Gustav Falke Die Kinder aus Ohlsens Gang Erstes Buch Erstes Kapitel Alle diese verräucherten und verwitterten Häuser, die sich in dem engen Sackgäßchen zusammendrängten, wie gebrechliche Greise in einem Alterswinkel, die sich gegenseitig stützen und wärmen und die alten Köpfe voll von Erinnerungen eines langen Lebens zusammenstecken, auch im Schweigen noch mit dem beredten Ausdruck eines nachdenklichen Gemütes – alle diese altersschwachen, schiefen, halb in sich zusammengesunkenen Häuser waren Heimstätten menschlichen Glückes und menschlichen Elendes, Heimstätten der Hoffnung und Heimstätten der Sorge. Wenn man von der lichtüberfluteten Hafenstraße mit ihrem nimmerruhenden Lärm der Straßenbahn, der Rollfuhrwerke, des rastlos auf und ab wogenden Welthandels, durch den niederen Torweg in dieses dämmerige Gäßchen hineinsah, erschien es freilich nichts weniger als heimisch und wohnlich. Man sah dann auch seinen schönsten Schmuck nicht, den Kirchturm von St. Michael, der im Hintergrund über die niedrigen Häuschen schlank und schön in den Himmel stieg. Zu Zeiten konnte der schmale Torweg sogar einen unheimlichen Eindruck machen, wenn der dunkle Abend von hier seinen Ausgang zu nehmen schien, und die einzige Laterne, die ihn erhellte, noch nicht ihren traulichen Schimmer auf die schmutzigen Wände und das schadhafte Pflaster warf. Oder wenn der Wind, der auf dem Strom durch die Schiffstaue pfiff, einen plötzlichen Seitenstoß in diesen dunklen Winkel wagte, daß die Scheiben der alten Laterne erschrocken klirrten. Aber es gab auch Stunden, wo die Sonne die eine Hälfte des engen Gäßchens überleuchtete, daß die alten Baracken aussahen, wie fröhliche Greise, die in behaglicher Sonntagsstimmung eine lustige Geschichte aus ihrer Jugend erzählen. Und wenn gar der Mond, beweglicher als die Sonne, in schönen, stillen Nächten seinen milden Schimmer über das Gäßchen breitete, und St. Michael wie in einem flüssigen Silber dastand – ja, dann hatte es manchmal etwas Feierliches, märchenhaft Heimliches, und die Ratten, die über das spitze Pflaster huschten, konnten aussehen, wie verwunschene Prinzen und Prinzessinnen. Dann träumten die Menschen, die diese alten Häuser bewohnten, in ihren Betten auch wohl von Glanz und Glück. Ihre Seelen, entzauberte Prinzen, spazierten in einem stolzen freien Schritt in ihren königlichen Gärten umher und vergaßen, daß sie am Tage eigentlich nur ein Rattendasein führten, in einem ärmlichen Winkel, umgeben von Reichtum und Glück, wovon sie nur träumen durften. * Ohlsens Gang hieß dieses Gäßchen. Mit großen, schwarzen Buchstaben stand es über dem niederen Torweg. Asmus Andreas Ohlsen war der Schiffshändler rechts neben dem Torweg. Ihm gehörte dieses hohe schmale Haus in der Hafenstraße, dessen altertümlicher Treppengiebel über den breiten Strom hinweg auf die gegenüberliegende Werft von Thoms und Dieckmann sah, und ihm zinsten auch die zwölf kleinen Wohnungen, die sich in dem engen Gang versteckten. Außer diesem Zinsverhältnis gab es noch ein Band, das die kleine dämmerige Welt der Hinterhäuser mit der großen hellen des Vorderhauses verband. Das war Mutter Krautsch. Mutter Krautsch, wie man sie, trotz ihrer Jugend, ihrer breiten Behäbigkeit wegen allgemein nannte. Sie hatte im Vorderhaus den Geschäftekeller inne, hinter dessen immer blitzblankem Fenster sie so appetitliche Dinge wie Grün- und Rotkohl, gelbe Rüben, weiße Teltower und was der Markt gerade brachte, zu einem reizvollen Bilde aufzustapeln wußte. Da stand sie tagsüber mit ihrer großen breiten Figur hinter dem niederen Ladentisch, oder bewegte sich in dem kleinen Raum mit einer Gewandtheit, die man ihrer Fülle nicht zugetraut hätte. Schien die Sonne, stand sie auch wohl, die vollen Arme in die Seite gestemmt, in der Tür oder auf halber Höhe auf der Treppe, die aus ihrem Kellergewölbe ans Licht des Tages führte, und wandte ihr volles, gutmütiges Gesicht dem vorüberfließenden Strom täglicher Arbeit zu. Und selten stand sie so, daß nicht einer oder der andere der Vorüberschreitenden ihr einen Gruß zurief. »Dag, Mudder Krautsch.« »Süh, Krautschen, auch 'n büschen auskucken?« »Was macht der Mann? Noch immer in der Südsee?« »Ja, wi Schippersfrun sünd man halbe Frun.« Aber Mutter Krautsch sah nicht aus wie eine halbe Frau, wenn man das Wort so nehmen wollte. Sie brauchte Platz für zwei, wenn sie so dastand, ein Bild der Zufriedenheit und Gesundheit und einer dauerhaften Jugend. Sie war jetzt fünfunddreißig Jahre alt. Eine junge Frau. Und sie würde in zehn Jahren noch eine junge Frau sein, sagte Schiffshändler Ohlsen, der sie nicht nur als seine beste Mieterin gern leiden konnte. Oft, wenn Mutter Krautsch sich einen Augenblick auf der Treppe sonnte, galten ihre Blicke ihrem einzigen Kinde, einem runden, untersetzten, strammen Jungen von sieben Jahren, der auf der Straße, unbekümmert um die Fußgänger, seinen Kreisel trieb oder mit andern Kindern Marmel spielte. »Anton, daß du mich nich von Haus gehst.« »Nee, ich geh schon nich, man nich bange.« »Es gibt n Jackvoll.« Nach solchen kurzen, aber meist lauten und heftigen Zwiegesprächen verschwand die Mutter wieder in ihrem Keller, und Anton marmelte oder kreiselte gleichgültig weiter, als wär n Jackvoll etwas, dem nicht weiter Gewicht beizulegen ist. Heute, es war ein Mittwoch in der ersten Hälfte des Juli, ein heißer, trockner, staubiger Tag, stand Mutter Krautsch nicht hinter dem Ladentisch und sah auch nicht mit eingestemmten Armen auf die glühende Straße. Heute stand da Lene Lerch, ein halbwüchsiges, blasses Kind von vierzehn Jahren, einen großen, grauen Wollstrumpf in der Hand, das Knäuel unter die Achselhöhle geklemmt, und sah mit ihren wasserblauen Augen starr auf den blauen Schornsteinring eines Schleppers, der gerade vor Schiffshändler Ohlsens Haus seinen Liegeplatz hatte. Wo aber war Mutter Krautsch? Mutter Krautsch hatte heute ein schwarzes Kleid angelegt und war in diesem feierlichen Staat nach dem letzten kleinen Haus an der rechten Seite von Ohlsens Gang gegangen. Ihre großen, gutmütigen, braunen Augen sahen verweint aus, und wer grade in der Tür oder am Fenster stand, sah ihr mit einem mitleidigen Kopfschütteln nach. Ein paar alte Frauen hatten ihr sogar die Hand gedrückt und sich ihr dann angeschlossen. »Das ist der Krautschen ihr schwerster Tag. Man gut, daß ihr Mann schon wieder abgereist ist,« sagte die alte Cyriaks, die die weißen Zuggardinen von ihrem Fenster zurückgezogen hatte und nun mit ihrem Vogelgesicht hinter den Scheiben lauerte. Inzwischen fuhr vorne ein schlichter, schmuckloser Leichenwagen vor. Die vier Träger – viel Umstände waren hier nicht nötig – saßen gleich darin und ließen die Beine pendeln. Grade vor Lene Lerch hielt der Wagen und verdeckte ihr den schönen blauen Ring um den Schornstein des Schleppers. Die mageren Arme erwachten aus ihrer Regungslosigkeit, die starren, wasserblauen Augen bekamen einen lebhaften, fast triumphierenden Glanz, und der ganze hagere Körper geriet in eine zappelnde Beweglichkeit. Sie lief die paar Stufen vollends hinauf, wobei ihr das Knäuel entfiel. Es rollte mit einem langen Faden bis unter den Wagen. Sie sprang ihm hastig nach und kroch halb unter das unheimliche Fuhrwerk, wo sie es wieder erhaschte. Sie ließ sich keine Zeit, den Faden wieder aufzuwickeln, und raffte ihn mit ein paar schnellen Griffen zusammen. Sie sah um die Ecke in den Torweg hinein, lief wieder zurück, in den Keller hinunter, kam wieder nach oben und beteiligte sich mit wichtiger Miene an der lebhaften Unterhaltung der jugendlichen Gaffer, die plötzlich wie hergeweht dastanden. Die vier Leichenträger in ihren abgetragenen schwarzen Röcken mit sammetnen Ärmelaufschlägen verschwanden im Torweg, während der Kutscher an den schwarzen Pferdedecken herumzupfte, die schwarzen Federbüsche zwischen den Ohren der Tiere ein wenig grader rückte und sich sonst an dem Wagen zu schaffen machte. Der Bürgersteig war jetzt fast gesperrt von neugierigen Kindern, meistens Mädchen. Auch ein paar Frauen standen müßig dabei. Alle sahen dem Kutscher zu, als sähen sie solche Hantierung zum erstenmal. Der schwarze Wagen des Todes, so plötzlich in die helle, grelle Tagessonne gestellt, schien ihnen aber nichts Schreckliches zu haben. In dem Getöse des Lebens, umgellt von dem Pfeifen der Dampfschiffe auf dem Strom, dem Läuten der Straßenbahnen, fügte er sich in seiner schmucklosen Nüchternheit dem Ganzen als etwas Dazugehöriges ein. Was alle diese Gesichter ausdrückten, war Neugierde, nichts als Neugierde. Selbst die Gesichter der Alten verrieten wenig tiefere Anteilnahme. Sie hatten das so oft in ihrem Leben gesehen. Eine Beerdigung. Und auch die Kinder waren dagegen abgestumpft. Es war auch ihnen nur ein Schauspiel für die immer neugierigen Augen. Die wollten sich nichts entgehen lassen, nicht das Geringste. Sie sahen alles, was auf der Straße vorging. Sie flogen links, sie flogen rechts. Ihre hastigen, oberflächlichen Blicke betasteten alles, faßten es an, warfen es weg. Ohne ein besonderes Interesse daran. Aber sie mußten es anfassen. Alle diese frechen, hastigen, neugierigen Augen tasteten an dem schwarzen Wagen herum, an den schwarzen Pferden und an dem Kutscher mit dem Dreimaster und dem langen Trauerflor. Dieser, gewohnt so angegafft zu werden, trocknete sich mit dem Schnupftuch die Stirn und wischte seinen Hut aus. Dann begann er mit dem Wirt einer nahen Schenke, der sich barhaupt, mit einer weißen Schürze vor, der Menge zugesellt hatte, ein Gespräch. Er lachte ein paarmal laut und roh auf und ließ sich zuletzt einen Schnitt Bier und einen kleinen Kognak aus der Schenke holen. »Ach, Herr Kleesand, mir auch n kleinen,« rief eine freche Knabenstimme. In diesem Augenblick fuhr eine einfache Droschke vor. Der Pastor, ein langer, hagerer Mann, stieg schnell aus und bahnte sich, mit der linken Hand das Testament an seine Brust drückend, hastig einen Weg durch die Umstehenden. Alle rissen die Augen weit auf, und ein paar Frauen schüttelten wehleidig die Köpfe, als finge es jetzt erst an, recht traurig zu werden. Nur die freche Knabenstimme fand keinen Geschmack mehr an der Sache. »Nun dauerts noch drei Stunden,« gellte sie in das Schweigen hinein. »Da lur up.« Und pfeifend trollte sich der Bengel quer über den Fahrdamm. * Endlich wurde der Sarg die kleine schmale, ausgetretene Treppe im Trauerhause heruntergetragen, erschien in der hellen Sonne, die die eine Seite von Ohlsens Gang erfüllte, leuchtete im Schmuck seiner billigen Kränze verschämt auf und verbreitete schnell einen strengen Duft von Koniferen und Tubarosen durch das kleine Gäßchen. Im obern Stockwerk des gegenüberliegenden Hauses drückten sich zwei kleine Kindernasen an den Scheiben platt. An jedem Fenster, an jeder Tür, erschien jetzt ein Gesicht, dem langsam in der Mitte des schmalen Ganges, grade über dem Rinnstein hinschaukelnden Särglein nachzublicken. Eine noch junge, aber blasse, verhärmte und abgearbeitete Frau im dürftigen Trauerkleid schritt hinter dem Sarg her, still und verweint. Das war Frau Mau. Neben ihr ging ein etwas älterer Mann mit breitem, rotem Gesicht, dem sein Trauerkleid schlecht stand, und der verlegen einen Fuß vor den andern setzte. Er trug den abgenutzten schwarzen Zylinder in der Hand und setzte ihn erst auf, als der Torweg den kleinen Zug auf einen Augenblick den fremden Blicken entzog. Niemand kannte den Mann. Er war ein entfernter Verwandter der Frau Mau, der einzige, den sie in dieser Stadt hatte. Der aber im Sarge lag, war noch vor kurzem als ein kleiner blonder, lebhafter, sechsjähriger Junge durch diesen Torweg ein und aus gesprungen. Ostern hatte er zum ersten Male seine Fibel aufgeschlagen. Nun hatte er sie so bald wieder zumachen müssen. Und welchen Spaß hatte es ihm gemacht, als er die ersten Wörter lautieren konnte. Und die Bilder in der Fibel, wie hatte er sich ihrer gefreut. »Sieh mal, Mama, ein Adler. Sieh mal, Mama, das is ein Affe.« Und was hatte er nicht alles von seinem Lehrer zu erzählen gehabt. »Du, Mama, der Herr Heinrich, das is aber einer. Zu nett is er.« Daran mußte die arme Mutter denken, als der Sarg nun aus dem niedern Torweg in das helle, grelle Licht der Straße hinausschwankte, an all den kleinen neugierigen Kindergesichtern vorbei. Da waren welche darunter, mit denen er oft Marmel gespielt hatte. Und da waren viele, die immer freundlich mit ihrem kleinen Willi gewesen waren. Und da stand auch der Kommis von Schiffshändler Ohlsen, der ihm mal fünf Pfennige geschenkt hatte, weil er so kläglich um einen verlorenen Kreisel weinte. Aber da stand auch Lene Lerch mit ihren stechenden Augen und ihren gekreuzten Armen und erschreckte sie. Sie hatte nichts gegen Lene Lerch, aber Lene Lerch stand in dieser sonderbaren, herausfordernden Haltung auf der oberen Stufe von Krautschens Kellertreppe. Einen Augenblick krampfte sich das Herz der Mutter zusammen, und ein harter Zug erschien in ihrem Gesicht. Aber dann hörte sie wieder Mutter Krautsch laut aufschluchzen, als der Pastor von der unschuldigen Hand sprach, deren der liebe Gott sich bedient hätte, um ihren Willi aus diesem Tal der Schmerzen früh in seine himmlische Heimat zurückzuführen. Und plötzlich mußte auch sie, den einen Fuß schon auf dem Wagentritt, krampfhaft aufweinen, so daß ihr Begleiter nicht wußte, wohin vor Verlegenheit, und die alten Weiber unter den Zuschauern ein wehleidiges »ach Gott, ach Gott« hören ließen. Wie froh war der Vetter, als er in der Droschke saß und die Tür zuschlagen konnte, was zu seinem Schrecken einen sehr lauten und nach seiner Meinung in diesem Augenblick höchst unpassenden Knall gab. Langsam setzte sich der kleine Zug in Bewegung. Es war kein anderes Gefolge, als diese eine Droschke mit der Mutter und ihrem Vetter. Jetzt, unter dem tosenden Lärm des rastlosen Lebens langsam dahinziehend, das kleine bekränzte Särglein auf dem schwarzen Wagen, dahinter die eine alte klappernde Droschke, jetzt war es ein fremder Ton in dieser vielstimmigen Symphonie. Jetzt ging ein leiser Schauer aus von diesem düsteren Fahrzeug, diesem kärglichen Gepränge der Trauer, und faßte hier und da einen der hastig Vorübereilenden mit leisem Frösteln ans Herz. Vor Ohlsens Gang hatten sich die Gaffer schon verlaufen, als die lange, hagere Gestalt des Geistlichen gebückt aus dem niedern Torweg ins Freie trat. Er hatte noch ein viertel Stündchen mit Mutter Krautsch gesprochen. Gesenkten Blickes ging er mit eiligen Schritten durch die Menge. Er überragte sie alle um Kopfeslänge. Der schwarze Talar wehte trotz der stillen Luft um seine Füße, so hastig ging er, als fühlte er sich in die helle, grelle Sonne und unter die eilenden, treibenden Menschen nicht hingehörend und suchte ihnen zu entfliehen. Vielleicht war es nur eine Amtshandlung, die ihn so eilen ließ. Noch ein Toter? Oder ein Täufling, der aufgenommen sein wollte in die Gemeinschaft der Gläubigen, um sich für dereinst einen Platz in der himmlischen Heimat zu sichern? In Ohlsens Gang aber stand schon ein Apfelsinenhändler mit seiner Karre und rief laut sein »Appelsina, scheune Appelsina! Dutzend föftig Penn!« Und die alte Cyriaks kaufte sechs Stück der schon etwas überreifen Früchte. Sie wollte sich die besten aussuchen. Aber der Händler sah es nicht gern. »Sünd all zuckersöt, Madam, scheune Appelsinas.« Zweites Kapitel Acht Tage waren seit der Beerdigung des kleinen Willi Mau vergangen, acht schöne Tage, mit leichten östlichen Winden. Helle, heitere Tage, an denen die Sonne sich in den breiten Fenstern der großen Handelskontore spiegelte, daß es aussah, als sehe aus jedem dieser Fenster so ein lachendes Gesicht, das mit den Augen zwinkerte: »Ist das Leben aber schön, und wie vergnügt gehts in der Welt zu. Alles Gold! alles Gold!« Helle, heitere Tage, an denen die Sonne auch in den kleinen blinden Scheiben der alten Speicher noch ein Leuchten weckte, sich in die schmalen Fleete hineinstahl und über die staubigen Schuten eine goldene Decke warf, und draußen auf dem Strome alles in ein Funkeln und Blitzen kleidete. Acht schöne Tage, an welchen geschmückte Dampfer, fröhliche fremde oder heimische Ausflügler an Bord, mit Musik die Elbe hinunterglitten. Acht schöne Tage, während welcher Lene Lerch zweimal getanzt hatte, auf der Straße, zu den Klängen eines Leierkastens. Einmal hatte sie es voll ausgekostet, mit erhitzten Backen und fliegenden Zöpfen; Mutter Krautsch war nicht da, und keine Kundschaft störte ihr Glück. Das andere Mal aber hatte Mutter Krautsch sie hereingerufen: »Lene, büst nich klug? Son große Deern mang all die Kleinen?« Was kann sich in acht Tagen nicht alles ereignen. Jeder Tag bringt etwas Neues. Eins wird über das andere vergessen. Sowie es dem kleinen Willi Mau erging. Wer dachte von all den neugierigen Leuten, die sich am Torweg aufgepflanzt hatten, noch an Willi Mau? Inzwischen war in der Nachbarschaft schon wieder eine Leiche gewesen, ein alter Pantoffelmacher. Wer dachte noch an den? Was zählt ein alter Pantoffelmacher in acht Tagen. Vor zwei Jahren, als die Cholera hier aufräumte, da ging es anders her. Aus Ohlsens Gang waren zwar nur zwei ausgezogen und hatten draußen in Ohlsdorf Quartier genommen. Ohlsens Gang war immer ein sauberer Winkel gewesen, wo einer den andern auf Reinlichkeit kontrollierte und der Hauswirt selbst nach dem Rechten sah. Aber anderswo hatte das Gift besseren Boden gefunden. Jeden Tag fuhren die schwarzen Wagen. Aber das sind alte Geschichten, sehr alte Geschichten. Zwei Jahre alt. Das Neueste war der Pantoffelmacher, und der war schon vergessen. Und vor ihm kam Willi Mau. Nein, so schlimm stand es doch nicht um Willi Maus Gedächtnis, als um das des alten Pantoffelmachers. Auf der Straße freilich sprach man nicht mehr von ihm. Aber in Ohlsens Gang lebte er weiter. Da war seine kleine Schwester, die Marie. Die fragte alle Tage nach ihm. »Mama, wann kommt Willi wieder? – Is Willi bei Onkel, Mama? – Kommt er denn bald wieder?« Dann kniff die blasse junge Frau mit dem alten Gesicht die schmalen Lippen noch fester zusammen und strich der Kleinen beschwichtigend über den Scheitel. Und wenn sie dann doch die Lippen öffnete, klangen ihre Worte fast hart. Wie die Kleine sie quälte mit den Fragen. Wie oft hatte sie ihr schon gesagt, daß ihr Brüderchen tot sei, beim lieben Gott sei, wo er es jetzt viel schöner habe. Aber was wußte das Kind von tot. Es klammerte sich an ihre erste Antwort, die sie ihm damals aufschluchzend gegeben hatte: »Willi ist aus, Willi ist mit Onkel.« Diese Frau hatte das Leben nur auf der Schattenseite gelebt. Ihre Mädchenjahre waren harte Arbeit gewesen, zu Hause und bei fremden Leuten, ihre junge Ehe verdüstert durch das langsame Dahinsiechen des schwindsüchtigen Mannes. Sein Tod hatte sie mit den Kindern alleine gelassen, mit zwei Kindern. Andere Frauen, die alleine standen, hatten vier und fünf durchzubringen. Sie klagte nicht. Sie arbeitete, und sie konnten sich satt essen. Sie ging als Waschfrau aus und übergab die Kinder der Hut freundlicher Nachbarn. Sie liebte die Kinder, still, wortkarg. Sie war von Haus eine herbe verschlossene Natur. Ihr Mann war weicher gewesen, fröhlichen, mitteilsamen Gemütes. Und wenn ihnen die Sonne nur ein wenig geschienen hätte, wäre sie an ihm aufgetaut. Aber die Sonne wollte ihrem Manne nicht helfen bei seiner Frühlingsarbeit an ihr. Und da kam die Krankheit, und auch seine Wärme und Heiterkeit erlosch. Woran sollte sie nun auftauen? An den Kindern? Ja. Ihr Junge war so eine aufgehende Sonne, warm und heiter wie der Vater und dabei, was ihr ja immer eine stille Freude gewesen war, zäh und geschmeidig wie sie. Jetzt lag er auf dem Kirchhof. Als es vier Wochen her war, daß sie ihn nach Ohlsdorf gebracht hatte, kam Mutter Krautsch nach Feierabend und setzte sich langsam und verlegen auf den nächsten Stuhl an der Tür. Einen Korb mit Wurzeln, Sellerie und ein paar Kohlköpfen stellte sie neben sich auf den Fußboden. Frau Mau schickte Mariechen, die am Fenster mit einem hölzernen Schäfchen spielte, in die Küche. Mutter Krautsch atmete schwer und hörbar und fing an zu schluchzen. »Heut sind es grade vier Wochen,« stieß sie unter Tränen heraus. »Es steht mir noch allens so vor, als wenn es gestern gewesen wär.« Die blasse Frau sah sie mit einem harten, fast feindseligen Blick an und strich mechanisch die kleine gehäkelte Tischdecke glatt. »Das alte Steinewerfen,« schluchzte Mutter Krautsch, »ich hab es ja immer gesagt. Das gibt noch mal 'n Malör. Wenn sein Vater das wüßte. Er schlüg ihn ja wohl tot.« Jetzt setzte auch Frau Mau sich, legte die gefalteten Hände in den Schoß und sah starr vor sich nieder. »Mit Willen hat er es ja nich getan,« sagte Mutter Krautsch. »Das wissen Sie ja auch. Er ist ja auch so 'n gutes Kind sonst.« »Mit Willen nicht, nein, mit Willen nicht,« wiederholte Frau Mau leise und sah dabei immer vor sich hin. Sie konnte diese breite, gesunde, kräftige Frau mit den guten, jetzt in Tränen schwimmenden Augen nicht ansehen. Gerechtigkeit, das war schon in der Jugend immer ihr letztes Wort gewesen. Gerecht und selbstgerecht. So war sie. Aber dieser wohlgenährten Frau gegenüber verlor sie diesen Grund unter ihren Füßen. Hatte sie nicht Ursache zu Neid und Haß? Und wie redselig war diese Frau bei allen Tränen. Was wollte sie denn? Warum redete sie denn? Ach, da fing sie schon wieder an. »Wenn er es nun erfährt, mein armer Anton. Sagen Sie es ihm nich, um Gottes Barmherzigkeit willen. Sagen Sie es ihm nich. Machen Sie ihn nich unglücklich.« Die ganze mütterliche Liebe weinte in diesen Worten. Da wandte Tilde Mau ihr ihr hartes Gesicht zu und sagte laut und bestimmt: »Nein, das wäre Sünde. Er soll es nie erfahren. Von mir nicht.« Und als ob dieser Entschluß sich ihr aus dem tiefsten Herzen losgerissen und dabei die eisige Kruste, die sich um ihren Schmerz gelegt, gesprengt hatte, schlug sie plötzlich die Hände vor das Gesicht und weinte bitterlich. Da stand Mutter Krautsch leise auf und strich ihr mit der großen roten Hand immer über den dünnen blonden Scheitel, während sie sich mit der Linken heftig schnäuzte. Und als Frau Mau unter ihrem Streicheln stillhielt, wie ein Kind, und nichts sagte, sondern nur leise vor sich hinweinte, ließ sie von ihr ab und ging hinaus. Den gefüllten Korb ließ sie zurück, schob ihn aber im Hinausgehen mit dem Fuße möglichst unauffällig noch etwas weiter ins Zimmer hinein. Auf der Treppe rieb sie sich mit der Schürze tüchtig die Augen. Die andern Weiber sollten nicht sehen, daß sie geweint hatte. Schludersch waren sie alle und steckten immer gleich die Köpfe zusammen, und die Cyriaks war die Schlimmste. Die Cyriaks saß aber doch hinter ihrer Gardine, und am andern Tag wußten sie es alle, daß die Krautschen bei Tilde Mau gewesen war. »Das soll sie auch man ja tun. Das is sie ihr ja auch woll schuldig. Mit all ihren Rüben und Wurzeln kann sie ihr das nich wieder gut machen.« Aber in einem waren sich alle diese alten Weiber einig, auch die alten Jungfern, die nie ein Kind an ihrer Brust oder auch nur auf dem Schoß gehabt hatten: Wissen durfte es der Krautschen ihrer nie, daß er den kleinen Willi Mau totgeschmissen hatte. Er würde ja nie wieder eine ruhige Stunde haben können. Totgeschmissen. So sagten alle diese alten Weiber. Und die Cyriaks hatte es selbst gesehen. Der Junge war ja sonst nicht so, aber er konnte so jähzornig werden. Und da hatte er blindlings den Stein geworfen. Acht Tage hatte der kleine Mau gelegen, da war er gestorben. Der Stein war schuld. Der Doktor hatte es ja selbst gesagt. Also richtig totgeschmissen. Das war nun so. Und das sein lebelang auf dem Gewissen haben. Der arme Junge. Er durfte es nie erfahren. Und sie gaben sich alle das Wort darauf und sprachen immer nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit von dem Schrecklichen. Wenn aber Anton Krautsch seine Spiele bis in Ohlsens Gang ausdehnte, was nicht selten geschah, wenn er mit Hugo Winsemann, der Maus gegenüberwohnte, marmelte, dann sahen alle diese Weiber den Jungen mit so traurigen, vorwurfsvollen Blicken an, als wäre er ein ganz unglückliches und verlorenes Kind. Anton Krautsch aber, der von nichts wußte, und dem es ganz gleichgültig war, wie man ihn ansah, richtete beim Spielen seine hellen Augen immer nur auf die Marmeln. Er kümmerte sich auch sonst um nichts weniger als um andere Leute. So ein siebenjähriger Knirps, dem das Leben aus den Augen lachte. So eine kleine stämmige Range, die den Hugo Winsemann mit einer Hand umwarf, so ein fixes Kerlchen, das schon mit seiner Mutter zu Markt fuhr und ihr die vollen Körbe zureichte, daß die Marktleute und Karrenschieber sagten: »Büst jo n bannigen Kerl« – so einer brauchte die Leute nicht, er war sich selbst genug, Mittelpunkt der Welt. Für ihn schien die Sonne, für ihn wuchsen die Apfel, backte der Bäcker das Brot, stopfte der Schlachter die Würste, für ihn lagen alle die Schiffe da draußen auf dem Strom, für ihn war Hamburg da, vor allem aber seine Mutter, die ihn waschen und kämmen und anziehen, ihm Morgen- und Mittagbrot geben, kurz, allezeit für ihn sorgen und ihn lieb haben mußte. Er hatte sie auch lieb. Aber wenn er ihr mit seinen Kinderkräften half, wo er nur konnte, so war es nicht, weil er ihr ihre Liebe lohnen wollte, sondern weil es ihm Spaß machte, weil das Herumarbeiten und das Sich-ein-bischen-wichtigmachen seine größte Lust war. Vor allen aber war der Hugo Winsemann für ihn da. Den hatte der liebe Gott extra für ihn in die Welt gesetzt. Der gehörte ihm. Und wehe, wenn er sich dieser Hörigkeit entziehen wollte. Es war sein Glück, daß er hierzu von Haus aus wenig Anwandlung verspürte. Er hatte einen großen Respekt vor dem stämmigen Anton, dessen frischer, forscher Führung er sich gern überließ. Dieser kleine Schlepper, immer unter Dampf, schleppte ihn, wohin er ihn haben wollte, und immer mit einem unverhältnismäßigen Gebrauch an Kohlen. Das qualmte und puffte aus dem Schornstein, als gelte es, eine ganze Kette von schwerbeladenen Ewern gegen den Strom zu schleppen und es war doch nur die kleine, leichte Schute Hugo Winsemann. Mutter Krautsch aber, wenn sie ihren Jungen so voller Leben sah, dachte manchmal: »Wo hat er das nur her? Sein Vater is so 'n ruhigen sinnigen Mann.« Dann mußte er es also wohl von ihr haben. Und sie war stolz darauf. »Dat is min Anton.« Hugo Winsemann, dieser kleine Schwächling, ach, was war das doch für ein Junge! Immer verträumt. Immer »dösig«. Er lutschte noch, saß in irgend einer dunklen Treppenecke und ergötzte sich an seinem Daumen. Er hatte viel Spott deswegen aushalten müssen, namentlich von Anton. Da trieb er es nur noch heimlich. Im Bett, vorm Einschlafen, war er vor jeder Störung sicher. Die Mutter, eine schwache, leidende Frau hatte ihn gewähren lassen, froh, daß dieser Schlummerbalsam so sanft und sicher wirkte. Der Vater hatte des Abends Schreiberarbeiten zu verrichten und wollte durchaus Ruhe haben. Er war so nervös. Er war »Geistesarbeiter«, wie er seiner Frau mindestens einmal in der Woche ins Gedächtnis rief. Er stricke keine Strümpfe, seine Arbeit wäre höher zu werten. Er brauche Stille, Schonung, Verständnis, nur ein bischen Verständnis. Und Frau Winsemann verstand ihren Gemahl, schloß leise die Tür hinter sich und steckte Hugo ins Bett. Arno Winsemann hatte von jeher seine Familie mit seinem Ruhebedürfnis tyrannisiert. Er war Lehrer gewesen, hatte aber einen Dichter in sich entdeckt und daraufhin den Dienst quittiert. Arno Winsemanns Gedichte konnten nur in Freiheit erblühen. Aber es war entweder nicht die rechte Freiheit, oder nicht das rechte Talent. Arno Winsemanns Gedichte gediehen nicht. Wie konnten sie auch! Bei Kindergeschrei, Küchenlärm, Nähmaschinengeklapper! Arno Winsemann lief auf die Straße, aber die Muse haßt den Lärm der modernen Großstadt. Arno Winsemann saß im Kaffee, aber die Muse trank keinen Kaffee. Da kaufte er sich ein Rad, auf Abzahlung natürlich. Hinaus, nur hinaus! an den Busen der Natur! Aber ach, es war ein kalter Busen, auch er war nicht der Ort, wo Arno Winsemann ruhen konnte. Er hätte weit weg müssen, auf irgend eine einsame Insel, wo Marmorpaläste aus Myrten schimmerten, und die Musen selbst ihn in ihre Mitte nahmen. Aber mit dem Rad war diese Insel nicht zu erreichen, und Armut drückte ihn nieder. So war die Insel, auf der Arno Winsemann zuletzt landete, der Kontorbock in der Schreibstube eines Advokaten. Sein verhungertes Aussehen und seine schöne Handschrift hatten ihn dem mitleidigen Manne empfohlen. Frau Winsemann hatte diese Anstellung als ein großes Glück begrüßt, Arno sie mit der Resignation eines gebrochenen Titanen auf sich genommen. Jetzt hatten die fünf Jahre Advokatenstube längst allen Trotz und alle Verbitterung aus seiner schwammigen Seele herausgepreßt. Ach, sie war so trocken geworden, diese Seele, daß sie wirklich von Zeit zu Zeit einer Anfeuchtung bedurfte, und seit dem Cholerajahr, wo man den bösen Feind so tapfer mit Kognak bekämpfte, war ihm diese Kriegsgewohnheit geblieben. Der Hang zum Trinken fing an, sich in ihm auszubilden, um so mehr, als er in diesen anfangs noch seltenen Stunden irdischer Entrücktheit sich wieder als der alte verkannte Arno Winsemann fühlte, dem eigentlich ein Rosenpfühl im Kreise der Musen aufgeschüttet sein sollte, und nicht dieses harte Feldbett, eine Treppe hoch, Ohlsens Gang Nr. 9. So schlürfte er mit dem einen Gift auch das andere. Der kleine Hugo war äußerlich ganz das Ebenbild des Vaters, und die Mutter gewahrte mit Besorgnis, daß er auch seines Geistes Kind zu werden versprach. Aber sie wollte schon über ihn wachen und ihn leiten. Und nie, nie sollte er Verse machen. Sie hätte ihr Kind nie geschlagen, aber das würde sie ihm ausprügeln, unerbittlich. Und da er so war, so verträumt und in sich hinein, ein so gefährliches Kind, so sah sie es mit großer Freude, daß er sich an den Anton Krautsch so anschloß, und hoffte, der würde ihn mit sich reißen und einen gesunden Jungen aus ihm machen. Ein paarmal war Anton bei Winsemanns gewesen und hatte mit Hugo aus schmutzigen, kleberigen Dominosteinen Häuser gebaut. Natürlich war dann der Vater nicht zu Hause gewesen; dem würden die einstürzenden Schlösser und Burgen zu sehr auf die Nerven gefallen sein. Aber dem Anton war es bald langweilig bei Winsemanns geworden, er war nicht für Stubenspiele. Im Sommer nun gar nicht! Und im Winter gab es doch Glitschen und Schneeballen. Was sollte das dumme Dominospiel! So sahen sich die beiden Jungen nur noch auf der Straße. Neuerdings, im ersten Schuljahr, kam Anton wohl einmal heraufgesprungen, um Hugo nach einer Aufgabe zu fragen. Und dann war Frau Winsemann erfreut, daß ihr Junge der klügere war, aber auch besorgt, daß es in seines Vaters Klugheit umschlagen könnte. Und unter dieser hatten sie beide zu sehr gelitten, als daß ihr das »Höhere« noch erstrebenswert erscheinen sollte. Kam Anton selten, so kam die kleine Marie Mau um so häufiger herüber. Die Mutter hatte sie auch früher, wenn sie auf Arbeit ging, der Frau Winsemann anvertraut, lieber, als der kinderlosen Nachbarin. Seit dem Tode des kleinen Willi aber hatte das verlassene Schwesterchen sich ganz nach Winsemanns hingewöhnt und verkehrte mit Hugo wie mit ihrem Bruder. Mit ihrer Puppe wollte er freilich nichts zu tun haben. Aber sie war es zufrieden, wenn sie mit seinen Dominosteinen spielen durfte und beneidete ihn vor allem um seine beiden Bilderbücher, die größer und bunter waren als das ihrige, und woraus er ihr schon alle Verse vorlesen konnte. Daß er nur das von der Mutter Gehörte aus gutem Gedächtnis nachplapperte, wußte sie ja nicht. Sie nahmen es beide für Lesen und taten sehr wichtig dabei. War Hugos Papa nicht daheim, durften sie auch einigen Lärm machen, Häuser bauen aus den Dominosteinen, hohe Türme, die dann beim leisesten Anstoß mit lautem Geprassel zusammenstürzten, was manchmal mit einem Freudengekreisch, manchmal mit einem lauten Gejammer begleitet wurde. Große Paläste bauten sie, worin sie wohnten und sich König dünkten. Herrliche Parks umgaben sie mit diesen Dominosteinen, deren vieläugige Mauer selbst verwundert in diese Pracht zu staunen schien. Und Mann und Frau spielten sie, König und Königin, und hatten Pferd und Wagen, worin sie in die weite Welt kutschierten, aus der sie mit brennenden Backen und leuchtenden Augen heimkehrten. Holte Frau Mau Mariechen dann abends ab, einen frischen Geruch von Chlor und grüner Seife um sich verbreitend, dann flog wohl ein flüchtiger Schimmer von Weichheit über das stille, harte Gesicht, und es war, als wollte sich von der Liebe zu ihrem kleinen Toten etwas warm und weich um den kleinen Freund ihres Mariechens legen. Aber dies flüchtige Licht erlosch schnell, wenn ihr aus dem Gutenabendgruß des Herrn Schreibers einmal wieder der Duft des genossenen Rums entgegenwehte. Dann konnte sie einen strengen Blick auf den kleinen unschuldigen Hugo werfen, ihr Kind fester an die Hand nehmen und eiligst mit ihm das Zimmer verlassen, als drohe ihm hier eine böse Ansteckung. Drittes Kapitel Käpt'n Krautsch, der grade vor dem unglückseligen Steinwurf abgereist war, schrieb nach zweijähriger Fahrt an der indischen Küste, daß er Fracht nach Amsterdam habe. Mutter Krautsch solle um die und die Zeit sich auf die Bahn setzen und den Jungen natürlich mitbringen. Er würde nicht abkommen können. Und ich? sagte Mutter Krautsch. Aber sie mußte hin, das war natürlich. Und machen ließ es sich auch. Alles läßt sich machen, pflegte Mutter Krautsch zu sagen. »Nur n Doden nich wieder lebendig.« Und dann schrieb sie nach Moorburg, wo sie zu Hause war, und ihre dort verheiratete Schwester versprach, ihr Geschäft solange in Obhut zu nehmen. »Daß du mich aufpaßt, Deern,« ermahnte Mutter Krautsch Lene Lerch, »und daß du mich folgsam büst und Tante Mile recht zu Hand gehst. Hörst du?« Das versprach Lene Lerch, und als die Depesche kam, daß die »Henriette« in Amsterdam vor Anker gegangen sei, setzte sich Mutter Krautsch auf die Bahn, verstaute Anton in eine Ecke des Kupees und setzte sich dicht neben ihn, so daß er wirklich fest saß. »So Jung, dies ist nu deine erste Reise. Und iß nun man nich gleich all die Pfeffermümms auf.« »Och,« sagte Anton beleidigt und dachte: »Bis Amsterdam werden sie ja wohl reichen.« Es waren aber nur für zehn Pfennige, und bald hinter Harburg war die Tüte leer. Na, in Amsterdam gabs mehr. Käpt'n Krautsch freute sich über seinen strammen Jungen und stopfte ihn mit Kuchen und Süßigkeiten voll. Er hatte ihn in zwei Jahren nicht gesehen. Was war er für ein fixer Bengel geworden. »Und die Schule? Wie ist es mit dem Lernen?« »Och, gut,« sagte Anton. Und Mutter Krautsch konnte bestätigen, daß die Lehrer mit ihm zufrieden waren. Nur mit dem Schreiben wolle es nicht. Im Schönschreiben gäbe es immer eine Fünf. Käpt'n Krautsch machte ein ernstes, nachdenkliches Gesicht. Er hatte ein hageres, langes Gesicht, mit schmalen, gekniffenen Lippen. »Welche von seinen Kollegen haben da Nachhilfestunden in,« sagte Mutter Krautsch. »Aber das Geld soll ja man da sein.« »Das Geld ist da, Mutter,« sagte Käpt'n Krautsch. »Wenn er es haben muß, soll er es haben. Schreiben muß ein Mensch können. Setz dich mal hin, Jung. Schreib mal was.« Und Anton saß am Kajütentisch und malte komische Buchstaben aufs Papier. »Lieber Vater.« Das stand dreimal hintereinander da. Ob dem Jungen nichts anderes einfallen wollte, oder ob er Diplomat war? Käpt'n Krautsch lachte. Die Buchstaben standen auch zu drollig da, hatten alle einen ordentlichen Sturm, wie es schien. Oder freute sich Käpt'n Krautsch über den »lieben Vater«? Fünf Tage dauerte die Herrlichkeit in Amsterdam. Dann hieß es wieder Abschied nehmen. Auf wie lange? Ja, wer das wüßte. Erst ginge die »Henriette« mal direkt in die Südsee. Es könnte ein Jahr, es könnten drei Jahre werden. Käpt'n Krautsch mußte sich tummeln. Das Ausruhen kam nachher Und dann wollten er und Mutter es gut haben. Tränen flossen, Küsse gab es, hin und her, und dann saßen Anton und seine Mutter wieder in der Eisenbahn und dampften nach Hamburg zurück. »Pfeffermümms« waren diesmal nicht dabei, aber eine große Tüte »Kienjes«. Und Mutter Krautsch aß mit aus der Tüte. Käpt'n Krautsch hatte sie selbst gekauft, noch auf dem Weg nach dem Bahnhof. Ob er ihr wohl je wieder Kienjes kaufen würde? »Die alte leidige Fahrerei. Was hat man von so n Mann?« Tante Mile empfing die Reisenden mit einem Seufzer der Erleichterung. Sie war eine akkurate, äußerst gewissenhafte Person, die über jeden Pfennig gerne Rechenschaft abgelegt hätte. Und sie war mit Lene Lerch schwer fertig geworden. Nicht, daß Lene Lerch nicht willig gewesen wäre, aber sie war ihr zu fahrig, flusig und zu unbekümmert. »Ach, das wird wohl zwanzig Pfennige kosten, das geben Sie man so.« »Eine Buddel mehr kaput, da haben wir uns nicht um. Das muß dabei über sein.« Und Lene Lerch gab immer den Ausschlag, weil sie fix mit dem Mund war und nichts schwer nahm. Tante Mile ärgerte sich darüber, konnte es aber nicht ändern. »Gott sei Dank, Jette, daß ihr wieder da seid,« rief sie aus. »Ich find da auch nich mehr durch. Und nu zähl man erst mal die Kasse nach. Stimmen muß es. Hier hab ich allens aufgeschrieben. Und den Schlüssel hab ich immer abends mit ins Bett genommen, unters Kopfküssen.« Und dabei legte sie Mutter Krautsch einen großen, vielfach befleckten Bogen Papier vor, auf dem sie jeden vereinnahmten Pfennig aufgeschrieben hatte. Anton fragte, wahrscheinlich durch den Anblick dieses Bogens angeregt: »Mutter, bekomm ich nu Schreibstunde?« »Wat, kann de Jung noch nich schrieven?« fragte Tante Mile ganz verwundert. »Mit de lateinischen Bokstaben hätt he noch sin Not,« sagte Mutter Krautsch und verschwieg, daß es mit den deutschen nicht viel besser war. »Jung, leer schrieven,« sagte Tante Mile. »Wat harr ick woll anfangen wullt, in bisse Tid, wenn ick nich schrieven leert harr.« Da kam Anton zu Lehrer Heinrich, um sich im Schreiben zu vervollkommnen, um nicht einst hinter Tante Mile zurückzustehen. * Es war in diesem Schreibstundenjahr, als Hugo Winsemann mit Mariechen Mau vorne im Torweg zu Ohlsens Gang eine bescheidene »Ehrenpforte« hergerichtet hatte. Ein kleines Sandhäuflein, auf dessen Gipfel ein Wachsstummelchen vom letzten Weihnachtsbaum brannte, umgeben von ein paar weißen Papierfetzen, die auf abgebrannte Streichhölzer gespießt, Blumen vorstellten. Der ganze Prachtbau war durch ein paar alte Hosenknöpfe, drei Marmeln, die Hugo nach einigem Besinnen herausgerückt, und einer alten verrosteten Gürtelschnalle – alles in symmetrischer Anordnung in den Sand hineingedrückt – gar erfindungsreich eingefaßt und zu wahrer Herrlichkeit erhoben worden. Mariechen stand mit leuchtenden Augen dabei, und Hugo fiel von Zeit zu Zeit einen Vorübergehenden an, hielt ihm die Mütze hin und bat mit klopfendem Herzen im kläglichen Tone, als handle es sich um dringende Hilfe für gänzlich Verarmte, um eine Gabe »för de Ehrenport«. Nur wenige verstanden sich zu diesem Wegezoll, indem sie ein oder zwei Pfennige opferten, aber ein Schauermann mit einem strahlenden Gesicht, dem sicher grade was Angenehmes widerfahren war, verstieg sich auf dem Gipfel seiner Freude zur Spende eines ganzen Zehnpfennigstückes. »Junge, n Groschen!« rief Hugo und hielt ihn Mariechen unter die etwas feuchte Nase. »Das wird fein, solls mal sehn, heut kriegen wir was zusammen.« Und vielleicht wäre es auch noch fein geworden, wenn nicht grade Fritz Kleesand, der lange Windhund, daher gekommen wäre. Der hatte keinen Spaß mehr an Ehrenpforten, der elfjährige »Schlüngel«. So ganz gleichgültig schob er sich daran vorbei – doch nein, er griente plötzlich, als hätte er einen ganz köstlichen Spaß im Sinn, schlenkerte so einmal mit dem Fuß, und in alle Winde flog die schöne Ehrenpforte mit Licht, Papierblumen, Hosenknöpfen und Schnalle. Und pfeifend, als ob nichts geschehen wäre, ging der Schlingel weiter. Weit kam er nicht. Mit einmal saß ihm ein wohlgezielter Puff im Genick, und ehe er sich umsehen konnte, sprang ihn jemand von hinten an und legte ihn schlank auf den Rücken. Er bemühte sich umsonst, aufzuspringen. Antons rotes Gesicht fauchte über ihm: »Hund! gemeiner!« Und zwei kräftige, tintebefleckte Fäuste drückten ihn nieder. Dieser Sieg Antons tröstete Hugo und Manschen schnell über die Zerstörung. Hatten sie doch zusammen zwanzig Pfennige eingeheimst, die, in Bonbon umgetauscht, alle Bitternis reichlich versüßen konnten. Ob sie ihren Schatz zeigten? Aber dann wollte Anton natürlich auch Bonbons haben, dachte Manschen. Und Hugo hätte gern noch ein paar Pfennige übrig behalten, weil am andern Tag Mariechens Geburtstag war. Er wollte ihr einen Bogen buntes Papier schenken. Seine Neigung zu Mariechen siegte, und Anton ging leer aus. Zuletzt regte sich aber in Mariechen doch der bessere Mensch, und sie hielt Anton einen Pfennig hin. »Willst du einen ab?« »Deinen alten schieterigen Pfennig behalt man,« lachte er spöttisch. Mariechen hatte ihn zwar in der leisen Hoffnung angeboten: vielleicht nimmt er ihn nicht. Aber »schieteriger Pfennig« – das kränkte sie. Sie streckte ihm die Zunge heraus und lief heulend nach Hause. Hugo suchte unterdes die Marmeln und die Hosenknöpfe wieder zusammen. Anton sah ihm verächtlich zu. »Son Bettelkram. Wie magst das noch tun!« schalt er. Mariechen Mau bekam ihren bunten Papierbogen, und Anton hatte den guten Einfall, seinen Gegner durch ein paar Äpfel zu versöhnen, die ihm nicht teuer kamen. Er trug nicht nach, nahm so eine Prügelei nicht tragisch, und hatte auch den Wunsch, mit dem größeren und stärkeren Fritz Kleesand nicht in Feindschaft zu leben. Dieser aber traute seiner Überlegenheit nicht recht und hatte Respekt vor Antons Fäusten. Wie alle hinterlistigen Schabernackspieler gehörte er nicht grade zu den allzeit Tapfern, ohne daß man ihn einen Feigling schelten durfte. Es war mehr seine Eitelkeit, die jede Niederlage fürchtete und ihn nur da anbinden ließ, wo er des Sieges gewiß war. So war nach ein paar Tagen der Friede wieder hergestellt. Nur Manschen war noch nicht ganz friedlich gestimmt. Sie dachte noch an den schieterigen Pfennig und ging dem rohen Bengel aus dem Wege, oder war kalt gegen ihn. Anton merkte das gar nicht mal. Er mochte überhaupt nichts mit Deerns zu tun haben. Die waren ihm zu »heulig«. Eine Folge hatte freilich Fritz Kleesands Vandalismus gegen die Ehrenpforte noch. Fräulein Cyriaks hatte sich über die Verunreinigung des Torweges beklagt, und Schiffshändler Ohlsen hatte ein für allemal verboten, durch Ehrenpforten und dergleichen die freie Passage zu sperren. »Ich will überhaupt, daß Ordnung herrscht, peinliche Ordnung,« sagte er zu Fräulein Cyriaks, die steif und lang in seinem Kontor vor ihm auf dem Stuhle saß und jedes seiner Worte mit einem schnellen, stoßenden Kopfnicken bekräftigte. »Unordentliche Elemente dulde ich nicht, habe ich nie geduldet und werde ich nie dulden. Melden Sie mir bitte alle Ungehörigkeiten. Ich bin Ihnen nur dankbar dafür.« Fräulein Cyriaks verließ ihn mit dem sittlichen Vorsatz, nichts Ungehöriges ungemeldet zu lassen, und Schiffshändler Ohlsen schloß die Tür hinter ihr und sagte: »Alte Schraube«. Im Wohnzimmer traf er Pastor Brügge bei seiner Frau, die eine Pastorentochter aus der Kieler Gegend war und geistlichen Umgang hatte. Pastor Brügge berichtete ihr über das Resultat der Vereinssammlung für die innere Mission. »Na, Pastor,« fragte Ohlsen kordial, »is de ol Klingbüdel düchtig vull?« »Klingbeutel?« sagte der Herr Pastor mit etwas pikiertem Lächeln. »Unser lieber Herr Ohlsen drückt sich immer gern recht deutlich aus.« Und Frau Melitta – Ohlsen nannte sie übrigens immer Lite – warf ihm einen bitterbösen Blick zu. Asmus Andreas fand, daß er diesen Blick nicht verdiente. Er hatte fünfzig Mark für die innere Mission gegeben, mit Rücksicht auf Litens Pastorale Herkunft; sonst hätte er sich mit zehn abgefunden. Fünfzig Mark! Eine nette Summe. Dafür wollte er aber die Sache beim rechten Namen nennen können. Klingbeutel war doch keine Beleidigung? »Das muß man auch, das gibt klar Wasser,« sagte er daher auf Pastor Brügges Bemerkung über seine deutliche Ausdrucksweise. »Wenn ich mit meinen Leuten damals, als ich noch die ›Gesa‹ fuhr, wissen Sie – ja, wenn ich da Pensionsfranzösisch hätte sprechen wollen. S'il vous play , Jan Türk, sehen Sie sich doch mal das Segel bitte n bischen an. Wo de oll Kasten nu woll lingen deh.« Da lachte der Herr Pastor breit und jovial. »Ja, ja. Es ist wohl so. Ich muß ja auch manchmal ein kräftig Wörtlein reden, wenn ich meine verirrten Schafe wieder auf den rechten Weg zurückbringen will.« Da ging Asmus Andreas wieder hinaus. Von verirrten Schafen mochte er nicht gerne was hören. Viertes Kapitel Was ist ein Jahr für einen stillen Winkel, wie Ohlsens Gang. Vorne, an der Straße, ging kein Jahr spurlos vorüber. Ihr Aussehen änderte sich rastlos. Hier ein neuer Anstrich, da eine neue Fassade, dort ein ganzer Neubau. Gleichgültige bemerkten es erst spät. Aufmerksame folgten der steten Verwandlung und ärgerten oder freuten sich. An Ohlsens Gang, schien es, gingen selbst zehn Jahre spurlos vorüber. Ein paar Schritte nur, und jenseits des Torweges trug der Strom die Fülle brausenden Lebens hinaus ins Meer. Dort begrüßten sich die Länder aller Erdteile mit ihren Flaggen und ihren Erzeugnissen. Hier, hinter diesem dunklen Torweg, schien das Leben stillzustehen. Es blieben immer dieselben alten Häuser mit denselben alten Fenstern, denselben alten Gardinen, denselben alten Blumentöpfen vor den kleinen Scheiben. Standen auch vorübergehend mal Nelken vor dem Fenster der Cyriaks, im allgemeinen hielt sie sich doch an Goldlack, und die Schulzen über ihr zog Geranien. Jeden Morgen öffnete die Cyriaks ihr Fenster und warf die Brotkrumen von ihrem Frühstück den Sperlingen hin, die sich pünktlich auf diesem Futterplatz einfanden. Und jeden Sonnabend roch es nach Seife in Ohlsens Gang, und lief Seifenwasser in der Mitte im Rinnstein, denn alle Haustüren und Fenster wurden da einer gründlichen Reinigung unterzogen. Es hatte alles seinen geregelten, eintönigen, schleppenden Gang hier im Winkel. Und in diesen greisenhaften, hinträumenden Häusern, waren es nicht immer dieselben Leute? Es starb mal einer, machte Platz. Aber wer an seine Stelle kam, sah er nicht aus wie er? Sie trugen alle die Kleider der Armut, hatten alle die Gewohnheiten und Hantierungen der kleinen, abseits lebenden, in die Ecke gedrängten Stiefkinder des Lebens. Etwas Altes, Müdes, Graues wie ihre Häuser. Auch die Jungen, auch die Kinder. Ja, auch diese. Hugo Winsemann und Mariechen Mau, hatten sie nicht beide diese suchenden Augen, als ob sie immer nach etwas aussahen, nach einem Stückchen Himmel, nach einem bischen Glück, nach ein bischen Sonnenschein auf den gegenüberliegenden Dächern, nach einem einzigen Stern an dem schmalen Himmelsband, das von den schiefen, schmutzigen Giebeln von Ohlsens Gang eingefaßt wurde, oder nach St. Michaels grüner Spitze, die da so hoch und einsam über allem Dächergewirr in die Luft ragte? Und Anton Krautsch, hatte der nicht so offene, helle Augen, die alles mit einem großen, flinken Blick zu umfassen schienen? Augen, vor denen die ganze Welt ausgebreitet lag? Sie brauchten nicht zu suchen, sie öffneten sich und sahen alles. Tausend Sterne mit einem Blick, den Strom mit all seinen Schiffen, seine Masten und Segel, das brausende Leben auf der Straße, das auf dem Wasser und im Winde, und das geräuschvolle drüben auf den Werften, dessen heißer Atem durch hundert Schlote in den weiten Ozean der Luft hinaufströmte. Hugo, der jetzt endlich aufzuleben und ein Junge zu werden schien und sich viel mit Anton und anderen Kameraden umhertrieb, behielt trotzdem diesen suchenden, etwas ängstlichen, verkümmerten Blick, wenn ihn nicht besondere Knabenfreude mit fortriß. * Sie waren jetzt alle vier Jahre älter. Große Bengels von zwölf und dreizehn Jahren, rechte Hamburger Jungens von der Wasserkante, die nicht nur auf der Straße zu Hause waren, sondern auch auf dem Strom. Sie konnten rudern wie ein richtiger Jollenführer, kannten alle Schiffe und bewegten sich in Ausdrücken, die meist nach Seewasser und Tabak rochen. Den Ton gab Fritz Kleesand an. Der hatte die Schule schon verlassen und sollte im Sommer auf See gehen. Er sprach schon wie ein Matrose und priemte. In der Schenke seines Vaters verkehrten genug Lehrmeister, die seine Erziehung in dieser Hinsicht übernahmen, ohne daß sie etwas mehr taten, als ihn durch Beispiele zu leiten, indem sie tranken, fluchten, aufschnitten, Karten spielten und kauten und schnupften. Den anderen imponierte sein seemännisches Wesen. Nur das Kauen flößte ihnen Ekel ein, und Anton, der etwas auf sein Zeug hielt, sagte einfach »Du Schwein!« als Fritz Kleesand ihm einmal aus Versehen – wer will das feststellen – auf den Stiefel spuckte. Das fand Fritz Kleesand so komisch, daß er laut auflachte. Im allgemeinen vertrugen sie sich gut. Sie waren in den Jahren, wo die Phantasie, immer mit abenteuerlichen Plänen beschäftigt, die ersten praktischen Versuche macht, sich in der Welt zurechtzufinden, sich in diesen schäumenden und brausenden Wassern des Lebens eine Insel zu suchen, wo sie ihr Königreich gründen könnte. Fritz Kleesand träumte seines irgendwo in Indien oder Kalifornien, ohne bestimmte Vorstellung; nur erst einmal hinaus, weit weg, in die Freiheit! Hugos Phantasie war mehr an Büchern genährt. Ihm lagen Robinson und Lederstrumpf im Kopf. Anton war wohl auch für Lederstrumpf, aber weniger aus Lust am Abenteuerlichen und Phantastischen, als aus dem gesunden Drang heraus, sich auszutoben, seinen jungen, wachsenden Kräften ein Bett zu finden, in dem sie sich austoben konnten. Das mütterliche Erbteil in ihm war mehr überwiegend. Er war mehr für Land als für Wasser, und da er auch die große Überredungsgabe von ihr hatte – Junge, konnte er schwätzen, wenn er in Eifer kam – so heckte er meistens die Touren aus und setzte seine Pläne durch. Heute aber, es war ein freier Sonnabendnachmittag, hatten sie Fritz Kleesand die Führung überlassen. Der sollte in vierzehn Tagen als Schiffsjunge mit Käpt'n Krüzfeld von der »Alaska« in See stechen. Es war das letztemal heute, daß er mit ihnen zusammen war. Da erwiesen sie ihm allerlei Ehre und taten nach seinem Willen. Der war natürlich aufs Wasser gerichtet, und recht famos, das heißt, recht abenteuerlich sollte es zu guter Letzt noch werden. Sie wollten ein Boot nehmen und nach der Insel Roß hinüber rudern und Eroberer spielen. Sehr kriegerisch waren ihre Vorbereitungen nicht, aber nicht ohne Umsicht und Einsicht. Krieg oder Frieden, der Magen will seine Rechte. Wer weiß, ob man am fremden Strande genügend Nahrungsmittel findet, ob die Eingeborenen gastliche Leute sind. Eine Erbswurst kann bei allen Unternehmungen gute Dienste tun. Ein Praktikus läßt sie nie außer Rechnung, und so stand bei allen Beteiligten schon wochenlang vorher fest, daß sie eine Erbswurst auf jeden Fall mitnehmen wollten. Sie wurde auf gemeinschaftliche Kosten angeschafft, Fritz Kleesand hatte den Einkauf übernommen. Dann war man übereingekommen, daß jeder für seinen Teil Proviant nach Wahl und Geschmack und in genügender Menge mitbringen solle. Anton sorgte für rote Wurzeln, Äpfel und Johannisbrot. Sein anderes Brot sollte jeder beistecken. Fritz Kleesand war für gemeinschaftlichen Einkauf von Schnecken oder Hörnchen oder so etwas Süßem; er war lecker. Aber Anton fragte ihn, ob er meine, daß Pizarro oder Kolumbus mit Apfelschnitten oder Vanilletorten auf die Entdeckung von Amerika ausgezogen wären. Und ob er glaube, daß er nachher bei Käpt'n Krüzfeld Schnecken zum Kaffee kriegen würde. »Nu quatsch man nich erst wieder solang, um so n Dreck,« wehrte Fritz Kleesand ab, und dann brachte er nachher, um Anton zu beschämen, Schiffszwieback mit, richtigen, harten Schiffszwieback. »Donnerwetter, Schiffszwieback!« rief Anton. »Wo hast du die her? Das ist famos. Da hätte ich auch an denken sollen.« »Ja, nachher! Was wißt ihr, was zu einer Seereise gehört,« sagte Kleesand großartig und machte ein Gesicht, als hätte er noch etwas ganz Besonderes im Hinterhalt. Die drei Flaschen »Elbschloß« waren es nicht, denn davon hatte er eine unterm Arm, und die andern steckten jede ihren Hals aus seinen Seitentaschen heraus, von Anton gleichfalls mit einem vielsagendem »Donnerwetter!« begrüßt. Und die »Schweden«, die Fritz Kleesand vorzeigte, waren es wohl auch nicht. »Dein Flintstein wird mal wieder keinen Funken hergeben,« sagte er zu Anton. »Besser ist besser.« »So?« entgegnete Anton. »Wie fein brannte es neulich, das ist nur n Kleinigkeit.« Hugo war der stille Handlanger wie immer. Er hatte nicht über viel Barmittel zu verfügen und hatte keinen Vater, dem man Flaschenbier ausführen, und keine Mutter, der man Wurzeln und Äpfel unter Einkaufspreis abluchsen konnte. Er hing von der Großmut der anderen ab und konnte sich nur mit einer Stange Lakritzen und einem Stück Schokolade im Gesamtwert von zehn Pfennigen, die er seiner Mutter mühsam abgebettelt hatte, am »Freßdepot« beteiligen, das seiner Obhut anvertraut wurde, nachdem man es wohl verstaut hatte. Anton setzte sich ans Steuer, und Fritz Kleesand legte sich in die Riemen. Natürlich hatte er vorher in die Hände gespuckt und sich die Mütze in den Nacken geschoben, und Anton, der sonst nicht so war, ließ das Steuer noch mal schnell fahren und machte es ihm nach. Die Anmusterung auf der »Alaska« hatte Fritz Kleesand mit einem Nimbus umgeben. Alles was er sagte und tat, bekam dadurch einen Nachdruck, eine höhere Weihe. Hugo hätte sich auch gerne in die Hände gespuckt, aber er hatte ja nichts anzufassen. So begnügte er sich damit, sich die trockenen Hände kräftig zu reiben, ließ aber die Mütze sitzen, wie sie saß. Verwegenheit lag so wenig in seiner Natur, daß die besten Beispiele hier nichts ausrichteten. Anton, der für alle Kraftleistungen ein bewunderndes Auge hatte, staunte Fritz Kleesand an, der sich mächtig ins Zeug legte, und freute sich auf den Augenblick, wo sie die Plätze tauschen würden. Hugo war nur schwach, der konnte höchstens steuern. Und dann mußte man ihm auch noch auf die Finger passen. Offenes Auge und sichere Hand mußte man freilich haben, wollte man durch dieses Gewirre von Böten, Ewern, Fährdampfern, Schleppern, Barkassen, um nur das Kleinzeug zu nennen, was da auf dem Strom durcheinander hastete, ohne Havarie hindurchkommen. Mancher warnende Pfiff der Dampfpfeife galt ihnen und führte Hugo, dessen Gedanken meist bei der Erbswurst verweilten, zu Gemüte, wie unsicher alles in diesem Leben ist, und daß man nur die schon genossenen Freuden zählen darf. Fünftes Kapitel Die Insel Roß lag wie ein Stück vergessene Wildnis, umrauscht von dem Strom des großen Weltgetriebes. Ein paar Krähen flogen lautlos auf, als das Boot an den Strand stieß. Fritz Kleesand vertaute es kunstgerecht, während die anderen unternehmend, wie rechte Eroberer, ihre Blicke umherwandern ließen. Dann warfen sie sich in den Sand und ruhten von den Anstrengungen des Ruderns aus. Hugo wollte sofort Feuer machen. Sein Appetit war zu rege geworden. Aber Anton fragte ihn ruhig und freundlich: »Bist du eigentlich verrückt?« Eine Frage, die nicht beantwortet wurde, aber doch den Ausschlag gab. Aber »Einen aus der Buddel« wollte Fritz Kleesand doch erstmal nehmen. Er wäre verdammt heiß geworden. Und als Hugo den Proviantsack öffnete, verlangte Fritz auch gleich Schiffszwieback. Anton protestierte umsonst. »Du kannst ja meinetwegen erst n Büffel jagen, oder n paar Indianer skalpieren,« meinte Fritz Kleesand gemütlich. »Ich bin hungrig.« »Meinst, ich will allein jagen?« gab Anton zurück und sah Hugo auffordernd an. Aber Hugo hätte es nicht übers Herz gebracht, Fritz Kleesand ohne Aufsicht beim Proviant zu lassen. Da warf sich Anton wieder hin und fügte sich. Und so nahmen sie erst alle einen aus der Buddel und knapperten Schiffszwieback. Vor ihnen lag das belebte Strombild im Glanz der langsam sich neigenden Sonne. Die weißen Segel der kleinen Fahrzeuge leuchteten auf und blitzten aus dem spiegelnden Wasser zurück. Die dunkleren Segel brannten förmlich in der Abendglut. Der Rauch aus den Schornsteinen der Dampfschiffe wiegte sich hier gemächlich auf den Flügeln des leisen Windes, flog dort in hastigen zerrissenen Flocken, da die kleine Barkasse ihn höchst eilig ausstieß und wie ein Hecht auf Raub stromabwärts schoß. Auf den jenseitigen Höhen leuchteten alle Fenster des Seemannshauses und der Navigationsschule wie flüssiges Gold, und der Turm von St. Michael stieg feurig über die dunkle Masse der beschatteten Dächer in den frühen Abendhimmel. Dem Lärm vom Strom her, den Dampfpfeifen, dem Rufen, dem Kreischen einer Ankerwinde, einte sich die vom Köhlbrand unablässig herüberklingende an- und abschwellende Musik der Arbeit: das hämmernde, kreischende Geräusch von den Werften her, wo riesige Schiffsgerippe unter der Wucht der Schläge erzitterten, die sie fertigen und festen sollten für die Stürme, die da draußen im Ozean auf sie lauerten, und für die Wogen, die mit ihnen Fangball spielen wollten. Man hörte das Dröhnen und Klingen der Eisenplatten, hörte das Gerassel von Ketten. Und hart neben dieser rastlosen Werkstatt tätigen, schaffenden Menschenlebens diese kleine unbewohnte Wildnis, diese kleine noch jungfräuliche Insel, wo das grüne Gras sich leise vom Wind streicheln ließ, der auch die langhaarigen Perücken der alten Weiden kämmte. Über dem Strom und den Köpfen der Stranderoberer hinweg schossen die leuchtenden Möwen hin und her, fielen blitzschnell auf den Wasserspiegel nieder, flatterten suchend darüber hin und erhoben sich wieder, ab und an einen kurzen schrillen Schrei ausstoßend. Kauend sahen die Jungens auf den Strom hinaus. Fritz Kleesand fuhr mit jedem Segel, das elbabwärts glitt, in die Welt. Eigentlich war es doch nett von ihm, daß er sich mit diesen beiden Schulfritzen noch abgab, eigentlich gegen seine Würde. Na, er wollte ihnen nachher noch zeigen, daß er mehr war als sie. Sie sollten noch Augen machen. Anton war mit seinen Augen und Sinnen überall. Der rastlose Lärm der Arbeit, der von überallher sich über dies stille Fleckchen Erde ergoß, berauschte ihn förmlich. Er hörte es gern, das Hämmern und Schmieden und Feilen. Er war mit seinen Gedanken mehr in den mächtigen Fabriken und Werftanlagen, als auf dem Wasser. Und er sprang kauend auf und lief nach dem Fischerkutter, der weiterhin schief auf dem Sand lag und gereinigt wurde, und sah nach dem Kohlenhafen hinüber, wo schwarze Gestalten bei der Arbeit waren. Hugo aber verfiel in ein traumhaftes Genießen des blitzenden Strombildes, und fühlte sich wohlig beim Kauen des Zwiebackes und unter der leise einschläfernden Wirkung des Bieres. Als Anton von den Kohlenschiffen zurückkam, war Fritz faul geworden und wollte überhaupt nicht aufstehen. »Dein dummes Rumrennen,« sagte er gähnend. »Jetzt machen wir Feuer. Und dann kommt die Erbswurst dran.« Hugo erwachte sofort aus seinem Hinträumen und stimmte lebhaft zu. Und bald flammte ein Feuer, das sie nicht ohne Mühe unterhielten, denn sie hatten wohl an Schweden und Flintstein gedacht, aber nicht an Brennmaterial. Und was sie am Strande fanden, war nicht viel, und wollte nicht recht brennen. Aber es ging doch. Und die Erbswurst schmeckte auch. Und alles war jetzt köstlich. »Und nu paßt auf,« sagte Fritz Kleesand und schleuderte die leeren Bierflaschen mit gutem Wurf weithin in den Strom. »Das Zeug mag ich nun nicht mehr.« Und dann zog er mit verschmitztem Lachen eine andere Flasche aus seiner Brusttasche. Sie war klein und flach, und die beiden erkannten sofort, was sie enthielt, schon bevor Fritz Kleesand sie gegen die Sonne hielt und mit einem Auge durch die braune Flüssigkeit blinzelte. »So sieht die Welt gleich ganz anders aus,« sagte er und steckte die Flasche wieder in die Tasche. »Donnerwetter! Kognak?« rief Anton überrascht. Hugo aber war entsetzt. »Mensch, was n Unsinn!« rief er. »Hätte dir gern n Schnullerbuddel mitgebracht, wenn du es mir nur gesagt hättest,« höhnte Fritz Kleesand. Dann holte er mit großer Gebärde die Flasche wieder heraus und entkorkte sie. »Matrosenmilch,« sagte er. »Prost!« Und der erste Schluck rann ihm durch die Kehle, ohne daß er das Gesicht verzog. Anton langte etwas zögernd nach der Flasche, setzte aber mutig an. »Brennt das Zeug,« sagte er und schüttelte sich. Hugo aber spuckte das Zeug wieder aus. »Lappen,« sagte Fritz verächtlich und nahm noch einen Schluck. »Mensch, du kriegst n Brand,« warnte Anton. »Von dem Fingerhut voll? Dein Vater ist doch auch Käpt'n, solltest doch n halben Kognak vertragen können.« »Kann ich auch,« antwortete Anton, der nicht gern zurückstand, aber Hugo riß ihm die Flasche aus der Hand. »Wir sollen doch man wieder heil nach Hause,« schalt er. »Du büst n Bangbüx,« höhnte Fritz Kleesand. »Da ist dein Alter doch ein andrer Kerl. Der fürchtet sich nicht vorm Kognak!« Er lachte roh auf. »Hör mal!« rief Anton scharf. »So was mußt nicht sagen!« Hugo aber war blutrot geworden. »Laß meinen Vater zufrieden.« »Wer tut ihm was?« »Du hast ihn beschimpft!« »Wer hat geschimpft?« »Du!« »Weil ich gesagt hab, daß er sich vorm Kognak nicht fürchtet, und manchmal duhn ist? Das ist er doch?« »Gemeinheit!« rief Anton empört. »Nun schweigst du aber!« »Gemeinheit?« Fritz Kleesand sprang auf. Aber er sah sich beiden gegenüber und legte sich wieder hin, lang auf den Rücken, und pfiff. »Das ist langweilig,« sagte Anton. »Ich mein, wir wollten spielen.« »Ach du mit deinem Spielen! – Und wenn ihr alles gleich krumm nehmt – man kann doch mal n Wort sagen,« meinte Fritz Kleesand und warf sich auf die Seite. »Na ja! n Wort,« sagte Hugo halb nachgiebig. »Also!« triumphierte Fritz und richtete sich auf. »Du solltest uns übrigens lieber die Indianergeschichte zu Ende erzählen, sie wollten grade die Prinzessin skalpieren.« »Die Gräfin,« verbesserte Hugo. »Deern ist Deern,« entschied Fritz. Anton stand mit den Händen in den Hosentaschen und sah auf den Strom hinaus. Er war unzufrieden. Er hatte sich das anders gedacht. Den alten Kognakgeschmack konnte er auch nicht loswerden, soviel er auch ausspuckte. Nun setzte er sich schnell an Hugos Seite und hörte gespannt zu. »Der weiße Bär hatte grade ihre goldenen Locken um seine Hand gewickelt und schwang in der Rechten das drohende Messer, als ein langgezogener Pfiff den Mordstahl in seinem verhängnisvollen Lauf aufhielt. Der weiße Bär richtete sich unwillkürlich auf, und in diesem Augenblicke krachte ein Schuß, der Häuptling taumelte und fiel mit dumpfem Laut vornüber, das schöne Mädchen unter der Last seines Riesenleibes begrabend. Schon der Anblick des Mordstahls hatte das liebliche Geschöpf ohnmächtig gemacht. Nun lag sie wie leblos unter der Leiche ihres Peinigers. Wildtöter, denn niemand anders war es, stieß mit dem Fuß den leblosen Körper des weißen Bären beiseite, kniete neben Gräfin Dolores nieder und sah mit einem langen Blick auf das schöne blasse Gesicht. Dann entnahm er seiner Jagdtasche ein Fläschchen mit Portwein und flößte ihr einige Tropfen ein.« »Portwein?« fragte Fritz Kleesand ungläubig. »Wird wohl Whisky gewesen sein.« »Das ist doch einerlei!« rief Anton ärgerlich ob dieser Störung. »Als die Schöne die Augen aufschlug,« fuhr Hugo fort, »sah sie sich verwundert um. Wo bin ich? fragte sie. Und als sie Wildtöter erkannte, war ihre erste Frage: »Was macht mein Vater? Wo ist Graf Arthur?« »Neulich hieß er Graf Alfred,« warf Fritz Kleesand wieder ein. »Ist ja gleich«, entschied Anton wieder. »Ja, wenn alles gleich ist, ob Portwein oder Whisky, ob Arthur oder Alfred, da kann er ja meinetwegen n andere Geschichte erzählen. Das bleibt sich ja dann auch gleich.« »Aber Mensch, fang doch nicht immer Streit an,« schalt Anton. »Streit an? Wer macht Streit?« »Du!« »Du willst wohl eins aufs Maul?« »Könnt dir schlecht bekommen!« »Du Butt!« sagte Fritz Kleesand verächtlich. Alle drei waren wie der Blitz auf den Beinen. Hugo stieß einmal Fritz an und einmal Anton. »Was soll das! Seid doch vernünftig!« Aber beide schoben ihn mit einfacher Armbewegung wie eine Puppe beiseite und warfen sich wütende Blicke zu. Auf einmal drehte sich Fritz Kleesand mit spöttischem Lächeln um und legte sich wieder hin. Er war feige. Anton stand noch wie ein gereizter Bulle da, bis Hugo am Ärmel ihn zu sich herunterzog. Mit der Geschichte wars nun natürlich aus. Fritz Kleesand aber hatte mit einem Mal die Kognakflasche wieder in der Hand und wollte seinen Ärger hinunterspülen. »Prost!« rief er höhnisch. Aber Hugo, durch die Indianergeschichte und den Anblick der beiden Kampfbereiten auch allmählich in kriegerische Stimmung geraten, schlug ihm die Flasche aus der Hand. Da warf sich Fritz Kleesand wie ein Tiger auf ihn. Umsonst versuchte Anton ihn von seinem Opfer loszureißen und trommelte mit beiden Fäusten einen Generalmarsch auf seinem Rücken. Es nützte ihm nichts. Als Fritz Kleesand endlich losließ, richtete Hugo sich auf, ohne ein Wort zu sagen. Er war sehr blaß und zitterte am ganzen Körper vor Wut und Scham. Das war nun der Dank für seine Geschichte. »Du Spatz,« höhnte Fritz Kleesand. Anton hielt mühsam an sich. Fritz war ein Flegel und Feigling. Mit dem Schwächeren band er immer gleich an. Er verachtete ihn. Hugo war ein Lappen. Und was hatte er Fritz die Flasche aus der Hand zu schlagen. »Ich gehe nach Haus,« sagte Anton mürrisch. »Das gefällt mir nicht mehr.« »Meinst du mir?« lachte Fritz Kleesand. »Ich werd hier auch nicht übernachten.« So gingen sie ans Boot und banden es los. Keiner sprach ein Wort. Als sie einstiegen, torkelte Fritz über seinen Sitz. Anton mußte ihn halten. »Ist doch gut,« dachte er, »daß er ihm die Flasche aus der Hand schlug. Er ist ja schon besoffen.« Fritz wollte steuern, aber Anton heuchelte Schmerz in der Schulter, er könne nicht rudern, er müsse sich beim Balgen die Schulter ausgesetzt haben. Fritz Kleesand setzte eine verächtliche Miene auf: »Was wagt ihr euch auch an Fritz Kleesand heran.« Dann stieß er ab, das Boot schwankte gefährlich, und ein Riemen mußte wieder aufgefischt werden. Anton war besorgt. Als sie auf dem Wasser waren, fühlte er, daß sein Kopf heiß war und sein Magen etwas rebellisch wurde. Aber er nahm sich zusammen. Fritz Kleesand legte höllisch aus. Er warf sich fast ganz hintenüber. Sie flogen nur so dahin. Hugo saß blaß da und nagte an seiner Oberlippe. Er war aufs tiefste gekränkt und nahm sich vor, kein Wort mehr mit Fritz Kleesand zu sprechen. Dabei dachte er an seine Stange Lakritzen, die er noch ungeteilt in der Tasche hatte. Das war ein schwacher Freudenschimmer in seiner Verdüsterung. Nach kurzer Zeit erklärte Fritz Kleesand, er könne nicht mehr rudern, ihm würde schlecht. Er wurde plötzlich kreideweiß und das Malheur war da. Anton erwischte mit Mühe die Riemen, und Hugo mußte ans Steuer. »Um Gottes willen, Mensch, paß auf. Sonst gehts schief. Zehn Minuten noch.« Hugo, verstockt, sagte kein Wort. So schlängelten sie sich mit ihrem Boot wieder durch das Gewimmel auf dem Strom zurück. Ihr Zwist hatte sie früher nach Hause getrieben, als sie beabsichtigt hatten, und führte sie nun mitten unter die Menge der heimkehrenden Arbeiter. Die Dampfpfeifen der verschiedenen Fabriken, die den Feierabend ankündigten, hatten sie in ihres Herzens Zorn überhört. Nun waren sie in das lebhafteste Treiben hineingeraten, die kleinen, teilweise überfüllten Fährboote kreuzten jeden Augenblick ihren Weg. Lachen und Gesang schallte übers Wasser, und der dichte Qualm aus den schnell vorüberschießenden, niederen Schornsteinen verschleierte ihre Blicke. Anton rief alle Augenblicke: »Backbord! Steuerbord! Mensch! Schaf!« Aber Hugo wurde nur verwirrt dadurch und hockte immer ängstlicher und unglücklicher am Steuer. Fritz Kleesand hatte sich schnell erholt, und überlegte, ob er nicht wieder die Führung übernehmen solle. Aber da war es auch schon zu spät. Nach einem verzweiflungsvoll von Anton gezeterten »Hugo!« ertönte ein Pfeifen, Schelten, Schrammen, Knirschen. Ein Riemen zerbrach am Bug des Dampfers, und die drei Jungen lagen im Wasser. Böte schossen von allen Seiten heran und zogen sie wie nasse Katzen wieder heraus. »Jungstüg! Infamichtes! Jackvoll möt ji hebb'n!« »Dat helpt nu nich. Man ers drög Tüg.« »Dat is den Kleesand sin Bengel!« »Na, nu köp di man n stiven Grog bi din Vadder.« So klang es durcheinander, und die letzte Bemerkung war von einer bezeichnenden Handbewegung begleitet. Die Jungen aber fuhren aufeinander los und gaben sich gegenseitig die Schuld, bis ein alter Bootsmann sie grob anließ: »Holt Mul! Sünst givt dat furts wat.« Sechstes Kapitel Fritz Kleesand kam zu Hause glimpflich davon. Es waren viele Gäste in der Schenkstube, und man hatte nicht Zeit für ihn, nahm es auch nicht so tragisch. Er sollte sich ja bald noch mehr auf dem Wasser versuchen. Anton aber hatte das Glück, daß seine Mutter grade beim Krämer Behrens war. Und da war am Sonnabendabend der Laden immer voll, und man mußte lange warten, tats auch gern, denn es gab immer etwas zu klönen. Was gab es da für Geschichten. Die meisten wußte immer die Cyriaks. So hatte Anton nur mit Lene Lerch zu tun, die freilich Augen machte, als sie den nassen Jungen sah. »Sag nichts,« beschwor er sie. »Mutter braucht' es gar nicht erst zu wissen.« »Das muß ich aber doch,« meinte sie. »Dann verhau ich dich, Deern, daß du nicht mehr grade stehen kannst.« Diese Drohung wirkte. Lene Lerch fürchtete seine Fäuste, obgleich sie einen Kopf größer war als er. So steckte sie Antons nasses Zeug weg und gedachte es heimlich zum Trocknen aufzuhängen. Aber Mutter Krautsch hatte die Geschichte schon beim Krämer erfahren. Die Befriedigung über den glücklichen Ausgang war größer als ihr Zorn. Sie schalt, aber ihre Vorwürfe waren zärtlich. »Ins Wasser fallen kann jeder mal,« erklärte Anton. Hugo Winsemann hatte mehr Sorge um den Schreck gehabt, den er seiner Mutter einflößen würde, als Furcht vor Schelte oder Strafe. Es hätte dann sein müssen, daß sein Vater grade etwas angetrunken wäre, was in der letzten Zeit ja manchmal vorgekommen war, besonders am Wochenschluß. Und heute war ja Sonnabend. Zitternd und frierend schlich er die halbdunkle Treppe hinauf und wunderte sich, die Etagentür zur Wohnung nicht einmal fest ins Schloß gedrückt zu finden. Er hörte Frau Maus Stimme im Wohnzimmer und stand still und horchte. Und jetzt weinte seine Mutter. Arno Winsemann war bei Kleesands vor die Tür gesetzt worden. Nicht unsanft, aber Herr Kleesand hatte ihn doch eigenhändig am Arm hinausgeleitet. Der Rum hatte Arno Winsemann wieder begeistert, und er war den Gästen mit seinen hochtrabenden Reden lästig geworden. Erst hatten sie ihren Jux daran gehabt, wie gewöhnlich, als er von seinem verkannten Genie faselte. »Das Schicksal, meine Herren, das Schicksal. Es zermalmt die Edlen und hebt die Lumpe auf seine Schulter.« »Dat sünd wi woll? Wat?« grinste Hein Türk. »De Rumbuddel is all manchen sin Schicksal wesen.« Auf solche Reden hin konnte Arno Winsemann sich als beleidigten Apoll aufspielen, und dann nahm Herr Kleesand ihn sachte am Arm und brachte ihn vor die Tür, bevor es zum Streit kam. Heute hatte Arno Winsemann ein Glas mehr als sonst genossen. »He is all ümmer n beten rumsüchtig wesen,« stichelte Käpt'n Schellhaas vom Schlepper Neptun. »Und dat kann ok n erhabenen Geist mal von de Föt bringen.« Der erhabene Geist aber war im Rausch rücklings die Treppe zu seiner Wohnung heruntergefallen und lag nun mit zerschlagenem Kopf auf seinem harten Bett. Das war Hugo Winsemanns Empfang zu Hause, als er naß aus der Elbe kam, zitternd am ganzen Körper und innerlich zerschlagen von den Kränkungen, die er seines Vaters wegen erlitten hatte. Er schämte sich seines Vaters. Aber die Angst um ihn gewann doch die Oberhand, und als er seine Mutter weinen sah, brach auch sein ganzer Jammer, seine Wut und Scham in einen Strom von Tränen aus. Frau Mau brachte ihn zu Bett, beruhigte die ganz verzagte Mutter und kochte ihm Kamillentee. Aber er fing an zu fiebern, wurde sehr krank, und als er außer Gefahr war, lag Arno Winsemann schon draußen in Ohlsdorf. Das waren schwere Wochen für Hugos Mutter gewesen. Aber sie fand viel Freundschaft. Frau Mau mit ihrem harten Gesicht und ihrem ständigen Chlorgeruch hatte wenig tröstende Worte, aber zwei schnell zugreifende Hände. Mutter Krautsch und Kleesands zeigten ihre Freude, daß ihre eignen Jungen so gut davongekommen waren, auch durch die Tat. Anton brachte Apfelsinen für Hugo, und Kleesands schickten eine Flasche alten Portwein zur Stärkung, der freilich mehr für einen gesunden Magen war. Fritz Kleesand war inzwischen mit der »Alaska« in See gegangen. Anton brachte noch einen Gruß von ihm, den Hugo ohne Dank entgegennahm. Nur eine tiefe Röte überflog sein blasses Gesicht, und Anton merkte, daß er ihm mit der Erinnerung an Fritz Kleesand weh getan hatte. So sprach er nicht mehr von ihm, obgleich er noch so vieles von dessen Abreise gerne erzählt hätte; wie er immer nur gelacht, als seine Mutter geweint, und wie wichtig er sich den Tag vorher gemacht, und daß er seinem Vater zuletzt noch eine ganze Hand voll Zigarren aus der besten Kiste stiebitzt hatte. Aber Anton behielt alles das bei sich, weil sein feines Empfinden die Schamröte, die auf dem blassen Gesicht des Kranken aufflammte, mitbrennen fühlte. Auch die Cyriaks war gekommen und hatte gegen den alten Husten ein geschlagenes Eigelb mit Zucker und Provenceröl angeraten, oder warmen Honig. Und dann hatte sie die Stellung des Bettes gemißbilligt. »Man braucht es ja nicht zu glauben, aber so mit dem Fußende nach der Tür zu – besser ist besser. Das bedeutet n Toten, sagt man. Dann wird man bald da hinaus getragen.« »Man sagt es ja,« hatte Frau Mau beigepflichtet. »Aber das wird sich wohl gleichbleiben. Bei meinem Willi stand es mit dem Kopfende nach der Tür und er hat auch hinaus gemußt. Lassen Sie das Bett man ruhig so stehn.« Und es blieb auch so stehn. Mariechen Mau kam täglich nach Schulschluß, half Frau Winsemann etwas, saß an Hugos Bett und las ihm vor. Sie hatte eine helle Stimme und las mit sehr scharfer Betonung und deutlicher Aussprache jeder Silbe. Hugo hörte sie gerne lesen. Sie saß am Fußende seines Bettes, und er konnte sie unausgesetzt ansehen. Sie war jetzt zehn Jahre alt, mit der rechten Größe für ihr Alter, blond, mit flinken, blauen Augen und einer niedlichen kleinen Stülpnase. Sie war so ganz anders als die Mutter. Nur die hohe, helle Stimme und die schmalen Lippen hatte sie von der. Wenn Hugo in die Stille seines Krankenzimmers von der Straße herauf diese helle Stimme hörte, wie sie mit anderen Kindern zusammen an warmen lauen Abenden »Sonne, Mond und Sterne, ich geh mit meiner Laterne« sang – ach wie gern wäre er dabei – oder ein lauter Abzählreim von unten heraufklang: Ele mele mu, ich und du« und zuletzt in einem allgemeinen Kreischen unterging, aus dem doch ihre Stimme über alle heraufflog wie eine schmetternde Lerche, dann freute er sich auf die Stunde des nächsten Tages, wo sie wiederkommen und ihm vorlesen würde. Sie las, was ihr von Hugos Büchern in die Finger kam, alles mit demselben Eifer und derselben Korrektheit, fragte alle Augenblicke: noch mehr? und las dann geduldig weiter. Die Geschichte von der unheimlichen Mühle und den sieben vergifteten Broten hatte sie beendet und begann jetzt Schillers Gedichte zu lesen, von vorne an, der Reihe nach. Sie las gerade in ihrer kindlichen Weise: »Träum ich? Ist mein Auge trübe? Nebelts mir ums Angesicht? Meine Minna geht vorüber? Meine Minna kennt mich nicht?« als die Mutter Herrn Heinrich ins Zimmer führte. Der Lehrer war schon ein paarmal gekommen, um sich nach dem Befinden seines Schülers zu erkundigen, aber nie um diese Lesestunde. Er gab Mariechen freundlich die Hand und warf einen Blick ins Buch. Ein leises Lächeln ging über sein Gesicht, und seine gütigen Augen sahen die Kinder abwechselnd fragend an, als wollten sie sagen: na, davon habt ihr wohl nicht allzuviel verstanden. Er hütete sich aber wohl, etwas zu sagen, was die Kleinen irre machen oder verletzen konnte. »Junge, mach, daß du wieder herauskommst,« sagte er zu Hugo. »In vier Wochen machen wir unsere Tour in die Heide, die ganze Klasse. Da darfst du nicht fehlen.« Er setzte sich auf den Rand des Bettes und sprach freundlich und vertraulich mit dem Jungen. »Machen dir denn die Geschichten Spaß, die deine kleine Freundin dir vorliest?« »O ja!« und seine Augen leuchteten. »Und was war denn das Schönste?« Der Junge besann sich. »Ich weiß nicht,« sagte er. »Ich höre alles gern.« Der Lehrer lächelte. »Ich will dir mal etwas schicken. Das laß du dir vorlesen, wenn du noch nicht selbst lesen darfst. Aber nicht zu viel auf einmal lesen und überdenke, was du gelesen hast, sonst macht das viele Lesen nur dumm,« sagte er zögernd, denn es fiel ihm ein, wie strafbar viel er selbst als Junge gelesen hatte. Hugo wurde rot. Dumm wollte er nicht werden. Vielleicht war er es schon? Schien es dem Herrn Lehrer schon zu sein? Sein Ehrgeiz und seine Eitelkeit fühlten einen Stachel. Ja, er wollte nur lesen, was Herr Heinrich ihm schickte. Alles gründlich. Mariechen sollte alles zweimal lesen. Herr Heinrich hielt Wort, aber es waren keine Dichterwerke, sondern Reisebeschreibungen. Herr Heinrich mochte nichts Gefährliches in der Seele dieses träumenden Jungen wecken wollen. Und so führte Mariechen Maus silbenzählendes Lesen ihn in die Täler und auf die Gipfel der Alpen, in die Schneefelder Sibiriens, oder erzählte ihm von den Mühen und Abenteuern alter Länderentdecker. Und Hugos Wangen glühten höher bei einem Kampf mit den Wölfen der Steppe, als wenn Schillers »Laura, itzt zur Statue entgeistert« am Klavier saß. Mariechen Mau aber las alles mit derselben Andacht und demselben gleichförmigen Tonfall. Auch der Mutter lieh Herr Heinrich, als er sah, daß sie ohne männliche Stütze war, in den ersten schweren Tagen seinen Beistand. Er hatte wegen der Beerdigung und was es sonst an Laufereien gab, die nötigen Wege für sie gemacht. Dafür hatte die gänzlich niedergeschlagene und sonst so verschüchterte Frau ihm mit offenem Vertrauen gelohnt und ihm ihr Herz ausgeschüttet, ihm von ihren Nöten und Hoffnungen gesprochen. Sie hatte ihre Schubladen geöffnet und ihm einen Einblick in die Hinterlassenschaft ihres Mannes gestattet. Vor allem hatte sie ihm ein Bündel Manuskripte gegeben, mit der Bitte, sie zu prüfen, ob wohl einiges Brauchbares darunter sei. Das wäre ja doch wohl eigentlich sein ganzes Unglück gewesen, dieses alte dumme Dichten. Aber sie verstünde ja nichts davon. Und wenn sie dächte, daß sie ihm vielleicht im Grabe noch unrecht täte, lieber sollte doch Herr Heinrich mal die Sachen durchsehen, ob wirklich nichts daran wäre. Und sie ließ auch durchblicken, daß sie sich andernfalls törichte Hoffnungen mache, noch einiges Kapital da herauszuschlagen. Herr Heinrich, der den früheren Kollegen selbst als einen zerfahrenen, überspannten, haltlosen Menschen erkannt hatte, versprach sich nicht viel von dieser Prüfung, und war nicht verwundert, daß die teils vergilbten und fleckigen Blätter nichts weiter enthielten, als eine Menge öder, hochtrabender, nachempfundener Reimereien. Nur eines hob sich aus den anderen heraus und ging ihm nah: »Was ringst du nach den Lorbeern noch Und ringst dich müd und matt. Die Kränze sind für andre da, Für dich grünt kaum ein Blatt. Dein Stückchen Brot, das hast du ja, Sei still und iß dich satt.« Er nahm das Blatt an sich und gab es Frau Winsemann, damit sie es zurücklege und vielleicht einstmals ihrem Sohn als ein Andenken an seinen Vater gäbe. Die anderen Verse aber riet er ihr, ins Feuer zu stecken. So geschah es. Und Arno Winsemanns Gedichte verbreiteten auf einen Augenblick noch einen trügerischen Schein von Glanz und Wärme um seine weinende Frau. Siebentes Kapitel Als Hugo wieder genesen war, empfand er zuerst ein Gefühl der Vereinsamung. Sein Vater war tot, Fritz Kleesand auf See, und Anton hatte wenig Zeit für ihn. Käpt'n Krautsch war inzwischen mit seinem Schoner »Henriette« heimgekommen. Er ließ seinen Sohn nicht von der Hand. Kein Wunder, hatte er ihn doch seit drei Jahren nicht gesehen und würde ihn auch nicht lange um sich haben. Denn die »Henriette« sollte noch vor Oktober wieder absegeln. Käpt'n Krautsch tummelte sich. Er fuhr auf eigene Rechnung. Er hatte nur wenig fremdes Geld in seinem Schiffe stehen. Diese Reise noch, dann würde er es ganz freimachen können. Dann noch ein paar Jahre, und er wollte in irgend einem gemütlichen Winkel für den Rest seines Lebens vor Anker gehen. Anton sollte kein Seemann werden. Es war doch eine Plackerei. Und immer so von Frau und Kind weg. Nein, das rechte Leben war es nicht. Nur mußte man ihm darin nicht zu schnell recht geben und auf das Schifferleben schelten. Das war gefehlt, das durfte nur er, aber nicht andere. Und wer gar seine »Henriette« nicht schmuck fand, der hatte es mit ihm verdorben. Nun brauchte man es wirklich nicht mit Käpt'n Krautsch zu verderben. Seine »Henriette« war schmuck, ein feiner Schoner, der sich in jedem Hafen mit Glanz sehen lassen konnte. Der Alte durfte sie wohl lieb haben, diese »Henriette«, und er war tatsächlich verwachsen mit ihr. Er führte ein zweites Leben mit ihr, neben dem andern, das seiner Frau und seinem Jungen gehörte. Die »Henriette« war so gut ein Gegenstand seiner Liebe wie Mutter Krautsch. Der Schoner war sein Haus, sein Heim, fast mehr als der kleine Keller am Hafen, wo die Seinen hausten. War er doch den größten Teil seiner Tage auf seinem Schiff. Und was anderen ihr Garten, ihr bestes Zimmer, ihre Bibliothek oder ihr Hühnerhof, das war ihm sein Schoner. Das selbstgeschaffene Gefängnis seiner Seele, das er sich zum Paradies herausputzte. Ja, die »Henriette« war ein schmuckes Schiff und alles war blitzblank und sauber an Bord. Von außen sah man ihr natürlich die lange Reise an. Aber sie sollte ja auch nun gehörig kalfatert und mit einem schönen grauen Anstrich neu aufgefrischt werden. Käpt'n Krautsch selbst konnte auch eine kleine Auffrischung brauchen. Er litt an Rheumatismus im linken Bein und humpelte etwas, als er von Bord kam, und kniff bei jedem Schritt den großen, schmallippigen Mund fest zusammen. Aber die blauen Seemannsaugen unter den grauen, buschigen Brauen sahen hell aus und lachten, trotz des gekniffenen Mundes. Etwas krumm ging Käpt'n Krautsch, denn er war lang aufgewachsen und hielt sich wie die meisten Länglinge schlecht. Aber dann und wann richtete er sich mal zur vollen Höhe auf, als müsse er die steifen Knochen wieder zurechtrecken. Anton und seine Mutter hatten den Alten natürlich von Bord geholt, und Jan, der Schiffsjunge, war gleich mitgekommen und hatte die Kiste ans Haus geschleppt, die alles barg, was Käpt'n Krautsch unterwegs für Frau und Kind zusammengekauft hatte. Schwer war sie, und der Alte faßte selbst mit an, als Jan sie glücklich durch den Gemüseladen bugsiert hatte. Ganz vorsichtig setzten sie die Kiste nieder, denn Mutter Krautsch hatte im Wohnzimmer den Fußboden frisch lackiert. Da durfte nichts verschrammt werden. Und dann war Jan nach geraumer Zeit nochmal gekommen, in der einen Hand einen Papagei, in der andern einen Affen. Der Papagei kreischte und schlug mit den Flügeln, aber der Affe verhielt sich ganz still, denn er war ausgestopft. Das sah man aber nicht gleich, denn er war so natürlich geraten und nahm jene grotesk komische Haltung ein, zu der die Affen ein wichtiges Geschäft ihres menschenähnlichen Daseins so oft am Tage nötigt, er lauste sich. Offenbar, der Koch verstand etwas von dieser Sache und schien ein Humorist zu sein. Der Affe bekam einen erhöhten Stand auf dem Glasschrank, der Papagei einen Platz am Fenster. Es war ein grauer Kakadu mit schönem Poll. Schade, daß er noch nicht sprechen konnte. Aber Anton nahm sich vor, ihn unentgeltlich zu unterrichten. Er begann gleich mit Mundspitzen und Flöten, doch Papchen legte den Kopf auf die Seite, sah ihn klug an und dachte offenbar, flöte nur weiter, so schön lerne ichs doch nicht. Eine Stunde später aber saß Papchen fast ebenso regungslos da, wie der Affe auf dem Glasschrank. Ganz melancholisch sah er aus. Hatte er Heimweh? Nach Jan? Nach dem Koch? Nach der Henriette? Oder nach den Palmenwäldern seiner Heimat? Oder wollte er sich von einem ausgestopften Affen nicht an Würde übertreffen lassen? * »Käpt'n Krautsch ist wieder da. Die ›Henriette‹ ist aufgekommen.« So ging es natürlich von Mund zu Mund. Die Cyriaks war die erste, die im Grünkeller vorsprach, um Käpt'n Krautsch zu sehen. Aber weder er noch seine Frau kamen aus dem Wohnzimmer, und sie mußte sich mit Lene Lerch begnügen, die desto wichtiger tat. »Ne ganze Menge Kisten hat er mitgebracht. Und Rheumatismus hat er auch.« Am nächsten Tag unterhielten sich Hugo Winsemann und Mariechen Mau über Käpt'n Krautsch seine vielen Kisten. Was mochte da alles darin sein. Der Anton konnte wohl lachen. Aber wie traurig, daß Käpt'n Krautsch gar nicht gehen konnte. Sie hatten ihn ja wohl von Bord getragen. Über das Gehen wurden sie nun bald beruhigt, denn Hugo sah noch am selben Tage, wie Käpt'n Krautsch zu Kleesands ging und nur ganz wenig den Fuß nachzog. Bei Kleesands mußte Käpt'n Krautsch ja guten Tag sagen, das ging nicht anders. Die hätten es ihm übel vermerkt, wenn er nicht den ersten Grog in Hamburg bei ihnen zu sich genommen hätte. Und dann die vielen Bekannten. Das war ein Hallo, als er eintrat. Kleesands aber bedauerten, daß die »Henriette« ein paar Wochen zu spät kam, sonst hätte ihr Fritz bei Käpt'n Krautsch anmustern müssen. Und der hätte auch nichts gegen Fritz Kleesand gehabt, da sein Jan doch abmusterte. Aber Mutter Krautsch sagte ihm nachher, sei froh, daß du den Windhund nicht an Bord hast. Auch bei Schiffshändler Ohlsen empfing man Käpt'n Krautsch und seine »Henriette« mit Wohlwollen. Ohlsen steuerte seit Jahren die »Henriette« aus. Es war immer ein kleines Geschäft, das man nicht verachtete. Und noch bevor er zu Kleesands ging, war Käpt'n Krautsch bei Ohlsens gewesen, hatte in der guten Stube ein Glas Sherry getrunken und mit Frau Ohlsen angestoßen. Und von seiner Reise hatte er ihr erzählt, seinem Gewinn und seinen Hoffnungen für die Zukunft. Ganz um Kap Horn rum war er gewesen. Zuletzt, auf der Heimreise, hatte es sich noch gemacht, daß er in Liverpool gute Fracht nach dem Mittelmeer bekam, da war er sofort wieder umgekehrt. Nun war es ihm aber mit Fracht nach Hamburg geglückt. Nach drei Jahren. Das ist eine lange Zeit. Und Frau und Kind wollen einen doch auch mal sehen. Und dann hatte er in seiner langsamen, bedächtigen Art mit Frau Ohlsen über Antons Zukunft gesprochen. Abends aber saß er neben seiner Frau auf dem kleinen Roßhaarsofa hinter dem runden Tisch, lehnte sich nicht zurück, um die frischgewaschenen Sofaschoner nicht zu verschieben und ärgerte sich noch über den Kaffeeflecken, den er am Nachmittag auf die frische Tischdecke gemacht hatte. Über so etwas konnte sich Käpt'n Krautsch sehr ärgern, auch über Flecke, die andere gemacht hatten. Jan wußte ein Lied davon zu singen, und der Koch ebenso. Daher sah es in der Kajüte auch immer so aus, wie in Mutter Krautschens Sonntagsstube. Nur die Sofaschoner fehlten. Und darum saß Käpt'n Krautsch auch so steif, weil er die Dinger nicht gewohnt war, und weil sie ihm wie alles Frischgewaschene Respekt einflößten. Ja, Käpt'n Krautsch fühlte sich wohl in der saubern Sonntagsstube seiner Frau, er saß da, glücklich und zufrieden, ein Mann in seinem Heim, ein Vater in seiner Familie. Auf seinen hohen, spitzen Knien stützte er sein Matrosenklavier, seine Ziehharmonika, und spielte »Am grünen Strand der Spree« und »Wenn hier n Pott mit Bohnen steit, Und dor n Pott mit Brie, Denn lat ick n Pott mit Bohnen stahn Und gah nah min Marie.« Anton saß vorm Tisch und hörte glücklich zu. So eine Handharmonika sollte er nun auch haben, hatte der Vater ihm versprochen. Wäre Anton ein Mädchen gewesen, hätte der Alte ein Klavier angeschafft, ein »Fortepiano«. Er liebte die Musik über alles, und daß Kleesand kein Orchestrion in seiner Wirtschaft hatte, war sehr einfältig von dem. »Wat is dat schön, Jette, wenn dat Dings so opspeelt und du drinkst din Glas Grog dorbi, smökst den Piep und hest an gor nix wieder to denken.« »Und steihst gor nicht werrer op, und verdrömst di, und mi ward de Supp kolt, wat?« lachte Mutter Krautsch. »Nee, lat den man ja keen son Trummeli anfangn.« »Nee, nee, Jette, dat versteihst nich. Sonn Ding is woll schön.« Und dann erzählte er, wie manche Stunde ihm sein »Klavier« getröstet hätte, wenn er Heimweh nach Frau und Kind gehabt. Und mit einem glücklichen Blick auf Mutter Krautsch fing er an zu spielen: »Ännchen von Tharau ists, die mir gefällt.« Und dann warf Mutter Krautsch sich mit ihrer ganzen Fülle gegen ihn und küßte ihn auf den Mund, so daß Anton rot wurde und aufstand. Er sah so etwas so selten. Es genierte ihn. Käpt'n Krautsch aber warf einen stillen Blick auf seinen Sohn. Es war ein Lächeln darin. Er war früher auch so gewesen. Immer wie ne Rose, wenn ihn ne Deern mal anlachte. Und nun gar küssen. Seine Lippen waren nur schmal und hart. Sein Herz freilich, das war schon anders. Das hätte viel öfter, geküßt, als er hätte verantworten können. Bis er sich die Deern aus Moorburg holte, die mit den blanken braunen Augen und den blanken braunen Zöpfen. * Anton hatte nun schöne Tage. Dumm war es, daß die »Henriette« erst nach den Ferien gekommen war. Aber es blieb auch jetzt noch Zeit genug, die Anwesenheit des Vaters ordentlich auszukosten. Fast jeden Abend ging man aus. Lene Lerch kam sich ordentlich wichtig vor, daß man ihr so viel Vertrauen schenkte. Von neun Uhr an war alles ihrer Obhut anvertraut. Einmal nahm man sie auch mit nach St. Pauli, in ihrem Sonntagsstaat. Sie bekam grade soviel Punsch, Kuchen und Schokolade wie Anton, und war selig. Aber Mutter Krautsch war ein zweites Mal dagegen gewesen. »Dann behält sie keinen Respekt mehr. Ich soll man mit ihr fertig werden. Und mit Anton zusammen ist das auch nichts.« Käpt'n Krautsch wollte das nicht einsehen. Aber Mutter Krautsch hatte die rechte Einsicht. Sie war auch weniger um ihren Respekt in Sorge. Es war mehr »von wegen die Tingeltangels«, wie sie sagte. Anton freilich kam immer mit. Er war ja nun mal der Sohn. Sein Vater wollte ihn bei sich haben. Das war begreiflich. Und dann saß er auch immer so etwas dämlich da und hatte nicht viel Augen für die »Deerns«. Aber Lene Lerch riß ihre immer verdächtig weit auf und wiegte den Kopf nach der Melodie und flankierte mit ihren Augen umher. Für Lene Lerch war das gefährlich. Dafür amüsierte sich diese zu Hause mit Papchen. Sie starrte ihn mit ihren grauen Augen an und flötete ungeschickt. Aber sie fesselte doch seine Aufmerksamkeit. Sie sprach zärtlich mit ihm, gab ihm Zucker und sagte ihm unermüdlich ihren Namen vor. »Lena.« Dann versuchte sie es mal wieder mit »Anton«. Was er wohl am ersten behalten würde? Und eines Abends konnte sie die Heimkehrenden triumphierend empfangen: »Er kann Lena sagen!« »Ach du, was er wohl kann.« Und sie sagte es dem Vogel vor, bat, schalt, aber er sagte nicht wieder Lena, und sie wurde ausgelacht. »Was du dir einbildest!« rief Anton verächtlich. »Is doch wahr!« »Du lügst!« Lene Lerch war tief gekränkt. Nie, nie wollte sie dem Papagei wieder Antons Namen vorsagen. Nie! * Vier Wochen war Käpt'n Krautsch zu Hause, da hieß es schon wieder Abschied nehmen. »Een Reis noch.« »Ja Korl, datt seggst du ümmer, dat mütt ober ok wohr bliben. Kumm man sund werrer.« Die »Henriette« ging erst mit Stückgut nach Aberdeen. Von da sollte sie nach der Südsee. Käpt'n Schellhaas mit seinem »Neptun« schleppte sie aus dem Hafen. Mutter Krautsch und Anton blieben so lange an Bord, bis der Junge die Trosse loswarf. Dann kam Käpt'n Schellhaas mit dem Neptun längsseits und nahm Anton und seine Mutter wieder mit zurück. Käpt'n Krautsch stand so lange auf Achterdeck, wie sie sich noch sehen konnten, und fuhr dann und wann mal mit seinem roten Taschentuch durch die Luft. Es war eines von dem neuen Dutzend, das Mutter Krautsch ihm für diese Reise gekauft hatte, und es war der St. Michaelis-Kirchturm darauf. Und während Käpt'n Krautsch mit dem Kirchturm winkte, winkte Anton unaufhörlich mit seiner Mütze. Mutter Krautsch aber saß und weinte, und riß nur noch bei der letzten Biegung das nasse Tuch von den Augen und schwenkte es so heftig in ihrem großen Kummer, daß es aussah, als scheuche sie Fliegen. »Disse Reis noch,« sagte Käpt'n Schellhaas tröstend. »Dann behölt Se em jo to Hus.« »Nee, een ward he woll noch maaken,« schluchzte Mutter Krautsch. »Ick will froh sin, wenn ick datt oll Schipp eis to n letztenmal sehn hev.« Achtes Kapitel Es war am 6. November, als das Wasser in der Elbe so hoch stand, wie noch nie. In der Nacht vorher hatte der Nordwest eingesetzt. Er hatte geheult, gepfiffen, gekreischt, gebrüllt. Einen entsetzlichen Lärm hatte er gemacht, die ganze Nacht hindurch. Über dem Strom zwischen den Schiffen stieß er lange, pfeifende Laute aus. Um die Straßenecke fuhr er wie ein heulender Wolf; fast fauchend klang es, als er sich in Ohlsens Gang stürzte. Was wollte er da? Er rüttelte an den alten Fensterläden, Dachluken und Regentraufen, jagte die Cyriaks aus dem Schlaf und blies die alte Laterne im Torweg aus. Also nichts als dummes Zeug. Und dazwischen gings bum-bum-bum. Das waren die Warnungsschüsse vom Stintfang und der Stadtdeichstation. Die Flut kam. Ei, wie schnell kam sie. Wie hungrige Wölfe stürzten sich die Wellen in die Elbe. Es war, als wollte die ganze Nordsee an Cuxhaven und Brunsbüttel vorbeirasen und die Elbe hinauf und sehen, wie weit sie wohl kommen könne. Und der Regen peitschte noch die springenden Wellen. Wie Geißelschläge fiel er nieder. Und die schwarzen Wolken oben jagten mit den Wellen da unten um die Wette, immer landein, immer landein. Riesige, schwarze Scharen, die aber vor irgendwas auf der Flucht zu sein schienen, während die Wellen deutlich den Furor des Angriffs zeigten. Der Mond warf ein unruhiges, fast ängstliches Licht auf dieses wilde Treiben. Und als ein paar Stunden später die Sonne kam, sah die auch nichts Besseres. Im Gegenteil, es war schlimmer geworden, und sie zog sich betrübt wieder zurück. Da herrschte ein mattes Zwielicht zwischen Wolken und Wasser. Und der Sturm peitschte beide und trieb den Regen vor sich her. Im Hafen sprangen die Wellen wie tolle Hunde an den Düc d'Alben, an den Schiffswänden hinauf und geiferten über die Kaimauern. Anderswo wälzten sie sich in dichten Rudeln, wie sich überschlagende Rüden, in die engen Fleete hinein, und schoben und stießen und warfen die Schuten, leere und volle, durcheinander, daß es ein Knirschen und Kreischen und Knacken war. Und oben an den alten Speichern klapperten die Luken unter den Stößen des Windes und schlugen, losgerissen, hin und her. Und in den Kellern stieg das Wasser, stieg und gluckste und gurgelte. Oder stieg ganz still, ganz lautlos, immer einen Zentimeter höher. Bum-bum-bum-bum. Was nicht schwimmen konnte, dem war nicht zu helfen; was es konnte trieb lustig auf dem trüben Wasser umher. Vieles war rechtzeitig geborgen worden. Das Wasser macht ja von Zeit zu Zeit seinen Besuch, man ist auf die Ehre eingerichtet. Übrigens kommt der Besuch ja auch nie unangemeldet. Bum-bum »Dat Waater kümmt!« Aber heute kam es zur unpassendsten Stunde, so schnell, als ob es gar keine Zeit hätte, und blieb doch so lange. Bei Mutter Krautsch war es auch, zu Antons und Lene Lerchs Belustigung. Sonst, wenn das Wasser mal kam, gab es immer nur Arbeit. Nach dem dritten Schuß wurde alles hochgestellt, was nicht schwimmen sollte, und nachher wurde es ein bißchen naß hinten im Keller, und es war eigentlich nur eine ärgerliche Sache. Heute aber – »Junge! Junge« – war das ein Wasser! »Junge, Junge!« Anton stieß diesen seinen Lieblingsruf noch nie so oft in einer Stunde aus. Junge, Junge! alles schwamm im Laden durcheinander, Gemüsekörbe, Bierflaschen, Reisbesen. Das war wie ein großes Schwimmfest. Selbst in der Stube, die ein wenig höher lag, stand das Wasser fast einen halben Fuß hoch; Spucknapf und Fußschemel, die sonst selten zusammenkamen, begegneten sich auf der trüben Flut. Von der Straße, wo die Siele ausgetreten waren, liefen kleine Bäche die Kellertreppe herab. Wie lange sollte das noch dauern? Mutter Krautsch und Lene saßen auf dem Ladentisch, und Anton stampfte in seines Vaters alten Seestiefeln in der trüben Flut umher und ärgerte seine Mutter, wenn er die schwimmenden Gemüsekörbe als feindliche Fregatten aufeinanderstoßen ließ. Und Lenens einer Pantoffel, den sie vergeblich zurück erbat, mußte Torpedoboot spielen. »Anton! So laß das doch! Jung, so hör doch!« schalt Mutter Krautsch. Und Anton ließ es und verfiel auf etwas anderes. Eigentlich hätte er ja in die Schule gehen sollen. Aber hier war er entschieden nützlicher. Und das freute ihn. Mutter Krautsch dachte an ihren Mann. Wie mochte es jetzt auf See aussehen. Herrgott, nimm alle Seefahrer in deinen gnädigen Schutz! Amen! »Anton! Dolle Hund! Lat dat doch na!« Anton hatte sich auf ein schwimmendes Brett gestellt, das natürlich umschlug und schmutzige Wellen aufrührte. »Denk an din Vadder, Jung, wenn der heut auf See is.« »Ach, die Henriette, der kann kein Sturm was an. Und auf n Atlantik is das man halb so schlimm.« »Das sagen sie ja alle. Und Käpt'n Ohlsen sagt ja auch, die Henriette möcht er wohl auch noch fahren.« »Warum sagst du Käpt'n Ohlsen?« »Warum? Das weiß ich nich, er war es doch mal. Und bei so n Wetter, da fällt es einem ja woll wieder so ein.« Schiffshändler Ohlsen aber stand mit einmal selbst in der Tür und sah in den Keller hinein. »Wollt doch mal sehen. Das ist ja niedlich. Infames Wetter. Aber wenn es nicht wieder aufnimmt – es flaut schon ab. Das Wasser steht schon. Ist ja ne Schweinerei.« »Und mein Mann auf See.« Aber Schiffshändler Ohlsen, dem draußen der Wind um die Ohren pfiff, verstand Mutter Krautschen nicht. Er schüttelte sich im Regen, und machte, daß er wieder ins Haus kam. Das war ein böser Tag. Aber er nahm ein Ende. Der Wind sprang plötzlich um. Das Wasser verlief sich. Ja, er war ein böser Tag gewesen, der 7. November. Er war auch der Tag, an welchem Käpt'n Krautsch und seine Henriette mit Mann und Maus an der schottischen Küste ertranken. Als die Nachricht zu Hause ankam, war längst alles wieder trocken und der Fußboden im Wohnzimmer frisch lackiert. Es roch durch den ganzen Keller nach dem schönen, hellen Bernsteinlack. Und Anton, der gegen alle Gerüche sehr empfindlich war, sagte: »Wie lange stinkt der Kram denn noch?« Grade an dem Tage kam die Nachricht, daß die Henriette total verloren war, mit Mann und Maus. Und Mutter Krautsch lag auf ihrem schönen, neulackierten Fußboden und weinte wie ein Kind. * Das war eine traurige Adventszeit. Was hatte Käpt'n Krautsch vor seiner Abreise noch für Heimlichkeiten gehabt, von denen Anton nichts wissen sollte. Die große Ziehharmonika, die wohlverpackt in Mutters Kleiderschrank stand, hatte er selbst ausgesucht und im Laden des Händlers zur Probe sein Lieblingslied darauf gespielt »Am grünen Strand der Spree«. Und ein Rad hatte er gekauft. Es stand noch beim Händler. Prima Marke. Bar bezahlt. Das Rad konnte Anton ja immer brauchen. Das würde ihm mal recht »zupaß kommen«, wenn er erst in der Lehre wäre. Aber die Harmonika? Darauf mochte er gewiß nie spielen. Keine lustigen Lieder, keine Tänze. Ach, wenn Mutter Krautsch diese Harmonika zuerst hören würde, würde sie gewiß weinen. Und Anton war auch so weich wie sie. Wie hatte er geweint, als sie ihm gesagt hatte, daß sein Vater nicht wiederkäme. Und wie hatte er sie gestrakt und geeit und getröstet. Ja, er war ein weiches, gutes Kind. Nur Lene Lerch hatte keine Miene verzogen. Die hatte ein kaltes Herz. Ein anderer weint schon aus bloßem Mitgefühl, wenn er nur Tränen sieht. Aber Lene Lerch? Nicht einen Tropfen hatte sie sich abzuwischen. Nicht mal geschnäuzt hatte sie sich. Mutter Krautsch war doch empört über sie. »Er hat dir doch auch Gutes getan. Was hat er nich all für dich getan. Hast du das allens vergessen?« Lene Lerch wurde rot, aber blieb verstockt. Da war Mutter Krautsch ihr acht Tage lang gram. Aber von Schiffshändler Ohlsen an bis auf Fräulein Cyriaks hatten alle Teilnahme gezeigt. Und Mutter Krautsch war um Trost nicht verlegen. Acht Tage lang stündlich ein christliches Wort, und auch mal ein unchristliches, wie das vom alten Jan Tüt, der eklig nach Schnaps roch als er sagte: »Na, Krautschen? De Oll is dot? Jo, jo. Dat ganze Leben is Schiet.« Und dann war er nach dem Bollwerk hinübergetorkelt, und hatte dort eine halbe Stunde ins Wasser gestarrt und sich die Sonne auf den Buckel scheinen lassen. Schiffshändler Ohlsen aber hatte mehr als Worte für Mutter Krautsch. Er stand ihr zur Seite und half ihr, daß sie zu dem Ihrigen kam. Er war freilich mit etwas Geld an der Henriette beteiligt, ein Part von tausend Mark. Aber auch ohne das hätte er Mutter Krautsch nicht im Stich gelassen. Die Henriette war ordnungsgemäß versichert, Schiff und Ladung. Da Käpt'n Krautsch Eigentümer des Schoners gewesen war, kam ein nettes Stück Geld in die Kasse. Auch nach Abzug von Ohlsens Part. Natürlich dauerte es lange, nach Mutter Krautschens Meinung eine Ewigkeit, bis die Versicherungsgesellschaft auszahlte, bis weit ins neue Jahr hinein. Aber bezahlt mußte werden. Es hatte alles seine Ordnung, und Mutter Krautsch brauchte sich darum keine Sorge zu machen. Ach, Mutter Krautsch und sich Sorge machen! Das hatte sie nie getan. Sie war eine tapfere, hellsinnige Frau, gesund und arbeitslustig. Und ein bißchen Geld war ja nun auch da und dann nur das eine Kind, das schon aus dem Gröbsten heraus war. Die hält es schon aus, dachten die Weiber in Ohlsens Gang, die es alle zusammen nicht so gut hatten, die Mau nicht, und die Winsemann nicht, und die andern alle. Nur die Cyriaks, die stand nichts aus. Eine ledige alte Jungfer, die jeden Sonntag Maulschellen zum Kaffee aß, und manchmal in der Woche auch noch. Ja, Mutter Krautsch hielt es wohl aus. Die Sorge, die richtige, grübelnde, ängstigende Sorge kam auch jetzt nicht auf. Ihre Seele war nur ausgefüllt von der Trauer um ihren Mann. In den sechzehn Jahren ihrer Ehe hatte sie ihn fünf- oder sechsmal auf längere oder kürzere Zeit zu Hause gehabt. Sie war es also gewohnt, lange, recht lange ohne ihn zu sein. Aber jetzt, so auf immer, so auf Nimmerwiedersehn – das war doch hart, nachdem man sechzehn Jahre, nur sechzehn Jahre erst verheiratet war. Der Anton war ja, Gott sei Dank, schon aus dem Gröbsten. Und daß er Schlosser werden wollte, und daß Schiffshändler Ohlsen sein Vormund sein würde, das alles stand schon fest. Da war nichts, was unklar oder besorglich war, da lag nichts in ihrem Weg. Nur daß sie diesen Weg jetzt ohne ihren Käpt'n gehen sollte, ohne Karl Krautsch, den langen, hageren, guten, schweigsamen Mann mit den gekniffenen Lippen und mit den tiefen Seufzern, die er dann und wann ganz unmotiviert ausstoßen konnte. Sein schönes Matrosenklavier! Das lag da nun irgendwo zwischen Schottland und Irland auf dem Grund des Meeres, und auf dem neuen konnte Anton nichts weiter spielen als »Lott is dot«, und dazu sang er irgendeine unmögliche Melodie, denn er war gänzlich unmusikalisch, und seine Stimme klang laut und schreiend. Mutter Krautsch konnte das nicht hören. Und es schien ihr auch unpassend, mit Rücksicht auf den toten Vater. Aber der Junge konnte nun ja mal nichts weiter als das eine Stück. Er hatte keinen Kopf für Melodien. Was machte er z.B. aus der »Wacht am Rhein« für ein seltsames Musikstück. »Stille Nacht, heilige Nacht« sang er fast nur auf einen Ton. Da war sein Vater ein anderer gewesen. Der konnte alles nachspielen, was er hörte. Eine ganze Stunde hintereinander. Erst den »Spreewalzer«, dann »Lang, lang ist's her« und »Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus« und »Schleswig-Holstein meerumschlungen« und zuletzt dann immer die Bohnenpolka »Wenn hier n Pott mit Bohnen steit«. Bei der Bohnenpolka hatten sich damals in Moorburg auf Peter Lohmanns großer Diele ihre Herzen gefunden. Und nun lag das feine Instrument da zwischen Schottland und Irland und schluckte Salzwasser, und Anton spielte »Lott is dot«. »Dat ganze Leben is Schiet«, wie Jan Tüt sagte. Und Mutter Krautsch dachte: »Manchmal sollte man meinen, der liebe Gott hätte kein Einsehen.« Etwas anderes wollte Jan Tüt wohl auch nicht sagen. Er drückte es nur auf seine Weise aus. Neuntes Kapitel Ostern wurden Anton Krautsch und Hugo Winsemann bei Pastor Brügge, demselben, der mit dem Klingelbeutel für die innere Mission herumgegangen war, in der St. Michaelskirche konfirmiert. Sie waren jetzt beide im fünfzehnten Jahre und wollten die Schule verlassen und ein Handwerk lernen. Anton sollte zu Schlosser Sichelmann, Hugo hatte durch Lehrer Heinrich eine Stelle bei Tischler Behrens im Herrengraben gefunden. Lehrer Heinrich hatte sein Interesse für Hugo Winsemann nach dessen Vaters Tode verdoppelt. Er glaubte erkannt zu haben, daß in diesem stillen, etwas latschigen Jungen eine feinere Begabung schlummere, vom Vater her natürlich. Er hatte auch bei Hugo den Hang entdeckt, sich vom Alltag ab und einem Leben in Illusionen zuzuwenden und er wollte ihn vor dem Schicksal seines Vaters bewahren. Er hatte das der Mutter versprochen. »Der Junge muß ein Handwerk lernen, das ihn ausfüllt und ihn tüchtig herankriegt und ihm zeigt, was Arbeit heißt und gilt. Und eines, worin er das bißchen Künstlerische, das in ihm zu stecken scheint, verwerten kann. Im Kunsthandwerk kann er einen guten Boden finden.« »Wenn er man bloß keine Verse macht, ist ja alles gut,« sagte Frau Winsemann. »Sie kennen ihn ja alle die Jahre her, Sie werden schon das Rechte wissen. Er hat ja keinen Vater mehr. Und was soll ich schwache Frau tun. Aber wenn Sie ihn man nicht verlassen, wird ja alles gut werden.« Durch dieses zuversichtliche Vertrauen der Mutter fühlte sich Herr Heinrich noch mehr verpflichtet, auf Hugo Winsemanns Wege achtzugeben. Tischler Behrens war ein Bruder von Buchbinder Behrens, bei dem Herr Heinrich ein Zimmer im ersten Stock, nach vorne, bewohnte. Und so lief Hugo Winsemanns Weg noch eine Weile fast unter seinen Augen weiter. Denn die beiden Frauen Behrens waren Schwestern wie ihre Männer Brüder, und das eine Haus wußte immer was im andern vorging, woraus denn in diesem Fall auch Herr Heinrich und sein Schützling Nutzen ziehen sollten. Heute, am Palmarum, steckte dieser noch in seinem schwarzen Konfirmandenanzug, wie Anton Krautsch auch, und saß, den Hut in der Hand, auf einer Stuhlkante in Schiffshändler Ohlsens bestem Zimmer. Und neben ihm auf einer andern Stuhlkante saß Anton Krautsch, auch den Hut in der Hand. Und vor ihnen saßen Schiffshändler Ohlsen und Frau Melitta und ermahnten Anton, der ja nun ihr Mündel war, zur Tugend und einem christlichen Lebenswandel. Hugo nahm andächtig teil daran und sagte treulich mit ja und nein, wie's grade erforderlich war, wenn auch Frau Melitta ihn nur so mit einem viertel Blick christlicher Fürsorge streifte. Er hatte ja auch eigentlich kein Anrecht auf irgendein Stück Ohlsenschen Segens. Er war nur Anton zum Gefallen mit hineingegangen, der sich allein genierte. Und etwas Neugier war auch dabei gewesen. Er bekam nun doch auch mal zu sehen, wie es bei dem reichen Ohlsen aussah. Auch hatte seine Mutter gemeint, es dürfe sich wohl schicken, daß er seinen Besuch da mache. Im stillen hoffte sie, Schiffshändler Ohlsen würde irgendeinen guten Eindruck von ihrem Jungen bekommen und sich vielleicht auch für ihn interessieren. Ach, ihre mütterlichen Illusionen waren ebenso phantastisch, wie die des seligen Herrn Arno Winsemann gewesen waren, der die rauhe Wirklichkeit so wenig kannte. Hier repräsentierte Frau Melitta Ohlsen die rauhe Wirklichkeit, und in der war für Hugo Winsemann nichts vorgesehen als Abfälle vom Tische Antons. Nur sein Glas Malaga bekam er genau so voll geschenkt, wie der, ein reichliches Maß. Das hatte aber Schiffshändler Ohlsen selbst gefüllt. Frau Melitta hätte auch da einen etwas moralischeren Maßstab angelegt. Er aber wußte, was so Jungens wohl mögen, und daß Malaga nichts mit der Moral zu tun hat. Bei Sherry und Rum ist das ja schon etwas anderes. Das war die Konfirmationsvisite bei Schiffshändler Ohlsen und das letzte hervorragende Ereignis ihrer Knabenzeit. Oder war es das erste eines neuen Abschnittes? Der war dann feierlich genug eingeleitet worden. Malaga und Moral. Sie hatten beides bis zur Neige genossen. Draußen aber sagte Anton: »Junge, schmeckte der fein, was? Das war n echten.« Wie auf Kommando fuhren sie beide noch mal mit spitzem Zünglein über die Lippen und waren im übrigen glücklich, daß sie wieder draußen waren. Sie waren nicht ohne Neid auf Leute, die solchen Malaga öfter genießen mochten, aber Anton sagte, mehr zu seines eigenen Beruhigung: »Immer trinken sie so n teuern Wein auch nicht. Das glaub man nicht.« Und Hugo erklärte wegwerfend: »Das möchte ich auch gar nicht. Immer so n süßen Kram.« Und sie wurden sich einig, daß man nicht alle Tage Malaga trinken könnte, und das war für Knaben, die von den Bänken ihrer Kindheit Abschied nahmen, entschieden eine gute und nützliche Lebensanschauung. Moral täglich, wenn es sein muß, aber Malaga nicht so oft. Heute sollten sie freilich noch einmal Malaga trinken. Er war zwar nicht so gut wie Schiffshändler Ohlsen seiner. »Richtiges Rosinenwasser,« wie Anton hinterher schalt. Aber Hugo wollte das nicht zugeben. Er wollte auf Frau Mau und ihren Wein nichts kommen lassen. Und vor allem: Mariechen hatte in diesem Wein ihm Bescheid getrunken, mit spitzen Lippen und gekniffenen Äuglein hatte sie wollüstig an dem süßen Saft gelutscht. Man sah es ihr an, es war eine seltene Leckerei für sie. Vielleicht gar ihr erster Schluck Malaga, trotzdem sie schon dreizehn Jahre alt und nicht viel kleiner als Hugo war. Frau Mau war gar nicht auf die Ehre gefaßt gewesen, zwei so junge, flügge Herren zu empfangen. Und vor allem Anton kam ihr recht unerwartet. Aber Anton wußte ja nichts von damals, und Mutter Krautsch hatte es wohl gar gut gemeint, daß sie Anton zu ihr schickte. So war Frau Mau recht freundlich zu dem Knaben, mit schwerem Herzen. So weit wäre ihr Willi nun auch gewesen. Wie war Gott hart mit ihr. Mariechen kicherte beständig. »Ein rechtes Kalb,« dachte Anton. »Also Schlosser willst du nun werden?« fragte Frau Mau. »Du? Sie mußt du doch jetzt sagen,« meinte Mariechen. Anton wurde rot. »Unsinn,« knurrte er. »Das kommt früh genug,« sagte Frau Mau. »Ich darf wohl noch du sagen.« »Gewiß, Frau Mau,« versicherte Anton treuherzig. Frau Mau konnte ihm nicht böse sein, wenn sie seine guten ehrlichen Augen sah. »Und du, Hugo?« »Tischler,« rief Mariechen. »Bei Behrens kommt er hin.« »Dann wollen wir noch mal anstoßen, daß ihr alle beide bald tüchtige Meister werdet,« sagte Frau Mau. Und sie stießen an und tranken aus. Mariechen leckte mit der Zunge den letzten Tropfen vom Glas. »Rosinenwasser,« sagte Anton nachher. »Malaga,« sagte Hugo. Der eine dachte dabei an Mariechen Mau, der andere an Schiffshändler Ohlsens Malaga, der ihm selbst mit Frau Melittens Moral verschnitten besser schmeckte, als der mit dem Zuckerzusatz von Mariechen Maus süßen Blicken. Dieser andere hatte nichts über für süße Blicke. Und auch das war gut für einen, der von der Schwelle seiner Kindheit Abschied nimmt, und seine hellen Augen nun fest und unbeirrt auf ein erreichbares Ziel richten muß. Zweites Buch Erstes Kapitel Herr Heinrich hatte nun schon fünf Jahre lang seinen Mietzins dem Buchbindermeister Behrens auf die Tonbank gezählt. Immer in der Mitte des Monats, wenn er selbst sein Gehalt eingestrichen hatte. Kam er mit gefüllter Tasche nach Hause, stieg er nicht erst in den ersten Stock hinauf, sondern trat von der Diele links in den kleinen Laden, wo auf das schrille Schellen der Ladenglocke Meister Behrens oder auch manchmal die Frau Meisterin erschien, um den Zins entgegenzunehmen. Er, ein kleiner magerer Mann mit etwas herabfallenden Mundwinkeln, in dem Gesicht etwas Sorgenvolles, Verkümmertes, schob dann die große Hornbrille auf die Stirn hinauf und folgte mit großen Augen jedem Zwanzigmarkstück auf seinem Weg aus Herrn Heinrichs Hand bis auf den Ladentisch. Es waren immer deren drei. Eines für die Wohnung und die andern beiden für die Beköstigung. Herr Heinrich hatte sich bei den guten Leuten in Pension gegeben, und er stand sich nicht schlecht dabei. Lagen dann die drei Goldstücke nebeneinander, strich Meister Behrens sie nie ein, ohne noch einmal jedes zählend mit dem Finger betupft zu haben. Waren sie klingend in die Ladenkasse gefahren, rückte er seine Brille wieder auf die Nase, überreichte Herrn Heinrich die schon bereit gehaltene Quittung und bot ihm eine Prise aus seiner Horndose. Herr Heinrich führte dann jedesmal dankend eine Fingerspitze voll Tabak an seine Nase, nieste herzhaft, da er eigentlich kein Schnupfer war, und schüttelte dem Meister die Hand. Was an Gespräch dabei vorfiel, war kurz und betraf gewöhnlich das Wetter. Die Frau Meisterin war redseliger. Die kleine rundliche Frau war immer vergnügt und zur Unterhaltung aufgelegt. »Wenn man nichts sagt, meinen die Leute, man weiß nichts. Mein Karl weiß n ganze Masse, aber er behält es immer bei sich.« Nun, sie behielt nichts bei sich. Herr Heinrich ging nie ohne ein paar Neuigkeiten erfahren zu haben von ihr. Und immer tat sie erstaunt, daß er es so eilig mit dem Mietzins hatte. »Eilt doch aber partou nicht. Wenn man alle so sicher wären wie Sie. Der Schulzen ihrer ist auch wieder ausgerückt. Ist doch rein zu arg. Geschieht ihr aber recht. Die nimmt alles an, was ihr ins Haus kommt. Einsicht muß der Mensch haben, sonst kommt er zu nichts.« Während solcher muntern Reden ließ sie aber kein Goldstück außer acht. Auch ihre Augen folgten jedem einzelnen, aber es waren lachende, zärtliche Blicke, und sowie das letzte dalag, fuhr sie mit der rundlichen fetten Hand über die Tonbank, und kling, kling, kling, rakte sie das Geld in die Ladenkasse. Als Herr Heinrich diesmal, es war am 15. September, seinen Zins brachte, teilte ihm Frau Behrens mit großer Wichtigkeit mit, daß Pastor Collasius nach ihm gefragt habe, er wolle aber morgen wiederkommen. »Er schien es wichtig zu haben. Na, ich wußte ja auch nicht, was ich sagen sollte. Aber Sie möchten sich ja zu Hause halten morgen abend.« Herr Heinrich kannte Pastor Collasius noch nicht persönlich. Was mochte der so Wichtiges mit ihm zu besprechen haben. Mit dieser stillen Frage stieg Herr Heinrich in seine Wohnung hinauf. Es waren zwei behagliche Zimmer, die er im ersten Stock innehatte. Das Wohnzimmer sah mit zwei freundlichen Fenstern nach vorne auf die Straße hinaus, das dahinterliegende Schlafzimmer, gleichfalls hell und freundlich, hatte seine zwei Fenster nach dem geräumigen Hof hin, der sogar etwas Grün aufzeigte, ein Rasenstückchen, das der Frau Meisterin als Bleiche diente. Auch ein Weißdorn breitete seine knorrigen Aste an der geteerten hölzernen Rückwand des Hofes aus. Es war ein alter Baum mit einer breiten Krone, die auch in den Nachbarhof hinüberragte. Eine Bank stand darunter, die eben Platz für drei bot, und auf der Herr Heinrich an milden Sommerabenden manchmal mit seinen Wirtsleuten saß, auch wohl mal mit dem Gesellen und dem Lehrling. Auch vom Fenster aus, wenn die warme Nacht das Schlafengehen lange hinausschieben ließ, plauderte es sich gut mit den hier unten Sitzenden. Lieber noch hatte Herr Heinrich es, wenn da unten alles still war, und er, sein letztes Pfeifchen rauchend, noch in die schöne Nacht hinausträten konnte, der Mond den alten Dornbusch noch mal mit weißen Blüten zu überdecken schien und aus den kleinen Fenstern der umliegenden Hinterhäuser hier und da ein Licht leuchtete, oder eine einsame Handharmonika aus einem offnen Fenster ihre näselnde Stimme durch die stille Nacht hören ließ. Aus dem vorderen Zimmer sah man auf eine geräuschvollere Welt. Hier floß der Verkehr vom höher gelegenen Schaarmarkt herab dem Hafen zu. Hier waren Wirtschaften, die ihren Lärm bis in die späte Abendstunde auf die Straße hinausließen, hier war eine Schmiede, die tagsüber ihre Hammerschläge Herrn Heinrichs wegen nicht dämpfte, und hier war auch die Schlosserei von Sichelmann, nicht minder geräuschvoll. Und da sie gerade dem Fenster des Herrn Heinrich gegenüberlag, nahm er mit manchem Blick unfreiwillig teil an dem Getriebe dieser fleißigen Werkstatt. Diese befand sich freilich im Hinterhaus, aber sie stand durch einen Torweg mit der Straße in Verbindung. Und in diesem Torweg machten die Eisenstangen und Kupferplatten, oder was sonst noch ein- und ausgeführt wurde, einen ganz besonderen Lärm, wenn sie über das holperige Pflaster gefahren wurden. Trotzdem konnte Herr Heinrich sagen, daß er eine leidlich ruhige Wohnung hatte, denn während der Schulstunden war er diesem Werkstattgetöse entrückt, und abends, wenn er sich an seinen Arbeitstisch setzte, war drüben bald Feierabend. Und an den übrigen Lärm der Straße hatte er sich bald gewöhnt. Vielmehr hatte ihn in der ersten Zeit das Gewerbe seines Hauswirtes gestört, das, wenn es auch geräuschlos betrieben wurde, doch eine Atmosphäre von Kleister und Leim und Kaliko um sich verbreitete, die Herrn Heinrichs Nase weit beschwerlicher fiel, als jener Lärm seinen Ohren. Doch auch damit versöhnte er sich. Frau Behrens war sauber, war freundlich und friedlich und kochte gut. Kinder waren nicht im Hause. Nichts drang in seine Stube, als das Schellen der Ladenglocke, der Geruch von Kleister und Leim, und die helle Stimme der Frau Meisterin, wenn sie den etwas schwerhörigen Lehrling rief: »Christian!« und zuletzt in temperamentvoller Ungeduld: »Chris–ti–ahhhn!« Das war zu ertragen und Herr Heinrich fühlte sich wohl in seinen Wänden. * Pastor Collasius mußte es wirklich sehr wichtig haben, denn er erschien am selben Abend nochmal. Herr Heinrich saß gerade am Schreibtisch, als der Pastor eintrat. Die beiden Männer waren sich persönlich noch nicht näher getreten, aber sie kannten sich von der Straße her, und es war beiden jetzt mehr wie die Erneuerung einer alten Bekanntschaft, als wie die Anknüpfung einer neuen. Der Pastor begann dann auch ohne Umschweife mit seinem Anliegen herauszurücken. »Ich komme mit einer Bitte zu Ihnen. Aber ich muß etwas weit ausholen.« Herr Heinrich machte eine billigende Verbeugung. »Es sind soziale Pläne, mit denen ich mich schon lange trage, man gewinnt ja als Geistlicher tiefere Einblicke in Not und Elend – in die Bedürfnisse der Volksseele. Im großen und ganzen standen wir der bisher ziemlich fremd gegenüber. Was wissen die oberen Zehntausend von den unteren Millionen?« Collasius sprach jetzt fließend, und eine feine Röte überzog sein blasses Gesicht. »Hier vermittelnd zu wirken, ausgleichend, annähernd – das ist meine Absicht. Verständnis, Verständigung anzubahnen. Vertrauen von Mensch zu Mensch, ungeachtet der verschiedenen sozialen Stellung, des besseren oder schlechteren Rockes, der feineren oder schwieligeren Hand. Wir befehden uns, und wir verstehen uns nicht einmal, wir kämpfen mit Windmühlen. Vom besten Wollen beseelte Don Quixotes auf beiden Seiten.« Er sah Herrn Heinrich fragend an, als erwarte er Einwände. Aber Herr Heinrich nickte nur leicht zustimmend. Worauf mochte der Pastor hinaus wollen? »Da will ich nun frischweg anfangen, habe schon angefangen. Bei der Jugend natürlich, und zwar bei der Jugend, die einen Helfer und Wegweiser am nötigsten hat, bei der Jugend, die zwischen Haus und Welt steht, drinnen nicht mehr heimisch, oft nie heimisch gewesen, draußen noch fremd und allen Gefahren ausgesetzt.« Herr Heinrich glaubte zu verstehen: »Knabenhorte sind –« »Nicht das, nicht das,« unterbrach ihn Collasius. »Nein, und nichts Geistliches, nichts Kirchliches. Freundschaft. Ich habe jetzt vierzehn Jungen, Lehrlinge, ein paar sind Ausläufer, die sich zweimal in der Woche bei mir versammeln. Wir lesen, spielen, treiben Handarbeiten, und ich mache Spaziergänge mit ihnen. Ich zeige ihnen Bilder, wir singen zusammen, kurz, was man mit jungen Leuten, deren Freundschaft man erwerben will, eben treibt. Man ist mit ihnen. Aber ich ermüde Sie mit meinen Ausführungen. –« »Bitte, bitte, ich bin erstaunt – das haben Sie alles so alleine und im stillen gemacht?« »Ja, und das geht nun eben nicht weiter. Ich brauche einen größeren Raum, der übrigens schon gefunden ist. Wir können uns da ausdehnen. Aber vor allem brauche ich Mitarbeiter, geeignete Kräfte. Und da wollte ich nun bei Ihnen anfragen.« »Aber wie kommen Sie dazu, bei mir, den Sie doch gar nicht kennen, eine solche Kraft zu vermuten?« fragte Herr Heinrich überrascht. »Ich kenne Sie wohl,« sagte Pastor Collasius mit feinem und gütigem Lächeln auf seinem blassen Gesicht. »Aus dem Munde Ihrer Schüler. Wir haben einige Knaben, die Ihre Schüler waren und bei verschiedenen Gelegenheiten mit Liebe von Ihnen sprachen. Vor allem erzählten sie begeistert von den Klassenausflügen, die Sie mit ihnen gemacht haben, und da kam mir der Gedanke, das ist dein Mann! Meine Zeit ist amtlich beschränkt. Ich kann nicht jederzeit wie ich möchte. Wir brauchen einen Mann, hoffentlich bald mehrere, mit einem warmen Herzen für die Jugend, als Turn- und Spielleiter. Als Führer bei den oft ausgedehnten Wanderungen, die immer mit Spielen verbunden sind. Kurz, ich brauche Ihnen das nicht alles auseinanderzusetzen. Was ich von Ihnen will, werden Sie schon verstanden haben und nun sagen Sie ja.« Herr Heinrich lächelte über den Eifer des jungen Geistlichen. »Erfreut bin ich natürlich über diesen Antrag,« sagte er. »Es spricht so viel Vertrauen von Ihrer Seite daraus, daß ich mich wohl ein wenig geehrt und geschmeichelt fühlen darf.« »Es sind Ihre alten Schüler, die um Sie werben,« warf Collasius ein. Herr Heinrich errötete, und sein Gesicht verriet die Rührung, in die ihn dieses Gespräch versetzte. »Ich lese das Ja von Ihrem Gesicht,« triumphierte der Besucher und hielt ihm die Hand zum Einschlagen hin. Dieser herzliche Eifer des jungen Kirchenmannes gefiel dem Lehrer. Er hatte den langen, hageren, blassen Mann mit dem stolzen, feingeschnittenen Gesicht und den großen dunklen Augen anders eingeschätzt. Von innerlicher, verzehrender Glut sprachen solche Augen, von heißem Temperament und energischem Willen. Aber diese offene zugreifende Herzlichkeit hatte er nicht erwartet. Nach kurzem Hin- und Widerreden lag seine Hand in der des Werbenden. »Wir danken Ihnen, lieber Herr Heinrich. Ich sage, wir, denn ich danke Ihnen auch im Namen der Knaben. Es ist ein schönes, großes Feld, das zu bearbeiten ist. Wir brauchen viele Hände. Helfen Sie mir. Und diese Arbeit lohnt sich, trägt Segen. Hier können wir Jesum dienen in einer neuen Kirche, in Liebe und Arbeit, ohne Hader und Zank – nicht wahr. Sie nehmen mir meine, gewiß etwas aufdringlich erscheinende Art nicht übel? Meine Zeit ist gemessen, und da tut man gut, ohne Umschweife zu reden. Und die Liebe Ihrer Schüler hat mir die Courage auch etwas gestärkt.« Pastor Collasius hatte sich erhoben und reichte Herrn Heinrich die Hand zum Abschied. Er war fast einen Kopf größer als dieser, trotzdem er sich ein wenig vorgebeugt hielt. »Noch eins,« sagte er nachdenklich. »Sie haben gewiß hier und da Gelegenheit, unter Ihren zu entlassenden Schülern für uns zu werben. Aber erst sollen Sie uns natürlich selbst näher kennen leinen. Später dann.« Herr Heinrich dachte flüchtig an Hugo Winsemann, und ein langgezogenes »Christian«, das aus dem Hausflur heraufschallte, – Collasius hatte die Stubentür gerade geöffnet – erinnerte ihn auch an diesen armen Jungen. Der Geruch frischgekochten Kleisters verbreitete sich im Treppenhaus. Ein Zeichen, daß auch die Tür der Werkstatt unten sich geöffnet hatte, wo Christians schlürfende Schritte laut wurden. »Kleister,« sagte Collasius, schon halb auf der Treppe. »Noch schrecklicher ist Leim.« »Gewohnheit, Herr Pastor.« Als Herr Heinrich wieder am Schreibtisch saß, stützte er lange den Kopf in die Hände. Die neue Aufgabe, die er übernommen hatte, beschäftigte seine Gedanken. Es war ihm, als sehe er in eine weite, sonnige Landschaft und atmete den Duft reifender Felder. Mechanisch schob er die Blätter zusammen, an denen er geschrieben hatte. Die Liebe seiner Schüler, hatte der Pastor gesagt. Wer mochten diese Schüler sein? Er ging die Reihe derer durch, die ihm noch im Gedächtnis geblieben waren. Es waren viele. Sie alle hatten sich ihrerzeit mit einem Dank von ihm verabschiedet. Nicht alle mit einem lauten, ausgesprochenem Dankeswort. Aber auf fast allen Gesichtern hatte es gestanden: du warst unser Freund. Schade, daß es nun aus ist. Wir vergessen dich aber nicht. Einige Gleichgültige waren auch dabei gewesen, und bei manchen anderen mochten die guten und weichen Gedanken auch nicht allzulange vorgehalten haben. Aber unter jenen Jungen um Collasius waren einige, die nach ihm verlangt hatten, deren Liebe Zeugnis für ihn abgelegt hatte. Herr Heinrich fühlte sich sehr glücklich an diesem Abend. Zweites Kapitel Es war ein herrliches Sonntagswetter, da hatte die Frau Meisterin ihren Buchbindermeister soweit bearbeitet, daß er sich in seine guten Kleider warf, um sie auf die Elbchaussee hinauszuführen. Das Wasser liebte Frau Behrens nicht. »Da passiert so viel Malör. Dies Gedrängel an Bord. Und wenn das Ding mal umkippt? Was denn?« »Kippt nicht,« sagte der Meister. »Wenn es aber kippt?« Meister Behrens ließ seiner Gattin gern das letzte Wort. Er war etwas mundfaul. Aber nachgiebig war er deshalb nicht. Seine kleine lebhafte Ehehälfte mußte manchen Kampf mit seinem Eigensinn durchkämpfen. Und in der Regel geschah, was er wollte. Wenn er heute nachgab, so geschah das mit Rücksicht auf die neue Seidenmantille, die er seiner Frau zu Pfingsten geschenkt hatte. Diese Seidenmantille würde im Gedränge leiden. Und wenn es doch kippte – na ja, es konnte ja mal kippen – dann war die Mantille verdorben. Ja, diese Mantille. Wie hatte sie sich zu diesem seidenen Umhang gefreut. Aber ordentlich vergällt war er ihr schon. »Mile, die Mantille! – Mile, ist die Bank auch rein? – Mile, nimm dich doch in acht!« Das war lästig, diese ewigen Ermahnungen beim Spazierengehen. Sie mochte das hübsche Ding schon gar nicht mehr umhängen, aber Meister Behrens hätte auf seinen Willen bestanden. Am Sonntag ohne die Seidenmantille ausgehen? Mit ihm? Diese Seidenmantille sollten die Leute sehen, sollten sie bewundern. So hatte denn Frau Mile auch diesmal die Mantille umgehängt, die ihr übrigens ganz gut stand, hatte ihren neuen Sommerhut mit dem blauen Flieder aufgesetzt, und hatte geduldig stillgehalten, als ihr Herr und Meister noch vorsichtig an ihr herumgebürstet hatte, während er besorgt daran dachte, wie sie heute abend nach dem Spaziergang aussehen würde. Staubig und vielleicht mit den Erinnerungsmalen unsauberer Gartenstuhle. Christian, der Lehrling, der als Hauswächter zurückbleiben mußte, hatte Meister und Meisterin bis an die Tür gebracht, um da noch einmal die unausbleiblichen Ermahnungen Frau Miles zu empfangen. »Und mach mir auch kein Undögt, hörst du? Kaffee und alles hab ich euch hingestellt. Und Hugo soll auch meine Schwägerin grüßen. Ich käme mal vor, nächste Woche.« Jetzt schloß sich die Tür hinter ihrem redseligen Mund, und Christian schlurfte pfeifend, den rechten Fuß leicht nachziehend, über die Fliesen der Diele direkt in die Küche, wo der Kaffee brodelte, den die Meisterin für ihn und Hugo auf den Herd gestellt hatte. Hugo besuchte Christian dann und wann. Frau Mile hatte nichts dagegen. Da kamen zwei »Sinnige« zusammen, die man schon gewähren lassen konnte. Christian schob die große, braune Bunzlauer Kanne etwas vom Feuer, er liebte den allzu heißen brenzlichen Kaffee nicht. Auf dem Küchentisch standen zwei Tassen, bei jeder lag ein Korinthenklöben. »So Jungens wollen auch wissen, daß Sonntag ist.« Christians musternder Blick vermißte aber den Zucker. Darin war Frau Mile nachlässig. Sie selbst trank ihren Kaffee lieber ohne Zucker. Aber Christian war sehr für süßen Kaffee. Er stieg auf den Küchenstuhl, um die weißen Tönnchen auf dem Bort zu untersuchen, ob nicht eine vielleicht Zucker enthielt, Die Meisterin war eine ordentliche Hausfrau. Die Etiketten auf den Tönnchen täuschten nicht. Das Korinthentönnchen enthielt Korinthen, Sago war Sago, und Gries, Gries. Das wußte Christian. Aber dennoch – einmal hatte die Frau Meisterin in dem Sagotönnchen Zucker gehabt, und diesen infolgedessen auch nicht verschlossen. Es könnte doch sein, daß sich das einmal wiederholte. Aber Christian fand keinen Zucker, so eifrig er auch mit seinen kurzsichtigen Augen in alle Tönnchen hineinsah, und er hatte keinen anderen Erfolg, als daß er in seiner Kurzsichtigkeit das letzte Tönnchen mit Korinthen vom Bort stieß. Da lag es in Scheiben, und die süßen kleinen Dingerchen kugelten durch die ganze Küche. Nicht allzu wenig zertrat er mit seinem lahmen Fuß, als er erschreckt vom Stuhl herabplumpte. Das würde einen Segen geben. Diese dumme Zuckersucherei! Mühsam hatte er die Scherben und die zerstreuten Korinthen wieder zusammengesucht, als die Hausglocke gezogen wurde. Der helle, fast schreiende Laut ließ ihn zusammenfahren, trotzdem er den Klingelnden erwartete. Aber wenn es der nicht wäre? Wenn Meisters wieder zurückkämen, etwas vergessen hätten? Das kam zwar nie vor, wenn der Meister mit ausging, während sie allein oft eines vergessenen Schirmes oder Taschentuches oder Kleingeldes wegen wieder umkehren mußte. Schnell warf er die Scherben in den Ascheimer, und es mußte erst ein zweites Mal klingeln, bevor er zaghaft ging, zu öffnen. Aber es war wirklich Hugo Winsemann, der ihm gleich eine große Tüte unter die Nase schob, deren fettiges Aussehen verriet, daß sie Kuchen enthielt. »Berliner!« sagte Hugo scherzend. »Das ist famos!« rief Christian. »Der Kaffee ist schon fertig.« Hugo zog schweigend noch eine kleine Tüte aus der Tasche. »Zucker,« sagte er kurz. »Zu dumm!« rief Christian, worauf ihn Hugo verständnislos ansah. Christian klärte ihn auf »Ja so. Das hättest du nachlassen können,« meinte Hugo. »Nun gibts Wichse und war gar nicht mal nötig.« »Wichse? Von wem?« fragte Christian gekränkt. Hugo errötete. Er wüßte, daß Christian von Frau Mile nichts zu fürchten hatte und daß nur Frau Sophie mal imstande sein könnte, Wichse zu verabfolgen, und daß er sich's wahrscheinlich gefallen lassen würde. Und diese Erkenntnis beschämte ihn. Er war froh, daß Christian auf dieses Thema nicht weiter einging und anfing, die »Berliner« auszupacken, wobei er sich ein paarmal die Finger leckte. »Sind doch gefüllt?« fragte er. »Ich weiß nicht.« Christian brach entschlossen einen der Pfannkuchen durch. »Pflaumenmus.« »Dann is in den andern auch was in,« sagte Hugo. Und die beiden großen Jungens waren glücklich, daß da »was in« war. Sie saßen am Küchentisch und ließen sichs schmecken, schlürften ihren Kaffee und leckten sich ab und zu die von Fett und Zucker klebrigen Finger geräuschvoll ab. »Hast auch wieder Kinder wiegen müssen?« fragte Christian. »Ach, weißt du – wenn ich nicht will, hab ichs ja nicht nötig. Mutter sagt das auch. Aber wenn das nicht lange dauert.« »Kann doch das Mädchen machen.« »Die Paula? Na, die hat auch genug auf n Hals, wenn die man lange bleibt.« »Mußt du ihr noch immer Wasser tragen?« »Müssen?« sagte Hugo überlegen. »Die hat mir auch was zu sagen.« »Warum tust du es denn?« »Warum? Ich hab es ein paarmal aus Gefälligkeit getan. Und dann reißt es immer gleich ein. Ich lach ihr jetzt auch was.« »Wie ist denn der Alte?« »Ach, der ist ganz nett. Du kennst ihn ja. Nur immer so grölich.« »Na, sie ist auch nicht leise.« »Die? Die hört man drei Häuser weit. Und immer hat sie was zu quäsen. Er schreit man nur so, er meint das nicht so. Aber sie ist n Aas.« »Du sollst das Aas aber doch grüßen, soll ich dir sagen. Und unsere Alte würde diese Woche mal rumkommen. Vergiß nicht. Sonst krieg ich n Ler.« Hugo schlürfte den letzten Tropfen seines Kaffees, indem er den Kopf ganz in den Nacken legte. »Ich will schon dran denken,« sagte er und löffelte sorglich den klebrigen Zuckerrest aus der Tasse. Nach dem Kaffee ging es in die Werkstatt, worauf sich Hugo schon die ganze Zeit gefreut hatte. Es war sonntäglich sauber hier. Christian hatte wie immer am Sonnabend alles aufpacken und die ganze Werkstatt ausfegen müssen. Kein Papierschnitzel lag umher. Und die Bücher, fertige und unfertige, lagen aufgestapelt, wie sie zusammengehörten, Leim- und Kleistertopf standen auf ihrem Bort, und die Gerätschaften lagen an ihrem Platz. Meister Behrens hielt auch in der Werkstatt pedantisch auf Ordnung. Die Fenster standen offen, und die frische Sommerluft zog durch den Raum, konnte aber doch gegen den hartnäckigen Kleister- und Leimgeruch, der hier allem anhaftete, nicht recht aufkommen. Hugo drehte mal an der Presse und befingerte eine kleine Stempelmaschine, aber sein Hauptinteresse galt doch den Bücherstapeln, die auf dem Werktisch lagen. Wie beneidete er Christian um diese kleister- und kalikogeschwängerte Atmosphäre, sie schien ihm köstlicher als die Holz- und Leimdüfte der Tischlerwerkstatt, wo man immer zwischen Hobelspänen und Sägemehl herumstapfte, zwischen langweiligen, schweren, toten Brettern lebte, die zu langweiligen, schweren, toten Schranken, Kommoden und Tischen zusammengenutet und geleimt wurden. Und war mal etwas Feineres, Interessanteres, dann machten es der Altgeselle und der Meister, und im übrigen war es alles Fabrikware und über einen Leisten. Hier war doch jedes Buch ein köstlich Ding für sich und war vor allem ein Buch, etwas was einen Inhalt hatte, der mit tausend Zauberstimmen lockte. Täglich mit Büchern umgehen zu dürfen, mit flinken Blicken von ihrem Inhalt erfassen, welches Glück. Hugo konnte es nicht lassen, er mußte in einigen broschierten Büchern blättern, wobei Christian ihn mit besorgten Blicken beobachtete. »Herrn Heinrich seine,« erklärte er. »Der läßt eine Masse bei uns binden. Das sind man Schulbücher. Aber hier, hier sind Bilder in. Das ist n Kunstgeschichte.« Er bereute schon seinen Hinweis, denn Hugo hatte das Buch sogleich in Händen und war entzückt über die Bilder. »Du, das muß ich mal durchsehen. Nur die Bilder. Mensch, was ein feines Buch!« Und er nahm das Buch auf den Schoß und besah Bild für Bild. Und auf einmal zierte ein fettiger Daumenabdruck den Rand der Madonna von Holbein. Hugo schlug schnell um und rieb sich die Finger hastig an den Hosen ab. Ob Christian es gesehen hatte? Nein, er hatte es nicht gesehen. Hugo blätterte ein paar Bilder weiter, mit spitzen Fingern, und mochte dann auf einmal nicht mehr. »Komm, laß uns hinaus gehen, es ist so schön im Garten heut.« Und Christian war froh, den Freund wieder aus der Werkstatt los zu sein. Er schnökerte ihm zu viel. Und wenn der Meister etwas in Unordnung fand, quäste er. Draußen auf dem kleinen sommergrünen Hofplatz war es auch wirklich schöner als in der »Kleisterbude«. Es war kühl und schattig da, die Sonne lag nur noch auf den Dächern ringsherum. Ein Spatzenpaar flog, als die beiden Jungen kamen, aus dem alten Dornbusch auf und setzte sich auf die Dachtraufe des Nachbarhauses. Fast in allen Hinterhäusern waren die Fenster geöffnet. Weiße Gardinen bewegten sich ganz leise im lauen Zugwind. Ein Kanarienvogel sang noch irgendwo. Hin und wieder klang eine helle Stimme, ein Lachen aus irgend einem der offenen Fenster. In einem entfernteren lag ein Mann in Hemdsärmeln und ließ die lange Pfeife behaglich hinauspendeln. Es war ein Sonntagnachmittagsidyll hinter den Häusern, von dem die Straßenpassanten nichts merkten. Auf der Bank unter dem Dornbusch saß es sich gut, namentlich wenn man so allein sitzen und sich ungestört aussprechen konnte. Und zum Aussprechen gab es genug zwischen zwei Lehrjungen, deren Meister Brüder waren und deren Meisterinnen in Haus und Werkstatt ihre Ansprüche machten. Christian erkundigte sich grade, ob Hugo auch schon mal wieder was mit der »Alschen« gehabt hätte, als im ersten Stock ein Fenster aufgestoßen wurde und Herr Heinrich dort erschien. Er nickte freundlich herunter und trat wieder ins Zimmer zurück. Die beiden Jungen erschraken ein wenig. Christian hatte nicht gewußt, daß Herr Heinrich zu Hause sei, oder war er grade erst gekommen? Und Hugo gedachte des Fettfleckes in der Kunstgeschichte. Herr Heinrich erschien wieder am offenen Fenster und steckte sich eine Zigarre an. Dann lehnte er sich hinaus. »Habt Ihr noch Platz für mich?« »O Gott, du, er will runterkommen,« flüsterte Hugo. Christian rief ein Ja hinauf. »Mensch, laß ihn doch,« sagte er zu Hugo. »Der tut uns doch nichts.« Herr Heinrich wollte ihnen aber doch zu Leibe gehen und zwar mit einem Vorschlag, dessen sich die Jungen nicht versahen. Er rückte zu ihnen auf die Bank und erzählte ihnen von Pastor Collasius. Sie hörten ihm mit großen Augen zu und mochten dort wohl mittun. Sie hatten aber beide eine Schüchternheit zu überwinden. Christian von wegen seines Buckels und seines Hinkens. Aber Herr Heinrich wußte alles so hübsch auszumalen, daß sie zuletzt sagten, sie hatten wohl Lust, wenn »ihre Alten«, damit meinten sie die Meister, einverstanden seien. »Und eure Eltern?« ergänzte Herr Heinrich. »Ach, meine Mutter tut alles, was Sie wollen,« platzte Hugo heraus. Herr Heinrich lachte. »Dann hätten wir ja leichtes Spiel.« Christian hatte keine Eltern mehr. Er war eine Waise und wie Kind im Hause bei seinem Meister. Jetzt wurde er rot, als Herr Heinrich von den Eltern sprach. Das gefiel diesem. Jungen, die rot werden, auch wo sie es gar nicht nötig haben, sind aus einem feineren Stoff. »Der Anton Krautsch muß auch mitmachen,« sagte Lehrer Heinrich. »Du kennst ihn ja, Hugo, bearbeite ihn.« Hugo machte ein bedenkliches Gesicht. »Du meinst, er tuts nicht? Er hat freilich schon andere Sachen im Kopf, ich sah ihn –«. Herr Heinrich besann sich und brach ab. Er hatte Anton vor einer Stunde auf St. Pauli getroffen, die Zigarette im Munde, rücklings auf einem eiergelben Karussellöwen reitend. Und neben ihm, auf einem grasgrünen Drachen, hatte ein älterer Mensch, wahrscheinlich ein Geselle aus der Schlosserei, gesessen. Und der hatte Unsinn mit zwei Mädchen getrieben, die sich breit und frech in dem Schlitten rekelten. Das wollte er den beiden Jungen doch lieber nicht erzählen. »Ich sehe Anton nur selten,« sagte Hugo. »Ich sehe ihn täglich,« sagte Christian, »wenn er morgens in die Werkstatt geht, aber ich kenne ihn nicht.« Und dabei errötete er wieder. Krischan Hink! riefen ihm die Straßenjungen nach. Und das hatte Anton einmal gehört. »Du Britt!« hatte er einen der Schreier angefahren und ihm einen Katzenkopf versetzt. Seitdem trug Christian eine heimliche Liebe zu Anton im Herzen. Aber Anton beachtete ihn nie, und er wagte nicht, den kräftigen Schlosserlehrling mit dem offenen, unbekümmerten Gesicht anzureden. So ein armer Junge mit einem Spitznamen wird schnell scheu. »Ich werde selbst mit ihm sprechen,« sagte Herr Heinrich. »Er ist ein frischer Bengel. Den lassen wir nicht aus den Fingern.« Das Herz des Buckligen glühte, als er so Antons Lob hörte. Ob er wohl einmal Freund mit ihm werden könnte? So wie mit Hugo? Drittes Kapitel Christian hatte der Scherben wegen keinen guten Nachtwunsch von Frau Behrens bekommen. Ein Segen ging auf sein schuldiges Haupt nieder, den er gern jedem andern gegönnt hätte. Er stieg betrübt und gedemütigt ins Bett und lag lange wach in seinem Kummer, bis der Gedanke an Herrn Heinrichs Vorschlag, und die Aussicht, Anton Krautsch vielleicht kennen lernen zu sollen, sein Gemüt wieder erhellte und zuletzt in einen sanften Traum überleitete. Am Montag morgen, als er die Laden vom Schaufenster nahm, sah er vergeblich nach Anton Krautsch aus. »Hinkefuß!« höhnte ihn ein kleiner Knirps. Er tat, als hörte er das nicht. Seine Gedanken waren bei Anton. Aber Anton machte zum erstenmal einen blauen Montag. Er hatte am Sonntag St. Pauli ein wenig gründlich genossen. Hellmann, der jüngste Geselle aus der Sichelmannschen Schlosserei, hatte ihn kräftig ermuntert. »Sei kein Stint! wärst doch n Glas Bier vertragen können.« Und dann die Karussellfahrt mit den Deerns. Die waren beide sehr laut und frech gewesen. Doch Hellmann wußte gut mit ihnen umzugehen, und Anton fühlte sich wirklich etwas geschmeichelt, als die Kleinere ihn auch schon für voll nahm und sich ungeniert an seinen Arm hing. »Na, mein Süßen, nu sei man mal n bischen nett.« Diese Anrede stieß ihn freilich ab, aber das Mädchen war munter, und er fand sie auch hübsch. Und sie hatte so eine freche Art, sich an ihn zu drängeln, die ihn verwirrte. »Du büst n richtigen Feger,« hatte Hellmann zu ihr gesagt. »Bün ick ok,« war die patzige Antwort gewesen. Anton war spät heimgekommen, und hatte eine schlechte Nacht gehabt. Mit Ekel war er am Morgen aufgewacht. Sein Kopf schmerzte ihm, und er war nicht fähig, aufzustehen. Die Bilder des gestrigen Sonntagsbummels zogen wüst durch sein Hirn. Er hatte im Rausch das Mädchen geküßt; es hatte auf seinem Schoß gesessen. Und die andere, die lange Elsa, hatte in Hellmanns Armen gelegen. Sie hatten Grog getrunken, und die Mädchen Weinpunsch. Nie ginge er wieder mit Hellmann aus. Frau Krautsch stand vor seinem Bett und schalt ihn aus, zwang ihn aber nicht, aufzustehen. »Pfui! willst du so n Schwein werden? Schämst du dich nich? Wenn das dein Vater gesehn hält! Er war so n nüchternen Mann ümmer.« Das beschämte ihn doch, um so mehr, als Mutter Krautsch ohne Rücksicht auf Lene Lerch ganz laut losschalt. Lene hatte gewiß alles gehört. Mutter Krautsch wollte wissen, wo er gewesen sei. »Mit Hellmann zu Bier,« sagte Anton. Von den Mädchen sagte er natürlich nichts. »Daß du mich nich wieder mit dem Lumpen gehst, hörst du?« Anton machte einen schwachen Versuch, Hellmann zu verteidigen, aber er fühlte sich so elend, daß er gerne schwieg und die Mutter reden ließ. Anton war ein fleißiger Arbeiter, und sein Beruf gefiel ihm. Er hatte keine flinke, aber eine ruhige und geschickte Hand, deren Fleiß und Sicherheit die »Fixigkeit« ersetzte. Er war gern in der Werkstatt, wenn es um ihn herum hämmerte und kreischte und surrte, die Eisenspäne flogen, die Funken sprühten, und der feurige Schein an den Wänden hinaufsprang und sich da mit den schwarzen Schatten der Arbeiter zu balgen schien. Alles machte ihm Vergnügen, ob er mit der leichten Feile am Schraubstock, oder ob er am Amboß stand und den wuchtigen Hammer schwang. Hatte er schwere Eisenstangen auf der Schulter über den Hof zu tragen, freute er sich der Kraftprobe. Es war ihm alles recht, schon als Arbeit an sich. Es war einmal der Drang in ihm, sich irgendwie zu beschäftigen, sich nützlich zu machen, etwas fertig zu stellen. Hier, in diesem großen Getriebe aber sah er, wie alles, auch das geringste, einen Zweck, eine Folge hatte, und wie die kleinste Niete an ihrem Platz nicht fehlen durfte, sollte das Ganze bestehen. Natürlich philosophierte er nicht darüber, sondern erkannte diese Ordnung der Dinge unbewußt an, indem er sich darin wohl fühlte. Jener St. Pauli-Sonntag mit Hellmann und den Mädchen lag gar nicht in seinen Liebhabereien. Er blieb nach Feierabend regelmäßig zu Hause bei seiner Mutter und Lene Lerch, denen er noch manche Handreichung tat. Und er kannte kein anderes Bedürfnis, als nach den Bratkartoffeln, die Mutter Krautsch ihrem Anton jeden Abend vorsetzte, fett gebraten und mit ein wenig Zwiebeln drin, noch auf dem Sofa zu sitzen und die kurze Pfeife zu rauchen, die die Mutter ihm aus dem Nachlaß des Vaters geschenkt hatte. Wenn die Pfeife leer war, war der ausgestopfte Affe auf dem Eckschrank in einen leichten Rauchschleier gehüllt, und Papchen fing an, sich vor dem Tabaksqualm auf das äußerste Ende seiner Stange zurückzuziehen, was ihm natürlich nichts half. Eine zweite Pfeife gestattete Mutter Krautsch nicht im Zimmer. »Dann smök buten, min Jung. Rökern Fleesch salst nich ut mi maken.« Aber Anton verzichtete gern auf die zweite Pfeife. Er blieb lieber hinterm Tisch hocken, klöhnte, oder ließ sich von seiner Mutter aus dem »General-Anzeiger« vorlesen. Lene Lerch saß dann mit in der Stube, strickte an ihrem Strumpf und hörte mit dem eigentümlichen starren Ausdruck ihrer großen grauen Augen zu. Sie war noch einen halben Kopf gewachsen, war aber auch noch magerer geworden, als sie schon war, trotz der guten Kost, an der es ihr bei Mutter Krautsch nicht fehlte. Anton kümmerte sich nicht viel um sie. Er war von klein auf an sie gewöhnt, eine Hausgenossin, die nun mal dazu gehörte, halb Schwester, halb Magd. Er hatte noch immer für die »Deerns« nicht viel übrig, und an jene Karussell-Toni dachte er nur mit Ekel und Ärger. Pfui Teufel! Geküßt hatte er sie. Er spuckte aus bei dem Gedanken. Lene Lerch aber war ihm gram, ob seiner Gleichgültigkeit. Sie wußte freilich, er ging noch mit keiner. Er war so solide. Er war ja auch erst sechzehn Jahre alt. Aber er war ein so großer und kräftiger Junge. So groß wie seine Mutter schon. Und was für Kräfte hatte er. Seine Finger waren wie Schraubstöcke, und seine Muskeln wie Eisen. Er ließ sie das manchmal im Scherz fühlen, ohne zu ahnen, wie wohl er ihr mit diesem Schmerz tat. Sie war jetzt zwanzig Jahre alt, aber bei ihrem schmächtigen, unentwickelten Körper erschien sie jünger. Aber ihr Körper war reizlos, und keiner warf ein begehrliches Auge auf sie. Mariechen Mau, das dumme Ding, die gerade konfirmiert worden war, wurde von jedem angelächelt, wenn sie mit ihren blonden Zöpfen vor dem Torweg stand, und ein junger Laps von Straßenbahnschaffner warf ihr immer Kußhände zu. Sie, Lene, bekam höchstens mal einen frechen Blick von einem vorübertorkelnden Matrosen. Anton freilich fand auch an Mariechen Mau nichts. »Der Aff,« sagte er wegwerfend. »So n dummes Göhr.« Lene hätte ihn dafür küssen mögen. Seine Mutter verwies es ihm freilich. Mariechen Mau wäre eine kleine nette, freundliche Deern, die ihrer Mutter schon fix an die Hand ging. »Laß sie doch. Is ja nett von ihr,« sagte Anton. »Aber was hat sie da immer am Torweg rumzudammeln.« »Warum soll sie das nich? Sie will auch mal n büschen frische Luft haben.« Na ja, das konnte sie denn ja seinetwegen. Anton gönnte ihr so viel frische Luft, wie sie haben wollte. Das tat er wirklich. Luft braucht der Mensch, viel Luft, das sah er ein. Und da hinten in dem alten Kasten, na, da hatte seine Mutter nun ja recht. Anton grüßte an jedem Abend Mariechen Mau ganz freundlich und sah sie mit etwas mehr Interesse an. Er fand aber doch nichts besonderes an ihr, und in Zukunft dachte er immer, wenn er sie dort stehen sah: »Die schnappt schon wieder Luft.« So bekam sie ohne ihr Zutun, ganz unschuldigerweise, etwas Komisches, Lächerliches in seinen Augen. Und er fand, daß sie etwas reichlich lufthungrig wäre. Daß ihr diese Sättigung gut bekam und sie immer mehr zu einem frischen, ansehnlichen Mädchen gedieh, dafür hatte er keinen Blick. Viertes Kapitel Fritz Kleesand war wieder da. Er war über ein Jahr weggewesen. Die »Alaska« lag bei Thoms und Dieckmann in Dock und Käpt'n Krützfeld richtete sich auf ein paar gemütliche Wochen »bei Muttern« ein. Die »Alaska« hatte böses Wetter gehabt und bedurfte einer gründlichen Kalfaterung. »De Biskaische See hev ick op n Kieker,« sagte Fritz zu Anton. »Minsch, ick kann Di seggn, ick kann wat verdregen. Aber dat wär to dull.« »Büst noch grod so n Prohlhans als eh,« sagte Anton. Aber er tat ihm unrecht. Fritz Kleesand konnte etwas vertragen. Käpt'n Krützfeld hatte bei Kleesands in der Schenke gesagt: »De Jung is got.« Und so was sagte Käpt'n Krützfeld nicht, wenn er es nicht so meinte. Freilich hatte er auch hinzugesetzt: »Aber n Windhund is he.« Und glaubte man ihm das eine, mußte man ihm auch das andere glauben. »Na, wenn Se man mit em tofreden sind,« sagte Vater Kleesand. »Dat Anner givt sick sach.« Und Mutter Kleesand meinte: »He ist jo noch jung, Krützfeld, holln Se em man stramm, dat schad em nix.« Der Windhund machte auch äußerlich diesem Namen Ehre. Er war lang und dürr, wie er es zu werden versprochen hatte, dunkelbraun von Sonne und See gebrannt, mit flinken, hellen Augen und flachsblondem Haar auf dem länglichen Fuchsschädel. Anton blieb ihm gegenüber Skeptiker. »De Hund lügt,« sagte er zu Lene. Die aber hing an Fritzens raschem Mund. Anton war immer so mundfaul. Hier aber bekam man doch mal etwas zu hören. Und Fritz Kleesand kargte nicht mit Erzählungen. Er ging überall herum und kramte seine Geschichten aus. Als er bei Krautschens auf dem Fensterplatz neben Papchens Bauer saß, streifte er sogar seine Ärmel auf und zeigte seine tätowierten Arme. »Dat is jo as n Wilden,« sagte Mutter Krautsch. Fritz lachte selbstgefällig. »Hier hev ick de ganze Sternkort.« Er schlug sich auf die Brust. »Na, na, dor kann woll nich mehr as n halben Man Platz finn'n,« sagte Anton, der sich ärgerte. »Bit op Liev dal,« erklärte Fritz und fuhr mit dem Finger vom Hals herab bis auf den Gürtel. – Bei Winsemanns sprach er Hochdeutsch. Hugo sprach zu Hause nie platt. Fritz Kleesand wollte zeigen, daß er auch »feinschnacken« konnte. Er hatte erst nicht zu Winsemanns hinwollen. Er war ja mit Hugo im Unfrieden auseinandergegangen. Hugos Krankheit und der Tod von dessen Vater genierten ihn auch. »Da soll man erst lang von schnacken.« So was mochte er nicht gern, aber seine Mutter meinte: »Dat geiht nich anners, Fritz, hen müst.« Da war er denn widerwillig gegangen. Aber er fühlte sich bald ganz wohl da. Frau Winsemann tat, als ob ihr eine große Ehre erwiesen würde, und Hugo schien den alten Streich ganz vergessen zu haben. Und was für ein dankbarer Zuhörer war er. Er bewunderte Fritz Kleesand und beneidete ihn und träumte sich mit ihm hinaus in das Toben der Stürme, in die ungeheure Stille des ruhenden Meeres. Fritz merkte bald, daß er hier Eindruck mache, und gab sich in seiner ganzen Herrlichkeit. Frau Winsemann begleitete ihn beim Abschied bis an die Treppe. Im Torweg traf Fritz auf Mariechen Mau, die gerade »etwas Luft schnappte«. Er tat ganz überrascht. »Deern, büst du grot worn.« »Sie sind auch nicht kleiner geworden,« sagte sie schnippisch. »Na, Fräulein, Sehnsucht zieht in die Länge.« Er legte die Hand aufs Herz und schnitt eine verliebte Grimasse. Das war so seine Art, mit Mädchen umzugehen. Nur nicht lange Vorreden. »So bleiben Sie man ne Stunde stehn, sieht nett aus,« sagte sie und ging mit geringschätzendem Achselzucken von ihm. Er lachte kurz auf. »Wie danzt noch tosam!« rief er ihr nach. * Leiden mochten sie ihn schließlich alle nicht. Auch Winsemanns ließen sich nicht lange blenden. Käpt'n Krützfeld hatte zwar gesagt, daß Fritz ein tüchtiger Seemann werden würde. »De hört op t Water. So n Jungs brukt wi.« Das mochte ja wahr sein. »Aber er hat so was an sich, was man nich mag,« sagte Mutter Krautsch. Fritzens Eltern waren natürlich stolz auf ihren Jungen, und freuten sich, wenn er bis in die Nacht hinein zwischen ihren Gästen saß und fix mit prahlte. Manchmal fuhren ihm die älteren, erfahrenen Schiffer über sein flinkes Mundwerk. Aber dann lachte er, war nicht empfindlich und war bald wieder ebenso laut. Man sah ihm als Haussohn ja manches nach, was man sich sonst von einem Schiffsjungen nicht gefallen lassen hätte. Die einzige, der sein Wesen wirklich imponierte, war Lene Lerch. Die vielen breiten blauen Ringe um seinen nackten, sehnigen, braunen Arm hatten den Ausschlag gegeben. Sie wußte, daß man sich nicht schmerzlos so verzierte. Und nun gleich so. Das mußte ja furchtbar weh getan haben. Er aber hatte getan, als ob das gar nichts wäre. Und nun hatte er auch auf der ganzen Brust noch solche Bilder. Sonne, Mond und Sterne, die ganze Himmelskarte. Sie mußte immer daran denken, wenn sie ihn sah; sie möchte das wirklich wohl mal sehen. Eigentlich sollte sie sich ja schämen. Aber es war nun doch mal so. Wenn sie ihn sah, war es ihr immer, als sähe sie durch seine Bluse hindurch diesen blaugestirnten Himmel. Und nun kam Fritz Kleesand gar und fragte sie, ob sie nicht mal mit ihm ausgehen wolle. »So n bißchen zu Tanz.« Sie glühte hoch auf. Das war ihr noch nie geschehen. Aber Mutter Krautsch wollte es nicht erlauben. »Nee, Herr Kleesand, das ist nichts für das Mädchen. Da ist sie noch viel zu jung zu.« »Nanu,« meinte Fritz. »Zu jung zu?« »Ja, für Sie ist sie noch zu jung dazu,« sagte Mutter Krautsch bestimmt. »Nu setzen Sie ihr man weiter nichts in Kopf.« »Am Ende bin ich auch noch zu jung dazu.« »Sie gehen mich nichts an. Tanzen Sie man so viel als Sie wollen.« »Ja, Fräulein, denn ein andermal.« Lene Lerch stand stumm und wütend dabei. »Wenn Sie noch nich das richtige Öller haben.« – Er lächelte spöttisch. Lene Lerch ging in die Küche und weinte. »Wie kann man darüber weinen,« sagte Mutter Krautsch, die sie in Tränen fand. »Ich vertret Mutterstelle an dich, und ich erlaub es nich. Mit dem Windhund nich. Mit dem sollst du nich auf dem Tanzboden herumtralahn.« Lene schluckte und schnuckte. »Ich möcht auch gern mal tanzen. Ich hab noch nie getanzt.« Mutter Krautsch verstand den Vorwurf. »Die Deern hat ja auch nich viel Vergnügen, darin hat sie ja recht,« dachte sie. »Sollst auch Lene. Kannst noch viel tanzen. Aber nich mit Fritz. Glaub mich, ich kenn die Welt. Fritz is n Windhund.« Lene Lerch weinte noch in der Nacht und war böse auf Mutter Krautsch und auf ihr Schicksal. Und Mutter Krautsch lag in ihrem Bett und dachte: Du hast doch recht getan. Aber Lene tat ihr leid. Sie hatte ja auch eigentlich wenig Vergnügen. Mein Gott, das brachte das Geschäft so mit sich. Und dann, wenn ein Mädchen ordentlich bleiben soll, muß man sie hüten. Mutter Krautsch meinte es gut mit Lene Lerch, wenn sie sie kurz und strenge hielt. »So n Mädchen, das nichts ist und nichts hat, muß an die Arbeit gewöhnt werden. Dann kann n Mann ihr mal brauchen, und sie bringt ihm wenigstens ein paar fleißige Hände mit in die Ehe.« So dachte Mutter Krautsch. Und Lene Lerch lernte das Arbeiten gründlich bei ihr. Gab es im Laden und in der Küche nichts mehr zu tun, mußte sie stricken. Zu stricken gab es immer etwas, für Anton und sie und für Lene Lerch selbst. Anton brauchte viele Strümpfe. Und was für Strümpfe. Lene Lerch brauchte lange Zeit, bis sie so ein »Riesenfutteral«, wie Anton selbst sagte, fertig hatte. Lene Lerch war bisher immer zufrieden gewesen. Damit ihr die Enge ihres Lebens so recht zum Bewußtsein kam, hatte erst Fritz Kleesand wieder aus Australien zurückkommen und sie zum Tanz einladen müssen. Ein Windhund sollte er sein. Warum? Sie hatten nur alle was auf ihn. Wenn Fritz n Windhund wäre, wäre Anton n Elefant. Dem wäre es nicht im Traum eingefallen, daß er sie zum Tanz führen könne. Der? Der machte sich ja überhaupt nichts aus den Mädchen. Der war n Muttersohn und Stubenhocker, so n richtigen Klaas. Als Lene Lerch am Morgen aufstand, fand sie, daß sie eigentlich ein ganz unglückliches Mädchen sei und es nicht so gut hätte wie es sein könnte, und daß sie Anton haßte. Fritz Kleesand aber hatte die ganze Nacht durchgetanzt. »Feine Deerns,« wie er zu Anton sagte. »Dor gah ick nastens werrer hen. Wullt mit? Oder dörfst ok noch nich danzen?« Aber Anton wollte nicht. »Dat Rumhopsen makt mi keen Vergnögen.« »Junge, Junge. Din Mutter hätt di got treckt,« höhnte Fritz. Fünftes Kapitel Fritz Kleesand hatte doch etwas Revolution in Krautschens Keller getragen. Anton ärgerte sich über Fritzens höhnisches Wort: »Din Mutter hett di got treckt.« Anton meinte nur nach seinem Gefallen zu leben. Seine Mutter legte ihm nie etwas in den Weg. Die Vierreise mit Hellmann damals – na ja, da hatte sie einen Trumpf ausgespielt. Aber er hätte auch aus freien Stücken solchen Sonntagsbummel nicht wiederholt. Das war wirklich nicht nach seinem Geschmack. Daß er sie um ihre Einwilligung fragte, ob er Herrn Heinrichs Lehrlingsabende besuchen dürfe, das verstand sich doch von selbst. Und wenn etwas Geld kostete, da hatte doch die Mutter gewiß ein Recht mitzusprechen. »Got treckt.« Natürlich hatte sie ihn erzogen. Alle Kinder werden von der Mutter erzogen. Und mehr oder weniger zurechtgestoßen. Das gehört sich auch wohl so. Aber Fritz meinte das anders. Und das ärgerte ihn. Es war ein dummes, albernes Wort. Als Anton am Abend Appetit auf eine zweite Pfeife hatte und sie sich versagen mußte, weil seine Mutter ihn sonst aus dem Zimmer geschickt hatte, fiel ihm dieses dumme Wort wieder ein: »din Mutter hett di god treckt«. »Dat man ümmer sin Piep buten smöken möt, is egentlich n Verlangen, Mutter,« sagte er mit gutmütigem Vorwurf, indem er sich aus der Sofaecke erhob. »Wat? wullt du hier noch mehr rökern? Keine Neuerung, mein Sohn. Das gibt es nich.« »Hm,« dachte Anton indem er den Rauch der zweiten Pfeife, in der Kellertür lehnend, bedächtig die Kellertreppe hinaufblies. »Dat hett se ja dörchsett.« »Nu is dat ja mol so inreten,« sinnierte er weiter. »Und wenn se dat nu mal nich verdregen kann. Vadder wär ja so 'n soliden Mann. He drünk nich, und rök nich, und speel nich, as man von allns so n lütt Piep vull. Hett se em treckt oder hett he ehr so vertrocken?« Mit einmal ging ein leises Lächeln über sein Gesicht. Er trat in die Stubentür zurück, blies wie zum Schabernack eine mächtige Rauchwolke ins Zimmer und fragte: »Segg mal,Mutter, hett Vadder egentlich gern danzt?« »Wo kümmst dor op?« war die Gegenfrage. »Ick meen man. Ick dach so an Kleesand gistern abend. Und wat ick mi wull op n Danzböden amüsiert harr.« Lene Lerch, die schon bei der ersten Frage den Strickstrumpf in den Schoß hatte fallen lassen, sah gespannt auf den Sprecher in der Tür und dann auf seine Mutter. »Harst ja man hengaan kunnt,« war die ruhige Antwort. »Amüseert harst di wull fach.« Anton war überrascht. Meinte sie das wirklich so, oder machte sie sich lustig über ihn? Lene Lerch aber dachte: Nu sieh, ihm erlaubt sie es, und du bist doch vier Jahr älter. Das ist nur das dumme Vorurteil gegen Fritz Kleesand. Anton blies noch mal in Gedanken eine Rauchwolke ins Zimmer. »Jung, smökt buten!« schalt Mutter Krautsch. Mechanisch gehorchte er. »Wist doch mal eens mit Fritz to Danz,« dachte er. Lene Lerch aber machte sich Hoffnung, er könne an sie denken. Und da sagte auch Mutter Krautsch wirklich, als ob sie ihre Gedanken erriete: »Mit Anton is dat ja n anner Saak. Warum fall he nich mal danzen. He is son Windhund nich als Fritz is.« »Anton kann doch nicht mit mir zu Tanz gehen,« sagte Lene lauernd. Nun mußte Mutter Krautsch mit der Sprache heraus. »Ne, mit di nich, Kind. Dat is ja ok nich nödig. He find fach Mätens noog.« »Mariechen Mau z. B.« sagte Lene spitz. Mutter Krautsch hob den Kopf. In welchem Ton sie das sagte. »Wie kümmst du op Mariechen Mau? Mit Mariechen Mau geiht Anton nich to Danz.« Sie malte sich das aus: ihr Anton Mariechen Mau zu Tanz führend. Was würde Frau Mau sagen. Anton hatte ja für Marie nicht viel über, das wußte sie ja. Aber das kommt manchmal wunderlich. »Du hast dwatsche Gedanken, Deern,« sagte sie, und es klang fast böse. Haha, dachte Lene, da ist doch was los. Hab ich mir das nicht lange gedacht? Dieser Aff, dieser Fratz, diese freche Deern mit ihren koketten Blicken. Lene Lerch kniff die Lippen zusammen und strickte, daß die Nadeln klapperten. Mutter Krautsch dachte an Lenens gestrige Tränen und an ihr Versprechen. »Vör di kümmt ok mal n Tied,« sagte sie und fuhr kurz und stoßweise fort: »Hev ick di jo seggt – lat em man erst werrer weg sin mit sin besmeert Fell – de indianische Windhund – ick gah schon mal eens mit di to Tanz.« Lene mußte lachen. »Mutter wull mit mi danzen.« Mutter Krautsch lachte mit. »Ja, Lene, wie beid walzt mal tosam. Brukt wie gorkeen Mannslüt dorto. Ick danz die noch teinmal üm.« Lene lachte wieder, etwas süßsauer. »Min Irnst, Deern. Wi gahn mal tosam ut, wo anständige Bürgerslüd hengahn könt, Öllern mit ehr Döchters. Und dann – ja, Anton kann ja ok mitgahn – und dann find wie ok woll noch een annern jungen Mann.« »Mutter, wat büst nett,« sagte Lene. »Wat hög ick mi.« Mutter Krautsch hatte sich eigentlich in ihrer Gutmütigkeit jedes Wort so nach und nach abgerungen, hatte jedes mit einem stillen Bedenken dagegen begleitet. Tanzboden ist Tanzboden, anständig oder nicht. »De ersten Grappen kriegt so n Deern op n Danzbön.« Und dann waren auch egoistische Gedanken leise tätig. Wenn sie Lene Lerch mal entbehren sollte? Sie waren nun mal aneinander gewöhnt. Anton und Lene lebten ja wie Bruder und Schwester nebeneinander. Wenn sie aber zusammen ausgingen, ob sich das Verhältnis nicht verschieben würde? Anton war ja freilich noch viel zu jung. Lene war ja vier Jahre älter. Aber was macht das. Tante Mile ist fünf Jahre älter als ihr Hinnerk. In diesem Augenblick kam Fritz Kleesand die Treppe hinunter und trat mit Anton ins Zimmer. »n abend meine Damens, stör ich nich?« »Nein, nehmen Sie man Platz,« lud Mutter Krautsch etwas zögernd ein. Lene Lerch war dunkelrot geworden unter Fritzens Blick und strickte mit einer fieberhaften Emsigkeit. »Dat geiht ja as n Maschin,« rief Fritz. »Dunner noch mal!« »Lene, hal mal n Buddel Beer,« sagte Mutter Krautsch. »Latens doch, bliv sitten, Deern,« protestierte Fritz. Aber Lene sprang heftig auf und lief hinaus. Frechheit, sie Deern zu nennen. Sie mochte gar nicht wieder hinein gehen. »Lene! Deern! Nödel doch nich immer so!« Lene fuhr zusammen. Nödeln. Als ob sie immer nödelte. Was mußte er von ihr denken. Mit hochrotem Kopf kam sie wieder herein, unter jedem Arm zwei Flaschen Lagerbier. »Ganze Batterie!« ulkte Fritz. »Die kriegen Sie nicht alle allein,« sagte sie schnippischer, als sie wollte, und mußte sich auslachen lassen. Sie ärgerte sich und wollte wieder hinaus. »Hier bleiben, Fräulein!« Er hielt sie ungeniert am Arm zurück. »Bier trinken darf sie doch?« Er kniff ein Auge zu und sah mit komisch fragendem Blick Mutter Krautsch an. »Gewiß, warum soll sie kein Bier trinken dürfen.« Mutter Krautsch schien die Anzüglichkeit nicht verstanden zu haben. Aber Lene war hellhöriger. »Ich danke,« sagte sie. »Du trinkst doch sonst,« sagte Anton, der bisher etwas verlegen sich mit Papchen zu schaffen gemacht hatte. Ihm kam Fritzens Besuch auch ungelegen. Er war noch nicht im klaren, wie er sich zu ihm stellen sollte. Als sie aber erst angestoßen, und Lene Lerch sich auch beruhigt hatte und mit der Zunge um den Mund herumfuhr, was sie immer tat, wenn ihr etwas gut schmeckte, ward es gemütlich. »n intressanten Bengel is er doch,« dachte Mutter Krautsch, als er wieder zwanzig Geschichten und mehr wußte und ihnen auftischte, was er erlebt hatte, oder erlebt haben wollte. Fritz Kleesand bevorzugte als Erzähler die Ichform, und obgleich Anton sowohl als Mutter Krautsch verschiedentlich das Gefühl hatten, »das lügt er wieder,« widersprach doch niemand. Lene Lerch war ganz Aufmerksamkeit und eines Staunens über Fritz Kleesand, den Seehelden. Wenn er doch noch mal seine tätowierten Arme zeigte, dachte sie, diese fürchterlichen blauen Ringe! Und unter dem weißen gestärkten Hemd, das er heute trug, sah sie Sonne, Mond und Sterne in lieblichem Glanze leuchten. »Speeln Se ok Klaveer?« fragte Mutter Krautsch nach der Erzählung von den weißen Mäusen, die dem Koch, einem Amerikaner gehörten, und die wie auf Kommando tanzten, wenn der Koch den Yankee-Doodle spielte. »Ach ja, Klaveer speel ick,« sagte er wohlgefällig. »Ick hev dor man lang nich min Fingers an halt. Dat Ding is mi ober Bord gan.« Nun wollte Anton ihn fangen. Das log er natürlich, wie die Geschichte von den weißen Mäusen gelogen war. Gewiß konnte er nichts als ein paar Töne quietschen. »Wo is min Klaveer, Mutter?« sagte er. »Dat 's recht, hal man mal her, Anton. In Schapv ünner in ligt dat.« Ob Mutter Krautsch auch dachte, Fritz Kleesand zu fangen? Aber Fritz sagte ruhig: »So, hest n Klaveer? Dat wies mal her.« Lenens Augen leuchteten. Sollte es noch Musik geben? Und richtig, Fritz Kleesand schlug die Beine übereinander, legte den Kopf zurück und probierte das Instrument. »Feines Klavier,« sagte er. Anton war beschämt und ärgerte sich. »Nu kann de Hund ok noch Klaveer speelen.« Mutter Krautsch hatte sich bei den ersten Tönen in die Sofaecke gedrückt und sah ganz glückselig auf Fritz. »Wo lang hev ick dat nich hört. Könen Se nich: »Wenn hier en Pott mit Bohnen steiht« – »Und dor en Pott mit Brie,« fiel Fritz ein. »Wat schall ich dat woll nich könen.« Und er spielte die Bohnenpolka. O wie das ging! Wie zu Tanz! Anton bekam Hochachtung vor solcher Fertigkeit und ließ seinen Ärger fahren. Er folgte mit der naiven Bewunderung des gänzlich unmusikalischen diesem so sicher auf den Klappen herumspringenden Fingern mit den Augen. Lene Lerch strahlte dem Spieler immer grad ins Gesicht. Mutter Krautsch aber saß ganz still in der Sofaecke, die hellen Tränen liefen ihr übers Gesicht. »Mutter, du weinst?« fragte Anton verwundert, als Fritz aufhörte. »Ach Anton, warum kannst du das nich auch spielen,« sagte sie mit einem Schluchzen und Zittern der Stimme. Und zu Fritz gewandt fuhr sie entschuldigend fort: »Mein seliger Mann spielte mich das immer vor. Und dann war das unser Hochzeitstanz. Ach Gott, und nu liegt er da schon so lange in das kalte Wasser –« Fritz, der Windhund, legte das »Klavier« still beiseite. Das waren echte Tränen. Die machten doch Eindruck auf ihn. »Nee, legen Sie nich weg,« bat Mutter Krautsch, sich energisch die Augen wischend. »Büschen müssen Sie noch spielen. Wie lange hab ich das nich gehört. Wenn Anton da man büschen fleißiger auf gewesen wär. Aber der alte Jung wollt ja nich.« »Wollt nich?« verteidigte sich Anton. »Wenn man da nun mal nich für inkliniert und die Begabung nich hat, is es ja woll auch schwer,« gab seine Mutter zu und sah Fritz fragend an. »Ja, das Genie muß man dazu haben,« sagte der großartig. »Speel di man nich op,« dachte Anton. Mutter Krautsch aber bekräftigte das. »Ja, Genie hört zu alles. Das is wie mit die Schiffahrt und wie mit die Schlosserei und mit jedes Gewerbe. Wenn man kein Genie dazu hat, dann wird man da nichts in. Aber nu müssen Sie noch mal »Lang, lang ist's her« spielen. Fritz Kleesand spielte »Lang, lang ists her« und »Muß i denn, muß i denn«, und »Die Wacht am Rhein« und noch einmal die Bohnenpolka. Und Lene Lerch ging und holte noch mal zwei Flaschen Bier unter jedem Arm. »Laß das Stricken nu man sein, mein Deern,« sagte Mutter Krautsch. »Nu sind wir hier in Konzert.« Lene legte den Strickstrumpf mit Freuden weg. Was war das für ein schöner Abend heute. Und jetzt fing Fritz Kleesand sogar an zu singen: »Mädel ruck ruck ruck an meine grüne Sei–ei–te, – Ich hab dich gar zu gern, ich mag dich leiden.« »Mitsingen,« sagte Mutter Krautsch. Und sie sangen ein Lied nach dem andern. Und Käpt'n Krautschens letztes Geschenk an seinen Sohn, das erst in dessen Hände kam, als der Vater schon lange zwischen Schottland und Irland irgendwo auf dem Meeresgrund schlief, und das dann selbst jahrelang im Dunkel von Mutter Krautschens Kleiderschrank verstaubte – heute kam es zu Ehren, beschwor den Schatten des »Seligen« wieder in den kleinen Kreis der Seinigen, spann mit seinen Klängen feine, weiche Fäden von Herz zu Herz und machte, daß Mutter Krautsch, nachdem Fritz Kleesand sich spät verabschiedet hatte, mit einem Ton, in dem etwas von Liebe klang, zu Anton und Lene sagte: »n Windhund is er doch. Aber man mag ihn doch woll leiden. Nur das eine Stück, weißt du, Anton, »Lang, lang ists her«, das konnt dein Vater doch noch viel besser. Der hatt da noch son eigenen Zug bei, so zu Herzen gehend. Ach, war da n Musik in.« * Lene hoffte von Tag zu Tag, Fritz würde mal wieder kommen und sie zum Tanz einladen, und Mutter Krautsch dann sicher nicht nein sagen. Und Mutter Krautsch hatte schon überlegt, ob sie in diesem Fall nicht mal ja sagen sollte. »Am Ende ist er doch nicht ganz so schlimm.« Aber sie hatte auch bald gemerkt, daß Lene Lerch Feuer gefangen hatte, und das machte ihr die Sache wieder bedenklich. »Nachher geht er wieder in See, und wer weiß, ob er wieder kommt. Und dann, die Welt ist schlecht, und junge Mächens, das weiß man woll.« Aber sie machten sich beide unnötige Gedanken, Fritz Kleesand kam nicht wieder, um zum Tanz einzuladen. Er kam nur, um Adieu zu sagen. Er möcht nicht länger so rum liegen. Das würde ihm zu langweilig. Die »Alaska« wäre noch lange nicht fertig, Käpt'n Krützfeld hätt die Gicht und wolle eine Reise zu Hause bleiben. Käpt'n Ahlers ginge mit der »Alaska« 'raus. Und das passe ihm nicht. Er hätte auch schon viel was besseres. Er hätte auf der »schwarzen Grete«, dem neuen Dreimaster von Blöcker Söhne angeheuert. Die ginge in drei Tagen nach Kalkutta. Na, da war ja nichts dran zu ändern. Sie wünschten gute Reise, und Lene ging in die dunkle Ecke zwischen ihrem Bett und der Garderobe mit den geblümten Kattungardinen, worin ihr bißchen Kleiderstaat hing, und weinte. »Adschüs, Fräulein,« hatte er ganz vergnügt gesagt, und war mit Lachen gegangen und hatte Sonne, Mond und alle Sterne unter seiner neuen blauen Bluse mitgenommen. Ganz dunkel war es um Lene in der kleinen Ecke zwischen Bett und geblümtem Kattun. Und aus dem Dunkel klang ihr unterdrücktes Weinen, abgerissen, klagend, wie das leise dumpfe Gurren einer kranken Taube. Mutter Krautsch bemerkte wohl die verweinten Augen, sagte aber nichts. »Man gut, daß sie nich mit ihm zu Tanz gewesen ist, das gibt sich alles,« dachte sie. Aber sie machte sich von jetzt ab andere Gedanken über Lene, als bisher. Sie dachte über ihre Pflichten nach, die sie dem Mädchen gegenüber doch eigentlich übernommen hatte. Als neunjährige Cholerawaise war Lene zu ihr ins Haus gekommen. Krautsch war gleich damit einverstanden gewesen. Lenens Vater hatte eine Zeitlang bei ihm als Koch gefahren. Er war zwar nicht sehr zufrieden mit ihm gewesen, und der Mann hatte es dann auch nachher am Lande nicht recht zu was bringen können. Aber so ein Sterben, gleich beide Eltern auf einmal, das löscht viel aus und macht das Herz weich und zu jeder Liebe willig. Und Lene hatte es gut bei den Pflegeeltern. Ja, Mutter Krautsch hatte sich nichts vorzuwerfen. Zu Fleiß und Ordnung und Ehrlichkeit hatte sie sie erzogen, hatte sie immer bei der Arbeit gehalten, damit sie nicht auf dumme Dinge verfiele. Aber nun war der »Windhund« gekommen und hatte gemeint: »Ne junge Deern muß auch mal tanzen.« Ach Gott, ihr Anton war ja so ganz anders, der hatte ja keinen Sinn für so etwas, und ihr Mann war auch immer so n Stilln und Häuslichen gewesen. Da war es immer so seinen ebenen Gang gegangen. Und Lene hatte ja auch nie geklagt. Sie hätte ja auch man mal was sagen können. »Aber das Mädchen hat n guten Charakter, alles was recht is. Und dann mag man nich viel sagen. Mein Gott, wenn man keine Eltern hat und is bei fremden Leuten, so etwas drückt auf das Gemüt, wenn mans auch noch so gut hat. So is das doch nich, wie bei der rechten Mutter. Das is ja nu man eben so viel, Mutter bleibt Mutter.« So brachte Mutter Krautsch sich immer tiefer in eine schöne Rührung hinein. Und als Lene abends schweigsamer und müder als sonst an ihrem Strumpf strickte, und Anton gerade draußen seine zweite Pfeife qualmte, sagte sie mit einmal: »Lene, gib mich mal die Hand,« und hielt die kleine, verarbeitete Hand des Mädchens warm und fest in ihrer großen weichen Rechten. »Du büst ümmer n gutes Kind gewesen, meine Lene. Ich meine es gut mit dich. Du mußt ümmer Vertrauen zu mich haben, wie zu dein Mutter.« Da fiel Lene Lerch ihr um den Hals. »Mutter,« schluchzte sie in einem Ton, den Mutter Krautsch nie von ihr gehört hatte, und barg ihr nasses Gesicht an deren breiter Brust. Als Anton hereinkam, sah er verwundert vier verweinte Augen. »Bleib man noch n büschen draußen, hörst du?« sagte Mutter Krautsch. »Ich hab allerlei mit Lene zu sprechen.« »Was haben denn die!« dachte Anton. Er meinte, Lene habe mehr glücklich als traurig ausgesehen. Sechstes Kapitel Eines Morgens hoben die Leute in der Hafenstraße im Vorbeigehen die Köpfe, standen auch wohl still und sahen sich die bunte Freude an, die da aus Fahnen und Girlanden hell in den schönen Septembermorgen hinauslachte. Die Haustür von Schiffshändler Ohlsen war mit einem dicken Kranz von Astern und Herbstgrün umkleidet, aus dem Giebelfenster hing die Hamburger Flagge tief herab und schlug kaum eine Falte in der stillen Luft, und vor sämtlichen Fenstern des ersten Stockes prangte ein üppiger Blumenflor. Auch der Torweg zu Ohlsens Gang war bekränzt. Knallrote Georginen umrahmten ein weißes Pappschild, auf dem mit großen schwarzen Buchstaben zu lesen war: »Wir gratulieren.« Kleine Papierfähnchen, kreuzweise befestigt, vollendeten an beiden Seiten des Tores den festlichen Schmuck. Transparent und Fähnchen hatte Hugo sich von seinem Freunde Christian aus der Buchbinderei besorgen lassen. Frau Winsemann, die ihre jetzige einträgliche Beschäftigung der Frau Ohlsen zu danken hatte, war besonders eifrig um eine würdige Feier des Tages besorgt gewesen, und der Einfall, den Torweg zu schmücken, war in ihrem Kopfe entstanden. Schiffshändler Asmus Andreas Ohlsen feierte seinen fünfzigsten Geburtstag. Er war so ein Mann, der gerne den Rock weit offen trägt, damit man seine schwere goldene Uhrkette bewundern kann. Warum sollte Schiffshändler Ohlsen der Welt vorenthalten, daß er heute in Ehren sein erstes Halbjahrhundert hinter sich gebracht hatte? Mochte sie es doch wissen. Zwar hatte er getan, als gingen ihm alle diese festlichen und gar nicht sehr heimlichen Vorbereitungen gar nichts an, und Frau Melitta hatte seine Hilfe auch nicht beansprucht. Nur die Liste der Einzuladenden mußte er natürlich mit aufsetzen und das Menü beraten. Aber im übrigen konnte er umhergehen, als ginge ihm wirklich die ganze Geschichte nichts an. »Ja, mein Gott, mal wird man auch fünfzig. Läßt sich nichts dabei machen. Aber daß das schon übermorgen ist – wenn meine Frau mich nicht daran erinnert hätte.« – So ungefähr tat er den Leuten gegenüber. Aber innerlich war er doch stolz auf diesen verfluchten Kerl, den Schiffshändler Ohlsen, der nun wirklich und wahrhaftig seinen fünfzigsten Geburtstag feiern und Flaggen aufstecken konnte: bitte, treten Sie näher meine Herrschaften. Sehen Sie sich das gern ein bißchen an. Hier feiert heute Schiffshändler Ohlsen, Asmus Andreas Ohlsen, derselbe, der früher sechs Jahre lang die »Ellida« zwischen Flensburg und Riga fuhr, seinen fünfzigsten Geburtstag. Sie sind gewiß von seiner Bedeutung und der Bedeutung dieses Tages durchdrungen. Wie sollten Sie auch nicht. Schiffshändler Ohlsen – Alles das riefen die kleinen lustigen Flaggen und die schreienden Georginen in die Ohren der Vorübergehenden, bis auf einmal ein einzelner rascher Windstoß kam und ihnen das Wort vom Munde wegnahm. Schiffshändler Ohlsen! so rief der Windstoß, die Straße hinabfegend, und die Leute steckten, soweit der Wind wehte, die Köpfe zusammen und fragten sich: Schiffshändler Ohlsen? Was ist mit Schiffshändler Ohlsen? »De hett n Kind kreegen,« sagte eine alte Frau. »Dumm Tüg. He hett sülbern Hochtied.« * Frau Melitta hatte alle Räume festlich hergerichtet zum Empfang der Gäste. Ohlsen lief unruhig durch alle Räume und präparierte sich auf eine kleine Rede. Pastor Brügge würde natürlich den Toast auf ihn sprechen. Da mußte er doch antworten. Es war noch eine besondere Veranlassung, weshalb man gerade auch Pastor Brügge gebeten hatte. Pastor Brügge würde schon reden. Ohlsen ging auch in den Weinkeller hinunter und tauschte eine gewählte Marke für eine bessere um. Heute wollte er sich nicht lumpen lassen. Ja, seine Gedanken verstiegen sich sogar soweit, es könne am andern Tag etwas in den Blättern stehen. Die Gäste stellten sich pünktlich ein. Es fehlte keiner der Geladenen. Man saß schon bei Tisch, als noch unerwarteter Besuch kam. Das war Peter Witt, der Käsehändler vom Meßberg. »Allabonnör. Da komm ich dscha woll grad recht,« sagte der kleine lebhafte Mann mit einer lauten, krähenden Stimme. »Ich denk, geh man nochmal rauf. Paßt es nich, gehst du wieder weg. Und wenn es paßt, denn paßt es dscha woll.« »Bitte, lieber Herr Witt, sehr liebenswürdig von Ihnen,« sagte Frau Melitta süßsauer. Die ganze Gesellschaft hörte lächelnd diesem Gespräch zu, die Herren neben ihren Stühlen stehend. »Bitte, setzen Sie sich aber man, meine Herrschaften,« lachte Peter Witt. »Ich nehm mich auch n Stuhl. Das heißt, wenn einer über ist.« »Bitte, aber natürlich,« komplimentierte Schiffshändler Ohlsen. »Nicht wahr, lieber Timm, Sie rücken ein wenig. Herr Witt ist uns allen sehr willkommen.« »Wir sind grad bei der Suppe,« sagte Frau Melitta. »Wenn s Nötigen kein Ende nimmt,« sagte Peter Witt. »Was kann da sein. Nur keine Umstände. Ich weiß mir schon zu behelfen.« Und er klemmte sich neben Kapitän Timm noch mit an den Tisch. »Wer ist das?« fragte Emma Kiekebusch ihren Nachbar. »Das ist Herr Witt.« »Herr Witt? Was ist er?« »Käsehändler.« »Käsehändler? Igitt!« Oberlehrer Liesegang, ein Vetter Frau Melittens, lächelte über das Igitt seiner lieblichen Tischdame. Emmi Kiekebusch, die älteste Tochter vom Oberzollkontrolleur Kiekebusch, war ein hübsches Mädchen von neunzehn Jahren mit dunklen Augen und einem schweren, schwarzen Zopf, der wie eine Krone auf ihrem kleinen feinen Kopf lag. Oberlehrer Liesegang schielte fast beständig mit dem rechten Auge, so schwer wurde es ihm, sie nicht immer anzusehn. Warum muß sie Kiekebusch heißen, dachte er. »Die reine Hammonia mit ihrer Mauerkrone.« Es war ein ältliches Fräulein aus dem Frauenverein, das diese spöttische Bemerkung machte,, eine besondere Vertraute Frau Melittens; fromm, säuerlich und unnachsichtlich gegen die Schwächen der Jugend unter vierzig Jahren. Pastor Brügge erhob sich bald, um das Wohl des Geburtstagskindes auszubringen. Er sprach mit pastoraler Salbung, als Freund des Hauses, mit weicher, angenehmer Stimme. »Sie werden alle erraten, weshalb ich mich erhebe. Und so könnte ich's kurz machen und mich mit dem gewohnten Schluß begnügen: Er lebe hoch!« Peter Witt winkte dem Geburtstagskind verständnisvoll mit der Hand zu. »Aber wessen das Herz voll ist, des fließt der Mund über. Und aus übervollem Herzen, das kann ich wohl sagen, möchte ich der Freude Ausdruck geben, daß der Herr unseren lieben Freund, Herrn Asmus Andreas Ohlsen, so reich gesegnet hat. Ja, reich gesegnet hat ihn der Herr, meine lieben Freunde. Reich gesegnet. Fünfzig Jahre, es ist ein Menschenalter. Viel Not und Trübsal kann sich da ereignen, manche Träne fließen. Aber unser liebes Geburtstagkind hat die Gnade des Herrn sichtbar geleitet. Mag auch manche Träne im verborgenen geflossen sein, von der wir nichts wissen, im ganzen ist es doch Glück und Freude gewesen, was der große, grundgütige Gott unserem Freunde beschert hat. Und daß er ihm dankbar dafür gewesen ist, wissen wir. Auch von unserer lieben, hochverehrten Frau Ohlsen wissen wir das. Den Wegen Gottes nachzugehen, dem Herrn zu dienen, seinen Worten eine gläubige Tochter, seiner Liebe ein dankbares Kind zu sein, das war immer ihr Stolz. Ich erinnere nur an so manche fromme Stiftung, der unser liebes würdiges Paar seine christliche Nächstenliebe zuwandte. Und heute, um diesem seinen Ehrentage die rechte Weihe zu geben, hat unser lieber Freund wieder ein Werk echter christlicher Gesinnung getan. Er hat tausend Mark für Zwecke der inneren Mission gestiftet.« »Bravo! Bravo!« Pastor Brügge machte eine dankende Verbeugung gegen Ohlsen. »Ja, meine lieben Freunde,« fuhr er nach leichtem Räuspern fort, »es ist ein gottgesegnetes Haus, in dem wir uns befinden, ein Haus, in dem echt christlicher Sinn das Seine mit Weisheit und Liebe verwaltet. An Gottes Segen ist ja alles gelegen. Und so dürfen wir wohl der Hoffnung sein, daß auch in Zukunft unser liebes Geburtstagkind einen guten und sicheren Weg geht, sich und den Seinen zum Glück und uns, seinen Freunden, zur Freude. Der Herr segne ihn auch fürderhin.« Der Herr Pastor schwieg gerührt, stieß erst mit seiner Nachbarin Frau Melitta an, indem er einen verständnisvollen Blick, als ihr Bruder in Christo, mit ihr wechselte, und näherte dann sein Glas über den Tisch hinüber dem Geburtstagkinde. »Hoch soll er leben!« rief Peter Witt, und die Gläser klangen aneinander. Ohlsen setzte sich wieder, schmunzelnd und den Kopf schüttelnd wie einer, dem man eine unverdiente Lobrede gehalten hat. Frau Melitta schien gerührt und fuhr sich mit der Serviette schnell über die Augen. Sie ärgerte sich über Peter Witt, der jetzt in seiner lauten breiten Weise sagte: »Fünfzig is all n ganz nettes Alter. Ich bün fünfundfünfzig. Dschawoll, fünfundfünfzig. Ich weiß, was das heißt, n Geschäft hochbringen. Dschawoll.« Pastor Brügge sah ihn mit einem Auge über die Brille weg besorgt an. Er hatte von Gottes Segen gesprochen, und nun sprach dieser kleine laute Mann da von »Geschäfthochbringen«. Asmus Andreas Ohlsen aber war zusammen gefahren, wie ein Schauspieler bei einem unverhofften Stichwort. Er rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her und hätte am liebsten gleich seine Dankrede gehalten. Aber Frau Melitta ermahnte ihn mit Blicken, doch wenigstens einen Gang noch abzuwarten. Zwei Reden zwischen Fisch und Braten waren denn doch zu viel. Aber als es an der Zeit war, schnellte Schiffshändler Ohlsen von seinem Stuhl auf und schlug ans Glas. »Aha! nun kommt's!« rief Peter Witt. Man warf ihm einen strafenden Blick zu. Asmus Andreas aber schlug nochmals ans Glas. Und dann bedankte er sich für die schönen und festlichen und erhebenden Worte, die unser allverehrter Herr Pastor soeben gesprochen hätte. Aber unser lieber Herr Witt hätte auch ein Wort gesagt, und an dieses Wort möchte er jetzt anknüpfen, »n Geschäft hochbringen,« hat er gesagt. Ja, n Geschäft hochbringen. Das waren seine Worte. Und darum, wenn ich mich so ausdrücken darf, was das Geschäft anbelangt, das ist nu auch schon so was n Reihe von Jahren alt. Ja, meine verehrten Anwesenden, ich meine, da unser lieber Herr Witt das so erwähnt hat, ich feiere nicht allein meinen Geburtstag heute, nein, heut vor zwanzig Jahren, wenn ich mich so ausdrücken darf, wurd auch mein Geschäft geboren. Eigentlich müssen es ja fünfundzwanzig Jahre sein, was so ein richtiges Jubiläum ist. Aber ich meine, meine verehrten Anwesenden, wo es sich so nett zusammentrifft, da werden Sie es mir wohl alle nachfühlen.« »Nu süh mal an, und das sagen Sie jetzt erst?« unterbrach ihn Peter Witt. Und unter Lärm und Lachen, Gratulieren und Anstoßen nahm Schiffshändler Ohlsens Rede ein frühzeitiges Ende. Wieder war er der Gefeierte und war glücklich. »Vor zwanzig Jahren. Süh mal an,« sagte Peter Witt laut und bedächtig. »Ich hab nu all bald die fünfundzwanzig zu fassen. Nächstes Jahr. Dschawoll. Auch n lange Zeit. Und mit nichts angefangen. Drei Mark hatt ich in der Tasche. Dschawoll. Mit der Karre bin ich angefangen.« Frau Melitta warf einen giftigen Blick auf den Sprecher. Wenn er doch nur schwiege. Aber da mußte Emmi Kiekebusch auch noch sagen: »Gott, wie interessant! mit ner richtigen Karre?« »Dschawoll Fräulein, mit ner richtigen Karre und so n richtigen Käs, wissen Sie; Pfund n Groschen.« * Auf der Straße hatte inzwischen ein feiner Sprühregen die welkenden Girlanden an der Haustür etwas aufgefrischt und die Papierfahnen am Torweg ein wenig eingeweicht. Aber dann war ein Wind gekommen und hatte alles wieder aufgetrocknet und mit Staub beworfen. Als daher die Kinder aus Ohlsens Gang den Tag in ihrer Weise ausklingen ließen und ein paar bengalische Flammen abbrannten und mit den Streichhölzchen nicht behutsam umgingen, fand ein abspringendes Fünkchen schnell Gegenliebe bei den Papierfähnchen, und die ganze Herrlichkeit ging in ein paar Minuten in Flammen auf. Gefährlich war das nun weiter nicht, und die alte Cyriaks, die gerade von einem Besuch heimkam, hätte nicht nötig gehabt, mit der Hand nach dem ersten brennenden Fähnchen zu schlagen. Ohlsens Gang konnte diesen Flammen nicht zum Opfer fallen. Aber wo bleibt bei einem alten Fräulein die Überlegung, wenn es zwei Schritt von seiner Wohnung plötzlich Feuer sieht. Und nicht jeder hat so viel Mut und Besonnenheit, gleich drein zu fahren. Leider verbrannte sie sich die Finger dabei, und der Schmerz gab den Scheltworten, womit sie die Brandstifter überhäufte, mehr Kraft und Feuer. »Herr du meine Güte! Wollt ihr denn das Haus in Brand stecken, ihr infamtigen Bengels!« »Hätten s ja man brennen lassen können,« sagte Mariechen Mau, die dabei stand und zusah. »So, hätt ich? Naseweis du! Und wenn allens aufbrennt?« »Brennt schon nicht.« »Reg di man nich op, Olsch!« rief ein kleiner Knirps. Der Cyrials schlugen ein paarmal die alten welken Kinnbacken zusammen, sie fand kein Wort auf diese Frechheit. Wütend entfernte sie sich. Als sie weg war, kam Hugo mit einer neuen Überraschung. Die Kleinen umringten den großen Jungen mit Halloh. »Was ist das? Zeig mal! n Kanonenschlag? Donnerwetter!« »Platz da!« »Famos! Wo hast das her?« »Schaf, geh doch weg. Kannst nich kucken?« »Selbst Schaf!« So schwirrte es durcheinander. Und dann bildeten sie alle einen Kreis, und Hugo schickte sich an, sein Feuerwerk abzubrennen. Aber auf halbem Wege hielt er inne. Die Kleinen sahen ihn erwartungsvoll mit offenen Mäulern an. Aber Mariechen Mau durchschaute ihn. »Büst bang?« lachte sie. »Zeig mal, laß mich man machen.« Und »bum« wars geschehen. Das war ein Krach. Alle fuhren auseinander. Nur Mariechen stand ruhig auf dem Fleck und wartete. Hugo ärgerte sich, über sich und über sie. Ihm das einfach so aus der Hand zu nehmen. Lene Lerch, die das bengalische Spielwerk kalt und schweigsam mit angesehen hatte, auf der obersten Stufe der Kellertreppe sitzend, Lene Lerch war bei dem Kanonenschlag auch etwas zusammen gefahren. Mariechen Mau hatte es gesehen, und ein flüchtiges, amüsiertes Aufleuchten ihrer Augen hatte das verraten. Lene Lerch empfand das als Demütigung, als Beleidigung. »Dieser Grasaff!« Sie stand wütend auf und ging in den Keller hinunter. »Die stecken noch das Haus in Brand,« sagte sie zu Anton. Er erhob sich, setzte sich aber wieder. Er schnitzte an einem Schiffsmodell. »Wird so schlimm nicht sein.« Lene zuckle die Achseln. Anton ging dann doch hinaus, sah aber nichts mehr von dem ganzen Spiel. Nur Hugo und Mariechen standen im Torweg, im unruhigen Licht der flackernden Laterne, und steckten die Köpfe zusammen. Er sah sie einen Augenblick groß an, und da sie ihn nicht gewahr wurden, ging er wieder hinunter. »Dummes Zeug,« sagte er und setzte sich wieder an seine Arbeit. »Was die beiden da eifrig klönten,« dachte er. »Die hatten s ja wichtig.« Und er kam noch ein paarmal auf diesen Gedanken zurück. * Bum! Das war Mariechen Maus Kanonenschlag. Alles fuhr zusammen. Emmi Kiekebusch stieß einen leichten Kreischer aus, und Oberlehrer Liesegang, der sehr nervös war, verschüttete etwas von seinem Kaffee. Peter Witt war in solchen Sachen erfahren. »De böllern,« sagte er gelassen. »Dat sünd de Jungs.« Alle sahen zum Fenster hinaus, konnten aber nichts sehen. Schiffshändler Ohlsen schmunzelte geschmeichelt, obgleich er sich auch arg erschrocken hatte. Sie feierten da unten ja seinen Geburtstag. Oberlehrer Liesegang aber sagte unwillig: »Das ist Unfug!« »Lassen Sie sie doch schießen, ich finde das reizend,« meinte Fräulein Kiekebusch. Da sich die Kanonade mit dem einen Schuß erschöpft hatte, beruhigte man sich. Schiffshändler Ohlsen bot zum zweitenmal »einen kleinen seinen Chartreux« an, wofür Pastor Brügge zum zweitenmal dankte. »Sagen Sie mal, lieber Ohlsen, was ich sagen wollte. Nun werden Sie ja wohl die kleinen Leute da bald ganz los.« »Leider, Herr Pastor. Mal gehts ja los. Sie fangen ja schon an zu wühlen, daß es eine Art hat.« »Nötig, mein Lieber, auch dringend nötig. Alle diese Gänge und Höfe – freilich, Ihre Wohnungen sind Musterwohnungen gegen so manche Brutstätten des Elends und des Lasters. Ja ja, das ist Ihnen ja bekannt. Aber die neue Zeit will Raum haben, Licht und Luft auch für die Ärmsten der Armen.« »Ja, die neue Zeit, die neue Zeit,« sagte Herr Ohlsen wichtig. »Auch vom moralischen Standpunkt aus.« – Pastor Brügge sprach jetzt mit erhobener Stimme. – »Auch vom moralischen Standpunkt aus. Ich kann ja wohl sagen, unser liebes Michaeliskirchspiel, es liegt mir doch sehr am Herzen. Diese zunehmende Gottlosigkeit, diese Verderbtheit der Sitten.« Der Herr Pastor sah sich hoheitsvoll im Kreise um. »Der Staat muß sich ermannen. Und diese Sanierung, sie ist ein erster Schritt. O, wenn ich mir unsere herrliche schöne Michaeliskirche denke, umgeben von lauter lichten Wohnungen des Friedens, der Liebe und eines in Gott fröhlichen Glückes.« »Dschawoll, Fräulein, die Auswanderers,« ließ sich Peter Witts laute Stimme plötzlich vernehmen. Er sprach mit Fräulein Emmi Kiekebusch, die sich für ihn interessierte. Sie fand ihn so drollig und wartete darauf, daß er wieder ins Plattdeutsche fallen sollte. Aber Peter Witt sprach mit so »feine junge Damens« Hochdeutsch. »Dschawoll, die Auswanderers. Allens mußte bei meinem Laden vorbei, und muß es noch. Sehen Sie, denn geht so n Geschäft. Käs mögen sie alle. Kommt ihnen gar nicht darauf an, wie der aussieht. Dschawoll. Wenns man Käs ist.« Und er lachte vergnügt und rieb sich die Hände. »Ich finde es schrecklich, diese vielen Auswanderer,« sagte Fräulein Kiekebusch. »Die armen Menschen.« »Nicht wahr? und mit all die kleinen Görns oft. Und wie sehen sie aus! Aber was sollen sie machen? Wenn sie zu Haus nichts mehr zu essen haben, müssen sie sich anderswo was suchen. Das ist wie mit die Ratten, die gehen auch aus n magern Keller in n fetten.« »Haben Sie auch Ratten, Herr Witt?« »n Keller? Dschawoll hab ich. Das Aaszeug ist überall.« Oberlehrer Liesegang ärgerte sich, daß Fräulein Kiekebusch nicht von Herrn Witts Seite ging. Aaszeug sagt man doch nicht in Gegenwart einer jungen Dame. Wie kamen Ohlsens zu diesem Umgang. Geschäftliche Verbindung wahrscheinlich. Nun, dieser Herr Witt war ja auch nicht geladen gewesen und hatte sich hier eingedrängt, richtig eingedrängt. Solche Taktlosigkeit. Und dieses ganze Benehmen. Wie man nur Vergnügen daran finden konnte. Fräulein Kiekebusch machte sich gewiß innerlich über diesen famosen Peter Witt lustig. Aber nein, nun ging sie wirklich und holte ihm eigenhändig Sahne zum Kaffee. Und dieser Mensch sagte wirklich ganz unverfroren: »Och nee, Fräulein, das stellen Sie man wieder hin. Ich trinke immer man schwarz. Sie haben das ja nicht mehr nötig. Aber ich möcht gern noch n büschen hübscher werden.« »Danke, Herr Witt,« sagte Emmi Kiekebusch. »Sie sagen mir doch wenigstens noch mal was Angenehmes.« »Herr Witt hat viel mehr Lebensart als Sie, Herr Doktor,« wandte sie sich neckend an Oberlehrer Liesegang, der eifersüchtig hinzutrat. Er machte ein ironisches, fragendes Gesicht. »Nein wirklich. Sie haben mich immer nur mit Kunst und Literatur und Nietzsche und was alles unterhalten. Herr Witt weiß doch, was man gerne hört.« »Ja, ja, Herr Doktor, mit Damens ist schwer umgehen,« lachte Peter Witt. »Ohne so n büschen Süßholz kommt man da nich weit.« Siebentes Kapitel Mit schönen, heiteren Oktobertagen begannen die Herbstferien. Nachts war es schon recht kalt und ein früher Frost hatte die noch in reicher Blüte stehenden Dahlien vorzeitig vernichtet. Aber härtere Blumen leuchteten um so farbenfroher in dieser hellen Sonne, die sich nun schon tagelang ohne Schleier zeigte und sich selbst der bunten Pracht, die sich dort unten auf der Erde immer leuchtender ausbreitete, zu freuen schien. In der Stadt sahen die Bäume an den Promenaden und in den sonst noch immer sorglich gepflegten Anlagen freilich schon recht trübselig aus, ihr schönes Kleid war ihnen abgefallen und lag schmutzig zu ihren Füßen. Aber vor den Toren und in den ländlichen Vororten trugen sie ihr buntestes Herbstgewand, und es gab Liebhaber, die sie darin schöner fanden, als in ihrem Sommerkleid, ja gar als in ihrer duftigsten Frühlingsgarderobe. Herr Heinrich hatte, von diesen schönen Tagen gelockt, den Plan gefaßt, seine Kenntnis der Umgegend zum Besten seiner neuen jungen Freunde etwas aufzufrischen. Er hatte schon kürzere Touren mit ihnen unternommen und dabei einige Erfahrungen gesammelt. Die kleine Schar war inzwischen auf zweiundzwanzig Teilnehmer angewachsen. Diese einheitlich zu leiten, ohne zu bevormunden, erheischte Liebe zur Sache und zu den einzelnen jungen Seelen, aus welcher Liebe allein der Takt, der hier nötig war, hervorgehen konnte. Als Neuling in diesem Beruf eines Spiel- und Wanderleiters war er mit einem schönen und jugendlichen Eifer bei der Sache. Größere Tages- und Nachtwanderungen sollten auch von Zeit zu Zeit unternommen werden. Dazu gehörte ein kundiger Führer, der alles bis ins kleinste vorbereiten konnte. Er hatte seine alten Wanderbücher und Karten studiert und war voller Pläne für den Sommer. Da ließ es ihn nun nicht, an diesen schönen Ferientagen einige Vorstudien zu machen. Auf einer solchen Studienfahrt hatte sich ihm Pastor Collasius als Begleiter angeboten, und er hatte ihn mit Freuden angenommen. Die beiden Männer hatten sich bald in ihrer gemeinsamen Tätigkeit, in ihrem Ringen um ein hohes wichtiges Ziel ernster sozialer Arbeit gefunden und schätzen gelernt, ja es entspann sich ein freundschaftliches Verhältnis zwischen ihnen, das beide als ein Glück empfanden. Sie waren beide unverheiratet. Collasius hatte seine junge Frau früh verloren, an einer langen, quälenden Krankheit, und hatte, noch immer von dieser Erinnerung gepeinigt und seiner eigenen Gesundheit nicht ganz sicher, jeden Gedanken an eine zweite Heirat aufgegeben. Herr Heinrich war Junggeselle von Beruf, wie er scherzend sagte, und er hatte in seinen Erinnerungen nichts als eine begrabene Jugendliebe aufzuweisen. Wer hat das nicht? fragte er. Und erstickte damit gleich alles Bedauern, das man ihm etwa entgegenbringen könnte. Was aber in beiden Männern lebte, war die Liebe zur Jugend, zu den Kindern, die ihnen versagt waren. Und das war freilich ein Umstand, der an Herrn Heinrichs zur Schau getragenem Gleichmut, mit dem er sein eheloses Dasein ertrug, wieder zweifeln lassen konnte. »Ja,« sagte er einmal zu Collasius, als zufällig die Rede darauf kam. »Das sind so Sachen. Ich hätte nichts dagegen, glücklich verheiratet zu sein. Aber Sie sehen, es geht auch so ganz gut.« Heute, an dem herrlichen Oktobertag, standen sie zusammen auf dem Bollwerk der »alten Liebe« in Kuxhaven und ließen sich von dem bunten reizvollen Schauspiel, das sich ihnen unerwartet bot, festhalten, auf die Gefahr hin, ihre beabsichtigte Wanderung um eine Stunde kürzen zu müssen. Am Bollwerk lag die »Moltke« und sollte in einer halben Stunde ihre Reise über den Ozean antreten. Auf dem Deck des gewaltigen Dampfers wimmelte es von Auswanderern, die sich hier wie eine Herde eingepferchter Schafe auf einen Haufen drängten, dort durcheinander zappelten wie ein aufs Trockene geworfener Fang Fische. Es war Kaffeezeit, und unaufhörlich drängten sich die wunderlichsten Gestalten auf der Treppe, die nach unten führte, um sich mühsam mit allerlei gefüllten Gefäßen und Brot und Kringeln wieder hinaufzuarbeiten und stehend oder hockend in den seltsamsten, oft unbequemsten Stellungen ihren Imbiß zu verzehren. Es waren meistens polnische und galizische und russische Juden, die einen großen Lärm machten, lachten und schwatzten, als ob ihnen der nahe Abschied von dem heimischen Festland nicht schwer würde. Sie waren ja auch alle schon durch weite Meilen von ihrer eigentlichen Heimat getrennt, waren schon in der Fremde. Aber der Ozean lag doch noch zwischen ihnen und der unbekannten neuen Heimat, das große Wasser, vor dem es gewiß manchem im Herzen gegraut hatte, als es hieß, auf nach Amerika! und noch graute, wenn der Gedanke sich von der Gegenwart, die sie jetzt so ganz in Anspruch nahm, löste und in die Zukunft vorwagte. Alle diese schmutzigen, schmierigen, schmatzenden und schwatzenden Leute, mit den heftigen, aufgeregten Gebärden, wovon unterhielten sie sich? Was war der Inhalt dieses Stimmengewirrs, das von dem großen Schiff her ans Land kam, wie eine immer gleichmäßig plätschernde Welle? Sprachen sie von dem, was sie zurückließen, oder von dem, was sie erwarteten? Lebten ihre ärmlichen Dörfer, ihre kleinen schmutzigen Hütten an den unergründlichen Wegen noch in ihren Unterhaltungen, oder richteten sich schon die goldenen Paläste auf, die die Zukunft ihnen vorzauberte? Goldene Paläste? Ach, nur etwas mehr Brot, nur etwas mehr Friede, nur etwas mehr Feuer auf dem Herd, etwas weniger Regen durchs Dach und weniger Wind durch die Sparren. Tägliches Brot und warme Kleidung für sich, und die Sicherheit, daß auch ihre Kinder das künftig nicht entbehren würden. Das wollten sie. Warum sprachen Collasius und Herr Heinrich so wenig miteinander und sahen mit ernsten, fast traurigen Blicken diesem Schauspiel zu? Weil alles dieses in ihren Seelen lebendig wurde beim Anblick der Not des Lebens, die da an Bord des großen Ozeanpflügers ihre bunten Lumpen zeigte. Jetzt riefen die Glockensignale, daß es Zeit sei zum Einschiffen der Kajütenpassagiere. Die lange Reihe der Stewards kam an Land, die Reisenden in Empfang zu nehmen und an Bord zu führen, die mit Koffern und Kisten und guten Kleidern und vollen Portemonnaies reisen konnten. Abschiedsszenen lenkten die Aufmerksamkeit auf sich; Küsse, Tränen, Taschentuchwinken. Nachzügler hasteten herbei, zur Eile getrieben. Es wurde Zeit, daß das stolze Schiff sich in Bewegung setzte, denn schon warteten draußen auf der Reede zwei große Schwesterschiffe, daß die »Moltke« ihnen Platz mache. Die »Deutschland« und die »Prätoria«. Diese war zuerst in Sicht gekommen, hatte aber zum Verdruß ihrer Passagiere die »Deutschland« vorbei lassen müssen, denn diese zeigte die Postflagge, und die Post geht allen vor. Wieviel Briefe von Glück und Glanz, wieviel Briefe von Not und Elend bargen sich in ihren Postsäcken? Wie viele Hoffnungen und wie viele Enttäuschungen? Wie viele Liebe und wieviel Haß? Wieviel Gewinn, wieviel Verlust? Jetzt setzte sich die »Moltke« langsam in Bewegung. Die Schiffskapelle an Bord stimmte an »Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus«, und langsam, in einem großen Bogen, verließ das stolze Schiff den heimatlichen Hafen. Die beiden Männer wandten sich zum Gehen, während die meisten Zuschauer das Ausbooten der beiden angekommenen Dampfer abwarten zu wollen schienen. Viele erwarteten Freunde und Verwandte von drüben und gerieten in eine freudige Aufregung, als die »Moltke« endlich den Platz räumte. Unter den müßigen Gaffern stand ein kleiner Junge, die Hände in den Hosentaschen, zwei große dunkle Augen auf die draußen liegenden Schiffe richtend. Die Mütze saß ihm ziemlich tief in der Stirn und warf einen breiten Schatten auf das schmale, gelbe Gesicht. »Ist das nicht Tetje Butt?« rief Herr Heinrich laut aus. Der Kleine hatte es gehört und drehte sich erschreckt um. Und richtig, es war Tetje Butt. Er riß die Mütze vom Kopf, wurde rot und wandte sich hastig wieder dem Wasser zu. Herr Heinrich aber redete ihn an: »Nu, Theodor? Keine Arbeit heute?« Der Junge, der trotz seiner Kleinheit schon vierzehn Jahre alt sein mochte, lachte verlegen. »Hast du deine Stelle nicht mehr?« »Ja, die hab ich noch,« antwortete er hastig und nickte. »Wie kommst du denn hier her?« »Och, Geburtstag.« Pastor Collasius sah den Kleinen von der Seite an. Das machte Tetje Butt unsicher. Der Herr Pastor könnte vielleicht wissen, wann er geboren sei. So ein flüchtiger Gedanke an Kirchenbesuch und Taufregister ging durch seinen Kopf. »Frau Willms ihrer,« sagte er deshalb. »Und nu hab ich frei heut. Mein Vater ist auch hier. Er ist etwas weiter längs gegangen. Er wollt noch nach der Kugelbake.« »Und warum wolltest du nicht mit?« fragte Herr Heinrich, der wohl merkte, daß Tetje Butt mal wieder alles log. »Och, da bin ich schon so oft gewesen.« Herr Heinrich tat, als ob er ihn, glaube. Er gab ihm sogar die Hand zum Abschied. »Am Donnerstag ja kommen, hörst du Theodor? Wir haben was Feines vor.« Tetje Butts Augen leuchteten einen Augenblick auf, aber ebenso schnell ging wieder ein leiser Zug des Mißtrauens über sein blasses Gesicht. Er gab auch Collasius die Hand zum Abschied und schien recht froh zu sein, als sich die beiden Störer seiner Freiheitsfreude entfernten. Tetje Butt war der jüngste im Lehrlingsverein, ein gewandter, pfiffiger kleiner Bursche, aber verwahrlost und verlogen. »Der Bengel treibt sich herum,« sagte Herr Heinrich zu Collasius. »Ich kenne ihn,« sagte der Pastor. »Kenne auch die Familie. Es ist ein Elend.« »Aber der Bengel ist doch aus gutem Holz geschnitzt. Man darf ihn nicht fallen lassen.« »Wer ist Frau Willms, die heut ihren Geburtstag haben soll?« »Die Konditorei, wissen Sie, auf dem Alten Steinweg. Er ist da Ausläufer seit vier Wochen. Verdient immerhin einiges, wenn auch nicht viel. Er könnte und müßte mehr leisten, aber er ist ein kleiner Vagabund, ohne Stetigkeit und Pflichtgefühl.« »Woher soll er es auch haben?« entgegnete Collasius. »Kein Boden, wo er festwurzeln kann. Eine von den vielen tausend wurzellosen Pflanzen, die eine Zeitlang ihre kümmerliche Nahrung Gott weiß woher nehmen und dann früh verwelken. – Heimatlose,« setzte er nach einer kleinen Pause hinzu. »Ja, Heimatlose,« sagte Herr Heinrich mit Eifer. »Da sprechen Sie aus, was ich schon oft gedacht. Heimat. Was heißt Heimat? Was heißt für diese unendlich vielen Existenzen Heimat? Ist es der Ort, wo sie geboren sind, das Land, das der Zufall ihnen angewiesen hat, dem sie nichts geben, nichts nützen, das ihnen nichts gibt, nicht nützt? Wo sie umhergeworfen werden, von einem Winkel in den andern? Diese elenden Wohnungen, die den Namen Heimstätte nicht verdienen, die ihnen nicht gehören, woraus sie wöchentlich vertrieben werden können? Kein Besitz, kein Brot, kein Friede, keine Liebe oft, keine Treue. Zur Heimat gehört ein Heim. Wo ist das Heim dieser Ärmsten?« »Den Heimatlosen Heimstätten zu bereiten,« sagte Collasius. »Eine große, schwere Aufgabe, lieber Freund. Wir suchen zu einem Teil diese Pflicht zu erfüllen. Die wird viel und lange Arbeit kosten, und vielleicht ist es nur ein Samenausstreuen, dessen Segen wir selbst nicht mehr ernten werden. Aber wie sagt Anzengruber in seinem vortrefflichen »Pfarrer von Kirchfeld«: Die nach uns kommen, die sollen Achtung vor uns bewahren können; die sollen nicht die Wege rings voll Steine finden, die wir ihnen heute schon ebnen können.« Und nach einem zustimmenden Schweigen seines Gefährten setzte er hinzu: »Das ist auch ein Streiten fürs Evangelium. Manchmal wünschte ich, alle meine Herren Amtsbrüder stiegen von ihren feierlichen Kanzeln und gingen unter das Volk, als fleißige Handwerker in Christi Dienst. Unsere Kirchen stehen leer, und draußen steht das Volk und wartet auf den Heiland.« »Ja, ja. Aber mir will doch manchmal dünken in diesen Tagen, als sei der Heiland unterwegs. Wer offenen Ohres hinaushorcht und freien Blickes um sich sieht, bekommt doch ein freudiges Gefühl der Gewißheit. Der Tag des Heils will anbrechen. Es sind schon die Morgenglocken, die ihn einleiten.« »Hier und da eine vereinzelte Glocke,« sagte Collasius, »aber es ist ein Zittern in der Luft. Und es wird ein Brausen werden, wenn erst alle Glocken zusammen ihren Morgengesang anheben.« Sie machten eine weite Wanderung durch leuchtende Sonne und erquickenden Wind, der sie von der See her anblies. Und als sie sich spät am Abend an der St. Pauli-Landungsbrücke trennten, war es mit dem Gefühl, sich wieder ein gutes Stück näher gekommen zu sein. Am andern Tage ging Herr Heinrich zu Tetje Butts Eltern. Tetje Butt hieß eigentlich Theodor Krahnstöver. Aber er hatte seiner kleinen Gestalt wegen nun mal den Spitznamen weg und sollte ihn nicht wieder los werden. Tetje senior machte gerade mal wieder einen heillosen Lärm, als Herr Heinrich eintrat. »He is werrer mal sprüttendun,« sagte seine Frau. »Ehlers, laten Se den Herrn Lehrer mal sitten.« Ehlers, ein langer, krank und verlebt aussehender Mensch von vielleicht zwanzig Jahren, der sich in schmutzigen Hemdärmeln, mit offener Brust, auf dem einzigen Stuhl rekelte, der neben einem schmierigen Küchentisch stand, starrte den Eintretenden mit frechen Augen an und erhob sich mürrisch. »Bleiben Sie nur sitzen,« sagte Herr Heinrich, für den der Stuhl nichts Einladendes hatte. Aber Frau Krahnstöver meinte: »Nee, makens man, gahns man n beten af.« Sie sagte das in einem Ton, der merken ließ, daß die Frau hier das Regiment führte. Sie sah wüst und unordentlich aus, wie die beiden Männer, aber sie hatte doch einen Rest von Schicklichkeitsgefühl. Sie knöpfte ihre schlampige Bluse zu, die ihr lose um den mageren Hals hing, und wischte mit der Schürze den Tisch ab. Ehlers schlürfte auf seinen vertretenen Latschen in den Nebenraum, wo Tetje Krahnstöver rülpste und gröhlte. »Minsch, holl di doch still,« hörte man Ehlers sagen. »Sie kommen gewiß wegen den Jung?« fragte Frau Krahnstöver. »Ja, liebe Frau. Hat er eigentlich seine Stellung noch?« »Bei Willms? Jawohl, Herr Lehrer, he geiht jeden Morgen hen. Und he is dor ja ok ganz tofreden.« »So, das freut mich. Gestern war da wohl Geburtstag bei Willms?« »Bi Willms? Dor hett he mi nix von seggt. Dat is dat jo denn woll wesen.« »Ich sprach Theodor gestern in Kuxhaven, er hatte einen freien Tag.« »Kuxhoben? Wo kannt angahn? Wat deiht de Jung in Kuxhoben?« »Er war ja mit seinem Vater da,« sagte Herr Heinrich. »Mit sin Vadder? Nee, Herr Lehrer, de is den ganzen Dag nich ut n Hus West. Krahnstöver, büst du in Kuxhoben west?« rief sie. »Wo-a schall ick wesen sin?« grunzte er nebenan. »In Kuxhoben, de Herr hett di dor sehn.« »Nein, nein, das nicht,« fiel Herr Heinrich ein. »Mi sehn?« Tetje Krahnstöver stand schon auf der Schwelle. Ein widerlicher Geruch von Branntwein ging von ihm aus. »Mi sehn? De Herr hett mi in Kuxhoben sehn?« Herr Heinrich setzte ihm die Sache auseinander. »Min Söhn hett dat seggt? Wo is he? Tetje! Theodor!« »Tetje is doch bi Willms. Wat gröhlst du denn so?« »He schall mi bewisen, dat ik in Kuxhoben wesen bin. Bewisen schall he dat. Bewisen.« Herr Heinrich beruhigte den Trunkenen mühsam und sagte der Mutter seine Meinung, daß Tetje Butt ihn belogen hätte. »Is he werrer mol utneit? Disse Bengel! Nee, wat hett man doch för Ärger mit sin Kinner. Lat en man na Hus kam.« »Nein, liebe Frau, sagen Sie ihm nichts und schlagen Sie ihn nicht. Das hat gar keinen Zweck. Schicken Sie ihn nur regelmäßig zu uns. Er wird sich schon bessern. Er ist noch lange nicht schlecht.« »Is he ok nich. Min Kinner sünd all nich schlecht.« In diesem Augenblick ertönte das Gequarr eines kleinen Kindes aus dem Nebenraum. »Herrgott, nu hebbt se mi dat Kind opweckt. Ehlers! Krahnstöver!« Sie verschwand in dem Nebenraum. »Su su su. Nu, wat is denn? So, so,« klang ihre grobe aber zärtliche Stimme. Etwas verlegen kam sie wieder zum Vorschein. »Dat is n Not; min Anna ehr Lütt. Se hett sick dat nu mol opsackt. n Not is dat. Und wi hebbt dat nu op n Hals.« Herr Heinrich sagte nichts. Sollte der lange Schleef, der Ehlers, der Vater sein? Aber es lagen noch zwei Schlafburschen bei Krahnstöver im Logis. Die Tochter Anna war auf einem Wollspeicher beschäftigt und wohnte auch bei den Eltern. Das waren also sieben Personen in diesen beiden dumpfen Kellerräumen, die nur spärliches Licht von der Straße erhielten. »Hat Ihr Mann keine Arbeit?« fragte Herr Heinrich. »Dat Swin? Frogens em mol, wat he woll arbeit. Wenn ick de jungen Lüd nich harr und de Kinner – so n Mann, Herr Lehrer, so n Mann! aber ick hev en nu. He schall mi mol Muck seggn. Rut smiet ick em.« »Das lassen Sie nur lieber nach, Frau Krahnstöver. Wenn Sie nur Gewalt über ihn haben, kann ja noch alles gut werden.« Herr Heinrich atmete auf, als er dieser schnapsgeschwängerten Atmosphäre wieder entronnen war. Er war nicht das erstemal in diesem unterirdischen Nest der Armut und des Elends gewesen, das nicht das einzigste in dieser dunklen Querstraße war. Und wieviel ähnliche gab es in diesem Viertel. Nicht immer lagen sie unter der Erde. Oft mußte man auf engen, ausgetretenen, dunklen Stiegen sich mühsam an einem glatten schmierigen Seil zu ihnen hinauftasten, durch enge, lichtlose stinkende Gänge, zu denen niedere, atembeklemmende Tore führten, zu ihnen den Weg suchen. Theodor Krahnstöver war früher ein stämmiger, kräftiger Hafenarbeiter gewesen. Man sah es der verfallenen, großen Gestalt mit den plumpen Händen noch an. Aber der Schnaps hatte ihn gebrochen. Seine Frau war eine Fischerstochter aus Blankenese, die bessere Tage gesehen hatte. Auch sie war gesund und kräftig gewesen, bis der Mann sie langsam mit in das Elend hinabgezogen hatte. Tetje Butt hatte von der Gestalt und Kraft der großen Eltern nichts abbekommen, oder der Keim mochte frühzeitig an der schlechten Ernährung, ohne Luft und Licht, umgeben von Roheit und Fuselgeruch elend verkümmert sein. Tetje Butt war nicht der einzige in dieser Straße, der so aufwuchs, nur einer von den vielen, die, nicht nur in diesem Viertel, dem Menschenfreund Kummer und Zorn abnötigten. Aber Tetje Butt hatte Herrn Heinrich. Wen hatten die andern? Achtes Kapitel Tetje Butt war am Donnerstag wenn auch etwas verlegen in den Verein gekommen, wie die Jungen ihre Verbindung kurzweg nannten. Er hatte schon lange durchgefühlt, daß Herr Heinrich es gut mit ihm meine. Ein »ordentliches Fell voll« hatte er von der Mutter bekommen, und Tetje senior hatte, abends ein wenig nüchterner, energisch von ihm den Beweis verlangt, daß er, Theodor Krahnstöver senior , am Montag in Kuxhaven gewesen sei. Aber Mutter Krahnstöver war ihm über den Mund gefahren: »Lat doch din Gequassel. Du hörst ja, de Jung hett lagen. Sin Fell vull hett he weg, und dat anner is min Sak.« »Vertreck den Jung man. He ward di dat ja woll danken,« sagte Tetje senior . Tetje junior aber dachte: »Vertrecken? Dammi noch mal!« Und er scheuerte den gewissen Teil seines Körpers, den die Mutter einzig zu »versohlen« pflegte. Tetje Butt war das von klein auf gewohnt, und seiner großen grobknochigen Mutter gegenüber war er immer noch nur n Handvoll, die sie noch ebenso leicht regierte wie früher. Nur schrie er jetzt nicht mehr, wie gespießt, sondern ließ jeden Schlag des Schicksals mit zusammengebissenen Zähnen lautlos über sich ergehen, solange bis seine Mutter genug hatte. »Wat hett de Kerl mi to verklatschen, wat geiht em dat an.« So zürnte Tetje Butt. Aber er gab doch am Donnerstag Herrn Heinrich die Hand und war bald mit den anderen Knaben, die in dem geräumigen, behaglichen Raum, den Collasius für seine Zwecke gemietet hatte, um den Tisch saßen und sich mit Spielen und Handarbeiten beschäftigten, in eifriger Tätigkeit. Dann nahm Herr Heinrich ein Buch und las ihnen vor, aus den alten Hansekämpfen ihrer Vaterstadt. Das war Tetje Butts liebstes, so dasitzen, unverwandt den Lesenden anstarren und das Gehörte wie ein traumhaftes, buntes Theater an sich vorbeiziehen lassen. Selber lesen liebte er nicht. Er besaß keine Bücher, und sich mit geliehenen »herumschleppen«, gefiel ihm nicht. Und dann das unangenehme Wiederabliefern. Nein, die Bücher waren nichts für Tetje. Die waren für Hugo und Christian. Anton war auf Tetjes Seite. Er war mehr praktisch veranlagt. Schnitzen, sägen und leimen und basteln. Oder spielen. Er spielte gern Schach, wenn er auch Hugo gegenüber immer verlor. Aber mit Christian wurde er gut fertig. Der spielte zwar auch langsam und überlegt, aber nicht so »raffiniert« wie Hugo. »Raffiniert?« verteidigte sich Hugo. »Was nennst du raffiniert? Wenn man nicht mit Nachdenken spielt, hat das ganze Spiel ja keinen Sinn.« »Reg di man nich op,« sagte Anton gelassen. Mit Christian kam er nie in Streit. Er war sogar immer etwas verlegen ihm gegenüber. Er merkte, daß der kleine verwachsene Mensch ihm sein Herz geschenkt hatte, mit einer scheuen, zarten Neigung an ihm hing. Es kam nur bei kleinen Anlässen zum Vorschein. Anton hatte einmal seinen Hut fallen lassen, und Christian bückte sich danach. Ein anderes Mal merkte er, daß Christian ihm aus Gutmütigkeit einen Stein im Brett hatte stehen lassen, und sein ehrliches Gemüt wurde empfindlich. »Das hast nicht nötig. Spiel ist Spiel.« Aber gleich reuten ihn die Worte, denn Christian errötete bei dem Vorwurf. Bei Hugo konnte er alle Lappigkeit und Lischenhaftigkeit nicht ausstehen, bei Christian war es etwas Zarteres, Feineres, was ihn in Verlegenheit setzte, und was er achtete und instinktiv verstand, als etwas seinem Wesen im Grunde Verwandtes. Denn Anton war auch zartfühlend, wenn auch nicht empfindlich. Er tat nicht gern weh und haßte Unrecht, wenn er auch selbst ziemlich dickfellig war gegen ihm zugefügte Schmerzen. Auch über ihm widerfahrenes Unrecht konnte er sich gutmütig hinwegsetzen. Wenn es aber einmal bei ihm überlief – »Anton Krautsch ist immer gleich so grob« hieß es dann. Und es ist wahr, seine Schlosserfäuste waren nicht zart. * »Junge, wenn man erst wieder Sommer ist und wir wieder Tagestouren machen. In die Heide müssen wir mal, und dann im Freien übernachten, und dann ein Feuer anmachen. Junge, das macht Spaß.« Anton war ganz Eifer bei dem Gedanken. »Hast du das denn schon mal getan,« fragte Tetje Butt. »Nein, noch nicht, aber das denk ich mir sein. Ich habs Herrn Heinrich schon gesagt. Er will es auch mal machen. Und im Winter will er auch mal mit uns los, in der Nacht, wenn mal so n schöne Frostnacht ist, und der Mond scheint und alles voll Schnee ist.« »Danke,« meinte Hugo. »Im Winter?« »Natürlich, bist bang, daß du dir n Schnuppen holst? Kriech du man ins Bett. Aber laß dir auch n Wärmflasche machen.« »Magst du mit?« fragte Hugo Christian. »Ja,« kam etwas zögernd die Antwort. »Ich glaub, ich möcht wohl. Schön muß es sein.« Daß Christian nicht mitmachen würde, stand allen fest, und sie sahen auch ein, daß es für ihn zu anstrengend wäre. Aber Tetje Butt sagte: »So n Nacht im Winter? Mach ich ganz allein. Bin ich gar nicht bang bei.« »Na, prahl man nicht, Buttje,« fuhr ihm Anton über den Mund. »Prahlen? Dat möt ick erst bi di leern, min Jung.« Anton packte mit beiden Fäusten zu und setzte Tetje Butt, dem alles Zappeln nichts half, auf den Schrank, in welchem die Liederbücher und andere Sachen aufbewahrt wurden. »Ick bliv hier sitten,« sagte Tetje und schlug die Arme übereinander. Und Tetje Butt blieb da sitzen, bis Pastor Collasius eintrat und ihn herunter holte. »Laß das, ja?« »Wenn er mir hier hinsetzt,« wollte Tetje antworten, verschluckte aber seine Rede wieder. Bei Pastor Collasius konnte man nicht frech sein. Collasius brachte Bilder von Hans Thoma mit, und Hugo Winsemann trat ihm im Eifer auf den Fuß. Seitdem er zum erstenmal an der Hand dieses freundlichen und verständigen Führers von der bildenden Kunst hatte genießen dürfen – Collasius hatte mit Dürerschen Blättern den Anfang gemacht – war er unter den Eifrigen der Eifrigste. Die deutsche Heimat in der Kunst wollte Collasius seinen Jungen näher bringen. Sie hatten sich um Dürer ehrlich Mühe gegeben, aber Collasius merkte wohl, es war eine Saat, die langsam reifen mußte. Aber in Schwinds Märchenwelt, in Ludwig Richters trauten Garten waren sie ihm verständnisvoll gefolgt, und nun war es Hans Thoma, der treue, deutsche Meister, der ihm helfen sollte, in diesen jungen Gemütern bewußtes, liebevolles Erfassen des Heimatlichen zu erwecken, daß sie ihres Deutschtums, ihrer Eigenart sich bewußt wurden. »Hurra, Germania!« und »Fest steht und treu die Wacht am Rhein,« das sangen sie wohl bei passenden und unpassenden Gelegenheiten mit viel Stimmenaufwand und »patriotischer« Begeisterung. Aber es war ein verflackerndes Feuer, das nicht tief brannte, und sie sangen die Verse herunter, wie sie das Vaterunser gedankenlos herplapperten oder die Hafenstädte um den großen Stiefel Italien herum aufsagten. Aber wo sollte bei diesen jungen, ach oft so heimatlosen Seelen die Liebe zur Heimat herkommen, wie sollten sie mit echter Begeisterung und wahrem Feuer der Liebe »Hurra Germania« rufen. Ja, und doch! Das Blut, ob es nun rot und rasch, oder blaß und müde durch ihre Adern kreiste, der Mutter Laute, die aus allem Elend heraus zu ihnen sprachen – ja, das sind die Quellen, aus denen ihre Heimatsliebe, ihre Vaterlandsliebe gespeist wurde. Aber sind sie gar nicht zu verschütten diese Quellen? Die Stimme des Blutes, schweigt sie nicht einmal, überschrien von anderen? Die alten Wiegenlieder, verklingen sie nicht einmal? Und der Zauber der Sprache, ist er immer mächtig? Hier, in diesen schlichten Blättern der deutschen Meister war Blut der Heimat, Blick der Heimat, Laut der Heimat. Aus diesen Quellen sollten die Jungen trinken. Und wenn Collasius dann auf den Wanderungen – auch Herr Heinrich verstand ein wenig von dieser Kunst – ihnen die Augen öffnete, daß sie in der Landschaft das von jenen Künstlern Geschaute nun wieder schauten, in den besonderen Formen und Farben ihrer eigenen Heimat, dann glaubte er oft, sich des heimlichen Segens seiner Mühen schon freuen zu dürfen. Anton verhielt sich diesen Dingen gegenüber ziemlich passiv. Das Bilderbesehen ermüdete ihn. Alles Gefühlsmäßige und Empfindsame war ihm zuwider. »So n sentimentalen Kram.« Er war eine praktische, nüchterne Natur mit einer großen Liebe zu Freiheit und frischer Luft. Er war gern draußen in der Natur. Aber es war ihm mehr ein physisches Behagen, als ein ästhetischer Genuß. Er hätte gern einen Garten gehabt, und wäre ein fleißiger Gemüsegärtner geworden, der auch seine Blumen nicht ganz vernachlässigt hätte. Aber der Reiz hätte für ihn in der Arbeit gelegen, im Graben, Jäten und Pflegen und in dem wachsenden Erfolg. Ein Wiesenbach, noch so lieblich und wahr von Meister Thoma aufs Papier gezeichnet, es war ihm ein buntes Bild wie andere. Aber draußen, wenn er mit einem mutigen Sprung von einem Ufer ans andere setzen, oder seinen jungen muskulösen Körper in der klaren Flut baden konnte, ja, dann wußte er das Bächlein wohl zu schätzen. Auch die Fischlein im Bach ergötzten ihn, und den Krebsen nachzustellen, konnte er nicht müde werden, wenn es ihm auch nicht darauf ankam, den Fang mit warmer Hand zu verschenken. So hatte die Natur auch für ihn ihre Freuden, und er genoß sie in seiner Weise. Hugo aber war für ästhetische Reize empfänglich. Des Vaters Natur regte sich in ihm. Er hatte sich ein paar billige Blätter angeschafft, die neben Schillers Gedichten, Hauffs Lichtenstein und einer billigen Anthologie moderner Lyrik seinen mit stolz gehüteten Schatz ausmachten. Christian teilte in still genießender Weise seine Neigungen, ohne sich viel auszusprechen. Nur die feine Röte seiner Wangen zeigte, wenn ihm ein Bild, ein Gedicht ans Herz gegangen war. Tetje Butt hielt es mit Anton, Tetje Butt, der immer mit den Händen in den Hosentaschen dabei stand, bis Collasius ihn mit einem Blick ermahnte. Dann nahm er die Hände aus den Taschen und schob sich sachte an einen andern Platz, von wo aus er die blanken, schwarzen Augen ruhelos hin und her wandern ließ, vom Bild zu Collasius, von Antons etwas gelangweiltem Gesicht zu Hugos überlegener Kennermiene. Immer mit einem Blick, als wollte er fragen: Was sagt ihr dazu? Was soll das? Versteht ihr das? Und immer unglücklich und mit hilflosen Armbewegungen, wenn er nicht die Hände in den Hosentaschen vergraben durfte. Neuntes Kapitel »Dscha, se wülln dat jo nich anners hebbn,« sagte Jan Tüt und spuckte übers Bollwerk ins Wasser. »Hett all sin Grenzen. Schinn'n lat wie uns nich,« sagte Tetje Krahnstöver und spuckte nach. Jan Tüt spuckte wie zur Bekräftigung nochmal energisch aus. »Wie sünd dat arbeitende Volk. Dat sünd wie. Op uns steiht de Staat,« fuhr Tetje Krahnstöver fort. »Wie lat uns nich schinn'n. Lat wie nich.« Jan Tüt brummte etwas Unverständliches vor sich hin und schwieg dann beharrlich. Er war noch immer derselbe Philosoph, der damals, als Käpt'n Krautsch mit seinem Schoner unterging, den Satz aufstellte: »Dat ganze Leben is Schiet.« Tetje Krahnstöver sagte auch nichts weiter. Sie starrten beide mit verschwommenen Augen auf den Strom, dessen windbewegte Flut in der grellen Mittagssonne glitzerte. Das hatte etwas Einschläferndes, dem sich beide Anwälte des arbeitenden Volkes nicht entziehen konnten. Veranlassung zu den wenigen Worten, die sie mundfaul gewechselt hatten, war der Schlosserstreik, der heute ausgebrochen war. Auf der Werft von Dusel und Sohn waren zwei Arbeiter gemaßregelt worden, die anderen hatten sich mit ihnen solidarisch erklärt. Wiederanstellung, oder alle legen nieder. Machtfrage, Autoritätsfrage. Darum drehte es sich anfangs. Aber die Gelegenheit wurde benutzt, gleich, wie schon lange geplant, Lohnerhöhung zu fordern. Über Nacht war der Streik da. Ein paar hundert fleißige Arbeiter feierten, und Jan Tüt und Tetje Krahnstöver, die beiden ärgsten Faulpelze an der Wasserkante, nahmen sich ihrer an. »Schinn'n lat wie uns nich.« Tetje Krahnstöver hatte sich früher von seinem Schinderlohn manchen vergnügten Abend zu machen gewußt, und als dabei alles um die Ecke ging, schalt er auf die Bratenfressers und Blutsaugers. Jan Tüt war, wie gesagt, mehr Philosoph. Er war immer bedürfnislos gewesen und war eigentlich mit seinem Zustand ganz zufrieden. Immer halb im »Duntje«, sah er die Welt noch ziemlich rosenrot. Seinen Platz in der Sonne am Bollwerk machte ihm niemand streitig. Seinen Schnaps, seine Rolle Kautabak verdiente er sich immer noch auf dem Hopfenmarkt und dem Meßberg oder in der Fischhalle. Jan Tüt erfreute sich sogar einer gewissen Beliebtheit bei den Marktfrauen und Gemüsebauern, die seine Philosophie gelten lassen mußten. »Ji arbeit um to leben, un ick arbeit um to leben. Wenn de Mensch man tofreden is.« Jan Tüt hatte leicht zufrieden sein. Aber da waren Leute, fleißige Arbeiter mit Frauen und Kindern, denen Jan Tüts philosophisches Gemüt nicht gegeben war, die nicht nur satt werden wollten, die auch vorwärts wollten im Leben. Leute, die nicht zurückbleiben wollten, wenn andere ihren Weg aufwärts machten, deren Sinn begehrlich war nach all den Schätzen, die sie andere genießen sahen. Schätze, die sie selbst mit heben halfen. Leute, die die helle und fröhliche Musik des Lebens auf eben jenen Instrumenten spielen hörten, die sie gebaut hatten. Leute, mit offenen Augen und Ohren, die Zeitungen lasen und Versammlungen besuchten, die nicht nur ihre eigenen paar Mark sondern auch die Taler der Reichen zählten, und die immer geneigt waren, zu sagen: »De Kerl hett recht,« wenn ihnen ein Volkstribun von Freiheit, Menschenwürde und geknechtetem Proletariat etwas Gewaltsames vordonnerte. Leute, die es als ihr Recht in Anspruch nahmen, nicht zufrieden zu sein. Nur die Unzufriedenen bringen die Welt weiter. »Ji könt doch tofreden sien,« sagte Karsten Drews, der alte Werkführer in Sichelmanns Schlosserei. »Wat gähn ji Düsel sin Schlossers an.« Sie sprachen sich nicht aus, ob sie zufrieden waren, auch Hellmann nicht. Sie zuckten die Achsel. »Wir sind solidarisch.« Das war alles, was der kleine, krummbeinige Rehm sagte, der ein firer Arbeiter, aber ein waschechter Sozialdemokrat war. Er ging Sonntags nur mit einem roten Schlips, worüber selbst Hellmann spottete, der sonst ebenso waschecht und zielbewußt war. Es half Karsten Drews nichts und half Meister Sichelmann nichts. Sie waren »solidarisch«, und die Arbeit ruhte, soweit sie nicht von Drews und Anton und dem in der Not selbst zugreifenden Meister verrichtet werden konnte. Fünf Pfennige mehr Lohn für die Stunde wurden beansprucht, und für die Überstunde fünfzig Pfennig. Das hätte Sichelmann, der nur mit drei Gesellen arbeitete, nicht umgeworfen. Er hatte es auch vielleicht bewilligt, wenn er auch eiferte: »Wo soll das hin mit den unverschämten Forderungen? Alle Vierteljahr wollen sie mehr haben.« Aber auch die Meister sagten: »Wi sünd solidarisch.« Anton machte die Geschichte Spaß. »Mutter, wi streikt!« rief er ihr schon in der Tür zu. »Ji streikt? Wat wult du streiken?« »Ick doch nich. Aber de annern. Düsel sin sind anfungen.« »Disse ewige Streikerie. Wenn dor man wat bi rut kümmt.« »Se sünd solidarisch, Mutter,« sagte Anton ungeheuer wichtig. »Solang as se dat uthölt. Rasten gaht se mit lerrigen Liev solidarisch an de Arbeit.« »Hüt abend is Versammlung.« »Dat du mi dor nich hengeihst.« »Mügg ick doch woll.« »De sett di man Lüs in t Hoor. Dor is immer noch Tied to.« Anton ging aber doch hin. »Dat versteiht Mudder nich.« Aber wenn er auch ganz gut als Geselle hätte gelten können, so groß und kräftig wie er war, so traf er doch gleich am Eingang Leute, die ihn kannten. »Bliv man buten, min Jung, hier hest nir to söken.« Und da kam auch Karsten Drews: »Wat wullt du denn hier?« »Na, denn schuf man äff,« dachte Anton und ging. Sehr ärgerlich war er nicht darüber. Hellmann würde ihm schon alles erzählen, und in die Zeitung käm es ja auch. * Ein Gutes hatte der Streik für Anton. Er mußte in der Werkstatt hart heran, unter den Augen des Meisters, der jetzt früh und spät mit zugriff. Anton war ehrgeizig, und hier jetzt die Fehlenden zu vertreten, das schmeichelte seinem Selbstgefühl. Dazu kam, daß Meister Sichelmann, sonst nicht gerade in der rosigsten Laune, seinen beiden einzigen Arbeitern diese saure Zeit möglichst zu versüßen suchte, indem er sie nach Gerechtigkeit mit Lob ermunterte, für leibliche Stärkung sorgte und freundliche Teilnahme an ihren persönlichen Verhältnissen zeigte. Anton sang abends zu Hause des Meisters Lob, und dieser rühmte sich um dieselbe Zeit am Stammtisch seines anstelligen Lehrjungen, der ihm in diesen Tagen gut einen Gesellen ersetzte. »Ick wull, min weer ock so,« sagte Meister Behrens, der Tischler. »De is n olln Dösbaddel.« Das wurde des Näheren begründet und mit Beispielen belegt, wonach Hugo es keinen Tag an Dummheiten fehlen ließ. »Und nu hett de Paster de Jungs ock noch wat n Kopp sett.« »Nee, Fritz, dor segg nir op, das is ne ganz gute Sache, das laß man gut sein,« widersprach ihm sein Bruder, der Buchbinder, der gerade seine Dose herumgereicht hatte und sich nun selber die Nase erquickte. »Die Gewerbeschule – das ist viel zu viel Schule da. Und was Collasius und Herr Heinrich den Jungen beibringen, das können sie da nicht lernen.« »Brukt se ok nich,« sagte der Tischler. »Was bringt er ihnen denn bei?« meinte der Sattler Sager. »All so n Unsinn, was sie fürs Leben nicht nötig haben, und fürs Geschäft nicht brauchen können. – Sollen man lieber ordentlich ihr Handwerk lernen.« »Dor Heft recht, Sager;« rief Fritz Behrens. »De Schoolmapp von min Lütt is all sit acht Daag werrer entwei wesen.« »Denn möt se dor nett mit umgahn sin.« »n sösjährige Deern? De kann noch keen Ledder entwei rieten.« »Unsinn is dat, segg ick,« nahm der Sattler das alte Thema wieder auf, innerlich giftig auf Fritz Behrens. »De Pasters hebbt immer so n Ideen.« »Pastor Collasius ist ein vortrefflicher Mann,« sagte der Buchbinder. »Ist er auch,« bestätigte Meister Sichelmann. »Hat die besten Absichten. Aber er läßt sich zu viel ein. Das hat all so n sozialdemokratischen Anstrich. Laß ihn doch auf der Kanzel bleiben. Da soll er predigen.« »Dor kümmt em man keen hen,« lachte der Tischler. »Bi Pastor Brügge is dat immer voll,« sagte der Schuster. »Ja, oll Wiewer und Kinner.« »He is so n Salbungsvollen, so n Scheinheiligen.« »Nee, scheinheilig is he nich. He is n rechten und ehrlichen Mann.« Die Meinungen gingen etwas auseinander, aber man sprach doch im ganzen mit Respekt von den beiden Geistlichen. Nur Pastor Collasius' Lehrlingsbestrebungen kamen nicht gerade gut weg. »All so 'n niemodschen Kram. Bestand hett dat doch nich,« meinte der Schuster. Und Maurermeister Eggers machte ironische Bemerkungen über Volksbeglückung und Verbrüderung. »Der Geselle ist der natürliche Feind vom Meister, die Köksch von ihrer Madame, der zweite Kanzleischreiber vom ersten und uns lütt Piccolo vom Ober. Das ist die menschliche Natur so. Das bringen sie mit 'n bißchen Bilderbesehn und Theaterspielen nicht raus. Und wenn Hein seine Bilder n bißchen bunter sind als Tetje seine, ist das n soziale Ungerechtigkeit, und Tetje wird fuchtig. Ick bin dor mank wesen, johrlang. Neid und Afgunst und beständige Stänkerie is dat. – Ober! Noch n Pschorr! Und so n Portion Ente bringen Sie man noch eine. Wirklich zu empfehlen, meine Herren.« Aber die Herren hatten schon zu Abend gegessen. Nur der Schuster sah noch etwas »nipp« zu, wie auch die zweite Portion Ente nach und nach vom Teller verschwand. Es mochten auch ihm dunkle Empfindungen von sozialer Ungerechtigkeit anwandeln, und Hunger nach ausgleichender Gerechtigkeit. Daß Collasius' Weg nicht auf Entenbraten abzielte, war ihm klar, und er hatte ja auch vorhin schon seine Meinung darüber gesagt. »Ob dat noch lang duuert, mit den Schlosserstreik?« fragte Tischler Behrens. »Lang holt se t woll nich ut,« meinte der Schuster, und Meister Sichelmann zuckte die Achseln. »Das ist auch wieder so n Stück,« legte Maurermeister Eggers los, schob den leeren Teller von sich und. langte nach dem Zahnstocher. »Reiner Übermut. Was stehn die Leute bei Düsel aus? Haben erst vorm halben Jahr aufgebessert. Aber da wird so n Krakeler und Faulpelz an die Luft gesetzt, gleich sind alle solidarisch. Die Fleißigen mit den Faulen, die Ordentlichen mit den Schlampigen. Alle in Freiheit und Brüderlichkeit. »Wi lat uns nix gefallen. Wenn unser starker Arm nicht will.« Ja, wo blivvt noher de starke Arm? Wenn se nir mehr in de Knaken hebbt, kömt se wedder an. Ausgemergelte Lohnsklaven. Wer mergelt sie aus? Düsel doch nicht? Wenn ich nicht arbeit, verdien ich kein Geld, und wenn ich kein Geld verdien, kann ich mich nicht satt essen, und wenn ich mich nicht satt essen kann, mergel ich auch aus.« »Dat ward bi di sin Tied beanspruchen,« sagte Sichelmann und klopfte dem dicken Sprecher auf die feiste Schulter. Alles lachte und trank Meister Eggers zu. »Prost Eggers! Recht hest du. Ganz einerlei. Du schalst wirklich in de Bürgerschaft sitten mit din Redegabe.« »Son Lüd könt wi dor bruken,« sagte der Sattler. »Aus dem Volke, für dem Volke!« »Handel und Gewerbe, darauf beruht der Staat. Das muß geschützt werden!« rief der Schuster. »Und das wollen die Sozialdemokraten ruinieren. Da gehen sie auf aus. Prost Sager.« Zehntes Kapitel Der Winter setzte plötzlich sehr scharf ein. Ein eisiger Ostwind pfiff durch den Hafen als erster Gruß des Gestrengen. Dann gab es trüben Winterhimmel, und nicht lange, da wirbelten die ersten Flocken herunter, und die Schuljugend bombardierte sich unter viel Geschrei mit Schneebällen, bis ein milderer Tag die ganze weiße Herrlichkeit wieder zu Wasser machte. Dann aber kam dauernde Kälte. Die Menschen trippelten vorsichtig, mit roten Nasen und Ohren über das Glatteis und schalten, wenn nicht vorschriftsmäßig gestreut war. Jan Tüt und Tetje Krahnstöver standen nicht mehr am Bollwerk und guckten in die Elbe. Da pfiff jetzt meist ein harter Wind, und waren die kleinen Eisschollen auch lustig anzusehen, wenn sie auf und abtanzten, mit Flut und Ebbe trieben und oft nicht zu wissen schienen, wohin sie eigentlich wollten, lange konnte man dieses Schauspiel nicht genießen. Man bekam kalte Füße und Sehnsucht nach einem heißen Grog oder einem kleinen Korn. In Ohlsens Gang hingen sich lange Eiszapfen an die Dachrinnen und schmolzen langsam unter den spärlichen Mittagsküssen der Sonne wieder zusammen; wenn sie nicht ein Stoß mit dem Besen oder irgend einem andern zureichenden Gegenstand vorher traf, daß sie klirrend auf dem Pflaster zerschellten. An Schneetagen hatte der Besen noch mehr zu tun. Das schmale Gäßchen war bald eingeschneit. Da hieß es Bahn machen. Hui, wie der Wind manchmal den Schnee in den Torweg hineinfegte, als wollte er sagen: Da, fegts wieder heraus, wenn ihr könnt. Arbeit macht warm, tummelt euch! Und dann hatte die Cyriaks einen Ärger, die dem Tor am nächsten wohnte und immer den meisten Schnee vor ihrer Tür hatte. Sie mußte dann selbst mit Besen und Schippe dabei, und der große Michel sah mit seinem grünen Spitzhut, dessen Rand auch arg beschneit war, über die niedrigen Hinterhäuser herüber ihr zu. Er kannte sie gewiß genauer. Sie war ja die Einzige in Ohlsens Gang, die jeden Sonntag zu ihm kam, in einer fleißigen Frömmigkeit. So mochte er auch hier sich über ihren Eifer freuen. Lene Lerch konnte er nicht sehen, hätte auch keine Freude an ihr gehabt, denn sie war unwirsch und stieß manches böse Wort aus, wenn der Schnee die Treppe zum Keller herabfegte und dabei ein Spottlied sang. Wenn es recht ausgiebig schneite, mußte Lene wohl dreimal am Tag die Treppe fegen und die Straße dazu rein halten. Und mit der Aschenschaufel mußte sie laufen und streuen. Lene haßte den Winter. Sie litt an Frost, und ihre kleinen roten Hände sprangen auf. Ein Gutes hatte es, daß der Winter mit einmal so scharf daher fegte, er kühlte die erhitzten Gemüter der Streikenden ab, die die bisherigen guten und milden Tage als willkommene Bundesgenossen gegen die Arbeitgeber mit ins Feld führen konnten. Aber jetzt streikten diese Hilfstruppen, und die kalten Tage fielen ihnen feindlich in die Flanke, stießen sie in den Rücken und sprangen ihnen ins Gesicht. Da war es doch wieder besser in warmen Stuben und Werkstätten und hinterm warmen Suppennapf. Man nahm die Arbeit wieder auf, ohne etwas erreicht zu haben. Hellmann und der älteste Geselle, der verheiratet war, waren froh, wieder arbeiten zu können, und kamen mit vergnügten Gesichtern in die Werkstatt. Nur der zweite, der kleine, krummbeinige Rehm, war unwirsch über den Ausgang des Streiks und kam mit einer roten Krawatte zur Arbeit. Karsten Drews sah ihn nur schief an, sagte aber nichts. Hellmann aber, immer spottlustig, sagte: »Treck doch din Uniform ut, Rehm.« »Wenn du n Kirl büst, givst du din Gesinnung öberall to erkennen,« sagte Rehm bissig. »Ick hev min Gesinnung in de Tasch,« lachte Hellmann und zog ein rotes Schnupftuch hervor und brauchte es mit komischer Umständlichkeit. Rehm steckte den Spott ein. Er wußte ja, daß Hellmanns Gesinnung nichts zu wünschen übrig ließ. Aber verärgert war er doch und ließ seinen Ärger bei jeder Gelegenheit aus. Anton, der unbefangen bei Hellmanns Spötterei gelacht hatte, bekam es auch zu spüren. Rehm, ein tüchtiger Arbeiter, aber mißgünstig und ehrgeizig, merkte bald, daß Anton sich während der Streiktage »Liebkind« zu machen gewußt hatte, wie er es nannte. Anton, in diesen Wochen wirklich etwas verzogen, war empfindlicher gegen die absichtliche Art Rehms, ihn als Lehrjungen und Lausbuben zu behandeln. So gerieten sie über eine Kleinigkeit aneinander. Nehm bot ihm eins hinter die Ohren an. »Fat mi mal an,« sagte Anton. »Du Lapps,« schalt Nehm. Anton war kreideweiß. Der alte Drews und Hellmann, die zusammen vor der Esse standen, achteten nicht auf die beiden. Rehm erschrak über Antons Aussehen, aber er war zu verärgert, um beizugeben. Er lachte ihm spöttisch ins Gesicht. »Du Hund!« kam es langsam aus Antons schweratmender Brust. Mit einem Sprung stand Nehm vor ihm. »Wat seggst du?« Und bevor Drews und Hellmann, die jetzt aufmerksam wurden, es hindern konnten, hatten sie sich gepackt. Hellmann sprang zu. »Lat mi,« keuchte Rehm. »Rehm! Anton! Sünd ji dull!« rief Drews und zog Anton zurück. Aber der riß sich los und stürzte sich von neuem auf Nehm, warf ihn zu Boden und hämmerte wie sinnlos mit beiden Fäusten auf ihm herum. Erst Drews und Hellmann zusammen gelang es, ihn in die Höhe zu reißen. Rehm richtete sich halb auf und blieb so einen Augenblick auf dem rechten Ellenbogen gestützt liegen und starrte wie abwesend auf einen Fleck. Er blutete aus der Nase, und seine rote Kravatte hing ihm zerrissen über die Brust. Langsam, ohne ein Wort zu sagen, erhob er sich, ordnete seine Kleider und wischte sich das Blut ab. »Is got, is got,« sagte er mit heiserer Stimme und stellte sich an seinen Schraubstock. »Du geihst no Hus,« befahl der alte Drews Anton. »He is anfungn.« »Gah na Hus, segg ick. Morgen kannst werrer kam.« Der Alte meinte, so wäre es für heute am besten. »Ick will n Meister spreeken,« sagte Anton, der noch am ganzen Körper zitterte. »Wat wullt du mit n Meister?« »Ick lat mi nich schimpen.« »Unsinn. Swig still und gah.« Anton bestand darauf, den Meister zu sprechen. »Dann kam ick nich werrer,« sagte er zuletzt, als ihm das nichts half. »Schimpen lat ick mi nich.« Er nahm seine Mütze und ging, so wie er war, ungewaschen. »So n Dickkopp,« knurrte der alte Drews. Mutter Krautsch war überrascht, als Anton vorzeitig und ungewaschen nach Hause kam. »Ick hev kündigt,« stieß er hervor. »Du hest kündigt? Wat is los? Wat kannst du kündigen? Steiht di jo garnich to.« »Ick lat mi nich schimpen.« »Wer hett die schimpt?« »Rehm.« »Und dann kündigst du? Anton, das glaub ich nich. Da steckt was hinter. Und wie siehst du aus! Nich mal gewaschen hast du dir. Und Jung, was, du blutst ja!« Anton sah sie überrascht an. »Ich blut? Wo?« Er schnitt eine Grimasse, als wolle er sich selbst ins Gesicht sehn. »An de Back, Anton. Dor sünd jo grote Schrammen. Jung, du hest wat hatt.« Anton wischte sich das Blut mit dem Handrücken ab. »Ick hev mi haut. Mit Rehm,« sagte er kurz. »Haut hest di? In de Werkstatt? Anton!« Mutter Krautsch lief aufgeregt im Zimmer hin und her. »Lene, bleib draußen!« rief sie hinaus. Anton, der von Zeit zu Zeit mit dem Rücken der Hand über die nur wenig blutende Backe fuhr, erzählte, was vorgefallen. »Und da hat er dir nach Hause geschickt? Ich mein, du hast gekündigt?« »Hin geh ich nicht wieder.« »Gewiß gehst du wieder hin.« »Nee, Mutter.« »Da reden wir noch über, mein Sohn. Erst wasch dich mal man und mach dich ein bißchen ordentlich. Was soll Lene denken.« Nach Feierabend kam Karsten Drews. »Dat wär n grote Dummheit, Anton,« sagte er. »Wat hett he mi to schimpen.« »Ach wat. He is n oll'n Mann gegen di. Du büst mit schuld.« Anton schwieg trotzig. »Du bist gewiß wieder gleich so heftig gewesen,« sagte Mutter Krautsch. »Er ist oft so heftig,« wandte sie sich an Karsten Drews. »Sein Vater konnte es auch sein. Ne Seele von Mann sonst. Aber mit einmal, und dann kannt er sich selbst nich mehr. Ach, was hat er nich geweint darum, seine hellen Tränen manchmal.« »Ja, dat s schlimm, so n Jähzorn,« sagte Karsten Drews. »Da kann mal n grot Malör mit anricht wardn. Min Swestersöhn hett sin egen Broder op bisse Wies ünner de Eer bröcht.« »Anton, hörst, Anton?« rief Mutter Krautsch und schlug die Hände zusammen. »Mit n Stemmisen hett he na sin Broder smeten, so in de reine blinde Wut. Ja, lachen kann he nich mehr sit disse Tied.« »Anton, hörst, Anton? Denk mal an,« jammerte Mutter Krautsch und dachte an Willi Mau und zitterte vor Erregung am ganzen Körper. Karsten Drews redete auch weiter auf Anton ein. Er solle morgen Rehm um Verzeihung bitten »und so n Prügelei dörpt nich werrer vorkom. Süns is t ut.« Anton wollte nicht. Rehm wäre angefangen. »Wat anfungn. Wenn he di schimpt, denn seggst du mi dat. Aber so wat is ja n Schann.« Mutter Krautsch gab Karsten Drews recht. »Sagen Sie es ihm man ordentlich, Herr Drews. Von Sie nimmt er das wohl an. Sie wissen Wort zu führen. Anton, nimm dich an, was Herr Drews dich sagt, hörst du?« So redeten sie auf Anton ein, und er gab endlich nach und versprach, Rehm um Verzeihung zu bitten. »Sieh, nu acht ich dir hoch,« sagte Karsten Drews und gab ihm die Hand. »Dat is 'n Mannssache, in solchem Fall um Verzeihung zu bitten.« Am andern Morgen bat Anton Rehm um Verzeihung. Hellmann und Kuntz, der erste Gesell, der bei der Prügelei nicht zugegen gewesen war, wußten nicht, wie ihnen geschah, und Rehm selbst sah ihn ganz verwirrt an. »Wat wullt du?« »Deiht mi leed, dat von gistern, wär unrecht von mi.« Karstens Drews tat, als wisse er von nichts und sah nur mit einem halben Auge hin. Rehm stand da und nahm Antons Hand nicht an. Anton wurde blaß. »Wenn du nich wullt,« brachte er schwer über die Lippen. »Rehm, de Jung beedt di um Verzeihung, und du olle Mann wullt dat nich annehmen?« Es war Kuntz, der erste Gesell, der das mit seinem tiefen Baß und in ehrlicher Entrüstung sagte. »He hett mi de ganze Näs entwei slan,« knurrte Rehm. »Dat deiht mi ja leed,« sagte Anton und hielt ihm die Hand wieder hin. »Minwegen. Dann sallt god sin,« sagte Rehm und wandte sich ab. »Ne, ne. De Hand müßt annehm,« sagte Hellmann. Zögernd nahm der Gegner Antons Hand und streifte mit einem flüchtigen Blick von unten Antons Gesicht. Antons Augen schienen ihm naß zu sein, und der Blick aus diesen großen offenen Augen ehrlich und ohne Hintergedanken. »Wenn ick mal Lapps to di segg, is dat doch nich ümmer bös meent,« sagte Rehm, und damit war der Frieden wieder hergestellt. Als Anton zum Mittagsessen nach Hause kam, fand er nur geteiltes Interesse für seinen Versöhnungsbericht. »Denk di, Hugo hett n Been braken!« »Ne, n Arm,« verbesserte Lene Lerch. »n Arm? So? Ich mein sein Bein.« Lene wußte es besser, sie erzählte, was sie gehört hatte. Hugo hatte Bretter über den Hof getragen, war auf Glatteis ausgeglitten und mit den Brettern hingeschlagen. »Mitten durch,« schloß Lene ihren Bericht. »Grad hier oben. Der rechte Arm.« »Mußt wohl gleich mal vorspringen, Anton, und dich nach erkundigen,« meinte Mutter Krautsch. Anton tats ungern. So etwas ward ihm schwer. Er mochte nicht viele Worte machen. Er kam denn auch gleich wieder. »Der Doktor ist eben da, bin gar nicht erst rein gekommen, er wird eingeschient.« »Watt n Stück doch,« sagte Mutter Krautsch wehleidig und schüttelte den Kopf. »Das alte Glatteis! Seh dich doch man ja vor, Anton. Und Lene, daß du das alte Glitschen läßt, immer vor der Tür in 'n Rinnstein.« »Hab ich man einmal getan. Das tun die Jungens immer.« »Geh gleich raus und streu, hörst du. Ich will das hier vor meinem Keller nicht haben.« Und Lene ging mit Eimer und Schaufel auf die Straße, glitschte noch schnell mal längs und schüttete dann die Asche auf das schöne blanke Eis. Elftes Kapitel Hugo war mit einmal eine wichtige Persönlichkeit in Ohlsens Gang. Er lag mit geschientem Arm im Bett und empfing Beileidsbesuche. »Gott, was n Aufstand,« sagte Lene Lerch. Der Arzt kam ein paarmal. Anton und seine Mutter fragten wiederholt nach dem Befinden. Die Cyriaks fehlte natürlich nicht, die mußte überall dabei sein und guten Rat geben. Lene Lerch selbst mußte sich beteiligen, denn Mutter Krautsch schickte sie. Sie ging mit gemischten Gefühlen, mit der halb gruseligen Neugier, die ihr eigen war, und dem Trotz gegen alles, was mit Mariechen Mau zusammenhing. Ja, der Hugo Winsemann war eine wichtige Persönlichkeit. Natürlich kam auch sein Meister zu ihm, zu sehen, wie die Sache stand, und die Meisterin hielt es für ihre Pflicht, etwas Stärkendes zu schicken, eine Hühnersuppe. Paula brachte sie am Sonntag. Sie mußte jetzt ihr Wasser selber schleppen und wünschte sehr aufrichtig, daß Hugo bald genesen möchte. Dann kam auch Christian eines Abends schnell mal vorgesprungen. Und Herr Heinrich und Pastor Collasius vertraten den Lehrlingsverein bei der allgemeinen Kondolenz. Wer wundert sich noch, daß auch Tetje Butt kam. Tetje Butt mit einem Paar frischer, fetter, zuckeriger Schnecken, die er eingewickelt aufs Bett legte. »Wenns magst,« sagte er. Auch Frau Melitta ließ sich nach dem Befinden erkundigen. Frau Winsemann fühlte sich geschmeichelt. So viel Aufmerksamkeit erwies man ihrem Hugo. »Er ist ja auch so n guter Junge. Er ist so beliebt,« sagte sie. Und sie dachte, ob man sich um Anton Krautsch auch wohl so viele Mühe geben würde. Feiner war ihr Hugo jedenfalls. Feiner und klüger. Was hatte er nicht schon für Bilder an den Wänden hängen. Und wie gelehrt wußte er darüber zu sprechen. Und die Mutter sprachs ihm nach: »Das da ist die Toteninsel von Böcklin. Und der Junge mit der Violine da, das hat der große Maler Thoma gemalt. Und sehen Sie mal, wie niedlich. Das ist von Ludwig Richter. All die kleinen süßen Kinder. Wie natürlich, nicht wahr?« Es war Fräulein Cyriaks, die mit diesen Erklärungen beglückt wurde, und die jedes Bild mit ihrem Vogelgesicht anstarrte, als erwarte sie von ihm selbst noch weitere Auskünfte. Mit Herrn Heinrich sprach Frau Winsemann von Hugos Büchern. Anton Krautsch aber wurden sie alle mit großer Wichtigkeit gezeigt. »Lesen Sie auch so gerne?« »Ach, ja, manchmal.« »Nicht wahr, das bildet so. Mein Hugo liest den ganzen Tag.« Ja, Hugo konnte seiner Neigung zu den Büchern jetzt nach Herzenslust fröhnen. Er las alles, was ihm in die Hände kam. Manchmal »ganz unverständlichen Kram«. Wenigstens verstand Frau Winsemann nichts davon. Sie freute sich aber, wenn Hugo recht wichtig tat. Grade so, wie sein seliger Vater auch sein konnte. Der las auch am liebsten Verse, ganz wie Hugo. Wenn der Jung man nicht auch noch das Dichten anfängt. Ob sie es ihm jetzt nicht eigentlich sagen könnte und müßte, daß sein Vater auch ein Dichter gewesen? Ja, sie war es ihm schuldig. Jetzt verstand er es, wußte es zu würdigen. Und sie holte das eine Gedicht, das dem Flammentode entronnen war, aus der Schublade und gab es ihm. Und als er es verwundert, mit erhitzter Wange und leuchtenden Augen las, kam auch über sie nachträglich der Stolz auf ihren talentvollen Gatten und sie sagte: »Ja, Hugo, so ein Mann war dein Vater, ein Dichter war er, wie die, die diese Bücher hier geschrieben haben. Und er hätte es gewiß zu etwas gebracht – wenn – es uns – – nicht – so – schrecklich – gegangen wäre.« Sie brach in heftiges Schluchzen aus, und Hugo, tief ergriffen, faßte ihre Hand und weinte auch. Die dicken Tränen rollten ihm über das Gesicht und benetzten den einzigen literarischen Nachlaß seines unglücklichen Vaters. »Was ringst du nach dem Lorbeer noch Und ringst dich müd und matt. Die Kränze sind für andre da, Für dich grünt kaum ein Blatt. Dein Stückchen Brot, das hast du ja, Sei still und iß dich satt.« Die Verse machten einen tiefen Eindruck auf Hugo. Er sah durch sie in ein ganzes, trostloses, in aussichtslosem Kampf um hohe Ideale verlorenes Leben. Und leise stieg ein Stolz auf seinen Vater in ihm auf. Das – ja – wenn du das auch könntest. Wenn es dir auch geschenkt wäre. Wie wolltest du ringen. Eine tiefe Röte überflog seine blassen Wangen bei diesem Gedanken. Er war glücklich, daß die Mutter ihm das Blatt zum Andenken an seinen Vater schenkte. Er legte es vor sich auf die Bettdecke, barg es unters Kopfkissen und holte es wieder hervor, um es Mariechen Mau zu zeigen. Aber eine Scheu hielt ihn wieder davon ab. Nein, dieses nicht, dieses hat ja kein Interesse für sie. Dies ist dein Heiligtum, nur für dich. Aber – ihn schwindelte bei dem Gedanken – vielleicht kannst du ihr ja selbst einmal ein Gedicht zu lesen geben. »An Mariechen.« Was sie dann wohl sagen würde? Er schloß die Augen und überließ sich diesen hochfliegenden Träumen. Mariechen Mau stieg natürlich täglich die Treppe zu Winsemanns hinauf. Freilich, an Hugos Bett sitzen und ihm vorlesen, wie damals, als sie beide noch Kinder waren, das schickte sich nun nicht mehr. Er war ja damals auch viel kränker. Wenn er es doch jetzt auch wäre und das Mitleid bei ihr das Schicklichkeitsgefühl überwände. Aber er war jetzt gar nicht so eigentlich krank. Er sollte nur Ruhe haben, damit der Arm, es war der rechte, gleich gut anheile. Wäre es der linke, hätte er am Ende bald wieder in die Werkstatt gehen können. Es gab immer allerlei, was man mit der rechten Hand alleine machen konnte. Nun hatte er wohl noch ein paar Wochen freie Zeit. Etwas länger aber hätte Mariechen ihre Besuche gerne ausdehnen können, meinte er. Es war immer nur so ein kurzes Anfragen, ein freundliches Kopfnicken, oft nur durch die Türspalte: »Hab gar kein Zeit heut. Gehts gut? Das ist recht!« Wie fleißig sie war und wie resolut und immer munter. Und wie hübsch kleideten sie die von der Kälte geröteten Backen. Sie trug ein kleines weißes Pelzbarett, das billig war, aber wunder was herzeigte. Darin sah er sie so gern. Wenn sie sich doch nur einmal ein Viertelstündchen vor sein Bett gesetzt hätte. Sie hatte immer so einen leisen süßen Veilchenduft in ihrem Jäckchen. Oder war es Flieder oder Heu? Er verstand sich nicht darauf. Manchmal roch man es noch lange nachher, wenn sie dagewesen war. Dann schnupperte er ordentlich mit seiner feinen spitzen Nase in der Luft herum. Nach vierzehn Tagen konnte Lene Lerch sich wieder beruhigen. Es kamen keine Besuche mehr. Hugo war auf und trug den Arm in der Binde. Dies war die Zeit, wo er sich wieder mehr mit Anton Krautsch anfreundete, der ihn häufig besuchte und ihn auch zu sich einlud. »Ist doch mal n netten Jung geworden, der Hugo,« sagte Mutter Krautsch. »So verständig und so sinnig.« Und Frau Winsemann, die sich durch die kleinste Aufmerksamkeit, die man ihr oder ihrem Sohne erwies, hochgeehrt fühlte, nannte Anton »einen prächtigen Menschen«. Auch zu Mariechen Mau sprach sie von ihm. »Alles was recht ist. Er ist ja so n bischen ungehobelt manchmal.« »Weiß Gott,« gab Mariechen Mau zu, »wie so n Bär.« »Du magst ihn wohl nicht leiden?« »Leiden? Was heißt leiden? Er ist mir völlig schnuppe.« Schnuppe war einer ihrer Lieblingsausdrücke. Manchmal sagte sie auch »Putt egal«. Das war dasselbe. Mariechens Mutter aber hörte Antons Lob nur schweigend an oder sagte wohl mal: »Der Vater war ja auch so ein tüchtiger Mann.« Viel mochte sie nicht von Anton hören. Sie ließ ihm alle Gerechtigkeit widerfahren. Man sah es ihm ja an, daß er ein braver Bursche war. So ein offnes, gutes, ehrliches Gesicht. Kein Duckmäuser und doch auch kein Luftikus. Aber sein Loblied sang sie doch nicht gerne. Und hörte es auch nicht gern von andern. Das konnte man von ihr nicht verlangen. Und daß er ihrem Mariechen so ganz gleichgültig war, erfüllte sie mit geheimer Freude. Mariechen war ja jetzt ein schmuckes Mädchen. Anton hätte wohl ein Auge auf sie haben können. Man weiß ja, wies oft geht. Gott sei dank, sie gingen mit »Tag« und »n Abend« aneinander vorbei. Ob Mariechen von dem unseligen Steinwurf wüßte? Sie hatte ihrer Tochter nie davon erzählt. Aber vielleicht hätte sie es von anderer Seite gehört. Doch dann hätte sie sicher einmal danach gefragt. Und Anton wußte gewiß auch nichts davon. Sonst ginge er nicht so unbekümmert umher und grüßte sie so offen und unbefangen. Die Cyrials und die anderen Frauen hatten doch gut geschwiegen. Ein Glück, daß Anton so ein braver Bursche war und sie nie erzürnte, sonst hätten sie gewiß einmal ein Wort zuviel gesagt. Man weiß ja, wie so ein Geheimnis prickelt und bohrt und drängt, bis es irgendwo ein kleines Loch findet, durch das es entschlüpfen kann. Lief es ihr doch selbst manchmal über: »Du hast gut lachen. Du kannst gesund und breit dastehn wie deine Mutter und dich des Lebens freuen. Wo hast du meinen Willi? Gib ihn mir wieder. Ich werde alt, ich kann ihn brauchen. Er war ein so kluges Kind. Was wäre aus ihm geworden. Vielleicht mehr als aus dir. Er war ein so feines Kind. Fein und gut wie sein Vater.« Ach, wie schwer war es ihr oft, das alles nicht zu sagen und statt dessen freundlich zu blicken: »Guten Tag, Herr Krautsch«. »Warum sagst du immer Herr Krautsch zu dem dummen Bengel,« fragte Mariechen. »Ich weiß nicht, mein Kind, ich kann nicht Anton sagen. Er ist schon so ein großer Mensch.« »Pah! Du sagst doch auch Hugo.« »Hugo ist auch ganz anders. Ich mein immer, der wäre noch ein Kind.« »Wieso denn? Weil er ein bißchen kleiner ist?« »Das ist es wohl nur. Die Größe macht viel aus.« »Dann sag ich auch Herr Krautsch,« entschied Mariechen. Zwölftes Kapitel Um Weihnachten herum begab sich allerlei, was die Gemüter erregte, tiefer oder nur an der Oberfläche, je nachdem sie den Ereignissen nahe standen. Emmi Kiekebusch verlobte sich mit Oberlehrer Liesegang, und alle amüsierte es, daß auch Peter Witt ungefähr um dieselbe Zeit um ihre Hand angehalten und sich natürlich einen Korb geholt hatte. »Diese Frechheit!« sagte Frau Melitta. »Ein Mann, der mir und mich verwechselt.« Peter Witt hatte darin anders gedacht. »So n gemachten Mann,« wie er, brauchte es mit mir und mich nicht so genau zu nehmen. Gut hätte sies bei ihm gehabt. Peter Witt hatte drei Häuser. Frau Witt konnte sich mal alles nach Wunsch einrichten. Aber zu seinem Glück soll man niemand zwingen, dachte Peter Witt und heiratete bald darauf die Witwe des Fischhändlers Thorrensen, die auch drei Häuser hatte. Kamen hier Häuser zu Häuser, so sollte anderswo Haus von Haus lassen. Man war mit den Sanierungsarbeiten in der engbebauten Altstadt so weit vorgerückt, daß nun auch Ohlsens Gang zu Ostern geräumt werden sollte. Das war keine fröhliche Weihnachtsbotschaft für die Bewohner, die nun das letzte Tannenbäumchen in den alten liebgewordenen Räumen schmückten. Sie alle hatten hier lange gehaust. Asmus Andreas Ohlsen war ein gerechter und menschenfreundlicher Hauswirt, nachsichtig gegen gute, ehrenwerte Mieter, unduldsam gegen schlechte Elemente. So hatte sich eine Ruhe und Stetigkeit in den Wohnungsverhältnissen entwickelt, die allen Teilen zugute kam. Das sollte nun alles aufhören. Die Frage, wohin jetzt, beschattete die Festfreude. Eine andere Wohnung würde man schon finden, aber doch eben nur eine andere. In ganz neue Verhältnisse sollte man sich schicken, neue Hauswirte, neue Räume, neue Wege und neue Nachbarn und Kunden. Ach, man hing so am Alten, das mit hundert Erinnerungen, frohen und traurigen, verknüpft war. Man war hier gar nicht für das Neue, für den Fortschritt. Man war so konservativ bei dem langen Hocken im Winkel geworden. Warum konnte es nicht immer so bleiben. Man war ja zufrieden mit dem bißchen Glück, was man hier im Verborgenen genoß, mit dem bißchen Licht, das hier in Ohlsens Gang hineinfiel, und mit dem bißchen Luft, was man dort hatte. Mutter Krautsch hatte es gut, die konnte bleiben. Durfte man nicht wirklich neidisch auf diese bevorzugte Frau sein? Was stand die aus? Freilich, ihren Mann hatte sie ja auch verloren. Und dann das mit dem Anton, die dumme Geschichte damals mit dem kleinen Mau. Es wünschte ihr ja niemand was Schlechtes deshalb, bewahre. Aber sie könnte recht gut dann und wann mal daran denken und einsehen, wie gut sie es hatte und wie böse es sein könne, wenn sie, die Frauen in Ohlsens Gang, schlecht sein wollten und die alte Geschichte wieder aufrühren, da sollte der Anton wohl mal ein anderes Gesicht machen. Ja ja, da war Glück dabei, für ihn und seine Mutter. Nun wurde alles hier abgerissen, kein Stein blieb auf dem anderen, sie alle zogen fort und über die Geschichte wüchse Gras. Tilde Mau war eigentlich am schlimmsten daran. Die hatte hier ihre Kundschaft. Für die Winsemann war es nicht so schlimm, die arbeitete nur für ein bestimmtes Geschäft. Ob die nachher eine halbe Stunde länger auf der Elektrischen führe, das machte so viel nicht aus. Die alte Cyriaks fände schon leicht ein Zimmer. Die hatte überhaupt Taler im Strumpf. Die konnte sich in eine Pension geben. Da hätt sie's ja viel besser. Warum die sich wohl noch mit Wirtschaften plagte. Aber die anderen, die Meiers mit dem blinden Großvater, und die Lösers mit den vielen Kindern und die Suhrs. Na ja, jeder muß am Ende für sich sorgen und sehen, wo er abbleibt. Da waren wohl noch ein paar mit der Miete rückständig. Von Meiers wußte man es wenigstens bestimmt. Für die war es denn ja unangenehm. Aber Ohlsen war ja ein Christenmensch, viel mehr als seine Frau, die immer mit dem Gesangbuch lief. Die sollte ihm ja manchmal Szenen machen, wenn er zu nachsichtig war. »Miete muß prompt bezahlt werden. Das ist eine Forderung der Moral.« »Ja, Lieten, aber wenn nix da ist.« »Warum ist nichts da? Sie sollen sich einrichten.« »Die Zeiten sind schlecht!« »Warum sind sie schlecht? Von all den Streiks kommt das und von der ganzen Gottlosigkeit –« »Sagt Pastor Brügge.« Damit pflegte Asmus Andreas Ohlsen solche Unterhaltungen abzubrechen. Es gab dann kein Wort mehr für Frau Melitta, denn Ohlsen war mit diesem mit trockner Ironie ausgespielten Trumpf auch schon draußen und schloß gelassen die Tür. * Bald nach Neujahr starb Tetje Butts Mutter an einer Lungenentzündung. Pastor Collasius und Herr Heinrich nahmen sich der Familie an. Tetje senior kam in ein Trinkerasyl, und Tetje Butt bekam eine Schlafstelle bei seinem Prinzipal. Das Kind kam in ein Säuglingsheim, und die junge Mutter, die einen leichtsinnigen Lebenswandel führte, von dieser plötzlichen Auflösung ihrer Familie doch erschüttert und von Collasius' eindringlichen Worten zu Tränen gerührt, willigte ein, sich in die Zucht eines Asyls für ihresgleichen zu geben. So stand Tetje Krahnstövers Keller leer. Der letzte, der die Treppe herauftorkelte, war Jan Tüt, der dem Lumpensammler half, den letzten Unrat aus diesen dumpfen Löchern ans Tageslicht zu befördern. Er warf den Sack auf die Karre, nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche des andern und sagte, sie gegen das Licht haltend, langsam und bedächtig wie zu sich selber: »Tetje, wat hev ick di seggt. Jümmers mit Maßen. Denn kann de Minsch veel verdregen.« Dreizehntes Kapitel Frau Winsemann war die erste, die sich nach einer neuen Wohnung umsah und auch bald eine passende gefunden hatte. Freilich in einem ganz anderen Viertel, in Hammerbroock. Es war eine nette, billige Wohnung im dritten Stockwerk eines neuen Hauses. Dieser gegenüber, im selben Stockwerk, befand sich eine gleich freundliche Wohnung, die, weil sie um ein Zimmer kleiner war, auch um ein Billigeres zu haben war. Diese empfahl sie Frau Mau zu beziehen. Frau Mau machte Umstände. Woher solle sie neue Kundschaft nehmen, wenn sie die alte hier in diesem Hafenviertel verließe? Aber Mariechen legte sich ins Mittel. So viele Kunden würde sie als fleißige und zuverlässige Wäscherin schon finden, um einiges zu verdienen. Im übrigen wäre jetzt sie, Mariechen da und würde schon mit ihrer Arbeit so viel beschaffen, daß sie keine Not litten. »Aber Kind, so aus allem heraus.« »Grade! Dann sieht man doch mal was anderes.« »Zwanzig Jahre hab ich hier nu gewohnt.« »Na, das ist doch lange genug? Wie kann man nur immer auf demselben Fleck hocken wollen. Und es hilft ja auch nichts, heraus mußt du doch.« Frau Mau seufzte. Zwanzig Jahre. Was weiß das Kind davon, was sie mir waren – und nicht waren. Da starb ihr Vater. Da an der Wand. Da stand das Bett damals. Da, vor dem Fenster, hatt er noch in den letzten Wochen gesessen und seinem Kanarienvogel was vorgepfiffen. Ach, und dann mußte er immer so danach husten. Und die Kinder. Jede Ecke, wo sie »Kieck, kieck, mum« gespielt, jeder Winkel, wo sie ihr Püppchen zu Bett, ihr Pferdchen zu Stall gebracht. Sein Pferdchen. Sie hatte es noch aufbewahrt. Aber sollte sie der Gedanke an ihren kleinen Willi nicht grade wegtreiben? Aber würde sie denn anderswo, in dem neuen fremden Hause, sein helles Stimmchen je wieder so hören, wie es ihr hier manchmal aus irgend einem Winkel wieder entgegenschallte, in dem es früher einmal laut war. Ja, weg mußte sie ja. Aber sie wollte bis zum letzten Tag bleiben, nicht früher ausziehen, als es durchaus nötig war. Und wie sie, dachten die meisten in Ohlsens Gang. Sie konnten sich nicht trennen von den alten dämmerigen Räumen. Wenigstens die alten Leute nicht. Die Jungen, die Kinder, die waren mit ihren Gedanken schon unterwegs. Die einen wollten nach St. Georg. »Da ist es fein, Mutter. Da ist die Alster nah bei.« Andere wollten mehr aufs Land: »Wo wir n Stück Land haben, Vater, man zu. Und n Ziege. Lehmanns in Fuhlsbüttel haben auch n Ziege.« Andere wieder wollten vom Wasser nicht weg. »Sonst gehen wir jeden Tag nach dem Hafen.« Am ruhigsten war die Cyriaks. Nicht, weil sie Taler im Strumpf hatte, wie die andern meinten, sondern weil sie sich vorgesehen hatte. Ihr christlicher, Frau Melitta und Pastor Brügge wohlgefälliger Lebenswandel, der freilich nur im allsonntäglichen Kirchengehen bestand, trug nun Früchte. Sie bekam mit Hilfe ihrer Gönner einen Platz im Friederikenstift, ein nettes Zimmer mit Kammer und Küche und vierzig Mark Feuerungszuschuß. Trotzdem studierte sie eifrig den Wohnungsanzeiger, scheinshalber. Es gab so viel Neid und Mißgunst auf dieser argen Welt. Man muß im Stillen wandeln, will man Frieden haben. * Das war nun ein Packen und Umziehen in Ohlsens Gang. Fast jede Woche zog eine Familie aus. Die Gardinen verschwanden von den kleinen Fenstern. Ströme Wassers ergossen sich über die Hausschwelle in den Rinnstein, denn fast alle diese arbeitsamen Frauen, unter Scheuern und Schruppen groß geworden, hatten, den wunderlichen Ehrgeiz, keinen Schmutz und Unrat zurück zu lassen. Man sollte ihnen nichts nachsagen. Sauber wollten sie ihr Haus dem Abbrecher übergeben. Die Frau Löser, die trotz der vielen Kinder ewig beim Reinmachen war, hatte das Beispiel gegeben. Und da wollte keine zurückstehen, wenn sie sich auch wohl sagten: För wen denn? Hätt ja doch nu n Enn. Kleine Handkarren hielten vor den Türen, oder größere standen draußen vor dem Torweg, auch wohl ein Gespann, wenn es galt, schwere Möbel zu verladen. Was kam da nun alles zum Vorschein. All der alte kärgliche Haushalt der kleinen Leute, deren Stolz die eine Stube war mit dem versessenen abgenutzten Haartuchsofa, dem kleinen vergoldeten Spiegel, der Mahagonikommode mit den goldumränderten Tassen und billigen Jahrmarktsvasen darauf als Zierat, und mit den bunten, stockfleckigen Lithographien auf den grellen Tapeten. Viel Bettzeug kam zum Vorschein, buntes, karriertes Zeug, in einem großen Bündel zusammengeschnürt. Töpfe und Pfannen und Eimer. Stühle mit gesunden und Stühle mit kranken Beinen. Alte Korblehnsessel. Blumentöpfe mit sorglich gepflegten Pflanzen. Hin und wieder ein altes Stück, das einen Liebhaber reizen könnte. Eine alte Truhe aus Vierlanden, oder eine bemalte Dielenuhr. Auch Töpfe und Tassen, mit leuchtenden Mustern, alte Bauernstücke, die hier in versteckten Winkeln von jenen fernen, guten Zeiten träumten, wo sie noch die Großmutter oder Urgroßmutter der jetzigen Besitzerin in irgend einem wohlhabenden bäuerlichen Gewese bewahrte. So zogen sie aus, die Suhr mit ihrem Dompfaff im Bauer, die Meiers mit einer alten Petroleumlampe neben dem hochbeladenen Karren her. Frau Mau war die letzte. Ein spärlicher Haushalt. Aber sie zog erst in später Abendstunde, und das Dunkel verschleierte die Geringfügigkeit ihrer Habe. Mariechen war vorausgegangen, um die Sachen in der neuen Wohnung in Empfang zu nehmen. Am Torweg hatte sie Mutter Krautsch getroffen und sich nochmal von ihr verabschiedet. »Na, Fräulein, solls nu losgehen? Wo ist denn Ihre Mutter?« »Ach, der Kerl kommt ja nicht. Er soll noch so n altes Küchenbrett losmachen, Mutter will es ja partu mithaben.« »Das ist ja man ebensoviel,« sagte Mutter Krautsch. »Anton, mein Jung, helf Frau Mau mal.« Anton war gleich bereit und war schon mit Hammer und Stemmeisen unterwegs, als es Mutter Krautsch einfiel, daß es Frau Mau am Ende doch nicht recht sein konnte. »Na laß. Vielleicht ist es grade gut so.« »Kommen Sie noch mal?« schalt Frau Mau, als Anton die dunkle Treppe hinaufpolterte. »n Abend, Frau Mau! Mutter schickt mich, hier ist noch was loszumachen?« »Ach Gott, Sie sind es, Herr Krautsch?« Frau Mau fühlte, wie sie blaß wurde. Sie wollte ihn abweisen. Sie stotterte ein paar Worte von »unnötig« und »er wird schon kommen«. Aber da stand er schon lachend vor ihr. »n Abend, Frau Mau. n Kleinigkeit. Das tu ich gern. Wo ist denn das Ding?« Sie fügte sich. »Das Brett hier, Herr Krautsch. Der Mann wollte es noch losmachen. Aber er kommt ja nicht. Und die Karre steht auch noch unten.« »Er wird schon kommen,« tröstete Anton und machte sich gleich an die Arbeit. Ein paar Schläge, daß der Mörtel davonspritzte, lösten das Brett. »Kommt da ja nun nicht mehr auf an,« meinte er. »Bleibt ja doch kein Stein auf dem andern.« »Ich danke Ihnen, Herr Krautsch.« »Da nich für. Haben Sie noch was? Wenn ich grad mal da bin.« Er schwang den Hammer angriffslustig gegen die kahle Wand und sah sich in dem leeren Raum um. »Was ist denn das? Brauchen Sie das noch?« Er ging auf den Ofen zu, bückte sich und zog etwas Buntes hinter ihm hervor. »Das brauchen Sie wohl nicht mehr,« lachte er. Frau Mau streckte die Hand danach aus. Es war ein alter, ganz verstaubter kleiner Beutel aus bunter Wolle, wie Anton ihn als Knabe auch für seine Marmeln benutzt hatte. »Das ist ja –« ihre Stimme zitterte. Sie trat mit dem Beutelchen ans Fenster. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Sie lehnte den Kopf an das Fensterkreuz. Und auf einmal fuhr sie herum, wild, heftig. Aber es wurde kein Schelten, keine Anklage, kein Fluch. Ein paar unartikulierte Laute. Ein leises, wimmerndes: »Mein Willi, mein süßer Willi.« Anton stand verlegen vor ihr. »Ist das Willi sein?« sagte er gutmütig. »Ich hab auch grad solchen gehabt.« Er war ein ungeschickter Tröster. »Ich weiß noch ganz gut, als wir beide zusammen spielten. Willi halt immer den Beutel voll.« Der Ton seiner guten, breiten Stimme übte seine Wirkung auf Frau Mau aus. »Er weiß nichts,« dachte sie. »Sonst könnte er nicht so sprechen. Wenn du es ihm nun gesagt hättest. Nein. Es ist ja nun auch alles einerlei.« Sie wischte sich die Augen aus, und war froh, als in diesem Augenblick der erwartete Arbeiter die Treppe hinauf lärmte. »Büschen spät wordn, Madamm. Verdammt düster all. Na wo is?« Anton gab ihm das Brett. »Na, denn geiht ja nix verkehrt. Denn kann ick ja forts afschuven.« Anton half dem Mann, die Karre aus dem Gang schieben und verabschiedete sich draußen von Frau Mau. »Adiö Frau Mau, lassen Sie sichs gut gehen. Grüßen Sie auch Frau Winsemann noch vielmal. Und kommen Sie man gut hin.« * Ein paar Tage später fuhren die ersten Spitzhämmer in die alten Ziegelmauern von Ohlsens Gang. Die ersten Steine bröckelten ab. Staub flog auf. Ganze Wände prasselten zusammen. Sparrenwerk stürzte auf den Schutt. Und dazwischen wards lebendig. Ratten flohen erschreckt aus ihren Schlupfwinkeln und Mäuse ängstlich über das Pflaster. Alles, was da innen morsch gewesen, feucht und schimmelig geworden war in der langen dumpfen Dämmerung, lag jetzt frei zutage und ließ sich von der Sonne bescheinen, die über freigelegte Stufen in dumpfige, nasse Kellerräume drang. Und nachts legte der Mond einen versöhnenden, verklärenden Schleier über diese Zerstörung. Man konnte jetzt ungehindert von der Hafenstraße aus den ganzen Platz überblicken. Der Wind fegte darüber hin und nahm von dem Staub dieser zerstörten Wohnungen mit sich. Er hatte auch von der Rückseite Zutritt und streute Mörtel und Tapetenfetzen in die Elbe, und der Strom riß alles mit sich fort. Altes Buschwerk und verkrüppelte Bäume wurden sichtbar, die bisher die kleinen Höfe der Häuser beschatteten, die Ohlsens Gang mit ihrer Rückseite abgeschlossen hatten. Und ungehindert konnte man jetzt von der Hafenstraße aus über Schutt und kümmerlichem Grün den schlanken Turm von St. Michael aufsteigen sehen, ein stolzes Wahrzeichen, das in seiner Dauerhaftigkeit ein stummer Prediger zu sein schien: Menschenwerk vergeht, Gottes Werk besteht. Drittes Buch Erstes Kapitel Auf den Schuten, die sich in den Kanälen des Hammerbrooks, hier in langer Kette aneinanderreihten, dort Bord an Bord drängten, lag die Sonntagsruhe. Die tiefen Nachmittagsschatten eines noch milden, aber feuchten Oktobertages hüllten diese Wasserstraßen ein, in deren trüben Fluten sich hier und da schon ein Licht spiegelte, das aus dem Fenster einer Hinterwohnung schimmerte; früh dunkel wurde es in diesen Stuben, in denen man doch gern mit Licht und Feuerung sparte. Arbeiterbevölkerung, die ihren Pfennig zusammenhalten muß, hauste in den großen, tristen Häuserblöcken, die diese Kanäle einfaßten. Das Volk der Wasserkante drängte sich hier in engen Wohnungen zusammen. Hafenarbeiter vor allem, dann Maschinisten, Trimmer und Heizer, alles was auf dem Wasser sein Brot suchte und für kargen Lohn fand, bevölkerte, ja übervölkerte diesen Stadtteil, der sich aus dem einstigen Sumpf- und Wiesenland allmählich heraushob. Als noch die Frösche hier quakten und die Salamander hier huschten, als noch die gelben Sumpfdotterblumen hier leuchteten und allerlei Getier der Lüfte, Falter und Vögel, Bienen und Libellen, sich spielend drüber hinbewegte, da war es gewiß schöner hier. Aber die Riesenstadt mußte sich ausdehnen, wollte sie nicht in ihrem zu eng gewordenen Kleide ersticken. Jetzt durchzogen breite Kanäle, durch kleinere miteinander verbunden, dieses ehemalige Reich der Frösche, das durch Aufdeichung trocken gelegt worden war, und die idyllische Musik der Urbewohner wurde längst von der rauschenden Symphonie der Arbeit abgelöst, zwischen deren harten, tapferen Klängen die Molltöne menschlichen Jammers hier leise aufklingen, dort dumpf herauftönen. Der Schein eines der früh aufflammenden und im trüben Kanalwasser sich spiegelnden Lichter fiel an diesem Oktobernachmittag aus Hugo Winsemanns Zimmer. Es war ein einfenstriger, schmaler aber behaglicher Raum, von dessen weißgetünchter Decke die kleine Hängelampe auf den Tisch herabhing, über den eine weiß und rot gewürfelte Decke gebreitet war. Eine braune Kaffeekanne stand auf dem Tisch, an die drei geleerte Tassen hinangeschoben waren, zum Zeichen, daß man genug getrunken hatte. In der einen Ecke des kleinen Haartuchsofas saß Hugo Winsemann selbst mit einem Buch in der Hand, in der andern Christian. Auf dem einzigen Stuhl aber hatte ein großer vierschrötiger Mensch vor dem Tisch Platz genommen, mit aufgestützten Ellbogen, die Zigarre im Mund. Das war Wilhelm Kröger, der Schlosser, der den Sommer über mit Anton Krautsch zusammen gearbeitet hatte und gerade von ihm sprach. »Dor sett se em sin Dickkopp noch torecht,« sagte er und versuchte Ringe zu blasen, wobei er den Mund gewaltig voll Rauch nahm. Es mißlang aber. Mit seiner Bemerkung mochte er aber nicht unrecht haben, denn Anton war vor ein paar Wochen nach Kiel abgedampft, um dort seine zwei Jahre in der Marine zu dienen. Christian, der in den mächtigen Rauchwolken des Schlossers husten mußte, sah ihn mißbilligend an. »Dein Dickkopp is noch größer,« dachte er, »Anton wird schon durchkommen.« Er sah noch immer zu diesem auf und liebte ihn, obgleich sie sich noch immer nicht viel näher gekommen waren. Hugo strich nervös seinen kleinen Schnurrbart, der ihm während der drei Jahre, die er nun schon mit der Mutter hier in Hammerbrook wohnte, gewachsen war, und ließ das Buch in der Hand auf und ab tanzen. »Fritz Kleesand hat ihn nur beschnackt, zur Marine zu gehen,« sagte er. »Hat er auch,« stimmte Christian zu. »Warum auch nicht?« meinte der Schlosser. »Für unsereins ist das lange nicht schlecht, als Maschinenmaat. Wenn er man bloß nicht kapituliert.« »Kleesand bleibt ja wohl dabei?« fragte Christian. »Der soll man bleiben wo er ist, den werden sie da auch schon zurechtzwiebeln.« »Is dat ok so n Dickkopp?« fragte der Schlosser. »Dickkopp nich, aber n Luftibus erster Güte,« erklärte Hugo. Christian war mit seinen Gedanken bei Anton. Wie er wohl aussah in der Marineuniform. Schmuck natürlich. Daß der nicht frei kommen würde, war im voraus zu sehen. Aber Hugo hatten sie zurückgewiesen. Zu schmächtig. Und was sollten sie nun gar mit ihm, mit seinen zarten Gliedern und seiner schwachen Brust. Hugo hatte sich gefreut. Davon konnte bei Christian ja nicht die Rede sein. Es war ja nicht die leiseste Besorgnis gewesen, daß sie ihn nehmen könnten. Da war also für Freude, so oder so, kein Platz. Es stimmte ihn vielmehr traurig, daß er so war. So gar nicht stark und männlich wie Anton Krautsch. Und der Traurigkeit mischte sich ein wunderliches Schamgefühl bei, und er konnte doch nichts dafür, daß die Natur ihn so vernachlässigt hatte. »Hest du noch wat in din Book dor, oder wat fuchtelst du dormit rüm?« fragte Wilhelm Kröger. »Eins noch, aber es ist ja nicht nötig,« sagte Hugo und legte das Buch weg. Christian widersprach. Aber der Schlosser meinte: »Sin Lex kann he ja, denn wüllt wi man forts n lüttn Lorbeerkranz mitnehmen. Dunner! Is ja Sünndag hüt! Ja, denn geit nich. Denn stülpt wi di n olln Hot up, so n Damenhot, mit bunte Blomen un Bänners.« Christian und Hugo lachten süßsauer, und Christian zog die Uhr. »Eine kleine halbe Stunde noch. Müssen wir auch schon hinüber?« »Sie holen uns hier ab,« antwortete Hugo und stellte sich vor einen kleinen Spiegel, der in der Nähe des Fensters an der Wand hing, zupfte an seiner Kravatte und kämmte Haar und Bart mit einem kleinen Taschenkamm. »Mak di man nich to fin,« sagte der Schlosser und erhob sich auch. Er reckte die langen Arme, daß er beinahe die Decke berührte. »Ick har eigentlich danzn wüllt hüt Abend, un nu sall man dor sittn un sall sick anquasseln latn.« »Es zwingt Sie ja keiner dazu,« sagte Christian. »Zwang, ne Zwang is nich dorbi, aber wenn man nu mal Mitglied is.« »Gefällt es Ihnen denn nicht bei uns?« »Gefallen? O ja, gefallt mi schon.« Er wandte sich ab und ließ den Blick über die Wände gleiten. »Se hebbn sik ja orig veel Biller hinhängt,« meinte er, und sah sie sich der Reihe nach an, wobei er vor jedem Bild erst den Mund voll Rauch nahm und ihn langsam ausstieß. »Scheune Biller.« Christian hatte das Buch genommen und blätterte darin. Es waren Geibels Gedichte, aus denen Hugo heute abend noch den Tod des Tiberius vortragen wollte. Es war die Eröffnung des neugemieteten Volksheimsaales, zu der sich die jungen Leute gerüstet hatten. Hugos Mutter wollte auch mitgehen, ebenso Frau Mau und Mariechen, die ja auf der anderen Seite dieser Etage wohnten. Christian hatte gerade das Buch aus der Hand gelegt und sich auch erhoben, als an die Tür geklopft wurde, und noch vor Hugos »Herein« trat Mariechen Mau ins Zimmer, fuhr aber gleich wieder zurück. »Puh! Was n Qualm!« Sie schien jetzt erst den paffenden Schlosser zu gewahren. »Ach so! Tag Herr Kröger. An Sie hab ich gar nicht mehr gedacht. Dann is s ja kein Wunder.« Und als Christian hustete, fuhr sie fort zu schelten. »Sie könnten auch etwas Besseres tun, als in solchem Stinkstank sitzen.« Sie stieß das Fenster auf. Aber ein Windstoß machte die Lampe flackern und Hugo meinte: »Zug ist auch nichts für den Husten.« So schloß sie es gleich wieder. »Nehmen Sie man n par Brustbonbons mit, oder n par Lakrizen.« »Woher nehmen, Sonntags gibt es nichts.« »Dann hab ich noch welche. Geht nichts verkehrt!« Und damit war sie wieder zur Tür hinaus. »Famose Deern,« sagte der Schlosser. Die anderen sagten nichts, aber man sah es ihnen an, daß jeder auf seine Weise zustimmte, Christian mit einem leichten Erröten – galt doch ihm die Aufmerksamkeit des Mädchens in diesem Augenblick – Hugo mit einem glücklichen, überlegenen Schmunzeln, das deutlich sagte: Das weiß keiner besser als ich. Und ne famose Deern war es, die dann nach ein paar Minuten wieder ins Zimmer trat und Christian eine kleine Blechdose mit Salmiakpastillen hinhielt. »Da stecken Sie sie man bei. Ich sing heute das hohe C, sehen Sie?« Sie sang ein paar hohe Töne und mußte nun doch husten, weil ihr von dem Tabaksqualm in die Kehle gekommen war. »Schnell, schnell,« winkte sie mit Wort und Hand, und nahm Christian das Döschen wieder ab. »Auch gefällig?« Sie bot dem Schlosser an, aber der zog eine Grimasse. Hugo jedoch nahm nach kurzem Besinnen. »Der nimmt alles, was ich ihm in den Mund stecke,« scherzte sie. »De Happn sind mi to lütt,« lachte der Schlosser. »Sie wolln gleich so n Eisbein mit Sauerkraut, nicht wahr? Und dann gleich noch was hinterher? »Langt noch nicht, Fräulein.« Mariechen schickte sich an, das Kaffeegeschirr abzuräumen. »Laß das doch, das kann ja doch Mutter tun,« sagte Hugo. »Deine Mutter hat noch mehr zu tun. Du hast hier gar nichts zu sagen,« wies sie ihn zurück. Sie strich mit rascher Hand die Kuchenkrümel von der Decke auf einen Teller und setzte die Tassen ineinander. Alle ihre Bewegungen waren flink und sicher. Mariechen war in den drei Jahren noch gewachsen. Sie war jetzt ein großes schlankes Mädchen mit gefälligem, lebhaftem Wesen und einem hübschen, frischen Gesicht. Sie trug heute eine glatte, anschließende graue Taille zu einem schwarzen Rock. Alles war schlicht und in den Farben etwas trist, aber von ihrem munteren, sommersprossigen Gesicht, dem fast rotblonden Haar und den hellen, blauen Augen ging es wie ein sonniger Schimmer über die ganze Gestalt und ließ keinen Wunsch aufkommen, sie etwa anders gekleidet zu sehen. Hugo sah sie sogar am liebsten in diesem Kleide. Ein schmaler weißer Halskragen vermittelte glücklich zwischen dem Grau der Taille und dem zarten rosaüberhauchten weichen Wangen. Eine kleine oxydierte Brosche, in Gestalt einer Schwalbe, ein vorjähriges Geburtstagsgeschenk von ihm, sah er immer mit besonderer Freude bei ihr. Sonst trug sie keinen Schmuck und bedurfte auch keines. Wilhelm Kröger öffnete ihr galant mit einem unbeholfenen Kratzfuß die Tür, als sie das Kaffeegeschirr hinaustrug. »Ich mach mich gleich fertig, Mutter ist auch wohl schon so weit,« rief sie zurück. »Ein Viertelstündchen noch,« meinte Hugo. »Nee, nachher kriegen wir keinen Platz, man nich wieder so nödeln.« * Drei Jahre lang wohnten Winsemanns und Maus hier zusammen in einem Haus. Der Abschied von Ohlsens Gang war ihnen allen nicht leicht geworden. Die Alten hatten da ihre schwersten Tage durchlebt, und das gibt auch einen Kitt, der nicht bröckelt, und den Jungen war jener Winkel ihr Kinderparadies gewesen. Sie alle dachten noch oft an Ohlsens Gang. Ihre Erinnerung, ihre Träume bauten die alten Häuser wieder auf und ergingen sich in den liebgewordenen Räumen. Und in ihren Erinnerungen und Träumen lebte der breite Strom, das Getöse von daher, all die Pfeifen und Sirenen und Glocken, und der freie Wind, der durch die Masten pfiff, und der hohe weite Himmel, der dort immer das Gefühl der Freiheit und Ferne gab, wenn er sich auch in einen Dunst von hundert Schornsteinen und in einen trüben Wolkenschleier hüllte. Hier, zwischen diesen hohen Steinmauern, sahen sie nur immer ein langes schmales Streifchen Himmel, länger und breiter, als sie es über Ohlsens Gang sahen; aber es blieb immer dasselbe, hier etwas länger, dort über den Kanälen etwas breiter. Und dunstig und trüb war es auch meist. Und zwischen den Häusern war es dumpfig und kalt und öde trotz all des Lärmes, der auch hier herrschte, und der Wind, der hier um die Straßenecken sprang, war nicht der freie Wasserwind von da, er war ein frecher Straßenjunge, der einen mit Staub bewarf. Ja, Lärm war auch hier genug. Hier wohnten viele, viele Leute, mit vielen, vielen Kindern. Und sie waren früh auf, vor Tagesgrauen, wenn die Arbeit sie rief, oft nach weit entlegenen Arbeitsstätten, und spät in der Nacht beendeten manche erst ermüdet, mit knickenden Knien, ihren weiten Heimweg. Und hier war Wirtschaft an Wirtschaft, zur ebenen Erde und in Kellern, denn all diese schwer arbeitenden Menschen wollten Erholung und Zerstreuung außerhalb ihrer engen, meist überfüllten vier Wände, wollten auch ihr Vergnügen haben. Blumen und Rasen und Springbrunnen gab es hier nicht, nicht einmal freie Plätze, wo die Kinder sich austoben konnten. Hier gab es nur Kneipen, in denen die Männer bei Grog, Bier und Karten saßen; Straßen, auf denen Männer und Frauen umherstanden, rauchten, klöhnten, spuckten und den lauten Spielen der Kinder zusahen, deren Schreien sich mit dem Lärm der Fuhrwerke und dem vielstimmigen Rufen der Karrenhändler vermischte. Schwere Lastwagen rollten auch hier; denn die Kanäle waren ebensoviele Arme, mit denen der Handel bis in diese entlegenen Stadtteile hineingriff. Und von diesen Kanälen her klang so gut wie damals vor Ohlsens Gang das Pfeifen und Tuten der Schlepper, und wer darauf achtete, unterschied davon das Pfeifen der Lokomotiven, die im Süden des Hammerbrooks ihre Wagen nach Berlin schleppten und im Norden ihre Ein- und Ausfahrten vom Lübecker Bahnhof her meldeten. Aber es achtete kaum einer darauf. Was ist der einzelne Ton in diesem unendlichen Konzert des arbeitenden Lebens! Und hier klang alles noch wirrer, wie die Musik schlecht geübter Musikanten, oder wie die Musik in einem Raum mit schlechter Akustik, wo sich die Schallwellen an allen Ecken und Wänden hilflos brechen und unglücklich durcheinander taumeln. Gefangen zwischen diesen hohen, schmucklosen, einförmigen Steinwänden fehlte dieser Musik der freie Ton, der große Atem, den sie weiter abwärts über dem breiten Strom besaß. Hier war ein Druck auf allem, eine Beklemmung. Das Atmen war hier schwer. Man gewöhnte sich ja, und es kam einem nur zum Bewußtsein, wenn man von anderswo herkam. Aber wieviel Jugend und Frische gehörten dazu, sich hier so fröhlich und freudig zu erhalten wie Mariechen Mau! Eine Frische, von der man sogar noch abgeben konnte. An Mariechen Maus Fröhlichkeit und Freudigkeit war ihre Mutter wirklich ein wenig aufgelebt, hatte Frau Winsemann ihren ergebenen Gleichmut wieder gefunden und hatte Hugo immer wieder das stille Feierflämmchen entzündet, mit dem er sich Mariechens Bild zum Ideal aufhellte. Ihr Verkehr war wie zwischen Bruder und Schwester. Das »Du« war geblieben, auch als Hugos Schnurrbart sproß und er vom Lehrling zum Gesellen avanciert war, der jetzt in einer großen Kunsttischlerei ihm zusagende Arbeit gefunden hatte. Er wohnte bei der Mutter, der er als Mieter eine willkommene Stütze war, und fühlte sich unter einem Dach mit den wenigen Leuten, die seinem Herzen nahe standen, glücklich. Die beiden alten Frauen führten jetzt ein verschöntes und gesicherteres Leben, da die Kinder fürs Tägliche mitsorgten. Frau Winsemann verdiente sogar ein ganz nettes Geld mit ihrer Weißnäherei, so daß sie jetzt mit Hugos Beihilfe ein wenig zurücklegen konnte. Wie lange hatte sie kein Sparkassenbuch besessen. Jetzt lag eins wohlverwahrt, in ein buntes Taschentuch eingeschlagen, in der Kommode; ihr geheimer Stolz und ihre große, stille Freude, freilich auch der Wecker mancher trüber Erinnerung, wenn sie daran dachte, wie früher immer das Aufsammeln der Sparpfennige an dem Durst ihres Seligen gescheitert war. Frau Maus Einkünfte waren geringer. Hier mußte Mariechen das meiste verdienen, die auch nicht litt, daß die Mutter sich mehr als nötig außer den häuslichen Arbeiten aufbürdete. »Was brauchen wir groß?« pflegte sie zu sagen. »Verdiene ich nicht genug für uns zwei Frauen? Staat brauchen wir nicht zu machen, satt werden wir und schmecken tut es auch. Will mich einer heiraten, so halt ich ihm mein Sparkassenbuch mit 28,37 Mark unter die Nase. Dann nimmt er mich entweder sicher oder sucht sich eine andere.« So stand sie denn täglich vor der Waschbalge und am Plättbrett, war früh auf und machte spät Feierabend und brachte es mit ihrem Fleiß zu einem täglichen Verdienst von vier bis fünf Mark. »Ist das nicht genug für zwei alte Frauenzimmer?« Und Frau Mau lohnte es ihr mit einem ihrer stillen Blicke, womit ihr Herz zu sprechen pflegte, und dachte: Ganz der Vater. So konnte der auch reden. Fröhlich, tapfer, mit wenigem zufrieden, so war auch er. Und diesen Schatz hat er mir hinterlassen, daß ich in meinen alten Tagen nun Gutes davon habe. Als Hugo ins Haus zog, hatte auch Frau Mau das freudig begrüßt. Es war jetzt doch etwas Männliches da. Frauen brauchen oft mal Rat und Beistand eines Mannes. Hier war mal mit dem Hauswirt zu verhandeln, da mal eine handwerkliche Frage oder irgend etwas, was man lieber in Männerhände legt. Der vertrauliche, fast geschwisterliche Verkehr, der sich von Ohlsens Gang her hier zwischen Hugo und Mariechen weiter spann, machte ihr keine Sorgen. Für Mariechen legte sie die Hand ins Feuer. Und im übrigen meinte sie, feine Augen und Ohren für dergleichen zu haben. Von Mariechens Seite wurde dem Hugo wirklich nichts weiter als geschwisterliche Vertraulichkeit entgegengebracht; wie es um ihn stand, wußte sie freilich nicht recht, aber jedenfalls war er ehrlicher Gesinnung, und sollte sich da doch mal etwas anspinnen, große Ansprüche dürfte Mariechen nicht machen. Ein Graf würde nicht kommen, und Mariechen sah auch nach keinem aus. Auch das war eine Errungenschaft, daß sie jetzt durch Hugo manchmal hinkamen, wohin sie als Frauen allein sich nicht getraut hätten. Er war mal mit ihnen in einen Biergarten gegangen oder ins St. Georger Tivoli, hatte sie nach Wandsbek und an die Bille geführt, wohin sie ja freilich auch hätten ohne ihn gehen können, aber die Anregung machte es doch meistens. Und dann kostete alles nicht so viel, man konnte es sich ein paarmal im Jahre leisten. Jetzt hatte auch das Volksheim – so hatten Herr Heinrich und Pastor Collasius ihr Unternehmen getauft – seine Tätigkeit hier heraus verlegt, ein geräumiges Lokal gemietet, und auch den Frauen und Mädchen Gelegenheit geben können, an dem Guten, was es zu bieten hatte, Anteil zu nehmen. Das alles brachte ein Anderes, Neues, Farbiges in das bisher so eintönige Leben der drei Frauen. Es wehte eine frischere Luft, schien eine wärmere Sonne in ihr Heim und in ihre Herzen. Heute war nun ein besonderer Tag. Sie wußten von Christian, daß auch dessen Meistersleute, ja wahrscheinlich auch Tischler Behrens und Frau kommen würden, um der Einweihung dieses neuen Volksheims beizuwohnen. Herr Heinrich und Pastor Collasius hatten Einladungen ergehen lassen, und auch Hugo hatte dafür gesorgt, daß sein Auftreten in den Kreisen seiner früheren Tätigkeit rechtzeitig und ausgiebig bekannt würde. Vielleicht trafen sie also gar noch mehr Bekannte aus dem alten Hafenstraßenwinkel wieder, vielleicht gar Mutter Krautsch. Aber Mariechen meinte, ohne Anton würde die wohl nicht kommen. »Tut sie auch wohl nicht,« pflichtete Frau Mau bei, »so allein den weiten Weg in der Bahn.« »Na, das ist es wohl nicht,« meinte Mariechen, »aber sie hat's ja nicht nötig.« »Wie meinst du das?« »Ich meine, sie sitzt im Fett. Volksküchen sind für Hungerleider.« »Da hast du wohl recht,« sagte Frau Mau und setzte sich ihren Sonntagshut mit der schwarzen Feder auf, natürlich wie immer zu weit in den Nacken, so daß Mariechen ihn ihr nach vorn rücken mußte. Zweites Kapitel In drei Jahren langen, rastlosen, aufopfernden Wirkens hatten Pastor Collasius und Herr Heinrich ihren Bestrebungen einen breiten und festen Boden gewonnen. Sie hatten werktätige Hilfe gefunden; ihre Kräfte allein hätten auch nicht weiter ausgereicht. Junge Helfer waren ihnen erstanden, die sie für ihre Ideen zu begeistern gewußt hatten, und einsichtsvolle Männer hatten auch hier und da namhafte Summen hergeschenkt. Sie suchten nach erweiterten Räumen, und die Einsicht, daß hier ein Eingreifen besonders notwendig war, hatte den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit bald nach dem volkreichen Hammerbrook hinverlegt. Auch Herr Heinrich war dorthin übergesiedelt, um da zu wohnen, wo er wirken wollte, und nur recht wirken konnte, wenn er da heimisch war, die Lebensbedingungen und Bedürfnisse an Ort und Stelle und am eigenen Leibe erfahren und studieren konnte. »Buchbinders« hatten ihren langjährigen Mieter ungern ziehen lassen und Frau Miele ihm wirklich ein paar Tränen nachgeweint. Christian hatte gefürchtet, daß nun seine Beziehungen zum Volksheim gelockert würden, aber mit Unrecht. Denn »Buchbinders«, denen Herr Heinrich manchen Vortrag über den Wert solcher Bestrebungen gehalten hatte, waren in ihrem Vertrauen zu der guten Sache jetzt dauernd gefestigt, so daß sie auch ohne Herrn Heinrichs Anwesenheit Christian völlige Freiheit in seinem Verkehr mit dort ließen. Heut stand nun Pastor Collasius in dem neuen geräumigen Saal des gemieteten Erdgeschosses auf dem Podium und sah den Raum vor sich bis auf den letzten Platz gefüllt; Männer und Frauen, Alte und Junge, Meister und Gesellen und Lehrlinge, Reiche und Arme, Helfer, und die, denen geholfen werden sollte. Das Pult war bekränzt. Eine festliche Stimmung beherrschte die Versammlung. Zuerst hatte Hugo Winsemann einen von Herrn Heinrich verfaßten Prolog gesprochen, der den Gedanken zum Ausgang nahm, daß hier von Mensch zu Mensch Annäherung und Verständnis gesucht wurde, in freudigem Streben nach ein und demselben Ziel. »Der Kaiser, hungert ihn, fühlt wie der Bauer Und geht zu Tisch und speist. Im Regenschauer Wird die Prinzessin naß wie der Lakei, Und kalt macht kalt, es sei auch wie es sei. Wir leben alle und sterben all und sind In Leid und Freud all einer Mutter Kind. Uns alle eint, uns alle hält und bindet Die Menschnatur, die Lust und Schmerz empfindet. Und Tränen, die die Könige vergießen, Sind bitter, wie die Tränen, die uns fließen.« Hugo Winsemann stand verlegen, aber nicht ohne den rechten Anstand da. Das schmale Büchlein, in dem der geschriebene Text verborgen war, zitterte merklich in seiner Hand. Doch sprach er frei, ohne einen Blick ins Manuskript. Reicher Beifall belohnte den Sprecher, der sich blaß vor Erregung verneigte, aber doch beim Abtreten ein Gefühl bescheidenen Stolzes zu zeigen nicht unterdrücken konnte. Hastig eilte er dann durch das kleine Nebenzimmer in den Saal, um nichts von Collasius' Rede zu verlieren. Dieser hatte inzwischen das Podium bestiegen, von erwartungsvollem Schweigen begrüßt. Er ließ einen Augenblick die großen, dunklen Augen mit einem freudigen Leuchten durch den Saal wandern und begann dann langsam mit wohlklingender Stimme, indem er, an den Prolog anknüpfend, dessen Anfangsworte noch einmal wiederholte und das Gemeinsame, das Mensch und Mensch verbindet, vor dem Trennenden hervorhob, in weiterer energischerer Ausführung als der Rahmen des Prologs es gestattet hatte. »Auf welchen Wegen wir dieses unser Ziel gegenseitiger Annäherung, gegenseitigen Verstehens erstreben, und wie weit es uns auf diesen Wegen geglückt ist, wissen Sie ja alle. Daß wir heute hier in einem eigenen Heim sitzen, ist ja auch mit ein Beweis, daß wir auf dem rechten Wege waren, denn sonst hätten wir die Unterstützung und das freudige Entgegenkommen von Ihnen nicht gefunden. Volksheim haben wir dieses Haus genannt. Was will das sagen? Das will sagen, was es heißt: Ein Heim fürs Volk. Und unter Volk ist hier der Teil unseres Volkes verstanden, der eines Heims bedarf, also die Heimatlosen, die Unheimischen. Ihnen vor allem wollen wir ein Heim bieten. Zu einem Heim gehört mehr als vier Wände und ein Dach, mehr als ein Raum zum Unterschlüpfen vor Kälte und Nässe, mehr als ein Teller Suppe zum Sättigen und ein Bett zum Schlafen. Zu einem Heim gehört vor allem ein Herd, auf dem ein stetiges wärmendes Feuer brennt, ein Feuer, das nicht nur den äußeren, das auch den inneren Menschen mit seiner Glut durchsegnet. Es sind da unendlich viele, denen diese erste Bedingung eines menschenwürdigen Daseins nicht erfüllt ist, die, wie Samen im Wind verstreut, auf einen steinigen Acker fallen, wo sie keine Wurzel fassen können. Ihnen wollen wir hier ein Erdreich öffnen, aus dem sie Nahrung saugen, aus dem sie sich entwickeln können, zu blüten- und fruchttragenden Pflanzen, je nachdem ihre Art es zuläßt. Was liegt nicht alles in dem Wort »Heim«. Wir wollen uns gegenseitig ineinander heimisch machen, und wir wollen uns in unserer engeren Heimat und in unserem weiteren Vaterland heimisch machen. In uns selbst wollen wir uns heimisch machen – es sind heutzutage gar so viele »außer sich«. – Und in unserer Arbeit wollen wir uns heimisch machen. Wie ich in einem Hause nicht wahrhaft heimisch sein kann, dessen Räume und Winkel ich nicht alle kenne, dessen Geschichte ich nicht kenne, wie ich in einem Lande nicht heimisch sein kann, der mir nur ein toter geographischer Begriff geblieben ist, so kann ich auch in der Arbeit nicht heimisch sein, deren Sinn, Wert und Adel mir verschlossen geblieben ist, der mir nur eine gleichgültige werkelnde Magd und keine Freundin geworden ist. Sind wir aber in unserer Arbeit heimisch geworden, so werden wir jede Art Arbeit und jede Art Arbeiter, gehe er in welchem Kleid er wolle, mit Ehrfurcht betrachten. Sind wir aber einmal so weit, daß wir gegenseitige Achtung voreinander haben, da werden sich hundert Brücken und Wege zueinander zeigen, die wir jetzt verblendeten Auges nicht sehen. Ein ansehnliches Niveau gleicher Bildung und gleicher Gesittung wird sich gestalten, und es wird eine größere Lust zu leben sein, als es jetzt manchmal ist. Ein größeres Verantwortlichkeitsgefühl des einzelnen für die Gesamtheit und der Gesamtheit für den einzelnen wird Platz greifen. Der heimisch gewordene Mensch – wir sind alle viel heimatloser geworden als wir wissen – der wieder heimisch gewordene Mensch, seines Wertes als Mensch und Bürger bewußt, wird sein Heimatsgefühl zum großen deutschen Vaterland sich staunend und beglückt erweitern sehen. Er wird sein »Deutschland, Deutschland über alles« in einem schönen und rechten Sinn singen. Nicht über alles in der Welt, daß nun alles Deutsche an sich und überall noch mehr wert wäre, als das Englische oder Französische, nein, aber für mich als Deutscher Deutschland über alles, wie mir meine Mutter über alle Mütter, mein Kind über alle Kinder geht.« Collasius hielt einen Augenblick inne und lächelte über seinen eigenen Eifer, der ihn ins Weite geführt hatte, weiter, als es in seinem Konzept vorgesehen war. So fuhr er denn fort: »Ich will mich nicht verlieren. Wird unsere Arbeit auch dem Weiteren zugute kommen, so setzt sie doch im Engeren ein, und nur in der Beschränkung können wir etwas erreichen. Hier bei uns zu Hause, hier in unserem Heim gilt es zu wirken. Und um wieder an den Begriff der Heimat, des Heimischen anzuknüpfen – zu den Mitteln, mit denen wir unseren Zweck verfolgen, gehören auch Spiel und Wanderungen. Diese, die Wanderungen, auch für die Kenntnis der Heimat fruchtbar zu machen, sind wir bestrebt. Die Heimat gehört auch zu den Gütern, die wir erwerben müssen, um sie zu besitzen, die jeder für sich erobern muß. In diesem Sinn pflegen wir auch deutsche Kunst, deutsches Wort bei uns. Mozart, Beethoven und Wagner haben zu Ihnen gesprochen, und Ihre Augen aufleuchten lassen, Goethe und Schiller, Uhland und Hebbel und viele andere haben Ihren Geist und Ihre Seele gespeist. Ludwig Richter und Schwind, Thoma und Steinhausen haben die deutsche Landschaft gezeigt und damit Ihren Blick für die Schönheit und Eigenheit Ihrer engeren heimischen Umgebung geschärft – wenigstens war das unsere Absicht mit diesem Zweig unserer Volksheimarbeit. Und wenn wir so gemeinsame Besitztümer des deutschen Volkes pflegen, wird sich manches Trennende allmählich verwischen. Wir werden nicht gegeneinander sondern miteinander sein und wirken wollen und uns über manchen Graben und Wall hinweg die Hand reichen können, ja von dem Scheidewall, den Verhältnisse und Umstände aufwerfen und erhalten, noch ein blühendes Zweiglein für jeden von uns pflücken können. Sie, die zu uns gekommen sind als Mitglieder mit der geheimen Frage: Was soll es werden, was will man uns geben? Sie werden nicht leugnen können, daß Ihnen manches gegeben worden ist, was einen Wert für Sie gewonnen hat. Und wir, die wir nur geben wollten, erkennen freudig an, daß wir auch empfangen haben, reichlich empfangen haben. Alte Anschauungen und Meinungen sind ins Wanken gekommen, neue haben sich befestigt. So ist in jedem von uns eine kleine stille Revolution vorgegangen, eine kleine Weltverbesserung. Ach, der Weltverbesserer gibt es so viele, aber keiner will bei sich selbst anfangen. Sie verlangen immer mit großem Geschrei, daß der Nachbar damit beginne, sie würden dann schon Beifall klatschen und nachfolgen. Andere wieder wollen gleich mit Feuer und Schwert dreinfahren und meinen, wenn sie alles auf den Kopf stellen, ginge alles besser, und es kommt doch nur darauf an, den Füßen eine andere Richtung zu geben. Wir aber, im Schutz und Frieden unseres neuen Heimes, wollen in gemeinsamer Arbeit mit und an andern, uns der Möglichkeit erfreuen, die Welt für uns zu verbessern, indem wir, Mensch und Mensch, über Gemeinsames uns verständigen, über Trennendes uns hinweghelfen, über gegenseitige Pflichten uns aufklären, woraus die Achtung des Rechtes sich von selbst ergibt. Wenn wir Ihnen Kunst und Kunstgenüsse vermitteln, mit Rat und Tat bereit sind, Liebe zur Heimat wecken und pflegen, Treue und Freunde schaffen, und, in Spiel und Wandern, Gesundheit des Leibes und der Seele pflegen, so ist uns das, was wir in den wenigen Jahren unseres Bestehens schon erreicht haben, Beweis genug, daß wir es auf rechte Weise angefaßt haben, daß wir alle von dem rechten Willen beseelt sind. Lassen Sie uns so fortfahren in gemeinsamer Arbeit zu Ihrem und zu unserem Segen. Manches ist noch zu tun und wird noch getan werden. Aber nichts kann Erfolg haben, was nicht in reiner und treuer Gesinnung getan wird. Solchem Tun fehlt der Segen nie. Möge dieser Segen auch unserem Volksheim nicht fehlen.« Collasius schloß. Er hatte, einer Kanzelgewohnheit folgend, bei den letzten Worten unwillkürlich die Hände gefaltet, und sah mit stillen, fast schwärmerischen Blicken über die Menge seiner Hörer hin, die fast atemlos gelauscht hatte. Auch jetzt, als er das Pult verließ, blieb noch alles still, bis ein erstes schüchternes Händepaar einen lauten und langen Beifallssturm entfesselte. Frau Winsemann, die mit ihren Hausgenossen noch in einer der vorderen Reihen Platz gefunden hatte, überdies Hugos wegen in einer besonderen Gemütsbewegung war, wischte ganz verschämt ein paar Tränen ab, während Frau Mau, die so etwas zum erstenmal in ihrem Leben hörte, mit einer Ergriffenheit, die ihr sonst so strenges Gesicht ordentlich verklärte, noch immer aufs leere Pult starrte. Nur Mariechen sah sich munter um und meinte zu Christian, der still neben ihr saß: »Der kann aber famos reden.« »Haben Sie ihn noch nie gehört?« fragte Christian. »Nein, ich bin erst ein paarmal dabei gewesen. Da war fast immer Musik und so was.« »Was mögen Sie wohl lieber?« »Na, wies so kommt. Gesang hör ich gern. Nachher gibts ja auch noch Lieder.« »Und Hugo mit seinem Tiberius.« »Der beberte aber nicht eklig beim Prolog. Na, nun ist er ja wohl durch und fühlt sich.« Hugo fühlte sich in der Tat und brannte auf den Augenblick, wo er noch einmal aufs Podium steigen durfte. Man hatte nach Collasius' Ansprache für ein unterhaltendes, gemischtes Programm gesorgt, Klavier- und Gesangsvorträge mit Rezitationen abwechselnd. Herr Heinrich, der dafür war, die unter den Mitgliedern vorhandene Begabung heranzuziehen, hatte Hugo ermuntert. Bei dem hatte sich ein weiches, klingendes Organ entwickelt und ein natürlicher, verständiger Vortrag stand ihm zu Gebote. Herr Heinrich rechnete mit dem Ehrgeiz, den er längst an Hugo erkannt hatte. War auch nach seiner Überzeugung für das Volk, wie für die Kinder das Beste grade gut genug, so leitete ihn doch andererseits wieder die Rücksicht auf den großen Wert, den es hatte, wenn die jungen Leute aus sich heraus ihr Vereinsbedürfnis auch nach dieser Seite hin bestreiten konnten. Hugo hatte bei kleinen Veranstaltungen im Gesellenklub schon hier und da durch eine Rezitation ernsten oder heiteren Charakters zu einer Unterhaltung beigetragen, so daß es einem Teil der Mitglieder keine Überraschung war, ihn heute auf dem Podium zu sehen, andere aber waren erstaunt, manche neidisch, einige erfreut, daß einer von ihnen da oben stand und sich hervortat. Ein vierhändiger Marsch von Schubert leitete die Vorträge ein. Ein Herr und eine junge Dame, Kinder eines Großkaufmanns, der sich den Bestrebungen des Volksheims geneigt zeigte, saßen am Flügel und zeigten eine mehr als dilettantische Fertigkeit. Dann folgten ein paar Lieder von Brahms und Schubert. Alles wurde mit Andacht aufgenommen und mit reichlichem Beifall belohnt. Und jetzt war es Zeit für Hugo. Frau Winsemann und ihre Freunde reckten die Hälse, und Mariechen kicherte nach Art der jungen Mädchen hinter dem vorgehaltenen Programm. Freilich nicht ohne Ursache; denn Hugo, statt vor dem Flügel weg an die Rampe zu treten, lief in einer plötzlichen Anwandlung von »Verbastheit«, wie Mariechen es leise zu ihrem Nachbar nannte, erst um das Instrument herum. Dann machte er seine Verbeugung mit einer großen Geste, indem er mit der rechten Hand durch seinen schwarzen Haarpoll fuhr. »Großartig, was?« flüsterte Mariechen. Christian lächelte. »Gehört dazu,« sagte er. Hugo, mit einem herausfordernden Blick aufs Publikum, gewahrte ziemlich in der Mitte des Saales Frau Sophie Behrens sitzen. Er hatte sich bisher vergebens nach den beiden Familien umgesehen. Jetzt entdeckte er neben der Frau auch seinen früheren Meister und »Buchbinders«. Der Alte hatte sogar seine Brille ungeniert auf die Stirne hinaufgerückt und sah ihm unter seinen grauen buschigen Augenbrauen gerade ins Gesicht, während Frau Miele stumm in ihren Schoß guckte. Also doch! Sie waren da! Ein Gefühl der Genugtuung wirkte aufmunternd. Er gedachte nicht der vielen »Esel und Döskopp«, die der Meister ihm bis vor wenigen Jahren noch an den Kopf geworfen hatte, fühlte nicht Frau Sophies rasche Finger an seinem Ohr, wo sie in den ersten Jahren seiner Lehrzeit manchmal Griffe übte – das hätte ihn wahrscheinlich nur aus dem Gleichgewicht gebracht, indem es ihn beschämte. Es war nur das triumphierende Gefühl, nun kannst du ihnen mal zeigen, was du eigentlich für ein Kerl bist, und der Stolz, hier oben zu stehen, ausgezeichnet vor vielen, und aus der Höhe seiner geistigen Bildung auf sie herab sehen zu dürfen. »Der Tod des Tiberius. Von Emanuel Geibel,« begann er. Das düstere Feuer seiner Augen, das tiefe, fast ingrimmige Räuspern bereitete die Hörer schon auf etwas Schweres und Tragisches vor. Aber von allen Äußerlichkeiten abgesehen, bestand der Rezitator mit Ehren. Die schönen schwungvollen Verse vertrugen das schwelgerische Pathos, in dem Dilettanten sich so gern gefallen, und der Stoff des Gedichtes übte über dieses Publikum seine unfehlbare Macht aus; denn immer läßt sich das Volk gern vom Geschick der Mächtigen und Großen erschüttern, weidet sich an den verdienten Qualen des Tyrannen und sucht sich aus der Gerechtigkeit der Weltgeschichte seinen Trost. Als Hugo die Worte sprach: »Im Hofe stand In sich vertieft ein Kriegsknecht auf der Wacht, Blondbärtig, hoch.« richtete er sich merklich auf. Mariechen, die ein Schelm war und Hugo gut kannte, erhob die Hand und strich einen eingebildeten Bart von mächtiger Länge. Hugo sah das, aber ließ sich nicht stören, seine Stimme rollte weiter und als er mit erhobenem Ton die Schlußverse gesprochen hatte: »Er aber schaute kühn ins Morgenrot Und sahs wie einer Zukunft Vorhang wallen.« fühlte er sich wieder ganz in der Rolle und sah mit einem Blick über das Publikum hinweg auf die gegenüberliegende Wand, als sähe er dort wirklich den Vorhang der Zukunft wallen. Oder hatte sein Blick dort hinten Tetje Butt entdeckt, der wirklich wie eine Verheißung besserer Zukunft dastand und über das ganze Gesicht strahlte? Daß dieses Strahlen dem endlichen Tod des schrecklichen Tiberius galt, mochten näher Sitzende, die ihn beobachteten, glauben. Es war aber nicht der Fall. Vielmehr war es sein neuer bunter Schlips und ein Paar weißer, sehr weit über die Hand fallender Manschetten, was Tetje Butt schon den ganzen Abend in gehobener Stimmung erhielt. Tetje Butt war »nobel«. Er war noch immer so klein, wie er vor drei Jahren war und hatte noch immer die Gewohnheit, die Hände in die Hosentaschen zu schieben, wie er das auch jetzt tat, gegen die Wand gelehnt und mit seinen hellen Augen auf das Podium starrend, mit einer belustigten Miene, als sei Hugo so eine Art von »August« vom Zirkus Renz, und als erwarte Tetje Butt, daß er sich im nächsten Augenblick auf den Kopf stellen oder in einem Satz über das Pult voltigieren würde. Doch das sah nur so aus. In Wahrheit erwartete Tetje Butt nichts derartiges. Er war im Gegenteil ganz wunschlos, und nur glücklich, daß er hier mit im Saal stehen konnte, die Hände in den Hosentaschen, mit einem so schönen neuen Schlips und so modernen Manschetten. Tetje Butt konnte sich dieses noble Auftreten gestatten. Er hatte seit einem Jahr eine einträgliche Stellung und zwar bei Peter Witt, dem Käsehändler auf dem Meßberg. Er war so ein Mittelding zwischen Hausknecht und Verkäufer, für das er selbst keinen treffenderen Titel wußte, als »Kommis«. Und sich überall durch tadellose Wäsche als seiner Stellung würdig zu erweisen, war jetzt sein Hauptbestreben. So stand er denn auch hier als der »Kommis« Tetje Butt von der Firma Peter Witt an der Wand und repräsentierte. Nach Hugos Vortrag hatte sich ein lebhafter Beifall erhoben, in den auch Herr Heinrich, ob er gleich über das Pathos seines Schülers lächelte, herzlich mit einstimmte. Hugo war glücklich, wenn er auch das Podium noch mit der finsteren Miene eines Unheil brütenden Tyrannen verließ. Erst an der Seite der Mutter und in Mariechens Nähe gewann er seine Natürlichkeit wieder und verbarg nicht länger die große Freude, die ihm sein Triumph bereitete. »Hast gut gebrüllt,« neckte Mariechen. Christian blieb in Schweigen versunken. Könntest du doch auch da oben stehen, dachte er. In dir lebt das alles auch ebenso glühend und farbenreich und du wolltest die Hörer hinreißen. Wie schön muß das sein! Aber du mit deiner schwachen Brust und der schwächlichen Stimme. Eine breite Gestalt schob sich vor ihn, und Wilhelm Kröger sagte zu Hugo: »Dat hest fin makt, Minsch. Hev ick di gornich totrut.« Und er sah sich triumphierend um. Sie sollten alle gewahr werden, daß er mit so einem seinen »Deklamatohr« befreundet war. Frau Winsemann aber dachte: »Schade, daß die Krautschen nicht da ist. So was brächte ihr Anton nicht fertig.« Nach Hugos Vortrag folgten noch ein paar Lieder, und den Schluß machte wieder ein vierhändiger Marsch von Schubert, von jenem Geschwisterpaar virtuos gespielt. Langsam leerte sich der Saal auf die nächtliche Straße. Es regnete, und Christian mußte husten, sowie er in die kalte Nachtluft hinaustrat. Mariechen griff ohne ein Wort zu sagen zu und schlug ihm seinen Rockkragen in die Höhe. Er errötete und sah sie dankbar an. »Drinkt wi noch n Seidel,« fragte Wilhelm Krögers dröhnende Stimme, der man die Freude anhörte, endlich befreit zu sein. »Man to,« drängte er, als alle ablehnten. »Wie möt doch Sünndag to Enn fieren.« »Nach so n Fiern hölt man bi sick sülwen Inkehr,« sagte Frau Mau vorwurfsvoll. »Ja, ja. Dat kümmt ok noch, Mutter, awerst n Beer möt ick erst noch hebben. Denn adjüs. Tiberius schull man leever noch mitkam'n.« Sein lautes Lachen schallte noch vom Fahrdamm herüber. Die anderen warteten auf die Straßenbahn, die Christian nach der Hafenstraße bringen sollte. Da sich auch beide Ehepaare Behrens hier an der Haltestelle einfanden, verabschiedete man sich schnell. Hugo hätte zwar gern sein früheres Meisterpaar begrüßt und sich vor ihnen in die Brust geworfen, aber die Frauen genierten sich und drängten fort. »Setzen Sie sich man nicht in Zug,« rief Mariechen noch Christian vorsorglich zu, dann hing sie sich ungeniert an Hugos Arm. »Armer Bengel. Er dauert mich immer so,« sagte sie. Drittes Kapitel Mutter Krautsch hätte der Volksheimfeier nicht beiwohnen können. Es konnte ihr schon deshalb nicht in den Sinn kommen, weil sie nichts davon wußte. Seit Anton weg war, war jede Verbindung mit dort abgeschnitten. In der ersten Zeit nach dem Abbruch von Ohlsens Gang hatte sie durch Anton manches von den Winsemanns und Maus erfahren. Die jungen Leute trafen sich, solange Hugo noch bei Tischler Behrens war, auf der Straße und nachher im Volksheim. Die Frauen hatten gelegentlich mal einen Gruß bestellen lassen, und einmal hatte Mariechen »eben mal vorgesehen«, als sie eine Freundin besuchte. Aber die hatte inzwischen geheiratet, und jetzt wohnte niemand mehr in Mutter Krautschens Nähe, der noch eine Verbindung mit den früheren Nachbarn aufrecht erhielt. Mutter Krautsch hatte durch den Abbruch von Ohlsens Gang mehr verloren, als sie anfangs dachte. Ganz abgesehen von der Kundschaft, die doch immerhin etwas einbrachte, wenn auch der einzelne nicht viel gebraucht hatte. Aber der alte Gang selbst fehlte ihr. Jetzt führte ein breiter nicht überdachter, schön gepflasterter Weg nach dem geräumigen Hof, wo Schiffshändler Ohlsen zwei große Speicher hatte bauen lassen. Den einen nahm er zur Hälfte selbst in Besitz, alles andere hatte er vermietet. Es war jetzt viel Luft und Licht und auch viel Kälte und Wind um Mutter Krautschens Keller, der nun ein Eckkeller geworden war. Es war gar nicht mehr so gemütlich auf der Treppe zu stehen, und die Außenwand ihres Ladens war jetzt dem Wetter ausgesetzt, und im Winter war es infolgedessen drinnen kälter und feuchter. Schiffshändler Ohlsen wollte es freilich nicht zugeben. »Die ganze liebe Sonne kann jetzt die Wand bestreichen.« »Abends, Klock söß,« unterbrach ihn Mutter Krautsch, »wenn se to Bett geiht un sülben alln beten schudderig is.« »Aber es ist wirklich gesünder so,« versicherte Asmus Andreas. »Min Gesundheit fragt överall nich dorna, aber min Kohlenkist.« Wenn Mutter Krautsch platt sprach, war sie gewöhnlich sehr ärgerlich. Dieser Ärger über die Außenwand hielt nun freilich nicht länger vor, denn es war wirklich nicht so schlimm. Ohlsen konnte eines Tages sagen: »Seh'n se woll, man muß sich man erst an alles gewöhnen.« Aber dann kamen neue Sorgen. Tante Miele war plötzlich gestorben, und ihr Hinnerk, so lange an weibliche Leitung gewöhnt, hatte Mutter Krautsch überreden wollen, ihr Geschäft aufzugeben und zu ihm nach Moorburg zu ziehen. Die Versuchung war groß gewesen, nicht weil Onkel Hinnerk der Versucher war, dem zu widerstehen schwer war. Aber die Veränderung um sie herum machte Mutter Krautsch die Aussicht, wieder ganz aufs Land, in die Heimat ihrer Kinderjahre, zu ziehen, verlockender als je. Sie überlegte lange mit Anton und Lene, was sie tun solle. Lene, immer Feuer und Flamme für alles Neue, riet erst heftig zu, aber der Gedanke an Fritz Kleesand, den sie in Moorburg vielleicht nie wieder sehen würde, gewann die Oberhand und machte sie wieder schwankend. Anton war, wie immer in Sachen, die ihre zwei Seiten hatten, nicht warm und nicht kalt. »Wenn du meinst Mutter, mir solls recht sein. Immer bleibe ich ja doch nicht bei Sichelmann. Und ob du dann in Moorburg wohnst oder hier, das kann mir ja ziemlich gleich sein.« »So? Und wenn wir dann nich mehr zusammenkommen können? Dann ist deine alte Mutter dich wohl auch gleichgültig?« »Mutter, red nicht wieder,« sagte er. »Nach Moorburg ist ja keine Reise.« »Das is es nich. Wenn du man ümmer kommst.« Aber Onkel Hinnerk fragte noch einmal vergebens an, und dann, ein halb Jahr später, hatte er sich plötzlich wieder verheiratet. »n ganz junge Deern, noch nich drög achter de Ohr'n, Anton. Wat seggst du nu?« »Ja, Mutter, er muß es ja wissen.« »Er wirds nu bös genug kriegen. Bei Tante Miele durfte er schon nich viel sagen, und jetzt wirds wohl ganz alle sein.« »Junge, Junge! Ich sollte mich von meiner Frau kuranzen lassen,« sagte Anton. »Erst eine haben,« meinte Lene. »Du schallst min Fru wesen, denn so wor di.« »Kannst mich ja man heiraten.« Er schüttelte sich wie vor etwas Bitterem, und sie lachte, denn es war ihr nicht mehr Ernst um Anton, seit sie sich an Fritz Kleesand gehängt hatte. Nun mußte dieser auch noch kommen und Mutter Krautschens Sorgen vermehren. Das war in dem Jahre, als Anton ausgelernt und sich seinem Meister noch ein Jahr als Geselle verdingt hatte, wonach er dann seiner Militärpflicht genügen wollte. Da war nun Fritz Kleesand, der seine Zeit bei der Marine abdiente, gerade recht gekommen. Er wußte viel von dem Dienst auf den Schiffen zu erzählen, was einem Jungen von der Wasserkante die Augen aufleuchten ließ. Und da es Fritz Kleesands Art war, alles zu übertreiben, so kam es immer darauf an, mit welcher Absicht er erzählte. Diesmal war es ihm nun darum zu tun, sich und sein gutes Verhältnis zu den Vorgesetzten in das günstigste Licht zu rücken. So malte er denn ein so rosiges Bild, daß auch Mutter Krautsch die Überzeugung gewann, daß ein tüchtiger und pflichtgetreuer Soldat nirgends weniger zu fürchten hätte, als bei der Marine, ja, daß dort eine Art militärisches Paradies etabliert sei, wo Vorgesetzte und Untergebene sich mit einer engelhaften Milde gegenseitig ertrügen und förderlich wären. »Natürlich, wenn man n Schlamp is,« hatte Fritz Kleesand gesagt, »denn gibts eklig.« Das fand man auch allgemein wohl in der Ordnung. Wer aber so ein braver Mensch war wie Anton, hatte so etwas nicht zu befürchten. So war denn dieser halb und halb entschlossen, sich bei der Marine zu stellen, als Fritz Kleesands Urlaub abgelaufen und er mit einem »Auf Wiedersehen, Anton, in Kiel« abgedampft war. Ein Jahr verstrich, und Antons Entschluß stand fest. Da kam Fritz wiederum auf Urlaub und nahm den Stellungspflichtigen mit nach Kiel. Vorher aber hatte Lene Lerch noch einmal mit ihm und Anton ausgehen dürfen. Mutter Krautsch, bei der Fritz Kleesand seit jenem »Klavierabend« einen Stein im Brett hatte, schien alles Unrecht, was sie dem »Windhund« getan hatte, wieder gut machen zu wollen. Vielleicht war es auch die Absicht, ihn Antons wegen in freundschaftlicher Gesinnung zu halten. Anton hatte dann doch wenigstens Anhalt in Kiel. So schlug sie denn diesmal Fritzens Bitte nicht ab, Lene Lerch noch mal zum Tanz führen zu dürfen. »Dat Öller hätt se nu,« sagte er. »Se is majorenn un Se hebbt er nu gornix mehr to segg'n, Mudder.« »So, wer seggt dat? To segg'n hew ick lieckers ümmer noch. Awer Se sünd ja ok öller wor'n un nich mehr so n Windhund. Da kann't ja nu angahn.« »Windhund,« lachte Fritz. »Ick weer doch man ümmer so n lütt'n fram'n Schoßhund.« »Na na. Da kiekt de Windhund all werrer rut.« Lene war in einem Taumel des Glücks. »Deern, du büst ja woll narrisch,« mußte Mutter Krautsch sie besänftigen. »Betrag dich doch sinnig, was muß er von dich denken.« Und Anton erklärte: »Wenn du so dwallerig bist, geh ich nicht mit.« Da nahm sie sich zusammen, und als Fritz Kleesand in seiner besten Montur, die ihm prächtig stand und mit seinen weißen Handschuhen eintrat, schlug ihre Ausgelassenheit sogar in Einsilbigkeit um. »Sie hat doch das richtige Gefühl,« dachte Mutter Krautsch. »n Mädchen muß sich zurückhalten.« Fritz Kleesand sah wirklich schmuck aus. Er war trotz seiner langen spitzen Nase ein ganz hübscher Kerl geworden. Schlank und sehnig und tief gebräunt. Der offene Kragen ließ den Hals und ein Stück der braunen Brust frei, auf der sich verräterisch ein blauer Stern mit einer Zacke unter dem Jackentuch hervorwagte und Lene sogleich wieder den ganzen Himmel ahnen ließ, den Fritz Kleesand mit sich herumtrug. Die Mütze mit den flatternden Bändern hatte er keck aus der Stirn geschoben und zeigte sich in jeder Weise unternehmungslustigen Sinnes. Er bot ihr gleich auf der Straße seinen Arm, und sie nahm ihn nach flüchtigem Bedenken, was wohl die Leute sagen würden, etwas verschämt an. Als sie abends spät zurückkehrten, und Anton sich mit dem Hausschlüssel abmühte, zog Fritz Kleesand noch einmal in einem letzten übermütigen Handgemenge mit Lene diese auf einen Augenblick um die schützende Hausecke hinter Mutter Krautschens Bretterwand und nahm zärtlich Abschied von ihr. Dieser Kuß besiegelte Lenen die Tatsache, daß dies der schönste Tag ihres Lebens gewesen war, und als Anton, eines Ausgangs mit Fritz Kleesand gleichfalls nicht gewohnt, seine für einen gelernten Schlosser merkwürdig schwerfälligen Bemühungen, die Tür aufzuschließen, endlich mit Erfolg gekrönt sah, mußte er erst einige Mahnungen nach oben knurren, ehe Fritz und Lene sich trennten. Lene taumelte wie in einem Rausch an Anton vorbei, und suchte sofort ihr bescheidenes Lager auf. Sie schlief aber sobald nicht ein. Fritzens letzter Kuß brannte noch auf ihren Lippen und sie dachte an die anderen, die er ihr im Garten des Tanzlokals geraubt, als er sie in einem günstigen Augenblick zu sich auf den Schoß gezogen und sie minutenlang in seinem Arm gelegen hatte. Wie gut, daß Anton den großen plumpen Kollegen – Kröger hieß er ja wohl – getroffen hatte. So hatte sie doch unbeachtet in der Laube Platz nehmen können. Wie ein Kind hatte sie in seinen Armen gelegen, wehrlos den Kopf hintenüber gedrückt, den Mund seinen Küssen preisgegeben. Dabei war ein wunderliches Sumsen und Sausen um sie herum und in ihr gewesen. Der Wind hatte auch in dem Herbstlaub geraschelt und welke Blätter auf sie herabgeschüttelt. Sie erinnerte sich dessen. Und einmal war Zigarrenrauch von irgendwoher in die Laube verschlagen worden. Lene lag, ihr heißes Gesicht in die Kissen gedrückt, und dachte sich in seine Arme zurück. Sie stöhnte wie unter körperlichen Schmerzen einmal laut auf, wonach ein reicher Tränenstrom sie dieses unbekannten, wunderlichen Zustandes entlastete und sie in einen langen traumlosen Schlaf hinübergleiten ließ. Anton aber, mit einem dumpfen Druck auf dem Kopf, nicht wissend, ob er Fritz Kleesand oder Wilhelm Kröger fluchen sollte, schnarchte, sobald er in die Kissen sank. In seinen Träumen schaukelte er auf einem großen Kriegsschiff. Er steckte aber in Landuniform und mußte Stechschritt üben, und wunderte sich, daß er es bei dem Geschlängel und Geschaukel so prächtig konnte, trotzdem ihm ganz schwindelig und elend im Kopfe war. Auf der Reeling aber saß Fritz Kleesand lachend und sagte: Siehst du wie fein? Ist alles eine Kleinigkeit. Das bißchen Schaukeln macht gar nichts aus. * Der Tag des Abschieds war da. Anton war überzeugt, das Rechte gewählt zu haben. Er war, Fritz Kleesand zur Seite, guten Muts. »Das soll ja dann auch woll so sein,« sagte Mutter Krautsch. »Dein Vater war ja auch Seemann und so n bischen liegt das dann davon mit im Blut.« »Na, deswegen,« meinte Anton. »Aber man bleibt doch beim Fach und man hat auch mehr Chancen.« »Was tust du mit die Schanzen. Du willst ja nicht beibleiben.« »Das ist noch nicht abgeblasen,« ängstete er sie. »Wenns mir da gefällt.« »Dann bin ick di los.« »Tja, Mutter,« sagte er gedehnt, »wi möt doch mal ut'nander.« »Swor schient di dat nich to warn.« »Ach red doch nicht so, Mutter. Man möt doch mal selbständig warn.« »Aber doch nich auf n Schiff.« »Sowit sünd wi ok noch nich.« So redeten sie die letzten Stunden noch um einander herum, und hatte das alles auch noch keinen rechten Boden unter den Füßen, so merkte Mutter Krautsch doch, daß Anton anfing, sich von ihr zu lösen und auf seine Zukunft bedacht zu sein. Sie sah ein, daß das nicht anders sein konnte, aber es wurde ihr schwer ums Herz, wenn sie daran dachte, daß es eine Zeit geben würde, wo sie mit Lene allein hausen mußte. Anton aber kannte seine Mutter gut genug, um nicht zu wissen was sie bedrücke. Aber dabei war nichts zu machen. Das müssen alle Mütter durchmachen, und dann wollte er ja auch nicht aus der Welt gehen. Auch würde es ihm ja gar nicht einfallen, bei der Marine zu bleiben. Sein Ehrgeiz ging andere Wege. An dem Tage, als er Geselle wurde, und Meister Sichelmann ihm angeboten hatte, bis zu seiner Militärzeit bei ihm zu bleiben, hatte ihm seine Mutter gesagt, daß er ein kleines Kapital besäße, das sein Vater für ihn erarbeitet habe. Es waren ein paar tausend Mark. Damit ließ sich schon etwas anfangen. Er kam sich wie ein Krösus vor und machte Zukunftspläne. Die Sichelmannsche Werkstatt, wo er jetzt als Geselle den Hammer schwang, sah er mit den Augen eines künftigen Meisters an. Soweit wollte er es auch bringen, weiter. Dieckmann, der Besitzer der großen Werft von Thoms und Dieckmann, war auch nur einfacher Schlosser gewesen. Und jetzt, seitdem er den Entschluß gefaßt hatte, bei der Marine zu dienen, war er auch überzeugt, daß es ihm mit Rücksicht auf diese möglichen Lebenswege einmal von großem Nutzen sein könnte. Wenn er erst eine große Werft besäße – weiter kam er gewöhnlich nicht mit seinen Gedanken. Dann überkam es ihn, als hätte er ganz vermessene Träume, und er sann der Sache nicht weiter nach. Man konnte da nichts weiter tun, als abwarten. Aber an ihm sollte es nicht liegen, was Arbeiten und Streben anbelange. Als alter Geselle, wie der Rehm, bei fremden Meistern unterducken, froh sein, daß man nicht jüngeren Kräften Platz machen mußte, das könnte ihm nicht passen. So mitteilsam und gesprächig Anton war, so sprach er doch über seine eigenen Angelegenheiten wenig oder gar nicht. Die waren etwas so selbstverständliches, über das es sich nicht zu reden verlohnte. Er glich darin dem Vater, dem er auch sonst immer mehr ähnelte. Er war jetzt sehr groß und hatte dabei wie jener die Gewohnheit, sich von Zeit zu Zeit noch zu recken, obgleich er sich nicht wie der schlankere Vater schlecht hielt. Auch das grundlose Seufzen hatte er sich angewöhnt, was bei ihm aber mehr wie ein Seufzen der Erleichterung klang, wie ein Aufatmen nach schwerer Arbeit: So, das hätten wir hinter uns. Wichtiger aber als das war der Hang zur Sparsamkeit, der sich immer mehr bei ihm zeigte. Er war nicht geizig, aber er gab nicht gern unnütz Geld aus. Dem flotten Fritz Kleesand gegenüber konnte er Lene Lerch freilich wohl als knickerig erscheinen. Sie entschuldigte ihn aber. So »dick« wie Fritz Kleesand hatte er es ja nicht. Der konnte schon was drauf gehn lassen. So eine flotte Wirtschaft wie die Kleesandsche wirft etwas ab. Lene hatte aber keinen Einblick in die Krautschen Vermögensverhältnisse, und so war es natürlich, daß die Verliebte ihren Abgott auch hier mit dem Schaumgold ihrer Phantasie vergoldete, so daß er als eine der glänzendsten Partien an der ganzen Wasserkante vor ihr stand. Anton machte überall Abschiedsbesuche, bei seinem Meister, der ihn ungern ziehen ließ, bei seinem Vormund Asmus Andreas Ohlsen, der von seiner Vormundschaft nicht viel Last hatte und seinem großen schmucken Mündel bei einem Glas Portwein und einer Zigarre allerlei Marinedöntjen zum besten gab, und zuletzt auch bei Collasius. Herrn Heinrich hatte er am letzten Volksheimabend Adieu gesagt und ihm lachend beigestimmt, daß er in Hinblick auf seine Muskeln und seinen breiten Brustkasten einen strammen Dienst nicht zu scheuen habe. Collasius aber, der ihn in seinem Studierzimmer am Schreibtisch empfing, fand einige patriotische Worte angezeigt, die ihm freilich anfangs nicht recht von Herzen zu kommen schienen, denn er war ein Friedensmann und eifriger Apostel der Friedensgesellschaft. »Aber eines bleibt wahr, lieber Krautsch,« sagte er zum Schluß. »Kein Mann gedeiht ohne Vaterland, wie unser Dichter sagt. Vaterlandsverteidiger, das ist ein herrlicher Beruf und ein herrlicher Titel. Und nun gar die Marine. Wenn Sie mit Ihrem Schiffe hinauskommen an fremde Küsten, bringen Sie unsern draußen weilenden Brüdern ein Stück Vaterlandes, ein Stück Heimat mit. Dann seien Sie stolz, daß Sie ein Deutscher sind. Wir dürfen es trotz alledem.« Anton wußte nun zwar nicht, was er mit dem »trotz alledem« meinte, und der Appell an sein Deutschtum setzte sein Gemüt nicht in besonders patriotische Wallung, aber es schmeichelte ihm doch, daß der Herr Pastor, »so n bischen was höheres« mit ihm sprach und Interesse für ihn zeigte. Als er aber draußen war, empfand er von seiner großen Herrlichkeit als künftiger Vaterlandsverteidiger nichts mehr, sondern dachte nur: »n goden Kerl is he, aber wenn he dat Reden kriegt, dann kann he snacken. Jung, n reinen Idealist is he.« Das war sein letzter Abschiedsbesuch gewesen. Am andern Tag begleitete Mutter Krautsch ihn und Fritz Kleesand an die Bahn. Anton hätte, Fritzens wegen, lieber gesehen, seine Mutter wäre zu Hause geblieben, aber sie ließ sich nicht dazu bewegen, und was Anton befürchtet hatte: auf dem Bahnhof gab es Tränen und viele gute Worte und Ermahnungen. Und nun sagte sie wirklich zu Fritz: »Nicht wahr, Herr Kleesand, Sie regardieren auch n büschen auf ihn, er is ja noch nie aus Hamburg rausgekommen.« Viertes Kapitel Ohne daß Antons Weggang irgendwo, außer in dem mütterlichen Hause, eine eigentliche Lücke hinterlassen hätte, wurde er doch von vielen vermißt. In der Werkstatt sahen der Meister und der alte Drews den Platz, den er so lange ausgefüllt hatte, durch eine neue Kraft ersetzt, die sich erst einarbeiten sollte. Der neue Lehrling, der schon seit einem Jahre da war, schlug nicht so ein, wie sein Vorgänger. Der Geselle, der Antons Stelle jetzt innehatte, war nicht untüchtig, aber er war eben neu und anders als der ruhige, fleißige, gewissenhafte und immer gleichmütige Anton, von dessen beharrlichem, zuversichtlichem Wesen ein wohltuender Einfluß in der ganzen Werkstatt zu spüren gewesen war. Vermissen taten ihn die Kunden der Mutter und die Nachbarn, denen mit ihm eine tägliche Erscheinung in ihrem gleichmäßig dahinfließenden Leben ausgelöscht war. »Dat kümmt mi ganz komisch vor,« sagte eine Nachbarin zu Mutter Krautsch, »dat ick Ern Söhn gornich mehr to sehn krieg. Süs, wenn he dor so herköm in sin Arbeitstüg und mit sin blankes Gesicht, denn wär mi dat immer as so n Toversicht, dat de Welt noch steiht. He harr so wat Festes, Toversichtliches an sick.« Und wie man früher Mutter Krautschen nach ihrem Mann fragte, wenn sie vor der Tür ihres Kellers stand, so fragte man jetzt: »Na Mutter Krautsch, wat makt de Söhn?« »Danke, min Anton is got to weg,« antwortete sie dann mit sichtlichem Stolze, den ihr keiner übelnahm. Lene Lerch vermißte ihn nicht sonderlich. Sie hatte ja sogar einige Freude davon, daß er nicht mehr zu Hause war. Es gab weniger Arbeit, und Mutter Krautsch war jetzt ganz allein auf sie angewiesen. Ja, sie freute sich seines Abgangs nach Kiel, da sie ihn dort in Fritz Kleesands Nähe wußte. Da bekam sie doch eher etwas von dem zu hören. Jeden Brief, den Mutter Krautsch erhielt, empfing auch sie mit Herzklopfen. Ein paarmal hatte Fritz grüßen lassen, das erstemal stand da: »besonders Lene«. Nachher freilich hieß es immer nur: »Fritz läßt grüßen«. Ader schon das war ihrem Herzen ein Labsal. Einer war, der sich über ein gleich lakonisches »Anton läßt grüßen«, fast nicht weniger gefreut hätte, als Lene über Fritzens Grüße. Das war Christian. Er war noch immer bei Buchbinder Behrens in Brot, und es war auch keine Rede davon, daß er seinen Meister je verlassen würde. Da auch Anton noch bis zuletzt bei Sichelmann gearbeitet hatte, so war selten ein Tag vergangen, wo er ihn nicht wenigstens einmal gesehen hatte, morgens, wenn er zur Arbeit kam und Christian noch immer, wie als Lehrling, die Fensterläden abnahm. Es war auch mal eine Gelegenheit gewesen, ein paar Worte zu reden. Sie waren jetzt im Volksheim gut bekannt geworden, hatten auch meist den Weg dorthin gemeinsam gemacht. Ohne daß von Antons Seite mehr als ein oberflächliches, kameradschaftliches Gefühl obwaltete, war doch Christians Neigung zum jungen Schlosser unveränderlich geblieben. Was ihn mit Hugo Winsemann verband, war wohl mehr das, was man gewöhnlich Freundschaft zu nennen pflegt. Sie hatten gemeinsame Interessen, verstanden sich, konnten sich gut leiden und verkehrten auch außerhalb des Volksheimes miteinander, wo dann Christian meistens Hugos Gast war, da er ja selbst nicht über eine eigene Wohnung zu verfügen hatte. Was ihn aber an Anton fesselte, war eine zarte uneingestandene Neigung der schwächeren, mehr weiblichen Natur zu der stärkeren männlichen. Er selbst hatte eine tiefe Sehnsucht nach Kraft und Gesundheit, die ihm für immer versagt waren. und konnte sie ihn bei anderen wohl mit Neid erfüllen, so halte doch Antons damaliges impulsives, großherziges Eintreten für den Gehänselten ihn ein für allemal in eine so ideale Höhe gehoben, daß ihm gegenüber keine unreine Empfindung aufkam. Wäre Christian ein Mädchen gewesen, er hätte sich wahrscheinlich in diesen jungen Riesen verliebt. Aber auch jetzt konnte man seine Neigung kaum anders als Liebe bezeichnen, eine Liebe, in der der Keim zu einer seltenen, edlen Freundschaft schlummerte, der nur darauf wartete, daß er auch von der anderen Seite gepflegt wurde, um herrlich aufzublühen. Aber Anton ließ es daran fehlen. Nicht, daß er nicht merkte, wie sehr Christian an ihm hing, aber es genierte ihn, und er wußte nicht recht was damit anzufangen. Christian aber war zu bescheiden und anspruchslos, um sich durch Antons kühleres Verhalten gekränkt zu fühlen. Er bewunderte ihn, wenn er es auf den Ausflügen und Wanderungen des Volksheims allen an Mut und Ausdauer zuvortat und bei Herrn Heinrich rechte Hand wurde. Er freute sich seiner Siege beim Turnen und Spielen, und wollte es kaum bemerken, daß Anton in geistigen Wettkämpfen hinter ihm und Hugo zurückblieb und auch wenig Interesse dafür zeigte. Nur einmal empfand er etwas wie Scham und fast körperlichen Schmerz. Auf einer längeren Wanderung mit Herrn Heinrich, die auch er sich gegen Hugos Abraten zugemutet hatte, hätte er ermattet zurückbleiben müssen, wenn nicht Anton und ein anderer muskelstarker Genosse ihn auf gekreuzten Armen bis zur nächsten Ruhestelle getragen hätten. Nie wieder wollte er das erleben. Und es dauerte einige Zeit, bis er sich Anton wieder ohne Gefühl der Beschämung, des Unbehagens nähern konnte. Jetzt war Anton für lange Zeit aus seinem Gesichtskreis gerückt. Wie sollte er Nachricht von ihm erhalten. Er hatte sich dann direkt bei der Mutter erkundigen müssen, aber davon hielt ihn seine Scheu zurück. Er wollte nicht aufdringlich erscheinen. Hugo hatte ja auch keine Verbindung mit der Hafenstraße mehr, und Tetje Butt, der immer alles wußte, wußte natürlich von dem, was man gern von ihm gehört hätte, gerade nichts. Er hatte ja auch zu Anton Krautsch keine Beziehung gehabt. Hugo hätte ja am ersten Gelegenheit gehabt, sich nach Anton zu erkundigen. Aber der war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, und schien für den einstmaligen Spielkameraden aus Ohlsens Gang nichts mehr übrig zu haben. Das war nun nicht der Fall. Hugo dachte manchmal an Anton zurück, und es hätte ihn schon interessiert, einmal etwas von ihm zu hören, aber er war doch zu indolent, um sich deswegen viel Unbequemlichkeiten zu bereiten, wohl gar einen Besuch bei Mutter Krautsch zu machen. Er hatte auch keine Zeit dazu. Die Feierabendstunden gehörten den Büchern, soweit sie nicht von dem Volksheim in Anspruch genommen wurden. Und im übrigen füllte ihn seine wachsende Neigung zu Mariechen Mau ganz aus. Ihre leichte offene Art schüchterte ihn ein, sonst hätte er sich ihr gewiß längst erklärt, aber es fehlte ihm der Mut. Sie war offenbar die stärkere, lebenskräftigere Natur. Das war einerseits wieder ein Reiz für ihn, für seine schwache Natur, die immer auf der Suche nach einem Halt war, und was sie gerade erwischt hatte, mit einer fanatischen Überzeugung festhielt. Er idealisierte sich alles, putzte es zu alleinseligmachender Herrlichkeit heraus. Das viele Lesen poetischer Werke hatte seinen Nachahmungstrieb geweckt. Seine ersten Gedichte an Mariechen entstanden; sauber auf weiße Ouartblätter geschrieben, lagen sie in einer wohlverwahrten Mappe beisammen. Mehr als einmal war er in Versuchung gekommen, diese schwulstigen Ergüsse eines ungebildeten Geistes Christian vorzulesen. Aber es hatte ihm immer im letzten Augenblick der Mut gefehlt. Doch nahm er sie oft, wenn er allein war, heraus und las sie eines nach dem andern mit halblauter Stimme und in seiner pathetischen Weise. Er hatte aber trotzdem nicht den Ehrgeiz, ein Dichter zu werden. Er hatte überhaupt weniger Ehrgeiz, es zu etwas zu bringen, als Eitelkeit, sich auszuzeichnen. In seinem Handwerk war er nicht ungeschickt, und der alltäglichen Tischlerei der alten Werkstatt entrückt, lebten in der höheren Sphäre der namhaften Kunsttischlerei, in der er jetzt arbeitete, seine künstlerischen Anlagen auf; sein Sinn für Ornamentik, sein Geschmack für Form und sein Verständnis für sinngemäße Konstruktion entwickelten sich, gleichzeitig genährt und geleitet von den Vorträgen im Volksheim und einer eifrigen Lektüre. Aber er trieb alles, ohne auf eine Folge abzuzielen. Er sah die Zukunft nur wie durch einen Nebel und lebte eigentlich nur als ein Genießer für den Tag und in den Tag hinein. Mariechen als seine Königin zu träumen, sie mit Glück und Glanz zu umgeben, war ihm Bedürfnis. Aber der Gedanke, wann und wo er seiner Königin einmal das nötige Schloß bauen wollte, beschäftigte ihn nie ernstlich. Dennoch wäre er imstande gewesen, ihr einen Antrag zu machen, wenn sie es ihm nur ein wenig erleichtert hatte und alles andere von einem gefälligen Schicksal zu erwarten, das selbst zu bestimmen und herbeizuführen er aber kaum einmal die Notwendigkeit empfand. Seine Volksheimtriumphe als Rezitator waren neuerlich dieser Richtung seines Geistes nur förderlich gewesen. Er, der so schön rezitieren konnte, selbstgemachte Gedichte im Schubfach hatte, Schopenhauer las und in der Werkstatt seinen Mitgesellen Vorträge über den neuen Stil im Kunsthandwerk hielt, glaubte schon oben zu sein und hielt mit seinem Selbstbewußtsein nicht zurück, wo er es ohne Gefahr, zurückgewiesen zu werden – dafür hatte er eine seine Witterung – anbringen konnte. Das war vor allem bei seiner Mutter, die denn auch Großes in ihm suchte und die Talente seines unglücklichen Vaters hier wirklich in einer schöneren Blüte aufleben zu sehen meinte. »Wenn das dein Vater erlebt hatte! Ihm ist das alles so schwer gemacht worden. Er hatte auch so viel Sinn fürs Schöne und Edle. Aber die Menschen wollten ihn nicht aufkommen lassen. Und dann das Dichten, da hast du ja nun nichts von abbekommen. Aber das kann ja auch nicht jeder.« »Hoho,« dachte Hugo, »du solltest nur meine ›Marienlieder‹ kennen. Es wird schon mal eine Stunde kommen, wo ich sie dir vorlese. Ich kann aber doch die Gelegenheit nicht vom Zaun brechen. Diese heiligsten Geheimnisse meines Herzens.« Es zwickte ihn aber doch sehr, diese heiligsten Geheimnisse preiszugeben und dafür Bewunderung seines Dichtertalentes einzutauschen. Er legte einige Blätter in sein Taschenbuch, um sie bereit zu haben, doch trug er sie ein paar Tage bei sich, ohne die rechte Gelegenheit zu finden, und zuletzt fand er es selbst dumm. War es seiner Mutter gegenüber mehr Scheu und Einsicht, so war es Mariechen gegenüber Furcht. Sie ging nicht säuberlich mit ihm um, wenn ihr die Laune danach stand, nannte ihn »Herr Professor« und »Philosoph« und sagte auch wohl mal: »Quatsch morgen mehr.« Sie meinte das ja nicht so böse, sie fand es ganz hübsch von ihm, daß er solchen »Bildungsdrammel« hatte und »so n bischen was Feineres« als andere. Nur das Stubenhockerische und Wichtigtuerische an ihm mochte sie nicht leiden. Und dann hätte er gern ein bißchen frischer und männlicher sein dürfen, wenn er so ganz nach ihrem Geschmack sein sollte. Aber das lag nach einer anderen Seite hin und kam eigentlich zwischen ihr und Hugo nicht in Frage. Wilhelm Kroger, der Elefant, war ihr freilich ein bißchen zu frisch und männlich, dann fiel ihr Auge noch eher auf Christian. Aber der arme Lazarus. Dauern konnte einem das liebe Kerlchen. Du bist ja wohl nicht klug, schalt sie sich, als sie ihre Gedanken auf diesem Wege ertappte, hinkt, hat einen Buckel und die Schwindsucht dazu. Was tust du mit der seinen Nase allein und den stillen Augen darüber. Sie hatte aber darauf eine Nacht, wie sie jedem jungen Mädchen in ihren Jahren kommt, wo ihre Gedanken ruhelos gingen und sie die jungen nackten Arme ausstreckte und sich sehnte nach jemand, den sie nicht kannte und nicht wußte, woher er kommen würde, und ihre geballten Fauste eine um die andere küßte und das weiße Fleisch ihrer Arme, bis ihr die Lippen weh taten, und eine Träne brennend auf ihre Hand fiel. Da warf sie sich mit einem kurzen Auflachen auf die Seite und steckte den Kopf in die Kissen, alle diese Gedanken mit einem kräftigen Willen verscheuchend, bis sie müde, nach dem heißen, am Plättbrett verbrachten Tag, traumlos einschlief. Fünftes Kapitel Eines Tages empfing Peter Witt Herrn Heinrich in seinem Kontor. Das war ein kleiner einfenstriger Raum neben dem Laden und roch ebenso nach Käse wie dieser. Herr Witt mußte besonders alten Limburger und ähnliche Marken feilhalten. Herr Heinrich hatte bei seinem Eintritt in den Laden den Atem angehalten, und sein fragender Blick war auf eine große Glasglocke auf dem Ladentisch gefallen, die eine wunderliche Masse bedeckte, die sofort den Verdacht erwecken mußte, der Verbreiter dieses beklemmenden Duftes zu sein. Eine helle rasselnde Klingel an der kleinen Traillentür, die den Zugang zum Laden noch besonders sperrte, hatte Peter Witt sofort aus seinem Kontor gerufen, während aus einem dunklen Hinterraum Tetje Butt hervorschoß, aber sofort mit einem hochroten Kopf wieder verschwunden war. Peter Witt hatte Herrn Heinrich in sein Kontor komplimentiert und auf einen Rohrsessel genötigt, der hart neben seinem Pult stand. »Sie haben mich zu sich gebeten, Herr Witt,« begann Herr Heinrich die Unterhaltung. »Dschawoll, das hab ich. Ich hätt ja auch zu Ihnen kommen können, aber es ist doch besser, ich sag Ihnen das gleich hier.« Er stand auf und schloß die Tür nach dem Laden. Herr Heinrich, als Vormund Tetje Butts erwartete nichts anderes, als daß es sich um sein Mündel handeln würde und fragte daher geradezu: »Schickt er sich nicht?« Peter Witt kratzte sich den Hinterkopf. »Schicken? Das is n ganz aasigen Bengel,« sagte er mit leuchtenden Augen. »Da steckt was in, der kanns zu was bringen, wenn er bloß man will.« »Aber er will nicht?« »Wissen Sie, er is ganz fix ins Geschäft, ich kann ihn hinstellen, wo ich will, es geht ihm allens von der Hand.« »Nun das freut mich aber zu hören, Herr Witt.« »Dschawoll, der Bengel ist brauchbar, brauchbar is der Bengel.« Herr Heinrich rieb sich erwartungsvoll und froh, daß nichts Schlimmeres vorlag, die Hände. Peter Witt aber war aufgestanden und ging in dem kleinen Zimmer immer hin und her. Plötzlich blieb er stehen, sah Herrn Heinrich herausfordernd an und sagte: »Und was meinen Sie, was der Junge jetzt tut, – bestiehlt mich.« Herr Heinrich hob erschrocken den Kopf. »Bestiehlt mich,« wiederholte Herr Witt mit Nachdruck. »Bestiehlt Sie? Was? Waren?« »Ne, Käse kann er so viel essen als er will, da hat er sich all durchgefressen.« »Die Kasse doch nicht?« Peter Witt sah ihn triumphierend an: Das hättest du dir wohl nicht gedacht? »Aber das ist ja –« »Was soll ich nu machen?« unterbrach ihn Peter Witt. »Soll ich den Jungen anzeigen, dann ist er für sein Leben unglücklich, das strafbare Alter hat er ja.« Herr Heinrich sah den kleinen Mann bestürzt an. Peter Witt sprach lebhaft, aber in einem Ton, der vermuten ließ, daß er die Sache nicht gar zu tragisch nahm. »Ich möchte Sie freilich auch bitten,« sagte Herr Heinrich, »diesmal von einer Anzeige abzusehen, Gnade für Recht ergehen zu lassen, seine verwahrloste Kindheit –« »Weiß, weiß alles, lieber Herr Heinrich.« »Kann ich ihn nicht sprechen, ihm ins Gewissen reden?« »Dscha, das is s gerade. Er soll wissen, daß Sie es wissen, Sie und ich, weiter keiner. Und dann soll er sich vorsehen und wird sich vorsehen. Das nächste Mal –« »Sie tun ein gutes Werk.« Peter Witt war schon an der Tür und rief laut: Theodor! Aber im gleichen Augenblick rasselte die Traillentür und eine Kundin trat ein. Tetje Butt stürzte sogleich auf sie zu. Er mochte um diesen kurzen Aufschub recht froh sein. Aber Peter Witt ging selbst in den Laden, um die Frau zu bedienen, und Tetje Butt stand in hundert Ängsten dabei. Währenddessen hatte Herr Heinrich Zeit, über Tetje Butts Untat nachzudenken. Er erinnerte sich der schönen Krawatten und weißen Manschetten und des pomadisierten Scheitels und anderer schöner Sachen, womit Tetje in der letzten Zeit glänzte. Er erinnerte sich, ihn einmal auf der Straße mit einem zierlichen Spazierstock, die Zigarette im Mund, getroffen zu haben. Er hatte ihn auch einmal im Volksheim mit seiner Eitelkeit geneckt, aber für ernste Ermahnungen war ihm das alles doch in zu harmlosen Grenzen erschienen. Jetzt machte er sich Vorwürfe, daß er als Vormund seine Pflicht gegen Tetje Butt verabsäumt hätte. Der Krawattenteufel, wie Collasius es einmal humorvoll bezeichnet hatte, hatte seine Hand zuerst nach Tetje Butt ausgestreckt, und dann war so nach und nach die Begehrlichkeit erwacht, und jedem Gelüst der Eitelkeit mußte gefröhnt werden. Aber daß dazu ein Griff in die Kasse nötig war! Tetje Butt verdiente doch weit mehr bei Herrn Witt, als früher als Laufbursche in der Konditorei. Die Frau draußen hatte ihre Einkäufe gemacht, und Peter Witt, dessen lautes, unbekümmertes Lachen einmal zu Herrn Heinrich gedrungen war, erschien mit dem zitternden Sünder. Herr Heinrich erhob sich und sah ihn mit langem, ernsten Blick fragend an, aber er gab ihm dabei die Hand. Tetje Butt wagte nicht aufzublicken. »Herr Heinrich weiß allens,« sagte Peter Witt. Tetje Butt sah immer auf seine Stiefelspitzen. Am schrecklichsten war ihm, daß Herr Heinrich seine Hand nicht losließ. »Wie konntest du das tun, Theodor,« fragte Herr Heinrich bekümmert, bekam aber natürlich keine Auskunft. »Er wird es nicht wieder tun,« sagte Peter Witt statt seiner. »Ich bin auch barfuß groß geworden, dschawoll, das bin ich, und ich bin manchmal hungrig zu Bett gegangen, dschawoll, mit leerem Magen. Aber gestohlen hab ich nie. Und ich bin bis auf den heutigen Tag ein ehrlicher Mann geblieben.« Peter Witt ereiferte sich. Der Gedanke an seine eigene Ehrlichkeit schien ihn mehr zu bewegen, als der an Tetje Butts Unehrlichkeit. »Immer ehrlich! Immer ehrlich! Das ist mein Prinzip. Davon muß man nicht abgehen, und dann genießt man auch immer Achtung. Die hab ich. Die bringt mich jeder entgegen. Und ich kann hinkommen, wo ich will, man respektiert mir, dschawoll.« Herrn Heinrich war diese erregte Versicherung Peter Witts etwas peinlich. Er hatte ja gar nicht an dessen Ehrlichkeit gezweifelt. Es handelte sich hier ja um Tetje Butt. Der atmete etwas auf, denn Herr Heinrich hatte während Peter Witts Deklamation seine Hand endlich losgelassen. »Und nun sag ich dich, hier vor Herrn Heinrich,« wandte sich dieser jetzt an den armen Sünder. »Ich will dich nichts nachtragen, es bleibt alles, wie es ist zwischen uns, als wäre nichts vorgefallen. Und nu sieh mal her –« Tetje hob scheu die Augen. Peter Witt schloß ein kleines Schubfach in seinem Pult auf und zog es hervor. »Sieh, hier hab ich die Portokasse, die laß ich jetzt immer auf. Herr Heinrich ist nun dabei und weiß Bescheid.« Wieder rasselte die Schellentür, und Peter Witt ging selbst in den Laden. Tetje Butt drückte sich in eine Ecke, wo man ihn vom Laden aus nicht sehen konnte. Herr Heinrich folgte ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Du müßtest ein ganz schlechter, tief gesunkener Mensch sein, Theodor, wenn du das Vertrauen eines solchen Herrn noch einmal mißbrauchst. Versprich mir, daß du es nie wieder tun wirst.« Da fing Tetje Butt an zu weinen, zerrte ein großes blaukariertes Taschentuch hervor und duldete Herrn Heinrichs leise Hand auf seiner Schulter, die der erst wegzog, als Tetje Butt anfing, sich umständlich zu schneuzen. Peter Witt, wieder ins Kontor tretend, warf Herrn Heinrich einen verständnisvollen Blick zu, und ein pfiffiges Lächeln spielte auf seinem bartlosen Gesicht. »Das hat geholfen,« sagte dieser Blick, »und man muß es nur verstehen,« sagte dieses Lächeln. »So, nu geh man wieder an die Arbeit. Nachher mußt du nach Rosowsky mit die Schmalztonnen.« Tetje Butt kam beschämt aus seiner Ecke heraus und wischte sich mit der Linken die letzten Tränen ab, während er die Rechte in Herrn Heinrichs dargebotene Hand legte. Dieser hätte ihm gern noch ein Wort der Ermahnung gesagt, fand aber keines, das den Eindruck noch hätte vertiefen können. So begnügte er sich mit dem wortlosen Händedruck. Von Peter Witt verabschiedete er sich mit warmem Dank und einer großen Hochachtung. »Man muß allens immer ruhig anfassen. Immer gleich nach der Polizei rufen, da bin ich gar nicht für, das ist keine Kunst. Nu hat er Zeit, sich zu besinnen, und es wird sich nu allens geben. Dschawoll! Aber Sie sollten es doch wissen, von wegen ihm selber, weil ihm das besser ist. Haben Sie gesehen, wie er sich geschämt hat? Der tut es nu nich wieder.« Mit diesen Worten brachte Peter Witt seinen Besuch vor die Tür. * Dieses Erlebnis mit Tetje Butt verstimmte Herrn Heinrich auf Tage. Er wollte sich Vorwürfe machen, daß er sich des elternlosen jungen Menschen nicht noch mehr angenommen hatte, aber er mußte sich doch zuletzt sagen, daß er nichts versäumt hatte, was man billigerweise von ihm verlangen konnte. Er durfte Tetje Butt bei Peter Witt gut aufgehoben wähnen. Der Prinzipal lobte seinen Fleiß und seine Anstelligkeit. Tetje war gerne da, und sein Einkommen war gewachsen. Unredlichkeit hatte er bei ihm nicht vermutet, wie es denn überhaupt nicht in seiner Natur lag, Mißtrauen zu zeigen. Vor Peter Witts Methode, den Sünder auf den rechten Weg zu bringen, empfand er ehrlichen Respekt. Peter Witt hatte ihm imponiert, trotzdem er innerlich mehr als einmal über den drolligen kleinen Herrn hatte lachen müssen. Wieviel Verbrecher wären gewiß gerettet worden, hätte man ihren ersten Fehltritt als einen Hebel zu ihrer Gesundung und Gesittung und nicht als einen Strick zu ihrer gänzlichen moralischen Erdrosselung benutzt. Die Begeisterung, mit der Herr Heinrich sich der Volksheimsache widmete, hatte in dem kleinen übelriechenden Kontor Peter Witts neue Nahrung bekommen. Wieviele Tetje Butts gab es zu retten, zu erziehen. Wie viele andere streckten ihre Arme nach Liebe und Verständnis aus. Wieviel suchende Augen irrten umher und konnten den Weg nicht finden, der sie auf festes, gesichertes Land führte. Aber war er, der da helfen und führen wollte, auch immer auf dem rechten Wege, konnte er bei gutem Willen nicht doch irregehen? Wie schwer war es, allen diesen verschiedenen jungen Seelen das Brot zu bieten, dessen sie gerade bedurften. Freilich, es hieß Menschenunmögliches verlangen, sich jedes einzelnen besonders anzunehmen. Aber man tat es doch bei diesem und jenem, wo Umstände und Verhältnisse dazu einluden und einem darin entgegenkamen. Bei Hugo Winsemann zum Beispiel hatte er sich eine leitende Hand angemaßt. War der auf dem rechten Lebenswege? War ihm nicht manchmal der Gedanke gekommen, daß der junge Tischler eigentlich kein rechter Handwerker war und einer rechtzeitigen Unterstützung, die ihm erlaubt hätte, das Seminar zu besuchen, keine Schande gemacht hätte. Jetzt war es zu spät. Aber das war eine Sache für sich, die mit dem Volksheim nichts zu tun hatte. Wie aber wirkte das hier Gebotene auf einen so gearteten Geist? Fördernd? Beglückend? Oder zersplitternd, oberflächlich und zu seinem eigentlichen Beruf unlustig machend? Es war ihm in letzter Zeit bange um Hugo geworden. Er bemerkte in diesem Kopf eine phantastische Unordnung von halbverdautem Wissen und einen Hang zu geistigem Hochmut. War das Volksheim daran schuld? Oder hätte er sich ohne dessen Eingriff ebenso entwickelt? Vielleicht noch verworrener? Es waren eine Menge Volksheimschüler da, die immer freier, immer klarer, immer gefestigter wurden. Das zeugte für den rechten Weg und den rechten Sinn ihrer Lehrer und Führer, die zugleich ihre Freunde zu sein sich bemühten. Allen gerecht zu werden, war unmöglich. Er sprach mit Collasius darüber. Der hörte ihn vielfach zustimmend an, meinte aber dann: »Lieber Freund, warum wollen wir uns mit Zweifeln und Bedenken lähmen? Daß wir im einzelnen mal etwas verkehrt machen, wäre es nicht ein Wunder, wenn wir es nicht täten? Wo ist ein Heilsweg, der nicht über Irrtum führt. Im ganzen tun wir das Rechte, indem wir jenen, die wie hirtenlose Schafe draußen stehen, einen Stall und eine bessere Weide öffnen, tun das Richtige, indem wir Elementen, wie dem kleinen Krahnstöwer, der mir eben nur einfällt, einen Halt geben, eine gesittete Gemeinschaft zugänglich machen. Im übrigen muß jeder einzelne an seinem Teil mithelfen, mit an sich erziehen und sich mit dem anderen großen Lehrmeister, dem Leben auf seine besondere Weise auseinandersetzen. Genug, wenn wir ihm dazu Weg und Werkzeug sein können. Will er sich auf dem Weg nicht halten, will er das Werkzeug nicht in die Hand nehmen, so muß er sehen, was aus ihm wird und wo er endet.« * Als Tetje Butt die Schmalzfässer für Rosowsky auf einer schottischen Karre über den Rödingsmarkt schob, warf er nicht wie gewöhnlich helle und kecke Blicke um sich, sondern sah scheu vor sich aufs Pflaster, die Augen nicht mehr erhebend als gerade nötig. Das war denn die Ursache, daß er mit einer Karre zusammenstieß, die glücklicherweise nur leere Körbe geladen hatte, die jetzt sämtlich auf die Straße purzelten. »Kannst nich kieken?« schrie ihn eine helle, erboste Stimme an. Tetje, dem die Deichsel seines Karrens unsanft an die Hüfte gestoßen hatte, hielt es für angezeigt, die Frage zurück zu geben. »Kannst woll sülwst nich kieken,« schalt er, und fügte noch ein kräftiges »Schapskopp« hinzu. »Wull du noch schimpen?« Der andere stand mit zornrotem Gesicht vor ihm. Auch so ein kurzer kleiner Kerl, so daß sie Nase gegen Nase standen. »Wull du wat?« fragte Tetje. Mit funkelnden Augen maßen sich beide. Tetje wandte sich verächtlich ab. »So n Butt!« Aber da traf ihn schon die Faust des Gegners in den Nacken. »Dat will ick di wiesen!« Die Prügelei war im schönsten Gange. War Tetjes Kraft durch sein Armsünderbewußtsein gelähmt? Oder war der andere »Butt« der Stärkere? Dieselbe Stelle, die seine Mutter früher für die geeignetste hielt, mußte Tetje seinem rabiaten Widersacher überlassen. Als er wieder auf den Füßen stand, war all sein Stolz und Mut dahin. Er schlug sich den Staub von den Knien und schob ohne ein Wort unter dem Gelächter der Zuschauer ab. Vielleicht hatte er das bestimmte Gefühl, daß ihm diese Schläge vom Schicksal als Strafe zugedacht waren und er sich nicht beklagen dürfe. Der Sieger rief ihm noch ein paar Scheltworte nach, aber er verstand sie nicht. Ganz verstört war er, ganz unglücklich. War das ein Tag für Tetje Butt! Sechstes Kapitel Antons Briefe waren immer nur kurz. Er hatte eine große umständliche Handschrift, die viel Zeit in Anspruch nahm. So stand denn in den einzelnen Briefen nicht viel, aber da er regelmäßig schrieb, so summte sich's, und man war immer auf dem laufenden. Mutter Krautsch ersah mit Freude, daß es ihrem Anton gut ging, daß der Dienst ihn zwar scharf hernahm, aber ihn seines immer gleichen und guten Mutes nicht beraubte. Im Gegenteil, Anton schrieb von mancher fröhlichen Stunde, und in diesen Festberichten spielte immer Fritz Kleesand die Hauptrolle. Fritz Kleesand gab alles an, fraß alles aus, war überall bekannt und galt für den lustigsten Kameraden und, wie es schien, war Anton gut Freund mit ihm. »Hätte ich doch nich gedacht, Lene,« sagte Mutter Krautsch, »daß Anton noch mal so würde. Nu is er schon dreimal zu Tanz gewesen. Und der Bengel – er tut gar, als ob er sich schon ne Braut angeschafft hätte. Na, das weiß man ja, das is ja nu mal nich anders. Beis Militär haben sie alle eine. Und wenn sie abgehn, haben sie da genug von. Und hat auch weiter nichts zu sagen.« Lene dachte an Fritz. Nicht einmal grüßen ließ er sie mehr. Hatte er sie ganz vergessen? Wenn Anton nun schon so war, wie würde Fritz erst sein. Als die Zeit herankam, wo Anton zum erstenmal auf Urlaub kommen sollte, zum Weihnachtsfest, hoffte sie vom persönlichen Wiedersehen etwas für sich. Denn Fritz würde ja sicher auch zum Fest nach Hause kommen. Und jetzt, wo er mit Anton so befreundet war, würden sie oft zusammen sein, würden wieder zusammen ausgehen und alles würde wieder gut werden. Aber Anton kam ohne Fritz. »De harr keen Lust. He hett sick da so n Deern oplad, mit de he sick amüsieren will.« »Un sin Öllern?« »Ja, sin Öllern. De möt sick denn so amüsiern. Ostern käm he gewiß.« »Das finde ich nich hübsch von Fritz. Weihnachten gehört n Sohn bei seine Eltern, wenn er es machen kann und noch welche hat,« sagte Mutter Krautsch. Lene war hinausgegangen, lehnte am Herd und sah mit einem starren Blick wie abwesend vor sich hin. Sie war totenblaß und stand regungslos. »Mein Gott, Deern? Was is dich?« rief Mutter Krautsch, die sie so fand. »Is dich was?« Lene erwachte aus ihrem Starrkrampf. »Mir wurde so schlecht auf n mal,« sagte sie heiser. »Mein Gott, was is dich?« »Nichts, es geht schon über.« Anton sah sie verwundert an, wandte sich plötzlich ab und ließ einen leisen Pfiff hören. Er war sonst nicht der Gewandteste im Erfassen, aber hier kam ihm blitzartig der rechte Gedanke. Ob er seiner Mutter es sagte? Was sollte er sich da hineinmischen. Lene würde schon selbst sprechen. Als er aber nachher mit ihr allein war und der starre, harte Ausdruck ihres Gesichtes ihm wieder zu denken gab, meinte er, sie trösten zu sollen. »An dem verlierst nix, Lene. Der is kein ehrlich Mädchen wert.« Da erschrak er über ihren Blick und über den Ton, mit dem sie ihn anfuhr: »Das lügst du!« Er war betroffen, wollte etwas erwidern, aber begnügte sich mit einem Achselzucken. Das schien ein trübseliger Weihnachtsabend werden zu wollen. Aber als der Baum brannte, und die Karpfen auf dem Tisch standen, war Lene wieder fix dabei. »Das ist die beste Medizin,« sagte Anton. »Karpfen und Meerrettich heilt alles.« »Bei mir is nix kaputt,« antwortete Lene. »Dann soll man erst recht Karpfen essen.« Lene schien es sich nicht umsonst sagen lassen zu wollen. Sie aß viel und hastig und war fast ausgelassen. »Kind, du bist ja rein aus der Tüt,« mußte Mutter Krautsch sogar einmal dämpfen, »dann bekömmt dich das Essen nich. So n fetter Fisch.« Mutter Krautsch behielt auch recht. Lene mußte sich plötzlich zurückziehen. »Hast aber auch für zwei gegessen,« neckte Anton sie, als sie etwas blaß wieder in die Stube trat. »Wenn du sie ümmer animierst,« sagte Mutter Krautsch vorwurfsvoll. »Dann muß sie Charakter zeigen. Aber so sind sie ja nun mal. Zureden hilft immer, sagt Fritz Kleesand, ›und nachher sagen sie alle ja‹.« »Der muß es ja wissen,« sagte Lene spitz. Anton aber, von Lenens ausgelassenem Wesen getäuscht und nach der reichlichen Mahlzeit in gehobener Stimmung, neckte sie mit Fritz und tat ihr mit wegwerfenden Bemerkungen über den »Windhund« weh. Da ging sie wieder hinaus und schützte Kopfschmerzen vor. »Du mußt ihr nich ümmer mit Fritz necken,« sagte Mutter Krautsch, »ich bin man bang, er will gar nix mehr von ihr wissen.« Da sah Anton seine Mutter groß an. »Billst di dat denn in?« »Ich woll nich, mein Jung.« »De? De hett ja schon n Kind mit sin Deern.« »Wat seggst du?« Mutter Krautsch schlug die Hände zusammen. »Ja, da wunner di man nich över. De hett all lang sin Alimente betalt.« »Dat ännert de Sak. De Schuft – de – de – – das darf ich dann nich so weiter mit ansehn.« »Wat denn, Mutter? Wat denn?« Anton, dem plötzlich ein Licht aufging, lachte kurz und wegwerfend auf. »Denn hev ick mi doch nich irrt, hüt morgn.« »Und dann neckst du ihr noch?« »So wie sie heut abend is?« »Das is allens man so.« »Denn is sie schön dumm, Mutter.« Mutter Krautsch ging hinaus, um nach Lene zu sehen. »Sie hat sich man n büschen aufs Bett gelegt,« sagte sie zurückkommend. »Sie hätt so n Kopfweh. Ich hab ihr gesagt, sie soll man gleich liegen bleiben.« Siebentes Kapitel Anton hatte nur für die Festtage Urlaub bekommen. Aber er wollte doch nicht nach Kiel zurück, ohne auf dem Weihnachtsmarkt gewesen zu sein. »Weihnachten und kein Dom, dat givt nich.« Lenen schien das Natron gut getan zu haben. Aber Lust zum Ausgehen hatte sie am andern Tage doch nicht. »Laß ihr man,« sagte Mutter Krautsch. Allein rumbummeln war aber nicht nach Antons Geschmack. »Fritz harr man mitkamen füllt,« dachte er, sprachs aber nicht aus. Er vermied in Lenens Gegenwart, den Namen wieder zu nennen. »Da wird woll schon n Bekannten sein,« ermunterte ihn Mutter Krautsch. »Geh man mal n büschen aus. Das is dich auch besser.« »Wullt mi wol gern los sin?« »Jung, die frische Luft is dich doch gut.« Da lachte er. Frische Luft. Daran fehlte es ihm wahrlich nicht. Deswegen konnte er schon mal drei Tage bei Mutter in der Stube hocken. Nachher wehte ihm wieder Wind genug um die Ohren. Aber er nahm doch seine Mütze, zog sein Halstuch zurecht und die weißen Baumwollenen an. »Den olln Spiegel sollst man n bischen höher hängen, kann ja kein Mensch was in sehen.« Er machte in guter Laune eine Kniebeuge vor dem in der Tat zu niedrig hängenden Sofaspiegel. »Nu is der Herzensbrecher fertig.« Er wartete, daß Lene etwas darauf sagen sollte. Aber sie schwieg. Mutter Krautsch aber freute sich über ihren Jungen. »Anders is er doch geworden beis Dienen.« Auch sie hätte gern eine Zustimmung von Lene gehört, nahm es aber nicht übel, daß sie nicht darauf einging. Die hatte genug mit sich selbst zu tun. Da muß man jeden Menschen zufrieden lassen; dann zieht sich alles schon wieder zurecht. Anton hatte den kurzen Weg nach dem Heiligengeistfeld schnell zurückgelegt, und die Scharen der ab- und zuströmenden Menschen umdrängten ihn. Das Geschrei der Budenbesitzer, die Musik der zahlreichen Karussells, Kindertrompeten, dazwischen das Läuten der sich vor dem Festplatz kreuzenden Straßenbahnwagen, das alles hob sich als einzelnes Geräusch aus dem gleichmäßigen, dumpfen Brausen, das den Festplatz erfüllte, hervor. Auch der fettige Geruch der Schmalzbuden war schon weithin bemerkbar. Eine verwirrende Menge gedämpften Lichtes, aus dem hier und da ein heller, blendender Schein hervorstach, breitete über den Zelten und Buden einen Lichtnebel aus. Alles, Licht, Laut und dunstgeschwängerte Luft schien zu einer einzigen wogenden Masse zusammen zu rinnen, in die man untertauchte, wie in einen See, dessen Wasser gurgelnd über einem zusammenschlägt. Einmal dann, ließ man sich anfangs von dem Strom tragen, bis irgend etwas die Aufmerksamkeit mit Gewalt fesselte und einem halt zurief. So ging es auch Anton, der sich mit einem fast kindlichen Lächeln auf dem breiten Gesicht von der Menschenmasse, in die er gerade hineingeraten war, vorwärts schieben ließ. »Die schwerste Dame der Welt,« die in imponierender Leibesfülle auf dem Plakat einer Bude abgebildet war, lockte ihn nicht, er hatte einen Ekel davor. Vor einer Tierbude, der ein scharfer, beißender Geruch mehr abschreckend als einladend entströmte, wenn das Zelttuch vor den Eintretenden zurückgeschlagen wurde, blieb er einen Augenblick stehen. Die heiseren Raubtierstimmen waren vernehmbar, und die nicht minder heisere Stimme des Ausrufers redete auf die sich stauende Menge ein. »Die Silberfüchse Kamtschatkas in ihrer natürlichen Gestalt, meine Herrschaften! Der Jaguar, das reißendste Tier, welches die Naturgeschichte kennt, in seiner angeborenen Wildheit und Grausamkeit hier zu sehen! Der König von Schweden und der König von England und andere hohe und höchste Herrschaften haben sich darüber in den Ausdrücken des höchsten Lobes geäußert. Zwanzig Pfennig der erste Platz! Zehn Pfennig der zweite Platz!« Aber Anton war nicht gewillt, sein Geld gleich in den ersten zehn Minuten anzugreifen. Er ließ sich weiterschieben, von Bude zu Bude, immer mit dem glücklichen Lächeln eines Kindes, das alles zum erstenmal sieht. Bei einem »Kraftmesser« aber konnte er nicht widerstehen und zog sein Portemonnaie. Zwei »Halbwüchsige« erprobten ihre Armkraft mit vielem Geprahle, und zwei kleine Jungen sahen bewundernd zu. Als Anton den Hammer faßte, blieben verschiedene stehen. Seine Uniform machte ihn auffällig. Er fühlte sich plötzlich geniert. Aber ein kleiner Dreikäsehoch sah ihn mit so naiver Neugier von unten auf an, daß er allein dem Knirps zuliebe mal »losballerte«. Das war ein dröhnender Schlag. Höher konnte der Zeiger nicht springen. »Dats n Smidt,« sagte einer der Halbwüchsigen verächtlich, als wollte er sagen, dann wäre es weiter kein Wunder. Anton ärgerte sich über den Bengel und wollte ihm antworten, als er hinter sich sprechen hörte: »Is he nich.« »Is he doch.« »Anton!« Er wandte sich um. »Was hab ich gesagt?« klang es triumphierend. Anton war etwas verlegen. Seine Mutter hatte ihn veranlassen wollen, bei Winsemanns und Maus Besuch zu machen, aber er hatte keine Neigung gehabt. Nun sah er Hugo in Begleitung eines Unbekannten und eines jungen Mädchens vor sich stehen. »Herr Militzky,« stellte Hugo vor. »Und die kennst du wohl noch.« »Fräulein Mau,« sagte Anton und gab allen treuherzig die Hand. »Haben sich aber bannig verändert,« setzte er hinzu und lachte Mariechen offen an. »Sie auch,« sagte sie mit einem raschen, musternden Blick über seine große Gestalt, unter dem er plötzlich errötete. Es hatte eine naive Anerkennung in diesem Blick gelegen. »Die Uniform allein schon,« sagte er. Nun wollten sie ihn natürlich nicht loslassen, und er war es auch zufrieden. Bekannte gefunden zu haben. Jetzt hörte doch das ziellose Umherwandern auf. Mariechen hatte bestimmte Wünsche. Nach Haase wollte sie, in den Kristallpalast, und das Lachkabinett wollte sie sehen, und vor allem recht viel Karussell fahren, und Waffeln essen und türkischen Honig. Aber erst mal nach Haase. Anton war alles recht. Er ließ sich bei solcher Gelegenheit gern leiten. So saß er denn auch bald auf einem hölzernen Schwan, hinter sich eine unbesetzte grasgrüne Gondel, und schwamm zu den Klängen einer lärmenden Karussellorgel in einer seinem Wasservogel wenig angemessenen Geschwindigkeit im Kreis herum. Mariechen hatte ihm sofort dieses Reittier angewiesen, als das einzig »maritime«, das in diesem Ring wunderlicher Ausgeburten der Zoologie aufzufinden war. Sie selbst hatte mit Jubel eine zottige Löwenkatze in Anspruch genommen, ein zitronengelbes Ungeheuer, mit weit aufgesperrtem, blutrotem Rachen. An ihrer rechten Seite saß Hugo auf einem gleichen Tiere, während sich der Schuster – als solcher hatte der Herr Militzky sich inzwischen bekannt gemacht – in dem Löwenwagen mit einiger Ängstlichkeit eingerichtet hatte. Anton kam sich als Schwanenritter fast komisch vor und wurde auch von den umstehenden Zuschauern mit verständnisvollem Lächeln und manchem Zuruf begrüßt. Aber es blieb alles in den Grenzen eines guten Humors und störte ihm nicht die Freude, die er an dem schmucken Bild der Amazone auf dem Löwen empfand. Der Löwenwagen befand sich unmittelbar vor seiner Schwanengondel, so daß er Mariechen beständig im Auge hatte. Sie sah in der Winterfrische allerliebst aus. Ihr mehr zartes, schmales Gesicht, dem aber das leicht vorspringende Kinn – ein Erbteil der Mutter – einen Zug von Energie verlieh, färbte Gesundheit und Frohsinn. Eine Pelzmütze saß ihr etwas verwegen auf dem blonden Haar, das unter dem Dunkelbraun des Pelzes fast goldig hervorkräuselte. Eine enganschließende Jacke aus hellbraunem Tuch mit schwarzem Krimmerkragen und ebensolchem Ärmelbesatz ließ ihre schlanke Figur aufs beste zur Geltung kommen und ihre gute, furchtlose Haltung auf dem Löwentier verstärkte noch den wohlgefälligen Eindruck. Anton hatte in Kiel in Fritz Kleesands Gesellschaft seine frühere Abneigung gegen die »Deerns« verloren, die ja einem Gefühl der Unbeholfenheit und Befangenheit dem weiblichen Geschlecht gegenüber entsprungen sein mochte. Das alles konnte man sich in Fritz Kleesands Gesellschaft gründlich abgewöhnen. Bei Anton, der nicht zum Leichtsinn veranlagt war, hatte das keine schlechten Früchte getragen. Es war ihm zum Vorteil gewesen, und er begriff selbst nicht, wie er so lange hatte verzichten können. Nun mußte neben dem schlanken Mariechen auch noch Hugo eine so schlechte Figur als Löwenreiter spielen. Er hing ziemlich unglücklich im Sattel und machte ein Gesicht, dem man anmerkte, daß er den letzten Kreislauf herbeisehnte. Mariechen aber, als nun mit einem letzten quietschenden Laut der Orgel die Fahrt endete, wollte nicht herab von ihrem Löwen. »Einmal noch,« verlangte sie, aber ihre beiden Ritter von der traurigen Gestalt waren nicht zu einer zweiten Fahrt zu bewegen. Da wandte sie sich an Anton, der gefällig seinen Schwan mit Hugos Löwen vertauschte und nun Seite an Seite mit ihr noch einmal »rummachte«. Er saß eingeklemmt in dem etwas engen Sattel und merkte mit einem wunderlichen Gemisch von Verlegenheit und Befriedigung, wie sie sich mit der wachsenden Geschwindigkeit des Kreisens mehr und mehr zu ihm hinüberneigte; obgleich ihre Schulter die seine nicht berührte, fühlte er doch ihre Nähe fast körperlich. Es war das erstemal, daß er solches empfand, und es war ihm eigen zumute. Und es entspann sich ein hastiges, atemloses Gespräch in kurzen, herausgestoßenen Bemerkungen zwischen ihnen. »Ist das nicht fein?« fragte sie. »Fein, Fräulein.« »Werden Sie gar nicht schwindlig?« »Ne, wo?« »Ich könnte den ganzen Tag so fahren.« Dazwischen nickte Mariechen den andern beiden zu, die etwas gelangweilt danebenstanden. »See auf dem Land ist noch feiner.« »Ne, da geh ich nicht rein,« sagte Anton. »Nu aber! Als Seemann?« »Das ist was anderes.« »Das schaukelt doch auch.« »Aber anders.« »So von oben runter,« sagte sie und schloß die Augen vor Entzücken. Er lachte. Das mögen sie alle gern, dachte er. »Schade!« rief Mariechen, als die Fahrt zum zweiten Mal endete. Sie sprang leicht von ihrem Löwen und amüsierte sich über Anton, der sich nur schwerfällig aus seinem Sattel lösen konnte. Er schwankte nach diesem langen Herumkreisen etwas auf seinen Füßen, und Mariechen neckte ihn. »Der Seelöwe auf dem Lande.« Da hob er kaum merklich die Hand, als ob er ihr mit dem losen Handschuh einen leichten Schlag versetzen wolle. Und als sie nun, immer zum Scherzen aufgelegt, wie in Furcht ein wenig zurücksprang, warf sie einen Funken ihres Wesens in seine Schwerfälligkeit, so daß diese in einem jähem Flammenwerk unterging. Er haschte nach ihr und erwischte sie auch am Handgelenk, ließ sie aber gleich wieder los, wie erschrocken über seine Kühnheit. Aber ein paar Sekunden lang hatte er doch die festen Klammern seiner großen Finger den Widerstand ihrer schwächeren Kraft brechen fühlen und hatte gesehen, wie sie die weißen Zähne auf die Unterlippe setzte. Und er spürte das Verlangen, sie noch einmal zu packen, und schalt sich, daß er sie sobald losgelassen. Doch ließ sein weiteres Benehmen solche heroischen Wünsche nicht merken. Er war im Gegenteil verlegener als zuvor und infolgedessen lenkbarer. Er war für alles zu haben, was die drei noch unternehmen wollten, lachte sein gutmütiges breites Lachen, als seine große Gestalt und sein volles Gesicht in den hundert Spiegeln des Lachkabinetts zur grotesken Fratze verzerrt wurde und empfand zwischen allerlei Heiterkeit hindurch ein wunderliches, leises Vergnügen, daß auch Mariechen in diesen abscheulichen Gläsern ihre Wohlgestalt einbüßen mußte, und eine eben so wunderliche Genugtuung, daß Hugos Spiegelbild an Fratzenhaftigkeit dem seinen nichts nachgab. Nach dem Lachkabinett besuchte man eine Waffelbäckerei und tat sich reichlich gütlich. Anton bezahlte alles und wurde heftig, als Hugo Einspruch erhob. Das eine Mal, daß er das Vergnügen hätte, mit Fräulein Mau zusammen zu sein, wolle er es sich auch was kosten lassen. Hugo hätte ja immer noch Gelegenheit, sich nobel zu machen. Hugo schwieg, fand es aber protzig und aufdringlich von Anton. Er war schon eifersüchtig und ungerecht. So drängte er denn zum Aufbruch, als Anton, einmal mit der Hand im Portemonnaie, noch in eine Bierhalle einlud. »Nein, Fräulein Mau muß zu Hause. Wir haben noch einen weiten Heimweg.« Fräulein Mau sah freilich noch unternehmend aus, aber sie merkte Hugos Verstimmung und deutete sie recht. Einen Augenblick prickelte es sie, ihn zu ärgern und zu reizen, sie war aber doch zu gutmütig, Hugo, der sie für diese Domwanderung eingeladen hatte, den Abend zum Schluß noch zu verderben. So mußte Anton sich bescheiden; aber das Geld schien ihm nun einmal in der Tasche zu brennen, denn er kaufte beim Verlassen des Festplatzes noch ein rotes Nelkensträußchen aus dem Korb einer Vierländerin und überreichte es Mariechen mit einer linkischen Galanterie. Achtes Kapitel Während Anton sich auf dem Dom vergnügte, saßen seine Mutter und Lene Lerch zu Hause und weinten; Mutter Krautsch in der Sofaecke im Wohnzimmer und Lene Lerch in der Küche. Es waren nur noch einzelne Tränen, die durch Lenens Finger tropften; sie saß, die Ellbogen auf die Kniee gestützt, das Gesicht in beiden Händen vergraben. Aber ihr Gemüt war ganz verstört und trostlos. Ihren Kummer konnten keine Tränen erleichtern oder gar wegspülen. Mutter Krautsch hatte Lenen mal ordentlich zusprechen wollen, sie waren nun so nett allein, und Weihnachten war ja auch noch. »Das is ümmer so n besonderes Fest. Ich fühl mich dann ümmer so eigen gestimmt, als ob ich allen Leuten was Gutes tun müßte.« Und dann hatte Mutter Krautsch auch Lenen was Gutes tun wollen. »Sieh mal Kind, das mit dem dummen Bengel mußt du dir nich zu Herzen nehmen. Ja – sag nichts, Lene. Is ja auch kein Verbrechen. Er is ja auch n ganz schmucken Menschen. Wird sich auch noch manch eine in ihn vergucken. Aber – was sagst du?« »Du sollst nicht davon sprechen, Mutter.« »Ja, Kind, laß mich man mal ruhig davon sprechen. Es ist zu deinem Besten. Du wurmst und quälst dich rum und denkst am Ende ja noch, er nimmt dich. – Was hast du, Lene. Was is? Mußt dich doch nicht so haben.« Sie stand auf und wollte Lene aufrichten, die sich mit einem krampfhaften Schluchzen über den Tisch geworfen hatte. Und dann, ihr den Scheitel streichend, brachte sie Lene dazu, das volle Maß ihres Unglücks tropfenweise vor ihr auszuschütten. »Deern!« Mutter Krautsch schlug die Hände zusammen und sah' wie erstarrt auf das Mädchen nieder, das sich nicht rührte. Dann, mit einem plötzlichen Ausbruch des Zornes, schüttelte sie die Faust gegen das Fenster, als ginge der Verführer gerade dort vorüber. »De Hund! O de teinmal verfluchte Hund,« rief sie, »de Schuft de! Und en Kind hett he ok all, de Hund!« Ein Aufschrei Lenens ließ sie ihre übereilten Worte bereuen. »Dats nich wohr, Mutter, bat lügst du. Wer seggt dat?« schrie Lene. »Kind, Kind.« »Is dat wohr? Is dat wohr?« »Se seggen dat ja. Ick har dat man hört.« »Wer seggt dat? Hett Anton dat seggt?« Lene war aus ihrem tiefen Jammer zu einer plötzlichen Energie aufgewacht. Sie sprach kurz und heftig und schoß haßerfüllte Blicke auf Mutter Krautsch. »He mag sick ja verhört hebben,« sagte diese kleinlaut. Wie Lene zur Tür hinaus gekommen war, wußte Mutter Krautsch nicht mehr; sie saß jetzt allein in der Sofaecke und Lene draußen in der Küche. Und heute ist nun der erste Weihnachtstag, dachte Mutter Krautsch. Auf dem Schrank neben dem ausgestopften Affen stand die Schale mit Äpfeln und Nüssen, und im Schrank stand der Arak, von dem sie noch eine Bowle machen wollte, wenn Anton vom Dom nach Hause kam. Lange würde er ja nicht bleiben. Und nun blieb er doch lange. »Das is ja nu auch man ebenso gut. Dieser Jammer! Nein, dieser Jammer!« Hätte sie doch nur nicht erlaubt, daß Lene mit dem Hund ausging! Sie hatte doch immer das richtige Gefühl. Nun war das Malheur da. Aber Anton war doch mitgewesen. Wie war das nur möglich? Aber wenn so n Hund das darauf ablegt? Und Lene war ja zu dumm, zu dumm war die Deern ja noch. Was nun machen, wenn Anton nach Hause kam? Der durfte nichts wissen. Gar nichts durfte er merken. Sie hätte sich ja vor ihrem eigenen Sohn geschämt. Wenn er erst wieder fort war, würde sich das Weitere schon finden. Sie atmete jetzt ordentlich auf bei dem Gedanken, daß Anton sobald wieder abreiste, sie, die so zärtlich an ihm hing. Sie ging hinaus und schickte Lene ins Bett. »Was soll Anton denken? Er darf nichts wissen, nichts merken. Du bist wieder nich ganz wohl. Du hast Kopfweh. Morgen mußt du dir zusammennehmen, hörst du? Dann reist er ja wieder ab. Daß er mir nichts merkt. Ich will mir nich vor meinem Sohn schämen.« Sie bedauerte schon dieses Wort, aber es schien Lene gleichgültig zu lassen oder sie hatte es überhört. Als Anton nach Hause kam, lag Lene im Bett. Er kam fröhlich pfeifend, was er selten tat. Aber er verstummte sofort, als er seine Mutter sah. »Was ist denn los?« »Was soll los sein? Nichts ist los.« Er sah sich im Zimmer um. »Ist Lene krank?« »Wie kommst du darauf?« Er sah sich noch einmal um. »Das kommt mir so sonderbar hier vor, so –« Er sah seine Mutter forschend an. »Lene liegt zu Bett, aber das kannst du doch –« »An deinem Gesicht seh ich es,« unterbrach er sie. »Sie hat mal wieder Kopfweh, is woll noch von gestern.« »Dann soll sie man wieder Natron nehmen.« Aber Mutter Krautsch sprach von Brausepulver, zwang sich zu unbefangener Munterkeit und braute Anton einen Arakgrog. »So ne Bowle für uns beide, is mich doch nich der Mühe wert.« Anton, noch voll von seinen Erlebnissen, war mit dem Grog zufrieden. Er saß gemütlich in der Sofaecke, schlürfte das heiße Getränk, knackte Nüsse dazu und erzählte vom Dom. »Nu sieh mal an, mit Mariechen Mau bist du zusammen gewesen. Wie war sie denn?« »Na, ganz nett,« sagte er möglichst gleichgültig. »Und Hugo Winsemann? Das ist ja woll nu n Pott mit die Beiden, seit sie unter einem Dach wohnen.« Anton nahm einen guten Schluck und sah seine Mutter dabei über das Glas hinweg fragend an.« »Na, n ordentlichen Menschen is es ja,« sagte Mutter Krautsch. »Sonst soll sie sich man vorsehen.« Anton lachte auf. »Die sieht sich schon vor.« »Um so besser, mein Jung. Setz du nie n Mädchen was in Kopf, da is schon viel Elend von her gekommen.« Da wußte Anton, was es heute mit Lenens Kopfschmerz auf sich hatte, aber er dachte sich nichts arges. als nur, daß diesen Kopfschmerzen dann wohl mit Brausepulver und Natron nicht beizukommen wäre. Dummes Weibervolk, hatte er gestern noch gedacht. Stellt sich immer gleich an, tun als ob sie sterben sollen und übermorgen vergucken sie sich in einen andern. Heute sah er nachdenklich ins Glas und empfand eine weiche Regung des Mitleids und des Verständnisses, und dazwischen irrten seine Gedanken immer zu Mariechen Mau ab, und er fühlte ihr Handgelenk in seiner großen Hand und machte einmal halb unbewußt eine greifende Bewegung mit den Fingern. Anton war abgereist mit der Überzeugung, daß Natron doch das Richtige gewesen, und daß Lenens Unwohlsein entschieden dem unmäßigen Karpfengenuß am Weihnachtsabend zuzuschreiben wäre. So sehr hatte Lene Lerch sich am andern Tag beherrscht, und Mutter Krautschens niedergeschlagene Stimmung kam auf Rechnung des Abschieds. Nun saß er im überheizten Eisenbahnabteil dritter Klasse mit ein Paar andern Urlaubern zusammen, war fröhlicher Stimmung und hörte zum erstenmal mit Interesse zu, wenn die andern von ihren Erlebnissen und von ihren »Deerns« erzählten. Er verstand sie jetzt, dachte an Mariechen, den Ritt auf dem gelben Löwen, und fühlte wieder ihr Handgelenk zwischen seinen Fingern. Was war er doch all die Zeit für ein Duckmäuser gewesen. Fritz Kleesand hatte es ihm ja oft genug gesagt. Der trieb es freilich ein bißchen arg. Allerdings setzen die Deerns sich ja immer gleich was in den Kopf; wenn man sie einmal spazieren führt, denken sie gleich ans Heiraten. Mit Lene war es ja jetzt auch so. Lächerlich, – Fritz, der mit der roten Karoline ausging, mit der kleinen dicken Alma ein Kind hatte und immer irgendeine Photographie von irgendeinem hübschen Frauenzimmer bei sich trug, der würde sich um Lene kümmern. Er kümmerte sich ja kaum um Alma und das Kind. Bezahlen mußte er ja freilich, konnte es ja auch. Er war immer bei Kasse. Vielleicht wußte der alte Kleesand gar von der Sache. Wieder zu Mariechen Mau zurückkehrend, verweilten seine Gedanken nun auch bei Hugo. Aber auf einmal empfand er etwas wie Eifersucht, und das Gefühl wollte ihn nicht verlassen und machte ihn einsilbig, während die Andern Soldatenlieder zum offenen Fenster in die schnell vorüberfliegende winterliche Landschaft hinaussangen. Neuntes Kapitel So fing nun die Liebe wieder an, ihre Angelruten auszulegen und die geköderten Fischlein zu ihrer Freude und Unterhaltung zappeln zu lassen. Hugo Winsemann hing ja schon lange an ihrer Schnur, fühlte sich aber ganz wohl in dem neuen Element und plätscherte lustig darin herum, obwohl die schadenfrohe Liebe dann und wann die Schnur ein wenig anzog und ihn ihre Widerhaken spüren ließ. Schmerzlich war das schon. Aber die gefangenen Fischlein der Liebe wissen ja auch hieraus eine besondere Wonne herauszukosten. Nun hatte auch Anton seinen Haken verschluckt und zappelte unter wohligen Schmerzen am Schnürchen. Er schwamm bisher in einem stillen Gewässer gleichmütig umher, jetzt fühlte er sich von einer unsichtbaren Macht gezogen, die ihm einigen Spielraum ließ, aber ihn von Zeit zu Zeit mit einem Ruck immer wieder an dieselbe Stelle zurückriß. Anders saß Lene Lerch am Haken. Sie hatte heftig nach dem Köder geschnappt und der Haken saß tief und fest. Auch war die Zeit eines ersten wohligen Wehgefühls längst bei ihr vorüber. Sie hatte große Schmerzen zu erdulden, und unter ihrem heftigen Zerren riß die Schnur. Der Liebe entfloh ein Fischlein. Aber die Liebe sagte: Schwimm nur hin, meinen Haken hast du im Leibe, du kennst mich jetzt. Mariechen Mau schwamm noch um den Köder herum, beschnupperte ihn und wußte nicht recht, ob sie zuschnappen sollte. Er lockte sie wohl und bewog sie, sich von jenem anderen Köder, der ihr nun schon solange vorgehalten wurde, noch energischer abzuwenden. Hugos Liebeswerben hatte ihn keinen Schritt weiter gebracht, aber dennoch gab er die Hoffnung nicht auf. Er machte Verse und überwand sich, sie Mariechen in die Hand zu spielen. Erst mit dem Schein der Unabsichtlichkeit, dann so, daß sie es merkte, als direkte Werbung. Aber Mariechen war trotz der Leseabende eine prosaische Natur geblieben, der mit Schwärmerei und Überschwang nicht beizukommen war. Doch war sie eine prosaische Natur nur im Gegensatz zu dem poetischen Hugo, in Wirklichkeit hatte sie Gemüt genug, das Leben nicht nur verstandesgemäß und berechnend zu nehmen. Sie genoß mit Bewußtsein den Frieden und die Harmonie des beschränkten Lebens, das sie mit ihrer alten Mutter führte, und war bedacht, der kleinen Wohnung eine anheimelnde Sauberkeit und Ordnung und einen gelegentlichen Schmuck von Blumen und Handarbeiten zu verleihen. Und wenn sie fleißig ihr Bügeleisen führte, war es nicht nur die Freude am Verdienen, sondern auch die Genugtuung, ein gutes sauberes Stück Arbeit zur Zufriedenheit der Kunden geleistet zu haben. Auch war sie wohl liebebedürftig und liebehegend, doch war es eben nicht Hugo, dem sie mehr als ein geschwisterliches Teil von ihrem Herzen zuwenden konnte, und was das Empfangen anbetraf, so war sie ganz ohne Eitelkeit, so daß ihr eine Liebe, die sie nicht in gleicher Weise erwidern konnte, nur lästig und keineswegs unterhaltend und schmeichelhaft war. Eine besondere Zuneigung hatte sie für Christian gefaßt. Hier spielte aber das Mitleid mit, das sie mit dem Schwindsüchtigen empfand, wofür er ihr schon lange galt. Gleich am ersten Leseabend war er ihr durch seine stillere, feinere Art sympathisch geworden. Und es war, ihr nicht entgangen, daß der arme Junge ihre fürsorgliche Aufmerksamkeit mit mehr als bloßer Dankbarkeit belohnte, aber sie merkte auch, daß er seine stille Neigung zu beherrschen suchte. Freilich deutete sie diese Resignation falsch, wenn sie meinte, Christian wisse um seine Krankheit und verzichte auf ein Glück, das nur für Gesunde reife und schöne Früchte tragen könnte. Wenn Christian, der wirklich eine sanfte Neigung für Mariechen im Herzen trug, diese scheu verschloß, so war es das Gefühl seiner äußeren Mängel, seines Hinkens und seiner hohen Schulter, was ihm jeden Gedanken an ein Liebesglück als töricht empfinden ließ. Er hatte wohl gehört und gelesen, daß Frauen an der Häßlichkeit ihres Erwählten oft keinen Anstoß nehmen, anders wie die Männer, denen die wenigstens vermeintliche Wohlgestalt der Geliebten ein Bedürfnis ist. Aber ein häßliches Gesicht wog leicht gegen seine körperlichen Mängel. Welches Mädchen würde mit einem hinkenden und buckligen Bräutigam sich zeigen wollen. Hätte er gewußt, daß Mariechen sich manchmal die Frage vorgelegt, ob sie ihn, dessen zarte und kindliche Gefühle ihr so lieb waren, trotz seines Leibes würde heiraten können, und daß sie die Frage mit einem tapferen Ja zu seinen Gunsten entschieden hätte, so wäre ein unendliches Glücksgefühl in das verbaute Gehäuse seiner zarten Seele eingezogen und hätte ihn von seiner schmerzlichen Verachtung dieser seiner armseligen Wohnung befreit. Aber Mariechens Ja hatte noch ein Wenn. »Ja, das alles würde dich nicht stören,« sagte sie sich, »wenn du ihn eben so liebtest, auf die rechte Weise. Aber du bist ihm eben nur herzlich gut,« und so konnte sie von diesem Ja nichts verlauten lassen. Ach, selbst mit diesem Wenn hätte es Christian sehr glücklich gemacht. Jetzt, nach der Domwanderung, legte sich Mariechen auch diese Frage nicht mehr vor. Denn neben Hugos und Christians Bild stand jetzt Antons oft vor ihren Augen und nahm einen breiten Platz ein. Und wenn sie einmal wieder wie damals in der Stille ihres Kämmerleins die Arme dehnte und den Kopf voll heißer Gedanken in die Kissen oder ihre feinen Lippen leidenschaftlich auf die weiche Fülle ihres runden Armes drückte, zogen ihre Wünsche und Sehnsüchte nach etwas Starkem und Stolzem, dem sie sich so recht anvertrauen konnte, und nicht nach etwas Schwachem und Zartem, das sie wie ein Kind seine Puppe zu hegen und zu pflegen hätte. Und doch, im tiefsten Grund war es auch wieder das. Ihr junger Körper war schon seit ein paar Jahren reif zur Mutterschaft, und es war vielleicht ihre fürsorgliche und zärtliche Freundschaft für Christian schon mütterlich. Nun war noch zum Jahreswechsel eine Glückwunschkarte von Anton aus Kiel eingetroffen, eine schlichte Karte ohne jedes Bild, das zu einer Deutung herausgefordert hatte, wenn man nicht der Farbe, einem blassen Rosa, Bedeutung beilegen wollte. »Herzliche Glückwünsche zum neuen Jahr.« Weiter stand nichts darauf. Der Golddruck hob sich hübsch von dem rosa Karton ab. Natürlich hatte Anton seinen Namen hinzugefügt: Anton Krautsch, II. Werftdivision Kiel. Aber auch Hugo hatte eine Karte von ihm bekommen, freilich nur eine weiße. Mariechen konnte ihm aber doch aufgeben, in ihrem Namen mit zu danken. Das war Hugo gerade recht, denn er hatte das Nelkensträußchen noch nicht vergessen, und die rosa Farbe von Mariechens Karte gefiel ihm auch nicht. Sollte diese Karte ein Annäherungsversuch von Antons Seite sein, so würde er den Wink schon verstehen, den sie ihm gab, indem sie nicht selbst dankte. Ach, er ahnte nicht, daß diese kleine Unterlassungssünde – wenigstens empfand die Schuldige es als solche – Mariechens Gedanken nur noch mehr auf Anton lenkte. »Was wird er von dir denken?« sagte sie sich. »Er wird denken, daß er dir nicht gefallen hat, und das ist doch nicht der Fall. Du hast seine Nelken noch immer unter deinem bißchen Erinnerungskram im Kasten liegen. Und so denkt er falsch von dir.« Aber solche Gedanken dachte sie nicht völlig zu Ende. Sie brach manchmal mit einem hellen Auflachen ab und ließ das Klare in einem unklaren Nebel vager Empfindungen und Träumereien untergehen. Da kam eines Tages, es war schon heiterster Frühling geworden, ein recht dickleibiger Brief aus Kiel, dessen Adresse eine unbekannte Handschrift zeigte, über deren Urheber sie aber doch keinen Augenblick im Zweifel war. Hatte sie doch in Kiel keine weitere Bekanntschaft. Daß man einen Brief mit solchem Herzklopfen empfangen konnte, hatte sie bisher nicht für möglich gehalten. Anrede und Unterschrift mit einem hastigen Blick vorwegnehmend, konnte sie sich zu einem weiteren Lesen aus Furcht, dabei überrascht zu werden, nicht gleich entschließen. Das Glück hatte gewollt, daß sie allein zu Hause war, als der Briefträger, ein seltener Gast bei ihnen, den Brief durch die Türspalte schob. Aber die Mutter war nur auf Einkauf in der Nachbarschaft und konnte jeden Augenblick zurückkommen. So schob sie den Brief in die Tasche und hob die Lektüre für die Einsamkeit ihrer nächtlichen Schlafkammer auf, wo sie dann beim Schein der Küchenlampe, auf dem Bettrand sitzend, mit brennenden Backen Antons große Schriftzüge entzifferte. Liebes Fräulein Mau! Da Sie mich auf meine Neujahrskarte durch Hugo haben wiedergrüßen lassen, worüber ich mir sehr erfreut habe, kann ich es nicht unterlassen, Ihnen von meinem Befinden und wie es mir sonst geht, Mitteilung zu machen. Es interessiert Ihnen gewiß, zu erfahren, daß ich nächstens mit S. M. S. Hertha eine große Reise antrete in die chinesischen Gewässer, worauf ich mich natürlich sehr freue und auch mal was Interessantes zu sehen kriege. Wir haben hier einen strammen Dienst, aber wenn man seine Pflicht tut, passiert einem nichts, und es ist woll schön, wenn man sich sagen kann: Du tust deine Pflicht und bist gut angeschrieben. Meine Mutter wird es ja nu woll betrüben, daß ich so weit weg gehe, aber wenn Sie sie mal sehen, trösten Sie sie man recht und daß ich bald wiederkäme. Warum ich Ihnen das alles schreibe, kommt mir selbst komisch vor, aber wenn Sie mich nicht hätten grüßen lassen, hätte ich es auch nicht getan. Doch wenn man nicht viel Vergnügen hat, macht man sich welches. Ich denke noch immer daran, wie Sie auf dem Löwen saßen, und ich auf dem anderen. Und solche Weihnachten möcht ich woll mal wieder feiern. Wir werden vier Monate draußen bleiben und dann ist ja bald wieder Heilig Abend. Wenn Sie mal schreiben wollen, würde es mich sehr freuen. Meine Adresse ist einfach: Maschinenmaat Anton Krautsch, S. M. S. Hertha. Nu hab ich aber woll all viel zuviel geschrieben und schließe darum; indem ich noch recht vielmals grüße, verbleibe ich Ihr Anton Krautsch.« »Warum schreibt er mir das alles? Gelungen,« sagte Mariechen halblaut und sah mit großen Augen und einem leisen Lächeln in die Flamme der kleinen Lampe. Dann suchte sie nochmals den Satz aus seinem Brief heraus, der ihr besonders gefallen hatte: »Ich denke noch immer daran, wie Sie auf dem Löwen saßen und ich auf dem andern. Und solche Weihnachten möcht ich woll mal wieder feiern.« Sie kleidete sich langsam aus, löschte die Lampe und lag lange wach. Der Brief lag unter ihrem Kopfkissen, und sie wünschte von ihm zu träumen. Und einmal richtete sie sich mit einem jähen Ruck auf, saß dann halb liegend auf die Ellbogen gestützt, die Wange in die Hand geschmiegt, und sah durch den Spalt des dünnen Vorhangs einen freundlichen Stern grüßen. So saß sie lange, immer den Stern im Auge, aber ihre Gedanken weilten auf der Erde, unruhige Gedanken, die zwischen Vergangenheit und Zukunft wie losgekoppelte Füllen hin und her sprangen. Zehntes Kapitel Ja, es war Frühling geworden. Heiterster Frühling. Nicht mehr jene ersten herben Tage, wo die Kinder noch mit roten Näschen von den ersten Ausflügen zurückkehren, die ersten Weidenkätzchen in den kleinen kalten Händen, das Einzige, was außer ihren strahlenden Augen schon vom Frühling spricht, nein, voller blühender Frühling, wo die Gärten weiß sind von Kirschblüten, Magnolien und zartem Flieder, und die Wiesen gelb von Butterblumen und Hahnenklee und die Luft lachend blau, wo die Apfelblüte ihren rosigen Hauch dazu tut, und Narzissen und Tulpen aus der weichen offenen Erde flammen, wie die Danklieder aus einer erfreuten Brust, die nun endlich allen Druck von sich genommen fühlt und selig der Sonne entgegenlacht. Und man sah es an den Menschen auf der Straße und in den Werkstätten, in der Stadt und auf dem Lande, daß es Frühling war. Es waren nicht ihre leichten hellen Kleider, es waren ihre Gesichter, die den Frühling verkündigten, ihre freien offenen Mienen. Die Strenge schien gemildert, und der Kummer ein wenig von Hoffnung durchlichtet, und die Geschäftigkeit fröhlich um ihrer selbst willen und nicht des Gewinnes wegen, wenn es auch wohl oft nur so schien. Die Straßenjungen und die kleinen Laufburschen pfiffen an einem Tage mehr als Winters in einer Woche, gleichwie auch die Hunde auf der Straße wieder ein fröhlicheres Bellen anschlugen, wo sie sonst verdrossen herumfroren. Und wieviel tausend Frühlingszeichen waren da noch! Im Hafen war natürlich das vornehmste der regere Schiffsverkehr. Die Frühlingsstürme hatten ausgetobt; was da hinaussegelte, tat es ohne Sorgenwimpel, und was von draußen kam, nicht mit einem »Gott sei Dank, endlich geborgen!«, sondern mit einem raschen, fröhlichen »Hier bin ich, habe aber gar keine Zeit, wollte nur mal Guten Tag sagen; übermorgen gehts wieder weg!« Ja, das war ein Leben und Treiben im Hafen. Jan Tüt allein verlor nicht seine Ruhe. Er stand am alten Platz und spuckte in die Elbe. Hielt er auch, wenn die letzten warmen Tage zu Ende gingen, in alter Gewohnheit ziemlich lange aus, bis er der Kälte endlich wich, so kehrte er doch erst mit dem Anbruch wirklichen Frühlingswetters zu seiner Lieblingsbeschäftigung zurück. Eines fehlte freilich in dem gewohnten Frühlingsstadtbild hier am Hafen. Mutter Krautsch stand nicht mehr mit in die Seite gestemmten Armen auf der Treppe ihres Kellergewölbes und nickte den Vorübergehenden freundlich zu. Mutter Krautsch schämte sich, das zu tun. Ihr Keller war in einer Weise in der Leute Mund gekommen, die sie sich nie hätte träumen lassen. Sie selbst hatte nichts dazu getan, sie hätte den Leuten wohl offen in die Augen sehen können, wenn sie sich auch manchmal törichterweise der Mitschuld anklagte. Aber schämt sich nicht eine Mutter für ihr Kind, ein Bruder für seine Schwester, ein Sohn für seinen Vater, eine gute Magd für ihre böse Herrin? Und Mutter Krautsch sollte sich nicht für Lene Lerch schämen, die in der Leute Mund war, weil sie Mutter werden sollte? Ja, dieses Fischlein der Liebe saß an einem schlimmen Haken, und der es befreien konnte, war weit weg und dachte nicht daran. Lene trug ihr Schicksal mit stumpfer Gelassenheit, durch die nur manchmal ein Trotz brach. Warum wurde sie so gestraft? War ihre Liebe nicht ehrlich? Hatte sie einem schlimmen Gedanken Raum gegeben? War sie nicht nur unglücklich und nicht schlecht? Braucht man sich seines Unglücks zu schämen? Aber sie verbarg sich doch wie ein krankes Tier vor den Leuten, und Mutter Krautsch ließ es geschehen, soviel es anging. Einen Trost hatte Lene. Mutter würde sie nicht verlassen, und einen Halt hatte sie, wo alles um sie wankte. Es gab eine Liebe und eine Treue, die wohnte in Mutter Krautschens Herzen und trat hervor, wo sie nötig war, streckte ihre sanften weichen Hände aus und half tragen und trösten und tapfer sein. Anders war Frau Melitta Ohlsens Herz. Darin wohnte diese Liebe nicht. Darin wohnte ein frommes, strenges, blasses Wesen, das die Sünde heimsucht mit Predigt und Strafe, ein Wesen mit harten kühlen Händen, die Almosen gaben vor der Tür, wollene Söckchen strickten für schwarze Missionskinder und mit knöchernen Fingern auf jede Stelle in Luthers Katechismus stießen, die gerade in Frage kam. »Ich bin verantwortlich dem Herrn,« sagte Frau Melitta Ohlsen, und da sie jetzt ein junges, sechzehnjähriges Mädchen in ihrem Hausstand beschäftigte, nahm sie Ärgernis an der Nachbarschaft der Unzucht, und da die Sünde sich unter ihrem eigenen Dache breit machte, stand sie auf und eiferte. Klara, die kleine Magd, durfte nicht eher wieder bei Mutter Krautsch kaufen, bis das Ärgernis beseitigt und Lene aus dem Haus war. Und der junge Mann in Ohlsens Laden war ein Sohn rechtlicher Eltern, der Vater war Kirchenpfleger. Asmus Andreas Ohlsen zuckte die Achseln. Was wollte er dabei machen. Schließlich war es ein Fall, der in einer so großen Stadt nicht vereinzelt stand. Aber Frau Melitta wußte, daß Asmus Andreas etwas laxe Anschauungen hatte. Umsomehr war sie verpflichtet, ein tugendhaftes Haus vor dem Anblick des Lasters zu schützen, wo sie es vermochte, und hier vermochte sie es. Sie ließ Mutter Krautsch zu sich bitten, und hatte eine milde, tränenvolle Unterhaltung von anderthalb Stunden mit ihr. Auch Hansemanns, die Nachbarn, hätten neulich ein Wort darüber fallen lassen. Die beiden Fräulein Hansemann wären so gesittete, wohlerzogene Mädchen. Kurz, es war so etwas von christlicher Boykottierung des Sündenkellers, was hinter dem milden Tränenregen, wie die drohende Küste eines unbekannten, Gefahr bergenden Landes schattenhaft auftauchte. Mutter Krautsch fühlte sich in Kummer und Scham klein und befangen vor Frau Melitta und fand kein rechtes Wort. Aber auch ihre Entrüstung und ihr Trotz, die zu Hause aufwachten, legten sich wieder vor der Notwendigkeit, es jetzt, wo sie ganz allein stand, mit ihrem Mietsherrn nicht zu verderben. Anton schwamm irgendwo im weiten Ozean mit seinem Schiff. Tante Miele war tot, Lene, statt ihr eine Stütze zu sein, geschwächt und hilfsbedürftig. Sie wollte wenigstens in ihrem Keller in Frieden sitzen können, bis Anton zurückkam, und wollte ihr Geschäft nicht leiden lassen. So sollte denn Lene Lerch so lange aus dem Hause und ihr Kind nicht hier erwarten. Mutter Krautsch glaubte, bei Lene auf Widerstand zu stoßen. Aber diese fand sich schnell darein, wenn sie auch zuerst erschrocken war. Nur so weit weg wollte sie nicht, irgendwo in der Nähe wollte sie bleiben, und Mutter Krautsch sollte sie nicht verlassen. Ein Stübchen bei fremden Leuten, ganz in Stille und Zurückgezogenheit. Das war doch am Ende das Beste. Es war ja nur auf Wochen. So lange schlüge Mutter sich schon mit einem kleinen Mädchen aus der Nachbarschaft durch. Gegen billigen Lohn war schon so eines immer zu haben. Und nachher wollten sie schon zusammen hausen, sie und Mutter und das Kind, und es sollte keiner was dreinreden, und sie wollte für drei arbeiten. Mutter sollte auch gar keine Last davon haben. Das war im Februar gewesen, als Frau Melitta Ohlsen Lene Lerch vertrieben und damit die Luft gereinigt hatte. Aber für Mutter Krautsch war dadurch die Sache nicht anders geworden, nicht weniger genierlich. Und je schöner es draußen wurde, je näher rückte die Zeit, der sie nicht weniger als Lene selbst mit Sorgen entgegensah. Mutter Krautsch hatte die Sonne so nötig, aber sie scheute sich, und als alle Türen sich mit den fröhlichen Maibüschen schmückten, genügte ein einziges Zweiglein, ihrer Pfingstfreude Ausdruck zu geben und stach gar ärmlich gegen den schönen Segen vor den Kleesandschen Schenkstuben ab, mit dem Mutter Krautschens Maibusch sonst immer so freudig gewetteifert hatte. Diesmal hätte man ihre schüchternen Rütlein symbolisch nehmen können, wenn man mit Frau Melittas Augen alles Geschehene unter dem Gesichtswinkel einer strafenden oder segnenden Gerechtigkeit ansehen wollte. Mutter Krautsch hatte aber weder solche noch andere Gedanken, als sie das bescheidene Zweiglein aufsteckte. Sie wollte nur den Festbrauch nicht ganz außer acht lassen, schon der Kunden wegen. Wenn sie aber am Abend vorher auch einen etwas ansehnlicheren Busch eigenhändig in Lenes Stube trug, so war es mehr als ein Hangen am alten Brauch, es war eine Liebe dabei, die in einen dunklen Winkel etwas Sonne bringen wollte. »Die können heute Pfingsten feiern,« dachte sie, als sie mit ihrem Maibusch an Kleesands reichgeschmückter Tür vorüber mußte. »Die machen sich um ihren Windhund keine Sorgen, und wenn sie wüßten, was er für ein schlechter Mensch ist, ob sie der Lene wohl zu ihrem Recht verhelfen würden? Die nicht! Aber wissen sollen sie es, wenn das Kind erst da ist, wer der Vater ist.« Noch wollte Mutter Krautsch schweigen. Es könnte ja einen bösen Weg mit Lene nehmen, und dann wäre es ja unnötig, sich erst all die Scherereien zu machen. Aber nachher, wenn das Kind erst da ist, und dieselbe lange spitze Nase zeigte wie der Moschü, sein windiger Vater, und man es ihm am Gesicht absehen konnte. – Na, so ganz still sollte der Bengel da nicht mit durchkommen, und seine Schuldigkeit sollte er tun. Kleesands hatten Geld. Am andern Morgen, am Pfingstsonntag, kam aber ein Brief von Anton, der alles änderte. Es war ein langer Brief aus Schanghai datiert, worin er von allem erzählte, was er bisher gesehen, und daß es ihm gut ginge, und daß er mit seinen Vorgesetzten gut stünde. Aber mitten darin war eine Sache, die war nur mit ein paar kurzen Worten abgetan, die erdrückte aber alles andere mit ihrer harten nackten Tatsächlichkeit. »Fritz Kleesand ist neulich bei einer Messerstecherei am Lande ums Leben gekommen. Es mußte mal so kommen. Er fing überall Streit an. Seine Eltern werden es wohl all vom Kommando wissen, wenn du dies liest.« Jetzt war Mutter Krautsch ratlos. Was sollte sie machen. Lene konnte sie es doch nicht sagen. Kleesands hatten es natürlich auch heute erfahren mit der Post. Die ganze Straße würde es heute noch wissen. Am ganzen Hafen würde man davon sprechen. Wie es Lene verheimlichen? Und was sollte sie jetzt Kleesands sagen? Zu ihren Schmerzen noch die Schande legen und die Sorge um ein uneheliches Enkelkind? Sie trat fast gedankenlos aus der Tür, den offenen Brief in der Hand, und sah über das sonnige Pflaster hinweg nach Kleesands duftigem Maibuschportal. »Unter das schöne Grün is nu auch der Briefträger gegangen und hat sie den Brief gebracht.« Aber bekannte Schiffer kamen aus der Wirtschaft, lachend und sich laut voneinander verabschiedend. Die wußten es also noch nicht. Der eine, Steuermann Studt, kam an ihr vorüber und nickte: »Tag, Mutter Krautsch, prächtiges Pingstweder hüt.« Ob sie ihn fragte, ob sie es ihm erzählte? Aber da kam der Briefträger aus Ohlsens Laden die Treppe herunter: »Hebbt Se keen Bref för Kleesands hatt?« Er sah sie verwundert an. »Bi Kleesands bün ick nich wesen. Ick hev mi bi Ohlsen n beten upholln. Dat weer n Geldsendung. Aber n Breef is da för Kleesands.« Er schien noch mehr sagen zu wollen, grüßte aber dann kurz und ging. Sie sah ihm nach, bis er bei Kleesands verschwand. Er blieb längere Zeit in der Wirtschaft. Es war ja Pfingsten. Man würde ihm ein Glas Bier einschenken. Inzwischen würden die Wirtsleute den Brief erbrechen. Es war ihr, als müsse sie einen Schrei hören durch alle Wände hindurch. Aber es war Sonne und fröhlicher Straßenlärm um sie herum, vom Wasser her kam Gesang, und ein Junge ging pfeifend an ihr vorüber: Weißt du, Mutter, was mir träumt hat? Aber jetzt kam der Briefträger wieder heraus. Er sah sich aber nicht um, sondern ging schnell nach der anderen Seite weiter. Jetzt wußten sie es also. Mutter Krautsch blieb stehen. Den nächsten Gast, der Kleesands Wirtschaft verlassen würde, würde man es ansehen. Aber es kam keiner heraus. Sie spürte einen kaum zu bezwingenden Drang, mit ihrem Brief hinüberzulaufen. Aber nein, wie oft mochte man da in der Schenke skandaliert haben, ohne zu ahnen, wer das Mädchen ins Unglück gebracht. Sollte man den Leuten es nicht gönnen? Das war die Strafe! Mutter Krautsch, immer den Brief in der Hand, ging wieder in ihren Keller zurück, setzte sich in die Küche und las den Brief noch einmal. Daß es Anton so gut ging, warf etwas wie Sonnenschein in ihr Gemüt. Und dann kam wieder das Furchtbare. Und sie las suchend – kein Wort von Lene in dem ganzen Brief. Ja, hier ganz am Schluß: Ein Gruß! »Grüß Lene«. Aber nichts, das anzeigte, daß Anton wußte, wieviel Fritzens Tod Lene anging. Sollte er wirklich gar nichts wissen, gar nichts gemerkt haben? Sie las den Brief zum drittenmal und wurde etwas ruhiger. »Wer weiß, wozu es gut ist. Wenn das Kind nu auch tot ist, dann ist ja allens wohl am besten so, und wenn Kleesands dann nichts zu wissen kriegen – er ist ja nu tot und er war ihr Kind, und sie hat ihn liebgehabt. Und wenn Lene dann wieder zu sich kommt – und von dem Toten kann sie nichts mehr wollen, dann gibt sich das allens noch. Und es hat denn allens woll so sein sollen.« Elftes Kapitel Mit dem ersten Gast, der nach Eintreffen des Unglücksbriefes die Kleesandsche Wirtschaft verließ – es war der alte Jollenführer Kienruß – trat die Geschichte von Fritz Kleesands »elendigem« Tod auf die Straße. Einmal draußen, war sie bald überall. Die Maibüsche vor Kleesands Tür glitzerten ordentlich im hellen Sonnenschein, und die Fensterscheiben der Schenke blitzten und funkelten. Aber die Leute, die da ein- und ausgingen, hatten stille, nachdenkliche Gesichter, wenn nicht einmal ein Unwissender lachend und mit einem lauten Pfingstgruß über die Schwelle trat, um alsbald so still zu werden wie die andern. Alle Malbüsche waren schon von den Türen verschwunden, da standen die vor Kleesands Tür noch immer, raschelten mit dem dürren Laub und ließen die Zweige hängen. Niemand dachte daran, sie hier wegzunehmen. Die Gäste wunderten sich wohl, sie noch immer anzutreffen, aber es war ihnen nicht der Mühe wert, den Mund darum aufzutun, und die Wirtsleute selbst kamen aus ihrer Trauer und aus ihrer Tür nicht heraus. Eines Morgens waren aber auch diese vertrockneten Birkchen verschwunden, und unter den Leuten, die bei Kleesands ein- und ausgingen, sah man wieder lachende Gesichter, ja, es war nur vierzehn Tage später, als Vorübergehende sich nach heftigen Scheltworten umsahen und den alten Kleesand bemerkten, der eigenhändig einen betrunkenen Tommy an die Luft setzte. »Oll Swin!« sagte der alte Kleesand und spuckte aus. Und als Hein Claasen, der grade vorüberging, ihn verständnisvoll anlachte, lachte er ebenso wieder. In diesen Tagen, wo andere schon nicht mehr davon sprachen, erfuhr Lene Lerch erst Fritzens Tod. Mutter Krautsch hatte Sorge getragen, daß er ihr wenigstens so lange verheimlicht würde, bis das Kind da sei. Aber sie hatte es Lenens Wirtsleuten gegenüber nur bei allgemeinen Gründen bewenden lassen: Lene hätte ihn ja auch gekannt, und es könnte sie vielleicht doch erschrecken. Besser wäre besser. Die guten Leute, ein altes Schneiderehepaar, dachten wirklich nichts Arges. Die Frau wußte Beispiele, wie da und da eine schlimme Nachricht, ein geringer Schreck, einer Schwangeren Schaden gebracht hätte, oder dem Kind, das dann fehlerhaft oder mit wunderbaren Malen gezeichnet zur Welt gekommen sei. Da sie Lenen, ihres stillen gleichmäßigen Betragens wegen, freundlich gesonnen waren, taten sie das ihre, sie zu schonen. Aber da mußte der Zufall einen früheren Gesellen des kleinen, einst zurückgekommenen, sich jetzt aber auf seine alten Tage ohne Gesellen auskömmlich durchschlagenden Meisters in dessen Wohnung führen. Diese harmlose, gutmütige Seele, die von Zeit zu Zeit mal bei ihrem ehemaligen Brotherren einguckte, mußte arglos, nicht wissend was sie damit anrichtete, von Fritz Kleesands Tod sprechen, so daß Lene, die grade über den Korridor ging, alles hörte. Da war sie mit einem dumpfen Schreckruf gegen die Wand getaumelt und dann langsam zu Boden gesunken, wo sie in halber Ohnmacht von den Schneidersleuten aufgefunden wurde. Jetzt hatte Mutter Krautsch, die man sogleich benachrichtigte, die guten Leute nicht länger im Unklaren lassen wollen, und der Tote bekam von diesen, die er gar nicht gekannt, noch strafende Worte ins ferne Grab nachgerufen. Lene aber, die die Unglücksnachricht auf ein kurzes Krankenlager geworfen hatte, genas in ihrem schwachen Zustand eines frühen Kindes, eines kleinen häßlichen Geschöpfes, auf das ihr erster Blick nicht ohne Schreck fiel. Mutter Krautsch war jetzt froh, daß sie Mitwisser hatte, mit denen sie sich besprechen konnte. Denn, nun das Kind da war, und nach dem Gutachten der Hebamme ein so schwaches Kind nicht war, daß man nicht hoffen durfte, es am Leben zu erhalten, trat die Frage wieder an sie heran, ob man nicht doch noch, wenn auch der Vater nicht mehr auf der Welt sei, den Großvater an diese Wiege führen und ihm das Schicksal des Kindes, das übrigens ein Mädchen war, ans Herz legen sollte. Die Schneidersfrau war eifrig dafür, aber Lene selbst wollte nichts davon wissen, sie wolle schon allein für das Kind sorgen. Diesen löblichen Vorsatz hörte Mutter Krautsch zwar mit einigen Zweifeln und Bedenken an, denn von Lenens Willen und Tatkraft hatte sie bisher noch nicht viel Beweise gehabt. Not bricht freilich Eisen, und mancher wacht erst im Unglück auf und zeigt, was er ist und kann. Doch sagte sie nichts, um die schwache, junge Mutter nicht schon jetzt mit Ausblicken in eine unklare Zukunft zu beunruhigen. Nach ihren Plänen sollte Lene mit dem Kind zu ihr zurückkehren und ihr gemeinsames Leben wieder beginnen. Was sollte auch Lene wohl anfangen? Womit sollte sie ihr Brot verdienen? Sie war nicht geschickt zu irgendeinem Erwerb und würde nur als Dienstmädchen eine Stelle suchen können. Aber Hausarbeit gab es auch bei Mutter Krautsch genug, und das Kind war leicht mit durchgefüttert. Einstweilen mochte Lene nur bei den Schneidersleuten bleiben, bis sie sich genügend gestärkt hatte und alles wieder einen guten und gleichmäßigen Gang gehen konnte. Lene hatte es gut in ihrem Stübchen. Es hatte zwar nur ein Fenster nach hinten hinaus, aber Licht und Luft hatte genügend Zutritt, und die Luft, war sie auch mit allerlei Speichergerüchen gesättigt, dünkte ihr nicht schlecht. Sie war keine bessere gewöhnt von Mutter Krautschens Keller her. Da roch es nach Kartoffeln, Kohlen, Zwiebeln, Äpfeln, Bier, hier nach Apfelsinen, Sirup, Leder, Fellen und was die Speicher in der Nachbarschaft gerade bargen. Oft aber fegte auch ein reinigender Wind vom Strom her durch Höfe und Gassen. Die Schneidersleute waren menschenfreundlicher Gesinnung und nahmen beide an Lenens häßlichem kleinen Wiegenkücken ein neugieriges Interesse. Sie waren selbst kinderlos geblieben und erlebten nun in ihren alten Tagen die Leiden und Freuden erster Kindeswochen als neidlose Zuschauer und dienstfertige Teilnehmer unter ihrem Dache. Der Alte stand in Hemdärmeln vor der Wiege und machte mit dem Finger Dideldideldei, wobei ihm das gelbe Zentimeterband um den Hals hing und mit seinen beiden Enden vor den großen erstaunten Kinderaugen hin und her pendelte. Seine Ehehälfte, die allerdings zehn Jahre jünger war als er, trug sich sogar mit dem Kinde, als hätte sie ihr Lebtag kleine Kinder gewartet. Das mütterliche Wesen, allen Frauen angeboren, brach nun mit einer verspäteten Leidenschaft hervor, die Mutter Krautschens Eifersucht erregte. So war denn auch diese nicht abgeneigt, ihr die Schuld beizumessen, als Lene sich zu ihrer Verwunderung ernsthaft weigerte, zu ihr zurückzukehren. Doch tat sie hierin Unrecht, denn Lene hatte andere Beweggründe. Sie dachte mit Grauen daran, sich wieder den Blicken der Nachbarn auszusetzen und hatte einen Groll, ja Haß auf Frau Ohlsen in den letzten Wochen ihres Wartens und Fürchtens in sich groß werden lassen. Dazu kam, daß sie sich in den Kopf gesetzt hatte, es wisse doch alle Welt, daß Fritz Kleesand der Vater ihres Kindes sei. Er war durch seinen Tod in aller Leute Mund. Gewiß, alle sprachen sie über sie und ihre Sache. Und wenn sie es auch vielleicht mit Mitleid und Bedauern täten, sie schämte und scheute sich. Hier war sie lange Wochen wie aus der Welt gewesen. Hier war es ihr in dem kleinen Raum, die Wiege neben sich, wie in einer lang entbehrten Heimat gewesen, wie in einem Nest, wo sie nun endlich Unterschlupf gefunden hatte. »Mutter« kam ja täglich und »Mutter« wurde ja mit der Klara ganz gut fertig und »Mutter« konnte doch auch das Kindergeschrei und all die Unruhe im Geschäft nicht brauchen. So suchte sie Mutter Krautsch zu überreden, bat, tröstete. »Hev ick dat um di verdeent?« klagte Mutter Krautsch und sprach von Undank. Das machte Lene still, und sie wollte zuletzt nachgeben. Aber da meinte Mutter Krautsch wieder: »Du kannst dich das ja noch überlegen.« »In n Laden, wo alle kommen,« sagte Lene nachher zur Schneidersfrau, »und dann schreit das Kind mal, und dann sehen sie mich so an, und dann ist man immer auf dem Präsentierteller. Und nebenan wohnen seine Großeltern, und wenn das Kind mal auf die Straße spielt, und sie wissen nicht, daß es sein ist, und das Kind weiß auch nichts davon, daß es sein Großvater ist, nee, das kann ich nicht.« Zwölftes Kapitel Dieselbe Post, die in der Hafenstraße so viel Tränen fließen machte, hatte auch Mariechen Mau einen Brief von Anton gebracht, dessen Ankunft diesmal der Mutter nicht verborgen blieb. Doch war es ein harmloser, unverfänglicher Brief, der nur eine bunte Schilderung der großen Reise gab, mit Wetterberichten und Speisezetteln, mit Fragen nach Gesundheit und Verrichtungen und mit Aufträgen, Hugo und Christian und die Mutter und andere zu grüßen; ein Brief, wie ihn sich alte Bekannte schreiben, die bei dem anderen Teilnahme für ihre kleinen Alltäglichkeiten voraussetzen. »Das ist doch sonderbar, daß er dir schreibt, und so ausführlich. Wie kommt er dazu?« fragte Mutter Mau. »Wie er dazu kommt? Er hat es eben wörtlich genommen,« lachte Mariechen. »Schreiben Sie auch mal! Na, und da hat er sich nun hingesetzt. Ich finde das einfach nett von ihm.« Frau Mau gab sich zufrieden, obgleich sie innerlich noch lange damit beschäftigt war. Sonderbar war es doch. Sie nahm sich vor, wach zu sein. Mariechens Freude über Antons Brief war aber keineswegs so harmlos, wie sie der Mutter gegenüber tat. Wie hätte sie auch nicht die Beweggründe herausfühlen sollen. Sie las deutlich zwischen den Zeilen, was er ihr viel lieber gesagt hätte, als all diese gleichgültigen Dinge; wieviel Knoten sie liefen, was August Lütje – wer war August Lütje? – für ein Schmutzfink sei, und daß der Wind an jenem denkwürdigen Tage, da er ihr schrieb, aus Westsüdwest wehte. Sie las anderes zwischen den Zeilen und sah sein gutes Gesicht sie anlachen. Ihre Gedanken waren nach dem ersten Brief oft bei ihm gewesen, aber sie hatte doch nicht gedacht, daß er noch einmal schreiben würde. Jetzt war sie sicher, daß er ihr seine Neigung geschenkt hatte. Es wäre ja sonst zu töricht von ihm gewesen, anzunehmen, daß sie sich für alle seine kleinen täglichen Leiden und Freuden interessiere. Antons Brief machte sie wirklich froh; und wie gut, daß er so gar keine Geheimnisse enthielt, nicht einmal eine Anspielung auf den ersten Brief. Jeder konnte diesen Brief lesen. Hugo las ihn, Christian las ihn, die beiden alten Frauen, wer wollte. Christian zeigte die größte Teilnahme. »Könnte man doch auch mal in die Welt hinaus. Aber unsereins muß sich mit Hagenbeck begnügen.« »Wenigstens ungefährlich,« tröstete Mariechen. Hugo fand es komisch, daß Anton an Mariechen einen solchen Brief schrieb. »Wenn man einmal Karussell zusammen gefahren hat, schreibt man sich doch nicht gleich, als kennte man sich schon zehn Jahre lang.« »Tun wir auch. Viel länger sogar. Das weißt du doch,« erklärte Mariechen. »Ach, der Kinderkram. Als Vierjährige? Nachher habt ihr euch doch kaum mehr angesehen.« »Na nu.« »Wenigstens konntest du ihn nicht leiden.« »Wer sagt das?« »Du selbst.« »Ich? Nun wirds helle.« »Das ist ja auch ganz gleich. Jedenfalls finde ich es albern, daß er sich plötzlich hinsetzt und dir ellenlange Briefe schreibt.« »Kannst ja auch man tun.« »Ach was. Mit dir ist mal wieder nicht zu reden.« »Na also. Brechen wir ab und schreiben wir uns. Adjüs, min Jung.« Mariechen ging trällernd in ihre Wohnung hinüber, und Hugo maulte. Diese Verstimmung hielt vor, denn Mariechen stand jetzt ganz unter dem Einfluß dieses Briefes und wandte sich, wenn auch unbewußt, mehr und mehr von Hugo ab. Der litt darunter. Und da Mariechen jetzt häufig von Anton sprach, was sie sonst nie getan, war er bald auf der rechten Fährte. Er war eifersüchtig und voller Furcht, Mariechen könnte ihm so leise entschlüpfen. Und er glaubte, ein Anrecht auf sie zu haben. Da faßte er sich Mut und brach eine Aussprache vom Zaun. »Du schneidest mich ja förmlich. Was hast du? Was soll das?« »Schneiden? Was n Schnack! Was heißt das, schneiden?« »Du bist anders als sonst.« »Wieso? Mir nicht bekannt.« »Du weißt ganz gut, was ich meine.« Sie wußte es freilich und glaubte schon lange, sich über Hugos Gesinnung gegen sie keinem Irrtum hinzugeben; sie war sich jetzt nach Antons Brief ganz klar darüber. Und daß sie in sich selbst zur Klarheit gekommen war, das schärfte ihr vielleicht auch den Blick für andere. Blitzschnell kam es ihr: Hier ist eine Gelegenheit, alles mit einmal zurechtzurücken. Hugo ist eifersüchtig, gibt sich dummen Hoffnungen hin. Mach reinen Tisch. »Ich weiß, was du eigentlich willst, lieber Hugo. Du brauchst es mir nicht erst zu sagen, aber daraus kann nichts werden.« So wollte sie ihm sagen, aber im Begriff dazu, überkam sie doch eine Verlegenheit. Wenn er nun antwortete: »Du irrst dich, liebes Kind, bilde dir doch nichts ein.« Er wäre imstande dazu, um sich eine Verlegenheit zu ersparen, anderen eine zu bereiten. So zögerte sie unsicher. Und damit goß sie Öl in das flackernde Feuer seines Mutes. Er mißdeutete ihre Verlegenheit. Aber jetzt wurde sie wirklich auch noch rot, blutrot, als er ihr stotternd, weiß wie die gekalkte Wand, seinen Antrag machte. Und warm wurde es ihr ums Herz, und ganz weich. Was war sie doch für ein dummes Ding! Sie konnte nicht einmal lächeln. Sie glaubte es leicht nehmen zu können, und nun war es doch so schwer. Er hatte nur ein paar zitternde Worte herausgebracht, aber sein Herz schlug darin. »Lieber dummer Kerl, was machst du für n Unsinn,« sagte sie endlich. »Aber das ist ja nicht möglich. Das kann ja gar nicht sein. Das mußt du dir aus dem Kopf schlagen.« Er bat, quälte. Aber sie fand allmählich ihre Überlegenheit wieder und hatte immer nur ein festeres Nein für ihn. »Nee, nee, mein Jung, darum wein man nich. So n Glück kannst immer noch machen. Warum soll ichs gerade sein, die nun mal gar kein Talent dazu hat.« So weh ihm gerade diese Worte in ihrem leichtfertigen Ton im ersten Augenblick taten, so glaubte er nachher gerade aus ihnen noch einige Hoffnung schöpfen zu dürfen. Vorläufig aber war er in einer verzweifelten Stimmung. Er hätte jetzt etwas darum gegeben, nicht mit ihr unter einem Dache zu wohnen. Wie wollte er ihr täglich aus dem Wege gehen? So war es ihm doppelt willkommen, daß ein zweitägiger Volksheimausflug ihn schon am nächsten Tage aus dem Hause führte. Das Bedürfnis, eine Seele bei sich zu wissen, die ihm freundlich gesinnt war, ließ ihn Christian überreden, doch auch mitzugehen. Und als Mariechen es für Unsinn erklärte, daß Christian sich solchen Strapazen aussetzen solle, war das nur ein Grund mehr für ihn, darauf zu bestehen. »Ich finde es lächerlich von ihr, daß sie sich immer so eine Mutterschaft über dich anmaßt. Du bist doch kein Kind mehr.« Damit hatte er Christians wunden Punkt getroffen. War er denn wirklich so schutzbedürftig, so schwächlich? Hugo behielt die Oberhand diesmal, Mariechen aber recht für die Folge. Denn auf diesem Ausflug war es, daß Christian sich eine böse Erkältung zuzog, die ihn wochenlang husten ließ und seinen Freunden Besorgnis einflößte. Der ganze schöne Sommer verging in Sorge um den Kranken, den der Arzt nach Edmundstal in die Lungenheilanstalt geschickt hatte. Aber nach einigen Wochen entließ man ihn dort als hoffnungslos. Was jetzt? Meister Behrens, bei dem er sein Heim hatte, war beschränkt im Raum, ein neuer Geselle war bereits da, dem nicht zugemutet werden durfte, mit einem Schwindsüchtigen zusammen in einer Kammer zu hausen. Christian litt unter dem Gefühl der Heimatlosigkeit mehr als unter seiner Krankheit, über deren Hoffnungslosigkeit er sich noch einer von den Freunden gern genährten Täuschung hingab. Da der neue Geselle von auswärts zugezogen war, hätte der Meister ihn nicht ohne erhebliche Kosten ausmieten können, auch war Frau Mielens Herz der Furcht vor Ansteckung sehr zugänglich. So lag der Gedanke an das Krankenhaus am nächsten. Aber dagegen hatte Christian selbst eine große Abneigung. Es blieb ihm ja freilich nichts anderes übrig, und tief bedrückt durch das Bewußtsein, von andern abhängig zu sein, enthielt er sich jedes Einspruchs. Da rang Mariechen ihrer Mutter die Zustimmung ab, Christian zu sich zu nehmen. Ein Zimmer hätten sie übrig. »Wir beiden Frauenzimmer richten uns schon ein. Und dann hat er doch seine Pflege und seine Freundschaft.« »Hast du das auch ordentlich überlegt, Kind? Es ist eine große Last. Und dann die Luft bei uns. Das ewige Waschen und Plätten.« »Tut nichts, Mutter. Wir lüften immer fix und denn – es ist ja doch man alles noch so zuletzt. Besser wird er ja doch nicht wieder. Da ist Freundschaft und Liebe besser als frische Luft.« Tränen traten in Mariechens Augen,, und sie schluchzte los. »Deern, was hast du? Nicht doch, mein Tochter. Was weinst du?« Frau Maus Gedanken begaben sich auf eine falsche Fährte. Hat sie ihr Herz an den armen Krüppel gehängt? Armes Kind, dann mußt du ja nun viel durchmachen. Es is dann man ebensogut, daß es nicht lange mehr dauert. Mariechen setzte also ihren Willen durch. Das Bedenken der Mutter hinsichtlich der Ansteckungsgefahr war nicht sehr groß. Hatte sie doch ihren schwindsüchtigen Mann lange gepflegt und war gesund dabei geblieben. Das ist alles nicht so schlimm, pflegte sie zu sagen, man muß sich nur danach halten. Reinlichkeit und frische Luft, das ist die Hauptsache. Die alten Behrens konnten sich nicht gleich an den Gedanken gewöhnen, daß Maus Pflichten übernahmen, die eigentlich ihnen zukamen. Auch Christian, so sehr er das Krankenhaus scheute, nahm erst nach langem Hin und Her dieses Opfer an. Als aber die Übersiedelung bewerkstelligt war, fühlte er sich freilich so geborgen wie noch nie in seinem Leben. Die Meistersleute hatten ja nichts an ihm versäumt, er hatte Tisch und Bett bei ihnen und freundliche Fürsorge für seine kleinen Bedürfnisse. Aber es war doch ein stilles einförmiges Leben gewesen, in Arbeit und Abhängigkeit, und so liebevoll wie Mariechens junges sehnsüchtiges Herz war Frau Mieles altes nicht gewesen. Jetzt hatte er auch Hugo täglich um sich, und Hugo und Mariechen fanden sich wieder mehr zusammen in der Sorge um den gemeinsamen Freund. Auch die beiden Mütter taten das ihre mit weiblichem Sinn für Helfen und Pflegen, und so sah der Kranke sich plötzlich in ein warmes, weiches Nest fürsorglicher Liebe gebettet. Natürlich ließen es nun auch »Meisters« nicht an Aufmerksamkeiten fehlen. Frau Miele schickte aus ihrer Küche, und der Alte fügte von Zeit zu Zeit mal eine Flasche Wein hinzu, süßen Malaga, oder alten Portwein oder Tokaier, was Frau Miele gerade fürs beste hielt. »Auch die Apothekersachen sind meinem Mann sein Sache,« sagte sie. Aber alle Liebe und alle Pflege konnten den Kräfteverfall nicht aufhalten, und es kam die Zeit, wo der Kranke die kleinen Spaziergänge an Hugos oder Mariechens Arm einstellen mußte und meist im Lehnstuhl am Fenster saß, den er bald mit dem Bett vertauschen mußte. Aber in dieser Atmosphäre aufopfernder und reiner, uneigennütziger Liebe hielt die Hoffnung ihr Haupt hoch und sah mit hellen, rührenden Blicken zuversichtlich in eine bessere Zukunft. »Wenn nur der alte Übergang zum Winter erst überstanden ist, das ruhige, klare Frostwetter ist viel gesünder,« behauptete Mariechen, um den Kranken zu trösten. Und dann – man kannte so viel Fälle von endlicher Genesung, viel schlimmere Fälle, das kommt ganz auf die Natur an, man muß nur den Mut nicht sinken lassen – – – Mariechen war die Reichste an Trost und Liebe. Sie saß oft an Christians Bett, las ihm vor, ganz wie sie es als Kind bei Hugo gemacht hatte, der sich dessen erinnerte, und hier, wo er sich einer eifersüchtigen Regung geschämt haben würde, Vertiefung und Reinigung seiner Liebe erfuhr. »Säßest du an meinem Bett So wie da, du süßes Kind, Ach, dann wollte ich, ich hätt Alle Leiden, die da sind. Unter deinen lieben Händen, Unter deinem holden Blick Würden alle, alle enden, Doch nicht gönnts mir das Geschick. Er fand etwas Trost in solchen Reimereien, und meinte am eigenen Leibe zu erfahren, daß »Poesie ist tiefes Schmerzen, Und es kommt das echte Lied Einzig aus dem Menschenherzen, Das ein tiefes Leid durchglüht.« Christian war ein geduldiger Kranker, dankbar für die kleinste Handreichung und mit immer wacher Teilnahme für die Leiden und Freuden anderer. Dabei wurde er selbst immer mitteilsamer, vertrauender, namentlich Mariechen gegenüber. Er erschloß immermehr seine reine kindliche Seele. Frühe Bilder aus seinem Elternhause tauchten auf, Erinnerungen aus der Schulzeit, kleine Erlebnisse, Anekdoten, von Mariechen aus ihm herausgefragt, oft unter Lachen und Scherzen. Viel sprach er von Anton, erkundigte sich nach ihm, las dessen Brief, den Mariechen ihm mit heimlicher Freude zeigte, und ließ aus der Wärme, mit der er alles erfaßte, was Anton anging, erraten, wie nah dieser seinem Herzen stand. Und was hätte Mariechen lieber gehört, als Antons Lob, und von wem lieber, als aus Christians Mund, von dem sie gewiß war, daß er auch ihren Namen immer nur mit Liebe und Zärtlichkeit aussprach. So zog aus diesem reinen und unschuldigen Bund zweier Herzen ein anderes neuaufkeimendes Herzensbündnis schönste und zukömmlichste Nahrung. * Während hier in dein freundlichen Mäuschen Stübchen ein schwächliches Leben still zu Ende ging und unter der Hut einer seltenen Liebe ein spätes letztes Glück genoß, hob sich in der Hafenstraße ein anderes wieder in der Liebe zu einem neugeborenen Wesen zu kräftiger Betätigung. Lene Lerch hatte doch zu Mutter Krautsch ziehen müssen. Die Aufregungen der letzten Zeit hatten diese erkranken lassen und Lenes Anwesenheit nötig gemacht. In ein paar Wochen hatte sich Mutter Krautsch wieder erholt, aber Lene war doch in dieser Zeit zur Einsicht gekommen, wie sehr sie der Mutter nützen konnte und wie undankbar es von ihr sein würde, diese unter ihrem Unglück mitleiden zu lassen. Sie fühlte sich auch bald wieder wohl und heimisch in der gewohnten Umgebung. Die Leute, nun das Kind da war, fanden sich mit der Tatsache schnell ab. Sie hätschelten und tätschelten die Kleine, und selbst Frau Melitta Ohlsen ließ sich zu einem freundlichen Backenklopfen herab. Freilich war ihre erste Frage nach dem Namen, und ob er in christlicher Taufe empfangen sei. Und es gab einen warmen Appell an Mutter Krautschens Christentum, die Kleine doch nicht lange als Heidin zwischen Kraut und Rüben aufwachsen zu lassen. Nun war es ja auch nicht gegen Mutter Krautschens Anschauung. Sie war für die Taufe. »Ein ordentlicher Christenmensch muß getauft sein,« sagte sie zu Lene, die das für unnötigen Firlefanz erklärte. Sie war aber mehr für Pastor Collasius, während Frau Melitta für Pastor Brügge war und auch damit durchdrang. »Es ist ja einerlei,« sagte Mutter Krautsch »wir wollen ja man mit ihr auskommen. Erzürnen will man ihr doch nicht gern.« Und so wurde die Kleine von Pastor Brügge getauft, natürlich auf den Namen ihrer Mutter, »Vater unbekannt« hieß es. Mutter Krautsch und die Schneidersleute waren Taufzeugen. Der alte Schneider war auch als Vormund von der Behörde angenommen worden, er kam sich doppelt wichtig vor. Mutter Krautsch hatte einen mächtigen Puffer gebacken und Schokolade gekocht und eine Flasche Portwein vom Krämer geholt. Man wollte sie erst von Kleesands holen, von wegen der »tieferen Bedeutung«. Aber man ließ es doch lieber. Anna Amalie Helene Henriette Lerch, genannt Krautsch, hieß nun Fritz Kleesands kleine Tochter. Helene sollte ihr Rufname sein. Man einigte sich aber, sie zum Unterschied von der Mutter nicht Lene, sondern Hella zu rufen und Hellachen. Unter der doppelten Pflege und Liebe von Mutter und Großmutter, welchen Titel sich Mutter Krautsch gern gefallen ließ, kräftigte sich das kleine, anfangs schwächliche Geschöpf bald und gedieh. Die Nase wuchs zusehends und versprach eine Kleesandsche Nase zu werden, gerade und spitz. Und diese gerade und spitze Nase bohrte sich wie ein Dorn in die Herzen der beiden Frauen. An dieser Nase wird man Hellachen erkennen. Und eines Tages wird Großpapa Kleesand verwunderte Augen machen. »I, wo hat die Kleine diese Nase her? Die kommt mir, weiß Gott, so bekannt vor.« Und Großmama Kleesand wird die Kleine auf den Schoß nehmen und zärtlich mit ihr sein. »Kleine, nützliche Deern, ich weiß nicht, sie erinnert mich immer so an meinen armen Fritz. Was es doch alles für Ähnlichkeiten gibt.« Und dann wird Mutter Krautsch nicht wissen: Sagst du es oder sagst du es nicht? Und wer soll ihr dann sagen, was das Rechte ist? Und Hellachen, als die Zeit da war, daß sie schon allein auf der Straße herumkrabbeln konnte, bekam die Ermahnung, sich mehr links zu halten, mehr nach Ohlsen zu. »Von wegen die Wagen, die immer hinten nach die Speichel fahren.« Aber Hellachen zeigte bedenkliche Neigung, nach rechts hin auszuweichen und um die Ecke herum. Holte Lene sie dann dort weg, von demselben Platz, wo sie von Fritz Kleesand damals den letzten Kuß bekommen hatte, weinte das Kind wohl mal, weil Lene es zu hart anfaßte und zu heftig von diesem gefährlichen Platz an Mutter Krautschens sonst ganz einwandfreier Außenwand wegriß. »Das Kind kann da so leicht unter n Wagen kommen.« Dreizehntes Kapitel Dem schönen, heiteren Frühling dieses Jahres war ein schöner goldener Sommer gefolgt, der bis in einen sonnigen Herbst hineindauern zu wollen schien. Es war ein unendlich mildes Absterben der Natur, voller Verheißung auf schönes Wiederaufstehen nach einem kurzen Winterschlaf. Einen Tag vor Christians Tod kam Anton zurück. Er hatte nach der großen Reise einen längeren Urlaub bekommen und kam mit vollem Herzen und vollem Kopf. Von Christians Erkrankung erfuhr er gleich am ersten Tag, als er Umfrage nach allen Bekannten hielt. Aber so leid es ihm tat, er fand doch nur ein kurzes Wort des Bedauerns. Es war aber auch zu viel, was ihn außer seinen eigenen Interessen in Anspruch nahm. Da war vor allem das Kind. Die ganze unglückliche Geschichte Lenens erfuhr er eigentlich jetzt erst. Daß ihre Sache mit Fritz Kleesand so weit gediehen war, hatte er nicht geahnt. Er schalt auf Fritz in ehrlichem Zorn, aber Lene verwies es ihm. »Lat em sin Ruh. Dat is nu, as bat is. Ick will da nir mehr von hören.« »Wat n lütt possierlich Deern,« sagte Anton und nahm Hellachen auf den Schoß. Er wurde ganz rot dabei und ging sehr behutsam mit der Kleinen um. »Mama,« sagte er zu Lene, halb ungläubig, halb belustigt. Er hörte die Erzählung seiner Mutter von Frau Melittas strengem Betragen an, als ob ihm eine sehr harmlose gleichgültige Geschichte erzählt würde, und sagte auch zu den Befürchtungen hinsichtlich der alten Kleesands nicht viel. Seine Gedanken weilten bei Mariechen Mau, und Lene und ihr Kind hatten diesen Gedanken eine besondere Färbung gegeben. Es war ihm wie ein Wunder: Lene hat n Kind. Das is Lene ihr Kind. Sie war ihm mit einemmal eine ganz andere, interessante Persönlichkeit geworden, gegen die er sich freundlicher, höflicher und sorgfältiger zu benehmen hätte als bisher. Von der moralischen Seite der Sache in Frau Melittas Sinn wurde er gar nicht berührt. Er sagte mit einem naiven Lachen: »Mama« zu Lene und fand Hellachen »n klein nüdlich Ding, n lütt possierlich Deern.« Mutter Krautsch ließ ihren Anton den ersten Tag kaum aus der Sofaecke heraus. Wenn ihr die Zunge lahm war von vielem Erzählen, mußte er heran. Er mußte alles immer wieder von vorn erzählen. Sie wollte alles wissen. Lene saß dabei und spürte jedesmal einen Stich, wenn von Fritz Kleesand die Rede war. Sie hing trotz allem noch an ihm. Wie bei Hellachens Taufe, so stand auch jetzt ein großer Topfkuchen auf dem Tisch. Mutter Krautsch hatte ja vorher gewußt, daß die »Hertha« wieder da sei und ihr Junge kommen würde. Er hatte gleich gekabelt: »Komme Freitag.« In solchen Situationen war Topfkuchen immer ihr erster Gedanke. Am zweiten Tag, als sie wieder vor den Resten dieses Topfkuchens saßen, kam die Nachricht von Christians Tod. »De arme Minsch. Ick hew em ja gornich so recht kennt, aber er is ja woll man ümmer n büschen schwach gewesen. Is doch ne häßliche Krankheit, die alte Schwindsucht.« Anton gedachte des blassen, stillen, schüchternen Freundes und war voll ehrlichen Mitgefühls. »Nun mußt du wohl mit folgen,« meinte Mutter Krautsch. Das mußte er allerdings wohl und wollte es auch. Aber er hatte sich den ersten Besuch bei Maus so anders gedacht. Sollte das ein böses Anzeichen sein? Allezeit, in Stille und Sturm, in Ruhe und Arbeit, waren seine Gedanken bei Mariechen Mau gewesen, hatte er sich die Stunde ausgemalt, wo er sie wiedersehen würde und ihr – vielleicht – das kam ja auf Mariechen an, wie sie ihn empfing – das alles sagen, was er einmal schon zu Papier gebracht hatte und was er dann wieder zerrissen hatte, weil es ihm zu unbeholfen erschienen war. Nun, jedenfalls würde er sie sehen, würde sehen, wie sie zu ihm wäre und ob er sich Hoffnungen machen dürfe, und dann hatte er ja drei Wochen Urlaub. In drei Wochen kann man sich aussprechen. Zu der Mutter hatte er nichts von Mariechen Mau und seiner Absicht gesagt. Das war die alte Scheu, die ihn zurückhielt. Auch dachte er sich es nett, sie zu überraschen. Und wenn es fehlschlüge, nun, dann brauchte sie ja erst recht nichts davon zu wissen. Dann war es gut, daß er geschwiegen hatte. Im Trauerhaus traf er fast alle seine Bekannten an. Da waren außer Maus und Winsemanns »Buchbinders«; Tante Miete als »nächste« Angehörige in schwarzem Kreppschleier, der Alte in langem Gehrock und mit Zylinderhut. Der »Elefant« war da, Wilhelm Kröger, mit dem Anton zuletzt zusammen gearbeitet hatte, und der Schuster, der damals bei der Domwanderung mit dabei war. In eine Ecke des überfüllten Raumes drückte sich auch Tetje Butt, um nichts gewachsen, aber mit einem kleinen Anflug von Bart und sehr sauber gekleidet, den einen schwarzen Glacéhandschuh an, den andern in der Hand haltend. Er reckte wiederholt den Kopf und erhob sich auf den Zehen, als er Anton sah, konnte aber nicht zum Gruß kommen. Auch andere bekannte Gesichter aus dem Volksheimkreis waren da. Hugo sah sehr blaß aus. Seine schwarze Stirnlocke fiel ihm tief ins Gesicht, und er bewegte sich feierlich und nur auf den Zehen. Alle begrüßten Anton mit einem stummen Händedruck und mit einem geflüsterten: Wieder da? Mariechen hatte alle Hände voll, denn es wurde Wein und Kuchen gereicht. So kam er gar nicht dazu, sie zu begrüßen. Als sie ihm die kleine Schüssel mit Cakes reichte, geschah es stumm, als hätten sie sich schon begrüßt, oder Anton wäre nie weg gewesen und von so langer Reise zurückgekehrt. Das drückt auf seine Stimmung, obgleich er sich sagte, daß in dieser Stunde dieses Schweigen und dieses wie selbstverständliche Nichtbeachten keine Bedeutung hatte. Am Fuß der Sarges sah er seinen Kranz liegen. Er war größer als die meisten anderen. Er sah das mit Genugtuung. Es war ein schöner würdiger Kranz. Der beklemmende Duft von Blumen mischte sich in den Chlor- und Seifengeruch, der beständig dieser kleinen Wohnung anhaftete; allein die hier zusammengedrängt und in gedrückter Stimmung um den Sarg standen, waren gewöhnt, in einer Luft zu leben, die mit den Gerüchen ihres Handwerks durchsetzt war. Jetzt kamen auch Herr Heinrich und Pastor Collasius, dieser in Amtstracht, und eine tiefe Bewegung ging durch die kleine Trauerversammlung. Diese beiden Männer waren die einzigen, die mit dem Ernst der Stunde ein stilles gütiges Lächeln zu verbinden wußten, wenn sie den Nächststehenden die Hand schüttelten. Auch Anton empfing so ein freundliches Lächeln und kräftigen Händedruck, was er treuherzig erwiderte. Pastor Collasius stellte sich an das Kopfende des Sarges, sprach ein kurzes Gebet und sagte dann: »Liebe Trauerversammlung. Hier ist uns ein stiller und feiner Freund entschlafen, der nicht viel Wesens von sich machte und den Weg, der ihm vorgeschrieben, die Last, die ihm auferlegt, klaglos auf sich nahm. Er hat dreimal aus Heimat und Liebe scheiden müssen, ehe er für immer von hier abberufen wurde. Elternhaus und Elternliebe Hatte er früh lassen müssen. Dann zog er in das Heim seiner Pflegeeltern, denn das waren ihm sein Meister und dessen wackere Hausfrau (hier schluchzte Frau Miele laut auf). Dann zog er hier in dieses letzte irdische Heim und in die Hut einer seltenen Liebe. Wir wollen diese Liebe hier an diesem Sarge nicht demütigen, indem wir sie loben. Aber sie kann uns ein Licht sein auf unserm Weg, ein Wegweiser, wie wir zu einem schönen Ziel kommen, und eine Stärkung ist sie uns, Mut- und Trostspende. Wir wollen einer dem anderen leben. So wird die Erde uns allen schön sein und ein freundlicher Garten.« Hier wurde der Redner wieder durch ein Schluchzen unterbrochen. Ein hartes dumpfes Aufweinen. Ein paar Augen richteten sich auf Hugo, der sein Taschentuch vor das Gesicht preßte. Mariechen weinte leise in sich hinein. »Hier aus diesem letzten Heim,« fuhr Collasius fort, »sollen wir ihn nun hinaustragen durch die liebe goldene Herbstsonne nach dem stillen Garten der Ruhe und des Friedens, wo, wie der Dichter sagt: »Auf allen Gräbern taute still: Genesen.« Beten wir noch einmal miteinander und nehmen dann Abschied von unserem Freund.« Mit lauter Stimme sprach Collasius das Vaterunser. Tetje Butt stand noch immer in seiner Ecke. Tetje Butt weinte. Große Tränen tropften aus seinen hellen Augen über sein rundes Gesicht. Er drehte vor Verlegenheit seinen Hut in der Hand, besah ihn dann mal von außen und dann von innen, wo seine beiden Buchstaben T. K. in Gold glänzten. Es war das erstemal, daß Tetje Butt so eine Feierlichkeit mitmachte. Seine Mutter war damals einfach von »Armen wegen« abgeholt worden, ohne Sang und Klang. Hier war es so feierlich. Und als Pastor Collasius von Heimat und Liebe sprach, hatte er an den alten Keller denken müssen und an seinen Vater, und an seine Schwester und deren Kinder. Er hatte von allen nichts wieder gehört. Und seine zweite Heimat? Ob die bei Peter Witt war? Peter Witt war doch eigentlich recht nett zu ihm. Jetzt, da alles durcheinanderdrängte und sich die Hand schüttelte und gegenseitig Beileid aussprach – denn wem sollte man es eigentlich aussprechen – Buchbinders waren ja wohl die nächsten dazu, aber die meisten hielten sich an Mau's als die letzten Pfleger – jetzt stand Herr Heinrich plötzlich vor Tetje Butt, gab ihm die Hand und sah ihm mit einem freundlichen Blick gerade in die verweinten Augen. Da ging es wie ein Sonnenschein durch Tetje Butt und er atmete ordentlich auf. Hugo, als Christians nächster Freund, war natürlich auch Gegenstand großer Teilnahme. Sein tiefes Aufschluchzen während der Rede wurde freilich in seiner tiefsten Ursache falsch gedeutet. Ihm mußte jedes Wort, das von Mariechens seltener Liebe und Aufopferung sprach, wehtun. Ja, da hatte sie ihr Herz hingegeben. Unbegreiflich. Aber sie hatte Christian geliebt. Jetzt war es ihm klar. Wie konnte er nur auf den Gedanken kommen, sie hatte Anton gemocht. Aus allem Weh und aus aller Trauer um den Freund rang sich plötzlich ein leuchtender Hoffnungsstrahl: Es kann noch alles gut werden. Jetzt ist er tot, sie kann ihm nicht ewig nachtrauern, das Leben will sein Recht. Und wie Hugo, so glaubte auch Anton, daß Mariechen an Christian gehangen hatte. Wie konnte er auch wissen, von welcher Art die Liebe war, die Mariechen für den armen Leidenden empfunden hatte. Was wußte er überhaupt von Mariechen? Er kannte sie ja nur von der Domwanderung her. Aber so wie er ihre schlanke Gestalt und ihr hübsches Gesichtchen wiedergesehen, war sie ihm wieder begehrenswert erschienen. Einzig sie und keine andere. Ach, wie hatte Collasius' seines Lob seines Mädchens ihm wohlgetan. Und als nun der Sarg geschlossen, die Träger ihn aufhoben und die Treppe hinunterbrachten und die Leidtragenden, die noch das Geleit bis an das Grab geben wollten, sich rüsteten, überkam ihn fast ein Bedauern, daß nun alles zu Ende war. Aber da trat Mariechen unverhofft zu ihm, gab ihm noch einmal die Hand und sagte, sie fände es furchtbar nett, daß er gekommen sei, wo er doch wohl gerade erst von der Reise daheim wäre. Aber er hätte recht getan. »Christian hielt so viel von Ihnen, Herr Krautsch.« »Von mir?« Er wurde ganz rot. Sie bemerkte das und mochte das leiden. »Nicht wahr, es ist beinah wie eine Liebeserklärung, wenn einem so was gesagt wird,« sagte sie. »Aber es ist so, er hat immer von Ihnen gesprochen in seiner Krankheit.« Anton dachte, wie wenig er sich um den stillen Freund gekümmert und machte sich Vorwürfe. Jetzt war es zu spät. Aber es war ihm doch wieder unendlich wohltuend, daß er mit Mariechen zusammen in der Liebe des Verstorbenen gelebt hatte. War das nicht eine schöne Vorbedeutung? Es war ihm, als legte der tote Freund ihre beiden Hände ineinander: Ihr waret mir das Liebste, habt Euch nun auch lieb. Und jetzt kamen auch Frau Mau und Frau Winsemann und Pastor Collasius und Herr Heinrich. Alle kamen sie noch einmal und begrüßten den Heimgekehrten. Er war mit einemmal Mittelpunkt des Interesses, in den letzten Minuten, wo alles auseinandergehen wollte. Und als sie nun alle gingen, wandte sich Mariechen noch einmal zu ihm. »Nun müssen Sie aber mal ordentlich kommen, Herr Krautsch, und uns von Ihrer Reise erzählen. Ich habe mich so zu Ihrem letzten Brief gefreut. Aber Wort halten! Ja kommen!« Anton ging wahrhaftig in einer fröhlichen Stimmung von Christians Sarg hinweg. Er konnte es nicht helfen, er war fröhlich. Tetje Butt hing sich an ihn und fuhr bis zum Meßberg mit. Tetje Butt fragte das Blaue vom Himmel, und Anton war ärgerlich auf Tetje Butt. Seine Gedanken wollten ungestört bei Mariechen Mau verweilen, auch einmal beim toten Christian. Aber Tetje Butt, der sich freute den Fahrgästen zeigen zu können, daß er mit dem großen Mariner auf »Du« und »Du« stand, ließ ihm kaum Ruhe. »Du Anton, sag mal. Du Anton, hör mal. Du Anton, ist das wahr?« Und Anton sagte meistens ja und bereicherte Tetje Butts Länder- und Völkerkunde mit sehr merkwürdigen Kapiteln. Am Meßberg sprang Tetje ab, blieb noch mitten auf dem Fahrdamm stehen und winkte aufgeregt mit der Hand zum Abschied. Anton sah sich lachend um: »Immer noch so n lütten Butt. Aber er sieht mal propper aus, und war so n richtigen lütten Sottje früher.« Vierzehntes Kapitel Mariechen Mau stand gerade am Plättbrett, als Anton wiederkam. Ihre Mutter war auf Nachbarschaft, und sie mußte ihn allein empfangen. Er drückte ihr ein mächtiges Rosenbukett in die Hand und ließ sich von ihr ins Zimmer nötigen. Sie folgte ihm, wie sie war, gab einen flüchtigen Versuch, die Ärmel schnell herunterzustreichen auf und entschuldigte sich mit ein paar Worten, daß sie ihn so bei der Arbeit empfangen müsse. Aber das mache ihm gar nichts aus, durchaus nicht, versicherte er und ließ sich auf das Sofa nötigen. Sie setzte sich ihm gegenüber auf einen Stuhl und fing verschiedene Dinge an zu fragen und zu erzählen, nachdem sie noch einmal die schönen Rosen bewundert hatte. Es war natürlich zuerst von Christians Beerdigung die Rede. Und sie kam wieder darauf zurück, wie oft der Verstorbene auf seinem Krankenbett nach Anton Krautsch gefragt hatte. »Sie haben wohl auch recht viel von ihm gehalten,« fragte er zurück. »Er war so n netten stillen Menschen. Er tat mir immer so leid. Aber Sie müssen mich nur nicht so genau ankucken.« Sie versuchte wieder die Ärmel herunterzustreifen, und diesmal gelang es. Er bedauerte das. Was hat sie für hübsche Arme, so fein und zart bei all der Arbeit. »Sie kucken mich ja auch immer so an,« sagte er. »Wenn Sie mir n Knopf abkucken, müssen Sie ihn wieder annähen.« »Das kann ich ja dann auch tun,« lachte sie, »ich komm für allen Schaden auf.« »Wenn du das man wirklich tust, is ja alles gut,« dachte er, »du hast schon viel Schaden angerichtet.« »Wie gehts Mutter?« fragte sie munter. »O ja, danke, Mutter gehts immer gut. Sie is nur man bang, daß ich bald heiraten tu, und da muß sie sich doch mal in finden.« Mariechen sah ihn schnell an, wurde ein wenig rot und lachte sonderbar. »Wollen Sie denn bald heiraten?« »Da hör'n immer zwei dazu, Fräulein.« »Na, der zweite wird sich schon finden. Das ist allemal nicht schwer. Wenn der erste man erst da ist. Aber der läßt manchmal lang auf sich warten. Aber ich muß schnell mal nach meinem Eisen sehen. Einen Augenblick. Ich komm gleich wieder.« Hinaus war sie. Anton wartete, und als sie nicht bald kam, ging er ihr nach. »Ihnen wird wohl all die Zeit lang. Einen Augenblick man, ich will man diese Schürze fertigmachen.« »Lassen Sie sich man nicht stören, sonst darf ich am Ende gar nicht wiederkommen.« Er zog sich einen Stuhl heran und sah ihr zu. »Das dürfen Sie doch, so oft Sie wollen,« sagte sie. »Dann kriegen Sie auch n Plätteisen und können mir helfen. Können Sie auch waschen?« »Will ich meinen. n Seemann kann alles.« »Sie sind aber doch gar kein Seemann, wenigstens kein richtiger. Ich möcht auch keinen Seemann haben. Ich bedaure immer die armen Frauen.« »Aber so n halben nehmen Sie doch?« »Das kommt auf den Halben an.« »Na, so wie mich, zum Beispiel.« Sie legte gerade einen weißen Unterrock zusammen und hielt ihn in ausgestreckten Armen, so daß ihr Gesicht dahinter versteckt war. »Das möchten Sie wohl wissen,« lachte sie hinter diesem frisch geplätteten Rock hervor. »Ja das möchte ich gern wissen, Fräulein Mau.« Sie konnte den Rock nicht ewig so halten, sie legte ihn behutsam weg, wobei sie sich tiefer und länger als nötig über den Rock bückte, so daß ihr das Blut ins Gesicht schoß. Als sie sich nun wieder aufrichtete, trafen sich ihre Blicke, und jeder sah, wie es um den andern stand. Sie lehnte sich leicht, die Ellbogen aufgestützt, mit dem Rücken gegen das Plättbrett und sah auf ihre Füße. Er stand dicht vor ihr. Ihr junger schlanker Leib bog sich ihm so geschmeidig entgegen. Da packte er zu. Seine große Hand legte sich um ihre Schultern, und ganz langsam zog er die etwas Widerstrebende an sich, bis er sie fest in den Armen hielt. »Weiter hast du ja gar nichts gewollt,« sagte sie, als er sie mit einem letzten Kuß freigab. »Ne, hab ich auch nicht. Hast auch wohl gleich gemerkt, was?« »Mit so n Bukett? Das ist ja verdächtig.« Mariechen wurde ziemlich spät mit ihrer Plättarbeit fertig. »Mutter kommt erst um zehn Uhr nach Hause. Morgen muß du gleich wiederkommen, hörst du, aber erst am Nachmittag, morgen Vormittag gibt's noch viel Arbeit.« Sie vergewisserte sich, daß niemand auf dem Korridor war und schob ihn dann schnell hinaus. * »Is nich wahr Anton!« Das war das erste, was Mutter Krautsch sagte, als Anton mit seiner Überraschung herauskam. »Das mußt du mich noch mal erzählen. Allens. Wie ist das bloß gekommen?« Als er seine Erzählung wiederholt hatte, fing sie aber an zu jammern: »Anton, Anton, da kann ich mich nich zu freuen. Warum besprichst du dich nich mit dein Mutter.« »Ich bin doch alt genug, Mutter und so ne Sache, das weißt du woll, das macht man lieber allein ab.« »Harrst mi dat doch man seggt, Anton.« Anton glaubte zuerst, seine Mutter könnte sich nicht in den Gedanken fügen, daß er heiraten wolle. Das begriff er. Er war ihr Einziger. Die Mütter trennen sich immer schwer von den Söhnen. Aber nun wurde er doch hellhörig, da schien noch etwas anderes zu sein. »Hast du was gegen ihr?« fragte er. »Ne Anton, ne. Ich hab nichts gegen ihr. Sie is n klein nettes Mädchen, soviel ich ihr kenn. Ach Gott, ich kann dich ja alles gar nich so sagen. Ich muß mich da erst einfinden.« »Wenn du nichts gegen ihr hast, dann mußt du dich auch nicht so haben, Mutter.« »Laß uns nu nich mehr darüber sprechen, Anton. Morgen.« »Warum morgen?« »Nein Anton, sei vernünftig. Büst ja ümmer mein guter Anton gewesen. Laß deiner alten Mutter Zeit.« »Meinetwegen. Aber das kommt mich närrisch vor.« »Sag auch Lene nichts, hörst du?« »Die kriegt das alles früh genug zu wissen, da sei man nich bang.« Anton verstand seine Mutter nicht, ebensowenig wie Mariechen die ihre. Frau Mau nahm die Eröffnung von dieser schnellen Verlobung am Plättbrett ebenso erschrocken auf, wie Mutter Krautsch. »Kind, Kind. Wär ich doch man zu Hause geblieben.« »Ich versteh dich nicht Mutter, was hast du denn?« Frau Mau strich ihrer Tochter liebkosend über den Scheitel. »Ich will dich ja so gern recht glücklich sehen, aber das kommt mir so plötzlich und fällt so schwer auf mich.« »Kannst ihn denn nicht leiden,« platzte Mariechen heraus. Da sah die alte Frau sie so eigen an. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Kind, das ist eine schwere Prüfung für mich und eine Versuchung. Wenn ich jetzt schweige und soll es dann allein mein Leben lang bei mir behalten, ich bin bang, das kann ich nicht.« »Was ist das Mutter, sags, quäl dich nicht,« drängte Mariechen. »Es ist auch wohl besser. Ich dacht, es wär nie nötig. Aber jetzt ist es doch nötig.« Mariechen hatte sich zu ihr gesetzt und sie umgefaßt. »Denkst du noch manchmal an deinen Bruder,« fragte Frau Mau. »An Willi?« »Du warst ja noch so klein.« »Ja, als Willi starb.« »Er ist da schuld dran.« »Wer? Woran?« Mariechen starrte die Mutter verständnislos an. »Er hat es ja nicht gewollt. Er hat unsern süßen kleinen Willi mit einem Stein geworfen.« »Tot geschmissen,« rief Mariechen. »Weiß er das? Hat er das gewußt?« »Er weiß es wohl nicht. Aber er muß es ja doch einmal erfahren, wenn Ihr Euch kriegt, und dann ist es immer zwischen Euch. Und wenn er es auch nicht erfährt, ich weiß es doch, und so ein Geheimnis tut nicht gut.« Mariechen war so glücklich gewesen, so ausgelassen glücklich, als sie ihrer Mutter nach und nach mit aller Schelmerei ihr Verlöbnis mit Anton anvertraute. Und jetzt dieses! Im Wohnzimmer saß Frau Mau und weinte still vor sich hin, und im Schlafzimmer lag Mariechen vor ihrem Bett auf den Knien und schluchzte. Natürlich mußte es jetzt gerade klingeln, und gerade Frau Winsemann mußte es sein, die etwas Petroleum auf ihre Lampe entleihen wollte. »Fehlt Ihnen was, Frau Mau?« Frau Winsemann wußte ja von der alten Geschichte. Ihr konnte man ja sein Herz ausschütten. »Anton Krautsch?« Frau Winsemann schlug die Hände zusammen, aber Rat wußte sie auch nicht. »Will sie ihn denn?« Als Frau Mau das zweifelhaft ließ, kehrte sie noch mal in der Tür um, stellte die Petroleumlampe auf den Fußboden und meinte: »Frau Mau, wenn ich da was zu sagen soll, erlauben Sie es nicht. Sie können das Ihr Lebtag nicht vergessen. Er ist doch immer sozusagen der Mörder von ihrem –« Frau Mau unterbrach sie mit einer Äußerung des Schreckens. »Was n Wort, Frau Winsemann! Nein, n Mörder ist er nicht, sagen Sie doch so was um Gotteswillen nicht.« »Ich mein es ja auch nicht so,« entschuldigte sich Frau Winsemann. »Ich meine man, die Sache ist ja doch nicht so leicht. Es ist ja doch immer Ihr Kind gewesen. So n kleines nüdliches Kind. Ich seh ihn noch immer vor mir. Er war immer so artig.« So wühlte Frau Winsemann in dem wunden Herzen ihrer Nachbarin und Freundin. * »Er ist ja nun ein erwachsener Mensch,« dachte Frau Winsemann, »du kannst es ihm jetzt ja gern sagen.« Und sie sagte es Hugo. Es sei ja bisher ein Geheimnis gewesen, aber jetzt müsse man ja darüber sprechen. Es sei ja auch zu schrecklich für Frau Mau. Und Mariechen sei ja so selbständig, so eigenwillig und täte, was sie wolle. Und was dann werden solle. Hugo war ganz zerschmettert. Also doch nicht Christian. Doch kein freies Feld mehr. Und Anton? Anton Krautsch? Und schon so gut wie verlobt? Daher dieser Brief! Daher der Korb, den er bekommen! Aber das war ja ganz ausgeschlossen, daß Mariechen den Mörder ihres Bruders heiraten konnte. Ja, den Mörder ihres Bruders. Was war er denn anders? Warum sollte man das beschönigen? Hugo beschönigte nichts. Er nannte alles beim rechten Namen. Soviel Mut muß man haben. Seine ideale Natur empörte sich gegen den Gedanken, daß Anton seine blutbefleckte Hand nach Mariechen ausstrecken könnte. Und doch, er würde es tun. Er war immer grob und roh und gewalttätig. Aber Mariechen würde ihn zurückstoßen, mit Abscheu: Hinweg Elender! Du bist der Mörder meines Bruders! Welch ein Drama! Welch eine Tragödie! Wenn das Christian gewußt hätte, Christian mit seiner Schwärmerei für Anton; er hätte das nie begreifen können, diese feine stille, vornehme Seele. Ja, Christian zuliebe hätte er auf Mariechen verzichten können. Blutenden Herzens. Aber Anton Krautsch? Nie! Niemals würde er dem Mariechen gönnen. Hugos Eifersucht wuchs bis zur Raserei. Er wollte es verhindern, um jeden Preis. Mariechen war verblendet, war töricht, eigensinnig genug, nicht von Anton zu lassen, angenommen, sie hinge wirklich an ihm. Aber es durfte gar nicht erst so weit kommen. Schon Frau Maus wegen nicht. Die arme Frau dürfte nicht unglücklich werden. Aber wie das verhindern? Hugo schlief die ganze Nacht nicht und wiegte die wahnsinnigsten Pläne im Kopf. Am Morgen war er zu einem Entschluß gekommen. »Ich tus. Ich bin es Mariechen schuldig. Bin es ihrer Mutter schuldig, bin es mir selbst schuldig. Als Junge hab ich immer hinter ihm zurückgestanden. Was war er da für ein eingebildeter, lümmelhafter Bengel. Jetzt tu ich es nicht mehr!« Die Eifersucht verzerrte ihm das Bild Antons. Vergessen war alle Kinderfreundschaft. Und aller Neid, der sich langsam in ihm angesammelt, Neid auf Antons körperliche Überlegenheit, auf sein besseres Auskommen, auf seine inneren Vorzüge, die er wohl empfand, jetzt spritzte auch der sein Gift gegen den Freund. Fünfzehntes Kapitel Mutter Krautsch hatte sichs in schlafloser Nacht überlegt. Sie wollte der Sache ihren Lauf lassen. Anton hatte ja Mariechens Jawort, möchte es jetzt darauf ankommen, wie Frau Mau sich dazu stellte. War doch alles so lange, lange her. Anton selbst hatte ja kaum mehr eine Erinnerung aus den Jahren dieser ersten Kinderzeit. Ebensowenig Mariechen. Wenn Frau Mau nun alles überwunden hätte und schwieg, so wollte sie doch sicher nicht diejenige sein, die wieder daran rührte und Anton diesen Schatten auf seinen Lebensweg würfe. Anton freute sich, seine Mutter am nächsten Morgen soviel nachgiebiger zu finden. »Du mußt es ja wissen, mein Sohn, ob es zu deinem Glück ist,« sagte Mutter Krautsch. »Mich kommt es so überraschend. Und das mit Lene und die ganze alte Geschichte. – Wenn man alt ist, nimmt einem das ümmer ganz anders mit.« »Du alt?« lachte Anton. »Oll Mutter, dor hest noch n beten Tid mit.« »Seggst woll, Anton, seggst dat woll, aber der Mensch nimmt mal ab und wenn denn allens so auf ihn reinbricht –« »Was bricht denn rein? Ne kleine niedliche Schwiegertochter. Das wirst doch wohl noch aushalten können.« Er faßte sie um und küßte sie. Er tat das selten. Aber heute war ihm das Herz zu voll. Er konnte die Zeit nicht erwarten, wo er sich wieder auf den Weg zu Maus machen dürfte. Wie langsam schlichen die wenigen Stunden. Er spielte mit Hellachen und dachte: Nachher hast du auch so n kleinen Wurm. Dabei wurde es ihm wunderlich zu Sinn. Er als Papa. Mit Frau und Kind. – Na, das war ja noch ein bißchen hin, aber er lachte doch still in sich hinein bei diesem Ausblick in die Zukunft. Lene, die wohl merkte, daß Mutter und Sohn was auf dem Herzen hatten, aber mit keinem Gedanken das Rechte traf, freute sich, daß »Onkel Anton« so nett mit ihrer Kleinen war. Wenn er der Vater ihres Kindes wäre! Er und nicht Fritz Kleesand. Aber das war jetzt ein dummer Gedanke. Anton dachte wohl noch nicht ans Heiraten. Einmal würde freilich wohl die Zeit kommen. Was er sich dann wohl für eine aussucht? Vielleicht hat er schon in Kiel eine sitzen. Er spricht sich über solche Sachen ja nicht aus. Er war ja immer schon so komisch, was die Mädchen anbelangt. Nachmittags machte Anton sich fein. Er hatte doch Herzklopfen jetzt. Wie würde Frau Mau ihn aufnehmen? »Zwischenkommen kann da nichts mehr,« sagte er zu sich selbst. »Mariechen ist ja volljährig. Wenn sie will, ist alles in Ordnung; und sie will ja.« »Wenn ich wiederkomme, bring ich ihr gleich mit, Mutter,« sagte er laut. »Is recht mein Jung, geh nur erst mal hin. Das andre findet sich ja dann alles. Du bist ordentlich n büschen blaß.« »I wo!« Er sah aber doch in den Spiegel. War er wirklich blaß? Es mag ja sein. Schwer ist so ein Gang ja immer. Nun war ihm wirklich etwas beklommen zumute. Was mußte seine Mutter auch von Blaßsein sprechen. »Hast nicht noch n Schluck Portwein, Mutter?« »Ne mein Jung, da is wohl nichts mehr ein. Aber n kleinen Pfeffermünz.« Anton nahm einen kleinen Pfeffermünz, trank aber gleich ein Glas Wasser hinterher. »So n pfeffermünzigen Kuß wird sie auch nicht mögen.« Endlich ging er. »Adjüs Mutter. Heute abend gibt es Punsch.« Lene, die das von der Küche aus gehört hatte, fragte verwundert: »Was ist denn los?« »Was soll los sein?« »Ich mein, von wegen dem Punsch.« »Ach, er is man büschen übermütig heute,« sagte Mutter Krautsch. Anton war indessen kaum auf die Straße getreten, als ihn der Briefträger anhielt. Ein Brief? Er bekam nicht oft Briefe. So griff er hastig danach und öffnete ihn ungeschickt. »Von Hugon? Was will der denn?« Es waren nur wenige Zeilen, aber Anton las sie dreimal, viermal. Jetzt war er wirklich blaß, totenblaß. Die Leute sahen sich nach ihm um. Plötzlich riß er sich aus seiner Erstarrung. Alles Blut schoß ihm stürmisch zu Kopf. »Das ist nicht wahr. Das lügt er!« Mutter Krautsch erschrak, als er wieder zurückkam, einen offenen Brief in der Hand, zitternd vor Erregung. »Was is dich? Anton, was is?« »Mutter!« Er rang nach Atem. »Da, da!« Er warf den Brief auf den Tisch. »Lene, ga rut! Dat geiht di nix an!« Anton schob Lene zur Tür hinaus. »Lies dat erst. Lies dat mal!« Mutter Krautsch, von bangen Ahnungen erfüllt, nahm zitternd den Brief. »Anton, dat is n Niedertracht, dat is n jämmerliche Niedertracht!« Sie fiel in ihre Sofaecke zurück und starrte Anton mit ängstlichen, fast irren Augen an. »Dat lügt he. Is dat wohr, Mutter.« »Mien Söhn! Mien Söhn! Mien arme Söhn,« jammerte Mutter Krautsch. »Is dat wohr Mutter?« »Wat schrifft he?« Mutter Krautsch griff nochmals nach dem Brief. »Sozusagen Mörder des kleinen Willi – o, disse Bengel, de Hugo de, dat is infam, dat is ja infam.« »Wo het he dat her? Mutter? Wat is daran wohr? Ick will dat wet'n.« »Ne, mien Söhn, du bist ken Mörder. Bin allmächtigen Gott nich.« »Aber da möt doch was Wohres an sien. Dat kann he doch nich ut de Luft grip'n.« »Dat kann he nich. Ne, dat hett he von ehr. Dat hett se em seggt, wenn dor nich n anner över sprek'n het.« »Woröver? Da is wat. Dat hett wat to bedüden.« »Ja, mien Anton, dat hett dat. Ick kann di dat ja nu nich länger verschwigen. Aber n Mörder bist nich. Ne mien Söhn, dat weet de leeve Gott, un dat weet ick un dat weet'n all Lüd.« Als Anton von seiner Mutter erfahren hatte, um was es sich handelte, sagte er nur langsam: »Dat is dat?« Dann ging er mit schweren Schritten im Zimmer auf und ab. »Ich mein, das is man Kinderkram gewesen, Mutter. Das is mir so, als hätt ichs gar nicht getan. Ich hab da ja niemals von gewußt. Und weiß auch jetzt nichts davon. Glauben muß ich es ja, und für Frau Mau is es ja schrecklich. Und für Mariechen, wenn sie es erfährt – und dann – auch für mich.« Er setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hände, sprang aber gleich wieder auf. »Nun sagt sie wohl nein. Da kann ich ja nichts bei machen. Dann muß ich das so hinnehmen. Aber von wegen Mord und so was« – er lachte hart auf. »Das will ich vorn lieben Gott verantworten. Das is man bloß n Unglück, n Malör. Und das hat auch Frau Mau gar nicht gesagt. Das sagte die Frau Mau nicht. Das ist ein Schurkenstreich von Hugo.« »Wie kommt der Jung dazu,« jammerte Mutter Krautsch. »Da frag ich ihn nach, da verlaß dich auf.« »Anton, laß dir man bloß nicht hinreißen.« »Der? Der? Der is mir viel zu gemein. Man bloß anspucken!« »Geh man bloß heute nicht mehr hin. Ich bitte dich, mein lieber Sohn.« »Ne, sei nich bang. Als angeschuldigter Mörder geh ich nicht wieder in das Haus. Erst soll alles ins reine.« »Aber er wohnt ja doch bei ihr im Haus.« »Ich schreibe.« »An Hugo?« Anton besann sich einen Augenblick. »An Marie.« »Das kannst du doch nicht so. Wenn die nun noch nicht davon weiß? Aber an ihre Mutter kannst du schreiben, so und so hätte Hugo dich geschrieben.« »Und ich käme nicht eher wieder, bis alles aufgeklärt ist.« »Ja, so tu das man, mein Sohn, so is es denn wohl auch am besten. Oder soll ich mal hingehen?« »Du Mutter? Keinen Schritt. Solang dein Sohn n Mörder ist? Nein, dazu bist du zu gut.« Wie anders hatte Anton sich diese Nachmittagsstunden geträumt. Statt Mariechens liebe Lippen zu küssen, malte er nun mit schwerfälliger Hand seine großen Buchstaben aufs Papier. Es war ein schwerer Brief, nicht weil ihm die Gedanken, sondern weil ihm die Hand nicht gehorchen wollte. Viel war es nachher nicht, was da stand, aber es genügte und dünkte ihm selbst gut und würdig, als er es noch einmal durchlas. »Sehr geehrte Frau Mau! Hugo Winsemann schreibt mir, daß ich der Mörder Ihres Willi bin. Ich fühle mich nun keines solchen furchtbaren Verbrechens schuldig. Hugo muß es mal vor Gott verantworten, daß er so schlecht an mir jetzt handelt. Meine Mutter hat mich alles erzählt und tut mir das Herz weh, daß ich Sie solchen Kummer gemacht habe. Aber ich war doch man noch klein und ist allens nur ein schweres Malöhr gewesen. Zu Mariechen kann ich nun nicht eher wieder hinkommen, als bis Sie mich schreiben, daß ich es tun soll. Soll ich es nicht, so muß ich es ja auf mich nehmen. Grüßen Sie Ihr Fräulein Tochter. Ich hätte das ja alles nicht gewußt und fühlte mich gänzlich unschuldig. Einem Mörder sollen Sie Ihr Kind nicht geben, womit ich verbleibe und grüße als Ihr Anton Krautsch. Antons Ruhe und Selbstbeherrschung war mit dem Schreiben erschöpft. Er fing an, sich mit jenem schrecklichen Unglück aus seinen Kindestagen zu beschäftigen, grübelte sich hinein und kam sich zuletzt doch fast wie ein Mörder vor. Er scheute sich auf die Straße zu gehen, und Mutter Krautsch mußte den Brief selbst nach dem Briefkasten tragen. Lene Lerch, die einzelne erregte Worte aufgefangen hatte, bekam ihre Neugierde gestillt. »Besser sie weiß allens, als sie denkt sich allerlei zurecht,« sagte Mutter Krautsch. Lene fand das alles nicht so schlimm. Das konnte doch jedem mal passieren. Ein reines Malheur. »Das hab ich überhaupt längst gewußt, daß da nichts an war.« »Du hast das gewußt? Woher? Bist wohl nicht klug, Deern.« »Ich war doch auch kein Kind mehr damals. Und die alte Cyriaksen und – ich weiß nicht, wer die andern noch waren, die quasselten mal so was zusammen. Ganz hab ich es ja nicht verstanden. Und geglaubt hab ich es auch nicht. Nur einmal, als Mutter so weinte. Aber dann war Frau Mau wieder so freundlich mit Anton, und Anton war immer so vergnügt.« »Und all die Zeit hast du dir gar nichts dabei gedacht und gar nichts mal davon gesprochen.« »Ne, Vater lebte ja noch. Und denn war ich da ja auch noch ümmer so n büschen bang, und nachher wurde da ja überhaupt nicht mehr von gesprochen, und da dachte ich: Das ist doch man allens Unsinn.« »Deern, Deern. Und das hast du allens gewußt,« rief Mutter Krautsch. »Mich wird ganz schlecht bei dem Gedanken.« »Wie gut, daß Hugo Winsemann nicht früher davon gewußt hat,« meinte Lene. »Der Bengel ist ja wohl verrückt. Der will die Deern man selber haben. Sollt man sehen, das ist nur so n eifersüchtiger Filoustreich.« »Ja, das is er, Anton, hörst es? Lene hat ganz recht, weiter is es auch woll gar nichts gewesen. Nun wird mir allens klar. Er will ihr man selber haben, und nun schwärzt er dich an und will dich zurückhalten damit.« »Damit wird es nicht anders, Mutter. Einmal is ja doch so n bischen was Wahres dabei, und dann ist das ne ganz furchtbare Niedertracht vom Hugo. Und das soll er fressen, fressen soll er das!« Lene dachte an den Punsch, den Anton sich für den Abend bestellt hatte. Er tat ihr leid. »Ja, ja, mit der Liebe is das man nicht so,« dachte sie. »Das weiß ich am besten. Da kommt oft was zwischen. Wenn nicht früher, dann nachher. So ne gemeine Handlungsweise von dem Hugo. So was hätte Fritz nie getan. Aber er hat ja all immer um ihr rumscharwenzelt. Schon als Jung. Sie war da ja immer schon auf aus. So kokett wie sie ist. Nun sieht sie, was sie angerichtet hat. Anton hätte man besser getan und wäre davon geblieben. Viel los is da ja doch nicht.« Das waren Lenens Gedanken, die ja nie gut auf Mariechen Mau zu sprechen war und ihr nun Anton gönnen sollte. »Eigentlich wäre es man ganz schön, wenn es auf die Art wieder auseinanderkäme. Das is doch nichts Rechtes für ihn.« Aber vorläufig sah es nicht so aus, als ob es gleich wieder auseinanderkommen sollte, denn am andern Morgen – es war ein »Sauwetter«, wie sämtliche Frühkunden Mutter Krautschens versicherten – kam Mariechen Mau im Regenmantel und unter dem Regenschirm, den sie nicht ohne Mühe im Wind niederspannte, als sie sich anschickte, die Treppe zu Krautschens Keller hinunterzusteigen. Anton hatte sie vom Sofa aus kommen sehen, stand jetzt mit beiden Fäusten auf den Tisch gestützt und starrte auf die Tür. Er hörte sie draußen sprechen. »Ist Ihr Sohn zu Hause?« »Ja, warten Sie mal n Augenblick. Bin gleich fertig.« Aber es dauerte nach Antons Meinung eine Ewigkeit, bis seine Mutter fertig war. Sollte er hinausgehen? Was wollte sie? War das zum Guten oder zum Bösen? Endlich öffnete sich die Tür. Er stand noch immer in derselben Stellung. »Fräulein – Mau –« wollte er sagen, aber sie kam ihm zuvor. »Anton!« Mit beiden ausgestreckten Händen kam sie ihm entgegen. »Was n Unsinn, was n Blödsinn!« Sie lachte. Es war mehr ein mißglückter Versuch dazu. »Das hat er dir angetan?« Es kam nur noch schluchzend heraus, und als Anton, hilflos wie ein Kind, Tränen in den Augen, aber im Herzen noch einen Rest von Stolz und Scham, sich nur mühsam sammelte, fiel sie ihm um den Hals und weinte. Mutter Krautsch konnte keine Tränen sehen und fing mit an zu weinen, und hier war sie wirklich die Nächste dazu. Sie weinte in ihr Schnupftuch, und als sie das überströmte Gesicht etwas erhob, sah sie, wie die beiden sich küßten. Sie ließen sich auch darin nicht stören. Konnte der Junge küssen! »Anton, du tust ihr ja weh,« rief sie besorgt. »Bist eifersüchtig, Mutter?« Da kam sie auch an die Reihe. Solchen Gemütsstürmen war sie nicht gewachsen. Sie setzte sich auf den Stuhl neben dem Eckschrank und weinte sich aus. Mariechen aber erzählte. »Meine Mutter denkt gar nicht daran. Das ist ja all lang in der Reihe. Hugo ist ja wohl n bißchen püttjerich geworden. Na, ich hab ihm den Kopf gewaschen, aber naß, sag ich dir. So klein ist er, so ganz klein. So ne Dummheit! Und warum?« Sie lachte gutmütig und erzählte von Hugos Werbung. »Kannst dir wohl denken, wie ihm das nu is, als er hörte, daß du den Treffer gemacht hast.« »Sag ichs nicht?« rief Mutter Krautsch. »Lene hat recht gehabt.« »Aber so was hätt ich doch Hugo nicht zugetraut.« »Ne, für so gemein hätt ich ihn nicht gehalten!« Antons Gesicht drückte tiefste Verachtung aus. »Nein, er ist nicht so schlecht,« verteidigte Mariechen ihn. »n bischen überspannt. Er hats auch gleich bereut. Geheult hat er, sag ich dir. Und du mußt ihm das nicht nachtragen –« »Nicht nachtragen?« unterbrach Anton sie heftig. »So was kann man nich einfach wegwischen wie n Dreck.« »Hugo ist wie n Bruder zu mir, da ist nun mal nichts zu ändern. Alle die vielen Jahre. Und Unfrieden soll durch mich nicht kommen.« »Durch dich?« »Nu ja. Ich bin doch mal das Karnickel. Wenn ich ihn genommen hätt, wär er doch vernünftig geblieben.« Anton fand, daß Mariechen die Sache etwas zu leicht nahm, aber Mutter Krautsch sah nur ihr gutes Herz darin. »Sie hat recht, Anton. Das war n alter dummer Streich von ihm. Er is nich ganz bei sich gewesen. Wenn Fräulein Mau das auch so meint –« »Fräulein Mau is gut,« sagte Mariechen dazwischen. »Das kann ich nicht,« rief Anton. »Mit Hugon is es aus!« »Ne, Anton. Ich hab es ihm versprochen, daß ich alles wieder ins Rechte bringen wollte. Und eh geh ich nich wieder weg. Regnen tuts auch noch, und es wartet sich hier ganz nett.« Sie warf einen Blick zum Fenster hinaus. »Wirklich n schönen Tag heute. Das muß ich sagen.« Sollte er schelten, oder sollte er sich über Mariechens drollige Art freuen? »So schnell kann ich da nich über weg,« sagte er. »Sollst auch nicht gleich. Heut siehst ihn doch nicht mehr.« Anton hatte ihr den Rücken gewandt und sah zum Fenster hinaus; der Regen klatschte auf das Trottoir und warf seine Spritzer gegen die Scheiben. »Es is ihm eben sauer geworden, auf so n hübsches Mädchen zu verzichten, und das muß dich doch freuen, daß sie sich all so um mich haben,« sagte sie schelmisch und trat an ihn heran und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Und wenn ich bitt, kannst du doch nicht anders als ja sagen.« Da wandte er sich um und schloß sie in seine Arme. »Deern, wenn de Hund dat je in sin Leben vergeten deiht, daß du för em beddelt hest ...« Seine Stimme nahm einen drohenden Klang an, doch seine Augen sahen mit inniger Zärtlichkeit auf das schelmische Gesicht des Mädchens, das sich ihm voll entgegenhob. »Der macht noch n Gedicht zu unserer Hochzeit, sollst mal sehen,« scherzte Mariechen. »Deern, du bist n Racker!« Er riß sie an sich und küßte sie. Nun mußte auch Lene hereinkommen. Sie war befangen. Die Kleine hing an der Schürze. Aber Mariechen überhob sie der Befangenheit, indem sie gleich mit dem Kind an zu scherzen fing, vor ihm niederkniete und es in die Arme nahm. »Wie heißt du denn?« »Hella,« antwortete Lene für das Kind. »Eigentlich heißt sie auch Lene,« sagte Mutter Krautsch. »Ach Hella finde ich süß,« meinte Mariechen. »Und wie sieht sie Ihnen ähnlich!« Allen fiel das Sie auf, aber Lene sagte auch Sie und Fräulein Mau, und Mariechen sagte auch zu Mutter Krautsch Sie. Wie sollte sie auch anders sagen. Aber jeder hatte das Gefühl des Fremden und Steifen dabei. Gehörten sie denn eigentlich nicht alle zusammen von früher her? Lene war glücklich, daß die Kleine ihr ähnlich sehen sollte, sie war Mariechen ordentlich etwas gut dafür. Sie widersprach zwar, das hätte noch niemand gesagt, und freute sich, daß Mariechen es lebhaft wiederholte, und daß auch Mutter Krautsch zustimmte. Nur Anton dachte: Bis auf die Nase. Die muß bei Lene noch n bischen wachsen. Und er nahm im Übermut Lenens Nase zwischen zwei Finger, so daß sie ihm einen derben Klaps gab. Mutter Krautschens Sorge war jetzt, etwas vorzusetzen. Aber was? Wein war nicht da. Bier paßte sich nicht. Aber einen Kirschlikör. Selbstgemachten Kirschlikör. Aller Widerspruch half nicht. Sie mußten mit Kirschlikör anstoßen. Und danach sagte Mutter Krautsch zum erstenmal: »Mien Dochder« zu Mariechen. Und jeder duzte den andern. Mariechen aber nahm Lenens Kleine auf den Schoß. Und als sie sie zurückgab, küßte sie sie. »Die finde ich aber nüdlich, Lene. Da könnt ich dich um beneiden.« Alles lachte hell auf, nur bei Lene schlug es in Weinen um. Aber es waren Tränen, durch die ein Sonnenschein brach. Den hatte Mariechen ihr ins Herz geworfen. Jetzt drängte diese Anton zum Aufbruch. »Du mußt gleich mitkommen. So was muß schnell klar werden. Und Mutter ist doch am Ende die Hauptperson dabei,« setzte sie leise hinzu. Da ging Anton mit ihr. »Was n Tag, was n Tag,« sagte Mutter Krautsch. »Und dabei so n Wetter, nu sieh mal, wie es wieder klatscht. Wenn sie man nich so naß werden unterwegs. Sie sind nun beide so heiß. Bist du auch so heiß?« Lene war auch so heiß. »Ich muß man immer an Hugo denken,« sagte Mutter Krautsch, »und war so n kleinen netten stillen Jung früher.« * Hugo hatte seinen übereilten törichten Schritt sofort bereut. Er hätte alles darum gegeben, den Brief wieder zurückzubekommen. Aber es war zu spät. Er hatte seiner Mutter nichts davon gesagt. Sollte er sich ihr jetzt anvertrauen? Aber er schämte sich gründlich. In dieser verzweifelten Stimmung war ihm Mariechens Einmischung eine Erlösung. »Pfui! Pfui!« Mit diesem zweimaligen Ruf der Verachtung war sie ins Zimmer getreten und hatte ordentlich vor ihm ausgespuckt. Aber dann hatte sie sich gleich auf einen Stuhl fallen lassen und hatte laut geschluchzt. Er stand blaß und wortlos zwischen Tisch und Sofa, und seine aufgestützten Arme schlotterten. Was sollte er sagen? Die Kehle war ihm wie zugeschnürt. »Ich war wahnsinnig,« brachte er endlich heraus. »Verrückt warst du!« fuhr sie auf und sah ihn aus überträntem Gesicht zornfunkelnd an. »Verrückt warst du!« stieß sie nochmals heftig hervor. Er hatte die Empfindung, sie nie so schön gesehen zu haben, aber seine verletzte Eitelkeit machte ihm zu schaffen. Ausgespuckt hatte sie vor ihm. »Ich schreib gleich nochmal,« sagte er gepreßt. »Schreiben, schreiben,« höhnte sie. »Man gleich in Versen. Aufs Schreiben verstehst du dich ja.« Er war totenblaß bei dem Spott geworden. »Mariechen!« rief er. Es klang wie Schluchzen. – »Ach was! All deinen gelehrten Kram und die ewigen alten Gedichte. Da hast du dir bloß den Kopf mit verdreht. Das is all so n Theaterkram, so n überspannten.« »Das verstehst du doch wohl nicht, Mariechen,« sagte er ruhig und verweisend. Sein überlegener Ton machte sie stutzig. »Will ich auch gar nicht. Das ist ja auch alles ganz gut. Das mußt du ja auch selbst am besten wissen.« »Die Dichter geben uns das Höchste und Heiligste.« »Ach was. Das hört hier gar nicht her. Es handelt sich jetzt um Anton und deinen dummen Brief.« Er schwieg und fuhr sich nur mit der Hand durch seinen Haarschopf. »Was hast du dir eigentlich bei dem ganzen Quatsch gedacht? He?« Sollte er sich wie ein Schuljunge von ihr ausfragen und abkanzeln lassen? Seine demütigende Lage trieb ihm Tränen der Wut und Scham in die Augen. »Was ich mir gedacht habe? Du? Du fragst mich darnach? Da! Da!« schrie er fast und griff in die Brusttasche und warf ihr ein beschriebenes Papier nach dem andern auf den Tisch. »Und du fragst? Und da – lies, lies!« herrschte er sie an. »Mein Herz, meine Seele! Mein Blut! Ja, mein Blut. Wenn du das verstehst. Aber was ist das dir! Und dann soll man nicht verrückt werden. Wenn du in diesen Busen sehen könntest!« Und als ob das pathetische Wort Busen ihn plötzlich aufs tiefste gepackt und erschüttert hätte, ließ er sich in die Sofaecke fallen und brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Mariechen hatte mit spöttischem Blick ein Papier nach dem andern auf den Tisch fliegen sehen, und sein Pathos hatte sie geärgert, denn sie witterte recht wohl eine wenn auch unbewußte Schauspielerei heraus. Seinen Tränen gegenüber aber wurde sie unsicher. Sie wurde verlegen, errötete und wünschte, sie hätte diese Szene nicht hervorgerufen. Als er fassungslos weiterweinte, übermannte sie das Mitgefühl. Sie trat an ihn heran und legte leise die Hand auf seinen Arm. »Hugo,« sagt sie mit leisem Vorwurf. Er ließ ruhig ihre Hand auf seinem Arm und rührte sich nicht. »Reg dich doch nicht so auf. Ich weiß ja, wie du es meinst. Wenn nur der alte Brief nicht wäre. Anton kann dir ja nie wieder gut sein. – Aber ich sag ihm –« »Was willst du ihm sagen?« fuhr er auf. »Daß es dir leid tut. Daß du selbst nicht weißt, wie du dazu gekommen bist.« »Das wird auch viel nützen.« »Laß mich nur machen. Ihr könnt Euch ja sonst nie wieder ins Gesicht sehen. Das muß sein, als ob es gar nicht gewesen wäre. So wie n bösen Traum.« So sprach sie lange auf ihn ein, und es gelang ihr, ihn zu beruhigen. Und dann machte sie sich auf den Weg zu Anton. Er aber sammelte mit finsterer Stirn seine Marienlieder zusammen, steckte sie aber nicht wieder in die Brusttasche, sondern zerriß sie nach einem kurzen Schwanken in lauter kleine Fetzen. Theaterkram hatte sie sein Versemachen und seine Schwärmerei für Kunst und Literatur genannt, überspannten Theaterkram. Nein, sie verstand ihn nicht. Sie wäre am Ende doch nicht die Rechte für ihn gewesen. Sie war eine nüchterne Natur wie Anton. Seine Liebe zu ihr war ein Irrtum gewesen, ein schöner Traum. Ein Gedicht. – Gut. Das Gedicht war aus. Aber was jetzt? Mit einem unklaren, trostlosen Gefühl starrte er auf die zerfetzten Marienlieder, die zu einem kleinen Haufen zusammengeschoben vor ihm auf dem Tisch lagen. Hätte er doch den unglücklichen Brief auch noch, um ihn ebenso vernichten zu können. – Ob Mariechen Anton umstimmte? Vielleicht wäre es doch besser gewesen, wirksamer und männlicher, er hätte einen zweiten Brief geschrieben. Doch das blieb ihm ja auch noch, wenn Mariechens Bemühungen fehlschlügen. Und wenn er mal zur Feder griff – einer so schlichten Natur wie Anton wollte er schon imponieren. Fast wünschte er, diesen Brief schreiben zu können, schön, hochtönend, voll Schwung und Edelsinn. Aber dann dachte er, wenn Anton ihm Mariechen zuliebe verzieh, vielleicht zu ihm käme, ihm die Hand böte – wie sollte er sich benehmen, ohne sich etwas zu vergeben? Vergeben? Konnte er sich dem gegenüber etwas vergeben? Wenn doch nur irgend etwas wäre, womit er ihn herabsetzen könnte. Aber war Anton nicht immer ein anständiger Kerl gewesen? Freilich immer etwas für sich, mehr ein guter Bekannter, als gerade Freund. Aber wie ritterlich war er stets gegen Christian gewesen. Und auf einmal stand ihm die Szene wieder vor Augen, wie Anton sich seinetwegen mit Fritz Kleesand geprügelt, als er seinen Vater beschimpft hatte. Damals, als sie noch Knaben waren. Auf der Insel Roß. Fritz Kleesand hatte noch seine Kognakflasche bei sich. Und davon kam der ganze Streit. Und so die Jahre seiner Bekanntschaft mit Anton Krautsch durchdenkend, halb widerwillig, vergaß er ganz den eigentlichen Grund der jetzigen Entzweiung, bis sein Blick wieder auf die zerfetzten Verse fiel. Und plötzlich schämte er sich. Eine heiße Blutwelle stieg ihm zu Kopf. War es wirklich echte Liebe, die ihn durchglüht hatte? War nicht sehr viel Eitelkeit, sehr viel »Theaterkram« dabei gewesen? Wäre es nicht besser, sich das ehrlich einzugestehen, als den verschmähten Liebhaber zu spielen? Er kam sich lächerlich vor. Und noch einmal stieg ihm eine heiße Blutwelle in die Schläfen. Aber dann überkam ihm ein Wunderliches. Es kam gleichsam wie aus tiefster Brust heraufgekrochen, bis in den Hals hinein. Ein Beklemmendes. Er wollte aufatmen. Es klang wie ein gepreßter Seufzer. Er erkannte es jetzt. Wollte es abschütteln mit einem höhnischen Lachen. Aber es hatte ihn, und ließ ihn nicht. Ein lautes, krampfhaftes, fast pfeifendes Schluchzen rang sich aus seiner Kehle, und dann warf es ihn über den Tisch, über seine zerfetzten Marienlieder. Unaufhaltsam flossen die Tränen. Wie wohl das tat. So überhörte er, daß seine Mutter anklopfte und auf sein Schweigen zögernd eintrat. Sie glaubte erst, er schliefe. Aber als sie erkannte, daß er weinte, trat sie schweigend näher. Sie wußte nichts von dem Brief und glaubte nun nicht anders, als seine Tränen gälten einzig Mariechens Verlust. Sie strich über seinen Scheitel. »Hugo, das hilft nun nicht. Das haben viele durchmachen müssen. Das bist du nicht allein. Das gibt sich alles. Du findest schon ein anderes Mädchen.« In diesen Worten zitterte der ganze Stolz auf ihren Sohn, der ihrer Meinung nach ganz andere Ansprüche machen konnte. Sie war erbittert auf Mariechen, daß sie den Schatz, der ihr in Hugo geworden wäre, nicht zu würdigen, nicht zu erkennen gewußt hatte. »Mariechen ist ja ein ganz nettes Mädchen. Aber so eine kannst du doch jeden Tag noch kriegen.« Und wieder lag ihr ganzer mütterlicher Stolz in dem »du«. Und während ihre banalen Trostworte sanft auf ihn niederplätscherten und wirklich ein Echo in seinem Herzen fanden, wagte er doch nicht, den Kopf zu erheben, weil seine Mutter von der einzigen wirklich schlechten Handlung seines Lebens nichts wußte, und es ihm war, sie müsse es ihm vom Gesicht ablesen, daß sie nun nicht so stolz mehr auf ihren Sohn sein dürfe. Und so fuhr sie fort, auf ihn einzureden. »So begabt wie du bist und so gut, wie alle Leute von dir sprechen – sollst mal sehen. Dir steht noch ne ganz andere Zukunft offen. Und so schön, wie du nun all verdienst. Wenn das dein Vater noch erlebt hätte. Der war auch immer so für alles Höhere und Edle. Wenn er sich nur nicht so in das alte Dichten verbissen hätte. Da kommt selten was Ordentliches bei heraus. Ich bin man ordentlich froh, daß du dafür gar keine Ader hast.« Jetzt ging zum erstenmal eine Bewegung durch Hugos Körper, als wollte er sich aufrichten. Aber er verharrte noch eine Weile in seiner Lage. Doch er konnte nicht immer so über den Tisch gebeugt bleiben. Und so fiel Frau Winsemanns Blick doch noch auf die Marienlieder. »n Brief von ihr?« fragte sie. Einen Augenblick besann er sich. »An sie.« Er errötete bei der Lüge, aber sie hielt das für die Farbe einer edleren Scham. »Ist auch man ebensogut,« sagte sie. »Das steck nun man alles ins Feuer. Da würd ich mich nicht lange mit quälen. Komm, ich will das man gleich in den Herd werfen, es ist grad noch etwas Feuer da.« Sie streckte schon die Hand aus, die Fetzen in ihre Schürze zu raken. Aber er wehrte ihr. »Nein, laß man. Das tu ich selbst.« »Recht so, Hugo. Und dann laß nun auch man alles aus der Welt sein.« Sie folgte ihm in die Küche und rührte das Feuer noch einmal mit dem Eisen zu hellerer Glut auf. * Frau Mau hatte den ganzen Vormittag in ihrem Lehnstuhl am Fenster gesessen. Mariechen hatte abschließen müssen. Sie wollte ganz allein sein, ohne Störung. Sie dachte dabei besonders an Winsemanns. Einmal hatte es auch geschellt, aber sie war nicht von ihrem Platz gegangen. Mariechen hatte ja den Schlüssel, und weiter wollte sie keinen Menschen sehen heute. Das Wetter regnete an die Scheiben. Große schwere Regentropfen trommelten ordentlich gegen das Glas, und der Wind fegte stoßweise durch die nassen Straßen. Aber drinnen bei der alten Frau war Sonnenschein. Sie hatte bald den Weg ins Helle gefunden. Freilich mit Mariechens Hilfe, die tapfer zu ihrem Liebsten stand; und mit Hugos Hilfe, dessen Handlungsweise sie mit Entrüstung erfüllt hatte. Als hätte sie den häßlichen Brief selbst geschrieben, fühlte sie sich dadurch Anton gegenüber schuldig geworden. Der arme Mensch. Hatten darum alle Wissenden jahrelang geschwiegen, damit die Geschichte ihm nun so plump und häßlich beigebracht wurde. Nein, vergib uns unsre Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern. Diese Hilfe war ihr nötig gewesen, Gebetshilfe. Aber jetzt war auch geholfen. Ihre Gedanken waren lange in der alten Zeit, und dann waren sie mit der Zeit weitergegangen bis zum heutigen Tage. Und was hatte als stilles, helles, tröstliches Licht diesen ganzen Weg begleitet? Hatte sie nicht an Mariechen einen Schatz behalten, um den man sie beneiden durfte? Und hatte Mariechen es nicht um sie verdient, daß sie ihr jedes Opfer brächte? Und war dies ein Opfer? Ja, es war wohl eins, aber sie fühlte sich stark und freudig genug, es zu bringen all die Jahre, die sie noch mit Gottes Willen zu leben hatte. Und wenn er ihr Kind glücklich machte, ging darin nicht alles andere unter? Da knarrte die Stiege. Da wurden Schritte auf dem Korridor laut, und ein Schlüssel suchte das Schlüsselloch. Sie erhob sich und ging ihnen entgegen. Ihre Beine zitterten doch, und sie blieb mitten im Zimmer stehen, an den Tisch gestützt, die Augen auf die Tür gerichtet. Und da traten sie ein. Anton voran, den Mariechen ins Zimmer schob. »Da, Mutter,« sagte sie. Sie sagte es laut und resolut. Aber es klang doch ein aufsteigendes und gewaltsam unterdrücktes Schluchzen hindurch. Anton rang nach einem Wort. Er warf einen hilflosen Blick hinter sich, als erwarte er, daß Mariechen etwas sage. Aber da kam Frau Mau ihm entgegen. »Min Söhn,« sagte sie und faßte seine Hände, »min Söhn.« Ende