Rudolf Eucken Der Sinn und Wert des Lebens Dieser Veröffentlichung ist die 1914 erschienene vierte Auflage des Werkes zugrundegelegt. Vorworte Vorwort zur ersten Auflage Mit einer Behandlung der Frage nach dem Sinn und Wert des Lebens suche ich die inneren Probleme der Gegenwart jedem einzelnen möglichst nahe zu bringen und ihn zur Teilnahme daran zu gewinnen. Solche Fassung der Aufgabe zog der philosophischen Erörterung bestimmte Grenzen: daß es aber innerhalb dieser Grenzen genug zu klären gibt, das hofft die Untersuchung selbst zu zeigen. Dem einen oder anderen Leser wird vielleicht der erste, kritische Teil zu weit ausgesponnen scheinen. Aber es konnte die entscheidende Hauptthese, an der die Möglichkeit einer Wiederbefestigung des Lebens und einer Verjüngung der Kultur hängt, ihre volle Überzeugungskraft nur erlangen, wenn sie als der einzig mögliche Weg zum Ziele erwiesen war; dafür aber war jene Kritik unentbehrlich, sie steht nicht neben, sondern in der Sache. Jena, Dezember 1907. Vorwort zur vierten Auflage Die vierte Auflage bringt nicht nur eine durchgängige stilistische Revision in der Richtung größerer Klarheit und Einfachheit, sie hat verschiedene Abschnitte gründlich umgearbeitet, und sie hat einen neuen Abschnitt »Die Verschiedenheit der individuellen Geschicke« hinzugefügt. So hoffe ich, daß sie ebenso freundlich aufgenommen wird wie die früheren Auflagen, und daß das Buch weiter dazu beiträgt, den inneren Lebensfragen die gebührende Teilnahme zu gewinnen. Jena, im März 1914. Rudolf Eucken Einleitung Die Frage nach einem Sinn und Wert des menschlichen Lebens macht ruhigen Zeiten wenig Sorge, denn der Stand und das Wirken der Gemeinschaft enthält dann so bestimmte Ziele und zeigt sie so deutlich dem einzelnen, daß es gar nicht zu Zweifeln und Fragen kommt; was hier an Schwankung und Streit entsteht, das betrifft nicht sowohl das Ziel als bloß die Wege zu ihm, das rührt nicht an einen gemeinsamen Grundstock des Lebens. Erst wenn im Lebensbestande selbst Verwicklung und Spaltung erfolgt, wenn das Leben sich bei sich selbst entzweit, gewinnt jene Frage Macht über uns, setzt Denken und Grübeln in starke Bewegung und erzeugt unsäglichen Streit. Wenn es nun heute so steht, wenn so viel Suchen und Streiten um den Sinn des Lebens erscheint und die Gemüter einander entfremdet, so bekundet das augenscheinlich, daß das Leben sich heute nicht in ein Ganzes zusammenfaßt, daß es eines beherrschenden Mittelpunktes, eines gemeinsamen Charakters entbehrt. In Wahrheit brauchen wir den gegenwärtigen Stand nur etwas genauer anzusehen, um zu gewahren, daß grundverschiedene Ströme in ihm wirken und das Streben nach verschiedener, oft entgegengesetzter Richtung treiben. Bald wird eine unsichtbare, bald die sichtbare Welt als Standort des Lebens ergriffen, bald scheint das Verhältnis zur Natur, bald das zur Menschheit zur Herrschaft berufen, bald scheint innerhalb der Menschheit das große Ganze, bald das Individuum voranzustehen. Je nach der Entscheidung darüber gestaltet sich das Leben völlig verschieden, anders erscheint sein Kern, anders erscheinen seine Güter, anderes verlangt es von uns, andere Wege schreibt es uns vor; es gehen also nicht bloß die Bilder, sondern die Wirklichkeiten selbst auseinander, der Kampf betrifft nicht bloß die Deutung, sondern das Leben selbst. Wer dabei als bloßer Parteimann ganz und gar in eine der Strömungen aufgeht, der bleibt frei von innerer Verwicklung, der ist allem Zweifel enthoben. Aber er bezahlt diese vermeintliche Sicherheit allzu teuer mit starrer Enge und geistiger Kurzsichtigkeit. Wer für das Ganze der Zeit ein offenes Auge und eine unbefangene Schätzung hat, wer so das Geschick der Menschheit als eigenes miterlebt, der gerät durch jene Spaltung in eine sehr mißliche Lage, die er unmöglich ruhig hinnehmen kann. Jede der verschiedenen Bewegungen scheint Wahrheiten zu enthalten, auf die sich nicht wohl verzichten läßt, aber diese Wahrheiten widersprechen einander, und wir sehen nicht die Möglichkeit einer friedlichen Verständigung. So werden wir bald hierher, bald dorthin gezogen, uns fehlt ein beherrschendes Gesamtziel, sowie ein normierender Maßstab. Die unbestreitbaren Erfolge im einzelnen verbinden sich nicht zu einem Gesamtergebnis und greifen daher nicht genügend in das Ganze der Seele zurück, sie belassen es in Unsicherheit und in Leere. Ein solcher Stand lähmt nicht nur den Mut und die Freudigkeit des Lebens und zerstört ein sicheres Lebensgefühl, er gefährdet auch ein großes geistiges Schaffen. Denn zu einem solchen bedarf es notwendig eines hohen und erhöhenden Zieles für das Ganze unserer Seele, eines Zieles, in dessen Ergreifung wir uns von aller Unsicherheit befreien und uns über uns selbst hinausheben können. Und heute bedürfen wir ganz besonders eines freudigen Lebensmutes und eines vordringenden Schaffens. Denn Aufgaben über Aufgaben dringen übermächtig auf uns ein, sie fordern viel Arbeit und Opfer, sie vertreiben alle Behaglichkeit der älteren Lebensführung; können wir den Kampf und die Arbeit getrosten Mutes wagen, wenn das Ganze uns keinen Sinn zu erkennen gibt und daher alle Mühe schließlich ins Leere zu verrinnen droht?   Nein und abermals nein! Wir können uns der Spaltung nicht ergeben, wir müssen alle Kraft an ihre Überwindung setzen. Und wir brauchen auch nach der Lage der Zeit keineswegs mutlos zu sein. Denn diese Lage selbst verrät merklich genug, daß eine Bewegung zu einem neuen und weiteren Leben schon im Gange ist. Wir könnten die Widersprüche nicht mit der Stärke empfinden, wie wir sie empfinden, wenn wir nicht irgendwie ihnen schon überlegen wären, wenn sich nicht in uns schon ein solches Leben regte, das es nur vollauf anzueignen und kräftig herauszubilden gilt. Wenn es sich so nicht um Lebensansichten, sondern um Lebensgestaltungen handelt, so kann nur ein mutiges Vordringen, eine energische Selbstvertiefung weiterführen, unser Blick sei daher vorwärts gerichtet. Aber um sicher zu gehen, müssen wir uns zuvor den gegenwärtigen Stand mit seiner Mannigfaltigkeit und mit seinen Widersprüchen deutlich vor Augen stellen. Die Gestaltungen, welche er enthält, sind ja mehr als bloße Versuche deutender Reflexion, sie sind tatsächliche Leistungen, Lebenskonzentrationen, welche viele Gemüter verbunden und in die Lage der Menschheit tief eingegriffen haben; schwerlich konnten sie das ohne irgendwelche Wirklichkeit zu eröffnen, irgendwelche Wahrheit zu vertreten. Solche Wirklichkeit und solche Wahrheit darf auch uns nicht verloren sein. Wenn wir ferner die verschiedenen Gestaltungen nebeneinanderstellen und in einen Gesamtblick fassen, so mag daraus der gegenwärtige Stand des Problems mit besonderer Klarheit erscheinen, ja, es mag von hier aus die Richtung ersichtlich werden, in der eine Weiterbildung des Lebens, eine neue Konzentration des Ganzen zu suchen ist. Ob ein solches Suchen Aussicht auf Erfolg hat, darüber kann nur die eigene Bewegung und Erfahrung des Lebens entscheiden; jedenfalls können wir da, wo wir heute stehen, nicht ruhig stehen bleiben und warten, was aus uns wird. Denn erfolgt kein Widerstand und kein Weiterstreben, so müssen die Gegensätze, die heute am Werke sind, sich immer weiter vertiefen und den Gehalt des Lebens mehr und mehr zerbröckeln; wollen wir also nicht seelisch weiter und weiter sinken, so müssen wir vorwärts streben, getragen von der Überzeugung, daß hier Notwendigkeiten walten, die allem Wollen und Meinen des einzelnen Menschen nicht nur, sondern der ganzen Menschheit überlegen sind. Im Vertrauen auf solche Notwendigkeiten sei unser Werk begonnen. Die älteren Lebensordnungen Die religiöse Lebensordnung Von den verschiedenen Lebensordnungen, die den Menschen der Gegenwart umwerben, übt den stärksten Einfluß noch immer die auf die Religion gegründete. Sie macht zum Grundverhältnis des Lebens das zu einem weltüberlegenen Geiste, der zugleich die Welt beherrscht und durchwaltet; das Christentum bestimmt diese weltbeherrschende Macht näher als vollkommenes sittliches Wesen, als den Geist der Gerechtigkeit und der Güte. Die religiöse Lebensordnung macht die Religion zum Hauptinhalt des Lebens und zum Quell einer eigentümlichen Gedankenwelt; es entsprang eine solche Wendung aus schweren Erschütterungen des menschlichen Daseins, sie erfolgte in Zeiten, welche den Menschen seine Ohnmacht wie die Nichtigkeit des gewöhnlichen Lebens schmerzlich empfinden ließen und ihn zugleich mit tiefer Sehnsucht nach einem neuen Leben erfüllten. So geschah es in unserem westlichen Kulturkreise während der Jahrhunderte, aus deren stürmischen Bewegungen das Christentum schließlich als Sieger hervorging; die leidenschaftliche Glut des Verlangens nach Religion hat sich später gemildert und geklärt, zugleich ist nach und nach ein religiöses Lebenssystem gebildet, das durch die Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch mächtig bis in die Gegenwart wirkt und seinen Anspruch noch heute festhält. In diesem religiösen System ist das Leben auf ein einziges Ziel, auf das Verhältnis zum vollkommenen Geist konzentriert, alle übrige Betätigung hat nur durch die Richtung darauf und die Leistung dafür einen Wert. Mit solcher straffen Konzentration verbindet sich eng die Ausbildung einer rein bei sich selbst befindlichen, aller Verwicklung der Welt überlegenen Innerlichkeit; diese Innerlichkeit befreit vom Druck des äußeren Erfolges und findet ihr Hauptwerk in sich selbst, sie schafft ein gegenseitiges Verständnis der Menschen von Seele zu Seele, ein volles Miteinanderfühlen und Miteinanderleben, von dem gemeinsamen Grunde her schließt sie die Menschen enger zusammen, als es irgendwie anders geschieht. Es ruht dies Leben der Religion auf unendlicher göttlicher Liebe, aber zur Liebe gesellt sich die Heiligkeit einer sittlichen Ordnung und gibt dem Leben bei aller Innigkeit einen unermeßlichen Ernst. In diesem Zusammenhange durfte der Mensch von sich und seinem Leben aufs höchste denken. Als Ebenbild Gottes stand er im Mittelpunkte der Wirklichkeit, um ihn kreiste das All, sein Tun und Lassen entschied über das Schicksal des Ganzen, entschied darüber für alle Ewigkeit. Der einzelne war ein Glied eines Reiches Gottes auf Erden, und er hatte die Ziele des Ganzen willfährig aufzunehmen, aber zugleich bildete er einen eigenen Kreis und wurde als ein Selbstzweck behandelt; zur Vollendung des Ganzen, dem gar kein Glied fehlen durfte, gehörte auch seine Entscheidung. Diesem Leben fehlte es nicht an Sorgen, Nöten und Schmerzen, die Höhe der Forderung und die schroffen Konflikte des menschlichen Kreises verhinderten alles Behagen und alles gewöhnliche Glück. Ja, das Gewicht von Leid und Schuld schien hier zunächst eher größer als kleiner zu werden. Aber die Grunderfahrung der Religion, die Befreiung von drückender Schuld und die Schöpfung eines neuen Lebens, hob den Menschen über den ganzen Bereich von Kampf und Elend hinaus; die durch Liebe und Gnade bewirkte Einigung mit Gott gab ihm teil an dessen Vollkommenheit und an überschwänglicher Seligkeit. Mochte der Widerstand einer fremdartigen Welt verbleiben, mochte die Eröffnung des neuen Lebens seine Wucht erst vollauf empfinden lassen, in Zweifel versetzen und das Streben lähmen konnte er nicht. Es war bei der Größe seiner Aufgaben kein leichtes Leben, das hier entstand, aber es war ein Leben voller Bewegung und in sicheren Zusammenhängen, es war kein vergebliches Leben. So hat die religiöse Lebensordnung weite Kreise der Menschheit lange Jahrhunderte hindurch beherrscht, sie hat Individuen und Völker fest zusammengehalten, sie hat unzähligen Seelen sowohl eine kräftige Aufrüttelung als seligen Frieden gebracht. Indem hier göttliches Leben in den Kreis des Menschen eintritt und eine neue Welt im Bereich der alten schafft, entstehen schroffe Kontraste und wird das zwischen ihnen befindliche Leben des Menschen aus aller Ruhe herausgerissen. Das Göttliche zugleich in weltüberlegener Hoheit und in unmittelbarer seelischer Nähe, der Mensch unsäglich klein und doch zur Wesenseinheit mit Gott berufen, Liebe und Ehrfurcht, Milde und Ernst eng miteinander verbunden, tiefes Dunkel und helles Licht, Elend und Seligkeit einander steigernd, in dem allen eine dramatische Spannung und eine unablässige Bewegung, die allererst der Seele eine wahrhaftige Geschichte verleiht und diese Geschichte zum Mittelpunkt aller Wirklichkeit macht; durch alles hindurch eine überwältigende Sehnsucht nach Liebe und nach Ewigkeit, ein Leben, das in Glauben und Hoffen alle Gegenwart weit überfliegt, das sich aber dem tiefsten Grunde nach in einer Welt göttlicher Wahrheit sicher geborgen weiß. Eine solche Tiefe und Innigkeit hat das Leben an keiner anderen Stelle erreicht. Und doch liegt ein Widerspruch gegen dies Leben, namentlich gegen seine Ausschließlichkeit nahe. Das Ganze war in einem Gegensatz und Bruch mit der nächsten Welt entstanden, in einer Zeit, wo die Menschheit durch trübe Erfahrung den Glauben an sich selbst und ihr Vermögen verloren hatte und keine würdigen Ziele im nächsten Dasein fand, wo nur die Wendung zu einer neuen Welt sie vor geistiger Verödung und Vernichtung behüten zu können schien. So wurde jene Welt mit Hingebung der ganzen Seele ergriffen und eine völlige Umkehr des Daseins vollzogen, die Welt des Glaubens ward zur geistigen Heimat, die sichtbare Welt sank zur Fremde herab. Das konnte nur so lange unbestritten bleiben, als jenes Verlangen nach einer neuen Welt eine überwältigende Kraft behielt, es mußte ins Wanken geraten, als mit dem Aufstieg der Neuzeit die Menschheit sich wieder zu freudigem Selbstvertrauen erhob und zugleich ihr die nächste Welt eine frische Anziehungskraft gewann; nun wandte sich Streben und Arbeit wieder mehr der Umgebung zu, nun schien das Leben sein höchstes Ziel in ihrer Unterwerfung und der Steigerung der Kraft dadurch zu finden, nun wurde mehr und mehr diese Welt dem Menschen auch geistig zur Heimat. Indem nunmehr die Aufgaben der Weltarbeit mit ihrer bunten Fülle und ihren berauschenden Erfolgen die Sorge um den Stand der Seele vergessen machen, verschiebt sich ganz und gar die Lage der Religion, aus dem Mittelpunkte des Lebens wird sie mehr und mehr in seinen Umkreis gedrängt und begegnet dabei wachsendem Widerstände, den nur eine kleinliche Denkart vornehmlich dem Eigenwillen und Unglauben bloßer Individuen aufbürden kann. Bedenken gegen den Lehrgehalt der Religion gingen dabei voran, sie beriefen sich namentlich auf die völlige Veränderung des Bildes von der Natur und der Geschichte, welche die Neuzeit vollzogen hat. Aber diese Bedenken hätten sich ertragen oder zurückschieben lassen, wären dem Leben der alte Kern und der alte Glaube unvermindert geblieben; der Widerspruch der Umgebung hätte die trotzige Selbstbewußtheit des Glaubens dann sogar noch steigern können (credo quia absurdum). Gefährlich machte jene Angriffe nur die innere Schwäche der Religion, das Verblassen ihrer Grunderfahrungen, die Wandlung des Lebensgefühles der Menschheit. Bei so veränderter Lage kam voll zur Wirkung sowohl, was von alters her der Religion widersprach, als was die moderne Kultur ihr entgegenhielt; alle Zweifel und alle Bedenken fanden nun ein bereites Gehör. Zunächst geht der Angriff auf einzelne Seiten und einzelne Ansprüche der Religion, bald aber wendet er sich gegen ihr Ganzes und zugleich gegen alle Möglichkeit einer religiösen Lebensordnung. Diese wird als viel zu eng verworfen und ihr eine Ausbildung aller Kräfte, eine Entwicklung universaler Kultur entgegengestellt; sodann erscheint die Spaltung der Wirklichkeit in zwei Reiche als eine schwere Verirrung, und es dünkt eine Verkehrtheit, aus dem Leben eine bloße Vorbereitung eines kommenden Daseins zu machen. Schließlich wird diesem Gedankengange die ganze Religion ein Erzeugnis menschlicher Einbildung, ihr Reich ein Gewebe bloßer Illusionen, ein Reich der Schatten und Träume. Gewiß findet solche Verneinung kräftigen Widerstand, und das Recht, wenn nicht der religiösen Lebensordnung, so doch der Religion, wird von vielen eifrig verfochten. Aber das unaufhörliche Umsichgreifen jener Verneinung zeigt unwidersprechlich, daß weite Kreise der Gegenwart sich in die treibenden Kräfte der Religion nicht mehr zu versetzen vermögen, daß sie und ihre Welt ihnen innerlich fremd, ja unverständlich geworden ist. Auch ist nicht zu verkennen, daß die Verfechtung der Religion sich stark zersplittert und nicht zu vereinter Wirkung gelangt. Was an Verlangen und Sehnen sich regt, das wird nicht körperhaft genug, um den Gegner siegreich zurückzudrängen. So in einen Kampf um ihr eignes Recht verwickelt, kann die Religion dem Menschen nicht mehr einen festen Halt gewähren, nicht mehr seinem Leben beherrschende Ziele stecken. Denn wie kann eine sichere Antwort geben, was selbst zur Frage geworden ist? Die Lebensordnung des immanenten Idealismus Den Verwicklungen der Religion entrinnen zu können, ohne die Tiefe des Lebens zu mindern, glaubt ein der Welt zugewandter Idealismus, ein immanenter Idealismus, der mit seiner Entfaltung einer Geisteskultur seit Jahrtausenden die Religion begleitet, meist zu freundlicher Ergänzung, bisweilen in harter Bekämpfung. Auch er stellt das Leben vornehmlich in eine unsichtbare Welt, aber er versteht diese nicht als ein neben dem sinnlichen Dasein befindliches und von ihm abgelöstes Reich, sondern als seinen tragenden Grund, seine Tiefe und Seele; daß das All eine solche, dem äußeren Auge verborgene Tiefe besitze, daß es in ihr ein Ganzes bilde und ein inneres Leben führe, das ist eine Überzeugung, mit der diese Lebensordnung steht und fällt. Den Menschen verbindet die Idealkultur eng mit dem All, aber zugleich gewährt sie ihm ein eigentümliches Werk und eine ausgezeichnete Stellung. Denn die Welt unter ihm scheint ihr Leben bewußtlos und gebunden zu führen, und die das Ganze tragende Kraft wird hier nicht zum Erlebnis der einzelnen Stelle; dies aber geschieht beim Menschen, der den Gedanken des Ganzen denkt und dieses damit zu eigenem Besitze macht, so erhebt sich bei ihm zuerst die Welt zur Klarheit und Freiheit. Das geschieht aber nicht ohne sein eigenes Entscheiden und Ergreifen, sein eigenes Wirken und Schaffen; an dieser besonderen Stelle liegt der Fortschritt der Welt bei ihm, und darf sein Tun den Stand des Ganzen zu fördern hoffen. Diese Lebensordnung bewegt sich vornehmlich um den Gegensatz von Innerem und Äußerem, von unsichtbarer und sichtbarer Welt. Das Innere, der eigentliche Träger des Lebens, hat das Äußere zu ergreifen und zu beseelen, zugleich aber selbst von mattem Umriß zu voller Durchbildung vorzudringen. So entsteht ein geistiges Schaffen, das, getragen von einer Weltvernunft, gegenüber der bewußtlosen Natur und dem sinnlosen Alltagsleben ein wesentlich neues Leben weckt, ein Reich des Geistes, das mit seinem Wahren, Guten und Schönen den Menschen eine innere Gemeinschaft mit der großen Welt gewinnen und ihre ganze Fülle und Herrlichkeit mitleben läßt. Ein solches Leben bedarf keines außer ihm liegenden Lohnes, es dient nicht anderen Zwecken, sondern es findet seinen Sinn in der eigenen Entfaltung und seine Freude in dem Anschauen seiner selbst, sein Wirken kehrt zu sich selbst zurück und gewinnt zugleich freudige Ruhe. Die Hauptträger dieses Lebens werden Kunst und Wissenschaft, beide in dem hohen Sinne verstanden, daß sie uns in das Reich der schaffenden Gründe versetzen und uns die Tiefe der Welt eröffnen. Überall sind sie beflissen, das Dunkle zu klären, das Starre zu mildern, das Zerstreute zu verbinden, die Gegensätze auszugleichen, das Ganze zu seelenvoller Harmonie zu bilden und ein Schönes, das durch sich selbst gefällt, aller bloßen Nützlichkeit entgegenzuhalten. Das ergibt eine Lebensgestaltung, die von der religiösen merklich abweicht. Die Religion ist mehr auf die Schärfung, die Idealkultur auf die Aussöhnung der Gegensätze bedacht; jene konzentriert das Leben möglichst auf einen einzigen Punkt, diese gibt ihm möglichste Weite und Breite; jene stellt die Gesinnung voran, diese fordert ein kräftiges Schaffen; jene sieht mehr Schwäche und Nichtigkeit, diese mehr Kraft und Größe am Menschen, freilich am Menschen, der sich dem Weltall verbindet und aus ihm sein Leben schöpft; jene findet den Weg zur Lebensbejahung erst: durch schwere Erschütterung und harte Verneinung hindurch, diese glaubt in kühnem Aufschwung sie sofort vollziehen zu können. Vielleicht enthält dieser Gegensatz nur verschiedene Seiten oder Stufen eines weiteren Lebens, die einander ergänzen müssen, zunächst aber sehen wir nicht den Punkt der Vereinigung. Der immanente Idealismus kam zu besonders glänzender Entfaltung auf der Höhe des griechischen Lebens, er hat sich seitdem als ein selbständiger Strom erhalten und immer von neuem verstärkt, er spricht zu uns in nächster Nähe aus dem Lebenswerk Goethes, er ist ein wesentliches Stück des geistigen Besitztums der Menschheit. Aber mit dem Anspruch, das Leben zu führen und ihm seinen Sinn zu geben, ist es dem immanenten Idealismus nicht anders ergangen als der Religion: die Grundlage wurde erschüttert, das Grunderlebnis verdunkelt und abgeschwächt; so erhielten feindliche Mächte die Oberhand und vertrieben diese Lebensgestaltung aus dem Mittelpunkte des Daseins. Daß die Wirklichkeit eine Tiefe habe, und daß der Mensch bei voller Aufbietung seiner Kraft zu dieser Tiefe durchdringen könne, das ist dem Durchschnitt der Zeit nicht minder zweifelhaft geworden als die Grundwahrheiten der Religion. Der immanente Idealismus war stets in Gefahr und Mühe, seine eigene Behauptung zu wahren. Zu lebenserfüllendem Schaffen kam er nur in besonderen Zeiten, nur an festlichen Tagen der Menschheit, wo eine Gunst des Geschickes mit großen Aufgaben des weltgeschichtlichen Lebens große Persönlichkeiten zusammenführte; einem Hochflug des Schaffens wurde hier die unsichtbare Welt zu allergewissester Nähe und zum sicheren Standort des Lebens, hier konnte sie alle Kraft des Menschen gewinnen und ihm zu eigenem Wesen werden. Aber jene heroischen Zeiten verstreichen, und der Alltag übt sein Recht, die Spannung des Lebens sinkt und zugleich die Widerstandskraft gegen alles Dunkle und Fremde; die Starrheit der Außenwelt, der niedrige Stand des menschlichen Durchschnitts, die Selbstsucht und Scheinhaftigkeit des gesellschaftlichen Treibens gewinnen die Oberhand und lassen jene Idealkultur mit ihrer Beseelung und Veredlung des Daseins als ein bloßes Nebending, als eine Begleitung und Umsäumung eines andersartigen Lebens erscheinen. Wenn mit solcher Wendung die Idealkultur aus eigener Betätigung und Erfahrung ein bloßes Aneignen, Fortführen, Genießen überkommener Schätze wird, so verflacht das geistige Schaffen unvermeidlich zu bloßer Bildung; auch eine solche hat einen Wert, aber sie regt nicht die Tiefen des Lebens auf, sie wird leicht eine Sache bequemen Genusses, ein gefälliger Aufputz, der die großen Probleme des menschlichen Daseins verbirgt. Auch pflegt zu ihr weniger ein eigenes Verlangen als der Gedanke an die Umgebung, das Geltenwollen im gesellschaftlichen Zusammensein zu treiben, der Schein überwiegt hier leicht das Sein, eine Unwahrhaftigkeit ist nicht zu verkennen. Alles in allem erscheint die Bildung als ein Leben aus zweiter Hand, ein solches aber kann nicht unserem Dasein einen Sinn und Wert verleihen. Was immer in solcher Wendung an Verwicklungen angelegt ist, das wird weiter verstärkt durch die eigentümliche Lage der Gegenwart. Zunächst wirkt die Erschütterung der Religion auch zu einer Schwächung des immanenten Idealismus. Denn seine Überzeugung von einer Tiefe des Alls und dem Wirken einer unsichtbaren Welt hat in der Menschheit Boden gewonnen nur im Anschluß an die Religion und ihren Bruch mit dem sichtbaren Dasein; fällt dies weg oder wird es geschwächt, so verliert auch die Idealkultur ihre sichere Stellung im Leben, so wird sie aus seiner Tiefe mehr und mehr zur Oberfläche gedrängt. An einer Schwächung der Religion läßt sich aber heute nicht wohl zweifeln. Sodann aber hat in der Neuzeit die Außenwelt eine Selbständigkeit gewonnen wie nie zuvor, und es hat ihr die Arbeit der Wissenschaft immer mehr alles Seelenleben ausgetrieben, zugleich eröffnet sie uns eine überströmende Fülle von Aufgaben, welche die Kraft des Menschen anziehen und fesseln; diese Welt mit ihrer Unermeßlichkeit von innen her zu bezwingen und einem unsichtbaren Leben zu unterwerfen, das wird uns immer mehr unmöglich. Auch das wirkt nach dieser Richtung, daß die moderne Forschung die Besonderheit und die Gebundenheit des menschlichen Lebens und Strebens stark hervorkehrt; es scheint ihr in enge Schranken gebannt und dadurch von einem Teilhaben am Leben des Alls unbedingt ausgeschlossen. Endlich zerstört die Entwicklung des modernen Subjekts die überkommenen Zusammenhänge und stellt den Menschen der Welt wie fremd gegenüber; wie soll eine solche Lage zu geistigem Schaffen führen, das uns die Welt unterwirft und uns aus ihrer Tiefe unser Leben führen läßt? So ist die Lebensordnung des immanenten Idealismus mit ihrer hohen Kunst und Wissenschaft heute nicht weniger erschüttert als die der Religion, die Erschütterung wird nur deshalb weniger verspürt, weil sie nicht sowohl durch einen direkten Angriff als durch ein allmähliches Ermatten und Verblassen erfolgt. Wie der immanente Idealismus nicht die Kühnheit der Religion besitzt, so entzündet der Streit um ihn auch nicht so gewaltige Leidenschaft. Aber hier wie da kommen wir zum selben Endergebnis: Lebensmächte, welche Jahrtausende lang die Menschheit führten, ihrem Leben ein Ziel vorhielten und ihm dadurch einen Sinn verliehen, haben eine feste Wurzel im Bewußtsein des gegenwärtigen Menschen verloren, sie erhalten sich mehr durch träge Gewohnheit als durch eigene Betätigung. Nur die Verstrickung in die Geschäfte des Alltags und die überwiegende Befassung mit Einzelheiten läßt uns übersehen oder doch nur matt empfinden, wie Ungeheures bei uns vorgeht. Oder ist es nicht etwas Ungeheures, wenn die Ziele und Güter, an deren Erringung Jahrtausende ihre beste Kraft gesetzt und für die sie unsägliche Opfer gebracht haben, nunmehr als Illusionen erscheinen, wenn die alten Götter für Götzen erklärt werden, wenn der bisherige Hauptzug des menschlichen Strebens als Irrung und Wahn befunden wird? Wir müßten diese Umwälzung anerkennen, wenn das Gebot der Wahrheit sie forderte; aber nur flachste Gesinnung kann leicht und vergnüglich mit allem brechen, was bisher als heilig galt, kann übersehen, daß die Erkenntnis eines so völligen langen Irregehens allen Glauben des Menschen an sein Vermögen zur Wahrheit erschüttern muß. Die neueren Lebensordnungen Die gemeinsame Grundlage So schwer wir die geistige Erschütterung der Gegenwart nehmen mögen, wir können nicht leugnen, daß ihr gegenüber ein viel verheißender Aufbau im Werke ist. Das 19. Jahrhundert hat eine durchgreifende Wendung von einer unsichtbaren zur sichtbaren Welt vollzogen, wie das bei den Überzeugungen die Verdrängung des Idealismus durch den Realismus bekundet. Mit jugendlicher Frische und Freude ergreift die Menschheit die sichtbare Welt; je enger sie sich ihr verbindet, desto fester wird ihre Zuversicht, hier für das Ganze des Lebens einen Sinn und Wert zu finden. Unerschütterlich fest scheint der Boden, der hier die Arbeit trägt, alle Schatten der Vorurteile, alle Nebel des Aberglaubens sind gewichen, helles Sonnenlicht umflutet die Dinge und zeigt ungetrübt ihre echte Natur, nach allen Seiten hin findet das Wirken freies und unbegrenztes Feld, das Leben scheint hier zuerst von Traum und Wahn zu voller Wachheit und Wirklichkeit zu gelangen. Dazu gesellt sich der Reiz eines frischen Sehens und eigenen Entdeckens. In Wahrheit ist diesem neuen Leben die sichtbare Welt unvergleichlich mehr geworden, als sie früheren Zeiten war. Sie hat sich nicht nur in der großen Natur wie in der eigenen Geschichte der Menschheit der Erkenntnis in ungeahnter Weise erschlossen, sie hat auch dem Wirken des Menschen immer mehr Angriffspunkte gezeigt; den Befund der Dinge, der ihn früher wie ein unentrinnbares Schicksal umfing, kann er nun durch Aufbietung seines Vermögens wesentlich ändern und bessern, Elend und Not, Irrung und Wahn werden angegriffen, das Leben überall in rascheren Fluß und in sicheren Aufstieg gebracht, zu mehr Fülle und Freude gehoben. Es bildet aber den Kern dieses neuen Lebens die Arbeit, das heißt die Tätigkeit, welche den Gegenstand ergreift und ihn für menschliche Zwecke gestaltet; was von alters her davon vorlag, das hat die Neuzeit dadurch erheblich gesteigert, daß die Arbeit sich weit mehr von den Kräften und Zwecken der Einzelnen ablöst, ja durch Bildung eigener Zusammenhänge eine Selbständigkeit gegen den Menschen erlangt. So zeigen es Wissenschaft und Technik, so zeigen es auch politisches und soziales Wirken; sie alle zeigen den Menschen als Diener und Glied eines großen Arbeitsganzen, dessen Forderungen er unbedingt zu entsprechen hat. Aber in solcher Unterordnung des Einzelnen gewinnt das Ganze eine gewaltige Macht, das Nacheinander der Zeiten und das Nebeneinander der Kräfte faßt sich jetzt zu gemeinsamem Wirken zusammen, zu einem Wirken, das unablässig vordringt und keine Grenze als endgültig anerkennt, da die Berührung der Kraft mit den Dingen immer neue Möglichkeiten erzeugt, immer neue Aussichten auftut. So gewinnt die Menschheit einen frohen Mut und ein stolzes Selbstvertrauen, in ihrem eigenen Bereich entsteht ein männliches, klares, zielbewußtes Leben, das sich frei weiß von allen Verwicklungen der Religion oder der Metaphysik. Ein solches Leben darf sich das Goethesche Wort aneignen: »Er stehe fest und sehe hier sich um, Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm.« Es kann aber dieses Leben keinen Abschluß finden, ohne sich einen beherrschenden Mittelpunkt zu geben und von hier aus den ganzen Umkreis durchzubilden. Ein solcher Mittelpunkt aber läßt sich nach dem Zeugnis der Erfahrung an verschiedenen Stellen suchen; vornehmlich kommt das in Frage, ob das Verhältnis zur uns umgebenden Natur, oder das zu uns selbst, zum Menschenwesen, den Kern unseres Lebens bilde. Je nachdem die Entscheidung darüber fällt, gehen die Bewegungen auseinander, entstehen verschiedene Lebensströme, ja Versuche allumfassender Lebensordnungen. Es sei zunächst diejenige betrachtet, welche im Verhältnis des Menschen zur Natur das Grundverhältnis seines Lebens sieht. Die Lebensordnung des Naturalismus Eine Lebensordnung des Naturalismus konnte nicht eher entstehen und volle Klarheit erlangen, als das Bild der Natur alle Zutat seelischen Lebens ausschied und zugleich seine Eigentümlichkeit zur deutlichen Ausprägung brachte; das aber ist zuerst seit Beginn der Neuzeit geschehen. Im Gegensatz zu aller religiösen und spekulativen Deutung wird hier zum Hauptziel der Forschung, die Natur in ihrer reinen Tatsächlichkeit zu erfassen; so wird alle innere Eigenschaft und alles seelenartige Streben als eine Verfälschung aus ihr entfernt und sie in ein Reich unbeseelter Massen und Bewegungen umgewandelt, worin alles in einfachen und durchgehenden Formen, nach unverbrüchlichen Gesetzen geschieht, aus eigener Notwendigkeit, ohne Sorge um das Wohl des Menschen. Von Anfang an bestand viel Neigung, dies Reich der Natur für das Ganze der Wirklichkeit auszugeben und zugleich alle Wissenschaft nach Art der Naturwissenschaft zu gestalten; schon Bacon (1561-1626) nannte die Naturwissenschaft die »große Mutter« und die Wurzel alles Erkennens; diese Neigung hat immer mehr um sich gegriffen, Naturbegriffe sind immer tiefer in alle Gebiete eingedrungen, und heute entwerfen viele von der Natur aus das Bild des Alls und geben eine »naturwissenschaftliche Weltanschauung« für Weltanschauung überhaupt. So sich zum All erweitern konnte die Natur aber nicht, ohne auch den Menschen an sich zu ziehen und ihn ganz in sich aufzunehmen. Das war so lange unmöglich, als eine unübersteigbare Kluft Ursprung und Wesen des Menschen von aller Natur zu trennen schien; aber der Anerkennung einer solchen Kluft hat die Naturwissenschaft immer eifriger widersprochen, sie hat immer mehr verbindende Fäden aufgezeigt, sie glaubt mit Hilfe der modernen Entwicklungslehre eine völlige Einigung erreichen zu können. Gehört der Mensch aber ganz und gar zur Natur, so kann auch die Art seines Lebens nur dem der Natur entsprechen, so muß er die Erhaltung und Steigerung dieses Lebens zur hauptsächlichsten Aufgabe machen, so gilt es alles auszutreiben, was im überkommenen Befunde dieser Fassung widerspricht; was der Mensch mit der Natur gemeinsam hat, das wird jetzt zum Kern seines Wesens und bestimmt den Charakter seines Lebens. Die Natur aber erscheint hier als ein Nebeneinander einzelner Elemente, die in tausendfachen Beziehungen zueinander stehen und sich Punkt gegen Punkt behaupten, es gibt hier keine andere Art der Verbindung als die einer Anhäufung und Zusammensetzung und daher auch kein Wirken aus einem Ganzen, es gibt kein Selbständigwerden und keine eigenen Zwecke des Seelenlebens, sondern alles Seelenleben steht im Dienst der natürlichen Selbsterhaltung. In der Natur verläuft das Geschehen in reiner Tatsächlichkeit, es bedeutet nichts über sein bloßes Dasein hinaus, es lehnt alle Beurteilung und Wertschätzung ab, es kennt kein Gut oder Böse; hier gilt kein anderer Unterschied als ein Mehr oder Minder der Kraft. Die Übertragung solcher Art des Geschehens auch auf das menschliche Leben erzeugt gegen seinen bisherigen Stand eine völlige Umwälzung. Was immer es an Naturzügen hatte, war bisher zurückgestellt und geringgeschätzt, ja oft angefochten worden; es konnte sich daher nicht frei entfalten und untereinander zusammenschließen. Daß das nunmehr möglich wird, ergibt einen wesentlich neuen Anblick des Ganzen; nun erst kommt zu voller Geltung die Gebundenheit aller seelischen Betätigung an körperliche Bedingungen, die elementare Macht der Naturtriebe und der natürlichen Selbsterhaltung, das aufrüttelnde und vorwärtstreibende Wirken des Kampfes ums Dasein, die weite Ausdehnung der blinden und zwecklosen Tatsächlichkeit auch im Bereiche des Menschen. Indem dies alles sich nunmehr zu gemeinsamem Wirken verbindet, entsteht ein eigentümlicher Lebenstypus, der auch der geistigen Arbeit seinen Charakter aufprägen muß. Es beginnt aber dieser Lebenstypus mit einer starken Verneinung, das gibt seiner ganzen Ausdehnung eine aggressive Art. Er hat gegen eine andersartige, eingewurzelte Lebensgestaltung sich freie Bahn erst zu schaffen, er hat einen harten Kampf zu führen gegen alles, was die Natur überschreiten möchte, dabei viel Irrung und Wahn erzeugt und zugleich die Wirklichkeit auseinanderreißt. So taten es nach seiner Meinung die Religion, die Metaphysik und alle auf sie gestützte Moral; demnach gilt es diese mit allem, was an ihnen hängt, aufs gründlichste auszurotten. Es gilt ein unablässiges Zurückweisen der Versuche des Subjekts, sich von der Umgebung loszureißen und in freischwebender Phantasie eigene Wege zu gehen. Die strenge Bindung des Lebens an den Tatbestand der Natur erscheint hier als eine Wendung zur Wahrhaftigkeit und zugleich zur Kräftigung des Lebens. Zugleich aber erscheint sie als eine Wendung zur Freiheit. Denn jene erdichteten Bildungen üben vielfachen Druck auf den Menschen, und ihre Satzungen verwehren ihm oft, seine Kräfte voll auszunutzen; das kann anders werden, wenn die Natur sich ohne Schranke entfalten darf, wenn keine religiösen oder moralischen Vorurteile das Leben beengen und hemmen. So fühlt das Leben, das hier entsteht, sich auf Wahrheit und Freiheit gerichtet. Weiter ist ihm eigentümlich eine sinnliche Nähe und unmittelbare Anschaulichkeit, die Gewißheit, auf festem Boden zu stehen und seiner Umgebung eng verbunden zu sein; daraus quillt ein stolzes Kraftgefühl und eine rastlose Bewegung. Dies Leben scheint in sich selbst so viel Spannung und Leistung zu tragen, daß es ohne Schmerz auf ein Jenseits völlig verzichten kann. Was sich daraus für das Geistesleben an eigentümlichen Folgen ergibt, das erstreckt seine Wirkung in alle einzelnen Gebiete, in Kunst und Wissenschaft, in Erziehung und Bildung, in gesellschaftliches und staatliches Leben hinein. Überall gilt es die sinnlichen und materiellen Faktoren voll zur Wirkung zu bringen und das Leben dadurch zu sättigen, es hat in engem Zusammenhang mit der Weltumgebung zu bleiben, nie in Ablösung davon ins Dunkle und Falsche zu geraten. Das Erkennen scheint dabei leicht den Weg zum Handeln zu finden. Wie die moderne Naturwissenschaft mit der Wendung zur Technik dem Menschen weit mehr Macht über die Welt verliehen hat, so steigert auch im menschlichen Zusammensein das Ausgehen von dem, was nahe liegt, deutlich übersehbar und sinnlich greifbar ist, unser Vermögen zu handeln und läßt uns ein stetiges Vordringen der Vernunft gegen die Unvernunft erwarten. Wie gewaltig diese Lebensbewegung gewirkt, und wie sehr sie das menschliche Dasein verändert hat, steht sonnenklar vor Augen; zweifellos sind hier nicht bloß subjektive Meinungen und Wünsche im Spiel, sondern es entsprang ein starker Strom von Tatsächlichkeit, der auch die Überzeugungen leicht mit sich fortreißt. Ein neuer Tag scheint aufzusteigen, gegenüber dessen Licht alles Frühere zur toten Vergangenheit wird. Und doch, wie viel Widerstand erhebt sich dagegen, wenn dies allein das ganze Leben sein soll, und wenn es den Anspruch erhebt, unserem Dasein einen Sinn und Wert zu geben! Es kommt aber der Widerstand nicht nur von außen her, sondern auch aus dem eigenen Innern des neu entwickelten Lebens. Es führt den Menschen zur Natur zurück, aber es tut das durch geistige Arbeit, und diese Arbeit stellt das Leben ganz anders dar und entwickelt an ihm ganz andere Kräfte, auch ganz andere Forderungen, als einem bloßen Naturwesen möglich wären. Jene geistige Arbeit erfolgt vornehmlich vom Denken aus, und, wie wir sahen, aus einem Verlangen nach Wahrheit; in seinem Denken aber stellt der Mensch sich der Natur gegenüber, faßt sie in ein Ganzes und erwägt sein Verhältnis zu ihr; wer das tut, der ist mehr als Natur, mehr als ein bloßes Stück ihres seelenlosen Mechanismus. Wie aber das Denken über alles Einzelne hinaus auf ein Ganzes geht, so stellt es vor den sinnlichen Eindruck eine geistige Tätigkeit, und diese verwandelt alles, was von draußen dargeboten wird; ist nicht die Welt des Forschers mit der Umsetzung der Natur in Kräfte, Beziehungen und Gesetze etwas völlig anderes als die von den Sinnen übermittelte Welt? Das Denken besteht auf Gründen, es möchte alles, was es ergreift, in ursprüngliches Leben verwandeln, die bloße Tatsächlichkeit wird ihm zu einer starren Schranke und zu unerträglicher Hemmung. So verbietet das Denken selbst durch sein Bestehen und Wirken, daß die ganze Wirklichkeit auf sinnliches Dasein zurückgeführt wird. Wie hier ein konsequenter Naturalismus seine eigene Grundlage zerstören müßte, so verfolgt dieser überhaupt seine Verneinungen nur bis zu einem gewissen Punkt, um sie dann aufzugeben und sich unbedenklich durch Größen und Güter zu ergänzen, welche aus einem andersartigen, von ihm selbst verworfenen Leben stammen. Er will keine Weltanschauung, die das Gebiet der Erfahrung überschreitet; daß aber nun und nimmer die gebundene sinnliche Empfindung, sondern nur ein überlegenes Denken die Erfahrung selbst in ein Ganzes fassen und zu einer Weltanschauung ausbauen kann, das läßt er unbeachtet; er will die Moral nicht religiös oder philosophisch begründen und sieht nicht, daß eine Zurückführung des ganzen Lebens auf bloße Naturtriebe alle und jede Moral zerstört, daß auch, wo alle innere Einheit fehlt, Größen wie Überzeugung und Gesinnung, Persönlichkeit und Charakter durchaus unmöglich werden; er gründet das Leben auf die Arbeit der Wissenschaft und möchte den Begriff der Wahrheit dabei verschärfen; wie aber kann es Wissenschaft und Wahrheit geben, wenn lediglich einzelne Individuen mit ihren verschiedenen und unaufhörlich wechselnden Vorstellungen nebeneinander stehen? Oder soll der Durchschnitt der Meinungen, den das menschliche Zusammenleben hervorbringt, als echte Wahrheit gelten? Solches Verfahren des Naturalismus ist aber nicht nur eine Inkonsequenz des Denkens, sondern es schädigt unvermeidlich auch den Bestand des Lebens. Wie könnten Größen, die versteckt und erborgt im Hintergrunde stehen, sich klar und kräftig entfalten, wie könnten sie eine starke Bewegung erzeugen? Mag daher der Naturalismus das Leben nach außen hin fördern, innerlich läßt er es völlig stocken; die dadurch bewirkte Leere und Sinnlosigkeit muß unerträglich werden, sobald die Frage aufs Ganze gestellt wird; dies aber kann der Kulturmensch nicht lassen, er kann es um so weniger lassen, je mehr er an geistiger Arbeit teilnimmt. Was macht der Naturalismus aus dem Leben als einem Ganzen? Mit der Preisgebung aller auszeichnenden geistigen Art sinkt die Menschheit zu winziger Kleinheit herab, und ihr Tun und Ergehen hat keinen Wert über den eigenen Zustand hinaus; wie aber die Menschheit gegenüber dem All vereinsamt, so vereinsamt auch innerhalb ihrer der eine gegen den andern. Denn wo die ganze Wirklichkeit in einzelne Atome zerfallt, da entfällt alle innere Gemeinschaft, alle echte Teilnahme und Liebe, da entschwindet auch alles gegenseitige Verständnis von Seele zu Seele. So steht der Einzelne völlig allein im unermeßlichen All. Alles Tun ist hier daraufgerichtet, das physische Dasein zu erhalten, die natürliche Kraft zu steigern und daraus Lust zu schöpfen. Aber lohnt, was dabei im günstigsten Falle herauskommt, die unermeßliche Sorge und Mühe, die Aufregung und die Aufopferung, die das Leben immer mehr von dem Kulturmenschen fordert? So viel Verwicklung und Umständlichkeit in Erziehung und Bildung, in staatlicher Ordnung und sozialem Aufbau, und das alles nur, damit wir schließlich genau dasselbe erreichen, was das Tier so viel leichter erreicht! Fürwahr, käme die ganze Weltbewegung darauf hinaus, daß wir auf immer mühsameren Wegen nur dasselbe Ziel zu erstreben hätten wie der niedrigste Organismus, brächte sie gar nichts wesentlich Neues, so würde sie eher einen Rückschritt als einen Fortschritt bedeuten, so würde die ganze Menschengeschichte mit ihrem Erzeugen neuer Güter und ihrem Unternehmen, der Natur ein Reich der Kultur entgegenzuhalten, eine schmähliche Verirrung. Auch darin enthält diese Lebensgestaltung einen unerträglichen Widerspruch, daß sie uns nicht verhindern kann, von einem Ich zu reden, unser Tun als eigenes zu erleben und uns verantwortlich dafür zu fühlen, und daß sie uns zugleich anzuerkennen zwingt, daß nicht das mindeste von jenem in Wahrheit uns zugehört, daß wir nirgends handeln, nichts ursprünglich hervorbringen können, sondern daß lediglich an der Stelle, die wir unser nennen, etwas vorgeht, etwas zusammenschießt, das wir nur nach Art von körperlichen Zuständen betrachten, nicht aber irgendwie ändern können. Das wäre leidlich zu ertragen, wenn die uns zugewiesene Lebensrolle lauter liebenswürdige Züge trüge und ein harmonisches Ganzes bildete; wäre es aber anders und müßten wir eine Natur mit uns weiterschleppen, die uns selber arg mißfällt, so wären wir in einer verzweifelten Lage, gefesselt an ein dunkles Geschick. Die Starrheit und Leere dieser Lebensordnung mag so lange nicht empfunden werden, als jene mit ihrer Aufklärung sich gegen andersartige Mächte erst aufzuarbeiten hat und dabei in härteste Kämpfe gerät; der Affekt, der daraus hervorgeht, mag das Ganze erwärmen und scheinbar beseelen. Aber nehmen wir an, jene Aufklärung habe ihr Werk getan und den Menschen gelehrt, sich lediglich als ein Stück der Natur zu fühlen, was bleibt ihm dann noch zu tun, ja wie kann er dann noch von Zielen und Aufgaben reden, er, der nunmehr ganz und gar ein bloßer Durchgangspunkt eines seelenlosen Prozesses geworden ist, eines Prozesses, der bei der Vergänglichkeit alles höherentwickelten Lebens auf den einzelnen Weltkörpern schließlich selbst untergehen muß? Ein Aufbauen und Zerstören, ein Werden und Vergehen, ein wilder Lebensdrang ohne den geringsten Ertrag; muß ein Wesen, das nun einmal nicht in die jeweilige Lage und den bloßen Augenblick aufgeht, das ein Überdenken des Ganzen nicht lassen kann, das wägen und messen muß, nicht notwendig bei solcher Erkenntnis völliger Verzweiflung verfallen? Die naturalistische Lebensordnung hat mit Recht dem engen Zusammenhang des Menschen mit der Natur zu seinem Recht verholfen. Aber das Recht verwandelt sich in Unrecht und der Gewinn des Lebens in Verlust, wenn sie das Leben an jene Stufe bindet, ihm alles Weiterstreben versagt. Im Grunde kann der Naturalismus ein Lebensganzes nur werden innerhalb der geistigen Atmosphäre, welche die weltgeschichtliche Arbeit unter steter Erhebung über die Natur gebildet hat; unvermerkt werden in ihr seine Größen ergänzt, verwandelt und umgebogen. Je mehr der Naturalismus sich solcher Ergänzung entzieht, je mehr er mit eigenen Mitteln das ganze Leben bestreiten will, desto merklicher müssen seine Schranken werden, desto haltloser wird seine eigene Grundlage, desto mehr muß der scheinbare Sieg sich in eine Niederlage verwandeln. So wäre dem Verlauf dieser Bewegung getrost entgegenzusehen, wenn wir ganz in kühle Beobachtung aufgehen könnten und nicht die ungeheure Erschütterung und Verarmung teilen müßten, womit sie das Leben der Menschheit bedroht. Die Wendung des Menschen zu sich selbst Die Sozial- und die Individualkultur Wenn das Dasein Gottes dem Menschen unsicher wird und die Weltvernunft ihm verblaßt, wenn zugleich die Natur bei aller äußeren Annäherung ihm innerlich fremd bleibt und sein Leben in innerer Leere beläßt, so scheint, um unserem Dasein einen Sinn und Wert zu wahren, nur ein einziger Weg noch übrig: die Wendung des Menschen zu sich selbst, die Durchbildung seines eigenen Kreises zur Betätigung aller Kraft und zu möglichst großem Glück. Auch das eröffnet eine neue Art von Leben und Sein. Denn bisher hatte der Mensch auch den eigenen Kreis im Licht einer unsichtbaren Welt, sei es des Gottesreiches, sei es einer Weltvernunft, gesehen und gestaltet; jetzt erst wird er ganz und gar in das sichtbare Dasein gestellt, jetzt kann er unbeschränkt die hier vorhandenen Kräfte entfalten und ungehemmt alle Wege gehen; jetzt verbindet und verflicht ihn mit seinesgleichen nicht erst die Vermittlung einer unsichtbaren Welt, sondern zur vollen Genüge die Welt der Erfahrung selbst. In Wahrheit sind hier Beziehungen in unermeßlicher Fülle entstanden, haben die Kräfte sich zu fruchtbarster Arbeit zusammengefunden, sind auch die Individuen zu voller Entfaltung ihres Vermögens gelangt; was unser Dasein an Not und Leid enthält, das ist erfolgreich angegriffen und weit zurückgedrängt, das ganze Leben hat an Beweglichkeit und Fülle gewonnen, alles zusammen bildet einen gewaltigen Strom von Tatsächlichkeit, der uns mit tausendfacher Wirkung umflutet; so läßt die Bedeutung dieser Wendung des Menschen zu sich selbst sich in keiner Weise bestreiten. Aber mit allem dem ist noch nicht die Frage entschieden, die uns hier beschäftigt, die Frage, ob das Verhältnis von Mensch zu Mensch den beherrschenden Mittelpunkt des ganzen Lebens bilden und diesem einen genügenden Gehalt geben kann. Wir werden finden, daß die Sache keineswegs einfach liegt, daß das Streben sich nicht nur bei sich selbst entzweit, sondern daß auch das Ganze seines Unternehmens auf unüberwindliche Schranken stößt, daß der Mensch sich selbst viel zu klein wird, wenn er sich ganz auf sich selbst beschränkt. Wir suchen den Menschen, den Menschen ohne alle Verwicklung der Weltprobleme, wo aber ist er zu finden? Finden wir ihn im Zusammensein der Gesellschaft, in der Verbindung der Kräfte zu gemeinsamem Leben, oder bei den Individuen in ihrem Fürsichsein und ihrer unbegrenzten Mannigfaltigkeit? Ist es die gegenseitige Anziehung oder die Abstoßung der Individuen, ist es die Summierung oder die Differenzierung der Kräfte, welche den Charakter unseres Lebens zu bestimmen hat? Das sind nicht bloß verschiedene Ausgangspunkte, die demselben Ziele dienen, sondern die Ziele selbst sind hier und dort verschieden, so verschieden, daß das eine fordern, das andere schädigen heißt, daß ihr Nebeneinander das menschliche Leben in völlig widerstreitende Richtungen treibt. Steht nämlich die Gemeinschaft voran und hängt aller Erfolg an ihrem Gedeihen, so muß vor allem das Ganze sicher bei sich selbst befestigt und aller Willkür der Individuen entzogen werden, so hat der Einzelne sich ganz und gar unterzuordnen und einzufügen, so wird, was ihn unterscheidet, den gemeinsamen Zügen nachstehen müssen, die das Zusammensein entwickelt und auch gegenüber den Schwankungen der Zeiten festhält. Eine solche Lebensgestaltung wird ihr Hauptziel darin finden, die äußeren Verhältnisse, die Bedingungen des Lebens, die Ordnung des Zusammenseins und Zusammenwirkens so zu gestalten, daß der Stand des Ganzen möglichst gehoben wird; von da aus scheint auch dem Einzelnen Glück und Behagen ohne weiteres zuzufließen. Denn er hängt hier, so scheint es, auch in seinem Innern, er hängt bis in seine Wünsche und Träume hinein am Stande des Ganzen, er ist ein Erzeugnis des »Milieu«. Auf der anderen Seite dagegen wird zur vernehmlichsten Sorge, das Individuum in seinem Fürsichsein zu stärken, es von aller Bindung zu befreien und zu voller Entfaltung seiner Eigentümlichkeit zu führen; dieser Zug wird auf möglichste Beweglichkeit und Flüssigkeit des Lebens dringen, alles Festwerden als ein Erstarren, alles Gleichmachen als eine unerträgliche Schablonisierung verwerfen. Wo liegt nun der Kern des menschlichen Daseins, hier oder dort, in der Gemeinschaft oder in den Individuen? Daß hier ein schroffer und bedeutender Gegensatz vorliegt, das bestätigt die Erfahrung der Weltgeschichte. Denn sie zeigt, daß in den Jahrhunderten große Wogen einander folgten und oft einander durchkreuzten, und daß ihr Auf- und Absteigen mehr als irgend etwas anderes den Charakter der Hauptepochen bestimmte. Nachdem der Verlauf des Altertums mehr und mehr die überkommenen Ordnungen zersetzt und den Schwerpunkt des Lebens in die Individuen verlegt hatte, erfolgt gegen sein Ende ein immer stärkerer Rückschlag zugunsten einer festeren Verbindung, philosophische Schulen wie religiöse Kulte schließen die Individuen enger zusammen und lassen sie sich gegenseitig stützen und fördern; das Christentum nimmt die Bewegung auf und führt sie bei wachsendem Verlangen nach einem sicheren Halt und nach Befreiung von eigener Verantwortlichkeit schließlich dahin, daß die religiöse Gemeinschaft, die Kirche, zur alleinigen Trägerin göttlicher Wahrheit und göttlichen Lebens wird, der Einzelne einen Anteil daran nur durch ihre Vermittlung erlangt. So gab die Kirche der Menschheit ihre Gedankenwelt und ihr Gewissen. Auch das politische und soziale Ordnungssystem des Mittelalters gewährt dem Einzelnen nur innerhalb des Ganzen einen Wert. Wie im Gegensatz zu solcher Stimmung und Schätzung das Individuum wieder mehr Mut und Kraft bei sich selbst gewann, wie es bei Wachstum dessen die alte Ordnung zerbrach, die Selbständigkeit des Einzelnen zur Hauptsache machte, und wie die Ausbreitung dieses Strebens über alle einzelnen Lebensgebiete eine neue Epoche aufsteigen ließ, deren höchstes Ideal die Freiheit war, das wissen wir heute alle. Aber wir wissen auch, daß dies Ideal die Gegenwart nicht mehr ausschließlich einnimmt, daß vielmehr ein merkwürdiges Anschwellen des Lebens ins Große und Riesenhafte, eine wachsende Häufung elementarer Kräfte und Massen, vornehmlich aber ein Entstehen schroffer, das menschliche Dasein zerreißender Gegensätze, ein starkes Verlangen nach einem engeren Zusammenschluß der Einzelnen und nach einer Leitung des Lebens durch eine überlegene Macht entzündet haben. Das zeigen besonders klar die sozialen Bewegungen, aber es reicht jener Zug weit über sie hinaus, durchgängig erscheint ein Streben der Individuen sich enger zu verbinden und dadurch zu stützen wie zu stärken, eine Neigung, die Aufgaben gemeinsam anzugreifen und den Kampf gegen die Widerstände gemeinsam aufzunehmen. Wie viel Bewegung zur Assoziation, zur Bildung von Bünden auch geistiger Art, zu Sekten und so weiter, zeigt unsere eigene Zeit, in weitem Abstand von der Zeit unserer Klassiker, die alles Gelingen auf die Kraft selbständiger Individuen stellte! So wird der Mensch der Gegenwart nach entgegengesetzter Richtung gezogen und unter widerstreitende Schätzungen gestellt. Emanzipation von allem, was den Menschen bindet und einengt, das ist noch immer für viele das Losungswort, und diese Emanzipation dringt in mancher Richtung immer noch vor; Verbindung zum Ganzen, Organisation der in ihrer Zerstörung machtlosen Kräfte, das ist das Losungswort der anderen Seite, und wir kennen die Kraft, mit der auch dieses den modernen Menschen packt. Emanzipation und Organisation aber erzeugen grundverschiedene Bilder des Lebens; wie könnten wir bei solcher Entzweiung über seinen Sinn je einig werden, wie sollte nicht vielmehr die Unsicherheit, die jener Konflikt erzeugt, allen solchen Sinn zerstören? Indes jede einzelne Richtung hat die Hoffnung, aus eigenem Vermögen das Leben ganz zu erfüllen und vollauf zu befriedigen, wenn sie nur zu reinem Siege, zu unbegrenzter Herrschaft gelange; diese Hoffnung flößt den Bewegungen Kraft und Leidenschaft ein und gewinnt ihnen zahlreiche Freunde. Aber eine genauere Prüfung zeigt alsbald, daß jeder einzelne dieser Typen, ausschließlich durchgesetzt, das Leben unerträglich verengt und alles Sinnes beraubt. Die Sozialkultur darf sich auf einen allgemeineren Gedanken berufen, den niemand anfechten kann: auf den engen Zusammenhang des Einzelnen mit der Menschheit und die Bindung seines Wirkens und Denkens an sie. Eigenes Miterleben des Gesamtgeschickes der Menschheit und hilfreiches Wirken für den Nächsten, das haben von jeher die Religionen zum Prüfstein echter Gesinnung gemacht, und wenn zu schöpferischer Arbeit der Mensch der Einsamkeit bedarf, so bleibt auch dieser Einsamkeit die Menschheit innerlich gegenwärtig und übt eine richtende Kraft; arm und kläglich die Seele, welche auch diese innere Bindung abwirft oder nur meint, sie abwerfen zu können. Aber eine solche Beziehung zur Menschheit fordert einen inneren Zusammenhang des Ganzen, sie setzt voraus, daß eine neue und höhere Welt, ein Reich Gottes oder eine geistige Ordnung, in der Menschheit erscheint und den Menschen über die Vereinzelung und über die Zwecke des natürlichen Daseins hinaushebt; dies aber ist nicht die Meinung der Sozialkultur, sie löst alle Zusammenhänge mit unsichtbaren Größen und Mächten, sie kennt kein jenem Dasein überlegenes Ziel, sie sieht in der Menschheit nur ein Zusammentreffen der Individuen in der nächsten, der sichtbaren Welt. Das aber kann sie nicht ohne die Ziele des Strebens eng zu begrenzen, sowie den Begriff der Menschheit herabzudrücken. Bei jener Preisgebung aller inneren Zusammenhänge bleibt als leitendes Ziel nur das Befinden der Individuen, ein Stand der Gesellschaft, der seinen Teilnehmern möglichst wenig Schmerz und möglichst viel Lust gewährt, bleibt das »größte Glück der größten Zahl«. Nun kann kein Zweifel daran sein, daß die Sozialkultur mit der Richtung der Arbeit auf die Wohlfahrt aller Gewaltiges geleistet hat: es ist viel Not und Härte ausgetrieben, mehr Freude und Milde ins Leben gebracht, es hat hilfreiche Tätigkeit alle Verzweigung des Daseins ergriffen, es ist dabei jeder Mensch der Beachtung wert gefunden und damit auch im eigenen Bewußtsein gehoben, es ist zugleich das Gefühl der Verantwortlichkeit jedes einzelnen für den Stand des Ganzen geweckt, es ist mit dem allen das gemeinsame Dasein erheblich weitergebildet. Aber so schätzbar das alles in weiteren Zusammenhängen ist, unmöglich kann es das Ganze des Lebens sein und dem Handeln genügende Ziele stecken. Die dort erstrebte Wohlfahrt, ein möglichst schmerzfreies und genußreiches Leben, kann uns unmöglich befriedigen. Denn indem wir dabei den einen Feind, die Not und den Schmerz, vertreiben, erwächst ein anderer, wohl noch gefährlicherer: eine innere Leere und Langeweile, die ein bloß mit dem eigenen Zustand befaßtes Leben unvermeidlich mit sich bringt. Gibt es hier doch nichts, was von innen her dem Menschen ein hohes Ziel vorhält und ihn dafür in Bewegung setzt. Große Aufgaben verlangen Wagnis und Opfer, ihre Lösung muß sich gewöhnlich den Weg durch harte Zweifel und Verneinung bahnen; wie aber sollte der Mensch wagen und opfern können, wenn alles Handeln am Gedanken der Wohlfahrt hängt? Kluge Abwägung, vorsichtige Berechnung des Vorteils und Nachteils würden dann die Lenker des Lebens, alles Heroische in ihm müßte bequemem Spießbürgertum weichen. Die Sorge um die Mittel des Lebens droht hier das Leben selbst zu zerstören. Aber, heißt es vielleicht dagegen, wir wollen ja nicht die Wohlfahrt des Einzelnen, wir wollen die Wohlfahrt des Ganzen, und das ist etwas wesentlich Höheres. Gewiß ist es etwas anderes, aber ob es auf dem Boden der Sozialkultur etwas wesentlich Höheres sein kann, das möchten wir sehr bezweifeln. Denn wenn keine Innenwelt die Menschheit zusammenhält und ihr eine Aufgabe stellt, so wird sie ein bloßes Nebeneinander einzelner Individuen, so gibt es kein den Zwecken der Individuen überlegenes Ziel, die bloße Summierung ist keine Wesenserhöhung, Epikureismus und Utilitarismus ändern sich nicht bei Übertragung auf eine große Zahl. Das ist die schwere Gefahr der Sozialkultur, daß, indem sie dem Begriff der Menschheit alle innere Einheit nimmt und für ein Ganzes eine bloße Anhäufung einsetzt, ihr leicht der Durchschnitt zur Norm und die Masse zur Menschheit wird; zugleich neigt sie dahin, alles auf diesen Durchschnitt zu beziehen und ihn zum Richter über gut oder böse, über wahr oder falsch zu machen. Das aber schädigt nicht nur das Recht der Sache, auch das Individuum droht dabei in seiner Eigentümlichkeit geringgeschätzt, abgeschliffen, unterdrückt zu werden. Überhaupt bereitet die Stellung des Individuums der Sozialkultur viel Verwicklung. Das Individuum wird geheißen, sich dem Ganzen dienstwillig einzufügen und seinen Zwecken unterzuordnen; wie aber ist es dazu zu bewegen, wenn alle innere Verbindung der Menschheit aufgegeben wird? In diesem Zusammenhange bleibt nur das eigene Interesse des Einzelnen, das Gedeihen des Ganzen könnte ihm nur soweit wertvoll sein, als es ihm selbst einen Vorteil brächte, aber daß ein solcher etwa zu erwartender Vorteil viel zu gering ist, um volle Hingebung und kräftiges Wirken zu erzeugen, das läßt sich nicht wohl bezweifeln. Überhaupt kann ja kein Streben Macht über die Seele erlangen, das lediglich eine Wirkung nach außen erstrebt. Denn wo in geistigen Dingen etwas Großes erreicht ward, da entsprang es aus inneren Notwendigkeiten des eigenen Wesens, aus einem Verlangen nach geistiger Selbsterhaltung und nach Überwindung unerträglicher Widersprüche; nur wenn der Mensch allein auf sich selber stand und für sich selber schuf, konnte er etwas erreichen, was den anderen wertvoll war. Wer vor allem an die Wirkung bei anderen denkt, hat das Erstgeburtsrecht des Schaffens preisgegeben, er ist aus einem Herrn ein Diener geworden, einem bloßen Diener aber ist das Höchste versagt. – Alle diese Erwägungen gehen nicht gegen das moderne Streben zur Hebung des Standes der Gesellschaft und zur Anerkennung alles dessen, was menschliches Angesicht trägt, wohl aber gehen sie gegen den Versuch, dies Wirken zur Gesellschaft zum Ganzen des Lebens zu machen; wird es das, so sinkt am meisten der Begriff der Menschheit selbst, so wird eine Verflachung und Vergröberung des Lebens wie der Kulturarbeit unvermeidlich. Solches Scheitern der Sozialkultur muß zugunsten der Individualkultur wirken, die Gegenwart selbst stellt deutlich vor Augen, wie eine solche sich mit siegreicher Kraft gegen das erhebt, was ihr eine bloße Schablonisierung und Mechanisierung, eine Entseelung des Lebens dünkt. Aus solcher Wendung geht ein neues Leben hervor; indem es die individuelle Art und das individuelle Befinden in den Vordergrund rückt und in der Gestaltung aller Verhältnisse auf Eigentümlichkeit und Mannigfaltigkeit dringt, indem alle einzelnen Gebiete zu Mitteln für die Entfaltung und Darstellung von Individuen werden, ergibt sich viel Freiheit und Frische, ja ein überströmender Reichtum von Gestalten, entsteht ein leichtes, freischwebendes, freudiges, allem Zwang, aller Schablone enthobenes Leben und ergießt sich in alle Verzweigung des Daseins. Aber all solch unleugbarer Gewinn, den namentlich der Kontrast mit den weitschichtigen Gebilden und dem Gleichheitsstreben der Sozialkultur aufs stärkste empfinden läßt, beantwortet nicht die Frage, ob mit dieser Gestaltung das Leben als Ganzes einen Sinn und Wert erlangt; die Zweifel daran werden namentlich dann entstehen und vordringen und siegen, wenn klar gegenwärtig ist, was innerhalb der Schranken des sichtbaren Daseins Individuum und Individualkultur überhaupt zu bedeuten vermögen. Denn daß dies Dasein das Ganze unserer Wirklichkeit bildet, und daß sich alle Bewegung innerhalb seiner zu halten hat, das ist eine Voraussetzung, an der sich in diesen Zusammenhängen nicht rütteln läßt. Als ein Stück des bloßen Daseins ist das Individuum eine Größe, die hinzunehmen ist, so wie sie sich findet, es kann weder nach außen hin noch in sich selbst eine Aufgabe tragen, es kann nicht aus seiner Natur ein Ideal erzeugen, an dem es sich in die Höhe hebt, sondern es kann seinen gegebenen Befund, mag er noch so voller Lücken und Widersprüche sein, in keiner Weise verändern, es ist und bleibt, was es ist. Zugleich kann es dies besondere Dasein nicht als die Darstellung oder das Gefäß eines weiteren Lebens, etwa eines Geistes- oder Weltlebens fassen, das sich in ihm eigentümlich verkörpert, es kann nicht glauben, daß, was in ihm heute geschieht, irgend etwas über sein Befinden hinaus bedeute, vielmehr muß in der Pflege und Förderung des gegebenen Daseins, in der Hebung seines eigenen Zustandes sich sein ganzes Leben erschöpfen. Es stellt sich hier also das Leben dem Menschen folgendermaßen dar: die Wirklichkeit erzeugt eine unermeßliche Fülle verschiedener Bildungen, jede einzelne derselben gewinnt eine Freude und Lust des Selbstempfindens, des Selbstgenusses, indem sie sich aller versuchten Bindung entwindet oder erwehrt, die eigene Art nach außen hin vollauf zur Geltung bringt und sie zugleich mit ganzer Kraft erlebt und genießt; sie wird dieser Lust um so mehr teilhaftig, je mehr sie das Unterscheidende pflegt, je mehr sie den Abstand von anderen hervorkehrt. Diese Individualisierung aber wird sie möglichst ihrem ganzen Lebenskreise mitteilen und auch der Umgebung aufprägen; die Freude, etwas Eigenes, Unabhängiges, Unvergleichliches zu sein, wird so das ganze Leben durchdringen, sie scheint es durchgängig zu heben und zugleich vollauf zu befriedigen. So nach den eigenen Gedankengängen der Individualkultur; daß sie eine eigentümliche Seite und Aufgabe des Lebens verficht, und daß die von ihr vertretene Bewegung eine berechtigte Kritik an der bloßen Sozialkultur übt, sei bereitwillig anerkannt. Aber wie dürftig, wie leer ist das hier gebotene Leben bei allem schimmernden Aufputz, wenn es das Letzte und Ganze sein will! Angenommen, es gäbe nur ausgeprägte und starke Individuen, und diesen vergönnte ein gütiges Geschick, ihre Art rein zu entfalten und vollauf durchzusetzen, immer bliebe auch hier der Mensch an sich selbst und seinen Zustand gebunden, er würde unablässig nur sich selbst genießen, das eigene Tun in der Vorstellung spiegeln und widerspiegeln, er hätte eine unablässige Fülle vergnügter Augenblicke, aber ein bloßes Neben- und Nacheinander einzelner Zustände könnte er nie überschreiten, in ein inneres Ganzes sein Leben nun und nimmer zusammenfassen. Nun ist aber der Mensch ein denkendes und überdenkendes Wesen, ein solches muß nach einem Ganzen fragen und kann, wenn es nichts davon findet, einer Öde und Leere nicht entrinnen. Die bunte Fülle, der rasche Wechsel, der stete Übergang von einem Punkte zum anderen mag eine Zeitlang ergötzen, schließlich erzeugt er unvermeidlich eine völlige Ermüdung und Abstumpfung. Der Mensch ist nun einmal mehr als bloße Zuständlichkeit, und sein Leben erschöpft sich nicht innerhalb des besonderen Kreises, es muß sich mit dem, was jenseits des Punktes liegt, ja mit der Unendlichkeit der Welt befassen, es kann nicht umhin, hier seine Stellung zu nehmen und von hier aus jenen individuellen Kreis zu betrachten und zu schätzen. Soweit aber das geschieht, muß der Abschluß beim bloßen Punkt, die Festhaltung alles Strebens und Fühlens bei der Enge und Zufälligkeit dieser besonderen Stelle, das Gefesseltsein des Einzelnen an seine besondere Art, die völlige Ohnmacht, solche Schranke zu durchbrechen, namentlich der Mangel einer gemeinsamen Wahrheit und einer die Gemüter verbindenden Liebe, es muß das alles miteinander dies Leben bei aller bunten Fülle als eng und arm erscheinen lassen. Dabei beschäftigte uns bis jetzt nur der Mensch, dem die Natur eine starke Individualität verlieh und das Schicksal ihre volle Entfaltung gönnt. Was aber wird mit dem Durchschnitt der Menschheit? Zeigt er nicht meistens die Einzelnen nur mit matter Regung einer individuellen Art und mit geringer Freude an ihrer Entfaltung? Bereitet ferner nicht die gegenseitige Einengung und Verschränkung der menschlichen Verhältnisse auch dem, was an individueller Art an den einzelnen Stellen erscheint, gewöhnlich die schwerste Hemmung? Und welchen Antrieb kann es hier geben, solcher Hemmung gegenüber in das Feuer des Kampfes zu gehen, hier, wo kein anderes Ziel als das eines feinen Genusses winkt? Auch an dieser Stelle brauchen wir nur die Frage über die einzelnen Vorgänge hinaus auf das Ganze des Lebens zu richten, zu prüfen und zu erwägen, was dieses gewinnt, um ein starkes Manko zu finden, um zu ersehen, daß ein derartiges Leben seine Mühen und Kosten nicht lohnt.   Der Epikureismus, der diese Lebensführung durchdringt, ist immer nahe daran, in einen verzweifelnden Pessimismus umzuschlagen; denn die Leere, die im Grunde dieses unablässig vibrierenden Lebens waltet, kann der Erfahrung und Empfindung für die Dauer unmöglich entgehen.   So scheitert die bloße Menschenkultur in jeder der beiden Richtungen, die sie einschlagen kann; weder die gegenseitige Anziehung noch die gegenseitige Abstoßung der Menschen läßt das Leben als Ganzes einen Sinn und einen Wert gewinnen. Die Sozialkultur macht sich besonders mit den Bedingungen des Lebens zu tun, aber über solcher Sorge vergißt sie das Leben selbst; die Individualkultur möchte es bei sich selber fassen, aber da sie es nicht über die einzelnen Zustände und Augenblicke zurückzuverlegen vermag, so geht es ihr nicht in ein Ganzes zusammen, so erreicht es keine Innerlichkeit, keine Innenwelt, so fehlt auch hier eine wahrhaftige Seele, und es bleibt alles Tun und Treiben an die Oberfläche gebannt. Weder hier noch dort wird ein echtes Beisichselbstsein der Seele erreicht. Diese Leere des Ganzen, den Mangel an Inhalt hier wie dort verbirgt oft der unablässige Kampf der einen Richtung gegen die andere; gewiß hat jede von ihnen ein gewisses Recht, eine gewisse Überlegenheit gegen die andere; indem sie diese zur Geltung bringt und je nach den Bedürfnissen der Zeitlage durchsetzt, wird das Leben in Bewegung versetzt, und ein Fortschritt scheint unbestreitbar. Aber der Fortschritt in der einen Richtung ist nicht schon eine Erhöhung des Ganzen, auch erweist das Vordringen der einen Bewegung gegen die andere nicht schon die eigene Zulänglichkeit; dazu pflegt der Wandel der Zeiten dasjenige, was sich für eine Epoche in sicherem Rechte fühlt, für eine andere ins Unrecht zu setzen; mögen die großen Wogen, die hier entstehen, ganze Jahrtausende umfassen, schließlich kommt doch eine Zeit, wo die entgegengesetzte Strömung siegt und alle überkommene Schätzung zurückdrängt, ja umkehrt, wo entweder die Emanzipation über die Organisation oder aber die Organisation über die Emanzipation triumphiert. Was aber ergibt dieses Auf- und Abwogen für das Ganze der Menschheit an bleibendem Wahrheitsgehalt? Die Menschenkulturen täuschen sich über ihre Nichtigkeit vornehmlich dadurch hinweg, daß sie verstohlenerweise aus dem Menschen weit mehr zu machen pflegen, als sie in diesen Zusammenhängen können und dürfen. Sie setzen eine geistige Atmosphäre voraus und stellen in sie das menschliche Leben und Streben hinein; so scheinen im Zusammenschluß der Menschen zu fester Gemeinschaft Quellen der Wahrheit und Quellen der Liebe hervorzubrechen, so scheint das Individuum von einer unsichtbaren Geisteswelt getragen zu werden und ihrer Entwicklung mit seiner Arbeit zu dienen. Dann läßt sich hier wie dort dem Leben eher ein Sinn abgewinnen, aber der Bereich einer bloßen Daseinskultur ist damit verlassen, und wir geraten in dieselben Verwicklungen hinein, von denen die Wendung zu jener befreien sollte. Oder aber es wird dem Problem dadurch seine Spitze abgebrochen, daß hier wie dort eine Idealisierung des Menschen erfolgt, daß dort ein leichter Zusammenschluß der Kräfte, ein freudiges Miteinanderwirken, eine Summierung aller vorhandenen Vernunft vorausgesetzt wird, während hier das Individuum ohne weiteres als edel und groß, als mit lauter bedeutenden Dingen befaßt gedacht wird; es ist ein gewisser Menschenglaube, der den wirklichen Befund ergänzt und erhöht. Aber rechtfertigen eben die Eindrücke der jüngsten Zeit einen solchen Menschenglauben? Steht vor unseren Augen nicht eine wilde Leidenschaft der Massen, ein Herabziehen aller Kultur auf das Niveau eines geringen Durchschnitts, ein Messen aller Dinge nach den eigenen Meinungen und Zwecken, eine Vergröberung des Lebens, ein starker Druck gegen die Freiheit des Einzelnen, viel kindische Lust an Verneinung? Und sehen wir nicht auf der anderen Seite, der Seite des Individuums, Kleines und Niedriges in Hülle und Fülle, verbrämte Selbstsucht und eitle Selbstspieglung, die Sucht, um jeden Preis etwas besonderes nicht sowohl zu sein als zu scheinen, ein Suchen und Spähen nach Beifall bei scheinbarer Geringachtung der anderen, eine sklavische Abhängigkeit eben in der gesuchten Paradoxie, vor allem aber eine innere Leere. Das alles fällt viel zu sehr in die Augen, um sich übersehen zu lassen; wenn trotzdem unbedenklich von der Größe der Menschheit oder von der Vortrefflichkeit der Individuen geredet wird, die nur freie Bahn zu erhalten brauchen, um alles zu Glück und Größe zu führen, so erscheint darin jener wunderliche Glaube an den Menschen, ein Menschenglaube, der unter allen Arten des Glaubens wohl der gewagteste ist. Wenn der Glaube der Religion eine zuversichtliche Annahme von etwas verlangt, was die Augen nicht sehen und die Hände nicht greifen, so kann er, dem die nächste Welt nicht das Ganze der Wirklichkeit bedeutet, sich auf offene Möglichkeiten berufen, und es widerspricht die Behauptung nicht direkt dem Befund der Erfahrung. Das aber tut sie bei jenem Menschenglauben. Denn er begnügt sich nicht mit der Forderung, etwas anzuerkennen, was wir nicht sehen, er verlangt von uns, innerhalb unseres Bereiches das gerade Gegenteil dessen gelten zu lassen, was deutlich vor Augen liegt. Da auch die Bewegung der Geschichte an den Grundbedingungen des Lebens nichts zu ändern vermag, so entfällt alle Hoffnung, durch Entwicklung einer bloßen Menschenkultur unserem Dasein je einen Sinn und Wert zu verleihen; selbst wenn ihre Ziele erreichbar wären, befriedigen könnten sie nicht. Nun ist in der Neuzeit viel bloße Menschenkultur entfaltet, und sie hat die Bewegung des Lebens weit in ihre Bahn gezogen. Aber je selbständiger und ausschließlicher sie wird, je mehr sie alles abwirft und austreibt, was aus tausendjähriger Arbeit in sie einfloß und sie vertiefte, desto deutlicher werden ihre Schranken, desto mehr muß ihr Sichausleben sie zerstören. Das empfindet die Gegenwart mehr und mehr, ein tiefer Überdruß an dem Bloßmenschlichen, eine starke Abneigung, ja ein Widerwille gegen alles Bloßmenschliche greift um sich, immer deutlicher wird, daß wir zu voller Nichtigkeit sinken und daß das Leben allen Sinn und Wert verliert, wenn der Mensch sich nicht an einer überlegenen Macht in die Höhe heben und mit ihrer Hilfe mehr aus sich machen kann, als das bloße Dasein ihn zeigt. Die Ablösung von der großen Welt und das Sichabschließen in eine besondere Art überantwortet ihn augenscheinlich einer unerträglichen Enge und Kleinheit, sie verschließt ihm die Tiefe des eigenen Wesens. So hören wir heute viel von Übermenschlichem und Übermenschen reden, aber alle echte und anerkennenswerte Sehnsucht, die in solchem Streben liegt, schützt es nicht vor einem Verfallen in machtlose Phrasen, wenn dieses Übermenschliche innerhalb der Welt der Erfahrung, im Umkreis des nächsten Daseins gesucht wird. Denn viel zu streng binden hier den Menschen Natur und Schicksal, als daß ein diktatorisches Machtwort ihn davon zu befreien und ihm ein neues Leben und Sein zu geben vermöchte. Der bloße Mensch kommt nie über den bloßen Menschen hinaus. Entweder also ein Bruch mit der bloßen Daseinskultur, oder ein Verzicht auf alle innere Erhöhung des Menschen und zugleich auf einen Sinn seines Lebens; nur eine flache und flüchtige Denkart kann ein Drittes für möglich halten. Erwägungen und Vorbereitungen Die nähere Betrachtung hat den chaotischen Eindruck, den wir gleich zu Beginn vom modernen Leben empfingen, bestätigt und weiter verstärkt. Eine Fülle von Bewegungen erschien, deren jede viel zu kräftig und wirksam in den Bestand des menschlichen Daseins eingegriffen hat, um sich als bloße Irrung beiseite schieben zu lassen, deren keine aber sich zu herrschender Stellung über alle anderen hinausheben kann. Indem jede einzelne von ihnen vordringt und einzig und allein gelten will, überschreitet sie unvermeidlich das Gebiet ihres Rechts und gerät aus unbestreitbarer Wahrheit mehr und mehr ins Problematische, ja Verfehlte hinein; so müssen wir schließlich gegen alles mißtrauisch werden, was aus der Lage der Gegenwart unsere Seele gewinnen möchte. Die Anerkennung und Entwicklung eines engeren Zusammenhanges des Menschen mit der Natur schärft unseren Blick für das Dasein, das uns umgibt, und zeigt unserem Handeln eine Fülle fruchtbarer Angriffspunkte, aber sie wird zu einer schweren Schädigung des Lebens, wenn sie es ganz und gar an das untermenschliche Dasein bindet und die Ausbildung eigentümlich menschlicher Züge verwehrt; das Streben nach einer besseren Verteilung der materiellen wie der geistigen Güter und nach Anerkennung des Wertes des Menschen auch an unscheinbarster Stelle hat den Gesamtstand des Zusammenseins sichtlich gehoben und durch Einprägung von Recht und Pflicht eine Fülle ethischer Gesinnung erzeugt; aber wenn das die Wendung dahin nimmt, daß alle und jede Unterscheidung der Menschen entfällt und die Masse so wie sie ist zum Maß aller Wahrheit wird, so ist das geistige Leben mit starkem Sinken bedroht; das Verlangen nach vollerer Entwicklung der Individualität und nach individuellerer Gestaltung des Daseins hat das Leben frischer, bewegter und reicher gemacht, aber aus dem Gewinn wird ein Verlust, wenn jene Bewegung zur Lockerung aller Zusammenhänge, zur Zerstörung aller Ehrfurcht, zum Aufwuchern hochmütiger Selbstüberhebung und eitler Selbstbespiegelung führt. Überall kommen wir hier in Gefahr, zugleich bejahen und verneinen zu müssen, keine Aufgabe läßt sich ohne Vorbehalt ergreifen, ja indem die Überspannung unvermeidlich einen Rückschlag hervorruft, entstehen überall Gegenbewegungen, damit aber ein Durcheinandcrlaufen der Wogen und höchste Unsicherheit. Die Verwicklung wird deshalb so groß, weil die Hauptbewegungen der Zeit nicht auseinandergehen, sondern einander direkt widerstreiten und mit ihren Forderungen das Leben nach entgegengesetzten Richtungen ziehen. Von den beiden Zweigen der idealen Lebensgestaltung betont die Religion die Schwäche, der immanente Idealismus die Stärke des Menschen, dort bleibt die Wirklichkeit gespalten, hier strebt sie zur Einheit zusammen. Innerhalb der modernen Daseinskultur verfeinden sich leicht die Versuche einer Einfügung des Menschen in die Natur und einer Beschränkung auf seinen eigenen Kreis; jene gilt dieser leicht als kalt und seelenlos, diese jener als eng und dumpf. Vor allem aber zerwerfen sich Sozial- und Individualkultur zu voller Unversöhnlichkeit, dort gilt alles als ein schweres Unrecht, was einer völligen Gleichheit und Gleichachtung der Menschen entgegenwirkt, z. B. beim Streit um das Wahlrecht, hier dünkt alle Gleichmachung eine Herabdrückung und Verflachung, und es wird alles Heil von möglichster Differenzierung der Individuen und kräftiger Ausbildung der unterscheidenden Züge erwartet. Den schwersten Zusammenstoß aber und die größte Unsicherheit bewirkt das Hin- und Herschwanken des modernen Menschen zwischen der sichtbaren und einer unsichtbaren Welt. Hatte die ältere Denkart, namentlich die religiöse, alle Hingebung an die sichtbare Welt als einen Raub an einer höheren Ordnung und als ein Sinken des Lebens von unerläßlicher Höhe behandelt, so besteht die neuere um so mehr auf einer vollen Selbständigkeit, ja Ausschließlichkeit dieser Welt, so gilt ihr alle Befassung mit übersinnlichen Dingen als eine Verirrung des Strebens und eine Vergeudung der Kraft; dabei scheinen sie sich gegenseitig weder verdrängen noch vertragen zu können. Die Eindrücke und Erfahrungen, die früher dem Menschen das Walten einer unsichtbaren Ordnung augenscheinlich machten, sind in den letzten Jahrhunderten mehr und mehr verblaßt, auch wer an ihnen festhält, erlebt sie nicht mehr mit der Kraft und der Eindringlichkeit früherer Zeiten. Aber zugleich hat der Mensch bei der sichtbaren Welt nicht gefunden, was er hoffte, zunächst keinen sicheren Standort und keinen festen Zusammenschluß der Kräfte, denn auch hier sahen wir die Lebensbewegungen sich schroff entzweien, sodann aber selbst im Gelingen keine rechte Befriedigung. Dies aber namentlich infolge eines Fortwirkens der älteren Art; denn mag diese im Besonderen ihrer Behauptung noch so angreifbar und hinfällig geworden sein, über jenes Besondere hinaus hat sie das Ganze des Lebens in einer Weise gestaltet, die dauernd seinen Charakter bestimmt, sie hat Bedürfnisse geweckt, Kräfte entwickelt, Ziele gesteckt, die nicht wieder verschwinden wollen, und deren Forderungen nachkommen muß, was die Seele des Menschen gewinnen will. Inmitten aller Beschränkung und Schwächung des Alten bleibt seine Verinnerlichung des Lebens und verhindert ein völliges Aufgehen in die Welt, die uns von draußen her umfängt; das unsichtbare Beharren des Alten läßt kein Genüge am Neuen finden. Andererseits hat das Neue viel zu viel Macht über uns erlangt, als daß das Alte sich in der alten Gestalt einfach wieder aufnehmen ließe; so kann keins sich zu voller Herrschaft bringen und ist doch stark genug, die des andern zu verhindern. Was aber wird aus dem Ganzen des Lebens bei einer derartigen Spaltung? Muß nicht all die Entzweiung, die uns entgegentrat, schließlich eine geistige Anarchie erzeugen, deren buntes Durcheinander den Augenblick ergötzen mag, die aber für die Dauer zerstörend wirken muß? Eine solche geistige Anarchie läßt alles ungewiß werden, was bisher als sicherer Besitz galt, Zweifel und Streit dringt bis in die tiefsten Wurzeln unseres Lebens vor. Wir Neueren stritten zuerst um die nähere Fassung und Begründung der Religion, schließlich wird uns das Ganze der Religion zur Frage; wir flohen vor den Verwicklungen der Metaphysik in das Gebiet der praktischen Vernunft, um in der Moral eine unantastbare Wahrheit zu finden, bald aber wendet sich Zweifel und Angriff auch gegen die Moral, zunächst der überkommenen Fassung nach, schließlich bis zur Leugnung des Grundgedankens. Wenn alles um uns und in uns unsicher wurde, so schien wenigstens der Mensch als Ganzes, der Mensch als Persönlichkeit zu verbleiben, aber wie kann er das, wenn aller Inhalt des Lebens sich verflüchtigt oder doch unsicher wird? In Wahrheit brauchen wir nur etwas genauer zuzusehen, um zu gewahren, daß der Zweifel und Streit auch jenen vermeintlich sicheren Träger des Lebens ergreift, daß auch die Grundlage unseres Seins zu einer schweren Frage geworden ist. Solche Auflösung oder doch Erschütterung aller festen Größen führt eine hochentwickelte Kultur in eine höchst unerquickliche Lage. Zahlreiche Kräfte sind da und fordern Beschäftigung, eine genügende Bindung aber und eine sichere Richtung finden sie nicht; so ergießen sie sich ins Unbestimmte und Leere; aus dem Leben wird damit ein bloßes Verlangen nach Leben, ein Sehnen und Haschen nach ihm. Das ist ein Stand, wo eine Reflexion freischwebender Art das Feld gewinnt und sich ein Vermögen des Schaffens zutraut, wo ein glänzendes technisches Vermögen, eine staunenswerte Virtuosität mit einem völligen Mangel an Inhalt zusammengeht, wo wir alles aussprechen können, was wir nur sagen möchten, wo wir aber wegen innerer Leere nichts Rechtes zu sagen haben. So droht sich uns Leben und Tun in ein bloßes Spiel zu verwandeln, ein Spiel, das aufregen mag, das aber keinen Gewinn verspricht. Auch der Zersplitterung der Menschheit sei gedacht, die solches Auseinandergehen des Lebens erzeugt. Indem dabei die Individuen nach ihrer Eigentümlichkeit, ihrer Lebenslage und ihrem Beruf an verschiedenen Punkten Stellung nehmen und verschiedene Richtungen verfolgen, entsteht eine Sonderung in Parteien und Sekten, ein Behandeln aller Probleme vom Standpunkt der Partei, ein Verschwinden innerer Gemeinschaft, die Gefahr einer seelischen Vereinsamung inmitten überströmender Fülle äußerer Berührungen. Milderte nicht die von jahrtausendelanger Arbeit erzeugte geistige Atmosphäre die Konflikte, und verbärge nicht die gemeinsame Sprache das Auseinandergehen in der Sache, so könnte kein Zweifel darüber sein, daß wir heute innerlich in verschiedenen Welten leben und daß diese Welten sich immer mehr spalten und verengen, bis schließlich jeder nur seiner Privatwelt lebt. Nichts drängt zwingender über die geistige Anarchie hinaus als solche innere Vereinsamung, die sie uns auferlegt. Auch das unvermeidliche Sinken des inneren Niveaus des Geisteslebens, das aus solcher Lage hervorgeht, wird nicht lange mehr zu ertragen sein. Das geistige Leben ist dem Menschen kein bequemer Besitz, es hat sich bei ihm gegen die bloße Natur und die Kleinkräfte des Alltags zur Selbständigkeit mühsam erst aufzuarbeiten, und es muß diese Selbständigkeit immer von neuem verteidigen. Wie aber könnte es das, wenn es sich so sehr bei sich selbst entzweit, wenn es nirgends dem Menschen ehrfurchtgebietend gegenübertritt, sondern lediglich an seiner Meinung und Neigung zu hängen scheint. Damit sich das Leben ins Gehaltvolle und Große hebe, bedarf es nicht nur eines allesumfassenden, allesbelebenden, allesverbindenden Zieles, es bedarf, wie der körperliche Organismus, zur Regulierung seines Laufes auch gewisser Hemmungen und Widerstände. Jene geistige Anarchie kennt aber weder ein Ziel noch irgendwelche Hemmung; wir brauchen nicht weiter auszuführen, daß es auf diesem Wege nicht weiter geht, daß die geistige Krise in eine Zerstörung auslaufen muß, wenn sie keine Gegenwirkung findet. Vollauf verständlich wird von hier aus, wie unsere Zeit, vom Durchschnitt aus angesehen, sich als eine Zeit des Unglaubens darstellt, des Unglaubens nicht an bloße Dogmen, sondern an das Leben selbst, als eine Zeit, die an einer Lust zum Verkleinern und Verneinen krankt, und die den Menschen bei allem technischen Vermögen von seiner Seele niedrig denken läßt, als eine Zeit, auf der bei allem Gerede von Größe und Lust des Lebens in Wahrheit der Druck einer schweren Mißstimmung und ein starkes Gefühl der Sinnlosigkeit unseres ganzen Daseins liegt. Aber so hoch wir alles dies anschlagen mögen, nun und nimmer ist es das Ganze unserer Zeit. Wie könnte, wenn nicht mehr in ihr wirkte, sie so Großes in ihrer Arbeit leisten und alle bisherigen Zeiten darin so weit überflügeln, wie könnte sie von einer so mächtigen Bewegung, von so rastlosem Streben erfüllt sein, wie wir auch das um uns gewahren? Ja selbst daß sie jene Schäden, jene Zersplitterung, jenes Unsicherwerden so stark, so schmerzlich empfindet, erweist deutlich genug, daß jener Stand sie keineswegs gänzlich einnimmt. In Wahrheit erhält sich und wächst inmitten aller Verwicklungen der Eindruck, daß hinter allen Kämpfen und Wirren der Zeit ein wesenhafteres Leben steht, das sich in ihnen sucht und eben dadurch ihnen Kraft und Leidenschaft einflößt, das sich freilich in ihnen noch nicht zur Genüge findet und daher zunächst die Schranke mehr zeigt als überwindet, das zunächst wie ein Geist über den Wassern schwebt, ohne ins Schaffen zu kommen. Die Lösungen der Vergangenheit wurden uns unzulänglich. Das jedoch nicht, wie Parteieifer für das Alte uns einreden möchte, weil wir den Sinn für das Wahre und Große verloren, sondern weil die weltgeschichtliche Lage des Geisteslebens Forderungen stellt, denen die überkommenen Lösungen, so wie sie vorliegen, nicht entsprechen. Die Gegensätze zum Beispiel, an denen wir leiden, sind wahrlich nicht von heute und gestern, jede genauere Betrachtung entdeckt sie auch in früheren Zeiten. Aber zu unversöhnlichen Widersprüchen wuchsen sie erst uns, die wir, schon weil wir geschichtlich denken und die Zeiten miteinander vergleichen, das Eigentümliche und Unterschiedliche der Lebensgestaltungen schärfer sehen, und die wir zugleich, kraft eines stärkeren Verlangens nach Einheit, uns nicht wie das Mittelalter mit einem bloßen Nebeneinander und einer geschickten Anordnung der verschiedenen Gestalten begnügen können, sondern notgedrungen einen inneren Zusammenhang fordern. Es ist nicht sowohl unser Vermögen kleiner als die Aufgabe größer geworden, und die Auflösung des Lebens greift deshalb um sich, weil wir jener einstweilen nicht gewachsen sind. Aber die Aufgabe kommt uns nicht von außen, sondern sie entspringt aus unserem eignen Wesen und bezeugt damit die Größe dieses Wesens. Ein Mißverhältnis zwischen unserem Wollen und unserem Können ist augenscheinlich, aber auch das Wollen, sofern es ehrlich und kräftig ist, muß in die Waagschale fallen. Und an solchem Wollen fehlt es der Gegenwart wahrlich nicht. Hüten wir uns also, von der eignen Zeit gering zu denken, weil sie sich im Innern so unfertig ausnimmt und so viel Widersprüche in sich trägt. Keine frühere Zeit hat die Möglichkeiten des Lebens in solcher Fülle ausgebildet und so stark aufeinander wirken lassen, keine hat das Lebensproblem in so weitem Umfange aufgenommen und mit solchem Eifer behandelt, wie es die unsrige tut. Frühere Zeiten hatten es insofern leichter, als die Zweifel und Kämpfe einen gewissen Grundbestand unangetastet ließen und daher innerhalb eines gemeinsamen Raumes blieben; wenn heute die Erschütterung nichts unangetastet läßt, so kommt dies zum guten Teil daher, daß wir unser Denken und Tun mehr auf Selbsttätigkeit und eigne Erfahrung begründen wollen und daher größere Ansprüche stellen. Auch sei nicht unterschätzt die Weite des Horizontes, die Freiheit, womit diese Zeit einem jeden eigne Wege zu suchen gestattet, nicht ihr starkes Verlangen nach Vertiefung und Befestigung des Lebens, nicht die große Empfänglichkeit, die sie allem entgegenbringt, das aus der Verwicklung herauszuführen verspricht. Auch ein Umschlag ist hier unverkennbar: ging bis dahin die Hauptbewegung mehr in die Weite und Breite, so wächst jetzt sichtlich das Verlangen nach Einheit und Konzentration, die Probleme des ganzen und inneren Menschen gewinnen wieder eine elementare Kraft und ergreifen die ganze Kulturwelt, es gilt diese Bewegung nur anzueignen und nach bestem Vermögen weiterzuführen; dann läßt sich darauf vertrauen, daß die Zurückwerfung des Menschen auf den tiefsten Kern seines Wesens schließlich zur Verjüngung und Kräftigung des Lebens dienen wird. Was aber als Ziel dabei zu erstreben sei, das erhellt klar aus der Art der Verwicklung: es haben sich keineswegs bloß die Deutungen des Lebens zerworfen, sondern das Leben selbst hat sich in verschiedene Ströme gespalten, es hat sich im eigenen Bestande entzweit; darüber ist nur hinauszukommen durch die Erreichung eines der Verwicklung überlegenen Lebens, eines Lebens, das der Zerstreuung entgegenzuwirken und bei jeder einzelnen Bildung Recht und Unrecht zu scheiden vermag. Zu solchem Ziele gilt es über die gegebene Lage hinaus vorwärts zu dringen und aufzuklimmen; doch könnte das Neue, das wir erstreben, nicht leisten, was wir hoffen, wenn es nicht unserem eignen Wesen von Haus aus angehörte und von jeher wirksam gewesen wäre; neu an ihm kann nur sein, daß es in den Vordergrund tritt und sich in ein Ganzes zusammenfaßt. Auch genügt hier nicht ein Herstellen mehr oder minder ansprechender Kombinationen, es gilt die Aufdeckung eines Tatbestandes, die Entscheidung über eine Tatsächlichkeit. Aber der Tatbestand, der hier in Frage steht, die Verbindung des Lebens zu einem umfassenden und überlegenen Ganzen, fällt uns nicht fertig zu, wir müssen, um seiner gewiß zu werden, ihn in uns erzeugen und bei uns entwickeln; ohne eine Selbstbesinnung und Selbstvertiefung des Lebens gibt es hier keinen Weg. Suchen wir also mit solcher Selbstbesinnung über die bloße Kritik hinaus zu einem Aufbau zu kommen. Das jedenfalls hat uns die bisherige Betrachtung gezeigt, daß ein solches Streben kein müßiges Unternehmen ist; eine schwere geistige Krise ist unverkennbar, im gegenwärtigen Stande ruhig verharren können wir nicht, entweder müssen wir bei allen äußeren Erfolgen innerlich weiter und weiter sinken, oder wir finden den Mut und die Kraft zu geistiger Selbsterhöhung und zur Bezwingung der Widerstände. Sicherlich ist darauf zu vertrauen, daß, was in der Menschheit jugendlich fühlt, den letzteren Weg betreten wird; Jugend aber mißt sich bei diesen Fragen nicht nach der Zahl der Jahre. Versuch eines Aufbaus Der Grundcharakter des geistigen Lebens Das Erscheinen eines neuen Lebens beim Menschen Den Ausgangspunkt der Selbstbesinnung wird die Frage zu bilden haben, ob das Leben des Menschen gänzlich innerhalb der Natur verläuft, oder ob es über sie hinaus eine eigentümliche Art entwickelt. Daran nämlich ist nicht zu zweifeln, daß der Mensch auch innerlich zunächst der Natur angehört: sie umfängt ihn nicht nur von außen her, sondern sie erstreckt sich auch tief in sein seelisches Leben hinein. Denn auch dieses ist in weitem Umfang ein bloßes Stück des Nebeneinander und des Zusammentreffens vorhandener Elemente, wie das Naturgeschehen sie zeigt; als ein solches ist es lediglich ein Verkehren mit der Umgebung, alle Anregung kommt hier von außen, und nach außen geht alles Wirken. Aber so gewiß ein derartiges Geschehen die Breite unseres Lebens einnimmt, jede genauere Betrachtung, jede schärfere Prüfung des menschlichen Standes zeigt, daß unser Seelenleben sich nicht in jenes erschöpft, daß es in allen seinen Hauptentfaltungen, im Erkennen, Fühlen und Streben, den dort gezogenen Rahmen durchbricht und eine eigentümliche Art gegenüber der bloßen Natur erweist. Das aber nicht bloß beim Individuum, sondern auch im Zusammensein der Menschen und in der gemeinsamen Arbeit. Das Erkennen im Bereich der Natur ist ein Verknüpfen (Assoziieren) von einzelnen Eindrücken, das Beharren und die Aufspeicherung dieser Eindrücke ergibt eine gewisse Verwebung und eine Art von Erfahrung, verschiedene Grade sind dabei möglich, und es zeigt die Betrachtung des tierischen Lebens, daß die Verkettungen im Aufstieg der Wesen ausgedehnter und verschlungener werden, daß damit die Intelligenz eine immer größere Rolle erhält. Aber was immer dabei erreichbar ist, das bleibt durch die weiteste Kluft vom Denken getrennt, das im Menschen sich jenem assoziativen Geschehen zugesellt. Denn in der Wendung zum Denken reißt der Mensch sich von seiner Umgebung los und erweist sich zugleich allem bloßen Eindruck überlegen. Als denkendes Wesen vermag er sich dem Ganzen der Umgebung entgegenzustellen und sein Verhältnis zu ihr zu erwägen, seine Seele bekundet damit eine innere Selbständigkeit und ein Vermögen, von sich aus Bewegungen aufzubringen. So ist auch die Wissenschaft, das Erzeugnis gemeinsamer Arbeit, grundverschieden von dem Gemenge der Vorstellungen, in denen das Alltagsleben verläuft. Nur soweit die Menschen ihr Leben auf Denken gründen, wird es ihr eignes Werk, während das Vorstellen mit seinen wechselnden Verknüpfungen uns willenlos hin- und herwirft und bei seiner Abhängigkeit und Zufälligkeit nun und nimmer die Kulturarbeit tragen kann. – Eine solche Selbständigkeit kann das Denken aber nur erlangen, indem es den Stand eines bloßen Nebeneinander überschreitet, einen Gesamtentwurf bildet und mit ihm alle einzelnen Elemente umspannt, sie innerlich zusammenhält, den ganzen Bereich durchgliedert und abstuft. So sollen die Bestandteile eines Begriffes, die sogenannten Merkmale, sich von einer umfassenden Einheit aus gegenseitig näher bestimmen, so entsteht die Ordnung eines Systems, macht große Komplexe der Arbeit möglich und läßt an jeder besonderen Stelle den Gedanken des Ganzen wirken. Das Leben zeigt hier eine völlig andere Struktur als die einer bloßen Zusammensetzung. – Endlich bekundet das Denken auch insofern einen neuen Lebensstand, als es mit voller Klarheit vom Subjekt und von seinem Befinden ein Reich bei sich selbst befindlicher Dinge scheidet, ein Reich, das dem Menschen zunächst wie fremd gegenübersteht, um das sich aber zu mühen, das sich möglichst zu unterwerfen er durchaus nicht lassen kann. In solcher Richtung des Strebens auf die Dinge erscheint eine innere Erhebung des Lebens über die bloße Zuständlichkeit, ein Weitwerden bei sich selbst. Immer wieder wurde der Menschheit vorgehalten, daß die Dinge ihr ewig verschlossen seien, trotzdem ist sie immer wieder zum Sorgen und Mühen um jene zurückgekehrt, sie scheint nicht dauernd auf sie verzichten zu können. Aber selbst der Verzicht mit seinem Bewußtsein, daß jenseits unseres Vorstellungskreises eine uns unzugängliche Wahrheit liegt, verrät eine wesentlich andere intellektuelle Art als die eines bloßen Vorstellungsmechanismus. Auch das Nein erweist das Problem und eine Befassung mit ihm. Eine ähnliche Weiterbewegung zeigt auch das menschliche Fühlen. Dies bleibt nicht wie im tierischen Seelenleben an die sinnliche Erregung gebunden, es wird auch von innen her aus den eignen Bewegungen der Seele erzeugt, und wenn auch bei derartigen Gefühlen Körperliches mitschwingen mag, von den bloßsinnlichen bleiben sie grundverschieden. Wie weit hat sich das menschliche Streben nach Glück oft vom sinnlichen Wohlsein entfernt, wie oft hat es diesem sich direkt entgegengestellt! – Sodann erschöpft sich bei uns das Gefühl nicht in einzelnen Erregungen von Lust und Schmerz: Wirken und Schaffen erstreben vielmehr einen Gesamtstand des Lebens, einen Stand der Zufriedenheit, der Glückseligkeit, und dieser Gesamtstand wirkt auf die Schätzung der einzelnen Erlebnisse zurück und gibt ihnen diesen oder jenen Wert. Des Menschen Glück bemißt sich nicht nach dem Quantum der dargebotenen Lust. In rauhen, äußerlich freudlosen Zeiten konnten die Menschen Freude am Leben haben, während nach dem Zeugnis unserer eignen Zeit die reichste Fülle von Genüssen nicht vor einer inneren Leere und zugleich vor tiefem Unbehagen schützt. – Endlich kann das Gefühl sich von der Bindung an den Zustand des Individuums befreien, es kann in Liebe und Mitleid eine Teilnahme an dem Ergehen anderer entwickeln, es kann eine Freude auch aus einer Versetzung in das Recht und den Fortgang der Sache schöpfen. So wurden Liebe wie Mitleid zu treibenden Kräften großer Weltreligionen, so hätte ohne eine innere Freude an der Sache nun und nimmer die menschliche Arbeit die Größe erlangt und die Macht gewonnen, die sie in Wahrheit erreicht hat. Demnach weist eben das, was das Allereigenste scheint, den Menschen über sein kleines Ich hinaus. Ähnliche Bewegungen zeigt das Gebiet des Begehrens. In dem Wollen des Menschen erscheint eine Erhebung des Strebens über den dunklen Zwang des Naturtriebs, das Handeln gewinnt eine Selbständigkeit und Überlegenheit gegen alles, was von außen her auf es eindringt; eine solche Selbständigkeit erreicht die menschliche Gemeinschaft in der Ausbildung einer Kultur gegenüber der bloßen Natur. Denn das ist jener eigentümlich, daß der Mensch sein Los nicht hinnimmt, wie es ihm zufällt, sondern daß er es selbst zu bereiten sucht, daß er von sich aus Forderungen stellt und sie durchzusetzen vermag. – Solches Selbständigwerden aber verlangt eine Zusammenfassung der einzelnen Bestrebungen zu innerer Einheit, jene dürfen nicht durch- und nebeneinander gehen, sondern sie müssen sich einem Hauptziel unterordnen, die Leistung dafür entscheidet über die Stellung wie die Bedeutung alles einzelnen Unternehmens. Auch wo wir in Staat und Gesellschaft zusammenarbeiten, da drängt es über die Vielheit einzelner Leistungen hinaus zur Herbeiführung eines Gesamtstandes, in dem sich der Mensch als Ganzes zufrieden und glücklich fühlt; Bestrebungen, denen die Idee und die Hoffnung eines solchen Gesamtstandes fehlt, können nie den ganzen Menschen gewinnen. Das zeigen die religiösen, politischen, sozialen Kämpfe der Gegenwart mit voller Deutlichkeit, sie zeigen die Gefahr aller Mittelparteien, die prinzipiellen Fragen zurückzustellen. – Beim Versuch einer genaueren Fassung des höchsten Gutes erscheint endlich wiederum ein Verlangen, das subjektive Befinden zu überschreiten und dem Leben mehr innere Weite zu geben. Denn das Glück als bloßes Behagen des Menschen, sei es auch das der Gesamtheit, wird uns selbst viel zu eng und klein; alle Höhen der geistigen Arbeit waren einig in dem Streben, den Menschen über das Sorgen um bloße Lust oder bloßen Nutzen hinauszuheben und seinem Leben ein Ziel zu stecken, an dem es sich selbst emporhebt und etwas Größeres aus sich macht. So zeigen alle drei Seiten der Tätigkeit ein Selbständigwerden inneren Lebens, die Ausbildung eines Ganzen, ein Streben nach Überschreitung der menschlichen Zuständigkeit; augenscheinlich ist das alles nicht eine bloße Fortführung der Natur, sondern ein Bruch mit ihr, ein Ergreifen eines neuen Ausgangspunktes, ja eine Umkehrung des Lebens. Was hier an Zielen und Wegen, an Kräften und Bewegungen ersichtlich wird, das ist mit seiner Wirkung von Ganzem zu Ganzem, seiner Innerlichkeit und seiner Selbsttätigkeit der Natur gegenüber völlig neuer Art, das muß von ihr aus als ein unverständliches Rätsel erscheinen. So ist in allem zusammen eine neue Lebensstufe nicht zu verkennen. Wie weit diese neue Stufe bei den einzelnen Menschen, Völkern und Zeiten, ja beim Ganzen der Menschheit zur Wirklichkeit wird, das ist eine Frage für sich, die recht viel Verwicklung bereiten mag. Aber alle solche Verwicklung kann die Tatsache des Erscheinens eines neuen Lebens nicht erschüttern. Auch daß dies neue Leben mit seiner Eigentümlichkeit den Anblick der Wirklichkeit minder einfach gestaltet, darf ihm nicht zum Schaden gereichen. Denn nicht möglichste Einfachheit für den Menschen, sondern die Wahrheit ist unser Ziel, und Wahrheit bleibt Wahrheit, auch wenn sie unbequem ist. Was würde man von einem Naturforscher denken, der eine Gruppe von Erscheinungen zur Seite schiebt und unbeachtet läßt, nur weil sie sich dem herkömmlichen Schema von Begriffen und Lehren nicht einfügt?   Wie ist aber dieses neue Leben als Ganzes zu verstehen? Beim Suchen danach wäre eine bestimmte Richtung am ehesten wohl dadurch zu finden, daß die Gesamtleistung des Seelenlebens auf der Naturstufe abgegrenzt und dann das Mehr der neuen Art dagegen erwogen würde. Jene Gesamtleistung ist leicht zu ersehen. So mannigfache Formen und so verschiedene Höhenlagen das Seelenleben auf der Naturstufe zeigen mag, immer bleibt seine Aufgabe darauf beschränkt, der Erhaltung des natürlichen Daseins in Individuum und Gattung zu dienen; alle Intelligenz, List und Kunstfertigkeit, so sehr sie oft unser Staunen hervorruft, überschreitet nicht die Grenzen solcher Selbsterhaltung; was einzelne Lebensregungen der tierischen Welt an Ansätzen zur Befreiung davon enthalten, das geht nicht in ein Ganzes zusammen, bildet nicht einen eignen Kreis und ergibt kein neues Leben. So ist hier die seelische Tätigkeit ein bloßes Stück eines natürlichen Lebensprozesses, als ein solches bleibt sie stets nach außen gekehrt, sie hat dafür etwas zu leisten, nicht aber bei sich selbst irgendwelches Werk zu verrichten. Das Geschehen erhebt sich hier nicht von einem Zwischengeschehen zu einem Innengeschehen. Dies aber ist es, was, freilich nicht im Durchschnitt des Menschenlebens, aber doch innerhalb des menschlichen Bereichs erfolgt. Hier kommt das Leben zu sich selbst, es erhebt sich wie aus einem Schlummerstande zu voller Wachheit, es empfindet zugleich jene völlige Bindung an ein Äußeres und Fremdes als unerträglich, es will auf sich selber stehen und bei sich selbst beschäftigt sein. Das aber wird es nicht können ohne beträchtliche Wandlungen und Weiterbildungen in seinem Gesamtanblick; mit jener Wendung zu sich selbst ist ein Weg betreten, der in neue Gegenden führt, und dessen Ziel einstweilen in weiter Ferne liegt. Das Streben nach solchem Ziel kann sich unmöglich mit der gewöhnlichen Art der geistigen Betätigung begnügen, es wird zwingend darüber hinausgetrieben. Denn jene belebt und erweist die seelische Kraft nur an einem Gegenstande, der ihr wie etwas Fremdes gegenüber liegt, das Subjekt hat mit einem Objekt zu tun, daß sich außer ihm befindet. So suchen wir die Natur um uns im Denken abzubilden, so verbessern wir die Verhältnisse um uns, so treten wir untereinander in mannigfachste Beziehungen des Verkehrs und des Wettbewerbs. Weiter und weiter entfalten sich auf diesem Wege die seelischen Kräfte. Aber solange der Gegenstand wie etwas Fremdes draußen liegt, ist das Leben gespalten, es kehrt nicht zu sich selbst zurück und verwandelt die unermeßliche Arbeit nicht in eignen Gewinn. Alle Aufregung und Anstrengung belebt nicht das Ganze der Seele, es entsteht kein Reich der Innerlichkeit und kein Wachstum dieses Reiches. Zugleich aber setzt solche Spaltung des Lebens aller Arbeit starre Schranken. Eine Forschung, deren Gegenstand für immer draußen liegen bleibt, ergibt nie ein wahrhaftiges Erkennen, eine innere Vertrautheit mit der Sache, ihre Leistung beschränkt sich darauf, viele unbekannte Größen auf eine einzige unbekannte zurückzuführen, was die Sache einfacher scheinen läßt, ihr Rätsel aber nicht löst. Solange wir ferner die anderen Menschen nur als draußen befindlich betrachten und behandeln, mag im Zusammenleben sich manches ändern und bessern: eine echte Gemeinschaft sowie eine innere Erhöhung des Menschen und der Menschheit ist auf diesem Wege nicht zu erreichen. So würde unser Leben in engen Grenzen erstarren, wenn die Spaltung von Kraft und Gegenstand nicht irgendwie zu überwinden wäre; wie anders aber könnte das geschehen als dadurch, daß der Gegenstand selbst in den Lebensprozeß hineingezogen wird und Kraft wie Gegenstand sich in einem umfassenden Ganzen begegnen? Daß etwas derartiges im Bereich des Menschen vorgeht, das ist nicht zu bezweifeln. Am deutlichsten ist es wohl in der Moral und in dem Verhältnis von Mensch zu Mensch. Die Pflichtidee kommt nur zustande durch ein Aufnehmen des Gesetzes in das eigene Wollen und Leben, denn ein von draußen auferlegtes Gebot könnte nur durch Vorhaltung von Lohn oder Strafe wirken, dies aber würde unvermeidlich den moralischen Charakter der Handlung zerstören. So muß die Forderung unserem eignen Wesen innewohnen. Ferner ist keine echte Liebe möglich, wenn nicht ihr Gegenstand, mag er ein Individuum, mag er ein größeres Ganzes sein, in den eignen Lebenskreis aufgenommen, in das eigne Wesen eingeschlossen wird. Erst wenn damit das scheinbar Fremde eine innere Gegenwart erhält, kann eine Befreiung vom kleinen Ich und ein Weitwerden des eignen Wesens erfolgen. Auch alles Recht, das mehr ist als eine äußere Formel, verlangt eine Versetzung in den anderen, ein Betrachten der Sache von seinem Standort aus. Mit besonderer Deutlichkeit zeigt die Kunst, daß es verschiedene Gestaltungen des Schaffens gibt, daß aber erst die Überwindung jenes Gegensatzes die höchste erreichen läßt. Denn diese ist nicht ein bloßes Wiedergeben eines draußen befindlichen Gegenstandes, noch auch ein bloßes Sichspiegeln einer zufälligen Subjektivität, sondern das Schaffen umspannt hier den Gegensatz von Subjekt und Objekt, der Gegenstand wird auf den Boden der Seele versetzt und begegnet sich hier mit der bildenden Kraft; indem sich beides zusammenfindet, sich gegenseitig durchdringt und erhöht, entsteht ein eigentümliches Reich, das unendlich viel Neues bringt und doch innerhalb des geistigen Lebens liegt. Auch ein wahrhaftiges Erkennen ist nicht einmal zu erstreben, solange der Gegenstand wie etwas Fremdes draußen beharrt, nicht als zu uns selbst gehörig gilt, so daß wir im Mühen um ihn unser innerstes Wesen suchen. So bildet die Gewalt, mit der das Erkenntnisstreben die Seele zu packen vermag, ein sicheres Zeugnis dafür, daß das Reich der Gegenstände uns irgendwie innerlich verbunden ist. Eine solche Aneignung des Gegenstandes erweist eine größere Weite des Lebens. Aber dieser Bildung zur Weite muß, wenn sie fruchtbar sein soll, die Bildung einer Tiefe zur Seite gehen. Kraft und Gegenstand können in erfolgreiche Wechselwirkung nicht treten, ohne daß ein Ganzes sie umspannt, und es darf dieses Ganze kein leerer Raum sein, in dem jene nur zusammentreffen, sondern es muß ein überlegenes Vermögen sein, das sie aneinanderbringt und zu einem einzigen Leben verschlingt. Ein solches Vermögen aber kann es nicht geben, ohne daß sich das Leben bei sich selber abstuft und damit eine Tiefe gewinnt; sein Bild gestaltet sich nunmehr dahin, daß ihm ein Ganzes aufstrebt, das in Entwicklung und Überwindung des Gegensatzes von Kraft und Gegenstand seine eigne Vollendung sucht; das Leben zeigt hier zwei Schichten: bei der einen ist es ein Ganzes, zunächst noch völlig unbestimmt und mehr ein Verlangen nach Leben als volles Leben selbst, bei der anderen ein Auseinandergehen in Kraft und Gegenstand, ein Nebeneinander, das zu enger Verbindung und gegenseitiger Durchdringung der Umspannung und Weiterbildung durch jenes umfassende Ganze bedarf. Das Leben erscheint damit als im Werden und Fluß begriffen, es hat sich selbst erst zu bilden; erst indem die verschiedenen Schichten und Seiten sich gegenseitig weitertreiben und miteinander steigern, erfolgt eine Selbsterhöhung des Ganzen, ein innerer Zusammenschluß, ein Festwerden des Lebens bei sich selbst, ein Aufsteigen zur Selbsttätigkeit und Ursprünglichkeit, ein allmähliches Fortschreiten vom Umriß zur vollen Gestalt. Solcher Fortschritt hängt vor allem daran, daß die umfassende Grundtätigkeit einen ausgesprochenen Charakter, eine unterscheidende Eigentümlichkeit erhält; je mehr das geschieht, desto mehr kann sie dem Leben einen festen Grund gewähren, in Auseinandersetzung mit den Widerständen Erfahrungen machen, die Bewegung in sichere Bahnen leiten. Durch alle Mannigfaltigkeit des Geschehens erfolgt so die Bildung eines beharrenden Grundes, die Bildung eines Wesens nicht jenseits, sondern innerhalb der Tätigkeit. Damit ist das Leben dahin gelangt, ganz auf sich selbst zu stehen. Bei solcher Wendung ist es nicht sowohl nach außen, als gegen sich selbst gekehrt und mit sich selbst befaßt, es erstrebt nicht eine Leistung nach außen hin, sondern ein volles Erringen seines eigenen Gehalts, es hat nicht bloß einzelne Aufgaben, es ist eine Aufgabe vor allem als Ganzes. So verstanden kann das Leben nicht eine bloße Eigenschaft der einzelnen Punkte bilden und nicht aus ihnen hervorgehn, sondern es erlangt ihnen gegenüber eine Selbständigkeit, es wird nicht sowohl von den einzelnen Stellen erzeugt als von ihnen aufgenommen. Insofern läßt sich von einem Lebensprozesse sprechen, wenn nur dem Begriff des Prozesses die Vorstellung eines mechanischen Verlaufens fernbleibt. Darauf ist jedenfalls zu bestehen, daß in uns etwas vorgeht, das den Zwecken und auch den Lagen des bloßen Punktes überlegen ist, das uns nicht durch diese Zwecke und Lagen vermittelt zu werden braucht, sondern das bei uns aus eigener Kraft unmittelbar in Wirkung zu treten vermag. Dies Überlegene muß freilich zu unserem eigenen Leben werden, und das kann es nur, wenn unser Wesen in seiner Tiefe mit ihm zusammenhängt, wenn wir ferner diese Tiefe ergreifen und in vollen Besitz verwandeln; damit verlegt sich aber der Schwerpunkt unseres Lebens, und es erfolgt eine völlige Wendung gegenüber dem Anfangsstande. Diese Wendung bringt ein wesentlich neues Leben, ein Leben, das allererst Selbstleben heißen kann, ein Leben, das nicht zwischen den einzelnen Punkten verläuft, sich nicht zwischen dem Gegensatze von Subjekt und Objekt, von Kraft und Gegenstand hin- und herbewegt, sondern das zur Selbstentfaltung eines Ganzen wird und damit allererst Inhalte und Werte erzeugen kann. Indem damit zuerst das Leben bei sich selbst eine Tiefe bildet und von einem beherrschenden Mittelpunkte aus zur Beseelung des ganzen Umfanges wirkt, können Größen wie Gesinnung, Überzeugung, Charakter, Persönlichkeit entstehen und einen Wert gewinnen. Hier entsteht eine geistige Innerlichkeit, die mit ihrer Umspannung des Gegensatzes von Subjekt und Objekt sich von der Innerlichkeit des bloßen Subjekts aufs deutlichste unterscheidet. Denn diese fällt aus dem Zusammenhang der Dinge heraus und verbleibt bei bloßer Zuständlichkeit, jene entwickelt einen Gehalt und bildet einen festen Lebensbestand. Beisichselbstsein des Lebens und subjektives Gefühl sind grundverschiedene Dinge. Erst als Entfaltungen dieses Beisichselbstseins, als seine Uroffenbarungen, erhalten die Begriffe des Wahren, Guten und Schönen einen festen Boden, einen deutlichen Sinn und zugleich einen Zusammenhang untereinander; sie stellen sich jetzt als Urphänomene dar, die sich wohl beschreiben, nicht aber ableiten lassen. Es zeigt sich in ihnen deutlich, daß in der Wendung des Lebens zu sich selbst sich eine ursprüngliche Tiefe reichsten Gehalts eröffnet. Alles miteinander erzeugt ein verschlungenes Gewebe, einen großen Zusammenhang, ja es vollzieht den Aufbau einer Welt. So erscheint hier das geistige Leben als ein Weltbilden der Innerlichkeit, als ein Weltbilden, dem keine Grenze von außen gesteckt ist, sondern das alles, was ihm begegnet, in sein Wirken hineinzieht, und das auch von innen her einer unendlichen Steigerung fähig scheint. Mit solcher Entfaltung eines Beisichselbstseins erlangt das seelische Leben in Wahrheit eine Selbständigkeit gegenüber der bloßen Natur, nun ist es nicht mehr ein bloßes Stück eines dunklen Getriebes, nun läßt sich eine Aufhellung unserer Lage suchen und nach einem Sinn und Wert des Lebens fragen. Mensch und All Zu solcher weiteren Aufhellung bedarf es vor allem einer Klärung dessen, wie jene Wendung des Lebens, jener Aufbau einer Welt im Menschen, sich zum Ganzen der Wirklichkeit verhält, und wie sie in ihm aufkommen konnte. – Nun kann jenes Beisichselbstsein des Lebens unmöglich ein Erzeugnis der untermenschlichen Natur sein. Erwies sich uns doch deutlich genug, daß jene Wendung nicht ein bloßes Mehr, sondern daß sie etwas völlig Neues, ja direkt Entgegengesetztes bringt, daß sie eine Umkehrung bedeutet, das aber bis in die Grundformen des Lebens, bis in sein innerstes Gewebe hinein; eine solche Umkehrung kann nun und nimmer das Erzeugnis einer allmählichen Steigerung sein. So müßte der Mensch mit den ihm eigentümlichen Zügen der Schöpfer des neuen Lebens sein, das heißt der Mensch, wie der Stand der Erfahrung ihn darstellt. Aber in diesem Stande ist das Eigentümliche viel zu eng mit der Natur verwachsen, als daß es sich von ihr ablösen, sich in ein Ganzes fassen und als solches neue Wege bahnen könnte. Dazu würde ein Wirken, das der bloße Mensch hervorbringt, immer auf den Menschen gerichtet bleiben und seinem Befinden zu dienen haben; das aber widerspricht direkt dem Charakter der geistigen Arbeit. Denn in aller Verzweigung enthält sie den Trieb, den Menschen über die bloßmenschliche Art und den bloßmenschlichen Kreis hinauszuheben, ihr wird die Richtung des Handelns auf das menschliche Wohl viel zu eng, sie zeigt den Menschen fähig, einen Kampf gegen seine Sonderart aufzunehmen, die ihm selbst zu klein, ja unerträglich wird. Alles Mühen der Forschung um Wahrheit war ein solcher Kampf zur Durchbrechung der bloßmenschlichen Enge, ein Verlangen nach einem Leben aus der Weite und Tiefe des Alls. Ein solches Verlangen ließ einen Plato die Ideenwelt als ein Reich bei sich selbst befindlicher Wahrheit allem Tun und Treiben der Menschen schroff entgegensetzen, einen Spinoza und einen Hegel in der eignen Bewegung des Denkens eine aller menschlichen Willkür entzogene Lebensentfaltung sehen, einen Kant im Reich der Moral ein aller Besonderheit des Menschen überlegenes Reich eröffnen. Auf der Stufe des Geisteslebens überschreitet das Handeln weit die Erhaltung und Pflege des bloßen Menschen, ja es tritt zu ihr unbedenklich in härtesten Widerspruch. Oder gibt es ohne das eine Moral, eine Pflichtidee? Und gibt es hier eine Größe der Leistung, die nicht eine Unterordnung, ja Aufopferung des kleinen Ich enthält? Überhaupt macht die Bildung geistigen Lebens so viel Mühe und Arbeit, sie verwickelt in so viel Gefahr und Zweifel, daß die Sorge um das bloßmenschliche Wohlsein sie weder aufbringen konnte noch sie gegen unablässige Hemmungen aufrechterhalten kann. Augenscheinlich regt sich und wirkt und schafft hier etwas im Menschen, das ihn über die nächste Art seines Lebens mit zwingender Gewalt hinaustreibt; seinem eignen dürftigen und schwankenden Wollen entstammt diese Notwendigkeit nicht. Auch das will beachtet sein, daß das Geistesleben als Werk des bloßen Menschen auch ein Werk des einzelnen Menschen wäre; als solches würde es sich unvermeidlich an den einzelnen Stellen verschieden gestalten; das würde eine Fülle einander durchkreuzender Bewegungen ergeben, nie aber eine Wahrheit, die den Einzelnen überlegen wäre und allgemeine Anerkennung fordern dürfte, nie eine innere Gemeinschaft der Arbeit und eine gemeinsame Welt. Das Verlangen nach einer solchen Welt entsteht aber nicht erst an später Stelle, es wirkt von vornherein in allem geistigen Schaffen, indem dies durchgängig die Zufälligkeit des Individuums überwinden und lediglich dem Zwange der Sache dienen will. Alles geistige Leben enthält, so sahen wir, ein Weiterschreiten des Lebens, ein Überwinden vorgefundener Widersprüche, ein Umbilden und Erhöhen. Ist nun dieses Mehr ein bloßes Werk des Menschen, so ist es für die Dinge eine verfälschende Zutat, so schwebt das Unternehmen in leerer Luft, so sind die vermeintlichen Erfolge bloße Einbildungen. Aber könnten solche Einbildungen so viel Kräfte erzeugen, so sehr das Grundgefüge des Lebens verändern, wie wir das schon gewahrten, und wie uns das Liebe und Recht, Forschung und Kunst deutlich vor Augen stellen? Als Kern der Sache stellt sich demnach dieses heraus: im Bereich des Menschen entsteht eine Bewegung, die den Menschen bis zum Grunde umwandeln will, die ihn mit seiner ganzen bisherigen Art in harte Konflikte bringt, die namentlich darauf ausgeht, das Leben von der Besonderheit des einzelnen Punktes abzulösen und es bei sich selbst zu einer Welt zu gestalten, die alles, was irgend da ist, umfaßt und von sich aus gestaltet. Bildet es nun nicht einen schroffen, einen unerträglichen Widerspruch, wenn, was als eine selbständige Wirklichkeit auftritt, was eine Macht gegen den Menschen üben und ihn bis zum Grunde umbilden will, ein Erzeugnis dieses bloßen Menschen sein soll? So treibt es uns notgedrungen zu einem bedeutsamen Schritte vorwärts: die dargelegte Verwicklung läßt sich nur dadurch lösen, daß in jenem neuen Leben das Aufsteigen einer dem Menschen überlegenen Wirklichkeit anerkannt wird, einer Wirklichkeit, woran er Teil gewinnt, die er aber nicht von sich aus hervorbringt; die Wandlung bedeutet dann dieses, daß er in einen schaffenden Lebensprozeß versetzt wird und sich damit zu eigen machen kann, was dieser Lebensprozeß enthält. Im Geistesleben ist somit ein Weltprozeß anzuerkennen, worin das All sich als ein lebendiges Ganzes erweist und in Herausarbeitung einer Tiefe eine Umwandlung des vorgefundenen Standes vollzieht. Im Bereich des Menschen erscheint diese Tiefe als etwas, das erst allmählich aufsteigt, aber aufsteigen kann ein durch und durch Neues nicht, ohne irgendwie einen eigenen Grund zu haben; eine Bewegung zu einem Ganzen und einem Beisichselbstsein des Lebens könnte bei uns, diesen begrenzten und zerstreuten Einzelwesen, nicht entstehen, wenn nicht die Wirklichkeit ein Ganzes bildete und ein Leben aus dem Ganzen führte; es muß ein dem Menschen überlegenes Geistesleben bestehen, dies aber sich ihm eröffnen, ja zu seinem eignen Wesen werden können. Darin nämlich erkennen wir jetzt das Große, was den Charakter unseres Lebens bestimmt, daß ein Alleben dem Menschen zur vollen Gegenwart, zu eignem und ursprünglichem Leben werden, daß sich der Schwerpunkt seines Seins dahin verlegen kann. Nunmehr erscheint als das Grundverhältnis des menschlichen Lebens das zu dem in ihm gegenwärtigen Beisichselbstsein der Wirklichkeit, dem Innenleben des Alls, nicht als zu etwas Fremdem, sondern als zu seinem eigenen Wesen; erst dieses Verhältnis läßt überhaupt geistiges Leben entstehen. Denn es ist ein stetes Beziehen auf ein sich im Menschen eröffnendes Geschehen und ein Verkehren mit ihm; der Mensch kann sich in jenes versetzen, sein Selbst in es verlegen und mit solcher Aneignung die Mannigfaltigkeit, in der jenes Geschehen ihm zuerst entgegentritt, in ein Ganzes zusammenfassen und als ein Ganzes erleben. Indem er aber das Ganze jenes Lebens als sein eignes erfaßt, kann er seine Entwicklungen und Erfahrungen teilen, kann er, was es in Überwindung der Widerstände und in fortschreitender Selbstvertiefung erschließt, an sich ziehen, gewinnt er ein unendliches Leben, das doch, als auf ein Beisichselbstsein gerichtet und von einem Beisichselbstsein getragen, nun und nimmer ins Unbestimmte verlaufen kann, das in allem Schaffen sich selber festhält und zu sich selbst zurückkehrt. Dies Verhältnis des Menschen zu einem wesenhaften Leben, das in ihm durchbricht, geht allen Verhältnissen voran, auf denen die früher betrachteten Lebensordnungen ruhten. Denn in jenem allein wird volle Unmittelbarkeit, volle innere Gegenwart, Verwandlung in ein eignes Erlebnis erreicht; niemand kann es leugnen, ohne sich selbst als geistiges Wesen zu zerstören; es ist das Allergewisseste und Ursprünglichste, das unser Leben kennt. So müssen alle anderen Verhältnisse sich von hier aus begründen und hierher Rechenschaft geben, hier entstehen die Grunderfahrungen, die alles Leben zu tragen haben. Nur in den Erfahrungen des Geisteslebens kann sich uns eine aller Verwicklung der Weltlage überlegene Gottheit erweisen; nur in ihnen sich eine Weltvernunft offenbaren, welche sichtbare und unsichtbare Welt zusammenhält und zu harmonischer Einheit verbindet; nur von hier aus läßt sich unser Verhältnis zur Natur in ein Ganzes fassen und auf seine Bedeutung prüfen; von hier aus allein kann sich eine innere Gemeinschaft der Menschen bilden, und nur die Begründung in einem unendlichen Leben kann dem Individuum einen Halt und eine Bedeutung verleihen. Wie alle diese Bewegungen aus einem gemeinsamen Grunde stammen, so müssen sie auch in ihrer Entwicklung mit ihm in Zusammenhang bleiben und in das umfassende Ganze ihre Ergebnisse einmünden lassen. So eröffnet jenes unmittelbare Verhältnis des Menschen zum Geistesleben als zu seinem wahren Selbst die Möglichkeit, daß ein umfassendes Leben jener Verzweigung überlegen bleibe, das Recht und die Leistung jeder besonderen Entfaltung prüfe und alle ihre Erfahrungen einen Schritt weiter zurückverlege, sie noch mehr ins Eigne und Ursprüngliche wende. Von hier aus und nur von hier aus läßt sich auch der Zersplitterung unserer eignen Zeit entgegenarbeiten; es kann dies nur vom Standort des Geisteslebens, nicht des bloßen Menschen geschehen. Das Leben des Menschen gestaltet sich damit zu einer großen Aufgabe und Forderung. Der Mensch stellt im nächsten Anblick der Welt sich als ein besonderes Wesen dar, das seinen eignen Kreis besitzt und nur soviel erlebt als diesem zugeht. Nun aber eröffnet sich ihm in der Ablösung des Lebens vom bloßen Punkt und in der Wendung zu einem Beisichselbstsein die Möglichkeit, das Allgeschehen als eignes zu ergreifen und sich damit aller Besonderheit der einzelnen Stelle zu entwinden. Das besagt nicht eine bloße Verschiebung vom Einzelpunkt ins Allgemeine, sondern in der Eröffnung eines Lebens vom Ganzen her, in dem Suchen eines Selbst in aller Mannigfaltigkeit ergibt sich allererst die Aussicht auf einen Gehalt des Lebens, auf die Aneignung einer Seele der Wirklichkeit. Hat die Welt keine Tiefe, so ist alles Mühen umsonst, unserem Sein eine Tiefe zu geben. Daß so der Mensch zugleich innerhalb und über der Breite der Erfahrung steht, das bringt in sein Leben eine gewaltige Spannung und Bewegung, das gestaltet selbst den Begriff des Menschen zwiefach: als ein Wesen neben anderen innerhalb des Daseins kann er keinen Vorzug in Anspruch nehmen, und wird alles Überschreiten seines besonderen Kreises zu einem ungebührlichen Anthropomorphismus; in Erhebung über das Dasein, bei Versetzung in den schaffenden Lebensprozeß, in das Beisichselbstsein des Lebens, darf er groß von sich denken, und kann er nach Wahrheit in allumfassendem Sinne streben, freilich nicht aus der Kraft seiner besonderen Art, sondern aus der Kraft des Ganzen, die ihn zu tragen hat. So ist der Mensch ein Wesen, das über sich selbst hinauswächst, etwas, über das wir einerseits hinaus- und zu dem wir andererseits hinaufstreben müssen. Demnach steht Bloßmenschliches und Großmenschliches nebeneinander; daß beides sich oft miteinander vermengte und die Schätzung des einen dabei auf das andere überfloß, das hat unsägliche Verwicklung erzeugt. Nach solcher Scheidung verstehen wir, wie etwas, was über uns liegt, zugleich als Kraft unseres eignen Lebens wirken kann. Ein Zusammentreffen eines »über uns« und eines »in uns« erscheint im Gedanken der Pflicht, erscheint in den Normen, die alle geistige Arbeit beherrschen. Sie sprechen gebietend zu uns, sie können aber zugleich uns das Allernächste und Vertrauteste werden, etwas, in dessen Aufrechterhaltung wir uns selbst bejahen, unser eignes Wesen erhalten. Auch das wird uns klar, wie Güter über uns Macht gewinnen können, die jenseits alles Wohlseins des bloßen Menschen liegen, wie das Gute das Angenehme und Nützliche zu überwinden vermag. Wenn jene Aufdeckung des Geisteslebens als des wahren Selbst des Menschen ihm eine unvergleichliche Größe gewährt, so ist diese Größe an erster Stelle ein Werk des Ganzen, sie kann daher den Menschen nicht zu stolzer Selbstbewußtheit verleiten. Wir sind nicht aus unserer besonderen Natur geistige Lebenspunkte, Stätten geistigen Lebens, die nachträglich zum All in Beziehung treten, sondern wir werden solche Punkte erst aus dem Leben des Alls, nur in ihm, nicht ihm gegenüber, gewinnen wir ein geistiges Selbst. Das ist das große Wunder und die Erweisung einer neuen Ordnung, daß überhaupt selbständige Lebenspunkte entstehen, daß das Alleben an dieser Stelle nicht nur gewisse Wirkungen übt, sondern daß es eine selbsttätige Kraft, ein ursprüngliches Leben erzeugt. Darin vertritt die Mystik einen notwendigen Grundgedanken, daß das unendliche Leben unmittelbar der einzelnen Stelle gegenwärtig sein muß, und daß der Mensch nicht nur dieses oder jenes leisten, sondern eine Befreiung von seiner anfänglichen Art zu vollziehen und ein neues Leben und Wesen aus der Unendlichkeit zu gewinnen hat. Ohne eine solche Umwälzung bleibt uns das geistige Leben ein nebensächlicher Anhang, wird es nie zum Kern unseres Wesens, und erlangt es nie eine volle Ursprünglichkeit. In verwandtem Gedankengange verlangten die großen Erlösungsreligionen eine »Wiedergeburt« des Menschen, aber auch über die Religion hinaus galt auf aller Höhe geistigen Schaffens das Werk nicht als eine Leistung des bloßen Individuums, sondern als Mitteilung und Offenbarung einer höheren Macht, die sich im Menschen erweist und ihn über sich selbst hinaushebt, und die ihn doch keineswegs zu einem bloßen Werkzeug erniedrigt, sondern ihn erst recht zur Selbsttätigkeit erweckt. Auch das gehört hierher, daß gewöhnlich die schaffenden Geister, die geistigen Helden der Weltgeschichte, obschon Menschen von höchster Aktivität, zugleich entschiedene Deterministen waren; ihr eignes Vermögen trat ihnen völlig zurück hinter dem Bewußtsein eines Getragen- und Getriebenwerdens durch eine überlegene Macht. Aber wenn diese Seite der eigenen Betätigung sich dem Bewußtsein der Handelnden leicht verbirgt und ausgeprägt religiöse Naturen wohl etwas Großes darin fanden, sie vollständig auszulöschen, wenn die Mystik oft in Gefahr geriet, den Menschen ganz und gar in das All verschwimmen zu lassen, in Wahrheit bedarf es auch seiner Entscheidung und Betätigung. Denn so gewiß ein Lebensvermögen an dieser besonderen Stelle durch überlegene Macht gesetzt sein muß, dies Vermögen wird zur Lebensenergie, wird zur vollen Wirklichkeit nur durch unser Anerkennen und Aneignen, nur durch die Zuwendung unserer Gesinnung und Überzeugung. Der Mensch ist kein bloßer Schauplatz, an dem sich etwas ereignet; das Geschehen muß, um wahrhaft geistiger Art zu sein, nicht nur an ihm, sondern in ihm und aus ihm geschehen. Gewiß ist eine Zuwendung immer auch ein Gehobenwerden, aber die Gnade findet dann ihre höchste Bekundung im Schaffen der Freiheit, das Vermögen des Menschen ist kein Abzug vom Göttlichen, sondern es bestärkt und bestätigt dieses. So verringert das Bewußtsein, im Ganzen gegründet und vom Ganzen getragen zu sein, ja durchaus am Ganzen zu hangen, die Kraft des Lebens in keiner Weise; es wird das um so weniger tun, als das Alleben nicht ein starres Sein, sondern ein unendliches Leben bildet, ein unendliches Leben, das an der einzelnen Stelle zu voller Wirkung erst mit jener Aneignung gelangt. Wie aber die Selbsttätigkeit, so braucht auch die Eigentümlichkeit der Lebenspunkte und der Reichtum der Lebensbeziehungen in das Alleben nicht zu verschwinden. Das Alleben löscht nicht alle Vielheit aus wie der Glanz der Sonne das Licht der Gestirne, sondern es vermag sie in sich aufzunehmen, sie zu läutern und zu veredeln, es führt sie damit erst ihrer eignen Höhe zu. Das Alleben erhebt die kräftigste Ausbildung der Individuen zur Forderung, indem es sie zu einem Gewinn des Ganzen macht: nur muß sie innerhalb seiner, nicht in Absonderung und Entgegensetzung erfolgen. Auch die volle Entfaltung der persönlichen Beziehungen innerhalb des menschlichen Kreises kann hier nicht als ein Raub am Ganzen gelten, da sie ja zu seiner Bereicherung wirken mag. So war es eine Verirrung der religiösen Stimmung, wenn sie ein Gleichgültigwerden gegen den Menschen als Beweis einer vollen Liebe zu Gott verlangte. Nur darauf ist zu bestehen, daß alle Beziehungen von Mensch zu Mensch, alle Liebe von Mensch zu Mensch, auf das Verhältnis zum Alleben, auf die Liebe zu Gott gegründet werden; das erst hebt sie ins Geistige, das erst überwindet den bloßen Naturtrieb und verleiht der Gesinnung Gehalt und Kraft. So zeigt die geschichtliche Erfahrung den weitesten Abstand zwischen Gefühlen von Liebe und Mitleid, wie die Oberfläche des Lebens sie in der Begegnung der Individuen hervorbringt, und Gefühlen gleichen Namens, welche aus einem gemeinsamen Grundverhältnis zum Ganzen der Wirklichkeit entspringen und die damit erfolgende Vertiefung des Lebens teilen. Dort ein Auf- und Abwogen subjektiver Stimmung, das den Einzelnen stark erregen mag, das aber für den Gesamtstand des Lebens ohne alle Bedeutung ist; hier eine durchgreifende Umwandlung dieses Standes, die Schöpfung eigentümlicher Lebenskreise in den großen Religionen, eine Bildung der Menschheit zu innerer Gemeinschaft, ein Erleben der besonderen Geschicke durch das gemeinsame Los hindurch. Einen so großen Unterschied macht es, ob das Leben an der Zerstreuung der Oberfläche haftet, oder ob es am Leben des Alls und zugleich an einer schöpferischen Tiefe Anteil gewinnt. Aufgabe und Größe des neuen Lebens So trägt das menschliche Leben in sich ein einziges Hauptproblem, es fordert eine große Entscheidung, es verwandelt sich in eine fortlaufende Tat. Diese Tat bedeutet aber nicht, daß wir nur mit unserer Gesinnung von der einen Seite auf die andere zu treten brauchten, um hier einen festen Abschluß und eine sichere Ruhe zu finden. Denn wohl gibt es kein Beisichselbstsein des Lebens ohne eine Überlegenheit gegen die bloße Bewegung, ohne ein Ruhen in sich selbst, aber bei uns Menschen erlangt das Leben einen vollen Inhalt erst im Kampf mit den Widerständen, nur durch den eignen Aufbau, die eigne Durchbildung. Diesem Aufbau aber ist wesentlich, daß das Leben im Gestalten der Mannigfaltigkeit, im Entwerfen großer Gebilde zugleich eine fortschreitende Selbstvertiefung vollzieht, es wirkt nicht von einer fertiggegebenen Grundlage aus, sondern es hat die Grundlage selbst immerfort zu vertiefen, es darf nichts hinter seiner Betätigung liegen lassen, es muß sie immer weiter zurückverlegen. Je mehr das Leben des Menschen in solcher Bewegung ein Beisichselbstsein wird, desto mehr ist, was in ihm vorgeht, eine unmittelbare Erschließung des Alls, desto sicherer darf es seiner Wahrheit sein. Denn Wahrheit bedeutet hier nicht eine Übereinstimmung mit einer draußen befindlichen Wirklichkeit, sondern ein Teilhaben an einem allumfassenden, ursprünglichen, durch alle Mannigfaltigkeit hindurch auf sich selbst gerichteten Lebensprozeß, an einem Lebensprozeß, dessen Entfaltung allererst echte Wirklichkeit erzeugt; soweit der Mensch an solchem ursprünglichen und wesenbildenden Leben Anteil gewinnt, soweit sich ihm das Leben in schaffende Selbsttätigkeit verwandelt, besitzt er Wahrheit und nichts weiter. Von solcher Überzeugung aus läßt sich an einer Überwindung des Gegensatzes arbeiten, der die Gegenwart mit besonderer Schwere bedrückt. Mensch und Welt fallen uns, so sehr sie sich äußerlich berühren, innerlich auseinander, wir können weder auf das eine noch auf das andere verzichten und können doch nicht beides zusammenbringen, wir schwanken, was wir zum Ausgangspunkt wählen sollen, und ob wir dem Leben die Richtung von der Welt zum Menschen oder vom Menschen zur Welt zu geben haben. Beide Möglichkeiten haben eine Verkörperung in weltgeschichtlichen Bewegungen gefunden, und die Verschiedenheit dieser Verkörperungen zeigt, daß die hier getroffene Entscheidung den Charakter des Lebens bestimmt. Ältere und neuere Art bilden hier einen vollen Gegensatz. Jene knüpfte den Menschen ganz und gar an die Welt und ließ ihn aus ihr sein Leben schöpfen. Das war nur möglich bei Annahme eines unmittelbaren Zusammenhanges der Umgebung mit dem Menschen, nur möglich bei der Überzeugung, daß der eigne Befund der Dinge der Seele zugehe, ohne sich zu verändern; der Mensch galt hier als ein lauterer Spiegel des Alls. Diesen unmittelbaren Zusammenhang hat die Neuzeit durch das Bewußtwerden einer Selbständigkeit der Innenwelt und durch ein Vorantreten des denkenden Ich zerstört, sie steht nun unter dem Eindruck des Gegensatzes und legt dem Menschen auf, aus eigner Kraft die verlorene Verbindung mit der Umgebung wiederherzustellen. Zugleich ward ihr auch die Beschaffenheit des älteren Lebens unzulänglich. Sinnliches und Geistiges waren dabei nicht genügend auseinandergetreten, keins von beiden konnte daher seine Eigentümlichkeit rein entfalten, auch legte der Mensch zu sehr seine besondere Art in das Bild der Wirklichkeit hinein und blieb auch im Handeln zu sehr auf sich selbst gerichtet. Demgegenüber stellte die Neuzeit sich auf das Subjekt und suchte von ihm aus zur Welt vorzudringen, ja aus seiner Kraft eine Welt zu entwickeln. Darin aber liegt eine Überspannung des menschlichen Vermögens, und die Wahrheit eines vom Menschen erzeugten Weltbildes begegnet wachsendem Zweifel. Auch faßte das hier entwickelte Leben nicht den vollen Gehalt der Wirklichkeit. Das Verlangen, vom Menschen her zur Welt zu gelangen, war nur in der Weise durchführbar, daß irgendwelches besondere Vermögen als dem bloßen Menschen überlegen verstanden und zur Entwicklung einer Welt verwendet wurde. Das ist namentlich mit dem erkennenden Denken geschehen, denn dies schien am wenigsten gebunden an menschliche Sonderart. Aber dadurch ist der Neuzeit die Wirklichkeit viel zu sehr ins Intellektuelle, Abstrakte und Formale geraten, Ideen galten ohne weiteres als lebendige Energien, Prinzipien als volltätige Mächte; indem der Intellekt als freischwebendes Weltvermögen und als das Maß aller Dinge behandelt wurde, ging viel an Lebensfrische verloren, und es drohte die Wirklichkeit uns schattenhaft zu werden. Daß der moderne Mensch das als einen schweren Schaden empfindet und sich gegen einen solchen Abschluß sträubt, das zeigt der harte Kampf, der heute von den verschiedensten Seiten gegen das Überwiegen des Intellektes geführt wird. Wir wollen hinaus über bloße Gedankenbilder, wir suchen den Weg zu einer gehalt- und kraftvollen Wirklichkeit. Um sich solchen Verwicklungen und Widersprüchen zu entwinden, hat das Leben nur den angegebenen Weg: der Mensch muß über alle einzelnen Seiten und Seelenvermögen hinaus zu einer Einheit und einer Tiefe dringen, wo das Leben sich vom bloßen Punkte ablöst und volles Beisichselbstsein wird; dann steht es der großen Welt nicht mehr gegenüber, dann kann es ihr Leben teilen. Soweit dies gelingt, bedarf das Leben keiner Bestätigung von draußen her, es trägt seine Wahrheit in seiner eignen Entfaltung. Wir sahen, wie dieses Leben in Erhebung über den Gegensatz von Mensch und Welt, von Kraft und Gegenstand eine geistige Innerlichkeit jenseits der subjektiven entwickelt; was diese Innerlichkeit an geistigen Inhalten und Werten erschließt, das liegt in sicherer Höhe über der Enge aller menschlichen Sonderart. Ein derartiges Leben ist für uns ein hohes Ideal, kein bequemer Ausgangspunkt, nun und nimmer kann das Individuum es sofort und ohne Mühe erreichen, nur die weltgeschichtliche Arbeit des Menschengeschlechts kann Schritt für Schritt zu ihm führen. Zum Kennzeichnen der Wahrheit wird nunmehr einerseits die Erhebung über die Vorstellungsweise und die Zwecke des bloßen Menschen, andererseits die Herausbildung neuer Inhalte als einer Selbstentfaltung geistigen Lebens. Daß eine Bewegung nach dieser Richtung im Gange ist, und daß ein erfolgreiches Streben nach Wahrheit in jenem Sinne durch die Menschheit geht, das zeigt unverkennbar das gemeinsame Leben in seiner weltgeschichtlichen Arbeit. Durchgängig hebt sich dabei von einer niederen Art eine höhere ab, nimmt ihren Standort im Geistesleben, erschließt eigentümliche Wirkungen seiner und macht aus dem Menschen, den sie ergreift, etwas wesentlich anderes und höheres. Nirgends dürfte die Weiterbildung durch die Wendung zu selbständiger Geistigkeit greifbarer sein als im Gebiete der Religion. Denn aufs deutlichste scheidet sich hier eine Religion des bloßen Menschen und eine Religion des Geisteslebens, eine Religion, die dem Menschen, so wie er ist, Glück und Fortbestand bringen soll, und eine Religion, in der sich das Geistesleben mit eigentümlichen Zügen offenbart, neue Gehalte und Güter bildet und zugleich den Menschen über die bloßmenschliche Art erhebt, ihm ein neues Wesen zuführt. Was aus jener bloßmenschlichen Fassung entstand, welche die Breite des Daseins beherrscht, das verbleibt innerhalb des menschlichen Vorstellungs- und Interessenkreises, das bringt nichts wesentlich Neues, das hat nicht das mindeste Recht, gegenüber jenem Kreise zu gelten. Wenn aber die Religion nicht sowohl innerhalb einer gegebenen Welt die Stellung des Menschen verschob als ihm eine neue Welt erschloß, ihn durch die Vergegenwärtigung eines göttlichen Lebens als der Tiefe seines eignen Wesens gewaltig aufrüttelte und die Ursprünglichkeit, Unendlichkeit, Ewigkeit jenes Lebens seine Seele erfüllen und sein Streben bewegen ließ, so kann solche Lebenserhöhung unmöglich ein künstliches Machwerk bedeuten, so liegt darin eine Selbsterschließung des Geisteslebens, deren Aneignung den Menschen in den Kern der Wirklichkeit stellt. Ähnlich steht es mit den anderen Gebieten geistiger Arbeit: vom bloßen Menschen aus könnten sie nie selbständige Gebiete mit eigentümlichen Inhalten und Antrieben werden; werden sie das, so erweisen sie ein Wirken selbständigen Geisteslebens. Wo immer zum Beispiel das Recht als ein bloßes Mittel für das menschliche Wohlsein behandelt wird, wie der soziale Utilitarismus es tut, da verliert es alle eigentümliche Art, da erzeugt es keinen neuen Lebensgehalt, da kann es der Selbstsucht des Menschen keinen Zwang der Sache entgegensetzen, da bedeutet es nicht mehr ein selbständiges Lebensgebiet. Was aber von den einzelnen Gebieten, das gilt auch vom Ganzen der gemeinsamen Lebensarbeit, wie die Kultur sie darstellt. Menschenkultur und Geisteskultur stehen hier deutlich gegen einander, jene nur um das menschliche Befinden bemüht, das doch dem Menschen selbst unmöglich genügen kann, diese die Eröffnung eines selbständigen Geisteslebens und damit eine wesentliche Erhöhung des Menschen. So gewiß eine solche Geisteskultur bei uns zur Wirklichkeit wird, so gewiß steht unser Leben nicht neben dem All, sondern in dem All. Von solcher Lebensgestaltung aus läßt sich die Erfüllung von Forderungen unternehmen, welche die Menschheit nicht aufgeben kann, die aber im nächsten Anblick der Dinge nicht nur größte Schwierigkeit machen, sondern die auch leicht miteinander zusammenstoßen: das sind die Forderungen der Festigkeit und der Freiheit des Lebens. Je mehr eine wachsende Verinnerlichung unsern unmittelbaren Zusammenhang mit der sinnlichen Umgebung zerstört hat, desto weniger können wir eine Festigkeit durch Ergreifung eines außer uns befindlichen Daseins erlangen, desto zwingender treibt es uns, den Halt in uns selber zu suchen. Man suchte ihn hier zunächst durch die Festlegung eines einzelnen Punktes zu gewinnen, glaubte ihn namentlich im Anschluß an Descartes im denkenden Ich zu finden, das »Ich denke, darum bin ich« (cogito ergo sum) wurde zur Grundlage aller Gewißheit. Aber je mehr diese zunächst frappierende Lösung ihre eigentümlichen Folgen zeigte, und je mehr man ihr gegenüber zu kritischer Erwägung gelangte, desto mehr Verwicklungen erschienen in ihr. Kann ein der Welt entgegengesetztes Ich zur Welt je zurückgelangen? Und wenn dies auf künstlichen Umwegen geschehen sollte, würde das bloße Subjekt sich hier nicht stark überheben, würde es nicht leicht von sich aus alle Dinge messen und bilden? Auch beherrscht hier das Denken zu ausschließlich die ganze Wirklichkeit und gestaltet damit das Leben viel zu sehr verstandesmäßig. Besitzt überhaupt ein einzelner Punkt eine völlige Sicherheit, ja überschätzt sich nicht der Mensch, wenn er bei sich selbst einen archimedischen Punkt sucht? Solchen Verwicklungen läßt sich erfolgreich nur entgegenwirken, wenn die Festigkeit nicht in einem einzelnen Punkt, sondern im Ganzen des Lebens gesucht wird; dieses kann sie aber nicht mit einem Schlage gewinnen, sondern nur durch ein fortschreitendes Sichzusammenschließen, durch ein Wachstum in der gegenseitigen Verschränkung und Durchbildung der Mannigfaltigkeit, das aber innerhalb eines umfassenden Selbst, das durch alles hindurch sich entfaltet und damit den ganzen Umkreis beseelt. Je mehr das Leben das Gewebe einer Wirklichkeit aus sich entwickelt, zugleich aber ein volles Beisichselbstsein gewinnt, desto stärker wird die Befestigung; das Einzelne wird um so sicherer werden, je enger es sich dem Ganzen verkettet, und je mehr das Leben des Ganzen in ihm gegenwärtig ist. So ist in der Forderung der Festigkeit eine unermeßliche Aufgabe anzuerkennen; wenn ihre Lösung nur allmählich fortschreiten kann und die volle Sicherheit als ein hohes und fernes Ziel gelten muß, so bleibt die Bewegung nach jenem Ziele mit ihrer Überlegenheit gegen alle menschliche Willkür eine Tatsache unstreitbarer Art; wir könnten jenes Ziel nicht suchen, nicht unsere Seele daran setzen, wirkte es nicht von vornherein als treibende Kraft in uns, wäre es nicht irgendwie in uns selbst gegründet. Was hier vom Ganzen des Lebens gilt, das gilt auch von seinen einzelnen Trägern: auch die Kulturepochen, die Völker, die Individuen erlangen eine Festigkeit der Überzeugung und eine Sicherheit ihres Weges nicht durch angestrengtes Grübeln, hinter das immer wieder ein neues Grübeln treten kann, sondern nur durch einen inneren Zusammenschluß ihres Lebens und seine Lagerung um einen beherrschenden Mittelpunkt; nur das verscheucht den Zweifel und gibt dem Handeln eine freudige Zuversicht, nur von hier aus wird uns das Leben aus halber zu voller Wirklichkeit. Festigkeit und Freiheit pflegen als Gegner zu gelten, sie sind es in Wahrheit, wenn Festigkeit von der Verknüpfung mit einem starren Sein erwartet wird, sie hören auf es zu sein, wenn jene als Selbstbefestigung verstanden und damit nicht außerhalb, sondern innerhalb des Lebens und Handelns gesucht wird. Was aber die Freiheit des Handelns anbelangt, so hat ihre Anerkennung den überwiegenden Zug des modernen Lebens vornehmlich deshalb gegen sich, weil die wissenschaftliche Arbeit ein Weltbild, ein Wirklichkeitsschema entworfen hat, worin die Freiheit nicht paßt, und weil die mechanisch-kausale Fassung der Natur auch auf das Innere der Seele übertragen wird. Dann wird es in Wahrheit zur Torheit, irgendwelche Freiheit zu wollen. Die Zusammenhänge unserer Betrachtung stellen die Sache wesentlich anders dar. Erkennen wir im Selbständigwerden des Geisteslebens, und ohne das wird alles Geistesleben ein flüchtiger Schatten und Traum, eine Ursprünglichkeit des Geschehens, eine Wendung zu voller Selbsttätigkeit, so ist damit auch ein Stand der Freiheit gegenüber aller Verkettung gewonnen. Und zwar ist solche Ursprünglichkeit nicht ein bloßer Anfangszustand, sondern sie hat alle geistige Tätigkeit dauernd zu begleiten und das Leben in eine ständige Tat zu verwandeln. Denn im Reich des Geisteslebens wirkt nicht wie in dem der Natur, was einmal da ist, sicher fort, sondern es sinkt, sobald die Seele sich von ihm zurückzieht, es nicht unablässig erneuert; auch bei äußerem Fortbestehen wird es dann zur mechanischen Gewöhnung und fällt damit aus der Sphäre des Geistes heraus. So zeigt die Geschichte von Religion und Moral es tausendfach in alter und neuer Erfahrung. Der letzte Grund einer Leugnung der Freiheit liegt in einer Verkennung der eigentümlichen Art des geistigen Lebens. Namentlich ist da, wo es als ein bloßer Prozeß, als ein Ablaufen eines, sei es mechanischen, sei es intellektuellen, Triebwerks verstanden wird, keinerlei Platz für Freiheit. Es genügt aber nicht, daß ein Stand der Freiheit irgend vorhanden sei, es muß auch der Mensch an ihm teilhaben, sich in ihn versetzen können; eine solche Versetzung aber wird begreiflich, wenn der Mensch erst in jenem Stande ein Beisichselbstsein des Lebens findet, wenn er in der Wendung dahin sein eignes Wesen ergreift. In Wahrheit wächst unser Geistesleben nicht in allmählicher Entwicklung aus einer niederen Stufe hervor, sondern es enthält stets ein Abbrechen und Neubegründen, eine Diskontinuität. Unser Streben baut sich nicht wie eine Pyramide auf einer gegebenen Grundlage und in gewiesener Richtung auf, sondern die Grundlage selbst ist erst zu gewinnen, und die Zweifel des Lebens greifen immer wieder bis dahin zurück und zwingen uns, die Hauptwendung immer neu zu vollziehen. Die Betätigung und der Kampf des Lebens beschränken sich nicht auf einzelne Leistungen, sie gehen auf das Ganze des Seins. In dieser Weise haben wir die Bewegung der Menschheit wie auch des Einzelnen zu verstehen. Die Geschichte ist nicht eine bloße Evolution in dem Sinne, daß das Spätere in sicherer Folge und mit zwingender Notwendigkeit aus dem Früheren hervorgeht, sondern was die Vergangenheit errang und was sie der Gegenwart zufuhrt, das ist, geistig angesehen, für diese eine bloße Möglichkeit, eine Aufforderung, zu deren Aneignung es eigner Entscheidung bedarf. Ohne das gäbe es keine wahrhaftige Gegenwart, keine Ursprünglichkeit, kein eignes Leben. Ähnlich ist auch das Leben des Individuums kein träges Nacheinander gleichartiger Tage, oder es braucht das wenigstens nicht zu sein; wo es einen geistigen Gehalt gewinnt und einen geistigen Charakter erstrebt, da hat es immer wieder eine Losreißung und eine Wendung zu vollziehen, da hat es die eigne Höhe immer neu zu erklimmen, da ist um den Sinn auch der Vergangenheit immer von neuem zu kämpfen. Was immer in dieser Richtung das Leben der Menschheit wie des Einzelnen an Erfahrungen zeigt, das kann sich zusammenfassen und an Kraft wie an Klarheit gewinnen, wenn eine Selbständigkeit des Geisteslebens anerkannt wird.   Alles zusammen läßt ersehen, daß unser Daseinsbereich eine neue Möglichkeit enthält, und zwar die Möglichkeit eines wesentlich neuen Lebens, eines Lebens, das sich nur durch einen Bruch mit dem vorhandenen Stande und durch eine Umkehrung erreichen läßt, das aber durch Erschütterung und Kampf hindurch höchste Ziele vorhält und vollste Befriedigung verspricht. In diesem neuen Leben erfolgt eine Befreiung von aller Kleinheit des bloßmenschlichen Getriebes, das sonst unsere ganze Welt bedeutet; der Enge des kleinen Ich entwunden zerfließt das Leben doch nicht in die Unendlichkeit, sondern innerhalb der Unendlichkeit kann jeder ein selbständiger Lebenspunkt, ein Träger des Ganzen werden; darf der Mensch sich vom Strom des Ganzen getrieben und geleitet, von der Kraft des Ganzen befestigt wissen, so hat er an seiner Stelle jenen Strom mit eigener Entscheidung aufzunehmen und weiterzuführen, so zieht sich ein großes Entweder-Oder durch sein ganzes Dasein und gestaltet es zu einem großen Drama. Nun erst steigert die Tätigkeit sich zur Selbstbetätigung, gewinnt im Wirken ein Sein, arbeitet einen geistigen Charakter heraus und gibt dem Leben dadurch einen Gehalt, während die bloße Tätigkeit bei aller Fülle und Emsigkeit den Menschen innerlich leer lassen kann. Nach allen Seiten hin entstehen damit Bewegungen fruchtbarster Art. Gewinn eines geistigen Charakters, eines Beisichselbstseins des Lebens, das ist es, was bei der Bildung des Einzelnen zur Persönlichkeit in Frage steht; ohne eine Begründung im All wird Persönlichkeit ein leeres Wort, eine bloße Ausflucht in der Verlegenheit. Dieser geistige Charakter, der eine Aufrüttelung des Lebens und die Versetzung auf einen neuen Standort fordert, ist grundverschieden von naturgegebener Individualität, die das Geistige von der bloßen Natur noch nicht geschieden hat, deren schrankenlose Pflege daher mit geistigem Sinken bedroht; Gewinn eines geistigen Charakters, das wird zur verbindenden und erhöhenden Aufgabe auch für ganze Völker und Zeiten; nur ihre Lösung läßt sie einen wertvollen Lebensgehalt und eine allen Wandel der Zeiten überdauernde Bedeutung erringen. So kann auch in Wissenschaft und Kunst sich ein aller bloßen Technik überlegenes Schaffen bilden, das ihnen eine Seele verleiht, und das durch die Erschließung neuer Tiefen die Menschheit weiterführt. Um der Menschheit etwas sagen und sein zu können, muß der Schaffende vor allem in sich selber wurzeln und für sich selbst etwas sein, das aber kann er nur in diesen Zusammenhängen. Die Ausbildung eines geistigen Charakters gewährt allererst eine Überlegenheit gegen das Gemenge der Durchschnittskultur, sie ermöglicht es, echte Geisteskultur von bloßer Menschenkultur zu scheiden und alle bloße Kulturkomödie, wie sie den Alltag beherrscht, energisch anzugreifen. Auch insofern wirkt das Selbständigwerden der Innerlichkeit erhöhend, als es aller drohenden Verengung des Lebens das Ideal einer Bildung des ganzen Menschen entgegenhält. Unablässig sind die einzelnen Lebensgebiete bemüht, den Menschen ganz und gar an sich zu ziehen und seiner Seele ihren Sonderstempel aufzuprägen. So tut es die Religion, namentlich in der Gestaltung zur Kirche, ähnlich tut es der Staat durch alle Mannigfaltigkeit der Verfassungsformen hindurch, aber auch Kunst und Wissenschaft bilden sich ihren Sondermenschen und stellen über der von ihnen gebotenen Stückkultur leicht die Bildung des ganzen Menschen zurück. Wir empfinden deutlich die Unzulänglichkeit aller solchen Stückkultur; sie zu überwinden aber wird erst möglich, wenn wir als Ganzes eine Aufgabe in uns tragen, deren Ergreifung und Förderung aller Verzweigung überlegen macht und uns durch sie hindurch ein Gesamtziel verfolgen läßt. Ähnlich wie die Forderung einer Bildung des ganzen Menschen ist auch die nach Begründung unseres Lebens auf eigene Tat zu befriedigen nur bei Anerkennung einer Tiefe der Wirklichkeit und einer Verbindung des Menschen mit ihr. Der Ruf nach mehr Tat, nach Voranstellung schaffenden Lebens vor alles Gegebensein geht durch unsere Zeit, aber er wird unvermeidlich zu einer leeren Phrase, wenn die Verkettung des bloßen Nebeneinander den Menschen gänzlich umfängt und ihm keinen Zugang zu einem Reich ursprünglichen Lebens gestattet. Ohne eine Tiefe der Wirklichkeit und ihre Belebung für uns läßt unser Sein sich nicht in lebendige Tat verwandeln. Wenn so der Mensch erst durch das Teilgewinnen an einem Beisichselbstsein des Lebens Forderungen gewachsen wird, die über das Gelingen seines Daseins entscheiden, so wird dabei aller Mühe und Arbeit eine sichere Ruhe und Freudigkeit überlegen bleiben. Es ist dies Leben beim Menschen erst im Aufstieg begriffen und daher unfertig genug, auch kann es ihm an mannigfachen Zweifeln nicht fehlen. Aber alle Unfertigkeit und aller Zweifel kann die Grundtatsache einer großen Wendung in keiner Weise erschüttern, handelt es sich hier doch nicht um einzelne Erscheinungen innerhalb eines vorhandenen Lebens, sondern um das Ganze eines neuen Lebens; solches kann unmöglich ein Blendwerk sein, die Möglichkeit selbst verbürgt uns hier eine Wirklichkeit. Ferner erzeugt die Selbstbetätigung mit ihrer Bildung und Festhaltung eines Seins im Handeln, ihrem Aufbau einer Wirklichkeit, ihrer Hereinziehung des ganzen Alls in den Lebensprozeß eine ganz andere Freude als die bloße Tätigkeit mit ihrer Aufbietung der Kräfte, eine Freude, die mit ihrer Ausdehnung des Lebensaffektes über die Unendlichkeit alles eher als ein selbstisches Genießen ist. Das Leben wird hier vom wilden Naturtriebe der Selbsterhaltung befreit und kann doch matter Verneinung eine entschiedene Bejahung entgegensetzen. Die Freude, die aus der Entfaltung echtgeistigen Lebens entspringt, steht uns in ihren Verzweigungen mit voller Klarheit vor Augen: so in der Wahrheitserkenntnis der Forschung, so im Schaffen und Schauen der Kunst, so in echter Liebe und menschenförderndem Wirken; alles dieses kann sich auf dem dargelegten Grunde in ein Ganzes fassen und dadurch an Kraft und Tiefe gewinnen. Nehmen wir hinzu, daß, was hier der Mensch bei sich wirkt und erringt, innerhalb des Ganzen steht und zu seiner Förderung dient, auch daß in diesem neuen Leben die gewöhnlichen Unterschiede von groß und klein vor der einen entscheidenden Wendung von Welt zu Welt verblassen, ja verschwinden, daß jeder an seiner Stelle eine Bedeutung, ja eine Größe zu erringen und das Reich des Geistes zu mehren vermag, so kann über einen Sinn und Wert dieses Lebens kein Zweifel sein. Widerstände und Überwindungen Bis jetzt haben wir die innere Art des neuen Lebens betrachtet, das bei der Menschheit erscheint; die Hemmungen, welche es innerhalb unseres Daseins und unserer Weltlage findet, blieben im Hintergrunde. Nun aber müssen wir uns auch mit ihnen befassen, denn erst ihr Erscheinen und die Auseinandersetzung mit ihnen bestimmt den eigentümlichen Charakter des menschlichen Lebens. Es erwachsen aber Hemmungen namentlich in dreifacher Richtung: aus dem Verhältnis des Geisteslebens zu seinen Mitteln und Bedingungen, aus seiner Unfertigkeit, ja Schattenhaftigkeit bei sich selbst, aus seiner scheinbaren Ohnmacht im All wie im Kreise des Menschen. Diese Widerstände und was ihnen entgegenwirkt, seien nun nacheinander betrachtet. Geistesleben und menschliches Dasein Es war ein Hauptpunkt der dargelegten Überzeugung, daß die Wendung zu einem Beisichselbstsein des Lebens nicht aus der bloßen Natur durch allmähliche Steigerung hervorgehen kann. Und ebensowenig kann sie es aus dem Gemenge des menschlichen Zusammenseins, das alle geistige Regung in den Dienst des bloßen Menschen zu ziehen pflegt. So ist hier ohne ein Sichlosreißen und selbständiges Einsetzen des Lebens unmöglich auszukommen, ohne ein Festwerden bei sich selbst kann es keinen Aufbau vollziehen. Solche Notwendigkeit reicht in alle Verzweigung der Arbeit hinein; ohne den Gewinn eines selbständigen Ausgangspunktes ist weder wissenschaftliches Denken noch künstlerisches Schaffen möglich. Aber solches Abbrechen ist voller Gefahr, es bringt eine große Versuchung mit sich, der gerade hochstrebende Seelen oft unterlegen sind. Muß das Leben eine neue Höhe erklimmen, so liegt es nahe, ja so gewann es in besonderen Zeitlagen eine berückende Kraft, von solcher Höhe aus und in völliger Verschmähung der Erfahrungswelt möglichst alles Leben zu entwickeln; erst eine derartige Entwicklung aus ganz und gar eignem Vermögen schien die volle Selbständigkeit und eine reine Ausprägung des Geisteslebens mit Sicherheit zu verbürgen. So ward es in der Religion, so in der Ethik, so auch in der Philosophie unternommen. Aber überall hat sich herausgestellt, daß bei solcher Ablösung von der Welt der Erfahrung und bei solchem Versuch, aus eigener Bewegung ein neues Reich zu erzeugen, das menschliche Geistesleben selbst zu verarmen und ins Formlose zu geraten droht. So geschah es der Mystik, wenn sie das Leben ganz und gar in eine Kontemplation des ewigen Seins verwandeln wollte und dabei leicht einer Leere verfiel, auch vom höchsten Aufschwung leicht in ein Gefühl des Verlassenseins zurücksank; so geschah es der religiösen Ethik, wenn sie die Liebe zu Gott zur ausschließlichen Aufgabe machte und die Liebe zum Menschen darüber, wenn nicht zerstörte, so doch minderte; so geschah es der Philosophie, wenn sie in der Wendung zu freischwebender Spekulation die eigne Bewegung des Denkens die ganze Wirklichkeit erzeugen ließ, damit freilich ein geschlossenes Gedankengewebe gewann, aber diesem Gewebe nicht den Gehalt und die Kraft einer vollen Wirklichkeit zu geben vermochte. Durchgängig zeigte sich, daß die Erhebung des Geisteslebens über die nächste Welt nicht zu einer Ablösung werden darf, wenn das Leben nicht arm und starr werden soll. So gilt es von der gewonnenen Höhe zur Welt der Erfahrung zurückzukehren, Fäden zwischen hier und dort zu spinnen, jene Welt möglichst an sich zu ziehen, sich in Auseinandersetzung mit ihr selbst innerlich weiterzubilden; das geistige Leben ist bei uns Menschen nicht reine Selbstentfaltung, sondern ein Fortschreiten durch harte Widerstände, es ist kein leichtes Schaffen in frohem Spiel der Gedanken, sondern Arbeit, mühsame, aber auch fruchtbare Arbeit im Bilden einer Wirklichkeit. Aber daß wir nicht gradlinig fortschreiten können, sondern von zwei Seiten aus arbeiten müssen, das macht unser Leben noch nicht zu einer Zusammensetzung von Höherem und Niederem, das Erkennen zum Beispiel nicht zu einem Produkt von Sinnlichkeit und Verstand, sondern das Geistige bleibt überlegen, die Verbindung erfolgt von ihm aus und innerhalb eines von ihm gebildeten Lebensraumes, das Niedere wird möglichst dahin versetzt und in solcher Versetzung umgebildet, es hat innerhalb jenes Lebensraumes das Höhere weiterzuführen, es hat seinen Wert in der Leistung dafür. Nun aber entsteht eine arge Verwicklung daraus, daß das Niedere keineswegs glatt und rein in jene Bewegung aufgeht, daß es dem aufsteigenden Zuge gegenüber eine Selbständigkeit behauptet und das Leben zum Schaden des Höheren zähe und starr bei sich festhält. So folgt die sinnliche Natur des Menschen keineswegs einfach der Führung des Geistes, sondern sie zieht oft übermächtig auch die geistigen Kräfte an sich, und zwar ohne viel menschliches Wollen, aus dem Zwang der Notwendigkeit. So ist uns ein unablässiger Kampf um die natürliche Selbsterhaltung auferlegt, den wir nicht abschütteln können; dieser Kampf wird oft so hart, daß er alles Streben in Anspruch nimmt. Das nicht nur bei den Individuen, sondern auch bei den Völkern und der gesamten Menschheit. Nicht die Ideen, sondern die Interessen, und zwar die materiellen Interessen, beherrschen den Durchschnitt des menschlichen Daseins; wie sehr sie auch bei großen inneren Umbildungen mit im Spiele sind, etwa bei religiösen Erneuerungen, das hat eben die neueste Zeit mit ihrer ökonomischen Betrachtungsweise zur Anerkennung gebracht. Auch das gehört hierher, daß der Zusammenstoß im Kampf ums Dasein, daß die Konkurrenz der Strebenden für die Fortbewegung der Menschheit nicht zu entbehren ist, mit dem Wegfall ihrer aufrüttelnden Kraft wird das Leben leicht matt und schlaff. So behauptet sich die sinnliche Lebenserhaltung als die stärkste Triebkraft des menschlichen Daseins; diese Tatsache bricht aus aller Verhüllung immer wieder hervor und erweist ihre Überlegenheit; das geistige Leben mag von hier aus eine bloße Umsäumung scheinen, die für sich nicht bestehen kann. Wie bescheiden nimmt sich im menschlichen Dasein gegenüber dem lärmenden Getriebe der sinnlichen und der selbstischen Interessen das geistige Leben aus, wie mühsam muß es sich irgendwelche Geltung erkämpfen! Diese Erwägungen werden durch die Tatsache weiter verstärkt, daß gegenüber aller Entwicklung geistigen Lebens die Formen des natürlichen Daseins in Raum und Zeit beharren und unser Streben beherrschen. Das Nebeneinander des sinnlichen Daseins umfängt uns mit fester Tatsächlichkeit und isoliert den einen gegen den anderen, während alle geistige Betätigung ein Wirken aus dem Ganzen fordert; nicht minder finden wir uns in das Nacheinander der Zeit hineingestellt, wo keine Leistung und kein Zustand dauerhaft ist, wo alles fließt, der Strom der Dinge unaufhaltsam weitertreibt und leicht was heute als recht gilt, morgen zum Unrecht stempelt. Einen wie raschen Wechsel der Ideale, der Überzeugungen und des Geschmackes zeigt das menschliche Dasein, während das geistige Schaffen seine Inhalte als zeitüberlegen gibt und ohne Festhaltung solcher Forderung alle Kraft des Strebens einbüßen müßte. Nach dem allen scheint das Geistesleben beim Menschen keine selbständige Existenz zu erlangen und einer andersartigen Welt schließlich unterliegen zu müssen. Das Licht, das von ihm ausgeht, durchdringt nicht den Nebel des Alltags; mag es nicht gänzlich verschwinden, so ist es doch viel zu flüchtig und matt, um unser Leben zu erwärmen und ihm einen sicheren Leitstern zu bieten. Es zeigt uns mehr die Grenze unseres Vermögens und unseren weiten Abstand von der Wahrheit, als daß es uns ihrer gewiß macht. Das alles läßt sich nicht leugnen noch auch beiseite schieben, es bleibt bei der Tatsache, daß sich das geistige Leben bei uns innerhalb eines andersartigen, ja fremdartigen Mediums zu entwickeln hat. Aber eine genauere Durchmusterung des Lebensbestandes läßt bald gewahren, daß eine Gegenwirkung im Gange ist, nicht sowohl durch Überlegung und Absicht des Menschen als durch ein erziehendes und weiterbildendes Wirken des Lebens selbst: was der Mensch unter dem Zwange der Not und seiner Selbsterhaltung wegen ergriff, das verwandelt und veredelt sich ihm durch den eignen Verlauf des Lebens; was zunächst nur äußerlich war, das gewinnt eine Innerlichkeit; was als bloßes Mittel diente, das wird wertvoll an sich selbst; durch die ganze Weite und Breite des Lebens erfolgt ein Emporklimmen und ein Erstarken der Geistigkeit. Betrachten wir die persönlichen Verhältnisse von Mensch zu Mensch in Liebe und Freundschaft. Was Liebe heißt, ist zunächst dem Naturtrieb verwachsen und oft recht flüchtiger Art, es trägt geistige Züge nur nebenbei, der andere Mensch erscheint meist dabei als ein Mittel eigener Ergötzung. Aber nach und nach vollzieht im Zusammensein das Leben eine Wendung dahin, daß jener auch bei sich selbst einen Wert erlangt, und daß der Förderung seines Wohles das Ich sich unterordnen, ja aufopfern kann. Nicht anders steht es mit der Freundschaft. Es sind meist äußerliche Gründe der Nützlichkeit und der Annehmlichkeit, welche die Menschen zusammenführen, es ist meist eine Gemeinschaft der Interessen, die sie zusammenhält. Aber bei einiger Dauer pflegt sich das gegenseitige Verhältnis ins Innerliche zu wenden, und jedes Glied eine innere Teilnahme, ja Freude am anderen zu gewinnen; schon Aristoteles hat geschildert, wie der Verlauf des Lebens aus dem, was zunächst bloß nützlich und angenehm war, etwas an sich Wertvolles, etwas Gutes zu machen pflegt, wie damit der Mensch über seine eignen Beweggründe hinausgehoben wird, wie hier nach dem Ausdruck des Denkers auch in dem Menschen niederer Art etwas Göttliches wirkt, das stärker ist als er selbst. Auch unser Verhältnis zu den Gegenständen, mit denen sich unsere Arbeit befaßt, nimmt Teil an solcher Erhöhung. Wir pflegen die Arbeit um der Selbsterhaltung willen zu beginnen und müssen im Kampf ums Dasein notgedrungen für sie einen Lohn verlangen; die Förderung der Sache mag dabei zunächst ganz gleichgültig sein. Aber nach und nach wird uns die Arbeit durch ihren eigenen Inhalt lieb und wert, ihr Fortgang wird zur Herzenssache, die Sorge um ihr Gelingen kann zu großen Mühen und Opfern treiben. So namentlich, wenn sich die Arbeit über einzelne Leistungen hinaus zur Lebensarbeit gestaltet, wenn sie zu einem eigentümlichen Berufe führt und damit allem Handeln eine bestimmte Richtung und Aufgabe zeigt. Das bildet die sicherste Gegenwehr gegen alle kleinliche Selbstsucht; eine enge Verbindung des Menschen mit den Zielen des geistigen Lebens, eine innere Erhöhung seines Daseins ist hier nicht zu verkennen. Wie so im Verhältnis zu Menschen und Gegenständen die Kraft und das Leben vom Äußeren ins Innere, vom Natürlichen ins Geistige übergeführt wird, so trägt der Einzelne auch in sich selbst eine Macht, die ihn aufwärts leitet. Das ist die Besonderheit seiner Art, seine Individualität. Sie ist zunächst eine Mitteilung der Natur, in der Niederes und Höheres ungeschieden zusammenrinnt; diesen Befund, so wie er vorliegt, zu erhalten und durchzusetzen entspricht dem Naturtrieb der Selbsterhaltung und gewinnt daher leicht die Neigung und Arbeit des Menschen. Aber die Bewegung, die damit in Fluß kommt, führt nach und nach über den Anfang weit hinaus. Die geistigen Elemente heben sich deutlicher ab und schließen sich mehr und mehr zu einem Ganzen zusammen; je mehr das geschieht, desto deutlicher erscheint eine hohe Aufgabe, welche den Menschen veredelt und sein Handeln auf geistige Ziele richtet, ja welche ein höheres Selbst einem niederen und ein Ganzes des Wesens der Zerstreuung der Oberfläche entgegenhält. Die individuelle Art erscheint damit als ein Pfeiler, an dem sich das Leben in die Höhe rankt. Es reicht aber solcher Aufstieg vom Niederen zum Höheren, solche Hinaushebung des Menschen über seine eignen Triebe, in das Ganze der Menschheit hinein und wirkt hier zur Bildung neuer Lebensformen, welche der Stufe des Geisteslebens entsprechen und seiner Entwicklung dienen. So zeigt es die Bewegung des menschlichen Zusammenseins. Zunächst ist es das äußere Nebeneinander und der Zwang der Lebenserhaltung, welche die Menschen zusammenführen und zu kleineren oder größeren Gruppen verbinden. Aber aus der äußeren Verbindung machen gemeinsame Erfahrungen und Kämpfe, gemeinsame Erfolge und Leiden mehr und mehr eine Gemeinschaft innerer Art, es bildet sich hier ein Gesamtleben mit eigentümlichen Zügen aus, beherrscht die Arbeit der Einzelnen und drängt ihre Selbstsucht zurück; der Mensch darf sich hier als Glied eines Ganzen, von diesem getragen und in ihm befestigt wissen. Ein Leben und Wirken aus dem Ganzen und Innern ist hier erreicht und damit innerhalb der Menschheit dem Geistesleben eine Stätte bereitet, es ist ihm ein Durchbruchspunkt gewonnen, wie das Fichtes Reden an die deutsche Nation in packender Weise ausgeführt haben. Was aber Volk und Vaterland in bemessener Abgrenzung zeigen, die Bildung eines Ganzen und Inneren des Lebens, das wird auch der gesamten Menschheit zum Ziel, ein innerer Zusammenhang schwebt unserem Streben vor und wirkt als bewegende Macht in der Einzelseele. Wie so die Bildung einer eigentümlich menschlichen Gemeinschaft über das räumliche Nebeneinander hinausführt, so wird auch das Nacheinander der Zeit durch die Bildung einer eigentümlichen Menschengeschichte überwunden. Denn was, nicht beim Menschen überhaupt, wohl aber bei seiner geistigen Arbeit an Geschichte entsteht, das ist grundverschieden von der bloßen Folge und der Ansammlung der Wirkungen, worauf die Natur beschränkt bleibt. Denn die dem Menschen eigentümliche Geschichte ist nicht ein Dahintreiben mit der Zeit, sondern ein Kampf gegen die bloße Zeit, ein Streben, dem Fluß der Ereignisse Bleibendes abzuringen. Das allein ergibt eine eigentümliche Menschengeschichte, daß der Mensch, was äußerlich vorüberzieht, innerlich festhalten kann; er kann das nicht, ohne Kern und Schale, Geistiges und Bloßmenschliches voneinander zu scheiden und sich an jenes zu halten. Namentlich sind es die Höhepunkte, die durch alles Zeitliche und Menschliche hindurch einen Aufstieg zu bleibender Wahrheit vollziehen. Wie wir aber das Unvergängliche der sogenannten klassischen Zeiten dauernd bewahren möchten, so suchen wir überhaupt in der Geschichte zu scheiden, was der bloßen Zeit angehört und mit ihrem Ablauf versinkt, und was als zeitüberlegener Wahrheitsgehalt alle Zeiten zu fördern vermag. Damit wird die Geschichte zur Entfaltung einer geistigen Wirklichkeit, und diese gewährt einen Halt gegen die wechselnden Strömungen der Oberfläche, ja sie bietet gegenüber der Gegenwart des bloßen Augenblicks eine zeitumspannende Gegenwart, in der alles Große und Wesenbildende, was äußerlich unterging, innerlich fortbestehen und immer neue Wirkungen üben kann. Diese geistige Gegenwart ist der Standort aller echten Bildung, innerhalb der Zeit erhebt sie über die bloße Zeit. So widerlegt die eigentümliche Menschengeschichte die Behauptung, daß unser Leben ganz und gar der Zeit angehöre, und zeigt in ihm ein Zusammentreffen von Zeit und Ewigkeit; sie selbst bildet eine Vermittlung zwischen der bloßen Zeit, welche das nächste Dasein beherrscht, und der Ewigkeit, die das Geistesleben fordert. Es sei dabei nicht verkannt, daß die Bildung von Gesellschaft und Geschichte neue Verwicklungen erzeugt, indem leicht die Gesellschaft die Freiheit des Individuums einengt und die Geschichte das ursprüngliche Leben der Gegenwart unterdrückt. Aber diese Gefahren mit ihren Kämpfen liegen im eignen Bereich des Geisteslebens, und sie lassen die Tatsache einer Erhebung über das bloße Neben- und Nacheinander vollauf bestehen; auch die Verwicklungen, die hier entstehen, bestärken mehr das Hinauswachsen des Menschen über die bloße Natur, als daß sie es zweifelhaft machen. Demnach erweist im Bereich des menschlichen Daseins das Leben selbst ein erziehendes und bildendes Wirken; zahlreiche Fäden spinnen sich zwischen uns und dem Geistesleben, in breitem, wenn auch oft verborgenem Strome durchdringt jenes Wirken den ganzen Bereich des Daseins. Diesem Aufstieg der Bewegung, diesem Emporklimmen des Lebens vertraut alles Wirken zum Menschen, vertraut alle bildende Tätigkeit vom Individuum an bis ins Ganze der Menschheit; das bildet die bündigste Widerlegung alles grämlichen Pessimismus; jenes Wirken könnte sich nicht gegen alle Widerstände behaupten und siegreich weiterdringen, wäre hier nicht eine aller menschlichen Willkür überlegene Macht im Spiel. So dürfen wir darin eine Bestätigung unserer Überzeugung von der Gegenwart einer Geisteswelt im Bereich des Menschen erblicken und können aus solcher Überzeugung jene Bewegung erst recht verstehen. Es gilt hier nur ein Ganzes zu fassen, was täglich in uns und um uns geschieht, und dem aufgeworfenen Zweifel am Vermögen des Geisteslebens vollauf gewachsen zu werden. So verstehen wir auch, wie Plato von einer dem Niederen innewohnenden Sehnsucht nach Ewigkeit sprechen und eine Stufenleiter solches Strebens im Weltall aufsuchen konnte. Nur bedeutet das nicht eine bloße Weiterentwicklung der Natur, sondern eine Emporhebung durch die Kraft des Geisteslebens; die Natur könnte unmöglich jene Bahn betreten und verfolgen, wenn sie nicht auf einem tieferen Grunde ruhte und aus ihm einen Trieb zum Aufstieg empfinge. So fallen Natur und Geistesleben keineswegs schroff auseinander, wie es anfänglich scheinen konnte. Zwiefach ist das Verhältnis des Menschen zur Natur, es ist Gegensatz und Verbindung. Zunächst ist das Geistesleben gegen die Natur scharf abzugrenzen und einer Vermengung mit ihr zu entwinden, sonst kann es nicht selbständig und nicht rein ausgeprägt werden. Aber nach gehöriger Befestigung bedarf das Geistesleben für seine eigene Fortbildung der Rückkehr zur Natur; sie erscheint nun nicht mehr als etwas Fremdes, sondern als etwas Verwandtes, das sich mit ihm zusammenfinden und zu gemeinsamem Wirken verbinden kann. Der Hauptstandort der geistigen Arbeit bleibt stets die unsichtbare Welt, aber diese findet für uns eine Durchbildung nur in Ergreifung und Aneignung des Daseins, das um uns liegt. Diesen Zusammenhang von Geist und Natur zu faßlichem Ausdruck zu bringen, übersteigt das Vermögen der Wissenschaft, wohl aber findet er einen solchen in der Kunst. Denn hier steht deutlich vor Augen, wie Sinnliches zum Gefäß von Geistigem werden und seiner Fortbildung dienen kann, wie Worte, Töne, Farben innerlichste Regungen zu verkörpern und zu verstärken vermögen, nicht minder aber auch, daß das Geistige für den Menschen solcher Verkörperung bedarf und ihm dadurch erst voll zur Wirklichkeit wird. So erweist die Kunst den Zusammenhang beider Welten und gibt, um mit Goethe zu reden, von des Daseins ewiger Harmonie die seligste Versicherung. Ihre Überbrückung der Kluft fördert aber das Ganze des Lebens, indem es ihm eine sonst unerreichbare Festigkeit und Freudigkeit gibt. Der Weltcharakter des Geisteslebens wird dadurch weiter bestätigt. Mag demnach im Gesamtbild des Lebens noch so viel von der geistigen Bewegung unergriffen bleiben und ihrem Wirken Widerstand leisten, die Tatsache, daß eine Fortbildung weiten Umfanges im Gange ist, über das Meinen und Wollen des bloßen Menschen hinaus, schützt sicher gegen den Zweifel, ob das Geistesleben auch für uns eine Macht bedeutet. Nur wer starr am Einzelnen haftet und den Wald vor Bäumen nicht sieht, kann hier einen starken Strom des Lebens verkennen. Die Unfertigkeit und scheinbare Unsicherheit des Geisteslebens Ein weiteres Bedenken erwächst aus der Art, wie der eigene Gehalt des Geisteslebens sich dem Menschen darzustellen pflegt. Wer möchte leugnen, daß es, dem ersten Eindruck nach, höchst vage Umrisse zeigt, daß es namentlich da, wo nicht eine geschlossene Lebensordnung, im besonderen die religiöse, es zu greifbarer Art gestaltet, gänzlich schattenhaft zu werden droht. Auch fassen die verschiedenen Zeiten es sehr verschieden, ihren Bewegungen und Wandlungen gegenüber erscheint es als biegsam und weich, als etwas, das jeder Forderung nachgibt, sich jeder Lage willfährig anpaßt. Solche Schmiegsamkeit eröffnet menschlicher Reflexion den weitesten Spielraum, der Streit der Parteien zieht die Sache an sich, alles scheint auf Deutung und Meinung der Menschen hinauszukommen, und der Wechsel menschlicher Interessen die Gedankenbewegung bald hierher bald dorthin zu lenken. Das aber ist unvereinbar mit der Selbständigkeit, der Festigkeit, der Überlegenheit, die das Geistesleben verlangt und verlangen muß; wir betonten stark jene Forderungen, um so schwerer trifft uns der Widerspruch des ersten Eindrucks, die Gefahr einer Verflüchtigung. Aber zugleich leistet unsere Fassung des Geisteslebens jener Verflüchtigung kräftigen Widerstand und befreit uns von solcher Gefahr. Wir sahen, daß alles Geistesleben eine Ablösung vom bloßen Punkte vollzieht, daß es den Gegensatz von Zustand und Gegenstand, von Subjekt und Objekt durch Volltätigkeit umspannt; geistiges Leben geht nicht an etwas anderem vor, sondern es gibt sich selbst einen Halt und Mittelpunkt; es ist nicht eine bloße Deutung oder Zurechtlegung eines gegebenen Befundes, sondern als Wendung des Lebens zu sich selbst und zum Herausarbeiten eines Beisichselbstseins erzeugt es im eignen Bereich eine Wirklichkeit, die einzige, welche in Wahrheit diesen Namen verdient. Ein derartiges Leben braucht seine Tatsächlichkeit sich nicht von außen her versichern zu lassen, sondern es trägt sie in sich selbst, in den ihm eigentümlichen Gehalten und Gütern, auch in seinen Forderungen und Bewegungen; auch was vom Menschen aus betrachtet als eine bloße Möglichkeit aussieht, hat in jenem Zusammenhange eine Tatsächlichkeit und übersteigt alle menschliche Willkür. Bei solcher Vertiefung liegt die Tatsächlichkeit vornehmlich innerhalb des Lebens, nicht ihm gegenüber, sie liegt in der näheren Beschaffenheit, welche es aus sich heraus entwickelt; auch das Streben erweist hier ein Vermögen und zugleich einen eigentümlichen Grundbestand, es wird, sobald es den Zustand des bloßen Subjekts überschreitet und auch den Gegenstand an sich zieht, unmittelbar zu einer Leistung und zugleich zu einer Erweisung geistiger Art. Es erwacht zum Beispiel in der Menschheit, wie wir sahen, ein Streben nach einer neuen Art der Geschichte gegenüber der bloßen Aufeinanderfolge; erweist das dabei bekundete Vermögen, die einzelnen Zeiten zu überschauen und in ein Gesamtbild zu fügen, aus dem Wandel der Zeiten Bleibendes herauszuheben und in Aneignung dieses Bleibenden eine zeitlose Gegenwart zu bilden, erweist ein derartiges Vermögen nicht eine eigentümliche Beschaffenheit des Geisteslebens und damit eine Tatsächlichkeit, die kein Deuten und Kombinieren hervorbringen könnte? Solche Forderung einer Zurückverlegung der Tatsächlichkeit in das Grundgewebe des Geisteslebens läßt die übliche Behandlung des Problems als viel zu flach und summarisch erscheinen. Diese fragt nur nach dem Endergebnis wie der Händler nach der fertigen Ware; die Arbeit ist ihr gleichgültig, und sie gewahrt nicht, daß auch diese im Entfalten der Kräfte einen eigentümlichen Tatbestand enthält. Ja es kann bei diesen inneren Fragen das Wie der Arbeit wichtiger sein als ihr Ergebnis, da die Gestaltung der Arbeit selbst neue Kräfte beleben, neue Möglichkeiten erschließen, den Lebensprozeß vertiefen mag. Das erstreckt sich bis in die Schätzung der einzelnen schaffenden Persönlichkeiten hinein: ihre Hauptleistung ist der in ihnen entwickelte Lebensprozeß, ihre Art die Dinge zu sehen und zu behandeln, der eigentümliche Charakter ihrer Arbeit; dieser kann seinen Wert bewahren, nachdem die Ergebnisse, als zum guten Teil durch die besondere Art der Zeiten bedingt, längst überholt und veraltet sind. Es ist daher falsch, bei den großen Denkern nur die Antwort zu beachten und zu schätzen, da ihre Bedeutung vor allem in der Stellung der Frage lag. Sie konnte eine Verwandlung der ganzen Lage bewirken. Aber so berechtigt solche Erwägungen sind, sie können das Verlangen nicht unterdrücken, daß gemeinsame Erfahrung das Geistesleben in eine bestimmte Richtung treibe und ihm damit einen greifbaren Inhalt gebe; das aber geschieht in der Tat, es geschieht, indem einerseits innerhalb des Ganzen sich begrenzte Lebenszusammenhänge, geschlossene Lebensgebiete mit eigentümlichen Gesetzen und Antrieben bilden, wie Kunst und Wissenschaft, Moral und Religion; indem andererseits ein Streben nach einer charakteristischen Gestaltung des gesamten Geisteslebens, nach einer Zusammenfassung in ein einziges Werk die Bewegung der Weltgeschichte durchdringt und sie weiter und weiter treibt. Indem beides sich ergänzt und das eine sich am anderen mißt, kommt die geforderte Weiterbildung des Geisteslebens in eine feste Bahn und hebt sich immer sicherer über die Willkür des Menschen hinaus. Bei den einzelnen Lebensgebieten pflegt der Streit um die nähere Fassung die Grundtatsache übersehen zu lassen, welche schon ihr Entstehen und Bestehen enthält. Weil beispielsweise bei der Moral und bei der Religion die näheren Fassungen sich zerwerfen, erscheinen sie leicht als ein Machwerk menschlicher Meinung; sie können das nicht mehr, wenn allen besonderen Arten von Moral und Religion gegenüber etwas Großes darin erkannt wird, daß überhaupt Religion und Moral im menschlichen Kreise entstehen und nicht bloß die Einzelnen erregen, sondern das Ganze des Lebens eigentümlich gestalten. Vor allem, was die einzelnen Religionen trennt und über sie streiten läßt, liegt das Urphänomen der Religion überhaupt; es erscheint hier innerhalb unseres Lebens eine Scheidung und eine Wechselwirkung einer niederen und einer höheren Art, es erscheint hier eine Entwicklung von Erhabenheit und Gnade einerseits, von Ehrfurcht und Glaube andererseits, es erscheint ein tiefer Konflikt in unserem Leben, ja eine völlige Entwertung seiner, aber es werden zugleich neue Kräfte erzeugt und neue Ziele vorgehalten; was bisher das ganze Leben schien, wird nun eine bloße Stufe. Auch zeigt die Weltgeschichte hier einen unablässigen Aufstieg darin, daß der Mensch, was er als überlegen erkennt und verehrt, mehr und mehr in ein Ganzes faßt, mehr und mehr als eine geistige Macht versteht, mehr und mehr das Verhältnis zu dieser innerlich und ethisch gestaltet; das aber bringt notwendig große Bewegungen und Wandlungen des gesamten Lebensstandes mit sich. Was immer an Irrung sich mit solchem Unternehmen verquicken mag, das hebt eine eigentümliche Entfaltung geistigen Lebens keineswegs auf. Ähnlich steht es mit der Moral. Allem Streit der Moralsysteme bleibt die Tatsache überlegen, daß überhaupt in der Menschheit eine Wendung zur Moral erfolgte, und daß diese über sie Macht gewann; sie forderte aber ein Absehen von allen selbstischen Zwecken, eine eigene Entscheidung und Zuwendung, sie gab sich dabei als allen anderen Zwecken weit überlegen. Mag eine solche Bewegung bei der Menschheit mühsam vordringen und immerfort harten Widerstand finden, sie ist vorgedrungen, und sie behauptet sich gegenüber allem Widerstande; sie konnte dies nur, weil sie eigentümliche Antriebe und Normen enthält, denen das Leben sich nicht entziehen kann. Welche Macht solche volltätige Lebenskomplexe ausüben können, das zeigt vor allem die Wissenschaft mit der Selbständigkeit ihres Denkens. Hier wird eine sachliche Verkettung gefordert, die alle Mannigfaltigkeit zum Ganzen eines Systems zusammenfaßt, hier treibt jeder Satz sicher und unbeirrt seine Konsequenzen hervor, hier duldet es keinen Widerspruch; durch alles zusammen wirkt innerhalb des Menschen eine allem Nutzen und aller Meinung des bloßen Menschen überlegene Sachlichkeit. So hat jedes Lebensgebiet eigentümliche Kräfte und Normen, die nicht bloß die Seele erregen, sondern auch die Sache eigentümlich gestalten, und deren schaffendes Wirken aller menschlichen Willkür entzogen ist. Solche Zurückverlegung der Tatsächlichkeit stellt auch die Überzeugungen des Menschen vom Ganzen der Wirklichkeit auf einen breiteren und festeren Grund, als die übliche Art es tut, die alle Wahrheit vom bloßen Verstande erwartet. Wie die einzelnen Lebensgebiete eine Bewegung des Gesamtlebens hinter sich haben und sie zum Ausdruck bringen, so trägt jedes in seinem Unternehmen eine Überzeugung vom Ganzen; auch innerhalb der einzelnen Gebiete erreicht keine Leistung eine Größe, die nicht ein Bekenntnis vom Ganzen enthält und vertritt. Jene Überzeugung und mit ihr der Durchblick der Wirklichkeit ist verschieden nach der Art der Gebiete. Wir sahen, wie die Religion im Grunde des Lebens einen schroffen Kontrast aufdeckt, sie kann das nicht, ohne die Welt auseinanderzureißen und ihre Gegensätze hervorzukehren; eine immanente Religion ist ein kläglicher Widerspruch. Eine andere Urerfahrung steckt in der Kunst, steckt auch im Erziehungswerke. Denn wie sich zeigte, fordert die Kunst ein freundschaftliches Verhältnis und eine fruchtbare Wechselwirkung von Innen- und Außenwelt, sie überwindet den Gegensatz beider durch den Fortgang ihres Schaffens; so bekennt und begründet ihre Arbeit einen Glauben an einen Zusammenhang des Alls. Auch das Erziehungswerk vertritt eine freundlichere Fassung des menschlichen Daseins, als die Religion mit ihren Gegensätzen sie hat und haben darf. Denn wie wäre jenes Werk zu unternehmen, und wie könnte es erfolgreich sein, schlummerte nicht in jedem Menschenwesen eine geistige Kraft, und bestünde nicht eine Möglichkeit, sie durch treue Arbeit zu wecken? Schon das verbietet eine Herrschaft der Kirche über die Schule, daß bei konsequenter Denkweise hier und dort verschiedene Tatsachen im Vordergrund stehen und verschiedene Grundüberzeugungen walten müssen. Ähnlich erzeugen auch Moral und Wissenschaft eigentümliche Fassungen vom Ganzen des Lebens und der Welt. Damit erklärt sich, daß die Überzeugungen der Individuen wie die ganzer Zeiten vornehmlich daran hängen, welches Lebensgebiet ihre Arbeit beherrscht, daß etwa die Wege der Naturforscher und der Geistesforscher gewöhnlich weit auseinandergehen. Aber mag in dieser Weise die Ausbildung geschlossener Lebensgebiete wie dem Leben selbst so auch den Überzeugungen von der Wirklichkeit feste Anhaltspunkte und Ziele gewähren, es hat diese Leistung eine Schranke und verlangt daher eine Ergänzung. Zunächst führen die verschiedenen Bewegungen weit auseinander, ja sie erzeugen schroffe Gegensätze, wie zum Beispiel Kunst und Moral, Religion und Wissenschaft in unablässigem Streite liegen. Das Leben würde auseinanderfallen und das Streben in peinlicher Unsicherheit verbleiben, ließe sich nicht ein Gesamtcharakter erreichen und zugleich ein Standort gewinnen, von dem aus sich eine Ausgleichung der verschiedenen Strömungen anbahnen läßt. Nach derselben Richtung weist eine andere Forderung. Was jene Einzelgebiete in ihrer Abgrenzung an Tatsächlichkeit eröffnen, das kommt über den Stand von Entwürfen und Umrissen nicht hinaus, das stellt mehr Aufgaben als es sie löst, das zeigt mehr das Ziel als den Weg. Es ist eine Tatsächlichkeit, aber eine solche unfertiger Art; Formen werden geboten, aber sie drängen über sich selbst hinaus nach einem lebendigen Gehalt. So korrekt das Denken sein mag, echtes Erkennen wird es damit noch nicht, und die Gesetze künstlerischen Schaffens befolgen, heißt noch nicht der Kunst einen Charakter geben. Von den Umrissen, welche die einzelnen Gebiete enthüllen, ist zu voller Durchbildung nur zu gelangen, wenn das Leben als Ganzes in Überwindung des Gegensatzes von Zustand und Gegenstand zu innerer Einheit vordringt und damit allererst einen ausgeprägten Charakter gewinnt; diesen vermag es dann den einzelnen Gebieten zuzuführen, ihn daran zu erweisen und auch daran zu prüfen. So wird aus verschiedenen Gründen eine Lebenseinheit gefordert, welche über den allgemeinsten Begriff des Geisteslebens hinausgeht und dies Leben im Kampf um die Beherrschung und Durchdringung des Daseins zeigt. Eine derartige Einheit ist uns augenscheinlich nicht von vornherein fertig gegeben, wohl aber geht eine Bewegung zu ihr durch die ganze Weltgeschichte, ja sie bildet den Kern dieser Weltgeschichte. Alle Höhepunkte menschlichen Strebens versuchten eine solche Weiterbildung. So schuf die Höhe des Griechentums eine Lebenseinheit künstlerischer, näher plastischer Art und führte ihre Eigentümlichkeit allen Gebieten des Lebens zu. Solche Behandlung nach der Art eines plastischen Kunstwerks ergab ein eigentümliches Bild vom All und eine eigentümliche Art der geistigen Arbeit, auch der Wissenschaft, sie hielt der staatlichen Gemeinschaft wie der Seele des Einzelnen ein Gesamtziel und ein Prinzip der Anordnung vor. Die Bewegung, die daraus hervorging, hat eigentümliche Seiten der Wirklichkeit erschlossen und bedeutende Kräfte geweckt, auf dem Gipfel ihres Schaffens konnte sie sich schon am Ziele glauben. Aber die Erfahrung hat gezeigt, daß jene Einheit mit all ihren Leistungen den Umfang und die Tiefe des Lebens nicht erschöpft; schließlich ist sie doch nur ein, wenn auch großartiger Versuch, dem sowohl die einzelnen Gebiete als das Ganze des Seelenstandes Widerstand leisten können. Ein solcher Widerstand ist dem antiken System in Wahrheit erwachsen, schon der weitere Verlauf des Altertums erzeugte Erfahrungen und Probleme, denen die klassische Lösung nicht genügte; schließlich hat jene künstlerische Lösung die führende Stellung der ethisch-religiösen Synthese des Christentums abtreten müssen, welche ein anderes Licht auf die Wirklichkeit warf und andere Kräfte belebte. Diese wiederum ward angefochten und vielfach zurückgedrängt durch die Lebenssynthese der Neuzeit, der die unbegrenzte Steigerung der Kraft, sowohl nach außen hin durch technisches Vordringen als nach dem Innern zu durch intellektuelle Klärung, das Fortschreiten um des Fortschreitens willen, zur Aufgabe der Aufgaben wurde; diese hält noch die Gegenwart in angespanntester Arbeit, aber auch über sie treibt schon wieder der innere Zug des Lebens deutlich genug hinaus. Wir hatten unser Leben ganz und gar in die Kraft gelegt und erwarteten von ihrer Entwicklung auch für die Seele volle Befriedigung. Aber mehr und mehr überzeugen wir uns, daß das nicht so einfach liegt, da der Mensch in die Kraft nicht aufgeht und nach einem Sinn der Tätigkeit fragen muß. So entsteht ein Verlangen nach einer neuen Lebenssynthese, wie auch unsere Arbeit es zeigt, mehr Verlangen nach einem Beisichselbstsein des Lebens; aus dem vermeintlichen Besitz sind wir wieder in mühsames Suchen versetzt. So lagen und liegen zwischen den einzelnen Synthesen Zeiten, in denen das Leben sich von der versuchten Bindung als einer Verengung befreite, Zeiten, die gegenüber der Konzentration eine Expansion und gegenüber zuversichtlicher Bejahung ein mehr kritisches Verhalten vertraten. Eine oberflächliche Betrachtung mag in dieser ganzen Bewegung nur ein regelloses Auf- und Abwogen sehen und die früheren Synthesen mit dem äußeren Zurücktreten völlig erledigt glauben; in Wahrheit verbleiben sie auch bei äußerer Zurückdrängung in Wirkung, rufen die Menschheit zu sich zurück und halten dem Leben Ziele vor, die sich jetzt freilich mit anderen verständigen müssen. Auch dürfen die kritischen und verneinenden Zeiten keineswegs als bloße Auflösung gelten. Denn wie hätten sie ihrem Nein einen Nachdruck geben und es zum Siege führen können, ohne daß hinter dem Nein sich ein Ja befand, das emporstrebte, aber den Weg zur vollen Durchbildung erst zu finden hatte. Wenn ferner die Kritik die besondere Art der Synthese verwarf, so verschwand damit nicht der allgemeine Gedanke eines umfassenden Lebenszusammenhanges; die Auflösung war, im Ganzen der Bewegung gewürdigt, nicht Abschluß und Selbstzweck, sondern Vorbereitung einer neuen Konzentration; schließlich bilden Bejahung und Verneinung, schaffende und kritische Zeiten verschiedene Seiten einer einzigen Gesamtbewegung; diese Bewegung erscheint nunmehr als eine Selbstbewegung des Geisteslebens, das im menschlichen Bereich seine nähere Beschaffenheit, seinen vollen Gehalt erst zu suchen hat, das zu solchem Zweck sich kräftig zusammenfaßt, dann aber die Leistung als zu klein befindet und damit zu neuem Versuche gezwungen wird, das aber in Ja und in Nein sich selbst festhält, sich selbst mehr und mehr entfaltet und zugleich eine Tiefe echter Wirklichkeit herausarbeitet. Das alles ist eine reiche Tatsächlichkeit, aber eine andere Art der Tatsächlichkeit als die des sinnlichen Eindrucks. Wer an diesem haften bleibt, dem fehlt das Auge für jene. Nun sahen wir früher, wie auch die einzelnen Gebiete Bewegungen und Normen enthalten und daran alles menschliche Unternehmen messen. So wird von zwei Seiten aus für einen festen Bestand des Lebens gewirkt, einmal von jenen Gebieten aus mit ihrer besonderen Art, dann von dem weltgeschichtlichen Streben zur Einheit des Geisteslebens; daß sich beides zusammenfinden, aneinander prüfen, durcheinander steigern kann, das vornehmlich befestigt die Sache und entzieht sie aller menschlichen Willkür. Das Zusammenwirken beider Bewegungen ergibt einen weltgeschichtlichen Stand der geistigen Evolution, der allem Streben bestimmte Ziele vorhält und eine bestimmte Art des Wirkens vorschreibt; diesem Stande muß alles entsprechen, was eingreifen und dauernd fördern möchte; was ihm nicht entspricht, das wird nur die Oberfläche bewegen. Läßt sich etwa die moderne wissenschaftliche Denkweise mit ihrem schärferen Scheiden von Mensch und Welt, mit ihrer kräftigeren Entfaltung von Kritik und Analyse zurücknehmen oder verleugnen? Können wir die Tatsache von uns weisen, daß im modernen Leben die Arbeit selbständige Zusammenhänge gebildet und sich zugleich vom Leben des Einzelnen viel weiter entfernt hat als je zuvor, daß damit das Verlangen nach einem Teilhaben an der Weite und Wahrheit der Dinge, nach Befreiung von der Enge des eignen Befindens bei uns eine weit größere Rolle spielt? Können wir die Bildung einer eigentümlichen naturwissenschaftlichen, einer geschichtlichen, einer gesellschaftlichen Denkweise leugnen und ihnen widerstehen? Wir können es nur, sofern wir der Teilnahme an der geistigen Bewegung entsagen; dann kann sie uns allerdings nicht mehr bilden und richten, aber zugleich verfallen wir einer inneren Leere, einer geistigen Auflösung. So liegt hier eine große Entscheidung, die nur jeder selbst treffen kann. Wem das Geistesleben innerlich fremd bleibt, und wer es daher nur von außen betrachtet, der wird unvermeidlich in ihm nur Wechsel und Wandel, nur Widerspruch und Streit gewahren, dem mag es nur ein flüchtiges Schattengebilde sein. Wer aber selbst die Bewegung aufnimmt, der wird alsbald die gewaltige Tatsächlichkeit und die überlegene Macht erfahren, welche in ihr wirkt, der wird erkennen, daß auch im Streben und Suchen ein volltätiges Schaffen am Werke ist, auch daß geistige Festigkeit sich nicht von außen her übermitteln, sondern nur von innen her als Selbstbefestigung erringen läßt. Freilich muß, wer die Bewegung teilt, auch ihre Mühen und Kämpfe teilen, auch Zweifel werden ihn nicht verschonen. Aber die Zweifel liegen dann innerhalb der Bewegung, ja sie erwachsen erst aus ihr; so können sie nun und nimmer ihre Tatsächlichkeit erschüttern, und es bleibt eine freudige Zuversicht aller Unsicherheit überlegen. Die scheinbare Ohnmacht des Geisteslebens im All Daß innerhalb des menschlichen Kreises die Natur der Bewegung zur Geistigkeit vielfachen Widerstand leistet, und daß sich das Geistesleben beim ersten Anblick für uns recht schattenhaft ausnimmt, das konnte mit allen seinen Problemen nicht die Überzeugung vom Geistesleben gefährden. Denn wir brauchen nur allbekannte Erfahrungen zusammenzufassen, um eine durchgehende Bewegung zur Vergeistigung der Natur zu erkennen, und jede eindringende Betrachtung entdeckt in der eigenen Bewegung des Geisteslebens einen mächtigen Strom von Tatsächlichkeit. Schwerer wird die Erschütterung und tiefer greift der Zweifel, wenn die Stellung und das Vermögen des Geisteslebens im Ganzen der Wirklichkeit unsicher wird; solchen Zweifel wird mit besonderer Stärke empfinden, wer das Geistesleben als den Kern der Wirklichkeit versteht und es damit zur vollen Herrschaft beruft. Schon das Zusammensein von Natur und Geist ist voller Verwicklung. Verhält sich Geistesleben und Natur wie höhere und niedere Stufe, so wäre zu erwarten, daß die Natur durchgängig eine Beziehung und eine Richtung auf das Geistesleben zeigte. Eine solche Beziehung aufzuweisen, haben frühere Zeiten kühn gewagt. So suchte zum Beispiel das Mittelalter in der ganzen Pflanzen- und Tierwelt Hinweisungen auf das Leben, Leiden und Auferstehen Jesu zu entdecken, die symbolische Deutung wob ein Band zwischen der Außen- und der Innenwelt. Wie fern ist uns heute, schon durch die unermeßliche Erweiterung der Natur ins Große wie ins Kleine hinein, diese Denkart gerückt! Nach dem Bilde, das die Natur uns heute zeigt, scheint sie ganz und gar in sich selbst zu ruhen und bei sich selbst zu verlaufen, scheint auch das Gebiet organischer Bildung nicht über sich selbst hinauszuweisen. Welche Beziehung könnte etwa die wunderbare Lebensfülle und der erstaunliche Formenreichtum der Tiefseewelt zur Entwicklung des Geisteslebens haben? Im Ganzen der Natur führt wohl ein Strang zu der Höhe, wo sich geistiges Leben entfaltet, aber dieser Strang ist nur einer neben vielen anderen, an den verschiedensten Stellen zweigen sich andere Stränge ab, die verlaufen, ohne irgendwelche Beziehung zum Geistesleben zu gewinnen. Und steht nicht das Ganze der Natur vor uns wie ein dunkles Rätsel? Ein Aufstieg ist nicht zu verkennen, aber er scheint in einem fremdartigen Medium zu erfolgen und harten Widerständen zu begegnen, ohne ein Durchlaufen niederer Stufen kommt er nicht in die Höhe. Schwerlich wird die Natur ihre letzte Erklärung im bloßen Mechanismus finden, bei Anerkennung lenkender Kräfte aber wird es zu einem rätselhaften Widerspruch, daß die Natur die Wesen unablässig auf die gegenseitige Zerstörung anweist; indem sie die Angriffswaffen des einen, den Schutz des anderen verstärkt, scheint sie sich selbst direkt entgegenzuwirken. Zweckmäßigkeit an den einzelnen Stellen, aber kein irgend erkennbarer Zweck im Ganzen! So ist zunächst nicht zu ersehen, wie das Geistesleben mit diesem Reich eine innere Verbindung finden sollte; findet es sich aber nicht, so scheint es vereinsamt in der unermeßlichen Weite des Alls, dessen Seele zu sein es behauptet. So erwachsen ernstliche Zweifel. Aber sie treffen mehr die Weltanschauung als den Lebensstand des Menschen; diesen trifft weit schmerzlicher die Erfahrung, daß der Lauf der großen Welt, in den wir auch verflochten sind, und dem wir uns nicht entziehen können, gegen unser Ergehen sich völlig gleichgültig zeigt; von alters her hat den Menschen die Wahrnehmung beschäftigt, erregt und oft zur Verzweiflung getrieben, daß, was ihm innerlich das Höchste bedeutet, und was ihn unsäglich viel Mühe und Opfer kostet, im Ganzen der Welt aller Macht zu entbehren scheint; wie im Spiel zerstört die Natur, sei es in langsamer Verzehrung, sei es in gewaltigen Katastrophen, was geistig von höchstem Werte ist; sie kennt kein Gut oder Böse, sie macht keinen Unterschied. Auch im menschlichen Kreise entspricht das Geschick des Einzelnen nicht seinem inneren Wert, in höchster Ungleichmäßigkeit fallen den Individuen ihre Lose zu. Wohl fehlte es nicht an Bemühung, jenem Befunde ein Reich der Gerechtigkeit und sittlichen Ordnung, ja ein Reich der Liebe und gütigen Vorsehung entgegenzuhalten, aber möglich war das nur in Überschreitung der Welt der Erfahrung, durch die Flucht in ein Reich des Glaubens. Hier entstanden große Gedankenwelten, in denen sich weite Kreise und lange Epochen sicher geborgen fühlten, aber immer wieder erwachte der Zweifel, ob das Ganze Wirklichkeit hat, ob es mehr ist als ein Erzeugnis menschlicher Wünsche und Träume. Endlich reicht die Ohnmacht des Geisteslebens auch in das Innere der Seele. Hier lösen die geistigen Kräfte sich oft von ihrem Grunde ab und geraten dann leicht unter die Macht desselben Niederen, über das die Wendung zur Geistigkeit erheben sollte; es erfolgt eine völlige Verkehrung durch solche Verwendung der Kräfte des Höheren zum Dienst des Niederen; von hier aus erhält die Sinnlichkeit den raffinierten Charakter der Lüsternheit, der wie ein Krebsschaden ganze Kulturen zerstört, von hier aus steigert sich die naive, man könnte sagen unschuldige Selbsterhaltung der Natur zu einem schrankenlosen Egoismus, der sich der ganzen Unendlichkeit entgegenwirft und sie seinen Begierden unterordnet. Ja es läßt sich nicht leugnen, daß im menschlichen Kreise auch etwas Diabolisches erscheint, eine bewußte Ablehnung des Guten, eine Lust an der Zerstörung, Verfeindung, Verneinung um ihrer selber willen; nur eine flache Aufklärung kann diese Tatsache leugnen. So verkehrt die Neigung war, dies Böse geflissentlich hervorzukehren und den Menschen ihm gänzlich zu verschreiben, ein schroffer Zwiespalt in der menschlichen Seele ist unverkennbar, und wenn dabei die Individuen sich stark voneinander unterscheiden, so hat alle tiefere religiöse wie auch philosophische Erwägung sich an den Gesamtstand gehalten und mit Recht den Widerspruch dessen, was die geistige Art des Menschen verlangt, und was die Erfahrung seines Lebens zeigt, mit Nachdruck bemerklich gemacht. Einerseits die durchgängige Unsicherheit gegenüber dem Geschick, der Mensch ein Spielball dunkler Mächte, andererseits, und dies vornehmlich, die klägliche Enge des Ich, die geistige Stumpfheit und Trägheit, die unlautere und unwahre Denkart, welche den Durchschnitt des menschlichen Lebens beherrscht und das Geistesleben zum bloßen Werkzeug für die kleinen Zwecke der Individuen wie ganzer Parteien erniedrigt. Es hat nicht an Versuchen gefehlt, das Böse, an dessen Tatbestand sich nicht rütteln ließ, wegzuerklären, indem man es größeren Zusammenhängen einzufügen und hier als nützlich darzutun unternahm. Den verschiedenen Epochen wies dabei die Hauptrichtung ihres Strebens verschiedene Wege: griechische Denker hielten sich an die Idee einer Weltharmonie, die, um gehaltvoll und kräftig zu sein, auch Dissonanzen verlange, Dissonanzen, die vom Ganzen her schließlich überwunden würden. Soweit das Mittelalter sich auf eine Erklärung des Bösen einließ, neigte es dahin, Schuld und Leid als unentbehrliche Mittel und Voraussetzungen für die Erweisung höchster Liebe und Gnade zu verstehen, erst dem verlornen und reuig zurückkehrenden Sohn scheint sich die ganze Fülle väterlicher Liebe zu offenbaren; die Neuzeit hingegen zeigte ihre Eigentümlichkeit in dem Streben, Hemmung und Leid als notwendigen Reiz zur Tätigkeit, als Stachel zur Erweckung der Kraft zu verstehen und sie damit ins Gute zu wenden. Solchen Versuchen fehlt nicht alles Recht, in Wahrheit kann der Gesamtverlauf des Lebens ein Ergehen erheblich anders bewerten lassen, als der unmittelbare Eindruck es tut; ihr Hauptziel aber erreichten sie nicht, denn sie setzen greifbaren Wirklichkeiten bloße Möglichkeiten entgegen und behandeln diese als Wirklichkeiten; im Grunde verlegen sie nur das Rätsel an einen Punkt, wo es sich der Empfindung verbirgt. Im besonderen gerieten die Erklärungsversuche immer wieder in dies Dilemma hinein: weisen wir den Ursprung des Bösen der höchsten Ursache zu, so ziehen wir diese in die Verwicklung hinein; setzen wir es als eine besondere Ursache ihr gegenüber, so entsteht eine unerträgliche Spaltung der Wirklichkeit. Aber wenn das Rätsel des Bösen keine Lösung findet und die Ohnmacht des Geisteslebens in der Welt der Erfahrung unerklärbar ist, es fragt sich, was aus dieser Tatsache folgt. Erschüttern und zerstören könnte sie nur, wenn sie preiszugeben zwänge, was der bisherige Verlauf der Untersuchung für das Geistesleben ergab, wenn sie im besonderen die Überzeugung aufzugeben zwänge, daß im Geistesleben die Wirklichkeit ihre eigne Tiefe findet; das aber kann sie nicht. Denn allen jenen Hemmungen gegenüber verbleibt die innere Weiterbildung des Lebens, die Eröffnung einer neuen Stufe der Wirklichkeit mit ihren überreichen Gehalten und Gütern; wie diese Tatsache kein Werk des bloßen Menschen ist, so hebt auch ein widerstreitender Befund seines Daseins sie keineswegs auf. Deutlich genug ward uns, wie dies Leben im menschlichen Kreise sowohl am natürlichen Dasein erhöhend und umbildend wirkte als durch die weltgeschichtliche Arbeit in der eignen Durchbildung wuchs; es erschien keineswegs bloß ein zerstreutes Nebeneinander, sondern die mannigfachen Betätigungen strebten zu einem Ganzen zusammen, es wurden nicht bloß Ansichten und Deutungen, Bilder und Schatten eines fremden Tatbestandes geboten, sondern der Aufbau des Lebens selbst erzeugte eine Tatsächlichkeit und gab ihr in solcher inneren Nähe eine unangreifbare Sicherheit. Diese Grundtatsache, diese Urerfahrung eines neuen Lebens in Abhebung von der Natur und auch dem bloßmenschlichen Dasein, dies Selbständigwerden der Innerlichkeit behauptet sich gegenüber den schwersten Widerständen der Weltumgebung, und auch ihr Weltcharakter leidet dadurch keinen Schaden; die Widerstände mögen durch die Aufweisung eines weiten Abstandes zwischen den Forderungen des Geisteslebens und dem Befunde der Welt schwerste Rätsel stellen, sie mögen uns zwingen den Stand des Menschen niedrig einzuschätzen und uns überhaupt viel Zurückhaltung auferlegen: die Grundtatsache selbst und zugleich die Hauptrichtung des Lebens können sie uns nicht zweifelhaft machen; sie ist die erste und entscheidende Urerfahrung, an der alles andere hängt, die auch den Zweifel erst möglich macht. Überwältigte der Zweifel die Seele des Menschen, so lag das immer an einer Schwäche im Kern des Lebens; war dieser stark, da wurde er oft durch den Widerspruch erst zu voller Entwicklung getrieben, da fühlte er sich sicher und fest gerade bei härtestem Widerspruch. Auch die geschichtliche Erfahrung zeigt, daß die Wirkung des Weltbefundes auf das Ganze der Überzeugung sich hauptsächlich nach dem bemaß, was das Geistesleben jenem Befunde an innerem Halt und an eigener Bewegung entgegenzusetzen hatte. So war zum Beispiel den alten Christen das Dunkel dieser Welt in vollstem Umfang gegenwärtig, aber es schädigte nicht die Festigkeit ihres Glaubens, weil eine innere Macht ihr Leben trug und sie allen Verwicklungen weit überlegen machte. Umgekehrt waren oft Zeiten voll glänzender Leistung und Kraftentfaltung dem Zweifel nicht gewachsen, weil ihr Leben einer festen Wurzel und zugleich eines sicheren Zusammenhanges mit einer Welt ursprünglicher Wahrheit entbehrte. Ja noch mehr: nichts hat die Menschen eines naturüberlegenen Lebens gewisser gemacht als das Gewahren und Erleben schwerer Konflikte in der eignen Seele; die Unerträglichkeit dieser Konflikte mit ihrer aufrüttelnden Macht war das sicherste Zeugnis dafür, daß das Ganze mehr als bloße Einbildung ist; die Beschäftigung mit diesen Konflikten ließ das Leben auf sich selber stehen und unabhängig von seiner Umgebung werden. Eben die Stärke des Schmerzes über das Nichtvorhandensein unentbehrlicher Güter erzeugte den Glauben, die Hoffnung, die felsenfeste Gewißheit, daß jenes, was wir entbehren, irgendwie vorhanden ist und sich schließlich auch dem Menschen mitteilen wird. Wo es keine inneren Konflikte gibt, da fehlt auch der Zwang von inneren Problemen, und wo dieser fehlt, da kann das Leben sich nicht der Verstrickung in eine fremde Welt erwehren, da bleibt es vorwiegend nach außen gerichtet, da gewinnt der Zweifel das Spiel. So liegt die Entscheidung schließlich an der Kraft und dem Gehalt des Lebens selbst: ist es stark und gehaltvoll, so wächst es durch den Widerspruch, ist es schwach und leer, so erliegt es ihm. Aber so gewiß wir uns das Nahe nicht durch das Ferne, das Gewisse nicht durch das Ungewisse verkümmern lassen und uns dem Widerstand der Weltumgebung nicht beugen dürfen, unser Leben erhält durch den Zusammenstoß mit jenen Widerständen einen eigentümlichen Charakterzug. Nun gilt es, die Welt des Geistes gegen allen Widerspruch, auch den in der eignen Seele, tapfer aufrechtzuhalten, treu zu ihr zu stehen inmitten aller Befehdung, bis in das stille Werk des Alltags hinein einen Heroismus zu üben. Von hier aus wird zur Forderung, die Entscheidung für die geistige Welt nicht an irgendwelchen Lohn oder an irgendwelches äußere Gelingen zu knüpfen, das Gute auch bei hartem Widerspruch der Außenwelt seiner selbst wegen festzuhalten. In solchem Gedankengange entwarf Plato sein Bild vom leidenden Gerechten – in weitem Abstand von der christlichen Fassung dieses Begriffes –, dessen innere Hoheit und Festigkeit alles Leid und alle Verfolgung nur bestärken, der eben darin das Bewußtsein seiner überlegenen Größe gewinnt. In verwandter Gesinnung wollten große Erzieher die sittliche Bildung ja nicht auf die Lehre stützen, daß es dem Guten wohl und dem Bösen schlecht zu ergehen pflege, vielmehr sei die Seele genügend im Guten zu stärken, um die Freude an ihm allem Leid überlegen zu machen. So sind nach Fröbel die Menschen dahin aufzuklären, daß derjenige, der wahrhaft das Gute will, »notwendig im äußeren Druck leben muß; denn Entsagung, Entbehrung, Sinkenlassen des Äußeren, um das Innere zu gewinnen, dies ist die Bedingung zur Erreichung der höchsten Entwicklung«. »Eben die Besiegung oder vielmehr die Durchdringung und so Vernichtung der äußeren Hemmnisse des Lebens durch die eigne Willens-, durch die gesteigerte Tatkraft, diese ist es, welche dem Menschen im eignen Bewußtsein Frieden, Freude und Freiheit gewährt.« Diese Denkweise hat im Stoizismus einen klassischen Ausdruck gefunden, ohne ein Stück von ihr entbehrt das Leben der nötigen Kraft. Aber so hoch wir diese Denkweise achten, abschließen bei ihr läßt sich nicht. Sie hat vornehmlich den Einzelnen und die Wahrung seiner Unabhängigkeit im Auge, der Stand des Ganzen, der Aufbau eines geistigen Zusammenhanges macht ihr wenig Sorge; dabei denkt sie den Einzelnen als stark und als sowohl einer feindlichen Welt wie den Verwicklungen der eignen Seele gewachsen; sie hält die Grundüberzeugung gegen alle Zweifel und Widerstände tapfer aufrecht, aber sie kennt keine Weiterbildung des Lebens durch Erschütterung, Zweifel und Leid hindurch. Eine solche aber ist nicht zu entbehren, wenn das Leben inmitten aller Hemmungen in Fluß und Freudigkeit bleiben soll. Hätten wir lediglich abzuwehren und gewänne das Leben nichts durch den Kampf, so wäre ein Stocken nicht zu verhüten, ein Stillstand würde unvermeidlich, der Mangel eines Ziels müßte alle Tatkraft lähmen. So gilt es jenen Stillstand zu überwinden, und dies zu tun verspricht die Religion. Mit der Religion hat unsere Untersuchung sich schon an verschiedenen Stellen berührt, ihren Gehalt und ihre Bedeutung aber noch nicht genügend gewürdigt. Sie kann aber diese Frage nicht aufnehmen ohne anzuerkennen, daß alle Entfaltung des Geisteslebens ein Element der Religion, wenn auch dem Bewußtsein des Menschen meist verborgen, in sich trägt. Denn wie die Wendung zu einem Beisichselbstsein des Lebens nicht von den einzelnen Punkten, sondern nur vom Ganzen ausgehen kann, so muß alle echtgeistige Betätigung dem Leben des Ganzen verbunden und von ihm getragen sein. Das besagt nicht bloß eine Verstärkung der Kraft, sondern eine innere Wandlung des Lebensprozesses. Sahen wir doch, daß echtes Geistesleben nur zustande kommt in Überwindung des Gegensatzes von subjektivem Vermögen und Wirken am Gegenstande, daß nur die Erhebung zur Volltätigkeit ein Beisichselbstsein ergibt und einen Lebensinhalt erzeugt. Nun aber liegt alles, was menschliches Mühen und Streben von sich aus aufbringen kann, auf der Seite des bloßen Subjekts, es erreicht nicht ein Schaffen, das auch den Gegenstand umspannt, und zugleich keine volle Realität; nur ein Gesamtleben, das den Menschen umfängt und in seine Flut hineinzieht, kann die starre Kluft überwinden, das bloße Wünschen und Wollen in Tat und Schaffen verwandeln. Daß so der Mensch gerade in dem, was sein Innerstes und Eigenstes bildet, durchaus am Ganzen hängt und von ihm Kraft wie Richtung des Strebens empfängt, das war allen Höhen des Lebens mit voller Klarheit gegenwärtig. So fühlte das künstlerische Bilden großen Stiles sich nicht als ein Machwerk individuellen Vermögens, sondern als Eingebung einer höheren Macht, schaffende Naturen wie ein Goethe haben es als ein Geschenk der Gnade mit innigem Dank empfangen und mit tiefer Ehrfurcht behandelt. Auch große Denker mußten unter einem inneren Zwange stehen, wenn sie die Forderung ihres Wesens kühn und siegesgewiß allem entgegensetzen durften, was von altersher und allen anderen als Wahrheit galt. Und die Helden der Tat pflegten sich, wenn auch oft kritisch gegen die sie umgebende Religion, als Mittel und Werkzeuge in der Hand einer weltbeherrschenden Macht zu betrachten, im besonderen hätten ernstere Seelen ohne solche Überzeugung die ungeheure Verantwortlichkeit, die ihr Handeln mit sich brachte, nicht wohl ertragen können. Die Höhen aber zeigen nur besonders deutlich, was durch alles geistige Leben geht: die Zugehörigkeit zu einem unendlichen Leben und die Abhängigkeit von ihm; alle Anerkennung und Aneignung dessen ergibt aber eine Art von Religion. Jedoch diese dem geistigen Schaffen innewohnende Religion ist mehr ein Vorhof zur Religion als diese selbst, sie bildet weniger ein eignes Reich als sie das gesamte Leben mit veredelnder Stimmung umsäumt, auch läßt sie unerklärt, daß geschichtliche Religionen entstehen und gewaltige Mächte werden konnten. Über jene Stimmung hinaus treiben zum Verlangen nach einer selbständigeren und ausgeprägteren Religion die ungeheuren Widerstände, die das Geistesleben, wie wir sahen, in der Welt des Menschen findet. So lange diese nur von außen kommen, mögen sie zu ertragen sein, sie werden unerträglich, wenn die Hemmung in den tiefsten Grund des Lebens eindringt, wenn in unserm innersten Wesen sich ein schroffer Zwiespalt auftut. Ein Beharren bei solchem Zwiespalt müßte das ganze Leben niederdrücken und ins Stocken bringen; auch läßt sich hier von allmählicher Entwicklung und ruhigem Fortschritt nicht das Mindeste hoffen. Irgendwelche Überwindung ist demnach nur in der Richtung zu suchen, daß eine der Verwicklung überlegene Macht ein neues Leben im Menschen schafft, ihm eine weitere Tiefe der Wirklichkeit mitteilt und ihn dadurch über jene Kluft im eigenen Wesen hinaushebt. Daß sich dem Menschen in Wahrheit eine solche neue Tiefe erschließt, das ist die gemeinsame Behauptung der geschichtlichen Religionen, mag deren nähere Gestaltung weit auseinandergehen. Auch unsere Fassung des Geisteslebens hat Platz für eine solche Weiterbildung, ihre Möglichkeit kann sie bereitwillig zugestehen. Denn wenn sie alle geistige Betätigung einem Gesamtleben einfügte und von seiner Kraft getragen sein ließ, so ward bis dahin den einzelnen Stellen das Ganze nur durch die Arbeit am Aufbau der Welt vermittelt und war insofern nur indirekt gegenwärtig; es besteht noch die weitere Möglichkeit, daß das Ganze des Lebens sich den einzelnen Stellen auch direkt erschließe und ihnen teilgebe an seiner schaffenden Tiefe. Das würde gegenüber der Welt ein neues Leben erzeugen, das in seiner Überlegenheit allererst ein volles Beisichselbstsein erreicht; die Idee des Geisteslebens würde sich damit zur Gottesidee und das Reich des Geistes zu einem Gottesreich steigern. Daß solche Möglichkeit aber zu einer Wirklichkeit wird, das läßt sich nicht aus bloßen Begriffen erweisen, das läßt sich nicht anders dartun als durch das tatsächliche Erscheinen und Vordringen eines neuen Lebenstypus, den kein Grübeln und Mühen des Menschen erzeugen könnte. Mag er sowohl in der Seele der Einzelnen als im Leben der Menschheit zunächst mehr als Antrieb und Aufforderung denn als fertiges Werk vorhanden sein, auch jenes besagt für das Leben eine Tatsächlichkeit, namentlich wenn die einzelnen Züge sich untereinander zusammenschließen, nach derselben Richtung weisen, ein und dieselbe Quelle als ihren Ursprung bekennen. Wenn alle Religion den Menschen in ein unmittelbares Verhältnis zur Gottheit bringen will, so wird die besondere Religion um so höher stehen, je mehr sie dies Verhältnis ins Innere und Ganze wendet, je mehr sie das Göttliche den Menschen nicht nur mit einzelnen Wirkungen berühren, sondern ihm das eigene Leben mitteilen, ihn in innerster Seelentiefe an Göttlichkeit teilnehmen läßt. Diese Wendung aber erweist sich darin, daß auch beim Menschen das geistige Leben nicht in das Wirken zur Welt aufgeht, sondern daß es sich gegen sich selber kehren und im eignen Bereich einen neuen Inhalt erzeugen, eine Wesensbildung vollziehen kann, die aller Arbeit überlegen ist. Größen wie Gesinnung, Überzeugung, Charakter müssen, so sahen wir, auch in der geistigen Arbeit wirken. Aber zu voller Selbständigkeit und zu reiner Ausprägung kommen sie dabei nicht, sie tun das nur, sofern es ein der Arbeit überlegenes Leben von Ganzem zu Ganzem gibt, und dies entwickelt sich nur bei Gegenwart eines göttlichen Lebens und in Beziehung darauf. Schon in dem Verlangen danach erweist sich die Bildung einer tieferen Lebensschicht, worin das Leben konzentrierter, wärmer, man könnte sagen persönlicher wird, und ein Ganzes des Seelenstandes sich von aller bloßen Leistung scheidet. Alle diese Formen aber erhalten erst dadurch einen lebendigen Gehalt, daß jene Eröffnung göttlichen Lebens im Menschen eine innere Verbindung und ein seelisches Einswerden mit der ganzen Wirklichkeit erzeugt, wie dies im Begriff der Liebe einen freilich nur bildlichen Ausdruck findet. Aber bei aller Unvollkommenheit weist dieser Begriff doch eine gewisse Richtung, nur sei aus ihm alles entfernt, was dem bloßen Affekt angehört, nur bedeute er nicht eine Verstärkung des bloßen Ich durch ein anderes, sondern die Bildung eines gemeinsamen Lebenskreises, ein Größer- und Weiterwerden des Lebens in Überwindung alles dessen, was an Kluft und Schranke zwischen Fremdem und Eigenem liegt. Eine solche Liebe erkennt der Mensch in der wunderbaren Erzeugung eines neuen Lebens und Wesens in ihm, in einer inneren Erhöhung, die allein ihn vor drohender Auflösung rettet. Nur indem allmächtige Liebe zum eigenen Wesen des Menschen wird, kann eine Befreiung von der dürftigen Enge des natürlichen Ich erfolgen, ohne daß wir ins Leere fallen; eine solche göttliche Liebe vermag alles Starre und Feindliche aufzulösen, auch dem Geringen und Verirrten einen Wert zu geben; sie treibt im gegenseitigen Verhältnis der Menschen das Gemeinsame, ja Gleiche hervor, sie erneuert und beseelt damit alles menschliche Zusammensein. Aber sie reicht darüber hinaus auch in unser Verhältnis zur Natur wie zur Kultur, sie macht uns das Ganze der Welt aus seelenloser Fremde zur Heimat und läßt es uns vom schaffenden Grunde her als uns eigen miterleben, wie das namentlich die Kunst auszudrücken vermag. Daß eine solche Liebe, solches innere Einswerden mit dem Ganzen des Alls, in der Menschheit aufkommen und zur Seele des Lebens werden kann, das bezeugt mit Sicherheit die Gegenwart göttlichen Lebens. Was die Reformationszeit in einer besonderen Richtung so aussprach: »Den Nächsten vergeben, macht uns sicher und gewiß, daß uns Gott vergeben hat«, das gilt vom Ganzen dieses neuen Lebens: seine Gegenwart im Menschen bezeugt, daß er von göttlichem Leben getragen wird. Das ist das große Wunder, daß göttliches Leben und schaffende Liebe zu eignem Leben des Menschen werden kann, ohne eine überlegene Hoheit aufzugeben, ein Wunder und doch eine Wirklichkeit, ohne die alles Geistesleben zusammenbricht. Wird aber dieses neue Leben vollauf anerkannt und kräftig angeeignet, so läßt sich die Hemmung ganz wohl überwinden und das stockende Leben wieder in Fluß versetzen. Freilich bringt jene Wendung das Leid und das Dunkel keineswegs zum Verschwinden, eher steigert sie ihre Schwere. Denn indem die neue Stufe die Forderungen durchweg erhöht, stellt sie den Befund des Daseins als noch weit unzulänglicher dar; aus dem bisherigen Mangel wird nun ein schroffer Widerspruch. So wächst die moralische Verfehlung jetzt zur Schuld, und die landläufige Moral erscheint nun leicht als ein bloßes Zerrbild; auch der Weltstand mit seiner Gleichgültigkeit gegen die Zwecke des Geisteslebens, mit seinen Kämpfen und Leiden wird noch rätselhafter, wo als weltbeherrschende Macht die göttliche Liebe gilt. Aber mögen die Rätsel wachsen und die Widerstände sich verstärken, die Tatsache einer Eröffnung neuen Lebens vom tiefsten Grunde her können sie nicht erschüttern; diese Tatsache aber gibt dem Menschen einen festen Standort, der ihn allen Anfechtungen gewachsen macht. So besagt die religiöse Lösung des Problems des Leides keineswegs eine Wegdeutung oder auch nur Abschwächung, sondern dieses, daß das neue Leben über seinen ganzen Bereich hinaushebt und ihm ein Reich der Liebe und Freudigkeit entgegensetzt. Freilich hat unerschütterliche Kraft die neu eröffnete Lebenstiefe gegen den Widerspruch der nächsten Welt zu behaupten und dabei einen Heroismus zu erweisen, der größer ist als alles, was die Welt Heroismus nennt. Es vermag aber die Religion das Leid nicht nur zu überwinden, sondern ihm auch eine Förderung abzugewinnen; dies eben ist charakteristisch für die ihr eigentümliche Lebensgestaltung. Das Leid in Gewinn zu verwandeln, ist keineswegs so leicht und einfach wie es oft dünkt. Denn wenn es heißt, daß das Leid die Seele veredle und vertiefe, so widerspricht dem geradezu ein unbefangener Anblick der Erfahrung. Weit eher sehen wir hier das Leid die Menschen eng, klein, scheelsüchtig machen, während die Befreiung von Not und Sorge das Herz erweitert und hilfsbereit macht. Vertiefend kann das Leid nur wirken, wenn hinter dem Leben der Arbeit sich noch eine weitere Schicht befindet und sich dem Menschen erschließen kann; ohne die Möglichkeit dessen ist jenes Reden vom veredelnden Wirken des Leides nicht mehr als ein leeres Gerede. In der Religion aber kommt allererst jene Tiefe zur Anerkennung und Entwicklung; das Leid kann nunmehr erhöhend wirken, indem seine erschütternde und aufrüttelnde Macht die Seele für die Aufnahme eines neuen Lebens bereitet, reine Anfänge in ihr erweckt. Dann mag das Leid den Menschen auf die letzte Tiefe seines Wesens werfen, und dann können nach jenem großen Worte die, welche Leid tragen, selig gepriesen werden; auch mag sich dann in der Erschütterung des bisherigen Standes zeigen, daß, was unser ganzes Wesen dünkte und uns fest zu binden schien, nur eine besondere Stufe war, über die wir hinauskommen können. Was aber für den Einzelnen, das gilt auch für die Völker und für das Ganze der Menschheit; auch sie bedarf der Erschütterung und der Erneuerung, eines Hervorbrechens ursprünglicher Anfänge, da die Kulturen auch im Gelingen sich ausleben und greisenhaft werden. Deutlich scheiden sich hier zwei Lebenstypen, die ihrer geschichtlichen Beziehung nach der altgriechische und der christliche heißen mögen. Dort scheint das Geistige sicher im Menschen begründet und unmittelbar vorhanden, eine Art von höherer Natur; das Leben findet hier seine Aufgabe darin, dies Geistige zu voller Kraft zu entfalten und gegen alle Angriffe zu behaupten; echtes Handeln ist hier ein Sichselbstdarstellen und Sichgenießen der inneren Tüchtigkeit. Zum Preise dieses edlen und hochgemuten Lebens läßt sich gar vieles sagen, aber es hat eine starre Schranke: wie es sich als fertig und abgeschlossen gibt, so kennt es keinen inneren Aufstieg, keine innere Aneignung des Leides und keine Fortbildung dadurch; das aber wird unzulänglich, wenn unser Lebensstand voller Verwicklung ist und einer Umwandlung bedarf. Der christliche Lebenstypus, der weit über die kirchlichen Formulierungen hinaus auch ins Grundmenschliche reicht, stellt die innern Probleme der Seele voran; die Bewegung des Lebens gewinnt ihm dadurch Spannung und Wert, daß in ihr durch Erfahrung und Erschütterung des Menschen hindurch sich eine neue Tiefe erschließt, höchste Kraft für ihre Aneignung fordert, zugleich aber durch Entwicklung des neuen Lebens über alle Verwicklung hinausführt. So geht hier durch alles herbe Nein hindurch ein Weg zu einem freudigen Ja. Da aber das Leid auch im Siege gegenwärtig bleibt, ja an Stärke eher noch zunimmt, so kann diese Stufe beide Pole des Lebens: Schmerz und Freude, Hemmung und Überwindung miteinander beleben und durch beides zusammen unser Sein in steter Bewegung halten. Hier erst wird eine Geschichte der Seele möglich, und erst damit erhält auch die Weltgeschichte eine Seele, wird sie wahrhaftige Geschichte, nicht bloße Evolution. Daher erklärt es sich auch, daß gehaltvolle Selbstbiographien in der Weltliteratur sich fast nur auf dem Boden des Christentums finden. Überhaupt ist dies dem Leben der neuen Stufe wesentlich, daß es die Aufgaben des Geisteslebens nicht nur gegen schwere Hemmungen aufrechthält, sondern sie noch erhöht; so trägt dies Leben durchgängig den Charakter eines starken Kontrastes. Hier erst entwickelt sich gegenüber der Bindung an Fremdes ein volles Beisichselbstsein des Lebens, gegenüber den Kämpfen und Zweifeln der Arbeit ein sicheres Ruhen in ewiger Liebe, gegenüber der strengen Verkettung der Erscheinungen ein Reich der Freiheit und Tat, gegenüber der wachsenden Verwicklung der Kultur eine schlichte Einfalt und Kindlichkeit, gegenüber der drohenden Vereinsamung im Kampf ums Dasein ein Zusammenklang der Gemüter in einem gemeinsamen Reich ewiger Wahrheit und göttlicher Liebe. Das alles aber nicht in jenseitiger Ferne, sondern in unmittelbarer Gegenwart. Denn nur eine äußerliche Fassung kann die Welt der Religion vornehmlich als ein Jenseits verstehen, ihren wahren Freunden war sie stets das Allernächste und das Allergewisseste, der Standort, von dem aus sie das Leben führten, und von dem aus sie sich zur Welt erst hinfinden mußten. Solche Erhebung über die sichtbare Welt bedeutet aber kein Herausfallen der Religion aus dem Geistesleben. Nur wo sie den Zusammenhang damit festhält, und wo sie die letzte Tiefe des Geisteslebens für den Menschen belebt, kann sie zugleich eine überlegene Hoheit wahren und eine unmittelbare seelische Nähe und Wärme haben. Beides ist ihr gleich nötig, aber beides gerät beim Menschen leicht in einen schroffen Gegensatz und treibt nach widerstreitender Richtung. Das Streben, das Göttliche möglichst hoch über alles Menschliche hinauszuheben, kann leicht dazu führen, äußerst abstrakte bloßformale Begriffe, wie Einheit, absolutes Sein, als Hauptsache zu behandeln, während doch solche Größen aus eignem Vermögen nun und nimmer echte Religion erzeugen könnten. Andererseits gestaltet das Streben nach möglichster Annäherung des Göttlichen die Religion leicht zu anthropomorph; dann werden nicht nur die Begriffe, sondern auch die Wünsche des Menschen unbedenklich in das All versetzt und mit Wirklichkeit ausgestattet. Eine derartige Gestaltung der Religion verfällt nicht nur dem Vorwurf, bloße Hineinspiegelung menschlicher Enge und Besonderheit in das große All zu sein, sie widersteht zu wenig dem Kleinen und Selbstischen der menschlichen Art, sie hält den Menschen zu sehr bei sich selber fest. Wird dagegen die Religion vom Geistesleben aus begründet und ausgebildet, so geraten Überlegenheit und Nähe in keinen Gegensatz, so kann das »über uns« und das »in uns«, was beides der Religion notwendig ist, gleichmäßig anerkannt werden. Freilich bedeutet die hier erstrebte Nähe kein volles Aufgehen in unsere Begriffe. Denn diese stehen unter der Herrschaft der Arbeit an der Welt; was dieser Arbeit eine weitere Tiefe entgegenhält, das wird nur in Gleichnissen darstellbar sein; daher ist der Gedankenwelt der Religion ein symbolischer Charakter wesentlich. Darin müssen wir uns finden, daß im menschlichen Leben mehr vorgeht, als sich zu durchgebildeter Gestalt bringen läßt; nur solche größere Tiefe gibt seiner Gestaltung eine Seele. Aus solcher Überlegenheit der Religion gegen das Reich der Arbeit erklärt sich auch, daß sie eine Überzeugungskraft für den Menschen nicht sowohl durch die Betrachtung der Welt als durch das Aufquellen eines neuen Lebens gewinnt; wer das Göttliche nicht in solchem neuen Leben findet, der wird es in aller Weite der Welt vergeblich suchen. So hat gewiß Pestalozzi recht, wenn er sagt: »Das Staunen des Weisen in die Tiefen der Schöpfung und sein Forschen in den Abgründen des Schöpfers ist nicht Bildung der Menschheit zu diesem Glauben. In den Abgründen der Schöpfung kann sich der Forscher verlieren, und in ihren Wassern kann er irre umhertreiben, fern von der Quelle der unergründlichen Meere. – Einfalt und Unschuld, reines menschliches Gefühl für Dank und Liebe ist Quelle des Glaubens. Im reinen Kindersinn der Menschheit erhebt sich die Hoffnung des ewigen Lebens, und reiner Glaube der Menschheit an Gott lebt nicht in seiner Kraft ohne diese Hoffnung.« Rückblick und Zusammenfassung Nunmehr sei ein Blick auf den durchwanderten Weg zurückgeworfen und in Kürze zusammengefaßt, was sich uns für die Frage nach dem Gehalt und Wert des Lebens ergeben hat. Eigentümlich war zunächst die Art unserer Orientierung. Wir begannen nicht, wie es meist geschieht, mit Begriffen von der Welt um uns und suchten nicht von da aus das Leben zu deuten, sondern wir hielten uns an das Leben selbst, wir suchten, was in ihm vorgeht, zu ordnen und in ein Ganzes zu fassen, wir wollten die Eigentümlichkeit dieses Ganzen ermitteln und daraus einen Anhaltspunkt für seine Stellung und Bedeutung im All gewinnen. Nur bei solchem Streben, dem Begriff des Lebens einen bestimmteren Inhalt zu geben als gewöhnlich geschieht, im Leben selbst eine eigentümliche Wirklichkeit aufzudecken, ließ sich eine Aufklärung über seinen Sinn und Wert erhoffen. Daß so an die Stelle eines Grübelns über die Welt um uns eine Selbstbesinnung des Lebens trat, das bringt einen Vorteil, aber auch eine Forderung. Der Vorteil besteht darin, daß so das Problem jedem Einzelnen nahe gerückt wird: jeder strebende Mensch, nicht bloß der gelehrte Forscher, kann, ja muß es auf sich nehmen, die Menschheit aber kann sich von hier aus in einem Grundstock gemeinsamer Überzeugung zusammenfinden. Mit der seelischen Nähe aber, die ein solches Zurückgehen auf das Grundgefüge des Lebens, solche Bewegung zur Selbstbesinnung und Selbstvertiefung dem Ganzen verleiht, wird eine Vereinfachung, eine Wendung zu schlichter Menschlichkeit eng verbunden sein; einer solchen bedürfen wir heute um so mehr, je mehr die Kulturarbeit sich in ihrem Fortgang verwickelt. Dem Vorteil entspricht aber eine Forderung. Nur für den vermag sich in dieser Weise das Leben aufzuhellen, der selbst in die Bewegung eintritt; die Erfahrungen, Aufhellungen, Vertiefungen kann nur teilen, wer die Mühen und Kämpfe auf sich nimmt. Damit erklärt sich das weite Auseinandergehen der Menschen bei allen Lebensfragen prinzipieller Art, erklärt sich die Tatsache, daß, was den einen als selbstverständlich gilt und die treibende Kraft ihres Lebens bildet, anderen als ein bloßes Phantom erscheint. Die weite Ausbreitung von Zweifel und Unsicherheit ist die notwendige Folge dessen, daß bei diesen Fragen die Wahrheit sich nicht vorfindet, sondern errungen werden muß; das Maß der Lebensvertiefung bildet hier das Maß des Erkennens, flachen Seelen wird alles flach. Daß aber die Durchblicke der Wirklichkeit aus solchem Grunde verschieden sind, das macht aus dem Ganzen keineswegs eine Sache subjektiven Beliebens, das zerstört nicht das ausschließliche Recht der einen überlegenen Wahrheit. Zutreffend sagt ein indisches Wort: »Wenn die Fledermaus bei Tage nicht sieht, so ist das nicht Schuld der Sonne.« In der Sache kommt für den Gesamtanblick des Lebens zunächst die Tatsache in Betracht, daß im Menschen zwei Stufen der Wirklichkeit zusammentreffen. Er gehört zunächst zur Natur, und er bleibt auch im Weiterstreben fest an sie gebunden, sie bildet die Grundlage seines Lebens, die er auch im Weiterstreben festhalten und mit der er sich immer von neuem verbinden muß. Aber zugleich erscheinen bei ihm wesentlich neue Züge, die sich nicht als eine bloße Steigerung der Natur verstehen lassen, es erscheinen die Züge, welche geistige heißen. Ihr Eintreten verwandelt das Leben in ein großes Problem. Das Geistige gibt sich als überlegen, es verlangt das Leben zu führen. Aber es liegt zunächst nur in einzelnen Erscheinungen vor, und diese entbehren bei ihrer Zerstreuung sowohl einer deutlichen Gestalt als der Kraft sich durchzusetzen. Das Leben wäre einem unerträglichen Widerspruch verfallen, könnte sich nicht jenes Geistige in ein Ganzes zusammenfassen, als Ganzes wirken und zugleich einen bestimmten Gehalt erschließen. Daß dies geschehen kann, und daß es wirklich geschieht, das bedeutet eine große Wendung, das verlangt einen neuen Standort des Lebens, ja das besagt eine völlige Umkehrung des Anfangsstandes; diese Umkehrung aber gibt erst dem menschlichen Leben eine auszeichnende Eigentümlichkeit, einen klaren Sinn und zugleich einen hohen Wert. Denn mit ihr leuchtet ein, daß im Geistesleben sich uns die schaffende Tiefe der Wirklichkeit erschließt, und daß damit die ganze Unendlichkeit unser eigen werden kann. Alle Besonderheit unserer Art wird damit einem uns gegenwärtigen Weltleben untergeordnet und eingefügt. Jene Wendung aber ist keine Gabe des Schicksals, sie verlangt unsere eigne Entscheidung und Tat, unser Leben hört damit auf, ein bloßer Naturprozeß zu sein, es erhält den Charakter der Freiheit und muß von Freiheit fortwährend getragen werden. Gilt es bei ihm doch nicht auf einer vorhandenen Grundlage dieses oder jenes zu leisten, sondern in Erhebung über die vorgefundene Lage einen neuen Standort zu erringen und das Ganze eines neuen Lebens aufzubauen; wir erhalten so eine einzige Gesamtaufgabe, die alle Mannigfaltigkeit des Strebens durchdringt und zusammenhält. Insofern läßt sich ganz wohl von einem ethischen Charakter des Lebens sprechen, nur handelt es sich dabei dann nicht um eine von außen aufgelegte Forderung, sondern um einen Aufstieg des Menschen zu innerer Selbständigkeit, zu einem echten und wesenhaften Leben, um ein Erringen der Tiefe des eignen Wesens. Das Leben, das solcher Wendung entspringt, ist in Form und Gehalt völlig anders als das Leben des nächsten Befundes. Dieses Leben ist ganz und gar dem Strome der Zeit ausgeliefert, die Verkettung von Ursache und Wirkung treibt es rastlos weiter von Punkt zu Punkt, ohne ihm einen Stillstand und ein Beisichselbstsein zu gewähren, so findet sich hier auch keine Gegenwart, und von diesem Fluß des Geschehens die Bildung eines Inhalts zu verlangen, das wäre eine törichte Sache. Die geistige Stufe dagegen führt das Leben aus dem Strome der Zeit heraus, bringt es zum Stehen und gibt ihm die Möglichkeit, sich mit sich selbst zu befassen, ein Beisichselbstsein auszubilden und mit ihm eine Gegenwart; gegenüber der Flucht des Geschehens eröffnet sich hier ein Reich des Seins, eine zeitüberlegene Ordnung. Erst auf diesem Boden läßt sich dem Leben ein Inhalt geben, während das Dahingleiten von Punkt zu Punkt es bei völliger Leere beläßt. Auch in der näheren Beschaffenheit zeigt das neue Leben eine völlig neue Art gegenüber der bloßen Natur. Hier ist der Mensch nicht mehr ein bloßer Punkt neben anderen Punkten und lediglich darauf bedacht, sich gegen sie zu behaupten und gegen sie vorzudringen, sondern hier entstand ein Leben aus dem Ganzen und aus einer inneren Einigung mit der Wirklichkeit, ein Leben, das wesentlich neue Güter erzeugt, wie das Gute, Wahre und Schöne, Güter, die neue Reiche eröffnen und Grundpfeiler einer neuen Gesamtordnung werden; ihre Aneignung brachte ein allem subjektiven Wohlbefinden unvergleichlich überlegenes Glück. Das Leben zerfiel hier nicht in den Gegensatz der Leistung nach außen und der Pflege des eignen Befindens, sondern Arbeit an sich selbst und Arbeit an der Welt konnten sich hier zur Einheit verbinden und ein der Spaltung überlegenes Leben erzeugen. Nach dem allen haben wir keinen Zweifel an einem Gehalt und Wert unseres Lebens. Es fließt nicht sinnlos dahin, es trägt in sich ein hohes Ziel und setzt dafür den ganzen Umfang unserer Kraft in Bewegung; in solcher Bewegung dienen wir nicht bloß uns selbst, sondern unser Streben und Tun hat Bedeutung über unseren eignen Zustand hinaus. Das Leben des Alls wird der einzelnen Stelle zum eignen Erlebnis und erzeugt hier einen Quellpunkt eignen Schaffens. An dieser Stelle verlangt die Bewegung des Ganzen unsere Tat und kann ohne sie hier nicht vorwärts kommen. Indem damit das Leben unter den Gedanken der Verpflichtung tritt, erhält es einen schweren Ernst, aber zugleich eine unvergleichliche Größe, alle Leere und Nichtigkeit liegt nunmehr hinter uns. Ein solches Leben hebt uns nicht nur über den Naturprozeß, sondern auch über das Durchschnittsgetriebe mit seiner Kleinheit und seiner Scheinhaftigkeit sicher und weit hinaus. Teilhaber der Unendlichkeit, stehen wir doch auf uns selbst, inmitten weitverzweigter Arbeit und angestrengten Suchens gewährt jene höhere Ordnung uns eine innere Festigkeit und ruhige Freudigkeit. Zugleich verwandeln sich die Maße des Lebens: seine Größe hängt nun nicht mehr an der Leistung nach außen hin, sondern an der Belebung ursprünglicher Tiefe; was immer das Lebensgeschick an Verschiedenheit bereitet, das tritt zurück vor diesem uns allen gemeinsamen Werk, äußere Geringfügigkeit wird mit innerer Größe vereinbar; so sollte niemand von sich und seinem Leben niedrig denken. Denn als Bürger der Geisteswelt, als Quellen ursprünglichen Lebens können wir alle das Reich des Geistes mehren, sind wir alle königlichen Geblüts. Dabei zeigte das Ganze des menschlichen Lebens eine fortschreitende Bewegung, ein Emporklimmen durch verschiedene Stufen. Über die natürliche Selbsterhaltung und über das Gemenge des gewöhnlichen Daseins treibt es hinaus zur Entfaltung einer Geisteswelt, aber zu dieser Hauptwendung kommt innerhalb der neuen Welt eine Scheidung zwischen Kulturarbeit und Religion. So entstehen drei Schichten des Lebens, die verschiedene Güter enthalten, verschiedene Forderungen stellen, verschiedene Weltdurchblicke erzeugen. Über der äußeren Notwendigkeit und der Nützlichkeit der natürlichen und gesellschaftlichen Selbsterhaltung erhebt sich weltbauendes geistiges Schaffen und entwickelt Wahrheit, Schönheit und Recht, über ihm aber wölbt sich als letzter Abschluß ein Reich weltüberlegener Innerlichkeit und weltüberwindender Liebe; zum Gelingen des ganzen Lebens müssen diese verschiedenen Stufen in steter Beziehung bleiben und wechselwirkend einander ergänzen, müssen die niederen zu den höheren weiterstreben und diese sich auf sie zurückbeziehen, muß jede einzelne sowohl ihr Recht behaupten als ihre Schranke erkennen. Bei solchem Zusammenwirken gewinnt das Leben eine fortlaufende innere Bewegung und einen überquellenden Reichtum. So ist die erste und wichtigste Tatsache, daß im Bereich des Menschen ein der Natur überlegenes Leben erscheint, eine Geistigkeit, die als die Voraussetzung aller weiteren Bewegung eine grundlegende heißen mag. Aber wir können den Begriff des Geisteslebens nicht in dieser Art gegen die gewöhnliche Fassung steigern ohne auch die Hemmungen schwerer zu nehmen, denen seine Entwicklung im menschlichen Kreise begegnet; als eine zweite Haupttatsache ist anzuerkennen, daß das Geistesleben bei uns auf härtesten Widerstand stößt und in unablässige Kämpfe verwickelt wird. Das aber, wie wir sahen, nach drei Hauptrichtungen hin. Die Anerkennung des Geisteslebens als des Kerns aller Wirklichkeit ließ ein volles Aufgehen der Natur in die Bewegung zum Geist erwarten; wir sahen, daß das nicht der Fall ist, daß vielmehr das, was nunmehr sich als ein Niederes darstellt, sich bei sich selber festlegt und einem Aufstieg hartnäckig widersteht. Wir möchten ferner erwarten, daß wir uns dem Geistesleben nur zuzuwenden brauchen, um es in durchgebildeter Gestalt anzutreffen; in Wahrheit zeigt sich dies Leben bei uns unfertig, der Mensch muß größte Mühe daran setzen, über die matten Züge des Anfangs hinauszukommen; solches Streben führte die Wege weit auseinander und ließ die Menschen in harten Zwist geraten, in diesem Zwist schien leicht das Ganze des Geisteslebens auf menschliche Meinung gestellt und allem Zweifel unterworfen. Die schwerste Verwicklung aber erwuchs aus dem Widerstände, den das Geistesleben nicht nur draußen, sondern vornehmlich in der eignen Seele des Menschen findet. Was hier an geistiger Kraft sich regte, das ward oft in den Dienst niederer Zwecke gezogen, ja der Widerstand dehnte sich von Ganzem zu Ganzem aus, es erschien eine innere Spaltung des Menschenwesens, die Hemmung erreichte ihre größte Stärke, indem der Mensch nicht unterlassen konnte, eine Verantwortung auf sich zu nehmen und durch das Bewußtsein der Schuld alle Bitterkeit des Leides zu steigern. In dem allen eine Stufe kämpfender Geistigkeit. Aber so schwer wir den Widerstand nahmen, wir fanden ihn, wenn auch nur in besonderen Richtungen, nicht nur bekämpft, sondern auch überwunden. Es zeigte sich im menschlichen Bereich weithin ein Gehobenwerden der Natur zur Geistigkeit; es zeigte sich weiter eine erfolgreiche Arbeit sowohl in den einzelnen Lebensgebieten als im Ganzen der weltgeschichtlichen Bewegung zur Ausgestaltung des Geisteslebens; wir fanden endlich in der Religion eine Erhebung über das Gebiet der Konflikte und die Eröffnung eines in Gott gegründeten Lebens. So trat zur kämpfenden eine überwindende Geistigkeit. Aber so gewiß diese Überwindung zeigt, daß der Lebenskampf nicht vergeblich ist, sie bedeutet keinen reinen Sieg, sie löst nicht glatt das Problem. Dazu läßt die Bewegung viel zu viel unergriffen, dazu behält das Feindliche viel zu viel Wirklichkeit. Das kann uns freilich nicht dem Zweifel überliefern, denn unangefochten von allem Bedenken bleibt die Grundtatsache des Erscheinens eines neuen Lebens; selbst die Widerstände können, näher betrachtet, diese Grundtatsache nur bestätigen. Ein Sieg des Zweifels bekundet daher nur, daß wir im Grunderlebnis nicht sicher stehen, die Verwicklungen unserer Lage übermannen nur den, der ihnen kein ursprüngliches Leben entgegenzusetzen hat. So wird die Stärke des Zweifels ein Zeugnis innerer Schwäche. Wohl aber zwingt uns diese Lage zu einem Urteil über das Ganze der Welt, welche den Menschen umfängt. Mit seiner Unfertigkeit und seinen Gegensätzen, mit seinem Angewiesensein auf weitere Tiefen kann es nicht das Ganze der Wirklichkeit bedeuten und nicht in sich selbst seinen Abschluß tragen, es ist eine besondere Art des Seins, die tieferer Gründe und weiterer Zusammenhänge bedarf, um überhaupt zu bestehen und einen Sinn zu erlangen. So hat auch unser Handeln nicht in dieser widerspruchsvollen Welt seine letzten Ziele zu suchen, es muß inmitten alles Kampfes unbeirrt auf eine Welt selbständiger und überlegener Geistigkeit gerichtet bleiben und ihrer Förderung dienen, in festem Vertrauen darauf, daß letzthin nichts von dem vergeblich und verloren sein kann, was zum Aufbau des Reichs des Geistes geschieht. Alle Unfertigkeit unserer Welt kann uns nicht erschrecken, wenn wir diese als ein Glied weiterer Zusammenhänge verstehen und in ihr mehr einen Beginn als einen Abschluß erblicken. Unser Leben behält auch dann einen Sinn und Wert, wenn es mehr ein inneres Vordringen als ein äußeres Überwinden, mehr ein Erwecken und Sammeln der Kräfte als ein volles Erreichen der Ziele ist, wenn es in Zusammenhängen steht, die es nicht klar durchschauen kann. Das war auch die Überzeugung Luthers, wenn er meinte: »Es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber im Gange und Schwange, es ist nicht das Ende, aber der Weg. Es glühet und glänzet nicht alles, es feget sich aber alles.« Solcher Stand der Dinge führt notwendig auf das Problem der Unsterblichkeit; nicht nur niedrige Lebensgier, unersättliches Mehrhabenwollen, sondern ein unabweisbares Verlangen des Geisteslebens legt es uns zwingend auf. Augenscheinlich macht die Neuzeit eine Bejahung dieser Frage sehr schwer. Schon die unermeßliche Ausdehnung der Welt in Raum und Zeit stellt diese in ein anderes Licht als da, wo die Erde der Mittelpunkt des Weltalls dünkte und der ganze Weltlauf sich in kurzer Zeitspanne zu vollenden schien; dazu tritt die Abhängigkeit aller geistigen Betätigung von körperlichen Bedingungen uns immer klarer vor Augen. Wenn ferner erst das Geistesleben den Menschen zum Menschen macht, so muß die Geringfügigkeit der geistigen Regung an den meisten Punkten erschrecken; selbst wo geistiges Leben durch Erziehung und Beruf zu leidlicher Kraft erweckt ward, schläft es oft im Verlauf des Lebens fast vollständig wieder ein, und alle geistige Regung verschwindet in ein ödes Philister- und Banausentum. Die Seele scheint schon erloschen, während der Körper noch lebt. Was soll solchen toten Seelen ein Fortleben über dies Dasein hinaus? Endlich lassen uns auch erweiterte Begriffe vom Geistesleben die Enge und die Bedingtheit unserer Daseinsform immer stärker empfinden, wir können es nicht mehr mit der älteren Denkart als ein unbedingtes Glück erachten, diese besondere Daseinsform mit all ihrer Enge und Zufälligkeit durch alle Zeiten weiterzuschleppen, mancher von uns dürfte ein völliges Erlösen solcher starren Festlegung vorziehen. Aber soviel in der Neuzeit einer Bejahung widersteht, auch eine glatte Verneinung ist dem unmöglich, der jenes Bild des Lebens, das wir entwickelten, anerkennt. Denn erscheint das Leben seinem geistigen Gehalte nach nicht nur beim Einzelnen, sondern auch beim Ganzen der Menschheit als durch und durch unfertig, als der bloße Beginn eines Weges, und besteht nicht die mindeste Hoffnung, daß der nächste Daseinskreis sich je in ein Reich der Vernunft verwandle, steigert vielmehr aller Fortschritt auch die Verwickelung, so müßte der Abschluß bei diesem Stand die ganze Bewegung zur Geistigkeit sinnlos machen; alle Mühe wird vergeblich, wenn die Entwicklung geistigen Lebens nicht irgendwie über diese Bindung hinausreicht und auch das Einzelwesen irgendwie darüber hinaushebt. Wenn damit ein Verlangen nach bleibender Dauer entsteht, so könnte solche Dauer sich nur auf den geistigen Kern erstrecken, der in uns angelegt ist, und es liegt die Frage nahe, ob, wenn der Verlauf des Lebens die Anlage nicht zur Selbsttätigkeit erweckt, dieser Punkt sich dauernd behaupten und sein Vermögen nicht anderweit verwandt werden wird. Wichtiger als alles Grübeln in die Zukunft ist die Tatsache, daß schon jetzt bei uns sich zeitüberlegenes Leben bildet, daß der Mensch an einer ewigen und unendlichen Ordnung teilzugewinnen vermag, und zwar – darauf kommt es an – nicht nur mit einzelnen Betätigungen, zum Beispiel dem Denkvermögen, sondern als geistige Energie, als weltumfassendes und weltgestaltendes Wesen, mit einem Ganzen des Seins; was sich dabei an Überzeitlichem erweist und entfaltet, das kann nicht ganz in den Strom der Zeit vergehen. Wir harren nicht erst auf eine Ewigkeit, wir stehen in einer Ewigkeit. So meint es auch Goethe, wenn er sagt: »So löst sich jene große Frage Nach unserm zweiten Vaterland, Denn das Beständige der ird'schen Tage Verbürgt uns ewigen Bestand.« Immerhin bleibt die Sache viel zu dunkel, um den Vordergrund unseres Lebens bilden zu dürfen; so sei nur eine dogmatische Verneinung abgelehnt. Daß jenes Dunkel den Vorteil hat, unser Streben bei diesem Leben festzuhalten, das uns wahrlich genug zu tun gibt, und zugleich dem Handeln kleinliche Lohngedanken fernzuhalten, das hat kein geringerer als Kant in seiner Kritik der praktischen Vernunft als sein Bekenntnis ausgesprochen. Er schließt eine tief eindringende Erörterung dieser Frage mit den Worten: »Also möchte es auch hier wohl damit seine Richtigkeit haben, – daß die unerforschliche Weisheit, durch die wir existieren, nicht minder verehrungswürdig ist in dem, was sie uns versagte, als in dem, was sie uns zuteil werden ließ.« Konsequenzen für das Leben des Individuums Der gemeinsame Lebenslauf Wie jede Lebensgestaltung sich am Dasein des Individuums zu erproben hat, so muß es auch die unsrige tun; sie tut das, indem sie auch dem Einzelleben eine spannende Aufgabe stellt, ihm einen inneren Zusammenhang gibt, es den Widersprüchen entwindet, die es zu zerstören drohen. Diese Widersprüche wurzeln vornehmlich darin, daß der Mensch als denkendes Wesen über die bloße Natur hinauswächst und bei ihr kein Genüge mehr findet, daß der Durchschnitt seines Daseins aber die geistige Betätigung nicht stark genug zeigt, um ein neues Leben hervorzubringen; so schwebt der Mensch in unsicherer Mitte, und da die Versuche einer Hilfe sich bald als unzulänglich erweisen, so endet das Ganze schließlich in trüber Resignation; das Leben erscheint, um mit Schopenhauer zu reden, als ein Geschäft, das seine Kosten nicht deckt. Der Verlauf des Lebens durch die verschiedenen Lebensalter hindurch, wie die Erfahrung ihn zeigt, stellt sich zunächst als ein Aufstieg, dann aber als ein Abstieg dar, damit aber als ein überwiegender Verlust, als eine schwere Enttäuschung. Beim Eintritt in das Leben wird das Individuum vom engen Kreise der Seinigen freudig begrüßt und zärtlich gepflegt, auch den Weg des Heranwachsenden behüten Liebe und Güte, und so wenig kleine Schmerzen und Sorgen fehlen, sie stören nicht die Lebensentfaltung und Lebenslust. Da die Abhängigkeit noch nicht drückend wirkt, so entwickelt das Kindesalter einen Stand harmlosen Glückes, nach dem das spätere Leben oft wie nach einem verlorenen Paradiese zurückschaut. Dann aber regt sich ein Verlangen nach voller Selbständigkeit, das Leben drängt ins Freie und Weite, der Mensch sucht eigene Wege und schließt in Freundschaft und Liebe selbstgewählte Verbindungen; neue Triebe erwachen, neue Wünsche steigen auf, schwellende sinnliche Kraft führt auch dem geistigen Leben fruchtbare Antriebe zu. Ins Unendliche geht hier das Sehnen und Hoffen, unbegrenzte Möglichkeiten stellen sich zur Wahl vor den strebenden Geist, das ursprüngliche Aufquellen frischer Kraft erzeugt das Gefühl, daß jetzt erst die Welt ihren Lauf recht beginne, jetzt erst die Sonne voll leuchte, jetzt erst Lust und Liebe ihren ganzen Zauber entfalten. Die Vergangenheit dünkt dabei leicht eine bloße Vorstufe dessen, was nun an den Punkt der Entscheidung kommt, jetzt wird die Zukunft geschmiedet, jetzt allen folgenden Zeiten der Weg gewiesen. So groß kann die Jugend nicht von sich denken, ohne auch manche Sorgen und Schmerzen auf sich zu nehmen, die hochfliegenden Pläne selbst lassen das Unzulängliche und Widerstrebende des vorgefundenen Standes mit besonderer Stärke empfinden. Aber ein freudiges Kraftbewußtsein schöpft daraus mehr einen Antrieb als eine Hemmung des Lebens; auch waltet ein fester Glaube an eine Macht der Vernunft und Gerechtigkeit im menschlichen Kreise, ein Glaube auch an eine Überlegenheit freien Handelns über alle starre Gewohnheit. Aus der Zeit der Entwürfe und Pläne tritt der Mensch mit dem Mannesalter in die Zeit der Arbeit ein, nun gilt es selbst Hand anzulegen, nun das Vermögen in Tat umzusetzen; ein Beruf wird ergriffen, eine eigne Häuslichkeit begründet. Das bringt eine gewisse Verengung des Lebens, ein Einlenken in eine ruhige Bahn. Aber wenn der Sturm und Drang der Jugend verfliegt, so verflicht sich dafür das Leben enger mit seiner Umgebung und gewinnt es einen festeren Boden; die Ziele stehen klarer vor Augen, und das Wirken gewinnt an Sicherheit. Aus fruchtbarer Arbeit quillt Liebe und Freude hervor, sie vermag Hingebung und Opfer zu erzeugen, eine ethisch-bildende Kraft jener Arbeit ist unverkennbar. Aber bei dieser Wendung kommt das Leben bald an einen kritischen Punkt, den am meisten kritischen Punkt unseres ganzen Daseins. Die Wendung zur Arbeit zwingt, das Auge auf die Leistung zu richten, und lenkt damit den Menschen vom eignen Innern ab, sie verlegt den Schwerpunkt des Lebens mehr und mehr in das Verhältnis zur gesellschaftlichen Umgebung und macht den Einzelnen zum Diener ihrer Wünsche. Das ergibt so lange keine schwere Verwicklung, als das Feuer der Jugend noch anhält und das Werk des Tages erwärmt; aber allmählich erlischt jenes Feuer, es erschlafft mehr und mehr die Jugendkraft der Natur, und es fragt sich nun, ob, was damit verloren geht, irgendwelchen Ersatz erhalte. Damit aber ist der kritische Punkt erreicht und steht das Leben vor einer folgenschweren Entscheidung. Nur geistige Kraft vermag die sinkende Natur zu ersetzen, sie könnte es aber nur, wenn die geistige Anregung, die dem Individuum zugeführt wurde, in ihm tief genug Wurzel geschlagen hätte, um ein selbständiges Leben zu erzeugen und dem Kampf gegen die Hemmungen gewachsen zu machen. Dies aber geschieht, wie der unbestreitbare Augenschein zeigt, in den meisten Fällen nicht, das geistige Leben wird nicht sowohl durch eigne Kraft als durch das verwickelte Triebwerk des gesellschaftlichen Lebens aufrecht gehalten; das aber besagt gerade nach unserer Darlegung insofern einen schroffen Widerspruch, als das Geistesleben im Selbständigwerden der Innerlichkeit besteht; es läßt sich nicht unter eine fremde Ordnung beugen, ohne arg zu verflachen und sich selbst entfremdet zu werden, ohne schließlich zu bloßem Scheine zu sinken. Das muß auch das Individuum am eigenen Leibe erfahren: es kann nicht vornehmlich nach außen blicken und die Wirkung auf die Umgebung berechnen, ohne daß die Kraft des Lebens abnimmt und seine Gefühle ermatten, wird es ja statt freudiger Selbstbehauptung ein bloßer Austausch von Wirkung und Gegenwirkung; ursprüngliches Schaffen weicht nunmehr träger Gewöhnung, und eine geistlose Mechanisierung dehnt sich weiter und weiter aus. Die Arbeit sinkt zur Routine, und was feurige Liebe schuf, das muß die Gewohnheit des Alltags und eine kühle Interessenberechnung mühsam aufrecht erhalten. Zugleich weicht der freudige Enthusiasmus der Jugend einem nüchternen Realismus, der Trägheitswiderstand der Verhältnisse, den die Jugend so gering anschlug, wird nun überschätzt und lähmt allen kühnen Aufschwung, dasselbe gilt von der Macht des Kleinen und Gemeinen, sowie des Zufalls, der oft mühsame Arbeit und wohlangelegte Pläne in flüchtigem Spiel zerstört. Ist es dem Individuum zu verdenken, wenn es unter solchen Eindrücken und Erfahrungen auf eine Beherrschung der Dinge verzichtet und möglichst sich seiner Umgebung anzupassen bedacht ist? Auch ist das gesellschaftliche Leben, dem das Individuum sich jetzt dienstwillig einfügt, eifrig beflissen, dem Gefühl innerer Leere entgegenzuwirken, das jene Wendung nahelegt. Die Gesellschaft läßt es an Anerkennung der Arbeitsleistung nicht fehlen, sie stachelt den Ehrgeiz des Individuums an und schmeichelt seiner Eitelkeit; auch ersinnt sie mit unermüdlichem Eifer Unterhaltungen und Zerstreuungen, Spiel, Sport, Surrogate echten Lebens, die durch leidenschaftliche Erregung des Augenblicks die Leere des Ganzen zu verdecken suchen. Aber das Gefühl der Leere verscheuchen heißt nicht die Leere selbst überwinden; in aller künstlich erzeugten Erregung führen die Seelen kein wahrhaftiges Leben, sind sie innerlich angesehen tote Seelen. Und nun regt sich oft eine wehmütige Sehnsucht nach der Kindheit, wo das Leben in weitestem Ausblick vor dem Menschen lag, wo alle Möglichkeiten noch offen standen und die Pulse so viel kräftiger schlugen. Schließlich versagen die Kräfte zur Arbeit, es gilt einen Rücktritt von ihr, das Greisenalter beginnt. Dieser Abschied von der Arbeit, die mehr und mehr eine Bürde wurde, mag zunächst wie eine Erleichterung und Befreiung wirken, die Ruhe wird jetzt zum Genuß, der harte Kampf erlischt, eine weichere Stimmung kommt auf, als unbeteiligter Zuschauer wird der Mensch gerechter im Urteil. Das Greisenalter ist die Zeit der Kontemplation, aber einer Kontemplation, die sich von der Produktion geschieden hat; so hat, was hier an Weisheit entsteht, einen matten und unfruchtbaren Charakter, es kann mehr das Scheiden vom Leben erleichtern als diesem nachträglich einen Wert verleihen. Die Beleuchtung, die sein Verlauf beim Rückblick erhält, wird eher dem Pessimismus als dem Optimismus entsprechen. Die Natur gab jedem von uns ein Kapital in das Leben mit, aber dies Kapital war begrenzt, und wir haben es allmählich aufgezehrt; was sollen wir nun noch beginnen? Wir hatten manche Erfolge, aber sie ließen die Seele vergessen und verkümmern, und sie selbst geraten in Unsicherheit, wenn Zweifel an einem Sinn und Wert des gesamten Lebens erwachen, dem alle besondere Arbeit dient. Und wie sollten sie hier nicht erwachen? Wir strebten von Augenblick zu Augenblick und hofften stets mit Erreichung der nächsten Höhe den letzten Anstieg erklommen zu haben, aber immer wieder erschienen neue Gipfel und zwangen uns weiter zu wandern. Das Leben kam nicht zu sich selbst und ging nicht in ein Ganzes zusammen; so hatten wir dem Strom der Zeit nichts entgegenzusetzen, sondern trieben wehrlos mit ihm dahin. Im Hoffen und Harren auf ein Glück, das irgendwoher kommen sollte, entrann uns die Gegenwart und schließlich das ganze Leben, es war mehr ein Suchen und Haschen, ein Lebensverlangen, als echtes Leben. Einen gewissen Trost findet dies Leben wohl in dem Gedanken, daß unsere Arbeit der Heranbildung eines neuen Geschlechts diene, unsere Mühen diesem zugute komme. Aber gibt das dem Leben einen irgendwie genügenden Sinn? Was wird gewonnen, wenn das neue Geschlecht auch nur wieder ein anderes heranzieht, und dieses wieder ein anderes, wenn jedes die Frage weiterschiebt, und damit das Leben stets im Suchen bleibt, nie zum Stehen gelangt? Schließlich erscheint dann das rastlose Streben von Geschlecht zu Geschlecht als ein bloßes Mittel, das Naturleben aufrecht zu halten, und es wird eine große Irrung, daß wir uns als einen Selbstzweck behandeln und einen Inhalt des Lebens begehren. Alle solche Größen sind dann nicht mehr als bloße Trugbilder, die uns vorgespiegelt werden, um uns aus der Trägheit aufzurütteln. Wir alle sind hier bloße Durchgangspunkte des Lebens, Wogen, die sich rasch zusammenballen und ebenso rasch wieder zerrinnen, Wogen, bei denen hinter jeder sofort eine neue aufsteigt, um ihren Platz einzunehmen. Dieser Stand der Dinge mag so lange verborgen bleiben, als das Auge nur an einzelnen Geschehnissen haftet; sobald aber ein überschauendes Denken die Erfahrungen zusammenfaßt, wird die Sinnlosigkeit des Ganzen unbestreitbar, und die Verneinung behält damit das letzte Wort. Zum selben Ergebnis führen die schroffen Widersprüche, die das Leben des Individuums zeigt. Einmal dünkt das Individuum, namentlich wie die moderne Forschung es sieht, ganz und gar ein bloßes Stück der Weltverkettung, bis in sein tiefstes Innere hinein festgelegt und bestimmt; zugleich aber kann es unmöglich aller eignen Entscheidung entsagen, da ihm dann überhaupt nichts zu eigen bleibt und sein Leben ein bloßes Betrachten eines undurchsichtigen und gleichgültigen Geschehens wird. Ferner stellt jenes Nebeneinander der Dinge, wie die Erfahrung es bietet, den Einzelnen mit all seinem Tun und Ergehen als für das unermeßliche All und auch für das menschliche Zusammensein völlig gleichgültig dar, es scheint Torheit, etwas besonderes sein und etwas besonderes bedeuten zu wollen. Aber das Individuum kann sich selbst nicht als gleichgültig nehmen, ohne daß aller Antrieb zum Leben, alle Arbeit an seinem Aufbau, alles Streben nach Ausbildung einer Individualität und nach einem Persönlichwerden sinnlos wird und zusammenbricht. Auch ist der Mensch im Reich der Erfahrung in das innere Gehäuse seines Ich eingeschlossen und muß alles Ergehen und Tun auf das Wohl dieses Punktes beziehen, es scheint ganz und gar unmöglich, dieses Gehäuse zu verlassen und an Fremdem Anteil zu nehmen. Aber zugleich empfindet er solche Begrenzung als eine unerträgliche Vereinsamung, er sehnt sich nach Liebe und Sympathie und möchte selbst solche erweisen. Aber alles Erkennen und Empfinden der drückenden Enge führt nicht über sie hinaus; nur darin scheinen wir der Natur überlegen, daß wir die Bindung schmerzlich fühlen, die sonst verborgen bleibt. In allen diesen Punkten erkennen wir einen durchgehenden Widerspruch: es regt sich in uns etwas Neues und lockt uns zu hohen Zielen, aber ihm fehlt die Selbständigkeit und zugleich die Kraft, welche jene Ziele verlangen. Die bloße Natur wird dem Menschen unzulänglich, aber zu einem neuen Leben gelangt er nicht. Müssen wir uns solchem Widerspruch wie einem unentrinnbaren Schicksal ergeben und damit auf einen Sinn des Lebens verzichten? Wir müßten es, wenn das geschilderte Dasein die ganze Wirklichkeit wäre, wir brauchen es nicht, wenn die Anerkennung und Aneignung eines selbständigen Geisteslebens eine Umkehrung möglich macht, eine Tiefe des Alls eröffnet und jenes gegebene Dasein als eine besondere Stufe der Wirklichkeit verstehen lehrt. Gewiß verschwinden damit nicht die Verwickelungen, die unser Leben beengen und sinnlos machen, aber wir werden über ihren Bereich hinausgehoben und gewinnen einen Standort, von dem aus sich ihnen widerstehen läßt. Denn gewinnen wir mit jener Wendung an einem ursprünglichen Leben, einem Leben von innen her und aus dem Ganzen teil, werden wir Mitarbeiter am Bau einer echten Wirklichkeit, ja finden wir schließlich unendliches, ewiges, schaffendes Leben in uns als unser eignes Leben gesetzt, so spielen wir nicht mehr bloß eine uns zugewiesene Rolle, sondern so wird das Leben uns in vollem Sinne zu eigen, so stehen wir tätig zur Wirklichkeit, so wird es möglich, das Leben den geschilderten Widersprüchen zu entwinden und seinen Verlauf vor jenem trüben Sinken zu bewahren. Es fällt dafür besonders dies ins Gewicht: wohl hängt das Einzelleben am Leben des Ganzen und vermag gar nichts ohne dies, aber an dieser besonderen Stelle ist die Entscheidung und Zuwendung des Einzelnen unentbehrlich, um das Leben aufrechtzuhalten und weiterzuführen, hier steht die Sache auch bei ihm, und ist er berufen, ein Mehrer des Reiches des Geistes zu werden. Mit solcher Wendung tritt dem Schicksal ein ursprüngliches und freies Leben entgegen und verwandelt das Dasein des Menschen in einen Kampf zwischen Freiheit und Schicksal; dann verschwindet auch die Gleichgültigkeit, welcher der Mensch sonst ausgeliefert war; dann kann ein Gegenwärtigwerden des Ganzen an der einzelnen Stelle jenes enge Gehäuse sprengen, die Vereinsamung überwinden, große Wogen von Liebe und Mitleid durch alles menschliche Dasein ergießen, dann werden auch die Geschicke des Einzelnen auf ein Gesamtgeschick der Menschheit aufgetragen, dadurch geläutert und veredelt. Wie viel das bedeutet, das zeigen die großen Weltreligionen. Alle diese Wandlungen und Erhöhungen hängen aber an der Grundtatsache, daß mit jener Wendung das Leben des Einzelnen an erster Stelle nicht mehr ein Verhältnis zu seiner Umgebung, sondern ein Verhältnis zu dem ihm innerlich gegenwärtigen Geistesleben ist; das muß den Gesamtcharakter gegen die bisherige Fassung verändern. Nun liegt das Gelingen des Lebens nicht mehr am Erfolg nach außen, sondern in seinem eigenen Aufbau; nun findet es darin sein höchstes Ziel, ein selbständiges Lebenszentrum, eine geistige Energie zu werden. Das bedeutet weit mehr als den Gewinn eines subjektiven Wohlbefindens, mehr als ein Entwickeln besonderer Tätigkeiten in Erkennen, Fühlen und Wollen, mehr auch als die Ausbildung eines moralischen Charakters. Denn dieser ist nur eine besondere, freilich höchst wesentliche Seite der Bildung zur geistigen Energie; diese aber besagt ein Erringen eines Beisichselbstseins durch Volltätigkeit, die auch den Gegenstand einschließt, das Bilden eines selbständigen Lebenskreises, der bei aller Besonderheit aus dem Ganzen der Wirklichkeit nicht heraustritt, sondern innerhalb seiner verbleibt. Im rechten Sinne bei uns selbst befindlich, stehen wir zugleich unmittelbar im Leben des großen Alls. Damit tut sich eine unermeßliche Tätigkeit auch für den Einzelnen auf, eine Tätigkeit, die nicht mit ungestümem Drange in unbegrenzte Fernen trachtet und nicht das ganze Leben in bloße Bewegung verwandelt, sondern die in aller Weite des Strebens den Ausgangspunkt festhält und zu sich selbst zurückkehrt; will sie doch letzthin nicht etwas Fernes und Fremdes, sondern ihr eignes Wesen, und ist alles echte Leben ein Suchen und Erringen seiner selbst. Freilich fehlt es hier nicht an Verwicklung. Die Anerkennung der Selbständigkeit des Geisteslebens läßt das Ungenügen des menschlichen Vermögens, den weiten Abstand zwischen Forderung und Leistung noch stärker empfinden und stellt den Stand des Menschen noch weit unzulänglicher dar. Unendliches soll im Endlichen, Zeitüberlegenes im Zeitlichen, Freischaffendes im Gegebenen und Gebundenen, Liebe in der Welt des Kampfes zur Macht und Wirkung gelangen; solche Forderung erzeugt eine starke Bewegung, die nie aus dem Suchen und Streben heraus zu reinem Abschluß gelangt. Diese widerspruchsvolle Lage war eben auf der Höhe menschlichen Strebens klar und deutlich gegenwärtig: die edelsten Menschen machten sich die meisten moralischen Sorgen, »die Heiligen pflegen sich für Sünder und die Sünder für Heilige zu halten« (Pascal), die größten Künstler fühlten besonders schmerzlich den weiten Abstand zwischen Wollen und Vollbringen; und tiefste Denker fanden ihre Hauptaufgabe darin, einer Überschätzung des menschlichen Erkenntnisvermögens entgegenzuwirken und scharf seine Grenzen zu ziehen. Aber deswegen braucht der Mensch keineswegs zu verzagen: eine Kleinheit, die innerlich erlebt wird, bezeugt unmittelbar eine Größe, die lebendige Gegenwart aufrüttelnder, erhöhender, weitertreibender Mächte; auch sie gehören zu uns und lassen uns bei aller Unfertigkeit an einem Gehalt unseres Lebens nicht zweifeln. Das besonders deshalb, weil jene Bewegung sich nicht in einzelnen Anregungen erschöpft, sondern durch alle Mannigfaltigkeit einem einzigen Ziele dient: der Erhebung des Menschen zu einer geistigen Energie, der Geburt eines neuen, geistigen Menschen. Denn »der Mensch muß zweimal geboren werden, einmal natürlich und sodann geistig, wie der Brahmine« (Hegel). Brahminen in diesem Sinne aber sind wir alle, denn jeder von uns, mag sein Lebenskreis äußerlich noch so bescheiden sein, ist innerlich angesehen ein Weltwesen, das unmittelbar am Leben des Ganzen teilhaben kann und es an seiner Stelle zu fördern vermag. »Gott begegnet sich immer selbst; Gott im Menschen sich selbst wieder im Menschen. Daher keiner Ursache hat, sich gegen die Größten gering zu achten« (Goethe). Steht es so mit dem Menschen, so kann er den Gefahren Widerstand leisten, welche sein Leben nach kurzem Aufschwung in ein Stocken und Sinken zu bringen drohen: er kann der physischen Jugend eine geistige entgegensetzen und gegenüber einem erstarrenden Mechanismus das Leben in frischem Flusse halten. Dessen Gesamtcharakter ist dadurch geändert, daß es nun nicht mehr bloß an uns vorgeht und uns nicht von draußen zufällt, sondern daß wir selbst es bereiten und es erst damit wahrhaft zu eigen gewinnen, daß nun nicht mehr einzelne Vorgänge in sinnlosem Gewirr einander folgen, uns eine Zeitlang erregen, dann aber wieder verschwinden, sondern daß wir gegenüber dem Wirbel und Wandel eine Hauptrichtung festhalten, in der Arbeit für jenes Gesamtziel eine zeitüberlegene Gegenwart bilden, hier alles, was dem inneren Fortgang dient, festhalten und miteinander steigern können. Durch Erfahrungen, Kämpfe und Gewinne, ja selbst durch Verluste hindurch kann sich hier ein Aufbau des Lebens vollziehen, kann das Leben sich immer mehr auf sich selber stellen und mit dem Selbständigwerden zugleich an Ursprünglichkeit wachsen. Dann verheißt sein Verlauf uns reichen Gewinn, dann behält er eine stete Spannung. Dann wird es auch nicht echte Weisheit bedeuten, das Leid, das uns traf, einfach abzuschütteln und möglichst alle Spur von ihm auszutilgen, sondern dann wird es einem überlegenen Ganzen des Lebens gegenwärtig bleiben und zu seiner Vertiefung wirken können, indem es zugleich bei sich selbst geläutert und veredelt wird. Solche innere Bildung vermag durch die ganze Ausdehnung des Lebens im Aufstieg zu bleiben und beim Weichen der physischen Jugend im Wachstum einer geistigen Jugend, einer geistigen Ursprünglichkeit fortzuschreiten; das Leben ist hier nicht ein Aufzehren eines gegebenen und begrenzten Kapitals, sondern ein Bilden eines neuen, das ins Unbemessene zunehmen kann; ein Leben muß als verloren gelten, dessen Verlauf den Menschen nicht innerlich reicher macht. Von jener geistigen Jugend aus läßt sich der Forderung der großen Mystiker ein gutes Recht zuerkennen, der Mensch solle jeden Tag jünger werden, sein Leben jeden Tag mehr aus der Zeit in die Ewigkeit stellen. Das sentimentale Zurückblicken auf die Jugendzeit aber, das Jammern und Klagen über den Verlust ihrer goldenen Tage erscheint nun als ein Ausfluß matter Denkart, ja als ein deutliches Zeugnis dafür, daß das Leben sein Ziel verfehlte. Nicht minder aber wie dem Sinken der Jugendkraft läßt sich auch der Mechanisierung der Arbeit und dem Verfallen in geistlose Routine widerstehen. Uns bezwingen hier nicht sowohl die Außendinge als unsere eigene Schwäche und Leere, unser Unvermögen, gegenüber der Arbeit nach draußen ein inneres Werk des ganzen Menschen zu wahren und von ihm aus die Arbeit zu beseelen. Das aber kann namentlich da geschehen, wo anerkannt wird, daß es sich bei der Wendung zur Geistigkeit um den Gewinn eines neuen Lebens handelt, um die Bildung eines echten Wesens, nicht um eine bloße Verstärkung einzelner Tätigkeiten. Überall kommen wir darauf, daß unserem Leben ein Gehalt und Wert nicht von draußen zufällt und gar nicht zufallen kann, daß wir ihn aber von uns aus ihm zu geben vermögen, sofern eine geistige Welt in uns wirkt und zu unserem eigenen Wesen wird. Wenn solche Festhaltung einer durchgehenden inneren Aufgabe das Leben in ein fortlaufendes Werk verwandelt, und was nach außen hin verloren geht, sich von innen her ersetzen läßt, so behalten auch die späteren Lebensstufen eine eigentümliche Art und einen eigentümlichen Wert. Auch Güter wie Kraft und Schönheit beschränken sich nicht auf das Jugendalter, auch die späteren Alter haben an ihnen teil, nur werden sie sie anders gestalten müssen und gegenüber dem Physischen mehr das Geistige hervorzukehren haben. Wir ergeben uns gewöhnlich viel zu früh und machen weit weniger aus uns, als wir könnten; unser schlimmster Feind ist die eigne Verzagtheit, die Unterwerfung unter die bloße Natur. Auch das Greisenalter hat, richtig verstanden, seinen Wert, es ist kein mattes Ausklingen, sondern ein inneres Zusammenfassen des Lebens und zugleich eine Emporhebung über alle äußeren Maße, eine Befreiung von aller bloßmenschlichen Schätzung. Wohl vollzieht hier das Leben gegenüber der früheren Evolution eine Art von Involution, eine Einkehr in sich selbst, aber es fällt damit nicht ins Leere, wenn es einen Kern gewann und in die Bewegung des Weltalls eintrat. Von hier aus erscheint das Greisenalter als ein Prüfstein für das Ganze des Lebens, für sein Gelingen oder Mißlingen. So braucht auch der Einzelne bei allem Dunkel über unser Schicksal und bei allen Widerständen drinnen und draußen sein Leben nicht verloren zu geben. Vom Innern der Seele strahlt Licht in das Dunkel und kommt Kraft gegenüber den Feinden. In innerem Aufbau und mutigem Kampf, im Fortgang zum Ganzen eines Werkes, im Streben, ein geistiges Eigenwesen zu werden und sich zugleich im Ganzen der Wirklichkeit zu verankern, kann das Leben Größe und Festigkeit finden und kann ihm freudiger Glaube alle trüben Zweifel verscheuchen. Aber da es dies alles nur in den Zusammenhängen einer geistigen Welt und getragen von ihrer Kraft vermag, so bleibt das Bewußtsein der Stärke und des Wertes fern von eitler Selbstüberhebung, und die Größe selbst zeigt dann mit überzeugender Klarheit die Bedingtheit menschlichen Vermögens. Die Verschiedenheit der individuellen Geschicke Zeigt der Auf- und Abstieg des Lebens bei uns allen gemeinsame Züge, so entfernen sich innerhalb dieses Rahmens die Geschicke so weit voneinander, daß unvermeidlich daraus viel Verstimmung, Mißmut und Zweifel entspringt. Das menschliche Tun und Ergehen hat bestimmte Voraussetzungen, es ist durch seine Umgebung bedingt und steht in festen Zusammenhängen, der Versuch, solche Bindung abzuschütteln und sich lediglich auf sich selbst zu stellen, führt das Leben in Leere und Vereinsamung. Mit der Abhängigkeit aber scheint der Mensch unter die Macht eines dunklen Geschicks, ja eines blinden Zufalls zu geraten, der dem einen freundlich, dem andern feindlich ist. Den einen treffen erschütternde Schicksalsschläge, dem andern gestaltet sich alles nach Wunsch; der eine muß schmerzlich dessen entbehren, was dem andern in Überfluß zufällt; der eine kann alles Vermögen vollauf entfalten und dadurch verstärken, der andere wird überall gehemmt und gelangt nicht zum vollen Besitz seiner selbst; den einen trägt die Woge, den andern dagegen hemmt sie; dem einen schaden alle Irrungen nichts, den andern bedrücken schwerste Folgen; in dem allen spielen kleine Dinge, scheinbare Zufälle, eine große Rolle und entscheiden über wichtigste Fragen; von hier aus erscheint der Mensch als ein Spielball dunkler Mächte. Solche verschiedene Behandlung einfach auf Verdienst oder Schuld zu schieben, das verbietet schon die Erwägung, daß im Leben nicht nur der Verlauf des Spiels, sondern schon sein Einsatz grundverschieden ist. Denn die Natur, mit der wir das Leben beginnen, ist nicht unser eignes Werk, und auch die menschliche Umgebung hat schon stärksten Einfluß auf uns geübt, ehe unsere Selbsttätigkeit erwacht; was sich dabei an Ungleichheit findet, an Ungleichheit der Kraft wie auch der Gesinnung, das übertrifft weitaus alles, was der weitere Verlauf des gemeinsamen Lebens an Ungleichheit erzeugt. Dazu kommt, daß, so wenig der Mensch seine eigne Art sich ausgesucht hat, er doch dafür verantwortlich gemacht wird, und zwar nicht bloß von außen her, sondern auch in seiner eignen Seele; was das Schicksal wirkt, das rechnet der Glückliche sich zum Verdienst, der Unglückliche dagegen muß es als Schuld empfinden. So scheint die Unbill bis in den tiefsten Grund des Lebens zu reichen. Die Probleme, die damit erwachsen, haben seit Hiob, und auch schon vor Hiob, ernste Geister aufs tiefste erregt und zu einbohrendem Grübeln getrieben, aber alle Mühe und Arbeit hat das Dunkel der Sache mehr herausgestellt, als es wegerklärt. Alle Abschwächung aber führt das Leben rasch in Flachheit und Unwahrheit. So würden wir gegenüber dem Problem völlig wehrlos sein, wenn der erste Anblick auch der letzte wäre und wir jener Verwicklung gar nichts entgegenzusetzen hätten. In Wahrheit haben alle guten Geister der Menschheit, haben Religion und Moral, Philosophie und Kunst den Menschen über jenen Stand der Gebundenheit hinauszuheben gesucht, und was in dieser Richtung gewonnen ward, das kann unsere Überzeugung von der uns eröffneten Geisteswelt vollauf anerkennen und zusammenfassen. Denn mit dem Erscheinen einer neuen Stufe der Wirklichkeit und der Eröffnung einer Quelle selbständigen Lebens in unserer Seele verändert sich wesentlich die Gestalt und die Aufgabe unseres Lebens. Nun geht es nicht mehr auf in die Beziehungen zur Umgebung, nun erschöpft es sich nicht in einem Austausch von Wirkung und Gegenwirkung, sondern nun findet es seine Hauptaufgabe im eignen Bereich, in der Bildung eines wesenhaften Beisichselbstseins, das ihm eine Tiefe der Wirklichkeit erschließt und unter völliger Umwandlung aller Größen und Güter an ihrer Fülle teilnehmen läßt. Dann wird das Leben mehr als ein bloßer Schauplatz, auf dem in buntem Wechsel Verschiedenartiges vorgeht, dann wird es nicht mehr von dunklen Mächten wehrlos bald hierher, bald dahin gezogen, sondern dann vermag es sich in eine Einheit zusammenzufassen und durch allen Wandel der Geschicke hindurch eine beharrende Richtung zu verfolgen, dann vermag es bei sich selbst einen inneren Aufbau zu vollziehen. Zugleich verwandeln sich gegenüber der Richtung nach außen die Maße und Werte des Lebens. Groß ist nun nicht sowohl das, was Wandlungen der Weltumgebung hervorbringt, sondern das, was das Leben innerlich umgestaltet und zugleich den Bestand der Geisteswelt mehrt; so kann auch solches, was sich nach außen hin als klein darstellt, eine innere Größe erlangen, kann schlichteste Lebenshaltung in Handeln, Dulden, Überwinden einen Heroismus erweisen, der innerlich größer ist als alles, was die Weltgeschichte Heroismus nennt. Alle Unterschiede der Lebensstellung verblassen hier vor dem Werk des Menschen als Menschen, hier kann sich jeder zu innerer Größe erheben. – Zugleich verwandelt sich die Schätzung der Lebensgüter. Als endgültig wertvoll kann nunmehr nur gelten, was den inneren Aufbau fördert, während auch die größten Erfolge nach außen hin nachteilig werden, wenn sie jenem Aufbau schaden, so daß es heißen konnte: »Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und litte Schaden an seiner Seele?« Bei solcher Zielsetzung braucht das Leid nicht mehr bloße Hemmung zu sein, es kann zur Förderung gereichen, indem es neuen Kräften zum Aufstieg verhilft, ja das Ganze des Lebens auf Tiefen zurückwirft, wo ursprüngliche Quellen erscheinen und ein neues Leben zu schaffen vermögen; in großen Erschütterungen und Wandlungen mag, was bisher als das Ganze des Lebens galt, sich als eine bloße Schicht erweisen, über welche die Bewegung zwingend hinaustreibt, ja dann mag auch das Wort einen tiefen Sinn gewinnen: »Wer sein Leben findet, der wird es verlieren, und wer sein Leben verliert, der wird es finden.« In dein allen eröffnen sich neue Möglichkeiten, die eine Befreiung von der Macht des Geschickes enthalten und dem Menschen als Menschen eine große Aufgabe stellen. Auch hier steht er nicht auf sich selbst allein, auch hier bedarf er befestigender Zusammenhänge, aber hier sind die Zusammenhänge innerer Art, die Eröffnung des Geisteslebens bei uns erscheint nun als die Offenbarung einer höheren Ordnung, einer Macht der Rettung und Liebe, die nicht preisgeben wird, was sie ergriffen hat. Von hier aus ergibt sich auch die Möglichkeit, in dem scheinbaren Durcheinander des Lebens, auch in Hemmung und Leid eine Führung zu erkennen, ein Gelenktwerden von einer geheimnisvollen Macht, die den Menschen weit über sein eignes Wollen und Vermögen hinaus zu bestimmten Zielen führt. Gewiß bleibt auch so vieles rätselhaft und das Wort Goethes: »Wir wandeln unter Geheimnissen« behält sein gutes Recht. Aber wir erhalten Licht genug, um die Richtung unseres Weges zu finden, und wir dürfen überzeugt sein, daß unser Leben nicht vergeblich ist, daß in ihm Großes auf dem Spiele steht, und daß jeder an seiner Stelle es sich bedeutend zu gestalten vermag. Hat aber jeder so viel bei sich selbst zu tun und gewinnt er dabei so großen Wert, so wird er nicht über die Unterschiede grübeln, so wird der Große sich nicht überheben und der Kleine nicht gering von sich denken. Unser Leben ist ein Kampf, ein Kampf um eine neue Welt. Wie nun im Kriege gegen einen äußeren Feind es verschiedene Posten gibt, leichte und schwere, dankbare und undankbare, wie aber eines jeden Aufgabe wichtig ist und pflichttreu gelöst werden muß, so steht es auch mit dem Ganzen des Lebens: verschieden sind seine Lose, aber durch alle Verschiedenheit geht ein gleicher Wert und ein gemeinsames Ziel. Konsequenzen für die Lage der Gegenwart Die eigentümliche Lage der Gegenwart hat uns in den einleitenden Abschnitten schon zur Genüge beschäftigt, an dieser Stelle sei nur gefragt, ob die von uns entwickelte Grundüberzeugung den Wirren und Kämpfen unserer Zeit irgendwelche Hilfe zu bringen und zugleich ihr Recht zu erweisen vermag. Wohl ist das Leben mehr als eine Anwendung allgemeiner Sätze, wofür die Aufklärungszeit es hielt, aber ohne den Hintergrund einer Gedankenwelt sind geistige Kämpfe unmöglich. Nun ist, auf das Ganze und Innere des Lebens angesehen, der Gegenwart besonders eigentümlich das weite Auseinandergehen, ja die schroffe Verfeindung verschiedenartiger Strebungen; so gilt es vornehmlich zu untersuchen, ob an den Hauptpunkten, wo das geschieht, die von uns vertretene Überzeugung Mittel zur Gegenwirkung gewährt und das Leben zusammenzuführen verspricht. Das ist die dringendste Forderung der Gegenwart, denn ein ungehemmter Fortgang jener Zerklüftung müßte das Leben bis zum Grunde zerstören und seines geistigen Charakters berauben. 1. Die Spaltung beginnt, wie wir fanden, schon bei der Gesamtgestaltung des Lebens: nicht weniger als fünf verschiedene Arten sahen wir auseinandertreten, deren jede das Ganze beherrschen und nach ihrer Art bilden wollte. So lange diese Vielheit in einer einzigen Fläche zusammentrifft, ist eine Versöhnung undenkbar; wohl aber wird eine solche möglich, wenn das Ganze des Lebens verschiedene Seiten und Schichten umfaßt; das aber tut es bei Anerkennung dessen, daß das Geistesleben unter den Bedingungen der menschlichen Lage zu voller Selbständigkeit aufstrebt. Von verschiedenen Seiten aus gilt es dann die Sache anzugreifen und durch verschiedene Stufen zu verfolgen. Diese Seiten und Stufen bringen verschiedene Aufgaben mit sich, bieten der Arbeit verschiedene Standorte, entwickeln verschiedene Bilder der Wirklichkeit; auch persönliche Lebenserfahrungen sind dabei mit im Spiel, indem sie dem einen diese, dem anderen jene Richtung empfehlen. Daß zum Beispiel die Religion jenseits aller Kulturarbeit ein Gebiet reiner Innerlichkeit eröffnet, das ist unentbehrlich für das Ganze des Menschheitslebens und die Aufrechterhaltung der Kultur. Aber wie weit der Einzelne daran teilnimmt, und ob er darin den Schwerpunkt des Lebens findet, das ist eine andere Frage. Jene Welt tiefster Innerlichkeit mag dem einen mehr ein Hintergrund bleiben, während dem anderen schwere Erschütterungen sie zur Hauptsache machen; es liegt nicht bloß an verstandesmäßiger Betrachtung, daß Menschen und ganze Zeiten hier mehr immanent, dort mehr transzendent denken. Nicht minder können innerhalb der Kulturarbeit sich verschiedene Denkweisen bilden, entsprechend der größeren Selbständigkeit, welche die Neuzeit den einzelnen Lebensgebieten gewährt; der Forscher, der Künstler, der Mann der Praxis wie der Technik können besondere Wege gehen, ohne sich zu verfeinden, wenn nur eine Grundüberzeugung und ein Hauptwerk des ganzen Menschen alle Mannigfaltigkeit umspannt und zusammenhält. Dann, aber auch nur dann, ließe sich mit innerer Gemeinschaft eine Freiheit verbinden und der Intoleranz von rechts und der noch größeren von links entgehen, welche alle Menschen auf einen einzigen Ton stimmen und ihnen ein gleichförmiges Bekenntnis aufzwingen möchte. Eine solche umfassende und überlegene Aufgabe bietet aber die Forderung eines Aufstiegs zu selbständiger Geistigkeit und zur Herausarbeitung einer Tiefe der Wirklichkeit; dem hat sich alle Mannigfaltigkeit einzufügen, indem sie zugleich sich selbst vertieft und aufhellt. Gewiß läßt eine solche Wendung die Gegensätze und Kämpfe nicht einfach verschwinden, aber sie gestattet, ihnen entgegenzuwirken und eine Kultur des ganzen Menschen den bloßen Teilkulturen entgegenzusetzen. Jedes Einzelnen Lebenswerk kann nur recht gelingen, wenn seine besondere Aufgabe auf der des ganzen Menschen ruht und daraus eine Beseelung empfängt. 2. Schärfer spitzt sich der Gegensatz zu bei dem Verhältnis von Mensch und Welt. Der Neuzeit hat sich die Welt immer mehr vom Menschen losgerissen und eine volle Selbständigkeit ihm gegenüber ausgebildet, immer gewaltiger dringt sie jetzt auf ihn ein, immer mehr droht er ein verschwindendes und gleichgültiges Stück eines unermeßlichen und undurchsichtigen Getriebes zu werden. So am deutlichsten im Verhältnis zur Außenwelt: wie winzig ist hier der menschliche Kreis mit all dem, was in ihm vorgeht, gegenüber den ungeheuren Maßen von Raum und Zeit geworden! Fast noch bedrohlicher aber ist eine Herabsetzung von innen her. Das Ganze der Kultur erscheint im modernen Leben immer weniger als ein Werk und ein Gewinn der menschlichen Seele, sondern als eine ihr überlegene unpersönliche Macht, die aus eigner Notwendigkeit aufsteigt und unaufhaltsam vordringt, den Menschen aber zu einem bloßen Mittel und Werkzeug macht, völlig unbekümmert um sein Ergehen, gleichgültig gegen sein Wohl und Wehe. Auch das wirkt zur Verkleinerung, daß während früher die Schätzung des Menschen vornehmlich an den ihn unterscheidenden Zügen hing, und er als vernunftbegabtes Wesen aller Natur weit überlegen schien, jetzt mehr und mehr sein enger Zusammenhang mit der Natur zur Geltung gelangt und die Gedanken beherrscht; für eine Sonderstellung des Menschen scheint hier gar kein Platz zu verbleiben. Alles zusammen wirkt dahin, den Menschen gegen früher herabzudrücken, ja es erzeugt oft eine so starke Neigung, lediglich seine Gebundenheit, seine Wehrlosigkeit, seine Begrenztheit zu betonen, die kleinen und niedrigen Züge seiner Art hervorzukehren und das Gesamtbild bestimmen zu lassen, daß aller Glaube an eine besondere Bedeutung und eine besondere Würde verschwindet. Dachte das 18. Jahrhundert beim Menschen vor allem an seine Größe, so schwelgt die Gegenwart oft in der Ausmalung seiner Kleinheit und seiner Schwäche und vergißt über dem Bloßmenschlichen, daß auch Großes im Menschen ist. Aber solche Geringschätzung kann nur so lange das Feld behaupten, als wir uns zur Welt betrachtend verhalten; handeln, kräftig und freudig handeln können wir nicht, ohne eine völlig andere, ja entgegengesetzte Schätzung, wenn nicht in Worten zu bekennen, so durch die Tat zu vertreten. Unserm Handeln hat eben die moderne Wendung von einer unsichtbaren zur sichtbaren Welt mehr und mehr den Menschen und sein Befinden zum beherrschenden Ziele gemacht; es war nicht bloß ein persönliches Bekenntnis, es war ein Bekenntnis der Zeit, wenn Ludwig Feuerbach sagte: »Gott war mein erster Gedanke, Vernunft mein zweiter, der Mensch mein dritter und letzter Gedanke«. Konnte aber wohl die Zeit ihr Hauptziel in dem Mühen und Sorgen für den Menschen finden, ohne den Menschen irgendwie hochzuhalten, ihm irgendwelchen Wert beizumessen? Wie sollte wohl irgendwelches Handeln Begeisterung, Hingebung, Aufopferung wecken, verfolgte es nicht ein hohes Ziel, und würde es nicht von einem Glauben an das eigne Vermögen getragen? Die Erfahrung der Gegenwart bestätigt das. Die Gedanken der Freiheit und der Gleichheit, diese Hauptzüge des politischen und sozialen Strebens der Zeit, enthalten eine hohe Schätzung des Menschen und eine entschiedene Hinaushebung über die untermenschliche Natur. Denn diese Natur untersteht strenger Gebundenheit, auch kennt sie keine Gleichheit, sie bildet die Unterschiede der Stärke und der Schwäche, der Gesundheit und der Krankheit bis zu schroffer Unbarmherzigkeit aus. Der Gebundenheit und der Ungleichheit ist nur entgegenzuwirken, wenn es eine andere Lebensquelle gibt, welche Großes im Menschen belebt und ihm Selbsttätigkeit möglich macht, welche jenseits der Unterschiede ein gemeinsames Werk und einen gemeinsamen Wert alles dessen zeigt, »was menschliches Angesicht trägt«. Eine hohe Schätzung des Menschen beseelt auch das heute so mächtig vordringende Streben, dem Kulturleben eine neue soziale Struktur, eine demokratische anstatt der herkömmlichen aristokratischen zu verleihen. Denn während die überkommenen Formen der Kultur ihren geistigen Gehalt zunächst innerhalb eines begrenzten Kreises entwickelten und ihn erst nach dort erfolgter Befestigung an die Übrigen brachten, wird jetzt eine solche Abstufung als eine ungerechte Schmälerung der weiten Kreise verworfen und mit leidenschaftlichem Eifer ein unmittelbares Mitleben und unmittelbares Mitwirken aller Menschen gefordert. Wie weit das berechtigt ist, und welche Verwicklungen es mit sich bringt, das läßt sich hier nicht erörtern: soviel aber ist gewiß, daß ohne eine hohe Schätzung des Menschen, jedes einzelnen Menschen, ohne einen festen Glauben an sein Vermögen jene Bewegung sinnlos ist und zerstörend wirken muß. Aber weit über diese politischen und sozialen Probleme hinaus widersteht bei uns ein starker Zug jener Herabsetzung des Menschen, wir können die Erniedrigung nicht ertragen, uns packt eine glühende Sehnsucht, unserem Wesen wieder eine Größe zu geben, unserem Leben einen Wert zu verleihen. Wenn nun aber die Weltbetrachtung jene andere Schätzung aufrechthält und dem Menschen keine Auszeichnung zugesteht, wie entwinden wir uns dann dem Widerspruch? Wir können es nur, wenn wir im Menschen ein zwiefaches sehen: einerseits ein Stück der Natur und als solches ihren Ordnungen streng unterworfen, andererseits aber eine Stelle, wo eine Wendung des Weltlebens zu seiner Tiefe durchbricht, zu einer Tiefe, welche die einzelnen Punkte nicht mehr in einem bloßen Nebeneinander stehen läßt, sondern welche der einzelnen Stelle am Leben des Ganzen Anteil gibt und uns zugleich miteinander verbindet. Alsdann kann der Mensch die Welt in ihm der Welt um ihn entgegensetzen; mag diese binden und verengen, jene weckt ihn zur Freiheit und Selbsttätigkeit; dann wird zugleich klar, daß das Vermögen, das Kleinmenschliche als solches zu erkennen und einen Kampf dagegen aufzunehmen, eine Größe des Menschen bezeugt. Oder könnte der Mensch sich als klein empfinden, ginge er ganz in die Kleinheit auf? Alles dieses aber geht nach der Richtung, die unsere Überzeugung vom Geistesleben und seiner Stellung im All verfolgt. In diesem Zusammenhange ist der Mensch nicht bedeutend durch das, was sein unmittelbares Dasein zeigt, sondern durch das, was in ihm aufsteigt und ihn zu neuer Höhe emporhebt; hier läßt sich zugleich seine Begrenzung anerkennen und ihm eine Größe und Würde wahren. Auch der Aufzehrung und Vernichtung des Menschen durch einen seelenlosen Kulturprozeß leistet unsere Fassung des Geistesleben entschiedenen Widerstand. Denn ihr bedeutet das Geistesleben nicht einen rast- und sinnlos ablaufenden Prozeß, sondern das Erringen eines Beisichselbstseins der Wirklichkeit, ihr wird alle Bewegung schließlich ein Zurückkehren des Lebens zu sich selbst, eine Selbstbestärkung und Selbsterhöhung; wie Tat und Freiheit damit zu Trägern der Wirklichkeit werden, so enthält auch das geistige Leben des Menschen letzthin eine Tat der Anerkennung und Aneignung. Jene unpersönliche Art der Kultur kann hier nur als ein Mittel und Durchgangspunkt gelten, um das Leben von kleinmenschlicher und subjektiver Art zu befreien; legt sie sich aber fest und will sie die Herrschaft üben, so ist von jener Fassung aus dagegen ein Kampf zu führen, ein Kampf zur Aufrechterhaltung einer Selbständigkeit und einer Seele des Lebens. Dieser Kampf, eine Sache aller Zeiten, ist besonders dringlich in der Lage der Gegenwart; gewiß ist er voller Gefahren, aber der Sieg kann ihm schließlich nicht fehlen. Mit einer bloßen Berichtigung der Begriffe ist hier freilich wenig getan, es gilt die Grundüberzeugung in Wirken und Schaffen umzusetzen, und das kann nur in der Weise geschehen, daß durch unseren ganzen Bereich ein dem Gegensatz von Welt und Mensch überlegenes Geistesleben herausgehoben und mit seiner schaffenden Volltätigkeit zum Standort der Arbeit gemacht wird. Alle einzelnen Gebiete wie Religion und Moral, aber auch Philosophie und Kunst, sind nicht vom Standort des Einzelmenschen, sondern vom Standort des Geistesleben und aus den Erfahrungen dieses Lebens zu entwickeln; das verheißt ihnen sowohl mehr Gehalt als auch mehr Sicherheit. Wie aber diese Forderung zu erfüllen ist, das läßt sich hier nicht näher erörtern; hier darf die Tatsache uns genügen, daß der Mensch nicht an den bloßen Menschen gebunden bleibt, daß die Wendung zu schaffender Geistigkeit seinem Leben weite Ausblicke und große Aufgaben zeigt. 3. Besonders stark erregt unsere Zeit der Gegensatz von Arbeit und Seele. Zu seiner Verschärfung wirkte vornehmlich die Ablösung der Arbeit vom unmittelbaren Seelenzustande des Menschen, ihr Zusammenschießen zu selbständigen, ins Riesenhafte wachsenden Komplexen, mit dem wir uns mehrfach befaßten. Das dünkte mit seiner Steigerung der menschlichen Leistung zunächst ein reiner Gewinn, das wurde aber bald eine schwere Gefahr, indem jenes Anschwellen der Arbeit sich gegen die Seele wandte und den Menschen mehr und mehr zu einem bloßen Werkzeug erniedrigte. Um sich dessen zu erwehren, warf sich die Seele oft in ihre der Arbeit möglichst entzogene Zuständlichkeit hinein und entwickelte eine freischwebende Subjektivität, ein bloßes Stimmungsleben, das rasch ins Leere verfallen wäre, hätte ihm nicht die Kunst mit ihrem Versuch, jenes flüchtige Leben zu fassen und darzustellen, eine veredelnde Hilfe gebracht. So ging das moderne Leben nach entgegengesetzter Richtung auseinander und dies Auseinandergehen schadete beiden Seiten. Die Arbeit gerät in Gefahr, ihren geistigen Gehalt einzubüßen und mehr und mehr bloße Technik zu werden, die selbst in der Steigerung zur Virtuosität kein fruchtbares Schaffen erreicht; die Seele aber, nicht mehr durch die Arbeit zusammengehalten, löst sich in einzelne Fasern auf und verliert mehr und mehr einen beherrschenden Mittelpunkt. So eine Spaltung der Kultur in bloße Leistungskultur und bloße Stimmungskultur, in Technizismus und Ästhetizismus; dort lange Ketten und eine Gefährdung aller Unmittelbarkeit, hier wohl ein frisches Empfinden, aber eine Auslieferung des Lebens an den Augenblick und den unaufhörlichen Wechsel der Eindrücke und Anregungen. Das moderne Individuum ist oft zwischen beide Seiten zerteilt und schwankt zwischen harter Arbeit und flüchtigem Genuß unsicher hin und her. Eine solche Spaltung kann unmöglich den letzten Abschluß bilden; sie überwinden aber kann nur ein Erringen eines den Gegensatz umspannenden Lebens; wir sahen, wie die Ausbildung eines selbständigen und volltätigen Geisteslebens das zu leisten vermag. Ein solches kann dem Gegensatz einer Leistungs- und einer Stimmungskultur eine Wesenskultur entgegenhalten und zugleich einen Inhalt des Lebens erstreben, den keine jener Arten erreicht. Denn nur in Überwindung der Spaltung von Subjekt und Objekt wird das Leben ein Beisichselbstsein und ein Wirklichkeitsbilden, dann kann ein Erlebnis werden, was sonst ein bloßes Ereignis bleibt. Vom Ereignis aber zum Erlebnis vorzudringen, dahin geht ein starkes Sehnen der Gegenwart. 4. Die Lebensstimmung der Zeit ist zwischen Optimismus und Pessimismus geteilt. Das Kraftgefühl, das die moderne Kultur erzeugte, und das ihre Arbeit durchdringt, gab dem Optimismus die Oberhand; lange Zeit war er kräftig genug, alle entgegenstehenden Eindrücke der Erfahrung abzuschwächen und umzudeuten, die aufsteigende Lebenswoge unterdrückte alles Bedenken. Der Verlauf des 19. Jahrhunderts aber hat einen Umschlag dagegen vollzogen. Auf philosophischem Gebiet liegt die Führung bei Schopenhauer, dessen einbohrende Gedankenarbeit dem überkommenen Optimismus, Rationalismus, Fortschrittsglauben eine tödliche Wunde schlug, aber es hätten seine Gedanken nicht so stark gewirkt, hätte nicht die Bewegung des modernen Lebens selbst viel Enttäuschung gebracht und das Auge für manche Not und Unbill der menschlichen Lage geöffnet; inmitten der großen Erfolge wurden auch manche Schranken ersichtlich, und inmitten fruchtbarer Arbeit schoß so viel Unkraut auf, daß der Verlust den Gewinn zu überwuchern drohte. Dazu wurde die Arbeit weit härter, die Lebenserhaltung weit mühsamer; fehlte zugleich ein festes Ziel und das Bewußtsein von einem Sinn und Wert des Lebens, so konnte die Frage entstehen und die Seele belasten, ob der Ertrag die Mühe lohne und uns nicht zum Begehren des Lebens ein bloßes Irrlicht verleite. Andererseits kann der Mensch, können wenigstens wir Abendländer mit unserem Tatendrang uns nicht dauernd einer Verneinung des Lebens ergeben; so wenig wir uns der Arbeit und den Aufgaben der Zeit entziehen können, so zwingend drängt es uns zu irgendwelcher Bejahung des Lebens und zum Versuch, sie zu rechtfertigen; zum großen Erfolge Nietzsches hat nicht zum wenigsten dies beigetragen, daß bei ihm wieder eine Lebensbejahung hervorbrach. Aber seine Lebensbejahung ist viel zu wenig begründet, sie bleibt viel zu sehr bloße Stimmung, um dem ungeheuren Schwergewicht einer seelenlosen Welt gewachsen zu sein, sie protestiert mehr gegen den Pessimismus, als sie ihn überwindet. Was aber gar die breitere Literatur an Anpreisung des Lebens bietet, das verläuft meist in Flachheit und Phrase, das unterstützt daher eher die gegenteilige Schätzung. So möchten wir Kinder der Gegenwart wohl eine Lebensbejahung vollziehen, aber wir sehen nicht, wie sie zu begründen sei. Mag der Pessimismus von der Oberfläche des Lebens etwas zurückgedrängt sein, in seinem Grunde ist er nicht gebrochen, die heutige Menschheit ist in Wahrheit weit weniger glücklich, als sie sich nach außen hin den Anschein gibt und auch sich selber einreden möchte. Solche verworrene Lage verlangt eine Klärung, zu einer solchen aber ist zweierlei nötig: eine Sicherung freudigen Lebensglaubens, der den gewaltigen Aufgaben der Gegenwart Mut und Kraft entgegenbringt, und eine volle Anerkennung all des Dunklen und Feindlichen, das unsere menschliche Lage enthält; ein um den Preis der Wahrhaftigkeit erkaufter Lebensglaube ist eine bloße Talmiware. Um aber beide Forderungen miteinander zu erfüllen, dazu kann uns die Überzeugung von einem selbständigen und wirklichkeitsbildenden Geistesleben dienlich sein. Denn sie gibt uns ein hohes und allumfassendes Ziel, das die Mühe des Lebens lohnt, aber sie läßt zugleich die Schwere des Widerstandes mit voller Kraft empfinden, ja sie steigert die Empfindung dieser Schwere. Das bringt dabei eine entscheidende Lösung des Widerspruchs, daß durch den Kampf hindurch sich eine neue Tiefe des Lebens eröffnet und unser eigen wird. Ist dabei unser Streben ein Stück einer Weiterbewegung des Alls, so sind unsere Mühen und Nöte nicht verloren, so bleibt der endgültige Sieg dem Ja; aber eine derart gewonnene Lebensbejahung, die viel Verneinung in sich trägt und daher Ernst und Freudigkeit untrennbar miteinander verschlingt, ist grundverschieden von allem flachfrohen Optimismus, der die Verwicklungen von vornherein abschwächt. 5. An keiner Stelle sind die Geister heute mehr zerfallen als bei der Frage, ob das menschliche Leben als eine bloße Fortführung der Natur zu verstehen und zu gestalten sei, oder ob eine neue Stufe der Wirklichkeit in ihm erscheine, zu deren Bezeichnung von Alters her der Begriff des Geistes diente. Eine Umwälzung wird hier von vielen erstrebt, die schroffer ist als alle Wandlung, welche die menschliche Erinnerung kennt. Denn alles was die geschichtliche Überlieferung an uns bringt, Religion und Moral, Erziehung und Kunst, das Gesamtbild des Menschen selbst in Persönlichkeit und Individualität, das hat sich unter der Herrschaft der Überzeugung gebildet, daß im Bereich des Menschen gegenüber der Natur etwas wesentlich Neues erscheine, und daß dieses Neue Denken und Leben zu beherrschen habe. Mit dieser ganzen Überlieferung wäre zu brechen, wenn der Mensch sich jetzt ganz und gar der Natur einfügen und ihr sein Leben anpassen sollte, die Jahrtausende hätten sich gänzlich verlaufen, und es wäre eine völlige Umwertung aller überkommenen Werte zu vollziehen, kurz es wäre eine Umwälzung, gegen die auch die radikalsten politischen und sozialen Wandlungen, die irgend der Mensch ersinnen mag, bloße Kleinigkeiten werden. Trotzdem dürften wir uns einer solchen Umwälzung nicht entziehen, wenn das Geheiß der Wahrheit sie forderte; ob es sie aber fordert, das will aufs genaueste geprüft sein. Unsere Darlegung war von der Überzeugung getragen und Punkt für Punkt sie zu begründen bemüht, daß im Menschen eine große Wendung der Wirklichkeit einsetzt und ihn zu einer neuen Art des Lebens treibt, sie kann in dem Versuch, ihn in ein bloßes Naturwesen zurückzuverwandeln, nur eine ebenso verfehlte wie unmögliche Reaktion, nur eine verderbliche Irrung sehen, deren Vordringen unser Leben mit schwersten Verlusten bedroht. Da unsere eigne Fassung des Geisteslebens dieses schärfer vom menschlichen Dasein scheidet, so kann sie den engen Zusammenhang des Menschen mit der Natur vollauf anerkennen, das langsame Werden von tierischen Anfängen her, auch das Beharren elementarer Naturkräfte und Naturtriebe inmitten hochstehender Kultur; unser Leben enthält in Wahrheit weit mehr Bindung und blinde Tatsächlichkeit, auch in unsere Seele reicht weit mehr die Natur hinein, als die herkömmliche Meinung annahm; ferner verspricht es unserem Leben die mannigfachste Förderung, wenn seine natürliche Basis klarer erfaßt und kräftiger entwickelt wird, wenn die geistige Tätigkeit sich in enger Verbindung damit hält; mit dem allen wird das Ganze des Lebens gefördert und ihm ein eigentümlicher Charakterzug eingefügt. Aber alles miteinander zwingt nicht im mindesten dazu, die Überlegenheit des Geisteslebens aufzugeben. Diese begründet ihr Recht nicht aus einer bloßen Ansicht und Deutung der Umgebung, sondern vielmehr daraus, daß das Ganze der weltgeschichtlichen Bewegung ein gemeinsames Leben von innen her erzeugt hat, das mit seinen Gehalten und Werten turmhoch über der Meinung und Neigung des bloßen Menschen steht; in gewaltigen Arbeiten und Kämpfen hat sich eine Umkehrung dahin vollzogen, daß das Leben sich immer mehr von innen her aufbaut, immer mehr auf sich selber steht, immer mehr auch die Welt nach seinen Zwecken behandelt und in seinen Formen sieht. Ohne eine solche Umkehrung gäbe es keine Kultur, auch keine Wissenschaft; als bloße Stücke eines Naturgefüges und ohne ein Erwachen selbständigen Denkens kämen wir nun und nimmer über das Getriebe der Vorstellungen hinaus; wer die Natur in ein Ganzes faßt, sie zerlegt und wiederzusammenfaßt, der steht nicht in ihr, sondern über ihr; wer über dem bloßen Ergebnis nicht sein Zustandekommen, nicht die geistige Leistung vergißt, für den gibt es keine bündigere Widerlegung eines geistfeindlichen Naturalismus als die Tatsache der Naturwissenschaft. Der Naturalismus kann seinem Unternehmen, den Gesamtbefund des Menschenlebens von der Natur aus herzuleiten, einen Schein des Gelingens nur geben, weil er innerhalb einer vom Idealismus – der Kürze halber sei dies angreifbare Wort gestattet – getränkten Atmosphäre steht und seine eigenen Größen unablässig daraus ergänzt, sie dahin umbiegt, weit mehr aus ihnen macht, als sie in Wahrheit sind. Die übliche Vermengung durchschauen, dem Naturalismus alles Erborgte nehmen, ihn streng auf sein eignes Vermögen beschränken, das heißt ihn innerlich zerstören. Verworrenheit ist bei diesen Fragen das Schlimmste, so daß Bacons Wort hier zutrifft, die Wahrheit gehe eher aus der Irrung als aus der Verworrenheit hervor. Wenn trotz solcher inneren Schwäche der Naturalismus so viele Zeitgenossen überwältigend fortreißt und namentlich die Massen berauscht, so muß das besondere Gründe haben, und die hat es in der Tat. Es fehlt auf der Seite des Geistes heute ein fester Zusammenhalt und ein allbeherrschendes Ziel; was das Leben lenken sollte, das steht selbst in schwerer Verwicklung und in arger Unsicherheit. Vor allem fällt hier ins Gewicht die Entzweiung von Kultur und Religion, sie droht jene ins Flache, diese ins Enge und Starre zu führen. Wir geben dem Kulturbegriff nicht eine solche Tiefe, daß er den ganzen Menschen von innen her ergreift und in seinem Wesen weiterbildet; bei oberflächlicher Fassung aber wird Kultur vorwiegend als bloße Steigerung des Erkennens verstanden, und es wird von verstandesmäßiger Aufklärung über die Welt um uns eine Lösung aller Probleme, eine Erhöhung und Veredlung der ganzen Menschheit erwartet; dabei geht alle Tiefe und alles Geheimnis des Lebens verloren, es verflüchtigt sich aller Gehalt, und es verschwindet jeder feste Halt. Dann ist es freilich nicht schwierig, alles Leben von draußen her abzuleiten, der Naturalismus hat damit gewonnenes Spiel. Überhaupt aber ist es ein Fehler, unser Verhältnis zur Wirklichkeit allein auf die Wissenschaft zu gründen und zu verkennen, daß auch andere Lebensgebiete, wie Kunst, Moral, Religion, Urerfahrungen enthalten und mit ihrer eigentümlichen Gestaltung des Lebens auch eigentümliche Durchblicke der Wirklichkeit geben. Wenn die Philosophie schließlich jene Erfahrungen und Weltdurchblicke zusammenfaßt, so ist das etwas ganz anderes als eine Beugung des ganzen Lebens unter die bloße Wissenschaft oder gar die Naturwissenschaft. Unsere Fassung des Geisteslebens gestattet einen energischen Kampf gegen eine derartige Verengung. Denn wie sie im Ganzen des menschlichen Seins ein großes Problem erkennt, so strebt sie über alle einseitigen Lebensgestaltungen und Weltdurchblicke, sei es von der Kunst, sei es von der Religion, sei es von der Wissenschaft her, mit voller Bewußtheit hinaus zum Ganzen einer Wesenskultur; sie bietet eine volle Sicherheit auch gegen den Naturalismus, und sie braucht nicht in einen Widerspruch mit der Religion zu geraten, da sie die Bedeutung der Religion vollauf zu würdigen vermag, ohne ihr das ganze Leben schlechtweg unterzuordnen. Das um so mehr, als sich von unserer Grundüberzeugung aus den zu Anfang geschilderten Verwicklungen der Religion ganz wohl entgegenarbeiten läßt. Denn wie jene Überzeugung es möglich macht, den geistigen Gehalt eines Lebensgebietes und dessen Aneignung durch den Menschen zu unterscheiden, so kann sie zugleich den geistigen Gehalt als zeitüberlegen verfechten und seine Aneignung als im Werden und Wachsen begriffen verstehen. Das gestattet eine offene und ehrliche Auseinandersetzung der Religion mit dem weltgeschichtlichen Stande des Geisteslebens und eine gründliche Ausscheidung alles dessen, was alt und welk in ihr ward, ohne daß die Religion ihre Selbständigkeit verliert und eine gehorsame Dienerin der bloßen Zeitoberfläche wird. Jene Auseinandersetzung ist unentbehrlich im eignen Interesse der Religion. Denn wie heute die Dinge liegen, gerät sie leicht in den Stand einer Halbwahrheit, einer Vermengung von Eignem und Fremdem, von Lebendigem und Veraltetem, und wenn nun gar dieser Stand durch staatliche oder gesellschaftliche Autorität den Individuen auferlegt wird, so erzeugt das leicht eine Verstimmung, ja eine Verbitterung, und darin findet der Naturalismus eine starke Bundesgenossin. Auch die flachsten Angriffe auf die Religion gewinnen ein Relief, wenn diese uns Lehren oder auch Gefühle aufzwingen will, die uns innerlich fremd geworden sind, und wenn sie in der Verfechtung unhaltbarer Thesen ihre beste Kraft verzehrt. Aber die unerläßliche Revision des Befundes der Religion würde mit ihrer Kritik und ihrem Aufgeben manches Liebgewordenen unvermeidlich eine Minderung der Religion ergeben, wenn der Kritik nicht ein Aufbau die Waage hielte; zu einem solchen drängen aber eben die Erfahrungen des modernen Lebens, sie stellen das religiöse Problem wieder in den Vordergrund. Immer kleiner erscheint uns in den Bewegungen der Gegenwart der von seinen geistigen Wurzeln abgelöste Mensch, immer schmerzlicher empfinden wir die innere Leere, die völlige Sinnlosigkeit einer bloßen Daseinskultur, die, auf sich selbst gestellt, unvermeidlich in eine bloße Kulturkomödie entartet, immer stürmischer wird das Verlangen nach einer Rettung der Seele gegen alles, was auf sie eindringt, sie einengt und unterdrückt, immer zwingender bedürfen wir gegenüber dem Sinken in die Niederungen des Tageslebens erhöhender und veredelnder Mächte. Es gibt aber keine Möglichkeit einer solchen Rettung und Erhöhung ohne die Anerkennung und Belebung einer selbständigen Geisteswelt als der Tiefe der Wirklichkeit. Nun ist die Religion das einzige Lebensgebiet, das diese Tiefe voll und rein zur Entwicklung bringt; sie kann das aber nur, indem sie einen entsprechenden geistigen Lebenskreis, eine eigentümliche geistige Atmosphäre schafft, und das kann sie wiederum nur in Bildung einer besonderen Lebensgemeinschaft, auch gegenüber dem Staate, der unvermeidlich mehr in die zeitlichen und menschlichen Angelegenheiten hineingezogen wird, und der ohne eine Gefährdung der Freiheit sich jener innersten Aufgabe nicht direkt annehmen darf. Alle Mängel und Schäden der heutigen Kirchen sollten uns nicht verkennen lassen, daß es ohne religiöse Gemeinschaft keine wirksame Religion und ohne diese für uns keine volle Betätigung selbständigen Geisteslebens gibt. Je deutlicher die ungeheuren Verwicklungen des menschlichen Daseins vor Augen stehen, desto weniger kann uns eine bloße Gefühlsreligion genügen. Aus bloßen Stimmungen baut sich keine Wirklichkeit auf. Was immer eine solche Lage an Aufgaben und Bestrebungen erzeugt, das bedarf eines Zusammengehens von Kultur und Religion. Nur ein Unterschätzen der Widerstände kann eine Gesundung unserer religiösen Lage für möglich halten ohne eine gründliche Vertiefung der gesamten Kultur, ja sagen wir geradezu ohne eine geistige Reformation. Aber diese wiederum kann in glücklichen Fortgang nicht kommen ohne eine Wiederbelebung der Religion und eine Wiederbefestigung ihrer Stellung. So greifen die Aufgaben eng ineinander, und es gilt die Arbeit zum gemeinsamen Ziel von verschiedenen Seiten her anzugreifen. Der nächste Anblick der Gegenwart zeigt demnach eine ungeheure Zerklüftung und eine peinliche Unsicherheit; indem die verschiedenen Bewegungen sich gegenseitig ihr Recht und ihre Wahrheit bestreiten und die eine die andere hemmt, verflüchtigt sich aller feste Bestand und greift der Zweifel bis in die letzten Elemente zurück; zu keiner Zeit ging die Erschütterung so tief wie heute, fehlte es so sehr an einem gemeinsamen Ziel. Solche Unsicherheit und solche Zerklüftung bringen aber unvermeidlich das Ganze des Lebens in ein jähes Sinken, immer schwächer werden die Mächte, welche den Menschen von dem, was niedrig und klein an ihm ist, befreien und seinem Leben einen lebenswerten Gehalt verleihen. Das ist ein geistiger Notstand, der unbedingt überwunden werden muß. Unsere Betrachtung aber gab uns die Überzeugung, daß das ganz wohl möglich ist; sie zeigte uns auch die Richtung, die unser Suchen einschlagen muß. Die Verwicklung, so sahen wir, erwuchs daraus, daß das Leben der Neuzeit unter dem unermeßlichen Zustrom verschiedenartiger Eindrücke, Aufgaben, Anregungen in entgegengesetzte Ströme auseinanderging; das Vermögen der Konzentration war der unablässig anschwellenden Expansion nicht gewachsen, das Geistesleben vermochte nicht eine überlegene Einheit zu wahren, es zerfiel in verschiedene Richtungen und Leistungen, die unvermeidlich miteinander in schroffen Widerspruch gerieten. Wir sahen nun, daß das Geistesleben keineswegs in jene besonderen Richtungen aufgeht, sondern daß es, recht verstanden, als Ganzes eine Aufgabe in sich trägt, die es nur kräftiger herauszuarbeiten und energischer zu entwickeln gilt, um über die Spaltung hinauszukommen und dem Auseinanderfallen des Lebens gewachsen zu werden. Indem sich das Geistesleben schärfer von der bloßmenschlichen Lage abhebt und sein wirklichkeitbildendes Vermögen voll zur Geltung bringt, gibt es unserem Streben einen festen Kern sowie einen sicheren Standort, von dem aus sich die verschiedenen Bewegungen der Zeit umfassen und nach Recht oder Unrecht würdigen lassen. Zu solcher Wendung aber genügt nicht eine bloße Betrachtung, es bedarf dazu vordringender Tat, wir müssen uns bei uns selbst konzentrieren, ursprüngliches Leben erwecken, an die Aufgabe alle Kraft und alle Gesinnung setzen; nur wenn wir von innen heraus die geistige Trägheit überwinden und mehr aus uns selber machen, kann uns das Leben wieder einen Sinn und Wert gewinnen. An uns selbst liegt es, daß das geschehe. Wenn nicht alle Zeichen trügen, so geht nach dieser Richtung der Vertiefung und Kräftigung ein wachsendes Verlangen der Zeit. Die Hingebung an die Fläche des sichtbaren Daseins und die Ausbildung einer bloßen Daseinskultur verliert zusehends die Zauberkraft, mit der sie zeitweilig die Menschheit berückte, immer weniger kann sich die Leere, die daraus hervorgeht, verbergen, immer klarer wird, daß die landläufige Verneinungslust, in der manche eine billige Größe fanden, schließlich den Menschen zwingt, auch sich selbst zu verneinen und alles preiszugeben, was seinem Leben Wert verleiht. Zugleich erscheinen bei allen Wirren der Gegenwart manche Zeichen, welche eine innere Wendung und einen neuen Aufstieg verkünden; je mehr das vordringt, desto mehr werden die Zweifel an einem Sinn und Wert unseres Lebens schwinden; die Gegenwart aber gewinnt uns dann eine besondere Bedeutung und Größe dadurch, daß sie uns keineswegs bloß Überkommenes fortführen läßt, sondern daß sie uns zu voller Selbständigkeit, zu ursprünglichem Wirken und Schaffen aufruft, daß sie uns für die zeitüberlegene Wahrheit neue Formen suchen heißt und dadurch dem Werk des Tages einen bleibenden Wert verleiht. So mag sich uns in einen Gewinn verwandeln, was zu Anfang ein bloßer Verlust schien, in einen Gewinn von Selbsttätigkeit und Ursprünglichkeit. Bibliographie Rudolf Christoph Eucken geboren am 5. Januar 1846 zu Aurich (Ostfriesland) gestorben am 14. September 1926 zu Jena 1866 De Aristotelis dicendi ratione. Observationes de particularum usu Dissertation über das Vokabular von Aristoteles Göttingen 1868 Über den Sprachgebrauch des Aristoteles Beobachtungen über die Praepositionen Berlin 1870 Über die Methode und die Grundlage der Aristotelischen Ethik Berlin 1872 Die Methode der aristotelischen Forschung in ihrem Zusammenhang mit den philosophischen Grundprinzipien des Aristoteles Berlin 1872 Über die Bedeutung der aristotelischen Philosophie für die Gegenwart Berlin 1874 Über den Werth der Geschichte der Philosophie Akademische Antrittsrede Jena 1878 Geschichte und Kritik der Grundbegriffe der Gegenwart Leipzig Später (ab 1893) unter dem Titel: Die Grundbegriffe der Gegenwart Leipzig und (ab 1904) unter dem Titel: Geistige Strömungen der Gegenwart Leipzig (auch später – bis 1928 – Berlin) 1879 Geschichte der philosophischen Terminologie Leipzig (auch Hildesheim 1960, 1964) 1880 Über Bilder und Gleichnisse in der Philosophie Festschrift Leipzig 1881 Zur Erinnerung an K. Ch. F. Krause Festrede zu Eisenberg Leipzig 1884 Aristoteles' Anschauung von Freundschaft und von Lebensgütern in: Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge Nr. 452 Hamburg 1886 Die Philosophie des Thomas von Aquino und die Kultur der Neuzeit Halle 1887 Zur Würdigung Comtes und des Positivismus in: Phil. Aufsätze Leipzig 1887 Prolegomena zur Forschung über die Einheit des Geisteslebens in Bewußtsein und That der Menschheit Später unter dem Titel: Die Einheit des Geisteslebens in Bewußtsein und Tat der Menschheit Leipzig (auch Berlin 1925) 1890 Die Lebensanschauungen der großen Denker Eine Entwicklungsgeschichte des Lebensproblems der Menschheit von Plato bis zur Gegenwart (auch 1896,1899,1902,1904, 1909, 1911, 1912. Berlin 1922, 1925, 1930, 1950) 1891 Der Kampf um das Gymnasium Gesichtspunkte und Anregungen 1896 Der Kampf um einen geistigen Lebensinhalt Neue Grundlegung einer Weltanschauung 1901 Thomas von Aquino und Kant. Ein Kampf zweier Welten Sonderdruck aus »Kantstudien« 1901 Der Wahrheitsgehalt der Religion 1901 Das Wesen der Religion philosophisch betrachtet Vortrag 1903 Gesammelte Aufsätze zur Philosophie und Lebensanschauung 1906 Beiträge zur Einführung in die Geschichte der Philosophie 1906 Wissenschaft und Religion Beiträge zur Weiterentwicklung der christlichen Religion, Heft 7 1907 Grundlinien einer neuen Lebensanschauung 1907 Hauptprobleme der Religionsphilosophie der Gegenwart 1908 Der Sinn und Wert des Lebens 1908 Einführung in eine Philosophie des Geisteslebens Später unter dem Titel: Einführung in die Hauptfragen der Philosophie 1909 Die Zukunft des freien Christentums in: Der internationale Kongreß für freies Christentum in Boston 1907 1910 Die Philosophie des Thomas von Aquino und die Kultur der Neuzeit 1911 Können wir noch Christen sein? 1911 German philosophy and the religions reform-movement of to-day An address Sonderdruck aus dem 5. internationalen Congress of free christianity and religions progress 1912 Erkennen und Leben 1913 Zur Sammlung der Geister 1914 Die weltgeschichtliche Bedeutung des deutschen Geistes in: Der deutsche Krieg, Heft 8 1914 Die sittlichen Kräfte des Krieges 1915 Wir Barbaren Beiträge 1915 Die Träger des deutschen Idealismus 1917 Die geistesgeschichtliche Bedeutung der Bibel 1917 Moral und Lebensanschauung Aufsätze 1917 Bilder aus Welt- und Menschenleben 1918 (Ausgabe aus »Gesammelte Aufsätze«) 1918 Mensch und Welt Eine Philosophie des Lebens 1918 Geistesprobleme und Lebensfragen 1918 Wo bleibt unser Halt? Ein Wort an ernste Seelen 1919 Deutsche Freiheit Ein Weckruf 1920 Unsere Forderung an das Leben 1921 Lebenserinnerungen 1921 Der Sozialismus und seine Lebensgestaltung 1922 Prolegomena und Epilog zu einer Philosophie des Geisteslebens 1922 Mit Carsun Chang: Das Lebensproblem in China und in Europa 1924 Ethik als Grundlage staatsbürgerlichen Denkens 1927 Auswahl aus den Schriften Rudolf Euckens