Rudolf Eucken Der Sinn und Wert des Lebens Vorwort. Mit einer Behandlung der Frage nach dem Sinn und Wert des Lebens suche ich die inneren Probleme der Gegenwart jedem Einzelnen möglichst nahe zu bringen und ihn zur Teilnahme daran zu gewinnen. Solche Fassung der Aufgabe zog der philosophischen Erörterung bestimmte Grenzen: daß es aber innerhalb dieser Grenzen genug zu klären gibt, das hofft die Untersuchung selbst zu zeigen. Dem einen oder anderen Leser wird vielleicht der erste, kritische Teil zu weit ausgesponnen scheinen. Aber es konnte die entscheidende Hauptthese, an der die Möglichkeit einer Wiederbefestigung des Lebens und einer Verjüngung der Kultur hängt, ihre volle Überzeugungskraft nur erlangen, wenn sie als der einzig mögliche Weg zum Ziele erwiesen war; dafür aber war jene Kritik unentbehrlich, sie steht nicht neben, sondern in der Sache. Jena, Dezember 1907. Rudolf Eucken. Einleitung. Wer heute die Frage aufnimmt, ob das menschliche Leben einen Sinn und Wert hat, der kann nicht zweifelhaft darüber sein, daß es hier nicht einen vorhandenen Besitz zu beschreiben, sondern eine Aufgabe zu bezeichnen gilt, eine Aufgabe, die für uns nicht gelöst ist, auf deren Lösung sich aber unmöglich verzichten läßt. Daß der heutige Lebensstand uns hier keine sichere und freudige Bejahung zuführt, das wird genauer zu zeigen sein; daß wir das Suchen danach nicht einstellen können, ist ohne viel Erörterung klar. Das Leben stellt uns Menschen unter mannigfache Eindrücke und Aufgaben, sie bilden nicht unmittelbar eine Einheit, es hebt sich nicht leicht und sicher aus ihrer Fülle ein leitendes Ziel hervor. Dabei ist das Leben keineswegs eitel Freude und Genuß, es kostet Mühe und Arbeit, es fordert Entsagung und Opfer; die Frage erwacht, ob sich solche Mühe und Arbeit auch lohne, ob der Gewinn des Ganzen alle Gefahren und Verluste im einzelnen aufwiege und eine Bejahung rechtfertige. Das ist kein Problem der bloßen Theorie; das Leben selbst kann seine Höhe erst erreichen, wenn es sich eines bedeutenden Gesamtzieles sicher weiß, und wenn von da aus Spannung und Lust in jede einzelne Betätigung strömt. Nun gibt es Zeiten, wo die Frage schlummert, weil Überlieferung und Gemeinschaft dem Streben eine sichere Richtung geben und keinerlei Zweifel an den dargebotenen Zielen aufkommen lassen. Erwacht aber einmal der Zweifel, ein Zweifel über das Ganze, so greift er leicht wie ein verheerendes Feuer um sich, die Frage verwickelt sich um so mehr, je mehr wir über sie grübeln; wir finden uns an der Grenze unseres Vermögens, wenn wir erwiesen haben möchten, daß unser Leben bei aller Verworrenheit des ersten Anblicks schließlich einen Sinn und Wert besitzt und sich von da aus zuversichtlich bejahen läßt. Unter der Macht solches Zweifels steht unsere eigne Zeit. Ihre Schwäche an dieser Stelle verrät schon der Umstand, daß sie inmitten staunenswerter Leistungen und unaufhörlicher Fortschritte kein rechtes Glücksgefühl in sich trägt, daß der Mensch als Ganzes sich keineswegs sicher und geborgen weiß, daß er sich selbst herabzusetzen und von seiner Stellung im All gering zu denken geneigt ist. Bei näherem Zusehen finden wir viel Streben nach Einheit des Lebens, aber wir finden zugleich, daß dies Streben sich bei sich selbst bis zu vollem Gegensatze entzweit: grundverschiedene Synthesen und Typen des Lebens bieten sich dar und umwerben den Menschen. Aber indem keine von ihnen siegreich und sicher die anderen bewältigt, spalten widerstreitende Wirkungen und Schätzungen die Menschheit; was dem einen ein hohes Gut, das dünkt dem andern ein lästiges Übel, und der eine weiß nicht hart genug zu verdammen, was den andern entzückt und begeistert. So ergibt sich bei überströmendem Reichtum im Einzelnen eine peinliche Armut im Ganzen, auch ein völliges Unsicherwerden über das Ziel und die Art unseres Weges. Solche Lage treibt zwingend die Frage hervor, ob sich gegenüber aller Verdunklung, Verwirrung, Verneinung ein Sinn und Wert des Lebens erringen lasse, ob alle Widersprüche schließlich einer Einheit weichen, die das Ja dem Nein überlegen macht. Die Frage kann keine Antwort finden, ohne daß sich das Leben in ein Ganzes faßt; erst eine solche Zusammenfassung ermöglicht ein Urteil darüber, ob es lebenswert ist. Aber wie erreichen wir solche Verbindung zum Ganzen? Wohl drängt zu ihr unser Begehren nach Glück, das Glücksverlangen eines denkenden Wesens, das nicht völlig in die einzelnen Augenblicke aufgehen kann, das nach einem umfassenden Ziele fragen muß. Aber mit allem Wünschen und Wollen, mit aller Aufregung und Leidenschaft erreicht der Mensch einen solchen Abschluß nicht unmittelbar im eignen Bereiche. Er ist in die große Welt verwickelt und an ihr Geschehen gebunden, er muß sich mit ihr auseinandersetzen und einen Ausgleich suchen, er muß das eigne Unternehmen an ihrem Bestande prüfen, er kann auf keinem Glücke bestehen, das der Wahrheit der Dinge und der Wahrheit seiner eignen Natur widerspricht. Wird sich nun wohl zusammenfinden, was er an Glück begehrt, und was von ihm die Wahrheit fordert? Es muß eine solche Vereinbarkeit von Glück und Wahrheit hoffen, wer einen Sinn und Wert des Lebens erstrebt; aber ob sich die Hoffnung erfüllt, das ist eine andere Frage. Jedenfalls verbleibt und treibt das Problem, kein Einzelner hat es bereitet, es steigt aus dem innersten Wesen der Zeit empor, die weltgeschichtliche Lage legt es uns mit Notwendigkeit auf. Daß aber dies Problem der Menschheit zugleich eine Aufgabe der Philosophie bedeutet, das kann nur bezweifeln, wer von dieser niedrig denkt. * Wir beginnen naturgemäß mit der Prüfung der Antworten, welche die Zeit uns entgegenbringt. So wenig die herrschende Verwirrung der Geister erwarten läßt, daß sie eine befriedigende Lösung enthalten, schwerlich könnten sie große Komplexe bilden und viele Gemüter verbinden ohne irgendwelches Wahrheitselement, sie tragen sicherlich Erfahrungen der Menschheit in sich, sie lassen uns in ihrer Gesamtheit den gegenwärtigen Stand des Problems ersehen, sie mögen aber durch das, was an ihnen als unzulänglich befunden wird, die Betrachtung zu dem Punkte führen, wo die Entscheidung liegt, und zugleich uns die Richtung weisen, die unser Suchen einschlagen muß. Die Antworten der Zeit. Der moderne Mensch fühlt sich über sich selbst und über einen Sinn seines Lebens vornehmlich deshalb unsicher, weil nicht nur verschiedene Lebensgestaltungen zu ihm sprechen und wirken, sondern weil ein klaffender Riß das Ganze seines Daseins zerspaltet. Eine ältere und eine neue Art stehen hier unversöhnlich gegeneinander, sie widersprechen sich nicht nur an einzelnen Punkten, sie suchen den Standort des Lebens an grundverschiedener Stelle und entzweien sich daher auch bei der Frage nach seinem Sinn und Wert bis zu völligem Gegensatz. Die ältere Art, wie sie durch die Religion und durch einen immanenten Idealismus vertreten wird, macht eine unsichtbare, eine nur dem Auge des Geistes gegenwärtige Welt zur Hauptwelt des Menschen und stellt das unmittelbare Dasein in das Licht wie den Dienst dieser Welt. Was dieses unabhängig von jener Beziehung aus eignem Vermögen zu sein glaubt, das wird hier zu etwas Gleichgültigem oder gar Bösem. Umgekehrt möchte eine neue Denkweise das Leben ganz und gar innerhalb des unmittelbaren Daseins halten und mit seinen Mitteln gestalten, hier allein scheint es echte Freuden und Leiden zu geben; wenn irgend, so muß das Leben hier in ein Ganzes zusammengehen und einen Sinn erweisen. Was diesen Rahmen überschreitet, das kann nur ein Wahngebilde sein, welches das Leben ins Irre verlockt. Beides dringt auf uns mit mächtigen Wirkungen ein und zerteilt unser Leben: unsere Ideale und Wertschätzungen folgen überwiegend der älteren, unsere Interessen und Arbeiten der jüngeren Denkweise. Wofür sollen wir uns letzthin entscheiden, wo einen lebenswerten Gehalt unseres Daseins suchen? Die älteren Denkweisen. Die Religion. Die religiöse Ordnung, die von grauer Vergangenheit her mit starker Macht in die Gegenwart wirkt, ist voll freudiger Zuversicht, dem menschlichen Leben einen bedeutenden Inhalt zu geben. Diese Zuversicht ruht aber auf ganz bestimmten Voraussetzungen. Der Religion scheint wie die Welt so der Mensch das Werk einer weit überlegenen, nur dem Glauben zugänglichen geistigen Macht, das Verhältnis zu dieser geistigen Macht wird der Kern seines Lebens, es wird es um so mehr, als hier die Überzeugung waltet, daß der Mensch den ursprünglichen Zusammenhang mit jener zerrissen hat und von der Höhe, auf der er stand, tief herabgesunken ist. Alles Streben konzentriert sich damit auf die eine Aufgabe, die verlorene Gemeinschaft mit Gott wiederherzustellen, es kann das aber nur durch eine völlige Wandlung innersten Lebens, durch eine ethische Wiedergeburt geschehen. Zu solcher muß göttliche Liebe und Gnade vorangehen und möglich machen, was menschliche Kraft nicht vermag. Dann aber eröffnet sich dem Menschen auch ein eignes Tun, nicht nur in williger Hingebung des Herzens und in treuer Bewahrung der empfangenen Gnade, sondern auch in eifriger Mitarbeit für den Aufbau eines Reiches Gottes auf Erden. In diesem Zusammenhange durfte der Mensch von sich und seiner Lebensaufgabe aufs größte denken. Als Ebenbild Gottes stand er im Mittelpunkt der Wirklichkeit, um ihn bewegte sich das Leben des Alls, sein Tun und Lassen entschied über das Schicksal des Ganzen, entschied darüber für alle Ewigkeit. Dabei bildete jeder Einzelne bei aller Bindung an die Tatsachen der göttlichen Ordnung einen eignen Kreis und wurde als Selbstzweck behandelt, ja zur Vollendung des Ganzen, dem nicht das Mindeste verloren gehen durfte, gehörte auch seine Entscheidung. Diesem Leben fehlte es nicht an Sorgen, Nöten und Schmerzen, der unermeßliche Ernst des Ganzen und die schroffen Konflikte des menschlichen Kreises verhinderten alles behagliche Glück im gewöhnlichen Sinne. Ja das Gewicht von Leid und Schuld konnte hier zunächst mehr gesteigert als verringert scheinen. Aber über den ganzen Bereich von Elend und Not hob hier die göttliche Macht den Menschen in ein neues Leben und ließ ihn hier die eigne Herrlichkeit, Vollkommenheit und Ewigkeit teilen und eine überschwängliche Seligkeit gewinnen. Der endgültige Sieg des Ja über das Nein ward damit völlig gewiß, und auch von dem menschlichen Tun war nicht das Geringste verloren. Es war kein leichtes Leben, aber es war ein Leben voll großer Ziele und in sicheren Zusammenhängen, es war kein vergebliches Leben. So hat dies Leben Jahrtausende befriedigt, die Menschen fest zusammengehalten, unzähligen Gemütern sowohl Aufrüttelung und geistige Regung als Ruhe und Frieden gebracht. Aber alle Kraft des Wirkens hatte zur Voraussetzung die unerschütterte Festigkeit des Grundes; Zweifel innerhalb der Religion mögen die Glut ihres Lebens noch steigern – Augustin und Luther zeigen das deutlich –, Zweifel über die Religion als Ganzes aber müssen sie, wenn nicht zerstören, so doch lähmen. Solche Zweifel aber sind in der Neuzeit immer stärker geworden und haben der Religion immer härter zugesetzt. Die Bedenken gegen den Lehrgehalt der Religion standen dabei äußerlich voran, sie zogen ihre Nahrung vornehmlich aus der völligen Veränderung des Weltbildes in Natur und Geschichte. Aber diese Bedenken hätten sich ertragen oder überwinden lassen, hätte das Leben in seinem Grunde die alte Kraft und das alte Feuer bewahrt; dann hätte der Widerspruch der Welt sogar die trotzige Selbstbewußtheit des Glaubens verstärken können (credo quuia absurdum). Daß er ins Gegenteil wirkte, lag an einem inneren Umschwung der Zeiten. Es war eine Zeit der tiefsten Erschütterung und gewaltigsten Aufregung, in welcher die Religion zur geistigen Großmacht wurde und die Herrschaft über das Leben errang. So geschah es gegen den Ausgang des Altertums. Die Welt bot dem Streben des Menschen keine wertvollen Ziele, seine geistige Existenz schien bedroht, nur die Wendung zu einer Überwelt konnte ihn vor innerer Vernichtung behüten. So wurde mit heroischem Aufschwung jene Welt ergriffen und dem Menschen in eine unmittelbare Nähe gerückt, sie wurde der wahrhaftige Standort seines Lebens, für den auch die sichtbare Welt ihr Bestehen und ihren Wert erst darzutun hatte. Zugleich wußte eine hochgestimmte Phantasie dem Unsichtbaren eine anschauliche Verkörperung und überwältigende Eindringlichkeit zu verleihen, hier ward im tiefsten Grunde des Lebens alle Kluft zwischen Menschlichem und Göttlichem aufgehoben, die beseligende Grundwahrheit aller Religion von der wesentlichen Einigung beider fand hier eine überzeugende Verwirklichung. Solche heroische Zeiten vermögen eine völlige Umkehrung des Daseins zu bewirken, ihnen gilt das Schwerste als leicht, das Unmögliche als selbstverständlich, das Unsichtbare als das Nächste. Solche Zeiten bringen der Menschheit dauernden Gewinn, aber in dem Besonderen ihrer Art gehen sie vorbei und müssen sie vorbeigehen. Denn auf die Dauer kann die Menschheit diese hohe Spannung unmöglich ertragen, sie müßte zusammenbrechen, wenn das Leben nicht wieder in ruhigere Bahnen einlenkte. Aber der Nachlaß der Spannung versetzt die Religion bald in eine kritische Lage, sie kann sich nicht als das allbeherrschende Zentrum des Lebens behaupten und verliert damit ihre unmittelbare Überzeugungskraft. Dann aber treten ihr Menschliches und Göttliches auseinander, ihre Tatsachen und Erfahrungen verblassen, immer mehr wird sie zu einer bloßen Umsäumung eines andersgearteten Lebens. Solche andere Art aber entwickelt sich namentlich seit Beginn der Neuzeit, indem die früher geringgeschätzte und zurückgesetzte Welt eine neue Anziehungskraft gewinnt, mit neuer Sprache zum Menschen redet, ihn aus frischer Quelle neuen Lebensmut schöpfen läßt. Indem er aber ein stolzes Bewußtsein eignen Vermögens gewinnt, verdrängen die Aufgaben der Weltarbeit mit ihrer bunten Fülle die Sorge um den Stand der Seele, fremdartig, ja kaum verständlich wird dem Menschen nun, was ihn früher von derartiger Sorge erfüllte und aufregte. Bei solcher Wandlung ist der Zweifel an der Wahrheit der religiösen Lösung des Lebensproblems nicht aufzuhalten; indem er vordringt, sinkt das religiöse Leben innerlich auch da, wo es äußerlich fortbesteht, es verliert die alte Kraft und Gewißheit, es verwandelt sich in ein Wogen und Wallen des bloßen Gefühls, das nun und nimmer das ganze Leben ausfüllen kann. Was immer der Religion an Bedenken anhaftet, was immer gegen sie spricht, das gewinnt jetzt das bereitwilligste Gehör; im besondern wird jetzt empfunden, wie viel im Bereich unseres Lebens von der Religion, wenn nicht als gleichgültig, so doch als nebensächlich behandelt wird; bei Verfolgung dieses Gedankenganges kann die von ihr vollzogene Umkehrung des Lebens leicht eine arge Verkehrung dünken; als ein Widersinn mag es erscheinen, die Welt, die uns mit so reicher Fülle des Lebens umflutet, an eine fremde und problematische Ordnung zu binden; heißt das nicht, so hören wir fragen, vom Fernen zum Nahen, vom Unsichern zum Sicheren fortschreiten? Dem läßt sich vieles entgegnen, und es darf die Strömung der Zeit nicht ohne weiteres als Wahrheit gelten; auch läßt sich nicht leugnen, daß inmitten aller Bestreitung und Verneinung die Religion in mächtiger Wirkung verbleibt; was sie an Aufrüttelung und Verinnerlichung des Lebens enthält, was sie an Gegensätzen hervorgetrieben, an Sehnsucht nach Unendlichkeit, Ewigkeit, Vollkommenheit entzündet hat, das kann nicht einfach verschwinden, das bleibt ein Maß für alles menschliche Streben nach Wahrheit und Glück. Aber zugleich verbleibt die völlige Wandlung der Lage, auch mit jenen Wirkungen bildet für uns heute die Religion mehr eine Frage als eine Antwort, viel zu unsicher ist sie uns geworden, um uns eines Sinnes unseres Lebens zu versichern und uns unmittelbar zu freudiger Lebensbejahung zu führen. Der immanente Idealismus. Den Verwicklungen der Religion entgehen zu können, ohne an Tiefe des Lebens einzubüßen, glaubt ein immanenter Idealismus, der mit seinem Aufbau einer Idealkultur seit Jahrtausenden neben der Religion steht und wirkt, bald zu freundlicher Ergänzung, bald in harter Bekämpfung. Auch er gibt dem Leben zum Hauptstandort eine unsichtbare Welt, aber diese erscheint hier nicht als ein neben der sichtbaren Welt befindliches und von ihr abgelöstes Reich, sondern als ihr eigner Grund, ihre eigne Tiefe; daß das All eine solche dem äußeren Auge verborgene Tiefe hat, daß es sich in ihr zu einem Ganzen zusammenfaßt und ein inneres Leben gewinnt, das ist die feste Überzeugung und die unentbehrliche Voraussetzung dieser Lebensgestaltung. Den Menschen schließt diese Lebensordnung eng mit dem All zusammen, aber zugleich gibt sie ihm eine eigentümliche Stellung und Aufgabe. Er steht mit seinem äußern Dasein in der sichtbaren Welt, aber in seiner Seele beginnt die sonst verborgene Tiefe der Wirklichkeit durchzubrechen, in ihm erst erlangt das Leben der Welt eine volle Klarheit und Freiheit, und es kann das nicht ohne sein eignes Ergreifen und Aneignen, sein Arbeiten und Vordringen; es gibt einen Punkt, wo alles an ihm liegt, und wo er hoffen darf, mit Entwicklung seiner Selbsttätigkeit den Stand des Ganzen zu fördern. Eine Anschaulichkeit und eine Überzeugungskraft gibt dieser Lebensordnung vornehmlich die Tatsache, daß im menschlichen Kreise mit der Wendung zu geistigem Schaffen gegenüber dem Getriebe der Natur ein wesentlich neues Leben emporsteigt, daß hier ein Reich von inneren Größen und Gütern, ein Reich des Wahren, Guten und Schönen entsteht; das darauf gerichtete und davon erfüllte Leben scheint den Menschen über alle Kleinheit des Alltags in eine innere Gemeinschaft mit der großen Welt zu erheben, es scheint keines Zieles über sich selbst hinaus zu bedürfen, sondern in seiner eignen Entfaltung seinen Sinn, in seiner Anschauung seine vollgenügende Freude zu tragen. Hier steht Selbsttätigkeit gegen Gebundenheit, Edles gegen Gemeines, Selbstzweck gegen bloße Nützlichkeit. Zur Erringung dieses Lebens bedarf es einer energischen Aufrüttelung des Wesens und eifriger Arbeit, zum Kern des Lebens wird hier als Vermittlerin jener Tiefe der Welt die geistige Produktion, wie sie namentlich in durchdringender Wissenschaft und aufbauender Kunst zu Tage tritt, dies Schaffen scheint das Leben vollauf auszufüllen und auch die rechte Gesinnung mit sich zu bringen. Der Mensch ist hier in erster Linie auf die eigne Kraft gestellt, aber da sein Streben die Bewegung des Weltalls weiterführt, so umfangen ihn große Zusammenhänge, und die freudige Zuversicht kann sich nicht zu stolzer Selbstbewußtheit überspannen. In seinem eignen Wesen trägt hier der Mensch ein Ideal, das zu erreichen er mit Sicherheit hoffen darf. Eine derartige Lebensgestaltung wirkt zu uns von der Höhe der antiken Kultur, die dort herrschende Denkweise hat sich seitdem in mannigfacher Form erneuert, sie spricht zu uns in nächster Nähe aus dem Lebenswerk Goethes, sie wirkt fort auf allen Gebieten, die sich mit dem Ganzen des menschlichen Seins befassen, sie bildet einen bleibenden Faktor aller echten Kulturarbeit. Aber mit dem Anspruch, das Leben zu führen und ihm einen Sinn zu geben, ist es diesem immanenten Idealismus nicht anders ergangen als der Religion: die Grundlagen sind unsicher geworden, und zugleich hat das auf ihnen errichtete Leben die Kraft und die Tiefe verloren, ohne die es sich nicht als das Zentrum des Ganzen behaupten und den Menschen einer erhöhenden und beglückenden Wahrheit versichern kann. Daß die Wirklichkeit eine Tiefe habe, und daß sich der Mensch unter Umkehrung der vorgefundenen Lage in das Reich der schaffenden Gründe versetzen könne, das ist der Durchschnittslage der Gegenwart ebenso zweifelhaft geworden wie die Grundwahrheiten der Religion. Jene Behauptungen sind ein Erzeugnis besonderer Zeitlagen, ein Werk von seltenen Sonn- und Festtagen der Menschheit, wo eine Gunst des Geschickes mit anregenden und aufregenden Lagen große Persönlichkeiten zusammentreffen ließ; hier konnte in Glut und Feuer des Schaffens die unsichtbare Welt eine selbstverständliche Wahrheit und der unbestreitbare Standort des Lebens werden, hier konnte sie alle Kraft des Menschen und die volle Hingebung seiner Gesinnung gewinnen, nur hier war das geistige Schaffen zugleich eine ethische Tat, eine Erhöhung des ganzen Menschen. Aber jene schöpferischen Zeiten gingen vorbei, sie ließen sich auch beim besten Willen nicht dauernd festhalten oder beliebig wieder aufnehmen, der Weltanblick, den jenes Schaffen eröffnet hatte, verblaßte vor widerstreitenden Eindrücken, die sichtbare Welt erschien nicht mehr als eine bloße Erweisung und Entfaltung einer unsichtbaren, sondern als von eigner, gegen die Werte des Geisteslebens durchaus gleichgiltiger Art; viel starrer Widerstand begegnete draußen dem Streben des Menschen, sein eignes Seelenleben zeigte viel Stumpfheit gegen die geistigen Ziele, ja es erschien einem kritisch geschärften Blick als von schroffen Gegensätzen zerrissen und gelähmt, als unfähig, sich zu einer allbeherrschenden Einheit des Vernunftslebens zusammenzufassen. Widerständen draußen mag diese Lebensordnung mit ihrer Aufbietung geistiger Kraft gewachsen sein, auch das Schwerste läßt sich als ein Aufruf zur Entfaltung überlegener Gesinnung ertragen. Aber wenn im Innern Verwicklungen erscheinen, wenn der Mensch sich selbst gespalten und ohnmächtig findet, wenn das Niedere ihn festhält und alles Aufstreben lähmt, dann gerät unvermeidlich das Ganze ins Wanken, dann verliert der Mensch die Zuversicht, das Reich der schaffenden Gründe erreichen zu können; ja was immer er in dieser Richtung gewinnt, das scheint das tiefste Sehnen und Verlangen der Seele nicht zu befriedigen; dann droht jene ganze Kultur zur bloßen Begleitung und Umsäumung eines andersgearteten Lebens zu werden, dann kann der Mensch unmöglich in ihr einen sicheren Abschluß des Lebens finden. Solcher Widerspruch gegen den immanenten Idealismus ist alt, aber erst die Neuzeit hat ihn zu voller Entfaltung gebracht; sie tat das, indem sie das ganze Gewicht der blinden Tatsächlichkeit der Dinge, die Unvernunft des menschlichen Daseins, die Gleichgültigkeit des menschlichen Durchschnitts gegen höhere Zwecke vollauf zur Geltung brachte, sie tat es weiter durch die Aufweisung der Schranken der menschlichen Organisation, die uns von der unmittelbaren Teilnahme an einem Weltleben endgültig auszuschließen scheinen. Die starke Entwicklung des modernen Subjektes reißt den Menschen aus den überkommenen Zusammenhängen heraus und stellt ihn wie etwas Eigentümliches und Fremdes der Welt gegenüber; hier scheint er wohl den eignen Kreis ins Grenzenlose ausdehnen, nie aber aus ihm heraus auf einen neuen Standort gelangen zu können. Wie sollte aber dann ein geistiges Schaffen eine Umkehrung des Daseins bewirken und mit Eröffnung der Tiefen des Alls dem Leben einen Sinn gewähren? Gewiß verschwindet mit solchen Zweifeln und Erschütterungen nicht alles Wirken jenes immanenten Idealismus. Aber sobald er nicht mehr von innen heraus und mit der Kraft eines Weltlebens wirkt, sobald er statt eigner Produktion ein bloßes Aneignen, Fortführen, Genießen überkommener Erzeugnisse wird, so verflacht sich das geistige Schaffen unvermeidlich zu einer bloßen Bildung; so gewiß eine solche innerhalb eines weiteren Lebens ihren Wert hat, von sich aus das Leben ausfüllen und befriedigen kann sie nicht. Eine solche Bildung mag viel Genuß und Aufklärung bringen, das Leben reich und beweglich gestalten, mit ihrer Fülle über die Abgründe des menschlichen Daseins gefällig hinwegtäuschen. Aber da sie den Menschen weder bei sich selbst zu lebenumfassender und lebenerhöhender Tat zu führen, noch in ein sicheres Verhältnis zum Weltall zu bringen vermag, da sie ihm keine großen und keine zwingenden Aufgaben eröffnet, sondern alles auf Lust und Neigung stellt, so kann sie unmöglich das Leben lebenswert machen, ja es leidet jenes Reich der Bildung, wie es sich im Durchschnitt der Erfahrung ausnimmt, an einer inneren Scheinhaftigkeit und Unwahrheit: der Mensch soll sich für ein Reich von geistigen Größen und Gütern erwärmen und bemühen, »sich interessieren«, wie es heißt; er redet nicht nur anderen, er redet wohl auch sich selber ein, daß er das aus ganzer Seele tue. In Wahrheit ist ihm jenes ganze Gebiet von geringem oder doch nebensächlichem Werte gegenüber den Zwecken der natürlichen und der sozialen Selbsterhaltung, gegenüber den Interessen und Leidenschaften des Alltages; die Technik des gesellschaftlichen Zusammenseins ist unablässig bemüht, diesen Abstand möglichst zu verdecken und einen leidlichen Schein zu wahren. Aber an einen bloßen Schein können wir nicht unser Leben hängen, bei einer bloßen Nebensache nicht die Kraft zur Überwindung der Sorgen und Nöte, nicht den Gehalt zur Befreiung von unerträglicher Leere finden. Eine wahre Befriedigung gewährt die Bildung, dies Leben aus zweiter Hand, dem Menschen nun und nimmer. Die Erfahrungen der Religion und des immanenten Idealismus treffen in einem Punkte zusammen, beide scheinen zu zeigen, daß das Streben nach einer neuen Welt den Menschen ins Irre verlockt, daß es die schönen Aussichten, die es seinem Leben eröffnet, nicht vor einem Sinken zu bloßen Illusionen zu behüten vermag. Ja das Scheitern großer Hoffnungen muß zu einem starken Rückschlag, muß zu tiefer Niedergeschlagenheit und zu trübsten Zweifeln führen. Sollte die Natur den Menschen so bereitet haben, daß in ihm Wünsche und Hoffnungen aufsteigen, aufsteigen müssen, die sich auch bei Aufbietung höchster Kraft nicht verwirklichen lassen? Sollte nur ein Trugbild ihn äffen, wenn er über das nächste sinnliche Dasein als klein und unzulänglich hinausstrebt und ein neues Reich in religiösem Glauben oder geistigem Schaffen erstrebt? Aber für eine bloße Illusion ist doch zu viel von jenen Bewegungen geleistet, zu viel an Kräften geweckt, zu viel zur Bereicherung und Vertiefung des Lebens gewirkt. Die Religion entfaltete eine selbständige Innenwelt, und mit ihr einen unbedingten Selbstwert der reinen Gesinnung, sie gab dem Leben Ernst und Erhabenheit, sie erzeugte mit dem Vordringen zum seligen Ja durch ein herbes Nein eine starke Spannung und dramatische Bewegung, sie verlieh allererst der Seele eine wahrhaftige Geschichte und machte diese Geschichte zum Mittelpunkt alles Geschehens, sie zerbrach alle Enge und Starrheit des natürlichen Daseins mit ihrer Erweckung einer überwältigenden Sehnsucht nach Liebe und Ewigkeit. Der immanente Idealismus rief alle Kräfte des Menschen zu voller Betätigung auf und pflanzte ihnen zugleich ein Streben nach harmonischem Zusammenschluß ein, er erhob den Menschen über alle Kleinheit seiner Sonderart in ein inniges Wechselleben mit dem All, er erzeugte durch den Bund von Wahrheit und Schönheit ein Leben zugleich vornehmer und kräftiger Art. Alles dieses hat hohe Ansprüche an das Leben erweckt und hält sie ihm als unerläßliche Forderung vor. Wenn so die Wirkungen beharren, der Grund aber zusammenbricht, der das Ganze trug, wie sollen wir uns dann zu den Entwicklungen und Forderungen stellen? Lassen sie sich von jenem ablösen und ohne einen inneren Zusammenhang aufrecht erhalten? Werden sie nicht bei solcher Ablösung völlig verblassen, wird nicht aller lebendige Inhalt, nicht alle zwingende und treibende Kraft von ihnen weichen? So mögen sie wie blutlose Gespenster über unserem Leben schweben, stark genug, um uns die Lust an der sichtbaren Welt zu vergällen, aber viel zu schwach, um uns aus eignem Vermögen eine andere Welt zu eröffnen und damit unserem Streben ein angemessenes Ziel und unserem Leben einen Sinn zu geben. Das sind Sorgen, denen die Menschheit sich unmöglich dauernd entziehen kann. Zunächst aber mag sie dadurch eine Erleichterung suchen, daß sie jene möglichst zurückschiebt und ihr Interesse nach anderer Richtung wendet. So tut es die Neuzeit, so vollzieht es sich namentlich in der vielbesprochenen Wendung des 19. Jahrhunderts vom Idealismus zum Realismus. Eine Ermüdung an den Problemen des inneren Lebens greift mehr und mehr um sich, mit jugendlicher Frische und Kraft ergreift die Menschheit die sichtbare Welt, die sich reicher und reicher entfaltet, und erwartet, wenn irgend, so von der Beschäftigung mit ihr einen Sinn und Wert des Lebens. Erst die Wendung dahin scheint es von der bisherigen Schattenhaftigkeit zu befreien und ihm Fleisch und Blut zu gewähren; indem hier alle subjektiven Wünsche des Menschen unverbrüchlichen Ordnungen der Dinge weichen, ergibt sich die Notwendigkeit mancher Entsagung und werden dem Leben bei aller Ausdehnung ins Weite innerlich engere Grenzen gezogen. Aber innerhalb dieser Grenzen gewinnt es eine volle Unbefangenheit und Universalität, es braucht sich nicht, wie in den älteren Lebensordnungen, den Zusammenhang der Wirklichkeit in Gut und Böse zerreißen, sowie irgend etwas verbieten und verkümmern zu lassen, es kann jeder Anregung folgen, jede Kraft unbedenklich entfalten. Sollten hier nicht neue Synthesen des Lebens möglich sein, findet vielleicht in ihnen das Leben ein gutes Recht zu freudiger Selbstbejahung, das ihm die älteren Lebensordnungen wohl vorzuspiegeln, nicht aber zu sichern vermochten? Jedenfalls hat die Menschheit viel Mühe auf dieses Ziel verwandt, sie hat aber dabei verschiedene Stufen durchlaufen und verschiedene Gestaltungen versucht. Betrachten wir diese Versuche. Die neueren Lebensordnungen. Die Arbeitskultur. Daß sich im Fortgang der Neuzeit der Schwerpunkt des Lebens mehr und mehr in die sichtbare Welt verlegt hat, darüber besteht kein Zweifel und Streit. Bei unserem Problem hat aber die Bewegung die beiden Stufen einer milderen und einer schrofferen Behauptung durchlaufen, sie seien nicht mit einander vermengt. Zunächst wurde jene Welt allerdings zum Hauptvorwurf der Beschäftigung gemacht, aber es verblieb dabei aus der tausendjährigen Arbeit der Menschheit ein selbständiges Subjekt, ein gewisses Beisichselbstsein des Lebens, und in ihm blieben die Ergebnisse jener Arbeit gegenwärtig. So entstand ein Nebeneinander von Mensch und Welt; indem sie gegen die überkommene Art weiter auseinandertraten, erfolgte eine durchgreifende Klärung, und es ergab für sich die Arbeit des Menschen als Hauptaufgabe damit, die gegenseitigen Beziehungen zu entwickeln, die Welt, die um der Klarheit und Wahrheit willen zunächst von uns abzulösen war, wieder nahezurücken und in ihrem unverfälschten Bestande an den Menschen zu bringen; davon ließ sich eine erhebliche Steigerung der Kräfte, ja eine neue Art des Lebens erwarten. Diesem neuen Leben ist die sichtbare Welt unvergleichlich mehr geworden, als sie früheren Zeiten war. Sie hat sich nicht nur der Einsicht des Menschen in Natur und Geschichte in ungeahnter Weise erschlossen, sie hat auch seinem Wirken immer mehr Angriffspunkte gewährt, mehr und mehr erhebt er sich aus einem passiven Stande in ein aktives Verhalten zur Weltumgebung, den Befund der Dinge, den er früher als ein unentrinnbares Schicksal hinnahm, kann er nun aus eignem Vermögen ändern und bessern; was immer den Menschen an Elend und Not, an Irrung und Wahn bedrückt, das greift die Neuzeit mutig an und sucht es gründlich zu heben; indem auf der ganzen Linie ein Kampf der Vernunft gegen die Unvernunft aufgenommen wird, eröffnen sich unermeßliche Aufgaben und Aussichten. Zum Kern dieses neuen Lebens aber wird die Arbeit, d. h. die Tätigkeit, welche den Gegenstand ergreift und ihn für die Zwecke des Menschen gestaltet, sie kann das aber in dem gesteigerten Sinne der Neuzeit nicht tun, ohne mehr und mehr sich selbst der Natur und den Gesetzen des Gegenstandes anzupassen, diese in sich aufzunehmen, damit selbst einen gegenständlichen Charakter auszubilden. So zeigen Wissenschaft und Technik, so zeigen auch politisches und praktisches Wirken ein Selbständigwerden der Arbeit gegen die Meinungen und Neigungen der Individuen, mehr und mehr bildet jene eigene Zusammenhänge und entwickelt sie eigene Gesetze und Triebkräfte; damit gibt sie dem menschlichen Streben ein festes Gerüst und die Gewißheit eines unablässigen Vordringens. Soll das Leben daher in diesen Zusammenhängen einen Sinn erhalten, so kann es ihn nur von der Arbeit erhalten. Diese scheint ihn aber zu gewähren, indem sie das menschliche Handeln durch jene festen Zusammenhänge unvergleichlich leistungsfähiger macht und in ihnen auch der Leistung des Einzelnen wie auch jedes Augenblickes einen Wert verleiht, sie entwickelt ein Bewußtsein der Solidarität des Menschengeschlechts, sie umspannt mit gemeinsamem Werk den Gesamtlauf der Zeiten und hält auch dem Einzelnen sein Leben zusammen, sie zeigt dem Menschen mit seiner Größe zugleich seine Grenze, sie wahrt sich freudigen Mut auch wo sie heute eine Grenze findet, indem sie weitere und weitere Möglichkeiten eröffnet, sie mildert schon durch das Aufnehmen des Kampfes den starren Druck des Schicksals. Mit dem allen erzeugt sie ein männliches, klares, zielbewußtes Leben, das aber innerhalb unseres Gesichtskreises, ohne die Verwicklungen der Religion und der Metaphysik. So ist die Frage berechtigt, ob etwa in solcher Gestaltung das menschliche Leben eine volle Befriedigung findet und einen Sinn gewinnt. Es könnte das etwa, wenn die Seele sich zur Nebensache herabsetzen ließe, wenn der Mensch nach einer inneren Einheit seines Wesens und nach Befriedigung dieser Einheit zu streben je aufhören könnte. Da sich aber das nicht so einfach macht, so erscheinen alsbald Verwicklungen, die allen Gewinn der Arbeit in Frage stellen und den versuchten Abschluß verhindern. Das Streben des Menschen war zunächst allein auf die Arbeit gerichtet und von ihren Erfolgen erfüllt, ja berauscht; daß dadurch auch das Befinden, der innere Stand der Seele gewinne, darüber war zu Beginn nicht der mindeste Zweifel. Aber je mehr die Arbeit ins Große wuchs und je selbständiger sie gegen den Menschen wurde, desto unabweisbarer wurden solche Zweifel, desto schroffere Kontraste entstanden zwischen den Wirkungen der Arbeit und den Forderungen der Seele. Diese muß aus aller Leistung nach außen immer wieder zu sich selber zurückkehren, sie muß fragen, was durch jene für ihr eignes Befinden, ihren eignen Stand gewonnen wird, sie muß dies eigne Befinden als den höchsten aller Zwecke behandeln; die Arbeit dagegen mit ihrem riesenhaften Gefüge und Getriebe ist voller Gleichgültigkeit dagegen, was aus dem Befinden des Arbeiters wird, ihr kann er nur als ein Mittel gelten, das sie nach ihren Zwecken verwendet oder verwirft, ihr ist er nur ein Werkzeug, ein mit Bewußtsein versehenes Werkzeug. Wird die Seele solche Behandlung geduldig ertragen, wird nicht ein elementares Verlangen nach Glück und Lebenserhöhung sich gegen solche Herabsetzung aufbäumen? Auch das führt zu einem harten Zusammenstoß, daß die Arbeit mit wachsender Verzweigung und Spezialisierung einen immer kleineren Ausschnitt der menschlichen Kräfte in Tätigkeit setzt, alles übrige dagegen verkümmern läßt. Die Seele aber kann nur bei Belebung aller Kräfte gedeihen, sie wird jene Verkümmerung als einen unerträglichen Verlust empfinden. Ferner bedarf sie für ihr Wohl einer ruhigen Bildung und eines inneren Beharrens, die Arbeit verwandelt das Leben in ein atemloses Hasten und Jagen, sie kennt keinen Stillstand, keine Ruhe. Nach dem allen kann leicht die Seele die Arbeit wie einen Gegner betrachten und zu ihrer Selbsterhaltung einen Kampf wider sie aufnehmen. Was dem Leben daraus an Erschütterungen erwachsen kann, das stellen die sozialen Bewegungen uns mit greller Deutlichkeit vor Augen. Aber das Problem reicht über das soziale Gebiet hinaus in das Ganze des Lebens, durchgängig droht bei alleiniger Richtung auf die Arbeit ihr Gewinn sich der Seele zum Verlust zu wenden, es drohen die Lebensenergien, die Persönlichkeiten, und damit unvermeidlich auch der Stand des Geisteslebens inmitten aller Triumphe der Arbeit bedenklich zu sinken. Das Problem des Wertes des Lebens gerät bei solcher Spaltung unseres Daseins in völlige Unsicherheit. Wir können uns zeitweilig in die Arbeit versenken und vergessen, aber letzthin arbeiten bloß um zu arbeiten, das können wir nicht; Voltaire's Rezept, zu arbeiten ohne zu räsonnieren, würde den Menschen zu einem bloßen Lasttiere degradieren. Was soll alle Arbeit, wenn ihr Erfolg nicht schließlich auch dem Ganzen des Menschen zu Gute kommt? Auch das zeigt der Anblick der heutigen Lage mit voller Klarheit, daß der Fortschritt der Arbeit die Seele nicht schon zu einer inneren Belebung und Aneignung der Wirklichkeit führt, es faßt sich hier nicht Seele und Welt zu einer lebendigen Einheit zusammen, und es nimmt nicht der Mensch als Ganzes einen Kampf mit der Welt als einem Ganzen zu innerer Umspannung und Aneignung auf, sondern die Welt der Objekte bleibt bei aller unermeßlichen Beschäftigung unserer Seele fremd, alle Bewegung der Kräfte gibt dem Leben keinen Gehalt, und die Gebiete, die vor allem auf geistiges Schaffen gestellt sind, wie Religion, Kunst und Philosophie, müssen kläglich stocken und sinken. So reißt der Konflikt zwischen Arbeit und Seele das Leben auseinander und versetzt uns in eine Lage, die wir nicht wohl endgültig hinnehmen können. Verschiedene Wege zur Abhilfe sind hier denkbar, wir haben uns zunächst mit dem zu befassen, welcher der Hauptrichtung des modernen Strebens entspricht. Das ist aber das Unternehmen, das Leben strenger, als es in jener Arbeitskultur geschah, ganz und gar in das unmittelbare Dasein zu stellen und ihm hier einen widerspruchslosen Zusammenhang und ein allbeherrschendes Ziel zu geben. Darin vornehmlich findet dieser Gedankengang den Grund der unerträglichen Verwicklung, daß ein Fortwirken der älteren Lebensordnungen Ansprüche und Antriebe in der Seele des Menschen festhalten ließ, die dem modernen Lebenszuge direkt widersprechen und damit das Leben zerreißen; so wird zur Forderung, jenes alles gründlich auszutreiben und lediglich aus den Mitteln der Erfahrungswelt dem Leben einen Inhalt zu geben. Erst mit solcher Behauptung kommt das Problem an den Punkt der Entscheidung, hier muß in Ja und Nein eine deutliche Scheidung der Geister erfolgen. Nirgends faßt sich das Leben der Neuzeit so kräftig zu einer charakteristischen Behauptung zusammen, als in der, daß das Leben ohne alle Flucht in eine Überwelt, ohne alle Überschreitung des unmittelbaren Daseins, ohne allen Hintergrund einer Gedankenwelt einen Sinn und einen Wert gewinne, ja daß es sie nirgend anders als hier zu gewinnen vermöge. Solches Unternehmen versucht, den ganzen Umkreis des Daseins gleichartig zu gestalten, hier verbinden sich wie an keiner anderen Stelle zahllose Individuen zu gleichem Suchen und Hoffen, hier vornehmlich erlangt das moderne Streben eine Kraft vorwärts zu treiben und umzuwandeln. So ein Versuch gewaltigster Art, das Leben ganz und gar in die Erfahrung zu stellen, ohne dabei auf einen Sinn und Wert zu verzichten; ob dies Unternehmen sein Ziel erreicht, oder ob es am Befunde der Wirklichkeit scheitert, das kann nur die eigene Erfahrung des Lebens mit einer Fassung ins Ganze entscheiden. Je nachdem aber diese Entscheidung fällt, wird über die Hauptrichtung des Lebens befunden; fällt sie auf Nein, so müssen wir entweder alle Hoffnung auf einen Sinn des Daseins aufgeben, oder wir werden über das bloße Dasein auf neue Bahnen getrieben. Jedenfalls verdient die Frage eine sorgsame und unbefangene Erwägung. Denn nicht der Einzelne stellt sie, sondern es stellt sie das Ganze der Menschheit, und sie tut das nicht aus flüchtiger Laune, sondern gedrängt durch die zwingende Gewalt der weltgeschichtlichen Bewegung jenseits aller Meinungen und Neigungen der Augenblicke und der Individuen. Denn daß die älteren Lösungen mit ihrer Jenseitigkeit die frühere Gewißheit und Selbstverständlichkeit eingebüßt haben, kann niemand leugnen; daß das Durcheinander von Altem und Neuem, was das Durchschnittsleben der Gegenwart bietet, mit seinen entgegengesetzten Bewegungen dem Leben keinen Sinn gewährt, wird von Tage zu Tage klarer; so hat der Versuch, mit strenger Durchführung einer bloßen Daseinskultur das Ziel zu erreichen, ein gutes geschichtliches Recht. Ob er freilich gelingt, das ist eine andere Frage. Die Lebensbilder der bloßen Daseinskultur. Die Aufgabe, auf dem Boden des unmittelbaren Daseins das Leben zusammenzufassen und ihm, wenn es irgend möglich, einen Sinn zu geben, im besonderen dabei die unerträglich gewordene Spaltung zwischen Subjekt und Objekt zu überwinden, ist von der Neuzeit in zwiefacher Weise angegriffen worden: entweder wurde ein dem Subjekt überlegener Lebensprozeß gesucht, ein Weltleben, das den Menschen ganz und gar in sich aufnehme und dem Subjekt nicht die mindeste Selbständigkeit lasse, oder aber das Subjekt machte sich selbst zum allbeherrschenden Mittelpunkt der Wirklichkeit, und die Welt wurde zu einer bloßen Umgebung des menschlichen Daseins, zu einem bloßen Mittel für das Wohl des Menschen. Wir werden sehen, daß innerhalb dieser Gegensätze weitere Scheidungen erfolgen, und daß sich so eine Fülle eigentümlicher Lebensgestaltungen ergibt; zugleich werden wir sehen, daß keine dieser Gestaltungen ein Gebilde der bloßen Theorie und Reflexion ist, daß vielmehr eine jede von ihnen große Bewegungen und Leistungen der weltgeschichtlichen Arbeit hinter sich hat. Die naturalistische und die intellektualistische Lösung des Lebensproblems. Je mehr die Weltbilder der Religion und des immanenten Idealismus verblaßten, desto mehr ist dem Menschen zum Ganzen der Welt und zugleich des eignen Seins die Natur geworden, die Natur nicht in dem, was sie bei sich selber ist – denn das behandelt eben die Neuzeit als eine schlechthin unzugängliche Tiefe und ein dunkles Geheimnis –, sondern in der Art, wie sie sich einer gewissen Durchsicht vom Menschen aus, d. h. aber in der mechanisch-kausalen Fassung, darstellt. So wenig die Naturwissenschaft unmittelbar eine solche Gleichsetzung von Natur und Welt behauptet, – diese ist das Bekenntnis einer naturalistischen Philosophie, nicht eine Lehre der Naturwissenschaft –, sie ist doch die Wurzel dieser Denkweise, und es führt von ihr zu dieser ein fortschreitender Zug des modernen Lebens. Die Neuzeit setzte in der Aufklärung mit einer scharfen Scheidung von Natur und Seele ein; je entschiedener jene eine seelenlose Natur verlangte, desto eifriger bestand sie auf einem Fürsichsein der Seele. Aber von vornherein war das unermeßliche Reich der Natur den einzelnen, zerstreuten Seelen im Gesamteindruck weit überlegen; mit seinem unablässigen Wachstum mußte dieses Reich mehr und mehr auch die Seele an sich ziehen, es hat sie nicht nur in ihrer Existenz mehr und mehr an Naturbedingungen gebunden gezeigt, es hat auch ihre innere Art von sich aus zu gestalten und sie schließlich einem weiteren Rahmen der Natur gänzlich einzufügen gesucht. Immer stärker wurde im Lauf der Zeiten die Neigung, alle Wissenschaft als Naturwissenschaft, alle Wirklichkeit als Natur zu behandeln. Was bis dahin noch an Abstand verblieb und was Zweifel an jener Lösung erweckte, das schien zu verschwinden mit dem Auftreten einer mechanischen Entwicklungslehre, welche den Menschen ganz und gar in die Natur, und zwar in eine Natur ohne allen inneren Zusammenhang und ohne alle inneren Kräfte, glaubte aufnehmen zu können. Nun durfte und mußte auch der Versuch unternommen werden, dem menschlichen Leben als einem bloßen Stück jenes Naturprozesses einen Gehalt zu geben und es als lebenswert aufzuweisen. Daß dieses Unternehmen trotz jener geschichtlichen Vorbereitung der eingewurzelten Denkweise schroff widerspricht, ist nicht zu verkennen. Verschiedenes verband sich jener Denkweise zur Empfehlung einer möglichst scharfen Scheidung des Menschen von der Natur: nicht nur wirkte dahin ein, wenn nicht berechtigtes, so doch begreifliches Selbstbewußtsein des Menschen, sondern auch die Neigung, durch eine solche Emporhebung des Menschen dem Handeln hohe Ziele zu stecken und fruchtbare Antriebe zu geben; den Menschen möglichst groß und ausgezeichnet zu fassen, das dünkte ein Zeugnis hoher und edler Gesinnung. Den Widerspruch dieser Denkweise hat zu überwinden, wer den Menschen ganz in die Natur hineinzieht und sein Leben als einen bloßen Naturprozeß versteht; er kann aber eine solche Überwindung unternehmen von der Überzeugung aus, daß jener Widerspruch nur einen Nachklang einer innerlich schon überwundenen Lebensführung bildet; diese Überzeugung läßt ihn hoffen, daß aus dem scheinbaren Verlust ein wahrer Gewinn hervorgehen möge. Auch hier hängt alles an der Wahrheit der Sache, sie würde schon stark genug sein, alles Meinen und Mögen des Menschen zu überwinden. Wie aber steht es mit dieser Wahrheit? Kann das hier gebotene Lebensbild alle Kräfte und Erfahrungen des Menschen umspannen und sie ganz und gar seiner Eigentümlichkeit anpassen? Unverkennbar hat das hier gebotene Leben seinem allgemeinen Umriß nach große Vorzüge und wirkt mit ihnen mächtig zur Seele des modernen Menschen. Alle Verwicklung, alle Zweiheit scheint hier zu fallen und das Leben sich zu schlichtester Einfalt zu finden, große Zusammenhänge umfangen den Menschen und lassen ihn an ihrem Leben teilnehmen, auf festem Boden, so scheint es, steht hier sein Leben und wird von sicherer Notwendigkeit geleitet. Aller bisherige Nebel scheint zu fallen und das ganze Dasein in lichte Klarheit zu treten. Dabei bringt dies neue Leben der gegenwärtigen Lage viel Arbeit und Kampf. Es gilt einen harten Kampf gegen den eingewurzelten Wahn einer zweiten Welt; wie dieser Wahn in alle Gebiete eingedrungen war, so gilt es ihn aus allen gründlich zu vertreiben und sie gemäß der neuen Denkweise neu zu gestalten. Wir wissen, wie viel Anziehungskraft solche Überzeugung und Aufforderung für weite Kreise unserer Zeitgenossen hat, und wie sie namentlich die aufstrebenden Massen gewinnt, in deren Art es liegt, nach solchen Gesamteindrücken endgültig zu entscheiden. Die Verwicklung beginnt erst mit dem Versuch einer näheren Durchbildung, er läßt gar bald ersehen, daß die naturalistische Ordnung dem Leben mit einer eigentümlichen Gestalt auch bestimmte Grenzen gibt; sie schließt vieles aus, was vielleicht doch mehr als ein Nachklang veralteter Denkweisen, als bloßer Wahn und Aberglaube ist. Ein Leben, das sich ganz und gar den Maßen einer mechanischen Naturordnung einfügt, kennt nur ein Nebeneinander einzelner Punkte, nicht irgend welchen umfassenden Zusammenhang, alle Verbindung kann ihm nur eine äußere Anhäufung und Zusammensetzung, nie eine innere Gemeinschaft sein, alle Lebensentfaltung ist hier nur eine Selbsterhaltung der Elemente gegeneinander, und das Leben verläuft ganz und gar in den wechselseitigen Beziehungen. Aus den Verkettungen dieses Nebeneinander kann das Einzelwesen in keiner Weise heraustreten, so ist hier alles Leben vermittelt und gebunden, für Ursprünglichkeit, Selbständigkeit und freie Entscheidung ist nicht der mindeste Platz. Das Geschehen verläuft hier in reiner und bloßer Tatsächlichkeit, es kennt kein Warum und Wofür. Hier gibt es keine Gegensätze des Wertes wie gut und böse, sondern nur ein Mehr oder Minder der Kraft. Daß das menschliche Leben weithin diesem Bilde entspricht, daß auch das Seelenleben weit mehr eine bloße Fortführung der Natur bildet, als früher die Annahme war, darüber läßt sich heute kaum streiten. Das aber ist die Frage, ob dieses das Ganze ist, und ob es den Charakter des gesamten Lebens bestimmt. Wo dem Leben aller innere Zusammenhang, aller Antrieb von innen heraus und alle Freiheit fehlt, wo es sich ganz und gar in ein Gewebe von Beziehungen nach außen verwandelt und eine bloße Anpassung an wechselnde Daseinsbedingungen wird, da entfällt nicht nur, wie selbstverständlich, alle Religion, da entfallen ebenso notwendig auch Moral und Recht, da müssen sich Wissenschaft und Kunst in ein Nebeneinander einzelner Vorstellungen und Empfindungen verwandeln, da werden Begriffe wie Persönlichkeit, Charakter, Gesinnung leere Phrasen, Gebilde von Wahn und Aberglauben nicht minder als die Überzeugungen der Religion. Und welche Aufgabe bleibt in diesem Kreise dem menschlichen Handeln, wenn sich hier überhaupt noch von Aufgabe und von Handeln sprechen läßt? Die Natur geht draußen und drinnen ihren sicheren Lauf, zwingende Triebe regulieren alle Bewegung, es wirkt nicht eigentlich der Mensch, sondern es geht in ihm etwas vor, das im Grunde ihm völlig fremd ist. Sein Bewußtsein kann nur begleiten und betrachten, nicht aber eingreifen und umgestalten. So würde der Mensch mit seinem Seelenleben ein bloß Betrachtender, ein Schatten echter Wirklichkeit, wenn nicht Irrung und Wahn im eigenen Kreise ihn in Arbeit und Kampf versetzten. Dieser Kampf, der Kampf gegen alles Hinausstreben des Menschen über die Natur, der Kampf gegen Aberglauben und menschlichen Eigendünkel, wird diesem naturalistischen Leben zum einzigen Antrieb der Bewegung. Wäre hier der Sieg erfochten, wäre die Aufklärung vollendet und der Mensch zu seiner wahren Stellung in der Natur zurückgeführt, so sieht man nicht, was seinem Handeln noch irgend zu tun verbliebe, so wäre das Leben innerlich zum Stillstand gebracht, und es hätte alles Weitere die Natur, nicht der menschliche Wille, zu leisten. Demnach würde hier die Ausschaltung alles geistigen Lebens zum höchsten Ziele des Strebens. Kann der Mensch mit allem, was die weltgeschichtliche Arbeit aus ihm gemacht hat, in dieser Weise zur Stufe der Natur zurückkehren, alles Unterscheidende ablegen und mit solcher Wendung sein echtes Wesen erreicht, sein Verlangen nach Glück gestillt finden? Wir glauben kaum, wir glauben es schon deshalb nicht, weil das Verlangen nach Rückkehr zur Natur eine wesentlich andere seelische Art erweist, als die bloße Natur sie hervorbringen kann. Warum verlangt der Naturalist mit solchem Eifer und solcher Begeisterung eine Rückkehr des Menschen zur Natur, und warum setzt er an dieses Ziel die Hauptarbeit seines Lebens? Doch, weil er sie für das Glück des Menschen und für die Wahrheit seines Strebens unerläßlich glaubt. Aber kann er solche Ziele entwerfen und verfolgen ohne sowohl das Objekt des Strebens als das Streben selbst in ein Ganzes zusammenzufassen, und entwickelt nicht zugleich das Leben jenseit der Berührung von Punkt zu Punkt eine Innerlichkeit? Enthält ferner der Begriff der Wahrheit nicht eine wesentliche Überschreitung der bloßen Tatsächlichkeit? Wer Wahrheit verlangt und sich um Wahrheit bemüht, der ist mehr als ein bloßes Stück der Natur. Auch tritt in der Bewegung nach Wahrheit und Glück das menschliche Dasein in schroffe Gegensätze auseinander, wie die Natur mit ihrer allmählichen Anhäufung sie nicht kennt und nicht dulden kann. Wenn der Naturalist nicht gewahrt, daß sein eignes Handeln seine Theorie durchbricht und widerlegt, so zeigt das nur, wie selbstverständlich ihm die Atmosphäre der Innerlichkeit und des Geisteslebens ist, welche die Gesamtarbeit der Geschichte bereitet hat. Denn mehr und mehr hat sie dem Menschen ein eignes Reich gegenüber der sinnlichen Natur erbaut; von diesem Reiche aus und in ihm erlebt er auch die Natur. Nun ist in der Neuzeit die Natur dem menschlichen Geistesleben weit mehr geworden, und es hat sich dies Leben ihr weit enger verbunden gezeigt als in früheren Zeiten, aber damit wird es keineswegs ein Erzeugnis der bloßen Natur; würde es dies, so wäre wie alle Kultur, so auch alle Wissenschaft und aller innere Zusammenhang einer Überzeugung vernichtet. Und eine Ordnung, die um so mehr sich selbst zerstört, je konsequenter sie sich gestaltet, deren Inhalt und Form einander schroff widersprechen, sollte unserem Leben und Streben einen Sinn geben können! Was bietet dies vom Naturalismus so eifrig und beflissen der Menschheit angepriesene Leben im Gesamtanblick? Der menschliche Kreis von winziger Kleinheit gegenüber dem endlosen All und in ihm gänzlich vereinsamt, das Tun und Lassen des Menschen von völliger Gleichgültigkeit für jenes All, beim Menschen selbst keine Möglichkeit einer inneren Gemeinschaft, keine Möglichkeit einer gegenseitigen Liebe und Achtung, keine Möglichkeit eines Überlegenwerdens gegen den Zwang der Naturtriebe, alles Tun unter dem Druck der Lebenserhaltung, der uns in einen immer härteren Kampf gegeneinander führt, in einen Kampf, der keinerlei inneren Ertrag, keine innere Förderung zu bringen vermag; gegenüber allen diesen Verneinungen als einzige Leistung die Befreiung von Wahn und Aberglauben, die volle Einsicht von der Zugehörigkeit des Menschen zur Natur. Aber so hoch man solche Aufklärung anschlagen mag, kann sie den Menschen veredeln, ihm zu innerem Wachstum und zur Entwicklung einer geistigen Eigenart verhelfen, seine Kräfte steigern, ihm ein innerlicheres Verhältnis zu seinesgleichen oder zum Weltall eröffnen, gewährt sie ihm überhaupt irgendwelche selbständige Tätigkeit? Und kann ohne das alles das menschliche Leben als lebenswert gelten? Es kann es nur dem, der entweder sehr geringe Ansprüche stellt, oder sein Denken in der Mitte abbricht, oder aber die eigne Behauptung unablässig durch eben das ergänzt oder in das umbiegt, dessen Recht hier mit höchstem Eifer bekämpft wird. Wer zu Ende denkt, der kann am Ziel nur eine völlige Leere finden, der kann sich unmöglich einer radikalen Verneinung des Lebens entziehen, der müßte mit völliger Verzweiflung enden. Nur die Hitze des Kampfes gegen das, was dem Naturalismus als Wahn und Aberglaube gilt, kann ihn über seine eigne Leere und über sein Unvermögen zu irgendwelchem geistigen Schaffen hinwegtäuschen. So ist der Naturalismus dem Lebensprobleme nicht gewachsen. Aber unangefochten blieb bis jetzt seine Behauptung, die nächste Welt auf seiner Seite zu haben; so lange diese Behauptung unwidersprochen bleibt, kann alles, was aus geistiger Arbeit hervorgeht, etwas Zweites und nur Nachträgliches dünken. Aber ist es gerade auf dem Boden der Neuzeit sicher und ausgemacht, daß das sinnliche Dasein den nächsten und festen Standort des Lebens bildet? Gewiß ist dies Dasein dem Menschen das Nächste und Zweifellose, solange er sich ganz den sinnlichen Eindrücken und Empfindungen ergibt, solange er nicht denkt, solange sein Denken nicht von gebundener Art zu einer Selbständigkeit gelangt. Nun bleibt auch das menschliche Denken weithin in einem Stande der Gebundenheit; als solches überschreitet es keineswegs den Rahmen der Natur. Die Erfahrung zeigt uns viel Entwicklung der Intelligenz schon innerhalb dieses Rahmens, an Klugheit, List, Geschicklichkeit usw. fehlt es wahrlich dem tierischen Leben nicht. Aber alle Leistung der Intelligenz ist hier nicht mehr als eine Wehr und Waffe zur natürlichen Selbsterhaltung, sie dient dem Bestehen des Individuums oder der Gattung, sie führt nicht über das Getriebe der Natur hinaus auf neue Bahnen und zu eignen Zielen. Bei solcher Einschränkung bleibt die Intelligenz ein bloßes Äquivalent für körperliche Vorzüge; was dem einen Wesen ein starker Schutz des Körpers, dem anderen seine Beweglichkeit und Behendigkeit, das mag dem andern seine List und Klugheit gewahren. So verbleibt es in weitem Umfange auch beim Menschen, auch seine Intelligenz ist zunächst nicht mehr als ein Mittel, den harten Kampf ums Dasein zu führen. Aber sie ist es nicht gänzlich, eine bedeutsame Wendung erfolgt bei ihm dahin, daß sich hier das Denken jener Bindung zu entwinden, sich dem sinnlichen Dasein entgegenzustellen und es mit ruhigem Blick zu überschauen vermag. So unscheinbar sich zunächst das Denken in solchem Selbständigwerden ausnimmt, der zuerst unscheinbare Funke vermag ein gewaltiges Feuer zu entzünden, das ins Unendliche zu wachsen und alle Starrheit des sinnlichen Daseins zu zerschmelzen vermag. Eine Umkehrung eingreifender Art ist hier nicht zu verkennen. Der Mensch denkt nicht nur innerhalb der Natur, sondern er denkt auch über sie, er macht sie sich zum Problem, er erlebt die Natur und hebt sich damit über sie hinaus; in keiner Weise wäre er dazu fähig, wäre sein Denken ein Vermögen schlechthin passiver und gebundener Art; indem es schon in jener Leistung eine Aktivität bekundet, entwickelt es ein wesentlich anderes Leben als die Natur es bietet. Ja mit solcher Wendung erfolgt augenscheinlich eine Umkehrung dahin, das nunmehr das Denken zum Ausgangspunkt, zum ersten Standort des Lebens wird; mit siegreicher Kraft und wie selbstverständlich fordert es für sich die wahre Unmittelbarkeit und läßt es nur gelten, was sich ihm selbst in überzeugender Weise dargetan hat. So wird es zum Maß und zum Richter aller Dinge, das sinnliche Dasein weicht dabei zurück, es verliert seine Handfestigkeit und wird zu einem schweren Problem, es sinkt zu einer bloßen Erscheinung, deren Wahrheitsgehalt sich erst herausstellen muß. So aber geschieht es nicht bloß beim Individuum, sondern eine Erhebung über das sinnliche Dasein und eine Umkehrung des Lebens geht durch das Ganze der Menschheit, sie ist sowohl die Voraussetzung als auch das Ergebnis aller Kultur. Denn wie wäre zu einer Kultur zu gelangen, wie könnte auch nur der Gedanke der Kultur entstehen ohne eine Emanzipation der Gedankenarbeit vom sinnlichen Eindruck und ohne ihre Gegenwirkung gegen ihn? Ein unablässiges Vordringen der Gedankenarbeit und eine Umwandlung unseres Daseins dadurch zeigt mit besonderer Klarheit die Neuzeit. Hier stellt sich stolz und kühn das Denken der Welt gegenüber, entwickelt aus seiner Natur heraus Forderungen von sehr eingreifender Art und besteht mit höchster Energie darauf, daß sich das Ganze der Wirklichkeit ihnen gemäß gestalte. Das verändert gegen frühere Zeiten das gesamte Gefüge des Lebens. Denn nunmehr eilt mit leichtem Flügel der Gedanke voran, er rüttelt durch Vorhaltung von Ideen und Prinzipien das Dasein aus dem vorgefundenen Stande auf und sucht es zum Ausdruck innerer Notwendigkeiten zu machen. Das vornehmlich gibt den Bewegungen der Neuzeit ihre gewaltige Kraft und ihre ungestüme Leidenschaft, daß in ihnen um die Verwirklichung von Prinzipien gekämpft wird; selbst die Bestrebungen zur Hebung des materiellen Wohlseins gewinnen und beherrschen die Gemüter vornehmlich durch die Ideen und Prinzipien, die in ihnen erscheinen. So ist es eine Gedankenwelt, welche das sinnliche Dasein trägt und durchwaltet. Ein eigentümlicher und mächtiger Strom des Lebens vom Ganzen der Menschheit her bis in die Seele des Einzelnen hinein ist demnach in der Entwicklung des Denkens nicht zu verkennen, dieser Strom aber stößt mit der naturalistischen Bewegung aufs schroffste zusammen; indem das eine sich gegen das andere behauptet und durchsetzt, wird das Leben nach widerstreitenden Richtungen gezogen, unter grundverschiedene Antriebe gestellt und im Ganzen seines Sinnes erschüttert. In der Natur, wie sie den modernen Menschen beherrscht, erkannten wir ein Reich der bloßen und blinden Tatsächlichkeit, dieser Tatsächlichkeit hat nach naturalistischer Überzeugung alles menschliche Unternehmen zu folgen, auch die Wissenschaft hat nicht zu erklären, sondern nur zu beschreiben. Das Denken dagegen will seinen Inhalt aus eignem Tun erzeugen oder doch damit durchdringen; so muß es auf einem Erklären und Ableiten bestehen, es wird, was es an Tatbestand vorfindet, aufzulösen und umzuwandeln suchen, es wird was sich dabei als Grenze findet, nie endgültig anerkennen. Die Übertragung der starren Tatsächlichkeit der Natur auf das Ganze des Lebens wird ihm damit zu einer peinlichen Schranke, ja inneren Zerstörung; zum mindesten müßte es einen schweren Widerspruch darin finden, daß der Mensch aus dunklem Zwange ein gewisses Stück Wirklichkeit sein eigen, sein Ich nennen, es mit Lust und Schmerz begleiten, die Folgen seiner Beschaffenheit tragen muß, ohne daß er irgend mit eignem Wirken, mit eigner Entscheidung daran beteiligt ist. Denn als bloßes Naturwesen spielt der Mensch nur eine ihm zugewiesene Rolle. Als denkendes Wesen kann der Mensch sein Leben und Sein nicht mit der Naivität eines Tieres hinnehmen, er kann das Vergleichen, das Grübeln und Fragen nicht lassen, und wird ihm gar keine Antwort, so muß er sich tief gedemütigt fühlen. Schon in der Erzeugung solcher Probleme und Konflikte erweist sich das Denken als eine selbständige Macht gegenüber aller Natur. Es erweist sich als eine solche weiter in seinem inneren Gewebe. Wir erkannten in der Natur, wie die menschliche Arbeit hier sie faßt, ein bloßes Nebeneinander und Gegeneinander einzelner Punkte und Vorgänge; dem Denken dagegen ist ein Umspannen der Mannigfaltigkeit wesentlich, es vermag ein Gesamtbild zu entwerfen und am einzelnen Punkt gegenwärtig zu halten, es ergießt in alles, was es ergreift, die Forderung einer Gestaltung zum Ganzen. Hier erhält jedes einzelne Element seinen Sinn und Wert aus der Stellung im Ganzen, hier vollzieht der Fortgang sich nicht durch ein bloßes Aneinanderreihen der einzelnen Elemente, sondern durch eine Klärung von Ganzem zu Ganzem; wie das Denken sich selbst zu einem gegliederten System gestaltet, so überträgt es die Forderung einer systematischen Ordnung auf die ganze Weite des Lebens bis in alle Gebiete hinein; so wenig es diese Forderung gegenüber dem unablässigen Zustrom der Erfahrung und auch dem eigenen Drange nach Unendlichkeit rein durchführen kann, eine gewaltige Bewegung geht davon aus, schon in dem bloßen Streben nach einem inneren Zusammenhange ist das Leben dem bloßen Nebeneinander der Natur entwachsen und das Denken als eine Macht von selbständiger Art erwiesen. Auch darin stoßen natürliches Dasein und Denkarbeit unversöhnlich zusammen, daß dort für den Gedanken einer Innerlichkeit nicht der mindeste Platz ist, während er hier in sicherer Herrschaft steht. Das wissenschaftliche Naturbild der Neuzeit hat zur Voraussetzung die Vertreibung aller inneren Größen und Kräfte aus der Natur; soweit es für die Gestaltung der Wirklichkeit maßgebend wird, muß sich das Leben ganz und gar nach außen kehren, kann es sich nur mit den Beziehungen nach außen, nie mit sich selbst und seinem eignen Stande befassen. Diese Selbstbefassung aber liegt beim Denken deutlich zu Tage. Denn darin besteht hier die treibende Kraft, daß das Denken sich selbst zur vollen Durchbildung und Klarheit zu bringen sucht; mag es auf eine volle Entwicklung der Behauptungen in ihre Konsequenzen drängen, mag es Widersprüche unerträglich finden, immer ist es der eigne Stand, mit dem es zu tun hat; augenscheinlich wird hier ein Beisichselbstsein des Lebens erreicht, und ein solches Beisichselbstsein wird überall zur Forderung, wohin das Denken seine Bewegung trägt. Ein nur auf anderes und nach außen hin gerichtetes Leben wird ihm zu einer unerträglichen Äußerlichkeit. Alle diese Gegensätze greifen in den Grundbegriff der Wirklichkeit und in die Grundform des Lebens zurück und versetzen durch ihr Zusammentreffen uns in die peinlichste Unsicherheit; es zeigt sich, daß eben das unmittelbare Dasein, zu dem sich die Menschheit gewandt hatte, um ein sichergegründetes, festgeschlossenes Leben zu finden, zweideutig ist, daß es in entgegengesetzter Weise gefaßt werden kann, und daß damit unser Streben nach direkt widerstreitender Richtung gezogen wird. Es erscheinen zwei Arten der Unmittelbarkeit, die der sinnlichen Empfindung und die des selbständig werdenden Denkens, jede erklärt sich für den Hauptstandort des Lebens, jede darf sich so lange sicher und unangreifbar fühlen, als sie bei sich selbst verbleibt. Aber keine von ihnen kann das für immer, keine vermag den Menschen ganz und gar einzunehmen, immer wieder treibt es von der einen Seite zur andern. Wir sahen das Denken sich der Sinnlichkeit entwinden und ihr überlegen werden, aber wir können nicht leugnen, daß es umgekehrt auch vom Denken zur Sinnlichkeit treibt. Das Denken, so fanden wir, veränderte den Grundbestand des Lebens und den Grundbegriff der Wirklichkeit; schon daß wir die Natur zu denken vermögen, zeigte, daß die Wirklichkeit mehr als bloße Natur ist. Aber sobald das Denken selbst das Ganze der Wirklichkeit sein und das Leben ausschließlich gestalten will, macht seine Grenze sich fühlbar; wo immer jenes versucht wurde, wie es in kühnster Weise von der philosophischen Spekulation geschah, wie es aber maßvoller in aller Aufklärung steckt, da geriet alsbald das Leben ins Formel- und Schattenhafte, da zeigte sich, daß das Denken aus eignem Vermögen wohl ein Gewebe von Formen hervorzubringen, nicht aber diesen einen lebendigen Inhalt zu geben vermag. Wenn dieser aus bloßem Vermögen des Denkens gewonnen schien, so schöpfte es unvermerkt aus einer wesenhafteren und tiefergegründeten Wirklichkeit und war selbst ein bloßes Mittel, diese zur vollen Klarheit und Selbsttätigkeit zu bringen. Wie aber die Grenze, so ist auch der problematische Charakter, die Rätselhaftigkeit eines selbstherrlich auftretenden Denkens nicht zu verkennen. Das Denken ist ein Vorgang im Menschenleben, aber das Ganze der Wirklichkeit an sich zu ziehen und ihm seinen Stempel aufzuprägen kann es nicht wagen, ohne den Anspruch, den tiefsten Grund der Welt zu bilden; wie aber sollte es solchen Anspruch durchsetzen können? Das Denken, wie es unmittelbar vorliegt, entspringt beim Menschen, aber zugleich kehrt es sich wider den Menschen, indem es von sich aus Normen entwickelt und Forderungen stellt, die jenem seine Bahnen vorschreiben, ihn zu vielfachen Arbeiten und Opfern zwingen, ja die mit voller Gleichgültigkeit über sein Wohl und Wehe dahinschreiten. Die Geschichte zeigt uns, daß oft neu aufsteigende Ideen und Prinzipien mit ihren Konsequenzen das Gleichgewicht des Lebens aufs ärgste störten und dem Menschen höchst unbequem wurden, daß er sich daher jenen Konsequenzen gern entzogen hätte. Aber er vermochte das nicht, der Strom des Denkens brauste über ihn hin und riß ihn fort, sein Wohlsein ward als eine völlige Nebensache behandelt. Wie kann nun etwas, das beim Menschen entspringt und im unmittelbaren Dasein gänzlich an ihn gebunden bleibt, eine solche Macht über und gegen ihn erlangen, ihn als ein bloßes Werkzeug behandeln? Und was wird hier aus dem Sinn des Lebens? Gewinnt es einen solchen, wenn das Denken sich allein auf sich selber stellt und in seiner vollen Entwicklung die einzige Aufgabe des Lebens findet? Es schreitet dann die Welt in einem Gedankenprozesse zu immer größerer Aufhellung fort, dieser Prozeß hebt sich über die Interessen des Menschen hinaus und verlangt von ihm eine völlige Unterordnung und Aufopferung. Aber damit der Mensch diese aus Überzeugung vollziehe, müßte ihm doch ein wertvoller Gehalt des Ganzen gesichert sein, und das wäre nur möglich, wenn die Gedankenbewegung in ein wahrhaftiges Selbstleben einmündete und sich zugleich aus dem rastlosen Strom des Werdens die ewige Ordnung eines Beisichselbstseins heraushöbe. Aber im unmittelbaren Dasein gewahren wir davon nicht das geringste, wir sehen nur, wie die Menschen von der Gedankenbewegung gepackt und fortgerissen werden, sie kommen und gehen wie flüchtige Schatten, sie arbeiten mit Aufgebot aller Kraft für Ziele, die sie nimmer erreichen, die sie mehr ahnen als sehen, sie sind ein bloßes Mittel und Werkzeug eines mit dämonischem Walten vordringenden Weltprozesses, der sie verwendet und verwirft, der dabei selbst in völligem Dunkel verbleibt, der für den unmittelbaren Anblick sinnlos dahinstürmt, unablässig Verwicklungen über Verwicklungen aus sich gebärend. Der Mensch wird hier mit gar nicht geringerer Gleichgültigkeit behandelt als vom Naturprozeß; wie kann sich ihm da ein Sinn des Lebens ergeben? Noch weniger aber als der Naturalismus und der Intellektualismus einzeln für sich kann ihr Nebeneinander dem Leben einen Wert verleihen. Ein solches Nebeneinander bietet wohl der Erfahrungsstand des modernen Lebens in einer weit verbreiteten Verquickung von sinnlich-natürlicher und intellektueller Kultur, oft genug erscheint in demselben Menschen ein Zusammentreffen von starken Naturtrieben und subtilem Denken. Aber solches Zusammensein führt so wenig zu einer Bejahung des Lebens, daß es vielmehr eine Hauptquelle des jetzt grassierenden Pessimismus bildet. Denn beides kann sich unmöglich zu einem Ganzen des Lebens verbinden, das eine wirkt gegen das andere und entwertet das andere; das sinnliche Dasein erscheint vom Denken aus als niedrig und roh, umgekehrt dieses von jenem aus als flüchtig und nichtig. Und zwischen beide ist das menschliche Bewußtsein gestellt ohne alles Vermögen sich dem Gegensatz zu entwinden. Kann der Mensch sich eines solchen Lebens erfreuen und seine Steigerung sich zum Ziele setzen? Und doch kann er auch nicht einfach verzichten. Er fragt nach Glück und kann das nicht lassen, er erweist schon in solcher Frage mehr Selbstständigkeit, als ihm jene Lebensordnungen gewähren. Viel kleinliche Denkweise mag die Frage nach dem Glück begleiten, aber hinter ihr steht doch wohl mehr, steht nichts geringeres als ein Verlangen nach geistiger Selbstbehauptung des Menschen. Und es fragt sich, ob er darauf verzichten kann und darf, ob hier nicht etwas in ihm wirkt und treibt, was jenseit aller Willkür des Einzelnen liegt. Soviel ist gewiß: hatte die Wendung zum unmittelbaren Dasein die Bedeutung, das menschliche Leben ganz und gar einem dort vorhandenen Weltprozeß einzufügen, so vermochte sie nicht dem Leben einen Inhalt und Sinn zu geben, so gewährte sie dem Menschen keinerlei Beisichselbstsein, so opferte sie ihn dunklen Notwendigkeiten auf, so ist sie an dem Problem, das uns hier beschäftigt, gescheitert. Mit solcher Erkenntnis steigt notwendig die Frage auf, ob jene Wendung nicht auch einer Gestaltung fähig sei, welche solche Vernichtung des Menschen vermeidet; es mag mit dem Eingehen darauf ein Rückschlag erfolgen, und das Selbst des Menschen mag aus der versuchten Unterdrückung um so kräftiger hervorbrechen; von der Welt, der er aufgeopfert werden sollte, wird der Mensch zu sich selbst und zum eignen Kreise flüchten, um hier die wahre Unmittelbarkeit zu suchen und in der Konzentration auf das eigne Befinden dem Leben einen wahrhaften Sinn zu geben. Die Unzulänglichkeit der bloßen Menschenkultur. Wenn alle Überwelt dem Menschen unsicher wird, und wenn die Welt, die ihn in Natur und Denken unmittelbar umfängt, sein Leben und Sein als ein bloßes Mittel behandelt und ihn selbst damit innerlich zerstört, so scheint, um seinem Leben einen Sinn und Wert zu retten, nur ein einziger Weg zu verbleiben: die kräftige Ergreifung, Pflege und Förderung des menschlichen Kreises bei sich selbst. Arbeit bietet sich hier wahrhaftig in Hülle und Fülle, und keine Sorge um die Welt, sei es um uns, sei es über uns, kann daran hindern, uns unseres eignen Befindens zu freuen und es nach bestem Vermögen zu fördern; richten wir also all unser Streben und all unsere Kraft auf den Menschen als Menschen, und wir werden ein Leben führen, das gewiß auf manches verzichten muß, das aber innerhalb seiner Grenzen deutliche Ziele vorhält und in der Arbeit für sie ein sicheres Glück verheißt. So dünkt es einem großen Strome des modernen Lebens, der uns mit tausendfachen Wirkungen umflutet, so hat es einen gewissen Tatbestand der weltgeschichtlichen Lage erzeugt. – Aber wir brauchen vom unbestimmten Umriß nur zum Nähern der Gestaltung fortzuschreiten, und es kommen Zweifel zu Zweifeln, wiederum ergibt sich ein schroffer Zwiespalt, ein unerträglicher Widerspruch in eben dem, zu dem wir uns als dem Einfachsten und Sichersten wandten. Wir erkennen gar bald, daß das unmittelbare Dasein des Menschen selbst ein Problem bildet, ein Problem, das die Erfahrung des Lebens in völlig entgegengesetzter Weise beantwortet. Wir suchen den Menschen, den Menschen ohne alle Verwicklung der Weltprobleme, aber wo finden wir ihn? Finden wir ihn im Zusammensein der Gesellschaft, in der festen Verbindung der Kräfte zu gemeinsamem Leben, oder finden wir ihn bei den Individuen in ihrem Fürsichsein und ihrer unerschöpflichen Mannigfaltigkeit? Ist es die gegenseitige Anziehung oder Abstoßung der Individuen, ist es die Summierung oder die Differenzierung der Kräfte, welche dem menschlichen Leben zu einem eigentümlichen Charakter verhilft? Das sind nicht bloß verschiedene Ausgangspunkte, die schließlich zum selben Ziele führen, sondern die Ziele selbst sind hier und dort verschieden, so verschieden, daß das eine fördern das andere schädigen heißt, daß ihr Nebeneinander das menschliche Leben in widerstreitender Richtung auseinanderreißt. Steht die Gemeinschaft voran und hängt an ihrem Gedeihen aller Lebenserfolg, so muß das Ganze sicher bei sich selbst befestigt werden und eine volle Überlegenheit gegen Willkür und Eigensinn der Individuen haben, so hat der Einzelne sich unterzuordnen und einzufügen, so wird, was er an Unterscheidendem besitzt, vor den gemeinsamen Zügen zurücktreten müssen, welche das Zusammensein entwickelt, so wird ein starker, von der Willkür der Individuen und den Schwankungen der Zeiten unberührter Gemeingeist als besonders hohes Gut geschätzt werden. Eine solche Lebensgestaltung wird ihre Hauptaufgabe darin finden, die äußeren Verhältnisse, die Bedingungen des Lebens, die Ordnung des Zusammenseins und Zusammenwirkens so zu gestalten, daß die Wohlfahrt des Ganzen möglichst gehoben wird; von da aus scheint auch den Einzelnen Glück und Behagen in sicherem Zuge sich mitzuteilen. Denn er hängt hier auch in seinem Innern, er hängt bis in seine Wünsche und Träume hinein am Stande des Ganzen, er ist ein Erzeugnis des »Milieu«. Auf der anderen Seite dagegen wird zum Hauptanliegen, das Individuum in seinem reinen Fürsichsein möglichst zu stärken, es von aller Bindung zu befreien, es zu voller Entfaltung seiner Eigentümlichkeit zu führen; dieser Zug wird auf möglichste Beweglichkeit und Flüssigkeit des Lebens dringen, er verwirft alles Festwerden als ein Erstarren, alles Gleichmachen als eine unerträgliche Schablonisierung. Liegt nun der Kern des menschlichen Daseins hier oder dort, in der Gemeinschaft oder in den Individuen, das ist die strittige Frage. Daß hier ein schwerer Konflikt vorliegt, der das Leben in entgegengesetzte Bahnen treibt, das bestätigt die weltgeschichtliche Erfahrung. Denn sie zeigt, daß in der Geschichte große Wogen einander folgten und einander durchkreuzten, und daß ihr Auf- und Absteigen mehr als irgend etwas anderes den Charakter der Hauptepochen bestimmte. Nachdem der Verlauf des Altertums mehr und mehr die überkommenen Ordnungen zersetzt und den Schwerpunkt des Lebens in die Individuen verlegt hatte, erfolgte gegen sein Ende ein immer stärkerer Rückschlag zugunsten einer festeren Gemeinschaft, philosophische Schulen wie religiöse Kulte schließen die Individuen enger zusammen und lassen sie sich gegenseitig fördern und stützen; das Christentum nimmt diese Bewegung auf und bringt sie bei wachsendem Verlangen nach einem sicheren Halt und nach Befreiung von eigner Verantwortlichkeit zu dem Abschluß, daß die religiöse Gemeinschaft, die Kirche, zur alleinigen Trägerin göttlicher Wahrheit und göttlichen Lebens wird, der Einzelne einen Anteil daran nur durch ihre Vermittlung erlangt. So ward die Kirche zur Überzeugung und zum Gewissen der Menschheit. Auch das politische und soziale Ordnungssystem des Mittelalters ruht auf der Überzeugung, daß nur innerhalb des Ganzen der Einzelne etwas gilt. Wie im Gegensatz zu solcher Stimmung und Schätzung das Individuum wieder mehr Mut und Kraft bei sich selbst gewann, wie es bei Wachstum dessen die alte Ordnung zerbrach, die Selbständigkeit des Einzelnen zur Hauptsache machte, und wie in Ausbreitung dieses Strebens über alle einzelnen Lebensgebiete eine neue Epoche aufstieg, deren höchstes Ideal die Freiheit war, das wissen wir alle. Aber wir wissen auch, daß dies Ideal die Gegenwart nicht mehr ausschließlich beherrscht, daß vielmehr ein merkwürdiges Anschwellen des Lebens ins Große und Gigantische, eine wachsende Ansammlung gewaltiger Kräfte und Massen, vornehmlich aber ein Entstehen schroffer, das menschliche Dasein mit Zerreißung bedrohender Gegensätze das Verlangen nach einem engeren Zusammenschluß der Individuen und nach einer Leitung des Lebens durch eine überlegene Organisation hervorgerufen haben. Das zeigen die sozialen Bewegungen mit besonderer Klarheit, aber es reicht jener Zug weit über sie hinaus, durchgängig erscheint ein Verlangen der Individuen sich enger zu verbinden und dadurch zu stützen wie zu stärken, eine Neigung, die Aufgaben gemeinschaftlich anzugreifen und den Kampf gegen die Widerstände gemeinsam zu führen. Wie viel Bewegung zur Assoziation, zur Bildung von Bünden auch geistiger Art usw. zeigt unsere eigne Zeit, in weitem Abstand von der Zeit unserer Klassiker, die alles Heil von der Kraft und Selbständigkeit des Individuums erwartete! So wird der Mensch der Gegenwart nach entgegengesetzter Richtung gezogen und unter widerstreitende Schätzungen gestellt. Emanzipation von allem, was den Menschen bindet und einengt, das ist noch immer für viele das Losungswort, und diese Emanzipation dringt in mancher Richtung noch weiter vor; Verbindung zum Ganzen, Organisation der in ihrer Zerstreuung machtlosen Kräfte, das ist das Losungswort der anderen Seite, und wir kennen die Kraft, mit der auch dieses den modernen Menschen packt. Emanzipation und Organisation aber bieten grundverschiedene Bilder des Lebens; wie könnten wir bei solcher Entzweiung über seinen Sinn je einig werden, wie sollte nicht vielmehr die Unsicherheit, die jener Konflikt erzeugt, uns allen solchen Sinn zerstören? Indes jede einzelne Richtung hat die Hoffnung, aus eignem Vermögen das Leben gänzlich ausfüllen zu können, wenn sie nur zu vollem Siege, zu unbegrenzter Herrschaft gelange; diese Hoffnung ist es, welche den Bewegungen Kraft und Leidenschaft einflößt, indem sie ihnen die ganze Seele des Menschen gewinnt. Aber eine genauere Prüfung zeigt alsbald, daß einen einzelnen dieser Typen ausschließlich durchsetzen das Leben unerträglich verengen und es alles Sinnes berauben heißt. Was macht die Sozialkultur aus dem Leben, indem sie es gänzlich von sich aus gestaltet? Ein unablässiges Arbeiten für die Wohlfahrt der Gesellschaft, für einen Stand des menschlichen Zusammenseins, der möglichst wenig Schmerz und möglichst viel Lust enthält, für ein möglichst behäbiges und genußreiches Leben und das für eine möglichst große Anzahl von Menschen. Gewiß gibt es hier viel zu tun, zu tun für die Hebung von Druck und Not, für die Steigerung des menschlichen Vermögens gegenüber einer gleichgültigen oder feindlichen Welt, für eine mildere und freudigere Gestaltung des menschlichen Daseins, für die Zuführung aller Güter an jedes Glied der Gemeinschaft, an alles was Menschengesicht tragt. Hier soll kein Abstand zwischen Ideal und Wirklichkeit verbleiben, vielmehr wird mit allem Eifer dafür gearbeitet, das Vernünftige wirklich und das Wirkliche vernünftig zu machen. Aber alles dieses, an sich sicherlich schätzbar, wird problematisch, wenn es das Ganze sein will und alles Streben bei sich festhält. Warum soll ich, der ich mich zu entscheiden habe, für ein Ziel mich erwärmen, ihm meine Hauptkraft widmen, mich, wenn es sein muß, willig aufopfern, wo das Ergebnis nur sehr vermittelt auf das eigne Wohlsein zurückwirkt? Und ist es denn sicher, daß auch wir zusammen mit solcher Steigerung der gesellschaftlichen Wohlfahrt eine Befriedigung finden? Wohlfahrt, ein sorgenfreies und genußreiches Leben, genügt noch keineswegs den Menschen glücklich zu machen; denn indem wir den einen Feind, die Not und den Schmerz, erschlagen, erwächst uns ein anderer, vielleicht noch schlimmerer, in der Leere und Langeweile, und was gegen diesen die bloße Sozialkultur aufzubieten hat, ist nicht zu ersehen. In Wahrheit trägt alle Kultur, welche sich auf die Pflege und Förderung des Menschen innerhalb des unmittelbaren Daseins beschränkt, unvermeidlich den Stempel einer Öde und Leere; die Sorge um die Mittel des Lebens erstickt hier die um das Leben selbst. Eine innere Wandlung, eine wesentliche Erhöhung des Menschen kann jene Kultur unmöglich bewirken, ja nicht einmal erstreben, sie muß ihn hinnehmen wie sie ihn findet, sie kann nur vorhandene Kräfte benutzen, sie bleibt auch bei höchster Leistung etwas, das dem Menschen nur anhängt wie ein äußeres Gewand, das ihm nie ein unentbehrliches Stück der geistigen Selbsterhaltung wird, ihm nie ein neues, reineres und größeres Leben eröffnet. Wenn nun aber innere Verwicklungen in uns stecken sollten, und wenn wir ein Verlangen nicht ausrotten könnten, unser eignes Dasein in einem anderen Sinne als wir es vorfinden in eigne Tat zu verwandeln, es als ein eignes und ursprüngliches zu führen, auch in ein anderes Verhältnis zum Weltall zu kommen als das einer äußeren Berührung, eines Austausches bloßer Beziehungen, wie armselig, wie nichtig muß dann alles Streben erscheinen, was solche Aufgaben von sich schiebt, wie scheinhaft muß alles selbstbewußte Gepränge dünken, das jene bloße Menschenkultur zu entfalten pflegt! Glück im Sinne bloßmenschlichen Behagens bringt eine echte Kultur keineswegs; sie verwickelt in viel zu viel Probleme und Konflikte, sie fordert viel zu viel Arbeit und Entsagung, um nicht das Leben vielmehr schwerer als leichter zu machen. Ist ein sorgenfreier und behaglicher Stand nicht in einfacheren Verhältnissen weit eher erreichbar als auf der Höhe der Kultur? Kennt daher ihre Bewegung kein höheres Ziel als das der menschlichen Wohlfahrt, so ist sie eine verderbliche Irrung, ein Widerspruch in sich selbst. Das um so mehr als die bloße Sozialkultur die Bedingungen und Schranken des menschlichen Zusammenseins unvermeidlich zu Bedingungen und Schranken des geistigen Schaffens macht, damit aber dieses mit schwerer Schädigung, ja innerer Zerstörung bedroht. – Das geistige Schaffen, wo und wie immer es sich entfaltet, kann nur gelingen, wenn es um seiner selbst willen mit ganzer Hingebung erfaßt und betrieben wird, die bloße Sozialkultur aber macht aus ihm ein Mittel und Werkzeug menschlichen Glückes, macht damit gleichgültig gegen seinen eignen Gehalt und beugt es unter den seiner unwürdigen Begriff der Nützlichkeit; echtes geistiges Schaffen kann nur aus der Triebkraft einer inneren Notwendigkeit der Sache hervorgehen, und es hat diese Notwendigkeit gegen alle Meinung und Neigung des Menschen zu vollem Siege zu führen; die bloße Sozialkultur kennt kein höheres Forum als eben diese Meinung und Neigung, wenn sie sich nur zu großen Gebilden zusammenballt, die Quantität muß ihr die Qualität ersetzen, und der Durchschnitt der Menschen wird ihr zum Richter über gut oder böse; geistiges Schaffen kann eine volle Ursprünglichkeit nur bei stärkster Erregung der ganzen Seele erreichen, wie sie nur bei freier Entfaltung individuellen Lebens und kräftiger Ausbildung individueller Art erfolgen kann; die bloße Sozialkultur aber wirkt auch bei freiester politischer Verfassung unvermeidlich zu starker Einengung und Abschleifung der Individuen; geistiges Schaffen kann nach Wahrheit nicht streben, ohne eine zeitlose Geltung, eine Überlegenheit gegen allen Wechsel und Wandel zu verlangen, wie denn Spinozas Forderung eines Erkennens »unter der Form der Ewigkeit« ( sub specie aeternitatis ) tiefen Eindruck auf die Neuzeit gemacht hat; die bloße Sozialkultur kann sich der Abhängigkeit von der jeweiligen Lage nicht entziehen, sie hat keine Waffe gegen die flüchtige Stimmung der Menschen und muß so schließlich bei unablässigem Umschlagen auch die wichtigsten, die heiligsten Angelegenheiten als eine Sache der bloßen Mode behandeln. Sie muß das wenigstens, sofern sie den Mut und die Kraft der Konsequenz hat und nicht Begriffe wie die einer selbständigen Wahrheit, eines an sich Guten und Bösen verwendet, die in diesen Zusammenhängen nicht das mindeste Recht besitzen. Regt und bewegt sich aber so vieles im Menschen, was die von jener Lebensführung gezogenen Grenzen durchbricht, was mit der Hineinzwängung in sie verwelken und verdorren muß, so kann die bloße Sozialkultur weder dem Einzelnen noch der Gesamtheit das Leben lebenswert machen; bei allem Gewinn im Einzelnen und Äußeren drückt sie das Leben in seinem Innern und Ganzen in einer Weise herab, die auch der Mensch der Gegenwart immer mehr als unerträglich empfindet. Solches Scheitern der Sozialkultur muß unmittelbar zugunsten der Individualkultur wirken, die Gegenwart selbst stellt deutlich vor Augen, wie eine solche sich mit siegreicher Kraft gegen das erhebt, was ihr als eine bloße Schablonisierung und Mechanisierung, als eine Entseelung des Lebens erscheint. Ein neues Leben erhebt sich mit dieser Wendung; indem es die individuelle Art und das individuelle Befinden in den Vordergrund rückt und in der Gestaltung aller Verhältnisse auf Eigentümlichkeit und Mannigfaltigkeit dringt, indem alle einzelnen Gebiete zu Mitteln für die Befestigung und Darstellung der Individuen werden, ergibt sich viel Freiheit und Frische, viel Beweglichkeit und Fülle, entsteht ein leichtes, freischwebendes, freudiges, allem Zwang, aller Schablone enthobenes Leben, und verteilt sich die Bewegung über die ganze Breite des Daseins. Aber all solch unbestreitbarer Gewinn, den namentlich der Kontrast mit den weitschichtigen Gebilden, mit dem Ernst und der Schwere der Sozialkultur zur Empfindung bringt, enthält noch keine Beantwortung der Frage, ob mit solcher Gestaltung das Leben als Ganzes einen Sinn und Wert erlangt; die Zweifel daran werden namentlich dann entstehen und vordringen und siegen, wenn klar gegenwärtig ist, was Individuum und Individualkultur innerhalb der Schranken des unmittelbaren Daseins allein zu bedeuten vermögen. Denn daß dies Dasein das Ganze unserer Wirklichkeit bildet, und daß sich alle Bewegung innerhalb seiner zu halten hat, das ist eine Voraussetzung, an der sich in diesen Zusammenhängen nicht rütteln und nicht deuten läßt. Als ein Stück des bloßen Daseins ist das Individuum eine Größe, die hinzunehmen ist so wie sie sich findet, es kann weder nach außen hin noch in sich selbst eine Aufgabe tragen, es kann nicht aus eigner Natur ein Ideal erzeugen, das es über den Anfangsstand hinaustreibt, sondern es kann seinen gegebenen Befund, mag er noch so viele Lücken und Widersprüche enthalten, in keiner Weise verändern; es ist und bleibt was es ist. Zugleich kann es dies individuelle Dasein nicht als die Darstellung oder das Gefäß eines weiteren Lebens, etwa eines Geistes- oder Weltlebens, fassen, das in ihm zu einer eigentümlichen Verkörperung gelangt, es kann nicht glauben, daß was in ihm geschieht, irgend etwas über es hinaus bedeute, vielmehr muß in der Pflege und Förderung des unmittelbaren Daseins, in der Hebung seines eignen Zustandes sich sein ganzes Leben erschöpfen. Was sollte demnach das Leben hier dem Menschen zu bieten vermögen als etwa folgendes: die Wirklichkeit zeigt eine unermeßliche Fülle von verschiedenen Bildungen, jede einzelne derselben gewinnt eine Freude und Lust des Selbstempfindens, des Selbstgenusses, indem sie sich aller versuchten Bindung entwindet oder erwehrt, die eigne Art nach außen hin voll zur Geltung bringt und sie zugleich mit voller Kraft erlebt und genießt; sie wird dieser Lust um so mehr teilhaftig, je mehr sie das Unterscheidende betont, je mehr sie den Abstand von anderen hervorkehrt. Diese Individualisierung aber wird sie möglichst ihrem ganzen Lebenskreise mitteilen und der ganzen Umgebung aufprägen; die Freude, etwas Eignes, Unabhängiges, Unvergleichliches zu sein, wird so das ganze Leben durchdringen, sie scheint ihm eine Befriedigung bei sich selbst zu verleihen. So nach den eignen Gedankengängen der bloßen Individualkultur; daß sie eine eigentümliche Seite und Beziehung des Lebens zum Ausdruck bringt, daß die von ihr vertretene Bewegung eine berechtigte Kritik an der bloßen Sozialkultur übt, sei bereitwillig anerkannt. Aber wie dürftig, wie leer ist das hier gebotene Leben bei allem schimmernden Gepränge, wenn es das Letzte und Ganze sein soll! Angenommen wir hätten nur mit ausgeprägten und starken Individuen zu tun, und diesen vergönnte ein gütiges Geschick ihre Art rein zu entfalten und vollauf durchzusetzen, immer bliebe auch hier der Mensch an sich selbst und seinen Zustand gebunden, er würde unablässig nur sich selbst genießen, das eigne Tun in der Vorstellung spiegeln und widerspiegeln, er hätte eine unablässige Fülle vergnügter Augenblicke, aber er könnte ein bloßes Neben- und Nacheinander einzelner Zustände nie überschreiten, in ein inneres Ganzes könnte ohne ein Aufgeben der Grundvoraussetzungen ihm nie das Leben zusammengehen. Nun aber fanden wir in dem Menschen ein denkendes und überdenkendes Wesen, ein solches muß nach einem Ganzen fragen und kann, wenn es nichts davon findet, nicht einer Öde und Leere entrinnen. Die bunte Fülle, der rasche Wechsel, der stete Übergang von einem Punkte zum andern mag zeitweilig ergötzen, schließlich erzeugt er unvermeidlich eine Ermüdung und Abstumpfung. Der Mensch ist einmal mehr als die bloße Zuständlichkeit, und sein Leben erschöpft sich nicht innerhalb des besonderen Kreises, sondern es geht weit darüber hinaus, es muß sich mit dem was jenseits des Punktes liegt, ja mit der Unendlichkeit der Welt befassen, es kann nicht umhin hier seine Stellung zu nehmen und von hier aus jenen individuellen Kreis zu betrachten, ja zu erleben. Soweit aber das geschieht, muß ihm das Abschließen beim bloßen Punkt, die Festhaltung alles Strebens und Fühlens bei der Enge und Zufälligkeit dieser besonderen Stelle, das Gefesseltsein des Einzelnen an seine Art, das Fehlen aller Größen, die solche Schwanke durchbrechen, namentlich der Mangel einer gemeinsamen Wahrheit und einer die Gemüter verbindenden Liebe, es muß dies ganze Leben bei aller bunten Fülle unsäglich eng und dürftig erscheinen. Dabei hatten wir bis jetzt nur mit dem Einzelnen zu tun, dem die Natur eine starke Individualität verlieh und das Schicksal ihre volle Entfaltung gönnt. Wie aber wird es mit dem Durchschnitt der Menschheit? Zeigt er nicht meistens die Einzelnen nur mit matter Regung einer individuellen Art und mit geringer Freude an ihrer Entfaltung? Bereitet ferner nicht die gegenseitige Beengung und Verschränkung der menschlichen Verhältnisse auch dem was an individueller Art an den einzelnen Stellen erscheint, gewöhnlich die schwersten Hemmungen? Und welchen Antrieb kann es hier geben, solchen Hemmungen gegenüber in das Feuer des Kampfes zu gehen, hier wo kein anderes Ziel als das eines seinen Genusses winkt? Auch an dieser Stelle brauchen wir nur die Frage über die einzelnen Vorgänge hinaus auf das Ganze zu richten, zu prüfen und zu erwägen, was dieses an Gewinn erlangt, um ein starkes Manko zu finden, um zu ersehen, daß ein derartiges Leben bei weitem seine Mühen und Kosten nicht lohnt. Der raffinierte Epikureismus, der diese Lebensführung durchdringt, ist immer nahe daran, in einen verzweifelten Pessimismus umzuschlagen; denn die Leere, die im Grunde dieses unablässig vibrierenden Lebens waltet, kann unmöglich sich dauernd der Erfahrung und Empfindung verbergen. * So scheitert die bloße Menschenkultur in jeder der beiden Richtungen, die sie einschlagen kann; weder die gegenseitige Anziehung noch die gegenseitige Abstoßung der Menschen läßt einen Sinn, läßt irgendwelchen Inhalt des Lebens gewinnen. Die Sozialkultur ist vor allem auf die Bedingungen des Lebens gerichtet, aber über solcher Sorge verkümmert ihr das Leben selbst; die Individualkultur möchte es bei sich selber fassen, aber da sie es nicht über die einzelnen Zustände und Augenblicke zurückzuverlegen vermag, so geht es ihr nicht in ein Ganzes zusammen, so erreicht es keine Innerlichkeit, keine Innenwelt, so fehlt auch hier eine wahrhaftige Seele, und es bleibt alles Tun und Treiben an die Oberfläche gebannt. Weder hier noch dort wird ein echtes Beisichselbstsein der Seele gewonnen. Diese Leere des Ganzen, den Mangel an Inhalt hier wie dort verbirgt oft der unablässige Kampf der einen Richtung gegen die andere; gewiß hat jede von ihnen ein gewisses Recht, eine gewisse Überlegenheit gegen die andere; indem sie diese zur Geltung bringt und je nach den Bedürfnissen der Zeitlage durchsetzt, erhält das Leben eine Spannung, und ein Fortschritt scheint unbestreitbar. Aber der Fortschritt in der einen Richtung ist nicht schon eine Erhöhung des Ganzen, auch ist das Vordringen der einen Bewegung gegen die andere nicht schon ein Erweis des eignen Rechtes und der eignen Zulänglichkeit; dazu pflegt der Wandel der Zeiten dasjenige, was sich für die eine Epoche in sicherem Rechte fühlt, für eine andere ins Unrecht zu setzen; mögen die großen Wogen, die hier entstehen, ganze Jahrtausende umfassen, schließlich kommt doch eine Zeit, wo die entgegengesetzte Strömung durchbricht und alle überkommene Schätzung zurückdrängt, ja umkehrt, wo entweder die Emanzipation über die Organisation oder aber die Organisation über die Emanzipation triumphiert. Was aber ergibt dieses Auf- und Abwogen für das Ganze der Menschheit an bleibendem Wahrheitsgehalt? Die Menschenkulturen täuschen sich über ihre Nichtigkeit vornehmlich dadurch hinweg, daß sie verstohlenerweise aus dem Menschen weit mehr zu machen pflegen, als sie in diesen Zusammenhängen können und dürfen. Sie setzen eine geistige Atmosphäre voraus und stellen in sie das menschliche Leben und Streben hinein; so scheinen im Zusammenschluß der Menschen zu fester Gemeinschaft Quellen der Wahrheit und Quellen der Liebe hervorzubrechen, so scheint das Individuum eine unsichtbare Geisteswelt hinter sich zu haben und ihrer Entwicklung mit seiner Arbeit zu dienen. Dann läßt sich hier wie dort dem Leben eher ein Sinn abgewinnen, aber der Boden einer bloßen Daseinskultur ist damit verlassen, und wir geraten in dieselben Verwicklungen hinein, von denen die Wendung zu jener befreien sollte. Oder aber es wird dadurch dem Problem seine Spitze abgebrochen, daß hier wie dort eine Idealisierung des Menschen erfolgt, daß dort ein leichter Zusammenschluß der Kräfte, ein freudiges Miteinanderwirken, eine Summierung aller vorhandenen Vernunft vorausgesetzt wird, während hier das Individuum ohne weiteres als edel und groß, als mit lauter bedeutenden Dingen befaßt gedacht wird; es ist ein gewisser Menschenglaube, der den wirklichen Befund ergänzt und erhöht. Aber rechtfertigen eben die Eindrücke der jüngsten Zeiten diesen Menschenglauben? Steht vor unseren Augen nicht eine ungeheure Leidenschaft der Massen, ein rücksichtsloses Vordringen, ein Herabziehen aller Kultur auf das Niveau ihrer Interessen und ihres Verständnisses, eine Neigung, für die Qualität die Quantität einzusetzen, eine arge Vergröberung, ja Verrohung des Lebens, ein starker Druck gegen die Freiheit des Einzelnen, bei dem allen ein trotziges Selbstbewußtsein der Masse? Und sehen wir nicht auf der anderen Seite, der Seite des Individuums, Kleines und Niedriges in Hülle und Fülle, verbrämte Selbstsucht und eitle Selbstbespieglung, die Sucht, um jeden Preis etwas besonderes zu sein, ein lautes Sichvordrängen und widerwärtiges Scheinwesen, Mangel an Mut inmitten prunkvollen Geredes, eine matte Gesinnung gegenüber allem, was geistige Aufgaben angeht, die regste Beflissenheit aber, sobald der eigne Vorteil in Frage kommt. Das alles fällt viel zu sehr in die Augen, um sich übersehen zulassen; wenn man trotzdem unbedenklich von der Größe der Menschheit oder von der Vortrefflichkeit der Individuen redet, die nur freie Bahn zu erhalten brauchen, um alles zu Glück und Größe zu führen, so erscheint darin ein wunderlicher Glaube an den Menschen, ein Menschenglaube, der unter allen Arten des Glaubens wohl am meisten angreifbar ist. Wenn der Glaube der Religion eine zuversichtliche Annahme von etwas verlangte, was sich nicht mit Augen sehen und mit Händen greifen läßt, so konnte er, da ihm die Welt der Erfahrung nicht als das Ganze der Wirklichkeit galt, sich auf offene Möglichkeiten berufen, und es stieß die Behauptung nicht direkt mit dem Befunde der Erfahrung zusammen. Das aber tut sie bei jenem Menschenglauben. Denn er begnügt sich nicht mit der Forderung, etwas zu glauben, was wir nicht sehen, er verlangt von uns, daß wir innerhalb der Erfahrung das direkte Gegenteil dessen annehmen, was der unbestreitbare Augenschein zeigt. Da auch die Bewegung der Geschichte an den Grundbedingungen des Lebens nichts zu ändern vermag, so entfällt alle Hoffnung, durch Entwicklung einer bloßen Menschenkultur unserem Dasein einen Sinn und Wert zu verleihen; selbst wenn ihre Ziele erreichbar wären, sie könnten uns unmöglich Befriedigung bieten. Nun ist in der Neuzeit viel bloße Menschenkultur entfaltet, und sie hat die Bewegung des Lebens in ihre Bahnen gezogen. Aber je selbständiger und ausschließlicher sie wird, je mehr sie alles abwirft und austreibt, was aus tausendjähriger Arbeit der Menschheit in sie einfloß und sie freundlich ergänzte, desto deutlicher werden ihre Schranken, desto mehr muß sie sich durch ihr eignes Ausleben zerstören. Das empfindet die Gegenwart mit steigender Kraft, ein tiefer Überdruß an dem Bloßmenschlichen, eine starke Abneigung gegen das Bloßmenschliche greift immer mehr um sich, immer deutlicher empfinden wir, daß das Leben allen Sinn und Wert verliert, wenn der Mensch sich nicht an einem Mehralsmenschlichen in die Höhe arbeiten und in seiner Ergreifung mehr aus sich machen kann, als der Befund der Erfahrung ihn zeigt. Die Ablösung von der großen Welt und das Sichabschließen in einer besonderen Art überantwortet augenscheinlich den Menschen einer unerträglichen Enge und Kleinheit, sie verschließt ihm die Tiefe des eignen Wesens. So hören wir heute viel von Übermenschlichem und Übermenschen reden, aber alle echte Sehnsucht, die in solchem Streben wohnen mag, schützt es nicht vor einem Verfallen in ein eitles und nichtiges Phrasentum, wenn dieses Übermenschliche innerhalb der Welt der Erfahrung, im Umkreis des unmittelbaren Daseins gesucht wird. Denn viel zu streng binden hier den Menschen Natur und Geschick, als daß ein diktatorisches Machtwort ihm zu neuem Leben und Sein zu verhelfen vermöchte. Entweder also ein Bruch mit der bloßen Daseinskultur oder ein Verzicht auf alle innere Erhöhung des Menschen und zugleich auf einen Sinn seines Lebens; ein Drittes kann nur eine flache und flüchtige Denkart für möglich erachten. Erwägungen und Vorbereitungen. Das Ergebnis der bisherigen Untersuchung. Das nächste Ergebnis der bisherigen Untersuchung ist die Erkenntnis einer schweren Enttäuschung der modernen Menschheit. An der Wahrheit und an der Gegenwart einer überlegenen Welt irre geworden, wandte sie den Hauptzug ihres Strebens zum unmittelbaren Dasein in der freudigen Zuversicht, hier einen unerschütterlichen Standort zu finden und hier das Leben seiner ganzen Ausdehnung nach ungestört entwickeln zu können; jenes Dasein galt dabei als eine sonnenklare und eindeutige Größe. Nun hat sich bei näherem Zusehen ergeben, daß die Sache völlig anders, ja gerade umgekehrt liegt: wir können das unmittelbare Dasein zu einem Ganzen nicht verbinden, für seine Mannigfaltigkeit eine Synthese nicht erstreben, ohne daß einander schroff widerstreitende Bewegungen erscheinen und das Leben nach entgegengesetzter Richtung ziehen; da jede dieser Bewegungen sich bei sich selbst noch weiter spaltet, so führt jene Wendung uns in ein Gewirr von Gegensätzen, in eine Unruhe und Unsicherheit, wie sie frühere Zeiten nicht kannten. Statt die gehoffte Sicherheit zu finden, sehen wir den Boden unter unseren Füßen weichen; was handgreiflich dünkte, das entgleitet uns und rückt in eine immer weitere Ferne, sobald wir es zu unserem geistigen Standort erheben möchten; zugleich löst das Leben, das wir in seiner ganzen Ausbreitung uns aneignen wollten, sich in verschiedene Ströme auf und wird zu einem Kriege aller gegen alle. So scheinen wir das Gegenteil unserer Absicht zu erreichen und viel zu verlieren, wo wir sicher zu gewinnen hofften. Die Wendung zum unmittelbaren Dasein stellte zunächst vor die Frage, ob wir seinen Kern in einer dem menschlichen Befinden überlegenen Welt, oder ob wir ihn im eignen Befinden des Menschen zu suchen haben. Für jenes sprach sowohl ein starkes Mißtrauen gegen das Vermögen des Menschen, das die Erschütterung der überkommenen Lebenssysteme mit sich brachte, als auch die unermeßliche Größe und überströmende Lebensfülle, mit der sich das All vor den Augen des modernen Menschen erhebt. Aber der allgemeine Gedanke konnte nicht zur näheren Durchführung gelangen, ohne daß sich ein unversöhnlicher Streit zwischen den Ansprüchen des sinnlichen Daseins und denen des in uns aufsteigenden Denkens erhob; jedes gab sich selbst als das wahrhaft Unmittelbare, jedes wollte die alleinige Grundlage der ganzen Wirklichkeit bilden und eine Synthese des Lebens von sich aus vollziehen. Damit entstanden zwei grundverschiedene Lebenstypen und Lösungen des Lebensproblems: der Naturalismus und der Intellektualismus; jener durfte die klare Erkenntnis des engen Zusammenhanges des Menschen mit der Natur, sowie die staunenswerte Entfaltung einer technisch-ökonomischen Kultur, dieser dagegen das volle Selbständigwerden des Denkens und die Durchdringung des ganzen Daseins mit Gedankenarbeit für sich anrufen, wie sie beide der Neuzeit eigentümlich sind. Aber mit allem was jeder Versuch an Bewegung hervorrief und an Leistung erzeugte, konnte keiner das ganze Leben umspannen und ihm einen Sinn gewähren; was hier wie da an Leben erwächst, das ist der Mühe und Arbeit des Lebens nicht wert. Dem Naturalismus wurde der Mensch ein gleichgültiges Stück eines sinnlosen Weltgetriebes, dem Intellektualismus ein bloßes Gefäß, ein Mittel und Werkzeug eines seelenlosen Gedankenprozesses. Weder hier noch dort kehrte die Lebensbewegung zum Menschen zurück, um ihm zu eignem Besitz und zu eigner Förderung zu werden, gleichgültig schritten über ihn die Weltgeschehnisse hinweg, in aller unermeßlichen Aufregung blieb seine Seele leer und verrann sein Leben in ein Nichts. Vollauf begreiflich ist es, daß gegenüber solcher drohenden Zerstörung ein Verlangen erwachte und zunahm und siegte, den Menschen so wie er ist im Ganzen seines Lebens bei sich selbst zu fassen und im eignen Kreise voll zu beschäftigen wie zu befriedigen. Hier schien sich ihm ein reiches und glückliches, ein klares und sicheres Leben ohne alle Verwicklung in Weltprobleme zu bieten. Aber wiederum trieb die Entwicklung des Strebens einen unversöhnlichen Gegensatz hervor: eine Richtung zur Gesellschaft und eine zum Individuum schieden einander bis zu unversöhnlicher Feindschaft, sie hemmten sich gegenseitig die Leistung und untergruben den Glauben, keine aber gab dem Leben einen festen Halt und ein genügendes Ziel. Die soziale Strömung verwandelte das Leben in ein bloßes Wirken nach außen hin, aus eignem Vermögen konnte sie nie den äußeren Ertrag in eine innere Erhöhung verwandeln, sie gab dem Leben keine Seele; kein Wunder, daß die Bewegung umschlug und das Individuum zum ausschließlichen Zielpunkte machte. Aber beschränkt auf das unmittelbare Dasein wie sie war, vermochte sie das Individuum nicht in ein Ganzes zu fassen und seine Seele um einen Mittelpunkt zu konzentrieren, das Leben löste sich ihr in lauter einzelne Zustande, in lauter einzelne Erregungen und Empfindungen auf, es wurde eine rasche Flucht von einzelnen Augenblicken. Alle reizvolle Beschäftigung dieser Augenblicke, alles Flattern von Genuß zu Genuß konnte die innere Leere dieses bunten Getriebes für die Dauer unmöglich verbergen; im Augenblick, wo die Frage auf das Ganze gestellt wurde, war ein schweres Manko nicht zu verkennen. Sie aber so zu stellen kann ein denkendes Wesen nicht lassen. So scheitern alle Versuche einer bloßen Daseinskultur; wenn ihre Anhänger sich über diesen Mißerfolg täuschen, so kann das nur geschehen, weil jene Versuche ihr eignes Vermögen aus der umgebenden geistigen Atmosphäre, wie jahrtausendlange Arbeit der Menschheit sie bereitet hat, unablässig ergänzen, indem sie namentlich an einer Tiefe, an einem Beisichselbstsein des Lebens festhalten, die sie nun und nimmer selbst hervorbringen könnten. Was sie dabei entlehnen, ist nicht bloß kein eignes Erzeugnis, sondern es widerspricht ihrem Unternehmen direkt; ist es trotzdem dabei nicht zu entbehren, so muß die Entwicklung dieses Unternehmens selbst zu einer Zerstörung werden. Denn je kräftiger jene Lebensordnungen ihr Eigentümliches herausarbeiten, desto entschiedener müssen sie jene Ergänzung ausscheiden, desto enger, desto unzulänglicher, desto unhaltbarer werden sie bei sich selbst. Wie oft bei geistigen Dingen so wirkt auch hier der äußere Sieg zu innerem Zusammenbruch. Nun kann darüber kein Zweifel sein, daß mit den vorgeführten Gestaltungen der Daseinskultur ihre sämtlichen Möglichkeiten erschöpft sind; gibt keine von ihnen dem Leben einen Sinn und Wert, und lassen sie sich mit ihren schroffen Gegensätzen unmöglich zusammenfügen, so ist die Unzulänglichkeit einer bloßen Daseinskultur überhaupt erwiesen. Sie treibt das Leben in schroffe Gegensätze auseinander, sie wirft den Menschen bald von der Kälte einer seelenlosen Welt auf sich selbst zurück und läßt ihn dann wieder von der Enge und Dumpfheit der menschlichen Verhältnisse zur Weite des Alls sich flüchten; nirgends ein fester Standort, nirgends eine allumfassende Synthese, nirgends ein Leben, das all die Mühe und Arbeit lohnt, die der Mensch einer hochentwickelten Kultur ihm widmen muß. Eine solche Erfahrung muß um so erschütternder wirken, mit je freudigerer Hoffnung jene Wendung begrüßt war; der Verlauf des Lebens selbst hat jene Hoffnung zerstört und alles ins Gegenteil auslaufen lassen: wir wollten Sicherheit und gerieten in die größte Unsicherheit, wir wollten ein Leben einheitlicher Art und sahen das Dasein in widerstreitende Bewegungen zerfallen, wir wollten ein ruhiges Glück und fanden bitteren Streit, endlose Mühe und Sorge. Ist es zu verwundern, wenn eine so schmerzliche Erfahrung das Leben auf völlig andere Bahnen drängt, wenn zunächst eine Neigung erwächst, die älteren Lebensordnungen wieder aufzunehmen, die das menschliche Leben an eine Übelwelt ketteten und von ihren Gestirnen eine sichere Richtung erhofften. Scheint doch klar zu Tage zu liegen, daß die Preisgebung jener Welt den Menschen weit mehr verlieren ließ, als er aufgeben kann und darf. Denn indem sein Leben sich in eine einzige Fläche verlegte und auf alle innere Abstufung verzichtete, scheint es alle Weltüberlegenheit, alles Beisichselbstsein, alle Möglichkeit eines Verhältnisses zu sich selbst zu verlieren, zugleich aber alle innere Spannung, alle Größe und Würde, alles was Inhalt heißen kann. Solche Herabsetzung und Verflachung aber läßt sich unmöglich ohne Widerstand hinnehmen. So zeigt denn die neueste Zeit ein Wiederaufsteigen des Verlangens nach Religion, auch eine gewisse Neigung nach Wiederbelebung des alten Idealismus. Aber unmöglich kann dabei eine einfache Rückkehr erfolgen. So wenig die bloße Daseinskultur einen letzten Abschluß zu bringen vermag, sie und über sie hinaus die Gesamtbewegung des modernen Lebens hat viel zu viel Tatsächlichkeit entwickelt, viel zu sehr die Maße des Lebens verändert, viel zu sehr etwas Neues aus dem Menschen gemacht und zugleich eine Kluft zwischen dem Hier und dem Dort gerissen, als daß sich das Leben wieder einfach dahin zurückversetzen ließe. Vor allem ist die seelische Nähe und die Selbstverständlichkeit jener Welten verloren gegangen, und aufregender als alle Abweichung im Einzelnen wirkt der prinzipielle Zweifel, ob überhaupt eine andere Welt bestehe und der Mensch zu ihr einen Zugang finden könne, ob alle Überwelt mehr sei als ein bloßer Wahn und Traum, als ein vom Menschen in die Unendlichkeit des Alls hineingeworfenes Spiegelbild seines eignen Daseins. Schwerlich liegt die Sache so einfach, schon deshalb nicht, weil von jenen Bewegungen umwandelnde und erhöhende Wirkungen ausgegangen sind, die nicht von einem bloßen Schein stammen können. Aber wo ist die Grenze zwischen dem, was wir festhalten und dem, was wir aufgeben müssen? Schiebt sich nicht im Durchschnittsstande Altes, das unhaltbar wurde, und Neues, das sich erst in Bildung befindet, zu einer Verworrenheit durcheinander, die alle fruchtbare Wirkung lähmt, die sogar das Leben mit innerer Unwahrhaftigkeit bedroht? Wie viel aufgebauschtes Phrasentum, wie viel leere Gefühlsspielerei, wie viel gefällige Selbsttäuschung verknüpft sich heute mit dem, was sich als eine Renaissance der Religion gibt! Ohne eine energische Auseinandersetzung von Altem und Neuem, vor allem ohne eine Klärung der Frage, ob und wie der Mensch die Enge seiner Sondernatur überwinden und zu einer überlegenen Ordnung vordringen könne, laßt sich auf diesem Wege nicht weitergelangen. Auch das fällt hier ins Gewicht, daß wenn die Gegenwart die Religion wieder höher schätzt, sie dabei über ihre nähere Fassung in großer Unklarheit ist und in grundverschiedene Strömungen auseinandergeht. Die einen wollen eine Religion überwiegend spekulativer und künstlerischer Art, eine Religion, welche von der Kleinheit des Menschen und der Dürftigkeit des Alltages befreie, uns in ein unendliches Weltleben erhebe und in Ahnung und Stimmung uns eine geheimnisvolle Tiefe und womöglich auch Schönheit des Weltalls mitleben lasse; die anderen bestehen auf einer mehr ethischen Fassung der Religion, die dem Menschen eine Rettung von einer unerträglichen Spaltung seiner eignen Seele, eine Befreiung von Schuld und Not, die Eröffnung eines neuen, reineren Leben gewähre. Beides geht mannigfach durcheinander und schiebt sich ohne Ausgleichung ineinander. Sollte ein solches Gewirr die Daseinskultur überwinden und dem Leben einen Halt bieten können? So befinden wir uns in der peinlichen Lage einer völligen Ratlosigkeit: die bloße Daseinskultur nimmt dem Leben allen Sinn, eine Rückkehr zu den älteren Lebensformen ist unmöglich, unmöglich aber ist auch ein Verzicht auf allen Sinn und Wert unseres Lebens. Wie gerade unsere Zeit eine solche Lage nicht gleichmütig hinnehmen kann, das zeigt jeder Blick auf den heutigen Stand des Lebens. Die Verworrenheit der gegenwärtigen Lage. Jene Widerspruchsfülle und jene Sinnlosigkeit möchte die Gemüter nicht allzusehr aufregen, wenn die Zeit matt und träge dahinschliche und eines starken Lebensdranges entbehrte; wo die Frage keine Sorge macht, da kann das Fehlen einer Antwort keinen Schmerz bereiten. Aber wir wissen, daß unsere Zeit alles eher als matt und träge ist, daß ein glühender Lebensdrang sie durchwaltet und in gewaltige Arbeit treibt, auch daß diese Arbeit voll großer Erfolge ist; es ist eine mächtig bewegte, unablässig vordringende, das ganze überkommene Dasein umwandelnde Zeit. Wenn sich einer solchen Zeit aus allen Erfolgen im Einzelnen und nach besonderen Richtungen kein Erfolg im Ganzen und für den Gesamtstand des Menschen heraushebt, wenn all das unermeßliche Getriebe auf sein Inneres geprüft eine Leere erweist, so läßt sich ein solches Mißverhältnis unmöglich gelassen ertragen; wer irgend kräftiger Art ist, der muß sich mit ihm auseinandersetzen oder doch abzufinden suchen. So werfen sich die einen mit aller Kraft in die Arbeit hinein und suchen in ihrem rastlosen Fortschritt einen Ersatz für jene Lücke und Leere; aber nur zeitweilig kann solche Lösung genügen, da der Mensch nicht aufhören kann sich schließlich in ein Ganzes zu fassen, als ein Ganzes zu fühlen und für dieses Ganze einen Inhalt zu fordern, den die Arbeit ihm nicht zu geben vermag. Daher setzen denn die anderen alles daran, die Befriedigung des ganzen Menschen in der besonderen Richtung zu finden, die sie selbst der Arbeit und dem Leben geben; so legen sie darin den ganzen Affekt und all ihre Hoffnung hinein. Aber dabei auch nur in ihrer eignen Meinung weiterkommen können sie nicht ohne das Vermögen jener besonderen Leistung zu überspannen; sie pressen künstlich mehr aus ihm heraus, als es in Wahrheit enthält, sie bekommen damit ein aufgebauschtes, schillerndes, ja innerlich unwahres Leben, das sie nur zum Schein und anderen gegenüber, nie bei sich selbst befriedigen kann. Das Ganze der Menschheit aber gerät durch eine solche Wendung in immer größere Spaltung und Unsicherheit. Mehr und mehr scheiden sich verschiedengerichtete Lebensströme und verlieren allen Zusammenhang, jede der streitenden Bewegungen hat ihren eigenen Lebensraum und ihren eignen Begriff von Wirklichkeit, jede gestaltet ihre Größen und Güter eigentümlich und faßt die Aufgaben anders, es fehlt eine gemeinsame geistige Währung, indem was der eine als vollwertig und allgemeingültig gibt, dem anderen eine bloße Scheidemünze bedeutet. Milderte nicht die von der Geschichte und der Gesellschaft dargebotene geistige Atmosphäre diese Konflikte und verbärge nicht die gemeinsame Sprache die Differenzen, so müßten wir erkennen, daß wir innerlich in völlig getrennten Welten leben und uns nur von außen berühren, daß wir umsomehr auseinandergehen, je mehr das Leben in ein Ganzes gefaßt und ihm ein Sinn zu geben versucht wird. Eine solche innere Spaltung aber schwächt die Menschheit in allem, wozu es einer inneren Gemeinschaft und verbindender Überzeugungen bedarf, sie läßt sie nicht zu gemeinsamen Erfahrungen vom Ganzen des Lebens und zu vordringendem geistigen Schaffen gelangen, sie gibt bei den großen Lebensproblemen der flachen Reflexion und der kecken Verneinung das Übergewicht, sie schädigt auch das Vermögen der Selbsttätigkeit und zugleich die moralische Kraft der Menschheit. Die innere Auflösung und das geistige Chaos, die damit entstehen, begünstigen eine Behandlung der Probleme, die den Forderungen der Sache direkt widerspricht. Glücklich ist hier der Enge, der in geistiger Farbenblindheit nur sieht, was in der Richtung seiner Bestrebungen liegt, während alle anderen Erfahrungen und Eindrücke, mögen sie noch so eindringlich sein, sich seinem Blicke verbergen; ein solcher feiert die Größe und den Adel des alle seine Kräfte und Neigungen ungehemmt auslebenden Individuums und sieht nicht das üppige Aufwuchern schrankenloser Selbstsucht und weichlicher Genußsucht, das uns heute umgibt und schädigt; ein solcher preist die schrankenlose Entfaltung sinnlicher Triebe als eine Rückkehr zur echten und lauteren Natur, obschon die moderne Sinnlichkeit ihren raffinierten und greisenhaften Charakter ohne alle Verschleierung kundtut. Glücklich in solcher Verwirrung auch der, der sich sicher und froh an der Oberfläche bewegt und kein Organ dafür besitzt, daß Gedankenmassen ihre Voraussetzungen und ihre Konsequenzen haben; ein solches wurzelloses Denken kann die schroffsten Widersprüche ruhig ertragen, es kann z. B. den Menschen wissenschaftlich möglichst niedrig einschätzen, ihn möglichst ganz mit dem Tiere zusammenwerfen und zugleich im praktischen Leben, in Staat und Gesellschaft für die Größe und Würde des Menschen schwärmen und sie zum leitenden Prinzip des Handelns erheben. Glücklich ist hier auch der geistig Anschauungslose, der in bloßen Formeln sein volles Genügen findet; er kann sich für Abstrakta wie Vernunft und Freiheit, Fortschritt und Entwicklung, Immanenz und Monismus usw. begeistern, ohne von den Formeln zu einem belebenden Inhalt zu streben und das Recht dieses Inhalts zu erhärten. Alle solche Hülfen der Einzelnen aber sind augenscheinlich Nachteile für die Menschheit, unmöglich kann sie sich der damit drohenden Zerrüttung ergeben. Sie kann es namentlich nicht, wenn die Frage erwacht und die Sorge um sich greift, ob nicht der Mensch im Zusammenhange des Weltalls eine besondere Stellung und eine besondere Aufgabe habe, ob die Probleme seines Lebens nicht über sein subjektives Glück und sein bloßes Behagen hinausreichen, ob auf ihm, ob auf jedem Einzelnen nicht auch eine Verantwortung ruht, der er sich dauernd nicht zu entziehen vermag. Solche Fragen können nicht auftauchen, ohne daß der Mensch sich in tiefem Dunkel gegenüber der Welt und in schweren Problemen und Konflikten des eignen Wesens findet; erwachen diese Probleme einmal, so können sie lawinenhaft anschwellen und zur allbeherrschenden Hauptsache werden, so kann sich in Stimmung und Streben ein völliger Umschlag vollziehen. Der überwiegende Zug der Neuzeit auf die Arbeit an der Welt hat diese Probleme zurücktreten, ja beinahe vergessen lassen, die glänzenden Erfolge der Arbeit drängten alle andere Sorge in den Hintergrund. Aber wenn nun mehr und mehr zur Empfindung gelangt, daß gegenüber aller Arbeit auch die Seele ein eignes Recht behält, und wenn zugleich in der Seele Verwicklungen über Verwicklungen aufsteigen, so kann das Leben seine Hauptrichtung ändern und im Kampf um ein geistiges Sein eine unvergleichlich größere Schwere, aber auch Tiefe gewinnen. Derartige Bewegungen durchwogten die Gemüter gegen den Ausgang des Altertums und machten sie inneren Wandlungen geneigt, denen das Christentum schließlich eine eigentümliche, vielfach durch die Zeitverhältnisse bedingte Verkörperung gab. Manches von dem, was damals aufkam und die Gemüter einnahm, muß uns heute als mythologisch erscheinen und berührt uns wie eine ferne Vergangenheit. Aber ob nicht hinter dem, was der Besonderheit der bloßen Zeit angehört, ein bleibendes Problem liegt, ein Problem, dem der Mensch für die Dauer sich nicht zu entziehen vermag? Wir müssen uns später darüber näher orientieren, soviel aber ist schon hier gewiß, daß das Lebensproblem einen ungeheuren Ernst gewinnt, wenn klar und deutlich vor Augen steht, daß das unmittelbare Dasein mit all seinen glänzenden Leistungen dem Leben keinen Sinn und Wert zu geben vermag, daß ein Leben, das dort seinen Abschluß sucht, in einen schweren Widerspruch, in eine völlige Enttäuschung ausläuft. Jenes Ergebnis aber ist uns deutlich vor Augen getreten, nun bleibt keine andere Wahl als ein Verzicht auf alle Vernunft oder eine wesentliche Weiterbildung des Lebens. Alle Scheinhülfen müssen zusammenbrechen, sobald die Sache ins Ganze gefaßt und die schmerzliche Enttäuschung, welche die moderne Menschheit mit der bloßen Daseinskultur erlebte, vollauf anerkannt wird. Die Anbahnung einer Wendung ins Positive Bis jetzt gelangte vom Leben der Gegenwart vornehmlich das Nein zur Erörterung; daß dieses Nein nicht das Ganze ist, daß von ihm aus ein Weg zur Bejahung führt, das läßt schon eine allgemeinere Erwägung hoffen. Bei Problemen geistiger Art pflegt hinter jedem Nein ein Ja zu stehen, ein Ja, das weiter zurückliegt und oft höchst unbestimmter Art ist, das aber bei aller Unvollkommenheit immer noch ein Ja bleibt. Ein wahrhaftiger Schmerz über die Versagung eines Gutes kann nur da entstehen, wo ein Verlangen nach jenem der eignen Natur innewohnt, wo in ihr sich etwas regt und aufstrebt, das nur nicht vollauf befriedigt wird; wäre gar keine Bewegung, gar kein Begehren vorhanden, so könnte die Nichterreichung des Zieles in keiner Weise betrüben und aufregen. Wenn den Indern z. B. alles menschliche Leben und Streben, an der Ewigkeit und Unendlichkeit des Weltalls gemessen, denen ihre logische Phantasie eine anschauliche Nähe gab, als durchaus flüchtig und nichtig erschien, so ergab das einen tiefen Schmerz nur deshalb, weil der Mensch jene Flüchtigkeit nicht ruhig hinnahm, er sich nicht in ein Augenblickswesen verwandeln ließ, sondern mit seinem Denken die Ewigkeit umspannte und für sein Leben ein Teilhaben an ihr verlangte. Bezeugt hier das Empfinden des Mangels nicht eine eigentümliche Größe des Menschen? Muß nicht etwas Ewiges in ihm sein, wenn die bloße Zeit ihm nicht genügt? Auf dem Boden des Christentums war die Überzeugung oft bis zu unerquicklichem Kleinmut von der moralischen Unzulänglichkeit, ja Verworfenheit des Menschen erfüllt. Aber kann eine solche moralische Beurteilung bestehen, ohne in dem Menschen ein moralisches Wesen, ein Vermögen freien Handelns anzuerkennen und ihn damit weit über allen Naturmechanismus hinaufzuheben? Das Ja ist hier tief versteckt, aber gäbe es gar kein Ja, so wäre auch das Nein undenkbar. So erweist auch die Erfahrung, daß das Fehlen eines Sinns in unserem Leben und Streben zu einem so schweren Mangel wird, und daß es die menschlichen Verhältnisse so unsäglich verwirrt, so erweist diese Erfahrung die weitere Tatsache, daß ein Verlangen nach einem solchen Sinn tief in unserem Wesen angelegt ist, daß uns von innen her eine überlegene Macht zum Versuch einer inneren Durchleuchtung und vollen Aneignung des Lebens treibt. Hüten wir uns von der eignen Zeit gering zu denken, weil sie sich so unfertig ausnimmt und so voller Widersprüche zeigt. Ist sie nicht zum guten Teile nur deshalb unfertig, weil sie mehr verlangt als andere Zeiten, und hat sie nicht namentlich deshalb so schwer an den Widersprüchen zu tragen, weil sie die Möglichkeiten des Lebens mit so glühendem Verlangen und so gewaltiger Energie durchlebt und auslebt? Welche Zeit hat so sehr den Kreis der Möglichkeiten durchmessen, so sehr an jede von ihnen freudigen Glauben und eifrige Arbeit gesetzt? Nie hat eine andere Zeit eine solche Fülle von Lebensgestaltungen hervorgebracht, nie eine andere das Lebensproblem in so weitem Umfang und mit solcher Bewußtheit behandelt, wie die unsrige es tut. So wird sich sicherlich auch bei ihr aus dem, was zunächst als bloße Begrenzung und Verneinung erscheint, schließlich ein Ja herausheben lassen. Denn was ist es, was jene Begrenzung und Verneinung bewirkt? Es ist keine außer uns befindliche Macht, es ist unser eignes Leben, das jenen Abschluß zurückweist, der Widerstand liegt nicht draußen, sondern drinnen, und er ist damit eine Erweisung der Kraft; die Forderungen, welche keine Befriedigung fanden, wurden nicht von draußen gestellt, sondern sie steigen aus unserem eignen Wesen auf und zeigen zugleich die Richtung, die unser Streben einschlagen muß. Ja es kann sich keine unbefangene Betrachtung der Gegenwart dem Eindruck entziehen, daß hinter allen ihren Kämpfen und Wirren ein gehaltvolleres Leben steht, das sich in ihnen sucht, ihnen Kraft und Leidenschaft einflößt, dann freilich unbefriedigt aus ihnen zurückkehren muß. Nur weil eine größere Tiefe sich in uns regt, aber nicht zur vollen Belebung kommt, sind wir in solche Unruhe und Unsicherheit geraten. Auch ein Zug zum Ganzen erscheint unverkennbar in der Energie, mit der die verschiedenen Lebensgestaltungen einander bekämpfen; eine gewisse Überlegenheit erweisen wir schon dadurch, daß wir sie alle zu überschauen und gegeneinander abzuwägen vermögen; der Parteimensch mag ein bloßer Stückmensch bleiben, die Menschheit als Ganzes ist mehr als solches Stückmenschentum. So befinden wir uns heute unbestreitbar innerlich in einer höchst unfertigen Lage, in der Nein und Ja durcheinandergehen; eine neue Art strebt auf, aber sie vermag sich nicht zur Genüge durchzusetzen, in uns wirkt mehr als unser Bewußtsein erfaßt, aber es ist noch nicht unser voller Besitz. Jedenfalls enthält die Begrenzung und Verneinung selbst einen starken Antrieb ihr entgegenzuwirken. In solcher Allgemeinheit aber fördert dieser Gedanke uns wenig, es gilt bestimmte Fragen und bestimmte Angriffspunkte zu gewinnen, wenn unsere Arbeit in Fluß kommen soll. Aber solche gewähren in der Tat die besonderen Erfahrungen, welche aus dem Verlangen nach einem Sinn des Lebens hervorgehen; denn sie zeigen deutlich, was bei der Frage entscheidet, und welche besondere Richtung unser Streben einschlagen muß. Es genügt an dieser Stelle die Hauptpunkte zu bezeichnen, um uns über das Ziel zu orientieren. – Der Sinn des Lebens geriet uns namentlich deshalb in Unsicherheit, weil wir über den Hauptstandort des Lebens uns entzweiten und keiner seine Überzeugung zum Siege zu bringen vermochte. Das Festhalten einer unsichtbaren Welt und die ausschließliche Richtung auf das unmittelbare Dasein stellten sich unversöhnlich gegeneinander. Nun hat sich gezeigt, daß die sichtbare Welt mit allem, was sie an Möglichkeiten bietet, unerläßliche Forderungen des Menschenwesens unerfüllt läßt und auch bei höchster Anspannung ihres Vermögens dem Leben keinen Sinn gewährt; so notwendig wir demnach auf der Forderung eines Sinnes bestehen müssen, so gewiß besitzt unser Leben eine größere Tiefe, als das unmittelbare Dasein ihm gibt. Aber wenn damit der Gedanke einer Überwelt auch für uns mehr Bedeutung gewinnt, an der bisherigen Art ist vieles unzulänglich geworden. Die ältere Art der Begründung genügt uns nicht mehr, das dort gebotene Leben ist uns zu eng geworden, auch gewährt es dem unmittelbaren Dasein nicht die Bedeutung, welche die Erfahrungen der weltgeschichtlichen Bewegung ihm errungen haben. Es käme also darauf an, zu einem Leben vorzudringen, das eine Zweiheit der Ausgangspunkte begreiflich macht, zu einem Leben, das der Überwelt eine volle Sicherheit und Ruhe gibt und das zugleich die Bedeutung des unmittelbaren Daseins wahrt. Ohne Erweiterungen des Begriffes der Wirklichkeit und ohne Abstufungen innerhalb unseres Lebens, ja ohne eine Art von Umkehrung, sind solche Forderungen nicht zu erfüllen; es gilt zu prüfen, ob jene möglich sind. Das vor allem muß dabei gegenwärtig sein, daß eine Überwelt die nötige Sicherheit und Weite nur zu gewinnen vermag, wenn sie nicht von der Erfahrungswelt mühsam erschlossen oder ersehnt wird, sondern wenn sie die volle Selbständigkeit eines eignen Lebens erlangt; das aber kann sie nur, wenn wir in ihr nicht eine bloße Entwicklung unserer Kräfte nach besonderen Richtungen, sondern ein ursprüngliches Ganzes des Lebens und Seins zu finden vermögen. Danach also gilt es Ausschau zu halten. Bei der Lebensgestaltung erschien ferner ein unversöhnlicher Konflikt zwischen einer Wendung zur Welt und einer Beschränkung auf den Menschen. Die völlige Versetzung in einen Weltprozeß zerstörte alles Selbst des Menschen und damit allen Wert seines Lebens, der Naturmechanismus wie der Denkprozeß trafen in diesem Punkte zusammen. Die Beschränkung auf den Menschen und die bloße Befassung mit seiner Zuständlichkeit ergab ein so enges und dürftiges Leben, sie kehrte so sehr das Kleine am Menschenwesen hervor und machte so wehrlos gegen das Gemeine in ihm, daß sich ein Abschluß dabei zwingend verbot. Wenn so in der Entgegensetzung die Welt zu kalt, der Mensch zu klein, eines wie das andere aber seelenlos wird, so ist jenes Entweder-oder aufzugeben und nach einer Überwindung des Gegensatzes zu streben: irgendwie und in irgendwelchem Umfang muß die Welt zum unmittelbaren und eignen Leben des Menschen werden, in einer gewissen Tiefe seines Wesens muß der Mensch die Gebundenheit und die Punktualität seiner natürlichen Existenz überwinden. Jedes von beiden aber muß in solcher Vereinigung den unmittelbaren Anblick erheblich verändern. Vielleicht wird es bei solcher Wandlung auch möglich sein, bei der Welt den Gegensatz von Natur und Intellekt, beim Menschen den von Gesellschaft und Individuum zu überwinden, in den sich sonst das Leben zerspaltet und aufreibt. Möglichkeit einer inneren Erhöhung des Menschen und zugleich eines anderen Grundverhältnisses zur Wirklichkeit, das ist es, was hier in Frage steht, und woran die Entscheidung des Ganzen hängt. Eine große Krise der Kulturentwicklung kommt damit zum Ausbruch: die unablässige Erweiterung des Gesichtskreises, das Vordringen und Großwerden der Arbeit, die wachsende Klärung des Denkens droht den Menschen in seiner Besonderheit immer tiefer herabzudrücken; die überlegene Größe, die eine naivere Denkweise früherer Zeiten ihm gab, scheint unrettbar verloren. Aus dem Mittelpunkt des Alls, in dem er als Kind der Gottheit oder als Träger der Vernunft sich vormals fühlte, ist er immer weiter in eine Nebenstellung gedrängt, als ein bloßer »Tropfen am Eimer« hat er keine Aussicht, den Gründen der Wirklichkeit innerlich nahe zu kommen. Mehr und mehr hat die Bewegung der Kultur die Art, wie der Mensch die Welt sich anzueignen suchte, zu einem bloßen Anthropomorphismus gestempelt; ist nicht alles Anthropomorphismus, was an menschlicher Behauptung über die Wirklichkeit gewagt wird, ist wie Religion und Spekulation, so nicht auch die Wissenschaft eine bloße Zurechtlegung unserer eignen Gedanken? Von seiner besonderen Art scheint der Mensch sich nirgends ablösen zu können, und zugleich verfällt sein Leben einer unerträglichen Leere, wenn es sich gänzlich im eignen Bereiche einspinnt. Die Lage, die daraus erwächst, ist in keiner anderen Weise zu überwinden als dadurch, daß im Bilde des Menschen selbst sich eingreifende Wandlungen vollziehen, daß in ihm eine Scheidung erfolgt zwischen einer engeren und einer weiteren Art, zwischen einem bloß- und engmenschlichen Leben, das nie sich selbst überschreiten kann, und einem mehralsmenschlichen, das ihn unmittelbar in eine Weite und Wahrheit des Alls versetzt. Auf der Möglichkeit einer solchen inneren Erhöhung des Menschen beruht alle Hoffnung, unserem Leben einen Sinn und Wert zu bewahren; denn daß ein solcher sich ihm nicht von außen zuführen läßt, daran können wir heute nicht zweifeln. Auch kann nur eine solche Erhöhung des Menschen uns den Eindrücken gewachsen machen, die der nächste Anblick unserer Lage dem denkenden Menschen der Gegenwart unvermeidlich erzeugt. Deutlich vor Augen steht uns die Unendlichkeit der Natur und die Gleichgültigkeit, das Verlorensein des Menschen in dieser Unendlichkeit, deutlich das wilde Getriebe des gesellschaftlichen Lebens mit seiner leidenschaftlichen Aufregung und seiner geistigen Öde, deutlich die moralische Kleinheit des Menschen mit seiner Selbstsucht und seinem Hangen am Schein, zugleich seine starre Gebundenheit an Naturtriebe nicht zu bezwingender Art; das alles ist für jede Überzeugung vorhanden und ist in keiner Weise hinwegzudeuten. Aber es fragt sich, ob es das Letzte und Ganze ist, das wir wie ein unentrinnbares Geschick unter Verzicht auf alle Vernunft unseres Daseins geduldig hinnehmen müssen, oder ob wir ihm etwas entgegenzusetzen haben, den Kampf mit ihm aufnehmen, ja ihm überlegen werden können. Wer den letzteren Weg versucht, der wird nur mühsam und unter steten Gefahren vordringen können, aber es ist der einzige Weg, der eine geistige Selbsterhaltung der Menschheit hoffen läßt, und wenn irgend, so hat an dieser Stelle das Goethesche Wort ein Recht, daß der beste Ratgeber die Notwendigkeit ist. Versuch eines Aufbaus. Der Grundstock. Die Hauptthese. Das Problem, ob im Menschen nicht mehr steckt, und ob aus ihm nicht mehr zu machen ist, als die bisherige Betrachtung zu erkennen gab, läßt sich nur von seinem eignen Leben aus behandeln; was hier vorliegt und vorgeht, das entscheidet über Ja oder Nein. Wir sehen dann freilich im Leben mehr als einen bloßen Schatten, den eine draußen befindliche Welt in die Seele des Einzelnen wirft, oder auch als einen leeren Raum, in den jene ihren Inhalt ergießt; auch ist es nicht eine bloße Seite der Wirklichkeit, die eines Gegenstückes zur Ergänzung bedürfte, eine Erregung und Bewegung des Subjekts gegenüber einer Welt der Objekte. Denn auch von einer Welt wissen wir nur, sofern sie innerhalb unseres Lebens sich aufbaut; selbst wenn wir etwas von unserem Befinden absondern und uns gegenüber festlegen, so haben wir es damit nicht gänzlich aus uns hinausgestellt, sondern ihm nur innerhalb unseres Bereiches eine eigentümliche Festigkeit und Allgemeingültigkeit verliehen; aus dem Leben in diesem weiteren Sinne, aus dem Lebensprozeß, der Subjekt und Objekt zusammenhält und zueinander wirken läßt, kommen wir nun und nimmer heraus. Was nun dieser Lebensprozeß enthält, und was er an Erfahrungen eröffnet, das muß auch über die Möglichkeit einer Erhöhung des Menschen entscheiden. Bloße Reflexion oder auch Spekulation vermag dabei nichts. Nun ist uralt der Versuch, das Eigentümliche und Unterscheidende des Menschen in ein Ganzes zu fassen und ihm dadurch eine überragende Stellung zu sichern; der Mensch, so hieß es, sei ein Wesen geistiger Art und die Zugehörigkeit zu einer geistigen Ordnung sichere ihm eine einzigartige Stellung. Im Aufbau der Kultur wie in der Bildung der Einzelseele zur Persönlichkeit und geistigen Individualität, in der Erzeugung großer Lebenskomplexe wie Wissenschaft und Kunst, in der Verbindung der Individuen zu der inneren Gemeinschaft von Staat und Gesellschaft, ja schließlich eines Ganzen der Menschheit, in allem zusammen erschien beim Menschen so viel Eignes und Neues, daß es, so wie es vorlag, ihm lange Zeit mit voller Sicherheit eine überlegene Stellung und zugleich seinem Leben einen vollgenügenden Inhalt zu geben schien. Warum ist uns dies unsicher geworden? Vornehmlich wohl deshalb, weil eine wachsende Erkenntnis der durchgängigen Gebundenheit und Bedingtheit des Menschen durch die große Natur wie durch seine besondere Art uns über den Sinn und das Vermögen jenes Neuen bedenklich macht, namentlich erkennen wir einen schroffen Widerspruch zwischen der Art, in der jenes bei uns wirkt, und dem Inhalt, den es behauptet. Das geistige Leben entwickelt sich wie ein eignes Reich gegenüber dem Menschen, es stellt seine Wahrheit hin als unabhängig von dem Wechsel und Wandel der menschlichen Lagen, von der Verschiedenheit und dem Zwist der Individuen, ja es macht den Anspruch, aller Meinung und Neigung des Menschen weit überlegen zu sein und sie mit starkem Zwange bemeistern zu können, es gibt seine Inhalte als Normen, die alle menschliche Leistung messen und sie oft genug als unzulänglich, ja verkehrt verwerfen. Aber derselbe Mensch, in dem solche Bewegungen aufsteigen, ist seinem unmittelbaren Dasein nach nichts anderes als ein Wesen von besonderer, begrenzter, vielfach bedingter Art, streng und starr hält seine Natur ihn fest und zieht ihm einen unüberschreitbaren Kreis; aus eigner Kraft kommt er über sich selbst nie hinaus; mag er im Spiel seiner Gedanken eine Welt entwerfen und aus hochfliegender Phantasie kühne Bilder schaffen: wie solche Gedankenbilder eine Realität ihm gegenüber gewinnen, wie sie neue Inhalte aufbringen, und wie sie auf ihn mit erhöhender Kraft zurückwirken könnten, das ist schlechterdings nicht zu ersehen; vom nächsten Anblick der Dinge aus kann es nur als ein rechtswidriger Anthropomorphismus erscheinen, wenn der Mensch der von ihm gestalteten Welt eine Selbständigkeit beilegt. Auch könnte, was immer dabei versucht wird, nie zu gemeinsamem Besitze werden und eine Allgemeingültigkeit seines Inhalts gewinnen. Denn dieses Dasein zeigt die Menschheit in lauter einzelne Individuen zerstreut und zersplittert, jedes hat seine besondere Art und setzt sie mit gutem Recht den anderen entgegen; so kann nur eine Fülle einander berührender und durchkreuzender Bewegungen entstehen, nie aber eine gemeinsame, dem Befinden der einzelnen Subjekte überlegene Welt und demnach auch nicht eine gemeinsame, die einzelnen Kreise umspannende Wahrheit. Gibt es aber keine solche und gibt es keine innere Gemeinschaft des Lebens, so gibt es auch keine Wissenschaft und keine Kunst, kein Recht und keine Moral, kein gegenseitiges Verstehen und inneres Miteinanderleben des Menschen; so könnte nicht einmal ein Streben nach solchen Zielen entstehen und irgendwelcher Gedanke an sie aufkommen. Aber der Gedanke ist da und nicht minder das Streben; so unfertig es sein mag, es zeigt viel zu viel Macht, es hat viel zu viel nicht nur in den Gedanken des Menschen, sondern am Bestande seines Lebens und am Ganzen seiner Seele verändert, um für eine bloße Selbsttäuschung gelten zu können. So erscheint ein harter, ein unerträglicher Widerspruch darin, daß was als eine selbständige Welt auftritt und als eine solche auftreten muß, ein bloßes Erzeugnis eines andersgearteten, vielfach gebundenen und den Bedingungen der Natur unterworfenen Lebens bildet; wie könnte die geistige Bewegung bei solcher Abhängigkeit je eine reine Ausprägung ihrer Inhalte, wie könnte sie je eine Macht gegen das erlangen, was ihre eigne Grundlage bildet und auf das sie fortwährend angewiesen bleibt. So müßte, wenn jene Gebundenheit und überhaupt die ganze vorgefundene Lage in keiner Weise zu überwinden wäre, alles was geistige Entwicklung heißt, ein bloßer Schatten bleiben, der über unser Leben dahinzieht, es könnte sich nie von dem Widerspruch befreien, etwas sein zu wollen, was es mit den dargebotenen Mitteln nun und nimmer sein kann; so wäre es für immer einer inneren Unwahrheit und Unwahrhaftigkeit verfallen. Versuche, solchem zerstörenden Widerspruch zu entgehen, gibt es in Hülle und Fülle, schließlich aber führen sie bei allen Umwegen immer wieder auf das eine Dilemma zurück: entweder ist das, was an Eigentümlichem im Menschen aufstrebt, und was durch alle Mannigfaltigkeit seines Strebens hindurch das eine Ziel verfolgt, eine neue Welt gegenüber dem Menschen nicht nur, sondern gegenüber dem ganzen unmittelbaren Dasein aufzubauen, entweder ist dies alles ein Erzeugnis des bloßen Menschen und damit eine haltlose Illusion, oder es stammt aus einer tieferen Quelle als der Sondernatur des Menschen und erweist das Dasein einer solchen Quelle. Eine Selbständigkeit gegenüber dem Menschen kann es nur haben, wenn es nicht seiner besonderen Art angehört, sondern wenn er in ihm die Teilnahme an einem Weltleben gewinnt, wenn es gegenüber der Natur eine neue Stufe der Wirklichkeit einfühlt, die für unseren Gesichtskreis nur im Menschen zur Eröffnung kommt, die aber nicht aus ihm hervorgeht und daher auch nicht den Bedingungen seiner Natur unterliegt. Mit anderen Worten: das Geistesleben im Menschen bricht zusammen und alles Mühen darum ist ein Haschen nach Phantomen, wenn es hinter sich nicht eine geistige Welt hat, aus der es schöpft und die es vertritt. Daß die Anerkennung einer solchen selbständigen Tiefe des geistigen Lebens bei uns den Anblick des Menschen und der Welt, wie auch die Aufgabe des Lebens aufs wesentlichste verändert, ja, daß sie eine Umkehrung der gesamten vorgefundenen Lage bewirkt, das wird gleich näher darzulegen sein; dann ist auch zu prüfen, ob damit die Erhöhung des Menschen geboten wird, ohne die, wie wir sahen, das Leben allen Sinn und Wert verliert. Die Behauptung, die hier in Frage steht, ist augenscheinlich axiomatischer Art, sie läßt sich nicht wie ein einzelner Satz, wie ein bloßer Ring einer Gedankenkette beweisen. Sondern wie alle Axiome ist sie nur zu rechtfertigen durch ein Zusammentreffen zweier Gedankenreihen, deren eine mehr negativer, die andere positiver Art ist. Es muß sich zeigen, daß alles, was sich nach jener Richtung bewegt, ohne jene Wendung stockt und zusammenbricht, daß sie die unerläßliche Voraussetzung alles Vordringens, ja alles Bestehens geistiger Regung bildet; es muß sich aber weiter zeigen, daß die volle Anerkennung und Entwicklung jener Wendung den ganzen Umkreis des Lebens durchdringt und erhöht, daß seine ganze Verzweigung ihr entgegenkommt, und daß dies Entgegenkommende nun erst geklärt, zusammengefaßt und zu voller Entfaltung geführt wird. Je mehr hier verschiedene Bewegungen nach demselben Punkte konvergieren, desto sicherer dürfen wir sein, nicht bloße Traumgebilde vor uns zu haben. Jenen negativen Beweis hat die ganze bisherige Erörterung geführt, den positiven hat die folgende Untersuchung zu liefern. Sie kann das nicht, ohne in Kürze der Veränderung des Gesamtanblicks von Geistesleben, Welt und Menschenwesen zu gedenken, die jene Hinaushebung des Geisteslebens über den bloßen Menschen mit sich bringt. – Das Geistesleben läßt sich vom Menschen nicht ablösen, ohne daß es zu einem eigenen Reiche wird und bei sich ein Weltleben entwickelt; dies Weltleben aber kann die Forderungen, die es stellt, nur durchsetzen, wenn es nicht als ein der übrigen Wirklichkeit hinzugefügtes Sonderreich, sondern wenn es als die Erschließung einer Tiefe der ganzen Wirklichkeit gilt, als das, worin diese ein Beisichselbstsein erweist und einen Inhalt erschließt, wie ihn alles bewegte Treiben der Natur nicht gewährt. Damit erst faßt sich die Welt in ein Ganzes zusammen, während in dem Bilde der Natur, das unsere Vorstellung beherrscht, sie nur ein Nebeneinander einzelner Elemente zeigt, die einander berühren, verweben und durchkreuzen. Zugleich erfolgt damit eine wesentliche Verschiebung im Grundbegriffe des Lebens. Ist es im Gebiet der Natur nur nach außen gekehrt und vornehmlich mit der Behauptung der Lage der einzelnen Punkte in den wechselnden Beziehungen beschäftigt, so eröffnet sich nun die Möglichkeit, daß es sich mit dem eigenen Stande befasse, und daß, wenn dieser sich unfertig darstellt, es in dem Sichselbstentfalten und Selbstdurchbilden die allesbeherrschende Aufgabe findet. Ein derartiges Leben würde nicht zwischen dem Gegensatz von Subjekt und Objekt verlaufen und nicht darin seine Aufgabe finden, was auf der einen Seite liegt, der anderen lediglich mitzuteilen – eine im Grunde recht überflüssige Sache, – sondern es würde den Gegensatz umspannen und durch eine gegenseitige Weiterbildung der beiden Reihen den Gesamtstand erhöhen, die Unfertigkeit und den Zwiespalt der vorgefundenen Lage überwinden. Indem damit das Leben ein Vordringen bei sich selbst, ein Sicherleben wird, bei dem alles was geschieht, von einem Ganzen umspannt und darauf zurückbezogen wird, kann allererst ein Inhalt des Lebens entstehen. Seine nähere Beschaffenheit aber können nicht allgemeine Erwägungen, sondern es kann sie nur die tatsächliche Erschließung des Lebens zeigen, freilich nur, wenn sie zusammengefaßt und durchleuchtet wird, was nicht ohne die Hilfe der Gedankenarbeit geschehen kann. Wie die Anerkennung einer Tiefe der Wirklichkeit das Gesamtbild der Welt verändert, so stellt es auch den Weltlauf in eine eigentümliche Beleuchtung. Unsere Erfahrung zeigt die beiden Reiche der Wirklichkeit, wie sie in Natur und Geistesleben vorliegen, nicht in einem durch den Lauf der Zeit unberührten Verhältnis, nicht als ein zeitloses Nebeneinander, sondern es scheint eine gewisse Höhe des Naturlebens erst erreicht werden zu müssen, damit sich Geistesleben im Bereiche unserer Welt entfalten könne, es erscheint dies damit als das Spätere gegenüber dem Früheren, und es zeigt das Grundgefüge des Weltlaufs eine Bewegung fortschreitender Art. Aber diese Bewegung läßt sich nun und nimmer als eine bloße Erzeugung des Späteren durch das Frühere verstehen. Und zwar deshalb nicht, weil jene Wendung zu einem Beisichselbstsein der Wirklichkeit etwas wesentlich Neues, ja eine Umwälzung des Ganzen bringt, die nun und nimmer als ein bloßes Mehr der Natur verstanden, nun und nimmer aus dem Reich des bloßen Nebeneinander hervorgehen kann. Bedeutet aber jene Wendung ein Neueinsetzen, ein Hervorbrechen ursprünglicher Art, so ist der Weltlauf nicht bloß eine Entwicklung, sondern eine Selbstentwicklung, so müssen die beiden Stufen von einem umfassenden Leben umspannt sein, das von der einen zur anderen in seiner Selbstentfaltung fortschreitet/ das seine eigene Höhe innerhalb unserer Welt nur durch seine eigene Bewegung erreicht. Das heißt nicht Natur und Geist in zwei getrennte Welten zerreißen, aber es heißt allerdings dagegen Verwahrung einlegen, daß sie einfach als parallele Seiten behandelt werden, was notwendig entweder das Geistige der Natur unterordnet, ja aufopfert, oder aber beides miteinander in bloß formale Begriffe abstraktester Art verflüchtigt. Mit dieser Anerkennung zweier Stufen und einer fortschreitenden Bewegung unserer Welt gewinnt aber das Menschenleben eine eigentümliche Stellung und Bedeutung. Denn in seinem Bereiche treffen die beiden Stufen zusammen, und bei ihm kommt eine Wendung von der einen zur andern in Fluß. Und es ist dabei der Mensch nicht ein bloßer Schauplatz, auf dem sich solche Bewegung abspielt, sondern sein eigenes Tun ist dafür nicht zu entbehren, ohne seine Entscheidung kommt bei ihm jene Weiterbildung nicht zustande. Sollte er nun wohl in einem solchen Weltkampfe mitwirken und das Beisichselbstsein der Wirklichkeit gegen das Reich der Beziehungen vorrücken können, wenn jenes Beisichselbstsein ihm nicht als Ganzes irgend sein eigen zu werden vermöchte, wenn sein Handeln nicht irgend aus jenes Kraft geführt werden könnte? Schon hier wird ersichtlich, daß der Mensch über die Natur nicht hinausstreben kann, ohne sich von der Begrenztheit einer partikularen Existenz zu befreien und das Geistesleben, das Beisichselbstsein der Wirklichkeit, als den Kern seines eigenen Wesens anzuerkennen. Wir sahen, daß alle Befassung mit dem unmittelbaren Dasein seinem Leben keinen Inhalt gewährte; immer stand hinter dem hier gebotenen Leben eine Tiefe, welche eine Befriedigung suchte, aber nicht fand; in aller ungeheuren Erregung subjektiver Art fehlte jenem Leben eine Substanz; bietet die Geisteswelt dem Menschen eine solche, so wird er in ihr sein wahres Wesen zu suchen haben, und die Bewegung zu ihr ist nicht ein Streben in eine unermeßliche Weite, sondern eine Wendung zu sich selbst, ein Erringen seines eigenen Wesens. Aber es wäre freilich, vom Erfahrungsstande betrachtet, dies Wesen ein hohes Ziel, eine unermeßliche Aufgabe, und es muß die Anerkennung der Selbständigkeit des Geisteslebens jene Aufgabe aufs beträchtlichste steigern. Denn nunmehr geht die Forderung nicht auf dieses oder jenes am Leben, sondern sie geht auf ein völlig neues Leben, sie wird nicht durchführbar sein, ohne die energischste Hinaushebung über den Stand der Vermengung und Abstumpfung, wie ihn das alltägliche Dasein bietet. Aber wenn dem Leben damit ein hohes Ideal vorgehalten wird, so liegt dies nicht jenseits, sondern innerhalb des eigenen Bereiches; der Mensch findet hier das Grundverhältnis seines Lebens nicht in der Beziehung zu irgend welchem draußenliegenden Sein, sondern in der zu der ihm innerlich gegenwärtigen Geisteswelt als seinem eigenen Wesen; das muß einen eigentümlichen Typus des Lebens erzeugen; wir werden sehen, daß er sich von den bis dahin betrachteten Typen deutlich unterscheidet. So wild uns der Mensch bei sich selbst ein großes Problem, er ist alles eher als eine geschlossene Natur, charakteristisch ist für ihn eben das, daß eine besondere und begrenzte Art, ein Bloßmenschliches, mit einem universalen Leben, einem Mehr alsmenschlichen, zusammentrifft; dies Zusammentreffen muß zu vielfachem Zusammenstoß führen, es muß den ganzen Umkreis des Lebens in Spannung versetzen. Daß in Wahrheit eine durchgängige Unruhe dem menschlichen Leben innewohnt, sobald es sich der Natur nur irgend entwindet, das wissen wir alle. Ein solches Zusammentreffen verschiedener Lebensstufen bei uns erscheint mit völliger Klarheit in der Form, in der sich geistiges Leben bei uns entwickelt. Was immer es an Inhalten erzeugt, das kann uns nicht als etwas Fremdes, sondern nur als etwas Eignes anziehen; um uns zu gewinnen, muß es irgend in unserm Wesen wurzeln und der Entfaltung dieses Wesens dienen. Aber zugleich erscheint es als unserer menschlichen Art weit und sicher überlegen, und es hat die Kraft oder es kann sie doch haben, sich siegreich gegen die Zwecke dieser Art durchzusetzen. So allein erklärt sich der Gedanke der Pflicht, erklärt sich, daß in aller eigentümlich geistigen Leistung Normen erscheinen. Normen z. B., die unser Denken und künstlerisches Schaffen beherrschen; sie stellen Forderungen und üben einen Zwang, aber sie tun das nicht von draußen her, sondern aus unserer eignen Natur heraus, sie erweisen zugleich einen Abstand dieser Natur vom unmittelbaren Befinden. Nicht minder tun das die Werte geistiger Art, die sich deutlich von allem nur Angenehmen oder Nützlichen abheben, sie sind unser und doch zugleich mehr als unser, sie heben uns in eine andre Welt als die des bloßen Menschen, und sie sind zugleich uns innerlicher und wesentlicher als irgend etwas anderes. Aus solchem Zusammenhange erhält allererst auch ein volles Licht, was die menschliche Erfahrung an Selbstkritik, sowohl bei der Seele des Individuums als in der weltgeschichtlichen Arbeit zeigt. Bei dieser letzteren hat namentlich die Neuzeit die Selbstkritik zu hohem Ansehen und zu eingreifender Wirkung gebracht; mehr und mehr wurde ihr alle Leistung unzulänglich und ungewiß, die das Feuer dieser Kritik nicht bestanden hatte, sie hat diese, so zeigt es uns Kant, immer mehr auf das innere Gewebe des Lebens gerichtet. Aber wie kann die Kritik den Stand und die Unsicherheit eines bloß subjektiven Räsonnements überschreiten, und wie kann sie Neues hervorlocken, wenn nicht die Natur des Menschen in sich Maße trägt, die, aller Meinung und Willkür überlegen, die menschliche Leistung zu prüfen und weiterzuführen vermögen. Ein Auseinandertreten des Lebens, ein Vorhalten einer neuen Art, das Erscheinen einer Höhe im eignen Bereich des Menschen ist hier nicht zu verkennen. So entsteht im Menschen eine Scheidung und mit ihr mannigfache Verwicklung. Aber eben diese Scheidung macht mit der Abhebung einer selbständigen Geistigkeit eine Kluft überwindlich, die sonst alles geistige Schaffen hemmt, die Kluft zwischen dem Menschen und der Welt. Auch wir überzeugten uns, wie sich weder hier noch dort das Leben festlegen und abschließen läßt, wie es zwingend zu einer Vereinigung beider treibt. Von außen aber sind sie nun und nimmer zusammenzubringen, so müssen sie unmittelbar zusammengehören. Das aber wird erst möglich mit jener Selbständigkeit des Geisteslebens und ihrer Erschließung im Menschen. Denn die Erhebung zu jener bedeutet dann die Versetzung in ein kosmisches Leben, das nicht ein fremdes, sondern unser eignes Leben ist. So können die Inhalte jener Welt zu eignen Erlebnissen des Menschen werden, und es können ihre Triebkräfte ihn unmittelbar bewegen; so steht umgekehrt das, was auf jener Höhe in ihm vorgeht, unmittelbar in der Welt, verändert ihren Bestand und hat für sie einen Wert. Hier darf der Mensch überzeugt sein, mit seinem Vordringen auch das Ganze zu fördern, die Bedeutung seiner Arbeit und seines Kampfes reicht über ihn selbst hinaus in den Stand dieses Ganzen. Solche Anerkennung einer Geisteswelt im Menschen samt den Forderungen, die ihre Durchführung stellt, läßt die beträchtlichsten Wandlungen im Bilde unserer Seele und unseres Wirkens erwarten. Aber diese Wandlungen in die Breite zu verfolgen ist nicht unsere Sache, wir haben nur mit der Frage zu tun, ob jene Wendung dem Leben die Erhöhung bringt, ohne die es keinen Sinn und Wert zu erlangen vermochte, und ob jene Wendung selbst durch das bestätigt wird, was sie an Licht auf das Leben wirft und was sie in ihm an Kraft erweckt. Denn das allein kann den positiven Beweis der Hauptthese führen. Entwicklungen. Wenn wir die früheren Erörterungen überschauen und ihren Ausweis des Ungenügens und der Unsicherheit des gegenwärtigen Lebensstandes erwägen, so treten namentlich drei Punkte hervor, bei denen eine Weiterbildung erforderlich ist: wir bedürfen eines festen Standorts, einer inneren Befestigung des Lebens, wir bedürfen einer Selbsttätigkeit, eines eignen Wirkens und Schaffens, wir bedürfen einer Erhebung über die kleinmenschliche Art, eines Großwerdens unseres Lebens, wenn sich ein Sinn und Wert unseres Lebens finden soll; sehen wir nun, ob ein Leben, das aus der Anerkennung einer selbständigen Geisteswelt in uns hervorgeht, diese Forderungen zu erfüllen vermag, indem sie das Leben fester, freier und größer macht, mit allem zusammen aber es von der Leere, die es heute empfinden läßt, zu einem befriedigenden Inhalte führt. Die Befestigung des Lebens. Eine Entzweiung und eine Unsicherheit erschien im Lebensbefunde der Gegenwart sofort bei der Frage des Standorts und des Ausgangspunktes des Lebens. Was die eine Richtung als unangreifbar verkündete, das wurde mit gleicher Überzeugungskraft von den anderen bekämpft und erschüttert: eine Überwelt geriet uns mit ihrer zwiefachen Fassung in Unsicherheit, das unmittelbare Dasein aber warf uns zwischen der Welt und dem Menschen hin und her und ließ uns sodann wie zwischen Natur und Intellekt, so zwischen Individuum und Gesellschaft schwanken. Dabei ist die Frage des Ausgangspunktes keineswegs bloß formaler Art; die Wahl, die hier getroffen wird, entscheidet auch über das Ziel und die Richtung des Ganzen, entscheidet auch darüber, was als Hauptsache und was als Nebensache zu gelten hat. Wie stark hat es auch auf den Inhalt des Lebens gewirkt, daß die antike Denkart von der Welt begann und sich von ihr zum Menschen bewegte, während die moderne den Menschen als den archimedischen Punkt ergriff und von hier aus einen Weltaufbau wagte: dort ein mehr naives, sinnlich gefärbtes, zur Synthese drängendes, in künstlerischer Kontemplation vollendetes Leben; hier eine energische Zerlegung der Wirklichkeit und mehr einbohrende Reflexion, die ganze Wirklichkeit von Gedankenarbeit getragen. So ist die gewaltige Tragweite des Problems nicht zu verkennen. Die Verwicklungen der Gegenwart haben seine ganze Schwere zur Empfindung gebracht. Auf eine innere Befestigung des Lebens läßt sich nun und nimmer verzichten, wollen wir nicht vom Zufall der Eindrücke abhängig bleiben. Aber wird jene Befestigung nicht zu einer starren Festlegung werden, und drängt sie das Leben nicht unvermeidlich in zu enge Bahnen? Hat ferner nicht die geschichtliche Erfahrung der Menschheit die nächstliegenden Möglichkeiten unmöglich gemacht? Die Möglichkeit eines Beginnens von der Welt hat die Neuzeit durch ihre bewußte Voranstellung und kräftigere Entwicklung des Subjekts zerstört, ihr eigner Versuch aber, das Subjekt oder irgend welches Zentrum in ihm, Denken oder moralisches Handeln, zum archimedischen Punkt zu erheben, verliert mehr und mehr an Ueberzeugungskraft. Einen festen Punkt, von dem aus sich das Leben ordnete und das Bild der Wirklichkeit gestaltete, könnte der Mensch nur liefern, wenn er selbst den unbestrittenen Mittelpunkt der Wirklichkeit bildete; bildet er ihn nicht, so wird es eine Überhebung, von ihm aus das Werk zu beginnen, eine Ueberhebung, die sich durch eine unzulängliche Gestaltung des Lebens und ein Unsicherwerden über das eigne Unternehmen bald rächen wird. So verbleibt die übliche Behandlung in einem unsicheren Schwanken zwischen beiden Wegen. Die Anerkennung eines selbständigen Geisteslebens im Menschen ergibt eine neue Behandlung der Sache. Der Gegensatz von Welt und Mensch ist hier, wie sich zeigte, prinzipiell überwunden; die Bewegung kann hier zugleich Eröffnung einer Welt und eignes Erlebnis des Menschen sein. Weiter aber gewinnt hier das Leben dadurch, daß es sich hinter die einzelnen seelischen Betätigungen zurückverlegt und zu einem selbständigen Komplexe gestaltet, eine Tatsächlichkeit in sich selbst; seine eigne Bildung, sein Umspannen und Ueberwinden der Gegensätze von Subjekt und Objekt durch Volltätigkeit ist eine Tatsache fundamentaler Art, es entsteht hier ein Prozeß, der eigentümliche Zusammenhänge, Richtungen, Ziele enthält, ein Gewebe von Tatsächlichkeit, das nicht dem Vermögen des bloßen Menschen entstammen kann, sondern ihm gegenüber eine sichere Ueberlegenheit besitzt. Das ist zunächst das Grunddatum, das unserer Ueberzeugung und unserem Streben einen Ausgangspunkt und einen Halt gewährt: das Erscheinen eines derartigen, bei sich selbst befindlichen, volltätigen Lebens im Bereich des Menschen. Wo immer bei ihm sich geistige Bewegung entwickelt, da ist jenes Leben der Standort, auf dem jene sich gründet; alles geistige Streben enthält, auch gegen das Wissen und Wollen des Handelnden, eine Umkehrung der vorgefundenen Lage und eine Versetzung auf jenen Standort. Auch die direkte Leugnung aller Geistigkeit, wie sie der Materialismus vollzieht, kann nicht als Wahrheit auftreten, ohne sich auf jenen Standort zu stellen. Die Anerkennung eines solchen Lebensprozesses kann nicht erfolgen, ohne daß unser Leben eine größere Tiefe gewinnt, bei solcher Vertiefung und Zurückverlegung erlangt es bei sich selbst weit mehr Tatsächlichkeit und wird es zugleich als Ganzes weit mehr zum Problem, als in der landläufigen Denkweise, welche Tatsachen erst in besonderen Leistungen sieht, die in Berührung mit der Umgebung entstehen. Wenn aber der Lebensprozeß im Allgemeinen seiner Art eine fundamentale Tatsache ist, so ist er im Näheren seiner Durchbildung für den Menschen eine unermeßliche Aufgabe. Jene Durchbildung kann der Mensch nicht finden ohne die weltgeschichtliche Arbeit und ohne eine Auseinandersetzung mit dem Ganzen ihrer Erfahrung; wie sie aber ausfällt, das entscheidet über die Behandlung und Deutung alles dessen, was sonst dargeboten wird, das gibt allem Tun erst eine bestimmte Richtung. So liegt hinter dem, was wir Leben zu nennen pflegen, ein tieferes umfassendes Leben, eine Seele des Lebens; wie dieses grundlegende Leben uns die bedeutendsten Aufgaben stellt, so enthüllt es uns auch die wichtigsten Tatsachen; je mehr diese Tatsachen sich herausarbeiten, sich untereinander zusammenschließen und sich gegenseitig stützen, desto mehr kann die Befestigung, welche unser Dasein durch die prinzipielle Anerkennung jenes bei sich selbst befindlichen Lebens gewinnt, sich seiner ganzen Ausdehnung mitteilen und dadurch bei sich selbst verstärken. Die übliche Behandlung dieser Fragen kann der philosophischen Besinnung nicht anders als roh erscheinen. Sie bekümmert sich nur um das Was, das geschieht, das Wie erscheint als etwas Selbstverständliches, das gleichmäßig durch alle Zeiten geht. In Wahrheit ist jenes Wie das Wichtigste von allem, es entscheidet über die gesamte Art des Lebens und damit auch über das, was als Was herauskommt. Betrachten wir z. B. die Reihe der großen Denker, wie der Verlauf der Geschichte sie uns vorführt. Man beachtet und beurteilt die Ergebnisse ihrer Forschung, ihre Antworten, und man vergißt, daß sie die Frage eigentümlich, ja grundverschieden zu stellen pflegten, und daß solche Stellung der Frage über das Ganze ihrer Arbeit entschied, daß gar nicht anders geantwortet werden konnte, nachdem einmal so gefragt worden war. Mit der Anerkennung solcher Bedeutung der Frage wird klar, daß wichtiger als alles, was bei der philosophischen Forschung herauskommt, dieses ist, was die philosophische Forschung bei sich selber ist, und das führt sofort auf die Stellung der Philosophie im Lebensprozeß, es läßt hervortreten, daß die Aufwerfung des philosophischen Problems selbst bestimmte Tatsachen enthält, eine gewisse Beschaffenheit des Lebens anzeigt, es führt auf einen Grundstock des Lebens und läßt uns erkennen, daß seine Sicherung die allerwichtigste Tatsache ist. Nun gewährt uns Angriffspunkte für die Ermittlung dieses Grundstocks die weltgeschichtliche Arbeit der Menschheit. Hier liegen gewisse Bewegungen vor, Bewegungen sagen wir, nicht fertige Tatsachen. Aber die Bewegungen sind, sofern sie über aller bloß subjektiven Meinung und Strebung liegen, unmittelbar auch Tatsachen, indem sie uns ein eigentümliches Vermögen des Geisteslebens enthüllen, sie mögen uns mehr und mehr von ihm erschließen und mit solcher Zurückverlegung des Geschehens unserem Leben eine immer breitere und festere Grundlage geben. Es strebt z. B. der Mensch nach einer Geschichte in eigentümlichem Sinne, ihm ist sie nicht ein bloßes Ablaufen einer Reihe, eine Gestaltung des Späteren unter dem Einfluß des Früheren, sondern er möchte das Vergangene, das äußerlich vorbeizieht, innerlich festhalten oder, wenn es versank, wiederaufnehmen, er faßt die einzelnen Zeiten in ein Gesamtbild, er sucht aus dem Wandel der Zeiten etwas Bleibendes hervorzuheben und durch Wiederbelebung dieses Bleibenden dem eignen Leben eine zeitlose Gegenwart zu erringen; erweist eine derartige Leistung, mag sie noch so unfertig bleiben, erweist die Möglichkeit einer Geschichte in diesem Sinne nicht ein eigentümliches Vermögen des Geistes, und sollte dies Vermögen nicht deutlicher herauszuarbeiten sein, als es gewöhnlich geschieht? So aber sollten alle einzelnen Lebensgebiete, wie Religion und Moral, Kunst und Wissenschaft, näher daraufhin angesehen werden, was sie durch ihr Werden und Wachsen an geistigem Leben erweisen; jedes dieser Gebiete bildet vor allen Tatsachen, die seine Arbeit eröffnet, eine ursprünglichere Tatfache, in der sich das Ganze des Geisteslebens eigentümlich entfaltet. Mögen z. B. die einzelnen Religionen im Näheren ihrer Fassung noch so weit auseinandergehen, vor aller Verschiedenheit liegt das Urphänomen der Religion überhaupt; es bringt innerhalb unseres Lebens einen weiten Abstand einer niederen und einer höheren Art zur Empfindung, es zeigt eine Entwicklung von Erhabenheit und Ehrfurcht einerseits, von Liebe und Gnade andererseits, es enthüllt in tiefster Tiefe unseres Lebens einen Konflikt, aber es enthüllt ihn nicht ohne auch zu seiner Überwindung zu wirken. Zur vollen Ausbildung des Charakters der Religion gehört weiter dieses, daß der Mensch das, was er als überlegen erkennt und verehrt, nicht in zerstreute Erscheinungen zersplittert, sondern in ein Ganzes zusammenfaßt, zu diesem Ganzen in ein inneres Verhältnis tritt und dadurch ein neues Leben gewinnt. Wie bei deutlicher Herausarbeitung dessen unser Leben bei sich selbst ein eigentümliches Grundgewebe zeigt, so zeigen es in verwandter Weise auch die anderen Gebiete. Es erschöpft sich aber die Entfaltung geistigen Lebens nicht in ein Nebeneinander einzelner Gebiete, diese Gebiete selbst erlangen eine charakteristische Gestaltung nur, wenn das Ganze des Lebens eine sie alle verbindende und durchdringende Synthese aufbringt und sie an jeder Stelle durchzusetzen sucht. Diese Synthese ist keine äußere Zusammenfassung, sondern eine der Scheidung überlegene Selbstkonzentration des Geisteslebens, die einen neuen Boden für alle Betätigung schafft. Die besondere Art dieser Synthese bestimmt den eigentümlichen Charakter der Kulturepochen. So bildete das Griechentum eine Lebenssynthese künstlerisch-plastischer Art und machte die Formgebung zum Kern der Arbeit, die Aufklärung setzte dem eine Synthese der Kraftsteigerung entgegen und unternahm eine Umsetzung alles Ruhenden in Bewegung und Fluß. Gewiß hat jede Synthese ihre Schranken, und über sie drängt die Unendlichkeit des Lebens schließlich hinaus. Aber vor der Erwägung der Schranken muß die Tatsache Würdigung finden, daß überhaupt derartige Konzentrationen im eignen Bereiche des Lebens erfolgten, und ist zu prüfen, was in jeder von ihnen an Entfaltung des Geisteslebens steckt. Es erscheint hier eine Zerlegung des Lebens in eine bestimmte und eine unbestimmtere Art, ein Hin- und Hergehen zwischen beiden, eine Bewegung und Fortbildung des Lebens bei sich selbst, eben damit aber die Erzeugung eines inneren Lebensraumes und die Gestaltung einer Wirklichkeit. Jede einzelne Synthese erscheint hier wie eine Lebenshypothese größten Stils, deren Recht daran hängt, wie weit es ihr gelingt allen Widerstand zu brechen und den ganzen Umfang des Lebens zu gewinnen. Alle diese Arbeit enthält eine Zurückverlegung des Lebens gegen den ersten Anblick, sie zeigt in dem, was einfach schien, umfassende Komplexe, in dem vermeintlich Ruhenden Leben und Fluß, sie löst die starren Voraussetzungen auf und verwandelt sie in lebendige Tätigkeit. Je mehr so die Tätigkeit wächst, desto mehr Zusammenhänge und durchgehende Richtungen werden ersichtlich, desto mehr gibt das Leben als Ganzes sich selbst eine Grundlage und gewinnt eine Tiefe. Diese Vertiefung ist aber zugleich eine Befestigung, alles zusammen bekräftigt die Überzeugung, daß im Menschen ein Lebensprozeß aufkommt, der jenseits aller subjektiven Willkür liegt, und der das Stieben des Individuums mit sicherem Bestande umfängt. Solche Zurückverlegung des Lebens stellt auch die Überzeugungen des Menschen vom Ganzen der Welt auf eine breitere und festere Grundlage, als bis übliche intellektuelle Fassung es tut. Wie die einzelnen Lebensgebiete hier eine Bewegung des Ganzen hinter sich haben und sie zum Ausdruck bringen, so trägt jedes in seinem Unternehmen eine auf jenes Ganze bezügliche Überzeugung, es hebt sich auf den einzelnen Gebieten keine Leistung als groß hervor, die nicht ein Bekenntnis vom Ganzen enthält und vertritt. Jene Überzeugung und mit ihr der Durchblick der Wirklichkeit ist nach der Art eines jeden Gebietes verschieden. Wir sahen, wie die Religion im Grunde des Lebens einen schroffen Kontrast entdeckt, sie kann das nicht ohne auch die Welt auseinanderzureißen und alle Kontraste der Wirklichkeit zu steigern. Eine andere Urerfahrung steckt in der Kunst, steckt auch im Erziehungswerke. Denn es gibt keine Möglichkeit der Kunst ohne ein freundschaftliches Verhältnis und eine gegenseitige Mitteilung von Innerem und Äußerem, ohne ein Überwinden ihres Gegensatzes im Lebensprozesse, so enthält ihre Arbeit ein Bekenntnis von der Harmonie des Alls. Auch im Erziehungswerk liegt eine freundlichere Fassung der Wirklichkeit, als die Religion in ihrer schroffen Scheidung sie haben kann und darf. Denn wie wäre jenes Werk zu unternehmen, wie könnte es die volle Hingebung der Gemüter finden ohne den Glauben an das Schlummern eines Guten und Wahren im Menschen und an die Möglichkeit seiner Erweckung? Schon das sollte verbieten der Kirche die Aufsicht über die Schule zu geben, weil bei konsequenter Denkweise hier und dort verschiedene Grundanschauungen herrschen müssen. Ähnlich entspringen auch aus der Moral und aus der Wissenschaft eigentümliche Fassungen von Leben und Welt. Diese verschiedenen Fassungen stellen sich nebeneinander, jede einzelne neigt dahin, ihre besondere Erfahrung zur allbeherrschenden zu machen, so stoßen sie unvermeidlich hart aufeinander. Das Leben sieht sich mit einer Zerspaltung bedroht, wenn es nicht gelingt ein Ganzes menschlichen Seins jenen besonderen Entwicklungen überlegen zu halten und von ihm aus nach irgendwelcher Verständigung zu streben. Zugleich wird von hier aus verständlich, wie das Individuum je nach dem Gebiete, dem seine Lebensarbeit angehört, sich mehr dieser oder jener Fassung des Ganzen zuneigen wird. Aber der Streit und die Unfertigkeit zeigt zugleich, welche Fülle des Lebens, wie verschiedene Arten und Stufen im Bereiche des menschlichen Daseins liegen; selbst die Verwicklungen bezeugen mit ihren leidenschaftlichen Kämpfen die Energie des Strebens nach einem durchgehenden Charakter des Lebens. Über alle bloße Reflexion sind wir hier sicher hinaus. So kann das Leben, das zeigt sich klar, eine Gewißheit und Festigkeit nicht durch Beziehung auf irgendwelches außer ihm befindliche Sein, überhaupt nicht von draußen her erlangen, es kann sie nur bei sich selbst gewinnen, und es kann das nicht durch die Festlegung eines einzelnen Punktes, sondern nur dadurch, daß es sich in ein Ganzes zusammenfaßt, sich innerlich abstuft, das Gewebe einer Wirklichkeit aus sich entwickelt, mit dem allen bei unermeßlicher Fülle ein sicheres Beisichselbstsein gewinnt. Aber die stillschweigende Voraussetzung dessen ist immer, daß ein selbständiges Geistesleben das Streben und Mühen des Menschen trägt, sonst bleibt jene ganze Bewegung ein unverständliches Rätsel, und sonst kann sie nie zur Sache voller Überzeugung und Hingebung werden. Was hier vom Ganzen gilt, das gilt auch von den einzelnen Trägern des Lebens: auch die Kulturepochen, die Völker, die Individuen erlangen eine Festigkeit der Überzeugung und eine Freudigkeit des Handelns nur aus einem inneren Zusammenschluß ihres Lebens, nur das kann den Zweifel verbannen und dem Handeln seine Richtung weisen. Fehlt dem Leben eine solche axiomatische Notwendigkeit, eine solche Befestigung in sich selbst und zugleich ein Glaube an sich selbst, so können auch die größten Gaben es nicht vor Unsicherheit und Unfruchtbarkeit behüten. Dies vornehmlich ist es, was die einfachen Naturen den komplizierten überlegen macht. Immer also kommt die Sache darauf zurück, daß das Leben eine Festigkeit nur von innen heraus und durch das Ganze seiner eignen Bewegung zu gewinnen vermag, daß aber eine derartige Befestigung immer eine Selbständigkeit des Geisteslebens zur Voraussetzung hat. Das Wachstum der Freiheit und Selbsttätigkeit. Zu einem Sinn des Lebens gehört notwendig der Besitz der Freiheit und eine Verwandlung der bloßen Tätigkeit in Selbsttätigkeit, das Vordringen zu einem Selbstleben. Denn ohne das kann es nicht voll unser eigen werden, es würde etwas durch Natur oder Schicksal Zugewiesenes bleiben, das lediglich an uns, nicht durch uns geschähe; ein derartiges halbfremdes Geschehen, eine derartige auferlegte Rolle müßte uns innerlich gleichgültig bleiben, und unser Leben wäre mit einem lähmenden Widerspruche behaftet, wenn dies Gleichgültige unsere ganze Kraft gewinnen und uns zur Sache eigner Verantwortung werden sollte. Aber die Freiheit in dem Sinne, wie sie uns hier beschäftigt, findet beim Menschen der Gegenwart wenig Liebe. Von allen Seiten berichtet man uns, das alte Problem sei jetzt endgültig gelöst und der Mensch sei ganz und gar als ein Stück eines Weltmechanismus erwiesen, nur eine unpräzise Denkart könne in dessen Getriebe Lücken finden, durch welche die Freiheit einschleichen könne. So ein unbedenklicher Verzicht auf alle Freiheit; daß zugleich das Leben alles Beisichselbstsein und damit die Möglichkeit irgendwelches Sinnes verliert, wird kaum beachtet oder doch nicht in seiner zerstörenden Wirkung gewürdigt. Da uns das Bestehen auf einem Sinn des Lebens einen so laschen und leichten Verzicht verbietet, so müssen wir fragen, ob die hier gebotene Fassung des Geisteslebens das Problem der Freiheit in eine günstigere Lage bringt. Sie tut das nach unserer Überzeugung in Wahrheit, sie tut es sowohl durch eine neue Art der Begründung der Wahrheit als durch den eigentümlichen Inhalt der Wirklichkeit, den sie eröffnet. Die Sache der Freiheit erscheint namentlich deshalb als verzweifelt und verloren, weil man sich in wissenschaftlicher Arbeit ein Weltbild, ein Schema der Wirklichkeit entworfen hat, worin die Freiheit nicht paßt; namentlich ist es die mechanisch-kausale Fassung der Natur, welche auf das menschliche Leben und das Innere der Seele übertragen wird; daß sie für Freiheit und Selbsttätigkeit keinen Raum gewährt, das kann allerdings nicht zweifelhaft sein. Aber ob jene Übertragung mit Recht erfolgt, das läßt sich gar wohl bezweifeln. In Wahrheit darf der Lebensprozeß nicht auf dem Umwege über die Welt seine Deutung suchen, sondern die Entscheidung liegt bei dem, was er durch seine eigne Entwicklung aufweist und fordert. Sollte er, wenigstens auf seiner Höhe, eine Ursprünglichkeit und eine Verwandlung in Selbsttätigkeit zeigen, so wäre das als eine Tatsache fundamentaler Art anzuerkennen, erst an zweiter Stelle käme dann die Frage in Betracht, wie sich das mit jener Verkettung der Dinge auseinandersetzen mag. Nun und nimmer dürfen primäre Tatsachen sekundären, dürfen den Ansprüchen einer besonderen Theorie Selbsterfahrungen des Lebens aufgeopfert werden. Ob das unser Bild der Wirklichkeit minder glatt und einfach gestaltet, braucht uns wenig Sorge zu machen, oder ist es so sicher, daß die Welt gerade so beschaffen sein muß, wie sie sich für unsere menschlichen Begriffe am bequemsten zurechtlegt? Das aber läßt sich nicht wohl bezweifeln, daß wer die Welt ganz und gar in eine Verkettung gegebener Elemente verwandelt und ihr damit alle Ursprünglichkeit nimmt, ihr zugleich alles Beisichselbstsein, alles innere Leben raubt. Was den Inhalt des Lebens betrifft, so bildet bei Anerkennung einer selbständigen Geistigkeit als des Grundes der Wirklichkeit diesen Grund nicht mehr ein starres Sein, das unnahbar hinter aller Betätigung liegt, sondern ein bei sich selbst befindliches und sich selbstentfaltendes Leben; an einem solchen Leben läßt sich ein Anteil gewinnen und, soweit das gelingt, auch unser Leben in Selbsttätigkeit und Freiheit stellen. Nun ist das geistige Leben nicht als ein selbständiges anzuerkennen, ohne daß es dem Menschen, wie er ist und lebt, weit ferner rückt und ihm zur schweren Aufgabe wird; aber zugleich wächst auch unsere Anspannung und Leistung jenem gegenüber, zugleich wird klar, daß in aller echtgeistigen Betätigung eine Anerkennung und Aneignung der Geisteswelt, damit aber auch eine Entscheidung steckt. Diese Entscheidung ist kein Werk des bloßen Augenblicks und der bewußten Überlegung, und sie geht vor allen einzelnen Punkten auf das Ganze jener Welt, als solche aber durchdringt sie das ganze Leben; was immer an echter Geistigkeit bei uns aufkommt, das trägt jene Anerkennung, Aneignung und damit Entscheidung in sich; durch nichts wird diese mehr erwiesen als durch den harten Kampf, den durch den Gesamtverlauf der Geschichte der Mensch um die Aufrechterhaltung und die Durchbildung des Geisteslebens führen muß und führt, auch in die Seele des Einzelnen reicht er hinein. Überall erscheint ein deutlicher Unterschied zwischen einer Geistigkeit, die uns nur nebensächlich anhaftet, und einer solchen, die vollauf unser eignes Leben wird. Dieses werden aber kann sie nur durch unsre eigne Tat und Entscheidung, durch unsre Einssetzung mit dem Geistesleben, durch eine Hineinlegung des ganzen Affekts unserer Selbsterhaltung in jenes Leben. Eine solche Aneignung des Geisteslebens, ein Persönlichwerden dieses Lebens, wie es heißen könnte, gibt ihm erst die volle Ursprünglichkeit und Selbstgewißheit; eine solche aber verlangt jedes große Schaffen vordringender und umwälzender Art; eine geistige Betätigung instinktmäßiger, gebundener und abgegrenzter Art, wie der Durchschnitt der Erfahrung sie gewöhnlich bietet, genügt dafür nicht. Jene Ursprünglichkeit läßt sich nicht in einem Augenblicke für die anderen gewinnen und für die Folge der Zeit aufspeichern, sondern sie ist immer von neuem, und doch in einem Zusammenhange, durch den ganzen Lauf des Lebens zu erringen, sie erhebt das Leben über eine bloße Folge von Augenblicken. Denn in dem Gebiete des Geisteslebens wirkt nicht wie in dem der Natur, was einmal ist, unablässig fort, bis es von außen her Veränderungen erfährt, sondern es sinkt alsbald, sobald die Seele des Menschen von der Sache weicht und sie nicht unablässig erneuert, auch bei äußerem Fortbestehen wird es dann zu mechanischer Gewöhnung, zu Halbheit und Schein. So tragt alle echte Geistigkeit in sich eine Tat, eine Tat des ganzen Lebens; das Leben ist hier nicht ein bloßes Ablaufen eines Fadens, sondern ein immer neues Einsetzen und fortdauerndes Schaffen. Das erst läßt die Lebensbewegung der Menschheit wie auch des Einzelnen in rechter Weise verstehen. Sie ist nicht eine bloße Evolution in dem Sinne, daß das Spätere in sicherer Folge und mit zwingender Notwendigkeit aus dem Früheren hervorwüchse, sondern was die Vergangenheit errang und was sie an die Gegenwart bringt, das ist, geistig angesehen, für diese nicht mehr als eine Möglichkeit, die immer erst einer eignen Entscheidung und Ergreifung harrt. Ohne das gäbe es keine wahrhaftige Gegenwart. Weiter aber erscheint ein freies Aufsichnehmen des Geisteslebens und ein inneres Einswerden des Menschen mit ihm namentlich in der Tatsache, daß sich in unserem Kreise seine Durchbildung erst durch die eigne Arbeit des Menschen vollzieht; nichts läßt ihn mit jenem Leben enger zusammenwachsen und in ihm mehr sein Selbst finden als die Mühen und Sorgen, die Schmerzen und Opfer, die jene Arbeit verlangt. So gewiß sie in einem überlegenen Geistesleben begründet sein muß, die nähere Gestaltung muß der Mensch erst erringen, sein Streben baut sich nicht wie eine Pyramide auf einer gegebenen Grundlage in gewiesener Richtung und unter ruhigem Fortgang auf, sondern die Zweifel greifen immer wieder in die Grundlage zurück und machen auch die Hauptrichtung unsicher, eines geistigen Charakters seines Lebens muß der Mensch sich immer von neuem vergewissern. Die Lage der Gegenwart stellt uns das besonders deutlich vor Augen. Ähnliches gilt für das Leben des Einzelnen. Nur der Naturalismus kann die Individualität als eine gegebene und geschlossene Größe behandeln, die nur nach außen hin zu tun hat; in Wahrheit ist die Erringung einer geistigen Individualität ein hohes Ziel, das viel Arbeit, gewöhnlich auch viel Umwandlung und Ausscheidung verlangt; das Aufsichnehmen dieser Arbeit ist nicht möglich ohne ein Anerkennen und volles Aneignen der eignen Art, es liegt darin eine Entscheidung für sich selbst, eine Selbstbejahung, eine umfassende Tat. Das alles tritt im äußeren Anblick des Lebens sehr zurück, aber innerlich ist es vorhanden und wirksam; was aber nach dieser Richtung wirkt, das findet eine energische Zusammenfassung und Verstärkung mit der Anerkennung der Selbständigkeit des Geisteslebens. Damit eröffnet sich für die ganze Weite des Lebens ein großer Gegensatz, verschiedene Stufen des Alls stellen im Menschen sich dar, es gilt eine Verlegung des Schwerpunkts seines Lebens, zugleich aber eröffnet sich die Möglichkeit einer Mitarbeit am Bau des Alls. An seiner Stelle kann die Bewegung nicht ohne sein Eintreten, ohne seine Entscheidung weiterkommen. Was wäre geeigneter, seinem Leben einen Sinn und Wert zu geben als eine solche Möglichkeit eines Aufsteigens zu einem selbsttätigen Leben, das in der eigenen Befestigung zugleich am Besitz und an der Bewegung des Ganzen der Wirklichkeit teilnehmen läßt? Die Überwindung der kleinmenschlichen Art. Daß das Geistesleben unmittelbar zum Menschen wirke und seine Kraft und Gesinnung unmittelbar für sich gewinne, das ist eine alte und unabweisbare Forderung. Wäre sein Inhalt ganz und gar an die menschliche Vorstellungsweise gebunden, so wäre alle und jede innere Erweiterung des Menschen unmöglich, und es könnten die Güter und Ziele geistiger Art zu uns nur durch ihre Leistung für das Wohlsein des bloßen Menschen wirken, so würden sie dabei eine Umwandlung erfahren, die einer Zerstörung gliche. So ging denn von alters her überall da, wo die Enge und die Unzulänglichkeit bloßmenschlicher Art zur Empfindung kam, ein eifriges Streben dahin, sich jener Enge zu entwinden und ein dem Menschen überlegenes Leben zu erringen. Am deutlichsten zeigt solches Streben die Religion in der Wendung zur Mystik, eine unermeßliche Weite und Seligkeit schien hier erreichbar, wenn alle Besonderheit und alle Starrheit menschlicher Art von der Flut eines göttlichen Lebens ergriffen und aufgelöst würde. Aber auch auf dem Boden der Neuzeit und im Gebiete der Forschung fehlt es nicht an verwandter Bestrebung. Eben die hervorragendsten Denker suchten das Leben irgendwie an einen Punkt zu führen, wo es eine vom Menschen unabhängige und ihm gegenüber gültige Wahrheit erreiche; die einen suchten solche Höhe in einem Denken, das eine sachliche Notwendigkeit entwickle und aus eigner Kraft eine fortschreitende Bewegung hervorbringe, ein Kant glaubte dagegen im moralischen Handeln ein von aller Besonderheit der menschlichen Art befreites und allen Vernunftwesen gemeinsames Geschehen zu erkennen. So enthält ohne Zweifel jenes Streben nach Ueberwindung der bloßmenschlichen Art ein notwendiges Bedürfnis und auch eine weltgeschichtliche Bewegung. Aber alle Bestrebungen nach solcher Richtung fanden unüberwindliche Schwierigkeiten darin, eine Abgrenzung zwischen dem Bloßmenschlichen und dem, was als mehr als menschlich auftrat, zu finden. Jenes erstrebte Höhere erlangte keine sichere Stellung, und es ließ sich nicht genügend der Gefahr vorbeugen, daß jenes beides ineinander verrinne, und daß wir nicht sowohl über das Menschliche hinauskommen als es ohne innere Wandlung nur weiter und weiter ins Unermeßliche ausdehnen. Zur Überwindung dieser Gefahr gehört notwendig zweierlei: das Geistige darf nicht eine, wenn auch noch so hervorragende Eigenschaft eines andersgearteten Lebens bleiben, sondern es muß bei sich selbst ein vollgenügsames Leben werden, und weiter muß dies neue Leben irgendwie unmittelbar in den Menschen als sein eignes Leben und Wesen gesetzt werden, nur so kann es ihm mehr sein als ein bloßes Mittel zu anderen Zwecken. Dieses aber, was allein ein Gelingen der Hauptbestrebung zu sichern vermag, wird erreicht mit der Anerkennung eines selbständigen Geisteslebens und seiner Eröffnung im Menschen. Daß dies nicht eine bloße Namensveränderung bedeutet, sondern eine Wandlung der Sache mit sich bringt, das sei etwas näher erörtert. Zunächst wird nur mit jener Anerkennung ein neuer, unmittelbar gegenwärtiger Standort des Lebens gewonnen, es erfolgt damit eine Umkehrung im Grundbegriffe der Wirklichkeit. Denn jene unmittelbare Entfaltung des Geisteslebens im Menschen macht notwendig dies selbst zum Allerersten und Nächsten, zum wahren Standort des Lebens; was bisher das Nächste schien, die sinnliche oder auch die gesellschaftliche Welt, das wird nunmehr zum zweiten, und das muß sein Recht allererst vor jenem erhärten; mit anderen Worten: was der landläufigen Fassung ein Jenseits dünkt, das von der sinnlichen Welt her aufzuweisen und zu rechtfertigen ist, das wird nun die allein in sich selbst begründete, die allein echte und wahre Welt, die eine Ableitung irgendanderswoher weder verlangt noch gestattet. Daß eine solche Umkehrung überall da erfolgt, wo geistige Arbeit zustande kommt, daß diese nirgends aus dem Nebeneinander des sinnlichen Daseins, sondern aus einem ihm überlegenen Standort geführt wird, daß selbst der Materialist seine Anschauungen zu einer wissenschaftlichen Theorie nur zu erheben vermag, indem er sich auf jenen Standort versetzt, das wäre ohne viel Mühe zu zeigen. Aber nach dem Verlauf unserer Untersuchung können wir wohl darauf verzichten und uns auf die Feststellung dessen beschränken, daß alle Entwicklung geistigen Lebens in der Menschheit eine Umkehrung der Wirklichkeit in sich trägt. In der weltgeschichtlichen Arbeit weicht die sinnliche Unmittelbarkeit mehr und mehr vor einer geistigen zurück, wird mehr und mehr nicht sowohl das Innere vom Äußeren als dieses von jenem aus betrachtet und erlebt, wird der ptolemäische Standort durch einen kopernikanischen ersetzt. Zugleich aber wird – und das ist für die Gestaltung des Lebens von entscheidender Bedeutung – eine Möglichkeit gewonnen, eine Abgrenzung zwischen Echtgeistigem und Bloßmenschlichem zu finden und damit den allgemeinen Impuls in fruchtbare Arbeit umzusetzen. Während nämlich letzteres, auch wo es sich mit geistigen Aufgaben befaßt, sich unter dem Gegensatz von Subjekt und Welt, von Zustand und Gegenstand befindet und sich zwischen beiden hin und her bewegt, ohne dabei eine wesentliche Erhöhung zu erreichen, umspannt das Geistesleben jenen Gegensatz, und vermag es in volltätigem Schaffen Inhalte des Lebens zu erzeugen, Inhalte, die in den einzelnen Betätigungen des Seelenlebens, in Denken, Fühlen und Wollen, zur Erscheinung gelangen, sich in ihnen entfalten, aber nun und nimmer aus ihnen hervorgehen können. Wo immer solche Inhalte entstehen, Weiterbildungen des Lebensprozesses, Offenbarungen eines Fürsichseins der Wirklichkeit, da ist das Leben der Enge bloßmenschlicher Art entwunden, da vermag, was das Geistesleben an Wesenszügen hat, zu eignem Besitz des Menschen zu werden. Ein Wirken und Schaffen aus der Notwendigkeit sachlicher Wahrheit und aus dem Ganzen der geistigen Welt, das kann sich nun unmittelbar im Menschen entfalten und seinem Leben eine unermeßliche Erhöhung bringen; die Bewegungen, Kämpfe, Erfahrungen des Geisteslebens werden ihrer ganzen Ausdehnung nach nunmehr eine eigne Sache des Menschen, immer freilich nur auf einer gewissen Höhe des Lebens und unter entschiedener Abhebung vom Durchschnittsstande. Nirgends dürfte die Wandlung, die damit, wenn nicht erfolgt, so doch erfolgen kann, greifbarer sein als im Gebiete der Religion. Deutlich scheiden sich hier eine Religion des bloßen Menschen und eine Religion des Geisteslebens, eine Religion, die dem Menschen ohne wesentliche Wandlung zu Glück und Fortdauer verhelfen soll, und eine Religion, welche eine eigentümliche Erschließung des Geisteslebens bildet, neue Inhalte und Güter zuführt und aus dem Menschen etwas wesentlich anderes macht. Was von jener bloßmenschlichen Fassung aus entstand und die Breite der menschlichen Verhältnisse einnimmt, das verdient in Wahrheit gar nicht Religion zu heißen; was daran irgend Religion war, das war nur eine Vorbereitung oder Nachwirkung des anderen, das eine Erhaltung und siegreiche Durchsetzung des Geisteslebens durch ein Zurückgehen auf die letzte Tiefe erstrebte. Nur damit gewann die Religion eine Selbständigkeit und ein Vermögen, zu innerer Erhöhung zu wirken, während sie mit der Preisgebung jener geistigen Grundlage allen eigentümlichen Inhalt und alles Recht zu eigner Existenz verliert. Bei kräftiger Wahrung jener Grundlage wird sie den Menschen nicht in seiner kleinen Menschlichkeit bestärken, sondern ihn durch ihre Einsenkung einer Vollkommenheit, Unendlichkeit, Ewigkeit göttlichen Lebens in das menschliche unermeßlich erhöhen, etwas wesentlich anderes aus ihm machen. Ähnlich steht es mit den anderen Gebieten geistiger Arbeit, die Begründung in einem selbständigen Geistesleben fördert sie nicht etwa bloß in dieser oder jener Richtung, sondern läßt sie überhaupt erst als selbständige Bildungen entstehen. Wo immer z.B. das Recht als ein bloßes Mittel für das Wohl des Menschen gilt und als solches behandelt wird – ob der Individuen oder der ganzen Gesellschaft, das macht keinen wesentlichen Unterschied –, da verliert es alle charakteristische Art und kann nicht mehr einen eigentümlichen Durchblick des Lebens gewähren und den Stand der Dinge verändern, da kann es nicht mehr mit elementarer Kraft die Gemüter bezwingen und aller Erwägung äußerer Folgen eine innere Notwendigkeit der Sache entgegensetzen, sondern da wird es zu einem gefügigen Diener der Zweckmäßigkeit und muß sich nach ihren Forderungen biegen und beugen, da ist es innerlich vernichtet. Sich erhalten kann es nur als eine eigentümliche Erschließung des Geisteslebens im menschlichen Kreise und als ein allen bloßmenschlichen Zwecken überlegenes Gestalten; dann wird es aber auch den Menschen innerlich erhöhen, der es sich zu eigen macht. Was aber von den einzelnen Gebieten, das gilt auch vom Ganzen der gemeinsamen Lebensarbeit, wie die Kultur sie darstellt. Ein wesentlich Neues bringen und die ganze Seele des Menschen gewinnen kann jene nur, wo ein in Hoffnung und Glauben vorausgenommener Weltstand als ein notwendiger dem vorgefundenen entgegengehalten und dieser dadurch aus träger Ruhe aufgerüttelt wird. Alle Kultur ist Verwandlung des Lebens in Selbsttätigkeit, eine solche aber ist nur möglich, wenn im menschlichen Wirken sich eine neue Tiefe der Wirklichkeit eröffnet. So bedarf es der Scheidung einer Geisteskultur von aller bloßen Menschenkultur, nur als Ausdruck einer charakteristischen Art des Geisteslebens kann die Kultur einen inneren Zusammenhang, einen deutlichen Sinn und ein allbeherrschendes Ziel gewinnen, nur so kann sie Neues aus dem Menschen machen, nur so all dem Kleinen und Widerwärtigen entgegenwirken, was von Seiten des Menschen her sich aller Kulturentwicklung anzuhaften pflegt. So verficht die spezifisch moderne Kultur die Forderung eines unendlichen, ursprünglichen, selbständigen Lebens, die menschlichen Verhältnisse bieten das nicht, nur ein Glaube an eine überlegene geistige Notwendigkeit und nur ein inneres Gegenwärtighalten dieser Notwendigkeit konnte die gewaltige Bewegung erzeugen, welche jene Ideen in Wahrheit erzeugten. Es gibt keine kräftige, keine hinreißende Bewegung, die nicht Überwindung eines als unerträglich empfundenen Widerspruchs wäre; zu einem solchen Widerspruch aber gestaltet die Lage sich nur, wenn ein Neues, das den Platz verdient, mit einem Alten zusammentrifft, das ihn unberechtigterweise innehat; es muß dann aber ein überlegener Zwang in dem Neuen stecken, und diesen kann nie der bloße Mensch ihm verleihen. Solche Anerkennung eines überlegenen Lebens in der Kultur bringt eine innere Erhöhung aller Kulturarbeit mit sich, der Mensch darf sich hier im Zusammenhange eines Weltlebens fühlen, er gewinnt dessen Inhalte zu eigen und wird damit über die anfängliche Kleinheit weit hinausgehoben. Eine ähnliche Spaltung, Scheidung und Erhöhung geht auch durch das Leben des Einzelnen. Solange was sich an Höherem regt, mit dem Niederen wirr zusammenrinnt, so lange Größen wie Persönlichkeit und Individualität keine eigentümliche Art mit sich bringen, sondern nur den Naturtrieb verstärken und aufstützen, so lange kommt nichts wesentlich neues und höheres zustande, und eine aufrüttelnde Kraft erlangt die Bewegung nicht. Dazu bedarf es eines eigentümlichen Inhalts, wie er sich nur im Zusammenhange einer Geisteswelt erringen läßt. Aber soweit das gelingt, wird dann jene Welt im Menschen gegenwärtig, ja sein eignes Leben, eine unermeßliche Erhöhung ist auch hier unverkennbar. Diese Denkweise widerspricht aufs schroffste einer solchen, welche von einem ruhigen Fortgang, einer allmählichen Entwicklung alles Heil erwartet. Wie viel Recht dieser Idee im Bilde der Welt und auch auf gewissen Gebieten unseres Lebens zukommt, das gehört nicht hierher. Aber wo es sich um das Ganze und um die Hauptrichtung dieses Lebens handelt, da ist sie als eine Verschleierung und Abstumpfung des Problems, als ein gefährliches Asyl der Trägheit mit größtem Nachdruck zu verwerfen. Denn der besonderen Lage des Menschen entspricht sie nicht. In dieser treffen verschiedene Stufen der Wirklichkeit zusammen; was an Höherem aufstrebt, das ist zunächst recht matt und unausgeprägt, es kann zu größerer Kraft und bestimmterer Art nur gelangen, wenn es sich deutlich abgrenzt und fest bei sich selbst zusammenschließt, wie das nur bei Gegenwart einer selbständigen Geisteswelt geschehen kann. Erst wenn so ein fester Kern des Ganzen gebildet ist, kann er zum Gesamtumfange des Lebens wirken, Verwandtes an sich ziehen, Zerstreutes verbinden, Niederes als solches kennzeichnen, Feindliches angreifen. Nur ein solches Auseinandertreten und Gegeneinanderwirken gibt dem Leben Kraft und innere Bewegung, prägt seinen geistigen Charakter gegen alle bloße Natur deutlich aus und macht es zu vollem Besitz des Menschen. Immer aber verlangt die Scheidung eine Anerkennung der Selbständigkeit des Geisteslebens, nur eine solche läßt auch im Menschen die sonst zerstreute geistige Regung zu einem selbständigen Ausgangspunkt des Lebens werden und ihn zugleich die ganze Entwicklung und Erfahrung des Geisteslebens zu eigen gewinnen. Jene Scheidung aber stellt, wie dem Ganzen des Lebens, so seiner mannigfachen Verzweigung eine unablässige Aufgabe; auf der ganzen Linie entspinnt sich ein harter Kampf zwischen einer echten Geisteskultur, welche eine Erweiterung und eine Vertiefung des Lebensprozesses vollzieht, und einer bloßen Menschenkultur, die alles in das Befinden und Behagen des Menschen zurücklenkt, damit aber unvermeidlich einer inneren Leere verfällt. Was immer an echter Geistigkeit auf dem Boden der Menschheit gewonnen wird, das besteht nicht durch sein bloßes Dasein weiter, sondern das sinkt sofort, wo es nicht immer von neuem geschaffen wird, das wird namentlich in den Bereich der bloßmenschlichen Interessen herabgezogen, damit verquickt und dadurch entstellt. Wohl bleibt, was einmal wirkte, in gewissen Spuren gegenwärtig und läßt sich leichter wiederbeleben, aber ein ruhiger und sicherer Besitz wird das geistige Leben damit nicht, es bedarf fortwährender Erneuerung und zugleich unablässiger Arbeit. Aber der Mühe und Arbeit dieses Lebens ist sein Gewinn vollauf gewachsen, denn es befreit den Menschen von der Enge des natürlichen Ich und läßt ihn dabei nicht in die Unendlichkeit zerfließen; mit der Teilnahme an der geistigen Welt, dem Beisichselbstsein der Wirklichkeit, gewinnt er ein unendliches Selbst und zugleich eine Wendung des Lebens ins Positive; im eignen Kreise besitzt er unmittelbar eine Welt und darf sich als Mitarbeiter an ihrem Ausbau fühlen. Das Unendliche, das die Mystik im bloßen Gefühle ergriff und daher nicht tief genug in die Substanz des Lebens eindringen ließ, ist nun zur beherrschenden Kraft der Arbeit geworden und kann nach allen Seiten sein umgestaltendes Wirken erstrecken. Wie dies das Leben bis in sein inneres Gewebe verändert, das sei nur an einem Beispiel, an dem der Moral, kurz aufgezeigt. So lange das geistige Leben nicht als das wahrhaftige Selbst des Menschen gilt, so lange werden die in ihm enthaltenen Ordnungen des Handelns als überlegene Normen erscheinen, denen wir uns in Ehrfurcht beugen mögen, die damit aber noch nicht zum Gegenstand unserer vollen Liebe und unserer ganzen Hingebung werden. Wo aber die innere Wärme fehlt, da wird auch das Wirken nicht seinen höchsten Gipfel erreichen, leicht wird eine derartige Moral mehr regulativer als produktiver Art sein, sie wird bereit sein die Pflicht zu tun, wenn eine Aufforderung an sie kommt, aber sie wird nicht eifrig bemüht sein, neue Aufgaben zu stellen, ins Unermeßliche vorzudringen, nach bestem Vermögen das Reich des Geistes zu mehren. Das kann nur geschehen, wenn jene Sache als unsere eigene Angelegenheit ergriffen wird, wenn jene Ordnungen zu einer Entfaltung unseres eignen Lebens werden, und wenn sich damit jenem Handeln die ganze Sicherheit und Freudigkeit einer Selbsterhaltung mitteilt. Alsdann vermag sich zur Ehrfurcht die Liebe zu gesellen, ohne aber jene auszutreiben; denn immer verbleibt eine Überlegenheit, insofern das neue Selbst nie ein Werk des bloßen Menschen ist, sondern vom unendlichen Leben begründet und getragen werden muß. * Mit allem dem eröffnet sich ein weiter und großer Anblick des Menschenlebens, Aufgaben und Arbeiten in Hülle und Fülle, aber Arbeiten, die in engem Zusammenhange stehen und die einen sicheren Gewinn verheißen. Bevor wir uns jedoch solchen Hoffnungen hingeben, tut es not, sich mit einem Zweifel auseinanderzusetzen, der, in seiner vollen Ausdehnung gewürdigt, alles Gewonnene wieder zweifelhaft macht. Wenn eine echte Geistigkeit so weit über alles Bloßmenschliche hinausgehoben wird, muß dann nicht mit verstärkter Wucht die Tatsache in die Wagschale fallen, daß der Durchschnitt des Menschenlebens bis in seine elementaren Formen hinein fest und zähe in dem Stande verbleibt, den jenes Streben nach Befreiung vom Kleinmenschlichen als durchaus unzulänglich abwies? Hält uns nicht, was wir überwinden möchten, mit überlegener Gewalt bei sich fest, droht es nicht jenen ganzen Aufschwung zu einem vagen Begehren und Hoffen herabzusetzen? Es erscheint ein durchgängiger Widerspruch zwischen dem, was die Idee des Geisteslebens fordert, und dem, was wir nach unserem menschlichen Stande vermögen. – Das Geistesleben verlangt eine dem Gegensatz von Subjekt und Welt, von Zustand und Gegenstand überlegene Volltätigkeit, und das menschliche Seelenleben befindet sich unter der Macht jenes Gegensatzes; das Geistesleben bildet ein allumfassendes Ganzes, und die Menschheit ist in lauter einzelne Elemente zersplittert, und schon die Notwendigkeit der natürlichen Selbsterhaltung, weiter aber auch das gesellschaftliche Zusammensein zwingt zur Bejahung und Stärkung der Sonderexistenz; das Geistesleben gibt seinen Inhalt, seine Wahrheit als etwas zeitlos Gültiges, der Mensch entsteht aus der Zeit und vergeht in die Zeit, es ist seine Lage und es sind mit ihr die Forderungen seines Lebens in unablässiger Wandlung begriffen. – Solche Konflikte reichen über diese Grundformen hinaus in das Ganze des Lebens; was dabei am meisten beunruhigt, ist dieses, daß keinerlei Hoffnung besteht, jene Grundformen unsers Daseins umzugestalten. Aber so wenig wir die Widerstände einfach aufheben können, vielleicht gibt es doch eine Möglichkeit der Gegenwirkung, ja es zeigt ein Blick auf die Gesamterfahrung des Menschenlebens, daß eine solche Gegenwirkung durch die ganze Breite des menschlichen Daseins hindurch im Gange ist, weit über das Wissen und Wollen der Menschen hinaus. Durchgängig nämlich zeigt sich ein inneres Emporklimmen des Lebens: das, was der Mensch unter dem Zwange der Not und aus dem Triebe der natürlichen Selbsterhaltung ergriff, verwandelt und veredelt sich durch den eigenen Verlauf des Lebens; aus dem bloßen Nebeneinander wird ein innerer Zusammenhang; was als bloßes Mittel ergriffen wurde, das gewinnt einen Selbstwert, wirkt zurück und führt damit weiter; inmitten aller Unzulänglichkeit der menschlichen Verhältnisse gewinnt das Geistige an Boden und vermag es seine Ziele trotz alles Widerstandes zu fördern. So erscheint auch in der Breite der Verhältnisse eine allmähliche Ablösung des Lebens vom natürlichen Ich, das zunächst alle Regung beherrscht; sie erscheint besonders greifbar in Liebe und Arbeit, bei jener in der Richtung auf den Nebenmenschen, bei dieser in der auf den Gegenstand. Wer könnte das Wurzeln der Liebe im Naturtriebe leugnen, und die bleibende Bedeutung dieses Naturtriebs unterschätzen? Aber es vollzieht sich dann eine Wandlung dahin, daß auch der Gegenstand der Liebe selbst irgend wertvoll wird, daß sein Wohlergehen das Streben unmittelbar zu bewegen vermag, daß das eigne Ich bis zur Selbstaufopferung zurücktreten kann. Schon Aristoteles hat uns geschildert, wie hier auch in dem Menschen niederer Art etwas Göttliches wirkt und ihn über sich selbst hinausführt. Ähnlich steht es mit der Arbeit. Sie wird zunächst der Selbsterhaltung wegen aufgenommen, und man kann es dem Menschen nicht verübeln, daß er für sie einen Lohn verlangt und sie zunächst nur nach dem Ertrage bemißt. Aber wir alle wissen, daß damit die Sache nicht endet: die Arbeit wird nach und nach dem Menschen durch ihren eignen Inhalt lieb und wert, sie bildet innere Zusammenhänge, welche der Willkür und Laune des Handelnden widerstehen, sie befähigt den Menschen schließlich zu großen Mühen und Opfern, sie wird eine Macht in ihm, die ihn weiterführt. Bei Arbeit und Liebe verwandelt sich die äußere Berührung in ein inneres Verhältnis, und zugleich weichen Lust und Nutzen einer inneren Erhöhung des Lebens. Eine derartige Überleitung der Bewegung und Kraft von der Natur zum Geist erscheint für das Ganze des menschlichen Seins in den Erfahrungen und Schicksalen bei der Bildung einer Individualität. Eine eigentümliche Art ist vorhanden, die wohl einzelne geistige Elemente, aber noch keinen geistigen Charakter enthält; diese eigentümliche Art zu behaupten und durchzusetzen entspricht dem Naturtrieb der Selbsterhaltung, leicht gewinnt jene Aufgabe den Affekt und die Arbeit des Menschen. Aber die einmal begonnene Bewegung führt leicht über den Anfangsstand hinaus. Jene geistigen Elemente schließen sich enger zusammen und beginnen als Ganzes zu wirken; so vermag sich das Streben von den Interessen des bloßen Punktes abzulösen, ja ihnen zu widersprechen, immer reiner erscheint eine geistige Gesamtwelt, immer mehr vermag sie den Menschen zu eifriger Arbeit und schweren Opfern zu treiben. Es reicht aber solche Bewegung vom Niedern zum Höhern über die Individuen hinaus in das Ganze der Menschheit. So erscheint es in der Fortentwicklung der menschlichen Gemeinschaft. Zunächst ist es das äußere Nebeneinander und der Zwang der Lebenserhaltung, welche die Menschen zusammenführen und kleinere oder größere Zusammenhänge erzeugen. Aber aus dem äußeren Zusammensein wird mehr und mehr eine innere Gemeinschaft, aus gemeinsamer Erfahrung, aus gemeinsamen Kämpfen, Erfolgen und Leiden entstehen gemeinsame Güter und Ziele, entsteht ein gemeinsamer Lebenskreis, der den Einzelnen ebenso befestigt wie über die selbstischen Interessen hinaushebt. So ist auch hier ein Strom der Veredlung und Erhöhung nicht zu verkennen. Besonders bemerklich und besonders wichtig ist aber eine solche Bewegung in der Bildung einer Geschichte geistiger Art, hier vollzieht sich eine Überwindung der schroffen Kluft, die sonst zwischen Zeit und Ewigkeit liegt. Das Geistesleben mit seiner Wahrheit verlangt eine Überlegenheit über die Zeit, den Menschen aber finden wir innerhalb der Zeit und in unablässiger Wandlung begriffen. Nun aber entsteht im Bereich des Menschen eine eigentümliche Geschichte und scheidet ihn von allen bloßen Naturwesen, er braucht die Ereignisse nicht wehrlos über sich dahinbrausen zu lassen, sondern er kann eine Gegenwehr üben. Bleibendes und Vergängliches, Geistiges und Bloßmenschliches scheiden, seinen Besitz an jenem unablässig vermehren. Namentlich sind es die Höhepunkte, wo durch alles Zeitliche und Menschliche hindurch ein Aufstieg zu bleibender Wahrheit erfolgt. Wie wir aber das Unvergängliche der sog. klassischen Zeiten festhalten möchten, so suchen wir überhaupt in der Geschichte zu scheiden zwischen dem, was der bloßen Zeit angehört, und dem, was als zeitüberlegener Lebensinhalt durch alle Zeiten zu wirken vermag. Damit wird die Geschichte zur Entfaltung einer geistigen Welt, und kann sie uns diese inmitten alles Widerstandes der nächsten Lage gegenwärtig halten. Wiederum erfolgt, was dabei an Erhöhung erfolgt, oft gegen das eigne Wissen und Wollen des Menschen. Denn sein Streben geht zunächst auf die Leistung in der Zeit, auf Glück und Gelingen in dieser. Aber seine Arbeit kommt nicht vorwärts ohne ein Zurückgreifen auf die Tiefen des Geisteslebens und eine Belebung dieser Tiefen; so entsteht etwas, was über die besondere Zeit hinausreicht und sich dauernd zu erhalten vermag; dies Zeitüberlegene bleibt wenigstens in gewissen Folgen und Spuren gegenwärtig, aber auch als Ganzes läßt es sich wiederbeleben und zur Wirkung bringen. Vor allem kommt solches Vermögen einer Leistung zu, die in den Lebensprozeß selbst umwandelnd eingegriffen hat; ist ein derartiges einmal zu breiterer Wirkung gelangt, so macht es alles rückständig, was sich ihm entzieht. Können wir z. B. die moderne wissenschaftliche Denkweise mit ihrer schärferen Scheidung von Welt und Mensch, mit ihrer Voranstellung der Analyse und Kritik zurücknehmen? Können wir die Tatsache beiseiteschieben, daß im modernen Leben die geistige Arbeit weit mehr selbständige Komplexe gebildet und sich zugleich vom unmittelbaren Seelenleben weiter abgelöst hat? Können wir die Bildung einer eigentümlich naturwissenschaftlichen, einer geschichtlichen, einer gesellschaftlichen Denkweise leugnen und uns jenen entziehen? Offenbar heben solche Bewegungen uns über die Willkür der Individuen und die Schwankungen des Augenblicks weit hinaus, augenscheinlich vollzieht sich in jenen eine weltgeschichtliche Entfaltung des Geisteslebens, die unmittelbar unser eigner Besitz werden kann. Diese Entfaltung ermöglicht es uns, gegenüber der Gegenwart des bloßen Augenblicks eine zeitumspannende Gegenwart zu gewinnen, welche alles Bleibende menschlicher Arbeit umfaßt; der dadurch erzeugte Stand bildet ein Maß für alles Unternehmen der Zeiten; was immer ihn ignoriert oder gar ihm widerspricht, hat keine Aussicht tief und dauernd zu wirken. So wenig dieser Stand mit mechanischem Zwange wirkt, so notwendig er wie alles geistige Leben eine Anerkennung und Aneignung fordert: daß sich in dieser Bildung einer esoterischen Geschichte innerhalb der Zeit die Möglichkeit einer Erhebung über die Zeit eröffnet, ist nicht zu verkennen. So wird die Geschichte geistiger Art eine Vermittlung zwischen der bloßen Zeit, der das menschliche Dasein angehört, und der Ewigkeit, welche das Geistesleben verlangt. Demnach erweist auch innerhalb der menschlichen Verhältnisse das Geistesleben ein heranbildendes Wirken, in breitem Strome geht dies Wirken durch den ganzen Umfang des menschlichen Lebens. Jenem Emporklimmen der geistigen Bewegung vertraut alles Wirken zum Menschen, vertraut alle bildende Tätigkeit vom Individuum an bis zum Ganzen der Menschheit; daß jenes Wirken sich inmitten aller Hemmungen fest und freudig behauptet, darf wohl als ein sicheres Zeugnis dafür gelten, daß hier eine menschlicher Willkür überlegene Macht im Spiele ist. So war es nicht ohne Grund, wenn griechische Denker von einer dem Niederen innewohnenden Sehnsucht nach dem Höheren, von einem aufsteigenden Zuge der Liebe im Weltall sprachen. Nur wird da, wo das Eigentümliche des Geisteslebens voll zur Anerkennung gelangt ist, jene Bewegung nicht als ein bloßes Hervorgehen aus der Natur und der gegebenen Lage, nicht als eine Evolution in diesem Sinne, sondern als eine Wirkung überlegener Geistigkeit, als eine Heranbildung von dort aus zu verstehen sein; die Natur könnte nicht wirken, was sie wirkt, wenn sie nicht auf einem tieferen Grunde ruhte und durch ihn belebt würde. Immerhin zeigen jene Vermittlungen, daß schließlich beides einer einzigen Welt angehört, daß aller Verschiedenheit, ja Gegensätzlichkeit ein Ganzes überlegen bleibt. Aber alle Milderung des Gegensatzes verdunkle uns nie die Tatsache, daß bei uns sich das Geistesleben nur in einer ihm nicht entsprechenden Existenzform gestalten kann, daß es von einem Widerspruche hier nie ganz befreit wird. Jene Welt muß sich hier immer in einer andersartigen Lage entfalten, die unser Dasein einnimmt und die wir unmöglich abschütteln können. Alle menschliche Leistung geistiger Art behält insofern eine Unfertigkeit, allem Ausdruck für das Geistesleben haftet bei uns etwas Symbolisches an, die Tiefe, die unser Leben allererst zu einem geistigen macht, kann in unseren Daseinsformen nie rein und voll zur Eröffnung gelangen. Aber wenn dieser Konflikt zwischen der Substanz und der Existenzform des Geisteslebens unser Leben als ein Leben besonderer Art, als mannigfach bedingt und in hohem Grade unfertig erscheinen läßt, er verwandelt es nicht in ein vages Hoffen und ein mattes Sehnen. Denn jene Substanz ist uns nicht etwas Fremdes und nur in weitem Abstand Verehrtes, sondern wir vermögen in ihr den Kern des eignen Lebens, unser wahres Selbst zu finden und von ihr aus den Kampf gegen alles Unzulängliche aufzunehmen. Wir stehen nicht bloß in, sondern auch über dem Konflikt, und es vermag bei kräftiger Entfaltung solcher Überlegenheit das Leben eine innere Festigkeit und Freudigkeit zu gewinnen. Und zugleich dürfen wir trotz aller Widerstände getrost zur Erhebung des Menschen über alles Kleinmenschliche wirken. Auseinandersetzung mit dem Zweifel. Die bisherigen Erörterungen haben das Geistesleben bei sich selbst zu befestigen und es im eignen Bereich den Hemmungen überlegen zu zeigen versucht, aber sie haben seine Stellung zum Ganzen der Welt unserer Erfahrung noch nicht in Erwägung gezogen; diese aber ist es, von der aus starke Zweifel gegen die behauptete Stellung des Geisteslebens und zugleich gegen die darauf gegründete Überzeugung von einem Sinn des Lebens erwachsen. – Von Alters her hat den Menschen die Wahrnehmung beschäftigt, aufgeregt und oft zur Verzweiflung getrieben, daß dasjenige, was er als das Höchste schätzt und was von ihm unsäglich viel Arbeit und Opfer verlangt, im Ganzen der Welt durchaus ohnmächtig scheint: die Natur geht gleichgültig über die Zwecke des Geistes hinweg, und das Schicksal macht keinen Unterschied zwischen gut und böse, weder eine Ordnung der Gerechtigkeit noch ein Reich der Liebe wird uns ersichtlich; selbst im Kreise des Menschen gelangt das Geistesleben nicht zu fester Stellung und sicherer Herrschaft, sondern es bildet hier eine bloße Nebenerscheinung, ja ein bloßes Werkzeug für die Interessen der Individuen wie der Parteien und erfährt damit die schmählichste Verkehrung, endlich aber zeigt die Erfahrung der Menschheit das Geistesleben in arger Zersplitterung, ja bitterer Verfeindung bei sich selbst und dadurch in seiner Gesamtwirkung gelähmt, – alle diese Eindrücke lassen es als ein bloßes Nebenerzeugnis des Weltprozesses erscheinen; kann ein solches unser Leben beherrschen und ihm einen Sinn gewähren? Können wir diese Eindrücke leugnen oder sie als belanglos beiseite schieben? Wir können es nicht, sie müssen in dem dargelegten Gedankenzusammenhange nur noch schwerer in die Wagschale fallen. Denn erkennen wir im Geistesleben eine Weltbewegung, und sehen wir diese der Wirklichkeit eine Tiefe geben und sie allererst zu einem Beisichselbstsein führen, so wäre zu erwarten und zu verlangen, daß solche Weltbewegung sich allem anderen überlegen zeigte und alles andere sich dienstbar machte, es wäre zu erwarten, daß sie selbst in sicherem Zuge vordränge, spielend allen Widerstand der Dinge und der Menschen bräche, bei sich selbst aber alle Mannigfaltigkeit fest zusammenhielte und zu einem gemeinsamen Ziele lenkte. So ist durch die von uns vertretene Wendung das Rätsel noch gesteigert, das Dunkel noch vertieft, in keiner Weise eine Lösung erbracht. Aber es fragt sich, was aus solcher Tatsache folgt. Erschütternd und zerstörend wirken könnte sie nur, wenn sie uns zur Preisgebung dessen zwänge, was sich aus dem bisherigen Verlauf der Untersuchung für das Geistesleben ergab, also auch zur Zurücknahme der Überzeugung, in ihm die Tiefe der Wirklichkeit zu finden; das aber kann sie nicht. Sie könnte es nur, wenn das Ergehen des Geisteslebens in der Welt der menschlichen Erfahrung über sein letztes Wesen und Sein entschiede, wenn wir jenen Welteindrücken keine ursprüngliche und keine vollgewachsene Tatsächlichkeit entgegenzusetzen hätten, und wenn die Sicherheit dessen, was wir bei uns selbst erleben, an dem hinge, was die uns umgebende Welt uns gewahren läßt. Erfassen wir uns selbst nur von der Welt her und haben wir uns nur so hoch einzuschätzen als sie uns bestätigt, so ist der Zweifel unüberwindlich, und es müssen jene Eindrücke zu innerer Zerstörung des Lebens führen. Aber das ist der leitende Gedanke dieser Untersuchung, und das entspricht auch dem tiefsten Zuge der Neuzeit, ja der gesamten Kulturbewegung, daß der Aufbau des Lebens nicht von außen nach innen, sondern von innen nach außen geht, und daß die ursprünglichsten, die beherrschenden und maßgebenden Tatsachen uns nicht von der Weltumgebung her zugehen, sondern im Lebensprozesse selbst, in dem, was er bei sich selbst erzeugt und erfährt, geboten werden. Ein begründender Lebensprozeß geht aller besonderen Erfahrung voran und hat sie dauernd zu tragen, selbst die Scheidung in Subjekt und Welt entwickelt sich innerhalb seiner, nur sein Vermögen faßt die zerstreuten Eindrücke des unmittelbaren Daseins zu einer Welt zusammen und stellt sie als ein Reich der Gegenstände der Zuständlichkeit des Subjekts entgegen. Nun hat uns eine nähere Betrachtung und Ergründung des Lebensprozesses gezeigt, daß er in sich eine eigentümliche Bewegung trägt, die ein wesentlich neues Leben gegenüber dem durch das Nebeneinander des natürlichen Daseins beherrschten einführt; es wurden dabei nicht bloß einzelne Erscheinungen ersichtlich, sondern es erschien eine durchgehende Hauptlichtung in aller Mannigfaltigkeit, und es schloß sich diese Mannigfaltigkeit zu einem eigentümlichen Ganzen zusammen, es wurden nicht bloße Ansichten und Deutungen, Bilder und Schatten eines draußen befindlichen Tatbestandes geboten, sondern die Tatsächlichkeit lag in dem Aufbau des Lebens selbst, sie fand sich in ihm und erhielt zugleich eine unangreifbare Gewißheit; das Leben hing hier nicht am Erkennen, sondern das Erkennen gewann eine eigentümliche Gestalt erst aus der Synthese und dem dadurch gewonnenen Charakter des Lebens. Diese Grundtatsache, die Tatsache des Aufsteigens eines selbständigen Geisteslebens in uns, heben auch die schwersten Widerstände der Weltumgebung nicht auf; sie mögen zeigen, daß der Weltstand den Forderungen des Geisteslebens nicht entspricht, und uns damit von diesem Weltstande und auch vom Stande des Menschen wenig günstig zu denken zwingen, sie mögen uns auch vor neue Aufgaben stellen, aber nun und nimmer können sie uns jene Grundtatsache auch nur im mindesten zweifelhaft machen, sie werden uns dieselbe eher noch befestigen, indem ihr Widerspruch sie deutlicher abgrenzt und klarer hervortreten läßt. Aber so entschieden wir solche unangreifbare Sicherheit der Grundtatsache als allgemeingültig verfechten, so wenig wir sie zu einer Sache subjektiven Geschmackes herabsinken lassen, für den Einzelnen wie für ganze Zeiten gewinnt sie eine Überzeugungskraft nur mit der kräftigen Entfaltung und der vollen Bewußtheit eines geistigen Lebensgehaltes; wo es daran fehlt, wo das Leben sich innerlich spaltet und den Eindrücken der Welt keine ursprüngliche Kraft entgegenzusetzen hat, da gewinnen diese allerdings die Oberhand, da werden Zweifel und Unglaube unwiderleglich, 'da kann das Leben keinen Sinn mehr behaupten. So zeigt auch die Erfahrung der Geschichte, daß die Wirkung der Weltumgebung auf das Ganze der Überzeugung sich wesentlich nach dem bemaß, was das Geistesleben ihr an innerem Halt und an sicherer Richtung entgegenzusetzen hatte. So war z.B. den alten Christen das Dunkel der Weltverhältnisse in vollstem Maße gegenwärtig; wenn es sie nicht in der Festigkeit ihres Glaubens zu erschüttern vermochte, so geschah das, weil ihr Leben von einer inneren Notwendigkeit beherrscht war, die sie allen Verwicklungen nach draußen hin weit überlegen machte. Umgekehrt waren oft Zeiten voll glänzender Leistung und staunenswerter Kraftentfaltung dem Zweifel nicht gewachsen, weil ihr Leben sich nicht in ein Ganzes zu fassen und dabei zu einer ursprünglichen Tiefe vorzudringen vermochte. So ist es nicht eine reflektierende Überlegung, sondern es ist die Gestaltung des Lebens selbst, woran die Überwindung des Zweifels hängt; nur die Schwäche und Leere des Lebens gibt ihm Macht über unsre Seele. Auch heute kann nur eine innere Kräftigung des Lebens über den Zweifel hinausführen. Aber wenn wir uns so den feindlichen Eindrücken der Weltumgebung in keinerlei Weise beugen, wir können sie nicht einfach beiseite stellen und unberührt durch sie unseren Weg verfolgen. Denn das geistige Leben, wie es hier verstanden und verfochten wird, ist nicht ein Sondergebiet, in das wir uns, der Wirren und Mühen satt, zurückziehen und abschließen könnten, sondern es macht seinem Wesen nach auf das Ganze der Wirklichkeit Anspruch, es muß bei sich selbst verlieren, es muß ins Enge und Bloßsubjektive sinken, wenn es jenen Anspruch aufgibt und den Kampf mit den Widerständen einstellt. Beharrt es aber im Anspruch und Kampf, so wird sich durch jene Erfahrung ihm der Anblick des Lebens und die Gestaltung seiner Aufgabe erheblich verändern. Wenn unsere Welt nicht als ein Schauplatz gelten kann, auf dem die Vernunft zu einem Siege gelangt, wenn aber zugleich auf einem vollen und reinen Sieg der Vernunft aus innerer Notwendigkeit bestanden werden muß, so kann unsere Welt nicht das Ganze der Wirklichkeit bilden, sie kann nur ein besonderer Ausschnitt sein, eine Stätte, wo sich wohl für die Vernunft kämpfen, nicht aber ihr Sieg herbeiführen läßt. Wo immer solche Überzeugung von der Besonderheit und von der Unfertigkeit unserer menschlichen Welt sich befestigt, da wird das Urteil über den letzten Wert der Erlebnisse behutsamer ausfallen müssen, als es gewöhnlich ausfällt. Ist unser ganzes menschliches Dasein nur ein Stück einer weiteren Ordnung, so läßt sich in ihm keine volle Aufklärung erwarten, so bleibt die Möglichkeit offen, daß manches, was uns als sinnlos erscheint, in weiteren Zusammenhängen doch einen Sinn gewinnt. Erfahren wir doch innerhalb des Lebens selbst oft genug, daß etwas, was zunächst eitel Hemmung und Nachteil schien, sich im weiteren Verlauf als eine Förderung erwies. Die kecke Verneinung des Lebens kommt oft von dem falschen Maßstabe, der bei der Beurteilung angelegt wird. Man verlangt vom Leben Glück und versteht unter Glück vornehmlich Gelingen und Behagen; das führt leicht zu einer völligen Verwerfung. Aber wenn jenes Glück nicht das höchste Ziel wäre, wenn es auch bei vollkommenster Gestaltung als unzulänglich befunden würde, wenn vielmehr für uns ein inneres Festwerden und Vordringen des Lebens, eine Selbstvertiefung die Hauptsache wäre, dann möchte auch die Beurteilung der Erlebnisse eine andere werden, dann könnte auch das einen Wert gewinnen, was zunächst nur als aussichtsloser Kampf und als niederdrückendes Leid erscheint. Jedoch bloße Möglichkeiten führen in den ungeheuren Wirren des Lebens nicht weit; sie selbst können eine Macht nur durch eine Wirklichkeit erlangen, welche hinter ihnen steht und ihnen Leben einflößt. Das aber könnte nur geschehen, wenn Kampf und Leid keine bloße Abwehr bedeuteten, sondern auch eine positive Förderung brächten; sehen wir also, ob und in welcher Weise das geschieht. Daß der Widerstand der Welt oft eine unüberwindliche Starrheit zeigt, daß auch im menschlichen Kreise alles Gewonnene gefährdet bleibt und sich hier leicht die vermeintliche Vernunft in Unvernunft verkehrt, daß wir also nach dieser Richtung hin stets eines Erfolges unsicher sind, das ist nicht wohl zu leugnen. In keiner andern Weise kann unser Wirken und überhaupt die Lebensbewegung einen Sinn erlangen, als wenn darin eine innere Fortbildung des Lebens erfolgt, wenn es selbst in den Erfahrungen und Kämpfen gewinnt, ja einer neuen Stufe zugeführt wird. Auf einer solchen inneren Erhöhung wird namentlich da zu bestehen sein, wo das menschliche Geistesleben beim Menschen nicht als im wesentlichen fertig und als seiner Hauptrichtung völlig sicher gilt, sondern eben an dieser Stelle schwere Probleme erkannt werden, die ohne die Möglichkeit einer Weiterbildung des Lebens schlechterdings unangreifbar sind. Deutlich scheiden sich hier zwei Lebenstypen, welche ihrer geschichtlichen Beziehung nach der griechische und der christliche heißen mögen. Dort erscheint das Geistige als sicher im Menschen gegründet und greifbar vorhanden, als eine Art von höherer Natur; das Leben kann dann keine andere Aufgabe haben als die, diesen göttlichen Teil im Menschen kräftig herauszuheben, ihn gegen alle Angriffe zu behaupten, ihn mit voller Klarheit zur Darstellung zu bringen. Es entfällt damit alle innere Bewegung des Lebens und zugleich die Möglichkeit einer wahrhaftigen Geschichte, auch hat jene Selbstdarstellung für die Dauer dem Leben keinen genügenden Inhalt geboten. Der christliche Lebenstypus, der weit über die kirchlichen Formulierungen hinausreicht, stellt die inneren Probleme des Lebens, stellt namentlich die moralische Verwicklung voran; die Bewegung des Lebens gewinnt ihm dadurch einen Wert, daß in ihm die Geisteswelt dem Menschen einen gesteigerten Inhalt offenbart, seine Kraft dafür aufruft, ihn durch Mitteilung einer neuen Lebenstiefe über jene Verwicklung hinausführt. Das ergibt eine innere Geschichte des Einzelnen nicht nur, sondern der gesamten Menschheit, das gibt dem Leben allererst ein Ziel und eine Spannung bei sich selbst. Zugleich aber ergibt sich hier ein anderes Verhältnis zu Hemmung und Leid. Sie gelten nun nicht mehr als etwas, das schlechterdings abzuwehren und möglichst fernzuhalten sei, sondern sie werden hier innerlich vom Leben umspannt und können, sofern es weitere Tiefen enthält, zu deren Herausbildung wirken. Daß nun freilich solche Tiefen vorhanden sind, und daß sie auch dem Menschen sich eröffnen, das ist keineswegs selbstverständlich, sondern das bedarf einer Erweisung durch die eigene Erfahrung des Lebens. Sie hat aber solchen Erweis durch weltgeschichtliche Leistung, die vom Ganzen des gemeinsamen Lebens bis in die Seele des Einzelnen reicht, in Wahrheit erbracht. So zeigt die Religion, so zeigt die Ethik, so zeigt die Gesamtart des Lebens die Entfaltung einer überwindenden Geistigkeit im Unterschied von einer grundlegenden sowohl als einer kämpfenden. Die Religion wird von vornherein zum Grundbestande eines Lebens gehören, das eine selbständige Geistigkeit und ihr Innewohnen im Menschen anerkennt; alle Entwicklung solcher Geistigkeit muß letzthin aus der Kraft des Ganzen fließen und an seiner Unendlichkeit teilhaben. Aber es entsteht bei uns Religion auch in weiter verstärktem Sinne, Religion, welche nicht nur das Ganze in der Lebensarbeit gegenwärtig hält, sondern es auch in direkter Wendung zu ihm im Gegensatz zu jener Arbeit erfaßt und dadurch neue Tiefen des Lebens gewinnt. So erst entstand Religion im charakteristischen Sinne mit der vollen Weltüberlegenheit und der dadurch erschlossenen reinen Innerlichkeit, mit der Belebung eines Absoluten im Menschen gegenüber aller sonstigen Bedingtheit seines Daseins. Diese Lebensstufe ist immer nur annähernd zum Ausdruck zu bringen, und es wird das eher noch der Kunst als der Wissenschaft gelingen, aber daß sich hier neue Inhalte des Lebens, allem Vermögen des bloßen Subjekts überlegene Inhalte erschließen, darüber kann nicht wohl ein Zweifel sein. Nicht anders steht es mit der Moral, auch bei ihr vollzieht sich jenseit aller Willkür der Individuen eine innere Abstufung des Lebens. Die Moral ist von vornherein kein abgesondertes Gebiet, sondern sie erstreckt sich auf die ganze Weite des Lebens. Denn überall kommt es darauf an, die selbständige Geistigkeit als eigenes Leben zu ergreifen, in ihr den eignen Schwerpunkt zu finden, so geht durch das ganze Leben bis in alle Verzweigung hinein ein schroffes Entweder – Oder. Aber nun kommen die Verwicklungen des Lebens und stellen nicht nur allen Erfolg nach außen in Frage, sondern machen uns auch im Innern unsicher; ein Stocken des Lebens ist nicht zu vermeiden, wenn das Handeln nicht in der Seele selbst eine Aufgabe finden und eine Kräftigung vollziehen kann, wenn es keine Aufrechterhaltung und Befestigung der Gesamtbewegung auch gegenüber den Verwicklungen jener Weltarbeit gibt. Erst mit jener gewinnt ein gesichertes Recht und einen festen Grund die Schätzung des Selbstwerts der reinen Gesinnung, auf die sich nicht wohl verzichten läßt. Denn so erst wird die Gesinnung mehr als ein bloß passives Verhalten oder ein bloßes Bereitsein zum Werke, so kann sie volle Handlung, ja die Seele alles Handelns werden, indem hier das Ganze des Geisteslebens gegenüber einem andersartigen oder doch unzulänglichen Weltstande aufrecht gehalten wird. Erst mit solcher Wendung gewinnt die Moral die reine Innerlichkeit, die überlegene Hoheit, die Unabhängigkeit von allem äußern Erfolg, welche ihr im Ganzen des Lebens eine einzigartige Stellung gewähren. So entsteht durch den Kampf hindurch und mit dem Gewinn einer überwindenden Geistigkeit eine wesentliche Vertiefung des gesamten Geisteslebens. Erst mit dieser Vertiefung kann es unter menschlichen Verhältnissen seine volle Ursprünglichkeit und Selbständigkeit wahren. Damit gewinnen auch Hemmung und Leid ein anderes Ansehen. Nur sei die Sache nicht so verstanden – leider wird sie oft so verstanden –, als ob jene durch ihr bloßes Dasein den Menschen zu fördern vermöchten, als ob das Leid ihn ohne viel Mühe seinerseits weiterführte. Denn das tut es keineswegs, vielmehr liegt aller Gewinn an der Tätigkeit, welche es anregt, nur sie kann das Leben auf einen neuen Stand erheben. Die sentimentale Anpreisung des Leides als bloßen Leides ist nicht selten eine Hemmung des Lebens geworden. Auch darf sich die überwindende Geistigkeit nicht von der grundlegenden und kämpfenden ablösen und ihnen gegenüber festlegen. Bei Preisgebung des Zusammenhanges kann sie leicht die Kraft der Gestaltung verlieren und zu bloß subjektiver Stimmung sinken. Innerhalb des Zusammenhanges aber ist die überwindende Geistigkeit unentbehrlich, um dem Geistesleben die Selbständigkeit und Selbstgenügsamkeit voll zu sichern, ohne die es sich nicht zu behaupten vermag. Die innere Bewegung des Geisteslebens selbst, nicht des bloßen Menschen, gibt die sicherste Gewähr dafür, daß die Arbeit des Lebens nicht ins Leere verrinnt. Wie solche Überzeugungen auf das Ganze des Weltbildes wirken müssen, das läßt sich hier nicht erörtern, wohl aber sei einer Forderung gedacht, die daraus für die Gestaltung des menschlichen Zusammenseins erwächst. Das Zusammensein des Menschen gewinnt eine eigentümliche Art nur durch unser geistiges Vermögen; ohne seine Entwicklung gibt es kein Staats- und Gesellschaftsleben im unterscheidend menschlichen Sinne. Jenes Leben aber kann niemanden ausschließen und muß mit den allgemeinen Bedingungen unserer Lage rechnen, es hat die Menschen zu nehmen wie sie sind, ein weites Entgegenkommen gegen den Stand der Erfahrung ist hier nicht zu vermeiden, über ein Gemenge von Vernunft und Notwendigkeit laßt sich hier nicht hinauskommen, im besondern wird sich hier Echtgeistiges und Bloßmenschliches aufs engste verquicken. Wo also auf einer Selbständigkeit des Geisteslebens und auf einer Überlegenheit gegen das bloßmenschliche Dasein bestanden wird, da wird eine besondere Art der Gemeinschaft verlangt werden müssen, welche, von der Notwendigkeit des Lebens befreit, sich die Vertretung und die Pflege der selbständigen Geistigkeit zur Aufgabe macht; eine solche hätte die ewigen Ziele gegenüber den Strömungen der Zeit, das Wahre und innerlich Notwendige gegenüber der bloßen Zweckmäßigkeit, die geistigen Inhalte gegenüber den menschlichen Interessen zu vertreten, sie hätte überhaupt ein Reich der selbständigen Geistigkeit so gut es möglich der Menschheit gegenwärtig zu halten, die ihm innewohnenden Wertschätzungen zu verfechten, eine ihm entsprechende geistige Atmosphäre zu bilden. Ohne durch ein Zusammenwirken der Menschen zu einer solchen Verkörperung zu gelangen, sinkt, ja zerfällt schließlich die Selbständigkeit des geistigen Lebens, und es bleibt nur jenes Gemisch von Menschlichem und Geistigem, was, als Ganzes und Letztes behandelt, das Leben tief herabsetzen muß und es alles Sinnes beraubt. Das Unbefriedigtsein der Gegenwart bei so vielen glänzenden Erfolgen wird sicherlich zum Teil durch das Entschwinden oder doch die Schwächung einer Gemeinschaft der selbständigen Geistigkeit bewirkt. Die Menschheit besaß eine solche Gemeinschaft in den christlichen Kirchen, aber so wie sie vorliegen, entsprechen sie nicht den Forderungen der wesentlich veränderten geistigen Lage. Zunächst befriedigt jede der Hauptgestaltungen schon auf dem eigenen Boden der Religion nicht mehr. Der Katholizismus hat sich bei einer früheren geschichtlichen Stufe, dem Mittelalter, starr festgelegt, er wird zu einem immer härteren Druck und muß sich notwendig immer weiter verengen, zugleich aber zu einer Verknöcherung des Lebens wirken. Der Protestantismus hat den unschätzbaren Vorzug der Freiheit und der Begründung des Lebens auf die Persönlichkeit, aber er ist viel zu wenig um ein Ganzes des geistigen Lebens, um die Gestaltung einer geistigen Welt bemüht und befindet sich daher in großer Gefahr, zu einer bloßsubjektiven Erregung der Individuen zu sinken, die vor Flachheit und Leere nicht schützt. Weiter aber ist zu erwägen, daß die Menschheit nach der Erweiterung des Lebens gegen das Mittelalter jene überlegene Gemeinschaft nicht mehr ausschließlich auf die Religion zu gründen vermag. Denn mag die Religion den innersten Quellpunkt des Lebens bilden, sie tut das nur innerhalb eines Ganzen selbständiger und wesenhafter Geistigkeit, diese Geistigkeit muß die Grundlage jener Gemeinschaft sein, so ist nach einer derartigen Erweiterung und inneren Umwandlung der bestehenden Kirchen zu streben als einer Grundbedingung für den Wiedergewinn eines Sinnes des Lebens. Freilich ist das eine schwere und weitaussehende Sache, sie kann nicht gelingen, ohne daß zuvor andere Aufgaben gelöst sind, ohne daß im besondern die beherrschenden Grundzüge des Geisteslebens aus dem jetzigen Chaos kräftig herausgearbeitet und der Menschheit deutlich zum Bewußtsein gebracht sind. Aber welche Schwierigkeiten auf dem Wege liegen, das ist eine Frage für sich; jedenfalls winkt hier ein hohes Ziel; je mehr wir uns ihm näherten, und je mehr Anschaulichkeit damit eine selbständige Geisteswelt erhielte, desto mehr würden wir auch der Hemmung und dem Leid entgegenzusetzen haben, desto weniger würden sie unserem Leben einen Sinn zu rauben vermögen. Zusammenfassung. Die Frage nach einem Sinn und Wert unseres Lebens beherrschte unsere ganze Untersuchung, sie muß uns zu sich zurückrufen, wenn wir das Gewonnene nunmehr zusammenfassen. Hat der Verlauf der Arbeit uns ein Hauptziel gezeigt, das alle Mannigfaltigkeit beherrscht und von dem aus sich der ganze Umkreis des Lebens eigentümlich gestaltet, von dem aus sich für seine ganze Verzweigung eigentümliche Aufgaben eröffnen? Und kann der Mensch in dem, was sich dabei ergab, Befriedigung finden? Eine Beantwortung dieser Fragen war nicht möglich von der uns so dunklen Außenwelt her und an der Hand hochfliegender Spekulation, sie war nur zu erwarten von einer eindringenden Selbstbesinnung des menschlichen Lebens auf seinen eignen Gehalt; nicht von draußen kann dem Leben die Aufklärung kommen, sie muß aus ihm selber hervorgehen, aus dem, was sich in ihm erfahren und ersehen läßt. Nun fand sich in Wahrheit ein bejahendes Ergebnis von der Tatsache aus, daß sich innerhalb unsers Lebens eine neue Stufe der Wirklichkeit eröffnet, die nun und nimmer dem bloßen Menschen angehören kann. Es erschien hier nämlich im Geistesleben bei Anerkennung seiner Selbständigkeit ein Beisichselbstsein des Alls, ein tieferer Grund wurde ersichtlich, der alles Leben trägt und in ein Selbstleben umsetzt. Bei dieser Bewegung wurde nicht ein vorhandenes Dasein nur erweitert oder nach besonderen Richtungen ausgebaut, sondern es entstand ihm gegenüber eine neue Art des Lebens, ein Leben, das mit jenem Beisichselbstsein zuerst eine echte Wirklichkeit erzeugt, und auf das alles zurückweist, was irgend als Wirklichkeit auftritt. Aber mit der Wahrnehmung des Aufsteigens eines neuen, wesenhaften Lebens war unzertrennlich die weitere verknüpft, daß dies Aufsteigen im Bereich des Menschen nicht eine ruhige und sichere Entfaltung bildet, sondern daß es in mühsamem Aufklimmen und einem jähen Sichlosreißen vom vorgefundenen Stande erfolgt, daß es eine völlige Umkehrung fordert. Was jener Stand an Geistigkeit enthält, das ist unausgeprägt, matt und mit Andersartigem vermengt; sich finden und zugleich der Weltzusammenhänge inne werden kann das Geistesleben nur, indem es sich jener Beimengung entwindet, sich ihr entgegenstellt und aus solcher Überlegenheit eine eigne Art entfaltet. Da jene Umkehrung nicht ein für allemal geschehen kann, sondern sich immer neu zu vollziehen hat, so wird schon dadurch das Leben auf unablässige Tätigkeit gestellt und kann nie zu bequemem Genusse werden. Im menschlichen Kreise gibt es kein echtes Geistesleben, das nicht ein Element des Kampfes enthielte. Aber mit jener Losreißung und Entgegensetzung droht das Leben ins Leere zu fallen; kann es den Verlust ersetzen, den es mit jener Wendung erfährt? Es kann ihn in Wahrheit mehr als ersetzen, es tut das mit der Entwicklung geistiger Inhalte; diese zeigt deutlich, daß jene Wendung zum Selbstleben nicht eine bloße formelle Verschiebung bedeutet, sondern daß sich mit ihr eine Tiefe der Wirklichkeit eröffnet und damit das Gesamtbild wesentlich verschiebt. Geistige Inhalte, so sahen wir, können weder vom menschlichen Subjekt noch von einer ihm gegenüberliegenden Welt, noch durch eine Bewegung der einen Seite zur anderen hervorgebracht werden, sie verlangen, daß beides von einem umfassenden Leben umspannt wird; nur indem ein solches umfassendes Leben sich in dem Vorgehen erlebt, sich darin erfaßt, sich dadurch fortbildet, wird die Entstehung von Lebensinhalten möglich; soweit sie bestehen, bezeugen sie ein Leben aus dem Ganzen, ein Leben der Welt von innen heraus. Nun hat auch das Menschenleben an solchen Inhalten teil und wird vielfach davon bewegt. Eine Inhaltsbildung erfolgt in allen jenen Hauptrichtungen des Strebens, wie sie im Wahren, Guten und Schönen vorliegen, wir finden sie in allen einzelnen Lebensgebieten, in allem, was geistiges Schaffen heißt. Aber die Tatsachen, die wir im Einzelnen anerkennen, fassen wir gewöhnlich nicht in ein Ganzes zusammen und vermögen sie daher nicht in das rechte Licht zu stellen. Fassen wir sie zusammen, wie die Anerkennung der Selbständigkeit des Geisteslebens es ermöglicht, so erscheint in ihnen die Entfaltung eines Selbstlebens der Wirklichkeit und der Aufbau einer zusammengehörigen Innenwelt. Das bedeutet aber eine wesentliche Steigerung des Ganzen, und es stellt der ganzen Weite des Lebens eine große Aufgabe. Denn nun gilt es, die ganze Mannigfaltigkeit der Inhalte vom Ganzen aus zu durchleuchten, sie zu verinnerlichen, zu beleben, zusammenzufügen, indem sie als seine Entfaltung verstanden werden; nun wird klar, daß in der Verwandlung des Lebens in ein Reich der Inhalte ein Prinzip der Gestaltung liegt, das sich in alle einzelnen Gebiete erstreckt und sie von charakterloser Art allererst zu charakterhafter zu führen vermag. Wir können ohne ein Zurückgehen auf ein Ganzes des Lebens an den einzelnen Stellen viel Tätigkeit üben, bei sich selbst enthalten die einzelnen Gebiete gewisse Formgesetze, welche ihre Arbeit regeln. So denken wir nach den Gesetzen der Logik und in kausaler Verkettung. Aber alle Logik und alle Kausalität bringt uns nun und nimmer zu einem charakterhaften Erkennen und damit zu einem vollen Erkennen; ein solches wird nur möglich, wenn das Wahrheitsstreben in ein Ganzes des Geisteslebens hineingestellt wird und von ihm eine bestimmte Richtung empfängt. So war das griechische Erkennen, so ist auch das moderne Erkennen weit mehr als formalabstrakte Denktätigkeit, seinen besonderen Charakter aber erhielt jedes aus einem eigentümlichen Ganzen des Lebens. Werden aber die geistigen Inhalte auf das Selbstleben zurückgeführt und aus ihm entwickelt, so müssen sie bei sich selbst sich klären und schärfen, kräftiger sich von dem Bloßmenschlichen befreien, das sie sonst entstellt und herabzieht, sich gegenseitig als Mitarbeiter an einem gemeinsamen Werke erkennen und anerkennen. Wir sahen, welchen Unterschied es macht, ob die Religion als eine Sache des Geisteslebens oder des bloßen Menschen behandelt wird. So muß die Entwicklung der Inhalte vom Ganzen des Geisteslebens her dem menschlichen Stande ein Ideal vorhalten, ihn dadurch messen und prüfen, ihn energisch aufrütteln und vorwärtstreiben, ihn seiner ganzen Ausdehnung nach in Bewegung versetzen. Das alles aber ist für den Menschen nicht etwas Fremdes, sondern sein eignes und echtes Leben, mit der Aneignung des Geisteslebens wird die Innenwelt, die sich hier erhebt, mit all ihrer Unendlichkeit zu seinem wahren Selbst. So ist das Leben, indem es sich mit der Welt befaßt, zugleich auf sich selbst gerichtet; es ist in solchem Beisichselbstsein und Zusichselbststreben über den Gegensatz der Befassung mit einer fremden und kalten Welt und der mit einer engen und unlauteren Menschheit sicher hinausgehoben; auch dem Gegensatz einer leeren Zuständlichkeit und einer seelenlosen Gegenständlichkeit ist es entwunden, da die Inhalte des Lebens unmittelbar dem Selbst angehören. Dies Leben kosmischer Innerlichkeit wird für den Menschen verschiedene Seiten und Beziehungen haben; um diese deutlich herauszuarbeiten, wird es in verschiedene Gebiete auseinandergehen müssen. Wir sahen, wie das Geistesleben echter Art den ihm innewohnenden Charakter der Selbsttätigkeit nicht voll ausbilden kann ohne der Moral eine Selbständigkeit zuzuerkennen; nicht minder bedurfte es der Religion, um das Getragenwerden alles einzelnen Lebens vom unendlichen Leben und die dadurch mögliche Überwindung aller Gegensätze zu vollem Ausdruck zu bringen. Nicht minder aber bedarf jenes Leben der Wissenschaft und der Kunst, der Wissenschaft, weil nur durch energische Gedankenarbeit hindurch mit ihrer Scheidung und Klärung das Geistesleben eine selbständige Art gegenüber dem Durchschnittsstande zu erringen und zu behaupten vermag, der Kunst, weil was an Neuem aufstrebt, nur mit Hilfe der Phantasie und der künstlerischen Gestaltung die Anschaulichkeit und die Eindringlichkeit erlangen kann, ohne die es unmöglich das Leben zu bewegen und zu durchdringen vermag; so zeigen es deutlich z.B. die Erfahrungen der Religion. Aber nun und nimmer wird damit das Leben eine Zusammensetzung aus den einzelnen Gebieten. Diese müssen immer ein begründendes Leben des Ganzen hinter sich haben und seiner Fortbildung dienen, sonst geraten sie sofort in Gefahr ihren geistigen Inhalt einzubüßen und der allezeit zum Vordringen bereiten Macht des Kleinmenschlichen zu unterliegen. Beispiele dessen liefert, die Geschichte in Hülle und Fülle. Immer liegt darin der Kern der Sache, daß in der Entfaltung echter Geistigkeit die Welt eine Innerlichkeit bei sich selbst erweist, eine Innerlichkeit, die den Dingen selbst angehört, nicht von einem neben ihnen befindlichen Subjekt ihnen beigelegt wird. Daß der Mensch an einem solchen Innenleben des Alls unmittelbar teilnehmen und es durch seine Arbeit weiterführen kann, das gibt seinem Leben Festigkeit, Ursprünglichkeit und Größe, das muß es zugleich mit innerer Freudigkeit erfüllen. An einem Sinn und Wert seines Lebens ist insofern nicht zu zweifeln. Solche Schätzung gilt sowohl für das Ganze der Menschheit als auch für das Individuum; das eine wie das andere ist bedeutend nicht sowohl durch das, was es im unmittelbaren Dasein ist, als durch das, was in ihm vorgeht oder doch vorgehen kann. Der Weg zur Größe geht hier wie da durch die Anerkennung der Kleinheit, weder hier noch da kann das Behagen und das Sichausleben des unmittelbaren Daseins das Leben lebenswert machen. Das Glück der Menschheit im Sinne einer Zufriedenheit rückt uns im Fortgang der Arbeit eher ferner als näher, und daß das menschliche Getriebe sich je in ein Reich der Vernunft verwandle, kann nur ein krasser Utopismus vermeinen. Aber in der Menschheit geht etwas vor, was weit mehr besagt als alles Wohlbefinden der bloßen Menschheit. Eine neue Welt ursprünglichen und zeitüberlegenen Lebens eröffnet sich hier, an einer Bewegung des Alls kann die Menschheit Anteil gewinnen und sie in ihrem Bereiche eigentümlich gestalten, sie kann im Gegensatz zu der Durchschnittslage einen Zusammenhang selbständiger Geistigkeit entfalten, damit dem Leben einen Inhalt geben, damit unsichtbare Zusammenhänge eines Weltlebens gewinnen; was hierher gehört und hierfür gewirkt wird, das kann auch bei äußerem Verschwinden für eine ewige Ordnung der Dinge nicht verloren sein. Auch der einzelne Mensch sei nicht als eine bloße Nebensache behandelt und zu einem völligen Verschwinden in ein Allleben aufgefordert. Denn bei ihm vermag ursprüngliches und selbständiges Leben durchzubrechen, er darf sich Persönlichkeit nennen, sofern jenes Leben des Ganzen ihm unmittelbar zum eignen wird, er erhebt sich zu einer geistigen Individualität, indem er durch eine eigentümliche Konzentration das Leben des Alls an seiner besonderen Stelle weiterführt. Mit solchen Aufgaben, die innerlich eng zusammenhängen, stellt sein Leben sich nicht als ein ruhiger Fortgang dar, sondern es liegt in ihm die Forderung einer Wendung, es liegt in ihm, auch wenn es äußerlich ruhig verläuft, eine große Entscheidung, eine Entscheidung, die nicht am einzelnen Augenblick hängt, sondern die durch das ganze Leben geht. Zugleich aber gewinnt das Innere eine unerschütterliche Selbständigkeit. Mag das Leben äußerlich in noch so schwere Stockung geraten, kein Schicksal kann dem Geisteswesen die Aufgabe nehmen, an seiner Stelle nach bestem Vermögen die Welt der Vernunft zu behaupten und zu fördern, hier hat jeder etwas zu tun, was ihm keiner abnehmen kann, und hier kann ihn kein Widerspruch der Umgebung erschüttern, da er hier der Welt draußen eine andere entgegenzusetzen hat. Auch eine große Spannung liegt insofern im Verlauf seines Lebens, als hier jene Wendung zu einem geistigen Leben mit der Forderung einer inneren Umkehrung als eine Möglichkeit an ihn kommt, als eine Möglichkeit, die bejaht, aber auch verneint werden kann. Für die höchste Betrachtung müßte ein Leben als verloren gelten, das jene nicht benutzt; einen Sinn und Wert könnte ein solches nicht haben. So bilden jene keine natürliche Ausstattung des menschlichen Lebens, sondern sie sind ihm erst zu erringen, aber sie lassen sich ihm erringen. Nach den Maßstäben, die sich ergaben, muß das menschliche Dasein, wie es vorliegt, als höchst unfertig und als arm an geistigem Gehalt erscheinen. Aber mit dem Wenigen, was wir von diesem erreichen, gewinnen wir viel mehr, als die landläufige Fassung annimmt, gewinnen wir die Versetzung in eine Welt des Wesens und der Wahrheit. Und wenn jemand an der Unfertigkeit Anstoß nimmt, so möchten wir ihm entgegenhalten, woher er denn weiß, daß unser menschliches Dasein fertig sein muß. Soviel ist bei aller Rätselhaftigkeit gewiß, daß unser Leben kein leeres Spiel an der Oberfläche ist, sondern daß in ihm Bedeutendes vorgeht, und daß wir viel dabei zu tun haben, auch ganz wohl sehen, in welcher Richtung das geschehen muß. Das muß uns genügen, und das kann uns genügen. Das Gesamtbild des Lebens läßt sich schwerlich besser in kurze Worte fassen als es in denen Luthers geschieht: »Es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber im Gange und Schwange; es ist nicht das Ende, sondern der Weg. Es glühet und glänzet nicht alles, es feget sich aber alles«. Konsequenzen für die Gegenwart. Wir haben das Problem eines Sinnes und Wertes des Lebens durch die ganze Untersuchung in enger Beziehung zur Gegenwart gehalten, so sei auch zum Schluß gefragt, was die dargebotene Antwort für die besondere Lage der Gegenwart zu leisten vermag, und ob sie sich in solcher Leistung bewährt. Nach drei Richtungen vornehmlich kann die Hauptthese zur Gegenwart wirken: sie muß die Empfindung der Unzulänglichkeit des Durchschnittsstandes steigern, sie zeigt ein Mittel zur Scheidung des uns umgebenden Chaos, sie gewährt einen Standort, von dem aus sich eine Sammlung der Kräfte anstreben läßt. Sehen wir, wie sich das des näheren ausnimmt. – Zunächst muß die Überzeugung, daß nur das Aufsteigen einer Weltbewegung in uns unserem Leben einen Sinn und Wert verleiht, und daß es eines unablässigen Kampfes einer echten Geisteskultur gegen die bloße Menschenkultur bedarf, es muß diese Überzeugung das heutige Überwiegen der Menschenkultur uns schlechthin unerträglich machen. Was uns an mannigfachen Erscheinungen dieser Art umgibt, das faßt sich nun durch den Gegensatz mehr zusammen und zeigt zugleich seine völlige Nichtigkeit. Ein unermeßliches Getriebe, ein ruheloses Hasten und Jagen, ein leidenschaftliches sich Überbieten und sich gegeneinander Aufbauschen, das Leben nicht sowohl gegen sich selbst als gegen andere gekehrt, keine inneren Probleme, keine inneren Triebkräfte, wenig reine Begeisterung und echte Liebe, sondern in allem prunkvollen Gerede und selbst bei tüchtiger Arbeit das Interesse von der Pflege und der Förderung des eigenen Ich beherrscht, dabei der Mensch mit seinem Behagen und Belieben der höchste Richter über gut und böse, über wahr und unwahr, demnach das Streben vornehmlich um die Erlangung der Gunst des Menschen und um den Schein bei den Menschen bemüht: das alles ergibt bei äußerlicher Vorhaltung idealer Ziele und Vorspiegelung idealer Gesinnungen durchgängig eine innere Unwahrhaftigkeit, eine widerwärtige Scheinhaftigkeit, eine geistige Flachheit und Leere. Diese Leere mag der Wahrnehmung so lange entgehen, als der Blick und das Streben am Einzelnen haftet und man für das, was an dieser Stelle vermißt wird, an einer andern einen Ersatz erwarten mag, solange die Hoffnung verbleibt, daß hinter jener ganzen Kulturkomödie irgendwo und irgendwie ein wesenhaftes Leben liegt und wirkt. Wo aber die Frage auf das Ganze gestellt wird und sich damit zeigt, daß nach Preisgebung aller tieferen Begründung des Lebens die bloße Menschenkultur unweigerlich das ganze Gebiet einnimmt, und daß von ihr aus sich jener Leere und Scheinhaftigkeit in keiner Weise entgegenwirken läßt, so stellt sich notwendig für den denkenden Menschen die Sache auf ein Entweder – Oder: entweder gibt es etwas jener bloßen Menschenkultur Überlegenes, oder es entfällt endgültig aller Sinn und Wert des Lebens; die Erhebung des Problems ins Ganze schneidet jede weitere Möglichkeit ab. Wer mit uns die Überzeugung von der Gegenwart überlegener Kräfte im menschlichen Kreise teilt, der wird sich dem Nein nicht ergeben, der wird auch die Zeit mit jener bloßen Menschenkultur nicht einfach zusammenwerfen. Aber er wird zugleich, was an echter Geistigkeit bei uns wirkt, mit jener bloßen Menschenkultur unerträglich vermengt finden und daraus den dringendsten Antrieb schöpfen, es von solcher Vermengung freizumachen und die Selbständigkeit, die ihm innewohnt, auch bei uns zur Geltung und Wirkung zu bringen. Von hier aus erscheint als eine unerläßliche Aufgabe ein kräftigeres Sichzusammenschließen des geistigen Lebens und Schaffens auf dem Boden unserer Zeit; nur so kann es ein messendes und richtendes Wirken an dem Durchschnittsstande üben und ihm entgegenwirken. Das Verhältnis der Geisteskultur zum Durchschnittsleben der Menschen gestaltet sich zu verschiedenen Zeiten verschieden, namentlich ist dies Verhältnis bald das einer entschiedenen Abhebung und Gegenwirkung, bald das einer freundlichen Mitteilung und Ausgleichung. Zu jener wird es sich da gestalten, wo das Unzulängliche, Unklare, Verworrene des Durchschnittsstandes voll zur Empfindung gelangt ist; ohne ein Heraustreten daraus und eine Befestigung bei sich selbst kann das Geistesleben dann nicht zu kräftiger Entfaltung kommen. Eine solche Abhebung vom Durchschnitt vollzog das spätere Altertum im Stoizismus, vollzog noch stärker das alte Christentum, es vollzog sie zu Beginn der Neuzeit mit zielbewußter Arbeit die Aufklärung. – Solchen Zeiten verwandelt sich alles, was sie an Lebensentfaltung vorfinden, in ein Problem, eine gründliche Prüfung und Sichtung wird geübt, eine schärfere Ausprägung des Lebens kann nicht erfolgen, ohne daß auch manches ausgeschlossen wird und die Gefahr einer Verengung nahetritt. Aber bei aller Gefahr verbleibt die Notwendigkeit solcher kritischer Zeiten mit ihrer aufrüttelnden, sichtenden und befestigenden Kraft. Völlig anders ist die Lage, wenn Zeiten sich eines geistigen Grundstockes sicher fühlen; dann kann es zur Hauptaufgabe werden, diesen nach allen Richtungen hin zu entwickeln und zu verwerten, was immer das Dasein an Entgegenkommen enthält, heranzuziehen und weiterzubilden, mit dem allen den Gesamtumfang des Lebens möglichst zu einem Ganzen zusammenzuschließen. Solche Zeiten haben ein freundlicheres Ansehen, die Vernunft scheint hier die Wirklichkeit voll zu beherrschen, ein sicherer Zug das Leben aufwärts zu führen, eine überlegene Einheit die Gegensätze voll zu umspannen. So stand es auf der Höhe der Renaissance, so auch beim Aufsteigen des Neuhumanismus unserer klassischen Zeit. Aber was immer eine solche zusammenschließende und durchgeistigende Zeit an Vorzügen haben mag, solche Zeiten sind nicht nach unserem Belieben herzustellen, alle Anpreisung eines solchen Daseinsstandes macht ihn uns nicht zu eigenem Besitz, wir müssen die Lage nehmen wie sie ist, die Zeit ist hier das Schicksal des Menschen. Wie in der Gegenwart die Dinge liegen, wie uns in geistigen Dingen ein wirres Chaos umfängt und ein sicherer Grundstock des Geistes fehlt, bedürfen wir notwendig einer Abhebung und Selbstkonzentration des Geisteslebens, bedürfen wir einer Denkweise und Arbeit kritischer Art, einer Denkweise, die bei aller Abweichung der Aufklärung näher steht als dem Neuhumanismus. Zur Ausbildung einer solchen Denkweise aber zeigt die Anerkennung einer selbständigen und wesenbildenden Geistigkeit einen sicheren Weg; damit wird es möglich, das Reich der geistigen Inhalte und Werte vom menschlichen Dasein abzuheben und es ihm gegenüber auszubauen, von dem gewonnenen Stande aus aber eine energische Arbeit an der Gesamtlage aufzunehmen zur Sichtung und Abweisung einerseits, zur Steigerung und Zusammenfassung andererseits. Wie die Aufklärung alles darauf hin prüfte, ob es ihrer Forderung der Vernunftgemäßheit, der Klarheit und Deutlichkeit zu entsprechen vermöge, so gilt es nun zu prüfen, wie weit der vorliegende Bestand einen geistigen Gehalt in sich trägt, einer geistigen Welt angehört, eine innere Weiterbildung des Lebens vollzieht. Solche kritische Arbeit ist nicht die Sache eines einzelnen Gebietes, sie muß durch das Ganze des Lebens und all seine Verzweigung gehen, besonders aber gehört sie in die Gebiete, welche sich unmittelbar mit dem Ganzen des Lebens befassen, wie die Philosophie und die Religion, die Erziehung und die Kunst. Einer jeden von ihnen stellt die gemeinsame Aufgabe sich in eigentümlicher Weise dar. Wo solche Überzeugung waltet, daß wir vor allem der Herausarbeitung des großen Hauptgegensatzes, zugleich aber überhaupt einer energischen Scheidung der uns umflutenden Verworrenheit bedürfen, da ist mit besonderer Entschiedenheit allen Versuchen zu widerstehen, die Gegensätze abzuschwächen und die Ausgleichung unmittelbar durchzusetzen, die sich erst nach Gewinn eines festen Standortes mit Erfolg erstreben läßt. So verwerfen wir allen und jeden Monismus, der die notwendige Einheit ohne eine vorhergehende Scheidung glaubt herstellen zu können, so verwerfen wir die pantheistischen Strömungen der Gegenwart, deren vager Gefühlsenthusiasmus die großen Gegensätze nur zu verschleiern, nicht zu überwinden vermag, so verwerfen wir eine Romantik, welche mit ihrer Verwandlung des Lebens in weiche Kontemplation und in ein passives Übersichergehenlassen seine Kraft herabsetzt und in der vermeintlichen sublimen Geistigkeit in Wahrheit leicht nur eine verfeinerte Sinnlichkeit erreicht, so verwerfen wir aber auch das Anpreisen einer Wendung zur Persönlichkeit schlechtweg als eines Allheilmittels für alle Schäden der Zeit, da es der Persönlichkeit erst einen Inhalt und Weltzusammenhänge zu geben gilt und dabei die schwersten Verwicklungen erscheinen. Wie aber auf einer Scheidung der Kultur, so bestehen wir auch auf einer Scheidung der Geister; der Scheidungspunkt aber ist der, ob eine selbständige Geisteswelt und ein Zusammenhang des Menschen mit ihr anerkannt wird oder nicht; ohne jene gibt es auch beim Einzelnen keine selbständige und selbstwertige Innerlichkeit und keinerlei innere Aufgaben; der Mensch wird dann ein bloßes Erzeugnis der Weltumgebung, und wenn hier noch von Persönlichkeit und Individualität gesprochen wird, so ist das nicht mehr als eine leere Phrase. An dieser Stelle gibt es keine Vermittlung zwischen dem Ja und dem Nein; nur wo über das Ja eine Übereinstimmung herrscht, läßt sich an einer Ausgleichung der Gegensätze arbeiten, die dann noch verbleiben. So ist eine gründliche Scheidung in den Gedankenmassen wie bei den Menschen eine Hauptbedingung für eine Gesundung des Lebens. Aber die Scheidung bedarf notwendig des Gegenstückes der Sammlung, einer Sammlung dessen, was die Unzulänglichkeit aller bloßen Menschenkultur anerkennt und darüber hinaus neue Ziele erstrebt. Es gilt vor allem dem Leben einen positiven Gehalt und Charakter zu geben, ein solcher aber ist nicht zu erreichen ohne eine Synthese der Mannigfaltigkeit. Die geschichtlich überkommenen Synthesen sind durch ein rapides Anschwellen des Lebens unzulänglich geworden; mögen sie sich in der Gesinnung der Individuen behaupten, sie beherrschen nicht mehr die geistige Arbeit; hier hat ein unermeßlicher Zustrom von Tatsächlichkeit aus Natur, Geschichte und Gesellschaft eine innere Einheit zerstört und jene unter den Widerstreit verschiedenartigster Strömungen gestellt. Vielleicht kann nie eine so einfache und so geschlossene Synthese wiederkehren, wie die Vergangenheit sie bot, wir werden zufrieden und froh sein müssen, im innersten Kern des Lebens eine Synthese zu finden, die sich dann in der Lebensarbeit mit der Umgebung auseinandersetzen muß. Eine derartige Synthese aber ist in Wahrheit unentbehrlich, wenn das Leben uns nicht auseinanderfallen soll. Keinen anderen Standort aber kann es dafür geben als den eines selbständigen Geisteslebens. Nur hier kann ein ursprüngliches und ein einfaches Schaffen entstehen, ohne das es keine lebendurchdringende und lebenbeseelende Synthese gibt. Nach mehr Einfachheit und Einfalt im Sinne einer geistigen Ursprünglichkeit, nicht einer platten Selbstverständlichkeit bei den Menschen, ruft die gesamte Lage der Zeit, sie ruft danach sowohl vom Inhalt der Kultur als auch vom menschlichen Erleben aus. Durch Ansammeln und Aufschichten, durch Zurückgreifen und Wiederbeleben ist unsere Kultur viel zu weitschichtig und verwickelt geworden. So schiebt sie Großes und Kleines, Lebenskräftiges und Abgestorbenes wirr durcheinander, so versteht sie nicht zwischen Zeitlichem und Ewigem zu scheiden, so sieht sie nicht aus der endlosen Mannigfaltigkeit unseres überkommenen Besitzes einfache Grundlinien heraus und richtet nicht durch sie das Streben auf sichere Ziele. Einer Vereinfachung aber bedarf es auch vom Standort der Menschheit aus. Die ältere aristokratische Struktur des gemeinsamen Lebens ist, wenn nicht aufgegeben, so doch in der Auflösung begriffen, nicht mehr genügt es, nur innerhalb eines besonderen Kreises eine volle Kultur zu entwickeln und sie allen anderen Menschen nur von dorther und in bemessener Gabe mitzuteilen, sondern der überwiegende Zug der Neuzeit verlangt eine unmittelbare und volle Teilnahme alles dessen »was Menschengesicht tragt« an der geistigen Arbeit und den geistigen Gütern. Ob weitere Erfahrungen und spätere Zeiten das als unmöglich befinden und eine andere Struktur des gemeinsamen Lebens herbeiführen werden, das ist eine Frage für sich, einstweilen haben wir mit jenem demokratischen Zuge zu rechnen. Er aber enthält augenscheinlich die Gefahr, daß die aufsteigenden Massen, wenig berührt von den Erfahrungen der weltgeschichtlichen Arbeit, einer flachen Verneinung verfallen, daß sie den Befund der Kultur nicht von innen heraus, sondern von außen her beurteilen und damit leicht verwerfen; auch von hier aus wird es zu einer dringenden Notwendigkeit, einfache Grundzüge des Lebens zu gewinnen, bei denen wir uns wieder zusammenfinden und die Aufgabe des Lebens als eine gemeinsame behandeln können. Jenes Einfache aber wird nie aus dem unmittelbaren Befunde heraus, es wird nur in einer inneren Erhebung darüber, es wird nur vom Standort einer selbständigen Geistigkeit aus zu erringen sein. Denn nur so kann das Einfache zugleich das Große, kann es der überzeugende Ausdruck einer neuen Welttiefe sein, und kann es uns solcher Tiefe versichern. Mit einem derartigen Einfachen hat das alte Christentum die Welt bewegt und verjüngt, ohne ein derartiges Einfaches können auch wir keinen inneren Halt gewinnen und die Unvernunft wie das Chaos überwinden. So ist unsre eigne Zeit voll großer Aufgaben; je mehr wir sie im Ganzen ergreifen – und von Tag zu Tag wird es dringlicher das zu tun –, desto deutlicher wird, daß es zu ihrer Förderung und Lösung der Wendung zu einer selbständigen Geistigkeit, zu einem weltbildenden Geistesleben bedarf, wie wir sie verlangen; auch die besondere Lage der Zeit wird damit zur Bestätigung jener Tatsache. Indem aber die Zeit so große Aufgaben in sich trägt, muß sie selbst als eine bedeutende erscheinen, als eine solche, in der sich für einen Sinn und Wert des Lebens kämpfen läßt, und die dadurch selbst einen Wert gewinnt.