese Antwort. In ihrem Eifer trat sie näher an Mrs. Gordon heran und kam so nahe an das Fenster, daß sie sehen konnte, über wen Mrs. Gordon lächelte. Aber Karin ihrerseits sah nur, wie sehr Ingmar dem Vater ähnlich geworden war, der mehr war als alle andern und klüger und tüchtiger als alle Menschen. »Ja, ja,« sagte sie, »Ihr könnt ihn auch gern hierbleiben lassen, denn er wird schon dafür sorgen, daß es so kommt, wie er will.« Am Abend dieses Tages waren die meisten von den Kolonisten in dem großen Saal versammelt. Dort war es äußerst vergnüglich und traulich. Einige saßen da und sahen dem Spiel der Kinder zu, andere sprachen zusammen darüber, was sie im Laufe des Tages erlebt hatten, andere rückten in einer Ecke zusammen und lasen aus amerikanischen Schriften vor. Als Ingmar Ingmarsson den großen, hell erleuchteten Saal und die vielen frohen und vergnügten Menschen sah, konnte er nicht umhin zu denken: es herrscht kein Zweifel, daß die Darlekarlier sich hier zufrieden fühlen und sich nicht nach der Heimat sehnen. Diese Amerikaner verstehen sich viel besser darauf, das Leben sich und andern behaglich zu machen, als wir es tun. Ich begreife wohl, daß dies gute Zusammenleben bewirkt, daß die Kolonisten allen Kummer und alle Entbehrungen ertragen können. Es ist ja wahr, daß die, die früher einen ganzen Hof hatten, sich jetzt mit einem Zimmer begnügen müssen. Aber dafür haben sie dann auch wieder viel mehr Freude und Heiterkeit. Und dann haben sie eine unglaubliche Menge gesehen und gelernt. Ich will gar nicht von den Erwachsenen reden, aber ich glaube, hier ist nicht ein noch so kleines Kind, das nicht viel mehr wüßte als ich. Mehrere von den Bauern kamen zu Ingmar heran und fragten ihn, ob er nicht meine, daß sie es hier gut hatten. »Ja«, sagte Ingmar. Er konnte nichts anderes sagen. »Du meintest wohl, wir wohnten in Erdhöhlen«, sagte Ljung Björn. – »Ach nein, daß es nicht so schlimm war, das wußte ich doch«, erwiderte Ingmar. – »Wir haben sagen hören, daß sie das Gerücht daheim verbreitet haben.« An diesem Abend wurde Ingmar von allen viel ausgefragt, wie es daheim stehe. Einer nach dem andern kam zu ihm heran und setzte sich neben ihn und fragte nach seinen nächsten Angehörigen. Fast alle fragten nach der alten Eva Gunnarstochter. »Sie ist munter und gesund,« sagte Ingmar, »niemals kommt sie mit einem Menschen zusammen, ohne daß sie nicht über die Hellgumianer herfällt.« Ingmar bemerkte einen jungen Mann, der sich den ganzen Abend in seiner Nähe hielt, ohne mit ihm zu reden. »Wer kann das nur sein, der mir so ähnlich ist,« dachte Ingmar, »und warum sieht er wohl so böse aus, als ob er Lust hätte, mich zur Tür hinauszuwerfen?« Schließlich fiel ihm ein, daß es sein Vetter sein müsse, der mehrere Jahre in Amerika gewohnt hatte. Ingmar trat an Bo heran und grüßte ihn von seinen Eltern. Bo stellte zuerst einige Fragen über sein Heim, und dann wollte er gern wissen, wie es dem Schulmeister ginge. Jetzt wurde es ganz still im Kreise um Ingmar herum. Ingmar sah, daß ein paar von den andern Bo anstießen, damit er von etwas anderem reden solle. Ingmar antwortete ganz ruhig, daß es dem Schulmeister gut ginge, daß er im nächsten Jahre seinen Abschied von der Schule nehmen wolle, und dann fügte er hinzu: »Es freut mich zu hören, daß du noch an Storm denkst, obwohl er in der Schule immer so streng gegen dich gewesen ist.« Alle fingen an zu lachen, denn sie erinnerten sich sehr wohl, wie häufig Storm über Bos Dummheit gejammert hatte. Bo drehte sich auf dem Absatz herum und ging hinaus, ohne noch weitere Fragen zu stellen. Der alte Korporal Fält hatte, wie gewöhnlich, eine Schar Kinder um sich versammelt und erzählte ihnen Geschichten. Ingmar hatte Fält nicht gesehen, seit er ein Kinderfreund geworden war; er verwunderte sich und trat näher, um zu hören, was Fält den Kleinen zu erzählen haben könne. Da hörte er, daß der Alte erzählte, daß er einstmals in seiner Jugend in einer Donnerstagnacht an die Kirchentür geklopft und die Toten heraufbeschworen habe. Märta Ingmarstochter sah die Kinder an, die rings um Fält herum saßen, und sah, daß sie bleich vor Schrecken waren. »Pfui, Fält«, sagte sie strenge. »Du solltest den Kindern nicht solche Spukgeschichten erzählen; erzähle ihnen lieber etwas, das nützlich und lehrreich ist.« Der Alte saß eine Weile da und sann nach, dann sagte er: »Ich glaube, ich will ihnen erzählen, was meine Mutter mir erzählte, als sie mir abgewöhnen wollte, schlecht gegen die Tiere zu sein.« »Ja, tu das«, sagte Märta Ingmarstochter und ging davon. Ingmar aber blieb stehen und hörte zu. »Daheim in Dalarne,« sagte Fält, »liegt ein Hof, der heißt der Trauerhügel, und der hat seinen Namen daher bekommen, daß dort einstmals ein schlechter und gottloser Mann wohnte.« Kaum hatte Fält dies gesagt, als Ingmar zusammenzuckte. Er trat ein paar Schritte näher, um besser zu hören. »Er tat nie etwas anderes als mit Pferden handeln«, fuhr Fält fort. »Er reiste von einem Markt zum andern, um Pferde zu tauschen, und er war sehr schlecht gegen die Tiere. Er hatte auch eine Menge Spitzbubenstreiche mit ihnen vor. Bald malte er Pferden, von denen die Leute wußten, daß sie einen Koller hatten, eine weiße Blesse auf die Stirn, damit man sie nicht wiedererkennen sollte, bald gab er alten, ausgedienten Kracken Sachen zu fressen, die sie für eine Weile fett und blank machten, gerade so lange, als er gebrauchte, um sie zu vertauschen. Am schlimmsten handelte er gegen seine Pferde, wenn er sie zur Probe vorfuhr. Dann ward er von einer Art Raserei ergriffen, und er schlug und peitschte auf die Pferde los, so daß sie wie geschunden wurden und man nach jedem Schlag das blutige Fleisch auf dem Rücken sah. Einmal war dieser Mann einen ganzen Tag auf dem Jahrmarkt gewesen, ohne einen Tauschhandel zustande bringen zu können. Es kam teils davon, daß die Leute so oft von ihm angeführt worden waren, daß sie sich fürchteten, etwas mit ihm zu tun zu haben, und teils war das Pferd, das er an diesem Tage vertauschen wollte, so alt und elend, daß niemand es haben wollte. Er jagte das arme Tier im wildesten Galopp durch das Volksgedränge hin und her, hieb mit der Peitsche darauf los, so daß ihm das Blut herniedertropfte, aber je mehr er es vorzeigte, je weniger Lust hatten die Leute, mit ihm zu handeln. Als es Abend wurde, sah er ja ein, daß er an diesem Tage kein Geschäft würde abschließen können. Ehe er nach Hause fuhr, wollte er jedoch noch einen letzten Versuch machen, er fuhr das Pferd mit so rasender Schnelligkeit über den Marktplatz, daß die Leute meinten, es müsse jeden Augenblick stürzen. Aber während er am allerwildesten dahinjagte, erblickte er einen Mann, der ein schönes, schwarzes Füllen vor seinen Wagen gespannt hatte und ebenso schnell fuhr wie er selbst, ohne daß es jedoch dem Pferd die geringste Anstrengung zu verursachen schien. Kaum hielt der Pferdehändler und sprang vom Wagen ab, als der Mann, der das gute Pferd fuhr, auf ihn zukam. Er war klein und schmächtig, schmal im Gesicht und mit einem spitzen Bart unter dem Kinn. Er war ganz schwarz gekleidet, und der Pferdehändler konnte weder aus der Farbe noch aus dem Schnitt seiner Kleider erraten, aus welchem Kirchsprengel er stammte. Der Pferdehändler entdeckte bald, daß der Bauer sehr einfältig war, und er erzählte, er habe daheim ein braunes Pferd, und er wolle das schwarze gern vertauschen, um zwei von derselben Farbe zu bekommen. – ›Das Pferd, das du fährst, würde sehr gut in der Farbe passen,‹ sagte er, ›ich hätte wohl Lust dazu, wenn es sonst taugt. Aber du mußt redlich sein und mir kein schlechtes Pferd aufhängen, denn von nichts in der Welt verstehe ich so wenig wie vom Pferdehandel.‹ Und die Sache endete natürlich damit, daß der Pferdehändler ihm seine alte Kracke überließ und das gute Füllen statt dessen bekam. Nie im Leben hatte er ein so wohlgestaltetes Tier eingespannt. – ›Noch nie hat ein Tag für mich so schlecht begonnen und so gut geendet‹, sagte er, als er sich auf den Wagen setzte, um nach Hause zu fahren. Er hatte es nicht weit vom Marktplatz bis zu seinem Hause. Er kam noch in der Dämmerung heim. Als er durch das Hoftor fuhr, sah er, daß ein Teil seiner alten Freunde, Pferdehändler aus mehreren Kirchsprengeln, draußen vor seinem Hause standen und ihn erwarteten. Sie waren in bester Laune, und als er gefahren kam, fingen sie an zu jodeln und Hurra zu rufen und lachten dabei ganz unbändig. ›Worüber lacht ihr denn so, gute Leuten?‹ fragte der Pferdehändler und hielt sein Pferd an. ›Ja,‹ sagten sie, ›wir haben auf dich gewartet, um zu sehen, ob es dem Kerl gelingen würde, dir sein blindes Füllen anzuschnacken. Wir begegneten ihm, als er auf den Markt fuhr, und da wettete er mit uns, daß er dich schon foppen würde.‹ Der Pferdehändler sprang vom Wagen, stellte sich vor das Pferd und versetzte ihm einen furchtbaren Schlag mit dem Peitschenschaft gerade mitten zwischen die Augen. Das Tier machte keine Bewegung, um dem Schlag auszuweichen. Die Männer hatten recht, es war vollständig blind. Da geriet der Pferdehändler in eine solche Wut und Verzweiflung, daß er ganz von Sinn und Verstand war. Während die Kameraden fortfuhren, ihn zu verhöhnen, spannte er das Pferd aus, nahm die Zügel und zwang es einen steilen Hügel hinan, der hinter dem Hause lag. Er schnalzte mit den Lippen und knallte mit der Peitsche, und das Pferd trabte schnell vorwärts; aber als sie auf den Hügel hinaufkamen, blieb es stehen und wollte nicht weitergehen. Da oben war eine Schlucht in dem Hügel, und darunter war eine Kiesgrube von unermeßlicher Breite und Tiefe, aus der die ganze Gegend seit vielen Jahren Kies geholt hatte. Das Pferd mußte gemerkt haben, daß die Erde untergraben war, denn auf einmal wollte es nicht weiter. Der Mann peitschte darauflos und trieb das Pferd vorwärts. Das Pferd wurde immer ängstlicher, es stellte sich auf die Hinterbeine, aber vorwärts wollte es nicht. Endlich, als es sich nicht weiter zu helfen wußte, machte es einen langen Sprung, als glaube es, daß es nur ein Graben sei, über den es hinuberspringen sollte, und hoffe, auf die andere Seite zu gelangen. Aber da war keine andere Seite, die es erreichen konnte, und als es nicht Fuß fassen konnte, stieß es einen lauten und entsetzlichen Schrei aus, und im nächsten Augenblick lag es mit gebrochenem Hals auf dem Boden der Grube. Der Pferdehändler sah sich nicht einmal nach dem Tier um, er kehrte zu seinen Freunden zurück. – ›Nun, habt ihr jetzt aufgehört zu lachen,‹ sagte er, ›macht jetzt, daß ihr fortkommt, und erzählt ihm, mit dem ihr gewettet habt, wie es seinem Füllen ergangen ist.‹ Aber seht, Kinder, hiermit ist die Geschichte nicht aus«, fuhr Fält fort. »Nun sollt ihr hören, was weiter geschah. Einige Zeit darauf bekam die Frau des Mannes einen Sohn, und es war einer von den Ärmsten, die ihren Verstand nicht haben, und obendrein war er blind. Und nicht genug damit, sondern alle Söhne, die ihm seine Frau gebar, waren blind und blödsinnig. Aber die Töchter waren schön und klug und verheirateten sich gut.« Ingmar war die ganze Zeit regungslos stehen geblieben und hatte wie gebannt gelauscht. Jetzt machte er eine Bewegung, als wolle er sich losreißen, aber als der Alte fortfuhr, blieb er stehen. »Und auch damit ist es noch nicht genug«, sagte der Alte noch einmal. »Aber als die verheirateten Töchter Kinder bekamen, waren auch alle ihre Söhne blind und blödsinnig, aber die Töchter waren schön und wohlgestaltet und hatten einen vorzüglichen Verstand. Und so ist es bis auf den heutigen Tag gegangen«, fuhr der Alte fort; »alle, die sich mit Töchtern aus dieser Familie verheirateten, haben Söhne bekommen, die Idioten sind, und darum nennen die Leute den Hof den Trauerhügel, und einen andern Namen wird er wohl nie wieder bekommen.« Als Fält seine Geschichte beendet hatte, trat Ingmar plötzlich zu Ljung Björn hin und fragte, ob er ihm Feder und Papier verschaffen könne. Björn sah ganz erstaunt aus. Ingmar strich sich über die Stirn und sagte, er habe einen wichtigen Brief zu schreiben. Er habe es den ganzen Tag hindurch vergeben, aber wenn er noch heute abend schreiben könne, würde er ihn morgen mit dem ersten Zug abschicken können. Ljung Björn schaffte ihm das Verlangte, und damit Ingmar ungestört sitzen könne, ging er mit ihm in die Tischlerwerkstatt. Dort zündete er eine Lampe an und setzte einen Stuhl an die Hobelbank. »Hier kannst du die ganze Nacht sitzen und in Ruhe schreiben, wenn du willst«, sagte er, indem er ging. Sobald Ingmar allein geblieben war, streckte er die Arme aus, wie man zu tun pflegt, wenn einem das Herz voller Sehnsucht ist, und er stöhnte laut. »Ich kann an keine andere denken, als an die, die ich verlassen habe, weder Tag noch Nacht,« fuhr er fort, »und das schlimmste ist, daß ich nicht glaube, daß ich Gertrud irgendwie nützen kann.« Er saß eine Weile da und grübelte, dann lächelte er über sich selbst. »Ja, wer in Zweifel und Qual umhergeht, sieht wohl in allem Fingerzeichen und Vorbedeutungen. Aber merkwürdig war es doch, daß Fält gerade auf den Einfall kommen mußte, diese Geschichte zu erzählen. Es war wirklich, als ob Gott mir zeigen wolle, was das richtigste für mich zu tun sei.« Er saß noch eine Weile da und überlegte, dann ergriff er die Feder. »In Gottes Namen«, sagte er und setzte es auf das Papier. Über den Brief, den Ingmar sich jetzt zu schreiben anschickte, hatte er jeden Tag nachgedacht, seit er von Hause abgereist war. Er war an den alten Pfarrer daheim gerichtet, und es wurde kein Wort geschrieben, das nicht viele Male überlegt und erwogen war. Aber obwohl der Brief an den Pfarrer geschrieben wurde, war er keineswegs für ihn allein bestimmt. Auf der ganzen Reise war es Ingmar gewesen, als ob er sich nie recht mit seiner Frau ausgesprochen habe, als ob er nie imstande gewesen sei, ihr zu sagen, was er gedacht und gefühlt hatte, und daß er doch einmal richtig versuchen müsse, sie wissen zu lassen, wie es mit ihm stehe. Er war zu dem Ergebnis gekommen, daß die beste Art und Weise, dies zu tun, war, wenn er an den Pfarrer schrieb. Aber das Schreiben wurde ihm auch nicht so leicht, es wollte ihm nicht recht gelingen, die Scheu zu überwinden, die ihn daran hinderte, von sich selbst zu reden. An diesem Abend war es ihm aber plötzlich klar geworden, wie er schreiben müsse, und er ward froh und dachte: »Dann wird es nicht so schwer, auf die Weise kann ich es tun. Jetzt weiß ich, wie ich es anstellen muß, um dem Pfarrer alles zu erzählen, was er zu wissen braucht, um meine Sache bei Barbro zu führen.« Ingmars Brief lautete also: »Während ich hier in der dunklen Nacht sitze und schreibe, wünsche ich nichts inniger, als daß ich jetzt nach dem Pfarrhause hinaufgehen, um mit dem Herrn Pfarrer reden zu können. Am liebsten möchte ich an einem späten Abend zu dem Herrn Pfarrer kommen, wenn Sie ganz still und ungestört in Ihrer Stube sitzen und über Ihre Predigt nachdenken. Nun denke ich mir, daß im selben Augenblick, wo der Herr Pfarrer mich sieht, Sie auffahren und sich erschrecken werden, als ob es ein Geist wäre, der an die Tür pochte. ›Was hast du hier zu tun? Ich glaubte, du seist nach Jerusalem gereist‹, würde der Herr Pfarrer sicher sagen. ›Ja,‹ würde ich dann antworten, ›um diese Zeit hätte ich ja eigentlich dort sein sollen, aber ich bin umgekehrt, weil ich unterwegs eine Geschichte gehört habe, die ich dem Herrn Pfarrer gern erzählen möchte.‹ Und dann möchte ich den Herrn Pfarrer so herzlich bitten und anflehen, eine Stunde oder auch zwei Geduld mit mir zu haben und mich eine lange Geschichte erzählen zu lassen, die Ihnen anzuvertrauen mir sehr am Herzen liegt. Und wenn ich die Erlaubnis des Herrn Pfarrers erhalten hätte, würde ich also beginnen: Es war einmal ein Mann hier im Kirchsprengel, würde ich sagen, der seine Frau nicht lieb hatte. Das kam daher, daß er auf eine verzichten mußte, die er lieb hatte, und diese andere mußte er nehmen, um den Hof seines Vaters zu behalten. Aber damals, als er den Handel abschloß, hatte er an nichts weiter gedacht als an den Hof, er hatte gar nicht in Betracht gezogen, daß er mit dem Hof auch eine Frau bekommen würde. Es fiel ihm gar nicht ein, daran zu denken, wie es mit ihr stehe, ob sie zufrieden sei, oder ob sie Heimweh habe. Auch hatte er nicht acht gegeben, wie sie ihre Arbeit verrichtete, ob es mit dem Hauswesen gut oder schlecht stand. Er dachte so viel an die andere, daß er gar nicht daran dachte, daß diese auch da war. Sie war, wie so viel anderes, für wertloses Stück Hausgerät zusammen mit dem Hof gekauft. Sie mußte sehen, wie sie fertig werden konnte, er konnte sich nicht um sie bekümmern. Aber da war auch noch etwas anderes, das bewirkte, daß der Mann seine Frau nicht achtete. Er verachtete sie deswegen, weil sie ihn hatte nehmen wollen, der doch eine andere liebte. Da mußte irgend etwas mit ihr nicht in Ordnung sein, dachte er, da ihr Vater ihr so geradezu einen Mann kaufen mußte. Wenn dieser Mann seine Frau jemals betrachtete, so geschah es nur, um einen Vergleich zwischen ihr und der andern anzustellen, die er aufgegeben hatte. Er konnte wohl sehen, daß seine Frau auch gut aussah, aber sie war doch nicht so schön wie die, die er verloren hatte. Ihr Gang war nicht so leicht, und sie bewegte ihre Hände nicht so schön; sie hatte nicht so viel gute und erfreuliche Dinge zu erzählen. Sie ging still und geduldig umher und besorgte ihre Arbeit, das war alles, wozu sie taugte. Man muß dem Mann jedoch die Gerechtigkeit widerfahren lassen und anerkennen, daß er mit seiner Frau nicht über das sprechen konnte, was immerwährend in seinen Gedanken war. Er konnte ihr doch nicht anvertrauen, daß er unaufhörlich an seine Herzallerliebste dachte, die in ein fremdes Land gezogen war, das konnte er doch nicht tun, und er fand auch nicht, daß er mit ihr davon reden konnte, daß er beständig einherging und auf die Strafe Gottes wartete, die ihn treffen müßte, weil er sein Wort gebrochen hatte, und daß er sich fürchtete, an seinen eigenen Vater im Himmel zu denken, und sich einbildete, daß alle Menschen mißbilligten, was er getan hatte. Alle, mit denen er redete, erzeigten ihm freilich große Achtung, aber er war so schwermütig, daß er alle im Verdacht hatte, daß sie sich lustig über ihn machten, sobald er ihnen den Rücken kehrte, und daß sie sagten, er sei des Namens nicht würdig, den er trug, und mehr dergleichen. Nun will ich erzählen, wie es zuging, daß der Mann zuerst bemerkte, daß er eine Frau hatte. Als sie ein paar Monate verheiratet waren, geschah es, daß Mann und Frau zu einer Hochzeit bei Verwandten eingeladen wurden, die in dem Kirchsprengel der Frau wohnten. Sie hatten einen langen Weg zu fahren, und sie mußten eine Stunde in einem Gasthof einkehren, um das Pferd zu füttern. Das Wetter war schlecht, und die Frau ging hinauf und setzte sich in ein Gastzimmer, um dort zu warten. Der Mann tränkte das Pferd und gab ihm Hafer und ging dann in die Stube hinauf, wo die Frau saß: Er sagte nichts zu ihr, er saß nur da und dachte daran, wie hart es sei, daß sie unter Menschen mußten, und daß die Leute in dem Hochzeitshause es sie wohl fühlen lassen würden, wie sie über sie dachten. Während er da saß und sich selbst quälte, fiel ihm plötzlich ein, daß an allem diesem eigentlich seine Frau schuld war. ›Hätte sie sich nicht mit mir verheiratet,‹ dachte er, ›so wäre ich jetzt noch ein unschuldiger Mann. Ich wäre keiner Versuchung ausgesetzt gewesen, und ich brauchte mich nicht zu fürchten, ehrbaren Leuten ins Gesicht zu sehen.‹ Nie zuvor war es dem Mann eingefallen, daß er seine Frau hassen konnte, aber in diesem Augenblick war es ihm, als hasse er sie. Indessen sollte er bald etwas anderes zu denken haben. Es waren einige Männer in eine Stube eingetreten, die vor dem Gastzimmer lag. Sie hatten wohl den Mann und die Frau gesehen, als sie gefahren kamen, und fingen nun an, über sie zu reden. Und die Wände in dem Hause waren nicht dicker, als daß die, die da saßen, jedes Wort hören konnten. ›Ich möchte wohl wissen, wie die beiden miteinander leben‹, sagte einer von den Männern. ›Das hätte ich doch nie geglaubt, daß Barbro Svenstochter einen Mann kriegen würde‹, fiel der andere ein. ›Ich weiß noch sehr gut, wie verliebt sie in Stig Börjesson war, der vor drei oder vier Jahren auf dem Bergershof wohntet Als die Frau hörte, daß von ihr geredet wurde, sagte sie schnell: ›Ist es jetzt nicht an der Zeit, daß wir weiterfahren?‹ Aber der Mann fand, daß es ärgerlich sei, wenn die fremden Leute sähen, daß er und sie da drinnen gesessen und gelauscht hätten. Er wollte lieber dort bleiben, bis sie gegangen waren. Aber nun geschah es, daß die da draußen fortfuhren von der Frau zu reden. ›Dieser Stig Börjesson war ein armer Kerl, und kaum hatte Birger Sven Persson gemerkt, daß seine Tochter ihn liebte, als er ihn vom Hofe jagte‹, sagte einer, der die Geschichte genau zu kennen schien. ›Aber da wurde Barbro so krank vor Kummer, daß der Alte nachgeben und mit Stig zu dem Pfarrer fahren und das Aufgebot bestellen mußte. Aber das Wunderlichste bei der Geschichte war doch, daß, als sie zum erstenmal aufgeboten waren, Stig seinen Sinn änderte und sagte, er habe keine Lust, sich zu verheiraten. Nun war an Sven Persson die Reihe, für seine Tochter Stig zu bitten und zu flehen, daß er sie nicht sitzen lassen solle. Aber Stig hatte kein Erbarmen, sagte, er hasse Barbro so, daß er sie nie wieder vor Augen sehen wolle. Er verbreitete das Gerücht, daß er Barbro nicht geliebt hatte, sondern daß sie ihm nachgelaufen sei.‹ Als die Männer fortfuhren so zu reden, da schämte sich der Mann sehr, wie der Herr Pfarrer verstehen werden; er wagte nicht, seine Frau anzusehen. Und doch fand er, nachdem sie nun dagesessen und dies alles mitangehört hatten, daß sie auf keinen Fall durch die andere Stube gehen konnten. ›Das war doch schändlich von Stig gehandelt,‹ sagte einer von den andern da draußen, ›aber er hat es auch bereuen müssen.‹ ›Ja, er hat es bereuen müssen‹, sagte einer, der bisher nicht geredet hatte. ›Er ging hin und heiratete die erste beste, die ihn haben wollte. Das tat er gewiß nur, um allen Menschen zu zeigen, daß er nicht an Barbro dachte. Er bekam eine schlechte Frau, und es entstand nur Elend und Armut daraus, und jetzt hat er sich aufs Trinken geworfen. Er und die Familie wären längst im Armenhaus gewesen, wenn Barbro ihnen nicht geholfen hätte. Sie gibt ihm und seiner Frau Nahrung und Kleidung, das weiß man ja.‹ Dann sprachen sie nicht mehr von Barbro, und nach einer Weile gingen sie. Nun ging der Mann hinaus und spannte an, und als die Frau hinunterkam, um in den Wagen zu steigen, hob er sie hinein. Sie glaubte wohl, er tue es nur, damit sie ihr Kleid nicht an dem Wagen beschmutzen solle, aber in Wirklichkeit tat er es, weil er ihr gern auf irgendeine Weise zeigen wollte, daß sie ihm leid tue. Und während sie den Weg dahinfuhren, wandte er sich von Zeit zu Zeit um und sah sie an. Hatte sie wirklich einen so liebevollen Sinn, daß sie dem Mann beistehen und helfen konnte, der sie so schändlich hatte sitzen lassen? Und sonderbar war es doch zu denken, daß sie ebenso betrogen war wie Gertrud. Als sie eine Strecke gefahren waren, sah der Mann, daß seine Frau dasaß und weinte. ›Darüber brauchst du doch nicht zu weinen,‹ sagte er, ›es ist doch nicht so sonderbar, daß du eine andere Liebe hast.‹ Hinterher saß er da und bereute, daß er ihr nicht ein freundliches Wort hatte sagen können. Nun wäre es wohl natürlich gewesen, wenn der Mann von der Zeit an zuweilen daran gedacht hätte, ob seine Frau diesen Stig noch immer liebte. Aber das fiel ihm gar nicht ein; er bekümmerte sich nicht so viel um sie, daß er daran dachte, wen sie lieb hatte und wen nicht. Er ging mit seinen eigenen trübseligen Gedanken umher und vergaß vielleicht ganz, daß sie da war. Er wunderte sich auch nicht darüber, daß sie immer so still und sanft war und ihm gegenüber nie heftig wurde, obwohl er nie gegen sie so war, wie er hätte sein sollen. Der Herr Pfarrer muß indes wissen, daß die Ruhe, die sie beständig zur Schau trug, bewirkte, daß man schließlich glauben mußte, sie wisse nicht einmal, was für einen Gram er mit sich herumtrug. Aber dann im Herbst geschah es einmal, als sie ungefähr anderthalb Jahre verheiratet waren, daß es eines Abends sehr kalt und regnerisch war. Der Mann war seit der Dämmerung draußen gewesen und kam spät nach Hause. In der großen Stube, wo das Gesinde schlief, war es stockdunkel, aber in der Kammer brannte ein helles Feuer. Die Frau war auf, und sie hatte Essen hingestellt, das viel besser war als das gewöhnliche. Als der Mann hereinkam, sagte sie zu ihm: ›Du mußt deinen Rock wohl ausziehen, er ist ja ganz naß‹ Sie half ihn ihm aus und hängte ihn ans Feuer. ›Mein Gott, wie naß er ist‹, sagte sie. ›Ich begreife nicht, wie ich ihn bis morgen trocken bekommen soll.‹ ›Wo bist du doch nur einmal in diesem Wetter gewesen,‹ sagte sie nach einer Weile. Es war das erstemal, daß sie ihn nach dergleichen fragte. Er schwieg und dachte daran, warum sie wohl plötzlich danach fragte. ›Die Leute reden darüber, daß du jeden Abend nach dem Schulhause hinaufruderst und dich dort am Elf auf einen Stein setzt und dich mehrere Stunden lang nicht vom Fleck rührst.‹ – ›Man muß die Leute reden lassen,‹ sagte der Mann und sah ebenso ruhig aus wie zuvor, aber es ärgerte ihn doch, daß man ihn ausspionierte. – ›Ja, es ist doch nicht angenehm für eine Frau, dergleichen zu hören.‹ – ›Ach,‹ sagte der Mann, ›wer sich einen Mann gekauft hat, kann nichts Besseres verlangen.‹ Die Frau stand da und zerrte an dem einen Ärmel des Rockes, um ihn umzukehren; er war fest wattiert und steif, so daß sie große Mühe damit hatte. Der Mann sah auf, um zu sehen, wie sie das auffassen würde, was er gesagt hatte. Da sah er, daß ein leises Lächeln ihre Lippen umspielte. Als sie schließlich mit dem Ärmel fertig geworden war, sagte sie: ›Ach, ich wäre gar nicht so darauf erpicht gewesen, mich zu verheiraten, aber Vater wollte die Sache gern durchsetzen.‹ Der Mann sah seine Frau noch einmal an, und als er jetzt ihrem Blick begegnete, dachte er: Sie sieht eigentlich aus, als ob sie recht gut weiß, was sie will. ›Ich glaube, du gehörst nicht zu denen, die man leicht zwingen kann‹, sagte er. ›Ach nein,‹ sagte die Frau, ›aber mit meinem Vater ist nicht gut zanken. Den Fuchs, den er mit einem Hund nicht jagen kann, den fängt er mit einer Falle.‹ Der Mann antwortete nicht; er war schon wieder in seine eigenen Gedanken versunken und hörte kaum, was sie sagte. Aber seine Frau meinte wohl, wenn sie doch so viel gesagt hatte, sei es am besten, fortzufahren. ›Jetzt will ich dir etwas sagen‹, begann sie. ›Vater hat von jeher so große Stücke auf den Ingmarshof gehalten, weil er dort in seiner Jugend gelebt hat. Er prahlte immer damit und mit den Ingmarssöhnen. Es gibt keinen Ort in der ganzen Welt, von dem ich so viel habe reden hören. Ich glaube, ich weiß mehr von alle denen, die hier gelebt haben, als du selber.‹ Als seine Frau mit ihrer Erzählung so weit gekommen war, stand der Mann vom Tisch auf, wo er gesessen und gegessen hatte, und ging hin und setzte sich an den Herd, dem Feuer den Rücken zugewandt, so daß er ihr Gesicht sehen konnte. ›Und dann ging es mir so, wie du weißt‹, sagte die Frau. – ›Das brauchst du nicht zu erzählen‹, sagte der Mann schnell. Er schämte sich, wenn er daran dachte, wie er sie in dem Gasthof hatte sitzen und pein'gen lassen. – ›Aber du mußt wissen, daß, als Stig mich verlassen hatte, Vater so außer sich geriet aus Angst, daß mich niemand haben wollte, daß er mich nach rechts und links ausbot. Da wurde ich ärgerlich; so gering war ich denn doch auch nicht, daß er die Leute anzuflehen brauchte, sich mit mir zu verheiraten.‹ Während sie dies sagte, sah der Mann, daß sie sich ein wenig aufrichtete. Sie warf den Rock auf einen Stuhl und sah ihm fest in die Augen. ›Ich wußte nicht, wie ich der Sache ein Ende machen sollte‹, fuhr sie fort, ›aber dann kam mir eines Tages der Gedanke, Vater zu sagen: Ich heirate niemals, wenn ich nicht Ingmar Ingmarsson auf dem Ingmarshof bekommen kann. Damals, als ich das sagte, wußte ich ebenso wie die andern, daß Tims Halvor der Ingmarshof gehörte, und daß du dich mit Schulmeisters Gertrud verheiraten wolltest. Ich dachte mir nur etwas ganz Ungewöhnliches aus, um Frieden zu bekommen. Anfangs war Vater auch ganz erschreckt. ›Dann heiratest du niemals‹, sagte er. – ›Nun ja, darein finde ich mich dann auch‹, sagte ich. Aber ich konnte doch sehen, daß der Gedanke Vater gefiel. – ›Kann ich mich auf das verlassen, was du da sagst?‹ fragte er nach einer Weile. –›Ja, das kannst du, Vater‹, sagte ich. – Du kannst dir ja denken, daß es mir nicht einen Augenblick in den Sinn kam, daß er so etwas durchsetzen könne. Das sah ebenso unmöglich aus, als wenn ich mich mit dem König hätte verheiraten wollen. Nun hatte ich wenigstens einige Jahre Ruhe vor den Heiratsplänen, und ich war zufrieden, wenn man mich nur in Ruhe ließ. Ich hatte es so gut, wie ich es mir nur wünschen konnte. Ich bewirtschaftete Vaters großen Hof und durfte tun und lassen, was ich wollte, weil er Witwer war. Aber nun im Mai kam Vater eines Tages spät nach Hause und schickte sogleich nach mir. ›Jetzt kannst du Ingmar Ingmarsson auf dem Ingmarshof bekommen‹, sagte er. Damals hatte Vater seit zwei Jahren kein Wort über die Sache geredet. ›Jetzt verlasse ich mich darauf, daß du dein Wort hältst‹, sagte er zu mir. ›Ich habe den Hof für vierzigtausend Kronen gekauft.‹ – »Aber Ingmar hat doch schon eine Braut‹, sagte ich. – ›Aus der macht er sich wohl nicht viel, da er jetzt um dich wirbt.‹ Der Herr Pfarrer wird wohl verstehen, daß, als der Mann seine Frau dies erzählen hörte, er sehr erbittert wurde. ›Wie sonderbar ist das doch‹, dachte er. ›Es sieht ja so aus wie ein Spiel, daß ich Gertrud habe aufgeben müssen, nur weil Barbro einmal im Scherz etwas über mich zu ihrem Vater gesagt hatte.‹ ›Ich wußte gar nicht, was ich tun sollte,‹ fuhr die Frau fort, ›ich war sehr gerührt, auch darüber, daß der Vater so viel Geld um meinetwillen ausgegeben hatte, und so konnte ich nicht gleich nein sagen. Und ich wußte auch nicht, wie es mit dir stehe, ob du nicht vielleicht den Hof mehr liebtest als alles andere auf der Welt. Und Vater schwur, daß, wenn ich nicht tue, was er wünschte, er den Hof an die Aktiengesellschaft verkaufen wollte. Gerade um die Zeit fühlte ich mich zu Hause auch nicht mehr recht wohl. Vater hatte sich zum drittenmal verheiratet, und ich hatte keine Lust, mich einer Stiefmutter zu fügen, dort, wo ich selbst die Herrin gewesen war. Und da ich mir nicht gleich klar darüber werden konnte, ob ich ja oder nein sagen sollte, da kam alles so, wie Vater es wollte. Ich nahm die Sache nicht ernsthaft genug, wie du siehst.‹ ›Nein,‹ sagte der Mann, ›ich sehe, daß dies Ganze für dich nur ein Spiel gewesen ist.‹ ›Ich verstand gar nicht, was ich eigentlich getan hatte, ehe ich erfuhr, daß Gertrud von ihren Eltern fortgeschlichen und nach Jerusalem gereist sei. Aber von dem Augenblick an habe ich keine frohe Stunde gehabt. Ich hatte keinen andern Menschen so unglücklich machen wollen. Und nun sehe ich ja auch, wie du dich quälst‹, fuhr die Frau fort. ›Ich muß immerwährend denken, daß das alles meine Schuld ist.‹ – ›Ach nein,‹ sagte der Mann, ›es ist meine Schuld allein; es geht mir nicht schlechter, als ich es verdient habe.‹ – ›Ich weiß nicht, wie ich den Gedanken ertragen soll, daß ich all dies Elend verursacht habe,‹ sagte die Frau, ›jeden Abend sitze ich hier und warte darauf, daß du wegbleiben sollst. Es endet doch noch damit, daß er da unten im Fluß bleibt, denke ich. Und dann ist es mir, als hörte ich Leute auf den Hof kommen; es ist mir, als kommen sie mit dir getragen. Und dann denke ich daran, wie es mir ergehen soll, wenn du tot bist. Ob ich es je im Leben werde vergessen können, daß ich schuld an deinem Tode bin.‹ Während sie so sprach und alledem Luft machte, was sie so bedrückte, saß der Mann da und kämpfte mit seinen eigenen Gedanken. – ›Jetzt will sie auch noch, daß ich sie tröste und ihr helfe,‹ dachte er. Er fand, daß es nur beschwerlich war, daß sie sich um ihn beunruhigte; es war ihm lieber gewesen, solange sie sich ruhig verhielt, so daß er nicht daran zu denken brauchte, daß sie überhaupt da war. ›Ich kann wirklich nicht auch noch ihren Kummer tragen‹, dachte er. Aber etwas mußte er doch sagen. ›Du brauchst dich meinetwegen nicht zu beunruhigen,‹ sagte er. ›Ich habe nicht die Absicht, neue Missetaten zu denen hinzuzufügen, die ich schon begangen habe.‹ Da verbreitete sich ein Glanz über ihr Antlitz, nur weil er diese Worte zu ihr sagte.« – – Als Ingmar so weit geschrieben hatte, legte er die Feder nieder und sah auf. – »Das wird ja ein schrecklich langer Brief«, dachte er. »Ich werde hier wohl die ganze Nacht sitzen und schreiben müssen.« Aber eigentlich fühlte er, daß es ihm eine Freude war, das alles noch einmal wieder zu durchleben, was er mit Barbro durchgemacht hatte. Er konnte nicht umhin zu hoffen, daß der Pfarrer ihr den Brief zu lesen geben würde, so daß sie gerührt sein würde, wenn sie sah, wie gut er sich altes dessen noch erinnerte. »Aber obwohl der Mann glaubte, daß er sich nicht das geringste aus seiner Frau mache,« schrieb Ingmar weiter, »blieb er noch ein paar Abende zu Hause, nachdem sie ihm erzählt hatte, wie unruhig sie seinetwegen war. Die Frau tat so, als verstehe sie nicht, daß er ihretwillen zu Hause blieb. Sie ging wie gewöhnlich still und stumm umher. Aber wie der Herr Pfarrer weiß, war sie, Barbro, immer sehr gut gegen alle die alten Leute gewesen, die auf dem Ingmarshof waren. Die waren ganz verliebt in sie. Als nun der Mann zu Hause blieb und in der guten Stube zusammen mit den andern am Feuer saß, da sah er, daß die alte Lisa und Korp Beugt dasaßen und. einander fortwährend zulachten. Zwei Abende hintereinander gelang es dem Mann, zu Hause zu bleiben, aber der dritte war ein Sonntag, da kam die Frau auf den Einfall, ihre Gitarre hervorzuholen, und sie begann zu singen, um sich die Zeit zu vertreiben. Das ging eine Weile ganz gut, aber dann stimmte sie eine Melodie an, die Gertrud immer zu summen pflegte. Da konnte der Mann es nicht länger daheim aushalten; er nahm seine Mütze und ging davon. Als der Mann hinauskam, war es stockfinster, und es fiel ein feiner, kalter Regen, aber das war gerade solch Wetter, wie er es gern hatte. Er ruderte nach der Schule hinab und setzte sich auf einen Stein, dicht am Fluß, und dachte an Gertrud und an die Zeit, wo er seinem Versprechen noch nicht untreu geworden und noch ein rechtschaffener und ehrenhafter Mann war. Erst als die Uhr über elf war, ging er nach Hause. Da saß seine Frau unten am Flußufer und wartete auf ihn. Da wurde der Mann ärgerlich. Der Herr Pfarrer wissen wohl, daß wir Männer es nicht leiden können, daß die Frauen sich unsertwegen Sorge machen. Er sagte nichts zu seiner Frau, bis sie in die Kammer gekommen waren. »Ich will dir nur sagen, daß du mich kommen und gehen lassen mußt, wie es mir beliebt«, sagte er, und sie konnte es seinem Ton sehr wohl anhören, daß er unzufrieden war; sie erwiderte nichts, sondern strich nur schnell ein Streichholz an und entzündete ein Licht. Da sah der Mann, daß sie ganz durchnäßt war. Die Kleider saßen an dem Leibe wie festgeklebt, sie ging hin und holte Essen für ihn, machte Feuer an und machte die Betten zurecht, und während der ganzen Zeit schleppten und klatschten die nassen Kleider um sie herum. Aber es war ihr nicht anzusehen, daß sie ärgerlich oder unzufrieden war. – ›Ich möchte wohl wissen, ob sie so fromm ist, daß nichts sie erzürnen kann‹, dachte der Mann. Er wandte sich plötzlich nach ihr um und fragte: »Wenn ich dir dasselbe angetan hätte wie Gertrud, würdest du mir dann verzeihen?« – Sie sah ihn einen Augenblick fest an. »Nein,« erwiderte sie, aber als sie das sagte, blitzte es in ihren Augen auf. Der Mann blieb schweigend sitzen. ›Ich möchte wohl wissen, warum sie mir nicht vergeben würde, wo sie doch Stig Börjesson hat vergeben können,‹ dachte er. ›Aber sie findet wahrscheinlich, daß ich noch schlechter gehandelt habe, da ich Gertrud um ihretwillen verließ.‹ Ein paar Tage darauf geschah es, daß der Mann sein Stemmeisen verlegt hatte. Er suchte überall danach und kam zuletzt auch in die kleine Kammer hinter der Braustube. Da lag die alte Lisa krank, und Barbro saß am Bett und las ihr aus der Bibel vor. Es war eine große, alte Bibel mit Messingbeschlag und mit dickem Ledereinband. Der Mann blieb eine Weile stehen und sah sie an. – ›Sie ist wohl noch aus Barbros Hause,‹ dachte er und ging hinaus. Aber gleich darauf kehrte er zurück, nahm seiner Frau die Bibel aus der Hand und schlug die erste Seite auf. Er sah nun, daß es wirklich eine von den alten Bibeln war, die zu dem Hofe gehörten, und die Karin auf der Auktion hatte verkaufen lassen. ›Woher ist dies Buch gekommen?‹ fragte der Mann. Als Frau sagte nichts, aber die alte Lisa antwortete: ›Hat Barbro dir nicht erzählt, daß sie die Bibeln zurückgekauft hat?‹ – ›Nein, hat Barbro die zurückgekauft?‹ sagte der Mann. – ›Sie hat noch mehr als das getan,‹ sagte Lisa eifrig. ›Du solltest einmal hingehen und dir den Schrank in der guten Stube ansehen.‹ Der Mann ging schnell durch die Braustube in die gute Stube. Als er den Schrank öffnete, sah er zwei von den alten, silbernen Humpen auf dem Bort stehen. Er nahm sie herunter, drehte sie hin und her, um die Zeichen auf dem Boden zu sehen, und sah, daß es die richtigen waren. Barbro kam herein, während er dastand, sie sah sehr verlegen aus. ›Ich hatte noch ein wenig Geld in meinem Sparkassenbuch stehen‹, sagte sie halbleise. – Der Mann war so froh, wie er es seit langer Zeit nicht gewesen war. Er ging auf sie zu und reichte ihr die Hand: ›Dafür sollst du schön bedankt sein,‹ sagte er. Aber er zog seine Hand fast augenblicklich wieder zurück und ging hinaus. Er hatte ein Gefühl, daß es unrecht von ihm sei, freundlich gegen seine Frau zu sein. So viel war er Gertrud doch schuldig, daß er der, die ihren Platz eingenommen hatte, weder Liebe noch Wohlwollen erzeigte. Es mochte wohl eine Woche später sein, nachdem dies geschehen war. Der Mann kam aus der Scheune heraus und ging nach dem Wohnhause hinüber; im selben Augeblick öffnete ein fremder Mann die Pforte und trat auf den Hofplatz. Als sie sich begegneten, grüßte der Fremde und fragte, ob Barbro Svenstochter zu Hause sei. ›Ich bin ein alter Bekannter von ihr‹, sagte er. Nun geschah das Wunderlichste, daß der Mann im selben Augenblick wußte, wer der Fremde war. – ›Dann bist du wohl Stig Börjesson,‹ sagte er. – ›Ich glaubte, daß mich niemand hier kenne. Ich will auch gleich wieder gehen, ich habe Barbro nur ein paar Worte zu sagen. Aber erzähle Ingmar Ingmarson nicht, daß ich hier gewesen bin. Er sieht es vielleicht nicht gern, daß ich hierherkomme.« – »Ach, ich glaube, Ingmar wird sich freuen, dich hier zu sehen,« sagte der Mann, »er hat gewiß schon lange gern wissen wollen, wie so ein Schurke aussieht.« Er geriet ganz außer sich vor Zorn, daß dieser elende Bursche noch immer umherging und den Leuten weismachen wollte, daß Barbro Svenstochter ihn liebte. – »Ich weiß doch nicht, daß mich schon jemals irgend jemand Schurke genannt hat«, sagte Stig jetzt. – »Ja, wenn es bisher noch niemand getan hat, so tue ich es,« sagte der Mann, und im selben Augenblick erhob er die Hand und versetzte Stig eine Ohrfeige. Stig Börjesson fuhr zurück; er wurde leichenblaß, und sein Gesicht verzerrte sich vor Zorn. »Laß das,« sagte er, »du weißt nicht, was du tust! Ich wollte nur Geld von Barbro leihen, weiter habe ich nichts mit ihr zu schaffen,« – Der Mann schämte sich seiner Heftigkeit. Er konnte selbst nicht begreifen, warum er sich so benommen hatte. Aber er konnte sich nicht entschließen, dem Kerl gegenüber Reue zu zeigen, deswegen fuhr er in zornigem Ton fort: »Du mußt dir nicht einbilden, daß ich bange bin, daß Barbro dich liebt, aber ich fand, du verdientest eine Ohrfeige, da du sie hast sitzen lassen.« Stig Börjesson trat jetzt dicht an den Mann heran. »Jetzt will ich dir auch etwas erzählen, zum Dank dafür, daß du mich geschlagen hast,« sagte er, und seine Stimme wurde heiser und fauchend. »Ich kann mir wohl denken, daß das, was du jetzt zu hören bekommst, dich mehr schmerzen wird, als wenn ich dich prügelte. Du scheinst mir sehr verliebt in deine Barbro zu sein, darum will ich dir nur sagen, daß sie eine von denen ist, die von dem Pferdehändler auf dem Trauerhügel abstammen.« Er stand da und beobachtete, was für eine Wirkung das auf den Mann haben würde, aber der sah nicht weiter erstaunt aus. Anfangs konnte er sich gar nicht darauf besinnen, daß etwas Merkwürdiges mit dem Trauerhügel im Zusammenhang stand. Aber endlich fiel ihm die Geschichte ein, die er als Kind gehört hatte, und die der Herr Pfarrer wohl auch gehört haben, daß alle Söhne, die von dem Geschlecht vom Trauerhügel geboren werden, blinde Idioten sind, während alle Töchter klüger und schöner werden als alle die andern Menschen. Aber er hatte nie geglaubt, daß auch nur ein Körnchen Wahrheit an der Geschichte sei. Er fing an, über Stig zu lachen. ›Du glaubst wohl nicht an die Geschichte‹, sagte Stig und trat noch näher an den Mann heran. »Aber ich will dich nur wissen lassen, daß Sven Perssons zweite Frau aus der Familie stammte. Alle, die von dem Trauerhügelmann abstammen, sind in eine andere Gegend gezogen, wo niemand weiß, wie es mit ihnen steht; aber meine Mutter wußte in der Verwandtschaft Bescheid. Sie verschwieg, was sie wußte, und sagte niemandem, wer Sven Perssons Frau war, ehe ich mich mit Barbro verheiraten wollte. Und als ich es erfuhr, konnte ich sie nicht heiraten, aber ich verschwieg es als ehrlicher Mann. Wäre ich ein Schurke gewesen, so hätte ich es schon erzählt. Ich habe Schmach genug um dieser Sache willen erlitten. Aber ich habe es schweigend getragen, bis du mich schlugst. Sven Persson selbst hat auch nie erfahren, wen er bekommen hatte, denn seine zweite Frau starb, nachdem sie ihm eine einzige Tochter geboren hatte. Und die Töchter aus dem Trauerhügelgeschlecht sind schön und fein genug, aber die Söhne, die werden blinde Idioten. Und nun kannst du liegen, wie du dich selber gebettet hast! Du kannst mir glauben, ich habe tüchtig darüber gelacht, wenn ich daran dachte, daß du deine Liebste sitzen ließest, und wenn ich an den Ingmar Ingmarsson denke, der nach dir auf dem Hof schalten und walten wird. Und du wirst wohl viele glückliche Tage mit deiner Frau verleben, jetzt, nachdem du dies gehört hast.‹ Aber während Stig dicht vor dem Mann stand und ihm dies alles ins Gesicht fauchte, war dessen Blick zufällig nach dem Wohnhause hinübergeschweift. Und da sah er den Zipfel eines Kleides hinter der Haustür hervorgucken. Er dachte, daß Barbro wohl auf die Diele hinausgegangen war, als sie sah, daß er und Stig einander auf dem Hofplatz begegneten, und da stand sie nun und hörte dies alles. Da erst wurde dem Mann unheimlich zumute, und ihn durchzuckte der Gedanke: ›Es ist ein Unglück, daß Barbro dies alles gehört hat. Es ist möglich, daß das, wovor ich mich solange gefürchtet habe, jetzt geschehen ist. Sollte dies die Strafe von Gott sein, auf die ich solange gefaßt war?‹ Aber im selben Augenblick fühlte der Mann zum ersten Male wirklich, daß er eine Frau hatte, und daß es seine Pflicht war, sie zu beschützen. Darum zwang er sich, noch einmal zu lachen, und tat so, als habe die Sache nicht den geringsten Eindruck auf ihn gemacht. ›Es war gut, daß ich die Geschichte zu hören bekam, dann brauche ich doch keinen Groll mehr gegen dich zu hegen.‹ – ›Nun,‹ sagte Stig, ›so also faßt du es auf.‹ – ›Du glaubst doch nicht, daß ich ebenso verrückt bin wie du, und mein Glück um eines dummen alten Aberglaubens willen verscherzen werde.‹ – ›Ja, dann will ich heute nicht mehr sagen,‹ sagte Stig. ›Aber wenn ein Jahr um ist, werde ich einmal nachsehen, ob du noch ebenso sicher bist wie jetzt.‹ – ›Willst du nicht mit hereinkommen und Barbro Guten Tag sagen?‹ sagte der Mann, als er sah, daß der andere sich anschickte zu gehen. – ›Ach nein, das mag einerlei sein,‹ sagte nun Stig. Als er fort war, ging der Mann gleich in das Haus, um mit seiner Frau zu reden. Sie stand drinnen und wartete auf ihn, und ehe er noch ein einziges Wort gesagt hatte, sagte sie ganz ruhig: ›Wir werden solchen Ammenstubenmärchen doch nicht glauben, Ingmar? Was geht es uns an, was vor mehr als hundert Jahren geschehen ist, falls es überhaupt jemals geschehen ist.‹ – ›Du hast es also gehört?‹ sagte der Mann. Er wollte es sich nicht merken lassen, daß er sie hatte dastehen und lauschen sehen. –- ›Ja, ich habe die alte Geschichte gehört, ebenso wie alle andern, aber bis auf den heutigen Tag habe ich nicht gewußt, daß sie etwas mit mir zu schaffen habe.‹ – ›Es tut mir leid, daß du das hören mußtest,‹ sagte der Mann. ›Aber es macht nichts, wenn du nur nicht daran glaubst.‹ Die Frau lachte. ›Ich habe nie etwas von einem Fluch bemerkt‹, sagte sie. Der Mann dachte, daß er selten eine gesehen habe, die schöner war als seine Frau. ›Nein,‹ sagte er, ›ich glaube nicht, daß jemand etwas anderes von dir sagen kann, als daß du gesund an Leib und Seele bist.‹– – Als der Frühling kam, gebar die Frau ein Kind. Sie hatte sich die ganze Zeit hindurch tapfer gehalten, und nie irgendwelche Unruhe gezeigt. Der Mann dachte oft, daß sie gewiß das, was Stig erzählt hatte, ganz vergessen habe. Was ihn selbst anbetraf, so wagte er nach der Unterredung nicht mehr, so vollständig in seinem Kummer aufzugehen wie zuvor. Er dachte immer daran, es müsse so sein, daß seine Frau merken könne, daß er nicht an den Fluch glaubte, der auf ihr ruhen sollte. Er bemühte sich, daheim immer ein frohes Gesicht aufzusetzen, um nicht so auszusehen, als ob er auf Gottes Strafe warte. Er fing an, sich eifrig seines Hofes anzunehmen, und er zeigte sich hilfreich gegen Leute, wie sein Vater es getan hatte. ›Von nun an geht es nicht, daß ich nur umhergehe und unglücklich aussehe‹, dachte der Mann. ›Dann bildet Barbro sich ein, daß ich an den Fluch glaube, und dann grämt sie sich darüber.‹ Die Frau war ungeheuer glücklich über das Kind, Es war ein Junge, er war wohlgebildet und schön, hatte eine hohe, gerade Stirn und große, klare Augen. Wieder und wieder rief sie den Mann herein, damit er den Jungen ansehen sollte. ›Es ist ein prachtvoller Junge, Ingmar, es ist nichts mit ihm im Wege‹, sagte die Frau. Der Mann stand ganz verlegen da, die Hände auf dem Rücken, und wagte nicht, das Kind anzurühren. – ›Nein, ihm fehlt nichts,‹ sagte sie. ›Und nun sollst du einmal sehen, daß seinen Augen auch nichts fehlt,‹ sagte die Frau. Er zündete ein Licht an und führte es vor dem Gesicht des Kindes hin und her. ›Kannst du sehen, Ingmar, er wendet die Augen nach dem Licht,‹ sagte sie. – ›Ja,‹ sagte der Mann. Es war einige Tage später. Die Frau war auf, ihr Vater und ihre Stiefmutter waren gekommen, um sich nach ihr und dem Kinde umzusehen. Die Stiefmutter nahm den Knaben aus der Wiege und wog ihn gleichsam auf dem Arm. ›Ist das aber ein großes Kind,‹ sagte sie und sah vergnügt aus. Aber nach einer Weile betrachtete sie den Kopf des Kindes genauer. ›Ist der Kopf, den das Kind hat, nicht gar zu groß?‹ fragte sie. ›Alle Kinder in unserer Familie haben große Köpfe,‹ sagte der Mann. – ›Ist dein Kind sonst gesund?‹ fragte die Stiefmutter nach einer Weile und legte es wieder in die Wiege. – ›Ja,‹ sagte die Frau, ›es wächst mit jedem Tag, der vergeht.‹ ›Sage mir doch,‹ begann die Stiefmutter nach einer Weile wieder, ›weißt du auch ganz sicher, daß das Kind sehen kann? Es dreht fortwährend die Augen, so daß man nur das Weiße sieht.‹ Die Frau erbleichte und fing an zu zittern. Ihre Lippen bebten. – ›Wenn Ihr mit einem Licht die Probe machen wollt,‹ sagte der Mann, ›so werdet Ihr schon sehen, daß den Augen nichts fehlt.‹ Die Frau zündete eifrig ein Licht an und hielt es vor die Augen des Kindes. ›Freilich kann es sehen,‹ sagte sie, und bemühte sich, froh und hoffnungsvoll auszusehen. Das Kind lag still in der Wiege und verdrehte die Augen. ›Seht nur, wie es die Augen dem Lichte zuwendet‹, sagte die Mutter, niemand von den andern sagte ein Wort. ›Kannst du nicht sehen, daß es die Augen bewegt?‹ sagte sie zu der Stiefmutter. Sie erwiderte kein Wort. – ›Er ist jetzt müde,‹ sagte Barbro, ›die Augen fallen ihm zu.‹ Nach einer Weile ergriff die Stiefmutter wieder das Wort. ›Wie soll er heißen?‹ fragte sie. ›Hier im Hause ist es Sitte, daß der älteste Junge immer Ingmar getauft wird‹, sagte der Mann. Die Frau entgegnete hastig: ›Ach, ich wollte dich bitten, ob er nicht Sven nach meinem Vater heißen soll.‹ – Es entstand eine unheimliche Stille. Der Mann merkte, daß seine Frau ihn scharf beobachtete, obwohl es schien, als wenn sie die Augen beständig auf den Boden richtete. – ›Nein,‹ sagte der Mann, ›wohl ist dein Vater Sven Persson ein tüchtiger Mann, aber unser ältestes Kind soll Ingmar heißen.‹ Ja, und dann eines Nachts, als das Kind acht Tage alt war, bekam es Krämpfe, und gegen Morgen starb es.« – – Hier hielt Ingmar von neuem mit dem Schreiben inne. Er sah nach der Uhr, es war weit über Mitternacht. »Ach, lieber Gott, ich kann es fast nicht ertragen, dies zu schreiben«, sagte er. »Ob der Herr Pfarrer wohl auch so recht verstehen kann, wie fürchterlich es war. Und das allerschlimmste war, daß wir nie Gewißheit erlangten, wie es mit dem Kinde beschaffen war. Wir wissen noch heutigentags nicht, ob es ein gesundes Kind war, oder ob etwas bei ihm nicht in Ordnung war.« »Jetzt muß ist mich kürzer fassen«, dachte er, »sonst werde ich bis morgen früh wohl nicht mehr fertig.« »Jetzt muß ich dem Herrn Pfarrer erzählen,« schrieb Ingmar, als er von neuem zu der Feder griff, »daß der Mann in der letzten Zeit immer gut gegen Barbro gewesen war und hin und wieder so mit ihr verkehrt hatte, wie ein jung verheirateter Mann gegen seine Frau zu sein pflegt. Aber er glaubte, daß Gertrud noch immer Anspruch auf seine ganze Liebe habe, und er sagte zu sich selbst: Nicht, daß ich Barbro liebe, aber ich muß gut gegen sie sein, weil sie ein so schweres Schicksal zu tragen hat. Sie soll doch wissen, daß sie nicht allein in der Welt dasteht, sondern einen Mann hat, der sich ihrer annehmen will. Barbro weinte nicht mehr über das Kind, als es erst tot war. Es schien vielmehr, als freue sie sich, daß es heimgegangen war. Als ein paar Wochen verstrichen waren, beruhigte sie sich ganz. Niemand konnte ihr ansehen, ob sie sich unglücklich fühle, oder ob sie die düsteren Gedanken ganz wieder aus ihrem Sinn abgeschüttelt hatte. Als der Sommer kam, zog Barbro auf die Alm, und der Mann blieb allein zu Hause. Aber nun geschah etwas Wunderliches mit ihm. Wenn er in das Haus kam, ging er umher, als suche er nach Barbro. Hin und wieder, wenn er bei seiner Arbeit stand, konnte er den Kopf erheben und lauschen, ob er nicht ihre Stimme hörte. Es war ihm, als sei alle Traulichkeit mit Barbro vom Hofe verschwunden, es war gar nicht mehr derselbe Ort. Als der Sonnabend kam, ging er zu Barbro auf die Alm hinauf. Sie saß auf der steinernen Schwelle vor dem Hause, die Hände im Schoß, und obwohl sie den Mann kommen sah, erhob sie sich nicht und ging ihm nicht entgegen. Er setzte sich neben sie. »Barbro,« sagte er, »mit mir ist etwas Wunderliches vorgegangen,« – »So?« sagte sie nur, ohne weiter zu fragen. – »Die Sache ist die, daß ich angefangen habe, dich zu lieben.« – Sie sah ihn an, und er merkte, daß sie müde war, und daß sie kaum die Augen vom Boden erheben konnte. – »Das ist jetzt zu spät,« sagte sie. Er erschrak sehr, als er sah, wie es um sie stand. »Es ist nicht gut für dich, hier oben im Walde allein zu sein,« sagte er. – »Ja, mir geht es hier gut, ich möchte am liebsten mein ganzes Leben lang hierbleiben.« Der Mann versuchte wieder, ihr zu erzählen, wie sehr er sie jetzt liebe, daß er keinen Gedanken für eine andere habe als für sie. Er habe es selbst nicht gewußt, wie es mit ihm stehe, ehe sie von ihm fortgegangen sei. Barbro antwortete kaum. »Alles das hättest du im vorigen Herbst sagen sollen‹, sagte sie. – ›Ach, lieber Gott, ist es nun bei dir aus?‹ sagte er, und sah ganz verzweifelt aus. – ›Ach nein, das ist es nicht,‹ sagte sie, und dann bemühte sie sich, vergnügt auszusehen. Eines Tages im August kam er wieder auf die Alm hinauf. ›Ich habe dir traurige Nachricht zu bringen‹, sagte er, sobald er sie sah. – ›Was ist denn geschehen?‹ fragte sie. – ›Dein Vater ist gestorben.‹ – ›Ja, das sind große Neuigkeiten für dich wie auch für mich‹, sagte sie. Barbro setzte sich auf einen Stein am Waldesrande und machte ihm ein Zeichen, sich neben sie zu setzen. – ›Nun haben wir unsere Freiheit,‹ sagte sie, ›nun können wir tun, was wir wollen, und nun wollen wir uns scheiden lassen‹ – Er wollte sie unterbrechen, aber sie ließ ihn nicht zu Worte kommen. – ›Solange mein Vater lebte, war nicht daran zu denken, aber jetzt müssen wir gleich die Scheidung einreichen,‹ sagte sie, ›das wirst du wohl einsehen.‹ – ›Nein,‹ sagte er, ›das kann ich gar nicht einsehen.‹ – ›Du hast doch gesehen, was für ein Kind ich dir geboren habe!‹ – ›Es war ein schönes Kind‹, sagte er. – ›Es war blind, und hätte es gelebt, so wäre es blödsinnig geworden.‹ – ›Es ist einerlei, wie das Kind war, ich will dich trotzdem behalten.‹ Sie faltete die Hände, und der Mann sah, daß sie die Lippen bewegte. ›Dankst du Gott dafür?‹ fragte er. – ›Den ganzen Sommer habe ich um Befreiung gebeten‹, sagte sie. –- ›Ach, du lieber Gott, soll ich jetzt mein Glück um so eines alten Ammenmärchens willen verlieren?‹ rief er aus. – ›Es war kein Ammenmärchen,‹ sagte Barbro, ›das Kind war blind.‹ – ›Das weiß kein Mensch‹, sagte er. ›Hätte es gelebt, so bin ich überzeugt, daß es heute sehen könnte.‹ – ›Aber mein nächstes Kind würde doch blödsinnig werden,‹ sagte sie, ›denn jetzt glaube ich daran.‹ Er widersprach ihr noch lange und sagte, daß das, was sie von ihm verlange, ganz unmöglich sei. – ›Du mußt es doch tun,‹ sagte sie, ›denn es ist recht. Du kannst ja sehen, daß, wenn wir fort fahren, als Mann und Frau zu leben, Gott nie aufhören wird, uns zu strafen.‹ Sie wußte vom ersten Augenblick an, daß sie ihn bewegen würde, nachzugeben, weil er ein schlechtes Gewissen hatte. ›Du solltest dich freuen, daß du jetzt Gelegenheit bekommst, alles wieder gut zu machen, was du vor einem Jahr gesündigt hast,‹ sagte sie, ›sonst würde es dein ganzes Leben lang an dir genagt haben.‹ – Und schließlich, als er fortfuhr, mit Einwendungen zu kommen, sagte sie: ›Wegen des Hofes brauchst du nicht besorgt zu sein, den kannst du von mir kaufen, wenn du wieder nach Hause kommst. Und so lange du in Jerusalem bist, bleibe ich hier und verwalte ihn für dich.‹ So zogen sie denn auf den Hof herab, um Anstalten für die Scheidung zu treffen. Die Zeit, die jetzt kam, war schwerer für ihn denn je. Er sah, daß Barbro froh und glücklich war, bei dem Gedanken, von ihm befreit zu werden. Es war ihre größte Freude, davon zu reden, wie er und Gertrud miteinander leben würden. Mit nichts beschäftigte sie ihre Gedanken lieber als damit, sich auszumalen, wie Gertrud sich freuen würde, wenn er sie in Jerusalem abholte. Einmal, als sie lange darüber geredet hatte, war es ihm, als würde es ihm plötzlich klar, daß Barbro ihn nicht leiden könne, sonst würde sie nicht immer und ewig davon reden, ihn mit Gertrud zusammenzubringen. Da fuhr er auf und schlug mit der geballten Faust auf den Tisch. ›Ja, ich werde reisen,‹ rief er, ›aber dann sagst du nichts mehr hierüber!‹ – ›Dann ist alles gut‹, sagte sie und sah vergnügt aus. ›Denke nur immer, Ingmar, daß ich keine frohe Stunde mehr haben kann, ehe du nicht mit Gertrud ausgesöhnt bist.‹ Und dann machten sie alles durch, was nötig war: Sie wurde von dem Pfarrer ermahnt, sie wurde von dem Gemeindevorsteher ermahnt, und auf dem Herbstthing wurden sie geschieden.« –- –- Hier hielt Ingmar inne und legte die Feder nieder. Jetzt wußte der Pfarrer alles. Nun blieb ihm nichts weiter übrig, als ihn zu bitten, mit Barbro zu reden und ihr vorzustellen, von ihrer Forderung, daß Ingmar Gertrud heiraten sollte, abzusehen. Nach alle diesem würde der Pfarrer doch wohl verstehen, daß das ganze unmöglich für ihn war. Sich jetzt Gertrud mit falscher Liebe nähern, würde ja nur ein zweiter Betrug gegen sie sein. Während er so dachte, fiel sein Blick auf die Worte, die er eben geschrieben hatte. »Du mußt es um meinetwillen tun, damit ich meinen Seelenfrieden wiederbekomme.« Er las alles noch einmal durch, was er geschrieben hatte; es war ihm, als säße er wieder oben auf dem Waldhügel und hörte Barbro reden. »Du solltest dich freuen, daß du wieder gutmachen kannst, was du verbrochen hast.« Er hörte diese Worte und alles das andere, was sie gesagt hatte. Und wie kann ich das schwer nennen, was sie von mir verlangt, im Vergleich damit, was sie selber zu tragen hat, dachte er. Plötzlich war es ihm, daß das, was er am allerwenigsten wünschte, war, daß dieser Brief Barbro vor Augen käme. Nein, nein, da würde sie ja erfahren, daß er meinte, er würde es nicht ertragen können. Sollte er so erbärmlich sein, sie anzuflehen, der Sühne und Strafe zu entgehen? Sie war nicht eine Sekunde im Zweifel gewesen von dem Augenblick an, als sie glaubte, das Recht zu haben, ihren eigenen Willen durchzusetzen. Sie hatte ihn die ganze Zeit zwingen müssen. Und nun sollte sie hören, daß er schrieb, er habe nicht die Kraft, es durchzuführen. Ingmar sammelte die beschriebenen Blätter zusammen und steckte sie in die Tasche. »Es ist gewiß nicht nötig, diesen Brief fertig zu schreiben«, sagte er. Er schraubte die Lampe aus und verließ die Tischlerwerkstatt. Er sah jetzt nicht weniger niedergedrückt und unglücklich aus als vorher, aber er war nun fest entschlossen, dem Willen seiner Frau nachzukommen. Als er hinauskam, sah er dicht neben sich eine kleine Hintertür, die offen stand. Es war schon heller geworden. Er stellte sich an die Pforte und sog die frische Luft ein. »Es ist wohl keine Zeit mehr, jetzt zu Bett zu gehen«, dachte er. Die Sonnenstrahlen kamen gleitend und schleichend von dem Hügel herab. Und alle Hügel waren wie überzogen von einem braunroten Glanz; im übrigen aber wechselte alles, was er sehen konnte, mit jeder Minute die Farbe. Von den Abhängen herab, die sich unterhalb des Ölberges erstreckten, sah Ingmar Gertrud kommen. Die Sonnenstrahlen folgten ihr und umspannen auch sie mit ihrem Netz. Sie ging leicht, als sei sie froh und glücklich, und Ingmar fand, es sah so aus, als wenn der ganze Strahlenglanz von ihr ausging. Und hinter Gertrud sah Ingmar einen großen, jungen Mann dahinschleichen. Er folgte ihr in einiger Entfernung, blieb hin und wieder stehen, und sah nach der anderen Seite, aber es war nicht zu verkennen, daß er Gertrud bewachte. Es währte nicht lange, bis Ingmar den Mann erkannte, und im selben Augenblick senkte er den Blick zu Boden, und verfiel in Sinnen. Jetzt, meinte er, werde ihm allerlei von dem klar, was er am Tage vorher beobachtet hatte, und eine große Freude erfüllte sein Herz. »Jetzt fange ich an zu glauben, daß Gott mir helfen will«, sagte er.   Der Derwisch Eines Abends, kurz bevor es dunkel wurde, ging Gertrud durch die Straßen von Jerusalem. Sie bemerkte ganz zufällig einen großen, schlanken Mann in einem schwarzen, fußfreien Gewand; er ging gerade vor ihr. Gertrud fand, daß etwas Ungewöhnliches an ihm war, aber sie konnte sich nicht erklären, worin das bestand. Es lag doch wohl kaum daran, daß er einen grünen Turban trug, der ihn als einen der Nachkommen des Propheten bezeichnete. Männern mit dergleichen Kopfbedeckung konnte man in jeder Straße begegnen. Es beruhte weit eher darauf, daß sein Haar nicht geschnitten oder unter dem Turban aufgesteckt war, wie es die Morgenländer sonst zu tun pflegen, sondern in gleichmäßig langen und gleich großen Locken über die Schultern herabhing. Gertrud ging hinter dem Mann drein und folgte ihm mit den Blicken, und konnte den Wunsch nicht unterdrücken, daß er sich umwenden möge, damit sie sein Antlitz sehen könnte. Da kam ihm ein junger Mann entgegen; er grüßte ehrerbietig, küßte ihm die Hand und ging weiter. Der Schwarzgekleidete stand einen Augenblick still und sah dem Mann nach, der ihn so demütig gegrüßt hatte, und dadurch ging Gertruds Wunsch in Erfüllung. Gertrud versagte fast der Atem vor Überraschung. Regungslos blieb sie stehen, und legte die Hand aufs Herz. »Das ist ja Christus,« sagte sie. »Das ist ja Christus, dem ich am Waldpfad begegnet bin.« Der Mann setzte darauf seinen Weg fort. Gertrud versuchte, ihm zu folgen, aber er bog gleich in eine belebte Straße ein, und dort verlor sie bald jede Spur von ihm. Da wandte sie sich um, und kehrte nach der Kolonie zurück. Sie ging sehr langsam; jeden Augenblick blieb sie stehen und lehnte sich an eine Mauer und schloß die Augen. »Wenn ich es doch nur in meiner Erinnerung bewahren könnte«, murmelte sie; »wenn ich doch nur sein Antlitz immer vor Augen haben könnte!« Sie versuchte, sich das einzuprägen, was sie eben gesehen hatte. »Sein Bart war ein wenig graugesprengelt«, wiederholte sie für sich. »Er war ziemlich kurz und zweigeteilt. Er hatte ein langes, schmales Gesicht, die Nase war lang, und die Stirn war breit, aber nicht besonders hoch. Und er glich ganz Christus, so wie ich ihn auf Bildern gesehen habe, er sah gerade so aus wie damals, als er mir auf dem Waldpfad entgegenkam, nur, daß er jetzt noch viel schöner und herrlicher war. Ein Licht strahlte aus seinen Augen und eine große Macht; aber um die Augen lag eine tiefe Dunkelheit und auch viele Runzeln. Ja, um seine Augen herum lag alles vereint, Weisheit und Liebe und Schmerz und Mitleid und noch viel mehr, als könnten die Augen zuweilen einen solchen Blick haben, daß sie durch alle Himmel zu Gott und seinen Engeln hineinzuschauen vermochten.« Auf dem ganzen Heimweg war Gertrud völlig verzückt. So glücklich hatte sie sich nicht gefühlt seit jenem Tage, als sie Christus auf der Waldwiese begegnet war. Sie ging mit gefalteten Händen, die Augen gen Himmel gewandt, dahin, und sah aus, als wandle sie nicht mehr auf Erden, sondern auf Wolken und blauer Luft. Daß sie Christus hier in Jerusalem begegnete, das war noch weit bedeutungsvoller, als daß er ihr in dem wilden, einsamen Walde in Dalarne erschienen war. Da war er wie eine Erscheinung an ihr vorübergeglitten, aber als er sich ihr jetzt hier offenbarte, bedeutete das, daß er zurückgekommen war, um unter den Menschen zu wirken. Ja, dies war so groß, dies, daß Christus gekommen war, daß sie nicht auf einmal alles so durchdenken konnte, was es enthielt, aber Freude und Frieden und Seligkeit waren das erste, was diese Gewißheit mit sich führte. Als Gertrud zur Stadt hinaufkam und sich der Kolonie näherte, begegnete sie Ingmar Ingmarsson. Er trug noch immer den feinen schwarzen Anzug, der so schlecht zu seinen schwieligen Händen und groben Zügen paßte, und sah schwerfällig und niedergeschlagen aus. Vom ersten Augenblick an, als Gertrud Ingmar in Jerusalem wiedersah, hatte sie nicht begreifen können, daß sie jemals so an ihm gehangen hatte. Es war ihr auch wunderlich vorgekommen, daß die daheim gemeint hatten, sie könne nie eine bessere Heirat machen. Aber hier in Jerusalem sah er verlassen und unmöglich aus. Sie konnte nicht begreifen, was die daheim Merkwürdiges an ihm sahen. Aber gleichzeitig empfand Gertrud auch keinen Unwillen gegen Ingmar, und sie hatte gern freundlich gegen ihn sein wollen. Aber dann hatte ihr irgend jemand erzählt, daß Ingmar jetzt von seiner Frau geschieden sei, und nach Jerusalem gekommen war, um sie, Gertrud, zurückzugewinnen. Da hatte sie sich sehr erschrocken und hatte gedacht: »Jetzt kann ich ja nicht einmal mit ihm sprechen; ich muß ihm zeigen, daß ich mir nichts mehr aus ihm mache. Ich kann ihn doch nicht einen Augenblick glauben lassen, daß er mich wiederbekommen kann. Er ist wahrscheinlich hierhergekommen, weil er meint, daß er ein so großes Unrecht gegen mich begangen hat. Aber wenn er sieht, daß ich mir nichts mehr aus ihm mache, so wird er wohl Vernunft annehmen, und wieder nach Hause reisen.« Aber jetzt, wo Gertrud Ingmar ausserhalb der Kolonie begegnete, dachte sie an nichts weiter, als dass sie einen Menschen getroffen hatte, dem sie ihre grosse wunderbare Entdeckung anvertrauen konnte. Sie stürzte auf ihn zu und rief: »Ich habe Christus gesehen!« Ein so verzückter Ausruf war wohl nicht wieder über die öden Felder und Hügel von Jerusalem erklungen, seit dem Tage, als die frommen Christen von dem leeren Grabe zurückkehrten und den Aposteln zuriefen: »Der Herr ist auferstanden!« Ingmar blieb stehen und schlug die Augen nieder, wie er es immer tat, wenn er seine Gedanken zu verbergen wünschte. »Nein wirklich,« sagte er zu Gertrud, »du hast Christus gesehen?« Gertrud wurde ungeduldig, ganz wie in früheren Zeiten, wenn Ingmar ihren Träumen und Gedanken nicht so schnell folgen konnte. Sie wünschte nur, sie wäre statt seiner Bo begegnet, der würde sie viel besser verstanden haben. Aber trotzdem fing sie an, ihm zu erzählen, was sie gesehen hatte. Ingmar sagte kein Wort, das andeuten konnte, daß er ihr nicht glaubte, und doch schien es Gertrud so, daß, als sie ihm ihre Geschichte erzählen wollte, diese zu nichts einschrumpfte. Sie war auf der Straße einem Mann begegnet, der Christus glich. Das war das ganze. Es erging ihr wie mit einem Traum. Es war ihr so wunderlich erschienen, als sie es erlebte, aber jetzt, wo sie versuchte, es zu erzählen, ward es zu nichts. Trotzdem schien es, als freue sich Ingmar, daß sie ihn anredete. Er fragte Gertrud sehr genau darüber aus, zu welcher Zeit und Stunde sie dem Mann begegnet war. Und er wollte sehr genauen Bescheid über seine Kleidung und sein Aussehen haben. Aber als sie nach der Kolonie zurückgekehrt waren, eilte Gertrud von Ingmar fort. Sie fühlte sich sehr niedergeschlagen und war entsetzlich müde. »Ich sehe wohl, daß es die Absicht des Herrn ist, daß ich dies keinem andern Menschen erzählen soll. Ach, wie glücklich war ich doch, so lange niemand weiter als ich davon wußte!« Sie beschloß, zu niemand weiter darüber zu reden. Sie wollte auch Ingmar bitten, darüber zu schweigen. »Es ist ja wahr, es ist ja wahr,« wiederholte sie sich selbst, »daß ich ihm begegnet bin, so wie ich ihn auf dem Waldpfade sah. Aber es ist wohl viel verlangt, daß mit jemand glauben soll.« Ein paar Tage darauf ward Gertrud sehr überrascht. Gleich nach der Abendmahlzeit kam Ingmar zu ihr, und erzählte ihr, daß er den Mann mit dem schwarzen Gewand jetzt auch gesehen habe. »Seit du mir erzähltest, daß du ihn gesehen hattest, bin ich in derselben Straße auf und nieder gegangen, und habe auf ihn gewartet«, sagte Ingmar. – »Ingmar, dann glaubst du mir ja doch!« sagte Gertrud, und freute sich sehr. Die ganze Sicherheit des Glaubens flammte von neuem in ihr auf. – »Du weißt ja, ich gehöre nicht zu denen, die leicht glauben«, sagte Ingmar. »Hast du je so ein Gesicht gesehen?« fragte Gertrud. – »Nein, nie habe ich ein solches Gesicht gesehen.« – »Siehst du es denn nicht beständig vor dir, wo du gehst und stehst?« – »Ja, das tue ich, das ist wahr.« – »Glaubst du denn nicht auch, daß es Christus ist?« – Ingmar vermied es, hierauf zu antworten. »Das ist seine Sache, uns zu zeigen, wer er ist.« »Wenn ich ihn doch nur noch einmal sehen könnte«, sagte Gertrud. – Ingmar stand da und sah unschlüssig aus. »Ich weiß wohl, wo er heute abend ist!« sagte er nachdenklich. Gertrud war gleich Feuer und Flamme. »Was sagst du da, Ingmar, du weißt, wo er ist? Dann kannst du ja mit mir dahingehen, damit ich ihn wiedersehen kann.« – »Aber es ist ja finstere Nacht«, sagte Ingmar. »Es ist gewiß nicht ratsam, zu dieser Zeit nach Jerusalem hineinzugehen.« – »Ach, das hat nichts auf sich,« sagte Gertrud, »ich bin zu viel späterer Zeit da gewesen, wenn ich die Kranken besuchte.« Es kostete Gertrud viel Mühe, Ingmar zu überreden. »Glaubst du nicht, daß ich den vollen Gebrauch meiner Sinne habe? Willst du deswegen nicht mit mir gehen«, sagte sie, und ihre Augen wurden dunkel und unheimlich. – »Es war gewiß dumm von mir, dir zu erzählen, daß ich ihn gefunden habe,« sagte Ingmar, »aber jetzt glaube ich doch, daß es am besten ist, wenn ich mit dir hingehe.« – Gertrud sah so glücklich aus, daß ihr Tränen in die Augen traten. »Aber wir müssen sehen, daß wir von der Kolonie fortkommen, ohne daß uns jemand sieht«, sagte sie. »Ich will es hier niemand erzählen, ehe ich ihn nicht noch einmal gesehen habe.« Es gelang ihr, eine Laterne zu finden, und endlich machten sie sich damit auf den Weg. Sturm und Regen schlugen ihnen entgegen, aber Gertrud achtete nicht darauf. »Weißt du auch ganz sicher, daß ich ihn heute abend sehen werde«, sagte sie einmal über das andere. »Bist du wirklich sicher, daß ich ihn zu sehen bekommen werde?« Gertrud sprach unaufhörlich. Jetzt war es, als liege nichts mehr zwischen ihr und Ingmar. Sie schenkte ihm ihr ganzes Vertrauen wie in alten Zeiten. Sie erzählte ihm von allen den Morgenstunden, die sie auf dem Ölberge gestanden und gewartet habe. Sie erzählte auch; welche Qual es für sie gewesen war, daß zuweilen Leute da hinaufgekommen waren, die dagestanden und sie angesehen hatten, während sie auf den Knien lag und zum Himmel emporsah. »Du kannst mir glauben, es war nicht angenehm für mich, daß mich alle so sonderbar ansahen, ganz als ob ich von Sinn und Verstand wäre. Aber ich wußte ja so sicher, daß Christus kommen würde, und da konnte ich es nicht lassen, da hinaufzugehen, und auf ihn zu warten. Ich hätte es ja lieber gesehen, wenn er mit großer Macht und Herrlichkeit in den Wolken der Morgenröte gekommen wäre,« sagte sie, »aber was mache ich mir daraus, wenn er nur gekommen ist. Was tut es, daß er in dieser dunklen Winternacht kommt! Es wird doch Tag und heller Morgen, wenn er sich zeigt. Und denke doch, Ingmar, daß du gerade zu dieser Zeit hierher kommen mußtest, wo er anfängt aufzutreten und zu wirken! Du bist glücklich, du hast nicht zu warten brauchen. Du kommst gerade zur rechten Zeit!« Gertrud blieb plötzlich stehen, sie hielt die Laterne in die Höhe, so daß sie Ingmar ins Gesicht sehen konnte. Er ging dahin und sah so schwermütig und finster aus. »Wie alt du doch in diesem Jahr geworden bist, Ingmar«, sagte sie. »Ich kann mir wohl denken, daß du dich mit Gewissensbissen um meinetwillen gequält hast. Aber du mußt nicht mehr daran denken, daß du mir ein Unrecht zugefügt hast. Es war Gottes Wille, daß es so kommen sollte. Es ist Gottes große Gnade gegen dich und gegen mich. Er wollte uns gerade in der richtigen, guten Zeit hierher nach Palästina führen. Jetzt werden Vater und Mutter sich auch freuen, wenn sie Gottes Absicht verstehen können«, fuhr Gertrud fort. »Ja, sie haben mir nie ein hartes Wort geschrieben, weil ich sie verließ. Sie verstehen wohl, daß ich es daheim nicht aushalten konnte, aber ich weiß, daß sie große Bitterkeit gegen dich gehegt haben. Aber nun werden sie sich schon mit den beiden Kindern aussöhnen, die in ihrem Hause aufgewachsen sind. Weißt du, daß ich fast glaube, daß sie mehr um dich getrauert haben als um mich?« Ingmar schritt schweigend in Sturm und Regen neben ihr dahin, er konnte ebensowenig dies wie alles andere verstehen, was Gertrud sagte. – »Er glaubt offenbar nicht, daß ich Christus gefunden habe,« dachte Gertrud, »aber was tut das, wenn er mich trotzdem zu ihm führt. Ach, wenn ich nur noch eine kleine Geduld haben könnte, dann weiß ich, daß ich bald sehen werde, wie alle Völker der Erde und alle Fürsten die Knie vor ihm beugen, vor ihm, der der Heiland ist.« Ingmar führte Gertrud in den mohammedanischen Teil der Stadt, und sie durchschritten viele dunkle und winkelige Straßen. Endlich blieben sie vor einer niedrigen Pforte in einer hohen Mauer ohne Fenster stehen und stießen sie auf. Sie kamen durch einen langen Gang und gelangten in einen erleuchteten Hof. Einige Diener waren in einer Ecke des Hofes beschäftigt, und ein paar alte Männer saßen, die Beine unter sich gezogen, auf einer steinernen Bank an der einen Mauer, aber niemand beachtete Ingmar und Gertrud, als sie eintraten. Sie setzten sich auf eine andere Bank, und Gertrud fing an, sich umzusehen. Es war ein Hof von der Art, wie sie sie viele in Jerusalem gesehen hatte. Um alle vier Seiten herum lief ein überdeckter Säulengang, und über dem offenen Platz in der Mitte war ein großes, schmutziges Zeltdach aufgespannt, das in Fransen und Fetzen herabhing. Es schien in früheren Zeiten ein reiches und ansehnliches Haus gewesen zu sein, obwohl es jetzt verfallen war. Die Säulen sahen so aus, als seien sie aus einer Kirche hierhergebracht worden. Sie waren offenbar einstmals oben reich geschmückt gewesen, aber jetzt waren alle die Verzierungen verwittert und zerbrochen. Der Kalk an den Wänden war stark mitgenommen, und aus Luken und Löchern guckten schmutzige Lumpen hervor. An der einen Mauer waren eine Menge alter Kisten und Hühnerkäfige aufgestapelt. Gertrud flüsterte Ingmar zu: »Bist du ganz sicher, daß ich ihn hier sehen soll?« Ingmar nickte bestätigend. Er zeigte auf zwanzig kleine Teppiche aus Lammfellen, die in einem Kreis mitten im Hof lagen. »Hier habe ich ihn gestern mit seinen Jüngern gesehen«, sagte er. Gertrud sah ein wenig enttäuscht aus, aber bald lächelte sie wieder. »Ist es nicht wunderbar, daß er immer so kommt«, sagte sie. »Man erwartet ihn in Ehren und Herrlichkeit und Reichtum, aber er will von so etwas nichts wissen, er kommt in Armut und Niedrigkeit. Aber du begreifst doch, daß ich nicht bin wie die Juden, die ihn nicht anerkennen wollen, weil er nicht als der Fürst dieser Welt vor sie hintritt.« Nach einer Weile kamen einige Männer von der Straße herein. Sie gingen langsam nach der Mitte des Hofes und setzten sich auf die kleinen Schaffelle. Alle, die in den Hof hereinkamen, waren in morgenländische Gewänder gekleidet, aber sonst waren sie alle sehr verschieden. Einige waren jung, einige alt, einige kamen in kostbaren Pelzwerken, andere waren wie arme Wasserträger und Landarbeiter gekleidet. Allmählich, während sie hereinkamen, begann Gertrud ihnen Namen zu geben und Geschichten von ihnen zu erzählen. »Siehst du, das da ist Nikodemus, der bei Nacht zu Jesus kam«, sagte sie von einem alten, vornehmen Mann. »Und der da mit dem großen Bart ist Petrus, und der da hinten sitzt, ist Joseph von Arimathia. Ja, ich habe bisher nie verstehen können, wie es zuging, wenn Jesus seine Jünger um sich versammelte. Und der da hinten, der mit niedergeschlagenen Augen dasitzt, ist Johannes, und der Mann mit dem roten Haar unter der Pelzmütze ist Judas. Aber die beiden, die mit gekreuzten Beinen auf der Steinbank sitzen, und aus ihren Wasserpfeifen rauchen, und so aussehen, als ginge das ganze, was sie bald hören werden, sie gar nichts an, das sind ein paar Schriftgelehrte. Die glauben nicht an ihn, die sind nur aus Neugierde hierher gekommen, nur um ihm zu widersprechen.« Während Gertrud noch so redete, war der Kreis vollzählig geworden. Gleich darauf kam der Mann, auf den sie warteten, und stellte sich in die Mitte. Gertrud hatte nicht bemerkt, woher er kam, sie sah ihn an. »Ja, ja, das ist er!« rief sie aus und faltete die Hände. Sie starrte ihn lange an, während er ganz still stand, die Augen im Gebet gesenkt. Und je länger sie hinsah, um so mehr ward sie in ihrem Glauben bestärkt. »Du kannst doch sehen, daß er kein Mensch ist,« flüsterte sie, und Ingmar antwortete ebenfalls flüsternd: »Gestern, als ich ihn zuerst sah, glaubte ich auch, daß er mehr sei als ein Mensch.« »Es ist Seligkeit, ihn nur zu sehen«, sagte Gertrud. »Ich könnte mir nicht vorstellen, daß er mich um etwas bitten könnte, was ich nicht für ihn tun würde.« »Das kommt wohl daher, weil wir gewohnt sind, uns den Heiland so vorzustellen«, sagte Ingmar. Der Mann, von dem Gertrud glaubte, daß er Christus sei, stand jetzt mit hoher und gebieterischer Haltung mitten in dem Kreis seiner Anhänger. Dann machte er eine kleine Bewegung mit der Hand, und plötzlich fingen alle die, die rings umher an der Erde saßen, an, ein lautes: »Allah, Allah«, anzustimmen. Gleichzeitig begannen sie den Kopf zu bewegen, warfen ihn mit einem Ruck erst nach rechts und dann nach links, nach rechts, nach links. Sie bewegten sich alle in demselben Takt und riefen jedesmal, wenn sie den Kopf herumdrehten: »Allah, Allah!« Der in der Mitte stand fast regungslos da, gab aber den Takt durch eine leichte Neigung des Kopfes an. »Was ist dies?« fragte Gertrud. »Was ist dies nur einmal?« »Du bist länger in Jerusalem gewesen als ich«, sagte Ingmar. »Da weißt du selbst wohl besser als ich, was es ist.« »Ich habe wohl davon gehört, daß es Leute gibt, die die tanzenden Derwische heißen,« sagte Gertrud, »dies hier ist gewiß ihr Gottesdienst.« Sie saß still da und dachte nach; dann sagte sie: »Du kannst mir glauben, dies ist nur der Anfang; das ist vielleicht hier zu Lande Sitte und Gebrauch. Es ist wohl dasselbe, als wenn wir daheim den Gottesdienst mit einem Gesang einleiten. Wenn dies vorüber ist, fängt er sicherlich an, seine Lehre auszulegen. Ach, wie ich mich danach sehne, seine Stimme zu hören!« Die Männer, die mitten auf dem Hof saßen, riefen fortwährend: »Allah, Allah!« während sie den Kopf von der einen Seite nach der andern warfen. Sie bewegten sich in immer schnellerem Takt; die Stirn war ihnen mit Schweißtropfen bedeckt, und die Allahrufe klangen wie Geröchel. So fuhren sie mehrere Minuten ununterbrochen fort, bis ihr Führer eine leichte Bewegung mit der Hand machte; da hielten sie augenblicklich inne. Gertrud hatte mit niedergeschlagenen Augen dagesessen, um nicht sehen zu müssen, wie sie sich quälten. Als es jetzt still wurde, sah sie auf und sagte zu Ingmar: »Jetzt wird er wohl reden. Wer doch so glücklich wäre, seine Predigt verstehen zu können! Aber ich will schon zufrieden sein, wenn ich nur seine Stimme zu hören bekomme.« Einen Augenblick war es ganz still, aber bald gab der Führer ein Zeichen, und seine Anhänger fingen von neuem an, »Allah, Allah!« zu rufen. Diesmal machte er ihnen ein Zeichen, den ganzen Oberkörper und nicht nur den Kopf zu bewegen. Bald war das ganze wieder in vollem Gange. Der Mann mit dem mächtigen Gesicht und den schönen Christusaugen dachte an nichts weiter, als seine Anhänger zu immer heftigeren Bewegungen anzuspornen. Er ließ sie Minute auf Minute fortfahren. Wie von einer übernatürlichen Kraft getragen, hielten sie viel länger aus, als man es menschlichen Kräften zutrauen sollte. Es war sehr unheimlich, alle diese Männer zu sehen, die dem Tode vor Anstrengung nahe schienen, und die stöhnenden Schreie zu hören, die aus ihren ausgedorrten Kehlen hervordrangen. Nach Verlauf einer Weile entstand eine Pause; dann begannen die heftigen Bewegungen von neuem, und dann trat wieder eine kleine Pause ein. »Diese Kerle müssen sich offenbar lange eingeübt haben,« sagte Ingmar, »ehe sie gelernt haben, so unaufhaltsam fortfahren zu können.« Gertrud sah mit einem hilflosen und ängstlichen Blick zu Ingmar auf. Ihre Lippen bebten ein wenig. »Glaubst du denn, daß er gar nicht hiermit aufhören wird?« fragte sie. Dann warf sie der mächtigen Gestalt, die dort gebieterisch und befehlend mitten zwischen ihren Anhängern stand, einen Blick zu, und faßte neue Hoffnung. »Du sollst sehen, die Kranken und die Unglücklichen werden bald kommen und ihn aufsuchen«, sagte sie innig. »Wir werden sehen, wie er die Wunden der Aussätzigen heilt, und die Blinden wieder sehend macht.« Aber der Derwisch fuhr fort, wie er begonnen hatte. Er gab Zeichen, daß sie sich alle erheben sollten, und dann wurden die Bewegungen noch wilder und heftiger. Sie blieben alle auf ihren Plätzen stehen; aber ihre armen Körper bewegten sich und schwankten mit der größten Heftigkeit hin und her. Die Augen starrten glanzlos und blutunterlaufen gerade aus, mehrere von den Männern schienen nicht zu wissen, wo sie waren, ihre Körper bewegten sich gleichsam unfreiwillig hin und her, auf und nieder, schneller und schneller. Schließlich, als sie wohl ein paar Stunden dagesessen hatten, ergriff Gertrud in ihrer großen Pein Ingmars Arm. »Hat er sie denn nichts anderes zu lehren?« flüsterte sie. Denn jetzt begann sie zu verstehen, daß der Mann, den sie für Christus gehalten hatte, keine andere Lehre zu geben hatte, als diese wilden Übungen. Er hatte keine anderen Gedanken, als diese wahnsinnigen Menschen aufzureizen und anzuspornen. Wenn sich einer von ihnen eifriger und anhaltender bewegte als die andern, stellte er ihn mitten in den Kreis hinein, und ließ ihn da stehen und stöhnen und sich winden als Vorbild für die andern. Er selber wurde auch eifriger. Auch sein Körper fing an. sich zu schwingen und zu verdrehen, als sei er nicht imstande, sich ruhig zu verhalten. Gertrud saß da und kämpfte mit dem Weinen und mit der Verzweiflung. Alle Hoffnungen und Träume zerbarsten. »Hat er sie denn nichts, gar nichts zu lehren?« fragte sie noch einmal. Gleichsam als Antwort gab der Derwisch einigen Dienern, die nicht an den Übungen teilgenommen hatten, ein Zeichen. Sie ergriffen ein paar Instrumente, die an einer Säule hingen, ein paar Trompeten und Tamburine. Sobald die Musik ertönte, wurden die Rufe wilder und gellender, und die Männer bewegten sich immer heftiger. Mehrere von ihnen warfen ihren Fes und ihren Turban ab und lösten ihr Haar, das fast eine Elle lang war. Es sah schrecklich aus, wenn sie sich so schwangen, so daß ihr Haar bald über ihr Antlitz flog, bald ihnen um den Kopf wirbelte. Ihre Augen standen ihnen immer starrer aus den Köpfen, ihre Gesichter wurden wie die von Leichen, ihre Bewegungen gingen in Krampfzuckungen über, und der Schaum stand ihnen vor dem Munde. Gertrud erhob sich, und alle Freude und Begeisterung war erstorben. Die letzte Hoffnung starb jetzt. Es blieb nichts zurück als ein tiefer Ekel. Sie ging auf den Ausgang zu, ohne dem nur noch einen Blick zuzuwerfen, den sie eben noch für den Heiland gehalten hatte, der auf die Erde entsandt war. »Es tut mir so leid um dies Land«, sagte Ingmar, als sie wieder auf der Straße standen. »Welche Lehren gab es hier in den alten Zeiten, und jetzt geht der ganze Unterricht dieses Mannes darauf hinaus, sie dazu zu bringen, sich wie Verrückte zu schwingen und zu drehen.« Gertrud erwiderte nichts, sie schritt schnell heimwärts. Als sie vor der Kolonie standen, erhob sie die Laterne. »Hast du ihn gestern auch so gesehen?« fragte sie, und sah Ingmar ins Gesicht mit Augen, die vor Zorn erglühten. »Ja«, erwiderte Ingmar, ohne sich zu besinnen. »Tat es dir so leid, daß ich glücklich war, daß du ihn mir zeigen mußtest?« sagte Gertrud. »Dies verzeihe ich dir niemals«, fügte sie nach einer Weile hinzu. »Ich verstehe dich wohl,« sagte Ingmar, »aber man muß doch tun, was recht ist.« Sie schlichen durch die Hintertür hinein. Gertrud verließ Ingmar mit einem erbitterten Lachen. »Jetzt kannst du ruhig schlafen«, sagte sie. »Du hast deine Sache gut gemacht, ich glaube nicht mehr, daß dieser Mann Christus ist. Ich bin nicht länger von Sinn und Verstand, du hast deine Sache gut gemacht.« Ingmar ging schweigend die Treppe hinauf, die zu dem Schlafsaal der Männer führte. Gertrud folgte ihm. »Denke daran, was ich dir gesagt habe, dies verzeihe ich dir niemals«, wiederholte sie. Darauf ging sie in ihr Zimmer, legte sich ins Bett und weinte sich in Schlaf. Früh am nächsten Morgen erwachte sie, blieb aber in ihrem Bett liegen. Sie lag da und wunderte sich: »Was ist dies nur, warum stehe ich nicht auf? Woher kommt es, daß ich nicht mehr nach dem Ölberge hinausgehen will?« Und sie hielt die Hände vor die Augen und weinte wieder. »Ich erwarte ihn nicht mehr, ich habe keine Hoffnung mehr. Es tat gestern zu weh, als ich sah, daß ich mich geirrt habe. Ich wage nicht mehr, ihn zu erwarten, ich glaube nicht mehr, daß er kommt.« Fast eine ganze Woche hielt Gertrud sich vom Ölberge fern. Aber dann erwachten die alte Sehnsucht und der alte Glaube wieder in ihr. Eines Morgens schlich sie von neuem hinaus, und dann war alles wieder wie vorher. Eines Abends, als die Kolonisten wie gewöhnlich in dem großen Saal versammelt waren, sah Ingmar, daß sich Gertrud neben Bo setzte und lange und eifrig mit ihm redete. Nach einer Weile erhob sich Bo und trat zu Ingmar heran. »Gertrud hat mir erzählt, was du neulich abend versuchst hast, für sie zu tun«, sagte Bo. – »Hat sie das getan?« sagte Ingmar, er wußte nicht, wo der andere hinauswollte. – »Du mußt nicht glauben, daß ich nicht verstehe, daß du die Absicht hattest, ihren Verstand zu retten«, sagte Bo. – »So schlimm war es wohl nicht mit ihr«, sagte Ingmar. – »Doch,« sagte Bo, »wer sich ein Jahr mit dem Kummer herumgetragen hat, der weiß, wie schlimm es war.« Er wandte sich um und wollte gehen; da reichte ihm Ingmar plötzlich die Hand. »Ich will dir etwas sagen,« sagte er, »niemanden hier möchte ich lieber zum Freunde haben als dich.« – Da huschte ein Lächeln über Bos Antlitz. »Ich glaube, es wird nicht lange dauern, bis wir wieder Feinde sind«, dachte er. Aber er ergriff trotzdem Ingmars Hand und drückte sie.   In Tagen der Armut Als Ingmar Ingmarsson ein paar Monate in Jerusalem gewesen war, kam er eines Tages an das Jaffator, und dort blieb er stehen. Es war ungewöhnlich schönes Wetter, viele Menschen waren auf den Beinen, und Ingmar stand da und ergötzte sich an dem bunten Menschenstrom, der durch das Tor aus und einzog. Aber als er noch nicht lange dagestanden hatte, vergaß er ganz, wo er sich eigentlich befand. Seine Gedanken fingen an, sich mit einer Frage zu beschäftigen, die ihn jeden Tag in Anspruch nahm. »Wüßte ich nur, was ich machen soll, um Gertrud zu bewegen, daß sie die Kolonie verläßt«, dachte er. »Aber es sieht ja so aus, als wenn das ganz unmöglich ist.« Es war ihm allmählich klar geworden, daß er Gertrud nicht in Jerusalem zurücklassen konnte, sondern daß er sie mit nach Hause nehmen mußte, wenn er je wieder Frieden in seiner Seele finden wollte. »Ach, hätte ich sie nur wieder daheim, in dem alten Schulhause«, dachte er. »Hätte ich sie doch nur aus diesem schrecklichen Land heraus, wo es so viele herzlose Menschen gibt und so viele gefährliche Krankheiten und so viele verrückte Ideen und Schwärmereien. Gertrud wieder in die Heimat nach Dalarne zurückzubringen, das ist wirklich das einzige, woran ich jetzt denken muß. Ob ich sie liebe oder ob sie mich liebt, das ist etwas, woran ich mich gar nicht kehren darf; ich muß an nichts weiter denken, als sie nach Hause zu ihren alten Eltern zurückzubringen. Es steht wirklich gar nicht mehr so gut in der Kolonie wie damals als ich kam«, dachte Ingmar. »Hier stehen harte Zeiten bevor, schon allein das könnte ein Grund sein, Gertrud nach Hause zu bringen. Ich weiß nicht, wodurch die Kolonie auf einmal so arm geworden ist, es sieht so aus, als hätten sie gar kein Geld mehr. Nicht einer von ihnen wagt, sich ein neues Kleidungsstück anzuschaffen, niemand wagt, sich auch nur eine Apfelsine in einer Fruchtbude zu kaufen, und ich finde, es sieht fast so aus, als wenn sie glauben, daß sie sich nicht mehr bei den Mahlzeiten satt essen dürfen.« In der letzten Zeit hatte Ingmar zu bemerken geglaubt, daß Gertrud angefangen hatte, Bo zu lieben, und er konnte sich fast vorstellen, daß sie sich mit ihm verheiraten würde, wenn sie nur glücklich daheim wären. Dies erschien Ingmar als das größte Glück, worauf er jetzt hoffen könnte. »Ich weiß ja wohl, daß ich Barbro nie zurückgewinnen kann,« sagte er zu sich selbst, »aber ich würde doch glücklich sein, wenn ich mich nur nicht mit einer andern zu verheiraten brauche. Ich könnte gut allein durch das Leben gehen.« Aber er beeilte sich stets, diese Gedanken zu verscheuchen. Er ging mit sich selbst strenge ins Gericht. »Du darfst weder an dies noch an jenes denken. Du darfst dir nichts einbilden, du hast nichts weiter zu tun, als dich zu bemühen, ausfindig zu machen, wie du Gertrud nach Hause bringen kannst.« Während Ingmar in diese Gedanken vertieft dastand, sah er, daß einer von den Gordonisten in Gesellschaft des Konsuls aus dem Konsulatsgebäude kam. »Das ist doch sonderbar«, dachte Ingmar, er war jetzt so eingeweiht in alles, was die Kolonisten betraf, daß er wußte, daß der Konsul ihnen immer zu schaden suchte, wo er nur konnte. Es herrschte beständig eine große Feindschaft zwischen ihm und allen, die zu der Kolonie gehörten. Der Mann, der den Konsul besucht hatte, war ein Amerikaner, namens Clifford. Als sie auf die Straße hinausgekommen waren, reichte ihm der Konsul die Hand und sagte Adieu. Es klang, als herrsche ein besonders gutes Einverständnis zwischen ihnen. »Du willst es also morgen versuchen«, sagte der Konsul. »Ja,« sagte der Mann, »ich muß sehen, mit der Sache ins klare zu kommen, solange Mrs. Gordon noch fort ist.« – »Sei nur guten Mutes«, sagte der Konsul; »wie es auch gehen mag, ich werde stets dafür sorgen, dir den Rücken zu decken.« Im selben Augenblick fiel der Blick des Konsuls auf Ingmar. »Ist das nicht einer von ihnen, der da steht?« fragte er leise. Clifford sah sich erschreckt um, beruhigte sich jedoch als er sah, daß es Ingmar war. »Ach so, das ist der, der immer so aussieht, als wenn er den ganzen Tag schläft«, sagte er; er achtete ihn so gering, daß er nicht einmal die Stimme senkte. »Er ist erst kürzlich gekommen, ich glaube, er versteht nicht einmal englisch.« Bei diesem Worte beruhigte sich der Konsul ebenfalls, und als er sich endlich von Clifford trennte, sagte er: »Morgen werden wir beide diese Bande also endlich los werden.« – »Ja,« sagte Clifford, aber er sah jetzt doch etwas unruhiger aus. Er blieb eine Weile stehen und sah dem Konsul nach, und da erschien es Ingmar, als zittere er, und als sei sein Gesicht aschgrau. Endlich ging er. Ingmar blieb stehen, ohne sich zu rühren. Er war jedoch sehr unruhig über das, was er eben vernommen hatte. Ja, dachte Ingmar, er hat leider recht, daß ich nicht allzugut englisch verstehe, aber so viel kann ich doch verstehen, daß er die Absicht hat, denen da draußen in der Kolonie irgendeinen Streich zu spielen, und daß das gerade jetzt sein soll, wo Mrs. Gordon nach Jaffa gereist ist. Ich möchte wohl wissen, was er im Schilde führt. Der Konsul sah so vergnügt aus, als wenn er die ganze Kolonie schon zerstört sähe. Soviel ich weiß, ist dieser Clifford mit der Einrichtung in der Kolonie unzufrieden gewesen, dachte Ingmar weiter. Ich habe sagen hören, er wäre einer der eifrigsten gewesen, als er kam, aber jetzt in der letzten Zeit ist er ein wenig lau geworden. Ja, wer kann wissen, ob er sich nicht in irgendein Mädchen verliebt hat, das er nicht auf andere Weise aus der Kolonie fortschaffen kann; und da denkt er vermutlich, daß die Kolonie jetzt doch nicht weiter bestehen kann, da diese Armut über sie gekommen ist, und daß es ja ebenso gut sein mag, wenn sie, je eher je lieber, aufgelöst wird. Ja, wenn ich mir die Sache recht überlege, kann ich es begreifen, daß ihn die Armut ganz beeinflußt hat. Er ist wohl schon lange umhergeschlichen, und hat versucht, alle die andern aufzuhetzen. Ich selbst habe einmal gehört, wie er dastand und Bemerkungen darüber machte, daß Miß Young feiner gekleidet sei als die andern jungen Mädchen, und einmal behauptete er, daß sie an dem Tisch, wo Mrs. Gordon selbst saß, bessere Speisen erhielten, als an allen den andern Tischen. Gott soll mich bewahren, sagte er und trat einen Schritt auf die Straße hinaus. Er ist sicher ein gefährlicher Bursche, dieser Clifford. Es wird wohl am besten sein, wenn ich so schnell wie möglich nach Hause eile und ihnen erzähle, was ich gehört habe. Aber im nächsten Augenblick zog Ingmar den Fuß wieder zurück, und stand wieder auf dem früheren Platz neben dem Tor. Ingmar, du sollst der Letzte sein, der den Kolonisten erzählt, was über ihrem Haupt schwebt. Laß du den Mann nur tun, was er will, dann hast du leichte Arbeit. Standest du nicht eben noch da und grübeltest darüber nach, wie du Gertrud überreden solltest, sich von den Kolonisten zu trennen! Jetzt wird die Sache ganz von selbst gehen. Es ist klar, daß der Konsul wie auch Clifford überzeugt waren, daß es bald keine Gordonisten mehr in Jerusalem geben würde. Ja, wenn die Sache nur so günstig liegt, daß die Kolonie aufgelöst werden könnte, dachte Ingmar. Da würde Gertrud sich auch freuen, mit nach Schweden zurückzukehren. Im selben Augenblick als Ingmar einfiel, daß er auch bald wieder nach Hause reisen müsse, fühlte er plötzlich, wie groß seine Überraschung war. Das muß ich sagen, wenn ich daran denke, daß ich jetzt um diese Zeit im Februar eigentlich oben in den Wäldern sein und Bäume fällen müßte, so fängt es an, mir in den Armen zu zucken, und die Finger jucken mir plötzlich danach, einen Axtschaft zu umklammern. Ich kann eigentlich gar nicht begreifen, wie die Schweden es hier drüben so lange haben aushalten können, ohne im Walde oder auf dem Acker zu arbeiten. Und ich bin so fest überzeugt, daß, wenn ein Mann wie Tims Halvor nur einen Kohlenmeiler zu versorgen oder ein Feld zu pflügen gehabt hätte, er noch heutigentages am Leben sein würde. Ingmar konnte sich vor Eifer und Sehnsucht kaum ruhig verhalten. Er ging durch das Tor hinaus und den Weg hinab, der quer durch das Tal Hinnom führt. Wieder und wieder und mit immer größerer Bestimmtheit kehrte der Gedanke zurück, daß, wenn sie nur zu Hause wären, Gertrud sich mit Bo verheiraten würde, und er, Ingmar, würde dann sein Leben in Einsamkeit leben dürfen. Wer weiß, vielleicht würde Karin mit nach Hause kommen, und Hausfrau auf dem Ingmarshof werden, dachte er. Das würde das allervernünftigste sein, und dann könnte es ja so eingerichtet werden, daß ihr Sohn einmal den Hof erben würde. Und wenn Barbro auch in ihr Heimatdorf zurückzieht, so ist sie doch nicht weiter entfernt, als daß ich sie häufig sehen kann, dachte er, und fuhr fort, Pläne zu machen. Ich kann ja jeden Sonntag nach ihrer Kirche fahren, wenn ich es will, hin und wieder treffen wir uns dann auch einmal auf einer Hochzeit oder bei einem Begräbnis, und bei den Festen kann ich ja neben ihr sitzen und mit ihr sprechen. Wenn wir auch geschieden sind, so brauchen wir doch keine Feinde zu sein. Einmal begann Ingmar auch darüber nachzudenken, ob es nicht eine Schande für ihn sei, daß er sich so sehr freute, daß die Kolonie wahrscheinlich aufgelöst werden würde. Aber er verteidigte sich selbst sehr eifrig. Niemand kann so lange unter diesen Kolonisten leben, wie ich es getan habe, dachte er, ohne zu sehen, daß es vorzügliche Menschen sind. Und doch kann ja niemand wünschen, daß dies ewig währt. Wieviel von ihnen sind nicht schon tot, und wieviele Verfolgungen haben sie nicht ertragen müssen, und dann die bittere Armut, die jetzt über sie gekommen ist! Ich kann es wirklich nicht besser einsehen, als daß jetzt, wo die Armut noch zu dem übrigen hinzugekommen ist, man nur wünschen kann, daß die Kolonie so schnell wie möglich aufgelöst wird. Während Ingmar so dachte, hatte er den Heimweg fortgesetzt. Er war durch das Tal Hinnom hinausgekommen, und schritt nun auf dem Wege dahin, der aufwärts nach dem »Berge des bösen Rats« führt. Dort oben wimmelt es von palastartigen Gebäuden neben uralten Ruinen. Ingmar ging eine ganze Strecke dazwischen herum, ohne eigentlich daran zu denken, wohin er geraten war. Bald stand er still, bald ging er wieder, so wie man es tut, wenn man ganz in seine Gedanken versunken ist. Schließlich blieb er unter einem Baum stehen. Er hatte dort schon ziemlich lange gestanden, ehe er sich daran machte, ihn zu betrachten. Er war sehr hoch und zeichnete sich in einer Beziehung von allen den andern Bäumen aus, indem er nur Zweige an der einen Seite des Stammes hatte. Nicht ein einziger von diesen Zweigen wuchs nach oben, sondern sie waren alle miteinander verwoben, und bildeten eine dichte, verfilzte Masse, die gerade nach Osten zeigte. Als Ingmar endlich entdeckte, was für ein Baum es war, zuckte er zusammen. Er erschrak sehr. Dies ist ja der Judasbaum, dachte er. Hier war es ja, wo der Verräter sich erhängte, das ist doch sonderbar – wie bin ich nur einmal hierhergekommen? Er ging nicht weiter; er blieb stehen und sah an dem Baum hinauf. Jetzt möchte ich wohl wissen, ob der liebe Gott mich hierher geführt hat, weil er meint, daß ich ein Verräter gegen die Leute in der Kolonie bin. Wieder blieb er einige Augenblicke schweigend stehen. Wie, wenn es nun vielleicht Gottes Wille ist, daß diese Kolonie weiter leben und gedeihen soll, sagte er. Mit dem Denken ging es jetzt schwer und langsam. Und die Gedanken, die sich hervorarbeiteten, waren bitter und qualvoll. Du kannst dich verteidigen wie du willst, es bleibt stets ein Unrecht, daß du die Kolonisten nicht warnst, wenn du weißt, daß Pläne gegen sie geschmiedet werden. Es sieht so aus, als wenn du glaubtest, daß der liebe Gott nicht gewußt hätte, was er tat, als er deine Angehörigen und Liebsten hier hinüber in dies fremde Land führte. Aber selbst wenn du die Absicht nicht erraten kannst, so kannst du doch begreifen, daß es nicht sein Wille war, daß dies alles nicht länger als ein paar Jahre dauern sollte. Vielleicht hat Gott auf Jerusalem hinabgesehen und auf alle die Streitigkeiten und Zänkereien, die die Stadt verheeren, und da hat er gedacht: Siehe, ich will hier eine Freistätte schaffen, wo Einigkeit wohnt, und eine Wohnung für den Frieden und die Eintracht will ich hier errichten. Ingmar blieb auf demselben Fleck stehen und ließ die Gedanken miteinander kämpfen. Sie standen sich gegenüber wie Streiter, und rangen mächtig. Die Hoffnung, die Ingmar beseelt hatte, daß er bald nach Hause reisen würde, hatte fest und sicher Besitz von ihm genommen, und er kämpfte lange, um sie behalten zu dürfen. Die Sonne ging unter, und es folgte schnell die Dunkelheit, Ingmar aber blieb in dem Abenddunkel stehen und kämpfte weiter. Endlich faltete er seine Hände in innigem Gebet. «Jetzt flehe ich dich an, Gott, daß du mir hilfst, deine Wege zu gehen«, betete er. Kaum waren diese Worte gesagt, als ein wunderbarer Friede Ingmars Herz erfüllte. Gleichzeitig aber fühlte er, daß sein ganzer Wille vollständig hinschwand, und er fing an, nach einem Willen zu handeln, der nicht sein eigener war, sondern der eines andern. Er empfand dies so deutlich, als wenn jemand ihn bei der Hand genommen und geführt hätte. – Gott leitet mich, dachte er. Er stieg von dem »Berge des bösen Rats« hinab und ging durch das Tal Hinnom und an Jerusalem vorüber. Es war die ganze Zeit hindurch seine Absicht, sich nach der Kolonie zu begeben und denjenigen, die sie leiteten, zu erzählen, was er entdeckt hatte. Aber als er an den Kreuzweg kam, dort, wo der Weg nach Jaffa sich abzweigt, vernahm er Pferdegetrampel hinter sich. Er wandte sich um. Es war ein Dragoman, der mehrmals in der Kolonie gewesen war, und der nun mit zwei Pferden daher galoppiert kam. Er ritt auf dem einen und führte das andere am Zügel. »Wo willst du hin?« rief Ingmar und versuchte, ihn anzuhalten, indem er vorüberritt. – »Ich will nach Jaffa«, erwiderte der Mann. – »Nach Jaffa – dahin will ich auch!« rief Ingmar aus. Im selben Augenblick kam ihm der Gedanke, daß er diese Gelegenheit benutzen, und geradeswegs zu Mrs. Gordon selber reisen müsse, statt vorher in die Kolonie zurückzukehren. Sie einigten sich bald darüber, daß Ingmar auf dem ledigen Pferd mit nach Jaffa reiten sollte. Es war ein flottes Pferd, und Ingmar gratulierte sich zu seinem guten Einfall. Die sieben Meilen bis Jaffa kann ich wohl über Nacht reiten, dachte er. Auf diese Weise kann Mrs. Gordon morgen nachmittag wieder in der Kolonie sein. Aber als Ingmar eine Stunde geritten war, bemerkte er, daß sein Pferd anfing zu lahmen. Er stieg ab und entdeckte, daß das Pferd das eine Hufeisen verloren hatte. »Was sollen wir nun machen?« sagte er zu dem Dragoman, der neben ihm ritt. »Dabei ist nichts weiter zu machen,« erwiderte der Mann, als daß ich nach Jerusalem zurückkehre, und es beschlagen lasse.« So stand nun Ingmar ganz allein auf dem Wege und wußte nicht aus noch ein. Aber plötzlich beschloß er, die Reise nach Jaffa zu Fuß zu machen. Er wußte nicht, ob dies das klügste war, das er tun konnte. Aber die Macht, die Herrschaft über ihn bekommen hatte, trieb ihn vorwärts. Er hatte nicht Ruhe genug, um umzukehren. Ingmar wanderte also mit langen Schritten den Weg entlang, er hatte große Eile. Als er eine Weile gegangen war, kamen ihm doch unruhige Gedanken. Wie in aller Welt soll ich nur erfahren, wo Mrs. Gordon wohnt? Es war eine ganz andere Sache, als ich den Dragoman bei mir hatte. Jetzt werde ich wohl gezwungen sein, von Haus zu Haus zu gehen und nach ihr zu fragen. Aber obgleich er sehr wohl die Berechtigung dieser Sorge einsah, setzte er dennoch seine Wanderung fort. Es war eine gute, breite Landstraße, auf der er ging. Selbst wenn die Nacht dunkel gewesen wäre, hätte es keine Schwierigkeiten gemacht, darauf entlang zu gehen. Aber um acht Uhr stieg der Mond hell am Himmel auf, und alle Hügels zwischen denen sich der Weg hindurchschlängelte, wurden weit und breit nach allen Seiten hin sichtbar. Der Weg kletterte an diesen Hügeln empor. Sobald Ingmar über einen von ihnen gewandert war, stand ein neuer da und wartete auf ihn. Er war oft recht müde, aber die unbekannte Macht trieb ihn weiter. Er ließ sich keine Zeit, anzuhalten und auch nur eine Minute zu ruhen. Auf diese Weise verging nun Stunde auf Stunde. Wie lange er gegangen war, wußte er nicht, aber er befand sich noch immer oben auf den Hügeln. Sobald er den Gipfel eines Berges erreichte, dachte er, daß er jetzt wohl so weit gekommen sein müsse, daß er die Ebene von Saron und das Meer sehen könnte, das sich dahinter ausbreitete. Aber er sah nichts weiter als eine Hügelreihe nach der andern, die sich alle vor ihm auftürmten. Ingmar zog seine Uhr heraus. Der Mond schien so hell, daß er mit der größten Leichtigkeit Zahlen und Zeiger unterscheiden konnte. Es war bereits gegen elf Uhr. »Mein Gott, ist es so spät,« dachte er, »und ich wandere noch hier oben zwischen den Bergen von Judäa.« Seine Unruhe ward immer stärker, er wagte nicht mehr, zu gehen, er mußte laufen. Er schnappte nach Luft. Das Blut pochte in seinen Schlafen, und sein Herz schlug heftig. »Ich richte mich selbst zugrunde, auf diese Weise kann ich es nicht mehr lange aushalten«, sagte er. Aber er fuhr doch fort, zu laufen. In voller Fahrt kam er einen langen Hügel hinabgelaufen. Der Weg lag eben und gerade im Mondschein da, und er dachte an keine Gefahr. Aber unten im Tal kam er auf einmal in einen dunklen Schatten hinein. Dort konnte er den Weg nicht so klar vor sich sehen, aber er fuhr trotzdem fort, zu laufen. Da strauchelte er über einen Stein und fiel um. Er stand gleich wieder auf, merkte aber im selben Augenblick, daß er sein Knie gestoßen hatte, so daß es ihm schwer wurde, zu gehen. Er ging hin und setzte sich an den Wegesrand. »Das geht wohl bald vorüber«, dachte er. »Aber nun werde ich mich wohl vorläufig ein wenig ausruhen müssen.« Es war ihm indessen fast unmöglich, still zu sitzen. Er konnte sich kaum Zeit lassen, zu atmen. »Da kann man merken, daß ich mich selbst nicht in der Gewalt habe«, sagte er. »Es ist, als zerre und schleppe mich jemand nach Jaffa.« Er stand wieder auf. Er hatte starke Schmerzen im Knie, aber daraus machte er sich nichts, er wanderte weiter. Nach einer Weile verweigerte sein Bein vollständig den Dienst, und er blieb auf dem Wege liegen. »So, jetzt kann ich nicht weiter«, sagte er, indem er fiel. Er sprach zu der Macht, die ihn vorwärts trieb. »Jetzt mußt du in Gottes Namen etwas ausfindig machen, was mir helfen kann.« Als Ingmar dies sagte, hörte er in weiter Ferne das Geräusch von rollenden Rädern. Es näherte sich mit unglaublicher Geschwindigkeit. Fast im selben Augenblick, als er es noch in der Ferne vernommen hatte, war es schon dicht bei ihm. Er konnte an der Geschwindigkeit hören, daß die Pferde in wildestem Galopp den Hügel hinabkamen. Durch all den andern Lärm hindurch hörte man eine Peitsche, die unaufhörlich knallte, und die Zurufe, mit denen der Kutscher das Pferd antrieb. Schnell machte sich Ingmar daran, sich vom Wege zu erheben, wo er lag, und schleppte sich an den Wegesrand, um nicht überfahren zu werden. Endlich kam der Wagen den langen Hügel herab, den Ingmar vor kurzem hinabgelaufen war. Er konnte den, der gefahren kam, sehr gut sehen. Das Fuhrwerk war eine gewöhnliche einfache, grün gestrichene Karre, von der Art, wie man sie in Westdalarne zu benutzen pflegt. »Ja,« dachte Ingmar gleich, »dies geht nicht mit rechten Dingen zu. Solche Art Wagen gibt es hier in Palästina doch nicht.« Der Kutscher kam ihm noch wunderlicher vor. Auch er war von daheim, und sah aus wie ein echter Darlekarlier, mit einem kleinen schwarzen Hut und kurzgeschorenem Haar. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, hatte er den Rock abgeworfen und stand da und fuhr in einer grünen Tuchweste mit roten Ärmeln. Es war dies die Tracht der Darlekarlier, darüber konnte niemand im Zweifel sem. Auch das Pferd war sonderbar. Er war ein prächtiges, großes und starkes Tier. Es war schwarz von Farbe und so blank und gut gepflegt, daß es förmlich glänzte. Der Mann, der fuhr, setzte sich nicht, sondern stand da und beugte sich über das Pferd und knallte mit der Peitsche über seinem Kopf, um es anzutreiben. Aber das Pferd schien die Schläge nicht zu spüren, es war auch nicht angestrengt von der furchtbaren Eile, sondern jagte dahin, als sei das Ganze nur ein Spiel. Als der Wagen jetzt an Ingmar herangekommen war, hielt er mit einem Ruck. »Du kannst gern einsteigen, wenn du willst«, sagte der Mann. So sehr Ingmar auch darauf erpicht war, weiterzugelangen, hatte er doch keine sonderliche Lust, das Anerbieten anzunehmen. Nicht genug damit, daß er wußte, daß dies alles Spuk und Teufelskram war, sondern der Bursche hatte auch ein widerliches Gesicht voller Narben, als habe er an vielen Prügeleien teilgenommen. Über dem einen Auge hatte er obendrein einen frischen Messerhieb. »Ich fahre wohl schneller, als du es gewohnt bist,« sagte der Mann, »aber ich glaubte, du hättest Eile.« – »Hast du ein sicheres Pferd?« sagte Ingmar. – »Es ist blind, aber es ist sicher genug.« – Ingmar fing an, vom Kopf bis zum Fuß zu zittern. Der Mann beugte sich über die Karre und sah ihm ins Gesicht. – »Fahre du nur ruhig mit«, sagte er. »Du kannst doch begreifen, wer mich geschickt hat.« Als er dies sagte, war es Ingmar, als kehre sein ganzer Mut zurück. Er stieg auf den Wagen, und in wahnsinniger Eile fuhren sie hinab in die Ebene von Saron.   Mrs. Gordon war nach Jaffa gereist, um eine Freundin zu pflegen, die krank war. Sie war mit einem Missionar verheiratet, der den Kolonisten immer freundlich gesonnen gewesen war und ihnen mancherlei Hilfe geleistet hatte. Es war nun in der Nacht, als sich Ingmar Ingmarsson auf dem Wege nach Jaffa befand. Mrs. Gordon hatte bis nach Mitternacht bei der Kranken gewacht, aber dann war sie abgelöst worden. Als sie aus dem Krankenzimmer kam, sah sie, daß die Nacht hell und klar war, mit jenem wunderbaren silberweißen Mondschein, wie man ihn niemals, außer am Meer, sieht. Sie ging hinaus und stand auf dem Altan, um über die großen Orangengärten hinabzusehen, über die alte Stadt, die sich auf ihrem steilen Felsen erhob, und über das glitzernde, unendliche Meer. Mrs. Gordon wohnte nicht in Jaffa selbst, sondern in der deutschen Kolonie, die auf einer kleinen Anhöhe außerhalb der Stadt liegt. Gerade unterhalb ihres Altans lief die breite Landstraße dahin, die die Kolonie quer durchschnitt. In dem weißen Licht konnte sie mit bloßem Auge eine weite Strecke zwischen Häusern und Gärten verfolgen. Mrs. Gordon sah jetzt, daß ein Mann den Weg hinabgegangen kam, sehr langsam und gleichsam unschlüssig. Es war ein großer Mann, und der Mondschein machte ihn noch größer, als er wirklich war, so daß sie meinte, er sehe fast aus wie ein Riese. Jedesmal, wenn er an einem Hause vorüberkam, blieb er stehen und sah es sich sehr genau an. Mrs. Gordon wußte nicht, woher es kam, aber sie hatte plötzlich ein Gefühl, daß etwas Unheimliches und Gespensterhaftes an dem Mann sei, wie, wenn er ein Gespenst wäre, das umherging und nach dem Hause suchte, wo es eindringen und die Ärmsten, die dort wohnten, zum Tode erschrecken könne. Endlich erreichte der Mann das Haus, wo Mrs. Gordon stand. Dies betrachtete er noch länger als die anderen; er ging ganz rund herum, und sie hörte, daß er an die Fensterläden klopfte und versuchte, den Drücker der Haustür herumzudrehen. Mrs. Gordon beugte sich weit über den Altan vor, um zu sehen, was hieraus werden würde. Und als sie da stand, gewahrte der Mann sie. »Mrs. Gordon,« sagte er mit leiser und vorsichtiger Stimme, »könnte ich nicht ein paar Worte mit Ihnen reden?« Im selben Augenblick bog er den Kopf zurück, um zu ihr hinaufzusehen. Da sah sie, daß es Ingmar Ingmarsson war. »Mrs. Gordon,« sagte Ingmar, »ich muß Ihnen vor allen Dingen sagen, daß ich auf meine eigene Verantwortung hierhergekommen bin und Sie aufgesucht habe; niemand von den Brüdern weiß davon.« – »Ist daheim etwas geschehen?« fragte Mrs. Gordon. – »Nein, geschehen ist eigentlich nichts,« sagte Ingmar, »aber es würde doch wohl am besten sein, wenn Sie nach Hause reisten.« – »Ich werde morgen kommen«, sagte Mrs. Gordon. Ingmar stand eine Weile da und dachte nach. Dann sagte er in seinem allerlangsamsten Ton: »Es wäre am besten, wenn Sie sofort abreisten.« Mrs. Gordon wurde ein wenig ungeduldig; sie dachte daran, wie beschwerlich es sein würde, das ganze Haus zu wecken, und sie meinte auch, daß es wohl nicht so notwendig sein würde, sich nach dem zu richten, was dieser Bauer sagte. – »Wenn ich nur erfahren könnte, was da los ist«, dachte sie, und fing an, ihn auszufragen, ob jemand krank sei, oder ob es ihnen vielleicht an Geld fehle. Statt zu antworten, wandte sich Ingmar zum Gehen um. – »Wollen Sie wieder fort?« fragte Mrs. Gordon. – »Sie haben die Nachricht erhalten, jetzt können Sie tun, was Sie wollen«, erwiderte Ingmar, ohne sich umzuwenden. Da begann Mrs. Gordon zu verstehen, daß irgend etwas Ernsthaftes im Anzuge war. Es währte nicht lange, bis sie ihren Entschluß gefaßt hatte. »Wenn Sie einen Augenblick warten wollen, können Sie mit mir fahren«, rief sie Ingmar zu. – »Nein, ich danke Ihnen,« erwiderte er, »ich habe eine bessere Beförderung, als Sie mir bieten können.« Mrs. Gordon bekam von ihrem Wirt ein Paar schnelle Pferde. Sie jagte mit fliegender Eile über die flache Ebene von Saron dahin und dann zwischen den Hügeln hinab nach dem Gebirge Judäa. Gerade als der Morgen zu dämmern begann, kam sie die langen Hügel hinaufgefahren, die oberhalb des alten Räubernestes Abu Gosch liegen. Sie war jetzt sehr unzufrieden damit, daß sie sich so leicht hatte zur Heimreise verlocken lassen. Dieser Bauer kannte die Verhältnisse ja gar nicht, es war kein Grund, sich nach dem zu richten, was er sagte. Wieder und wieder sagte sie sich selbst, daß sie die Reise nicht fortsetzen, sondern nach Jaffa zurückkehren solle. Sie war gerade eine lange Hügelreihe hinaufgekommen und fuhr jetzt in eine Talsenkung hinein, als sie einen Mann am Wegesrande sitzen sah. Er saß da, die Hand unter der Wange, und es sah so aus, als schlafe er. Aber als der Wagen vorüberfuhr, sah er auf, und Mrs. Gordon sah, daß es Ingmar Ingmarsson war. »Wie ist es möglich, daß der schon so weit gekommen sein kann?« dachte sie. Sie ließ den Wagen halten und rief Ingmar an. Als Ingmar ihre Stimme hörte, wurde er über alle Maßen froh. Er erhob sich sofort und kam an den Wagen. »Fahren Sie nach der Kolonie zurück, Mrs. Gordon?« fragte er. – »Ja«, antwortete sie. – »Das ist ja ein großes Glück«, sagte Ingmar. »Ich war gerade auf dem Wege nach Jaffa, um Sie zu holen, aber da fiel ich und verletzte mir das Knie, und nun habe ich die ganze Nacht hier gesessen.« Mrs. Gordon sah ihn entsetzt an. »Sind Sie über Nacht nicht in Jaffa gewesen, Ingmar Ingmarsson?« fragte sie ihn. – »Ach nein, ich war da nur im Traum, sobald ich ein wenig einschlief, träumte mir, daß ich in Jaffa straßauf, straßab ging, um Sie zu suchen.« Mrs. Gordon wurde ganz wunderlich zumute, es war ihr nicht möglich, ein Wort hervorzubringen. – Ingmar lächelte ein wenig verlegen, als sie nicht antwortete. – »Würden Sie mir wohl einen kleinen Platz in Ihrem Wagen einräumen, Mrs. Gordon«, sagte er. »Ich kann nicht gut gehen.« – In einem Nu war Mrs. Gordon aus dem Wagen und half Ingmar hinauf. Aber dann blieb sie am Wagen stehen, ohne sich zu rühren. »Dies ist ganz unbegreiflich«, sagte sie zu sich selbst. – Ingmar mußte sie gleichsam wecken. »Sie müssen es mir nicht übelnehmen, aber ich glaube, es wäre am besten, wenn Sie so schnell wie möglich nach Hause führen.« Sie stieg wieder auf den Wagen, saß aber schweigend da und grübelte. Ingmar mußte sie abermals stören. »Sie müssen verzeihen, aber ich muß Ihnen etwas erzählen. Sie haben wohl keine Nachricht von dem Mann erhalten, der Clifford heißt?« – »Nein«, sagte Mrs. Gordon. – »Ich hörte gestern, daß er mit dem amerikanischen Konsul sprach. Ich fürchte, er führt etwas im Schilde, heute, während Sie fort sind.« – »Was sagen Sie da?« rief Mrs. Gordon aus. – »Er hat, glaube ich, die Absicht, die ganze Kolonie zu vernichten.« Jetzt hatte Mrs. Gordon endlich ihre Gedanken beisammen. Sie wandte sich nach Ingmar um und fing an, ihn genau über das auszufragen, was er gehört hatte. Nachdem sie alles vernommen hatte, saß sie wieder eine Weile in tiefe Gedanken versunken da. Plötzlich erhob sie den Kopf und sah Ingmar an: »Es freut mich, Ingmar Ingmarsson, daß Sie die Kolonisten schon so lieb gewonnen haben«, sagte sie. Ingmar wurde dunkelrot. Er fragte, woher sie wissen könne, daß er ein Freund der Kolonisten sei. – »Das weiß ich daher, daß Sie über Nacht unten in Jaffa gewesen sind und mir Nachricht gebracht haben, daß ich nach Hause reisen müsse«, sagte sie. Nun erzählte Mrs. Gordon, wie sie ihn über Nacht gesehen habe, und was er zu ihr gesagt habe. Als sie das Ganze erzählt hatte, sagte Ingmar, dies sei das Wunderbarste, was er je erlebt habe. »Wenn nicht alles fehlschlägt, werden wir bis heute abend noch größere Dinge erleben«, sagte Mrs. Gordon. »Denn jetzt bin ich ganz überzeugt, daß Gott uns helfen will.« Sie war jetzt ruhig und guten Mutes und sprach mit Ingmar, als wenn keine Gefahr im Anzuge sei. »Nun können Sie mir erzählen, Ingmar Ingmarsson, ob sich sonst etwas daheim zugetragen hat, während ich fort gewesen bin.« Ingmar überlegte. Dann fing er damit an, sich zu entschuldigen, daß er der Sprache nicht ganz mächtig sei. »Ach, ich werde Sie schon verstehen«, sagte sie. – »Im allgemeinen ist ja alles seinen gewohnten Gang gegangen«, sagte er schließlich. – »Etwas wird da doch wohl zu erzählen sein«, sagte Mrs. Gordon. – »Es sei denn ... Ich weiß nicht, ob Sie schon von Baram Paschas Mühle gehört haben.« – »Nein, was ist denn damit?« fragte Mrs. Gordon. »Ich habe nicht einmal gewußt, daß Baram Pascha eine Mühle hat.« »Ja,« sagte Ingmar, »gleich nachdem Baram Pascha Gouverneur in Jerusalem geworden war, soll er auf den Gedanken gekommen sein, daß es für die Leute hier schwer sei, daß sie nichts anderes hätten als Handmühlen, um ihr Korn zu mahlen. Da nahm er sich denn vor, eine Dampfmühle in einem der großen Täler hier in der Nähe zu bauen. Aber es ist nicht so merkwürdig, daß Sie nicht von der Mühle haben reden hören, denn sie ist eigentlich nie im Gange gewesen. Baram Pascha hat nie ordentliche Leute gehabt, die sie handhaben konnten, daher ist sie immer in Unordnung gewesen. Aber jetzt, vor einigen Tagen, schickte Baram Pascha mit der Frage zu uns, ob nicht einige von den Gordonisten die Mühle für ihn in Gang setzen könnten. Und da gingen denn ein paar von uns hin und brachten sie wieder in Ordnung.« »Das ist eine gute Nachricht,« sagte Mrs. Gordon, »ich freue mich, daß wir Baram Pascha einen Dienst leisten konnten.« – »Baram Pascha freute sich auch sehr,« sagte Ingmar, »und er machte den Kolonisten den Vorschlag, daß sie die Mühle verwalten sollten. Er sagte, sie könnten sie gern behalten, ohne ihm eine Pachtabgabe dafür zu bezahlen.« Mrs. Gordon wandte sich ganz nach Ingmar um. »Nun,« sagte sie, »was antworteten denn unsere Leute darauf?« – »Darauf ist nicht schwer zu antworten«, sagte Ingmar. »Sie konnten ja nichts anderes sagen, als daß sie die Mühle gern für ihn besorgen wollten, aber einen Lohn für ihre Arbeit wollten sie nicht nehmen.« – »Ja, das war vollkommen richtig«, sagte Mrs. Gordon. – »Ich weiß nicht, ob das so ganz richtig war,« sagte Ingmar, »denn jetzt wird Baram Pascha ihnen die Mühle nicht geben. Er sagt, er könne sie nicht über die Mühle verfügen lassen, wenn sie ihre Arbeit nicht bezahlt haben wollten. Es könne nicht angehen, sagte er, die Leute hier daran zu gewöhnen, daß sie glauben, sie könnten alles umsonst bekommen. Er sagte auch, daß alle die andern, die Mehl verkaufen oder Mühlen haben, sich beim Sultan über ihn beklagen würden.« Mrs. Gordon saß schweigend da. »Mit der Mühle wurde es also nichts«, sagte Ingmar. »Wäre die Sache in Ordnung gekommen, so hätte die Kolonie wenigstens ihr Brot für den Hausbedarf verdienen können, und es wäre auch ein großer Segen für das Volk gewesen, wenn die Mühle im Gange gewesen wäre. Aber es nützt ja nicht, über die Sache nachzudenken.« Auch hierauf erwiderte Mrs. Gordon nichts. »Ist sonst nichts geschehen?« sagte sie, als wolle sie Ingmar veranlassen, von etwas anderem zu reden. »Ach ja,« sagte Ingmar, »dann ist da ja auch das mit Miß Young und der Schule vorgefallen. Haben Sie auch davon nicht gehört?« – »Nein«, sagte Mrs. Gordon. – »Ja,« sagte Ingmar, »Achmed Effendi, der alle mohammedanischen Schulen unter sich hat, kam vor ein paar Tagen zu uns und sagte: ›Wir haben hier in Jerusalem eine große Volksschule für Mädchen, in der mehrere hundert Kinder jeden Tag zusammenkommen, nur um zu schreien und sich zu prügeln. Wenn man daran vorüberkommt, braust und lärmt es ärger als das Mittelmeer in dem Hafen von Jaffa. Ob die Lehrerinnen lesen und schreiben können, weiß ich nicht, das aber weiß ich, die Kinder lehren sie nichts. Und ich selbst kann nicht da hineingehen, und ich kann auch keinen andern Mann schicken, um dort Ordnung zu halten, denn unsere Religion verbietet uns, unseren Fuß in so eine Mädchenschule zu setzen. Jetzt kann ich mir nur eins denken, was der Schule helfen könnte‹, sagte Achmed Effendi, ›nämlich, wenn Miß Young sie übernehmen wollte. Ich weiß, daß Sie Kenntnisse besitzen, und ich weiß, daß Sie arabisch sprechen können. Ich will Ihnen gern geben, was Sie an Lohn verlangen, wenn Sie nur die Leitung der Schule übernehmen wollen.‹« »Nun,« sagte Mrs. Gordon, »wie lief denn das ab?« – »Das lief genau so ab wie mit der Mühle«, sagte Ingmar. »Miß Young sagte, sie sei bereit, die Schule zu übernehmen, aber sie wollte keinen Lohn für ihre Arbeit haben. Da antwortete Achmed Effendi: ›Ich pflege immer die Leute zu bezahlen, die für mich arbeiten. Ich bin nicht gewöhnt, Gnadengeschenke anzunehmen.‹ Aber Miß Young war nicht zu bewegen, und er mußte unverrichteter Sache fortgehen. Er war sehr zornig und sagte zu Miß Young, sie müsse die Verantwortung übernehmen, daß so viel arme Kinder ohne Aufsicht und Unterricht heranwüchsen.« Mrs. Gordon schwieg eine Weile; dann sagte sie: »Ich merke wohl, Ingmar Ingmarsson, daß Sie finden, daß wir in diesen beiden Fällen nicht richtig gehandelt haben. Es ist immer gut, die Ansicht eines klugen Mannes zu hören, und daher möchte ich Sie bitten, mir zu sagen, was Sie noch weiter an unserer Art und Weise, zu leben, auszusetzen haben.« Ingmar saß lange da und dachte nach. Mrs. Gordon umgab eine solche Würde, daß es nicht leicht für ihn war, mit seiner Kritik zu kommen. »Ja,« sagte Ingmar, »ich finde, Sie brauchten es nicht so einzurichten, daß Sie in so großer Armut leben müssen.« – »Wie meinen Sie denn, daß das zu vermeiden wäre?« sagte Mrs. Gordon und lächelte. – Ingmar zögerte noch länger mit der Antwort als zuvor. »Wenn Sie die Kolonisten Lohn für ihre Arbeit annehmen ließen,« sagte er endlich, »dann brauchten sie nicht in so große Not zu geraten wie jetzt.« – Mrs. Gordon wandte sich heftig nach ihm um: »Ich sollte meinen, wenn ich diese Kolonie so geleitet habe, daß wir jetzt sechzehn Jahre da in Einigkeit und Liebe haben leben können, so darf ein Neuangekommener, wie Sie, nicht mit Vorschlägen zu Änderungen kommen.« – »Jetzt werden Sie böse auf mich, und doch haben Sie selbst mich aufgefordert, zu reden«, sagte Ingmar. – »Ich verstehe wohl, daß Sie es gut meinen«, sagte Mrs. Gordon. »Und außerdem kann ich Ihnen erzählen, daß wir noch viel Vermögen besitzen, aber in der letzten Zeit hat jemand über uns falsche Nachrichten an unsere Bankiers in Amerika geschickt. Darum haben sie uns nichts senden wollen. Aber nun weiß ich, daß wir bald Geld erwarten können.« – »Was Sie da sagen, freut mich sehr zu hören«, sagte Ingmar. »Aber daheim bei uns meinen wir, daß es für die Menschen besser ist, sich auf ihre eigene Arbeit zu verlassen als auf ersparte Mittel.« Hierauf antwortete Mrs. Gordon nicht, und Ingmar begriff, daß es besser gewesen wäre, wenn er geschwiegen hätte. Mrs. Gordon gelangte rechtzeitig nach der Kolonie zurück. Die Uhr konnte kaum mehr als halb neun sein. 15 Die letzte halbe Stunde war sie sehr unruhig gewesen; sie war so gespannt auf das, was ihr entgegentreten würde, wenn sie nach Hause käme. Sobald sie das große Gebäude wiedersah und bemerkte, daß ringsumher alles ruhig war, seufzte sie erleichtert auf. Es war, als habe sie erwartet, daß irgendeiner von den starken Geistern, von denen in den morgenländischen Märchen so viel erzählt wird, die ganze Kolonie auf den Rücken genommen habe und damit von dannen geflogen sei. Als sie in die Nähe des Hauses gelangte, hörte sie den Gesang geistlicher Lieder. »Es scheint dort alles so zu stehen wie sonst,« sagte Mrs. Gordon, als der Wagen vor dem Tor hielt, »ich höre, daß sie bei der Morgenandacht sind.« Sie hatte ihren eigenen Schlüssel zu einer der Eingangspforten und öffnete damit, um keine Störung zu veranlassen. Ingmar ward es schwer, zu gehen. Sein Knie war allmählich ganz steif geworden. Mrs. Gordon schlang ihren Arm um ihn und half ihm in den inneren Hof hinein; Ingmar setzte sich gleich auf eine Bank nieder. »Gehen Sie nun hinein, und sehen Sie nach, wie es hier in der Kolonie aussieht, Mrs. Gordon«, sagte Ingmar. »Ehe ich etwas anderes tue, muß ich Ihnen einen Umschlag um Ihr Knie machen«, sagte sie. »Wir haben Zeit genug, Sie hören ja, daß sie noch bei der Morgenandacht sind.« – »Nein,« sagte Ingmar, »diesmal sollen Sie mich bestimmen lassen. Sie müssen jetzt gleich hineingehen und erfahren, ob hier irgend etwas vorgefallen ist.« Ingmar saß jetzt da und sah Mrs. Gordon nach, während sie die Treppe hinauf und durch die offene Vorhalle in den Versammlungssaal ging. Als sie die Tür öffnete, hörte er, daß jemand da drinnen mit lauter Stimme sprach, daß die Stimme aber plötzlich schwieg. Dann ward die Tür geschlossen, und alles ward still. Ingmar hatte kaum fünf Minuten dagesessen, als die Tür zum Versammlungssaal heftig aufgerissen wurde. Aus dem Saal heraus kamen vier Männer, die einen fünften zwischen sich trugen. Sie gingen schweigend die Treppe hinab und über den Hof, und kamen dabei dicht an Ingmar vorbei. Er beugte sich vor und sah dem, den sie trugen, ins Gesicht. Es war Clifford. »Wo wollt ihr mit ihm hin?« fragte Ingmar. Die Männer blieben stehen. »Wir tragen ihn ins Leichenhaus hinab, er ist tot.« – Ingmar richtete sich entsetzt auf. »Wie ist er gestorben?« fragte er. – »Keine Menschenhand hat ihn angerührt«, sagte Ljung Björn. – »Wie ist er denn gestorben?« fragte Ingmar von neuem. »Ich will dir erzählen, wie es zuging«, sagte Ljung Björn. »Als die Morgenandacht beendet war, erhob sich dieser Mann, Clifford, um zu reden. Er bat, uns eine Botschaft bringen zu dürfen, die uns erfreuen würde, sagte er, und weiter kam er nicht. Da tat sich die Tür auf, und Mrs. Gordon trat ein. Kaum erblickte er sie, als er verstummte und aschgrau im Gesicht wurde. Erst stand er ganz steif da, aber Mrs. Gordon ging durch den Saal, und als sie näher kam, wich er ein paar Schritte zurück und hielt den Arm vor das Gesicht. Es kam uns andern so sonderbar vor, daß wir uns alle mit einem Male erhoben, und da war es, als komme Clifford wieder zur Besinnung. Er ballte die Hände fest und atmete angestrengt, wie jemand, der gegen eine schreckliche Angst ankämpft, und ging Mrs. Gordon entgegen. ›Wie sind Sie hierhergekommen?‹ sagte er zu ihr. Da sah ihn Mrs. Gordon still und ernsthaft an und sagte: ›Gott hat mir geholfen‹ – ›Das sehe ich‹, sagte er, und seine Augen standen vor Schreck weit aus dem Kopf heraus. ›Ich sehe auch, wer Sie begleitet!‹ – ›Und ich sehe auch, wer dich begleitet‹, sagte Mrs. Gordon da. ›Der Satan!‹ Da war es, als könne Clifford es nicht länger ertragen, sie anzusehen; er wich wieder zurück, den Arm vor dem Gesicht. Und Mrs. Gordon folgte ihm und streckte die Hand nach ihm aus, aber sie kam ihm nicht so nahe, daß sie ihn mit einem Finger berührte. ›Ich sehe, daß der Satan hinter dir steht‹, wiederholte sie, und jetzt war ihre Stimme stark und schrecklich. Da war es uns allen, als könnten wir den Satan hinter ihm stehen sehen, und wir streckten die Hände aus und zeigten auf den, den wir sahen. Und wir riefen alle wie aus einem Munde: ›Satan, Satan, Satan!‹ Da schlich Clifford sich aus unserer Reihe hinaus, und obwohl nicht einer von uns sich rührte, jammerte er laut, als schössen wir oder schlügen nach ihm. Er kroch zusammen, indem er von dannen schlich, und so gelangte er bis an die Tür. Aber als er sie öffnen wollte, riefen wir alle noch einmal: ›Satan, Satan, Satan!‹ Und da sahen wir, daß er zusammenbrach und vornüberfiel, und da blieb er liegen, und als wir hingingen und ihn anrührten, war er tot.« »Er war ein Verräter«, sagte Ingmar. »Er hat seine wohlverdiente Strafe erhalten.« – »Ja,« sagten die andern, »er hat seine wohlverdiente Strafe erhalten.« »Aber was hatte er zu tun beabsichtigt?« sagte einer. »Das weiß niemand«, erwiderte ein anderer. – »Er wollte uns verderben.« – »Ja, aber auf welche Weise?« »Das weiß niemand.« – »Nein, und niemand wird es wohl jemals erfahren.« »Es ist gut, daß er tot ist«, sagte Ingmar. »Ja, es ist gut, daß er tot ist.« Den ganzen Tag waren die Kolonisten in heftiger Erregung. Niemand wußte, was Clifford hatte tun wollen, oder ob die Gefahr durch seinen Tod abgewendet worden war. Stunde auf Stunde verbrachten sie mit Beten und Singen im Versammlungssaal. Sie fühlten sich gleichsam aus dieser Welt entrückt in dem Gefühl, daß Gott für sie gestritten hatte. Hin und wieder im Laufe des Tages meinten sie, merken zu können, daß Volksscharen, die aus dem ärgsten Abschaum bestanden, den man in Jerusalem finden konnte, sich auf den öden Feldern um die Kolonie herumscharten und dastanden und das Haus betrachteten. Da nahmen sie an, daß Clifford einen Volksauflauf geplant habe, und daß einige wilde Scharen kommen und sie aus ihrem Heim vertreiben würden. Aber alle die Menschen verschwanden wieder, und der Tag verging, ohne daß irgend etwas geschah. Am Abend kam Mrs. Gordon, um sich nach Ingmar Ingmarsson umzusehen, der mit einem Umschlag um sein Knie auf seinem Bett saß. Sie dankte ihm warm für seine Hilfe und erzeigte sich sehr freundlich gegen ihn. »Ingmar Ingmarsson,« sagte sie unter anderem, »jetzt will ich Ihnen sagen, daß, wenn ich Ihnen einen Gegendienst leisten kann, es mir eine große Freude sein würde. Wollen Sir mir nicht erzählen, was Ihr Herz bedrückt, damit ich Ihnen helfen kann?« Mrs. Gordon wußte sehr wohl, was Ingmar in Jerusalem erreichen wollte. Zu keiner anderen Zeit würde sie versprochen haben, ihm in einer Sache dieser Art beizustehen. Aber jetzt waren alle in der Kolonie gleichsam ganz aus ihrem Gleichgewicht gebracht. Es war Mrs. Gordon, als gäbe es nichts in der Welt, was ihr so am Herzen liege, als Ingmar glücklich zu sehen, nachdem er ihr und allen andern einen so großen Dienst erwiesen hatte. Gleich als sie mit ihrem Anerbieten zu ihm kam, schlug Ingmar schnell die Augen nieder. Er ließ sich reichlich Zeit zum Nachdenken, ehe er antwortete. »Dann müssen Sie mir erst versprechen,« sagte er, »mir das, um was ich bitte, nicht übelzunehmen.« Mrs. Gordon erwiderte, daß sie ihm nicht das geringste übelnehmen werde. »Die Sache ist nämlich die,« sagte Ingmar, »daß die Angelegenheit, um derentwillen ich hier bin, sich scheinbar in die Länge ziehen wird, und daher ist es langweilig für mich, mich hier ohne solche Arbeit, wie ich sie gewöhnt bin, aufzuhalten.« – Das konnte Mrs. Gordon sehr wohl verstehen. – »Wenn Sie mir deswegen einen Dienst erweisen wollten, Mrs. Gordon,« fuhr Ingmar fort, »so würde ich Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie es so einrichten könnten, daß ich Baram Paschas Mühle übernehmen dürfte. Sie wissen wohl, daß ich nicht abgeschworen habe, Geld zu verdienen, wie die andern hier in der Kolonie, und auf die Weise bekäme ich Arbeit, die mir Freude macht.« Mrs. Gordon sah Ingmar scharf an, der aber saß mit fast geschlossenen Augen und ganz ausdruckslosem Gesicht da. Sie war erstaunt darüber, daß er nicht um etwas anderes gebeten hatte, aber sie war gleichzeitig sehr zufrieden damit. »Ich weiß nicht, warum ich Ihnen dazu nicht verhelfen sollte«, sagte sie. »Darin kann doch kein Unrecht liegen. Wir können uns ja nur freuen, wenn wir Baram Paschas Wunsch erfüllen.« – »Ich wußte wohl, daß Sie mir helfen würden«, sagte Ingmar. Er dankte ihr, und sie waren beide sehr zufrieden miteinander, als sie sich trennten.   Ingmars Kämpfe Ingmar hat jetzt Baram Paschas Mühle übernommen. Er ist dort der Müller, und bald kommt der eine, bald der andere von den Kolonisten und hilft ihm bei der Arbeit. Aber nun ist es ja eine wohlbekannte Sache, daß in den Mühlen stets viele Zaubereien und dergleichen spuken, und die Kolonisten fingen bald an zu merken, daß niemand einen Tag in Baram Paschas Mühle sitzen und die Steine rummeln hören konnte, ohne verhext zu werden. Es geht jedem, der dasitzt und ihnen lauscht, so, daß er schließlich versteht, was sie singen und summen: »Wir mahlen Mehl, wir verdienen Geld, wir schaffen Nutzen, aber was tust du, was tust du, was tust du?« Und bei dem, der dies hört, erwacht eine unwiderstehliche Lust, sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu verdienen. Es kommt förmlich ein Fieber über ihn, während er da sitzt und den Mühlsteinen zuhört. Unwillkürlich fängt er an, darüber nachzudenken, wozu er taugt, was er ausführen kann, ob er nicht etwas tun kann, um die Kolonisten zu unterstützen. Alle, die ein paar Tage in der Mühle gearbeitet haben, sprechen von nichts weiter als von den Tälern, die hier im Lande öde und unbebaut liegen, die aber wohl urbar gemacht werden könnten. Sie reden von den Bergen, die mit Wald bepflanzt werden müssen, und von den verlassenen Weinbergen, die nach Arbeitern schreien. Und nachdem die Mühlsteine ihr Lied ein paar Wochen gesungen haben, kommt ein Tag, wo die schwedischen Bauern ein Stück Acker oder ein Stück Land unten an der Ebene von Saron pachten und anfangen zu pflügen und zu säen. Bald darauf verschaffen sie sich ein paar große Weinberge oben auf dem Ölberge. Und nachdem wieder eine kleine Weile vergangen ist, übernehmen sie eine große Wasserleitungsarbeit unten in einem der Taler. Als erst die Schweden den Anfang gemacht haben, kommen die Amerikaner und Assyrer nach und nach auch herbei. Sie fangen an, in Schulen zu unterrichten, sie kaufen sich einen photographischen Apparat und wandern im Lande umher und machen Aufnahmen, die sie den Reisenden verkaufen können; sie richten eine kleine Goldschmiedewerkstatt in einer Ecke der Kolonie ein. Miß Young ist schon längst Vorsteherin in Achmed Effendis Schule, und junge schwedische Mädchen unterrichten mohammedanische Kinder im Nähen und Stricken. Als es Herbst wird, summt und brummt es in der Kolonie von Arbeit und Tätigkeit. Sie ist ein wahrer Ameisenhaufen geworden. Und wenn man nachdenkt, ist während des ganzen Sommers nicht ein einziges Unglück eingetroffen. Niemand von den Kolonisten ist gestorben von dem Augenblick an, als Ingmar die Mühle übernommen hat. Niemand hat sich auch von Sinn und Verstand gegrämt über die Bosheit von Jerusalem. Alle sind strahlend froh und vergnügt, sie lieben ihre Kolonie mehr denn je, sie schmieden Pläne, sie ersinnen neue Unternehmungen. Nur dies hat ihnen gefehlt, um so recht glücklich zu sein. Und nun sind sie alle davon überzeugt, daß es Gottes Wille ist, daß sie sich ihr Brot durch ihre Arbeit, verdienen sollen. Im Laufe des Herbstes überläßt Ingmar Ljung Björn die Leitung der Mühle und bleibt selbst in der Kolonie. Er und Bo Gabriel sind eifrig beschäftigt, eine Art Schuppen auf dem Felde dicht davor aufzuführen. Aber niemand weiß, wozu er benutzt werden soll. Niemand darf sehen, wie er eingerichtet wird, das ist ein großes Geheimnis. Als der Schuppen endlich fertig ist, reisen Ingmar und Bo nach Jaffa hinunter und führen unendliche Verhandlungen mit den deutschen Kolonisten, die dort wohnen. Aber zwei Tage später sind sie wieder daheim. Nun kommen sie auf zwei prächtigen, braunen Pferden geritten. Das sollen jetzt die Pferde der Kolonie sein, und eins steht fest, hätte ein Sultan oder der Kaiser an die Pforte gepocht und erklärt, daß er sich den Kolonisten anschließen wolle, man hätte ihn nicht herzlicher willkommen heißen können. Nein, wie die Kinder an den Pferden hingen und auf ihnen herumbaumeln, wie stolz der Bauer ist, der mit ihnen pflügen kann! Sie werden besser gepflegt als alle andern Pferde im Morgenlande. Es vergeht keine Nacht, wo die Bauern nicht draußen sind, um nachzusehen, ob ihre Krippe auch gefüllt ist. Aber wer auch immer von den Schweden am Morgen die Pferde anschirrt, er kann nicht umhin, zu denken: Es ist wirklich kein so schlechtes Land, in dem wir leben; jetzt merke ich, daß ich hier wohl gedeihen kann. Ach, welch ein Jammer, daß Tims Halvor dies nicht erlebt hat! Er hätte sich nie zu Tode gegrämt, wenn er so ein Paar Pferde zu fahren gehabt hätte!   Es war an einem Morgen im September. Ganz früh, während es noch dunkle Nacht war, kamen Ingmar und Bo aus der Kolonie gegangen. Sie wollten auf Arbeit in einem der Weinberge, die die Kolonie oben auf dem Ölberge gepachtet hatte. Das Verhältnis zwischen Bo und Ingmar war nicht gut. Sie hatten sich nie gut vertragen können. Es war gerade nicht zu offenbarer Feindschaft zwischen ihnen gekommen, aber sie waren nie derselben Ansicht über irgend etwas. Während sie jetzt nach dem Ölberge hinaufgehen wollten, fingen sie an, sich zu zanken. Bo wollte am liebsten den langen Umweg über die Hügel machen. Er sagte, es sei leichter, dort in der Dunkelheit zu gehen. Ingmar wollte einen kürzeren und beschwerlicheren Weg einschlagen, der durch das Tal Josaphat führte und dann steil den Berg hinanklomm. Nachdem sie sich hierüber eine Weile gezankt hatten, machte Ingmar den Vorschlag, daß jeder den Weg gehen sollte, den er vorschlüge, dann könnten sie ja sehen, wer zuerst ankäme. Dazu war Bo gleich bereit. Er ging in der Richtung, die er vorgeschlagen hatte, und Ingmar ging in der andern. Als Bo verschwunden war, überfiel Ingmar die große Sehnsucht, die ihn immer quälte, sobald er eine einsame Stunde hatte. »Will sich Gott denn nie über mich erbarmen und mich heimreisen lassen?« sagte er. »Will er mir nicht helfen, daß ich Gertrud von Jerusalem fortbringen kann, ehe sie den Verstand ganz verloren hat? Es ist sonderbar, daß gerade das, weswegen ich hierher gereist bin, mir am allerwenigsten gelingt«, sagte er halblaut, wie er dort in der Dunkelheit, in seine eigenen Gedanken versunken, einherging; »denn Gertrud bin ich keinen Schritt näher gekommen. Aber mit allem andern ist es mir weit besser ergangen, als ich erwarten konnte. Ich glaube kaum, daß unser Volk jemals mit der Arbeit zustande gekommen wäre, wenn ich nicht auf den Gedanken verfallen wäre, die Mühle zu übernehmen. Es ist eine wirkliche Freude, zu sehen, wie die Arbeit immer mehr Gewalt über sie gewonnen hat«, fuhr er fort. »Ja, ich habe viel Gutes hier drüben gesehen und gelernt, aber ich kann doch nicht umhin, mich nach Hause zu sehnen. Es ist mir immer, als fürchte ich mich vor dieser Stadt, als könne ich nie wieder recht atmen, ehe ich erst aus ihr heraus bin. Und hin und wieder habe ich ein Gefühl, als solle ich hier sterben, als solle ich nie wieder in die Heimat zurückgelangen, und Barbro und den Ingmarshof nie wiedersehen.« Aber während Ingmar so dachte, war er ganz auf den Boden des Tales hinabgelangt. Hoch oben über ihm hob sich die zackige Mauer der Stadt von dem Nachthimmel ab, und zu allen Seiten ragten mächtige, die Aussicht versperrende Berge auf. »Es ist doch ein häßlicher, unheimlicher Ort, wenn man hier so in der Dunkelheit wandert«, dachte Ingmar. Und erst jetzt fiel ihm ein, daß er an dem mohammedanischen wie auch an dem jüdischen Begräbnisplatz vorüber mußte. Im selben Augenblick, als sich Ingmars Gebanken mit dem Begräbnisplatz beschäftigten, fiel ihm ein Erlebnis ein, das sich gerade damals in Jerusalem zugetragen hatte. Er hatte es am vorhergehenden Tag erzählen hören, da hatte es aber nicht mehr Eindruck auf ihn gemacht wie so vieles anderes, das von der heiligen Stadt erzählt wurde. Aber jetzt in der Dunkelheit der Nacht kam es ihm sehr unheimlich und häßlich vor. Die Sache handelte nämlich von einem großen Krankenhause, das im Judenviertel lag, und in der ganzen Stadt berüchtigt war, weil dort niemals Patienten waren. Ingmar war mehrmals daran vorübergekommen, hatte zum Fenster hineingelugt und die Betten immer leer stehen sehen. Dies hatte indessen eine ganz natürliche Ursache und konnte sich kaum anders verhalten. Das Krankenhaus war von einer englischen Gesellschaft errichtet, die dort kranke Juden aufnehmen wollte, um Gelegenheit zu ihrer Bekehrung zu haben. Aber die Juden, die sich fürchteten, in einem solchen Hause gezwungen zu werden, verbotene Speisen zu essen, wollten sich dort nicht hinbringen lassen. Nun vor ein paar Tagen hatten sie dennoch einen Patienten in diesem Krankenhaus gehabt. Es war eine alte, arme Jüdin, die auf der Straße gerade vor dem Hause gefallen war und das Bein gebrochen hatte. Sie war in das Krankenhaus getragen und dort verpflegt worden. Nach zwei Tagen aber war sie gestorben. Ehe sie starb, hatte sie einer der englischen Krankenpflegerinnen und dem Arzt das heilige Gelöbnis abgenommen, sie sollten dafür sorgen, daß sie auf dem jüdischen Kirchhof im Tal Josaphat begraben werde. Sie erzählte ihnen, daß sie in ihrem hohen Alter einzig und allein deswegen nach Jerusalem gereist sei, um dies zu erreichen. Und wenn sie ihr das nicht versprechen könnten, so wäre es besser gewesen, sie hätten sie an der Straße liegen und sterben lassen. Als sie tot war, schickten die Engländer auch zu dem jüdischen Gemeindevorsteher, und baten ihn, einige Leute zu senden, die die Tote forttragen und begraben konnten. Da aber antworteten die Juden, daß die alte Frau, die in dem christlichen Krankenhaus gestorben war, nicht auf dem Kirchhof der Juden begraben werden dürfe. Die Missionare taten alles, was sie konnten, um die Juden zum Nachgeben zu bewegen. Sie hatten sich an den Oberrabbiner selbst gewandt, aber alles war vergeblich gewesen. Da blieb ihnen denn nichts weiter zu tun übrig, als die Tote selbst zu begraben. Aber sie wollten nicht, daß sie dessen verlustig gehen sollte, worauf sie sich ihr ganzes armseliges Leben lang gefreut hatte. Sie machten sich nichts aus dem Verbot der Juden, sondern ließen ein Grab auf dem Kirchhof im Tal Josaphat schaufeln, und begruben die Tote darin. Die Juden taten nichts, um sie daran zu verhindern, aber in der nächsten Nacht kamen sie und öffneten das Grab und warfen den Sarg heraus. Es war den Engländern sehr daran gelegen, das der Alten gegebene Wort zu halten. Sobald sie erfuhren, daß sie aus dem Grabe herausgeworfen war, begruben sie sie wieder an demselben Ort. Und dann wurde sie in der nächsten Nacht wieder herausgeworfen. Ingmar Ingmarsson blieb plötzlich stehen und lauschte. Wer weiß, dachte er, vielleicht sind diese Grabschänder auch diese Nacht wieder am Werk. Zu Anfang schien es ihm, als wenn alles still sei. Aber dann hörte er einen klirrenden Laut, wie wenn ein eisernes Gerät gegen einen Stein stößt. Schnell ging er einige Schritte in der Richtung, woher das Geräusch kam, dann blieb er wieder stehen und lauschte. Jetzt hörte er deutlich, daß man mit eisernen Spaten in der Erde grub und Kies und Steine aufwarf. Wieder ging er weiter, und von neuem hörte er das eifrige Graben. Es müssen wenigstens fünf, sechs Spaten an der Arbeit sein, dachte er. Großer Gott, wie können Menschen doch einen Toten auf die Weise verfolgen? Während Ingmar so weiter ging, und die Spaten arbeiten hörte, fühlte er, wie ein entsetzlicher Groll in ihm aufstieg. Er nahm mit jeder Sekunde zu. Die Sache geht mich ja doch gar nichts an, dachte er, um sich selbst zu beruhigen. Du hast ja gar nichts damit zu tun. Aber das Blut stieg ihm zu Kopf, es war ihm, als schnüre sich sein Hals zusammen, so daß er kaum atmen konnte. Es ist häßlich, es ist schändlich anzuhören, ich habe nie etwas so Abscheuliches erlebt. Endlich blieb er stehen. Er erhob die geballte Faust und schüttelte sie. Ja, wartet nur, ihr Schurken, jetzt komme ich, sagte er. Ich habe euch lange genug zugehört. Niemand kann von mir verlangen, daß ich ruhig vorübergehen soll, während ihr da steht, und die Toten aus dem Grabe werft. Mit schnellen, lautlosen Schritten eilte er weiter. Ihm ward während des Gehens ganz leicht ums Herz, ja fast fröhlich. Nein, es ist ja ein Wahnsinn, worauf ich mich einlasse, dachte er. Aber ich möchte wohl wissen, was mein Vater gesagt haben würde, wenn ihm jemand an dem letzten Tag, als er lebte, ins Wasser hätte gehen sehen, um die kleinen Kinder zu retten, und ihm dann zugerufen hätte, er solle sich in acht nehmen und lieber am Ufer bleiben. Und nun muß ich in dieser Nacht wohl meinen Willen haben, so wie mein Vater den seinen bekam. Denn es fließt ein Fluß von Bosheit an mir vorüber mit schwarzem, empörtem Wasser, und der reißt Lebende und Tote mit sich fort, aber jetzt kann ich es nicht länger aushalten, still am Ufer zu stehen und zuzusehen. Jetzt ist die Reihe an mir, hinüberzugehen und mit dem Strom zu kämpfen. Endlich stand er am Rande eines Grabes, wo einige Männer eifrig bei der Arbeit waren. Sie hatten weder ein Licht noch eine Laterne, sondern gruben so gut sie konnten in der Dunkelheit. Ingmar konnte nicht sehen, wieviele ihrer waren, und er fragte auch nicht danach, sondern stürzte sich mitten zwischen sie. Er riß dem einen der Gräber den Spaten aus der Hand, und schlug dann nach allen Seiten um sich. Es war so unerwartet über die Männer gekommen, daß sie ganz sinnlos vor Schrecken wurden. Sie rannten davon, ohne auch nur den Versuch zu machen, ihm Widerstand zu leisten. Wenige Sekunden darauf stand Ingmar allein. Seine erste Arbeit war nun, die aufgeworfene Erde wieder in das Grab hineinzuschaufeln, dann fing er an zu überlegen, was jetzt zu tun war. Es erschien ihm nicht ratsam, den Ort vor Tagesdämmerung zu verlassen, denn sobald er davonging, würden die Grabschänder zurückkehren. Er blieb also an dem Grab stehen und wartete. Er lauschte gespannt auf jeden Laut; aber zu Anfang blieb alles still. Ich kann mir doch nicht denken, daß sie vor einem einzigen Mann so weit weggelaufen sind, dachte er. Nach einer Weile hörte er ein leises Rascheln zwischen dem Kies, der über die umherliegenden Gräber gestreut war. Es war ihm, als könne er dunkle Gestalten über die Grabsteine dahinkriechen sehen. Jetzt scheint es Ernst zu werden, dachte Ingmar, und erhob seinen Spaten, um sich zu verteidigen. Plötzlich regnete ein Hagel von großen und kleinen Steinen auf ihn nieder, so daß er ganz betäubt wurde. Gleichzeitig fielen ein paar Männer über ihn her und versuchten, ihn umzuwerfen. Ein harter Kampf entspann sich. Ingmar war so stark wie ein Riese, und er warf einen nach dem andern zu Boden. Aber die Gegner hielten tapfer stand und wollten nicht weichen. Schließlich stürzte einer von ihnen gerade vor Ingmars Füßen nieder. Ingmar wollte eben einen Schritt vortreten da strauchelte er über den Gefallenen. Er fiel schwer zu Boden, und im selben Augenblick empfand er einen heftigen Schmerz in dem einen Auge. Er war ganz wie gelähmt. Er fühlte, daß die andern sich auf ihn stürzten und ihn banden, aber er versuchte, keinen Widerstand zu leisten. Der Schmerz war so scharf und schneidend, daß er ihm alle Kraft raubte, und im ersten Augenblick glaubte er, daß er sterben müsse. Indessen war Bo seines Weges gegangen und hatte immer an Ingmar gedacht von dem Augenblick an, seit er sich von ihm getrennt hatte. Zu Anfang ging er ziemlich schnell dahin, denn er wollte gern zuerst auf den Berg hinaufgelangen, aber es währte nicht lange, als er die Schritte mäßigte. Er lachte schwermütig über sich selbst. Das weiß ich ja doch, dachte er, so sehr ich mich auch beeile, daß ich nicht so schnell wie Ingmar ans Ziel gelangen kann. Ich habe nie jemand gesehen, dem alles so glückt wie ihm, und der eine solche Fähigkeit besitzt, seinen Willen durchzusetzen. Ich muß darauf gefaßt sein, daß er Gertrud schließlich doch mit nach Dalarne heimführt; nein, ich kann es nicht. Ich habe gesehen, wie alles in dem letzten halben Jahr in der Kolonie nach seinem Willen gegangen ist. Aber als sich Bo auf dem verabredeten Ort auf dem Ölberge einfand, war Ingmar nicht dort, wie er erwartet hatte, und er freute sich sehr. Er fing gleich an zu arbeiten und fuhr eine Weile damit fort. Nun wird er doch einmal gemerkt haben, daß er den verkehrten Weg gewählt hat, dachte Bo. Dann fing es an, hell zu werden, und als sich Ingmar auch jetzt nicht zeigte, begann Bo unruhig zu werden, daß ihm etwas zugestoßen sein könne. Er hielt mit seiner Arbeit inne, und ging den Berg hinab, um nach ihm zu suchen. Es ist eigentlich sonderbar, dachte er, obwohl ich Ingmar eigentlich gar nicht leiden kann, so glaube ich doch, daß ich sehr traurig werden würde, wenn ihm etwas zugestoßen wäre. Er ist ein tüchtiger Mensch, und er hat uns hier in Jerusalem große Dienste geleistet. Wenn nur Gertrud nicht zwischen uns stünde, so glaube ich, ich könnte ihm ein Freund werden. Bald wurde es ganz hell, und als Bo in das Tal Josaphat hinabkam, währte es auch nicht lange, bis er Ingmar fand, der zwischen ein paar Grabsteinen lag. Ingmars Hände waren gefesselt, und er lag regungslos da, aber als er Bos schwere Schritte hörte, erhob er den Kopf. »Bist du es, Bo?« fragte er. »Ja«, erwiderte Bo. »Was ist denn nur mit dir los?« Im selben Augenblick fiel sein Blick auf Ingmars Antlitz; beide Augen waren geschlossen, das eine war geschwollen, und aus den Augenwinkeln strömte Blut. »Was hast du nur einmal angefangen, Mensch?« fragte Bo, seine Stimme klang merkwürdig undeutlich. »Ich habe mich mit diesen Grabschändern geprügelt,« erwiderte Ingmar, »da strauchelte ich über einen von ihnen, und der hatte ein Messer in der Hand, das mir gerade ins Auge drang.« Bo kniete neben Ingmar nieder und fing an, die Stricke um seine Hände zu lösen. »Wie kamst du nur zu dieser Prügelei mit den Grabschändern?« sagte Bo. »Ich ging hier durch das Tal und da hörte ich sie graben.« »Und du konntest dich nicht darein finden, daß die Tote auch diese Nacht wieder aus dem Grabe herausgeworfen werden sollte?« »Nein,« sagte Ingmar, »darein konnte ich mich nicht finden.« »Das war brav von dir«, sagte Bo. »Ach nein,« sagte Ingmar, »es war sehr dumm von mir, aber ich konnte es nun einmal nicht lassen.« »Ich will dir etwas sagen,« sagte Bo, »wie dumm es auch war, von jetzt an werde ich, so lange ich lebe, dein Freund sein, weil du das getan hast.«   Auf dem Ölberge Ingmar wurde von einem Arzt aus dem großen englischen Augenhospital behandelt. Der kam jeden Tag nach der Kolonie hinaus, um ihm einen Verband anzulegen. Ingmars Augen heilten schnell, und er fühlte sich so gesund, daß er das Bett verlassen und auf sein konnte. Aber eines Morgens bemerkte der Arzt, daß das gesunde Auge rot und geschwollen war. Er wurde unruhig und gab sofort Anordnungen, wie dies Auge behandelt werden sollte. Dann wandte er sich an Ingmar, und sagte ihm gerade heraus, daß er am besten tue, Palästina so schnell wie möglich zu verlassen. »Ich fürchte, Sie sind von der gefährlichen ägyptischen Augenkrankheit angesteckt worden«, sagte er. »Ich werde für Sie tun, was ich kann, aber Sie haben ja jetzt nur noch ein Auge, und das ist nicht kräftig genug, um der Ansteckung zu widerstehen, die hier überall in der Luft liegt. Wenn Sie hier bleiben, werden Sie zweifelsohne in einigen Wochen blind sein.« Es entstand großer Kummer in der Kolonie, nicht allein unter Ingmars Verwandten, sondern auch unter den andern Kolonisten. Sie sagten alle, Ingmar habe ihnen die größte Wohltat dadurch erwiesen, daß er sie überredet habe, ihr Brot im Schweiße ihres Antlitzes zu verdienen, wie andere Menschen, und daß so ein Mann wie er, die Kolonie niemals verlassen sollte. Aber alle waren doch darin einig, daß Ingmar abreisen müsse, und Mrs. Gordon sagte sogleich, einer der Brüder solle sich bereit machen, um Ingmar nach Schweden zu begleiten, da er unmöglich allein reisen könne. Ingmar hörte lange all das Gerede darüber, daß er reisen sollte, schweigend an. Schließlich sagte er: »Es ist wohl nicht so sicher, daß ich blind werde, selbst wenn ich hierbleibe.« Mrs. Gordon fragte, was er damit meine. »Ich bin noch nicht fertig mit der Arbeit, um derentwillen ich hierhergekommen bin«, sagte er langsam. »Ist es denn Ihre Absicht, daß Sie nicht reisen wollen?« fragte Mrs. Gordon. »Ja,« sagte Ingmar, »es würde sehr hart für mich sein, wenn ich gezwungen wäre, unverrichteter Sache heimzukehren.« Man sah jetzt erst recht, wie sehr Mrs. Gordon Ingmar schätzte; denn sie suchte Gertrud auf und erzählte ihr, daß Ingmar nicht abreisen wolle, obwohl er Gefahr laufe, zu erblinden, falls er bleibe. »Du weißt wohl, um wessentwillen er nicht abreisen will«, sagte Mrs. Gordon. »Ja«, sagte Gertrud. Gertrud sah Mrs. Gordon ernsthaft an, sagte aber nichts weiter. Mrs. Gordon konnte sie doch nicht geradezu auffordern, das Versprechen zu brechen, das sie der Kolonie gegeben hatte, aber Gertrud verstand wohl, daß, was sie auch um Ingmars Willen tun würde, man ihr alles vergeben würde. Falls es eine andere als ich wäre, würde Mrs. Gordon wohl nicht so nachgiebig sein, dachte sie ein wenig ärgerlich; sie würde sich gewiß freuen, wenn sie mich los würde. Den ganzen Tag hindurch kam bald der eine, bald der andere zu Gertrud, und redete mit ihr über Ingmar. Niemand wagte, es ihr geradeaus zu sagen, daß sie mit ihm nach Hause reisen solle, aber die schwedischen Bauern setzten sich zu ihr, und sprachen mit ihr über den Helden, der für die Tote im Tal Josaphat gekämpft hatte, und sie sagten, jetzt habe Ingmar gezeigt, daß er ein echter Sproß des alten Stammes sei. »Es würde ein Jammer sein, wenn so ein Mann erblindet«, sagten sie. Aber Gertrud hatte den ganzen Tag ein Gefühl, als wenn sie mit einem dieser Träume kämpfe, denen man entfliehen möchte, ohne imstande zu sein, aus der Stelle zu kommen. Sie wollte Ingmar helfen, aber sie wußte nicht, woher sie die Kräfte nehmen sollte. Wie kann ich dies für Ingmar tun, jetzt, wo ich ihn nicht mehr liebe? fragte sie sich selbst. Und wie kann ich es unterlassen, es zu tun, wenn ich doch weiß, daß er erblinden wird? fragte sie sich dann wieder. Am Abend stand Gertrud vor der Kolonie unter der großen Sykomore, und sie dachte noch immer darüber nach, daß sie Ingmar begleiten müsse, daß sie aber nicht die Kraft habe, sich zu entschließen. Da kam Bo zu ihr hinaus. »Es kommt wohl manchmal vor,« sagte Bo, »daß ein Mensch sich über sein Unglück freut, und über sein Glück traurig wird.« Gertrud wandte sich jäh nach ihm um, und sah ihn mit ein paar erschreckten Augen an. Sie sagte nichts, aber man konnte sehen, daß sie dachte: Kommst du nun auch, um mich zu hetzen und zu verfolgen? Bo biß sich auf die Lippe, und sein Gesicht zuckte ein wenig, aber im nächsten Augenblick sagte er doch, was ihm am Herzen lag. »Wenn da eine ist, die man sein ganzes Leben lang geliebt hat,« sagte er, »so fürchtet man sich ja, sie zu verlieren. Und man fürchtet sich am allermeisten, sie auf die Weise zu verlieren, daß man sieht, daß ihr Herz so hart ist, und nicht vergessen und vergeben kann.« Bo sprach seine harten Worte in mildem Ton, und Gertrud wurde nicht zornig, sondern sie fing an zu weinen. Sie mußte daran denken, daß sie einmal geträumt hatte, sie steche Ingmar das Auge aus. Jetzt zeigt es sich, daß dieser Traum wahr war; und daß ich wirklich hartherzig und rachsüchtig bin, wie ich es damals im Traum war, dachte sie. Ingmar wird sicher um meinetwillen sein Augenlicht verlieren. Sie war tief betrübt, aber das große Gefühl der Ohnmacht, das sie lähmte, wich noch nicht. Und es wurde Nacht, und sie legte sich schlafen, ohne einen Entschluß gefaßt zu haben. Am Morgen schickte sie sich zu ihrer gewöhnlichen Wanderung an und ging über die Hügel nach dem Ölberge hinaus. Auf dem ganzen Wege kämpfte sie mit demselben dunklen Gefühl der Ohnmacht. Sie sah, was sie tun mußte, aber ihr Wille war gelähmt und konnte das nicht überwinden, was sie gefesselt hielt. Da fiel ihr ein, daß sie einmal eine Mauerschwalbe gesehen hatte, die zur Erde gefallen war, und die nun dalag und mit den Flügeln schlug und nicht genug Luft bekommen konnte, um sich aufzuschwingen. Gerade so war es ihr, sie lag nun da und flatterte, ohne vom Fleck kommen zu können. Aber als sie auf den Ölberg hinaufgelangt war und an der gewöhnlichen Stelle stand, wo sie den Sonnenaufgang zu erwarten pflegte, sah sie, daß der Derwisch, der Jesus glich, vor ihr da war. Er saß an der Erde, die Beine unter sich gekreuzt, und seine großen Augen sahen auf Jerusalem hinab. Gertrud vergaß keinen Augenblick, daß der Mann nur ein armer Derwisch war, dessen einziger Ruhm darin bestand, daß er von seinen Anhängern einen eifrigeren Tanz verlangte als irgendein anderer. Aber als sie sein Antlitz mit den dunklen Rändern um die Augen, und den schmerzlichen Zug um den Mund sah, lief ein Zittern durch ihren Körper. Sie blieb mit gefalteten Händen dicht neben ihm stehen und sah ihn an. Sie träumte nicht, sie sah keine Gesichte, es war einzig und allein die große Ähnlichkeit, die bewirkte, daß sie meinte, sie sehe eine göttliche Persönlichkeit. Sie war wieder fest überzeugt, daß, falls er nur vor die Menschen hintreten wollte, es sich zeigen würde, daß er die Tiefe aller Weisheit erreicht habe. Sie glaubte, daß er von Angesicht zu Angesicht mit Gott rede; sie glaubte, daß er den Kelch des Lebens bis auf den Grund gelehrt habe; sie glaubte, daß alle seine Gedanken unbekannten Dingen galten, die kein anderer zu erforschen vermochte. Sie fühlte, daß, wenn sie krank gewesen wäre, sie schon durch seinen Anblick geheilt werden würde. Er kann kein gewöhnlicher Mensch sein, dachte sie. Ich fühle ja, daß sich die ganze Seligkeit des Himmels auf mich herabsenkt, nur weil ich ihn sehe. Sie hatte lange neben dem Derwisch gestanden, ohne daß er sie auch nur beachtet hatte. Plötzlich aber wandte er sich nach ihr um. Als er sie ansah, kroch Gertrud förmlich zusammen, als könne sie seinen Blick nicht ertragen. Er betrachtete sie still und stumm wohl eine ganze Minute; dann reichte er ihr seine Hand, damit sie sie küssen sollte, wie das unter seinen Anhängern Sitte war. Gertrud küßte in aller Demut seine Hand. Darauf bedeutete er sie mit seinem gewohnten Ernst, daß sie ihrer Wege gehen, und ihn nicht länger stören solle. Gertrud wandte sich gehorsam von ihm ab und ging langsam den Berg hinab. Es war ihr, als liege eine große Bedeutung in der Art und Weise, wie er Abschied von ihr nahm. Es war, als sage er: »Jetzt hast du mir eine Weile angehört und mir gedient, aber nun gebe ich dich frei, lebe jetzt auf der Erde für deine Mitmenschen.« Als sie sich der Kolonie näherte, schwand der Zauber nach und nach. Ich weiß ja, daß es nicht Christus ist, ich glaube nicht, daß es Christus ist, sagte sie von neuem. Aber sein Anblick hatte eine große Veränderung in ihr hervorgerufen. Allein dadurch, daß er das Bild Christi ihr vor die Augen geführt hatte, war es ihr, als könne jeder Stein die heilige Lehre wiederholen, die er einmal in diesem Lande verkündet hatte, als sängen die Blumen von der Glückseligkeit, die darin lag, auf seinen Wegen zu wandeln. Als Gertrud nach der Kolonie zurückkehrte, ging sie zu Ingmar hin. »Jetzt will ich mit dir nach Hause reisen, Ingmar«, sagte sie. Ingmar atmete ein paarmal tief auf. Es fiel ihm offenbar ein schwerer Stein vom Herzen. Er nahm Gertruds Hände zwischen die seinen und drückte sie. »Jetzt ist Gott sehr gut gegen mich gewesen«, sagte er.   »Wir werden uns wiedersehen!« In der Kolonie herrschte eine wunderliche Geschäftigkeit. Alle Darlekarlier hatten so viel auf ihren Zimmern zu tun, daß sie keine Zeit fanden, an ihre tägliche Arbeit auf dem Felde und in den Weinbergen zu denken, und die schwedischen Kinder hatten in der Schule freibekommen, um daheim arbeiten zu können. Es war beschlossen worden, daß Ingmar und Gertrud in zwei Tagen reisen sollten. Deswegen galt es jetzt, so schnell wie möglich alles das zusammenzubringen, was man mit ihnen in die Heimat schicken wollte. Jetzt hatte man Gelegenheit, eine kleine Erinnerung an Kameraden zu senden, mit denen man auf der Schulbank gesessen hatte, und an alte Freunde, die einem das ganze Leben hindurch treu gewesen waren. Jetzt konnte man zeigen, daß man hin und wieder einen freundlichen Gedanken für irgendeinen gehabt habe, von dem man sich getrennt hatte, und mit dem man in der ersten schweren Zeit daheim nicht mehr hatte verkehren wollen, und auch an kluge, alte Leute, deren Rat man bei der Abreise übel aufgenommen hatte. Jetzt konnte man den Eltern oder der Braut eine kleine Freude machen, und dem Pfarrer und dem Schulmeister, die sie alle erzogen hatten, eine kleine Aufmerksamkeit erweisen. Ljung Björn und Kolaas Gunnar saßen den ganzen Tag mit der Feder zwischen ihren steifen Fingern, und schrieben Briefe an Verwandte und Freunde, während Gabriel kleine Becher aus Olivenholz drechselte, und Karin Ingmarstochter eine Menge großer Photographien von Gethsemane und der heiligen Grabeskirche und dem schönen, großen Hause, in dem sie wohnten, und dem prächtigen Versammlungssaal, vor sich liegen hatte, und sie in verschiedene Päckchen verteilte. Auch die Kinder waren eifrig beschäftigt. Auf kleine, dünne Plättchen aus Olivenholz zeichneten sie Bilder mit Tusche, wie sie es in der amerikanischen Schule gelernt hatten. Und sie fertigten Photographierahmen an, auf die sie Proben von all den verschiedenen Samen und Kernen und Körnern klebten, die man im Morgenlande findet. Märta Ingmarstochter nahm ein Stück Drell vom Webstuhl und machte sich daran, Namen in Handtücher und Servietten zu sticken, die an ihren Schwager und ihre Schwägerin in der Heimat geschickt werden sollten. Und sie lächelte, während sie daran dachte, daß sie jetzt daheim sehen würden, daß sie das Weben nicht verlernt hatte, sondern daß der Drell ebenso fein und eben war, obwohl er in Jerusalem gewebt worden war. Die beiden Ingmarstochter, die in Amerika gewesen waren, standen da und füllten Aprikosen- und Pfirsichmarmelade in Kruken, und auf die Kruken schrieben sie liebe Namen, an die sie nicht ohne Tränen in den Augen denken konnten. Aber Israel Tomassons Frau stand am Kuchenbrett und rollte Pfefferkuchenteich aus, sie hatte auch noch einen Kuchen im Ofen, den sie nicht aus den Augen lassen durfte. Den Kuchen sollten Ingmar und Gertrud mit auf die Reise haben; aber die Pfefferkuchen, die konnten sich lange halten, so lange es sein sollte, die durften sie nicht anrühren, sondern sie zwischen die alte Frau in Mückelsmohr, die sich an dem Tage, als die Jerusalemfahrer von dannen zogen, so fein gemacht hatte und am Wegesrande stand, und Eva Gunnarstochter verteilen, die einstmals mit zur Gemeinde gehört hatte. Allmählich, als die kleinen Pakete fertig wurden, brachte man sie zu Gertrud hinein, und die packte sie alle in eine große Kiste. Wäre aber Gertrud nicht selbst in dem Kirchsprengel geboren, so hätte sie es niemals übernehmen können, alle diese verschiedenen Dinge in die Hände der rechtmäßigen Empfänger abzuliefern, denn auf einigen standen höchst merkwürdige Adressen. Sie mußte wirklich mehrmals nachdenken, ehe sie sich klar darüber werden konnte, wo sie »Franz, der am Kreuzweg wohnte«, und »Liese, die die Schwester von Per Larsson war«, und »Erich, der vor zwei Jahren beim Gemeindevorsteher diente«, finden sollte. Ljung Björnsson Gunnar kam mit dem größten Paket. Es war adressiert an »Karin, die in der Schule neben mir saß und irgendwo im Hochwalde wohnte«. Den Namen des Vaters hatte er vergessen, aber für Karin hatte er ein Paar Schuhe aus Lackleder mit hohen, spitzen Absätzen angefertigt. Er wußte selbst, daß dies das entzückendste Stück Schuhmacherarbeit war, das je in der Kolonie angefertigt worden war. »Und grüße sie und frage, ob sie nicht bald hierher zu mir kommen will, wie wir verabredet hatten, als ich von Hause fortreiste«, sagte er, indem er Gertrud das Paket anvertraute. Die Großbauern aber kamen zu Ingmar hin, und gaben ihm Briefe und wichtige Aufträge mit. »Und dann mußt du zum Pfarrer gehen und zum Gemeindevorsteher und zum Schullehrer,« meinten sie schließlich, »und ihnen erzählen, daß du mit deinen eigenen Augen gesehen hast, daß es uns hier gut geht, daß wir in einem richtigen Hause wohnen und nicht in Erdhöhlen, und daß wir ordentliches Essen bekommen, und daß wir arbeiten und einen sittsamen Lebenswandel führen.   Seit jenem Morgen, als Bo Ingmar auf dem Kirchhof im Tal Josaphat gefunden hatte, herrschte große Freundschaft zwischen ihnen, und sobald Bo nur eine müßige Stunde hatte, saß er bei Ingmar, der jetzt während der Krankheit allein in einem der Gastzimmer wohnte. Aber an dem Tage, als Gertrud vom Ölberge herabgekommen war, und versprochen hatte, mit Ingmar nach Dalarne zu reisen, erschien Bo nicht mehr im Krankenzimmer. Ingmar fragte mehrmals nach ihm, aber niemand war imstande, ihm zu sagen, wo Bo war. Je weiter der Tag vorschritt, um so unruhiger wurde Ingmar. Im ersten Augenblick, als Gertrud ihm versprochen hatte, mit ihm zu reisen, hatte er sich so froh und glücklich gefühlt. Er hatte nur Dankbarkeit empfunden, daß er sie jetzt endlich aus diesem gefährlichen Lande heimbringen konnte, wohin sie niemals gereist sein würde, wenn er sich nicht gegen sie versündigt hätte. Und sicherlich war er noch immer froh darüber, aber mit jeder Stunde, die ging, ward die Sehnsucht nach seiner Frau heftiger und heftiger. Es schien ihm ganz unmöglich, das durchzuführen, was er sich vorgenommen hatte. Da waren Augenblicke, wo er die allergrößte Lust empfand, Gertrud seine ganze Geschichte zu erzählen, aber bei näherem Nachdenken hatte er doch nicht den Mut, es zu tun. Sobald sie erfuhr, daß er sie nicht mehr liebte, würde sie sich wahrscheinlich weigern, mit ihm nach Hause zu reisen. Und er wußte nicht, ob ihn Gertrud liebte, ihn, Ingmar, oder einen andern. Zuweilen hatte er geglaubt, daß sie Bo liebe, aber jetzt in der letzten Zeit hatte er sich eingestehen müssen, daß Gertrud, so lange sie in der Kolonie gewohnt hatte, sicher keinen anderen als den geliebt hatte, den sie auf dem Ölberge erwartete. Aber wenn sie nun wieder in die Welt hinauskam, so würde möglicherweise die alte Liebe zu Ingmar wieder in ihrem Herzen erwachen. Und wenn dies geschehen sollte, war es doch besser, daß er sich mit ihr verheiratete und versuchte, sie glücklich zu machen, als beständig umherzugehen, und sich nach einer zu sehnen, die nie wieder die seine werden konnte. Aber obwohl er redlich mit sich selbst kämpfte, wuchs die innere Unlust, die ihn quälte, von Stunde zu Stunde. Während er da mit den verbundenen Augen saß, sah er seine Frau beständig vor sich. Es ist kein Irrtum möglich, sie liebe ich, mit ihr gehöre ich zusammen, dachte er. Keine andere hat Macht über mich. Ich weiß wohl, was mich bewogen hat, mich in das Unternehmen einzulassen, fuhr er fort. Ich wollte ebenso tüchtig sein wie mein Vater. So wie er die Mutter aus dem Gefängnisse heimführte, so dachte ich, wollte ich Gertrud aus Jerusalem heimführen. Aber ich verstehe jetzt, warum es mir nicht so ergehen kann wie dem Vater. Ich komme zu kurz, weil ich eine andere liebe. Endlich am Abend kam Bo zu Ingmar herein. Er blieb neben der Tür stehen, als sei es seine Absicht, gleich wieder zu gehen. »Ich höre, daß du nach mir gefragt hast«, sagte er. »Ja,« sagte Ingmar, »du weißt vielleicht, daß ich jetzt nach Hause reise.« »Ich habe gehört, daß es jetzt entschieden ist«, erwiderte Bo kurz. Ingmar saß mit einem Verband vor beiden Augen da. Er wandte den Kopf nach der Seite, wo Bo stand, als wolle er ihn gern sehen. »Es scheint, daß du es eilig hast«, sagte er. »Ja, ich habe sehr viel zu tun.« Bo trat einen Schritt auf die Tür zu. »Übrigens wollte ich dich gern noch etwas fragen.« Bo kehrte wieder in die Stube zurück, und Ingmar begann von neuem: »Höre einmal, Bo, hättest du nicht Lust, auf ein oder zwei Monate mit nach Hause zu reisen? Ich glaube wohl, daß deine Mutter sich sehr darüber freuen würde, dich wiederzusehen.« »Ich begreife nicht, wie du auf den Einfall kommen kannst«, sagte Bo. »Ja, wenn du Lust hättest, mitzureisen, so wollte ich dir wohl die Reise bezahlen«, fuhr Ingmar fort. »Ach so«, sagte Bo. »Ja«, sagte Ingmar und wurde immer eifriger. »Deine Mutter ist ja meine einzige Muhme, und ich habe gedacht, ich möchte ihr gern die Freude machen, dich noch einmal wiederzusehen, ehe sie stirbt.« »Du möchtest wohl am liebsten die ganze Kolonie mit nach Hause nehmen«, sagte Bo ein wenig höhnisch. Ingmar verstummte. Es war seine letzte Hoffnung gewesen, daß er Bo überreden könne, mit nach Hause zu kommen. »Ich glaube, Gertrud würde ihn bald lieber gewinnen als mich, wenn er nur mit fortgehen wollte«, dachte er. »Er ist immer treu gegen sie gewesen, und es muß doch wohl Eindruck auf sie machen, daß er sie so sehr liebt.« Nach einer Weile begann Ingmar von neuem, Hoffnung zu fassen. Es war gewiß meine eigene Schuld, dachte er; ich habe ihn gewiß nicht auf die rechte Weise gebeten. »Nun ja,« sagte er laut, »ich will ehrlich eingestehen, daß, wenn ich dich darum bitte, es hauptsächlich um meiner selbst willen geschieht.« Bo erwiderte nichts. Ingmar saß da und lauschte auf eine Antwort, aber als keine kam, fuhr er fort: »Ich kann nicht begreifen, wie es mir und Gertrud auf dieser langen, beschwerlichen Reise ergehen soll. Wenn ich die Binde noch immer um die Augen tragen muß, so weiß ich nicht, wie wir in all die kleinen Fährboote hinein und herauskommen sollen, die uns an die Dampfschiffe führen müssen. Und es wird sehr beschwerlich sein, die Fallreeptreppen und dergleichen zu erklettern. Ich bin geradezu bange, daß ich fehltreten und in die See fallen könnte. Es würde gut sein, wenn wir einen Mann auf der Reise mit hätten.« »Ja, darin hast du recht«, sagte Bo. »Und Gertrud versteht sich gewiß nicht darauf, Fahrkarten für uns zu kaufen.« »Ich bin ganz einig mit dir darin, daß du jemand mitnehmen mußt«, sagte Bo. »Ja,« sagte Ingmar erfreut, »ich dachte ja, du würdest es verstehen, daß es ganz notwendig ist, daß wir einen Begleiter mitnehmen.« »Ich finde, du solltest Gabriel bitten, sein Vater würde sich sicher freuen, ihn wiederzusehen.« Ingmar schwieg wieder, erschien sehr niedergeschlagen zu sein, als er von neuem begann. »Ich hatte mir nun in den Kopf gesetzt, daß ich dich mitnehmen wollte.« »Nein, mich mußt du nicht um so etwas bitten«, sagte Bo. »Ich bin so glücklich hier in der Kolonie. Du kannst ja sicher jeden anderen Beliebigen mitnehmen.« »Es ist ein großer Unterschied, wer mit mir kommt. Du bist viel mehr gereist, als irgendeiner von den andern.« »Ich kann aber doch nicht«, sagte Bo. Eine immer größere Unruhe überkam Ingmar. »Das ist eine große Enttäuschung für mich«, sagte er. »Ich glaubte, es sei dein Ernst, wenn du sagtest, daß du mein Freund sein wolltest.« Bo unterbrach ihn schnell. »Ich bin dir sehr dankbar für das Anerbieten, aber ich glaube nicht, daß du etwas sagen kannst, was mich auf andere Gedanken bringen könnte. Darum will ich jetzt nur gleich an meine Arbeit zurückkehren.« Damit wandte er sich schnell um und ging hinaus, ohne Ingmar Zeit zu lassen, noch ein Wort zu sagen. Als Bo aus Ingmars Zimmer gekommen war, konnte man ihm nicht anmerken, daß er es so eilig hatte, wie er gesagt hatte. Er ging ganz langsam zum Tor hinaus, und setzte sich unter den großen, alten Baum da draußen. Es war schon Abend, und jegliche Spur von Tageslicht war verschwunden, aber die Sterne und ein kleiner, heller Neumond strahlten schön am Himmel. Bo hatte keine fünf Minuten da draußen gesessen, als sich das Tor leise auftat, und Gertrud heraustrat. Sie stand erst einen Augenblick da und sah sich um, dann aber entdeckte sie Bo. »Bist du es, Bo?« sagte sie und kam auf ihn zu und setzte sich neben ihn. »Ich dachte ja, daß ich dich hier draußen finden würde«, sagte Gertrud. »Ja, hier haben wir manch einen Abend gesessen«, sagte Bo. »Das haben wir getan,« sagte Gertrud, »aber jetzt ist es wohl das letztemal.« »Ja, das ist es wohl.« Bo saß steif und aufrecht da. Seine Stimme klang kalt und hart, so daß man hätte glauben sollen, daß das, worüber sie sprachen, ihm die gleichgültigste Sache von der Welt sei. »Ingmar erzählte, daß er die Absicht habe, dich aufzufordern, mit uns zu reisen.« »Ja, er hat mich darum gebeten,« sagte Bo, »aber ich habe nein gesagt.« »Ja, ja, ich habe mir wohl gedacht, daß du nicht mit uns reisen würdest«, sagte Gertrud. Sie saßen eine Weile still und stumm da, als hätten sie einander nichts zu sagen. Aber Gertrud wandte mehrmals das Gesicht nach Bo um und sah ihn an. Er saß eine Weile steif da, den Kopf erhoben und sah zum Himmel empor. Als das Schweigen lange gewährt hatte, sagte Bo, ohne den Blick von den Sternen abzuwenden oder irgendeine Bewegung zu machen: »Wird es nicht zu kalt für dich, solange hier draußen zu sitzen?« - »Du möchtest wohl gern, daß ich fortginge?« sagte Gertrud. Bo senkte den Kopf, als wolle er ja sagen; er glaubte wohl nicht, daß Gertrud das im Dunkeln sehen könnte. Er sagte laut: »Meinetwegen kannst du gern sitzen bleiben.« »Ich bin heute abend hier hinausgekommen,« sagte Gertrud, »weil ich dachte, es sei unsicher, ob wir uns vor meiner Abreise wieder unter vier Augen sehen würden. Und da wollte ich die Gelegenheit ergreifen und dir für alle die Male danken, die du mich des Morgens nach dem Ölberge hinausbegleitet hast.« »Das habe ich um meiner selbst willen getan«, sagte Bo. »Ich wollte dir auch für damals danken, als du mir das Wasser aus dem Paradiesesbrunnen holtest«, sagte Gertrud mit einem Lächeln. Es schien, als wolle Bo antworten; aber statt der Worte kam etwas, das einem Schluchzen glich. Gertrud fand, daß an diesem Abend etwas so unendlich Rührendes über Bo liege, und sie hatte das tiefste Mitleid mit ihm. Es ist ein Jammer für ihn, daß wir uns nie wieder sehen sollen, dachte sie. Er ist auch ein tapferer Junge, daß er nicht klagt, und ich weiß ja doch, daß er mich sein ganzes Leben lang geliebt hat. Wenn ich doch nur wüßte, was ich mir ausdenken könnte, um ihn zu trösten. Könnte ich doch nur ein Wort sagen, worüber er sich freuen kann, wenn er des Abends hier unter dem alten Baume sitzt! Als Gertrud so dachte, war es ihr, als krampfe sich ihr eigenes Herz vor Schmerz zusammen, und ein wunderliches Gefühl, als wenn ihr ganzer Körper versteinert werde, überkam sie. Ich fürchte, daß ich Bo auch entbehren werde, dachte sie, wir haben uns in der letzten Zeit so viel zu sagen gehabt. Ich habe mich nun so daran gewöhnt, zu sehen, daß er froh wird, daß sein ganzes Gesicht strahlt, sobald wir uns begegnen, und es hat mir gut getan zu wissen, daß ich jemand neben mir hatte, der immer zufrieden mit mir war, was ich auch tun mochte. Sie saß noch eine Weile schweigend da. Sie fühlte die Sehnsucht wie eine Krankheit, die einen plötzlich überfällt, in sich aufsteigen. Was ist es doch nur, was ist es doch nur einmal, was über mich kommt, dachte sie. Die Trennung von Bo kann doch kein so großer Schmerz für mich sein. Plötzlich begann Bo zu reden. »Ich denke an etwas, was ich heute den ganzen Abend vor mir sehe«, sagte er. – »Erzähle mir doch, was es ist«, sagte Gertrud eifrig. Es war ihr, als werde ihr leichter ums Herz, seit er redete. – »Ja,« sagte Bo, »Ingmar erzählte mir einmal von einem Räderwerk, das er auf dem Ingmarshof hat. Ich glaube, es war seine Absicht, daß ich mit ihm nach Hause kommen und es pachten sollte.« »Das ist ein Beweis dafür, daß Ingmar große Freundschaft für dich empfindet,« sagte Gertrud, »denn er hat nichts, worauf er größeren Wert legt als das.« »Aber nun höre ich dies Sägewerk den ganzen Abend vor meinen Ohren sausen und brausen«, sagte Bo. »Der Gießbach rauscht, die Sägeblätter kreischen, und die Balken liegen da, und prallen im Elf gegeneinander. Du kannst dir nicht vorstellen, wie herrlich das klingt, und dann sitze ich da und denke daran, wie es sein würde, für eigene Rechnung arbeiten zu können und etwas für sich selbst zu haben, und nicht so ganz in einer Kolonie aufzugehen.« »So, hast du daran gedacht, während du so schweigend hier gesessen hast?« sagte Gertrud in einem ziemlich kühlen Ton, denn sie fühlte sich, sie wußte nicht recht weswegen, durch Bos Worte enttäuscht. »Danach brauchst du doch nicht lange zu seufzen, du brauchst ja nur mit Ingmar nach Hause zu reisen.« »Ja, da ist aber noch etwas anderes«, sagte Bo. »Siehst du, Ingmar hat mir erzählt, daß er Holz fertig liegen hat, um ein Haus neben dem Sägewerk zu bauen. Er sagt, er hat einen Bauplatz auf einem Hügel oberhalb des Gießbaches abgesteckt, da, wo ein paar große Birken stehen. Und dies Haus sehe ich nun den ganzen Abend vor mir. Ich sehe es auswendig und inwendig. Ich sehe die grünen Tannenzweige vor der Tür. Ich sehe das Feuer, das auf dem Herd brennt. Und wenn ich aus dem Sägewerk heimkomme, so sehe ich eine, die dasteht und mich in der offenen Tür erwartet.« »Jetzt, finde ich, wird es kalt, Bo«, sagte Gertrud, ihn unterbrechend. »Glaubst du nicht auch, daß wir jetzt hineingehen sollten?« »So, also jetzt willst du hineingehen«, sagte Bo. Aber doch rührten sie sich nicht vom Fleck, sondern blieben in einem langen, fast ununterbrochenen Schweigen nebeneinander sitzen. Einmal sagte Gertrud zu Bo: »Ich glaubte, du liebtest die Kolonie mehr als alles andere, Bo, daß du um nichts in der Welt dich von ihr trennen würdest.« »Ach ja,« sagte Bo, »da ist wohl etwas, wofür ich sie opfern würde.« Gertrud saß wieder stumm da und dachte nach, dann sagte sie: »Willst du mir nicht sagen, was das ist?« Bo antwortete nicht gleich, erst nachdem er sich lange besonnen hatte, antwortete er mit halb erstickter Stimme: «Ich kann es dir ja gern sagen, das wäre, wenn die Frau, die ich liebe, käme und zu mir sagte, daß sie mich auch liebte.« Gertrud wurde so still, daß sie kaum zu atmen wagte. Aber obwohl kein Wort gesagt wurde, war es doch, als habe Bo Gertrud sagen hören, daß sie ihn liebe oder so etwas Ähnliches, denn er fing wieder an und sprach sehr schnell: »Du sollst sehen, Gertrud, jetzt erwacht die Liebe zu Ingmar wieder in dir. Du bist eine Weile böse auf ihn gewesen, weil er dich verlassen hat, aber jetzt, wo du ihm verziehen hast, wirst du ihn wohl wieder so lieben wie ehedem.« Er hielt inne, um ihre Antwort abzuwarten, aber Gertrud saß schweigend da. »Es würde schrecklich sein, wenn du ihn nicht liebtest«, fuhr Bo fort. »Denke doch an alles, was er für dich getan hat, um dich wiederzugewinnen! Er wollte lieber blind werden, als ohne dich heimreisen!« »Ja, es würde schrecklich sein, wenn ich ihn nicht lieb hätte«, sagte Gertrud mit fast ersterbender Stimme. Sie begriff, daß sie bis zu diesem Abend in ihrem innersten Innern geglaubt hatte, daß sie nie einen andern lieben könne als Ingmar. »Ich kann heute abend nicht über mich selber klar werden, Bo«, sagte Gertrud. »Ich weiß nicht, was mit mir ist, aber du mußt nicht mit mir von Ingmar reden.« Und dann sagte bald der eine, bald der andere etwas davon, daß sie jetzt wohl hineingehen müßten, und doch blieben sie sitzen, bis Karin Ingmarstochter hinauskam und sie rief. »Ich soll euch von Ingmar sagen, ob ihr nicht beide zu ihm hereinkommen wollt«, sagte sie. Es traf sich so, daß, während Gertrud draußen gesessen und mit Bo geredet hatte, Karin bei Ingmar gewesen war. Karin hatte ihm verschiedene Grüße aufgetragen, die sie in die Heimat senden wollte. Sie zog die Unterhaltung sehr in die Länge, es war deutlich, daß sie ihm etwas zu sagen hatte, was sie schwer herausbringen konnte. Schließlich sagte sie in einem langsamen und gleichgültigen Ton, daß jeder, der sie kannte, begreifen konnte, daß das, was jetzt kam, ihr eigentliches Anliegen war: »Es ist ein Brief an Ljung Björn von seinem Bruder Peter gekommen.« »So?« sagte Ingmar. »Ich will dir nur sagen, daß ich dir unrecht tat, als wir damals in meiner Stube miteinander sprachen, gleich als du gekommen warst«, sagte Karin. »Ach nein,« sagte Ingmar, »du sagtest nur, was du für Recht hieltest.« »Nein, ich verstehe jetzt, daß du Ursache hattest, dich von Barbro scheiden zu lassen«, sagte Karin. »Ljung Per schreibt, daß sie keine anständige Frau ist.« »Ich habe nie ein böses Wort über Barbro gesagt«, sagte Ingmar. »Sie sagen, es sei ein Kind auf dem Ingmarshof geboren.« »Wie alt ist das Kind?« fragte Ingmar. »Es soll im August geboren sein.« »Das ist eine Lüge«, sagte Ingmar und schlug mit der geballten Faust auf den Tisch. Er hätte fast Karins Hand getroffen, die auf der Tischplatte lag. »Schlägst du mich jetzt?« sagte sie. »Ich habe nicht gesehen, daß deine Hand da lag«, sagte Ingmar. Karin sprach noch eine Weile hierüber, und Ingmar beruhigte sich bald wieder. »Du kannst dir doch denken, daß ich mich nicht freue, so etwas zu hören«, sagte er. »Jetzt möchte ich dich bitten, Ljung Björn von mir zu grüßen, und er soll nicht weiter hierüber reden, ehe wir wissen, wie viel Wahres hieran ist.« »Ich will schon dafür sorgen, daß er schweigt«, sagte Karin. »Und dann wollte ich dich fragen, ob du nicht Bo und Gertrud bitten willst, zu mir hereinzukommen«, sagte Ingmar. Als Gertrud und Bo in das Krankenzimmer kamen, saß Ingmar zusammengekauert in einem finsteren Winkel. Sie konnten ihn im Anfang gar nicht sehen. »Was hast du nur, Ingmar?« fragte Bo. »Ich habe das, daß ich etwas übernommen habe, was über meine Kräfte geht«, sagte Ingmar. Er saß da und wiegte sich hin und her. «Ingmar«, sagte Gertrud und ging zu ihm heran, »erzähle mir jetzt ganz aufrichtig, was dich quält! Wir haben nie ein Geheimnis voreinander gehabt, seit wir Kinder waren.« Ingmar saß da und stöhnte. Gertrud trat dicht an ihn heran und legte ihm die Hand auf den Kopf. »Ich glaube, ich kann erraten, Ingmar, was dir fehlt«, sagte sie. Ingmar erhob plötzlich den Kopf. »Ach nein, Gertrud, du sollst nichts erraten«, sagte er. Im selben Augenblick schob er die Hand in seine Brusttasche, und nahm eine Brieftasche heraus und reichte sie ihr. »Kannst du sehen, daß da ein großer Brief liegt, der an den Pfarrer daheim geschrieben ist?« »Ja,« sagte Gertrud, »der liegt da. »Nun will ich dich bitten, diesen Brief zu lesen,« sagte Ingmar, »du und Bo, ihr sollt ihn beide lesen. Ich habe ihn gleich nach meiner Ankunft hier geschrieben, aber da hatte ich nicht Kraft genug, ihn abzuschicken.« Bo und Gertrud setzten sich an den Tisch und lasen. Ingmar blieb in seiner Ecke sitzen. Er saß da und hörte, wie sie die Blätter während des Lesens umwandten. Jetzt lesen sie dies und nun dies . Jetzt sind sie an die Stelle gekommen, wo Barbro mir erzählt, wie Berger Sven Persson uns überlistet hat. Mann und Frau zu werden. Jetzt lesen sie, wie sie die silbernen Humpen zurückkaufte, und jetzt müssen sie an die Geschichte gekommen sein, die mir Stig Börnjesson erzählte, und jetzt erfährt Gertrud, daß ich mir nichts mehr aus ihr mache, jetzt sieht sie so recht, welch ein Lump ich bin! Atemlose Stille herrschte im Krankenzimmer. Gertrud und Bo machten keine Bewegung, außer wenn sie ein Blatt umwandten. Es war, als wagten sie nicht zu atmen. Und wie soll Gertrud verstehen können, daß es mich gerade heute so überwältigt hat, wo sie nachgegeben hat, daß ich es nun nicht lassen kann, ihr zu sagen, daß ich Barbro liebe, dachte Ingmar. Und wie soll ich es selbst verstehen, daß, als ich hörte, daß man Barbro verleumdete, es mir klar wurde, daß ich mich nicht an eine andere binden kann? Ich weiß nicht, was mir ist, ich glaube nicht, daß ich je wieder ich selbst werde. Er lauschte eifrig, wartete unaufhörlich, daß die andern etwas sagen sollten, hörte aber nichts weiter als das Rascheln des Papiers. Endlich konnte er es nicht länger ertragen. Er schob vorsichtig die Binde von dem Auge, mit dem er noch sehen konnte. Da sah er Bo und Gertrud an. Sie saßen noch da und lasen, aber ihre Köpfe waren einander so nahe gekommen, daß sie fast Wange an Wange saßen, und Bo hatte den Arm um Gertrud gelegt. Und während sie lasen, und mit jedem Blatte, das sie umwandten, um so enger rückten sie aneinander. Ihre Wangen glühten, hin und wieder erhoben sie den Blick vom Papier und sahen sich tief in die Augen, und ihre Augen waren so dunkel und strahlend wie nie zuvor. Als sie endlich mit dem letzten Bogen fertig geworden waren, sah Ingmar, daß Gertrud sich fest an Bo schmiegte, und so saßen sie da und hielten einander umfangen, heftig bewegt und feierlich. Von allem, was sie gelesen hatten, hatten sie vielleicht nichts weiter begriffen, als daß ihrer Liebe nichts mehr im Wege stehe. Und Ingmar faltete leise seine großen Hände, die aussahen, wie die eines alten, abgearbeiteten Mannes und dankte Gott. Und es währte lange, ehe eines von den dreien sich bewegte.   Die Kolonisten versammelten sich im großen Saal zur Morgenandacht. Es war die letzte Andachtsstunde in der Kolonie, an der Ingmar teilnahm. Er und Gertrud und Bo wollten in ein paar Stunden mit der Bahn nach Jaffa reisen. Bo hatte am vorhergehenden Tage Mrs. Gordon und einigen von den Leitenden in der Kolonie mitgeteilt, daß es seine Absicht sei, Ingmar nach Schweden zurückzubegleiten und dort zu bleiben. Dadurch war er gezwungen, Ingmars ganze Geschichte zu erzählen. Mrs. Gordon saß lange da und dachte darüber nach, was sie gehört hatte, und dann sagte sie: »Ich glaube nicht, daß jemand die Verantwortung auf sich nehmen kann, Ingmar noch unglücklicher zu machen, als er schon ist. Darum will ich dir auch nichts in den Weg legen, mit ihm heimzureisen. Aber es ist mir so, als wenn du und Gertrud einstmals zurückkehren werdet, und ich bin überzeugt, daß ihr euch auch nie wieder anderswo glücklich fühlen werdet.« Aber damit Ingmar und die andern mit voller Einigkeit und Freude von der Kolonie scheiden konnten, ward beschlossen, daß die große Mehrzahl der Mitglieder nichts weiter wissen sollte, als daß Bo Ingmar und Gertrud begleitete, um ihnen auf der beschwerlichen Reise behilflich zu sein. Sobald dann die Morgenandacht beginnen sollte, wurde Ingmar in den Versammlungssaal hineingeführt. Mrs. Gordon erhob sich alsdann und trat ihm entgegen. Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn auf den Platz neben dem ihren. Sie hatte einen bequemen Stuhl für ihn hingestellt und war ihm jetzt mit großer Sorgfalt behilflich, darin Platz zu nehmen. Dann begann Miß Young, die an der Orgel saß, ein Lied zu singen, und die Morgenandacht wurde auf die gewöhnliche Weise abgehalten. Aber als Mrs. Gordon die kurze Bibelerklärung beendet hatte, die sie jeden Morgen abzuhalten pflegte, erhob sich die alte Miß Hoggs und bat Gott, daß er Ingmar eine gute Reise und glückliche Heimkehr bescheiden möge. Dann erhob sich einer von den Amerikanern und Syriern nach dem andern, und alle baten sie Gott, daß er Ingmar das rechte Licht der Wahrheit schenken möge. Einige von ihnen beteten mit schönen Worten. Sie versprachen, jeden Tag für Ingmar, der ihr liebster Bruder sei, zu beten, und sie hofften, daß er seine Gesundheit wiedergewinnen würde, und alle wünschten, daß er nach Jerusalem heimkehren möge. Während die Fremden redeten, schwiegen die Schweden. Sie saßen Ingmar gerade gegenüber und sahen ihn an. Während sie Ingmar ansahen, mußten sie unwillkürlich an das denken, was sicher und gesetzt und wohlgeordnet in dem alten Lande war, und während er hier drüben bei ihnen gewesen war, hatten sie ein Gefühl, daß etwas von alledem zu ihnen gekommen sei. Aber nun, wo Ingmar wieder abreiste, überkam sie die Angst der Hilflosigkeit. Sie fühlten sich so verwirrt in dem gesetzlosen Lande zwischen allen diesen fremden Menschen, die ohne Schonung oder Barmherzigkeit miteinander um Menschenseelen kämpften. Und dann kehrten ihre Gedanken mit großer Wehmut nach der alten Heimat zurück. Sie sahen die ganze Gemeinde mit den Äckern und Höfen, und die Menschen bewegten sich friedlich und still auf den Wegen. Alles war sicher. Ein Tag folgte dem andern auf dieselbe Weise. Das eine Jahr glich dem andern so sehr, daß man sie fast nicht voneinander unterscheiden konnte. Aber gerade als sich die Bauern der großen Stille in der Heimat erinnerten, kam es über sie, wie groß und berückend es war, daß sie jetzt ins Leben hineingelangt waren, daß sie ein Ziel erhalten hatten, für das sie lebten, und daß sie aus der grauen Einförmigkeit der Tage herausgekommen waren. Einer von ihnen erhob seine Stimme und fing an, auf schwedisch zu beten und sagte: »Ich danke dir, Herr, daß du mich hast nach Jerusalem kommen lassen.« Dann erhob sich der eine nach dem andern und dankte Gott, weil er ihn nach Jerusalem geführt hatte. Sie dankten ihm für die liebe Kolonie, die ihre große Freude war, sie dankten ihm, weil ihre Kinder von ihrer frühesten Jugend an in Frieden und Einigkeit mit allen Menschen leben konnten. Sie hofften, daß die Jungen viel weiter in Vollkommenheit gelangen möchten, als sie selber gelangt waren. Sie dankten für Verfolgungen und Leiden, sie dankten für die schöne Lehre, die sie auszubreiten berufen waren. Keiner setzte sich nieder, ohne Zeugnis abgelegt zu haben von dem großen Glück, das seine Seele erfüllte. Und Ingmar begriff, daß dies alles um seinetwillen gesagt wurde, und daß sie wünschten, daß er daheim erzählen sollte, daß sie alle glücklich seien. Schließlich, als dieser Strom von Zeugnissen beendet war, stimmte Miß Young ein Lied an, und dann glaubten alle, daß die Feier beendet sei, und erhoben sich, um zu gehen. Da aber sagte Mrs. Gordon: »Heute wollen wir noch ein schwedisches Lied singen.« Da stimmten die Schweden denselben Gesang an, den sie damals gesungen hatten, als sie aus ihrer Heimat fortgezogen waren. »Wir werden uns wiedersehen,« sangen sie, »wir werden uns wiedersehen, wir werden uns wiedersehen. Im Paradies werden wir uns wiedersehen.« Und als die Töne des Liedes erklangen, waren sie alle so stark bewegt, und den meisten traten Tränen in die Augen. Jetzt dachten sie wieder an alle die, die sie entbehren mußten, und die sie erst im Himmel wiedersehen würden. Aber in dem Augenblick, als der Gesang beendet war, erhob sich Ingmar und versuchte, ein wenig mit ihnen zu reden. Es war ihm, als müsse er seinen Landsleuten einige Worte sagen, die gleichsam aus dem Lande zu ihnen gesprochen waren, zu dem er jetzt zurückkehrte. »Ich möchte euch gern sagen, daß ich finde, ihr tut uns daheim zu große Ehre an«, sagte er. »Ich finde, daß sich alle freuen müssen, wo sie sich auch begegnen, mag es im Himmel sein oder auf Erden. Ich meine, daß nichts schöner ist, als einen Menschen große Opfer um der Gerechtigkeit willen bringen zu sehen.«   Heimkehr von der Wallfahrt Jetzt müssen wir erzählen wie es Barbro Svenstochter ergangen war, nachdem Ingmar nach Jerusalem gereist war. Als Ingmar ungefähr einen Monat fortgewesen war, begann die alte Lisa auf dem Ingmarshofe zu bemerken, daß eine wunderliche Unruhe und Rastlosigkeit über Barbro gekommen war. »Es ist doch sonderbar, wie wild sie aus den Augen sieht«, dachte die Alte. »Es sollte mich nicht wundern, wenn sie eines schönen Tages den Verstand verlöre.« Eines Abends entschloß sie sich, Barbro auszufragen, »Ich kann nicht begreifen, was dir fehlt«, sagte sie. »Als ich jung war, sah ich in einem Winter die Frau auf dem Ingmarshofe mit eben solchen Augen umhergehen wie du sie jetzt hast.« »War das die, die das Kind umbrachte?« fragte Barbro schnell. »Ja,« sagte die Alte, »und nun fange ich an zu glauben, daß auch du dich mit dergleichen Gedanken trägst.« Barbro gab keine rechte Antwort hierauf. »Jedesmal, wenn ich die Geschichte habe erzählen hören,« sagte sie, »habe ich mich immer über eins wundern müssen.« Die alte Lisa fragte, was das sei. »Daß sie sich selbst nicht auch gleich umgebracht hat.« Die alte Lisa hatte dagesessen und gesponnen. Sie legte jetzt die Hand auf das Rad, um es anzuhalten, und richtete die Augen auf Barbro. »Niemand kann sich darüber wundern, daß du so bedrückt bist, falls du nun was Kleines haben solltest, jetzt, wo dein Mann fortgereist ist«, sagte sie langsam. »Er hat wohl nichts davon gewußt, als er abreiste?« »Niemand von uns hat davon gewußt, weder er noch ich«, sagte Barbro mit leiser Stimme, als bedrücke sie ein schwerer Kummer, weil sie nicht reden konnte. »Aber jetzt schreibst du es ihm wohl?« »Nein,« sagte Barbro, »der einzige Trost, den ich habe, ist, daß er fort ist.« Die Alte ließ die Hände sinken und sah entsetzt aus. »Ist das ein Trost?« rief sie aus. Barbro stand am Fenster und starrte vor sich hin. »Weißt du nicht, daß ein Fluch auf mir ruht?« fragte sie, und bemühte sich, ihre Stimme so ruhig wie möglich zu machen. »Ach ja, man kann wohl nicht so viele Jahre hier im Hause aus und eingehen, ohne allerlei zu hören,« sagte die Alt«. »Ich habe ja gehört, daß du aus der Familie vom Trauerhügel abstammen sollst.« Nun wurde eine Weile nicht mehr gesprochen. Die alte Lisa saß da und ließ das Rad schnurren, während sie hin und wieder einen Blick zu Barbro hinüberwarf, die noch immer am Fenster stand und mehrmals wie im Fieberschauer zitterte. Als fünf Minuten vergangen waren, hielt die Alte mit ihrer Arbeit inne und ging nach der Tür. »Wo willst du hin?« fragte Barbro. »Das kann ich dir gern sagen. Ich will hin und sehen, ob ich nicht jemand finden kann, der an Ingmar schreibt.« Barbro stellte sich ihr schnell in den Weg. »Das sollst du nachlassen«, sagte sie. »Ehe der Brief geschrieben ist, liege ich im Gießbach.« Sie standen eine Weile da und sahen sich an. Barbro war groß und stark, die alte Lisa glaubte, daß sie sie mit Gewalt zurückhalten würde. Aber auf einmal brach Barbro in ein Gelächter aus und trat auf die Seite. »Schreib du nur,« sagte sie, »mir kann es einerlei sein. Es kommt nichts weiter dabei heraus, als daß ich dem ganzen ein wenig früher ein Ende machen muß, als ich gedacht hatte.« »Nein«, sagte die Alte, die begriff, daß sie vorsichtig mit Barbro umgehen müsse, solange sie sich in einer solchen Gemütsverfassung befand. »Ich kann das Schreiben ja nachlassen. Ich will dich nicht zu einem verzweifelten Schritt verleiten.« »Ja, schreib du nur«, sagte Barbro. »Mir macht es nichts aus. Du kannst wohl begreifen, daß ich mir doch das Leben nehmen muß. Man kann es wirklich nicht verantworten, solch ein Elend weiter gehen zu lassen.« Die Alte kehrte an ihren Spinnrocken zurück, und setzte sich wieder an die Arbeit. »Willst du nicht gehen und den Brief schreiben lassen?« sagte Barbro und trat zu ihr heran. »Ich weiß nicht, ob ich ein vernünftiges Wort mit dir sprechen darf?« sagte die alte Lisa. »Ach ja,« sagte Barbro, »das kannst du gern tun.« »Ich sitze hier und denke daran,« sagte die Alte, »daß ich dir versprechen will, dies alles geheim zu halten, dafür sollst du mir dann aber auch versprechen, daß du weder dir noch dem Kinde ein Leid antust, ehe wir sicher sind, daß es so kommt, wie du es erwartest.« Barbro stand da und überlegte. »Versprichst du mir, daß du mir hinterher freie Hand läßt?« »Ja,« sagte die Alte, »hinterher kannst du tun, was du tun willst, das verspreche ich dir.« »Ich finde eigentlich, ich könnte mir doch lieber jetzt gleich das Leben nehmen«, sagte Barbro mit einem gleichgültigen; Blick. »Ich! glaubte, du könntest jetzt vor allen Dingen wünschen, daß Ingmar Gelegenheit hätte, das wieder gutzumachen, was er verkehrt gemacht hatte,« sagte die Alte, »aber daraus kann ja doch nichts werden, wenn er solche Nachricht bekommt.« Barbro griff sich nach dem Herzen. »Es soll so sein, wie du willst«, sagte sie. »Aber dies ist ein schweres Versprechen. Bedenke, was du versprochen hast und hintergehe mich nicht.« Dies war eine Verabredung, und sie wurde gehalten. Die alte Lisa verriet nichts, und Barbro nahm sich in Zukunft auch so in acht, daß niemand ahnte, was ihr bevorstand. Das Glück wollte, daß der Frühling in diesem Jahr früh kam; der Schnee schmolz schon im März im Walde. Sobald nur ein einziger grüner Grashalm zu finden war, ließ Barbro einen Teil der Viehherde nach der Alm hinaustreiben, die hoch oben in dem einsamen Ödeland lag. Sie und die alte Lisa gingen mit hinauf, um das Vieh zu hüten. Ende Mai wurde dann ein Kind geboren. Es war ein Junge, und er sah viel jämmerlicher aus als das Kind, das Barbro im vorhergehenden Jahr zur Welt gebracht hatte. Es war klein und mager und schrie unaufhörlich. Als die alte Lisa es Barbro brachte, lachte sie bitter: »Es war wirklich nicht wert, mich zu zwingen, um dieses Kindes willen zu leben«, sagte sie. »Man kann so einem kleinen Wesen niemals ansehen, was daraus werden wird«, sagte die Alte. »Denke jetzt an dein Versprechen, daß ich von nun an Erlaubnis habe, zu tun, was ich will«, sagte Barbro mit harter Stimme. »Ja,« sagte die Alte, »aber ich muß doch erst sicher sein, daß es blind ist.« »Willst du mir vielleicht einreden, daß du nicht sehen kannst, wie das Kind beschaffen ist?« fragte Barbro. Barbro selbst war diesmal weit elender als das vorige Mal. Die ganze erste Woche war sie so schwach, daß sie nicht aus dem Bett herauskommen konnte, und das Kind war nicht drinnen bei ihr; die Alte hielt es in einem der kleinen Heuschuppen, die zu der Alm gehörten, versteckt. Sie war Tag und Nacht mit ihm beschäftigt, gab ihm Ziegenmilch zu trinken und hielt es mit größter Mühe am Leben. Ein paarmal am Tage kam sie damit zur Mutter. Dann drehte sich Barbro nach der Wand um, um es nicht zu sehen. Eines Tages stand die alte Lisa an dem kleinen Fenster und dachte, was für ein jämmerlich kleines Wesen es doch sei. »Ei, sieh doch,« rief sie plötzlich aus und beugte sich vor, um besser sehen zu können, »hier kommen Leute auf das Haus zu.« Augenblicklich war sie mit dem Kinde bei Barbro. »Du mußt den Kleinen solange nehmen. Ich muß zu den Leuten hinausgehen und ihnen sagen, daß du hier krank im Hause liegst, und daß es nicht geht, daß sie hereinkommen.« Sie legte das Kind in das Bett, und Barbro ließ es liegen, ohne es anzurühren. Es schrie ununterbrochen so laut es konnte. Die alte Lisa kam gleich wieder herein. »Das Kind schreit aber auch wirklich so, daß man es durch den ganzen Wald hören kann«, sagte sie. »Kannst du es nicht zum Schweigen bringen? Es ist rein unmöglich, es den Leuten geheim zu halten, daß wir es hier haben.« Sie lief wieder hinaus, sobald sie das gesagt hatte. Barbro wußte keinen andern Rat, als das Kind an die Brust zu legen. Die Alte blieb ziemlich lange fort. Als sie dann zurückkam, schlief das Kind, und Barbro lag da und sah es an. »Du brauchst nicht bange zu sein,« sagte die alte Lisa, »sie haben nichts gehört, sie sind einen andern Weg gegangen.« Barbro sah sie mit einem finsteren Blick an. »Du denkst wohl, daß du recht schlau gewesen bist«, sagte sie. »Glaubst du nicht, daß ich recht gut weiß, daß niemand da draußen war, und daß du mich nur ängstigen wolltest, damit ich das Kind nehmen sollte?« »Ich kann es ja gern wieder hinausnehmen«, sagte die Alte. »Nein, jetzt kann es hier gern liegen bleiben, bis es erwacht.« Gegen Abend wollte die alte Lisa wieder mit dem Knaben hinausgehen. Er war jetzt still und lieb und lag da und machte die kleinen Hände auf und zu. »Was machst du des Nachts mit ihm?« fragte Barbro. »Er liegt da draußen im Heuschuppen.« »Läßt du ihn da liegen wie eine junge Katze?« »Ich glaubte, es käme nicht so genau darauf an, was ich mit dem Kinde machte. Aber er kann ja gern hier in der Stube bleiben, wenn du ihn haben willst.« Als der Junge sechs Tage alt war, saß Barbro aufrecht im Bett und sah zu, wie die alte Lisa ihn wickelte. »Du faßt ihn auch ganz verkehrt an«, sagte Barbro. »Es ist wirklich kein Wunder, daß er so viel schreit.« »Ich habe doch schon andere Kinder gewartet«, sagte die Alte. »Ich sollte meinen, ich verstehe ebenso viel davon wie du.« Barbro antwortete nicht gleich, im stillen aber dachte sie, daß sie nie jemand so ungeschickt mit einem Kinde hatte umgehen sehen. »Du hältst ihn ja so, daß er ganz schwarzblau im Gesicht wird«, sagte sie schließlich ungeduldig. »Ich konnte ja nicht wissen, daß man den Wechselbalg so vorsichtig anfassen muß, als wenn er ein Prinz wäre«, sagte die Alte und wurde böse. »Aber wenn du nicht zufrieden mit mir bist, kannst du es ja selbst tun.« Und als sie das gesagt hatte, warf sie das Kind zu Barbro ins Bett und ging hinaus. Barbro nahm den Kleinen. Sie wickelte ihn, und bald lag der Junge still und vergnügt in ihrem Arm. »Siehst du wohl, jetzt ist er still,« sagte sie, als sie zurückkam, und dabei sah sie ganz stolz aus. »Ich habe sonst immer gehört, daß ich ganz gut mit Kindern umzugehen weiß«, sagte die Alte wieder, und war dann längere Zeit schlechter Laune. Von nun an besorgte Barbro das Kind regelmäßig. Eines Tages, als sie noch im Bett lag, bat sie Lisa, ihr eine reine Windel für den Kleinen zu geben. Die Alte antwortete, sie habe keine; sie habe die, die vorhanden seien, noch nicht ausgewaschen. Barbro wurde dunkelrot, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Das Kind hat es auch wirklich nicht besser, als wenn es von einer Bettlerin geboren wäre«, sagte sie heftig. »Das hättest du früher bedenken sollen«, sagte die Alte. »Ich möchte wohl wissen, was du hättest anfangen wollen, wenn ich nicht alles zusammengepackt hätte, was ich an Kinderzeug finden konnte, und es mit hier herauf genommen hätte.« Barbro dachte nach. Die finstere Verzweiflung, in der sie den ganzen Winter gelebt hatte, packte sie von neuem und machte sie hart. »Es wäre besser gewesen, wenn das Kind nie gewickelt und gepflegt wäre«, sagte sie. Am nächsten Tag stand Barbro auf. Sie nahm Nadel und Fäden und machte sich daran, ein Bettuch zu zerschneiden, um Kinderzeug daraus zu nähen. Als sie eine Weile bei dieser Arbeit gesessen hatte, befielen die finsteren Gedanken sie wieder. »Was nützt es, daß ich dies alles für ihn zurecht mache, es wäre besser, ich ginge mit ihm in das Torfmoor; da enden wir beide doch einmal.« Sie ging nun zu der alten Lisa hinaus, die dasaß und die Kühe melkte, ehe sie in den Wald getrieben werden sollten. »Lisa,« sagte sie zu ihr, »weißt du, wie lange es noch dauern mag, bis wir ganz sicher sein können, daß das Kind nicht sehen kann?« »Ach, das mag wohl noch acht oder vierzehn Tage dauern, ehe man ganz sicher sein kann«, erwiderte die Alte. Barbro kehrte wieder in das Haus zurück und setzte sich an die Arbeit. Aber sie führte die Schere nicht sicher, sie merkte, daß ihr die Hände zitterten. Dasselbe Zittern verbreitete sich bald über ihren ganzen Körper, und sie mußte alle Augenblicke mit der Arbeit innehalten. »Großer Gott,« dachte sie, »was habe ich nur einmal? Ist es möglich, daß ich mich so darüber gefreut habe, daß ich den Jungen noch einige Wochen behalten darf, daß ich deswegen an allen Gliedern zittere?« Die alte Lisa hatte es recht schwer da oben auf der Alm. Sie mußte die Kühe auf die Weide treiben und das Melken ganz allein besorgen. Barbro dachte jetzt an nichts weiter als daran, den Jungen zu warten, und war nicht imstande, ihr bei irgend etwas zu helfen. »Mein Gott, Barbro, du könntest doch auch ein klein wenig mehr tun, als dasitzen und den Jungen anstarren«, sagte die Alte eines Tages, als sie ganz ermüdet war. Barbro stand auf und ging zum Hause hinaus, aber auf der Schwelle kehrte sie um. »Später wirst du schon Hilfe bekommen«, sagte sie. »Die paar Tage, die er noch zu leben hat, möchte ich nicht gern von ihm gehen.« Je lieber nun Barbro den Jungen gewann, um so häufiger sagte sie sich selbst, daß sie ihm keine größere Barmherzigkeit erweisen könne, als ihren ersten Vorsatz auszuführen. Der Junge war noch immer schwach und kränklich. Er nahm kaum zu an Gewicht, und er war nicht viel größer als da er zur Welt kam. Und was ihr am meisten Sorge verursachte, war, daß seine Augen immer geschwollen und rot gerändert waren. Er machte kaum den Versuch, die Augenlider zu heben. Eines Tages geschah es, daß die alte Lisa davon zu sprechen begann, wie alt das Kind jetzt sei. »Nun ist der Junge schon drei Wochen, Barbro«, sagte sie. »Nein,« sagte Barbro heftig, »morgen wird er erst drei Wochen alt.« »Na ja,« sagte die Alte, »dann habe ich mich wohl verrechnet. Aber ich sollte doch meinen, daß er an einem Mittwoch geboren wurde.« »Ich finde wirklich, du könntest es mir gönnen, daß ich ihn noch einen Tag behalte«, sagte Barbro. Als die alte Lisa sich am nächsten Morgen anzog, sagte sie zu Barbro: »Mit der Weide für die Kühe hier in der Nähe sieht es schlecht aus, ich glaube, ich will sie ein Stück weiter in den Wald hineintreiben, wir kommen wohl kaum vor Abend nach Hause.« Barbro wandte sich heftig nach ihr um; es schien, als wolle sie etwas sagen, aber sie preßte die Lippen zusammen und schwieg. »Wolltest du noch etwas?« fragte die Alte. Es war ihr, als hätte Barbro sie bitten wollen, zu Hause zu bleiben. Aber daraus wurde doch nichts. Am Abend kam die Alte langsam mit dem Vieh zurück. Sie ging dahin und lockte die Kühe, die Abstecher nach rechts und nach links machten und stehen blieben, sobald sie einen grünen Grasbüschel sahen. Die Alte wurde ungeduldig. Sie schalt auf die eigensinnigen Tiere. »Ach ja,« sagte sie schließlich, »wozu wirst du auch so eifrig, alte Lisa, du kommst doch noch früh genug zu dem, was dich erwartet.« Als sie die Tür zu der Sennhütte öffnete, saß Barbro mit dem Jungen auf dem Schoß und sang ihm etwas vor. »Ach, mein Gott, Lisa, wo bleibst du doch nur einmal?« rief sie ihr entgegen. »Ich weiß nicht, was ich machen soll. Sieh nur, der Junge hat jetzt Ausschlag bekommen.« Und sie kam mit dem Kinde zu ihr hin und zeigte ihr ein paar rote Flecke an seinem Halse. Die alte Lisa war an der Tür stehen geblieben. Sie schlug die Hände vor Verwunderung zusammen und lachte laut. Barbro sah sie ganz entsetzt an. »Glaubst du denn nicht, daß es gefährlich ist mit dem Ausschlag?« fragte sie. »Das ist morgen schon wieder vorüber«, sagte die Alte und fuhr fort zu lachen. Barbro wurde immer erstaunter, aber schließlich begriff sie, mit welch einer Sorge die Alte sich gerade heute getragen hatte. »Ja, es wäre besser für uns alle gewesen, wenn ich es getan hätte«, sagte sie. »Und es war wohl auch deine Ansicht, da du heute wegbliebst.« »Ich lag über Nacht im Bett und dachte daran, was ich nur einmal tun sollte«, erwiderte die Alte. »Und da sagte mir etwas, der Junge da würde wohl am besten aufgehoben sein, wenn ich dich nur mit ihm allein ließe.« Als alle Abendarbeit verrichtet war, und sie zu Bett gehen wollten, sagte die alte Lisa zu Barbro: »Ist es jetzt ganz sicher, daß du den Jungen am Leben lassen willst?« »Ja,« sagte Barbro, »wenn der liebe Gott ihm jetzt Gesundheit geben will, so daß ich ihn behalten darf.« »Aber wenn er nun blind wird und noch obendrein blödsinnig?« »Daß er das ist, weiß ich ja schon,« sagte Barbro, »aber ich kann ihm doch nichts antun; wie er auch ist, will ich dankbar sein, wenn ich ihn nur pflegen darf.« Die Alte setzte sich auf die Bettkante und dachte nach. »Da es nun so gekommen ist,« sagte sie, »so willst du wohl an Ingmar schreiben?« Barbro sah sie entsetzt an. »Ich glaubte, du wolltest gern, daß das Kind leben sollte«, sagte sie. »Aber wenn du an Ingmar schreibst, dann stehe ich nicht dafür ein, was ich tue.« »Ja, dann kann ich nicht begreifen, wie du es machen willst?« sagte die Alte. »Ein jeder, der erfährt, daß du ein Kind hast, kann es ihm ja schreiben.« »Ich habe auch gedacht, ich wollte versuchen, es alles geheimzuhalten, bis sich Ingmar mit Gertrud verheiratet hat.« Die alte Lisa saß wieder stumm da und sann lange über diese Worte nach. Sie konnte deutlich sehen, daß Barbro noch immer imstande war, sich selbst etwas anzutun, daher wagte sie nicht, ihr zu widersprechen. »Du bist sehr gut gegen uns Alten auf dem Ingmarshof gewesen«, sagte sie zögernd. »Du kannst dich nicht darüber wundern, daß ich dich gern als Hausfrau behalten möchte.« »Bin ich jemals gut gegen dich gewesen?« erwiderte Barbro, »dann kannst du mir das tausendmal vergelten, wenn du mir in dieser Sache meinen Willen läßt.« Barbro setzte durch, was sie wollte, und der ganze Sommer verging, ohne daß irgend jemand erfuhr, daß das Kind da war. Wenn Leute auf die Alm hinaufkamen, wurde der Junge drüben im Heuschuppen versteckt. Barbros größte Sorge war, wie sie es machen sollte, ihn zu verbergen, wenn der Herbst kam, und sie ins Dorf zurückkehren mußte. Darüber sann sie jeden Tag nach. Aber mit jeder Stunde gewann sie das Kind lieber, und mit der Liebe kehrte etwas von ihrer alten Gemütsruhe zurück. Der Junge wurde auch nach und nach kräftiger, obwohl er nur langsam wuchs und sich entwickelte. Den ganzen Sommer schrie er viel, und die Augenlider waren immer so rot und geschwollen, daß er sie kaum öffnen konnte. Barbro zweifelte keinen Augenblick daran, daß er blödsinnig war, und obwohl sie jetzt nie anders mehr dachte, als daß sie ihm das Leben lassen wollte, hatte sie doch manch eine schwere Stunde um seinetwillen. Namentlich des Nachts meldeten sich die schwermütigen Gedanken, und dann pflegte sie aufzustehen und sich vor das Kind hinzustellen und es anzusehen. Es war ein sehr häßliches Kind, mit gelblicher, bleicher Hautfarbe und dünnem, rötlichem Haar. Die Nase war zu kurz und die Unterlippe zu groß, und wenn es schlief, zog es die Augenbrauen zusammen, so daß es tiefe Runzeln in der Stirn hatte. Wenn Barbro den Jungen ansah, war es ihr, als habe er ein echtes Idiotengesicht, und sie lag da und weinte ganze Nächte darüber, daß er nun so ein armes, unglückliches Geschöpf werden sollte. Aber früh am Morgen erwachte das Kind, und wenn es dann ausgeschlafen hatte, lag es fröhlich in seinem kleinen Korb, der ihm als Wiege diente, und streckte die Arme nach Barbro aus, wenn sie mit ihm plauderte. Dann wurde Barbro wieder still und geduldig. »Ich glaube nicht, daß andere Mütter, die gesunde, frische Kinder haben, mehr Liebe zu ihnen fühlen können, wie ich zu diesem armen Kleinen«, sagte sie zu der alten Lisa. Die Zeit verstrich, und der Sommer ging bald zur Rüste. Barbro hatte sich noch nicht ausgedacht, was sie tun wollte, um das Kind nach der Heimkehr verborgen zu halten. Zuweilen meinte sie, es bleibe ihr nichts weiter übrig, als außer Landes zu reisen. An einem dunklen Abend zu Anfang September war sehr schlechtes Wetter, es regnete und stürmte. Barbro und Lisa hatten Feuer auf dem Herd angemacht und saßen da und wärmten sich daran. Barbro hatte das Kind auf dem Schoß liegen, und wie gewöhnlich saß sie da, und dachte darüber nach, was sie tun sollte, damit Ingmar nichts erführe. Sonst kommt er zu mir zurück, dachte sie. Ich weiß nicht, wie ich ihm dann begreiflich machen soll, daß ich die Last allein tragen will. Während sie so in diese Gedanken versunken dasaß, tat sich die Tür zu der Sennhütte plötzlich auf, und ein Wanderer kam herein. »Gott zum Gruß, allhier«, grüßte der Mann. »Welch Glück, daß ich dies Haus gefunden habe. Ich konnte in dieser Stockfinsternis nicht ins Dorf zurückfinden, aber da fiel mir ein, daß die Alm vom Ingmarshof hier in dieser Gegend liegen müsse.« Der Mann war ein armer Tropf, der in seinen jungen Jahren als Hausierer herumgezogen war. Jetzt hatte er nichts mehr zu verkaufen, sondern ging herum und bettelte. Er war freilich nicht so arm, daß er gezwungen gewesen wäre, die Barmherzigkeit anderer in Anspruch zu nehmen, um leben zu können, aber er konnte sich nicht entschließen, seine alte Gewohnheit aufzugeben, von Hof zu Hof zu gehen und Neuigkeiten auszukramen. Das erste, was er in der Sennhütte erblickte, war natürlich das Kind. Er machte große Augen, als er es sah. »Wessen Kind ist das?« fragte er sogleich. Beide Frauen schwiegen einen Augenblick, dann sagte die alte Lisa kurz und bestimmt: »Es gehört Ingmar Ingmarsson.« Der Mann sah noch erstaunter aus. Er ward auch ganz verlegen, daß er in etwas hineingeraten war, wovon er vielleicht nichts wissen wollte. In seiner Verwirrung beugte er sich über das Kind. »Wie alt mag so ein kleiner Bursche wohl sein?« sagte er. Jetzt beeilte sich Barbro zu antworten: »Er ist einen Monat alt.« Der Mann war unverheiratet und verstand sich nicht viel auf Kinder. Er konnte nicht sehen, daß Barbro ihn betrog. Er sah sie ganz entsetzt an, während sie ganz ruhig dasaß. »Ach, ist er nicht älter als einen Monat?« fragte er. »Nein«, erwiderte Barbro, auf ihre ruhige Weise. Der Mann wurde rot und verlegen, so alt er war. Er bemerkte wohl, daß die alte Lisa Barbro warnende Zeichen gab, aber die saß mit stolz erhobenem Kopf da und achtete nicht darauf. »Die Alte schämt sich nicht zu lügen,« dachte er, »aber Barbro kann man ansehen, daß sie sich zu gut dafür hält.« Am nächsten Morgen nahm er Barbros Hand und drückte sie vertraulich. »Ich werde schon schweigen«, sagte er. »Ja, darauf rechne ich«, sagte Barbro. »Ich kann wirklich nicht begreifen, was dir in den Sinn kam, Barbro«, sagte die alte Lisa sogleich als er gegangen war. »Warum belogst du dich selbst?« »Mir blieb nichts anderes zu tun übrig«, sagte Barbro. »Du kannst doch begreifen, daß der Hausierer Johannes so etwas nicht verschweigt!« »Er soll es auch gar nicht verschweigen.« »Willst du denn, daß die Leute glauben sollen, daß es nicht Ingmars Kind ist?« »Ja,« sagte Barbro, »jetzt ist es ja unmöglich, es länger verborgen zu halten. Es bleibt uns jetzt nichts weiter übrig, als die Leute das glauben zu lassen.« »Und du bildest dir ein, daß ich darauf eingehen werde?« sagte die Alte. »Das wirst du wohl tun müssen, wenn du nicht willst, daß der arme Blödsinnige Erbe auf dem Ingmarshof werden soll.« Mitte September pflegten alle, die im Sommer auf der Alm gewesen waren, mit dem Vieh heimzukehren. Barbro und Lisa zogen dann auch nach dem Ingmarshof zurück. Sie merkten sogleich, daß die Neuigkeit über Barbro sich in der ganzen Gegend verbreitet hatte. Sie versuchte jetzt auch nicht mehr, es geheimzuhalten, daß sie ein Kind hatte, aber sie war immer bange davor, daß irgend jemand es zu sehen bekäme. Sie verbarg es immer in der kleinen Kammer hinter der Braustube bei der alten Lisa. Es schien, als könne sie es nicht ertragen, daß jemand es ansehen und entdecken sollte, wie elend es war, und daß es nie werden würde wie ein anderer Mensch. Es war nicht zu verwundern, daß Barbro in diesem Herbst viel beklatscht wurde. Die Leute machten sich nichts daraus zu verbergen, welche Gedanken sie über sie hegten, und Barbro wurde bald so menschenscheu, daß sie niemals aus dem Hause ging. Aber auch das Gesinde auf dem Hof war anders als sonst gegen sie. Die Knechte und Mägde machten gehässige Anspielungen, wenn sie es hören konnte, es war schwer für sie, sich Gehorsam zu verschaffen. Dem wurde jedoch bald ein Ende gemacht. Der starke Ingmar war auf den Hof gezogen und hatte ihn während der Zeit bewirtschaftet, seit sich Ingmar im fremden Lande aufhielt. Er hörte eines Tages, wie einer der Knechte Barbro eine unhöfliche Antwort gab, und da versetzte er dem Kerl eine solche Ohrfeige, daß er gegen die Wand flog. »Höre ich noch ein einziges Mal so etwas, so kannst du mehr von der Sorte bekommen«, sagte der starke Ingmar. Barbro sah ihn erstaunt an. »Ich danke dir«, sagte sie. Er wandte sich um und warf ihr einen wütenden Blick zu. »Nichts zu danken«, sagte er. »Aber so lange du Herrin auf dem Ingmarshofe bist, will ich dafür sorgen, daß dir das Gesinde den Respekt erzeigt, wie er dir zukommt.« Späterhin im Herbst kam ein Brief aus Jerusalem, daß Ingmar und Gertrud aus der Kolonie abgereist seien. »Vielleicht sind sie schon daheim, wenn diese Zeilen zu euch kommen«, stand da im Brief. Als Barbro dies erfuhr, empfand sie es zu Anfang als große Erleichterung. Jetzt war sie sicher, daß Ingmar die Scheidung vollziehen lassen würde, und wenn er erst frei geworden war, brauchte sie nicht einen einzigen Tag mehr die schwere Last der Verachtung zu tragen, die sie jetzt niederdrückte. Aber späterhin am Tage, als sie ihrer gewöhnlichen Beschäftigung nachging, kehrten die Tränen wieder und wieder in ihre Augen zurück. Es versetzte ihr einen Stich durch das Herz, daß jetzt alles zwischen ihr und Ingmar vorbei war. Es war so unglaublich traurig, daß sie beide nun nichts mehr miteinander zu tun haben sollten.   Eines Vormittags, spät im Herbst, gingen viele Menschen im Schulhause aus und ein. Gertrud war am vorhergehenden Tage nach Hause gekommen, und nun hatte sie einen großen Tisch in Mutter Stinas Küche aufgestellt, und darauf alle die Geschenke an die Leute im Kirchsprengel ausgebreitet, die sie aus Jerusalem mitgebracht hatte. Sie hatte durch die Schulkinder weit und breit Nachricht an alle gesandt, die Freunde und Verwandte unter den Kolonisten hatten, daß sie nach der Schule kommen sollten. Und nun kamen sie daher gewandert: Hök Matts und Ljung Björns Bruder Per, und viele, viele andere. Und Gertrud gab jedem, was er haben sollte und erzählte dabei von Jerusalem, von der Kolonie und von allem dem Wunderbaren, das den Auswanderern da drüben in dem heiligen Lande widerfahren war. Bo Maansson war auch den ganzen Vormittag im Schulhause und half Gertrud erzählen. Aber Ingmar ließ sich nicht blicken. Während der ganzen Reise hatte er geglaubt, daß das, was Karin ihm von Barbro erzählt hatte, loses Gewäsch sei, aber als er ins Dorf zurückkehrte und erfuhr, daß es Wahrheit war, meinte er erst, daß er es nicht ertragen könne, einen Menschen zu sehen. Er war bei Bos Eltern eingekehrt. Dort konnte er in Ruhe sein, so lange er wollte; niemand beachtete ihn oder sprach mit ihm. Gegen Mittag nahm der Volksstrom nach dem Schulhause ab, und es traf sich so, daß Gertrud einen Augenblick allein in der Küche war. Da trat eine große und stattliche Frau ein. »Wer mag das sein,« dachte Gertrud, »es ist doch sonderbar, daß hier im Kirchsprengel jemand ist, den ich nicht kenne.« Die fremde Frau kam auf Gertrud zu und reichte ihr die Hand. »Ich kann mir denken, daß du Gertrud bist«, sagte sie. »Ich wollte dich nur fragen, ob es wahr ist, was ich gehört habe, daß Ingmar sich nicht mit dir verheiraten will?« Gertrud war nahe daran, böse darüber zu werden, daß eine Unbekannte sie so ohne weiteres mit einer solchen Frage überfiel. Aber plötzlich ward es ihr klar, daß dies Barbro Sven Perssons Tochter, Ingmars Frau, sein müsse. »Nein, Ingmar hat nicht die Absicht, sich mit mir zu verheiraten«, sagte sie. Die andere seufzte und ging auf die Tür zu. »Ich wollte es nicht glauben, ehe ich es nicht mit meinen eigenen Ohren gehört hatte«, sagte sie. Barbro dachte nur an die Schwierigkeiten, die ihr dies bereiten würde. Hier kam nun Ingmar nach Hause, los und ledig, und wahrscheinlich trug er noch dieselbe Liebe zu ihr im Herzen, wie damals, als er abgereist war. »Jetzt glaube ich, werde ich es nie im Leben eingestehen, daß das Kind ihm gehört«, dachte sie. »Ich bin überzeugt, er würde sich der ganzen Welt gegenüber entehrt halten, wenn er mich mit dem kranken Kinde allein ließe. Er würde mich bitten, wieder seine Frau zu werden, und dazu könnte ich gewiß nicht nein sagen, und dann hätten wir dasselbe Elend von neuem wieder. Aber hart genug ist es, daß ich mein ganzes Leben hindurch eine Schande tragen soll, die ich nicht verschuldet habe.« Als sie in der Tür stand, wandte sie sich nach Gertrud um. »Ingmar kommt jetzt wohl nicht auf den Hof zurück?« fragte sie mit leiser Stimme. »Er darf wohl nicht nach Hause kommen, so lange ihr nicht richtig geschieden seid«, sagte Gertrud. »Er würde auch doch wohl nicht nach Hause kommen«, meinte Barbro. Gertrud ging schnell auf Barbro zu. »Ich will dir etwas sagen«, rief sie aus. »Ich glaube, daß du dich selbst belügst. Das habe ich die ganze Zeit gedacht und jetzt, wo ich dich gesehen habe, bin ich überzeugt davon.« »Wie kann ich lügen?« sagte Barbro. »Ich habe ja ein Kind.« »Du begehst ein Unrecht gegen Ingmar,« sagte Gertrud, »so wie er sich nach dir gesehnt hat. Er geht vollständig zugrunde, wenn du ihm nicht die Wahrheit sagst.« »Da ist nicht viel zu sagen«, sagte Barbro. Gertrud stand da und sah sie an, als wolle sie sie mit ihrem Blick zwingen. »Kannst du Ingmar eine Nachricht zukommen lassen?« fragte Barbro. »Freilich kann ich ihm eine Nachricht zukommen lassen.« »Dann sage ihm, daß der starke Ingmar im Sterben liegt. Er muß durchaus nach Hause kommen und Abschied von ihm nehmen. Mich braucht er ja nicht zu sehen.« »Es wäre aber das beste für euch beide, wenn ihr euch sähet«, sagte Gertrud. Barbro ging jetzt wieder auf die Tür zu, aber als sie sie geöffnet hatte, wandte sie sich um. »Es ist doch nicht wahr, daß Ingmar blind ist?« »Er hat das eine Auge verloren, aber das andere ist jetzt wieder gesund.« »Hab Dank«, sagte Barbro. »Ich freue mich, daß ich dich gesehen habe«, fügte sie hinzu und sah Gertrud an. Bei diesen Worten schloß sie die Tür und war fort. Es mochte wohl eine Stunde vergangen sein. Ingmar befand sich auf dem Wege nach dem Ingmarshof, um von dem starken Ingmar Abschied zu nehmen. Er ging nicht schnell; es war, als wenn jeder Schritt, den er machte, ihm Überwindung kostete. In einiger Entfernung vom Wege lag eine kleine armselige Hütte. Als Ingmar noch ziemlich weit davon entfernt war, sah er einen Mann und eine Frau aus der Tür kommen. Der Mann sah arm und zerlumpt aus, und es war Ingmar, als könne er sehen, daß die Frau ihm etwas in die Hand steckte. Sie eilte den Weg hinab und ging weiter auf den Ingmarshof zu. Als Ingmar an der Hütte vorüberkam, stand der Mann noch auf der Türschwelle. Er hielt etwas Silbergeld in der Hand, und er war im Begriff, es nachzuzählen. Jetzt sah Ingmar, wer der Mann war. Es war Stig Börnjesson. Stig sah nicht auf, bis Ingmar vorübergegangen war. Da begann er hinter ihm herzurufen: »Warte doch, Ingmar, warte doch! Zum Teufel auch, warte doch! Ich will mit dir reden!« Er lief den Weg hinab. Aber da Ingmar weiterging, ohne sich auch nur umzusehen, schien es, als wenn er ärgerlich würde. »Ja, dann gehe nur, meinetwegen«, rief er ihm nach. »Ich hätte dir sonst etwas erzählt, worüber du dich gefreut haben würdest.« Einige Augenblicke später hatte Ingmar fast die Frau eingeholt, die eben aus Stig Börnjessons Hütte gekommen war. Sie hatte es offenbar sehr eilig und ging so schnell sie konnte. Als sie Schritte hinter sich hörte, glaubte sie, daß es Stig sei und sagte, ohne sich umzuwenden: »Du mußt mit dem zufrieden sein, was ich dir gegeben habe. Ich habe nicht mehr Geld.« Ingmar sagte nichts, sondern ging noch schneller. »In der nächsten Woche sollst du mehr haben. Du darfst nur nicht mit Ingmar darüber reden«, sagte sie. Im selben Augenblick hatte Ingmar sie eingeholt und legte die Hand auf ihre Schulter. Sie riß sich los und wandte sich mit einem zornigen Ausdruck um. Als sie sah, daß es Ingmar war und nicht Stig, der hinter ihr stand, schlug sie die Hände zusammen, wie jemand, der freudig überrascht ist. Aber als Ingmars Augen den ihren begegneten, hob er langsam den Arm in die Höhe und seine Augenbrauen zogen sich zu einer tiefen Falte zusammen. Er sah so aus, als habe er Lust, sie zu Boden zu schlagen. Sie erschrak nicht, sie stand still und sah ihn einen Augenblick an. Dann zog sie sich ruhig zurück. »Ach nein, Ingmar,« sagte sie, »mache dich um meinetwillen nicht unglücklich.« Ingmar ließ den Arm sinken. »Ich muß dich um Verzeihung bitten«, sagte er steif und kalt. »Ich konnte es nicht ertragen, dich mit Stig zusammen zu sehen.« Barbro antwortete ganz ruhig: »Glaub' mir, Ingmar, ich würde jedem dankbar sein, der mich von dem Leben befreit.« Ohne noch ein Wort zu sagen, ging Ingmar auf die andere Seite des Weges hinüber und wanderte schweigend weiter. Auch Barbro sprach nicht. Wieder und wieder traten ihr Tränen in die Augen. »Wenn ich denke, daß er nicht einmal mit mir reden will, nachdem wir uns so lange Zeit nicht gesehen haben! Ach, daß wir beide so unglücklich sein müssen!« »Es wird gewiß besser sein, wenn ich ihm die Wahrheit erzähle«, dachte sie. »Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß er mich verachtet. Es ist besser, wenn ich ihm die ganze Wahrheit erzähle und mir dann das Leben nehme.« Plötzlich begann sie, mit ihm zu reden. »Du fragst gar nicht, wie es mit dem starken Ingmar steht?« »Ich bin ja bald zu Hause, dann werde ich es selbst sehen«, sagte Ingmar mürrisch. »Er kam heute morgen zu mir,« sagte Barbro, »und erzählte mir, daß er über Nacht Botschaft erhalten habe, daß er heute sterben solle.« »Ist er denn nicht krank?« fragte Ingmar. »Er ist das ganze Jahr von Gicht geplagt gewesen, und hat oft darüber geklagt, daß du nicht zurückkämst, damit er sterben könne. Er sagte, er könne nicht von hier fort, ehe du von der Wallfahrt heimkehrtest.« »Aber ist denn heute nicht etwas Besonderes mit ihm vorgegangen?« »Nein, er ist nicht mehr krank als sonst. Aber er glaubt steif und fest, daß er sterben soll, und er hat sich in das Bett in der Kammer gelegt. Er hat es sich in den Kopf gesetzt, daß er es alles genau so haben will, wie dein Vater es gehabt hat, als er starb. Wir mußten zum Pfarrer und zum Doktor schicken, wie sie zu dem großen Ingmar geholt worden waren. Er fragte auch nach der hübschen Decke, die über des großen Ingmars Bett gebreitet war, aber die war nicht mehr auf dem Hofe. Sie war auf der Auktion verkauft.« »Ja, auf der Auktion ist viel verkauft worden«, fiel Ingmar ein. »Eins von den Mägden meinte, sie könne sich entsinnen, daß Stig Börnjesson die Decke gekauft habe. Und da dachte ich, ich müßte sie zur Stelle schaffen, damit der starke Ingmar es so haben könne, wie er es wünschte. Und es traf sich so glücklich, daß ich sie zurückkaufen konnte. Hier habe ich sie«, sagte sie und zeigte auf ein Bündel, das sie in der Hand trug. »Du bist immer gut gegen den Alten gewesen«, sagte Ingmar. Seine Stimme war sehr kalt und hart, obwohl die Worte freundlich sein sollten. Dann sagte er nichts mehr, sondern versank wieder in Schweigen. Barbro sah mit sehnsuchtsvollem Blick vor sich hin. »Wie entsetzlich lang doch der Heimweg ist«, dachte sie. »In der ersten halben Stunde erreichen wir den Hof nicht. Und während der ganzen Zeit muß ich hier gehen und mit ansehen, wie unglücklich er ist. Und ich weiß keine Hilfe für ihn. Es würde nur noch schlimmer werden, wenn ich ihm die Wahrheit sagte. Dann würde er ja sein Leben wieder an das meine knüpfen. Aber nie, nie im Leben ist mir etwas so Schweres widerfahren.« Sie versuchte schneller zu gehen, aber der Weg war lang für sie und Ingmar. Die schweren Gedanken klammerten sich an sie fest und hemmten ihre Schritte. Endlich waren sie so weit gekommen, daß sie durch das Tor auf den Hofplatz gehen mußten. Hier stellte sich Ingmar Barbro in den Weg. »Ich will jetzt die Gelegenheit benutzen und dich nach etwas fragen, was ich für uns beide ersonnen habe«, sagte er. »Und wenn du nicht darauf eingehst, dann sehen wir uns vielleicht nie wieder. Mein Vorschlag geht da hinaus, daß wir die Scheidung zurückgehen lassen.« Ingmars Stimme war kühl und hart, und sein Blick ruhte nicht auf Barbro, sondern auf dem alten Hof, der vor ihm lag. Er nickte den Scheunen zu, die ihn mit ernsten Augen aus Luken und offenen Fenstern anzusehen schienen. »Ja, die haben die Augen jetzt auf mich gerichtet«, murmelte er. »Sie wollen wohl sehen, ob ich jetzt endlich gelernt habe, Gottes Wege zu gehen.« »Ich habe den ganzen Tag viel über die Zukunft nachgedacht«, sagte Ingmar laut. »Ich kann einen Menschen wie Barbro nicht zugrunde gehen lassen, habe ich zu mir selbst gesagt. Es ist meine Pflicht, mich ihrer anzunehmen. Aber wie Mann und Frau auf gewöhnliche Weise können wir nicht leben. Und nun wollte ich dich fragen, ob du nicht Lust hättest, mit mir nach Jerusalem zu gehen, dann könnten wir beide in die Kolonie eintreten. Es sind gute Menschen und viele von unseren Angehörigen darunter, und du würdest dich dort bald heimisch fühlen.« Er machte eine kleine Pause um zu hören, was sie sagen würde. »Würdest du den Hof um meinetwillen verlassen?« »Ich will nur das tun, was recht ist.« Seine Stimme war so kühl, daß es sie durchschauerte. »Du hast schon dein eines Auge da drüben verloren, und ich habe gehört, daß du nach Hause reisen mußtest, um nicht ganz zu erblinden.« »Daran darfst du nicht denken,« sagte Ingmar, »alles wird schon gehen, wenn man nur tut, was recht ist.« Barbro dachte wieder, daß es ein wahres Werk der Barmherzigkeit sein würde, wenn sie Ingmar die Wahrheit sagte. In ihr stritt und kämpfte es, aber sie hatte doch Kraft genug zu schweigen. »Nein, ich will nicht ein so großes Unglück über ihn bringen«, dachte sie. »Es ist am besten, daß sich unsere Wege trennen, sonst weiß ich, daß ich mir das Leben nehmen muß.« Als sie schwieg, sagte Ingmar: »Jetzt wird die Trennung zwischen uns lang, Barbro.« »Ja«, sagte sie. Sie reichte ihm die Hand, und er nahm sie, und als er sie in der seinen hielt, lief ein Zittern durch seinen Körper. Einen Augenblick sah es so aus, als wolle er Barbro in einer leidenschaftlichen Umarmung an sich ziehen. »Ich will hineingehen und dem starken Ingmar erzählen, daß du gekommen bist«, sagte sie. »Ja, tue du das«, sagte Ingmar und ließ schnell ihre Hand los.   Der starke Ingmar lag in der Kammer im Bett. Er hatte keine Schmerzen, aber das Herz schlug schwach, und mit jedem Augenblick, der verging, wurde ihm das Atmen schwerer. »Jetzt bin ich überzeugt, daß ich heute sterben werde«, dachte er. Solange er allein lag, hatte er die Violine neben sich. Von Zeit zu Zeit klimperte er ganz leise auf den Saiten, und dann war es ihm, als wenn er eine von den alten Melodien wieder höre. Als der Pfarrer und der Doktor kamen, legte er die Violine weg und redete mit ihnen über alles, was ihm im Leben an merkwürdigen Dingen widerfahren war. Am meisten aber sprach er von dem großen Ingmar, und von den Wichtelmännern im Walde, die lange Zeit hindurch seine Freunde gewesen waren. Aber von dem Augenblick an, als Hellgum den Rosenbusch vor seiner Hütte abgehauen hatte, war es für ihn nicht mehr so gut in dieser Welt gewesen. Die Wichtelmänner hatten ganz aufgehört, ihm beizustehen, und er war von allen möglichen Krankheiten heimgesucht worden. »Der Herr Pfarrer kann nicht glauben, wie ich mich freute,« sagte er, »als der große Ingmar über Nacht zu mir kam und sagte, daß ich seinen Hof nicht länger zu bewirtschaften brauchte, sondern mich zur Ruhe begeben könne.« Er war sehr feierlich, und es war leicht zu sehen, daß er fest überzeugt war, daß er sterben müsse. Der Pfarrer sagte ein paar Worte, daß er ja gar nicht so krank aussehe, aber der Doktor, der ihn untersucht und seinem Herzschlag gelauscht hatte, sagte ganz ernsthaft: »Nein, nein, der starke Ingmar weiß wohl, was er sagt. Er liegt hier nicht umsonst und wartet auf den Tod.« Als Barbro hineinkam und ihm die prächtige Decke über sein Bett breitete, erbleichte er ein wenig. »Jetzt ist es wohl bald mit mir zu Ende«, sagte er. Er nahm Barbros Hand und streichelte sie. »Hab Dank hierfür und Dank für alles. Und dann mußt du mir verzeihen, wenn ich in der letzten Zeit hart gegen dich gewesen bin.« Barbro schluchzte. Es hatte sich zu viel Kummer und Trauer in ihrem Herzen angesammelt, daß es ihr jetzt nicht leicht wurde, das Weinen zurückzuhalten. Der Alte streichelte ihre Hand noch einmal und lächelte ihr zu: »Nun können wir Ingmar wohl bald zurückerwarten«, sagte er. »Er ist gekommen«, sagte Barbro. »Ich wollte nur vorausgehen, und es dir erzählen.« Als Ingmar eintrat, richtete sich der Alte mit Mühe im Bett auf und streckte die Hand nach ihm aus. »Sei mir willkommen«, sagte er. Ingmar wurde betrübt als er ihn sah. »Nie hätte ich geglaubt, daß du mir den Kummer antun würdest, dich an dem Tage meiner Heimkehr zum Sterben zu legen.« »Du mußt mir deswegen nicht zürnen«, sagte der Alte, gleichsam entschuldigend. »Du weißt wohl noch, daß mir der große Ingmar versprach, daß ich zu ihm kommen sollte, sobald du von der Wallfahrt heimgekehrt seist.« Ingmar setzte sich auf den Rand des Bettes. Der Alte lag da und streichelte ihm die Hand, aber er sagte lange Zeit hindurch nichts. Man konnte sehen, daß der Tod herankam, und er wurde immer bleicher; und der Atem ging in ein schweres Stöhnen über. Da verließ Barbro die Stube, und nun fing er an, Ingmar auszufragen. »Hast du eine gute Heimkehr gehabt?« fragte er und sah ihn scharf an. »Ja«, sagte Ingmar ruhig und streichelte ihm die Hand. »Es war eine gute Reise.« »Man hatte hier erzählt, du würdest Gertrud mit zurückbringen?« »Ja,« sagte Ingmar, »sie ist mit zurückgekommen, und nun wird sie sich mit Bo Maansson, meinem Vetter, verheiraten.« »Freust du dich darüber, Ingmar?« »Ich freue mich sehr darüber«, sagte Ingmar mit fester Stimme. Der Alte sah ihn forschend an. Er schüttelte den Kopf. Es schien, als sei hier vielerlei, was er nicht verstünde. »Wie geht es mit deinen Augen?« fragte er. »Eins habe ich drüben in Jerusalem verloren«, erwiderte Ingmar. »Freust du dich darüber auch?« fragte der Alte. »Du weißt wohl, starker Ingmar, daß der liebe Gott ein Pfand von dem haben will, dem er ein so großes Glück schenkt.« »Hast du denn ein so großes Glück empfangen?« »Ja,« sagte Ingmar, »mir ist die Gnade zuteil geworden, daß ich das wieder gut machen konnte, was ich gesündigt hatte.« Der Sterbende begann jetzt, sich im Bett zu drehen und zu wenden. »Hast du jetzt Schmerzen?« fragte Ingmar. »Nein, aber ich habe Sorgen«, sagte der Alte. »Kannst du mir nicht erzählen, was es ist?« »Du belügst mich wohl nicht, Ingmar, damit ich einen ruhigen Tod haben kann?« fragte der Alte mit großer Zärtlichkeit. Ingmar wurde überrumpelt, er verlor ganz die angenommene Ruhe und brach in ein schluchzendes Weinen aus. »Sage du lieber die Wahrheit«, sagte der Alte. Ingmar wurde gleich wieder still und ruhig. »Ich muß wohl weinen, wenn ich einen solchen Freund verliere, wie du es mir gewesen bist.« Nun wurde der Alte immer unruhiger, und der kalte Schweiß perlte ihm von der Stirn. »Du bist erst ganz kürzlich hierher ins Land gekommen«, sagte er schließlich. »Da weiß ich nicht, ob du die Neuigkeiten hier auf dem Hof gehört hast?« »Ja,« sagte Ingmar, »das, woran du denkst, erfuhr ich schon in Jerusalem.« »Ich hätte besser auf das acht geben sollen, was dein war«, sagte der Alte. »Ich will dir etwas sagen, starker Ingmar, du tust großes Unrecht, falls du schlecht von Barbro denkst.« »Tue ich unrecht?« fragte der Alte. »Ja«, sagte Ingmar mit erhobener Stimme. »Es ist gut, daß ich nach Hause gekommen bin, da hat sie doch jemand, der sie verteidigen kann.« Der Alte wollte antworten; aber Barbro, die in die gute Stube gegangen war, um das Kaffeebrett für die Fremden herzurichten, hatte die ganze Unterredung durch die halbgeöffnete Tür gehört. Sie ging jetzt schnell in die Kammer und trat an Ingmar heran, als wolle sie etwas sagen. Aber im letzten Augenblick schien sie auf andere Gedanken zu kommen. Sie beugte sich statt dessen über den Alten nieder und fragte ihn, wie es ihm jetzt gehe. »Ja, jetzt geht es mir besser, nachdem ich mit Ingmar geredet habe.« »Ja, mit ihm ist gut zu reden«, sagte Barbro still, und trat an das Fenster und setzte sich. Jetzt ward es allen klar, daß der starke Ingmar sich auf den Heimgang vorbereitete. Er lag mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen da. Alle verhielten sich ganz stille, um ihn nicht zu stören. Aber die Gedanken des starken Ingmar kehrten immer wieder zu dem Tage zurück, als der große Ingmar starb. Er sah die Stube vor sich, so wie sie war, als er kam, um ihm Lebewohl zu sagen. Er erinnerte sich der kleinen Kinder, die sein Herr gerettet hatte, und die bei ihm auf dem Bette saßen, als er starb. Während er hieran dachte, wurde ihm sehr weich ums Herz. »Siehst du, großer Ingmar, du bist mir weit voraus,« flüsterte er, denn er verstand wohl, daß sein Jugendfreund in diesem Augenblick nicht fern von ihm war. »Der Pfarrer und der Doktor sind hier, und deine Decke liegt jetzt über mein Bett gebreitet, aber ein kleines Kind, das ich an das Fußende des Bettes setzen könnte, kann ich nicht bekommen.« Kaum war dies gesagt, als er eine Stimme sagen hörte: »Hier ist ein kleines Kind im Hause, dem du in deiner letzten Stunde eine Wohltat erweisen könntest.« Als der starke Ingmar dies hörte, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Es war ihm gleich, als wenn er verstehe, was er zu tun habe. Mit einer Stimme, die jetzt sehr schwach geworden, aber trotzdem noch ganz verständlich war, begann er, sich zu beklagen, daß der Pfarrer und der Doktor so lange auf seinen Tod warten müßten. »Aber da der Herr Pfarrer nun doch einmal hier sind,« sagte er, »so will ich ihm doch erzählen, daß hier im Hause ein ungetauftes Kind ist, und ich möchte den Herrn Pfarrer gern bitten, ob er nicht so gut sein will, und es taufen, während er wartet.« Es war still im Zimmer gewesen, bevor dies gesagt wurde, aber noch stiller wurde es hinterher. Dann aber sagte der Pfarrer: »Es ist gut, daß du daran dachtest, starker Ingmar, dafür hätten wir andern schon lange sorgen sollen.« Barbro erhob sich ganz entsetzt. »Ach nein, das wollen wir jetzt wohl doch nicht tun«, sagte sie. Sie hatte immer gedacht, daß, wenn der Junge getauft werden sollte, sie ja erzählen müßte, wer der Vater war, und aus diesem Grunde hatte sie die Taufe hinausgeschoben. »Wenn ich erst wirklich von Ingmar geschieden bin, will ich ihn taufen lassen«, hatte sie gedacht. Nun war sie so erschrocken, so daß sie nicht wußte, wonach sie greifen sollte. »Du könntest mir gern die Freude gönnen, mich in meiner letzten Stunde ein gutes Werk tun zu lassen«, sagte der starke Ingmar, und wiederholte die Worte, die er schon einmal zu hören gemeint hatte. »Nein, das kann nicht geschehen«, sagte Barbro. Nun kam auch der Doktor und legte ein Wort dafür ein, daß der Alte seinen Willen haben solle. »Ich bin überzeugt, der starke Ingmar wird leichter atmen können, wenn er an etwas anderes zu denken hat, als daß er nun bald sterben muß.« Barbro hatte ein Gefühl, als sei sie mit eisernen Ketten gebunden, weil sie sie hierum in einem Zimmer baten, wo ein Mensch in seinen letzten Zügen lag. Leise jammernd sagte sie: »Ihr könnt doch begreifen, daß es sich nicht machen läßt.« Der Pfarrer trat zu Barbro hin und sagte ernsthaft: »Du wirst wohl einsehen, Barbro, daß dein Kind getauft werden muß.« »Ja, aber es ist zu schwer für mich heute«, flüsterte sie. »Ich will morgen mit dem Kind ins Pfarrhaus kommen. Es kann doch nicht angehen, es jetzt zu taufen, während der starke Ingmar im Sterben liegt.« »Aber du hörst ja, daß es dem starken Ingmar eine Freude sein würde«, sagte der Pfarrer. Ingmar hatte bisher stumm und unbeweglich dagesessen. Aber sein Herz war in heftige Erregung geraten, als er sah, wie demütig und unglücklich Barbro sich fühlte. »Dies ist entsetzlich schwer für jemand, der so stolz ist wie sie«, und er konnte es nicht ertragen, daß der Mensch, den er mehr geliebt hatte als irgendeinen andern, der Schande und Entehrung ausgesetzt werden sollte. »Du mußt diese Forderung zurücknehmen«, sagte er zu dem starken Ingmar. »Es ist zu hart für Barbro.« »Wir wollen es Barbro schon leicht machen, wenn sie nur das Kind holen will«, sagte der Pfarrer. »Sie braucht nur auf ein Stück Papier zu schreiben, was sie hierüber zu sagen hat, dann trage ich es in das Kirchenbuch ein, wenn ich nach Hause komme.« »Ach nein, ach nein, es ist unmöglich«, sagte Barbro und dachte nur daran, was sie ersinnen könne, um die Taufe hinauszuschieben. Der starke Ingmar setzte sich jetzt aufrecht im Bett hin und sagte mit großem Ausdruck in den Worten: »Es wird dir schwer auf dem Herzen liegen, Ingmar, wenn du nicht dafür sorgst, daß mein letzter Wunsch erfüllt wird.« Ingmar erhob sich sogleich. Er trat an Barbro heran, beugte sich über sie und sagte: »Du weißt wohl, Barbro, daß eine verheiratete Frau keinen andern als Vater ihres Kindes anzugeben braucht, als ihren Mann. Dann sagte er laut: Jetzt gehe ich hinaus und sage ihnen, daß sie mit dem Kinde hereinkommen sollen.« Er sah Barbro an, ein Zittern lief durch ihren Körper, aber sie erwiderte kein Wort. »Gott gebe, daß sie nicht den Verstand verliert«, dachte er. Er ging hinaus, und die kleinen Vorbereitungen waren schnell getan. Der Talar und die Bibel wurden aus der kleinen Reisetasche herausgenommen, die der Pfarrer immer mit sich führte, und eine kleine Schale mit Wasser wurde auf den Tisch gestellt. Dann kam die alte Lisa mit dem Kinde. Der Pfarrer stand da und band den breiten Kragen um den Hals. »Vor allen Dingen muß ich wissen, wie das Kind heißen soll«, sagte er. »Barbro wird wohl selbst den Namen bestimmen«, schlug der Doktor vor. Alle sahen Barbro an. Sie bewegte die Lippen ein paarmal; aber kein Laut drang hervor. Es schien, als ob die Wartezeit unendlich werden sollte. Als Ingmar dies sah, sagte er zu sich selbst: »Jetzt denkt sie daran, welchen Namen er nun hätte haben sollen, wenn alles so wäre, wie es sein sollte. Die Schande bewirkt, daß sie nicht reden kann.« Er empfand so großes Mitleid mit ihr, daß sein Zorn ganz vorüberging, und die große Liebe, die er zu seiner Frau hegte, gewann Überhand über alle die andern Gefühle. »Ihr Kind kann ja gern Ingmar getauft werden, was geht das mich an? Wir wollen uns ja doch scheiden lassen. Das beste würde sein, wenn wir auf irgendeine Weise den Leuten einbilden könnten, daß es mein Kind ist, damit sie ihren guten Namen und ihren guten Ruf wiedergewinnt.« Aber da er das nicht gerade hinaussagen wollte, sagte er: »Ich meine, da der starke Ingmar die Taufe ins Werk gesetzt hat, so ist es nicht mehr als natürlich, daß er dem Jungen seinen Namen gibt.« Er sah seine Frau an als er das sagte, um zu sehen, ob sie seine Absicht verstehe. Aber kaum hatte Ingmar diese Worte gesagt, als sich Barbro aufrichtete. Sie ging langsam durch die Stube bis sie gerade vor dem Pfarrer stand. Darauf sagte sie mit fester Stimme: »Ingmar ist jetzt so gut gegen mich gewesen, daß ich es nicht länger ertragen kann, ihn zu quälen. Da will ich denn lieber gestehen, daß es sein Kind ist. Aber Ingmar soll der Junge nicht heißen, denn er ist blödsinnig und blind.« Im selben Augenblick, als diese Worte ihrem Munde entschlüpft waren, überkam sie ein Gefühl unendlicher Bitterkeit, weil das Geheimnis, auf dem ihr Leben beruhte, ihr jetzt entrissen war. Sie brach in heftiges Weinen aus, und als sie fühlte, daß sie sich nicht zu beherrschen vermochte, eilte sie aus der Stube hinaus, um den Sterbenden nicht zu stören. Draußen in der guten Stube warf sie sich über den großen Tisch und schluchzte laut. Nach einer Weile erhob sie den Kopf wieder und lauschte, was sich in der Kammer zutrug. Sie hörte jemand mit halblauter Stimme reden. Es war die alte Lisa, die erzählte, wie es ihnen in der Sennhütte ergangen war. Wieder empfand sie die ganze Bitterkeit, daß sie ihr Geheimnis verraten hatte, und wieder überkam sie das heftige Weinen. Was für eine Macht war es nur, die sie gezwungen hatte, zu reden, gerade als Ingmar alles für sie zurechtgelegt hatte, so daß sie sehr wohl noch ein paar Wochen hätte schweigen können, bis die Scheidung vollzogen war. Jetzt muß ich mir das Leben nehmen, dachte sie. Ich kann nicht länger leben. Darauf lauschte sie wieder. Jetzt verlas der Pfarrer die Taufformel. Er sprach so deutlich, daß sie jedes Wort hören konnte, was er sagte. Endlich kam er so weit, daß er dem Kinde den Namen geben mußte. Er sprach den Namen mit stärkerer Stimme aus als alles übrige. Er lautete Ingmar. Als sie das hörte, brach sie in ihrer Machtlosigkeit von neuem in Tränen aus. Gleich darauf tat sich die Tür auf, und Ingmar trat heraus. Sie richtete sich auf und bezwang das Weinen und kam ihm entgegen. »Du siehst wohl ein, daß zwischen uns beiden alles so werden muß, wie es bestimmt war, als du fortreistest«, sagte sie. Ingmar streichelte ihr sanft das Haar. »Ich will dich zu nichts zwingen; nachdem, was du eben getan hast, weiß ich ja, daß du mich mehr liebst als dein eigenes Leben.« Sie erfaßte seine eine Hand und preßte sie hart. »Versprichst du mir, daß ich allein für das Kind sorgen darf?« »Ja,« sagte Ingmar, »du sollst alles so haben, wie du es haben willst. Die alte Lisa hat uns erzählt, wie du um das Kind gekämpft hast. Niemand kann es über das Herz bringen, es dir zu nehmen.« Sie sah ihn verwundert an. Sie konnte nicht recht fassen, daß alles, wovor sie sich so gefürchtet hatte, sich auf einmal in nichts aufgelöst hatte. »Ich glaubte, du würdest ganz halsstarrig werden, wenn du die Wahrheit erführst«, sagte sie. »Aber ich bin dir dankbarer, als ich es zu sagen vermag. Ich freue mich, daß wir in Freundschaft voneinander gehen, so daß wir freundlich miteinander reden können, wenn wir uns einmal wieder begegnen.« Da huschte ein Lächeln über Ingmars Antlitz. »Solltest du nicht doch Lust haben, mit mir nach Jerusalem zu kommen, Barbro?« fragte er. Als Barbro sah, daß er lächelte, wurde sie aufmerksam Sie hatte Ingmar nie so gesehen, das ganze Gesicht war verwandelt. Es war ihr, als liege etwas Verklärtes über den groben Zügen, so daß er gleichsam schön anzusehen war. »Was hast du nur, Ingmar?« fragte sie. »Was hast du vor? Ich hörte, daß du den Jungen Ingmar nanntest. Was ist deine Absicht damit?« »Jetzt sollst du etwas Wunderliches hören, Barbro«, sagte Ingmar und ergriff ihre beiden Hände. »Sobald die alte Lisa uns erzählt hatte, wie es euch dort oben auf der Alm ergangen war, bat ich den Doktor, das Kind zu untersuchen. Und der Doktor sagt, daß dem Kinde gar nichts fehlt. Er sagt, daß es klein für sein Alter ist, aber daß es ein frisches und gesundes Kind ist, und einen ebenso guten Verstand hat wie alle andern.« »Findet der Doktor denn nicht, daß es häßlich und wunderlich aussieht?« sagte Barbro atemlos. »Ich fürchte, daß die Kinder aus unserer Familie nicht schöner zu sein pflegen«, sagte Ingmar. »Glaubt er denn nicht, daß der Junge blind ist?« »Der Doktor sagt, er wird über dich lachen, so lange er lebt, Barbro, weil du dir so etwas einbilden kannst. Er sagt, morgen will er dir eine Flasche Augenwasser schicken, womit du den Knaben waschen kannst, und in einer Woche wird seinen Augen nichts mehr fehlen.« Barbro ging schnell auf die Kammer zu, Ingmar winkte sie zurück. »Jetzt kannst du das Kind nicht sehen«, sagte er. »Der starke Ingmar bat, es auf sein Bett zu legen, und nun, sagt er, hat er es ebenso gut wie mein Vater. Ich glaube, er wird sich nicht von dem Kinde trennen, ehe er tot ist.« »Ich will ihm den Jungen auch nicht wegnehmen«, sagte Barbro. »Aber ich möchte gern mit dem Doktor selbst sprechen.« Als sie zurückkam, ging sie an Ingmar vorüber und blieb am Fenster stehen. »Ich habe den Doktor gefragt, und ich weiß nun, daß es wahr ist.« Sie streckte die Arme gen Himmel empor. Es war, als habe ein gefangener Vogel seine Freiheit wiedererhalten und erhebe die Schwingen. »Ingmar, Ingmar, du weißt nicht, was Unglück ist,« sagte sie, »niemand weiß es.« »Barbro,« sagte Ingmar, »darf ich jetzt mit dir über unsere Zukunft reden?« Sie hörte ihn nicht. Sie hatte ihre Hände gefaltet und brach in ein Dankgebet gegen Gott aus. Sie sprach mit leiser und bewegter Stimme. Aber Ingmar konnte jedes ihrer Worte hören. All den Schmerz, den sie über das Mißgeschick ihres Kindes empfunden hatte, vertraute sie jetzt Gott an, und sie dankte ihm, weil ihr Kind jetzt so würde wie alle andern Kinder, weil es herumlaufen und spielen, weil es in die Schule gehen und lernen sollte, weil es ein kräftiger Bursche werden würde, der die Axt schwingen und den Pflug führen könnte, weil er einmal im Laufe der Zeit eine Frau heimführen, und als Herr auf Ingmarshof wohnen würde. Als sie Gott für das alles gedankt hatte, trat sie an Ingmar heran und sagte mit strahlendem Antlitz: »Ich weiß jetzt, warum Vater sagte, daß die Ingmarssöhne die besten Leute im Kirchsprengel seien.« »Das kommt daher, weil Gott größere Barmherzigkeit mit uns hat als mit allen andern«, sagte Ingmar. »Aber jetzt, Barbro, möchte ich gern mit dir darüber reden « Barbro unterbrach ihn. »Nein, es kommt daher, weil ihr euch niemals beruhigt, ehe ihr euch mit dem lieben Gott ausgesöhnt habt«, sagte sie. »Du lieber Gott, was würde aus meinem Jungen geworden sein, wenn er nicht dich zum Vater gehabt hätte?« »Ich habe ihm nicht viel helfen können«, sagte Ingmar. »Um deinetwillen ist der Fluch von ihm genommen«, sagte Barbro mit Innigkeit. »Weil du diese Wallfahrt machtest, ist alles gut gegangen. Das war das einzige, was mich diesen Winter aufrecht hielt, daß ich zuweilen hoffte, Gott werde gnädig gegen das Kind und mich sein, weil du nach Jerusalem gereist warst.« Ingmar senkte den Kopf. »Ich weiß nur, Barbro, daß ich mein Leben lang ein großer Sünder gewesen bin«, sagte er und sah so mißmutig aus wie vor einer Stunde. »Weißt du, was sie da draußen vorhin in der Kammer gesagt haben?« fragte sie. »Der Pfarrer sagte, daß die Leute dich in Zukunft den großen Ingmar nennen würden, weil du dich so gut mit dem lieben Gott stehst, daß der Fluch, der auf meiner Familie gelegen hat, jetzt um deinetwillen aufgehoben ist.« Sie saßen nebeneinander auf der Kistenbank. Barbro schmiegte sich innig an Ingmar, aber Ingmars Arm hing schlaff herab, und sein Antlitz wurde finsterer und finsterer. »Jetzt fange ich an zu glauben, daß du böse auf mich bist«, sagte Barbro. »Du hast gewiß daran gedacht, wie hart ich da draußen auf der Landstraße gegen dich war. Aber das mußt du wissen, eine entsetzlichere Stunde habe ich niemals erlebt.« »Wie kann ich froh sein«, sagte Ingmar. »Ich weiß ja noch nicht einmal, wie es mit uns ergehen wird. Du sagst so viel schönes zu mir. Aber du antwortest mir nicht darauf, ob du den Mut hast, als meine Frau bei mir zu bleiben?« »Habe ich dir nicht darauf geantwortet?« sagte Barbro mit einem Lächeln. Im selben Augenblick überkam sie etwas von der alten Furcht, und sie schauderte. Aber als sie sich umsah, da umfaßte sie mit ihrem Blick die alte Stube, das lange, niedrige Fenster, die Bänke und den Feuerherd. Und dies alles umgab sie mit einer Sicherheit, und sie fühlte, daß es sie beschützen und bewahren würde. »Nie will ich anderswo leben als unter deinem Dach und in deinem Heim«, sagte sie. Gleich darauf öffnete der Pfarrer die Tür zu der Kammer und winkte ihnen, hineinzukommen. »Jetzt sieht der starke Ingmar den ganzen Himmel offen«, sagte er, als sie an ihm vorübergingen.