Georg Ebers Per aspera Conrad Ferdinand Meyer, dem Menschen und Dichter, in Freundschaft und Bewunderung dargebracht                                                     vom Verfasser. Erstes Kapitel. Der grüne Vorhang hob sich allmälich und bedeckte den untern Teil des breiten Fensters in der Werkstätte des Steinschneiders Heron. Melissa, die Tochter des Künstlers, war es, die ihn mit gebogenen Knieen und hochgestreckten Armen tief atmend hinaufzog. »Genug so!« rief die tiefe Stimme des Vaters ihr ungeduldig zu. Dann warf er einen kurzen Blick auf die Lichtflut, welche die blendend helle Sonne Alexandrias heute wie an jedem Herbstnachmittag in die Werkstätte ergoß. Sobald aber der Vorhang den Arbeitstisch beschattete, fuhr der Alte fort, ohne der Tochter weiter zu achten, die fleißigen Finger zu rühren. Nach einer Stunde zog Melissa wie das erstemal die starke Leinwand, die für ihre Kraft sicher zu schwer war, unaufgefordert und mit solcher Anstrengung höher, daß ihr das Blut in das schöne, stille Antlitz stieg, und wiederum ließ sich vom Arbeitstische her das tiefe und barsche »Genug so!« vernehmen. Dann wurde wieder alles still. Nur das leise Pfeifen des arbeitenden Künstlers und das Hinundher oder ein helleres Aufzwitschern der Vögel in den Bauern zur Seite des Fensters unterbrach die Ruhe in dem weiten Raume, bis im Vorsaal die Stimme und die Schritte eines Mannes laut wurden. Nun legte Heron den Stichel, Melissa die Goldstickerei aus der Hand, und die Blicke des Vaters und der Tochter, die sich lange nicht gefunden, begegneten einander. Auch die Vögel regten sich, und ein Starmatz, der sich still verhalten, seitdem der Vorhang sein Bauer beschattete, ließ den Ruf »Olympias« vernehmen. Melissa war aufgestanden, und nachdem sie die Werkstätte mit einem schnellen Blicke gemustert, schritt sie der Thür zu. Mochte kommen, wer wollte! Ja, wenn auch die Brüder, die sie erwartete, einen Gefährten oder Kunstfreund, der die Arbeit des Vaters zu sehen wünschte, mitbrachten, dieser Raum brauchte kein prüfendes Auge zu scheuen. Auch der tadellos säuberlichen Ordnung des eigenen Aeußern war sie sich so sicher bewußt, daß sie nur einmal flüchtig über das braune Haar fuhr und mit einer unwillkürlichen Handbewegung das schlichte weiße Gewand durch den Gürtel tiefer herabzog. Sauber und schmucklos wie die Tochter war auch die Werkstätte des Heron, doch schien sie übergroß für den Zweck, dem sie diente; denn der Arbeitstisch samt dem Steinschneider, der wie gebannt hinter ihm saß, und was zu ihm gehörte: die kleinen Instrumente im Werkzeugkasten, das Regal mit den Muscheln, den Onyx- und anderen Halbedelsteinstücken, den gelblichen Kugeln von kyrenäischem Modellwachs, den Bimssteinbrocken, Flaschen, Büchsen und Näpfchen nahm nur einen verschwindend kleinen Teil des weiten Raumes in Anspruch. Sobald Melissa die Schwelle übertreten hatte, richtete der Künstler den breitschulterigen, kräftig entwickelten Oberkörper in die Höhe und erhob die Hand, um den zierlichen Stichel, den er eben benützt hatte, beiseite zu schleudern; doch er besann sich beizeiten und legte ihn behutsam zu dem anderen Werkzeug. Aber diese Selbstbeschränkung mußte dem heißblütigen, starken Manne schwer gefallen sein; denn er warf einen grimmigen Blick auf das gerettete Instrument und gab ihm nachträglich einen verächtlichen Stoß mit dem Rücken der Hand. Dann wandte er das gebräunte, von wirrem grauem Haupt- und Barthaar umrahmte mürrische Gesicht mit einem bedrohlichen Ausdruck der Thüre zu, und während er den Besuch, den Melissa draußen begrüßte, erwartete, dehnte sich der Künstler, warf den großen Kopf zurück und drängte, als stünde ihm ein Ringkampf bevor, die gewaltige Wölbung der Brust weit heraus. Jetzt betrat Melissa wieder die Werkstatt, und der Jüngling, der sie an der Hand hielt, konnte – jeder seiner Züge verriet es – kein anderer sein als der Sohn des Heron. Schwarzäugig, wohl und in großem Stil geformt waren die Häupter beider, und auch an Leibesgröße gab der eine dem andern nichts nach; während aber das Antlitz des Sohnes in froher Daseinslust strahlte und bei seiner besonderen jugendlichen Anmut gemacht und gepflegt zu sein schien, um bei Mann und Weib Wohlgefallen zu erwecken, trug das des Vaters das Ansehen des Ueberdrusses und der Verwilderung. Es schien auch, als habe der Eintretende seinen Unwillen erregt; denn Heron erwiderte den fröhlichen Gruß des Sohnes nur mit einem verweisenden »Endlich!« und achtete nicht der Hand, die er ihm darbot. Doch Alexander mußte an solchen Empfang gewöhnt sein; denn er kümmerte sich nicht um die üble Laune des Alten, sondern schlug ihm mit derber Freundlichkeit auf die Schulter, trat frisch und unbefangen auf den Arbeitstisch zu, griff nach dem Schraubstock mit der beinahe vollendeten Gemme und rief, nachdem er sie an das Licht gehalten und aufmerksam betrachtet hatte: »Recht gemacht, Alter! Etwas Feineres ist Dir lang nicht gelungen.« »Bettelzeug!« lautete die Antwort des Vaters; der Sohn aber lachte: »Meinetwegen! Doch eins meiner Augen für jeden in Alexandria, der es Dir nachmacht!« Da rief der Alte aufbrausend und mit hoch erhobener Faust: »Weil, wer etwas Rechtes kann hier zu Lande, sich wohl hütet, die göttliche Kunst mit solchen Nichtigkeiten zum Kinderspotte zu machen. Beim Hunde! Am liebsten würf' ich die Brocken dort: den Onyx, die Muscheln, den Jaspis und wie sie sonst heißen, ins Feuer und zerhiebe das erbärmliche Werkzeug mit diesen Fäusten, die zu anderen Dingen bestimmt sind.« Da schlug der Sohn den Arm um den gewaltigen Nacken des Alten und unterbrach ihn munter: »Ja, Vater Heron, daß sie zum Dreinschlagen taugen, das haben der Philipp und ich oft genug zu fühlen bekommen.« »Viel zu selten,« brummte der Künstler, und der Jüngling fuhr fort: »Das laß ich gelten, obgleich von Deinen Streichen jeder einzelne so viel wert war wie ein Dutzend von der Hand anderer alexandrinischer Väter. Aber daß diese Fäuste, diese Gigantenhände an menschlichen Armen, dem Psychebilde dort den holden Liebreiz ums Mäulchen zaubern konnten, das, Alter, wenn das kein Wunder der Kunst ist . . .« »Die Entwürdigung der Kunst,« unterbrach ihn der Alte; doch der Jüngling entgegnete schnell: »Der Sieg des Feinsten über das Grobe.« »Ein Sieg!« wiederholte der Steinschneider und schwang dabei höhnisch die schwere Hand. »Ich weiß ja, weshalb ihr mir das drückende Joch mit eitler Schmeichelrede wie mit Blumen umwickelt. Wenn der graue Griesgram hinter dem Schraubstocke sitzt, so pfeift er sich höchstens ein Lied und verschont euch mit Klagen. Und dazu das Gold, das sein Schaffen ins Haus bringt!« Dabei lachte er höhnisch auf, und während Melissa bekümmert zu ihm in die Höhe schaute, trat ihr Bruder ihm näher und rief: »Wenn ich nicht wüßte, wie es gemeint ist, alter Meister, und wär' es nicht schade um die herrliche Psyche, ich gäbe sie dem Strauß im Hofe des Skopas zu fressen; denn, beim Herkules, der verdaut Deine Steine leichter, als wir solchen kränkenden Vorwurf. Freilich danken wir den Musen, daß das Schaffen Dir die finsteren Gedanken zerstreut; – was aber das andere angeht – es widersteht mir, das Wort nur über die Lippen zu bringen, – das Gold, – so brauchen wir es so wenig wie Du, der es, wenn die Truhe voll ist, zu dem andern vergräbt oder versteckt. Apollodor hat mir für das Ausmalen seines Männersaales drei ganze Talente von dem gelben Unsegen aufgedrungen. Die alte Schiffermütze, in die ich es zu dem andern warf, wird platzen, wenn Seleukus erst die Bildnisse seiner Tochter bezahlt; und stiehlt ein Dieb das Deine und Meine zusammen, uns braucht's nicht zu grämen. Im Handumdrehen erwirbt mein Pinsel und Dein Stichel uns neues. Und was brauchen wir denn? Auf Kampfwachteln wetten wir nicht, Rosse lassen wir nicht rennen, erkaufte Liebe ist mir von Anfang an widrig gewesen, mehrere Gewänder, für die wir in den Beutel greifen, weil sie uns gefallen, tragen wir nicht über einander; eins ist schon zu heiß unter dieser Sonne. Dies Haus ist Dein eigen. Was wir selbst, die Vögel und unsere Sklaven verzehren, deckt schon die Miete zur Hälfte, die Glaukias für die Werkstätte zahlt, die Du mit dem Garten vom Großvater erbtest. Der Philipp lebt von Lust und Weisheit und wird noch dazu aus dem großen Futterkorbe des Museums gespeist.« Hier unterbrach der Starmatz die lebhafte Rede des Jünglings mit dem Ruf: »Meine Kraft, meine Kraft!« Die Geschwister aber schauten einander verständnisvoll in die Augen, und Alexander fuhr mit warmer Herzlichkeit fort. »Aber es liegt Dir ja selbst fern, uns solcher Schändlichkeit fähig zu halten. Weihe doch das nächste fertige Kunstwerk der Isis oder dem Serapis. Laß den Kopfschmuck der Göttin oder den Mantel des Gottes mit Deinen Meisterwerken schmücken. Uns soll es recht sein, und die Himmlischen geben Dir vielleicht zum Dank dafür die verlorene Lebenslust wieder.« Da wiederholte der Vogel den klagenden Ruf: »Meine Kraft,« und der Jüngling fuhr mit wachsender Lebhaftigkeit fort: »Das Beste wäre freilich, Du würfest den Schraubstock, die Radirnadel, den Polirstahl, und wie das zierliche Werkzeug sonst heißt, wirklich ins Wasser und machtest Dich an den Atlas, von dem wir Dich sprechen hören, seit wir griechisch verstehen. Beginne doch endlich mit dem Koloß! Ein Wort, und morgen steht hier oder in der Werkstatt des Glaukias, die ja Dein eigen, und auf seinem Modellirtisch der fügsamste Thon. Ich weiß, wo der beste zu haben, und besorge ihn in Massen. Der Nachbar Skopas borgt mir sein Fuhrwerk. Da sehe ich den Thon schon vor Augen und Dich selbst, wie Du ihn rüstig auftürmst, bis Dir die gewaltigen Arme erlahmen. Dabei wird nicht gepfiffen und gesummt, sondern frisch heraus gesungen aus der breiten Brust wie früher, als die Mutter noch lebte, wenn Du Dich bei den Dionysien mit Deinen Jungen dem trunkenen Zuge geselltest. Dann glättet sich die Stirn Dir auch wieder, und wenn das Modell Dir glückt, und es gilt, Marmor zu kaufen oder den Erzgießer zu zahlen, heraus dann mit dem Gold aus der Truhe und den Verstecken! Die ganze, volle Kraft kannst Du dann brauchen, und Dein Traum, einen Atlas zu bilden, wie ihn die Welt noch nicht sah, Dein schöner Traum wird zur Wahrheit.« Bis dahin hatte Heron dem Sohne tief atmend zugehört; jetzt aber warf er einen scheuen Blick auf das Tischlein mit dem Wachs und Gerät, strich das wirre Haar aus der Stirn und fiel dem Maler mit einem bitteren Lächeln ins Wort: »Der Traum, sagst Du, der Traum! Als ob ich nicht selber wüßte, daß ich nicht mehr der Mann bin, den Atlas zu stande zu bringen, als ob ich nicht auch ohne euch fühlte, daß die Kraft dazu mir erlahmte.« »Aber, Vater,« unterbrach ihn der Maler, »ist es recht, vor dem Kampf das Schwert fortzuwerfen? Und wenn der Versuch auch nicht gelänge . . .« »Euch wär' es freilich das Liebste,« unterbrach der Steinschneider den Sohn. »Welch besseres Mittel gäb' es wohl, dem alten Einfaltspinsel ein für allemal zu zeigen, daß die Zeit des Schaffens im Großen für ihn vorbei ist?« »Das ist ungerecht, ist Deiner nicht würdig, Vater,« fiel ihm hier der Jüngling neu erregt ins Wort; der Alte aber unterbrach ihn mit erhobener Stimme: »Du schweigst, Bube! Eins wenigstens ist – daß ihr's wißt – mir immer noch verblieben: die Schärfe der Augen, und sie thaten das Ihre, wie ihr euch anblinzeltet, als der Starmatz sein ›meine Kraft‹ rief. Ja, der Vogel hat recht, wenn er beklagt, was einst groß war und jetzt zum Kinderspott wurde. Aber Du, der Du dem Manne Ehrfurcht schuldest, dem Du das Leben verdankst und was Du erlerntest, Du erlaubst Dir, seit das erste Gemälde Dir leidlich gelang, über die kleinere Kunst des eigenen Vaters die Achseln zu zucken. Wie sich das bläht, seit er durch meine opferwillige Sorge ein Maler wurde! Wie das auf den Beklagenswerten herabschaut, den des Lebens Not zwang, aus einem Bildhauer, der das Höchste versprach, ein Steinschneider zu werden. Im tiefsten Innern – ich fühle es – nennst Du meine mühevolle Kunst nur ein halbes Handwerk. Vielleicht gebührt ihr auch kein besserer Name; daß Du aber, daß ihr mit dem Vogel gemeinsame Sache macht und den heiligen Drang verspottet, der den Alten immer noch antreibt, der wahren und echten Kunst zu dienen und etwas Großes, einen Atlas, wie ihn die Welt noch nicht er schaute, in gewaltiger Größe zu bilden, das . . .« Hier schlug er die Hände vor das Antlitz und schluchzte laut auf, und seinen Kindern schnitt auch diesmal das klägliche Weinen des riesenstarken Mannes ins Herz, obgleich sie seit dem Tode der Mutter den Zorn und Mißmut des Vaters schon unzähligemale in kindischen Jammer hatten umschlagen sehen. Heute mußte der Alte ja weicher gestimmt sein als sonst; denn man feierte die Nekysia, das Totenfest, das sich in jedem Herbst wiederholte, und er hatte schon in der Frühe das Grab der verstorbenen Gattin mit der Tochter besucht und den Leichenstein gesalbt und mit Blumen geschmückt. So sprachen ihm denn seine Kinder ermutigend zu, und wie er sich endlich gefaßt und die Thränen getrocknet hatte, bat er so wehmütig und weich, daß man die Stimme des grimmigen Polterers kaum wieder erkannte: »Laßt nur; es geht schon vorüber. Ich vollende morgen die Gemme, und dann kommt der Serapis an die Reihe, den ich dem Oberpriester Theophilus versprach. Mit dem Atlas kann es nichts werden. Du hast es vielleicht doch redlich gemeint, Alexander; aber seitdem die Mutter dahinging, sehet Kinder, seitdem . . . Die Arme sind ja nicht schwächer geworden, doch hier drinnen, – was da zusammenschrumpfte, zerbrach, zerfloß – ich weiß es nicht zu benennen. Meint ihr es gut – und ihr thut es – so dürft ihr mir nicht grollen, wenn die Galle einmal überläuft; es hat sich hier drin zu viel davon gesammelt. Wozu ich bestimmt war und was ich erstrebte, erreichte ich nicht, was ich liebte, ging mir verloren, und wo fände ich wohl Trost und Ersatz?« Da versicherten die Kinder ihn bewegt ihrer Liebe, und er ließ sich den Kuß Melissas gefallen und strich dem Alexander über die Locken. Endlich fragte er nach dem ältesten Sohne Philipp, seinem Liebling, und als er erfuhr, daß dieser, der einzige, von dem er verstanden zu werden meinte, ihn auch heute, am Totenfeste, nicht aufsuchen werde, brauste er wiederum auf und schalt auf die Verderbnis der Zeit und die Undankbarkeit der Kinder. »Ist es wieder ein Besuch, der den Philipp zurückhält?« fragte er unwirsch, und wie Alexander dies verneinte, rief er höhnisch: »Dann ist es ein Wortgefecht im Museum. Und über diesen Nichtigkeiten wird der Vater und die Pflicht des Sohnes gegen die Mutter vergessen.« »Du hattest doch sonst Deine Lust an solchem Ringspiel der Geister,« bemerkte die Tochter bescheiden; der Alte aber fiel ihr abweisend ins Wort: »Weil man diese elende Welt darüber vergißt, den Jammer des Daseins und die marternde Gewißheit, geboren zu sein, um dem grausen Tod zu verfallen. Doch was wißt ihr von den. allen?« »Am Sterbebette der Mutter,« versetzte das Mädchen, »haben auch wir einen Blick in das gräßliche Mysterium gethan.« Und Alexander fügte ernst hinzu: »Und seit wir uns zum letztenmal sahen, Vater, darf ich mich gewiß zu den Eingeweihten zählen.« »Weil Du eine Leiche gemalt hast?« fragte der Alte. »Ja, Vater!« entgegnete der Jüngling und schöpfte tief Atem. »Ich warnte Dich,« bemerkte Heron im Ton überlegener Erfahrung. Dann erklärte er, während Melissa ihm die Falten des blauen Umwurfs zurechtzog, daß er ins Freie zu gehen gedenke. Dabei seufzte er tief auf, und seine Kinder wußten, wohin es ihn zog. Er wollte das Grab, zu dem ihn Melissa am Morgen begleitet hatte, noch einmal aufsuchen, und zwar allein, um dort der verlorenen Gefährtin ungestört zu gedenken. Zweites Kapitel. Die Geschwister waren allein. Melissa seufzte tief auf; der Bruder aber trat ihr näher, legte ihr den Arm um die Schulter und sagte: »Schwer hast Du's gewiß, armes Ding! Achtzehn Jahre alt und bei so großer Anmut eingesperrt zu sein wie im Gefängnis. – Es wird Dich keiner darum beneiden, wenn auch Dein Kerkergenoß und Meister jünger und anders geartet wäre wie unser Alter! Aber wir kennen ihn ja. Es nagt ihm so viel an der Seele, und das Poltern und Toben thut ihm gut wie unsereinem das Lachen.« »Wüßten die anderen nur auch,« versetzte das Mädchen, »wie gut und weich doch im Grunde sein Herz ist.« »Den Freunden zeigt er sich anders als uns,« versicherte der Jüngling; doch Melissa schüttelte das Haupt und rief traurig: »Gestern noch fuhr er den Kunsthändler Apion an, es war schrecklich. Er hatte euch beide nun schon das siebentemal vergeblich zur Mahlzeit erwartet, und in der Dämmerstunde, als er die Arbeit beendet, faßte ihn wieder der Jammer, und ihn weinen zu sehen, o, wie das weh thut! Der Syrer fand ihn mit nassen Wangen, und wie er sich herausnahm, in seiner witzelnden Weise darüber zu scherzen . . .« »Da hat's ihm der Alte gegeben!« unterbrach sie der Bruder und lachte hell auf. »Der wagt sich gewiß so bald nicht wieder an den verwundeten Löwen!« »Das ist das rechte Wort,« erwiderte Melissa, und ihre großen Augen leuchteten heller. »Schon bei der Hetze im Zirkus mußte ich an den Vater denken, wie der große Wüstenkönig mit dem abgebrochenen Speer im Rücken dalag und laut winselnd das mähnige Haupt in den Pranken verbarg. Die Götter sind grausam.« »Das sind sie,« entgegnete der Jüngling im Tone fester Ueberzeugung; seine Schwester aber blickte erschrocken zu ihm auf und rief: »Das sagst Du, Alexander? Ja, ja . . . Du sahst schon vorhin nicht wie sonst aus. Auch Dich hat ein Unglück betroffen.« »Ein Unglück?« fragte der andere, und seine Hand glitt ihr besänftigend über die Locken. »Das eben nicht, und, Du weißt ja, dergleichen geht bei mir schnell genug vorüber. Die da oben haben mir freilich recht deutlich gezeigt, daß es ihnen bisweilen gefällt, das Gastmahl des Lebens mit recht bitterem Trank zu verderben. Aber wie der Mond, so wechselt zum Glück alles, was er bescheint. Manches hier unten ist allerdings sonderbar bestellt. Wie Augen und Ohren, Hände und Füße, schaffen die Himmlischen so vielerlei doppelt, und das Unglück, sagt man, kommt wie die Ochsen gewöhnlich paarweis.« »So hat es auch Dich zwiefach getroffen?« fragte Melissa und faltete die Hände über der angstvoll wogenden Brust. »Mich, Kind, nein! Den jüngeren Sohn Deines Vaters eigentlich gar nicht, und wär' ich ein Philosoph wie unser Bruder Philipp, dann grübelte ich jetzt nach, woher es komme, daß man nur naß werden kann, wenn die Feuchtigkeit uns selbst berührt, und doch recht jämmerlich elend, wenn das Unglück einen andern durchnäßt. Aber sieh mich nicht so ängstlich an mit den großen Augen! Einen Eid kann ich leisten, daß ich als Mensch und Künstler mich niemals wohler fühlte, und ich sollte darum eigentlich auch heute noch meine alte Meinung verteidigen. Aber es ward mir die Larva beim Festschmaus des Lebens gezeigt. – Was das für ein Ding ist? Eine Puppe, das Abbild eines verstorbenen Menschen, das die Aegypter und jetzt auch die Römer bei den Gastmählern die Runde machen lassen, um die Fröhlichen zu ermahnen, jede Stunde mit Genuß zu erfüllen, weil es mit der Freude nur allzu bald aus sei. Solche Larva nun, Mädchen – –« »Du denkst an die verstorbene Tochter des Seleukus, deren Bildnis Du maltest?« fragte Melissa. Da nickte der Jüngling ihr zu, warf sich auf den Arbeitsstuhl der Schwester und rief mit ihrer Stickerei in den Händen: »Schaffe Licht, Mädchen! Ich will Dein hübsches Gesicht sehen. Es gilt zu prüfen, ob Diodor keinen Meineid leistete als er neulich im ›Kranich‹ schwur, in ganz Alexandria geb' es kein gleiches. Außerdem ist mir das Dunkel zuwider.« Wie Melissa mit der brennenden Lampe zurückkam, fand sie den Bruder, der sonst nie lange stillsaß, immer noch in sich selbst versunken an der nämlichen Stelle; doch sprang er bei ihrem Eintritt in die Höhe und schnitt ihre besorgten Fragen mit dem Rufe ab: »Geduld, nur Geduld. Du sollst alles erfahren. Eigentlich wollt' ich Dir heute am Totenfest die Ruhe nicht stören. Und dann . . . Morgen steht es vielleicht schon wieder besser mit ihm, und übermorgen . . .« Da fiel Melissa ihm dringlich ins Wort. »So ist Philippus erkrankt . . .« »Nicht eigentlich, Kind,« lautete die Antwort. »Kein Fieber, kein Schüttelfrost, kein Ziehen und Reißen. Er liegt auch nicht im Bett und trinkt keine bitteren Mixturen. Aber gesund ist er auch nicht, so wenig wie ich, der ich doch vorhin in die Speisen des Elefantenwirtes eingehauen habe wie ein hungriger Wolf und sofort mit gleichen Füßen über diesen Tisch fortspringen könnte. Befiehlst Du die Probe?« »Nein, nein,« bat Melissa mit wachsender Besorgnis. »Wenn Du mich lieb hast, so gib mir kurz und bündig zu hören . . .« »Kurz und bündig,« seufzte der Maler. »Das wird in diesem Falle nicht leicht sein; aber ich will mein Bestes versuchen. Hast Du Korinna gekannt?« »Die Tochter des Seleukus?« »Ganz rechte die verstorbene Jungfrau, deren Leiche ich malte.« »Nein, doch Du wolltest . . .« »Ich wollte kurz sein, aber es liegt mir mehr daran, verstanden zu werden, und wenn Du sie nicht mit Augen gesehen, wenn Du nicht weißt, welches Wunder der Schönheit die Götter bei der Schöpfung dieser Jungfrau verrichtet, dann bist Du berechtigt, mich für einen Narren und den Philipp für wahnsinnig zu halten, was er doch, dank den Göttern, einstweilen noch keineswegs ist.« »So hat auch er die Verstorbene gesehen?« »Nein, nein . . . Und vielleicht dennoch! Das ist alles noch dunkel. Ich weiß ja kaum, was mit mir selber geschah. Vor dem Vater glückte es mir, mich zusammenzunehmen, aber jetzt, wo das alles in mir aufsteigt, wo ich es vor Augen habe, so deutlich, so körperlich, so mit Händen zu greifen, jetzt . . . Beim Hunde, Melissa, wenn Du mich noch einmal unterbrichst . . .« »So fang doch an; ich will schweigen,« fiel ihm die Schwester ins Wort. »Deine Korinna kann ich mir leicht als ein göttlich schönes Frauenbild denken.« Da hob der Jüngling die Hände mit leidenschaftlichem Ungestüm und rief: »O, wie wollt' ich sie, die dies wundervollste Kunstwerk gebildet, rühmen und preisen, wie wäre mein Mund übergeflossen von ihrer Huld und Güte, wenn sie es der Welt vergönnt hätten, sich an dem Zauber dieses herrlichen Wesens weiter das Herz zu erwärmen und in ihr das Abbild ihrer eigenen, ewigen Schönheit mit frommer Andacht zu ehren. Aber sie haben ihr eigenes Meisterwerk frevlerisch vernichtet, die kaum erschlossene Blume zertreten, den Stern schon beim Aufgang verlöscht! Wenn das ein Mensch gethan hätte, Melissa, ein Mensch, was wäre sein Schicksal! Wenn das . . .« Hier schlug Alexander in leidenschaftlicher Erregung die Hände vor das Antlitz; doch als er den Arm der Schwester auf seiner Schulter fühlte, gewann er die Fassung zurück und fuhr ruhiger fort: »Du hast ja gehört, daß sie tot ist. In Deinem Alter stand sie; achtzehn Jahre alt ist sie gestorben, und ihr Vater gab mir den Auftrag, das Bild ihrer Leiche zu malen. Füll mir den Becher. Ich will so gelassen fortfahren wie ein Ausrufer, der den Leuten einen ausgebrochenen Sklaven beschreibt.« Nun trank er in langen Zügen und wandelte ruhelos vor der Schwester auf und nieder, während er berichtete, was ihm in den letzten Tagen begegnet. Vorgestern mittag war er von dem Wirtshause aus, wo er mit Freunden munter und sorglos gezecht hatte, dem Rufe des Seleukus gefolgt. Noch kurz bevor er den Thürklopfer hob, hatte ihm ein lustiges Lied auf den Lippen geschwebt. Daseinsfreudiger war ihm, dem Frohesten der Frohen, nie zu Sinne gewesen. Einer der ersten Männer der Stadt, ein Kenner, hatte ihn mit einer schönen Bestellung beehrt, und die Aussicht, etwas Totes zu malen, gefiel ihm. Sein alter Meister hatte oftmals den reizvoll feinen Ton der Fleischfarben an frischen Leichen gerühmt. Wie sein Blick auf das Gerät gefallen war, das der Sklave ihm nachtrug, hatte er sich höher aufgerichtet im stolzen Gefühl, vor einer schönen Aufgabe zu stehen, der er gewachsen. Dann hatte der Thürhüter ihm das Haus geöffnet, ein graubärtiger Gallier, und wie er ihm in das verhärmte Antlitz geschaut und von ihm durch eine stumme Bewegung die Weisung erhalten, vorwärts zu schreiten, war er schon ernster geworden. Er hatte Wunderdinge von der Pracht des Hauses vernommen, das er nun betrat, und der hohe Säulensaal, der ihn aufnahm, der Mosaikboden, über den er schritt, die Marmorbilder und Hautreliefs an dem oberen Teil der Wände wären wohl wert gewesen, sie aufmerksam zu bewundern, doch er, dessen Auge sich sonst alles, was er einmal gesehen, so fest einprägte, daß er es nachzeichnen konnte, hatte nichts einzelnes von dem vielen, das es dort zu bewundern gab, näher betrachtet; denn schon im Vorsaal war es ihm ganz seltsam zu Mute geworden. Grabesstille hatte in den hohen Hallen geherrscht, die ein beklemmender Duft von Ambra und Weihrauch erfüllte. Es war ihm auch gewesen, als sei die Sonne, die doch eben noch mit vollem Glanz am azurblauen Himmel strahlte, hinter Wolken verschwunden; denn ein befremdliches Dämmerlicht, wie es noch keinem begegnet war, hatte ihn umgeben. Jetzt wußte er, daß es durch die schwarzen Velarien gedrungen war, womit man die offenen Decken der Räume verschlossen hielt, durch die man ihn führte. Ein junger Freigelassener hatte sich schon im Vorsaal an ihm vorbeigedrängt und war lautlos wie ein Schatten durch dämmerige Räume geeilt. Seine Aufgabe war wohl gewesen, der Mutter der Verstorbenen die Ankunft des Malers zu melden; denn bevor Alexander noch Zeit gefunden hatte, das Auge an den üppig blühenden Pflanzenmassen zu weiden, die den Springbrunnen in der Mitte des Impluviums umgaben, war ihm eine hohe Matrone in lang wallenden Trauergewändern entgegengetreten: die Mutter Korinnas. Ohne den schwarzen Schleier zu lüften, der ihr vom Scheitel bis auf die Füße herabfloß, hatte sie ihm stumm gewinkt, ihr zu folgen. Bis dahin war in diesem von Tod und Kummer heimgesuchten Hause noch kein Laut aus dem Mund eines Menschen an sein Ohr gedrungen, und diese Stille hatte den lebensfrohen Künstler so schwer bedrückt, daß er, um nur den Ton der eigenen Stimme zu vernehmen, der Matrone mitgeteilt hatte, wer er sei und wozu er komme. Doch die Antwort war wieder nur eine stumme, zustimmende Neigung des Hauptes gewesen. Die Wanderung mit seiner hohen Führerin hatte übrigens nicht lange gedauert und in einem weiten Gemache ein Ende genommen. Durch hundert und aberhundert der herrlichsten Pflanzen, vor denen eine Menge von Kränzen ruhte, war es in einen Blumengarten verwandelt worden, und in seiner Mitte hatte das Lager der Verstorbenen gestanden. Auch diese Halle war von dem schwärzlichen Dämmerlicht erfüllt gewesen, das ihn schon im Vorsaale befremdet. Der dunkle und verhüllte regungslose Körper dort auf dem Lager, das ein dichter Kranz von Lotusblumen und weißen Rosen umrahmte, war sein Modell. Hier sollte er malen, und er konnte kaum eine Pflanze von der andern unterscheiden, kaum die Form der Vasen erkennen, die das Totenbett umstanden. Nur die weißen Blütenblätter schimmerten wie eine Reihe von Lichtern durch das unheimliche Halbdunkel und außer ihnen in ähnlichem Glanz mitten auf dem Lager ein sanft gerundetes Etwas, der unverhüllte Arm der Verstorbenen. Da hatte das Herz ihm höher zu schlagen begonnen, die Schaffenslust des Künstlers war wieder in ihm erwacht, und er hatte sich zusammengerafft und der Matrone eröffnet, daß es unmöglich sei, in solchem Lichte zu malen. Wiederum war nur eine Neigung des Hauptes die Antwort gewesen, – doch die wortkarge Frau hatte nach dem Lager hingewinkt, und zwei dienende Jungfrauen, die hinter ihm am Boden gekauert, waren plötzlich, als entstiegen sie der Erde, aus dem Dunkel emporgetaucht, und ihrer Gebieterin näher getreten. Da hatte ein neuer Schauer das Blut des Malers durchrieselt, aber gleich darauf war die Stimme der Matrone beinah männlich tief, doch wohllautend ihm ans Ohr geklungen, und sie hatte den Mädchen geboten, den Vorhang zurückzuziehen, so weit es der Maler begehre. Nun meinte er, sei der Zauber gebrochen, und statt der frommen Todesschauer werde Neugier und Schaffenslust seine Seele beherrschen. Gelassen hatte er die nötigen Anordnungen getroffen, den Dienerinnen thatkräftig geholfen, sein Gerät geordnet und dann die Matrone gebeten, die Verstorbene zu entschleiern, damit er sehe, von welcher Seite her er am besten ans Werk gehen könne. Doch nun war die Fassung ihm wieder ins Wanken geraten; denn die hohe Frau hatte die Hand auf den Schleier gelegt und ihn mit einem Blicke gemessen, als habe er etwas Unerhörtes, Empörendes gefordert. So mächtige Augen waren ihm noch unter der Stirn keines andern Weibes begegnet, und doch waren sie vom Weinen gerötet und schwammen in Thränen. Bitteres Weh sprach auch aus jedem Auge ihres wohlerhaltenen Antlitzes, dessen strenge, majestätische Schönheit wohl zu dem tiefen Klang der Stimme paßte. Wem es vergönnt gewesen war, dies Weib in der Blütezeit jungfräulicher Schönheit zu schauen! Aber sie hatte seiner staunenden Bewunderung nicht geachtet, und bevor sie seiner Forderung nachkam, war ihre fürstliche Gestalt erzittert, und laut aufschluchzend hatte sie die Hand erhoben, um die Hülle von dem Haupt der Tochter zu heben. Dann war sie stöhnend neben dem Lager zusammengesunken, um die Wange an das Antlitz der Verstorbenen zu schmiegen. Endlich war sie aufgestanden und hatte dem Maler zugeraunt, daß, wenn das Werk ihm gelinge, ihr Dank keine Grenzen kennen werde. »Was sie weiter sagte,« fuhr Alexander fort, »verstand ich nur halb; denn sie weinte dabei, und ich konnte die Gedanken nicht sammeln. Später erst hörte ich von ihrer Zofe – es war eine Christin – sie habe mir eröffnet, daß am nächsten Morgen die Verwandten und die Klagefrauen kommen würden. Bis in die Nacht hinein dürfe ich hier den Pinsel führen, nicht länger. Man habe gerade mir diesen Auftrag erteilt, weil Seleukus von meinem alten Meister Bion vernommen, es gelinge mir schneller als anderen, die Züge des Vorbildes treu wiederzugeben. Vielleicht sagte sie auch noch ganz anderes; ich aber, ich hörte nichts; denn ich sah nur. Es war mir, wie der Schleier dies Antlitz nicht länger den Blicken entzog, als hätten mir die Götter ein Geheimnis offenbart, das sie sonst nur den Himmlischen zu teilen gestatten. So andächtig war mir die Seele nie vorher und nachher gestimmt, in so feierlicher Glückseligkeit wie in jenen Augenblicken hat mir das Herz nimmer geschlagen. »Was ich da schauen und nachbilden durfte, das war kein menschliches und auch kein göttliches Wesen, das war die Schönheit selbst, von der ich schon manchmal im seligsten Rausche geträumt. »Und – versteh' mich aber nicht falsch – es kam mir nicht in den Sinn, um diese Verstorbene zu trauern und ihren frühen Tod zu beklagen. Sie schlummerte ja nur. – Es war mir, als belausche ich den Schlaf der Geliebten. Wie schlug mir das Herz! O Kind, Kind, und das Schaffen, das nun folgte, das waren Wonnen, wie sie sonst wohl nur die Olympischen an ihren goldenen Tafeln empfinden. Jeder Zug, jede Farbe das vollendet Schönste, was des Künstlers Seele nicht auszudenken, nein, nur zu ahnen vermag. Die köstliche Freudigkeit blieb, doch die Unruhe wich einem unbeschreiblichen, stillen Genügen. Und während ich den Rotstift gebrauchte und die Farben mit dem Cestrum verschmolz, blieb mir nach wie vor die traurige Empfindung weltenfern, eine Leiche zu malen. Schlummerte sie, so war sie unter glückseligen Erinnerungen entschlafen. Oft war es mir auch, als regten sich die Lippen des wundervoll geschnittenen Mundes und als spiele ein leiser Hauch mit dem wie das Deine verschwenderisch reich gewellten, braunen, glänzenden Haar. Die Muse half mir, und das Bildnis – Meister Bion und andere, denk' ich, werden es loben, wenn es auch dem unerreichbaren Vorbild nur gleicht wie die Lampe dort dem glänzenden Abendstern drüben.« »Und bekommen wir es zu sehen?« fiel Melissa dem Bruder, dem sie mit angehaltenem Atem gelauscht hatte, eifrig ins Wort. Da war es dem Künstler, als werde er aus dem Traume gerissen, und er mußte sich besinnen, wo er war und zu wem er sprach. Mit einer raschen Handbewegung strich er sich das Lockenhaar von der perlenden Stirn und frug hastig: »Ich verstand Dich nicht recht, was begehrst Du?« »Ich fragte nur, ob wir das Bildnis zu sehen bekämen,« versetzte sie schüchtern. »Es war nicht recht, Dich zu stören. Und doch! Wie das Haupt Dir glüht. Trinke noch einmal, bevor Du fortfährst. Bist Du wirklich vor Sonnenuntergang fertig geworden?« Da schüttelte Alexander verneinend das Haupt, leerte den Becher und fuhr dann ruhiger fort: »Nein, nein. Schade, daß Du mich unterbrachst. Ich war im Geiste mitten im Malen. Da ist der Mond ja schon! Ich muß mich beeilen; denn nicht um meinet-, um Philipps willen erzähl' ich das alles.« »Ich störe Dich gewiß nicht wieder,« versicherte Melissa. »Gut, gut,« entgegnen der Maler. »Es gibt übrigens auch nicht viel Freundliches mehr zu berichten. Wo bin ich nur stehen geblieben?« »Beim Malen, so lang es noch Tag war.« »Ganz recht; ich erinnere mich! Es begann also zu dunkeln. Dann brachte man Lampen, helle, prächtige, und so viel ich begehrte. Kurz vor Sonnenuntergang kam auch Seleukus, der Vater Korinnas, um die verstorbene Tochter noch einmal zu sehen. Der stattliche Mann trug sein Leid mit maßvoller Ruhe; vor der Leiche seines Kindes faßte es ihn aber dennoch hart genug an. Aber das kannst Du Dir denken . . . Er lud mich auch zu einem Imbisse, und was man da auftrug, hätte einen Satten zum Zugreifen gereizt; ich aber konnte nur wenige Bissen genießen. Berenike, so heißt die Mutter, netzte nicht einmal die Lippen, doch Seleukus griff zu für uns beide, und das verdroß – man sah es ihr an – seine Gattin. Während der Mahlzeit fragte der Kaufherr mancherlei nach mir und dem Vater. Den Philipp hatte er von seinem Bruder Theophilus, dem Oberpriester, rühmen hören. Von ihm erfuhr ich auch, Korinna sei von den kranken Sklavinnen, die sie gepflegt, angesteckt worden und schon am dritten Tage an einem hitzigen Fieber gestorben. Während ich aber dem redenden und schmausenden Lebemanne zuhörte, mußte ich sein Weib, das mir stumm und regungslos gegenüber lag, fortwährend betrachten; denn die Götter hatten in Korinna ihr verjüngtes Ebenbild geschaffen. Frau Berenikes Augen glühten freilich in einem düsteren, ich möchte sagen Furcht erregenden Glanz, – und doch waren sie wie die Korinnas geschnitten. Das sprach ich aus und fragte, ob sie von der gleichen Farbe gewesen; wegen des Bildnisses liege mir daran, es zu wissen. Da verwies mich Seleukus auf das Gemälde, das der alte Sosibius malte, der neulich nach Rom ging zur Arbeit in den neuen Bädern des Kaisers. Im vorigen Jahr bemalte er die Wand eines Saales im Landhause des Kaufherrn zu Kanopus. Eine Galatea bildet den Mittelpunkt des Werkes, und sie ist – jetzt weiß ich's – ein gutes, recht ähnliches Bildnis. »Was ich in dieser Nacht vollende, erklärte Seleukus weiter, solle an dem Hauptende des Sarges der Tochter angebracht werden; doch dürfe ich es noch zwei Tage behalten, um in meiner Werkstatt bei größerer Ruhe und mit Hilfe der Galatea zu Kanopus ein zweites Bildnis der Verstorbenen für das Stadthaus zu malen. »Darauf ließ er mich wieder mit der Gattin allein. »Welch ein herrlicher neuer Auftrag! Und mit wachsender Lust und ruhiger als vorher bin ich auch wieder an die Arbeit gegangen. Es galt ja nicht mehr zu eilen; denn das erste Bild kam in die Gruft, und auf das Zweite konnte ich alle Sorgfalt verwenden. Uebrigens standen mir auch schon damals Korinnas Züge unauslöschlich deutlich vor Augen. »Bei Lampenlicht malen ist sonst nicht meine Sache; doch diesmal sagte es mir zu, und bald überkam mich wieder die glückselig feierliche Stimmung, die mich vor der Leiche beherrschte. Nur bisweilen ward sie durch einen Seufzer oder den leisen Ruf der Mutter getrübt: ›Dahin, dahin, kein Trost, auch nicht der ärmste.‹ »Und was gab es darauf zu erwidern? Wem gäbe der Tod wohl zurück, was er raubte? »›Und ich kann mir nichts Abwesendes vorstellen,‹ murmelte sie einmal dumpf vor sich hin. Aber gegen diesen Mangel konnte meine Kunst Abhilfe schaffen, und so malte ich mit feurigem Eifer weiter und weiter, und zuletzt störte sie mich auch nicht mehr mit Klagen; denn der Schlaf übermannte sie, und das schöne Haupt sank ihr auf die Brust. Auch die Dienerinnen hinter dem Lager waren entschlummert, und nur ihre tiefen Atemzüge unterbrachen die Stille. »Da überkam mich plötzlich der Gedanke, daß ich mit Korinna allein sei, und er wurde immer mächtiger in mir, und dabei war es mir, als bewegten sich ihre lieblichen Lippen und als umschwebe sie ein Lächeln, und sie lade mich ein, sie zu küssen. Und so oft ich entzückt nach ihr hinsah, immer sah und empfand ich das Gleiche, und zuletzt zog mich alles, was in mir ist, zu ihr hin, und ich konnte nicht mehr widerstehen, und meine Lippen vereinten sich in einem Kuß mit den ihren.« Da seufzte Melissa leise auf; der Künstler aber hörte es nicht und fuhr wie außer sich fort: »Und mit diesem Kusse ward ich ihr eigen, mit ihm nahm sie mir Herz und Sinn gefangen. Ich kann nicht mehr von ihr lassen; denn im Wachen und Schlaf steht mir ihr Bild vor Augen und hält mir Geist und Seele gefangen.« Dabei ergriff er wieder den Becher, leerte ihn mit einem raschen Zuge und rief dann. »Sei es drum! Wer einen Gott geschaut hat, sagen sie, der müsse sterben, und es ist recht so; denn ihm ist etwas Herrlicheres widerfahren als den anderen allen. Auch unserem Bruder Philipp hat die Einzige das Herz in Banden geschlagen, wenn ihm nicht ein Dämon in ihrer Gestalt die Sinne verwirrte. Ich ängstige mich um ihn, und Du mußt mir helfen.« Nun sprang er auf, um das Zimmer wieder mit langen Schritten zu durchmessen, die Schwester aber hing sich ihm an den Arm und flehte ihn an, von dem bestrickenden Wahnbilde zu lassen. Wie warm klang diese Bitte, wie zärtliche Besorgnis aus jedem Worte Melissas, da sie zu wissen verlangte, wo und wie auch ihr älterer Bruder Philipp mit der Tochter des Seleukus zusammen gekommen. Dem Künstler wurde das leicht bewegte Herz weich, und während er dem geliebten, sonst immer hilfreichen und jetzt so ratlosen Wesen an seiner Seite das Haar streichelte, suchte er Melissa zu beruhigen, indem er den leichten Ton wieder zu finden strebte, der ihm sonst eigen, und lächelnd zu wiederholen, daß der alte frohe Mut bald wieder bei ihm einkehren werde. Sie wisse ja, rief er heiter, daß jede seiner lebenden Geliebten schnell eine Nachfolgerin gefunden, und es müsse doch seltsam zugehen, wenn eine Verstorbene ihn länger zu fesseln verstehe. Mit dem Kuß nehme übrigens seine Geschichte, so weit sie im Hause des Seleukus spiele, ein Ende; denn Frau Berenike sei bald darauf erwacht und in ihn gedrungen, das Bildnis daheim zu vollenden. Am nächsten Morgen habe er die Arbeit mit Hilfe der Galatea in der Villa zu Kanopus weiter ausgeführt, und dort sei ihm auch mancherlei über die Verstorbene zu Ohren gekommen. Ein junges Weibchen habe die Villa gehütet und ihm zur Verfügung gestellt, was er brauchte. Ihr hübsches Gesicht sei geschwollen gewesen vom Weinen, und sie habe unter Thränen gerufen, ihr Mann, der als Centurio unter den Prätorianern des Kaisers diene, werde morgen oder übermorgen mit dem Cäsar nach Alexandria kommen. Sie habe ihn lang nicht gesehen und ihm ein Kindchen zu zeigen, das er noch gar nicht kenne, und doch könne sie sich nicht freuen; denn mit der jungen Herrin sei alle Fröhlichkeit in ihr wie erloschen. »Die Liebe, die mir aus jedem Wort der Centurionenfrau entgegenklang,« schloß er, »half mir übrigens beim Malen, und ich konnte mit meinem Werk zufrieden sein. Das Bild war so gut geraten, daß ich es für den Seleukus in aller Ruhe vollenden, für den Sarg aber, so gut oder schlecht die vergönnte Zeit es gestattete, eine neue Kopie herstellen wollte. Solche Leichenbilder verschwinden ja in der halbdunklen Gruft, und wie wenige bekommen sie zu sehen! Es gehört auch ein Seleukus dazu, den – Dank der Muse – recht teuren Pinsel Deines Bruders für dergleichen in Bewegung zu setzen. Aber auf das zweite Bildnis kommt etwas an; denn dem kann es begegnen, neben einer Tafel von der Hand des Apelles aufgestellt zu werden, und es sollte auch den Eltern so viel von ihrem verlorenen Kinde wieder geben, wie nur immer in meiner Macht stand. Unterwegs nahm ich mir vor, gleich nach der Heimkehr bei Licht mit der Kopie zu beginnen; denn spätestens am nächsten Abend mußte sie abgeliefert werden. »So betrete ich denn eifrig die Werkstatt, und der Sklave stellt das verhängte Bild auf die Staffelei, während ich meinen Besucher, den Philipp, begrüße, der die Lampe angesteckt und sich natürlich ein Buch mitgebracht hat. Er war so vertieft in die Stelle, daß er mein Kommen erst merkte, wie ich ihn anrief. Da erzähle ich ihm denn, woher ich komme und was mir begegnet ist, und er findet das sehr eigentümlich und fesselnd. »Etwas hastig und suchend war er wie immer, sonst aber klar und verständig. Dann begann er mir zu erzählen, was er von einem neu aufgetauchten Philosophen, einem früheren Sackträger, Wundersames vernommen, und erst als mein Syrus Austern brachte – denn für Kräftigeres fehlte mir noch immer die Eßlust – verlangte er das Bild der Verstorbenen zu sehen. »Da weise ich ihn auf die Staffelei und schaue ihm nach; denn je schwerer er zu befriedigen ist, desto höher schätz' ich sein Urteil. Diesmal glaubte ich sicher auf unbedingtes Lob, ja auf einige Bewunderung zählen zu dürfen; schon um des Vorbildes willen. »Mit einer etwas hastigen Bewegung wirft er denn auch das Tuch von dem Bilde; aber statt wie sonst erst ruhig zu schauen und dann seine scharfen Bemerkungen hervorzuschnellen, prallt er vor dem Bildnisse zurück, als habe die blendende Mittagssonne ihm ins Auge geschienen. Dann starrt er, weit vorgebeugt, auf mein Werk, und dabei fliegt ihm der Atem wie nach einem stürmischen Wettlaus. Lautlos und als schaue er der Meduse ins Antlitz, bleibt er, ich weiß nicht wie lange, stehen, und als er endlich gar die Faust erhebt und sie an die Stirn preßt, rufe ich ihn an. Doch er erwidert nichts als ein ungeduldiges ›Laß mich!‹ und dann, – dann fuhr er fort, das Bildnis stumm mit dem Blick zu verschlingen. »Ich störte ihn nicht; denn auch ihn, dachte ich, habe die unsagbare Schönheit dieses Jungfrauenantlitzes bezaubert. So blieben wir beide still, bis er endlich mit heiserer Stimme fragte: ›Das hast Du gemacht? Das, sagst Du, sei des Seleukus verstorbene Tochter?‹ »Ich bejahte dies natürlich, und nicht ganz ohne Stolz; er aber brauste plötzlich unwillig auf und warf mir in bitteren Worten vor, daß ich ihm nachgehe, ihn belauere und mit Dingen Scherz treibe, die ihm heilig seien, wenn ich es auch vorziehe, damit zu spielen. »Ich versicherte dagegen, daß meine Antwort so ernst wie zutreffend gewesen und meine Erzählung von vorhin in jedem Worte der Wahrheit entspreche. »Da fuhr er noch heftiger auf mich los. Auch ich begann ärgerlich zu werden, und wie er, bis ins Innerste erregt, hartnäckig auf seiner Meinung beharrte, das Vorbild meines Gemäldes könne die verstorbene Korinna nicht sein, schwur ich ihm mit der feierlichsten Würde, die ich aufbringen konnte, einen großen Eid, daß es sich doch so verhalte. »Da stellte er mir in so weichen, rührenden Worten, wie ich sie nie aus seinem Munde vernahm, dringend vor, daß wenn ich ihn hinters Licht führe, es um seine Ruhe geschehen sei, ja daß er fürchte, den Verstand zu verlieren, – und wie ich nun zum andernmale und beim Andenken an unsere verstorbene Mutter beteuere, es sei mir nicht eingefallen, Spaß mit ihm zu treiben, schüttelt er mehrmals das Haupt, greift sich an die Stirn und schickt sich an, die Werkstätte ohne Gruß zu verlassen.« »Und Du ließest ihn gehen?« fragte Melissa in angstvoller Spannung. »Gewiß nicht,« versetzte der Maler. »Ich vertrat ihm vielmehr den Weg und verlangte zu wissen, ob er Korinna gekannt, und was das alles bedeute; er aber verweigerte mir die Antwort und machte den Versuch, sich an mir vorbei über die Schwelle zu drängen. Da mag es denn ein sonderbares Schauspiel gegeben haben, wie wir großen, ausgewachsenen Menschen uns miteinander balgten, als wären wir noch auf dem Spielplatz. Aber ich zwänge ihn ja mit einer Hand in die Kniee, und so mußte er bleiben, und nachdem ich ihm gelobt, ihn dann ungehindert gehen zu lassen, bekannte er, daß er Korinna im Hause ihres Oheims, des Oberpriesters, gesehen habe, ohne zu wissen, wer sie sei, und ohne auch nur ein Wort mit ihr zu reden. Aber er, der sonst allem aus dem Wege geht, was ein langes Gewand trägt, hatte diese Jungfrau und ihre herrliche Schönheit nicht vergessen und – er sprach es nicht aus, doch aus jedem seiner Worte ging es hervor – war wie von Sinnen vor Liebe. Ihre Augen hatten ihn überall hin verfolgt, und das war ihm wie ein großes Unglück erschienen, weil es ihm beim Denken die Ruhe störte. Vor vier Wochen war er über den mareotischen See zum Polybius gefahren, um den Andreas zu sprechen, und wie er bei der Heimkehr am Ufer stand, hatte er sie zum andernmale an der Seite eines älteren Mannes in weißen Gewändern getroffen. Das letzte Zusammentreffen soll aber am Morgen des Tages, an dem dies alles vorging, stattgefunden haben, und darf man ihm glauben, so sah er sie nicht nur, sondern berührte sogar ihre Hand. Es war wieder an unserem See gewesen, und sie hatte sich angeschickt, aus dem Fährboot zu steigen. Der Obolus, womit sie den Schiffsherrn bezahlen wollte, war zu Boden gefallen, und er hatte ihn aufgehoben und ihr zurückgegeben. Dabei waren seine Finger mit den ihren in Berührung gekommen. Das, sagte er, fühle er noch, und doch sollte sie nicht mehr unter den Lebenden wandeln. »Nun war die Reihe an mir, seinen Bericht zu bezweifeln, er aber bestand auf jedem seiner Worte, wollte von Aehnlichkeiten und dergleichen nichts wissen und sprach von Dämonen, die ihm Trugbilder zeigten, um ihn zu verwirren und ihn zu verhindern, die Erkenntnis des wahren Wesens der Dinge zu einem glücklichen Ende zu führen. Das steht ja im geraden Gegensatz zu seiner Anschauung von den Dämonen, und wie er endlich ins Freie stürzte, sah er aus wie von bösen Geistern besessen. »Ich eilte ihm nach, doch in einer dunklen Gasse verschwand er. Dann hatt' ich mit der Kopie alle Hände voll zu thun, und gestern übergab ich sie dem Seleukus. »Nun ging es ans Suchen; doch weder in seiner Wohnung, noch im Museum konnte man mir Auskunft erteilen. Heute nun war ich von früh an hinter ihm her. Selbst wie sonst bei den Nekysien Blumen aufs Grab der Mutter zu bringen, hab' ich um seinetwillen vergessen. Aber gerade in der Totenstadt wird er sein; denn als ich, bevor ich hieher kam, auf dem Blumenmarkt einen Kranz bestellte, zeigte mir die hübsche Doxion zwei ganz wunderschöne, die sie für ihn gewunden und die er später abholen wollte. Er ist also jetzt in der Nekropole, und ich weiß auch, was er mit dem zweiten Kranze vorhat; denn der Thorhüter des Seleukus sagte mir, ein Mann, der sich mein Bruder genannt, sei zweimal bei ihm gewesen und habe sich lebhaft erkundigt, ob mein Bildnis schon an die Leichenhülle Korinnas befestigt. Das hatte der Alte verneint, weil die Balsamirung natürlich nicht fertig sein könne; das Gemälde werde aber heute, als am Totenfeste, in der Halle der Taricheuten ausgestellt sein. So ward es auch wirklich bestimmt. Nun aber, Kind, nimm Du Deinen klugen Mädchenkopf recht fest zusammen und ersinne etwas, wodurch man ihn wieder zu sich selbst bringt und ihn von seinem thörichten Wahne befreit.« Da rief Melissa eifrig: »Erst gilt es, ihm nachgehen und mit ihm reden. Warte einen Augenblick. Ich muß noch schnell mit den Sklaven sprechen. Der Nachttrunk des Vaters ist rasch gemischt. Vielleicht kehrt er vor uns heim, und da muß ich ihm jetzt schon das Lager . . . Im Augenblick bin ich zurück.« Drittes Kapitel. Die Geschwister hatten einen weiten Weg zurückzulegen. Die Straßen waren voller Menschen, und je näher sie der Totenstadt kamen, desto dichter war das Gedränge. Während sie der Stadtmauer folgten, hielten sie Rat. Nachdem sie übereingekommen waren, das Mädchen, dessen Hand Philipp ja berührt hatte, könne kein Dämon sein, der die Gestalt Korinnas angenommen habe, neigten sie sich der Annahme zu, eine Aehnlichkeit täusche den Bruder. Alexander, beschlossen sie endlich, solle diejenige suchen, welche der schönen Verstorbenen so wunderbar gleiche. Und der Künstler übernahm dies gerne; denn er brauchte zum Schaffen ein freies Herz, und das seine war noch nie so schwer belastet gewesen. Die Hoffnung, ein lebendes Wesen zu finden, das der entschlafenen Jungfrau gleiche, vereinte sich jetzt in ihm mit dem Wunsch, den hochbegabten Bruder vor der Verwirrung zu retten, in die er zu geraten drohte, und Melissa sah mit frohem Erstaunen, wie schnell dies neue Lebensziel dem Jüngling die getrübte Daseinsfreude zurückgab. Diesmal führte sie das Wort, und Alexander, dem nichts Schönes entging, weidete das Ohr an dem reinem Wohllaut ihrer Stimme. So, dachte er, während sie durch das Dunkel hinschritten, ist auch ihr Antlitz, und die Charitinnen, die sie mit all dem Zauber schmückten, mögen es dem Vater vergeben, daß er sie vergräbt wie sein Gold. In Gesellschaft eines andern etwas, was ihn bewegte, still für sich auszudenken, lag nicht in seiner Weise, und so raunte er der Schwester zu: »'s ist auch gut, daß die makedonische Jugend dieser Stadt einmal zu sehen bekommt, welches Kleinod das Haus unseres Alten verbirgt. Sieh nur, wie hell Selene scheint und wie prächtig die Sterne über uns funkeln. In leuchtenderen Farben blaut der Himmel wohl nirgends! Sind wir nur erst aus dem Schatten heraus, den die Stadtmauer auf den Weg wirft, so kommen wir ins Helle. Da taucht das Serapeum aus dem Dunkel hervor. Sie versuchen wohl schon die Beleuchtung, mit der dem Kaiser, wenn er kommt, die Augen geblendet werden sollen. Aber sie müssen auch zeigen, daß in dieser Nacht die Götter der Unterwelt und des Todes allesamt wach sind. Zu so später Stunde bist Du wohl noch nie in die Nekropole gekommen.« »Wie sollt' ich?« versetzte das Mädchen; er aber gab der Freude Ausdruck, ihr zum erstenmal das wunderbare nächtliche Treiben an diesem Feste zu zeigen, und als er das laute »Ah!« vernahm, das sich ihrer Brust beim Anblick des größten aller Tempel entrang, der, mit Pechpfannen, Fackeln und zahllosen Lampen erhellt, aus dem Dunkel vor ihnen aufstieg, rief er ihr so stolz und froh bewegt ein fragendes »Nun?« zu, als schulde sie ihm diesen Anblick. Von dem gewaltigen steinernen Unterbau, der sie trug, ragte die Kuppel des Serapeums hoch auf und schien mit der Spitze das Firmament zu berühren. So edel waren die Formen dieses Riesenbaues dem Mädchen, das ihn immer nur bei Tage geschaut, noch nie erschienen; denn durch die von Künstlerhand angeordnete Beleuchtung trat jede seiner Linien heller und deutlicher hervor als im Lichte der Sonne, und Melissas empfängliches junges Herz vergaß bei diesem wunderbaren Anblick den Kummer, der es eben noch bedrückte, und begann schneller zu schlagen. Das einsame Leben mit dem Vater war ihr bis dahin nach dem Sinne gewesen, und auch jetzt noch hätte sie sich für die Zukunft nichts Besseres gewünscht, als still und zurückgezogen für ihn und die Brüder zu sorgen; doch nun empfand sie dankbar die Lust, auch einmal etwas Großes und Herrliches zu schauen, und freute sich, dem Einerlei der Tage und Stunden auf kurze Zeit zu entrinnen. Einmal hatte sie mit den Brüdern und dem Diodor, dem liebsten Freund des Alexander, einer Tierhetze, die einem Gladiatorenkampf gefolgt war, zugeschaut; doch sie war beängstigt und traurig nach Hause gekommen; denn was sie gesehen, hatte sie mehr entsetzt als erfreut. Einige der Erschlagenen und Zerrissenen kamen ihr nicht aus dem Sinn, und da sie auf den Plätzen des reichen Vaters des Diodor, auf dem untersten vornehmsten Range, gesessen, war sie von dem jungen, leichtfertigen Herrn ihr gegenüber, sobald sie nur die Augen aufschlug, so frech und herausfordernd angeschaut worden, daß es sie verletzt und beleidigt, ja mit dem Wunsche erfüllt hatte, bald nach Hause zu kommen. Und doch war sie dem Diodor gut von Kind an, und sie hatte sich mehr darauf gefreut, so lange ganz still in seiner Nähe weilen, als der Vorstellung zuschauen zu dürfen. Diesmal ward ihre Neugier befriedigt, und dazu erfüllte sie der Wunsch, einem teuren Menschen zu helfen, mit stiller Freude. Es that ihr auch wohl, mit Alexander, der ihr besonders lieb war, nach langer Zeit einmal wieder am Grabe der Mutter beisammen zu sein. Das konnte sie nicht oft genug besuchen, und der Segen, der – davon war sie fest überzeugt – von ihm ausging, würde gewiß auch dem Bruder zu gut kommen und von ihm abwälzen, was ihn bedrückte. Während sie zwischen dem alles hoch überragenden Serapeum und dem lang hingestreckten Stadium dahinschritten, verdichtete sich die Menge, und auf der Brücke, die sie über den Drakokanal führte, ward das Fortkommen schwer. Jetzt, wo der Vollmond höher stand, begannen die den unterirdischen Göttern geweihten Opfer und Schauspiele, jetzt erst hatten sich die Fabriken und Werkstätten in der auch an den Nekysien rastlos thätigen Stadt entleert, und so füllte der Weg sich immer dichter mit Menschen. Ihrer zurückgezogenen Natur war sonst jedes Gedränge zuwider, jetzt aber kam sie sich vor wie ein Tropfen in einem kräftig fließenden Strom, in dem alles das Verlangen teilte, das sie selbst ihrem Ziel entgegentrieb. Der Wunsch, den Verstorbenen zu zeigen, daß man ihrer gedenke und bestrebt sei, sich ihrer Gunst zu vergewissern, beseelte Mann und Weib, Alt und Jung. Da waren wenige, die nicht ein Kränzlein oder einen Strauß selbst in der Hand gehalten, oder ihn sich von den Sklaven hätten nachtragen lassen. Vor den Geschwistern her ging eine große, kinderreiche Familie. Die schwarze Wärterin hatte sich das Jüngste auf die Schulter gesetzt, und ein Esel trug zwei Körbe, aus denen Blumen für das Grab, ein Weinkrug und Eßwaren hervorlugten. Man wollte am Grabe der Großeltern ein Gedächtnismahl halten, und die Kleine, deren hübscher blonder Lockenkopf das Wollhaupt der Negerin hoch überragte, antwortete mit fröhlichem Nicken den Winken der Geschwister. Die Kinder freuten sich auf den Schmaus zu so ungewohnter Zeit, und die Eltern an ihnen und auf das Heitere und Erhebende, das ihnen bevorstand. Viele begehrten in dieser Nacht am Grabe der Lieben nur der guten Stunden zu gedenken, in denen sie mit ihnen glücklich gewesen, andere hofften Leid und Sorge in der Totenstadt zurückzulassen und dort frischen Lebensmut und neues Wohlsein zu finden; denn die Unterwelt stand heute weit offen, und wenn irgendwo, so nahmen in dieser Nacht die »Unterirdischen« die Opfer der Frommen an und erhörten ihre Gebete. Die hageren Aegypter, die sich dort stummen und gesenkten Hauptes an den Geschwistern vorbeidrängten, waren sicherlich willens, dem Osiris und dem Anubis – denn mit den Nekysien fiel das Fest aller Götter der Toten und der Auferstehung zusammen – Spenden darzubringen und sie durch magische Sprüche und Mittel zur Willfährigkeit zu zwingen. Alles ringsum ließ sich deutlich erkennen; denn das wüste Gebiet der Totenstadt, wo sonst zu dieser Stunde tiefes Dunkel und lautlose Stille herrschten, war heute erleuchtet, und doch vermochte das Licht die Schauer, welche diese Stätte sonst bei Nacht umschwebten, nicht völlig zu bannen; denn die ungewohnte Helligkeit blendete und verwirrte die Fledermäuse und andere Nachtvögel, und sie flatterten jetzt in dunklen, gespenstischen Scharen über den Wanderern hin. Manche hielten sie für die ruhelosen Seelen verdammter Sünder und schauten beängstigt zu ihnen in die Höhe. Melissa zog das Kopftuch zusammen und schmiegte sich fester an den Bruder; denn auch der Gesang und das wüste Geschrei, das sie längst hinter sich vernahm, kamen ihnen nahe. Sie schritten nicht mehr auf einer gepflasterten Straße, sondern auf hartem Wüstenboden hin. Das Gedränge hatte aufgehört, weil es sich hier in die Breite entfalten konnte, und doch eilte die unbändige Schar, nach der sie sich nicht umzuschauen wagte, ganz dicht an ihr vorüber. Es waren Griechen von jedem Alter und beiden Geschlechtern. Die Männer schwangen Fackeln und sangen sich in zügellosem Ungestüm heiser, die Weiber stürmten bekränzt neben ihnen her. Was sie in Körben auf dem Haupte trugen, war nicht zu erkennen, und auch Alexander wußte es nicht; gab es hier doch so viele religiöse Genossenschaften und Mysterienkreise, daß er nicht einmal sagen konnte, welchem diese laute Schar angehöre. Kaum hatten die Geschwister dann einen Zug weißgekleideter Männer, der sich gemessenen Schrittes fortbewegte und in dem der Künstler die philosophisch-religiöse Brüderschaft der Neupythagoräer erkannte, überholt, als ein kleinerer Menschenhaufen in leidenschaftlicher Erregung, ja wie von Sinnen dahergerast kam. Die Männer trugen die roten, sackartigen Mützen ihrer phrygischen Heimat, die Weiber mit Früchten gefüllte Schüsseln. Etliche schlugen die Handpauke, andere die Cymbel, und mit sinnverwirrendem Geheul drängte der eine den andern zu immer schnellerem Vorwärtsjagen, bis der Staub sie den Blicken und neues wildes Getöse dem Gehöre entzog. Dann stürmten die Mysten des Dionysos heran und wetteiferten in tollem Ungestüm selbst mit den Phrygern. Doch dieser rasende Zug blieb hinter den Geschwistern zurück; denn einer der schön ausgeputzten hellfarbigen Stiere, welche Männer und Jünglinge dem Zuge nachgetrieben hatten, um sie zu opfern, hatte sich, außer sich gebracht durch Geschrei und Fackellicht, losgerissen, und es galt, ihn von neuem zu fesseln. Endlich erreichten die Geschwister den Friedhof. Zu den lang hingestreckten Häusern der Totenbestatter konnten sie sich den Weg noch nicht bahnen. Eine undurchdringliche Menschenschar hatte sich vor ihnen gestaut, und Melissa bat aufatmend den Bruder, sie einen Augenblick ausruhen zu lassen. Was sie auf dem Wege hierher gesehen und gehört, hatte sie aufs tiefste erregt, und doch war ihr nur selten aus dem Gedächtnis geschwunden, was sie in die Nacht hinausführte, wen sie hier suchte, und daß sie alles aufbieten müsse, ihn von dem Wahn zu befreien, der ihn bethörte. In diesem Menschengedränge, diesem tobenden Gewühl war kaum an jene ruhige Sammlung zu denken, die sie heute morgen beim Grabe der Mutter mit dem Vater gefunden. Daran war nicht zu zweifeln, und das schöne Freiheitsgefühl, das vorhin so hell in ihr aufgeleuchtet war, trat tief vor einer wachsenden Beängstigung und der Sehnsucht nach der gewohnten Ruhe in den Schatten. Wenn der Vater sie hier fände! Als sie eine hohe Gestalt, die der seinen glich, durch das vom Staub gedämpfte Fackellicht schreiten sah, zog sie den Bruder hinter den Stand eines Krämers, der Fruchtwasser und andere Erfrischungen feilbot. Der Vater wenigstens sollte noch verschont bleiben von der Unruhe, die sie um den Philipp, seinen Liebling, empfanden. Außerdem wußte sie, daß der Alte sie, wenn er sie hier fände, ungesäumt nach Hause führen würde. Es galt jetzt, zu überlegen, wo sie dem Philipp begegnen könnten. Hart neben ihnen standen die Buden der Händler, die Speisen und Getränke jeder Art, Blumen und Kränze, Amulette und Papyrusblätter mit seltsamen Beschwörungen für die Gesundheit des Körpers und das Heil der Seele verstorbener Menschen feilboten. Ein Sternseher, der aus dem Stand der Planeten den Lauf des künftigen Lebens voraussagte, hatte auf einer erhöhten Estrade große Tafeln und das Instrument aufgestellt, womit er wie mit einem Bogen nach den Gestirnen zielte, und sein syrischer Sklave schrie, begleitet vom Wirbel einer buntbemalten Trommel, laut aus, was er vermöge. In verschlossenen Zelten gab es allerlei magische Mittel zu kaufen, welche die Obrigkeit feilzubieten verbot: vom Liebestrank bis zu der Flüssigkeit, welche, recht angewandt, Blei, Silber und Kupfer in Gold verwandeln sollte. Hier luden alte Weiber ein, thrakische und andere Zauber zu versuchen, dort schritten Wunderthäter mit spitzen Mützen und in langen bunten Talaren, von denen die meisten sich Priester einer unterirdischen Gottheit nannten, gravitätisch auf und nieder. Menschen aller Stämme und Zungen, welche die Ufer des Mittelmeers und das nördliche Afrika bewohnten, drängten sich lärmend durcheinander. Hinter den Häusern der Totenbestatter war das größte Gedränge. Hier wurde auf den Altären des Serapis, der Isis und des Anubis geopfert, dort gab es das heilige Sistrum der Isis zu küssen, da vollbrachten hunderte von Priestern feierliche Zeremonien, und die Hälfte derer, welche das Totenfest in die Nekropole zog, versammelte sich um sie her. Vor Mitternacht begannen hier auch die Mysterien, und man konnte der dramatischen Aufführung der Klagen der Isis und der Neubelebung ihres erschlagenen Gatten Osiris zuschauen. Aber weder hier, noch bei den Buden, noch auch im Bereich der Gräber, wo viele Familien bei Fackellicht schmausten und Libationen für die Seelen der Verstorbenen in den Staub gossen, meinte Alexander, sei der Bruder zu finden. Auch die Mysterienfeiern der verschiedenen Genossenschaften konnten den Philipp nicht anziehen. Er hatte ihnen oft genug mit seinem Freunde Diodor beigewohnt, der bei dem Zuge nach Eleusis nie fehlte, weil er versicherte, daß man allein durch die Mysterien der Demeter Sicherheit über die Fortdauer der Seele erlange. Das wüste Treiben der Syrer, die in religiöser Ekstase sich selbst verstümmelten, und was ihm verwandt war, stieß den Philipp ab als roh und barbarisch. Melissa drängte sich in diesem Durcheinander der Kulte, dieser Feier so verschiedenartiger Götter, von denen der eine dem andern feind war oder noch öfter mit ihm verschmolz, die Frage auf, an wen sie sich in ihrer inneren Bedrängnis zu wenden habe. Die Mutter hatte am liebsten dem Serapis und der Isis geopfert. Seitdem Melissa aber während der Krankheit derselben diesen Heilungsgöttern alles, was ihr eigen, vergeblich geopfert und ihr im Serapeum selbst Dinge widerfahren waren, die ihr jetzt noch das Schamrot in die Wangen trieben, hatte sie sich von dem großen Gott der Alexandriner abgewandt. War derjenige, welcher sie durch empörende Anträge verletzt, auch nur ein Priester in geringer Stellung gewesen, hatte sie sich doch gescheut, ihm, der übrigens seitdem gestorben war, wieder zu begegnen, und das Heiligtum, dem er gedient hatte, gemieden. Sie war ein echt alexandrinisches Mädchen und den philosophischen Streitigkeiten der Männer von früh auf zu folgen gewohnt. So verstand sie auch sehr wohl die Versicherung ihres Bruders Philipp, des Skeptikers, er leugne das Dasein der Himmlischen mit nichten, doch dürfe er auch nicht daran glauben; denn das Denken führe ihn zu der Ueberzeugung, daß der Mensch überhaupt nichts Gewisses und also auch nicht von der Gottheit zu wissen vermöge. Mit bestechlichen Gründen hatte er auch die Güte und Allmacht der Himmlischen, die Vernünftigkeit und Zweckmäßigkeit des Weltganzen geleugnet; Melissa aber freute sich zwar an dem Scharfsinn des Bruders, doch was nur den Geist gefangen nimmt und nicht auch das Herz, bestimmt das Weib zu nichts Großem und am wenigsten zu einer einschneidenden Wandlung im Leben des Gemütes. So blieb die Jungfrau dem mütterlichen Glauben treu, daß es gewaltige Mächte außer ihr gebe, die das Leben der Natur und der Menschen leiteten. Sie meinte nur weder im Serapis noch in der Isis die rechten Götter gefunden zu haben und hatte darum nach anderen gesucht. Dabei war sie zu einem Ahnenkult gelangt, der, das wußte sie von der Sklavin ihrer Freundin Ino, auch den Aegyptern nicht fremd war. In Alexandrien gab es für jeden Gott Altäre und Verehrungswesen in jeder Gestalt. Das ihre war nicht darunter; denn sie hatte dazu den Genius, die von der Last des vergänglichen Leibes befreite Seele der verstorbenen Mutter gemacht. Von ihr war ihr nichts als Gutes und Liebes zu teil geworden, und sie wußte, daß die Mutter, wenn es ihr nur vergönnt sei, auch in anderer als der menschlichen Gestalt es sich nicht nehmen lassen werde, freundlich und sorgend ihrer zu walten. Auch die in die eleusinischen Mysterien Eingeweihten – Diodor hatte es ihr gesagt – wünschten sich die Unsterblichkeit der Seele, um an dem Leben derer, die sie zurückließen, auch fürder teilnehmen zu können, und was führte so viele zu jeder Zeit mit Gaben in die Nekropole hinaus als das Bewußtsein, mit den Verstorbenen zusammenzustehen und von ihnen beachtet zu werden, so lange sie selbst ihrer nicht vergaßen? War es dem verklärten Geist der Mutter aber auch versagt, ihr Flehen zu hören, so brauchte sie darum doch nicht aufzuhören, sich an sie zu wenden; denn es that ihr selbst unsagbar wohl, im Geist bei ihr zu verweilen und ihr anzuvertrauen, was ihr die Seele bewegte. So war ihr das Grab der Mutter zur Lieblingsstätte geworden. Dort hoffte sie auch diesmal, wenn irgendwo, Trost, eine gute Eingebung und vielleicht sogar Hilfe zu finden. Jetzt bat sie den Alexander, sie dahin zu begleiten, und er that ihr den Willen, obgleich er meinte, Philipp sei schon in den Bestattungshäusern bei dem Bilde Korinnas. Die Geschwister hatten es nicht leicht, sich durch die der großen Schaustellung in dieser Nacht zuströmenden Tausende zu drängen; dafür aber waren die meisten Friedhofbesucher durch die Mysterien von den Gräbern der Makedonier fortgezogen worden, und in der Umgebung des schönen marmornen Denkmals, das Alexander, um den Vater zu erfreuen, von dem ersten größeren Verdienste für die Mutter errichtet, störte nur wenig die Ruhe. Es war mit verschiedenen Kränzen behängt und belegt, und bevor Melissa zu beten und den Stein zu salben begann, prüfte sie dieselben mit Auge und Hand. Diejenigen, welche von ihr und dem Vater kamen, erkannte sie sogleich. Der schlichte Schilfkranz, an dem zwei Lotusblumen hingen, war eine Liebesgabe ihres alten Sklaven Argutis und seiner Gefährtin Dido. Die hübsche Blumenkrone dort stammte aus dem Garten ihrer Nachbarn, denen die Mutter teuer gewesen. Dieser herrliche, mit den prächtigsten Rosen gefüllte Korb endlich, der ihr am Morgen noch nicht begegnet war, ihn hatte auch diesmal Andreas, der Verwalter des Vaters ihres jungen Freundes Diodor, obgleich er sich zu den Christen hielt, hieher gestellt. – Das war alles. Philipp konnte noch nicht hier gewesen sein, und doch war Mitternacht nahe. Er hatte – zum erstenmal geschah es – diesen Tag vorüber gehen lassen, ohne der Verstorbenen zu gedenken. Wie das Melissa weh that! Und es steigerte auch ihre Besorgnis. Bekümmert und schweren Herzens salbten die Geschwister den Stein, und während Melissa dann die Arme hoch hob, um zu beten, blickte der Maler stumm und sinnend zu Boden; kaum aber hatte sie die Hände wieder gesenkt, als er lebhaft ausrief: »Er ist doch hier und im Hause des Totenbestatters. Daß er zwei Kränze bestellte, steht ja fest, und wenn er für das Bild der Korinna den einen bestimmte, sollte die Mutter doch gewiß den andern haben. Hat er der Jungfrau trotzdem beide gespendet . . .« »Nein, nein,« unterbrach ihn Melissa. »Er bringt seine Gabe. Laß uns hier noch ein wenig bleiben, und bete auch Du zu den Manen der Mutter. Thu es mir zu Gefallen!« Da fiel ihr der Bruder lebhaft ins Wort: »Ich gedenke ihrer, wo es auch sei; denn wer ein anderes recht liebt, dem bleibt es lebendig. Es gab keinen Tag und, kam ich nüchtern nach Hause, auch keine Nacht, da ich ihr liebes Antlitz nicht schaute, sei es wachend, sei es im Traume. Von allem Heiligen ist mir ihr Angedenken das höchste, und hätte man sie vergöttert wie die verstorbenen Kaiser, von denen doch viele den Fluch der Welt auf sich luden . . .« »Sprich leiser,« bat Melissa dringlich; denn zwischen den benachbarten Gräbern bewegten sich menschliche Gestalten, und römische Wachen zogen hin und her; doch der leichtblütige Künstler fuhr unbeirrt fort: »Zu ihr könnt' ich die Hände mit Freuden erheben, wenn ich auch sonst das Beten verlernte. Wer weiß denn hier überhaupt noch, wenn er nicht der Herde nachläuft und dem Serapis huldigt, an welchen Gott von den vielen er sich wenden soll, wird er einmal nicht mehr selbst mit sich fertig? Bei Lebzeiten der Mutter konnt' ich willig wie Du die Unsterblichen anbeten und ihnen opfern; doch der Philipp hat mir das alles verleidet. Ueber die vergötterten Kaiser denkt wohl jeder wie wir. Die Mutter würde lieber ein Pesthaus betreten haben als den Festsaal auf dem Olymp, wo sie schmausen. Auch Caracalla kommt unter die Götter. Und er! Vater Zeus warf seinen Sohn Hephästos aus der Höhe des Olympos zu Boden und hat ihm dabei nur den Schenkel zerbrochen, unser Kaiser that einen kräftigeren Wurf; denn durch die Erde hindurch hat er den leiblichen Bruder in die Unterwelt geschleudert – eine kaiserliche That! – und ihn nicht nur gelähmt, sondern gemordet.« »Vorzüglich!« unterbrach hier eine tiefe Stimme den Jüngling. »Du bist es, Alexander! Hört, welchen neuen Ruhmestitel der Sohn des Heron für den kaiserlichen Gast entdeckte, der morgen hier einzieht.« »Laß das!« bat Melissa besorgt und erhob das Antlitz zu dem bärtigen Manne, dessen Arm nun die Schulter Alexanders umfing. Es war der Bildhauer Glaukias, der Mietsmann des Heron; denn seine Werkstätte stand auf dem Grundstück bei den Gärten des Hermes, das der Steinschneider von seinem Schwiegervater ererbt. Das männlich kecke Gesicht des Glaukias war hochgerötet von Wein und Vergnügen. Die lebhaften Augen glühten ihm, und in dem gelockerten Haar hingen noch Epheublätter und bewiesen, daß er an dem Zug der Mysten des Dionysos teilgenommen habe; doch das hellenische Blut, das ihm jede Ader erfüllte, half ihm auch im Rausche anmutig bleiben. Heiter verneigte er sich vor der Jungfrau und rief den anderen zu: »Die jüngste Perle im Schönheitsdiadem unserer Stadt!« und Bion, der alternde erste Meister des Alexander, schlug den Jüngling auf den Arm und fügte eifrig hinzu: »Ja, was ist aus dem kleinen Dinge geworden! Weißt Du noch, schönes Kind, wie Du Dir einmal – wie viel Jahr ist's her? – in meiner Werkstatt das weiße Kleidchen mit roten Punkten betupftest? Ich sehe das Fingerchen noch vor mir, wie es sich gelassen in den Farbentopf senkte und dann fein bedächtig das helle Gewand mit dem runden Muster versah. Aus der kleinen Färberin ward nun eine Hebe, eine Charis, oder besser noch die anmutig sinnende Psyche.« »Ja, ja,« nahm Glaukias wieder das Wort, »mein wackerer Mietsherr Heron schuf sich gute Modelle! Er braucht nicht lange nach passenden Köpfen für seine Gemmen zu suchen. Der Sohn ein Helios oder der große Makedonier, dem er den Namen verdankt, die Tochter – Du hast recht, Bion – die holde Geliebte des Eros. Kannst Du dichten, junger Musenfreund, so bring Dein Epigramm von vorhin in ein paar Verse, die man unserem kaiserlichen Gast zu Ehren im Gedächtnis behält.« »Nicht hier, nicht hier auf dem Friedhof,« bat Melissa zum andernmal. Unter den Begleitern des Glaukias befand sich aber der schöne Argeios, ein eitler junger Poet, mit weithin duftenden langen Locken, der die Schnelligkeit seines dichterischen Vermögens gern sehen ließ und schon während der Rede der älteren Künstler das Scherzwort des Alexander in Verse gebracht hatte. Es wäre ihm auch einer größeren Gefahr gegenüber unmöglich gewesen, mit dem so schnell zusammengeschmiedeten Distichon zurückzuhalten und einen so wohlberechtigten Anspruch auf Beifall sich entgehen zu lassen. Darum warf er, ohne Melissas zu achten, den himmelblauen Umwurf in neue Falten und deklamirte mit komischem Pathos: »Zeus warf zur Erde den Sohn, doch kräftiger schleudert den Bruder Jüngst noch ein Zwerg durch das Land tief in den Hades herab.« Lautes zustimmendes Gelächter belohnte den Dichter, der, angestachelt von dem Beifall der Freunde, auch die Weise für sein Distichon gefunden zu haben versicherte, und es ihnen mit wohllautender Stimme vorsang. Aber auch der Dichter Mentor befand sich unter den Begleitern des Glaukias, und da ihm der Erfolg seines Rivalen keine Ruhe ließ, rief er: »Der große Färber – ihr wißt schon – der Blut an die Stelle der Purpurschnecke setzt, hat meines Wissens nichts mit dem Vater Zeus zu schaffen, um so mehr aber mit dem großen Alexander, dem Gründer unserer Stadt, dessen Grab er morgen besucht. Wollt ihr nun wissen, worin es der kleine Sohn des Sever dem makedonischen Riesen zuvorthut, sollt ihr es hören.« Damit ließ er den Finger über den Thyrsusstab gleiten, als schlage er die Saiten einer Leier, und nachdem er das stumme Vorspiel munter beendet, sang er: Was Caracalla, der Knirps, zuvortat dem Held Alexander? Dieser stieß zornig den Freund, jener den Bruder ins Grab.« Doch diese Spottverse fanden keine günstige Aufnahme; denn sie waren nicht wie die ersten von ungefähr entstanden, und es erschien geschmacklos, plump und gefährlich, bei solchen Scherzen den Namen des Mächtigen frei auszusprechen, auf den sie zielten. Und die Besorgnis der fröhlichen Schar war nur zu wohl begründet; denn wie dem Boden entstiegen stand plötzlich ein hochgewachsener, hagerer Aegypter unter den Griechen. Da verflog ihr Rausch, und wie ein Taubenschwarm, auf den der Habicht niederschießt, zerstreuten sie sich nach allen Seiten. Auch Melissa winkte dem Bruder, ihr zu folgen; der Störenfried aber hatte dem Alexander blitzschnell den Mantel von der Schulter gerissen und eilte mit ihm bis zu der nächsten Pechpfanne. Dort warf er dem Jüngling, der dem vermeinten Dieb rasch gefolgt war, den Umwurf wieder zu und rief gebieterisch, doch mit gedämpfter Stimme – denn es weilten noch viele unter den Gräbern: »Keine Hand gerührt, Sohn des Heron, wenn Du nicht willst, daß ich die Wache dort rufe. Habe Dein Antlitz bei Lichte gesehen, und das genügt wohl für heute. Wir kennen einander. An einer anderen Stelle sprechen wir uns wieder.« Damit verschwand der Aegypter im Dunkel; Melissa aber frug entsetzt: »Um aller Götter willen, wer war das?« »Wahrscheinlich ein unverschämter Tischler oder Schreiber, der dem Nachtstrategen Spionendienste leistet. Wenigstens haben diese wackeren Leute oft eine so schiefe rechte Schulter wie dieser Prahlhans,« versetzte Alexander leichthin. Doch er kannte den Aegypter nur zu wohl. Es war Zminis, das Haupt der Späher des Nachtstrategen, ein Mann, der dem Heron besonders übel gesinnt war und dessen Feindschaft auch der Sohn sich zugezogen, da er ihn bei manchem tollen Streich mit den Genossen überlistet und irre geführt hatte. Dieser Späher, dessen Tücke und Grausamkeit allgemein gefürchtet ward, konnte ihn in ernstlichen Schaden stürzen, und er verschwieg darum der Schwester, die den Namen des Zminis oft genug gehört hatte, wer der Lauscher gewesen. Eine neue Frage Melissas schnitt er mit der Aufforderung ab, ihm nun ungesäumt in die Bestattungshallen zu folgen. »Finden wir ihn aber auch dort nicht,« bat das Mädchen, »dann – mir ist so bang – gehen wir ungesäumt nach Hause.« »Recht, recht,« entgegnete Alexander zerstreut. »Wenn wir nur irgend jemand träfen, dem Du Dich anschließen könntest.« »Nein, wir bleiben zusammen,« erwiderte Melissa bestimmt, und nach einem beipflichtenden »Auch gut« zog der Jüngling den Arm der Schwester durch den seinen und zerteilte mit ihr die sich lichtende Menge. Viertes Kapitel. Die Bestattungshäuser, die beim Einbruch der Nacht strahlend hell aus dem Dunkel hervorgeleuchtet hatten, boten jetzt einen weniger glänzenden Anblick. Der von der Menge aufgewirbelte Staub verschleierte die Lampen und Fackeln, die noch nicht heruntergebrannt oder erloschen waren, und ein schwer zu atmender Duft von Balsamharzen und anderen Spezereien wogte den Geschwistern schon vor der Schwelle entgegen. Die große Halle, die sie nun aufnahm, gehörte zu einem unabsehbar langen einstöckigen Gebäude aus ungebrannten Ziegeln; doch der Grieche verlangte auch an den schlichtesten Bauwerken, die dem allgemeinen Gebrauch dienten, einige Zier, und so hatte man auch die Balsamirungshäuser vorn mit einem Säulengang versehen und ihre Mauern mit Stuck beworfen, auf dem mancherlei buntes Bildwerk hier in ägyptischer, dort in griechischer Darstellungsweise angebracht war. Da gab es Scenen aus dem Totenreich der Aegypter, dort andere aus der hellenischen Mythe zu sehen; denn dem Maler war die Aufgabe geworden, den Anschauungen und Bedürfnissen aller Besucher der Nekropole gerecht zu werden. Was diese heute nacht am stärksten anzog, befand sich in den inneren Räumen; denn die Totenbestatter hatten hier das Schönste und Beste ausgestellt, was sie den Kunden anzubieten vermochten. Die althellenische Sitte der Totenverbrennung hatte schon unter den Antoninen ein Ende genommen. Früher war hier auch zu finden gewesen, was zur Ausschmückung des Scheiterhaufens gehörte. Jetzt gab es nur noch Dinge zu sehen, die zur Beerdigung oder Beisetzung gehörten. Neben Sarkophagen in Marmor und gröberem Gestein mit plastischem Bildwerk und ohne solches standen Holzsärge und Mumienhüllen, an deren Kopfende das Bildnis eines Verstorbenen angebracht war. Vasen und Krüge jeder Art, Amulette in verschiedenen Formen, Spezereien und Balsame in Phiolen und Büchsen, kleine Götterfiguren und Püppchen aus gebranntem Thon, deren allegorische Bedeutung nur die Aegypter kannten, standen in langen Reihen auf hölzernen niedrigen Regalen. Auf höheren waren Mumienbinden und Leichentücher, hier von gröberem, dort von allerfeinstem Gewebe, Perrücken für das kahle Haupt geschorener Leichen, sowie Wollkränze und einfache oder kunstvoll gestickte Tänien für hellenische Tote ausgestellt. Es fehlte hier keines von den zahlreichen Dingen, womit man die Leichen der Alexandriner jeden Stammes und Glaubensbekenntnisses versah und schmückte. Einige Mumien standen auch zur Versendung in andere Städte bereit. Die kostbarsten waren mit rosenrotem feinem Linnen bekleidet, mit einem Netz von Perlenschnüren und goldenem Zierat umsponnen und auf der Vorderseite mit dem Namen der zu verschickenden Leiche versehen. In einem schmalen, sehr langen Raume waren die Bildnisse ausgestellt, welche an das Kopfende der Mumien Jüngstverstorbener, mit deren Herstellung die Balsamirer noch zu thun hatten, befestigt werden sollten. Auch hier waren die meisten Lampen erloschen, und das Ende des Saales lag schon im Dunkeln. Nur in seiner Mitte, wo man die besten Kunstwerke ausstellte, hatte man die Lichter erneut. Die Bildnisse waren auf dünne Tafeln von Sykomoren- oder Cypressenholz gemalt, und man sah den meisten die Bestimmung an, in den Räumen einer Gruft zu verschwinden. Alexanders Bildnis der Korinna stand in der Mitte der Hinterwand des langen Saales in guter Beleuchtung, und wie der echte Smaragd von falschen aus grünem Glasfluß stach es von den Gemälden ab, die es umgaben. Es war auch noch immer von Neugierigen und Kunstfreunden umringt. Der eine wies den andern auf dies herrliche Werk; aber wenn auch die meisten das Können des Meisters, der es geschaffen, anerkannten, schrieben doch viele sein Hauptverdienst dem zauberhaften Liebreiz des Modells zu. Aus diesen wundervoll harmonischen Zügen wollte der eine erkennen, daß Aristoteles recht habe, wenn er das Hauptmerkmal des Schönen in der Ordnung und dem Ebenmaß erblicke, während ein anderer versicherte, aus diesem Antlitz erkenne er die Wahrheit der platonischen Lehre von der Einheit des Guten und Schönen. Dies Antlitz sei so unsagbar schön als Spiegelbild einer Seele, die im Vollbesitz jungfräulicher Reinheit und Tugend, unberührt von jeder Disharmonie, wieder körperlos geworden. Daran schloß sich ein heftiger Streit über das Wesen der Schönheit und Tugend. Andere begehrten Näheres über das jung verstorbene Vorbild dieses herzergreifenden Bildnisses zu wissen. Korinnas reicher Vater und seine Brüder gehörten zu den bekanntesten Männern der Stadt. Der eine, Theophilus, war der Oberpriester des Serapis, und Zeno, der jüngste, hatte die Zungen in Bewegung gesetzt, als er, der in der Jugend besonders ausgelassen gewesen war, sich von dem Korngeschäft seines Hauses, vielleicht dem größten der Welt, zurückgezogen und – dies war ein öffentliches Geheimnis – die Taufe empfangen hatte. Der balsamirte und mit dem Bildnis geschmückte Körper der Jungfrau sollte dem Erbbegräbnis der Familie im arsinoïtischen Gau, wo sie großen Grundbesitz besaß, übergeben werden, und man hörte dem Leichenbestatter gern zu, als er erzählte, mit welchem Prunk der freigebige Vater die Leiche der geliebten Tochter zu versenden gedenke. Schon vor dem Beginn dieses Berichts betraten die Geschwister den Saal und hörten ihn in der letzten Reihe der vielen mit an, die zwischen ihnen und dem Bildnisse standen. Als der Erzähler schloß, die Neugierigen sich verliefen und es Melissa endlich vergönnt war, das Werk des Bruders aus der Nähe zu betrachten, blieb sie lange sprachlos; dann aber wandte sie das Antlitz dem Künstler zu, und aus dem tiefsten Herzensgrunde drang ihr der Ausruf: »Vielleicht ist die Schönheit dennoch das Höchste!« »Sie ist es,« versetzte Alexander, wie gewiß seiner Sache. Dann blickte er, neu ergriffen von dem Zauber, der sich seiner am Sterbelager Korinnas bemächtigt, dem eigenen Werk in die tiefen dunklen Augen, deren Blick dem seinen niemals begegnet war, und den er doch treu wiedergegeben, als er die Sehnsucht eines reinen Herzens nach allem, was schön und gut, hineingelegt hatte. Die Künstlertochter begriff diesem Bildnisse gegenüber, was den Bruder, während er es malte, so mächtig aufgeregt hatte; doch hier war nicht der Ort, es ihm zu bekennen. Sie riß sich auch bald davon los, um noch einmal nach Philipp Ausschau zu halten und sich dann nach Hause führen zu lassen. Auch Alexander suchte den Bruder; aber so scharf sein Künstlerauge war, das Melissas schien dennoch heller zu sehen; denn als er sie, schon entmutigt, zum Aufbruch mahnte, wies sie in eine dunkle Ecke des Saales und sagte leise: »Da ist er.« Und in der That saß Philipp dort in Gesellschaft eines großen und eines kleineren Mannes, mit der Stirn in der Hand, tief beschattet auf einem Sarge zwischen der Wand und einem aufgerichteten Mumienkasten, der ihn bis dahin den Blicken der Geschwister entzogen hatte. Ohr und Herz waren Melissas Führer gewesen, und jetzt erkannte auch Alexander den Bruder. Wer mochte der Mann sein, der den in seinem Wissensstolze schwer zugänglichen Philosophen in der halbdunklen Ecke dort so lange festhielt? Zu den Mitgliedern des Museums, die Alexander sämtlich kannte, gehörte er nicht. Außerdem war er nicht griechisch gekleidet wie jene, sondern in dem langen Talar eines Magiers. Ein geringer Mann war der Fremde gewiß nicht; denn er trug sein kostbares Gewand mit vornehmer Würde, und als Alexander ihm näher trat, erinnerte er sich, diesem hochgewachsenen Langbart mit dem mächtigen, von wohlgesalbtem, schwarzem Lockenhaar umwallten Haupte schon begegnet zu sein. Ein so schön und scharf gezeichnetes Antlitz, solches Augenpaar und ein so herrlich gewellter dunkler Bart ließen sich nicht vergessen, und plötzlich erwachte die Erinnerung und zeigte ihm greifbar deutlich die Gestalt dieses Mannes, die das Halbdunkel jetzt noch verschleierte, und mit ihr die Umgebung, in der er ihm zum erstenmale begegnet. Es war am Dionysosfeste gewesen. Unter der Menge, welche die Straßen trunken durchtobte und der Alexander sich als einer der Ausgelassensten angeschlossen hatte, war dieser Mann in einem ähnlichen langen Gewande wie heute würdevoll und nüchtern dahingeschritten. Das hatte die Feiernden, die trunken und des Gottes voll durch nichts an den Ernst des Lebens erinnert werden wollten, verdrossen. Für eine Beleidigung des heiteren Spenders der Erdenfrüchte und des sorgenbrechenden Weines mußte solche mürrische Abgeschlossenheit an diesem Tage der Festlust angesehen werden, und die tolle Künstlerschar, die sich als Satyrn, Silene, Faune und Pane verkleidet hatte, war auf den Fremden eingedrungen, um ihn zu nötigen, ihrem Zuge zu folgen und den Weinkrug zu leeren, den ein dicker Silen auf seinem Eselchen vor sich her trug. Anfänglich hatte der stille Mann die Neckereien der Jünglinge widerstandslos über sich ergehen lassen; wie diese aber immer kecker wurden, war er plötzlich stehen geblieben, hatte beide Arme des langen Faunes, der ihm den Weinkrug aufzudringen versuchte, festgehalten und ihm mit ernsten, finsteren Blicken in die Augen gestarrt. Dem Alexander war dieser halb drollige, halb beängstigende Vorgang im Gedächtnis geblieben, deutlicher aber noch, was sich später Unvergeßliches begeben hatte. Denn nachdem der Magier seinen Feind losgelassen, hatte er ihm geboten, den Krug dem Silen zurück zu bringen und wie der Esel, den dieser ritt, auf allen Vieren den Weg fortzusetzen. Und der Lange, ein eigenwilliger, jähzorniger Lesbier, hatte dem majestätischen Prahlhans wahrhaftig Gehorsam geleistet und war neben dem Grautier des Silen auf Händen und Füßen fortgekrochen. – Durch keine Mahnung und Drohung der Freunde hatte er sich davon abbringen lassen. Da war der ausgelassenen Schar der Uebermut vergangen, und bevor sie den Zauberer hatte anhalten können, war er verschwunden gewesen. Später vernahm Alexander, der Langbart sei der Sternseher und Wunderthäter Serapion, dem alle Dämonen im Himmel und auf Erden gehorchten. Als der Maler damals diesen Vorgang dem Philipp berichtet hatte, war er verlacht worden, obgleich der Künstler dem Philosophen vorhalten konnte, daß schon Plato von den Dämonen als von Schutzgeistern der Menschen rede, daß Groß und Klein in Alexandria an sie glaube und mit ihnen rechne, und daß er, Philipp, selbst ihm mitgeteilt habe, sie spielten gerade in den Systemen der neuesten Philosophie eine hervorragende Rolle. Aber für den Skeptiker gab es überhaupt nichts Gewisses, und da er die Existenz der Gottheit leugnete, so bezweifelte er auch folgerecht das Dasein von Wesen, die zwischen dem übersinnlichen Göttlichen und dem Sinnlichen ständen. Daß ein Mensch, der Schwächere, über Dämonen, die, wenn sie existirten, der Gottheit näher verwandt waren und also die Stärkeren sein mußten, Macht haben könne, wußte er mit schlagenden Gründen zu widerlegen, und wenn er andere Weißdornblätter kauen oder beim Ausgang die Schwelle mit Pech bestreichen sah, um sich selbst und das Haus vor bösen Geistern zu bewahren, zuckte er verächtlich die Achseln, obgleich es der Vater oft genug that. Jetzt fand Alexander den Bruder im tiefsten Gespräch mit dem Manne, den er verspottet, und es schmeichelte dem Künstler, daß der weise, berühmte Serapion, an dessen Macht über die Geister er selbst glaubte, mit seinem Philipp wie mit einem ihm Uebergeordneten beinahe demütig verkehrte. Der Magier stand, während der Philosoph, als sei dies sein Recht, sich zu sitzen erlaubte. Was sie wohl verhandeln mochten? Auch den Maler drängte es fort aus der Nekropole, und nur der Wunsch, wenigstens einige Sätze aus dem Gespräche so bedeutender Männer mit anzuhören, hielt ihn fest. Seiner Erwartung gemäß betraf es die magische Kunst des Serapion; doch sprach der Langbart sehr leise, und wenn Alexander sich weiter vorwagte, mußte man ihn bemerken. So verstand er denn nur abgerissene Worte, bis Philipp mit erhobener Stimme ausrief: »Das alles ist wohlbegründet. Eher aber kannst Du, was es auch sei, mit dauernder Schrift auf eine verrinnende Woge schreiben, als mich meiner Ueberzeugung abwendig machen, daß es für unsern Geist, wie er nun einmal beschaffen ist, nichts Untrügliches gibt und Gewisses!« Diesen Satz kannte der Maler, und er war auf die Antwort des Magiers begierig; doch vermochte er seinen Darlegungen erst zu folgen, wie er sie, vernehmlicher als vorher, mit den Worten schloß: »Auch Du leugnest nicht den physischen Zusammenhang der Dinge; ich aber kenne die Kraft, die ihn bewirkt. Es ist die magische Sympathie, die sich im All und unter den Menschen gewaltiger erweist als jede andere Macht.« »Das eben gilt es zu beweisen,« lautete die Antwort; doch als der andere selbstbewußt versicherte: »Ich kann es,« und sich anschickte fortzufahren, bemerkte der Begleiter des Serapion, ein Syrer von kleinem Wuchs und mit scharfen Zügen, den Jüngling. Das Gespräch kam zum Stillstand, und Alexander wies auf Melissa und ersuchte den Bruder, ihm und ihr kurzes Gehör zu schenken. Doch der Philosoph nahm sich kaum Zeit, die Geschwister zu begrüßen, und als sie auf seine Bitte, ihm schnell mitzuteilen, was sie begehrten, erwiderten, das sei in kurzen Worten unthunlich, vertröstete Philipp sie auf morgen, weil er sich jetzt nicht stören lassen wolle. Da faßte Melissa sich ein Herz, und indem sie sich an Serapion wandte, bat sie bescheiden: »Du siehst aus wie ein ernster und freundlicher Herr und scheinst etwas auf unsern Bruder zu halten. Darum wirst Du uns gern beistehen, ihn von einem Wahne zu befreien, der uns ängstigt. Einer Verstorbenen, meint er, sei er begegnet und seine Hand habe die ihre berührt.« »Und das meinst Du, liebliches Kind, sei unmöglich?« frug der Magier mit mildem Ernst. »Sollten die Tausende, die für die Seelen ihrer Verstorbenen nicht nur Früchte, Wein und Honig darbringen, sondern auch ein schwarzes Schaf verbrennen – habt ihr nicht selbst dergleichen geopfert? – dies seit so langer Zeit ganz vergeblich thun? Ich glaube es nicht; ja, ich weiß von den Geistern selbst, daß ihnen dies Genuß bereitet; und so sind ihnen doch wohl Sinneswerkzeuge eigen.« »Daß man die Seelen durch Speise und Trank erfreuen kann,« versetzte Melissa eifrig, »und daß sich Dämonen bisweilen unter uns Sterbliche mischen, glaubt ja wohl jeder; doch wer hätte jemals gehört, daß warmes Blut sie erfülle? Und wie könnte es ihnen gegeben sein, einen Dienst mit Geld zu bezahlen, das doch gewiß nicht in ihrem luftigen Reiche, sondern in der Münze geprägt wird?« »Nicht zu schnell, schöne Jungfrau,« entgegnete der Magier und erhob warnend die Rechte. »Es gibt eben keine Gestalt, welche diese Mittelwesen nicht annehmen könnten. Ueber alles und jedes, dessen der Sterbliche sich bedient, verfügen auch sie, und so war es der zur Erde zurückgekehrten Seele Korinnas auch möglich, dem Fährmann einen Obolus zu reichen.« »So ist Dir bekannt? . . .« fragte Melissa erstaunt; der Magier aber unterbrach sie mit der Versicherung: »Von diesen Dingen bleibt dem Wissenden wenig verborgen, und strebt er darnach, nicht das Kleinste.« Dabei schaute er dem Mädchen mit einem Blick in die Augen, der es zwang, die Lider zu senken, und fuhr eifriger fort: »Es würden weniger Thränen an den Sterbebetten vergossen werden, Mädchen, wenn es anginge, der Menge die Brücke zu zeigen, die den Wissenden mit den Seelen der Verstorbenen verbindet.« Da schüttelte Melissa betrübt den lieblichen Kopf, der Magier aber strich ihr mit väterlichem Wohlwollen über die Locken, schaute ihr fest in die Augen und sagte: »Die Toten leben. Was einmal war, kann nie und nimmer dem Nichtsein verfallen, so wenig wie aus dem Nichts etwas, was es auch sei, hervorzugehen vermag. Das ist so einfach, und das Gleiche gilt von den Wirkungen der Magie, die ihr anstaunt. – Was Du, wenn ich es übe, Zauberei nennst, hat der große Liebesgott, hat der Eros in Deiner eigenen Brust tausendmal gewirkt. Wenn Dir bei der Liebkosung der Mutter das Herz aufgeht, wenn der Pfeil des Gottes auch Dich trifft, und der Blick des Geliebten Dich mit Wonne erfüllt, – wenn die süße Harmonie schöner Musik Deinen Geist der Welt entrückt oder die Klage eines Kindes Dein Mitleid weckt, so hast Du die Wirkung der magischen Kraft in der eigenen Seele empfunden. Du kennst sie, wenn Dich je eine geheimnisvolle Macht, ohne daß Du den Willen aufgerufen hättest, antrieb, zu was es auch sei. Und nun noch ein anderes. Fliegt ein Blatt vom Tische, ohne von einer sichtbaren Hand berührt worden zu sein, so zweifelst Du nicht, daß der Zugwind, den Du weder hörtest noch schautest, Einlaß fand in das Zimmer. Verdunkelt sich um Mittag die Welt um Dich her, so weißt Du, auch wenn Du nicht zum Himmel aufschautest, daß ihn eine Wolke bedeckte. Ganz ebenso fühlst Du die Nähe einer Seele, mit der Du in Liebe verbunden warst, ohne sie zu erblicken. Es gilt nur das Organ, das ihre Anwesenheit erkannte, zu kräftigen und ihm die nötigen Anweisungen zu geben, – und Du siehst sie und hörst sie; die Magie aber führt den Schlüssel, der den menschlichen Sinnen die Thore des Geisterreiches aufthut. Euer edler Bruder, in dem die Anforderungen des Geistes längst über die der Sinne triumphirten, hatte diesen Schlüssel, ohne ihn zu suchen, gefunden, als es ihm vergönnt war, die Seele Korinnas zu schauen. Folgt er jetzt dem kundigen Führer, wird er ihr wieder begegnen.« »Und wozu? Was kann es ihm frommen?« fragte Melissa und blickte besorgt und vorwurfsvoll zu dem Manne auf, von dem sie ahnte, daß sein Einfluß, trotz seiner Weisheit, verderblich auf den Bruder wirken werde. Da zuckte der Magier mitleidig die Achseln, und aus dem Blick, den er dem Philosophen zuwarf, war die Frage zu lesen: »Was gilt diesen da das Höchste?« Ungeduldig nickte Philipp ihm bestätigend zu und ersuchte ihn, ohne der Geschwister weiter zu achten, zum Beweise des Satzes zu schreiten, daß der physische Zusammenhang der Erscheinungen schwächer sei als die magische Sympathie, die sie verbinde. Nun wußte Melissa, daß jeder Versuch, den Philipp jetzt von dem Magier zu trennen, vergeblich sein werde, aber trotzdem ließ sie auch das Letzte nicht unversucht und fragte ihn ernst, ob er des Grabes der Mutter vergessen. Da versicherte er hastig, daß er es nachher ganz gewiß zu besuchen gedenke. Während der ganzen Nacht seien hier Früchte und Salböl zu haben. »Und Deine beiden Kränze?« fragte sie mit leisem Vorwurf; denn sie hatte sie unter dem Bildnis Korinnas gewahrt. »Sie fanden eine andere Bestimmung,« lautete die abweisende Antwort; doch fügte er begütigend hinzu: »Für Blumen habt ihr wohl genügend gesorgt. Find' ich Zeit, so sprech' ich morgen vor bei dem Vater.« Dann nickte er den Geschwistern zu, wandte sich wieder an den Magier und fuhr lebhaft fort: »Die magische Sympathie also . . .« Dem weiteren Verlaufe dieses Gesprächs folgten die Seinen nicht mehr; denn Alexander hatte der Schwester gewinkt, ihm zu folgen. Auch er wußte, daß das Ohr des Bruders ihnen jetzt verschlossen sei. Was er aus dem Munde des Serapion vernommen, hatte auch ihn gefesselt, und die Frage, ob es sterblichen Menschen wirklich vergönnt sein könne, die Seelen der Abgeschiedenen zu schauen und ihre Stimme zu vernehmen, beschäftigte ihn so lebhaft, daß er auch die Meinung der Schwester über diese Dinge zu ergründen versuchte. Doch Melissas gerader Sinn fühlte, daß etwas nicht richtig sei an den Darlegungen des Magiers, auch hielt sie nicht zurück mit der Meinung, der sonst so schwer zu überzeugende Philipp stimme dem Serapion keineswegs zu, weil er sich der Wucht seiner Gründe beuge, sondern nur, weil er – und Alexander mit ihm – durch ihn der schönen Korinna wieder zu begegnen hoffe. Der Künstler gab dies auch zu, doch als er scherzend von der Gefahr sprach, sich mit Philipp um einer Verstorbenen willen eifersüchtig zu entzweien, lag etwas Hartes, ihr sonst Fremdes in seiner Stimme, das Melissa mißfiel. Aufatmend traten die Geschwister endlich ins Freie, und dort fand ihr Bestreben, den Gegenstand des Gesprächs zu ändern, willkommene Unterstützung; denn sie trafen vor dem Bestattungshause mit der Familie des Steinbruchbesitzers Skopas zusammen, dessen Grundstück an das ihre stieß, und Melissa beruhigte sich schnell, als sie den Bruder mit den hübschen Nachbarstöchtern so munter lachen hörte wie je. Bei ihm, dem leichtlebigen Künstler, ging der Wahn nicht so tief wie bei dem grübelnden, schwerlebigen Philipp, und es that ihr wohl, als sie den Alexander von ihrer Freundin Ino einen treulosen Schmetterling nennen hörte, dem man aber doch, um der alten Freundschaft willen, manches zu gute halten könne. Fünftes Kapitel. Der Weg wimmelte jetzt von Heimkehrenden, und es herrschte unter ihnen so übermütige Fröhlichkeit, daß man ihnen am letzten ansehen und hören konnte, von einer wie ernsten Stätte sie kamen. In der herrlichen Vollmondnacht folgten die Heimkehrenden dem Weg am Meer, der von der Totenstadt nach Eleusis führte. Dorthin hatte ein großer Zug von Griechen sich begeben, um die Mysterien ähnlich wie in dem attischen Eleusis zu feiern, dem das alexandrinische nachgebildet war. Die neu eingeführten und die alten Adepten, die ihre Aufnahme in die Mysterien zu leiten hatten, waren im Tempel zurückgeblieben; die übrigen Mysten aber stießen jetzt zu denen, die aus der Totenstadt kamen. Wohl vertrat hier der Serapis den Pluton, viel Hellenisches hatte neue, ägyptische Formen gewonnen; selbst die Folge der Gebräuche war von Grund aus verändert worden, doch wie am attischen Meeresufer erscholl auch am afrikanischen hell und daseinsfroh das griechische: »An die See, ihr Mysten!« und der zur Festfreude ladende Ruf: »Iakchos, geleite uns Iakchos!« Schon von weitem ließ er sich vernehmen, doch die Stimmen der Rufenden waren bereits müde und die meisten Fackeln niedergebrannt. Die Epheu- und Myrtenkränze im Haar der Mysten hatten den Halt verloren, die Hymnensänger waren auseinander gelaufen, und selbst die Jambe, deren Scherze die trauernde Demeter erheitert hatten, und deren Mund zu Eleusis von köstlichen Spässen übergeflossen war, zeigte sich jetzt müde und schweigsam. Sie hielt noch den Krug in der Hand, aus dem sie die beraubte Gottesmutter mit wohlthätigem Mischtrunk gekräftigt, doch war er leer, und sie sehnte sich nach einem Trunke. Eigentlich war »sie« ein »er«; denn ein Jüngling hatte in Frauenkleidern die lustige Rolle der Jambe zu spielen, und diesmal stellte Alexanders Freund und Jugendgespiele Diodor die Tochter des Pan und der Echo dar, die der eleusischen Königin Metaneira, bei der die klagende Demeter Aufnahme fand, als Sklavin gedient haben sollte. Seine kräftigen Beine hatten allen Grund, so müde zu sein wie die Zunge, die seit fünf Stunden nicht zur Ruhe gelangt war. Da fiel ihm der große vierspännige Wagen ins Auge, auf dem der gewaltige Getreidescheffel, der Kalathos, der den Gott Serapis als Wahrzeichen auf dem Haupte trug, nach Eleusis geführt worden war. Jetzt war er leer; denn sein Inhalt wurde geopfert, und die vier Rappen vor dem großen Fuhrwerke hatten es nicht schwer. Noch keiner war auf den Gedanken gekommen, sich von ihnen in die Stadt ziehen zu lassen; doch der findige, aber müde Diodor eilte dem Wagen nach und schwang sich hinauf. Andere wollten ihm folgen; er aber wehrte sie ab, ja, stieß sie mit der frisch angezündeten Fackel zurück; denn ruhig konnte er trotz der Müdigkeit nicht bleiben. Da erblickte er mitten im Kampf den Freund und Melissa. Sein Herz gehörte der lieblichen Jungfrau seit ihren gemeinsamen Kinderspielen in den Gärten seines Vaters, und wie er sie neben dem Bruder, der mit den Nachbarstöchtern tändelte, gesenkten Hauptes daherschreiten sah, rief er sie an, und da sie sich weigerte, ihm auf das Fuhrwerk zu folgen, sprang er behend zu Boden, schwang sie mit den in der Palästra gestählten Armen in die Höhe, ließ die Widerstrebende sanft auf der breiten Fläche des Wagens neben dem Kalathos nieder und rief: »Der Raub der Persephone. Zum zweitenmal dargestellt dieser Nacht!« Da überkommt auch den Alexander die alte Daseinslust. Voll frohen Uebermutes, als sei er bar und ledig jeder Sorge und habe eben mit dem Glück ein Bündnis geschlossen, umfaßt er die hübsche Ino, schwingt sie auf den Wagen, wie Diodor es mit seiner Schwester gethan, und nimmt lachend und mit dem Rufe: »Der gleiche Raub zum drittenmal!« neben ihr Platz. Im Nu thun es andere den kecken Vorgängern nach: »zum vierten, zum fünftenmal,« schallt es unter munterem Gekreisch, hellem Gelächter und lauten Iakchosrufen. Den Rappen wird die Arbeit sauer; denn auf dem Rande des flachen Wagens sitzt rings um den Kalathos des ernsten Serapis her ein junges, heiteres Pärchen neben dem andern. Um die Häupter der Geschwister schlingt sich bald Myrte und Epheu. Auf dem Fuhrwerk und unter denen, die es umgeben, gibt es nichts mehr zu sehen als vor Lust und Mutwillen strahlende Gesichter, nichts zu hören als jauchzenden Frohsinn. Die Müdigkeit ist vergessen; man sollte denken, die finsteren Schwestern Kummer und Sorge seien von der Erde verbannt. Auch Melissas liebes, stilles Gesicht lächelt. Anfänglich hat der übermütige Anfall des Freundes ihre jungfräuliche Sprödigkeit verletzt; doch wie der fröhliche Diodor ihr, so ist sie ihm von Kind an gut, und da auch andere sittsame Mädchen sich heiter gefallen lassen, was ihr geschah, und ihr Entführer sie so traut und schalkhaft um Verzeihung bittet, lächelt sie ihm in einer Weise zu, die ihm das Herz mit Wonne erfüllt und mehr sagt als Worte. Es thut ihr auch so gut, zu sitzen und auszuruhen. Sie spricht nur wenig, doch auch sie vergißt, was sie ängstigt, wenn sie die Hand des Freundes auf der ihren fühlt und er ihr zuflüstert, daß dies die schönste der Nächte und daß sie von allem Holdseligen, das die Götter geschaffen, das Holdseligste sei. Neben ihr dehnt sich das blaue Meer aus, der Vollmond ruht auf seinem leicht bewegten Spiegel wie eine zitternde Säule von lauterem, blankem Silber. Es rauscht vom Strande her so sanft und herzbestrickend zu ihr herüber, wie der Nereïden Gesang; wenn sich aus dem Haupte einer Woge weiße Schaumstreifen zeigen, meint sie den Arm der Thetis oder Galatea zu schauen. Wo die See am tiefsten blaut, muß wohl der Meergott Glaukos ruhen und seine Freude haben an dem fröhlichen Treiben am Strande. Die Natur ist so groß, und als der Gedanke ihr kommt, daß ihr Herz nicht zu klein sei, um sie ganz und bis an die fernsten Grenzen in sich aufzunehmen, überkommt sie ein frohes Erstaunen. Und wie schön die Natur ist! Aus jeder ihrer Erscheinungen schaut ihr ein heiteres, anmutsvolles Götterantlitz entgegen. Die Unsterblichen, die ihr so wehe gethan, und die sie oft grausam gescholten, sind doch freundlich und gut. Das Meer, in dessen blanker Fläche das blaue Himmelsgewölbe mit Mond und Sternen sich zitternd spiegelt, der Lufthauch, der ihr die Stirn kühlt, ja die neue, sehnsüchtige Wonne, die das Herz ihr erfüllt, alles, was sie wahrnimmt und fühlt, ist eine Gottheit oder geht doch aus von einem Gotte. Den gewaltigen Poseidon und den hohen Zeus, die freundliche Selene und die spielenden Kinder des Windgottes fühlt sie sich nahe auf dieser Fahrt, und der mächtige Knabe der Kypris ist es doch wohl, der ihr Herz zwingt, so hoch zu schlagen wie nie zuvor. Vielleicht auch hat der Besuch am Grabe der Mutter, ihr Gebet und was sie ihr an Gaben gebracht, den Genius der teuren Verstorbenen gerührt, und er umschwebt sie jetzt als ihr Schutzgeist. Nur manchmal streift ihr wie ein flüchtiger Schatten die Erinnerung an etwas Schreckliches die Seele; doch was es ist, das sie und die Ihren bedroht, wird sie jetzt nicht gewahr und will es nicht sehen. Was morgen sein wird, soll ihr den Zauber dieser Stunde nicht trüben. Wie schön doch die Welt ist, wie selig doch auch schon der Sterbliche sein kann! »Iakchos, Iakchos!« erschallt es rings um sie her, und das klingt so überfroh, als quelle die Brust der Rufenden über von seliger Lust, und wie das duftende Lockenhaupt des Diodor sich ihrem Köpfchen nähert, seine Hand die ihre drückt und sein Liebesgeflüster ihr Ohr trifft, raunt sie ihm zu: »Mein Alexander hat doch recht. die Welt ist ein Festsaal und das Leben so schön!« »So schön!« wiederholt der Jüngling nachdenklich. Dann jauchzt er laut auf und ruft den Genossen zu: »Die Welt ist ein Festsaal! Rosen und Wein her, daß wir dem Eros opfern und dem Dionysos libiren. Laß auflohen die flammenden Fackeln, Iakchos! Komm, Iakchos, und weihe die selige Festlust!« »Komm, Iakchos, komm!« ruft es hier und dort und bald überall dem begeisterten Jüngling nach. Doch die Krüge und Schläuche sind längst geleert. Aber dort hinter der Klippe liegt hart am Meere das Weinhaus »Zum Hahne«. Da gibt es frischen Trank, da können die Rappen ausruhen, deren Führer schon über die schwere Last, womit man den Wagen auf dem sandigen Wege überbürdet, gemurrt hat, da gibt es unter der breitästigen Sykomore auch einen ebenen Platz, der schon oft genug zum Chortanz benutzt ward. Bald hält denn auch das Fuhrwerk vor dem weißgetünchten Wirtshaus, welches ein Spalier auf drei Seiten umgibt, um das sich Feigengeäste hinzieht und Weinreben ranken. Die jungen Paare springen vom Wagen, und während der Hahnwirt, unterstützt von seinem Sklaven, einen gewaltigen Henkelkrug mit rotem Rebensaft heranschleppt, befestigt man frisch entzündete Fackeln an Pfähle und die Aeste der Sykomore, ordnet sich die auf Tanz begierige Jugend, und plötzlich stimmen helle Kehlen, unaufgefordert und als zwinge sie eine geheimnisvolle Macht, den Festgesang an: »Iakchos, komm, o komm, Iakchos! Komm hieher auf den Rasen zum Chortanz, Zur festlichen Schar deiner Treuen Laß den üppigen, beerenreichen Myrtenkranz, dein Haupt umschwellend,       Duftig sich schütteln! Stampfe den Takt mit keckem Fuß Zur ungezügelten, wonnetrunkenen,       Seligen Feier! Tanz ihn mit, den holdseligen, Anmutreichen, dreimal heiligen       Mystischen Reigen! Und der Reigen beginnt. In anmutigen Bewegungen schreiten Tänzer und Tänzerinnen einander entgegen. Schön muß jeder Schritt sein, jede Neigung und Hebung, wenn die Doppelflöten auch in schnellerem Takt erklingen und die gemessene Bewegung zum ausgelassenen Sprung wird. Jedes Paar weiß im voraus und die Musik lehrt, welche Empfindungen zum Ausdruck gebracht werden sollen, und es gilt, dem entsprechend zu tanzen. Jede Geste ist ein Farbenstrich, der dem zu gestaltenden Gemälde frommen oder es schädigen kann. Geist und Leib stellen in voller Harmonie, einer den andern ergänzend, treulich dar, was die Brust bewegt. Ein Kunstwerk ist es, das Arm und Fuß hier vollenden. Selbst wenn die Leidenschaft den höchsten Grad erreicht, erkennt man das Gesetz, das sie leitet. – Ja, wirbelt die tanzende Schar auch wild auseinander, sie findet sich sicher nicht nur wieder zusammen, sondern bildet, neu vereint, ein neues, ansprechendes, in all seinen Gliedern harmonisch zusammenstimmendes Gemälde. »Suchen und finden« könnte dieser Tanz heißen, der zunächst zur Darstellung bringen soll, wie Demeter der Persephone, ihrer Tochter, die Pluton in die Unterwelt entführte, nachirrt, bis sie die Verlorene wieder mit den mütterlichen Armen umfängt. So trauert die Erde um die gemähte Feldfrucht, die bei der Wintersaat in den Boden versenkt wird, um im Frühling aufzuerstehen, so sehnt sich ein treues Herz in der Zeit der Trennung, bis es mit der Geliebten wieder vereint ist, so beklagen wir unsere Toten, bis sich die Seele ihrer Auferstehung – an sie zu glauben ist der Zweck des Mysteriums – vergewissert. Dies Klagen und Bangen, dies Zurückbegehren und Rufen, dies endliche Finden und die Wonne des neu gewährten Besitzes stellt Jüngling und Jungfrau bald in gemessenen, bald in leidenschaftlichen, aber immer in anmutsvollen Bewegungen dar. Auch Melissa legt die ganze Seele in den Tanz, und so lang sie als Demeter die geraubte Persephone sucht, denkt sie der gefährdeten Brüder, und bei den die Bekümmerte tröstenden Scherzen der Baubo lacht sie so herzlich wie eine. Als es gilt, die Wonne des Wiederfindens zum Ausdruck zu bringen, braucht sie an nichts zu denken, als daß derjenige, welcher hier die Hand nach ihr ausstreckt, sie liebt und ihrer begehrt. Darin liegt für sie zu dieser Stunde das Ende alles Bangens und Suchens, die Erfüllung jedes Wunsches, und als nun wieder der Chor den Iakchos ruft und wieder ruft, ist es, als habe ihre Seele Flügel gewonnen. Die Zurückhaltung ihrer jungfräulich stillen Natur schmilzt hier dahin, und in ekstatischem Aufschwung reißt sie sich die Epheuranke, mit der Diodor sie umschlang, von der Schulter und schwingt sie hoch in die Luft. Das im Tanze gelöste volle Haar umflattert sie wild, und ihr Iakchosruf durchschmettert hell und jubelfroh die Nachtluft. Der Jüngling, der ihr teuer, schaut sie mit entzückten Blicken an, wie ein Wunder; sie aber schlingt ihm, ohne der anderen zu achten, die Arme um den Hals, und als er sie küßt, ruft sie wiederum, aber diesmal laut und auch den Entfernteren vernehmbar: »Die Welt ist ein Festsaal!« und stimmt dann abermals mit funkelnden Augen in das Iakchosgeschrei der anderen ein. Volle Pokale kreisen jetzt unter den begeisterten Mysten, und auch Melissa stärkt sich und reicht dann dem Geliebten den Becher, Diodor aber führt die Stelle des Randes zum Munde, die sie mit den Lippen berührt. »O Leben, du Freudenquell!« ruft Diodor, küßt sie und zieht sie fester an sich. »Komm, Iakchos, und schaue neidisch zu, wie zwei Sterbliche die Wonne des Daseins dankerfüllt segnen. Wo ist nur Dein Alexander? Keinem, außer unserem Andreas, hab' ich vertraut, was ich seit dem Gang in den Zirkus im Herzen trage. Aber jetzt! Es ist zu viel der Glückseligkeit für zwei Herzen. Auch der Freund soll seinen Teil daran haben!« Da faßte Melissa sich an die Stirn, als erwache sie aus einem Traume. Wie heiß sie war vom Tanz und der ungewohnt starken Mischung des Weines! Die Gefahr, in der ihre beiden Brüder schwebten, kam ihr in den Sinn. Von Kind an war sie gewöhnt, mehr an andere als an sich selbst zu denken, und plötzlich fiel die jubelnde Festfreude von ihr ab wie ein Mantel, an dem die Spange entzwei brach. Mit kräftiger Entschiedenheit befreite sie sich vom Arme des Geliebten, und ihr Blick flog suchend vom einen zum andern. Da stand die hübsche Ino, mit der Alexander den Reigen geschlungen. Tief atmend lehnte sie den müden Kopf mit dem wirren Haar an den Stamm der Sykomore und hielt einen Becher umgekehrt in der Rechten. Er mußte leer sein; doch wo war derjenige, welcher ihn austrank? Das Nachbarskind mußte es wissen. Ob der ungestüme Geselle sich mit dem Mädchen entzweite? Aber nein! Ein Sklave des Wirtes, berichtete Ino, habe ihm etwas zugeflüstert, worauf er ihm ungesäumt gefolgt und im Hause verschwunden sei. Melissa wußte, daß es nichts Geringfügiges sein könne, das ihn dort zurückhielt, und sie eilte ihm nach in die Schenke. Der griechische Wirt und sein rundes Weib stellten sich, als wüßten sie nicht, wen sie meine, doch als sie die Angst gewahrten, die der Fremden aus jedem Zuge des schönen Antlitzes sprach, und sie sich als die Schwester Alexanders zu erkennen gab, schauten Mann und Weib sich erst unschlüssig an, dann aber siegte in der Wirtin, die selbst Kinder hatte, die fest an einander hingen, das gute Herz, und mit dem Finger auf dem Munde flüsterte sie dem Mädchen zu: »Du darfst unbesorgt sein, schöne Jungfrau, mein Mann hilft ihm schon durch.« Um weniges später wußte Melissa, der Aegypter, der sie auf dem Friedhofe erschreckt, sei der Sicherheitswächter Zminis, derselbe, von dem einmal ihre alte Sklavin Dido erzählte, die Mutter habe seine Werbung abgewiesen, bevor sie dem Vater die Hand gereicht, und darum freue es ihn, alles, was zum Hause des Heron gehöre, in Schaden zu bringen. Wie oft hatte sie von Widerwärtigkeiten gehört, die dieser Mann dem Vater und dem Alexander bereitet, bei denen der Aegypter aber stets den kürzern gezogen. Dieser Angeber, der jetzt nach dem Nachtstrategen die höchste Stelle im Sicherheitsdienste inne hatte, war der am meisten gehaßte und gefürchtete Mann in der Stadt, und er hatte aus Alexanders Munde den Kaiser in einer Weise verspotten hören, die den Bruder ins Gefängnis, in die Steinbrüche, in den Tod führen konnte. Der Bildhauer Glaukias war dem Aegypter an der Brücke des Drakonkanales begegnet, wo er die aus der Totenstadt Heimkehrenden aufgehalten hatte. Dem Dichter Argeios war er mit seinen Bütteln schon in den Weg getreten, doch die Thyrsusstäbe des Dionysischen Zuges hatten ihm und seinen Leuten das Spiel verdorben. Wahrscheinlich stand er immer noch an der Brücke. Glaukias selbst war auf jede Gefahr hin hieher geeilt, um den Alexander zu warnen. Jetzt hatte man ihn mit jenem versteckt, und beide konnten getrost, bis die Luft wieder rein war, im Weinspeicher des Hahnes, was kommen würde, erwarten. Der Wirt wollte niemand raten – sich zu seinen Krügen und Schläuchen zu drängen! »Auch nicht dem ägyptischen Hunde!« rief die Hausfrau und hob die geballte Faust, als halte sie sie jetzt schon dem verhaßten Unheilstifter unter die Augen. »Armes, hilfloses Lamm!« murmelte sie dann vor sich hin und schaute das zarte Stadtkind mitleidig an, das wie vom Blitze getroffen ratlos und verwirrt zu Boden schaute. Dabei kam ihr in den Sinn, wie hart sie selbst es in der Jugend gehabt, und blickte nun stolz auf die eigenen kräftigen Arme, die auch zuzugreifen und zu handeln verstanden. Aber was war das? Wie von einer Feder aufgeschnellt richtete die gebeugte Blume sich plötzlich in die Höhe und rief: »Dank, herzlichen Dank! Aber so wird es nicht gehen. Wenn Zminis euer Anwesen durchsucht, so dringt er auch in den Speicher; denn wozu könnte er euch im Namen des Kaisers nicht zwingen? Ich trenne mich jetzt auch nicht von dem Bruder.« »So sei der willkommene Gast des Hahnes,« unterbrach sie die Wirtin, und ihr Mann verneigte sich höflich mit der Versicherung, der Hahn sei ihr Haus wie das seine. Aber das hilflose Stadtkind lehnte auch diese freundliche Einladung ab; denn sein kluger Kopf hatte einen neuen Weg zur Rettung des Bruders gefunden; und die Wirtsleute, denen sie ihren Anschlag leise vertraute, lachten einander kopfschüttelnd an. Vor der Thür des Hauses wartete Diodor mit ungeduldiger Sorge. Er liebte sie und war der beste Freund Alexanders. Was er für die Rettung des Bruders thun könne, wußte sie, würde geschehen. Zudem gab es auf dem Gute, das ihm einmal zufallen sollte, Raum genug, den Verfolgten zu verbergen, besaß doch der Vater des Diodor die größten Gärten der Stadt. Seine weitausgedehnten Ländereien waren ihr von Kind an vertraut; denn die verstorbene Mutter des Geliebten und die ihrige waren Freundinnen gewesen, und der umsichtige Verwalter der Gärten und Pflanzungen des Polybius, der freigelassene Andreas, stand ihr und den Brüdern näher als irgend ein Alexandriner. Sie hatte sich auch nicht getäuscht; denn in der ihm eigenen feurig eifrigen Weise machte Diodor die Sache Alexanders zu der seinen, und der Rettungsplan erschien ihm doppelt vortrefflich, weil Melissa ihn ersann. Kurz darauf war Alexander mit dem Bildhauer aus dem Versteck befreit, und die weitere Sorge für sie wurde dem Diodor überlassen. Beide hatten sich vortrefflich verkleidet. In den Matrosen, deren Haar eine phrygische Mütze verbarg und um deren Lenden sich ein grober Schifferschurz schlang, hätte niemand die Künstler erkannt, noch weniger aber wäre den lachenden Gesichtern anzusehen gewesen, daß ihnen Gefangenschaft, ja vielleicht noch Schwereres drohe. Bei der Verkleidung hatte es so viel Drolliges gegeben, und nun sie erfuhren, wie sie in die Stadt geschmuggelt werden sollten, wuchs ihre Heiterkeit und teilte sich denen mit, die ins Vertrauen gezogen wurden. Melissa war die einzige, die trotz des eifrigen Zuspruchs des Geliebten von banger Sorge bedrückt blieb. Der kaum mittelgroße Glaukias war sicher, nicht erkannt zu werden, und er wie die anderen betrachteten, was nun kommen sollte, als einen vergnüglichen Spaß. Galt es doch, dem verhaßten Anführer der Häscher und seinen Trabanten, denen man schon manchen Streich gespielt hatte, einen Fang zu vereiteln. Dem Alexander konnte eher Schlimmes begegnen, doch gelang es nur, ihn bis zum Besuche des Kaisers zu verbergen, dann war er gerettet; denn der nahm sicherlich die Thätigkeit des Nachtstrategen und seines obersten Beamten voll in Anspruch. Man vergaß ja so schnell in Alexandria, was der Gegenwart nicht mehr angehörte! War Caracalla erst fort – und lange würde er hoffentlich nicht bleiben – so fragte kein Mensch mehr nach einem bissigen Wort, das vor seiner Ankunft gefallen. Mochte der morgende Tag bringen, was er wollte, wenn der heutige nur froh blieb! Neu gestärkt und ermuntert von der Rast und dem genossenen Weine, bereiteten die Mysten sich zum Aufbruch, und wie der Zug sich in Bewegung setzte, hatte keiner außer den Beteiligten bemerkt, daß die beiden als Matrosen verkleideten Künstler in dem mächtigen Kalathos des Serapis, der Raum für sechs Männer geboten hätte und dem hochgewachsenen Alexander bis an die Brust reichte, auf Melissas Rat untergekommen waren. Mit einem Kruge Wein hatten sie sich in dem weiten Gefäß niedergelassen und lugten bisweilen lachend nach den Jungfrauen aus, die man wieder eingeladen, sich auf den Rand des Wagens zu setzen. Nachdem die Räder ins Rollen gekommen waren, ging der Uebermut Alexanders und seines Schicksalsgenossen so weit, daß sie, sobald es unbemerkt geschehen konnte, die schönen Kinder mit den Kornresten, die sie auf dem Boden des Kalathos fanden, bewarfen oder mit Weintropfen bespritzten. Glaukias verstand es, das Rauschen des Regens und das Summen einer Fliege mit den Lippen täuschend nachzuahmen, und wenn die Mädchen sich über die lästigen Insekten beklagten, die ihnen ins Gesicht flögen, oder, hatte sie ein Weintropfen getroffen, versicherten, daß es, obgleich kein Wölkchen den azurblauen Himmel trübte, zu regnen beginne, mußten die ausgeladenen Künstler die Hand vor den Mund pressen, damit sie ihr Lachen nicht verrate. Melissa, welche die hübsche Ino durch die Versicherung, daß Alexander unerwartet fortgerufen worden sei, getröstet hatte, und die auf dem Wagenrand neben ihr saß, bemerkte wohl, was die gefährdeten Männer im Kalathos trieben, und es beängstigte sie, statt sie zu erheitern. Rings um sie her wurde gelacht und gescherzt, doch mit ihrer Fröhlichkeit war es vorbei, ja, die Angst bedrückte sie wie ein Alp, als der Wagen die Brücke erreichte und rasselnd über sie hinwegfuhr. Da standen Soldaten und Liktoren und schauten den einzelnen und auch ihr forschend ins Antlitz. Aber keiner redete sie an, und wie das Wasser hinter ihr lag, atmete sie erleichtert auf. Doch nur einen kurzen Augenblick; denn nun kam ihr in den Sinn, daß sie bald das Thor zu passiren hätten, welches durch die westliche Hadriansmauer in die Stadt führte. Wenn Zminis ihnen dort statt an der Brücke auflauerte und den Wagen untersuchte, dann war alles verloren; denn er hatte auch ihr mit dem wunderlich starren Auge ins Antlitz geschaut, und daß er, wo er die Schwester gewahrte, nach dem Bruder suchen werde, schien ihr gewiß. So brachte ihre Anwesenheit dem Alexander Gefahr, und damit mußte ein Ende gemacht werden. Ungesäumt reichte sie darum dem Diodor, der neben ihr herging, die Hand und ließ sich auf die Straße gleiten. Dann raunte sie ihm zu, was sie befürchtete, und bat ihn, sich mit ihr von den anderen zu trennen und sie nach Hause zu führen. Das war für den Liebenden ein überraschend köstlicher Befehl. Wie zum Scherz schwang er sich auf das Fuhrwerk, und dort gelang es ihm auch, unbemerkt in den Kalathos zu flüstern, daß Melissa sich unter seinen Schutz gestellt habe. Daheim möchten sie den Vater und den Andreas grüßen, die sie gut verstecken würden. Morgen früh könnten sie ihm erzählen, was ihnen weiter begegnet. Dann zog er den Arm Melissas durch den seinen, ließ den Iakchosruf laut erschallen und eilte in schnellem Tanzschritt mit ihr dem Wagen voran. Kaum fünfzig Schritte vor ihnen schlugen helle Flammen aus großen Pechpfannen gen Himmel, und ihr Licht zeigte dem Mädchen erst das gefürchtete Thor mit den Bildsäulen des Hadrian und der Sabina, und dann vor demselben, mitten auf der Straße, einen Reiter, der den Nahenden auf einem großen Rosse entgegen getrabt kam. Sein Haupt überragte alles, was sich auf der Straße bewegte, und wie sie zu ihm aufschaute, war es ihr, als höre ihr das Herz auf zu schlagen; denn ihr Blick traf die Augen des gefürchteten Aegypters, deren weiße Sterne so grell von dem Braun des hageren Antlitzes abstachen, und deren böses, bedrohliches Flackern sich ihrem Gedächtnis fest genug eingeprägt hatte. Zu ihrer Rechten öffnete sich eine Gasse, und mit dem leisen Ruf: »Hier hinein!« zog sie den überraschten Diodor sich nach in das Dunkel. Wie ihm das Herz schlug! Verlangte es nun auch sie, deren jungfräulich keusche Strenge ihm früher und seit der selige Tanzrausch verflogen war, kaum einen freundlichen Blick und einen Händedruck vergönnt hatte, nach zärtlicher Hingabe in einsamem Dunkel? Sehnte die stille, bescheidene, die ihm, seit sie kein Kind mehr war, nur selten einige arme Worte vergönnt hatte, sich nun auch, ihm endlich, ungehört von den anderen, zu sagen, was ihm vorhin nur der Glanz ihrer Augen und der Kuß ihrer reinen jungen Lippen verraten? In seliger Erwartung zog er sie fester an sich, doch sie entwand sich scheu seinen Armen, und bevor er ihr noch die ersten zärtlichen Worte zuflüstern konnte, rief sie ihm so angstvoll zu, als strecke die Hand des Verfolgers sich schon nach ihr aus: »Fort, fort! Das Haus dort verbirgt uns!« Damit zog sie ihn sich nach in die offene Thür eines großen Gebäudes, und kaum hatten beide den dunklen Vorraum betreten, als sich Hufschlag vernehmen ließ und Fackelschein die Finsternis draußen erhellte. »Zminis – da ist er, – er folgt uns nach,« raunte sie hastig und kaum der Rede mächtig dem Diodor zu, und ihre Besorgnis war wohl begründet; denn der Aegypter hatte sie erkannt und ihren Begleiter für den Alexander gehalten. Mit seinen Fackelträgern war er in die Gasse geritten, doch wohin sie sich verborgen, mußte seinem scharfen Auge entgangen sein; denn der Hufschlag verriet den atemlos Lauschenden, daß der Verfolger ihr Versteck schon hinter sich gelassen. Erst als das Pflaster zum andernmal dicht vor dem Hause, das sie verbarg, von Hufschlag erdröhnte, der nach dem Hadriansthore hin allmälich verhallte, entfernte Melissa die Hand von dem angstvoll pochenden Herzen. Aber der Aegypter hatte gewiß Späher in der Gasse zurückgelassen, und Diodor trat hinaus, um sich zu überzeugen, ob der Weg nun frei sei. Melissa blieb allein in dem dunklen Vorraum, und es drängte sich ihr die Sorge auf, wie sie ihr Hiersein erklären solle, wenn die Hausbewohner sie bemerkten; denn in dem großen Gebäude, das sie aufgenommen hatte, war man trotz der späten Nachtstunde noch nicht zur Ruhe gegangen. Sie hatte längst ein murmelndes Geräusch vernommen, das aus einem der inneren Räume drang; doch erst allmälich gewann sie die nötige Ruhe, näher hinzuhören, woher es komme und was es bedeute. Eine zahlreiche Gesellschaft mußte sich hier versammelt haben; denn sie unterschied verschiedene männliche Stimmen, unter die sich bisweilen auch eine weibliche mischte. Jetzt ging eine Thür. Erschrocken drängte sie sich fester an die Wand, aber aus dem Augenblick wurden Minuten, und niemand kam. Endlich war es ihr, als vernähme sie das Rücken von Bänken oder Stühlen, und als riefen viele Stimmen durcheinander, sie wußte nicht was. Wieder drehte sich dann eine Thür in den Angeln, und darnach wurde es so still, daß sie eine Nadel hätte zu Boden fallen hören, und dies beängstigende Schweigen dauerte fort, bis eine tiefe, klangvolle Männerstimme vernehmbar wurde. Die sonderbare Art, womit diese Stimme jedem Worte gleichförmig sein Recht widerfahren ließ, brachte sie auf die Vermutung, daß da drin etwas vorgelesen werde. Sie verstand den Satz auch deutlich, womit der Vortrag begann. Nach einer kurzen Pause ward er wiederholt und zwar schneller und als komme er diesmal dem Redner aus dem eigenen Innern. Die sechs Worte: »Da aber die Zeit sich erfüllet,« Galater IV, 4. bildeten seinen schlichten Inhalt, und Melissa hörte nicht mehr auf die leiser gesprochene Rede, die ihm bald folgte; denn der erste Satz tönte wie vom Echo wiederholt in ihr fort. Zwar verstand sie nicht, was er bedeute, es war ihr aber, als müsse ihm ein tiefer Sinn innewohnen. Wie eine Melodie, die sich auch gegen unsern Willen wieder und wieder vor unserem inneren Ohre vernehmen läßt, ließ er nicht von ihr, und ihr nachdenklicher Geist bemühte sich noch ihn zu deuten, als Diodor zurückkehrte, um zu melden, daß die Gasse ganz leer sei. Er wisse nun, wo sie sich befänden, und wenn es ihr recht sei, wolle er sie so führen, daß sie nicht wieder durch das Thor brauchten. Es wohnten hier herum zwar nur Christen, Aegypter und anderes Gesindel, doch heute beginne ja sein Amt, sie zu beschützen, und er wolle seiner aufs beste walten. Jetzt trat sie mit ihm in die Gasse, und wie sie wieder fortschritten, zog er sie an sich und küßte ihr den Scheitel. Das Herz war ihm so voll. Er wußte nun, daß diejenige, deren er schon liebend begehrt, als sie noch im Kinderkleidchen an der Hand der Mutter durch die Gärten seines Vaters gesprungen war, seine Gefühle erwidere. Nun war auch die Zeit gekommen, zu fragen, ob sie ihm gestatte, bei dem Vater um sie zu werben. So blieb er denn im Schatten des nächsten Hauses stehen, und wie er dort, hingerissen von zärtlicher Leidenschaft, alles vor ihr ausströmte, was ihm die Brust bewegte, und in seiner feurigen Weise schilderte, wie groß und tief seine Liebe, da empfand sie trotz der Mattigkeit, die ihr längst nach so großen Erregungen Leib und Seele beschwerte, mit stiller Dankbarkeit das große Glück, einem teuren, guten Menschen mehr zu gelten als allen anderen auf Erden. Die Liebe, die so lange als Knospe in ihr geschlummert und die vorhin so schnell den Kelch geöffnet, um sich dann wieder ängstlich zu schließen, entfaltete sich von neuem und blühte ihm entgegen. Aber es geschah nicht mehr wie vorhin in leidenschaftlicher Ekstase, sondern, angemessen ihrem stillen, klaren Wesen, mit maßvoller Freude, der es doch nicht an der rechten Wärme und herzgewinnenden Anmut fehlte. Eine Glückseligkeit ohne gleichen kam über sie beide, und sie gestattete ihm, seine Schwüre mit Küssen zu bestätigen, und bot ihm selbst die Lippen, wenn das Herz ihr höher schlug vor heißem Dank für so viel Glück und solche Fülle der Liebe. Sie war sein köstlichstes Kleinod, und in die Leidenschaft seines stürmischen Herzens mischte sich so aufrichtige Ehrfurcht, daß er sich willig in den Schranken hielt, mit denen die Jungfrau sich sittig umgab. Und was hatten sie einander nicht alles bei dieser ersten Hingabe der Herzen zu bekennen, wie vielen Hoffnungen für die Zukunft galt es, Worte zu leihen! So einten sich im Fluge die Minuten zur Stunde, bis Melissa ihn bat, die Marmorbank, die ihnen schon längst Ruhe bot, mit ihr zu verlassen, wenn die Füße sie überhaupt noch nach Hause tragen sollten. Wohl ward es ihm sauer, ihr den Willen zu thun, doch er gehorchte. Als er aber wieder mit ihr vorwärts schritt, fühlte er, daß sie schwer an seinem Arm hing und es sie Mühe koste, die kleinen Füße zu heben. Die Gasse war zu dunkel, als daß er hätte wahrnehmen können, wie bleich sie geworden; und dennoch verwandte er keinen Blick von dem lieben, kaum in den Umrissen erkennbaren Antlitz. Da hörte er sie wie aus dem Traum ein leises: »Ich kann nicht mehr!« rufen, und sogleich führte er sie zu der Marmorbank zurück. Sorgsam breitete er zuerst den Mantel über den steinernen Sitz und hüllte sie dann so vorsichtig ein, wie eine Mutter das frierende Kind; denn ein kühler Lufthauch deutete auf das Nahen des Morgens. Er selbst drängte sich an die Wand ihr zur Seite, um ungesehen zu bleiben; denn ein langer Zug von Menschen, denen Laternen vorangetragen wurden, kam eben aus dem Hause, das sie vorhin verlassen, die Gasse herauf. Wer da zu dieser späten Stunde in so feierlicher Stille einherschritt, wußten sie sich beide nicht zu erklären. Sicherlich ließ sich kein froher Iakchosruf, keine wilde Klage, kein heiteres Gelächter und kein Klageton aus dem Munde der Vielen vernehmen, die dort paarweise und gemessenen Schrittes in die Gasse strömten. Sobald aber der letzte das Gebäude verlassen hatte, stimmten die Männer und Weiber, die den Zug bildeten, einen Gesang an, den kein Chorführer leitete, zu dem kein Saitenspiel erscholl, und der dennoch wie aus einer Brust zu kommen schien. Diodor wie Melissa kannten jede Weise, die in Alexandria Hellenen und Aegypter in dieser Nacht und an anderen Festen sangen; diese aber war beiden fremd, und als der Jüngling dem Mädchen die Frage zuflüsterte: »Was ist es nur, das sie singen?« versetzte sie wie aus dem Schlafe geschreckt: »Es sind keine sterblichen Menschen.« Da schauerte es dem Diodor kalt über den Rücken; denn es war ihm, als schwebe dieser Zug über den Boden hin und als müsse man den Schritt der einzelnen deutlicher von dem Pflaster widerhallen hören, wenn sie Menschen von Fleisch und Blut wären. Etliche schienen ihm auch größer als andere Sterbliche, und ihr Gesang kam doch wohl aus einer andern Welt als der, wo er heimisch. Vielleicht waren es Dämonen, waren es die Seelen der verstorbenen Aegypter, die nach einem mitternächtlichen Besuch derer, die sie auf Erden zurückgelassen, in die Felsengrüfte zurückkehrten, von denen es genug in den steinigen Hügeln gab, zu denen die Gasse führte. Sie strebten auch den Gräbern zu, nicht dem Thore, und Diodor that der Geliebten in leisem Flüsterton kund, was er vermute, und schloß die Hand um das Amulet in Gestalt eines Auges, das ihm seine ägyptische Kinderwärterin an einem anubischen Faden um den Hals gehängt hatte, um ihn vor dem bösen Blick und vor Verzauberung zu schützen. Aber Melissa lauschte mit so aufmerksamer Hingabe dem Gesange, daß sie ihn nicht hörte. Die Mattigkeit, unter der sie schmerzlich gelitten, hatte sich während dieser stummen Rast in ein stilles, wohliges Selbstvergessen verwandelt. Sie empfand es wie ein Glück, die Last des ermüdeten Körpers nicht mehr zu fühlen, und der Sang der nächtigen Wanderer kam ihr vor wie ein Schlummerlied, das schöne Träume erweckte. Es stimmte sie froh, und doch jubelte es nicht und war nicht einmal heiter. Es griff ihr ins Herz und war doch nicht traurig und glich in nichts der leidenschaftlichen Klage der Isis um den Osiris, dem Jammer der Demeter um die verschwundene Tochter. Was es in ihr erweckte, war ein bitter süßes Mitleid, das ihr selbst galt, den Brüdern, dem Vater, dem Geliebten und zugleich mit ihnen auch allem, was dem Leid und Tod erlesen, auch dem Fremdesten, wofür sie noch nie Teilnahme empfunden. Und dies Mitleid barg ein Wohlgefühl in seinem Schoße, das sie sich nicht zu erklären wußte oder auch nur zu deuten versuchte. Bisweilen war es ihr auch, als ob dies Lied eine Danksagung enthalte. Sie galt wohl den Göttern, und darum gefiel sie ihr, und sie hätte mit anstimmen mögen; denn auch sie mußte ja den Himmlischen und allen voran dem Eros erkenntlich sein für die Liebe, die in ihrem Herzen erwacht war und so innige Erwiderung fand. Tief atmend folgte sie jedem Ton dieses Gesanges, der gleich einer heilsamen Arznei auf sie wirkte. Der Kampf der Willenskraft gegen die Erschöpfung des Leibes am Schlusse des seligen Beisammenseins mit dem Geliebten war so peinlich, das Bewußtsein, mit den bleischweren Füßen vielleicht nicht nach Hause zu kommen und irgendwo eine Unterkunft suchen zu müssen, so beunruhigend gewesen. Jetzt fühlte sie sich wieder still und in schönem Gleichgewicht wie daheim, wenn sie bei dem Vater saß und stickte und von der Mutter und der vergangenen Kindheit träumte. Dieser Gesang war auf ihre bewegte Seele ausgegossen worden wie das Oel, das die Schiffer ins Meer rinnen lassen, um den stürmischen Wogenschwall zu sänftigen. Das fühlte sie. Sie mußte der Stunden gedenken, in denen sie an der Brust der Mutter entschlummert war in dem sichern Gefühl, daß zärtliche Liebe sie auf Händen trage. Das Glück der Kinderzeit, wo sie alles geliebt, was sie kannte: die Ihren, die Sklaven, die Vögel des Vaters, die Blumen im Gärtchen, den Altar der Göttin, den sie salbte, und die Sterne am Himmel, kehrte zu ihr zurück, und so ruhte sie in wohliger, träumerischer Schlaffheit, mit dem Haupt auf der Schulter des Geliebten, bis die letzten Glieder des Zuges, die aus Weibern bestanden, von denen viele kleine Lampen in der Hand trugen, bis auf wenige an ihr vorbei gewallt waren. Da fühlte sie plötzlich, wie Diodors Schulter, an der ihr Haupt lehnte, in die Höhe schnellte. »Sieh dorthin,« flüsterte er ihr dabei dringlich zu, und wie ihr Blick seinem weisenden Finger folgte, schrak sie zusammen und rief: »Die verstorbene Korinna. Hast Du sie gekannt?« »Sie kam manchmal in den Garten des Vaters,« lautete die Antwort, »und ich sah ihr Bild bei Alexander. Die Seelen der Hadesbewohner sind uns begegnet. Wir müssen opfern; denn wem sie sich zeigen, den ziehen sie sich nach.« Da schauderte auch das Mädchen zusammen und rief angstvoll: »O Diodor! Nur nicht sterben! Fragen wir morgen den Priester, mit welchem Opfer wir uns loskaufen können. Nur nicht das Grab und der finstere Hades! Ich bin wieder stark genug. Laß uns fort von hier und nach Hause.« »Aber jetzt durch das Thor,« entgegnete der Jüngling. »Es thut nicht gut, den Verstorbenen zu folgen.« Doch Melissa bestand darauf, den Weg durch die Gasse zu nehmen. So sehr sie die der Unterwelt entflohenen Seelen auch fürchtete, wollte sie doch um keinen Preis dem schrecklichen Aegypter in die Hände fallen, der sie zwingen konnte, über das Verbleiben des Bruders Auskunft zu erteilen, und Diodor, der sich schämte, die Bangigkeit, die ihn noch immer beherrschte, der Geliebten zu zeigen, fügte sich ihrem Verlangen. Aber es that ihm wohl bei den Todesschauern, die ihn zum erstenmale im Leben beschlichen, den Mund der Geliebten noch einmal zu küssen und ihre warme Hand in der seinen zu halten, während er mit ihr dahinschritt; ihr aber tönte der wundersame Gesang des nächtlichen Zuges vor dem innern Ohre fort, und bisweilen kam ihr der Satz in den Sinn, den sie in dem Hause gehört, worin sich die abgeschiedenen Seelen versammelt. »Da aber die Zeit sich erfüllet,« hatte er gelautet. Ob er sich auf die Stunde bezog, in welcher der Verstorbene den Abschluß des Erdenlebens erreichte, ob ihrer Stadt und ihren Bewohnern etwas Großes bevorstand, wozu die Zeit nunmehr gekommen? Hing dies Wort mit dem Besuch des Kaisers zusammen? Kehrten die Verstorbenen zu den Lebenden zurück, um den Ereignissen beizuwohnen, die sie mit helleren als menschlichen Augen herannahen sahen? Dann erinnerte sie sich der Korinna, deren bleiches, schönes Antlitz das Licht in ihrer Hand wunderbar beleuchtet hatte, und dazu der Versicherung des Magiers, daß die Seelen der Verstorbenen mit allen Eigenschaften ausgestattet seien, die sie als Lebende besessen, und daß der Wissende sie zu erblicken und mit ihnen zu verkehren vermöge. So war Serapion also doch mit dieser Behauptung im Rechte, und ihre Hand zuckte in der des Geliebten, als sie sich sagte, daß ihrem Bruder Philipp nun die Gefahr drohe, im Verkehr mit der Toten den Lebenden sich zu entfremden. Vielleicht war auch ihre verstorbene Mutter unter den wandernden Seelen dahingewallt, und es reute sie, es versäumt zu haben, nach ihr auszuschauen und ihr liebevoll zu winken. Auch Diodor, dem es sonst nicht gegeben war, lange stillschweigend zu grübeln, hing den eigenen Gedanken nach, und so schritten sie stumm vorwärts, bis sie plötzlich dumpfes Gemurmel vernahmen. Da erschraken sie wieder, und wie sie aufschauten, sahen sie die felsigen Klippen vor sich, in die vor langer Zeit Aegypter und später auch Christen Grüfte in den Felsen gehauen. Aus dem Thor des einen, dem sie sich auf wenige Schritte genähert, schimmerte Licht, und als sie daran vorüberziehen wollten, schlug ein großer Hund an. Gleich darauf trat eine menschliche Gestalt auf sie zu und fragte sie in rauhen Kehllauten nach dem Worte. Da hob Diodor, von jähem Schrecken vor der dunklen Erscheinung erfaßt, in der er eine andere auferstandene Seele vermutete, die Füße zum schnellen Entlaufen und zog die Geliebte sich nach. Die Dogge aber überholte sie bellend, und als der Jüngling sich nach einem Stein bückte, um sie zu verscheuchen, sprang das wütende Tier auf ihn ein und riß ihn zu Boden. Da schrie Melissa laut um Hilfe, doch die rauhe Stimme gebot ihr wütend, zu schweigen. Weit entfernt, ihr zu gehorchen, ließ die Jungfrau den Hilferuf nur lauter erschallen, und nun drangen aus dem Gruftthor, dicht hinter dem Schauplatz dieses Ueberfalls, mehrere Männergestalten mit Lampen und Kerzen hervor. Es waren die Dämonen, auf deren Gesang sie in der Gasse gelauscht; sie konnte nicht irren. Auf den Knieen, neben dem am Boden liegenden Jüngling, starrte sie ihnen entgegen. Da flog ein Stein auf den Hund, um ihn von dem Niedergeworfenen zu entfernen, und ein zweiter, größerer sauste dicht an ihr vorbei und traf – sie hörte deutlich den dumpfen Aufschlag – das Haupt des Geliebten. Da war es, als lege eine kalte Hand sich ihr aufs Herz; was sie umgab, verschmolz zu einem sie umkreisenden, farblosen Bilde, totenbleich streckte sie die Arme abwehrend aus und sank dann mit einem leisen Angstschrei, überwältigt von Schrecken und Mattigkeit, bewußtlos zusammen. Als sie die Augen wieder aufschlug, lag ihr Haupt im Schoß einer freundlichen Matrone, während Männer sich anschickten, eine Bahre mit dem regungslosen Körper des Diodor von dannen zu tragen. Sechstes Kapitel. Die Sonne war vor einer Stunde aufgegangen. Der Steinschneider Heron hatte pfeifend die Werkstätte betreten, und in der Küche stand der alte Sklave Argutis vor dem Herde und bereitete die Morgensuppe für seinen Herrn. Nachdenklich warf er einige Fingerspitzen Kümmel in den Gerstenbrei und schüttelte dabei das ergraute Haupt. Als seine Genossin Dido, eine Syrerin, mit krausem weißem Haar, das von ihrer dunklen Haut wunderlich abstach, in die Küche trat, fuhr er auf und fragte hastig: »Noch nicht zurück?« »Nein,« versetzte die Alte mit nassen Augen. »Du weißt ja schon, was mir träumte. Ganz gewiß ist ihr ein Unglück begegnet, und wenn der Herr es erfährt . . .« Hier brach sie in lautes Schluchzen aus; der Sklave aber verwies ihr das unnütze Weinen. »Du hast sie nicht auf den Armen getragen,« wimmerte die Sklavin. »Aber wie oft hier auf der Schulter,« stieß der Gallier – denn Argutis stammte aus der Gegend von Augusta Trevirorum an der Mosella – seufzend hervor. »Sobald der Brei fertig ist, bringst Du ihn dem Herrn und bereitest ihn vor.« »Damit seine Wut mich zuerst trifft,« klagte die Alte. »Es ward mir nicht an der Wiege gesungen.« »Dies Holz,« unterbrach sie Argutis, »haben die Würmer schon lange gefressen, und die Wut des Herrn kennen wir ja beide. Ich wäre schon längst fort, wenn Du den Brei zu bereiten verstündest, wie er ihn mag. Aber sobald ich ihn in die Schale geschüttet – nichts hält mich auf – seh' ich nach dem Alexander; denn mit ihm ging sie doch aus dem Hause.« Da trocknete die Alte die Thränen und rief: »Geh nur und tummle Dich. Ich nehme das andere auf mich. Ewige Götter, wenn sie tot ins Haus zurückgebracht würde! Ich bleibe dabei! Sie mochte die Launen des Alten und die Einsperrung nicht länger ertragen und ist ins Wasser gegangen. Mein Traum, mein Traum! Da hast Du die Schale, und dann fort zu dem Jungen! Aber der Philipp ist doch der ältere.« »Der!« rief der Sklave in wegwerfendem Ton. »Ja, wenn es auszuhorchen gäbe, was die Fliegen einander erzählen! Ich lobe mir den Alexander. Der hat den Kopf auf dem rechten Fleck, und wenn einer in Aegypten, bringt er sie uns wieder, tot oder lebendig.« »Tot,« schluchzte die Alte von neuem auf, und ihre Thränen fielen hart an dem Brei vorüber, den Argutis in seiner Herzensnot zu salzen vergessen. Während dieses Gespräches seiner Dienerschaft fütterte der Steinschneider die Vögel. Ist der Mann, der dort mit zärtlichen Worten, mit lockenden Pfiffen und Leckerbissen seine Lieblinge wie ein kosendes Mädchen zu sich heranzieht, wirklich der grimme Polterer von gestern abend? Es gibt kein Schmeichelwort, das er ihnen nicht gönnt, während er ihnen die Näpfchen behutsam mit frischem Wasser und Futter füllt. Und wie vorsichtig rührt er die große Hand, während er den Sand in den kleinen Käfigen erneuert! Er darf die armen, gefangenen Schelme, denen er so gute Stunden verdankt, ja nicht ängstigen, und sie haben schon längst die Scheu vor ihm verloren. Jetzt pickt ihm eine Turteltaube Erbsen, jetzt eine Baumnachtigall längliche Ameiseneier von den Lippen, jetzt hüpft ihm ein Kehlfink auf den Finger der Linken und schnappt nach den Raupen in seiner Rechten. Die hat der riesengroße Mann bald nach Sonnenaufgang von taufeuchten Blättern im eigenen Gärtchen für die gefiederten Freunde abgelesen. Am längsten und innigsten verkehrt er mit dem alten Glanzstar, den seine verstorbene Frau ihm geschenkt hat. Sie kaufte ihn damals heimlich von dem Beduinen, der ihm schon seit vielen Jahren Muscheln vom Strande des roten Meeres brachte, um den Gatten damit zu überraschen. Der kluge Vogel hat zuerst ihren Namen Olympias zu sagen und dann von selbst und ohne Unterweisung den häufigen Klageruf seines Herrn »Meine Kraft« nachzuplappern gelernt. Heron hält ihn für einen Freund, der ihn versteht und sich mit ihm der Unvergeßlichen erinnert. Drei Jahre schon ist der Steinschneider Witwer, und doch beschäftigt er sich immer noch lebhafter mit der Dahingegangenen als mit den Kindern, die sie ihm schenkte. Jetzt kraut er dem Star vorsichtig das kluge Köpfchen und redet ihn an in einem Tone, dem man das Mitleid anhört, das er mit ihm wie mit sich selbst empfindet: »Nicht wahr, mein Alter, es hat wohler gethan, wenn sie dir mit den zarten weißen Fingern die Federn glatt strich? O, ich weiß auch noch, wie das klang, wenn sie dir zurief: ›Mein Mätzchen‹ oder ›mein Tierchen‹. So sanfte, liebliche Töne gibt's für uns beide nicht mehr zu hören. Weißt du noch, wie sie dir mit dem lieben Antlitz – war es nicht schön? – freundlich zunickte, wenn du ihren Namen ›Olympias‹ riefst? Wie oft hat sie dir dann mit den roten Lippen in das Gefieder geblasen und dir zugerufen: ›Brav so, mein Kerlchen!‹ Auch mir ward ihr ›brav‹ vergönnt, wenn ich etwas Rechtes vollendete. O, und welche Augen sie hatte, auch für die Kunst! Aber nun, jetzt . . . Die Kinder geben mir ja auch gute Worte, seit ihre Lippen verstummten.« »Olympias!« unterbrach hier der Vogel den Künstler laut und verständlich, und sogleich verteilten sich die Wolken, die sein Antlitz wieder beschatteten, und mit einem freundlichen Lächeln fuhr er fort: »Ja, ja, du wolltest auch, daß du sie noch hättest. Auch du rufst sie, wie ich es gestern abend that bei ihrem Grabe, und sie läßt dich schön grüßen. Hörst du es, Mätzchen? Pick dem Alten nur immerzu in die Finger, er weiß, wie du's meinst, und es thut ihm nicht weh. Ganz allein war ich draußen, und Selene schaute still auf uns nieder. Rings umher tobte und schrie es, ich aber hörte doch die Stimme unserer Verstorbenen. Sie war mir ganz nahe, und ihre arme Seele zeigte mir, daß sie mir immer noch günstig gesinnt sei. Von unserem besten Bybloswein hatt' ich ein Krüglein unter dem Mantel mit hinausgenommen, und sobald ich ihr den Stein gesalbt und den edlen Trank ausgegossen, schlürfte der Boden ihn ein, als sei er durstig. Kein Tropfen blieb übrig. Ja, Mätzchen, angenommen hat sie die Gabe, und wie ich mich dann niederließ, um an sie zu denken, da gönnte sie mir manche Antwort auf meine Fragen. Wie damals – du weißt ja – haben wir mit einander geplaudert. Auch deiner gedachten wir; ich bestellte dir ja schon den Gruß. Nicht wahr, du verstehst mich? Und, ich sage dir, Mätzchen, es kommen jetzt bessere Tage.« Hier wandte er sich mit einer schnellen, unwilligen Bewegung von dem Vogel ab; denn die Sklavin trat mit dem Gerstenbrei in die Werkstatt. »Du?« fragte der Steinschneider erstaunt; »wo ist Melissa?« »Sie wird ja schon kommen,« versetzte die Alte leise und zaghaft. »Schönen Dank für das Orakel,« lachte der Künstler. »Wie Du spassen kannst!« stammelte die Alte. »Ich wollte . . . Aber iß nur erst, iß. Aerger und Sorge sind schädlich bei nüchternem Magen.« Da setzte sich Heron an den Tisch und begann den Brei zu genießen; doch sehr bald warf er den Löffel aus der Hand und rief: »Es schmeckt nicht so allein!« Dann warf er einen erstaunten Blick auf Dido und fuhr ärgerlich fort: »Was hast Du noch hier zu suchen, und was soll das Ziehen und Zupfen am Kleide? Wieder eine Schüssel zerbrochen? Nicht? So laß doch das verwünschte Kopfschütteln, und komm heraus mit der Sprache!« »Iß nur, iß!« wiederholte die Sklavin und zog sich an die Thür zurück; Heron aber rief sie mit kräftigen Scheltworten zu sich heran, und als sie darauf weinerlich mit dem gewohnten: »Es ward mir nicht an der Wiege gesungen,« begann, fand Heron die gute Laune, deren er sich an diesem Morgen erfreute, wieder und rief: »Ja, ja, die Tochter eines großen Herrn wartet mir auf; und wenn es dem Kaiser in Syrien eingefallen wäre, Deine Schwester zu freien, hätte ich jetzt seine Schwägerin im Dienste. Das Heulen verbitt' ich mir übrigens. In dreißig Jahren könntet ihr erfahren haben, daß ich kein Menschenfresser bin, und so bekenne denn erst, was in der Küche fehlt, und dann geh und rufe das Mädchen!« Der Unfreie hat vielleicht recht, das Uebel so lang hinauszuschieben, wie es nur angeht; denn jeder Augenblick kann die Sachlage ändern, und das Gute und Schlimme kommt ihm ja nur von außen her zu. So klammerte sich denn auch die Sklavin an den Wortlaut der Frage des Heron, und da sich in der Küche wirklich etwas Bemerkenswertes begeben hatte, atmete sie auf und erzählte, ein Bediensteter des Nachtstrategen sei vorhin gekommen und habe gefragt, ob der Alexander nicht hier sei, und wo er seine Werkstatt habe. »Und Du hast ihm das Haus gut beschrieben?« fragte Heron. Da schüttelte die Sklavin verneinend den Kopf, machte sich wieder mit dem Kleide zu schaffen und versetzte schüchtern: »Der Argutis war dabei, und er meinte, von dem Nachtstrategen komme nichts Gutes. Da hat er denn dem Manne etwas aufgebunden und ihn vor das Thor der Sonne geschickt.« Hier unterbrach Heron die Alte mit einem so kräftigen Schlag auf den Tisch, daß der Brei in der Schüssel Wogen schlug, und rief zornig: »So geht es, wenn man die Sklaven wie seinesgleichen behandelt, und sie selbst zu denken beginnen! Den guten Morgen kann einem die Dummheit verderben. Der Nachtstratege, daß Du's weißt, ist ein ansehnlicher Herr, und vielleicht bekannt mit dem Seleukus, dessen verstorbene Tochter der Alexander gemalt hat. Das Bild macht Aufsehen. Aufsehen? Was sag' ich! Wie toll sind die Leute, denen es vergönnt ist, dies Werk zu bewundern. Was es sonst noch im Hause der Totenbestatter zu schauen gab, war ihnen Lust. Hab' oft genug über den Jungen gebrummt, der überall lieber ist als hier. Aber diesmal! Man hätte stolz sein dürfen, sein Vater zu sein! Nun sendet der Nachtstratege seinen Epistolographen oder dergleichen, gewiß, um sich selbst, seine Gattin oder Tochter – wenn er eine hat – von dem Meister malen zu lassen, der das Bildnis der Korinna schuf, und der Sklave seines eigenen Vaters – 's ist um den Verstand zu verlieren – dreht dem Glücksboten eine Nase und schickt ihn in die Irre. Ich will den Argutis lehren! Doch vielleicht ließe sich jetzt noch . . . Fort erst und hol ihn!« Bei den letzten Worten warf Heron den Löffel wieder von sich, wischte sich den Bart, und als er sah, daß Dido immer noch wie gebannt vor ihm dastand und an ihrem grauen Sklavenkleide zupfte, da herrschte er sie, der er sonst freundlich und mit größerer Schonung als den eigenen Kindern begegnete, so zornig an, daß die Alte sich in sich zusammenzog und mit lautem Gewinsel tief gebückt die Thür zu erreichen suchte. Da that dem weichmütigen Polterer die greise, treue Dienerin leid, die er vor einem Menschenalter für das Haus gekauft, in das er als Neuvermählter sein schönes junges Weib geführt hatte, und wie vorhin den Vögeln, begann er nun, ihr gute Worte zu geben. Das that der Alten so wohl, daß sie wiederum weinen mußte; doch trotz der Aufrichtigkeit ihrer Thränen fühlte sie, die sich längst gewöhnt hatte, auf die guten Stunden bei ihrem Herrn zu achten, daß nun die Zeit für ihre Mitteilung gekommen sei. Erst freilich wollte sie noch einmal nachsehen, ob Melissa nicht doch endlich heimgekehrt sei, und so küßte sie dem Gebieter, dankbar für so viel Güte, den Saum des Rockes und enteilte der Werkstatt. »Du schickst mir den Argutis,« rief Heron ihr dringlich nach, und sprach dem Frühmahle mit erneutem Eifer zu. Erst dachte er dabei des schönen Werkes seines Sohnes und der thörichten Eigenmächtigkeit des sonst so treuen und – ja, das war er – auch klugen Sklaven. Dann fiel sein Blick auf den leeren Platz Melissas ihm gegenüber, und plötzlich stieß er die Schale von sich und stand auf, um nach der Tochter zu sehen. Da rief der Star gerade wieder recht hell und freundlich »Olympias,« und das that ihm wohl und erinnerte ihn an die guten Stunden am Grabe seines Weibes und die günstigen Vorzeichen, die ihm dort zu teil geworden waren. Der Glaube an die bessere Zeit, von der er dem Vogel geredet, bemächtigte sich wieder seiner hoffnungsarmen Seele, und in der festen Zuversicht, daß Melissa durch irgend einen bedeutungslosen Umstand in ihrer Kammer oder sonstwo zurückgehalten werde, trat er ans Fenster und rief ihren Namen hinaus; denn ihr Stübchen schaute in den Garten. Und es war, als gehorche die stets Gehorsame auch diesmal; denn wie er sich in die Werkstatt zurückwandte, stand Melissa in der offenen Thür. Nach dem schönen Griechengruße: »Freue Dich«, den sie leise erwiderte, fragte er sie so mürrisch, als lägen hinter ihm die übelsten Stunden, wo sie so lange bleibe. Doch er verstummte bald; denn überrascht nahm er wahr, daß sie nicht aus ihrer Kammer, sondern – die Kleidung verriet es – von einem Ausgange komme. Dabei fehlte es ihrer Erscheinung an der zierlichen Ordnung, die ihr sonst so gut stand, und überhaupt . . . Wie sie aussah! Woher kam sie so früh? Jetzt legte sie das Kopftuch ab, jetzt strich sie sich, leise aufstöhnend, das wirre Haar mit beiden Händen aus den Schläfen, jetzt endlich wandte sie ihm das Antlitz zu, und ihrer vollen, schnell auf und nieder wogenden Brust entrang sich der dumpfe Ruf: »Da bin ich! Doch welche Nacht liegt hinter mir, Vater!« Aber Heron bedurfte längerer Zeit, um ein Wort der Erwiderung zu finden. Was war dem Mädchen begegnet? Was konnte es sein, das ihm an ihr so beängstigend und fremd schien? Stumm und von hundert schauerlichen Befürchtungen beunruhigt, starrte er sie an. Es war ihm wie einer Mutter, die dem Kinde den Nachtkuß auf die gesunden Lippen drückte und es am Morgen in heißer Fieberglut wieder findet. Seit Melissa das Licht erblickt, war sie gesund gewesen, seit sie den Gürtel der Jungfrauen trug, hatte sich nichts an ihr verändert, war sie Tag für Tag und zu jeder Stunde sich gleich geblieben in ihrer stillen, dienstlichen, geduldigen Weise, hatte sie immer eher an ihn und die Brüder gedacht und für sie gesorgt, als für sich selbst. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, daß es je anders mit ihr werden könne, und nun schaute ihm statt des friedvollen, gelassen heiteren Gesichtes mit den rosig angehauchten Wangen ein bleiches Antlitz mit zuckenden Lippen entgegen. Die sonst so hellen Augen, die Alexander oft mit denen der Gazelle verglichen, welche unheimliche Glut hatte diese Nacht in ihnen entzündet! Wie tief sie lagen, und wie der Schatten, der sie dunkel umgab, sein Künstlerauge erschreckte! So sahen die Mädchen am Morgen aus, welche die Nacht als Mänaden durchschwärmten. Hatte auch sie nicht in der Kammer gerastet, sondern mit dem wilden Alexander im Gefolge des Gottes getobt? Oder war einem seiner Söhne etwas Furchtbares begegnet? Hundert Fragen schwebten ihm auf den Lippen, doch eine große Angst hemmte ihm immer noch die Zunge. Nichts hätte ihn mehr erleichtert, als sie wie sonst mit rauhem Gepolter anzufahren, – und es drängte ihn auch dazu – aber es war etwas an ihr, das ihn, er wußte selbst nicht, ob mit Scheu oder Mitleid erfüllte und ihn davon abhielt. So folgte er ihr denn nur stumm mit den Augen, während sie in ihrer ordentlichen Weise das Kopftuch und den Mantel zusammenfaltete und die wirren, gelockerten Strähnen des vollen Haares mit schnellen Griffen glättete und um das Haupt schlang. Aber eines mußte das Schweigen doch brechen, und er atmete auf, als das Mädchen ihm zuvorkam und mit einer Stimme, deren ungewohnt verschleierter Klang ihn von neuem erschreckte, mit der Frage begann: »Ist es wahr, daß ein Scythe des Nachtstrategen schon hier war?« Da fuhr er auf, und es that seinem gepreßten Herzen wohl, sich mit dem unwilligen Rufe Luft zu machen: »Noch einmal die Sklavenweisheit! Der vermeinte Scythe kam als Bote seines Herrn. Der Nachtstratege – ihr werdet ja sehen – will den Alexander mit einem Auftrag beehren.« »Nein, nein,« unterbrach sie eifrig den Vater. »Sie fahnden nach dem Bruder. Den Göttern sei Dank, daß der Scythe kam. Es beweist, daß Alexander noch frei ist.« Da griff sich der Künstler an das buschige Haupt; denn es war ihm, als drehe sich die Werkstatt im Kreise um ihn her. Zu gleicher Zeit verlangte die alte Angewöhnung ihr Recht, und wild aufbrausend stieß er mit der ganzen Kraft seiner gewaltigen Lungen hervor: »Was ist das? Was soll das? Was hat Alexander begangen? Wo bist Du, – wo seid ihr gewesen?« Zwei lange Schritte führten den wütenden Mann dicht vor das erschrockene Mädchen; die Vögel alle regten sich in den Bauern, und der Glanzstar rief laut und ängstlich. »Meine Kraft« und dann den Namen »Olympias«. Da blieb Heron stehen, fuhr sich mit den Händen in das dichte, ergraute Gelock, lachte schrill auf und rief: »Mit grünender Hoffnung auf bessere Tage bin ich von ihrem Grabe geschieden, und so wird sie erfüllt! Wo man Ruhm erhofft, Schande! Und Du, Dirne! Wo hast Du die Nacht verbracht? Wo kommst Du her? frag' ich noch einmal!« Dabei hob er die geballte Faust und schwenkte sie drohend vor den Augen Melissas. Regungslos stand sie vor ihm, totenbleich und mit weit geöffneten Augen, von denen schwere Thränen einzeln, langsam, wie müde ihr über die Wangen rannen. Heron sah sie, und sie zerschmolzen seinen Ingrimm. Wie ein Trunkener schwankte er dem nächsten Sessel zu, warf sich darauf nieder und wimmerte, das Haupt in den Händen: »Ich Armer, ich Armer!«, bis sich die weiche Hand seines Kindes ihm auf den Scheitel legte, ein Kuß warmer Mädchenlippen seine Stirn berührte und Melissa ihm bittend zuflüsterte: »Höre auf, Vater; vielleicht wird noch alles gut. Ich habe auch etwas erlebt, das Dich freuen wird, ja gewiß aufrichtig freuen.« Da zuckte Heron ungläubig die Achseln und wollte sogleich erfahren, wie das Wunder heiße, das ihm heute die Stirn glätten könne; sie aber blieb dabei, es ihm erst mitzuteilen, wenn die Reihe daran komme. Endlich fügte er sich, rückte den Sessel an den Tisch und nahm ein Stück Modellwachs zur Hand, um die unruhigen Finger beim Hören zu beschäftigen. Auch sie mußte sich setzen; denn die Füße trugen sie kaum mehr. Anfänglich folgte er ruhig ihrem Berichte, ja wie sie ihm den gegen den Kaiser gerichteten Scherz Alexanders wiederholte, hellte sein Antlitz sich auf. Das alexandrinische Blut und sein Gefallen an bissigen Scherzen forderten ihr Recht, und mit einem derben Schlag auf seinen gewaltigen Schenkel rief er: »Ein verwünschter Gedanke! Aber der Junge vergaß, daß wenn Zeus den Sohn nur lähmte, dieser unsterblich ist, während der Bruder des Kaisers ein so gebrechliches Menschenkind war, wie Caracalla es heute noch sein soll.« Dabei lachte er hell auf; doch es war zum letztenmal an diesem Morgen; denn kaum hatte er den Namen »Zminis« vernommen und gehört, daß er es gewesen, der den Alexander belauscht, als er das Wachs aus der Hand warf, entsetzt in die Höhe schnellte und ausrief: »Der Hund, der sein Auge auf die Mutter warf und ihr noch nachschlich, nachdem sie ihm längst den Stuhl vor die Thür gesetzt hatte! Der tückische Unglücksstifter, der uns schon oft genug Fußangeln in den Weg warf. Wenn es dem gelingt, die Schlinge zuzuziehen, in die der Junge den Hals so unvorsichtig steckte! . . . Doch vor allem: Hat er ihn schon, oder ist Alexander noch frei?« Aber niemand, auch nicht der Sklave, der noch unterwegs war, konnte ihm diese Frage beantworten, und das steigerte seine Unruhe so sehr, daß er bei dem weiteren Berichte Melissas die Werkstatt hastig durchmaß und die Erzählerin nicht selten mit Fragen oder kurzen Ausbrüchen des Unwillens unterbrach. Dabei leuchtete es ihm ein, daß er selbst nach dem Sohne sehen müsse, und er benutzte die Zeit, um sich zum Ausgang zu rüsten. Als er von dem Magier und seiner Versicherung hörte, der Wissende sei im stande, mit den Seelen der Verstorbenen zu verkehren, zuckte er nur ungläubig die Achseln und fuhr fort, sich die Sandalen an die Füße zu schnüren. Wie Melissa aber versicherte, daß nicht sie allein, sondern auch Diodor die wandernde Seele der verstorbenen Korinna unter dem Zuge der Geister erblickt habe, ließ er die Riemen sinken, die er eben um die Knöchel legte, und verlangte zu wissen, wer der Magier sei, und wo er zu finden. – Sie aber wußte nur, daß er Serapion heiße, und beschrieb kurz sein stattliches Aussehen. Heron war diesem Manne schon begegnet, und sein Geist schien sich noch mit ihm zu beschäftigen, als die Wangen der Jungfrau sich röteten und sie mit niedergeschlagenen Augen leise bekannte, Diodor werde, sobald er genesen sei, kommen und sie von ihm zum Weibe begehren. Es hatte lange gedauert, bis sie endlich auf die eigenen Angelegenheiten einging; doch es war nun einmal ihre Art, erst wenn den anderen ihr Recht widerfahren war, an das eigene zu denken. Doch der Vater? Hatte sie zu leise gesprochen, war er heute wirklich nicht im stande, sich zu freuen. oder was ging in ihm vor, daß er diese, doch auch für ihn nicht bedeutungslose Kunde überhörte und, statt seiner Zustimmung oder Mißbilligung Ausdruck zu geben, sie nur drängte, weiter zu erzählen? Da rief sie ihn an, wie man einen Schlafenden weckt, und fragte ihn, ob es denn möglich sei, daß ihm das Gute, das sie ihm in Aussicht gestellt und nun anvertraut habe, wirklich nicht zur Freude gereiche. Und diesmal lieh ihr Heron das Ohr und gab ihr die Befriedigung seines väterlichen Herzens zu erkennen, indem er sie küßte. Diese Nachricht machte allerdings manches andere gut; denn Diodor war ein Schwiegersohn nach seinem Herzen, und zwar nicht nur weil er reich und seine Mutter der verstorbenen Olympias so lieb gewesen war. Nein, der Vater des jungen Freiers gehörte auch wie er selbst zu den »alten Makedoniern«, er hatte den Verlobten seiner Tochter aufwachsen sehen, und es gab keinen Jüngling in der Stadt, der ihm angenehmer gewesen wäre. Das bekannte er auch frei; nur bedauerte er, daß, wenn sie erst mit dem Gatten jenseits des Sees hause, er verlassen dastehen werde wie ein Standbild auf seiner Säule. Die Söhne hätten ohnehin schon begonnen, ihn wie einen Aussätzigen zu meiden. Als er dann erfuhr, was dem Diodor begegnet war, und Melissa weiter erzählte, die Leute, die den Stein nach dem Hund geworfen hätten, seien Christen; sie hätten den Verwundeten aber in ein großes, sauberes Haus getragen, wo er sorgsam gepflegt worden sei, bis sie ihn verlassen, brach Heron in harte Schmähungen gegen die vaterlandslosen Anbeter des gekreuzigten Juden aus, die wie Ungeziefer zunähmen und die alte gute Ordnung der Dinge auf den Kopf zu stellen trachteten. Diesmal indes solle den Gleisnern, welche die Sanftmütigen spielten und doch wilde Hunde auf friedliche Leute hetzten, gezeigt werden, daß man sich nicht straflos an makedonischen Bürgern vergreife. Melissas Versicherung, keiner der Christen habe die Dogge auf ihren Verlobten gehetzt, wies er ärgerlich zurück; sie aber bestand darauf, daß es nur einem unseligen Zufall zuzuschreiben sei, daß der Stein den Diodor getroffen und ihn so schwer gerade am Kopf verwundet habe. Sie wäre gewiß nicht von seiner Seite gewichen, wenn sie nicht gefürchtet hätte, ihr langes Ausbleiben werde den Vater beunruhigen. Endlich blieb Heron kurze Zeit nachdenklich stehen und holte sodann aus der Truhe ein Kästchen, dem er etliche geschnittene Steine entnahm. Während er sie noch mit aller Vorsicht prüfend ans Licht hielt, fragte er die Tochter: »Ob ich, wenn ich beim Polybius, zu dem ich hinüber will, erfahre, daß sie den Alexander schon festsetzten, es wohl wagen darf, dem Präfekten Titianus zwei schöne Gemmen anzubieten, damit er ihn losläßt? Er ist ein feiner Kenner, und der Nachtstratege hat sich seinem Willen zu fügen.« Da bat ihn Melissa, von dem Vorhaben zu lassen, Alexander in seinem Versteck aufzusuchen; denn jedermann kenne den Künstler Heron, und bemerke ihn ein Häscher, werde er ihm folgen. Was den Präfekten angehe, so könne er heute gewiß niemand empfangen; denn der Vater wisse ja, daß der Kaiser nach Mittag in Alexandria eintreffe, und Titianus werde ihm doch allen voran entgegen ziehen müssen. »Wenn es Dich ins Freie treibt,« schloß sie, »so suche den Philipp auf. Bring ihn zur Vernunft und besprich mit ihm, was zu thun ist.« Dieser Rat klang fest und entschieden, und befremdet schaute Heron auf diejenige, die ihn erteilte. Bisher hatte sie geräuschlos für sein Behagen gesorgt und ohne eine eigene Meinung zu äußern, es sich gefallen lassen, seiner üblen Laune zum Ableiter zu dienen. Ihre jungfräuliche Schönheit rechnete er ihr nicht hoch an; denn es gab überhaupt keine häßlichen Menschen in seinem Geschlecht und in dem der verstorbenen Olympias. Auch das viele andere, das sie ihm bot, nahm er als selbstverständlich hin; ja bisweilen brachte es ihn gegen sie auf. Er hatte dann die Empfindung, als beabsichtige sie, sich an den Platz seiner geliebten Verstorbenen zu drängen, und er hielt es für Pflicht gegen die Dahingegangene, ihr dann zu zeigen, – und es geschah oft barsch und verletzend genug – daß sie weit entfernt sei, ihm die Mutter zu ersetzen. So hatte sie sich längst gewöhnt, still und schweigend ihre töchterlichen Pflichten treu zu erfüllen und aus keinen Dank dafür zu rechnen, er aber meinte ihr etwas zu gewähren, indem er ihre stete Gegenwart duldete. Daß er je dahin kommen werde, mit der Tochter Gedanken auszutauschen oder gar ihren Rat zu befolgen, wäre dem Heron noch vor wenigen Stunden unmöglich erschienen, und nun kam es doch so, und zum zweitenmal an diesem Morgen schaute er ihr überrascht und befremdet ins Antlitz. Ihre Warnung, den Versteck Alexanders nicht zu verraten, mußte er im Stillen wohl begründet finden, und ihr Rat, seinen ältesten Sohn aufzusuchen, leistete einem stillen Verlangen Vorschub, das ihm seit der Erzählung von ihrer Begegnung mit dem Geiste einer Abgeschiedenen die Seele heftig bewegte. Die Möglichkeit, diejenige wieder zu sehen, deren Andenken ihm das Teuerste war auf Erden, besaß einen so bestrickenden Reiz, daß sie ihn lebhafter beschäftigte als die Gefahr des Sohnes, der seinem seltsam gearteten Herzen dennoch teuer war. So entgegnete er denn der Tochter gelassen und als habe er ihr nur zu eröffnen, was er längst reiflich erwogen: »Ja wohl! Auch bei dem Philipp gedachte ich vorzusprechen. Nur« – und hier stockte er; denn die Besorgnis um den Sohn begann sich plötzlich wieder heftiger in ihm zu regen, – »nur kann ich es nicht ertragen, noch lange in Ungewißheit über den Jungen zu schweben.« Da öffnete sich die Thür, und jener Andreas, dessen Schutz und Rat Diodor dem Alexander in Aussicht gestellt hatte, trat ein und wurde von Melissa mit töchterlicher Herzlichkeit begrüßt. Er war ein Freigelassener des Hauses ihres Verlobten und stand den großen Gärtnereien und anderen reichen Besitztümern seines früheren Herrn als oberster und unbeschränkter Verwalter vor. Niemand hätte diesen aufrechten Mann mit dem bräunlichen Antlitz, aus dem ein tiefschwarzes Augenpaar streng, selbstbewußt und mit feuriger Lebhaftigkeit glänzte, für einen früheren Sklaven gehalten. So sahen die Rädelsführer bei jenen Aufständen aus, die in Alexandria so häufig, und es lag etwas Befehlshaberisches im Klang seiner Stimme und den kräftigen Bewegungen seiner harten, doch wohlgeformten Hände. Freilich gebot er schon seit zwanzig Jahren über die ansehnliche Zahl der Sklaven des Polybius, der ein bequemer und, seit ihm die Gicht in die Füße gefahren, kränklicher Herr war. Heute fesselte ihn ein neuer Podagraanfall an das Lager, und so hatte er den Vertrauten in die Stadt gesandt, um dem Heron mitzuteilen, daß er sich der Wahl seines Sohnes freue und den Alexander vor jeder Nachstellung zu schützen gedenke. Bisher hatte Andreas nur kurz und sachlich Bericht erstattet; dann aber wandte er sich an Melissa und sagte im Ton inniger Vertraulichkeit: »Polybius will auch wissen, wie Dein Bräutigam bei den Christen gepflegt wird, und von hier aus begebe ich mich zu unserem Kranken.« »Dann fordere Deine Freunde auch auf,« fiel ihm der Steinschneider ins Wort, »künftig weniger bissige Hunde zu halten.« »Das,« versetzte der Freigelassene, »würde unnötig sein; denn das wütende Tier hat denen, auf deren Freundschaft ich allerdings stolz bin, schwerlich gehört, und war es dennoch das ihre, so wird das Geschehene ihnen so leid sein wie uns.« »Ein Christ läßt eben nichts auf den andere kommen,« entgegnete Heron und zuckte die Achseln. »So lang es die Gerechtigkeit gestattet, gewiß nicht,« entgegnete Andreas bestimmt. Dann fragte er gelassen, ob Heron seinem Sohn etwas zukommen zu lassen oder mitzuteilen habe, und als jener dies verneinte, schickte der Freigelassene sich an, die Werkstätte zu verlassen; doch Melissa hielt ihn zurück und rief: »Ich begleite Dich, wenn Du's gestattest.« »Und ich?« fragte Heron empfindlich. »Es scheint, als verlernten die Kinder mehr und mehr, sich um die Meinung und die Bedürfnisse des Vaters zu kümmern. Ich muß zu Philipp. Wer weiß, was in meiner Abwesenheit vorfällt. Und – nichts für ungut, Andreas – was hätte meine Tochter bei den Christen zu suchen?« »Ihren kranken Verlobten,« entgegnete Andreas scharf. Dann fuhr er gelassen fort: »Es wird mir eine Freude sein, sie zu begleiten, und Dein Argutis ist ein treuer Mann und weiß in jedem Fall besseren Rat als ein unerfahrenes Mädchen. Ich sehe keinen verständigen Grund, sie zurückzuhalten, Heron. Ich möchte sie nachher auch mit über den See führen. Dem Polybius würde es den Schmerz erleichtern, den Liebling, die künftige Tochter, bei sich zu haben. Mach Dich fertig, mein Kind.« Unwillig war der Künstler diesen Worten gefolgt, und eine schnelle, zornige Regung trieb ihn an, den Freigelassenen in seine Schranken zurückzuweisen. Wie aber sein rollendes Auge den stetigen, ernsten Blick des andern traf, legte er sich Mäßigung auf und sagte nur mit einem Achselzucken, das seiner Ueberzeugung Ausdruck gab, sich gegen besseres Wissen des Einspruches zu begeben, indem er den Andreas geflissentlich übersah und sich nur an Melissa wandte: »Du bist eine Braut und erwachsen. Folge denn meinetwegen denen, deren Wünsche hier mehr gelten als meine. Der Sohn des Polybius ist ja ohnehin bald Dein Gebieter.« Damit legte er den Umwurf in Falten, und wie das Mädchen sich beeilte, ihm dabei zu helfen, ließ er es geschehen, doch rief er dem Freigelassenen zu: »Nur eins bitt' ich mir aus. Ihr habt Sklaven genug drüben. Sobald etwas mit dem Alexander vorgeht, muß es mir mitgeteilt werden!« Hierauf küßte er Melissa auf den Scheitel, warf dem Andreas einen gönnerhaften Gruß zu und verließ die Werkstatt. Die weichliche Hingabe an ein Traumbild hatte seine Streitbarkeit geschwächt; er wäre aber doch dem früheren Sklaven gegenüber weniger nachgiebig gewesen, hätte sein Vorschlag ihn nicht auch für die nächste Zeit von Melissas Gegenwart befreit. Er fürchtete die Tochter gewiß nicht, aber sie brauchte nicht zu wissen, daß er durch den Philipp mit dem Magier Serapion bekannt zu werden wünschte und durch ihn wenigstens dem Geiste derjenigen wieder zu begegnen hoffte, nach der er sich sehnte. Als das Haus hinter ihm lag, schmunzelte er vor sich hin wie ein Knabe, der dem Aufseher glücklich entwischte. Siebentes Kapitel. Auch Melissa fühlte sich wie befreit, als sie neben dem Andreas dahinschritt. Bei den Gärten des Hermes, wo ihr Haus stand, bemerkte man noch wenig von der Erregung, womit die Bürgerschaft den Besuch des Kaisers erwartete. Die meisten, denen sie hier begegneten, kamen ihnen entgegen; denn es galt für sie, dem feierlichen Empfange des Caracalla zwischen dem kanopischen Thor und dem der Sonne im Osten der Stadt beizuwohnen. Immerhin wandte sich auch eine ziemliche Anzahl von Männern, Weibern und Kindern mit ihnen gen Westen; denn man wußte, daß der Cäsar im Serapeum absteigen werde. Nachdem beide das Haus kaum hinter sich gelassen, fragte Andreas das Mädchen, ob sie in den Korb, den ihnen sein Sklave nachtrug, ein Kopftuch oder einen dichten Schleier gelegt, und als sie dies bejahte, zeigte er sich zufrieden; denn die Soldaten des Caracalla wären infolge der schwächlichen Nachsicht und der wahnsinnigen Geschenke ihres Gebieters zu einer zügellosen Rotte geworden. »So laß uns ihnen aus dem Wege gehen,« bat Melissa. »Wenn es möglich ist, gewiß,« versetzte der andere. »Beeilen wir uns jedenfalls, um, bevor die Menge uns den Weg verlegt, wieder an den See zu kommen. Du hast eine ereignisreiche und sorgenvolle Nacht hinter Dir, Kind, und fühlst Dich wohl müde?« »O, nein!« entgegnete sie ruhig. »Bei den Christen stärkten sie mich mit Wein und einem Imbiß.« »Sie sind euch gewiß freundlich begegnet?« »Die eine Frau pflegt den Diodor wie eine Mutter,« versicherte Melissa, »und auch die Männer waren zuvorkommend und sorgsam. Der Vater kennt sie nicht, und dennoch . . . Du weißt ja, wie übel er ihnen gesinnt ist.« »Er spricht der Menge nach,« versetzte Andreas, »dem großen Haufen, dem alles zuwider, was sich herausnimmt, seine Zirkel zu stören, ihn aus der Ruhe zu schrecken, in der er blöde dahinträumt. Was die Verblendeten Vergnügen nennen und Lust, was ihnen dazu dient, die wahrlich nicht zu lang dauernde Lebenszeit zu kürzen, wehe dem, der es beim rechten Namen nennt, oder gar die Hand darnach ausstreckt.« Des Freigelassenen tiefe, gedämpfte Stimme hatte dem Unwillen, der ihn erfüllte, deutlich Ausdruck gegeben, die Jungfrau aber, die sich dicht an ihn hielt, fragte in lebhafter Spannung: »So hat der Vater doch recht, wenn er sagt, Du seiest schon ein Glied der Christengemeinde?« »Ja,« entgegnete der andere bestimmt, und als Melissa ihn wißbegierig frug, ob es denn nicht wahr sei, daß die Anhänger des gekreuzigten Gottes der Liebe zu Staat und Stadt abgesagt hätten, die doch jedem rechten Manne teuer sein sollten, versetzte Andreas mit einem überlegenen Lächeln, der Gründer der Stoa habe schon die Forderung gestellt, nicht nur seine Stammgenossen, die Griechen, sondern alle Sterblichen sollten ihr Dasein nach den nämlichen Gesetzen regeln, weil die ihnen gemeinsame Vernunft sie verbrüdere. – »Er hatte recht,« fuhr er lebhafter fort, »und ich sage Dir, Mädchen, der Tag ist nicht fern, an dem man nicht mehr reden wird von Römern und Griechen, Aegyptern und Syrern, Freien und Sklaven und es nur ein Vaterland geben wird und einen Stand für uns alle. Ja, der Morgen beginnt schon zu grauen. Die Zeit hat sich erfüllet.« Da schaute Melissa überrascht zu dem Begleiter auf und rief lebhaft: »Wie seltsam! Dies Wort vernahm ich heute schon einmal, und es kam mir nicht aus dem Sinne. Ja, wie Du eben den Verdacht des Vaters bestätigtest, nahm ich mir vor, es mir deuten zu lassen.« »Welches?« fragte Andreas gespannt. »›Da aber die Zeit sich erfüllet,‹ hat es gelautet.« »Und wo ist es Dir zu Ohren gekommen?« »In dem Hause, wo Diodor und ich uns vor dem Zminis versteckten.« »Ein Versammlungshaus der Christen,« entgegnete Andreas, und sein ausdrucksvolles Gesicht verfinsterte sich dabei, »doch diejenigen, welche sich dort vereinen, sind mir fremd, da sie an schädlichen Irrlehren hängen. Aber gleichviel! Auch sie nennen sich Christen, und das Wort, das Dich zum Nachdenken führte, für mich steht es am Eingang der Lehre des göttlichen Stifters unseres Glaubens, wie die Obelisken vor den Thoren der ägyptischen Tempel. Paulus, der große Verkündiger der Lehre Christi, rief es den Galatern zu. Es ist leicht zu verstehen, ja, wer sich mit offenen Augen umblickt und in die eigene Seele hineinschaut, dem kann kaum entgehen, was es bedeutet, wenn nur die Sehnsucht nach etwas Besserem in ihm erwachte, als was diese verruchte Zeit den Mitlebenden bietet.« »So sagt es, daß wir am Vorabend großer Umwälzungen stehen?« »Ja!« rief Andreas. »Nur ist die Bezeichnung, die Du wähltest, zu schwächlich. Untergehen muß die alte, trübe Sonne, um mit lichterem Glanz die Auferstehung zu feiern.« Beunruhigt und keineswegs überzeugt, schaute die Jungfrau hier dem erregten Mann in die Augen und versetzte eifrig: »Ich weiß wohl, daß Du im Bilde redest, Andreas, doch die Sonne, die uns den Tag erhellt, will mir hell genug erscheinen. Blüht denn nicht Handel und Wandel in dieser fleißigen, fröhlichen Stadt? Schützt den Bürger nicht das Gesetz? Hat man die Götter jemals eifriger geehrt? Ist der Vater im Unrecht, wenn er sagt, daß es ein stolzes Gefühl sei, dem mächtigsten aller Reiche, vor dem die Barbaren zittern, anzugehören und sich einen römischen Bürger zu nennen?« Bis hieher hatte Andreas dem Mädchen gelassen zugehört; nun aber fiel er ihm höhnisch ins Wort: »Ja, ja! Der Kaiser hat Deinen Vater, euren Nachbar Skopas und jeden freien Mann im Reiche zum Bürger der großen Roma gemacht. Nur schade, daß er dem einzelnen, während er ihm den Bürgerbrief zusteckte, wie von ungefähr das Geld aus dem Beutel stibitzte.« »Etwas Aehnliches sagte neulich auch der Kunsthändler Apion, und so mag es wohl wahr sein. Aber was meine eigenen Augen sehen, davon laß ich mir nichts nehmen, und es begegnet ihnen Erfreuliches genug. Wärst Du nur gestern auf dem Friedhof gewesen! Jedermann ehrte die Götter in seiner Weise. Ernst genug ging es an vielen Stellen her, und doch forderte auch die Heiterkeit des Volkes ihr Recht. Voll eines Gottes waren die meisten, und auch mich, die ich ja sonst zurückgezogen lebe, faßte es, wie die Mysten aus Eleusis kamen und uns mit in ihre Reihen zogen.« »Bis der Angeber Zminis euch die Freude versalzte und Deines Bruders Leben wegen eines unvorsichtigen Wortes bedrohte.« »Das freilich!« »Und,« raunte Andreas ihr mit blitzenden Augen zu, »was Dein Bruder unbesonnen verhöhnte, das zwitschern die Spatzen auf den Dächern sich zu, und es ist wahr. Ein tausendfacher Mörder regiert das römische Reich. Den anderen voran sandte er den leiblichen Bruder, und ihm folgten alle – von zwanzigtausend redet man – die dem Unglücklichen anhingen oder auch nur seinen Namen im Munde führten. Das ist die Obrigkeit, der wir Gehorsam schulden, weil Gott sie einsetzte, um uns zu strafen. Wenn aber dieser Verbrecher im Purpur die Augen schließt, werden sie ihn dennoch wie die anderen schweren Sünder, die ihm auf dem Throne vorangingen, zu den Göttern erheben! Eine edle Versammlung! Nach dem Tode Deiner unvergeßlichen Mutter hörte ich Dich selbst die Götter unbarmherzig schelten. Andere nennen sie gütig. Es kommt nur darauf an, wie sie das Blut der Opfertiere, ihrer eigenen Geschöpfe, aufnehmen, das man für sie vergießt. Wenn Serapis dem Thoren nicht gewährt, was er von ihm begehrt, so begibt er sich zum Altar der Isis, des Anubis, des Zeus, der Demeter. Zuletzt thut es auch der Sabazios oder einer der neuen Olympischen, die ihr Vorhandensein einem Beschluß des römischen Senates verdanken, der größtenteils aus Schurken und Elenden besteht. Mehr Götter als heute hat es freilich niemals gegeben, und zwischen ihnen, von denen die Mythe mancherlei erzählt, was diejenigen, welche zu ihnen beten, der Verachtung preisgäbe oder dem Henker, noch die unabsehbare Schar der guten und bösen Dämonen. Eure Olympier! Sie sollen die Tugend belohnen und das Laster bestrafen, und doch taugen sie noch weniger als bestechliche Richter; denn ihr wißt schon im voraus, was und wie viel es jedem darzubringen gilt, um seine Gunst zu erkaufen.« »Du malst mit schwarzen Farben,« fiel ihm hier das Mädchen ins Wort. »Ich weiß von Philipp, daß die Pythagoräer lehren, nicht auf das Opfer, nur auf die Gesinnung, welche es darbringt, komme es an.« »Ganz recht. Er denkt wohl an den Wundermann von Tyana, dem sicherlich die Lehre des Erlösers bekannt war. Aber wie halten es hier unter tausend neunhundertundneunzig, wenn sie das Tier zum Altar schleppen? Neulich hörte ich einen unserer Gartenarbeiter fragen, wie viel er wohl täglich der Sonne, seinem Gotte, schulde? Da gab ich ihm zur Antwort: eine Drachme; denn so hoch beläuft sich der Lohn, den der arme Schelm vom Morgen bis zum Abend verdient. Er aber meinte, das sei zu viel; denn er wolle doch leben und mit einem Zehntel müsse der Gott sich begnügen; man habe der Obrigkeit ja kaum höhere Steuern von dem Erworbenen zu zahlen.« »Der Gott soll uns freilich höher stehen als alles andere,« bemerkte Melissa. »Doch wenn der Arbeiter zur Sonne betet, und von ihr Gutes erwartet, was thut er dann anderes als Du, ich und wir alle, wenn wir das lichte Tagesgestirn auch Helios nennen, Serapis oder wie sonst?« »Ja, ja,« entgegnete Andreas. »Der Namen und Formen sind viele, unter denen man die Sonne hier anruft, und euer Serapis hat außer dem Zeus und Pluto auch den Phöbus Apollon und den ägyptischen Ostris, den Ammon und Ra verschlungen und seine hohe Person damit gemästet. Aber im Ernst, Kind. Die Väter schufen sich aus den erhabenen Erscheinungen und Kräften in der Natur, die sie umgab, Götter genug und beteten sie bewunderungsvoll an, uns aber sind nur noch die Namen geblieben, und wer dem Apoll opfert, der denkt kaum mehr an die Sonne. Mit meinem Arbeiter, der aus Arabien hieher kam, steht es anders. Er hält den lichtspendenden Ball da oben selbst für den Gott, und Du – ich hörte es ja – gibst ihm nicht unrecht. Aber wirst Du, wenn Du einen Jüngling den Diskus mit schöner Kraft schleudern siehst, die eherne Scheibe loben oder den, der sie schwang?« »Den letzteren,« versetzte das Mädchen; »aber auch Phöbus Apollon lenkt ja sein Viergespann selbst mit den göttlichen Händen.« »Und die Astronomen,« fügte der Christ hinzu, »berechnen doch auf Jahre hinaus, welchen Weg er die Rosse in jeder Minute führen wird. So gibt es denn keinen Unfreieren als ihn, von dem so viele begehren, daß er ihre Angelegenheiten nach eigenem, freiem Ermessen lenke und fördere. Darum halt' ich die Sonne nur für ein Gestirn wie die anderen, und es gilt nicht, die am Himmel auf festen, vorgeschriebenen Bahnen dahinrollende Kugel zu verehren, sondern den, der sie schuf und lenkt nach ewigen Gesetzen. Mich jammert ohnehin euer Apoll und mit ihm die Schar der Olympier, seitdem der Wahn zur Herrschaft gelangte, daß es möglich sei, durch Gebetsformeln, durch Opfer und magische Künste Götter und Dämonen zu bewegen oder gar zu zwingen, dem einzelnen das zu gewähren, wonach ihm der begehrliche, veränderliche Sinn steht.« »Und doch,« rief Melissa, »hast Du mir selbst gesagt, Du habest für die Mutter gebetet, als der Arzt keine Rettung mehr sah. Jeder hofft von den Himmlischen für sich auf ein Wunder, wenn die eigene Kraft nicht mehr ausreicht. So denken Tausende. Man ist auch in unserer Stadt nie frömmer gewesen als eben jetzt. – Die Sängerin pries es besonders im Jalamos beim Fest des Adonis.« »Weil,« entgegnete der andere, »man den Lüsten nie wilder huldigte und sich darum nie mehr fürchtete vor den Schrecken des finsteren Hades. Der große, schöne Zeus der heiteren Griechen hat sich hier am Nil in den Serapis verwandelt und ist ein finsterer Unterweltsgott geworden. Auf den Tod beziehen sich die meisten Kulte und die Mysterien, zu denen sich Tausende drängen. Durch den Tand, womit sie sich so viele Stunden verderben, wollen sie sich den Weg in die Gefilde der Seligen bahnen, und doch versperren sie ihn sich selbst durch die Lüste, denen sie frönen. Aber nun die Zeit erfüllt ist, wird in einer neuen Welt sich der ganzen zu höherem Leben berufenen Menschheit der rechte Pfad öffnen, und wer ihm folgt, dessen Seele darf den Tod erwarten wie die Braut den Bräutigam am Morgen der Hochzeit. Ja, ich habe für Deine sterbende Mutter, die anmutigste und beste der Frauen, zu meinem Gotte gebetet. Und was ich für sie erflehte, war nicht, daß ihr Leben erhalten bleibe, und es ihr, der Siechen, vergönnt sei, länger unter uns zu weilen, sondern daß die andere Welt mit ihrer Herrlichkeit sich ihr öffne.« Hier ward der Redner von einer bewaffneten Schar unterbrochen, welche die Menge zur Seite drängte, um den Stieren Platz zu machen, die bei der Annäherung des Kaisers im Tempel des Serapis geschlachtet werden sollten. Es waren mehrere hundert, und jedem hing ein Kranz am Halse, ja, den schönsten, die den Zug eröffneten, waren die Hörner vergoldet. Als der Weg wieder frei war, wies Andreas auf die Rinder und flüsterte der Begleiterin zu: »Da wird Blut fließen zu Ehren des künftigen Gottes Caracalla. Er hat einmal in der Arena hundert Eber mit den eigenen kaiserlichen Händen getötet. Aber, Mädchen, wenn die Zeit sich erfüllt, wird es aus sein mit dem Vergießen unschuldigen Blutes. Begeistert sprachst Du vorhin von der Herrlichkeit des römischen Reiches. Und doch! Wie manche Fruchtbäume in unseren Gärten, die wir mit Blut düngten, ist es groß geworden durch Blut, durch den Lebenssaft der Unterjochten. Dem Mord und Raub verdankt das stolzeste der Reiche sein Bestes; jetzt aber, jetzt erwächst der nimmersatten Roma aus ihren Sünden jähes Verderben.« »Und wenn Du recht siehst, und die Barbaren vernichten die Heere des Cäsar,« fragte Melissa und schaute bang zu dem erregten Mann empor, »was dann?« »Dann wollen wir ihnen danken,« rief Andreas mit leuchtenden Augen, »daß sie das morsche Hans einreißen halfen.« »Und käme es so,« scholl es bang von den Lippen des Mädchens, »was ginge damit alles zu Grunde! Was gäbe es wohl auf der Welt, wodurch es ersetzt werden könnte? Fällt das Reich in die Hand der Barbaren, so wird Rom verwüstet und mit ihm die große Zahl der Provinzen, die unter seinem Schutze gedeihen.« »Dann,« unterbrach sie Andreas, »wird das Reich des Geistes beginnen, in dem Friede und Liebe herrschen statt der Feindschaft, des Mordes, der Kriege. Ein Hirt wird dann sein und eine Herde, und der Geringe wird gleich sein dem Großen.« »Es soll dann auch keine Sklaven mehr geben?« fragte Melissa mit wachsender Befremdung. »Nicht einen!« rief der andere, und lichte Begeisterung breitete sich ihm über die strengen Züge. »Frei sein wird jeder, und alle werden in Liebe verbunden sein durch die Gnade dessen, der uns erlöste.« Da schüttelte das Mädchen leise das Haupt, und Andreas, der erkannte, was in ihr vorging, suchte ihren Blick, als er fortfuhr: »Du denkst, das seien die unerfüllbaren Wünsche des freigelassenen Sklaven, der Schmerz und die Erinnerung an die unsägliche Unbill, die mir widerfuhr, redeten aus mir? Welcher Rechtschaffene wünschte auch nicht, andere vor dem Elend zu bewahren, dessen ganze Schwere ihn selbst einmal zwang, in die Kniee zu brechen. Und dennoch irrst Du! Wie ich denken tausende von freigeborenen Männern und Frauen, denen ein Höherer offenbarte, daß die Zeit nun erfüllt sei. Er, der Beste und Größte, der den Schmerz der ganzen Menschheit zu dem seinen machte, zog den Armen dem Reichen, den Bedrängten dem Glücklichen, das Kind dem mit Klugheit und Wissen gerüsteten Erfahrenen vor, und in seinem Reiche werden die letzten die ersten sein, und der letzten letzte, die Aermsten der Armen, das, ja, Kind, das sind die Sklaven.« Ein tiefer Seufzer schloß diesen Ausruf, Melissa aber drückte die Hand, an der er sie über den Straßendamm führte, und sagte: »Wie Schreckliches hast Du wohl erlitten, armer Andreas, bis Polybius Dich freigab!« Da nickte er still mit dem Kopfe und beide schwiegen, bis sie in eine stille Seitengasse gelangten. Dort blickte die Jungfrau fragend zu ihm auf und begann von neuem: »Und nun hoffst Du auf einen zweiten Spartacus. Oder willst Du selbst au die Spitze eines Sklavenaufstandes treten? Du wärst der Mann dazu, und ich kann schweigen.« »Müßte es sein, warum nicht?« versetzte er, und die Augen flammten ihm hell auf. Als sie aber erschreckt von ihm zurücktrat, flog ihm ein Lächeln über das Antlitz, und in begütigendem Tone fuhr er fort: »Unbesorgt, Kind. Was da kommen muß, kommt auch ohne den neuen Spartacus, ohne Blutvergießen und Aufruhr. Aber Du, deren Auge hell und deren Herz gut ist, wird es Dir denn so schwer, das Recht vom Unrecht zu unterscheiden und anderer Leid mitzuempfinden? Freilich! Was heiligt, was entschuldigt die Gewohnheit nicht alles! Der Vogel, der in ein zu enges Bauer gesperrt wird, ja, das Maultier, das unter zu schweren Lasten zusammenbricht, die beklagt ihr, und das Unrecht, das ihnen geschieht, erweckt euren Ingrimm. Aber der Mensch, den ein finsteres Los, nur selten durch eigene Schuld, der Freiheit beraubte, dessen Seele noch schwereren Martern verfällt als der verunglimpfte Leib, für ihn habt ihr nichts als den Rat, der für Philosophen taugt und für jenen wie bitterer Spott klingt, das Mißgeschick geduldig zu tragen. Er ist ja nur ein Sklave, den man kaufte oder erbte. Die Frage, wer euch, den Freien, das Recht gab, die Hälfte der gesamten Bewohner des römischen Reiches zu knechten und des vornehmsten der Menschenrechte zu berauben, wem von euch kommt sie je in den Sinn? Ich weiß ja, daß viele Philosophen die Sklaverei eine Ungerechtigkeit nannten; die der Stärkere dem Schwächeren anthut, aber sie alle zuckten dabei die Achseln und entschuldigten sie als ein notwendiges Uebel; denn, dachten sie im stillen, wer bedient mich, wenn mein Sklave mir gleich wird? Ihr anderen lächelt nur über dies Bekenntnis der weltfremden Denker; doch ihr vergeßt« – und nun entbrannte in den Augen des Freigelassenen ein düsteres Feuer – »ihr vergeßt, daß der Sklave eine Seele hat, in der sich dieselben Empfindungen regen wie in der euren. Ihr fragt nicht, wie dem Stolzen, dessen Lebensluft die Schmach ward, mit dem Brandmal am Arm zu Mute ist, was der Knecht, in dessen Adern edles Blut rinnt, fühlt, wenn der Fußtritt des Herrn ihn verunglimpft. Alles Geborene, selbst die Pflanze in meinem Garten, hat ein Anrecht an Glück und entfaltet sich schön in Freiheit und liebreicher Pflege – und doch verkümmert und raubt die eine Hälfte der Menschheit der andern dies Anrecht, doch wird durch des Menschen Schuld die Summe des Jammers und Elends, die das Schicksal über das Menschengeschlecht verhängte, freventlich bis ins Unendliche vergrößert, gesteigert, erschwert. Aber der Himmel, Mädchen, hat den Jammer der Elenden endlich verkommen, und, nun die Zeit sich erfüllte, sein ›Bis hieher und nicht weiter!‹ gerufen. Keinen wilden Empörer stärkte er mit Riesenkraft, um die Ketten des Geknechteten zu sprengen; nein, der Schöpfer und Erhalter der Welt sandte seinen Sohn, damit er die Menschheit mildherzig erlöse und allen voran die Brüder und Schwestern, die da mühselig sind und beladen. Das Zauberwort, das den Riegel des Kerkers sprengen wird, worin die Ketten des Unfreien klirren, es heißt die Liebe . . . Aber,« – und hier unterbrach er den glühenden Fluß der begeisterten Rede – »aber das alles verstehst Du nur halb, – kannst Du nicht völlig begreifen, Melissa. Doch auch für Dich erfüllt sich die Zeit; denn auch Du, die Freigeborene, ich weiß es, gehörst zu den Beladenen, die geduldig tragen, was ihnen auferlegt ward. Du bist . . . Halte Dich fester an mich! Es wird hier Mühe kosten, uns durchzudrängen.« In der That war es nichts Leichtes, die Menge zu kreuzen, die sich auf der zum nahen Serapeum führenden Straße des Hermes, in die das Gäßchen mündete, geräuschvoll dahinwälzte. Es gelang aber dennoch, und als Melissa in den abgelegenen Gassen der Rhakotis wieder zu Atem gekommen war, richtete sie an den Begleiter die Frage: »Und wann denkst Du, daß Deine Voraussagung sich erfüllt?« »Sobald das Lüftchen sich erheben wird,« lautete die Antwort, »das die überreife Frucht vom Baume weht. Es kann morgen kommen oder auch später, je nach der Langmut des Höchsten. Aber der Zusammenbruch der Welt, in der wir erwuchsen, steht so sicher bevor, wie Du hier neben mir her gehst.« Beklommenen Herzens schritt Melissa nach dieser Versicherung mit dem Freunde weiter, er aber nahm wahr, daß sie immer noch die Seele seinen Worten verschloß, und auf die Frage, ob sie sich nicht der wundervollen Zeit freuen könne, die der erlösten Menschheit bevorstehe, antwortete sie zaudernd: »Es ist ja schön, was Du erwartest, doch, was ihm vorausgehen soll, muß wohl jeden erschrecken. Hast Du von dem Reich, das Du schilderst, durch ein Orakel Kunde erhalten oder ist es nur ein Gebilde Deiner Einbildungskraft, ein Traum, der den Wünschen Deiner Seele die Entstehung verdankt?« »Keins von beiden,« versicherte Andreas und fuhr mit erhobener Stimme fort: »Eine Offenbarung ist es, die es mich lehrt. Und glaube mir, Mädchen: Es steht so sicher bevor wie der Sonnenuntergang heute abend. Das himmlische Jerusalem öffnet seine Thore, und willst auch Du zu den Glücklichen gehören . . . Doch davon später. Hier sind wir am Ziele.« In dem christlichen Hause, das sie nun betraten, fanden sie den verwundeten Jüngling in einem wohlbeschatteten, weiten Gemach auf einem bequemen Lager unter der Wartung einer freundlichen Matrone. Dennoch befand Diodor sich übel. Seine Verletzung schien den Aerzten sehr ernst; denn der schwere Stein, der ihn traf, hatte den Schädel zerbrochen, und Fieberschauer schüttelten den unglücklichen Jüngling. Der Kopf glühte ihm, und es ward ihm sehr sauer, auch nur wenige zusammenhängende Worte zu finden. Aber seine Augen verrieten, daß er die Geliebte erkenne, und daß es ihm Freude bereite, sie wiederzusehen; ja, als er erfuhr, daß Alexander noch frei sei, flog ihm ein sonniger Glanz über das Antlitz. Es that ihm sichtlich wohl, den Blick an der Schönheit Melissas zu weiden. Ihre Hand ruhte in der seinen, und er folgte ihr auch, während sie ihm die Grüße des Vaters bestellte und ihm mancherlei erzählte, doch bald fielen ihm die Lider über die müden Augen. Da fühlte Melissa, daß sie ihm Ruhe gönnen müsse. Behutsam löste sie die Hand aus der seinen, legte sie ihm auf die Brust und regte sich nur noch, um ihm die perlende Stirn zu trocknen. Bis dahin war es so feierlich still in dem großen, sauberen, von einem leisen Lavendelgeruch erfüllten Hause gewesen; nun aber gingen Thüren, Schritte neuer Ankömmlinge ließen sich im Vorsaal vernehmen, Stühle wurden gerückt, und bald darauf klangen mehrere Männerstimmen, unter denen sie auch die des Andreas erkannte, laut durch einander. Besorgt horchte sie nach der Richtung hin, von woher das Gespräch kam, das sich schon in einen heftigen Streit zu verwandeln begann. Wie gern hätte sie den wild erregten Männern ans Herz gelegt, die Stimme zu dämpfen; denn sie sah es den zuckenden Lippen des Geliebten an, daß das Lärmen ihm weh that, doch sie konnte ihn nicht verlassen. Inzwischen ward der Wortwechsel lauter und lauter. Die Namen Montanus und Tertullian, Clemens und Origenes klangen oft an ihr Ohr, und zuletzt verstand sie deutlich den zornigen Ruf des Andreas: »Ihr seid wie die Teilnehmer an einem reichen Mahle, die beim Nachtisch fragen, wann man denn endlich die Speisen auftragen werde. Der Paraklet ist gekommen, ihr aber schaut nach einem andern aus!« Weiter kam der Redner nicht; denn wilder, höhnischer Widerspruch unterbrach ihn, bis eine Donnerstimme die anderen überschrie: »Das himmlische Jerusalem kommt, und wer es leugnet und an der Berufung des Montanus zweifelt, der ist schlechter als ein Heide, den höre ich auf, einen Bruder und Christen zu nennen.« Diesem Zornesausbruch folgte zügelloses Geschrei, und das Mädchen hörte besorgt Stühle fallen, und das Gekreische und Gezeter wütender Streiter; der Leidende aber stöhnte schmerzlich, und über seine schönen Züge breitete sich der Ausdruck immer weheren Leidens. Da ertrug es Melissa nicht länger, und schon erhob sie sich, um die tobenden Männer zur Ruhe zu mahnen, als es plötzlich ganz still ward. Schnell beruhigte auch Diodor sich wieder und blickte Melissa so dankbar an, als schulde er ihr allein die wohlthuende Stille; sie aber vernahm nun deutlich die tiefe Stimme des Hauptes der alexandrinischen Christen und erkannte, daß es sich um die Wiederaufnahme eines Mannes in die Gemeinde handle, der einen andern im Zorn erschlagen. Die einen wollten ihn fern von ihrer Gemeinschaft halten und ihn auf die göttliche Barmherzigkeit verweisen, die anderen, milderen, wünschten ihn, der sich jeder Buße willig unterwerfen wollte, wieder aufzunehmen. Nun begann das Lärmen von neuem. Alle anderen überschrie die schrille Stimme eines Mannes, der eben aus Karthago kam und sich der Freundschaft des greisen Tertullian rühmte. Dem Zusammenhange der Reden konnte das lauschende Mädchen nicht mehr folgen, aber wieder schollen ihr die Namen von vorhin ans Ohr, und ob sie dieselben auch nicht verstand, thaten sie ihr doch weh, weil ihr lauter Klang die Ruhe des Geliebten störte. Erst als die Pflegerin wiederkehrte, wurde dem Streit ein Ende gemacht; denn kaum hatte sie erfahren, wie schwer die lauten Stimmen der Glaubensgenossen die Ruhe des Kranken beeinträchtigten, als sie so wirksam für den Pflegling eintrat, daß das Haus die frühere Stille zurückgewann. Man nannte sie die Diakonissin Katharina, und bald trat sie wieder an das Lager des Kranken. Andreas folgte ihr mit dem Arzte, einem mittelgroßen Manne, dessen etwas unbeholfenen Körper ein kluger und wohlgebildeter, doch kahler und nur noch an den Seiten behaarter Kopf krönte. Wie seine scharfen Augen schnell hinsahen, um bald wieder fortzuschauen, lag auch etwas Ruckweises in jeder seiner Bewegungen, an denen ernste Entschiedenheit gut machte, was sie an Schönheit entbehrten. Nachdem er sich, ohne der Anwesenden zu achten, über den Kranken mehr geworfen als gebeugt, ihn betastet und mit schnellen Fingern neu verbunden hatte, wandte er sich in das Zimmer zurück, prüfte es so genau, als denke er seine Wohnung daraus zu machen, und heftete dann die weit hervortretenden runden Augen auf Melissa. Die forschende Art dieses Blickes hatte etwas eindringlich Rücksichtsloses und hätte sie sonst wohl verdrossen, hier aber ertrug sie ihn gern; denn sie fand ihn klug, und sie hätte gern den weisesten aller Aerzte an das Bett des Geliebten gezaubert. Als Ptolemäus – so hieß der Heilkünstler – dann auf die kurze Frage, welche ihr galt: »Wer ist das?« Antwort erhalten, sprudelte er rasch und leise hervor: »Dann kann sie hier nur schaden. Der Fiebernde bedarf nur eins, und das ist Ruhe.« Endlich winkte der Arzt den Andreas ans Fenster und fragte schnell: »Ist das Mädchen verständig?« »Durchaus!« versetzte der Freigelassene entschieden. »Wenigstens so sehr, wie es eine in ihrem Alter sein kann,« berichtigte ihn der andere. »Und sie wird sich also hoffentlich ohne einen Abschied mit Thränen entfernen. Es steht schlecht um den schönen Jungen. Ich wüßte schon, was ihm helfen könnte; doch allein darf ich's nicht wagen, und hier in Alexandria lebt keiner . . . Aber Galen ist zu dem Kaiser gestoßen. Wenn der, so alt er auch ist . . . In das Quartier des Cäsar zu dringen geht für unsereinen nicht an . . . Und dennoch . . .« Hier stockte er, legte die Hand auf die Stirn, rieb sie leise mit dem kurzen mittleren Finger und stieß dann plötzlich hervor: »Hieher kommt der Greis nimmermehr; aber in das Serapeum, wo die Kranken liegen, um göttliche oder teuflische Ratschläge im Traum zu empfangen, geht der Galenus. Wenn man den Jungen dahin schaffen könnte.« »Seine Pfleger werden es kaum dulden,« unterbrach ihn Andreas bedenklich. »Aber er ist ein Heide,« gab der Arzt aufbegehrend zurück. »Was hat auch der Glaube mit den Wunden des Leibes zu schaffen? Wie viele Kaiser bedienten sich ägyptischer und jüdischer Aerzte! Was ihm helfen kann, wird dem Jungen zu teil, und wenn es sein muß, schaffe ich, der ich ein Christ bin, ihn gewiß ins Serapeum, wenn es auch von allen heidnischen Tempeln der heidnischste ist. Ich erfahre schon von der Hintertreppe her, zu welcher Zeit Galen sich zu den Kranken in den Incubationsräumen begibt. Spätestens morgen oder übermorgen wird er es thun. Heute läßt sich keine Schildkröte durch das Gedränge tragen. Aber in der Nacht, oder noch besser morgen vor Sonnenaufgang schleppen wir den Jungen hinüber. Wenn die Diakonissin sich weigert . . .« »Sie wird es thun,« versicherte Andreas. »Gut! Ich bitte Dich, Mädchen!« Damit winkte er Melissa und fügte so laut hinzu, daß die Pflegerin es hören konnte: »Wenn wir Deinen Bräutigam morgen früh in das Serapeum führen, wird er wahrscheinlich genesen; sonst aber steh' ich für gar nichts. Sage denen, die euch die Nächsten, vor Sonnenaufgang sei ich hier, und sie sollten für eine gute verdeckte Sänfte und zuverlässige Träger sorgen.« Hierauf wandte er sich an die Diakonissin, die ihm sprachlos und mit gefalteten Händen wie einem Abtrünnigen gefolgt war, legte ihr die kurze, breite Hand auf die Schulter und sagte: »Es muß so sein, Witwe Katharina. Die Liebe trägt und duldet alles, und um eines Nächsten Leben zu retten, thut es wohl, stillschweigend auch Dinge zu dulden, die uns mißfallen. Nachher erklär' ich Dir alles. Ruhe, nur Ruhe! Keinen beweglichen Abschied, Mädchen! Je eher Du dies Haus verläßt, desto besser.« Damit trat er nochmals zu dem Kranken hin, legte ihm die Hand kurze Zeit an die Schläfe und verließ dann das Zimmer. Diodor lag indessen still und teilnahmlos auf dem Lager, Melissa aber küßte ihm leise die Stirn und verließ feuchten Auges das Gemach, ohne daß er es bemerkte. Achtes Kapitel. Die Sonne hatte die Mittagshöhe überschritten, als Melissa mit Andreas wieder ins Freie trat. Beide gingen anfänglich schweigend durch die stille Straße, und das Mädchen blickte dabei traurig zu Boden; denn eine innere Stimme sagte ihr, daß das Leben des Geliebten bedroht sei. Sie weinte nicht, aber mehr als einmal erhob sie das Tuch, um eine schwere Thräne von der Wange zu trocknen. Auch Andreas ging den eigenen Gedanken nach. Eine Seele dem Heiland zu gewinnen, war sicherlich ein gutes Werk. Der Freigelassene kannte das stille, gedankenvolle Wesen Melissas, sowie das zurückgezogene, unerfreuliche Leben, das sie an der Seite des mürrischen Vaters führte. So war er, der die Menschen kannte, auf den Gedanken gekommen, daß sie, wenn eine, leicht für den Glauben zu gewinnen sei, in dem er selbst das höchste Glück fand. Die Taufe hatte seinem Leben solche Weihe verliehen, daß er auch die Tochter des einzigen Weibes, für das sein Herz je schneller geschlagen, zu ihr hinzuführen wünschte. Das Weib des Heron, die Mutter des Mädchens, war in der heißeren Sommerzeit oft wochenlang bei der verstorbenen Gemahlin des Polybius zu Gast gewesen. Ein eigenes Häuschen hatte sie dann mit den Kindern aufgenommen, und nachdem die Gattin des Polybius gestorben war, hatte der einsame Witwer sich nichts Lieberes gewußt, als sie weiter auf seinem Gute zu empfangen und sie, so lange Heron, der sich immer nur auf kurze Zeit von seinem Arbeitstischchen trennte, es gestattete, bei sich zu behalten. Andreas war auch der Freund der Steinschneiderkinder geworden, und da sie nur Gutes und Wissenswertes von ihm lernten, hatte Frau Olympias sie gern in seiner Gesellschaft gesehen und in dem Freigelassenen selbst einen Lehrer und Vertrauten gefunden. Es war ihr bekannt geworden, daß Andreas sich zu den Christen halte. Sie hatte sich mancherlei von seinem Glauben erzählen lassen; doch als Tochter und Weib eines Künstlers hing sie so fest an den alten Göttern, daß sie im Christentum nur eine neue philosophische Lehre sah, in der mancherlei ihr gefiel und anderes sie abstieß. Damals hatte die Leidenschaft zu der Mutter Melissas den Andreas so tief erfaßt, daß sein Leben zu einem schmerzlichen Ringen gegen das Verlangen geworden war, eines Nächsten Weib zu begehren. Doch er hatte die Selbstbeherrschung bewahrt und für jeden Blick, der ihr in Augenblicken der Schwäche verriet, was er für sie fühlte, sich schweren Bußen unterzogen. Sie war eine Freundin der Blumen gewesen, und er kannte die Pflanzenwelt so gut und verfügte so frei über alles, was in den weiten Gärten, denen er vorstand, grünte und blühte, daß er es seinen stummen Pfleglingen oft überlassen konnte, ihr Dinge anzuvertrauen, die Mund und Auge verschweigen mußten. Nun war sie nicht mehr, und die Zucht der Pflanzen hatte, seitdem ihr Auge nicht mehr ihrem Gedeihen folgte, den besten Reiz für ihn verloren. Er überließ die Gärten seitdem den Gehilfen, während er sich selbst anderen Geschäften mit doppeltem Eifer widmete und sich einer strengeren Glaubensrichtung hingab. Aber wie so mancher die Kinder der Frau ins Herz schließt, deren Besitz ihm selbst versagt blieb, so wurde dem Freigelassenen der Maler Alexander und Melissa immer teurer. Wie ein Vater war der Fünfziger für ihr Wohl besorgt, und er, der selbst wenig bedurfte, aber seine reichen Jahreseinkünfte streng zusammenhielt, um damit die Sache der Christen zu fördern und gute Werke zu üben, hatte am Ende der Lehrzeit des Alexander seine Schulden willig bezahlt, die so beträchtlich gewesen waren, daß der leichtfertige Jüngling es nicht gewagt hatte, sie dem harten Vater zu bekennen. Schon wenige Jahre später gehörte der Sohn des Heron zu den beliebtesten Künstlern, und als er dem Freunde die ihm geliehene Summe zurückzuzahlen kam, nahm Andreas sie an, doch fügte er sie zu einem Kapital, dessen Bestimmung sein Geheimnis blieb, das aber, wenn sein Gebet erhört ward, dem Alexander wieder zu gute kommen konnte. Auch Diodor war dem Andreas lieb wie ein eigener Sohn, obgleich auch er sich seinem Glauben abgeneigt zeigte. In der Ringschule, der Rennbahn, bei der Uebung der Mysterien, überall war die Saat zertreten worden, die er in die Brust des Knaben gesäet, und dazu war der Vater desselben, Polybius, ein echter Heide, der sich sogar – das erheischte sein Sitz im Senate der Stadt und sein Reichtum – zu den Priestern des Dionysos und der Demeter zählen ließ. Nun hatte Diodor ihm, dem Andreas, zuerst vertraut, daß er Melissa zum Weibe begehre, und diese Absicht war dem Entschluß des Freigelassenen entgegengetreten, das Mädchen für seinen Glauben zu gewinnen; denn die Erfahrung lehrte ihn, wie leicht das Glück einer Ehe zu Grunde gehe, in der Mann und Weib verschiedenen Göttern dienen. Wie der Freigelassene aber vorhin wieder Zeuge der Härte des Steinschneiders und der töchterlichen Geduld des Mädchens geworden war, hatte ihm eine innere Stimme zugerufen, dies stille, reichbegabte Kind gehöre zu den Bevorzugten, aus denen der Herr die Märtyrerinnen erliest, und es sei seine Pflicht, sie zu der Herde des Erlösers zu führen. Wie alles, was er ergriff, hatte er auch den ersten Bekehrungsversuch mit Feuereifer begonnen. Doch neue Bedenken waren auf der Schwelle des Krankenzimmers in ihm lebendig geworden, nachdem er dem seinem Herzen teuren Jüngling in die Augen geschaut, die ihm so vertrauensvoll und dazu so schmerzlich entgegengeblickt hatten. War es recht, zwischen ihn und die künftige Gattin etwas ihren Bund Störendes zu säen? Durfte er dem Polybius, seinem Wohlthäter und früheren Herrn, wenn es durch Melissa gelang, auch den Diodor zu bekehren, den Sohn und Erben entfremden? Dabei kam ihm in den Sinn, zu welcher Stellung er durch das Vertrauen dieses Mannes gelangt war. – Von den Geschäften seines Hauses sah Polybius nichts als die Abschlüsse, die Andreas ihm vorlegte; denn der Freigelassene verwaltete nicht nur den Grundbesitz, sondern auch das Vermögen des Hauses und stand dazu seit Jahren der Bank vor, deren Errichtung er auf sich genommen, um die großen Einkünfte des Mannes zu erhöhen, dem er die Freiheit verdankte. Dafür bewilligte Polybius dem umsichtigen Verwalter einen reichlichen Anteil an dem Gewinn jeden Jahres und hatte in der witzelnden Weise der Alexandriner einmal beim Gastmahl gesagt, sein Freigelassener Andreas diene seinen Interessen, was die Zuverlässigkeit angehe, wie ein Mann, wie er selbst es nur thun könne nämlich, was aber die Arbeit betreffe wie zehn. Dankbar empfand der Christ dies Vertrauen, und während er neben Melissa hinschritt, wiederholte er sich, daß es unedel sein würde, es zu täuschen. Mochte das teure Kind den eigenen Weg suchen! War es ihr bestimmt, den des Heiles zu finden, so würde der Herr sie selber führen und leiten. Aber hatte der Höchste ihr nicht schon gewinkt, als er ihr das Wort: »Da aber die Zeit sich erfüllet,« ins Herz prägte? Dies in ihr wach zu halten, war er berechtigt, und eben wollte er sie noch einmal daran erinnern, als sie sein stummes Sinnen unterbrach, indem sie die großen Augen bittend zu ihm aufschlug und ihn fragte: »Schwebt Diodor in ernster Gefahr? Sage die Wahrheit! Das Schrecklichste will ich lieber ertragen als dies furchtbare Bangen.« Da bekannte ihr Andreas, daß es nicht gut um den Verwundeten stehe, doch daß der geschickte Ptolemäus ihn heilen zu können hoffe, wenn sein großer Berufsgenosse Galenus ihm helfe. »Und um sich den Beistand dieses Mannes zu sichern,« frug das Mädchen weiter, »läßt der Arzt ihn ins Serapeum schaffen?« »Ja, Kind; denn er ist im Gefolge des Kaisers, und wir würden vergeblich versuchen, heute oder morgen zu ihm zu dringen.« »Aber der Weg durch die Stadt wird dem Fiebernden schaden.« »Man trägt ihn in einer Sänfte.« »Auch das ist nicht gut. Ruhe, sagt der Arzt, sei für ihn die beste Arznei.« »Dem Galenus stehen noch bessere Heilmittel zu Gebote,« versetzte der Christ. Dieser Versicherung schien Melissa zu glauben; denn sie ging eine Weile schweigend neben ihm her. Als aber das Geräusch der Menge, die das Serapeum umdrängte, ihnen lauter an das Ohr zu schallen begann, blieb sie plötzlich stehen und sagte: »Mag kommen, was da will, ich dringe vor zu dem großen Arzt und bitte um seinen Beistand.« »Du?« fragte der Freigelassene, und wie sie das entschlossen bejahte, erbleichte der feste Mann und rief in aufrichtiger Besorgnis: »Du weißt nicht, was Du im Sinn führst! Die dem Caracalla am nächsten stehen sind ruchlose Wüstlinge, ohne Zucht und Gewissen. Aber verlaß Dich darauf, Du gelangst nicht einmal bis in den Vorhof.« »Vielleicht dennoch. Es ist meine Pflicht, und ich versuch' es.« Wie fest und entschieden das klang! Und welche Thatkraft dem bescheidenen, stillen Kinde aus den großen Augen strahlte. Dazu gaben die fest geschlossenen Lippen, die sonst, leicht geöffnet, zwei perlenweiße Zähne nicht ganz bedeckten, dem Angesicht des Mädchens ein so entschlossenes Ansehen, daß Andreas sich sagen mußte, es werde sich durch kein Hindernis zurückschrecken lassen. Aber Liebe und Pflicht geboten ihm, sie von solchem Schritte mit allen Mitteln zurückzuhalten. Was er an Beredsamkeit besaß, bot er ungesäumt auf; doch mit zäher Beharrlichkeit bestand sie auf ihrem Entschluß, und von allen Gründen, die er für die Unausführbarkeit ihres Vorhabens vorbrachte, überzeugte sie keiner. Nur die Bemerkung des Andreas, daß der große Arzt ein Greis sei, dem das Gehen schwer falle, und daß Galenus, der Heide und Aristoteliker, nie und nimmer sich bestimmen lassen werde, ein Christenhaus zu betreten, machte sie stutzig. Beides konnte ihrem Vorhaben allerdings hinderlich werden, doch zum Nachdenken ließ sich jetzt nicht kommen; denn sie hatten eben die große Straße des Hermes wieder erreicht, die vom Tempel dieses Gottes aus zum Serapeum führte, und die sie überschreiten mußten, um zu ihrem Ziele, dem See, zu gelangen. Wie in allen Hauptstraßen Alexandrias liefen auch in dieser bedeckte Säulengänge neben den Häusern her und besäumten den Fahrdamm, der sich offen und breit zwischen ihnen hinzog. Unter diesen Arkaden drängten sich die Fußgänger zusammen, die hier den Kaiser erwarteten. Er mußte bald erscheinen; denn der Empfang am kanopischen Thor und dem der Sonne war längst vorüber, und wenn er auch sein Vorhaben ausgeführt und sich am Grabe des großen Alexander aufgehalten hatte, konnte er doch nicht mehr lange ausbleiben. Der Weg dorthin durch die breite kanopische Straße war nicht allzu weit, und mit schnellen Rossen konnte er bald durch die Aspendiastraße in die des Hermes gelangen, welche ihn in gerader Linie in das Serapeum führte. Das Gefolge sollte ihn nicht zum Sema, dem Mausoleum des Begründers der Stadt, begleiten, sondern schon vor dem Paneum nach Süden abschwenken und endlich den Weg durch die Straße des Hermes nehmen. Noch waren nur die Prätorianer, die germanische Leibwache des Kaisers, seine makedonische Phalanx und einige Vexillen Panzerreiter unter lautem Jubel der Menge bis zu der Stelle vorgedrungen, wo Melissa an der Hand des Andreas und zugleich mit ihnen ein Zug von Sklaven die Hermesstraße zu betreten hatte. Lictoren begleiteten diese Leute, die Körbe voller Palmenwedel oder frisch geschnittener Epheuranken, Myrten, Pappel- und Pinienzweige aus den Gärten des Paneums in das Serapeum bringen sollten, und suchten den Trägern, indem sie das mit Ruten umwundene Beil hochhoben, Bahn durch die lebende Mauer zu brechen, die sie von der Straße trennte. Mit Hilfe der Panzerreiter, die den Damm freihielten, wurde ihnen auch Raum geschafft, und Andreas, der einen Aufseher der Gartensklaven kannte, bat ihn um die Gunst, ihn und Melissa unter seine Leute treten zu lassen. Das ward dem angesehenen Manne willig gestattet, und der Damm war gerade leer, weil dem Zuge der Soldaten, der eben sein Ende erreicht hatte, der Reisetroß des Caracalla nicht unmittelbar folgte. So gelangten die beiden mit den Korbträgern in die Mitte der Straße, und während die Sklaven weiter nach dem Serapeum hinzogen, suchte der Freigelassene den Damm mit dem Mädchen zu überschreiten und zu der an den See führenden Fortsetzung der Gasse zu gelangen, der sie bisher gefolgt waren. Doch dies Vorhaben wurde vereitelt; denn römische Lictoren, eben hier angelangte, strenge Männer, traten ihnen in den Weg und drängten sie zu den aus der Südseite der Hermesstraße unter den Säulengängen aufgestellten Gaffern. Natürlich wurden sie von diesen, vor deren erste Reihe sie dadurch zu stehen kamen, nichts weniger als freundlich empfangen; doch die kraftvolle Gestalt und das strenge Männerantlitz des Andreas, sowie die seltene Schönheit seiner Begleiterin, über deren anmutiges Köpfchen die meisten ohnehin leicht fortsehen konnten, beschützten sie vor roher Zurückweisung. Als der Freigelassene den Nächststehenden auch einige entschuldigende Worte zugerufen hatte, trat ein junger Mosaïkarbeiter sogar höflich zurück, um Melissa, die sich hinter die nächste Säule gestellt hatte, einen besseren Platz zu verschaffen. Wenige Augenblicke später gab es denn auch Dinge zu sehen, welche die Eindringlinge schnell vergessen ließen; denn während sich Wagen und Vorläufer in Menge, von Maultieren getragene Sänften und ganze Züge von kaiserlichen Dienern in goldgestickten roten Kleidern, Weidmänner mit großen Koppeln von edlen Hunden, Gepäckkarren und schwer belastete Elefanten auf das Serapeum zu bewegten, jagten plötzlich von der Mündung der Aspendia in die Hermesstraße her numidische Reiter, denen berittene Lictoren folgten, die Straße hinauf und riefen dem kaiserlichen Gefolge auf lateinisch und griechisch mit lauter Stimme Befehle zu, aus denen Melissa nichts verstand als: »Der Kaiser!« und »Bahn frei zur Rechten.« Diesem Gebot folgte ungesäumt die Erfüllung; denn Wagen, Fußgänger und Rosse hielten sich von nun an, so weit es anging, auf der südlichen, linken Seite des Dammes, und die dort aufgestellte, vielköpfige Menschenreihe, zu der auch Andreas und Melissa gehörten, zog sich, so tief es anging, unter den Säulengang zurück; denn wer noch auf dem Damme stand, lief Gefahr, von einem Pferde getreten oder von einem Rade gequetscht zu werden. Besonders die hinteren Reihen der unter den Arkaden zusammengeströmten Leute hatten schwer unter dem neuen Gedränge zu leiden, und so ließen sich hier laute Rufe des Unwillens, der Angst und des Schmerzes vernehmen, während von der andern Seite der Straße her die unbehelligte Menge in Hochrufe und Jubelgeschrei ausbrach, oder, hatte sich etwas Ungewöhnliches gezeigt, die Witze und den Hohn der Lustigmacher belachte. Dazu kamen Hufschlag, Rädergerassel, Pferdegewieher, Kommandorufe, Trommelschlag, Trompetengeschmetter und der schrille Pfiff der Flöten nicht zum Schweigen. Es war ein wüstes, das Ohr verletzendes Getöse, und doch that das alles der Jungfrau weder weh noch wohl; denn der Gedanke, zu dem großen Arzte zu müssen, ließ sie alles andere vergessen. Da erhob sich plötzlich von Osten, vom Aufgang der Sonne her, deren Lauf der Kaiser gefolgt war, ein so wildes Lärmen, daß das Mädchen die Hand des Begleiters erfaßte. Und von Augenblick zu Augenblick nehmen die Schallwellen zu an unwiderstehlicher Kraft, das brausende Getöse, das an das Ohr schlägt, scheint von Schritt zu Schritt neue Nahrung zu empfangen und sich erfrischt zu verstärken, bis es, aus der Ferne schnell anwachsend, in die nächste Nähe gerückt, jeden wie mit magischer Kraft zwingt, den eigenen Willen dem der Tausende rings umher unterzuordnen und die Stimme zu erheben. Auch Melissa schreit mit. Sie ist zum Tropfen im Strome, zum Blatt auf der krausen Fläche des rauschenden Gießbachs geworden, und das Herz schlägt ihr nicht weniger stürmisch, ihr Jubel schallt nicht leiser als der, sie weiß selbst nicht wovon berauschten Menge unter den Säulengängen zur Seite des Fahrdammes, an den Fenstern und auf den Dächern, der Menge, die Tücher schwenkt, Blumen auf den Weg wirft und sich die Thränen trocknet, welche die unerhörte Erregung ihr in die Augen treibt. Jetzt erschüttert auf einmal das Jubelgeschrei die Luft so gewaltig, daß es sich kaum mehr zu steigern vermöchte. Es ist, als sei es nicht der frische Seewind, sondern die Vereinigung von unzähligen Stimmen, was die Fahnen und Wimpel an den Häusern, die Ehrenpforten und Guirlanden, die über die Straße gespannt sind, so kräftig bewegt, und Melissa sieht nur gerötete Gesichter, feucht schimmernde Augen, weit geöffnete Lippen, leidenschaftlich bewegte Arme und Hände. Aber plötzlich scheint eine geheimnisvolle Gewalt die laut erhobenen Stimmen rings um sie her zu dämpfen, und sie vernimmt nur hier und dort den Ruf: »Der Kaiser!« »Er kommt!« »Er ist da!« Und wie der Hammerschlag eines Eisenwerkes beim Tosen des Donners, wird rascher Hufschlag und scharfes Rädergerassel mitten unter dem Zuruf der Zehntausende vernehmbar. Unaufhaltsam schnell kommt es näher und näher, und ihm folgt, wie eine Dohlenschar der durch die Dämmerung sich dahinschwingenden Eule, neues lautes Geschrei, das zu maßlos tollem Jubel anwächst, nun der Erwartete an Melissa und ihren Nachbarn vorbeijagt. Ihr und den anderen zeigt sich der Cäsar nur wie eine Gestalt, deren Umrisse es dem Auge zu erfassen gelingt, während ein heller Blitz das nächtige Dunkel lichtet. Vier breit gespannte, gelbliche, schwarz getigerte Rosse von mäßiger Größe reißen wie gehetzte Füchse den leichten gallischen Wagen durch die für ihn geöffnete Bahn. Die Räder berühren kaum die glatten Steinplatten des alexandrinischen Pflasters. Der Lenker der Rosse trägt die rotgeränderte Toga der höchsten römischen Staatsbeamten. Man hat viel von ihm gehört und ihm manches spöttische Witzwort gewidmet; denn es ist Pandion, der frühere Stallknecht, der jetzt zu den »Freunden des Kaisers« und als Prätor zu den Größten im Reiche gehört. Aber der Mann versteht seine Sache, und was kümmert sich Caracalla um Gebrauch und Herkommen, das Murren und die Unzufriedenheit der Mächtigen und Kleinen? Wie Pandion die Zügel in ruhig vornehmer Haltung führt und die Rosse mit leisen Zischlauten zum wildesten Jagen antreibt, ohne die Geißel zu brauchen! Warum entführt er den Gewaltigen, der die halbe Welt beherrscht und vor dessen blutiger Allmacht die ganze erzittert, so überschnell den spähenden Augen? Tief in das Kissen an der Seitenlehne gedrückt, liegt Bassianus Antoninus mehr, als er sitzt, in dem rasch dahinsausenden, vierrädrigen, offenen gallischen Wagen. Keinen Blick gönnt er der jubelnden Menge, sondern schaut mit düsteren Falten in der wohlgebildeten Stirn so finster, als brüte er Unheil, auf die glatte Bahn des Dammes. Daß er kaum von mittlerer Größe, daß er einen Schnurr- und Backenbart trägt, daß sein Kinn rasirt ist und sein gewelltes Haar sich schon lichtet, obgleich er die Dreißig erst in zwei Jahren erreicht, daß die Farbe seines Antlitzes fahl und gelblich, läßt sich flüchtig erspähen, – doch man kennt ja sein Aussehen durch die Statuen und Münzen, unter denen er so viele falsche schlug. Wie die gesamte Erscheinung dieses Mannes, der die Geschicke der einzelnen, an denen er vorbeijagt wie die des Weltreichs in der Hand hält, auf sie gewirkt, fragen sich später unwillkürlich die meisten, und Caracalla hätte sich an der Antwort vieler ergötzt; denn er will nicht schön und liebenswert, sondern nur furchtbar erscheinen. Und es gibt auch längst nichts Schreckliches mehr, das man nicht berechtigt wäre, von ihm zu erwarten, und nun man ihn gesehen, findet man, daß sein Aussehen seinen Thaten entspreche. Einen düsterer und bedrohlicher dreinschauenden Mann als diesen mit hochmütiger Verachtung über Welt und Menschen hinwegblickenden Herrscher kann man sich kaum denken, und doch war etwas an ihm, das sich nicht wohl ernst nehmen ließ, wenigstens nicht für einen Alexandriner. Wie sonderbar stand doch das mantelartige gallische Gewand mit der roten Kapuze dem düster blickenden Menschenverächter! Es hieß »die Caracalla«, und der Kaiser Bassianus Antoninus hatte nach ihm den Spitznamen »Caracalla« empfangen. Zügel- und gewissenlos war der Tyrann im bunten Mantel gewiß, aber für einen Philosophen, der die Nichtigkeit der irdischen Dinge erkennt und der Welt feindlich den Rücken kehrt, dafür mochten andere ihn halten! Ein Schauspieler war er, der die Rolle des Timon nicht übel spielte, und der Zuschauer brauchte, um auf sie zu wirken und sich über die Angst zu erfreuen, die er in ihnen erweckte. Es fehlte ihm etwas zu einem jener echten, wahrhaft menschenfeindlichen Tyrannen, deren bloßer Anblick die Kniee zwingt, sich zu beugen. Die Erscheinung dieses falschen Weltverächters war nicht angethan, den Alexandrinern die rasche Zunge zu lähmen. Das sagten sich viele, doch die Zeit, auch Erwägungen anzustellen, sollte erst erscheinen, nachdem der Staub den Cäsar, der so schnell verschwunden war wie er gekommen, den Blicken entzogen hatte, das Jubelgeschrei verstummt war und das Gefolge wieder den ganzen Fahrdamm einnahm. Jetzt begann man sich zu fragen, warum man mitgerufen habe und in eine so wilde Erregung geraten sei; wie es gekommen, daß man diesem kleinen, bösen Herrn zu Gefallen die Selbstbeherrschung und kühle Ueberlegung so schnell eingebüßt habe. Vielleicht war es die unbeschränkte Macht über das Wohl und Wehe der Welt, über Leben und Tod von Millionen, die diesen durch nichts Großes ausgezeichneten Sterblichen über das Menschliche hinaushob und ihn der Gottheit ähnlich machte. Vielleicht hatte der Drang, an der großen, hinreißenden Willensäußerung vieler Tausende teil zu haben, den einzelnen mit fortgerissen. Unleugbar war es eine geheimnisvolle Gewalt gewesen, die jedermann beim Erscheinen des Cäsar genötigt hatte, es denen gleich zu thun, die ihn umgaben. Melissa war es wie den anderen ergangen. Sie hatte gerufen, das Tuch mit der Rechten geschwenkt und nicht einmal wahrgenommen, wie Andreas ihr die Rechte drückte und ihr zurief, zu bedenken, was der Mann verschuldet, den sie so freudig begrüße. Erst als das Geschrei verstummte, besann sie sich auf sich selbst, und mit doppelter Lebendigkeit wurde das Vorhaben wieder in ihr wach, den großen Arzt zu dem kranken Geliebten zu rufen. Entschlossen, das äußerste zu wagen und mit neu erwachtem Selbstgefühl schaute sie sich um und sann auf Mittel und Wege, ihren Entschluß auch ohne den Beistand des Andreas zur Ausführung zu bringen. Eine große Ungeduld bemächtigte sich ihrer, und am liebsten wäre sie gleich in das Serapeum gedrungen. Doch das war unmöglich; denn kein Zuschauer rührte sich von der Stelle; gab es doch noch genug Merkwürdiges zu sehen. Die Stimmung der Menge hatte freilich einen großen Umschlag erfahren. An Stelle der Erwartung war ihr sieches Stiefkind, die Enttäuschung, getreten. Man jubelte nicht mehr, man strengte die Lungen nicht mehr an, desto mehr aber bekam die Zunge zu thun. Des Kaisers wurde gewöhnlich nur noch bei dem Schmähnamen »Tarantas« mit jenem bitteren Verdruß gedacht, den die Enttäuschung der Erwartung als Enkelkind schenkt. Tarantas aber hieß ursprünglich ein besonders blutdürstiger Gladiator von kleinem Wuchs, in dem böser Wille einige Aehnlichkeit mit dem Cäsar zu finden vermochte. Neugierig schaute man auf die bemerkenswertesten Erscheinungen im Gefolge und erklärte sie einander. Der Mosaïkarbeiter neben Melissa, der beim Bau der Bäder des Caracalla zu Rom thätig gewesen war, wußte besonders gut Bescheid und kannte sogar die Namen vieler Senatoren und Höflinge im Gefolge des Kaisers. Bei alledem behielt man Zeit genug, dem Grolle Genüge zu thun. Was hatte die Stadt nicht alles aufgeboten, um sich für den Einzug des Kaisers zu schmücken. Statuen seiner eigenen Person, seines Vaters, seiner Mutter, ja seiner Lieblingsheroen und allem voran die des großen Alexander, sowie Ehrenpforten ohne Zahl waren zu seinem Empfange hergestellt worden. Das Serapeum, in dessen weiten Räumen er abzusteigen gedachte, hatte man aufs herrlichste ausgeschmückt, und vor dem neuen Tempel für die Gottheit seines den Olympiern beigesellten Vaters hinter dem kanopischen Thore waren die Spitzen der Stadt, die ihm huldigten und ihm die Geschenke Alexandrias überbrachten, von ihm empfangen worden. Das alles hatte Talente über Talente, einen Haufen Goldes gekostet, aber man war ja reich und wäre zu noch größeren Opfern bereit gewesen, hätte man dafür Dank und Herablassung geerntet. Aber ein junger Schauspieler, der Zeuge der Begrüßung am kanopischen Thore gewesen war und sich sodann schnellfüßig hierher begeben hatte, versicherte mit pathetischer Entrüstung, der Cäsar habe die Begrüßung des Senates der Stadt nur mit wenigen mürrischen Worten beantwortet und schon beim Empfang dreingeschaut, als hätte man ihn beleidigt. Die Spitzen der Behörden seien abgezogen, als habe man ihnen das Urteil gesprochen. Nur dem Theophilus, dem Oberpriester des Serapis, sei er herablassender begegnet. Andere ergänzten den Bericht der Männer, und dazwischen gab man der Unzufriedenheit hier durch leise Schmähungen, dort durch spöttische Bemerkungen und gallige Witzeleien Ausdruck. »Warum er nur so schnell dahingejagt ist?« fragte das Weib eines Schneiders; und die Antwort lautete: »Weil die Eumeniden, die den Brudermörder verfolgen, die Schlangengeißel hinter ihm schwangen.« Ein Gewürzkrämer, der nicht weniger erzürnt, aber vorsichtiger war, rief, als sein Nachbar zu wissen begehrte, warum der Tarantas sich getiegerter Pferde bediene, die blutdürstigsten Raubtiere hätten gestreiftes Fell, und jeder pflege seines gleichen zu lieben. Ein cynischer Philosoph, der sich durch den zerrissenen Rock, das struppige Haar und die derbe Redeweise als solcher zu erkennen gab, versicherte, der Kaiser lasse seine Rosse von einem Senator lenken, weil es ihm ja längst geglückt sei, den Senat in einen Stall zu verwandeln. Das alles fand indes bei Melissa taube Ohren; denn immer mächtiger beherrschte sie der Gedanke an den großen römischen Arzt. Aufmerksam lieh sie dem Mosaïcisten das Ohr, der sich an ihre Seite gedrängt hatte und ihr gesprächig die Namen der Vornehmsten nannte, die an ihnen vorüberzogen. Das Gefolge des Kaisers war unübersehbar. Es mischten sich in dasselbe nicht nur Soldaten zu Fuß und zu Roß, sondern auch zahllose Lastwagen, Karren und Elefanten, die Caracalla besonders schätzte, weil der große Alexander diese Tiere geliebt, Lastpferde, Maultiere und Esel, welche Ballen, Kisten, Zelte, Lager und Küchengeräte trugen. Dazwischen zogen Troßknechte, Aufwärter, Pagen, Herolde, Musikanten und Sklaven des Kaisers und seines Gefolges gruppenweise und in großer Menge daher und schauten sich frech unter den Zuschauern um. Wo sie jüngere und schönere Weiber am Saume der Straße bemerkten, winkten sie ihnen zu und gaben auch der anmutigen Melissa oft genug in unverschämter Weise ihren Beifall zu erkennen. Wollköpfige Neger und bräunliche Nordafrikaner mit schwarzen Locken mischten sich unter hellere Mittelmeerbewohner und blonde oder rothaarige Söhne des nördlicheren Europa. Römische Lictoren, scythische, thrakische und keltische Sicherheitswächter hielten alles, was nicht zum Troß des Kaisers gehörte, mit roher Entschiedenheit von dem Zuge fern. Nur den Magiern, Zauberern und feilen Dirnen wehrte niemand, sich unter die Menschen, Rosse, Esel, Elefanten, Hunde, Fuhrwerke und Reiter zu drängen. Sobald einer der unförmig großen, mit vielen Pferden bespannten Reisewagen erschien, in denen reiche Senatoren auf weiten Fahrten die meisten Bequemlichkeiten fanden, an die sie zu Hause gewöhnt waren, oder eine besonders kostbar geschmückte Sänfte vorübergetragen wurde, suchte Melissa Auskunft bei dem Mosaïcisten. Auch Andreas konnte ihre Wißbegier in einzelnen Fällen befriedigen; denn zu Antiochia, wohin er sich vor wenigen Monaten in Geschäften begeben, hatte man ihm die vornehmsten Begleiter des Kaisers gezeigt. Der große Galenus war damals noch nicht unter ihnen gewesen; denn der leidende Caracalla hatte ihn jetzt erst zu sich berufen. In einem kaiserlichen Schiffe war der berühmte Heilkünstler trotz seines hohen Alters nach Pelusium gesegelt und hatte sich erst dort zu dem Gefolge des Herrschers gesellt. Dem Mosaïcisten war wenigstens der Wagen des alten Arztes am kanopischen Thore gezeigt worden, und er versicherte, daß derselbe sich mit keinem andern verwechseln lasse, denn er gehöre zu den allergrößten und schönsten. Die Mittelthüren seien mit einem silbernen Aesculapstabe und der Schale der Hygiêa geschmückt, auf seinem Dache aber stünden kleine in Holz geschnitzte Bildsäulen der Minerva und des Gottes der Heilkunst. Bei diesen Mitteilungen gewannen die Züge Melissas den Ausdruck froher und hoffnungsreicher Spannung. Mit der Hand auf dem hochwogenden Busen sah sie jedem neu erscheinenden Fuhrwerke so erwartungsvoll entgegen, daß sie die Mahnung des Andreas überhörte, nun zu versuchen, sich den Weg durch die Menge zu bahnen. Jetzt – der Freigelassene hatte sie eben wieder angerufen – erschien ein neues Wagenungetüm, das dem früheren Konsul Julius Paulinus gehörte, dessen kluger Kopf mit den scharfen, fröhlich blitzenden Augen neben dem ernsten und herben des Senators und Geschichtsschreibers Cassius Dio aus den seidenen Vorhängen des Fuhrwerks hervorschaute. Der Konsul, erzählte der Mosaïcist, und Andreas bestätigte es, habe den Severus, den Vater des Caracalla, durch bissige Spöttereien erzürnt und diesen, als er ihn mit dem Tode bedroht, durch die Antwort entwaffnet: »Den Kopf kannst Du mir abschlagen lassen, aber weder Du noch ich sind im stande, ihn in Ordnung zu halten.« Die dem Erzähler benachbarten Zuschauer, die diese Geschichte mitangehört hatten, brachen nun in laute Hochrufe aus, und andere stimmten mit ein, obgleich sie nicht wußten, wem das neue Jubelgeschrei gelte. Dem Wagen des Konsuls folgte eine Schar von Clienten, Hausbeamten und Sklaven in Sänften, zu Pferde und auf Maultieren oder zu Fuße; hinter ihr aber rollte ein anderes Fuhrwerk daher, das der Staub lange den Blicken entzog. Als jedoch die zehn stattlichen Rosse, die ihn vorwärts bewegten, endlich an Melissa vorüberschritten und sein Dach sichtbar wurde, stieg ihr eine heiße Blutwelle ins Antlitz; denn auf den beiden Ecken seines vorderen Teiles erkannte sie den Aeskulap und die Minerva, die, wenn der Mosaïcist recht gesehen hatte, das Fuhrwerk des Galenus schmückten. Atemlos lauschte sie auf das Rollen der Räder des blau gefärbten Wagens und gewahrte nun auch den silbernen Aeskulapstab und eine Schale auf der breiten mittleren Thür des beweglichen Hauses. An einem offenen Fenster neben derselben zeigte sich ein freundliches, von weißen Locken umwalltes Greisengesicht, und erschreckt fuhr sie zusammen; denn von weitem, vom Serapeum her scholl es »Halt« und wieder »Halt«. Der Zug geriet ins Stocken, die Pferdeknechte fielen den Rossen in die Zügel, die blauen Räder hörten auf, sich zu drehen, und wenige Schritte vor ihr hielt der Wagen, und ihr Blick begegnete dem des alten Herrn. Da flog es ihr durch den Sinn, daß das Schicksal selbst es sei, das dies Fuhrwerk gerade hier zum Stillstand bringe, und wie sie den Ruf des Mosaïcisten: »Der große römische Arzt« vernahm, verschwammen die Rosse, der Wagen und alles um sie her vor ihren Augen in eins, und rasch entschlossen riß sie die Hand aus der des Freigelassenen und trat auf die Straße. Wenige Augenblicke später stand sie dem würdigen Greise gegenüber. Wohl hatte sie den warnenden Ruf des Andreas gehört, wohl sah sie die Menge derer, die auf sie schauten, wohl galt es, einen schnellen Kampf gegen die jungfräuliche Scheu zu bestehen, doch sie führte durch, was sie begonnen. Der Gedanke, die Götter selbst stünden ihr bei, den einzigen anzurufen, der den Geliebten retten konnte, half ihr jedes Hindernis besiegen. Schon stand sie neben dem Wagen, und kaum hatte das liebliche, von Scham gerötete, reine Antlitz Melissas dem weißlockigen Römer mit rührend ängstlicher Bitte entgegengeschaut und der Blick ihrer großen, thränenfeuchten Augen die seinen getroffen, als er ihr winkte und mit wohlklingender, teilnahmsvoller Stimme zu wissen wünschte, was sie begehre. Da wagte sie die Frage, ob er der große römische Arzt sei, und geschmeichelt versetzte er mit einem freundlichen Lächeln, daß man ihn bisweilen so nenne. Der dankbare Blick, den sie gen Himmel richtete, bewies, wie wohl diese Worte ihr thaten, und nun begannen sich auch ihre roten Lippen zu regen, und schnell und mit wachsendem Mute that sie ihm zu wissen, daß ihr Bräutigam, der Sohn eines angesehenen Alexandriners und römischen Bürgers, von einem Steine schwer am Kopfe verletzt, darnieder liege, und daß der Arzt, der ihn behandelte, meine, nur unter seinem, des großen Heilkünstlers, Beistand, den Leidenden retten zu können. Sie bekannte nun auch, daß Ptolemäus den Diodor, der doch nichts nötiger gebrauche als Ruhe, ins Serapeum bringen lassen wolle, um ihn dort seiner, des größeren Kunstgenossen Fürsorge, zu empfehlen, daß sie aber von dem Transport die schlimmsten Folgen für den Bräutigam fürchte. Dann schaute sie dem Römer recht warm in die Augen und sagte, er sehe so freundlich aus, daß sie hoffe, er werde den Leidenden, der zufällig in ein Christenhaus nicht allzu weit vom Serapeum gebracht worden sei und dort guter Pflege genieße, selbst aufsuchen und ihn – das bedeute ja dasselbe – vom Tode erretten. Der alte Herr hatte sie nur mit wenigen schalkhaft heiteren Fragen unterbrochen, die sich auf ihre Liebe und ihre Religion bezogen; denn es war ihm bei ihrer Mitteilung, daß der Kranke sich unter der Pflege von Christen befinde, der Gedanke gekommen, dies schlicht und doch ansprechend gekleidete Mädchen mit dem sittsamen Wesen und dem stillen, schönen Gesicht sei eine Christin. Es wunderte ihn beinahe, als sie das Gegenteil versicherte, und doch schien er es gern zu hören und versprach auch, ihr den Willen zu thun. – In ein Haus zu dringen, das der Kaiser mit seinem Gefolge bewohne, tauge nichts für ein Kind in ihrem Alter; er werde sie aber hier erwarten, und damit wies er auf das kleine runde Heiligtum der Aphrodite an der linken Seite einer Erweiterung der Hermesstraße, bis wohin der Wagen sich zuletzt fortbewegt hatte. Morgen früh, drei Stunden nach Aufgang der heißen afrikanischen Sonne, deren Mittagsstrahlen ihm weh thäten, werde er sich in seinem Wagen bei dem Tempelchen einstellen. »Und daß Du zu rechter Zeit da bist!« schloß er, und drohte ihr dabei mit dem Finger. »Und wenn Du auch eine Stunde zu früh kämest, Du würdest mich finden!« lautete die Antwort. Da kicherte er munter auf: »Welches schöne Mädchen hätte sich wohl schon bei einem Stelldichein unter den Augen der Liebesgöttin verspätet?« Hieraus rief er ihr ein fröhliches »Auf Wiedersehen!« zu und zog sich in den Wagen zurück. Strahlend vor Glückseligkeit blieb Melissa stehen, und suchte dann die Stelle, wo sie mit dem Begleiter gestanden, Andreas aber war ihr trotz des Einspruchs der Lictoren gefolgt, zog ihren Arm durch den seinen und führte sie durch die sich lichtende Menge in eine Gasse, die, vom See ausgehend, dem Aphroditetempel gegenüber in die Hermesstraße mündete. Melissa folgte ihm beflügelten Schrittes. Die Freude, so schnell und leicht zum Ziele gelangt zu sein, beherrschte sie ganz, und noch mitten im Gedränge versuchte sie dem Freigelassenen mitzuteilen, welch herrliche Zusage sie von dem großen Arzte erhalten. Doch das Geschrei des Volkes übertönte ihre Rede; denn eben ward der zahme Löwe des Kaisers, den er sein »Perserschwert« nannte, von numidischen Sklaven durch die Straße geführt. Alles schaute auf das prächtige Raubtier, und wie auch sie nach ihm hinsah, traf ihr Blick das feurige Auge eines großen, bärtigen Mannes, der an einem Fenster des Hauses stand, das sich hinter dem runden Tempelchen der Liebesgöttin erhob. Sogleich erkannte sie den Magier Serapion und flüsterte dem Freigelassenen zu, wen sie da wiedergesehen; er aber zog sie, ohne sich auch nur umzuschauen, schneller mit sich fort und atmete erst erleichtert auf, als die stille, menschenleere Gasse ihn und das Mädchen aufnahm. Der Magier hatte sie schon bemerkt, während sie neben dem Wagen des Römers herging, und das Gespräch, das er mit seinem Gefährten, einem Syrer in mittleren Jahren, führte, galt ihr. So vornehm und gebieterisch die Gestalt des Serapion war, so unscheinbar schien die seines Genossen. Nur die Schlauheit, die aus den scharf geschnittenen Zügen des Syrers sprach, unterschied ihn von seinesgleichen, aber der große Magier schien ihn doch wert der Beachtung zuhalten; denn er beantwortete willig die Einwürfe und Fragen des Kleinen. Jetzt schwenkte dieser mit einer Geberde, die seinem Volke eigen, wenn es auf dem eigenen überlegenen Wissen besteht, die nach oben geöffnete Hand und sagte: »Wofür wär' ich zehn Jahre in Rom gewesen, wenn ich den Serenus Sammonicus nicht kennte? 's ist der größte Büchernarr im Reiche. Er hält sich dabei für einen zweiten Aeskulap und hat auch selbst ein medizinisches Buch in Versen geschrieben, das Geta, der gemordete Bruder des Cäsar, immer wieder vornahm, während es die hiesigen Aerzte für ein unnützes Machwerk erklären. Reich ist er wie der Alabarch, und seines Wagens bedient sich auch der große Galenus, den der Kaiser hieher rief. Was das Mädchen nur von ihm will?« »Hm,« machte der andere und strich sich würdevoll und nachdenklich den Bart. »Die Jungfrau ist sittsam, und es kann nur etwas Dringliches, Wichtiges sein, das sie zu dem Römer geführt hat.« »Dein Kastor wird auch das zu erhorchen wissen,« entgegnete der Syrer Annianus. »Dieser Allerweltsbursch findet den Weg durch die Schlüssellöcher, und morgen schon ist er gut Freund mit den Leuten des Römers, wenn Dir daran liegt.« »Wollen sehen!« erwiderte der Magier. »Heute Abend verrät ihr Bruder vielleicht, was da vorgeht.« »Der Philosoph?« fragte der Kleine mit einer wegwerfenden Geberde. »Du bist, wie die Leute es nennen, ein großer Weiser, Serapion; aber manchmal nähst Du mit Nadeln, die mir zu fein sind. Warum Du jetzt, wo der Kaiser hier ist, und für Deinesgleichen Gold und Ehre auf der Straße liegen, kostbare Stunden an den Grübler vom Museum verschwendest, das mag ein anderer begreifen.« Da flog um die Lippen des Magiers ein überlegenes Lächeln, und während er in das leere Zimmer zurücktrat und Annianus ihm folgte, begann er: »Du weißt, wie viele, die sich Magier nennen, sich an den Cäsar herandrängen werden, und der Ruf des Sosibius, Hananja und Kaimis steht meinem nur um weniges nach. Jeder treibt seine Kunst nach eigenen Rezepten, wenn er sich auch einen Pythagoräer oder sonstwie nennt. Zu einer anerkannten Schule darf keiner sich zählen, ja die Gelehrten von der Zunft brüsten sich damit, die Wunderthäter zu verachten. Caracalla aber ist in der Jugend durch die Schule der Philosophen gegangen. Er verabscheut den Aristoteles und hat sich mit Plato und den Pythagoräern beschäftigt. Daß Philostratus auf seinen Anlaß eine Lebensbeschreibung des Apollonius von Tyana schreibt, weiß ich von Dir selbst, und rümpft Caracalla die Nase über die Silbenstecher und Zeitverderber vom Museum; liegt es ihm doch im Blute, von den privilegirten Gelehrten etwas Besonderes zu erwarten. Seine Mutter hat sie wieder hoffähig gemacht, und er, der von geheimen Künsten alles erwartet, ist noch keinem Magier, der zu ihnen gehört hätte, begegnet.« Hier klatschte der Kleine in die Hände und rief: »Und nun denkst Du den Philipp zu Deinem Aushängeschild zu machen und dem Kaiser von einem Wunderthäter reden zu lassen, der Hand in Hand geht mit der Gelehrsamkeit des Museums. Ein verwünscht kluger Gedanke! Aber der Steinschneidersohn sieht nicht aus wie ein Gimpel. Ein Skeptiker ist er dazu, der an nichts glaubt. Wenn Du ihn fängst, so will ich ernstlich und unbedingt an Deine Wunderkraft glauben.« »Es gibt Schwereres, als diesen Mann zu gewinnen,« versicherte der Magier. »Du willst ihm,« fragte der Syrer, und sein Auge suchte verlegen den Boden, »mit Blicken und Handauflegen den Willen brechen, wie dem Triphis und mir vor zwei Jahren?« »Das hat schon das erste Band zwischen uns geschlungen,« versetzte Serapion. »Jetzt bedarf ich nur noch Deiner Bauchrednerkunst. Die Hauptsache bringt Philipp mir selbst entgegen.« »Das wäre?« »Du nanntest ihn einen Skeptiker, und er rühmt sich in der That, noch weiter zu gehen als die alten Meister der Schule. Eifriges Nachdenken hat ihn dahin geführt, nichts für gewiß zu halten, und also auch umgekehrt alles für möglich. Das letzte Resultat, wozu er gelangte, ist die Wahrscheinlichkeit – denn Gewisses gibt es für ihn überhaupt nicht – daß es unmöglich sei, etwas, wie es auch heiße, sicher zu wissen. Den Beweisen für die Fähigkeit der Seele eines Verstorbenen, sich den Lebenden in ihrer irdischen Erscheinungsform zu zeigen und mit ihnen zu verkehren, wird er immer teilnahmvoll folgen; denn es würde für ihn ein Vergehen sein, was es auch sei, unmöglich zu nennen; meine Argumente aber sind greifbarer Natur. Die verstorbene Korinna wird ihm – ihr Ebenbild hat Kastor ja schon entdeckt – in Fleisch und Bein erscheinen, Deine Kunst wird ihn zu der Ueberzeugung zwingen, ihre Stimme, die er nicht einmal kannte, rede zu ihm, und das alles muß ja notwendig den Wunsch in ihm erwecken, sie öfter wiederzusehen. So wird denn der Skeptiker der eigenen Lehre zum Trotz sichere Zuversicht gewinnen. Hier wie anderwärts ist es dann das leidenschaftliche Verlangen, dem die Ueberzeugung das Leben verdankt.« »Und hast Du ihn glücklich da, wohin Du ihn zu bringen trachtest?« fragte der Syrer gespannt. »Dann,« entgegnete der Magier, »wird er mir mit den Waffen seiner siegreichen Dialektik beistehen, den Cäsar für die eigene Ueberzeugung zu gewinnen, dann können wir – und dabei rechne ich mit auf Deine Kunst, aus jedem beliebigen Körper eine Stimme erschallen zu lassen – die Sehnsucht des Herrschers befriedigen, mit den Geistern der Abgeschiedenen zu verkehren.« Hier schwieg der Magier, der Kleine aber schaute beifällig zu ihm empor und sagte bescheiden: »Du bist klug, Serapion, und ich fahre fort, Dir zu helfen. Es wird nun wohl zunächst gelten, für die Erscheinung des großen Alexander, des Apollonius von Tyana und des Bruders, des Schwiegervaters und der Gattin des Kaisers zu sorgen.« »Den Papinian, den würdigsten der Ermordeten, nicht zu vergessen,« fügte der Magier hinzu. »Da bist Du ja, Kastor.« Diese Worte galten einem hochgewachsenen, scheinbar älteren Manne in einem langen weißen Gewande, der geräuschlos eingetreten war. Seine Haltung war dabei so ernst und würdig, daß er durchaus einem christlichen Priester glich, der sich der Heiligkeit seines Amtes bewußt ist; kaum aber hatte er die Mitte des Zimmers erreicht und den Magier salbungsvoll begrüßt, als er mit einem lauten »Uff!« das weiße Gewand über den Kopf zog, die Farbenstriche, die ihn um zwanzig Jahre älter gemacht hatten, von den Wangen rieb, die gelenkigen Glieder reckte und bog und dann fröhlich ausrief: »Ich habe sie. Die alte Dorothea bringt sie in Dein Theater.« Dabei strahlte das bewegliche Antlitz des Burschen im fröhlichen Glanze des Gelingens. Es war, als woge gärender Most statt des Blutes in den Adern dieses jungen Mannes; denn sobald er dem Magier Bericht erstattet, und dieser ihn mit einer Handvoll Goldstücke belohnt hatte, warf er sie in die Luft, fing sie wie Fliegen mit der hohlen Hand und durchmaß dann mit einigen geschickt ausgeführten Radschlägen das Zimmer. Als er wieder auf den Füßen stand, rief er mit so gleichmäßigen Atemzügen wie vorher: »Vergebt mir, ihr Herren! Die Natur fordert ihr Recht! Drei Stunden lang den Frommen spielen, ewige Götter, das hat was auf sich, und da muß man doch wieder . . .« »Ich weiß schon,« unterbrach ihn Serapion und drohte ihm lächelnd mit dem Finger. »Jetzt thun es noch die Katzensprünge, nachher aber wird das leicht verdiente Gold mit den Flötenspielerinnen geteilt. Doch heute abend brauche ich Dich, und fühlst Du Dich schwach, so schließ' ich Dich ein.« »Thu es,« bat Kastor so dringend, als habe man ihm eine Gunst in Aussicht gestellt. »Was das alles für nichtswürdig lustiges Zeug ist! Dorothea bringt die Schöne zu rechter Zeit. Es ist alles in Ordnung!« Damit verließ er, ein Liedchen trällernd, mit leichtem Tanzschritt das Zimmer. »Ein köstlicher Bursche,« sagte der Syrer und blickte ihm wohlgefällig nach. »Schade um ihn,« fügte Serapion hinzu. »Zum Besten wäre er begabt, doch ein Gewissen, das seinen wilden Trieben Schranken setzte, fehlt ihm vollkommen. Woher sollt' er's auch haben? Sein Vater gehörte zu einer Bande von ephesischen Pantomimenspielern, und die Mutter war eine blonde Tänzerin aus Cypern. Aber ganz Alexandria kennt er, und dazu dies Gedächtnis! Was für ein Schauspieler wäre der Bursche geworden! Ohne sich nur zu verkleiden, durch bloße Verschiebung der Züge macht er sich zum Greis, zum Blödsinnigen, zum Philosophen.« »Und der Spürsinn, der Spürsinn!« rief der Syrer begeistert. »Sobald er das Bild der Korinna sah, wußte er, daß er ihr Ebenbild am andern Ufer des Sees unter den Christen gesehen. Heute morgen fand er sie, und nun steckt sie dem Jäger im Garn. Wie klug auch, daß er sie von der Dorothea zu Dir führen läßt!« »Das, und sie im Namen des Bischofs Demetrius zu laden, schrieb ich ihm vor,« bemerkte der Magier. »Einer Fremden wäre sie nimmer gefolgt, und Dorothea muß ihr aus den Versammlungen der Glaubensgenossen bekannt sein.« Neuntes Kapitel. Melissa war während dieses Gespräches mit ihrem Begleiter an den Mareotischen See gelangt, das große Binnengewässer, welches den Süden der Stadt bespülte und den Nilschiffen Ankerplätze bot. Von dem breiten Agathodämonflusse, einem gegrabenen Nilarm, der den See mit dem königlichen Hafen am Mittelmeer verband, ging die Fähre, welche die Wanderer zu den Gärten des Polybius bringen sollte, ab, und um sie zu erreichen, hatten sie dem Ufer eine gute Weile zu folgen. Die sinkende Sonne warf schräge Strahlen auf die leuchtende Fläche des glatten Gewässers, in der die mastenreiche Menge der Nilschiffe sich spiegelte. Größere und kleinere Fahrzeuge mit weißen und bunten lateinischen Segeln, die im Glanz des Abendlichtes blendend hell schimmerten, große Ruderboote, feine Nachen und stetig dahingleitende Fähren zogen auf dem See hin und wieder, und zwischen ihnen bewegten sich wie Lastkarren zwischen schnellen Wagen und Reitern die schweren Körper der flachen Kornschiffe, auf denen Stroh- und Getreidemassen in abgestumpften Pyramiden haushoch ruhten, kaum merklich dahin. Sonst war das Treiben auf dem Quai lebhafter als heute; denn alles, was frei war, zog die Neugierde in die Stadt. Doch es gab Sklaven genug, auf deren Tagesarbeit der Besuch des Kaisers so wenig Einfluß übte wie auf den Lauf der Sonne. Heute wie immer mußten sie beim Laden und Löschen die Hände regen, und brachen auch wenig Schiffe auf, so kamen doch viele von Süden her an und warfen die hölzernen Brücken aus, die sie mit dem Ufer verbanden. Die Zahl der Nachen war dagegen eher größer als sonst; denn die Geschäfte ruhten, und vielen, denen das Gedränge zuwider war, bot das Rudern im eigenen Boote Vergnügen. Andere kamen, um die kaiserlichen Nilschiffe zu sehen, die man neu ausgestattet hatte, und deren Pracht selbst den verwöhnten Alexandrinern sehenswert erschien. Gold, Elfenbein, Purpursegel, bronzene und marmorne Bildsäulen an den Schiffsschnäbeln und unter den kleinen Heiligtümern auf dem Hinterdeck vereinten sich hier zu einem glänzenden Anblick, dessen Reiz durch die Nachmittagssonne, deren Glanz die Leuchtkraft jeder Farbe steigert, erhöht ward. Die Wanderung am Ufer war angenehm zu dieser Stunde; denn breitästige Sykomoren und die fächerreichen Kronen alter Palmenbäume beschatteten den Weg. Die Hitze des Tages hatte sich gelegt, und die leichte Brise, die immer noch von der See her wehte, kühlte die Stirn. Es gab weder starkes Gedränge noch störenden Staub auf der wohlbesprengten Straße, und doch hatte Melissa, trotz des unerwartet glücklichen Gelingens ihres kühnen Vorhabens, das heitere Aussehen verloren, und Andreas ging wortkarg und unfroh neben ihr her. Sie verstand ihn nicht; denn seit sie denken konnte, hatte ihm alles den ernsten Blick erhellt, was der Mutter oder ihr zur Freude gereichte. Ihr Erfolg bei dem Römer sollte doch auch dem Diodor zu gute kommen, der dem Freigelassenen so lieb war. Bisweilen bemerkte sie, daß sein Blick mit stillem Bedauern auf ihr ruhte, und wenn sie ihn dann fragte, ob es die Sorge um den Verwundeten sei, die ihn bedrücke, gab er, entgegen seiner entschiedenen Weise, ausweichende Antworten, die ihre Unruhe vermehrten. Endlich begann sein abweisend wortkarges Wesen die sonst so Geduldige zu verdrießen, und sie gab es ihm zu erkennen; denn sie ahnte nicht, eine wie peinliche Wirkung ihre Freude an der raschen That auf den wahrheitsliebenden Freund machte. Er wußte, daß sie nicht mit dem großen Galenus, sondern nur mit dem reichen Serenus Sammonicus geredet hatte; denn das geistvolle Denkergesicht des größten Arztes seiner Zeit war ihm durch Denkmünzen, Bildsäulen und Büsten wohl bekannt; den Sammonicus aber hatte man ihm in Antiochia gezeigt, und dabei seines in Versen geschriebenen medizinischen Werkes geringschätzig gedacht. Wie wertlos erschien ihm die Hilfe dieses Mannes! Trotz seiner Zusage mußte Diodor in das Serapeum geschafft werden, doch brachte Andreas es nicht über das Herz, die Hoffnung des Lieblings zu vernichten. – Wohl kannte er sie längst als ein beharrliches, pflichttreues Kind; heute aber hatte er erfahren, mit wie rücksichtsloser Festigkeit sie ein Vorhaben durchzusetzen verstand, und so mußte er befürchten, sie werde, wenn er ihr die Augen öffnete, jedem Hindernis zum Trotz in das Quartier des Kaisers dringen und den rechten Galenus um Beistand bitten. Es galt, sie in ihrem Irrtum zu lassen; doch das widerstand ihm; denn in keiner Kunst war er weniger geübt als in der der Verstellung. Wie sauer fiel es ihm, die rechte Antwort zu finden, wenn sie ihn fragte, ob er nicht auch das Beste von dem Eingriff des großen Arztes erwarte, oder wenn sie zu wissen begehrte, welchen Werken Galenus seine Berühmtheit verdanke. Als sie schon der Landungsbrücke der Fähre nahe gekommen waren, wünschte sie zu wissen, für wie alt er den Heilkünstler wohl halte, und wieder wich er ihr aus. Galen war ein Achtziger, und Serenus hatte die Siebenzig kaum überschritten. Da schaute sie ihn mit den großen Augen traurig an und rief: »Hab' ich Dich vorhin gekränkt, oder verheimlichst Du mir etwas?« »Was könntest Du mir zugefügt haben?« lautete die Antwort. »Das Leben ist sorgenvoll, Kind. Du mußt Geduld üben lernen.« »Geduld üben?« wiederholte sie wehmütig. »Das ist die einzige Wissenschaft, worin ich es zu etwas brachte. Wenn der Vater eine Woche lang noch mürrischer ist als Du jetzt, ich bemerke es kaum. Doch wenn Du, Andreas, so dreinschaust, dann geschieht es nicht ohne Grund, und das ist es, was mich besorgt macht.« »Wir haben einen Kranken, Kind, den wir lieben,« beschwichtigte er sie freundlich; sie aber ließ sich nicht irre machen und rief gewiß ihrer Sache: »Nein, nein, das ist es nicht! Was haben wir denn Neues über Diodor erfahren, und wie willig gabst Du mir noch Antwort, als wir ihn und das Christenhaus verließen. Nichts als Gutes ist uns seitdem begegnet, und doch stehst Du aus, als wären Dir Heuschrecken in die Gärten gefallen.« Jetzt waren sie an eine Stelle des Ufers gelangt, wo man ein Schiff entleerte, das behauene Granitquadern aus Syene nach Alexandria brachte. Schwarze und braune Sklaven schleppten die Werkstücke ans Land. Ein blinder Alter entlockte dabei einer kleinen Rohrflöte ein klägliches Lied, das sie aufmuntern sollte, zwei hellfarbigere Männer aber, denen die Last zu schwer geworden war und den Pfeiler, dessen Spitze sie trugen, zu Boden sinken ließen, wurden von dem Vogte mit unbarmherzigen Schlägen angetrieben, das Unmögliche zum andernmal zu versuchen. Die Blicke des Freigelassenen waren diesem Vorgang gefolgt. Schnell auflodernder Zorn hatte ihm die Wangen gerötet, und von einer großen und wahren Bewegung ergriffen, brach er in den Ruf aus: »Da siehst Du die Heuschrecken, die mir die Pflanzen verderben, den Hagel, der mir die Saat zerschlägt. Er trifft alles, was Mensch heißt, und darum auch mich und Dich. Glücklich, Mädchen, wird keiner werden unter uns, die wir uns selbst schänden, bis das Reich kommt, wofür die Zeit sich erfüllet.« »Aber sie ließen den Pfeiler fallen; ich hab' es gesehen,« versetzte Melissa. »Hast Du?« fragte Andreas. »Ja, ja, die Peitsche sollte die gebrochene Kraft nur beleben. So siehst Du das schnödeste Unrecht an! Du, die keinen Wurm mit den zarten Fingern zerdrückt, Du findest es recht so!« Da kam es Melissa in den Sinn, daß Andreas selbst einmal ein Sklave gewesen, und die Ueberzeugung, ihm wehe gethan zu haben, schnitt ihr ins Herz. Streng und ernst hatte sie ihn oft reden hören, nie aber höhnisch wie eben, und auch das that ihr weh, und weil sie das rechte Wort nicht fand, das begangene Unrecht zu entschuldigen, schaute sie ihn nur mit feuchten Augen bittend an und sagte leise: »Vergib mir.« »Ich habe Dir nichts zu vergeben,« erwiderte er in verändertem Tone, »Du bist unter den Ungerechten groß geworden, denen jetzt die Herrschaft gehört. Wie solltest Du heller sehen als sie, die alle im Dunkeln wandeln. Aber wird das Licht Dir von einem gezeigt, dem es offenbart ward, laß es nicht gleich wieder verlöschen. Kannst Du es Dir nicht schön denken, statt unter Bedrückern und gepeitschten Bedrückten unter lauter Brüdern und Schwestern zu leben? Oder gibt es in der Seele des Weibes keinen Platz für den heiligen Zorn, der Mose den Hebräer erfaßte? Doch wer hätte Dir auch nur den Namen dieses Großen genannt?« Hier schickte Melissa sich an, den eifernden Mann zu unterbrechen; denn es war ihr in der Stadt, unter deren Bürgern und Sklaven sich so viele Juden befanden, wohl zu Ohren gekommen, daß Mose ihr Gesetzgeber gewesen, er aber schnitt ihr mit dem Rufe das Wort ab: »Dies eine, Kind – da ist schon die Fähre – nimm es mit nach Haus von dieser Wanderung: Die schwersten Uebel, die der Mensch über den Menschen verhängt, sie entstammen der Selbstsucht, und unter dem Guten entsteht das Beste, wo einer es über sich gewinnt, sich selbst zu vergessen, um das Glück und Wohlsein anderer zu fördern.« Hier hielt er inne; denn die Fähre stand zum Aufbruch bereit, und es galt, sie schnell zu besteigen. Das große, flache Fahrzeug war beinahe leer; denn noch hielt der Einzug des Kaisers viele in der Stadt zurück, und mehr als eine leere Bank bot dem ermüdeten Mädchen Platz zum Ausruhen. Andreas ging ruhelos auf und nieder; als Melissa ihm aber winkte, trat er ihr näher und nahm, an das kleine Kajütenhaus gelehnt, ihre Versicherung hin, sein Verlangen, die Sklaven zu freien Menschen zu machen, jetzt wohl zu begreifen. Wenn einer, so müsse er ja wissen, wie es diesen Unglücklichen zu Mut sei. »Ob ich es weiß!« entgegnete er und nickte mit dem Haupte. Dann warf er einen kurzen Blick auf die wenigen, die sich am hinteren Ende des langen Fahrzeuges niedergelassen hatten, und fuhr wehmütig fort: »Um das nachzuempfinden, muß man selbst mit dem Zeichen der Schmach gebrandmarkt worden sein.« Dabei wies er auf den Oberarm, den der lange Aermel der Tunica bedeckte, und Melissa rief schmerzlich überrascht: »Aber Du wurdest doch in Freiheit geboren! Von unseren Sklaven trägt keiner ein Mal. Doch Du bist syrischen Piraten in die Hände gefallen?« Da nickte er bejahend und versetzte: »Ich und mein Vater.« »Und der,« fügte das Mädchen eifrig hinzu, »war ein großer Herr.« »Bevor ihn sein Schicksal ereilte,« fiel ihr Andreas ins Wort. »Aber,« frug Melissa, und ihr feuchter Blick verriet die warme Teilnahme, die sie erfüllte, »aber wie konnte es geschehen, daß ihr nicht von euren Angehörigen losgekauft wurdet? Dein Vater war doch sicherlich auch römischer Bürger, und das Gesetz . . .« »Es verbietet,« unterbrach sie der Freigelassene, »einen solchen in die Sklaverei zu verkaufen, und doch ließen die zu Rom ihn im Elend, ließ . . .« Da flammten ihre großen, stillen Augen in kräftiger Entrüstung auf, und erregt bis ins Innerste rief sie: »Wie war aber solche schreckliche Ungerechtigkeit möglich? O, laß es mich hören. Du weißt, wie gut ich Dir bin, und es vernimmt Dich hier niemand.« Die Brise hatte sich stärker erhoben, die Wogen des großen Landsees schlugen laut plätschernd an den Bord des breiten Fahrzeuges, und das Ruderlied der Sklaven im Schiffsraum hätte auch eine lautere Rede übertönt als die des Freigelassenen, der sich neben ihr niederließ, um ihr den Willen zu thun. Und was er zu berichten hatte, klang traurig genug. Sein Vater hatte dem Stande der Ritter angehört und unter Mare Aurel dem hochbegabten Statthalter von Asien, Avidius Cassius, seinem Landsmann, als Prokurator des gesamten Schriftwesens Procurator ab epistolis. gedient. In diesem hohen Amte war er in die Verschwörung des Avidius gegen den Kaiser verstrickt worden. Nach der Ermordung seines Gönners, den die Truppen schon zum Cäsar ausgerufen hatten, war der Vater des Andreas seiner Aemter und Würden, sowie des Bürgerrechtes entkleidet worden; man hatte seine Güter eingezogen und ihn auf die Insel Anaphe verbannt. Nur der Milde des Kaisers verdankte er das Leben. Auf der Fahrt ins Exil fielen Vater und Sohn syrischen Seeräubern in die Hände und wurden in Alexandria auf dem Sklavenmarkt an verschiedene Herren verkauft. Andreas kam zu einem Herbergewirt, der frühere Prokurator, der als Sklave den Namen Smaragdus erhielt, in den Dienst des Vaters des Polybius, und dieser würdige Mann lernte den neuen Diener bald so hoch schätzen, daß er den Sohn ankaufte und ihn dem Vater zurückgab. So waren denn beide wieder vereint. Alle Versuche des einst so hochgestellten Mannes, durch einen Senatsbeschluß aus der Sklaverei erlöst zu werden, blieben vergebens, und mit gebrochenem Lebensmut und hinsiechendem Körper erfüllte er die Pflichten gegen seinen Herrn und das einzige Kind. In brennendem Weh verzehrte er sich, bis er im Christentume neue Glückseligkeit und das wiederfand, was ihn an den Rand der Verzweiflung getrieben: die verlorene Hoffnung, und als Sklave die höchste aller Würden, diejenige, welche dem Christen sein Glaube verleiht. Hier unterbrach Melissa den Bericht des Freundes, dem sie tief ergriffen gefolgt war, indem sie mit dem Finger auf den See wies und ausrief: »Da – da – Sieh jetzt dorthin! In dem Kahne drüben – Gewiß! Es ist Alexander! Und er fährt auf die Stadt zu.« Da fuhr Andreas auf, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß sie recht gesehen, und der Jüngling die winkende Schwester auch erkannt habe, stieß er aufbrausend hervor: »Der Unsinnige!« Dabei gebot er dem leichtsinnigen Künstler mit wohlverständlichen, gebieterischen Gesten, den Nachen zu wenden und dem Fährboot zu folgen, das schon in die Nähe des Ufers gelangt war. Doch Alexander schwenkte abweisend den Arm und griff dann, nachdem er Melissa in heiterer Laune eine Kußhand zugeworfen hatte, wieder nach den Rudern, um sie so schnell und kräftig zu regen, als gelte es, bei einer Wettfahrt zu siegen. Wie der Kiel seines Nachens die leicht gekräuselten, schaumigen Wellen, die ihn hoben und senkten, so schnell und stetig durchschnitt! An Kraft fehlte es dem übermütigen Gesellen gewiß nicht, und es wurde denen, die ihm vom Fährboot unwillig nachschauten, auch sehr bald deutlich, daß er einen anderen, größeren Nachen zu erreichen strebe, der ihm ein gutes Stück voraus war. Einige Sklaven ruderten denselben mit starken Armen schnell genug vorwärts, und unter dem leinenen Schutzdache, das seine Mitte überspannte, saßen zwei weibliche Wesen. Der Abglanz der Sonne, deren glühende Scheibe eben hinter dem Palmenhain im Westen des Sees verschwand, schmückte den Himmel mit rubinfarbigem Licht und hauchte über die weißen Gewänder der Frauen, die helle Baldachindecke zu ihren Häupten und die ganze Fläche des Sees einen rosenfarbigen Schimmer. Aber weder Andreas noch sein Schützling achteten dieser schönen Abschiedsgrüße des scheidenden Lichtes. Melissa wies den Gefährten auf das wunderliche Gewand des Bruders mit der Kapuze, deren helle Spitze das Abendlicht wie mit goldenen Borden umsäumte. Er trug jenen gallischen Umwurf, der den Spitznamen Caracalla an den Kaiser geheftet, und in dieser Vermummung lag etwas Beruhigendes; denn zog Alexander die Kapuze tiefer herunter, so verbarg sie den größten Teil seines Gesichtes und machte ihn den Verfolgern unkenntlich. Woher er dies Kleidungsstück habe, war leicht zu erraten; denn kaiserliche Diener hatten ganze Stöße davon unter die Menge verteilt. Der Cäsar wünschte es in Mode zu bringen, und nun durfte er erwarten, die Alexandriner, welche die Hände darnach ausgestreckt hatten, morgen in der »Caracalla« zu sehen, deren Benutzung ihnen kein Befehl hätte aufzwingen können. Mochte Alexander es tragen, wenn es ihn nur den Blicken des Zminis und seiner Häscher entzog. Doch wer waren die Frauen, denen er folgte? Bevor Melissa diese Frage stellen konnte, wies Andreas auf den vorderen Kahn und rief: »Es sind Christinnen, und das Fahrzeug, dessen sie sich bedienen, gehört dem Zeno, dem Bruder des Seleucus und des Oberpriesters des Serapis. Da ist sein Hafen. Er bewohnt mit den Seinen und den leidenden Glaubensgenossen, die er aufnimmt, das lange weiße Haus, das dort aus dem Palmenhain hervorlugt. Auch die Weinberge drüben sind sein. Irre ich nicht, so ist eines der Weiber dort im Kahne seine Tochter Agathe.« »Aber was kann Alexander von der Christin wollen?« fragte Melissa. Da fuhr Andreas auf, und eine Ader auf der breiten Stirn schwoll ihm, wie er unwillig versetzte: »Was er nicht sollte! Er und seinesgleichen, die Blinden, halten das für das Höchste, was die Augen mit Wohlgefallen sättigt. Da verlischt der Glanz, der eben noch den See und seine Ufer bestrahlte und mit Gold überzog. So ist das Schöne! Eitler Schein, der nur schimmert, um zu vergehen, und doch für die Thoren die anbetungswürdigste Gottheit.« »So ist die Tochter des Zeno schön?« fragte das Mädchen. »Man sagt es,« entgegnete der andere, und nach kurzem Besinnen fügte er hinzu. »Ja! Agathe ist eine selten wohlgebildete Jungfrau; doch ich weiß Besseres von ihr. Es regt mir die Galle auf, auch ihre heilige Reinheit unlautere Wünsche erwecken zu sehen. Dein Bruder ist mir lieb. Schon um seiner Mutter willen vergab ich ihm viel, doch wenn er sich unterfängt, auch der Agathe Netze zu stellen – –« »Unbesorgt!« fiel Melissa dem eifernden Mann ins Wort. »Alexander ist ja ein Schmetterling, der von einer Blume zur andern flattert und es auch mit ernsten Dingen oft leicht nimmt; doch jetzt fesselt ihn ein Traumbild: das Andenken an eine Verstorbene, und gestern nacht ist er, denk' ich, mit der Tochter unseres Nachbars Skopas, der hübschen Ino, einig geworden. Das Schöne ist ihm freilich das Höchste, und wie könnt' es auch anders sein; er ist ja ein Künstler! Um seinetwillen setzt er sich jeder Gefahr aus. Hast Du recht gesehen, so folgt er der Tochter des Zeno. Doch er thut es vielleicht nicht, um ihr nachzustellen, sondern aus anderen Gründen.« »Aus löblichen gewiß nicht,« fiel ihr der Freigelassene ins Wort. »Da sind wir. Nimm das Tuch aus dem Korbe des Sklaven. Nach Sonnenuntergang wird es feucht und kühl hier; – besonders da drüben, wo ich den Sumpf jetzt entwässere. Das Land, das wir dadurch gewinnen, bringt Deinem künftigen Gatten einmal schöne Erträge.« Damit stiegen sie ans Land, und bald kamen sie an den kleinen Hafen, der zum Gute des Polybius gehörte. Es lagen dort große und kleinere Boote, und Andreas rief den Wächter an, der in dem einen sein Abendbrot verzehrte, und fragte, ob er für den Alexander den grünen Nachen von der Kette gelöst. Da kicherte der Graubart leise auf und versetzte: »Der lustige Maler und der Bildhauer sind der Tochter des Zeno begegnet, wie sie eben mit der Mariamne in den Kahn stieg. Darauf kamen sie wie toll hieher gerannt. Das Mädchen muß es ihnen angethan haben. Der Herr Alexander meinte gar, sie wären dem Geist einer Verstorbenen begegnet. Das Leben würde ihm nicht zu teuer sein, um sie noch einmal wiederzusehen.« Es war dunkel geworden, sonst hätte Melissa der drohende Ernst erschreckt, womit Andreas dem Sklaven gefolgt war. aber auch ihr ging das Geschehene nah; denn sie kannte den Bruder und wußte, daß er keine Gefahr scheue, wenn ihm, was es auch sei, die Künstlerseele entflammte. Er, den sie in Sicherheit geglaubt, ging den Häschern freiwillig entgegen, und wohin gerieten bei ihm Ueberlegung und Vorsicht, wenn die Leidenschaft ihn beherrschte! Andreas hatte Grund, dem Jünglinge zu zürnen, und er schwieg auch, bis sie mit ihm das Ziel ihrer Wanderung, ein schönes Landhaus von stattlicher Größe, erreichte. Herzlicher als der alte Polybius konnte kein Vater die künftige Tochter empfangen. In seinen großen Zehen hämmerte der Dämon der Gicht, stach, brannte und kniff ihn. Jede leise Bewegung bereitete ihm Schmerzen, und doch streckte er ihr die Arme zärtlich entgegen, und ob er dabei auch die Augen schließen, stöhnen und ächzen mußte, zog er ihr hübsches Haupt doch zu sich nieder und küßte ihr Wangen und Scheitel. Er war ein schwer beweglicher Herr von beinah unförmiger Leibesfülle, und doch mußte er in der Jugend dem schönen Sohne geglichen haben. Sein wohlgeformtes Haupt umwallten silberweiße Locken, doch der starke Weingenuß, den er trotz der Gicht schon längst nicht mehr entbehren konnte, hatte sein edel geschnittenes Antlitz aufgeschwemmt und es mit so derbem Kupferrot überzogen, daß es sonderbar von den schneeigen Haupt- und Barthaaren abstach. Herzensgüte, Wohlwollen und heitere Lebenslust sprachen indes aus jedem seiner Züge. Die Bewegungen seiner schweren Glieder waren langsam geworden, und wenn übervolle Lippen es je verdient hatten, sinnlich genannt zu werden, so waren es die dieses Mannes, der zu den Priestern zweier Gottheiten gehörte. Wie gut man es im Hause des Polybius verstand, seiner Neigung für Wohlleben Rechnung zu tragen, bewies das Mahl, das bald nach Melissas Ankunft aufgetragen wurde, und bei dem sie sich auf die Polster neben dem alten Herrn niederlassen mußte. Auch Andreas nahm daran teil, und wie die aufwartende Sklavenschar, so erwies ihm auch Frau Praxilla, die Schwester des Wirtes, die dem Hauswesen des Bruders wie dem eigenen vorstand, besondere Ehre. Sie war eine kinderlose Witwe und sorgte mit gleicher Hingabe für die Pflege, die Küche und den Keller des Polybius. Was sonst im Hause vorging, kümmerte sie wenig. Es lag bei dem Bruder und dem Andreas in guten Händen. Ueber die Wahl des Diodor hatte sie sich gefreut; denn sie war dem Mädchen gut und wußte, daß niemand wagen würde, an die Schlüssel zu rühren, die ihr anvertraut waren. Das Mahl nahm seinen Fortgang. Polybius ließ sich Speise und Trank, trotz der Gicht und der Mahnungen der Schwester, vortrefflich munden und lauschte dabei dem Andreas und dem Mädchen, während sie abwechselnd erzählten, wie es dem Diodor ergehe und was Melissa für ihn gewagt. So hatte er sich die künftige Tochter gewünscht, und er gab es in seiner frohen und warmen Weise laut zu erkennen. Dann ging das Gespräch auf anderes und endlich auch auf Geschäftliches über. Als aber Praxilla zuletzt der Hochzeit und was es dafür alles vorzubereiten gelte, gedachte, warf der alte Herr einen munteren Blick auf die Erwählte des Sohnes. Doch er erschrak über ihr Aussehen. Wie blaß war das Kind, wie schlaff und müde sein liebes Gesicht mit den sonst so wachen, vielsagenden Augen. Es hätte des feinen Mitempfindens seines guten Herzens nicht bedurft, um ihn zu lehren, daß sie aufs äußerste erschöpft sei, und so forderte er die Schwester auf, sie zur Ruhe zu bringen. Doch die Jungfrau war fest entschlafen, und noch wollte Praxilla sie nicht wecken. Behutsam schob sie ihr ein Kissen unter den Kopf, zog ihre Füße weiter auf das Polster und bedeckte sie mit einem Tuche. Polybius weidete sich an dem lieblichen Anblicke der Schläferin, und es ließ sich auch nichts Zarteres und Reineres denken als ihr Antlitz im traumlosen Schlummer. Das weitere Gespräch wurde um Melissas willen mit gedämpften Stimmen geführt, und Andreas ergänzte leise seinen ersten Bericht durch die Mitteilung, daß Melissa irrtümlich statt des großen Galenus einen andern in der Arzneikunde bewanderten Römer von geringer Bedeutung gewonnen habe, um dem Diodor Beistand zu leisten. Es müsse darum bei dem Transport des Verwundeten in das Serapeum bleiben, und zwar werde man ihn in aller Frühe, bevor das Volk wieder das Heiligtum belagere, vorzunehmen haben. Bald breche er auf, um die Uebersiedlung zu leiten. Damit verabschiedete sich der Freigelassene, und nun war es an Praxilla, die Sklaven zu leiten, die den Bruder in das Schlafzimmer trugen. Die alte Schaffnerin erhielt den Auftrag, Melissa zur Ruhe zu bringen. Sie war die Amme des Diodor gewesen, und die Nachricht, daß er und die Tochter des Heron ein Paar werden sollten, hatte sie innig erfreut. Sie war ihrer Mutter so gut gewesen, und eine Schönere und Bessere hätte ihr Junge in ganz Alexandria nicht gefunden. Während des Abräumens der Speisen war sie dem Gespräche offenen Ohres gefolgt. Als sie nun dem Mädchen voranleuchtete, blieb sie plötzlich stehen und frug an, ob sie nicht bei Frau Praxilla ein gutes Wort für sie einlegen solle. Diodor werde von den Christen gewiß nicht gepflegt, wie er es gewohnt sei, und sie würde sich nichts Lieberes wissen, als ihm Beistand zu leisten, wenn man ihn zu dem großen Arzte, den sie mit einem andere verwechselt habe, in das Serapeum trüge. Da erschrak Melissa, und bald hatte sie von der Schaffnerin erfahren, was sie aus dem Munde des Andreas vernommen. Jetzt wußte das Mädchen plötzlich, warum der Freigelassene sich nicht mit ihr gefreut, und zugleich sagte sie sich, daß es vor allen anderen ihre Pflicht sei, bei der Ueberführung des Geliebten in das Heiligtum hilfreiche Hand zu leisten. Andreas hatte sich schon entfernt, und als Melissa die Schaffnerin frug, ob sie bereit sei, sie trotz der späten Stunde zu Diodor zu begleiten, wurden jener die Augen feucht vor dankbarer Freude. Sobald Praxilla von dem Bruder zurückkehrte, eröffnete Melissa ihr, was sie beschlossen. Da wollte die Witwe anfänglich diesen Gang untersagen; bald aber gab sie nach; denn das Mädchen sah aus, als werde es auch gegen ihr Verbot auf dem eigenen Willen bestehen. Es that auch nicht gut, mit einer Braut gleich am Einzugstage in das Haus des künftigen Gatten in Streit zu geraten, und im Grunde war Melissa im Rechte. Auch sie hätte es nicht über sich gebracht, den Bruder, in dem sich für sie alles verkörperte, was sie liebte, ohne ihren Beistand solcher Gefahr aussetzen zu sehen. Zehntes Kapitel. Der nubische Hafenwächter hatte die Frauen mit seinem Gehilfen schnell über den See geführt. Jetzt bog Melissa mit der Schaffnerin von der Uferstraße aus in eine Gasse ein, die zu derjenigen führen mußte, in der das Christenhaus lag. Doch schon während sie ihr folgte, erwachten Zweifel in ihr, ob sie den rechten Weg gefunden habe. Als aber die nächste Straße bei einem Tempelchen mündete, das sie sicher noch nie gesehen hatte, wußte sie sich keinen Rat mehr; denn die kleineren und größeren Gassen lagen hier in labyrinthischem Gewirr durcheinander, und sie mußte bald der Begleiterin gestehen, die Richtung verloren zu haben. Heute morgen hatte sie sich auf die Ortskunde des Andreas verlassen und, in lebendigem Gespräche mit ihm, auf nichts anderes geachtet. Was war zu thun? Nachdenklich blieb sie stehen, und dabei kam ihr die Stelle in den Sinn, an der sie dem Einzuge des Kaisers zugeschaut hatte, und diese getraute sie sich ebensowohl wieder zu erkennen, wie von ihr aus den Weg in die gesuchte Gasse zu finden. Die Straße des Hermes war schnell zu erreichen; denn man hörte schon den Lärm der Nachtschwärmer, die sich auf dieser belebten Verkehrsader heute noch zahlreicher als sonst hin und her bewegten. Ihr galt es jetzt bis an das Tempelchen der Aphrodite zu folgen, und das war ein Wagnis; denn die Menschenmenge, die sich zu dieser Stunde dort herum trieb, konnte zwei einsamen Frauen leicht lästig fallen. Aber die Schaffnerin war ein derbes, entschlossenes Weib im Anfang der sechziger Jahre, und Melissa fürchtete sich vor keiner Gefahr und meinte sich genügend geschützt, wenn sie mit Hilfe des Kopftuches das Antlitz den Blicken der Nachtwandler entzog. Während sie sich klopfenden Herzens und doch entschlossen, um jeden Preis das gesuchte Haus zu finden, der Hermesstraße näherte, hörte sie in einer Nebengasse menschliche Stimmen, doch achtete sie ihrer kaum; denn wie hätte sie ahnen können, daß, was sie sagten, sie selbst nahe genug anging. Das Gespräch wurde vor dem Thor eines großen Hauses zwischen einer Frau und einem Manne im weißen Gewand eines christlichen Priesters geführt; im Schatten eines Vorbaues des gegenüberliegenden Gebäudes aber stand ein Jüngling, dessen Lockenhaupt die Kapuze einer langen Caracalla bedeckte, und lauschte, dicht an die Mauer gedrückt mit verhaltenem Atem. Alexander, der Maler, war der Horcher. Er stand hier schon lange und wartete auf die Rückkehr der schönen Christin Agathe, der er über den See gefolgt und die unter Führung einer christlichen Diakonissin in dem großen Hause verschwunden war. Bald nachdem sich das Thor hinter ihr geschlossen, waren ihr mehrere Männer gefolgt, die er im Dunkel der schmalen Gasse – denn der Mond stand noch niedrig – nicht zu erkennen vermochte. Es war ja Thorheit, doch den einen hatte er anfänglich für den Vater gehalten; denn seine tiefe, laute Stimme glich aufs Haar der des Alten, und noch merkwürdiger war es, daß die Antwort, die der zweite Mann jenem erteilte, aus dem Munde seines Bruders Philipp zu kommen schien. Aber beide konnten zu so später Stunde eher auf dem fernen Aetna sein als in diesem Viertel der Stadt. Das Warten dauerte dem ungeduldigen Künstler lange genug, und während er auf der Eselkrippe saß, die vor der Thür des nächsten Hauses stand, übermannte ihn der Schlaf. Nach der letzten durchwachten Nacht durfte er wohl müde sein, und als er die Augen wieder aufschlug und in die Gasse schaute, die jetzt der Mondschein erhellte, wußte er nicht, wie lang er geschlummert. Vielleicht war die Erwartete schon aus dem Hause getreten, und doch mußte er sie um jeden Preis wiedersehen; denn sie glich der verstorbenen Korinna, die er gemalt, so wunderbar, daß er sich des Gedankens nicht erwehren konnte, vielleicht – und nach der Rede des Magiers Serapion wäre das ja möglich gewesen – der abgeschiedenen Seele der entschlafenen Jungfrau begegnet zu sein. Es hatte ihn Mühe gekostet, den Glaukias, mit dem er über den See gefahren war, zu bestimmen, ihm allein die Verfolgung dieses selten schönen Geschöpfes zu überlassen, und wahrscheinlich wäre sein Bitten vergeblich gewesen, wenn es den Bildhauer nicht gereizt hätte, sein letztes Werk, das sein Sklave ihm nachtrug, den Freunden im »Elefanten« zu zeigen. Es waren Spottbilder des Kaisers, den er vor dem kanopischen Thore gesehen, und die es ihm vorhin im Hause des Polybius mit wenigen glücklichen Griffen zu modelliren gelungen. Nachdem Alexander erwacht war, stellte er sich in den Schatten des Vorbaus, der dem Hause gegenüber lag, welches das schöne Ebenbild Korinnas aufgenommen hatte, und von nun an brauchte er nicht mehr lange auf Zerstreuung zu warten; denn aus dem hohen weißen Gebäude trat ein Mann und schaute in die Gasse hinaus. Das Mondlicht gestattete dem Künstler, jenen und alles, was sich später begab, zu erkennen. Der schlank gewachsene Bursche an der Thür trug das Gewand eines christlichen Priesters, doch schien er Alexander zu jung für diese Stellung. Auch sollte er bald erkennen, daß der andere nicht war, was er schien, und daß er etwas Betrügerisches im Sinne trug; denn als diejenige zu ihm gestoßen war, auf die er gewartet haben mochte, tadelte sie ihn wegen seiner Unvorsichtigkeit; er aber versetzte munter, daß es ihm zu heiß in der Verkleidung geworden. Dann holte er einen falschen Bart hervor und wies ihn der Frau, welche eine christliche Diakonissin zu sein schien, mit dem Rufe: »Das wird genügen!« In schneller Rede, von der dem Horcher manches Wort entging, berichtete er sodann, Serapion habe heute viel gewagt und die Vorstellung ein häßliches Ende genommen; denn die Christin, die er so fein über den See gelockt, sei ängstlich geworden und habe zu wissen begehrt, wo sie sich befinde. Da schrak die Diakonissin zusammen und bestürmte den Burschen mit leisen Fragen; er aber schob die Schuld auf den Philosophen, den der Meister gestern gefangen. Wie das Weib dann Näheres über das Vorgefallene zu wissen begehrte, erstattete er einen kurzen Bericht. Es war derselbe Kastor, der in der Wohnung des Serapion heute morgen ein Rad geschlagen hatte, und dessen Geschicklichkeit dort so warm gelobt worden war. Die schöne Agathe, begann er, habe sich, nachdem er sie am Mittag im Namen des Patriarchen Demetrius zu einer Versammlung geladen, gegen Sonnenuntergang am Fährhause eingefunden. Es sei ihr mitgeteilt worden, es solle den christlichen Jungfrauen mancherlei eröffnet werden, das keinen Aufschub dulde, besonders aber wolle man beraten, was der Forderung des Präfekten gegenüber, sich an einem Aufzug zu Ehren des Kaisers zu beteiligen, zu thun sei. Beim Fährhause habe die alte Dorothea das Mädchen in Empfang genommen und hieher geführt. Die Frau, die das Mädchen von drüben her begleitet, sei schwerlich die klügste gewesen; denn Dorothea habe sie leicht bestimmt, ihr während der Versammlung in ihre Wohnung zu folgen. »Dort,« fuhr der Verkleidete eilig fort, »wird die Wärterin des Mädchens wohl etwas Berauschendes mit dem Wein oder Fruchtsaft zu sich genommen haben, und sie schläft jetzt im Fährhaus oder wohin Dorothea sie sonst im Taumel führte; denn bei ihr durfte die Frau nicht erwachen. »So war alles bestens aus dem Wege geschafft, was unbequem werden konnte, und nachdem der Syrer der schönen Agathe im Gewand eines christlichen Presbyters mitgeteilt hatte, was der Patriarch den Jungfrauen gebiete, führte ich sie zu der Bühne, auf der die Zuschauer die Geister durch das Fensterchen erblicken. »Der Syrer hatte ihr geboten, so und so viele Gebete für die durch den Kaiser gefährdete Gemeinde zu sprechen, und – goldene Aphrodite! – wie gehorsam betrug sich das Schäfchen. Auf den Knieen und mit hoch erhobenen Armen und Augen flehte sie zu ihrem Gotte. Aber da . . . Hörst Du nichts? Es regt sich im Hause, und ich . . . Doch ich bin gleich am Ende. »Sie sollte also dem Philosophen erscheinen, und wie der eine Weile wie verzückt durch das Fensterchen auf sie hingeschaut hat, ruft er plötzlich: ›Korinna!‹ und wieder ›Korinna!‹ und dazu allerlei unsinniges Zeug, obgleich ihm Serapion streng verboten hatte, auch nur einen Laut von sich zu geben. Natürlich ward das Fenster sogleich mit dem Vorhang verschlossen; Agathe hatte aber das Rufen gehört, und wie sie nun angstvoll zu wissen begehrte, wo sie sei und nach Hause verlangte, – da war Serapion wieder einmal groß. Du hättest mit anhören sollen, wie der Fuchs die Taube zu beschwichtigen wußte und mir zu gleicher Zeit zuraunte, was nun Deine Aufgabe ist.« »Die meine?« fragte das Weib verdrossen. »Wenn er denkt, ich setze um seines schönen Bartes willen meine Stellung in der Gemeinde aufs Spiel . . .« »Gemach,« fiel ihr Kastor beschwichtigend ins Wort. »Es handelt sich nicht um den Bart des Herrn, sondern um schwerere Dinge. Zehn vollwichtige Solidi verspricht er, wenn Du die Agathe mit zu Dir nimmst oder über den See führst und Dir das Ansehen gibst, als habest Du sie vor Mysten oder Zauberern errettet, die sie zu irgend einem Zweck in ihre Mitte gelockt. Sie kennt Dich als christliche Diakonissin und folgt Dir gewiß. Wenn Du sie ihrem reichen Vater zurückgibst, gehst Du ebensowenig ganz leer aus. Sage ihm, Du habest ihre Stimme auf der Straße vernommen und ihr mit Hilfe eines wackern Greises – das bin ich – auf jede Gefahr hin Beistand geleistet. Fragt er nach dem Schauplatz Deiner Heldenthat, so bezeichne irgend ein Haus, nur nicht dies. Das Ganze schiebst Du wohl am besten dem Wunderthäter Hananja in die Schuhe, der es schon lang um uns verdient hat. Doch vorgeschrieben soll Dir nichts werden; denn Deiner Klugheit reicht die unsere doch nicht das Wasser.« »Schmeicheleien helfen mir nichts,« unterbrach ihn das Weib. »Wo ist das Gold?« Da reichte ihr Kastor die in Papyrus gewickelten Solidi und fuhr dann fort: »Nur noch einen Augenblick! Das weiße Gewand muß herunter. Die Kleine darf mich nicht wieder erkennen. Ich dringe mit Dir ins Haus, Du hast mich – einen alten, fremden Mann – auf der Straße gefunden und zu Hilfe gerufen. Verloren ist bei dem allen nichts als Dorotheas Ruf unter den Christen. Ja, wir werden sie aus der Stadt zu schaffen haben. Dich und die Agathe muß ich begleiten; denn es darf dem Mädchen unterwegs nichts Kränkendes widerfahren. Der Meister hat es dringend befohlen, und in dieser Nacht kommt so viel Schönheit nicht unangefochten durch die lebhafteren Straßen. Ich habe dabei natürlich auch die Deine im Sinne.« Hier lachte Kastor munter auf, ballte das weiße Gewand zusammen, und als Alexander aus dem Versteck auf ihn hinsah, schüttelte er erstaunt den Kopf; denn der betrügerische Gesell, der eben noch so jugendfrisch und aufrecht dagestanden hatte, bot in der gebückten Haltung, die er eingenommen, und dem langen weißen Barte, den er sich schnell an das Kinn befestigt hatte, das Ansehen eines müden, ärmlichen Greises. »Ich will Dich!« murmelte Alexander in seinem Versteck und erhob drohend die Faust gegen den Ränkeschmied, der mit der falschen Diakonissin ins Haus getreten war. Serapion war also ein Betrüger und der vermeinte Geist Korinnas eine christliche Jungfrau, die man schmählich hinterging. Aber er wollte sie bewachen und den lachenden Ränkeschmied zur Rechenschaft ziehen. Vor allem lag ihm daran, mit ihr in Verbindung zu bleiben. Das Glück seines Lebens, er fühlte es, hing davon ab. Die Götter hatten sie für ihn gleichsam vom Tode erweckt. In ihr sah er alles vereint, was ihm wert war. Ins Unbedeutende versank alles andere vor dem einen Wunsch, sie zu besitzen. Sie war in diesem Augenblick seine Welt, und was es außer ihr gab: die Häscher, die ihn bedrohten, der Vater, die Geschwister, die hübsche Ino, die er in der vergangenen Nacht treuer Liebe versichert, hatten aufgehört, für ihn zu sein. Ganz erfüllt von dem Verlangen nach ihr, verwandte er keinen Blick von der Thür ihm gegenüber, und als das Ebenbild Korinnas endlich mit der Diakonissin, die er Elisabeth nennen hörte, mit dem Kastor ins Freie getreten war, folgte Alexander dem ungleichen Kleeblatt, und er mußte die Füße heben; denn anfänglich gingen sie schnell und als fürchteten sie, eingeholt zu werden, in die nächste Gasse. Vorsichtig hielt er sich dicht an den beschatteten Häusern, und als sie endlich stehen blieben, that er das Gleiche. Die Diakonissin fragte jetzt die Jungfrau, wohin sie geführt zu werden wünsche. Wie sie aber verlangte, in ihrem Boote, das am Fährhause warte, heimzukehren, stellte die Diakonissin ihr vor, daß dies wegen der trunkenen Matrosen, die zu dieser Stunde das Ufer des Sees unsicher machten, nicht wohl angehe. Sie könne ihr darum nur raten, in ihrem Hause vorlieb zu nehmen, bis es wieder tage. Der freundliche Alte dort – und damit wies sie auf den Kastor – werde ihren Rudersklaven gewiß gern mitteilen, daß die Ihren wegen des Ausbleibens unbesorgt sein dürften. Beide Frauen standen bei diesem Gespräch im hellen Mondschein, und die blassen Strahlen des Gestirnes der Nacht, die das schöne, unverschleierte Antlitz Agathens streiften, verliehen ihm jene bleiche, leichenhafte Färbung, die Alexander auf dem Bildnis Korinnas wiederzugeben versucht hatte. Da durchschauerte ihn abermals der Gedanke, daß sie eine auferstandene Tote sei, die ihn sich nachziehe, vielleicht in die Gruft, die sie verlassen. Aber gleichviel! Hatten ihn auch die Sinne getäuscht bei allem, was er eben erlauscht, war das bleiche, unsagbar schöne Frauenbild dort eine Lamie, eine Empuse aus Hekates finsteren Reichen – wie zu einem Freudenfest sollte er ihr folgen, wohin sie begehrte, nur um in ihrer Nähe zu bleiben. Jetzt dankte Agathe der Diakonissin und schlug die Augen auf, um ihr ins Antlitz zu schauen, und das waren zwei große, dunkle, unter Thränen leuchtende Sterne, die eher allem andern glichen als jenen Augen, die ein Schreckgespenst sich selbst aus den Höhlen nimmt, um sie dem Verfolger wie Bälle oder Steine ins Antlitz zu schleudern. O, wenn diese Augen doch je so in die seinen schauen wollten, wie sie jetzt der trügerischen Frau warm und dankbar entgegen blickten! Mühsam kämpfte er an gegen das Verlangen, dem freventlichen Spiele, das Ruchlose mit der holdesten Unschuld trieben, jetzt schon ein Ende zu machen, doch es gelang ihm; denn die Gasse war menschenleer, und wenn es zwischen ihm und dem gebückten Greise dort, dessen kräftige und geschmeidige Glieder er vorhin wahrgenommen hatte, zum Kampfe kam und er, Alexander, würde von einem Messerstich des Schurken getroffen, – denn als Ringer fühlte er sich jedem gewachsen – dann war Agathe des Beschützers beraubt und ganz und gar in die Hand des Betrügers gegeben. Das durfte nicht sein, und er hielt an sich, auch da er den Wohllaut ihrer Stimme vernahm und mit ansehen mußte, wie sie dem vermeinten Alten dankbar die Hand drückte, er aber sich mit väterlich freundlichen Geberden herausnahm, ihr den Scheitel zu küssen und ihr dann half, das Kopftuch über das Haupt zu ziehen. Die Straße des Hermes, wo die Diakonissin wohnte, sagte er, sei belebt, und die Gottesgabe der Anmut, womit der Himmel sie gesegnet habe, werde dort ruchlose Sündenknechte anziehen, wie das Licht die Fledermäuse und Mücken. Wie salbungsvoll klang dabei die Stimme des Heuchlers, und wie ernst und fromm wußte die falsche Diakonissin zu reden. Jetzt erst sah er, daß sie eine Frau in mittleren Jahren war, und mit wachsender Entrüstung fragte er sich, ob man den Göttern, die solchem verbrecherischen Scheusal so sanfte, gewinnende Züge schenkten, nicht vorwerfen dürfe, den Redlichen damit Fallstricke zu legen? In der That war das Antlitz dieses Weibes ebenso wohlgeformt wie sanft und gewinnend. Alexander verwandte keinen Blick von Agathe, und sein Künstlerauge schwelgte im Anblick ihres elastischen Ganges und ihrer schlanken, wohlgebildeten Gestalt. Vor allem entzückte ihn die Art, wie sie das Haupt leicht nach vorn senkte, und so lang der Weg sie durch die stille Gasse führte, ward er nicht müde, sie mit lieblichen Dingen zu vergleichen: mit einer Mohnblume, deren Blüte den Stengel biegt, einer Weide, welche die Krone über das Wasser neigt, mit der pfeilfrohen Artemis, die, während sie im Mondenschein jagt, nach dem Wilde ausspäht. Unbemerkt und mühelos war er den Dreien so bis zur Straße des Hermes gefolgt; dort aber ward seine Aufgabe schwerer; denn die Wege wimmelten von Menschen. Zu fünf und sechs wandelten ältere Männer, die zu späten Zusammenkünften gingen oder von solchen zurückkehrten, in ernsten Gesprächen dahin, Priester und Tempeldiener kamen ermüdet von nächtlichen Weihen und Zeremonien; am zahlreichsten aber waren die Jünglinge und Männer, die bekränzt und unbekränzt, mehr oder weniger trunken eben noch gezecht hatten, und die leichten Dirnen, die nach Begleitern ausschauten, oder, von heiteren Bewerbern umgeben und verfolgt, hier anzulocken strebten, dort abwiesen, was ihnen mißfiel. Das Licht der Pechpfannen, das die Straße erhellte, spiegelte sich hier in begehrlich blitzenden, von Leidenschaft und Rausch glühenden Augen, dort im Waffenschmuck römischer Krieger. Die meisten gehörten zum Gefolge des Kaisers. Wie im Felde suchten sie auch im Frieden der Stadt den Sieg zu ertrotzen, und mancher Grieche überließ den wohlbegründeten Anspruch auf eine Schöne murrend, doch widerstandslos einem Tribun oder Centurio. Wo der Alexandriner höflich auswich, brachen sie sich Bahn oder stießen im sicheren Gefühle, die bevorzugten Stützen des Kaisers und in seiner Nähe unverletzbar zu sein, was ihnen im Wege stand, zur Seite. Laut und rauh erschütterten ihre barbarischen Stimmen die Luft und brachten die Gespräche und Scherze der Griechen zum Schweigen, die selbst im Rausche und in ausgelassener Freude die Feinheit ihres Wesens bewahrten. Dafür begegnete den Kriegern nur selten ein freundlicher Blick aus dem Auge eines Alexandriners; den Mädchen aber war das Gold dieser wüsten Gesellen nicht weniger willkommen als das der Söhne ihres Volkes. Das Feuer in den Pechpfannen beleuchtete auch manchen Auflauf, der sich blitzschnell bildete, wo Hellenen und Römer aneinander gerieten. Freilich gelang es den Lictoren und Bütteln der Stadt gewöhnlich sehr schnell, die Streitenden auseinander zu treiben; denn ein Befehl der Obrigkeit gebot ihnen, sich stets auf Seiten des Römers zu stellen. Redende und streitende Männer, lachende und singende Weiberstimmen mischten sich in die Kommandorufe der Lictoren. Flöten- und Lautenspiel, Cymbel- und Tamburinklänge drangen aus den offenen Weinstuben und Garküchen auf die Straße, und von dem runden Venustempelchen her, bei dem der römische Arzt Melissa morgen früh aufzusuchen versprochen, ließ sich das Jauchzen und Gelächter ausgelassener Liebespaare am lautesten vernehmen. Sonst war die kanopische Straße die belebteste der Stadt, in dieser Nacht aber hatte die des Hermes ihr den Rang abgelaufen; denn sie führte zu der Wohnung des Caracalla im Serapeum, und von ihm aus ergoß sich ein Strom von Vergnügungssüchtigen in die Hochflut derer, die heranwogte, um einen Blick auf den Glanz des kaiserlichen Hofhaltes und das Lager auf dem Serapeumsplatze zu werfen. Die ganze Straße glich einem Festsaal, und Alexander hatte der Jungfrau und ihrem Begleiter oft von den Säulengängen neben den Häusern auf den Fahrweg zu folgen; denn hier galt es dem Gedränge, dort einzelnen Trunkenen, Zudringlichen oder Händelsuchenden auszuweichen. Dennoch verstand der falsche Greis, dem Mädchen, dessen Gestalt und Antlitz das Kopftuch den Vorübergehenden verbarg, so geschickt Bahn zu brechen, daß sich dem Alexander keine Gelegenheit bot, ihr beizuspringen und ihr seine Hingebung durch eine mannhafte That zu beweisen. Daß es seine Pflicht sei, die Jungfrau vor der Gefahr zu behüten, eine ganze Nacht unter dem Schutz dieser käuflichen Betrügerin und ihres ruchlosen Spießgesellen zuzubringen, hatte der Jüngling sich schon lange gesagt, doch der Gedanke, daß ein Angriff auf ihre Begleiter sie den Blicken der Menge aussetzen und sie in eine schlimme Lage bringen werde, hielt ihn noch zurück. Jetzt blieben die drei unter dem Säulengange zur Linken der Straße stehen. Kastor ergriff von neuem die Hand der Jungfrau und verhieß ihr beim Abschiednehmen mit lauter Stimme, sie morgen früh aufzusuchen, um sie an den See zu begleiten; Agathe aber dankte ihm wieder warm und herzlich. Da war es, als treibe der Sturm die Mäßigung Alexanders in alle Winde, und bevor er sich dessen selbst versah, stand er zwischen dem Betrüger und der jungen Christin, trennte ihre Hände mit einem raschen Griffe, schlug die starke Rechte um den Unterarm des Kastor, hielt Agathes Linke mit der seinen fest und rief ihr zu: »Man treibt ein verruchtes Spiel mit Dir, schöne Jungfrau, und auch dies Weib hintergeht Dich. Der dort« – und damit gab er den Arm des Verkleideten, der sich wütend, doch vergeblich, ihm zu entringen versuchte, frei und riß ihm den falschen Bart vom Antlitz – »ist ein verruchter Betrüger.« Da schrie Agathe, die bis dahin sich gleichfalls von seiner Hand zu befreien versucht hatte, hell auf vor Schreck und Entrüstung; der entlarvte Uebelthäter aber zog dem Gegner mit einem behenden Griff die Kapuze der Caracalla vom Haupt, sprang ihm mit der Wut und Gewandtheit eines Panthers an den Hals und rief in schneller Geistesgegenwart um Hilfe. Auch Kastor war stark, und während Alexander sich bemühte, ihn mit der Rechten von sich abzuwehren, ohne die Hand Agathes freizugeben, zog das Geschrei der Diakonissin und ihres Spießgesellen immer mehr Menschen herbei. Im Nu waren sie rings von Neugierigen umgeben, die lachend und scheltend die Ringenden anfeuerten oder sie zur Ruhe verwiesen. Während es aber dem Künstler eben gelang, dem Gegner die Hand umzubiegen, und ihn zu einem Kniefall zu zwingen, schrie hinter ihm eine hohe Stimme in triumphirender Schadenfreude: »Da säße denn der Spottvogel im Garn. Wer heißt auch den Fuchs den Hasen würgen, während der Jäger ihm nachsetzt!« »Zminis!« rief Alexander bestürzt, und jetzt erst wurde ihm voll bewußt, daß Freiheit und Leben hier auf dem Spiel ständen. Wie der Hirsch, den die Meute umringt, wandte er das Lockenhaupt, nach einem Ausweg spähend, hierhin und dorthin, und als sein Blick wiederum die Stelle traf, wo sein Gegner gestanden hatte, fand er sie leer; denn der flinke Gaukler hatte sich behende aus dem Staube gemacht und unter der Menge verloren. Aber des Künstlers Blick war auch einem Augenpaare begegnet, das ihn mit seiner ruhigen Klarheit sich selbst zurückgab und ihn aufrief, nach Sammlung und Besonnenheit zu ringen. Es war das seiner Schwester Melissa, die, während sie mit ihrer Begleiterin den Auflauf umging, die Stimme des Bruders erkannt hatte. Trotz der eifrigen Mahnung der Schaffnerin, sich nicht in das Gedränge zu mischen, war sie vorwärts gedrungen und hatte sich, während die Sicherheitswächter den Auflauf auseinandertrieben, dem unvorsichtigen, schwer gefährdeten Liebling genähert. Alexander hielt immer noch die Hand Agathes in der seinen. Zitternd und von Todesangst ergriffen wußte die Jungfrau nicht, wie ihr geschah. Ihr greiser Begleiter war ein junger Bursche und also ein Betrüger. Was sollte sie von der Diakonissin halten, die gemeinsame Sache mit ihm machte, was von dem herrlichen Jüngling, der die Schändlichen entlarvt und sie vielleicht vor dem furchtbarsten Schicksal errettet hatte? Wie bei einem schweren Ungewitter Blitz auf Blitz, so folgte in dieser gräßlichen Nacht ein Schrecknis dem andern, um ihr, die an ein stilles Leben unter guten, friedfertigen Menschen gewöhnt war, den Geist zu verwirren. Jetzt legte der Sicherheitswächter die Hand an denjenigen, der mutig für sie eingetreten war und dessen helle Augen sie so treu und liebevoll angeschaut hatten. Ins Gefängnis wollte man ihn führen, und so war auch er vielleicht ein Verbrecher. Bei diesem Gedanken versuchte sie ihm die Hand zu entziehen; er aber ließ sie nicht los; denn die Diakonissin war ihr genaht und gebot ihr im Tone frommer Entrüstung, sich fortzuheben von dieser Stätte des Greuels und ihr in ihr friedliches Heim zu folgen. Was sollte sie thun? Angstvoll, unschlüssig, hier von Betrug, dort von Gefahr und vielleicht von Schande bedroht, schaute sie erst auf die Diakonissin, dann auf Alexander, der trotz der Drohungen des Sicherheitswächters den Blick bald auf ihr ruhen ließ, bald nach der Stelle hin schaute, wo er die Schwester gesehen. Die Lictoren, welche die Menge zurückhielten, hatten auch Melissa den Weg vertreten, aber während das bittende Auge Agathes das des Künstlers traf und es ihm war, als dränge sich ihm alles Blut in das Herz und Antlitz, gelang es der Schwester, sich an seine Seite zu schmiegen. Und wieder gab ihr Anblick ihm die Fassung zurück, deren er so nötig bedurfte; wußte er doch, daß im nächsten Augenblick seine Hand, die jetzt noch die Agathes festhielt, gefesselt sein werde; denn Zminis hatte seinen Leuten befohlen, an Stelle der in dieser wilden Nacht schon verbrauchten Stricke und Ketten neue zu holen. Diesem Umstand verdankte er es allein, daß man ihn noch nicht gebunden fortgeführt hatte. Und es lag ihm ja noch ob, die Jungfrau vor der Diakonissin zu warnen, die sie sich nachzuziehen versuchte. Jetzt sagte ihm der schnelle Geist, daß Agathe seiner Schwester eher Glauben schenken würde als ihm, den der Aegypter mehr als einmal einen Missethäter genannt, und wie er die Schaffnerin des Polybius seiner Melissa atemlos, mit wirrem Haar und verschobenem Peplos nachdrängen sah, hellte sich ihm die Seele noch mehr auf; denn mit dieser wackeren Frau trat eine neue Zeugin auf den Plan. Sie mußte Agathe wohl kennen, wenn sie wirklich die Tochter des Zeno war. Schnell gefaßt verlor er keinen Augenblick, und während Zminis mit seinen Leuten wegen des Gefängnisses verhandelte, wohin man den »Hochverräter« zu führen habe, sobald die erwarteten Fesseln da seien, gab er die Hand des Christenmädchens frei, legte sie in die Melissas und rief: »Das ist meine Schwester, die Braut des Diodor, des Sohnes des Polybius, eueres Nachbars, wenn Du die Tochter des Zeno bist. Sie soll Dich beschützen.« Agathe hatte indes die Schaffnerin erkannt, und als diese des Künstlers Rede bestätigt, und die Christin Melissa ins Antlitz geschaut hatte, erkannte sie mit dem sicheren Unterscheidungsvermögen eines unschuldigen Frauenherzens, wem sie hier zu trauen habe. Wie eine Hilfesuchende legte sie den Arm um Melissa, und sogleich wandte die Diakonissin sich mit gut gespielter Entrüstung von ihr ab und eilte in das offene Haus. Das alles hatte wenige kurze Minuten in Anspruch genommen; als aber Alexander die beiden Wesen, die er am meisten liebte, vereint und Agathe von der Betrügerin getrennt, gerettet und unter gutem Schutze sah, atmete er hoch auf, und wie von einer schweren Last befreit, rief er der Schwester zu: »Sie heißt Agathe, und ihr, dem Ebenbilde der verstorbenen Korinna, gehört von nun an mein Leben. Du sollst es ihr sagen, Melissa.« Dabei suchte sein heißer Liebesblick das Auge der Christin, und als sie ihn errötend mit dankbarer Innigkeit erwiderte, begann sein frohes Antlitz wieder in der alten übermütigen Daseinslust zu strahlen, und seine Blicke wandten sich abermals auf die Menge. Was ihm dort wohl begegnet sein mochte? Melissa sah es plötzlich in all seinen Zügen hell aufblitzen und leuchten, und als der Aegypter Zminis eben dem Büttel winkte, der sich mit einem Seil in der hochgehobenen Hand durch die Nachtwandler Bahn brach, ließ er die ersten Takte eines Schelmenliedes laut erschallen. Schon im nächsten Augenblicke tönten sie vielstimmig, und als gäbe sie das Echo zurück, aus der Menge wider. Es war der Ruf, womit die Knaben von der Timagetischen Ringbahn die Genossen zu Hilfe gerufen hatten, wenn sie von denen aus dem Gymnasium der Dioskuren, mit denen sie in Fehde lebten, überfallen worden waren; Alexander aber hatte seine Gespielen Jason und Pappus, den Bildhauer Glaukias und viele andere Künstler auf der Straße bemerkt. Die Beistand heischenden Takte waren verstanden worden, und bevor noch der Sicherheitswächter Zeit fand, dem Untergebenen den Strick abzunehmen, war die Schar der Maler und Bildhauer unter Führung des Glaukias durch die Reihe der Wächter gedrungen, hatte den Alexander in die Mitte genommen und war mit ihm singend und jubelnd von dannen geeilt. »Folgt ihm! Haltet sie auf! Entreißt ihn den Schurken! Bringt ihn tot oder lebendig! Kaiserlicher Lohn demjenigen, der ihn einfängt!« rief der Aegypter, schäumend vor Wut, den Häschern zu und stellte sich selbst an ihre Spitze; doch die alexandrinischen Nachtschwärmer, von denen viele die Künstler kannten und stets bereit waren, den Sykophanten und Häschern das Spiel zu verderben, drängten sich dicht zwischen die Fliehenden und die Verfolger zusammen und verlegten ihnen den Weg. Wohl gelang es den Lictoren und Bütteln endlich, sich durch den vielköpfigen schreienden und tobenden Wall von Männern und Weibern zu drängen; doch als sie wieder freiere Bahn fanden, hatte der Künstlerhaufe sich längst in eine Nebengasse geschlagen. Elftes Kapitel. Vielleicht wäre es auch um Melissas Freiheit geschehen gewesen, wenn der um einen schönen Erfolg betrogene Zminis nicht, außer sich vor Wut, dem Entflohenen in eigener Person nachgeeilt wäre. Melissa brauchte das Haus, in dem ihr Verlobter ruhte, nicht mehr zu suchen; denn Agathe, der sie es beschrieb, kannte es wohl. Sein Besitzer Proterius war ein vornehmes Mitglied der Christengemeinde, und sie hatte den Vater mehrmals zu ihm begleitet. Unterwegs teilten die Mädchen einander mit, wie sie zu so ungewöhnlicher Zeit auf die Straße gekommen, und als Melissa von Agathes wunderbarer Aehnlichkeit mit der verstorbenen Tochter des Seleukus sprach, die dem Alexander gewiß Anlaß gegeben, ihr zu folgen und sie zu beschützen, berichtete die Christin, wie oft man sie schon mit Korinna, der so jung dahingegangenen Tochter ihres Oheims, verwechselt habe. Sie selbst sei der Verstorbenen vor Jahren zum letztenmal begegnet; denn Korinnas Vater habe sich mit dem ihren entzweit, seit er sich offen zum christlichen Glauben bekenne. Der dritte Bruder, Theophilus, der Oberpriester des Serapis, habe sich versöhnlicher gezeigt, und seine Gattin Euryale sei ihr von allen Frauen die liebste. Bald ergab es sich, daß auch Agathe die Mutter verloren, und das führte die Mädchen so schnell einander näher, daß sie wie Schwestern oder eng verbundene Freundinnen Hand in Hand neben einander hinschritten. Vor dem Hause des Proterius hatten sie nicht lange zu warten; denn Andreas war im Vorsaale mit der Zurüstung der Sänfte für den Diodor beschäftigt, und der Arzt Ptolemäus leistete ihm dabei hilfreiche Hand. Wohl zeigte der Freigelassene sich überrascht, als Melissa ihn anrief, wohl tadelte er ihr neues Wagnis, doch freute ihn ihr Erscheinen; denn, obgleich dies kaum im Bereich des Möglichen gelegen hatte, war es ihm doch mehrmals, wenn nahende Schritte sich hören ließen, gewesen, als müsse sie kommen, um ihm zu helfen. So hörte man es seinen Verweisen auch deutlich genug an, daß ihr Wagestück ihm vielleicht ebenso löblich wie tadelnswert erscheine. Er zeigte sich so heiter, wie sie den ernsten Mann sonst nur unter seinen Blumen gesehen. Ein Schmeichelwort hatte sie noch nie von seinen Lippen vernommen; als aber Agathe vor seinen Augen den Arm um ihre Schulter legte, wies er auf sie hin und rief dem Arzte mit einem liebenswürdigen Lächeln zu: »Wie zwei Rosen an einem Stengel!« Er hatte auch Grund, sich zu freuen; denn der Zustand des Diodor hatte sich nicht verschlimmert, und Galenus einen Besuch bei den Kranken im Serapeum in Aussicht gestellt. Daß Melissa und Agathe einander gefunden, hielt er für eine gnädige Fügung des Himmels, und das glückliche Entkommen des leichtfertigen Alexander nahm ihm eine Last von der Seele. Willig gab er Melissas Bitte nach, sie und Agathe zu dem Kranken zu führen, doch gestattete er ihnen nur kurze Zeit bei dem Schlummernden zu bleiben und ersuchte dann die Diakonissin, den Mädchen, die der Ruhe bedürften, ein Zimmer anzuweisen. Die Matrone erhob sich sogleich; Melissa aber bat jetzt mit banger Dringlichkeit, bei dem Kranken bleiben zu dürfen und blickte besorgt auf die Schlüssel in der Hand der strengen Matrone. Da raunte Andreas ihr zu: »Du meinst, ich wolle Dich hindern, der Sänfte zu folgen? – Doch Du irrst, und was würd' es mir auch nützen? Du drängst Dich durch die Wachen zu den hohen Herren vom Senat, Du findest den Weg über den See, durch die Nacht und das trunkene Volk auf der Straße; schlöss' ich Dich ein, so wagtest Du wohl gar einen Sprung durch das Fenster. Nein, nein. Ich bekenne, daß Du meine Bedenken besiegtest. Ja, wolltest Du uns jetzt Deinen Beistand entziehen, so müßten wir Dich bitten, ihn uns doch zu gewähren. Aber der Arzt wünscht, den Diodor bis Tagesanbruch völlig ungestört zu lassen. Er hat sich jetzt ins Serapeum begeben, um ihm einen guten Platz zu verschaffen. Auch Dir thut Ruhe not; doch zur rechten Zeit wirst Du gerufen. Folgt jetzt der Witwe Katharina. Wegen der Deinen,« und damit wandte er sich an Agathe, »sei unbesorgt. Ein Knabe ist schon unterwegs zu Deinem Vater und meldet ihm, wo Du Unterkunft fandest.« In dem Zimmer, das die Diakonissin den Mädchen öffnete, stand das große Lager, das Proterius, der Besitzer des Hauses, in früheren Jahren mit seiner längst verstorbenen Gattin geteilt. Jetzt streckten sich die neuen Freundinnen darauf aus; doch so müde sie auch waren, schien es beide nicht nach Schlaf zu verlangen. Sie waren so froh, sich gefunden zu haben und hatten einander so viel zu fragen und zu berichten. Sobald die Witwe Katharina eine dreiarmige Lampe entzündet und sie verlassen hatte, begann ihr Geplauder. Das Haupt der anschmiegenderen Agathe ruhte auf der Schulter Melissas, und wenn diese der anderen in das schöne Antlitz schaute, und es ihr in den Sinn kam, mit wie tiefer Leidenschaft das Ebenbild dieser Jungfrau den leichtfertigen Bruder erfüllt hatte, oder wenn ein gutes Wort der Christin ihr besonders zusagte, streichelte sie ihr das aufgelöste, in vollen Wellen niederfließende braune Haar. Es bedarf ja nur einer gemeinsamen Empfindung, eines geteilten Erlebnisses, einer in einsamer Vertraulichkeit verbrachten Stunde, um die Herzen zweier Mädchen einander nahe zu bringen, und diesen beiden war es, als sie unbelauscht und Schulter an Schulter dem Morgengrauen entgegenharrten, als hätten sie von der Wiege an Lust und Schmerz miteinander geteilt. Dazu festigte sich das weichere Gemüt Agathes gleichsam an der bewußten Willensstärke, die manches Wort Melissas verriet, und wenn die Christin mit rührender Einfalt der Heidin das liebreiche mitleidige Herz eröffnete, war es dieser, als blicke sie in eine ihr neue, doch sie mächtig anziehende Welt. Dazu wollte die hohe Schönheit Agathes der Künstlertochter wie etwas Göttliches erscheinen, und oft weilte ihr Blick andächtig auf den reinen, ebenmäßigen Zügen der Christin. Als Agathe sie nach dem Vater fragte, entgegnete Melissa kurz, er sei seit dem Tode der Mutter oft recht bekümmert und rauh, doch im Grunde des Herzens liebreich und gut. Dagegen sprach die Christin mit glühender Begeisterung von der warmen Menschenfreundlichkeit des edlen Mannes, dem sie das Leben verdankte, und das Bild, das sie von ihrer Umgebung entwarf, war so beschaffen, daß es der Heidin [nicht] schwer fiel, daran zu glauben. Ihr Vater Zeno, versicherte Agathe, lebe in stetem Kampfe gegen das Leid und Elend des Nächsten, und es gelinge ihm auch, Glück und Wohlsein um sich her zu verbreiten. Die Aermsten stünden seinem liebreichen Herzen am nächsten, und drüben auf ihrem Gute habe er lauter Sieche und Unglückliche um sich versammelt. Ihr sei die Wartung der Kinder überlassen, und die Kleinen hingen an ihr, als sei sie ihre Mutter. Sie habe ja auch weder Bruder noch Schwester; und nun wandte das Gespräch sich auf den Alexander, von dem Agathe mehr und immer mehr zu wissen begehrte. Und wie gerne sprach Melissa von dem heiteren Künstler, der bis dahin der Sonnenschein ihres freudlosen Daseins gewesen. Es gab auch viel Günstiges von ihm zu berichten; denn wie hoch schätzten die besten Meister sein Können, trotz seiner Jugend, wie treu hingen seine Genossen an ihm, wie wohl verstand er es, den Vater aus dem düstern Unmut zu reißen. Dabei fiel ihr mancher liebenswürdige und großmütige Zug ein, von dem man ihr erzählt oder den sie mit erlebt hatte. Von dem ersten Ersparten hatte er den Genius mit der gesenkten Fackel aus dem Grabe der Mutter in Erz gießen lassen, um den Vater damit zu erfreuen. Einmal war er halb tot nach Hause gebracht worden, nachdem er ein Weib und ein Kind aus dem Wasser gezogen und vergeblich versucht hatte, auch das zweite zu retten. Wild und unbändig konnte er freilich sein, aber seiner Kunst und der Liebe zu ihr und den Seinen war er doch niemals untreu geworden. Wie groß öffneten sich die Augen Agathes, wenn Melissa ihr Schönes von dem Bruder erzählte, wie ängstlich schmiegte sie das Haupt an die Brust der neuen Freundin, als diese ihr vertraute, wie sie sich in orgiastischer Erregung mit dem Geliebten zusammengefunden. Entsetzt, als bedrohe sie selbst etwas Schreckliches, griff sie nach der Hand der Schwester des Künstlers, während sie mit anhörte, wie so mancher Gefahr der Wagehals Alexander glücklich entronnen. Dergleichen war Agathe auf dem einsamen Christensitze jenseits des Sees nie zu Ohren gekommen, und es erschien ihr wie die Erzählungen kühner Seefahrer den ruhigen Ackerbauern, zu denen der Sturm sie verschlägt. »Weißt Du,« rief sie dazwischen, »daß mir das alles sehr wohl gefällt, obgleich es der Vater gewiß tadeln würde! Wo Dein Bruder das Leben aufs Spiel setzt, thut er es immer für andere, und das ist schön, das ist das Höchste. Wie der Cherub mit dem flammenden Schwerte kommt er mir vor. Doch Du kennst ja nicht unsere heilige Schrift.« Da wünschte Melissa mehr über das Buch zu hören, dessen Andreas oft vor ihr gedacht hatte; doch es pochte an die Thür, und sie erhob sich schnell von dem Lager. Agathe folgte ihr sogleich und ließ es sich nicht nehmen, nachdem eine Sklavin frisches Wasser gebracht, der Freundin die Tücher zu reichen, ihr dann das volle Haar neu zu ordnen, ihr die Spange an den Peplos zu stecken und die Falten des Gewandes zu ordnen. Ihr, die sich so lange nach einer Schwester gesehnt, war es, als habe sie in Melissa eine solche gewonnen, und während sie sich ihr dienstlich erwies, küßte sie ihr Augen und Mund und bat sie mit liebenswürdiger Dringlichkeit, sie heute oder morgen zu besuchen, nachdem sie für den Bräutigam das Ihre gethan. Der Vater müsse sie kennen lernen, und es verlange sie auch, ihr ihre armen Kinder, ihre Hunde und Tauben zu zeigen. Sie, Agathe, werde auch zu ihr kommen, wenn sie bei dem Polybius weile. »Und dort,« unterbrach sie Melissa, »findest Du wohl auch meinen Bruder.« Da rief die Christin lebhaft: »Auch ihn bringst Du zu uns. Der Vater wird ihm Dank sagen wollen.« Hier stockte sie und fügte ängstlich hinzu: »Wenn er nur nicht wieder das Leben so unvorsichtig aufs Spiel setzt.« »Im Hause des Polybius,« beruhigte sie Melissa, »wird man ihn gut verstecken, und Andreas hält ihn schon fest.« Damit küßte sie Agathe noch einmal und näherte sich der Thür; doch die Christin hielt sie zurück und raunte ihr zu: »Wir haben auf dem Gute des Vaters einen Versteck, wo keiner ihn findet. Es ward schon mancher aus der Gemeinde, den sie verfolgten, dort auf Wochen und Monde verborgen. Wenn sie ihn ernstlich bedrohen, so führst Du ihn zu uns. Wir sorgen gern für seine Sicherheit und alles. Denke nur, wenn sie ihn fingen, käme er doch um meinetwillen ins Unglück, und ich würde nie wieder ruhig. Versprichst Du, ihn zu uns zu führen?« »Gewiß,« versetzte Melissa und eilte in den Vorsaal, wo der Arzt und Andreas ihrer harrten. Die Männer hatten wohlgethan, sich des Beistandes des Mädchens zu versichern; denn sie verstand es wie wenige, mit Kranken umzugehen, seit sie die Mutter gepflegt. Erst auf der Straße bemerkte Melissa, daß die Diakonissin Katharina die Sänfte begleitete. Sie mußte sich mit dem Transport des Leidenden in das Serapeum versöhnt haben; denn sie zeigte wieder die freundliche Ruhe, die dem Mädchen bei ihrer ersten Begegnung so wohlgefallen hatte. Die Straße, durch die sie in der ersten Morgenfrühe dahinschritten, war still geworden, und ein zarter Dunst, hinter dem sich das goldene Licht der neu aufsteigenden jungen Sonne ahnen ließ, verschleierte den Horizont. Es that wohl, die frische Morgenluft zu atmen, und es gab in dieser frühen Stunde niemand, dem man hätte auszuweichen brauchen als Bauern und Bäuerinnen, welche die Erzeugnisse ihrer Gärten und Felder auf Eseln und Ochsenkarren zu Markte führten. Auf dem Fahrdamm rührten schwarze Stadtsklaven die Besen. Hier und da gingen auch Gruppen von Männern, Weibern und Kindern zur Arbeit in den Fabriken, die in der geschäftigen Stadt nur kurze Zeit ruhte. An den Läden der Bäcker und Lebensmittelverkäufer öffneten sich die Thüren, in den offenen Werkstätten der Schuster und Metallarbeiter ging man ans Werk oder entzündete die Feuer, und Andreas winkte dem Zuge der Sklavinnen zu, die vom Gute des Polybius kamen und, in langer Reihe fortschreitend, die großen Milchkrüge und Gemüsekörbe auf ihrem Kopfe mit dem zierlich gebogenen Arm stützten. Ueber dem Aspendiakanal, den sie bald überschritten, schwebte der Dunst wie dichter weißer Rauch und entzog die Formen und das Standbild der Stadtgöttin auf dem steinernen Geländer der Brücke den Blicken derer, die sich auf dem Fahrdamme hielten. Die Blätter der Nilakazien am Rande der Fahrstraße, ja das Gestein der Häuser und Bildsäulen, das der Nachttau befeuchtete, erschienen wie erfrischt und neu gewaschen, und vom Serapeum her trug der leichte Morgenwind einzelne Töne des Gesanges, den ein Priesterchor dort angestimmt hatte, um, wie allmorgendlich, den Triumph des Lichtes über die Finsternis zu feiern. Wie das kühle Wasser vorhin, so ermunterte jetzt die Frische der Morgenluft die Jungfrau, der die vergangene Nacht so wenig Ruhe gebracht. Es war ihr, als überschreite sie mit der ganzen Natur die Schwelle des jungen, zu neuem Leben und Wirken ladenden Tages. Zuweilen schien eine Flamme von der Fackel des Lucifer einen Streifen des Frühnebels zu verzehren, und den Phöbus Apollon, dessen Strahlendiadem auf Augenblicke aus den Dünsten hervortrat, begleiteten – Melissa meinte sie vor sich zu sehen – die Horen, die Stunden des Tages, in anmutigem Tanz und bestreuten den Weg des Sonnenwagens mit Blumen. Das alles war so schön wie der priesterliche Gesang, die würzige Reinheit des Aethers und die aus Erz gegossenen und aus Marmor gehauenen Werke der Kunst, die sie auf der Brücke, am Isis- und Anubistempel zur Rechten der Straße, zwischen den Säulengängen der vornehmsten Häuser, an den öffentlichen Brunnen und überall, wohin sie das Auge wandte, erblickte. Der Geliebte, den man dicht vor ihr in der Sänfte dahintrug, war auf dem Wege zu dem Heilkünstler, in dessen Hand es lag, ihm Genesung zu schenken. Es war ihr, als gebe ihr die Hoffnung selbst das Geleite. Seit die Liebe sich in ihrer Brust zu voller Blüte entfaltet, war ihr stilles Leben ereignisvoll geworden. Das meiste, das sie erfahren, hatte sie mit schwerer Besorgnis erfüllt. Ernste Fragen, an die sie früher nie gedacht, waren an sie herangetreten, und dennoch hatte sie in dieser kurzen, sorgenvollen Zeit die frohe Empfindung gewonnen, jung zu sein und, auf sich selbst gestellt, etwas Rechtes zu vermögen. Diese letzten Stunden hatten ihr gezeigt, daß ihr Kräfte zu eigen seien, von deren Besitz sie noch gestern früh nichts gewußt. Sie, die sich jeder Laune des Vaters willig gebeugt und aus Liebe widerstandslos gethan hatte, was die Brüder von ihr verlangten, wußte jetzt, daß sie einen eigenen Willen besitze und stark genug sei, ihn zur Geltung zu bringen, und auch das hob die Freudigkeit, die sie an diesem Morgen erfüllte. Alexander, die alte Sklavin Dido und Diodor hatten ihr wohl gesagt, daß sie schön sei, doch sie alle sahen sie ja mit dem Auge der Liebe an, und darum war sie immer der Meinung gewesen, daß sie ein recht wohlgebildetes, doch in jeder Hinsicht bescheiden begabtes Mädchen sei, dem es bevorstehe, still zurückgezogen im Dienste des Vaters abzublühen und zu verwelken. Jetzt wußte sie, daß sie schön sei, nicht nur, weil sie es gestern im Gedränge von so vielen gehört und Agathe es so fest behauptet, während sie ihr das Haar geordnet hatte, sondern auch weil es eine innere Stimme ihr sagte, und schon um des Geliebten willen glaubte sie ihr gern. Sonst wäre sie nach ähnlichen Anstrengungen und so vielen durchwachten Stunden müde zum Umsinken gewesen, heut aber fühlte sie sich frisch wie die Vögel, die in den Kronen der Mimosen zur Seite der Fahrstraße das erstandene Licht mit hellem Gezwitscher begrüßten. »Die Welt ist doch schön,« dachte sie; doch im nämlichen Augenblick gebot die ernste Stimme des Andreas den Sänftenträgern, in eine finstere Seitengasse einzubiegen, welche wenige hundert Schritte vor dem Rhakotiskanal in die Hermesstraße mündete. Wie sorgenvoll der Freigelassene aussah! Des früheren Sklaven und Christen Welt war nicht die ihre. Das sollte sie recht deutlich erkennen, als man die Sänfte des Diodor zu einem der ersten Häuser in der Seitengasse führte. Es war ein großes, schmuckloses Gebäude mit wenigen hochgelegenen Fenstern und, wie Melissa bald erfuhr, eine christliche Kirche. Bevor sie noch ihrem Erstaunen Ausdruck geben konnte, bat sie der Freigelassene, sich wenige Augenblicke zu gedulden; es sollten hier die Dämonen der Krankheit durch Beschwörungen gezwungen werden, den Leidenden zu verlassen. Dabei wies er auf ein Bänkchen in dem breiten nur wenige Schritte tiefen Vorraume der Kirche. Dann winkte er den Sklaven, und diese trugen die Sänfte in einen langen, nicht sehr hohen Saal mit flacher Decke. Vom Vorhause aus nahm Melissa nun wahr, wie dort ein priesterlich gekleideter Christ, den sie den Exorcisten nannten, allerlei Beschwörungen über den Kranken sprach, und die anderen hörten ihm so aufmerksam zu, daß sie auf eine gute Wirkung seiner ihr unverständlichen Formeln zu hoffen begann. Dabei kam ihr in den Sinn, daß ihre alte Sklavin Dido, die vielen Göttern anhing, neben heidnischen Amuletten auch ein Kreuzchen am Halse trug, das ihr eine Christin geschenkt. Auf die Frage, warum sie, die Heidin, dies anlege, hatte die Alte erwidert: »Man kann nicht wissen, was hilft.« – Vielleicht blieben auch die Beschwörungen des Exorcisten nicht ohne gute Wirkung auf den Geliebten, zumal ja der Christengott groß sein mußte und gut. Sie versuchte auch selbst die Seele im Gebet zu den Manen der verstorbenen Mutter zu erheben; was sie aber in dem Vorraum erblickte, zerstreute sie und erfüllte sie mit Entsetzen; denn dort standen einige Männer und Greise und zerfleischten sich selbst mit wuchtigen Geißelhieben den Rücken. Ja, ein weißhaariger Alter reichte einem kräftigen Burschen, dem das Blut von den Schultern troff, die Peitsche von Nilpferdhaut und bat ihn, seinen lieben Bruder, so innig, als handle es sich um eine Gnade, ihn die Geißel fühlen zu lassen. Doch der andere verweigerte ihm dies, und nun sah sie, wie der schwache Greis sich abmühte, die Peitsche gegen sich selbst zu gebrauchen. Das alles entzog sich durchaus ihrem Verständnis und erschien ihr darum widrig. Wie abgezehrt und häßlich waren auch die Glieder der Leute, die hier solchen Frevel gegen den eigenen Leib, den schönen Tempel der göttlichen Seele, verübten! Als die Sänfte wenige Minuten nach dem Eintritt in die Kirche diese wieder verließ, hatte sich der Sieg des Tagesgestirns über die Nebel entschieden, und die Morgensonne erhob sich mit blendendem Glanz am wolkenlosen Himmel. Wie in Licht gebadet schien alles rings umher; doch die schrecklichen Bilder aus dem Büßerraum warfen Schatten in die lichte Freudigkeit, die sie eben noch erfüllt hatte. Bang und bedrückt nahm sie Abschied von der Diakonissin, die sie zufrieden und erhobenen Hauptes in der Hermesstraße verließ, und folgte der Sänfte, bis sie den weiten Platz des Serapeums betraten. Da wich wie auf den Wink eines Zauberers alles von ihr, was ihr die Seele verfinstert; denn vor ihr erhob sich auf dem für die Ewigkeit gefestigten Unterbau von Felsen und wohlgefügten Quadern das aller Götter würdigste Bauwerk auf Erden, der Riesentempel des großen Serapis. Dem blauen Himmelsgewölbe strebte, als wolle sie mit dem eigenen Glanz die Schwesterwölbung ihr zu Häupten begrüßen, die herrliche Kuppel entgegen. Das Kupfer, womit sie gedeckt war, glänzte und gleiste wie eine zweite Sonne. Von der breiten Front des Tempels schaute ihr alles entgegen, was der Anbetung der Sterblichen und ihrer Verehrung genoß; denn aus Marmor gehauen und aus Erz gegossen standen auf dem Dache dieses Heiligtums auf Säulen und Konsolen, in Nischen und als Träger der Brüstungen und Altane die Statuen aller Tafelgenossen des olympischen Festmahles, und außer ihnen die Bildsäulen und Büsten der Helden und Könige, der Philosophen, Dichter und Künstler, deren Thaten und Werke ihnen die Unsterblichkeit erworben. Von Kind an hatte Melissa zu diesem Gotteshause mit stolzer Bewunderung aufgeschaut; denn jede Kunst hatte ihr Bestes gethan, damit es nicht seinesgleichen habe auf Erden. In ihrer lieben Vaterstadt war es entstanden, und die Mutter, die sie oft in das Serapeum geführt, wo sie Trost für mancherlei Sorgen und Enttäuschungen suchte, hatte sie gelehrt, es zu lieben. Daß es ihr später verleidet worden war, vergaß sie in solcher Stimmung. So reich und bunt belebt hatte sie die Umgebung des Wunderbaus noch nie gesehen. Seine dem Platz zugekehrte Vorderseite wurde in dieser frühen Stunde noch von zahlreichen Sklaven, die auf Leitern und Gerüsten standen oder an Stricken und vom Dach herabgelassenen Stühlen hingen, mit Kränzen und Blumenguirlanden geschmückt. Die Rampe, auf der die Wagen zu dem Hauptportal hinauffuhren, war noch leer, und auf der breiten Treppe in der Mitte derselben stiegen nur festlich geschmückte Priester und Hofbeamte in mäßiger Menge auf und nieder, – der unabsehbar weite Platz vor dem Heiligtum aber hatte sich in ein Zeltlager verwandelt, und zwischen den schnell aufgeschlagenen linnenen Häusern wurden Rosse gestriegelt und Waffen geputzt. Mehrere Manipeln der Prätorianer und der makedonischen Phalanx standen schon in Reih und Glied, um die Wachen vor den Thoren der kaiserlichen Wohnung abzulösen und um dem Cäsar zur Verfügung zu stehen. Fesselnder aber als dies alles erschienen dem Mädchen die an dem äußersten Rande des weiten Platzes in großen Zwischenräumen errichteten Altäre, auf denen Feuer entzündet waren. Dichte Rauchmassen stiegen von ihnen aus durch den windstillen, reinen Aether, luftigen Säulen vergleichbar, himmelan, während die Flammen, von der Morgensonne hell überstrahlt, mit bleichem, wechselndem Glanze wie gelenke Schlangen in mattem Gelb und Rot, bald schwindend, bald hellauf leuchtend, den Dampf durchschnellten und ihm sich nachzuschwingen strebten. Da war kein Feuer, von dem der Rauch nicht kerzengerad aufgestiegen wäre, und doch war jedes für einen andern Gott entzündet worden, und Melissa sah es für ein glückbringendes Zeichen an, daß keiner dem Dampfe himmelwärts zu steigen wehrte. Priester und Opferschauer aller Götter des Morgen- und Abendlandes schürten die Feuer und leiteten die Darbringungen, während Krieger aus allen Nationen des Reiches die Altäre betend umstanden. Doch Melissa zog ohne Bedauern an diesem ungewöhnlichen, Herz und Sinn erregenden Schauspiele vorbei; denn die Hoffnung auf das Heil, das dem Geliebten bald widerfahren sollte, drängte alles andere in den Schatten. Während sie aber auf die Tausende blickte, die hier lagerten, und zu dem Tempel hinschaute, an dessen Front so viele Menschen wie Ameisen thätig waren, kam ihr der Gedanke, daß das alles nur Einem gehöre und gelte. Ihm folgten die Legionen da drüben wie Staubwolken dem Sturme, auf seinen Wink erzitterte die Welt, und in seiner Hand lag auch ihr Leben und Glück, wie das der Millionen, die er beherrschte. Und diesen Allmächtigen, diesen Gott in Menschengestalt, hatte ihr Bruder verspottet, und die Häscher waren ihm vielleicht wieder auf der Fährte. Das trübte von neuem die helle Freudigkeit ihrer Seele, und als sie dem Andreas in die ernsten, besorgten Züge schaute, begann auch ihr das Herz banger zu schlagen. Wie konnte sie heiter sein, da denen, die sie am meisten liebte, so Schweres drohte. Zwölftes Kapitel. Melissa hatte gemeint, man werde, wie es sonst Sitte war, die Sänfte über die Rampe oder die für Fußgänger bestimmte Treppe des Serapeums durch das Hauptportal führen; doch das ging heute wegen der Anwesenheit des Kaisers nicht an, und so mußte der Kranke um die ganze Ostseite des ungeheuren Baues, der die Fläche eines Dorfes einnahm, getragen werden. Die Hinterthür in der Südwand, durch die sie endlich Einlaß fanden, führte in einen Gang, der an dem großen Opferhof vorbeilief und an den sich die inneren Räume des Tempels schlossen, zu denen auch die Incubationssäle gehörten. In diesen wurde den Kranken im Traume offenbart, auf welchem Wege oder durch welche Mittel sie Heilung erwarten durften, und es fehlte daselbst auch nicht an traumdeutenden Priestern und an Aerzten, die hieher kamen, um seltene Krankheitsfälle zu beobachten und den Hilfesuchenden zu erklären, was die oft dunklen Ratschläge des Gottes bedeuteten, oder ihnen mit der eigenen Kunst Beistand zu leisten. Ein dem Ptolemäus befreundeter Arzt, der, obgleich er heimlich die Taufe empfangen, zu den Pastophoren des Tempels gehörte, erwartete die Sänfte an der Pforte und schritt dem kleinen Zuge als Wegweiser voran. Aus dem Opferhof drang den Eintretenden das Gebrüll vieler Stiere entgegen. Man schlachtete sie auf Befehl des Kaisers zu so früher Stunde, und weil Caracalla der Opferschau beizuwohnen verheißen, durfte niemand, der nicht zur Priesterschaft oder zu den Freunden des Cäsar gehörte, den Hof betreten. Die Sänfte mußte darum eine Treppe hinan und durch einen lang hingestreckten Saal der Bibliothek geführt werden, dessen breite Fenster in den großen, unbedachten Raum schauten, wo die Tiere auch der Eingeweideschau unterzogen wurden. Diodor fühlte und sah nichts von alledem; denn das Bewußtsein war ihm infolge seines Schädelbruches geschwunden; Ptolemäus aber versicherte Melissa, um sie zu beruhigen, daß er fest schlafe. Während es die Treppen hinanging, hatte sie sich dicht an der Seite des Geliebten gehalten; nach dieser Versicherung des Arztes aber trat sie von der Sänfte zurück und schaute sich wieder um. Wie der Zug den Saal betrat, in dem aus langen Regalen die Schriftrollen in steinernen und hölzernen Kästen ruhten, erscholl unten feierlicher Gesang und das »Heil dem Cäsar«, welches dem Nahen des Herrschers voranging. Da wies der wegweisende Arzt in den Hof und rief der Jungfrau, deren Schönheit ihn anzog, freundlich zu: »Schau hinab, wenn Du den Kaiser zu sehen wünschest. Wir müssen ohnehin warten, bis das Gefolge den Gang hinter der Thüre dort verläßt,« und Melissa, welche die weibliche Neugier schon an das Fenster gelockt hatte, schaute nun in den Hof und auf die Treppe, von der eine Manipel der Prätorianer, römische Herren in der Toga oder im Waffenschmuck der Legaten, bekränzte Opferschauer und andere Priester herabstiegen. Dann blieben die Stufen kurze Zeit leer, und Melissa glaubte den Schlag des eigenen Herzens zu vernehmen, als plötzlich das »Heil dem Kaiser!« lauter erscholl, das helle Geschmetter einer Trompetenfanfare von den hohen Steinwänden widerhallte, die den Opferhof umgaben, und Caracalla auf der breiten, zu den Altären hinabführenden Marmortreppe erschien. Wie gebannt hingen die Augen der Jungfrau an dieser Erscheinung, die weder schön war noch stattlich und sie doch, sie wußte selbst nicht wodurch, mächtig anzog. Woher kam ihm, der eher klein war als groß, eher schlaff als majestätisch, das zwingende Etwas, das jede Vertraulichkeit von ihm fernhalten mußte? Der herrliche Löwe, der gelassen neben ihm herschritt, und in dessen Mähne er die linke Hand vergrub, erschien nicht unnahbarer als er. Sein »Perserschwert« nannte er das furchtbare Raubtier, womit er wie mit einem Schoßhund verkehrte, und nun kam es Melissa wieder in den Sinn, was durch diesen Mann über ihren Alexander verhängt werden konnte, und dazu alles, was die Welt diesem Mörder des Bruders, der Gattin und so vieler Tausende vorwarf. Da fühlte sie zum erstenmal, daß auch sie zu hassen vermöge, und es drängte sie, alles Böse auf das Haupt dieses Mannes herabzuwünschen. Das Blut stieg ihr in die Wangen, und die kleinen Hände ballten sich ihr zu Fäusten. Aber sie verwandte doch keinen Blick von dem Verhaßten; denn alles, was an ihm war, schien ihr, wenn nicht schön, so doch eigentümlich, wenn nicht groß, so doch wert der Beachtung. Sie wußte, daß er noch in den zwanziger Jahren stehe, doch als er gestern an ihr vorüberfuhr, war er ihr wie ein mürrischer Menschenfeind an der Grenze des Greisenalters erschienen. Wie jung er heute aussah! Dankte er das dem Lorbeerkranz, der das Haupt ihm schmückte, oder der weißen Toga, die ihn in schönen Falten umfloß und nur den sehnigen Arm freiließ, an dem er den Löwen führte? Von ihrem Platze aus war es ihr nur möglich, das Antlitz des Hinabsteigenden von der Seite zu schauen, – und unschön war es gewiß nicht; ja, Nase, Stirn und Kinn schienen ihr fein und edel gebildet. Der Backenbart war dünn und über der Oberlippe wölbte sich ihm ein nach unten gekehrter Schnurrbart. Von den Augen, über denen die Stirn hervorsprang, war jetzt nichts zu erkennen, doch ihr tiefer, bedrohlicher Schielblick hatte sich ihr gestern tief ins Gedächtnis geprägt. Jetzt drängte der Löwe sich näher an ihn. Wenn die Bestie sich aufrichtete und ihren Herrn, das blutigere, gefährlichere Raubtier, das nicht nur mit den Zähnen, sondern mit jedem Laut der Lippen und jedem Wink der Hand zu morden vermochte, zu Boden riß und zerfleischte, dann war die Welt von dem grimmigen Schadenbringer befreit. Ja, sein Auge, das gestern mit so verletzender Nichtachtung über die frohe Menge hinweggeschaut hatte, die ihn jubelnd begrüßte, war das eines Bösewichts gewesen. Da – und es war ihr, als habe er ihre Gedanken erraten – wandte er, während er den Löwen streichelte und ihn sanft beiseite schob, das Antlitz voll zu ihr hin, und sie wußte nicht, ob es sie freuen solle oder verdrießen, doch die widrig schielenden Augen von gestern waren nicht mehr Furcht und Abscheu erregend, nein, sie hatten liebevoll und dazu mit einem schmerzlichen Glanz auf das Tier geblickt. Das garstige Mörderantlitz war zu dieser Stunde gewiß nicht unschön, sondern anziehend und glich dem eines wohlgebildeten, doch bleichen und von herben Leiden des Körpers oder der Seele gequälten Jünglings. Sie täuschte sich nicht; denn auf der nächsten Stufe blieb Caracalla stehen, drückte die rechte Hand auf die Schläfe und preßte den Mund fester zusammen, als suche er Herr eines peinigenden Schmerzes zu werden. Dann schüttelte er wehmütig das Haupt und betrachtete die hohen Wände des Opferhofes, die man ihm zu Ehren mit Teppichen und Blumengewinden geschmückt. Erst richtete er das Auge auf die Reliefbilder und den festlichen Ausputz zur Rechten; wie er aber das Haupt wandte, um nach der Seite hinzuschauen, wo Melissa stand, mahnte sie eine innere Stimme, vom Fenster zurückzutreten, damit der Blick des Unholdes sie nicht beflecke. Doch ein mächtiger Trieb hielt sie zurück, und plötzlich war es ihr, als wanke der Boden ihr unter den Füßen, und wie eine Schiffbrüchige nach dem rettenden Balken, griff sie nach der kleinen Säule zur Linken des Fensters, um sie fest mit der Hand zu umklammern; denn das Gefürchtete war geschehen: Caracallas Blick hatte den ihren getroffen und war eine Weile in ihm ruhen geblieben. Und sein Auge hatte dabei nicht blutdürstig oder in begehrlichem Glanz wie das der trunkenen Jünglinge gestern nacht auf der Straße gefunkelt, sondern wie überrascht von etwas Wunderbarem, das er hier nicht zu finden erwartet, in das ihre geblickt. Endlich schien ein neuer Schmerz ihn zu nötigen, sich von ihr abzuwenden; denn bitteres Weh spiegelte sich in seinen Zügen, als er den Fuß langsam auf die nächste Stufe setzte. Wiederum und heftiger als vorher preßte er dabei die Hand an die Schläfe, und gleich darauf winkte er einem großen, schön gestalteten Manne mit wallenden Locken, der ihm gefolgt war, um sich auf seinen dienstfertig dargebotenen Arm zu stützen. »Theokrit, ein früherer Schauspieler und Tänzer,« raunte der priesterliche Führer dem Mädchen zu. »Aus dem Gaukler machte die Laune des Cäsar einen Senator, Legaten und Günstling.« Doch Melissa bemerkte nur, daß er sprach und überhörte den Inhalt seiner Rede; denn der Mann, der dort die Treppe langsam hinabstieg, nahm ihre ganze Teilnahme in Anspruch. Sie wußte, wie diejenigen aussehen, die Schmerzen erdulden und sie vor den Augen der anderen verbergen, und gewiß zehrte quälendes Siechtum an diesem Jüngling, der die Welt beherrschte und nach dessen Purpur begehrliche Hände sich schnell genug ausstrecken würden, sobald er es verlernte, stark zu erscheinen und rüstig. Wie alt und lebensmüde sah er jetzt wieder aus, der Beklagenswerte, der doch noch so jung war und für so reiche Glückseligkeit geboren! Wohl durfte man ihn einen verruchten und blutigen Tyrannen nennen; aber ebenso gewiß auch einen beklagenswerten unglücklichen Mann. Je grausamer die Schmerzen waren, die er empfand, desto saurer mußte es ihm fallen, sie vor den Blicken der vielen zu verbergen, die jederzeit auf ihm ruhten. Es gibt nur eine wirksame Arznei gegen den Haß, und sie heißt das Mitleid, und mit der Wärme einer barmherzigen Frauenseele folgte Melissa jeder Bewegung des kaiserlichen Mörders, seitdem sie einen Leidenden in ihm erkannt und sein Blick den ihren getroffen hatte. Nichts entging dabei ihrem hellen Auge, was das Mitgefühl für den Mann zu nähren vermochte, den sie noch eben verabscheut. Sie bemerkte ein leichtes Hinken bei seinem Gange und ein krampfhaftes Zucken an seinen Augenlidern, sie sagte sich, seine feine, beinahe durchsichtige Hand sei die eines Leidenden, und sein an vielen Stellen ausgegangenes Haar habe Schmerz und Krankheit gelichtet. Als ihm aber bei der letzten Stufe der Oberpriester des Serapis mit den Opferschauern entgegentrat, und die Augen des Kaisers wieder den bösen, schielenden Ausdruck von gestern gewannen, bezweifelte sie nicht, daß er mit schwerer Selbstüberwindung so bedrohlich dreinschaue, um trotz seiner Leiden denen furchtbar zu erscheinen, deren Gehorsam er brauchte. Während er die Treppe hinabstieg, war er der Stütze eines Begleiters bedürftig gewesen, sie hatte es gesehen und dazu auch bemerkt, wie sorgsam sein lockiger Führer bestrebt gewesen war, zu verbergen, daß er ihm beistand. Aber der Höfling hatte einen zu hohen Wuchs, um diese Aufgabe so gut zu lösen, wie sie selbst es sich zugetraut hätte. Sie war ja nicht viel kleiner als der Kaiser und gehörte auch nicht zu den Schwachen. Ihr Arm hätte dem Leidenden eine bessere Stütze geboten! Aber wie war es für sie, die Schwester des schwer bedrohten Alexander, die Braut des Diodor, den sie liebte, nur möglich, an dergleichen zu denken? Jetzt verschwand der Cäsar unter den Priestern, und der Führer rief ihr zu, daß der Weg für die Sänfte nun frei sei. Da warf sie einen Blick in dieselbe, und nachdem sie gesehen, daß Diodor noch immer schlief, folgte sie ihr nachdenklich und beantwortete die Fragen des Andreas und der Aerzte kurz und zerstreut. – Sie hatte die Erklärungen ihrer Begleiter überhört und das Haupt nur flüchtig nach dem Hofe hingewandt, wie man ihr einen langen, hageren Herrn mit rundem Kopf und einer faltigen Stirn als den Macrinus, den Präfekten der Leibwache, den mächtigsten Mann nach dem Cäsar, bezeichnete und ihr die Freunde Caracallas, die sie schon gestern gesehen, und dazu den Geschichtsschreiber Cassius Dio, sowie andere Senatoren und Mitglieder des kaiserlichen Gefolges zeigte. Jetzt, wo der Weg durch Räume und Gänge führte, die der Fuß eines Laien sonst nur selten betrat, schaute sie sich aufmerksamer um, wenn der Serapispriester sie auf besonders schöne Statuen und Gemälde oder auf merkwürdige symbolische Darstellungen hinwies. Dennoch blickte sie, deren Gemüt und Geist schon der Verkehr mit den Brüdern für alles Schöne und Wissenswerte empfänglich gemacht hatte, weniger teilnahmsvoll hin, als es sonst wohl geschehen wäre; denn sie mußte während dieses Ganges an zu viel anderes denken. Zunächst an die Hilfe, die dem Diodor durch den großen Galenus bevorstand, dann an den Vater, der sich heute ohne sie behelfen mußte, und endlich an die Seelenstimmung ihres ernsten Bruders Philipp. Er wie Alexander, die sonst so einig waren, begehrten nun beide Agathens, und was sollte daraus entstehen? Dazwischen kehrten ihre Gedanken oft zu dem unglücklichen Kaiser zurück, und es war ihr dann immer, als gebe es ein Band, sie wußte selbst nicht welches, das sie mit ihm verbinde. Sobald die Sänfte wieder Stufen zu überschreiten hatte, gab sie acht auf die Träger und rührte die Hand, wenn sich die Lage des Schlummernden veränderte. So oft sie ihm dabei in das schöne, vom Fieber gerötete Antlitz schaute, das die vollen Locken reich umwallten, hob sich ihr das Herz, und es war ihr, als habe sie den Göttern Dank zu sagen, daß ihr Verlobter in so herrlicher Jugendkraft prange und dem vorzeitig welkenden, verbrecherischen Purpurträger in keiner Hinsicht gleiche. Dennoch gedachte sie auch des Caracalla, und einmal kam es ihr in den Sinn, daß wenn er an Stelle des Diodor so dahingetragen werden müßte, sie nicht minder pflegsam seiner warten möchte als des Verlobten. Der Kaiser, der ihr bis dahin so fern gestanden wie eine Gottheit, von deren vernichtender Macht sie vernommen, war ihr plötzlich menschlich nahe getreten. Unwillkürlich gesellte sie ihn zu den wenigen, mit denen ihr stilles Leben sie in persönliche Berührung gebracht und für deren Wohl und Weh sie Teilnahme fühlte. Ganz schlecht und verhärtet konnte er nicht sein! Wenn er nur wüßte, wie weh es ihr that, ihn leiden zu sehen, würde er gewiß dem Zminis gebieten, von der Verfolgung ihres Alexander zu lassen! Dicht vor dem Ziele ihrer Wanderung traf ihr wiederum eine Fanfare das Ohr und rief ihr ins Gedächtnis, daß sie unter einem Dache mit ihm weile. Sie war ihm so nahe, und wie fern lag es ihm doch, zu ahnen, was ein Herz, das mitleidig für ihn schlug, von ihm begehrte. Viele der auf Eingebungen des Gottes begierigen Kranken oder Gesunden, die im Serapeum geschlafen, hatten zu dieser Stunde schon das Lager verlassen und berieten sich in der weiten Vorhalle mit Traumdeutern und Aerzten. Es ging hier so lebhaft her wie auf dem Markte, und ein älterer Mann mit wirrem Haar und glühenden Augen wiederholte fortwährend mit lauter Stimme: »Es war der Gott selbst, der mir erschien, und sein dreiköpfiger Hund leckte mir die Wangen.« Dicht vor dem Ziele hielt ein altes häßliches Weib Melissa fest und flüsterte ihr zu: »Heilungstrank für Deinen Liebsten. Thränen aus den Augen des Horuskindes. Stammt von der Isis selbst. Wirkt sicher und schnell. Komm zu dem Balsamhändler Hezron in der Nekropolisstraße. Für fünf Drachmen die Gesundheit des Liebsten.« Doch Melissa, die hier seit der Krankheit der Mutter nicht fremd war, betrat, ohne sich aufhalten zu lassen, zugleich mit der Sänfte den langen Incubationssaal, dessen steinerne Decke auf zwei Reihen haushoher Säulen ruhte. Sie kannte auch den harzigen Wohlgeruch des Kyphi, Die im ägyptischen Tempel gebräuchlichste gemischte Räucherungsessenz, die auch den Hellenen bekannt war und von der wir viele ägyptische und griechische Rezepte besitzen. der diesen Raum erfüllte, obgleich frische Luft fortwährend durch die hochgelegenen Fenster in ihn eindrang. Ueber sie breiteten sich rote und grüne Vorhänge, und die gedämpften Lichter, denen sie Einlaß gewährten, durchfluteten das Halbdunkel und streiften die mit farbigen Reliefbildern aus der Göttergeschichte bedeckten Wände des stillen Saales. Es war verboten, hier zu reden, und der Schritt der Füße verhallte auf starken, dichtgeflochtenen Matten. Die meisten Lager standen schon leer, nur die zwischen der langen Fensterwand und ersten Säulenreihe wurden noch größtenteils von Kranken benützt, die den Beistand des Gottes suchten. Auf eines derselben wurde Diodor gebettet, und Melissa leistete dabei still und mit einer Umsicht, die auch die Aerzte erfreute, hilfreiche Hand. Aber auch jetzt erwachte er nicht, obgleich sein Nachbar die Lippen keinen Augenblick still hielt, weil er im Traume den Befehl erhalten hatte, den Namen des Serapis so oft zu wiederholen, wie ein Pokal voll Wasser aus dem Agathodämonkanal Tropfen enthalte. »Ein langes Verweilen in diesem Dufte würde ihm schaden,« flüsterte der Arzt Ptolemäus dem Freigelassenen zu; »aber Galenus hat sagen lassen, er werde sich heute schon früh zu den Kranken begeben, und er war noch nicht hier. Er ist zwar alt, und zu Rom, heißt es, schlafe man lang.« Hier ward er durch eine Bewegung unterbrochen, welche – niemand wußte woher – die Stille des Saales trübte, und gleich darauf stießen eifrige Hände die Flügel der Hauptthür geräuschvoll und gewaltsam auseinander. »Er kommt,« raunte der priesterliche Führer den anderen zu, und gleich darauf ward die Schwelle von einem Greis überschritten, dem eine Schar von Pastophoren wie die Höflinge dem Fürsten ehrerbietig und in gebückter Haltung folgten. »Leiser, meine Brüder,« gebot der größte aller Aerzte seines Jahrtausends den anderen mit gedämpfter Stimme und ging dann, auf einen Stab gestützt, der Reihe der Lager entgegen. Wohl sah man ihm an, daß er die Achtzig überschritten, doch leuchtete sein großes Auge immer noch jugendhell und lebendig. Melissa errötete bei dem Gedanken, den Serenus Samonicus mit diesem wunderbaren Greise verwechselt zu haben. Er mochte einst größer gewesen sein; jetzt aber hatte sich ihm der Rücken gekrümmt, und das schwere Haupt neigte sich ihm wie suchend nach vorn. Sein Antlitz war bleich und farblos, Nase und Mund fein und edel, doch nicht im großen Stil geschnitten. Blaue Aederchen schimmerten durch die zarte, blasse Haut, und ungelichtet und wellig umfloß sein großes Haupt immer noch das lange, in der Mitte gescheitelte, silberweiße seidige Haar. Der schneeig weiße weiche Bart reichte ihm bis auf die Brust. Ein langes, faltiges Gewand vom kostbarsten weißen Wollenstoff umschmiegte seine Greisengestalt – und seine ganze Erscheinung wäre nur durch besondere Feinheit ausgezeichnet gewesen, wenn nicht eben die Augen so strahlend hell und durchdringend scharf unter den dichten Brauen geleuchtet und die hohe, leicht gewölbte, beinah faltenlose Stirn nicht dagewesen wäre, um für die Kraft und Tiefe seines Geistes zu zeugen. Melissa wußte ihn mit niemand zu vergleichen; den Christen Andreas aber erinnerte er an das Bild des greisen Johannes, das ein reicher Glaubensgenosse der Markuskirche geschenkt. Wenn dieser Mann nicht zu helfen vermochte, dann konnte es keiner! Und wie vornehm und auf sich selbst gestellt bewegte sich die gebückte Gestalt dieses Greises an seinem Stabe vorwärts. Er, der hier Fremde, schien den anderen die Wege zu weisen und im eigenen Reiche zu gebieten. Melissa hatte gehört, daß der starke Kyphiduft dem Geliebten schädlich werden könne, und der Wunsch, Galenus möge sich dem Diodor bald zuwenden, erfüllte sie ganz. Er begann auch nicht bei dem der Thür am nächsten gelegenen Kranken, sondern blieb in der Mitte des Saales stehen, lehnte sich an eine Säule und überblickte zuerst den Raum und die Betten. Als sein prüfender Blick auch das Lager des Diodor streifte, begegnete ihm ein anderer, der ihm mit ehrfurchtsvoll flehender Bitte aus einem schönen, großen und reinen Augenpaar entgegenschaute. Da flog ihm ein feines Lächeln um die bärtigen Lippen, und indem er Melissa näher trat, sagte er: »Wo die Anmut winkt, müssen auch Greise gehorchen. Der Geliebte, schönes Kind, oder der Bruder?« »Mein Bräutigam,« versetzte sie schnell, und die jungfräuliche Befangenheit, die ihr die Wangen dabei rötete, stand ihr so wohl, daß er mit liebenswürdiger Schalkhaftigkeit leise fortfuhr: »Er muß viele gute Eigenschaften haben, wenn ich Dich ihm gönnen soll, Kind!« Damit trat er auch dem Lager näher, und nachdem er dem Diodor ins Antlitz geschaut, sagte er wie im Selbstgespräch und ohne der Aerzte zu achten, die ihn wißbegierig umdrängten: »Es hat auch hier aufgehört, echte Griechen zu geben; nur die Schönheit der Ahnen ist nicht so leicht zu verlöschen und findet sich noch bei den Enkeln. Welch ein Haupt, welch ein Antlitz und Haarschmuck!« Während er dem Jüngling dann Brust, Schultern und Arme betastete, rief er im Ton aufrichtiger Bewunderung: »Wahrhaft göttliche Glieder!« Dann legte er ihm die weiße, zarte Greisenhand, über deren Oberfläche sich ein Netz von bläulichen Adern breitete, auf die Stirn, blickte sich von neuem im Saale um, sog, während Ptolemäus ihm die Krankheitsgeschichte kurz und sachgemäß erzählte, den Duft, der den Raum erfüllte, prüfend ein und sagte, nachdem der christliche Arzt geschlossen: »Wir werden den Fall untersuchen, doch nicht hier, sondern in einem weniger stark durchräucherten Raume. Dieser Duft erweckt Träume, doch noch weit sicherer die Dämonen des Fiebers. Habt ihr kein anderes Gemach mit reinerer Luft in der Nähe?« Ein vielstimmiges »Ja« gab ihm Antwort, und ungesäumt wurde Diodor in einen kleineren Nebensaal getragen. Während die Uebersiedlung stattfand, trat Galenus von Lager zu Lager und richtete Fragen an den Oberarzt und die Kranken. Den Diodor und Melissa schien er vergessen zu haben, – nachdem er aber hier nur flüchtig hineingeschaut, dort aufmerksam untersucht und Rat erteilt hatte, verlangte er unaufgefordert zu dem Verlobten der schönen Alexandrinerin geführt zu werden. Von der Schwelle des Nebenraumes aus winkte er Melissa freundlich zu. Wie gern wäre sie ihm gefolgt; doch sie sagte sich, daß der wunderbare Greis sie gerufen hätte, wenn ihm ihre Gegenwart erwünscht gewesen wäre, und wartete bescheiden auf seine Rückkehr. Diese ließ freilich lange genug auf sich warten, und der Jungfrau wurden die Minuten zu Viertelstunden, während sie durch die geschlossene Thür Männerstimmen, das Wimmern und laute Aufstöhnen des Leidenden, Wassergeplätscher und das Klirren metallener Instrumente vernahm, und die lebendige Einbildungskraft sie ahnen ließ, wie schwer Erträgliches dem Geliebten da drinnen angethan werde. Endlich erschien Galenus wieder. Sein ganzes Wesen atmete heitere Zufriedenheit. Die Aerzte, die ihm folgten, flüsterten unter einander, schüttelten das Haupt, als sei ihnen ein Wunder begegnet, und wo ein Auge auf ihm ruhen blieb, war es voll enthusiastischer Verehrung. Melissa wußte, wie sein Blick den ihren traf, daß nun alles gut sei, und als sie die Rechte des Greises ergriff, schloß sie aus ihrer feuchten Frische, daß er sie eben erst getrocknet und mit eigener Hand verrichtet habe, was der Arzt Ptolemäus von seiner Kunst erwartet. Die Augen wurden ihr feucht vor dankbarer Rührung, und obwohl Galenus sie zu hindern versuchte, ihm die Lippen auf die Hand zu drücken, gelang es ihr dennoch; er aber küßte ihr in väterlichem Wohlgefallen an ihrer warmherzigen Anmut die Stirn und sagte: »Geh jetzt ruhig nach Hause, mein Mädchen. Der Stein ist Deinem Freunde recht hart auf das Schädeldach geprallt. Da hat denn der Druck eines zerbrochenen Balkens – eines Knochenstückes mein' ich – auf das Hirn ihm die Fähigkeit geraubt, zu erkennen, eine wie liebenswerte Braut ihm die Götter schenkten. Nun that das Messer seine Pflicht, der Balken ist wieder aufgerichtet worden, die Splitter, die nichts taugen, wurden beseitigt, das Dach ist in Ordnung, und der Druck hörte auf. Damit kehrte Deinem Freund auch das Bewußtsein zurück, und ich wette, daß er in diesem Augenblick an Dich denkt und Dich zu sich heran wünscht. – Doch es ist besser, wenn ihr das Wiedersehen noch aufschiebt. Zweimal vierundzwanzig Stunden soll er in dem Zimmer dort bleiben; denn jede Störung verzögert nur die Genesung.« »So bleibe ich hier, um ihn zu pflegen,« rief Melissa eifrig; Galenus aber versetzte mit einer Entschiedenheit, die jeden Widerspruch aushob: »Um des Herzustellenden willen darf es nicht sein. Die Nähe des Weibes, für die das Herz des Kranken glüht, steigert die Tücke des Fiebers noch sicherer als der scharfe Duft des Kyphi. Außerdem ist diese Stätte kein Aufenthaltsort für Deinesgleichen.« Da neigte sie traurig das Haupt, er aber nickte ihr zu und fuhr freundlich fort: »Der Arzt Ptolemäus, der Dein volles Zutrauen verdient, rühmte Dich als ein verständiges Mädchen, und Du wirst mir das Werk, das recht leidlich gelang, nicht verderben. Aber nun lebe wohl; dort warten noch andere Kranke.« Damit reichte er ihr die Hand zum Abschied; doch als sein Auge dabei ihrem unter Thränen glänzenden Blicke wieder begegnete, frug er sie nach Namen und Herkunft. Es schien ihm wie eine gute Vorbedeutung für die kommenden schweren Stunden, die er dem Kaiser zu widmen hatte, beim ersten Tagewerk einer so reinen und schönen Menschenblüte begegnet zu sein. Nachdem sie ihm den eigenen Namen und den des Vaters genannt und ihm auch von ihrem Bruder, dem Philosophen, und Alexander, dem Maler, gesprochen hatte, der schon jetzt zu den ersten Meistern der Stadt gehöre, erwiderte er heiter: »Seinen Genius in Ehren; doch unter den Blinden, weißt Du, ist der Einäugige König. Wie die alten Götter bei euch vor lauter neuen kaum mehr zu Worte kommen, so schweigen auch die Musen. Das viele wahrhaft Schöne, das man hier sieht, ist nicht neu, und das Neue leider nicht schön. Aber die Werke Deines Bruders,« fügte er begütigend hinzu, »mögen eine Ausnahme bilden.« »Du solltest seine Bildnisse nur sehen!« rief Melissa eifrig. »Ist vielleicht das Deine darunter?« fragte der Arzt gespannt, »das wäre ein Andenken, das ich gern nach Rom mitnehmen würde.« Alexander hatte Melissa vor kurzem gemalt, und wie freute sie sich, dies Bild dem verehrten Manne, dem sie so Großes schuldete, darbieten zu können. Sobald sie nach Hause komme, versprach sie errötend, werde sie es ihm schicken. Dies unerwartete Geschenk bereitete dem Greise großes Vergnügen, und als er ihr lebhaft und mit schlichter Herzlichkeit dankte, unterbrach sie ihn mit der Versicherung, daß man in Alexandria die Kunst doch noch nicht zu Grabe trage. Der Laufbahn ihres Bruders drohe freilich ein frühes Ende; denn er schwebe in großer Gefahr. Da begehrte der Greis, der nun auf dem Sessel Platz genommen hatte, der ihm von dienstfertigen Aerzten zugeschoben worden war, zu wissen, wie es sich damit verhalte, und Melissa berichtete kurz, was Alexander gefehlt, und wie nahe er gestern schon daran gewesen sei, den Häschern in die Hände zu fallen. Dann blickte sie den Greis bittend an; und wie er ihre Schönheit gerühmt hatte, so floß ihr nun – sie wußte selbst nicht, woher sie den Mut nahm – das Lob seines Ruhmes, seiner Größe und Güte von den Lippen. Mit der Bitte, dem Kaiser, der ihn gewiß wie einen Vater ehre, zu bewegen, die Verfolgung ihres Bruders einzustellen, schloß sie das kühne Gesuch. Während der letzten Sätze waren die Züge des Arztes immer ernster geworden, mehrmals hatte er den weißen Bart wie beunruhigt gestrichen, und als sie bei den letzten leisen Worten den schüchtern gesenkten Blick zu ihm aufzuschlagen wagte, erhob er sich mühsam und sagte im Tone des Bedauerns: »Wie möchte ich der Schwester verargen, daß sie für den gefährdeten Bruder an manche Thür klopft; doch gäbe ich viel darum, wär' es nicht an der meinen geschehen. Versagen, wo man gern freudig gewährte, ist hart, und doch muß es geschehen; denn Claudius Galenus thut zwar für Bassianus Antoninus, den Kranken, sein Bestes wie für jeden andern Patienten, Bassianus der Mensch und der Kaiser sind ihm aber so fremd, wie das Feuer dem Wasser, und so soll und wird es auch während der kurzen Spanne Zeit bleiben, die es mir und auch ihm noch unter der Sonne zu wandeln vergönnt ist.« Die letzten Worte hatten herb und abweisend geklungen, und doch fühlte Melissa, wie schwer es dem Greise fiel, ihren Wunsch zu verweigern. Darum bat sie recht warm: »O, verzeihe mir, Herr. Wie konnt' ich auch ahnen . . .« Dann stockte sie plötzlich und fragte: »Du glaubst also wirklich, dem Cäsar sei nur noch eine kurze Lebensdauer beschieden?« Aus diesen Worten klang die ängstlichste Spannung, und sie mißfielen dem Galenus; denn der große Menschenkenner deutete sie falsch, und seine leise Stimme klang unwillig, da er versetzte: »Doch wohl eine genügend lange, um eine Kränkung zu strafen.« Melissa war bei diesen strengen Worten erblaßt. Sie meinte ihren Sinn zu erkennen, und – gedrängt von der lebhaften Besorgnis, von diesem Manne verkannt zu werden – rief sie eifrig: »Ich wünsche ihm gewiß nicht den Tod, nein, sicherlich nicht, trotz meines Bruders. Doch vorhin sah ich ihn aus der Nähe, und da meinte ich zu erkennen, daß große Schmerzen ihn quälten. Man beklagt ja auch ein Tier, wenn es leidet. Er ist noch so jung, und es muß so schwer sein zu sterben.« Da nickte Galenus ihr beifällig zu und versetzte: »Für dies Wort dank' ich Dir im Namen meines Patienten im Purpur. Schicke mir nur Dein Bild! Doch bald; denn schon vor Sonnenuntergang besteig' ich das Schiff. Ich werde gern an Dich denken. Was die Leiden des Cäsar betrifft, so sind sie so schwer . . . Nicht Deinem Feind, Kind, würde Deine freundliche Seele sie wünschen. Meine Kunst besitzt wenig Mittel, sie zu lindern, und die Unsterblichen finden sich wohl kaum bereit, die Last zu erleichtern, die sie diesem Mann auferlegten . . . Von den Millionen, die vor ihm zittern, opfert oder betet wohl keiner und keine aus freiem Antrieb für das Wohl dieses Herrschers.« Da leuchtete das Auge Melissas in enthusiastischem Glanze auf, – doch Galenus nahm es nicht mehr wahr; denn er hatte ihr nach einem kurzen Lebewohl den Rücken gewandt, um sich neuen Kranken zu widmen. »Es lebt doch eine,« sagte sie sich, während sie dem Arzte nachschaute, »die für diesen Unglücklichen aus freien Stücken beten möchte und opfern; Diodor, ich weiß es, wehrt es mir nicht.« Damit wandte sie sich dem Andreas zu und ließ sich von ihm zu dem Geliebten führen. Jetzt schlummerte er wirklich und nahm den Kuß nicht wahr, den sie ihm auf die Stirn hauchte. – Ihn liebte sie, dem leidenden Uebelthäter gehörte nur ihr Mitleid. Draußen preßte sie die Hand aus die Brust, schöpfte, wie aus einem Kerker befreit, tief Atem und rief: »Der Kopf ist mir ganz wirr von dem Duft da drin und all der Angst und Besorgnis; aber, Andreas – so froh und dankbar hat mir das Herz doch nimmer geschlagen. Jetzt muß ich aber die Gedanken zusammennehmen, um daheim auf dem Platz zu sein; denn der Philipp . . . Und dann . . . Ewige Götter . . . Der alte, gefällige, römische Herr, der Samonicus, wird sich bald zum Stelldichein beim Aphroditetempel begeben. Sieh nur, wie hoch die Sonne schon steht. Laß uns schneller gehen; denn ihn warten zu lassen . . .« Hier unterbrach sie der Christ mit dem Rufe: »Täusche ich mich nicht, so steht der Römer auf dem offenen Wagen, der dort die Rampe herabkommt.« Er hatte recht gesehen, und um weniges später hielt das Gespann des Samonicus neben Melissa, und sie wußte ihm das Geschehene in so schonender und anmutiger Weise mitzuteilen, daß er, weit entfernt, sich verletzt zu fühlen, ihr Glück zu dem Beistand wünschte, den sein großer Freund ihrem Verlobten geleistet. Seine Zusage habe ihm ohnehin Sorgen bereitet; denn zwei schwere Aufgaben an einem Tage zu lösen, sei in seinem Alter zu viel, und am Abend habe er an dem Gastmahl teilzunehmen, zu dem sich der Kaiser bei dem Kaufherrn Seleukus geladen. »Dem Bruder des Oberpriesters?« frug Melissa erschrocken; denn der Tod hatte ja dem Hause dieses Mannes erst vor kurzem die einzige Tochter geraubt. »Demselben,« lautete die heitere Antwort. Dann reichte er ihr die Hand mit der Versicherung, daß die Erinnerung an sie es ihm erleichtern werde, gern an Alexandria zu denken. Während sie einschlug, trat Andreas schnell auf ihn zu, verneigte sich ernst und fragte, ob es unbescheiden sei, wenn er, der ein naher Freund des Hauses dieser Jungfrau sei, ihn, den hochangesehenen Vertrauten des Kaisers, in ihrem Namen um eine Gunst ersuche. Da schaute der Römer den Andreas prüfend an, und weil ihm das männlich vornehme, ja trotzig selbstbewußte Aeußere des Freigelassenen, in dessen Erscheinung er alles wiederzufinden meinte, was er sich unter einem echten Alexandriner dachte, Zutrauen einflößte, forderte er ihn auf, ohne Scheu zu reden. Er hoffte dabei etwas für die Weise der Bürger dieser Weltstadt Bezeichnendes zu hören, um beim Gastmahl den Kaiser damit zu unterhalten. Als er dann vernahm, daß es sich um den Bruder Melissas handle, der ein hervorragender Künstler sei, lächelte er erwartungsvoll. Auch nach der Mitteilung, daß Alexander wegen eines leichtsinnigen Scherzes auf die Person des Herrschers verfolgt werde, drohte er Melissa nur schalkhaft mit dem Finger; sobald er aber vernahm, daß Alexanders Spott sich auf die Ermordung des Geta durch seinen kaiserlichen Bruder beziehe, schrak er zusammen, und der Ton seiner Stimme gab dem ernsten Unwillen, der ihn erfüllte, deutlichen Ausdruck, als er den Bittstellern zurief: »Glaubt ihr, ich hätte wie der Cerberus zu Füßen eures Serapis drei Köpfe, daß ihr mir zumutet, den einen für das Lächeln eines hübschen Gesichtes auf den Henkerblock zu legen?« Dann gab er dem Rosselenker ein Zeichen, und die Rappen eilten mit dem leichten Fuhrwerk über den Platz in die Straße des Hermes. Der Freigelassene schaute ihm achselzuckend nach und murmelte dumpf vor sich hin: »Meine erste Bitte an einen Großen und sicher die letzte.« »Der Feigling!« rief Melissa; Andreas aber sagte mit einem überlegenen Lächeln: »Laß uns auch daraus die Lehre nehmen, Kind: Wer auf die Hilfe anderer rechnet, der ist übel bestellt. Auf Gott allein sollen wir uns verlassen und die eigene Kraft.« Dreizehntes Kapitel. Andreas, auf dessen Schultern so Schweres ruhte, hatte viel Zeit versäumt, und es drängte ihn nach Hause. Nachdem er Melissas Wunsch befriedigt und ihr geschildert hatte, wie die Operation des Galen dem Diodor sogleich das verlorene Bewußtsein wieder gegeben habe, und die anderen Aerzte von tiefster Bewunderung vor der Kunst dieses herrlichen Greises ergriffen worden seien, hatte er alles erfüllt, was er dem Mädchen jetzt zu leisten vermochte. Es war ihm darum lieb, als ihnen in der Straße des Hermes, die nun wieder von Bürgern, Soldaten und Reitern wimmelte, die Schaffnerin des Polybius begegnete, die, nachdem sie Agathe ihrem Vater zugeführt hatte, in die Stadt zurückgeschickt worden war, um, that es not, als Pflegerin bei Diodor zu bleiben. Der Freigelassene überließ es ihr, die Jungfrau nach Hause zu geleiten und entfernte sich dann, um allem voran dem Polybius von dem Ergehen des Sohnes selbst Bericht zu erstatten. Es war verabredet worden, Melissa solle einstweilen bei ihrem Vater bleiben; sobald Diodor aber aus dem Serapeum entlassen werden könne, über den See fahren, um den Genesenden dort zu empfangen. Die Schaffnerin versicherte der Jungfrau, während sie neben ihr herschritt, Diodor sei immer ein Glückskind gewesen; daß aber der große Galen gekommen sei, um ihm Verstand und Leben zurück zu geben und daß er eine Braut wie Melissa gefunden, beweise, daß er es nie mehr gewesen sei als jetzt. Dann erzählte sie von Agathe, pries ihre Schönheit und Güte und vertraute Melissa, daß die junge Christin sich viel nach dem Alexander erkundigt habe. Sie, die Schaffnerin, sei auch nicht sparsam mit dem Lobe des lockeren Jungen gewesen, und wenn sie nicht alles täusche, habe diesmal der Pfeil des Eros das Herz der Agathe getroffen, die bis dahin ein Kind gewesen sei, ein reines Kind, sie wisse es; denn sie habe sie aufwachsen sehen. Ihr Glaube brauche weder sie noch den Alexander zu stören; denn ruhigere und bescheidenere Weiber als die Christinnen – sie habe mit vielen verkehrt – könne man unter den Griechinnen suchen. Melissa unterbrach nur selten die gesprächige Frau, doch stellten sich ihr, während sie ihr zuhörte, freundliche Zukunftsbilder vor das innere Auge, und sie sah sich selbst mit dem Diodor im Haus des Polybius walten und neben ihr auf dem großen Gute des Zeno den Alexander mit der schönen, heißgeliebten Gattin. Aus dem wilden, unbesonnenen Jüngling mußte dort unter den Augen des würdigen Christen ein rechter Mann werden. Der Vater würde sie recht oft besuchen und im Mitgenuß ihres Glücks sich wiederum des Lebens freuen lernen. Nur der Gedanke an die Entsagung, die der leidenschaftliche Philipp sich um des Bruders willen auferlegen sollte und an die Gefahr, die den Alexander bedrohte, störte zuweilen die heitere Ruhe ihrer Seele, die jetzt an frohen Hoffnungen so reich war. Je näher sie dem väterlichen Hause kam, desto freudiger schlug ihr das Herz. Sie hatte ja daheim nichts als Gutes zu berichten. Die Schaffnerin mußte die Eilende atemlos ersuchen, ihrer sechzig Jahre zu gedenken und weniger stürmisch vorwärts zu streben. Da hemmte Melissa willig den Schritt, und als sie das Ende der Hermesstraße erreicht und beim Tempel des Gottes, dem die große Verkehrsader den Namen verdankte, sich nach rechts gewandt hatten, nahm die gefällige Begleiterin von dem Mädchen Abschied; denn in dieser stillen Gegend konnte sie es ruhig sich selbst überlassen. Melissa war nun allein. Zu ihrer Linken lagen die Gärten des Hermes, an deren südlicher Grenze sich das Haus ihres Vaters und das seines Nachbarn Skopas erhob. Hatte die Schaffnerin ihr auch nur Gutes berichtet, that es ihr doch wohl, ihr nicht mehr zuhören zu brauchen und den eigenen Gedanken frei nachzuhängen. Es begegnete ihr auch nichts, was sie abzog; denn zu dieser Stunde wurde der große Volksgarten fast nur von Kindern und ihren Wärterinnen oder von Leuten aus den benachbarten Quartieren besucht, die in den Tempel des Hermes und der Artemis oder in das kleine Heiligtum des Asklepios wollten, das in einem Mimosenhain am Saume des Gartens lag und auch Melissa anzog. Es war ihr wohl vertraut aus der Zeit, in der sich das Leiden der Mutter verschlimmert hatte. Wie oft war sie aus dem nahen Elternhause dorthin geeilt, um den Altarstein zu salben, dem Gotte, der den Kranken Genesung schenkte, ein kleines Opfer zu bringen und Trost im Gebete zu suchen. Es war heiß geworden, sie fühlte sich müde, und wie sie die weißen Marmorsäulen aus dem Grün hervorschimmern sah, wehrte sie dem Drange nicht, in der kühlen Cella ein wenig auszuruhen und dort das Gelübde zu lösen, das sie sich selbst vor kurzem geleistet. Wohl zog es sie nach Hause, um den Vater das Erfreuliche mitgenießen zu lassen, das ihr das Herz so froh bewegte, und doch sagte sie sich, daß sie nicht so bald wieder Gelegenheit finden werde, unbeobachtet auszuführen, was sie im Sinne trug. Wenn je, so war jetzt die rechte Zeit, für den kranken Kaiser und die Linderung seiner Schmerzen ein Opfer zu bringen. Der Gedanke, daß der große Galen recht haben könne und sie wohl unter den zahllosen Unterthaninnen des Caracalla die einzige sei, die dies für ihn thue, bestärkte sie nur in ihrem Entschluß. Der Haupttempel des Asklepios, den die Aegypter Imhotep Dieser Gott wurde von den Aegyptern der Sohn des Ptah genannt, der in Alexandria mit dem Serapis verschmolzen worden war. nannten, war beim Serapeum gelegen. Dort hing der Kultus des Gottes mit dem des Serapis und der Isis zusammen, und Aegypter, Griechen und Syrer nahmen an ihm teil. Das Asklepiosheiligtum, dem Melissa jetzt zuschritt, wurde nur von Hellenen besucht. Der zweite makedonische König von Aegypten, Ptolemäus Philadelphus, hatte es im Anschluß an den Artemistempel erbaut, nachdem seine Gattin Arsinoë von einer Krankheit genesen. Es war klein, doch ein Meisterwerk griechischer Kunst, und die Statuen des Traumes und Schlafes am Eingangsthor und die Marmorgruppe hinter dem Altare, welche den Asklepios selbst und neben ihm seine Schwester Hygiêa und seine Gattin Epione, die Lindernde, darstellten, wurden von den Kennern zu den sehenswertesten Kunstwerken Alexandrias gezählt. Die Würde und Güte des Heilungsgottes, der sich rechts auf den Schlangenstab stützte, kamen in seinen Zügen, die denen des Zeus von Olympia glichen, wie in seiner Haltung wundervoll zum Ausdruck, und das anmutige, verheißungsvolle Wohlwollen, womit die Hygiêa die Schale in der Hand hielt, als ob sie in derselben einem Leidenden Genesung reiche, war wohl geeignet, in verzagenden Kranken die gesunkene Hoffnung neu zu beleben. Um das volle Haar des Gottes schlang sich eine schön gefaltete Binde, zu seinen Füßen ruhte sein Tier, der Hund, und schaute wie um Hilfe flehend auf zu dem Herrn. In einem Käfig neben dem Altar ringelten sich die Schlangen des Gottes, und sie, denen man die Fähigkeit zuschrieb, sich selbst zu erneuern, verhießen den Siechen, daß es ihnen gegeben sei, die Krankheit abzuwerfen wie die Natter ihre Haut. Die schnelle Macht der Schlange über Leben und Tod erinnerte den Beter aber auch an die des Gottes, das Ende des Menschen hinauszuschieben oder es schnell über ihn zu verhängen. Das Innere dieses kleinen Tempels war eine heimlich kühle Stätte. An den weißen Marmorwänden hingen Täfelchen mit Danksagungen und Gelübden der Genesenen. Auf manchen fanden sich auch die Mittel verzeichnet, die einzelnen Kranken geholfen, und hinter einem schweren Teppich an der linken Wand wurden in dem kleinen Tempelarchiv bewährte Rezepte, Schenkungsurkunden und Aufzeichnungen bewahrt, welche sich auf die Geschichte des Heiligtums bezogen. Es war in diesem einsamen, schattigen Raume, zwischen diesen starken Marmorwänden so viel frischer als draußen. Vor der Bildsäule des Gottes erhob Melissa betend die Hände. Sie befand sich allein mit dem alten Asklepiospriester. Sein Gehilfe hatte sich entfernt; er selbst aber schlief mit tiefen Atemzügen auf dem Lehnstuhl, den er in eine dunkle Stelle hinter der Marmorgruppe gerückt. So konnte sie unbeobachtet und gehorsam dem Drang ihres Herzens für den kranken Geliebten beten, dem ihr Herz gehörte, und dann für den Leidenden, dem die ganze Welt widerstandslos gehorchte. Für das Wohlergehen des Diodor, sie wußte es, erhoben sich auch andere Hände und Herzen in aufrichtigem Mitgefühl. Wer außer ihr betete aber wohl für den Vielbeneideten, dem alle und auch die kostbarsten und seltensten Glücksgüter zur Verfügung standen, und dem doch bitteres Weh des Leibes und der Seele jede Freude vergällte? Die Leute wußten nur von den Schmerzen, die er anderen zugefügt hatte; wie bittere Qualen ihm selbst beschieden waren, schien keiner zu ahnen, außer ihr, der es der große Galenus bestätigt. Hatten ihr nicht auch seine Züge und der Blick seines Auges verraten, daß der Schmerz ihm die Brust zerfleische wie der Adler dem gefesselten Prometheus? Armer, beklagenswerter, zum höchsten Glück geborener, verbrecherischer, und nun dem schwersten Leid verfallener Greis in der Blüte der Jahre! Für ihn zu beten und zu opfern war gewiß eine fromme, den Göttern wohlgefällige That. Und Melissa flehte zu den Marmorbildern hinter dem Altar aus dem tiefsten Grund des Herzens und fragte sich dabei nicht, warum sie diesem fremden Manne, diesem blutigen Tyrannen, um dessenwillen ihr Bruder verfolgt ward, etwas gewähre, wozu sie sonst nur die Sorge um die Geliebtesten bewegte. Aber sie fühlte sich ihm nicht fremd und dachte auch nicht daran, wie fern sie ihm stehe. Das Beten ward ihr hier auch leicht; denn es waren alte, freundliche Beziehungen, die sie mit den schönen Marmorbildern ihr gegenüber verbanden. Während sie dem des Asklepios ins Antlitz schaute und es anflehte, dem kaiserlichen Jüngling sich gnädig zu erweisen und den Schmerz von ihm zu nehmen, ohne den er vielleicht gut und menschenfreundlich geblieben wäre, wurden die marmornen Züge des edlen Kunstwerkes vor ihren Augen lebendig, und die Würde und Majestät, die ihm von der Stirn leuchtete, versicherte sie, daß die Macht und Weisheit des Gottes groß genug sei, jede Krankheit zu heilen. Die freundliche Milde, die seinen Mund umspielte, erweckte in ihrer Seele die Zuversicht, daß er gesonnen sei, sich gnädig zu erweisen, ja, es war ihr, als regten sich seine steinernen Lippen und verhießen, ihr Gebet zu erhören. Als sie zu der Bildsäule der Hygiêa hinaufsah, war es ihr, als nicke das schöne, gütige Haupt ihr verheißungsvoll zu. Vertrauensvoll hob sie die flehenden Arme höher und redete die steinernen Freunde an, als könnten sie sie hören. »Ich weiß ja,« begann sie, »daß euch nichts verborgen bleibt, ihr hohen Götter, und da ihr es zuließet, daß mir die Mutter geraubt ward, hat mein thörichtes Herz euch gegrollt. Aber damals war ich noch ein unverständiges Kind, und wie im Schlummer lag mir die Seele. Doch das ist nun ganz anders geworden. Die Liebe zu einem Manne, müßt ihr wissen, ist über mich gekommen. Vieles, und auch die Erkenntnis, daß ihr gut seid und gnädig, wachte damit hier drinnen auf. Verzeiht der Jungfrau, was das Kind verschuldete, und macht mir den Geliebten gesund, der unter dem Schutze des großen Serapis in seinem Heiligtume ruht, aber doch auch eures Beistandes bedarf. Es geht ihm schon besser, und der größte deiner Diener, hoher Asklepios, sagt, er werde genesen, und so muß es wohl wahr sein. Doch ohne euch ist auch des Galenus Kunst wenig nütze, und darum fleh' ich euch an: Macht mir den Bräutigam, den ich liebe, bald wieder gesund. – Aber ich möchte auch noch für einen andern beten. Es wird euch wundern; doch es ist Bassianus Antoninus, den die Leute Caracalla nennen, der Kaiser. »Wie erstaunt du mich ansiehst, großer Asklepios! Und auch du schüttelst das Haupt, hohe Hygiêa. Es ist ja auch schwer zu begreifen, was mich, die ich einen andern liebe, antreibt, für den blutigen Mörder zu beten, für den kein anderer im Reiche aus freien Stücken ein gutes Wort bei euch einlegt. Weiß ich ja selbst nicht recht, wie ich dazu komme. Vielleicht ist es nur das Mitleid; denn er, der doch der Glücklichste sein könnte, ist nun gewiß der Elendeste unter der Sonne. O großer Asklepios, o hohe, gütige Hygiêa, lindert seine Schmerzen, die alles Maß überschreiten. Es soll auch an einem Opfer nicht fehlen! Einen Hahn will ich spenden und, wie der den neuen Lebenstag ankündet, so laßt ihr vielleicht für den Caracalla den Anbruch eines Daseins in neuem, besserem Wohlsein beginnen. »Aber du schaust so ernst drein, gnädiger Gott, als ob dir mein Opfer zu klein sei. Ach! Ich spendete ja gern eine Ziege; aber ich weiß nicht, ob mein Geld dazu ausreicht; denn es ist eben nur mein Erspartes. Später, wenn der Jüngling, den ich liebe, erst mein Gemahl ist, will ich euch zeigen, wie dankbar ich bin; denn er ist so reich wie schön und gut, und er versagt mir gewiß keine Bitte. Doch auch du, hohe Göttin, siehst mich nicht mehr so freundlich an wie vorhin, ja, man könnte meinen, daß du mir zürntest. Ihr denkt doch nicht etwa, daß ich für den Caracalla bete und opfere« – und hier lachte sie leise auf – »weil ich ihm gut sei oder ihn gar liebe? . . . Aber nein, nein, nein! Mein Herz gehört ganz und gar dem Diodor, und auch nicht das kleinste Stück davon einem andern. Nur das Unglück des Cäsar führt mich hieher. Lieber wollte ich die Schlange dort küssen oder einen stacheligen Igel als ihn, den Brudermörder im Purpur. Glaubt mir, so ist es, wie wunderlich es auch klingt! »Zuerst und zuletzt bete und opfere ich freilich für den Diodor und seine Genesung. Auch meinen Bruder Alexander, der in Gefahr schwebt, möchte ich eurer Güte empfehlen; doch er ist wohl auf, und gegen die Gefahr, die ihm droht, sind eure Mittel nicht wirksam.« Hier schwieg sie und schaute den Bildsäulen fragend ins Antlitz, doch sie wollten nicht wieder so freundlich dreinschauen wie vorhin. Es mochte doch wohl das spärliche Opfer sein, das sie verstimmte. Mit einiger Besorgnis zog sie darum das Geldtäschchen hervor und zählte seinen Inhalt. Nachdem sie dann den alten Priester geweckt und von ihm erfahren hatte, was er für das Opfer einer Ziege verlange, erhellte sich das Antlitz ihr wieder; denn ihr Erspartes reichte für die Darbringung einer solchen und dazu noch für einen jungen Hahn. Was sie besaß bis auf den letzten Sesterz blieb in der Hand des Alten, – doch sie konnte nur dem Opfer des Hahnes beiwohnen; denn es zog sie nun unwiderstehlich nach Hause. Sobald das Blut des Vogels den Altar bespritzt und sie den Göttern mitgeteilt hatte, auch die Ziege sei ihnen zugedacht, schienen sie wieder freundlicher auf sie hinzuschauen, und so froh und leicht, als habe sie eine schwere Aufgabe glücklich vollendet, schritt sie schon auf die Thür zu, als die Vorhänge, welche den Archivraum von der Cella trennten, sich aufthaten und ein Mann aus jenem hervortrat und sie anrief. Da wandte sie sich rasch nach ihm um; doch als sie in ihm einen Römer erkannte, der – die weiße Toga verriet es – zu den Vornehmen gehörte, erschrak sie. Hastig rief sie ihm zu, sie habe Eile, und floh die Stufen hinunter in den Garten und auf die Straße. Dort warf sie sich vor, aus thörichter Schüchternheit einem Fremden, der kaum jünger gewesen war als ihr Vater, erwünschte Auskunft verweigert zu haben; doch schon nach wenigen Schritten vergaß sie dieser Begegnung und ordnete im Geiste das viele, was sie daheim zu erzählen hatte. Bald schauten ihr die Wipfel der Palmen und die breitästige Krone der großen Sykomore in ihrem Gärtchen entgegen, ihr alter, treuer Hund Melas bellte ihr fröhlich entgegen, und das Wohlgefühl, das der Fremde nur auf kurze Zeit unterbrochen, ward wieder warm und ungetrübt in ihr lebendig. Sie war müde, und wo ruhte sich's besser als daheim? Mancherlei Gefahren hatte sie glücklich bestanden, und wo ließ es sich sicherer weilen als unter dem Schutze des väterlichen Daches? Wie sehr sie sich auch auf das neue prächtige Heim jenseits des Sees und alles freute, was ihr die Liebe des Diodor zu gewähren verhieß, an dem hübschen, sauberen Künstlerhaus, dessen flaches Dach ihr jetzt entgegenschimmerte, hing ihr Herz doch mit den festesten Banden! In dem Gärtchen, auf dessen mit Muscheln bestreuten Wegen sie nun dahinschritt, hatte sie als Kind so fröhlich gespielt, das Fenster, das sich nun zeigte, gehörte zu dem Zimmer, worin die Mutter gestorben. Das Heimkehren war doch etwas Schönes, zumal wenn es den Lieben so viel Erfreuliches mitzuteilen gab! Der Hund Melas sprang längst mit stürmischer Zärtlichkeit neben ihr hin und an ihr in die Höhe, und jetzt hörte sie auch den Star erst »Olympias« rufen und dann »Meine Kraft«. Ein glückliches Lächeln umspielte ihr den frischen Mund, wie sie nach der Werkstätte hinsah; aber plötzlich verschwanden die beiden schneeweißen Zähne wieder, die immer aus ihren roten Lippen hervorlugten, wenn sie froh bewegt war; denn der Vater schien ausgegangen zu sein. Arbeiten konnte er gewiß nicht; denn das breite Fenster der Werkstatt wurde jetzt, dicht vor Mittag, nicht von dem Vorhange beschattet. Doch er war ja sonst zu dieser Zeit immer zu Hause, und es hätte ihr die Freude halb verdorben, ihn nicht zu finden. Aber das? Was konnte das nur bedeuten? Der Hund hatte ihr Kommen gemeldet, und der graue Lockenkopf der alten Dido schaute ihr aus der Hausthür entgegen, um ebenso schnell zu verschwinden. Wie blaß und sonderbar sie aussah, ganz wie an dem Morgen, da der Arzt der treuen Dienerin zuerst vertraut hatte, daß dieser Tag der letzte der Herrin sein werde. Da war es um die Heiterkeit Melissas geschehen, und bevor sie noch die Schwelle übertrat, von der aus ihr der frohe Griechengruß »Freue Dich« hell aus der braunen Mosaik entgegenleuchtete, rief sie den Namen der Sklavin. Keine Antwort. Sie mußte in die Küche treten, bis sie die Alte antraf; denn beherrscht von der tief eingewurzelten Gewohnheit, das Schwere hinauszuschieben, so lang es nur angeht, war die Sklavin an den Herd geflohen. Dort stand sie vor dem erloschenen Feuer und weinte laut und bedeckte dabei, als fürchte sie sich vor dem Anblick derjenigen, die sie bald so tief betrüben mußte, das faltige Antlitz mit den Händen. Ein Blick auf die Sklavin und die Thränen, die ihr zwischen den Fingern hindurch auf den hageren Arm troffen, lehrte Melissa, daß sie bald etwas Furchtbares vernehmen werde. Bleich, und mit der Hand auf dem hochwogenden Busen, verlangte sie alles zu wissen, doch es dauerte geraume Zeit, bis Dido dahin kam, in verständlichen Worten Bericht zu erstatten. Bevor sie sich endlich dazu entschloß, schaute sie noch einmal nach ihrem Mitsklaven Argutis aus, den sie für den klügsten der Menschen hielt, und von dem sie wußte, daß er das Schreckliche, das es hier zu berichten galt, weit besser und schonender vorbringen werde als sie. Doch der Gallier blieb aus, und so begann Dido denn selbst, oft von lautem Schluchzen unterbrochen, den traurigen Bericht. Zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang war der Vater heimgekehrt und hatte sich zur Ruhe begeben. Als er früh am Morgen noch die Vögel fütterte, hatte das Haupt der Sicherheitswächter, der Aegypter Zminis, mit einigen Häschern das Haus betreten und den Herrn im Namen des Kaisers verhaften wollen. Da hatte Heron getobt wie ein Stier und sich auf seine makedonische Herkunft, auf sein römisches Bürgerrecht und vieles andere berufen und auch zu wissen verlangt, wessen man ihn beschuldige. Nun war ihm mitgeteilt worden, daß er auf besonderen Befehl des Nachtstrategen in Haft gehalten werden solle, bis sein Sohn Alexander, gegen den die Anklage des Hochverrats schwebe; sich den Gerichten stelle. Doch der Herr, schluchzte Dido, habe den Büttel, der ihn greifen sollte, mit einem gewaltigen Faustschlag niedergeschlagen. Endlich war es zu einem furchtbaren Durcheinanderschreien, ja sogar zu einer blutigen Schlägerei gekommen. Dazu hatte der Star immerfort gerufen »Meine Kraft« und die ganze Vogelschar mit so wildem Geflatter gelärmt und geflötet, daß es gewesen war wie in der Unterwelt am Sitz der Verdammten. Auch fremde Leute hatten das Haus umdrängt, und erst als der Nachbar Skopas zum Guten geredet, war Heron den Häschern gefolgt. »Auf der Schwelle noch,« schloß die Sklavin, »rief er mir zu, Du, Melissa, mögest bei dem Polybius bleiben, bis er die Freiheit zurückerlangt habe; der Philipp aber solle den Beistand des Präfekten Titianus anrufen und ihm dabei die Gemmen – Du wüßtest schon – überreichen. Zuletzt,« und hier brach die Alte in neue Thränen aus, »legte er mir das Grab der Frau ans Herz und die Vögel. Für den Starmatz seien auch neue Mehlwürmer nötig.« Tief atmend lauschte Melissa diesem Bericht. Das Blut war ihr dabei aus den Wangen gewichen, und wie die Alte schloß, fragte sie dumpf: »Und Philipp und Alexander?« »Ist schon für alles gesorgt,« versetzte die Alte. »Sobald wir allein waren, hielten wir nämlich Rat, der Argutis und ich. Er lief zu unserem Alexander, und ich zu dem Philipp. Ich traf ihn auch auf seiner Kammer. Er sei spät heimgekehrt, sagte mir der Aufwärter, und ich fand ihn noch im Bett und hatte Mühe genug, ihn zu wecken. Dann erzählt' ich ihm alles, und nun führte er wieder so ruchlose Reden – ein Wunder ist's nicht, wenn die Götter ihn strafen. Mit wirrem Haar, wie er ging und stand, wollte er hin zum Präfekten. Ich mußte ihn erst zur Besinnung bringen, und während ich ihm die Locken salbte und ihm dann in die neuen Festkleider half, mag er nachgedacht haben; denn nun erklärte er, mit nach Hause zu wollen, um Dich und den Argutis zu sprechen. Der war wieder zurück, doch den Alexander hatte er nicht gefunden; denn der unglückselige Junge muß sich ja auch wie ein Mörder verstecken.« Hier schluchzte die Alte wieder auf, und erst nachdem Melissa sie mit guten Worten beruhigt, gelang es ihr, weiter zu reden. Philipp hatte schon gestern erfahren, wo Alexander sich verberge, und nahm es darum auf sich, über den See zu fahren und ihn von dem Geschehenen in Kenntnis zu setzen. Doch der treue und kluge Argutis hielt den Philosophen zurück, stellte ihm vor, daß der leicht erregbare Alexander, sobald er erfahre, daß man den Vater um seinetwillen der Freiheit beraube, sich unverweilt den Verfolgern stellen und damit auch sich selbst ins Verderben stürzen werde. Solange der Kaiser in Alexandria weile, müsse Alexander verborgen bleiben. Er wolle an Stelle des Philipp, der nachher bei dem Präfekten anklopfen möge, sogleich über den See, um der Melissa zu verbieten, jetzt heimzukehren, und dem Alexander das Nötige zu sagen. Vielleicht würden die Häscher ihm, dem Argutis, folgen; er kenne aber die Gassen und Gäßchen und werde sie irre zu führen wissen. Da hatte der Philosoph Vernunft angenommen. Der Sklave war gegangen, und seine Heimkehr bald zu erwarten. Wie so ganz anders hatte Melissa sich die Heimkehr gedacht! Welche neuen, beängstigenden Sorgen! Aber wenn sie auch der Gedanke quälte, wie der ungestüme Vater die Gefangenschaft ertragen werde, vergoß sie doch keine Thräne, sondern sagte sich, daß das Geschehene sich nur durch besonnenes Eintreten für die Bedrohten, nicht durch Klagen besser machen lasse. Sie mußte allein sein, Kräfte sammeln und überlegen. So befahl sie denn der erstaunten Dido, einen Imbiß zu bereiten und einen Becher Wein für sie zu mischen. Dann ließ sie sich auf dem Stuhle vor der zusammengefalteten Stickerei nieder, warf ihr einen bedauerlichen Blick zu, stützte den Ellenbogen auf das Tischchen an ihrer Seite und die Stirn mit der Hand und erwog, wen sie für den Vater um Hilfe anrufen könne. Zuerst kam ihr der Kaiser selbst in den Sinn, dessen Blick dem ihren begegnet war, für den sie gebetet und ein Opfer dargebracht hatte. Doch das Blut schoß ihr bei diesem Gedanken in die Wangen, und sie wies ihn weit von sich. Ihr Geist konnte sich indes nicht sogleich vom Serapeum trennen, wo auch der Geliebte mit fieberndem Haupte ruhte. Sie wußte, daß dort das große Quartier des Oberpriesters Theophilus mit seinen Prunkgemächern und Festsälen für den Kaiser hergerichtet worden sei, und dabei erinnerte sie sich der Erzählungen des Bruders von diesem vornehmen Manne, der neben dem römischen Alexanderpriester den heidnischen Götterdiensten der Stadt vorstand. Theophilus sollte selbst ein Philosoph sein, und Philipp war oft von ihm ausgezeichnet und in sein Haus geladen worden. An ihn mußte der Bruder sich wenden. Ihm – jetzt gleichsam der Wirt Caracallas – konnte es gelingen, von dem kaiserlichen Gaste die Befreiung des Vaters zu erwirken. Ihre ernsten Züge hellten sich auf bei diesem Gedanken, und während sie den Imbiß und Wein genoß, kam ihr noch etwas anderes in den Sinn. Auch Alexander konnte dem Oberpriester nicht ganz fremd sein; denn dieser war der Bruder des reichen Seleukus, dessen verstorbene Tochter der Künstler gemalt, und Timotheus hatte das Bild gesehen und es aufs wärmste gelobt. So war es denn wahrscheinlich, daß der großmütige Mann, wenn Philipp ihn darum ersuchte, für den Maler Alexander eintreten werde. Vielleicht konnte alles doch noch besser werden, als sie anfänglich gefürchtet! Fest überzeugt, daß es an ihr sei, die Ihren zu retten, rief sie sich nochmals jeden Bekannten, den sie alle besaßen und von dem sich Beistand erwarten ließ, ins Gedächtnis zurück; doch während dieser Thätigkeit verlangte der schwer ermüdete Körper sein Recht, und als Dido kam, um die Speisereste und den leeren Becher fortzunehmen, fand sie Melissa in tiefem Schlummer wieder. Kopfschüttelnd und mit dem stillen Gedanken, das habe der Herr nun von seinem unwirschen Toben gegen das gehorsame Kind, für den Alexander aber hätte die Schläferin doch wach bleiben sollen, schob die Alte ihr ein Kissen unter den Kopf, zog den Vorhang tiefer herab und wehrte den Fliegen, die dem Liebling das leicht gerötete Antlitz umsummten, bis der Hund anschlug und der Klopfer die Hausthür gewaltig erschütterte. Da fuhr Melissa erschreckt aus dem Schlaf, und die Alte warf den Wedel zur Seite und rief, während sie sich anschickte, dem ungestümen Gaste zu öffnen: »Ruhig, Herz, ruhig! Es ist gar nichts. Verlaß Dich darauf. Ich kenne sein Klopfen; es ist nur der Philipp.« Vierzehntes Kapitel. Die Sklavin hatte recht gehört. Der älteste Sohn des Heron kehrte von seinen Gängen zurück. Erschöpft, enttäuscht und dazu mit zornig glühenden Augen taumelte er wie ein Trunkener, dem im Rausche schwere Unbill widerfuhr, über die Schwelle und fragte die Alte unvermittelt und ohne den Gruß, den die Mutter schon die Kinder auch den Sklaven zu bieten gelehrt, mit heiserer Stimme: »Melissa zurück?« »Ja, ja,« versetzte Dido und legte den Zeigefinger auf die Lippen. »Du hast sie aus dem Schlummer getrommelt. Und wie Du aussiehst! So solltest Du doch nicht zu ihr hinein! Man sieht Dir ja von weitem an, was Du mitbringst. Der Präfekt will nicht helfen?« »Helfen?« wiederholte Philipp höhnisch das letzte Wort der Sklavin. »Hier läßt der eine den andern ertrinken, wenn er nur fürchten muß, daß ihm der Fuß dabei naß wird.« »So schlimm ist es doch nicht,« versetzte die Alte. »Unser Alexander verbrannte sich, denk' ich, oft genug für andere die Finger. Warte jetzt einen Augenblick. Ich hole erst einen Becher Wein. Es steht noch welcher in der Küche; denn trittst Du so vor die Schwester . . .« Doch Melissa hatte die Stimme des Bruders vernommen, und obgleich Philipp schon das wirre Haar mit den Fingern glättete, lehrte sie doch ein Blick in sein Antlitz, daß sein Gang vergeblich gewesen. »Du Armer,« sagte sie, nachdem er ihre Frage, was er bringe, mit dem dumpfen Rufe: »Von dem Schlimmen das Schlimmste,« beantwortet hatte. Dann ergriff sie seine Hand und zog ihn sich nach in die Werkstatt. Dort erinnerte sie ihn, daß sie ihm in Diodor einen neuen Bruder zuführen werde, und sogleich umarmte er sie innig und wünschte ihr von Herzen Glück zu dem liebenswerten Verlobten. Sie dankte ihm aus vollem Herzen, und während er dabei den Wein hinunterstürzte, bat ihn die Schwester, Bericht zu erstatten. Er begann auch, und als sie ihn dabei ins Auge faßte, fiel es ihr auf, wie wenig er dem Vater und dem Bruder gleiche, obwohl seine Größe der ihren nichts nachgab, und sein Haupt ähnlich geformt war. Doch statt des herrlich entfalteten Körpers der beiden war der seine hager und unfest. Das Rückgrat schien zu schwach für die Länge des Leibes, den er längst gerade zu halten verlernt. Das Haupt hielt er wie spähend oder suchend nach vorn geneigt, und auch nachdem er auf dem Arbeitsstuhle des Vaters Platz genommen hatte und erzählte, blieben Hände und Füße und sogar die Muskeln seines wohlgebildeten, aber farblosen Angesichts in steter Bewegung. Bald sprang er auf, bald warf er das Haupt zurück, um das volle Lockenhaar aus dem Gesicht zu entfernen, und bei alledem brannten seine wirklich schönen, großen und tiefen Augen in zornigem Feuer. »Die erste Abweisung ward mir beim Präfekten zu teil,« begann er, und dabei flogen ihm die Arme, auf deren anmutige Bewegung die griechische Erziehung so hohen Wert legte, in die Höhe, als folgten sie einem eigenen Willen und nicht dem des Redners. »Titianus spielt ja den Philosophen, weil sein Fuß in der Jugend – wie lange ist es schon her – den Boden der Stoa betrat.« »Aber Dein Lehrer Xanthos sagte doch, er sei ein tüchtiger Philosoph,« unterbrach ihn Melissa. »Solches Lob ist wohlfeil,« versetzte Philipp, »wenn man der einflußreichste Mann in der Stadt ist. Aber seine Art hat sich überlebt. Dem Zeno kriecht er nach. Er beugt sich der Autorität und verlangt von selbständigen Geistern dasselbe. Die Gottheit ist ihm die wirkende Ursache. In dieser Welt erkennt er das zweckmäßige Walten übermenschlicher Kräfte und berauscht den Geist an windigen, abgethanen Idealen. Die Tugend . . . Doch wozu den alten, längst beseitigten Kram wiederholen!« »Wir haben dazu in der That keine Zeit,« drängte Melissa, welche kommen sah, daß Philipp sich in philosophischen Auseinandersetzungen ergehen werde; denn er begann sich schon auf dem in der That ungewöhnlichen Wohllaute seiner Stimme zu wiegen. »Warum nicht?« fragte er und zuckte mit einem bitteren Lächeln die Achseln. »Wenn er den letzten Pfeil verschossen hat, kann der Bogenschütze ruhen, – und – Du wirst es gleich hören – unser Köcher ist leer, ausgeleert bis auf den Grund wie dieser Pokal.« »Nein, nein,« fiel ihm Melissa eifrig ins Wort. »Gerade weil Dir die ersten Schritte fehlschlugen, müssen wir auf neue sinnen. Auch ich kann in Bildern reden. Der Bogenschütze, dem die Sache am Herzen liegt, für die er die Pfeile verschoß, läuft nicht aus der Schlacht, sondern schafft sich neue, und findet er keine, schlägt er mit dem Bogen auf den Feind, oder fällt ihn an mit Steinen, Fäusten und Zähnen.« Da schaute ihr Philipp erstaunt ins Antlitz und rief freudig überrascht und ganz frei von dem überlegenen höhnischen Tone, dessen er sich sonst im Wortwechsel mit der bescheidenen Schwester bediente: »Sieh da, unsere Kleine! Woher gewannen die stillen Augen diesen mächtigen Glanz? Ja, das Unglück, das Unglück! Man will der sanften Taube das Junge rauben – den goldenen Alexander, mein' ich – und gleich wird sie zum tapfern Falken. Ich dachte Dich hier mit der naßgeweinten Stickerei als geduldiges Opferlamm zu finden, und nun bist Du's, die mich antreibt. Sieh denn zu, ob uns noch Pfeile übrig bleiben, nachdem Du mich hörtest. – Aber bevor ich fortfahre: Ist Argutis noch nicht zurück? Nein? Er muß noch einmal über den See und dem Alexander allerlei bringen: Wäsche, Kleider und dergleichen. Glaukias, der Bildhauer, ist mir vorhin begegnet. Er mahnte mich, es nicht zu vergessen; denn er weiß, wo der Bruder steckt und war eben im Begriff, zu ihm hinüber zu fahren. Unkenntlich, sag' ich Dir, hatte der Mensch sich gemacht. Ein treuer Freund, wenn es solchen überhaupt gibt! Und wie ihm das Geschick des Vaters ans Herz ging. Ich glaube, daß er den Diodor um Deinetwillen beneidet.« Dabei drohte er Melissa mit dem Finger, sie aber war leicht erblaßt und fragte den Bruder besorgt, ob er dem Glaukias auch ans Herz gelegt habe, dem Alexander zu verschweigen, daß es in seiner Hand liege, den Vater zu befreien. Da schlug sich Philipp auf die Stirn, und mit einem blöden Zug um den sonst so klugen und zum Spott geneigten Mund stammelte er wie ein ertappter Knabe: »Das, das . . . Es ist mir selbst unbegreiflich; aber gerade das habe ich zu erwähnen vergessen. Merkwürdige Zerstreutheit. Doch was sie verschuldete, soll gut gemacht werden, gleich, auf der Stelle! Argutis muß . . . Nein, ich selbst fahre über den See.« Damit sprang er auf und hatte ernstlich im Sinne, dieser schnellen Eingebung zu folgen, doch Melissa hielt ihn zurück. Mit einer Entschiedenheit, die ihn wiederum überraschte, gebot sie ihm, zu bleiben, und während er die Werkstätte mit hastigen Schritten durchmaß und harte Scheltworte gegen sich selbst ausstieß, sich bald an die Brust schlug, bald mit der Hand durch das wirre Lockenhaar fuhr, machte sie ihm deutlich, daß er den Alexander erst erreichen könne, wenn er schon alles wisse, und daß sein Besuch nichts bewirken werde, als die findigen Häscher auf die Spur des Versteckes zu leiten. Statt zu toben und zu klagen möge er schnell berichten, wo ihm die Thür verschlossen worden sei. Zuerst, begann er nun hastig, habe er sich an den Präfekten Titianus gewandt, und Melissa wußte, daß dies ein älterer Herr war, aus dessen vornehmem Geschlechte schon mehrere Mitglieder in der kaiserlichen Präfektur zu Alexandria residirt und die Provinz Aegypten verwaltet hatten. Bei den Disputationen, denen er im Museum gern beiwohnte, war er dem Philipp oft begegnet und schätzte ihn hoch. In der letzten Zeit hatte Titianus das Haus hüten müssen; denn er war kränklich. Kurz vor der Meldung, daß Caracalla Alexandria besuchen werde, war er einer ernsten Operation unterzogen worden. Sie hatte es ihm unmöglich gemacht, dem feierlichen Empfange des Kaisers persönlich beizuwohnen, oder dem Cäsar auch nur einen Besuch abzustatten. Als Philipp in der Präfektur vorgesprochen hatte, war Titianus sogleich bereit gewesen, ihn zu empfangen, doch während der Philosoph noch in der Wartehalle verweilte und sich wunderte, sie, die einst von Klienten, Bittstellern und Freunden des ersten Mannes der Provinz gewimmelt hatte, wie verödet zu finden, war es hinter ihm laut geworden, und die Hausbeamten hatten denselben stattlichen Herrn an ihm vorbeigeführt, an dessen Arm Caracalla diesen Morgen die Treppe hinabgestiegen war, und den der Serapispriester dem Mädchen als einen der mächtigsten Günstlinge bezeichnet hatte. Von einem Schauspieler und Tänzer war dieser Mann in wenigen Jahren zu den höchsten Würden emporgestiegen. Er hieß Theokrit, und obgleich er sich durch große körperliche Schönheit und eine seltene Gewandtheit auszeichnete, hatte er sich durch zügellose Habsucht berüchtigt gemacht und sich gleich unfähig als Staatsmann wie als Feldherr erwiesen. Während dieser Mann die Wartehalle durchmaß, schaute er sich hochmütig um, und der verächtliche Blick, der dabei auch den Philosophen traf, hatte der geringen Zahl der Anwesenden gegolten; denn zu dieser Stunde pflegten die Audienzzimmer angesehener Römer von Besuchern zu wimmeln. Hier waren heute die meisten wegen des Leidens des Präfekten abgewiesen worden, und manche Bekannte und Bittsteller, die sich sonst bei ihm einfanden, füllten die Empfangsräume des Kaisers, des Präfekten der Prätorianer und der anderen mächtigsten Würdenträger im Gefolge Caracallas. Titianus hatte beim Empfang des Herrschers gefehlt, und feinere Spürnasen schlossen daraus auf seinen Sturz und hielten es für geraten, dem Sinkenden beizeiten den Rücken zu kehren. Außerdem war die Redlichkeit des Titianus bekannt, und man glaubte gern dem Gerüchte, daß er, in dessen Hand die Besteuerung der reichen Provinz lag, kühn genug gewesen sei, das Ansinnen des Theokrit zurückzuweisen, die für Rom bestimmte Ladung einer Getreideflotte gemeinsam mit ihm zu unterschlagen und sie auf Rechnung der Verpflegung der Armee zu setzen. In der That war dieser ruchlose Vorschlag des Günstlings gestern Abend von dem Präfekten abgewiesen worden, und der Auftritt, dessen Zeuge Philipp werden sollte, war die Folge dieser Weigerung gewesen. Theokrit, dem es immer um Zuschauer zu thun war, hatte den Vorhang geflissentlich offen gelassen, der das Krankenzimmer des Präfekten von dem Wartesaale trennte, und so war Philipp Zeuge des Auftrittes geworden, von dem er nun der Schwester erzählte. Der leidende Titianus empfing den Boten des Kaisers in liegender Stellung, und doch vereinte sich in seiner Erscheinung die selbstbewußte Würde des hochgeborenen Römers mit der Gelassenheit des stoischen Philosophen. Ruhig hörte er den Günstling an, der nach den üblichen Höflichkeitsformeln sich herausnahm, den älteren, vornehmen Herrn mit Vorwürfen und schweren Anklagen zu überschütten. Man erlaube sich, sprudelte Theokrit hervor, in dieser Stadt Unerhörtes gegen den Cäsar. Es gingen schnöde Witzeleien über ihn von Mund zu Mund. An das Serapeum, seine Wohnung, habe man eine Schmähung seiner geheiligten Person angebracht, für die jede Strafe, selbst der Tod am Kreuze, einer Belohnung gleiche. Als der Präfekt nun unmutig, doch mit ruhiger Bestimmtheit zu wissen begehrte, woraus diese unerhörte Schmähung bestehe, zeigte Theokrit, daß er in seiner hohen Stellung das treue Gedächtnis des Mimen zu bewahren verstanden, und halb empört, halb beflissen, den Inhalt der Verse, die er deklamirte, durch Stimme und Gesten zum wirksamsten Ausdruck zu bringen, begann er: »Einen Strick haben die Verruchten an eines der Thore des Heiligtums genagelt und darunter die tempelschänderischen Worte geschrieben: ›Sei Du willkommen als Gast dem im Totenreich herrschenden Gotte;     Mehrte doch keiner sein Volk reichlicher, Cäsar, als Du. Lorbeer gedeihet ja nicht in dem finsteren Reich des Serapis,     Nimm drum den Strick zum Geschenk, den Du wie keiner verdienst.‹« »Nichtswürdig!« rief nun auch der Präfekt. »Deine Entrüstung ist begründet genug; doch man kennt ja in der ganzen Welt den schonungslos beißenden Witz des beweglichen Mischvolkes dieser Stadt. Auch an mir hat er sich versucht, und wenn hier einen ein Vorwurf trifft, so ist es nicht der an das Haus gebannte Präfekt, sondern der Nachtstrateg und seine Mannschaft, deren Pflicht es gewesen wäre, die Wohnung des Cäsar besser zu hüten.« Da brauste der Günstling auf und ergoß sich in einen Schwall von Redensarten über die Pflichten des Präfekten, der die Person des Kaisers in der Provinz vertrete. Sein Auge habe überall zu sein wie das der alles schauenden Gottheit. Je besser er die aufrührerische Brut kenne, über die er gesetzt sei, desto entschiedener sei er verpflichtet gewesen, die geheiligte Person des Cäsar ängstlich zu behüten wie die Mutter das Kind, wie der Geizige den gesammelten Schatz. Laut und pathetisch flossen dem beweglichen Manne diese hohlen Worte, denen er durch wirksame Handbewegungen größeren Nachdruck zu verleihen suchte, vom Munde, bis es dem leidenden Präfekten zu viel ward. Ein schmerzliches Lächeln umspielte ihm die Lippen, während er sich mühevoll aufrichtete und den Theokrit ungeduldig mit dem Ausruf unterbrach: »Immer noch der Schauspieler!« »Immer noch,« unterbrach ihn der Günstling mit heiserer Stimme. »Du aber sollst am längsten gewesen sein, was Du schon viel zu lange warst: der Steuereinnehmer des Kaisers.« Dabei schleuderte der empörte Mann das Ende der Toga mit einem raschen Wurfe neu um die Schultern, und obgleich ihm dabei die Hand vor Zorn zitterte, fiel der schmiegsame Stoff doch in schönen Falten an seinem athletischen Leibe nieder. Dann wandte er dem Präfekten den Rücken und schritt in der Haltung eines Feldherrn, der eben mit dem Siegeskranze gekrönt ward, an Philipp und den anderen Wartenden vorüber. Wenige Sätze hatten dem Philosophen genügt, der Schwester dies zu berichten. Jetzt hemmte er den raschen Gang durch das Zimmer und beantwortete die Frage Melissas, ob die Macht dieses Emporkömmlings in der That groß genug sei, um einen so vornehmen und verdienten Herrn aus dem Amte zu verdrängen, mit dem Ausrufe: »Und das kannst Du bezweifeln? Titianus war vom ersten Augenblick an darüber im klaren, und was ich im Serapeum erfuhr . . . Aber eins nach dem andern. Der Präfekt beklagte den Vater, bedauerte den Alexander und versicherte dann, daß er selbst eines Fürsprechers bedürfe; denn wenn auch nicht heute, werde es dem Schauspieler doch morgen glücken, dem Kaiser sein Todesurteil abzuschmeicheln.« »Unmöglich,« unterbrach ihn das Mädchen und streckte ihm wie zur Abwehr die Hände entgegen; er aber warf sich auf den Stuhl und fuhr eifrig fort: »Höre nur weiter! Von dem Präfekten war also nichts mehr zu erwarten. Ein wackerer Mann ist er gewiß, doch ein wenig vom Schauspieler steckt auch in dem vornehmen Herrn. Wozu wäre man Stoiker, wenn man sich nicht die Miene zu geben wüßte, dem nahen Tode wie einem Gang ins Bad entgegenzuschauen. Titianus spielte seine Rolle vortrefflich; ich aber ging – der Weg ist weit – durch den Sonnenbrand in das Serapeum, um den Beistand meines alten Gönners, des Oberpriesters, zu suchen. Der Kaiser ist jetzt sein Gast, und auch der Präfekt hatte mir geraten, diesem mächtigen Manne den Schutz des Vaters anzuvertrauen.« Hier sprang er wieder auf und eilte bald ruhelos hin und her, bald blieb er vor der Schwester stehen, während er zu erzählen fortfuhr. – Der Günstling Theokrit hatte das Serapeum auf seinem schnellen Wagen schon lange erreicht, wie der Philosoph endlich dort eintraf. Als häufiger Gast des Oberpriesters wurde Philipp ungesäumt in das Vorzimmer des Quartieres geführt, das dem Theophilus übrig geblieben war, nachdem er die Prachträume seiner Wohnung dem kaiserlichen Gast überlassen. Schon in dem überfüllten Warteraum erfuhr der Philosoph, daß die Beleidigung des Günstlings bereits ernste Folgen nach sich gezogen habe, auch hörte er von dem Zorn des Kaisers und dem beklagenswerten Vorwitz unbesonnener Buben, der den ruhigen Bürgern zum Schaden gereichen werde. Bevor er sich aber noch unterrichten konnte, was man damit meine, wurde er zu dem Oberpriester berufen. Das war an solchem Tage eine hohe Gunst, und das Wohlwollen, womit das Haupt der angesehensten Priesterschaft der Stadt ihn empfing, erweckte in ihm frohe Hoffnung auf günstigen Erfolg. Doch kaum hatte Philipp dem würdigen Herrn zu berichten begonnen, was sein Bruder verschuldet, als der Oberpriester die Hand, wie zur Vorsicht mahnend, auf die bärtigen Lippen legte und ihm dringlich zuraunte: »Schnell und leise, wenn das Leben Dir lieb ist.« Als Philipp dann mit fliegenden Worten berichtet hatte, daß Zminis auch den Vater verhaftet habe, erhob sich der Greis mit einer Hast, die seinem majestätischen Wesen sonst fremd war, und wies den Jüngling auf eine verhängte Thür des Gemaches. »Durch dieses Pförtchen,« raunte er ihm zu, »kommst Du auf die westliche Hintertreppe und den Gang, der gegenüber dem Stadium ins Freie führt. Im Vorzimmer wissen die Römer wohl schon, wer Du bist. Was jetzt in diesem Hause geschieht, darüber gebieten andere als der Gott, dem es geweiht ist. Die unbesonnenen Worte Deines Bruders gehen bereits von Mund zu Mund. Auch der Kaiser weiß schon davon. – Es ward ihm versichert, der nämliche Hochverräter, der dem Zminis und seinen Häschern entwischte, habe auch einen Strick an unsere Pforte genagelt und ruchlose Schmähworte darunter geschrieben. Jetzt auch nur mit einem Worte für den Alexander oder euren Vater einzutreten, hieße sich selbst auf ein loderndes Feuer werfen, um es zu löschen. Du weißt nicht, wie heiß es brennt. Theokrit schürt es; denn er bedarf seiner, um den Präfekten darin zu vernichten. Kein Wort mehr, und was auch geschehe, solange die römischen Gäste dies Haus bewohnen, betrittst Du es nicht wieder.« Damit hatte der Oberpriester mit eigener Hand die Pforte geöffnet. »Ungesäumt eilte ich dann nach Hause,« schloß Philipp, »und wenn ich, niedergeschmettert von diesem neuen Fehlschlage, vergaß, dem Glaukias Schweigen aufzuerlegen . . . Nein – nein! Es ist doch unverzeihlich; es ist . . . Vielleicht fährt Alexander jetzt schon über den See, und als Brudermörder wie Caracalla . . .« Hier schlang Melissa dem erschütterten Manne den Arm um die Schulter und suchte ihn liebreich zu trösten, und es schien auch, als thäten ihre beruhigenden Worte ihm wohl. Aber warum verschloß er sich ihr noch immer? Warum konnte Philipp sich ihr nicht vertrauensvoll eröffnen wie Alexander? Sie war ihm nie viel gewesen, und auch jetzt hielt er vor ihr verborgen, was ihn doch wohl am tiefsten bewegte. Betrübt wandte sie sich von ihm ab; denn es ging nicht einmal an, ihn zu trösten. Doch da seufzte Philipp schwer und aus tiefstem Herzensgrund auf, und nun hielt das Mädchen sich nicht länger. Zärtlich, wie sie ihm noch nie genaht war, bat sie den Bruder, ihr das Herz zu öffnen. Sie wolle ihm gern tragen helfen, was ihn bedrücke; auch werde sie ihn verstehen; denn sie habe jetzt ja selbst Lust und Leid der Liebe erfahren. Und sie hatte die rechten Worte gefunden; denn Philipp nickte ihr zu und sagte dumpf: »So höre! Vielleicht wird es mir gut thun.« Dann begann er zu erzählen, was sie schon von Alexander wußte, und mit den Händen auf den heißen Wangen hörte sie atemlos zu und verlor kein Wort, obgleich die Frage immerfort in ihr aufstieg, ob sie ihm die volle Wahrheit mitteilen solle, die er ja nicht kennen konnte, oder ob es nicht besser sei, seine ohnehin schwer belastete Seele jetzt noch zu schonen. Mit glühenden Farben schilderte er seine Liebe. Auch Korinnas Herz, versicherte er, müsse es zu ihm hingezogen haben; denn bei ihrer letzten Begegnung am nördlichen Ufer des Sees habe ihre Hand auf der seinen geruht, während er ihr aus dem Boote geholfen. Er fühle noch die Berührung ihrer Finger. Diese Begegnung sei auch kein Zufall gewesen; denn in der vermeinten lebenden Tochter des Seleukus habe er jetzt die irdische Erscheinungsform ihrer abgeschiedenen Seele sicher erkannt. Von Sehnsucht nach ihm sei auch sie ergriffen gewesen, weil sie mit den feinen Sinnen der körperlosen Geister die Tiefe und Echtheit seiner Leidenschaft empfunden. Alexander habe ihm darüber Gewißheit verschafft; denn als Korinna ihm am See entgegengetreten sei, habe sich ihre Seele schon längst von der irdischen Hülle getrennt. Bevor er sie besessen, sei ihr sterbliches Teil ihm entrissen worden, und doch dürfe er sich glücklich preisen; denn das geistige sei ihm nicht verloren gegangen. In der vergangenen Nacht – der Vater sei zugegen gewesen und keine Täuschung möglich – hätten magische Kräfte ihn wieder mit ihr zusammengeführt. Beflügelten Geistes, ganz voll von köstlichen Hoffnungen habe er sich zur Ruhe begeben, und Korinna sei ihm auch ungesäumt im Traum erschienen, so wunderschön, so gütig, und dazu feinen Geistes, bereit, seinem Denken und Streben zu folgen. Als er aber eben ein volles Liebesbekenntnis von ihren Lippen vernommen und die Frage an sie gerichtet, wie er sie rufen solle, wenn die Sehnsucht, sie wiederzusehen, übermächtig in ihm werde, habe die alte Dido ihn geweckt, um ihn mitten aus der Wonne des Elysiums in die tiefste Erdennot zu stürzen. Aber – und dabei richtete er sich selbstbewußt höher auf – er werde es bald dem Magier gleichthun; denn es gebe keine Wissenschaft, die er sich nicht anzueignen vermöge; er habe es den Lehrern schon als Knabe bewiesen. Er, dessen Wissen gestern in der Ueberzeugung gegipfelt, daß es unmöglich sei, etwas sicher zu wissen, dürfe nun doch mit Gewißheit behaupten, es sei der menschlichen Seele vergönnt, sich von dem Stoffe zu trennen, den sie einmal belebt. So habe er denn den festen Punkt außerhalb der Erde gewonnen, den Archimedes verlangte, um von ihm aus sie selbst zu bewegen, und er werde bald dahin gelangen, als sterblicher Mensch an den Seelen der Verstorbenen, deren Natur er nun kenne, seine Macht so gut wie Serapion, ja besser zu bewähren. Die willige Seele Korinnas werde ihm beistehen, und sei er erst dahin gelangt, den Seelen der Verstorbenen als ihr Meister zu gebieten und sie unter den Lebenden fest zu halten, dann werde eine neue Zeit der Glückseligkeit nicht nur für ihn und den Vater, sondern für jeden beginnen, dem der Tod ein geliebtes Wesen entriß. Hier unterbrach Melissa seine immer schnellere und zuversichtlichere Rede. Mit wachsender Unruhe war sie dem betrogenen Jüngling gefolgt. Anfänglich hatte sie es grausam gefunden, seinen glücklichen Wahn zu vernichten. Mochte er sich seiner wenigstens freuen, bis die Angst hinter ihm lag, den Bruder durch seine Gedankenlosigkeit ins Verderben gezogen zu haben! Sobald sie aber sah, daß er auch den Vater und die Manen der Mutter mit in das betrügerische Spiel des Magiers zu verstricken gedenke, war es um ihre Zurückhaltung geschehen, und mit mahnendem Eifer drang es ihr von den Lippen: »Du läßt von dem Vater, Philipp; denn nichts als eitles Gaukelspiel war alles, was ihr bei dem Magier gesehen habt.« »Mäßigung, Kind!« fiel ihr hier der Philosoph überlegen ins Wort. »Als wär' ich nicht noch gestern nach Sonnenuntergang der gleichen Ansicht gewesen! Du weißt, daß die Richtung der Philosophie, der ich folge, zunächst die Zurückhaltung des Urteils befiehlt; wenn es aber überhaupt zulässig ist, etwas mit Bestimmtheit zu behaupten . . .« Doch weiter ließ ihn die Schwester nicht kommen. Schnell und klar, und immer seltener von seinen Einwürfen unterbrochen, eröffnete sie ihm, wer diejenige sei, der er am Ufer des Sees die Hand gereicht und im Hause des Magiers wiedergesehen habe. Mit wachsendem Feuer hatte sie das Ihre gethan, seinen unseligen Wahn zu zerreißen; als sie aber das Blut ihm aus den ohnehin fahlen Wangen weichen und ihn die Faust an die Stirn pressen sah, als gälte es, einen körperlichen Schmerz zu verbeißen, fand sie die verlorene Gelassenheit wieder, und die schöne Scheu der Frauenseele, nutzlos wehe zu thun, ließ sie dem Bruder verschweigen, was sie von der Begegnung des Alexander mit Agathe zu erzählen wußte. Doch trotz dieser Schonung schaute Philipp wie vernichtet zu Boden, und was ihm so weh that, war weniger das peinliche Gefühl, mit grober List betrogen worden zu sein, als die Einbuße des reichen Hoffnungsschatzes, den er in der vergangenen Nacht gehoben zu haben meinte. Es war ihm, als zertrete ein roher Fuß das grünende Zukunftsglück, woran er sich eben noch gefreut, und nicht nur das Leben hienieden, sondern auch das endlose nach dem Tode hatte ihm die Erzählung der Schwester verdorben. Wo die Hoffnung aufhört, beginnt die Verzweiflung, und mit wie leidenschaftlichem Ungestüm warf der leicht erregbare Grübler, der, ohne je an andere zu denken, nur mit selbstischem Eifer an der Ausbildung des eigenen Geistes gearbeitet und im Wettlauf nach Erkenntnissen anderen vorauszukommen getrachtet hatte, sich ihr in die Arme. Wie Steine fielen ihm die dumpfen Worte, in denen er sich den Elendesten der Elenden und ein Opfer des finstern Mißgeschicks nannte, von den Lippen. Einem kranken Kinde ähnlich, dessen Schmerz sich steigert, wenn es Mitleidige bedauern, wies er den freundlichen Zuspruch der Schwester ungeberdig zurück, bis sie ihm wieder die Pflicht ins Gedächtnis zurückrief, die Hände für die Rettung des Vaters und Bruders zu regen. Da brach er in den Ruf aus: »Auch sie, auch sie! Uns alle trifft es. Wie die Tantaliden jagt uns Schuldlose ein blindes Schicksal in Tod und Verzweiflung. Was hast Du denn verbrochen, Du stilles, geduldiges Wesen? Was der Vater, was unser froher, den Göttern freundlicher Bruder? Und ich, ich? Haben diejenigen, die man die Lenker der Welt nennt, ein Recht, mich zu strafen, weil ich den rastlosen Geist, den sie mir schenkten, gebrauchte? O, und wie sie zu martern verstehen! Meine Erkenntnis macht mich ihnen verhaßt, und nun beuten sie die Denkfehler des Feindes aus und lassen ihn wie einen Narren betrügen. Gerecht wollen sie sein, und doch handeln sie wie ein Vater, der den Sohn enterbt, weil er als Mann seine Schwächen bemerkte. Nach Wahrheit, nach Erkenntnis hab' ich unter Schmerzen und Thränen gerungen. Es gibt kein Gebiet des Denkens, dessen tiefste Tiefe mein Geist nicht zu ergründen bestrebt war, und wenn ich erkannte, daß es uns Sterblichen nicht gegeben sei, das Wesen der Gottheit zu erfassen, weil die Organe, die sie uns dazu gab, zu klein und ohnmächtig sind, wenn ich mich weigerte, zu entscheiden, ob das, was ich nicht zu begreifen vermag, sei oder nicht sei, ist es meine Schuld oder die ihre? Vielleicht gibt es göttliche Kräfte, die das All erschufen und regieren; nur von ihrer Güte, ihrer Vernunft und Fürsorge für uns Sterbliche soll man mir schweigen! Kann denn ein vernünftiges Wesen auf das Wohl des andern bedacht sein, wenn es den Wohnplatz, den es ihm anweist, mit Fußangeln und Wolfsfallen besäte, wenn es ihm hundert Triebe in die Brust pflanzte, die ihn, gäbe er ihnen nach, in gräßliche Abgründe lockten? Ist das Wesen mein Freund, das mich entstehen und groß werden ließ, um mich neben erbärmlich wenig wahren Freuden am Marterpfahl leiden zu lassen und endlich, ob schuldig oder schuldlos, so gewiß zu töten, wie es mich geboren werden ließ? Wäre die Gottheit, die uns Sterblichen einen Teil ihres Geistes als Vernunft schenken soll, so beschaffen, wie sie der Menge gezeigt wird, dann könnte es hienieden nichts geben als Weisheit und Güte; aber die Thoren und Schlechten sind in der Mehrzahl, und die Guten den Bäumen gleich, die der Blitzschlag lieber trifft als das am Boden kriechende Unkraut. Ein Titianus fiel dem Tänzer Theokrit, der edle Papinian dem Mörder Caracalla, unser prächtiger Alexander einem Zminis zum Opfer, und die göttliche Vernunft läßt es zu und gestattet der menschlichen, ihr das Gesetz ins Antlitz zu schreien: Für die Schwachköpfe und Schlechten das Glück, für die Hüter und Pfleger der denkenden Vernunft, der Vernunft, die ein Teil ihres eigenen Wesens, Verfolgung, Elend, Verzweiflung!« »Halt ein,« fiel hier Melissa dem Bruder ins Wort. »Hat uns die Strafe der Himmlischen noch nicht schwer genug getroffen? Willst Du sie zwingen, ihren Zorn noch furchtbarer auf uns zu entladen?« Da schlug sich der Skeptiker mit herausforderndem Selbstgefühl auf die Brust und rief: »Ich fürchte mich nicht vor ihnen und scheue mich auch nicht, das Ergebnis meines Denkens frei zu verkünden. Es gibt keine Götter! Es gibt keine vernunftgemäße Regierung der Welt. Aus sich selbst ist das All von ungefähr entstanden, und schuf es ein Gott, so gab er ihm ewige Gesetze und läßt diese walten ohne Güte und Gnade und ohne sich um das Gewimmel der Menschen zu kümmern, das die Erde bekriecht wie ein Ameisenschwarm den Kürbis im Garten. Und wohl uns, wenn es so ist; denn tausendmal lieber ein Knecht eiserner Gesetze als der Sklave eines launenhaften Herrn, der neidisch und tückisch Gefallen findet an dem Verderben der Besten.« »Und das, sagst Du, sei das letzte Ergebnis Deines Denkens?« rief Melissa und schüttelte traurig das Haupt. »Fühlst Du denn nicht, daß Du mit solchen Ausbrüchen wilder Verzweiflung nur die eigene Lehre entwürdigst, deren Endziel die Leidenschaftslosigkeit sein soll, der unerschütterliche Gleichmut?« »Halten denn diejenigen Maß,« stieß Philipp keuchend hervor, »die über ein einziges Herz das Gift des Unheils in Strömen ergießen?« »So rechnest Du dennoch mit denen, deren Dasein Du leugnest?« fragte Melissa mit unwilligem Eifer. »Ist das Deine vielgepriesene Logik? Wohin geraten dem ersten Mißgeschick gegenüber eure Lehren, die euch gebieten, euch eines bestimmten Urteils zu enthalten, um zum Gleichmut zu gelangen, damit – und das gefiel mir, als ich's zum erstenmal hörte – außer dem Unglück nicht auch die sichere Ueberzeugung die Seele belaste, es sei wirklich ein Unheil, was euch betraf? Um Deiner selbst, um unser aller willen laß dies unsinnige Toben und nenne Dich nicht nur einen Skeptiker, sondern sei es; gebiete der Leidenschaft, die Dich fortreißt. Thu es mir, thu es den Unseren zu Liebe!« Damit legte sie ihm, der sich wieder auf den Arbeitsstuhl niederwarf, die Hand auf die Schulter, und obwohl er sie verdrossen zurückstieß, fuhr sie in begütigendem und bittendem Tone fort: »Wenn nicht alles zu spät kommen soll, laß uns jetzt ruhig erwägen. Ich bin nur ein schwaches Mädchen, und was uns bedroht, trifft mich weit schwerer als Dich; denn was wäre ich ohne den Vater?« »Das Leben mit ihm hat Dich wenigstens gelehrt, Dich geduldig zu fügen,« unterbrach sie der Bruder dumpf und zuckte die Achseln. »Ja, das Leben,« entgegnete sie fest. »Es weist uns bestimmter auf den rechten Weg als all Deine Bücher. Wer weiß, was den Argutis zurückhält. Ich warte nicht länger. Die Sonne geht bald unter, und diesen Abend – der Römer Samonicus, der auch zu den Gästen gehört, hat mir's erzählt – nimmt der Kaiser im Hause des Seleukus, des Vaters der Korinna, das Mahl ein. Die Eltern der Verstorbenen schätzen den Alexander und werden für ihn thun, was in ihrer Macht steht. Frau Berenike, sagte der Bruder, sei eine edle Matrone. An Dir wäre es, sie um Hilfe anzuflehen für die Unseren; doch Du darfst Dich nicht in die Nähe des Kaisers wagen, und so geh' ich denn selbst und ruhe nicht, bis die Mutter Korinnas mich anhört und mir verspricht, uns zu helfen.« Da rief Philipp entsetzt: »In das Haus, wo Caracalla mit den Wüstlingen zecht, die seine Freunde, willst Du Dich wagen? Du unerfahrenes, durch Dein bloßes Erscheinen jede Begier erregendes, junges, schönes Geschöpf! Ehe ich das gestatte, bevor ich das dulde, dränge ich mich selbst in das Haus des Seleukus und unter die Häscher, die den Tyrannen umgeben.« »Damit der Vater auch Dich verliert und mir auch der zweite Bruder geraubt wird?« frug Melissa ernst und gelassen. »Kein Wort weiter, Philipp! Ich gehe, und Du erwartest mich hier.« Da brauste der Philosoph befehlshaberisch auf: »Was ist in Dich gefahren, daß Du plötzlich das Gehorchen verlernt hast!? Aber ich werde Dich zwingen, und eh' ich zugebe, daß Du über Dich und uns zu dem Kummer auch Schande und Schmach bringst, schließ' ich Dich in Deine Kammer.« Damit ergriff er die Hand der Schwester, um sie sich nach in das Nebengemach zu ziehen. Mit aller Kraft wehrte sich die Jungfrau; doch der Bruder war stärker als sie, und schon hatte er sie bis an die Schwelle geschleppt, als die in den Vorsaal führende Thür aufflog und der gallische Sklave Argutis in die Werkstatt stürzte und atemlos und keuchend den Ringenden zurief: »Was thut ihr? Bei allen Göttern, die Zeit ist übel gewählt, euch zu streiten. Zminis ist auf dem Weg hieher mit seinen Leuten, um euch zu verhaften. Gleich werden sie hier sein. In die Küche, Mädchen. Dido verbirgt Dich in der Holzkammer hinter dem Herde; Du aber, Philipp, mußt in den Hühnerstall kriechen. Nur kein Zaudern; sonst ist es zu spät!« »Fort denn!« mahnte auch Melissa den Bruder, »durch das Küchenfenster kommst Du ungestört zu dem Geflügel.« Hierauf warf sie sich ihm weinend an die Brust, küßte ihn und rief schnell: »Was uns auch betrifft, ich setze alles daran, den Vater und die anderen zu retten. Lebe wohl, und daß uns die Götter behüten!« Wie Philipp vorhin die ihre, so ergriff sie nun seine Hand, um ihn sich nachzuziehen, er aber riß sich los und sagte mit einer Gelassenheit, die sie erschreckte: »So mag denn das Aeußerste geschehen. Das Verderben geht seinen Gang. Lieber tot als entwürdigt.« »Unsinniger!« drang es dem Sklaven jetzt über die Lippen, und der an Gehorsam gewöhnte, treue Mann umfaßte den Sohn seines Herrn, um ihn mit Gewalt in die Küche zu schleifen; Philipp aber stieß ihn zurück und rief wütend: »Ich verstecke mich nicht wie ein zitterndes Weib.« Da vernahm der Gallier draußen den Taktschritt der Sicherheitswächter, und ohne des Bruders weiter zu achten, riß er die Schwester sich nach in die Küche, wo die alte Dido sie in Empfang nahm, um sie zu verbergen. Tief atmend blieb Philipp in der Werkstätte zurück. Durch das weit geöffnete Fenster sah er die Häscher nahen, und der auch in Stärkeren mächtige Trieb der Selbsterhaltung drängte ihn, dem Rate des Sklaven dennoch zu folgen. Bevor er aber noch die Thür erreicht hatte, sah er sich im Geiste zu den unter den Säulengängen im großen Hofe des Museums lustwandelnden Gelehrten treten und hörte diese kichern und ihren schnellen Witz an dem Skeptiker, dem starken Geist üben, der bei den Hühnern, aus deren Stall man ihn hervorgezogen, einen Versteck gesucht hatte, und dieses Vorstellungsbild besiegelte seinen Entschluß, lieber der Gewalt zu unterliegen, als den Fluch der Lächerlichkeit auf sich zu nehmen. Aber es zeigte sich ihm auch ungesucht ein seiner Stellung, der ganzen Richtung seines Wesens und dem Unglücksgefühl, das seine Seele beherrschte, angemessener und würdiger Grund, die Gefangenschaft auf sich zu nehmen. Als Skeptiker kam es ihm zu, auch das Schwerste mit Gleichmut zu tragen, und er, dem das Rechtbehalten unter allen Umständen wohlthat, hätte der Schwester gern zugerufen, daß die furchtbaren Mächte, deren Feindschaft er auf sich gezogen, fortführen, ihn, der eines bessern Loses würdig gewesen wäre, in Tod und Verzweiflung zu treiben. Bald darauf trat Zminis ihm entgegen und streckte den langen, hageren Arm nach ihm aus, um ihn im Namen des Kaisers zu verhaften. Philipp ließ es geschehen, und es regte sich dabei keine Muskel in seinem fahlen Antlitz. Nur einmal flog es ihm wie ein Lächeln um die Lippen; denn es war ihm in den Sinn gekommen, daß man ihn kaum in den Kerker führen würde, wenn man des Alexander habhaft geworden wäre; doch das Lächeln verschwand nur zu bald und machte düsterem Ernste Platz, als Zminis ihm, der ihm jede Antwort verweigerte, höhnisch mitteilte, sein hochverräterischer Bruder habe sich vorhin selber dem Nachtstrategen gestellt und werde hinter Schloß und Riegel sorgsam behütet. Seine Schuld sei indes so groß, daß seine nächsten Angehörigen nach ägyptischem Recht mit verhaftet und bestraft werden sollten. Es fehle nur noch seine Schwester, aber auch die werde man aufzufinden wissen. »Möglich,« hatte Philipps gelassene Antwort gelautet. »Da die Gerechtigkeit blind ist, hat wohl die Ungerechtigkeit um so schärfere Augen.« »Gut gesagt,« lachte der Aegypter. »Man erkennt das Salz, womit man Dich neben dem freien Brot im Museum füttert.« Argutis war Zeuge dieses Gespräches geworden, und als eine halbe Stunde später die Häscher das Haus verließen, ohne Melissa in ihrem Versteck gefunden zu haben, teilte der Sklave ihr mit, daß Alexander sich, wie er gefürchtet, freiwillig ins Gefängnis begeben habe, um die Befreiung des Heron dadurch zu bewirken; die Schurken aber hätten den Sohn festgehalten, ohne den Vater zu entlassen. Beide weilten jetzt mit Ketten belastet im Kerker. Der Sklave hatte diesen Bericht schon eine gute Weile beendet, und Melissa schaute immer noch bleich, thränenlos, wie versteinert zu Boden; plötzlich aber schüttelte sie sich, als habe ein Fieberschauer sie überfallen, und blickte durch das Fenster in den von der Abenddämmerung verschleierten Garten. Die Sonne war untergegangen. Die Nacht brach herein, und wieder kam ihr das Wort der Christen in den Sinn: »Da aber die Zeit sich erfüllet.« Auch für sie und die Ihren war ein Abschnitt des Lebens zu Ende gekommen, und ein neuer mußte daraus erwachsen. Sollte Knechtschaft und Tod das freie Geschlecht des Heron vernichten? Da zeigte sich der Abendstern am fernen Horizonte, und das erschien ihr wie ein Wink der Götter, und sie sagte sich, daß es an ihr sei, der letzten, die im Hause des Heron die Freiheit bewahrt, die Ihren auf der neuen Lebensbahn vor dem Untergange zu behüten. Der Himmel begann sich mit Gestirnen zu schmücken. Das Gastmahl beim Vater der Korinna, an dem der Kaiser teilnehmen sollte, mußte in einer Stunde beginnen. Unschlüssiges Zaudern konnte alles verderben, und so warf sie das Haupt entschlossen zurück und rief dem Sklaven zu, der teilnahmsvoll jeder ihrer Bewegungen gefolgt war: »Nimm den blauen Mantel des Vaters, Argutis, damit Du stattlicher aussiehst. Mache Dich auch unkenntlich; denn Du sollst mich begleiten, und die Häscher könnten uns nachgehen! – Du, Dido, komm mit mir in meine Kammer. Nimm das neue Feiertagskleid vom Adonisfest aus der Truhe. Es liegt dabei auch das schöne blaue Band der Mutter mit den Gemmen in der Mitte. Der Vater sagte immer: ›Das trägst Du zum erstenmal am Tage der Hochzeit;‹ aber nun . . . Gleichviel! Du sollst mir damit die Locken durchflechten. Ich will in ein vornehmes Haus, wo man keinen einläßt, dem man nicht schon von fern ansieht, daß er guter Leute Kind ist. Den Schmuck laß nur beiseite; die Bittstellerin darf ja nicht prunken.« Fünfzehntes Kapitel. Die alte Dido wußte sich nichts Lieberes, als das teure Kind ihrer unvergeßlichen Herrin, das sie redlich aufzuerziehen geholfen, anzukleiden und zu schmücken, heute aber wurde es ihr sauer; denn Thränen über Thränen verdunkelten ihr dabei die alten Augen. Erst als sie die letzte Hand an die Ordnung des reichen braunen Haares der Jungfrau gelegt, die Schulterspange am Peplos befestigt und ihr den Gürtel zurechtgeschoben hatte, lichtete sich ihr beim Anblick des vollendeten Werkes das bekümmerte Gesicht. So schön hatte sie ihr liebes Mädchen noch nie gesehen. Von der kindlichen Befangenheit und der geduldigen Ergebung, die Dido, während sie Melissa die Locken aufband, noch vorgestern gerührt hatten, war zwar nichts mehr auf dieser ernsten, gedankenvollen Stirn und an diesem festgeschlossenen Munde zu bemerken; dafür aber schien die Jungfrau der Sklavin gewachsen zu sein und etwas von der frauenhaften Würde der Mutter gewonnen zu haben. Die Alte sagte ihr auch, sie sehe aus wie das Bild der Pallas Athene, und fügte, um sie zu erheitern, hinzu, was die Eule der Göttin angehe, so könne sie, Dido, ja dafür gelten. Das Scherzen war nie die Sache der Alten gewesen, und heute fiel es ihr besonders schwer; denn sie war verdammt, bis ans Ende die Handmühle zu drehen, wenn das Schlimmste eintraf und man sie in ihrem Alter in ein fremdes Haus und den Argutis in ein anderes verkaufte. Doch wie war der Gang so schwer, den ihr mutter- und jetzt auch vaterloser Liebling antreten sollte, und deswegen mußte sie zu scherzen versuchen. Während des Ankleidens hatte sie nicht aufgehört, zu allerlei Göttern und Göttinnen zu beten, daß sie der Jungfrau helfen möchten, die Seele derer zu rühren, die sie um Hilfe angehen wollte. Und sie, die sonst geneigt war, immer das Schlimmste zu befürchten, hoffte diesmal das Beste; denn die Gattin des Seleukus mußte ja ein steinernes Herz haben, wenn sie es dieser Unschuld, dieser Schönheit, dem rührenden Blicke dieser großen, bittenden Augen verschließen konnte. Als Melissa endlich tief verschleiert mit dem Argutis das Haus verlassen hatte, reichte sie dem Sklaven den Arm, und das machte ihn, der den blauen Umwurf des Herrn trug und dem man längst nicht mehr auferlegte, das Haar kurz zu scheren, so stolz, daß er sich aufrecht trug wie ein Freier und niemand einen Sklaven in ihm vermutet hätte. Ein dichter Schleier verbarg das Antlitz Melissas, und sie wie ihr Begleiter waren schwer zu erkennen. Dennoch führte Argutis die Herrin durch möglichst stille und dunkle Gäßchen in die kanopische Straße. Beide schwiegen und schauten gerade vor sich hin. Ruhig wie sonst zu denken, wollte der Jungfrau auf diesem Gange nicht gelingen. Wie eine schwer leidende Kranke, die sich in das Haus des Arztes begibt, um durch den Schnitt seines Messers zu sterben oder Heilung zu gewinnen, sagte auch sie sich nur, daß sie etwas Schrecklichem entgegengehe, um etwas noch Furchtbarerem ein Ende zu machen. Dabei trat ihr bisweilen der Vater, der unvorsichtige und doch so wackere Alexander, der beklagenswerte Philipp und der wunde Geliebte vor das innere Auge; doch es wollte ihr nicht gelingen, auch nur eines dieser Bilder festzuhalten. Ebensowenig glückte es ihr, wie sonst, wenn sie etwas Wichtiges unternahm, ein Gebet an die Manen der Mutter oder die Götter zu richten, und zwischen alledem wurde fortwährend eine innere Stimme in ihr laut, die ihr zuversichtlich versicherte, der Kaiser, für den sie geopfert und der besser und milder sei, als die anderen glaubten, werde gerade ihr jede Bitte gewähren. Aber sie wollte diese Verheißung nicht hören, und als sie einmal dennoch zu erwägen begann, wie es wohl angehen werde, sich Gehör bei dem Cäsar zu verschaffen, rieselte es ihr kalt über den Rücken, und es war ihr, als vernehme sie zum andernmale die letzten Worte des Philipp: »Lieber tot als entwürdigt.« In des Sklaven Seele waren andere Empfindungen mächtig. Er, der sonst mit weit treuerer Sorge als Heron selbst über die Kinder seines Herrn wachte, hatte Melissa mit keinem Worte abgeraten, diesen gefahrvollen Gang zu unternehmen. Was sie vorhatte, schien auch ihm der letzte Erfolg verheißende Ausweg. Er stand noch im Anfang der Sechziger und war ein geschickter Mann, der leicht an einen milderen Gebieter gekommen wäre als den Heron; aber er dachte keinen Augenblick an die eigne Zukunft, sondern zunächst nur an die Melissas, die er wie eine eigene Tochter liebte. Seinem Schutze hatte sie sich anvertraut, und er fühlte sich verantwortlich für ihr Schicksal. Wie ein hohes Glück empfand er es darum, ihr schon beim Eintritt in das Haus des Seleukus nützlich sein zu können; denn der Thorhüter desselben war sein Landsmann, den, wie ihn, das Schicksal von den Ufern der Mosella hierher verschlagen hatte. Bei allen Festen, die den Sklaven auf Stunden die Freiheit zurückgaben, waren sie seit Jahren gute Genossen, und Argutis wußte, daß der Freund für ihn und seine junge Herrin thun werde, was in seiner Macht stand. Es mußte ja schwer sein, bei der Wirtin eines Hauses, in dem der Kaiser weilte, Gehör zu erlangen; doch sein Landsmann war gewandt und findig, und was nicht unmöglich war, das setzte er durch. Gehobenen Herzens und Hauptes schritt der Sklave dahin, und es stärkte ihm die Zuversicht, als in der hell erleuchteten kanopischen Straße einer der Häscher, der bei der Gefangennahme des Philipp mitgewirkt hatte, ihn anschaute, ohne ihn zu erkennen. In dieser großen und schönsten Verkehrsader der Stadt ging es lebhaft genug her. Die Menge erwartete den Kaiser; doch waren diesmal strengere Maßregeln getroffen worden als beim Einzug; denn die Sicherheitswächter entzogen die ganze südliche Seite der Straße dem Verkehr und gaben den Bürgern nur den mit Bäumen umsäumten Fußweg frei, der sich in der Mitte der Straße zwischen zwei mit Granitplatten belegten Fahrwegen und den Arkaden vor den Häuserreihen hinzog. Die solcher Beschränkung ungewohnten freien Bürger der Großstadt rächten sich durch neue Witzeleien an dem Cäsar, der in Alexandria die Wege durch die Sicherheitswächter leer mache wie zu Rom durch den Henker. Als er zwei Wege frei zu halten befahl, scheine er vergessen zu haben, daß er nur noch eines bedürfe, seit er seinen Bruder und Mitregenten ermordet. Auch Melissa sollte mit ihrem Begleiter auf die Allee zwischen den Fahrdämmen gedrängt werden; doch Argutis wußte einen der Sicherheitswächter zu bereden, daß sie – der Thorhüter werde es bestätigen – zu den Mimen gehörten, die im Hause des Seleukus vor dem Kaiser auftreten sollten, und so führte der Beamte sie selbst bis in den weiten Vorsaal des prächtigsten Hauses der Stadt. Doch so wenig wie Alexander vor einigen Tagen, war Melissa in der Stimmung, die Herrlichkeiten zu bewundern, die sie hier in verschwenderischer Fülle umdrängten. Schüchtern und immer noch verschleiert, gesellte sie sich, während Argutis mit dem Thorhüter sprach, zu dem Chor, der, bereit den Kaiser mit Gesang und Saitenspiel zu empfangen, zu beiden Seiten des weiten Raumes aufgestellt war. Sie fühlte nur dunkel, daß das Kichern und Flüstern hinter ihr sich auf sie beziehe, und als ein älterer Mann, der Chorführer, sie fragte, was sie hier begehre, und ihr ernst gebot sich zu entschleiern, gehorchte sie widerstandslos und sagte leise: »Bitte, laß mich hier stehen. Frau Berenike wird mich gleich zu sich bescheiden.« »Recht, recht,« versetzte der Musiker und gebot den Sängern, die sich fröhlich in allerlei Vermutungen über das Erscheinen eines so schönen Mädchens kurz vor der Ankunft des Cäsar ergingen, sie unbehelligt zu lassen. Seitdem Melissa sich des Schleiers entledigt, drängte sich ihr das viele Köstliche, das sie hier von zahllosen Kerzen und Lampen sonnenhell beleuchtet rings umgab, zudringlich auf. Jetzt erst sah sie, daß Blumengewinde die weiß gesprenkelten Porphyrsäulen der Vorhalle umschlangen, daß andere von der offenen Decke in schönen Biegungen niederhingen, daß im Hintergrunde dieses weiten Raumes die marmornen Bildsäulen des Septimus Severus und der Julia Domna, der Eltern Caracallas, aufgestellt waren. Zur Seite dieser Kunstwerke erhoben sich zwei gewaltige Laub- und Blumengruppen, in denen bunte Vögel, die das helle Licht munter erhielt, auf und nieder flatterten. Doch all diese Herrlichkeiten verschwammen vor ihren Blicken, und die erste Frage, welche die Künstlerstochter sich ihnen gegenüber sonst wohl vorgelegt hätte: ob sie schön seien oder nicht, kam ihr nicht einmal in den Sinn. Auch den Wohlgeruch, den sie einatmete, nahm sie erst wahr, als er, frisch erneut, sie belästigte. Vollbewußt war ihr nur zweierlei, als Argutis sich ihr endlich wieder näherte: Auf ihr ruhten viele neugierige Blicke, und ringsum fragte man sich, was den Kaiser so lange zurückhalten möge. Endlich – sie hatte schon viele lange Minuten gewartet – trat ihr der Thorhüter in Begleitung eines schlicht, aber kostbar gekleideten Mädchens, in dem sie die christliche Zofe Johanna erkannte, von der ihr Alexander erzählt, entgegen und winkte ihr stumm, ihr zu folgen. Tief atmend und gesenkten Hauptes gelangte Melissa endlich an der Seite der Dienerin in ein prächtiges Impluvium, in dessen Mitte, von Rosenbüschen umkränzt, ein Springquell rauschte. Das Licht des Mondes und der Sterne mischte sich hier in den Schimmer zahlloser Lampen und den roten Schein hell lodernder Feuer; denn um das Becken her, woraus plätschernde Wasser zum nächtigen Himmel aufstiegen, waren marmorne Genien aufgestellt, die auf dem Haupt oder in den erhobenen Händen silberne Becken trugen, in denen gierige Flammen duftendes Zedernholz und edle Harze verzehrten. Im Hintergründe dieses tageshell erleuchteten Raumes erhoben sich neben den drei Stufen einer Treppe die Marmorstatuen des großen Alexander und des Caracalla. Beide waren von gleicher Größe, und dem Künstler, der die zweite schnell aus leichtem Material hergestellt hatte, war die Aufgabe gestellt worden, den Cäsar dem Helden, den er am höchsten verehrte, in jeder Hinsicht ähnlich zu gestalten. So riefen beide zusammen den Eindruck eines Brüderpaares hervor. Sie wurden von den Flammen zweier Feuer bestrahlt, die auf Altären aus Gold und Elfenbein brannten. Liebliche Knaben im Schmuck bewaffneter Eroten speisten dieselben. Das alles gewährte einen zauberhaften, die Sinne bestrickenden Anblick. Melissa aber fühlte nur, während sie der Führerin folgte, daß eine fremde Welt sie umgebe, die sie vielleicht einmal im Traum geschaut, bis der Springquell, an dem sie vorbeischritt, sie mit kühlen Wassertropfen benetzte. Da ward ihr wieder deutlich bewußt, was sie hierherführe. Als Bittende sollte sie sogleich vor die Mutter Korinnas, vielleicht auch vor den Kaiser treten, und das Schicksal der Ihren war abhängig von ihrem Verhalten. Das Gefühl, eine ernste Pflicht zu erfüllen, ward in ihr lebendig. Höher aufgerichtet faßte sie nach dem Haar, um eine verschobene Locke an die rechte Stelle zu bringen, und das Herz schlug ihr zum Zerspringen, als sie auf der Plattform über den Stufen etliche Herren wahrnahm, die eine Frau redend umstanden. Diese erhob sich eben von dem elfenbeinernen Stuhl und schritt an der Hand eines römischen Senators – denn als solchen ließ ihn die mit Purpur verbrämte Toga erkennen – die Stufen hinunter und Melissa entgegen. Die hohe Matrone, die den Beherrscher der Welt erwartete und sie doch würdigte, ihr, der armen Künstlertochter, entgegen zu schreiten, überragte den vornehmen Begleiter um eines halben Hauptes Länge, und die kurzen Augenblicke, deren die Mutter Korinnas bedurfte, um sich ihr zu nähern, reichten hin, um Melissa mit Dankbarkeit, Zutrauen und Bewunderung zu erfüllen; ja, diese Spanne Zeit war lang genug, um das Mädchen gegenüber der Pracht des weißen, mit Gold durchwirkten und von Edelsteinen funkelnden Brokatgewandes, das die majestätische Gestalt Frau Berenikes umfloß, vor die Frage zu stellen, was es dieser Mutter, der vor wenig Tagen das einzige, teuere Kind entrissen worden war, wohl kosten müsse, in solchem Prunke dem Kaiser und einer Schar von tobenden Gästen ein freundliches, ja ein beglücktes Antlitz zu zeigen. Aufrichtiges Mitleid mit dieser reichen, vor allen Weibern der Stadt ausgezeichneten Frau erwachte in der Seele des der Barmherzigkeit selbst so bedürftigen Mädchens, und als die Matrone ihr gegenüberstand und sie mit der tiefen Stimme gütig fragte, was ihren Bruder so schwer gefährde, verneigte sich Melissa mit unbefangener Anmut, und ob sie auch zum erstenmal von einer so vornehmen Matrone angeredet wurde, antwortete sie doch klar und im vollen Bewußtsein der Aufgabe, die sie hieher geführt hatte: »Ich bin Melissa, die Schwester des Malers Alexander. Wohl weiß ich, daß es unbescheiden ist, jetzt, wo Dir so Schweres obliegt, zu Dir zu dringen; aber ich sah keinen andern Weg, dem Bruder das schwer gefährdete Leben zu retten.« Da fuhr Berenike zusammen und rief ihrem Begleiter, dem Gatten ihrer Schwester und dem ersten Aegypter, der Aufnahme in den römischen Senat gefunden hatte, ernst und mit leisem Vorwurf zu: »Sagte ich's nicht, Coeranus? Es konnte nur das Wichtigste sein, was die Schwester des Alexander veranlaßt, zu dieser Stunde meinen Rat zu suchen.« Der Senator aber, aus dessen schwarzen Augen das Wohlgefallen an der seltenen Schönheit Melissas blitzte, versetzte schnell: »Und käme sie auch um des Geringfügigsten willen, sie wäre mir wie Dir dennoch willkommen.« »Laß jetzt dergleichen,« unterbrach ihn Berenike in verweisendem Ton. »Schnell, Kind! Was ist es mit Deinem Bruder?« Da berichtete Melissa kurz und wahr, was der Leichtsinn Alexanders verschuldet und was ihn, den Vater und Philipp bedrohe. Zuletzt flehte sie mit innig rührender Bitte die hohe Frau an, dem Vater und den Brüdern Beistand zu leisten. Indessen hatte das scharf geschnittene Antlitz des Senators sich immer tiefer verdüstert, und auch Frau Berenike schlug die großen Augen zu Boden. Es fiel ihr sichtlich schwer, eine Entscheidung zu treffen, und dies blieb ihr auch fürs erste erspart; denn Boten eilten herbei, und der Senator befahl Melissa mit fieberhaftem Eifer, zur Seite zu treten. Dann flüsterte er der Schwägerin zu: »Es geht nicht an, dem Cäsar um dieser Leute willen unter Deinem Dache die Laune zu verderben,« und Frau Berenike behielt nur Zeit, ihm ein kurzes: »Ich fürchte ihn nicht« zu entgegnen; denn der erste Bote hatte sie eben erreicht und berichtete atemlos, der Kaiser sei abgehalten, in eigener Person zu erscheinen, doch die Abgesandten, die seine Entschuldigung brächten, folgten ihm auf dem Fuße. Da rief Coeranus der Schwägerin mit einem bittern Lächeln zu: »Nenne mich wenigstens einen guten Propheten. Was er uns Senatoren oft genug anthat, damit werdet auch ihr euch abfinden müssen.« Doch die Matrone hörte ihn kaum; denn voll inbrünstigen Dankes hatte sie die Augen aufwärts gerichtet und aus der erleichterten Brust drang ihr der Ruf: »Lob den Göttern für diese Gnade!« Dann löste sie die Hände von dem stürmisch bewegten Busen und rief dem Hausmeister zu, der dem Boten nachgeeilt war: »Der Kaiser erscheint nicht. Benachrichtige den Herrn, doch so, daß es den anderen nicht auffällt. Er soll die Abgesandten hier mit mir empfangen. Die für mich bestimmten Polster läßt Du sogleich in aller Stille entfernen, dann aber soll das Gastmahl ungesäumt beginnen. – O Coeranus, Du weißt nicht, welche Marter dieser armen Seele erspart bleibt!« »Berenike,« fiel ihr der Senator mahnend ins Wort, und legte den Finger auf die Lippen. Dabei nahm er auch wieder die junge Bittstellerin wahr und rief ihr bedauerlich zu: »Dein Gang hieher war leider vergeblich, mein schönes Kind. Bist Du so verständig wie reizend, dann wirst Du einsehen, daß es zu viel verlangt ist, sich zwischen den Löwen und denjenigen zu stellen, der ihn zur Wut reizt.« Doch die Matrone achtete nicht dieser Warnung, die der Senator auch auf sie gemünzt hatte, sondern sagte, während der flehende Blick Melissas sie traf, mit selbstbewußter Bestimmtheit: »Du bleibst. Wir werden sehen, wen der Kaiser uns schickt. Ich weiß besser als dieser Herr, Kind, was es heißt, sein Liebstes bedroht zu sehen. Wie alt bist Du, Mädchen?« »Achtzehn Jahre,« versetzte die Gefragte. »Achtzehn?« wiederholte die Matrone, als erschrecke sie diese Zahl; denn ihre Tochter hatte das gleiche Alter erreicht. Dann erhob sie die Stimme und fuhr mit ermutigender Wärme fort: »Was in meiner Macht steht, wird für Dich und die Deinen geschehen, und Du hilfst mir, Coeranus.« »Wenn es angeht,« entgegnete dieser, »mit dem ganzen Eifer meiner Verehrung für Dich und der Bewunderung, die alles Schöne mir einflößt. Doch da kommen die Gesandten. Der ältere ist der gelehrte Philostratus, dessen Schriften Du kennst; der jüngere das Glückskind Theokrit, von dem ich Dir erzählte. Wenn der Zauber ihres Antlitzes diesen Allmächtigen zu gewinnen verstünde!« »Coeranus,« fiel ihm hier die Matrone mit ernstem Vorwurf ins Wort; doch hörte sie nicht mehr die entschuldigende Antwort des Senators; denn Seleukus, ihr Gatte, schritt eben die Treppe hinunter und, nachdem er ihr flüchtig zugewinkt hatte, den Gesandten entgegen. Der Günstling Theokrit führte das Wort und verleugnete auch hier, trotz der Trauertoga, die ihn in schönen Falten umwallte, in keiner Bewegung den früheren Schauspieler und Tänzer. Als Seleukus ihn seiner Gattin entgegenführte, versicherte Theokrit, sein hoher Herr sei ebenso erschreckt wie betrübt gewesen, als er vor kaum einer Stunde, schon bekränzt und zum Feste gerüstet, erfahren, daß die Götter dem Hause, von dessen Gastlichkeit er frohe Stunden erwartet, das einzige Kind grausam entrissen hätten. Schmerzlich empfinde der Cäsar den Unstern, als Nichtwissender die Ruhe, die des Trauernden Recht sei, gestört zu haben. Er ersuche sie und ihren Gemahl, sich der Gunst des Beherrschers der Welt versichert zu halten. Was ihn, den Theokrit, angehe, werde er zu berichten wissen, wie herrlich sie ihren fürstlichen Wohnsitz zu Ehren des Cäsar zu schmücken verstanden. Mit tiefer Rührung werde sein erhabener Herr vernehmen, daß auch die beraubte Mutter, die wie Niobe kinderlos traure, die Versteinerung, die sie an den Sipylos fessele, gelöst, und sich bereitet habe, strahlend wie Juno an der goldenen Tafel der Götter den höchsten aller sterblichen Gäste würdig zu empfangen. Frau Berenike gelang es, sich Gewalt anzuthun und die schwülstigen Phrasen des Günstlings zu Ende zu hören, ohne ihn unwillig zu unterbrechen. Wie der bitterste Hohn kam ihr jedes Wort vor, das dem Komödianten so glatt von den Lippen floß, und die Persönlichkeit desselben erschien ihr so widerwärtig, daß sie sich wie erlöst fühlte, als er, nachdem er noch mit dem Hausherrn einige Worte gewechselt, um Erlaubnis bat, sich zurückziehen zu dürfen, da wichtige Geschäfte ihn riefen. Und so verhielt es sich in der That. Um keinen Preis hätte er diese Pflichten einem andern überlassen; denn es lag ihm ob, dem Präfekten Titianus, der ihn beleidigt, mitzuteilen, daß der Kaiser ihn abgesetzt habe und die gegen ihn erhobene Anklage wegen schlechter Amtsführung zu erwägen gedenke. Der zweite Gesandte blieb zurück, und nachdem er die Ladung des Seleukus abgelehnt hatte, ihm zum Mahle zu folgen, und mit Frau Berenike einige Worte getauscht, zog der Senator ihn aus die Seite und führte ihn nach einem kurzen Gespräche Melissa entgegen, um sie aufzufordern, die Sache der Ihren dem berühmten Philostratus, der zu den bevorzugten Freunden des Kaisers gehöre, ans Herz zu legen. Dann folgte Coeranus dem Winke der Schwägerin, die zu wissen begehrte, ob er es verantworten könne, dem Hofmanne, von dem sie nichts wisse, als daß er geschmackvoll zu schreiben verstehe, dies selten schöne Mädchen zuzuführen, das sich unter ihren Schutz gestellt habe, und das sie auch zu behüten gedenke. Diese Frage schien den Senator zu belustigen, doch dem Ernste der Schwägerin gegenüber änderte er bald den leichtfertigen Ton und bekannte, daß der junge Philostratus einer der letzten gewesen wäre, dem er den Schutz einer Jungfrau anvertraut hätte. Seine berühmten Briefe lehrten deutlich genug, ein wie eifriger und glücklicher Freund schöner Frauen der geistreiche Philosoph und Schriftsteller gewesen. Doch das sei anders geworden. Auch jetzt noch huldige er zwar der weiblichen Anmut, doch führe er ein geordnetes Leben und sei einer der wärmsten und ernstesten Verteidiger der väterlichen Religion und Tugend geworden. Er gehöre zu dem gelehrten Kreis der Julia Domna, der Mutter des Kaisers, in deren Auftrag er den Caracalla begleite, um, wo es angehe, die wilden Leidenschaften ihres Sohnes zu zügeln. Das Gespräch, das Melissa indes mit dem Philosophen begonnen, hatte eine sonderbare Wendung genommen; denn schon bei der ersten Anrede war ihr das Wort auf den Lippen. erstorben; hatte sie doch in dem Abgesandten des Kaisers den römischen Herrn wieder erkannt, der ihr im Tempel des Aeskulap aus dem Archiv entgegengetreten war und sie leicht belauscht haben konnte. Und Philostratus schien sich gleichfalls ihrer Begegnung zu erinnern; denn sein kluges Gesicht, in dem sich Ernst und Heiterkeit liebenswürdig paarten, glänzte hell auf, und seinen Mund umspielte ein feines Lächeln, als er sie fragte: »Irr' ich mich, schöne Jungfrau, oder gewährte mir der große Asklepios am Morgen die Gunst, Dir zu begegnen, die ich am Abend dem göttlichen Cäsar verdanke?« Da wies Melissa mit dem Blick auf den Senator und Frau Berenike, und obgleich ihr Ueberraschung und Bangigkeit die Lippen schlossen, sprachen ihre erhobenen Hände und ihr ganzes Wesen doch deutlich genug die Bitte aus, sie nicht zu verraten. Und der Philosoph verstand sie und that ihr den Willen. Es gefiel ihm, mit einem so anmutigen Kinde ein Geheimnis zu teilen. Er hatte sie auch wirklich belauscht und überrascht und betroffen vernommen, daß sie für den Kaiser inbrünstig gebetet. Das reizte seine Neugier aufs höchste. So raunte er ihr denn zu: »Was ich beim Asklepios sah und hörte, soll unser Geheimnis bleiben, mein Mädchen. Aber was in aller Welt konnte Dich veranlaßt, so herzlich für den Kaiser zu beten? Hat er Dir und den Deinen etwas Gutes erwiesen?« Melissa verneinte dies mit einem leisen Kopfschütteln, und nun fuhr der Philosoph mit verdoppelter Wißbegier fort: »So gehörst Du zu denen, deren Herz Eros durch den Anblick des Bildes oder der Gestalt eines Menschen mit Liebe erfüllt?« Da versetzte sie eifrig: »Welch ein Gedanke! O nein, nein! Ganz gewiß nicht.« »Nicht?« fragte Philostratus mit wachsendem Erstaunen. »Dann erwartet Deine hoffnungsreiche, junge Seele vielleicht, er könne noch bei seiner Jugend unter dem Beistande der Götter wie Titus ein Beglücker des Erdkreises werden?« Da schaute sich Melissa scheu nach der Matrone um, die immer noch mit dem Senator sprach, und erwiderte schnell: »Sie nennen ihn einen Mörder! Aber ich weiß gewiß, daß er von schrecklichen Schmerzen des Leibes und der Seele gequält wird, und weil mir nun einer, der vieles weiß, sagte, daß es keinen gebe unter den Millionen, die der Cäsar beherrscht, der für ihn bete, da that er mir so leid – ich kann es nicht sagen . . .« »Und deswegen,« unterbrach sie der Philosoph, »erschien es Dir löblich und wohlgefällig den Göttern, die erste und einzige zu sein, die freiwillig und ungesehen ein Opfer für ihn auf den Altar legt? So hat sich's verhalten. Und wahrlich, Kind, Du brauchst Dich des nicht zu schämen.« Dann verfinsterte sich ihm plötzlich das Antlitz, und in verändertem Tone frug er ernst: »Bist du eine Christin?« »Nein,« versetzte sie bestimmt. »Wir sind Griechen. Wie könnt' ich auch dem großen Asklepios ein blutiges Opfer bringen, wenn ich an den Gekreuzigten glaubte?« »Dann, dann,« sagte Philostratus, und die Augen leuchteten ihm hell auf, »darf ich Dir in der Götter Namen versichern, daß ihnen Dein Gebet und Opfer wohlgefällig waren; ich selber aber, Du wackeres Kind, schulde Dir eine große Freude. Und nun noch eins. Wie war Dir zu Mute, Mädchen, als Du das Heiligtum verließest?« »Leicht, Herr, und freudig,« erwiderte sie schnell und schaute ihm mit den großen Augen heiter und offen ins Antlitz. »Singen hätte ich mögen mitten auf der Straße, obwohl sie nicht leer war.« »Das wollt' ich nur hören,« versetzte er befriedigt, und während er ihr noch die Hand schüttelte, die er mit der liebenswürdigen Lebhaftigkeit seines Wesens ergriffen hatte, trat der Senator mit der Matrone ihm näher. »Hat sie um Deinen Beistand geworben?« frug Coeranus, und Philostratus erwiderte schnell: »Was in meiner Macht liegt, für sie zu thun, das soll sicher geschehen.« Da bat Frau Berenike die beiden, ihr in ihre Gemächer zu folgen; denn was an das Fest erinnerte, war ihr zuwider, und schon unterwegs begann Melissa dem neuen Freunde zu berichten, was ihren Bruder bedrohe. In dem kunstvollen, ohne Prunk, doch mit den edelsten Werken der alten alexandrinischen Kunst ausgestatteten Frauengemache führte sie ihre Erzählung zu Ende. Philostratus hatte ihr aufmerksam zugehört, doch bevor sie noch ihre Bitte in Worte kleiden konnte, unterbrach er sie mit dem Rufe: »So wird es also gelten, den Kaiser zu bewegen, Gnade zu üben, und das . . . Du weißt nicht, Kind, was Du damit verlangst!« Hier wurde er von einem Boten des Seleukus unterbrochen, der den Coeranus zu den Gästen berief, Frau Berenike aber begab sich, sobald sich der Senator entfernt hatte, in ihr Gemach, um den ihr widrigen Putz abzulegen. Mit der Verheißung, bei ihrer baldigen Wiederkehr sich mit an der Beratung zu beteiligen, ging sie, und nachdem Philostratus ihr eine Weile gedankenvoll nachgeschaut hatte, wandte er sich an Melissa mit der Frage: »Würdest Du Dich entschließen, den Deinen zu liebe Dich bitteren Demütigungen, ja vielleicht einer schweren Gefahr auszusetzen?« »Alles, auch das Leben für sie!« entgegnete Melissa so freudig entschlossen, und aus ihren Augen strahlte dem Frager so opfermutige Begeisterung entgegen, daß es ihm das alternde Herz wärmte und der Grundsatz, dem er, seit er in der Nähe des Kaisers weilte, streng gefolgt war, ungefragt auch kein Wort an den Herrscher zu richten, in alle Winde zerstob. Mit ihrer Hand in der seinen und einem forschenden Blick in ihr Antlitz frug er sie noch einmal: »Und wenn es einen Schritt zu thun gälte, vor dem vielen Männern der Mut versagte; – Du würdest ihn wagen?« Auch diesmal war ein frohes »Ja« die Antwort, und nun gab Philostratus ihr die Hand frei und sagte: »So wollen wir denn das Aeußerste versuchen. Ich ebene Dir den Weg, und morgen – erschrick nicht – morgen trittst Du unter meinem Schutze vor den Kaiser.« Da entfärbten sich die Wangen der Jungfrau, die neu erwachende Hoffnung lieblich gerötet, und während ihr Ratgeber den Wunsch äußerte, das weitere mit der Gattin des Seleukus zu bereden, trat Berenike in das Gemach. Sie trug jetzt wieder Trauergewänder, und ihr bleiches, edles Antlitz war noch feucht von den Thränen, die sie eben vergossen. Jene dunklen Schatten, die, wo sie das Auge einer Frau umgeben, auf vergangene Seelenstürme deuten, wie der Hof, der den Mond, das Auge des nächtlichen Himmels, umrahmt, auf nahendes Unwetter weist, waren tiefer geworden, und als ihr bekümmerter Blick Melissa traf, überkam das Mädchen das Verlangen, sich dieser Frau in die Arme zu werfen und sich auszuweinen wie an der Brust einer Mutter. Auch Philostratus schien von dem Anblick der Matrone ergriffen, die so vieles besaß und der ein roher Schicksalsschlag alles verdarb, was dem weiblichen Herzen teuer. Es that ihm wohl, ihr mitzuteilen, daß er hoffen dürfe, den Kaiser milder zu stimmen. Was er vorhabe, sei indes ein Wagnis. Der Cäsar sei tief aufgebracht über die höhnischen Angriffe, die er hier erfahre, und der Bruder Melissas vielleicht der einzige Spötter, dessen man habhaft geworden. Ungestraft könne der Frevel der Alexandriner Witzlinge nicht bleiben. In solcher verzweifelten Lage hülfen nur verzweifelte Mittel, und darum wage er den Vorschlag, Melissa zu dem Herrscher zu führen, damit sie ihn selbst um Gnade bitte. Da zuckte die Matrone zusammen, wie von einem Skorpionstich getroffen. Heftig erregt, und als habe sie die Jungfrau vor einem Angriff zu schützen, schlang sie den Arm um sie, und Melissa schmiegte hilfesuchend das Haupt an die Brust der Matrone. Da ward Berenike durch den Wohlgeruch, der den Locken des Mädchens entstieg, an die Stunden erinnert, in denen sie das eigene Kind so warm am Herzen gehalten. Ihr Mutterherz hatte ein neues Liebesziel gefunden, und mit dem Rufe: »Unmöglich!« zog sie den Schützling fester an sich. Doch Philostratus bat sie um Gehör. Von dem Gnadengesuch durch einen Dritten, sagte er, sei nichts zu erwarten als das Verderben dessen, der die Fürbitte wage. »Caracalla,« fuhr er fort und wandte sich an Melissa, »ist furchtbar in seinem Zorne, wer könnte es leugnen; doch in der letzten Zeit hat schweres Leid einen reizbaren Unzufriedenen aus ihm gemacht, der auf strenge Sitten hält in seiner Umgebung. Die Schönheit des Weibes gilt ihm nichts mehr, und dies anmutige Kind wird ohnehin mancherlei vor seiner Leidenschaft sichern. Er soll wissen, daß die Gattin des Oberpriesters, dessen Gast er ist, die würdigste der Frauen, dem Schicksal Melissas mit Teilnahme folgt, und ich selbst, der Freund seiner Mutter, bleibe in ihrer Nähe. Maßlos und von keinem Lebenden zu bändigen ist dagegen seine Rachelust, und wer sie erweckte, den vermöchte auch nicht die edle Frau Julia vor dem grausamsten Mißgeschick zu bewahren. Weißt Du es nicht, so laß es Dir melden, Mädchen, daß er seinem Bruder Geta das Leben nahm, obgleich ihn die Arme der erhabenen Frau schützend umfingen, die ihn und sein Opfer gebar. Auch das mußtest Du wissen, und nun frage ich Dich zum drittenmal: Bist Du immer noch willens, alles für die Deinen zu opfern? Hast Du den Mut, den Gang in die Höhle des Löwen zu wagen?« Da schmiegte Melissa sich fester an die Matrone, und von ihren erblaßten Lippen klang es leis, doch entschieden: »Ich bin bereit, und er wird mich erhören.« »Kind, Kind,« rief die Matrone entsetzt und löste den Arm von dem Mädchen. »Du weißt nicht, was Dir droht. Dich blendet die glückliche Zuversicht der unerfahrenen Jugend. Ich kenne das Leben, und hier vor Augen sehe ich Dein Herzblut, rein und rot wie das der jungen Lämmer . . . Ich sehe . . . O Kind, Du kennst nicht den Tod und seinen furchtbaren Ernst!« »Ich kenne ihn,« fiel ihr Melissa in fieberhafter Erregung ins Wort. »Mein Liebstes, die Mutter, – mit diesen Augen sah ich sie sterben. Was ging mir nicht alles mit ihr zu Grabe! Und doch! Die Hoffnung blieb lebendig hier drinnen, und ein wie wüster Mörder Caracalla auch sein mag, mir wird er nichts anthun, gerade weil ich so schwach bin. Und, Frau Berenike, was bin ich denn, was liegt an meinem Leben, und was geht mit dem Vater verloren und den Brüdern, die beide auf dem Weg sind zum Höchsten und Größten!« »Doch Du bist Braut,« fiel die Matrone ihr lebhaft ins Wort, »Du sagtest auch vorhin, daß der Verlobte Dir teuer . . . Und er? Er liebt Dich gewiß, und gehst Du zu Grunde, so verdirbt ihm der Schmerz das junge blühende Leben.« Da schlug Melissa die Hände vor das Antlitz und schluchzte laut auf: »So zeigt mir doch einen andern Weg! Jeden, auch den schwersten will ich betreten. Aber es gibt ja keinen, und wäre Diodor hier, er hinderte mich gewiß nicht; denn wozu das Herz mich drängt, das ist meine Pflicht und das Rechte! Doch er liegt krank und mit getrübtem Geist auf dem Lager, und ich kann ihn nicht fragen; aber Du, edle Frau, aus deren Augen mir so viel Güte entgegenschaut, laß doch ab, mir Salz in die Wunden zu streuen! Was mir obliegt, ist ja ohnehin so schwer! Aber ich würde es doch thun und zu dem schrecklichen Manne zu dringen versuchen, auch wenn keiner mich schützte!« Mit wechselnden Empfindungen war die Matrone diesem Herzensergusse gefolgt. Was in ihr war, sträubte sich gegen den Gedanken, dies reine, schöne, liebenswerte Geschöpf der Wut des Tyrannen preiszugeben, dessen Verruchtheit so groß und grenzenlos war wie seine Macht; und doch sah auch sie keinen andern Weg, den Künstler zu retten, der ihr lieb geworden war. Ihre große Seele verstand den Entschluß der Jungfrau, das Leben der Ihren mit dem eigenen Herzblute zu erkaufen. In der gleichen Lage wäre sie selbst bereit gewesen, das Gleiche zu thun. Dazu sagte sie sich, wie glücklich es sie gemacht hätte, bei der eigenen Tochter die nämliche Gesinnung zu finden. So schmolz denn ihr Widerstand dahin, und von den widerstrebenden Lippen drang ihr der Ruf: »Thue denn, was Du für recht hältst!« Dankbar und wie von einer schweren Last befreit flog Melissa ihr wiederum an die Brust, Frau Berenike aber trug Sorge, dem Schützling den steinigen Gang, so weit es in ihrer Macht lag, zu ebnen. Eingehend und als gelte ihre Fürsorge der eigenen Tochter, hielt sie mit Philostratus Rat, und es ward, während aus dem Männersaale der Lärm des fortschreitenden Gastmahls zu ihnen drang, beschlossen, daß sie die Jungfrau in eigener Person zu der Gattin des Oberpriesters, des Bruders ihres Gemahls, führen und bei ihr auf die Rückkehr Melissas warten solle. Philostratus stellte die passende Stunde und andere Einzelheiten fest und wünschte dann auch Näheres über den jungen Künstler zu erfahren, dessen Spottlust so Schweres über die Seinen gebracht. Sogleich führte Frau Berenike den Philosophen in das Nebengemach, wo das Bildnis ihrer geliebten Verstorbenen aufgestellt war. Ein dichter Kranz von Veilchen, die Lieblingsblumen der Verstorbenen, umgab es. Zwei dreiarmige Lampen auf hohen Gestellen beleuchteten das herrliche Kunstwerk, und Philostratus, ein Kenner, der viele Gemälde in geschmackvoller und anschaulicher Weise beschrieben hatte, versenkte sich stumm in die schönen Züge, die mit seltener Meisterschaft und der begeisterten Hingabe eines liebenden Herzens wiedergegeben waren. Endlich wandte er den Blick auf die Matrone und rief: »Glückseliger Künstler, dem ein solches Vorbild sich darbot! Ein Werk, würdig der alten, besseren Zeit und eines Meisters aus den Tagen des Apelles! Was Dir in dieser Tochter genommen ward, edle Frau, hatte nicht seinesgleichen, und kein Schmerz ist groß genug, es zu beklagen. Aber die Gottheit, die nimmt, weiß auch zu geben, und durch dies Bildnis rettet sie Dir einen Teil dessen, was Du an Deinem Kinde geliebt. Auch für Melissas Sache ist dies herrliche Bildnis bedeutend; denn der Kaiser hat einen feinen Sinn für die Kunst, und zu den Mängeln seiner Zeit, die ihm die Seele verbittern, gehört auch die Lähmung, die das Schaffen der bildenden Künstler befiel. Für den Meister, der dies Bildnis schuf, wird es leichter sein, Gnade zu erwirken, als für einen hochgeborenen Großen. Maler, wie diesen Alexander, braucht er außerdem für die Pinakothek in den von ihm geschaffenen herrlichen Bädern am Tiber. Wolltest Du mir Dein Kleinod anvertrauen für den morgenden Tag . . .« Da unterbrach ihn die Matrone mit einem. lebhaften »Nie«, und wie zum Schutz legte sie die Hand auf den Rahmen. Doch Philostratus ließ sich nicht entmutigen und fuhr im Tone schmerzlicher Enttäuschung fort: »Dies Bildnis ist Dein, und wer kann Dir Deine Weigerung verdenken? Wir werden also versuchen müssen, ohne diesen mächtigsten aller Bundesgenossen zum Ziele zu gelangen.« Frau Berenikes Blicke waren während dieser Worte auf dem Antlitz der Tochter ruhen geblieben und versenkten sich mehr und mehr in die schönen, sprechenden Züge des verstorbenen Kindes. Wie sie selbst, so schwieg alles rings umher. Endlich wandte sie das Haupt langsam Melissa zu, die betrübt zu Boden schaute, und sagte leise: »Sie war Dir ähnlich in vielen Stücken. Die Gottheit hatte sie geschaffen, um Glück und Licht um sich her zu verbreiten. Wo sie Thränen trocknen konnte, that sie es gern. Ihr Bild ist ja stumm, aber dennoch befiehlt es mir, so zu handeln, wie sie es gethan haben würde. Kann dies Werk des Alexander in der That den Kaiser bewegen, Gnade zu üben, so soll es . . . Du, Philostratus, bestehst auf Deiner Meinung?« »Ja,« versetzte dieser bestimmt, »einen besseren Fürsprecher als dies Werk gibt es nicht für den Meister!« Da richtete die Matrone sich auf und sagte: »Wohl denn! Morgen in aller Frühe ist es bei Dir im Serapeum. Das Bild der Verstorbenen mag verloren gehen, wenn es den Lebenden rettet, der es so liebevoll schuf.« Hier reichte sie dem Philosophen mit abgewandtem Antlitz die Hand und verließ schnell das Gemach. Ungesäumt eilte Melissa ihr nach und rief überströmend von dankbarer Liebe der Schluchzenden entgegen: »Weine nicht! Ich weiß etwas, das Dir besseren Trost bringen kann als das Werk meines Bruders; das lebendige Ebenbild, mein' ich, Deiner Korinna. Eine Jungfrau wie sie . . . Hier in Alexandria lebt sie . . .« »Agathe, die Tochter des Zeno?« fragte die Matrone, und als Melissa dies bejahte, fuhr jene schwer atmend fort: »Dank für Deine Güte, mein Mädchen; doch auch dies Kind ging mir verloren.« Dabei stöhnte sie laut auf und warf sich mit dem leisen Ruf: »Ich will allein sein!« auf den Diwan. Da zog sich Melissa bescheiden in das Nebenzimmer zurück, und Philostratus, der indes tief versunken in das Bildnis Korinnas dagestanden hatte, nahm von ihr Abschied. Ohne den kaiserlichen Wagen zu benützen, der seiner harrte, begab er sich zu Fuß in sein Quartier, und so heiter und mit sich selbst zufrieden wie auf dieser Wanderung hatte er sich lange nicht gefühlt. Nachdem Frau Berenike kurze Zeit einsam geruht hatte, rief sie Melissa wieder zu sich und sorgte für den jungen Gast, als sei ihr in ihm der verlorene Liebling auf kurze Zeit wiedergeschenkt worden. Zunächst gestattete sie dem Mädchen, den Sklaven Argutis kommen zu lassen, und nachdem auch sie den treuen Mann versichert, daß alles gut zu gehen verheiße, entließ sie ihn mit der Weisung, sich daheim für die junge Herrin zur Verfügung zu halten, die einstweilen in ihrem Hause Schutz finden werde. Sobald der Trevirer sie verlassen, befahl sie der Zofe Johanna, ihren Bruder zu rufen. Während diese den Auftrag erfüllte, teilte die Matrone dem Mädchen mit, daß dies Geschwisterpaar zu den Christen gehöre. Sie seien die Kinder von Freigelassenen ihres Hauses und frei geboren. Johannes habe sich schon früh so gelehrig gezeigt, daß man seinem Wunsche, ihn zum Sachwalter auszubilden, nachgegeben habe. Jetzt gehöre er zu den geachtetsten Anwälten der Stadt; doch stelle er seine seltene Beredsamkeit, die er nicht nur in Alexandria, sondern auch zu Karthago ausgebildet habe, am liebsten in den Dienst angeklagter Christen. In den freien Stunden besuche er die Verurteilten in den Kerkern, spreche ihnen Trost zu und beschenke sie mit dem reichen Gewinne, den seine Thätigkeit unter den Reichen ihm schenke. Er sei der rechte Mann, die Ihren aufzusuchen, ihre Hoffnung neu zu beleben und ihnen ihren Gruß zu überbringen. Als der Christ dann erschien, zeigte er sich mit Freuden bereit, diesen Auftrag auszurichten. Seine Schwester war schon beschäftigt, Wein und andere Erfrischungen für die Gefangenen zusammenzupacken, und Johannes bekannte der Matrone, daß es wohl mehr werden würde, als die drei, um die es sich handle – auch wenn ihre Haft recht lange dauere – aufbrauchen könnten. Sein Lächeln bewies, wie sicher er auf die Freigebigkeit Frau Berenikes baue, und Melissa faßte schnell Zutrauen zu dem jungen Christen, der sie an ihren Bruder Philipp erinnert hätte, wenn die Haltung seiner hageren Gestalt nicht aufrechter und das lange Haar nicht schlicht und völlig ungekräuselt gewesen wäre. Am wenigsten glichen die Augen des Johannes denen des Philipp; denn sie blickten so milde in die Welt wie die des Philosophen scharf und prüfend. Melissa trug ihm mancherlei für den Vater und die Brüder auf, und als Frau Berenike ihn bat, dafür zu sorgen, daß das Bild ihrer Tochter sicher in das Serapeum gelange, wo es helfen solle, den Kaiser günstig für den Maler zu stimmen, lobte er den Entschluß der Matrone und fügte bescheiden hinzu: »Wie lange gehört uns denn überhaupt, was wir an vergänglichen Gütern besitzen? Vielleicht einen Tag, ein Jahr und im bestem Fall einige Lustren. Aber die Ewigkeit ist lang, und wer ihr zu liebe die Zeit vergißt und auf sie allein, die ja auch die Zeit unserer eigenen Seele ist, seine Hoffnung setzt, der verlernt zu beklagen, was uns an vergänglichen Gütern, und wären es die edelsten und uns teuersten, geraubt ward. O, könnte ich auch Dich dahin führen, auf die Ewigkeit Deine Hoffnung zu setzen, Du beste der Frauen, Du treuste der Mütter! Sie, die auch das klügste Gehirn nicht zu fassen vermag – das sag' ich Dir, der Philosophin – ist das am schwersten zu erreichende und darum das vornehmste Ziel für das menschliche Denken. Faß es ins Auge, und in ihrem unermeßlichen Reiche, auch Dein zukünftiges Heim, wirst Du der Geschiedenen wieder begegnen, wird nicht nur ihr Bild Dir von neuem angehören, sondern sie selbst.« »Laß das,« unterbrach hier die Matrone den Freigelassenen mit herber Ungeduld. »Ich weiß, wo Du hinaus willst; doch die Ewigkeit zu erfassen, ist dem Geiste der Gottheit vorbehalten; der unsere scheitert an diesem Versuche. Wie dem Ikarus schmelzen ihm die Flügel ab, und er stürzt in das Meer – das Meer des Wahnsinns mein' ich, dem ich oft nahe genug war. – Ihr Christen glaubt ja die Ewigkeit zu kennen, und wenn ihr darin nicht irrtet . . . Doch ich will den alten Streit nicht erneuern. Gib mir mein Kind zurück auf ein Jahr, einen Monat, einen Tag nur, wie es war, bevor es von der mörderischen Krankheit erfaßt ward, und ich schenke Dir das Wolkenkuckucksheim Deiner Ewigkeit und gebe den Rest meines Erdenlebens noch mit in den Kauf.« Wie in hartem Fieberschauer wurde die kraftvolle Frau von dem neu aufgeregten Schmerze geschüttelt; sobald sie aber die Fähigkeit zurückgewonnen hatte, verständlich zu reden, rief sie dem Sachwalter zu: »Ich will Dich wahrlich nicht kränken, Johannes. Ich schätze Dich, und Du bist mir lieb. Aber wenn Du willst, daß es so bleibe, dann laß von dem thörichten Verlangen, die Schildkröte fliegen zu lehren. Thu das Deine für die armen Gefangenen, und wenn Du . . .« »Morgen, sobald es Tag wird, suche ich sie auf,« unterbrach sie Johannes und verabschiedete sich schnell von den Frauen. Sobald sie wieder allein waren, rief Berenike. »Da geht er hin, verletzt, als hätte ich ihm unrecht gethan. Und so sind sie alle, die Christen. Anderen aufzudrängen, was ihnen recht scheint, halten sie für Pflicht, und wer sich ihrer fraglichen Wahrheit verschließt, von dem setzen sie voraus, daß er beschränkten Geistes sei oder Feind alles Guten. Die Agathe, von der Du mir sprachst, und auch Zeno, ihr Vater, der Bruder meines Gatten, sind Christen. Korinnas Tod, hoffte ich, werde das Kind, nach dem mein Herz sich sehnte, und von dem ich viel Freundliches vernahm, zu uns zurückführen können; doch der gemeinsame Schmerz, der sonst so viel Getrenntes zusammenführt, hat die Kluft nur vertieft, die zwischen meinem Gemahl und dem Bruder sich aufthut. Wir sind schuldlos daran! Ja, wie freute es mich, als mir wenige Stunden nach dem Schrecklichen ein Brief des Zeno meldete, daß er uns mit der Tochter noch am nämlichen Abend aufsuchen werde. Doch dies Schreiben« – die Stimme der lebhaften Frau begann vor Unwillen zu zittern – »doch dies Schreiben zwang uns, ihn zu ersuchen, den Besuch unterbleiben zu lassen; denn – es ist nicht zu glauben, und ich thäte besser, nicht neues Oel in die Flamme zu gießen – denn er forderte uns auf, uns zu freuen, drei, vier, fünfmal wiederholte sich der gräßliche Ruf. Dazwischen sprach er mit empörendem Schwulst von der Seligkeit und Wonne, die unserer Verstorbenen warte . . . Und das, das einer Mutter, der ein roher Streich des Schicksals vor wenigen Stunden das Herz in Stücke zerbrach! Lachenden Mundes der Beraubten, Todeswunden, Vereinsamten zuzurufen, – sich zu freuen – dies Uebermaß der Roheit oder Verwilderung hat uns auf immer geschieden. Die schwarzen Gartenarbeiter, die Korinna gekannt, und deren Gott eine Baumwurzel ist, die nur von fern der Menschengestalt ähnelt, sind in Thränen zerflossen, als sie das Schreckliche vernahmen, und Zeno, unser Bruder, der Oheim der gebrochenen Blume, freut sich und fordert uns auf, uns zu freuen! Mein Mann meint, der Haß und die alte Feindschaft habe dem Unsinnigen die Feder geführt; ich glaube nur, daß er, von christlichem Wahnsinn erfaßt, mir, einer Mutter, zumutete, sich unter das Tier zu stellen, das seine Jungen mit dem Leben verteidigt. Was Zeno meinem Gemahl anthat, da er ein Christ wurde und sein Vermögen dem Handelshause entzog, um es zum Teil an Gesindel zu vergeuden, hätte Seleukus ihm verziehen, dies ›freue dich‹ aber kann weder er, von dem doch abfließt wie das Wasser vom Oel, was mir in das Herz dringt, noch ich dem Vater Agathens vergeben.« Hier schwieg sie mit heißen Wangen, und die sengende Glut ihrer Augen hatte der dunkel gekleideten majestätischen Frau, deren volles, rabenschwarzes Haar sich während dieser leidenschaftlichen Anklage gelockert, ein Ansehen gegeben, das Melissa erschreckte. Auch ihr erschien dies »freue dich« bei solchem Anlaß unziemlich und kränkend, doch sie hielt ihre Meinung zurück, teils aus Bescheidenheit, teils weil sie die Unglückliche, der Agathe durch ihren bloßen Anblick so reichen Trost gewähren konnte, nicht noch weiter von der Nichte und ihrem Vater entfremden wollte. Als die freigelassene Zofe Johanna kam, um sie in ein Gastgemach zu führen, atmete sie auf, doch Frau Berenike wünschte Melissa diese Nacht in ihrer Nähe zu behalten und befahl der Christin leise, in dem an ihr Schlafgemach stoßenden Zimmer neben dem Lager der Verstorbenen, das nicht berührt werden dürfe, ein anderes zu rüsten. Dann führte sie in immer gleicher Erregung Melissa in das freundliche Zimmer der Tochter. Dort zeigte sie ihr alles, was Korinna besonders lieb gewesen war. Selbst der Vogel der Verstorbenen hing noch an der gleichen Stelle. Ihr Schoßhund schlummerte in einem Körbchen auf dem Kissen, das die Mutter einmal für den Liebling der Tochter gestickt. Melissa mußte die Laute und die ersten Webereien der Entschlafenen bewundern und den zierlichen Webestuhl von Elfenbein und Ebenholz ansehen, woran sie dieselben vollendet. Selbst die Verse, die Korinna auf den Tod ihres Lieblingsvogels nach dem Muster des Catull gedichtet, gab sie der Altersgenossin ihres Kindes zu hören. Ob Melissa auch vor Erschöpfung die Augen zufallen wollten, zwang sie sich doch, aufmerksam zu bleiben, weil sie wahrnahm, wie wohl ihre Teilnahme der gütigen Frau that. Dazwischen drangen die Stimmen der Männer, die vom Schmausen zum Zechen übergegangen waren, immer lauter in den den Weibern angewiesenen Teil des Hauses. Wenn die Heiterkeit der Gäste besonders hohe Wogen schlug und etwas Erheiterndes viele auf einmal zu hellem Gelächter hinriß, schrak Berenike zusammen, murmelte unverständliche Drohungen vor sich hin und bat die beleidigten Manen der Tochter leis um Vergebung. Es schien ihr Erleichterung zu gewähren, sich von einer Stimmung in die andere schleudern zu lassen, und doch verlor sie weder im Schmerz, noch wenn die mütterliche Zärtlichkeit sie gesprächig machte, noch im Zorn die ihr eigene Majestät. Was Melissa hier sah und hörte, zwang sie bald zum Mitleid, bald erschreckte es sie. Dazwischen peinigte sie die Sorge um die Ihren und die wachsende Erschöpfung. Doch endlich kam die Erlösung. Im Festsaal erklang heiterer Frauengesang zu hellem Flötenspiel. Hoch aufgerichtet und mit geblähten Nüstern folgte die Matrone den ersten übermütigen Takten. Daß dies Lied in ihrem trauernden Hause angestimmt werden durfte, war zu viel, und mit eigener Hand riß sie die Lade vor das nächste offene Fenster. Dann gebot sie dem jungen Gaste, zur Ruhe zu gehen. O, wie wohl that es dem übermüdeten Mädchen, auf dem weichen Lager zu rasten! Wie immer vor dem Entschlafen, teilte sie der Mutter im Geiste mit, was der letzte Tag ihr gebracht. Dann flehte sie die Manen der Verstorbenen an, ihr Beistand auf dem schweren Gange zu leisten, der ihr bevorstand; doch mitten im Gebet überwältigte sie der Schlummer, und schon hob und senkte sich ihr die junge Brust in gleichmäßigen Atemzügen, als der Besuch der Matrone sie wieder aus dem Schlaf erweckte. In einem weißen Nachtgewande, von dem langen, aufgelösten Haar umwallt, mit einer silbernen Lampe in der Hand, erblickte Melissa sie plötzlich zu Häupten ihres Lagers, und wie zur Abwehr streckte sie ihr im Halbschlaf die Arme entgegen; denn es war ihr, als schaue ihr der Dämon des Wahnsinns aus den großen schwarzen Augen der Matrone entgegen. Aber plötzlich veränderte sich der Blick der Unglücklichen und schaute gütig und liebreich auf sie hin. Gelassen stellte sie das Lämpchen auf den Tisch, schlang, da die kühle Nachtluft durch das unverschließbare, offene Fenster des Gemaches drang, mit zärtlicher Sorgfalt die leichte weiße Wollendecke fester um den Leib der Jungfrau und murmelte dabei vor sich bin: »So hatte sie es gern.« Dann ließ sie sich vor dem Bette auf die Kniee nieder, heftete der Erwachten die Lippen lange auf die Stirn und sagte: »Auch Du bist schön, und er wird Dich erhören!« Dann frug sie Melissa nach dem Verlobten, dem Vater, der Mutter, dem Philipp, und zuletzt raunte sie ihr unvermutet zu: »Dein Bruder Alexander, der Maler. – Mein Kind, – ob es auch auf dem Totenbette lag, es hat ihm dennoch das Herz mit Liebe erfüllt. Korinna ist ihm teuer gewesen. Ihr Bild lebt ihm fort in der Seele. Hab' ich recht gesehen? Sag es mir redlich!« Da bekannte Melissa, wie tief die Schönheit der Verstorbenen den Bruder schon beim Malen ergriffen, und daß er ihr Herz und Seele mit einer Wärme der Hingabe geschenkt, deren sie ihn nie für fähig gehalten. Und die unglückliche Frau lächelte, wie sie dies hörte, und murmelte vor sich hin: »Ich hab' es gewußt.« Dann schüttelte sie das Haupt und sagte wehmütig: »Ich Närrin!« Endlich wünschte sie Melissa gute Ruhe und begab sich in ihr Schlafgemach zurück. Die Christin Johanna erwartete sie dort, und während sie der Herrin das Haar zusammenflocht, sagte die Matrone drohend: »Wenn der Verruchte auch dieser nicht schont . . .« Hier schnitt ihr lauter Jubel aus dem Festsaal das Wort ab, und unter den lachenden Stimmen meinte sie auch die ihres Gatten zu erkennen. Da entzog sie sich mit einer heftigen Bewegung den Händen der Zofe und rief in zorniger Erregung: »Seleukus hätte das Unerhörte abzuwenden vermocht. O, ich kenne das Herz dieses trauernden Vaters! Furcht, Eitelkeit, Ehrgeiz, Genußsucht . . .« »O Herrin,« unterbrach sie Johanna. »Bedenke! Den Wunsch des Kaisers kreuzen heißt das Leben verwirken!« »Dann hätt' er sterben müssen!« entgegnete die Matrone fest und streng. Sechzehntes Kapitel. Vor Sonnenaufgang drehte sich der Wind. Von Norden her zog dunkles Gewölk herauf und verfinsterte den hellen alexandrinischen Himmel. Als der Markt sich füllte, regnete es heftig, und von der See her schnob es kühl über die Stadt hin. Philostratus hatte sich nur kurzen Schlaf gegönnt und bis lange nach Mitternacht an seinem Werke über den Weisen und Wunderthäter Apollonius von Tyana geschrieben. Er wünschte an dem Beispiele dieses Mannes zu zeigen, daß im Glauben an die Götter der Väter und genährt von den Lehren, die an dem vielästigen Baume der griechischen Religion und Philosophie erwachsen waren, eine der Nachfolge nicht minder würdige Persönlichkeit heranzureifen vermöge als die des Meisters der Christen. Julia Domna, die Mutter des Caracalla, hatte den Philosophen zu diesem Werke ermutigt, das ihrem leidenschaftlichen und verbrecherischen Sohne die Würde der Tugend und Mäßigung vor Augen führen sollte. – Dies Buch hatte ferner die Aufgabe, dem Cäsar die Religion seiner Vorfahren und des Staates in ihrer ganzen Schönheit und veredelnden Kraft nahe zu bringen; denn er war bisher von einem Kultus zum andere geschwankt, hatte sich auch dem Christentum, das seine Amme ihm als Kind wert zu machen versucht, nicht abgeneigt gezeigt und sich jedem Aberglauben seiner Zeit in einer Weise hingegeben, die selbst die Mitlebenden abstieß. Um der Tendenz dieses Werkes willen war es ihm wie ein Glück erschienen, einem schlichten Heidenkinde begegnet zu sein, das, ohne zu jenen Christen zu gehören, welche die zur wahren Sittlichkeit führende Macht ihrer Religion immer lauter priesen, Tugenden übte, die diesen für die höchsten galten. Gestern hatte er in dem fortschreitenden Werke seinen Helden Apollonius sich über die geringe Anerkennung beklagen lassen, die er unter den nächsten Seinen finde. Auch darin sollte er ein ähnliches Schicksal gehabt haben wie Jesus Christus, dessen Namen zu nennen der Philosoph indes absichtlich vermied. In dieser Nacht nun dachte er an das Opfer, das Melissa für den ihr fremden Kaiser gebracht, und schrieb, als kämen sie aus der Feder des Apollonius selbst, die folgenden Worte nieder: »Ich weiß wohl, wie schön es ist, die ganze Welt für seine Heimat und alle Menschen für Brüder und Freunde zu halten. Sind wir doch sämtlich göttlichen Geschlechtes und haben einen gemeinsamen Vater.« Dann schaute er von dem Papyrus auf und murmelte leise vor sich hin: »Von dieser Auffassung ausgehend konnte eine Melissa leicht in einem Caracalla einen Freund und Bruder sehen. Ging es nur an, dem Verbrecher im Purpur das Gewissen zu schärfen!« Darauf nahm er das Blatt zur Hand, worauf er zu erörtern begonnen, wie das Gewissen es sei, das die Wahl zwischen dem Guten und Bösen vollziehe. Er hatte geschrieben: »Der Verstand beherrscht, was wir zu thun gedenken, das Bewußtsein das, was der Verstand zum Entschluß brachte. Wenn nun der Verstand das Gute erkor, so ist das Bewußtsein befriedigt.« Wie matt das klang! In dieser Form konnt' es nicht wirken! Melissa hatte ihm mit ganz anderem Feuer bekannt, wie es ihr zu Mute gewesen, nachdem sie für den leidenden Sünder geopfert. Aehnliches fühlte wohl jeder, der bei der Wahl zwischen dem Guten und Bösen sich für das erstere entschieden hatte, und nun änderte er die letzten Worte und ergänzte sie also: »So schickt das Bewußtsein den Menschen mit Gesang und Jubel in alle Heiligtümer, in alle Haine, auf alle Straßen und überall hin, wo Sterbliche wohnen. Auch noch im Schlafe wird der Gesang ihn umklingen, und ein heiterer Chor aus der Welt der Träume die Stimme an seinem Lager erheben.« So war es besser! Dies freundliche Bild ließ vielleicht doch eine Spur in der Seele des jungen Verbrechers zurück, in dem der Wille zum Guten immer noch, wenn auch selten, aufflammen konnte. Der Kaiser las auch, was Philostratus schrieb, weil er Wohlgefallen fand an der Form des Gesagten, und dieser Satz war nicht vergebens geschrieben, wenn er den Caracalla wenigstens einzelnen Fällen gegenüber veranlasse, dem Guten den Vorzug zu geben. Für Melissa und ihren Bruder sein Bestes zu thun, war der Philosoph fest entschlossen. Er hatte dem Kaiser schon oft Bilder vorführen müssen; denn als Kenner der Malerei und Beschreiber hervorragender Gemälde stand er allen Lebenden voran. Auch auf den Zauber der Unschuld Melissas setzte er Hoffnung, und so schaute der wackere Mann, als er sich zur Ruhe begab, dem keinenfalls gefahrlosen Rettungswerke zuversichtlich entgegen. Am nächsten Tage erschien ihm sein Unternehmen in weniger freundlichem Lichte. Der bewölkte Himmel, der Sturm und Regen konnten leicht eine verhängnisvolle Wirkung auf die Stimmung des Kaisers ausüben, und als er erfuhr, der alte Galenus habe nach der Unterredung des Cäsar und der Verordnung einiger Mittel schon gestern Nachmittag das Schiff bestiegen und Caracalla dadurch zu heftigen Wutausbrüchen veranlaßt, die mit einem leichten Krampfanfalle geendet, bereute er beinahe sein Versprechen. Dennoch fühlte er sich gebunden, und so früh es anging, betrat er, auf das Schlimmste gefaßt, die Gemächer des Kaisers. Seine finsteren Ahnungen gewannen durch den Auftritt, dem er dort beiwohnen sollte, neue Nahrung. Schon im Vorzimmer hatte er die Häupter der Stadt und einige Vertreter des Senates von Alexandria gefunden, die ihrem kaiserlichen Gaste aufzuwarten wünschten. Zu ungewöhnlich früher Zeit waren sie hierher befohlen worden, und sie warteten schon über eine Stunde. Caracalla selbst ließ sich, als Philostratus, dem der Zugang zu ihm jederzeit offen stand, ihn begrüßte, eben auf den Thronsessel nieder, den man für ihn in dem prunkend ausgestatteten Empfangssaal aufgestellt hatte. Er kam aus dem Bade und trug noch das weiße, bequeme Wollgewand, dessen er sich nach demselben bediente. Die sogenannten »Freunde«: Senatoren und andere hochgestellte Männer, umgaben ihn in großer Zahl. Der Senator Pandion, der dem Cäsar jetzt die Rosse lenkte, war unter der Leitung seines Herrn beschäftigt, die Kette des Löwen »Perserschwert« an den Ring zu schließen, den man zu diesem Zweck in den Boden neben dem Throne angebracht hatte, und da das Tier, dessen Halsband zu fest angezogen wurde, einen leisen Klagelaut von sich gab, schalt Caracalla den Günstling. Sobald er den Philostratus bemerkte, winkte er ihm und raunte ihm zu: »Siehst Du mir nichts an? Dein Phöbus Apollon ist mir im Traume erschienen. Er legte mir die Hand auf die Schulter. Gegen Morgen gab es freilich um so widrigere Gesichter.« Dann wies er ins Freie und rief: »Der Gott verbirgt sich uns heute. Trübe Tage brachten mir öfter schon Gutes; doch es wird mir da eine seltsame Probe von der ewig hellen Sonne Aegyptens gegeben. Mensch und Himmel empfangen mich gleich freundlich: Grau, grau, alles grau. Draußen und drinnen. Und auf dem Platz die armen Soldaten! Macrinus sagt, daß sie klagten. Aber der Rat meines Vaters war gut. Sie zufrieden stellen gilt es und nach nichts anderem fragen. Da draußen warten die Leiter dieser Stadt. Sie sollen ihre Paläste der Leibwache einräumen. Murren sie, laß ich sie selbst fühlen, wie sich's unter nassen Zelten auf durchweichtem Erdboden ruht. Das kühlt ihnen vielleicht das heiße Blut und verwässert ihnen beizeiten den salzigen Witz. Laß sie kommen, Theokrit.« Damit winkte er dem früheren Schauspieler, und als dieser bescheiden frug, ob der Cäsar nicht vergessen, das Morgengewand mit einem andern zu vertauschen, lachte Caracalla höhnisch auf und versetzte: »Ein leerer Kornsack über der Schulter thäte es auch für das giftige Krämergesindel!« Damit streckte er den kleinen, doch muskelstarken Körper lang aus, stützte den Kopf mit der Hand, und sein wohlgeformtes Antlitz, aus dem der schmerzliche Zug von gestern verschwunden war, änderte plötzlich den Ausdruck. Wie das seine Art war, wenn er einzuschüchtern oder Furcht einzuflößen wünschte, zog er die Stirn in düstere Falten, biß die Zähne fest zusammen und zwang die Augen zu einem zugleich mißtrauischen und bedrohlichen Schielblick. Unter tiefen Verneigungen traten die Abgesandten, geführt von dem Exegeten, dem Haupte der Stadt, und dem Oberpriester des Serapis, Timotheus, vor ihn hin. Es folgten ihnen die Strategen, Mitglieder des Senates, und als Vertreter der großen jüdischen Gemeinde ihr Vorsteher, der Alabarch. Man sah jedem einzelnen an, daß der Löwe, der bei ihrem Nahen das Haupt erhoben hatte, ihm unheimlich sei, und ein flüchtiges, höhnisches Lächeln, das einzige, das der Kaiser bei diesem Empfange zeigte, umspielte ihm die Lippen, als er auf die ängstlich zusammengezogenen Beine dieser reich geschmückten Herren sah. Nur der Oberpriester, der als Wirt des Cäsar an die Seite des Thrones getreten war, zwei oder drei andere, und unter ihnen der Exeget, ein stattlicher, längst ergrauter Herr von makedonischer Herkunft, achteten nicht des Tieres. Der letztere begrüßte den Kaiser mit ruhiger Würde und erkundigte sich im Namen der Stadt, ob er wohl geruht habe. Dann teilte er dem Cäsar mit, welche Feste und Schaustellungen die Bürgerschaft für ihn vorbereite und nannte ihm endlich die hohe Summe, welche sie ihm zur Verfügung stelle, um ihrer Freude über seinen Besuch Ausdruck zu geben. Da schwenkte Caracalla die Hand und sagte leichthin: »Der Alexanderpriester nehme als Idiolog dies Gold zugleich mit den Tempelsteuern in Empfang. Wir können es brauchen. Daß ihr reich seid, war uns bekannt. Doch wofür trennt ihr euch von dem Golde? Was habt ihr von mir zu erbitten?« »Nichts, hoher Cäsar,« versicherte der Exeget. »Durch Deinen gnädigen Besuch . . .« Hier fiel Caracalla dem Makedonier mit einem gedehnten »So?« ins Wort, streckte das Haupt weit vor und schielte dem Stadthaupt ins Antlitz. »Niemand ist wunschlos außer den Göttern; es fehlt euch also nur der Mut, mich zu bitten. Was kann mich das lehren, als daß ihr Uebles von mir erwartet, daß ihr mich beargwohnt? Und thut ihr das, dann fürchtet ihr mich, und wenn ihr mich fürchtet, so haßt ihr mich auch. Die Schmähungen, die ihr an dies Haus schriebt, beweisen dies ohnehin deutlich genug. Haßt ihr mich aber« – hier sprang er auf und schüttelte die geballte Faust – »so hab' ich mich vor euch zu hüten!« »Großer Cäsar,« erhob hier der Exeget abwehrend die bittende Stimme, Caracalla aber fuhr drohend fort. »Vor wem ich mich zu hüten habe, der sehe sich vor! Es thut nicht gut, mit mir zu spielen. Die Lästerzungen sind schnell hinter den Lippen versteckt. Die Köpfe verbergen sich schon schwerer, und an sie will ich mich halten. Sagt das den witzigen Alexandrinern. Wegen des übrigen gibt euch Macrinus Bescheid. Ihr seid entlassen.« Erregt von den drohenden Geberden des Herrn hatte der Löwe sich während dieser Rede aufgerichtet und zeigte den Abgeordneten knurrend die furchtbaren Zähne. Da sank den weniger Beherzten der Mut. Einige legten die Hände auf die gekrümmten Kniee, um sich zu schützen, andere waren schon allmälich bis zur Thür zurückgewichen, bevor noch der Kaiser das letzte Wort gesprochen hatte. Trotz des Versuches des Stadthauptes und des Alabarchen, sie zurückzuhalten, um den Allmächtigen milder zu stimmen, enteilten die meisten, sobald sie das Wort »entlassen« vernahmen, dem Saale. Wohl oder übel mußten die wenigen Mannhaften den anderen folgen. Sobald die Thür sich hinter ihnen schloß, verschwand der Ingrimm von den Zügen des Kaisers. Mit beruhigenden und lobenden Worten streichelte er den Löwen und rief dann den Anwesenden höhnisch zu: »Das sind die Nachkommen der Makedonier, mit denen der größte aller Helden sich die Welt unterwarf! Wer war der feiste Große, der sich so elend in sich zusammenzog und, während ich noch sprach, sich nach dem Ausgange drängte?« »Der Nachtstrateg Kimon, der Vorsteher des Sicherheitswesens der Stadt,« versetzte der Alexanderpriester, der als Römer neben dem Throne stand, und der Günstling Theokrit fiel ihm ins Wort: »Man schläft schlecht unter der Hut solcher Wichte. Laß den Feigling dem früheren Präfekten folgen, mein Cäsar.« »Bring ihm sofort die Entlassung,« befahl Caracalla, »aber sorge dafür, daß ein Mann sein Nachfolger werde.« Dann wandte er sich an den Serapispriester und ersuchte ihn höflich, dem Theokrit bei der Wahl des neuen Nachtstrategen zur Seite zu stehen, und Timotheus verließ mit dem Günstling den Saal. Diesen Zwischenfall wußte Philostratus geschickt zu benützen, indem er berichtete, es sei ihm mitgeteilt worden, daß der mit gutem Recht entlassene Wicht einen Maler, der sicher zu den allerersten lebenden Meistern gehöre, auf einen bloßen Verdacht hin in den Kerker geworfen habe und mit ihm seine unschuldigen Verwandten. »Das will ich nicht,« brauste der Kaiser auf. »Nur mit Blut wird hier Ruhe geschafft. Kleinliche Quälereien erregen die Galle und steigern die Frechheit. Ist der Maler, von dem Du sprichst, ein Alexandriner? Es zieht mich an die Luft, doch der Sturm peitscht den Regen ans Fenster.« »Im Felde,« bemerkte der Philosoph, »trotzest Du dem Unwetter heldenhaft genug. Hier in der Stadt genieße, was sie Dir bietet. Gestern noch glaubte ich, die Kunst des Apelles sei hier elend entartet; doch seitdem änderte sich mein Urteil; denn es ist mir ein Bildnis begegnet, das der Pinakothek in Deinen Thermen zur Zier gereichen würde. Man hat die nördlichen Fenster geschlossen, wir könnten sonst im Lande der Ueberschwemmung bei diesem Unwetter unter Dach und Fach ins Wasser geraten. – In solcher Finsternis kommt kein Gemälde zur Geltung. Dein Ankleidezimmer ist günstiger gelegen, und das breite Fenster läßt das nötige Licht ein. Darf ich die Freude haben, Dir dort das Werk des gefangenen Meisters zu zeigen?« Da nickte der Kaiser ihm zu und ging, von dem Löwen begleitet, dem Philosophen voran, der einem Aufwärter befahl, das Bildnis zu holen. In dem bezeichneten Raume war es weit heller als im Empfangssaale, und während der Kaiser mit Philostratus auf das Bildnis wartete, ordnete und salbte sein indischer Leibsklave, den der Partherkönig dem Caracalla geschenkt, ihm still und geschickt die gelichteten Locken. Dabei seufzte der Herrscher laut vor sich hin und preßte die Hand auf die Stirn, als ob sie ihn schmerze. Da wagte es der Philosoph, ihm näher zu treten, und warme Teilnahme klang aus seiner Frage: »Was quält Dich, Bassianus? Du botest doch vorhin den Anblick eines gesunden, ja eines furchtbaren Mannes.« »Es geht auch wieder erträglich,« versetzte der Herrscher. »Und doch!« Abermals stöhnte er vor sich hin und bekannte dann, daß er gestern wieder von wahren Marterqualen gepeinigt worden sei. »Ganz früh, Du weißt ja,« fuhr er fort, »kam der Anfall, und als er vorüber war – die Füße trugen mich kaum – stieg ich hinunter in den Hof zu den Opfern. Neugier . . . Sie warteten . . . Es konnte ja ein wichtiges Vorzeichen geben. Was aufregt, hilft noch am besten über das Elend hinweg. Aber nichts, nichts! Herz, Lunge, Leber, alles am rechten Platze . . . Und dann der Galenus . . . Was man gern hat, soll schaden, was einem zuwider ist, gesund sein. Dazu wohl zehnmal das nichtswürdige: ›Willst Du einem frühen Ende entgehen . . .‹ Das alles mit der Miene, als sei der Tod sein gehorsamer Sklave . . . Er kann ja mehr als die anderen. Sich selbst hält er, ich weiß nicht wie lange am Leben . . . Auch das meine zu verlängern ist seine Pflicht. Ich bin der Cäsar. Mein Recht war es, zu fordern, daß er bleibe. Ich that es; – denn er kennt meine Krankheit und beschrieb sie, als quäle sie ihn selber. Und doch, – ich befahl, ja ich bat. Du hörst es, Philostratus, ich habe gebeten . . . Aber er bestand trotzdem auf seinem Willen. Er ging, er ist fort.« »Auch aus der Ferne kann er Dir dienen,« versicherte der Philosoph. »Hat er dem Vater, hat er mir in Rom geholfen, wo er mich täglich besuchte?« frug der Kaiser. »Das Uebel etwas zu mildern, es zu besänftigen, versteht er. Das ist alles, und wer von den anderen reicht ihm das Wasser? Vielleicht möchte er helfen, aber er kann nicht; denn, Philostratus, die Götter wollen nicht, daß es ihm glückt. Du weißt, wie viel ich geopfert, was ich ihnen gewährte. Gefleht hab' ich, mich kläglich erniedrigt, doch nicht einer wollte mich hören. Wohl erscheint mir manchmal einer der Olympier, wie in der letzten Nacht Dein Apollo. Aber ob er mir wohl will? Erst legte er mir die Hand auf die Schulter, wie mein Vater es that. Aber sie ward schwerer, bis die Last mich erdrückte und ich in die Kniee sank wie gebrochen. Nichts Gutes denkst Du? Ich seh' es Dir an. Ich glaub' es auch selbst nicht. Und wie laut hab' ich gerade zu ihm die Stimme erhoben. Für das Wohlergehen des Titus, sagt man, habe das ganze Reich, Mann und Weib, freiwillig sich betend an die Himmlischen gewandt. Auch ich bin ihr Herr, – aber« – und hier lachte er bitter auf, »aber wer hätte für mich aus freiem Antrieb je die Hände flehend erhoben? Die eigene Mutter that es immer zuerst für den Bruder. Er hat es gebüßt . . . Doch die anderen!« »Sie fürchten Dich mehr, als sie Dich lieben,« entgegnete der Philosoph. »Wem Phöbus Apollon erscheint, dem steht immer etwas Gutes bevor, und gestern – auch das ist erfreulich – hab' ich zufällig eine belauscht, eine Griechin, die sich ungesehen meinte und dennoch aus freiem Herzensdrange den Asklepios inbrünstig bat, Dich genesen zu lassen. Ja, sie suchte die Drachmen in ihrem Beutelchen zusammen und ließ eine Ziege für Dein Wohlergehen schlachten und dazu einen Hahn.« »Und das soll ich glauben?« lachte der Kaiser höhnisch auf; Philostratus aber versicherte lebhaft: »Es ist die lautere Wahrheit. Ich war in das Heiligtum gegangen, weil Apollonius dort Schriften niedergelegt haben sollte. Jedes Wort aus seiner Feder, Du weißt es ja, ist mir für seine Lebensbeschreibung von Wert. Das kleine Tempelarchiv wird durch einen Vorhang von der Cella getrennt, und während ich es durchstöberte, hörte ich vom Altar her eine weibliche Stimme.« »Sie erhob sich wohl für einen andern Bassianus, Antoninus, Tarautas, oder wie sie sonst mich noch nennen,« unterbrach ihn der Kaiser. »Nein, mein Cäsar, nein. Sie betete für Dich, den Sohn des Severus. Ich sprach sie später. Sie hatte Dich gestern morgen gesehen und zu bemerken gemeint, Du habest schwer und schmerzlich zu leiden. Das war ihr zu Herzen gegangen. Darum ging sie hin und betete und opferte für Dich, obgleich sie wußte, daß Du ihren Bruder verfolgst, den Maler, von dem ich Dir sprach. O, hättest Du mit angehört, wie warm, wie innig es klang, als sie den Gott anrief und die Hygiêa.« »Eine Griechin, sagtest Du, sei es gewesen?« fiel ihm Caracalla ins Wort. »Und sie kannte Dich nicht und wußte wirklich nicht, daß Du sie hörtest?« »Nein, Herr, gewiß nicht. Sie ist eine anmutige Jungfrau, und wenn Du sie sehen willst . . .« Der Kaiser hatte den letzten Worten mit Spannung und in freudiger Erwartung gelauscht; plötzlich aber verfinsterte sich sein Antlitz, und ohne der Sklaven zu achten, die unter Leitung seines alten Kämmerers Adventus das Bildnis Korinnas brachten, sprang er auf, trat dem Philosophen näher und herrschte ihn an: »Wehe Dir, wenn Du lügst! Den Bruder willst Du aus dem Gefängnis befreien und findest die Schwester von ungefähr, wie sie für mich betet. Ein Märchen für Kinder!« »Ich rede die Wahrheit,« unterbrach ihn der Philosoph gelassen, obgleich die zuckenden Augenlider des Kaisers verrieten, daß ihm das Blut in zornige Wallung geriet. »Erst durch die Schwester, die ich im Tempel belauschte, hörte ich von der Gefahr des Bruders, lernte ich das Bildnis dort kennen.« Da schaute der Kaiser eine Weile schweigend zu Boden. Dann hob er das Haupt und stieß erregt und heiser hervor: »Ich lechze nach was es auch sei, das mich mit der verruchten Brut versöhnt, über die ich gebiete. Du zeigst es mir. – Der einzige bist Du, der mich nie um etwas bat. Dich hab' ich für so rechtschaffen gehalten, wie die anderen es nicht sind. – Wenn auch Du, wenn Du mir gerade diesmal . . .« Hier dämpfte er die Stimme, die einen immer bedrohlicheren Klang angenommen hatte und fuhr dringlich fort: »Bei dem Heiligsten, das Du auf Erden kennst, frage ich Dich: Hat das Mädchen aus freiem Antrieb, ohne zu wissen, daß man es hörte, für mich gebetet?« »Ich schwöre es beim Haupte meiner Mutter,« gab Philostratus feierlich zur Antwort. »Deiner Mutter?« wiederholte der Kaiser und sein Antlitz begann sich zu glätten. Aber plötzlich schwand der freudige Glanz, der seine Züge einen Augenblick verschönt hatte, und jäh auflachend rief er: »Die Mutter! Das also ist's! Denkst Du, daß ich nicht wüßte, was die meine von Dir erwartet? Ihr zu Gefallen hältst Du, der freie Mann, es bei mir aus. Um ihretwillen wagst Du es bisweilen, das stürmische Meer meiner Leidenschaft zu beschwören. Weil es mit Anmut geschieht, nehm' ich es hin. Jetzt erhebt sich meine Hand gegen einen Buben, der mich beschimpft. Aber er ist ein Maler, der etwas kann. Natürlich wird er Dein Schützling. Im Nu erdenkt Dein findiger Geist die Geschichte von der betenden Jungfrau. Es steckt auch etwas darin, das mich leicht milde stimmen könnte. Zehnmal betrügst Du den Bassianus, um einen Künstler zu retten. O, und wie wird meine Mutter sich beeilen, dem Manne, dem einzigen, zu danken, der den wilden Sohn zu besänftigen verstand! Die Mutter! Ich schiele nur, weil es mir gefällt. Mein Auge müßte blöder geworden sein, als es ist, könnte ich der Gedankenverbindung nicht folgen, die Dich dahin führte, bei der Mutter zu schwören. An die meine dachtest Du, als Du es thatest. Um ihr gefällig zu sein, betrogst Du den Sohn. Du, den ich für den einzigen, redlichen Freund hielt, Du zeigst dem Hungernden ein Brot. Da er aber darnach greift, zerstiebt es in der Luft. Es ist nur eine trügerische Seifenblase gewesen!« Traurig, empört, verächtlich hatten die letzten Worte geklungen, der Philosoph aber, der ihnen erst erstaunt, dann unwillig gefolgt war, hielt sich nicht länger und fiel dem Herrscher mit einem gebieterischen: »Genug!« in die Rede. Dann richtete er sich höher auf und fuhr mit überlegener Würde fort: »Ich weiß, wie so mancher endete, der Dein Mißfallen erweckte, und doch hab' ich den Mut, Dir ins Antlitz zu rufen: Du fügst zu der Ungerechtigkeit, dem Kinde des Mißtrauens, die sinnloseste Kränkung. Oder glaubst Du, ein rechter Mann – und so nanntest Du mich selbst mehr als einmal – werde die Manen der teuren Frau, die ihn gebar, beleidigen, um der Mutter eines andern – und sei es auch die des Kaisers – gefällig zu sein? Was ich beim Haupte der Mutter schwöre, hat mir Freund und Feind zu glauben, und thut er es nicht, so hält er mich für den verächtlichsten der Wichte, und mein Umgang kann ihn nur schänden. Darum bitte ich Dich, mich nach Rom zu entlassen.« Mannhaft und selbstbewußt hatten diese Worte geklungen, und sie gefielen dem Caracalla; denn die Freude, an die Wahrheit der Erzählung des Philosophen glauben zu dürfen, überbot jede andere Empfindung. Doch die Drohung des Philostratus, in dem er die Verkörperung des Guten sah, woran er doch den Glauben verloren, ihn zu verlassen, beunruhigte den haltlosen Mann, und so legte er dem mutigen Mahner die Hand auf den Arm und versicherte, daß er es als ein Glück empfinde, ihm das so schwer Glaubliche glauben zu dürfen. Jeder Zeuge dieses Auftritts hätte den ruchlosen Brudermörder, den Tyrannen, den der Verkehr mit den Wahngebilden einer zügellosen Einbildungskraft zum Aeußersten fähig machte, und der sich so gern das Ansehen eines düsteren Menschenkindes gab, für einen Schüler gehalten, der alles daransetzte, die Vergebung und Gunst des würdigen Lehrers zurück zu gewinnen. Und Philostratus kannte den Kaiser und das menschliche Herz und machte es ihm darum nicht allzu leicht, sein Ziel zu erreichen. Nachdem er endlich von dem Vorhaben, nach Rom zurückzukehren, abgelassen und dem Kaiser ausführlicher erzählt hatte, wie und wo er mit Melissa zusammengetroffen sei und was er von ihrem Bruder Alexander erfahren, entfernte er das Tuch von dem Bildnis Korinnas, stellte es in ein günstiges Licht und wies Caracalla auf die wunderbaren, einzelnen Schönheiten der echt hellenischen jungfräulichen Züge Korinnas. Voll aufrichtiger Bewunderung hob er hervor, wie trefflich der Künstler es verstanden habe, die edlen Linien, welche der Cäsar an den Skulpturen der großen griechischen Meister so hoch schätze, mit Farbe und Cestrum zur Geltung zu bringen, und wie lebenswarm und weich dennoch das Fleisch, wie sonnig der Glanz der herrlichen Augen, wie biegsam, und als atme es noch den Wohlgeruch des Salböles aus, das wellige Haar erscheine. Und Caracalla, der durch den Philosophen die feste Versicherung empfangen, daß Alexander vielleicht unvorsichtige und tadelnswerte Reden geführt habe, doch in keinem Falle der Verfasser der schnöden Verse sein könne, die man unter dem Strick am Serapeum gefunden, stimmte in das Lob des Kunstkenners ein und verlangte den Maler und seine Schwester zu sehen. Heute morgen, da er sich vom Lager erhob, war ihm mitgeteilt worden, daß die Planeten, die man auf der Warte des Serapeums in der vergangenen Nacht für ihn beobachtet hatte, ihm für die nächste Zeit Glück und Freude verhießen. Er war selbst wohl vertraut mit der Sternseherei, und der oberste Horoskop des Tempels hatte ihm gezeigt, wie besonders günstig die Konstellation gewesen sei, die ihn zu dieser Voraussagung führte. Phöbus Apollo war ihm im Traum erschienen, heute früh Opfer für Opfer günstig ausgefallen, und bevor er den Philostratus entließ, um Melissa zu rufen, sagte er: »Seltsam! Das Beste ist mir immer bei umwölktem Himmel begegnet. Wie hell schien die Sonne bei meiner Hochzeit mit der widrigen Plautilla. Bei fast all meinen Siegen hat es dagegen geregnet, und bei einem Wolkenbruche bestätigte das Orakel, daß die Seele des großen Alexander diesen von schweren Martern gequälten Leib wählte, um sein zu früh beschlossenes Erdendasein zu Ende zu leben. Sollte dies Zusammentreffen zufällig sein? Phöbus Apollon, Dein Lieblingsgott und der Deines Weisen von Tyana grollte mir vielleicht. Er, der sich selbst nach dem Morde des Python von der Blutschuld reinigte, ist der sühnende Gott. An ihn will ich mich halten wie der edle Held Deines Buches. Heute Morgen näherte der Gott sich mir wieder, und so laß' ich ihm jetzt Opfer schlachten, wie ihm noch keine dargebracht wurden. Ist es Dir so recht, Du schwer zu befriedigender Tadler?« »Mehr als das, mein Bassianus,« versetzte der Philosoph. »Nur bedenke, daß nach der Lehre des Apollonius das Opfer erst wirksam wird durch die Gesinnung, welche es darbringt!« »Immer ein Wenn und Aber!« rief Caracalla dem Freunde nach, während dieser sich in das Quartier des Oberpriesters begab, um Melissa zu rufen. Der Kaiser war seit langen Tagen zum erstenmal allein. Mit der Hand im Halsband des Löwen trat er ans Fenster. Der Regen hatte nachgelassen, doch finsteres Gewölk bedeckte noch immer den Himmel. Vor ihm lag die von Menschen wimmelnde Mündung der Hermesstraße in den großen Platz, auf dem sich das durchnäßte Lager der Soldaten erhob, und sein Blick fiel in das Zelt eines in Alexandria heimischen Centurio, den die Seinen besuchten, zu denen ihn der bewegliche Lauf des Soldatenlebens zurückgeführt hatte. Der bärtige Mann hielt ein Kind auf dem Arme. Ein Knabe und Mädchen – gewiß seine eigenen – schmiegten sich an ihn und schauten mit den großen schwarzen Augen verwundert zu ihm auf, während ein dreijähriges Kleines, der anderen nicht achtend, in einer Regenlache jauchzend mit den nackten Füßchen umherstampfte. Eine ältere und eine jüngere Frau – wohl die Mutter und Gattin des Centurio – hingen an seinen Lippen, während er ihnen wohl von seinen Kriegsthaten erzählte. Da die Tuba schon zum Sammeln rief, küßte er das Kind und legte es behutsam in die Arme der Mutter. Dann hob er den Knaben und das Mädchen auf, fing sich das im Wasser spielende Kleine lachend ein und drückte endlich allen vier Kindern die bärtigen Lippen auf das rote Mündchen. Zuletzt zog er die jüngere Frau an sich, streichelte ihr behutsam das Haar und flüsterte ihr etwas ins Ohr; sie aber schaute dabei bald unter Thränen lächelnd zu ihm auf, bald schamhaft zu Boden. Der Mutter klopfte der Sohn zärtlich auf die Schulter, und beim Abschied küßte er auch ihr die faltige Stirn. Caracalla hatte den Centurio schon mehrmals bemerkt. Er hieß Martialis und war ein einfacher, gering begabter, aber ordentlicher Mann, der sich durch blinde Todesverachtung ausgezeichnet hatte. Für ihn bedeutete der Zug des Kaisers nach Alexandria Heimkehr und das beste Glück des Lebens. Wie viele Arme hatten sich liebreich dem schlichten Krieger geöffnet, wie viele Herzen ihm erwartungsvoll entgegengeschlagen. Sicherlich war kein Tag während seiner Anwesenheit vergangen, an dem die Mutter, das Weib und die Kinder nicht die Götter angefleht hatten, ihn zu erhalten. Und er, der Beherrscher der Welt, wollte es eben noch unglaublich finden, daß von den Millionen seiner Unterthanen ein einziger für ihn gebetet. Wer erwartete ihn wohl liebenden Herzens? Wo war seine Heimat? In Gallien hatte er das Licht der Welt erblickt, der Vater war ein Afrikaner, die Mutter in Syrien geboren. Der Kaiserpalast in Rom, sein Haus, er mochte nicht daran denken; schweifte er doch im Reiche umher, um weite Strecken zwischen sich und diese Unglücksstätte zu legen, von der sich die Spuren des brüderlichen Blutes nicht austilgen ließen. Die Mutter? Sie fürchtete, ja vielleicht haßte sie ihn, den leiblichen, erstgeborenen Sohn, seit er ihr den jüngeren Liebling gemordet. Was fragte sie nach ihm unter ihren Gelehrten, mit denen sie philosophirte, und die ihr in zierlicher Weise zu schmeicheln wußten. Plautilla, sein Weib? Der Vater hatte ihn genötigt, sich mit ihr, der reichsten Erbin der Welt, deren Mitgift größer gewesen war als der zusammengeworfene Schatz eines Dutzends von Königen, zu vermählen, und nun das spitze Gesicht dieser nichtigen, säuerlichen, namenlos anspruchsvollen Kreatur ihm in den Sinn kam, überlief es ihn kalt. Er hatte sie in der Verbannung ermorden lassen. Andere waren die Thäter gewesen, und er dachte nicht daran, daß ihn die Verantwortung für die Unthat treffe, die sie in seinem Dienste begangen; doch um so lebhafter trat ihm ihr liebloses, ihm abgeneigtes Herz, ihr Vogelgesicht, das wie eine wohlgeformte Maske aus der Ueberfülle des Haares hervorgeschaut hatte, und der gefärbte überkleine Mund mit den schmalen Lippen vor die Seele. Wie schneidende Worte hatten sie zu sagen, wie unsinnige Forderungen zu stellen verstanden, und nichts Beleidigenderes war denkbar, als die Art, womit sie sich zusammengezogen, wenn er ihnen zugemutet hatte, die seinen zu küssen. Sein Kind? Sie hatte ihm eins geboren, doch es war der Mutter in die Verbannung und den Tod gefolgt. Das ihm kaum bekannte kleine Ding hing so eng mit der verhaßten Mutter zusammen, daß er sein Ende so wenig beklagte wie das ihre. Es war gut, daß die Mörder, ohne dazu beauftragt zu sein, auch dies unselige Leben ausgelöscht hatten. Von dem Ungeheuer, das seine und Plautillas Neigungen in sich vereinte, verlangte ihn nicht nach Kuß und Umarmung. Von Menschen, für die das Herz anderer Männer wärmer empfindet, war es leer um ihn her geworden. Es gab keinen, der ihn liebte, außer seinem Löwen, keinen Ort auf Erden, wo man ihn freudig erwartet hätte. Wie auf ein Wunder harrte er jetzt der einzigen, die aus freien Stücken die Götter zu seinen Gunsten angerufen hatte. Vielleicht war dies Mädchen ein jämmerliches, thränenreiches, vor elender Weichherzigkeit schwachköpfiges Nichts. Da stand der Centurio schon vor der Manipel und hob den Stab. Beneidenswerter Bursch! Wie froh er dreinschaute, wie hell sein Kommandoruf klang. Und wie gesund der gemeine Gesell sein mußte, während ihn, den Kaiser, der Kopf wieder grausam zu schmerzen begann. Da knirschte er mit den Zähnen, und es wandelte ihn die Lust an, dem unverschämten Glückspilz da unten die Lust zu verderben. Wenn er ihn sogleich nach Spanien oder an den Pontus versetzte, war es aus mit der Freude. Der Centurio sollte auch einmal empfinden, wie es einem verlassenen Manne zu Mute ist. Dieser tückischen Regung gehorsam, legte er schon die Hand an den Mund, um einem Tribunen den ruchlosen Befehl zu erteilen, als plötzlich das Gewölk auseinander riß und die mächtige Sonne Afrikas aus einer blauen Insel im grauen Himmelsozean hervortrat und mit glühenden Strahlengarben die Erde erhellte. Blendend spiegelte sich ihr entschleiertes Licht in den Rüstungen und Waffen der Krieger und erinnerte den Kaiser an den Gott, dem er eben Opfer ohne gleichen gelobt. Philostratus hatte oft genug den Phöbus Apollon hoch über alle anderen Götter gestellt, ihn, der Klarheit um sich her verbreitete, wo er auftrat, der die Seelen wie die Erde erhellte, und als Herr der Harmonie und Musik den Menschen beistand, zu jener sittlich reinen, ebenmäßigen Gesinnung zu gelangen, die seinem lauteren Wesen angemessen war und genehm. Jetzt hatte Apollon die schwarzen Vorboten des Ungewitters besiegt, und Caracalla wandte den Blick nach oben. Er scheute sich, vor diesem lichten Zeugen sein finsteres Vorhaben zur Ausführung zu bringen und rief leis in die Höhe: »Um deinetwillen, Phöbus Apollon, schon' ich des Mannes.« Selbstzufrieden senkte er dann den Blick. Der Zwang, den er sich selbst angethan hatte, kam ihm, der jedem Triebe nachzugeben gewohnt war, in der That groß und schwer vor. Dabei nahm er wahr, daß es nun mit dem bewölkten Himmel vorbei sei, der ihm oft Glück gebracht hatte, und das beunruhigte ihn wieder. Geblendet von der Flut des Lichtes, die durch das Fenster auf ihn eindrang, zog er sich mürrisch in das Zimmer zurück. Wenn auch dieser helle Tag ihm Uebles brachte? Wenn der Gott sein Opfer verschmähte? Aber war Apollon nicht vielleicht wie die anderen Unsterblichen ein Trugbild, das nur in der menschlichen Einbildungskraft lebte, die es geschaffen? Tüchtige Denker und fromme Leute, wie die Skeptiker und Christen, verlachten ja die ganze bunte Schar der Olympier. Aber schwer hatte die Hand des Phöbus Apollon ihn im Traume bedrückt. – Seine Macht war vielleicht dennoch gewaltig. Das verheißene Opfer mußte der Gott haben, was er ihm auch anthat. Wie schon so oft, empfand er auch bei diesem Entschluß bitteren Groll gegen die Unsterblichen, denen gegenüber er, der Allmächtige, machtlos war. Wären sie auch nur eine Stunde lang seine Unterthanen gewesen, er hätte sie die Leiden büßen lassen wollen, womit sie ihm das Dasein verdarben! »Martialis heißt er. Ich will diesen Namen behalten,« dachte er und warf einen letzten neidischen Blick auf den Centurio. Wie lange Philostratus ausblieb! Die Einsamkeit beängstigte ihn, und wirren Blickes schaute er, wie nach Beistand suchend, umher. Da meldete ein Diener den Philosophen. Erleichtert ging Caracalla ihm in das Tablinum entgegen. Dort ließ er sich auf dem Stuhle, vor dem mit Tafeln und Papyrusrollen belasteten Schreibtische nieder, warf das Ende der purpurnen Toga, mit der er vorhin das Badegewand vertauscht, neu um die Schulter, stellte den Fuß auf den Hals des Löwen und stützte das Haupt mit der Hand. Er wollte das wunderliche Mädchen als sorgender, das Wohl seiner Unterthanen erwägender Denker empfangen. Siebenzehntes Kapitel. Der Philosoph kündete dem Kaiser an, wen er bringe, und da bis zum Eintritt Melissas geraume Zeit verging, vergaß Caracalla sein schauspielerisches Vorhaben und blieb gesenkten Hauptes sitzen; denn wohl infolge der Sonnenstrahlen, von denen sein Scheitel getroffen worden war, hatte sich der Kopfschmerz schnell zu unerträglicher Heftigkeit gesteigert. Ohne dem Mädchen auch nur einen Blick zu schenken, nahm er einige der lindernden Pillen des Galen und vergrub das Gesicht in die Hände. Frei von Scheu vor dem Löwen war die Jungfrau vorwärts geschritten; denn Philostratus hatte sie versichert, daß er gutartig sei, und die Tiere ließen sich gern von ihr streicheln. – Auch vor der Person des Kaisers fürchtete sie sich nicht; denn sie sah, daß er litt, und die Angst, mit der sie seine Schwelle betreten hatte, verwandelte sich schnell in Mitleid. Philostratus hielt sich an ihrer Seite und folgte gespannt jeder Bewegung des Kaisers. Der Mut, den dies bescheidene Kind dem Raubtier und dem nicht minder furchtbaren Manne gegenüber zeigte, erfreute ihn, und seine Hoffnung wuchs, als ein Sonnenstrahl ihr das glänzende Haar streifte, das Frau Berenike mit eigener Hand geordnet und mit weißem Bombyxbande durchflochten hatte. Wie das Urbild sittiger, jungfräulicher Anmut mußte sie selbst dem ruchlosesten Wüstling erscheinen. Es war auch gut, daß das lange Kleid und der Peplos von der feinsten weißen Wolle ihr ein wahrhaft vornehmes Ansehen verliehen. Dies kostbare Gewand hatte die Matrone für die verstorbene Korinna anfertigen lassen und aus vielen erwählt, um es an Stelle des bescheidenen Kleidchens zu setzen, das die alte Dido der jungen Herrin gestern angethan hatte. Feinfühlig war die Matrone bedacht gewesen, der Jungfrau ein einfach würdiges, in seiner Schmucklosigkeit beinahe priesterlichstrenges Ansehen zu geben. Nichts an ihr sollte auf den Wunsch deuten, zu gefallen, und alles, was sie trug, durch seine Gediegenheit jeden Gedanken an die ärmlichen Bittstellerinnen der gewöhnlichen Art ausschließen. Der Philosoph fühlte, daß für das Aeußere seines Schützlings gut gesorgt sei; doch das lange Schweigen des Kaisers, dessen Ursache er erkannte, begann ihn zu beunruhigen; denn bisweilen stimmte der Schmerz den Herrscher milde, noch öfter aber trieb er ihn an, sich für das eigene Leid durch rohe Eingriffe in das Lebensglück anderer gleichsam zu rächen. Endlich schien auch seine Schutzbefohlene die Fassung, die ihn eben noch an ihr erfreut, zu verlieren; denn er sah, wie die Brust ihr schneller und höher wogte, wie ihr Mund zuckte und die großen Augen in feuchtem Glanze zu leuchten begannen. Jetzt glättete sich das Antlitz des Cäsar ein wenig. Dann hob er das Haupt, und während sein Blick den Melissas traf, tönte leise und wohllautend der Gruß »Freue Dich!« ihr von den Lippen. Da bemächtigte sich des Philosophen eine große Besorgnis, und zum erstenmal fühlte er die ganze Schwere der Verantwortlichkeit, die er auf sich genommen; denn so schön, so berückend liebreizend wie jetzt, wo sie in holder Verwirrung, angstvoll und doch ganz beherrscht von dem Wunsche, die Gunst des Mannes zu gewinnen, der sie mit einem Worte so hoch beglücken oder so elend machen konnte, zu Caracalla aufschaute, war sie ihm nie erschienen. Wenn dieser Knecht der Leidenschaften, den vielleicht nur eine Laune dahin geführt hatte, der Liebeslust zu entsagen und ernste Sittenstrenge auch von seiner Umgebung zu fordern, dies bezaubernde Wesen begehrenswert fand, dann war es um sie geschehen. Bleich und klopfenden Herzens blickte er dem weiteren Verlaufe des Unabwendlichen entgegen, dem er selbst die Wege geebnet. Aber der Unberechenbare machte auch diesmal die Erwartungen des Philosophen zu schanden; denn nachdem er Melissa erstaunt, überrascht, außer Fassung, als sei er einem Wunder begegnet oder als sei der Geist eines Verstorbenen vor ihm aus dem Boden gestiegen, angestarrt hatte, sprang er auf und rief, indem er die Hand fest um die Lehne des Stuhles krampfte, dem Philosophen zu: »Was ist das? Täuschen mich die Sinne, oder wird hier ein schändliches Spiel mit mir getrieben? Aber nein, nein! Meine Augen sind so gut wie mein Gedächtnis . . . Dies Mädchen . . .« »Was kommt über Dich, Cäsar?« unterbrach ihn der Philosoph mit wachsender Unruhe. »Etwas, etwas . . .« stieß Caracalla hervor, »das euch zum Schweigen bringen wird, das eure thörichten Zweifel . . . Nur Geduld . . . Nur einen Augenblick wartet . . . Gleich sollst Du . . . Doch zuerst . . .« und damit wandte er sich an Melissa: »Wie heißt Du, Mädchen?« »Melissa,« versetzte die Gefragte leise und mit zitternder Stimme. »Dein Vater und Deine Mutter?« »Heron nennen sie ihn; die Mutter aber – sie ist tot – war Olympias, die Tochter des Philipp.« »Und ihr seid makedonischen Blutes?« »Ja, Herr. Vater und Mutter sind von rein makedonischer Herkunft.« Da suchte ein strahlender Blick des Kaisers das Auge des Philosophen, und mit dem kurzen Rufe: »Das ist, denk ich, genug,« klatschte er in die Hände, und sogleich eilte der alte Kämmerer Adventus aus dem Nebenzimmer herbei, und die Schar der »Freunde des Kaisers« drängte ihm nach; Caracalla aber herrschte sie an: »Ihr wartet, bis ich euch rufe. Du, Adventus, bleibst! Ich brauche die Gemme mit der Hochzeit des Alexander.« Während der Freigelassene nun einem Kästchen von Ebenholz aus dem Schreibtische des Kaisers das Gewünschte entnahm, erfaßte Caracalla den Arm des Philosophen und sprach mit eindringlichem Eifer: »Als Erbe meines Vaters, des göttlichen Severus, kam diese Gemme mir zu. Sie ward hergestellt, bevor die Jungfrau dort zur Welt kam. Gleich wirst Du sie sehen, und wenn Du dann noch behauptest, es sei ein Wahn . . . Aber warum solltest gerade Du es bezweifeln? Auch dem Pythagoras und Deinem Apollonius war es bewußt, wessen Leib ihre Seele in einem früheren Dasein belebte! Die meine – die Mutter verlachte mich deswegen und andere wagten das Gleiche – die meine hatte vor einem halben Jahrtausend in dem Größten der Großen, in dem des Makedoniers Alexander, die beneidenswerte Heimat.« Damit riß er dem Freigelassenen die Gemme aus der Hand, und während er sie mit den Blicken verschlang und dazwischen Melissa prüfend ins Auge faßte, fuhr er eifrig fort. »Sie ist es. Nur ein Blinder, ein Narr, ein Böswilliger kann es bezweifeln! Wer von nun an meiner Ueberzeugung spottet, ich sei zur Welt gekommen, um das zu früh erloschene Leben des edlen Heros zu Ende zu führen, der soll es bereuen! Hier – es ist ja natürlich – hier in der von ihm gegründeten Stadt, die seinen Namen trägt, wird mir die Gewißheit, daß das Band, das den Sohn des Philipp mit dem des Severus, mit mir, verknüpft, mehr ist als ein Gebilde des Wahns. Diese Jungfrau – fasse sie nur schärfer ins Auge – in ihr ist die Seele der Roxane zur Auferstehung gelangt, wie mit mir die des Alexander, der ihr Gemahl war. Nun liegt es wohl auch für Dich auf der Hand, wie es kam, daß dies junge Geschöpf dem Drange nicht wehren konnte, für mich das Herz und die Arme im Gebet zu erheben. Ihre Seele war, da sie noch in der Roxane weilte, mit der des Heros in Liebe verbunden; jetzt aber in der Brust dieses schlichten Kindes zog es sie zu der unvergessenen Seele, die hier, hier in dieser Brust eine neue Wohnung suchte und fand.« Begeistert und so fest überzeugt von der Wahrheit seiner sonderbaren Annahme, als verkünde er eine göttliche Offenbarung, hatte der Kaiser geredet. Jetzt rief er den Philosophen zu sich heran und forderte ihn auf, die in den Onyx geschnittene Roxane mit seinem jungen Schützling zu vergleichen. Die schöne Perserin stand auf der Gemme dem Alexander gegenüber. Beide reichten einander die Hände zum Ehebunde, und zu Häupten des herrlichen Paares schwang der geflügelte Hymen die hellbrennende Fackel. Auch Philostratus erstaunte beim ersten Blick auf das Kunstwerk und gab seiner Ueberraschung den lebhaftesten Ausdruck; denn in der That glich das Antlitz der Roxane auf dem handgroßen, geschnittenen Muschelstück Zug für Zug der Tochter des Heron. Jeder mußte dies seltene Spiel des Zufalls für etwas Wunderbares, ja Unerhörtes halten, der nicht wußte – und von dem kleinen, die Gemme betrachtenden Kreise ahnte es keiner – daß dieselbe eine Jugendarbeit des Heron sei, welcher der Roxane die Züge seiner jungen Neuvermählten geliehen hatte, zu deren lebendem Ebenbild Melissa, die Tochter der Olympias, herangewachsen war. »Und seit wann,« fragte Philostratus, »ist dies herrliche Kunstwerk Dein eigen?« »Es stammt, ich wiederhole es, aus dem Nachlaß meines Vaters,« versetzte dieser. »Severus trug es bisweilen. Warte ein wenig. Nach der Schlacht bei Issos, beim Triumph gegen den Pescennius Niger – es ist als säh' ich es vor mir – trug er sie an der Schulter, und das war . . .« »Zweiundzwanzig Jahre ist es her,« fiel ihm Philostratus ins Wort; Caracalla aber fragte Melissa: »Wie alt bist Du, Mädchen?« »Achtzehn Jahre, Herr,« lautete die Antwort, und sie gefiel dem Kaiser; denn er lachte hell auf und schaute dem Philosophen triumphirend ins Antlitz. Dieser gab ihm auch willig zu, daß ihm selten etwas Ueberraschenderes begegnet sei, auch wünschte er dem Cäsar Glück, den Zuruf einer inneren Stimme in so handgreiflicher Weise bestätigt zu finden. Die Seele des großen Alexander möge aus ihm noch Herrliches wirken. Während dieser Rede war die Angst, welche sich Melissas beim ersten Anblick des Kaisers und bei seinem langen Schweigen bemächtigt hatte, völlig geschwunden. Der furchtbare Mann, dessen Schmerzen ihre mitleidige Seele zu ihm hingezogen hatte, erschien ihr jetzt mehr wunderlich als schrecklich. Der Gedanke, daß sie, die bescheidene Künstlertochter, die Herberge der Seele des persischen Königskindes sein solle, belustigte sie sogar, und als der Löwe das Haupt zu ihr erhob und den Estrich wedelnd mit dem Schwanze schlug, fühlte sie, daß sie sein Wohlgefallen erwecke. Einem raschen Triebe folgend, legte sie ihm die Hand auf die Stirn und streichelte ihn furchtlos. Dem gezähmten Fürsten der Wüste aber gefiel die Berührung der leichten, warmen Mädchenfinger, und indem er das Auge an dem runden Arm Melissas rieb, ließ er ein leises, wohlgefälliges Knurren vernehmen. Das freute den Kaiser und galt ihm für eine Bestätigung seiner wunderlichen Ueberzeugung. So stark hingezogen fühlte sich sein »Perserschwert« nur zu wenigen; und der Tänzer Theokrit dankte die Gunst, die ihm Caracalla erwies, zum Teil dem Umstande, daß der Löwe ihm bei der ersten Begegnung besonders zutraulich begegnet war. Doch so lebhaft wie diesem Mädchen hatte das Tier noch keinem Fremden sein Wohlgefallen bezeugt. Nur wenn er selbst ihm zusprach und ihm schmeichelte, wedelte er so lebhaft mit dem Schweife. Der Instinkt ließ die Bestie das alte, wunderbare Band ahnen, das seinen Herrn mit der neuen Bekannten vereinte, und auch darauf wies der Mann, der in allem, was ihm begegnete, einen Fingerzeig höherer Mächte sah, den Philosophen hin und fügte dazu die Frage, ob der Schmerz, der ihn vorhin wieder jäh überfallen, nicht eher Dank der Nähe der wiedererstandenen Seele der Roxane, als in Folge der Pillen des Galenus so ungewöhnlich schnell vergangen sein möge. Philostratus hielt es für geratener, dieser Annahme nicht zu widersprechen und wußte das Gespräch sehr bald auf die gefangenen Angehörigen Melissas überzuleiten. Leise stellte er es dem Caracalla als schönste Aufgabe dar, die Seele derjenigen zufrieden zu stellen, die dem Heros, dessen Leben er fortführe, so teuer gewesen, und der Kaiser, welchen es freute, den Philosophen jenen Wahn, der ihm schmeichelte, als erwiesene Thatsache anerkennen zu sehen, stimmte ihm bei. Mit einer Milde, deren ihn wenige fähig gehalten hätten, befrug er Melissa nach ihrem Bruder Alexander, und der Klang der Stimme, mit dem sie ihm bescheiden, aber klar und voll schwesterlicher Liebe Antwort erteilte, behagte ihm so wohl, daß er sie, ohne sie zu unterbrechen, länger reden ließ, als es sonst seine Art war. Endlich verhieß er ihr, den Maler zu verhören, und, wenn es angehe, Gnade zu üben. Darauf klatschte er wieder in die Hand und befahl dem Freigelassenen Epagathos, der ihm die Dienste eines vertrauten Kammerherrn leistete, den gefangenen Alexander sogleich zu ihm zu führen. Wie vorhin dem Adventus, so war diesmal dem Epagathos das Gefolge nachgedrängt, und da der Cäsar die Eingetretenen nicht wieder verjagte, wollte Melissa sich in das Nebengemach zurückziehen; der Herrscher aber gebot ihr zu bleiben. Glühend und vergehend vor Scham und Verlegenheit blieb sie neben dem Stuhle des Caracalla stehen, und ob sie auch die niedergeschlagenen Augen nur dann und wann verstohlen zu erheben wagte, fühlte sie doch, daß hundert Blicke sie neugierig, herausfordernd, frech und verächtlich maßen. Wie gern wäre sie entflohen oder in den Boden gesunken; doch sie mußte standhalten und mit zuckenden Lippen die Zähne zusammenbeißen, um den Thränen zu wehren, die sich ihr in die Augen drängen wollten. Der Kaiser achtete ihrer nicht mehr. Es lüstete ihn, den Freunden und Gesellschaftern das Wichtigste mitzuteilen, das ihm begegnet war, doch geflissentlich hielt er noch damit zurück, während sie vor ihm Aufstellung nahmen. Den anderen voran schritt der Oberpriester des Serapis mit dem Günstling Theokrit, und Caracalla trug ihnen ungesäumt auf, den neu ernannten Nachtstrategen zu ihm zu führen. Aber die Wahl war noch nicht vollzogen worden. Zwischen zwei bewährten Männern, meldete Theokrit, schwanke die Wage. Der eine, Aristides, sei ein wohlbeleumdeter Grieche, der andere zwar nur ein Aegypter, doch so ausgezeichnet wegen seines strengen Eifers, daß er ihm den Vorzug gebe. Da fiel ihm der Oberpriester ins Wort und versicherte, daß der von Theokrit begünstigte Mann allerdings die Eigenschaften besitze, die jener an ihm rühme, doch in einem Maße, das ihn unter der griechischen Bevölkerung der Stadt im höchsten Grade verhaßt gemacht habe; durch Gerechtigkeit und Milde aber sei in Alexandria mehr zu erreichen als durch herausfordernde Strenge. Da lachte der Günstling auf und versicherte, daß er vom Gegenteil überzeugt sei. Eine Bürgerschaft, die sich herausnehme, des göttlichen Cäsar, ihres Gastes, in so unerhörter Weise zu spotten, müsse die Macht Roms und seines Herrschers schmerzlich zu fühlen bekommen. Der abgesetzte Nachtstratege habe wegen der halben Maßregeln, die er getroffen, das Amt verloren, und der Grieche Aristides laufe Gefahr, in seine Fußstapfen zu treten. »Keineswegs,« unterbrach ihn der Oberpriester mit vornehmer Würde. »Der Hellene, den ich vorschlage, ist ein würdiger und mutiger Mann; der Aegypter Zminis aber, die rechte Hand des Gestürzten – es muß gesagt sein – ein gewissenloser, grausamer Schurke.« Hier ward der Streit unterbrochen. Melissa, der es während desselben vor den Ohren gesaust hatte, war bei der Nachricht, dem Angeber Zminis solle der Befehl über die Sicherheitsbehörde der Stadt anvertraut werden, erblassend zusammengeschreckt. Wenn das geschah, waren die Ihren sicher verloren. Es mußte verhindert werden, und bei dem letzten Wort des Oberpriesters berührte ihre Hand die des Kaisers, und wie dieser auffuhr und sich erstaunt nach ihr hinwandte, raunte sie ihm so schnell und leise zu, daß nur wenige es bemerkten: »Nicht der Zminis! Er ist unser Todfeind.« Nur mit einem flüchtigen Blicke streifte der Kaiser das Antlitz des kühnen Mädchens, und doch entging ihm nicht, wie tief es erblaßt war. Das sanfte Rot auf ihren Wangen und das Grübchen, welches er, während sie vorhin den Löwen streichelte, in denselben bemerkt hatte, waren ihm unsagbar reizend erschienen. Sie hatten sie auch dem Bilde der Roxane auf der Gemme so ähnlich gemacht, daß die Veränderung ihres Aussehens sein Bedauern erweckte. Sie sollte wieder lächeln, und gewohnt, jeden Verdruß andere mitfühlen zu lassen, herrschte er die »Freunde« unwillig an: »Kann ich denn überall sein? Geht auch das Kleinste nicht ohne mich vorwärts? An dem Präfekten der Prätorianer wäre es gewesen, Bericht über die beiden Vorgeschlagenen zu erstatten, wenn ihr nicht einig werden konntet; doch seit gestern abend sah ich ihn nicht. Wer sich erst rufen läßt, wenn ich ihn brauche, versäumt schon eine Pflicht. Macrinus kennt sonst die seine. Weiß einer, was ihn zurückhielt?« Unwillig, ja bedrohlich hatte diese Frage geklungen, und der Präfekt der Prätorianer war ein mächtiger Mann, dessen Brauchbarkeit ihn schwer antastbar machte. Dennoch ließ der Prätor Lucius Priscillianus nicht auf die Antwort warten. Es war der boshafteste und mißgünstigste Ränkeschmied am Hofe, und er haßte den Präfekten, weil er selbst nach seiner Stellung trachtete, welche die höchste im Staate war nach der des Kaisers. Einige seiner Sklaven hatten den Macrinus stets zu belauern, und mit einem höhnischen Achselzucken begann er. »Es wundert mich, daß der eifrige Mann, dem der schwere Dienst die Kräfte bereits zu lähmen beginnt, noch nicht hier ist. Den Abend und die Nacht braucht er hier übrigens zu besonderen Dingen, von denen man besorgen muß, daß sie seiner Gesundheit und der Gemütsruhe, die sein Amt erheischt, wenig förderlich sind.« »Was soll das?« fragte Caracalla; der Prätor aber fuhr unbeirrt fort: »Ewige Götter! Wen verlangt es nicht, einen Blick in die Zukunft zu thun?« »Das ist es, was ihn zurückhält?« fragte der Kaiser mehr neugierig als unwillig. »Jetzt am lichten Tage wohl kaum,« fuhr Priscillianus fort, »die Geister, die er beschwören läßt, scheuen, sagt man, das Licht. Aber er wird müde sein vom Wachen und der heftigen Erregung.« »So ließ er in der Nacht Geister erscheinen?« »Sicherlich, hoher Cäsar. Aber es fehlt den Geistern in dieser Stadt der Philosophen an Logik. Wie sich Macrinus wohl selbst die Voraussagung erklärt, daß er, der ja schon auf der höchsten für unsereinen erreichbaren Stufe steht, noch höher steigen solle?« »Wir werden ihn fragen,« versetzte der Kaiser gelassen. »Du aber hüte die Zunge; denn sie brachte schon manchen um den Kopf, den ich noch gern unter den Lebenden sähe. Wünsche sind straflos. Wem gefiele wohl nicht die Stufe des höher stehenden andern? Dir, Freund, wäre die des Macrinus genehm. Thaten? Ihr kennt mich. Vor ihnen bin ich sicher, so lange jeder von euch dem andern das Aufsteigen so herzlich mißgönnt. Du hast das scharfe Spürauge wieder bewährt, mein Lucius, und wär' es nicht zu viel der Ehre für diese aufsässige Stadt, einen Römer in der Toga prätexta an die Spitze ihrer Sicherheitsbehörde zu stellen, so könnt' es mich lüsten, Dich zum Nachtstrategen Alexandrias zu machen. »Ihr seht mich heut in gehobener Stimmung. Du kennst die Gemme dort, die von meinem Vater stammt, Cilo. Schau sie an und auch dies Mädchen. Tritt nur näher, Priester des göttlichen Alexander, und auch ihr leiht dem Wunder die Augen, Theokrit, Antigonus, Dio, Pandion, Paulinus. Vergleicht das Frauenbild auf der Gemme dort mit der Jungfrau an meiner Seite. Sie war noch lange nicht geboren, als ein Meister diese Roxane in den Stein schnitt. Auch ihr seid überrascht? Wie in mir die Seele des Alexander, so ist in dieser da die der Roxane zum andernmal ins Leben getreten. In Gegenwart des Philostratus ward es durch untrügliche Zeichen bestätigt!« Hier unterbrach der Alexanderpriester den Caracalla, indem er im Tone fester Ueberzeugung ausrief: »Ein seltenes Wunder! Verneigen wir uns vor dem edlen Gefäß der großen Seele des Alexander. Ich, der Priester des Heros bestätige, daß der hohe Cäsar diejenige fand, in der die Seele der Roxane fortlebt.« Damit drückte er die Hand aufs Herz und verbeugte sich tief vor dem Kaiser, und die anderen thaten es ihm nach. Auch der Spötter Julius Paulinus folgte der Aufforderung des priesterlichen römischen Ritters; doch flüsterte er dem Cassius Dio ins Ohr: »Die Seele des Alexander war neugierig und wollte sehen, wie es sich in demjenigen hause, der ihm von allen Sterblichen am wenigsten gleichsieht.« Auch über die Milde, die plötzlich über den Cäsar gekommen zu sein schien, schwebte dem früheren Konsul ein spöttisches Wort auf den Lippen; doch zog er vor, zu sehen und zu hören, als Caracalla den Günstling Theokrit zu sich heranwinkte und ihn, der sich jeder seiner Launen gefällig erwies, ersuchte, von der Wahl des Zminis zum Nachtstrategen abzusehen. Es widerstehe ihm, sagte er laut, die Obhut der eigenen Person und der Stadt des Alexander einem Aegypter anzuvertrauen, da ein für diese Aufgabe geschickter Grieche zur Hand sei. Nachher gedenke er, sich beide Bewerber vorführen zu lassen und in Gegenwart des Präfekten der Prätorianer die Wahl zu treffen. Darauf wandte er sich an die anwesenden Truppenführer und rief: »Entbietet meinen Gruß den Soldaten! Ich konnte mich ihnen gestern nicht zeigen. Vorhin sah ich mit Bedauern, wie der Regen sie hier in der üppigen Stadt durchnäßte. Das will ich nicht länger mit anschauen. Die Prätorianer und die makedonische Legion sollen Quartiere erhalten, von denen sie lang zu erzählen haben. – Ich gönn' es ihnen weit lieber als den widrigen Krämern, auf weicher Wolle zu schlafen und von silbernen Tellern zu speisen. Sagt ihnen das.« Hier wurde er unterbrochen; denn Epagathos meldete eine Deputation des Museums und zu gleicher Zeit den aus dem Gefängnis herbeigeführten Maler Alexander. Da fuhr Caracalla unwillig auf: »Laßt mich mit den Silbenstechern in Frieden! Empfange Du sie in meinem Namen, Philostratus. Verlangen sie Unverschämtes, so lasse sie wissen, wie ich ihnen und dem Museum gesinnt bin. Geh und kehre dann zu uns zurück. – Bringt mir den Maler. – Ich will allein mit ihm reden. Ihr Freunde, folgt unserem Alexanderpriester und Idiologen, der hier bekannt ist, und seht euch die Stadt an. Ich werde euch fürs erste nicht brauchen.« Ungesäumt gehorchte die große Schar der Entlassenen. Nun wandte Caracalla sich wieder Melissa zu, und das Auge leuchtete ihm hell auf, als er in ihren neu geröteten Wangen die Grübchen wieder entdeckte. Ihr bittender Blick begegnete dabei dem seinen, und die frohe Erwartung auf den Bruder verlieh ihm einen den freundlosen Mann beglückenden Glanz. Schon während der letzten Rede waren seine Augen bisweilen auf ihr ruhen geblieben; doch die ihren hatten ihn in Gegenwart so vieler Fremden gemieden. Jetzt meinte er, gebe sie aus freiem Herzensantrieb zu erkennen, daß seine Gunst sie beglücke. Ihre, der Roxane, Seele mußte sich ja ohnehin zu ihm hingezogen fühlen. Er glaubte fest daran. Das Gebet und Opfer für ihn – er wiederholte es sich – hatten es bewiesen. Als Alexander eingeführt wurde, trug er es ihm nicht nach, daß der Bruder, der in seiner lebhaften Weise der Schwester die Arme entgegengestreckt hatte, erst von Melissa auf ihn hingewiesen werden mußte. Dieser Jungfrau kam jede Huldigung zu, und dazu fesselte ihn der herrliche Wuchs des Alexander. Schon lange Zeit hatte ihn keine Jünglingsgestalt so lebhaft an die Marmorbilder der großen Meister Athens erinnert. Wie die Verkörperung des Ideals hellenischer Kraft und Jugendschöne erschien ihm der Bruder Melissas. Man hatte ihn im Gefängnis des Umwurfes entkleidet, und er trug nichts als den kurzen Chiton, der auch die starken und doch weich geformten Arme frei ließ. Zum Ordnen und Salben des Haares war ihm keine Zeit gelassen worden, und nun umgab ihm das hellbraune Gelock in ordnungsloser Ueppigkeit das schöne Haupt. Wie ein olympischer Sieger, der mit allen Spuren des Kampfes sich aufmacht, um den Kranz zu empfangen, erschien dem Cäsar dieser gottbegnadete Jüngling. Keine Spur von Furcht vor dem Kaiser oder seinem Löwen schädigte diesen Eindruck. Auch die Verbeugung, womit er an den Herrscher herantrat, war bei aller Ehrerbietung weder demütig noch befangen, und bitterer Verdruß, daß dieser Liebling der Gottheit ihn zur Zielscheibe seines Spottes erwählt, überkam den Cäsar. Es wäre ihm wie ein großes Schicksalsgeschenk erschienen, wenn gerade dieser Jüngling, der Bruder einer solchen Schwester, ihm seine Neigung geschenkt und mit dem scharfen Auge des Künstlers das Große erkannt hätte, das er trotz seiner schnöden Frevelthaten in der eigenen Brust zu spüren meinte. Dazu wünschte er mit einem seltsamen, ihm sonst unbekannten Bangen, daß das Vergehen des Malers es ihm gestatten möge, Gnade zu gewähren. Während Alexander ihn noch vertrauensvoll bat, es seiner Jugend und der bösen alexandrinischen Art, die er von Eltern und Großeltern ererbt, zu gute zu halten, wenn sich seine Zunge leichtfertig gegen ihn, den Allmächtigen, vergangen, und der Fabel von der Maus und dem Löwen zu gedenken, schwanden die Falten, womit er den Jüngling anfänglich an die Furchtbarkeit seiner Macht zu mahnen gesucht, von der Stirn Caracallas. Der Gedanke, von diesem herrlichen Künstler, dessen scharfes Auge das Schöne vom Unschönen so sicher unterschied, für häßlich gehalten zu werden, war ihm abscheulich. Bis dahin hatte er ihm schweigend zugehört; plötzlich aber fragte er, ob er, Alexander, den er nie beleidigt, es gewesen sei, der die schändlichen Verse unter den Strick an die Thür des Serapeums geschrieben, und da der Künstler dies mit aller Entschiedenheit verneinte, war es dem Kaiser, als sei ihm eine Last von der Seele gefallen. Dennoch bestand er darauf, aus des Malers eigenem Munde zu vernehmen, was es sei, das seine Spottlust herausgefordert habe. Nach einigem Sträuben und nachdem Melissa den Cäsar vergeblich gebeten, dies Bekenntnis sich selbst und dem Bruder zu ersparen, rief Alexander: »So muß das Wild denn freiwillig ins Netz und, stellt sich Deine Gnade nicht dazwischen, wohl auch in den Tod. Was ich sagte, bezieht sich zum Teil auf die seltene Kraft, die Du so oft im Felde und im Zirkus bewährtest, und sodann auf etwas, das ich jetzt selbst mehr als gern nicht gesagt haben möchte. Es heißt, Du habest Deinen Bruder getötet.« »Das, also das,« unterbrach ihn der Kaiser, und sein Antlitz gewann ohne sein Zuthun einen finstern Ausdruck. »Ja, Herr,« fuhr Alexander tief aufatmend fort. »Dich belügen hieße zu dem ersten einen zweiten Frevel fügen, und ich gehöre zu denen, die gern mit gleichen Füßen in das kalte Wasser springen, wenn es schon sein muß. Deine Kraft, sagte ich, kenne die Welt; ja sie überbiete bisweilen die des Vaters Zeus; denn der habe den Sohn – den Hephästos meint' ich – nur auf die Erde geworfen – Deine starke Faust aber habe den Bruder durch die Erde hindurch in die Tiefe des Hades geschleudert. Das ist's. Ich that nichts hinzu und verschwieg nichts.« Angstvoll war Melissa diesen kühnen Worten gefolgt. Der Präfekt der Prätorianer, Papinian, einer der größten Rechtsgelehrten seiner Zeit, hatte durch seine bloße Weigerung, den Tod des Geta für entschuldbar zu erklären, den Zorn des Kaisers erregt, und die edle Antwort, daß es leichter sei, einen Brudermord zu begehen, als ihn zu verteidigen, ihm das Leben gekostet. Während Caracalla, so lang er sich gütig gegen sie erwiesen hatte, ihr abstoßend erschienen war, zog es Melissa nun wieder zu dem Aufgebrachten hin. Wie die Wunden des Erschlagenen sich aufthun sollen, wenn der Mörder an ihn herantritt, pflegte Caracallas gereizte Seele dem wildesten Zorne Thür und Thor zu öffnen, wenn ein Unvorsichtiger ihn an seine schwerste Blutthat erinnerte. Auch diesmal hatte die Mahnung an den Brudermord seinen Zorn erregt, doch er kam nicht zum Ausbruch; denn wie ein Wolkenbruch die Flamme löscht, die der Blitz entzündet, hatte die seiner Kraft gewidmete Huldigung, die der Spott Alexanders enthielt, seinen Ingrimm beschwichtigt. Die Ironie, die das höhnische Wort des Künstlers erst recht zum Witze machte, wäre dem Caracalla, hätte es einem anderen gegolten, sicher nicht entgangen; diesmal aber bemerkte er sie nicht oder wollte sie nicht bemerken, schon um Melissa im Glauben zu lassen, seine Manneskraft sei wert, bewundert zu werden. Außerdem sah er seinen Wunsch erfüllt, diesem Jünglinge vergeben zu können, und so maß er ihn nur mit einem strafenden Blick und rief ihm, um Spott mit Spott heimzuzahlen und um dem Missethäter zu vergegenwärtigen, vor welchem Geschick ihn die kaiserliche Gnade bewahre, drohend zu: »Es könnte mich reizen, auch an Dir meine Kraft zu versuchen, doch mit einem windigen Witzbold, den die Luft fortweht, wirft es sich schlechter als mit dem Sohn eines Kaisers. Wenn ich es darum einstweilen unterlasse, so geschieht es nur, weil Du diesem Arm« – und damit spannte er die Muskeln, die durch Uebung eine starke Schwellung gewonnen, prahlerisch an – »weil Du ihm eben zu leicht bist. Aber meine Hand reicht weit. Jeder Häscher ist ein Finger daran, und sie hat deren tausend. Du lerntest, mein' ich, schon etliche kennen, als sie Dich fingen.« »Das nicht,« entgegnen Alexander und lächelte leise, während er sich ehrerbietig verneigte. »Deiner eigenen Kraft wag' ich nicht zu widerstreben, aber die Spürhunde des Nachtstrategen sind mir umsonst auf den Fersen gewesen. Freiwillig begab ich mich in den Kerker.« »Freiwillig?« »Um den Vater, den sie gefangen nahmen, aus der Haft zu befreien.« »Sehr edel,« versetzte der Kaiser höhnisch. »Dergleichen schafft einen guten Namen, doch muß man ihn manchmal mit dem Leben bezahlen. Das scheinst Du vergessen zu haben.« »Nein, hoher Cäsar, ich erwartete den Tod.« »So bist Du ein Philosoph, ein Verächter des Lebens?« »Keins von beiden. Das Leben ist mir das Höchste; denn nimmt man es mir, so ist es vorbei mit dem Genuß seiner köstlichsten Güter.« »Köstlichste Güter,« wiederholte der Kaiser. »Ich möchte wissen, welche Du mit diesem Namen beehrst?« »Liebe und Kunst.« »So?« fragte der Cäsar und warf einen flüchtigen Blick auf Melissa. Dann fuhr er mit veränderter Stimme fort: »Und die Rache?« »Diesen Genuß,« entgegnete Alexander freimütig, »hab' ich noch nicht kennen gelernt. Es ist mir eben noch nichts ernstlich Böses angethan worden, bevor der schurkische Zminis, der wahrlich unwert ist, als Finger an Deiner Hand Uebles zu stiften, unsern Vater unschuldig der Freiheit beraubte.« Da warf ihm der Kaiser einen mißtrauischen Blick zu und sagte ernst: »Jetzt aber könntest Du Gelegenheit finden, den Wohlgeschmack der Rache zu kosten. Wär' ich furchtsam – der Aegypter handelte ja nur als mein Werkzeug – hätte ich Grund, mich vor Dir zu hüten.« »Mit nichten,« fiel ihm Alexander mit einem liebenswürdigen Lächeln ins Wort, »es liegt ja in Deiner Hand, mir lauter Gutes zu erweisen. Thu's! Es sollte mir eine Lust sein, Dir zu zeigen, daß ich zwar leichtsinnig über die Maßen, dabei aber doch ein dankbarer Mensch bin.« »Dankbar?« wiederholte Caracalla mit einem häßlichen Lachen. Dann erhob er sich langsam und schaute dem Alexander mit dem Rufe: »Es könnte mich lüsten, es mit Dir zu versuchen,« scharf ins Antlitz. »Und ich bürge dafür, daß Du es nie bereuen wirst,« fiel ihm Melissa ins Wort. »So schwer er sich auch verging, er ist wert Deiner Gnade.« »Ist er's?« frug Caracalla und schaute ihr wohlgefällig ins Antlitz. »Was die Seele der Roxane mit diesen roten Lippen so eifrig versichert, muß ich wohl glauben.« Dann hielt er wieder inne, maß den Alexander noch einmal mit einem prüfenden Blick und fuhr fort: »Du hältst mich für stark und müßtest diese Meinung, die ich zu schätzen weiß, ändern, wenn ich Dir Gnade schenkte wie ein weichmütiges Mädchen. Ich habe Dich in meiner Gewalt. Du verwirktest das Leben. Schenk' ich es Dir, so muß ich dafür eine Gegengabe verlangen, um nicht der Betrogene zu sein.« »Gib den Vater frei, und er thut, was Du nur immer verlangst,« unterbrach ihn Melissa; Caracalla aber schnitt ihr das Wort ab mit dem Rufe: »Man stellt dem Kaiser keine Bedingung. Tritt zurück, Mädchen!« Melissa folgte gesenkten Hauptes diesem Gebot und schaute erst besorgt, dann aber erstaunt auf die lebhafte Unterredung dieser so verschiedenartigen Männer. Alexander schien das Ansinnen des Kaisers ablehnen zu wollen, bald aber mußte ein Vorschlag desselben ihm etwas Vergnügliches in Aussicht stellen; denn von seinen Lippen klang das leise, wohllautende Lachen, das der Schwester oft in trüben Stunden die Seele erhellte. Dann wurde das Zwiegespräch wieder ernster, und Caracalla rief so laut, daß Melissa es verstand: »Vergiß nicht, mit wem Du redest. Wenn Dir meine Zusage nicht genügt, so kehre zurück in den Kerker.« Da zitterte sie wiederum für den Bruder; doch ein gutes Wort des Alexander besänftigte die Leidenschaft des schrecklichen Mannes, der sich keinen Augenblick gleich blieb. Auch der Löwe, der ungefesselt neben dem leeren Stuhle des Herrschers lag, machte sie bisweilen besorgt; denn wenn der Kaiser unwillig die Stimme lauter erhob, richtete er sich grollend in die Höhe. Wie schrecklich war dies Tier und sein Gebieter! Lieber auf einer Schiffsplanke zeitlebens von der Braudung auf und nieder geschleudert werden, als verdammt sein, das Dasein dieses Mannes zu teilen! Und doch lag etwas in seinem Wesen, das sie anzog; ja, es widerstand ihr, von ihm übersehen zu werden. Endlich wandte Alexander sich an Caracalla und fragte bescheiden, ob er Melissa anvertrauen dürfe, was er ihm verheißen. »Das soll meine Sache sein,« entgegnete der Kaiser. »Du denkst, ein schwaches Mädchen sei immer noch ein besserer Zeuge als keiner. Vielleicht bist Du im Rechte. Es sei also hier wiederholt: Wenn Du mir auch das Ungeheuerste zu hinterbringen hast, gegen Dich soll sich mein Unwillen nicht kehren. Dieser da – warum soll es Dir verschwiegen bleiben, Mädchen – begibt sich in die Stadt und sammelt dort die Scherze und witzigen Epigramme, die man mir zu Ehren ersann.« »Alexander,« fiel hier Melissa dem Herrscher tief erblassend ins Wort und erhob abwehrend und von schwerer Angst ergriffen die Hände; Caracalla aber kicherte vor sich hin und fuhr munter fort: »Ja wohl! Das Ding ist gefährlich, und darum versprech' ich mit meinem kaiserlichen Wort, ihn den Frevel der anderen nicht büßen zu lassen. Im Gegenteil! Er ist frei, wenn die Blumenlese mir genügt, die er heimbringt.« »Aber,« fügte Alexander, den die malmenden Blicke und das bleiche Antlitz der Schwester nun auch bedenklich machten, in bestimmtem Tone hinzu: »Du gelobtest mir auch noch ein zweites, und darauf – ich wiederhole es – lege ich das schwerere Gewicht. Du wirst mich nicht zu bekennen zwingen, noch durch andere zu erforschen versuchen, wer dies oder jenes Witzwort über Dich ersann oder aussprach.« »Genug,« fiel ihm der Kaiser ungeduldig ins Wort; Alexander aber ließ sich nicht irre machen, sondern fuhr eifrig fort: »Dein Wort, man stelle dem Kaiser keine Bedingung, ich vergaß es nicht; doch trotz meiner elenden Machtlosigkeit besteh' ich auf dem Recht, in den Kerker zurückzukehren und dort zu erwarten, was über mich verhängt wird, wenn Du mir nicht noch einmal vor dieser hier zusicherst, weder nach dem Urheber der Worte zu fahnden, die mir etwa zu Ohren kommen, noch mich selbst durch irgend einen Zwang zu nötigen, den Namen des Epigrammatikers zu nennen. Warum soll ich Deiner Neugier und Deinem Gefallen an scharfem Witze nicht dienen? Bevor ich aber auch nur das Geringste thäte, was nach Verräterei schmeckt, zehnmal lieber das Beil oder den Galgen!« Da rief Caracalla mit verfinsterter Stirne laut und kurz: »Ich gelob' es!« »Und wenn Dich nun der Zorn übermannt?« klagte Melissa und erhob bittend die Hände; der Kaiser aber versetzte streng: »Es gibt keine Leidenschaft, die den Cäsar zu einem Meineide hinreißt.« In diesem Augenblick trat Philostratus wieder mit dem Freigelassenen Epagathos in das Zimmer, und letzterer meldete den Präfekten der Prätorianer. Da bat Melissa, ermutigt durch die Anwesenheit des gütigen Freundes: »Aber, nicht wahr, großer Cäsar, Du gibst unsern Vater und Bruder jetzt frei?« »Vielleicht,« versetzte Caracalla. »Sehen wir erst, wie dieser da seinen Auftrag erfüllt.« »Du wirst mit mir zufrieden sein,« versetzte Alexander, der nun wieder heiter drein schaute, und den es reizte, dem viel umschmeichelten Tyrannen ungefährdet Dinge ins Gesicht zu sagen, die ihm den Spiegel vorhalten würden, ohne – des meinte er sich versichert zu haben – andere und sich selbst damit zu gefährden. Dann verneigte er sich zum Abschied. Melissa that das Gleiche und sagte so unbefangen, als liege hier das Kommen und Gehen frei in ihrer Hand: »Nimm meinen Dank, großer Cäsar. O, wie heiß will ich mein Leben lang für Dich bitten und beten, wenn Du Dich gegen meinen Vater und die Brüder gnädig erweist.« »Das heißt, Du willst mich verlassen,« frug Caracalla. »Es kann ja nicht anders sein,« versetzte Melissa scheu. »Ich bin eine Jungfrau, und die Männer, die Du erwartest . . .« »Doch wenn sie mich verlassen?« forschte Caracalla weiter. »Auch dann wirst Du meiner nicht bedürfen,« stammelte das Mädchen. »Das heißt,« fiel der Kaiser ihr herb ins Wort, »daß Du Dich vor der Wiederkehr fürchtest. Das will sagen, daß Du dem Manne, für den Du betetest, aus dem Wege gehen möchtest, so lang er sich wohl fühlt. Faßt das Leid ihn aber wieder an, das Dein Mitgefühl einmal erregte, dann überläßt auch Du den Mann mit dem schnell erregten Zorn am liebsten sich selbst oder der Sorge der Götter.« »So nicht, so nicht,« bat Melissa und schaute ihm mit einem Blick in die Augen, der ihn so tief ins Herz traf, daß er milde und bittend fortfuhr: »So zeige, daß Du diejenige bist, für die ich Dich halte! Ich zwinge Dich zu nichts. Geh hin, wohin Du begehrst, halte Dich fern von mir, auch wenn ich Dich rufe, aber,« und hier verfinsterte sich ihm wieder die Stirn, »aber woher sollte ich Gnade finden für diejenige, von der ich Teilnahme erwartet hatte und freundliche Neigung, und die mich flieht wie die anderen.« »O Herr, Herr!« stieß hier Melissa angstvoll hervor. »Geh nur,« unterbrach sie der Kaiser, »ich brauche Dich nicht.« »Nein, nein,« scholl es nun dem Mädchen bang von den Lippen. »Rufe mich, und ich will kommen! Nur vor den anderen und ihren höhnischen Blicken sollst Du mich schützen, nur – o ihr ewigen Götter . . . Wenn Du meiner bedarfst, will ich Dir dienen, und gern, von Herzen gern will ich es thun. Aber wenn ich Dir etwas gelte, wenn meine Gegenwart Dir lieb ist, wie kannst Du das Schlimmste über mich bringen? . . .« Hier hemmte ihr ein jäh hervorbrechender Strom von Thränen die Stimme; über das Antlitz des Kaisers aber flog ein triumphirendes Lächeln, und indem er Melissa die Hände von dem feuchten Antlitz zog, sagte er gütig: »Die Seele des Alexander hier drinnen trägt nach der Roxanes Verlangen. Das ist es, was mir Deine Nähe so wert macht. Nie und nie sollst Du zu bereuen haben, meinem Rufe zu folgen. Ich schwör' es bei den Manen meines göttlichen Vaters, und Du, Philostratus, bist der Zeuge.« Da atmete der Philosoph, der den Caracalla zu kennen meinte, erleichtert auf, und Alexander sagte sich froh, die Gefahr, die er auf die Schwester hatte einbrechen sehen, sei nun beseitigt. Den Roxane-Wahn, von dem Caracalla ihm vorhin wie von einer feststehenden Thatsache geredet, hielt er für eine närrische Laune des wunderlichen Mannes, die Melissa besser als Verheißungen und Schwüre beschützen werde. Heiter faßte er die Hand der Schwester und sagte mit zuversichtlicher Frische: »Rufe sie nur, wenn Du wieder krank bist, so lange Du hier bist. Ich weiß ja aus Deinem eigenen Munde, daß es keine Leidenschaft gibt, die den Cäsar zu einem Meineid hinreißen könnte. Gestattest Du ihr jetzt, mir zu folgen?« »Nein,« versetzte Caracalla kurz und befahl ihm, zu erfüllen, was er auf sich genommen. Dann wandte er sich an den Philostratus und ersuchte ihn, Melissa zu Frau Euryale, der würdigen Gattin des Oberpriesters, zu geleiten, die schon seiner Mutter eine gütige, nievergessene Gastfreundin gewesen. Wie gern führte der Philosoph gleich darauf die junge Schutzbefohlene der Matrone zu, die ihrer Rückkehr längst bangen Herzens entgegengesehen hatte. Achtzehntes Kapitel. Die Bildsäule des Gottes Serapis, ein Riesenwerk, das die Meisterhand des Bryaxis aus Gold und Elfenbein geschaffen, thronte mit dem Kalathos auf dem bärtigen Haupte und dem dreiköpfigen Cerberus ihr zu Füßen, hoch und still erhaben im Hintergrunde der großen Halle des Serapistempels. Es fehlte bei der Statue nicht an frommen Betern und begeisterten Bewunderern; denn so lang der Kaiser der Gast des Gottes war, blieb der Vorhang gelüftet, der seine majestätische Gestalt sonst den Blicken verbarg. Aber die ihm am wärmsten ergebenen Anbeter meinten, das würdige, freundlich ernste Antlitz des großen Serapis schaue unwillig drein; denn hatte sich auch in der größten und schönsten Säulenhalle der Welt nichts geändert, waren auch die herrlichen Reliefbilder an den Wänden und an den Decken, die Statuen und Altäre von Marmor, Bronze und edlen Metallen zwischen den Kolonnaden und die köstlichen, farbenreichen Mosaikgemälde, die in wohlgeordneten Gruppen den Fußboden bedeckten, die alten geblieben, so ward dieser bewunderungswerte Estrich doch heute von tausend Füßen betreten, die nichts mit dem Gotte zu schaffen hatten. Vor der Ankunst des Kaisers pflegte in diesem echten Götterheim, das der kaum sichtbare Rauch des verbrannten Kyphi mit seinem Wohlgeruch durchwehte, feierliche Stille zu herrschen, und die Verehrer des Gottes sammelten sich still um seine Bildsäule, um die Altäre, die kleinen Statuen der ihm verwandten Unsterblichen, oder die Tafeln, worauf die Geschenke und Gebete verzeichnet standen, die fromme Könige und Bürger dem Serapis verehrt und ihm geweiht hatten. An Festtagen und in den Stunden des priesterlichen Dienstes vernahm man hier den frommen Gesang priesterlicher Chöre oder das Hersagen der Gebete. Das Auge folgte dann den Stolisten, welche die Bildsäulen, wie das Ritual es vorschrieb, mit Kronen und Binden schmückten, oder den Prozessionen der höchsten, hohen und niederen Diener des Gottes. Mit heiligen Reliquien und Götterfiguren in Laden und auf Barken, mit bedeutungsvollen Standarten, Sceptern und Sinnbildern zogen sie auf vorgeschriebenen Bahnen durch die dem Kultus geweihten Räume des Heiligtums, und bei alledem sprach Andacht und Seelenerhebung aus den Zügen der meisten. Aber gerade diese Empfindungen schien die Anwesenheit des Kaisers aus dem Tempel verbannt zu haben. Von früh bis spät wimmelte die große Halle zwar von Besuchern, doch ihr Ansehen und Verhalten paßte weit besser auf den Markt oder in ein öffentliches Bad als in diese geweihte Halle. – Sie hatte sich in das Vorgemach des Kaisers verwandelt, und an die römischen Senatoren, Legaten, Tribunen und anderen vornehmen Herren drängten sich Klienten des Cäsar und seiner »Freunde«, Soldaten von niedrigerem Range, Schreiber, Freigelassene und Sklaven, die mit Caracalla gekommen waren. Es fehlte auch nicht an Alexandrinern, die durch die Vertrauten des Herrschers einen Vorteil, eine Gunst, eine Auszeichnung, eine Gnade zu erreichen erwarteten. Die meisten suchten sich den Freunden und Begleitern des Cäsar zu nahen, um sie an sich ziehen und sich durch sie zu bereichern. Da gab es Korn-, Wein- und Waffenhändler, die Lieferungen für das Heer zu erhalten wünschten, dort Wucherer, die gegen kostbare Pfänder, die den Kriegern oft aus der Kriegsbeute zufielen, Geld zu verleihen wünschten, und hier wie überall drängten sich geputzte und geschminkte Schöne an die verschwenderischen Fremden. Nach Dutzenden zählten die Magier, Sternseher und Wunderthäter, die diesen heiligen Raum für die geeignetste Stelle hielten, den nach Vorzeichen und Zaubermitteln begierigen Römern ihren Dienst anzubieten. Sie wußten, wie hochgeschätzt die ägyptischen Zauberkünste im ganzen Reiche waren, und so überbot der eine den andern an Zudringlichkeit. Obgleich ihre Kunst zu den verbotenen gehörte, kleidete sich auch jeder in einer Weise, welche Neugier und Erwartung zu spannen bestimmt war. Der Magier Serapion hielt sich fern von den anderen. Er glich ihnen auch äußerlich nur durch Bart und Talar; dieser aber war nicht wie bei jenen mit Hieroglyphen, Zungen und Flammen bestickt oder benäht, sondern weiß und schmucklos, und das gab ihm das Aussehen eines würdigen priesterlichen Gelehrten. Als Alexander die Tempelhalle durchschritt, um dem Auftrage des Kaisers gerecht zu werden, und sich dem Magier näherte, schlüpfte Kastor, sein vielgewandter Gehilfe, hinter eine Bildsäule und flüsterte, als der Künstler wieder in der Menge verschwand, dem Gebieter zu: »Nichtswürdig! Der freche Maler ist immer noch frei.« »Bis auf weiteres,« lautete die Antwort, und Serapion hatte schon die Lippen geöffnet, um dem andern einen neuen Befehl zu erteilen, als sich ihm eine Hand auf die Schulter legte und der Angeber Zminis ihm zuraunte: »Gut, daß ich Dich hier finde. Die Anklagen gegen Dich häufen sich, Freund, und wenn ich auch bis jetzt ein Auge zudrückte, wird es hinfort nicht mehr angehen.« »Hoffen wir das Gegenteil,« versetzte der Magier bestimmt und fuhr dann in schnellem Flüstertone fort: »Ich weiß, was Du erstrebst, und mein Beistand wird Dir von Wert sein, – doch man darf uns nicht zusammen sehen. In der Gerätkammer, links neben den ersten Stufen der Sternwartentreppe finden wir uns. Ich geh' Dir voran.« »Aber schnell,« entgegnete der andere. »In einer Viertelstunde werde ich vom Kaiser erwartet.« Vor der bezeichneten Gerätkammer, zu der Serapion, als einer der geschicktesten Verfertiger der astronomischen Instrumente des Heiligtums, den Schlüssel besaß, empfing der Magier den Sicherheitswächter, und ihre Verhandlungen führten schnell zum Ziele. Sie kannten sich gut, und jeder wußte Dinge von dem andern, die ihm gefährlich werden konnten. Da die Zeit drängte, sahen beide von dem unnützen Bestreben ab, den ebenbürtigen Gegner zu täuschen. Der Magier wußte bereits, daß der Sicherheitswächter dem Kaiser zum Nachfolger des abgesetzten Nachtstrategen vorgeschlagen worden sei und einen nicht zu mißachtenden Nebenbuhler besitze. Mit Hilfe des Syrers, der die Kunst der Bauchrednerei so vollkommen übte, daß er unfehlbar die Täuschung zu erwecken verstand, seine in der Verstellung wohlgeschulte Stimme töne aus jeder beliebigen Person oder Sache, hatte Serapion den mächtigsten Mann nach dem Kaiser, den Präfekten der Prätorianer Macrinus, zu sich herangezogen und ihn in der vergangenen Nacht mit festen Banden an sich gefesselt. Macrinus, ein in Niedrigkeit geborener Mann, der dem Severus, dem Vater des Caracalla, seine Größe verdankte, hatte gestern im Pantheon zu der Statue seines verstorbenen Gönners gebetet. Da war ihm von derselben zugerufen worden, der göttliche Severus habe Großes mit ihm im Sinne. Ein frommer Weiser sei beauftragt, ihm nähere Aufschlüsse zu geben. Er werde ihn finden, wenn er sich um Sonnenuntergang in das Heiligtum der Isis begebe und dort am Altar der Göttin dreimal den Namen Severus rufe. Der syrische Bauchredner hatte, gemäß der Verordnung des Serapion, hinter einer Säule versteckt aus der Statue seines Wohlthäters zu dem Präfekten gesprochen, und Macrinus war natürlich seiner Weisung gefolgt. Im Isistempel hatte der Präfekt dann den Magier getroffen, und was dem Emporkömmling während der Nacht zu sehen, zu hören und zu empfinden gegeben worden war, hatte so tief auf ihn gewirkt, daß er den Serapion auch am kommenden Abend zu besuchen verhieß. Durch welche Mittel er den mächtigen Mann an sich gezogen, verschwieg der Magier dem Sicherheitswächter, doch versicherte er, daß Macrinus Wachs in seiner Hand sei und schloß dann mit dem Aegypter den Vertrag, daß wenn ihm, dem Serapion, seine Erhebung zum Nachtstrategen gelinge, er, Zminis, ihn ungehindert walten lassen und dem Kaiser seine Kunst empfehlen solle. Wenige Minuten hatten hingereicht, diesen Pakt zu schließen; dann aber forderte der Magier den Aegypter auf, vor allem den gefangenen Vater und Bruder des Malers Alexander aus dem Wege zu schaffen. »Unmöglich,« versetzte Zminis. »Ich ginge der Künstlerbrut mehr als gern an den Hals, doch ich bin dem Cäsar ohnehin als zu streng und schonungslos dargestellt worden. Eine hübsche Dirne, die Tochter des Alten, hat ihn mit allerlei Weiberränken bestrickt.« »Nein,« entgegnete der Magier bestimmt. »Ich sah sie. Sie ist eine Jungfrau mit der harmlosen Seele eines Kindes. Doch ich kenne die Macht des Gegensatzes, und wo die Verworfenheit reiner Unschuld begegnet . . .« »Nur keine Philosophie!« fiel ihm der andere ins Wort. »Es sind hier ganz andere Dinge im Spiele, und eins oder das andere könnte Dir dienen.« Nun berichtete er, daß der Kaiser, der ja das Leben des großen Alexander fortzuführen wähne, Melissa für die neubelebte Roxane halte. »Das gibt freilich zu denken,« sagte der Magier, strich sich sinnend den Bart und fuhr dann plötzlich auf mit dem Rufe: »Nach dem Gesetz, das Du kennst, werden auch die Angehörigen der Staatsverbrecher in die Steinbrüche oder Bergwerke geführt. Laß den Heron und seinen Sohn, den Philosophen, sogleich forttransportiren. Wohin, ist Deine Sache, nur müssen sie für die nächsten Tage unerreichbar bleiben.« »Vortrefflich,« entgegnete der Aegypter, und über sein langes braunes Gesicht flog ein widriges Lächeln. »Sie kommen als Knechte auf eine Galeere, um sich selbst in die Bergwerke auf Sardinien zu rudern. Ein göttlicher Gedanke!« »Es stehen mir noch bessere zu Gebot, wenn es gilt, einem Freunde förderlich zu sein,« versicherte der Magier. »Schaffe nur den Philosophen aus dem Wege. Wenn der Kaiser seiner gewandten Rede das Ohr leiht, seh' ich Dich nie an des abgesetzten Nachtstrategen Stelle. Der Maler ist weniger gefährlich.« »Auch an ihn soll es kommen!« rief der Späher und schnalzte dabei mit den vollen Lippen, als ob er einen Leckerbissen koste. Dann winkte er dem Magier einen Abschiedsgruß zu und eilte in die große Halle des Serapeums zurück. Dort schärfte er einem Unterbeamten ein, für die Fortschaffung des Steinschneiders und seines Sohnes, des Philosophen, auf der nach Sardinien bestimmten Galeere zu sorgen. Vor der Ausgangsthür trat ihm der Magier, zu dem sich der Syrer gesellt hatte, noch einmal entgegen und raunte ihm zu: »Mein Freund dort hat eine Thonfigur von der Hand eines geschickten Künstlers gesehen. Sie stellt den Kaiser als prahlerischen Soldaten in Gestalt eines verwachsenen Zwerges dar. Ein abschreckendes Zerrbild. In der Schenke zum Elefanten ist es zu sehen.« Da drückte ihm der Aegypter mit einem kurzen »das läßt sich benützen!« die Hand und verließ schnell die Halle. Zwei Stunden waren seitdem vergangen, und Zminis wartete noch immer im Vorzimmer des Kaisers. Dasselbe Schicksal traf den Griechen Aristides, der bisher der bewaffneten Sicherheitsmannschaft vorgestanden hatte, während der andere mit der Führung der Späher und schriftlichen Berichten auf der Nachtstrategie betraut gewesen war. Die prächtige Kriegergestalt des Hellenen nahm sich neben der hageren, haltlosen des langen Aegypters vornehm genug aus. Sie wußten beide, daß die nächste Stunde den einen zum Vorgesetzten des andern machen werde, doch hielten sie für gut, davon zu schweigen. Zminis zeigte sich wie immer, wenn er von Herzen kommende Zuneigung, die seinem Wesen fremd war, zur Schau tragen wollte, bald unterwürfig, bald zudringlich vertraulich, Aristides aber ließ sich seine gleisnerische Beflissenheit gefallen und erwiderte sie mit herablassender Würde. Es fehlte ihnen nicht an Unterhaltungsstoff; denn ihre Interessen waren die gleichen, und beiden gereichte es zur Genugtuung, dem andern darzuthun, welcher Schaden der öffentlichen Sicherheit durch sein langes, müßiges Warten an dieser Stelle erwachsen müsse. Nachdem aber die zweite Stunde verronnen war, ohne daß sie der Kaiser vor sich gerufen, oder einer ihrer Gönner sich um sie gekümmert hätte, schwoll dem Zminis die Galle, und der Grieche zog unwillig die Stirn kraus. Beide scheuten sich, zumal der Wartesaal sich immer mehr füllte, ihrem Unwillen Ausdruck zu geben; wenn aber die in die inneren Räume des kaiserlichen Quartiers führende Thür sich öffnete und ihnen helles Gelächter und das Klirren der Pokale ans Ohr drang, zuckte der Hellene die Achseln, und dem Aegypter leuchtete das Weiß der Augensterne unheimlich hell aus dem braunen Gesichte. Caracalla hatte indes den Präfekten der Prätorianer empfangen und sein langes Ausbleiben verziehen, nachdem Macrinus ihm unaufgefordert erzählt, wie wunderbare Dinge ihm der Magier Serapion gezeigt. Außerdem war der Sohn des Präfekten zu dem Gastmahl des reichen Seleukus geladen gewesen, und als Caracalla durch ihn und andere erfuhr, wie glänzend es ausgefallen sei, regte sich auch in ihm die Eßlust. Selbst der Sättigung gegenüber folgte der Cäsar nur dem Triebe des Augenblicks, und er, der es sich im Felde, um den Soldaten zu gefallen, an einem Stück Brot und etwas Brei genügen ließ, wußte in der Stadt die Freuden der Tafel sehr wohl zu schätzen. Wann immer er winkte, mußte ein köstliches Mahl bereit stehen. Was da seiner harrte oder versäumt ward, galt ihm gleich, wenn es etwas vorzunehmen galt, das ihm anstand. Wohl erinnerte ihn Macrinus bescheiden an die wartenden Sicherheitswächter; er aber winkte nur verächtlich mit der Hand und begab sich in den Speisesaal, der sich bald mit der stattlichen Zahl der Tischgenossen füllte. Wenige Minuten nach seinem Eintritt ward ihm die erste Schüssel an das Lager gestellt, und da man um ihn her Erheiterndes zu erzählen wußte, und eine ganz vorzügliche Bande von Flötenspielerinnen und Sängerinnen die Pausen des Gespräches ausfüllte, behagte es ihm bei Tafel. Er sprach auch trotz der Warnung, die Galenus seinem römischen Leibarzt eingeschärft hatte, den edlen Weinen, die in den luftigen Speichern des Serapeums für ihn ausgewählt worden waren, wacker zu, und seine Umgebung erstaunte über die ungewohnte Munterkeit des Herrschers. Dem Oberpriester, den er auf das Polster an seiner Seite rief, bewies er sich besonders huldreich, ja er stützte sich auf seinen Arm, als er endlich den Speisesaal verließ und in das Tablinum zurückkehrte. Dort warf er sich mit glühendem Haupt auf den Lehnstuhl und fütterte, ohne seiner Umgebung zu achten, den Löwen. Es machte ihm Freude, das mächtige Tier ein junges Lamm zerreißen zu sehen. Nachdem man die Reste dieser Vorspeise abgeräumt und den Estrich gesäubert, gab er seinem »Perserschwert« blutige Fleischstücke zu fressen und neckte das Tier, indem er ihm bald die besten Leckerbissen aus dem Rachen riß, bald sie ihm wieder hinhielt, bis die gesättigte Bestie sich gähnend zu seinen Füßen hinstreckte. Während dieser Beschäftigung ließ er sich einen Brief des Senates vorlesen und diktirte dem Schreiber die Antwort. Wohl flimmerten ihm dabei die Augen weinselig aus dem hochroten Antlitz, doch war er bei voller Besinnung, und was er dem Senat zu wissen gab, klang zwar hochfahrend genug, doch nicht mehr oder weniger verständig als in völlig nüchternen Stunden. Nachdem er sich die Hände in einem goldenen Becken gesäubert, folgte er der Mahnung des Macrinus und ließ die draußen harrenden Bewerber um den Posten des Nachtstrategen einführen. Der Präfekt der Prätorianer hatte auf Anlaß des Magiers den Aegypter empfohlen; der Kaiser aber wünschte erst selbst zu sehen und dann zu entscheiden. Beiden Bewerbern waren von ihren Gönnern Winke zugekommen; dem Aegypter, seine Strenge zu mäßigen, dem Griechen, sich möglichst scharf und rücksichtslos zu zeigen. Und diese Aufgabe wurde ihm erleichtert; denn der Mißmut, der sich bei dem mehr als dreistündigen Warten in ihm gesammelt, half ihm, seinen angenehmen Zügen etwas Herbes zu geben. Zminis versuchte durch kriechende Demut mild zu erscheinen, – und dies stand seinem tückischen Gesicht so übel, daß Caracalla mit Vergnügen wahrnahm, er werde der Bitte Melissas und dem Wunsche des Oberpriesters, auf dessen Gott er Hoffnungen setzte, nachgeben und den Griechen bevorzugen können. Aber die eigene Sicherheit galt seiner Selbstsucht mehr als der Wunsch irgend eines sterblichen Wesens, und so überschüttete er zunächst beide mit Vorwürfen über die elende Handhabung der Ordnung in dieser Stadt. Ihrem Ungeschick sei es nicht einmal gelungen, den harmlosesten der Menschen, den Maler Alexander, zu fangen. Mit der Nachricht, die Beamten des Nachtstrategen hätten den Künstler festgenommen, sei er dazu betrogen worden; denn der Maler habe sich freiwillig gestellt. – Von einem andern Hochverräter, den es ihrer eigenen Geschicklichkeit zu ergreifen geglückt sei, habe er bisher noch nichts vernommen, und doch sei die Stadt voll von schnöden gegen seine Person gerichteten Epigrammen. Dabei schaute er den Bewerbern mit dem Ausdruck wilder Empörung ins Antlitz. Der Grieche neigte stumm und wie schuldbewußt das Haupt, dem Aegypter aber blitzten die Augen auf, und mit einer wunderlich tiefen Neigung des biegsamen Rückens berichtete er, daß er schon länger als drei Stunden eine fluchwürdige Thonfigur entdeckt habe, welche die hohe Person des Caracalla als Soldaten in widriger Pygmäengestalt darstelle. »Und der Thäter?« knirschte Caracalla und folgte der Antwort des Aegypters mit einem drohenden Blicke. Der hohe Cäsar selbst, lautete die Antwort des Zminis, habe ihn, da er eben die Spur des Verbrechers gefunden, zu sich beschieden, und während des Wartens seien ihm mehr als drei kostbare Stunden verloren gegangen. Da stieß Caracalla ingrimmig hervor: »Ihr fangt mir den Buben. Ich will sein freches Machwerk sehen. Wozu habt ihr die Augen? Schützen sollt ihr mich, ihr Tölpel, auch vor der galligen Brut dieser Stadt und ihren giftigen Spöttern. Das Alte mag abgethan sein. Laßt den Vater und Bruder des Malers laufen. Sie sind gewarnt. Neues will ich hören! Neues, und allen voran die Witzreißer, den Mann mit dem Stricke und den Fratzenkneter an ihrer Spitze, in Ketten sehen. Wir brauchen sie, um den andern ein Beispiel vor Augen zu führen.« Da meinte der Grieche Aristides, die Zeit sei gekommen, seine Strenge zu beweisen, und ehrerbietig, doch bestimmt stellte er dem Kaiser vor, daß er raten müsse, den Steinschneider Heron und seinen Sohn, den Philosophen, in Gewahrsam zu halten. Es seien bekannte Leute, und zu weit getriebene Milde werde den Uebermut der Lästerzungen nur steigern. Der Maler sei frei, und wenn man auch die Seinen aus dem Gefängnis entlasse, werde ihn nichts hindern, eines Tages in die unerreichbare Ferne zu verschwinden. Alexandria sei eine Seestadt, und ein Schiff führe die Verbrecher ins Weite, bevor man die Hand umgewandt habe. Da herrschte der Kaiser ihn mit der zornigen Frage an, ob er seinen Rat zu hören gewünscht; und der listige Aegypter sagte sich, daß Caracalla um der Tochter willen den Vater und wohl auch seine Söhne zu schonen wünsche. Es mußte dem Cäsar aber doch lieb sein, sie fest zu halten, um durch sie auf das Mädchen einen Zwang zu üben, und so log er denn mit kecker Stirn, er habe, gehorsam dem Gesetz dieses Landes, den Heron und seinen Sohn Philipp wenigstens für die nächste Zeit der Gnade des Kaisers entrückt. Sie seien in der Nacht eingeschifft worden und auf dem Weg nach Sardinien. Ein schnelles Staatsschiff werde sie indes später einholen und zurückführen können. Und der Angeber hatte richtig gerechnet; denn des Kaisers Antlitz hellte sich auf. Zwar tadelte er das allzu schnelle Vorgehen des Aegypters, doch gebot er keineswegs, für die Verfolgung der Galeere zu sorgen. Dann rief er nach kurzem Besinnen: »In keinem von euch beiden find' ich das, was ich suche; doch in der Not begnügt man sich auch mit verdorbenem Brot, und so muß ich wohl unter euch wählen. Wer mir das Zerrbild zuerst bringt und zugleich seinen Schöpfer in Ketten und Banden, dem soll das Amt des Nachtstrategen gehören.« Alexander hatte indes das Tablinum betreten. Sobald Caracalla ihn wahrnahm, winkte er ihn zu sich heran und der Künstler meldete dem Kaiser, daß er die Zeit wohl benutzt und ihm vieles mitzuteilen habe. Endlich frug er auch bescheiden nach dem Zerrbilde, wovon der Cäsar eben geredet habe, und Caracalla wies ihn an den Aegypter. Da wiederholte dieser, was er von dem Magier vernommen. Gelassen ließ Alexander ihn zu Ende reden, dann aber schöpfte er tief Atem, richtete sich höher auf, wies mit dem Finger so verachtungsvoll auf den Späher, als verpeste seine Gegenwart die Luft, und rief: »Dieser da, großer Cäsar, trägt Schuld, wenn die Bürger meiner Vaterstadt sich manchen Frevels vermessen. In Deinem Namen quält er sie und verfolgt sie. Wie viel Strafwürdiges ward hier begangen, nur um ihn und seine Kreaturen zu äffen und in Atem zu erhalten! Wir sind ein leichtlebiges Volk. Wie die Kinder reizt es uns, gegen ein Verbot zu handeln, dessen Uebertretung die Ehre nicht befleckt. Doch dieser da stempelt auch den heitern Uebermut und das harmlos witzige Wort zum Verbrechen oder deutet es so, daß es strafwürdig erscheint. Aus tückischer Lust am Unglück anderer, in der Hoffnung, dadurch höher zu steigen, hat dieser schlechte Mann Hunderte ins Elend gestürzt. In Deinem Namen, mein Kaiser, ist es geschehen, und keiner hat Dir mehr Widersacher geschaffen als dieser Wicht, der Deine Sicherheit untergräbt, statt sie zu schützen.« Hier brach Zminis, auf dessen hageren Zügen sich das Braun in ein glanzloses Erdfahl verwandelt hatte, in den heiseren Ruf aus: »Ich werde Dir zeigen und mit Dir der alexandrinischen Hochverräterbande, die hinter Dir steht . . .« Aber der Kaiser gebot ihm zornig, zu schweigen, und Alexander fuhr unbeirrt fort: »Du drohst uns und wirst Deine Verleumdungskunst ins Feld zu führen wissen – ich weiß es. Aber hier sitzt ein Herr, der Unschuldige schützt, – und das sind die Meinen. Dir wird er auf den Kopf treten, wenn er in Dir, Du Fluch dieser Stadt, erst die Natter erkannt hat, die Du ja bist. Wie jetzt eben im kleinen, hoher Cäsar, wird er Dich später auch im großen hintergehen. Höre nur, wie er Dir diente! Ein Zerrbild Deiner Person will er entdeckt haben, das einen Soldaten darstellt. Aber warum entfernte er es nicht von der Stelle, wo es nichts als Aergernis erregte und diejenigen, die es anschauten, nur zu leicht verleiten konnte, Deine edle Gestalt für die eines scheußlichen Zwerges zu halten? Die Antwort liegt auf der Hand. Um andre zu neuem Spott zu reizen, um auch sie ins Elend zu stürzen, ließ er es stehen.« Der Kaiser war diesen Worten beistimmend gefolgt, und mit strengem Ernst frug er den Aegypter: »Hast Du das Bildnis gesehen?« »In der Schenke zum Elefanten,« lautete die schrill hervorgestoßene Antwort. Da schüttelte Alexander mißtrauisch den Kopf und erbat sich die Erlaubnis, dem Aegypter eine Frage vorlegen zu dürfen. Sie ward ihm bewilligt, und der Künstler verlangte nun zu wissen, ob der Soldat allein gestanden habe. »So viel ich mich erinnere, ja,« versetzte Zminis, seiner selbst kaum mächtig. »Dann ist Dein Gedächtnis so untreu und schlecht wie Deine Seele!« rief ihm der Maler ins Antlitz; »denn neben dem Soldaten stand noch eine andere Figur. Der nasse Thon klebte auf demselben Brett wie der Soldat, den der gleiche Künstler modellirte. Nein, nein, mein schlaues Bürschchen, Du fängst den Bildhauer nicht; denn, wohl gewarnt, schwimmt er schon auf dem Meere.« »Das lügst Du!« kreischte Zminis. »Wird sich zeigen, Freund,« höhnte Alexander weiter. »Gestatte mir jetzt, hoher Cäsar, Dir die Figuren zu zeigen. Man trug sie mir nach, und draußen im Vorzimmer ließ ich sie stehen. – Gut umhüllt, versteht sich; – denn je weniger sie sehen, desto besser.« Beifällig winkte Caracalla ihm Gewährung zu, und Alexander entfernte sich schnell; der Herrscher aber überhäufte den Aegypter mit Schmähungen und verlangte zu wissen, weswegen er die Bildwerke nicht sofort zu entfernen geboten. Jetzt bekannte Zminis, um Gnade bettelnd, daß er nur durch einen Freund von dem Soldaten gehört habe und ihn sicher sogleich vernichtet hätte, wenn er ihm selbst zu Gesichte gekommen wäre. Hier versuchte der Präfekt Macrinus den Angeber mit der Bemerkung zu entschuldigen, der eifrige Beamte sei bestrebt gewesen, ein gutes Licht auf seine Tüchtigkeit zu werfen. Diese That sei schwer zu billigen, aber verzeihlich. Doch kaum hatte er ausgeredet, als sein Feind, der Prätor Lucius Priscillianus mit einem Ernst, der ihm sonst nicht eigen war, bemerkte: »Ich meinte, daß es auch zu den Pflichten des Mannes, der die Stütze und der Stellvertreter des Kaisers sein soll, gehöre, die Wahrheit unverfälscht vor seinen und unsern Herrn kommen zu lassen. Nichts dünkt mich weniger entschuldbar als eine dem göttlichen Cäsar ins Gesicht geschleuderte Lüge.« Einige Höflinge, die dem Präfekten nicht hold waren, und auch der Oberpriester des Serapis stimmten dem Redner bei, Caracalla aber achtete ihrer nicht, sondern blickte gespannt und in seiner Eitelkeit schon durch das bloße Bewußtsein der Existenz solcher Zerrbilder tief verletzt, schnell atmend auf die Thür. Er hatte nicht lange zu warten. Als aber die Hülle von den Thonfiguren genommen war, entrang sich seiner Brust ein leiser, knirschender Aufschrei, und sein eben noch gerötetes Antlitz erblaßte. Während dann rings um ihn her Rufe der Entrüstung laut wurden, stieg ihm das Blut wieder in die Wangen, und mit erhobener Faust murmelte er unverständliche Drohungen vor sich hin. Dabei kehrten seine Blicke wieder und wieder auf die Zerrbilder zurück. Sie nahmen ihn mehr als alles andere in Anspruch, und wie an einem Apriltag sich der Himmel bald verdunkelt, bald aufklärt, wechselten Blässe und Röte auf seinem Antlitz. Während Alexander ihm sodann einige Fragen beantwortete und versicherte, dem Elefantenwirt seien diese Figuren höchst ärgerlich gewesen, und er habe sie ihm mit Freuden überlassen, um sie zu vernichten, schien Caracalla sich an ihren Anblick zu gewöhnen; denn er faßte sie gelassener ins Auge und gab sich Mühe, vor den anderen den Gleichgültigen zu spielen. Den Philostratus frug er, als wünsche er sich zu belehren, ob er den Künstler, der diese Figürchen hergestellt habe, nicht auch für talentvoll halte, und als der Philosoph dies bedingungsweise bejahte, erklärte er, in den Zügen des Apfelhändlers immerhin einige Aehnlichkeit mit den seinen zu finden. Dann wies er auf die eigenen, geraden, nur durch eine Bruchstelle am Schenkel etwas verunstalteten Beine, um zu zeigen, wie schändlich ungerecht es sei, sie mit dem Untergestell eines verwachsenen Zwerges zu vergleichen. Endlich erregte der Apfelhändler, eine häßliche Pygmäengestalt mit dem Kopf eines Alten, der dem seinen dennoch ähnlich genug sah, seine Wißbegier. Worauf dies Bildwerk wohl anspielen, was an ihm es wohl geißeln sollte? Der Korb, welcher der Figur um den Hals hing, war voller Früchte, und was sie in der freien Hand hielt, konnte ein Apfel sein, aber auch etwas anderes. Hastig und mit erzwungener Heiterkeit frug er nach der Meinung »der Freunde« und verwarf die Behauptung des Günstlings Theokrit, dies Machwerk stelle gar keinen Apfelhändler dar, sondern einen Menschen, der im Vergleich zu den Göttern nur ein Zwerg sei und die Welt dennoch mit den Gaben der Unsterblichen beschenke, als fade Schmeichelei. Alexander und Philostratus wußten keine Auskunft zu erteilen; als aber der Prokonsul Julius Paulinus sich herausnahm, zu bemerken, das Männlein gebe seine Aepfel für Gold her, wie der Cäsar das römische Bürgerrecht, er wisse schon, wofür, den Provinzialen zuerteilt habe, nickte Caracalla ihm beistimmend zu. Dann übertrug er das Amt des Nachtstrategen einstweilen auf den Griechen Aristides. Der Aegypter werde hören, was er über ihn verhänge. Als der Präfekt die Figuren entfernen lassen wollte, untersagte der Kaiser dies hastig und befahl dann den Anwesenden, sich zurückzuziehen. Nur dem Alexander winkte er, bei ihm zu bleiben, und sobald er mit ihm allein war, sprang er auf und verlangte mit leidenschaftlichem Eifer zu wissen, was er erkundet. Aber der Jüngling zauderte, bevor er mit dem Berichte begann. Da schwur Caracalla ihm nochmals aus freien Stücken, seinen Eid zu halten, und nun versicherte Alexander, er kenne die Verfasser der Epigramme, die er hier und dort aufgelesen habe, in der That so wenig wie der Cäsar selbst, und wenn der Spott, den sie enthielten, bisweilen auch giftig sei, so stehe er, der Beherrscher der Welt, doch so hoch, daß er ihn wie Sokrates, als Aristophanes ihn selbst auf die Bühne brachte, belachen könne. Da beteuerte der Herrscher, er verachte die Fliegen, doch reize es ihn, ihr Gesumm zu vernehmen. Alexander freute sich dieser Versicherung und sprach nur sein Bedauern über den unglücklichen Umstand aus, daß die meisten der Epigramme, die er mitzuteilen habe, sich auf den Tod seines Bruders Geta bezögen. Er wisse jetzt, daß es vermessen sei, eine That zu verdammen . . . Hier fiel der Kaiser, dem es immer noch gelang, ruhig zu bleiben, ihm ernst ins Wort: »Diese That war nötig, nicht für mich, sondern für das Reich, das mir mehr gilt als Vater, Mutter und hundert Geschwister und tausendmal mehr als die Meinung der Menschen. Laß hören,« schloß er, »in welcher Form das witzige Volk dieser Stadt sie verdammt.« Das klang so würdig und einnehmend, daß Alexander es wagte, das Distichon herzusagen, das er schon in dem Bade vernommen, dem sein erster Besuch gegolten hatte. Es bezog sich nicht auf den Brudermord, sondern nur auf das mantelförmige Gewand, dem der Kaiser seinen Spitznamen Caracalla verdankte, und es lautete also: »Warum so gern wohl benutzt das weiteste Kleid Caracalla? Weil er so vieles vollbracht, das zu verbergen ihm frommt.« Da lachte der Kaiser leise auf: »Wer hätte wohl nichts zu verbergen? Der Vers ist übrigens nicht übel. Gib nur Dein Täfelchen her! Sind die anderen nicht schlimmer . . .« »Sie sind es,« unterbrach ihn Alexander besorgt, »und es reut mich, daß ich Dir helfe, Dich selbst zu quälen!« »Quälen?« wiederholte der Kaiser verächtlich. »Diese Verschen belustigen mich, und ich finde sie lehrreich. Das ist alles. Her mit der Tafel!« Dieser Befehl klang so streng und entschieden, daß Alexander das kleine Diptychon mit der Bemerkung hervorzog, Maler schrieben schlecht, und was er da hingekritzelt, sei nur zur Stütze seines Gedächtnisses berechnet. Es hatte ihn gereizt, daß Caracalla die Wahrheit durch ihn zu hören bekommen sollte; jetzt aber ward ihm die ganze Größe des Wagnisses klar, in das er sich gestürzt. Dabei sah er auf die in das Wachs gekritzelten Buchstaben, und es kam ihm in den Sinn, daß er sich vorgenommen hatte, am Ende des einen Verses das Wort »Zwerg« in Cäsar zu verwandeln, und das dritte sehr bissige Epigramm dem Kaiser ganz vorzuenthalten. Das vierte und letzte war durchaus harmlos, und er hatte es zuletzt mitteilen wollen, um ihn zu versöhnen. Die Tafel ließ sich deshalb nicht zeigen. Wie er sich aber anschickte, sie zurückzuziehen, riß Caracalla sie ihm aus der Hand und las mühsam: »Einst galt hier die Bruderliebe Für des Fürsten höchste Zierde, Und man pries die Piladelphen. Heute jauchzt man zu dem Zwerge, Der als Mörder seines Bruders Misadelphos heißen sollte.« »So, so,« murmelte der Kaiser bleich vor sich hin und fuhr dann mit bedeckter Stimme fort; »immer dasselbe. Mein Bruder und der Wuchs meines Leibes! Man scheint es in dieser Stadt der Gelehrten den Barbaren nachzuthun, die den Längsten und Breitschulterigsten zum Könige wählen. Wenn der dritte Vers nichts anderes enthält, wird mir der ohnehin schale Witz Deiner Mitbürger vollends langweilig werden. – Sieh da, was nun kommt, sind wieder Trochäen. Werden auch kaum etwas Neues enthalten! Der Wasserkrug dort! Trinken. Fülle den Becher!« Doch Alexander gehorchte nicht gleich diesem rasch hervorgestoßenen Befehle, sondern griff mit der Versicherung, der Kaiser werde seine Schrift nicht lesen können, nach der Tafel. Da legte Caracalla die Hand auf dieselbe und herrschte den Künstler an: »Trinken! Den Becher befahl ich!« Damit heftete er den Blick auf das Wachs und entzifferte mühsam die ungelenken Schriftzüge, womit der Maler die folgenden Verse, die er in der Schenke zum Elefanten gehört, aufgezeichnet hatte: »Knapp ist hier die Zeit bemessen; Fragt mich drum nicht, wie viel Frevel Des Tarautas Spitzname des Kaisers nach einem besonders grausamen Gladiator von kleinem Wuchs. Hand beflecken, Fragt nach seinen edlen Thaten, Und mit einem kurzen ›keine‹ Still ich eure Wißbegierde Und erspare gute Stunden.« Alexander that indessen, wie ihm geheißen, und als er den Krug wieder in das Gestell gesetzt hatte und zu dem Kaiser zurückkehrte, erschrak er; denn das Haupt und die Arme Caracallas flogen und zuckten hastig hin und her, und ihm zu Füßen lagen die beiden Hälften des Wachstäfelchens, das er, während der Krampf ihn befiel, auseinander gerissen hatte. Mit schäumendem Munde stieß er leise Klagelaute aus, und bevor es Alexander hindern konnte, biß er, vom Uebermaß des Schmerzes überwältigt und einer Stütze bedürftig, in die Armlehne des Stuhles, von dem er niederzugleiten drohte. Entsetzt und von aufrichtigem Mitleid erfaßt, suchte Alexander ihn aufzurichten; doch der Löwe, der wohl wähnte, Alexander trage Schuld an dem veränderten Zustande seines Herrn, richtete sich brüllend auf, und es wäre um den Jüngling geschehen gewesen, wenn man das Tier nicht nach der Fütterung an die Kette gelegt hätte. Gegenwärtigen Geistes sprang Alexander nun hinter den Stuhl und zog ihn mit dem Bewußtlosen, der ihm auch zum Schilde diente, von der aufgebrachten Bestie fort. Galen hatte dem Kaiser ans Herz gelegt, sich vor übermäßigem Weingenuß und starken Gemütserregungen zu hüten, und wie berechtigt seine Mahnung gewesen, das bewies der Anfall, der mit furchtbarer Heftigkeit eingetreten war, nachdem der Cäsar beide Warnungen schnell hinter einander mißachtet. Alexander mußte die ganze Kraft der in der Ringschule gestählten Arme aufbieten, um den Kranken, dessen keineswegs verächtliche Stärke die Dämonen des Krampfes verdoppelten, auf dem Stuhle festzuhalten und vor dem Zubodenstürzen zu wahren. Hieher gezwungen durch das wütende Gebrüll des Löwen, das in immer mächtigeren Schwingungen weit über das Gemach hinausdrang, und den Hilferuf Alexanders, eilte das ganze Gefolge des Kaisers herbei. Doch der Leibarzt und der Kammerdiener Epagathos wehrten ihnen den Eintritt, und nur sie und der alte, halbblinde Adventus teilten sich in die Pflege des Kranken. Ihn hatte Caracalla von einem Briefboten zu den höchsten Würden und dem Ehrenamt seines vertrauten Kämmerers erhoben, der Heilkünstler aber bediente sich am liebsten des Beistandes dieses erfahrenen und ruhigen Mannes, und beide brachten auch den Tobenden bald wieder zur Besinnung. Bleich und wie zerschlagen ruhte der Cäsar nun auf einem schnell herbeigeschafften Diwan. Kaum fähig, ein Glied zu rühren, schaute er ins Leere. Alexander hielt ihm die zitternde Hand, und als der Leibarzt, ein behäbiger Lebemann in mittleren Jahren, an die Stelle des Künstlers trat und ihm winkte, sich zu entfernen, bat Caracalla den Jüngling mit leiser Stimme, zu bleiben. Sobald die unterbrochene Geistesthätigkeit des Kaisers sich wieder zu regen begann, wandte sie sich auf die Ursache des neuen Anfalls zurück. Mit einem schmerzlich bittenden Blick ersuchte er den Alexander, ihm die Täfelchen noch einmal zu reichen; doch dieser versicherte – und Caracalla schien ihm nicht ungern zu glauben – er habe während des Krampfes das Wachs auf der Tafel zerdrückt. Der Kranke fühlte wohl selbst, daß solche Kost noch zu kräftig für ihn sei. Nachdem er dann lange schweigend vor sich hingeschaut hatte, begann er von dem Witz der Alexandriner zu reden. Was ihm, der sich mit kriechenden Günstlingen umgab, die er an Geist und Gaben hoch überragte, hier geboten worden war, schien ihn doch stärker als alles andere in Anspruch zu nehmen. Er begehrte zu hören, wo und von wem der Maler die Epigramme vernommen. Doch Alexander versicherte wiederum, die Namen der Verfasser nicht zu kennen. Das eine habe er im Bade, das zweite in einer Schenke und das dritte beim Haarkräusler gehört. Da schaute der Kaiser wehmütig auf die volle, braune, neugesalbte Lockenfülle des Jünglings und sagte: »Die Haare sind wie die anderen Lebensgüter. Sie bleiben nur schön bei den Gesunden. Du Glückspilz weißt wohl kaum, was Kranksein bedeutet?« Dann blickte er wieder stumm vor sich hin, bis er plötzlich auffuhr und, wie Philostratus gestern Melissa, den Alexander frug: »Du und Deine Schwester, seid ihr unter die Christen geraten?« Als der Jüngling dies lebhaft verneinte, fuhr Caracalla fort: »Und doch! Deine Epigramme zeigen ja deutlich genug, wie die Alexandriner mir gesinnt sind. Auch Melissa ist ein Kind dieser Stadt, und bedenke ich, daß sie es über sich gewann, für mich zu beten, dann . . . Meine Amme, die beste der Frauen, war eine Christin. Von ihr hörte ich die Lehre, den Feind zu lieben und für denjenigen zu beten, der uns verdammt . . . Ich hielt sie immer für unerfüllbar; aber jetzt . . . Deine Schwester . . . Was ich da vorhin über die Haare sagte und die Gesundheit, es erinnert mich noch an ein andres Wort des Gekreuzigten, das die Amme – wie lange ist's her – manchmal brauchte: ›Wer hat, dem wird gegeben, und wer da nicht hat, dem wird genommen,‹ heißt es. Wie grausam das ist, und doch wie so weise, furchtbar zutreffend und wahr! Ein Gesunder! Was besitzt er nicht schon alles, und wie reiche Gaben erwirbt ihm das beste aller Geschenke noch zu den anderen. Einer der dem Siechtum verfiel – schau nur mich an! – wie viel Elend zieht dieser Fluch, der doch für sich schon furchtbar genug ist, noch nach sich, wie bitteren Wermut gießt er in alles!« Dann lachte er höhnisch vor sich hin und fuhr aufbegehrend fort: »Aber ich! Ich bin ja der Beherrscher der Welt. Ich habe ja viel, sehr viel, und darum wird mir auch viel gegeben, und meine kühnsten Wünsche, befriedigt sollen sie werden!« »Ja, Herr!« fiel ihm Alexander lebhaft ins Wort. »Dem Leid folgt die Freude! ›Lebe, liebe, trink und schwärme Und bekränze Dich mit mir‹ singt Sappho, und der Rat des Anakreon, den heutigen Tag zu genießen, ist auch nicht übel. Denke, das kurze Leid, das Dir dann und wann den süßen Lebenstrank vergällt, sei der Ring des Polykrates, mit dem Du den Neid der Götter, die Dir so vieles gaben, beschwichtigst. Ich an Deiner Stelle, ewige Götter, wie wollt' ich die guten, gesunden Stunden genießen und den Unsterblichen und Sterblichen zeigen, wie viel echte und rechte Lust sich erkaufen läßt durch Macht und Reichtum!« Da leuchteten die matten Augen des Kaisers auf, und mit dem Rufe: »Das will ich auch! Ich bin noch jung, und ich habe die Macht!« richtete er sich jäh in die Höhe. Doch gleich sank er wieder in die Polster zurück, und als er dabei das Haupt bewegte, wie um zu sagen: »Da siehst Du, wie es mit mir bestellt ist,« ging dem Alexander das Schicksal dieses Unglücklichen tiefer als je zuvor zu Herzen. Seine junge, für jeden neuen Eindruck empfängliche Seele vergaß das Blut und die Schandthaten, die diesen Beklagenswerten befleckten. Sein Künstlergeist war gewöhnt, was ihn anzog, als stehe es zur Nachbildung bereit, ohne Nebengedanken mit ganzer Seele zu erfassen, und der Mann, der da vor ihm lag, war für ihn in diesem Augenblick nur ein Bemitleidenswerter, den ein grausames Schicksal um die besten Freuden des Daseins betrog. Es kam ihm auch in den Sinn, wie schmählich er selbst und andere den Kaiser verspottet. Vielleicht hatte Caracalla wirklich das meiste Blut vergossen, um der Wohlfahrt und Einheit des Reiches zu dienen. Er, Alexander, war nicht sein Richter. Hätte Glaukias den Gegenstand seines Spottes so daliegen sehen, wäre es ihm sicher nicht eingefallen, ihm die Gestalt eines pygmäenhaften Scheusals zu geben. Nein, nein! Sein, des Alexander, Künstlerauge wußte das Schöne vom Häßlichen wohl zu unterscheiden, – und der dort auf dem Diwan ruhende müde Mann war kein widriger Zwerg. Träumerische Schlaffheit breitete sich über seine edel geschnittenen Züge. Nur selten flog ein schmerzliches Zucken darüber hin, und die ganze Erscheinung des Cäsar erinnerte den Maler an den schönen ephesischen Gladiator Kallistos, wie er bei den letzten Spielen schwer verwundet auf dem Sande gelegen und den Todesstoß erwartet hatte. Am liebsten wäre er nach Hause geeilt, um sein Gerät zu holen, das Bildnis des Verkannten zu malen und es den Spöttern zu zeigen. Schweigend versenkte er sich in dies stille, von der Natur so fein gebildete und Mitleid erweckende Antlitz. So konnte kein von Grund aus verderbter Bösewicht aussehen; doch der ruhenden See war es vergleichbar. Wenn der Orkan losbrach, welch ein strudelndes Gewirr von grauen, zischenden, hochauf brandenden Wellen wurde dann aus der friedvollen, seidenglatten, schimmernden Fläche! Und plötzlich begann es auch in den Zügen des Kaisers lebendig zu werden. Sein eben noch mattes Auge leuchtete heller auf, und als habe das lange Schweigen den Gang seiner Gedanken kaum unterbrochen, rief er immer noch mit umflorter Stimme: »Ich möchte aufstehen und mit Dir, aber ich bin noch zu schwach. Geh Du jetzt, Freund, geh, und bringe mir Neues.« Da gab Alexander ihm zu bedenken, daß jede Erregung ihm schädlich sein werde; doch Caracalla rief eifrig: »Stärken wird es mich und mir wohl thun. Was mich umgibt, ist so hohl, so flach, so elend – was ich höre, so schal. Ein kräftiges, gesalzenes Wort, ist es auch scharf, es erfrischt mich . . . Wenn Du ein Bild vollendest, willst Du nur hören, wie es den Freunden, den Schmeichlern gefällt?« Da meinte der Künstler den Kaiser zu verstehen. Treu seiner Art, stets das Beste zu erwarten, hoffte er, daß wie ihm, dem Alexander, der Tadel der Neider förderlich gewesen war, den Caracalla der scharfe Witz der Alexandriner zur Selbsterkenntnis und zu größerer Mäßigung führen werde; nur nahm er sich vor, dem Leidenden nichts wieder mitzuteilen, was einer bloßen Schmähung gleiche. Als er ihm dann Lebewohl sagte, schaute Caracalla so schmerzlich zu ihm empor, daß der Künstler ihm gern die Hand gereicht und recht warm zugesprochen hätte. Der Kopfschmerz, welcher jedem Krampfe marternd folgte, hatte von neuem begonnen, und widerstandslos ertrug der Cäsar, was der Arzt mit ihm vornahm. In der Thür fragte Alexander den alten Adventus, ob er nicht meine, daß der Verdruß über die Spottverse der Alexandriner den schrecklichen Anfall hervorgerufen habe, und ob es nicht geraten sei, dem Kaiser nie wieder dergleichen zu Ohren kommen zu lassen; doch der Emporkömmling schlug die halbblinden Augen verwundert zu ihm auf und versetzte mit einer rohen Teilnahmlosigkeit, die den Jüngling empörte: »Angetrunken hat er sich den Krampf. Was den da krank macht, sind andere Dinge als Worte. Wenn Dir selbst, junger Mann, die Witze der Alexandriner nicht noch übel bekommen, dem Cäsar schaden sie gewiß nicht!« Da wandte Alexander dem Kämmerer unwillig den Rücken, und die Frage, wie es möglich gewesen sei, daß der wohlunterrichtete und für das Schöne empfängliche Kaiser elendes Gelichter wie den Theokrit und diesen Alten aus dem Staube in seine nächste Nähe gezogen, nahm ihn so voll in Anspruch, daß Philostratus, der ihn im nächsten Zimmer traf, ihn laut anrufen mußte. Der Philosoph teilte ihm mit, daß Melissa bei der Gattin des Oberpriesters weile; doch als Philostratus sich eben anschickte, neugierig zu erfragen, was zwischen dem kühnen Maler und dem Cäsar vorgegangen sei – denn auch der Philosoph war ein Höfling – wurde er zu Caracalla berufen. Neunzehntes Kapitel. In einem der wenigen Zimmer, die der Oberpriester von seinem weiten Quartier sich für den Aufenthalt der Mitglieder des eigenen Hauses vorbehalten hatte, wurde der Jüngling von Melissa, der Gattin des Timotheus und Frau Berenike empfangen. Diese zeigte sich erfreut, den Künstler wiederzusehen, dem sie das Bildnis der Tochter verdankte. Es war wieder in ihren Besitz gelangt; denn Philostratus hatte es während der Mahlzeit des Kaisers in ihr Haus zurückbringen lassen. Ermüdet ruhte sie auf einem Polster. Hinter ihr lagen qualvolle Stunden; denn noch weit schwerer als um das ihr teure Gemälde hatte sie die Sorge um Melissa geängstigt, die ihr lieb geworden war. Dazu verkörperte sich in der Jungfrau für die Matrone ihr ganzes Geschlecht, und die Gefahr, dies reine, anmutige Geschöpf der Willkür eines zügellosen Tyrannen preisgegeben zu sehen, brachte sie außer sich und veranlaßte ihre lebhafte Seele zu lauten Ausbrüchen des Unwillens. Dazu brachte sie allerlei Anschläge in Vorschlag, deren Unmöglichkeit Frau Euryale, die besonnenere und nicht weniger warmherzige Gemahlin des Oberpriesters, ihr darthat. Wie Berenike hatte auch sie, eine zarte Frau, deren schlichtes braunes Haar schon zu ergrauen begann, das einzige Kind verloren. Aber darüber waren Jahre hingegangen, und sie hatte sich gewöhnt, Trost in der Sorge für Notleidende zu suchen. In der ganzen Stadt schätzte man sie als die Vorsehung der Hilfsbedürftigen, gleichviel welchen Standes und Glaubens. Auch wo es Wohlthätigkeit im großen zu üben, Kranken und Armenhäuser zu errichten und auszustatten galt, wandte man sich zuerst an sie, und wo sie ihre geräuschlose und doch mächtige Beihilfe zusagte, war der Erfolg von vornherein gesichert; denn außer dem eigenen und dem großen Reichtum ihres Gatten standen dieser hochgestellten und allverehrten Frau die Mittel der Heiden und Christen der ganzen Stadt zur Verfügung; denn beide zählten sie zu den Ihren, und die letzteren, obgleich sie sich nur im geheimen zu ihnen hielt, mit dem größeren Rechte. Daheim gewährte ihr der Verkehr mit hervorragenden Männern den höchsten Genuß. Ihr Gatte ließ ihr volle Freiheit, obwohl er, der oberste griechische Priester der Stadt, es lieber gesehen hätte, wenn sich unter ihren fleißigsten Besuchern nicht auch gelehrte Christen befunden hätten. Aber der Gott, dem er diente, faßte die meisten anderen in sich zusammen, und die Mysterien, denen er vorstand, lehrten, daß auch Serapis nur eine Erscheinungsform des beseelten Alls sei, das in steter, ewigen Gesetzen folgender Selbsterneuerung sein unendliches Dasein vollzog. Von der Weltseele, die alles Geschaffene durchdrang, lebte ein Teil auch in dem einzelnen Menschen, um nach dem Tode zu seinem göttlichen Urquell zurückzukehren. An dieser pantheistischen Weltanschauung hielt er fest; doch er, der an Stelle des ungelehrten römischem Alexanderpriesters auch das Ehrenamt eines Hauptes des Museums bekleidete, kannte nicht nur die Systeme seiner heidnischen Vorgänger, sondern auch die heiligen Schriften der Juden und Christen. In der Sittenlehre der letzteren fand er vieles, was seinen eigenen Ansichten entsprach. Ihm, der sich im Museum zu den Skeptikern zählte, gefielen biblische Worte, wie: »Alles ist eitel« und »Alles Wissen ist Stückwerk.« Die Forderung der Nächstenliebe, der Friedfertigkeit, des Durstes nach Gerechtigkeit, die Aufforderung, den Baum an seiner Frucht zu erkennen und mehr für den Geist als für den Körper zu fürchten, waren ihm ganz nach dem Sinne. Er war so reich, daß ihm die Gaben der Tempelbesucher, die seine Vorgänger gefordert hatten, wenig galten. So mischte er selbst manches Christliche in den Glauben, dessen oberster Diener und Hüter er war. Nur die Sicherheit, mit der Männer wie Clemens und Origenes, die zu den Freunden seiner Gattin gehörten, die Lehre, der sie anhingen, für die einzig richtige, ja für die Wahrheit selbst erklärten, schien ihm, dem Skeptiker, verwerflich. Seinen Bruder Zeno hatten die Freunde seiner Gemahlin zum Christen gemacht; – für Frau Euryale selbst brauchte er dergleichen nicht zu befürchten. Sie liebte ihn zu sehr und war zu ruhig und verständig, um ihn, den heidnischen Oberpriester, durch die Taufe bloß zu stellen und ihn in die Gefahr zu stürzen, der Macht entkleidet zu werden, von der sie wußte, daß er ihrer für sein Wohlsein bedürfe. Einer andern als der heidnischen Götterlehre anzugehören, stand jedem Alexandriner frei, und niemand hatte ihm selbst seine in skeptischem Sinn verfaßten Schriften verdacht. Wenn Euryale handelte wie die besseren unter den christlichen Weibern, konnte ihm das nur recht sein, und es wäre ihm kleinlich erschienen, sie wegen ihres Wohlgefallens an der Lehre des Gekreuzigten zu tadeln. Ueber die Person des Kaisers war er noch nicht ins reine gelangt. Er hatte erwartet, einen halb wahnsinnigen Bösewicht in ihm zu finden, und sein Toben, nachdem er von dem gegen ihn gerichteten Epigramm mit dem Stricke vernommen, hatte den Oberpriester nur in dieser Ansicht bestärkt. Später aber war er auch manchem Guten an ihm begegnet, und Timotheus wußte, daß sein Urteil durch die Hochachtung, die der Cäsar ihm erwies, während er die anderen wie Sklaven behandelte, nicht gefälscht worden sei. Seine bessere Meinung war vielmehr aus den Unterhaltungen entsprungen, die er mit dem Cäsar geführt. Da hatte der Vielgeschmähte sich nicht nur als ein wohlunterrichteter, sondern auch als ein denkender Mann gezeigt, und gestern Abend, bevor Caracalla sich erschöpft zur Ruhe begeben, war es dem welterfahrenen Oberpriester ähnlich ergangen wie vorhin dem leichtgläubigen Künstler; denn der Cäsar hatte ihm gegenüber sein schweres Geschick in rührenden Worten beklagt und bekannt, zwar Schweres verschuldet, aber auch das Beste gewollt und Glück, Seelenruhe und Behagen der Wohlfahrt des Staates geopfert zu haben. Hellen Blickes hatte er die Schäden seiner Zeit durchschaut und bekannt, bei dem Versuche, das alte Schadhafte mit Stumpf und Stiel auszurotten, um Besserem Platz zu schaffen, gescheitert zu sein und statt Dank zu ernten, den Haß der Götter und Menschen auf sich gezogen zu haben. So kam es, daß Timotheus, als er vorhin zu den Seinen getreten war, diesen versichert hatte, er möchte, wenn er jenes Gespräches gedenke, doch noch Gutes, ja vielleicht das Beste von dem verbrecherischen Jüngling im Purpur erwarten. Aber Frau Berenike hatte dem Schwager mit höhnischer Entschiedenheit versichert, Caracalla habe ihn getäuscht, und als Alexander dem Leidenden gleichfalls das Wort zu reden versuchte, war sie aufgefahren und hatte ihn thörichter Leichtgläubigkeit geziehen. Melissa, die schon vorhin für den Kaiser eingetreten war, schloß sich trotz der Matrone dem Bruder an. Ja, Caracalla hatte Schweres verbrochen, seine Ueberzeugung, daß die Seele Alexanders in ihm und die der Roxane in ihr lebe, war thöricht genug, – aber die wunderbare Ähnlichkeit des Bildes auf der Gemme mit ihr mußte jeden überraschen. Daß auch gute und edle Regungen seine Seele bewegten, des sei sie gewiß. Aber Frau Berenike zuckte wiederum nur höhnisch die Achseln, und als der Oberpriester bemerkte, gestern Abend sei Caracalla in der That nicht im stande gewesen, ein Festmahl zu besuchen, und ein Teil auch der anderen Verbrechen des Cäsar sei gewiß seinen schweren Leiden zur Last zu legen, brauste die Matrone auf: »Und ist es auch sein körperlicher Zustand, der ihn veranlaßt, ein Trauerhaus mit festlichem Lärm zu erfüllen? Was ihn zum Verbrecher macht, kann mir gleich sein. Ich für mein Teil gebe dies teure Kind lieber der Willkür eines Missethäters als der eines Geisteskranken preis.« Aber der Oberpriester und die Geschwister versicherten, der Geist des Cäsar sei so gesund und scharf wie einer, und Timotheus frug, wer in ihrer Zeit denn frei sei von Aberglauben und dem Wunsche, mit den Seelen der Abgeschiedenen zu verkehren? Doch die Matrone ließ sich nicht umstimmen, und nachdem der Oberpriester zum Dienste des Gottes abgerufen worden war, tadelte Frau Euryale, seine Gattin, den übergroßen Eifer der Schwägerin. Wo die Weisheit des reifen Alters und die schnelle Jugend in einem Urteil zusammenträfen, da sei es gemeinhin das rechte. »Und ich bleibe dabei,« rief Berenike, und die großen Augen flammten ihr leidenschaftlich auf, »daß es freveln heißt, meinen Rat zu mißachten. Das Schicksal raubte Dir und mir das geliebte Kind. Ich will nicht auch diese da verlieren, die mir wert ward wie eine Tochter.« Da neigte sich Melissa über die Hände der Matrone, küßte sie dankbar und rief mit feuchten Augen: »Aber er ist gut zu mir gewesen und hat mir versichert . . .« »Versichert,« wiederholte Frau Berenike verächtlich. Dann zog sie die Jungfrau ungestüm an sich, küßte ihr die Stirn, legte ihr die Hand wie zum Schutz auf den Scheitel und wandte sich an den Künstler, während sie fortfuhr: »Was ich vorhin forderte, darauf bestehe ich. Noch in dieser Nacht muß Melissa fort von hier in die Ferne. Du, Alexander, sollst sie begleiten. Mein eigenes Meerschiff, die ›Berenike und Korinna‹ – Seleukus schenkte es mir und der Tochter – steht zur Abfahrt bereit. In Carthago lebt meine Schwester. Auch ihr Gemahl, der erste Mann der Stadt, ist mein Freund. In seinem Hause werdet ihr Schutz und Unterkunft finden.« »Und der Vater und Philipp?« fiel ihr Alexander ins Wort. »Befolgen wir Deinen Rat, so sind sie des Todes.« Da lachte die Matrone höhnisch auf: »Das ist es also, was ihr von dem guten, dem großen, dem edlen Herrscher erwartet!« »Den Freunden,« versetzte Alexander, »erweist er sich huldreich, aber wehe dem, der ihn beleidigt.« Da blickte Berenike sinnend zu Boden und fuhr ruhiger fort: »So sucht die Euren erst zu befreien und besteigt dann mein Schiff. Es soll für euch bereitstehen. Melissa wird es gebrauchen, ich weiß es. Meinen Schleier, Kind! Der Wagen erwartet mich beim Tempel der Isis. Du führst mich dahin, Alexander, und wir fahren zusammen zum Hafen. Ich mache Dich dort mit dem Schiffsführer bekannt. Es wird gut sein. Dir sind Vater und Bruder lieber als die Schwester, mir gilt diese hier mehr. Könnt' ich selbst nur fort, fort von hier aus dem verödeten Haus und sie begleiten!« Damit hob sie den Arm, als wolle sie einen Stein ins Weite schleudern. Stürmisch schloß sie endlich die Jungfrau in die Arme, nahm von der Schwägerin Abschied und verließ mit Alexander das Zimmer. Sobald Frau Euryale mit Melissa allein war, beruhigte sie das Mädchen in ihrer gütigen, gelassenen Weise; denn die finsteren Ahnungen der unglücklichen Matrone hatten die Jungfrau mit neuer Besorgnis erfüllt. Und was war ihr heute alles begegnet! Bald nach der gefahrvollen Unterredung mit dem Kaiser war Theophilus mit dem Obersten der Sternseher des Serapeums und der Astronomen des Cäsar zu ihr gekommen, um sie zu fragen, an welchem Tage und in welcher Stunde sie zur Welt gekommen sei. Auch über die Geburtstage ihrer Eltern und andere Lebensumstände war sie ausgeforscht worden. Theophilus hatte ihr bekannt, daß der Kaiser ihr das Horoskop zu stellen befehle. Bald nach der Mahlzeit war sie dann in Begleitung der Frau Berenike, die sie in der Wohnung des Oberpriesters fand, in die Krankensäle des Serapeums gegangen, um den Geliebten zu begrüßen. Dankbar und glücklich hatte sie ihn bei voller Besinnung wiedergefunden, aber die Aerzte und der Freigelassene Andreas, dem sie auf der Schwelle des Krankenzimmers begegnet war, legten ihr ans Herz, alles Aufregende fern von ihm zu halten. So war es ihr nicht möglich gewesen, ihm zu vertrauen, was den Ihren begegnet sei, und welchen gefahrvollen Schritt sie gethan, um sie zu retten. Aber Diodor hatte von der Hochzeit geredet, und Andreas konnte bestätigen, daß Polybius wünsche, sie so bald als möglich feiern zu sehen. Manches Erfreuliche war zur Sprache gekommen; dazwischen aber hatte Melissa sich verstellen und ausweichende Antworten erteilen müssen, zunächst auf die Frage des Diodor, ob sie schon mit den Brüdern und den Freundinnen verabredet, welche Jünglinge und Jungfrauen das Hochzeitsgefolge bilden und den Hymenäus singen sollten. Wenn beide miteinander geflüstert und sich zärtlich angeschaut hatten, wenn Diodor in sie gedrungen war, sich nicht nur die Hände küssen zu lassen, sondern auch die lieben roten Lippen, stellte Frau Berenike im Geiste die verstorbene Tochter an die Stelle Melissas. Welch ein Paar wäre das gewesen, wie stolz und glücklich hätte sie es in die schöne Villa zu Kanopus einführen wollen, die ihr Gatte und sie mit dem Wunsche neu ausgeschmückt hatten, daß sie einmal Korinna, ihren Gemahl, und, fügten es die Götter, ihre Kinder beherbergen möge. Aber auch Melissa und Diodor paßten gut zu einander, und sie gab sich Mühe, jener alles Glück zu gönnen, das sie für die eigene Tochter begehrt. Als es zur Trennung kam, legte sie die Hände der Verlobten ineinander und rief den Segen der Götter auf sie herab. Diodor ließ es dankbar geschehen. Er wußte nur, daß diese majestätische Matrone durch Alexander mit Melissa bekannt geworden sei und sie lieb gewonnen habe, und willig gab er der Empfindung Raum, diese Frau, an deren junonischer Schönheit sein Auge andächtig hing, sei statt der eigenen, längst verstorbenen Mutter an sein Lager getreten. Außerhalb des Krankensaales war Andreas Melissa wieder begegnet, und nachdem sie ihm von dem Besuche bei dem Kaiser berichtet, war er angstvoll in sie gedrungen, dem Rufe des Tyrannen um keinen Preis wieder zu folgen. Dann hatte er ihr verheißen, sie sicher zu verbergen, sei es auf dem Gute des Zeno, sei es in dem schwer zugänglichen Hause eines andern Freundes. Als Frau Berenike dann wieder mit besonderem Eifer auf ihr Schiff hinwies, hatte Andreas gerufen. »In die Gärten, auf das Schiff, unter die Erde, nur nicht zurück zu dem Cäsar.« Die letzte Frage des Freigelassenen, ob sie auch weiter ihres Gesprächs gedacht, hatte ihr das Wort: »Da aber die Zeit sich erfüllet,« ins Gedächtnis zurückgerufen, und fortan war der Gedanke, daß die nächsten Stunden etwas Entscheidendes, »die Erfüllung der Zeit«, wie Andreas sich ausdrückte, für sie im Schoße tragen würden, wieder und wieder in ihr aufgetaucht. Als sie dann um vieles später mit der Gattin des Oberpriesters allein war und diese ihren beruhigenden Zuspruch schloß, drängte sich Melissa die Frage auf die Lippen, ob Frau Euryale einmal das Wort: »Als aber die Zeit sich erfüllet,« vernommen habe. Da rief die Matrone, indem sie ihr überrascht und prüfend ins Antlitz schaute: »So stehst Du dennoch im Verkehr mit den Christen?« »Gewiß nicht,« versetzte die Jungfrau bestimmt. »Es kam mir nur zufällig zu Ohren, und Andreas, der Freigelassene des Polybius, erklärte es mir.« »Ein guter Deuter,« entgegnete die ältere Frau. »Ich bin nur ein ungelehrtes Weib, doch, Kind, auch ich habe erfahren, daß im Leben jedes Menschen ein Tag kommt, eine Stunde, von der er später denkt, in ihr habe seine Zeit sich erfüllt. Wie die Tropfen sich zum Flusse verbinden, so vereint sich in ihr, was wir vorher gethan und gedacht, um uns auf neuer Bahn in das Heil oder Verderben zu tragen. Jeder Augenblick kann die Entscheidung bringen; darum haben die Christen recht, wenn sie von einander fordern, zu wachen. Halte auch Du die Augen auf. Wenn sich für Dich, wer weiß wie bald, die Zeit erfüllt, dann handelt es sich um das Wohl oder Weh Deines Lebens.« »Das sagt mir auch eine innere Stimme,« erwiderte Melissa und preßte die Hand auf die hoch wogende Brust. »Fühle nur, wie mir das Herz schlägt!« Lächelnd erfüllte Frau Euryale diesen Wunsch, und dabei durchrieselte es sie kalt. Wie anmutig und begehrenswert war dies junge Geschöpf, und Melissa kam ihr vor wie ein Lamm, das bereit steht, dem Wolfe vertrauensvoll entgegenzueilen. Endlich führte sie den Gast in das Zimmer, wo das Abendmahl bereit stand. Der Hausherr konnte es heute nicht teilen, und während beide Frauen einander noch wortkarg gegenüber saßen und Speise und Trank kaum berührten, ward Philostratus gemeldet. Er kam als Abgesandter des Kaisers, der Melissa zu sprechen begehrte. »In dieser Stunde? Nie, nie. Es geht sicher nicht an,« fuhr die sonst so gelassene Matrone auf; der Philosoph versicherte indes, daß jeder Widerspruch ausgeschlossen sei. Der Kaiser leide besonders schwer und lasse Melissa an ihr Versprechen erinnern, ihm gern zu dienen, wenn er ihrer bedürfe. Ihre Gegenwart, versicherte er Frau Euryale, werde dem Kranken jetzt wohlthun, und er bürge dafür, daß die Jungfrau, so lange den Cäsar dieser unerträgliche Schmerz quäle, nichts zu befürchten habe. Da rief Melissa, die sich schon beim Eintritt des Philosophen vom Lager erhoben hatte: »Ich fürchte mich nicht und folge Dir gern . . .« »Recht so, Kind,« versetzte Philostratus warm; Frau Euryale aber hatte Mühe, den Thränen zu wehren, während sie dem Mädchen über die Locken strich und ihm die Falten des Gewandes zurecht zog. Als sie Melissa endlich Lebewohl sagte und sie dabei ans Herz zog, mußte sie des Abschieds gedenken, den sie vor Jahren von einer christlichen Freundin genommen, bevor die Lictoren sie zum Märtyrertode im Zirkus führten. Zuletzt flüsterte sie dem Philosophen noch einiges ins Ohr und erhielt von ihm das Versprechen, Melissa, sobald es angehe, zu ihr zurückzubegleiten. Philostratus war in der That unbesorgt. Als das hilfesuchende Auge des Caracalla vor kurzem seinem teilnahmsvollen Blicke begegnete, hatte ihm der leidende Cäsar nichts zugerufen als: »O Philostratus, es thut so weh,« und diese Worte klangen noch immer in der Seele des warmherzigen Mannes nach. Während er den Kaiser dann zu ermutigen versuchte, war der Blick desselben auf die Gemme gefallen, und er hatte sie zu sehen gewünscht. Aufmerksam und lange war sein Auge auf ihr haften geblieben, und als er sie dem Philosophen zurückgab, hatte er ihm befohlen, das Vorbild der Roxane zu ihm zu führen. Tief verhüllt in den Schleier, den Frau Euryale ihr um das Haupt gelegt hatte, schritt die Jungfrau jetzt an der Hand des Philosophen von Gemach zu Gemach. Wo sie sich zeigte, hörte sie ein Flüstern und Raunen, das sie beunruhigte, und aus manchem Zimmer tönte ihr, sobald es hinter ihr lag, ein Kichern, ja aus dem großen Raume, wo die Freunde des Kaisers in großer Zahl seines Rufes harrten, ein lautes Gelächter nach, das sie beängstigte und empörte. So unbefangen, wie sie heute morgen vor den Cäsar getreten war, fühlte sie sich nicht mehr. Sie wußte, daß sie sich vor ihm zu hüten habe, daß alles, auch das Schlimmste von ihm zu erwarten sei; als Philostratus ihr aber unterwegs mit warmen Worten schilderte, wie schwer der Unglückliche leide, zog es ihre barmherzige Seele doch wieder zu dem Manne hin, mit dem sie – das fühlte sie auch jetzt wieder – ein unerklärliches Etwas verband. Wenn eines, das wiederholte sie sich jetzt, war sie im Stande, ihm zu helfen, und zu dem Verlangen, die Richtigkeit dieser Ueberzeugung, von der sie sich selbst sagte, daß sie wunderlich und durch nichts begründet sei, zu erproben, gesellte sich die weniger uneigennützige Hoffnung, es werde sich, während sie des Leidenden warte, Gelegenheit finden, die Befreiung des Vaters und Bruders zu erwirken. Während Philostratus ihr voranging, um ihr Kommen zu melden, und sie schnellklopfenden Herzens wartete, versuchte sie, zu den Manen der Mutter zu beten, doch bevor sie noch die nötige Sammlung fand, öffnete sich die Thür, Philostratus winkte ihr schweigend, und sie trat in das von einigen Lampen dürftig beleuchtete, weite Tablinum. Caracalla ruhte hier noch immer; denn jede Bewegung steigerte den Schmerz, der ihn quälte. Wie still es hier war! Sie meinte den Schlag des eigenen Herzens zu hören. Philostratus blieb an der Thür stehen, sie aber ging auf den Zehen dem Lager entgegen, weil sie fürchtete, der Tritt ihrer leichten Sohlen könne den Ruhenden stören. Doch bevor sie den Diwan erreichte, blieb sie wieder stehen, und nun hörte sie von ihm her das klagende Röcheln des Leidenden, und aus dem Hintergrunde des Gemachs die gleichmäßigen Atemzüge des behäbigen Leibarztes und des alten Kammerdieners Adventus, die beide eingeschlafen waren, und dann ein seltsames Klopfen. Der Löwe schlug in der Freude des Wiedererkennens den Estrich mit dem Schweife. Dies Geräusch erweckte die Aufmerksamkeit des Kranken, und als er die geschlossenen Lider aufschlug und Melissa gewahrte, die in ängstlicher Spannung jeder seiner Bewegungen gefolgt war, rief er ihr leise und mit der Hand auf der Stirn entgegen: »Das Tier hat ein treues Gedächtnis und begrüßt Dich in meinem Namen. Du mußtest kommen; ich wußt' es!« Da trat die Jungfrau ihm näher und entgegnete freundlich: »Da Du mich brauchst, bin ich dem Philostratus gerne gefolgt.« »Weil ich Dich brauche?« fragte der Kaiser. »Ja,« entgegnete sie, »weil Du der Pflege bedarfst.« »Dann müßte ich ja um Deinetwillen wünschen, recht oft zu leiden,« erwiderte er schnell; doch fügte er klagend hinzu: »wenn auch nicht so gräßlich wie heute.« Man hörte ihm an, wie sauer das Reden ihm fiel, und das kurze Wort, das er gesucht und gefunden, um Melissa etwas Artiges zu sagen, hatte den erschütterten Nerven seines Kopfes so weh gethan, daß er röchelnd in die Kissen zurücksank. Eine Zeit lang blieb nun wieder alles still, bis Caracalla die Hand von der Stirn entfernte und wie zur Entschuldigung fortfuhr: »Es stellt sich ja keiner vor, wie das ist. Und red' ich auch noch so leise, – bei jedem Worte erdröhnt mir das Haupt.« »Du sollst auch schweigen,« unterbrach Melissa ihn eifrig. »Wenn Du etwas bedarfst, so winke nur. Ich versteh' Dich auch ohne Worte, und je stiller es hier ist, desto besser.« »Nein, nein, Du sollst sprechen,« bat der Kranke. »Wenn die anderen reden, verzehnfacht sich das Pochen hier oben und regt mich auf; Deine Stimme aber höre ich gern.« »Das Pochen?« unterbrach ihn Melissa, in der dieses Wort alte Erinnerungen wach rief. »Ist es Dir vielleicht auch, als rege sich ein Hammer über Deinem linken Auge? Sticht es Dir nicht durch das Hirn, wenn Du Dich lebhaft bewegst, und fühlst Du Dich dabei nicht so übel wie auf der schwankenden See?« »So kennst auch Du diese Marter?« frug Caracalla erstaunt; sie aber erwiderte leise, nur die Mutter habe manchmal an ähnlichen Kopfschmerzen gelitten und sie ihr beschrieben. Da sank der Kaiser wieder in die Kissen zurück, bewegte die trockenen Lippen und warf einen Blick auf den Trank, den Galen ihm verordnet, und Melissa, die schon als halbes Kind eine geliebte Kranke lange gepflegt, erriet, was er wünsche, brachte ihm den Becher und gab ihm zu trinken. Mit einem dankbaren Blick lohnte ihr der Kaiser. Doch die Arznei schien den Schmerz nur zu steigern. Röchelnd lag er regungslos da, bis er, eine neue Stellung suchend, leise aufstöhnte: »Es ist, als würde hier oben Eisen gehämmert. Man sollte denken, auch ein anderer könnte es hören.« Dabei faßte er die Hand der Jungfrau und zog sie sich auf die heiße Stirn. Da fühlte Melissa den Puls in den Schläfen des Leidenden so hart und kurz unter ihren Fingern schlagen wie bei der Mutter, wenn sie ihr die kühle Hand auf die schmerzende Stirn gelegt hatte; und so ließ sie denn, nur beseelt von dem Wunsche, zu lindern und zu heilen, die Rechte über den Augen des Leidenden liegen. Sobald sie fühlte, daß die eine Hand ihr heiß ward, setzte sie die andere an ihre Stelle, und dem Kranken mußte das Erleichterung schaffen, denn das Röcheln hörte nach und nach auf, und endlich sagte er dankbar: »Wie mir das gut thut! – Du bist . . . Ich wußte, Du würdest mir helfen. Es wird schon ganz stille hier oben. Noch einmal die Hand, liebes Mädchen!« Melissa folgte ihm willig, und wie er immer freier atmete, bekannte sie, daß der Kopfschmerz der Mutter oft besser geworden sei, wenn sie ihr die Hand auf die Stirn gelegt habe. Nun schlug der Kaiser den entschleierten Blickt frei zu ihr auf und fragte, warum sie ihm dann nicht schon früher die Wohlthat dieses Mittels habe zu teil werden lassen. Da zog Melissa die Hand langsam zurück, senkte den Blick und versetzte leise: »Du bist ja der Kaiser, bist ein Mann . . . und ich . . .« Doch Caracalla fiel ihr eifrig und mit klarer Stimme ins Wort: »Nicht so, Melissa! Fühlst Du denn nicht auch, daß etwas anderes uns zu einander hinzieht, als was sonst den Mann mit dem Weibe verbindet? Da liegt die Gemme. Schau sie noch einmal an. Nein, Kind, nein! Diese Aehnlichkeit, sie ist kein Zufall. Mögen die Kurzsichtigen es Aberglauben nennen oder einen eitlen Wahn, ich weiß es besser: In dieser Brust lebt wenigstens ein Teil der Seele des Alexander. Hundert Zeichen – ich erzähle Dir später davon – machen es mir zur Gewißheit. Und gestern morgen . . . Ich sehe jetzt alles wieder vor mir . . . Du standest oben, links von mir, an einem Fenster . . . Ich schaute hinauf . . . Unsere Blicke begegneten einander, und dabei fühlte ich im innersten Herzen eine wunderbare Bewegung . . . Wo ich dies schöne Antlitz schon einmal gesehen, fragte ich mich im stillen. Und die Antwort lautete: ›Du bist ihr schon öfter begegnet, Du kennst sie!‹« »Mein Angesicht erinnerte Dich an die Gemme,« fiel Melissa ihm hier beunruhigt ins Wort. »Nein, nein,« fuhr der Kaiser ablehnend fort. »Es war etwas anderes. Warum hat mich keine meiner vielen Gemmen je an ein lebendes Wesen erinnert? Warum kehrte mir Dein Bild, ich weiß nicht wie oft, ins Gedächtnis zurück? Und Du? Erinnere Dich nur, was Du für mich thatest. Wie wunderbar sind wir zusammengeführt worden! Und das alles im Laufe eines einzigen, kurzen Tages. Auch Du bist . . . Bei allem, was Dir heilig ist, frage ich Dich . . . Hast Du meiner, nachdem Du mich im Opferhofe gesehen, so oft und lebhaft gedacht, daß es Dich selbst überraschte?« »Du bist der Kaiser,« versetzte Melissa mit wachsender Besorgnis. »So dachtest Du meines Purpurs?« fragte der Kaiser und sein Antlitz verdüsterte sich, »oder vielleicht nur meiner Macht, die den Deinen verhängnisvoll werden konnte? Ich will es wissen. Die Wahrheit, Mädchen, bei dem Haupte Deines Vaters!« Da drängte sich Melissa aus der beklommenen Brust das Bekenntnis: »Ja, ich mußte mich Deiner recht oft erinnern . . . Und ich sah Dich nie im Purpur, sondern wie Du dort auf der Treppe . . . Und dort, – ach ich sagte Dir ja schon, wie weh mir Dein Schmerz that. Es war mir, als ob . . . Ja, wie soll ich es nur richtig beschreiben? Als stündest Du mir weit näher als sonst der Beherrscher der Welt einem armen, bescheidenen Mädchen. Es war . . . Ewige Götter . . .« Hier stockte sie; denn plötzlich erwachte in ihr die Besorgnis, dies Bekenntnis könne ihr verhängnisvoll werden. Das Wort von der Zeit, die sich jedem erfülle, klang ihr dabei vor dem innern Ohre, und es war ihr, als vernehme sie zum andernmale die Warnung der Frau Berenike. Aber Caracalla ließ ihr nicht Ruhe, sich zu besinnen; denn er unterbrach sie froh bewegt mit dem Ausruf: »So ist es denn wahr! Ein großes Wunder thaten die Himmlischen an Dir wie an mir. Wir schulden ihnen beide Dank, und mit reichen Opfern will ich ihnen zeigen, wie erkenntlich ich sein kann. Unsere Seelen, die das Schicksal schon einmal vereinte, haben sich wiedergefunden. Der Teil des Weltgeistes, der erst die Roxane beseelte und nun Dich, Melissa, er gebietet auch über den Schmerz, der mir das Leben vergällt . . . Du hast es bewiesen! – Und nun . . . Es fängt wieder an, stärker zu hämmern – nun, Du liebe Wiedergefundene, hilf mir noch einmal!« Angstvoll hatte Melissa wahrgenommen, wie sich das Antlitz des Kaisers bei den letzten lebhaften Sätzen wieder gerötet, und dabei zog der Schmerz ihm von neuem die Stirn über den Augen zusammen. So folgte sie denn seinem Geheiß, doch diesmal nur in scheuem Gehorsam. Als sie wahrnahm, daß er ruhiger wurde und die Berührung ihrer Hand ihm abermals wohlthat, gewann sie die verlorene Besonnenheit zurück. Dabei erinnerte sie sich, wie oft das stille Auflegen der Hand der Mutter zum Schlafe verholfen. In leisem Flüsterton erklärte sie darum dem Kaiser, sobald er wieder zu reden begann, ihr Wunsch, ihm Linderung zu verschaffen, werde unerfüllt bleiben, wenn er nicht Augen und Lippen geschlossen halte. Und Caracalla gehorchte, während ihre Hand die Stirn des gefürchteten Mannes so leicht berührte wie früher, wenn sie der Mutter zum Schlafe verhalf. Als der Leidende nach einiger Zeit mit geschlossenen Augen vor sich hinmurmelte: »Vielleicht könnte ich schlafen,« war es ihr, als sei ihr ein Glück widerfahren. Wie aufmerksam lauschte sie von nun an auf jeden seiner Atemzüge, wie gespannt schaute sie ihm ins Antlitz, bis sie sich nicht mehr täuschen konnte, und der Schlaf den Cäsar völlig bewältigte. Da schlich sie auf den Zehen dem Philostratus zu, der schweigend und überrascht beobachtet hatte, was zwischen dem Herrscher und dem Mädchen vorgegangen war. Er, der stets geneigt war, an jene Heilungswunder zu glauben, deren sein Held Apollonius so viele verrichtet, meinte einem solchen beigewohnt zu haben und blickte mit an Scheu grenzender Bewunderung auf die Jungfrau, die ihm ein begnadigtes Werkzeug der Gottheit zu sein schien. »Laß mich jetzt gehen,« flüsterte Melissa dem Freunde zu. »Er schläft und wird so bald nicht erwachen.« »Du hast zu befehlen,« entgegnete der Philosoph achtungsvoll; doch im nämlichen Augenblick wurde es im Nebenzimmer laut, und Melissa erkannte die helle Stimme ihres Bruders Alexander, der ungestüm auf seinem Rechte bestand, jederzeit zu dem Kaiser gelassen zu werden. »Er weckt ihn,« murmelte der Philosoph besorgt; Melissa aber warf kurz entschlossen den Schleier um das Haupt und trat in das Nebengemach. Philostratus hörte von dort aus zuerst heftige Worte aus dem Munde des Theokrit und anderer Höflinge und die nicht minder leidenschaftliche Entgegnung des Künstlers. Dann vernahm er Melissas Stimme, und nachdem es jenseits der Thür plötzlich still geworden war, überschritt die Jungfrau wiederum die Schwelle. Ein Blick auf den Kaiser lehrte sie, daß er immer noch schlafe, und nun winkte sie tiefatmend dem Freunde und bat ihn flüsternd, sie an den gaffenden Männern vorbeizuführen. Alexander folgte den beiden. In seinem sonst so frohen Antlitz kämpften Zorn und Erstaunen. Er war mit einer Nachricht gekommen, die den Kaiser leicht bestimmen konnte, die Freilassung des Vaters und Bruders zu verordnen, und im Vorzimmer war ihm das Herz stille gestanden vor Schreck und Empörung, als der Günstling Theokrit ihm in einer Weise, die ihm das Blut in die Wangen trieb, mitteilte, seine Schwester bemühe sich schon geraume Zeit – und Mitternacht war nahe – den leidenden Kaiser zu trösten. Außer sich hatte er zu dem Cäsar vordringen wollen; doch Melissa war ihm in den Weg getreten und hatte den vornehmen Römern in so bestimmter und überlegener Weise geboten, die Stimmen zu dämpfen, daß sie verstummt waren und mit ihnen der Bruder. Was hatten die letzten Tage aus seiner bescheidenen Schwester gemacht? Melissa, die ihm Befehle erteilte, denen er willenlos gehorchte! Es war nicht zu fassen! Aber etwas Beruhigendes hatte doch in ihrer Weise gelegen. Was sie gethan, mußte sie selbst für recht halten und ihrer würdig, sonst hätte sie das anmutige Haupt nicht so hoch getragen, ihm nicht so frei und selbstbewußt ins Antlitz geschaut. Aber wie hatte sie sich herausnehmen dürfen, ihn zu verhindern, für den Vater und Philipp das Seine zu thun? Während er schweigend durch die kaiserlichen Gemächer neben ihr herging, ward ihm der widerstandslose Gehorsam, den er geleistet, immer schwerer begreiflich, und als sie endlich in den leeren Vorraum traten, der das Quartier des Cäsar von dem des Oberpriesters schied, und Philostratus sich auf seinen Posten zur Seite des Herrschers zurückbegab, hielt er nicht länger an sich und rief ihr aufbrausend zu: »Bis hierher folgte ich Dir wie ein Knabe, ich weiß selbst nicht, warum. Aber es ist noch immer nicht zu spät zum Umkehren, und ich frage Dich nun, was Dir das Recht gab, mich zu hindern, das meine für die Unseren zu thun?« »Dein lautes Reden, das den Cäsar zu wecken drohte«, versetzte sie ernst. »Sein Schlaf allein rettete mich vor dem Zwange, diese Nacht bei ihm zu durchwachen.« Da bedauerte Alexander sein thörichtes Ungestüm, und nachdem Melissa kurz mitgeteilt, was sie in den letzten Stunden erlebt, berichtete er schnell, welche Gründe ihn so spät zu dem Kaiser führten. Der Sachwalter Johannes, der christliche Freigelassene der Frau Berenike, begann er, habe den Vater im Gefängnis besucht und mit angehört, wie der Befehl erteilt worden sei, den Heron und Philipp als Staatsgefangene auf ein Schiff zu bringen, um die Ruder zu ziehen. Das sei nach Mittag geschehen, und der Christ habe dann weiter erfahren, daß die Gefangenen erst zwei Stunden vor Sonnenuntergang in den Hafen geführt worden seien. Das sei die Wahrheit, und doch habe der schändliche Zminis den Kaiser um Mittag versichert, der Vater und Philipp seien längst auf dem Wege nach Sardinien. Der nichtswürdige Aegypter habe also den Kaiser belogen, und das werde dem Schurken ja wohl endlich den Hals brechen müssen. Aber damit hätte es Zeit gehabt bis morgen. Was ihn zu so später Stunde hieher führe, sei nur der Wunsch, die Galeere am Aufbruch zu hindern; denn Johannes habe von christlichen Hafenwächtern gehört, daß sie die Anker noch immer nicht gelichtet. Das Schiff könne also erst morgen bei Sonnenaufgang in See gehen. Erst dann werde die Kette, die den Hafen versperre, geöffnet. Komme der Befehl, die Galeere aufzuhalten, lange nach Tagesanbruch, so sei sie gewiß schon unterwegs, und der Vater und Philipp konnten beim Ziehen der schweren Ruder zu Grunde gegangen sein, bevor eine ihnen nachsetzende schnellere Trireme des Staates sie befreie. Mit wechselnden Empfindungen war Melissa diesem Berichte gefolgt. Um der eigenen Sicherheit willen hatte sie vielleicht den Vater und Bruder ins Unglück gestürzt; denn der Staatsgefangenen auf der Ruderbank wartete ein entsetzliches Schicksal. Und was lag an ihr, dem unwissenden Kinde, das so wenig leisten und nützen konnte? Andreas hatte ihr gesagt, es sei die Pflicht des Christen und jedes guten Menschen, wo es das Heil des Nächsten gelte, das eigene in die Schanze zu schlagen, und um des Glückes und Lebens der Allergeliebtesten willen – denn sie allein waren für sie »die Nächsten« – sich selbst zu vergessen, des fühlte sie sich fähig. Vielleicht war noch gut zu machen, was sie verschuldet, als sie den Kaiser eingeschläfert hatte, bevor sie auch nur mit einem Worte der Ihren gedacht. Statt ihn zu wecken, hatte sie die neue Macht über den Bruder mißbraucht und, indem sie ihn zu reden gehindert, vielleicht die Rettung der Ihren vereitelt. Aber müßiges Klagen war hier noch weniger als sonst am Platze, und so zog sie entschlossen den Schleier fester ums Haupt und rief dem Bruder zu: »Warte hier, bis ich zurück bin!« »Was hast Du vor?« fragte Alexander erschreckt. »Ich kehre zu dem Kranken zurück,« versetzte sie bestimmt. Da faßte der Bruder entsetzt ihren Arm und verbot ihr diesen Gang im Namen des Vaters. Doch bei seinem heftigen Rufe: »Ich dulde es nicht,« versuchte sie sich von ihm loszuwinden und rief ihm ins Antlitz: »Und Du? Bist Du, an dessen Leben tausendmal mehr liegt als an meinem, nicht freiwillig in Gefangenschaft und Tod gegangen, um den Vater zu retten?« »Ich war es, um derentwillen er der Freiheit beraubt ward,« unterbrach sie Alexander; sie aber versetzte schnell: »Und hätte ich vorhin nicht nur an mich gedacht, so wäre der Befehl, der die Unsern befreit, jetzt schon im Hafen. Ich gehe.« Da ließ Alexander die Hand von ihrem Arme und rief, wie von einem inneren Drange genötigt: »So geh denn!« »Und Du,« fuhr Melissa hastig fort. »Du suchst Frau Euryale auf. Sie erwartet mich noch. Erzähle ihr alles und bitte sie in meinem Namen, zur Ruhe zu gehen. Sage ihr auch, ich dächte des Wortes von der Zeit, die sich erfülle . . . Merke den Satz. Wenn ich mich in die Gefahr zurückbegebe, sage ihr, so geschehe es, weil eine Stimme hier drinnen mir sage, daß es so recht sei. Und es ist auch recht so, glaub es mir, Alexander!« Da zog der Künstler die Schwester in die Arme und küßte sie; doch die Wünsche, die er ihr mit auf den Weg gab, verstand sie nur halb; denn die Stimme stockte ihm fortwährend vor innerer Bewegung. Sie bis vor das Gemach des Kaisers zu begleiten, hatte er für selbstverständlich gehalten; sie aber duldete es nicht. Sein Erscheinen würde nur zu neuen Zwistigkeiten führen. Er fügte sich auch diesmal, doch ihre Rückkehr hier abzuwarten, ließ er sich nicht nehmen. Nachdem Melissa im Quartier des Kaisers verschwunden war, erfüllte er ungesäumt den Wunsch der Schwester und teilte Frau Euryale das Geschehene mit. Neu ermutigt von der Matrone, die das Wagnis Melissas anfänglich nicht weniger tief erschreckt hatte als ihn, kehrte er endlich in den Vorsaal zurück, wo er, bald in tiefer Erregung auf und nieder schreitend, bald auf einer Marmorbank rastend, der Schwester harrte. Dabei übermannte ihn öfter der Schlaf. Was sein sonniges Gemüt beschattete, wich dann von ihm, und einmal zeigte ihm ein freundlicher Traum statt der beängstigenden Bilder, die ihn vor dem Entschlummern gequält, die schöne Christin Agathe. Zwanzigstes Kapitel. Die Wartezimmer waren leer geworden, als Melissa sie zum andernmale durchschritt. Die meisten Freunde des Kaisers hatten sich auf die Nachricht, daß der Cäsar schlafe, zur Ruhe oder in die Stadt begeben, und die wenigen Zurückgebliebenen verhielten sich still bei ihrem Erscheinen; denn Philostratus hatte ihnen mitgeteilt, daß der Kaiser sie hochhalte als die einzige, der es gegeben sei, sein Leiden durch die ihr eigene, wunderbare Heilkraft zu lindern. In dem zum Krankenzimmer umgewandelten Tablinum war jetzt nichts vernehmbar als die Atemzüge und das leise Schnarchen schlafender Männer. Auch Philostratus schlummerte auf einem Lehnstuhl im Hintergrunde des Zimmers. Als der Philosoph zurückgekehrt war, hatte Caracalla ihn bemerkt und im Halbschlaf, vielleicht im Traum, ihm befohlen, bei ihm zu bleiben, und so sah der Gelehrte sich gezwungen, die Nacht hier zu verbringen. Der Freigelassene Epagathos lag auf einem Polster aus dem Speisesaale, der wohlbeleibte Arzt schlief fest, und wenn sein Schnarchen lauter erscholl, stieß ihn der alte Adventus an und rief ihm leise ein warnendes Wort zu. Er, der frühere Postbote, war der einzige, der Melissas Eintritt wahrnahm; aber er blinzelte nur mit den blöden Augen zu ihr hin, und nachdem er stumm überlegt, was die Jungfrau wohl zurückführen möge, wandte er sich ab, um selbst zu ruhen; denn er war zu der Ueberzeugung gelangt, daß dies junge, rüstige Geschöpf schon wachen und zur Hand sein werde, wenn der Gebieter etwas bedürfe. Sein Nachdenken über Melissas Wiederkehr hatte ihn auf viele Vermutungen geführt und war doch erfolglos geblieben. »Man müßte die Weiber nicht kennen,« schloß er seine Erwägungen, »wenn man nicht wüßte, daß bei ihnen das Unwahrscheinlichste oft das Zutreffende ist. Zu den Flötenspielerinnen und ihresgleichen gehört diese gewiß nicht. Wer weiß, welche für unsereinen unbegreifliche Schrulle oder Narretei sie hieher führt? Jedenfalls wird es ihr leichter sein als mir, die Augen offen zu halten.« Dabei winkte er ihr und bat sie leise, ihm den Mantel aus dem leeren Nebenzimmer zu holen; denn der alte Leib brauche Wärme, und Melissa erfüllte gern diesen Wunsch und hüllte dem Greis die Caracalla mit gefälliger Sorgfalt um die frierenden Füße. Dann zog sie sich wieder an das Krankenlager zurück, um auf das Erwachen des Kaisers zu warten. Er schlief fest; die Gleichmäßigkeit seiner Atemzüge verriet es. Auch die anderen schlummerten, und bald bewies das leise Schnarchen des Adventus, das sich in das lautere des Arztes mischte, auch er habe aufgehört zu wachen. Der schlummernde Philostratus murmelte bisweilen unverständliche Worte vor sich hin, und der Löwe, der vielleicht von der Freiheit in seiner sandigen Heimat träumte, winselte öfter leis auf aus dem Schlafe. Sie allein wachte. Es war ihr, als weile sie in der Wohnung des Schlafes und als wiegten sich auf den seltsamen Geräuschen ringsum Gesichter und Träume. Sie fürchtete sich, und der Gedanke, unter so vielen Männern das einzige Weib zu sein, steigerte ihr banges Mißbehagen. Es duldete sie nicht auf dem Stuhle. Unhörbar, wie ein Schatten näherte sie sich dem Haupte des schlafenden Kaisers, um mit angehaltenem Atem zu lauschen. Wie fest er schlief! Aber sie war ja gekommen, um mit ihm zu reden. Wenn sein Schlummer bis zum Aufgang der Sonne dauerte, kam die Begnadigung der Ihren zu spät, und an eine harte Bank gefesselt, mußten der Vater und Philipp neben Räubern und Mördern die schweren Ruder als Galeerensklaven ziehen. Wie furchtbar würde sich dann des Vaters Wunsch erfüllen, seine Kraft zu gebrauchen. Und war Philipp, der engbrüstige Philosoph, einer Anstrengung gewachsen, die schon manchem Stärkern verhängnisvoll geworden? Sie mußte den Gefürchteten wecken, der doch der einzige war, der hier Hilfe bringen konnte. Jetzt erhob sie die Hand, um sie ihm auf die Schulter zu legen; doch sie zog sie auf halbem Wege zurück. Es war ihr, als sei es nicht viel weniger ruchlos, einem Leidenden den Schlaf, seine beste Arznei, als einem Gesunden das Leben zu rauben. Es konnte auch noch nicht allzu spät sein, und erst beim Aufgang der Oktobersonne wurde die Hafenkette geöffnet. Mochte er noch weiter des Schlummers genießen. Mit diesem Entschluß ließ sie sich abermals nieder und lauschte auf die Geräusche, welche die Stille der Nacht unterbrachen. Wie häßlich sie waren, wie widrig sie klangen! Der Gemeinste der Schlafenden, der alte Adventus, zersägte jetzt förmlich die Luft mit seinem Schnarchen. Des Kaisers Atemzüge waren kaum vernehmbar, und die Seitenansicht seines Antlitzes, die sich ihr bot, während er die eine Hälfte desselben in das Kissen schmiegte, wie edel war sie geschnitten! Hatte sie denn wirklich Ursache, sein Erwachen zu fürchten? Ob er nicht doch anders war, als Frau Berenike ihn sah? Die Teilnahme, die sie bei ihrer ersten Begegnung für ihn empfunden hatte, erwachte wieder, trotz aller Trübungen, die sie erfahren, und sie hörte auf, sich zu fürchten. Dabei kam ihr ein Gedanke, der ihr Vorhaben, den Schlaf des Kranken zu stören, entschuldigte. Es hieß ihn vor einer neuen Unthat bewahren, wenn man ihn hinderte, Unschuldige ins Elend zu stürzen. Erst wollte sie sich aber überzeugen, ob die Zeit schon dazu dränge. Durch das offene Fenster schaute sie nun nach den Sternen und auf den weiten Platz ihr zu Füßen. Die dritte Stunde nach Mitternacht war vorüber, und bis zum Aufgang der Sonne dauerte es noch lange. Da unten war alles still. Macrinus, der Präfekt der Prätorianer, hatte auf die Nachricht hin, daß der Kaiser in einen wohltätigen Schlaf verfallen sei, der nicht gestört werden solle. verboten, laute Signale zu geben, der Platz war für die Bürger der Stadt abgesperrt worden, und so klang nichts zu der Lauschendem in die Höhe als der gleichmäßige Taktschritt der Schildwachen und der Schrei der Eulen, die in die Nester unter dem Dache des Serapeums zurückkehrten. Der Seewind trieb die Wolken am Himmel vor sich her, und die mit Zelten bedeckte Fläche, die er traf, glich einem Meere mit hohen, leise zitternden, weißen Wellen. Das Lager war am Nachmittag kleiner geworden; denn während des Mahles hatte Caracalla die Drohung von heute morgen zur That gemacht, indem er befahl, einen Teil der Elitetruppen in den Häusern der reichsten Alexandriner einzuquartieren. Weit vorgebeugt schaute Melissa gen Norden. Der Seewind wehte ihr das Haar ins Antlitz. Auf dem Meere, woher er kam, warfen die erregten Wogen vielleicht schon in wenigen Stunden das Schiff auf und nieder, auf dessen Ruderbänken dann ihr Vater und Bruder in unwürdigem Sklavendienste die Arme rührten. Das durfte, das sollte nicht sein! Doch – was war das? Ein leises Flüstern drang zu ihr herauf. Trotz des strengen Verbotes hatte sich ein liebendes Paar drunten zusammengefunden. Das Weib des Centurio Martialis, das so lange von dem Gatten getrennt gewesen, war auf seine Bitte heimlich aus Kanopus, wo es die Villa des Seleukus im Stand hielt, zu ihm gekommen; denn der Dienst verbot ihm, sich selbst so weit zu entfernen. Jetzt standen sie zusammen im Schatten des Tempels und kosten und flüsterten. Melissa verstand nicht, was sie sagten, doch sie riefen ihr die seligen Nachtstunden ins Gedächtnis zurück, in denen Diodor ihr seine Liebe gestanden. Dann war es ihr auch, als stehe sie wieder an seinem Lager, und der Blick seiner treuen Augen begegne dem ihren. Nicht für alle Güter der Welt hätte sie ihn, dessen Erwachen ihr neues Liebesglück verhieß, gestern im Hause der Christen im Schlafe gestört, und nun stand sie doch im Begriff, einem andern das Göttergeschenk des Schlummers, seine beste Arznei, zu rauben. Aber Diodor galt ihr alles, und was der Kaiser? Bei dem Geliebten hatte es sich um Tod und Leben gehandelt, während eine Störung des Caracalla seine Genesung höchstens um eine Stunde hinausschieben konnte. Sie hatte dem kaiserlichen Schläfer auch erst die Ruhe gegeben, die sie gewiß auch wieder zurückrufen konnte, wenn sie ihn jetzt weckte. Vorhin hatte sie sich gelobt, nach dem eigenen Wohl und Weh nicht mehr zu fragen, und das machte sie dem Kaiser gegenüber anfangs bedenklich; aber wäre es nicht erst recht selbstsüchtig gewesen, die Stunde zu versäumen, die dem Vater und Bruder Befreiung bringen konnte, um die eigene Seele vor dem Vorwurf eines leicht verzeihlichen Unrechtes zu bewahren? Mit der Frage: »Was liegt denn an dir?« wich jeder Zweifel von ihr, und nicht mehr auf den Zehen, sondern festen, entschlossenen Schrittes trat sie auf das Lager des Schlummernden zu, und der Frevel, den zu begehen sie sich gescheut, verwandelte sich in eine Wohlthat; denn sie fand den Kaiser mit perlender Stirne stöhnend und von einem schweren Alpdruck beängstigt. Mit der dumpfen, klanglosen Stimme redender Schläfer rief er, als habe er ihr Nahen vernommen: »Fort, Mutter, sag' ich! Er oder ich! Aus dem Weg! Du willst nicht? Aber ich, ich . . . Wenn Du . . .« Dabei schwang er die Hand hoch auf und stieß einen dumpfen, schmerzlichen Schrei aus. »Jetzt träumt er von dem Morde seines Bruders,« flog es Melissa durch den Sinn, und im nämlichen Augenblicke lag ihre Hand auf seinem Arme, und mit dringender Bitte rief sie ihm ins Ohr: »Wach auf, Cäsar, ich beschwöre Dich, hoher Cäsar, erwache!« Da öffnete er die Augen, und seiner geängstigten Brust entrang sich ein leises, langgedehntes »Ah!« Tief aufatmend schaute er sich dann mit wirren Blicken um, und als sein Auge dabei das der Jungfrau traf, glätteten sich seine Züge, und bald glänzten sie so freudig, als sei ihm ein Glück widerfahren. »Du?« fragte er mit frohem Erstaunen. »Du, Mädchen, immer noch hier? Es muß wohl bald dämmern? Ich schlief gut, bis vor kurzem . . . Dann aber, zuletzt . . . O, es war furchtbar . . . Adventus!« Dieser Ruf ward indessen von Melissa unterbrochen, indem sie den Kaiser mit dem Finger auf dem Munde zum Schweigen mahnte, und er verstand sie und folgte ihr willig, zumal sie erraten hatte, was er von dem alten Kämmerer begehre. Dienstwillig reichte sie ihm das Tuch, das auf dem Tische lag, um sich die triefende Stirn zu trocknen. Dann brachte sie ihm auch zu trinken, und nachdem Caracalla sich erfrischt aufgerichtet hatte und dabei empfand, daß der Schmerz, der nach einem schweren Anfall bisweilen tagelang dauerte, ihn jetzt schon verlassen, sagte er eingedenk ihres Winkes ganz leise: »Wie viel besser fühl' ich mich schon! Und das danke ich Dir, der Roxane, Du weißt ja. Als Alexander fühl' ich mich gern; aber sonst . . . Etwas Gutes hat es freilich doch, die Welt zu beherrschen. Wo es uns zu strafen oder zu lohnen verlangt, steckt niemand uns Grenzen. Du, Kind, sollst erfahren, daß es der Kaiser ist, den Du zum Danke verpflichtet. Fordere, was Du willst, und ich will es Dir schaffen.« Da flüsterte sie ihm eifrig zu: »Gib meinen Vater frei und den Bruder.« »Immer dasselbe,« entgegnete Caracalla verdrossen. »Weißt Du Dir nichts Besseres zu wünschen?« »Nein, Herr, nein!« rief Melissa mit dringlicher Wärme. »Willst Du mir wirklich schenken, was mir das Liebste . . .« »Ich will, ja, ich will,« unterbrach sie der Kaiser in besänftigendem Tone; doch plötzlich zuckte er die Achseln und fuhr bedauerlich fort: »Aber Du wirst Geduld haben müssen; denn die Deinen schwimmen auf Befehl des Aegypters schon längst auf dem Meere.« »Nein, Herr,« versicherte das Mädchen. »Sie sind noch hier. Der Zminis hat Dich schmählich betrogen.« Und nun wiederholte sie ihm die Mitteilung des Bruders. Caracalla hatte, einem weichen Triebe gehorsam, sich Melissa dankbar zu erweisen gewünscht. Doch ihre Bitte mißfiel ihm; denn der Steinschneider und sein Sohn, der Philosoph, waren Pfänder, die das Mädchen und den Maler bei ihm festhalten sollten. Aber so stark sein Mißtrauen auch war, die verletzte Herrscherwürde und die peinliche Empfindung, betrogen zu sein, ließen ihn alles andere vergessen, und so fuhr er zornig auf und rief laut die Namen des Epagathos und Adventus. Seine vor Wut zitternde Stimme weckte auch die anderen aus dem Schlafe, und nachdem er ihnen kurz und hart ihre Trägheit verwiesen, trug er dem Epagathos auf, dem Präfekten Macrinus sogleich den Befehl zu erteilen, das Schiff, worauf sich Heron und Philipp befänden, nicht aus dem Hafen zu lassen, die Gefangenen in Freiheit zu setzen und den ägyptischen Sicherheitswächter Zminis mit schweren Ketten ins Gefängnis zu werfen. Als der Freigelassene demütig bemerkte, der Präfekt werde kaum zu finden sein, da er auch in dieser Nacht den Geisterbeschwörungen des Magiers Serapion beiwohne, befahl der Cäsar zornig, den Macrinus von dem Wundertäter fortzuberufen und ihn ungesäumt in den Hafen zu senden. »Und find' ich ihn nicht?« fragte Epagathos. »Dann wird es von neuem auf der Hand liegen,« entgegnete der Kaiser, »wie schlecht ich bedient bin. Im äußersten Fall trittst Du für den Präfekten ein und sorgst für die Ausführung meiner Befehle.« Der Freigelassene entfernte sich schnell, und erschöpft sank Caracalla in die Kissen zurück. Melissa ließ ihn einige Zeit rasten; dann aber trat sie ihm näher, dankte ihm innig und bat ihn, sich ruhig zu halten, damit der Schmerz nicht zurückkehre und ihm den nahenden Tag verderbe. Da fragte er nach der Zeit, und als Philostratus, der ans Fenster getreten war, erklärte, die fünfte Stunde nach Mitternacht sei vorüber, befahl Caracalla, ihm ein Bad zu bereiten. Der Arzt billigte diesen Wunsch, und nun reichte der Cäsar dem Mädchen die Hand und sagte matt und mit leiser Stimme: »Der Schmerz bleibt immer noch aus. Könnte ich die Ungeduld mäßigen, es wäre mir besser. Das Bad in der Frühe thut mir oft wohl nach so schlimmen Nächten. Geh nur. Der Schlaf, den Du anderen zu schenken verstehst, läßt auch bei Dir wohl kaum auf sich warten. Nur bitt' ich, Dich in der Nähe zu halten. Wir fühlen uns, denk' ich, beide gestärkt, wenn ich Dich rufe.« Da sagte Melissa ihm dankbar Lebewohl; als sie sich aber der Schwelle näherte, rief er sie noch einmal zurück und fragte sie mit veränderter Stimme kurz und streng: »Du wirst dem Vater beistimmen, wenn er mich schmäht?« »Welch ein Gedanke!« versetzte sie lebhaft. »Er weiß ja, wer ihm die Freiheit raubte, und von mir soll er erfahren, wer sie ihm zurückgab.« »Gut,« murmelte der Kaiser. »Doch merke noch dies: Ich bedarf Deines Beistandes und brauche auch Deinen Bruder, den Maler. – Wenn Dein Vater es versucht, euch mir zu entfremden . . .« Hier ließ er plötzlich den drohend erhobenen Arm sinken und fuhr milder und in vertraulichem Flüsterton fort: »Aber wie möcht' ich Dir anders als gütig begegnen. Nicht wahr, Du fühlst auch jetzt noch das geheimnisvolle Band, – Du weißt doch? Irr' ich, wenn ich denke, es thue Dir leid, Dich von mir zu trennen?« »Gewiß nicht,« erwiderte sie leise und senkte das Haupt. »So geh denn,« fuhr er freundlich fort. »Es kommt noch der Tag, an dem Du fühlen wirst, daß ich Deiner Seele nötig bin, wie Du der meinen. Aber Du weißt wohl kaum, wie ungeduldig ich sein kann. Ich muß gern an Dich denken können, gern, immer, immer.« Damit winkte er ihr zu, und die Augenlider blieben ihm noch lang in zitternder Bewegung. Philostratus schickte sich an, die Jungfrau zu begleiten, Caracalla aber hielt ihn zurück mit dem Rufe: »Führe Du mich ins Bad. Bekommt es mir, wie ich hoffe, hab' ich mancherlei mit Dir zu reden.« Melissa vernahm die letzten Worte nicht mehr. Froh und schnell eilte sie durch die spärlich erleuchteten menschenleeren Räume und fand den Alexander in sitzender Stellung, halb schlafend, halb wachend, mit geschlossenen Augen. Da nahte sie sich ihm auf den Zehen, und weil ihm eben der nickende Kopf auf die Brust fiel, lachte sie und erweckte ihn mit einem Kusse. Die Lampen waren noch nicht niedergebrannt, und als er ihr überrascht ins Antlitz schaute, erhellte sich auch das seine, und schnell aufspringend, rief er: »Alles gut, wir haben Dich wieder, und es gelang Dir. Der Vater, ich seh' es Dir an, und auch der Philipp ist frei!« »Ja, ja, ja,« gab sie froh zurück. »Und nun kommst Du mit, und wir holen sie selbst aus dem Hafen.« Da hob Alexander Augen und Arme wie verzückt in die Höhe, und Melissa that es ihm nach, und so dankten sie stumm, doch in brünstiger Herzenserhebung gemeinsam dem freundlichen Walten der Götter. Dann brachen sie zusammen auf, und Alexander sagte: »Es ist mir, als flösse mir lauter Dank durch die Adern. Vorhin lernt' ich übrigens zum erstenmal kennen, was Angst ist. Hier hat dieser böse Gast wohl seine Heimat. Laß uns jetzt fort. Unterwegs erzählst Du mir alles.« »Nur einen Augenblick Geduld,« bat sie munter und eilte in die Wohnung des Oberpriesters. Dort wurde sie noch immer von Frau Euryale erwartet, und die Matrone küßte sie und schaute ihr innig erfreut in die feucht schimmernden hellen Augen. Anfänglich wollte sie Melissa bestimmen, sich jetzt Ruhe zu gönnen; denn sie werde ihrer Kraft noch bedürfen. Bald aber fand sie ihren Wunsch, dem Vater entgegenzugehen, berechtigt, legte ihr den eigenen Mantel um die Schultern – denn die Luft war kühl vor Sonnenaufgang – und begleitete sie zuletzt in den Vorsaal. Sobald das Mädchen sich entfernt hatte, wandte sie sich an den Sklaven ihrer Schwägerin Berenike, der dort während der ganzen Nacht gewartet, und befahl ihm, seiner Herrin mitzuteilen, was sie von Melissa erfahren. Vor dem Serapeum trat den Geschwistern der Sklave Argutis entgegen. Er hatte im Hause des Seleukus erfahren, wo die Jungfrau weile, und mit der Dienerschaft des Oberpriesters Freundschaft geschlossen. Als er am späten Abend hörte, Melissa sei immer noch bei dem Kaiser, hatte ihn solche Unruhe ergriffen, daß er während der ganzen Nacht bald auf den Stufen einer Treppe, bald hin und her schreitend vor dem Serapeum gewartet. Herzensfroh begleitete er nun die Geschwister bis zum Aspendiaviertel, und wenn er sich dort von ihnen trennte, so geschah es nur, um der armen alten Dido mitzuteilen, was er Gutes erfahren, und Vorbereitungen für den Empfang der Heimkehrenden zu treffen. Von nun an eilte Melissa allein Arm in Arm mit dem Bruder durch die stillen Straßen. Die Jugend, der die ganze Gegenwart gehört, verlangt von der Zukunft nur den lichten Teil zu kennen, und auch Melissa dachte in der Freude, den geliebten Ihren die Freiheit zurückgeben zu dürfen, nur selten daran, daß, wenn dieser Gang vorbei sei und der Kaiser sie wieder rufe, neue Gefahren zu überwinden sein würden. Froh des schönen Erfolges erzählte sie dem Bruder zuerst, was sie bei dem kranken Cäsar erlebt. Dann erging sie sich in Erinnerungen an den Besuch bei dem Geliebten, und als Alexander ihr das Herz eröffnete und mit feurigem Eifer versicherte, nicht zu ruhen, bis er die schöne Christin Agathe sich gewonnen, ließ sie ihm willig das Wort und verhieß ihm ihren Beistand. Endlich berieten sie, wie die Gunst des Kaisers, der – Melissa versicherte es – schmählich verkannt werde, für den Vater und Philipp zu gewinnen sei, und zuletzt vergegenwärtigen sich beide die Ueberraschung des Alten, wenn er ihnen als den ersten nach seiner Befreiung begegnen werde. Der Weg war weit, und als sie beim Cäsareum im Bruchium, dem vornehmen Palästeviertel der Stadt, an das Meer gelangten, zeigte sich hinter der Halbinsel Lochias der erste Dämmerschein des nahenden Morgens. Das Meer war erregt und schlug mit trägen, öligen Wellen an das einem Finger gleich in das Meer reichende Choma und das Gemäuer des Timoniumturmes an seiner Spitze, in dem Antonius nach der Schlacht von Actium sich und seine Schmach verborgen hatte. Bei dem säulenreichen Poseidontempel, der sich hart am Ufer zwischen dem Choma und dem Theater des Dionysos erhob, blieb Alexander stehen, wies auf das im Dunkel ruhende Hufeisen des dem flachen Ufer gegenüberliegenden Eilandes und fragte: »Weißt Du noch, wie wir mit der Mutter nach Antirhodus hinüberfuhren und wie sie uns am kleinen Hafen Muscheln suchen ließ? Wäre sie heut noch am Leben, was bliebe uns dann noch zu wünschen übrig?« »Daß der Kaiser fort wäre!« drang es aus tiefstem Herzensgrunde dem Mädchen über die Lippen. »Wenn Diodor dann wieder gesund ist, wenn der Vater die Hände regt wie sonst, und ich neben ihm sticke, bis Diodor kommt, um mich zu holen, ja dann . . . O, käme doch etwas im Reiche vor, das den Cäsar fortriefe, weit fort zu den fernsten Hyperboräern!« »Das wird bald zu den geschehenen Dingen gehören,« versicherte Alexander. »Philostratus sagte, die Römer blieben höchstens noch eine Woche.« »So lang?« frug Melissa erschreckt; doch Alexander beruhigte sie schnell mit der Versicherung, sieben Tage flögen schnell dahin, und schaue man auf sie zurück, so schrumpften sie gar auf ebenso viele Stunden zusammen. »Nur nicht,« fuhr er lebendig fort, »nach der Ankunft fragen! Freuen wir uns, daß alles so gut geht!« Hier stockte er plötzlich und schaute gespannt auf das von den schwindenden Schatten der Nacht nicht mehr völlig verdunkelte Meer. Melissa folgte seiner weisenden Hand, und als er in großer Erregung ausrief: »Das ist kein Boot, das ist ein Schiff, und ein großes,« fügte Melissa besorgt hinzu: »Es nähert sich schon der Diabathra. Gleich ist es beim Alveus Steganus und fährt am Pharus vorbei.« »Aber dort steht der Morgenstern am Himmel, und das Feuer auf dem Turme brennt noch,« fiel ihr der Bruder ins Wort. »Erst wenn man es verlöscht, wird die äußere Kette geöffnet. Und doch steuert das Schiff in nordwestlicher Richtung. Es kommt gewiß aus dem königlichen Hafen.« Damit zog er die Schwester schneller mit sich fort, und als sie nach wenigen Minuten das Hafenthor erreicht hatten, rief er erleichtert: »Sieh dort hin! Die Kette spannt sich noch vor den Eingang; ich sehe es deutlich.« »Ich auch,« versicherte Melissa bestimmt, und während ihr Bruder an das Thor des fest abgeschlossenen kleinen Hafens pochte, vor dem ein schön bespannter Wagen hielt, fuhr sie eifrig fort: »Es darf auch kein Schiff vor Sonnenaufgang hinaus wegen der Klippen – Epagathos sagte es vorhin, – und das dort beim Pharus . . .« Doch sie behielt nicht Zeit, ihrer Vermutung Worte zu leihen; denn das breite Hafenthor ward geräuschvoll aufgethan, und es entströmte ihm eine Schar von römischen Soldaten, der mehrere alexandrinische Sicherheitswächter folgten. Diese schritten einem mit Ketten belasteten Gefangenen nach, mit dem sich ein vornehmer Römer in kriegerischem Schmuck unterhielt. Beide waren groß und hager, und als sie sich den Geschwistern näherten, erkannten sie in dem einen den Präfekten der Prätorianer Macrinus, in dem Gefesselten den Angeber Zminis. Aber auch der Aegypter nahm den Künstler und seine Begleiterin wahr. Die Augen blitzten ihm dabei hell auf, und mit triumphirendem Hohne wies er auf das Meer. Der Magier Serapion hatte den Präfekten veranlaßt, dem Aegypter die Freiheit zu lassen. Im Hafen war noch nichts vom Sturze des Zminis bekannt geworden, und man hatte ihm darum willig den gewohnten Gehorsam geleistet, als er, von dem Magier und dem alten Haß dazu ermutigt, den Befehl erteilte, die Galeere, welche den Steinschneider und seinen Sohn trug, trotz der frühen Stunde, die Anker lichten zu lassen. Heron und Philipp zogen jetzt mit Ketten am Fuße auf der gleichen Bank mit schweren Verbrechern die Ruder, und die zurückgebliebenen Kinder des alten Künstlers schauten dem Schiffe nach, das den Vater und Bruder forttrug in die Ferne. Melissa that es stumm und mit feuchten Augen, während Alexander, außer sich, seinem Zorn und Schmerz durch leere Drohungen Luft zu machen suchte. Indes veranlaßten die Vorstellungen der Schwester ihn bald, sich zu mäßigen und Erkundigungen einzuziehen, ob Macrinus, dem Befehle des Kaisers gehorsam, der Galeere ein Staatsschiff nachgesandt habe. Dies war geschehen, und beruhigt, doch schmerzlich enttäuscht begaben sie sich auf den Heimweg. Die Sonne war inzwischen aufgegangen, und die Straßen füllten sich mit Menschen. Vor dem Prachtbau des Cäsareums trafen sie den alten Bildhauer Lysander, der schon ein Freund ihres Großvaters gewesen. Der Greis nahm warmen Anteil an dem Geschicke des Heron, und als Alexander ihn bescheiden fragte, was er in so früher Stunde hier treibe, zeigte er in das Innere des Prachtbaues, wo die Bildsäulen der Kaiser und Kaiserinnen in weitem Kreise einen großen Hof umgaben, und lud die Geschwister ein, ihm dahin zu folgen. Er hatte sein Werk, die Marmorstatue der Julia Domna, der Mutter des Caracalla, nicht vor dem Einzuge des Kaisers vollenden können. Gestern Abend war es indes hier aufgestellt worden, und er kam nun, um zu sehen, wie es sich ausnehme in der neuen Umgebung. Melissa hatte das Bild der Julia auf Münzen und manchem Bildwerk gesehen, heute aber reizte es sie ganz anders als früher, der Mutter des Mannes ins Antlitz zu schauen, der so mächtig in ihr eigenes Dasein und in das der Ihrigen eingriff. Der alte Meister hatte die Julia vor vielen Jahren in ihrer Heimat Emesa als Tochter des Bassianus, des vornehmen Sonnenpriesters dieser Stadt, gesehen, und später, nachdem sie Kaiserin geworden, war es ihm gestattet worden, sie für ihren Gatten Septimius Severus zu modelliren. Während nun Melissa dem wohlgelungenen Marmorbilde ins Antlitz schaute, erzählte der greise Künstler von der bestrickenden Anmut, die der Mutter des Caracalla in der Jugend alle Herzen gewonnen, von dem Reichtum ihres Geistes und den seltenen Kenntnissen, die sie sich fleißig erworben habe und im Verkehr mit Gelehrten immer noch vermehre. Man hörte ihm an, daß sein Herz nicht unberührt von den Reizen des fürstlichen Modelles geblieben sei, und Melissa versenkte sich immer tiefer in den Anblick dieses schönen Werkes. Lysander hatte die kaiserliche Witwe stehend in faltigen Gewändern gebildet, die ihr bis auf die Füße herabflossen. Sie hielt das liebliche jugendliche Haupt etwas zur Seite geneigt, und am Halse zog die Rechte das Kopftuch ein wenig zurück, welches das Hinterhaupt bedeckte und ihr die Schultern leicht umwallte. Das Antlitz schaute aus demselben hervor, als lausche sie schönem Gesang oder einer fesselnden Rede. Das leicht gewellte, volle Haar umrahmte unter dem Kopftuche das liebliche Oval des Antlitzes, und Alexander stimmte mit ein, als die Schwester den Wunsch zu erkennen gab, diese selten schöne Frau einmal zu sehen. Doch der Bildhauer versicherte, sie würden enttäuscht sein; denn die Jahre hätten sich auch an ihr grausam erwiesen. »Ich habe sie,« fuhr er fort, »gebildet, wie sie mich vor einem Menschenalter entzückte. Was ihr da vor euch seht, ist die Jungfrau Julia; sie als Matrone, als Mutter darzustellen, wär' ich nicht fähig gewesen. Die Erinnerung an den Sohn hätte alles verdorben.« »Er ist auch besserer Regungen fähig,« versicherte Alexander. »Mag sein,« erwiderte der Greis. »Ich kenne sie nicht. Mögen euch Vater und Bruder bald wiedergegeben werden. – Ich muß an die Arbeit!« Einundzwanzigstes Kapitel. Der Oberpriester des Serapis leitete die am Morgen zu schlachtenden Opfer. Der Kaiser hatte ihre Zahl reichlich bemessen, um den Gott zu ehren. Timotheus war aber dennoch unwillig an die Erfüllung seiner Pflichten gegangen; denn der Befehl, die Häuser der Bürger mit Soldaten zu überfüllen, denen Caracalla noch dazu Unerhörtes von den Wirten zu fordern gestattete, brachte ihn von neuem gegen den Tyrannen auf, der ihm doch heute früh wie ein unglücklicher, aber den höchsten und größten Aufgaben gewachsener, reich begabter und dazu pflichttreuer Herrscher erschienen war. Melissa hatte, dem Geheiß Frau Euryales gehorsam, einige Stunden geruht und sich dann im Bade erfrischt. Nun nahm sie mit der älteren Freundin das Frühmahl ein, und der Philosoph Philostratus leistete ihnen Gesellschaft. Er konnte berichten, daß ein schnelles Staatsschiff schon unterwegs sei, um die Ihren zu befreien, und wie er sie dabei so froh bewegt, so schön, frisch und rein vor sich sah, sagte er sich wieder bangen Herzens, daß es ein Wunder wäre, wenn der kaiserliche Sklave der eigenen Leidenschaften nicht begehren sollte, dies liebliche Geschöpf zu besitzen. Frau Euryale fürchtete das Gleiche, und Melissa sah ihnen an, was sie mit Besorgnis erfüllte; doch sie teilte dieselbe mit nichten, und die frohe Zuversicht, womit sie die älteren Freunde zu beruhigen suchte, rührte und ängstigte diese zugleich. Es kam ihr gar zu thöricht und eitel vor, dem Kaiser, dem übermächtigen Beherrscher der Welt, zuzutrauen, für sie, das bescheidene, stille Steinschneiderkind, um das sich erst ein einziger Freier bewarb, Liebe zu fühlen. Nur wie der Patient die Nähe des Arztes, versicherte sie, wünsche der Kaiser – Philostratus habe es ja mit angesehen – die ihre. In der letzten Nacht sei sie freilich von großer Furcht ergriffen worden, aber es habe sich ja gezeigt, mit wie schwerem Unrecht. Was sie zu besorgen habe, sei nur, von seinem Gefolge falsch beurteilt zu werden, doch sie frage nichts nach all diesen Römern. Dennoch werde sie Frau Euryale bitten, den Diodor aufzusuchen und ihm mitzuteilen, was sie zwinge, der Ladung des Kaisers zu folgen, wenn er sie rufen lassen sollte. Die Möglichkeit liege ja nahe, daß der Kranke von ihrem Verkehr mit Caracalla benachrichtigt werde, und als ihr Verlobter müsse er wissen, was sie zu dem Cäsar führe; denn das sei sein Recht, und eifersüchtige Unruhe könne ihm schaden. Aus ihrem Wesen sprach so froh und siegesgewiß die Zuversicht eines reinen Herzens, daß, als sie sich auf kurze Zeit entfernte, Frau Euryale dem Philosophen zurief: »Beunruhigen wir sie nicht weiter. Ihre vertrauensvolle Unschuld schützt sie vielleicht besser als bange Vorsicht.« Und Philostratus stimmte ihr zu und versicherte, daß er für Melissa dennoch einen guten Ausgang erwarte, weil sie zu den bevorzugten Wesen gehöre, deren die Götter sich als Werkzeuge bedienten. Und nun erzählte er von ihrem wunderbaren Einfluß auf das Leiden des Kaisers und pries sie mit der ihm eigenen überschwenglichen Wärme. Als Melissa wieder zurückkehrte, hatte Philostratus die Matrone verlassen. Sie war nun wieder mit Euryale allein, und diese erinnerte sie an die Mahnung, die in dem christlichen Worte liege, das sie ihr gestern erklärt. Jede That, jeder Gedanke übe Einfluß auf die Art und Weise, wie sich die Zeit für den einzelnen erfülle, und sei die Stunde der Entscheidung vorüber, so könne kein Bedauern, keine Reue und Anstrengung das Geschehene ändern. Eine einzige Minute, das lehre sie wohl schon die eigene junge Erfahrung, genüge oft, um aus einem achtungswerten Menschen einen Gebrandmarkten zu machen. Bisher habe ihr Lebensweg sie auf geebneten Pfaden durch Wiesen und Gärten geführt, und andere hätten dazu die Augen für sie offen gehalten, jetzt ziehe sie am Saume eines Abgrundes dahin, und bei solcher Wanderung gelte es auch bei dem kleinsten Schritt, der drohenden Gefahr zu gedenken. Aber auch der beste Wille und die größte Vorsicht würden sie nicht schützen, wenn sie nicht einer höheren Führung vertraue, und nun fragte sie das Mädchen, zu wem es, wenn es bete, das Herz erhebe, und Melissa nannte die Isis und andere Götter und endlich auch die Manen der verstorbenen Mutter. Während dieses Bekenntnisses erschien der alte Adventus, um die Jungfrau zu dem Herrn zu berufen. Melissa versprach dieser Ladung ungesäumt zu folgen, und nachdem der Alte gegangen war, sagte die Matrone. »Wenige hier beten zu den gleichen Göttern, und derjenige, dessen Diensten mein Gatte vorsteht, ist nicht der meine. Ich weiß mit vielen anderen, daß es einen Vater im Himmel gibt, der uns Menschen, seine Geschöpfe, lieb hat und schützt wie die eigenen Kinder. Du kennst ihn noch nicht und kannst darum nichts von ihm hoffen; willst Du aber den Rat einer Freundin befolgen, die auch einmal jung war, so denke von jetzt an, Deine Rechte liege fest in der unsichtbaren, geliebten Hand der Mutter. Stelle Dir vor, daß sie Dich begleite, und gib acht, ob jedes Wort, ja, ob auch jeder Deiner Blicke ihre Billigung fände. Dann wird sie da sein und Dich behüten, als sei sie am Leben, sobald Du ihres Beistandes bedarfst.« Da sank Melissa der gütigen Freundin an die Brust und umschlang sie so fest und küßte sie so innig, als sei sie selbst die teure Frau, auf deren Schutz Euryale sie hinwies. Der Rat dieser wahren Freundin fiel zusammen mit dem ihres eigenen Herzens, und so mußte er gut sein. Als es endlich zum Abschied kam, wollte Frau Euryale einen der ihr bekannten Herren des Gefolges rufen lassen, damit er sie durch die Scharen der wartenden Freunde und Begleiter des Cäsar, der Besucher und Bittsteller führe, Melissa aber fühlte sich so mutig und durch den Adventus so wohl beschützt, daß sie ihm ungesäumt folgte. In der That war der Alte ihr freundlich gesinnt, seit sie ihm gestern die Füße so sorglich bedeckt; sie hatte das dem Klang seiner Stimme und dem besorgten Blick seiner blöden Augen entnommen. Auch jetzt noch glaubte sie nicht an die Gefahren, welche die Freunde für sie zittern ließen, und ruhig schritt sie durch die hohen Marmorhallen des Vorsaales und die anderen weiten Räume der kaiserlichen Wohnung. – Die Anmelder begleiteten sie, dem kaiserlichen Befehl gehorsam, ehrerbietig von Thür zu Thür, und sie ging sicheren Schrittes gerade vor sich hinschauend vorwärts, ohne der neugierigen, beifälligen und höhnischen Blicke zu achten, deren Zielscheibe sie war. In den ersten Gemächern bedurfte sie eines Führers; denn sie waren überfüllt von Aegyptern und Alexandrinern, die auf den Wink des Cäsar harrten, seine Gnade oder seine Entscheidung anzurufen, oder auch nur sein Antlitz zu schauen begehrten. Die »Freunde« des Kaisers saßen beim Frühmahl, an dem Caracalla nicht teilnahm. Die Truppenführer und die Mitglieder des ihm ferner stehenden Gefolges standen in den verschiedenen Gemächern zusammen, während die Häupter Alexandrias, viele Senatoren und reiche und vornehme Bürger der Stadt, sowie die Abgesandten der ägyptischen Gaue in Prachtgewändern und reichem Goldschmuck sich abgesondert von den ersteren hielten und gruppenweise auf den Ruf des Einführers harrten. Melissa schenkte keinem auch nur einen Blick und ebensowenig den köstlich gewobenen Teppichen an den Wänden, den mit seltenen Kunstwerken und Hautreliefs geschmückten Friesen oder den breiten Mosaikbildern, über die ihre Füße sie trugen. Auch auf das vielstimmige Summen und Murmeln, das sie umgab, achtete sie nicht. Sie hätte auch ohnehin keinen zusammenhängenden Satz verstanden; denn außer den Anmeldern und nächsten Dienern des Kaisers war es in diesen Stunden des Empfanges keinem erlaubt, die Stimme laut zu erheben. Erwartung und Unterwürfigkeit schienen hier ohnehin jede lebhafte Regung niederzudrücken, und übertönte einmal der laute Ruf eines Anmelders das Gemurmel, so beugte hier ein Wartender unwillkürlich den Rücken und dort fuhr ein anderer auf, als stelle er sich einem Befehle zur Verfügung. Die von vielen geteilte Empfindung, in der Nähe einer höhern, beinahe göttlichen Macht zu weilen, in deren Hand das Wohl und Wehe eines jeden lag, erweckte den Eindruck des Feierlichen. Jede Bewegung war gehalten. Gespannte, ja bange Erwartung sprach aus vielen Zügen, aus anderen aber auch Ungeduld und Enttäuschung; war doch vor kurzem die Kunde von einem Ohr ins andere geflüstert worden, der Kaiser werde nur noch wenige Audienzen erteilen, und wie viele hatten schon gestern an der nämlichen Stelle stundenlang vergeblich gewartet. Ohne Aufenthalt ging Melissa weiter, bis sie zu dem schweren Vorhang gelangte, der die inneren Gemächer des Cäsar abschloß, die sie schon kannte. Der Anmelder öffnete ihn dienstwillig, bevor sie noch ihren Namen genannt, und während eine Deputation des städtischen Senates, die Caracalla empfangen hatte, an ihr vorbeischritt, folgten ihr alexandrinische Bürger, die Vorsteher der Großhändler, deren Bitte um eine Audienz er genehmigt. Es waren meist ältere Herren, und unter ihnen erkannte das Mädchen auch den Seleukus, den Gatten der Frau Berenike. Melissa verneigte sich vor ihm, er aber bemerkte sie nicht und schritt stumm an ihr vorüber. Vielleicht überschlug er die ungeheuren Summen, welche die nächtliche Vorstellung kosten sollte, die er mit einigen Freunden zu Ehren des Kaisers im Zirkus zu veranstalten gedachte. In dem großen Gemach, welches das Empfangszimmer des Kaisers von dem Vorraume trennte, war es ganz still. Melissa bemerkte nur zwei Krieger, die zum Fenster hinausschauten, und deren Oberkörper sich so lebhaft bewegten, als schüttle sie ein heiteres Gelächter. Es war ihr wohl beschieden, hier länger zu warten; denn der Anmelder ersuchte sie, sich zu gedulden, bis die Audienz der Kaufherren vorüber. Sie seien die letzten, die heute empfangen werden sollten. Dabei ersuchte er sie, sich auf einem mit buntem Giraffenfell überzogenen Polster niederzulassen, sie aber zog es vor, auf und nieder zu schreiten; denn das Herz begann ihr nun doch banger zu schlagen. Während der Anmelder hinter der Thür verschwand, wandte einer der Krieger den Kopf, um in das Zimmer zu schauen, und kaum hatte er Melissa erblickt, als er den Kameraden lebhaft anstieß und ihm laut genug, daß Melissa es verstehen konnte, zurief: »Ein Wunder! Apollinaris, beim Eros und allen Eroten, ein köstliches Wunder!« Im nächsten Augenblick traten beide vom Fenster zurück und faßten das Mädchen ins Auge, das errötend und verlegen zu Boden schaute, sobald es erkannte, mit wem es hier allein sei. Es waren zwei Tribunen des Prätorianercorps, doch trotz dieses hohen Grades junge Männer in den zwanziger Jahren. Zwillingsbrüder aus dem vornehmen Hause der Aurelier, waren sie als Centurionen in die Armee getreten, im Fluge über tausend Mann gesetzt und Tribunen in der Leibwache des Kaisers geworden. Sie glichen einander zum Verwechseln, und diese Aehnlichkeit, die ihnen Vergnügen bereitete, wußten sie künstlich zu steigern, indem sie das kohlschwarze Bart- und Haupthaar genau in der nämlichen Weise ordneten und sich bis auf den Ring am Finger gleichartig kleideten. Der eine hieß Apollinaris, der andere Nemesianus Aurelius. Beide waren gleich groß und wohl gewachsen, und keiner konnte sagen, wem das schwarze Auge heller aus dem Gesicht leuchte, wessen Mund übermütiger lache, wem der reiche, kurz gehaltene Vollbart und die künstlich ausgeschnittene »Fliege« zwischen Unterlippe und Kinn besser stehe. Den schön getriebenen goldenen Ornamenten auf dem Panzer, am Waffenrock, am Gehänge des kurzen Schwertes und den Beinschienen sah man an, daß sie nicht zu sparen brauchten, und in der That gedachten sie nur zum Vergnügen und um der Ehre willen einige Jahre unter den Prätorianern zu dienen. Später konnten sie in ihrem Palast zu Rom oder in den Villen auf ihren vielen Gütern, die sie von Vater und Mutter ererbt, von den Strapazen der Feldzüge ausruhen und zur Abwechslung daneben im Staatsdienst ein Ehrenamt verwalten. Ihre Freunde wußten, daß sie auch beabsichtigten, wenn das Kriegsspiel hinter ihnen liege, am nämlichen Tage Hochzeit zu halten. Einstweilen verlangten sie vom Leben nichts als Ehre und Vergnügen, und was wohlgebildete, gesunde und heitere Jünglinge sich mit Liebenswürdigkeit, Kraft und Gold davon zu schaffen vermögen, das genossen sie, ohne es bis zur erschöpfenden Ausschweifung zu treiben. Zwei fröhlichere, glücklichere, beliebtere Kameraden gab es vielleicht nicht in der ganzen Armee. Im Felde thaten sie brav ihre Pflicht; im Frieden und in einer Stadt wie Alexandria sahen sie dagegen verweichlichten Modeherren ähnlich genug. Wenigstens verbrauchten sie einen guten Teil ihrer Zeit für das Kräuseln des schwarzen Haares, gaben sie unsinnige Summen aus, um es mit dem feinsten Wohlgeruch zu salben, und ihren sorgsam gepflegten Händen war es schwer anzusehen, wie schneidig sie ein Schwert und, kam es darauf an, auch Beil und Spaten zu führen verstanden. Heute war Nemesianus in das Vorzimmer des Kaisers befohlen worden und Apollinaris freiwillig, um dem Bruder Gesellschaft zu leisten, an die Stelle eines andern Tribunen getreten. Sie hatten die halbe Nacht durchzecht und den neuen Tag, den schönen Verkäuferinnen zu liebe, mit dem Besuche des Blumenmarktes begonnen. Jedem steckte an der linken Seite der Brust, zwischen Panzer und Waffenrock, eine halberschlossene Rose, von der die reizende Daphnion versichert hatte, daß sie von einem erst im vorigen Jahr aus Persien eingeführten Strauche stamme. Jedenfalls waren den Brüdern noch keine gleichen begegnet. Während sie aus dem Fenster schauten, hatten sie sich die Zeit mit dem Spiel vertrieben, die vorübergehenden Mitglieder des weiblichen Geschlechts einer Prüfung zu unterziehen, um der ersten, die sich durch vollendete Anmut auszeichnen werde, die eine, der zweiten die andere Rose zuzuwerfen; es war aber während einer halben Stunde keine erschienen, die einer solchen Gabe würdig gewesen wäre. Was schön war in Alexandria, setzte eben den Fuß erst, wenn es vor Sonnenuntergang kühler ward, auf die Straße, und es fehlte hier wahrlich nicht an herrlichen Mädchengestalten. Es war den Brüdern sogar zu Ohren gekommen, daß der Cäsar, der doch den Freuden der Liebe abgesagt zu haben schien, sich den Reizen einer anmutigen Griechin gefangen gegeben. Sobald sie Melissa ins Auge gefaßt hatten, stand es bei ihnen fest, dem schönen Spielzeug der kaiserlichen Laune begegnet zu sein, und als habe es ihm der nämliche unsichtbare Gebieter befohlen, griff jeder mit der gleichen Bewegung nach seiner Rose. Apollinaris, der ein wenig früher zur Welt gekommen als sein Bruder, und dem mit dem Rechte der Erstgeburt auch ein noch unternehmenderes Wesen zugekommen war, trat Melissa keck entgegen und bot ihr die seine, während Nemesianus sich im gleichen Winkel mit ihm verneigte und sie bat, der seinen den Vorzug zu geben. Doch so schmeichelhaft und wohlgesetzt ihre Rede auch war, wies Melissa sie doch mit der herben Bemerkung zurück, daß sie ihre Blumen nicht brauche. »Das glauben wir gern,« versetzte Apollinaris, »bist Du doch selbst eine herrlich blühende Rose.« »Eitle Schmeichelei,« entgegnete Melissa, »und für euch blüh' ich gewiß nicht.« »Das ist grausam und ungerecht dazu,« seufzte Nemesianus; »denn was Du uns Armen weigerst, willst Du demjenigen gewähren, dem ohnehin alles zufällt, wonach andere Sterbliche sich sehnen.« »Wir aber,« fiel ihm der Bruder ins Wort, »sind bescheidene und dazu fromme Krieger. Diese Rose dachten wir der Aphrodite zu opfern, und nun begegnet uns die Göttin in eigener Person.« »Ihr Ebenbild wenigstens,« setzte der andere hinzu. »Und Du hast der Schaumgeborenen dankbar zu sein,« fügte Apollinaris hinzu; »denn sie lieh Dir trotz der Gefahr, sich verdunkelt zu sehen, die eigenen göttlichen Reize. Meinst Du, daß sie uns zürnt, wenn wir ihr die Blumen entziehen und sie Dir opfern?« »Ich meine nichts,« versetzte Melissa, »als daß mich euer süßes Gerede verdrießt. Macht mit euren Rosen, was euch beliebt, ich will sie nicht haben.« »Wie darfst Du,« frug nun Apollinaris und trat ihr näher, »Du, der die Mutter der Liebe diese wundervoll frischen Lippen schenkte, sie mißbrauchen, um so hart zu verweigern, was ihre frommen Verehrer demütig erflehen? Willst Du nicht, daß Aphrodite Dir zürne, so beeile Dich, diesen Frevel zu sühnen. Ein Kuß, Allerschönste, ihrem Verehrer, und sie vergibt Dir.« Damit streckte Apollinaris die Hand nach der Jungfrau aus, um sie an sich zu ziehen; doch sie wies ihn unwillig zurück und schalt es feig und unwürdig eines Kriegers, einem sittsamen Mädchen Gewalt anzuthun. Da lachten beide Brüder zugleich fröhlich auf, und Nemesianus rief: »Du gehörst nicht in den Tempel der Vesta, schönste der Rosen, und doch bist Du mit so scharfen Dornen bewehrt, daß viel Mut dazu gehört, einen Angriff auf Dich zu wagen.« »Mehr,« fügte Apollinaris hinzu, »als einen Festungswall zu erstürmen. Doch in welchem Lager, welcher Burg ließe sich wohl gleich Beneidenswertes erbeuten?« Damit schlang er den Arm um Melissa und zog sie an sich. Weder er noch sein Bruder hatten sich je gegen ehrbare Frauen unziemlich betragen, und wäre Melissa die Tochter eines schlichten Handwerkers gewesen, ihre abweisenden Worte hätten genügt, sie fern von ihr zu halten. Aber der Kaisergeliebten konnte das Recht nicht eingeräumt werden, sie, die an leichte Siege gewöhnten Aurelier, so keck zurückzuweisen, und es war ihr wohl auch kaum Ernst mit der spröden Strenge. Darum achtete Apollinaris nicht ihres kräftigen Widerstrebens, sondern hielt ihr die Hände gewaltsam fest, und gelang es ihm auch nicht, der Widerstrebenden den Mund zu küssen, so hefteten seine Lippen sich ihr doch auf die Wangen, während sie sich ihm zu entwinden suchte und ihn in aufrichtiger Empörung atemlos zurückwies. Bis dahin hatten die Brüder dies alles für ein munteres Spiel gehalten; als das Mädchen aber bei einem neuen Angriff des Apollinaris wie außer sich um Hilfe rief, gab er sie frei. Doch es geschah zu spät; denn schon hatte sich der Vorhang des Empfangszimmers geöffnet und Caracalla sich den Aureliern genähert. Sein hochgerötetes Antlitz war verzerrt. Er zitterte vor Wut, und seine zornigen Blicke trafen wie zuckende Blitze die unseligen Brüder. Der Präfekt Macrinus hielt sich an seiner Seite, weil er fürchtete, ein neuer Anfall werde den Cäsar treffen, und Melissa teilte seine Besorgnis, als Caracalla dem Apollinaris mit heiserer Stimme zurief: »Schandbube, der Du bist, das sollst Du büßen!« Doch der Aurelier war schon nach manchem übermütigen Streich dem Zorn des Kaisers begegnet, und gewohnt, ihn durch ein liebenswürdiges Bekenntnis zu entwaffnen, versetzte er, indem er mit einem schalkhaften Lächeln und doch demütig die Augen zu ihm aufschlug: »Vergib, großer Cäsar. Unsere arme Kraft, Du weißt es ja, unterliegt nur zu leicht im Kampfe gegen die siegreiche Schönheit. Das Naschen ist so süß, nicht nur für Kinder. Von jeher zog es den Mars zu der Venus, und wenn ich . . .« Diese Worte hatte er in lateinischer Sprache gerufen, die Melissa nicht verstand; dem Kaiser aber trieben sie das Blut aus den Wangen, und bleich vor Empörung stammelte er mühsam hervor: »Du bist . . . Du hast Dir erlaubt . . .« »Für diese Rose,« begann der Jüngling von neuem, »einen flüchtigen Kuß von der Schönheit zu erflehen, die doch für jeden blüht, der sie –« dabei hob er Hände und Augen bittend zu dem Herrscher empor; doch schon hatte dieser dem Macrinus das Schwert aus der Scheide gerissen, und bevor der Aurelier sich des versah, war ihm erst ein flacher Hieb über das Haupt gesaust, dann aber hatte ihm eine Reihe von scharfen Streichen Stirn und Antlitz getroffen. Blutüberströmt, mit weit auseinander klaffenden Wunden im Gesicht, das der Ueberfallene zitternd vor Entsetzen und Empörung mit den Händen bedeckte, überließ er sich der Sorge des ihn stützenden Bruders, während der Kaiser beide mit einer Flut von zornigen Vorwürfen überhäufte. Als dann Nemesianus dem Verwundeten das Antlitz mit dem Tuche, das Melissa ihm gereicht hatte, zu verbinden begann, und Caracalla die klaffenden Wunden sah, die er seinem Opfer geschlagen, ward er ruhiger und sagte: »Für einige Zeit, denk' ich, lüstet es diese Lippen kaum mehr, sich Küsse von ehrbaren Jungfrauen zu stehlen. Ihr habt das Leben verwirkt, Du und Nemesianus; doch – der bittende Blick aus den mächtigen Augen dort ist's, der euch rettet – doch es sei euch geschenkt. Führe den Bruder fort, Nemesianus. Bis auf Weiteres verlaßt ihr mit keinem Schritt die Quartiere.« Damit drehte er den Aureliern den Rücken; auf der Schwelle aber wandte er sich ihnen noch einmal zu und sagte: »Ihr habt euch in dieser Jungfrau geirrt. Sie ist nicht weniger rein und edel als eure Schwester.« Im Tablinum wurden die Kaufherren schneller abgefertigt, als es für die wichtigen Angelegenheiten taugte, denen der Herrscher vor diesem Zwischenfall seine Teilnahme aufmerksam und mit einem Verständnis, das sie überraschte, zugewandt hatte, und sie verließen den Cäsar enttäuscht, doch mit der Zusage, heute Abend noch einmal empfangen zu werden. Sobald sie sich entfernt hatten, warf Caracalla sich wieder auf das Polster. Das Bad hatte ihm wohlgethan. Immer noch etwas matt, doch mit freiem Kopfe, war er nicht abzuhalten gewesen, die Deputationen, für die er Wichtiges entscheiden sollte, zu empfangen; doch dieser neue Ausbruch der Leidenschaft rächte sich wieder durch peinliches Kopfweh. Bleich und mit leise zuckenden Gliedern entließ er den Präfekten und die anderen Freunde und befahl dem Epagathos, Melissa zu rufen. Er bedurfte der Ruhe, und wieder bewährte die kleine Hand des Mädchens die Heilkraft, die ihm gestern so wohlgethan hatte. Unter ihren leisen Strichen schwand das Pochen aus seinem Haupte, und nach und nach wandelte sich die Erschöpfung in die wohlige Mattigkeit des genesenden Körpers. Wie gestern, so versicherte er auch heute Melissa seiner Dankbarkeit; doch er fand sie verändert. Scheu und bekümmert schaute sie, wenn sie ihm nicht Antwort auf eine bestimmte Frage erteilte, in den Schoß, und doch hatte er alles gethan, um sie zufrieden zu stellen; denn der Befehl, die Ihren frei nach Alexandria zurückzuführen, ging der Ausführung entgegen, und Zminis saß mit Ketten an Hand und Fuß im Gefängnis. Das teilte er ihr mit; aber wenn es sie auch erfreute, genügte es doch nicht, ihr die ruhige Heiterkeit zurückzugeben, die er an ihr liebte. Nun drang er mit warmen Worten in sie, zu gestehen, was sie bedrücke, und endlich entschloß sie sich feuchten Auges zu der Antwort: »Du hast ja selbst gesehen, wofür sie mich halten.« »Und Du,« versetzte er schnell, »wie ich diejenigen strafe, die der Achtung vergessen, die sie Dir schulden.« Da rang es sich Melissa von den Lippen: »O, Dein Zorn ist so schrecklich! Wo andere tadeln, da kannst Du vernichten, und Du thust es auch, wenn die Leidenschaft Dich fortreißt. Ich soll Deinem Rufe Folge leisten, und da bin ich ja auch. Doch ich komme mir vor wie das Hündchen – Du kannst es noch sehen – das im Tiergarten am Paneum mit einem Königstiger den Käfig teilt . . . Das gewaltige Tier duldet gelassen mancherlei von dem kleinen Genossen, aber wehe ihm, wenn der Tiger – es braucht nur aus Vergessenheit zu geschehen – ihn einmal trifft mit der schweren, mörderischen Tatze.« »Aber diese Hand,« unterbrach sie der Kaiser und wies ihr die seine, mit Ringen geschmückte Rechte, »wird so wenig wie mein Herz je vergessen, was sie der Deinen verdankt.« »Bis ich Dich,« seufzte Melissa, »ich weiß nicht wodurch, vielleicht unwissentlich erzürne. Dann reißt die Leidenschaft Dich fort, und wie den anderen, so ergeht es auch mir.« Da fuhr der Kaiser unwillig auf, doch im nämlichen Augenblick betrat Adventus das Zimmer und meldete das Haupt der Sternseher des Serapistempels. – Caracalla lehnte es indes ab, ihn zu empfangen, und fragte nur gespannt, ob er keine Aufzeichnungen bringe. Dies bejahte der Alte, und gleich darauf hielt der Kaiser eine Wachstafel in der Hand, die mit Worten und Zeichen bedeckt war. Gespannt hefteten sich seine Augen an dieselben, und sie schienen ihm Gutes zu melden; denn sein Antlitz hellte sich mehr und mehr auf, und während er die Tafel aus der Hand legte, rief er Melissa zu. »Du hast nichts von mir zu befürchten, Tochter des Heron, Du gewiß nicht! In einer ruhigen Stunde erklär' ich Dir selbst, wie mein Planet sich hinneigt zu dem Deinen und der Deine – das bist Du selber – zu mir. Die Götter, Mädchen, schufen uns für einander. Die Sterne bestätigen es. Ich stehe schon fest in Deinem Banne, doch Dein Herz, es schwankt noch, und ich weiß auch warum: Du mißtraust mir.« Da schlug Melissa die großen Augen verwirrt zu ihm auf, er aber fuhr gedankenvoll fort: »Das Geschehene bleibt. Es ist wie die Narben, die kein Wasser abwäscht. Was Du wohl alles von meiner Vergangenheit vernahmst? Wie werden sie sich in der eigenen Tugend gesonnt haben, wenn sie von meinen Unthaten erzählten? Ob einer wohl daran dachte, daß ich zugleich mit dem Purpur das Schwert empfing, um das Reich zu schützen und meinen Thron? Und wenn ich den Stahl gebrauchte, o, wie eifrig erhoben sich dann die weisenden Finger, wie willkommene Arbeit hat es dann für die Lästerzungen gegeben! Zu fragen, was mich zwang, Blut zu vergießen, und was es mich kostete, wem fiel es ein? Aber Dir, Mädchen, Dir, die – auch die Sterne bestätigen es – das Schicksal mir sandte, um zu teilen, was mich bedrückt, und mir das Herz zu erleichtern, Dir will ich es anvertrauen, ungefragt, weil mich das Herz dazu drängt. Aber erst bekenne Du, womit sie in Dir die Furcht vor dem Manne nährten, dem Du ja selbst bekanntest, daß es Dich zu ihm hinzieht.« Da hob Melissa bittend und zugleich abwehrend die Hände; er aber fuhr in wehmütigem Tone fort: »Ich will es Dir auszusprechen ersparen. Sie sagen ja, es reize mich zu neuem Blutvergießen, wenn ein anderer sich erkühne, mich daran zu erinnern. Seinen Bruder Geta, hörtest Du, hat der Cäsar ermordet und viele, viele, die den Namen seines Opfers im Munde führten. Mein Schwiegervater und seine Tochter Plautilla, mein Weib, heißt es, seien meiner Wut zum Opfer gefallen. Den Rechtsgelehrten und Präfekten Papinian hab' ich getötet und dem Cilo – Du sahst ihn noch gestern – wär' es beinah ebenso ergangen. Was hätte man Dir wohl von alledem verschwiegen? Nichts. Mit diesem Nicken gibst Du es zu. Und warum hätten die, denen es so große Lust gewährt, Böses über den andern zu reden, es Dir nicht mitteilen sollen? Es ist ja wahr, und es fällt mir auch nicht ein, es zu leugnen. Aber fragtest Du Dich wohl selbst einmal, oder hat ein anderer Dir zu erklären versucht, wie ich dazu kam, so Entsetzliches zu begehen, – ich, der ich in der Ehrfurcht gegen Götter und Gesetze erzogen wurde wie Du und die anderen?« »Nein, Herr, nein,« versetzte die Jungfrau angstvoll. »Aber ich bitte, ich beschwöre Dich, laß von diesen furchtbaren Dingen! Ich weiß ja ohnehin, daß Du nicht schlecht, daß Du viel besser bist, als sie meinen.« »Eben darum,« rief der Kaiser, dem die Lust an der schweren Aufgabe, die er sich selbst gestellt, die Wangen wieder rötete, »sollst Du mich hören. Ich bin der Kaiser. Kein Richter steht über mir, keinem hab' ich Rechenschaft abzulegen über mein Handeln. Ich thu' es auch nicht; denn wer außer Dir gälte wohl mehr als die Fliege dort an dem Becher?« »Und das Gewissen?« frug sie schüchtern. »Es erhebt bisweilen die grämliche Stimme,« versetzte er finster. »Aufdringlich kann es wohl werden; doch man lernt ihm die Antwort verweigern. Und dann: was Du das Gewissen nennst, kennt den Beweggrund zu jeder Handlung, und besinnt es sich auf ihn, so urteilt es milde. Du aber sollst es ihm nachthun; denn Du . . .« »O Herr, was kann meine arme Meinung Dir gelten?« stieß Melissa beklommen hervor; Caracalla aber rief betroffen und als verletze ihn diese Frage: »Muß ich Dir das erst erklären? Die Sterne, Du weißt es, rufen Dir wie mir zu, daß eine höhere Macht uns verbindet wie das Licht und die Wärme. Hast Du vergessen, was wir schon gestern beide empfanden? Oder sollt' ich mich irren? Hat Roxanes Seele etwa nicht in diesem göttlich schönen Leibe Einkehr gehalten, weil sie sich zurücksehnt nach dem verlorenen Gefährten?« Leidenschaftlich und mit zuckenden Lidern hatte er diese Worte gerufen; doch als er ihre Hand in der seinen zittern fühlte, sammelte er sich wieder und fuhr leise, doch dringlich fort. »Ich will Dir Einblick gewähren in diese allen anderen verschlossene Brust, weil mein verödetes Herz sich durch Dich mit neuer Triebkraft erfüllt, weil ich Dir dankbar bin wie der Ertrinkende dem Retter. Ich ersticke und vergehe, wenn ich den Drang unterdrücken soll, Dir das Herz zu eröffnen!« Welche Veränderung hatte sich mit dem rätselhaften Mann begeben? Melissa meinte einem Fremden ins Antlitz zu schauen; denn wohl zuckten dem Kaiser immer noch die Lider, die Augen aber glänzten ihm in schwärmerischer Glut, und seine Züge hatten sich wunderbar verjüngt. Auf diese schön geformte Stirn schien der Lorbeerkranz zu passen, womit sie geschmückt war. Dazu – sie bemerkte es erst jetzt – war er prächtig angethan; denn er trug einen aus starkem Wolltuch verfertigten, mit purpurfarbigem Stoff überzogenen leichten Panzer, und von dem entblößten Halse hing ein kostbares, schildartiges Schaustück von herrlichen, in Gold gefaßten Gemmen herab, in deren Mitte ein großes Medusenhaupt mit schönen und doch Scheu erweckenden Zügen prangte. Die goldenen Löwenköpfe auf jeder Zacke des kurzen Rockes, dessen oberen Teil der falsche Panzer bedeckte, waren edle Kunstwerke, und um den Fuß und Knöchel des Herrschers wanden sich mit Gemmen und goldenem Zierat geschmückte Sandalen. Wie der Sohn eines vornehmen Hauses, der zu gefallen wünscht, nein, echt kaiserlich war er heute gekleidet, und welche Sorgfalt hatte sein indischer Leibsklave auf die Ordnung seiner dünnen Locken verwandt! Jetzt strich er sich leicht über die Stirn und warf einen flüchtigen Blick in den Silberspiegel auf dem niedrigen Tischchen zu Häupten des Lagers. Als er das Haupt wieder hob, begegnete sein Liebe heischendes Auge dem Melissas. Erschrocken senkte sie den Blick. Hatte der Kaiser sich um ihretwillen geschmückt und in den Spiegel geschaut? Es war ja kaum denkbar, und doch schmeichelte es ihr und gefiel ihr. Aber schon im nächsten Augenblick überkam sie so heiß wie noch nie das Verlangen, ein Zauber möge sie auf immer fort, weit fort von diesem Schrecklichen tragen. Vor ihr inneres Auge stellte sich das Schiff, das Frau Berenike für sie bereit hielt. Sie wollte und mußte darauf entfliehen, und galt es auch, den Diodor lange zu meiden. Ob Caracalla ihr ansah, was in ihr vorging? Aber er durfte sie ja nicht durchschauen, und so hielt sie seinem Blicke stand und trieb ihn an, zu reden; ihm aber schlug das Herz in froher Hoffnung, da er wahrzunehmen meinte, die eigene hohe Erregung beginne sich auch ihrer zu bemächtigen. In diesem Augenblicke erfüllte ihn, wie schon so oft, die ernste Ueberzeugung, daß auch das furchtbarste seiner Verbrechen notwendig gewesen sei und unvermeidlich. Es lag auch etwas Großes, Ungeheuerliches in seinen Blutthaten, und das – er glaubte das weibliche Herz zu kennen – das mußte ihm außer der Furcht und Liebe, die er ihr schon einzuflößen meinte, auch ihre Bewunderung erringen. Schon in der Nacht, beim Erwachen, im Bade hatte er gefühlt, daß er ihrer bedürfe, wie der Lebenslust und der Hoffnung. Was er für sie empfand, das war die Liebe, wie die Dichter sie besangen. Wie oft hatte er ihrer gespottet und gewähnt, daß er gepanzert sei gegen die Pfeile des Amor. Jetzt fühlte er zum erstenmal jene bange Glückseligkeit, jenes heiße Sehnen und Verlangen, das ihm aus manchem Liede bekannt war. Da stand die Geliebte. Sie mußte ihn erhören, mußte die Seine werden, nicht durch Zwang, nicht auf einen kaiserlichen Befehl, sondern aus freiem Antriebe des Herzens. Dazu sollten seine Eröffnungen ihm helfen. Mit einer schnellen Bewegung, als sei auch die letzte Spur von Mattigkeit von ihm gewichen, richtete er sich auf und begann fest und mit blitzenden Augen: »Ja, ich habe den Geta, meinen Bruder, getötet. Du schauderst. Und doch . . . Lägen die Dinge heut, wo ich die Folgen dieser That kenne, ebenso wie damals – es geschähe das Gleiche! Das erschreckt Dich; aber höre mich nur! Du sprichst mir dann wohl nach, daß es das Schicksal selbst war, das mich zwang, so und nicht anders zu handeln.« Hier hielt Caracalla inne, und da er die bange Erregung, die sich in den Zügen Melissas widerspiegelte, für teilnahmsvolle Spannung hielt, begann er, sicher ihrer Aufmerksamkeit, zu erzählen: »Bei meiner Geburt war der Vater noch nicht mit dem Purpur bekleidet; – doch er trachtete schon nach der Herrschaft. Vorzeichen hatten sie ihm gesichert. Die Mutter kannte sie und teilte seinen Ehrgeiz. Während die Amme mich noch an der Brust hielt, ward er Konsul. Vier Jahre später hatte er sich auch des Thrones bemächtigt. Pertinax ward ermordet. Der elende Didius Julianus erkaufte sich die Herrschaft. Das zog den Vater aus Pannonien nach Rom. Uns Kinder, meinen Bruder Geta und mich, hatte er inzwischen aus der Stadt entfernen lassen. Erst als er am Tiber den letzten Widerstand gebrochen, zog er uns dahin zurück. »Ich war ein fünfjähriger Knabe, und doch steht mir ein Tag aus jener Zeit wie der heutige vor Augen. Der Vater hielt an demselben den feierlichen Einzug in Rom. Sein erstes war, der Leiche des Pertinax die Ehren zukommen zu lassen, die ihr gebührten. Aus jedem Fenster und von jedem Altan in der ganzen Stadt hingen Teppiche. Blumengewinde und Lorbeerkränze zierten die Häuser, und Wohlgerüche wallten uns entgegen, wohin wir kamen. Der Jubel des Volkes mischte sich in die Fanfaren der Krieger. Tücher wehten, Hochrufe erschollen. Das galt dem Vater, aber auch mir, dem künftigen Cäsar. Mein kleines Herz war voll zum Zerspringen von freudigem Stolz. Es war mir, als sei ich um vieler Häupter Länge über all die Leute ringsum hinausgewachsen, nicht nur über die anderen Knaben. »Als der Trauerzug für den Pertinax begann, wollte mich die Mutter mit in den Säulengang ziehen, wo man für die Frauen Sitze zum Anschauen bereitet; ich aber weigerte mich, ihr zu folgen. Der Vater ward zornig. Doch wie er mich rufen hörte, ich sei ein Mann und der künftige Kaiser, lieber wolle ich gar nichts sehen, als mich unter den Weibern dem Volke zeigen, lächelte er. Dabei befahl er dem Cilo, der damals Stadtpräfekt war, mich auf den Sitz der früheren Konsuln und alten Senatoren zu führen. Das ließ ich mir gern gefallen. Wie er aber den Geta, meinen jüngeren Bruder, mir nachfolgen ließ, war mir die Freude verdorben.« »Und Du bist damals fünf Jahre alt gewesen?« fragte Melissa erstaunt. »Das wundert Dich?« lächelte Caracalla. »Doch ich hatte schon das halbe Reich durchreist und mehr erfahren als andere Knaben in weit höherem Alter. Aber ich war doch noch Kind genug, um über die bunte Pracht, die sich vor meinen Augen entfaltete, alles andere bald zu vergessen. Ich erinnere mich noch wohl des farbigen Standbildes aus Wachs, das den Pertinax so lebensvoll darstellte, als sei er dem Grabe entstiegen. Und die Aufzüge! Sie wollten kein Ende nehmen und brachten Neues und immer Neues. Alles schritt in Trauergewändern einher, auch die singenden Chöre der Knaben und Männer. Cilo erklärte mir, wen die Bildsäulen der Römer, die sich um das Vaterland verdient gemacht, wen die Gelehrten und Künstler darstellten, deren Büsten und Statuen man dahertrug. Dann kamen Bronzebilder aller Völker des Reiches in ihren Trachten. Cilo lehrte mich, wie sie hießen und wo sie wohnten. Er bemerkte dazu, sie alle würden mir einmal gehorchen. Die Kriegskunst müsse ich erlernen, um sie, wenn sie widerstrebten, zur Unterwerfung zu zwingen. Auch als man die Fahnen der Zünfte an uns vorübertrug, und Krieger zu Fuß und zu Roß, die Rennpferde des Zirkus und noch so viel anderes an uns vorbeikam, blieb er der Erklärer. Doch das alles kommt mir jetzt nur in den Sinn, weil es mir so gut that. Der ältere Mann sprach ja immer nur zu mir. Mich allein bezeichnete er als den künftigen Herrscher. Den Geta ließ er ungestört an den Süßigkeiten naschen, die ihm die Basen mitgegeben hatten. Wie auch ich mir ein Stück davon nehmen wollte, verweigerte der Bruder es mir. Da streichelte mir Cilo die Locken und sagte: ›Laß ihm den Tand; Dir fällt dafür, wenn Du groß bist, das ganze römische Reich zu mit all den Völkern, die ich Dir zeigte.‹ »Indessen hatte Geta sich besonnen und schob mir unaufgefordert die Näschereien hin. Ich wies sie zurück. Als er sie mir aufdringen wollte, warf ich sie auf die Straße.« »Und das alles hast Du behalten?« frug Melissa. »Es prägte sich an jenem Tage noch mehr unauslöschlich meinem Gedächtnis ein,« lautete die Antwort. »Da seh' ich zuerst den Scheiterhaufen vor mir, auf dem sie die Leiche des Pertinax verbrannten. Er war herrlich geschmückt. Auf der Spitze stand auch der vergoldete Wagen, dessen er sich am liebsten bediente. Bevor nun die Konsuln die indischen Hölzer in Brand steckten, führte der Vater uns alle zu dem Bilde des Pertinax, um es zu küssen. Mich hielt er an der Hand. Wo wir uns zeigten, jubelte Senat und Volk uns begeistert entgegen. Die Mutter trug den Geta auf dem Arme. Das gefiel den Leuten. Sie erhoben die Stimmen bei ihrem und des Bruders Anblick ebenso laut wie bei dem unseren. Und ich weiß noch, wie mir das ins Herz stach. Die Näschereien gönnte ich ihm wohl. Was das Volk zu vergeben hatte, sollte dem Vater allein gelten und mir, nicht dem Bruder. Severus – zum erstenmal ward es mir damals voll bewußt – war ja der jetzige, und ich der künftige Kaiser. Geta hatte nur zu gehorchen wie all die anderen. »Nachdem ich das Bild geküßt, schaute ich immer noch Hand in Hand mit dem Vater den Flammen nach. Knisternd und züngelnd brachen sie sich Bahn durch die Scheiter. Ich sehe noch vor mir, wie sie das Holz schmeichelnd beleckten, bis es sich ihnen ergab und aufprasselnd rauchende Glut nach oben entsandte. Endlich verwandelte der Holzberg sich in eine einzige, riesige Fackel. Nun erhob sich plötzlich aus dem Schoße der Flammen ein Adler. Angstvoll flog das breitgeflügelte Tier durch die vom Sonnenlicht vergoldete, vor Hitze zitternde Luft, über dem Rauch und dem Feuer die Schwingen regend, hierhin und dorthin. Aber bald war es der glühenden Lohe entronnen. Aufjubelnd wies ich nun auf den Adler und rief dem Vater zu: ›Sieh den Vogel; wohin er wohl fliegt?‹ Da sagte er eifrig: ›Recht so! Willst Du, daß Dir die Macht, die ich für Dich errang, ungeschmälert verbleibe, so mußt Du die Augen offenhalten. Kein Vorzeichen gilt es unbemerkt, keine Gelegenheit unbenutzt zu lassen.‹ Er selbst hat darnach gehandelt. Hindernisse waren für ihn nur da, um sie aus dem Wege zu räumen. Er lehrte mich auch, mir weder Ruhe noch Rast zu gönnen und das Leben der Feinde nicht ängstlich zu schonen. – Jenes Fest sicherte dem Vater die Anerkennung der Römer. Im Orient stand indes Pescennius Niger mit einem großen Heer immer noch gegen ihn im Felde. Doch das Zaudern war nicht des Vaters Sache. Wenige Monate nach der Bestattung des Pertinax hatte Severus den mächtigen Gegenkaiser in eine kopflose Leiche verwandelt. »Aber noch gab es ein anderes Hindernis aus dem Wege zu räumen. Du hast von Clodius Albinus gehört. Der Vater hatte ihn selbst adoptirt und zum Mitregenten erhoben. Doch ein Severus konnte die Herrschaft mit niemand teilen. Als ich neun Jahr zählte, durfte ich nach der Schlacht bei Lyon dem Haupte des Geschlagenen in das Totengesicht schauen. Man hatte es vor der Kurie auf eine Lanze gesteckt. »Ich war nun nach dem Vater der Höchste im Reiche, unter der Jugend der ganzen Welt der erste, und der künftige Kaiser. Im elften Jahre riefen die Soldaten mich zum Augustus aus. Im Partherkriege vor dem eroberten Ktesiphon war es. Aber dem Geta erwiesen sie das Gleiche. Wie Wermut floß mir das in den süßen Trank, und wenn nun . . . Doch was fragt ein Mädchen nach dem Staat und nach dem Schicksal der Herrscher und Völker?« »Fahre nur fort,« bat Melissa. »Ich sehe schon, wo Du hinauswillst. Es widerstand Dir, die Herrschaft mit einem andern zu teilen.« »Nein,« rief Caracalla lebhaft. »Es widerstand mir nicht nur; unerträglich, unmöglich wollt' es mir scheinen. Was ich Dir zeigen will, ist wahrlich nicht, daß ich, wie der neidische Sohn eines Krämers dem Bruder seinen Teil am Erbe des Vaters mißgönnte. Die Welt – das ist's – sie war zu eng für uns beide. Nicht ich, sondern das Schicksal verhängte den Tod über den Geta. Ich weiß es, und auch Du sollst es erkennen. Ja, das Schicksal! Es zwang schon die kleinen Finger des Kindes, sich gegen das Leben des Bruders zu erheben. Und diese That ward vollbracht, bevor noch mein Gehirn einen Gedanken zu fassen und meine Kinderlippen den verhaßten Namen zu stammeln vermochten.« »So hast Du schon als Knabe dem Bruder nach dem Leben getrachtet?« fragte Melissa, und ihre großen Augen schauten weit geöffnet vor Entsetzen auf den furchtbaren Erzähler. Doch Caracalla fuhr in beschwichtigendem Tone fort. »Ich zählte damals ja noch nicht zwei Jahre! In Mailand, kurz nach der Geburt des Geta, ist es gewesen, da fand man ein Ei im Hofe des Palastes. Eine Henne hatte es neben eine Säule gelegt. Es war von purpurner Farbe. Ueber und über soll es rot gewesen sein wie der kaiserliche Mantel. Das deutete darauf, daß der Neugeborene zur Herrschaft bestimmt sei. Die Freude war groß. Auch mir, der ich kaum gelernt hatte, einige Schritte zu thun, zeigte man das purpurne Wunder. Doch ich Knirps warf es zu Boden, daß die Schale zerbrach und der Inhalt sich über den Estrich ergoß. Die Mutter sah es mit an, und ihr Ruf: ›Verruchter kleiner Bösewicht, Du hast den Bruder gemordet!‹ ist mir später oft genug mitgeteilt worden. Er wollte mir nie recht mütterlich erscheinen.« Hier schaute er nachdenklich vor sich hin und frug dann das gespannt lauschende Mädchen: »Ist Dir nie ein Wort nachgegangen, so daß Du es nicht los werden konntest?« »O, ja,« entgegnete Melissa. »Ein in die Ohren fallender Rhythmus aus einem Liede oder ein Vers aus einem Gedicht . . .« Da nickte Caracalla ihr bestätigend zu und fuhr lebhafter fort: »So erging es auch mir mit dem Worte: ›Du hast Deinen Bruder gemordet.‹ Ich hörte es aber nicht nur dann und wann vor dem inneren Ohre, sondern wie das Gesumm der lästigen Fliegen im Lagerzelt stundenlang bei Tag und bei Nacht. Da half kein Wedel! Am lautesten raunte die Stimme eines Dämons es mir zu, wenn Geta mir etwas angethan, oder wenn man ihm Dinge erwiesen hatte, die ich ihm nicht gönnte. Und wie oft ist das doch geschehen! Denn ich, ich war der Mutter nur der Bassianus; ihr Jüngster aber der liebe kleine Geta. So vergingen die Jahre. Im Zirkus hatten wir schon früh eigene Gespanne. Eines Tages bei einer Wettfahrt – wir waren noch Knaben und ich den anderen Buben voraus – schleuderten die Rosse meinen Wagen zur Seite. Weithin flog ich in die Bahn. Der Geta sah es. Er lenkte die Renner nach rechts, wo ich lag. Ueber den Bruder jagte er hin wie über Stroh und Apfelschalen im Staube. Und sein Rad zerbrach mir den Schenkel. Was es sonst noch in mir vernichtete, wer weiß es. Aus jener Zeit stammt – das ist gewiß – das schmerzlichste meiner Leiden. Und er, der Schandbube, hat es geflissentlich gethan. Sein Auge war scharf. Er verstand es, die Rosse zu lenken. Gegen seinen Willen hätte sein Rad keine Haselnuß auf dem Sande der Arena berührt; ich aber lag weit ab von der Fahrbahn.« Die Augenlider zuckten dem Cäsar bei dieser Anklage krampfhaft auf und nieder, und jeder seiner Blicke verriet das wilde Feuer, das in seiner Seele entbrannt war. Melissas bangen Ruf: »Welch ein furchtbarer Argwohn!« beantwortete er mit einem kurzen, höhnischen Auflachen und der grimmigen Versicherung: »O, es gab Freunde genug, die mir hinterbrachten, welche Hoffnung Geta an den Bubenstreich knüpfte. Reizbar und verdrossen machte ihn die Enttäuschung, als es dem Galenus gelang, mich so weit zu heilen, daß ich die Krücken fortwerfen konnte und man mein Hinken – so sagt man mir wenigstens – kaum noch bemerkt.« »Gar nicht, ganz gewiß, gar nicht,« versicherte Melissa mitleidig; er aber fuhr fort: »Doch, was hab' ich erduldet, bis ich dahin gelangte! Und als ich während so vieler langen Wochen auf dem Lager vor Schmerz und Ungeduld verging, da hab' ich das mütterliche Wort von dem Bruder, den ich gemordet, so oft vor dem inneren Ohre vernommen, als hätt' ich einen Hersager geworben, um es mir Tag und Nacht entgegenzurufen. »Aber auch das ging vorbei. Neben dem Schmerze, der mir manche gute Stunde verdarb, brachte das Stillliegen mir übrigens auch etwas Besseres ein: Gedanken und Entwürfe. Ja, in jenen ruhigen Wochen ward mir erst klar und lebendig, was mich der Vater und mein Erzieher gelehrt. Ich sah ein, daß ich thätig sein müsse, um ein rechter Herrscher zu werden. Sobald ich den Fuß wieder gebrauchen konnte, bin ich ein fleißiger und gelehriger Schüler des Cilo geworden. Als Kind, ja bis zu dieser grausamen Erfahrung hatte ich das junge Herz an die Amme gehängt. »Von ihr – sie war eine Christin aus der afrikanischen Heimat des Vaters – wußte ich, daß ich ihr das Liebste sei auf Erden. Die Mutter kannte nichts Höheres, als die › domna ‹, domina , Herrin. Im Latein der Soldaten: » domna «. Woher der Name Julia Domna. die Herrin der Soldaten, die Mutter des Lagers und unter den Gelehrten die Philosophin zu sein. Was sie mir an Liebe schenkte, waren kupferne Almosen. Dem Geta warf sie die goldenen Solidi der Liebe verschwenderisch in den Schoß. Und wie mit ihr, so erging es mir auch mit ihrer Schwester und mit ihren Nichten, die oft bei uns wohnten. Mir erzeigten sie Rücksicht oder mieden mich, der Bruder aber war das verzogene Spielzeug. Ich verstand es eben gerade so schlecht, mir Liebe zu erschleichen, wie Geta ein Meister in dieser Kunst war. Aber während der Kinderjahre brauchte ich sie nicht; denn wenn ich eines guten Wortes, eines süßen Kusses, wenn ich der Liebe eines Weibes bedurfte, standen die Arme der Amme mir offen. Sie war auch kein gewöhnliches Weib. Als Witwe eines Tribunen, der unter der Führung des Vaters gefallen, hatte sie meine Wartung übernommen. Wie sie hat mich keine wieder geliebt. Sie war auch die einzige, der ich willig gehorchte. Voller wilden Triebe kam ich zur Welt, sie aber wußte sie freundlich zu zähmen. Bloß meiner Abneigung gegen den Bruder wehrte sie nur lau; denn er war auch ihr ein Dorn im Auge. Das erkannte ich, wenn sie, die Sanftmütige, mir unwillig darthat, daß es nur einen Gott geben solle auf Erden und nur einen Kaiser, der in seinem Namen die Welt regiere. Auch gegen andere verteidigte sie diese Ueberzeugung. Das gedieh ihr zum Bösen. Die Mutter trennte uns und schickte sie in ihre afrikanische Heimat zurück. Da ist sie bald darauf gestorben.« Hier schwieg er und schaute sinnend ins Leere; bald aber sammelte er sich wieder und sagte leichthin: »Dann ward ich der eifrige Schüler des Cilo.« »Aber,« frug Melissa, »sagtest Du nicht selbst, daß Du ihm einmal nach dem Leben getrachtet?« »Das that ich,« erwiderte Caracalla finster; »denn es kam ein Augenblick, an dem ich seine Lehren verwünschte. Und doch waren sie weise und wohlgemeint gewesen. Sieh, Kind, ihr alle, die ihr bescheiden und machtlos durchs Leben gehet, werdet erzogen, um euch dem Willen der Himmlischen gehorsam zu fügen. Mich lehrte Cilo, hoch über alles und auch über die Götter die eigene Macht und die Größe des Reiches zu stellen, das mir zu regieren oblag. Dir und den Deinen wird eingeschärft, das Leben der anderen heilig zu halten, uns stellt die Pflicht des Herrschers über dies Gesetz. Auch das Blut des Bruders muß fließen, wenn das Wohl des uns anvertrauten Staates es fordert. Die Amme hatte mich gelehrt, gut sein heiße keinem etwas anthun, was uns selbst wehe thun würde. Cilo rief mir zu: ›Schlage nieder, damit Du nicht niedergeschlagen werdest. Vergiß dabei jeder Schonung, wenn das Wohlergehen des Staates bedroht wird.‹ Und wie viele Hände erheben sich gegen Rom, das Weltreich, dem ich als Kaiser gebiete! Mit gewaltiger Hand gilt es, seine widerstrebenden Teile zusammenzuzwingen. Sonst fällt es auseinander, wie ein Bündel Pfeile, wenn die Schnur zerreißt, die es umschlingt. Und ich – schon als Knabe hatt' ich bei dem Terminussteine auf dem Kapitol dem Vater geschworen, keinen Fußbreit seines Bodens ohne Kampf preiszugeben. Er, Severus, war der weiseste der Herrscher. Nur die von den Weibern angefachte blinde Liebe für den zweiten Sohn ließ ihn Billigkeit und Klugheit vergessen. Mein Bruder Geta sollte das Reich, das mir, dem Erstgeborenen, allein zukam, mit mir zusammen regieren. Alljährlich wurden Feste für die ›Liebe der Brüder‹ mit Gebet und Opfern gefeiert. Du hast vielleicht die Münzen gesehen, die uns Hand in Hand und die Inschrift zeigen: ›Ewige Eintracht!‹ »Ich in Eintracht, ich Hand in Hand mit dem Verhaßtesten unter der Sonne! Es brachte mich schon außer mir, nur seine Stimme zu hören. Am liebsten wäre ich ihm an die Gurgel gesprungen, wenn ich ihn mit seinen gelehrten Kumpanen die Zeit vergeuden sah. Weißt Du, was sie trieben? Die Worte stellten sie kindisch fest, womit man die Stimmen der vermiedenen Tiere bezeichnet. Einmal riß ich auch dem Freigelassenen den Stift aus der Hand, wie er als Ergebnis der Sitzung aufzeichnete: das Roß wiehert, das Schwein grunzt, die Ziege meckert, die Kuh brüllt, das Schaf määt. Er selbst, das füg' ich hinzu, schnarrte wie ein heiserer Häher. Mit diesem erbärmlichen, mattherzigen, giftigen Nichts als mit meinem andern Ich die Regierung zu teilen, das ging nicht an. Diesen Feind, der, wenn ich ›ja‹ sagte, ›nein‹ kreischte, jede meiner Maßregeln vereiteln zu sehen, das war unmöglich. So sicher hätte das den Untergang des Staates herbeigeführt, wie es des Severus ungerechteste und unweiseste That war, den jüngeren Bruder dem Erstgeborenen, dem wahren Thronerben zum Mitregenten zu bestellen. Ich, den der Vater auf Vorzeichen achten gelehrt, ward stündlich gemahnt, dem unerträglichsten der Zustände ein Ende zu machen. »Nach dem Tode des Severus lebten wir anfänglich in getrennten Teilen des nämlichen Palastes neben einander wie zwei Löwen in einem Käfig, zwischen die man eine Scheidewand errichtet, damit sie sich nicht gegenseitig zerfleischen. »So trafen wir uns bei der Mutter. »Am Morgen hatte mein Molosserhund den Wolfspacker des Geta zu Tode gebissen, und in seinem Opfertier hatte man eine schwarze Leber gefunden. Das war mir mitgeteilt worden. Das Schicksal stand auf meiner Seite. Der trägen Thatlosigkeit mußte ein Ende gemacht werden. Ich weiß selbst nicht, wie mir war, als ich die Treppe zu der Mutter hinanstieg. Nur erinnere ich mich deutlich, daß ein Dämon mir beständig das Wort: ›Du hast deinen Bruder gemordet‹ ins Ohr rief. Dann stand ich plötzlich dem Geta gegenüber. Im Empfangszimmer der Kaiserin war es. Und wie ich da den verhaßten, oben flachgedrückten Kopf so dicht vor mir sah, wie sein bartloser Mund mit der feisten Unterlippe mir so süß und dabei so falsch entgegenlächelte, da war es mir, als hörte ich den Schrei wieder, womit er die Rosse angefeuert hatte. Es war auch – ich fühlte den Schmerz noch – als zerbräche mir sein Rad zum andernmale den Schenkel. Und dabei raunte mir der Dämon ins Ohr: ›Stoße ihn nieder, sonst mordet er Dich, und Rom geht durch ihn zu Grunde!‹ »Da griff ich ans Schwert. Seine widrig schnarrende Stimme rief mir, ich weiß nicht mehr welche Nichtigkeit entgegen. Da war es mir, als blökten mir all die Schafe und meckerten mir alle Ziegen entgegen, an die er die Zeit schmählich vergeudet. Das Blut stieg mir zu Kopfe. Der Saal drehte sich mit mir im Kreise. Schwarze Punkte tanzten mir auf rotem Grund vor den Augen. Und dann . . . Was mir da vor dem Blicke funkelte, war mein eigenes, nacktes Schwert. Weiter sah und hörte ich nichts mehr. Auch nicht mit dem leisesten Gedanken plante ich, übersann ich, was dann geschah . . . Aber plötzlich war es mir, als sei mir ein Berg von lastendem Blei von der Brust gefallen. Wie leicht ließ es sich wieder atmen. Was sich eben noch in rasendem Wirbeltanz um mich her gedreht hatte, kam wieder zum Stillstand. Die Sonne schien hell in das weite Gemach. Ein Lichtstreifen mit tanzenden Stäubchen fiel auf den Geta. Mit meinem Schwert in der Brust sank er dicht vor mir in die Kniee. Die Mutter bemühte sich vergeblich, ihn zu schützen. Lichtes Blut rann ihr dabei von der Hand. Ich sehe noch jeden Ring an den schlanken weißen Fingern. Deutlich erinnerte ich mich nun auch, wie sich die Mutter, als ich das Schwert gegen ihn erhob, zwischen uns gestürzt hatte, um den Liebling zu schützen. Die scharfe Klinge, nach der sie griff, streifte ihr dabei wohl – ich weiß nicht wie – flüchtig die Hand. Nur die Haut war leicht geritzt. Und welches Geschrei erhob sich dennoch über die Wunde, die der Sohn der Mutter geschlagen. Die Julia Mäsa, ihre Tochter Mammäa und die anderen Weiber zeigten mir das wahre Gesicht. Aus Tropfen wußten sie Blutströme zu machen. »So war denn das Schreckliche geschehen. Und doch! Hätt' ich den Buben am Leben gelassen, ich wäre ein Verräter gewesen an Rom, an mir selbst, an der Lebensarbeit des Vaters. Erst jener Tag machte mich zum Beherrscher der Welt. Wer mich einen Brudermörder schilt, der glaubt vielleicht im Rechte zu sein. Aber er ist es doch nicht. Ich weiß es besser. Und Du, Du weißt es nun mit mir, daß das Schicksal, nicht ich, den Geta aus der Reihe der Lebenden strich.« Hier schwieg er eine Weile atemlos still. Dann fragte er Melissa: »Und Du verstehst jetzt, wie ich dazu kam, des Bruders Blut zu vergießen?« Da fuhr sie auf und sprach ihm leise nach: »Ja, ich versteh' es.« Warmes Mitleid füllte ihr dabei das Herz, und doch fühlte sie, daß sie nicht billigen dürfe, was sie verstand und beklagte. Von einem quälenden Zwiespalt der Empfindungen bis ins tiefste ergriffen, warf sie das Haupt zurück, strich sich das Haar aus dem Antlitz und rief: »Laß mich jetzt; ich trag' es nicht länger.« »So weichmütig?« frug er ernst und schüttelte mißbilligend das Haupt. »Das Leben braust eben wilder in der Nähe des Thrones als im Hause eines Künstlers. Du wirst lernen müssen, den rauschenden Strom mit mir zu durchschwimmen. Auch das Ungeheure, glaub' es mir, kann zum Alltäglichen werden. Und dann! Warum erschreckt Dich noch, was Du selbst für notwendig erkanntest?« Da rang es sich ihr von den Lippen: »Ich bin nur ein schwaches Mädchen, und mir ist, als wär' ich Zeuge des Schrecklichen gewesen, als hätt' ich die furchtbare Blutschuld mit Dir zu tragen.« »Das mußt Du, das sollst Du! Um das zu bewirken, vertraute ich Dir, was noch keiner aus diesem Munde vernahm,« rief Caracalla, und das Auge blitzte ihm dabei heller auf. Ihr aber war es, als wecke sie dieser Ruf aus dem Schlafe und zeige ihr den Abgrund, zu dem sie sich nachtwandelnd verirrt. Als Caracalla von seiner Jugend zu erzählen begonnen, war sie ihm nur mit halbem Ohre gefolgt; denn das rettende Schiff der Frau Berenike war ihr nicht aus dem Sinn gekommen. Bald aber hatten sie seine Bekenntnisse mächtig gefesselt, und die Klagen dieses Gewaltigen, dem so viel Leid und Unrecht widerfahren war, ja, der schon in der Kindheit des Glückes der Mutterliebe entbehrte, hatten ihr das weiche Herz gerührt. Was ihr dann noch mitgeteilt worden war, hatte sie auf ihr eigenes, kleines Leben übertragen und schaudernd vernommen, daß die Bosheit eines Bruders die grausamen Leiden verschuldet, die dem Beklagenswerten wie ein giftiger Mehltau die Freuden des Daseins verdarben, während sie der Bruderliebe das Schönste und Beste in ihrem jungen Leben verdankte. Die Gründe, womit Caracalla die Behauptung gestützt hatte, das Schicksal habe ihn zum Morde des Geta gezwungen, waren ihrem jungen, unerfahrenen Geist überzeugend erschienen. Er war nur das beklagenswerte Opfer seiner Geburt und eines grausamen Schicksals. Auch der Bescheidenste und Nüchternste kann sich dem Zauber der Majestät nicht entziehen. Der Bedauerungswürdige aber, der Melissa seines Vertrauens würdigte, und der so warm versichert hatte, daß er ihr so viel sei und gewähre, war der Beherrscher der Welt. Sie hatte auch bei den Bekenntnissen des Cäsar gefühlt, daß es sie stolz machen dürfe, von ihm selbst gewürdigt worden zu sein, an der Tragödie im Kaiserpalaste teilzunehmen, als gehöre sie zu den Mitgliedern desselben. Ihr lebhafter Geist hatte sie gleichsam zur Zeugin der gräßlichen That berufen, zu der ihn – sie hatte es, noch während sie seine Frage bejahte, sicher geglaubt – unüberwindliche Mächte gezwungen. Aber die Forderung, die ihrer Antwort gefolgt war, hatte sie sich selbst wiederfinden lassen. Das Bild des Diodor, das ihr während des Lauschens völlig aus dem Gedächtnis geschwunden war, stellte sich ihr plötzlich wieder vor das innere Auge, und es war ihr, als schaue es sie vorwurfsvoll an. Hatte sie sich denn aber gegen den Verlobten vergangen? Nein, nein, gewiß nicht! Sie liebte ihn, nur ihn allein, und eben darum sagte ihr jetzt der gerade Sinn, daß es sich gegen den Geliebten versündigen heiße, das Verlangen des Caracalla zu erfüllen, gleichsam seine Mitschuldige und sicher die Beschönigerin blutiger Frevel zu werden. Auf sein »Das mußt Du, das sollst Du,« wußte sie indes keine Antwort zu erteilen, die seinen Zorn nicht erweckt haben würde. Vorsichtig und mit lebhaftem Dank für sein Vertrauen bat sie ihn deshalb abermals, ihn verlassen zu dürfen, weil sie nach solcher Erschütterung der Seele der Ruhe bedürfe. Auch ihm selbst werde es wohlthun, sich einige Erholung zu gönnen. Er aber versicherte selbstbewußt, daß für ihn die Ruhe erst komme, wenn er seine Pflichten als Herrscher erfüllt. Wenige Minuten vor dem letzten Atemzuge habe sein Vater gerufen: »Gibt es noch etwas zu schaffen, dann reicht es nur her,« und er, der Sohn, werde es ebenso halten. »Uebrigens,« schloß er, »hat es mir wohlgethan, einmal ans Licht zu ziehen, was ich so lange hier drinnen verschloß. Dir dabei ins Antlitz zu schauen, war vielleicht noch bessere Arznei.« Dabei erhob er sich, faßte beide Hände des überraschten Mädchens und rief: »Du machst den Nimmersatten genügsam, Kind. Die Liebe, die ich Dir entgegenbringe, gleicht einer vollen Traube, und ich bin schon zufrieden, wenn Du mir nur eine Beere zurückgibst.« Doch bereits der Anfang dieser Versicherung wurde von wildem Geschrei übertönt, das mit gewaltigen Tonwellen in das Gemach drang. Da stutzte Caracalla: bevor er sich aber noch dem Fenster genähert, stürzte der alte Adventus atemlos herbei, und ihm folgte in würdigerer Haltung, doch gleichfalls raschen Schrittes und mit allen Zeichen der Erregung Macrinus, der Präfekt der Prätorianer, mit seinem jungen, schönen Sohn und mit einigen Freunden des Kaisers. »Das ist meine Erholung!« rief Caracalla bitter, indem er die Hände Melissas freigab und sich dann den Eintretenden fragend zuwandte. Unter den Prätorianern und der makedonischen Legion hatte sich die Nachricht verbreitet, der Kaiser, der sich ihnen, gegen alle Gewohnheit, zwei Tage lang nicht gezeigt, sei schwer krank und liege im Sterben. Ernstlich besorgt um ihn, der sie mit Gold überschüttete und ihnen Freiheiten ließ, wie sie ihnen noch kein Imperator gewährte, hatten sie sich vor dem Serapeum zusammengeschart und verlangten den Cäsar zu sehen. Des Caracalla Augen leuchteten auf bei dieser Nachricht, und froh erregt rief er: »Die einzigen wahrhaft Getreuen!« Dann ließ er sich Schwert und Helm reichen und das Paludamentum, den purpurnen, goldgestickten Feldherrnmantel holen, den er sonst nur trug, so lang er im Felde stand. Die Soldaten sollten sehen, daß er noch weiter Krieg zu führen gedenke. Während des Wartens unterredete er sich leis mit Macrinus und anderen, als aber der kostbare Umwurf ihm die Schultern bedeckte und der Günstling Theokrit, der ihn in Leidenstagen am besten zu stützen verstand, ihm den Arm reichen wollte, herrschte er ihm zu, daß er keiner Führung bedürfe. »Und dennoch solltest Du nach einem so ernsten Anfall –« wagte der Leibarzt ihn zu ermahnen; er aber unterbrach ihn höhnisch mit einem Blick auf Melissa: »Die kleinen Hände dort umschließen mehr Heilkraft als Deine und die des großen Galenus zusammengenommen.« Damit winkte er der Jungfrau zu, und als sie ihn noch einmal ersuchte, sich entfernen zu dürfen, verließ er mit dem herrischen Rufe: »Du wartest!« das Zimmer. Er hatte einen ziemlich weiten Weg zurückzulegen und auch eine Treppe zu ersteigen, um den Altan zu erreichen, welcher die Basis der Kuppel des Pantheons umgab, das sein Vater an das Serapeum gefügt hatte; doch er nahm dies willig auf sich; denn von dort aus sah und hörte man ihn am besten. Noch vor wenigen Stunden wäre es ihm unmöglich gewesen, dies Ziel zu erreichen, und Epagathos hatte Sorge getragen, daß am Fuße der Treppe eine Sänfte und kräftige Träger seiner harrten; er aber wies sie zurück, denn er fühlte sich wie neu belebt, und das Geschrei seiner Krieger berauschte ihn wie feuriger Wein. Melissa blieb indes in dem Empfangssaale zurück. Sie mußte dem Befehle des Cäsar gehorchen. Doch er beängstigte sie, und dazu war sie Weib genug, um es wie ein Kränkung zu empfinden, daß der Mann, der sie seiner Dankbarkeit so warm versicherte und sie sogar zu lieben vorgab, ihren Wunsch nach Ruhe so rauh zurückgewiesen hatte. Daß sie ihm, solange er in Alexandria weilte, noch oft Gesellschaft zu leisten haben werde, sah sie jetzt sicher voraus. Ihr graute davor; doch wenn sie sich ihm durch Flucht entzog, waren die Ihren sicher verloren. Nein, auf dergleichen galt es zu verzichten! Sie mußte bleiben. Gedankenvoll warf sie sich auf den Diwan, und wie sie sich dabei das kaum glaubliche Vertrauen vergegenwärtigte, dessen sie der unnahbare, stolze Herrscher für würdig gehalten, raunte eine innere Stimme ihr zu, daß es doch auch reizvoll sei, an den gewaltigen Erregungen der Höchsten und Größten teilzuhaben. Und konnte der denn ganz schlecht sein, der das Bedürfnis empfand, sich vor einer schlichten Jungfrau zu rechtfertigen, dem es unerträglich erschien, auch von ihr verkannt und verurteilt zu werden? Neben dem Kaiser und dem leidenden Menschen war Caracalla nun auch der werbende Mann für sie geworden. Es kam ihr nicht in den Sinn, ihn zu erhören, aber es schmeichelte ihr doch, daß der Höchste sie seiner Neigung versichert. Und brauchte sie sich denn vor ihm zu fürchten? Sie war und gewährte ihm so viel, daß er sich wohl hüten würde, sie zu beleidigen oder zu kränken. Das bescheidene Kind, das noch jüngst vor den Launen des eigenen Vaters gezittert hatte, fühlte sich, im Bewußtsein, sein Wohlgefallen erweckt zu haben, jetzt schon mächtig genug, den Zorn und das Verlangen des Gewaltigsten und Schrecklichsten zu besiegen. Dem Unberechenbaren zu bekennen, daß sie die Braut eines andern, durfte sie indes doch nicht wagen; denn das hätte ihn bestimmen können, den Diodor seine Macht fühlen zu lassen. Der Gedanke, es liege dem Kaiser daran, von ihr für gut gehalten zu werden, that ihr besonders wohl, ja, es begann schon in dem unerfahrenen Kinde die Hoffnung zu erwachen, Caracalla werde sich um ihretwillen Mäßigung auferlegen, als der alte Adventus in das Gemach trat. Er hatte Eile; denn es galt, vieles für den Empfang der Gesandten und im Speisesaale vorzubereiten. Als aber Melissa sich bei seinem Erscheinen vom Diwan erhob, riet er ihr gutmütig, sich nur weiter Ruhe zu gönnen. Man könne nicht wissen, in welcher Stimmung Caracalla zurückkehren werde. Sie sei ja schon Zeuge gewesen, wie schnell dies Chamäleon die Farben wechsle. Wer hätte ihm vorhin, als er zu den Soldaten ging, angesehen, daß er vor wenigen Stunden die Witwe des Statthalters von Aegypten, die gekommen sei, um für den Gatten um Gnade zu bitten, mit grausamer Härte abgewiesen habe. »So hat der elende Theokrit es wirklich durchgesetzt, den wackeren Titianus zu stürzen?« frug Melissa entsetzt. »Nicht nur zu stürzen,« versetzte der Kämmerer. »Vorhin schon wurde Titianus enthauptet.« Damit winkte ihr der Alte und verließ das Gemach; Melissa aber blieb zurück, als habe sich der Boden vor ihr geöffnet. Er, dessen eifrige Versicherung sie eben noch geglaubt hatte, nur dem Zwang eines übermächtigen Schicksals gehorsam das Blut ruchloser Frevler vergossen zu haben, war wenige Stunden vorher fähig gewesen, einem feilen Günstling zu Gefallen den edelsten der Männer unschuldig enthaupten zu lassen. So war denn sein Bekenntnis nichts als ein widriges Gaukelspiel gewesen! Den Abscheu, den sie gegen ihn empfand, hatte er zu belegen versucht, um sie und ihre heilkräftige Hand desto sicherer an sich zu fesseln als sein Spielzeug, seine Arznei, seinen Schlaftrunk. Und sie war in die Schlinge gegangen und hatte ihm geglaubt und ihn freigesprochen von der furchtbarsten Blutschuld. Mitleidlos war eine edle römische Matrone von ihm zurückgewiesen worden, da sie für das Leben des Gatten bat, und das heute mit dem gleichen Atem, mit dem er sie später bethört. Entrüstet, bis ins Tiefste verletzt, sprang sie auf. War es nicht auch schmählich, hier auf Befehl eines Ruchlosen wie eine Gefangene zu warten? Und sie hatte dies Ungeheuer auch nur einen Augenblick mit dem Diodor, dem schönsten, dem besten, dem liebenswertesten der Jünglinge zu vergleichen vermocht! Es wollte ihr selbst undenkbar erscheinen. Hätte nur nicht in seiner Hand die Macht gelegen, alles, was ihrem Herzen teuer war, zu verderben, welche Wonne wäre es gewesen, ihm ins Gesicht zu rufen: »Ich verabscheue Dich, Mörder, und bin die Braut eines andern, an dem so viel gut ist und schön, wie an Dir alles schlecht ist und widrig!« Dann erhob sich in ihr die Frage, ob es wirklich nur ihre Hände seien, die den Tyrannen bewögen, sie an sich zu ziehen und Bekenntnisse vor ihr abzulegen, als sei sie seinesgleichen. Das Blut stieg ihr in die Wangen bei dieser Frage, und mit heißer Stirn trat sie an das offene Fenster. Eine Reihe von Ahnungen bestürmte ihr unschuldiges, bis dahin argloses Herz, und sie waren alle so schrecklich, daß sie es als Erleichterung empfand, als plötzlich ein Jubelgeschrei aus der ehernen Brust vieler Tausende von gerüsteten Männern die Luft erschütterte. In diesen übermächtigen Ausbruch der vereinten Freude so großer Scharen mischte sich das Fanfarengeschmetter aller Trompeten und Posaunen der hier zusammengeströmten Legionen. Welch ein sinnverwirrendes Lärmen! Vor ihr lag der weite Platz, ganz erfüllt mit vielen tausend Kriegern, die in glänzendem Waffenschmuck mit ihren Adlern und Vexillen das Serapeum umstanden. An die Prätorianer schloß sich die auserlesene Mannschaft der makedonischen Phalanx, und an diese die Gesamtheit der Legionen, die dem kaiserlichen Feldherrn hieher gefolgt waren, und die auf Verwendung im nächsten Kriege hoffende Garnison der Stadt des Alexander. Auf dem Altan, der, mit Statuen geschmückt, die Stelle im Kreise umgab, an der die Kuppel auf dem Unterbau des Pantheon ruhte, stand Caracalla, und in gemessener Entfernung eine stattliche Anzahl seiner Freunde in roten, weißen und mit Purpurstreifen umsäumten Togen oder im Waffenschmuck der Legionen. Mit dem goldenen Helm, den er abgenommen, winkte der kaiserliche Feldherr den Seinen zu, und bei jeder Neigung seines Hauptes und jeder lebhafteren Bewegung erneute und steigerte sich der begeisterte Zuruf. Dann trat Macrinus an die Seite des Kaisers, und die Lictoren, die ihm folgten, gaben den Kriegern, indem sie die Fasces senkten, das Zeichen, sich still zu verhalten. Im Nu verwandelte sich das ohrerschütternde Getöse in lautloses Schweigen. Erst hörte man noch, wie die Lanzen und Schilde, die mancher Krieger in enthusiastischer Freude geschwungen hatte, an den Boden schlugen, und das Geklirr der in die Scheiden zurückgestoßenen Schwerter, dann verstummte auch dies, und endlich vernahm man nur noch, obgleich nur die oberen Befehlshaber zu Pferde gekommen waren, das Stampfen der Hufe, das Schnaufen der Rosse und das Klirren der Ketten an den Gebissen. Atemlos horchte und spähte Melissa bald auf den Platz und die Soldaten herunter, bald nach dem Altan hin, wo der Kaiser stand. Trotz der Abneigung, die sie erfaßt hatte, schlug das Herz ihr schneller. Es war, als hätte dies unübersehbare Heer nur eine Stimme, als zwinge diese Tausende von Augen eine unwiderstehliche Macht, sich den einen kleinen Mann dort am Pantheon zum Ziele zu wählen. Sobald er zu sprechen anhob, heftete sich auch der Blick Melissas an Caracalla. Nur die Schlagworte, die er mit erhobener Stimme den Soldaten zurief, verstand sie; und aus ihnen entnahm sie, daß er den Waffengefährten für ihre Besorgnis danke, daß er sich aber immer noch stark genug fühle, jede Beschwerde mit ihnen zu tragen. Harte Anstrengungen lägen hinter ihnen. Die Rast in dieser üppigen Stadt werde jedem wohlthun. Es gebe noch im reichen Osten viel zu gewinnen und zu dem erworbenen Golde zu fügen, bevor sie nach Rom zurückkehrten, um den wohlverdienten Triumph zu feiern. Hier sollten die Ermüdeten es sich wohl sein lassen. Die reichen Geldsäcke, in deren Häuser er sie einquartiert habe, seien angewiesen, gut für ihre Pflege zu sorgen, und, unterließen sie dies, sei ja jeder einzelne Krieger Manns genug, ihnen zu zeigen, was der Soldat zu seinem Behagen bedürfe. Man sehe sie und ihn, ihren Führer, hier scheel an; darum sei übergroße Zartheit übel am Platze. Doch es gebe hier auch wünschenswerte Dinge, die der Wirt nicht gehalten sei, seinen kriegerischen Gästen zu liefern, und auch die gönne er ihnen, und zu diesem Zweck habe er zwei Millionen Denare von der eigenen Armut beiseite gelegt, um sie unter sie zu verteilen. Schon mehrmals war diese Rede von lauten Beifallsrufen unterbrochen worden, nun aber erscholl ein so rasendes Jubelgeschrei, daß es den Donner des stärksten Ungewitters übertönt haben würde. Die Zahl der Rufenden und die Kraft jeder Stimme schienen sich verdoppelt zu haben. Caracalla hatte zu den goldenen Ketten, welche diese Getreuen an ihn fesselten, eine neue gefügt, und wie er von dem Altane aus dem wild entzückten Haufen zulachte und nickte, glich er einem glückseligen, übermütigen Jüngling, der sich selbst und vielen geliebten Menschen eine große Freude bereitet. Was er weiter sprach, verklang in dem Stimmengewirr auf dem Platze. Die Glieder hatten sich gelöst, und von den Panzern, Helmen und Trutzwaffen der sich hin und her bewegenden Streiter, welche die Sonne traf oder streifte, strahlten helle Blitze aus und kreuzten einander auf dem weiten, von blendend weißen Marmorstatuen umgebenen Platze. Als der Kaiser den Altan verließ, trat auch Melissa in das Gemach zurück. Was sie am stärksten zu Caracalla hingezogen hatte, der barmherzige Trieb, einem Leidenden das schwere Geschick zu erleichtern, hatte diesem Gesunden, Uebermütigen gegenüber Sinn und Bedeutung verloren. Wie eine Betrogene kam sie sich vor, die ein listiger Bettler durch erheuchelte Schmerzen bethörte, ihm ein übergroßes Almosen zu schenken. Dazu liebte sie ihre Vaterstadt, und die Anforderung des Caracalla an die Soldaten, die Bürger zu zwingen, ihnen ein üppiges Leben zu verschaffen, hatte ihre Empörung mächtig gesteigert. Wenn er ihr wirklich noch einmal gestattete, frei die Stimme vor ihm zu erheben, wollte sie es ihm unverhohlen zeigen; doch nur zu schnell fiel ihr wieder aufs Herz, daß sie der leicht entfesselten Wut dieses Allmächtigen gegenüber ihrer Zunge Zwang auferlegen müsse, bis die Ihrigen in Sicherheit seien. Bevor der Kaiser zurückkehrte, füllte das Gemach sich mit Männern, von denen sie keinen kannte als ihren alten Freund, den weißhaarigen, gelehrten Samonicus. Sie war die Zielscheibe aller Blicke, und wie auch der freundliche Greis sie von ferne in einer so nichtachtenden Weise begrüßte, daß ihr das Blut ins Gesicht stieg, bat sie den Adventus, sie in das Nebenzimmer zu führen. Der Alte that ihr den Willen, doch bevor er sie verließ, raunte er ihr zu: »Die Unschuld ist vertrauensvoll; doch hier kommt man mit dergleichen nicht weit. – Nimm Dich in acht, Kind. Es gibt, sagen die Leute, Sandhügel am Nil, die wie weiche Kopfkissen zur Ruhe laden. Wenn man sich aber ihrer bedient, werden sie lebendig, und ein Krokodil kriecht aus ihnen hervor und öffnet den Rachen. Ich rede hier schon wie ein Alexandriner in Bildern; aber Du wirst mich verstehen.« Da nickte Melissa ihm erkenntlich zu, der Alte aber fuhr fort: »Vielleicht vergißt er Dich; denn es hat sich vielerlei aufgehäuft durch seine Krankheit. Wenn die Masse des Einlaufenden nur vierundzwanzig Stunden unerledigt bleibt, staut sie sich auf wie der Mühlbach, den die Schleuse zurückhielt. Geht es dann an die Geschäfte, so reißen sie ihn fort. Er vergißt darüber Essen und Trinken. Es sind auch Gesandte gekommen von der Kaiserin Mutter, den Armeniern und Parthern. Fragt er in einer halben Stunde nicht nach Dir, so geht es zur Tafel, und ich lasse Dich durch die Thür dort hinaus.« »Thu es gleich,« bat Melissa mit flehend erhobenen Händen; der Alte aber versetzte: »Damit lohnte ich Dir schlecht, daß Du mir die Füße gewärmt hast. Behalte das Krokodil unter dem Sande im Gedächtnis! Geduld, Kind! Da steht die Zither des Kaisers. Kannst Du sie spielen, so vertreibe Dir damit die Zeit. Die Thür schließt gut, und die Vorhänge sind dicht. Mein altes Ohr hat vorhin vergeblich gelauscht.« Aber Caracalla hatte Melissa so wenig vergessen, daß er, obgleich auch ihm von den Gesandten und eingelaufenen Schriften des Senates Mitteilung gemacht worden war, schon vor der Thür des Tablinums nach ihr fragte. Er hatte sie vom Altan aus auf den Platz schauen sehen, und sie war also Zeuge des Empfanges gewesen, den ihm seine Soldaten bereitet. Das großartige Schauspiel mußte auch sie ergriffen und mit Freude erfüllt haben. Es drängte ihn, dies von ihr selbst bestätigt zu hören, bevor er den Geschäften sich hingab. Adventus flüsterte ihm zu, wohin er sie geführt, um sie den zudringlichen Blicken so vieler fremden Männer zu entziehen, und Caracalla nickte ihm beifällig zu und trat in das Nebengemach. Dort stand sie neben der Kithara und ließ die Finger leise über die Saiten gleiten. Bei seinem Eintritt trat sie schnell zurück; er aber rief ihr heiter zu: »Laß Dich nicht stören. Ich liebe dies Instrument. Dem großen Zitherspieler Mesomedes – Du kennst vielleicht seine Lieder – ließ ich eine Bildsäule errichten. Heute abend, wenn das Mahl vorbei ist und der Drang der Geschäfte, will ich hören, was Du vermagst. Ich spiele Dir auch einige Lieder.« Da faßte Melissa den Mut zusammen und sagte bestimmt: »Nein, Herr, für heute nehm' ich jetzt schon von Dir Abschied.« »Das klingt sehr entschieden,« versetzte er halb überrascht, halb belustigt. »Aber man darf doch wohl wissen, was Dich zu diesem Entschlusse bestimmt?« »Es warten Deiner viele Geschäfte,« entgegnete sie gelassen. »Das ist meine Sache, nicht Deine,« lautete die abweisende Antwort. »Auch die meine,« entgegnete sie und bemühte sich, ruhig zu bleiben; »denn Du bist noch nicht völlig genesen, und solltest Du meiner heute abend wieder bedürfen, so könnt' ich Deinem Rufe nicht folgen.« »Nicht?« frug er unwillig, und das Augenlid begann ihm zu zucken. »Nein, Herr; denn die nächtlichen Besuche bei Dir sind unziemlich für eine Jungfrau, wenn Du nicht krank bist und nicht der Pflege bedarfst. Jetzt schon begegnen mir Deine Freunde . . . Das Herz steht mir still, wenn ich nur daran denke.« »Ich werde sie lehren, was Dir gebührt,« brauste Caracalla auf, und die Stirnfalten zogen sich ihm wieder zusammen. »Aber mich,« versetzte sie bestimmt, »kannst Du nicht zwingen, über das, was sich ziemt, die Meinung zu ändern,« und der Mut, der ihr einer Spinne gegenüber versagte, der ihr aber in ernster Gefahr wie ein treuer Bundesgenosse an die Seite trat, machte sie zum Aeußersten entschlossen, als sie lebhafter fortfuhr: »Eine Stunde ist's her, seit Du versichertest, so lang ich bei Dir weile, bedürfe ich keines Schutzes, und ich sei Deines Dankes gewiß. Aber das waren Worte; denn als ich Dich vorhin ersuchte, mir einige Erholung zu gönnen, mißachtetest Du den wohlberechtigten Wunsch und befahlst mir rauh zu bleiben und Dich zu erwarten.« Da lachte der Kaiser hell auf: »Siehe da! Das Weib! Auch Du wie die anderen! Güte und Sanftmut halten stand, so lang euch der Willen geschieht.« »O nein,« unterbrach ihn Melissa, und die Augen füllten sich ihr mit Thränen. »Ich sehe nur weiter als von einer Stunde zur andern. Wollt' ich das Recht preisgeben, nach eigenem Ermessen zu gehen oder zu kommen, würde ich bald nicht nur selbst elend werden, sondern auch Dir ein Gegenstand der Verachtung.« Hier brach sie, von einem unwiderstehlichen Drange gezwungen, in lautes Schluchzen aus; Caracalla aber stampfte wild mit dem Fuße und rief: »Keine Thränen! Ich mag Dich nicht weinen sehen. Ich will nicht! Soll Dir denn Uebles angethan werden? Nur Gutes, nur das Beste hatt' ich bisher für Dich im Sinne. Beim Vater Zeus und Apollon, ich hatt' es! Anders zeigtest Du Dich bisher als die übrigen Weiber, wenn Du Dich aber geberdest wie sie, dann – ich schwör' es – dann sollst Du zu fühlen bekommen, wer der Mächtigere ist von uns beiden.« Damit zog er ihr die Hand unsanft von den Augen und erreichte damit, was er begehrte, wenn auch in anderer Weise. Die Empörung, sich von einer rauhen Männerhand angegriffen zu sehen, verlieh Melissa die Kraft, das Schluchzen zu unterdrücken. Nur ihre feuchten Wangen verrieten noch, wie reichlich die Thränen geflossen, und ihrer selbst kaum mächtig vor aufrichtiger Entrüstung rief sie ihm ins Antlitz: »Du läßt meine Hand los! Schande über den Mann, der ein schutzloses Mädchen mißhandelt. Du hast geschworen, doch auch mir ist es gestattet, Eide zu leisten, und: Beim Haupte meiner Mutter! Nur als Leiche siehst Du mich wieder, wenn Du Dich noch einmal unterfängst, mir Gewalt anzuthun. Du bist der Kaiser, bist der Mächtigere von uns. Wer bezweifelt es denn? Aber zu etwas Niedrigem zwingst Du mich niemals, und könntest Du statt eines Todes tausend über mich verhängen!« Sprachlos hatte Caracalla die Hand von der ihren entfernt und starrte sie an wie ein Wunder. Ein Weib und ein so sanftes, das ihm trotzte, wie noch kein Mann es gewagt! Wie zum Aeußersten entschlossen stand sie ihm mit erhobener Hand und wogendem Busen gegenüber. Aus ihren feuchten Augen strahlte ihm ein zorniger Glanz heiß entgegen, und so schön war sie ihm noch niemals erschienen. Welche Majestät wohnte dieser Jungfrau inne, deren bescheiden anmutiges Wesen ihn schon mehr als einmal veranlaßt hatte, sie »Kind« zu nennen. Einer Königin, einer Kaiserin glich sie, und vielleicht sollte sie es auch werden. Zum erstenmal kam ihm jetzt dieser Gedanke. Und die kleine Hand, die sie nun senkte, welch lindernde Heilkraft wohnte ihr inne, wie viel hatte er ihr zu danken! Wie heiß war noch eben sein Verlangen gewesen, von ihr verstanden und für besser gehalten zu werden als von den andern. Und dies Verlangen erfüllte ihn noch immer. Ja, mächtiger denn je zog es ihn zu diesem auch für den Höchsten begehrenswerten Geschöpfe hin, das ihm durch seinen stolzen Eigenwillen doppelt reizend erschien. Ihr jetzt zum letztenmal zu begegnen, erschien ihm so undenkbar, wie von dem Tageslicht Abschied zu nehmen, und doch bekundete ihr ganzes Wesen, daß sie mit ihrer Drohung Ernst machen werde. Der gekränkte Männerstolz und das verletzte Bewußtsein der Allmacht kämpften mit Liebe, Reue und der Furcht, ihre schmerzenlindernde Kraft einzubüßen; doch der Streit währte nicht lange, zumal die Menge der aufgehäuften Geschäfte wie ein schwer übersteigbarer Höhenzug vor ihm lag und ihn zur Eile drängte. So trat er ihr denn kopfschüttelnd näher und sagte im überlegenen Tone des Bedächtigen, der den Unbesonnenen zurechtweist: »Wie die anderen, – ich wiederhol' es. Meine Forderung bezweckte ja nichts, als Dir Freude zu machen und Wohlsein durch Dich zu empfangen. Wie heiß muß das Blut sein, das schon ein Funken zum Sieden und Ueberschäumen bringt! Nur allzu ähnlich sieht es dem meinen, und weil ich Dich verstehe, wird es mir leicht, Dir zu verzeihen. Ja, ich muß Dir am Ende noch erkenntlich sein; denn ich lief Gefahr, den Wünschen des Herzens zu Gefallen die Pflichten des Herrschers zu vergessen. So geh denn und ruhe aus, während ich mich den Geschäften ergebe.« Da zwang sich Melissa zu einem Lächeln und sagte immer noch unter Thränen: »Wie bin ich Dir dankbar! Und nicht wahr, Du befiehlst mir nicht wieder, zu bleiben, wenn ich versichere, daß es nicht angeht?« »Es fehlt mir nur leider an Uebung, mich in Mädchenlaunen zu fügen.« »Ich habe keine,« versicherte sie lebhaft. »Aber jetzt hältst Du Wort und gestattest mir, mich zu entfernen. Ich flehe Dich an, mich zu lassen.« Da gab er ihr tiefatmend und mit einer Selbstüberwindung, deren er sich gestern nicht für fähig gehalten hätte, die Hand frei, sie aber meinte schaudernd die Antwort auf die Frage, was er von ihr begehre, gefunden zu haben. Seine Blicke hatten es verraten, nicht seine Worte; denn das Weib erkennt aus dem Auge des Werbers die Art seiner Wünsche, dem Manne sagt der Blick der Geliebten nur, ob sie seine Gefühle erwidere. »Ich gehe,« sprach sie fest, er aber nahm die tiefe Blässe wahr, die sich über ihr Antlitz breitete, und ihre entfärbten Wangen bestärkten ihn in dem Glauben, daß es nach der schlaflosen Nacht und den Erregungen der letzten Stunden in der That nur der erschöpfte Leib sei, der Melissa antreibe, sich ihm so jäh zu entziehen. Mit einem gütigen »Auf morgen also,« sagte er ihr darum Lebewohl. Doch als sie sich schon der Thür näherte, fügte er hinzu: »Nur dies noch! Wir wollen die Zither morgen zusammen versuchen. Nach dem Bade gönn' ich mir am liebsten Zeit für angenehmere Dinge. Adventus wird Dich holen. Ich bin begierig, Dein Spiel und Deinen Gesang zu hören. Von allen Klängen ist doch der der menschlichen Stimme der schönste. Auch der Jubel meiner Legionen thut dem Ohre wohl und dem Herzen. Nicht wahr, auch Dir bewegte das Jauchzen so vieler Tausende das Herz?« »Gewiß,« versetzte sie schnell, und es drängte sie, ihm das Unrecht vorzuwerfen, das er den Bürgern von Alexandria seinen Kriegern zu liebe anthat, doch sie fühlte, daß jetzt die Zeit dazu übel gewählt sei, und alles andere trat weit hinter dem Verlangen zurück, dem Schrecklichen schnell zu entrinnen. Im nächsten Zimmer traf sie den Philostratus und bat ihn, sie zu Frau Euryale zu führen; denn alle Warteräume waren jetzt überfüllt, und die sichere Ruhe, mit der sie gekommen war, hatte sie verlassen. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Während Melissa mit dem Philosophen durch die dichten Gruppen der Wartenden schritt, wies er auf dieselben und sagte: »Um Deinetwillen, Kind, ward heute diesen Hunderten die Zeit lang und manche Hoffnung betrogen. Sie zu befriedigen, ist ein Riesenwerk. Doch Caracalla bewältigt es wohl oder übel.« »So wird er meiner vergessen,« versetzte Melissa und atmete tief auf. »Das schwerlich,« entgegnete der Philosoph. Das geängstigte Kind that ihm leid, und beflissen, das Los Melissas, so weit es an ihm lag, zu erleichtern, sagte er ernst: »Du hast ihn ›furchtbar‹ genannt, und er kann es auch sein, wie kein anderer. Aber Dir hat er sich bisher gütig erwiesen, und folgst Du meinem Rat, so gibst Du Dir immer das Ansehen, nur Gutes, ja Edles von ihm zu erwarten.« »Dann müßte ich heucheln,« versetzte Melissa. »Er hat heute erst den edlen Titianus ermordet.« »Das sind Dinge, die den Staat betreffen und Dich nichts angehen,« entgegnete Philostratus. »Lies meine Schilderung des Achill. Ich stelle ihn unter den anderen Heroen so dar, wie Caracalla sein könnte. Versuche auch Du ihn so zu sehen. Ich weiß, daß es ihn zuweilen reizt, der guten Meinung, der er bei anderen begegnet, gerecht zu werden. Mute Deiner Einbildungskraft etwas zu! Ich werde ihm sagen, Du hieltest ihn für großmütig und edel.« »Nein, nein!« bat Melissa, »das würde nur alles verschlimmern;« der Philosoph aber fiel ihr ins Wort: »Traue meiner reiferen Erfahrung. Ich kenne ihn. Gibst Du ihm Deine wahre Gesinnung offen zu erkennen, so steh' ich für nichts. Mein Achilleus zeigt die guten Anlagen, womit er zur Welt kam, und siehst Du scharf hin, kannst Du die Funken unter der Asche immer noch erkennen.« Damit verließ er das Mädchen; denn sie waren auf den Vorsaal der Wohnung des Oberpriesters gelangt, und um weniges später saß Melissa Frau Euryale gegenüber und bekannte ihr alles, was sie erlebt und empfunden. Nachdem sie der älteren Freundin auch mitgeteilt, was ihr Philostratus geraten, strich ihr jene über die Locken und sagte: »Versuche nur, der Vorschrift des erfahrenen Mannes zu folgen. Allzu schwer kann es Dir nicht werden. Wenn ein Frauenherz einmal durch irgend ein Band – und das des Mitleides gehört zu den stärksten – mit einem Manne verknüpft war, so kann dies Band wohl Schaden leiden, doch einige Fäden davon bleiben immer noch übrig.« Aber Melissa fiel ihr lebhaft ins Wort: »Es gibt auch kein Spinngeweb mehr, das mich mit dem Gräßlichen verbände: der Mord des Titianus hat alles zerrissen.« »Doch nicht,« versetzte die Matrone zuversichtlich. »Das Mitleid ist die einzige Form der Liebe, die in einem guten Herzen auch nicht durch das schlimmste Verbrechen verscherzt wird. Du hast für den Kaiser gebetet, bevor Du ihn kanntest, und es ist aus reiner Menschenliebe geschehen. Uebe nun auch weiter Barmherzigkeit an dem Armen, und denke dabei, die Schickung habe Dich zur Pflege eines schwer zu behandelnden, in Fieber rasenden Kranken berufen. Wie viele Christinnen, die meisten, die sich Diakonissinnen nennen, nehmen solches Liebeswerk freiwillig auf sich, und das Gute ist gut, das Rechte recht für jeden, mag er zu einem Gott beten oder zu vielen. Hältst Du das Herz rein und denkst immerdar an die Zeit, die sich für jeden zu seinem Heil oder Verderben erfüllt, so wirst Du auch aus dieser schweren Gefahr ungeschädigt hervorgehen; ich weiß es, ich fühl' es.« »Aber Du kennst ihn nicht,« fiel ihr Melissa ins Wort, »und wie schrecklich er sein kann. Und Diodor. Wenn er wieder wohlauf ist und erfährt, daß ich, dem Ruf des Kaisers gewärtig, ihm folge, so oft er meiner begehrt, und dazu die bösen Zungen ihm Schlechtes von mir berichten, wird auch er mich verdammen!« »Nein, nein!« rief die Matrone und küßte ihr Stirn und Auge. »Liebt er Dich wahrhaft, so bewahrt er Dir auch sein Vertrauen.« »Er liebt mich,« schluchzte Melissa, »und wenn er auch nicht von der Gebrandmarkten läßt, so wird doch sein Vater sich zwischen uns stellen.« »Das verhüte Gott!« rief die Matrone. »Bleibe, wie Du bist, und ich bleibe Dir, was ich Dir jetzt bin, wie es auch komme. – Diejenigen, welche Dich lieben, werden eine alte Frau, die in Ehren ergraute, gewiß nicht ungehört lassen.« Und Melissa glaubte der mütterlich gütigen, würdigen Freundin, und mit der neuen Zuversicht, die in ihr erwacht war, begann die Sehnsucht nach dem Geliebten sich unwiderstehlich zu regen. Sie bedurfte eines warmen Blickes aus den Augen dessen, den sie liebte, und dem sie doch um eines andern willen jetzt nicht alles gewähren konnte, was ihm zukam, ja der vielleicht im Rechte war, sich über sie zu beklagen. Unverhohlen bekannte sie dies, und die Matrone führte das ungeduldige Mädchen selbst zu dem Geliebten. Auch diesmal fand Melissa den Andreas bei dem Kranken, und erstaunt nahm sie wahr, in wie vertraulicher Weise die Gattin des Oberpriesters den Christen begrüßte. Diodor saß schon angekleidet auf dem Lehnstuhl. Bleich und mit verbundenem Haupt und immer noch leicht ermattet, begrüßte er die Geliebte warm, doch mit leisem Vorwurf über die Spärlichkeit ihrer Besuche. Andreas hatte ihm schon mitgeteilt, daß Melissa durch die Sorge um die Gefangenen zurückgehalten werde, und so beruhigte ihn die Versicherung, daß sie ihn, wenn die Pflicht es zuließe, gar nicht mehr verlassen würde. Und die Freude, sie wieder zu haben, die Wonne, ihr in das liebe, schöne Antlitz zu schauen, die Kunst der Jugend, zu Gunsten der Gegenwart das Vergangene schnell zu vergessen, brachten jeden bitteren Nebengedanken schnell genug in ihm zum Schweigen. Bald hörte er mit neugeröteten Wangen ihr glückselig zu, und so zärtlich, so hingebend, so beflissen, ihm die ganze Fülle ihrer großen Liebe zu zeigen, hatte er sie noch nie gefunden. Die stille, zurückhaltende Jungfrau war heute der werbende Teil, und mit dem dringlichen Eifer, den der heiße Wunsch, ihm wohlzuthun, hervorrief, gab sie ihm die ganze Zärtlichkeit des warmen Herzens so offen und froh zu erkennen, daß es ihm schien, als habe Eros sie erst jetzt mit dem rechten Pfeile getroffen. Sobald Euryale sich mit Andreas in ein tieferes Gespräch versenkt hatte, bot sie ihm, als geschehe es der Aufmerksamkeit eines strengen Tugendwächters zum Trotz, mit heiterem Uebermute freiwillig die Lippen, er aber genoß wonnetrunken, was sie ihm gönnte. Bald ward er dann selbst zum Fordernden und versicherte, zum Reden sei später Zeit, heute habe ihr roter Mund nichts zu thun, als ihn mit Küssen zu heilen. Und während dieses süßen Gebens und Nehmens bat sie ihn mit rührender Innigkeit, nie und nie, was er auch hören möge, an ihrer Liebe zu zweifeln. Die älteren Freunde, die ihnen den Rücken zukehrten und am Fenster eifrig flüsterten, beobachteten sie nicht, und immer voller durchflutete sie die selige Gewißheit, so heiß wiedergeliebt zu werden, wie sie selbst liebte. Nur während kurzer Augenblicke trübte ihr die Erinnerung an den Kaiser wie ein drohendes, aus fernen Nebeln auftauchendes Schreckbild die Seligkeit dieser Stunde. Wohl drängte es sie, dem Bräutigam alles zu bekennen, doch es war so schwer, ihm das Geschehene recht verständlich zu machen, und Diodor durfte nicht in dauernde Unruhe versetzt werden. Dazu machte er selbst, ganz berauscht von heißer Leidenschaft, jeden Versuch einer Erklärung unmöglich. Wenn er sprach, so geschah es nur, um sie seiner Liebe zu versichern, und als Frau Euryale endlich zum Aufbruch mahnte und dem Schützling in das glühende Antlitz schaute, war es Melissa, als würde sie aus dem seligsten der Träume gerissen. Im Vorsaal hielt Andreas sie auf. Frau Euryale hatte zwar seine schwersten Besorgnisse zerstreut; es drängte ihn aber dennoch, der Jungfrau die Frage vorzulegen, ob es nicht geraten sei, schon diese Nacht zur Flucht zu benützen; sie aber legte, immer noch mit freudestrahlenden Augen, dem Christen die kleine Hand schmeichlerisch auf den bärtigen Mund und bat ihn, ihr jetzt nicht durch Warnungen und schlimme Vorhersagungen den frohen Mut und die Hoffnung auf bessere Zeit zu trüben. Auch Frau Euryale habe ihr geraten, sich furchtlos auf sich selbst zu verlassen, und bei dem Geliebten habe sie die Gewißheit erlangt, daß es so recht sei. Der Freigelassene scheute sich, dies schöne Zutrauen zu trüben und legte Melissa nur noch ans Herz, zu ihm zu schicken, wenn sie ihn brauche. Er werde einen Versteck für sie finden, und Frau Euryale habe sich angeboten, für den Boten zu sorgen. Dann sagte er den Frauen Lebewohl, und diese kehrten in das Quartier des Oberpriesters zurück. Im Vorsaal fanden sie einen Diener der Frau Berenike, welcher die Matrone im Namen seiner Herrin, die daheim zurückgehalten werde, ersuchte, ihr Melissa zu schicken, damit sie während der Nacht bei ihr bleibe. Diese Einladung, welche Melissa aus dem Serapeum entfernte, war beiden Frauen willkommen, und die Matrone begleitete den Schützling selbst eine verborgene Treppe hinunter, die zu einer kleinen Hinterpforte führte. Der Sklave Argutis, der gekommen war, um nach der geliebten jungen Herrin zu sehen, und den hier niemand kannte, sollte sie begleiten und sie morgen früh wieder durch dieselbe Thür zurückführen. Der Alte hatte ihr viel zu berichten. Er war den ganzen Tag auf den Füßen gewesen. Bald hatte er sich in den Hafen begeben, um sich nach der Rückkehr des Schiffes zu erkundigen, das die Gefangenen trug, bald in das Serapeum, um nach ihr zu sehen, bald zu der alten Dido, um ihr Bericht zu erstatten. Vor Mittag war er auch dem Alexander begegnet, und zwar auf der Rhede der kaiserlichen Schiffe. Als der Jüngling dort erfuhr, daß die ausgelaufene Triere frühestens morgen zurückkehren könne, hatte er sich aufgemacht, um über den mareotischen See zu dem Christen Zeno und seiner Tochter zu fahren. Dem Sklaven war der Auftrag geworden, Melissa mitzuteilen, die Sehnsucht nach der schönen Agathe habe ihm keine Ruhe gelassen. Die alte Dido und er mißbilligten den Leichtsinn des jungen Herrn, den auch der Ernst dieser Tage und die Gefahr der Schwester nicht geduldiger und besonnener machten; doch es kam ihm kein tadelndes Wort über die Lippen. Es beglückte ihn schon, neben Melissa hingehen zu dürfen und aus ihrem eigenen Munde zu vernehmen, daß es ihr gut gehe und daß der Kaiser sich ihr gnädig erweise. Auch Alexander hatte dem Alten erzählt, er sei »gut Freund« mit dem Cäsar, und nun dachte der Sklave an den Theokrit, den Pandion und die anderen Günstlinge, von denen er gehört, und darum versicherte er Melissa, wenn der Vater erst frei sei, werde Caracalla ihn in den Ritterstand erheben, ihm Landgüter schenken und vielleicht auch einen der kaiserlichen Paläste im Bruchium. Dann wolle er der Hausmeister werden, um zu zeigen, daß er mehr verstehe, als die Werkstätte und den Garten in Ordnung zu halten, das Holz zu spalten und auf dem Markte billige Einkäufe zu machen. Da lachte Melissa und sagte, daß er es nicht schlechter haben solle, wenn sich nur erst der einzige Wunsch ihres Herzens erfülle, das Weib des Diodor zu werden, und Argutis versicherte, auch damit zufrieden zu sein, wenn sie ihm nur gestatte, in ihrer Nähe zu bleiben. Aber sie hatte nur mit halbem Ohre gehört und antwortete auch nur zerstreut; denn tief atmend stellte sie sich vor, wie sie dem Kaiser, an dem sie ihre Macht schon erprobt, zeigen wolle, daß sie aufgehört habe, vor ihm zu zittern. So kamen sie an das Haus des Seleukus. Eine große Einquartierung machte sich jetzt darin breit. In der Säulenhalle hinter dem Eingang saßen und hockten bärtige Soldaten auf Bänken und am Boden gruppenweise zusammen, tranken lärmend und singend Wein und warfen lachend und zankend Würfel auf die kostbaren Mosaikbilder des Estrichs. Im herrlichen Gärtchen des Impluvium umgab eine übermütige Schar zechend und schwatzend ein Feuer, das sie auf dem sorgsam gehaltenen sammetweichen Rasen entzündet. Ein Dutzend Offiziere hatte sich auf Polstern unter einem der Säulengänge gelagert und sah, ohne dem rohen Treiben der Untergebenen Einhalt zu thun, dem Tanze einiger ägyptischen Mädchen zu, die man in das Haus ihres unfreiwilligen Gastfreundes geladen. Obgleich ein Diener der tief verschleierten Jungfrau das Geleit gab, blieb sie doch nicht unbehelligt von häßlichen Worten und dreisten Blicken. Ja, ein junger, übermütiger Prätorianer hatte schon die Hand nach ihrem Schleier ausgestreckt, als ein älterer Offizier es ihm wehrte. Die Wohnräume der Frau Berenike waren bis jetzt unangetastet geblieben; denn der Präfekt der Prätorianer Macrinus, mit dem Berenike durch ihren Schwager, den Senator Coeranus bekannt geworden, hatte Maßregeln getroffen, die Frauengemächer vor der Begehrlichkeit der Quartiermacher des Leibwachencorps sicher zu stellen. Schnell atmend, mit hoch geröteten Wangen, betrat Melissa endlich das Gemach der Gattin des Seleukus. Aus der Stimme der Matrone klang scharfe Bitterkeit, als sie den jungen Gast mit dem Ausruf begrüßte: »Wie auf der Flucht, wie einer Verfolgung entgangen. Und in meinem Hause gewinnt man dies Ansehen! Oder« – und hier glänzten ihr die großen Augen hell auf – »oder ist der Bluthund dem Wild auf den Fersen? Mein Schiff steht bereit.« Als Melissa dies verneint und berichtet hatte, was ihr begegnet, rief Berenike: »Du weißt doch, daß der Panther still liegt und sich zusammenzieht, bevor er den Sprung thut. Wo nicht, so kannst Du es morgen im Zirkus zu sehen bekommen. Es gibt dort eine Schaustellung für den Kaiser, wie selbst dem Nero keine gleiche geboten wurde. Mein Gatte trägt den Löwenpart der Kosten und denkt an nichts anderes. Sogar das einzige Kind hat er darüber vergessen. Und das alles, um den zu ergötzen, der uns beleidigt, beraubt, entwürdigt. Nun die Männer die Hände küssen, die sie mißhandeln, ist es an uns Frauen, ihnen zu trotzen. Du mußt fliehen, Mädchen! Der Hafen ist jetzt geschlossen, doch morgen früh steht das Meer wieder offen, und gewinnen die Deinen im Laufe des Tages die Freiheit, dann fort mit euch allen! Oder hoffst Du noch Gutes von dem Tyrannen, der aus diesem Hause das machte, was es nun ist?« »Ich habe ihn kennen gelernt,« versetzte Melissa, »und erwarte nichts von ihm als das Schlimmste.« Da griff die ältere Frau freudig nach der Hand des Mädchens, doch sie wurde von der Zofe Johanna unterbrochen, die für einen vornehmen römischen Offizier, einen Tribunen, um Gehör bat. Als Berenike ihn zu empfangen ablehnte, versicherte die Dienerin, er sei jung und habe in ziemlicher, bescheidener Weise gewünscht, der Herrin mit einer dringenden Bitte zu nahen. Da gestattete die Matrone, dem Manne Einlaß zu gewähren, und Melissa folgte schnell dem Geheiß, in das Nebengemach zu treten. Nur ein halbgeschlossener Vorhang trennte sie von dem Raume, in dem Berenike den Krieger empfing, und auch ohne zu lauschen hätte sie dem lauten Gespräche zu folgen vermocht, das sie doppelt fesselte, sobald sie die Stimme des Redenden erkannte. In höflich bittendem Tone ersuchte der junge Tribun die Gastfreundin; ihm für seinen schwer verwundeten Bruder ein Zimmer anzuweisen. Der Leidende werde von heftigem Fieber geschüttelt, und der Arzt versichere, der Lärm und das Wagengerassel auf der Straße, in die das Krankenzimmer schaue, sowie das Aus- und Einziehen der Krieger könnten sein Leben gefährden. Man habe ihm gesagt, es gehöre zu dem Quartier der Hausfrau eine Reihe von Räumen, die in das Impluvium schauten, und nun wolle er sie ersuchen, ihm eins derselben für den Verwundeten abzutreten. Wenn sie selbst einen Bruder habe oder Kinder, werde sie die Kühnheit seiner Bitte entschuldigen. Bis dahin hatte sie schweigend zugehört, jetzt erhob sie plötzlich das Haupt und maß die schlanke Gestalt des Bittstellers mit den düster glühenden Augen. Dann versetzte sie, indem sie ihm halb höhnisch, halb unwillig in das hübsche, jugendliche Antlitz schaute: »O ja, ich weiß, was es heißt, ein liebes Wesen leiden zu sehen. Ich hatte ein einziges Kind, und es war die Wonne meines Herzens. Der Tod . . . er riß es von mir, und einige Tage später befahl uns der Herr, dem Du dienst, ihm ein Gastmahl zu rüsten. Es schien ihm wohl neu und reizvoll, in einem Trauerhause zu zechen. Im letzten Augenblick – die Gäste waren schon versammelt – ließ er uns melden, daß er selbst nicht zu erscheinen gedenke; doch seine Freunde haben gelacht und ausgelassen getobt . . . Es war eine Lust! Sie loben sicherlich unsere Köche und Weine. Jetzt – auch diese Ehre wissen wir zu schätzen – gestattet er seinen Prätorianern, dasselbe sonst leidlich ehrbare Trauerhaus zu einer Herberge, einer Weinschenke zu machen, in der singt und tanzt, was man von der Straße hereinruft. Der Rang, den Du so jung bekleidest, deutet darauf hin, daß Du aus gutem Hause stammst, und so kannst Du Dir denken, wie hoch wir die Ehre schätzen, daß Deine Leute zertreten, verderben, durch Lagerfeuer vernichten, was – schau nur hinaus! – in unserem Impluviumgärtchen langjährige Arbeit und Sorgfalt zur Augenweide machte. Macrinus, der auch über euch steht, hat mir indes versprochen, die Gemächer des Weiberhauses unangetastet zu lassen. Kein Fuß der Prätorianer, weder der Gemeinen noch der Befehlshaber,« und hier erhob sie die Stimme, »darf sie betreten. Hier ist sein Schreiben. Der Präfekt drückte im Namen des Kaisers das Siegel darunter.« »Ich kenne den Befehl, edle Frau,« unterbrach sie der Tribun, »und möchte der letzte sein, der ihm zuwider handelt. Auch fordere ich nicht, ich richte nur eine bescheidene Bitte an das Herz einer Frau, einer Mutter.« »Eine Mutter,« fiel ihm Berenike höhnisch ins Wort, »und zwar eine, der Dein Herr die Seele mit Messern zerschnitt, eine Frau, der man das eigene Heim verhaßt macht und schändet. Der Ehre hab' ich genug genossen und bestehe jetzt streng auf meinem Rechte.« »Höre nur dies noch,« scholl es hier angstvoll von den Lippen des Jünglings; Frau Berenike aber hatte ihm schon den Rücken gewandt und begab sich hoch aufgerichtet und mit stolzen, langen Schritten in das Nebengemach zu Melissa. Tiefatmend, wie betäubt, blieb der Tribun an der Schwelle stehen, wo ihm die schreckliche Frau aus den Augen geschwunden, und strich sich, nach Fassung ringend, das Lockenhaar aus der Stirn; kaum aber hatte Berenike das andere Zimmer betreten, als Melissa ihr zuraunte: »Der Verwundete ist der unglückliche Aurelier, dem Caracalla um meinetwillen das Antlitz zerfleischte.« Da begann es plötzlich in dem Auge der Matrone so seltsam zu blitzen und zu funkeln, daß es das Mädchen kalt überlief. Doch es behielt keine Zeit, sich zu fragen, was die andere so eigen bewege; denn die starke Rechte des majestätischen Weibes umklammerte plötzlich das Handgelenk der schwächeren Jungfrau, und mit dem Befehle: »Du folgst mir!« zog sie Melissa in das Gemach, das sie eben verlassen, und rief den Tribun zurück, dessen Hand schon das Thürschloß berührte. Ueberrascht und erschreckt blieb der Jüngling stehen, als er Melissa erblickte; Frau Berenike aber sagte gelassen: »Nun ich die Ehre kenne, die der Gebieter, dem ihr so treulich dient, auch euch erweist, soll mir der arme Geschändete, den Du Deinen Bruder nennst, willkommen sein in diesen Räumen. Er ist mein Leidensgenosse. Es wird ihm ein luftiges, stilles Gemach angewiesen werden. An sorgsamer Pflege soll es ihm nicht fehlen, ja an nichts, was die eigene Mutter ihm nur zu bieten vermöchte; doch zweierlei verlang' ich, und das ist die Versicherung, daß Du keinen Deiner Waffengenossen und keinen Mann, wer es auch sei, außer dem Arzte, den ich euch sende, in dieses Quartier läßt. Ferner aber darfst Du auch dem nächsten Freunde nicht verraten, wen Du außer mir hier fandest.« Aurelius Nemesianus hatte angesichts der Kränkung, die seinem brüderlichen Herzen widerfahren, die Fassung verloren, jetzt aber antwortete er mit der schnellen Geistesgegenwart des Kriegers: »Es wird mir schwer, edle Frau, die rechte Antwort zu finden. Ich weiß wohl, daß Du mich zu warmem Danke verpflichtest, und ebenso wohl ist mir bewußt, daß derjenige, welchen Du unsern Herrn nennst, uns so schmählich verletzte wie Dich; noch aber ist der Kaiser mein Kriegsherr.« »Noch!« unterbrach ihn Berenike. »Aber Du bist ein zu junger Tribun, als daß ich glauben sollte, Du habest zum Schwerte gegriffen, um Dir den Lebensunterhalt zu erwerben.« »Wir sind Aurelier,« versetzte Nemesianus stolz, »und es kann wohl sein, daß dieser Tag uns veranlaßt, den Adlern Valet zu sagen, denen wir folgten, um Ehre zu ernten und die Lust des Krieges zu genießen; aber über das alles kann erst die Zukunft entscheiden. Jetzt danke ich Dir, edle Frau, auch im Namen meines Bruders, der meine andere Hälfte ist. Es geschieht gleichfalls im Namen des Apollinaris, wenn ich Dich bitte, uns die Unbill zu verzeihen, die wir dieser Jungfrau –« »Ich zürne euch nicht mehr,« fiel ihm Melissa mit unbefangenem Eifer ins Wort, und der Tribun dankte ihr auch im Namen des Bruders. Er versuchte auch, den unseligen Vorfall zu erklären, doch Frau Berenike ermahnte ihn, keine Zeit zu versäumen. Da entfernte sich der Krieger, Frau Berenike aber befahl der Zofe, die Schaffnerin und andere Gehilfen zu rufen. Dann begab sie sich raschen Schrittes in die Zimmer, die sie im Geiste schon für den Kranken und seinen Bruder bestimmt; dort aber gelang es weder Melissa noch den Dienern, nach Herzenslust zuzugreifen; denn mit Umsicht und Thatkraft rührte sie selbst den Geist und die Hände und vergaß nichts, was bei der Pflege eines Verwundeten nützlich und angenehm sein kann. In dem wohlgeordneten Hause stand alles Erforderliche bereit, und noch war keine Viertelstunde verflossen, als dem Nemesianus gemeldet werden konnte, daß das Zimmer zur Aufnahme seines Bruders bereit sei. Dann begab sich die Matrone mit Melissa in ihr eigenes Schlafgemach und entnahm dort der Hausapotheke mehrere Fläschchen und Büchsen. Dabei ersuchte sie das Mädchen, sie zu entschuldigen, weil sie die Pflege des Kranken selbst zu übernehmen gedenke. Hier seien Bücher, dort stehe die Zither Korinnas. Johanna werde für das Abendmahl sorgen. Morgen früh könnten sie das Nötige weiter besprechen. Endlich küßte sie den Gast und verließ das Gemach. Melissa war nun allein und ergab sich wechselnden Gedanken, bis Johanna ihr das Mahl auftrug. Während sie nur wenig naschte, teilte die Christin ihr mit, daß es übel mit dem Tribunen stehe. Besonders die Stirnwunde erwecke die Besorgnis des Arztes. Um dies zu erfahren, hatte es vieler Fragen an die Freigelassene bedurft; denn sie war schweigsam. Wenn sie aber sprach, so geschah es freundlich, und in ihrem ganzen Wesen lag etwas Schlichtes und Mildes, das Vertrauen erweckte. Gesättigt kehrte Melissa in das Gemach der Hausfrau zurück, dort aber fiel ihr wieder schwer aufs Herz, was ihr morgen bevorstand. Als Johanna schon mit der Hand an der Thür zu wissen wünschte, was sie noch etwa begehre, frug sie dieselbe, ob sie das Wort ihrer Glaubensgenossen kenne: »Da aber die Zeit sich erfüllet.« »Gewiß,« versetzte die andere, »unser Heiland selbst sprach: ›Die Zeit ist erfüllet‹, und Paulus war es, der es an die Galater schrieb.« »Wer ist dieser Paulus?« frug Melissa weiter, und die Christin erwiderte, er sei ihr unter den Lehrern ihres Glaubens der liebste. Dann zauderte sie ein wenig und fragte, ob Melissa, die doch eine Heidin sei, sich nach der Bedeutung dieses Wortes erkundigt. »Andreas, der Freigelassene des Polybius, und Frau Euryale erklärten es mir. Ist für Dich schon der Augenblick erschienen, an dem Du sicher empfandest, die Erfüllung der Zeit sei für Dich gekommen?« »Ja,« versetzte Johanna fest, »und in eines jeden Leben tritt dieser Augenblick ein, früher oder später.« Da begann Melissa bescheiden: »Du bist ja eine Jungfrau wie ich. Mir steht Schweres bevor, und wenn Du mir vertrauen wolltest . . .« Doch die Christin fiel ihr abweisend ins Wort: »Mein Leben bewegte sich in anderen Kreisen als das Deine, und was mir, der Freigelassenen, der Christin, begegnete, kann wenig Wert für Dich haben. Aber das Wort, das Dir die Seele bewegte, bezieht sich auf die Erscheinung des Einen, der alles ist für uns Christen. Hat Dir Andreas nichts von seinem Leben erzählt?« »Nur wenig,« entgegnete das Mädchen; »doch ich möchte wohl mehr von ihm hören.« Da nahm die Christin neben der Jungfrau Platz und erzählte mit Melissas Hand in der ihren von der Geburt des Heilandes, seinem liebreichen Herzen und von seinem freiwilligen Opfertod für die sündige Menschheit. Gespannten Ohres lauschte ihr das Mädchen. Mit keinem Wort unterbrach sie die Erzählerin, und rein, groß, liebenswert stellte sich das Bild des Gekreuzigten ihr vor die Seele. Tausend Fragen schwebten ihr auf den Lippen; doch bevor sie noch die erste an die Christin richten konnte, ward diese zu Frau Berenike gerufen, und Melissa war wieder allein. Was sie schon früher von der Lehre der Christen vernommen, kam ihr wieder in den Sinn, und allem voran der erste Satz, der sie zum Nachdenken gezwungen und sie vorhin veranlaßt, Johanna zu fragen. Vielleicht hatte die Zeit sich auch für sie schon erfüllt, als sie den Mut gefaßt, der Forderung des Kaisers zu trotzen. Sie freute sich dieser That; denn sie empfand, daß die Kraft ihr nie wieder gebrechen werde, ihren Willen dem seinen entgegenzusetzen. Wie gefeit gegen seine Macht fühlte sie sich, seit sie den Geliebten verlassen und der Mord des Statthalters ihr die Augen über denjenigen geöffnet, an den sie ihr Mitleiden viel zu willig verschwendet. Dennoch graute ihr vor der Stunde, in der sie dem Kaiser wieder begegnen und ihm zeigen sollte, daß sie sich sicher vor ihm fühle, weil sie seiner Großherzigkeit vertraue. In stillem Sinnen wartete sie lange vergebens auf die Rückkehr der Matrone und der Christin. Endlich traf ihr Blick die Bücherrollen, auf die Frau Berenike sie gewiesen. Sie lagen in schönen Alabasterkästchen auf einem Ebenholzgestell. Wären es doch die Schriften der Christen gewesen, die von dem Leben und Tod ihres Erlösers sprachen! Aber wie hätte dergleichen hieher kommen sollen? Die erste Kiste enthielt denn auch nur die Werke des Philostratus, und sie entnahm ihr die Rolle mit den Heldengeschichten, wovon er ihr selber gesprochen. Neugierig glättete sie den Papyrus mit dem Elfenbeinstäbchen, und das heitere Gespräch zwischen dem Winzer und seinem phönizischen Gaste zog sie an. Den Anfang überflog sie; bald aber gelangte sie zu der Stelle, von der ihr Philostratus geredet. Er wollte in dem Achill die Gestalt Caracallas, wie die schonende Einbildungskraft sie ihm zeigte, wiedergegeben haben. Aber das war kein Bildnis mehr; es zeigte höchstens, wie die Mutter den Dargestellten gern gesehen haben würde. Da hieß es, die Heftigkeit, die aus den Augen des Heros geleuchtet, scheine auch in der Ruhe darauf hingedeutet zu haben, daß sie bald losbrechen werde; bei solchem Losbrechen aber sei er denen, die ihn liebten, noch anmutiger erschienen als sonst. Die Athener hätten nämlich eine ähnliche Neigung für ihn empfunden, wie für die Löwen; denn wenn ihnen die Könige der Tiere auch wohlgefielen, wenn sie ruhten, so bereiteten sie ihnen doch noch größere Lust, wenn sie sich mit wütender Kampfbegier auf einen Stier, einen Eber oder ein anderes wehrhaftes Tier stürzten. O ja, auch Caracalla überfiel seine Opfer schonungslos genug! Wie hatte sie ihn erst vor wenigen Stunden auf den Aurelier einhauen sehen! Ferner sollte Achill gesagt haben, er wüßte die Traurigkeit zu bewältigen, indem er auch den schwersten Gefahren für seine Freunde die Stirn biete und sie unverdrossen bestehe. Aber wo waren denn die Freunde Caracallas? Höchstens der römische Staat konnte hier gemeint sein; denn für ihn unterzog der Cäsar sich allerdings – sie hatte es nicht nur von ihm selbst gehört – mancher schweren Mühsal und Fährnis. Nun schaute sie ein wenig zurück und fand dort die Stelle: »Weil er aber zum Zorn geneigt war, unterwies ihn Chiron in der Musik; wohnt doch dieser Kunst die Kraft bei, die Heftigkeit und den Zorn zu mäßigen. Achill aber machte sich mühelos die Gesetze der Harmonie zu eigen und sang zur Leier.« Das entsprach alles der Wahrheit, und morgen sollte sie sehen, was Philostratus zu der Erzählung veranlaßte, Kalliope habe, als Achill sie um die Gabe der Musik und der Dichtung gebeten, ihm so viel von beiden bewilligt, wie er bedürfe, um das Mahl fröhlicher zu machen und den Gram zu zerstreuen. Auch ein Dichter sollte er sein und die Poesie am eifrigsten pflegen, wenn er nach dem Kriege sich Ruhe gönne. Ungerechter Tadel eines Mannes, zu dem es das Herz einer Frau hinzieht, kommt ihrer Neigung zu gute, ungerechtes Lob schärft dagegen ihr Urteil und verwandelt ein zärtliches leicht in ein spöttisches Lächeln. So lehrte auch das zum Achill gesteigerte Bild des Caracalla Melissa über den Mann, den sie gefürchtet hatte, die Achseln zucken, und während sich in ihr sogar an der musikalischen Begabung des Kaisers Zweifel erhoben, erklang die jugendlich frische, glockenhelle Stimme des Diodor doppelt schön und rein vor ihrem inneren Ohre. Endlich verdrängte das Bild des Geliebten ganz und gar das des Cäsar, und während sie den Hochzeitsgesang, den Jünglinge und Jungfrauen bald für sie beide anstimmen sollten, zu hören meinte, entschlief sie. Es war schon spät, als Johanna sie zur Ruhe zu gehen ermahnte. Kurz vor Sonnenaufgang wurde sie von Frau Berenike geweckt, die sich einige Ruhe zu gönnen wünschte und ihr, bevor sie das Lager bestieg, mitteilte, daß sich der Aurelier besser befinde. Die Matrone schlief noch, als Johanna Melissa meldete, der Sklave Argutis warte auf sie. Die Christin übernahm es, der Herrin die Grüße des Mädchens auszurichten. Als beide das Wohngemach betraten, hatte der Gärtner eben frische Blumen darin aufgestellt. Es waren darunter drei Rosensträucher, an denen sich volle Blüten an halb erschlossene und frische Knospen drängten. Da fragte Melissa schüchtern, ob Frau Berenike es ihr wohl gestatten würde, eine zu brechen – es seien ihrer ja so viele; die Christin aber entgegnete, es komme darauf an, zu welchem Zweck. »Nur für den kranken Tribunen,« entgegnete Melissa errötend. Da schnitt Johanna behutsam zwei der schönsten Rosen vom Stocke und reichte sie der Jungfrau. Die eine solle für den Mann sein, der ihr Uebles gethan, die andere für ihren Verlobten. Dankbar küßte Melissa die Christin und bat sie, dem Leidenden die Blumen in ihrem Namen zu reichen. Johanna erfüllte sogleich diesen Wunsch; der Verwundete aber heftete den Blick betrübt auf die Rose und murmelte leise vor sich hin: »Armes, schönes, freundliches Kind. Es verdirbt oder ist eine Leiche, bevor Caracalla Alexandria verläßt.« Dreiundzwanzigstes Kapitel. Der Sklave Argutis erwartete Melissa im Vorsaal. Er mußte eine gute Nachricht bringen; denn helle Freude strahlte ihr aus seinem ganzen Wesen entgegen. Bevor sie noch das Haus verlassen, wußte sie auch, daß der Vater und Philipp zurückgekehrt und wieder frei seien. Der Sklave hatte der Herrin nichts von dieser frohen Kunde mitteilen lassen, um sich die Lust nicht zu schmälern, sie ihr selbst zu überbringen, und die Freude, die sein Liebling zu erkennen gab, war so groß und lebhaft, wie er erwartet. Auch eilte Melissa zu Johanna zurück, um sie wissen zu lassen, was sie beglückte, und damit sie es ihrer Gebieterin melde. Auf der Straße berichtete der Sklave, heute in aller Frühe sei das Schiff, das den Vater und Sohn zurückgebracht habe, vor Anker gegangen. Die Gefangenen hätten schon auf der See die Freiheit zurückerlangt, und sich sogleich nach Hause begeben können. Alles sei gut, nur, fügte er zaudernd und immer noch feuchten Auges hinzu, – nur sei es eben jetzt anders als früher und die Alten stärker als die Jungen. Dem Vater habe der schwere Dienst auf der Ruderbank nichts anhaben können, der Philipp aber sei recht elend von der Galeere gekommen, und sie hätten ihn sogleich in die Schlafkammer gebracht, wo ihn Dido jetzt pflege. Es sei gut, daß sie nicht mit angehört, wie der Herr über die bestandene Unbill geflucht und gewettert; das Wiedersehen mit den Vögeln habe ihn indes schnell genug beruhigt. Bisher war Melissa mit dem Begleiter auf das Serapeum zugegangen, jetzt aber erklärte sie dem Sklaven, daß sie zuerst die Befreiten wiedersehen müsse. Sie bestand auch darauf, obgleich Argutis versicherte, der Herr habe beabsichtigt, sobald er sich von den Spuren des Kerkers und elenden Ruderdienstes im Bade gesäubert, sie bei dem Oberpriester aufzusuchen. Den Philipp werde sie freilich finden; denn er sei zu schwach, das Haus zu verlassen. Der Alte hatte Mühe, der jungen Herrin zu folgen, und bald schritt sie leichten Fußes über das »Willkommen« auf der Schwelle des väterlichen Hauses. So hell und einladend hatte ihr die rote Mosaikinschrift selten entgegengeleuchtet, und glückselig ward ihr der eigene Name aus der Küche entgegengerufen. Dieser frohe Gruß durfte der alten Dido nicht nur durch die Thür zurückgegeben werden. Im Nu stand Melissa am Herde, und vor freudiger Rührung keines Wortes mächtig, wies die Sklavin mit Quirl und Gabel bald auf den Topf, in dem ein großes Stück Rindfleisch zu einer Kraftbrühe für den schwachen Philipp verkocht ward, bald auf den Spieß, an dem zwei junge Hähne über dem Feuer sich bräunten, bald auf die Pfanne, worin sie die kleinen Fische briet, die der Heimgekehrte so gern aß. Dem schweren Seelenkampfe, den die Alte in sich ausgefochten hatte, während die Pflicht sie an den Herd bannte und die Liebe sie von ihm fortzog, war aber bald ein Ende gemacht, und mit beiden Händen auf dem unbeschäftigten dürren Arm der Alten nahm Melissa die zärtlichen Worte in Empfang, welche Dido für sie bereit hielt. Die Sklavin versicherte, daß sie die Heimgekehrte kaum mit dem Blick, geschweige denn mit den Fingern zu berühren wage, womit sie eben noch Fische geschlachtet; denn sie gehe so vornehm einher wie die Tochter des Alexanderpriesters. Da lachte Melissa ihr zu; die Sklavin aber erzählte, der Herr sei nicht mehr zu halten gewesen. Die Sehnsucht nach ihr und das Verlangen, mit dem Kaiser zu reden, hätten ihn fortgetrieben, und der Alexander begleite ihn natürlich. Nur der Philipp, das arme, zerschlagene Wurm, sei zu Hause, und sie wiederzusehen, werde ihn besser stärken als die Kraftbrühe und der alte Wein, den der Vater, obgleich er ihn sonst für Libationen am Grabe der Mutter aufspare, für ihn aus dem Speicher geholt. Bald darauf stand Melissa am Lager des Bruders, und sein Anblick warf einen dunklen Schatten in das helle Licht dieses frohen Morgens. Wohl flog, als er sie erkannte, ein flüchtiges Lächeln über die bleichen, durchgeistigten Züge, die ihr in so kurzer Zeit um ein Jahrzehnt gealtert zu sein schienen, doch schwand es so schnell, wie es gekommen war. Dann blickten die übergroßen Augen wieder stumpf aus den dunklen Schatten, die sie umgaben, und ein wehes Zucken zeigte sich bisweilen an den schmalen, festgeschlossenen Lippen. Melissa ward es schwer, die Thränen zurückzuhalten; denn was war aus dem Jüngling geworden, der noch vor wenigen Tagen ihnen allen das Uebergewicht seines hellen Geistes so selbstbewußt zu fühlen gegeben! Ihr warmes Herz zog sie stärker zu dem leidenden Bruder hin, als je zu dem gesunden, und er mußte wohl auch empfinden, mit wie warmer Zärtlichkeit sie ihm zusprach. Die ungewohnte, harte Knechtesarbeit an den schweren Rudern, versicherte sie, hätte auch einen Stärkeren übermüdet, bald aber werde er das Museum wieder besuchen und dort wacker disputiren. Dabei neigte sie sich über ihn, um ihm die Stirn zu küssen, er aber richtete sich nur ein wenig auf und sagte dann mit einem höhnischen Lächeln: »Apathie und Ataraxie, völliger Gleichmut – das letzte für die Seele des Skeptikers erreichbare Ziel. Das wenigstens,« und dabei blitzte das Auge ihm flüchtig auf, »hab' ich in diesen verfluchten Tagen erreicht. Daß einem denkenden Menschen alles, alles, wie es auch heiße, so bodenlos gleichgiltig werden könnte, hätt' ich selbst nicht gedacht.« Hier schwieg er. Die Schwester aber rief ihn auf, Mut zu fassen. Gewiß stünden ihnen allen noch viele frohe Tage bevor. Da richtete er sich kräftiger in die Höhe und sagte: »Frohe Tage? Mir und euch? . . . Ein höchst sonderbarer Gedanke. Aber daß auch Du noch so munter hoffst, könnte mich freuen oder in Erstaunen versetzen, wenn es dergleichen überhaupt noch für mich gäbe. Stünde es anders, so fragte ich Dich jetzt: ›Welches Gegengeschenk gabst Du dem kaiserlichen Bluthund für unsere Freiheit?‹« Hier rief Melissa empört seinen Namen, er aber fuhr unbeirrt fort: »Alexander sagt, der hohe Herr habe Gefallen an Dir gefunden. Er ruft, und Du kommst. Natürlich! Er hat zu befehlen. Was doch alles aus dem Kinde eines Steinschneiders werden kann! Aber was mag der schöne Diodor zu alledem sagen? Warum wirst Du so blaß? Das sind freilich Fragen, die ich Dir ins Gesicht schreien müßte, wenn es mit mir stünde wie früher. Jetzt sag' ich nur in aller Ruhe: ›Thu, was Du willst!‹« Das Blut war Melissa bei diesem Angriffe des Bruders aus den Wangen gewichen. Seine schmählichen, falschen Anschuldigungen erregten ihren Unwillen aufs tiefste, doch ein Blick in sein müdes, schmerzlich verzogenes Gesicht lehrte sie, wie schwer er leide, und in ihrer barmherzigen Seele trat das Mitleid gegen den wohlbegründeten Groll in die Schranken. Der Kampf war schwer; doch das Mitgefühl siegte, und statt ihn mit einer scharfen Antwort zu strafen, zwang sie sich, kurz und freundlich zu erzählen, was ihr begegnet war, um so den unwürdigen Verdacht, der ihm gewiß selbst weh that, mit milder Hand zu zerstreuen. Sicher, daß dem Leidenden ihre Erklärung wohlthue, schloß sie; ihm aber fiel es nicht ein, ihre freundliche Mäßigung anzuerkennen und seiner Freude Ausdruck zu geben. Vielmehr sagte er im nämlichen Tone wie vorhin: »Wenn es sich so verhält, um so besser. Stünd' es anders, hätte man es auch hinnehmen müssen. Ich wüßte nichts, wonach ich noch früge, und es ist recht so. Nur mit dem Körper bin ich noch nicht zur Ruhe gekommen. Er drückt mich wie Blei, und mit jedem Worte, das ich rede, wird er mir schwerer. Darum bitt' ich Dich, laß mich allein!« Aber die Schwester gehorchte nicht, sondern rief eifrig. »Nein, Philipp, so darf es nicht bleiben! Nimm den starken Geist zusammen und zerreiße die Bande, die ihn fesseln und lähmen.« Da stöhnte der Philosoph schmerzlich auf, und indem er sich wieder dem Mädchen zuwandte, versetzte er mit einem wehmütigen Lächeln: »Gebiete das dem Kissen dort auf dem Lehnstuhl; es würde ihm besser gelingen.« Dann rief er ungeduldig und so laut er vermochte. »Geh jetzt; Du weißt nicht, wie weh Du mir thust.« Damit wandte er sich wieder von ihr ab und drückte das Antlitz tief in die Kissen. Melissa aber legte ihm wie außer sich die Hände auf die Schulter, rüttelte ihn leise und rief: »Und wenn es Dich auch verdrießt, so geh' ich nicht von Dir. Das Unglück, das Dich in diesen Tagen verfolgte, wird Dich auch noch verderben, wenn Du Dich nicht aufraffst. Wir haben ja Geduld, und es darf langsam geschehen; doch den Versuch sollst Du machen. Auch das Kleinste, was Dich schmerzt, thut uns weh, und so darf denn auch Dir nicht gleichgiltig sein, was uns angeht. Schau, Philipp! Die Mutter und Andreas lehrten uns oft, nicht nur an uns selbst zu denken, sondern auch an andere. Wir verlangen so wenig; doch wenn Du . . .« Hier aber befreite sich der Philosoph von ihrer Hand und rief in lauten Klagetönen: »Fort, sag' ich, Du läßt mich! Noch ein Wort, und ich vergehe.« Damit verbarg er den Kopf unter die Decke, und Melissa nahm wahr, wie ihm der Körper auf und nieder flog, als schüttle ihn ein Frost. Die Zerrüttung dieses geliebten Menschen schnitt ihr tief in die Seele. O, daß sie ihm doch hätte helfen können! Gelang es ihr nicht, fand er die Kraft nicht wieder, sich aufzuraffen, so hatte auch ihn der Cäsar zu Grunde gerichtet. Verdorbene und vernichtete menschliche Leben bezeichneten die Bahn dieses Schrecklichen, und schaudernd frug sie sich, wann die Reihe an sie kommen werde. Das Haar war ihr in Unordnung geraten, und wie sie es glättete und dabei in den Spiegel schaute, fiel ihr auf, daß sie in dem schlichten, doch kostbaren weißen Gewande der verstorbenen Korinna in der That eher einer vornehmen Jungfrau als einer schlichten Künstlertochter gleiche. Am liebsten hätte sie es sich abgerissen und mit einem andern vertauscht; doch ihr einziges bescheidenes Festkleid war bei Frau Berenike geblieben. So angethan am hellen Morgen den Nachbarn zu begegnen und durch die Straßen zu gehen, schien ihr unmöglich nach dem ungerechten Argwohn des Bruders, und darum gebot sie dem Argutis, eine Sänfte zu holen. Beim Abschied sah die alte Dido ihr an, daß Philipp ihr wehe gethan habe. Ihr ahnte auch womit, und darum hielt sie jede Frage zurück, um sie nicht zu verletzen; doch am Herde stach sie grimmig in das Hühnchen, das für den Philosophen bestimmt war. Aber sie briet es dennoch mit aller Sorgfalt. Auf dem Wege zum Serapeum stieg die Unruhe Melissas. Bis dahin hatte Kampfbereitschaft, Furcht, Hoffnung und das frohe Bewußtsein, das Rechte zu thun, in ihrer Seele gewechselt. Jetzt ergriff sie zum erstenmale das Gefühl des Unglücks. Das Schicksal selbst war ihr Gegner geworden. Auch noch nach einer gelungenen Flucht konnte sie die verlorene Ruhe nicht wiederzufinden hoffen. Der Angriff des Philipp hatte ihr gezeigt, was die meisten von ihr denken mochten, und führte das Schiff sie in die Ferne, durfte sie dann den Diodor von dem alten Vater fort und sich nachziehen? Sie mußte zu dem Geliebten und, ging es an, ihm alles vertrauen. Auch die Rose, die ihr die Christin für ihn geschenkt und die in ihrem Schoße lag, hätte sie ihm so gern überbracht. Allein durfte sie sich indes nicht in das Gemach des Genesenden wagen, und die Begleitung eines Sklaven galt in den Augen der Leute für keine. Es fragte sich auch, ob man den Unfreien in die inneren Räume des Heiligtums einlassen würde. Doch sie wollte, sie mußte den Diodor sehen und sprechen, und das Nachdenken über den Weg, auf dem dies sich bewerkstelligen lasse, die Freude auf das Wiedersehen mit dem Vater, sowie die Frage, welche Aufnahme Alexander wohl bei der Christin Agathe gefunden, lösten sie aus dem Banne der bedrückenden Empfindungen, womit sie das Haus verlassen hatte. Die Sänfte hielt. Argutis half ihr atemlos beim Aussteigen; denn es war mühsam genug gewesen, ihr den Weg zu öffnen, da sich jetzt schon dichte Menschenmengen nach dem Zirkus drängten, wo die große Nachtvorstellung zu Ehren des Kaisers beim Einbruch des Dunkels beginnen sollte. Als sie eben das Haus betreten wollte, bemerkte sie den Andreas, der auf die Straße des Hermes zuschritt, und ungesäumt gebot sie dem Sklaven, ihn anzurufen. Bald stand er denn auch ihr zur Seite und zeigte sich gern bereit, sie zu Diodor zu begleiten. Im Krankenzimmer fand sie indes den Geliebten diesmal nicht allein. Zwei Heilkünstler waren bei ihm, und sie erblaßte, als sie in dem einen den römischen Leibarzt des Kaisers erkannte. Doch es war zu spät, sich vor ihm zu verbergen, und so eilte sie denn nur auf den Geliebten zu, flüsterte ihm warme Liebesworte ins Ohr, erzählte ihm hastig, daß die Ihren wieder frei seien, und beschwor ihn, während sie ihm die Rose reichte, immer und immer an sie und an ihre Liebe zu glauben, was man ihm auch zutragen möge. Diodor war wieder aufgestanden und in voller Genesung. Sein Antlitz hatte sich bei ihrem Erscheinen verklärt; als er sie aber die alte, beunruhigende Bitte wiederholen hörte, verlangte er besorgt zu wissen, was sie damit meine; sie aber wies ihn mit der Versicherung, daß sie sich schon verspätet habe, auf den Andreas und Frau Euryale, die ihm mitteilen würden, was ihr widerfahren sei und ihr jede gute Stunde verderbe. Endlich hauchte sie ihm, als sie sich einen Augenblick unbeachtet von den Anwesenden wähnte, einen Kuß auf die Lippen. Er aber ließ sie nicht los, sondern verlangte in leidenschaftlicher Zärtlichkeit, was ihm als Bräutigam gebühre, bis sie sich ihm entwand und dem Zimmer enteilte. Auf der Schwelle vernahm sie helles Gelächter und hinter derselben laute, muntere Worte. Der sie sprach, war nicht der Geliebte, und als sie, auf Andreas wartend, sich bemühte, dem Gespräch, das da drinnen begann, zu folgen, vernahm sie deutlich, wie der Leibarzt – kein anderer redete in dieser wunderlich singenden, gebrochenen Weise die griechische Sprache – fröhlich ausrief. »Beim Hunde, Jüngling, Du bist zu beneiden. Die Schönheit, der mein hoher Gebieter nachhinkt, ungerufen fliegt sie Dir in die Arme.« Da erhob sich wieder das helle Gelächter von vorhin, doch ward es diesmal von Diodors unwilliger Frage unterbrochen, was dies bedeute. Endlich vernahm Melissa, wie die tiefe Stimme des Andreas dem Jüngling verhieß, ihm nachher darüber Rede zu stehen, und wie der Christ den Genesenden, der ungeduldig eine Erklärung verlangte, zur Ruhe ermahnte und zuletzt den Leibarzt ersuchte, ihm auf kurze Zeit Gehör zu gewähren. Nun ward die Ruhe hinter der Thür eine Zeit lang nur von dem zornigen Aufbegehren und den Klagen des Diodor und beschwichtigenden Rufen des Freigelassenen unterbrochen; sie aber trieb es zu dem Geliebten zurück, um ihm selbst anzuvertrauen, wozu die letzten Tage sie gezwungen hatten; doch jungfräuliche Scheu hielt sie davon zurück, bis Andreas zu ihr hinaustrat. In den männlichen Zügen des Freigelassenen spiegelte sich tiefe Beunruhigung, und seine Stimme klang rauh und hastig, als er ihr zurief: »Du mußt fort, heute noch fort!« »Und der Vater, und die Brüder, und Diodor?« frug sie angstvoll; er aber entgegnete dringlich: »Mögen die Deinen sehen, wie sie entkommen; für Dich gibt es hier keinen Schlupfwinkel, der versteckt genug wäre. Benütze drum das Schiff, das Dich erwartet. Folge dem Argutis sogleich zu Frau Berenike. Ich kann Dich nicht begleiten; denn an mir ist es, den Leibarzt, von dem Dir die größte Gefahr droht, für die nächsten Stunden in Anspruch zu nehmen. Er sagte mir zu, mir über den See in unseren Garten zu folgen. Ich versprach ihm dort ein köstliches, echt alexandrinisches Gastmahl, und Du weißt, daß Polybius die Gelegenheit gern ergreifen wird, es mit ihm zu teilen. Auch ein goldenes Mittel, ihm die Zunge zu fesseln, muß sich wohl finden; denn wehe Dir, wenn Caracalla vorzeitig erfährt, daß Du eines andern Braut bist, und wehe dann auch Deinem Verlobten. Nach Sonnenuntergang, wenn sich hier alles in den Zirkus begibt, will ich den Diodor in Sicherheit bringen. Lebe wohl, Kind, und mag Dich der himmlische Vater behüten.« Damit legte er ihr wie zum Segen die Rechte auf den Scheitel; Melissa aber rief, die Hände ringend: »So laß mich wenigstens noch einmal zu ihm! Wie kann ich fort in die Ferne, ohne Lebewohl, ohne ein Wort des Abschieds und der Vergebung?« Doch Andreas fiel ihr abweisend ins Wort: »Du darfst nicht. Es gilt hier sein Leben wie Deines. Für ihn zu sorgen ist meine Sache; Dir ebnet die Gattin des Seleukus die Flucht.« »Und Du wirst ihn bewegen,« drang Melissa in ihn und klammerte sich fest an seinen Arm, »an mich zu glauben?« »Ich will es versuchen,« versetzte der Freigelassene dumpf; Melissa aber ließ seinen Arm los; denn von der Treppe her, bei der sie standen, kamen laute Männerstimmen näher. Heron und Alexander kehrten von dem Cäsar zurück. Ungesäumt schritt der Christ ihnen entgegen und verabschiedete den Tempeldiener, der sie führte. Melissa warf sich in dem halbdunklen Gang dem Vater weinend an die Brust, er aber strich ihr liebevoll über das Haar, küßte ihr so zärtlich, wie er sich ihr noch nie erwiesen hatte, Stirn und Augen und raunte ihr munter zu: »Trockne nur die Thränen, mein Liebling. Du hast Dich wacker gehalten, und nun kommt die Belohnung. Auf Angst und Trauer folgt jetzt Glück und Macht und alle Herrlichkeit der Erde. Noch hab' ich auch dem Alexander verschwiegen, was uns alle glücklich zu machen verheißt; denn ich kenne meine Pflicht.« Darauf erhob er die Stimme und fragte den Freigelassenen: »Bin ich recht unterrichtet, so finden wir den Sohn des Polybius in einem der Gemächer hier in der Nähe?« »Ganz recht,« unterbrach ihn der Freigelassene ernst und erklärte dann dem Steinschneider, er könne den Diodor jetzt nicht sehen, sondern müsse ungesäumt mit dem Sohn und der Tochter auf dem Schiffe der Frau Berenike das Weite suchen. Kein Augenblick sei zu verlieren. Melissa werde ihm unterwegs alles erklären. Da lachte Heron höhnisch auf: »Das wäre das Rechte! Wir haben Zeit zur Genüge, und was uns Großes bevorsteht, soll alles den geraden und rechten Weg gehen. Mein erster Gang, Du siehst es, führt mich hieher; denn dem Diodor hatte ich das Mädchen versprochen, und bevor ich es einem andern bewillige, muß es ihm mitgeteilt werden.« »Vater!« rief Melissa, der Stimme kaum mächtig; Heron aber achtete nicht ihres Einspruchs, sondern fuhr gelassen fort: »Diodor wäre mir ein lieber Schwiegersohn gewesen. Das soll er auch hören. Aber wenn der Kaiser, wenn der Beherrscher der Welt sich herabläßt, einen schlichten Mann um die Tochter zu bitten, so schweigt eben jede andere Rücksicht. Diodor ist verständig, und er wird das sicherlich einsehen. Man weiß ja, wie der Cäsar mit denen verfährt, die ihm in den Weg treten; ich aber wünsche dem Sohne des Polybius alles Gute und unterließ es darum auch, dem Cäsar zu verraten, was Dich, Kind, einmal mit dem wackern Jüngling verband.« Der Freigelassene war dem Heron nie angenehm gewesen. Das feste Wesen dieses Mannes widerstand seiner mürrischen, launenhaften Art, und so gereichte es ihm zur Genugtuung, ihn seine Ueberlegenheit fühlen zu lassen und sich vor ihm mit dem vermeinten Glücke zu brüsten, das seinem Hause bevorstand. Aber Andreas hatte schon von dem Leibarzt erfahren, daß der Kaiser den Abgesandten seiner Mutter mitgeteilt habe, er werde sich wieder vermählen, und zwar mit einer Alexandrinerin, der Tochter eines Künstlers von makedonischer Herkunft. Damit konnte nur Melissa gemeint sein, und diese Nachricht hatte ihn veranlaßt, so dringend auf der Flucht des Mädchens zu bestehen. Bleich, keines Wortes mächtig stand Melissa dem Vater gegenüber; der Freigelassene aber ergriff ihre Hand, schaute dem Heron mit einem strafenden Blick ins Antlitz und frug ihn gelassen: »Und Du hättest wirklich den Mut, das Geschick dieses lieben Kindes an das eines blutigen Wüterichs zu knüpfen?« »Den hab' ich,« entgegnete Heron bestimmt und löste die Hand der Tochter aus der des Andreas. Da wandte dieser dem Künstler mit einem vielsagenden Achselzucken den Rücken, Melissa aber eilte ihm nach, klammerte sich fest an ihn und rief, indem sie sich bald an ihn, bald an den Vater wandte: »Ich bin dem Diodor versprochen und halte fest an ihm und meiner Liebe, das sage ihm, Andreas. Was auch komme, ihm, und ihm allein will ich gehören . . . Der Kaiser . . .« »Verschwöre nichts!« fiel ihr Heron grollend ins Wort; »denn, beim großen Serapis . . .« Doch Alexander war zwischen ihn und die Schwester getreten und unterbrach den Vater mit der Bitte, zu bedenken, was er von dem Mädchen verlange. Die Werbung des Kaisers sei ihm selbst kaum erfreulich erschienen; denn warum hätte er sonst vor ihm geheim gehalten, was Caracalla mit ihm in dem Nebengemache geflüstert. Er möge sich nur vorstellen, welches Schicksal dem schutzlosen Kinde an der Seite eines Gatten bevorstehe, dessen auch Männer nur zitternd gedächten. An die Mutter möge er denken, und was sie zu solcher Verbindung gesagt haben würde. Noch sei es Zeit, dem furchtbaren Werber zu entfliehen. Hier wandte Melissa sich an den Bruder und bat ihn innig: »So führe Du mich auf das Schiff, Alexander, so sei Du mein Begleiter.« »Und ich?« frug Heron und schaute düster zu Boden. »Du folgst uns!« bat das Mädchen mit flehend erhobenen Händen. »O Andreas, sage doch etwas! Zeige ihm doch, was mich erwartet.« »Es ist ihm auch ohne mich bekannt,« versetzte der Freigelassene. »Ich muß jetzt gehen; denn es handelt sich hier um zwei Leben, Heron. Halte ich den Arzt nicht fern von dem Cäsar, vielleicht auch um das Deiner Tochter. Willst Du Dein Kind in ewiger Todesangst sehen, so gib ihm den Kaiser zum Gemahl. Liegt sein Glück Dir am Herzen, so fliehe mit ihm in die Ferne.« Damit winkte er den Geschwistern und kehrte in das Zimmer des Kranken zurück. »Fliehen, fliehen!« wiederholte der Alte und schwenkte unwillig die Hand. »Der Andreas, der Freigelassene, der Christ . . . Immer gleich das Höchste und Letzte . . . Warum denn so unbedacht mit dem Kopfe durch die Wand . . . Erst erwägen, dann handeln, hat uns auch die gelehrt, an deren heiligen Namen Du, Alexander, mich mahntest.« Dabei war Heron den Seinen voran aus dem halbdunklen Gang in einen freien Hofraum getreten, und als er die Tochter nun schnell atmend und zum Aeußersten entschlossen in dem weißen, kostbaren Gewande der Korinna, einer vornehmen Priesterin ähnlich, vor sich sah, kam ihm wieder in den Sinn, daß sie schon vor seiner Gefangennahme aufgehört habe, der bescheidene, fügsame Spielball seiner Launen zu sein. Welche stolze Schönheit war aus der stillen Goldstickerin geworden! Bei allen Göttern! Caracalla brauchte sich solcher Kaiserin nicht zu schämen. Und ungewohnt, vor seinen Kindern, was es auch sei, zurückzuhalten, lieh er dieser Ueberzeugung auch Worte. Doch er kam nicht weit; denn die Frühmahlstunde war eben vorbei, und von allen Seiten strömten Beamte und Diener des Heiligtums in den Hof, und so folgten denn Vater und Sohn der Jungfrau schweigend durch die belebten Gänge und Räume in die Wohnung des Oberpriesters. Dort wurden sie von Philostratus empfangen, der Melissa kaum Zeit ließ, Frau Euryale zu begrüßen, und ihr so hastig und erregt, wie sie ihn noch nie gesehen, mitteilte, daß der Kaiser sie ungeduldig erwarte. Dabei winkte ihr der Philosoph, ihm zu folgen, sie aber schmiegte sich wie eine Schutzsuchende an den Bruder und rief: »Ich will nicht mehr zu Caracalla! Du bist der Freundlichste und Beste von allen, Philostratus, und mußt mich verstehen. Es führt zum Bösen, wenn ich Dir folge . . . Ich kann nicht mehr zu dem Cäsar.« Doch dem Hofmanne war es nicht möglich, gegenüber dem bestimmten Befehle des Herrschers ihr nachzugeben, und so schwer es ihn auch ankam, sagte er entschieden: »Wohl versteh' ich, was Dich zurückhält; doch willst Du nicht Dich und die Deinen verderben, mußt Du Dich fügen. Und außerdem weißt Du ja noch gar nicht, was der Cäsar Dir zu bieten gedenkt, Du glückliches, unseliges Kind!« »Ich weiß, o, ich weiß es!« schluchzte Melissa, »aber gerade das . . . Ich habe dem Cäsar willig gedient; doch bevor ich einwillige, das Weib dieses Schrecklichen zu werden . . .« »Sie hat recht,« fiel Frau Euryale ihr in das Wort und zog Melissa an sich; Philostratus aber ergriff die Hand des Mädchens und sagte sanft: »Jetzt folgst Du mir, Kind, und gibst Dir das Ansehen, als sei Dir noch völlig verborgen, was der Cäsar mit Dir im Sinne hat. Es ist der einzige Weg, Dich zu retten. Während Du aber bei dem Kaiser weilst, der Dir heute ohnehin nur kurze Zeit widmen kann, kehre ich hieher zurück und halte Rat mit den Deinen. Es gilt, Wichtiges, nicht allein für Dich, zu entscheiden.« Da schaute Melissa mit den noch immer feuchten Augen Frau Euryale fragend an, sie aber nahm ihre Hand aus der des Philosophen und rief ihm zu: »Sie folgt Dir sogleich!« Dann zog sie das Mädchen sich nach in das eigene Gemach. Dort forderte sie Melissa auf, sich die Augen zu trocknen, ordnete ihr mit eigenen Händen Haar und Gewand und versprach dabei, alles aufzubieten, um ihr die Flucht zu erleichtern. Jetzt sei es an ihr, dem Kaiser so unbefangen zu begegnen wie vorgestern und gestern. Sie möge ruhig sein; denn es werde treu für sie gewacht. Nach einem kurzen Abschiede von dem Vater, der mürrisch dreinschaute, weil es ihn verdroß, gar nicht um seine Meinung gefragt zu werden, und dem Alexander, der ihr liebevoll seinen Beistand verhieß, schritt sie an der Hand des Philosophen von einem überfüllten Raum in den andern. Oft hatten sie Mühe, sich durch die Menge der Wartenden zu drängen, und in dem Vorgemach, wo die Aurelier gestern ihren Uebermut so grausam büßten, wurden sie von den blonden und rotlockigen Riesengestalten der germanischen Leibwache aufgehalten, deren Führer Sabinus, ein Thracier von besonderer Größe und Kraft, den Philosophen kannte. Caracalla hatte befohlen, niemand vorzulassen, bevor nicht die Verhandlungen mit der parthischen Gesandtschaft zum Abschluß gelangt seien, die er vor einer Stunde begonnen. Nun wußte Philostratus wohl, daß der Cäsar auch die wichtigsten Geschäfte bei der Meldung Melissas unterbrechen werde, doch hatte er der Jungfrau mancherlei ans Herz zu legen, bevor er sie dem Herrscher zuführte; sie aber wünschte nichts sehnlicher, als daß die Thür, die sie von dem furchtbaren Freier trennte, bis ans Ende der Tage verschlossen bleibe. Als der Kämmerer Adventus aus dem kaiserlichen Gemache die Wartenden überschaute, bat sie ihn, noch einige Zeit hingehen zu lassen, bis er sie melde. Der Alte blinzelte ihr mit den blöden Augen Gewährung zu; der Philosoph aber sorgte dafür, daß Melissa nicht sich selbst und der Angst ihres Herzens überlassen bleibe und bot die ganze ihm eigene Beredsamkeit auf, um ihr begreiflich zu machen, was es bedeute, die Gemahlin des Beherrschers der Welt und eine Kaiserin zu sein. In feuriger Rede stellte er ihr vor, wie viel Gutes man als solche zu stiften, wie viel Thränen man zu trocknen vermöge. Auch an den heilenden und sänftigenden Einfluß erinnerte er sie, den sie auf Caracalla übe; dieser Einfluß aber stamme zweifellos von den Göttern, weil er das Natürliche überschreite und höchst segensreich wirke. Solches Geschenk der Himmlischen dürfe der Mensch nicht abweisen, um einer alltäglichen Herzensneigung Genüge zu thun. Der Jüngling, auf dessen Liebe es zu verzichten gelte, werde sich mit den Vielen zu trösten wissen, denen täglich Schlimmeres begegne. Schnell werde es ihm gelingen, einen Ersatz, wenn auch keinen gleich schönen, zu finden. Dagegen sei sie unter Millionen die einzige, deren Herz sich mitleidig und einem göttlichen Befehle gehorsam dem Caracalla zugewandt habe. Entfliehe sie ihm, so werde sie den Cäsar des einzigen Wesens berauben, auf dessen Liebe er ein Recht zu haben meine. Sie werde, wenn sie den hohen Freier erhöre, den Unbändigen zu zähmen, seine Wut zu mildern vermögen, und zum Dank für ein Opfer, das vor ihr so viele gebracht, das einzig herrliche Bewußtsein eintauschen, der ganzen Welt den höchsten der Dienste zu leisten; denn durch sie und ihre Liebe werde sich der Wüterich im Purpur in einen milden Herrscher verwandeln. Der Segen der Tausende, die sie beschützte und errette, werde ihr auch das Schwerste erträglich machen und süß. Hier schwieg Philostratus und schaute ihr fragend ins Antlitz; sie aber schüttelte leise das Haupt und versetzte: »Der Kopf ist mir so wirr, daß selbst das Hören mir schwer fällt; ich fühle aber doch, wie gut gemeint Deine Rede war und wie weise. Was sie mir zu bedenken gibt, wäre sicherlich wert der Erwägung, wenn es für mich überhaupt noch etwas zu überlegen gäbe. Ich habe mich einem andern angelobt, der mir mehr gilt als alles, mehr auch als Dank und Segen der bedrohten Leute, die ich nicht kenne. Ich bin ja nichts als ein armes Mädchen, das gern glücklich sein möchte. Weder Götter noch Menschen erwarten mehr von mir, als daß ich meine Pflicht thue gegen diejenigen, welche mir lieb sind. Und dann, wer sagt Dir denn, daß es mir gelingen würde, den Kaiser, wozu es auch sei, zu bestimmen?« »Wir sind Zeuge der Macht gewesen, die Du auf ihn übst,« erwiderte der Philosoph; Melissa aber schüttelte das Haupt und fuhr eifrig fort: »Nein, nein! Er schätzt an mir nur die Hand, die sich als heilsam gegen Schmerz und Schlaflosigkeit bewährte. Die Liebe, die er etwa für mich empfindet, macht ihn weder sanfter noch besser. Wenige Stunden, bevor er mir bekannte, daß sich sein Herz mir zugeneigt habe, ließ er den Titianus ermorden.« »Ein Wort von Dir,« versicherte der Philosoph, »und es wäre ungeschehen geblieben. Als Kaiserin wird man Dir gehorchen wie ihm. Wahrlich, Kind, es ist nichts Kleines, den Göttern gleich hoch über den anderen Sterblichen zu thronen.« »Nein, nein!« rief Melissa und fuhr aufschaudernd fort. »Diese Höhe! Denk' ich nur an sie, so dreht sich alles mit mir im Kreise. Auf solchen Platz darf sich nur eine Schwindelfreie wagen. Jeder versucht gern das Beste aus sich zu machen. Dem Diodor kann ich eine gute Hausfrau sein, aber eine wie schlechte Kaiserin würde ich werden! Ich bin nicht für die Größe geboren. Und dazu – was ist denn das Glück? Ich fühlte es immer nur, wenn ich still und unbesorgt that, was mir oblag. Als Herrscherin aber würde die Furcht mich keinen Augenblick verlassen. O, ich kenne die gräßliche Angst zur Genüge, die dieser Schreckliche um sich verbreitet, und eh' ich mich entschlösse, sie mich bis ans Ende peinigen zu lassen bei Tag und bei Nacht, des Morgens, Mittags und Abends, viel lieber wollt' ich heute schon sterben. Darum bleibt mir keine Wahl. Aus dem Auge muß ich dem Kaiser, fort von hier, in die Ferne.« Hier wollten ihr wiederum Thränen die Stimme ersticken, doch sie kämpfte wacker gegen sie an. Philostratus aber bemerkte es wohl und schaute ihr bald wehmütig ins Antlitz, bald sinnend zu Boden. Endlich begann er mit einem leisen Seufzer: »Man sammelt Erfahrungen im Leben und handelt ihnen, so alt man auch wird, dennoch entgegen. Jetzt muß ich es büßen. Doch es liegt noch in Deiner Hand, mich den Tag segnen zu lassen, an dem ich Dein Fürsprecher wurde. Vermöchtest Du Dich zu wahrer Seelengröße aufzuschwingen, Mädchen, durch Dich – ich beschwöre es – würden die Bürger dieses Weltreiches vor großen Heimsuchungen sicher gestellt werden.« »Aber, Herr,« unterbrach ihn Melissa, »wer verlangt wohl so hohe Dinge von einem bescheidenen Mädchen? Gut und hilfreich gegen die Hausgenossen, die Freunde und Stadtgenossen zu sein, lehrte mich die Mutter; dem Bräutigam Treue zu halten, befiehlt mir das eigene Herz. Aber ich mag die Römer nicht, und was sind mir Gallier, Dacier, Geten oder wie diese Barbaren sonst heißen?« »Und doch,« versetzte Philostratus, »hast Du für den fremden Tyrannen geopfert.« »Weil seine Schmerzen mein Mitleid erregten,« entgegnete Melissa errötend. »Und hättest Du dasselbe für einen mit bejammernswert schweren Wunden bedeckten, herrenlosen schwarzen Sklaven gethan?« fragte der Philosoph. »Nein,« entgegnen sie schnell. »Dem hätt' ich mit eigener Hand Beistand geleistet. Wo ich ohne sie helfen kann, wend' ich mich nicht an die Götter. Und dann . . . Ich sagt' es ja schon: Sein Leid schien doppelt groß, weil es so grell abstach von dem hellen Glanz und dem Glücke.« »Und so,« sagte der Philosoph ernst, »verzehnfacht, vertausendfacht sich auch das Kleine, das den Herrscher betrifft, für die Beherrschten. Wenn man durch ein geschliffenes Glas mit vielen Flächen einen Baum ins Auge faßt, wird daraus ein Wald. So gestaltet sich auch das Unbedeutende, das auf den Kaiser wirkt, zum Bedeutenden für die Millionen, denen er gebietet. Der Verdruß des Cäsar bringt Tausenden Schaden, aus seinem Zorn erwächst ihnen Tod und Verderben. Ich fürchte, Mädchen, daß Deine Flucht viel Schweres über diejenigen bringen wird, welche den Kaiser umgeben, und hier wahrlich nicht zuletzt über die Alexandriner, zu denen Du gehörst, und denen er ohnehin grollt. Du sagtest einmal Deine Vaterstadt sei Dir teuer.« »Das ist sie,« versetzte Melissa, deren Antlitz bei den letzten Worten bald errötet, bald erblaßt war, »aber so klein kann der Kaiser nicht sein, daß er eine große Stadt büßen läßt, was die arme Tochter eines Steinschneiders ihm anthut.« »Du denkst an meinen Achill,« entgegnete der Philosoph. »Aber nur was ich Gutes an Caracalla erkannte, übertrug ich auf die Gestalt des Heros. Und dann, Du weißt es ja: Im Zorne ist der Cäsar nicht mehr er selbst. Lehrte mich nicht die Erfahrung, daß es keine Gründe gibt, die stark genug wären, um ein liebendes Frauenherz zu überzeugen, so rief' ich Dir jetzt noch einmal zu: Bleibe hier! Weise das glänzende Geschick nicht von Dir, das die Götter Dir bieten, damit Deiner Stadt nicht wie einst dem unseligen Troja um eines Weibes willen großes Leid widerfahre. Zeus hört nicht die Schwüre der Liebenden, sagt das Sprichwort; ich aber füge hinzu: Der Liebe zu entsagen, um andere zu beglücken, ist größer und schwerer, als an ihr festzuhalten, wenn sie bedroht wird.« Diese Worte erinnerten sie an manche Lehre des Andreas, und sie griffen ihr ins Herz. Vor dem inneren Auge sah sie den Caracalla, wie er, nachdem er erfahren, daß sie geflohen, seinen Löwen auf den Philostratus hetzte und dann schäumend vor Wut den Befehl gab, den Vater und die Brüder, den Polybius und seinen Sohn wie den Titianus auf den Richtplatz zu schleppen. Und Philostratus gewahrte, was in ihr vorging, und mit dem kurzen Rufe: »Bedenke, wie vieler Menschen Wohl und Wehe in Deiner Hand liegt,« erhob er sich und begann ein Gespräch mit dem thracischen Befehlshaber der germanischen Wache. Melissa blieb allein auf dem Diwan zurück. Vor ihrem inneren Auge verwandelte sich das Bild, und sie sah sich in kostbaren Purpurgewändern und blitzendem Schmuck an der Seite des Kaisers auf einem goldenen Wagen. Das Volk jauchzte ihr tausendstimmig zu, und neben ihr stand ein Füllhorn, das von goldenen Solidi und purpurnen Rosen überfloß und nicht leer ward, soviel sie ihm auch entnahm. Und dabei ging das Herz ihr auf, und wie sie in der Menge, die ihr die rege Einbildungskraft zeigte, das Weib ihres Schlossers Herophilus erkannte, der durch eine Anklage des Zminis in Gefangenschaft geraten war, wandte sie sich an den Cäsar, den sie im Geiste immer noch auf dem Wagen neben sich sah, mit dem kurzen Rufe: »Gnade!« Und Caracalla nickte ihr Gewährung zu, und im nächsten Augenblicke lag das Weib des Herophilus an der Brust des Befreiten, dem die gebrochenen Ketten noch an den Knöcheln klirrten. Die Kinder der Wiedervereinten waren nun auch da und streckten die Aermchen zu den Eltern empor und boten erst ihnen glückselig die Lippen und dann auch ihr. Wie schön das war, und wie es ihrem mitleidigen Herzen so wohl that! Und das, sagte ihr der neu erwachte, erwägende Geist, brauche kein bloßer Traum zu bleiben, nein, es liege in ihrer Hand, es sich selbst und so vielen immerfort, Tag für Tag, bis ans Ende, zu teil werden zu lassen. Da drängte es sie schon, sich zu erheben und dem Freunde zuzurufen: »Ich folge Deinem Rate und bleibe; doch die Einbildungskraft hatte schon ihr Spiel von neuem begonnen und zeigte ihr die Witwe des Titianus, wie sie den Cäsar anflehte, des edlen, unschuldigen Gatten zu schonen, und wie er sie grausam zurückwies. Da kam es ihr in den Sinn, daß es ihren Gnadenersuchen ähnlich ergehen könne, und im nämlichen Augenblicke ließ sich aus dem Nebengemache die grollende Stimme des Kaisers vernehmen. Wie gräßlich ihr kreischender Ton klang! Da senkte sie den Blick, und er fiel auf das Gefieder der schneeweißen Tauben, die das Mosaikbild auf dem Estrich darstellten, und auf einen dunklen Fleck an demselben. Das war die letzte Spur des Blutes des jungen Tribunen, die es den Bürsten der Aufwärter nicht zu beseitigen gelungen. Und diese unvertilgbare Spur der Unthat, deren Zeuge sie gewesen, führte ihr das Bild des verwundeten Aureliers vor die Seele. Von Fieber geschüttelt lag er darnieder, und ebenso hatte sie vor wenigen Tagen den Geliebten gesehen. Sein bleiches Antlitz stellte sich ihr wieder vor das innere Auge, und würde es ihn nicht furchtbarer als ein Steinwurf treffen, wenn er erfuhr, daß sie ihm treulos geworden, um mächtig zu werden und groß, und andere, ihr Fremde, vor der Wut des Tyrannen zu schützen? Von Kind an hatte sein Herz ihr gehört, und es mußte brechen und verbluten, wenn sie das Gelöbnis brach, worauf er baute. Oder verwand er auch, was sie ihm anthun sollte, war es doch sicher auf lange Zeit um sein Glück geschehen und seine Ruhe. Wie hatte sie nur einen Augenblick zweifeln können, was hier ihre Pflicht sei? Folgte sie dem Philostratus, that sie dem Cäsar den Willen, so war Diodor berechtigt, sie zu verdammen und zu verwünschen. Und wußte sie sich denn ganz ohne Schuld? Schnell genug erhob sich eine Stimme, die dies verneinte; denn es hatte Stunden gegeben, in denen das Mitleid so mächtig in ihr geworden war, daß sie wärmer für den kranken Cäsar gefühlt, als es recht war. Ja, sie konnte es nicht leugnen; denn sie hätte dem Geliebten nicht ohne zu erröten, beschreiben können, wie es ihr zu Mute gewesen, als sie, sie wußte selbst nicht, welche geheime Macht zu dem Kaiser hingezogen hatte. Und nun wuchs schnell und stark in ihr die Ueberzeugung, daß sie den Geliebten nicht nur vor neuem Weh zu behüten, sondern auch an ihm gut zu machen habe, was sie verschuldet. Der Gedanke, ihre Liebe zu opfern, um für andere – und noch dazu wahrscheinlich vergeblich – einzutreten, um ihr Los zu erleichtern und durch das Fremden gebrachte Opfer sich selbst elend und den einzig Geliebten unglücklich zu machen, erschien ihr jetzt wunderlich, frevelhaft, unfaßlich, und tief aufatmend gedachte sie nun wieder der Zusage, die sie dem Andreas gegeben. Auch ihm, der sie immer zum Guten ermahnt, konnte sie nun wieder frei in das ernste, mahnende Antlitz schauen. So, so allein war es recht, so mußte es sein! Doch nach den ersten, schnellen Schritten, die sie dem Philostratus entgegenthat, blieb sie noch einmal zaudernd stehen. Das Wort von der Erfüllung der Zeit war ihr zugleich mit der Erinnerung an den Christen wieder in den Sinn gekommen, und sie sagte sich, daß die Stunde der Entscheidung, vor die jeder Mensch einmal gestellt wird, für sie gekommen sei. An der Antwort, die sie dem Philostratus erteilte, hing das Wohl und Wehe ihrer Zukunft Wie ein Schreck überkam sie dieser Gedanke; doch nur einen Augenblick. Dann richtete sie sich höher auf, und während sie dem Freunde nähertrat, empfand sie froh, daß sie gut gewählt habe, ja, daß es sie wenig kosten würde, dafür den Tod zu erleiden. Philostratus hatte, während er ganz hingenommen von dem Gespräch mit dem Thracier zu sein schien, nicht aufgehört, sie verstohlen zu beobachten, und dem Menschenkenner war es nicht entgangen, wozu sie sich entschloß. Fest überzeugt, sie dem Caracalla gewonnen zu haben, hatte er sie sich selbst überlassen. Es war ihm gewiß erschienen, daß die Saat, die er in ihre Seele gestreut, aufgehen, daß sie sich nun deutlicher vorstellen werde, was es ihr als Kaiserin selbst zu genießen und von anderen fernzuhalten vergönnt sei; denn sie war klug und nachdenklichen Sinnes und dazu – davon hatte er das Beste erwartet – doch nur ein Weib. Aber eben weil sie ein Weib war, durfte er sich nicht wundern, daß seine Erwartung getäuscht ward. Das Gegenteil wäre ihm um Caracallas und seiner Umgebung willen erfreulicher erschienen, doch er war ein guter Mensch und hatte sie zu lieb gewonnen, als daß ihm der Gedanke, sie an den zügellosen jungen Wüterich gekettet zu sehen, nicht peinlich gewesen wäre. Bevor sie ihn noch anrief, verabschiedete er sich von dem Thracier. Dann raunte er ihr, während er sie auf den Diwan zurückführte, zu: »Da wäre man wieder um eine Erfahrung reicher geworden. Künftig setz' ich, wenn ich einer Frau überlasse, einen Entschluß zu fassen, von vornherein voraus, daß sie sich für das Gegenteil dessen entscheiden werde, was ich als Philosoph und logisch denkender Mann erwartet hatte. Du bestehst darauf, Deinem Bräutigam die Treue zu halten und dem höchsten aller Werber – er wird nach seinem Tode ein Gott sein – den Dolch in die Brust zu stoßen; denn eine ähnliche Wirkung wird Deine Flucht auf ihn üben.« Da nickte Melissa ihm heiter zu und versetzte: »Das Leben kostet der stumpfe Stahl, den ich führe, den Cäsar gewiß nicht, auch wenn er kein künftiger Unsterblicher wäre.« »Kaum,« entgegnete Philostratus, »doch was ihm durch Dich widerfährt, wird ihn antreiben, die eigene nur zu scharfe Waffe gegen andere zu erheben. Caracalla ist ein Mann, und ihm gegenüber haben meine Voraussetzungen bisher sich gewöhnlich bestätigt. Wie fest ich in diesem Fall an sie glaube, magst Du daraus ersehen, daß ich schon vorhin einen Brief der Mutter des Kaisers, den ihre Boten brachten, benützte, um mich von ihm zu verabschieden; denn, sagte ich mir, erhört Melissa den Kaiser, so braucht sie keinen andern Bundesgenossen als den Knaben Eros; flieht sie aber, – dann wehe denen, die sich in der Nähe des Erzürnten befinden, und zehnfach mir, der den Flüchtling in seine Nähe geführt hat. Morgen früh fahr' ich, bevor noch Caracalla das Lager verläßt, mit den Boten der Julia zu ihr zurück; der Platz auf dem Schiffe . . .« »O Herr,« unterbrach ihn Melissa bestürzt, »wenn auch Du, mein gütiger Beschützer, mich verläßt, von wem kann ich Beistand erwarten?« »Bedarfst Du seiner denn noch, wenn Du den Willen zur That machst?« fragte der Philosoph. »Nachher, und so lang dieser Tag währt, wirst Du mich vielleicht brauchen, und ich schärfe Dir nochmals ein, Dich dem Caracalla gegenüber so zu verhalten, daß auch seine mißtrauische Seele nicht ahnen kann, was Du im Sinne trägst. Du findest mich heute noch stets bereit, Dir zu helfen. Aber hörst Du? . . . Da tobt der Cäsar schon wieder. So entläßt er gern die Abgesandten, denen er einprägen will, daß ihre Bedingungen ihm nicht anstehen. Und nun schnell noch dies! . . . Wenn man grau wird, dann freut es das Herz doppelt, eine so schöne Jungfrau aufrichtig bedauern zu sehen, daß man fortgeht. Ich war von je ein Freund Deines liebenswerten Geschlechtes, und Eros ist mir heute noch bisweilen gewogen. Du aber, je anmutiger Du bist, um so tiefer muß ich beklagen, daß ich Dir nicht mehr sein durfte als ein alter, freundlicher Mentor. Aber erst ließ das Mitleid die Liebe nicht zu Worte kommen, dann die alte Erfahrung, daß jedes Frauenherz zu gewinnen ist, außer dem, das schon einem andern gehört.« Dem alternden Freunde schöner Frauen waren diese Worte in so liebenswürdig bedauerlichem Tone von den Lippen geflossen, daß Melissa mit den hellen, großen Augen warm zu ihm aufschaute und schalkhaft versetzte: »Hätte Eros den Philostratus vor dem Diodor den Weg zu Melissa gewiesen, so nähme Philostratus vielleicht die Stelle in ihrem Herzen ein, die jetzt dem Sohne des Polybius gehört und immer gehören wird, trotz des Cäsar.« Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Thür des Tablinums flog auf, und ihr entströmte die parthische Gesandtschaft, sieben stattliche Herren in der prächtigen Tracht ihrer Heimat, denen ein Dolmetsch und mehrere Schreiber folgten. Melissa nahm wahr, wie der eine, ein junger Krieger, dem ein blonder Bart das schöngeschnittene Heldenantlitz umwallte und volles Lockenhaar aus der Tiara hervorquoll, die nervige Faust um den Griff des Schwertes krampfte, und wie sein Nachbar, ein bedächtiger Greis, ihm besänftigend zusprach. Kaum hatten sie das Vorgemach verlassen, als der alte Adventus die Wartenden zu dem Cäsar berief. Caracalla saß auf einem erhöhten Throne von Gold und Elfenbein mit scharlachroten Polstern. Wie gestern war er prächtig gekleidet und trug auch den Lorbeerkranz auf dem Haupte. Der Löwe, der neben dem Thron an der Kette lag, regte sich, als er die Eintretenden erblickte; Caracalla aber rief Melissa entgegen: »So lange miedest Du mich, daß mein ›Perserschwert‹ Dich nicht wiedererkennt. Wenn es mir nicht weit wohler thäte, Dir zu zeigen, wie lieb Du mir bist, könnt' Dir zürnen, Du spröder Flüchtling!« Als Melissa ihn nun ehrerbietig begrüßte, schaute er ihr entzückt in das erglühende Antlitz und sagte, indem er sich halb an sie, halb an Philostratus wandte: »Wie sie errötet. Sie schämt sich, daß sie in dieser Nacht, als ich keinen Schlaf finden konnte und eine unbeschreibliche Unruhe mich quälte, meinem Rufe nicht folgte, obgleich sie sehr wohl weiß, daß die einzige wirksame Arznei für den schlaflosen Freund ihre schöne kleine Hand ist. Still, still! Der Oberpriester sagte mir schon, Du habest nicht unter dem gleichen Dache mit mir geruht. Aber das eben gab meinen Wünschen die rechte Richtung. Kind, Kind! . . . Sieh nur, Philostratus . . . Aus der roten ist eine weiße Rose geworden. Und diese bange Scheu! – Sie beleidigt mich nicht, nein, sie erfreut mich . . . Die Blumen dort her, Philostratus! Nimm sie, Melissa. Sie schmücken Dich weniger, als Du ihnen zur Zierde gereichst.« Damit griff er nach den herrlichen Rosen, die er heute in aller Frühe für sie bestellt, und steckte ihr die schönste selbst in den Gürtel. Sie ließ es geschehen und stammelte dabei leise Dankesworte. Wie seine Wangen glühten! Mit frohem Entzücken hingen seine Blicke an der Erwählten. In dieser Nacht, nachdem er sie gerufen und ihrem Kommen mit fieberhafter Sehnsucht vergeblich entgegengeharrt hatte, war es ihm zur Gewißheit geworden, daß das bescheidene Kind eine neue, große Leidenschaft in ihm erweckt habe. Er liebte sie, und er, der bisher nur flüchtiges Wohlgefallen an schönen Frauen empfunden, freute sich dessen. Von marternder Sehnsucht gequält, hatte er sich geschworen, sie zu der Seinen zu machen und mit ihr alles zu teilen, ja selbst den Purpur. Das Zaudern war nicht seine Sache, und schon am frühen Morgen hatte er die Boten der Mutter rufen lassen und sie von seinem Entschluß unterrichtet. Niemand wagte, ihm zu widersprechen, und von derjenigen, die er so hoch erheben wollte, erwartete er es am letzten; sie aber fühlte sich ihm völlig entfremdet, und wie gern hätte sie ihm ins Gesicht gerufen, was sie empfand. Doch es galt, standzuhalten, auch das Unerträgliche über sich ergehen zu lassen, und sich sogar zum Reden zu zwingen. Dennoch war ihr die Zunge wie gelähmt, und sie mußte die ganze Willenskraft zusammennehmen, um dem Erstaunen über seine schnelle Genesung in klaren Worten Ausdruck zu geben. »Es ist wie ein Wunder,« schloß sie; er aber bestätigte dies. Sonst mache sich dergleichen vier Tage und länger noch fühlbar. Das Erstaunlichste aber sei, daß er trotz des besten Wohlseins doch unter der schwersten aller Krankheiten leide. »Dem Fieber der Liebe, mein Philostratus,« rief er mit einem zärtlichen Blick auf Melissa, »bin ich verfallen.« »Aber, mein Cäsar,« unterbrach ihn der Philosoph. »Nicht das Lieben ist eine Krankheit, sondern das Nichtlieben.« »Beweise diese neue Behauptung,« lachte der Kaiser, und jener fuhr mit einem bezeichnenden Blick auf die Jungfrau fort: »Wenn das Lieben vom Sehen ausgeht, so sind die blind, welche nicht lieben.« »Aber,« versetzte Caracalla munter, »man sagt, nicht nur, was das Auge, sondern auch was Seele und Geist fesselt, wecke die Liebe. »Als wenn Geist und Seele nicht auch Augen besäßen!« lautete die Antwort, und der Kaiser stimmte ihm lebhaft bei. Dann frug er Melissa mit leisem Vorwurf, warum sie, die ihm gestern bewiesen, daß es ihrem Geiste wahrlich nicht an Schlagfertigkeit fehle, sich heute so zurückhaltend zeige; sie aber schob ihre Einsilbigkeit auf die gewaltigen Erregungen, die heute von früh an auf sie eingestürmt seien. Die Stimme versagte ihr am Schluß dieser Erklärung, und Caracalla, der aus ihrem plötzlichen Verstummen schloß, daß es die Größe der Wandlung sei, die ihr durch seine Gnade bevorstand, was sie verwirrte und mit den zarten Farben auf ihren Wangen sein Spiel trieb, ergriff ihre Hand und sagte, einer besseren Regung gehorsam: »Ich verstehe Dich, Kind. Es begegnen Dir hier Dinge, die auch eine Stärkere ängstigen müssen. Mit halben Worten bekommst Du zu hören, was doch entscheidend auf Deine Zukunft einwirken muß. Du weißt, wie ich Dir gesinnt bin. Schon gestern bekannte ich, was Dir ja ohne Worte bewußt war. Beide fühlen wir die Macht, die uns zu einander hinzieht. Wir gehören zusammen. In Zukunft darf weder Zeit, noch Raum, noch was es sonst sei, uns trennen. Wo ich bin, sollst auch Du sein. In allen Stücken wirst Du mir gleichstehen. Jede Ehre, die mir zukommt, wird man auch Dir erweisen. Den Mißgünstigen zeigte ich schon, was ihrer wartet. Des Konsularen Claudius Vindex und seines Neffen, die in Deiner Person auch mich beleidigten, wartet ein Schicksal, das die anderen lehren wird, sich zu hüten.« »O Herr, der weißhaarige Greis!« fiel ihm Melissa mit flehend erhobenen Händen ins Wort. »Er stirbt samt seinem Neffen,« lautete die entschiedene Antwort. »Sie erfrechten sich beide, bei meinem Gespräche mit den Gesandten der Mutter die Stimme in einer Weise gegen Dich und meinen heißesten Herzenswunsch zu erheben, die der Auflehnung gleichsah. Sie werden es büßen.« »Um meinetwillen willst Du sie strafen!« rief Melissa. »Ich aber vergebe ihnen gern. Schenk ihnen Gnade! Ich bitte, ich flehe Dich an.« »Unmöglich! Ohne dies Beispiel kommen die Lästerzungen noch lange nicht zur Ruhe. Das Urteil bleibt stehen.« Doch Melissa beruhigte sich nicht bei dieser Entscheidung. Noch einmal bat sie mit glühendem Eifer den Kaiser, Gnade zu üben, er aber schnitt ihr das Wort ab mit dem Geheiß, sich von Dingen fern zu halten, die er allein zu bestimmen und zu verantworten habe. »Jedes Hindernis aus dem Wege zu räumen,« fuhr er fort, »bin ich Dir schuldig wie mir. Wollt' ich des Vindex schonen, es wäre um ihren Glauben an meinen ernsten Willen geschehen. Er stirbt samt dem Neffen. Einen Hochbau zu errichten, ohne die Fundamente zu festigen, wäre vermessene Thorheit. Auch ohne der Vorzeichen zu achten, beginne ich nichts. Das Horoskop, das die Priester dieses Tempels Dir stellten, bestärkte mich in meinem Vorsatz. Die Opferschau heute morgen war günstig. Jetzt gilt es noch, zu erkunden, was die Sterne zu meinem Entschlusse sagen. Bei der ersten Frage an die Schicksalskünder da oben war er noch nicht gefaßt. In dieser Nacht wird sich's ergeben, welche Zukunft die Planeten unserer Verbindung verheißen. Nach den Angaben auf der Tafel dort ist es kaum denkbar, daß ihre Entscheidung anders ausfällt als günstig. Aber selbst wenn sie mich vor Mißgeschick an Deiner Seite warnten, könnt' ich Dich nicht mehr lassen. Dazu ist es zu spät. Ich würde nur, achtsam auf die Winke der Sterne, mit doppelter Strenge fortfahren, aus dem Wege zu räumen, was unser Bündnis bedroht. Und dann noch eins . . .« Doch er ward unterbrochen; denn Epagathos erinnerte ihn an die Deputation der alexandrinischen Bürger, die wegen der Spiele im Zirkus gekommen seien. Sie warteten schon mehrere Stunden und hätten noch manche Anordnung zu treffen. »Schicken sie Dich zu mir?« fragte Caracalla gereizt, und als der Freigelassene dies bejahte, rief er: »Die Fürsten, die in meinem Vorzimmer warten, rühren sich nicht, bis die Reihe an sie kommt; diesen Krämern verwirrt der Glanz ihres Goldes die Sinne. Sage ihnen, man werde sie rufen, sobald man Zeit für sie finde.« »Auch der neue Nachtstrateg wartet,« meldete der Freigelassene, und auf des Kaisers Frage, ob er ihn gesprochen habe und ob er etwas Wichtiges bringe, entgegnete der andere, der Mann sei in großer Unruhe, scheine aber die nötige Strenge walten zu lassen. Er erinnere auch an das Wort, den Alexandrinern müsse man Brot und Wettrennen hinwerfen; um anderes kümmerten sie sich wenig. In diesen Tagen ohne Spiele, Schaustellung und Kornverteilung seien die Römer und der Kaiser der einzige Gegenstand des Gesprächs gewesen. Im Zirkus stehe heute Großartiges bevor. Schon das werde den frechen Lästerzungen neue Beschäftigung geben. Der Nachtstratege hätte den Kaiser gern selbst gesprochen, um ihn vorzubereiten, daß es hier lebhafter im Zirkus zugehe als selbst in Rom. Trotz aller Wachsamkeit werde er den Pöbel auf den oberen Rängen nicht zwingen können, sich still zu verhalten. »Das sollen sie auch nicht,« unterbrach ihn der Kaiser, »je lauter sie schreien, um so besser; und ich denke, sie werden Dinge zu sehen bekommen, die des Zurufes wert sind. Es fehlt mir an Zeit, den Mann zu sehen. Gib Du ihm zu bedenken, daß jede Ausschreitung auf sein Haupt kommt.« Damit winkte er dem Epagathos, zu gehen; Melissa aber trat dem Cäsar näher und bat bescheiden, die würdigen Herren um ihretwillen nicht länger warten zu lassen. Da zog Caracalla die Stirne kraus und rief unwillig: »Zum zweitenmal muß ich Dich bitten, Dich nicht in Dinge zu mischen, die Dich nichts angehen. Wer es wagt, mich zu meistern . . .« Hier aber unterbrach er sich selbst; denn als Melissa scheu von ihm zurücktrat, gewahrte er, daß auch die Liebe nicht stark genug sei, ihm Mäßigung aufzuerlegen. Aergerlich über sich selbst, zwang er sich zu größerer Ruhe und fuhr gelassener fort: »Wenn ich Befehle erteile, Kind, so liegt oft etwas hinter ihnen verborgen, das ich allein kenne. Wer sich an die Person des Cäsar herandrängt wie diese, der muß sich zu gedulden verstehen. Und Du . . . Wenn Du diejenige sein wirst, zu der ich Dich zu erheben gedenke, solltest Du Dich zuerst bemühen, von kleinlichen Rücksichten und Bedenken zu lassen. Uebrigens kommt das schon von selbst. Weichmütige Milde zerschmilzt auf dem Throne wie das Eis in der Sonne. Du lernst auch bald genug das Gezücht verachten, das uns umbettelt. Wenn ich vorhin aufbrauste, so lag die Schuld mit an Dir. Es war mein Recht, zu erwarten, Du werdest begieriger sein, mich zu Ende zu hören, als armseligen Krämern das Warten zu kürzen.« Hier nahm seine Stimme wieder einen rauheren Klang an; als sie aber den Blick zu ihm erhob und ihm ein bittendes: »O Herr!« zurief, fuhr er gütiger fort: »Es bleibt auch nicht viel zu sagen übrig. Du wirst die Meine. Bestätigen die Sterne ihr erstes Gutachten, so erheb' ich Dich hier in der Stadt des Alexander schon morgen zu meiner Gemahlin und lasse das Volk Dir als Kaiserin huldigen. Der Alexanderpriester ist bereit, die Vermählungsfeier zu leiten. Philostratus überbringt diesen Entschluß meiner Mutter.« In wachsender Verwirrung, tief atmend und keines Wortes mächtig, war Melissa diesen Verordnungen gefolgt; den Cäsar aber entzückte die reizende Verwirrung, die sich in ihren Zügen malte, und froh erregt rief er: »Auf diese Stunde hab' ich mich gefreut, und die Ueberraschung gelang. Das ist götterähnlich an der kaiserlichen Macht, daß sie gestattet, auf einen Wink aus dem Kleinsten das Höchste zu machen.« Dabei zog er Melissa an sich, küßte der zitternden Jungfrau die Stirn und fuhr in froher Erregung fort. »Die Zeit steht nicht still, und von dem ersehnten Ziele trennen uns nur noch wenige Stunden. Laß uns ihnen Flügel verleihen! Wir nahmen uns ja gestern vor, einander zu zeigen, was wir als Sänger und Zitherspieler vermögen. Da liegt mein Saitenspiel. Gib es her, Philostratus, ich weiß schon, womit ich beginne.« Der Philosoph brachte und stimmte das Instrument; Melissa aber hielt mühsam die Thränen zurück. Der Kuß des Kaisers glühte ihr wie ein Schandmal auf der Stirn. Eine namenlose, schmerzliche Unruhe war über sie gekommen, und am liebsten hätte sie die Zither zu Boden gestoßen, als Caracalla in die Saiten zu greifen begann und dem Philostratus zurief: »Du gehst morgen von uns, und so will ich denn das Lied singen, das Du in Deinen Heldengeschichten zu Ehren brachtest.« Dann wandte er sich an Melissa, und als sie die Frage, ob sie das Werk des Philosophen kenne, bejahte, fuhr er fort: »So weißt Du, daß ich ihm zu seinem Achilleus Modell stand. Der abgeschiedene Geist des Heros genießt auf der Insel Leuke im Pontus der seligen Ruhe, die ihm nach dem thatenreichsten Heldenleben gebührt. Nun findet er auch Zeit, Lieder zum Saitenspiel zu singen, und die folgenden Verse – sie sind von mir – legt Philostratus ihm in den Mund. Ich will spielen, Adventus! Die Thür auf!« Der Freigelassene gehorchte, der Kaiser aber schaute in das Nebengemach, um sich zu überzeugen, wer sich dort befinde. Er brauchte Zuhörer für seinen Gesang. Der Zirkus hatte ihn an lauteren Beifall gewöhnt, als ihn die Geliebte und ein Kenner zu spenden vermochten. Endlich schlug er die Saiten und begann mit einem wohlgeübten Tenor, dessen scharfer, schmelzloser Klang indes dem verwöhnten Ohre der Alexandrinerin weh that, das Lied auf das Echo am Pontus: »Echo an der tiefen Wasser Weiten, An des großen Pontus Felsenstrand, Dich erwecken setzt der Lyra Saiten, Die begeistert schlägt des Dichters Hand. Auf! die Stimme mächtig zu erheben! Dem Homerus töne hell dein Lied, – Ihm, der Helden göttlich ew'ges Leben, Ihren Thaten hehren Ruhm beschied. Der auch mich dem blassen Tod entrückte, Ihm, durch den Patroklus mir noch lebt, Der mit Jugendblüte Ajax schmückte, Daß er götterähnlich vor uns schwebt. Dessen Laute, wenn auch speerbezwungen, Ilion danket, daß es preist die Welt, Daß es hochgefeiert, hell besungen, Ewig blüht und nie in Staub zerfällt.« Eigene Uebersetzung aus dem Heroïca des Philostratus. Den Löwen »Perserschwert« schien der Gesang seines Herrn besonders zu rühren; denn er begleitete ihn mit einem langgezogenen Klagelaut, und bevor der kaiserliche Virtuos das Lied beendet, scholl von der Straße her ein mißtönendes Geschrei, welches das quiekende Grunzen junger Ferkel nachahmen sollte, durch das geöffnete Fenster. Es kam aus der Menge, die den Cäsar in den Zirkus fahren zu sehen wünschte, und Caracalla schielte, als es lauter wurde, nach der Stelle hin, von woher es kam, und die Falten zwischen seinen Augen zogen sich bedenklich zusammen. Doch sie sollten sich bald wieder glätten; denn kaum hatte er geschlossen, als sich ein stürmisches Beifallsgeschrei in den Warteräumen erhob. Von den Freunden des Cäsar ging es aus, und die tiefen Stimmen der germanischen Leibwache, die hier die Zurufe wiederholten, die sie im Zirkus gelernt, verliehen ihnen eine so ungestüme Kraft, daß sich der Künstler im Purpur befriedigt fühlte. Wie dann auch Philostratus ihm anerkennende Worte sagte und Melissa ihm errötend dankte, sagte er lächelnd: »Es lag etwas Urwüchsiges in der Kundgebung dort draußen. Gemachter Beifall klingt anders. In meinem Gesange muß doch wohl etwas liegen, das die Seelen mit fortreißt. Nur meine alexandrinischen Gastfreunde beeilten sich wieder, mir ihre Gesinnung zu zeigen. Ich hörte es wohl und schreibe es zu dem andern.« Dann lud er Melissa ein, ihm als Gegengeschenk für seine Liedergabe die Ode der Sappho an Aphrodite zu singen. Bleich und wie von einem fremden Willen gezwungen, stellte sie sich gehorsam dieser Ladung an die Zither, und das Vorspiel klang ihr rein und ansprechend von den geschickten Fingern. »Prächtig! Des Mesomedes würdig!« rief Caracalla, doch zu singen vermochte Melissa nicht; denn schon vor dem ersten Ton erschütterte ihr ein heftiges Schluchzen die Brust. »Die Macht der Göttin, die sie zu feiern gedachte,« sagte Philostratus, indem er auf sie hinwies, und der feuchte, flehende Blick, mit dem sie dem Kaiser ins Antlitz schaute, während sie ihn leise bat: »Jetzt nicht! es will heute nicht gehen,« bestärkte in Caracalla die Meinung, daß die Leidenschaft, die er in der Jungfrau erweckt, der seinen nicht nachstehe, oder sie gar überbiete. Mit einem feurigen »Ich liebe Dich,« das er Melissa zuflüsterte, machte er dem übervollen Herzen Luft, und als verlange ihn auch, durch ein Geschenk zu zeigen, wie er ihr gesinnt sei, fügte er hinzu: »Ich lasse auch Deine Mitbürger da draußen nicht länger warten. Adventus! Die Veranstalter der Spiele.« Der Kammerdiener entfernte sich sogleich, der Kaiser aber warf sich auf den Thron und fuhr seufzend fort: »Ob einer der reichen Krämer wohl auf sich nehmen möchte, was heute schon hinter mir liegt? Erst das Bad, und während der Rast der Vortrag des Macrinus, dann die Opferschau, dann die Musterung der Truppen, und dabei ein huldreiches Wort an einen jeden. Kaum zurück, das Gespräch mit den Gesandten der Mutter, und der Verdruß mit dem Vindex. Dann die Sendung aus Rom. Die Prüfung der Schriften. Jedes einzelne Blatt, mit dem Entscheid versehen und unterzeichnet. Endlich die Abrechnung mit dem Idiologen, der als Oberpriester von meiner Wahl die Steuern der Tempel in ganz Aegypten für mich einzieht . . . Der Empfang von verschiedenen Leuten . . . Auch Dein Vater war darunter. Wunderlich ist er; aber ein Mann, ein echter Makedonier vom alten Schlag. Gruß und Geschenke lehnte er ab; doch gerochen wollte er sich sehen, und das schwer und blutig an dem Angeber Zminis, der ihn auf die Ruderbank brachte . . . Wie der Alte als Gefangener getobt haben mag! Als wär' er mein Vater, bin ich dem drolligen Graukopf begegnet. Der Riese gefällt mir, und wie kunstfertige Finger hat er an den gewaltigen Händen! Er schenkte mir auch den Ring dort mit dem Bilde des Kastor und Pollux.« »Meine Brüder sind die Vorbilder gewesen,« fügte Melissa hinzu, froh, etwas gefunden zu haben, das sie sagen konnte, ohne sich zu verstellen. Da besichtigte der Kaiser den Siegelstein in dem goldenen Reifen näher und rief voller Bewunderung. »Wie klein das Köpfchen ist, und auf den ersten Blick erkennt man den frohsinnigen Maler! Die Kunst Deines Vaters gehört zu den alleredelsten und feinsten. So gut wie einem Zitherspieler kann ich auch einem Steinschneider Bildsäulen errichten.« Hier wurde die Deputation der Festveranstalter gemeldet, und nachdem der Kaiser abermals ein kurzes: »Warten!« gerufen, fuhr er fort: »Ihr seid ein schönes Geschlecht. Die Männer kraftvoll, die Weiber von aphroditischer Anmut. Das ist das Rechte! Auch mein Vater nahm die Klügste und Schönste zum Weibe. Die Schönste bist Du . . . Die Klügste? Vielleicht hab' ich auch die in Dir gefunden. Die Zukunft wird es lehren! Aphrodite hat sonst nur eine schmale Stirn, und Schönheit und Klugheit, sagt Philostratus, wären bei euch Weibern feindliche Schwestern.« »Doch die Ausnahme,« fiel ihm der Philosoph ins Wort und wies auf Melissa, »bestätigt die Regel.« »In diesem Sinne schildere sie der Mutter!« gebot Caracalla. »Ich ließe Dich nicht von mir, wenn Du nicht der einzige wärst, der Melissa kennt. Man darf Deiner Beredsamkeit auch zutrauen, sie so darzustellen, wie sie es verdient. Und jetzt,« fuhr er eiliger fort, »nur noch das eine. Ist die Deputation entlassen, und hab ich noch einige andere empfangen, so beginnt die Mahlzeit. Vielleicht würdest Du Dich dabei gut unterhalten. Indes, – unter die Freunde führe ich Dich besser erst nach der Vermählung. Wenn es dunkelt, geht es dafür in den Zirkus, und Du mußt mich natürlich begleiten.« »O Herr,« klang es hier angstvoll und abwehrend von den Lippen des Mädchens. Caracalla aber rief lebhaft: »Keinen Widerspruch, bitt' ich. Ich zeigte schon, denk' ich, zur Genüge, daß ich von Dir fern zu halten weiß, was der Jungfrau mit Recht nicht genehm ist. Dein Besuch der Vorstellung ist nur der erste Schritt, den Du als künftige Kaiserin auf der Bahn der neuen Ehren zu thun hast.« Aber Melissa hob noch einmal bittend Stimme und Hände. Doch es war umsonst; denn Caracalla schnitt ihr befehlshaberisch das Wort ab mit dem Rufe: »Ich habe alles bedacht. Du gehst in den Zirkus. Nicht mit mir allein; denn das gäbe den Lästerzungen willkommene Arbeit. Dein Vater begleitet Dich. Wenn Du willst, auch Dein Bruder. Erst während der Vorstellung geselle ich mich zu euch. Deine Landsleute werden die Bedeutung dieses Besuches erraten. Zudem sind Theokrit und die anderen beauftragt, dem Volke zu melden, welche Auszeichnung Dir und den Alexandrinern bevorsteht. Aber wie Du erblaßt bist! Im Zirkus röten sich Dir die Wangen schon wieder. Entzückt und begeistert – ich irre nicht – wirst Du ihn verlassen. Erfahre nur erst, wie der Zuruf der Zehntausende ins Herz greift und die Seele berauscht. Mut, nur Mut, makedonische Jungfrau! Alles Große und Unerwartete, auch unverhofftes Glück, erschreckt und verwirrt. Aber auch das Unerhörte wird zur Gewohnheit. Ein kräftiger Geist wie der Deine wird bald mit dergleichen fertig. Doch die Zeit verrinnt. Und jetzt nur noch dies! Bei Sonnenuntergang bist Du im Zirkus. Jedenfalls mußt Du vor mir auf dem Platze sein. Adventus sorgt für den Wagen oder die Sänfte; wie Du befiehlst. Am Eingang wartet Theokrit und führt euch auf die Sitze.« Da hielt Melissa sich nicht länger, und fortgerissen von dem wilden Aufruhr in ihrer Brust rief sie, Mäßigung und Vorsicht vergessend: »Ich kann nicht!« Dann warf sie das Haupt zurück und schaute, als wolle sie ihn zum Zeugen anrufen, mit den großen, weitgeöffneten Augen gen Himmel. Aber bald genug gewann ihr Blick eine andere Richtung; denn ihr kühner Widerspruch hatte die Wut des Kaisers entfesselt, und mit dumpfen Zorneslauten brach es hervor: »Du kannst nicht, sagst Du? Und damit, unsinnige Thörin, denkst Du, wären wir fertig?« Dann lachte er jäh auf, preßte die Faust auf das linke Augenlid, das krampfhaft auf und nieder tanzte, und fuhr leiser, doch mit herausforderndem Hohne fort: »Ich weiß es besser! Du mußt! Und Du mußt nicht nur in den Zirkus, sondern wirst es auch gern thun oder doch mit lachendem Munde. Bei Sonnenuntergang brichst Du auf! Zu rechter Zeit find' ich Dich auf dem Platze; – und fänd ich Dich nicht . . . Soll ich Dich heute schon lehren, daß ich Ernst zu machen verstehe? Hüte Dich, Mädchen! Wohl bist Du mir teuer, doch – beim Haupte meines Vaters – wenn Du mir trotzest, dann schleppen Dich meine numidischen Löwenhüter, wohin Du gehörst.« Bis hierher war Melissa tief atmend, mit hoch wogendem Busen und zuckenden Nüstern dem Toben des Cäsar wie einem empörenden Schauspiele gefolgt, dem zu rechter Zeit ein Ende gemacht werden müsse, und nun fiel sie dem Wütenden ins Wort und rief zum Aeußersten entschlossen: »Schicke sie nur und befiehl ihnen auch, mich vor die wilden Tiere zu werfen! Den Zuschauern, o gewiß, ihnen ist das unerwartete Schauspiel willkommen. Wer hätte hier schon die Tochter eines freien römischen Bürgers, die nie vor den Richtern stand, auf dem Sande der Arena zerreißen sehen? Und sie lieben das Neue. – Morde mich wie die Plautilla, wenn ich auch weder Dich, noch, wie sie, Deine Mutter beleidigte. Lieber hundertmal sterben, als die eigene Schande zur Augenweide machen für die Zirkusbesucher!« Hier schwieg sie, und als sei ihre Widerstandskraft erschöpft, warf sie sich auf den Diwan und vergrub, leise weinend, das Antlitz in die Polster. Ueberrascht und verwirrt von solcher Kühnheit hatte der Kaiser sie zu Ende reden lassen. Welche Heldenseele barg der zarte Leib dieser Jungfrau! Herrlich, wie die siegreiche Venus hatte sie nun schon zum zweitenmal ihm gegenübergestanden, und ein wie rührendes Bild bot die Weinende jetzt in ihrer Schwäche! Er liebte sie, und das Herz drängte ihn, sie aufzurichten, sie in die Arme zu nehmen, sie um Vergebung zu bitten und ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Doch er war ein Mann, war der Kaiser, und Melissa dem Volk im Zirkus als seine Erwählte zu zeigen, schon in dieser schlaflosen Nacht beschlossene Sache geworden. Dazu wäre ihm unmöglich gewesen, von einem Wunsche, ja einem Entschluß zu lassen, auch wenn er es gewollt hätte. Doch es verdroß ihn, wie ein roher Barbar auf das zarte Griechenmädchen eingestürmt zu sein und der Erfüllung seines Verlangens selbst Hindernisse in den Weg gewälzt zu haben. Das heiße Blut hatte ihn wieder einmal fortgerissen. Ein Dämon war es, der ihn so oft zu Ausschreitungen zwang, die ihn später gereuten. Auch diesmal, er fühlte es, war der Unhold mächtig in ihm gewesen. Jetzt galt es, die tief erregte Jungfrau mit Güte seinem Willen zu beugen. Es war ihm lieb, dem Blick ihres mächtigen Auges nicht zu begegnen, als er dicht zu ihr herantrat und sich an den Platz des Philostratus stellte, der ihr heimlich zugeraunt hatte, sich zu mäßigen, um nicht Tod und Verderben über sich selbst und die Ihren zu bringen. »Ich hatte es wahrlich gut genug mit Dir im Sinne, Liebling,« begann er in völlig verändertem Tone. »Aber wir sind beide wie allzu volle Gefässe, die ein Tropfen zum Ueberlaufen bringt. Du – gesteh es nur, daß auch Du Dich zu mäßigen vergaßest; ich . . . Auf dem Throne verlernt es sich, Widerspruch zu ertragen. Ein Glück nur, daß die Zornesflamme so schnell wieder erlischt. Aber es läge in Deiner Hand, sie gar nicht auflohen zu lassen; denn freundliche Bitten werde ich stets zu erfüllen suchen, wenn es nur angeht. Diesmal freilich muß ich darauf bestehen –« Hier wandte Melissa dem Kaiser wieder das Antlitz zu, streckte ihm die Hände bittend entgegen und rief: »Was Du befiehlst, auch das Schwerste, es soll geschehen; nur zwinge mich nicht, Dir in den Zirkus zu folgen. Ja, wenn meine Mutter noch lebte! Jeder Platz war der rechte, an dem sie mit mir erschien. Aber der Vater, und nun gar der Tollkopf Alexander – sie wissen nicht, was einer Jungfrau ziemt, und keiner traut es ihnen zu.« »Und mit Recht,« unterbrach sie Caracalla. »Jetzt erst versteh' ich Dich und danke Dir, daß Du mir Widerstand botest. Doch es liegt zum Glück in meiner Macht, Deine Bedenken aus der Welt zu schaffen. Auch die Weiber haben mir zu gehorchen. Gleich werde ich die nötigen Befehle erteilen. Unter den edelsten Matronen der Stadt, von ihnen begleitet und behütet, wirst Du im Zirkus erscheinen. Die Gemahlinnen der Herren da draußen werden Dich umgeben. Diese Anordnung wird auch der Billigung meiner Mutter gewiß sein. Auf Wiedersehen also im Zirkus!« Mit stolzer Befriedigung und in der feierlichen Haltung, die ihn Cilo in der Kurie anzunehmen gelehrt, hatte er die letzten Worte gesprochen. Dann befahl er, die alexandrinischen Herren einzuführen; der unglücklichen Kaiserbraut aber erstarb der Widerspruch auf den Lippen; denn schon flogen die Thürflügel weit auf, und die Wartenden drangen über die Schwelle. Der alte Adventus winkte Melissa, und gesenkten Hauptes folgte sie ihm durch die Hintergemächer und Gänge, die in das Quartier des Oberpriesters führten. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Wohl hatte Melissa sich an der Brust Frau Euryales sattweinen können, wohl war die würdige Matrone ihren Klagen mit mütterlicher Teilnahme gefolgt und hatte sie eifrig zu ermutigen versucht, und doch war es ihr, als habe ein harter Frost alle Blüten geknickt und verwüstet, die ihr gestern noch so voll und hoffnungsgrün die junge Seele geschmückt. Diodors Liebe hatte auf sie gewirkt wie schöne, helle Sommertage, die harte, saure Beeren in süße, saftreiche Trauben verwandeln. Jetzt hatte ein Frost sie verdorben. Grau und farblos, gleichgiltig und fad erschien ihr alles, was um sie her vorging und die Zukunft noch bringen konnte. Nur zwei Gedanken beherrschten ihr ganzes inneres Wesen. Der eine bezog sich auf den Geliebten, von dem sie der Gang in den Zirkus auf immer zu trennen drohte, der andere auf den kaiserlichen Freier, von dem es sie weit forttrieb, mußte es sein, in das Grab. Frau Euryale sah besorgt auf Melissas müde, dem wachen Wesen, das ihr sonst eigen, so fremde Haltung, während sie dem Vater und Alexander zuhörte, die mit der Matrone über die Zukunft sprachen. Philostratus, der seinen Rat verheißen hatte, erschien nicht, und dem Steinschneider hätte nichts Schlimmeres angesonnen werden können, als die Vaterstadt und den kranken Lieblingssohn Philipp zu verlassen. Er hielt es auch für unsinnig und für eine Frucht der grundverkehrten Lebensanschauung überspannter Weiber, das redliche Werben des Beherrschers der Welt um ein schlichtes Mädchen zurückzuweisen; doch Frau Euryale, von der seine verstorbene Gattin stets mit der höchsten Verehrung geredet, und, von ihr gleichsam gedeckt, sein Sohn Alexander, hatten ihm so entschieden vorgestellt, daß die Verbindung mit dem Kaiser Melissa unglücklich machen, ja ihr zum Verderben gereichen werde, daß er kleinlaut geworden war. Nur wenn von der Notwendigkeit der Flucht geredet wurde, fuhr er auf und versicherte, zu diesem Aeußersten sei die Zeit noch nicht gekommen. Als Melissa zurückkehrte, nannte er das Verhalten des Kaisers gegen sie eines Ehrenmannes würdig und versuchte ihr das Herz zu rühren, indem er ihr vorstellte, wie es einem alten Mann zu Mute sein müsse, der das Haus des Vaters und Großvaters, ja auch die Stadt verlassen solle, deren Boden alles berge, was ihm teuer. Dabei füllten sich ihm die leicht überfließenden Augen mit Thränen, und wie er sah, daß Melissas mitleidiges Herz von seinem Kummer ergriffen wurde, begann er größere Sicherheit zu gewinnen und warf der Tochter vor, mit den großen Augen – es seien die der Mutter – das Herz Caracallas mit Liebe entflammt zu haben. Im guten Glauben an ihre Neigung biete er ihr jetzt die höchste der Ehren dar; wenn sie aber fliehe, werde er berechtigt sein, sich für schmählich hinters Licht geführt und sie für eine gefallsüchtige Betrügerin zu halten. Hier aber trat Alexander für die Schwester ein und erinnerte den Vater, daß Melissa Leben und Freiheit gewagt, um ihn selbst und seine Söhne zu retten. Um Gnade für die Ihren zu gewinnen, habe sie dem Furchtbaren freundlich ins Antlitz schauen müssen, und ihm stehe es am wenigsten an, der Tochter daraus einen Vorwurf zu machen. Melissa nickte dem Bruder dankbar zu, doch Heron blieb dabei, an die Flucht zu denken sei thöricht und wenigstens verfrüht. Als Alexander bekannte, daß Melissa ihm eben ins Ohr gerannt habe, lieber zu sterben als in ewiger Todesangst ein glänzendes Leben an der Seite eines ungeliebten Mannes zu führen, ging der Atem des Heron in jenes leise Schnaufen über, das seinen Zornausbrüchen voranzugehen pflegte. Doch eine Botschaft des Kaisers, die ihn zu sich beschied, beruhigte ihn schnell. Beim Abschied küßte er Melissa und raunte ihr zu: »Willst Du wirklich den Alten aus unserem lieben Hause treiben, fort von der Arbeit, seinen Vögeln, dem Gärtchen und dem Grabe der Mutter? Ist es denn etwas so Schlimmes, als Kaiserin in Glanz und Herrlichkeit zu leben? Gleich seh' ich den Cäsar, und Du wirst mir nicht wehren, ihn freundlich von Dir zu grüßen.« Ohne die Antwort abzuwarten, verließ er das Zimmer, draußen aber schaute er in den Spiegel, legte die letzte Hand an Bart und Haar und gab dabei seiner Riesengestalt die würdevollen Stellungen, die er dem Kaiser gegenüber einzunehmen gedachte. Unterdes war die Gleichgiltigkeit, in die sie verfallen war, von Melissa gewichen, und die alten Zweifel erhoben mit neuer, verstärkter Macht das mahnende Haupt. Alexander gelobte zwar, ihr ein treuer Bundesgenosse zu sein, Frau Euryale versicherte sie von neuem ihres Beistandes; es war ihr aber dennoch, besonders wenn das Mitleid mit dem Vater, der um ihretwillen alles lassen sollte, was er liebte, sie ergriff, als werde sie auf schwankem Schiff hin und her geschleudert. Aber plötzlich kam ihr ein neuer Gedanke, und indem sie sich schnell erhob, rief sie: »Ich gehe zu Diodor und bekenne ihm alles; er soll entscheiden.« »Jetzt?« fragte Frau Euryale erschrocken. »Du findest Deinen Verlobten sicher nicht allein, und nun alle Welt weiß, was Caracalla mit Dir im Sinne trägt und jeder Dir neugierig nachschaut, wird man dem Kaiser sogleich hinterbringen, daß Du den Leidenden besuchtest. Es ist auch nicht rätlich, Dich jetzt, wo weder Andreas noch ein anderer Dein Fürsprecher sein kann, dem gekränkten Jüngling zu zeigen.« Da schluchzte Melissa laut auf, die Matrone aber zog sie an sich und fuhr liebreich fort: »Davon mußt Du lassen; doch Alexander, geh Du zu dem Freunde und sei der Bote der Schwester!« Mit dem Eifer der Liebe war der Künstler zu diesem Gange bereit, und nachdem Melissa, neu ermutigt, ihm eingeschärft hatte, was er dem Geliebten zu sagen habe, verließ er das Zimmer. Die Jungfrau hatte Zeit und Stunde und was ihr an äußeren Dingen oblag, in der stürmischen Bewegung ihres Herzens vergessen, doch Frau Euryale dachte für sie und führte sie in ihr Gemach, um ihr dort das Haar für den Zirkus ordnen zu lassen. Geflissentlich vermied es die Matrone dabei, mit dem Schützlinge jetzt schon von der Flucht zu reden, doch war ihr Geist fortwährend, und nicht vergebens, mit derselben beschäftigt. Ihre geschickte Zofe, die sie aus dem Hause des Alexanderpriesters, eines römischen Ritters, gekauft, löste dem Mädchen mit lauter Bewunderung das reiche braune Haar und versicherte dabei, es sei leicht, aus solchem Hauptschmuck etwas Rechtes zu machen. Eifrig legte sie das Eisen auf das Kohlenbecken, das ein hoher, zierlicher Dreifuß trug, und wollte mit dem Brennen der Locken beginnen; doch Melissa, die solche Künste nie geübt, sträubte sich dagegen. Die Sklavin versicherte indes so erregt, als handle es sich um die wichtigste Frage, daß der Lockenschmuck einer Jungfrau aus hohem Hause ohne das Brenneisen nicht herstellbar sei, und auch Frau Euryale bat Melissa, sich zu fügen. Nichts werde in ihrer geputzten Umgebung mehr auffallen, als übergroße Schlichtheit. Das war gewiß richtig, doch es vergegenwärtigte dem Mädchen so lebhaft, was ihm bevorstand, daß es das Antlitz mit den Händen bedeckte und klagend ausrief: »Bloßgestellt der Neugier der ganzen Stadt, dem Neid, der Verachtung.« Die mahnende Frage der Matrone, wohin denn der schöne Gleichmut des Lieblings gekommen sei, und ihr Rat, die Thränen zurückzuhalten, um nicht mit verweinten Augen vor das im Zirkus versammelte Volk zu treten, halfen Melissa indes, sich wieder zu fassen; auch hatte die Zofe ihr Werk noch nicht vollendet, als Alexander zurückkam. Melissa durfte den Kopf, den das Brenneisen gefangen hielt, bei seinem Eintritt nicht wenden, doch als der Bruder seinen Bericht mit dem Rufe begann: »Wer weiß, welches Geschwätz oder was sonst ihn dazu brachte,« sprang sie auf, ohne des mahnenden Rufes der Zofe zu achten, und als der Bruder dann kurz erzählte, Diodor habe trotz der Vorschrift des Arztes, sich wenigstens noch bis morgen zu gedulden, das Serapeum verlassen, Melissa möge es sich indes nicht zu nahe gehen lassen, fühlte das Mädchen, auf dessen junges Herz heute schon so viel schwer Erträgliches eingestürmt war, den Boden unter sich wanken, und während es, von Schwindel ergriffen, nach einem Halt suchte, um nicht in die Kniee zu sinken, griff es nach dem hohen, schlanken Dreifuß, der das Kohlenbecken trug, und dies stürzte, rasselnd und klirrend, samt dem Brenneisen zu Boden; sein glühender Inhalt aber flog teils auf den Estrich, teils auf das Festgewand, das Melissa, bevor sie das Haar gelöst, über einen Stuhl gebreitet. Sie selbst kam nicht zu Fall; denn Alexander stützte sie beizeiten. Die gesunde Natur Melissas gab ihr die verlorene Besinnung schnell zurück, und in den nächsten Minuten drängte die Sorge um das verdorbene Festgewand alles andere in den Schatten. Während sie die Löcher mit den schwarzen Rändern kopfschüttelnd betrachtete, welche die Kohlen in den Peplos und in das Untergewand gebrannt, segnete Frau Euryale im stillen diesen Unfall. Dabei erinnerte sie sich, wie auch sie, während das Herz bei dem Tode ihres einzigen Kindes aus den schwersten Wunden geblutet, durch die Sorge um die Trauergewänder für sich selbst, den Gatten und die Sklaven auf andere Gedanken gebracht worden war. Wenigstens auf Stunden hatte damals eine leicht erfüllbare Pflicht ihr das bitterste Weh leichter zu tragen geholfen. Nur bedacht, das Los des anmutigen Geschöpfes, das ihr lieb geworden, zu erleichtern, stellte sie es, obgleich sie wußte, daß ihre Schwägerin über viele ähnliche Gewänder verfüge, als schwierig dar, Melissa ein neues, passendes Festkleid zu verschaffen. Alexander erhielt den Auftrag, sich eines der Wagen des Kaisers, die stets zum Dienste der vornehmen Höflinge bereit, zwischen dem Serapeum und dem Brunnen im Osten desselben hielten, zu bedienen, um möglichst schnell zu Frau Berenike zu gelangen. Er, der Künstler, bat die Matrone, möge bei der Wahl des Gewandes helfen, und je weniger auffallend und prunkend es sei, um so besser. Dem schloß auch Melissa sich an, und, als Alexander fort war, nötigte Frau Euryale den bleichen Schützling, in das Speisezimmer zu treten und sich dort mit altem Weine zu stärken und den Imbiß einzunehmen, den sie vorhin nicht angerührt hatte. Während der Aufwärter den Becher füllte, trat der Oberpriester selbst zu den Frauen, begrüßte Melissa kurz und mit höflicher Gemessenheit und ersuchte dann seine Gattin, ihm auf ein Wort in das Tablinum zu folgen. Der Aufwärter, ein im Dienste des Timotheus ergrauter Sklave, nötigte nun, als habe er die Herrin zu vertreten, den jungen Gast, wenigstens von den Speisen zu naschen und nicht gar zu zaghaft an dem Pokale zu nippen. Doch das einsame Mahl fand bald ein Ende, und widerstandskräftiger als vorher zog sich Melissa in das Schlafzimmer zurück. Nur leichte Vorhänge verschlossen in dem schnell hergerichteten Quartier des Oberpriesters die Thüren, und so wenig er wie seine Gattin bemerkten, daß Melissa den Nebenraum betrat. Sie hatte nie Wohlgefallen am Lauschen gefunden, doch besaß sie weder die Geistesgegenwart, sich schnell zurückzuziehen, noch konnte sie das Ohr verschließen, als sie ihren Namen hörte. Die Matrone hatte ihn ausgesprochen, und ihr Gatte entgegnete laut und in großer Erregung: »Von Deinem Christentum und was darin Beleidigendes für mich, den ersten Diener eines heidnischen Gottes, liegt, später! Jetzt handelt es sich nicht um abweichende Neigungen, sondern um eine ernste Gefahr, die Dein leichtbewegtes Herz über Dich und mich bringen möchte. Die Steinschneidertochter ist ein anmutiges Geschöpf, ich will es nicht leugnen, und Deines Mitleids würdig. Zudem siehst Du, das Weib, die dem Weibe heiligsten Regungen in ihr verletzen.« »Und behieltest Du etwa die Hände im Schoß,« unterbrach ihn die Gattin, »wenn Du ein liebenswertes, schuldloses Wesen am Rande eines Abgrundes sähest und Dich kräftig genug fühltest, es vor dem Sturz zu bewahren? Sicher hast Du Dich noch nicht ernstlich gefragt, welches Los eine Jungfrau wie Melissa als Gefährtin eines Caracalla erwartet.« »Ich that es dennoch,« versicherte Timotheus ernst, »und nichts sollte mich mehr freuen, als wenn es Deinem Schützling gelänge, sich den Wünschen des Cäsar zu entziehen. Aber – die Zeit drängt und ich muß kurz sein – aber der Kaiser ist unser Gast und beehrt mich mit schrankenlosem Vertrauen. Vorhin noch eröffnete er mir den Entschluß, Melissa zu seiner Gemahlin zu erheben, und ich mußte ihn billigen. So sieht er denn in mir einen Förderer seiner Wünsche, und wenn die Jungfrau entkommt, und es fällt auf Dich, oder durch Dich auf mich nur ein Schatten des Verdachtes, ihr die Wege geebnet zu haben, so darf er mit Recht einen Verräter in mir sehen und mich als solchen behandeln. Das hohe Amt, das ich bekleide, läßt anderen meine Person unantastbar erscheinen; doch der Mann, dem das Leben, gleichviel wessen, nicht mehr gilt, als mir oder Dir das eines Opfertieres, der wird auch, ohne daß ihm eine Wimper dabei zuckte, mein Blut und Deines vergießen.« »Mag er!« rief Frau Euryale feurig. »Mein alterndes, beraubtes Leben ist ein billiger Preis für die Rettung der blühenden, mit jedem Anrecht auf das höchste Glück ausgestatteten Jugend eines unschuldigen, in reiner, erwiderter Liebe glühenden Geschöpfes.« »Und ich?« brauste Timotheus auf. »Was gelte ich Dir noch seit dem Tod unseres Kindes? Zu Gunsten der ersten, die Dir als ärmlicher Ersatz für die verlorene Tochter ins Haus fiel, bist Du bereit, in den Tod zu gehen und mich mit Dir in den finstern Hades zu ziehen. Das ist christlich! Auch den milden Philosophen auf dem Throne, den Marc Aurel, empörte bei Deinen Glaubensgenossen die eitele Sucht nach dem Tode. Von einer andern Welt erwartet der Christ, was ihm diese versagte; wir aber halten es mit dem Leben, in das die Gottheit uns stellt. Auch mir ist das Leben das Höchste, und höher als das eigene steht mir das Deine. Darum erkläre ich fest und entschieden: ›Es geht nicht an, daß Melissa von unserem Hause aus die Flucht antritt. Will sie in dieser Nacht das Weite suchen, so mag sie es thun; ich hindere sie nicht, und wenn Dein Rat ihr frommt, soll es mich freuen; aber nach der Vorstellung im Zirkus darf sie dies Quartier nicht wieder betreten, es sei denn mit dem festen Entschluß, dem Kaiser als Gemahlin zu folgen. Vermag sie dies nicht über sich zu gewinnen, sind die Räume, die wir bewohnen, ihr als einem gefahrbringenden Feinde verschlossen.‹« »Und wohin soll sie sich wenden?« frug Euryale betrübt und mit feuchten Augen; denn ein so bestimmter Befehl des Gatten und Herrn schloß jeden offenen Widerspruch aus. »Das Haus ihres Vaters werden die Späher, sobald man sie vermißt, zuerst durchsuchen! Benützt sie aber das Schiff Berenikes, dann wird es sicher entdeckt, daß die Gattin Deines Bruders es war, die sie den Wünschen des Kaisers entzog.« »Die Schwägerin wird Rat zu schaffen wissen,« entgegnete Timotheus gelassen. »Wenn eine, so versteht sie es ja, sich zu wehren. Ihr einflußreicher Schwager Coeranus steht ihr zur Seite, und gerade in diesem Augenblicke setzt sie alles daran, dem Verhaßten einen Schlag beizubringen.« Da rief die Matrone bekümmert: »Was machten doch Schmerz und Rachlust aus dieser seltenen Frau! Wohl that Caracalla ihr wehe . . .« »Er that es, und heute fügte er zu der ersten eine zweite, schwerere Unbill; denn er zwingt sie, mit den Gattinnen der anderen Herren, welche die Kosten der nächtlichen Vorstellung tragen, im Zirkus zu erscheinen. Ich war dabei, als er dem Seleukus, der den Sprecher spielte, zurief, er erwarte bestimmt auch seine Gemahlin, von der er viel Schönes vernommen, auf den ihm und den Seinen bestimmten Plätzen. Das gießt Oel in das Feuer ihres Hasses. Wenn sie sich nur nicht hinreißen läßt, ihren Unmut in einer Weise zur Schau zu tragen, die sie später bereut. Aber die Zeit drängt. Ich habe mit dem Alexanderpriester den Götterbildern und zwar im vollen Ornat in den Zirkus voranzuschreiten. Dir, meine Freundin, sind ja solche Schaustellungen leider zuwider. Und nun noch einmal: die Jungfrau darf, wenn sie auf der Flucht besteht, dies Quartier nicht wieder betreten. Wenn eine, ich wiederhole es, schafft Berenike sie, wohin sie begehrt. Die Folgen hat die Schwägerin selbst zu tragen. Des Verrates wenigstens kann der Cäsar sie nicht zeihen, uns aber befreit ihr Eingreifen von jedem Verdacht einer Mitschuld.« Kein Wort dieses Gespräches war Melissa entgangen. Es brachte ihr nichts Neues, und doch griff es ihr tief in die Seele. Warmen Herzens empfand sie, welche Fülle von Dank sie Frau Euryale schulde, und auch dem Oberpriester durfte sie nicht zürnen; denn gewiß gebot ihm die Klugheit, ihr sein Haus zu verschließen. Und doch that ihr weh, was sie aus seinem Munde vernahm. Ihr, die in den letzten Tagen so wacker gerungen hatte, das eigene Wohl zu vergessen, um die Ihren vor Schaden zu wahren, war die Selbstsucht nie so nackt vor Augen getreten. Hatte es nicht geschienen, als frage dieser oberste Priester des höchsten Gottes, zu dem man sie beten gelehrt, nur wenig nach dem Verderben der nächsten Anverwandten, wenn es ihn und sein Weib nur verschonte? Das war das Gegenteil dessen, was ihr Andreas, bevor sie zum letztenmal die Fähre mit ihm bestieg, als das Höchste gepriesen, und sie verstand, seit ihr Johanna die Leidensgeschichte Christi erzählt, die Begeisterung, womit der Freigelassene von dem gekreuzigten Gottessohne, dem Selbstlosesten der Selbstlosen, geredet. In dem feurigen Enthusiasmus ihres jugendlichen Herzens sagte sie sich nun, daß das, was sie von dem Meister der Christen vernommen, schön sei, und daß es auch ihr nicht schwer fallen werde, für diejenigen, welche sie liebte, zu sterben. Gesenkten Hauptes betrat Frau Euryale wieder das Zimmer und schaute dem Mädchen mit den guten Augen bekümmert und wie um Vergebung bittend ins Antlitz. Da folgte Melissa dem Drang ihres redlichen Herzens. Fest umschlang sie die alternde Frau mit den schönen, jungen Armen, küßte ihr lebhaft Stirn, Mund und Augen und rief der Ueberraschten in zärtlich bittendem Tone zu: »Vergib mir! Ich wollte ja nicht horchen, und doch konnt' ich das Ohr nicht verschließen. Kein Wort eures Gespräches ist mir entgangen. Ich weiß nun auch, daß ich nicht fliehen darf und auf mich nehmen muß, was die Götter über mich verhängen. Schon früher sagte ich mir oft, wie wenig doch an mir und meinem Wohlergehen liegt, und jetzt, wo ich auch von dem Geliebten lassen soll, ist mir vollends eins, was die Zukunft mir bringt. Den Diodor vergessen kann ich wohl nimmer, und wenn ich mir vorstelle, daß alles aus sein soll zwischen uns beiden, ist es mir, als risse das Herz mir in Stücke. Aber ich erfuhr ja in diesen letzten Tagen, wie Schweres man tragen kann, ohne zusammenzubrechen. Wenn meine Flucht so viele Gute in Gefahr bringt, ja vielleicht in Tod und Verderben, muß ich wohl bleiben. Der Mann, der meiner begehrt, ja gewiß, – besonders wenn ich an seine Zärtlichkeit denke, läuft es mir kalt über den Rücken! Aber vielleicht gelingt es mir auch sie zu ertragen. Und, nicht wahr, wenn ich das Herz zum Schweigen bringe und dem Diodor auf immer entsage und mich dem Cäsar preisgebe, weil es doch so sein muß, dann wirst Du mir auch Dein Haus nicht verschließen, und ich werde bei Dir bleiben dürfen, bis die gräßliche Stunde kommt und Caracalla mich ruft?« Tiefbewegt war die Matrone diesem Siege Melissas über Verlangen und Widerwillen gefolgt. Dies Heidenmädchen, das eine brave Mutter zum Rechten erzogen und das Leben in eine harte Schule genommen hatte, wandelte es nicht jetzt schon in der Nachfolge des Heilands? Die große und reine Liebe seines Herzens brachte dies Kind dar, um andere vor Schaden und Leid zu bewahren, und welche Handlungsweise schrieb der Gatte ihr vor, er, der berufen war, der gesamten Heidenwelt ein leuchtendes Vorbild zu bieten! Das Opfer des Abraham kam ihr in den Sinn. Vielleicht ließ sich der Herr auch an dem guten Willen Melissas genügen, ihr Liebstes auf den Altar zu legen. Wenigstens was an ihr, Euryale, lag, das sollte geschehen, um sie vor dem furchtbarsten Schicksal, das ihre Frauenseele ausdenken konnte, zu behüten, und diesmal war sie es, welche die andere an sich zog und sie küßte. Das Herz war ihr so voll, und doch vergaß sie nicht, Melissa zur Behutsamkeit zu mahnen, als sie den Kopf mit dem kunstvoll geordneten Lockenputz an ihre Brust schmiegen wollte: »So nicht, so nicht,« sagte sie liebevoll, während sie die Jungfrau von sich abwehrte und, mit den Händen auf ihren Schultern, ihr gerade ins Antlitz schaute. »Dieser Ruheplatz wird stets für Dich bereit stehen. Umrahmt das Haar Dir nur erst wieder so schlicht wie gestern das liebe Gesicht, dann drück' es, so fest Du magst, an meine Brust. Hier im Serapeum kann und soll es geschehen, wenn auch nicht in diesen Räumen, die Dir mein Herr und Gatte verschließt. Ich wies Dich selbst auf die Zeit, die sich für jeden erfüllt, und als sie für Dich kam, hast Du Dich als der gute Baum, von dem unser Herr spricht, bewährt, der gute Frucht trägt. Du siehst mich fragend an, und wie sollst Du auch die Rede der Christin verstehen? Aber ich finde in den nächsten Tagen schon Zeit genug, sie Dir zu erklären; denn, – ich wiederhole es: In meiner Nähe sollst Du bleiben, während der Kaiser die Stadt und die halbe Welt nach Dir durchforscht. Daran halte nur immerfort fest, das stärke Dir den Mut auch im Zirkus.« »Aber der Vater?« rief Melissa und wies auf den Vorhang, durch den man die nahende laute Stimme des Heron vernahm. »Baue auf mich,« raunte die Matrone ihr hastig zu, »und verlaß Dich darauf, daß er beizeiten gewarnt wird. Schweige noch von meinem Versprechen. Zögen wir ihn jetzt ins Vertrauen, er würde alles verderben. Ist er fort und Dein Bruder zurück, sollt ihr beide erfahren . . .« Hier wurden sie von dem Hausmeister unterbrochen, der mit einem sonderbaren Lächeln um den glatt geschorenen Mund den Besuch des Heron anmeldete. Schon dem Diener hatte der sonst wenig mitteilsame Steinschneider vertraut, was ihm die Seele bewegte; Melissa aber sah verwundert auf das veränderte Wesen des Vaters. Der schleppende Schritt des riesengroßen, schweren Mannes, der bei sitzender Arbeit ergraut war, hatte etwas Majestätisches gewonnen. Seine Wangen glühten, und seine grauen Augen, die sonst längst durch das scharfe Hinsehen auf Stein und Stichel einen starren Ausdruck gewonnen, strahlten jetzt einen glückseligen Glanz aus. Es mußte ihm etwas Großes begegnet sein, und er wartete auch nicht auf die Frage der Matrone, sondern sprudelte auch vor ihr hervor, was er am liebsten der ganzen Stadt auf dem Markte ins Ohr gerufen hätte. Ueber alle Beschreibung schmeichelhaft, versicherte er, sei der Empfang gewesen, den er an der Tafel des Cäsar gefunden. Rücksichtsvoller, ja bisweilen ehrerbietiger als die eigenen Söhne habe sich der göttliche Beherrscher der Welt gegen ihn benommen. Die besten Bissen wären ihm aufgetragen worden, und Caracalla habe, er wußte nicht mehr was alles über die künftige Gemahlin zu erfahren gewünscht, und nach seiner Mitteilung, Melissa lasse ihn grüßen, sich aufgerichtet, um ihm zuzutrinken wie einem Freunde. Auch von den Tischgenossen sei Heron in jeder Weise ausgezeichnet worden. Schon bei seinem Eintritt habe der Herrscher sie aufgefordert, ihn als den Vater der künftigen Kaiserin zu ehren. Sie alle hätten seiner Forderung zugestimmt, den Aegypter Zminis mit dem Tode zu bestrafen, und ihn sogar angetrieben, seinem gerechten Zorne die Zügel schießen zu lassen. Wenn einer, so sei er gewöhnt, in allen Dingen Maß zu halten, schon um den Söhnen ein gutes Beispiel zu geben, und an manchem dionysischen Feste habe er bewiesen, daß der Gott ihn so leicht nicht übermanne. So viel Becher wie heute hätten sonst nur wie Wasser auf ihn gewirkt, und doch sei es ihm manchmal gewesen wie im Rausche und als drehe sich der ganze Festsaal rings um ihn her. Auch jetzt noch würde er nicht im stande sein, auf einer vorgezeichneten Linie gerade vorwärts zu schreiten. Mit dem Ausrufe: »Was ist das Leben? Vor wenigen Stunden noch auf der Ruderbank und im Kampfe mit dem Stempler auf der Galeere, der mir das Sklavenmal einbrennen wollte, und heute unter den Großen einer der Größten!« schloß er seinen Bericht; denn ein Blick durch das Fenster lehrte ihn, daß die Zeit dränge. Sonderbar verschämt schaute er dann auf den Ring an seiner Rechten und sagte zögernd, die ihm eigene Bescheidenheit mache ihm dies Bekenntnis schwer; er sei aber nicht mehr der, als welcher er die Frauen vorhin verlassen. Die Gnade des Kaisers bekleide ihn mit der prätorianischen Würde. Zuerst habe der Cäsar ihn zum Ritter machen wollen; doch er achte seine makedonische Herkunft höher als jenen Stand, dem nach seinem Geschmack zu viele freigelassene Sklaven angehörten. Das habe er offen bekannt, und dem Kaiser müsse sein Einwand gerecht erschienen sein; denn er habe mit dem Präfekten Macrinus einige Worte gewechselt und gleich darauf die Freunde aufgefordert, ihn als Senator mit prätorianischem Range zu begrüßen. Da sei es ihm freilich gewesen, als verwandle sich das Polster unter ihm in ein wildes Roß, das mit ihm durchgehe ins Meer, in den Himmel, wohin es möge. Er habe sich auch an der Lehne des Lagers festhalten müssen und erinnere sich nur noch, daß ihm, er wisse selbst nicht mehr wer, zugeraunt habe, dem Cäsar zu danken. »Das gab mir,« fuhr der Steinschneider fort, »die verlorene Fassung so weit zurück, daß ich Deinem künftigen Gemahl, mein Kind, meine Erkenntlichkeit aussprechen konnte. Der zweite Aegypter bin ich ja erst, der in den Senat kommet! Nur Coeranus ging mir voran. Welche Gnade! Und was dann kam, wie soll ich es beschreiben? Von all den vornehmen Herren vom Senat und den früheren Konsuln ward ich als neuer Amtsgenosse brüderlich umarmt. Als dann der Cäsar mir befahl, schon im Zirkus in der weißen Toga mit dem breiten Purpurstreifen neben Dir zu erscheinen und ich bemerkte, jeder größere Kleidermacher halte jetzt schon wegen der Vorstellung den Laden geschlossen, und solche Toga sei nicht zu beschaffen, gab es – wohl wegen der Schaulust der Alexandriner – ein lautes Gelächter. Von allen Seiten bot man mir an, was ich brauchte; ich aber gab dem Theokrit wegen seines hohen Wuchses den Vorzug. Was ihm paßt, wird ja auch für mich nicht gar zu kurz sein. Jetzt wartet meiner ein kaiserlicher Wagen. Wenn der Alexander nur daheim wäre! Eigentlich müßte das Haus bei meinem Eintritt erleuchtet sein und bekränzt, und die Schar meiner Sklaven mir die Hände küssen; es kommen auch bald mehr zu unseren beiden. Wenn der Argutis es nur versteht, mir die Schuhe mit den Riemen und dem Halbmond anzulegen! Dem Philipp ist dergleichen noch fremder als mir, und zudem liegt der arme Bursch ja darnieder. Gut, daß ich mich seiner erinnere. Hatt' ich doch ganz und gar vergessen, daß er auf der Welt ist. Ja, wenn die Mutter noch lebte! Sie war geschickt. O sie! Ach, Frau Euryale, Melissa hat Dir vielleicht von ihr erzählt. Olympias hieß sie, wie die Mutter des großen Alexander, und auch sie hat gute Kinder geboren. Du lobtest vorhin ja selbst meine Jungen. – Und das Mädchen! . . . Bis vor wenigen Tagen war es nur ein hübsches, bescheidenes Ding, von dem sich alles eher erwarten ließ als etwas Großes, und was haben wir nun dem stillen Kinde nicht alles zu danken! Der Mutter Liebling ist die Kleine immer gewesen. Ewige Götter! ich darf nicht daran denken, daß es der Verstorbenen hätte vergönnt sein können, mich Senator und Prätor rufen zu hören. O Kind, wenn sie heute mit uns auf den Plätzen des Kaisers sitzen und sie und ich zusammen auf Dich schauen dürften, auf Dich, unsern Stolz, die Ehre der ganzen Stadt, die künftige Gattin des Cäsar – –« Hier versagte dem rauhen Manne mit der weichlichen Seele die Stimme, und laut aufschluchzend schlug er die Hände vor das Antlitz; Melissa aber schmiegte sich an ihn und streichelte ihm die bärtigen Wangen. Unter ihrem liebreichen Zuspruch gewann er bald die verlorene Fassung zurück, und immer noch im Kampfe gegen neu aussteigende Zähren rief er: »Von der thörichten Flucht ist ja, den Himmlischen sei Dank, nicht mehr die Rede. Ich bleibe auch hier und werde mich des Elfenbeinstuhles, der in der Kurie zu Rom meiner harrt, nie bedienen. Dein Gatte, mein Kind, und der Staat werden es auch kaum von mir verlangen. Wenn aber der Cäsar mich, seinen Vater, mit Landgütern und Schätzen beschenkt, dann soll es mein Erstes sein, Deiner Mutter ein Denkmal zu errichten. Ihr werdet ja sehen! Ein Denkmal sag' ich euch, sondergleichen. Die Kraft des Mannes, die sich der weiblichen Anmut beugt, soll es zur Darstellung bringen.« Damit neigte er sich zu der Tochter nieder, um ihr die Stirn zu küssen, und raunte ihr ins Ohr: »Blicke froh in die Zukunft, mein Mädchen. Das Auge eines Vaters sieht scharf, und so sag' ich Dir denn: Der Kaiser hat Blut vergießen müssen, um sich den Thron zu sichern; im persönlichen Umgang mit ihm lernte ich Deinen künftigen Gatten indes als einen prächtigen Mann kennen. Ja, ich bin nicht reich genug, den Göttern für solchen Schwiegersohn genügend zu danken.« Sprachlos schaute Melissa dem Vater nach. Es that ihr so weh, daß diese Hoffnungen durch sie in Leid und Enttäuschung verwandelt werden sollten, und sie sprach es auch mit feuchten Augen aus und schüttelte abweisend das Haupt, als die Matrone versicherte, bei ihr handle es sich um ein grausam vernichtetes Leben, bei dem Vater nur, eitlen Tand preiszugeben, den er so leicht verschmerzen werde wie er sich ihm schnell aufgedrängt habe. »Du kennst ihn nicht,« sagte das Mädchen betrübt. »Wenn ich fliehe, muß auch er sich in der Fremde verbergen. Er wird nimmer froh, wenn man ihm das Grab der Mutter nimmt, unser Häuschen und seine Vögel. Allein um ihretwillen fragt er nicht nach dem elfenbeinernen Sitz in der Kurie. Wüßtest Du nur, wie unendlich viel ihm bedeutet, was an die Mutter erinnert, und sie hat unsere Stadt nie verlassen.« Hier wurde sie von dem Eintritt des Philostratus unterbrochen. Er kam nicht allein; denn der kaiserliche Sklave, der ihn begleitete, brachte ihr in einem zierlichen Korbe Geschenke des Kaisers. Das erste war ein Kranz von Rosen und Lotosblumen, die das Ansehen hatten, als habe man sie soeben vor Sonnenaufgang gepflückt; denn zwischen Blüten und Blättern gleisten und blitzten als schimmernder Tau an schwanken Silberdrähten schwebende, leicht gefaßte Diamanten. Das zweite war ein Blumenstrauß, um dessen Griff sich eine goldene, mit Smaragden und Rubinen übersäte biegsame Schlange wand, die bestimmt war, sich als Spange um einen Frauenarm zu schmiegen, das dritte eine Halskette von besonders kostbaren persischen Perlen, die – der Händler hatte es versichert – aus dem Schatz der großen Kleopatra stammte. Melissa liebte die Blumen, und die kostbaren Gaben, die sie begleiteten, mußten jedes Frauenherz erfreuen. Dennoch warf sie ihnen nur einen flüchtigen Blick zu und errötete in peinlicher Verlegenheit bei ihrem Anblick. Was der Ueberbringer ihr zu sagen hatte, schien ihr werter der Beachtung als die Gaben seines Auftraggebers, und in der That verriet das unruhige Wesen des sonst so gelassenen Philosophen, daß er Anderes und Ernsteres überbringe, als die Geschenke eines Verliebten. Frau Euryale, die ihm ansah, er werde noch einmal versuchen, Melissa zum Nachgeben zu bestimmen, erklärte kurz, daß sie Mittel und Wege sehe, dem Mädchen zur Flucht zu verhelfen; er aber schüttelte mit einem leisen Seufzer bedenklich das Haupt und sagte: »Wohl, wohl. Ich besteige, während die wilden Tiere im Zirkus ihr Teil empfangen, das Schiff. Möge uns ein frohes Wiedersehen hier oder anderwärts blühen. Der Weg führt mich zuerst zu der Mutter des Kaisers, um ihr mitzuteilen, daß er Dich zur Gemahlin erwählte. Ihrer Einwilligung bedarf es nicht; denn nach wessen Zustimmung oder Mißbilligung fragte wohl Caracalla? Aber das Herz der Julia soll ich Dir gewinnen. Vielleicht wird es mir glücken; Du aber, Mädchen, verschmähst es, und entfliehst ihrem Sohne. Und dennoch ist – glaub' es mir, Kind – ist das Herz dieser Frau ein Schatz sondergleichen, und wem ihre Arme offen stehen, der kann leicht auch Schweres ertragen. Als ich Dich vorhin verließ, versetzte ich mich in Deine Lage und billigte Deinen Entschluß, und doch wäre es gewissenlos, Dir nicht noch einmal vor Augen zu halten, was bevorsteht, wenn Dir der Wille geschieht und der Cäsar sich durch Dich für verschmäht hält, mißhandelt, betrogen.« »Um aller Götter willen, was ist geschehen?« unterbrach Melissa totenbleich den erregten Mann. Philostratus aber drückte die Faust an die Brust, und seine Stimme klang heiser, als er mit schmerzlichem Eifer fortfuhr: »Nichts Neues. Nur das Alte geht seinen Gang. Dir ist bekannt, daß der Kaiser den alten Claudius Vindex und seinen Neffen wegen ihres Widerstandes gegen seine Verbindung mit Dir mit dem Tode bedrohte. Wir hofften indes alle, Caracalla werde sich bewegen lassen, Gnade zu üben. Er liebt ja, er war bei Tafel so heiter. Ich selbst stellte mich an die Spitze der Fürsprecher und bot alles auf, den Cäsar milde zu stimmen. Doch er ließ sich nicht erweichen, und der alte wie der junge, die edelsten unter den Edlen Roms werden nicht mehr sein, bevor die Sonne dieses Tages verschwindet. Und dies Blut, Kind, die Liebe des Caracalla zu Dir will es vergießen. Frage Dich nun selbst, wie viele Leben es kosten wird, wenn nach Deiner Flucht Haß und Wut in der Seele des Betrogenen die Herrschaft führen?« Frau Euryale war tief atmend dem Berichte des Philosophen gefolgt, ohne des Mädchens zu achten; kaum aber hatte Philostratus die letzte Frage erhoben, als Melissa in leidenschaftlichem Ungestüm auf sie loseilte, ihren Arm mit den Händen umschloß und wie außer sich rief: »Darf ich Dir denn folgen, Euryale, darf ich auf den Angstschrei des eigenen Herzens hören?« Dann ließ sie die Matrone los, und dem Philosophen zugewandt, stieß sie hervor: »Oder bist Du im Rechte, Philostratus? Muß ich bleiben, um das Unheil zu verhüten, das andere so schrecklich bedroht?« Damit preßte sie, hingerissen von dem Aufruhr ihrer Seele, die gefalteten Hände an die Stirn und fuhr stürmisch fort: »Beide seid ihr ja weise und wollt sicher das Beste. Wie könnt ihr mir nun so Verschiedenes raten? Und mein eigenes Herz? Warum schlägt ein Gott es mit Stummheit? Verstand es sonst doch immer laut genug zu sprechen, wenn ein Zweifel mich quälte. Sicher weiß ich nur das Eine: Könnt' ich dies alles mit dem Opfer meines Lebens ungeschehen machen, vor die Löwen und Panther ließ' ich mich so willig werfen, wie das Christenmädchen, das die Mutter heiter lächeln sah, als es in die Arena geführt ward. Glanz und Macht sind mir so verhaßt wie der Strauß dort mit dem falschen Tau. Der Stimme der Selbstsucht hab' ich das Ohr verschließen gelernt. Will ich noch etwas für mich, so ist es nur, dem die Treue zu halten, dem ich sie schwur. Aber dem Vater zu liebe, und wenn ich sicher wäre, durch mein Bleiben viele vor Tod und Unheil zu wahren, wollt' ich es auch auf mich nehmen, mich selbst, von dem Geliebten auf immer getrennt, verachten zu müssen!« »Füge Dich dem Unvermeidlichen!« fiel ihr hier der Philosoph dringend ins Wort. »Die Unsterblichen vergelten es Dir mit dem Segen der Hunderte, die ein Wort aus Deinem Munde vor Untergang und Verderben bewahrt.« »Und Du?« frug die Jungfrau und schaute der Matrone mit ängstlicher Spannung ins Antlitz. »Folge dem Gebot des eigenen Herzens!« versetzte die Matrone bewegt. Beiden Ratgebern hatte Melissa gespannten Ohres gelauscht, und beide hingen erwartungsvoll an ihren Lippen, während sie mit hochwogendem Busen und wie sich selbst entrückt ins Leere starrte. Und sie hatten nicht lange zu warten; denn plötzlich trat die Jungfrau dem Philostratus näher und sagte mit einer selbstgewissen Entschiedenheit, die den Freund überraschte: »So soll es sein. Das – hier drinnen fühl' ich's – das ist das Rechte. Ich bleibe, ich entsage der Liebe meines Herzens und nehme auf mich, was das Schicksal über mich verhängt. Es wird schwer sein, und was ich opfere, ist groß. Darum muß ich Gewißheit haben, daß es nicht vergebens geschieht.« »Aber, Kind,« fiel Philostratus ihr ins Wort, »wer vermag in die Zukunft zu schauen und für Ungeschehenes zu bürgen?« »Wer?« fragte Melissa unbeirrt. »Derjenige allein, in dessen Hand mein künftiges Geschick liegt. Dem Cäsar selbst überlass' ich die Entscheidung. Du begibst Dich jetzt zu ihm, und ich mache Dich zu meinem Vertreter. Ueberbringe ihm meinen Gruß und sage ihm in meinem Namen, ich, die er seiner Liebe würdige, wage es, ihn bescheiden, doch dringlich zu bitten, den greisen Claudius Vindex und seinen Neffen nicht büßen zu lassen, was sie um meinetwillen gefehlt. Mir zu liebe möge er ihnen Leben und Freiheit schenken. Füge hinzu, es sei der erste Wunsch, dessen Erfüllung ich von seiner Großmut erwarte, und kleide das alles in so gewinnende Worte, wie Peitho sie Dir nur immer auf die beredten Lippen zu legen vermag. Gewährt er diesen Unglücklichen Gnade, so soll mir das als ein Zeichen gelten, daß es mir vergönnt sein wird, auch andere vor seinem Zorn zu beschützen. Weigert er sie ihnen, und verfallen sie dem Tode, dann hat er selbst und durch ihn das Schicksal anders entschieden, dann sieht er mich im Zirkus zum letztenmal als Lebende wieder. So soll es sein, ich wiederhol' es.« Wie ein strenger Befehl hatten die letzten Worte geklungen, und Philostratus schien auf die Gnade des Kaisers, des liebenden Mannes, und die eigene Beredsamkeit zu hoffen; denn sobald Melissa verstummte, ergriff er ihre Hand und rief eifrig: »Ich will es versuchen, und gewährt er Deine Forderung, so bleibst Du.« »Ja,« versetzte die Jungfrau fest. »Bitte den Cäsar um Gnade, erweiche ihm das Herz, wie nur Du es vermagst. Ich erwarte die Antwort vor dem Aufbruch in den Zirkus.« Damit eilte sie, ohne der rufenden Stimme des Philostratus zu achten, in das Schlafgemach zurück. Dort warf sie sich auf die Kniee und betete bald zu den Manen der Mutter und bald auch – zum erstenmal geschah es – zu dem gekreuzigten Heiland der Christin, der den schmerzvollsten der Tode auf sich genommen, um andere glücklich zu machen. Erst flehte sie um Kraft, was auch komme, ihr Gelübde zu halten, dann aber betete sie für den Diodor, und daß es ihn nicht zu elend machen möge, wenn sie sich gezwungen sehe, ihm die Treue zu brechen. Auch des Vaters und der Brüder gedachte sie und legte einer höheren Macht ihr Schicksal ans Herz. Als Frau Euryale in das Zimmer schaute, fand sie Melissa immer noch auf den Knieen und sah, wie ihr junger Leib bebte, als schüttle sie ein Frost. Da zog sie sich still von der Andächtigen zurück und betete im Tempel des Serapis, dem ihr Gemahl als oberster Priester diente, zu Jesus Christus, daß er, der die Kinder gerufen, zu ihm zu kommen, dies unschuldige, nach dem Rechten suchende Wesen. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Frau Euryale wurde in ihrem stillen Gebet durch die Rückkehr des Alexander unterbrochen. Er brachte die Kleider, die er von der Gattin des Seleukus für Melissa erhalten. Jetzt schon trug er sein bestes Gewand und war bekränzt wie alle Besucher der vornehmen Ränge des Zirkus; doch der festliche Schmuck paßte schlecht zu dem schmerzlichen Ausdruck seiner Züge, von denen jede Spur der übermütigen Daseinslust geschwunden war, die sie noch heute morgen verschönte. Er hatte Dinge erfahren, die es ihm nicht mehr als ein Opfer erscheinen ließen, das Leben für die Rettung der Schwester einzusetzen. Wie dunkle Fledermäuse hatten ihm trübe Gedanken schon den heitern Sinn gekreuzt, während er vorhin mit Melissa und ihrer Beschützerin verkehrte; denn auch er wußte, wie unendlich schwer es dem Vater fallen werde, sich von Alexandria zu trennen; und floh er selbst mit der Schwester in die Ferne, so galt es, von dem Kampf um die schöne Agathe zu lassen. Der christliche Vater derselben hatte ihn zwar freundlich empfangen, doch ihm deutlich genug zu erkennen gegeben, daß er ihm, dem übermütigen Heiden, nie und nimmer gestatten werde, um seine Tochter zu werben. Dazu waren ihm Demütigungen widerfahren, die sich wie eine scheidende Mauer zwischen ihm und der Geliebten, dem einzigen Kind eines reichen, angesehenen Mannes, erhoben. Er hatte das Recht eingebüßt, als Freier vor den Zeno zu treten; denn er war heute in der That nicht mehr derjenige, der er noch gestern gewesen. An die Nachricht, der Kaiser gedenke sich mit Melissa zu vermählen, hatten Lästerzungen die Versicherung geknüpft, daß er, Alexander, sich durch Verräterei und Spionendienste die Gunst Caracallas erschlichen. Keiner hatte ihm dies offen erklärt, doch während er im Auftrage der Frauen auf dem Wagen des Kaisers die Stadt durcheilte, war es ihm nur zu deutlich in verschiedener Weise kundgegeben worden. Ihm, dem sonst jeder, an dessen Wohlwollen ihm etwas lag, die Hände entgegenstreckte, waren wackere Leute aus dem Wege gegangen, und was er sonst noch auf dieser Fahrt erfahren hatte, war kränkend genug gewesen, um eine Wandlung seines ganzen inneren Wesens hervorzurufen. Die Empfindung, als weise man bald verächtlich, bald zornig auf ihn mit dem Finger, hatte ihn auf dem ganzen Wege nicht verlassen. Und er war von keiner Täuschung befangen gewesen; denn als er dem alten Bildhauer Lysander begegnete, der ihm und Melissa gestern so freundlich von der Mutter des Kaisers erzählt hatte, und Alexander ihm vom Wagen aus zuwinkte, war sein Gruß unerwidert geblieben, und der wackere Künstler hatte dabei die Hand in einer Weise geschwenkt, aus der jeder Alexandriner die Erklärung: »Ich kenne Dich nicht mehr und wünsche auch nicht mehr, von Dir gekannt zu sein,« herauslesen mußte. Den Diodor hatte er von Kind an wie einen Bruder geliebt, und er war in einer der Nebenstraßen, deren der Wagen sich bediente, um sich dem Menschengetümmel auf der kanopischen Straße zu entziehen, an ihm vorbeigefahren. Da hatte Alexander dem Lenker die Rosse aufzuhalten befohlen und war auf das Pflaster gesprungen, um mit dem Freunde zu reden und sich hier der Aufträge Melissas an ihn zu entledigen; er aber hatte ihm unwillig den Rücken gekehrt, und auf des Künstlers traurig bittenden Ruf: »So höre mich doch!« herb erwidert: »Je weniger ich noch von euch vernehme, desto besser für mich. Fahre nur fort auf dem Wagen des Kaisers!« Damit hatte er ihm den Rücken gewandt und den Klopfer an der Thür eines Baumeisters erhoben, der ihnen beiden befreundet; Alexander aber war, von den peinlichsten Empfindungen gequält, weiter gefahren, und zum erstenmal hatte sich seiner der Gedanke bemächtigt, daß er sich zum Spion herabgewürdigt, als er dem Kaiser hinterbracht, wie der Witz der Alexandriner seiner gedenke. Zwar durfte er sich sagen, daß er eher Tod und Gefangenschaft auf sich genommen, als dem Caracalla den Namen eines der Spötter verraten haben würde; er mußte sich aber bekennen, daß er dem Cäsar ohne die Hoffnung, den Vater und Bruder vor Tod und Gefangenschaft zu retten, kaum welchen Dienst auch immer geleistet hätte. Die Gnade, die den Seinen widerfahren war, glich immerhin einer Zahlung, und die eigene Handlungsweise erschien ihm nun hassenswert und abscheulich. Seine Landsleute hatten recht, ihm zu grollen, die Freunde, ihm aus dem Wege zu gehen. Das Gefühl, das ihm bisher das fremdeste von allen gewesen, bittere Selbstverachtung, überkam ihn, und zum erstenmal begriff er, wie Philipp dazu kommen konnte, das Leben eine Last und ein tückisches Danaergeschenk der Gottheit zu nennen. Als endlich in der kanopischen Straße, dicht vor dem Hause des Seleukus, ein fremder Bursch dem Wagen, der sich langsam durch die Menge Bahn brach, höhnisch nachrief: »Der Tarautas-Schwager!« mußte er an sich halten, um nicht abzusteigen und den Schreier die starken Fäuste fühlen zu lassen. Auch er wußte, daß Tarautas der Name eines häßlichen, blutdürstigen Gladiators sei, den man schon zu Rom dem Kaiser als Spitznamen angehängt hatte, und als er wahrnahm, daß der Ruf des frechen Buben Aufnahme fand unter den Leuten und man: »Der Tarautas-Schwager« schrie, wo er sich zeigte, war es ihm, als bewerfe man ihn mit Kot und Steinen. Hätte die Erde sich geöffnet und ihn samt dem Wagen verschlungen, um ihn den Blicken der Menge zu entziehen, es wäre ihm damit ein Gefallen geschehen. Am liebsten hätte er geweint und Thränen vergossen wie ein geschlagenes Kind. Als das Haus des Seleukus ihn endlich aufgenommen hatte, war er ruhiger geworden; denn hier kannte man ihn, hier ward er verstanden. Frau Berenike sollte wissen, was er von der Werbung des Kaisers denke, und angesichts ihres gesunden und redlichen Hasses hatte er sich zugeschworen, die Schwester, und müßte er dabei den qualvollsten Tod sterben, den begehrlichen Händen des Tyrannen zu entreißen. In kurzen Sätzen erzählte er nun, während er sich mit der Wahl eines Gewandes für den Schützling beschäftigte, Frau Euryale, was ihm auf der Straße und im Hause des Seleukus begegnet war. Man hatte ihn durch die Soldaten im Vorsaal und Impluvium zu der Hausfrau geführt und in ihrem Gemache war er Zeuge eines heftigen ehelichen Streites geworden. Seleukus hatte der Gemahlin schon früher den Befehl des Kaisers überbracht, unter anderen vornehmen Frauen der Stadt im Zirkus zu erscheinen. Ein bitteres Lachen und die Versicherung, nur in Trauergewändern den Zuschauerraum zu betreten, war die Antwort gewesen. Dagegen hatte der Gatte, indem er auf die Gefahr hinwies, die solche Kundgebung nach sich ziehen würde, Einspruch erhoben und sie endlich auch scheinbar zum Nachgeben bewogen. Als Alexander nun bei der Matrone eingetreten war, hatte er sie in einem kostbaren Gewande von strahlendem Purpurbrokat, mit einem Kranze von roten Rosen und einem glänzenden Diadem auf dem kohlschwarzen Haare gefunden. Eine Rosenguirlande umzog ihr die Brust, der köstlichste Edelsteinschmuck prunkte ihr an Hals und Armen. Kurz, sie war gekleidet wie eine frohe Mutter am Hochzeitstage der Tochter. Bald nach dem Künstler war auch Seleukus bei der Gattin erschienen, und der auffallende, blendende Putz, der so wenig zu dem Alter und der sonstigen Art der Matrone paßte, und den sie sicherlich nur gewählt hatte, um die Ungeheuerlichkeit der Zumutung, die der Cäsar ihr stellte, in das grellste Licht zu setzen, erregte den Unwillen ihres Gemahls. Deutlich genug hatte er auch seiner Unzufriedenheit Ausdruck gegeben und abermals auf die Gefahr hingewiesen, die solche überkühne Kundgebung heraufbeschwören könne; diesmal aber war Frau Berenike nicht zu bewegen gewesen, auch nur eine Rose von ihrem Putz zu entfernen. Nach ihrer feierlichen Versicherung, entweder gar nicht, oder wie sie es für gut halte, im Zirkus zu erscheinen, hatte der Gemahl sie grollend verlassen. »Die Thörin!« unterbrach Frau Euryale den Jüngling. Dann wies sie ihm das weiße Gewand von herrlichem, auf der Insel Kos gewobenem Bombyx, das sie für Melissa ins Auge gefaßt, samt dem Peplos, den eine Borte von zartem Meergrün umrahmte, und Alexander schenkte dieser Wahl seinen Beifall. Die Zeit drängte, und ungesäumt begab Frau Euryale sich mit dem neuen Festkleide zu Melissa. Noch einmal nickte sie ihr freundlich zu und bat sie, während sie selbst einiges mit dem Alexander zu bereden habe, sich von der Zofe ankleiden zu lassen. Es war ihr, als überbringe sie einer Verurteilten das Gewand, worin sie auf den Richtplatz geführt werden solle, und Melissa nahm es hin wie ein solches. Endlich begab sich die Matrone zu dem Maler zurück und forderte ihn auf, seinen Bericht zu beenden. Frau Berenike hatte der Christin Johanna sogleich befohlen, die besten Festgewänder der verstorbenen Korinna für Melissa zusammenzupacken. Dann war Alexander ihrem Winke gefolgt und hatte sie auf einen Hof im Sklavenquartier des weitausgedehnten Hauses begleitet, wo eine häupterreiche Schar von Männern ihrer wartete. Es waren die Führer der Schiffe des Seleukus, die gegenwärtig im Hafen lagen, die Vorsteher seiner Kornspeicher und Schreibstuben, im ganzen wohl hundert freie Männer im Dienste des Kaufherrn. Was sie hier sollten, schien ein jeder zu wissen. Ihre laute Begrüßung beantwortete die Matrone mit einigen dankenden Worten und fügte dann bitter hinzu: »Seht hier die trauernde Mutter, die ein Ruchloser zwingt, sich so – so – blickt mich nur an – geputzt wie ein Pfau – zu einem Freudenfest zu begeben.« Da gab die bärtige Versammlung ihren Unwillen laut zu erkennen, Berenike aber fuhr fort: »Für die Plätze hat Melampous gesorgt; sie liegen indes mit gutem Bedacht nicht zusammen. Ihr seid sämtlich freie Männer, und ich habe euch nichts zu befehlen. Wenn aber die Schmach und das Herzeleid, das dem Weib eures Brotherrn angethan wird, euren Unwillen erregen, so gebt ihn im Zirkus demjenigen zu erkennen, der dies über sie brachte. Der Jugend seid ihr ja sämtlich entwachsen und werdet euch vor Unvorsichtigkeit hüten, die euch verderblich werden könnte. Die rächenden Götter mögen euch beistehen und schützen!« Damit hatte sie den Versammelten den Rücken gewandt, doch der christliche Sachwalter Johannes, der vornehmste Freigelassene ihres Hauses, war zu rechter Zeit in den Hof geeilt, um sie zu beschwören, von dieser unseligen Kundgebung abzustehen und das Feuer zu löschen, das sie soeben entzündet. So lange der Kaiser den Purpur trage, sei die Auflehnung gegen ihn, den die Gottheit selbst mit der Herrschaft betraut, ein Verbrechen. Was sie hier ins Werk setze, solle eine Strafe für denjenigen sein, der ihr wehe gethan habe; sie vergesse aber, daß es den braven Männern, den Gatten und Vätern, die hier versammelt seien, Leben und Freiheit kosten könne. Die Rache, welche sie diese zu üben ausrufe, solle Balsam sein auf die Wunden ihres eigenen Herzens; wenn aber die Macht des empörten Cäsar ihre unschuldigen Werkzeuge ins Verderben stürze, werde der Balsam sich in ätzendes Gift verwandeln. Diese mit der Wärme der aufrichtigsten Ueberzeugung geflüsterten Worte waren nicht ohne Wirkung geblieben. Eine Zeit lang hatte Frau Berenike düster zu Boden geschaut, dann aber war sie den Versammelten noch einmal näher getreten, um die Warnung des Sachwalters, den alle ehrten und durch den einige zur Taufe bewogen worden waren, vor ihnen zu wiederholen: »Johannes hat recht,« schloß sie. »Das mißhandelte Herz that unrecht, als es seinen Schmerzensruf vor euch erhob. Lieber noch sich in der Weise der Christen von dem Feinde mit Füßen treten lassen, als Unschuldige, die treu an uns hängen, schwerem Mißgeschick anheimfallen sehen. Uebet also Vorsicht. Haltet euch von lauten Kundgebungen zurück. Meide den Zirkus jeder, der sich zu schwach fühlt, den Ingrimm zu zähmen, und wer ihn besucht, der verhalte sich still, wenn er in meinem Sinne zu handeln begehrt. Nur eins ist euch gestattet. Verbreitet, was mir angesonnen wurde, in so weiten Kreisen, wie es nur angeht. Was andere dann thun, das haben sie selbst zu tragen.« Der Christ war dem letzten Satze mit lebhafter Mißbilligung gefolgt; Frau Berenike aber hatte seiner nicht mehr geachtet und mit Alexander den Hof verlassen. Das Geschrei der empörten Männer war ihnen nachgeklungen, und es hatte sich trotz ihrer Warnung angehört wie eine furchtbare Drohung. Freilich war der Sachwalter bei ihnen zurückgeblieben, um sie durch neue Vorstellungen zur Mäßigung zu bewegen. »Was haben die Verblendeten im Sinne?« unterbrach die Matrone sorgenvoll den Jüngling; er aber fuhr hastig fort: »Sie nennen den Cäsar nur noch ›Tarautas‹; jeder Mund fließt über von Spott und Ingrimm wegen der neuen unsinnigen Steuern, der Einquartierung und des frechen Uebermutes der Soldaten, den Caracalla freventlich anschürt. Bis aufs tiefste verletzte seine schmachvolle Mißachtung der Häupter der Stadt. Und sein Werben um die Schwester! Jung und Alt zerbricht sich darüber die Zunge.« »Es wäre ihrem Wesen angemessener, sich dieser Wahl zu freuen,« fiel ihm die Matrone ins Wort. »Eine Alexandrinerin im Purpur, auf dem Throne der Cäsaren!« »Das hatte ich auch gehofft!« rief Alexander, »und es lag ja so nahe. Doch wer begreift diese Menge? Jedes Weib hier, dachte ich, müßte den Kopf höher tragen bei dem Gedanken, eine alexandrinische Jungfrau Kaiserin werden zu sehen; doch gerade von den Frauen vernahm ich die hämischsten, schändlichsten Reden. Und übergenug bekam ich zu hören; denn je mehr wir uns dem Serapeum näherten, desto langsamer mußte der Wagen sich den Weg durch die Menge bahnen. Da gab es Dinge zu vernehmen; die Fäuste ballen sich mir noch, wenn ich nur daran denke. Und wie wird es im Zirkus werden? Was wird Melissa über sich ergehen lassen müssen!« »Der Neid,« murmelte die Matrone vor sich hin. Doch sie verstummte schnell; denn die Jungfrau trat aus dem Schlafgemach den anderen entgegen. Ihr Putz war vollendet. Das kostbare weiße Gewand kleidete sie herrlich. Der Rosenkranz mit dem schimmernden Diamanttau schwebte ihr leicht auf den Locken, die schlangenförmige Spange, die der kaiserliche Freier ihr gesandt, umgab ihr den weißen Arm, und das leicht vorgeneigte Köpfchen, das liebe, blasse, anmutige Gesicht und die großen, beschämt und fragend gesenkten Augen boten einen so liebenswürdig bescheidenen, unsagbar rührenden Anblick, daß die Matrone zu hoffen wagte, auch im Zirkus werde sich nur in verhärteten Herzen eine feindselige Empfindung gegen diese holdselige, reine, von stillem Leid leicht gebeugte Blume erheben. Sie konnte auch dem Drange nicht widerstehen, Melissa zu küssen, und dabei reifte in ihr die schwankende Absicht, das Aeußerste für den Schützling zu wagen, zum festen Entschluß. Zu der Liebe hatte sich in ihrem guten Herzen das Mitleid gesellt, und als sie das holdselige Geschöpf, bei dessen bloßem Anblick die Seele ihr aufging, den herrlichsten Schmuck, mit dem andere Mädchen glückselig geprunkt hätten, gebeugt und des Trostes bedürftig tragen sah wie die schwerste der Lasten, wollte es ihr plötzlich wie eine heilige Pflicht erscheinen, dem unglücklichen Liebling diesen schweren Gang zu erleichtern und Melissa, so weit es an ihr lag, vor Schimpf und Demütigung zu schützen. Seit vielen Jahren hatte sie sich den blutigen Metzeleien im Zirkus, die ihr ein Greuel waren, ferngehalten; heute aber gebot ihr das Herz, den alten Widerwillen zu besiegen und die Jungfrau in das Amphitheater zu begleiten. Hatte sie ihr nicht in ihrem Herzen die Stelle der verlorenen Tochter eingeräumt? War sie, Euryale, nicht die einzige, die, wenn sie sich neben Melissa zeigte und sich freundlich gegen sie erwies, dem Volke die Versicherung erteilen konnte, daß sie, die das Wohlgefallen eines Ruchlosen und Verhaßten der Verkennung und Mißbilligung aussetzte, rein sei und wert der Liebe? Unter ihrem Schutze, an ihrer Seite war die Jungfrau – sie wußte es – vor Verkennung und Beleidigung geschützt, und sie, die ältere, die Christin, sollte sie der ersten Gelegenheit aus dem Wege gehen, ein Kreuz auf sich zu nehmen in der Nachfolge des Göttlichen, zu dem sie sich freudig, doch aus Menschenfurcht nur im geheimen bekannte? Blitzschnell war das alles ihr durch Geist und Seele geflogen, und der Ruf »Doris!«, welcher der Zofe galt, scholl ihr so laut und unerwartet von den Lippen, daß Melissas gereizte Nerven zusammenschraken. Erstaunt schaute sie auf die Matrone, als diese ohne ein Wort der Erklärung der Dienerin, die schnell herbeigeeilt war, befahl: »Das blaue Festgewand, das ich bei der Adonisfeier trug, das Diadem von meiner Mutter und die große Gemme mit dem Serapishaupte für die Schulter! Mein Haar . . . Ein Schleier soll es bedecken. Was kommt darauf an, wenn man alt ist? Und Du, Kind! Warum Du mich nur so verwundert anschaust? Welche Mutter ließe die junge, schöne Tochter denn allein in den Zirkus? Nebenbei darf ich wohl hoffen, daß es Dir den Mut stärken wird, mich an Deiner Seite zu wissen. Vielleicht nimmt es die Menge auch ein wenig für Dich ein, wenn das Weib des obersten Priesters ihres höchsten Gottes Dich begleitet.« Doch sie konnte die letzten Worte nicht beenden; denn Melissa war ihr mit dem Rufe: »Das wolltest Du für mich thun?« an die Brust geflogen, und Alexander küßte ihr, tief ergriffen von Dank und Freude, den hageren Arm und den Saum des einfachen Peplos. Während Melissa der Matrone beim Ankleiden im Nebenzimmer half, ging Alexander ruhelos und mit langen Schritten auf und nieder. Er kannte die Alexandriner, und es unterlag keinem Zweifel, daß die Begleitung der allverehrten Frau sie veranlassen werde, mit günstigeren Augen auf die Schwester zu schauen. Nichts anderes hätte ihrem Gang in den Zirkus den Stempel des Ziemlichen so kräftig ausdrücken können. Je banger er gefürchtet hatte, Melissa werde durch rohe Kundgebungen des Volkes bis ins Tiefste verletzt und beleidigt werden, desto dankbarer schlug ihm das Herz, ja, sein leichter Sinn sah in dieser That der Matrone das erste Lächeln des neu erwachenden Glückes. Er wollte wieder hoffen, wollte eingedenk so vieler Mahnungen der Philosophen und Dichter des Augenblicks genießen, sich der glänzenden Vorstellung im Zirkus, vielleicht seines letzten Vergnügens, freuen und die Zukunft vergessen. Sein Antlitz gewann auch den alten, sonnigen Glanz zurück, doch verschwand er bald wieder; denn während er sich im Geiste das Amphitheater betreten sah, kam ihm in den Sinn, daß ihm dort frühere Genossen den Handschlag verweigern und nichtswürdige Buben das widrige »Tarautas-Schwager« oder »Verräter« nachrufen könnten, das ihn auf der Straße verfolgt. Dabei überlief es ihn kalt, und ganz unvermittelt trat ihm das Bild der hübschen Ino vor die Seele, die an seine Liebe glaubte, und der er allen voran das Recht gegeben hatte, ihn des Verrates zu zeihen. Da überkam ihn wieder ein peinliches Mißbehagen und jene quälende Unzufriedenheit mit sich selbst, die er, der bis dahin Selbstquälerei, Reue und Buße für einen frevelhaften Lebensverderb gehalten, heute zum erstenmal empfunden hatte. Aus dem schönen, sonnigen Herbsttage war ein schwüler, trüber Abend geworden, und Alexander trat an das Fenster, um sich den Seewind über die perlende Stirn streichen zu lassen, doch bald ward es hinter ihm laut; denn Frau Euryale und Melissa und mit ihnen zugleich der Hausmeister, betraten das Zimmer. Dieser überreichte der Matrone ein verschlossenes Doppeltäfelchen, das der Leibsklave des Philostratus soeben gebracht. Die Frauen hatten im Schlafgemach von dem Gelübde der Jungfrau geredet, und die Matrone Melissa verheißen, falls das Schicksal gegen den Kaiser entscheide, sie an einer Stelle in Sicherheit zu bringen, deren Unzugänglichkeit ihr gestatten werde, der Zukunft in aller Ruhe entgegenzuschauen. Dann hatte sie ihr ans Herz gelegt, wenn es anders bestimmt sei, auch das Unerträgliche geduldig und als treues, gehorsames Weib zu tragen, als Herrscherin aber sich immer des Ernstes und der segnenden Macht ihres neuen Berufes bewußt zu bleiben. Das Täfelchen enthielt die Entscheidung, und Kopf an Kopf überflogen beide Frauen die Mitteilung, welche Philostratus mit der feinen, deutlichen Handschrift, die ihm eigen, in das Wachs des Täfelchens gegraben. Sie lautete also: »Die Verurteilten sind nicht mehr. Dein Gesuch hatte keine andere Wirkung, als die Vollstreckung des Urteils zu beschleunigen. Der Cäsar wünschte Dich auch gegen den eigenen Willen von Widersachern zu befreien. Vindex und sein Neffe sind nicht mehr; ich aber besteige zeitig genug das Schiff, um dem Zorne dessen zu entgehen, dem die höchste Gnade des Glückes zu teil geworden wäre, wenn er es verstanden hätte, Gnade zu üben.« »Gott sei gelobt; doch der arme Vindex!« rief die Matrone, während sie die Tafel sinken ließ; Melissa aber küßte sie und rief dann dem Bruder zu: »Nun ist es aus mit jedem Zweifel! Ich darf ihm entrinnen. Er selbst hat die Entscheidung getroffen.« Dann fuhr sie leiser, doch dringlich fort: »Sorge Du für den Vater und Philipp und auch für Dich selbst, Alexander. Mich will Frau Euryale verbergen. O, wie dankbar ich bin!« Dabei wandte sie den Blick mit heißer Inbrunst nach oben; die Matrone aber flüsterte den Geschwistern zu: »Mein Plan ist gemacht. Nach der Vorstellung führt Alexander Dich, Kind, in das Haus Deines Vaters. Es muß auf einem Wagen des Kaisers geschehen. Später kehrst Du mit dem Bruder hieher zurück, und ich erwarte Dich unten. Aber wir fahren ja zusammen in den Zirkus, und unterwegs können wir das alles näher erwägen. Geh jetzt, junger Freund, bestelle die Sänfte des Kaisers ab und trage dem Hausmeister auf, meine eigene bedeckte Harmamaxa anspannen zu lassen. Sie hat reichlich Platz für uns drei.« Als Alexander bald darauf zurückkehrte, begann das Tageslicht schon zu erbleichen, und man hörte das Rasseln der ersten Wagen, welche das Gefolge des Kaisers in den Zirkus führten. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Das große Amphitheater des Dionysos lag im Bruchium, dem schönen Palästeviertel der Stadt, in der Nahe des großen Hafens zwischen dem Choma und der Landzunge Lochias. An die weite und hohe Rotunde, die Zehntausende faßte, schlossen sich die ansehnlichsten Ring- und Reitbahnen der Stadt. Diese Bauten, zu denen schon die ptolemäischen Könige den Grund gelegt, und die später mancherlei Erweiterungen und Ausschmückungen erfahren hatten, bildeten mit den Annexen, unter denen die Gladiatoren und Tierkämpferschulen, sowie die Ställe für wilde Bestien aus allen Teilen der Erde den breitesten Raum einnahmen, für sich einen eigenen kleinen Stadtteil. Jetzt glich das Amphitheater einem Bienenkorbe, in dessen Innerem schon jede Zelle gefüllt zu sein scheint, und in dem doch noch ein ganzer Schwarm, der ihm entgegenwimmelt, Raum zu finden erwartet. Schon am Morgen hatten sich die Stehplätze für das gemeine Volk und die billigen Sitzreihen der oberen Stockwerke gefüllt. Am Nachmittag waren auch besser gestellte Bürger gekommen, denen die Plätze nicht gesichert werden konnten, und was jetzt, bei Sonnenuntergang, kurz vor dem Beginne der Vorstellung erschien, stieg größtenteils aus Wagen oder Sänften und gehörte zum Hofstaat des Kaisers, zu den höchsten Beamten, dem Senat, den Vornehmsten und Reichsten der Stadt. Schon mischte sich rauschende Musik in das Geschrei und laute Gespräch der Zuschauer und der Tausende, die den Zirkus umgaben, ohne auf Einlaß zu hoffen. Auch für sie gab es genug zu sehen, zu thun oder zu gewinnen. Welch ein Vergnügen, die geputzten Frauen und bekränzten Großen und Reichen aussteigen, die berühmten Gelehrten und Künstler erscheinen zu sehen und sie, je nach der Wertschätzung, die man ihnen zollte, mehr oder weniger beifällig zu begrüßen. Den glänzendsten Anblick bot der große Zug der Priesterschaft, an deren Spitze Theophilus, der Oberpriester des Serapis, und ihm zur Seite der Alexanderpriester unter einem herrlichen Baldachin, würdevoll dahinschritt. Sie begleiteten die vor der Vorstellung zu schlachtenden Opfertiere, sowie die Bilder der Götter und vergöttlichten Kaiser, die gleichsam als vornehmste Zuschauer in der Arena aufgestellt werden sollten. Theophilus trug den großen Ornat seiner Würde, der Alexanderpriester den Purpur, der ihm, dem Idiologen und Haupte aller Tempel Aegyptens, als Vertreter des Kaisers zukam. Das Erscheinen der Cäsarenbilder rief ein kleines Totengericht hervor; denn dem Julius Cäsar jauchzte die Menge begeistert zu, den Augustus empfing sie mit unwilligem Murmeln, beim Erscheinen des Caligula wurde sogar gepfiffen, während die Bildsäulen des Vespasian, Titus, des Hadrian und der Antonine laute Beifallsrufe erweckten. Auch die Statue des Septimius Severus, des Vaters des Caracalla, dem die Stadt manchen Vorteil verdankte, wurde freundlich empfangen. Aber auch die Bilder der Götter hatten sich eine sehr verschiedene Aufnahme gefallen zu lassen. Den Serapis und den göttlichen Stadtheros Alexander hieß man laut willkommen, während sich beim Nahen des Zeus-Jupiter und Ares-Mars kaum eine Stimme erhob; galten sie doch für die Hauptgötter der ungeliebten Römer. Die Abteilungen der kaiserlichen Leibwache, welche in der Nähe des Amphitheaters aufgestellt waren, fanden, so lange es Tag war, keinen großen Unterschied zwischen dem Treiben vor dem alexandrinischen Zirkus und vor denen am Tiber. Was ihnen auffiel, war höchstens die größere Menge der dunkelgefärbten Gesichter und der phantastisch gekleideten Magier. Auch das nackte, nur mit dem Schurz gekleidete gemeine Volk, das sich hier neugierig und zu allerlei Diensten bereit, unter die auf den Zirkus zuströmenden Zuschauer drängte, fehlte in der Hauptstadt. Doch je später es wurde, desto mehr fanden die Römer es wert, hierher gekommen zu sein. Zu Rom gab es, wenn eine große Tierhetze mit Gladiatorenspielen und dergleichen angesagt war, wohl auch barbarische Fürsten und Gesandte aus entlegenen Teilen der Erde in sonderbaren, glänzenden Trachten zu sehen, auch dort wurde vor dem Amphitheater und seiner Umgebung mit allerlei Dingen Handel getrieben, auch am Tiber veranstaltete man, besonders beim Feste der Flora, nächtliche Vorstellungen mit glänzender Beleuchtung; hier aber gab es, als die Sonne zur Rüste ging und der Anfang der Spiele immer näher rückte, Unvergeßliches zu schauen. Welche unerhörte Kleiderpracht trugen viele Frauen zur Schau, die den kostbaren Sänften entstiegen, in wie sonderbarem und reichem Putz erschienen auch die Herren, denen eine Schar von eigenen Dienern aus den goldnen und silbernen Wagen half. Ueber welche Schätze mußten diejenigen gebieten, die ihre Sklaven in gestickte Brokate zu kleiden und mit goldenem und silbernem Schmuck zu zieren vermochten. Die Vorläufer, die auch mit den schnellsten Rossen Schritt hielten, Lungen von Stahl mußten sie haben. Die Prätorianer, denen lange nichts begegnet war, was sie veranlaßt hätte, der Vorschrift des größten Lebenskünstlers unter den Dichtern, nichts anzustaunen, entgegen zu handeln, stießen hier oft überrascht und von Bewunderung ergriffen einander an; ja, der Centurio Julius Martialis, der neulich den Besuch von Weib und Kind, entgegen der Vorschrift, im Lager empfangen hatte und dabei vom Kaiser selbst beobachtet worden war, schlug mit der Faust auf den beschienten Schenkel und wies die Kameraden mit einem lauten: »Daß euch!« auf das Fuhrwerk des Seleukus, dem vier Vorläufer in langärmeligen Jacken von reich mit Silber geschmücktem meergrünem Bombyx den Weg bahnten. Die barfüßigen Jungen mit den flinken, hageren Gazellenbeinen waren ja alle hübsch genug und wie aus einer Form gegossen. Was aber dem Centurio und seinen Nachbarn am bemerkenswertesten an ihnen vorkam, war das Funkeln und Blitzen, das von ihren zarten Fußknöcheln ausging, als die scheidende Sonne einmal flüchtig blendende Strahlen durch einen Riß des finsteren Gewölkes zur Erde sandte. Jeder dieser Bursche trug goldene Reifen, die mit kostbaren Edelsteinen besetzt waren, an den Beinen, und die Rubinen, die am Geschirr der Rosse des Seleukus funkelten, hatten noch weit höheren Wert. Er war als Festordner zeitig gekommen und der Vorbote ähnlicher Schaustellungen des Reichtums, von denen eine der andern schnell folgen sollte, sobald die kurze Dämmerung Aegyptens der Finsternis gewichen und die Beleuchtung des Zirkus in Angriff genommen worden war. Da erschien eine schöne geputzte Frau in einer großen Sänfte, über die sich ein breites Dach von lauter weißen Straußenfedern breitete, welche der Abendwind wie ein Dickicht von Farnkräutern hin und her bewegte. Zehn schwarze und zehn weiße Mädchen trugen diesen Thronsitz, und ihnen voran ritten zwei liebliche Kinder auf gezähmten Straußen. Der stattliche Sohn eines vornehmen Hauses, der, wie der Kaiser zu Rom, zu den Blauen gehörte, lenkte die herrlichen vier Schimmel vor seinem Wagen selbst, und dieser war über und über mit Türkisen besetzt, das Geschirr der Rosse aber mit geschliffenen Saphiren. Der Centurio Martialis schüttelte in stummer Bewunderung den Kopf. Sein Antlitz war in den vielen Kriegen, an denen er im Osten und Westen, ja auch im fernen Schottland teilgenommen hatte, tief gebräunt worden, doch deutete die schmale Stirn, die schlaffe, niederfallende Unterlippe und der glanzlose Blick seiner Augen auf geringe geistige Begabung. Trotzdem fehlte es ihm mit nichten an Willenskraft, und er galt unter den Kameraden für ein gutes Lasttier, das sich manches aufbürden und gefallen ließ, bis es ihm zu viel ward. Dann konnte er wüten wie ein reißendes Tier, und er wäre schon vor Jahren zu einer höheren Stellung aufgerückt, hätte er nicht in einem solchen Ausbruche des Zorns einen Kameraden beinahe erdrosselt. Wegen dieses schweren Vergehens war er hart bestraft worden und hatte zum andernmal von unten anfangen müssen. Daß er den Centurionenstab trotz seiner geringen Herkunft bald zurückerlangte, dankte er besonders dem jungen Tribunen Aurelius Apollinaris, dem er im Kriege gegen die Armenier das Leben gerettet, und der hier in Alexandria von der eigenen Hand des Cäsar um seiner »Geliebten« willen so grausam verstümmelt worden war. Der beschränkte Centurio hatte ein treues Herz. Wie an Weib und Kind hing er an den vornehmen Brüdern, denen er so Großes verdankte, und hätte der Dienst es gestattet, wäre er schon längst einmal in die kanopische Straße gegangen, um nach dem Verwundeten zu schauen. Aber er fand nicht einmal Zeit zu dem Verkehre mit den Seinen; denn jüngere und reichere Kameraden, die sich der Genüsse der großen Stadt freuen wollten, hatten ihm wieder von ihren eigenen Pflichten ein gutes Teil aufgebürdet. Heute morgen waren ihm von einem vornehmen jungen Krieger, der seine Laufbahn gleich als Centurio begonnen hatte, einige Eintrittstäfelchen für die Nachtvorstellung im Zirkus in Aussicht gestellt worden, wenn er den Dienst vor dem Amphitheater an seiner Stelle übernehme. Und dem Martialis war diese Aufforderung willkommen gewesen; denn sie machte es ihm möglich, den beiden, die ihm die Liebsten waren, seinem Weib und seiner Mutter, das höchste Vergnügen zu bereiten, das Alexandrinern und Alexandrinerinnen geboten werden konnte. Sobald jetzt etwas Bemerkenswertes außerhalb des Zirkus erschien, bedauerte er, die Frauen schon vorhin auf einen der oberen Sitzreihen geführt zu haben. Auch die Pferde, den Wagen und die mit Türkisen und Saphiren besetzten Gewänder des Blauen hätte er ihnen gern gezeigt, obgleich ein Decurio bei seinem Anblick ausrief, römische Patrizier verschmähten es mit Recht, die eigene Person in so barbarischer Weise auszuputzen, und ein Alexandriner unter den Prätorianern versicherte, seinen Landsleuten von hellenischem Blut gelte eine schön geworfene Falte mehr als ganze Edelsteinreihen an der Chlamis. »Aber warum hat denn die Menge den Blauen so stürmisch begrüßt?« frug ein in Pannonien heimischer Leibwächter. »Die Menge!« versetzte der Alexandriner verächtlich. »Die Syrer und anderen Asiaten darunter sind es gewesen. Sieh doch die Griechen an! Der große Kaufherr Seleukus ist der reichste von allen; doch wie prächtig er auch Roß, Wagen und Sklaven auszuschmücken weiß, kleidet er sich selbst doch nur mit dem einfachen makedonischen Umwurf. Ist der vom kostbarsten Stoffe – wer will's ihm verdenken? Wo Du solchen Edelsteinprunk am Leibe eines Herrn siehst, kannst Du Dein Haus verwetten, wenn Du eins hast, daß der Prahlhans nicht weit von Syrien heimisch.« »Der da, auf der Perlmuschel mit zwei Rädern, ist der Jude Poseidonios,« bemerkte der Pannonier. »Ich liege bei seinem Vater im Quartier. Aber er trägt sich doch griechisch.« Da zog der Centurio in der Freude, auch etwas zu wissen, den Mund breit und rief: »Ich bin hier zu Hause und sage Dir: Schön eintränken würde Dir's der Jude, wenn Du ihn für etwas anderes hieltest als für einen Hellenen.« »Ganz recht,« fügte ein anderer Prätorianer aus Antiochia hinzu; »die vielen Juden hier haben mit denen in Palästina nur wenig gemein. Für Griechen wollen sie gelten, reden nur griechisch, geben sich griechische Namen und glauben auch nicht mehr recht an den großen Gott ihrer Väter; denn sie treiben griechische Philosophie, und ich kenne einen, der im Tempel des Serapis seine Andacht verrichtet.« »In Rom halten es viele nicht anders,« versicherte ein aus Ostia stammender Mann. »Ich kenne ein Epigramm, das sie deswegen verspottet.« Hier wurden sie unterbrochen; denn Martialis wies auf einen hochgewachsenen Mann in ihrer Nähe, und sein scharfes Auge hatte in ihm den Präfekten der Prätorianer, Macrinus, erkannt. Im Nu stellten die Krieger sich straffer auf, doch richtete sich manches behelmte Haupt nach der Stelle hin, wo ihr höchster Vorgesetzter mit dem Magier Serapion flüsterte. Macrinus hatte den Kaiser bestimmt, den Geisterbeschwörer zu sich zu entbieten, um seine Kunst zu erproben. Nach der Vorstellung, so spät sie auch enden möge, sollte der Magier vor ihm erscheinen. Serapion dankte dem Präfekten und flüsterte ihm dann zu: »Es ward mir vorhin die zweite Offenbarung.« »Nicht hier,« unterbrach Macrinus ihn ängstlich und zog dann seinen schönen jungen Sohn, der ihn begleitete, mit sich fort und dem Eingangsthor entgegen. Indes wich die Dämmerung dem Dunkel und viele Stadtsklaven standen im Begriff, die zahllosen Lämpchen zu entzünden, welche zur Beleuchtung der Außenseite des Zirkus dienten. Sie umsäumten die hohen Bogen, welche in langen, kreisrunden Reihen die beiden unteren Stockwerke umgaben und die oberen Ränge des gewaltig hohen und weiten Rundbaues trugen. Nur von kleinen Zwischenräumen getrennt, bildeten die Lampenreihen weithin leuchtende Rahmen, welche die edlen Formen des Amphitheaters schon von fern den ihm Nahenden zeigten. Die Bogen zu ebener Erde umschlossen teils die Räume, aus denen Menschen und Tiere in die Arena gelassen, teils Läden, in denen Blumen und Kränze, Speisen und Getränke, Tücher, Fächer und andere den Zuschauern willkommene Dinge feilgeboten wurden. Auf der Fläche zwischen dem Theater und dem weiten Kranze von Pechpfannen, der den ganzen Rundbau umgab, wogten Männer und Frauen zu Tausenden auf und nieder. Geputzte, schaulustige Mädchen drängten sich einzeln und scharenweise an die ankommenden Männer, und ihr Gelächter übertönte munter die tiefen pathetischen Stimmen der Magier und Zauberer, die den Vorübergehenden ihre Wunderkraft anpriesen. Einige derselben drangen auch in die Warteräume der Gladiatoren und Tierkämpfer, die heute ihres Beistandes so nötig bedurften, daß mancher trotz eines strengen, neu eingeschärften Verbotes sich unter die Menge stahl, um einen wirksamen Zauber oder ein hilfreiches Amulet zu erkaufen. Wo die Beleuchtung am weitesten vorgeschritten war, wurde in besonderer Weise versucht, auf die Stimmung der Zuschauer zu wirken; – denn hier verteilten zungenfertige Leute, teils im Dienste des Präfekten Macrinus, teils in dem des besorgten Senats der Stadt Tücher, um dem Kaiser damit zuzuwehen, und Blumen, die ihm auf den Weg gestreut werden sollten. Manchem als Unruhestifter bekannten glitt auch ein Goldstück mit dem Bilde dessen, den es heute zu feiern galt, in die Hand, und unter dem an der Straße, die der Cäsar benützen sollte, aufgestellten Volke trugen viele die Caracalla. Es waren größtenteils gedungene Leute, deren Beifallsgeschrei den Cäsar gnädig stimmen sollte. Sobald der Präfekt im Theater verschwunden war, lockerten sich wieder die Reihen der Prätorianer. Es war gut, daß sich außer dem Centurio Martialis noch ein anderer Alexandriner unter ihnen befand, der erst vor einem Jahre die Vaterstadt verlassen hatte; denn ohne ihn wäre ihnen mancherlei unerklärt geblieben. Am sonderbarsten erschien ihnen der Empfang einer stattlichen, doch prunklosen Harmamaxa, der erst ein wohlgebildeter, bekränzter Jüngling, dann eine ältere Matrone, und endlich ein vornehm gekleidetes Mädchen entstiegen, dessen seltene Schönheit selbst den Centurio Martialis, dem sonst fremde Weiber nur wenig galten, zu dem Rufe veranlaßte: »Das wäre mir von allen die liebste.« Aber es mußte mit diesen dreien doch etwas Besonderes auf sich haben; denn bei ihrem Anblicke brach die Menge erst in ein lautes Tosen und Schreien, dann aber in noch lautere Rufe des Beifalls und Willkommens aus, in das sich freilich auch der schrille Klang etlicher Rohrpfeifen mischte. »Die Geliebte des Cäsar, eines Steinschneiders Tochter,« raunte der Alexandriner den Kameraden zu. »Der hübsche Junge ist wohl ihr Bruder. Soll ein feiler Sykophant sein, ein vom Kaiser erkaufter Spion.« »Der?« fiel ihm ein älterer Centurio, den narbigen Kopf schüttelnd, ins Wort. »Eher glaub' ich, daß der Alten, die mit ihm ausstieg, der Jubel dort gilt und nicht der Jungen.« »Dann laß es nur bei dem Sykophanten,« lachte der Alexandriner; »denn die Alte ist es in der That, die sie so lebhaft begrüßen, und beim Herkules, sie verdient es! Die Gattin des Serapispriesters ist's. – Wenig Arme gibt's in der Stadt, denen sie nicht Gutes gethan hat. Sie kann's ja freilich; denn ihr Mann ist der Bruder des reichen Seleukus, und ihr Vater saß auch bis über den Ohren im Golde.« »Ja sie kann es,« fiel ihm hier der Centurio Martialis selbstzufrieden und als sei dies auch für ihn rühmlich, ins Wort. »Aber viele haben noch mehr, und wie fest halten sie den Beutel! Ich kenne sie von Kind an, und sie ist von den Guten die Beste. Und was dankt die Stadt ihr nicht alles! Das Leben setzte sie aufs Spiel, um beim Vater des Cäsar den Bürgern Gnade zu erwirken, nachdem sie sich offen gegen ihn erklärt und zu seinem Rivalen, dem Pescennius Niger, gehalten. Es gelang ihr auch damals.« »Aber warum pfeifen sie denn?« frug der ältere Centurio. »Weil ihr Begleiter ein Angeber ist,« wiederholte der Alexandriner. »Und das Mädchen! Den Cäsar in Ehren! Doch wer von euch sähe die Schwester oder Nichte wohl gern als seine Geliebte?« »Ich nicht!« rief Martialis. »Aber wer die Jungfrau dort für schlecht hält, der sage es nur, wenn es ihn nach einem blauen Auge gelüstet. Wen Frau Euryale im eigenen Wagen hieher führt, an dem ist kein Makel.« »Nein, nein,« fügte der jüngere Alexandriner begütigend hinzu. »Der Schwarzkopf da drüben und seine Genossen würden anders pfeifen, wenn sie nichts Gutes von ihr wüßten, und – das bleibt die Hauptsache – wäre Frau Euryale nicht bei ihr. Aber dort . . . Seht nur die unverschämten Hunde – sie sind von den Grünen – vertreten ihnen den Weg. Doch da sind auch schon die Lictoren.« »Achtung!« rief im nämlichen Augenblick der Centurio Martialis, fest entschlossen, den Sicherheitswächtern beizustehen und der Matrone und ihrem schönen Schützlinge kein Haar krümmen zu lassen; denn ihr Gemahl war der Bruder des Seleukus, dem schon sein Vater und Schwiegervater gedient, und in dessen Villa zu Kanopus seine Mutter und sein Weib angestellt waren, um sie in Stand zu erhalten. Auch er fühlte sich dem Kaufherrn verpflichtet, und was zu seinem Hause gehörte, war berechtigt, auf seinen Beistand zu zählen. Doch es bedurfte des Vorrückens nicht; denn eine Anzahl von Blauen aus der Menge hatte die Grünen, welche dem Alexander mit drohenden Fäusten in den Weg getreten waren, schon zurückgetrieben, und die Lictoren traten schützend vor die Bedrohten. Diesem Auftritte schaute ein junger, festlich gekleideter Mann, der sich in die vorderste Reihe der Menge gedrängt hatte, tief atmend zu. Er war sehr bleich, und der volle Kranz auf seinem Haupte kaum stark genug, um die Binde zu verbergen, die es umgab. Es war Diodor, der Bräutigam Melissas. Nachdem er sich bei seinem Freunde ausgeruht, hatte er sich in einer Sänfte bis vor den Zirkus tragen lassen; denn das Gehen fiel ihm noch schwer. Sein Vater gehörte zum Senate der Stadt, und seiner Familie kam eine Reihe von Plätzen auf dem untersten, vornehmsten Range zu, der diesmal zum Teil dem Kaiser und seinen Begleitern überlassen worden war. Darum konnten auch den einzelnen Mitgliedern des Senates nur halb so viele Sitze wie sonst eingeräumt werden. Doch auf zwei durfte der Sohn des Polybius in jedem Falle für den Vater Anspruch erheben, und Timon, sein Freund, der auch für die festliche Kleidung des Diodor Sorge getragen hatte, war gegangen, um ihm die Einlaßtäfelchen von der Kurie zu holen. An dem zu den Plätzen des Polybius führenden Eingangsthore wollten sie sich treffen, und bis zur Ankunft des Timon konnte noch eine Weile vergehen. Es hatte den Diodor gelüstet, den kaiserlichen Nebenbuhler zu sehen, doch, statt ihm zu begegnen, war er Zeuge des schmählichen Empfanges gewesen, den ein Teil des Volkes dem Alexander und seiner Schwester vor dem Zirkus bereitete. Wie schön und begehrenswert war ihm diejenige wieder erschienen, die er noch heute Morgen glückselig die Seine genannt. Als er sich nun von dem großen Eingangsthor entfernte, fragte er sich, warum ihn die Demütigung eines Wesens so bitter schmerze, das ihm so wehe gethan und das er zu hassen und zu verabscheuen meinte. Vor kaum einer Stunde hatte er dem Timon versichert, die Liebe zu Melissa aus dem Herzen gerissen zu haben. Es werde ihm wohlthun, die Pfeife, die er bei sich trug, zu gebrauchen, und mitanzusehen, wie das Volk ihre Treulosigkeit strafe. – Und jetzt? Als die beleidigenden Rufe der Grünen, deren Farbe er doch selbst trug, erschollen waren, hatte er sich Zwang anthun müssen, sich nicht auf die feigen Schreier zu stürzen und sie niederzuschlagen. Schwankenden Schrittes ging er auf die Pforte zu, bei der er den Freund erwartete. Das Blut hämmerte ihm an die Schläfen, der Mund war ihm wie ausgedörrt, und als ihn eine Obstverkäuferin aus einem der Bogen des Unterbaues anrief, entnahm er den Fruchtkörben einige Aepfel, um sich durch ihren Saft zu erquicken. Er that es mit zitternder Hand, und die erfahrene Alte, welche die Binde unter seinem Kranze bemerkte, meinte einen tief erregten Unzufriedenen in ihm zu erkennen, der vielleicht schon mit den Lictoren zusammengeraten sei. Darum wies sie mit einem vielsagenden Schmunzeln unter den Tisch, auf dem die Obstkörbe standen, und raunte ihm zu: »Da sind auch faule. Immer sechs in einer Düte, die sich leicht unter dem Umwurf versteckt. Für wen Du sie willst. Einer Göttin von hier hat der Cäsar den goldenen Parisapfel gereicht, doch die da unten thun es wohl auch. Ihrem Bruder, dem Sykophanten, gönn' ich die meisten.« »Kennst Du die beiden?« frug Diodor unwillig mit heiserer Stimme. »Nein, Herr,« versetzte die Alte. »Ist auch nicht nötig. Es fehlt mir nicht an Kunden, und ich habe offene Ohren. Einem schönen Jüngling aus unserer Stadt hat die Dirne dem Römer zu Gefallen die Treue gebrochen, und wer solche Unthat strafen hilft, dem lohnen es die rächenden Götter.« Diodor fühlte, wie die Kniee ihm wieder wankten, und eine zornige Entgegnung schwebte ihm schon auf den Lippen, als die Hökerin plötzlich wie außer sich aufkreischte: »Der Cäsar! Da kommt er!« Durch die gewitterschwüle Abendluft war schon lange das Geschrei der den Kaiser begrüßenden Menge erst leiser, dann lauter vernehmbar geworden. Jetzt hatte es sich plötzlich zu einem das Ohr betäubenden Lärm gesteigert, und während es wie tosendes Donnerrollen, das schrille Pfiffe, schnellen Blitzen vergleichbar, durchzuckten, an das Ohr schlug, erklomm die grauhaarige, wohlbeleibte Hökerin den Tisch mit unbeholfener Eile und schrie aus vollem Halse: »Der Kaiser! Da ist er! – Heil, Heil, Heil dem großen Cäsar!« Auf die Gefahr hin, zu Boden zu stürzen, bückte sie sich dabei in leidenschaftlicher Hast tief unter den Tisch, um das blaue, zerlöcherte Tuch, das die faulen Aepfel verborgen hatte, von ihnen fortzureißen und es in so wilder Begeisterung zu schwingen, als habe der Mann, gegen den sie eben noch die widrigsten aller Wurfgeschosse zum Kauf angeboten, ihr alterndes Herz im Fluge gewonnen. Dabei fuhr sie fort mit der weithin schallenden, schrillen Stimme ein »Heil dem Cäsar« nach dem andern hervorzuschmettern, bis der Atem der übervollen keuchenden Brust versagte, und das runde Gesicht sich ihr mit bläulicher Röte färbte. Ja, so tief schien ihre Begeisterung, daß ihr helle Thränen über die runden Wangen rangen. Und wie die Apfelfrau, so schrie alles rings umher: »Heil dem Cäsar!« und nur aus dem dichtesten Haufen durchschrillten bisweilen scharfe Pfiffe den Jubel der Menge. Diodor hatte inzwischen den Blick dem Hauptthore zugewandt und sich, fortgerissen von dem allgemeinen Wunsche zu schauen, auf eine noch uneröffnete Kiste mit getrockneten Feigen gestellt. Seine hochgewachsene Gestalt überragte jetzt weit die gedrängte Menge, und mit dicht zusammengebissenen Zähnen nahm auch er wahr, was die Hökerin veranlaßte, vor Entzücken vergehend hervorzukeuchen: »Wundervoll! Herrlich! Dergleichen hätte er auch in Rom vergeblich gesucht. Ja, hier, ja, bei uns! . . .« Jetzt übertönte das Geschrei des Volkes alles andere. Wo ein Vater oder eine Mutter das Kind mitgenommen, ward es in die Höhe geschwungen, wo ein Kleingewachsener hinter Großen stand, machte man ihm willig Platz; denn es wäre einer Unthat gleichgekommen, ihm solchen Anblick zu schmälern. Schon viele hatten einen hohen Herrn auf dem glänzenden goldenen Wagen, den vier herrliche Rosse zogen, dahinfahren sehen; aber von Fackelträgern, wie diejenigen, welche dem Caracalla voranleuchteten, wußten auch Alte und Weitgereiste nicht zu erzählen. Denn drei Elefanten gingen dem Fuhrwerk des Cäsar voran, drei andere folgten ihm, und alle sechs trugen in dem Rüssel hell brennende Fackeln, die sie, um den Weg zu erleuchten, bald hoch erhoben, bald senkten. Daß Tiere sich zu solchem Dienst abrichten ließen! Daß gerade in Alexandria den hochmütigen, verwöhnten Römern eine solche Leistung vorgeführt werden konnte! Da hielt schon der Wagen, und die schwarzen Aethiopier, welche die vierfüßigen, riesigen Fackelträger begleitet hatten, führten bereits die vorderen ihren Kameraden hinter dem Fuhrwerke zu. Das war schön, das mußte das Herz jedes Freundes seiner Vaterstadt mit Stolz und Vergnügen erfüllen. Wofür sollte man sich die Hälse heiser schreien, wenn nicht für ein solches, nie dagewesenes Schauspiel? Auch Diodor verwandte kein Auge von den Elefanten. Ihr Anblick ergötzte ihn wohl anfänglich, doch verdroß er ihn bald noch weit tiefer; denn er sagte sich, daß der schnöde Tyrann, sein Todfeind, den Beifall, den die elende Menge den klugen Tieren zollte, auf sich selbst beziehen werde. Damit griff er nach der Rohrflöte in den Brustfalten seines Gewandes. Vorhin war er schon nahe daran gewesen, sie zu benützen, um Melissa einen Teil des Wehes heimzuzahlen, das sie ihm zugefügt hatte. Bei dieser Erinnerung aber ergriff ihn Abscheu vor der Erbärmlichkeit solcher Rache, und mit einem raschen Griffe zerbrach er die Flöte und schleuderte die Stücke vor dem Apfelkrame zu Boden. Die Hökerin bemerkte es und rief ihm zu: »Ja, ja, um solchen Anblickes willen muß man schon mancherlei vergeben;« er aber wandte ihr stumm den Rücken und fand den Freund an der verabredeten Stelle. Ungehindert erreichten sie die Sitze der Senatorenfamilien, und als sie dort Platz genommen hatten, wies der Jüngling die mitleidigen Fragen nach seinem Befinden, welche die Bekannten rings umher an ihn richteten, ungesprächig zurück. Sein Freund Timon blickte teilnahmsvoll in das schöne, bleiche und ermüdete Antlitz des wie gebrochen in sich selbst versunkenen Jünglings. Am liebsten hätte er ihn gleich zum Aufbruche genötigt; denn dem Cäsar und seinem Gefolge, zu dem ja auch Melissa gehören sollte, gerade gegenüber waren ihnen die Plätze angewiesen worden. Einzelne Gesichter ließen sich bei dem Halbdunkel, das den weiten Raum des Theaters immer noch erfüllte, nicht erkennen. Aber bald mußte es hell werden, und welche Marter stand dann dem nur halb genesenen, treulos verlassenen Unglücklichen bevor! Nach dem hellen Lichte, das vor dem Zirkus die Augen geblendet hatte, that dem Diodor die Dämmerung einstweilen noch wohl. Seine matten Glieder ruhten, aus dem parfümirten Springbrunnen in der Arena stieg süßer Wohlgeruch zu ihm auf, und sein Blick, der ihm hier noch nichts Willkommenes zuzuführen vermochte, starrte ins Leere. Auch der Gedanke that ihm wohl, die Flöte vernichtet zu haben. Mit ihrem Pfiff hätte er sich selbst geschändet, und dazu wäre der Ton ja auch der würdigen Frau ins Ohr gedrungen, die das Mädchen begleitete und in der er noch gestern eine zweite Mutter geehrt. Rings um ihn her erscholl jetzt laute Musik, hörte er es rufen und schreien, und auch über ihm – es konnte von den obersten Rängen kommen – begann ein seltsames Getöse. Doch er achtete nicht auf das alles, und während er der Matrone gedachte, erhob sich in ihm plötzlich und zum erstenmal die Frage, ob diese Frau Melissa wohl hieher begleiten würde, wenn sie dieselbe des ruchlosesten Treubruches oder einer anderen entwürdigenden That für fähig hielte. Er, der keine Vorstellung versäumte, hatte Frau Euryale noch nie im Zirkus gesehen. Auch heute erschien sie hier schwerlich zu ihrem Vergnügen. Melissa zu liebe war sie gekommen, und doch wußte sie, daß die Jungfrau seine Verlobte. Hatte der Kaiser die Matrone nicht gezwungen, sich hier zu zeigen, dann mußte die Geliebte noch der Neigung und Achtung der besten der Frauen wert sein, und bei diesen Erwägungen erhob die Hoffnung in seiner gequälten Seele wieder das Haupt. Jetzt wünschte er plötzlich, helleres Licht möge das Halbdunkel verdrängen, das ihm eben noch so wohl gethan hatte; denn Frau Euryales Verhalten sollte ihn lehren, ob ihr Melissa immer noch wert sei. Wenn die Matrone sich ihr so freundlich wie früher erwies, dann gehörte ihr Herz ihm vielleicht auch jetzt noch, dann hatte sie nicht der eitele Glanz des Purpurs verführt, ihm treulos zu werden, dann war es der Zwang des Uebermächtigen, der sie . . . Hier unterbrach lautes Trompetengeschmetter, Schlachtgeschrei und gleich darauf der schwere Fall einer zu Boden gestürzten Masse, ein heller, sich ringsum wiederholender Aufschrei, lauteres Lärmen und der Beifallsruf der Nachbarn sein stilles Sinnen. Erst jetzt nahm auch er wahr, daß die Vorstellung soeben den Anfang genommen. Unter ihm, wohin er den Blick stets gerichtet, ohne ihn je zu erheben, war freilich auf dem gelblichen Sande der Arena noch nichts zu gewahren als die duftenden Springbrunnen und ein formloser Körper, zu dem sich bald auch ein zweiter und dritter gesellte; ihm zu Häupten aber war es lebendig geworden, und von der rechten Seite her durchzuckten helle Lichtstrahlen den weiten Raum. Ueber dem gewaltigen Rundteil, das in sieben Rängen den Zuschauern Platz bot, prangten Sonnen und seltsam geformte, übergroße Sterne, die ein mattes, vielfarbiges Licht ausströmten; doch was der Jüngling über sich wahrnahm, war nicht der Himmelsbogen, der sich heute dunkel bewölkt über seine Vaterstadt breitete, sondern ein Velarium von ungeheurem Umfang, welches das nächtliche Firmament zur Darstellung brachte. Es breitete sich über den ganzen unbedeckten Zuschauerraum. Jedes Sternbild, das über Alexandria aufging, war deutlich zu erkennen. Jupiter und Mars, die Lieblinge des Kaisers, übertrafen an Größe und Glanz alle anderen Planeten, und in der Mitte dieses Himmelsgemäldes, das sich langsam in die Runde drehte, bildeten zu Buchstaben aneinander gereihte Sterne die eigentlichen Namen des Caracalla: »Bassianus« und »Antoninus.« Aber auch ihr Licht war gedämpft und wie von Nebeln verschleiert. Von dem künstlichen Firmament erscholl sanfte Musik; aus der Luftschicht unter ihr aber ließ sich der Ruf der Kriegstrompete und wildes Schlachtgeschrei vernehmen. So waren denn aller Augen aufwärts gerichtet, und auch die des Diodor schauten nach oben. Verwundert nahm er wahr, daß die Veranstalter der Vorstellung in dem Bestreben, dem kaiserlichen Gaste der Stadt etwas niegesehenes Neues zu bieten, das erste Kampfspiel in die freie Luft verlegt hatten. Dort, in der Höhe der obersten Ränge wurde eine Aetherschlacht geführt, deren Anordnung wohl auch den verwöhnten Römern einige Ueberraschung zu gewähren verhieß. Schwarze und goldene Schiffe stießen dort scheinbar im leeren Raume aufeinander, und ihre Bemannung kämpfte mit dem Ungestüm der Verzweiflung. Die ägyptische Vorstellung von den Lichtgöttern, die in goldenen Barken den Himmelsozean befahren und die Mythe von dem Sonnengotte, der allmorgendlich die Dämonen der Finsternis bekämpft und besiegt, lag diesem Kampfspiele zu Grunde. Hoch über den unteren Rängen, wo der Kaiser und alle weilten, nach deren Bewunderung man geizte, sollte der Kampf zwischen den Geistern des Dunkels und des Lichtes ausgefochten werden, und zwar von lebenden Menschen, größtenteils von zum Tode oder zu schwerer Zwangarbeit verurteilten Verbrechern. Die schwarzen Schiffe waren mit afrikanischen, die goldenen mit hellfarbigen Uebelthätern bemannt, und sie waren gern an Bord gestiegen; denn vielen stand es bevor, nur verwundet, einigen unbeschädigt aus dem Kampfe hervorzugehen, und jeder war entschlossen, die Waffen zu brauchen, um den furchtbaren Streit schnell zu Ende zu führen. Die krausköpfigen Schwarzen wußten freilich nicht, daß man ihnen nur leicht zusammengelötete Schwerter, die beim ersten Streich auseinanderspringen mußten und Schilder in die Hand gegeben hatte, die keinem ernsten Schlag widerstanden, den hellfarbigen Geistern des Lichts aber feste und scharfe Waffen zu Schutz und Trutz. Es mußte ja um jeden Preis vermieden werden, daß die Dämonen der Finsternis über die des Lichtes triumphirten. Was galt das Leben eines Schwarzen, zumal wenn es ohnehin verwirkt war! Während unten Frau Euryale und Melissa auf den Plätzen des Kaisers die Augen von dem schrecklichen Schauspiel, das über ihnen tobte, abwandten und die Matrone, mit der Hand der Jungfrau in der ihren, dieser zuraunte: »O, Kind, Kind, daß es not that, Dich hierher zu begleiten!« erschollen laute Beifallsrufe und stürmisches Klatschen. Der Steinschneider Heron, der in der rotumsäumten Toga seiner neuen Würde, strahlend vor Glück und Stolz auf dem mit Polstern belegten, bevorzugten Sitze Platz genommen hatte, schlug so heftig in die riesigen Hände, daß den Nachbarn die Ohren sausten. Auch ihn hatten beim Eintritt in den Zirkus laute Pfiffe übel empfangen; doch er war weit entfernt gewesen, sie auf sich zu beziehen. Als ihm aber dicht vor der kaiserlichen Loge eine Schar von Grünen seinen Namen mit derben Schmähworten ins Gesicht gerufen hatte, war er stehen geblieben, um dem nächsten die gewaltige Faust unter das Kinn zu stoßen und die anderen giftige Neidharte zu schelten. Dank den hier aufgestellten Lictoren war er unbeschädigt davongekommen, und sobald er sich unter lauter Freunden des Kaisers und großen Herren sah, zu denen er oft mit stummer Ehrerbietung niedergeschaut hatte, fand er die gute Laune wieder. – Besonders freute er sich auf die Stunde, in der er den Kaiser fragen konnte, was er nun von seiner Vaterstadt sage? Alexander folgte wie der Vater dem blutigen Kampfspiel; ja mit atemloser Spannung schaute er aufwärts, wenn die Ringenden einander in die gähnende Tiefe zu reißen drohten. Dennoch vergaß er keinen Augenblick den Schimpf, der ihm vor dem Zirkus widerfahren war. Wie weh das Herz ihm that, war auf seinem bekümmerten Antlitz zu lesen. Nur einmal flog ihm ein Lächeln um die Lippen. Als es nach dem Ende der ersten Vorstellung heller geworden war, hatte er auf dem nächsthöheren Rang ihm gegenüber die hübsche Ino, die Tochter des Nachbarn Skopas, bemerkt, die er vor wenigen Tagen seiner Liebe versichert. Es war ihm bewußt gewesen, schlecht gegen sie gehandelt und ihr das Recht gegeben zu haben, ihn treulos zu schelten. Ihr gegenüber hatte er sich wirklich eines Verrates schuldig gemacht, und das war ihm schwer auf die Seele gefallen. Jetzt begegnete sein Blick dem ihren, und sie gab ihm in der auffallendsten Weise zu erkennen, daß sie ihn einen Spion des Kaisers nennen gehört und den Verleumdern Glauben geschenkt habe. – Sein Anblick schien sie mit Entrüstung zu erfüllen, und sie war bestrebt, ihm zu zeigen, daß sie schnell Ersatz für ihn gefunden, und dem Alexander hatte der junge Ktesias, ihr Nebenmann, der sich schon lange vergebens um sie bewarb, es zu verdanken, wenn Ino ihn jetzt mit ins Auge fallender Zärtlichkeit beglückte. Das war tröstlich für den armen Ausgestoßenen. Wenigstens um der Nachbarstochter willen brauchte er sich keine weiteren Vorwürfe zu machen. Diodor saß ihm gegenüber, und auch seine Aufmerksamkeit ward oft unterbrochen. Die leuchtenden Schwerter und die Fackeln in der Hand der Geister des Lichtes, sowie die matt glänzenden, falschen Sterne zu ihren Häupten hatten das Dunkel nicht genügend zerstreut, um den Jünglingen zu gestatten, einander zu erkennen. Wohl schaute Diodor oft genug auch während der fesselnderen Scenen des Kampfes nach der Loge des Kaisers hin, doch gelang es ihm nicht, die Geliebte von den anderen Frauen in der Umgebung des Caracalla zu unterscheiden. Aber schon ward es heller; denn während der Kampf noch schwankte, schwebte plötzlich eine neue Barke voller Lichtgeister mit hochgeschwungenen Fackeln den Genossen zu Hilfe, und der Himmel schien sie gesandt zu haben, um die Schlacht zu entscheiden, die schon länger währte, als es die Festordner für möglich gehalten. Das wilde Kampfgeschrei, das Geheul der Verwundeten und Ringenden da oben übertönte längst die sanfte Sphärenmusik ihnen zu Häupten. Der Ruf der Tuben und Posaunen durchgellte ununterbrochen den weiten Raum, oft begleitet von dem schrecklichsten der Töne in diesem grausamen Schauspiel, dem dumpfen Aufschlag eines in die Tiefe geschleuderten Leibes. Und dieser gräßliche Klang erweckte den lautesten Beifall unter der Menge, weil er dem übersättigten Ohr etwas Neues bot. Ueberhaupt entfesselte dieser tolle, nie gesehene Kampf in der Höhe einen rasenden Jubel; denn er gab dem Auge, das hier niederwärts zu schauen gewohnt, eine Richtung, in die es noch nie gelockt worden war. Welchen köstlichen Anblick gewährte es auch, die Schwarzen und Weißen miteinander ringen zu sehen, wie trefflich gestattete der Unterschied der Farben die einzelnen Kämpfer, auch wenn sie einander dicht umklammert hielten, zu unterscheiden. Und als am Ende der Schlacht ein ganzes Boot umgestürzt ward, und noch beim Fallen in die Tiefe einzelne Streiter sich umschlungen hielten und in wütendem Haß einander umzubringen trachteten, da erbebten die Mauern des festen Baues von dem rasenden Klatschen und Jauchzen der Tausende auf allen Rängen. Nur einmal that sich der begeisterte Beifall noch wilder kund, und das war nach der Entscheidung der Schlacht und dem, was ihr folgte; denn kaum hatten die siegreichen Lichtgeister sich mit hoch erhobenen Fackeln in den Booten erhoben und von schwebenden Kindergenien Lorbeerkränze empfangen, die sie zu der Loge des Kaisers niederwarfen, als ein wohlriechender Dampf, welcher der Stelle entströmte, wo der Himmel den hohen Rundbau berührte, den ganzen oberen Teil des Theaters den Blicken der Zuschauer entzog. Die Musik verstummte, und von oben her ließ sich nur ein wunderliches, unheimliches Grollen, Zischen, Rauschen und Knistern vernehmen. Ein Dämmerlicht, noch matter als vorher, erfüllte den weiten Raum, und bange Empfindungen bemächtigten sich der vieltausendköpfigen Zuschauerschaft. Was sollte das geben? War das Velarium in Brand geraten, versagten die Beleuchtungsmaschinen den Dienst, und sollte man in diesem peinlichen Halbdunkel verbleiben? Hier und da erhob sich auch bereits ein Ruf des Unwillens und ein schriller Pfiff aus der leicht erregten Menge; der Dampf aber hatte sich schon allmälich verzogen, und wer aufwärts schaute, der gewahrte, daß das Velarium mit der Sonne und den Sternen einer schwarzen Fläche Platz gemacht hatte. Niemand wußte, ob sie dem umwölkten Himmel angehöre, oder ob ein neues, einfarbiges Riesentuch den Zuschauerraum überspanne; plötzlich aber riß die gewobene Decke auseinander. Von unsichtbaren Händen fortgezogen, verschwanden ihre Teile. Wie auf den Wink eines Zauberers erhob sich eine rauschende Musik, und zu gleicher Zeit strömte in gewaltigen Wellen eine solche Flut von Licht in das Theater, daß jede Hand das Auge bedeckte, um es vor Blendung zu schützen. Einem hohen Jubelchore vergleichbar, der in die Schlußaccorde eines dumpfen Trauergesanges einfällt, folgte der hellste Sonnentag der finsteren Nacht auf dem Fuße. Die Maschinisten Alexandrias hatten ein Wunder verrichtet. – Selbst die Römer, die auch bei den nächtlichen Vorstellungen am Florafeste in dem beleuchteten Zirkus der Flavier nichts Gleiches geschaut, lohnten es ihnen mit reichen Beifallsstürmen, die nicht aufhören zu wollen schienen; denn wer die Quellen des Lichtes da oben, die, von zahllosen Spiegeln vervielfacht, in das Theater fluteten, genügend bewundert hatte und dann den Zuschauerraum überblickte, der begann sicher Hand und Stimme von neuem zu regen. Auf ein geheimes Zeichen strahlten auch an den Sitzreihen tausende von Lichtern und Lampen auf, und wenn der Glanz der Vorstellung der Kleiderpracht der alexandrinischen Zuschauer und Zuschauerinnen entsprach, dann durfte man noch Großes erwarten. Jetzt erst erkannte man die Schönheit der Frauen und die Kostbarkeit ihrer Gewänder, jetzt erst versandten die Edelsteine schnell aufleuchtende und erlöschende Blitze. Wie viele Gärten und an Lotosblumen reiche Gewässer hatten geplündert, wie viele Haine des Lorbeers beraubt werden müssen, um die Kränze zu liefern; die jedes Haupt auch auf den oberen Rängen schmückten, und wer zu diesen hinaufsah und die stattlichen Gewänder gewahrte, in denen Mann und Weib auch hier erschienen war, der mußte glauben, daß es nur Reiche in Alexandria gebe. Wohin das Auge sich wandte, begegnete ihm etwas besonders Schönes oder Prächtiges. Und die Fülle an entzückenden Einzelbildern, die sich dem Blicke aufdrängten, umgaben in großen Rahmen die vollen Guirlanden von Lotosblumen und Malven, Lilien und Rosen, Oelbaum- und Lorbeerlaub, Papyrusstengeln und Palmenwedeln, Pinien und Weidenzweigen, die hier in schön gerundeten Festons aufgehängt, dort wie farbenreiche Binden um Säulen, Pfeiler und die Fundamente ganzer Sitzreihen geschlungen waren. Nur eins unter den zahllosen Menschenpaaren in diesem Festsaal ohne Gleichen sah und hörte nichts von dem allen. Kaum hatte die Nacht sich in strahlendes Licht verwandelt, als Melissas Auge dem des Geliebten begegnet war, und zu dem Erkennen hatte sich schnell ein zages Fragen und Antworten gesellt, das die unglücklichen Liebenden mit neuer Hoffnung erfüllte. Melissas Blick bekannte dem Diodor, daß sie ihn und ihn allein liebe; aus dem des Jünglings aber war zu erkennen, daß er nicht von ihr lassen könne. – Doch sein Auge gab auch dem Weh der von Zweifel und Kümmernis gequälten Seele Ausdruck und sandte Frage auf Frage zu Melissa hinüber. Und sie verstand seine stummen Blicke, als seien es hörbare Worte, und ohne auf die Neugierigen zu achten, die sie umgaben, und zu bedenken, wie verhängnisvoll dies Wagnis für sie werden könne, hob sie den Strauß in ihrer Rechten, neigte sich über ihn, wie um sich an dem Duft der Blumen zu laben und drückte einen schnellen Kuß auf die schönste der halb erschlossenen Knospen. Die Antwort, die sie empfing, lehrte, daß auch Diodor sie verstand; denn jetzt strahlte ihr aus seinen hellen Augen nichts mehr entgegen als Liebe und Dank. Inniger, meinte sie, habe er ihr nie ins Antlitz geschaut, und wieder neigte sie das Haupt zu den Rosen nieder. Aber mitten in dem neu erwachten Glücke röteten sich ihr die Wangen in jungfräulicher Scheu über ihr kühnes Unterfangen, und zu glücklich, um, was sie gethan zu bereuen, und doch bang, daß diejenige, deren Urteil ihr alles galt, es mißbilligen werde, schmiegte sie, Ort und Zeit vergessend, das Haupt an Frau Euryales Schulter und blickte ihr mit den großen Augen fragend und wie um Vergebung bittend ins Antlitz. Die Matrone durchschaute sie; denn sie war ihren Blicken gefolgt und fühlte mit, was die Jungfrau bewegte, und ohne zu ahnen, ein wie großes Geschenk sie damit einem dritten bereite, zog sie Melissa fester an sich und küßte ihr, unbekümmert um ihre Umgebung, die Schläfe. Dem Diodor war es bei diesem Anblick, als habe er den Preis beim Wettfahren gewonnen, und sein Freund Timon, der das Künstlerauge eben an den prächtigen Bildern ringsum weidete, fuhr zusammen, so ungestüm und kräftig hatte Diodor ihm die Hand gedrückt. Was war mit dem siechen Unglücklichen, den er, Timon, aus Mitleid in den Zirkus begleitet, vorgegangen, daß ihm die Augen so hell leuchteten, und er das Haupt wieder so hoch trug? Was bedeutete die Versicherung des Jünglings, daß nun alles gut werden könne? Vergebens fügte Timon Frage an Frage; denn noch mochte Diodor auch dem besten Freunde nicht vertrauen, was ihn beglückte. Es genügte ihm, zu wissen, daß Melissa ihn liebe, und daß die Frau, zu der er mit enthusiastischer Verehrung aufschaute, sie so wert halte wie je. Zum erstenmal begann er, sich jetzt auch seiner Zweifel an der Geliebten zu schämen. Wie hatte er, der sie von Kind an kannte, ihr etwas so Unreines, Verdammungswürdiges zutrauen können! Sicher war es ein übermächtiger Zwang, der sie noch an den Kaiser fesselte, und sie hätte ihn so nicht anschauen können, wenn sie nicht im Sinne trug – und vielleicht wollte Frau Euryale ihr dabei helfen – dem kaiserlichen Werber zu rechter Zeit zu entfliehen. So mußte es sein, und je öfter er zu ihr hinschaute, desto gewisser wollte es ihm scheinen. Jetzt freute ihn das blendende Licht, das ihn umgab; zeigte es ihm doch die Geliebte. Die Worte, welche Frau Euryale ihr zugeflüstert hatte, mußten sie zur Vorsicht gemahnt haben; denn sie gönnte ihm nur noch selten einen kurzen Liebesblick, und er sagte sich selbst, daß ihr stummer, doch lebhafter Verkehr von vorhin ihnen beiden hätte verhängnisvoll werden können. Aber es war doch in dem plötzlich hereingebrochenen Lichte zu viel zu Tage getreten, das jeden und auch den Kaiser unwiderstehlich anzog, als daß man Zeit gefunden hätte, ihrer zu achten. Jetzt war die erste Neugier befriedigt, und nun hielt es auch Diodor für geboten, sich Zurückhaltung aufzuerlegen. Caracalla hatte sich den Zuschauern noch nicht gezeigt. Ein goldener Schirm, durch dessen Oeffnungen er zu schauen vermochte, ohne gesehen zu werden, entzog ihn den Blicken der Menge, doch konnte Diodor diejenigen wohl erkennen, die er empfing. Erst waren es die Veranstalter der Vorstellung, dann die parthische Gesandtschaft und einige Vertreter der obersten Behörden der Stadt gewesen. Endlich führte Seleukus die Gemahlinnen der reichen Herren, die mit ihm die Kosten dieser Vorstellung trugen, vor den Thron, und unter diesen kostbar bekleideten Frauen überstrahlte Frau Berenike alle durch den Stolz ihrer Haltung und die auffällige Pracht ihrer Kleidung. Als ihr großes Auge den Cäsar herausfordernd traf, faltete er die Stirn und frug höhnisch: »Man scheint hier prunkende Trauergewänder zu tragen?« Frau Berenike aber erwiderte schnell: »Sie haben nichts mit der Trauer zu schaffen und sollen nur den Mächtigen ehren, der die Trauernde in den Zirkus entbot.« Diodor sah den Blick nicht aufflammen, womit Caracalla die kühne Matrone bedrohte, und vernahm auch nicht, wie er leichthin versetzte: »So vergreift man sich hier in der Art, mir Ehre zu erweisen; indes wird man Gelegenheit finden, sich besser zu unterrichten.« Doch über den weiten Raum der Arena hin bemerkte der Jüngling das schnelle Erröten und Erblassen der stolzen Frau, und wie gleich nach ihr der Präfekt der Prätorianer, Macrinus, sich mit dem Festordner und dem Leiter der Gladiatorenschule dem Kaiser näherte. Zu gleicher Zeit hörte Diodor seinen Nachbar, ein Mitglied des städtischen Senates, sagen: »Wie das alles so zahm und ruhig verläuft! Mein Vorschlag, den Cäsar im Halbdunkel eintreten zu lassen und ihn und die anderen Mißliebigen zuerst den Blicken zu entziehen, war ganz vortrefflich. Gegen wen sollten sie die Pfeifen gebrauchen, so lang sich der eine vom andern nicht unterschied? Jetzt hält das Entzücken die Schreier noch im Zaum. Die künftige ›Kaiserbraut‹ mag mir am lautesten danken. Sie erinnert mich übrigens an die persischen Krieger, die, bevor sie in die Schlacht zogen, sich Katzen an die Schilder banden, weil sie wußten, daß ihr ägyptischer Feind lieber gar nicht auf sie schießen, als die heiligen Tiere der Gefahr aussetzen würde, von seinen Pfeilen getroffen zu werden.« »Was meinst Du damit?« frug ein anderer und erhielt die muntere Antwort: »Frau Euryale ist für die Kaiserbraut die schützende Katze. Aus Achtung vor der Matrone und aus Furcht, sie mit zu verletzen, blieb ihr Schützling auch von denen da oben bis jetzt unbehelligt.« Dabei wies er auf eine Gruppe von Grünen, die auf einem der oberen Ränge die Köpfe zusammensteckten; sein Nebenmann aber fügte hinzu: »Es hält sie auch noch etwas anderes im Zaume. Die drei Bartlosen hinter ihnen sind Sicherheitswächter. Wie die Rosinen durch den Kuchenteig sind sie durch die ganze Zuschauermasse verbreitet.« »Das ist weise und gut,« versicherte der Senator. »Wir könnten den Zirkus sonst leicht viel hastiger verlassen, als wir ihn betraten. Mit trockenen Gewändern kommen wir ohnehin kaum nach Hause. Sieh nur, wie die Lichter da oben schwanken; man hört auch das Pfeifen des Sturmes, und solch ein Leuchten kommt aus keiner Maschine. Vater Zeus lockert die Blitze, und wenn das Unwetter losbricht . . .« Hier wurde diese Rede von schmetternden Fanfaren unterbrochen, in die sich das Rollen des fernen Donners mischte, der dem ersten Blitze gefolgt war. Gleich darauf begann der Aufzug, der sonst dem Beginne jeder Vorstellung voranging. Schon vor dem Erscheinen des Kaisers hatte man die Statuen der Götter auf die für sie bestimmten Postamente gestellt, um zu verhüten, daß die Zuschauer das Erscheinen der vergöttlichten Cäsaren zu Kundgebungen benützten. Jetzt umgingen die Priester in feierlicher Prozession die Bildsäulen, und Theophilus goß dem Serapis, der Alexanderpriester dem Heros der Stadt seine Libation in den Sand. Dann erschienen die Festordner, die Gladiatoren und Tierkämpfer, welche heute ihre Kunst zum Besten geben sollten. Als die Priester sich der Loge des Kaisers näherten, trat dieser an die Brüstung und begrüßte die Zuschauer, denen er sich jetzt zum erstenmale zeigte. Melissa war ihm, während er noch hinter dem Schirme saß, gehorsam seinem Befehle, von Frau Euryale zugeführt worden, und er hatte sie gnädig begrüßt. Jetzt schien er sich weder um sie, noch um ihren Vater und Bruder zu bekümmern; auch trennten auf sein Geheiß mehrere Plätze seinen Sitz von dem ihren. Auf Rat des Oberpriesters Theophilus wollte er sie erst der Menge an seiner Seite zeigen, wenn die Sterne zum andernmale befragt worden waren, und er – vielleicht schon übermorgen – Melissa als seine Gemahlin in den Zirkus führen konnte. Der Matrone hatte er Dank gesagt, daß sie die Jungfrau begleite, und in prahlerischem Tugendstolz hinzugefügt, die Welt solle erfahren, daß er auch die glühendsten Wünsche seines Herzens dem Ziemlichen zu opfern verstehe. Die fackeltragenden Elefanten hatten ihm Vergnügen bereitet, und in der Erwartung, Melissa wieder zu begegnen und öffentlich anerkannt zu sehen, daß er die Schönste für sich gewonnen, war er heiter in den Zirkus gekommen. Auch jetzt noch zeigte er sein natürliches Gesicht. Nur bisweilen zog sich ihm die Stirn zusammen; denn der Blick der Gattin des Seleukus ging ihm nach. Wie eine Rachegöttin hatte die verwegene Frau, »die geputzte Niobe,« wie er sie dem Präfekten Macrinus gegenüber verächtlich nannte, vor ihm gestanden, und seltsamerweise kehrte ihm mit jedem Gedanken an sie die Erinnerung an den Vindex und seinen Neffen zurück, deren Hinrichtung die Fürbitte Melissas beschleunigt hatte, und es verdroß ihn jetzt, der Geliebten das Ohr verschlossen zu haben. Der Gedanke, daß der Name Vindex auch einen »Rächer« bedeute, beunruhigte ihn und kam ihm so wenig aus dem Sinn wie die »Niobe« mit den furchtbaren, düsteren Augen. Er wollte sie nicht mehr sehen, und die Gladiatoren erleichterten ihm dies; denn eben näherten sie sich ihm, und ihr wilder Enthusiasmus ließ ihn eine Zeit lang alles andere vergessen. Während die einen Schwert und Schild, die anderen ihre nicht weniger schrecklichen Waffen, das Netz und die Harpune, schwangen, scholl ihr: »Heil Dir, Cäsar, die zu sterben gehen, grüßen Dich!« ungestüm und heiser aus rauhen Kehlen zu ihm empor. Zu zehn Mann in jeder Reihe umkreisten sie in schnellem Sturmschritt und in Abteilungen gesondert das Rund der Arena. Zwischen dem ersten und zweiten Haufen stolzirte einer für sich allein daher, als sei er etwas Besonderes, und wiegte sich dabei mit geschwollenem Selbstgefühl in den Hüften. Das war sein ertrotztes Recht, und man sah es seinem breiten, rohen Gesichte mit der aufgestülpten Nase und den wulstigen Lippen, aus denen weiße Zähne wie die eines Raubtieres blitzten, wohl an, daß es denen übel ergangen wäre, die versucht hätten, es ihm zu schmälern. Dabei war er von kleinem Wuchs; doch aus der hoch gewölbten Brust, den überbreiten Schultern und den kurzen, krummen Beinen traten die Muskeln wie elastische Bälle hervor und lehrten den Kenner, daß er ein Riese an Kraft sei. Ein Schurz bildete seine ganze Kleidung; denn er war stolz auf die zahllosen Narben, die ihm weiß und rot von der hellen Haut schimmerten. Den kleinen Bronzehelm hatte er nach hinten gerückt, damit dem Volke das furchtbare Aussehen des linken Teils seines Angesichts nicht entgehe, aus dem ihm ein Löwe, während er mit ihm und drei Panthern gekämpft, das Auge zugleich mit einem Teil der Wange gerissen. Er hieß Tarautas, und im ganzen Reiche war er bekannt als der grausamste aller Gladiatoren; hatte er sich doch auch das zweite Recht erstritten, nur auf Leben und Tod zu kämpfen und unter keiner Bedingung Gnade zu schenken oder für sich zu verlangen. Wo er auf den Plan trat, gab es Leichen zu sehen. Der Cäsar wußte, daß man ihm nach diesem Manne den Spitznamen »Tarautas« gegeben, und er hatte das nicht ungern gesehen; denn er wollte vor allem stark und furchtbar erscheinen, und das war der Gladiator, der in seinem Stande nicht seinesgleichen besaß. Sie kannten einander auch, und der Tarautas hatte nach manchem schwer erfochtenen Siege, bei dem sein Blut geflossen war, Geschenke von dem kaiserlichen Gönner erhalten. Wie nun der narbige Graukopf, der in dem langen Zuge der Gladiatoren ein Glied für sich bildete, aufgebläht von Eitelkeit, die kleinen frechen Augen unter den Zuschauern umherschweifen ließ, da erfüllte sich ihm vorzeitig das Verlangen, wofür er im Zirkus das Leben so oft aufs Spiel gesetzt hatte, aller Blicke auf sich zu ziehen. Das hob ihm die Brust, das verdoppelte die Spannkraft seiner geschmeidigen Sehnen, und als er vor die Loge des Kaisers gelangte, ließ er mit seltener Fechterkunst und zäher Ausdauer das kurze Schwert so schnelle Kreise über seinem Scheitel beschreiben, daß es aussah, als sei es zu einer blinkenden, stählernen Scheibe geworden. Dabei überschrie der Ruf seiner gewaltigen, mißtönenden Stimme: »Heil Dir, Cäsar!« wie Löwengebrüll den der anderen Gladiatoren, und der Kaiser, der noch keinem Alexandriner ein freundliches Wort oder eine gütige Miene gegönnt hatte, ließ sich herbei, dem wilden Unhold, dessen Kraft und Geschicklichkeit ihm gefielen, mehrmals aufs gnädigste zuzuwinken. Auf diesen Augenblick hatten die Grünen im dritten Range gewartet. Dem Manne, dem der Cäsar selbst Beifall schenkte, auch das ihre zu erkennen zu geben, konnte niemand verbieten, und so begannen sie den Namen »Tarautas« in die Arena zu rufen. Sie wußten, daß sie damit jedermann aufforderten, den Kaiser mit dem blutigen Scheusal zu vergleichen, dessen Namen sich an ihn geheftet, und wen es drängte, seinen Groll und sein Mißvergnügen zu äußern, der verstand die Meinung und stimmte mit ein. So hallte denn das weite Theater bald wider von dem einen Rufe: »Tarautas!« Anfänglich erscholl er ordnungslos an vereinzelten Stellen, bald aber – niemand wußte, wer damit begonnen – vereinte sich die Menge auf allen obern Rängen zu einem einzigen Chore, der dem lang verhaltenen Ingrimm mit kindischer, sich fortwährend steigernder Lust freie Bahn ließ, indem er taktmäßig und in einem wie von selbst entstandenen Rhythmus den Namen »Tarautas« hervorstieß. Bald wollte es scheinen, als sei den Tausenden das tolle, zu immer lauterem Gebrüll anwachsende Verslein: »Taráu – Taráu – Taráutas« einstudirt worden, und wie es immer geht, wenn in die Schranken der Zurückhaltung einmal eine Bresche gelegt ist, flog auch hier eine nach der andern in den Staub, und dort ließ sich der schrille Pfiff einer Rohrflöte, da das Rasseln einer Knarre vernehmen. Dazwischen erschollen die leidenschaftlich erregten Stimmen derer, an welche Lictoren oder Sicherheitswächter der Stadt die Hand legten, und die ihrer scheltenden Nachbarn; den gesamten meuterischen Lärm aber begleiteten mit furchtbarem Ernst die rollenden Donnerschläge des immer schneller heraufziehenden Gewitters. Auch die faltige Stirn des Kaisers verriet, daß ein solches bei ihm im Anzuge sei, und kaum hatte er die Absicht der Menge durchschaut, als er dem Präfekten Macrinus schäumend vor Wut befahl, Ruhe zu schaffen. Bald schmetterte Fanfare auf Fanfare mahnend in das Gebrüll. Die Festordner empfanden, daß nur, wenn es gelang, die Aufmerksamkeit der Zuschauer durch Herz und Sinn erregende Scenen zu fesseln, die Kundgebungen zum Schweigen gebracht werden konnten, die Unheil über die ganze Stadt zu bringen drohten, und so wurde verordnet, mit dem wirksamsten Schauspiel, welches eigentlich bestimmt war, die ganze Vorstellung zu beschließen, schon jetzt zu beginnen. Es sollte zur Darstellung bringen, wie römische Krieger ein Lager der Alemannen eroberten. Es lag darin eine Schmeichelei für den Cäsar, der sich nach seiner fraglichen Besiegung dieses tapferen Volkes den Namen »Alemannicus« beigelegt hatte. Ein Teil der Kämpfer, welcher die Germanen darstellte, war in Tierfelle gekleidet und mit langwallendem roten und blonden Haare geschmückt. Andere Gladiatoren stellten die römische Legion dar, die jene zu bewältigen hatte. Die Alemannen waren sämtlich zum Tode verurteilte Männer und Frauen, die sich ungerüstet und nur mit stumpfen Schwertern bewaffnet zu verteidigen hatten. Den Frauen war Leben und Freiheit zugesagt worden, wenn sie sich nach der Eroberung des Lagers mit der scharfen Klinge, die man einer jeden anvertraut hatte, wenigstens so tief verwunden würden, daß Blut fließe. Wer sich dabei das Ansehen einer Sterbenden recht täuschend zu geben verstand, sollte eine besondere Belohnung erhalten. Unter die Germanen mit den stumpfen Waffen waren auch einige Gladiatoren von besonderer Körpergröße und mit scharfen Schwertern gemischt worden, um die Entscheidung hinauszuschieben. Während vor den Augen der Zuschauer in wenigen Minuten Wagen, Rinder und Pferde zu einem Lager zusammengeführt und mit einem Wall von Baumstämmen, Steinen und Schildern umgeben wurde, ließen sich immer noch hie und da Rufe und Pfiffe vernehmen, ja, als der Gladiator Tarautas im Waffenschmuck eines römischen Legaten einer schwer bewaffneten Kriegerschar voran die Arena betrat und den Cäsar wiederum begrüßte, steigerte sich die Unruhe von neuem. Aber die Geduld Caracallas war schon erschöpft, und der Oberpriester Theophilus sah seinen bleichen Wangen und zuckenden Augenlidern an, was in ihm vorging, und beseelt von dem innigen Verlangen, seine Mitbürger vor unabsehbarem Unglück zu wahren, stellte er sich mit bittend erhobenen Händen vor die Bildsäule seines Gottes. »Im Namen des großen Serapis hört mich, makedonische Männer und Frauen!« rief seine mächtige, klangvolle Stimme in das Lärmen der oberen Zuschauerreihen hinein. Da ward es still in dem weiten Raume. Nur der Wind unterbrach mit klagendem, langgezogenem Geheul die Ruhe. Dann und wann erschütterte auch der Schlag eines Zeugstückes, das der Sturm von dem Velarium riß, an das Gemäuer die Luft, und in diese Geräusche mischte sich unheimlich der Schrei der Eulen und Dohlen, die das Licht aus ihren Nestern in der Bekrönung des Zirkus vertrieben hatte, und die das Unwetter nun wieder dorthin zurückzog. Laut und überall vernehmbar, dringlich und im Tone väterlicher Besorgnis legte der Oberpriester nun den Lauschenden ans Herz, sich still zu verhalten, das glänzende Vergnügen, das ihnen hier geboten werde, nicht zu stören und vor allem zu bedenken, daß der große Cäsar, das göttergleiche Haupt des Erdenrundes, zur höchsten Ehre eines jeden in ihrer Mitte verweile. Als Gast der gastfreundlichsten aller Städte dürfe der erhabene Herrscher von jedem Alexandriner das feurige Bestreben erwarten, ihm den Aufenthalt hier angenehm zu machen. An ihm, Theophilus, sei es, im Namen des Höchsten der Götter die Stimme mahnend zu erheben, damit nicht der üble Wille weniger Ruhestörer die irrige Meinung in dem teuersten der Gäste errege, man sei in Alexandria blind für die Segnungen, die jeder Bürger seinem weisen Regimente verdanke. Hier unterbrach ein lauter Pfiff und dann der weithin schallende Ruf: »Nenne diese Segnungen; wir kennen keine!« den Redner; Theophilus aber ließ sich nicht beirren und fuhr eifriger fort: »Ihr alle, die des hohen Cäsars Gnade zu römischen Bürgern erhob . . .« Aber wieder fiel ihm ein Zuschauer – es war der Oberaufseher der Kornspeicher des Seleukus – vom zweiten Range her kreischend ins Wort: »Meint ihr, wir wüßten nicht, was diese Ehre uns kostet?« Ein lauter Beifallsruf folgte dieser Frage, und plötzlich bildete sich abermals und wie durch ein Wunder ein Chorus, der ein ganzes Distichon wiederholte, das einer in die Menge gerufen, ein zweiter und dritter ihm nachgesprochen hatte, und das dann als Gemeingut aller in der sangartigen Weise, die ein vierter ihm gab, von tausend Lippen, so laut nur jeder vermochte, demjenigen entgegenscandirt wurde, für den es bestimmt war. Ans den oberen Rängen in jeder Himmelsrichtung des Zirkus erschollen nun die folgenden Verse, die noch vor wenigen Augenblicken keinem bekannt gewesen waren: »Morden die Lebenden gilt's, um der Toten Begräbnis zu zahlen;     Denn was der Zöllner uns ließ, schonungslos raubte der Soldat.« Und diese Verse mußten wohl mitten aus dem Herzen der Menge kommen; denn sie ward nicht müde, sie zu wiederholen, und erst als ein heftiger Donnerschlag den Zirkus erschütterte, verstummten viele und schauten mit wachsender Angst in die Höhe. Dieser Augenblick wurde benützt, um die Vorstellung beginnen zu lassen. Der Kaiser biß sich in ohnmächtiger Wut die Lippen, und der Haß gegen die Alexandriner, die ihm nun offen zu erkennen gaben, wie sie ihm gesinnt waren, steigerte sich von einem Augenblick zum andern. Wie ein schweres Unglück empfand er das Unvermögen, dem ihm angethanen Schimpfe die Strafe auf dem Fuße folgen zu lassen, und siedend vor Zorn dachte er eines bekannten Wortes des Caligula und wünschte dieser Stadt ein einziges Haupt, um es ihr vom Rumpfe zu schlagen. Das Blut pochte ihm so heftig an die Schläfen, und es sauste ihm so wild vor den Ohren, daß er eine gute Weile von allem, was um ihn her vorging, nichts sah und hörte. Diese wilde Erregung konnte ihm wieder furchtbare Leidensstunden zuziehen. Doch er brauchte solche jetzt weniger zu fürchten; denn dort saß das lebende Heilmittel, das er mit den festesten Banden an sich gekettet zu haben meinte. Wie schön Melissa war! Und als er sich wieder nach ihr umschaute, bemerkte er, daß ihr Auge mit banger Besorgnis auf ihm ruhte. Da war es ihm, als lichte sich etwas in seiner umdüsterten Seele, und es wurde ihm wieder bewußt, daß sein Herz sich der Liebe geöffnet. Aber es ging ja nicht an, sie, die dies Wunder bewirkt, jetzt schon zur Vertrauten seines Hasses zu machen. Er hatte sie zürnen, hatte sie weinen, aber auch lächeln sehen, und in den nächsten Tagen, die aus ihm, dem grausam Gequälten, einen Glücklichen machen sollten, wollte er ihre großen Augen sonnig leuchten und ihren Mund überfließen sehen von Worten der Liebe, der Freude, des Dankes. Später erst sollte die Abrechnung mit den Alexandrinern erfolgen, und er besaß die Macht, sie den heutigen Abend blutig büßen und schmerzlich bereuen zu lassen. Wie um sich selbst aus einem bösen Traume zu erwecken, fuhr er sich mit der Hand über die krause Stirn; ja, er fand auch ein Lächeln, da sein Blick dem ihren wieder begegnete, und diejenigen, denen sein Anblick fesselnder erschien als das grause Blutvergießen in der Arena, stießen einander verwundert an; denn kaum faßlich schien ihnen der Gleichmut oder die Verstellungskunst, womit der Cäsar das Unerhörte hinnahm, das ihm hier geboten wurde. Seit seinem ersten Besuch eines Zirkus hatte Caracalla noch nie so lange völlig unbeachtet gelassen, was bei einem Blutvergießen wie diesem vorging. Doch es war ihm bis dahin nichts besonders Bemerkenswertes entgangen; denn jetzt erst begann der eigentliche Kampf um das Lager, das Niedermetzeln der Alemannen, der Selbstmord der germanischen Weiber. Da sprang der Gladiator Tarautas eben behend wie eine Katze und blutgierig wie ein hungriger Wolf auf einen hoch bepackten Wagen der Feinde, und ein großer Krieger mit langem, hinten zusammengeknotetem, goldrot schimmerndem Haar, stürzte sich ihm entgegen. Das war kein falscher Germane! Caracalla kannte ihn. In seiner Heimat war er ihm unter den kriegsgefangenen Häuptlingen vorgeführt worden, und er hatte ihn, da er sich als trefflicher Reiter erwies, zu den Aufsehern der Ställe gesellt. Seine Aufführung war tadellos gewesen, bis er am Tage des Einzugs in Alexandria seinen Vorgesetzten, einen heißblütigen Gallier, und dazu auch zwei Lictoren, die ihn festzunehmen versuchten, im Rausch erschlagen hatte. Er war zum Tode verurteilt und nun unter die Germanen aufgenommen worden, um im Zirkus für das Leben zu streiten. Und wie er kämpfte, wie er mit dem stumpfen Schwerte auf den gefährlichsten der Gladiatoren einhieb und ihm auszuweichen verstand! Diesem Streite zu folgen lohnte es sich wahrlich; ja er fesselte den Kaiser so sehr, daß er darüber alles andere vergaß. Der Name des Gegners des Alemannen war auf ihn, den Cäsar, übertragen worden. Eben noch hatte der tausendstimmige Ruf »Tarautas« ihm gegolten, und gewohnt, in allem, was ihm begegnete, eine Vorbedeutung zu sehen, sagte er sich und rief das Schicksal zum Zeugen an, daß das Los des Gladiators das seine sein solle. Fiel der Fechter, dann waren seine, des Cäsar Tage gezählt, kam er gut davon, dann stand ihm ein langes, lebenswertes Dasein bevor. Er konnte auch dem Tarautas die Entscheidung unbesorgt überlassen; denn er war der stärkste aller Gladiatoren im Reiche, und er kämpfte mit scharfen Waffen gegen die stumpfen in der Hand eines Mannes, der wohl beim Dienst in den Ställen verlernt hatte, das Schwert so zu führen wie in früheren Tagen. Doch der Germane war eines Edelings Sohn, der schon als Knabe dem Heerbanne gefolgt war. Hier galt es, das Leben zu wahren und so rühmlich es anging vor den Augen dessen zu sterben, den er als mächtigen Herrn und Bezwinger vieler Völker – auch des seinen – zu ehren gelernt hatte. Und der starke, wohlgeübte Edeling that das Seine. Wie sein Gegner, so fühlte auch er, daß die Augen der Zehntausende ringsum an ihm hingen, und dazu war es ihm, als gelte es, die Schande abzuwaschen, die er als Mörder über sich selbst gebracht und über das Volk, als dessen Sohn er sich immer noch fühlte. Jeder Muskel seines gewaltigen Leibes stählte sich und gewann neue Spannkraft durch dies Verlangen, und als er sich schon von dem Schwerte des unbesiegbaren Fechters getroffen und das warme Blut sich über die Brust und den linken Arm rinnen fühlte, nahm er alles, was an Leibeskraft ihm inne wohnte, zusammen. Mit dem Kriegsgeschrei seines Stammes warf er den schweren Riesenleib auf den Gladiator. Ohne des tiefen Schwertstiches zu achten, womit der Tarautas seinen Angriff geistesgegenwärtig erwiderte, stürzte er sich dann von der Höhe des bepackten Wagens auf die Steine der Umfassung des Lagers, und beide rollten eng verschlungen wie ein Körper von dem Wall in den Sand der Arena. Als sei ihm selbst eine Verletzung widerfahren, zuckte Caracalla bei diesem Anblick zusammen und erwartete vergeblich, daß der geschmeidige Tarautas, den er schon aus gleich schwierigen Lagen ungeschädigt hatte hervorgehen sehen, sich von der Last des Germanen befreien werde. Aber der Kampf fuhr fort um die Gefangenen her zu toben, und keiner von beiden regte auch nur ein Glied. Da fuhr der Kaiser tief beunruhigt auf und gebot dem Theokrit, zu erkunden, ob der Tarautas nur verwundet sei oder tot, und während der Günstling ausblieb, hielt es ihn nicht auf dem Throne. Von bangem Mißbehagen getrieben, erhob er sich, bald um mit einem Mitglied seines Gefolges zu reden, bald um sich niederzulassen und einen neuen Blick auf das Gemetzel zu seinen Füßen zu werfen. Er war fest von der Ueberzeugung durchdrungen, daß sein eigenes Ende nahe bevorstehe, wenn der Tarautas den Tod gefunden habe. Endlich hörte er die Stimme des Theokrit, und wie er sich umwandte, um Auskunft von ihm zu erhalten, traf sein Blick den der Frau Berenike, die aufgestanden war, um den Zirkus zu verlassen. Da überlief es ihn kalt, und das Bild des hingerichteten Vindex und seines Neffen trat ihm wieder vor das innere Auge; doch im nämlichen Augenblick hörte er, wie der frühere Tänzer ihm heiter zurief: »Der Tarautas! Er ist gar kein Mensch! Einen Aal möcht' ich ihn nennen, wenn er weniger breitschulterig wäre. Der Kerl lebt, und der Arzt sagt, in drei Wochen nähm' er es wieder auf mit vier Bären oder zwei Alemannen.« Da flog es wie heller Sonnenschein über das Antlitz des Kaisers, und er blieb froh, obgleich ein furchtbarer Donnerschlag den Zirkus erschütterte und einer jener Wolkenbrüche, wie nur der Süden sie kennt, seine Ströme in den offenen Raum ergoß, die Feuer und Lichter verlöschte und das Velarium so wild aus den Schlingen riß, daß es vom Sturm gepeitscht in die oberen Ränge schlug und die Zuschauer von den Sitzen vertrieb. Männer fluchten, Weiber kreischten und weinten, und laute Fanfarenrufe und Heroldstimmen verkündeten, daß die Vorstellung geschlossen sei und übermorgen fortgesetzt werden solle. Achtundzwanzigstes Kapitel. Unter flammenden Blitzen, dem Gekrach und Geprassel mächtiger Donnerschläge und rauschenden Regengüssen entleerte sich der Zirkus. Der Kaiser, ganz erfüllt von der freundlichen Verheißung, die ihm das Schicksal durch die wunderbare Erhaltung des Tarautas erteilt, rief Melissa mit liebevoller Sorge zu, sich schnell ins Trockene zu flüchten. Ein Wagen stehe für sie bereit, um sie in das Serapeum zurückzuführen. Da bat sie bescheiden, er möge ihr lieber gestatten, unter dem Schutze des Bruders in das väterliche Haus zurückzukehren, und Caracalla versetzte munter, das sei das Rechte. Er habe ohnehin in dieser Nacht Dinge vor, die es ihm wünschenswert erscheinen ließen, sie nicht in seiner Nähe zu wissen. Ihren Bruder erwarte er später im Serapeum. Die Caracalla mit der Kapuze, die der alte Adventus dem Kaiser eben umhängen wollte, legte er mit eigener Hand Melissa um die Schultern und bemerkte dazu, er selbst habe sich im Felde an Schlimmeres gewöhnt. Als die Jungfrau ihm dann errötend dankte, trat er ihr näher und raunte ihr zu: »Morgen, wenn uns nach diesem Unwetter das Schicksal günstige Antworten auf die Fragen erteilte, die ich ihm nachher vorzulegen gedenke, wird die Glückseligkeit ihr Horn neu zu füllen haben für uns beide. Die karge Göttin schickt sich schon an, durch Dich zur Verschwenderin an mir zu werden.« Rings um ihn her standen Sklaven mit verschlossenen Laternen; denn die Lichter im Theater waren erloschen, und der dunkle Zuschauerraum lag da wie ein finsterer Krater, in dem sich ein Gewühl von ununterscheidbaren Gestalten schattenhaft durcheinander bewegt. Er erinnerte ihn an den Hades und die niederwärts dringenden Scharen der abgeschiedenen Seelen. Doch er wollte jetzt nichts als Erfreulichem mit der Seele und dem Auge begegnen, und einer schnellen Eingebung folgend nahm er einem Diener die Laterne aus der Hand, hob sie zum Haupt der Geliebten empor und schaute ihr lange und wie gebannt in das hell beleuchtete Antlitz. Dann ließ er den Arm sinken, atmete tief auf und sagte, als spreche er aus dem Traume: »Das ist das Leben! Jetzt erst soll es für mich beginnen.« Dabei nahm er den durchnäßten Lorbeerkranz vom Haupte, schleuderte ihn in die Arena und rief Melissa zu: »Eile Dich, ins Trockene zu kommen, Liebling. Diesen ganzen Abend durfte ich Dich sehen; sogar als es dunkel ward; denn auch die Blitze sind Lichter! Das schlechte Wetter hat mir also doch Erfreuliches gebracht. Schlafe gut. Ich erwarte Dich früh, gleich nach dem Bade.« Als auch Melissa ihm einen ruhigen Schlummer wünschte, entgegnete er scherzend: »Wenn nun das ganze Leben ein Traum und ich morgen beim Erwachen nicht der Sohn des Severus wäre, sondern Alexander, und Du nicht Melissa, sondern die Roxane, der Du so gleichsiehst? Ich könnte aber auch als der Gladiator Tarautas erwachen. Doch was wärest Du dann? Dein wackerer Vater, der dort immer noch dem Regen trotzt, sieht freilich nicht aus wie ein Traumbild, und dies Wetter taugt übel zum Philosophiren.« Damit warf er ihr eine Kußhand zu, ließ sich eine trockene Caracalla um die Schultern legen, befahl dem Theokrit, nach dem Tarautas zu sehen und ihm den Beutel Gold, den er dem Günstling gab, zu überbringen, zog die Kapuze über den Kopf und schritt, nachdem er den Heron, der ihm genaht war, um ihn zu fragen, was er über die Kunst der alexandrinischen Maschinisten denke, kurz auf morgen verwiesen, den ungeduldigen Freunden voran. Auch die Musik war bei dem Unwetter verstummt. Nur einige pflichttreue Tubabläser hatten ihre Plätze behauptet, und als die Laternen ihnen zeigten, daß der Kaiser den Zirkus verlasse, bliesen sie ihm eine Fanfare nach, die dem Beherrscher der Welt dünn und heiser das Geleite gab. Draußen war es immer noch voll von den aus dem Theater tretenden Zuschauern. Das gemeine Volk suchte unter den Bogen des Unterbaues Schutz oder eilte mutig durch den Regen nach Hause. Der Steinschneider Heron wartete, obgleich ihm der Wolkenbruch die neue Toga mit dem Purpurstreifen mehr und mehr durchnäßte, neben dem Ausgangsthore auf die Tochter. Sie war ihm vorausgeeilt, während er sich an den Kaiser gedrängt und dabei in großer Seelenerregung alles andere übersehen hatte. Das Betragen seiner Mitbürger empörte ihn, und er hatte dunkel empfunden, daß es mißlich sei, den beleidigten Cäsar zu einer Anerkennung seiner Mitbürger zu bestimmen. Dennoch war er nicht stark genug gewesen, die Frage zu unterdrücken, die ihm während der ganzen Vorstellung auf den Lippen geschwebt hatte. Als einer der letzten begab er sich endlich ärgerlich über die Rücksichtslosigkeit der Kinder, die Zurückweisung, die er von seiten des kaiserlichen Schwiegersohnes erfahren, den Regen, die Aussicht auf einen Schnupfen und vieles andere zu Fuß nach Hause. Dem Caracalla war diesmal das üble Wetter wirklich hold; denn es entzog ihn den unliebsamen Kundgebungen, welche von seiten der Grünen für seine Heimfahrt vorbereitet worden waren. Alexander hatte die für Melissa bestimmte geschlossene Carruca schnell gefunden und half der Schwester hinein, nachdem er Frau Euryale in ihre Harmamaxa gehoben. Wie staunte er aber, im Innern des Wagens neben der Schwester einen Mann zu finden. Es war Diodor, der, während Alexander mit dem Rosselenker geredet hatte, im Schutze des Dunkels von der andern Seite in das Fahrzeug gesprungen war. Einige Ausrufe des Erstaunens, der Rechtfertigung und Billigung, und die jungen Menschenkinder, denen allen dreien in besonderer Weise das Herz zum Zerspringen voll war, fuhren dem Hause des Heron entgegen. Ihr Wagen rollte schon über das Pflaster hin, während die Sklaven der meisten vornehmen Alexandriner noch vergeblich nach den Fuhrwerken und Sänften ihrer Gebieter suchten. Den düsteren Scenen im Zirkus folgten nun für die Liebenden andere, denen es trotz des engen, dunklen Raumes, der sie vereinte, und dessen schwarzes, triefendes Lederdach der Regen prasselnd und rauschend traf, nicht an lichtem Sonnenschein fehlte. Caracallas Wort, auch die Blitze seien Lichter, bewahrheitete sich bei dieser Fahrt mehr als einmal; denn die hellen Wetterstrahlen, die einander immer noch rasch genug folgten, gestatteten den schnell Versöhnten einander mancherlei mit den Augen anzuvertrauen, wofür die Lippen das rechte Wort nicht fanden. Wenn beide Teile sich einer Schuld bewußt sind, geht es schneller mit der Versöhnung, als wenn nur einer der Vergebung bedarf, und die beiden Liebenden in der Carruca waren von vornherein so innig geneigt, das Beste von einander zu glauben, daß es der erklärenden Worte Alexanders nicht bedurft hätte, um sie den zerrissenen Bund so willig wie warm erneuern zu lassen. Dazu hatte jedes Grund, für den andern zu fürchten; denn Diodor besorgte, Frau Euryale werde nicht mächtig genug sein, die Geliebte den suchenden Kreaturen des Cäsar zu entziehen, und Melissa zitterte bei dem Gedanken, daß der Leibarzt dem Caracalla vorzeitig verraten werde, daß und mit wem sie vor der ersten Begegnung mit ihm einen Liebesbund geschlossen; denn geschah dies, so war für den Diodor die wütendste Verfolgung zu besorgen. Darum legte Melissa dem Geliebten dringend ans Herz, womöglich schon in dieser Nacht ein Schiff zu besteigen. Alexander hatte bis jetzt sich nur selten in das Gespräch gemischt. Der Empfang, den er vor dem Zirkus gefunden, kam ihm nicht aus dem Sinne. Frau Euryales Begleitung hatte zwar die Schwester von dem schlimmsten Verdachte gereinigt, doch nicht ihn, und sein glücklicher Leichtsinn hielt nicht stand vor der Gewißheit, von den Mitbürgern für einen käuflichen Verräter gehalten zu werden. Während der Vorstellung hatte er sich auf eine der hinteren Sitzreihen zurückgezogen, weil er, nachdem sich das Theater plötzlich mit hellem Lichte erfüllt, von allen Seiten her durch finstere Blicke und drohende Geberden verletzt worden war. Zum erstenmal hatte er dann Mitleid mit den von den wilden Tieren zerrissenen Verbrechern und den verblutenden Gladiatoren empfunden, weil er selbst – er empfand es dunkel – ihr Schicksalsgenosse geworden. Und das Furchtbarste bei alledem war, daß er sich selbst nicht ganz von dem Vorwurfe, für seine leichtsinnige Dienstfertigkeit eine Gegengabe erhalten zu haben, freisprechen konnte. Auch nicht die entfernteste Möglichkeit sah er, denjenigen, an deren Achtung ihm etwas lag, jemals begreiflich zu machen, wie er dazu gekommen sei, dem schändlichen Verführer im Purpur den Willen zu thun, nachdem der Vater, indem er sich dem Volk in der Toga praetexta gezeigt, auch den schlimmsten Verdacht schmählich besiegelt hatte. Der Gedanke, daß es ihm in Zukunft versagt sei, jemals wieder seinen Handschlag von einem braven Manne erwidert zu sehen, zerfraß ihm die Seele. Auch Diodors Wertschätzung war ihm teuer gewesen, und als der Jugendgenosse ihn anredete, hatte er anfänglich das Gefühl, als widerfahre ihm unverhofft eine Ehre. Dann aber überkam ihn der Argwohn, was der Freund ihm gewähre, habe er nur der Schwester zu danken. Ein tiefer Seufzer, der sich seiner Brust entrang, veranlaßte Melissa, dem Bruder Trost zuzusprechen, und nun floß dem Unglücklichen das mehr als volle Herz über, und mit beredten Worten schilderte er dem Diodor und mit ihm auch der Schwester, was er unbedacht gefehlt, und wie entsetzliche Folgen sein Leichtsinn jetzt schon nach sich ziehe. Dabei trieb ihm der tiefe Seelenschmerz heiße Thränen ins Auge. Er hatte sich selbst das Urteil gesprochen und erwartete von dem Freunde nichts mehr als einiges Mitleid. Doch Diodor suchte und fand trotz des Dunkels seine Hand und umfaßte sie innig, und wäre es dem Alexander möglich gewesen, das Antlitz des Gespielen zu erkennen, hätte er auch die feuchten Augen gewahrt, womit jener ihm ans Herz legte, sich zu beruhigen und auf bessere Tage zu hoffen. Diodor kannte den Freund. Er war keiner Lüge fähig, und die That des Alexander, die, falsch beleuchtet, so leicht ein verdammenswertes Ansehen gewinnen konnte, war im Grunde nichts gewesen als einer jener unbedachten Streiche, bei denen er dem tollen Maler oft Beistand geleistet. Aber Alexander schien sich dem Zuspruche des Jugendgenossen und der Schwester geflissentlich zu verschließen. Ein neuer Blitzstrahl zeigte den Verlobten den Bruder und Freund mit tief gesenktem Haupt und mit der Stirn in den Händen, und dies traurige Bild dessen, den sie noch vor so kurzer Zeit als den Frohesten der Frohen gesehen, trübte ihr neu erwachtes Glück tiefer als selbst der Gedanke an die schwere Gefahr, die, wie jedes wußte, dem andern drohte. Bei dem erleuchteten Heiligtum der Artemis, das sie an die Nähe ihres Zieles erinnerte, fuhr Alexander endlich auf und bat die Liebenden, an ihre eigenen Angelegenheiten zu denken. Sein Verstand war klar geblieben, und was er sagte, bewies, daß er die Zukunft der Schwester im Gedächtnis behalten. Nach der Flucht Melissas ließ der Kaiser sicher nicht nur ihren Geliebten verfolgen, sondern auch seinen Vater. Diodor sollte sogleich über den See, um den Polybius und die Praxilla zu wecken und von dem Bevorstehenden zu unterrichten, während Alexander es auf sich nahm, ein Schiff für sie zu mieten. In einer Herberge am Hafen sollte der Sklave Argutis die Flüchtlinge erwarten und sie auf das Fahrzeug führen, das ihrer harrte. Diodor, der noch immer nicht weit zu gehen vermochte, versprach, sich einer der Sänften zu bedienen, die sie beim Artemistempel gesehen. Kurz bevor der Wagen hielt, nahmen die Verlobten Abschied. Sie machten aus, wo sie Nachrichten von einander finden sollten, und was sie sich sonst noch in kurzen Worten und mit einem innigen Abschiedskuß sagten, das gewann bei dieser Trennung, die sie beide in Gefangenschaft oder Tod zu führen drohte, den Wert feierlicher Gelübde. Jetzt hemmten die schnellen Rosse den Lauf, und plötzlich beugte Alexander sich über den Freund, küßte ihm beide Wangen und raunte ihm zu: »Halte das Mädchen gut! Denke freundlich an mich, wenn wir uns nicht mehr wiedersehen sollten, und sage den anderen, der tolle Alexander habe wieder einmal einen thörichten Streich begangen, doch so übel er auch für ihn ausgeschlagen sei, gewiß keinen schlechten.« Um des Rosselenkers willen, der nach der Flucht Melissas jedenfalls ins Verhör genommen wurde, war es dem Diodor versagt, auch nur noch ein Wort an den Freund zu richten. Die Carruca rollte den Weg zurück, den sie gekommen, die Gestalt des Diodor verschwand im Dunkeln, und Melissa schlug die Hände vor das Antlitz. Es war ihr, als sei dieser Abschied von dem Geliebten der letzte gewesen und als solle es für sie nie wieder hell werden auf Erden. Es war kurz vor Mitternacht. Die Sklaven hatten das Rasseln des Wagens gehört und empfingen die Heimkehrenden so herzlich wie immer, doch fügten sie, gehorsam dem Gebote des Heron, tiefe Verneigungen zu dem alten, treu gemeinten Willkommen. Seitdem der Herr sich der alten Dido am Nachmittag mit prahlerischer Würde als einen vornehmen römischen Großen gezeigt hatte, schien ihr eine Zeit der Wunder angebrochen und alles möglich. Bunte, glänzende Bilder von der künftigen hohen Herrlichkeit, die des ganzen Hauses und auch ihrer und des Argutis wartete, stellten sich ihr fortwährend vor das Auge; aber mit dem Kaiserinwerden schien es doch nicht ganz glatt abgehen zu wollen; denn woher kamen dem Mädchen die naßgeweinten Augen und das bekümmerte Gesicht? Was sollte das lange Geflüster der Heimgekehrten mit dem Argutis? Doch das alles ging sie nichts an, und einmal erfuhr sie doch, um was es sich hier handelte. »Was die Herren heute im Geheimen spinnen, das erfahren die Sklaven eine Woche darauf,« pflegte der Trevirer zu sagen, und sie hatte das Zutreffende dieser Behauptung oft genug erprobt. Die ablehnende Weise, mit der Melissa die Glückwünsche hinnahm, die sie überströmenden Herzens auf die künftige Kaiserin ergoß, und ihre verweinten Augen schienen der Alten indes jetzt schon verständlich. Das Kind dachte wohl noch an den schönen Diodor; aber in der Herrlichkeit des Cäsarenpalastes ließ sich vieles vergessen. Wie wundervoll schon der Putz und der Schmuck waren, womit das Mädchen sich im Zirkus dem Volke gezeigt! »Wie sie ihr zugejubelt haben werden,« dachte die Alte, nachdem sie Melissa ein einfaches Gewand angethan und die Heimgekehrte sich hingesetzt hatte, um zu schreiben. »Hätte das die Frau noch erlebt. Und die anderen Weiber! Vor Neid werden sie bersten! Ewige Götter! Wer weiß aber, wie groß oder wie klein das Glück ist, das man den anderen mißgönnt? Hat nicht in dies Haus, das die Götter mit Gunst und Gaben bis zum Dach überschwemmten, das Unheil gerade jetzt den Weg durch das Schlüsselloch gefunden? Der arme Philipp! Aber wenn es unserem Mädchen nur gut geht! Bei ihm ist es wirklich einmal gekommen, wie es so selten geschieht und doch immer sein sollte. Die Schönste und Beste wird die Größte und Glücklichste im Reiche.« Dann griff sie hastig nach den Amuletten und dem Kreuz an Armen und Hals, um ein schnelles Gebet für das Wohlergehen des Lieblings zu sprechen. Auch der Sklave Argutis wußte nicht, was er von alledem denken sollte. Wenn einer, so gönnte er dem geliebten Kinde seines Herrn alles Glück; doch wenn er auch vorausgesagt hatte, was Melissa und ihrem Vater bevorstehe, war ihm die Ernennung des Herrn zum Prätor doch zu schnell gekommen, und Heron hatte sich in der mit Purpur verbrämten Toga gar zu sonderbar geberdet. Wenn ihm die neue, unerhörte Ehre nur nicht an den Verstand ging! Aber der Zustand des ältesten Sohnes seines Herrn bereitete dem treuen Diener noch schwerere Sorgen. Statt sich des Glückes der Seinen zu freuen, war er bei dem ersten Gespräche mit dem Vater in Wut ausgebrochen, und wenn er, Argutis, auch nicht verstanden hatte, was die beiden geredet, so wußte er doch, daß sie heftig gestritten und Heron dem Sohne unversöhnt den Rücken gekehrt hatte. Und dann – er erinnerte sich des mit Schrecken und es fiel ihm sauer, den Geschwistern das Erlebte in der rechten, schonenden Weise mitzuteilen – dann war Philipp aus dem Bette gesprungen, hatte sich ganz allein angekleidet, sogar mit den Schuhen, und war, nachdem der Vater kaum die Sänfte bestiegen hatte, in die Küche getreten. Wie ein dem Grabe Entstiegener war er anzusehen gewesen, und seine Stimme hatte hohl geklungen, als er dem Sklavenpaar erklärte, er gedenke sich in den Zirkus zu begeben, um dort nach dem Rechten zu sehen. Aber dem Argutis war das Herz gesunken, als der Philosoph ihm befohlen, die Flöte zu holen, womit der Herr die Vögel ein Lied pfeifen lehrte, und sie zu dem scharfen Küchenmesser gesteckt hatte, womit der Sklave die Hammel schlachtete. Dann war Philipp in den Vorsaal getreten, doch schon auf der Schwelle war er über die langen Schuhriemen, die ihm nachschleiften, gestolpert, und aus dem Garten hatte Argutis, der ihm heimlich gefolgt war, ihn in das Haus zurückführen, ja beinahe tragen müssen; denn ein furchtbarer Hustenanfall hatte ihn völlig erschöpft. Die Anstrengung beim Ziehen der schweren Ruder auf der Galeere war zu viel für seine ohnehin schwache Brust gewesen. Dido und er hatten ihn zu Bett gebracht, und bald darauf war er in einen tiefen Schlaf verfallen, von dem er noch immer nicht erwachte. Was den beiden Heimgekehrten wohl im Sinne lag? Sie schrieben, und zwar nicht auf Wachstafeln, sondern, als gelte es etwas besonders Wichtiges zu verzeichnen, mit dem Rohr auf Papyrus. Dies alles mußte dem Sklaven wohl zu denken geben, und der treue Mann wußte selbst nicht, ob er vor Freude oder vor marternder Angst weine, als Alexander ihm mit einer Feierlichkeit, die den Trevirer an dem jungen Herrn erschreckte, kund that, daß er ihm hiermit, teils um seine Treue zu lohnen, teils um ihn in den Stand zu setzen, ihnen allen in schwerer Gefahr zur Seite zu stehen, die Freiheit schenke. Der Vater habe dies schon lange im Sinne gehabt, und den Freisprechungsbrief von dem Notar anfertigen lassen. Hier sei das Dokument; er wisse aber, daß er, Argutis, auch als Freigelassener fortfahren werde, ihnen so treu wie immer zu dienen. Damit reichte er dem Sklaven die Urkunde, die ihm nach dreißigjähriger Dienstzeit im nächsten Monat hatte verehrt werden sollen, und weinend, halb vor Freude, halb vor Kummer und Besorgnis, nahm Argutis das Dokument hin, das ihn noch vor kurzem zum Glücklichsten der Sterblichen gemacht haben würde. Während er den Geschwistern die Hände küßte und dankende Worte stammelte, sagte ihm der ungelehrte, doch gerade Sinn, daß er verblendet gewesen sei, als er sich nicht vor Freude zu lassen gewußt bei der Nachricht, der Kaiser habe Melissa zur Gemahlin erkoren. Was er in der letzten halben Stunde mit erlebt und gesehen, vereinte sich ihm zu einem deutlichen Bilde, und so sicher, als sei es ihm schon anvertraut worden, stand es in ihm fest, daß sein Liebling Melissa den hohen Freier verschmähe und sich ihm – er wußte nicht wie – zu entziehen gedenke. Und zugleich mit dieser Erkenntnis regte sich die ihm eigene Lust an Abenteuern und gewagtem Spiel. Es galt hier einen Kampf, den der Schwache gegen die Gewalt des Starken aufnehmen sollte, und nichts konnte ihm, der zeitlebens zu den Unterdrückten gehört hatte, lockender erscheinen, als ihn aus Seiten der Bedrängten ausfechten zu helfen. Mit feurigem Diensteifer nahm Argutis es nun auf sich, den Diodor und seine Angehörigen auf das von ihm zu mietende Schiff zu schaffen und dem Heron, nachdem er den Brief gelesen, den Alexander eben an ihn gerichtet, deutlich zu machen, daß er verloren sei, wenn er nicht sich und den Philipp rechtzeitig verberge. Endlich versprach er, den Brief, den Melissa eben an den Cäsar gerichtet, morgen in seine Hände gelangen zu lassen. Jetzt nahm er auch die Freilassungsurkunde froh in Empfang und willigte ein, sich in Gewänder des Heron zu kleiden; denn als Sklave wäre es ihm versagt gewesen, mit einem Schiffsführer oder wem sonst einen bindenden Vertrag zu schließen. Das alles ging in fliegender Eile vor sich; denn Alexander wurde vom Kaiser und Melissa von Frau Euryale erwartet. Die freudige Dienstfertigkeit des wackern Alten, der zum erstenmal auf eigenen Füßen Aufgaben lösen sollte, vor denen mancher Freie zurückgewichen wäre und denen er sich dennoch gewachsen fühlte, wirkte erfrischend auch auf die niedergedrückten Seelen der andern. Sie wußten jetzt, daß Argutis, wenn es ihnen selbst zu sterben bestimmt sei, treu zu dem Vater und kranken Bruder halten werde, und der Sklave lieferte den ersten Beweis seiner Findigkeit und Klugheit, indem er die Geschwister, die vergeblich nach einem passenden Versteck für den Heron und Philipp gesucht hatten, auf eine Stätte hinwies, die auch von den schlausten Häschern schwerlich entdeckt werden konnte. Der entflohene Bildhauer Glaukias war ein Mietsmann des Heron. Seine Werkstatt, ein speicherartiges Gebäude, stand auf dem Boden des kleinen Gemüsegartens, den der Steinschneider von seinem Schwiegervater geerbt, und nur Heron und der Sklave wußten, daß sich unter dem Estrich dieses Gebäudes an Stelle des Kellers ein großes Reservoir der alten, unter dem Kaiser Vespasian aufgegebenen Wasserleitung befinde. Argutis hatte vor langer Zeit dem Heron geholfen, über den Eingang zu diesen verborgenen Räumen eine Fallthür anzubringen, deren Vorhandensein selbst von dem Bildhauer Glaukias während der vielen Jahre, in denen er die Werkstatt benützte, unbemerkt geblieben war. In diesem verborgenen Raume hielt Heron, ohne die eigenen Kinder ins Vertrauen zu ziehen, sein Gold versteckt, und erst vor wenigen Monaten hatte Argutis ihn dorthin begleitet und das hohe Reservoir trocken, luftig und durchaus bewohnbar gefunden. Bei seinem Schatz würde der Steinschneider sich am liebsten verbergen, und zudem lag der Garten mit der Werkstatt des Glaukias nur wenige hundert Schritte von dem Hause des Heron entfernt. Den Philipp ungesehen dahin zu schaffen, schien dem Argutis ein Kleines. Auch Alexander, die alte Dido und, that es not, Diodor mit den Seinen konnten sich dort verbergen. Für Melissa schien indes dieser Versteck weder dem Bruder noch dem Sklaven sicher genug. Beim Abschied legte die Jungfrau dem neuen Freigelassenen noch ans Herz, den Vater tausendmal zu grüßen, ihn in ihrem Namen um Vergebung zu bitten für die schweren Sorgen, die sie ihm bereite und ihn ihrer Liebe zu versichern. »Sage ihm,« schloß sie eilig und unter strömenden Thränen, »es sei mir, als ging' es in den Tod. Doch ich bliebe, was auch komme, sein gehorsames Kind, das alles für ihn zu opfern bereit sei – alles, nur nicht den Einen, dem ich ja mit seiner Einwilligung Treue gelobte. Sage ihm endlich, ich sei ihm zu liebe schon bereit gewesen, dem blutigen Freier die Hand zu reichen, doch das Schicksal selbst und vielleicht auch die Manen unserer teuren Verstorbenen hätten es anders bestimmt.« Dann ging sie in das Zimmer, wo die Mutter die Augen geschlossen. Nachdem sie vor dem Sterbebette, das dort immer noch stand, ein kurzes Gebet gesprochen, eilte sie in das Gemach des Philipp. Doch er lag noch immer in festem Schlafe, und so beugte sie sich nur über ihn und küßte ihm die überhohe Stirn, die auch im Schlummer aussah, als mühe sich hinter ihr der Geist ab, etwas Schweres und Unerfreuliches zu ergründen. Der Weg führte sie noch einmal durch die Werkstatt des Vaters, und sie hatte dieselbe schon schnell durchmessen, als sie eilig umkehrte, um das Tischchen wiederzusehen – es sollte das letztenmal sein – an dem sie so viele Jahre neben dem arbeitenden Künstler in bescheidenem Wohlsein die Nadel gerührt, mit offenen Augen geträumt und bedacht hatte, was sie mit ihrer geringen Kraft und reichen Liebe jedem einzelnen Freundliches erweisen und Lästiges abnehmen könne. Dann wandte sie sich, als wisse sie, daß es von den freundlichen Genossen ihres früheren Lebens auf immer Abschied zu nehmen gelte, den Vögeln zu, die längst in den Käfigen zur Ruhe gegangen waren. Der Vater hatte trotz der neuen curulischen Würde der kleinen Lieblinge nicht vergessen und ihre Bauer, bevor er das Haus verließ, um sich dem Volke in der Toga praetexta zu zeigen, wie gewöhnlich sorgsam verhängt. Als Melissa nun das Tuch, das den Käfig des Starmatzes umhüllte, fortzog und dieser ihr leiser als sonst, vielleicht aus dem Schlafe, sein altes: »Meine Kraft« zum letztenmal zurief, überkam sie ein leises Grauen, und, während sie mit dem Bruder die Straße betrat, sagte sie beklommen: »Es geht wohl dem Ende entgegen! Mag es denn kommen. – Ach, was haben diese wenigen Tage doch aus uns allen gemacht, Alexander! Bevor der Kaiser kam, wie warst Du, wie war unser Philipp! In dem Herzen hier drinnen, wie still sah es aus . . . Und der Vater? Das wenigstens ist tröstlich, daß er auch als Prätor seiner Vögel nicht vergaß, und gefiederte Freunde wird er ja überall finden. Aber ich . . . Um meinetwillen soll er sich jetzt schmählich verbergen.« Hier fiel Alexander ihr heftig ins Wort: »Nicht Du, ich war es, der dies Elend über uns brachte.« Und nun begann er so schmerzlich zu klagen, daß Melissa es bereute, ihn auf das Unglück ihres Hauses hingewiesen zu haben und sich fest zusammennahm, um ihm Mut einzusprechen. Wenn der Kaiser die Stadt erst verlassen und sie sich seinen Wünschen entzogen habe, würden die Mitbürger leicht zu bewegen sein, an seine Unschuld zu glauben. Sie müßten ja sehen, wie wenig ihnen allen an dem Glanz und Reichtum des Herrschers gelegen sei, und er wisse selbst, wie schnell man in Alexandria vergesse. Auch seine Kunst werde ihm zu gute kommen, und dürfe er sich nur erst wieder frei hervorwagen, dann werde es ihm auch leicht werden, Agathe für sich zu gewinnen. Ihr Beistand, der des Diodor und der Frau Euryales sei ihm gewiß. Doch der Jüngling schüttelte zu diesen guten Worten nur bekümmert das Haupt. – Wie durfte er, der Verachtete, Ausgestoßene, es jemals wagen, um die Tochter eines Zeno zu werben! Mit einem schweren Seufzer schloß er, und Melissa, der das Herz immer schwerer wurde, je mehr sie sich durch Nebenstraßen dem Serapeum näherten, brachte es dennoch über sich, ihren Trostgründen in einer Weise Ausdruck zu geben, als sei sie selbst durch Frau Euryales Schutz jeder Sorge enthoben. Es kam ihr so sauer an, sich in der eigenen Bedrängnis ruhig und heiter zu zeigen, daß sie sich oft die Augen heimlich trocknen mußte; doch das lebhafte Reden verkürzte den Weg, und überrascht, dem Ziele so nahe zu sein, blieb sie stehen, als Alexander sie auf die Kette wies, mit der man die Mündung der Hermesstraße, der sie jetzt folgten, in den Serapeumplatz verschlossen hatte. Der Himmel war, nachdem das Gewitter sich verzogen und der Regen aufgehört hatte, wieder klar und wolkenlos, und der Mond ergoß verschwenderisch und wie erfrischt sein silbernes Licht auf die Tempel und Bildsäulen ringsum. Jetzt galt es, sich zu trennen; denn beide sahen die Unmöglichkeit ein, den Platz zusammen zu kreuzen. Er war beinahe menschenleer, da man das Volk von ihm fernhielt. Von den zahllosen Zelten, die ihn noch vor kurzem bedeckt hatten, waren nur noch die der siebenten Cohorte des Prätorianercorps stehen geblieben, welche, um sie in der Nähe des Kaisers zu lassen, nicht in der Stadt einquartiert worden war. Hätten aber die Geschwister diese weite, tageshell beleuchtete Fläche gemeinsam durchmessen, wären sie sicher bemerkt worden, und Melissa hätte dadurch die schwersten Gefahren nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf ihre Beschützerin heraufbeschworen. Es lag ihr noch so viel auf der Seele, was sie dem Bruder vorstellen, was sie ihm noch besonders für den Vater ans Herz legen wollte, und was war das für ein Abschied, da es doch – eine finstere Ahnung rief es ihr zu – jetzt galt, auf Nimmerwiedersehen auseinander zu gehen. Doch wie lange mochte Frau Euryale schon bang auf sie warten, und auch die Verspätung Alexanders war groß. Die Jungfrau allein über den Platz zu lassen, ging wegen der Krieger, die ihn bewachten, nicht an. Hatte sie nur die Seite des Heiligtums erreicht, an der sie erwartet wurde, und auf welche die ihr gegenüberliegende Rennbahn tiefen Schatten warf, dann war alles gut, und es schien also dem Alexander nichts übrig zu bleiben, als die Schwester durch Nebengassen um das Heiligtum herumzuführen. Schon hatten sie sich entschlossen, diesen weiten, zeitraubenden Umweg zu machen, als von den Zelten her eine junge Frau mit elastischen, wie von Freude beflügelten Schritten ihnen entgegenkam. Da ließ Alexander plötzlich die Hand der Schwester los und trat mit dem leisen Rufe: »Sie wird Dich begleiten!« der Näherkommenden entgegen. Es war die Gattin des Centurio Martialis, welche die Villa des Seleukus zu Kanopus hütete, und deren Bekanntschaft der Künstler gemacht hatte, während er die Galatea in dem Landhause des Kaufherrn für sein Bildnis der Korinna studirte. Alexander hatte damals in seiner herzgewinnend munteren Weise mit der Soldatenfrau verkehrt, und sie freute sich, dem fröhlichen Maler wieder zu begegnen, und zeigte sich gern bereit, seine Schwester über den Platz zu begleiten und reinen Mund darüber zu halten. Nach einem kurzen Händedruck mit dem Bruder und dem innig bittenden Rufe: »Laß uns keinen Augenblick einander vergessen und auch der Mutter immer gedenken!« folgte Melissa der Begleiterin. Diesmal hatte das Weib des Martialis ihren Mann aufgesucht, um ihm mitzuteilen, daß sie und die Mutter dem Schrecken im Zirkus glücklich entronnen seien, und ihm für das Vergnügen zu danken, dessen Herrlichkeit trotz der vielen Störungen, die es unterbrochen hatten, ihr doch immer noch Herz und Sinn erfüllte. Das erste Wort, das sie an das Mädchen richtete, leitete denn auch die Frage ein, ob auch sie den Zirkus besucht, und als Melissa dies mit der Bemerkung bejahte, sie habe vor Angst und Schrecken nur wenig gesehen, begann das redselige Weib das von ihr Geschaute zu schildern. Vom dritten Stockwerk, versicherte sie, habe sie alles aufs beste überblickt. Auch die Braut des Kaisers sei ihr gezeigt worden. Das arme Ding werde den Glanz des Purpurs teuer genug bezahlen. Dem Caracalla könne sie die Wahl indes nicht verdenken; denn schön sei seine Erwählte über alle Beschreibung. Dabei hemmte sie den Schritt und schaute Melissa ins Antlitz; denn es schien ihr, als gleiche sie der Geliebten des Cäsar. Doch sie ging bald wieder schneller und bemerkte, die andere sei von stattlicherem Wuchs und glänzenderer Schönheit, wie es sich für eine Kaiserbraut zieme. Da zog Melissa das Kopftuch fester zusammen, und es that ihr wohl, als das Weib, nachdem es ihr das eigene Aussehen beschrieben, hinzufügte, daß Caracallas Wahl auch auf eine sittsame Jungfrau gefallen sei; denn sonst hätte die Gemahlin des Oberpriesters – sie sei die Schwägerin des Herrn, dem sie diene, und sie kenne sie von Kind an – sich ihr nicht so freundlich erwiesen. Als Melissa sie, um sie auf andere Dinge zu bringen, fragte, warum denn dem Volke versagt werde, sich dem Serapeum zu nähern, erwiderte das Weib, der Kaiser sei seit der Heimkehr vom Zirkus mit Fragen an die Zukunft, Sternseherei und anderen wichtigen Dingen beschäftigt, bei denen der Lärm der Menge ihn störe. Er verstehe sich gut auf dergleichen, und wenn sie länger zusammenblieben, könne sie ihr Wunderdinge erzählen. Unter solchen Gesprächen überschritten sie den weiten Platz, und als er hinter ihnen lag und sie in den Schatten des Stadiums getreten waren, dankte Melissa der lebhaften Erzählerin für ihre Begleitung, und diese versicherte, daß es ihr Freude gemacht habe, dem fröhlichen Maler einen Dienst zu erweisen. Die Westseite des großen Heiligtums stand mit der Stadt in keiner Verbindung, und es befanden sich in ihr wenige, nur den Bewohnern des Riesenbaues geöffnete bronzene Thore, die sämtlich, längst verschlossen, keines Wächters bedurften. Da es dem Volke versagt war, den Platz und den Raum zu betreten, welcher das Stadium vom Serapeum trennte, war es hier ganz still. Dunkle Schatten breiteten sich über den Weg, und die hohen Gebäude, die ihn wie Berge begrenzten, schienen bis an den Himmel zu reichen. Das Herz des einsamen Mädchens schlug banger und banger, während es an der Mauer des Heiligtums dahinschlich, von der ihr nach dem Unwetter der letzten Stunden ein feuchtwarmer Hauch entgegenwehte. Die schwarzen Höhlen, die sie, wenn der Blick auf sie fiel, aus dem Unterbau des Stadiums wie dunkle, eingesunkene Augen anstarrten, waren die Luken der Ställe. Wenn nun ein flüchtiger Sklave, ein wildes Tier oder ein Räuber aus ihnen hervorbrach? Unhörbaren Fluges schwebten Eulen über ihr hin, und Fledermäuse flatterten hastig zwischen der Bekrönung des Stadiums und dem Tempel hin und her, ja streiften beinahe das Haupt des zitternden Mädchens. Mit jedem Schritte wuchs ihre Angst, und die Wand, deren Ende sie erreichen mußte, war so lang, so unendlich lang! Wenn Frau Euryale nun des Harrens müde geworden und es aufgegeben hatte, sie zu erwarten? Dann blieb ihr nichts übrig, als sich durch die Wachen in die Stadt zurück oder durch das große Thor in das Haus zu begeben, wo der Schreckliche weilte, und wo man sie sicher erkannte. Aber dann schwand auch die Möglichkeit, zu entkommen, und sie mußte, ja mußte sich dennoch dem blutigen Werber entziehen! Jeder Gedanke an Diodor rief ihr zu, daß sie es müsse, selbst um den Preis ihres jungen Lebens, dessen nahes Ende sie ohnehin mit wachsender Sicherheit voraussah. Sie wußte ja nicht, wohin die Flucht sie führen solle, doch eine innere Stimme sagte ihr, daß es ein frühes Grab sei. Von dem gestirnten Himmel ließ sich hier zwischen den beiden hohen Gebäuden nur ein kleines Stück gewahren; dennoch schaute sie aufwärts und erkannte, daß die zweite Stunde nach Mitternacht gekommen sei. Da beschleunigte sie den Schritt; doch bald hemmte sie ihn wieder; denn vom Platze her schollen drei Tubastöße schnell hinter einander durch die Stille der Nacht. Was bedeuteten diese Signale in so ungewöhnlicher Stunde? Es schien ihr nur eine Erklärung zu geben: Der Kaiser hatte wieder einen Unglücklichen zum Tode verurteilt, und man führte ihn jetzt auf den Richtplatz. Auch als man den Vindex und seinen Neffen enthauptet hatte, war dreimal in die Trompete gestoßen worden; sie wußte es von dem Bruder. Da stellte die Schar derer, die dem Blutdurst des Caracalla zum Opfer gefallen, sich ihr vor das innere Auge. Es war ihr, als winke ihr Plautilla, die der kaiserliche Gatte gemordet, ihr nachzufolgen in den frühen Tod. Alle Schrecken der Nacht ergriffen sie, und wie als Kind beim Spiel mit den Brüdern eilte sie, so schnell die Füße sie tragen wollten, weiter. Einer Verfolgten gleich jagte sie mit dem langen, hindernden Gewand an der Mauer des Heiligtums hin, bis ihr nach links gewandter Blick der Stelle begegnete, die ihr bezeichnet worden war. Atemlos blieb sie nun stehen, und während sie sich noch die Merkmale vergegenwärtigte, die sie sich eingeprägt hatte, um den rechten Eingang zu finden, öffnete sich wie durch einen Zauber die Tempelwand ihr gegenüber, und eine freundliche Stimme rief ihr den eigenen Namen entgegen, und dann das Wort »Endlich«, und um weniges später ruhte Frau Euryales Hand in der ihren und zog sie sich nach in den Tempel. Da wichen wie auf den Wink eines Zauberers Grauen und Todesfurcht von der Geängstigten, und ob der Atem ihr auch noch flog, wollte sie der geliebten Beschützerin doch sogleich erklären, was sie zu dem thörichten Laufe veranlaßt, Frau Euryale aber schnitt ihr das Wort ab mit dem Rufe: »Nur rasch! Es darf niemand sehen, daß die Porphyrplatte dort sich bewegt. Sie verschließt die von außen unbemerkbare Oeffnung, durch welche die Mysten und Adepten nach den Weihen die Mysterienräume verlassen. Wer auch von ihr unterrichtet ist, hat es geheim zu halten geschworen.« Damit schritt die Matrone dem Mädchen in einen dunklen Vorraum des Tempels voran, und wenige Augenblicke später stand die große Steinplatte, die ihnen Einlaß gewährt hatte, wieder an der alten Stelle. Wer später an ihr vorbeikam, konnte auch nicht im hellsten Sonnenschein erkennen, daß sie etwas anderes sei als ein zu den Quadern des gewaltigen Unterbaues gehöriges Werkstück. Neunundzwanzigstes Kapitel. Während Frau Euryale mit einem Lämpchen in der Hand dem Schützling aus einer engen, dunklen Treppe voranging, harrte Alexander in einem der Wartezimmer auf den Ruf des Kaisers. Der Oberpriester des Serapis nebst einigen Horoskopen des Tempels, der neue Nachtstratege Aristides und mehrere »Freunde« des Herrschers waren mit ihm bis hierher vorgelassen worden. Diesen allen hatte man den Eintritt in die innersten Gemächer versagt; denn Caracalla ließ von dem Magier Serapion Geister beschwören und sich in Gegenwart des Präfekten der Prätorianer und einiger anderen Vertrauten die Zukunft verkünden. Die Deputation der Stadt, welche den Cäsar wegen der ärgerlichen Vorgänge im Zirkus um Entschuldigung bitten sollte, war gleichfalls angewiesen worden, auf den Schluß der Beschwörung zu warten. Alexander hätte sich am liebsten abseits von den anderen gehalten; hier aber schien ihm niemand einen Vorwurf aus seiner leichtfertigen Handlungsweise zu machen. Im Gegenteil! Die Höflinge drängten sich mit lebhafter Beflissenheit an ihn, den Bruder der künftigen Gemahlin des Kaisers, der Oberpriester erkundigte sich nach seinem Bruder Philipp, und der Kaufherr Seleukus, der mit der Deputation der Bürgerschaft erschienen war, sagte ihm Schmeichelhaftes über die Schönheit seiner Schwester. Einige römische Senatoren, deren Annäherung er zuerst herb genug zurückgewiesen hatte, nahmen ihn zuletzt völlig in Beschlag und erzählten ihm von den Kunstwerken und Bildern in den neuen Thermen des Caracalla, rieten ihm, sich um die Ausschmückung einiger noch unfertigen Säle mit Wandgemälden zu bewerben und stellten ihm ihre Fürsprache in Aussicht. Sie geberdeten sich trotz ihrer grauen Haare, als habe der Jüngling über sie zu gebieten; Alexander aber durchschaute die Absicht. Plötzlich verstummten indes die gesprächigen Herren; denn in dem Gemache des Kaisers ward es laut, und nun lauschten sie mit vorgestreckten Köpfen und angehaltenem Atem, um ein Wort zu erhaschen. Alexander bedauerte, weder Kohle noch eine Tafel zur Hand zu haben, um ihre gespannten Gesichter an das Holz zu fesseln; endlich aber stand auch er auf; denn die Thür öffnete sich, und der Kaiser trat mit dem Magier aus dem Tablinum, wo dieser dem Cäsar den Geist einiger Verstorbenen gezeigt hatte. Inmitten der Vorstellung war auch der hingerichtete Papinian auf Wunsch des Caracalla dem Rufe des Serapion gefolgt. Unsichtbare Hände hatten ihm den abgeschlagenen Kopf, der dann den Herrscher, ihm Glück verheißend, begrüßte, auf den Rumpf gesetzt. Zuletzt war der große Alexander erschienen und hatte dem Kaiser in Versen mit verblümten Wendungen bestätigt, daß die Seele der Roxane sich den Körper Melissas zur Herberge gewählt. – Caracalla werde das reichste Glück durch sie finden, solange sie sich nicht durch die Liebe zu einem andern Manne von ihm abwenden lasse. Wenn das geschehe, werde die Roxane zu Grunde gehen, und mit ihr ihr ganzes Geschlecht; sein, des Cäsar, Ruhm und Größe werde aber den Gipfel erreichen. Getrost möge der Herrscher sein, des Alexander Leben zu Ende führen. Der Genius seines göttlichen Vaters Severus wache über ihn und habe ihm in der Person des Macrinus einen Mann als Berater zugeführt, in dessen sterblichem Leibe die Seele des Scipio Africanus zu neuem Leben erwacht sei. Damit war die Erscheinung, welche sich, gleich den früheren, wie ein farbiges Bild auf der verdunkelten Wand des Tablinum auf und nieder bewegt hatte, verschwunden. Der Klang der Stimme des großen Makedoniers war dumpf und geisterhaft gewesen, doch was sie dem Kaiser mitteilte, hatte ihn gefesselt und seine Stimmung gehoben. Sein Wunsch, noch andere Geister zu sehen, war indes unerfüllt geblieben. Der Magier, der, während die Erscheinungen sich zeigten, mit erhobenen Händen auf den Knieen gelegen, hatte erklärt, der Zwang, den seine magische Kraft eben auf die Geister geübt, habe ihn erschöpft; sein schönes bärtiges Antlitz war auch totenbleich gewesen, und ein starkes Zittern hatte ihm die hohe Gestalt erschüttert. Seine Gehilfen waren stillschweigend verschwunden. Sie hatten sich mit großen Bücherrollen hinter einem Vorhang verborgen gehalten und Serapion erklärt, sie seien seine Schüler, und es falle ihnen die Aufgabe zu, seine Beschwörungen durch wirksame Formeln zu unterstützen. Caracalla hatte ihn gnädig entlassen, und als er nun zu den Wartenden trat, erzählte er ihnen zufrieden und gesprächig, was er Wunderbares gesehen und gehört. »Ein seltener Mann, dieser Serapion,« rief er dem Oberpriester Theophilus zu, »ein Meister in seiner Kunst. Was er, bevor es an die Beschwörung ging, als Einleitung sagte, ist überzeugend und erklärt mir so manches. »Die Magie verhält sich seiner Meinung nach zur Religion wie die Gewalt zur Liebe, wie der Befehl zum Gebet. Die Gewalt! Auch im Leben übt sie magische Wirkung. Wir haben ihren Einfluß auf die Geister mit angesehen, und wer widersteht ihr unter den Menschen? Ihr schulde ich das Beste und werde ihr, denk' ich, noch mehr zu verdanken haben. Selbst die widerstrebende Liebe muß sich ihr fügen.« Hier lachte er mit einem selbstzufriedenen Kichern vor sich hin und fuhr dann fort: »Wie der fromme Verehrer der Götter die Himmlischen durch Gebet und Opfer rührt, erklärte uns der wunderbare Mann, so zwinge sie der Magier durch sein Wissen, ihm Gehorsam zu leisten. Gegenüber dem Körperlosen – und körperlos seien auch die Himmlischen – bedeute der Name so viel wie das Wesen, dessen Spiegelbild er gleichsam sei. Wer darum den rechten Namen der Götter und Geister kenne und ihn gebrauche, um sie zu rufen, dem müßten sie Folge leisten wie der Sklave dem Herrn. »Diesen Namen, der den Unsterblichen bei der Geburt auf die Seele gebunden sei, zu ergründen, sei den Weisen, die vor grauer Zeit den Pharaonen dienten, gelungen, und ihre Kenntnis habe sich fortgeerbt als kostbares Geheimnis von Geschlecht zu Geschlecht bis auf ihn. »Doch es genüge nicht, den Namen vor sich hermurmeln und schreiben zu können. Jeder Laut in demselben habe seine Bedeutung wie jedes Glied am menschlichen Körper. Wie er auszusprechen und zu betonen sei, auch darauf komme es an, und die echten, das Wesen der Unsterblichen in sich zusammenfassenden und gleichsam versinnlichenden Namen seien andere als die, womit die Menschen sie riefen. »Ob ich wohl ahne – und dabei wandte Serapion sich an mich – welchen Gott er mit den Worten: › Abar Barbarie Eloce Sabaoth Pachnuphis ‹, und so ging es weiter – ich habe nur die ersten Silben behalten – zwinge, ihm Gehorsam zu leisten? »Aber,« fuhr er fort, »mit der Aussprache dieser Silben sei es auch noch nicht gethan. Die himmlischen Geister fügten sich nur solchen Sterblichen, die ihre vorzüglichsten Eigenschaften während des zwingenden Rufes ihres Namens teilten. Bevor es der Magier wagen dürfe, sie zu rufen, habe er die Seele von der Last des Sinnlichen zu befreien und den Leib durch langes, strenges Fasten zu heiligen. Erst wenn es dem Beschwörer gelungen sei, wie ihm in diesen letzten Tagen, innerlich abzusterben allen Reizen der Sinne, und die Seele, soweit dies der menschlichen Natur gestattet sei, körperlos zu machen, habe er jene Gottähnlichkeit erworben, die ihn befähige, mit den Himmlischen und der gesamten Geisterwelt wie mit seinesgleichen zu verkehren und sie durch den Ruf ihres Namens seinem Willen zu unterjochen. »Er übte seine Macht, und wir sahen mit den leiblichen Augen, wie die Geister seinem Rufe gehorchten. Wir erfuhren aber auch, daß es die Worte allein nicht thun. Ein wie edles Ansehen besitzt dieser Mann! – Und die Kasteiungen, denen er sich unterwarf, auch das sind Thaten! Die Zungendrescher vom Museum können ein Beispiel an ihm nehmen. Was Serapion uns zu sehen gab, war ein Werk, und ein schweres. – Womit sie die Tage verderben, sind nichts als Worte, erbärmliche Worte. Sie beweisen damit schlagend, der Löwe dort sei ein Kaninchen. Der Magier winkte, und der König der Tiere zog sich winselnd vor ihm zusammen. Wie die Herren vom Museum, so ist in dieser Stadt jedermann ein Maul auf zwei Beinen. Selbst die Christen – ich kenne ihren Glauben – erfanden hier, – wo wäre das anderwärts möglich gewesen? – für ihren hohen Lehrer die Bezeichnung: das Fleisch gewordene Wort. Was ich hier auch zu hören bekam,« und damit wandte er sich an die Deputation der Stadt, »waren Worte und wiederum Worte. Von euch demütige, die mich der Liebe und Ehrfurcht versicherten; von denen, die da meinen, ihre kleine Person werde mir zwischen den Fingern durchschlüpfen und mir entwischen, nichtswürdige, witzelnde, in Gift und Galle getauchte. Im Zirkus sogar schossen sie mit Worten nach mir. Nur der Magier wagte es, mir eine That zu zeigen, und wie herrlich glückte sie dem seltenen Manne!« »Was er Dich sehen ließ,« sagte der Oberpriester, »haben schon – alte Schriften lehren es – die Zauberer unter den Pyramidenerbauern vermocht. Unsere Horoskopen, die für Dich die Bahnen der Sterne verfolgten . . .« »Auch sie,« unterbrach ihn der Cäsar, indem er sich leicht vor den Astrologen verneigte, »haben mit etwas Besserem als mit Worten zu thun. Wie dem Magier eine heitere, so verdanke ich euch eine glückliche Stunde, ihr Herren.« Dies Bekenntnis bezog sich auf die Mitteilung, welche dem Cäsar während einer Pause in der Geisterbeschwörung gemacht worden war, daß die Sterne seinem Bunde mit Melissa reiches Glück voraussagten, und wie wohl begründet diese Voraussagung sei, lehrte ihn die Konstellation, welche ihm der oberste Horoskop dabei überreicht und kurz erläutert hatte. Während Caracalla den Dank der Sternseher in Empfang nahm, fiel sein Blick auf den Alexander, und freundlich erkundigte er sich sogleich, wie Melissa in das Haus des Vaters gelangt sei. Dann frug er ihn munter, ob der alexandrinische Witz ihm vielleicht ein neues Gastgeschenk zugedacht habe. Da hielt der Jüngling, der schon im Zirkus beschlossen hatte, das Leben einzusetzen, um sich von dem Verdacht zu reinigen, der ihn befleckte, die Stunde für gekommen, den Fehler gut zu machen, der ihn der Achtung seiner Mitbürger beraubte. Die Anwesenheit so vieler Zeugen stärkte ihm den Mut, und in der Erwartung, sich wie der Konsular Vindex um den Kopf zu reden, richtete er sich höher auf und entgegnete ernst: »Wohl teilte ich Dir, hoher Cäsar, leichtfertig und ohne die Folgen zu bedenken, einige von jenen Witzworten mit . . .« »Ich befahl und Du gehorchtest,« fuhr der Cäsar auf und fügte verdrossen hinzu: »Aber was soll das?« »Es soll,« begann Alexander, der nun das Richterschwert die Scheide verlassen sah, mit einer pathetischen Würde, die den Kaiser in seinem Mund überraschte, »es soll Dir und meinen hier anwesenden alexandrinischen Mitbürgern melden, daß ich meine Unvorsichtigkeit bereue, ja sie verwünsche, seit ich vorhin aus Deinem eigenen Munde vernahm, wie tief Dich ihr rascher Witz gegen die Söhne meiner teuren Vaterstadt aufbringt.« »So, so! Daher diese Thränen?« fiel ihm der Cäsar mit einer bekannten lateinischen Redewendung ins Wort. Dabei nickte er dem Maler zu und fuhr im Tone heiterer Ueberlegenheit fort: »Produzire Dich meinetwegen auch weiter als Redner; nur mäßige das Pathos, das nicht für Dich paßt und mach es kurz; denn bevor die Sonne aufgeht, wollen wir – ich und die Herren dort – im Bette sein.« Da wechselte Röte mit Blässe auf dem Antlitz des Jünglings. Ein Todesurteil wäre ihm lieber gewesen als dieser höhnische Eingriff in ein Wagnis, das er eben noch für groß und heldenhaft gehalten. Unter den Römern sah er lachende Gesichter, und gekränkt, gedemütigt, verwirrt, der Rede kaum mächtig, stammelte er, immer noch von dem Wunsche sich zu rechtfertigen getrieben, mühsam hervor: »Ich habe . . . Ich wollte bezeugen . . . Nein, ich bin kein Spion! Eher sollte mir die Zunge verdorren, als daß ich . . . Du kannst ja . . . Es steht ja in Deiner Macht, mir das Leben zu nehmen.« »Ganz gewiß,« unterbrach ihn hier Caracalla, und seine Stimme klang mehr höhnisch als unwillig. Er sah dem Künstler an, wie tief er erregt war, und um ihn, den Bruder Melissas, zu verhindern, eine Unvorsichtigkeit zu begehen, die er strafen mußte, fuhr er im Tone herablassender Ueberlegenheit fort: »Aber ich ziehe es vor, Dich noch recht lange unter den Sterblichen den Pinsel führen zu sehen. Du bist entlassen.« Da verneigte sich der Jüngling und wandte dem Kaiser den Rücken; denn er fühlte, daß ihm jetzt drohe, was jedem Alexandriner das Unerträglichste war: ein lächerliches Ansehen vor so vielen. Caracalla ließ ihn gehen; doch als er schon auf der Schwelle stand, rief er ihm nach: »Auf morgen nach dem Bade mit Deiner Schwester! Sage ihr, Sterne und Geister seien unserem Bunde gewogen.« Dann winkte der Cäsar dem Nachtstrategen, und nachdem er seiner Lässigkeit die unliebsamen Vorgänge im Zirkus unwillig zur Last gelegt hatte, schnitt er dem beunruhigten Beamten das Wort ab, als dieser vorschlug, alle gefangen zu setzen, welche von den Lictoren unter den Schreiern bemerkt worden seien. »Noch nicht. In keinem Fall morgen,« befahl Caracalla. »Merkt euch genau einen jeden. Haltet die Augen bei der nächsten Vorstellung offen. Verzeichnet die Namen der Uebelgesinnten. Sorgt, daß allen Schuldigen die Schlinge am Hals schwebt. Die Zeit, sie zuzuziehen, kommt später. Wenn sie sich in Sicherheit wiegen, zeigt uns auch der Zaghaftere das wahre Gesicht. Erst wenn ich das Zeichen gebe – bestimmt noch nicht in den nächsten Tagen – greift ihr zu, und keiner entgeht uns.« Diesen Befehl hatte der Cäsar lachenden Mundes erteilt. Erst wünschte er Melissa zu der Seinen zu machen und wie ein Schäfer in süßem Liebesglück mit ihr zu schwelgen. Während dieser Zeit wollte er sich keine Stunde durch Bitten und Thränen der Neuvermählten trüben lassen. – Wenn ihr später die blutige Bestrafung der Widersacher ihres Gemahles mitgeteilt wurde, mußte sie die vollendete Thatsache hinnehmen; und es fanden sich dann wohl Mittel, ihren Unwillen zu beschwichtigen. Die Freunde, welche erwartet hatten, den Cäsar nach den verletzenden Vorgängen im Zirkus wüten und toben zu sehen, wurden von einer Ueberraschung in die andere geworfen; denn sogar nach dem Gespräche mit dem Nachtstrategen schaute er heiter und zufrieden drein und rief ihnen zu: »So habt ihr mich lange nicht gesehen. Mein eigener Spiegel wird sich nachher fragen, ob er den Herrn nicht gewechselt. Hoffentlich wird er sich übrigens daran gewöhnen müssen, mich als lebensfrohen Mann darzustellen, so oft ich ihn brauche. Die beiden edelsten Freuden des Daseins stehen mir in Aussicht, und ich wüßte nicht, was ich in diesem Augenblicke zu wünschen hätte, wenn Philostratus hier wäre, um die kommenden Tage mit mir zu teilen.« Da trat der ernste Senator Cassius Dio vor und bemerkte, es habe auch sein Gutes, daß sich der liebenswürdige Freund aus der Unruhe des Hoflebens entfernte. Sein Leben des Apollonius, worauf alle Welt gespannt sei, komme nun früher zum Abschluß. »Gerade um über den Mann von Tyana mit ihm zu reden,« rief nun der Kaiser, »wünschte ich mir heute seinen Biographen zurück. Wenig zu besitzen und nichts zu bedürfen, ist, was der Weise sich wünscht, und ich könnte mir Verhältnisse denken, unter denen es einem, der Macht und Reichtum bis zum Ekel genoß, köstlich erscheinen möchte, als bescheidener Landmann nach dem horazischen Rezept: › procul negotiis ‹ das Feld zu bestellen und Früchte von den eigenen Bäumen zu ernten. Nach Apollonius soll der Weise auch arm sein, und in seinem Staate ist es den Bürgern zwar erlaubt, Schätze zu sammeln, doch gelten die Reichen für ehrlos. Es liegt Sinn in diesem Paradoxon; denn die Güter, die sich durch Geld erwerben lassen, sind gemein. Was die Seele läutert, was sie erhebt und wahrhaft beglückt, ich hab' es erfahren, – unabhängig ist es von Macht und Besitz. Wer es kennen lernte, wem es zu teil ward . . .« Hier stockte er, wie erschreckt über sich selbst, lachte kopfschüttelnd auf und wünschte mit dem Rufe: »Da stünde denn der Tragödienheld im Purpur schon mit einem Fuß im Idyll!« den um ihn Versammelten gute Ruhe für den kurzen Rest dieser Nacht. Dabei reichte er einigen Bevorzugten die Hand; als er aber auch die des Prokonsuls Julius Paulinus ergriff, der – ein unerhörtes Unterfangen – Trauerkleider angelegt hatte, die dem heute hingerichteten Vindex, seinem Schwager, galten, verfinsterte sich plötzlich das Angesicht des Cäsar, und raschen Schrittes wandte er seiner Umgebung den Rücken. Kaum war er hinter der Thür verschwunden, als der trauernde Prokonsul in seiner trockenen Weise, als rede er mit sich selbst, ausrief: »Das Idyll soll beginnen. Möchte es das Satyrspiel werden, das die blutigste der Tragödien abschließt.« »Der Cäsar war schon heute nicht er selbst,« sagte der Günstling Theokrit, und der Senator Cassius Dio flüsterte dem Paulinus zu: »Darum bot er auch einen erträglichen Anblick.« Der alte Adventus schaute erstaunt zu, wie Arjuna, der indische Leibsklave des Kaisers, diesen entkleidete; denn wohl war Caracalla mit düsterer, unheilverkündender Stirn in das Schlafgemach getreten; während ihm aber die Schuhe abgeschnürt wurden, lachte er wieder vor sich hin und rief dem alten Diener mit einem leuchtenden Blicke zu: »Morgen!« und der Kämmerer sprach sogleich einen Segen über den kommenden Tag und diejenige, welche bestimmt sei, dem hohen Cäsar viele kommende Jahre mit Sonnenschein zu erfüllen. Der Frühaufsteher Caracalla schlief diesmal länger als an anderen Tagen. – Er war spät zur Ruhe gekommen, und der Kämmerer unterließ es darum, ihn zu wecken, zumal ihn, trotz der heiteren Stimmung, womit er das Lager bestiegen, böse Träume gequält hatten. Als der Cäsar sich endlich erhob, fragte er zuerst nach dem Wetter und gab seine Zufriedenheit zu erkennen, als er erfuhr, daß die Sonne mit stechenden Strahlen aufgegangen sei, jetzt aber wieder von finsterem Gewölk verschleiert werde. Der erste Gang führte ihn in den Opferhof. Die Darbringungen waren vortrefflich ausgefallen, und er freute sich an dem frischen und gesunden Aussehen der Stierherzen und Lebern, welche die Eingeweideschauer ihm zeigten. In dem Magen des einen Rindes hatte man eine Pfeilspitze von Feuerstein gefunden, und als man sie dem Caracalla zeigte, lachte er und rief dem Oberpriester Theophilus zu: »Aus dem Köcher des Eros. Der Gott mahnt mich, auch seiner an diesem glücklichen Tage mit einem Opfer zu gedenken.« Nach dem Bade ließ er sich mit besonderer Sorgfalt kleiden und befahl dann, erst den Präfekten der Prätorianer vorzulassen, dann aber Melissa, für die schon eine Menge der herrlichsten Blumen bereit stand. Aber Macrinus war nicht zu finden, obgleich der Cäsar ihm gestern befohlen hatte, ihm heute vor allem übrigen Bericht zu erstatten. Schon zweimal war er im Vorzimmer erschienen, doch vor kurzem wieder fortgegangen und noch nicht wieder zurück. Entschlossen, das Glücksgefühl, das ihn erfüllte, sich nicht trüben zu lassen, zuckte der Cäsar nur die Achseln und gebot darauf, die Jungfrau und, wenn diese sie begleiten sollten, auch ihren Vater und Bruder vorzulassen; doch weder Melissa noch die anderen waren bisher erschienen, und doch erinnerte Caracalla sich genau, alle drei eingeladen zu haben, ihn nach dem Bade aufzusuchen, und es war damit heute um mehrere Stunden später geworden als sonst. Unwillig, und doch immer noch bemüht, sich zu mäßigen, trat er ans Fenster. Der Himmel war dicht umwölkt, und ein scharfer Seewind trieb ihm die ersten Regentropfen ins Antlitz. Auf dem weiten Platze zu seinen Füßen bot sich ihm ein Schauspiel, das ihn in besserer Stimmung ergötzt haben würde. Die jüngeren Männer der Stadt, soweit sie von griechischer Herkunft waren, zogen scharenweis heran. Sie hatten sich nach den Ringschulen, in denen sie sich übten, den Zirkusfarben und Vereinen, denen sie angehörten, in Abteilungen geordnet. Die Jünglinge schritten gesondert von den Ehemännern heiter dahin, und man sah es ihnen an, daß sie gerne kamen und Freude von diesem Tage und was er ihnen bringen sollte, erwarteten. Von den anderen schauten viele weniger fröhlich drein. Sie waren nicht mehr gewohnt, dem Rufe eines Gebieters Gehorsam zu leisten, und viele verdroß es, von den Arbeiten und Geschäften eines ganzen Tages abgehalten zu werden. Doch keinem war gestattet, sich auszuschließen; denn der Kaiser hatte den Häuptern der Bürgerschaft, als sie ihn einluden, die Ringschulen zu besuchen, entgegnet, daß er es vorziehe, die männliche Jugend der Stadt im Stadium zu besichtigen; denn dies grenzte hart an seine Wohnung im Serapeum, und in seinem großen Raume konnte sich ihm die Augenweide auf einmal bieten, zu deren Genuß es sonst weiter Fahrten zu den verschiedenen Gymnasien bedurft hätte. Er liebte kräftige Wirkungen durch große Massen, und auch auf der Rennbahn konnten die Ring- und Faustkämpfer, die Läufer und Diskuswerfer Proben ihrer Kraft, Gewandtheit und Ausdauer ablegen. Dabei war ihm der Gedanke gekommen, daß unter diesen Jünglingen und Männern sich die Nachkommen der Streiter befänden, die unter der Führung des großen Alexander die Welt erobert hatten. Hier bot sich ihm also Gelegenheit, die Scharen, an deren Spitze der Mann, dessen Erdenwallen er auszuleben bestimmt war, unsterbliche Siege erfochten hatte, verjüngt und gleichsam wiedergeboren um sich zu versammeln. Das mußte er sich gönnen. Er wollte Melissa die auferstandene Kriegsmacht dessen zeigen, mit dem sie als Roxane in einem früheren Dasein verbunden gewesen. Wie immer schnell bereit, einen Einfall in die That umzuwandeln, hatte er dem Stadthaupte sogleich geboten, die gesamte Jugend Alexandrias am Morgen des Tages, der nun angebrochen war, zusammenkommen zu lassen, um aus ihr eine makedonische Phalanx zu bilden. Im Stadium wünschte er sie zu besichtigen, und ihm zogen sie jetzt entgegen. Er hatte befohlen, Helme, Schilder und Lanzen in der bekannten makedonischen Form zu beschaffen, die dort unter der neuen hellenischen Legion verteilt werden sollten. Ihr konnte später auch die Bewachung der Stadt anvertraut werden, wenn es zum Partherkrieg kommen und er des Zuzuges der Garnison Alexandrias bedürfen sollte. Die Besichtigung dieser Griechenschar würde Melissa Freude bereiten. Auch dem Alexander erwartete er unter ihr zu begegnen. Teilte die Geliebte erst mit ihm den Purpur, dann konnte er ihren Bruder zum Befehlshaber dieser auserlesenen Phalanx ernennen. Jetzt sah er Schar auf Schar dem Stadium zustreben, und etwas Schöneres als diese schlanken Jünglingsgestalten, welche mit Kränzen auf den schwarzen, braunen und blonden Locken elastischen Schrittes dahergezogen kamen, meinte er lange nicht gesehen zu haben. Als die Reihen der vornehmen jungen Männer, die sich in der timagetischen Ringbahn zu Leibesübungen zusammenfanden, an ihm vorbeikamen, empfand er solches Wohlgefallen an der Schönheit der Köpfe, dem wundervollen Ebenmaß der in athletischen Spielen gestählten Glieder und der freien Anmut der meisten, daß es ihm war, als habe ihn ein Zauber in die Blütezeit Griechenlands und am Tage eines olympischen Spieles auf die Altis versetzt. Wo Melissa nur blieb? Dieses Schauspiel war auch ihres Beifalls gewiß, und diesmal konnte er ihr endlich auch etwas Angenehmes über ihre Landsleute sagen. So prächtigen Burschen ließ sich mancherlei nachsehen. Fortgerissen von Wohlgefallen an ihrem Anblick, winkte er ihnen mit dem Tuche zu, und der Gymnasiarch, der ihnen mit zwei Gehilfen, herkulischen Athletengestalten, voranschritt, nahm dies wahr und rief ein lautes: »Heil dem Cäsar!« zu ihm in die Höhe. Die Jünglinge, welche ihm folgten, thaten es ihm nach, und auch die folgende Schar erwiderte seinen Gruß laut und willig. Weithin ließen sich die jungen Stimmen vernehmen, und bald verbreitete sich unter den hinter der ersten Abteilung heranziehenden die Kunde, wem zu Ehren sie sich erhöben. Besonders unter den Männern, die schon einem eigenen Hausstande geboten, gab es aber viele, denen es schmählich und unwürdig schien, dem Tyrannen, dessen drückende Hand sie schon selbst empfunden hatten, zuzujubeln, und eine Schar junger Herren von der Partei der Grünen, die schon eigene Rosse rennen ließen, hatte verabredetermaßen den verhängnisvollen Mut, den Gruß des Cäsar unerwidert zu lassen. Eine vielköpfige Menge aber ist wie eine Reihe von Saiten, die mitklingt, sobald der Ton erschallt, auf den sie gestimmt ist, und jeder empfand nun, daß der Uebermut des Brudermörders, des blutigen Wüterichs, des Bedrückers und Beleidigers der Bürgerschaft, durch seinen Zuruf nur bestärkt werden könne. So thaten es denn die folgenden Reihen den Grünen nach, und in der Mitte einer Schar von jungen Eheherren, die gemeinsame Leibesübungen im Gymnasium der Dioskuren verbanden, ließ ein bärtiger Wagehals mit frevlerischer Keckheit einen weithin schrillenden Pfiff auf den Fingern erschallen. Er fand keinen Nachfolger; doch der beleidigende Klang traf das Ohr des Kaisers und erschien ihm wie ein Signalruf des Schicksals; denn bevor er noch verklungen war, zerriß das Gewölk, und ein Strom hellen Lichtes breitete sich schnell über den Platz und die ihn bevölkernden Menschen. Den trüben Tag, der dem Cäsar Glück brachte, hatte die Sonne Afrikas plötzlich in einen hellen verwandelt, und das heitere Licht, das andere zu Freude und Hoffnung aufruft, erschien ihm wie eine Botschaft von oben, daß dieser Tag, von dem er die höchste Glückseligkeit erwartet hatte, ihm Enttäuschung bringen werde und Unheil. Er sprach es nicht aus; denn da war keiner, dem er sich gern und gewiß seiner Teilnahme anvertraut hätte, um Erleichterung zu finden; doch wer von den Anwesenden, als er vom Fenster aus in ihre Mitte zurücktrat, sein Antlitz beobachtete, der wußte, daß wenigstens in der nächsten Stunde, wenn kein Wunder geschah, das Idyll gewiß nicht beginnen werde, dessen Anfang er für heute vorausgesagt hatte. O nein! Es sollte gute Weile mit seinem erträumten Schäferglück haben. Statt des Satyrspieles, wovon der alte Julius Paulinus geredet, schien nach dem Pfiff des jungen Ehemannes ein neuer Akt in der schrecklichen Lebenstragödie Caracallas anfangen zu wollen. Besorgt blickten »die Freunde« auf den Kaiser, als er mit tief gefurchter Stirne ungeduldig frug: »Macrinus noch nicht hier?« Der Günstling Theokrit und andere, die neidisch auf Melissa und die Ihren und besorgt auf die Verbindung des Kaisers mit ihr geblickt hatten, wünschten das Mädchen zurück. Aber der Präfekt Macrinus blieb immer noch aus, und während der Kaiser wieder auf den hell beleuchteten Platz schaute und – er hatte Boten ausgesandt, um Melissa zu holen – mit düster niedergeschlagenem Blick immer noch hoffte, diesmal werde die Vorbedeutung lügen, und der sonnige Tag endlich doch zu einem Glückstage für ihn werden, glaubte der Präfekt Macrinus, daß sich das Thor zu künftiger Größe und Herrlichkeit für ihn öffne. Abergläubisch wie der Kaiser und jedermann in seiner Zeit, war er heute fester überzeugt denn je, daß es Menschen gebe, denen ein geheimnisvolles Wissen Kräfte verleihe, vor denen auch er, der besonnene Mann, der sich aus der Niedrigkeit zur höchsten Stellung im Staate nach der des Kaisers hinaufgearbeitet hatte, sich beugen müsse. Der Magier Serapion hatte ihm schon an früheren Abenden Unfaßbares zu sehen und zu hören gegeben. Er glaubte an die Macht dieses merkwürdigen Mannes über die Geister und sein Vermögen, Wunder zu thun; denn er hatte in erschreckender Weise bewiesen, welche Gewalt er über seine, des Präfekten, willensstarke Persönlichkeit übe. Schon gestern Abend hatte der Magier den Macrinus um die dritte Stunde nach dem Aufgang der Sonne des nächsten Tages zu sich entboten, und dieser ihm willig zu kommen verheißen. Doch heute früh war der Kaiser später aufgestanden als sonst, und in der verabredeten Zeit konnte der Präfekt jeden Augenblick erwarten, vor den Gebieter gerufen zu werden. Trotzdem, und obgleich sein Ausbleiben den Cäsar aufzubringen drohte, und alles ihn nötigte, das Wartezimmer nicht zu verlassen, war Macrinus von einem unwiderstehlichen Drange gezwungen worden, der Ladung, die einem Befehle geglichen hatte, zu folgen. Dieser Umstand schien ihm entscheidend. Wie der Wunderthäter seinen, des Lebenden, energischen Geist beherrschte, so hatten ihm auch die Seelen der Abgeschiedenen zu gehorchen. Alles, was in ihm war, drängte von nun an den Macrinus, mit der Voraussagung zu rechnen, die ihm Serapion heute zum drittenmale machte und die verhieß, daß er, der in Niedrigkeit Geborene, mit dem Purpur des Caracalla bekleidet, den Thron der Cäsaren besteigen werde. Aber nicht nur wegen dieser Prophezeiung, sondern auch um ihm mitzuteilen, daß die Kaiserbraut mit einem jungen Alexandriner versprochen sei und auch während der Werbung des Caracalla nicht aufgehört habe, mit dem Geliebten zärtlich zu verkehren, hatte der Geisterbeschwörer den Macrinus zu sich berufen. Schon gestern nachmittag war dem Serapion das alles durch seinen gewandten Gehilfen Kastor zu Ohren gekommen, und der Wunderthäter hatte es in der Nacht benutzt, um den Cäsar auf die Treulosigkeit der Erwählten vorzubereiten. Dem Präfekten versicherte der Magier, was gestern der Geist des großen Makedoniers angedeutet habe, sei jetzt durch die Dämonen, die ihm dienten, bestätigt worden. Es werde dem Macrinus jetzt leicht sein, die Favoritin, die mächtig zu werden drohe, zu verhindern, sich weiter zwischen ihn und das große Ziel zu stellen, das die Geister ihm wiesen. Dann hatte der Magier seine Voraussagung wiederholt, und die Worte des Wunderthäters, die dem Emporkömmling den Thron verhießen, waren jenem so fest überzeugt von den bärtigen Lippen geflossen, daß den vorsichtigen Staatsmann auch der letzte Zweifel verlassen, und er mit dem Rufe: »Ich glaube Dir, und auf jede Gefahr hin geht es jetzt vorwärts,« dem Zukunftskünder die Hand zum Abschiede gereicht hatte. Bis dahin war Macrinus, der Sohn eines armen Schuhflickers, der die Seinen mühsam durchbrachte, dem Glückspropheten mit kühler Vorsicht begegnet und hatte keinen Schritt gewagt, dem hohen Ziele näher zu kommen, das sein Ehrgeiz ihm zeigte. Mit aller Treue war er als gehorsamer Diener seines Herrn und des Staates bemüht gewesen, die Pflichten seines Amtes zu erfüllen. Jetzt hatte das alles sich geändert, und fest entschlossen, den Kampf um den Purpur zu wagen, kehrte er in die Gemächer des Kaisers zurück. Macrinus durfte keinen freundlichen Empfang erwarten, als er endlich das Tablinum betrat, doch sein großer Entschluß stärkte ihm den Mut. Er, der Vielerfahrene, wußte, daß das Glück von seinen Günstlingen verlangt, die Augen offen zu halten und die Hände zu regen. So ließ er sich denn zuerst von seinem Vertrauten, dem Senator Antigonus, einem Krieger von geringer Herkunft, der durch ein schnelles Reiterstück den Cäsar für sich gewonnen, genau berichten, was heute vorgefallen sei. Mit dem frechen Pfiff des Hellenen schloß der Gefragte seine Erzählung, in der das Erstaunen über das Ausbleiben der Kaiserbraut und der Ihren den breitesten Raum einnahm. Das gab auch dem Präfekten zu denken; bevor er aber das Tablinum betrat, ward er von dem Freigelassenen Epagathos angerufen, der ihm eine Briefrolle wies, die vorhin für den Kaiser abgegeben worden war. Der Bote hatte sich schleunig entfernt und war nicht mehr zu erreichen gewesen. Wenn sie nur nicht durch giftigen Duft den Leser gefährdete! »Was wäre hier wohl unmöglich?« hatte die Antwort des Präfekten gelautet. »An uns ist es, für die Sicherheit des Göttlichen zu wachen.« Der Brief war derselbe, den Melissa dem Sklaven Argutis für den Kaiser übergeben, und mit rücksichtsloser Kühnheit hatte Macrinus ihn geöffnet und mit dem Epagathos überflogen. Beide hatten die Verabredung getroffen, dies seltsame Schreiben erst wenn jener fragen lassen werde, ob die Jünglinge nun vollzählig im Stadium versammelt seien, dem Kaiser einhändigen zu lassen. Eine Vorbereitung war ihnen nötig erschienen, um den Cäsar vor einem neuen Anfalle seines Leidens zu bewahren. Jetzt stand Caracalla am Pfeiler des Fensters, um zu beobachten, ohne gesehen zu werden. Der Pfiff von vorhin gellte ihm noch vor dem Ohre. Doch etwas anderes beschäftigte ihn so lebhaft, daß er noch nicht daran dachte, den ihm angethanen Schimpf jetzt schon blutig zu rächen. Was hielt Melissa zurück, was ihren Vater und Bruder? Der Maler mußte sich mit den makedonischen Jünglingen in das Stadium begeben, und darum spähte Caracalla jetzt nach ihm aus und streckte den Kopf vor, sobald ein Lockenhaupt sich sehen ließ, das die anderen überragte. Ein bitterer Geschmack hatte sich ihm im Munde gesammelt, und mit jeder neuen Enttäuschung schlug das empörte, gequälte Herz ihm schneller. Dennoch blieb die Befürchtung, Melissa könne es wagen, die Flucht zu ergreifen, ihm immer noch fern. Der Oberpriester des Serapis hatte ihm mitgeteilt, sie sei auch bei seiner Gattin noch nicht erschienen. Jetzt kam er auf die Vermutung, der Regen habe sie gestern durchnäßt, ein Fieber schüttle sie und halte auch den Vater zu Hause, und darin lag für den Selbstsüchtigen so viel mehr Beruhigendes als Schmerzliches, daß er, erleichtert aufatmend, von neuem hinunterschaute. Wie übermütig diese Burschen das Haupt hoch trugen, wie elastisch ihr gelenker Fuß kaum den Boden berührte, wie sie mit der Kraft und Gewandtheit prunkten, die jedem von der Wiege an eigen. Dabei kam ihm in den Sinn, daß er, der durch wüste Ausschweifungen in jungen Jahren Gealterte mit dem schlecht geheilten gebrochenen Bein und dem ausgehenden Haar sich unter diesen Altersgenossen recht kläglich ausnehmen würde, und vielleicht, sagte er sich, sei der Pfiff einem der Schönsten und Stärksten von den Lippen geklungen, der ihn des Zurufs nicht wert gehalten habe. Doch er war nicht schwächer als die meisten einzelnen von denen da unten, und wollte er nur, konnte er sie alle zusammen zertreten, wie das Johanniswürmchen, das dort auf dem Fensterbrette kroch. Mit einem raschen Drucke des Mittelfingers machte er dem Leben des hübschen Käfers ein Ende, und im nämlichen Augenblicke ward es hinter ihm laut. Kam die Geliebte? Nein, es war nur der Präfekt. Schon längst hätte er dem Cäsar sich zeigen müssen, wäre er seinem Befehle gehorsam gewesen. So kam Macrinus jetzt seinem Ingrimme gelegen. Ein wie gemeines Gesicht dieser langbeinige Emporkömmling mit den kleinen Augen, der spitzen Nase und der faltigen Stirn doch hatte! War der schöne Diadumenianus wirklich sein Sohn? Gleichviel! Der Knabe, des Vaters Augapfel, stand in seiner Gewalt und bürgte ihm für die Treue des Alten. Im Grunde war Macrinus doch ein geschickter, brauchbarer Beamter und dazu fügsamer als die Römer von altem, vornehmem Geschlechte. Trotz dieser Erwägungen herrschte Caracalla den Präfekten an wie einen säumigen Sklaven, und dieser nahm seine Schmähreden demütig hin. Auf den Vorwurf des Kaisers, daß er nie da sei, wenn er ihn brauche, erwiderte Macrinus unterwürfig, gerade weil er sich dem Cäsar habe brauchbar erweisen können, sei er auf jede Gefahr hin gegangen. – Die aufsässige junge Brut da unten werde jetzt gut überwacht, und wenn es bei dem einen Pfiff verblieben sei, so hätten das seine Maßregeln bewirkt. Später werde es hier gelten, die Frevler und Hochverräter mit unerbittlicher Strenge zu züchtigen. Erstaunt blickte der Kaiser dem Ratgeber ins Antlitz, der ihn bis dahin stets zur Mäßigung ermahnt und ihn noch gestern gebeten hatte, der alexandrinischen Weise manches zu gute zu halten, was in Rom streng geahndet werden müsse. – Wurde die Frechheit dieser zügellosen Städter jetzt auch dem besonnenen und milden Mann unerträglich? Ja, so mußte es sich verhalten, und der Groll, den Macrinus gegen die Alexandriner zur Schau trug, beschleunigte die Vergebung, die der Cäsar ihm stillschweigend schenkte. Caracalla sagte sich auch, daß er den Geist des Präfekten bisher unterschätzt habe; denn aus den Augen desselben blitzte und glühte hellte ein Feuer, das ihre Kleinheit vergessen ließ und seinem unfein gebildeten Antlitz eine Bedeutung verlieh, die Caracalla bisher übersehen zu haben wähnte. Dieser Mann – ob dem Cäsar eine Ahnung es sagte? – war ihm in der letzten Stunde ähnlich geworden; denn in seinem zähen Geiste hatte der Entschluß sich gefestigt, vor nichts zurückzubeben, – auch nicht vor dem Tode so vieler, wie sein hohes Ziel, der Thron, es erheischte. Macrinus war Menschenkenner genug, um die tiefe Unruhe zu bemerken, die sich des Kaisers wegen des Ausbleibens der Geliebten bemächtigt hatte, doch hütete er sich wohl, die Rede auf sie zu bringen; sobald aber Caracalla die Besorgnis, die ihn quälte, nicht länger in sich verschließen konnte und selbst nach ihr fragte, gab der Präfekt dem Epagathos das verabredete Zeichen, und gleich darauf überreichte dieser dem Gebieter den neu verschlossenen Brief Melissas. »Laß ihn mich öffnen, hoher Cäsar,« bat Macrinus. »Schon Homer nennt Aegypten die Heimat der Gifte.« Aber der Kaiser hörte ihn nicht. Niemand hatte es ihm gesagt, es war ihm zeitlebens noch kein Brief von Frauenhand zugekommen, außer von der seiner Mutter, und doch wußte er, daß ein Weib, daß Melissa ihm dies zierliche Röllchen sende. Es war mit einer seidenen Schnur und dem Siegel verschlossen, womit Epagathos eben das schon geöffnete ersetzt. Riß Caracalla es auf, so mußte der Papyrus und die Schrift Schaden leiden. Ungeduldig verlangte der Cäsar darum nach einem Messer, und im nämlichen Augenblick reichte ihm der Leibarzt, der vor kurzem zu den anderen Höflingen getreten war, das seine. »Zurück?« frug der Kaiser, während der Heilkünstler die Klinge aus der Scheide zog. »Auf etwas unsicheren Beinen bei Tagesanbruch,« entgegnete der muntere Arzt; Caracalla aber nahm ihm das Messer aus der Hand, schnitt die Schnur durch, öffnete hastig das Siegel und begann zu lesen. Bis dahin hatte seine Hand sicher gethan, was ihr oblag; jetzt begann sie zu zittern, und während er das Absageschreiben Melissas – es enthielt nur wenige Zeilen – überflog, begannen ihm die Kniee zu wanken, und ein leiser, kreischender Aufschrei, der keinem Laute glich, den die Natur in die Menschenbrust legte, entrang sich der seinen. In zwei Stücke zerrissen flatterte der Papyrusstreifen auf den Estrich. Der Präfekt stützte den von einem leichten Schwindel ergriffenen Mann, der die Arme von sich streckte, als suche er nach einem Beistand. Der Arzt holte die Medizin eilig hervor, die Galenus ihm beim Eintritt ähnlicher Zustände anzuwenden geraten, und die er stets bei sich trug, und indem er auf den Brief wies, frug er den Präfekten: »In aller Götter Namen, von wem?« »Von der schönen Steinschneiderstochter,« versetzte Macrinus und zuckte verächtlich die Achseln. »Von der?« rief unwillig der Arzt. »Von der leichtfertigen Phryne, die sich in einem Krankensaal unten mit dem Jungen meines reichen Gastfreundes geherzt und geküßt hat?« Da fuhr der Kaiser, der keinen Augenblick die Besinnung verloren hatte, wie von einer Natter gestochen in die Höhe, sprang dem Arzt an den Hals, und, während er ihn zu erwürgen drohte, kreischte er ihn an: »Was war das? Was hast Du gesagt? Verruchter Schwätzer! Die Wahrheit, Elender, und die ganze, wenn das Leben Dir lieb ist!« Und der schwer bedrohte, redselige Mann hatte keine Ursache, dem Kaiser vorzuenthalten, was er mit eigenen Augen im Serapeum gesehen, und was er später auch an der Tafel des Polybius vernommen. Wo das Leben auf dem Spiele stand, konnte das einem Freigelassenen gegebene Versprechen nichts gelten, und so ließ er denn der schnellen Zunge freien Lauf und beantwortete die mit heiserer Stimme hervorgestoßenen Fragen, womit Caracalla ihn unterbrach, rückhaltslos und als beim Hofe heimischer Mann in einem Sinne, der dem nach neuen Verdammungsgründen begierigen Richter willkommen sein mußte. Gestern, vor- und vorvorgestern, jeden Tag, an dem Melissa ihm vorgespiegelt hatte, das geheimnisvolle Band zu fühlen, das ihr Herz an das seine fessele, an dem sie ihm Liebe geheuchelt und ihn herausgefordert hatte, um sie zu werben, hatte sie – jetzt erfuhr er es – einem andern gewährt, was sie ihm mit so herber Züchtigkeit verweigert. Ihr Gebet, was sie für ihn zu fühlen versichert, das jungfräuliche Feingefühl, womit sie ihn entzückt hatte, alles, alles war Lüge, Betrug, Spiegelfechterei gewesen, um einen Zweck zu erreichen. Und der Alte wie der Junge, in deren Dienst sie sich in seine Nähe gewagt, hatten um das ruchlose Spiel gewußt, das sie mit ihm getrieben, mit ihm und seinem Herzen. Die Lippen, die ihn mit trügerischen Worten in die schmählichste der Fallen gelockt, sie hatten noch vom heißen Kuß eines andern gebrannt. Dabei war es ihm, als höre er die Alexandriner über den verlassenen Bräutigam kichern, als sehe er sie ihren widerwärtigen Spott über den Mann ausgießen, den ein schlaues Weib schon vor der Hochzeit betrogen. Welchen Stoff hatte er jetzt den Witzmachern geboten! Und doch! Das Furchtbarste hätte er willig ertragen, wäre ihm nur die Ueberzeugung geblieben, daß sie ihn einmal geliebt, daß ihr Herz ihm auch nur eine kurze Stunde angehört habe. Aus den Papyrusfetzen dort am Boden bekannte sie, seine Wünsche nicht erfüllen zu können, weil sie einem andern, schon bevor er ihr begegnet sei, Treue gelobt. Wohl habe sie sich zu ihm hingezogen gefühlt wie zu keinem außer dem Verlobten, und hätte er sich begnügt, sie als treue Dienerin und Pflegerin in seiner Nähe zu dulden, dann wäre sie . . . Kurz, was da stand, sollte zu Gunsten eines andern jedes Band zerreißen, das sie an ihn gefesselt, und es empörte ihn doppelt durch das gleisnerische Bedauern, worein es gehüllt war. Lüge, Lüge, auch in diesem Schreiben nichts als Lüge und ein heuchlerisches Gaukelspiel mit seinem Herzen! Wie das blutete! Aber er besaß die Macht, auch dem ihren Wunden zu schlagen. Wilde Tiere sollten ihr den schönen Leib zerreißen, zerreißen, wie sie ihm in dieser Stunde die Seele zerfleischte. Nur noch ein Wunsch bewegte ihm das Herz: Sie, die er geliebt wie noch keine, der er seine Seele erschlossen, vor der er seine Thaten beschönigt hatte wie nicht vor der leiblichen Mutter, vor sich im Staube zu sehen und ihr so schweres Leid anzuthun, wie noch kein sterblicher Mensch durch den andern erfuhr. Und wie sie, so sollten ihm alle, die sie liebte und ihre Mitwisser waren, die Marter dieser Stunde bezahlen. Jetzt war die Zeit der Abrechnung gekommen, und alle bösen Triebe in seiner Brust vermischten sich jauchzend mit dem Schmerzensschrei seines blutenden Herzens. Der Präfekt folgte jeder Miene des Mannes, der, während er dem gesprächigen Arzte zuzuhören schien, den eigenen Gedanken freien Lauf ließ, und er kannte seinen Gebieter. Dies Zucken der Augenlider, diese scharf umrissenen roten Flecke auf der Wange, dies Blähen der Nüstern, diese Falten über der Nase deuteten auf Entsetzliches, das ihm im Sinne lag. Gestern noch hätte er versucht, wenn er ihm so begegnet wäre, ihn mit allen Mitteln, die ihm zu Gebote standen, zu besänftigen, heute war er bereit, wenn der Cäsar die Welt angezündet hätte, Oel in das Feuer zu gießen; denn was die wohlbefestigte Macht dieses Kaisersohnes und Kaisers stürzen konnte, war zunächst nur er selbst. Das Unerhörte hatte das römische Volk schon von ihm ertragen, doch der Krug war voll, und des Cäsars Aussehen verhieß, daß er ihn heute zum Ueberfließen bringen werde. Der strudelnde Strom, der den Sohn eines vergötterten Vaters vom Throne riß, trug vielleicht ihn, das Kind der Niedrigkeit und Armut, in den Palast. Bei alledem blieb Macrinus stumm. Es galt, den tief Verletzten mit keinem Wort auf andere Gedanken zu bringen. Das Furchtbare, das der Kaiser jetzt plante, durfte nicht abgeschwächt werden. Doch es hätte dieser Zurückhaltung des Präfekten nicht bedurft. Das bewies der flackernde Blick, den Caracalla, als der Arzt seinen Bericht schloß, durch das Tablinum schweifen ließ. Geist und Zunge waren dem Cäsar noch wie gelähmt, doch bald ereignete sich etwas, das ihn sich selbst zurück gab und seinen Blick auf ein festes Ziel lenkte. In dem äußeren Empfangszimmer war es lebendig geworden, und man hörte es dort rufen und schreien. Die Freunde des Cäsar, die ein Schwert trugen, griffen darnach, und der unbewaffnete Caracalla befahl dem Antigonus, ihm das seine zu reichen. »Ein Aufruhr?« frug er den Macrinus mit blitzenden Augen, und als sei ihm eine bejahende Antwort willkommen; der Präfekt aber eilte mit blanker Klinge an die Thür. Bevor er sie indes noch erreicht hatte, flog sie auf, und der Legat Julius Asper stürzte wie verstört in das Tablinum und rief: »Verruchtes Mördernest! Ein Anschlag auf Dein Leben, erhabener Cäsar; doch wir halten ihn fest.« »Meuchelmord!« fiel ihm Caracalla mit toller Freude ins Wort; »das letzte, das noch fehlte, da ist es! Her mit dem Mörder! Doch erst,« und dabei wandte er sich an den Nachtstrategen Aristides, »die Thore und die Häfen schließen! Kein Mensch und kein Schiff darf sie undurchsucht verlassen! Den Fahrzeugen, die seit Sonnenaufgang von Stapel gingen, wird nachgesetzt, und man führt sie zurück! Numidische Reiter suchen, gut geführt, sämtliche Landstraßen ab, nachdem man die Thorwächter verhörte. Jedes Haus steht Deinen Leuten offen, jeder Tempel und jede Freistatt. Der Steinschneider Heron, seine Tochter und seine Söhne werden ergriffen, und ebenso – Diodor heißt der Bube – er, seine Eltern und alles, was zu seiner Sippe gehört! Der Arzt weiß, wo sie zu finden. Lebendig , nicht tot, hörst Du? Lebendig will ich sie haben! Bis Mitternacht geb' ich mir Zeit! Dein Kopf, wenn die Dirne Dir entrinnt und ihr Bruder!« Gesenkten Hauptes entfernte sich der unglückliche Beamte. Auf der Schwelle begegnete ihm der Centurio Martialis von den Prätorianern. Ihm folgte mit auf den Rücken gebundenen Händen der Verbrecher. Seine edlen Züge waren hoch gerötet, unter der überhohen Stirn glühten die Augen in wilder, fiebernder Glut, das Lockenhaar umstarrte ihm in wirrer Unordnung das Haupt. An dem fein geschnittenen Munde hatte sich die Oberlippe erhoben und erschien wie ein Sitz des Spottes und der bittersten Verachtung. Jeder seiner Züge verriet eine ähnliche Empfindung und keine Spur von Furcht oder Reue. Aber die Brust flog ihm auf und nieder, und der Arzt erkannte in ihm auf den ersten Blick einen von heißem Fieber ergriffenen Kranken. Draußen schon riß man ihm den Umwurf ab, aus dessen Brustöffnung das große, scharf geschliffene Schlachtmesser hervorlugte, das seine Absicht verriet. Bis in das erste Wartezimmer war er gelangt, als ein Soldat von der germanischen Leibwache die Hand an ihn legte. Jetzt hielt ihn Martialis am Gürtel, und der Kaiser blickte den Prätorianer scharf und unwillig an und frug, ob er es sei, der den Mörder festgenommen habe. Der Centurio erteilte eine verneinende Antwort. Der Germane Ingiomarus habe das Messer bemerkt; er stehe hier nur kraft des Rechtes der Prätorianer, solche Gefangene vor den hohen Cäsar zu führen. Da blickte Caracalla dem Krieger forschend ins Antlitz; denn er meinte in ihm den Mann wiederzuerkennen, der seinen Neid wachgerufen und dem es ihm schon einmal das Glück zu trüben gelüstet, als er Weib und Kind gegen das Verbot im Lager empfangen hatte, und jetzt drängten sich ihm Erinnerungen auf, die ihm das Blut in die Wangen trieben. »Das konnt' ich mir denken!« versetzte er scharf und fuhr in wegwerfendem Tone fort: »Von Pflichtvergessenen ist nichts zu erwarten, was über den Dienst hinausgeht; Du aber hast das Lager benützt, um unter meinen Augen mit frechen Weibern zu kosen und die Vorschrift zu verletzen. Fort die Hand von dem Gefangenen! Du bist am längsten Prätorianer und in Alexandria gewesen. Sobald der Hafen geöffnet wird – morgen denk' ich – brichst Du mit dem Schiffe auf, das nach Edessa Verstärkungen bringt. Der Winter am Pontus kühlt das begehrliche Blut.« Dieser Ueberfall kam dem beschränkten Centurio so unerwartet und schnell, daß er seine ganze Tragweite nicht sogleich übersah. Er wußte nur, daß er wieder von den lang entbehrten lieben Seinen verbannt sei, und als er sich endlich so weit gefaßt hatte, um sich mit der Versicherung zu entschuldigen, daß es sein eigenes Weib und seine Kinder gewesen seien, die ihn im Lager besucht, schnitt der Cäsar ihm das Wort ab mit dem Befehle, dem Legionstribunen sogleich seine Versetzung zu melden. Da gehorchte der Centurio mit einer stummen Verbeugung; Caracalla aber trat auf den Gefangenen zu, zog den schwach Widerstrebenden aus dem beschatteten Hintergrunde des Zimmers ans Fenster und frug höhnisch: »Wie wohl die Mörder in Alexandria aussehen? – Oho, das ist kein Gesicht eines gedungenen Kehlabschneiders. So könnten diejenigen aussehen, deren scharfen Witz ich mit noch schärferem Stahle beantworten werde.« »Um diese Antwort wenigstens brauchst Du nicht verlegen zu sein,« schallte es jetzt dem Gefangenen verächtlich von den Lippen. Da fuhr der Kaiser zusammen und rief: »Dank es Deinen gebundenen Händen, daß Dir nicht die einzige Antwort sogleich erteilt wird, die Du mir zutraust!« Dann wandte er sich an seine Umgebung und frug, ob keiner Auskunft über die Person und den Namen des Mörders zu erteilen wisse; doch niemand schien ihn zu kennen. Auch der Serapispriester Theophilus, der sich als Oberhaupt des Museums so oft an dem scharfen Geiste dieses Jünglings gefreut und ihm eine große Zukunft vorausgesagt hatte, schwieg und ließ bekümmert den Blick auf ihm ruhen. Doch der Gefangene selbst befriedigte die Neugier des Cäsar und sagte, nachdem er sich im Kreise der Höflinge umgeschaut und einen dankbaren Blick auf seinen Gönner im Priestergewande geworfen: »Es ist von Deinen römischen Tafelgenossen zu viel verlangt, einen Philosophen zu kennen; doch Du hättest die Frage sparen können, Cäsar. Damit Du mich kennen lernest, kam ich hieher. Ich heiße Philippus und bin der Sohn des Steinschneiders Heron.« Da stürzte Caracalla sich auf ihn, schlug die Hand in die Brustöffnung seines Chiton und stieß in schrillen Kehllauten hervor: »Ihr Bruder?« Dabei schüttelte er den Kranken, den die Füße kaum bis hieher trugen, und fuhr mit einem höhnischen Blick auf den Oberpriester fort: »Die Zierde des Museums, der Feindenker, der tiefsinnige Skeptiker Philippus!?« Dann stockte er, die Augen blitzten ihm auf, als habe er plötzlich eine das Dunkel lichtende Eingebung empfangen, seine Hand löste sich von dem Rocke des Jünglings, und mit weit vorgestrecktem Kopfe flüsterte er ihm ins Ohr: »Du kommst von Melissa?« »Nicht von ihr,« entgegnete ihm schnell und mit tiefer Glut im Antlitz der andere, »doch in der unseligen, beklagenswerten Jungfrau Namen und als Vertreter ihres ehrenwerten makedonischen Hauses, das Du mit Schmach und Schande zu beflecken gedenkst, im Namen der Bürgerschaft dieser Stadt, die Du mit Füßen trittst und brandschatzest, im Auftrag des ganzen Erdenrundes, das Du entwürdigst.« Da fiel Caracalla ihm zitternd vor Wut in die Rede: »Wer Dich wohl zum Abgesandten wählte, elender Bube!« Der Philosoph aber entgegnete mit stolzer Ruhe: »Du solltest denjenigen weniger gering schätzen, der sehnsüchtig erwartet, was Du jämmerlich fürchtest.« »Den Tod, meinst Du?« frug Caracalla, in dem die Wut dem Erstaunen Platz machte, in verändertem, spöttischem Tone, und Philipp entgegnete: »Den Tod, mit dem ich Freundschaft schloß und den ich zehnfach segnen wollte, wenn er mein Ungeschick gut machte und zum Heile der Welt die Hand an Dich legte.« Aber den Kaiser, den das Unerhörte, das ihm begegnete, immer noch gleichsam im Bann hielt, lüstete es, gleichen Schritt mit dem Philosophen zu halten, dem ja an Scharfsinn wenige gleichkommen sollten, und indem er sich zwang, das Brausen seines siedenden Blutes zu überhören, rief er in überlegenem Tone: »Das also ist die Logik des berühmten Museums? Den Tod, der Dir selbst das Liebste, wünschst Du dem Feinde?« »Ganz richtig,« versetzte Philipp, und wieder zog er die Oberlippe spöttisch in die Höhe. »Denn es gibt etwas, das auch dem Philosophen höher steht als die Logik. Dir ist es fremd, doch dem Namen nach kennst Du es wohl: Gerechtigkeit heißt es.« Und dies Wort und der Ton, in dem es ihm verachtungsvoll entgegenklang, zersprengte das Schleusenthor, das die mühsam zurückgedrängte Wut des gereizten Mannes noch aufhielt, und seine Stimme erhob sich so laut, daß der Löwe sich aufrichtete und mit grollenden Zorneslauten an der Kette zerrte, die ihn fesselte, während sein Herr dem kühnen Beleidiger die hastig hervorgestoßenen Worte ins Antlitz schleuderte: »Bald wird man erkennen, Du Fechter mit spitzfindigen Worten, wie ich Deiner Mahnung zu achten und wie streng ich die Tugend zu üben verstehe, die ein Mörder mir abspricht. Oder wer darf mich noch ungerecht schelten, wenn ich die verruchte Brut, die in diesem Giftneste großwuchs, mit der strengsten Strafe züchtige, die sie verdient? Ja, starre mich nur an mit den großen glühenden Augen! – Alexandrinische sind es! Sie verheißen alles, um nichts zu gewähren. Sie überreden den Vertrauensvollen, an Unschuld und Reinheit, an Treue und Neigung zu glauben. Aber schärft er den Blick, so findet er nichts als tiefe Verderbnis, schmutzige List, schnöde Selbstsucht und den verruchtesten Treubruch. »Und so wie dies Augenpaar ist alles in dieser Stadt. Wo gäb' es so viele Götter und Priester, wo brächte man so viele Opfer, wo fastete man und ergäbe sich so eifrig der Reinigung und Sühnung, und wo machte sich das Laster so frech und widerwärtig breit? Zu einer alten Vettel, die in der Jugend so ausschweifend war wie schön, ist dies Alexandria geworden. Nun sie zahnlos ward und ihr Runzeln das Antlitz entstellen, geberdet sie sich fromm, um sich, wie der Wolf im Felle des Lammes, für das verlorene Glück und die eingebüßte Bewunderung durch Bosheit zu rächen. Zutreffender als diesen Vergleich fand ich keinen; denn auch die widrige Lust an leerem Geschwätz und gehässiger Nachrede ist der Vettel eigen wie euch, die ihr einst schön waret und gefeiert, und nun tiefer und tiefer herabkommt und nichts mehr ertragen könnt, was groß ist und Triumphe erkämpft, ohne es neidisch mit Gift zu bespritzen. »Gerecht, ja gerecht will ich sein, Du erhabener Tugendheld, der mit dem versteckten Schlachtmesser auf Meuchelmord ausgeht. Ich danke Dir für die Lehre! »Du, Zierde des Museums, führst mir auch den Quell vor Augen, dem eure Verderbnis entspringt. Die berühmte Gelehrtenkrippe ist's, die Dich großzog! Dort, ja, dort wird der Unglaube aufgefüttert, der die Götter zu Strohpuppen und die Majestät des Herrschers zum Uhu macht, auf den sich das winzige Gevögel naseweis stürzt. Ihm entströmt die Gesinnung, die Mann und Weib lehrt, der Tugend zu spotten und die Treue zu brechen. Was da, wo einst edle Geister Großes im Schatten der Fürstengunst ersannen, jetzt noch gepflegt wird, ist das Wort, das leere, nichtige Wort. Das hab' ich schon gestern erkannt und gesagt und jetzt weiß ich es gewiß: Im Museum ward jeder Giftpfeil geschmiedet, den eure Bosheit gegen mich abschoß.« Hier schöpfte er Atem und fuhr dann, höhnisch auflachend fort: »Die Gerechtigkeit, die Dir selbst über der Logik steht, sie gehe denn ihren Lauf, und nichts kann gerechter sein, als wenn heute noch der Brutstätte eurer Verderbnis ein Ende gemacht wird. Aber auch Deine ungelehrten Mitbürger sollen meine Gerechtigkeit zu sehen und zu fühlen bekommen! Dir selbst werden die Tiere im Zirkus die Gelegenheit rauben, mit anzusehen, welche Wirkung Dein mahnendes Wort auf mich übte. Aber noch lebst Du und sollst hören, welche Erfahrungen euch gegenüber die härteste Strenge zur höchsten Gerechtigkeit machen. »Was hoffte ich hier zu finden, und was ist mir begegnet? »Die Gastlichkeit der Alexandriner ward mir gepriesen, der Eifer, mit dem man hier immer noch die Wissenschaft pflegt, die hohe Kunst eurer Sternseher, die Frömmigkeit, die hier so viele Altäre errichtete und Götterlehren ersann, und endlich die Schönheit und der feine Geist eurer Frauen. »Und diese Gastlichkeit! Was mir hier als Privatmann widerfuhr, war eine Flut der tückischsten Angriffe und des hämischsten Spottes. Bis an das Thor dieses Tempels, meiner Wohnung, drang sie. »Auch als Kaiser kam ich hieher, und der Hochverrat folgte mir, wo ich mich zeigte, ja bis in mein eigenstes Quartier; denn da stehst Du, den ein Barbar verhindern mußte, mich meuchlings niederzustoßen. »Die Wissenschaft? Du kennst ja schon mein Urteil über das Museum. Und die Sternseher dieser berühmten Warte? Das gerade Gegenteil von allem, was sich erfüllte, ward mir von ihnen verheißen . . . Die Religion? Das Volk, von dem Du unter dem Bücherstaub des Museums so wenig kennen lerntest wie von dem fernen Thule, es braucht sie. Die alten Götter, sie sind ihm notwendig. Sein Lebensbrot sind sie. Doch statt seiner gabt ihr ihm unreifes, saures Obst mit verführerisch glänzender Schale. Aus eurem eigenen Garten, eurer eigenen Zucht stammt es. Aber nein! Die Früchte des Baumes sind Geschenke der Natur, und an allem, was die erzeugt, ist etwas Gutes; was ihr aber den Völkern bietet, ist hohl und verpestet. Eure Redekunst gibt ihm ein verführerisches Ansehen . . . Auch sie stammt aus dem Museum. Dort ist man klug genug, auch neue Götter zu machen, und so geschieht es. Wie Pilze wachsen sie aus der Erde. Fällt es ihnen ein, so erheben sie den Mord zum höchsten der Himmlischen und Dich zum obersten seiner Priester.« »Dies Amt gehört Dir,« unterbrach ihn der Philosoph. »Das sollst Du erfahren,« lachte der Kaiser schrill auf, »und mit Dir die Aftergelehrten vom Museum. Du bedienst Dich des Messers. Doch – höre den Meister – auch der Zahn der wilden Tiere und ihre Klauen sind achtbare Waffen. Dein Vater und Bruder und das Weib, das mich lehrte, wie es mit der Tugend und Treue der Alexandrinerinnen bestellt ist, werden es Dir im Hades bestätigen. Es folgt Dir dahin bald jeder, der nur durch einen Blick seines Auges vergaß, daß ich der Cäsar und der Gast dieser Stadt bin. Schon nach der nächsten Vorstellung im Zirkus werden Dich die Bestraften in der Unterwelt lehren, wie ich Gerechtigkeit übe. Uebermorgen, denk' ich, triffst Du dort bereits mit manchem Genossen vom Museum zusammen. Es werden genug sein, um bei den Disputationen Beifall zu klatschen.« Hier schloß er höhnisch auflachend die schnell hervorgestoßene Rede und sah sich, begierig auf den Applaus, dessen seine letzten Worte keineswegs unabsichtlich gedacht hatten, unter den »Freunden« um, und der erwartete Beifall ward ihm auch so willig zu teil, daß er die Entgegnung des Philosophen laut übertönte. Nur Caracalla hatte sie verstanden, und als es wieder ruhiger um ihn ward, frug er sein dem Tod erlesenes Opfer: »Was wolltest Du mit dem Rufe: ›Dann möcht' ich dennoch, daß der Tod mich verschonte!‹« »Um, wenn das zur Wahrheit würde,« versetzte der Philosoph schnell, und die Stimme zitterte ihm dabei vor unwilliger Erregung, »um dann Zeuge zu sein, mit wie grimmem Hohn die alles vergeltenden Götter Dich, ihren Verteidiger, vernichten.« »Die Götter!« lachte der Kaiser. »Meine Achtung vor Deiner Logik sinkt immer tiefer. Du, der Skeptiker, erwartest von denen, deren Dasein Du leugnest, erwartest von der Gottheit die That eines sterblichen Menschen!« Da rief Philipp, und die großen, vor Haß und tiefer Empörung glühenden Augen fanden dabei die des Kaisers: »Wohl hielt ich bis zu dieser Stunde nichts für gewiß, und darum auch nicht das Dasein der Gottheit; jetzt aber glaub' ich fest und sicher, daß die Natur, in der alles sich nach ewigen, unantastbaren Gesetzen vollzieht, die alles ausstößt und vernichtet, was sich anmaßt, in das harmonische Zusammenwirken ihrer Teile einen Mißklang zu bringen, eine Gottheit, wäre sie nicht schon da, aus sich selbst gebären würde, um Dich, den Friedens- und Lebenszerstörer, mit gewaltiger Faust zu zermalmen.« Hier aber ward dem wilden Ausbruch der Empörung des edlen Verirrten ein plötzliches Ende bereitet; denn der Cäsar traf ihn mit einem wütenden Stoß seiner starken Faust so kräftig, daß der sieche Feind an die Wand neben dem Fenster zurücktaumelte. Dabei kreischte Caracalla, seiner selbst nicht mehr mächtig, heiser auf: »Zu den Tieren! Nein, nicht zu den Tieren! Erst auf die Folter! Er und die Schwester! Die Strafe, die ich Dir ersinne, Du Auswurf . . .« Doch auch der Seelenaufruhr des andern, in dessen Brust Haß und Fieber mit gleicher Macht glühten, hatte in diesem Augenblick den Gipfel erreicht. Wie ein gehetztes Wild, das die Flucht unterbricht, um einen Ausweg zu suchen oder sich auf den Verfolger zu stürzen, schaute er mit wirrem Blick rings um sich her, und bevor der Kaiser noch seine Drohungen beendet, lehnte er sich, wie bereit, den Todesstreich zu empfangen, an den Fensterpfeiler und schnitt Caracalla das Wort ab mit dem Rufe: »Und wenn Dein stumpfer Witz die Todesart nicht findet, die Deiner grausamen Bosheit genugthut, so wird der Bluthund Zminis Dir helfen. Ihr seid einander würdige Brüder. Verflucht sollst Du sein . . .« »Auf ihn!« schrie der Kaiser dem Macrinus und den Legaten zu; denn für den fortgesandten Centurio war kein Ersatzmann gekommen. Während aber die vornehmen Herren zaudernd auf den Rasenden zuschritten, und Macrinus die germanischen Leibwächter anrief, die im Nebenzimmer aufgestellt waren, hatte Philipp sich umgewandt und war blitzschnell durchs Fenster verschwunden. Die Legaten und der Cäsar kamen zu spät, um ihn aufzuhalten, und von dem Platze her hörte man es rufen: »Zerschmettert – Tot . . . Was hat der Unselige verbrochen? . . . Man schleuderte ihn herunter . . . Es kann nicht freiwillig geschehen sein . . . Unmöglich! . . . Die Arme sind ihm gebunden . . . Eine neue Todesart, die der Tarautas eigens für die Alexandriner erfand!« Dann erscholl wieder ein Pfiff und der Ruf: »Nieder mit dem Tyrannen!« Doch ihm folgte kein zweiter. Der Platz war zu voll von Kriegern und Lictoren. Caracalla vernahm dies alles. Endlich wandte er sich in das Gemach zurück, wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte scheinbar gelassen, doch mit einem häßlich rauhen Klang in der Stimme: »Er hat den Tod zehnfach verdient; doch am Ende muß ich ihm noch für einen guten Rat danken. Ich hatte den Aegypter Zminis vergessen. Lebt er noch, Macrinus, so führe ihn aus dem Kerker hieher. Aber im Wagen und rasch. Wie er geht und steht soll er kommen. Ich kann ihn jetzt brauchen.« Der Präfekt verneigte sich zustimmend, und der Eile, womit er sich entfernte, sah man an, wie gern er den Auftrag des Gebieters erfüllte. Dreißigstes Kapitel. Kaum hatte Macrinus die Thüre hinter sich gelassen, als Caracalla sich erschöpft auf den Thronsessel warf und Wein zu bringen befahl. Der düstere Blick, womit er zu Boden schaute, war diesmal nicht erkünstelt. Besorgt folgte der Arzt den tiefen Atemzügen und dem heftigen Zucken der Augen des Gebieters; – als er aber dem Cäsar einen beruhigenden Trank anbot, wies er ihn zurück und befahl, ihn unbehelligt zu lassen. Dennoch schenkte er um weniges später dem Legaten Gehör, der die Nachricht brachte, die im Stadium versammelte Jugend der Stadt beginne ungeduldig zu werden. Hier höre man sie singen, dort toben, und was sie beklatsche und wiederholt zu hören wünsche, enthalte sicherlich kein Lob auf die Römer. »Laß sie,« entgegnete der Cäsar herb. »Jeder Vers, der dort erklingt, gilt mir und keinem andern. Aber man gestattet ja den Verurteilten vor dem letzten Gange, sich das Leibgericht schmecken zu lassen. Das ihre ist giftiger Spott. Mag er ihnen noch einmal munden! Ist es weit bis zum Gefängnis des Zminis?« Die Antwort fiel verneinend aus, und Caracalla nahm sie mit dem Ruf: »Um so besser!« in Empfang, und ein vielsagendes Lächeln umschwebte ihm dabei die Lippen. Der Oberpriester des Serapis war den letzten Vorgängen mit tiefer Betrübnis gefolgt. Er, der Vorsteher des Museums, hatte die größten Hoffnungen auf den unglücklichen Jüngling gesetzt, der ein so schreckliches Ende genommen. Machte der Kaiser seine Drohungen zur That, so war auch das Ende der berühmten Anstalt, die seiner Meinung nach der Forschung immer noch so reiche Früchte trug, gekommen. Und worauf zielte die dunkle Versicherung des Kaisers, daß der Spott, in dem sich die versammelten Jünglinge ergingen, ihr Henkersmahl bedeute? Von dem furchtbaren, tief gereizten und schwer verletzten Wüterich war auch das Unerhörte zu erwarten, und der Oberpriester hatte darum schon einige seiner Untergebenen, angesehene Griechen, in das Stadium geschickt, um die Uebermütigen zu warnen. Aber er, der oberste Diener der Gottheit, empfand es auch als seine Pflicht, den Herrscher, den er im Begriff sah, sich zu Unthaten sondergleichen hinreißen zu lassen, auf jede Gefahr hin zu warnen. Er hielt die Zeit dazu für gekommen, als Caracalla aus dem vor sich Hinbrüten, in das er wieder verfallen war, auffuhr und mit finster zusammengezogenen Stirnfalten den Theophilus mit der Frage anherrschte, ob seiner Gattin, deren Gastfreundschaft Melissa noch gestern genossen, nicht bekannt gewesen sei, daß die Verruchte sich einem andern hingegeben habe, während sie ihm Liebe geheuchelt. Mit der hohen, ihm eigenen Würde wies der Oberpriester diesen Verdacht zurück und beschwor dann den Kaiser, die Bürger einer guten und fleißigen Stadt nicht büßen zu lassen, was die niedere Gesinnung und die Treulosigkeit eines leichtfertigen Mädchens an ihm verbrochen. Doch Caracalla ließ ihn nicht zu Ende kommen, sondern warf ihm, unwillig auffahrend, die Frage vor, wer ihm das Recht gebe, ihm, dem Kaiser, seinen Rat aufzudrängen. Da versetzte Theophilus mit ruhiger Würde: »Deine eigenen, edlen Worte, großer Cäsar, die zu Deiner höchsten Ehre dem verirrten Skeptiker zu Gemüte führten, was die alten Götter bedeuten und was ihnen gebührt. Der Gott aber, hoher Cäsar, dem ich diene, steht keinem andern nach; denn der Himmel ist sein Haupt, das Meer sein Leib, die Erde sind seine Füße, sein fernschauendes Auge ist das Sonnenlicht selbst, und alles, was sich in Herz und Sinn des Menschen regt, ein Ausfluß seines göttlichen Geistes. So ist er gleich dem beseelten All, und ein Teil von ihm lebt und zeigt sich wirksam in Dir, in mir, in uns allen! Seine Macht ist stärker als jede Macht auf Erden, und wenn Dich wohl begründete Empörung und nur zu gerechter Zorn antreiben, die Dir von dem Höchsten selbst verliehene Macht . . .« »Ich werde sie brauchen,« fiel ihm hier der Cäsar hochfahrend ins Wort. »Sie reicht weit. Ich brauche keinen Beistand, auch nicht den Deines Gottes.« »Ich weiß es,« entgegnete Theophilus, »und die Gottheit wird Dich diejenigen finden lassen, die sich schnöde an Deiner geheiligten Majestät vergingen. Wohlgefällig wird jede Strafe ihr sein, auch die strengste, die Du über die Hochverräter verhängst; denn Du trägst den Purpur als ihr Geschenk und in ihrem Namen, und wer ihn beleidigt, der vergeht sich auch gegen sie. Und ich mit meiner ganzen schwachen Macht will Dir helfen, den einzelnen Verbrecher vor Gericht zu ziehen. Wo aber die Menge sich schuldig erwies und der menschlichen Gerechtigkeit die Möglichkeit abgeht, den Schuldigen vom Unschuldigen zu sondern, da fällt die Strafe dem Gotte anheim. Streng wird er das schwere Unrecht sühnen, das Dir in dieser Stadt widerfuhr, und darum beschwöre ich Dich im Namen Deiner edlen, herrlichen Mutter, die es mir in diesem Hause zu bewirten vergönnt war und die den Serapis, dankbar für seine Huld . . .« »Und habe ich mit Opfern gekargt?« fiel ihm der Cäsar ins Wort. »Es lag mir daran, die Gunst Deines Gottes zu gewinnen, und wie ward mir gedankt? Was des Menschen Herz kränkt, ist mir hier unter seinen Augen angethan worden. Wie gegen die verruchten Bewohner dieser Stadt, so habe ich gegen ihren göttlichen Herrn die schwerste Anklage zu erheben. Er versteht es wohl, Rache zu üben. Die dreiköpfige Dogge zu seinen Füßen sieht wahrlich nicht aus wie ein Schoßhund. – Verachten müßte er mich, wenn ich seiner unbewährten Gunst die Züchtigung der Strafwürdigen überließe. Mit eigener Macht vermag ich sie zu vollziehen. Siehst Du mich in manchem einzelnen Falle dennoch Gnade üben, so geschieht es im Andenken an die Mutter. Zu guter Stunde erinnerte mich Deine Rede an sie. Die hohe Frau – ich weiß es – ist Deinem Gotte gewogen. Mir gegenüber verletzten die Alexandriner schnöde das Gastrecht. Ihr waren sie freundliche Wirte. Das werde ihnen jetzt zu gute gehalten. Alle sind sie schuldig. Wenn dennoch viele ungestraft ausgehen – gib das den Hochverrätern zu wissen – so haben sie es der Gastlichkeit zu danken, die ihre Eltern und manche von ihnen selbst meiner Mutter erwiesen.« Hier ward er unterbrochen; denn der Nachtstrateg Aristides wurde gemeldet und trat in großer und, wie es schien, froher Erregung vor den Cäsar. Seine Späher hatten einen Uebelthäter gefangen, der ein Epigramm von verruchter Bosheit an die Bildsäule der Mutter des Kaisers im Cäsareum geheftet. Der Dichter war ein Schüler des Museums und im Stadium ergriffen worden, während er sich noch seines Frevels rühmte. Ein Späher, der sich unter die Jünglinge gemischt, hatte Hand an ihn gelegt, und der Nachtstrateg war ungesäumt in das Serapeum zurückgeeilt, um sich vor dem Cäsar mit einem Gelingen zu brüsten, das ihn in seiner erschütterten Stellung befestigen konnte. Bei dem Uebelthäter hatte man das Konzept der Verse gefunden, und Aristides hielt das Täfelchen, worauf es verzeichnet stand, in der Hand, während Caracalla ihm das Ohr lieh. Atemlos vor Eifer berichtete er, was ihm gelungen; der Kaiser aber riß ihm das Diptychon ungeduldig aus der Hand und las die folgenden Verse: Buhlerisch nenn' ich dies Weib und Mutter der feindlichen Brüder.     Meinst du Jokaste? O nein! Schlimm'res! Das Weib des Sever.« »Das Verruchteste, doch das letzte!« knirschte Caracalla vor sich hin, während er tief erblaßt die Hand mit dem Täfelchen sinken ließ. Doch fast im nämlichen Augenblick hob er sie wieder, reichte die boshaften und zugleich verleumderischen Verse dem Oberpriester, und rief ihm auflachend zu: »Das Siegel unter das Urteil! Auch die Mutter verunglimpft. Um Gnade bitten heißt von nun an den eigenen Kopf auf den Richtblock legen.« Damit hob er drohend die Faust und murmelte dumpf vor sich hin: »Auch das aus dem Museum.« Der Oberpriester hatte inzwischen gleichfalls die Tafel gelesen. Noch blasser als der Kaiser und sich wohl bewußt, daß jede neue Mahnung fruchtlos sein und die Wut des empörten Mannes gegen ihn selbst entfesseln werde, gab er nur seiner Empörung über diese Verunglimpfung der edelsten aller Frauen durch einen Buben, der kaum der Schule entwachsen, lebhaften Ausdruck; Caracalla aber fiel ihm drohend ins Wort: »Wehe auch Dir, wenn Dein Gott mir das einzige versagt, was ich von ihm für so viele Opfer verlange: Rache, ganze, volle, blutige, das Große und Kleine sühnende Rache!« Dann unterbrach er sich plötzlich selbst mit dem Rufe: »Und er gewährt sie. So muß das Werkzeug aussehen, das ich gebrauche!« Da stand es, stand Zminis, der Aegypter, und in jedem Zug entsprach er der Vorstellung, die sich Caracalla von dem Vollstrecker des blutigsten seiner Wünsche gebildet. Mit ungeordnetem Haar und bläulich schwarzen Bartstoppeln auf den hageren, fahlen, eingefallenen braunen Wangen, in einem grauen, unsauberen Gefangenenrocke, barfuß, unhörbar schreitend wie das Unheil, das sein Opfer leise beschleicht, trat er dem Herrscher entgegen. Wie er ging und stand, hatte der Präfekt ihn aus dem Kerker auf einem schnellen Wagen hierher geführt. In seinen länglichen Augensternen war das Weiß, das Melissa erschreckt hatte, gelblich geworden, und seine Blicke schossen unstät hin und her wie die der Hyäne. Auch der schmale Kopf des ruchlosen Mannes, der tagelang den Tod erwartet hatte und nun wie durch ein Wunder dem höchsten Ziele seines Ehrgeizes gegenüber stand, zuckte auf dem langen Halse in nervöser Ueberreizung hierhin und dorthin. Als er aber endlich den Kaiser mit der mißtönenden Stimme, die in dem feuchten Gefängnis, aus dem er kam, einen rasselnden Klang angenommen hatte, fragte, was er befehle und ihm dabei wie ein hungriger Hund, der sich einen guten Bissen aus der Hand des Herrn aufzusaugen anschickt, gierig ins Antlitz starrte, rieselte es selbst dem Brudermörder, der das zur Rache geschliffene Schwert zum Schlage bereit hielt, kalt über den Rücken. Doch Caracalla faßte sich schnell, und als er den Aegypter frug: »Nimmst Du es auf Dich, mir als Nachtstrateg zu helfen, die alexandrinischen Hochverräter zu strafen?« lautete die Antwort: »Was einer kann, das trau' ich auch mir zu.« »Wohl,« fuhr der Kaiser fort. »Doch es handelt sich hier nicht nur darum, den einen oder andern zu greifen. Jeder – hörst Du? – hat das Leben verwirkt, der das Gastrecht brach, das diese Stadt mir mit trügerischen Worten verhieß. Verstehst Du, was das bedeutet? Ja? Nun wohl: Wie finden wir die Schuldigen heraus? Woher nehmen wir die Häscher und Henker? Wie züchtigen wir diejenigen am schwersten, denen die Verruchtheit der anderen zur Last fällt und allen voran die Epigrammenschmiede vom Museum? Wie kommen wir an die Hochverräter – an alle – die mich gestern im Zirkus beleidigten, wie unter den Jungen im Stadium denen an den Hals, die sich unterstanden, mir ihren giftigen Groll ins Gesicht zu pfeifen? Was schlägst Du vor, damit uns von den Schuldigen auch nicht einer entrinne? Denke nach! Wie wird sich das bewerkstelligen lassen, und zwar so, daß ich mich niederlegen kann und sagen: Sie haben empfangen, was sie verdienten; ich bin befriedigt?« Da suchte der Aegypter mit den flackernden Augen am Boden umher; bald aber richtete er sich straff auf und stieß kurz und schneidend hervor, als habe er der Wache einen Befehl zu erteilen: »Wir töten sie alle.« Da schrak Caracalla zusammen und fragte dumpf: »Alle?« »Alle,« wiederholte Zminis mit einem häßlichen Grinsen. »Die Jungen haben wir im Stadium zusammen. Die im Museum erwarten uns nicht. Was auf der Straße ist, wird niedergestoßen. Verschlossene Thüren lassen sich brechen.« Da schnellte der Cäsar, der sich wieder auf den Thron niedergelassen hatte, in die Höhe, schleuderte den Becher, den er in der Hand hielt, weit in das Zimmer, lachte schrill auf und rief: »Du bist mein Mann! Ans Werk denn! Das wird ein Tag! Macrinus, Theokrit, Antigonus! Wir brauchen auch die Truppen. Die Legaten hierher! Wem das Blut nicht mundet, der versüße es sich mit der Beute.« Wie entlastet und verjüngt schaute er drein, und die Frage, ob die Rache nicht doch noch süßer sei als die Liebe, flog ihm schnell durch den Sinn. Seine Umgebung schwieg. Selbst Theokrit, dem sonst stets ein schmeichlerisches oder beifälliges Wort auf den Lippen schwebte, schaute verlegen zu Boden; Caracalla aber achtete in der wilden Erregung seiner Seele keines andern. Um ihrer unerhörten Großartigkeit willen schien ihm die furchtbare Eingebung des Zminis köstlich und seiner würdig. Sie mußte zur That gemacht werden! Furcht zu erwecken war er bestrebt gewesen, seit der Purpur ihn schmückte. Wenn dies Ungeheure gelang, brauchte er nicht mehr die Stirn zu runzeln und anzuschielen, was er mit Angst zu erfüllen begehrte. Und welch eine Rache! Wenn Melissa davon erfuhr, wie mußte das auf sie wirken! Ans Werk denn! Und als gelte es eine freudige Ueberraschung vor zu frühem Bekanntwerden zu wahren, fuhr er leiser fort: »Aber Schweigen, tiefes Schweigen, hört ihr, bis alles bereit steht. Und Du, Zminis. Mit den Pfeifern im Stadium und den Schwätzern im Museum magst Du beginnen. Der Lohn für die Krieger und Lictoren liegt in den Truhen der Kaufherren.« Immer noch schwieg alles, und jetzt nahm er es wahr. Die schwächlichen Seelen fanden zu kühn, was er plante. Es galt, ihnen helfen, das Gewissen, die Stimme des römischen Rechtsgefühles zum Schweigen zu bringen und die Verantwortlichkeit, vor der den Zaghaften graute, auf die eigenen Schultern zu nehmen. So richtete er sich denn höher auf, und indem er sich das Ansehen gab, die Bedenken seiner Umgebung nicht zu bemerken, rief er in freudig zuversichtlichem Ton: »Thue jeder das Seine! Keinem von euch mute ich mehr zu, als einen Richterspruch zu vollziehen. Ihr wißt, was die Bürgerschaft dieser Stadt gegen mich verbrach, und kraft der Macht über Leben und Tod, die mir zusteht, sei hiermit euch allen erklärt, daß ich, der Kaiser, jeden freien männlichen Alexandriner, gleichviel welchen Alters und Standes, verurteilte – verurteile, hört ihr! – durch das Schwert meiner Krieger zu sterben. Dieser Ort ist eine eroberte Stadt, welche jeden Anspruch auf Gnade verscherzte. Das Blut und die Schätze ihrer Bürger gehören meinen Soldaten. Nur« – und damit wandte er sich an den Oberpriester – »das Haus Deines Gottes, das mich gastlich aufnahm, die Priester und der Besitz des großen Serapis werden verschont. Jetzt ist es an ihm, zu zeigen, ob er mir wohlwill! Ihr alle« – und damit wandte er sich an seine Umgebung – »alle, die ihr mir helft, die schnöden Kränkungen sühnen, die eurem Cäsar hier zugefügt wurden, seid meines kaiserlichen Dankes gewiß.« Diese Versicherung verfehlte nicht ihre Wirkung, und unter den Freunden und Günstlingen erschollen Rufe des Beifalls, doch spärlicher und leiser, als es der Kaiser gewohnt war. Aber die Schwächlichkeit dieser Kundgebung machte ihn nur stolzer auf den eigenen, vor nichts rückbebenden Mut. Der Präfekt Macrinus hatte zu denen gehört, deren Zuruf am lautesten geklungen, und es freute Caracalla, daß auch der besonnene Ratgeber ihm gönnte, den Pokal der Rache bis auf die Neige zu leeren. Schon vor dem Trunke wie berauscht, rief er ihn und den Zminis mit glühenden Augen an seine Seite, und vor allem anderen legte er ihnen ans Herz, Sorge zu tragen, daß Melissa, ihr Vater, Alexander und Diodor ihm lebend vorgeführt würden. »Und noch eins,« schloß er: »Es wird morgen viele trauernde Mütter hier geben, aber eine möchte ich wiedersehen, und zwar nicht nur als Leiche: die Geputzte im roten Kleid aus dem Zirkus mein' ich, das Weib des Seleukus in der kanopischen Straße.« Einunddreißigstes Kapitel. Vor der großen Freitreppe des Serapeums harrten die Prätorianer der Befehle des Cäsar. Noch standen sie nicht in Reih und Glied, sondern umgaben den Centurio Martialis, der ihnen traurig von seiner Versetzung nach Edessa erzählte und nun Abschied nahm von den Kameraden. Jedem einzelnen bot er die Hand, und ihr Druck ward von allen erwidert; denn er, der Starrkopf, war zwar nicht der Klügste, doch er hatte sich als guter Soldat und Freund seiner Freunde vielen gefällig erwiesen. Es gab keinen, dem es nicht leid gethan hätte, ihn aus ihren Reihen scheiden zu sehen. Aber der Cäsar hatte befohlen, und da war kein Widerspruch denkbar. Nach dem Dienst im Lager konnte man diesen Vorgang besprechen. Jetzt galt es die Zungen hüten. Eben hatte der Centurio von den letzten Kameraden seiner Cohorte Abschied genommen, als der Präfekt mit dem Legionslegaten Quintus Flavius Nobilior, der sie im Dienste befehligte, und den anderen höheren Offizieren unter ihnen erschien. Macrinus begrüßte sie kurz, und statt wie gewöhnlich die Tuba blasen und sie in Reih und Glied treten zu lassen, ersuchte er sie, sich mit den Centurionen voran dicht um ihn zu scharen. Darauf eröffnete er ihnen den geheimen Befehl des Kaisers. Der Cäsar, begann er, habe lange Geduld geübt und Gnade, doch der Uebermut und die Tücke der Alexandriner fahre fort, jedes Maß zu überschreiten, und so habe er, kraft seines Rechtes über Leben und Tod, das Urteil über sie gesprochen. Ihnen, die ihm am nächsten stünden, überlasse er bei der Vollstreckung der Strafe die am besten lohnende Arbeit. Wen sie auf der kanopischen Straße fänden, der größten und reichsten Verkehrsader der Stadt, den sollten sie niedermachen wie Aufrührer in einer eroberten Stadt. Nur der Weiber, Kinder und Sklaven möchten sie schonen. Wenn sie sich für diese im Grunde häßliche Arbeit mit den Schätzen der Bürger bezahlt machten, werde es ihnen keiner verargen. Ein lautes Jubelgeschrei folgte diesem Befehle, und hunderte von Augen erglänzten heller; denn auch den Nüchternsten zeigte die Einbildungskraft eine tiefe und breite Blutlache, zu der man sich nur niederzubücken brauchte, um wie aus einem abgelassenen Teiche mit jedem Griff einen guten Fang zu thun. Was es aber hier zu fischen gab, waren keine elenden Karpfen, sondern schwere Gold und Silbergeräte, gemünztes Edelmetall und prächtige Geschmeide. Dann erteilte Macrinus den höheren und niederen Befehlshabern die Verhaltungsmaßregeln, die er mit dem Kaiser und dem Zminis vereinbart. Erst wenn sieben Posaunenrufe vom Altan des Serapeums das Zeichen gäben, solle der Angriff beginnen. Dann möge Manipel auf Manipel vorrücken. Von einem festen Zusammenhalten der Glieder sei abzusehen. Jeder einzelne habe das Seine zu thun. Beim Thore der Sonne, am östlichen Ende der Straße, solle die Legion sich vor Sonnenuntergang wieder vereinigen, nachdem sie die Straße vom westlichen bis zum östlichen Ende gereinigt. Dabei sei jedem einzelnen Mann auf besonderen Befehl des Kaisers einzuschärfen, wo er Versteckte finde, beim Niedermachen Vorsicht zu üben; denn der Cäsar wünsche als lebende Gefangene die folgenden Alexandriner, die ihn am schwersten beleidigt, einem Verhöre zu unterziehen. Darauf nannte er den Steinschneider Heron, dessen Sohn Alexander und seine Tochter Melissa, den alexandrinischen Senator Polybius, seinen Sohn Diodor und die Gattin des Seleukus. Soweit er es vermochte, beschrieb er die Genannten. Für jeden einzelnen verheiße der Cäsar eine Belohnung von dreißigtausend Drachmen, für die Tochter des Heron das Doppelte, aber nur für den Fall, daß sie und die anderen Bezeichneten ihm unverletzt zugeführt würden. Es sei also ihr eigener Vorteil, in den Häusern die Augen offen zu halten und Vorsicht zu üben. Wer die Tochter des Steinschneiders fange – und dabei beschrieb er Melissa noch einmal – werde sich den Cäsar zu besonderem Dank verpflichten und dürfe auf Beförderung rechnen. Dieser Anrede wohnte der Centurio Julius Martialis noch bei; dann aber entfernte er sich schnell. Es war ihm zu Mute wie nach dem Keulenschlage, den ihm im Alemannenkriege ein rotlockiger Germane auf den Helm versetzt hatte; denn in seinem Kopfe sauste und schwirrte alles bunt durcheinander wie damals. Nur flimmerte es ihm heute blutrot statt veilchenblau und goldgelb vor den Augen. Es dauerte auch ziemlich lange, bis er den ersten klaren Gedanken zu fassen vermochte; dann aber ballten sich ihm die Fäuste, und es kam ihm wieder in den Sinn, mit wie tückischer Bosheit der Cäsar ihn von den Seinen vertrieb. Endlich verzog sich sein breiter Mund zu einem zufriedenen Lächeln. Er war hier des Dienstes enthoben und brauchte nicht teilzunehmen an dieser wüsten Schlächterei. An einem fremden Orte hätte er wie jeder andere sich vielleicht gern an ihr beteiligt und sich der reichen Beute gefreut, die jedem zufallen mußte, aber hier in seiner Heimat, wo ihm Mutter, Weib und Kind weilten, wollte ihm das Bevorstehende wie die verruchteste Unthat erscheinen. Außer auf die Steinschneiderssippe, die ihn nichts anging, schien es der Cäsar besonders auf Frau Berenike abgesehen zu haben, und ihr Gemahl Seleukus war doch der Brotherr des Vaters des Centurio gewesen, und sein eigenes Weib stand im Dienste des Kaufherrn. Er selbst war ungelehrig gewesen und schon jung in das Heer getreten, hatte als Evocatus die Tochter eines freien Gärtners des Seleukus geheiratet, und als er nach Rom zu den Prätorianern versetzt worden war, hatte sein Weib den sicheren Posten einer Aufseherin der Villa des Kaufherrn zu Kanopus erhalten. Das hatte er zunächst der Güte Frau Berenikes und ihrer verstorbenen Tochter Korinna zu danken, und er war der Gemahlin des Seleukus auch aufrichtig erkenntlich; denn seit sein Weib die Villa beaufsichtigte, konnte er ruhig mit dem Heere von Land zu Land ziehen. Als er nun auf dem Wege zu den Seinen in die kanopische Straße gelangte und die Statuen des Hermes und der Demeter gewahrte, die vor dem Hause des Kaufherrn zur Seite des großen Eingangsthores standen, gedachte sein langsamer Geist des Vielen, das er dem Seleukus und seiner Gemahlin verdankte, und eine innere Stimme sagte ihm, es sei seine Pflicht, sie zu warnen. Dem Cäsar, dem tückischen Mörder, der einem braven Soldaten aus schnöder Bosheit die beste Lebensfreude verdarb und ihn um die Hälfte seines Soldes betrog – denn die Prätorianer erhielten doppelt so hohe Löhnung wie die anderen Truppen – schuldete er nichts mehr, und wäre er eines Handwerkes kundig gewesen, hätte er ihm am liebsten heute noch das Schwert vor die Füße geworfen. Jetzt konnte er wenigstens die Gelegenheit ergreifen, ihm das ruchlose Spiel zu verderben. Es war schön, daß sich ihm auch einmal Gelegenheit bot, den Wohlthätern etwas Gutes zu erweisen, und so unterbrach er denn den Heimweg, um in das Haus des Kaufherrn zu treten. Er war dort wohl bekannt, und man meldete ihn sogleich bei der Herrin. Diesmal standen die unteren Räume leer; denn die Einquartierung hatte sich auf dem Serapeumsplatze versammelt. Aber was war aus dem köstlichen Gärtchen im Impluvium geworden, wie häßliche Spuren machten sich überall bemerklich, wo die Krieger gelagert und trunken von den edlen Weinen des Wirtes ihrem Uebermut freies Spiel gelassen hatten! Der sammetne Rasen glich einer Tenne, von den seltenen Sträuchern hatte man die Blumen mit den Zweigen gerissen. Auf dem kostbaren Mosaikboden zeigten schwarze Flecke an, wo man Feuer angezündet hatte, aus den Säulengängen waren Trockenplätze für die Wäsche der Krieger geworden, und eine Schnur, woran frischgewaschene, feuchte Soldatenkleider hingen, schlang sich hier um den Hals einer Venus von der Hand des Praxiteles und dort um die Leier eines Apoll, den Bryaxis aus Marmor gebildet. Einige indische Sträucher, auf deren Zucht sein Schwiegervater stolz gewesen war, hatte man zertreten, und in dem großen Festsaal, der hundert Prätorianern zum Schlafgemach diente, lagen kostbare Polster und Teppiche umher, die man von den Ruhebänken und Wänden gerissen, um sich bequeme Lager zu bereiten. Der kriegsgewohnte Soldat biß bei diesem Anblick die Zähne zornig zusammen. Was er hier zerstört sah, war ihm, so lange er denken konnte, ehrwürdig erschienen, und es von der Roheit seiner Kameraden so verwüstet zu sehen, erregte ihm die Galle. Vor den Frauengemächern ward ihm bang. Wie sollte er der Herrin eröffnen, was sie bedrohte? Aber es mußte sein, und so folgte er der Zofe Johanna, die ihn in den Wohnraum der Gebieterin führte. Dort saß der christliche Sachwalter Johannes vor Schreibtafeln und Papyrusrollen und arbeitete im Dienste der Patronin. Sie selbst befand sich bei dem verwundeten Aurelier, und sobald Martialis dies erfuhr, ließ er sich bei ihm melden. Eben erneuerte Frau Berenike dem Verwundeten die Umschläge, und als der Centurio dabei das hübsche, blühende Gesicht des jungen Tribunen, dem er von Herzen gut war, so grausam entstellt sah, wurden die Augen ihm feucht; die Matrone aber nahm es wahr und folgte überrascht dem bewegten Wiedersehen der vornehmen Jünglinge mit dem schlichten Manne. Ehrerbietig war sie von dem Centurio begrüßt worden, doch erst als Nemesianus ihn fragte, was vorgehe, daß man die junge Mannschaft zu dieser Stunde unter Waffen rufe, faßte sich Martialis ein Herz und bat die Herrin des Hauses um eine Unterredung. Doch es lag Frau Berenike noch ob, die Wunden des Pfleglings zu waschen und zu verbinden, eine Arbeit, die sie selbst mit aller Sorgfalt zu verrichten pflegte, und so verhieß sie dem Krieger, sich ihm in einer halben Stunde zur Verfügung zu stellen. Da entfuhr dem Centurio der Ruf: »Dann wird es zu spät sein!« sie aber erkannte an der Stimme und dem angstvollen Aussehen des ihr wohlbekannten Mannes, daß sie gewarnt werden solle, und es gab nur einen, der sie bedrohte. »Der Kaiser?« frug sie. »Er schickt seine Kreaturen aus, um mich zu morden?« Dabei wirkte der mächtige Blick der großen Augen Berenikes so gewaltig auf den schlichten Soldaten, daß ihm die Sprache eine Zeit lang versagte. Aber der Cäsar wollte der Herrin ja nicht ans Leben, und es gelang ihm, ihr entgegenzustammeln: »Nein, Frau, nein. Er will Dich nicht töten. Gewiß nicht . . . Im Gegenteil . . . Gerade Dich sollen sie leben lassen, wenn die anderen niedergemacht werden.« »Niedergemacht?« stieß Apollinaris hervor, richtete sich dabei höher auf und schaute dem Schreckensboten entsetzt mit dem entstellten Antlitz entgegen; sein Bruder aber legte dem Centurio die Hand auf die starke Schulter, schüttelte ihn kräftig und befahl ihm als sein Tribun, deutlicher zu reden. Und der an Gehorsam gewöhnte Krieger, den es ohnehin drängte, die warnende Stimme nicht zu spät zu erheben, bekannte in hastigen, einander überstürzenden Worten, was er von dem Präfekten vernommen. Die Aurelier unterbrachen ihn durch manchen Ausruf des Entsetzens und Abscheus, Frau Berenike aber blieb stumm, bis Martialis tief aufatmend schwieg. Da lachte die Matrone schrill auf, und als die anderen erschrocken auf sie hinschauten, sagte sie gelassen: »Ihr Männer watet mit dem Verruchten durch Blut und Schande, wenn es ihm so gefällt. Ich bin nur ein Weib, doch ich zeige ihm, daß auch seinen bösen Wünschen Schranken gesetzt sind.« Dann blieb sie einige Augenblicke in Gedanken versunken stehen und befahl endlich dem Centurio, sich zu erkundigen, wo ihr Gemahl sich befinde. Martialis gehorchte willig, und sobald die Thür sich hinter ihm schloß, rief sie den Brüdern zu, indem sie sich bald an den einen, bald an den andern, doch immer mit der gleichen Dringlichkeit wandte: »Wer ist nun im Rechte? Von allen Schurken, die den Thron und Namen des großen Cäsar schändeten, ist er der verruchteste. Dem Apollinaris schrieb er deutlich genug ins Antlitz, was ein braver Krieger, der Sohn eines edlen Hauses, ihm gilt. Und Du, Nemesianus? Bist Du nicht auch ein Aurelier? Du sagst es. Und hätte man Dir nicht zufällig gestattet, den Bruder zu pflegen, Du zögest jetzt durch die Stadt wie ein toller Hund und bissest, was Dir begegnet, zu Tode. Warum schweigt ihr noch immer? Warum hältst Du mir diesmal nicht vor, Nemesianus, der Soldat habe dem Kriegsherrn blind zu gehorchen? Getraust Du Dir noch zu behaupten, Apollinaris, nur die Entrüstung über die Beleidigung einer unschuldigen Jungfrau habe dem Cäsar die Hand geführt, als er Dir das Antlitz zerfleischte? Habt ihr beide noch den Mut, den Mord, den Caracalla an der eigenen Gemahlin und so vielen anderen edlen Frauen beging, mit seiner Sorge für Thron und Staat zu entschuldigen? Auch ich bin ein Weib, das das Haupt hochtragen darf. Und ich! Was habe ich mit dem Staate zu thun und dem Throne? Mein Blick traf ihn und machte mir den Mordgesellen zum Todfeind. Ein schnelles Ende durch das Schwert seiner Soldaten scheint ihm zu gut für die Verhaßte. Wilde Tiere sollen mich zu seiner Augenweide zerreißen. Ist euch das endlich genug? Nehmt alles zusammen, was verabscheuungswürdig, was eines edlen Mannes unwert und den Göttern verhaßt ist, und ihr habt den Mann, dem ihr willig gehorcht. Ich bin nur das Weib eines Bürgers. Wär' ich aber eines edlen Aureliers Witwe und eure Mutter . . .« Hier fiel ihr Apollinaris, dessen Wunden wieder heißer zu brennen begannen, beunruhigt ins Wort: »Sie würde uns raten, den Göttern die Sühne zu überlassen. Er ist der Kaiser.« »Ein Verruchter ist er,« kreischte die Matrone. »Der Fluch, der Schänder der Menschheit, ein fluchwürdiger Mörder des Glücks, der Ehre, des Lebens, wie die Welt noch keinen erblickte. Ihn zu vernichten, heißt sich den Dank und Segen des Erdkreises verdienen. Und ihr, die Sprossen eines hohen Geschlechts, sollt beweisen, daß es noch Männer gibt unter so vielen Sklaven. Die herrliche Roma selbst ist es, die euch durch mich, die ich wie sie ein bis ins innerste Lebensmark verletztes, mißhandeltes Weib bin, beruft, in ihrem Dienste die Waffen weiter zu tragen, bis sie euch ein Zeichen gibt, ein Ende mit dem tückischen Bluthunde zu machen.« Da schauten die Brüder einander bleich und wortlos an, bis Nemesianus sagte: »Tausendfach, wir wissen es, verdient er den Tod, doch wir sind weder Richter noch Henker. Zu Mördern taugen wir nicht.« »Nein, Frau Berenike, nein,« fügte Apollinaris lebhaft hinzu und schüttelte das wunde Haupt; die Matrone aber fuhr unbeirrt fort: »Wer hätte den Brutus je einen Mörder genannt? Aber ihr seid jung . . . Das Leben liegt vor euch. Das Schwert diesem Scheusal ins Herz zu stoßen, ist ein Geschäft, wozu ihr zu gut seid. Doch ich kenne die Hand, die geschickt ist und wohl auch bereit, den Stahl zu führen. Ruft sie auf in der rechten Stunde und übernehmt ihre Führung!« »Und diese Hand?« frug Apollinaris in banger Spannung. »Da ist sie,« versetzte Frau Berenike und wies auf Martialis, der das Zimmer eben betrat. Wiederum tauschten die Brüder fragende Blicke; die Matrone aber rief ihnen zu: »Bedenkt euch! Ich will mit dem Bewußtsein dahingehen, daß der einzige, heiße Wunsch sich sicher erfüllt, den dies erstarrte Herz noch erwärmt.« Damit winkte sie dem Centurio, verließ mit ihm das Zimmer und schritt ihm voran in das eigene Gemach. Hier befahl sie dem erstaunten Freigelassenen Johannes, in seiner Eigenschaft als Notar ein Kodizill an ihr Testament zu fügen. Sie hinterlasse im Fall ihres Todes der Xanthe, der Ehefrau des Centurio Martialis ihr Eigentum, die ihr gerichtlich zugeschriebene Villa zu Kanopus nebst dem gesamten Inhalt und den zu ihr gehörenden Gärten zur freien Verfügung für sich und ihre Kinder. Erstaunt hörte der Krieger ihr zu; denn was die Matrone da verschenkte, hatte den Wert von zwanzig Häusern in der Stadt und machte den Besitzer zum reichen Manne. Doch die Erblasserin war ja kaum zehn Jahre älter als seine Xanthe, und so küßte er der gütigen Herrin das Gewand und rief in dankbarer Bewegung: »Mögen die Götter Dir lohnen, was Du den Meinen zu gewähren gedenkst; doch wir alle wollen beten und opfern, damit es recht spät in unsere Hände gelange.« Da schüttelte die Matrone bitter lächelnd das Haupt, zog den Krieger an das Fenster und weihte ihn dort mit raschen Worten in ihren Entschluß ein, aus dem Leben zu scheiden, bevor die Prätorianer das Haus beträten. Dann eröffnete sie dem entsetzten Manne, daß sie ihn zu ihrem Rächer ausersehen habe. Auch ihm verderbe der schlechte Kaiser mit tückischer Bosheit das Leben. Daran möge er denken, wenn die Zeit gekommen sei, dem Verruchten das Schwert in die Brust zu stoßen. Koste aber diese That ihn, den Martialis, das Leben, das er in mancher Schlacht willig für ärmlichen Sold aufs Spiel gesetzt habe, werde ihr Testament seiner Witwe gestatten, ihren gemeinsamen Kindern ein schönes Los zu bereiten. Mit manchem ablehnenden Worte hatte der Centurio diesen Befehl unterbrochen; doch Frau Berenike war über seinen Einspruch hinweggegangen, als höre sie ihn nicht. Jetzt rief Martialis: »Du verlangst zu viel von mir, Herrin. Ja, auch mir ist der Cäsar verhaßt. Doch wie könnte ich, seit ich nicht mehr zu den Prätorianern gehöre und aus seiner Nähe verbannt bin, auch nur an ihn gelangen? Wie darf ich, ein geringer Mann, mich unterfangen . .  Da trat die Matrone ihm näher und raunte ihm zu: »Die rächende That, zu der ich Dich berufe, wirst Du im Namen aller Guten verrichten. Was wir von Dir verlangen, ist nur Deine Klinge. Größere – die beiden Aurelier – werden sie lenken. Auf ihren Befehl gehst Du ans Werk. Erhältst Du von ihnen das Zeichen, wackerer Martialis, so wirst Du der unglücklichen Frau in Alexandria gedenken, deren Tod Du zu rächen gelobtest. Sobald die Aurelier . . .« »Wenn die Tribunen befehlen,« fiel ihr der Centurio hier wie verwandelt mit Entschiedenheit ins Wort, und sein mattes Auge blitzte hell auf, »wenn sie es gebieten, dann thu' ich es gern. Sag ihnen, das Schwert des Martialis stehe zu ihrer Verfügung. Es hat Stärkeren den Garaus gemacht als diesem tückischen Knirpse.« Da reichte Berenike dem Krieger die Hand, dankte ihm schnell und bat ihn, der ungefährdet durch die Stadt kommen konnte, sogleich an den See zu eilen und ihren Gatten, der dort in den Schreibstuben des Geschäftes verweilte, zu warnen und ihm ihren letzten Gruß zu bestellen. Feuchten Auges folgte Martialis diesem Geheiß; als er aber gegangen war, und der Sachwalter Johannes die Matrone anzuflehen suchte, sich zu verbergen und die Gottesgabe des Lebens nicht sündhaft von sich zu werfen, wies sie ihn mit freundlicher Entschiedenheit zurück und begab sich wieder zu den Aureliern. Ein Blick auf die Brüder lehrte sie, daß sie noch immer zu keinem festen Entschluß gelangt seien; doch ihr Schwanken nahm ein Ende, sobald sie erfuhren, daß der Centurio bereit stehe, auf ihren Wink das Schwert gegen den Kaiser zu zücken. Wie erleichtert atmete sie nach der Zusage der Brüder auf und reichte ihnen dann dankbar die Hände. Auch die Aurelier beschworen sie bei diesem Abschied fürs Leben, sich zu verbergen, sie aber sagte gelassen: »Möge aus eurer Jugend ein glückliches Alter erwachsen. Mir bietet das Dasein nichts mehr, seit mein Kind mir geraubt ward . . . Doch die Zeit drängt . . . Die Mörder sollen mir willkommen sein, seit ich weiß, daß die Rache nicht ruhen wird.« »Und Dein Gemahl?« unterbrach sie Nemesianus; sie aber versetzte mit einem bitteren Lächeln: »Er? Ihm ward die Gabe, sich leicht zu trösten. Doch was ist das?« Laute Stimmen vor dem Krankenzimmer hatten diesen Ruf veranlaßt. Nemesianus stellte sich mit dem Schwert in der Hand vor die Matrone; doch die bedrohte Frau bedurfte noch keiner Verteidigung; denn statt der erwarteten Prätorianer trat die Zofe Johanna ein, und auf ihren Arm gestützt schwankte ein junger Mann in das Zimmer, in dem niemand den schön gelockten, sonst immer sorgfältig gekleideten Alexander wiedererkannt hätte. Eine lange Caracalla bedeckte ihm die hohe Gestalt, die Sklavin Dido hatte ihm das Haar geschoren, und er selbst seine Züge durch Farbenstriche entstellt. Ein großer Reisehut mit breiter Krämpe war ihm wie einem Trunkenen weit nach hinten gerutscht und bedeckte eine Wunde, aus der ihm lichtes Blut über den Hals rann. Sein ganzes Wesen atmete Schmerz und Entsetzen, und Frau Berenike, die ihn für einen gedungenen Mordgesellen des Caracalla hielt, wich vor ihm zurück, bis die Zofe ihr seinen Namen nannte. Zustimmend nickte er der Matrone zu. Dann sank er erschöpft in die Kniee und stieß, auf das Lager des Apollinaris gestützt, mühsam hervor: »Ich suche den Philipp. Er ging in die Stadt, krank, wie von Sinnen. Ist er nicht bei Dir gewesen?« »Nein,« versicherte Frau Berenike. »Aber dies frische Blut! Hat das Morden begonnen?« Ein bejahendes Nicken des Verwundeten bestätigte diese Frage. Dann fuhr er stöhnend fort: »Vor dem Haus eures Nachbars Milon . . . Hier am Hinterkopf . . . Ich floh . . . Eine Lanze.« Dann versagte ihm die Stimme; Frau Berenike aber rief den Aureliern zu: »Stütze ihn, Nemesianus! Tragt für ihn Sorge und pflegt ihn. Es ist der Bruder der Jungfrau, ihr wißt ja . . . Kenn' ich euch recht, so thut ihr für ihn, was in eurer Macht steht und haltet ihn bei euch verborgen, bis nichts mehr zu fürchten.« »Wir schützen ihn mit dem Leben,« beteuerte Apollinaris und reichte vom Lager aus der Matrone die Hand. Doch er zog sie schnell wieder zurück; denn vom Impluvium her ließ sich Waffengerassel und lautes Lärmen vernehmen. Da warf Frau Berenike das Haupt zurück und erhob die Hände wie zum Gebet. Tiefe Atemzüge bewegten ihr die volle Brust, die feinen Nasenflügel zitterten, und die großen Augen funkelten ihr zornig. So blieb sie kurze Zeit schweigend stehen; endlich aber ließ sie die Arme sinken und rief den Tribunen zu: »Meinen Fluch, wenn ihr vergeßt, was ihr euch selbst schuldet, dem römischen Reiche und der sterbenden Freundin; meinen Segen, wenn ihr haltet, was ihr verspracht.« Damit drückte sie beiden schnell die Hand und wollte auch dem Künstler die Rechte reichen; doch er war bar der Besinnung, und die Zofe Johanna und Nemesianus hatten ihm schon Hut und Caracalla abgenommen, um nach der Wunde zu sehen. Da flog ein sonderbares Lächeln über die strengen Züge der Matrone. Hastig nahm sie der Christin den gallischen Mantel aus der Hand, warf ihn sich selbst um die Schultern und sagte: »Wie der Bube sich wundern wird, wenn sie ihm, statt der lebenden Griechin, eine Leiche in seinem Barbarengewand bringen.« Endlich drückte sie sich den Hut auf das Haupt und nahm aus der Ecke des Zimmers, wo die Waffen der Brüder standen, einen Jagdspeer. Als ihre Frage, ob dies Wurfgeschoß nicht als Eigentum der Brüder wiederzuerkennen sei, verneint worden war, sagte sie: »Meinen Dank auch für dies letzte Geschenk!« Endlich wandte sie sich schnell an die Zofe und rief: »Verbrenne mit Hilfe Deines Bruders das Bild Korinnas. Verbrecheraugen sollen es nicht zum andernmale schänden!« Dabei riß sie die Hand aus der der Christin, die sie unter heißen Thränen zurückzuhalten versuchte, und verließ mit stolz erhobenem Haupte das Gemach. Die Aurelier blickten ihr schaudernd nach. »Und sich sagen müssen,« rief Nemesianus, und preßte die Faust an die Stirn, »daß unsere Kameraden ihre Mörder sein werden. So wurden die Waffen Roms noch niemals entwürdigt.« »Er soll es büßen,« knirschte der Verwundete. »Wir rächen sie, Bruder.« »Sie und – die Götter hören es – auch Dich, Apollinaris,« versicherte der andere und erhob die Hand wie zum Schwure. Lautes Zetergeschrei, Waffengeklirr und kurze Kommandorufe, die von unten her in das Gemach drangen, unterbrachen das Gelübde des Tribunen, und ungesäumt stürzte er mit wenigen langen Schritten an das Fenster, um den Vorhang zurückzuschlagen und das Schreckliche mit eigenen Augen zu schauen. Apollinaris aber rief ihn zurück und mahnte ihn, an die Pflicht gegen den Bruder Melissas zu denken, der verloren sei, wenn die anderen ihn hier fänden. Da faßte Nemesianus den Besinnungslosen mit starken Armen, zog ihn in den nächsten Raum, legte ihn dort auf der Matte nieder, die ihrem treuen, alten Sklaven, den sie ausgeschickt hatten, zur Lagerstatt diente, und bedeckte ihn, nachdem er die Wunde am Hinterkopf und eine zweite an der Schulter des Alexander flüchtig verbunden, mit dem eigenen Mantel. Als der Tribun endlich zu dem verwundeten Bruder zurückkehrte, war der Lärm draußen schon weniger laut als vorhin, doch mischte sich klägliches Jammergeschrei in die Rufe der Krieger. Hastig entfernte Nemesianus jetzt den Vorhang, und ein Strom von Sonnenlicht wogte so voll und hell in das Gemach, daß Apollinaris das wunde Antlitz stöhnend mit den Händen bedeckte. »Gräßlich! Furchtbar! Unerhört!« rief der andere außer sich zu ihm zurück. »Ein Schlachtfeld . . . Was sag' ich? Eine Schlachtbank das friedliche Haus eines römischen Bürgers. Fünfzehn, zwanzig, dreißig Erschlagene auf dem Rasen. Und die Sonne spiegelt sich so lustig in den Blutlachen und den Waffen der Kameraden, als hätte sie ihre Freude . . . Aber dort! O Du! – O mein Bruder! Unser Marcipor, unser alter, braver ›Marci‹, da liegt er! Und neben ihm der Korb mit den Rosen, die er als Geschenk für Frau Berenike vom Blumenmarkte holte. Da liegen sie im Blute, die weißen und roten, und des Himmels lichteste Sonne, das alles bescheint sie!« Hier schluchzte er laut auf und fuhr dann, knirschend vor Ingrimm, fort: »Noch lächelt Apollon, aber er sieht es. Und, warte, warte nur noch ein wenig, Tarautas! Der Gott greift bereits zu dem rächenden Bogen! Ob Berenike sich schon unter sie wagte? Bei dem Springbrunnen . . . Wie er glitzert und von den Farben der Iris so lustig umschwebt wird! . . . Da drängen sich viele um etwas am Boden . . . Vielleicht der Leib des Seleukus. Aber nein! Nun treten sie auseinander. Ewige Götter. Sie ist es! Es ist die Frau, die Dich pflegte.« »Tot?« frug der andere. »Mit einem Speer in der Brust liegt sie am Boden. Jetzt beugt sich der Legionslegat – ja Quintus Flavius Nobilior ist es – über sie und zieht ihn heraus. Tot, tot . . . Von einem Manne unserer Cohorte ermordet.« Dabei schlug er die Hände vor das Antlitz, und Apollinaris murmelte Verwünschungen, den Namen des treuen Sklaven Marcipor, der schon ihrem Vater gedient, und wilde Racheschwüre vor sich hin. Endlich gewann Nemesianus wieder genügende Fassung, um den gräßlichen Vorgängen unten weiter zu folgen. »Jetzt,« fuhr er berichterstattend fort, »umdrängen sie den langen Rufus. Der grausame Halunke hat wieder etwas Schändliches begangen, das sogar seinesgleichen zu weit geht. Da halten sie auch einen Sklaven fest, der ein Bündel in der Hand trägt. Vielleicht gestohlenes Gut. Mit dem Tod werden sie ihn dafür bestrafen, und sind sie denn etwa besser als er? Könntest Du nur sehen, wie sie von allen Seiten hergewimmelt kommen mit dem kostbarsten Gut. Der herrliche goldene Krug mit den Gemmen, aus dem Frau Berenike Dir den Bybloswein in den Becher goß, ist auch dabei . . . Sind wir denn noch Soldaten oder Einbrecher und Mörder?« »Wenn wir es sind,« rief Apollinaris, »so hat uns der Eine dazu gemacht.« Hier ward er von nahendem Waffengeklirr auf dem Gange und bald darauf von einem derben Klopfen an die Zimmerthür unterbrochen. Gleich darauf blickte der Kopf eines Kriegers in das Gemach, um sich nach flüchtiger Umschau wieder zurückzuziehen mit dem Rufe: »Es ist wahr, da liegt der Aurelier!« »Nur auf wenige Augenblicke,« ließ sich nun eine andere tiefe Stimme vernehmen, und über die Schwelle trat der Legionslegat Quintus Flavius Nobilior in vollem Waffenschmuck und begrüßte die Brüder. Er war wie sie von altem, vornehmem Geschlecht und befehligte an Stelle des Präfekten Macrinus, dessen Staatsämter ihn von der militärischen Führung der Prätorianer enthoben, dieses mächtige Corps. Um zwanzig Jahre älter als die Aurelier, hatte er, der Waffengenosse ihres Vaters, für ihr schnelles Aufrücken gesorgt. Er war ihnen ein treuer Freund und Gönner gewesen, und das Mißgeschick des Apollinaris hatte ihn so tief empört wie der Befehl, an dessen Ausführung er heute teilnehmen mußte. Nachdem er die Brüder herzlich begrüßt, ihre schmerzliche Erregung wahrgenommen und die Klage über den Mord ihres alten Sklaven mit angehört hatte, schüttelte er das männliche Haupt und rief, indem er auf seine von Blut triefenden Soldatenstiefel und Beinschienen wies: »Verzeiht, daß ich euer Zimmer beschmutze. Käme man so aus der männermordenden Feldschlacht, es könnte dem Krieger zur Ehre gereichen; doch es ist das Blut wehrloser Bürger, und auch Weiberblut mischt sich darein.« »Ich sah die Leiche der Frau dieses Hauses,« sagte Nemesianus dumpf. »Sie hat den Bruder wie eine Mutter gepflegt.« »Dafür aber war sie unvorsichtig genug, den Groll des Cäsar auf sich zu ziehen,« unterbrach ihn der Flavier und zuckte die Achseln. »Lebend sollten wir sie ihm bringen; doch er hatte alles eher als Freundliches mit ihr im Sinne; sie aber verdarb ihm das Spiel: Ein wunderbares Weib! So sah ich kaum einen Mann dem selbstgewählten Tod ins Angesicht schauen . . . Als die Leute eben niedermachten, was ihnen da unten in den Wurf kam – so war es befohlen, und ich sah der Schlächterei zu; denn lieber . . . Doch das könnt ihr euch denken. Da trat plötzlich aus einer Thür eine hohe Gestalt von wunderlichem Aussehen. Die breite Krämpe eines Reisehutes verdeckte ihr das Antlitz, einer der närrischen Kaisermäntel den Leib. So eilt sie auf die Manipel des Sempronius zu, schwingt drohend einen Jagdspeer und ruft den Leuten mit tiefer Stimme Schmähworte ins Gesicht, die auch mir die Galle erregen. Da nehm' ich ein langes Weibergewand unter der Caracalla wahr und, weil der Hut sich eben verschiebt, ein schönes Frauengesicht mit großen, schrecklichen Augen. Nun geht es mir plötzlich auf, daß der grimmige Todesverächter da eine Frau, daß sie wohl diejenige sei, die verschont werden solle. Ich rufe es auch den Leuten zu; doch – in diesem Augenblick schämt' ich mich unseres Standes – doch es war zu spät gewesen. Der lange Rufus hatte sie mit der Lanze durchbohrt. Selbst im Fallen bewahrte sie die Würde einer Königin, und wie die Leute sie umringten, maß sie noch jeden einzelnen mit den mächtigen Augen und röchelte uns zu: ›Schmach über Männer und Krieger, die sich wie Hunde hetzen lassen in den Mord und die Schande!‹ »Da hebt Rufus das Schwert, um ihr den Garaus zu machen; ich aber falle ihm in den Arm, kniee mich neben sie hin und bitte sie, mir zu gestatten, nach der Wunde zu sehen. Da greift sie mit beiden Händen nach der Lanze in ihrer Brust, und mit stockendem Atem lallt sie mir zu: ›Die Lebende wollte er sehen. Bringt ihm die Leiche und dazu meinen Fluch.‹ »Dabei stößt sie sich mit letzter Kraft den Speer tiefer in die Brust; doch es wäre nicht nötig gewesen. »Wie versteinert starre ich ihr in die noch im Tode zornigen, wundervoll edlen Züge und die unheimlich großen, weit geöffneten Augen, die so hell und stolz ins Leben geschaut haben mußten. Es war um den Verstand zu verlieren. Auch noch, als ich ihr die Lider zugedrückt hatte und den Mantel über sie breitete . . .« »Und was ward aus der Leiche?« frug Apollinaris. »Ich ließ sie in das Haus bringen und das Totengemach sorgsam verschließen. Da ich aber zu den Leuten zurückkehrte, mußte ich ihnen wehren, den Rufus in Stücke zu reißen; denn er hatte sie um den reichen Lohn gebracht, den der Cäsar für die lebendig Gefangene ausgesetzt hatte.« »Und Du mußtest dulden,« frug Apollinaris erregt, »daß unsere Krieger, daß brave Soldaten in einer friedlichen Stadt dies Haus, das viele von uns gastlich aufnahm, wie eine Räuberbande plünderten? Ich sah sie zusammenschleppen, was gestern noch in unserem Gebrauch stand.« »Der Kaiser . . . Seine Erlaubnis!« seufzte der Flavier. »Ihr wißt ja. Was in jedem das Gemeinste, kommt heute an den Tag, und die Sonne bescheint es freundlich genug. Mancher arme Schlucker von gestern geht heute wohlhabend zur Ruhe. Aber vielerlei, glaub' ich, ward den Leuten dennoch entzogen. In dem Zimmer der Hausfrau, woher ich eben komme, brannte noch ein Feuer, worin verschiedenes verkohlte. Die Flammen hatten auch Gemälde verzehrt, ein bemaltes Brettchen verriet es. Man besaß hier vielleicht Meisterwerke des Apelles oder Zeuxis. Um sie dem kaiserlichen Feinde zu entziehen, ließ der Haß dieses Weibes sie wohl vernichten, und wer kann's ihr verdenken?« »Es war das Bild ihrer Tochter,« entfuhr es dem Nemesianus. Da schaute der Flavier ihm überrascht ins Antlitz und frug: »So waret ihr ihre Vertrauten?« »Ja,« versetzte der Aurelier. »Und es macht uns stolz, daß sie uns würdig hielt dieser Ehre. Bevor sie auszog, um sich töten zu lassen, nahm sie von uns Abschied. Wir ließen sie ziehen; denn uns wenigstens widersteht es, die Hand an eine edle Matrone zu legen.« Da schaute der Flavier ihn fester an und rief grollend: »Glaubst Du, junger Fant, dergleichen sei mir und manchem andern unter uns weniger schmerzlich? Fluch diesem Tag, der unsere Waffen mit Weiber- und Sklavenblut schändet, und Fluch bringe über mich jede Drachme, die mich von dem Raube hier bereichert. Nennt das Unglück, das euch von diesem Bubenstreiche fern hielt, ein freundliches Schicksal, aber hütet euch, die zu verachten, die ihr Eid zwingt, was menschlich an ihnen ist, mit Füßen zu treten. Wer als Soldat gemeinsame Sache macht mit dem Gegner des Kriegsherrn . . .« Hier ward er durch den Eintritt der Christin Johanna unterbrochen, die sich vor dem Flavier verneigte und dann befangen an dem Bett des Apollinaris stehen blieb. Ein flüchtiger Blick, den sie auf das Nebenzimmer und von ihm aus auf den Nemesianus warf, wurde von dem scharfen Auge des Truppenführers bemerkt, und mit soldatischer Entschiedenheit verlangte er zu wissen, was hinter der Thür dort verborgen werde. »Ein Unglücklicher,« lautete die Antwort des Apollinaris. »Seleukus, der Herr dieses Hauses?« frug der Befehlshaber streng. »Nein,« entgegnete Nemesianus. »Es ist nur ein armer verwundeter Maler. Und doch! Die Prätorianer gehen für Dich durchs Feuer, wenn Du ihnen den Mann dort als kostbares Beutestück überlieferst. Bist Du aber der, für den wir Dich halten . . .« »Die Meinung junger Hitzköpfe gilt mir so wenig wie die Gunst der Untergebenen,« unterbrach ihn der Flavier. »Was das Gewissen mir befiehlt, das entscheidet. Schnell jetzt! Wer wird dort verborgen?« »Der Bruder der Jungfrau, um derentwillen der Cäsar . . .« stammelte der Verwundete. »Der Jungfrau,« fiel der Flavier ihm ins Wort, »der es zuzuschreiben ist, daß Du mit zerfleischtem Angesicht hier liegst. Ihr seid doch echte Aurelier, ihr Jungen, und wenn ihr daran zweifelt, ob ich derjenige bin, für den ihr mich hieltet, so bekenne ich gern, daß ich euch gerade so finde, wie ich euch mir wünsche. Die Prätorianer haben euch den Freund und Diener erschlagen; nehmet denn den da drin zum Ersatz.« Da ergriff Nemesianus bewegt mit beiden Händen die Rechte des älteren Freundes, und Apollinaris rief ihm dankbare Worte von dem Lager aus zu. Der Flavier suchte ihnen zu wehren und schritt auf die Thür zu; doch die Christin Johanna trat ihm in den Weg und ersuchte ihn, den Aureliern, denen man den Diener getötet habe, zu gestatten, einen andern anzunehmen, von dem sie keinen Verrat zu befürchten hätten. Er sei von den Prätorianern im Impluvium festgehalten worden, als er auf jede Gefahr hin in das Haus gedrungen sei, um nach dem Maler zu sehen, dessen Vater er seit vielen Jahren gehöre. Er werde den Apollinaris und den Bruder Melissas aufs beste pflegen helfen und es möglich machen, daß das Versteck des Alexander unbemerkt bleibe. Man würde gewiß hier eindringen, und auch anderen drohe das Schlimmste, wenn die Soldaten den treuen Mann als Gefangenen fortführten und man auf der Folter das Bekenntnis von ihm erpresse, wo der Vater und die anderen Angehörigen Melissas zu finden. Da versprach der Flavier für die Befreiung des Argutis zu sorgen. Noch wenige kurze Danksagungen und Abschiedsworte, und der Flavier hatte seine Sendung bei den Aureliern erfüllt. Um weniges später erscholl die Tuba, welche die im Hause des Seleukus zerstreuten Plünderer zusammenrief, und Nemesianus sah die Kameraden in schmalen Gliedern auf den Vorsaal zu marschiren. Ihnen folgten die Waffenträger, beladen mit Kostbarkeiten jeder Art, und drei mit den edlen Rossen des Seleukus und seiner ermordeten Gemahlin bespannte Wagen, die den Prätorianern die Beutestücke nachführten, welche für menschliche Schultern zu schwer waren. Auf dem letzten stand hoch aufgerichtet ein Eros von der Hand des Praxiteles. Die helle Sonne dieses Tages umstrahlte sein lächelndes Marmorhaupt, und mit Liebe heischendem Schönheitszauber blickte er auf die schwarzroten Lachen am Boden und die bewaffnete Cohorte, die ihm, um neues Blut zu vergießen und neuen Haß zu erwecken, voranschritt. Als Nemesianus sich vom Fenster zurückzog, trat Argutis in das Zimmer. Der Legionstribun hatte ihn freigegeben, und als Johanna den treuen Mann an das Lager des Alexander führte und er ihn bleich und mit geschlossenen Augen daliegen sah, als habe der Tod auch ihn zum Opfer gefordert, sank er laut aufschluchzend neben ihm in die Kniee. Zweiunddreißigstes Kapitel. Während Alexander vom Wundfieber geschüttelt, doch wohlverpflegt von dem alten Argutis und der Christin Johanna, nach Agathe und seinem Bruder Philipp, doch weit häufiger noch nach der Schwester rief, weilte Melissa allein in ihrem Versteck. Es war groß genug; denn es bestand aus den Räumen, welche zur Aufnahme der Exoteriker in die Mysterien des Serapis dienten. Eine Reihe von Kammern, Zimmern und Sälen war dieser Bestimmung gewidmet und nahm von Westen nach Osten die ganze Breite des Riesenbaues ein. Einige waren rechteckig, andere rund oder polygonal, die meisten aber sehr viel länger als breit. Fleißige Maler und Bildhauerhände hatten Wände und Decken überall mit einer Fülle von Darstellungen in Malerei oder Hautrelief geschmückt, welche den Uneingeweihten verwirren oder erschrecken mußten. Auch die Bildsäulen, woran es nicht fehlte, trugen sonderbare Symbole, und die Mosaik des Fußbodens zeigte Gemälde, welche die Einbildungskraft des Beschauers anregten und öfter noch erschreckten. Als Melissa ihre kleine Schlafkammer betrat, hatte die Finsternis dies alles ihren Blicken entzogen. Willig war sie dem Geheiß der Matrone gefolgt, sich sogleich zur Ruhe zu begeben. Frau Euryale aber hatte noch einige Zeit auf dem Rand ihres Lagers gesessen, um sich erzählen zu lassen, was ihr Schützling in den letzten Stunden erlebt, und der Jungfrau eingeschärft, wie sie sich, wenn ihr Versteck durchsucht werden sollte, zu verhalten habe. Beim Abschied von der Beschützerin teilte Melissa ihr auch mit, was die Zofe Johanna ihr von dem Leben Jesu Christi erzählt; doch äußerte sie ihr Wohlgefallen an der Person des Heilandes in so sonderbarer, echt heidnischer Weise, daß Frau Euryale bedauerte, dem ermüdeten Mädchen das Vernommene nicht jetzt schon erklären zu können. Mit einem herzlichen Kuß wünschte die Matrone ihr endlich gute Ruhe, und kaum war Melissa allein, als der Schlaf ihr die jungen, müden Augen schloß. Vor ihrem Entschlummern war der Morgen nicht fern gewesen, und erstaunt bemerkte die an frühes Aufstehen Gewohnte beim Erwachen, wie weit der Tag schon vorgeschritten sei. Rasch erhob sie sich darum und nahm sogleich wahr, daß Frau Euryale sie schon besucht haben müsse; denn sie fand neben ihrem Lager frische Milch und daneben einige Schriftrollen, die gestern nicht dagewesen waren. Ihr erster Gedanke galt den gefährdeten Ihren: Dem Vater, den Brüdern, dem Geliebten, und sie betete für jeden und legte ihr Heil erst den Manen der Mutter, dann aber auch dem großen Serapis und der gütigen Isis ans Herz, die sie in diesen ihnen geweihten Räumen doch wohl zu hören vermochten. Was ihre Lieben bedrohte, ließ sie die eigene Gefahr völlig vergessen, und mit aller Lebhaftigkeit vergegenwärtigte sie sich, wie es wohl jedem einzelnen ergehe, was wohl für jeden ins Werk gesetzt werde, um ihn zu verbergen und vor den Häschern des Gräßlichen zu retten, der ihren Brief jetzt schon empfangen haben mochte. Die Frage, ob er sich nicht doch großmütig zeigen und ihr vergeben könne, stieg immerfort in ihr auf, obgleich doch alles sie zwang, es zu verneinen. Während des Gebetes und der Sorge um die Ihren hatte sie sich noch ruhig gefühlt; mit dem ersten Gedanken, welcher der Person des Cäsar galt, bemächtigte sich aber ihrer Seele eine quälende Erregung, und um sie zu beschwichtigen, begann sie ihren weitläufigen Versteck zu besichtigen, auf dessen seltsames Aussehen Frau Euryale sie vorbereitet hatte. Aber er war nicht nur eigentümlich, sondern erregte an vielen Stellen Herz und Sinn mit Erstaunen und Grauen. Rätsel boten sich dem Auge, wohin es schaute, und wenn Melissa vor einem Reliefbilde, das Geköpfte mit den Füßen nach oben und Verdammte darstellte, die, in großen Kesseln schmorend, sich mit höllischer Ironie Kühlung zufächelten, fortschaute, traf ihr Blick das Bild eines Weibes, auf dessen gekrümmtem Leibe Barken umherfuhren, fiel er auf einen vierköpfigen Widder, oder Vögel mit Menschenhäuptern, die von einer mit Mumienbinden umwickelten Leiche aufflogen. An der Decke gab es noch wunderlichere Darstellungen, und schaute sie, um die gequälte Einbildungskraft zu beruhigen, zu Boden, so begegnete der Blick auf den Mosaikbildern des Estrichs einer Schar von Rachegöttinnen, die den Verbrecher vor sich her trieben, oder einem Feuerpfuhl, an dessen vier Seiten gräßliche Mißgestalten Wache hielten. Dabei waren all diese Bildwerke nicht steif stilisirt wie die ägyptischen derselben Gattung, sondern von griechischen Künstlern so naturgetreu und lebensvoll ausgeführt, daß sie den Beschauer anzusprechen schienen, und es Melissa oft schien, als träten sie aus der Mauer oder Decke heraus und ihr entgegen. Hier länger zu weilen, meinte sie, müsse sie um den Verstand bringen, und doch zog sie bald eine riesengroße Feuerstelle an, aus deren metallenem Boden noch große Kohlenstücke umherlagen, bald ein Wasserbassin, aus dessen Grund Krokodile, Frösche, Schildkröten und Muscheln in musivischer Arbeit zu sehen waren. Außer ähnlichen Dingen fesselten ihre Neugier auch große Schränke, in denen hier Schriftrollen, da seltsame Geräte, dort endlich Gewänder in verschiedener Form und jeder Größe, von dem schlichten Chiton des gemeinen Mannes bis zum sternenbedeckten Prachttalar des Adepten aufbewahrt wurden. Sie wußte von Frau Euryale, daß die Mysten, welche in höhere Grade aufgenommen zu werden wünschten, hier Feuer und Wasser zu durchschreiten und sich in verschiedener Kleidung mancherlei Zeremonien zu unterwerfen hatten. Ferner war Melissa von der Beschützerin mitgeteilt worden, daß der Uneingeweihte, welcher diese Räume betreten wollte, drei Thüren zu öffnen habe, von denen jede, wenn man sie erschloß, lautes Schellengerassel erweckte, und so durfte sie sich von der Kammer fortwagen, in die sie sich einriegeln konnte. Ward die Gefahr dringender, so führte sie von dort eine Thür, die nur dem Eingeweihten sichtbar war, auf die Treppe und ins Freie. Glücklicherweise lag der Schlafraum unfern der Fenster, die gen Westen schauten, und hier fand sie Erholung nach den verwirrenden Eindrücken, die bei der Betrachtung der inneren Räume ihres Versteckes auf sie eingestürmt waren. Der gepflasterte Damm, der das Serapeum vom Stadium trennte, war anfänglich ziemlich belebt, doch zogen sie die Wagen, Reiter und Fußgänger, auf deren Scheitel sie von ihrem hochgelegenen Quartier aus niederschaute, so wenig an wie der weite, leere Innenraum der Rennbahn mit der lang hingestreckten Arena, den sie zum Teil überblicken konnte. Es mußte wohl morgen ein Wettfahren abgehalten werden; denn hier glätteten viele Sklaven den Sand, dort bekränzten andere eine Loge in der untersten Zuschauerreihe, die wohl für den Kaiser bestimmt war. Ob es über sie verhängt sein sollte, den Furchtbaren von hier aus, wo sie sich vor ihm versteckt hielt, noch einmal zu sehen? Das Herz begann ihr schneller zu schlagen, und zu gleicher Zeit stellte der erregte Geist ihr Frage auf Frage, und eine jede erweckte mit neuer Kraft die Sorge um die Ihren, deren sie vorhin so viel gelassener und zuversichtlicher gedacht. Wohin mochte Alexander sich flüchten? Ob es dem Vater und Philipp gelang, in der Werkstatt des Glaukias verborgen zu bleiben? Ob Diodor mit dem Polybius und der Praxilla zu rechter Zeit aus dem Hafen entkommen war? Wie Argutis es wohl anstellte, ihren Brief dem Cäsar zukommen zu lassen, ohne sich selbst zu schwer zu gefährden? Sie war sich keiner Schuld gegen Caracalla bewußt. Es hatte ja in der That eine geheimnisvolle Macht gegeben, durch die sie zu ihm hingezogen worden war. Sie fühlte auch jetzt noch, daß sie ihm gern jeden Dienst geleistet und ihm geholfen hätte, das Schwere zu tragen, was ein hartes Schicksal ihm auferlegte. Nur die Seine konnte sie nicht werden. Ihr Herz gehörte einem andern, und das hatte sie ihm, wenn auch vielleicht zu spät, in ihrem Briefe gestanden. Besaß er wirklich ein der Liebe fähiges Herz und hatte es ihr zugewandt, dann mußte er es schwer empfinden, seine Neigung einer Jungfrau geschenkt zu haben, die schon einem andern angehört hatte, als sie ihm zum erstenmal als Bittstellerin und tief ergriffen von warmem Mitleid genaht war; doch ein Recht, ihre Handlungsweise zu verdammen, besaß er gewiß nicht. Das war ihre feste Ueberzeugung. Wenn ihre Absage seinen Zorn erregte, und die Voraussagung des Vaters und des Philostratus, seine Wut werde viele andere ins Verderben stürzen, sich aber dennoch bewahrheiten sollte, dann . . . Hier stockte sie, und es überlief sie kalt. Aber gleich darauf erinnerte sie sich der Stunde, in der sie bereit gewesen war, die Seine zu werden und Liebe und Lebensglück preiszugeben, um seinen wilden Sinn zu besänftigen und andere vor seiner zügellosen Leidenschaft zu beschützen. Ja, jetzt schon wäre sie viel leicht sein Weib, wenn er ihr nicht selbst bewiesen hätte, daß sie nie und nimmer die Macht gewinnen könne, seinen Jähzorn zu mildern und für die Opfer seiner Grausamkeit Gnade zu erwirken. Dieser Hoffnung hatte der Mord des Vindex und seines Neffen den Todesstoß gegeben. Sie wußte am besten, wie ernst es ihr gewesen war mit dem Entschlusse, sich selbstlos jedes Anrechtes auf künftige Glückseligkeit zu entkleiden, um von anderen abzuwehren, was sie bedrohte, und jetzt, wo sie die Geschichte des göttlichen Meisters der Christen kannte, sagte sie sich, daß sie in jener Stunde so gehandelt habe, daß es dem Erhabenen gefallen haben würde. Aber die reinsten, heißesten Wünsche des Herzens vergeblich und zu keines andern Frommen kreuzigen zu lassen – ihr gerader Sinn war sich des sicher bewußt – wäre nicht gut und recht, sondern thöricht gewesen. Was Caracalla jetzt ohne sie an Frevelthaten beging, hätte er auch mit ihr verbrochen. Von wie geringem Wert wäre ihr Besitz für ihn gewesen, und sie . . . Wenn diese Gefahr erst vorüber war, wenn ein anderer Teil seines weiten Reiches ihn wieder aufnahm und diejenigen, die sie liebte, verschont blieben, dann konnte sie so glücklich, so namenlos glücklich werden, an der Seite des Mannes, dem ihr Herz gehörte, wie sie elend geworden und einer nie aufhörenden Todesangst zum Opfer gefallen wäre als seine Gemahlin. Frau Euryale hatte recht gehabt, und das Schicksal, das von ihr angerufen worden war, richtig entschieden. Das größte der Opfer wäre vergebens gewesen, und den unlauteren Wünschen eines Ruchlosen zu Gefallen hätte sie den schnödesten Treubruch verübt, und wie sich selbst, so auch dem Geliebten Herz und Seele vergiftet und das ganze künftige Leben verdorben. Fort denn mit den müßigen Bedenken! Pythagoras hatte recht mit seinem Verbote, das Herz zu verzehren. Die Wahl war getroffen! Caracalla und sie gingen auf verschiedenen Wegen, und jedes künftige Verbrechen war nur die Fortsetzung seiner früheren Thaten. Was ihr noch oblag, war, für das eigene Glück und das der Ihren zu kämpfen gegen jeden, der es bedrohte, und allen voran gegen den Furchtbaren, der sie, die Unschuldige, zwang, sich wie eine Missethäterin zu verbergen. Eine gesunde Empörung gegen den blutigen Verfolger bemächtigte sich ihrer, und mit erhobenem Haupte trat sie in die Kammer zurück, um ihre Kleidung zu vollenden. Schneller noch als sonst regte sie dabei die Hände; denn die Schriftrollen, die Frau Euryale, während sie noch schlief, für sie hingelegt hatte, zogen ihre Blicke verheißungsvoll auf sich. Begierig auf ihren Inhalt griff sie nach den Büchern, stellte einen Schemel ans Fenster und versuchte zu lesen. Aber von draußen her schollen viele Stimmen zu ihr heraus, und als sie auf die Straße blickte, sah sie ganze Scharen von Jünglingen in das Stadium ziehen. Wie prächtige Gestalten waren es, die da plaudernd und singend gruppenweise dahinschritten, und sie sagte sich, daß Diodor und Alexander die meisten überragt und unter den Schönen zu den Schönsten gehört haben würden. Eine Zeit lang ließ sie sich durch diesen Anblick zerstreuen; als aber der letzte Mann im Stadium verschwunden war und sich dort alle gliederweise aufgestellt hatten, griff sie wiederum nach den Rollen. Die eine enthielt das Evangelium des Matthäus, die zweite das des Lukas. Der Anfang des ersteren mit seinem Geschlechtsregister bot nichts als fremde, barbarische Namen, die sie nicht zu fesseln vermochten, und so ging sie zu der Schrift des Lukas über, und der ruhige Erzählungston derselbe zog sie an. Anfänglich ging es freilich schwer mit dem Lesen, und sie übersprang manchen ihr unverständlichen Satz, aber das zweite Kapitel begann sie zu fesseln. Es handelte von der Geburt des großen Lehrers, den die Christen als ihren Gott verehrten. Engel waren es gewesen, die den Hirten auf dem Felde verkündeten, daß dem ganzen Volke große Freude widerfahren solle, weil ihm der Heiland geboren. Und dieser Heiland und Retter sollte kein großer Held oder Weiser sein, sondern ein Kindlein, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend. Da lächelte sie zum erstenmal wieder; denn sie hatte die kleinen Kinder gern und sich schon lange nichts Lieberes gewußt, als mit Kindern zu spielen und ihnen dienstlich zu sein. Wie viele heitere Stunden dankte sie den hübschen Enkeln ihres Nachbarn Skopas! Und dies Kind, das eine Schar von Engeln bei der Geburt empfangen hatte, es war zu einem Gott geworden, an den so viele glaubten! Und die Worte, mit denen es begrüßt ward, hießen: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!« Wie groß und doch freundlich das klang! In lebhafter Erregung faßte sie die Rolle zusammen, und in ihren Zügen malte sich das ungeduldige Verlangen, einem widrigen Zustand ein Ende zu machen, als sie, nur sich selbst vernehmbar, ausrief: »Ja, Friede, Heil, Wohlgefallen! Nicht dieser Haß, dieser Durst nach Rache, dies Blut, diese Verfolgung, und als ihre schreckliche Frucht diese Angst, diese furchtbare, grausame Angst . . .« Hier wurde sie durch Waffengerassel und Hammerschläge, die zu ihr heraufdrangen, unterbrochen. Die makedonische Legion des Kaisers und andere Fußgänger zogen abteilungsweise schweigend daher und verschwanden in Nebenthüren, die auf die oberen Ränge des Stadiums führten. Was mochte das nur bedeuten? Zu gleicher Zeit verschlossen Zimmerleute das große Hauptthor mit mächtigen Balken. Es sah aus, als sollten Schleusenpforten vor dem Andrang der Hochflut gefestigt werden. Aber das Stadium war ja voller Menschen! Viele Tausende von jungen Männern hatte sie hineinziehen sehen, und da standen sie unter ihr, Kopf an Kopf, in der Arena. Dazu kam eine große Menge von Kriegern. Sie alle wollten doch wieder ins Freie, und welch ein Gedränge mußte es auf den Nebentreppen geben, wenn man das Vomitorium verschloß! Am liebsten hätte sie hinuntergerufen und die Zimmerleute vor solcher Thorheit gewarnt. Oder wollte man die Jugend der Stadt mit Gewalt im Stadium fest halten, um neue, strenge Verordnungen zu verlesen und einzelne Widerspenstige zu fangen? Das mußte es sein! Schändlich! Da kamen auch einige Vexillen numidischer Reiter in langsamem Schritt daher. An ihrer Spitze ritt auf einem besonders hochbeinigen Pferde der Legat. Ein großer Mann! Jetzt schaute er aufwärts und zur Seite, und Melissa erkannte in ihm den ägyptischen Sicherheitswächter Zminis. Da suchte ihre Hand die Stelle des Herzens; denn es war ihr, als habe es aufgehört zu schlagen. Dieser Bösewicht, der Todfeind des Vaters und Alexanders, als Befehlshaber an der Spitze römischer Truppen. Etwas Entsetzliches, Unerhörtes mußte im Werk sein! Die Sonne spiegelte sich in dem glatten Felle seines hohen Rappen und in dem Lictorenbeil in seiner Hand, das er wie einen Feldherrnstab brauchte. Jetzt hob er es einmal und noch einmal, und so hoch sie auch über ihm weilte, sah sie doch wieder, wie grell das gelbliche Weiß seiner Augen von dem bräunlichen Tone seines Antlitzes abstach. Jetzt zuckte der blanke Stahl des Beiles zum drittenmal blitzend im Sonnenlicht auf; dann aber ließ sich in kurzen Zwischenräumen, die ihr doch unerträglich lang erschienen; ein tiefer Posaunenruf nach dem andern vernehmen. Woher Melissa die Besonnenheit nahm, sie zu zählen, wußte sie selbst nicht; doch es gelang. – Nach dem siebenten verstummte die Posaune, und kurz darauf zerschnitt hier, dort, da drüben, von allen Seiten des Stadiums her ein kurzer Tubaruf die Luft. Wie ein Pfeil traf jeder das Herz des atemlos lauschenden Mädchens. Seit es den Zminis gesehen, hielt es auch das Furchtbarste für möglich; doch der tausendstimmige, kreischende Schrei der Wut und Verzweiflung, der jetzt in wild brandenden Tonwellen auf sie eindrang, zeterte ihr in das Ohr, wie weit die unerhörte Wirklichkeit die gräßlichste ihrer Ahnungen überbot. Atemlos, mit glühendem Haupte, lehnte sie sich weit hinaus ins Freie und fühlte weder die Strahlen der Sonne, die eben den obersten Stock der Westseite des Serapeums zu treffen begannen, noch achtete sie der Gefahr, gesehen zu werden und sich selbst und die Beschützerin ins Verderben zu stürzen. Wie eine Gazelle im Frost der Winternacht zitternd, wollte sie sich in das Gemach zurückziehen, und doch fühlte sie sich an das Fenster gebannt. Sie wollte Ohr und Auge verschließen und mußte doch sehen. Was in ihr war, drängte sie, um Hilfe zu schreien, und sie brachte keinen Laut über die Lippen. So stand sie und schaute und lauschte, bis ihr leises Wimmern sich in jenes Lachen verwandelte, das der Schmerz, der alle Mittel, sich kund zu thun, erschöpfte, von der Lust borgt. Endlich sank sie in die Kniee und lachte, am Boden niedergekauert, unter hellen Schmerzenszähren immer wieder schrill auf, bis ihr schaudernd ins Bewußtsein trat, was sie thue. Da schrak sie entsetzt zusammen, und ein heftiges Schluchzen erschütterte ihr die Brust. Sie weinte und weinte, und die Thränen thaten ihr wohl. Noch als in den ersten Nachmittagsstunden der Sonnenschein das Fenster berührte, fehlte es ihr an Fassung, sich zu erheben. Eine Flut von grellem Licht, in dem sich Millionen von Stäubchen wiegten, wogte an ihren offenen Augen vorüber, und als ihr Atem die schwankenden Atome zerteilte, flog es ihr durch die Seele, daß in diesem Augenblick ein fluchwürdiges Wort aus dem Munde eines Rasenden Glück, Freude, Ruhe und Hoffnung aus dem Leben vieler Tausende mit Sturmeskraft fortwehe in das Reich der Vernichtung. Dann aber raffte sie sich zusammen; denn das Furchtbare, das sie geschaut, drohte sich ihr so fest ins Auge zu prägen wie ein Bild, das die Gravirnadel ihres Vaters in den Onyx grub, und sie mußte sich davon befreien; sonst war es um die Hoffnung, je wieder froh zu werden, geschehen. Noch vor kaum einer Stunde hatte sie die Arena wie einen Blumenkorb mit frischen Blüten voll gesehen von herrlichen, jugendlichen Männergestalten. Dann waren auf den Sitzen des lang hingestreckten Zuschauerraumes, den sie überblickte, die Krieger der makedonischen Phalanx und viele Cohorten von braunen numidischen und schwarzen äthiopischen Bogenschützen erschienen, um sich wie neugierige Besucher der zu erwartenden Schaustellung, doch in vollem Waffenschmuck, auf allen Rängen niederzulassen. Anfänglich hatten die Jünglinge und jungen Männer, in Abteilungen geordnet, gesungen, gelacht, geplaudert, und hie und da auch ein Schelmenlied angestimmt; dann aber waren unliebsame Begegnungen mit den Sicherheitswächtern vorgekommen, und während die jüngeren und sorgloseren noch die Heiterkeit bewahrten, hatten hier ganze Scharen unwillig zu den Römern hinaufgeblickt, dort einzelne einander bedeutungsvoll und besorgt in die Augen oder stumm und verdrossen in den Sand geschaut. Das unruhige, heiße Blut dieser Söhne der rastlos thätigen, in scharfer Arbeit und rauschender Lust schnell dahinlebenden freien Stadt verstand das Warten so schlecht, und als es ruchbar wurde, daß man die Thore schließe, gaben sie der Ungeduld und dem Mißtrauen deutlich genug Ausdruck. Zaghaften Pfiffen und anderen Aeußerungen des Mißfallens waren bald schärfere und lautere gefolgt; denn das Stehen in dem verschlossenen Raume ward unerträglich. Doch die Lictoren und Sicherheitswächter ließen alles ruhig hingehen, nachdem sie den Schüler des Museums, der das Epigramm auf die Mutter des Kaisers verfaßt, aus ihrer Mitte entfernt. Dieser eine, der doch wohl zu weit gegangen war, sollte, so schien es, für die anderen büßen. Dann erschollen die Posaunenstöße, und auch der leichtsinnigeren unter den jugendlichen Scharen in der Arena bemächtigte sich Unruhe und peinliche Besorgnis. Von ihrer hohen Warte aus sah Melissa, obwohl das Erscheinen des Zminis sie schon fieberhaft erregte, wie ihre geschlossenen Verbände sich lösten, wie sie sich unschlüssig und auf Uebles gefaßt durcheinander bewegten und die lockigen Häupter bald hierhin, bald dorthin wandten, bis die Trompetenstöße aus dem Zuschauerraum aller Augen zwangen, sich aufwärts zu richten und das Entsetzliche begann. War der Ruf: »Haltet ein, Unsinnige!« Melissa wirklich von den Lippen gedrungen oder hatte sie nur gemeint, ihn hinüber in das Stadium zu schreien, sie wußte es nicht mehr; doch als sie der langen Reihe der Numidier gedachte, wie sie die krummen Bogen blitzschnell in die Höhe geschwungen und dann einen Regen von Pfeilen auf die wehrlosen Unglücklichen in der Arena versandt hatten, war es ihr, als schreie sie ihnen ihr: »Haltet ein!« zum andernmal entgegen. Dann war es gewesen, als reiße der Sturmwind von der Krone eines unsichtbaren Riesenbaumes tausende von geraden Aesten und im Sonnenglanz blitzenden metallenen Blättern und schleudere sie in die Arena. Und als ihr Blick ihnen gefolgt war, hatte sie ein Kornfeld zu sehen gemeint, das ein furchtbarer Hagelschlag getroffen; doch die Zweige und das Laub waren Lanzen und Pfeile, jeder der geknickten Halme ein junges, blühendes Menschenkind gewesen. Der unerhörte Anschlag des Zminis war zur Ausführung gelangt, Caracalla hatte sich an der Jugend Alexandrias gerochen. Von den Zungen der Jünglinge, die ihn gelästert, regte sich keine mehr; jedes junge Lippenpaar, das es gewagt, sich zu einem höhnischen Rufe zu öffnen oder sich beim Anblick des Cäsar zu einem Pfiffe des Mißfallens zu spitzen, und mit wenigen Schuldigen eine hundertfach größere Zahl von Unschuldigen, war auf ewig zur Ruhe gelangt. Jetzt wußte sie, warum man das Vomitorium mit Balken versperrt, weswegen die Reitervexillen vor den Nebenpforten aufgestellt worden waren! Zu einem See von Blut, der ein Gewirr von Sterbenden bespült, war die Stätte glänzender Wettfahrten geworden. Des Zuschauerraums hatte der Mord sich bemächtigt, und statt grüner Kränze und Beifallsspenden tötende Waffen in die Arena gesandt. Jetzt schien es, als wolle die Sonne mit blendendem Glanze dem menschlichen Auge mitleidig wehren, dies furchtbarste aller Bilder zu schauen. Um dem unerträglichen Anblicke zu entgehen, schloß Melissa die Augen, und gewaltsam raffte sie sich auf, um sich, sie wußte selbst nicht wohin, zu verbergen. Da schollen abermals schmetternde Fanfaren und laute Jubelrufe zu ihr herauf, und wieder zwang sie ein unwiderstehlicher Drang an das Fenster. Vor dem Stadium hielt ein prächtiges Viergespann, das Höflinge und Krieger umgaben. Es war das des Kaisers; denn der Senator Pandion hielt die Zügel der Rosse. Ob Caracalla auf dem Schauplatze der grausamsten aller Frevelthaten billigen konnte, was der Schurke Zminis verordnet, oder ob er sich, entrüstet über den blutigen Uebereifer seines schnöden Werkzeuges, empört von ihm abwenden würde? Sie glaubte, sie hoffte das letztere. Um jeden Preis verlangte es sie nach einer Antwort auf diese Frage, die nicht nur die Neugier in ihr erhob. Mit der Hand auf dem schnell klopfenden Herzen blickte sie über die blutige Arena hinweg, auf den Zuschauerraum und die für den Kaiser geschmückte Loge. Und da stand Caracalla, und neben ihm der Aegypter, der mit dem Finger auf die Arena wies. Und was es an der Stelle zu sehen gab, auf die er zeigte, war so entsetzlich, daß sie die Augen wiederum schloß und diesmal auch mit den Händen bedeckte. Aber sie wollte und mußte ja sehen, und sie blickte wieder hinüber, und derjenige, dessen Versicherung sie einmal geglaubt, nur durch die Sorge für Thron und Staat und den Zwang eines grausamen Schicksals genötigt worden zu sein, Menschenblut zu vergießen, da stand er neben dem niedrigen, ruchlosen Häscher, dessen lange Gestalt ihn hoch überragte. Seine Hand lag auf dem Arme des Schurken, sein Auge ruhte auf dem blutigen Leichenfeld ihm zu Füßen, und jetzt hob er das Haupt, jetzt wandte er das Antlitz, dessen schmerzlicher Ausdruck ihr einmal die Seele bewegt hatte, nach ihr hin, und er lachte – keiner seiner Züge entging ihr – lachte so übermütig laut, so ausgelassen fröhlich, wie sie es nie vorher gesehen. Ja, er lachte so herzlich, daß die Brust und die Schultern ihm flogen. Jetzt löste er die Hand von dem Arme des Aegypters und wies selbst auf die gräßliche Stätte des Todes. Melissa war es, als klinge das Lachen Caracallas, von dem sie nicht der leiseste Ton erreichen konnte, ihr wie das einer Hyäne hell in das Ohr, und einem übermächtigen Triebe gehorsam, schaute sie noch einmal auf all das in einer kurzen Stunde vernichtete Jugendglück und Leben und auf die Ströme von Blut ihr zu Füßen, denen so viele heiße Thränen nachrinnen sollten. Wohl schnitt ihr diese Umschau ins Herz, doch sie war ihr auch dankbar; denn sie ließ sie die Verruchtheit des lachenden Ungeheuers ihr gegenüber zum erstenmal in seiner ganzen, nackten Gräßlichkeit erkennen. Abscheu, Widerwillen, Ekel gegen den Mann dort, an dem alles klein war außer der Macht, der Bosheit und Tücke, verdrängten Furcht, Mitleid und den letzten Schatten des Vorwurfes, Wünsche in ihm erweckt zu haben, die sie nicht zu erfüllen vermochte. Die kleinen Hände ballten sich ihr zu Fäusten, und ohne sich wieder nach dem widrigen Schlächter umzuschauen, der es gewagt hatte, den Blick zu ihr zu erheben, zog sie sich vom Fenster zurück und, erschreckend vor dem heiseren Klange der eigenen Stimme, rief sie laut vor sich hin: »Die Zeit, die Zeit! Für ihn erfüllt sie sich heute.« Wie die Augen ihr dabei glänzten und der Busen sich stürmisch hochhob und senkte! Wie festen Schrittes sie dann die lange Zimmerreihe durchmaß, während sich die Ueberzeugung in ihr festigte, diese That des schnöden Mörders im Purpur werde der mißhandelten Welt die Tage des Heils und Friedens näher bringen, von denen der Freigelassene Andreas träumte. Als ihre stumme Wanderung sie aber an den Schriften vorüberführte, die Frau Euryale ihr still an das Lager gelegt, griff sie in enthusiastischer Erregung nach der frohen Botschaft des Lukas, hielt sie hoch empor und rief den Gruß des Engels, der sich ihr ins Gedächtnis geprägt hatte, laut zum Fenster hin, als wünsche sie, daß Caracalla ihn höre: »Und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!« Dann setzte sie den Gang durch die Gemächer der heidnischen Mysten fort und wiederholte sich dabei jedes gute Wort, das sie von Frau Euryale und dem Freigelassenen Andreas vernommen. Das Bild des Göttlichen, der gekommen war, um der Welt die Liebe zu schenken und seine erhabene Lehre selbstlos mit dem Tod zu besiegeln, stellte sich ihr vor die Seele, und was ihr die Christin Johanna von ihm erzählt, verdeutlichte ihr das Gemälde, bis es mit scharfen Zügen vor ihr stand, schön, milde, von Liebe und Güte umflossen, und dazu – war der bekreuzigte doch ein todesmutiger Befreier – kraftvoll und herrlich. Dabei erinnerte sie sich froh der Kämpfe, die sie selbst ausgefochten, und des Wohlgefühls nach dem Entschluß, das eigene Glück zu opfern, um andere vor Leid zu bewahren. Die Schriftrollen Frau Euryales zogen sie jetzt mächtig an; denn sie enthielten den Schlüssel für die Innenräume des Wunderbaues, in dessen Vorhalle sie das Leben selbst und eigenste Erfahrung eingeführt hatten. Bald saß sie, mit dem Rücken nach dem Fenster gewandt, und wickelte das Buch mit dem Evangelium des Matthäus bis zu dem ersten Satze auf, den Frau Euryales Hand mit einem roten Strich ausgezeichnet hatte. Zum Lesen hinter einander fehlte Melissa die Ruhe; denn ungeduldig wie ein Kind, das den neuen Garten zum erstenmal betritt, den die Eltern erwarben, eilte sie von einer anziehenden Stelle zur andern, und jede bezog sie auf sich selbst, denjenigen, den sie liebte, und in anderem Sinn auf den Störer ihres Friedens. Freudigen Herzens glaubte sie jetzt an die Verheißung, auf die sie zuerst stieß, das Himmelreich sei nahe herbeigekommen. Aber ihr Auge schweifte schnell über die aufgeschlagene Rolle weiter und wurde von einem Merkzeichen gefesselt, das ein ganzes Kapitel der Aufmerksamkeit empfahl. Da stand zu lesen, wie Jesus Christus einen Berg erstieg, um zu der großen Volksmenge, die ihm nachgezogen war, zu reden. Von dem Himmelreich und der Seligkeit sprach er, und, wem es vergönnt sein solle, sie zu erwerben. Zuerst wurden die Armen im Geiste genannt, und zu ihnen gehörte sie wohl selber. Unter den am Geiste Reichen war ihr Bruder Philipp gewiß einer der reichsten, und wohin hatte ihn der scharfe Verstand und das rastlose Denken geführt, das dem Gemüte nur so selten Zeit ließ, die Stimme zu erheben? Die Trauernden, hieß es dann, sollten getröstet werden. O, daß es ihr doch möglich gewesen wäre, Frau Berenike an ihre Seite zu rufen und sie mit an dieser Verheißung teilnehmen zu lassen! Und die Sanftmütigen! Vielleicht kamen sie doch einmal zur Herrschaft nach dem Sturze des Wüterichs, der die Welt mit Blut überschwemmte und von allen Menschen auf Erden dem Geiste, der ihr aus diesem Buch mild und herzerwärmend entgegenblickte, am fernsten stand. Zu denen, die da hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, gehörte sie wiederum selbst. Sie sollte gesättigt werden, und Frau Euryale und Andreas hielten den Tisch schon für sie gedeckt. Die Barmherzigen, hieß es weiter, würden Barmherzigkeit finden. Wenn eine, so besaß sie das Recht, sich zu den Friedfertigen zu zählen, und darum wurde auch ihr verheißen, zu den Kindern Gottes gesellt zu werden. Bei dem folgenden Verse richtete sie sich höher auf, und das Antlitz glänzte ihr vor Freude; denn wie für sie gemacht wollt' er ihr scheinen; ja, ihn hier zu finden, kam ihr vor, wie ein beglückendes Wunder; denn da stand zu lesen: »Selig, die da verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihrer ist das Himmelreich, und selig seid ihr, wenn sie euch geschmäht und verfolgt und allerlei Böses nachgesagt haben.« Das alles war ihr selbst in den letzten Tagen begegnet, wenn sie auch nicht um Jesu Christi oder der Gerechtigkeit, sondern nur um der Ihren willen, das Schwerste hatte auf sich nehmen wollen. Und die armen Erschlagenen dort in der Arena! Ob ihrer nicht auch die verheißene Seligkeit harrte? O wie warm hätte sie den Unglücklichen das schönste der Lose gegönnt. Und wenn ihnen ein solches nach dem Tode zufiel, wohin kam dann die Rache ihres blutigen Schlächters? Daß doch die Mutter noch lebte, daß es ihr, Melissa, vergönnt gewesen wäre, sie an diesem großen Seelentroste teilnehmen zu lassen! In einem kurzen Gebete schlug sie die Augen zu der teuren Verstorbenen auf, und als sie die Rolle weiter aufwickelte, traf ihr Blick die Worte: »Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, thut wohl denen, die euch hassen.« Das konnte sie noch nicht, das schien ihr zu viel verlangt, dahin war auch Andreas noch nicht gekommen, doch es mußte ja schön sein und gut, schon weil es den Frieden festigen half, nach dem sie sich brünstiger sehnte als nach jedem andern Gut. Dann las sie: »Denn mit welchem Gerichte ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden,« und es durchschauerte sie kalt, als sie des künftigen Schicksals des Mannes gedachte, der eine fleißige, blühende Stadt mitten im Frieden mit einem mörderischen Ueberfall meuchlerisch heimsuchte, um sie für die flüchtigen Worte und Rufe einiger Spötter und die Enttäuschung zu strafen, die ihm ein geringes Mädchen bereitete. Doch bald atmete sie erleichtert auf; denn da stand zu lesen: »Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgethan werden.« Gab es eine schönere Verheißung? Und an ihr, sie fühlte es, hatte sie sich schon erfüllt; denn nur wie von ungefähr war ihr pochender Finger mit der Thür in Berührung gekommen, und da stand ja das Thor schon offen, und was sie so lange gesucht, da lag es vor ihr! Aber das war ja natürlich; denn der Christengott liebte diejenigen, die sich gläubig an ihn wandten, wie eigene Kinder. Hier stand auch erklärt, warum dem Bittenden gegeben werden und der Suchende finden solle. »Oder,« hieß es da, »welcher Mensch ist unter euch, der, wenn sein Sohn ihn um Brot bittet, ihm einen Stein reichen würde?« Schon um ihrer Friedfertigkeit willen war sie jetzt ein Kind dessen, der diese Frage erhob, und sie durfte nichts als gute Gaben von ihm erwarten. Und was dafür dicht darunter gefordert ward, das erschien ihr so einfach, so leicht erfüllbar und doch so weise. Sie dachte ein wenig nach und fand, daß in diesem Satze, von dem es hieß, er sei das Gesetz und die Propheten, in der That ein Gebot enthalten sei, das, würde es befolgt, jeden einzelnen und die ganze Menschheit schuldlos erhalten und glücklich machen müßte. Dieser Satz, dachte sie, sollte, wie die geflügelte Sonnenscheibe über jeder ägyptischen Tempelpforte angebracht war, über jede Thür und jedes Herz geschrieben werden, damit ihn keiner auch nur einen Augenblick vergesse. Sie wollte ihn im Gedächtnis behalten und sagte ihn sich leise her, und er lautete also: »Alles nun, das ihr irgend wollt, daß die Leute es euch thun, das thut auch ihr ihnen.« In seiner Umkehr aber würde er lauten: »Was Du nicht irgend willst, daß es die Leute dir anthun, das lasse auch ihnen nicht widerfahren.« Da wandte ihr Blick sich nach dem Fenster und dem Stadium hin. Wie glücklich konnte die Welt unter einem Herrscher sein, der diesem Gebot folgte! Und Caracalla? Nein, sie wollte sich nicht mehr durch den Gedanken an ihn die Freudigkeit trüben lassen, die sie erfüllte! Mit einem schnellen Griffe brauchte sie das Elfenbeinstäbchen, das sie inmitten der Rolle gefunden hatte, um sie weiter auseinander zu legen, und ihr Auge traf die Worte: »Kommet her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.« Wenn einem, so galt doch diese herrliche Ladung auch ihr; denn wenigen war wohl Schwereres auferlegt worden. Aber sie kam sich ja schon herrlich erleichtert vor nach dem Furchtbaren, das sie auf der Schwelle der Verzweiflung erlebt, und auch jetzt noch, von drohender Gefahr rings umgeben, war sie weit entfernt, sich beängstigt und niedergedrückt zu fühlen. Nein, ihr Herz schlug nur schneller in hoffnungsreicher Freude, und heißer Dank erfüllte sie, da sie mit neu erwachter, zuversichtlicher Sicherheit sich sagte, einen neuen Führer gefunden zu haben, an dessen liebreicher, mächtiger Hand sie wohlbeschützt dahinschreiten dürfe. Es war ihr, als habe sie eine Phiole voll köstlicher, jede Krankheit heilender Arznei von geliebter Hand zum Geschenk empfangen, als sie auch diesen Spruch sich eingeprägt hatte. Sie wollte nie vergessen, welche freundliche, verheißungsvolle Ladung sie in ihm besitze. Und wenn nicht dem Philipp und dem Vater, so sollte er auch dem armen, geängstigten Alexander zu gute kommen, an den die Ladung des Gottessohnes ja auch ergangen war. Dabei schaute sie so zufrieden drein, als habe sie etwas Herz und Sinn Beglückendes vernommen. Die roten Lippen öffneten sich wieder und ließen die beiden weißen Zähne sehen, die sich immer nur zeigten, wenn sie lächelte und etwas recht Freundliches ihr die Seele bewegte. Sie wähnte sich allein; doch schon während sie den Worten begegnet war, womit der Heiland die Mühseligen und Beladenen zu sich berief, war Frau Euryale durch eine nur ihrem Gatten und ihr bekannte verborgene Thür, die sich geräuschlos geöffnet hatte, in den Versteck Melissas und ihr näher getreten. Erstaunt und befremdet beobachtete die Matrone jetzt die Jungfrau, die sie außer sich, verzweifelnd, mehr als je des Trostes und der Beschwichtigung bedürftig zu finden erwartet. Die Unglückliche mußte ja durch das Geschrei der Ueberfallenen an das Fenster gezogen worden sein und wenigstens einen Blick auf die entsetzlichen Unthaten im Stadium geworfen haben! Hätte Frau Euryale den Schützling überwältigt von dem Uebermaß des Gräßlichen, dessen Zeuge sie geworden, zerrütteten Geistes oder doch wie zermalmt von Schmerz und Jammer wiedergefunden, es wäre ihr verständlicher gewesen. Und da saß das junge Wesen, das sie doch als gut und barmherzig erkannt, und lächelte, und dabei strahlten ihm die Augen, denen eben noch das gräßlichste aller Schauspiele begegnet sein mußte, als stünde in der Rolle auf seinem Schoße das erste beseligende Bekenntnis des Geliebten. Das Buch auf den Knieen Melissas war das Evangelium des Matthäus, das sie heute früh, während jene noch schlief, bei ihr zurückgelassen hatte, um sie zu trösten und ihr einen Blick in die Segnungen des Christentums zu eröffnen. Und nun schienen diese Frau Euryale so heiligen Schriften der Heidin, der Schwester des Skeptikers Philipp, weniger als nichts zu bedeuten. Euryale liebte Melissa; aber noch teurer war ihr das Buch, dessen ergreifendem Inhalt sich das Mädchen so kaltherzig verschlossen zu haben schien. Um Melissas willen war vorhin die Wohnung des Oberpriesters von den Bütteln des neuen Nachtstrategen von oberst zu unterst gekehrt worden, hatte sie geduldig berechtigten Tadel aus dem Munde des Gatten ertragen. Es war ihr ein lieber Gedanke gewesen, diese Jungfrau als neues, reines Lamm zu der Herde des guten Hirten zu führen, der ihr teuer und durch den ihrem getrübten Leben neuer Reiz, ihrem gebeugten Herzen neue Freudigkeit zu teil geworden war. Noch vor wenigen Stunden hatte sie ihrem Freunde Origenes versichert, sie sei einer jungen Griechin begegnet, die ihm beweisen werde, daß eine Heidin, die reinen und mitleidigen Herzens durch die Schule der Leiden gegangen, nur eines Winkes, eines zündenden Wortes bedürfe, um die beseligende Macht des Christentums an sich selbst zu erfahren und sich nach der Taufe zu sehnen. Und nun fand sie diejenige, auf welche sie so schöne Hoffnungen gesetzt, dem Tod und Verderben von tausend Unschuldigen gegenüber, mit lächelndem Munde wieder, und als sei ihr ein Glück widerfahren. Wohin war denn das weiche, liebreiche Herz des Mädchens gekommen, das gestern noch bereit gewesen war, für die Wohlfahrt derer, die ihr teuer, sich selbst zu opfern? War sie, Euryale, alt geworden, um sich von einem Kinde so hinters Licht führen zu lassen? Das Herz schlug ihr schneller vor Enttäuschung, und doch wollte sie die Verirrte nicht ungehört verdammen. So folgte sie einem raschen Drange, nahm die Rolle aus dem Schoße Melissas, und ihre Stimme klang mehr bekümmert als streng, da sie ihr zurief: »Ich hoffte, mein Kind, diese Schriften würden wie schon für viele, so auch für Dich zum Schlüssel werden, der die Pforten der ewigen Wahrheit eröffnet. Ich meinte, sie würden Dich trösten und Dich den Erhabenen lieben lehren, dessen vorbildliches Leben und rührender Tod Dir ja, seit Dir Johanna davon erzählte, nicht mehr fremd ist; ja ich glaubte, sie würden vielleicht in späterer Zeit die Sehnsucht in Dir erwecken, Dich selbst zu uns zu gesellen, die wir . . .« Doch weiter kam sie nicht; denn Melissa war ihr um den Hals gefallen, und während die überraschte Matrone sich von ihren Armen zu befreien suchte, rief das Mädchen halb lachend, halb weinend: »Es hat sich ja schon alles erfüllt, was Du erwartet! Treu dem Erhabenen, den ich liebe, will ich leben und sterben. Ich bin schon die Eure! Ja, Mutter, ich bin es schon vor der Taufe, nach der mich verlangt. Mühselig und beladen war ich wie keine, und das Wort eures Herrn hat mich erquickt. Dies Buch lehrt mich, daß es nur einen Weg gibt zum wahren Glück, und das ist der, den Jesus Christus uns zeigt. O Frau Euryale, wie viel schöner wär' es doch auf Erden, wenn einem jeden ins Herz geprägt wäre, was hier von der Seligkeit steht. Es ist mir, als wär' ich in dieser Stunde zum zweitenmale geboren. Ich kenne mich selbst nicht wieder, und wie ist es nur möglich, daß ein armes Menschenkind in so schrecklicher Not und Gefahr und nach so gräßlichen Greueln sich so dankbar fühlen kann und so voll von der lichtesten Freude!« Da zog die Matrone den Liebling fest an sich, und ihre Thränen benetzten das Antlitz Melissas, und sie küßte sie und küßte sie wieder, und die Heiterkeit der Jungfrau, die sie eben noch so schmerzlich verletzt hatte, kam ihr vor wie das lieblichste Wunder. Ihre Zeit war gemessen; denn sie wurde belauert und benützte die halbe Stunde, in der man die Sicherheitswächter auf den Platz führte, um ihren Bericht in Empfang zu nehmen, zu dem Besuch bei dem Mädchen. So drängte sie denn Melissa zur Eile, und diese erzählte der geliebten Frau mit fliegenden Worten, was sie hier oben erlebt und geschaut, und wie die Schrift des Matthäus für sie zu einer frohen Botschaft geworden, wie sie ihr Trost gespendet und sie während der schwersten Stunden ihres Lebens mit unfaßlicher Freudigkeit erfüllt habe. Da vergaß auch Frau Euryale der Schrecknisse, die sie umgaben, bis Melissa sie in die entsetzliche Wirklichkeit zurückrief; denn gesenkten Hauptes und tief beklommen begehrte sie zu wissen, ob die Freundin nichts über das Ergehen ihrer Lieben erfahren. Da kämpfte die Matrone einen harten Kampf aus. Es fiel ihr so schwer, dem Mädchen das Herz mit Kummer zu belasten, das ihr wie eine jener weißgekleideten Jungfrauen vor Augen stand, die sich zum Taufgang anschickten, und denen man an diesem hohen Feste Geschenke brachte und alles sorglich entzog, was sie beunruhigen und ihnen die stille, heilige Freude der Seele stören konnte. Dennoch verlangte ihre Frage eine Antwort, und so erwiderte sie denn, von den anderen – auch von ihrer Schwägerin Berenike und dem Diodor – wisse sie nichts; ihrem Bruder Philipp aber gehe es übel. Er sei ein edler Mensch, und trotz seiner Irrgänge beim Suchen nach der Wahrheit wohl wert ihres Mitleids. Da begehrte Melissa tief beängstigt zu wissen, was dem Philipp geschehen sei, und Frau Euryale bekannte nun, ohne indes über die Art seines Todes Auskunft zu erteilen, daß er nicht mehr unter den Lebenden wandle. Dann mahnte sie das weinende Mädchen, Trost bei dem Freunde aller Bekümmerten zu suchen, den sie ja nun kenne, und sich in der Zuversicht, daß niemand schwerer heimgesucht werde, als er es zu tragen vermöge, des Schlimmsten gewärtig zu halten; denn wie ein schwarzes Ungewitter bedrohe die Wut des blutigen Tyrannen Alexandria und jeden seiner Bürger. Sie selbst setze sich durch den Gang zu ihr einer schweren Gefahr aus, und erst morgen könne sie wieder nach ihr sehen. Melissas bange Frage, ob ihre Weigerung die Seine zu werden es gewesen sei, die den Caracalla veranlaßt habe, so Entsetzliches über die unschuldige Jugend Alexandrias zu verhängen, konnte die Freundin verneinen; denn sie hatte von ihrem Gatten erfahren, daß es das schändliche Epigramm eines Schülers des Museums gewesen sei, das die Wut des Kaisers entfesselt. Mit warmen, beruhigenden Worten wies Frau Euryale die Jungfrau auf die Nahrungsmittel, die sie in einem Körbchen für sie mitgebracht hatte, zeigte ihr noch einmal die geheime Ausgangspforte und umarmte sie beim Abschied so innig, als habe der Himmel ihr in der neuen Glaubensgenossin die verlorene Tochter zurückgegeben. Dreiunddreißigstes Kapitel. Wieder war Melissa allein. Sie wußte nun, daß Philipp nicht mehr unter den Lebenden wandle. Gewiß war auch er der Wut des Unholdes zum Opfer gefallen, und die Frage, ob er um ihretwillen getötet worden sei, griff ihr mit unabweislicher Gewalt in die Seele. Es war ihr, als sei mit dem Tode dieses hochbegabten, ihr teuren Jünglings ein Eckstein aus dem väterlichen Hause gerissen. In den Liebeskreis, der sie umgab, hatte der Tod eine neue Lücke geschlagen, und sie starrte ihr unheimlich trüb und hohl entgegen. Ein Sturm, und wie leicht konnte dem Gefallenen nachstürzen, was stehen geblieben war. Die Augen flossen ihr über, und der marternde Gedanke, ob der Kaiser den Bruder gemordet, um ihn für die Flucht der Schwester zu strafen, ließ ihr keine Ruhe. Jetzt erst gehörte sie recht zu den Bekümmerten und Bedrängten, und wie sie schon gestern, bevor sie ihn noch recht gekannt, von der höchsten Seelennot getrieben, Jesus Christus angerufen hatte, so erhob sie jetzt wieder Herz und Hände zu ihm, der ihr nun ein Freund war, und erinnerte ihn betend an seine Verheißung, sie zu trösten, wenn sie mühselig und beladen zu ihm komme. Und während sie sich dann das Wesen des Heilands vergegenwärtigte, der das eigene Leben für andere dahingegeben hatte, kehrte ihr alles ins Gedächtnis zurück, was sie für den Vater und die Brüder gewagt, und was die letzte Zeit über sie verhängt, und sie durfte sich bekennen, daß, wenn der Tod den Philipp ereilt hatte, weil Caracalla ihr grollte, sie den Gang zu dem Cäsar doch nur gewagt habe, um die Brüder und den Vater zu retten. Sie hatte nie ein begangenes Unrecht vor sich selbst beschönigt, aber ebenso wenig war ihre klare und wahre Natur je geneigt gewesen, sich selbstquälerisch Vorwürfe zu machen, wo ihr nicht unzweifelhaft vor Augen stand, daß sie gefehlt. In diesem Falle hatte sie sich nicht völlig sicher gefühlt; doch sie mußte nun eines Wortes der Frau Euryale und des Andreas gedenken, das ihr früher unverständlich gewesen war. Jesus Christus, sagte es, habe die Sünden der Welt auf sich genommen. Wenn sie jetzt seine Bedeutung richtig erfaßte, dann mußte der Barmherzige ihr ja eine Schuld leicht vergeben, die sie unwissentlich begangen hatte, und gewiß nicht zu ihrem eigenen Vorteil. Mehr und mehr wurde ihr Gebet zu einem Gespräche mit dem neu gewonnenen Freunde, und als sie es schloß, war sie fest von der Ueberzeugung durchdrungen, daß er wenigstens sie verstehe und ihr nicht zürne. Das beruhigte sie wohl, doch mit der Freudigkeit von vorhin war es aus, und sie konnte auch nicht mehr lesen. Tief bekümmert und je weiter die Zeit fortschritt, desto mehr von neuer Unruhe gequält, eilte sie, als die Sonne tiefer sank, von einer Seite ihres lang hingestreckten schmalen Quartiers zur andern. Die widrigen Darstellungen überall begannen ihr von neuem unerträglich zu werden; in der Nähe ihrer Kammer, im Westen, lag das Stadium mit seinen gräßlichen Bildern, und so wandte sie sich denn dem Ostende der Zimmerreihe zu, um nach der Hermesstraße hinzuschauen, wo es doch wohl nichts so Schreckliches zu sehen gab wie von den Fenstern aus, die gen Abend gerichtet waren. Aber sie hatte sich geirrt; denn als sie auf das Pflaster niederblickte, schwamm auch dies im Blute, und Leiche neben Leiche bedeckte den Boden. Da ergriff sie jähes Entsetzen, und wie von Häschern verfolgt eilte sie bis in die Mitte des langen Quartieres zurück. Dort blieb sie stehen; denn die Schreckensbilder, die sich im Westen boten, waren noch weit furchtbarer als diejenigen, denen sie entflohen war. Dabei erhob sich in ihr die Frage, wer denn hier dem Verruchten, nachdem er die blühende Jugend der Stadt von der Erde getilgt hatte, noch zum Opfer gefallen sein könne. Die Abendsonne warf lange, goldene Strahlen über das Stadium hin in die westlichen Fenster, und Melissa wußte, wie schnell in Alexandria die Nacht der Dämmerung folge. Wollte sie sich mit einem schnellen Blick noch überzeugen, wen da unten die Wut des Tyrannen dem Tode geweiht, so mußte es gleich geschehen; denn der Riesenbau des Heiligtums warf lange Schatten. Entschlossen, sich Zwang anzuthun, und doch zaudernd schritt sie darum dem Fenster zu und sah rasch in die Tiefe. Es bedurfte indes einiger Zeit, bis sie die Kraft gewann, die Einzelbilder da unten zu sondern; denn sie verschmolzen fortwährend vor ihrem widerstrebenden Auge zu einer einzigen, abstoßenden Masse. Endlich gelang es ihr, ruhiger zu schauen und zu prüfen. Nicht haufenweis wie im Stadium, sondern getrennt waren hunderte von Opfern des Caracalla über den Platz bis zum Eingang zur Hermesstraße hingestreut. Da lag ein älterer Mann mit großem Bart – wohl ein Syrer oder Jude, – dort – seine Kleidung verriet es – ein Schiffsführer; und da – nein, sie irrte nicht – der jugendliche Körper, der da regungslos unter ihr lag, war Myrtilos, ein Freund des Philipp, und wie er ein Mitglied des Museums. Neues Entsetzen wollte sie zurücktreiben in ihr schreckliches Versteck. Doch an das Becken des schönen Marmorbrunnens gelehnt, der sich vor dem östlichen Nebenthor des Serapeums dicht unter ihr erhob, lehnte noch eine andere jugendliche Gestalt, die sich regte und nur verwundet sein konnte. Um ihr lockiges Haupt schlang sich ein weißes Tuch, und das erinnerte sie an den Geliebten und fesselte ihr den Blick. Jetzt regte der Jüngling sich wieder, jetzt wandte er das Haupt nach oben, und mit einem leisen Aufschrei streckte sie das Haupt weit vor und schaute und schaute, ohne der Gefahr zu achten, gesehen zu werden und selbst der Wut des Verruchten anheimzufallen. Der Verwundete, der Lebende – da regte er sich wieder – es war Diodor, war ihr Geliebter. Bis der letzte Dämmerschein dem nächtigen Dunkel wich, blieb sie nun am Fenster stehen und heftete mit angehaltenem Atem den Blick auf den Verwundeten. Nicht die kleinste seiner Bewegungen entging ihr, und bei jeder dankte sie, von leisen Hoffnungsschauern ergriffen, dem Himmel und betete für seine Rettung. Endlich entzog auch ihn die wachsende Finsternis den Blicken. Immer dichteres Dunkel drang in die Fenster, und ohne zu denken und zu erwägen, nur getrieben von einem unwiderstehlichen Drange, tastete sie sich in ihr Kämmerchen zurück, wo neben dem Lager die Lampe und der Feuerbohrer standen, entzündete den Docht, und neu beseelt von dem Gedanken, den Verwundeten dem Tode zu entreißen, hielt sie Rat mit sich selbst. Es war ihr ein Leichtes, ins Freie zu gelangen. Sie hatte etwas Geld bei sich, am Peplos trug sie eine Spange, die sie von der Mutter geerbt, mit zwei Gemmen von der Hand des Vaters, und um den vollen Oberarm schlang sich ihr ein goldener Reifen. Dafür konnte sie Hilfe erkaufen. Es kam nur darauf an, sich unkenntlich zu machen. Auf der großen, schwarz beräucherten Metallplatte, welche die Mysten zu kreuzen hatten, denen es oblag, durch das Feuer zu schreiten, lagen Kohlen genug, und in dem Schranke dort hingen Kleider jeder Art. Im Nu hatte sie die ihren abgeworfen, um sich das Antlitz und die weißen, schimmernden Glieder mit Kohle zu schwärzen. Unter dem Nähzeuge, das Frau Euryale zu den Schriftrollen gelegt hatte, befand sich auch eine Schere, und die ergriff das Mädchen und trennte sich mit schnellen, rücksichtslos kräftigen Schnitten das lange, volle Haar, das Entzücken des Alexander und des Geliebten, vom Haupte. Endlich wählte sie einen Chiton, der ihr bis an die Kniee reichte, um sich das Ansehen eines Knaben zu geben. Atem und Hände flogen ihr bei alledem, und schon nahte sie sich der geheimen Thür, um dieser Stätte des Schreckens zu entfliehen, als sie noch einmal mit leisem Kopfschütteln stillstand. Sie hatte Umschau gehalten, und das krause Durcheinander, das sie in dem kleinen Raume zurückließ, widerstand ihrem an Ordnung gewöhnten Sinne; doch diese Mißempfindung, die sie nicht hätte aushalten können, mahnte sie, sich zu sammeln, bevor sie die Zufluchtsstätte verließ, die ihr die Freundin geboten. Besonnen und gewohnt, Rücksichten zu üben, vergegenwärtigte sie sich jetzt schnell, wie schwer es Frau Euryale gefährden könne, wenn die kenntlichen Spuren ihres Verweilens an dieser Stätte einem Unberufenen verrieten, daß sie sich hier aufgehalten habe. Die Güte der mütterlich sorgenden Freundin sollte derselben nicht zum Verderben gereichen. Schnell und mit rüstiger Thatkraft las sie ihre Gewänder vom Boden, fegte sie die langen Haarsträhnen zusammen bis auf die letzte und warf das alles samt dem Nähzeug und dem Korbe, der den Mundvorrat enthalten hatte, in den Ofen neben der Feuerstätte und zündete es an. Die Schere nahm sie als Waffe für den Fall der äußersten Not mit sich. Endlich legte sie die Evangelienbücher zu anderen Schriftrollen, und nachdem ein letzter Umblick sie überzeugt, daß jede Spur ihres Hierseins verschwunden sei, wandte sie sich noch einmal betend an den barmherzigen Tröster der Unglücklichen, der den Verfolgten verheißen hatte, sie zu erretten. Dann öffnete sie die geheime Thür. Hochklopfenden Herzens und doch weit kräftiger von dem Drange, dem Verwundeten zu rechter Zeit Hilfe zu bringen, vorwärts getrieben, als von der Furcht vor der Gefahr, in die sie sich stürzte, huschte sie die verborgene Treppe so schnell hinunter, wie sie es als Kind im Spiele gethan. Wie viel Zeit war bei dem Aufräumen verloren gegangen, das sie doch nicht hatte umgehen können! Es war ihr nicht aus dem Gedächtnis geschwunden, wohin man zu drücken habe, damit der schwere Stein, der den Ausgang verschloß, sich bewege; doch beim Sprunge von den letzten Stufen war das Lämpchen erloschen. Schwarze Finsternis verbarg den glatten Granit, der sie von der Straße trennte. Wenn sie nun ins Freie trat und sie ward von Lictoren oder Häschern bemerkt? Bei diesem Gedanken überfiel sie zum erstenmal die Angst mit voller Gewalt. Jetzt fühlte sie, wie ihr beim Tasten die Hände zitterten und die Stirn sich ihr mit perlendem Naß bedeckte; doch sie mußte zu dem wunden Geliebten! Wo ein Mensch zu verbluten drohte, konnte jeder verlorene Augenblick ein gräßliches »Zu spät« bedeuten. Es war der Tod des Diodor, wenn der Stein sich nicht aufthat. Da löste sie die Hände von dem Granit, und mit dem Aufgebot der ganzen Kraft ihres Willens, zwang sie sich zu ruhigem Erwägen. Wo hatte die Stelle sich befunden, deren Druck den Granit zwang, sich zu bewegen? Es war oben an seiner rechten Seite gewesen, und nun folgte sie der Fuge, in welcher der Stein lag, bedachtsam mit der Hand, und erst nachdem der Tastsinn ihr seine Form vor Augen geführt, suchte sie von neuem. Da berührten ihre Fingerspitzen etwas, das kälter war als der Stein. Sie hatte den metallenen Drücker gefunden! Tief aufatmend und ohne sich durch den Gedanken, was ihr draußen begegnen könne, aufhalten zu lassen, preßte sie die Feder hinunter, die Platte bewegte sich, noch ein Schritt, und sie stand auf der Straße zwischen dem Stadium und dem Serapeum. Alles war still in der Nähe. Nur von dem Platze im Norden des Heiligtums her, auf dem alles, was Waffen trug, zusammengeströmt war, um dem Weine zuzusprechen, der dort als Zeichen der Anerkennung des Kaisers in Strömen floß, und aus dem Innern des Stadiums ließen sich Stimmen vernehmen. Von der Bürgerschaft wagte sich kein Mensch auf die Straße, obwohl das Morden seit dem Untergang der Sonne aufgehört hatte. Was nicht die Waffen des Kaisers trug, hielt sich in den Häusern verschlossen, und wie verödet erschienen Straßen und Plätze, seit sich die Krieger vor dem Serapeum versammelt. Keiner hatte Melissa bemerkt. Die Gefahren, die ihr von ferne her drohten, kümmerten sie jetzt wenig. Sie wußte nur, daß sie vorwärts, schnell vorwärts eilen müsse, um das geliebte Ziel noch zur rechten Zeit zu erreichen. Während sie die Südseite des Heiligtums umging, um zu dem Brunnen zu gelangen, galt es, sich im Dunkeln zu halten. Der Mond war noch nicht aufgegangen, und man hatte bisher weder die Pechpfannen, noch die Fackeln entzündet, die sonst vor der Südfront des Tempels brannten. Man war heute mit anderen Dingen beschäftigt gewesen, und jetzt brauchte man viele Hände, um die Leichen zusammenzuhäufen. Die Männer, deren Stimmen vom Stadium her ihr ans Ohr drangen, hatten schon damit begonnen. Vorwärts, nur vorwärts! Aber damit ging es heute schwerer als in der gestrigen Nacht. Die zarten Sandalen waren ihr schon durchnäßt, und immer wieder gab es Hindernisse zu umschreiten. Sie wußte, daß, was ihr den Fuß befeuchte, Blut, edles Menschenblut sei, und jedes Hindernis, woran er stieß, die Leiche eines Menschen. Doch sie wollte es sich nicht vergegenwärtigen, und als halte nichts sie auf als Wasser und Steine, eilte sie immer mit dem Bilde des an dem Brunnen lehnenden wunden Jünglings vor dem inneren Auge vorwärts, nur vorwärts. So kam sie an die Ostseite des Tempels. Schon hörte sie das Plätschern des Brunnens, sah sie das Weiß des Marmors durch das Dunkel schimmern, suchte sie nach der Stelle, wo sie den Geliebten gesehen. Da stellte sich ihrem Vorwärtseilen ein Hindernis entgegen; denn zugleich mit ihr näherten sich von Süden, von der Mündung der Straße her, die tiefer in die Rhakotis und an den See führte, schwankende mattere und hellere Lichter. Sie befand sich mitten auf der Straße, und außer einer der Nischen im Serapeum hätte sich ihr weit und breit kein Versteck geboten. Sollte sie sich von ihm entfernen? Doch sie mußte ja vorwärts, und an der Außenwand des Heiligtums Schutz suchen, hätte umkehren bedeutet. So blieb sie denn stehen und schaute mit verhaltenem Atem auf die näher kommenden Lichter. Jetzt standen sie still. Waffengeklirr und Männerstimmen waren vernehmbar geworden. Eine Wache hatte die Laternenträger aufgehalten. Es waren dies die ersten Krieger, deren sie ansichtig wurde; die anderen fesselte alle der Wein an den Platz oder die Arbeit an das Stadium. Ob die Soldaten sich auch ihr zuwenden würden? Aber nein! Sie bewegten sich, mit den Fackelträgern voran, der Hermesstraße entgegen. Wer waren die Leute, die da unter den Erschlagenen suchend umherirrten, und sich bald hieher, bald dorthin wandten, bald stehen blieben, als suchten sie etwas? Leichenräuber konnten sie nicht sein; die Wache würde sie sonst festgehalten haben. Jetzt kamen sie ihr ganz nahe, und sie schrak zusammen; denn der eine war ein Krieger. Das Licht der Laterne spiegelte sich in seinem Panzer. Er ging einem Mann und zwei Burschen voran, die einem beladenen Esel folgten, und in dem größeren der jungen Leute erkannte Melissa – und das Herz schlug ihr schneller – einen Gartensklaven des Polybius, der sich ihr oft dienstlich erwiesen hatte. Nun faßte sie auch den Mann näher ins Auge, und es war – trotz des bäuerlichen Aussehens, das ihm seine Kleidung gab, konnte sie sich nicht irren – es war Andreas . . . Da meinte sie, jeder Atemzug ihrer jungen Brust müsse zu einem Dankgebet werden, und bald genug hatte der Freigelassene in dem flinken, schwarzen Knaben, der ihm, wie aus dem Boden getreten, entgegengeeilt war und ihm jetzt den Weg wies, Melissa erkannt, und ihm war, als habe sich ein Wunder begeben. Wie schöne Blumen, die sich auf dem Richtplatz erschließen, den schwarze Raben gierig umkrächzen, erblühte hier mitten unter Tod und Schrecken Freude und Hoffnung in dankbaren Herzen. Diodor lebte. Kein Wort, nur ein rascher Händedruck und ein schneller Blick verkündeten dem reifen Manne und der Jungfrau, die jetzt einem kaum der Schule entwachsenen Knaben glich, was sie empfanden, während sie neben dem Verwundeten niederknieten und ihm den tiefen Schwerthieb in der Schulter verbanden, der ihn zu Falle gebracht. Um weniges später zog Andreas aus dem Korbe, den der Esel trug, und dem er schon Verbandzeug und Arznei entnommen hatte, eine tragbare Sänfte von leichtem Flechtwerk. Endlich hob er Melissa auf den Rücken des Grautiers, und es ging vorwärts. Was es, so lange sie in der Nähe des Serapeums weilten, zu sehen gab, zwang sie, die Augen zu schließen, zumal wenn der Esel ein Hindernis umging, oder wenn das Tier und ihr Begleiter durch schlammiges Naß zu waten hatten. Sie konnte jetzt nicht mehr vergessen, daß es rot sei und woher es komme, und so gab es auf diesem Ritt Augenblicke zu durchleben, in denen sie meinte, vor Grauen und Entsetzen, vor Schmerz und Zorn, vergehen zu müssen. Erst in einer stillen Gasse der Rhakotis, wo es gleichmäßig und ungehindert vorwärts ging, öffnete sie wieder die Augen. Aber ein eigentümlicher, drückender Schmerz, den sie zum erstenmal empfand, hatte sie befallen, und der Kopf war ihr so heiß, daß sie den Andreas, der vor ihr herging, und die Burschen kaum erkannte, die, gestählt durch die Freude, den jungen Herrn am Leben zu wissen, den Diodor in der Hängematte, ohne auszuruhen, weiter und immer weiter trugen. Der Krieger – es war der an den Pontus verbannte Centurio Martialis – begleitete den Zug noch immer, doch der glühende Kopf that Melissa so weh, daß sie sich nicht einmal fragte, wer er sei, und wie er zu ihnen komme. Manchmal regte sich in ihr der Wunsch, sich zu erkundigen, wohin der Weg sie denn führe; doch es fehlte ihr an Willenskraft, die Stimme zu erheben. Als Andreas einmal an ihre Seite trat und sie auf den Centurio wies, ohne den es ihm nimmer gelungen wäre, sie und den Geliebten zu retten, hörte sie nur ein dumpfes Gemurmel, dessen Inhalt ihr entging. Ja, sie wünschte, der Freigelassene möge lieber schweigen, als er ihr sein rechtzeitiges Erscheinen am Brunnen zu erklären begann, das ihr doch wie ein Wunder vorkommen mußte. Das Sklavenzeichen auf seinem Arme hatte ihm geholfen, bis in das Haus des Seleukus zu dringen, wo er von ihr zu hören erwartete. Dort war er von seiner Glaubensgenossin Johanna zu dem Alexander geführt worden, und bei den Aureliern hatte er den Centurio und den Sklaven Argutis getroffen. Dieser war eben von einem Gang zu Frau Euryale zurückgekehrt und beteuerte nun, des verwundeten Diodor ansichtig geworden zu sein. Da hatte Andreas seinem Entschluß, den Sohn des früheren Herrn in Sicherheit zu bringen, Worte geliehen, und der Centurio war von den jungen Tribunen bestimmt worden, dem Freigelassenen den Weg durch die Wachen zu bahnen. Den Esel und die Gartenarbeiter des Polybius hatte die Sperrung der Schiffahrt auf dem mareotischen See in einer Herberge auf der Stadtseite festgehalten, und Andreas sich ihrer umsichtig bedient. Ohne den den anderen Soldaten bekannten Centurio hätten die Wachen den Freigelassenen gewiß nicht bis zu dem Brunnen vordringen lassen, und darum forderte Andreas Melissa auf, dem Krieger zu danken. Doch auch diese Mahnung verklang vor ihrem Ohre, und als der Fremde sie verließ, um sich dem Diodor wieder zu widmen, atmete sie erleichtert auf; denn seine schnelle Rede hatte ihr wehe gethan. Wenn er nur nicht wieder kam, um noch einmal mit ihr zu sprechen! Selbst nach dem Geliebten schaute sie nicht aus. Nichts sehen und hören zu brauchen, schien ihr jetzt das Schönste und Beste. Gewann sie es später einmal über sich, die schweren, schmerzenden Lider zu heben, so nahm sie ärmliche Häuser wahr, die sie noch nicht gesehen zu haben meinte. Daß sie sich dem mareotischen See oder dem Meere nähere, glaubte sie indes zu fühlen; denn feuchte Luft wehte ihr entgegen und that ihrem heißen Haupte wohl. An dem hohen Zaune vor der Hütte dort, die eben das Licht der Laterne traf, hing wohl ein Fischernetz. Es konnte allerdings auch etwas anderes sein; denn die Bilder, die das drückende Auge ihr zeigte, begannen in einander zu rinnen, sich zu verdoppeln und sich mit Regenbogenfarben wunderlich zu umsäumen. Der Körper war ihr so schwer, daß der Geist aufgehört hatte, zu fürchten oder zu hoffen, aber er fuhr doch fort, sich langsam zu regen, während es stumm und ohne Aufenthalt weiter, immer weiter ging durch das nächtliche Dunkel. Als die letzten Hütten hinter ihr lagen, gewann sie es über sich, aufwärts zu schauen. Der Abendstern stand hell am Himmel, und es war ihr, als drehten sich die übrigen Sterne schnell um ihn her. Der Mund war ihr so peinlich trocken geworden, und schon mehrmals hatte sie ein Schwindel ergriffen, der sie zwang, sich fester an dem Sattel zu halten. Jetzt hielten sie vor einem großen Gewässer, und ihr ward ganz wohl und sonderbar leicht zu Mute. Das mußte ja der liebe, ihr so vertraute See sein. Da stand auch schon Agathe und winkte ihr, und neben ihr Frau Euryale unter der schönen Krone einer prächtigen Palme. Heller Sonnenglanz umfloß beide, und es war doch Nacht; denn da blickte ja immer noch der Abendstern zu ihr nieder. Wie war das nur? Doch da sie es zu ergründen suchte, schmerzte sie der Kopf, und der Schwindel erfaßte sie so heftig, daß sie sich über den Hals des Esels lehnte, um nicht zu Boden zu sinken. Als sie sich wieder aufrichtete, sah sie ein großes Boot, und es traten ihnen aus demselben mehrere Leute, und ihnen voran ein großer Mann in einem langen weißen Gewande entgegen. Das war kein Traum, sie fühlte es deutlich. Und doch! Wie kam es, daß die Laterne, die der eine hoch hielt, ihr und nicht ihm den Kopf so stark erhitzte? O, wie er glühte! Und nun drehte sich wieder alles mit ihr im Kreise, und es ward ihr ganz dunkel vor den Augen. Aber nur auf kurze Zeit; denn dann wurde es plötzlich tageshell um sie her, sie hörte eine tiefe, gütige Stimme sich rufen, und da sie mit einem vertrauensvollen »Hier bin ich« antwortete, sah sie einen fremden Mann von erhabenem und doch gütigem Ansehen, wie sie sich den gekreuzigten Heiland der Christen gedacht, in einem weißen Gewande dicht vor sich, und an das Ohr klang ihr die freundliche Ladung, die er an die Mühseligen und Beladenen gerichtet, zu ihm zu kommen, um sich erquicken zu lassen. Wie so mild, wie tröstlich und verheißungsvoll sie klang, und wie gern sie ihr folgte! »Da bin ich!« rief sie zum andernmale, und deutlich sah sie nun, wie sich die Arme des Weißgekleideten ihr entgegen öffneten. Da schwankte sie auf ihn zu und fühlte, wie eine feste Männerhand die ihre freundlich erfaßte, und wie sie sich dann segnend und kühlend niederließ auf ihren glühenden Scheitel. Dann ward es ihr wieder dunkel vor den Augen, und sie sah und hörte nichts mehr. Andreas hatte sie von dem Esel gehoben und stützte sie, während beide Christen dem hilfreichen Krieger dankten. Nachdem dieser versichert hatte, es sei ihm nicht darum zu thun gewesen, ihnen einen Dienst zu erweisen, sondern nur seinen Vorgesetzten den Willen zu thun, und dann schnell im Dunkel verschwand, nahm der Freigelassene Melissa auf die starken Arme und trug sie dem Boote des Zeno, das seiner wartete, entgegen. »Sie fiebert,« sagte der Freigelassene mit einem liebreichen Blick auf die teure Last, die er trug. »Ihre Seele ist stark; den Erschütterungen dieses Tages aber war sie doch nicht gewachsen. ›Du sollst mich erquicken‹ war das letzte Wort, bevor die Sinne ihr schwanden. Ob sie an die Verheißung des Heilands gedacht hat?« »Wenn nicht,« versetzte die tiefe, wohllautende Stimme des Zeno, »wollen wir ihr denjenigen zeigen, der die Kinder zu sich berief und die Mühseligen und Beladenen. Sie gehört zu ihnen, und sie wird erkennen, daß der Herr erfüllt, was er so freundlich verheißt.« »Ein Wort Christi, das Paulus in dem Briefe an die Galater wiederholte,« fügte Andreas hinzu, »hat sie tief ergriffen, und ich denke, daß in diesen Schreckenstagen auch für sie die Zeit sich erfüllte.« Damit betrat der Freigelassene die Brücke, die das Boot mit dem Lande verband, und auf der man auch schon den Diodor an Bord geschafft hatte. Als Andreas Melissa auf die gepolsterte Bank in dem kleinen Kajütenhause niederlegte, atmete er tief auf und sagte zufrieden. »Da sind wir am Ziele.« Vierunddreißigstes Kapitel. Das Abendmahl des Caracalla war beendet, und so ausgelassen, in so toller Laune hatten die Freunde den düsteren Mann seit Jahren nicht gesehen. Wohl waren Theophilus, der Oberpriester des Serapis, der Senator Dio Cassius und einige andere Männer aus dem Gefolge der Tafel fern geblieben; dafür aber hatten ihn der Alexanderpriester, der Präfekt Macrinus und die Günstlinge Theokrit, Pandion, Antigonus und ihresgleichen recht dicht umgeben, ihm zugetrunken und ihm Glück gewünscht zu der herrlichen Rache. Was Geschichte und Sage von ähnlichen Thaten blutiger Vergeltung berichteten, wurde mit der dieses Tages verglichen, und man fand, daß sie alles bisher Dagewesene überbiete. Das freute den halbberauschten Cäsar. Heute erst, versicherte er mit blitzenden Augen, habe er den Mut gefunden, das ganz zu sein, wozu ihn das Schicksal berufen, der Richter und zugleich der Henker der verruchten, verkommenen Menschheit. Wie Titus der Gute genannt worden sei, so wolle er der Schreckliche heißen. Dieser Tag sichere ihm diesen kräftigen, ihm von Herzen wohlgefälligen Namen. »Heil dem Liebenswerten, der doch der Schreckliche sein will,« rief Theokrit und hob den Pokal, und die anderen Tischgenossen stimmten mit ein. Dann wurde auf die Zahl der ums Leben Gekommenen geraten. Niemand konnte sie noch genau bestimmen; denn Zminis, der einzige, der alles zu übersehen vermochte, war noch nicht erschienen. Man riet auf fünfzig, auch sechzig und siebenzigtausend mit dem Tode bestrafter Alexandriner; der Präfekt Macrinus aber versicherte, es müßten hunderttausend und darüber sein, und Caracalla belohnte ihn dafür mit dem lauten Rufe: »Prachtvoll, groß, für den gemeinen Verstand kaum zu fassen. Aber damit ist noch nicht zu Ende, was ich ihnen zugedacht habe. Heute schlug ich ihnen die Glieder wund; doch es geht ihnen auch noch ans Herz, wohin sie mich trafen!« Hier stockte er, und nach einer kurzen Pause recitirte er unvermittelt und als folge er einem plötzlichen Einfall die Verse, mit denen Euripides mehrere seiner Tragödien beschließt: »Viel ordnet und schafft im Olympos Zeus, Auch vieles verhängt unerwartet sein Rat, Und was du gehofft, das vollendet sich nicht, Zum Unmöglichen findet die Bahn ein Gott.« Damit endete diese widrige Verhandlung; denn der Kaiser hatte nach dem letzten Verse den Pokal von sich geschoben und starrte bleich und so stier ins Leere, daß der Leibarzt, der einen neuen Anfall voraussah, schon seine Mittel zur Hand nahm. Der Präfekt der Prätorianer gab den anderen ein Zeichen, des Aussehens ihres kaiserlichen Wirtes nicht zu achten, und er selbst that das Seine, um das stockende Gespräch im Gange zu erhalten, bis Caracalla nach längerer Zeit die Stirn trocknete und mit heiserer Stimme ausrief: »Wo der Aegypter nur bleibt? Die lebenden Gefangenen, die lebenden sag' ich, soll er uns bringen!« Dabei schlug er heftig auf das Tischchen vor seinem Lager, und als hätte ihn das Geräusch des zusammenklirrenden metallenen Geschirres zur Mäßigung ermahnt, fuhr er nachdenklich fort: »Hunderttausend! Würden die Toten hier noch verbrannt, es kostete einen Wald, sie in Asche zu verwandeln.« »Dieser Tag wird ihm ohnehin teuer genug zu stehen kommen,« flüsterte der Alexanderpriester, der in seiner Eigenschaft als Idiolog die Abgaben der Tempel und ihrer Güter in die kaiserliche Kasse abzuführen hatte – seinem Tischnachbar, dem alten Julius Paulinus zu, und dieser erwiderte: »Charon macht heute die besten Geschäfte. Hunderttausend Obolen in wenigen Stunden. Wenn der Tarautas lange an der Herrschaft bleibt, so pacht' ich sein Fährboot.« Während dieses Geflüsters versicherte der Günstling Theokrit dem Kaiser mit lauter Stimme, die Einziehung der Güter der Erschlagenen würde genügen, jede Art der Bestattung und dazu eine recht stattliche Menge von Dankopfern zu bezahlen. »Opfer,« sprach Caracalla ihm nach, wies auf das kurze Schwert, das neben ihm auf dem Polster lag, und fügte hinzu: »Es hat bei dem Werke geholfen. Mein Vater führte es in vielen Schlachten, und ich ließ es nicht rosten. Doch ob es in seinen und meinen Händen zusammen es bis gestern auf hunderttausend brachte, ich möcht' es bezweifeln.« Dann schaute er sich nach dem Oberpriester des Serapis um, und als er ihn unter den Gästen vergeblich gesucht hatte, rief er: »Der würdige Theophilus entzieht uns heute sein Antlitz. Und doch war es sein Gott, in dessen Hand ich die Rache legte. Ihn dauern die Anbeter, die der hohe Serapis verlor, wie Dich, Vestinus – und damit wandte er sich an den Idiologen – die erschlagenen Steuerzahler. Du denkst dabei an meinen Anteil, und das muß ich loben. – Dein Genosse im Dienst des Serapis hat nur für die Größe seines Gottes zu sorgen; doch es gelingt ihm nicht, sich selbst zu ihr zu erheben. Armer Wicht! Ich will es ihn lehren. Hieher Epagathos, und Du, Claudius! Gleich sucht ihr den Theophilus auf. Ueberbringt ihm dies Schwert. Ich weihe es seinem Gotte. Es wird in seinem Allerheiligsten zum Andenken an die gewaltigste aller Rachethaten aufbewahrt werden. Sollte Theophilus die Annahme verweigern . . . Aber nein! Der Mann ist verständig. Er kennt mich.« Hier hielt er inne und schaute dem Macrinus nach, der aufgestanden war, um mit einigen Beamten und Kriegern, die den Saal betreten hatten, zu reden. Sie brachten die Nachricht, daß die parthische Gesandtschaft die Verhandlungen abgebrochen und die Stadt am Nachmittage verlassen habe. Sie wolle kein Bündnis und erwarte das römische Heer. Die Achsel zuckend teilte Macrinus dem Cäsar diese Entscheidung mit, doch verschwieg er die Bemerkung des greisen Führers der Botschafter, daß sie einen Gegner nicht scheuten, der die Feindschaft der Götter durch eine so schnöde Unthat auf sich geladen. »Da hätten wir denn den Partherkrieg!« entgegnete Caracalla, und die Augen blitzten ihm auf: »Meine Lieblinge im Panzer werden sich freuen!« Aber gleich darauf schaute er ernster drein und frug: »Sie verließen die Stadt? Aber sind es denn Vögel? Die Thore und der Hafen waren verschlossen.« »Ein kleines, phönizisches Fahrzeug,« lautete die Antwort, »schlüpfte mit ihnen vor Sonnenuntergang zwischen unseren Wachschiffen durch.« Da scholl ein lautes »Verwünscht« von den Lippen des Kaisers, und nach einem kurzen, leisen Gespräche mit dem Präfekten ließ er Papyrus und das Schreibzeug bringen. Der Senat mußte durch ihn selbst von dem Vorgefallenen unterrichtet werden, und er that es in kurzen Worten. Die Zahl der Gefallenen kannte er nicht, und er hielt es auch nicht für der Mühe wert, sie nur annähernd zu bestimmen. Eigentlich, schrieb er, seien alle Alexandriner des Todes schuldig. Bei Tagesanbruch sollte eine schnelle Trireme den Brief nach Ostia bringen. Wohl fragte er nicht nach dem Urteil des verkommenen Senats, und doch fühlte er, daß es besser sei, wenn die Kunde von den Ereignissen des heutigen Tages durch ihn selbst in die Curie komme, als durch die alles entstellende Stimme des Gerüchtes. Macrinus legte ihm auch nicht wie sonst ans Herz, seinem Brief eine achtungsvollere Form zu geben. Wenn etwas, so konnte diese Unthat ihm helfen, die Voraussagung des Magiers Serapion zur Wahrheit zu machen. Während der Kaiser den Brief noch zusammenrollte, betrat der längst erwartete Zminis den Saal. Der Nachtstratege hatte sich stattlich gekleidet und trug die Zeichen seiner neuen Würde. Unterwürfig bat er wegen seines langen Ausbleibens um Entschuldigung. Er habe sein Aeußeres dem der Gäste des hohen Cäsar anpassen müssen; denn – und nun beschrieb er prahlerisch, wie er selbst im Blute gewatet sei, und wie im Vorhofe des Museums der rote Lebenssaft der Alexandriner seinem Rosse bis an die Kniee gestiegen. Die Zahl der Gefallenen, schloß er auf die Frage des Kaisers mit widrigem Stolz, werde die Hunderttausend, auf die der Präfekt geraten, noch überbieten. »So sagen wir elf Myriaden,« unterbrach ihn Caracalla. »Von den Toten haben wir genug. Jetzt beginnt die Krönung des Tages. Laß die Lebenden bringen!« »Wen?« frug der Aegypter überrascht. Da begannen dem Kaiser die Lider zu zucken, und in bedrohlichem Ton erinnerte er sein blutiges Werkzeug an diejenigen, welche er ihm als Gefangene lebendig vorzuführen geboten. Doch der Aegypter fuhr fort zu schweigen, und zornig kreischte ihm der Cäsar die Frage zu, ob die Tochter des Heron seinem Ungeschick entwischt sei, und ob er auch den Steinschneider und Maler nicht bringe? Da erkannte der blutige Würger, daß das mörderische Schwert des Cäsar sich auch gegen ihn wenden könne. Doch er stand bereit, sich mit allen Mitteln zu wehren. Sein Geist war erfinderisch, und da er voraussah, daß es ihm am schwersten vergeben werden würde, Melissa nicht ergriffen zu haben, suchte er sich mit einer Lüge zu decken. Anknüpfend an einen Vorfall, dem er selbst beigewohnt hatte, begann er darum: »Das schöne Steinschneiderkind war mir schon sicher; denn meine Leute hatten das Haus des Heron umstellt. Aber den alexandrinischen Schurken war zu Ohren gekommen, daß ein Sohn des Künstlers, der Maler, und seine Schwester Verrat an ihren Mitbürgern geübt und Deinen Zorn gegen sie aufgeregt hätten. Ihnen schrieben sie die Strafe zu, die ich in Deinem Auftrage an ihnen vollzog. Besonnenes Erwägen kennt diese Brut nicht, und so fiel sie, bevor wir es hindern konnten, über das unschuldige Bauwerk her. Sie warfen Feuer hinein und brannten und rissen es nieder. Was darin war, ging zu Grunde, und so auch die Tochter des Heron. Das ist leider festgestellt worden. An den Alten und seinen Sohn komm' ich morgen. Heute galt es so fleißig mähen, daß es mit dem Garbenbinden nicht anging. Es heißt, sie wären entflohen gewesen, bevor die Menge sich noch auf das Haus warf.« »Und die Tochter des Steinschneiders?« frug der Kaiser mit unsicherer Stimme. »Ist sie sicher mit dem Hause verbrannt?« »So sicher, wie ich eifrig bestrebt war, die Alexandriner Deine strafende Hand fühlen zu lassen,« entgegnete der Aegypter selbstbewußt und log dann mit frecher Stirn weiter: »Ich trage die Spange bei mir, die sie am Arme trug. Man fand sie an dem verkohlten Körper im Keller. Der Kämmerer Adventus sagt, Melissa habe sie gestern von Dir zum Geschenke erhalten. Da ist sie.« Damit überreichte er dem Cäsar dasselbe schlangenförmige Armband, welches Caracalla vor dem Gang in den Zirkus der Geliebten gesandt. Das Feuer hatte es verletzt, doch war es nicht zu verkennen. Man hatte es unter dem Schutt des zerstörten Hauses gefunden, doch an keines Menschen Arm, und dem Zminis war erst eben durch den Kämmerer, dem er es gezeigt, mitgeteilt worden, daß es der Tochter des Heron gehört. »Auch das Gesicht der Leiche,« schloß der Aegypter den falschen Bericht, »war noch zu erkennen.« »Der Leiche!« wiederholte Caracalla dumpf. »Und Alexandriner, sagst Du, zerstörten das Haus?« »Ja, Herr; eine wütende Rotte, und darunter auch alte Leute: Griechen, Juden, Syrer . . . Was weiß ich? Den meisten war durch das Werk der Rache ein Vater, Sohn oder Bruder in den Hades vorausgesandt worden. Die wildesten Flüche galten dem Maler Alexander, der ja auch in der That Dein Spion war. Die makedonische Phalanx kam indes zur rechten Zeit. Sie erschlug die meisten und nahm auch einige gefangen. Du kannst sie morgen verhören. Was das Weib des Seleukus angeht . . .« »Nun?« fuhr der Kaiser auf, und sein Blick belebte sich aufs neue. »Sie fiel dem Ungeschick der Prätorianer zum Opfer.« »Oho,« unterbrach ihn hier der Legat Quintus Flavius Nobilior, der den Aureliern das Leben des Alexander geschenkt hatte, und auch Macrinus verbat sich beleidigende Bemerkungen gegen die tadellose Truppe, deren Führung ihm zur Ehre gereiche. Doch der Aegypter ließ sich nicht irre machen und fuhr eifrig fort: »Um Vergebung, ihr Herren! Es steht indes fest, daß es ein Prätorianer war – sein Name ist Rufus, und er gehört zur zweiten Kohorte – der Frau Berenike mit einem Lanzenstiche durchbohrte.« Da bat der Flavier ums Wort und berichtete, wie die Gattin des Seleukus den Tod gesucht und gefunden. Er that es, als feiere er den Ruhm einer Heldin, doch schloß er in mißbilligendem Tone mit den Worten: »Leider aber endete die Verirrte mit einem Fluche gegen Dich, mein Cäsar, auf den hochverräterischen Lippen.« »Und der weibliche Heros fand in Dir seinen Homer,« rief der Kaiser. »Wir sprechen uns wieder, mein Quintus.« Damit führte er einen vollen Pokal zum Munde, leerte ihn bis auf den Grund, stieß ihn dann auf den Tisch, daß es dröhnte und rief: »Also keinen, nicht einen von allen, die ich zu fangen gebot, bringst Du? Selbst die schwache Jungfrau, die sich aus dem väterlichen Hause nicht entfernte, ließest Du von rohen Unholden morden! Und das, denkst Du, finde ich löblich? Bis morgen um diese Zeit steht der Steinschneider vor mir und mit ihm sein Sohn Alexander, oder beim Haupt meines göttlichen Vaters – Du endest durch die Bestien im Zirkus.« »Sie fressen nicht ihresgleichen,« nahm sich der alte Julius Paulinus zu bemerken heraus, und der Kaiser nickte ihm zu. Da überlief es den Aegypter kalt; denn diese Bewegung des kaiserlichen Hauptes zeigte ihm, an einem wie lockeren Faden sein Leben hänge. Blitzschnell überlegte er darum, wohin er fliehen könne, wenn es ihm nicht gelang, die Verhaßten zu finden. Fand er Melissa selbst später noch am Leben, um so besser! Man hatte dann eben eine falsche Leiche für die ihre gehalten. Den Armreif konnte ja eine Sklavin, bevor sie mit dem Hause verbrannte, entwendet und sich angelegt haben. Er wußte recht wohl, daß der verkohlte Körper, von dem er gesprochen, der einer feilen Dirne war, die sich wütend den anderen voraus in das Haus der beneideten »Kaisergeliebten« und »Verräterin« gestürzt und dort in dem schnell entzündeten Feuer den Tod gefunden hatte. Einen kurzen Augenblick behielt Zminis übrig, sich der eigenen findigen und behutsamen Klugheit zu freuen; doch dabei bedachte er schon, womit sich der Cäsar vielleicht günstiger für ihn stimmen lassen könne. Von allen Alexandrinern waren dem Caracalla die Mitglieder des Museums am meisten verhaßt. Keines einzigen zu schonen, hatte er ihm dringend eingeschärft, und bei dem Ritte, den der Cäsar unter den Panzerreitern von Arsinoë durch die in Blut schwimmenden Straßen gethan, war er vor den Leichenhügeln im Hofe des Museums am längsten halten geblieben. In dem der Stoa von Athen nachgebildeten Wandelgange, wohin sich ein Dutzend der überfallenen Gelehrten geflüchtet, hatte er sogar etliche mit eigener Hand niedergestoßen. Das Blut an dem Schwerte, das Caracalla vorhin dem Serapis geweiht, es stammte aus dem Museum. Hier hatte der Aegypter das Gemetzel in eigener Person geleitet und gründlich aufgeräumt. Wenn etwas, so war wohl die Erinnerung an die gemordeten Silbenstecher geeignet, den Zorn des Cäsar zu beschwichtigen, und kaum war der Beifallsruf verhallt, den der gegen ihn gerichtete höhnische Ausfall des Prokonsuls erweckt, als Zminis von der großen Mordthat im Museum zu berichten begann. Er durfte sich rühmen, von den hohlen Wortklaubern, aus deren Mitte die Epigramme gegen den hohen Cäsar und seine Mutter stammten, kaum einen verschont zu haben. Lehrer und Schüler, ja selbst die Beamten des Hauses habe die Rache des beleidigten Herrschers ereilt. Von der großen Anstalt, die ja ihren alten Ruhm ohnehin längst überlebt habe, sei nichts mehr übrig als Steine. Die Numidier, die ihm bei diesem Werke geholfen, wären wie berauscht von Blut gewesen und selbst in die Hörsäle der Aerzte und in das Krankenhaus gedrungen, woran jene sich schlossen. Auch dort hätten sie keine Schonung geübt, und unter den Leidenden, die dahin geführt worden seien, um sie zu heilen und den Schülern zu zeigen, sei auch der verwundete Gladiator Tarautas gewesen. Ein Numidier, der jüngste der Legion, ein bartloses Bürschchen, habe den furchtbaren Löwen und Menschenbesieger mit einem Lanzenstich an das Bett genagelt, und dann noch mit dem nämlichen Speer wohl ein Dutzend Gefährten des Tarautas von ihren Leiden erlöst. Während dieser Erzählung starrte der Aegypter, als sehe er, was er schilderte, vor sich hin ins Leere, und das Weiß seiner Augen glänzte dabei unheimlicher denn je aus dem Braun seines Antlitzes. Wie eine redende Leiche stand der hagere, bleiche Mann dem Cäsar gegenüber und nahm nicht wahr, welche Wirkung sein Bericht vom Morde des Gladiators auf ihn übte. Aber bald genug sollte er es erfahren; denn während er noch sprach, hatte Caracalla beide Hände auf das Tischchen neben seinem Lager gestützt und ihm sprachlos ins Antlitz gestarrt. Plötzlich aber war er aufgesprungen und hatte, außer sich vor Wut, dem entsetzten Aegypter das Wort abgeschnitten und ihm entgegengezetert: »Mein Tarautas, der dem Tode kaum entronnene Tarautas. Der tapferste Held unter seinesgleichen, auf dem Krankenlager von einem Barbaren, einem bartlosen Bürschchen, meuchlings ermordet! Und das hast Du, widriges Scheusal, gelitten? Diese Schandtat – Du weißt es, Schurke – wird auf meine Rechnung geschrieben. Auf mich wird man sie wälzen bis ans Ende der Tage, zu Rom, in allen Provinzen, überall! Fluchen wird man mir um ihretwillen, wo ein Menschenherz fühlt und schlägt und eine Zunge sich regt. Und ich? Wann gab ich Dir den Befehl, Deinen Durst nach Blut mit dem der Verwundeten und Kranken zu löschen? Nirgends, nie konnte ich das thun! Selbst der Weiber und willenlosen Sklaven gebot ich zu schonen. Ihr alle seid Zeugen! Doch an mir – ihr hört es – ist es jetzt, für den Meuchelmord der armen Siechen Vergeltung zu üben. Gerächt sollst Du werden durch mich, blutig gerochen, Du tapferer, wackerer Tarantas! – »Her, ihr Lictoren! »Bindet ihn! »In den Zirkus mit ihm zu den für die wilden Tiere bestimmten Verbrechern! »Das Mädchen, dessen Leben ich zu schonen befahl, läßt er vor seinen Augen verbrennen, und die bemitleidenswürdigen Kranken, auf sein Geheiß werden sie von bartlosen Buben erschlagen. Und der Tarautas! Wie alles, was über seinesgleichen hervorragt, schätzte ich ihn und sorgte mich um ihn . . . Um uns zu ergötzen, ihr Freunde, ward er verwundet . . . Die armen Kranken, der arme, brave Tarautas!« Dabei brach er in lautes Schluchzen aus, und es war etwas so Unerhörtes, Unfaßliches, den Mann weinen zu sehen, der sogar beim Tode des Vaters keine Thräne vergossen, daß selbst die Spötterzunge des Julius Paulinus erlahmte. Auch die anderen ringsum schwiegen bang und beklommen, während die Lictoren dem Zminis die Hände fesselten und trotz seines Bestrebens, die Stimme noch einmal zu seiner Verteidigung zu erheben, ihn mit sich fortschleppten und über die Schwelle des Speisesaales stießen. Die Thür schloß sich hinter ihm, und kein Beifallsruf erscholl, obgleich jeder dem Aegypter sein Schicksal gönnte; denn der Kaiser weinte noch immer. War es denn möglich, daß diese Thränen kranken Leuten, die er nicht kannte, und dem rohen Gladiator, dem Tier- und Menschenwürger, galten, der dem Cäsar nichts geboten hatte, als einige Erregung bei rauschenden Schaustellungen im Zirkus? Und doch mußte es so sein; denn bisweilen drang dem Kaiser der leise Ruf: »Die unglückseligen Kranken« und: »Der arme Tarautas« über die Lippen. Und dem Caracalla selbst wäre es in diesem Augenblick nicht möglich gewesen, bestimmt zu sagen, wen er beweine. Er hatte im Zirkus sein Schicksal von dem des Tarautas abhängig gemacht, und wenn er im Andenken an ihn Zähren vergoß, so galten sie wohl weniger dem Gladiator, als dem baldigen Ende des eigenen Lebens, das ihm durch den Tod des Tarautas in Aussicht gestellt wurde. Aber er hatte im Kriege und sonst sich gleichmütig genug den Pforten des Hades genähert, und während er der Kranken und des Tarautas in schmerzlichen Klagerufen gedachte, sah er vor dem inneren Auge kein Siechenbett und weniger noch die gedrungene Gestalt des wilden Zirkushelden, sondern die schlanke und biegsame der anmutigsten Jungfrau, und neben ihr einen geschwärzten, runden Mädchenarm, an dem eine goldene Spange blitzte. Dies Weib! Dies verräterische, schändliche und doch so holdselige, liebenswerte Weib war vor ihm aus der Reihe der Lebenden gestrichen worden, und mit ihm, mit Melissa, die einzige, für die sein Herz je schneller geschlagen hatte, die Wunderthäterin, der die Macht eigen gewesen war, seine Schmerzen zu bannen, deren Liebe – jetzt wollte er daran glauben und glaubte auch daran, obgleich er keine ihrer Bitten, Gnade zu üben, erhört – ihm die Kraft verliehen haben würde, ein milder Wohlthäter des Menschengeschlechtes, ein zweiter Trajan und Titus zu werden. Daß er ihr, wenn sie ihm gefangen zugeführt worden wäre, die gräßlichsten Qualen und einen schimpflichen Tod in der Arena zugedacht hatte, wußte er nicht mehr. Es war ihm, als reiße das Ende der Roxane, mit der sein Lieblingswahn zunichte ging, ihm das Herz in Stücke, und die Jungfrau war es doch wohl, die er mit dem Namen des Gladiators auf den Lippen und mit der Spange, seinem Geschenk, das sie bis ans Ende am Arm getragen haben sollte, vor Augen, so schmerzlich beweinte. Doch es gelang ihm bald, diese weiche Regung zu bemeistern, und er schämte sich, Thränen um diejenige zu vergießen, die ihn betrogen hatte und vor seiner Liebe geflohen war. Nur noch einmal schluchzte er laut auf. Dann erhob er sich und rief den Gästen mit dem Tuch an den Augen in schauspielerischem Pathos zu: »Ja, meine Freunde, erzählt nur jedem, der es hören will, ihr hättet den Bassianus weinen sehen; aber fügt auch hinzu, seine Thränen seien aus Kummer über die Notwendigkeit geflossen, eine so harte Strafe über viele seiner Unterthanen zu verhängen. Sagt ihnen auch, der Cäsar habe aus Mitleid geweint und vor Entrüstung. Oder welchen Guten zwänge es nicht zu Thränen, arme Kranke und Verwundete mißhandeln zu sehen? Welcher Menschenfreund könnte sich enthalten, laut aufzujammern beim Anblick der Ruchlosigkeit, die der heilige Schmerz der Kranken und Wunden nicht hindert, die meuchlerische Hand an sie zu legen? – Damit verteidigt mich vor den Römern, die es lüsten sollte, über die Weichmütigkeit des weinenden Kaisers, des ›Schrecklichen‹, die Achseln zu zucken. Mein Amt fordert Strenge. Und doch, ihr Freunde, ich schäme mich nicht dieser Thränen.« Damit verabschiedete er sich von den Gästen, um zur Ruhe zu gehen, und die Zurückbleibenden hielten jetzt jedes Wort der Rede, ja auch jede Thräne des Cäsar für schmählich erheuchelt. Der frühere Schauspieler Theokrit bewunderte den Herrscher diesmal aus vollem Herzen; denn wie selten gelang es auch den größten Mimen, durch einen bloßen Akt des Willens die Augen von einem Strom wirklicher, warmer Thränen – er hatte sie rinnen sehen – überfließen zu lassen. Während Caracalla mit der Hand in der Mähne des Löwen auf die Thür zuschritt, flüsterte der Prätor Priscillianus dem Cilo zu: »Dein Schüler ist hier am Nil bei den weinenden Krokodilen in die Schule gegangen.« Auf dem großen Platze rasteten die Krieger von ihrem blutigen Tagewerk. Wie in einem Feldlager hatten sie im Angesicht des vornehmsten Heiligtums einer großen Stadt Feuer entzündet. Um jedes her lagen und hockten abteilungsweise die Fußgänger und Reiter und erzählten einander bei dem Wein, den der Kaiser spendete, von den gräßlichen Erlebnissen dieses Tages, deren selbst diejenigen, welche sie reich gemacht hatten, nur widerwillig gedachten. Bei manchem Feuer kreisten silberne und goldene Pokale, die man eben erbeutet, goß man aus Krügen von edlem Metall den Rebensaft in die Becher. Es ging laut her da unten; denn es herrschte zwar nur eine Meinung über das Geschehene; aber es gab doch Liebediener und Ehrgeizige, die es zu verteidigen wagten. Jedes Wort konnte an den Kaiser gelangen, und dieser Tag außer Geld und Gut noch Beförderung bringen. Selbst die Ruhigeren waren noch erregt von der blutigen Aufgabe, die sie erfüllt, und dazu ward über die Beute verhandelt und ein lebhaftes Tauschgeschäft betrieben. Als Caracalla an dem Altan vorbeikam, trat er, von Lichtträgern umgeben, einen Augenblick heraus, um seinen Getreuen für den Gehorsam und die Tapferkeit zu danken, die sie auch heute bewährt. Die hochverräterischen Alexandriner seien nun bestraft, wie sie es verdienten. Je größer die Beute seiner lieben Waffenbrüder sei, um so mehr solle es ihn freuen. Dieser Rede dankte ein Jubelgeschrei, das sie laut genug übertönte; der Cäsar aber hatte seine teuer erkauften Gehilfen ihm schon mit ganz anderer Kraft und Wärme zujauchzen hören. Es gab da sogar ganze Gruppen, die nicht mitriefen oder den Mund nur zum Schein zu öffnen schienen. Sein Ohr war scharf für dergleichen. Welchen Grund hatten sie, nach solcher Beute, obgleich sie noch nicht wußten, daß ein neuer Partherkrieg beginne, der manchem reich Gewordenen ungelegen kommen mochte, unzufrieden zu sein? Das mußte ergründet werden, wenn auch nicht heute. Sicher waren sie ihm; denn sie gehörten dem Meistbietenden, und er hatte dafür gesorgt, daß es keinen im Reiche gab, dessen Mittel den seinen gleichgekommen wären. Aber daß sie sich so lau gezeigt hatten, verdroß ihn. Gerade heute wäre ihm ein enthusiastisch-stürmischer Zuruf wohlthuend gewesen. Das hätten sie sich sagen müssen, und mit stillem Groll betrat er das Schlafgemach. Dort wartete der Freigelassene Epagathos, der alte Adventus und der gelehrte indische Leibsklave Arjuna. Dieser sprach nie ungefragt, und die beiden anderen hüteten sich wohl, das Wort an den Kaiser zu richten. So war es denn ganz still in dem weiten Raume, während der Inder den Gebieter entkleidete. Caracalla behauptete oft, die Finger dieses Mannes hätten an Weichheit und Behutsamkeit nicht ihresgleichen; heute aber zitterten sie, während sie den Lorbeer von dem Haupte des Cäsar lösten und ihm den gepolsterten Panzer aufschnürten. Was da geschehen war, hatte diesem Manne, dem in seiner indischen Heimat die höchste Achtung vor dem Leben, ja auch vor dem der Tiere, von Kind an eingeschärft worden war, die Seele bis ins Innerste erschüttert. Er, der sich nur von Pflanzenstoffen nährte und alles Blutige verabscheute, empfand jetzt einen tiefen Widerwillen gegen alles, was ihn umgab, und große Sehnsucht nach dem stillen, reinen Gelehrtenheim, aus dem man ihn als Jüngling geraubt, war mit wachsender Gewalt über ihn gekommen. Hier war nichts, dessen Berührung ihn nicht verunreinigt hätte, und die Finger zogen sich ihm scheu zusammen, als die Pflicht ihn zwang, den Leib dessen zu berühren, der in der Vorstellung des Inders von Menschenblut troff und den der Fluch der Götter und Menschen wie mit einem Aussatz bedeckte. Arjuna eilte sich, um bald aus der Nahe des Gräßlichen zu kommen, und der Cäsar ließ ihn gewähren und bemerkte weder die Blässe seiner schönen bräunlichen Züge, noch das Zittern seiner schmalen Hand; denn eine Fülle von eigenen Gedanken machte ihn taub und blind für seine Umgebung. Erst drehten sie sich um das Geschehene; als ihm aber der Inder den wärmenden Panzer abgezogen hatte, traf ihn die kühl in das Gemach dringende Nachtluft, und er schauerte zusammen. Wenn das der Geist des erschlagenen Tarautas war, der den Weg durch das offene Fenster gefunden? Der kalte Hauch, der ihm die Wangen berührte, war gewiß kein bloßer Zugwind. Er blies ihn an wie ein menschlicher Atem; und doch war er nicht warm, sondern kalt. Kam er von dem Geiste des Erschlagenen, so mußte er ihm ganz nahe sein. Und der Wahn gewann schnell festere Formen und zeigte ihm eine schwankende Männergestalt, die ihm winkte und ihm die leichte, kühle Hand auf die Schulter legte. Er, der Cäsar, hatte ja sein Geschick an das des Gladiators geknüpft, und nun kam er, um ihn zu mahnen. Doch Caracalla war nicht gewillt, ihm zu folgen und gebot der Erscheinung mit einem lauten: »Fort!«, von ihm zu lassen. Der Inder schrak bei diesem Rufe zusammen und ersuchte den Cäsar, kaum mehr der Sprache mächtig, sich zu setzen, damit er ihm die Schnürschuhe von den Füßen löse, und jetzt erkannte Caracalla, daß ihn nur ein Trugbild geängstigt und zuckte beschämt die Achseln. Während der Sklave die Hände rührte, trocknete er sich die perlende Stirn und sagte sich mit einem überlegenen Lächeln, daß die Geister ja nicht bei Licht und in Gegenwart anderer erschienen. Endlich verabschiedete er den Inder und bestieg das Lager. Das Haupt glühte ihm, und das schnell klopfende Herz hinderte ihn am Entschlafen. Epagathos und Adventus folgten auf sein Geheiß dem Inder in das Nebengemach, nachdem sie die Lampe verlöscht. Caracalla war allein und im Dunkeln. Den Schlummer erwartend streckte er sich aus; doch er blieb so wach wie bei Tage. Immerfort mußte er des Geschehenen denken. Auch sein Feind konnte nicht leugnen, daß es seine Pflicht als Mensch und Kaiser gewesen, die härteste Strafe über diese Stadt zu verhängen, sie seine rächende Hand fühlen zu lassen, und doch begann er, die Ruchlosigkeit des Geschehenen zu empfinden. Er hätte das alles so gern mit einem andern besprochen. Aber Philostratus, der einzige, der ihn verstand, war unerreichbar. Er hatte ihn zu der Mutter geschickt. Und zu welchem Zwecke? Um ihr mitzuteilen, daß er eine Gemahlin nach seinem Herzen gefunden, und um das ihre für sie zu gewinnen. Bei diesem Gedanken wallte das Blut ihm auf vor Scham und Ingrimm. Schon vor der Hochzeit hatte die Erwählte ihm die Treue gebrochen. Vor seiner Umarmung war sie geflohen, jetzt wußte er es, auf Nimmerwiedersehen, in den Tod. Er hätte dem Philostratus gern eine Galeere nachgesandt, um ihn zurückzubringen, doch das Schiff, dessen er sich bediente, gehörte zu den schnellsten der kaiserlichen Flotte, und bei dem großen Vorsprung, den es gewonnen, konnte es schwerlich eingeholt werden. So würde denn der Philosoph in wenigen Tagen der Mutter begegnen, und wenn einer, so verstand er es, die Schönheit und Tugend Melissas mit glänzenden Farben zu schildern. Daß er es gegenüber seiner kaiserlichen Freundin thun werde, unterlag keinem Zweifel. Aber die stolze Julia würde schwerlich geneigt sein, das Steinschneiderkind als Tochter anzunehmen; ja, sie wünschte überhaupt nicht seine Wiedervermählung. Was war er auch ihrem Herzen? Dem Knaben ihrer Nichte Mammaea Der dritte Kaiser nach Caracalla, Alexander Severus. gehörte es, und es sollten sich ja alle Gaben und Tugenden in dem Bürschchen vereinen! Das würde einen Jubel geben unter den Weibern am Hofe der Julia, wenn man erfuhr, daß die erwählte Braut des Cäsar ihn und mit ihm den Purpur verschmähte. Doch lange sollte die Freude nicht dauern; denn die Nachricht von den hunderttausend mit dem Tode bestraften Alexandrinern würde, er wußte es, die Frauen wie ein Peitschenhieb treffen. Es war ihm, als höre er sie heulen und jammern, als sähe er das Entsetzen des Philostratus vor Augen, und wie er mit den Weibern den ungeheuren Frevel beklagte. Er, der Philosoph, war vielleicht ernstlich betrübt, und hätte er ihn heute morgen an seiner Seite gehabt, wäre vielleicht alles anders gekommen. Doch nun war das Unerhörte geschehen, und es galt, die Folgen zu tragen. Die Besseren – sie hatten schon das letzte Mahl nicht mit ihm geteilt – würde, das lag auf der Hand, diese That fern von ihm halten. Dafür brachte sie das Gelichter ihm näher, das er in seine Nähe gezogen. Die Theokrit und Pandion, die Antigonus und Epagathos, den Alexander-Priester, der zu Rom in Schulden erstickt war und den in Aegypten ein weites Gewissen wieder zum reichen Manne gemacht hatte, schloß sie fester an seine Person. »Gesindel!« murmelte er vor sich hin. Wenn Philostratus nur zu ihm zurückkehren wollte! Doch er durfte es kaum hoffen. Die Schlechten sorgten so viel besser um ihren Bestand und ihre Vermehrung als die Guten. Wenn von jenen einer abfiel, gleich wandten ihm die Rechtschaffenen den Rücken, und wenn der Abtrünnige zu ihnen zurückkehren wollte, so wiesen die Guten ihn ab, oder gingen ihm aus dem Wege. Aber die Schlechten wußten den Gefallenen schnell zu finden. Sie hingen sich an ihn und wehrten ihm die Umkehr. Ihre Reihen standen jedem immerdar offen, so fest er sich auch früher zu den Guten gehalten haben mochte. Ausschließlich mit diesem Gelichter zu verkehren, es war abscheulich. In seine Nähe zwingen konnte er jeden. Doch was nützten ihm stumme und dazu widerwillige Genossen! Und wer trug die Schuld, daß er den besten unter den Guten, den Philostratus, fortgeschickt hatte? Sie, von der er Glück und Frieden erwartet, die treulose Betrügerin, die sich mit ihm verbunden zu fühlen versichert hatte, die Gauklerin, in der er die Seele der Roxane vermutet . . . Aber sie war ja nicht mehr. Auf dem Tischchen bei seinem Lager lag – er sah sie auch in der Finsternis vor Augen – unter seinem eigenen Schmuck die goldene Schlange, die er ihr geschenkt, und die noch ihre Leiche geschmückt hatte. Da überlief es ihn kalt, und es war ihm, als tauche aus dem Dunkel ein von Ruß geschwärzter Frauenarm, und als löse sich von seiner Rundung die goldene Schlange und züngle, wie zum Bisse bereit, ihm entgegen. Da schrak er entsetzt zusammen und verbarg das Haupt unter der Decke. Aber beschämt und unwillig über die eigene thörichte Schwäche entzog er sich bald wieder dem dumpfen Versteck, und eine innere Stimme legte ihm höhnisch die Frage vor, ob er immer noch glaube, daß die Seele des großen makedonischen Helden sich seinen Leib zur Wohnung erwählte. Mit dieser stolzen Ueberzeugung mußte es aus sein. Er hatte so wenig zu schaffen mit dem Alexander wie Melissa mit der Roxane, der sie gleichsah. Das Blut gärte ihm heiß in den Adern. So fortzuleben schien ihm unmöglich. Wenn es Tag wurde, mußte es sich ergeben, daß er einer schweren Krankheit verfallen. Der Geist des Tarautas erschien dann wohl wieder – doch nicht nur als nichtiges Trugbild – und machte dem grausen Elend ein Ende. Aber sein Puls, den er selbst befühlte, schlug nicht schneller als sonst. Er hatte kein Fieber, und doch mußte er krank sein, schwer krank. Da stieg es ihm wieder so heiß auf, daß er ersticken zu müssen meinte. Schweratmend richtete er sich in die Höhe, um den Arzt zu rufen. Da gewahrte er Licht durch die angelehnte Thür des Nebengemaches. Man redete darin, und er erkannte die Stimmen des Adventus und des Inders. Dieser war sonst so verschlossen, daß Philostratus sich vergebens bemüht hatte, Näheres über die Lehren der »Brachmanen«, unter denen Apollonius von Tyana die höchste Weisheit gefunden zu haben versicherte, und die Sitten seines Volkes von ihm zu erfragen. Und Arjuna war doch wohl unterrichtet und verstand sogar die Schrift seines Volkes zu lesen. Die parthische Gesandtschaft hatte dies besonders betont, wie sie ihn dem Cäsar als Geschenk ihres Herrn überbrachte. Doch Arjuna würdigte keinen der Fremden, die ihn umgaben, seines Vertrauens. Nur mit dem alten Adventus ließ er sich zuweilen in ein längeres Gespräch ein; denn der Kämmerer trug Sorge, daß er mit der Pflanzenkost genährt ward, an die er, der kein Fleisch über die Lippen brachte, gewöhnt war. Jetzt redete er wieder mit dem Alten, und Caracalla richtete sich auf und legte die Hand an das Ohr. Der Inder hatte sich in eine der Schriften seines Volkes versenkt, die er bei sich führte. »Was liest Du da?« fragte der Kämmerer. »Eine Schrift,« versetzte Arjuna, »aus der man lernen kann, was aus mir und Dir und all den Verbluteten wird nach dem Tode.« »Wer das wüßte,« klang es mit einem Seufzer aus der Brust des Alten, und Arjuna entgegnete entschieden: »Hier steht es geschrieben, und es ist kein Zweifel daran. Willst Du es hören?« »Gewiß!« rief der Alte gespannt, und der Inder begann aus seinem Buche zu übersetzen: »Wenn der Mensch stirbt, so gehen seine Teile dahin, wohin sie gehören: Seine Stimme geht hin zu dem Feuer, sein Atem zu dem Winde, sein Auge zu der Sonne, sein Geist zu dem Monde, sein Gehör wird eins mit dem Raume, sein Leib mit der Erde, sein Selbst verschmilzt mit dem Aether, seine Haare werden zu Gesträuch, die Locken seines Hauptes zu Kronen der Bäume, sein Blut kehrt zum Wasser zurück. So gesellt sich jeder Teil des Menschen wieder dem Teil im Weltall, zu dem er gehört, und von ihm selbst, von seinem eigenen Wesen bleibt nichts übrig als eins, – doch wie das heißt, ist ein großes Geheimnis.« Gespannten Ohres war Caracalla bis dahin dem Inder gefolgt. Seine Rede gefiel ihm. Auch ihn, den Cäsar, mußte der Senat wohl nach dem Tode zu den Göttern gesellen, doch hielt er es für gewiß, daß die Olympier ihn nie und nimmer in ihre Mitte aufnehmen würden. Dazu war er Philosoph genug, um zu wissen, daß nichts Seiendes zu Nichts werden könne. Doch die Rückkehr der Teile seines Wesens in diejenigen des Weltalls, denen sie angehören sollten, diese Ansicht gefiel ihm. In der Lehre des Inders gab es zudem keinen Raum für die Verantwortlichkeit der Seele, für ein Gericht nach dem Tode. Der Cäsar neigte sich auch schon vor, um dem Sklaven zu befehlen, sein Geheimnis zu enthüllen, als Adventus ihm mit dem Rufe zuvorkam: »Mir kannst Du schon anvertrauen, was von mir übrig bleibt, wenn Du nicht die Würmer meinst, die mich fressen und aus mir entstehen. Viel wert ist es gewiß nicht, und ich verrate es keinem.« Da versetzte Arjuna feierlich: »Eines von Dir bleibt bestehen in alle Ewigkeit und geht nicht verloren im Kreislaufe des Weltenlebens, und das ist › die That ‹.« »Das weiß ich selbst,« entgegnen der Alte und zuckte gleichgiltig die Achseln; auf den Kaiser aber wirkte das Wort wie ein Blitzschlag. Atemlos lauschte er zu dem Inder hinüber, um mehr zu vernehmen, doch Arjuna, welcher beschämt wahrnahm, das Höchste an einen Unwürdigen zu verschwenden, las schon weiter, und der Alte streckte sich aus, um ein wenig zu schlummern. Alles blieb still in dem Schlafgemach und seiner Umgebung; nur das schreckliche Wort: »Die That« hallte wider in den Ohren des Mannes, der sich erst eben mit der unerhörtesten aller Schandthaten befleckt. Er konnte nicht los von dem schrecklichen Worte, und alles, was er von Kind an verschuldet, kehrte ihm in die Vorstellung zurück und häufte sich zu einem Berge zusammen, der ihm wie ein Alp die Brust belastete. Die That! Fortleben sollte auch die seine, und mit ihr sein Name, verflucht, verabscheut von den fernsten Geschlechtern. Auch in den Hades trugen die Seelen der Ermordeten die Kunde von den Thaten, die er begangen, und kam der Tarautas und zog ihn sich nach, dann empfingen ihn dort die Legionen der empörten Schatten, – die Hunderttausend – und ihnen voran sein strenger Vater, und die anderen würdigen Männer, die Rom ruhmreich und weise gelenkt, und riefen ihm ins Antlitz: »Hunderttausendfältiger Mörder! Plünderer des Staats! Verderber des Heeres!« und zogen ihn vor Gericht, und bevor noch das Urteil gesprochen, stürzten die Hunderttausend, und ihnen voran das würdigste seiner Opfer, der edle Papinian, auf ihn ein und rissen ihn in Stücke. Im Halbschlaf fühlte er ihre kalten, luftigen Hände am Haupt, an den Armen, überall, wo der kühle Hauch der schwindenden Nacht, der durch das Fenster drang, ihn berührte, und laut aufheulend schnellte er, von einem Schlag der Schattenhand des alten Vindex getroffen, in die Höhe. Da eilten Adventus, der Inder und auch Epagathos, der seine Stimme im zweiten Zimmer vernommen hatte, erschrocken herbei. Von hellem Angstschweiß bedeckt, keuchend, mit stierem Blick fanden sie den Gebieter, und der Freigelassene eilte fort, um den Arzt zu rufen. Als dieser erschien, wies Caracalla ihn ärgerlich aus dem Zimmer; denn er fühlte keine Störung in seinem körperlichen Befinden. Unbekleidet begab er sich an das Fenster. Es währte noch drei Stunden bis zum Aufgang der Sonne. Dennoch befahl er, ihn anzukleiden, das Bad zu rüsten, den Macrinus und andere zu rufen. Lieber in siedendes Wasser als zurück in die Schrecknisse dieses Lagers! Der Tag, das lebendige Leben mußten sie bannen. Aber dem Abend folgte wieder eine Nacht, und wenn sich in ihr und denen, die ihr folgten, wiederholte, was er eben erlitten, so kam er um den Verstand, so wollte er den Geist des Tarautas segnen, wenn er erschien, um ihn sich nachzuziehen in den Tod. Aber die »That,« die schreckliche – der Inder hatte recht – sie blieb hinter ihm auf Erden zurück und lehrte die Menschheit ihm fluchen. Ob es noch Zeit war, ob er noch die Fähigkeit besaß, das Begangene durch edle, durch große, durch herrliche Thaten zu sühnen? Aber die Hunderttausend? Wie ein Wall stellte diese Zahl sich vor jeden Vorsatz, den er zu fassen versuchte, während er mit dem Löwen in das Bad ging, sich in dem lauen Wasser wiegte und endlich unter frischen Linnentüchern rastete. Keiner hatte ihn bisher anzureden gewagt. Sein Aussehen war zu bedrohlich gewesen. In einem Nebenraume des Badezimmers ließ er sich das Frühmahl auftragen. Es war einfach wie immer, und doch konnte er nur wenige Bissen genießen; denn alles schmeckte ihm bitter. Der Präfekt der Prätorianer war geweckt worden, und sein Erscheinen dem Kaiser willkommen. In Geschäften vergaß er am leichtesten, was ihn bedrückte. Je ernster sie waren, desto besser, und Macrinus sah aus, als werde es Wichtiges zu erledigen geben. Des Kaisers erste Frage bezog sich auf die parthische Gesandtschaft. Sie hatte in der That die Stadt verlassen, und es galt, den Krieg vorzubereiten. Caracalla wollte die Verwendung der einzelnen Legionen sogleich ins Auge fassen und die Legaten zu einem Kriegsrat zusammenberufen, doch der Präfekt war bei der vorbereitenden Verhandlung nicht wie sonst bei der Sache. Er hatte etwas mitzuteilen, das dem Cäsar, er wußte es, über alles gehen werde. Wenn es sich bewahrheitete, mußte es ihn vollkommen von den Regierungsgeschäften abziehen, und das bezweckte Macrinus, als er, bevor er die Berufung der Legaten verordnete, scheinbar widerwillig bemerkte, der Cäsar werde ihm zürnen, wenn er durch den Kriegsrat die Mitteilung einer Kunde verzögere, die ihm vorhin zu Ohren gekommen. »Erst die Geschäfte!« rief Caracalla mit abweisender Bestimmtheit. »Wie Du befiehlst. Ich dachte nur an die Versicherung eines Beamten dieses Hauses, daß die Tochter des Steinschneiders – Du weißt ja – noch lebe . . .« Doch weiter kam er nicht; denn Caracalla war jäh aufgesprungen und verlangte mit glühendem Haupte, Näheres zu erfahren. Da berichtete Macrinus, daß vorhin einer der Schlächter im Opferhof ihm mitgeteilt habe, Melissa sei gestern nachmittag gesehen worden, und sie befinde sich im Serapeum. Näheres wußte der Präfekt nicht zu berichten, und nun entsandte ihn der Kaiser sofort, um sich Gewißheit zu verschaffen, bevor er sich selbst an die Prüfung dieser Nachricht begab. Wie neu belebt wandelte er auf und nieder. Seine Augen funkelten, und schnell atmend strengte er sich an, um die Ueberfülle der Vorsätze, Anschläge, Wünsche, die auf ihn einstürmten, in Ordnung zu bringen. Er mußte die Entflohene strafen, aber noch gewisser wollte er sie nicht wieder von sich lassen und ihrer genießen. Wär' es doch angegangen, sie erst den wilden Tieren vorzuwerfen und sie dann neu ins Leben zu rufen, sie mit dem kaiserlichen Diadem zu schmücken und mit allen Gaben zu überhäufen, die Macht und Reichtum zu gewähren vermögen. Jeder Wunsch sollte ihr an den Augen abgesehen werden, wenn sie sich nur wieder entschloß, ihm die Hand auf die Stirn zu legen, ihm den Schmerz aus dem Haupte zu treiben und den Schlaf an sein Schreckenslager zurückzurufen. Er hatte ihr nichts angethan; ja, jede Bitte, die sie an ihn gerichtet . . . Da trat ihm plötzlich das Bild des alten Vindex und seines Neffen vor die Seele, die er trotz ihrer Fürsprache dem Henker überantwortet hatte, und wieder scholl ihm das furchtbare Wort »die That« an das innere Ohr. Wollten ihn die gräßlichen Gedanken auch in den Tag hinein verfolgen? Aber nein! Im wachen Leben gab es so viel, was ihm die Macht verlieh, sie zu zerstreuen. Der Küchenmeister wurde gemeldet; doch was fragte Caracalla nach Zungenkitzel, nun er hoffen durfte, Melissa wieder zu begegnen. Gleichgiltig gab er darum dem geschickten und erfindungsreichen Manne freie Hand. Dem Verschwinden des Koches folgte schnell die Rückkehr des Präfekten. Der Schlächter war zu seiner Nachricht durch einen Genossen gekommen, der Melissa gestern an einem der Fenster der Mysterienräume im obersten Stockwerke des Serapeums zweimal, und zwar am Nachmittag, gesehen haben wollte. Er hatte die Belohnung zu gewinnen beabsichtigt, die für die Einbringung der Entflohenen ausgesetzt worden war, und dem andern Schlächter, wenn er ihm beim Fange des Mädchens Beistand leiste, einen Teil des Gewinnes versprochen. Aber der erstere war um Sonnenuntergang auf die Nachricht hin, daß das Morden eingestellt worden sei, unvorsichtigerweise in die Stadt gegangen und dort von einem trunkenen Soldaten der Scythischen Legion erschlagen worden. Die Leiche des Unglücklichen hatte man aufgefunden, und der zweite Schlächter beteuerte, fest überzeugt von der Wahrheit des Berichtes seines erschlagenen Genossen zu sein, der, wie auch der oberste Opferschauer versicherte, ein nüchterner und zuverlässiger Mann gewesen sei. Diese Auskunft genügte dem Kaiser. Macrinus sollte zunächst den Oberpriester zu ihm führen und dabei Sorge tragen, daß er nichts unternehme, um Melissa neu zu verbergen. Der Schlächter hielt schon im geheimen mit einigen Genossen, die teil an dem Auslieferungslohn haben sollten, seit Sonnenaufgang alle Thore des Serapeums und die Haupttreppe besetzt, welche von den Mysterienräumen in das untere Stockwerk führten. Ungesäumt folgte der Präfekt dem Befehle des Herrschers. Auf der Schwelle begegnete er dem Küchenmeister, der zurückkehrte, um dem Cäsar die Folge der Gerichte zur Begutachtung vorzulegen. Er fand Caracalla verändert, wie verjüngt und in heiterster Stimmung. Nachdem derselbe die Vorschläge des Beamten schnell gebilligt, fragte er ihn, in welchem Teile des Baues die Mysterienräume gelegen seien, und als er erfuhr, daß die Treppe, welche zu ihnen hinanführte, bei der Küche beginne, die für den Bedarf des Cäsar unter den Tempellaboratorien eingerichtet worden war, verhieß Caracalla in beinahe übermütigem Tone, einen Blick in die Werkstätte der Köche zu werfen. Auch den Löwen werde er mitbringen, damit er sich für das gute Fleisch bedanke, das ihm stets geliefert worden sei. Erfreut über die ungewöhnliche Huld des Gebieters, dessen Zorn sich oft genug auch auf ihn entlud, begab sich der Oberkoch an den Herd zurück. Dieser stand in einer weiten Halle, die ursprünglich das größte der Laboratorien gewesen, worin man die Räucherungsmittel für das Heiligtum und die Medikamente für die Krankenstuben des Tempels bereitete. Es schlossen sich an sie kleinere Säle und Zimmer, worin auch jetzt noch einige priesterliche Verfertiger des Kyphi und Arzneibereiter des Tempels thätig waren. Stolz auf die Verheißung des Cäsar berichtete der Küchenmeister seinen Untergebenen, welcher Besuch sie vielleicht erwarte, und begab sich dann auch an die Thür des nächsten, kleinen Laboratoriums, um dem dort arbeitenden alten Pastophoren, dem er manchen guten Dienst verdankte, mitzuteilen, wenn er den Herrscher sehen wolle, brauche er nur das auf die Stiege führende Pförtchen zu öffnen. Er werde gleich mit seinem berühmten Löwen zu den Mysterienräumen hinansteigen. Man brauche sich nicht vor dem Tiere zu fürchten. Es sei zahm, und der Kaiser liebe es wie einen eigenen Sohn. Da murmelte der alte Arzneimischer eine Antwort vor sich hin, die eher einem Fluche glich als dem erwarteten Dank, und der Küchenmeister bedauerte schon, den Löwen vor diesem Manne mit einem »Sohne« verglichen zu haben; denn der Pastophore trug ein dunkles Trauergewand, und zwei blühende Söhne waren ihm gestern mit den anderen Jünglingen im Stadium erschlagen worden. Doch der Vorstand der Köche vergaß bald den Alten; denn es galt, seine Untergebenen anzutreiben, die Stätte ihrer Thätigkeit schnell aufzuräumen und für den hohen Besuch vorzubereiten. Während er bald hier, bald dort selbst Hand anlegte, betrat der Pastophore die Küche und bat, sich ein Stück Hammelfleisch nehmen zu dürfen. Dies wurde ihm mit einem hastigen Wink auf die frisch geschlachteten Tiere gern gestattet, und der Alte machte sich lange am Rücken des einen zu schaffen. Endlich hatte er abgeschnitten, wessen er bedurfte, und mit besonderer Zärtlichkeit blickte er auf das rote, sehnenlose Fleischstück. In seinem Laboratorium riegelte er schnell die Thür zu, und als er es wenige Minuten später verließ, hatte das faltige Gesicht des stillen, friedsamen Greises einen bösen, schadenfrohen Ausdruck gewonnen. Vor der Treppe schaute er sich spähend um; bald aber eilte er behend wie in jüngeren Jahren die Stufenreihe hinan und preßte das Fleischstück bei einer Biegung derselben an den untersten Fuß des Geländers. So schnell, wie er gekommen war, kehrte er zurück, warf durch das offene Laboratoriumfenster einen schmerzlichen Blick auf das Stadium, wo erschlagen lag, was ihm das Leben verschönt hatte, und fuhr sich über die feuchte Wange. Endlich begann er die Arbeit von neuem; doch er war nicht wie sonst bei der Sache. Mit zitternden Fingern wog er Wachholderbeeren und Zedernharz ab und lauschte dabei mit verhaltenem Atem nach der Treppe hin. Jetzt ward es laut auf derselben, und Küchensklaven riefen, der Cäsar komme. Da trat er aus dem Laboratorium hinter die anderen, um auch etwas zu sehen, und ein Bratenwender machte unaufgefordert dem bekümmerten Greise Platz, um ihm die Aussicht nicht zu versperren. War der kleine, junge Mann, der dort seinem Gefolge voran neben dem Oberpriester so heiter und eilfertig die Treppe hinanstieg, das finstere Scheusal, das auch ihm die blühenden Söhne gemordet? Wie so ganz anders hatte er sich den Schrecklichen gedacht. Jetzt lachte der Cäsar sogar, und der stattliche Herr in Purpur hinter ihm – der Küchenmeister sagte, es sei der römische Alexander-Priester, der mit dem Theophilus nicht gut stehe – erteilte ihm eine muntere Antwort. Ob sie des Oberpriesters spotteten? So bleich und verstört war dem Alten das Haupt des Tempels, das er seit vielen Jahren kannte, noch nie erschienen. Und Theophilus hatte Grund zu schwerer Besorgnis; denn ihm ahnte, wen der Kaiser in den Mysterienräumen suche, und daß seine Gattin Melissa in den Gemächern verborgen halte, zu denen er jetzt den Weg wies. Als Macrinus ihn rief, hatte er sich keine Gewißheit verschaffen können; denn der Präfekt war ihm nicht von der Seite gewichen, und Frau Euryale befand sich in der Stadt, um mit anderen Frauen für die Unterbringung und Wartung der Verwundeten zu sorgen, die man unter den Toten gefunden. Den Kaiser freute das veränderte, bedrückte und düstere Wesen dieses sonst so selbstbewußten Mannes; denn er meinte daraus zu ersehen, daß Theophilus Kenntnis von dem Versteck Melissas besitze; und so scherzte er mit dem Alexander-Priester, dem Präfekten Macrinus, dem Günstling Theokrit und anderen »Freunden«, die ihn begleiteten, während er den Oberpriester scheinbar unbeachtet ließ und der Jungfrau mit keinem Worte erwähnte. Kaum waren sie an dem Alten vorübergeschritten und das »Heil dem Cäsar« der Küchendiener eben verhallt, als Frau Euryale, bleich wie der Tod, zu ihnen trat und sie mit zitternder Stimme frug, ob sie ihren Gatten gesehen, und wohin er den Kaiser geführt. Sie war auf halbem Wege zurückgekehrt, um gehorsam dem Drang ihres Herzens, bevor sie an ihr Samariterwerk ging, Melissa in ihrem Versteck zu begrüßen und ihr am Eingang dieses neuen, einsamen und angstvollen Tages das Gesicht einer Freundin zu zeigen. Bei der Antwort, die ihr willig zu teil ward, wankten ihr die Kniee, und der Küchenmeister, der sie taumeln sah, richtete sie auf und führte sie in das Laboratorium, wo die Essenzen des Pastophoren ihr bald wieder die gelähmte Widerstandskraft zurückgaben. Frau Euryale kannte den Alten seit vielen Jahren, und als sie sein Trauerkleid bemerkte, frug sie teilnahmsvoll: »Auch Dich hat es getroffen?« »Alle beide,« lautete die Antwort. »Du warst ihnen ja auch gut. Wie die Opfertiere geschlachtet. Dort drüben im Stadium,« und dabei floß dem Greise Thräne auf Thräne über die faltigen Wangen. Da hob die Matrone die Hände, als wolle sie den Himmel anrufen, diesem Uebermaß des Frevels zu steuern, und im nämlichen Augenblicke scholl von oben her ein lautes Jammergeheul, und ihm folgte ein wildes Durcheinanderrufen männlicher Stimmen. Fassungslos schwankte Frau Euryale an die Treppe. Hatte man Melissa in dem Verstecke gefunden, so war es um ihren Gatten geschehen, und sie trug Schuld an seinem Verderben. Doch die Mysterienräume konnten noch kaum geöffnet worden sein, und das Mädchen war klug und behend und entkam vielleicht, wenn sie die Männer nahen hörte, beizeiten. Atemlos eilte sie an das Fenster. Da unten befand sich der Stein, der Melissa den Ausgang gewähren sollte; aber zwischen ihm und dem Stadium wimmelte es von Menschen, und an jeder Thür des Serapeums, ja sogar vor der nur den Eingeweihten bekannten Granitpforte standen Lictoren und neben den Opferschlächtern andere Bedienstete des Heiligtums, die hier Wache zu halten schienen. Trat Melissa jetzt ins Freie, so war sie eine Gefangene, und es mußte an den Tag kommen, wer ihr das Versteck geöffnet hatte, das sie verbarg. Jetzt jagte Theokrit mit großen Sätzen die Treppe herunter und schrie ihr entgegen: »Der Löwe! Ein Arzt! Wo finde ich Aerzte?« Da wies die Matrone auf den Alten, der zu den Heilkünstlern des Tempels gehörte, und der Günstling schrie ihm nur hastig zu: »Hinaus!« und eilte dann weiter, ohne Frau Euryales Frage nach Melissa zu beachten; der Alte aber lachte ihm heiser nach: »Ich bin kein Tierarzt!« Dann wandte er sich an die Matrone und sagte ernst: »Es ist mir leid um den Löwen. Du kennst mich ja, Frau. Keine Fliege konnt' ich leiden sehen bis gestern. Aber dies Tier! Wie ein eigener Sohn war es dem Bluthund, und er soll auch einmal fühlen, was weh thut. Der Löwe hat sein Teil. Kein Arzt der Welt macht ihn wieder lebendig.« Damit begab er sich gesenkten Hauptes in das Laboratorium zurück; die Matrone aber ahnte, daß dieser stille, gute Mensch trotz seiner weißen Haare zu einem Giftmörder geworden sei, und daß er den Tod des schönen, unschuldigen Tieres verschuldet. Ein kalter Schauer überlief sie. Wohin dieser Unselige trat, wurde das Gute schlecht, und Angst, Elend und Tod traten an die Stelle des Friedens, des Glückes, des Lebens. Auch sie hatte er zu einem Unrecht gezwungen, zur Widersetzlichkeit gegen ihren Herrn und Gemahl. Es sollte sich jetzt rächen, daß sie Melissa trotz seines Verbotes heimlich verborgen. Er und sie mit ihm hatten diese That vielleicht mit dem Leben zu bezahlen; denn wie jäh mußte der Mord dieses Tieres jede wilde Leidenschaft in dem Cäsar entfesseln. Sie wußte, daß Caracalla sie schätzte. Vielleicht schonte er um ihretwillen des Gatten. Aber Melissa? Was würde er über sie verhängen, wenn man sie aus dem Verstecke hervorzog, und man mußte sie ja entdecken! Sie vor die wilden Tiere zu werfen, hatte er gedroht, und sollte sie ihr dies schreckliche Los nicht lieber wünschen als die Vergebung und ein neues Erwachen der Leidenschaft des Kaisers? Bleich und thränenlos, doch bis in die Grundtiefen der Seele erschüttert, lehnte sie sich an die Brüstung der Treppe und sprach ein Gebet, in dem sie sich, den Gatten und Melissa dem Schutze des Himmels befahl. Dann eilte sie die Stufen hinan. Die Flügel der Hauptthür, welche in die Mysterienräume führten, standen weit offen, und der erste, dem sie begegnete, war ihr Gemahl. »Du hier?« frug er leise. »Danken wir den Göttern daß Dich das milde Herz nicht verleitete, das Mädchen hier zu verbergen. Ich zitterte schon für sie und für uns alle. Aber keine Spur von ihr, weder hier noch auf der geheimen Treppe. Welch ein Morgen, und was für ein Tag wird ihm folgen! Da liegt der Löwe des Cäsar! Bestätigt sich sein Verdacht, ward das Tier vergiftet, dann wehe unserer armen Stadt, dann wehe uns allen!« Und des Kaisers Anblick berechtigte zu der schwersten Besorgnis. Eben hatte er sich wieder neben den ermordeten Freund zu Boden geworfen und vergrub mit sonderbar wimmernden Klagelauten das Gesicht in seine prächtige Mähne. Dann hob er das regungslose Haupt des Löwen und küßte ihm das gebrochene Auge; als aber der schwere Kopf des Tieres ihm aus der Hand glitt und auf den Estrich aufschlug, sprang er wieder in die Höhe, schüttelte drohend die Faust und schrie: »Ja, er ward mir vergiftet! Den Thäter her, oder ihr folgt ihm!« Da versicherte Macrinus, daß wenn es in der That der Verruchteste aller Verruchten gewagt, diesem herrlichen, treuen König der Tiere ans Leben zu gehen, man den Mörder zu finden wissen werde; Caracalla aber kreischte ihm die Frage ins Antlitz: »Finden? Von Finden wagt ihr zu reden? Habt ihr mir denn die schon gebracht, die sich hieher verbarg? Fandet ihr sie, oder wo ist sie? Man hat sie gesehen, und sie muß hier sein!« Damit eilte er von einem der schmalen Räume in den andern, riß in unwürdigem Eifer wie ein Sklave, der ein verlorenes Kleinod des Herrn sucht, die Schränke auf, schaute hinter jeden Vorhang, blickte aus der Feuerstelle zu der Esse empor, zerrte die Kleider, hinter denen sie sich verborgen haben konnte, von den Haken, ließ sich die verborgenen Thüren zeigen und eilte die Treppe, auf der Melissa das Freie gesucht, herunter und wieder hinauf. In dem Saale, wo nun Aerzte und ein großes Gefolge den Löwen umstanden, warf Caracalla sich mit triefender Stirn auf einen Sessel und hörte, zu Boden starrend, den Heilkünstlern zu, von denen die meisten Alexandriner waren und, um die Wut des Herrschers nicht noch mehr zu reizen, versicherten, es scheine, als habe den Löwen, der bei geringer Bewegung zu reichlich genährt worden sei, ein Herzschlag getroffen. Und weil das Gift in der That eine schnellere Wirkung geübt, als jedes dem Leibarzt bekannte, schloß auch er, der den Gebieter wie die anderen zu besänftigen wünschte, sich ihrer Aussage an. Doch die wohlgemeinte Deutung der Aerzte wirkte ganz anders, als sie erwartet; denn während die Verfolgung und Bestrafung eines Mörders den Rachsüchtigen beschäftigt, ihn auf neue Gedanken gebracht und, ergriff man den Frevler, beruhigt hätte, sah er nun den Tod des Löwen als einen neuen Streich des Schicksals gegen seine Person an, und in dumpfem Groll sich selbst verzehrend, murmelte er wilde Verwünschungen vor sich hin und gebot dem Oberpriester höhnisch, ihm die Opfer zurückzugeben, die er an seinen Gott vergeudet, der so tückisch sei und ihm feindlich wie alles in dieser verruchten Stadt. Dann stand er wieder auf, befahl den anderen, von der Leiche des Löwen zurückzutreten, und blickte lang, lang zu ihm nieder. Dabei zeigte ihm die erregte Einbildungskraft, wie Melissa das herrliche Tier streichelte, und wie es den harten Boden mit dem Schweife schlug, wenn es den leichten Schritt ihrer kleinen Füße vernommen. – Er hörte den Wohllaut ihrer Stimme, wenn sie dem Löwen schmeichelnd zusprach, und wieder fuhr er auf und begann die langen Räume zu durchsuchen, und rief, der Anwesenden nicht achtend, laut ihren Namen, bis Macrinus es wagte, ihm zu versichern, die Nachricht des Opferschlächters sei falsch gewesen. Er müsse eine andere für die Jungfrau gehalten haben; denn es sei sicher bestätigt worden, daß Melissa im Hause ihres Vaters verbrannt sei. Da blickte er mit einem gläsernen, irren Blicke dem Präfekten ins Antlitz, und dieser wich entsetzt von dem Unglücklichen zurück, als er plötzlich laut aufschrie: »Die That, die That,« und sich dabei mit der Faust vor die Stirn schlug. Von diesem Augenblick an verlor Caracalla das Vermögen, die bunten Wahnbilder, die ihn verfolgten, von der Wirklichkeit zu sondern. Fünfunddreißigstes Kapitel. Acht Tage später ließ Caracalla Alexandria hinter sich, um in den Partherkrieg zu ziehen. Was den Unglücklichen so schnell aus dem verhaßten Orte vertrieb, war die marternde Angst, dem Schicksal seines Löwen zu verfallen und von den Dämonen, die hier seine Frage an das Schicksal vernommen, dem gemordeten Tarautas nachgesandt zu werden. Durchaus irrsinnig war er nicht; denn den Wahnvorstellungen, die ihn quälten, folgten oft viele Stunden, in denen er ungetrübten Geistes sprach, Erkundigungen einzog und Befehle erteilte. Besonders ängstlich floh seine Seele jede Erinnerung an die Mutter, den Theokrit und alle, denen er früher seine Achtung geschenkt und deren Urteil ihm nicht gleichgiltig war. In steter Furcht vor dem Dolch eines Rächers, die der Arzt sich, wie manche andere Sonderbarkeit, zu den krankhaften Erscheinungen seines Geisteslebens zu rechnen scheute, zeigte er sich nur noch den Kriegern, und oftmals sah man ihn sich mit einem Brei, den er selbst gekocht, sättigen, um dem Gift zu entgehen, womit man seinen Löwen gemordet. Die marternde Empfindung, von der ganzen Welt gehaßt, verabscheut, verfolgt zu werden, verließ den Unglücklichen niemals. Bisweilen erinnerte er sich, daß einmal eine schöne Jungfrau für ihn gebetet; – wenn er aber versuchte, sich ihr Bild ins Gedächtnis zu rufen, sah er nur den geschwärzten Arm mit der goldenen Schlange, der ihn schon in der Nacht nach der furchtbarsten seiner Blutthaten geängstigt, sich gegen ihn erheben. Und jedesmal ward er bei seinem Anblick an das Wort erinnert, das seine Seele auch jetzt noch am meisten quälte: die That . Seine Umgebung, die es ihn bei Tag und Nacht angstvoll vor sich hinrufen hörte, erfuhr nie, woran er dabei denke. Als wilde Tiere den verurteilten Zminis in der Arena zerrissen, geschah es vor einem halb leeren Zuschauerraume, obgleich mehrere Legionen in den Zirkus kommandirt worden waren, um die Sitzreihen zu füllen. Ein großer Teil der Bürgerschaft war ja ermordet, der Rest aber hatte näher oder ferner stehende Liebe zu betrauern und blieb auch, um dem Verhaßten aus dem Wege zu gehen, von den Vorstellungen fern. Der Präfekt Macrinus leitete beinahe unbeschränkt die Geschäfte der Regierung, denen der früher arbeitsame und seiner Herrscherpflichten sich wohl bewußte Cäsar nunmehr aus dem Wege ging. Schon in Alexandria sah der Emporkömmling, wie die Voraussagung des Magiers Serapion sich der Erfüllung näherte. Er blieb auch mit dem Zukunftskünder in enger Verbindung; – doch dieser ließ sich nur noch einmal kurz vor dem Aufbruch des Cäsar zu einer Geisterbeschwörung bestimmen; denn sein flinker Gehilfe Kastor hatte bei dem großen Gemetzel das Leben gelassen, während er, angetrieben durch den reichen Einbringerlohn und seinen glühenden Haß gegen den Alexander, ausgegangen war, um den Versteck des Malers und seiner Schwester zu suchen. Als der unglückliche Kaiser endlich an einem regnerischen Morgen, verflucht von zahllosen trauernden Vätern, Müttern, Witwen und Waisen und zu Grunde gerichteten, fleißigen Menschen, Alexandria verließ, war es, als sei die gemißhandelte, einst so übermütige Stadt von einem schweren Alpdruck befreit. Diesmal schien nicht dem Cäsar, dessen Leben sich auf immer verdunkelt hatte, wohl aber der Bürgerschaft, die er so grimmig gehaßt, der trübe Himmel neues Glück zu verheißen, und Hunderttausende blickten dankbar und hoffnungsfroh ins Leben, trotz der Trauergewänder und Witwenschleier, die sie trugen, trotz der grausamen Hindernisse, welche die Bosheit des geistig »Belasteten«, der sie beherrschte, dem neuen Erblühen ihrer Stadt in den Weg gelegt hatte; denn es war der Befehl des Caracalla ergangen, den großen Handelsplatz durch eine Mauer in zwei Teile zu zerschneiden. Auch dem wissenschaftlichen Leben der Bevölkerung, dem die Stadt einen Teil ihrer Größe verdankte, hatte er den Todesstoß zu versetzen gemeint, indem er die gelehrten Anstalten aufzuheben und die Theater zu schließen befahl. Herz und Sinn empörend waren die Andenken, welche der Unglückliche in Alexandria zurückließ, und es ballten sich den Bürgern die Fäuste, wenn sein Name genannt ward. Doch die scharfen Zungen hatten aufgehört zu spotten und zu scherzen. Die meisten Epigrammatarier waren auf ewig verstummt, und den leichten Witz der am Leben gebliebenen lähmten noch auf lange Monate schwere Flüche oder bittere Thränen. Jetzt – vierzehn Tage nach dem Abzug des Schrecklichen – öffneten die Läden und Magazine, die man aus Furcht vor plündernden Soldaten geschlossen, sich wieder. In den stummen und verlassenen Bädern und Schenken ward es von neuem lebendig; denn man fürchtete sich nicht mehr vor den Beleidigungen übermütiger Krieger und den horchenden Ohren der Angeber und Häscher. Frauen und Mädchen wagten sich wieder auf die Straße, der Markt füllte sich mit Händlern, und aus wohl bewachten Verstecken traten die Vielen hervor, die sich eines unvorsichtigen Wortes bewußt waren oder erfahren hatten, daß man sie wegen eines Pfiffes im Zirkus oder eines andern Frevels verdächtigt. Auch die Werkstätte des Bildhauers Glaukias auf dem Grundstück des Heron öffnete sich wieder. In dem Kellerraume unter dem Estrich derselben hatte sich der Steinschneider mit dem Polybius und seiner Schwester Praxilla verborgen; denn der bequeme alte Herr war nicht zu bestimmen gewesen, das Schiff zu besteigen, welches Argutis schon für ihn gemietet. Lieber hätte er sterben wollen, als Alexandria verlassen. Er fühlte sich auch zu verwöhnt und leidend, um die Unbilden einer Seefahrt auf sich zu nehmen. Und dies eigensinnige Beharren war ihm zum Guten gediehen; denn das Schiff, das ihn hatte fortführen sollen, war zwar vor dem Befehle, den Hafen zu sperren, ausgelaufen, doch von einer kaiserlichen Galeere eingeholt und zurückgebracht worden. Der Einladung des Heron, seinen Versteck zu teilen, war der alte Herr dagegen gern gefolgt. Jetzt traten beide ins Freie; doch hatten die letzten Wochen sehr verschieden auf sie gewirkt. Der Steinschneider sah aus wie sein eigener Schatten und hatte die aufrechte Haltung verloren. Er wußte zwar, daß Melissa am Leben und der verwundete Alexander von Andreas zu dem Christen Zeno geschafft worden sei, und dort der Genesung entgegengehe; doch der Tod seines Lieblingssohnes Philipp fraß ihm an der Seele, und dazu trug er es schwer, daß sein Haus zerstört und verbrannt worden war. Sein verborgenes, mit ihm selbst gerettetes Gold hätte ihm gestattet, ein weit schöneres an seine Stelle zu setzen, doch daß es die eigenen Mitbürger gewesen, die es überfallen, that ihm weher als alles andere. Das belastete ihm die Seele und machte ihn still und kleinlaut. Die alte Dido, die das Leben mehr als einmal aufs Spiel gesetzt hatte, damit es den Versteckten an nichts fehle, sah ihn deswegen wehmütig an und betete zu den verschiedenen Göttern, denen sie diente, daß sie ihrem guten Herrn die Kraft zurückgeben möchten, einmal wieder recht laut zu fluchen und zu wettern; denn sein mildes Wesen erschien ihr unnatürlich, schrecklich und wie ein Vorbote seines nahenden Endes. Auch die behäbige Witwe Praxilla war bleich und magerer geworden, doch hatte die alte Dido beim Bereiten der Speisen viel von ihr gelernt. Nur Polybius war munterer denn je. Er wußte, daß der Sohn und seine Braut den furchtbarsten Gefahren entronnen seien. Das machte ihn froh, und dazu hatte seine Schwester das Unmögliche geleistet, um ihn seinen Koch nicht zu schwer vermissen zu lassen. Trotzdem waren die Mahlzeiten manchmal schmal genug ausgefallen, und die erzwungene Mäßigkeit hatte ihn von der Gicht befreit und ihm auch sonst so wohl gethan, daß, als Andreas ihn ans Licht führte, der große, mehr als wohlbeleibte Herr ausrief: »Ich fühle mich so leicht wie ein Vogel. Hätt' ich Flügel, schwäng' ich mich gleich über den See zu dem Jungen. Aber auch Du trugst dazu bei, mich leichter zu machen, mein Bruder.« Damit legte er dem Freigelassenen den Arm um die Schultern und küßte ihm die Wangen. Es war das erstemal, und er hatte ihn auch nie zuvor seinen »Bruder« genannt. Doch seine Lippen folgten einem Befehle des Herzens. Das bewies der feuchte Blick seines Auges, der das des Freigelassenen suchte, das auch nicht trocken blieb. Polybius wußte, was der Christ für den Sohn und Melissa, für ihn selbst und das Seine gethan, und sein Scherz, Andreas habe auch ihn leichter gemacht, bezog sich auf die letzte Mitteilung desselben. Der neue Statthalter Julianus, der jetzt an Stelle des Titianus in der Präfektur residirte, benützte die Lage des Bedrohten, um Geld zu erpressen, und es war dem Andreas gelungen, ihn durch Zahlung einer großen Summe zu bestimmen, ein Schriftstück zu unterzeichnen, das den Polybius und seinen Sohn von jeder Schuld freisprach und den Kriegern und Sicherheitswächtern befahl, seine Person und Habe unangetastet zu lassen. Dies Dokument verbürgte dem fröhlichen Herrn eine ruhige Zukunft nach seinem Herzen und füllte das Maß des Dankes, den er dem Freigelassenen schuldete, bis über den Rand. Und dem Andreas war es, als habe Kuß und Brudergruß des früheren Herrn seine volle Wiederaufnahme unter die Freien erst recht besiegelt. Einen andern Lohn als denjenigen, welchen er eben empfangen, begehrte er nicht, und noch ein anderes machte das Herz ihm froh bis zum Ueberfließen. Er wußte jetzt, daß für die Tochter der einzigen, die er je geliebt, die Zeit sich im wahren Sinne erfüllt, daß der gute Hirte sie zu seiner Herde berufen habe. Und er durfte sich dessen ungetrübt freuen; denn es war ihm mitgeteilt worden, daß auch Diodor den Weg betrete, auf den er ihn bis dahin vergeblich gewiesen. Eine stille Heiterkeit, welche alle, die ihn kannten, überraschte, erfüllte den ernsten Mann; denn für ihn lag das Wesen der christlichen Lehre in der Auferstehung, und staunend sah er aus dem Tod ein wunderbares, neues Leben erwachsen. Auch für Alexandria schien die Zeit sich zu erfüllen; denn scharenweis drängten sich Männer und Weiber zur Taufe. Die Mütter führten die Töchter, die Väter die Knaben mit sich. Aus dem kleinen Christenbunde machten diese Schreckenstage eine große, nach Zehntausenden zählende Gemeinde. Caracalla verkörperte vielen das Heidentum mit seinen blutigen Opfern, seiner Lust an Kampf, seiner Verherrlichung der Rache und seiner Blindheit, die, um den Genuß der kurzen Lebenszeit nicht zu trüben, die Sorge für das Schicksal der ewigen Seele von der Hand wies. Daß das Schwert, welches die Söhne der Bürger zu zehntausenden geschlachtet, dem Serapis geweiht und von ihm angenommen worden war, entfremdete viele dem höchsten Gotte der Stadt. Die Nachricht, der Oberpriester Theophilus habe gleich nach dem Abzuge des Cäsar sein Amt niedergelegt und Hand in Hand mit seiner allverehrten Gattin Euryale durch den gelehrten Priester Clemens, ihren Freund, die Taufe empfangen, bestärkte viele in dem Verlangen, in den Christenbund aufgenommen zu werden. Nach diesen blutigen Schrecken, diesen Orgien der Feindseligkeit und der Rachlust, sehnte sich jedes Herz nach Liebe, nach Frieden, nach brüderlicher Eintracht. Wer hätte dem Tode in den letzten Tagen ins Antlitz geschaut und nichts Näheres über den Glauben zu erfahren gesucht, der da lehrte, dem Leben jenseits des Grabes dem hienieden den Vorzug zu geben, und dessen Bekenner versicherten, dem Tode entgegenzusehen wie der Bräutigam der Hochzeit? Man hatte den Menschen und jedes seiner Rechte mit Füßen treten sehen und öffnete das Ohr weit, wenn man von einer Lehre vernahm, welche der Menschheit die höchste Würde zuerkannte, indem sie jeden, auch den Geringsten, zu einem Kinde Gottes erhob. Man war gewohnt, zu unsterblichen Wesen zu beten, die in vornehmer Abgeschlossenheit ein wüstes Genußleben an den goldenen Tafeln im olympischen Festsaale führten, und nun hörte man von den Christen, ihre Kirche sei die Gemeinschaft der Gläubigen mit ihrem väterlichen Gotte und seinem Sohne, der sich in Menschengestalt unter die Sterblichen gemischt und weit mehr für sie gethan als ein Bruder, indem er aus Liebe zu ihnen den schmachvollen und schmerzhaften Tod am Kreuze auf sich genommen. Den gebildeten Alexandrinern war es aus hundert Gründen längst widersinnig erschienen, sich die Gunst der Gottheit durch blutige Opfer zu erkaufen. Schon manche philosophische Genossenschaft, und besonders die der Pythagoräer, untersagte blutige Darbringungen und gebot, nicht zu opfern, um Glück zu erkaufen, sondern nur um die Götter zu ehren, und nun sahen sie die Christen, statt zu opfern, ein Liebesmahl feiern. Das, hieß es, solle sie an ihre geschwisterliche Zusammengehörigkeit und den gekreuzigten Meister erinnern, dessen aus Liebe vergossenes Blut sein himmlischer Vater angenommen habe an Stelle jedes andern Opfers. Der freiwillige, schmerzliche Tod ihres Heilandes sollte die Seele der Christen von Sünden und Verdammnis erlösen, und viele, die in den jüngst vergangenen Schreckensstunden schon trostlos auf der Schwelle des Jenseits gestanden, drängte es, teilzunehmen an diesem göttlichen Gnadengeschenke. Ein schöner, weiser, überzeugender Bibelspruch nach dem andern ging von Mund zu Mund, und ein Wort des Christen Clemens, dessen hohe Gelehrsamkeit bekannt war, erwies sich als besonders wirksam. Er hatte gesagt, der Glaube sei die durch die Offenbarung gewonnene Kenntnis der göttlichen Dinge, doch die Wissenschaft müsse den Beweis dafür liefern, und dieser Satz veranlaßte auch viele geistig Hochstehende, es mit der neuen Lehre zu versuchen. Am tiefsten ergriffen waren freilich die unteren Schichten des Volkes, die Armen und Sklaven, und mit ihnen die Trauernden und Bedrückten. Es gab ihrer jetzt viele; denn Zehntausende hatten ja ihr Liebstes verbluten sehen, und andere wunden Leibes die Gesundheit und dazu Hab und Gut in wenigen Tagen verloren. Wie der gefährdeten Melissa, so scholl ihnen allen der Ruf des Heilandes an die Mühseligen, die Belasteten und Notleidenden, zu ihm zu kommen, um sich erquicken zu lassen, wie ein neuer Hoffnungsgruß an das Ohr und in die Herzen. Sie sahen bei seinem Klange das Knospen eines neuen Seelenfrühlings vor Augen, und wer einen Christen kannte, der trat ihm näher, um mehr von dem mildherzigen Tröster, dem Kinderfreunde, dem lieb- und hilfreichen Gönner der Armen, der Schmerzensreichen und Unterdrückten zu hören. Volksversammlungen waren von der neuen Obrigkeit verboten worden, doch das Gesetz des Aelius Marcianus gestattete Zusammenkünfte zu religiösen Zwecken, und darauf verwies der gelehrte Sachwalter Johannes die Glaubensgenossen. Ganz Alexandria ward zu ihnen berufen, und das Wort, womit Andreas die erste eröffnete: »Da aber die Zeit sich erfüllet«, ging von Mund zu Mund. Sah man ab von derjenigen, welche der Geburt Jesu Christi vorangegangen war, ließ dies Bibelwort sich aber auch auf keine Zeit besser beziehen, als auf die des Mordes und Entsetzens, die man eben durchlebt. Hatte sich je ein kenntlicherer Markstein zwischen vergangenen und kommenden Tagen erhoben? Aus dem alten, eitlen, sorglosen Leben, dem so furchtbare Schrecken ein Ende bereitet, sollte jetzt ein neues des Friedens, der Liebe, der frommen Sorge für das Schicksal der Seele erwachsen. Wohl füllte noch die Mehrzahl der Bürgerschaft, und an ihrer Spitze was reich und vornehm war, die heidnischen Tempel, um dort den alten Göttern zu dienen und ihre Gunst durch Opfer zu erkaufen; doch die wenigen kleinen christlichen Kirchen faßten nicht mehr die Zahl der Gläubigen, und diese hatten ein neues Aussehen gewonnen; denn die Gemeinde bestand nicht mehr fast ausschließlich aus geringen Leuten und Sklaven. Nein, Männer und Frauen aus den angesehensten Häusern der Stadt waren ihr jetzt zugeströmt, und dieser Gemeinde – der beredte Bischof Demetrius, der auch den heidnischen Philosophen an Kraft und Bildung des Geistes überlegene Origenes, der feurige Andreas und viele andere Berufene wußten es und verkündeten es laut: Dieser Gemeinde gehörte die Zukunft. In gleich glückseliger Herzenserhebung hatte der Freigelassene noch nie gelebt, und wenn er auf sein vergangenes Dasein zurückblickte, kam ihm oft voll dankbarer Freude das Wort von den Letzten, welche die Ersten sein, und von den Erniedrigten, welche erhöht werden sollten, in den Sinn. Wären die Toten vor seinen Augen aus den Gräbern erstanden, es hätte ihn kaum in Erstaunen gesetzt; denn Wunder auf Wunder war ihm in diesen letzten Tagen begegnet. Das meiste, was seine Seele sehnlich gewünscht, wofür er gebetet und gefleht, es war in einer Weise in Erfüllung gegangen, die seine Hoffnung weit überbot, und durch wie viel Blut und Entsetzen hatte der Herr die Seinen geführt, um sie das höchste der Ziele finden zu lassen! Von Frau Euryale wußte er, daß sein Verlangen, Melissas Seele für den Glauben zu gewinnen, sich erfüllt habe, und daß sie nach der Taufe verlange. Noch war es ihm nicht von ihr selbst bestätigt worden; denn neun Tage lang hatte sie, von einem hitzigen Fieber ergriffen, zwischen Leben und Tod geschwebt, und seitdem war er eine volle Woche in der Stadt zurückgehalten worden, wo es galt, die Angelegenheiten des Polybius zu ordnen. Heute war die Aufgabe gelöst, die er sich zu einem guten Ende zu führen vorgesetzt hatte. Er konnte die Stadt verlassen und wieder nach den jungen Menschenkindern sehen, die er liebte. Bei seinen Gärten trennte er sich von dem Polybius und seiner Schwester und führte dann den Heron und die alte Dido zu dem kleinen Hause, das sein früherer Herr ihnen auf seinem Gute angewiesen hatte. Der Steinschneider selbst sollte erst zu den genesenden Kindern gerufen werden, wenn der Arzt es gestattete, und der unglückliche Mann wußte sich nicht zu lassen vor Erstaunen und Rührung, als er in dem neuen Heim nicht nur einen Arbeitstisch mit Handwerkszeug, Wachs und Steinen, sondern auch mehrere Käfige mit Vögeln fand, und unter den gefiederten Freunden auch einen Starmatz. Der treue, nunmehr freie Sklave Argutis hatte das Gerät im Auftrage des Polybius besorgt; die Vögel aber waren ein Geschenk der Christin Agathe. Das alles war ein Trost im Leid, und als der Steinschneider mit der alten Dido allein war und es besichtigte, brach er in lautes Schluchzen aus. Die Sklavin mußte es ihm nachthun; er aber untersagte es ihr mit lautem, unwirschem Schelten. Da erschrak sie erst; gleich darauf aber scholl ihr ein frohes: »Gelobt seien die Götter!« aus dem tiefsten Grunde des treuen Herzens, und von diesem Poltern an, behauptete sie bis ans Ende, habe das neue Wohlsein des Heron begonnen. Die Sonne ging unter, als Andreas dem Hause des Zeno, einem sehr langen, weißgetünchten Gebäude, entgegenschritt. Der Weg führte ihn durch einen Palmenhain, der schon zu dem Gute des Christen gehörte. Das Verlangen, die geliebten Kranken wiederzusehen, trieb ihn so schnell vorwärts, daß er bald einen andern Wanderer überholte, der sich hier in der Kühlung des Abends erging. Es war der Arzt Ptolemäus. Mit heiterer Freudigkeit begrüßte er den Andreas, und dieser wußte, wen er meine, als der andere, ohne auf eine Frage zu warten, ausrief: »Seit heute morgen sind wir über den Berg! Das Fieber ist geschwunden. Die bunten Gesichte haben sie verlassen, und nach Mittag schlief sie ein. Als ich sie vor einem Stündchen verließ, schlummerte sie fest und ruhig. Bisher hat die erschütterte Seele wie im Traume gelebt, – doch, nun das Fieber erlosch, kehrt auch das Bewußtsein bald wieder. Noch hat sie keinen erkannt, weder Agathe, noch Frau Euryale, noch selbst den Diodor, dem ich gestern auf einen Augenblick gestatten durfte, ihr ins Antlitz zu schauen. Wir haben sie wegen der lärmenden Kinder aus dem großen Hause in den Garten, in die kleine Villa gegenüber dem Andachtsplatz, geschafft. Da ist es still und schön, und die Luft strömt durch die breite Verandenthür voll und frei zu ihr ein. Die Kaiserin dürfte sich kein besseres Krankenzimmer wünschen! Und wie Agathe sie pflegt! Du hast recht, so tüchtig auszuschreiten. Da verlischt schon der letzte Nachglanz der Sonne, und der Gottesdienst wird bald beginnen. Auch mit dem Diodor bin ich zufrieden. Die Jugend ist ein Boden, worauf meine Kunst es leicht hat, Lorbeeren zu ernten. Wie das heilt, wie das sich kräftigt! Nur wenn die Seele so tief erschüttert ward wie bei Melissa und ihrem Bruder, geht es auch bei ihr weniger rasch vorwärts. Doch, wie gesagt, wir sind jenseits des Gipfels der Krankheit.« »Gelobt sei der Herr,« fiel ihm Andreas ins Wort. »Solche Nachrichten verjüngen. Wie ein Knabe könnte ich laufen.« Damit betraten sie den wohlgepflegten Garten, der sich hinter dem langen Hause des Zeno weit hinzog. Auf grünen Rasenplätzen erhoben sich stattliche Gruppen alter, hoher Bäume und prächtigen Strauchwerks. Um einen Springquell her blühten aus sorgsam gehaltenen Beeten schöne Blumen. Ein Palmenhain schloß die Anlagen ab und warf seinen Schatten auf die Gartenkirche des Zeno, eine von Tamariskenhecken wie von Mauern umgebene Fläche. Die kleine Villa, die Melissas Krankenzimmer umschloß, lag mitten im Grünen, und die Veranda, an deren weit geöffnete Thür man das Lager der Leidenden getragen, sobald es kühler geworden war, blickte dem Garten, dem Palmenhain und der von zartem Tamariskengeäst umkränzten Andachtsstätte entgegen. Agathe hielt Wacht neben Melissa; als aber die letzte der großen und kleinen Gestalten, welche eben den Garten nach derselben Richtung hin durchschritt, hinter der Tamariskenhecke verschwand, schaute die junge Christin der leidenden Freundin liebreich in das bleiche, nur zu zarte Antlitz, berührte ihre Stirn behutsam mit den Lippen und flüsterte, als könne sie ihre Stimme vernehmen, der Schlummernden zu: »Ich gehe nur, um für Dich und Deinen Bruder zu beten.« Damit trat sie in den Garten. Um weniges später ertönte der um der Kranken willen gedämpfte Schall der ehernen Scheibe, welche der kleinen Gemeinde den Beginn des Gottesdienstes verkündete. Allabendlich hatte er sich hören lassen, ohne die Leidende zu stören; heute aber weckte er sie aus dem Schlummer. Wie verstört blickte sie sich um und wollte sich aufrichten, doch sie war zu schwach, um sich zu erheben. Schrecken, Blut, der verwundete Diodor, Andreas, der Esel, der sie durch die Nacht fortgeführt hatte, waren die Vorstellungen, die sich in beängstigendem Durcheinander ihrem erwachenden Geiste aufdrängten. Auch im Serapeum hatte sie oft den schrillen Ton geschlagenen Erzes vernommen. War sie noch dort? Hatte sie nur von dem nächtlichen Ritte mit dem verwundeten Geliebten geträumt? Vielleicht war ihr in den schrecklichen Mysterienräumen die Besinnung vergangen, und der Klang des Erzes hatte sie erweckt. Dabei überlief es sie kalt. Aengstlich scheute sie sich, die Augen aufzuschlagen, um nicht den wüsten Bildern an den Wänden und überall wieder zu begegnen. Ewige Götter! Wenn ihre Flucht aus dem Heiligtum und die Rettung des Diodor durch den Andreas wirklich nur ein Traum gewesen war, dann konnte sich jeden Augenblick die Thür öffnen und der Aegypter Zminis oder einer seiner Häscher erscheinen, um sie zu dem furchtbarsten der Menschen zu schleppen. Sie war schon mehrmals halb erwacht, und wenn ähnliche Gedanken sie dann überfallen hatten, war die zurückkehrende Besinnung von ihr gewichen, und neue Fieberschauer hatten sie geschüttelt. Aber diesmal schien der Kopf ihr freier, und der Nebel und das Sausen waren verschwunden, die sie verhindert hatten, Auge und Ohr recht zu gebrauchen. Auch ihre Widerstandskraft war stärker geworden. Schon bei dem ersten Versuche, sich zu besinnen, sagte ihr der erwachende Geist, daß, wenn sie sich noch im Serapeum befinde und die Thür gehen werde, Frau Euryale zu ihr treten könne, um ihr guten Mut einzusprechen, um sie in die mütterlichen Arme zu nehmen, um ihr . . . Da erinnerte sie sich plötzlich wieder der Verheißungen, welche ihr aus den Schriften der Christen zu teil geworden waren. Mit aller Klarheit stand ihr von neuem vor der Seele, einen wie liebreichen Tröster sie in dem Heiland gefunden, und wie froh sie Frau Euryale bekannt hatte, daß die Erfüllung der Zeit nun wirklich für sie gekommen sei, und daß sie nichts inniger wünsche, als die Glaubensgenossen der Freundin, als eine Christin zu werden. Und bei alledem schien es ihr, als werde es heller in ihr und um sie her, und das Traumbild, bei dessen Anblick ihr vor vielen Tagen die Besinnung geschwunden war, trat ihr wieder vor das innere Auge. Von neuem sah sie den Heiland, wie er ihr am Ende ihres Rittes durch das Dunkel die Arme entgegengestreckt und sie, die Mühselige und Belastete, eingeladen hatte, sich von ihm erquicken zu lassen. Ein herzerwärmendes Dankgefühl überkam sie, und sie schloß wieder die Augen. Doch sie schlief nicht, und während sie bei voller Besinnung mit den Händen auf der Brust, die leise Atemzüge gleichmäßig hoben und senkten, an den liebreichen Lehrer der Christen und all die herrlichen Verheißungen dachte, die sie in der Predigt auf dem Berge gefunden, und die ja auch ihr galten, war es ihr, als schmiege sie das Haupt an Frau Euryales Schulter und sehe dazu die milde Lichtgestalt des Heilands ihr winken. Ihren Körper umfing eine wohlige Mattigkeit. Ganz ebenso war es, des erinnerte sie sich deutlich, schon einmal gewesen, – und sie wußte auch, wann. Gerade so hatte sie sich gefühlt, nachdem ihr der Geliebte zum erstenmale das Herz erschlossen, als sie in sinkender Nacht auf der Marmorbank an seiner Seite gerastet hatte und die Christen an ihr vorübergewallt waren. Sie hatte den singenden Zug damals für die wandernden Seelen verstorbener Menschen gehalten, und wunderbar! Nein, sie irrte sich nicht: auch jetzt vernahm sie den Gesang, der sie damals, trotz seines feierlichen Klanges, so froh gestimmt hatte. Sie erinnerte sich nicht, wann er begonnen habe; aber auch diesmal erweckte er ein bittersüßes Mitleid in ihrer Seele. Nur erfaßte es sie tiefer als damals; wußte sie doch jetzt, daß es allen Mitmenschen gelten dürfe, weil sie die Kinder des nämlichen gütigen Vaters, ihre Brüder und Schwestern seien. Woher diese wunderbaren Klänge nur kamen? War sie – und ein leiser Schreck durchbebte sie bei diesem Gedanken – keine Lebende mehr? Hatte das Herz ihr aufgehört zu schlagen, als der Heiland nach ihrem Ritt durch das Blut und die Nacht sie auf die Arme genommen hatte, und es dunkel um sie her geworden war? Weilte sie jetzt in dem Himmel der Seligen? Andreas hatte ihn so herrlich geschildert, und sie erschrak dennoch bei diesem Gedanken. Aber war das nicht thöricht? Gehörte sie wirklich zu den Toten, dann war ja Angst und Not auf ewig vorüber. Sie fand die Mutter wieder, und, was auch den Ihren geschah, sie durfte ihnen vielleicht von hier aus beistehen, wie sie es auf Erden gethan, und ihnen hier ganz gewiß früher oder später wieder zu begegnen erwarten. Aber nein! Ihr Herz regte sich noch. Sie fühlte, wie kräftig es pochte. Wo sie nur war? Solche Decke hatte sich gewiß nicht über das Lager im Serapeum gebreitet, und die Schlafkammer dort war auch niedriger gewesen. Jetzt schaute sie sich um, und es gelang ihr, sich nach der Seite hin zu wenden, von woher ihr die Abendluft so rein, so lind und leise entgegenwehte. Dabei rührte ihre zarte Krankenhand an das Haupt, und sie fand das volle Haar nicht mehr wieder. Sie hatte es also doch abgeschnitten, um sich unkenntlich zu machen. Aber wo war sie? Wohin hatte die Flucht sie geführt? Gleichviel! Das Serapeum lag hinter ihr, und sie hatte den Zminis und die Häscher nicht mehr zu fürchten. Da wandte sie zuerst den Blick dankbar nach oben und dann spähend gerade vor sich hin, und während sie schaute und das Auge sich satt schwelgen ließ, drang ihr ein leiser Ruf des Entzückens von den Lippen; denn vor ihr lag im silbernen Licht der blanken Scheibe des jungen Mondes ein herrlicher, blühender Garten, und über den Palmen, die in schattigen Massen im fernen Hintergrund alles überragten, ging der Abendstern auf. Vor ihr glitzerte und gleißte das Mondlicht in den steigenden und fallenden Tropfen des Springquells, und während sie, von dieser stillen Herrlichkeit bis in die tiefste Seele ergriffen, an die freundliche Selene dachte, die da oben ihren friedvollen Weg zog, an die in der Mondnacht jagende Artemis, die Nymphe des Springquells und die Dryaden, die jetzt vielleicht den gewaltigen Bäumen entschlüpften, um mit munteren Panen zu tanzen, erhob sich plötzlich wieder ein Gesang in feierlichen Rhythmen, und ihr entgegen scholl, von tiefen Männerstimmen gesungen, der Anfang des Psalmes: »Danket dem Herrn und prediget seinen Namen, verkündet sein Thun unter den Völkern; »Singet von ihm und lobet ihn, redet von all seinen Wundern. Rühmet seinen heiligen Namen, es freue sich das Herz derer, die den Herrn suchen.« Hier schwiegen die Männer, und als wolle er ihr Lob des Höchsten bestätigen, begann ein Frauenchor in heller Begeisterung den neunzigsten Psalm: »Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge worden, und die Erde und die Welt geschaffen worden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.« Dann hob der Männerchor wieder an: »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Veste vekündiget seiner Hände Werk. »Ein Tag sagt es dem andern, und eine Nacht thut es kund der andern.« Und von neuem unterbrachen ihn die Frauen, und hell scholl ihnen aus der dankerfüllten Brust der Psalm des David: »Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist seinen heiligen Namen. »Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes gethan hat. »Der dir alle deine Sünden vergibt, und heilet alle deine Gebrechen. »Der dein Leben vom Verderben erlöset, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit.« Atemlos lauschte sie diesen Gesängen, von denen kein Wort ihr entging, und wie gern hätte sie die eigene Stimme in die der anderen gemischt, um dem gütigen Vater im Himmel, nun auch dem ihren, zu danken. Da lagen seine Wunderwerke ja vor ihr, und der Vers: »Der dein Leben vom Verderben erlöset, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit«, hallte in ihr nach, und es war ihr, als gelte er ihr und sei ihr von dem Frauenchor zugesungen worden. Wie schöne, lustige, spielende Kinder, wie anmutige Menschen von der eigenen Art erschienen ihr jetzt die Götter, deren sie eben noch in frommer Erinnerung gedacht, neben dem gewaltigen Schöpfer und Lenker des ganzen Weltalls, dessen Thun unter den Völkern, dessen heiligen Namen, dessen Wunderwerke, Größe und Güte diese Lobgesänge feierten. Ein Hauch seines Mundes wehte die ganze Götterwelt, an die sie sich früher betend gewandt, auseinander wie der Herbstwind das bunte Laub welkender Bäume. Es war ihr, als umfasse er mit gewaltigen und doch liebreichen Armen den Garten vor ihr und mit ihm den ganzen Erdrund. Sie hatte auch die Olympier geliebt; doch wahre Ehrfurcht vor einem Gott erfaßte sie zum erstenmal in dieser Stunde, und es machte sie stolz, diesen mächtigen Herrn, diesen gütigen Vater auch lieben zu dürfen und sich von ihm geliebt zu wissen. Das Herz schlug ihr immer schneller, und es war ihr, als brauche sie unter dem Beistande dieses Herrn keine Gefahr mehr zu fürchten. Während sie dann wieder nach den Palmen hinter den Tamarisken schaute, über deren fächerreichen Kronen nun schon der Abendstern im Azurblau des nächtigen Himmels schwebte, erhob sich von neuem der Gesang, der vorhin verstummt war, und sie vernahm wieder den Gruß der Engel, der ihr schon einmal so tröstlich und verheißungsvoll aus dem Evangelienbuche in die Seele gegriffen: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.« Was sie damals so heiß herbeigesehnt hatte, jetzt, meinte sie, sei es gekommen. Der Friede, die Ruhe, nach denen sie in Angst und Blut so schmerzlich verlangt, – sie erfüllten nun ihr Herz, und was sie umgab, wie still war es doch und wie friedvoll! Ein wunderbares Heimatsgefühl durchdrang sie, und mit ihm die Ueberzeugung, daß sie hier diejenigen wiederfinden müsse, nach denen sie sich sehnte. Wiederum erhob sie den Blick, um Ausschau zu halten, und nun gewahrte sie eine weiße Gestalt, die sich von den Tamarisken her näherte. Es war Frau Euryale. Sie hatte Agathe unter der Gemeinde gewahrt und den Gottesdienst verlassen, weil sie fürchtete, die Kranke könne erwachen, ohne jemand in der Nähe zu haben, der sie verstand und den sie liebte. Schnellen Schrittes kreuzte sie den Rasen. Jetzt lag der Springbrunnen hinter ihr, jetzt hob sie im Mondschein das Haupt, und Melissa schaute ihr in das liebe, gütige Antlitz. Froh bewegt rief sie der Freundin zu, und als die Matrone die Veranda betrat, vernahm sie die schwache Stimme der Genesenden und eilte ihr entgegen. Behend, als habe die Freude sie verjüngt, sank Frau Euryale am Hauptende des Lagers der Erwachten auf die Kniee nieder, um sie mit mütterlicher Zärtlichkeit zu küssen und ihr Haupt sanft an die Brust zu drücken. Während Melissa dann fragte und immer wieder fragte, mußte die Matrone sie zur Ruhe ermahnen und ihr zuletzt gebieten, es nun genug sein zu lassen. Zuerst hatte die Erwachte zu wissen begehrt, wo sie sich befinde. Dann waren ihr die Lippen übergeströmt von Dank und Freude und der Versicherung, daß ihr zu Mute sei, wie sich die Seligen fühlen müßten; denn Frau Euryale hatte mit gedämpfter Stimme berichtet, daß der Vater lebe, daß auch Diodor und ihr Bruder im Hause des Zeno Aufnahme gefunden, und daß es dem Andreas, dem Polybius und ihnen allen nach üblen Tagen wieder wohl ergehe. Auch daß die Stadt schon längst von dem Kaiser befreit sei, und Zeno einwillige, seine Tochter Agathe mit dem Alexander zu verbinden, hatte Frau Euryale erzählt. Gehorsam der mütterlichen Beraterin ruhte die Genesende eine Weile; doch die Freude schien ihr die Kraft zu verdoppeln; denn sie wünschte Agathe, den Alexander und Andreas zu sehen und – sie errötete dabei und ein rührend flehender Blick traf das Auge der Matrone – auch den Diodor. Aber der Arzt Ptolemäus war inzwischen in das Gemach getreten, und er gestattete an diesem Abend nur noch der Tochter des Zeno, an das Lager der Freundin zu treten. Die ernsten Augen waren ihm feucht, als er beim Abschiede Frau Euryale zuraunte: »Alles gut. Auch ihr Geist ist gerettet.« Und er hatte recht gesehen. Von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde schritt die Genesung vorwärts, steigerte sich die Kraft Melissas. – Es gab aber auch so viel für sie zu sehen und zu erfahren, was wie Arznei auf sie wirkte, selbst wenn sie der Tod des Bruders und der gemordeten Freunde mit neuer Trauer erfüllt hatte. Wie sie, so war auch der Geliebte und Alexander auf dornigen Pfaden zu jenen Sternen geführt worden, die den Glückseligen leuchten und ihr reines Licht in die Herzen derer ergießen, denen eine höhere Wahrheit sich offenbart. Als Christ trat Diodor Hand in Hand mit dem Bruder der Genesenden entgegen. Was so vielen Alexandrinern das Herz für die Segnungen der neuen Lehre gewonnen, hatte auch sie zu ihr hingezogen, und die Gewißheit, die Geliebte bei den Christen zu finden, war dem Entschluß der Freunde entgegen gekommen, den Zeno um Unterweisung zu bitten. Und sie war ihnen in einer so feurigen, hinreißenden Weise geworden, daß sich in ihren empfänglichen Herzen Wißbegier und Wunsch in feste Ueberzeugung und begeisterte Sehnsucht verwandelt hatten. Agathe war die Braut des Alexander. Der Verachtung der Mitbürger, die den Jüngling unschuldig getroffen, und von der er gemeint, daß sie ihm den Besitz der Geliebten unerreichbar machen werde, dankte er denselben; denn der Vater Agathens vertraute dem Manne willig sein Kind an, der es gerettet, den es liebte und in dem er nun einen von jenen Erniedrigten sah, die erhöht werden sollten. Bevor die Wunde des Alexander sich geschlossen hatte, war ihm der Tod des Philipp verschwiegen worden; er aber hatte in jenen Tagen dem Andreas bekannt, daß er entschlossen sei, in die Ferne zu fliehen, um Agathe nicht wieder zu sehen und dem Bruder, über den er so viel Schlimmes gebracht, nicht auch die Geliebte zu rauben. Bewegten Herzens hatte der Freigelassene ihm zugehört, und wenige Stunden, nachdem Andreas dem Zeno berichtet, was ihm der entsagende Jüngling vertraut, war dieser zu dem Genesenden getreten, um ihn als Sohn zu begrüßen. Melissa fand nun in Agathe die Schwester, nach der sie so lange verlangt, und wie wohl that es ihr, das Auge des Bruders wieder hell und daseinsfroh leuchten zu sehen. Alexander blieb übrigens auch als Christ und als Gatte der Tochter des Zeno ein Künstler. Das Vermögen, das Andreas sich erworben hatte – es gehörten dazu auch die Solidi, mit denen einst die Schulden des leichtsinnigen Malers bezahlt worden waren – wurde verwandt, um ein neues, schönes Gotteshaus an der Stelle zu erbauen, wo das Haus des Steinschneiders Heron gestanden. Alexander schmückte es mit herrlichen Bildern, und da auch diese Kirche der schnell anwachsenden Gemeinde nicht mehr genügte, versah er auch andere neue Gotteshäuser mit Gemälden, deren hohe Schönheit in der ganzen Christenheit bekannt war, und die bewundert und erhalten blieben, bis finsterer Eifer die Kunst aus den Kirchen verbannte und ihre Werke zerstörte. Melissa konnte nicht sicher in Alexandria bleiben. Nach ihrer stillen Hochzeit im Hause des Polybius reiste sie mit dem jungen Gemahl nach Karthago, wo dem Diodor ein Oheim wohnte. Die Liebe folgte ihnen auch dorthin und mit ihr das Glück. Sie brauchten sich auch nicht lange verborgen zu halten; denn wenige Monate nach ihrer Hochzeit kam die Nachricht nach Karthago, der Kaiser sei von dem Centurio Martialis, hinter dem die beiden Tribunen Apollinaris und Nemesianus Aurelius gestanden hatten, ermordet worden. Gleich darauf sei der Präfekt der Prätorianer, Macrinus, von den Truppen zum Kaiser ausgerufen worden. Die Herrschaft dieses ehrgeizigen Mannes dauerte zwar kein volles Jahr, die Voraussagung des Magiers Serapion war aber dennoch an ihm in Erfüllung gegangen. Dem Zukunftskünder selbst kostete sie freilich das Leben; denn ein Brief von seiner Hand an den Präfekten, in dem er ihn an seine Voraussagung erinnerte, kam in die Hände der Mutter des Caracalla, welche die für den unglücklichen Sohn ankommenden Briefe zu Antiochia, wo sie sich aufhielt, eröffnete; ihre Warnung gelangte aber erst kurz nach dem Ende des Cäsar und bevor der neue Kaiser Macrinus den Wunderthäter schützen konnte, ans Ziel. Seit der Thronbesteigung des neuen Herrschers hörte die Verfolgung derjenigen auf, die das Mißfallen des Caracalla erweckt hatten, und wie Diodor und Melissa konnten Heron und Polybius sich wieder sicher vor jeder Nachstellung unter das Volk mischen. Diodor und andere Freunde sorgten dafür, daß der Verdacht der Verräterei, welcher sich an die Familie des Heron geheftet hatte, als unbegründet anerkannt wurde. Ja, der Tod des Philipp und das Schicksal Melissas und des Alexander stellte sie den edelsten Feinden der Tyrannei an die Seite. Als der Kaiser Macrinus zehn Monate nach seiner Thronbesteigung durch die Niederlage bei Immae, wo nur noch die Prätorianer tapfer für ihn fochten, nach einer schmählichen Flucht gestürzt, und der verderbte Großneffe der Julia Domna unter dem Namen Heliogabalus von der Armee zum Cäsar ausgerufen worden war, ließ der vierzehnjährige Kaiser zu Alexandria dem Caracalla, für dessen Sohn man ihn fälschlich ausgab, eine Bildsäule und ein Cenotaph errichten. Diese beiden Kunstwerke hatten viel unter dem Hasse derjenigen zu leiden, denen der unglückliche Ermordete so furchtbar wehe gethan; doch an gewissen Gedenktagen wurden beide mit schönen Blumen geschmückt, und als der neue Präfekt im Auftrage der Mutter des Caracalla zu erforschen suchte, wer sie gespendet, erfuhr er, daß sie aus den schönsten Gärten der Stadt stammten, und daß eine Christin, Melissa, die junge Gattin des Besitzers derselben, es sei, die sie stifte. – Das that dem Herzen der Julia Domna wohl, und sie hätte die Spenderin noch wärmer gesegnet, wenn ihr bewußt gewesen wäre, daß Melissa die Seele ihres verirrten Sohnes bis an ihr spätes Ende mit in ihr Gebet einschloß. Der alte Heron, welcher auf das Gut des Diodor gezogen war und unter seinen Vögeln weniger mürrisch als früher fortfuhr, kleine Kunstwerke zu schaffen, schüttelte über diese sonderbaren Liebesgaben den Kopf, und als er einmal nach einer solchen mit der alten Freigelassenen Dido allein war, sagte er verdrossen: »Wäre die Närrin mir gefolgt, würde sie heute wie die Julia Domna ›Kaiserin‹ heißen. Aber es ist auch so gut; nur daß der Argutis, den sie überhaupt halten, als sei er ein Blutsverwandter unseres alten makedonischen Geschlechtes, gestern im Auftrage Melissas schönere Blumen auf das Cenotaph des Caracalla brachte als auf das Grab ihrer eigenen Mutter, das mag ihr neuer Gott ihr vergeben. Es steckt gewiß eine christliche Schrulle dahinter. Ich halte es mit den bewährten Göttern, denen auch meine Olympias diente, die doch immer nur that, was von dem Guten das Beste.« Der alte Polybius blieb gleichfalls ein Heide; die Kinder aber ließ er gewähren. Er und Heron sahen die Enkel widerspruchslos als Christen erziehen; denn sie ahnten beide, daß der neuen Lehre die Zukunft gehöre. Andreas blieb noch als Greis der treue Berater der alten und jungen Freunde. Im Sonnenscheine der Liebe, die ihn umgab, hatte sich sein strenger Eifer in nachsichtige Milde verwandelt. Als es endlich zum Sterben kam und Melissa ihn kurz vor seinem Ende fragte, welches ihm das liebste Wort aus der Schrift sei, dachte er kurze Zeit nach und entgegnete dann fest und bestimmt: »Da aber die Zeit sich erfüllet.« »Um meinetwillen,« versetzte Melissa mit feuchten Augen. Da nickte er ihr lächelnd zu, gab dem Diodor ein Zeichen, ihm den Siegelring, das einzige, was sein Vater aus der Zeit der Freiheit und des Wohlstandes gerettet, abzustreifen, und bat Melissa, ihn als Andenken an ihn zu behalten. Tief bewegt steckte sie ihn an den Finger; Andreas aber wies auf die Inschrift und sagte mit erlöschender Stimme: »Dein Weg, der eure und meiner . . . Der Wahlspruch des Vaters: › Per aspera ad astra! ‹ Mich führte er ans Ziel, und auch Dich, auch euch . . . Doch der Spruch ist ja römisch . . . Ihr versteht ihn wohl kaum . . . Er bedeutet: ›Auf steinigen Pfaden empor zu den Sternen!‹ . . . Aber nein: ›Unter des Kreuzes Last aufwärts zur Seligkeit hier und dort‹, das ist's, was er mir zuruft, und« – dabei schaute er dem Liebling in das immer noch schöne Antlitz – »auch Dir – ich weiß es – auch euch!« Dann schöpfte er tief Atem, und mit der Hand auf dem Haupte Melissas, die an seinem Lager niedergekniet war, schloß er in den stützenden Armen des Diodor die treuen Augen.