Wiener Lebensbilder. Skizzen aus dem Leben und Treiben in dieser Hauptstadt. von I. F. Castelli.     Wien Bey F. Tendler , Buchhändler am Graben im von Trattner'schen Gebäude N o . 618. 1828.     Inhalt.                   Kurzes Vorwort Die Hausmannskost Der Unentbehrliche Der Hausball Die Lotto-Collectur Das Haustheater Der Damenarzt Wohnungsschau Die Kindeswärterinn Die Landparthie Mein Freund Spitz Die Leih-Bibliothek Die Aschermittwoche oder Faschingswehen Die charmanten Leute Spaziergang über den Graben     Kurzes Vorwort. Diese Lebensbilder, welche ich zuerst einzeln in der Wiener Zeitschrift abdrucken ließ, erfreuten sich eines so allgemeinen Beyfalls, daß der Redacteur dieser Zeitschrift häufig um einzelne Abdrücke derselben ersucht wurde. Ich selbst hatte das Vergnügen zu bemerken, daß ich – wenn vielleicht auch nicht immer das Schöne ; – doch stets das Richtige, Wahre und Charakteristische getroffen haben mußte, da man meinen durchaus fingirten Personen und Situationen überall wirkliche substituirte, und mir mit dem Finger drohend, trotz meiner Gegenrede, in's Gesicht behauptete, ich hätte Diesen oder Jenen gemeint, den ich meist gar nicht zu kennen die Ehre hatte. Ich versichere hier noch einmahl, daß, wenn ich auch einzelne Farben, Tinten, Lineamente u. s. w. zu meinen Figuren dort und da hergenommen habe, die ganze Figur dennoch stets die Geburt meiner Einbildungskraft war. Sieht eine wirklich existirende dieser oder jener meiner erdichteten ähnlich, meine Schuld ist es nicht. – Dixi et salvavi animam. Ich lasse diese Lebensbilder jetzt zusammen in einem Bändchen erscheinen, weil das Publicum gezeigt hat, daß es sie gerne liest, und weil ich so mit seinem Vergnügen auch meinen eigenen Vortheil und jenen meines Verlegers vereinigen kann. Geht dieses Bändchen gut ab, so soll es das erste im Gegentheile das letzte gewesen seyn. I. F. Castelli.             I. Die Hausmannskost. »Kommen Sie doch einmahl zu mir, und nehmen Sie mit einem Löffel Suppe bey mir vorlieb!« so sagte schon öfters ein junger Mann zu mir, den ich nur einige Mahl im Kaffehhause und im Theater gesehen hatte, und der sich überall an mich drängte, ohne daß ich Lust empfand, seiner Einladung zu folgen und in nähere Verbindung mit ihm zu treten. Ich würde dir den Mann ein bischen näher beschreiben, mein lieber Leser, wenn er nicht gerade so ausgesehen hätte, wie du des Tages hunderte siehst, und wenn ich nicht fürchtete, seine Wirklichkeit zu beleidigen, indem ich ihn dir nach dem Scheine mahle. »Sie müssen zu mir kommen,« sprach er, »müssen meine Frau kennen lernen, eine Frau, wie die Welt nicht zehn aufzuweisen hat, und meine Kinder, ich soll's als Vater nicht sagen, aber solche Kindleins sind der wahre Segen Gottes. Sie müssen mein Hauswesen kennen lernen, ich bin einer der glücklichsten Hausväter, die es geben kann, und ein wahres Zugpflaster für junge Herren, die sich vor dem Ehestande scheuen. Geben Sie mir doch 2 einmahl die Ehre, lieber Freund, Sie werden ohne Ceremonien empfangen, und nur mit Hausmannskost vorlieb nehmen müssen, aber vergnügt werden Sie seyn, davon bin ich überzeugt.« – Obwohl ich eben kein Feind von splendiden Tafeln und ausgesuchten Gerichten bin, so schlag' ich doch auch eine freundlich gebothene Hausmannskost nicht ab, besonders wenn ein Freund mich dazu bittet, bloß aus der Ursache, um ein freundschaftliches Wort mit mir zu wechseln. Es thut mir wohl, wenn ich manchmahl aus dem Gesurre und Gewirre der großen Welt heraus komme, und ein echt patriarchalisches Viertelstündchen verleben kann, und ein Glas alter Oesterreicher Wein mundet mir da besser als Bordeaux, Sauternes und Champagner an großen Tafeln, wo ich nichts höre, als von der gestrigen wälschen Oper sprechen, und nichts sehe, als lackirte Gesichter und verlarvte Menschen. Dieser Freund aber wollte mir weder zu Gesichte noch zu Herzen steh'n. Gestern begegnete er mir wieder auf der Straße. Kaum erblickte er mich, so lief er auch schon auf mich zu, faßte mich unter dem Arm, und fragte. »Wohin, mein Werthester?« »Zum Mittagsmahle,« antwortete ich. »Schön, schön!« erwiederte er, »nun hab' ich Sie einmahl, nun laß' ich Sie auch nicht wieder los. Sie müssen bey mir Hausmannskost einnehmen.« Vergebens 3 nahm ich eine frühere Einladung zum Vorwande, mein zudringlicher Freund hörte die Entschuldigung nicht an. Was wollt' ich thun? Ich mußte ihm folgen, bey mir denkend: Versuch's! Der geschwätzige Mann hat vielleicht eine liebenswürdige Frau, wohlerzogene Kinder, und einen guten Tisch. Wir kamen zum Hause. Es war in der Vorstadt; wir stiegen in das dritte Stockwerk hinauf. – Schon auf der Treppe hört' ich Kinder schreyen, sich balgen und weinen. »Ach!« rief mein Führer lachend, »hören Sie meine lieben, kleinen Jungen? Die Bursche haben schon Hunger, sie erwarten mich.« – »Nun,« dachte ich mir, »wenn die lieben, kleinen Jungen während des Essens solch einen Spectakel machen, das wird angenehm werden.« Wir läuten an, eine hagere, blaßgelbe Frau öffnet uns, und fährt vor Erstaunen zurück, als sie mich gewahr wird. »Liebes Kind,« sprach mein Führer, »das ist Herr C., mein Freund, von dem ich schon so oft mit dir sprach, er will heute bey uns mit Hausmannskost vorlieb nehmen.« Das ohnedieß schon lange Gesicht der Frau verlängerte sich bey diesen Worten noch mehr, sie machte mir eine Verbeugung, die mehr einer Zuckung des Ärgers ähnlich sah, und dehnte die Worte: »Sehr erfreut –« so langsam, daß sie fast klangen wie: »hohl' dich der Henker!« 4 Es ist nichts unangenehmer, als wenn man bemerkt, daß man Leute genire, zu denen man noch dazu gegen seinen Willen gekommen ist. Ich wäre schon lieber zehn Meilen weit entfernt gewesen, aber mein neugebackener Freund sprach: »Lassen wir jetzt die Hausfrau ihre Zubereitungen machen,« und führte mich in ein Nebengemach, mir seine Wohnung zu zeigen. – »Ich besitze nicht viele Zimmer,« sagte der Zufriedene, »aber Alles bequem und reinlich.« Ich mußte mich bücken, um ins Cabinett zu gelangen, in welchem zwey kleine schmutzige Jungen das Unterste zu oberst gekehrt hatten. Alle Möbel und der ganze Fußboden waren mit Papierschnitzelchen, Bildern, Messern, Löffeln und Spielzeug aller Art bedeckt. »Es ist das einzige wahre Glück, Familienvater zu seyn,« sagte mein Wirth, indem er einen Sessel abräumte, um ihn mir anzubiethen. »He! Carl! Ludwig! macht dem fremden Herrn euer Compliment!« »Ich mag nicht,« sagte Carl, und der Vater zischelte mir in die Ohren: »Ein Teufelsjunge, er hat Charakter. – Gleich kommt her zu mir!« rief er etwas barscher. Die Kleinen lachten und kamen nicht. Der Papa nahm sie bey den Ohren, indem er mich versicherte, daß sie sehr gehorsam wären. – »Nun, Carl! hast du deine Lection gelernt? recitire mir deine Fabel.« Weinend murmelte der Jüngere zwischen den Zähnen: 5 »Um das Rhinoceros zu seh'n, beschloß ich auszugeh'n,« und lief wieder zu seinem Spielzeug zurück. »Recht brav,« sagte der Vater, »nun kommt die Reihe an dich, Ludwig. Ah, Sie werden sehen, der Bube ist ein Genie. Gedanken bringt er Ihnen vor, man muß erstaunen. Sage mir, Ludwig: welches ist das vorzüglichste Weltwunder?« »Eine Pastete,« antwortete der Knabe schnell und bestimmt. Der Vater lachte laut auf und sagte zu mir: »Nicht wahr, diese witzige Antwort hätten Sie nicht erwartet? Den Buben muß ich zur Diplomatik zu bringen suchen.« Endlich macht die blasse Frau die Thüre auf, schreyt herein: »Zum Speisen!« und schlägt die Thüre gleich wieder unsanft hinter sich zu. »Essen, essen'« schreyen die Kinder, indem sie sich vor uns hinaus drängen; wir folgen, und der Papa placirt mich am Tische zwischen seinen zwey Sprößlingen, mich versichernd, daß sie mir während des Speisens tausend Spaß machen würden. Ein großer Pudel kratzt gleich mit den Füßen an mir, um von mir etwas zu erhalten, und ein Staar hüpft auf dem Tische herum; die Frau reicht mir eine weiße Serviette, indem die übrigen noch Kennzeichen frühern Gebrauches tragen. Mama servirt die Suppe, sie ist zu wenig gesalzen. Papa bemerkt dieß mit der artigen 6 Anmerkung. »Meine Julie ist gar nicht schlimm, darum salzt sie so wenig.« Da muß denn Frau Julie selbst vom Tische aufsteh'n um Salz zu hohlen, welches beym Tischdecken vergessen worden ist. Sie entschuldigt sich, daß ihr Stubenmädchen eben heute zu ihrer kranken Mutter gerufen worden sey, aber der kleine Carl ruft lächelnd. »Die Mama lügt, wir haben gar kein Stubenmädchen!« Da bekommt er mit dem Löffel einen Klaps auf die Finger, fängt an zu heulen, und wird erst dann wieder still, als ihm die Mama ein Stück Zuckerwerk herbey hohlt, welches er statt der Suppe verzehrt. »Sie müssen schon mit unserer magern Kost vorlieb nehmen,« spricht die Frau zu mir, indem sie mir den Soliteur vorlegt, welcher auf dem Gemüse in Gestalt einer Bratwurst lag, »ich habe nicht gewußt, daß wir einen Gast haben; denn mein Mann spielt mir immer solche Streiche.« Ich wurde roth bis hinter die Ohren. »Ey was!« sagte der Mann, »bey einem Freunde nimmt man's nicht so genau, Herr C. wird mit einem freundlichen Gesichte und Hausmannskost vorlieb nehmen.« Die Frau warf ihm einen grimmigen Blick zu. Das hausmannsköstliche Diner bestand aus einer magern, aber durch Saffran sehr stark gefärbten Suppe, einigen Radischen und einem Stückchen Butter, welches so klein war, daß die Kinder immer vergebens um 7 Butterbrot schrien, dann folgte Rindfleisch, bey dem meine Augen vergebens ein Stückchen Fett suchten, hierauf erschien aufgewärmtes Sauerkraut mit jener allereinzigsten Bratwurst, und endlich noch eine Schüssel, in welcher ich nichts als Sauce gewahr wurde. »Das ist Hühner-Fricassee,« sagte mein liebenswürdiger Gastfreund, »das bereitet mein Weibchen comme il faut .« Ich war recht froh, zu vernehmen, was ich denn eigentlich esse; denn ich fand in dem Meer von Sauce nichts als einige Hühnerfüßchen. Mein Freund lud mich oft zum Trinken ein, versichernd, der Wein sey zwar nicht stark, aber echt und ganz unschädlich. Die letzte Eigenschaft glaubt' ich ihm gleich auf's Wort, denn der gutmüthige Rebensaft schmeckte so, als ob die hauswirthliche Frau Gemahlinn aus einer Bouteille zwey gemacht hätte. Meine liebenswürdigen beyden kleinen Nachbarn incommodirten mich nicht wenig während des Essens. Carl schlenkerte immer unter dem Tische mit den Füßen und versetzte mir Stöße auf das Schienbein, und Ludwig wischte sich ganz ohne gêne die Hände an meinem Beinkleide ab. Jetzt aber erschien die Hauptcatastrophe der Familienfreuden: Carl wollte seinem Bruder ein Knöchelchen wegstibitzen, schlug dabey seinen eigenen Teller über den Tisch hinab, und die liebe fette Sauce ergoß sich über meinen neuen, blauen Frack. Die Mama, 8 anstatt sich mit mir zu beschäftigen, schlug nur ein Lamento über ihren zerbrochenen Teller auf; sie lief den Kleinen nach, um sie zu schlagen, diese aber retteten sich hinter den Sopha; der Papa stand auf um die Mama zu besänftigen, der Hund bellte, ich blieb allein am Tische sitzen, und der liebe Staar machte sich auf meinem Kopfe bequem, indem er mir in den Haaren herum pickte. Endlich nahm mein Freund wieder seinen Platz ein, indem er lächelnd sagte: »Sehen Sie, Werthester, das ist so meine Unterhaltung, und da fühl' ich mich glücklicher in meinen vier Pfählen, als ein König in seinem Pallaste.« Er fragte, ob ich nach Tische Kaffeh zu nehmen gewohnt sey, es sey zwar keiner bereitet, aber er besitze eine Maschine, in welcher er binnen fünf Minuten fertig sey. Ich dankte ihm, indem ich sagte, der Kaffeh schade mir, ich hätte sehr viel gegessen, und die frische Luft sey mir jetzt das Nöthigste, weßwegen ich mich empfehlen müsse. – »Nun, so leben Sie wohl, mein Werthester!« sagte mein Freund, »auf baldiges Wiedersehen. Sie kennen nun den Weg zu mir, kennen meine Familie und wie man bey mir lebt. Wie es heute war, ist's alle Tage; ich hoffe, Sie werden noch recht oft mit Hausmannskost bey mir vorlieb nehmen.« Ich weiß nicht mehr, was ich antwortete, sondern nur, daß ich schnell meinen Hut nahm, die Thüre suchte, fort lief, und – – ich laufe noch immer. 9 II. Der Unentbehrliche. Ich kenne einen jungen Mann, der mit Dingen handelt, welche an und für sich betrachtet nichts sind, und doch in der Gesellschaft für unentbehrlich, und daher sehr hoch gehalten werden. – Er kramt diese Dinge immer zur rechten Zeit aus, er weiß sie immer an den rechten Mann zu bringen, und gibt sie bald für das holde Lächeln eines hübschen Mädchens, bald für den gnädigen Blick eines Höheren, bald für eine Einladung zum Mittagsmahle, auch wohl aus bloßer Eitelkeit, daß man sich an ihn wandte, aber nie für Geld hin. Der junge Mann besitzt eine außerordentliche Lebhaftigkeit des Geistes und Gelenkigkeit des Körpers, ein unbeschreibliches Gedächtniß, eine Art, Gedanken, Urtheile, Neuigkeiten, Geheimnisse u. s. w. an sich zu bringen und von sich zu geben, welche unwiderstehlich genannt werden können. Seine Säcke sind immer voll kleiner Zettelchen, worauf er die sogenannten Currentia aufnotirt hat. Zu Hause aber hat er 270 dicke Bände mit den Praeteritis vollgeschrieben, woraus er eigentlich sein ganzes Heil schöpft. Es gibt 10 nicht leicht eine Gelegenheit, eine Lage in der menschlichen Gesellschaft, wozu man nicht gewisse Kleinigkeiten nothwendig hat; alle diese Kleinigkeiten zu allen Lagen und Gelegenheiten sind darin vorfindig, alle werden bey ihm gesucht, und dadurch allein wird er schon unentbehrlich. Ich habe mir diese 270 Bände von ihm zum Durchlesen erbethen und folgende Rubriken gefunden, welche ich mit seiner Bewilligung hier bekannt mache. 1.) Gedichte zum Declamiren geeignet . Unter dieser Rubrik sind auf 65 Seiten bloß allein die Seitenzahlen bemerkt, unter welchen in bereits gedruckten Dichterwerken derley Gedichte vorkommen, außerdem sind aber auch noch 10 Bände von solchen vollgeschrieben, welche theils in Journalen zerstreut sind, theils noch im Manuscript existiren. 2.) Gelegenheits-Gedichte. Es läßt sich keine Gelegenheit im menschlichen Leben denken, wofür unter dieser Rubrik nicht ein Gedicht vorfindig wäre. Da gibt es Nahmenstags-, Geburtstags-, Stammbuchs-, Hochzeits-, Trauer-, Tauf-, Begräbniß-, Willkomms-, Abschiedsgedichte u. s. w. Wie sehr diese Rubrik ins Einzelne geht, möge man daraus ersehen, weil ich darin sogar ein Gedicht fand, für eine Tochter an jenem Tag zu recitiren, an welchem ihr Vater, von einem Beinbruch geheilt, wieder zum ersten Mahle im Zimmer auf und nieder geht. 11 3.) Adressen der Wohnungen der besten Künstler und Handwerker. Fragt ihn, wo man die besten Lorgnetten, das schönste Pferdegeschirre, die geschmackvollsten Pastetchen bekommt, wo der beste Abschreiber, der wohlfeilste Visitkartenstecher, der schnellste Landkutscher wohnt, der Unentbehrliche wird es euch aus dieser Rubrik genau zu sagen wissen. 4.) Repertoire der verschiedenen Theater seit 25 Jahren. Er muß natürlicher Weise oft Auskünfte über die wichtigen Fragen ertheilen: Ist dieses oder jenes Stück schon gegeben worden? – oder welche Schauspieler haben einstmahls darin gespielt? – Wie lange war Madame S. auf Reisen? – Wann hat Herr F. hier zum ersten Mahle Gastrollen gegeben? u. s. w. Am Rande manches Stückes fand ich auch die Buchstaben sg, oder g, oder m, oder s, oder ss angemerkt, und erfuhr dann, daß sie sehr gut , gut , mittelmäßig , schlecht , oder sehr schlecht bedeuten. – Das nenne ich doch kurze Recensionen. 5.) Anecdoten, Charaden, Räthsel und Logogryphen füllen 58 Bände aus, und sind abgetheilt in ganz reine, schillernde und lascive. 6.) Gesellschaftsspiele für jede Art von Gesellschaften eingerichtet. So findet man darin Spiele für alte Herren und alte Frauen allein, für alte Herren und junge 12 Mädchen, für junge Herren und alte Frauen, für eine durchaus junge Gesellschaft. – Für eine ganz gemischte Gesellschaft. 7.) Kunststücke , Kartenkünste, Tafelkünste; Künste, welche bloß zum Spaß zu machen sind, um Lachen zu erregen. – Bey dieser Rubrik existirt auch ein Anhang , wie man das Dessert geschmackvoll auf Teller herrichtet, wie man Servietten bricht, wie man Zimmer geschmackvoll zum Tanzen einrichtet u. s. w. 8.) Recepte . Diese Rubrik umfaßt die heterogensten Dinge. Ich fand ein Recept gegen die Zahnschmerzen neben einem andern, wie man Ostereyer schön färbt. – Ein Recept zu gutem Punsch neben einem andern, wie man Citronenflecke aus Kleidern bringt. – Recepte Wanzen zu vertreiben, – die Haare in der Krause zu erhalten, unsichtbare Tinte zu verfertigen, –Knallkügelchen zu verfertigen, – Feuerräder zu machen, – einen Backenbart aufzukleben, daß er wie ein natürlicher aussieht, und tausend andere stehen in 4 Bänden durcheinander. 9.) Gesellschaftslieder aller möglichen Gattungen mit beygefügten Melodieen, 50 Bände voll. 10.) Tanztouren für alle erdenklichen Arten von Tänzen: für die Ecossaise allein sind 800 Touren darin aufgezeichnet. 13 11.) Allerley . Diese wichtige Rubrik füllt 90 Bände aus. Ich müßte alle diese Bände wörtlich abschreiben, wollte ich den Lesern einen deutlichen Begriff von der Mannigfaltigkeit der darin vorkommenden Gegenstände geben. Lächerliche Aufschriften , bon-mots , Druckfehler , unverzeihliche Fehler , welche bekannte Menschen im L'hombre , – Whist-, Tarok- oder andern Spielen begangen haben. Entstehung verschiedener Orden , Jahrszahl und Datum berühmter Begebenheiten, kurz, von Allem ist Etwas darin zu finden. Sehen meine Leser nun ein, daß ich den Besitzer eines solchen Schatzes mit Recht den Unentbehrlichen nenne? – Aber gehen wir auf seine Person selbst über. Er ist immer auf das eleganteste gekleidet, so daß man sich auch in den ersten Häusern seiner nicht schämen darf, er ist selbst ein Herr von , er weiß eine Gesellschaft zu empfangen und zu verabschieden, wie kein Anderer. Er zählt es an den Fingern her, in welchen Häusern der Stadt heute Ball gehalten wird, wer morgen große Gesellschaft gibt, wer übermorgen auf das Land zieht, er sagt euch auf einen Kreuzer, wie viel der neue Shawl der Frau von X. oder die beyden Pohlen des Herrn von B. gekostet haben, wie viel der junge S. von seinem Onkel geerbt hat, und wie viel Spennadelgeld der Baron L. seiner jungen Gattinn gibt. Er reitet Pferde zu, wie es kein Stallmeister 14 besser kann. Er weiß Kinder zu unterhalten, besser als eine Kindsfrau. – Er tanzt wie ein Gott, und zieht auf einem Ball immer diejenigen Frauen auf, mit denen kein Anderer tanzen will. – Er macht bey jedem Spiel den abgängigen Mann, er weiß, wann und wo neue Weine angekommen sind, er verschafft euch Pasteten aus Straßburg, Kapaunen aus Grätz, Liqueur aus Marseille, Früchte aus Amerika, Käse aus der Schweiz, Bier aus London. – Er ist überall gewesen, in der neuen Oper, im neuen Ballet, im neuen Trauerspiel, in der Affenkomödie, bey den Seiltänzern, bey der Execution und beym Brand, und weiß über alles die genauesten Auskünfte zu geben. Wer gestern einen Sprossen erhielt, wer heirathete, wer starb, wer Banquerout gemacht hat, – fragt ihn nur, er weiß es gewiß, er hat alle Journale gelesen, und weiß oft auch schon, was in jenen stehen wird, welche am folgenden Tage erscheinen werden. – Sein Humor ist immer gleich, er weint mit den Traurigen, und lacht mit den Fröhlichen, kann kleine Fehler bey Sackuhren verbessern, Leichdornen anschneiden. –Nun, ist der Mann nicht unentbehrlich? 15 III. Der Hausball. Es gibt Leute, welche auf das Vergnügen Anderer speculiren, und da es ihre Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft nicht gestattet, öffentlich diese Speculation zu unternehmen, so treiben sie selbe heimlich. Hilf, was helfen kann, wir wollen darüber nicht richten. besonders da das Fas Niemand zur Unehre gereichen kann, und da es die Zeit und die Umstände oft nothwendig machen, daß man sich sein liebes Stücklein Brot zusammen bröckelt. Ein guter Bekannter, der eigentlich den Allerweltsdiener macht, und bald Concert-Billete, bald Eintrittskarten in die Redoute, bald Subscriptionen auf Gedichte, zu deren Herausgabe der Verfasser von seinen Freunden gezwungen worden ist, bald Lose zu auszuspielenden Uhren, Pfeifenköpfen und Lichtschirmen in der Tasche trägt, und sie Jedermann aufnöthigt, both mir neulich auch ein Ball-Billet an: »Nehmen Sie ein Billet,« sagte er, »gehen Sie hin, Sie werden sich vortrefflich unterhalten, schönes Locale, prächtiges Soupée, noble Gesellschaft, und vor allem die schönsten Mädchen.« – Ich dankte. – »Nein, 16 Lieber!« versetzte er, »Sie müssen ein's nehmen. Der Unternehmer, ein angesehener Mann, sucht keinen Nutzen, er will nur eine lustige Gesellschaft bey sich versammeln. Dazu passen Sie ganz; Sie werden mir es danken, spendiren Sie sich für eine angenehme Nacht die sechs Gulden« und damit nöthigte er mir das Billet in die Hand, wofür ich ihm in's Himmelsnahmen die sechs Gulden reichte. Ich steckte die Karte in meine Brieftasche und dachte gar nicht mehr daran. Der Abend des nächsten Samstags war einer von den äußerst wenigen im Jahre, wo ich nicht recht wußte wohin damit. Die Theater gaben nichts, was mich interessirte, einen guten Freund hatte ich besuchen wollen und ihn nicht zu Hause gefunden: so kam es denn, daß ich im Kaffehhause saß, die Zeitungsblätter durchschaute, und ein Gläschen Liqueur trank. Als ich mein Brieftäschchen heraus zog, um zu bezahlen, fiel mir das Billet in die Augen. Ich las es jetzt erst. Es stand darauf: » Entreebillet sur le bal de 22. Decembre donné à la cité de S. Leopold a la petite rue de voiturier Nro. 103 bon pour un homme. On commence à 8 heure du soir, et on se separe à 3 heure du matin en frac. « Ich mußte über dieses kauderwälsche Französisch laut auflachen, und in diesem Augenblicke war es auch bey mir beschlossen, den Ball zu besuchen. 17 Nachdem ich zu Hause mich umgekleidet hatte, nahm ich mir einen Fiaker und fuhr, es mochte neun Uhr vorüber seyn, in die cité de St. Leopold, a la petite rue du voiturier, woraus ich mit all' meiner Übersetzungsgewandtheit nur mit Mühe die kleine Fuhrmannsgasse heraus gefunden hatte. Dort angelangt, stieg ich aus, und suchte die angegebene Nummer 103 zu erspähen, allein vergebens, die Nacht war zu finster. Ich blickte überall herum, ob ich denn nirgends Fenster beleuchtet sähe, allein Alles war rabenfinster, und es blieb mir nichts übrig, als in das, dem Ansehen nach schönste Haus einzutreten, worin ich mich, da der Hof gar nicht beleuchtet war, nur mit Mühe, mit Hilfe des Glockendrahtes, bis zur Hausmeisterwohnung zurecht tappte, anpochte und fragte, ob dieses Haus die Nummer 103 trage, und ob hier ein Ball gegeben würde? »Ja,« sagte der Hausmeister, »hinten im zweyten Stocke, beym Sollicitator Maus ,« und schlug die Thüre mir wieder vor der Nase zu. »Sollicitator« dacht' ich bey mir selbst, »nun der Mann weiß doch wenigstens quid juris und kennt die Laesio ultra dimidium, ich werde also doch wenigstens für meine sechs Gulden sicher für drey Gulden Unterhaltung finden, steigen wir also hinauf zu dem Herrn Sollicitator Maus.« Die hintere Stiege war eine Schneckenstiege und ziemlich spärlich beleuchtet, so daß ich bald über einen Herrn 18 gepurzelt wäre, der zwischen dem ersten und zweyten Stocke auf einer Stufe saß, sich da der schmutzigen Stiefel entledigte, die er einem Knaben zum Wegtragen gab, und sich mit Strümpfen und Schuhen in Ballstaat versetzte. Im zweyten Stockwerke zeigte mir endlich ein beleuchtetes Küchenfenster und ein Tellergeklapper an, wo ich anzuläuten habe. Ich thats, eine alte Magd, mit einem Pelzkäppchen auf dem Kopfe, öffnete und fragte: »Haben Sie eine Ballete?« »Allerdings,« sagte ich, indem ich ihr dieselbe einhändigte, und ohne mir den Mantel abzunehmen, ging sie, indem sie mir auf eine Thüre zeigte, mit einem kurzen: »dort hinein!« wieder in ihre Küche zurück. Ich legte meinen Mantel selbst auf einen Reisekoffer, welcher im Vorhause stand, und worauf schon mehrere Überkleider in Unordnung über einander gehäuft lagen, und trat, mir die Cravatte zurecht richtend, bey der bezeichneten Thüre ein. Da befand ich mich nun in einem Vorzimmer, in welchem ich bey der sparsamen Beleuchtung von zwey Talglichtern, welche einander gegenüber in zwey mit Goldpapier überzogenen Wandleuchtern düster brannten – kein lebendes Wesen. In dem Zimmer stand ein Gläserkasten, der, seines gewöhnlichen Inhaltes beraubt, offen stand, zwey Strohstühle, ein hölzerner Schämel, auf welchem eine Schuhbürste lag, und in einer Alkove ein Sofa. Musik und Gelächter tönten aus 19 einem Nebengemache, wozu die Thüre aber zugeschlossen war, mir entgegen. Geradezu in den Tanzsaal eintreten mocht' ich nicht, ich warf mich daher für's Erste auf das Sofa in der Alkove, wo mich etwas ziemlich unsanft in den Schenkel drückte, es war ein abgenagtes Schinkenbein. Da wartete ich denn, ob nicht etwa Jemand käme, der mich kennte und mich der Gesellschaft vorstellte. Die Alkove war ziemlich düster, und folgende Erscheinungen kamen, ohne daß ich von ihnen bemerkt wurde, aus dem Tanzgemache und gingen an mir vorüber. Nr. 1. Ein junger Herr, der die Schluß-Polonaise aus der Oper Tancredi singt, sich vor den Spiegel stellt, der im Vorgemache hängt, einen frischen Halskragen aus der Tasche zieht, und denselben statt des bereits durch Schweiß und Staub zerknitterten umbindet. Nr. ^. Zwey Stück Fräuleins, Arm in Arm, die eine von der Hitze zinnoberroth im ganzen Gesichte, die zweyte eben von der Hitze leichenblaß; sie führten, indem sie sich durch Promeniren abzukühlen suchten, folgendes französisches Zweygespräch. Die Rothe . Quel beau bal, ma chère Henriette! Die Blasse . Il y a de la haute volaille Die Rothe . Avez-vous vu la fille de Madame Spät? Comme elle est coiffé! Quand je vais dans un bal, je me fais coiffer toujours par Weber. 20 Die Blasse . Je aussi. - Ecoutez! la tempête! Allons! allons! Je suis engagée. Nr. 3 ging ein Knabe durch das Zimmer, er kam aus der Küche und trug einen Teller voll Backwerk, vorsichtig sah er sich um, nahm dann geschwinde eine handvoll Backwerk von dem Teller, und warf es hinter den Gläserkasten, dann steckte er noch ein Stück eben so geschwind in den Mund und ging in das Tanzgemach. Nr. 4. Eine dünne Frau und ein dicker Herr kamen disputirend heraus. Die Frau . Wir können jetzt nicht fort, die Mimi ist noch auf vier Walzer engagirt. Der Herr . Bleibt ihr da, so lang ihr wollt, ich walze mich nach Hause, ich habe ja nicht einmahl einen Tropfen trinkbaren Wein gesehen. Die Frau . Wer soll uns denn aber nach Hause führen? Der Herr . Ich schick' euch den Lehrjungen mit der Laterne. Die Frau . Geh', du Schlafmütze! Die Frau ging wieder in das Tanzgemach, der Herr aber mit einem seelenvergnügten Gesichte zur Hausthüre hinaus. Das Alles hatt' ich ruhig angehört, da ich aber nun fühlte, daß sich mein Magen doch einiger Maßen 21 anmeldete, und daß mich auf meinem Sofa in der Alkove nie Jemand bemerken würde, so stand ich auf, um mich bemerkbar zu machen, da trat eben wieder ein Herr aus dem Tanzgemache, der sich mit den Worten zu mir wandte: »Verzeihen Sie, aber Sie waren gewiß an einem Orte, wo ich eben hin möchte, seyn Sie so gütig und zeigen Sie mir den Weg!« – Das fehlte noch' »nein!« sagte ich etwas barsch, »ich komme eben an,« und wandte mich von dem Herrn, um in den Tanzsaal zu treten. Kaum hatte ich die Thüre geöffnet, so fiel mich eine fast sichtbare Composition von Hitze, Lichterdampf und Speisengeruch so heftig an, daß ich zurücktaumelte, und nur mit Selbstüberwindung, und indem mir große Schweißtropfen auf die Stirne traten, vortreten konnte. Ein Walzer war so eben geendet, und in verschiedenen Gruppen trieb sich Alles im Saale (wenn man anders ein niederes, aber ziemlich großes Zimmer mit zwey schiefen Wänden so nennen kann) herum. Wie sollt' ich nun den Ballgeber und seine holde Gattinn herausfinden? Wem sollt' ich mein Begrüßungs-Compliment machen? Aller Augen waren auf mich gerichtet, und ich hörte rings um mich zischeln und fragen: »Wer ist der Herr?« Plötzlich aber hüpfte ein junger Mann mit den Worten: »Ah, das ist schön, mein Herr von C., daß Sie kommen,« auf mich zu. Es war der Hofmeister von zwey jungen Herren, 22 dessen Vater ich oft zu besuchen pflegte, und dessen Klage, daß seine Buben im Studiren es nicht weiter brächten, ich oft vernehmen mußte. Ich hatte mit dem jungen Manne früher kaum zwanzig Worte gewechselt, denn seine Arroganz war mir immer unleidlich, allein hier war mir sein familiäres Entgegenkommen doch erwünscht, und ich ersuchte ihn, mich dem Herrn und der Frau vom Hause vorzustellen. Er that es sogleich mit den Worten: »Das ist Herr von C., sein Nahme wird Ihnen ohnedieß bekannt seyn.« »Weiß mich nicht zu erinnern,« sagte der Herr vom Hause – »ach ja doch! – Waren Sie nicht in Pohlen damahls beym Fuhrwesen?« – »Nein,« antwortete ich lächelnd, »ich habe in meinem Leben nur mit einem einzigen Pferde zu thun gehabt, welches Flügel hat.« »Das ist ein guter Gedanke,« sagte der Herr, und lächelte so, daß man es ihm ansah, er wisse nicht warum. – »Es freut uns,« sprach die Frau vom Hause, »Sie bey uns zu sehen, ich habe schon viele pudelnärrische Sachen von Ihnen gelesen, die mich sehr unterhalten haben. Ich bitte, machen Sie sich's bequem, unterhalten Sie sich, essen Sie, trinken Sie! Es ist nur Schade, daß Sie so spät gekommen sind; Warmes wird nicht mehr vorhanden seyn.« Mit diesen Worten führte sie mich in ein Nebenzimmer zu einem Tische, leerte aus zwey Schüsseln das noch übrige Kalb- und Schinkenfleisch auf einen Teller 23 zusammen, setzte mir noch einen andern Teller, worauf zwey vom Zucker entblößte Krapfen lagen, vor, legte eine halbe Semmel dazu, zeigte mir auf zwey ungeheure Essigflaschen, in welchen kaum noch der Boden mit weißem und rothen Wein bedeckt war, und mischte sich wieder unter die Übrigen. Da saß ich nun, indeß mir der Geruch des mit Knoblauch durchspickten Kalbfleisches unangenehm in die Nase drang, und betrachtete mir die Gesellschaft, indem ich die halbe Semmel gierig verzehrte, und ein Paar Gläser von dem rothen Krätzer, den mir mein Freund Hofmeister im Vorübergehen sehr empfohlen hatte, hinab schüttete, und ich will dir, mein lieber Leser, die Resultate meiner Beobachtungen mittheilen. Der Herr vom Hause war ein kleiner Mann von etwa fünfzig Jahren, mit ganz rund geschnittenen Augen, bausbackig, mit einem Doppelkinn, und so glänzend im Gesichte, als ob er gefirnißt wäre; seine kleinen Füße, deren einer ein bischen kürzer war und ihn zu hinken zwang, schienen eigentlich zu einem andern Körper zu gehören, und ein Spaßvogel in der Gesellschaft sagte mir, er habe sie ausgeliehen. Er schnupfte unmäßig Tabak, und wollte überall Ordnung herstellen, indem es ihm nirgend glückte. Die Frau mochte vierzig Jahre alt seyn, war etwas mager und verlebt, aber trug Spuren 24 einstmahliger Schönheit im Gesichte und in den noch funkelnden Augen; ihr Anzug zeigte alle möglichen grellen Farben, und ihre Finger waren so voll Ringe, daß ein Geklapper hörbar wurde, so oft sie sich die Locken in Ordnung richtete, und dieß geschah oft; denn sie kokettirte und minaudirte noch, so viel es eben gehen wollte. Von alten Herren sah ich eigentlich nur fünf Exemplare. Drey saßen im Tanzgemache selbst in einer Ecke und spielten Tarok-Tappen. Der Eine fluchte beständig, der Zweyte lachte immer und der Dritte veränderte keine Miene; nach jedem Spiele zankten sie, und bey jedem Tanze wurden ihnen durch Stöße, welche ihnen die Vorbeytanzenden versetzten, die Karten und die Marken unter einander geworfen, so daß keiner mehr wußte, was ihm gehöre. Zu dem Einen dieser drey alten Herren, nähmlich zu dem Lächelnden, kam öfters ein junges Weibchen, seine theure Ehehälfte, am Arme eines jungen Comptoirhelden, gab ihm ein Liebespatschchen und versicherte ihn mit einem zärtlichen Seitenblick auf ihren Führer, daß sie sich superbe unterhalte. Der Mann, unverwandt auf seine Karten blickend, küßte geschwind die Hand, die ihn schlug, und sagte: »Schön, Kind, schön. mach' dich nur lustig.« – Noch zwey alte Herren hatten sich in die Kammer salvirt, wo der Kredenz-Tisch stand, und dort einen langen Puff herunter gearbeitet, wobey ich den Einen 25 unaufhörlich schreyen hörte: »Ist das ein Spiel? – o Spiel! – verdammtes Spiel!« –Frauen, über vierzig Jahre alt, bemerkte ich gar keine. Die zwischen achtundzwanzig und vierzig mischten sich aber unter die Mädchen, waren mitunter auch à l'Enfant frisirt, und thaten jung was sie konnten. Das junge Volk sprang unmäßig herum, die jungen Herren, alle in Stiefeln, nur mein Hofmeister in Schuhen und mit einem Federclaque bewaffnet, machten die Cour, wie es jeder verstand. Der Eine präsentirte den Mädchen Catarrh-Zucker, den er selbst mitgebracht hatte, der Zweyte hatte vier Fächer aufzubewahren bekommen, und jeden derselben, als Siegeszeichen, in einem seiner Knopflöcher stecken. Der Dritte machte den Spaßmacher, lief von einer Gruppe zur andern, schnitt geschwind ein Gesicht, und husch war er wieder weiter, worüber denn nicht wenig gelacht wurde. Der Vierte schmachtete, an die Thüre gelehnt, auf eine junge Frau hin, die vor Verlegenheit nicht mehr wußte, wohin sie die Augen wenden sollte. Der Fünfte führte die Tänze an, das Blut sprang ihm vor Echauffement fast aus den Wangen, dennoch hüpfte er in einem fort und schrie: donnez die Hand! – La chaine! – Andere tanzten bloß, um ihre sechs Gulden heraus zu tanzen. Wieder Andere sahen sich immer im Cabinette um, ob denn nicht bald wieder eine volle Schüssel aufgesetzt werden würde, und drey oder vier junge Leute 26 spielten die Tänze auf. Sie waren unermüdlich, und kaum daß Einer die Geige niederlegte, nahm sie der Andere schon wieder auf. Sie scharrten ganz unbarmherzig, jeder wollte sich am vernehmlichsten machen, und Einer suchte dem Andern die höhere Terz abzugewinnen; dabey wurden sie im Tacte immer geschwinder, so daß am Ende eines Walzers das Tempo so schnell genommen wurde, daß sich die Tanzenden hätten Leib und Seele austanzen mögen. Ein Paar kleine Knaben unter hielten sich damit, die Vorbeytanzenden am Rockzipfel zu fangen, und ein kleines Mädchen heulte laut, daß sie niemand zum Tanze nahm. Eine Stunde mochte der Spectakel so fortgedauert haben, als der Herr vom Hause zu dem Primgeiger hinkte und zu ihm sprach: »Lieber Herr von Sangelhuber! jetzt bitt' ich mit den schönen Ländlern ein Ende zu machen. Meine Frau will jetzt die Mandelmilch serviren.« Der Walzer nahm ein Ende, indem die Geigenden durch ein diminuendo die Tanzenden foppten, und siehe da, die Mandelmilch erschien. Zwey Buben von dreyzehn bis vierzehn Jahren trugen auf zwey Tassen Gläschen, deren jedes höchstens ein halbes Seitel faßte, herein. Die Hausfrau trug in einer großen Flasche das Getränk und schenkte jeder der Damen (je nachdem sie eine derselben in Protection genommen hatte, entweder um einen Schluck mehr oder weniger) ein; ein junger Herr, der sich eines 27 vollen Glases bemächtigen wollte, wurde mit einem kurzen: »Das gehört für die Damen, für die Männer steht Wein drinnen!« in die Kammer verwiesen, wo die großen Essigflaschen wieder halb angefüllt worden waren. – Nebst den fünf alten Herren war ich allein der glückliche Mann, der Mandelmilch von der Frau und zwar mit den Worten erhielt: »Sie haben ja noch gar nichts genossen, Herr von C. Ich bitte, bedienen Sie sich.« Ich glaubte für diese Aufmerksamkeit durch eine kleine Galanterie dankbar seyn zu müssen, und versicherte, obschon die Mandelmilch wie gezuckerte, dünne Mehlpappe schmeckte, daß ich nicht sobald bessere getrunken habe. »Das freut mich,« versetzte sie lächelnd, »und dennoch, Sie dürfen mir's glauben, ist auch nicht ein Mandelkern dabey, nichts als Plutzerkerne (Kürbiskerne).« Es war jetzt Ruhestunde, und ich dachte eben so bey mir nach, ob ich mich weg begeben, oder den Spaß noch länger mit ansehen sollte, als ich bemerkte, daß mein Freund Hofmeister mit der Frau leise sprach, und dabey mit seinem Claque, den er gar nicht aus den Händen ließ, auf mich hindeutete. Gleich darauf trat die Frau auf mich zu und sprach: »Lieber Herr von C., die jungen Leute müssen jetzt ein wenig ausruhen, da könnten Sie uns einen rechten Gefallen erweisen.« – Ich fragte welchen? – »Sie wissen so viele lustige Anecdoten, besonders 28 ungarische,« fuhr die Frau fort, »ich bitte, erzählen Sie uns einige, wir setzen uns in einen Kreis um Sie und lachen.« Ich versicherte, über diese Zumuthung nicht wenig betroffen, daß ich gegenwärtig gar nichts Neues wisse, und das Alte doch keinen Spaß machen könne. Aber die Frau meinte, Alles sey ihnen neu, und als ich abermahls deprecirte, ging sie zu einigen hübschen jungen Mädchen und trug ihnen auf, mich zu bitten, daß ich Anecdoten erzählen möchte. Da kam nun eine ganze Schar junger Gänschen mit ihrem »Bitte! bitte!« auf mich zugelaufen, man setzte mir einen Stuhl zurechte, nöthigte mich darauf, schloß einen Kreis um mich, und ich mußte nolens volens einige Anecdoten auskramen, die ein sehr dankbares Publicum fanden, da noch früher gelacht wurde, als die Pointe zum Vorschein kam. »Sie sind ein Tausendsasa!« – sagte endlich der Herr vom Hause, »Sie müssen öfters bey uns speisen!« – und man entließ mich meiner aufgenöthigten Spaßmacherrolle. Jetzt wurden kalter Milchreis und gekochte Zwetschken herum gegeben, von welchem erstern die Frau vom Hause versicherte, er sey viel besser und gesünder als Gefrornes; dann wurde wieder getanzt. Zwey kleine Mädchen tanzten eine Polacca erbärmlich. Eine Tempête , eine Ecossaise , eine Masure und wie die Tänze alle heißen, welche die nachahmenden Deutschen dem herrlichsten aller Tänze, 29 ihrem lieblichen Walzer, vorziehen, wurden herab gestrampft, und das dauerte bis Morgens vier Uhr. Die vier Wachskerzen, welche in der Mitte des Saales in einer mit Guirlanden verzierten Stall-Laterne brannten, waren schon ausgebrannt, der Herr vom Hause hatte sie durch Unschlittkerzen substituirt, einige Mäuler und Mündchen zogen sich schon öfters in die Länge, einzelne Pärchen sonderten sich ab und saßen im trauten Gespräche begriffen, da schallte es auf einmahl: »Den Polstertanz! den Polstertanz!« Wer kennt diesen Tanz nicht, bey dem alle Mäulchen sich spitzen, der am Ende des Balls Gelegenheit gibt, Jemand seine besondere Zuneigung zu bezeigen, und der so manche saure Gesichter und neidische Blicke verursacht? Er gründet sich auf den alten deutschen Spruch: Einen Kuß in Ehren kann niemand wehren! Das Polsterchen ward gebracht, der Tanzanführer nahm es, hüpfte der Erste in den Kreis und legte es zu den Füßen der Frau vom Hause. Sie küßte ihn mit einer Miene, die zugleich zu verstehen gab: Es gebührt mir die Erste zu seyn; der Kreis drehte sich wieder, und die Frau vom Hause legte den Polster zu meinen Füßen. O ich Glücklicher, Beneidenswerther! der ich zugleich mit einem Kuß ein rothes Fleckchen auf der Nase davon trug, welches mir die Schminke der gnädigen Frau zurück gelassen hatte. Ich nahm meinen Ersatz an einem recht 30 hübschen, sittsamen jungen Mädchen, das sich zwar küssen ließ, aber den Kuß nicht erwiederte. Nun kamen die andern an die Reihe. Die hübsche junge Frau, von der ich früher sprach, war pfiffig genug, aus dem Kreise hinaus zu treten und den Polster zu den Füßen ihres alten Mannes, der noch am Spieltische saß, niederzulegen. So ging das Küssen fort, bis endlich noch Einer allein übrig blieb, ohne daß mehr eine Dame vorhanden gewesen wäre. Er wurde ausgelacht, und man sah ihm den Ärger im Gesichte an, obschon er selbst mitlachte. Jetzt bekamen die Damen Kaffeh und die Herren Einbrennsuppe. Es wurde noch ein Pfänderspiel gespielt, und dann entfernte man sich, indem man den Herrn und die Frau vom Hause versicherte, man habe sich im Leben nicht besser unterhalten als heute, und ein Hausball sey ganz etwas anderes, als ein öffentlicher Ball. Ich dachte im Nachhausegehen an meine sechs Gulden, und daß man dafür seinem Magen leicht Mehreres und Besseres, aber seinem Geiste kaum größern Stoff zum Nachdenken verschaffen könne, und schlief noch laut lachend ein. 31 IV. Die Lotto-Collectur. Ich pflege manchmahl einen Spaziergang in die entlegensten Vorstädte zu machen, ich sehe dort immer etwas Neues und Interessantes. Neue Gassen, neue Häuser, neue Mädchen, neue Menschen, möcht' ich sagen. Gewiß kommt es selbst einem eingebornen Wiener, wenn er sich des Jahres einmahl nach einer der entferntesten Vorstädte verirrt, so vor, als ob er zwanzig Meilen weit von der Residenz entfernt wäre. Vor einigen Tagen macht' ich eben wieder einen solchen Spaziergang und schlenderte durch eine Hauptstraße, einer der volkreichsten Vorstädte, als ich schon von Ferne einen Haufen Menschen vor einem Hause versammelt sah. Ich dachte, es habe sich vielleicht ein Unglück ereignet, und eilte hinzu, fand aber die Menge in sonderbaren Gruppirungen und im eifrigsten Gespräche vor einer sogenannten Lotto-Collectur stehen, wo man eben die heute gezogenen fünf Lottotreffer zu Jedermanns Ansicht mit großen Nummern auf eine schwarze Tafel geschrieben hatte. Alle Anwesenden sahen mit Begierde darauf, 32 und was ich so vor, hinter und neben mir von den Gesprächen erhaschen konnte, zeichne ich hier auf. Ein Weib (vor mir, indem sie beyde Hände in die Seite stemmt, zu einer andern, welche Brillen aufgesetzt hat, um die Nummern besser zu sehen) . Sind das auch Nummern? Nein, eine so dumme Ziehung ist mir noch nicht vorgekommen. Die Andere . Die Nummern sind gescheit, aber ich war eine dumme Gans. Zehnmahl nach einander hab' ich den Terno gesetzt, ist kein's von allen drey Nummern gekommen; dießmahl hab' ich sie ausgelassen, jetzt sind sie alle drey da. Die Erste . Was ich einmahl setze, dabey bleib' ich, und wenn ich keinen Kreuzer mehr habe, und die letzten Hosen meines kleinen Buben in's Versatzamt tragen sollte, der Mensch muß Charakter haben. Die Andere . Die Frau Gevatterinn kennt doch die Köchinn des Sollicitators in unserem Hause? Die Erste . Freilich kenn' ich sie, die Person trägt jetzt sogar einen sammtenen Spencer. Die Andere . Kann ihn leicht tragen, hat ja in der letzten Ziehung einen Terno gemacht. Die Erste . Ah nein! 33 Die Andere . Ah ja, mit drey Nummern, die ihr geträumt haben. Die Erste . Da kann man sehen. Mir hilft kein Traum. Mir hat dreymahl hinter einander geträumt, mein Mann sey in einen Hirsch verwandelt worden, ich habe gemeint, das sey gewisses Geld; der Hirsch ist der klare Siebenundzwanziger , hab' ihn gesetzt, ist doch nicht gekommen. Die Andere . Ey! ey! ey! (Beyde traten weiter sprechend in die Lotterie-Collectur.) In diesem Augenblick hört' ich einen Holzhauer neben mir laut auflachen. »Was gefällt dir denn so, Hans?« fragte ihn ein Maurer. Der Holzhauer . Ha! ha! ha! – schau einmahl her Christian, dasmahl ist er da, der umgekehrte Sechser, Einen Gulden hab' ich darauf gesetzt. – Halloh, vierzehn Gulden sind mein! Der Maurer . Was thust du denn jetzt mit dem Geld? Der Holzhauer . Einige Gulden spendire ich meiner Gurgel, und das übrige trag' ich wieder in die Collectur. Mit einem Extract bin ich nicht zufrieden, ich muß einen Terno haben. Drey Nächte hindurch seh' ich schon eine Spinne, die Spinnen bringen Glück, diese Spinne setz' ich. 34 Der Maurer . Verspinn dich nur nicht. Eine alte Frau, die in der Nähe stand, wurde jetzt, nachdem sie zuvor starr auf die Treffer geblickt hatte, ohnmächtig, man beschäftigte sich um sie, und brachte sie wieder zur Besinnung zurück. Die Alte stand auf, blickte noch einmahl die Treffer an, griff dann in ihren Busen, zog ein Papier heraus, verglich die darauf gedruckten Nummern mit den auf der Tafel geschriebenen, und schrie laut: »Gewonnen! gewonnen! einen Terno! oh! oh! ich bin glücklich auf Zeitlebens!« und stürzte davon. »Um ein Aug' ist die Kuh blind,« hört' ich jetzt einen kleinen zerlumpten Kerl hinter mir sprechen, indem er sich eine Pfeife stopfte. »Bey der Linzer-Ziehung soll man gar nicht setzen, dort ziehen sie lauter verzwickte Numero.« Ich trat nun in die Collectur selbst, um zu sehen, wie es auch da drinnen zuging. Ein ältlicher, kleiner, buckeliger Mensch und eine Frau saßen hinter einem langen, mit Protokollen vollgelegten Budentisch, und schrieben auf kleine, fingerlange Zettelchen die Treffer, die sie den Herandrängenden unentgeltlich austheilten. Bey manchen bekannten Kunden ging das nicht ohne Anmerkungen ab, so sagte der kleine Mann zu einer Frau, indem er ihr den Zettel gab: »Was hab' ich prophezeyt, die Dreyßiger haben dießmahl die Vorhand?« und 35 zu einer andern: »Thu die Frau für's künftige Mahl den Sechser stürzen, in diesem Monath leidet er's schon!« – Zu einer Frau, welche mit ihrem kleinen Kinde da stand, um die Nummern in Empfang zu nehmen, sprach die Collectursfrau: »Nu, nu, die Händchen der kleinen Fräule waren halt auch nicht glücklich, sie hat die unrechten heraus gezogen;« und die Frau erwiederte zornig: »Zum Essen ist die Flitschen gut genug, aber sonst kann sie nichts!« sie stieß das arme kleine Wesen zur Thüre hinaus, und ging. Das Gesurre und der Lärm wurden mir zu toll, und ich ging auch. Vor der Thüre standen noch zwey Schusterjungen und führten folgendes Gespräch: Der Eine . Schau! hab wieder keinen Terno gemacht. Der Andere . Hast du denn gesetzt? Der Erste . Nein, aber wann's seyn soll, so geht eine Butten los. 36 V. Das Haustheater. Nichts lockt die jungen Leute mehr an, als ein Haustheater; von nichts versprechen sie sich größere Unterhaltung, als von diesem; nichts scheint ihnen leichter, als das Komödiespielen, und nichts ist ihnen einleuchtender, als daß sie die ersten Künstler der Residenz gleich mit dem ersten Worte in Grund und Boden bohren werden. Die Coulissen haben etwas außerordentlich Anziehendes, das Treiben hinter denselben etwas sehr Lockendes; Jeder hält sich für einen gebornen Künstler in diesem Fache, und das Mißglücken wird als unmöglich vorausgesetzt. Die lieben Ältern halten eine derley Unterhaltung für ein zugleich angenehmes und sicheres Mittel, dem schönen Töchterchen Anstand in seinen Haltungen, Feinheit und Lieblichkeit im Ausdrucke, Grazie in den Geberden beyzubringen, und sehen nicht die Schlange, die hinter allen diesen Rosen lauscht. Die Intrigue steht immer mit hinter den Coulissen, hinter papiernen eben so gut als hinter den leinwandenen; der Neid hebt sein Haupt auf dem Podium, wie auf dem ebenen Zimmerboden; die 37 Verstellungskunst wird gar leicht zur zweyten Natur; ein Druck der Hand auf dem Theater wird nicht selten der Vorbothe mehrerer Händedrücke außer dem Theater: wer mit Liebeleyen spielt , dem wird das Liebeln nur zu bald Ernst , und wer es hundertmahl mitgemacht hat, Ältern und Vormünder zum Scherze zu betrügen, der versucht's auch einmahl im wirklichen Leben . Ich glaube das Theater für den Schooß halten zu dürfen, aus welchem die Koketterie zuerst hervorgegangen ist. Darum, wenn ich Kinder hätte, so wollte ich ihnen lieber Alles zugestehen, als das Komödiespielen, am wenigsten aber meinen Töchtern . Ich will es versuchen, dir, lieber Leser, der du meine Lebensbilder so freundlich aufnimmst, auch ein solches von einem Haustheater zu entwerfen, und ich fürchte nur, die Menge des Stoffes möchte mich erdrücken. In dem Hause des Kaufmanns Bratsch saßen die jungen Leute in einem abgesonderten Zimmer beysammen und trieben tolles Zeug: sie spielten Pfänderspiele, blinde Kuh, Mehlschneiden, und wie die Spiele alle heißen, die Bewegung oder Scherz machen. Die Ältern dieser jungen Leute befanden sich in einem andern Salon, wo ein Paar Whist- und eben so viele Tarok-Tische etablirt waren, an denen Alles, bis auf einige Frauen, Antheil nahm, die, mit ihrem Strick- und Stickwerk beschäftigt, der Zunge freyen Lauf ließen. Die jungen Leute waren des 38 Spielens schon müde; sie saßen jetzt ruhig und sprachen von dem gestrigen neuen Stücke. Versteht sich, daß Jedes von ihnen etwas auszustellen fand an Dichtung, am Spiel, am Costüm u. s. w. »Wie wär's,« nahm endlich der Practicant Mühlleitner das Wort, »wie wär's, wenn wir selbst diesen Winter ein Theater errichteten?« »Das wäre schön!« sagte der Handlungs-Commis Perzel drauf: »Da könnte man den Leuten doch zeigen, was eigentlich Komödiespielen heißt.« – »Aber wenn wir schon spielen,« versetzte der Studiosus Reitter , »so geben wir lauter große, classische Stücke, nicht wahr? Den Balboa muß ich einmahl spielen, und den Fiesco , das laß ich mir nicht nehmen!« »Ja ja, Komödiespielen!« schrie Xavier , der junge Herr vom Hause; »das ist prächtig.« – »Komödiespielen, Komödiespielen!« schrie Alles mit funkelnden Augen, und alsogleich brachte der junge Herr Feder, Tinte und Papier, um auf der Stelle alle Bestimmungen, Bedingungen, Anordnungen, Verhältnisse, kurz Alles, was dabey zur Frage kommen kann, zu erörtern und aufzumerken. Man setzte sich um einen großen, runden Tisch. Der Studiosus Reitter warf sich sogleich zum Secretär und Theaterdichter auf, und stellte folgende Fragen an die Gesellschaft: »Erstens: Wo werden wir spielen? « – »Nun, wo anders, als da bey uns,« versetzte der junge Herr vom Hause. »Wenn ichs der Mama 39 sage, daß ich spielen will, so hat sie nichts dagegen, und wenn sie ja sagt, so sagt der Papa auch ja. Unser Speise-Salon ist groß genug dazu, und damit das Theater immer aufgerichtet stehen bleiben kann, so werd' ich's schon dahin bringen, daß wir den Winter über in einem andern Zimmer speisen. Aber das bitt' ich mir aus, recht große Rollen muß ich bekommen, sonst verwend' ich mich für nichts.« – »Schon recht,« versetzte der Secretarius, indem er dabey dem Herrn Practicanten Mühlleitner in's Ohr sagte: »Lassen Sie's nur gehen, wir werden den dummen Knaben schon über'n Daum drehen.« – Die zweyte Frage war: » Wo nehmen wir ein Theater her? « – »Ein Podium muß seyn!« schrie Alles mit Einer Stimme; denn auf ebenem Boden nimmt sich nichts aus. »Freylich,« versetzte der Secretarius, »aber das kostet Geld. Wir müssen also vor Allem einen Fond haben, woraus wir die nothwendigen Vorauslagen bestreiten, und dazu heißt es geben, was Jeder kann.« Bey diesen Worten verlängerten sich die Gesichter sämmtlicher Interessenten. Herr Mühlleitner spann ein Gespräch mit Fräulein Rosinen an, und that, als ob er gar nichts gehört hätte. Der Herr Handlungs-Commis Perzel spielte mit seiner Uhrkette; ein anderer junger, galanter Herr meinte, man müßte einen Gönner suchen, der die Bestreitung der Unkosten auf sich nähme. Endlich trat der junge Herr von 40 Rütteles auf, und erboth sich, die Herstellung des Podiums bey einem bekannten Tischler zu erwirken, wenn dasselbe ein Eigenthum des Tischlers bleibe, und man monathlich 10 fl. dafür bezahlen wolle. Dieser Vorschlag ward acceptirt. – Nun wurde beschlossen, daß jeder der Mitspielenden monathlich 5 fl. bezahlen sollte, wovon die Ausgaben bestritten werden. Zum Cassier wurde der junge Herr vom Hause ernannt, und ihm sogleich aufgetragen, die ersten 5 fl. für alle Mitspielenden sogleich vorzuschießen, da man eben nicht so viel Geld bey sich habe. In der Freude seines Herzens über das Komödiespielen that der junge Herr Alles, und die Casse war voll. Jetzt kam die Rede auf das Theater selbst , das heißt, auf die Gardinen, Scenen u. s. w. Es befand sich ein Jüngling in der Gesellschaft, der nach dem Storchenschnabel silhouettirte, und sehr schöne Barometerfigürchen zu machen verstand; er hieß Riffler . Dem trug man das Geschäft eines Theatermahlers und Maschinisten auf, welches er auch im Gefühle der hohen Ehre annahm. Die Statuten der Gesellschaft zu entwerfen, ohne die kein Theater seyn kann, und die doch bey keinem gehalten werden, am wenigsten aber bey einem Privat-Theater, wo Jedermann umsonst spielt, und also auch zu nichts gezwungen werden kann: dieses wichtige Geschäft wurde dem Secretario anvertraut, der nur beyläufig 41 meldete, daß er auch Strafen für die Übertreter beyfügen werde, welche die Verbesserung der Casse erzwecken sollten. Jetzt entstand die Hauptfrage: » Wer soll spielen, und was soll Jeder spielen? « Mit dem wer war man sogleich in Ordnung, denn spielen wollte Jeder in der Gesellschaft, und das können zu bezweifeln, wäre lächerlich gewesen; aber was Jeder spielen sollte, das war eine um so kitzlichere Frage. Jeder wollte Alles spielen, was gut ist , und Keiner wollte Etwas spielen, was nicht gut ist . Da man also mit einer sichern Bestimmung der einzelnen Fächer nicht zu Stande. kam, so wurde beschlossen: es sollte Einer nach dem Andern in der Reihe ein Stück zur Aufführung bestimmen können, und diesem sollte es auch stets unbenommen bleiben, sich erst selbst eine Rolle zu wählen, und dann die übrigen nach seinem Gutdünken zu vertheilen. Wie dieser sie vertheilen würde, so müßte es bleiben, und Keiner von der Gesellschaft dürfe sich weigern, eine, auch die unbedeutendste Rolle anzunehmen. Dem jungen Herrn vom Hause wurde als Besitzer des Locals der Vorrang gelassen, und er wählte alsogleich Donna Diana . Sich selbst theilte er, wie natürlich, die Rolle des Cäsar , Fräulein Rosinen , der Tochter des Exprofessors Mappe , die Rolle der Diana , dem Studiosus Reitter jene des Don Diego , dem Practicanten Mühlleitner die 42 des Luis , dem Commis Perzl (dem gewöhnlichen Spaßmacher der Gesellschaft) den Perin , zwey Cousinen die Rollen der Fenisa und Laura mit. Da fehlen aber nun noch Don Gaston , und das Kammermädchen Floretta . Für den Gaston versprach Mühlleitner unter seinen Collegen ein Mitglied zu suchen. Er kenne Einen, versicherte er, der dem Teufel ein Ohr wegdeclamire, und bey einem der berühmtesten Schauspieler als Lehrer von dessen Kindern angestellt sey, und zur Rolle der Floretta wollte Fräulein Rosine eine ihrer guten Freundinnen bereden, welche sehr geschickt sey, und deren Nahmen man als Auslöserinn aller Charaden in jedem Sonntagsblatte des Wanderers lesen könne. Somit war die Sache für heute in Richtigkeit, und man ging aus einander. Der Practicant Mühlleitner nahm das Buch des Stückes mit sich, um die Abschriften der Rollen alsogleich zu besorgen. Über drey Tagen war die erste Probe, nähmlich die Leseprobe, festgesetzt. Wie es nun während dieser drey Tage unter den Gesellschaftsmitgliedern zuging, welche Feder vermag das zu beschreiben? Der Herr Studiosus Reitter versäumte alle Collegia, weil er zu Hause saß, und über der Verfassung der Statuten und Theaterregeln schwitzte. Er bekam drey Absenzen. Der Practicant Mühlleitner hatte auf seinem Kanzleytische vor sich eine zu 43 bemängelnde Rechnung liegen, revidirte aber keine Ziffer derselben, sondern schrieb verstohlener Weise unter der Rechnung an den Rollen. Xavier, der junge Herr vom Hause, hatte mit der Mama gesprochen, die Mama hatte dem Papa ihre Willensmeinung geäußert; sie sah ihr Söhnlein schon im spanischen Mantel glänzen, und Alles war, in Rücksicht auf das Locale, in Richtigkeit. Xavier gab dem Guitarre-Meister und französischen Sprachmeister geschwinde ihre Billeten, und sandte sie wieder fort, ohne etwas zu lernen, weil er nichts Angelegentlicheres zu thun hatte, als seinen Don Cäsar zu memoriren: machte auch des Tages dreymahl Rosinen Visiten, welche des Mädchens Ältern mit Vergnügen sahen, da sie ihre Tochter gerne unter die Haube hätten bringen mögen. Rosine war nie fleißiger als jetzt, sie nähte den ganzen Tag an Halskrausen und Gewändern und Hüten für die Diana, besonders lag ihr das ideale Kleid am Herzen, womit sie im zweyten Acte im Garten zu erscheinen hatte. »Das soll nur hingehaucht seyn!« rief sie zu sich selbst. Daneben auf dem Arbeitstische lag das Buch der Donna Diana, welches sie auch selbst zum Speisen und in das Bett mitnahm. Der Commis Perzel war aber von Allen der Ärgste. Er stand in seinem Schnittwarengewölbe und lernte, daß ihm der Schweiß auf der Stirne stand, und vertiefte sich so in den Geist seiner Rolle, daß er jede Dame, 44 die eintrat, eine Elle Band zu kaufen, Hoheit nannte. Er hatte etwas von dem Greifen einer Rolle läuten gehört; damit wollt' er aber nicht zu rechte kommen; der Griff schien ihm das allerschwerste, bis er sich endlich entschloß, das Ding so spassig zu spielen als möglich, damit die Zuseher nur recht lachen; damit schien ihm das höchste Ziel erreicht. Der Herr von Mühlleitner hatte auch mit dem Herrn, den er anwerben wollte, (er hieß Wachsberger und war Diurnist) gesprochen, und die Rolle des Gaston an Mann gebracht. Auch Rosine hatte ihre Freundinn Therese Silber zur Annahme der Rolle der Floretta bereitwillig gefunden, und so schien Alles den besten Gang zu gehen. Der Tag der Leseprobe rückte immer näher, Alles freute sich schon darauf, denn eben die Proben, welche den Schauspielern vom Metier so sehr zuwider sind, machen eine der Hauptunterhaltungen der Diletanten aus. – Da erschien plötzlich am Abende vor derselben folgender Brief mit der Adresse des Studiosus Reitter, an welchen er auch gesandt wurde. »Mein Herr! »Wir haben öfters das Verknicken gehabt, Ihnen bey unsern Kussin dem jungen Herren Gsafer Bratsch in der Geseelschaft zu sehen und wir haben Sie alleweil für den Geschaidesten und galantesten von allen jungen Männern, die hinkommen, gehalten. Besonders hat 45 die ältere von uns beyden – wir schamen uns nicht es zu gestechen – sich zu Ihnen hingezogen gespürt – und denkt noch mit Wanne jenes Abends. wo sie die Rossen aus Ihneren Knopfloch genommen, und ihr mit den schönen Worten gegeben haben: Nehmen Sie hier ihre Schwester! Die Blätter dieser Rosse liegen noch immer in ihren Buch. Darum wenden wir uns auch jetzt in einer fatalen Angeleckenheit an Ihnen. Wir sollen bey der Komödi, die gespielt wird, zwey Rollen spielen, die nur so daneben daher gehen, wo gar nicht gepatscht werden kan, wann wir auch so schön aussehen als möglich. Das können und wollen wir nicht thun. Wir sind nicht dazu gemacht um Anderen Stubenmadeln abzugeben, und die Rosi ist uns noch viel zu wenig, als daß sie die Erste seyn könnt, wenn wir die Andern sind. Darum schicken mir Ihnen durch unsern Dienstbothen Kadi hier die Rollen zurück; denn an unsern Kussin Gsafer wollen wir nicht schreiben, er ist uns zu dumm und wir wissen daß er die Rosi gern sieht, und bedanken uns schön. Wir können wo anders die Diana selber spielen, wenn wir nur mögen.« »N. S. Besuchen Sie uns, wenn Sie Zeit haben, der Papa hat nichts dawider. Ihre Dienerinnen Leni und Lisi Bratsch.«         46 Dem Herrn Studiosus Reitter kam dieser Brief sehr gelegen. Er selbst war mit der Rolle des alten Diego nicht zufrieden, und wünschte schon lange eine Gelegenheit, sich der hübschen Leni Bratsch gefällig zu beweisen. »Vielleicht können wir durch diesen Brief die ganze Donna Diana vereiteln,« sprach er zu sich selbst, steckte seine angearbeiteten Theater-Statuten in den Sack, und begab sich zur Leseprobe. Noch war Niemand vorhanden, und nur der junge Herr Xavier ordnete im Zimmer einen großen Tisch, darauf Schreibgeräthe und das Buch der Donna Diana, rund herum Stühle. Reitter grüßte und gab Xaviern stillschweigend den Brief. »Nun, da haben wirs!« schrie dieser:, »aber den beyden hochmüthigen Fliegen will ichs einbrennen. Die Mama hat ihnen immer die Kleider geschenkt, die sie ablegte; von der Stunde an bekommen sie nichts mehr.« »Aber was ist jetzt zu thun?« fragte Reitter, hinzusetzend: »Ich dächte wir ließen die Donna Diana ganz liegen, sie ist ohnedieß zu schwer zu spielen.« »Was schwer? – warum schwer? Nichts ist schwer, am allerwenigsten dieses Stück, das sich selber spielt. Man darf nur die Rolle gelernt haben und angekleidet seyn, so muß man gefallen. Und ich capricire mich einmahl auf den Cäsar, und wenn ich den nicht spielen kann, so wird gar nicht gespielt, damit Punctum!« Das war ein Argumentum ad hominem , 47 und der Studiosus Reitter lenkte ein, indem er fragte, wer denn aber nun die beyden zurück gesandten Frauenrollen spielen sollte? »Da werden wir gleich damit fertig seyn,« erwiederte Xavier. »Ich gebe sie den beyden Töchtern der Marchandemode, die in unserem Hause wohnt. Die Mädels sind in der Leihbibliothek abonnirt, und fressen alle Tage unter der Arbeit wenigstens zwey Bücher; alle Scott'schen Romane haben sie schon gelesen. Die werden doch die Paar Worte sagen können.« Gesagt gethan. Xavier ging sogleich zur Mama Marchandemode im vierten Stock hinauf, die sich ein Vergnügen daraus machte, dem Sohne ihres Hausherrn gefällig seyn zu können, und die zwey Mädchen Amelie und Theodore zitterten vor Freude, endlich einmahl bey einem Haustheater mitspielen zu können, was schon lange ihr Wunsch war. Sie gingen gleich mit hinab, um der Leseprobe beyzuwohnen. Versammelt war bereits Alles, und die Leseprobe begann. Xavier las so schnell, daß man nur die Hälfte von dem verstand, was er sprach. Der Studiosus Reitter hingegen las so langsam und pathetisch, daß man glaubte, seine Reden nehmen gar kein Ende; dabey ließ er den Fall der Verse und das Klappen der Reime so deutlich vernehmen, daß sein Vortrag dem Geklapper einer Mühle nicht unähnlich war. Rosine las so leise, so leise, daß sie fast nur lispelte; sie behauptete, sie schäme 48 sich und könne erst dann so sprechen wie sie wollte, wenn sie in den Kleidern stecke, und auf dem Theater stehe. Die beyden Marchandemode-Mädchen waren schon kecker: die Eine las ihre Fenisa in einem sehr hohen Discant, die Andere ihre Laura in einem Contra-Alt, daß die Wände zitterten. Nur schienen sie mit der Accentuation und mit dem Dativ und Accusativ nicht ganz im Reinen: so las Amelie als Laura z. B. Ich habe ihm gewarnt, und Theodore als Fenisa declamirte: Wahr mag es seyn, doch find' ich es betrübt, Das man sie hassen soll , auch ohne sie zu kennen. Der Studiosus Reitter machte sie darauf aufmerksam, allein sie machten ein böses Gesicht darüber, und schoben die Schuld auf die unleserliche Schrift der Rollen, worüber wieder der Practicant Mühlleitner ein böses Gesicht machte, der sie geschrieben hatte. Überhaupt gab es der bösen Gesichter viele. Xavier machte ein böses Gesicht, weil Rosine dem Souffleur, einem Herrn Sitz , ein bonbon aus ihrem Arbeitsbeutel gereicht hatte. Rosine machte ein böses Gesicht, weil sie die beyden Marchandemode-Mädchen da erblickte, denen sie schon gram war, seitdem sie sie in schönen, sammtenen Pelzen auf der Gasse hatte gehen gesehen, wozu sie selbst es noch nicht hatte bringen können. Der Studiosus Reitter machte 49 ein böses Gesicht über seine schlechte Rolle, und Herr von Rütteles, der zwar nicht selbst mitlas, weil er nicht mitspielte, aber als ein anerkannter schöner Geist der Leseprobe beywohnte, um seine Meinung zu äußern, machte ein böses Gesicht über den Vortrag vieler Stellen, und rief einmahl über das andere in seinem Dialecte aus: »I! das ist nicht recht, das müß' besser gehen. bedenken Sie doch, Xavier, daß Sie ein Ferst sind,« u. s. w. Am Ende aber verzogen sich alle bösen Gesichter und alles war darüber einstimmig, daß die Vorstellung vortrefflich gehen werde. Man beschloß bis zum nächsten Sonntage, wo gespielt werden sollte, noch drey Proben zu halten. Der Tischler hatte das Podium aufgeschlagen, Riffler bereits die Scenen und Gardinen aus Papier zusammen gepappt, und war nun mit dem Mahlen beschäftigt. Nur die Vordergardine allein war von Leinwand. Xaviers Mama nähmlich hatte hiezu ein Paar alte Leintücher spendirt, und die beyden Marchande-modischen (so nannte man sie in der Gesellschaft) hatten sie zusammen genäht und mit Ringen zum Aufziehen versehen. Nach des Studiosus Reitter sinnreicher Angabe sollte das Gemählde auf der Vordergardine den Tempel der Kunst vorstellen, in welchem Apollo steht, mit der Leyer in der Hand, und darunter die Worte. Lasset die Diletanten zu mir kommen . Zwar 50 nicht sehr bescheiden, aber Bescheidenheit ist auch gewöhnlich nicht die Tugend der Diletanten. Tempel und Apollo wurden nun von Riffler so zierlich und steif gemahlt, als hätte er sie von einer Torte abconterfeyt. Auch die Statuten wurden sanctionirt und zu Tage gefördert, und Jedem der Gesellschaft ein Exemplar mitgetheilt: aber sie waren eben nur pro forma , und nachdem sie erschienen waren, keine weitere Rede mehr davon. Ich übergehe die Zeit von der Leseprobe bis zur Vorstellung ganz kurz, und will nur Bruchstücke aus dieser Epoche aufführen. Die Proben wurden immer an den bestimmten Tagen gehalten, aber auch jedesmahl um eine Stunde später angefangen, als festgesetzt war, weil Einer oder der Andere immer später kam. Perzel war wider seinen Willen stets der Letzte, weil ihm oblag, das Gewölbe zuzusperren. Daß viele Zänkereyen bey diesen Proben Statt hatten, kann man sich leicht denken, denn Jeder wollte drein reden, verbessern, anordnen, und niemand wollte sich etwas drein reden, verbessern und anordnen lassen. Xaviers Mama saß immer mit dem Strickstrumpfe dabey, und weinte Freudenthränen, wenn sie hörte, wie ihr liebes Söhnlein die schönen Worte so schön herab plapperte, und bald die Stimme hob, bald senkte. Sie wußte schon die Rolle besser auswendig als er, und war so entzückt über das Genie ihres Entsprossenen, daß 51 sie bey jeder Probe einige Maß Bier und einige Dutzend Selchwürstel zum Besten gab, worein denn die Künstlergesellschaft mit Macht einhaute. Rosine und der Studiosus Reitter schienen die Rollen des Cäsar und der Diana im wirklichen Leben unter einander zu spielen, denn der Studiosus stellte sich an, als ob er sich aus der hübschen Exprofessorstochter gar nichts machte, während sie mit neidischen und glühenden Blicken die Marchande-modische Amelie zu durchbohren drohte, wenn er dieser den Arm both, um sie nach Hause zu begleiten. Die kleine Freundinn Rosinens, welche die Floretta spielte, hatte an dem Commis Perzel ihren Ritter gewonnen, und bereits hatte er in seinem Gewölbe von dem schönsten Stück Merinos auf ein Kleid herabgeschnitten, und es ihr, versteht sich insgeheim, verehrt. Riffler mahlte und bohrte und nagelte den ganzen Tag; aber noch war gar nichts fertig, nicht einmahl die kleinen Versetzstücke. Thüren, Lauben u. s. w. In Ermanglung derselben stellte man sich an die Plätze derselben Stühle, um zu bezeichnen, wo man aus- und einzugehen, zu sitzen und zu stehen habe. Allein heute war's so ausgemacht und morgen wieder anders, und so wußte zuletzt doch Keiner wieder wo aus und ein. Der Lehrjunge Perzels, zwey Schreiber vom Comptoir des alten Bratsch und der Sohn des Hausmeisters waren zu den Hofbedienten beym Einzuge bestimmt. Die 52 Einzugsmusik sollte das Orchester spielen, zu dessen Direction ein junger Philosoph (das ist ein Hörer der Philosophie) genommen wurde, der bey dieser Gelegenheit ein von ihm componirtes Saiten-Quartett aufzuführen beschloß. Die Stelle der Laute mußte natürlicher Weise ein Clavier hinter der Scene vertreten. Der Gesang, welcher in der Scene gesungen werden muß, wurde von dem oben berührten Philosophen der Melodie des Holzhauer-Chors aus dem Rothkäppchen unterlegt, und er übernahm es, zu dessen Absingung auch Diletanten zu verschaffen. Somit kam nach und nach Alles in's Reine. Nur die auszugebenden Billete und die Garderobe machten noch Einiges zu schaffen. Die Billete sollten vor allem schön und nobel aussehen, sie mußten also gestochen werden, und die Theaterkasse war arm; denn außer dem, was der junge Herr Xavier gleich Anfangs hinein gelegt hatte, war noch nichts eingegangen. Den zu spät Erscheinenden, den Schwätzern bey der Probe u. s. w. waren zwar schon Strafen andictirt worden, allein wenn's auf's Äußerste kam, so drohten sie, ihre Rollen zurück zu geben, und somit blieb's beym Alten. Stich, Papier und Abdruck kam aber auf 30 fl. C. M. zu stehen. – Woher nehmen? Da mußte der Papa Bratsch herhalten. Der Mann war gewohnt, alle Abende zwischen sechs und acht Uhr seine drey Rhober Whist im nahen Kaffehhause zu spielen. Er 53 fürchtete sich schon auf den Abend, an dem er zu Hause sitzen, schwitzen und eine langweilige Komödie mit anschauen sollte. Es wurde ihm also von seiner Frau unter die Füße geschoben, daß er deßwegen sein gewohntes Leben nicht zu unterbrechen brauche, für welche gnädige Dispens er aber die Eintrittskarten bezahlen müsse, welches er mit Vergnügen that, denn Geld hatte er genug. Nach der Angabe Reitters wurden auf die Eintrittskarten folgende Worte gestochen, auf daß die Karte alle Sprachen enthielte, als ob sie zur Ansicht des babylonischen Thurmbaues ausgegeben würde: Entrée-Billet zu den dramatischen Darstellungen in der Krongasse Nr. 512 in der zweyten Etage links die Thüre. am                         1825 nur für eine Person gültig (Honni soit qui mal y pense) On commence à sept heure. (Oben war eine Leyer und unten eine Larve angebracht.) Mit der Vertheilung der Billeten war's nun auch eine schwierige Sache. In den Statuten war ausgemacht, daß Keiner der Mitspielenden mehr als drey Karten erhalten sollte, allein dieser begehrte in's Geheim noch zwey, und Jene noch vier, und dieser musikalische Diletant mußte zwey Billeten erhalten, sonst spielte er nicht mit, und 54 sogar der Hausmeisterssohn verlangte für seine Mühe für seinen Herrn Firmpathen, einen Amtsdiener, ein Billet. Man mußte geben und geben, und so kam es, daß, während in dem beschränkten Zuseherplatze nur für 50 Personen Raum war, man 80 Eintrittskarten vertheilte, während außerdem noch Xaviers Mama sich die ersten beyden Reihen Stühle für ihre Bekannten vorbehalten hatte. Es ist wirklich sonderbar, daß sich so viele Leute dazu drängen, auch das Schlechteste mit anzusehen, wenn's nur nichts kostet, daß sie schwitzen und lange Weile haben, und sich doch nicht darüber beklagen, wenn nur ein Abend ohne Kosten dabey verflossen ist, und daß sie, wie das Sprichwort sagt, einem geschenkten Gaul nie in's Maul schauen. Dieses Drängen nun nach Eintrittskarten sah aber unsere Diletanten-Gesellschaft schon mit Stolz als eine gerechte Vor-Anerkennung ihrer Talente an. Die Garderobe mußte nothwendiger Weise von einem Theater ausgeborgt werden, allein bey dem ersten Theater waren die angemessensten Verbothe hinsichtlich des Ausborgens der Gewänder bey Cassation an die Aufseher der Garderobe ergangen; die Garderobe des zweyten Theaters war unter Schloß und Riegel gehalten, man mußte sich also an das dritte wenden, bey welchem Xavier Bekanntschaft mit einem Mitgliede des Ausschusses hatte, durch welches er die Erlaubniß erwirkte, für diese 55 Vorstellung das Nöthige ausborgen zu dürfen. Man verhieß dem ersten Garderobe-Schneider eine gute Belohnung, schrieb ihm alles auf, was man brauchte, und dieser versprach, das ganze Costume am Tage der Vorstellung selbst Morgens bis neun Uhr zu bringen. So kam der sehnsuchtsvoll erwartete Tag immer näher. Alle Augen glühten im Bewußtseyn des einzuerntenden Ruhmes, alle Billeten waren vergeben. Man konnte sich auf dem Theater gar nicht satt stehen, mächtig zogen die Breter ihre Opfer an, und wer nur eine Viertelstunde übrig hatte, der brachte sie dort zu. – Der arme, alte Herr von Bratsch mußte sogar die drey letzten Tage hinter einander mit seiner Frau und seinem Sohne auf der Bühne sein Mittagmahl einnehmen. – An alle ersten Schauspieler der Residenz hatte man Eintrittskarten zu bringen gewußt, im Bewußtseyn ihnen zu zeigen, wie man spielen müsse. An die Eingangsthüre und an die beyden Seitenwände waren Komödienzettel angeschlagen, und zwar mit der Bezeichnung der Nahmen der Spielenden. Xavier hatte schon eine Rede auswendig gelernt für den sichern Fall, hervor gerufen zu werden, und dem Studiosus Reitter war zugestanden worden, einen Prolog zu sprechen, den er sich selbst verfaßt hatte, und worin die Worte Kunst und Künstler sieben und zwanzig Mahl, die Worte Tempel, Thalia und Altar, vierzehn Mahl vorkamen. 56 Nun war der Sonntag, an welchem die Sonne der Verherrlichung über unserem Künstlervölkchen strahlen sollte, erschienen. Die Lust, entspringend aus der sichern Voraussetzung des besten Erfolges, stand auf dem höchsten Gipfel. Der Commis Perzel ging den ganzen Vormittag über den Graben und Kohlmarkt auf und nieder, und meinte, es müsse ihn ein jeder Vorübergehender darum ansehen, daß er heute den Perin in der Donna Diana spiele. Die Mädchen, welche sich die Kleider alle selbst gemacht, und allen Schmuck, den ihre guten Freundinnen besassen, ausgeborgt hatten, liefen in aufgedrehten Haaren herum, und probirten vom frühesten Morgen an, ob ihnen Alles auch genau passe; der Herr Orchester-Director und Philosoph machte eine Probe von den im Stücke vorkommenden Musikstücken und von seinem neuen Quartette, bey welchem gewisse Stellen doch nie recht zusammen stimmen wollten. Darunter nagelte der Maschinist Riffler noch auf der Bühne die letzten Versetzstücke an, so, daß die Spielenden ihre eigenen Töne nicht vernahmen. Reitter ging zu Hause seinen Prolog zum hundertsten Mahl durch; Xavier ging auf der Bühne selbst herum, und übte noch gewisse Stellungen und Abgänge, auf welche er sich Etwas zu Gute that, ein. Der Hausmeisterssohn war damit beschäftigt, die Stühle und Bänke im Zuseherplatze zurecht zu stellen. Der Practicant überhörte den Diurnisten, und 57 der Diurnist vice versa den Practicanten in ihren Rollen. Selbst der Souffleur kam mit seinem Buche, und setzte sich in sein Loch, weil er meinte, auch das Sitzen und das Läuten müsse probirt werden, und der schöne Geist Rütteles ging überall herum, und hatte überall eine Ausstellung, und überall ein bon mot anzubringen. Es schlug Mittag, und der wortbrüchige Garderobe-Schneider war mit der bestellten Garderobe noch nicht gekommen. Xavier war in der größten Bangigkeit; denn die Kleider mußten doch vorher besehen, sortirt, anprobirt werden. Er nahm sich einen Fiaker, und fuhr zu dem zaudernden Menschenbedecker. Himmel! Er war nicht zu Hause, man wußte auch nicht, wo er sey, da er am Sonntag immer bey seinem Vetter, dem Salzversilberer, in einer Vorstadt speist. Xavier erkundigte sich näher um die Wohnung des Salzversilberers, stürzte über die Stiege hinab, und in den Wagen hinein, indem er dem Fiaker zurief: »Nach . . . . Dorf. Mit zornentbranntem Gesichte, im Begriffe, dem Schneider seine Schändlichkeit vorzuwerfen, trat er in des Salzversilberers Zimmer, wo man eben am Tische saß, und der Schneider mit hinaufgeschobenen Hemdeärmeln einen ungeheuern Indian nach allen Regeln der Vorschneidekunst zergliederte. »Herr!« schnarchte ihn Xavier an, »ist das eine Art? die Garderobe! die Garderobe!« 58 Der Schneider (ohne sich stören zu lassen) . Wird schon kommen, ist ja noch Zeit genug, Sie werden ja nicht zu Mittag spielen? Xavier . Aber sie haben die Kleider ja Vormittag zu bringen versprochen? Schneider . Hab' keine Zeit gehabt. Xavier . Wir müssen doch alles erst probiren. Schneider . Was ich bring' wird schon recht seyn, ich habe die schönsten altdeutschen Kleider zusammen grechtelt, die wir haben. Xavier . Aber das Stück ist ja spanisch, nicht altdeutsch. Schneider . Spanisch oder altdeutsch, das ist ein Kaffeh. Sie werden gewiß damit zufrieden seyn. Xavier (bessere Seiten aufziehend) . Herr! ich habe einen Wagen bey mir, fahren Sie wenigstens jetzt gleich mit mir, um die Garderobe zu hohlen. Schneider . Jetzt? Nun das ging mir ab, daß ich mich wegen einer solchen Hauskomödie beym Essen auch noch geniren sollte. Xavier (ihm in's Ohr) . Wenn Sie mitgehen, so bezahlen wir Ihnen für die geliehene Garderobe 10 fl. Schneider . Unter 10 fl. könnte ich's ohnedem nicht thun. Xavier (wie oben) . Also noch 5 fl. mehr. 59 Schneider (steht auf, legt die Serviette weg, und trinkt noch ein volles Glas Wein aus) . Ich muß schon. Adieu, Herr Vetter und Frau Mahm! Heute kann ich schon nimmer auf den delicaten Neunzehner warten, muß fort; denn was das für ein Kreuz mit den Hauskomödien ist, das ist schon fürchterlich. Es gibt bey uns, bey der großen Komödie, auch Leute, mit denen nicht auszukommen ist, aber die kleinen Komödianten sind noch ärger; (leise zum Salzversilberer) aber schwitzen müssen sie, und da tragt's doch Etwas. Adieu, Herr Vetter, nichts für ungut. Der Schneider fuhr mit Xavier, und solcher Gestalt war doch die Garderobe bis drey Uhr Nachmittags beysammen, zu welcher Stunde der alte Herr von Bratsch schon gewaltig brummte, daß er wegen längerer Abwesenheit seines Sohnes nicht zur Mittagssuppe kommen konnte. Da aber seine Frau behauptete, einem edlen und schenialischen Gemüthe müsse die Kunst über Alles geben, und sie liebe das an ihrem Sohne, so schluckte der alte Herr seinen Ingrimm hinunter und schwieg. Das Costüm war eben nicht das richtigste, aber doch ziemlich honett, und mitunter sogar glänzend, nur für die Hofbedienten hatte der dumme Schneider vier Schweizerkleider aus dem Wilhelm Tell gebracht, worüber man aber hinaus ging. Alles übrige sah wenigstens nicht übel aus, wenn's eben auch nicht gerade spanisch war. 60 Um vier Uhr kamen schon die Mägde der Frauenzimmer (bey dem Theater immer Damen genannt), bepackt mit Cartonen und Schachteln und Spiegeln, und nicht lange nachher erschienen die Damen selbst, in Mäntel und große Hüte gehüllt. Auch die Herren fanden sich ein, unter denen der erste und eifrigste jener war, der um halb sieben Uhr noch Zeit gehabt hätte zu kommen, nähmlich der Souffleur. Alles fand sich im Garderobezimmer, welches gleich hinter dem Theater gelegen war, ein; die Damen fingen gleich an sich anzukleiden. Die jungen Herren aber stellten sich noch ein Stündchen hinaus an die Hausthüre, zu welcher Xavier seinen Stiefelputzer, einen alten barschen Invaliden, gestellt, und ihm auf's strengste eingeschärft hatte, keine Person ohne Billet einzulassen. Die jungen Herren wollten nähmlich an der Hausthüre die Leute sehen, die da kämen, und auch sich von den Leuten ansehen lassen; denn Diletanten geben sich alle erdenkliche Mühe, den Leuten zu wissen zu machen: »Seht da ihr Leute! Wir sind diejenigen, die das große Kunstwerk beginnen!« Schon fanden sich nach und nach alte Frauen und Herren, die einen bequemen Sitz zu erhalten wünschten, ein, und brachten mitunter einen ganzen Rudel von Kindern mit, die aber Bertram der Invalide, obschon die Ältern kein Billet für sie mitbrachten, dennoch 61 einließ, weil ihm Xavier aufgetragen hatte, keine Person ohne Billet einzulassen, Kinder aber, seiner Meinung nach, keine Personen waren. Der alte Herr Bratsch aber huschte, so schnell er konnte, hinaus. Endlich mußten auch die an der Hausthüre sich zeigenden jungen Herren zum Ankleiden in die Garderobe wandern, und da nun Zuseher und Spielende von einander getrennt waren, und jeder Theil eine abgesonderte Gesellschaft ausmachte, so kann ich dir, mein lieber Leser, auch nur von jeder der beyden Gesellschaften ein abgesondertes Bild entwerfen. Höre also: I. Wie gings auf der Bühne vor Anfang des Stückes zu? Alles kleidete sich an. Dem war eine Weste zu kurz, jenem ein Paar Hosen zu weit, hier ward Amelie gebethen, einen Knopf anzunähen, dort Theodore ersucht, ein Band zu befestigen. Die guten Marchande-modischen ließen sich zu Allem herbey. – Xavier schrie um Schminke. – Reitter verlangte Pinsel und schwarze Farbe, um sich einen Bart zu mahlen. Es waren nur zwey Spiegel in der Garderobe, zu denen Jeder treten wollte. Um alles Verlangte zu hohlen, und hin und wieder zu rennen, dazu war der Hausmeisterssohn aufgestellt, der auch Jedem mit Leib und Seele diente, und die hohe Ehre, mit beym Haustheater zu seyn, mit der treubeflissensten 62 Dienstwilligkeit zu verdienen trachtete. – Ja, sogar die Bande des Blutes vergaß er ob der Komödianten-Ehre, und als Perzel, der glaubte, seine Rolle müsse sich noch spassiger machen, wenn er den Perin dickbauchig spiele, schrie. »Sebastian! einen Polster zu einem Bauche!« so lief unser Hausmeister-Sebastian schnurstracks hinab in die Hausmeisterwohnung, riß seinem kleinen, einjährigen Bruder den Polster unter dem Kopf aus der Wiege heraus, und brachte ihn noch ganz warm dem Commis Perzel hinauf. – In einer der schrecklichsten Verlegenheiten befanden sich die Damen, denn – o Himmel! der bestellte Friseur war noch nicht zugegen. Der Mensch hatte vermuthlich bey den öffentlichen Theatern heute so viel zu thun, und zog, – gemein genug, das Metier der Kunst vor. Auch hier mußten die Marchande-modischen aushelfen, und thaten es mit so vieler Bereitwilligkeit, frisirten Rosinen und ihre Freundinn, welche die Floretta spielte, so schön und geschmackvoll, daß die erstere allen Groll wegen der Pelze vergaß, und Theodoren um den Hals fiel, als diese ihr den Spiegel vorgehalten, und sie sich darin besehen hatte. Als man angekleidet war, versteht es sich von selbst, daß Eines dem Andern sagte: Sie sehen prächtig aus . Rütteles kam auf die Bühne, um die Damen zu schminken, auch einige junge Herren bathen ihn darum. – Perzel, um recht komisch auszusehen, hatte 63 sich die Augenbraunen recht schwarz gemahlt, und auf die linke Backe ein englisches Pflästerchen geklebt, und mußte, wenn er sich in einem Spiegel besah, über sich selbst lachen, welches auch pflichtschuldigst alle Andern thaten, als sie ihn so ausstaffirt erblickten. Während des Ankleidens ließ der alte Invalide an der Hausthüre alle Augenblicke einen von den Spielenden aus der Garderobe rufen, weil ein Herr da sey, der keine Eintrittskarte besitze, und sich auf ihn berufe. Da die Herren nicht angekleidet sich sehen lassen konnten, so hieß es dann immer: »Ich weiß schon, das ist der und der, soll ihn nur hinein lassen!« Als dieß zu oft geschah, protestirten Reitter und Xavier im Nahmen der Theater-Statuten dagegen, allein der Diurnist Wachsberger sagte: »Das ist mein Onkel mit seinen zwey Söhnen, die erst heute angekommen sind, da ich meine Billeten schon vergeben hatte, und wenn man sie nicht herein läßt, so ziehe ich mich aus und spiele gar nicht.« – Was war zu thun, als nachzugeben? – Noch muß ich erwähnen, daß Riffler vergessen hatte, ein Loch in die Vordergardine zu schneiden, um den Spielenden Gelegenheit zu geben, das Auditorium zu besehen. Alles lief also an die Seitentheile der Gardine, schob diese zurück, und konnte sich nicht satt sehen an den vielen Kunstkennern, von denen man heute angestaunt werden wird. Besonders hatten die 64 Marchande-modischen diesen Platz in Besitz genommen, und sich durch Blicke mit zwey jungen Herren unterhalten, deren Einer, man denke, so kühn war, später selbst vom Zuseherplatze die Gardine zurück zu schieben und den Kopf auf die Bühne zu stecken. Überhaupt wollten mehrere junge Herren auf die Bühne selbst gehen, und sich dort umsehen, die aber Xavier recht empfindlich mit den Worten abwies: »Verzeihen Sie, auf die Bühne darf Niemand.« Während man von oben auf die Zuseher hinab guckt: wollen auch wir hinab steigen und II. sehen: Wie ging's im Auditorium vor Anfang des Stückes zu? Es war zum Erdrücken voll, und in dem nicht sehr hohen Salon so heiß, daß ich mit Rheuma Behafteten ihre Genesung hätte prophezeyen mögen. Die Papa's und Mama's, Onkels, Tanten, Muhmen der Spielenden machten mit einander Bekanntschaft, und sagten sich im Voraus schon Verbindliches über das zukünftige Spiel der lieben Anverwandten. Ein kleines Gespräch ist hier wohl zur Versinnlichung der Sache am rechten Orte: Frau v. Sitz (zu Frau von Heiling, der Mutter Marchandemode) . Ach! gehorsamste Dienerinn, treffen wir uns auch da? Frau v. Heiling . Natürlich, gnädige Frau – meine zwey Mädeln spielen ja auch mit. 65 Frau v. Sitz . So? Nun das freut mich, die werden ihre Reden schon zu setzen wissen, sind ja gebildende Frauenzimmer. Was machen sie denn für Charakteurs? Frau v. Heiling . Sie spielen die zwey Schwestern, haben zwar nicht so viel zu reden, als die Diana selbst, aber man hat sie dazu genommen, weil die Schwestern in dem Stück sehr schön seyn müssen, und eine noble Art haben müssen. Frau v. Sitz . Ah! das begreif ich. (Reden leise weiter.) Der Student A . (zum Studenten B.) . Du, das wird eine saubere Komödie werden. Du, ich bitte dich, zwicke mich, daß ich nur nicht lache. Der Student B . Lache du nur zu, ist ja ein Lustspiel, da muß man ja lachen. Der Student A . Der Reitter hält einen Prolog. Der Student B . Ja, den er selbst gemacht hat. Hat in der Poesie lauter zweyte Classen gehabt, und will einen Prolog machen. Der Student A . Das kleine Marchandemode-Mädchen ist auch dabey. Der Student B . Nun die wird wieder die Augen herum werfen. (Gehen von einander.) Der dicke Exprofessor Mappe (zum Herrn v. Zeller) . Es ist nicht auszuhalten. das ist eine 66 schreckliche Hitze. Wenn meine Rosi nicht mitspielte, ich wäre schon beym Tempel draußen; aber ich glaube das Mädchen hat Genie. Und das Stück soll auch sehr gut seyn. Herr v. Zeller . Haben Sie es denn nie in unserem Hoftheater gesehen? Exprofessor . Niemahls. Ich gehe nicht hinein. Die Leute spielen alle nicht nach der Regel, haben kein ästhetisches Gefühl. Wenn ich Director wäre, es müßte anders seyn. (Eine Frau setzt sich in die vorderste Reihe von Stühlen.) Die Frau v. Bratsch (tritt zu ihr) . Verzeihen Sie, die Stühle sind für meine Bekannten, ich bin die Frau vom Hause. Die Frau . Hinten ist ja kein Platz mehr. Frau v. Bratsch . Das thut mir leid, aber diese Stühle sind schon bestimmt. Die Frau . Ich werd aber doch da sitzen. Frau v. Bratsch . So? Wer sind Sie denn? Die Frau . Ich bin die Frau von Silber, die Mutter von der Fräule, die in dem heutigen Stück das Kammermädel spielt, und wenn ich keinen Platz bekomme, so geh ich hinauf auf die Komödie, und nimm meine Tochter und geh mit ihr fort, und das Theaterspielen ist aus. Frau v. Bratsch . Nun setzen Sie sich nur nieder. (Für sich.) Sind das Leute! Ein sehr eleganter Herr (zu einem andern) . Warum sie denn so lange nicht anzufangen kommen. Der Andere . Es geht immer so in die Länge bey Hauskomödien. Der Erste . Sie geben heute ein sehr schönes Stück, aber einer fehlt dabey; der junge Rütteles, haben Sie den jungen Rütteles schon gesehen spielen? Der Andere . Ich habe gar nicht die Ehre den Nahmen zu kennen. Schon war die Uhr halb acht und noch immer fing das Stück nicht an. Auf dem Theater oben waren sie in der größten Angst, sie fürchteten, ohne Musik anfangen zu müssen; denn der philosophische Musik-Director mit seinen Diletanten war noch nicht zugegen. Endlich kam er mit Schweiß begossen, und die Kunst ging los. Über Darstellung, Spiel und die einzelnen Theile derselben erlasse man mir zu sprechen, ich will ja nur ein Lebensbild zur Unterhaltung schreiben, und müßte hierbey eingehen in das Innere der Kunst, um zu beweisen, daß nicht Kunst sey, was so viele für Kunst halten, und wo bewiesen wird, da pflegen sich gar wenige Leute zu unterhalten. Darum sey im Allgemeinen gesagt, daß die herrliche Donna Diana herunter gespielt wurde, so, wie – man's eben in's Haus braucht; daß oben viel declamirt, geweint, geschrien, gewinselt, gespaßmacht, 68 und unten entsetzlich viel geklatscht wurde; daß die oben meinten, es könne gar nicht mehr besser seyn, als es wirklich wäre, und die unten ganz damit einverstanden waren; daß die oben sehr wenig leisteten und die unten noch weniger verlangten ; daß die oben nur zum Spaß spielten, und die unten sich im Ernst unterhielten; daß die oben einander am Schlusse in die Arme fielen, vor Freude darüber, daß alles so vortrefflich gegangen sey, und daß unten die Papa's und Mama's dasselbe thaten aus Freude über ihre künstlerischen Kinder. Kurz, daß am Ende Alle hervor gerufen wurden, und man oben und unten mit der höchsten Zufriedenheit das Haustheater verließ. Nur muß ich noch anmerken, daß die Spielenden nach dem Fallen der Gardine mit ihren Anzügen unter die Zuschauer herab kamen, um von allen Seiten noch das ihnen gebührende Lob einzuernten, und daß endlich Frau von Bratsch ein großes Souper gab, bey welchem noch alles Lob wiedergekaut und ausgemacht wurde, daß man die herrliche Unterhaltung den ganzen Winter hindurch fortsetzen wolle. Zwey Tage nachher brachte ein Bedienter einen Brief an Xavier adressirt. Er ward geöffnet und man fand darin eine anonyme Recension, in welcher die Ausdrücke: »er hat sich selbst übertroffen, er hat sehr wacker gespielt, er ist in das Tiefste der Kunst eingedrungen, in dieser 69 Stelle war sie classisch, er hat das Höchste erreicht – hierüber ist nur eine Stimme u. s. w. u. s. w. in Hülle und Fülle vorkamen, und worin es am Ende hieß: Man bemerkte im Geiste des Ganzen die Leitung eines genialen Kopfes.« Die Gesellschaft ließ sichs nicht nehmen, Rütteles sey der Verfasser dieser Recension. Den ganzen Winter hindurch wurde fortgespielt, und was war endlich am neuen Jahre das Ende vom Liede? daß sich Reitter und Rosine vereinigten, indeß sich Xavier mit Rosinen entzweyte, daß Mühlleitner den Diurnisten Wachsberger über die Stiege warf; daß Amelie aus dem Hause ihrer Mutter ging, und als Kammerjungfer bey einer Gräfinn in Dienste trat, weil sie sich mit Theodoren nicht mehr vertragen konnte; daß Perzel von seinem Principalen weggejagt wurde:, daß Reitter zweyte Classen bekam, und Mühlleitner, der seinen Dienst vernachlässigte, ewig practicirte; endlich daß der Hausmeisterssohn seinem Vater davon lief und sich bey einer herumziehenden Truppe engagiren ließ. Das ist das Loos des Schönen auf der Erde. 70 VI. Der Damenarzt. Die vormahligen Ärzte waren sehr verschieden von den heutigen. Sie waren zusammen gestutzt, als ob sie eben aus einem Schächtelchen kämen, trugen eine hohe gepuderte Kreppfrisur, Brillantringe strahlten an ihren Fingern, als Zeichen der Dankbarkeit genesener Patienten, oder reicher Erben, Manschetten von den feinsten Spitzen zogen sich um ihre Hände, ein Rock von schwarzem Sammt bedeckte den Körper, und ein spanisches Rohr mit einem goldenen Knopf diente zur Stütze des einen Armes, indem sie unter dem andern das kleine Hütchen trugen. Jetzt ist so ein Arzt gekleidet, wie alle andern Menschen, alle Gravität ist verschwunden, welche oft bewirkte, daß ein Kranker schon vom Ansehen gesund wurde, und mit dem Äußern der Ärzte hat sich auch die Art, die Kranken zu behandeln, mächtig verändert. Ich kenne einen Arzt, welcher vorzugsweise der Damenarzt benannt wird, weil er immer schneeweiße, fein gefaltete Wäsche trägt, weder Tabak schnupft, noch 71 raucht, immer Bonbons und riechende Wasser bey sich trägt, auf die Homöopathie und den Magnetismus große Stücke hält, und den Launen der kranken Schönen vorzüglich zu schmeicheln weiß. Wie weit er es darin gebracht hat, mag folgende Anecdote beweisen, von der ich Augen- und Ohrenzeuge war. Er kam jüngst zur Baroninn M –, deren Ordinarius er ist, und welche er an einem zurück getretenen Schnupfen behandelte. Er trat ein, liebkoste dem Schooßhündchen der Gnädigen, zwickte im Vorübergehen das Stubenmädchen in die Backen, gab dem Papagey ein Stückchen Zucker, trat dann zum Bette, und sprach mit sanfter, lispelnder Stimme: »Nun, wie geht's heute, schönste Baronesse? – O! Sie sehen ja schon wieder aus, wie ein Engel,« setzte er hinzu, »die Augen sind nicht mehr trübe, sie glühen schon wieder, und die Rosen blühen auf den Wangen.« – »Ich bin doch noch nicht ganz wohl,« versetzte die Kranke, und hielt ihm den Arm hin. Er wischte sich die Hand mit einem battistenen Schnupftuche ab, faßte dann den Arm, drückte ihn sanft, und betastete den Puls lange; denn die Frau hatte einen schönen Arm, dann sagte er mit zufriedenem Lächeln und einem Kuß auf den schönen Arm, den er sanft wieder unter die Decke schob: »In drey bis vier 72 Tagen ist Alles gut, nur so fortgefahren, leichte Nahrung nehmen, sich warm halten, und nicht ausgehen.« Die Baroninn . Nicht ausgehen? Was fällt Ihnen ein, Doctor? Ich muß diesen Abend in's Concert, wobey meine Nichte singt, ich hab's dem Mädchen versprochen. Ich werde mich recht warm einhüllen, und fahren, das versteht sich. Der Arzt . Nun, wenn Sie fahren, meine Gnädige, so mag's darum seyn, aber bleiben Sie nicht lange. Baroninn . Ey liebes Doctorchen, den Anfang des Balls möcht' ich doch gern abwarten. Arzt . Nun, so setzen Sie ein Viertelstündchen zu, (mit dem Finger drohend) aber nicht selbst mitmachen. Baroninn . Ich werde keine Ecossaise, keinen Walzer tanzen, höchsten eine Polonaise; dabey geht man ja ohnedieß nur herum. Arzt . Sie liebe, exigeante Frau, nun meinetwegen, aber nichts soupiren. Baroninn . Ob ich mein Hühnerflügelchen dort oder zu Hause esse, was liegt denn daran, Doctor? Arzt . So sey's, aber wenigstens keine hitzigen Getränke! Baroninn . Ah! ein Glas Punsch! das reift den Schnupfen. 73 Arzt . Nun ja, gut, gut. aber nur nicht zu spät nach Hause kommen. Hiermit empfahl sich der Arzt. Die Dame tanzte viel, soupirte gut, trank Punsch und Liqueurs von allen Sorten, und kam des Morgens um vier Uhr nach Hause. Sie erzählte dem Doctor bey der nächsten Visite Alles aufrichtig, dieser lachte mit ihr darüber, fand sie um Vieles besser, und schloß mit den Worten: »Man sieht wohl, daß das Sprichwort recht hat: Was eine schöne Frau will, das schlägt nie übel aus .« 74 VII. Wohnungsschau. »Höre, lieber Bruder!« sagte ein Fremder zu mir, der aus Norddeutschland hier angekommen war, um unsere Residenz und ihre Merkwürdigkeiten zu sehen, »ich mag im Gasthofe nicht wohnen bleiben, es ist mir da zu kostspielig und auch zu lärmend, ich wünschte für die Zeit meines hiesigen Aufenthaltes, der sich wohl bis zum künftigen Frühjahre verlängern dürfte, ein Monathzimmer zu beziehen, weißt du keines?« Ich . In diesem Augenblicke eben nicht, aber dazu bedarfst du ja keines Mittelmannes, sieh dich nur ein wenig an den Hausthoren um, es kleben ja überall Zettel, worauf Monathzimmer angebothen werden. Mein Freund . Ganz recht, allein ich wünschte doch, daß du mit mir gingest, denn erstens kannst du mit deinen Landsleuten besser reden, welche ich nur halb verstehe, und die mich oft gar nicht verstehen; und dann – ich muß es dir schon aufrichtig gestehen – die meisten dieser Zettel sind so kauderwälsch geschrieben, daß ich sie gar nicht einmahl lesen kann. 75 Ich konnte mich des Lachens nicht erwehren, und antwortete ihm mit einem Achselzucken: »Ja, warum kannst du nicht Deutsch?« Endlich fragte ich ihn, was für Eigenschaften er denn eigentlich bey einer Wohnung fordere, wenn sie nach seinem Wunsche seyn solle. Mein Freund . Vor allem Reinlichkeit und Ruhe, Licht und Luft; – kann ich daneben bey freundlichen, zuvorkommenden Leuten wohnen, mit denen in langen Abendstunden ein kluges Wort zu wechseln ist, und welche demjenigen, der unter ihrem Dache wohnt, etwas mehr thun, als sie eben müssen, so wird es mir – versteht sich – wohl noch angenehmer seyn. Ich . Nun, dazu könnte wohl Rath werden; denn an Gutmüthigkeit und freundschaftlichem Zuvorkommen fehlt es meinen Landsleuten nicht; aber mit dem lieben Gotteslicht wird's seine Noth haben, wenn du anders dir nicht die Lungensucht an den Hals steigen willst. Nun wir werden schon sehen. Komm Montags früh zu mir, da wollen wir einen Gang durch die Stadt machen, um Wohnungen zu suchen und zu besehen, bey der Gelegenheit lernst du vielleicht auch lesen. Am folgenden Montag begannen wir des Morgens um 9 Uhr die Wohnungschau. Gleich in der ersten Straße, die wir durchwandelten, fanden wir an einem der Thore einen Zettel kleben, worauf geschrieben stand: 76 Monatliches Zimmer zu verlasen Selbiges wohnt im dritten Stock, hat einen egstra abarten Eingang, ist schön merbelirt, Alles von feinen Holz und ruhig. Ein Saliter-Mann kann es täglich bestechen und einziehen. Das Nähere wird oben erfragt. Nachdem ich meinem Freunde, der nach Durchlesung den Kopf schüttelte, die Worte merbelirt, Saliter u. s. w. übersetzt hatte, fragte ich ihn, ob ihm der dritte Stock nicht zu hoch wäre, und ob er hinauf steigen wolle, die Wohnung zu besehen. Er bejahte es, und wir traten ins Haus. Lange sahen wir uns im Hofe um, gewahrten aber gar keine Stiege, und schon wollten wir wieder hinaus wandern, als eine Nasenstimme ertönte (wir wußten nicht – woher sie sich Bahn zu unsern Ohren brach), welche uns entgegen schmetterte: »Was gibt's da?« – »Wir suchen die Stiege!« antwortete ich in die Luft hin. »Zu wem wollen Sie?« ertönte eine neue Frage. »Nach dem dritten Stock wollen wir,« versetzte ich. – Da ertönte ein schallendes Hohngelächter, welches mit den Worten schloß: »Unser Haus hat gar keinen dritten Stock,« und ein Fenster wurde zugeworfen. Da standen wir nun, sahen einander an, lächelten, traten Beyde 77 vor's Haus quer über die Straße, und bemerkten, als wir das Gebäude betrachteten, daß es wirklich nur zwey Stockwerke zähle. »Das ist ein Bodenzimmer,« sagte ich zu meinem Freunde, »welches für dich auf keinen Fall passen würde,« und wir gingen weiter. »Schau' einmahl das artige Kind an!« lispelte mir mein Freund zu, indem er mir auf ein sehr schön geformtes Mädchen der dienenden Classe zeigte, welches vor uns hinwandelte, und Bücher unter dem Arme trug. Ich mußte ihm beystimmen, und wir fingen Beyde eben unwillkührlich an, unsere Füße etwas schneller zu bewegen, und standen gerade auf dem Punct, mit einer kleinen Wendung unserer Köpfe auch das Gesicht in Augenschein zu nehmen, als die kleine Anmuthige in ein Haus einbog. Maschinenmäßig drehten auch wir uns hinein, mein Freund trat zu dem Mädchen, und fragte in seinem norddeutschen Dialecte: »Vergeben Sie mahl, Jüngferchen, ist in diesem Hause keine Monathstube zu vermiethen?« – Sie sah ihn an, lächelte, wandte sich zu mir und fragte: »Was schafft der Herr? « Ich . Er fragt: ob hier kein Monathzimmer zu verlassen sey? Das Mädchen . Ah ja so! Ja, im zweyten Stock ist ein's zu verlassen, ein recht schönes Zimmer. Wenn 78 Sie's anschauen wollen, ich will Sie sogleich hinauf führen, ich lege nur die Bücher vorher ab. Ich . Du wohnst also auch hier im Hause? Das Mädchen . Zu dienen, ich bin die Tochter des Hausinspectors . Wollen Sie vielleicht mit herein spazieren? Mit diesen Worten trat sie zu ebener Erde in eine Thüre, worüber auf einer Tafel zu lesen war: Hausmeisterswohnung . Wir traten dem Mädchen auf dem Fuße nach, und befanden uns in einem kleinen niedrigen Zimmerchen, das mit Möbeln vollgepfropft, aber reinlich aufgeräumt war. Ein Stickrahmen lag auf dem Tische, auf welchem ein zahmer Canarienvogel umher trippelte. Zwey neben einander stehende Betten standen an einer Wand, an der andern ein Quer-Pianoforte, worauf eine Guitarre lag. Nun blieb in der kleinen Stube nur mehr Raum für ein winziges Tischchen und zwey Stühle, welche uns das liebliche Kind anboth, und auf welche wir uns setzten. »Das Zimmer ist etwas klein!« eröffnete mein Freund das Gespräch. Das Mädchen . Ah! es sieht nur so klein aus, für mich und meine Mutter ist's eben recht, und diejenigen, so setzte sie schnippisch hinzu, die gerne kommen, denen ist's auch groß genug. 79 Ich . Ja das glaub' ich gern. Sie haben also keinen Vater mehr? Mädchen . Nein, der ist schon lange todt. – Meine Mutter ist auch schon sehr alt und schwach. Ich . Und Sie ernähren Ihre Mutter, braves, liebes Kind? – Mädchen (verschämt geziert) . Ja das thu' ich. – Die Mutter hat nichts zu thun, als aufzuräumen, zu kochen, die Stiege zu kehren und bey der Nacht das Thor aufzusperren, wenn Jemand läutet. Alles, was unser Dienst sonst mit sich bringt, das thu' ich. Mein Freund sah mich an, und um das Lachen zu verbeißen, nahm er eines der Bücher in die Hand, fragend: »Was sind denn das für Bücher?« »Das müssen Sie ja gleich an dem grün marmorirten Einband sehen,« antwortete das Mädchen, »daß sie aus der Armbruster 'schen Leih-Bibliothek sind. Mein Liebhaber hat dort für mich auf ein ganzes Jahr pränumerirt, und da les' ich denn den ganzen Tag.« Mein Freund . Sieh einmahl. Walter Scott . Mädchen . Ja, der ist mir der Liebste, ich habe schon eine Menge von ihm gelesen, den Alterdummen und den rothen Robinson und das Herz in der Mitten von Lothian und Olivenhu , das Kloster und was weiß ich was Alles. Wie der 80 Mann seine Reden setzt, und wie der die Leute in dem Schottnerland zu beschreiben weiß, das ist schon eine helle Pracht auch. Ich sag' Ihnen, meine Herren, ich wein' oft mehr als ich lese, und selbst beym Essen ist mir schon oft die Suppe kalt geworden, aus lauter Begierde zum Lesen. Aber jetzt, wenn's Ihnen gefällig ist, will ich Sie hinauf führen. Wir folgten dem Mädchen, und sahen nur noch in der kleinen engen Küche, wie unsere Führerinn schnell einen grünen Vorhang zuzog, der sich vor dem Herde befand, vermuthlich um ihre Mutter vor unsern Augen zu verbergen, die in ihrem etwas unsaubern Negligee gegen ihre Tochter freylich nicht wenig abstach. Im Hinaufsteigen über die Treppe fragte ich die Hausinspectorsgeborne, wer jenes Monathzimmer vermiethe. »Eine sehr brave Person,« gab sie mir zur Antwort, »nur unvermögend, und eine Ausländerinn. Sie wünscht, wie mir ihre Köchinn sagte, am liebsten einen Fremden, und zwar einen reichen Engländer zu ihrem Miethsmann.« Wir waren nun im zweyten Stockwerk, unsere Führerinn schellte und es wurde aufgethan. »Kathy!« sprach die Hausmeisterische zu dem Stubenmädchen, das uns öffnete, »die beyden Herren wollen euer Zimmer anschauen,« und empfahl sich gleich an der 81 Thüre. Wir traten ein, und mußten einige Augenblicke im Vorgemache verziehen, bis wir gemeldet waren, dann öffneten sich die Flügelthüren und wir wurden eingelassen. Auf einem Sopha, vor sich ein Nähtischchen, mit Wollstickwerk zu Fensterpolstern belegt, saß ein Frauenzimmer, dem man's auf den ersten Blick ansah, daß sie die Kinderschuhe nicht nur schon lange ausgetreten habe, sondern sich auch bey dem besten Gedächtnisse vielleicht gar nicht mehr daran erinnere. Bey der außerordentlichsten Galanterie gegen das schöne Geschlecht und sein Alter hätte man ihr doch ohne Umstände 40 in den Bart hinein sagen können. Ich sage ganz recht: in den Bart , denn selbiger Mannesschmuck ließ sich über dem etwas breiten Mund nicht undeutlich gewahren. Das Frauengebild trug übrigens ein kirschroth-sammtenes Kleid, ferner ein neckisches Spitzenhäubchen, aus welchem sich von beyden Seiten blonde Seidenlocken hervordrängten, ober der Stirne mit einer großen Klatschrose geschmückt, und unter dem Kinne durch eine gelbe Schleife fest gemacht. Sie trug Handschuhe an den Händen, wovon die Spitzen weggeschnitten waren, und deren oberen Rand man eben nicht ganz reinlich nennen konnte. Neben ihr auf dem Sopha lag ein kleines Jagdhündchen, das uns, als wir eintraten, sogleich entgegen knurrte, von ihr 82 aber durch »Kusch kusch Bartolo!« und Anbiethung eines Stückchens Biscuit zur Ruhe verwiesen wurde. Das Fräulein machte uns eine leichte Verbeugung und fragte was wir wünschten. Ich . Mein Freund hier wünscht das Monathzimmer zu besehen, welches hier zu vermiethen ist. Das Fräulein (mit einem verstohlenen Blick auf meinen Freund) . Wollen Sie sich nicht ein wenig niederlassen? (Sie rückt das Hündchen sammt seinem Polster näher zu sich, und nöthigt meinen Freund neben sich auf den Sopha, mir zeigt sie stumm auf einen Stuhl.) Mein Freund . Das Zimmer ist doch möblirt, mein Fräulein? Fräulein . Allerdings, ein gutes Bett, Kleiderschrank, Secretair, Tisch, Stühle, Spiegel, ja selbst an den kleinern Bequemlichkeiten z. B. an einem Queridon, einem Schämel, den ich selbst gestickt habe, fehlt es nicht. Fräulein (fährt fort) . Das Zimmer heitzt sich leicht und gut, und hat einen besondern Eingang. Der Bedienung wegen werden Sie aufs beste versorgt seyn. Mein Stubenmädchen macht Ihnen das Frühstück, und ich selbst sehe immer nach. Sie werden sehen, wir werden uns sehr gut vergleichen, bey mir ist's ruhig, ich thue jedem Menschen lieber etwas mehr, als weniger, und wenn 83 Sie unpäßlich seyn sollten, können Sie auch Suppe, Thee – Alles, was Sie wünschen, bey mir haben. Mein Freund . Ich bin Ihnen sehr für Ihre Güte verbunden, mein Fräulein. Fräulein (indem sie aufsteht, und ihren Arm in jenen meines Freundes legt) . Wollen Sie nun das Zimmer besehen? Wir gehen gleich hier durch meinen Eingang. Wir gingen und sahen ein ziemlich großes Zimmer, an dessen Decke noch Engelsköpfe von Stukaturarbeit prangten. Der Stubenboden war so ausgetreten, daß die Äste zollhoch hervor standen, und ordentlich zum Fußbrechen eingerichtet; die Fenstergardinen mußten wohl einmahl eine Farbe gehabt haben, aber man konnte jetzt nicht mehr unterscheiden, welche; der Spiegel war blind, hin und wieder zeigten sich mehrere nicht undeutliche Spuren von jenen Thierleins, welche Linée füglich mit den Vampyren in eine Classe hätte reihen können. Das Fräulein zeigte meinem Freunde Alles, und suchte die Mängel, so viel möglich, zu entschuldigen, bey jedem schlechten Möbel behauptete sie, sie habe dafür bereits ein neues bestellt, aber der faule Tischler lasse sie so lange darauf warten. Ich trat indessen zum Fenster, und besah mir die Aussicht, welche eine Decoration darboth, bey welcher man recht füglich das Singspiel auf dem Dache hätte aufführen können. – Da fiel mir in der 84 Fensterscheibe etwas Gekritzeltes auf, ich besah es näher, und fand folgende Worte, vermuthlich mit einem Diamantring in die Scheibe geschrieben: Unglücklicher! der steht allhier, Verlaß schnell dieß Quartier, Du kannst unmöglich dich verschanzen, Vor diesem Fräulein und den Wanzen. Als ich mich von dem Fenster wegwandte, hörte ich eben, wie das Fräulein meinem Freunde sagte, das Zimmer koste nur monathlich 15 Gulden Münze, und mit Bedienung 20 Gulden Münze. »Aber,« setzte sie heimlich hinzu, indem sie meinem Freunde eine Feder vom Gehrock nahm, welche bey dem Bette auf ihn geflogen war. »Wenn Sie es miethen wollen, will ich schon noch etwas Gleiches thun.« »Verzeihen Sie,« fiel ich in die Rede, »mein Freund kann erst morgen zuschlagen, da ein Brief, welchen er heute noch erwartet, über sein längeres Hierbleiben entscheiden wird.« »Nun,« versetzte das Fräulein, »so hab' ich doch auf jeden Fall das Vergnügen, Sie noch einmahl zu sehen,« und somit empfahlen wir uns. Am Thore stand das hübsche Hausmeistersmädchen, und fragte recht angelegentlich, ob wir das Zimmer gemiethet hätten? Mein 85 Freund drückte ihr ein blankes Guldenstück in die Hand, sagte, er sey noch unschlüssig, und wir gingen. Auf der Gasse erzählte ich meinem Freund den Spruch, den eine wohlthätige Fee mir in der Fensterscheibe erscheinen ließ, er lachte und meinte, er habe ohnehin nicht den Willen gehabt, hier sich fest zu setzen. Kaum zehn Schritte waren wir gegangen, und in eine andere Gasse eingebogen, als ein großer Zettel an einem Thor, mit kalligraphischen Schnörkeln verziert, unsere Blicke auf sich zog, er lautete. »Ein schöneres Zimmer, als in diesem Hause im zweyten Stock zu vermiethen ist, kann man sich nicht denken, es hat drey Fenster, und die Aussicht in einen Wintergarten .« Schnell stiegen wir die zwey Treppen empor, und wurden von einem Herrn bewillkommt, der noch von dem verflossenen Jahrhunderte übrig geblieben zu seyn schien. Er trug eine Zopfperrücke, einen Frack von Molton, dito Beinkleider, grauwollene Strümpfe und sammtene Schuhe. Er hatte ein gutmüthiges, immer lächelndes Gesicht, und daß dieses Gesicht nicht log, bewies uns unser Gespräch mit ihm; denn er lachte zu Allem was er sagte, daß sich oft sein Schmerbäuchlein dazu schüttelte. Als er uns erblickte, begrüßte er uns schon 86 mit einem »Ha! ha! ha! mich freuts, wollen gewiß das Zimmer besehen?« Mein Freund . Allerdings, wenn Sie erlauben. Der Alte . Belieben nur herein zu spazieren, ich werd' es Ihnen sogleich zeigen, müssen sich aber nichts daraus machen, es liegt jetzt meine todte Magd darin, die gestern am Schlag plötzlich gestorben ist, ha! ha! ha! ha! (Hier lachte er sehr stark.) Wir traten hinein, das Zimmer war nicht übel. Der Leichnam lag auf einem Brete mit Tüchern verdeckt. Der Alte lüftete eines dieser Tücher, sah die Todte an, fing laut an zu lachen und sprach: »Hast auch einrücken müssen, alte Margareth? ha! ha! ha! hast gut gekocht, und deine Schuldigkeit gethan durch 32 Jahre; und mußt mich auch nicht betrogen haben, weil du nicht mehr als 200 Gulden hinterlassen hast. Tröst dich Gott! ich komme dir bald nach, ha! ha! ha! ha! ha! ha! »Der Mann geht sicher einmahl lachend in die andere Welt hinüber,« flüsterte mir mein Freund in's Ohr, und fragte den Herrn vom Hause, wo denn die hochbelobte Aussicht in den Wintergarten sey? »Gleich werden Sie sehen,« antwortete der Alte lachend, und öffnete die Fensterbalken, welche geschlossen waren (das Zimmer war bisher nur durch die Lichter erleuchtet, welche bey dem Leichnam brannten) ; sieh da – die 87 Aussicht ging auf einen mit Glasfenstern versehenen Gang, in welchem auf erhabenen Stellen mehrere Blumentöpfe standen. In zweyen derselben sahen wir Schnittlauch, in zwey andern sogenannte Hauswurzen, einige verblühte Levkojen und gelbblättrige Geranien standen in den übrigen. Wir mußten laut zu lachen anfangen, und fragten, was denn das für ein Gemählde sey, welches am Ende des so genannten Wintergartens sich befinde. »Das ist eine prächtig gemahlte Grotte,« sagte der Hauswirth, »mein Vetter hat sie gemahlt, aber eigentlich ist das die Thüre zum geheimen Gemache. Ha! ha! ha! rief er, »ist der Garten angenehm? Hätten Sie sich das mitten im Winter hier vorgestellt? und mit alle dem verlange ich für das Zimmer monathlich nicht mehr als zwölf Gulden Münze.« Wir versicherten, das sey sehr wohlfeil und empfahlen uns mit dem Versprechen, wir würden noch diesen Nachmittag die Nachricht senden, ob mein Freund das Zimmer nehmen werde oder nicht. Der Hauswirth begleitete uns bis an die Thür, und als ich ihm beym Abschied noch eine Prise Tabak reichte, wollte er sich darüber halb todt lachen, daß ich Galizier schnupfe. Wir besahen wenigstens noch zehn Quartiere, wovon ich dir, lieber Leser, nur ganz kurz das Auffallendste mittheilen will. 88 Bey einer alten Witib war, wie der Anschlagzettel zu lesen gab, ein Zimmer sammt Tisch zu vermiethen . Der Tisch sollte aber so viel ausdrücken, als daß die gute Frau auch ihrem Miethsmanne zu Mittag und Abends die Kost reiche. Das Zimmer hier hatte gar kein Fenster, und die Madame meinte, das sey auch gar nicht nöthig, wenn der Herr etwas lesen oder schreiben wollte, so könnte er's in ihrem Zimmer thun. In einer andern Wohnung wimmelte es von Kindern, Hunden, Katzen, und als wir beym Hineintreten eines von den Mauzchen auf die Pfote traten, nahm die Frau dasselbe und legte es auf das Bett, welches für den einziehenden Miethsmann bestimmt war. Bey einem alten Junggesellen sahen wir ein recht hübsches, wohl eingerichtetes Gemach, allein der gute Mann suchte einen Miethsmann, der Violin spielen könnte, und sich herbey ließe, mit ihm des Vormittags Duetten, und Abends Piquet zu spielen. Ueber einen Bedienten, den uns ein stolzer Wohnungsinhaber zum Führer gab, um uns das Zimmer zu zeigen, mußten wir herzlich lachen, da er uns Alles, was er uns zeigte, aus allen Kräften schimpfte. »Schauen Euer Gnaden einmahl das Zimmer an,« sagte er, »ist das ein Loch? und die Möbeln, kein Stuhl einen ganzen Fuß. Zur Nachtzeit,« versicherte er, »sey die Stiege nicht 89 beleuchtet, und mit seinem Herrn sey noch keine Afterpartey ausgekommen, den letzten, er war ein Student, habe er sogar geprügelt. Ich bitte Euer Gnaden um's Himmels willen,« sprach er, »ziehen Sie nur bey uns nicht ein.« Wir schenkten ihm für seine Treuherzigkeit ein recht gutes Trinkgeld. Es war schon Abend geworden, und noch hatte mein Freund keine angemessene Stube gefunden, als wir an einem kleinen, nur zwey Fenster umfassenden Hause von zwey Stockwerken noch einen Zettel gewahr wurden, an welchem mit seiner Frauenschrift geschrieben stand: »Hier im zweyten Stockwerk ist ein Monathzimmer zu vermiethen, man beliebe sich im ersten darum zu melden.« »Das wollen wir noch besehen,« sagte mein Freund, und wir gingen hinein. Ein junges, nettes Mädchen, öffnete uns im ersten Stock, und wir traten in ein Zimmer, in welchem eine alte Frau saß, das Mädchen, welches uns geöffnet hatte, war ihre Tochter, und hatte der Mutter eben aus einem Buche vorgelesen. Das Zimmer war reinlich, und die Bewohnerinnen eben so. Als wir gesagt hatten, warum wir hier seyen, sagte uns die Mutter, das ganze Haus bestehe nur aus zwey Zimmern, und jenes im zweyten Stock sehe eben so aus, wie dieses im ersten, wo wir uns eben befänden. Kostbare Möbeln, meinte die Mutter, stehen nicht darin, aber ein gutes 90 reinliches Bett und was sonst noch zur Bequemlichkeit nothwendig sey. »Ich habe nicht viel zum Besten,« sprach die Frau, »bin eine arme Witwe, welche von einer sehr mäßigen Pension leben muß, wozu mir die Vermiethung jenes Zimmers noch einen kleinen Zuschuß leistet. Meine gute Louise,« fuhr sie fort, auf ihre Tochter zeigend, welche mit gesenkten Blicken am Ofen stand, »thut zwar, was sie kann, um durch ihrer Hände Arbeit noch etwas beyzuschaffen, aber die Zeiten sind doch etwas zu hart. Wir hatten einen recht braven Mann sechs Jahre hindurch im Quartier, aber der ist nach der Provinz versetzt worden, und mußte uns verlassen. Wollen Sie das Zimmer besehen, so kann es sogleich geschehen.« Wir baten darum, und Louise führte uns nach dem zweyten Stocke. Das Zimmerchen glänzte vor Reinlichkeit; ein Stickrahmen stand darin. Wir besahen ihn und fragten, wer hier sticke. »Ich,« sagte Louise. »Aber warum nicht unten?« fragte mein Freund. »Verzeihen Sie,« antwortete Louise, »aber unten sticke ich am Tage, des Nachts aber will mir's meine gute Mutter nicht leiden, da bin ich denn, wenn sie eingeschlafen war, immer heraufgegangen, und habe gearbeitet, so lang's eben gehen wollte; denn die Mutter ist kränklich, der Arzt hat ihr guten stärkenden Wein verordnet, und der kostet viel. Verzeihen Sie, aber der Rahmen wird 91 sogleich weggebracht werden, und wenn wir das Zimmer wieder vermiethet haben, so ist's auch nicht mehr so nöthig, daß ich zur Nachtzeit arbeite.« »Was kostet das Zimmer?« fragte mein Freund heftig. »Der frühere Bewohner bezahlte uns monathlich zehn Gulden Münze.« »Ich gebe fünfzehn,« sagte mein Freund, leistete sogleich der Mutter eine Vorausbezahlung auf zwey Monathe, bezog es am folgenden Tage, und freut sich noch jetzt, daß ihn der Zufall dahin führte. 92 VIII. Die Kindeswärterinn. Ich ging neulich mit einer Dame auf dem Glacis spazieren, um den ersten schönen May-Abend zu genießen, da wurden wir auf dem Grase ein Kind gewahr, welches ganz allein saß, und allerliebst angekleidet war. Wir traten näher und bemerkten, daß es weine. »Warum weinst du?« fragte ich die Kleine. Kind . Weil ich ganz allein bin. Meine Dame . Wem gehörst du denn an, wo wohnst du? wir wollen dich nach Hause führen. Kind . Ich gehöre meiner Mama, wir wohnen in einer Gasse. Dame . Wer hat dich denn daher geführt? Kind . Die Christel. (Noch stärker weinend, und nach allen Seiten rufend) Christel! – Christel! Dame . Wo ist denn die Christel? Kind . Ich weiß es nicht. Sie ist erst da auf dem Gras gesessen mit dem Herrn Jacob. Dame . Wer ist der Herr Jacob? 93 Kind . Nun, wissen Sie denn das nicht? Das ist ja der Bediente von dem schönen Herrn, der immer zu uns in's Haus kommt, und mir Zuckerwerk mitbringt. Sie haben mir beyde gesagt, ich soll nicht von ihnen weggehen, aber ich bin meinem Balle nachgesprungen, und wie ich umgeschaut habe, war die Christel nicht mehr da – hi! hi! – hi! meine Christel! ich habe sie verloren. Dame . Du hast sie nicht verloren, liebes Kind, sey nur ruhig, sie wird schon wieder kommen, bleib' indessen bey uns. Kind . Nein, sie wird nicht wieder kommen. Sie ist eine Grausame . Der Herr Jacob hat sie erst so geheißen. Ich . Nein, liebes Kind, die Christel ist nicht grausam, sie wäre sonst wohl noch hier bey dir. Dame . Komm her zu mir, wie heißt du denn? Kind . Jenny. Dame . Komm her, liebe Jenny, wir wollen uns niedersetzen, setze dich zu uns und spiele. Die Kleine that es, meine Dame gab ihr das Parasol, womit sie sich unterhielt und zu weinen aufhörte. Endlich nach einer halben Stunde sahen wir von der Seite eine junge, recht hübsche Magd athemlos daher laufen. Die Kleine sah sie kaum, so lief sie ihr mit dem Rufe Christel , Christel entgegen. »Eine Stunde such' ich 94 sie jetzt schon,« schrie Christel, »sie ungezogenes Kind, man darf nur die Augen von ihr wenden, so ist sie schon weg: ich werd's der Mama sagen.« – »Ach nein,« bat Jenny wehmüthig, »nicht der Mama sagen.« – Christel riß sie am Arme mit sich fort. Ich und meine Dame standen auf und sprachen darüber, daß die Kindeswärterinnen oft noch weit mehr einer Aufsicht bedürfen, als die Kinder, die man ihnen anvertraut. 95 IX. Die Landparthie. »Wir müssen heuer wieder eine Landparthie machen!« sagte der Kaufmann Mehlberg zu seiner Frau und seinen Kindern, als sie beym Abendessen versammelt waren. »Wir sitzen ohnedieß das ganze Jahr hindurch zwischen vier Mauern, und sind mehrere beysammen, so kostet's ja auch nicht so viel.« »Ja, ja! auf's Land,« schrien die kleineren zwey Kinder, »dort wollen wir wieder recht herumspringen.« »Und eure Kleider zerreißen,« fiel die Frau Mama ein. Der nächste Pfingstsonntag, meinte der Vater, wäre der beste Tag dazu, da wäre Montag nachher auch ein Feyertag, und man könnte sich von den Strapazen wieder erhohlen. – »Wir nehmen eine Jantschky'sche Wurst auf zwölf Personen,« fuhr Mehlberg fort, »unser sind sechs, die andern sechs Personen laden wir noch dazu ein, und fahren nach Mauerbach , essen dort, gehen spazieren, unterhalten uns, und fahren um acht bis neun Uhr Abends wieder zurück.« 96 Die Familie stimmte mit ein, und folgende Personen fanden sich zur Landparthie zusammen, die ich ein Bischen ausführlicher beschreiben will, lieber Leser, da du sie genauer kennen mußt, um Manches in ihrem Thun und Treiben natürlich zu finden. 1.) Der Kaufmann Mehlberg , ein Mann von sechzig Jahren, aber noch rüstig. Auf zwey kurzen und gegen einander gebogenen Füßen ruht ein Körper, der dafür etwas zu lang und zu dick ist. Er trägt eine blonde, man könnte fast sagen, gelbliche Perrücke, seine Gesichtszüge zeugen von Jovialität und Bonhomie. Eine etwas mehr als natürliche, und in's Zinnoberrothe fallende Farbe auf Backen und Nase, verkündet, daß er dem Rebensaft nicht abhold sey, und zwey kleine, stechende Augen lassen auf Witz schließen. Übrigens besitzt er ein außerordentliches Phlegma, und noch weiß sich niemand zu erinnern, ihn jemahls zornig gesehen zu haben. 2.) Frau Mehlberg (bald hätt' ich das von vergessen, und das würde sie sehr kränken, also Frau von Mehlberg), war nicht hübsch, das konnte ihr kein Mensch nachsagen, aber bornirt war sie, das sagte ihr die ganze Welt mit Recht nach. Eines reichen Holzhändlers Tochter hatten sich in ihrer Jugend mehr als genug Freyer gemeldet, aber sie hatte dem Kaufmann Mehlberg den Vorzug gegeben. weil – weil er Alles von ihr litt, und sich 97 über nichts ärgerte. Sie war eine hochstämmige Frau, welche die Haare noch jetzt, in ihrem fünf und vierzigsten Jahre à l'enfant trug, über der rechten Augenbraue eine ziemlich große Blutwarze hatte, sich immer mit dem Oberleib schaukelte, als ob sie schwämme, wenn sie ging, sehr redselig war, und in ihrem Discurs die fremden Wörter radebrach, daß es ein Gräuel war. 3.) Fräulein Minna , die ältere Tochter, besaß die Hochstämmigkeit der Mutter und das kurze Untergestell des Vaters, das gab ihr nun ein sonderbares Ansehen; diejenigen, welche sie sitzen sahen, hielten sie für eine Riesinn, und die sie stehen sahen, meinten, sie habe sich niedergesetzt. Sie zählte ein und zwanzig Jahre. Ihr schönes, blaues Auge schwamm immer in Thränen, sie lächelte nur sehr selten, laut lachte sie nie. Alles was geschah, machte sie unglücklich, kein Mensch im Hause konnte sich rühmen, ihr je eine Freude gemacht zu haben; denn sie fand überall die leidenvolle Seite heraus, bedankte sich aber auch für das Leiden; denn nur im Unglück fühlte sie sich glücklich. Sie hatte in ihrer zartesten Jugend schon jene schädlichen Romanenbücher in die Hand bekommen, welche sie zur Empfindlerinn, und für die wirkliche Welt gefühllos und unleidlich machten. 3.) Carl , der ältere Sohn, war zwanzig Jahre alt. Er hatte die Grammatical-Classen, hierauf die 98 Real-Akademie gehört, und war dann als Commis in des Vaters Schreibstube eingetreten. Von ihm brauche ich nur zu sagen: Er war was man im eigentlichsten Sinne und im Schlimmen bey uns einen jungen Herrn tilulirt. Keck, arrogant, aufgeblasen, unwissend, dabey vorlaut, verschwenderisch. Er höhnte die Leute gern, und hatte sie zum Besten, bis ihm ein verständiger Mann recht derb über die Nase fuhr, dann war er aber auch still, und zog sich davon; denn Muth besaß er nicht im geringsten. 5.) und 6.) Die beyden kleineren Kinder, Fritz und Ernst , zwey Buben von sieben und sechs Jahren, waren verzärtelte Jungens. Sie achteten auf keinen Verboth, und die Ältern mußten immer zehnmahl reden, bis sie sich endlich dazu verstanden, etwas zu thun oder zu lassen. Dabey waren sie nicht wenig ausgelassen und boshaft. Und somit hätten wir denn die Familie selbst einiger Maßen porträtirt. Von Fremden wurden folgende zur Landparthie beygezogen. 7.) Herr v. Krückelberg , ein pensionirter Verwalter. Er hatte sich während seiner Dienstzeit mehrere tausend Gulden zusammen verwaltet, und bey seiner letzten Herrschaft, wo ihm, da der Gutsherr abwesend war, die ganze Verwesung des Gutes oblag, dasselbe auch richtig in Verwesung gebracht. Er galt seiner Zeit für einen großen Ökonomen, und noch immer war die 99 Ökonomie sein Steckenpferd. Er konnte kaum einen Erdapfel essen, ohne dabey zu bemerken, daß die Erdäpfel bey ihm in Häfelberg viel besser gewesen seyen. 8.) Die Fräule Cathon , ihr Zunahme wurde nie genannt, darum war er auch selbst ihren intimsten Freundinnen nicht bekannt. Die Fräule Cathon war schon einige vierzig Jahre auf der Welt und würde von den spärlichen Interessen eines sehr kleinen, ihr von ihrem Vater hinterlassenen Vermögens sehr kümmerlich gelebt haben, wenn sie – nicht eben die allgemein bekannte und allgemein beliebte Fräule Cathon gewesen wäre. Sie wußte sich überall Eintritt zu verschaffen, ließ sich hier als Gesellschafterinn, dort als Vermittlerinn eines Streites gebrauchen, spielte Whist und Tarok-Tappen trotz einem Manne, wußte alle Staats- und Stadtneuigkeiten die Erste, konnte einige Walzer auf dem Klavier spielen, und schöne, zierliche, weibliche Arbeiten verfertigen, kurz sie war das Factotum fast aller galanten Frauen in der Stadt, und als die Rede auf die Landparthie kam, war es das erste Wort der Frau von Mehlberg: »Die Fräule Cathon muß auch mit!« 9.) Der Herr v. Waldbamer , Eigenthümer des Hauses, in welchem der Kaufmann Mehlberg wohnte, der eigentlich gar nichts wußte, als daß er viel Geld besaß, daß ein Hausherr die Quartiere so hoch vermiethen müsse, 100 als möglich, und daß es angenehmer sey, gut als schlecht zu essen. Er war vom Lande und seinen Freuden ein abgesagter Feind, aber weil ihn Mehlberg dazu eingeladen, und dabey einige Worte vom guten Weine, den er mitnehmen wollen, fallen gelassen hatte, und weil er zugleich auch seinem Sohne einmahl ein Vergnügen machen wollte, das ihn wenig kostete, so sagte er zu. 10.) Dessen Sohn Wilhelm , fünf und zwanzig Jahre alt, aber von seinem Vater noch immer Helmi genannt, ein junger alter Herr, oder ein alter Jüngling, wie man will; er geht so steif, als ob ihm ein Stock durch den Körper gesteckt worden wäre, interessirt sich um gar nichts, weiß auch von der Gotteswelt gar nichts, als daß er einmahl so viel Geld erben würde, um leben zu können; er ist immer ernsthaft und spricht so, als ob er ein Holz im Munde hätte. Wie ein solcher Mensch verliebt seyn kann , war er in Fräulein Minna verliebt, aber er ließ sich nie etwas davon abmerken. Er stand meistens nur in einiger Entfernung von ihr, schaute sie starr an, und seufzte, wenn sie seufzte, ohne zu wissen warum. Weil sie die Flöte über Alles liebte, so hatte der verliebte Helmi einige Griffe auf dem Instrumente gelernt, und blies im ersten Stock bey offenem Fenster oft noch in die tiefe Nacht hinein, wozu die Katzen auf dem Dache accompagnirten. Der Vater Mehlberg hätt' es bey dem 101 Reichthum des Herrn von Waldbamer gerne gesehen, wenn der liebe Helmi sich einmahl erklärt hätte; der Vater Waldbamer aber hätt's am liebsten gehabt, wenn der Helmi gar keine andere Neigung blicken ließe, als jene zum Gelde. 11.) Quirin Spreitzer , der Spediteur in der Mehlberg'schen Handlung, ein guter junger Mensch, der sich zu Allem brauchen ließ. Hätte ihm Jemand zugemuthet, eine Klafter Holz zu hauen, er würde es versucht, und am Ende noch um Vergebung gebethen haben, daß er's nicht noch kleiner habe hauen können. Er war der Spaßmacher im Hause und man lachte aus Gewohnheit über ihn, obschon seine Spässe fast immer sehr platt waren. 12.) Endlich Robert Gericke , der Sohn eines Handlungsfreundes des alten Mehlberg in Sachsen. Ein gebildeter, junger Mensch, der sich aber erst acht Tage in Wien befand, dem Alles neu und ungewöhnlich war, und der sich über das Sibaritenleben nicht genug wundern konnte. Er glaubte die österreichische Local-Sprache schon weg zu haben und selbst sehr geläufig zu sprechen, wenn er in jede Construction einmahl ein »Holter« mischte. Dieß war die zur Landparthie geladene Gesellschaft. Nun kommt mit mir liebe Leser, wir wollen sie auf ihrer Spazierfahrt begleiten, vielleicht gibt's manches zu lachen dabey. 102 Ein herrlicher Morgen versprach den anmuthigsten Tag. Die Sonne stieg strahlend an der azurnen Himmelsdecke herauf, und um fünf Uhr hielt bestimmter Maßen die große Jantschky'sche Wurst, mit vier Pferden bespannt und mit einem in rother Livree mit Gold prangenden Vorreiter versehen, an dem Mehlberg'schen Hause. Es war beschlossen worden, daß die Mehlberg'sche Familie, die Fräule Cathon und der Herr von Waldbamer sammt seinem Sohn Punct halb sechs Uhr hier einsteigen sollten. Die Übrigen wollten beym Burgthore warten, und dort einsteigen. Die Kinder waren schon angekleidet und sahen zum Fenster heraus, sich nicht wenig über die vier Pferde und den schönen rothen Kutscher erfreuend. Auch Fräule Cathon war schon gekommen, Fräulein Minna hatte bereits dem Sonnenaufgang entgegen geseufzt. Nur die Mama saß noch an der Toilette; denn es brauchte Zeit alles Ebene uneben zu machen, den Zahn der Zeit zu verdecken und sich so anzukleiden, daß es von außen leicht und lüftig aussah, und eigentlich doch solid und warm war. Der alte Herr Mehlberg war schon im Keller gewesen, hatte einen Flaschenkeller voll Zwey und Zwanziger gefüllt und trippelte jetzt im drapfarbenen Caput, einen weißen Hut auf dem Kopfe, einen dicken Stock in der Hand, dessen Knopf einen Löwen vorstellte, im Zimmer herum. Er sah auf die Uhr, es war schon halb sechs Uhr 103 vorüber, und ging kopfschüttelnd dann zum Zimmer seiner Frau, klopfte behuthsam an die Thüre, und als sich hierauf von innen die Stimme der Holdseligen ziemlich unholdselig vernehmen ließ: »Was gibt's schon wieder? Ist gar keine Ruhe?« – da rief er so artig als er nur konnte hinein: »Liebe Pepi, mache doch, daß du fertig wirst, es ist schon halb sechs vorüber, die Übrigen werden beym Burgthore schon warten.« »Sollen warten,« schallte es ihm entgegen, und er schloß die Thüre wieder recht leise zu, ging zum Wagen hinab auf die Straße, musterte Räderwerk und Riemzeug, ob Alles in gutem Stande sey, und trank dann noch in seinem Zimmer ein Schlückchen bittern Magen-Rosoglio, steckte auch vorsichtiger Weise einen Pfropfzieher, sein großes Sackmesser, ein zweytes Schnupftuch und ein tüchenes Käppchen mit einer Goldborte verbrämt in die Tasche. Endlich erschien die Mama in ihrem Glanze, nachdem die Kinder schon zehnmahl unten im Wagen aus und ein gestiegen, die Peitsche des Postillions versucht und damit ein Fenster zu ebner Erde eingeschlagen hatten. Der Herr von Waldbamer mit seinem Helmi rief vom Fenster dem alten Mehlberg zu: »Nun wird's einmahl losgehn? und nachdem dieser mit einem Ja geantwortet hatte, schickte man sich zur Reise an, als man bemerkte, daß Carl noch nicht gegenwärtig sey. »Ah paraplui !« schrie die 104 Mama (sie wollte parbleu sagen), »ich hatte vergessen, den Carl aufwecken zu lassen, der schläft gewiß noch.« Sie gingen in dessen Zimmer, und fanden Carln in seine Decke gehüllt, fest – schlafen. »Aber mon fi « rief die Mama, »was thust du denn? du weißt doch, daß wir heute die große Landbatterie machen und du schläfst noch.« – Die Augen aufriegelnd versetzte der Schlaftrunkene: »Was geht das mich an? Ich bin gestern erst um zwey Uhr Nachts aus dem Kaffehhaus nach Hause gekommen,« drehte sich auf die andere Seite und schlief weiter. »O Mutter,« sagte mit sanftem Tone Minna, »lassen Sie meinem guten Bruder den süßen Schlaf, er allein gibt uns armen Erdenpilgern Ruhe in diesem Thale der Leiden!« und die Mama gönnte ihm Ruhe, legte einen zehn Guldenzettel ihm auf das Nachtkästchen, schrieb hinten drauf: »Wenn du ausgeschlafen hast, mein Sohn, so fahre uns in einem Fiacker nach,« und die Gesellschaft eilte zum Wagen. Auf den letzten Rücksitz setzten sich Frau von Mehlberg und Fräule Cathon; sie nahmen die beyden Kleinen vor sich, Minna in der Mitte zur Rechten, um in's Freye schauen zu können, neben ihr nahm Helmi Platz, der eigentlich nur halb saß, um sie ja nicht zu geniren; der alte Herr von Waldbamer nahm allein den Rücksitz ein. Herr von Mehlberg ritt in der Mitte, 105 und der Spediteur Spreitzer ließ es sich nicht nehmen, auf dem Kutschbock zu sitzen, denn er hatte ein Posthorn im Sack, und wollte die Gesellschaft im Freyen damit überraschen. So ging es fort zum Burgthore hinaus, wo Herr v. Krückelberg und Gericke des Wagens, der statt nach halb sechs Uhr um halb sieben Uhr erschien, mit der größten Ungeduld warteten und einsaßen. »Ja, ja,« sagte Krückelberg, »das frühe Aufstehn geht nun einmahl in der Stadt nicht, das kann man nur auf dem Lande. Mit dem Hahn auf, aber auch mit ihm in's Nest, das macht gesund und stark.« Schon bey dem prächtigen neuen Burgthor machte Quirin Spreitzer den ersten seiner Spässe. Er äußerte nähmlich gegen die Gesellschaft seine Verwunderung, daß die Thorwache nicht Gewehr aus rufe, worüber denn der alte Mehlberg und Waldbamer lachten, daß ihnen die Bäuche wackelten. Außer dem Thore fing der alte Mehlberg an, sich seine Pfeife zu stopfen, und Helmi , der ebenfalls eine Pfeife bey sich hatte, fragte seine schöne Nachbarinn Minna: »Ist's erlaubt zu rauchen?« »O« antwortete diese, »ich bin das schon gewohnt, Sie sehen, mein Vater raucht ja auch, und« setzte sie seufzend hinzu: »was ist das ganze Leben anders als Rauch?« Helmi stopfte also auch, zündete viermahl an, bis er die Pfeife zum Brennen brachte, und gab sich viele Mühe zu 106 rauchen, weil er glaubte, das gehöre mit dazu, wenn man eine Landparthie machte. – So ging's fort bey der Mariahilfer-Linie hinaus. Frau von Mehlberg und die Fräule Cathon handelten ein Kapitel über die vor Kurzem vorgenommene Scheidung des ***lischen Ehepaars ab, der alte Mehlberg rauchte. Krückelberg machte seine Anmerkungen über die an der Fahrtstraße liegenden Felder und Wiesen, und hatte bald über die Art zu pflügen, bald über die Bewässerung, bald über den Dünger seine Ausstellungen zu machen. Der Herr Waldbamer lehnte so recht gemächlich im Wagen, spielte mit seinen beyden Daumen, und würde vielleicht eingeschlafen seyn, wenn ihm die beyden Kinder Ruhe gelassen hätten. Sie blieben nicht einen Augenblick stille, wollten bald sitzen, bald stehen, bald in der Mitte reiten, bald hinaus sehen, traten den Herrn v. Waldbamer, der ihnen am nächsten saß, auf die Leichdornen, daß er einmahl laut aufschrie, worauf die Mama die Kleinen mit einem Klaps regalirte, der ein lautes Heulen nach sich zog. Wilhelm Gericke summte ein Lied vor sich hin, und erzählte immerfort von der sächsischen Schweiz; Minna sah hinaus in's Freye, seufzte, und so oft sie eine recht unscheinbare Bauernbaracke sah, versicherte sie, hier möchte sie wohnen, hier würde sie glücklich seyn. 107 Helmi saß neben ihr ganz bleich im Gesicht; denn das ungewohnte Tabakrauchen hatte ihm unwohl gemacht. Quirin auf dem Kutschbocke aber blies Posthorn und machte Spässe zum Teufelhohlen; er foppte die Gesellschaft zum öftern, indem er rief: »Acht geben, jetzt kommt eine schöne Equipage daher gefahren, und wenn Alles die Köpfe hinausstreckte, so sahen sie nichts als einen Bauernkarren mit Ochsen bespannt, oder er hatte eine Kohle aus dem Sack genommen, sich damit einen schwarzen Schnurrbart gemacht, und blickte mit verdrehten Augen in den Wagen zurück. »O göttlich! himmlisch!« rief Minna, als sie das am sanften Hügel liegende Dorf St. Veit zur Linken da liegen sah. – »Möchte mir der gütige Himmel einst vergönnen, fern vom Geräusche der Stadt, in Gottes herrlicher Natur, den Sommer meines Lebens zuzubringen!« »Ja,« sagte der alte Waldbamer, »'s ist schön da, aber die Häuser sind nicht so viel werth als in der Stadt;« und Helmi bat, einen Augenblick aussteigen und zu Fuße gehen zu dürfen, da ihm nicht recht wohl sey. Man hielt an, Helmi stieg aus, auch Minna folgte ihm, um die herrliche Ansicht besser genießen zu können, Gericke both ihr den Arm. Die beyden Kleinen sprangen auch heraus, und hups auf die nahe, tiefer liegende 108 Wiese, wo sie einander ins Gras warfen, und die weißen Beinkleider auf den Knien und dem Hintertheile ganz grün machten. Da auf diese Art der Wagen langsamer fahren mußte, so kam der Gesellschaft in dem Dorfe Baumgarten auch Carl in einem Fiacker nach. Alles setzte sich wieder in den Wagen; Carl stimmte sogleich ein Lied an, bey welchem im Chore alle mitsangen. Die Mama Mehlberg zankte die Kleinen aus, daß sie sich die Beinkleider schmutzig gemacht hatten, allein der alte Herr sagte: »Sey ruhig, die Buben müssen sich ja auch unterhalten.« So kam die Gesellschaft nach Hütteldorf und da es erst acht Uhr vorüber war, so schlug der alte Mehlberg vor, hier Halt zu machen, und im Bräuhause für's Erste ein solides Frühstück zu sich zu nehmen. Der Vorschlag ward von den Männern approbirt. Die Damen aber beschlossen, da hier für ihren zarten Gaumen nichts zu bekommen war, indessen ein wenig um das Bräuhaus herum spazieren zu gehen. Sie wollten auch die beyden Knaben mit sich nehmen, allein, da diese Brot und Schinken auftischen sahen, so waren sie um alle Welt nicht fortzubringen. Wir wollen zuerst die Damen auf ihrem Spaziergang begleiten, denen nur der galante Gericke folgte. Sie gingen in die Au längs dem Wienflusse hin. Minna war ganz Empfindung. »O wie heimlich, wie still ist es 109 hier,« rief sie einmahl über das andere; sie pflückte sich ein Sträußchen von Wiesenblumen und steckte es an ihre Brust. »Liebes Kind,« sagte Frau von Mehlberg, »das romanische Wesen mußt du dir abgewöhnen, mit dem ewigen Seufzen und Weinen kommt nichts heraus, du wirst mir auf die Letzt so mager, wie ein Stilet . Das Mädel,« fuhr sie fort, sich zur Fräule Cathon wendend, »war in ihrer Jugend so ein rundes, lustiges, baschkirliches Kind, und jetzt wird sie mir so murros , so empfindlich! « – »O Mutter,« erwiederte Minna, »warum hast du mir ein so weiches Herz gegeben? Ist's nicht ein Theil des deinigen?« – »Nein,« versetzte Frau von Mehlberg, »das müßt ich lügen ;« und in diesem Augenblicke gingen sie an einer armen Bettelfrau vorüber, welche auf einem Wasenabhang saß, und zu deren Füßen ein kleines schmutziges Kind spielte. Minna lief zu ihr, gab ihr alles Geld, was sie in ihrem Ridicül mit sich trug, setzte sich zu ihr, herzte und küßte das schmutzige Kind, welches sie einen kleinen Engel nannte, und dann zur Bettelfrau gewendet, fragte sie: »Nicht wahr, du bist eine arme Verführte und Verlassene? ein hoher Herr hat sich in deine Hütte eingeschlichen, dir Liebe eingeflößt, dich betrogen und dann verlassen?« »Nein, Ihr Excellenz,« versetzte die Bettelfrau ganz phlegmatisch, 110 »ich bin eine arme Witwe, mein Mann war ein Schneider, und hat bey Lebzeiten alles versoffen, so daß ich mit dem Kinde jetzt betteln geh'n muß.« – Etwas betroffen wendete sich Minna von ihr und mit den Worten: »So drückt die Gemeinheit leider stets die Unschuld« – folgte sie den Übrigen, welche schon eine Strecke voraus waren. In der Au begegnete ihnen die Schar der Knaben, welche sich in der Erziehungsanstalt zu Hütteldorf befinden. Als Minna unter diesen einen kleinen Mohren sah, füllten sich ihre Augen mit Thränen und sie sagte zu Gericke: Sehen Sie einmahl den armen Kleinen, wie er den Krauskopf hängt, o gewiß sehnt er sich zurück in sein heißes Vaterland!« In diesem Augenblicke aber fing der kleine Schwarze lustig zu singen an, und schlug ein Rad auf der grünen Wiese. – Als sie am Thiergarten vorübergingen und auf einem freyen Platze mehrere Rehe beysammen stehen sahen, konnte die Mama Mehlberg den Wunsch nicht unterdrücken, sie möchte wohl eines derselben in ihrer Küche liegen haben, aber Minna hielt eine lange Abhandlung über die Grausamkeit der Menschen, und äußerte sogar Zweifel darüber, ob der Mensch das Recht habe ein Thier zu tödten. Wir wollen die Damen jetzt wandeln lassen, und wenden uns zu den Männern, welche am Bräuhause unter den Bäumen sitzen und dem Schinken und Bier 111 wacker zusprechen. Herr Mehlberg hat auch eine Flasche Cypro aus dem Wagen gehohlt, über den sich nebst ihm auch der alte Waldbamer und Krückelberg hermachen. Helmi haut eben auch nicht wenig ein; denn nach der kleinen Übelkeit ist er jetzt wieder ganz wohl. Die beyden Kleinen laufen ab und zu, bitten alle Augenblicke den Papa um ein Stückchen Schinken, haben auch, während dieser im Gespräche begriffen ist, schon einige Stückchen ohne seinen Willen weg stibitzt. Quirin Spreitzer ist lustig was er nur kann, er ahmt mit dem Munde einen Hahn und eine Katze nach, er trinkt den Übrigen, während sie weggehen, Bier und Wein aus, er steigt auf einen Baum, der gerade über dem Tische, wo die Gesellschaft sitzt, seine Zweige ausbreitet, und gießt Wasser herab, so daß die Übrigen glauben, es fange an zu regnen. Jetzt, da die Frauen noch nicht zurück kommen, der Cypro schon ausgetrunken ist, und das Geschwätz Krückelbergs, der ihnen lang und breit erzählt, was für ein prächtiges Bier unter seiner Verwaltung gebräut worden ist, und wie geschmackvoll sie dort den Schinken zu räuchern verstanden, anfängt, langweilig zu werden, zieht der alte Waldbamer ein kleines Päckchen sammt Kreide und Schwamm aus dem Sacke und legt es auf den Tisch. – »Was haben Sie denn da?« fragte Mehlberg. »Man muß für Alles besorgt seyn,« versetzte Waldbamer, »da 112 hab' ich Karten zu mir gesteckt, wie wär's, wenn wir ein kleines Präference-Parthiechen machten.« – »Aber wer wird denn auf dem Lande spielen?« fragte Mehlberg. »Ich habe mir jetzt das Land schon genug genossen,« meinte Waldbamer. »Was grünes hab' ich gesehen, die Luft hab' ich auch eingeathmet, das Fahren hat mich unter einander gerüttelt, was braucht's noch mehr? Soll ich mich in's Gras setzen und mir einen Rheumatismus hohlen? – Soll ich die Luft mit Löffeln essen? Soll ich etwa herum laufen mit diesen Füßen? oder gar Berg steigen? Gott bewahre mich. Thut ihr was ihr wollt, ich will nicht aus meiner gewöhnlichen Ruhe kommen.« Schon waren Mehlberg und Krückelberg entschlossen, ihm zu Liebe ein kurzes Spielchen zu machen, als die Damen wieder beym Bräuhause von ihrem Spaziergange anlangten, und man setzte sich wieder ein und fuhr weiter, nachdem man Carln überall gesucht und endlich mit einem »Hupp! hupp!« dem verabredeten Geschrey, wenn man Jemanden aus dem Gesicht verlöre, wieder herbey gelockt hatte. Auf der weitern Fahrt beschloß man bey dem Wege, der nach Heimbach führt, abzusteigen, nach Heimbach zu Fuße zu gehen, dort wieder zu frühstücken, hierauf durch den Wald den Weg ebenfalls zu Fuß nach Mauerbach zu nehmen, wo man dann eben recht zwischen 1 und 113 2 Uhr zum Mittagmahl anzukommen gedachte. Herr von Waldbamer sollte, da er das » zu Fuße « gar nicht hören wollte, dazu bestimmt seyn, im Wagen zu bleiben, mit diesem den geraden Weg nach Mauerbach zu fahren, um indessen das Mittagmahl dort für die Gesellschaft zu bestellen. Man fuhr lustig über Mariabrunn und Hadersdorf . Der dicke Herr von Waldbamer schnaufte ganz erbärmlich vor Hitze, und brach öfters mit Seufzern in die Worte aus: »Ist das auch eine Unterhaltung?« – Die beyden Kleinen wollten schon nicht mehr im Wagen bleiben, Carl war eingeschlafen. Endlich hielt der Wagen an dem schmalen Wege, der gegen Heimbach führt, und die Gesellschaft stieg aus, mit Ausnahme des Herrn von Waldbamer, welcher sitzen blieb, um geraden Weges nach Mauerbach zu fahren. Er versprach ein recht gutes Mahl zu bestellen, nur both er der Gesellschaft auf, ja längstens bis halb zwey Uhr dort einzutreffen, weil sonst Alles versieden und verbraten würde. Man spazierte nun langsam den Weg nach Heimbach hin. Wer diesen angenehmen Spaziergang kennt, wird sich nicht wundern, wenn ich ihm sage, daß Jedem das Herz freyer schlug, und die Brust sich erweiterte. Die beyden Kinder machten den Weg zweymahl, da sie bald zurück, bald vorwärts liefen. Minna schlürfte mit dem 114 Mund, als ob sie die Luft trinken wollte. Mehlberg und Krückelberg gingen Arm in Arm mit einander, und der letztere schwatzte ein Langes und Breites über die Wald-Cultur; er gab zwar zu, daß die Natur in dieser Gegend mit mütterlicher Sorgfalt hause, daß aber die Menschen gar nichts für sie thäten. Quirin hatte den beyden kleinen Jungen Zweige abgeschnitten und Jeden von ihnen eine Peitsche gemacht. Wenn Eines oder das Andere von der Gesellschaft zurück blieb, oder zu weit vorwärts ging, so daß es den Andern aus dem Gesichte kam, so ward alsbald ein »hupp, hupp!« gerufen, und man fand sich wieder zusammen. – Helmi ging immer neben Minna und schaute sie an, und so oft sich auf dem Fußpfade auch nur ein kleines Grübchen zeigte, faßte er sie unterm Arm und half ihr darüber. Die Mama sagte daher auch zur Fräule Cathon: »Sehen Sie nur einmahl, Cathon, wie der junge Waldbamer mein Mädel vexirt (fixirt),« und die Fräule Cathon versicherte, da spinne sich etwas an. Jetzt schrie ein Guckguck, und da das Schreyen des ersten Guckgucks, den man im Frühlinge hört, ein Orakelspruch für die Anzahl der Jahre seyn soll, welche man noch zu leben hat, so zählte jedes von der Gesellschaft die abgesetzten Rufe des Guckgucks. Es zeigte sich, daß Minna noch am längsten, Krückelberg aber am kürzesten lebe. »Das ist ein dummer Spaß,« 115 meinte der Letztere, und war von diesem Augenblicke an den ganzen Tag über etwas niedergeschlagener. Minna aber rief aus: »O Himmel! gegen mich bist du allzugütig. Vierzig Jahre zählst du mir noch zu, und ich möchte meine ein und zwanzig schon von mir werfen und mich hinlegen können in die kühle Grube zum ewigen Frieden.« Man war jetzt auf dem herrlichen Plätzchen angelangt, wo ein Bauerhaus steht, dessen Inwohnerinn Erfrischungen darbiethet. Quirin war schon voraus gelaufen, hatte auf einem langen Stecken sein Halstuch gebunden, dessen er sich vor Hitze entledigt hatte, war auf einen Baum gestiegen, und wehte nun den Ankommenden entgegen, laut schreyend: »Land! Land!« – Die Damen gingen gleich in das Haus und bestellten sich Kaffeh, Milch und Butter, Fräulein Cathon both sich an, die Zubereitung des Kaffehs selbst zu übernehmen. Alle setzten sich heraußen in eine Art von Scheuer oder Schoppe zu einem Tische, um auszuruhen, und das Frühstück Nro. 2 einzunehmen »Was thun wir, bis der Kaffeh kommt?« fragte Frau von Mehlberg, und Gericke both sich an, der werthen Gesellschaft einige Gedichte aus seiner Feder vorzulesen. Allein die Gesichter der beyden alten Herrn verlängerten sich bey diesem Antrag um ein Bedeutendes. 116 »Das lassen wir für den Nachmittag, wenn's recht heiß ist und wir schon müde sind,« sagte Mehlberg. »Jetzt wollen wir uns noch ein wenig herum tummeln. He! Spreitzer, kommen Sie ein Bischen her, und schlagen Sie uns ein Spiel im Freyen vor,« »Aber kein zu schodofantes (echauffantes),« fiel Frau von Mehlberg ein. – Da liefen aber die Kinder herbey, schreyend: »Der Kaffeh! der Kaffeh!« und ihnen folgte die Bauersfrau mit zwey ungeheuren Häfen, in deren einem sich der Kaffeh, in dem andern der Rahm befand, und Ernst, der kleinere Knabe, hüpfte so nahe an ihr und zerrte sie am Rocke, und stieß endlich mit dem Arm an das eine Häfen, daß der Boden zerbrach und der heiße Rahm ihm über den Arm herab strömte. Daß der Knabe jämmerlich schrie, versteht sich. Alles stand auf, die Mama lief wie eine Furie hin, schalt die unschuldige Bauersfrau ein dummes, ungeschicktes Ding, und immer stärker heulte der Knabe. Recht besehen, war ihm aber nur die Hand etwas verbrannt, denn über den Arm hatte er den Shawl der Mama gehängt, die ihn früher schon weggelegt hatte. Fräule Cathon wußte gleich Rath, Spreitzer mußte frische Erde ausgraben und diese wurde dem Kleinen auf die verbrannte Hand gelegt. Frischer Rahm war bald wieder abgesotten und nun sahen die Damen dazu. Frau von Mehlberg trank drey, Fräule Cathon vier 117 Tassen Kaffeh. Gericke , der immer über das viele Essen der Wiener Bemerkungen machte, nahm dennoch drey Tassen zu sich und aß einen Viertel Laib Brot mit Butter. Minna trank nur Milch . Der alte Mehlberg ließ sich eine Flasche Wein geben, der trotz seiner Säure doch hinab mußte. Krückelberg half ihm, und analysirte die Bestandtheile des Landbrotes, fand das vorliegende etwas zu sauer, und beschrieb das, welches er in Häfelberg buck und wozu er Kümmel nahm, woher es denn viel geschmackhafter gewesen sey. Spreitzer schüttete sich, um der Gesellschaft einen Spaß zu machen, Wein und Kaffeh in ein großes Glas zusammen und, behauptend, es schmecke vortrefflich, tunkte er diese Suppe mit Brot aus. Es war Mittag geworden, und nun machte sich die Gesellschaft auf, um den Fußweg durch den Wald nach Mauerbach zu machen. Mehlberg meinte, man sollte, um sich nicht zu verirren, einen Führer mitnehmen, aber Spreitzer behauptete, er wisse den Weg so gut, als jenen von seiner Wohnung in's Comptoir, und ihm vertrauend, machte man sich auf den Weg. Man ging und ging, und die Hitze wurde immer unausstehlicher, denn obschon rings vom Gebüsche umgeben, strahlte die Sonne doch senkrecht in die grünen Gänge. Der Herr v. Krückelberg sah aus wie gebraten und pfnauste, indem er alle zehn Schritte stehen blieb, sich den 118 Schweiß von der Stirne wischte, und ausrief.. »Das heißen die Leute eine Unterhaltung.« Spreitzer hatte den Damen Fächer von Papier, für sich selbst aber eine Kappe von großen Huflattigblättern gemacht. Die beyden Kinder fingen schon an, sich an den Armen ziehen zu lassen, und baten einmahl über das andere: »Mama, tragen!« – Der Wald war zwar bald darauf erreicht und einige Kühlung gewonnen worden, aber der Fußsteige gingen mehrere hindurch; Spreitzer hatte bald diesen, bald jenen als den rechten angegeben, und wenn man ihn verfolgte, mußte man wieder zurück gehen, weil er entweder in's dichte Gebüsch oder zu einem Bach führte, worüber nicht zu kommen war. Man schmälte Spreitzern nicht wenig aus, und dieser hatte, um ja die Schreyendsten stille zu machen, die beyden Knaben hinten auf seinem Rücken hängen, allein man ging immer weiter und fand keinen Ausweg. Es war schon Ein Uhr vorüber und man wußte kaum mehr, wohin man sich wenden sollte. Nun fing schon Alles zu murren an, mit Ausnahme Minna's, die still durch das Dickicht fortwandelte, und Helmi mit liebevolleren Augen anblickte, da er so glücklich war, eine Natter, die sich um ihren Fuß zu winden drohte, mit ihrem Parasolstabe zu erschlagen. »Sie haben mich gerettet,« sprach sie mit einem Händedruck zu ihm, »ich werde Ihnen das nie vergessen.« – Alles setzte sich jetzt, 119 und hatte die Hoffnung aufgegeben, vor Abends zu Mittag zu essen. Alles donnerte auf Spreitzern los, der indessen, nicht weniger müde, auf alle Seiten rannte, um das Mauerbach endlich einmahl gewahr zu werden; nur Herr Mehlberg lachte aus vollem Halse, und sagte: »Geschieht euch recht, ich hab's gesagt, wir sollen einen Führer nehmen.« Da hörte man Tritte, ein Bauer wurde im Gebüsch sichtbar, er trieb einen Ochsen vor sich her, und alsbald lief man zu ihm hin und bat und beschwor ihn und both ihm zwey Gulden zur Belohnung, wenn er die Gesellschaft nach Mauerbach führen wollte. Er ging den Handel ein, der Ochs wurde mit den zwey Knaben, (welche Spreitzer rechts und Gericke links an den Armen hielt,) dann mit Shawls, Tüchern und Mänteln der Damen bepackt, die andern gingen nebenher, und so folgte die Karavanne dem Bauer, der versicherte, in einer halben Stunde würden sie an Ort und Stelle seyn. Ich kann hier nicht umhin, meinen Lesern ein kleines Gespräch Minna's mit dem Bauer zum Besten zu geben, wodurch der Charakter der erstern noch klarer in's Licht tritt, und zugleich der Sieg des gesunden, schlichten Menschenverstandes über die Afterbildung sich darthut. Minna . Laß ein Bischen mit dir schwätzen, du lieber, fröhlicher Landmann. 120 Bauer (zieht den Hut mit der Rechten bis an's Ohr, so daß er ihn mit dem Daumen und Mittelfinger hält, indem er sich mit den übrigen drey Fingern in den Kopf kraut) . Ham Euer Gnaden mit mir gredt? Minna . Ja mit dir. Wie nennst du dich? Bauer . I haß Martin Grenauer. Minna . Wo bist du denn zu Hause? Bauer . Dort drent in Wald bin i dahoam, dort steht mein Hütt'n ganz alloan aum Berg dromad. Minna . Recht mein Freund. Einsam muß der Mensch leben, wenn er glücklich und froh seyn will Bauer . Aziwohl, schaun's mein scheni Mamsell, liaba war's ma deanad, wann i in an groß'n Dorf leb'n kunnt, als a so muadeselli alloan. Aba i bin hold meina Profession nach a Holzhacka und da bin i der Arbeit nächada. Minna . Hast du ein Weib? Bauer . Ja, schon die dritte. Minna . Hast du denn die erste nicht geliebt? Bauer . Das glaub' i – nan, dö hob i weida nöd gearn gehabt. Minna . Und hast doch wieder heirathen können? Bauer . Frali – die zweyte hab' i nacha no liaba g'habt, und dö dritti, main Dorothe, dö hob i hiazund am alaliebsten. 121 Minna . Bey Gott, das versteh' ich nicht. Bauer . Wurden's schon versteh'n, wann's so, wia i, drey Kinder hätten, dö a Suppen haben wollen. Unser Ana muas si denken: God had's göb'n, God had's gnumma. Minna . Bist du recht glücklich – Bauer . Non ja, a so hold! Minna . Was kann dir fehlen hier am Busen der Natur? Bauer . Jo, mein Natur ist guad, miar fahld's gonzi Jar nix, aba wan ich nur mehr Geld häd, unser Aner möcht do ah immerigsmahl an guaden Bissen essen und a Halbe an Alten trinken, aba, das thuat's hold nöd. Minna . Gibt dir der Wald nicht Kühlung, der frische Quell Labung, dein Strohdach Schutz, dein Gärtchen Speise? Bauer . Jo, aba wia – in Gartl hob i nix als Erdäpfel. Unser Quellwasser is guad, aber koan Wein is's doch nöd. – In Wald da is's kühl – aber in Winter is's oft a bissel goar z'kühl. Minna sah den Bauer mit großen Augen und kopfschüttelnd an, indem der alte Mehlberg auf seine Sackuhr schaute, ihr Gespräch unterbrach, und den Bauer fragte, wie weit es noch nach Mauerbach wäre. »A kloani halbi Stund!« war die Antwort. – »Ja, ja,« sagte 122 Mehlberg lächelnd, »so ist das Bauervolk; vor einer halben Stunde hab' ich ihn gefragt, wie weit wir noch dahin hätten, da hat er dasselbe gesagt wie jetzt; wenn's so fort geht, so wird die halbe Stunde zu einer Ewigkeit.« Die Übrigen aber lachten nicht, sondern seufzten, und selbst Spreitzer machte keinen Spaß mehr, da er auch schon matt zu werden anfing. Um halb drey Uhr endlich zog die Gesellschaft ganz zerschmettert vor Müdigkeit, Hitze, Hunger und Durst in Mauerbach ein. Sie fanden den alten Herrn von Waldbamer der Länge nach auf einem Ruhebett hingestreckt, schlafend. »Ja,« sagte er, als er erwachte, »für solche Strapazen bedank' ich mich.« »Sie haben recht, Herr von Waldbamer,« erwiederte Krückelberg, »das ist eine Roboth und keine Unterhaltung.« »Da hab' ich indessen besser gelebt,« versetzte Waldbamer, »wie ich angekommen bin, hab' ich mir eine Suppe und ein delicates Stück Kalbsbraten geben lassen, hab' eine halbe Maß sieben und neunziger dazu getrunken, ein delicates Glas Wein, und habe mich hernach der Länge nach ein Bischen niedergesetzt« (dieß war immer sein Ausdruck für das Niederlegen) . Der Wirth kam und fragte, ob man jetzt essen wolle, und da ihm ein allgemeines, heißhungriges Ja! entgegen scholl, entschuldigte er sich, daß es nicht seine Schuld, sondern jene der Gesellschaft sey, wenn Manches nicht 123 mehr so geschmackvoll seyn wird, als sie wünschten; denn das Essen sey schon um halb zwey Uhr bestellt gewesen, und jetzt wär' es gleich drey Uhr. Es werde also wohl Vieles versotten und verbraten seyn. »Nur herein damit,« schrie Herr von Mehlberg, »der Wein kann ja doch nicht versotten seyn,« und man setzte sich zu Tische. Waldbamer hatte einen guten Küchenzettel gemacht. Auf eine kräftige Reissuppe, worin sich Kapaunenlebern und Magen befanden, folgte Rindfleisch mit warmer und kalter Sauce, dann Sauerkraut mit einem ganzen Schinken, daneben in Butter geröstete Erdäpfel, hierauf vier große Kapaunen mit Salat, ein ganzer Kalbsschlägel, und endlich Spritzkrapfen. Frau von Mehlberg und die Fräule Cathon hatten über jede Speise Ausstellungen zu machen, bald sollte es an dem, bald an jenem fehlen, dabey aßen sie aber doch mit großem Appetit, und so oft Mehlberg seiner Frau wieder ein Stück vorlegen mußte, that er es mit den Worten: »Ja auf dem Lande hat der Mensch ganz einen andern Appetit, da schmeckt Alles.« Die Herren setzten den Flaschen wacker zu. Mehlberg hatte den Rock ausgezogen, und die Perrücke auf den Ofen gehängt. – Krückelberg hatte das Hemd bis zu den Schultern hinauf gestreift und Waldbamer ließ einen Knopf an der Weste nach dem andern springen. Alle wurden wieder redseliger, und Spreitzer fing an, Spaß zu machen. 124 Er goß dem Herrn von Waldbamer einmahl Essig statt Wein in's Glas, weßwegen er bald übel angekommen wäre, hätte er's nicht damit wieder gut gemacht, daß er ihn selbst austrank. Von Carln hab ich seit längerer Zeit gar nichts gesagt, es war auch von ihm nichts zu sagen; denn so ausgelassen lustig er unter seinen Brüderchen in Bierkneipen und Kaffehhäusern war, so abgeschmackt war er, wenn er einmahl mit seinen Ältern eine Unterhaltung mitmachen mußte, die für ihn keine Unterhaltung war, daher nannten ihn der Herr Papa und die Frau Mama gern den Philosophen. Eine unentbehrliche Sache für Carln war es, einem Frauenzimmer die Cour zu machen, und war in einer Gesellschaft nur eine einzige häßliche und sechzigjährige Frauensperson gegenwärtig, so liebäugelte er selbst mit dieser, hinterdrein lachte er sie dann freylich aus, und erzählte seinen Cameraden, wie er die alte Person gefoppt habe. So kam es, daß er heute, in Ermanglung eines angenehmern Gegenstandes, der Fräule Cathon den Hof machte, die darüber nicht wenig entzückt war, und, obschon sie Carln kannte, dennoch in die Falle ging. Am Schlusse des Essens fingen die alten Herren an, etwas stark lustig zu werden, der Wein war ihnen zu Kopfe gestiegen. Man trank den Kaffeh im Garten, und 125 da sich dort Zigeuner befanden, welche Musik machten, so forderte Krückelberg die Frau von Mehlberg sogar zum Tanzen auf. Auch die Übrigen drehten sich einige Mahl herum, und Spreitzer nahm geschwind von einem Knechte des Wirthshauses ein Bauerngewand zu leihen, kleidete sich darein, nahm eine Magd aus der Küche, und tanzte mit ihr, zum nicht geringen Gelächter der Übrigen, ländlerisch. Während sich dieß im Wirthshause begab, war Minna allein auf den nächsten Hügel hinauf gewandert, hatte sich dort unter einen wilden Kirschenbaum gelagert, und betrachtete mit wehmuthsvollen Blicken das Gebäude der einstmahligen Carthause. Sie vergegenwärtigte sich in ihrer Phantasie die Zeiten, da hier noch die frommen Männer abgeschieden von der Welt, ja selbst von einander, einsam lebten. Sie besah die einzelnen Flügel des Gebäudes, welche von der Kirche aus einen Stern bilden. Sie beschäftigte sich im Gedanken damit, wie einst die Einsiedler hier wandelten, im kleinen Gärtchen jeder sein Grab sich selbst grub; wie Jeder stumm seyn mußte sein ganzes Leben hindurch, und selbst die Brüder nur einmahl des Jahres sich sahen. Tiefen Eindruck machten diese Gedanken auf die Schwärmerinn, und während man unten tanzte, rollten hier oben Thränen aus ihren Augen. Da ertönte durch die allgemeine Stille der Natur aus dem 126 nahen Gebüsche Flötenton. Sie lauschte. Es war die Melodie des Liedes Di tanti palpiti . – Mit leiser Stimme seufzte sie di tanti palpiti , und legte die Hand auf ihr Herz. »Schlage nur, du armes Herz,« fuhr sie fort, »schlage vor Sehnsucht, wer wird deine Schläge verstehn, wer sie in Schläge der Freude umwandeln?« – und in's Gebüsch trat sie, den blasenden Minstrel zu belauschen. Da saß Helmi auf einem Baumstock und blies auf seiner Flöte. Er sah sie, ließ die Flöte fallen, und – du glaubst wohl, lieber Leser, er stürzte ihr zu Füßen? nein und – er fragte sie, wie viel Uhr es sey, und ob sie wieder zu den Übrigen zurück kehren wolle. Sie sah ihn mit durchdringenden Blicken an, und fragte: »Wilhelm, haben Sie mich sonst um nichts zu fragen?« – »Nein, meiner Seele nicht,« antwortete Helmi ganz verdutzt. »O Sie verstehn mich nicht, Niemand versteht mich,« seufzte Minna und ein »Hupp, Hupp,« welches Spreitzers Stimme von unten herauf ziemlich laut ertönen ließ, forderte sie auf, zur Gesellschaft zurück zu kehren. Es war unten indessen beschlossen worden, daß die jungen Leute, nähmlich Minna , Gericke , Carl , Spreitzer , Helmi und die Fräule Cathon , welche sich auch noch zu den Jungen gezählt wissen wollte, den Nachmittag dazu verwenden sollten, einen Spaziergang 127 nach der sogenannten Passauer-Hütte zu machen, von welcher man eine herrliche Aussicht genießt, die alten Herren aber, welche schweren Kopf und müde Füße hatten, wollten zurück bleiben, und ein Präference-Parthiechen machen. Auch Frau von Mehlberg mit den Kleinen wollte zurück bleiben, allein die Letztern fingen ein so derbes Geschrey an, daß die Mutter mit mußte, sie mochte wollen oder nicht. Wir wollen die drey alten Herrn an ihrem Tische sitzen lassen, wo sie, entledigt ihrer Perrücken und Oberkleider, zwey frisch angefüllte Weinflaschen neben sich in Kühlwannen auf Sesseln stehend, die Freuden des Landlebens mit den Karten in der Hand schmecken, und folgen den Übrigen nach der Passauer-Hütte. Der Weg dahin geht nur eine kleine Stunde eben hin, dann führt er immer bergauf. Es war wohl natürlich, daß nach dem großen Spaziergange, den man schon Vormittags gemacht hatte, die Leutchen etwas schwerer gingen, und man aus manchem Munde die Worte vernahm: um solche Aussichten sey es zwar eine schöne Sache, aber theuer müsse man sie erkaufen. Den ärgsten Verdruß hatte Mama Mehlberg mit den beyden Kindern auszustehn, die schon nach der ersten Viertelstunde über Müdigkeit klagten, und nur dadurch noch weiter zu bringen waren, 128 daß Spreitzer sie gleich zwey Pferdchen an zwey Schnupftüchern anspannte und sie so gleichsam im Spiele vorwärts trieb. Mit Hülfe eines Bauers, den man sich zum Führer gedungen hatte, und welcher die beyden Kleinen abwechselnd tragen mußte, gelangte man endlich zur Passauer-Hütte, und genoß die herrliche Aussicht über das Tullner-Feld bis an die entfernten blauen Gebirge; allein eine kühle Luft fing an zu wehen, die Mama hatte kaum einen Blick auf die unermeßliche Natur geworfen, als sie den Shawl fester zusammen schloß und mit den Kindern in die Hütte trat um auszuruhn, und ihnen Milch geben zu lassen. Minna war in dem herrlichen Anblicke versunken, Gericke behauptete aber, das wäre Alles nichts gegen die Aussicht in der sächsischen Schweiz. – Helmi setzte sich neben Minna nieder, und schaute sie an. Spreitzer aber machte wieder einige von seinen faden Spässen; er drehte sich zu Minna, und sprach zu ihr mit einem Nasenton: Sieh um dich, Alles dieß gehört dir, wenn du mich liebst – und dann schaute er mit dem Perspectiv Gericke's nach Tulln hin, und behauptete, das Perspectiv zeige so vortrefflich, daß er in diesem Augenblicke in einem Hause zu Tulln einen kleinen Knaben auf dem Tisch sitzen sehe, der sein ABC-Täfelchen 129 in der Hand halte, und mit dem Finger auf das O deute. – Der Bauer aber, der Führer der Gesellschaft, stand bey Seite und sagte kopfschüttelnd: »Meine gnädigen Herrn, wir müssen auf'n Rückweg denken, dort kommen Wolken daher, sehen Sie dort aus'n Wetterlöchel, die zagen nix Guts – Eh' a Stund vageht, hoben mir'n Regen aum Hals.« – Man rief alsogleich die Mama Mehlberg aus der Hütte und trat den Rückweg an. Immer schwärzer ward das Firmament, immer schneidender die Luft. – Einzelne Blitze zuckten durch die Wolken, fern rollte der Donner. Die Gesellschaft verdoppelte ihre Schritte so viel sie konnte, allein vergebens, kaum war noch die Hälfte des Weges zurückgelegt, als sich das Gewitter entlud, und der Regen in Strömen vom Himmel stürzte. Die Frauen nahmen Tücher und Shawls über den Kopf, kein Haus war in der Nähe, sie mußten vorwärts, und wurden bis auf die Haut durchnäßt. – Besonders komisch sah Spreitzer aus, dessen Beinkleid und Spencer von Nanking, die gelbe Farbe in Braun verwandelt hatten, und sich fest an seinen Körper anklebten. Der steinige und lehmige Waldweg wurde durch diesen Regenguß klebrig und schmutzig, und der alten Frau v. Mehlberg blieb alle Augenblicke ein Schuh im Kothe stecken. Die Kinder schrien, die Mama schalt und schwur, 130 daß sie ihr ganzes Lebelang die Stadt nicht mehr verlassen wolle. Endlich als das Gewitter vorüber war, kamen sie, vor Nässe und Koth kaum mehr Menschen ähnlich sehend, im Wirthshause zu Mauerbach an. Im Wirthshause selbst hatte sich indessen ein Gewitter anderer Art entladen. Die drey spielenden Herren, vom Weine erhitzt, hatten sich beym Spiele derb gezankt. Waldbamer, der durch Krückelbergs Ungeschicklichkeit als Helfer einige Mahl bête geworden war, hatte ihn einen alten Filz genannt, Krückelberg hatte die Schimpfnahmen auch nicht gespart, und es wäre vielleicht selbst zu Thätlichkeiten gekommen, hätte der immer phlegmatische Mehlberg nicht wieder Ruhe gestiftet. Indessen war die unmittelbare Folge dieses Streites, daß Jeder allein in einem Winkel saß, und schnarchte. Es war indessen 9 Uhr Abends geworden. Die Frauen hatten von den Wirthsleuten Strümpfe zu leihen genommen, um der nassen los zu werden; man ließ anspannen und fuhr nach Wien zurück. Im Wagen ging's bey der Rückfahrt trauriger zu, als bey der Ausfahrt. Die drey alten Herren schnarchten, eben so die beyden Kleinen. Die Mama Mehlberg schwätzte leise mit Fräule Cathon, wobey sich der Nahme Carl manchmahl hören ließ. – Carl schlief auch. Spreitzer 131 hatte keine Spässe mehr vorräthig. Gericke allein war noch ganz munter, und declamirte Minna eines seiner Gedichte vor. Helmi hörte zu. Die Gesellschaft kam ohne weitern Unfall glücklich nach Hause; und Alle versicherten am andern Tage, es sey doch nur auf dem Lande die wahre Unterhaltung und das eigentliche Leben. 132 X. Mein Freund Spitz. Mein Freund Spitz ist ein guter lieber Mensch, aber er besitzt den Fehler, die Blicke überall auf sich zu ziehen und die Aufmerksamkeit an seine Person fesseln zu wollen. Er hält sich auch überzeugt: die ganze Welt beschäftige sich nur mit ihm. Seinem Schuster schärft er strenge ein: ihm Kartenblätter zwischen die Sohlen seiner Stiefel und Schuhe zu legen, damit sie nur recht knarren. Geht er spazieren, so redet er so laut, daß alle Vorübergehenden seine gewählten Worte hören müssen. Tritt er in's Parterre des Schauspielhauses ein, so schreyt er nach dem Sperrsitzschließer, schimpft über die schlechte Einrichtung, daß die Gänge zu den Bänken so eng seyen, und kommt er endlich zu seinem Sperrsitz, so klappert er erst dreymahl damit auf und zu, stellt sich dann, mit dem Rücken gegen die Bühne gewendet, auf die Zehen, daß er über alle Leute hervor ragt, zieht sein stets mit den feinsten Wohlgerüchen parfümirtes Schnupftuch heraus, und schüttelt es also aus einander, daß alle Nasen seiner Umgebung ihn wenigstens riechen müssen, wenn sie ihn 133 nicht sehen . Das Schrecklichste ist ihm, wenn er gerne ein Compliment in eine Loge anbringen möchte, und die Leute darin ihn gar nicht bemerken, da räuspert er und hustet und fixirt, und ist bemüht, den Strahl seines Perspectiv-Glases dahin zu wenden, da wedelt er mit dem Schnupftuche und macht allerley Getöse, um nur bemerkt zu werden. Ja, er grüßt auch sogar Personen in Logen, die er gar nicht kennt, um nur der Leute Blick auf sich zu ziehen, und sie glauben zu machen, er habe sehr noble Bekanntschaften. Speist er in einem Gasthause, so findet er Alles schlecht, läßt den Wirth kommen und zankt mit ihm, setzt alle Aufwärter in Bewegung, und will immer gerade das essen, was heute nicht vorhanden ist. Er macht dabey immer Witz, der manchmahl nicht übel, oft aber auch so platt ist, daß man gekitzelt werden müßte, um darüber lachen zu können. Indessen platzt er immer darüber zuerst selbst in ein schallendes Gelächter aus. Man mag sprechen, wovon man will, er hat Alles schon besser gesehen: man mag in einem Lande gewesen seyn wo man will, er weiß einen Tadel daran zu finden. In Gesellschaften will er alles leiten, ordnen; er führt den Tanz an, er schlägt den jungen Leuten Spiele vor, er spielt mit den Alten. Versteht sich, daß er beym Spiel über jede Karte was zu sagen weiß, und daß der Diskurs über jede Parthie 134 immer länger dauert, als die Parthie selbst. Auf der Gasse erblickt man ihn immer mit einer unruhigen, äußerst wichtigen und geschäftigen Miene, er geht nie, immer läuft er. Wollt ihr ihn aufhalten? er hat keine Zeit euch Rede zu stehen! er hat zwanzig Bestellungen für diesen Tag. Fragt ihr ihn, wie es ihm gehe, so meldet er sich immer krank, obschon ihm die Gesundheit aus den Backen zu springen droht, und er mit außerordentlichem Appetit ißt. Wenn er nach Krems reisen muß, so läßt er ein Lebewohl an alle seine Freunde in die Zeitungen einrücken, und wenn er krank wird, so ist er überzeugt, die Papiere müßten auf der Börse fallen. Er trägt immer die auffallendsten, schreyendsten Farben, auf seiner Dose hat er eine Uhr, in seiner Berlocke ein Spielwerk, und auf seinem Spazierstäbchen ein Pfeifchen angebracht; seine Spornen klingen wie Glöckchen, ein Alliance-Ring glänzt an seinem Finger und seine Busennadel wirft Strahlen. In seinem Zimmer stehen fünf Schlaguhren, und an seiner Hausthüre befinden sich drey Täfelchen. Auf dem einen steht geschrieben wer hier wohnt, dabey stehen alle seine Titel, nähmlich: Carl Spitz , Doctor beyder Rechte, beeideter Notar, Mitglied des Vereins der Musikfreunde des österreichischen Kaiserstaates, der Lesegesellschaften in Prag und Grätz, Privat-Professor und Inhaber eines Hauses sammt 135 Garten und Weinbergen zu Enzersdorf nächst Wien; das zweyte Täfelchen besagt, wann er zu Hause zu treffen sey. Das dritte ist leer, und es steckt ein Weißstift dabey, damit man ihm auf diese Art Nachricht ertheilen kann. Wenn Spitz auf der Violin spielt, so thut er es immer am offenen Fenster, wenn er fährt, so darf es kein Fiacker seyn. Alle Bijouterien, die er besitzt, stellt er auf seinem Kasten zur öffentlichen Ansicht aus. Bey alle dem aber ist mein Freund Spitz ein guter braver Mensch. 136 XI. Die Leih-Bibliothek. Auch einmahl ein Guckkastenbild, mein lieber freundlicher Leser, in welchem die einzelnen Gestalten schnell vor deinen Blicken vorüber wandeln werden, und schneller wieder verschwinden, als manche Bücher der Leih-Bibliothek. Es ist doch etwas schönes, daß die Nahrung für den Geist nicht so theuer ist, als die consistente Leibesnahrung, und daß man sich für wenige Kreuzer des Tages satt – ja übersatt lesen kann. Geistes- und Leibesnahrung kann man übrigens recht gut mit einander vergleichen: Die Cataloge sind bey jener was bey dieser die Speisezettel sind , nur mit dem kleinen Unterschiede, daß auf dem Speisezettel der Kellner doch wenigstens durchstreicht, was nicht vorhanden ist, bey den Catalogen aber die Speisen stehen bleiben, wenn man auch bey hundertmahligem Verlangen immer die Antwort erhält: »Ist für dießmahl nicht zugegen!« Der Commis, welcher der Leih-Bibliothek vorsteht, (denn der Principal selbst betrachtet diesen Zweig seines Buchhandels nur als ein Appertinens, und bekümmert sich nur um den 137 Profit , den er abwirft,) also der dirigirende Herr Commis ist der Aufwärter , der die Speisen den Lesehungrigen recommandirt oder ausredet, bey neu angekommenen Werken Protectionen austheilt, so wie beyläufig der Kellner zu thun pflegt, der einem Gaste in's Ohr versichert, die Mehlspeise sey von gestern, und daher schon trocken und altgebacken, indessen er einen andern, der eben davon verlangt, versichert, sie schmecke sehr gut, und ihm diese Speise reicht. Ich könnte den Vergleich zwischen leiblicher und geistiger Nahrung hier bis in's Unendliche fortsetzen, und vom Verderben des Magens, unausgekochten Speisen, verbrannten Leckerbissen \&c., noch ein Sattsamliches schwätzen, allein die Einleitung würde manchen Leuten eben so lange werden, als manches Buch, welches sie aus der Leih-Bibliothek erhalten, daher unverzüglich an das Guckkastenbild selbst. Belieben Sie zu schauen, meine Herrn und Damen, ein gewölbtes Zimmer zu ebener Erde, worin Ihr Auge keinen andern Gegenstand gewahr wird, als Bücher; sie sind vom Boden bis zur Decke in Stellen gereiht, bald liegend, bald stehend – hinter einander, über einander, die meisten in gleiche Farbe gebunden, nur wenige, die sich gleich den weißen Raben auszeichnen, in Maroquin- oder Lederband. Sie werden bemerken. daß viele sehr abgegriffen sind – das sind die Glücklichen, die von Hand 138 zu Hand wandern, nicht weil sie die besten sind, sondern weil sie dem herrschenden Geschmacke am meisten zusagen. Es sind meist Romane , Zeitschriften und Taschenbücher . Historische und geographische Werke werden von 1000 Pränumeranten des Jahres nicht Ein Mahl verlangt, von den Werken der sogenannten Mode-Erzähler hingegen ist nie Ein Band zu Hause, und der Herr Commis versichert, von den 20,000 Bänden der Bibliothek seyen 19,000 rein überflüssig, und nur 1000 im beständigen Umlaufe, die übrigen kämen nicht von ihrer Stelle, außer wenn sie des Jahres zwey Mahl gereinigt werden. Ich bat den Inhaber und den dirigirenden Commis, der mein sehr guter Freund ist (wir wollen ihn Sprung nennen) einmahl einen halben Tag im Zimmer, wo die Leute die Bücher hohlen, zubringen zu dürfen, und es wurde mir gestattet. Was ich nun da sah und hörte, soll die einzelnen Decorationen meines Guckkastens ausmachen. Siehe und höre mit mir zu, mein lieber Leser. Es schlägt neun Uhr Morgens. Die Thüre wird von dem Hausknechte aufgeriegelt. der auch dießmahl seine Verwunderung gegen mich äußert: wie es möglich sey, daß die Leute so viel lesen. »Ich versichere Euer Gnaden,« spricht er lächelnd zu mir, »wir haben 139 Kundschaften, die täglich zwey – drey Bücher hinein fressen, wie nichts, es ist wirklich schauderhaft!« »So,« antwortete ich, »du hast ja aber dabey deinen Erwerb. Es soll dich ja freuen, wenn das Geschäft gut geht.« »Es freut mich ja auch,« versetzte er, »wenn's nur was anders wäre, als Bücher, wobey ich zu thun habe; ich kann's ja gar nicht mehr aushalten, wie mich meine Cameraden foppen. Sie heißen mich immer den Gelehrten und ein solches Thier mag ich nicht seyn.« Recht herzlich lachend traten wir in die Bibliothek, und uns auf dem Fuße nach eine junge, recht hübsche Köchinn mit ihrem Einkaufkorbe im Arme, worin sie auf Spinat, Salat und Eyern zwey Bücher liegen hatte, welche sie zurück brachte; sie sprach, indem sie sich in einen Stuhl warf: Köchinn . Guten Morgen Herr von Sprung. Heute machen Sie wieder sehr spät auf; ich war schon Ein Mahl da, und es war noch nicht offen. Sprung (lehnt sich über den Tisch herüber, und faßt die Köchinn bey der Hand) . Seyn Sie nicht böse, schöne Netti! dafür sollen Sie aber heute auch ein Buch haben, das sich gewaschen hat. Köchinn . Sie, die letzten zwey haben mir nicht gefallen, das Spassige mag ich nicht, das ist fad, wenn ich nicht weinen kann, so bedank' ich mich für's Lesen. 140 Zum Herzen muß mir eine Geschichte gehn; sonst werf' ich sie gleich weg. Da haben Sie Ihre zwey Bücher, und geben Sie mir keine solchen mehr, das bitt' ich mir aus. Mit diesen Worten warf sie die Bücher auf den Tisch hin. Ich sah sie an, es war Hegrad's komischer Roman und ein Band Erzählungen von Laun . Ich fragte die hübsche Küchenprinzessinn, ob sie denn die Bücher selbst lese, die sie hohle? Mit einem etwas empfindlichen Tone antwortete sie: »Nun! glauben Sie etwa unser Einer liest gar nichts? Ich versichere Sie, ich könnte nicht kochen, wenn nicht ein Buch neben mir auf dem Herdbret liegt, und wann ich so etwas recht Interessirtes habe, so ist mir die Einbrenn öfters angebrennt, oder meine Thränen sind mir beym Anrichten in die Sauce gefallen.« Indessen hatte Sprung von der obersten Stelle zwey Bücher herabgenommen, das Titelkupfer des einen aufgeschlagen, und reichte sie ihr mit den Worten hin: »Da, liebe Netti! das wird Ihnen gefallen.« Er las ihr den Titel: Kuno von Kyburg nahm die Silberlocke des Enthaupteten, und ward Zerstörer des Vehmgerichtes . »Ah, das laß ich mir gefallen,« rief freudig die schöne Netti, »so ein heimliches Gericht, und eine Haarlocken, und Einer, der geköpft wird, das ist meine 141 Sache: Ich dank' Ihnen, Herr von Sprung, und damit Sie sehen, daß ich auch auf Sie gedacht habe, so hab' ich Ihnen hier eine kleine Torte mitgebracht. Wir haben gestern Leute gehabt, da hab' ich eine große Torte backen müssen, und da hab' ich die kleine gleich mitgemacht.« Sie reichte ihm ein Törtchen in Papier gewickelt aus ihrem Korbe, machte ihm einen Knix, und hüpfte zum Gemach hinaus, indem ihr Sprung noch eine Kußhand nachwarf. »Sehen Sie,« sagte Sprung, indem er mir die recht appetitlich aussehende Torte zeigte, »das sind so meine Accidenzien.« Nach den zärtlichen Blicken der schönen Netti zu schließen, antwortete ich ihm, »gibt's auch noch süßere Accidenzien, als diese Torte.« Er schmunzelte in sich hinein und schwieg. Jetzt öffnete ein Bedienter die Thüre, eine ältliche Frau nahm ihm Bücher aus der Hand, trat damit herein, und der Bediente blieb vor der Thüre stehen. Die Frau . Gehorsame Dienerinn! Geben Sie mir andere Bücher. Sprung . Welche befehlen Euer Gnaden? Frau . Wenn Sie von der Madame de Montolieu oder Madame Cottin noch etwas haben, das wäre mir das Liebste. Die Frauen schreiben superbe! 142 Sprung . Wollen Euer Gnaden die Bücherreihe zu Ihrer Rechten besehen, da stehen die Werke dieser beyden Schriftstellerinnen. Die Frau setzte Augengläser, in Schildkröte gefaßt, auf, und besah die Reihe der Bücher, auf deren Rücken die Titel derselben nebst den Nahmen ihrer Verfasser geschrieben waren. Endlich zeigte sie mit der Hand auf einige Bände, worauf Chateaubriand stand, und welche eben neben die Werke der Mad. Cottin gestellt waren, und fragte: »Monsieur! ist der Chateaubriand auch von der Madame Cottin.« Wir konnten Beyde nur mit Mühe das Lachen unterdrücken: Sprung klärte sie über ihren Irrthum auf, und sie nahm endlich eine Übersetzung, welche Madame Montolieu von einem Romane unserer geachteten Pichler gemacht hatte. Sprung fragte sie, ob sie ihn nicht lieber im Originale deutsch lesen wollte. Sie versetzte aber: das wäre ihr nicht möglich, sie lese nicht deutsch, und im Deutschen sey er auch gewiß nicht so gut als im Französischen. Mit mitleidigem Lächeln entließen wir die Deutschfranzösinn! Eben als sie die Thüre öffnete, trat ihr ein Bauer in derselben entgegen. Ein Buch fiel ihr aus dem Arm auf den Boden; sie sah den Bauer an, ob er es ihr nicht aufheben würde, er sah sie auch an, und ging ganz 143 phlegmatisch zur Thüre herein, indem sie ihm zwischen den Zähnen nachmurmelte: » bête allemande! « Der Bauer (indem er hereinstiefelt) . Geh' ih da recht um die Biacha? Sprung . Was will er denn, will er Bücher kaufen? Bauer . Gott bewahr mi! da kauf ich mir liaba a Halbi Hairinga. – Unsa Vawalta schickt mi her, und ich soll da Biacha kriag'n. Sprung . Habt ihr ein Büchel bey euch? Bauer . Ja, da is's! und es liegt no a Zödl drin, wo's drauf gschrib'n steht, was's eam schicken sollt's! Wir sahen den Zettel an, er war auf beyden Seiten beschrieben, und zwar standen auf einer Seite dieselben Werke aufgeschrieben, wie auf der andern. Sprung bemerkte dieß, und sprach laut mit mir darüber. »Ja! Herr!« sagte der Bauer, »das hob ich than! Ich had ma die Biacha von mein'n Buab'n auf der andern Seiten ah aufschreib'n lassn, damit ich's nuh amahl hab', wan ich's öppa valiarad.« »Das ist etwas für Ihre Bären,« raunte mir Sprung in's Ohr. »Ganz recht,« antwortete ich, »aber die Leute glauben nicht, daß sich der Spaß wirklich zugetragen hat.« »So weisen Sie die Ungläubigen an mich,« versetzte Sprung, »ich will die Echtheit verbürgen.« 144 Der Bauer erhielt nun mehrere Bücher, und bat nur, man möchte ihm die Dinger in ein Papier einwickeln. Dieß geschah, er ging damit, kehrte aber bey der Thür noch Ein Mahl um, und sprach: »Ich bitt gar schön, wann's ma an Mandelkalenda schenk'n thät'n, ich hab den meinigen verlor'n.« Als Sprung ihm bedeutete, er besitze keinen, drehte er sich grimmig um, und ich hörte, wie er zu sich selbst sagte: »Haben die Leut' 's ganze Gewölb voll dumme Biacha, und wan ma um was G'schaits fragt, so habn sie's nit.« – Zwey Fräuleins nahmen dem Bauer die Klinke aus der Hand, und hüpften Arm in Arm zur Thüre herein. Die eine ein hübscher Blondkopf, die andere eine ganze Batterie von kastanienbraunen Kanonenlocken um die erhabene Stirn und die blitzenden Augen gereiht. Auch sie brachten Bücher zurück, welche die Blonde mit einem rosenfarbnen Seidenbändchen zusammengebunden, die Braune nur in ihr Schnupftuch eingehüllt hatte. »Wünschen Sie wieder etwas von Clauren , mein Fräulein?« fragte Sprung die Blonde. 145 »Ja ich bitte Sie,« versetzte diese, » Clauren ist mein Lieblingsschriftsteller, seine Sachen lesen sich wie Butter, und das Touchante wechselt mit dem Komischen; ich kann wohl sagen, ich habe in meinem Leben nichts gelesen, was mich so unterhalten hätte.« »Sogleich sollen Sie bedient seyn,« versetzte Sprung , und wollte von der Bücherstelle andere Werke des viel gelesenen Schriftstellers herab langen, als der Hausknecht ihm in den Weg trat und sagte: »Bemühen Sie sich nicht, Herr von Sprung , die Bücher von den Klar'n , die weiß ich ja auch, ich werd' gleich was bringen.« »Und Sie, mein Fräulein?« wandte sich Sprung an die Braune. »Mir,« antwortete diese, »etwas von Walter Scott.« Der Hausknecht, der auf der Leiter stand, rief herab: »Herr von Sprung, den Waldischgot bring' ich auch gleich mit.« Der galante Sprung both den beiden Mädchen indessen Stühle, und fragte sie, ob sie das neue Stück in der Leopoldstadt schon gesehen hätten? Die Blonde versicherte, sie besuche kein anderes als das Burgtheater, die Braune aber sagte, sie hab' es schon zweymahl gesehen. »Sieh, liebe Caroline,« sagte sie zur Blonden, »das ist fad von dir, daß du nicht einmahl noch den Naimund gesehen hast.« 146 »Du kennst mich ja, liebe Pepi« – versetzte die Blonde, »ich bin keine Freundinn von Spässen.« – »Nun so seufze meinetwegen, so lange du willst« – erwiederte Jene – »ich lache lieber.« – Der Hausknecht brachte die verlangten Werke, und die beyden Mädchen entfernten sich damit. Nach ihnen trat ein alter Bedienter in das Gewölbe. Bedienter . Einen schönen guten Morgen, und meine Gräfinn möchte wieder frische Bücher haben. Sprung . Hat die Gräfinn nicht gesagt, welche? Bedienter . Ja, Dings da hat sie gesagt, Tatschenbücher möcht' sie gern haben, ich hab' mir die Nahmen da aufgeschrieben. (Er nimmt seine Brieftasche heraus.) Die Arglar oder die Hurania , oder die Karnalia oder das selige Vergnügen – oder die Verschuldung der Frauen , oder die schöne Lope , oder die Trophäa , oder was sie halt sonst von solchen Büchern haben, wo Bilder drin sind. Sprung . Werde gleich sehen was zugegen ist. Bedienter (setzt sich nieder) . Wenn ich nur schon einen andern Dienst hätte. Wissen Sie mir keinen, meine Herren? Mit meiner Herrschaft ist es nicht mehr auszuhalten. Ich . Weßwegen denn? 147 Bedienter . O je! da wären ganze Bücher zu beschreiben. Sie ist in einen Herrn verliebt, er ist glaub' ich, auch ein solcher Weltschreiber, ein Liedermacher; und da setzt ihr die Eifersucht gewaltig zu. Darum lest sie auch alle die Kalender gern, weil er, glaub' ich, auch Lieder hinein macht, aber wann hernach so ein Lied drin steht, von ihm an eine Andre, da kriegen wir wieder eine ganze Woche hindurch kein gutes Gesicht. Ich . Ja, das ist freylich schlimm. Bedienter . Darum möcht' ich auch weg aus dem Hause, und bey einem einschichtigen Herrn wär's mir halt am liebsten. Ich . Nun, wenn ich etwas erfahren sollte – Bedienter . Ja, ich bitt' recht schön. Sprung . Da hat er einige Almanache. Bedienter . Ich bedank mich schön. Ah das ist ein großer Pack, da haben wir wieder etwas zu kifeln . Noch um etwas muß ich bitten. Sie möchten auch die Güte haben, und möchten ihr das neueste Ding da – schicken. Sprung . Was soll das seyn? Bedienter . Nun, das Büchel, wo die Bücher alle drin stehen. Sprung . Ah den Catalog , da hat er ihn. Der Bediente ging. 148 Ein Stutzer hüpft herein, besieht uns mit seiner Doppelbrille und spricht: »Ich möchte gerne prämuneriren .« Sprung . Zu Befehl. Stutzer . Wie viel ist zu bezahlen? Sprung . Zehn Gulden Einsatz, und drey Gulden für den Monath. Stutzer . Haben Sie aber auch alles Neue? Sprung . Alles erlaubte Neue, ja. Stutzer . Ich möchte vor Allem immer gleich die Censuren über die Theaterstücke lesen. Sprung . Das können Sie an allen Tagen, an denen hiesige Blätter erscheinen. Stutzer . Schön! Hier ist das Geld. Geben Sie mir gleich die Censuren über das neueste Stück von Raupach . Sprung . Hier (er reicht ihm die Blätter) , das Stück wird sehr gelobt. Stutzer . Ha. ha! ha! ich habe mir's gedacht, und ist ein fades, langweiliges Zeug, ohne alle grammatische Wirkung: die Dizion ist passabel, das ist wahr, aber der dritte Act ist gar nicht auszuhalten. Adieu, meine Herren! (Er pfeift eine Rossinische Melodie, und läuft einem Mädchen nach, das eben am Gewölbe vorüber geht.) Ein ganz schlicht gekleideter bejahrter Mann mit einem jovialen Vollmondsgesichte trat ein, und ließ 149 seinen Jungen, der ein Paar hellspiegelnder Stiefel trug, vor der Thüre stehen. Der Junge beschaute die Bilder im Auslagkasten. Der Mann . Wünsche den allerschönsten guten Morgen, gehorsamster Knecht, bildschöner Tag heute, vor dem Thor etwas gefroren, und wie befinden Sie sich Ihnen? Sprung . Danke, lieber Herr Meister, so so. Womit kann ich dienen? Meister . Ja. ich möcht' auch gern lesen. Sprung . Nun da können wir schon dienen. Meister Ja, kommt darauf an, ob Sie das haben, was ich gern möchte. Lesen Sie Zeitungen? Sprung . Freylich. Meister . O ich kann Ihnen versichern, wie mich die jetzigen türkischen Anliegenheiten verinteressiren, da haben Sie schon keinen Begriff nicht. Die Kriege auf der Erden haben mich auch unterhalten, aber das ist kein Vergleich. Wasser ist sonst nicht mein Numero, und außer den wasserdichten Stiefeln will ich das Wort gar nicht einmahl hören. Aber für das Wasser auf dem Meer , da hab' ich schon, seit ich den Robinson gelesen habe, eine enorme Passion, und absonderlich für die Wasserscharmützeln. Jetzt muß ich aber meine Schwachheit gestehen, daß mir die Gegenden und Königreiche im Meere nicht recht bekannt sind. Haben Sie denn, werthliebster Herr 150 von Sprung, keine deutsche Übersetzung von allen den türkischen und griechischen Nahmen, die jetzt in der Zeitung stehn? Sprung . Hierzu wird Ihnen vielleicht eine Karte dienen, um sich zu orientiren. Meister . Ja, den Orient heißen sie es, glaub' ich. – Aber Karten meinen Sie – was für Karten? Sprung . Landkarten. Meister (droht ihm lächelnd mit dem Finger) . Itzt gehen Sie, Sie Spaßmacher, Land karten für das Wasser? Sprung . Sie finden dort auch diese. Meister . Ja, die Nahmen und sonst nichts. Was thu' ich mit den Nahmen? Ich hab' ja schon gesagt, ich will eine deutsche Übersetzung haben, ich will wissen, wie die Örter ausschauen, unter was für ein Grundbuch das eine oder das andere gehört, wie der Wein, das Körndl, die Viehzucht fortkommt, mit einem Wort, so ein Buch, wie einmahl die Wanderungen und Spazierfahrten in die Gegenden von Wien waren, wo sogar alle Wirthshäuser und Kegelstätten drin gestanden sind. Sprung . Ja, es gibt ausführliche Geographien. – Meister . Lassen Sie mich mit Ihren Orthographien aus, da ist ja der Titel schon lateinisch, so was versteht unser Einer nicht. 151 Sprung . Dann – mir ist leid – kann ich nicht dienen, Herr Meister. Meister . Ey! ey. ey! ist mir recht unlieb, hätte gerne so was gehabt. Nun, wann's nicht ist, ist's auch recht. Der Wanderer explicirt ja doch dort und da was – und wenn man halt nicht weiß, wo das und jenes geschehen ist, so macht's grad auch nichts; Meer bleibt Wasser. – Habe die Ehre mich zu empfehlen. (Er schaut beym Fenster hinaus.) Da haben wir's, da macht der Spitzbub draußen einem Herrn schon wieder ein Kreuz mit der Kreiden auf seinen blauen Mantel. Nun warte, Hallunke! (Er läuft hinaus, und beutelt seinen Jungen beym Schopf.) Noch einige andere Personen traten in die Leih-Bibliothek, an denen ich nichts Auffallendes bemerkte. Lächerlich war allenfalls noch, daß eine Frau fragte: Welche Tante schöner sey, die von Streckfuß , oder die von der Schoppenhauer – daß ein ziemlich wohl gekleideter Mensch Schiller's Possen und Lustspiele begehrte – daß eine Magd Kotzebue's Eduard von Schottenfeld verlangte – daß eine Frau alle vorhandenen Cataloge durchsah, und endlich fragte, wo denn die Bücher seyen, die nicht da drinnen wären – daß eine Frau, welche mit ihrer Tochter kam, bemerkte, Rittergeschichten dürfe das Mädchen lesen, aber beyleibe keine 152 Romane , und daß endlich ein alter Herr seine Pränumeration kündigte, weil er, wie er sagte, gar nichts lesen wolle, wenn er nicht Alles lesen kann . Es schlug halb zwölf Mittags, und nun breitete mein Freund Sprung alle neuesten Blätter der Journale auf dem Tische vor sich aus, mit der Bemerkung, jetzt werden gleich andere Kunden, das sogenannte belletristische Kränzchen , erscheinen. Er hatte noch nicht ganz ausgesprochen, so kam schon ein junger wohlgebildeter Mann, bald nachher ein Zweyter nicht wohlgebildeter, und ein Dritter und Vierter. Wie sie kamen, fielen sie alle gleich über die daliegenden Blätter her und – man wird sie kennen lernen, wenn man ihr Gespräch vernimmt, das ich mir gut gemerkt habe. Der Erste . Das ist wieder eine elende Kritik – hast du sie gelesen? Zweyter . So was les' ich gar nicht. Dritter . Da schaut einmahl her, da steht ein Gedicht von X., solches fades Zeug nehmen sie auf, und von mir liegt schon drey Monathe ein Gedicht, und ist noch nicht gedruckt. Der Erste (dem Zweyten in's Ohr) . Wird auch was Sauberes seyn! Der Vierte . Habt ihr schon gehört, daß in —heim wieder eine neue Zeitschrift erscheint? 153 Erster . Nun, der Redacteur hat mir ja schon geschrieben, und hat mich um Gotteswillen gebethen, ich möchte ihm Beyträge schicken. Der Zweyte . Wer war gestern im neuen Stück? Erster . Ich! – Dummheit – nichts als Handlung über Handlung, gar keine Diction, reine klare Prosa, von Poesie keine Spur. – Ich schreibe jetzt ein neues Trauerspiel, die ersten drey Acte hab' ich schon unsern ersten Schauspielern vorgelesen, ein Jeder freut sich schon auf seine Rolle. Der Dritte (zu Sprung) . Haben Sie die heurigen Rosen noch nicht da? Sprung . Nein! Dritter . Recht schöne Kupfer. Erster . Ja und ein elender Inhalt. In dieses Taschenbuch hab' ich gar nichts hinaus schicken mögen, es ist mir zu schlecht. Der Zweyte /zum Dritten leise) . Die Fanny war gestern im Theater. Dritter (eben so) . Jetzt geh – hast du mit ihr geredet, hat sie nicht um mich gefragt? Zweyter . Ja, du möchtest ihr das versprochene Buch bringen. Dritter . Die dumme Gans soll mich in Ruhe lassen. 154 Vierter . Der Göthe hat vom König von Bayern einen Orden bekommen. Erster . Ja! – hm! – Apropos von Göthe , gestern hab' ich einen Brief von ihm empfangen. Dritter . Nun was schreibt er denn? Erster (etwas verlegen) . Er läßt sich in's Breite über unsere neueste Literatur aus, und fragt mich um meine Meinung. Zweyter . Da seht einmahl auf die Straße hinaus, was ist denn das für ein Auflauf? (Er läuft hinaus, und alle ihm nach.) Auch ich ging fort, recht böse darüber, daß mir die letzte Scene alle vorhergehenden komischen etwas verbittert hatte. 155 XII. Die Aschermittwoche oder Faschingswehen. Mag es Manchem sonderbar vorkommen, ich kann und will es nicht verhehlen, daß mir die Aschermittwoche einer der liebsten Tage des ganzen Jahres ist. Diese freundliche Stille nach Saus und Braus, diese merkbare Ruhe in den Straßen, dieses Zurückkehren zur Ordnung und Häuslichkeit, ja selbst dieser allgemeine Anstrich von Befriedigung sind mir angenehm. Es liegt etwas auf den Gesichtern, welches zu sagen scheint: »Ich habe viel Plaisir ausgestanden. Dem Himmel sey Dank, daß es damit alle ist!« Die Frommen wallen den Kirchen zu, und lassen sich äschern, die Verschwender stehen auf der Asche ihrer Habe, sie zählen, und siehe da, es fehlt manch' theures Haupt, viele durchwachte Nächte haben ihr Gesicht mit Aschfarbe überzogen, und der Aschenkrug scheint schon sein Recht auf sie geltend machen zu wollen. Viele Aschenbrödeln kehren zu ihrem Herde zurück, und verzichten nun wieder ein ganzes Jahr auf das Vergnügen, in der Redoute 156 unter der Maske große Frauen zu spielen, und junge, galante Herren zu angeln; kurz, die Thüre ist hinter dem Fasching zugeschlagen, und eine Zeit zu ernsteren Betrachtungen tritt ein. Es ist noch nicht gar lange Zeit, daß es Gewohnheit war, in der letzten Faschingsnacht Punct zwölf Uhr den Fasching auf eine scherzhafte Weise zu Grabe zu tragen, und ich weiß wahrlich nicht, warum dieser Gebrauch abgekommen ist. Er gab zu viel Unterhaltung Anlaß. Jetzt begräbt man den guten Fasching nicht mehr, aber er hinterläßt dennoch viele Leidtragende. Manche Wunden hat er geschlagen in Herzen und Beutel, manche Vereinigungen hat er geschlossen, manche Trennungen veranlaßt. Vorzüglich werden seine Fußstapfen in der Aschermittwoche sichtbar, und ich will dir beschreiben, lieber Leser, wie ich an diesem Tage meine Umgebungen, Freunde und Bekannte fand. Vielleicht ist auch bey dir so manches Ähnliche eingetroffen. Verzeih' mir die etwas längliche Einleitung, es ist ja ohnedieß jetzt die Zeit der Predigten. Als ich des Morgens erwachte, und meinem Bedienten klingelte, mußte ich dieß dreymahl wiederhohlen, bis er endlich kam. Er ist sonst ein flinker Bursche, und ich verwies ihm diese Zögerung, allein er bat um Vergebung und entschuldigte sich, daß er die letzte 157 Faschingsnacht auch etwas über die Schnur gehauen, und jetzt erst die Milch zum Kaffeh gehohlt habe. Ich fragte ihn, wo er sich denn unterhalten habe? Er antwortete mir, »daß in dem nahen Wirthshause die Auffasserfrauen einen großen Ball gegeben hätten. wobey er zugegen gewesen wäre.« – Ich bin ein geborner Wiener, habe aber dieses Prädicat im Leben nicht gehört. »Wer sind denn diese Damen?« fragte ich. Er erklärte mir, daß sich die Obsthändlerinnen also nennen, weil sie das Obst in Haufen zu gewissen Preisen auffassen. Er erzählte mir weiter, daß es da sehr hoch hergegangen, daß nichts als Guldenwein getrunken und sogar Freindorfer vorhanden gewesen sey; zugleich bat er mich, ich möchte ihm auf seinen künftigen Monathgehalt einige Gulden vorstrecken, er habe sich in dieser Nacht ganz ausgegeben (ein gewöhnlicher Local-Ausdruck). Siehe da Faschingswehe Nr. 1. Es schlug acht. Die Stunde, wo gewöhnlich mein Barbier zu kommen pflegt. Auch dieser erschien erst um halb neun, und halb schlaftrunken erzählte er mir viel Schönes von dem dießnächtlichen Ball beym Mondschein, und riß mir dabey mit einem schlecht abgezogenen Messer den Bart dermaßen aus dem Gesichte, daß ich einiges Blut mit kleinen Stückchen Feuerschwamm zu stillen hatte. – (Faschingswehe Nr. 2.) 158 Ich besitze einen Canarienvogel, gar ein liebes, zahmes Thierchen, das mir die in Milch getauchte Semmelkrumen beym Frühstück aus der Hand pickt, und dabey mit den kleinen Flügelchen schlägt. Der liebe Vogel hat noch eine Eigenheit. Auf meinen Bücherstellen stehen Büsten von Aristoteles, Cicero, Julius Cäsar und Schiller. Seltsam genug! nur wenn das kleine Thierchen auf dem Kopfe Schillers sitzt, so singt es schmetternd und gellend, sitzt es aber auf den übrigen Köpfen, so zwitschert es entweder nur, oder schweigt ganz und gar. Es war mir dießmahl etwas Außergewöhnliches, den Vogel lautlos auch auf des Sängers Büste sitzen zu sehen. Ich rief ihn wie gewöhnlich mit der Zunge schnalzend, aber er kam nicht. Ich ging zu seinem Käfig um ihn dahin zu locken, und sieh da, der Arme hatte weder Futter noch Wasser, auch darauf hatte mein Bedienter, der die Fütterung über sich hat, gestern in der Freude seines Herzens über den Auffasser-Frauenball vergessen, und auch der arme Vogel mußte vom Fasching dulden. (Faschingswehe Nro. 3.) Es versteht sich, daß ich meinen kleinen, befiederten Sänger alsogleich erquickte. Daß mein Kaffeh heute etwas schlechter gekocht war, die Milch von Rauch roch, das Kipfel zu braun war, meine lange Morgenpfeife noch die Asche vom vorigen 159 Tage in sich trug, das Alles will ich hier nicht berühren. Es sind zu unbedeutende Wehen, um numerirt zu werden. Jetzt läutete die Hausglocke, und mein Bedienter meldete mir einen Mann, der mich zu sprechen wünsche. Ein kleiner Kerl, der meine Liebhaberey für Dosen kennt, und mir schon öfters welche zum Ankauf gebracht hatte, trat ein; dießmahl both er mir drey an, eine silberne, eine von Elfenbein mit einem Mosaik-Medaillon, und eine von Schildkröte mit einem schön gemahlten und äußerst lieblichen, weiblichen Porträt. – »Dießmahl bin ich sehr wohlfeil,« sprach er schmunzelnd, »denn der Fasching hat die Säckel geleert und man muß sie wieder füllen. Die silberne Dose gehört einem Beamten, der sie weggeben muß, weil er seiner geliebten, lebenslustigen Ehefrau zur gestrigen letzten Redoute noch ein neues Kleid anschaffen mußte; heute seufzt er darüber, und schnupft seinen Schwarzgebeitzten aus einer schwarz lackierten Dose von Papiermaché, indem ihn sein liebes, besorgtes Weibchen versichert, diese Dose sey viel hübscher und nicht so schwer. – Diese Dose von Elfenbein ist das Erbstück eines jungen Herrn von dessen Vater. Die Thaler, die er mit derselben erbte, sind schon verthan, jetzt kommt das letzte Stück an die Reihe, welches ihn noch an seinen guten, alten Vater erinnern kann. Er behauptet aber, er habe desselben garnicht nöthig, denn 160 er denke ohnedieß immer seines Erzeugers. Gewiß haben dem jungen Menschen einzig und allein die glacirten Handschuhe, die er diesen Fasching hindurch gebraucht hat, so viel gekostet, als er jetzt die Dose feilbiethet. Die dritte nun mit dem lieblichen Mägdleinbild ist das Eigenthum eines ziemlich bejahrten Mannes, dessen erste Frau so ausgesehen haben soll. Er hat die Dose seit ihrem Tode bis zu diesem Carneval ununterbrochen bey sich getragen, aber nun hat das ältliche Herz sich noch einmahl gerührt, es wurde von einem jungen, koketten Fräulein touchirt, welches unser Mann auf einem Balle kennen lernte. Die Schöne forderte von ihm, daß er sich das häßliche Tabakschnupfen abgewöhnen, und vor Allem, daß er die Dose mit dem Porträte alsogleich weggeben sollte. Der gute Mann (recht passend mit dem französischen bon homme übersetzt) ist folgsam, und händigte mir die Dose mit einem Seufzer ein. – Ich kaufte die drey Tabatieren alsogleich, sie sollen mir Warnungstafeln seyn ( Voilà Faschingswehen Nro. 4, 5 et  6). Ich ging nach der Stadt, weil ich in einem öffentlichen Amte Geschäfte zu verrichten hatte. In der Spiegelgasse trat eben ein Freund aus dem Thore des Versatzamtes, der so schnell lief, daß er mich bald über den Haufen gerannt hätte. Es war sehr kalt, und mein 161 Freund dennoch ziemlich leicht gekleidet, nur in einen Gehrock gehüllt. Ich kannte ihn als ein verzärteltes Muttersöhnchen, und war gewohnt, ihn sonst in Pelz und Mantel zu sehen. »Was zum Henker!« redete ich ihn an, »du bist ja heute fast sommerlich gekleidet; warum trägst du denn keinen Mantel?« – Mit den Zähnen vor Kälte schnappernd, antwortete er mir: »Mich friert nicht, und ich wohne jetzt in der Stadt, wozu also einen Mantel?« Bey diesen Worten wendete er sich, um von mir zu gehen, und ich sah aus seiner linken Rocktasche ein kleines, blaues, steifes Täfelchen, gezackt ausgeschnitten, hervor gucken; wer kennt diese Täfelchen nicht? dazu das Haus, aus welchem mein Freund trat, die Aschermittwoche, der fehlende Mantel – ich glaube mit gutem Gewissen hier Faschingswehe Nr. 7 ansetzen zu dürfen. Nun begab ich mich in jenes Amts-Büreau, wo ich Geschäfte zu besorgen hatte. Ich wurde daselbst immer sehr schnell expedirt, fand auf der Stelle den, welchen ich suchte, und das, was ich nöthig hatte, und muß daher den dort angestellten Herren das Zeugniß eines ununterbrochenen Fleißes und einer augenblicklichen Dienstleistung geben, aber heute sah es doch ein Bischen licht aus. Im ersten Zimmer waren alle Tische leer, und nur ein einziger Mann saß an einem Fenster rechts, und 162 bürstete seinen neben ihm hängenden Frack aus; im zweyten Zimmer (eigentlich mehr ein Cabinet) war ebenfalls nur die Fensternische rechts so glücklich, ihren Besitzer zu beherbergen. Der kleine, dünne Mann trug Bücher hin und her, die fast größer waren als er. Sage mir einer mehr, daß das Buchhalten keine schwere Arbeit sey. Im dritten kleinen Zimmer saß ebenfalls nur Einer, der immer so halblaut vor sich hinpfiff; ist das nicht etwa Gewohnheit bey ihm, so gingen ihm vermuthlich noch die Tanz-Melodien der vergangenen Nacht im Kopfe herum. Im vierten Zimmer endlich, wo ich zu thun hatte, standen eilf Tische, wovon acht verwais't waren. Ich trat zu einem alten Herrn, auf den der Fasching keinen Eindruck gehabt zu haben schien, und trug ihm meine Angelegenheit vor. Er bat mich, indem er mir Tabak präsentirte, recht höflich, am folgenden Tage wieder zu kommen, da heute jener Herr, der das, was ich verlangte, auszuarbeiten habe, nicht zugegen sey. Mit einigen Blicken, die ich dabey im Zimmer herumsandte, sah ich einen jungen Herrn bey einem Tische sitzen, dem der Kopf vor Schlaf zu schwer wurde, ein anderer hatte mit seiner Sackuhr zu thun, die er repetiren ließ, und ein Dritter saß und schaute vor sich hin. Ich ließ mich gerne auf den folgenden Tag bescheiden und ließ mir das kleine Faschingsweh Nr. 8 des Wiederkommens gefallen. 163 Jetzt macht' ich meine gewöhnliche Tour in der Stadt herum. Ich ging zuerst in eine Musikalien-Handlung, wo der Herr derselben eben Geld in kleine Packete zusammen machte. Auf meine Frage, wozu das gehöre, antwortete er mir mit einem Seufzer: »Das sind Faschingswehen. Ich bereite da den Herrn Tanzmusik-Componisten ihre Honorare für gelieferte Walzer, Ecossaises, Tempetes u. s. w. Heute kommen sie gewiß Alle um ihr Geld. Einige musikalische Herren, welche im Gewölbe beysammen standen, sprachen von der Menge von Concerten, womit man jetzt in der Fastenzeit wieder überschüttet werden wird. Der Eine erzählte, daß ihm gestern im Apollosaale sein Hut ausgetauscht worden sey; der Zweyte, daß er einem Balle beygewohnt habe, wobey seine Ohren gemartert worden seyen, da der Primgeiger aus  G . gespielt, die übrigen aber aus Gis accompagnirt hätten; der Dritte hatte sein Violoncell zu einem Balle ausleihen müssen, und war ihm dasselbe ganz geschunden und bekleckst zurück gebracht, und so hatte denn jeder andere kleine, musikalische Faschingswehen mitzutheilen, welche ich nicht weiter numeriren will. Von da ging ich in eine Buchhandlung:, ich hatte mir ein Buch bestellt, welches ich heute zu erhalten hoffte; allein der Commis, dem ich die Bestellung auftrug, war 164 nicht zugegen, er war in der Nacht beym Tanze ausgeglitscht, gefallen, und hatte sich den Fuß verrenkt. Meinen Schneider, zu dem ich mich nachher begab, um zu sehen, ob denn mein neuer, schon vor vier Wochen bestellter Capot noch nicht fertig sey, fand ich in der größten Verzweiflung, da ihm die letzten drey Faschingstage keiner seiner Gesellen arbeiten wollte, und auch heute rasteten die Bursche noch von ihrem Nichtsthun aus. »Ach Gott!« sagte er, »wenn nur keine Mehlgrube auf der Welt wäre!« »Nun,« antwortete ich, »so wäre ein andere Grube, wo aufgespielt wird, und ein Schneider ist ja auch ein Mensch.« – »Ja leider,« antwortete er, »und was für Menschen sind das? nicht zu bändigende!« Für den Mittag war ich zu einem Freunde gebethen. Ich kam hin, und er trat mir mit einem wehmüthigen Gesichte entgegen. »Mein Lieber«, sagte er, »heute kann ich das Vergnügen, Dich bey mir zu bewirthen, nicht genießen. Im Gegentheile, ich selbst will mit dir in ein Gasthaus essen gehen. In meinem Hause melden sich heute alle Faschingswehen, die nur möglich sind, auf einmahl. Meine Frau mußte ich gestern auf die Redoute führen; du weißt, ich bin kein Liebhaber davon, aber du lieber Gott, was will man thun. Sie ging in der Maske, ihre Freundinn, die Frau von Pichelberger mit ihr. Die zwey Frauen fanden so viel Unterhaltung, daß an gar kein 165 Nachhausegehen zu denken war. Meine Alte gar, die ist in der Maske so recht in ihrem Esse , und das Züngelchen ist auch auf dem rechten Flecke, kurz, sie machte dir Eroberungen ohne Ende, und hat Dinge gesagt und Dinge aus ihren Freundinnen heraus gebracht, daß einem die Haut schaudert; darum mußt' ich denn bis sechs Uhr Morgens bleiben. Jetzt ist's zwey Uhr, und sie liegt noch immer im Bette und schnarcht. Während dem ist mir meine Köchinn davon gegangen. Sie ersuchte nähmlich gestern, wir möchten ihr erlauben, diese Nacht über ausbleiben zu dürfen, sie gehe mit ihrem Vetter auf den Apollo-Saal. Man verweigerte es ihr, da doch Jemand das Haus bewachen mußte, da ging sie um acht Uhr Abends fort und hinterließ mir diesen Zettel.« Ich las den Zettel und schrieb ihn mir Buchstabe für Buchstabe ab, er lautete: »Knetiger Herr! »Ein Dienstboot ist auch ein Mensch, welche ihr Underhaldung haben will. Ich hab von den Fasching noch gar nichts genosen, ich muß heunt auf den Napoleonsaal geh'n – Leben Sie wohl wir segen uns nicht mehr, sie wissen ich kan kochen, aber ich kan auch tanzen und ich will tanzen wann die Zeit dazu da ist. Meine Sachen wir ich abhohlen lasen, die Monatgaschi scheng ich Ihnen. Wawara Putz.«     166 »Die Köchinn ist also fort,« sagte mein Freund. »Mein Bedienter ist zwar zu Hause geblieben, hat sich aber eine Flasche Wein heim getragen und so lang getrunken, bis er einschlief und das Licht brennen ließ, welches meine schönen musselinenen Vorhänge ergriff und sie in Asche verwandelte. Es ist noch ein Glück, daß die Flamme nicht weiter griff.« Ich bedauerte meinen Freund herzlich, und wir gingen mit einander in das Gasthaus, wo wir uns mit aufgewärmtem Fasan in Kraut und einem Krapfenkoch (also ebenfalls Faschingsüberbleibseln) zufrieden stellen mußten. Unsere Tasse schwarzen Kaffeh zu einer Pfeife Tabak nahmen wir im Kaffehhause ein. Der Marqueur daselbst war eben auch ganz übernächtig; denn es hatte bis am hellen Morgen Gäste gegeben, und der Bursche konnte sich kaum auf den Füßen halten. Einige Domino-Spielparthien machten mit ihren Täfelchen von Bein (daher dieses Spiel auch Beineln genannt wird) einen gewaltigen Lärm. Der Eine schlug, so oft er ein Bein ansetzte, so stark auf den Tisch, daß man meinte, es müsse in Stücken springen; der Andere lächelte und sagte: »Sie lernen das Spiel in ihrem Leben nicht, da muß man von guten Ältern seyn, ich bitte Sie, spielen Sie nicht, was Sie nicht können u. s. w. und verlor doch fast allemahl 167 selbst. Der Dritte mischte Redensarten in einer fremden Sprache ein, die zum Todtlachen waren. So sagte er zum Beyspiel Signoro questero! – und begehrte Aqua fresco! – und wenn er nicht ansetzen konnte, brummte er: Non posso parlare u. s. w. Doch da ich gesonnen bin, dir, mein lieber Leser, ein Kaffehhaus in einem eigenen Lebensbilde darzustellen, so will ich es hier bey diesem kleinen abgesonderten Fresco-Gemählde, welches bey den Faschingswehen nur als eine Parenthesis anzusehen ist, bewenden lassen und in diesen weiter fortfahren. Ich besuchte nachher einen Bekannten beym Theater und zwar – hört und bückt euch! – einen Regisseur. – Er saß mit grämlicher Miene bey seinem Pulte, eine lange Pfeife im Munde, aus dem er den Rauch in dicken Wolken von sich blies. »Ach Freund!« rief er, »der Fasching, der verfluchte Fasching, was hinterläßt er für Wehen! Da schreibt mir eben die erste Schauspielerinn einen Brief, daß sie vor acht Tagen die Bühne nicht betreten könne, weil sie Schnupfen und Catarrh habe; den hat sie sich gestern auf der Redoute gehohlt! – Der Komiker war zu so vielen Bürgerstafeln gebethen, bey denen er Spaß machen mußte, daß er sich eine Indigestion und in Folge derselben ein Fieber zuzog. – Der Held schreibt um einen Vorschuß von 200 fl. – Der Intriguant will 168 der Erste in der Fastenzeit seine freye Einnahme haben. Mit der Oper ist's noch viel ärger. Es hätte heute Probe von der neuen Oper seyn sollen, aber das halbe Orchester erschien nicht; diejenigen, die eben keine Virtuosen sind, haben dort und da bey Tanzmusiken gespielt, und liegen zu Hause und schlafen. Lauter Faschingswehen, da möchte der Henker ein Theater leiten!« Bey diesen Worten traten einige seiner Brüderchen ein, und man setzte sich zum Tarocktapp-Tisch. Es war Abend geworden; wo sollte ich ihn zubringen? Die Schaubühnen sind geschlossen, in Kaffehhäusern sitzt man in einem Qualm von Tabaksdampf, daß man Kopfweh und kurzen Athem bekommt: stellen wir uns ein halbes Stündchen an der Ecke vor dem Stock am Eisen hin, und horchen wir auf die Vorübergehenden, vielleicht können wir noch einige Faschingswehen erschnappen. Zwey Jünglinge (Studenten) huschten vorüber, aus dem Munde des Einen hört' ich noch die Worte: »Morgen will der Professor prüfen, und ich habe den ganzen Fasching hindurch kein Buch angesehen!« Ein Fiacker will vorbey rollen, aber sein Sattelpferd fällt zur Erde, das arme Thier hat gewiß schon drey Tag' und Nächte keinen Stall gesehen. 169 Ein junger Mann führt ein Mädchen am Arme, fast laut schreyend: »Schämen sollen Sie sich, wie Sie gestern auf dem Balle geliebäugelt haben.« Ein alter Herr zottelt hinter seiner Frau und Tochter, nachbrummend: »Zeit ist's, daß wir einmahl früh zu Bette kommen.« Zwey Mädchen begegnen einander, schütteln den Kopf, und die Eine sagt. »Alles ist heute schachmatt.« Zwey dicke Frauen wackeln vorüber, mäckernd sagt die Eine: »Ihre Perlen hat sie heute verkaufen müssen, geschieht ihr aber schon recht, warum muß sie überall dabey seyn.« Zwey Dienstmädchen erscheinen, die Eine spricht: »Ich habe mich gar nicht unterhalten, es war nichts als eine besoffene Mette und meinen schönen taftenen Überrock haben sie mir auch noch begossen.« Ein Schusterjunge läuft vorbey und singt: »Der Fasching ist aus Jetzt gehn wir nach Haus; Die Taschen sind leer, Wir haben nichts mehr.« Ich machte mich denn auch von meinem Stock im Eisen auf, nahm noch ein Nachtessen in einem Gasthause ein, wo es heute ziemlich leer war, und begab mich um 170 eilf Uhr nach Hause. Da mußt' ich denn am Thore noch das letzte Faschingswehe ausstehen, denn mein Hausmeister ließ mich über eine halbe Stunde klingeln, bis er mir das Thor aufschloß. Der Mann war auch in der vergangenen Nacht auf einen Ball bey einem Bierabtrager gewesen und schlief diese Nacht so fest, daß ich fast den Glockendraht abreißen mußte. 171 XIII. Die charmanten Leute. Der Titel: Ein charmanter Mann , wird so verschieden gebraucht und erklärt, daß es wohl der Mühe werth wäre, einmahl eine ganze Abhandlung über das vielsagende und oft so wenig verlangende Wort charmant zu schreiben. Heigelin in seinem Fremdwörterbuche übersetzt es mit reitzend , bezaubernd , allerliebst , äußerst einnehmend , angenehm . Jedes dieser Wörter berührt wohl eine Eigenschaft eines sogenannten charmanten Mannes, aber ganz bezeichnet ihn keines derselben. Die Charmanteté ist eine Art von Ruf, welche man manchmahl sehr wohlfeil kauft, manchmahl sehr theuer bezahlt. Sie ist ein Gemisch von Geist und Artigkeit, ein Firniß von feiner Lebensart, welcher die Fehler übertüncht und vergessen macht. Sie ist nur ein Ausdruck des Übereinkommens, womit man eine Person bezeichnet, welche man mit Vergnügen sieht. Am deutlichsten werd' ich den Begriff wohl erklären, wenn ich einige sogenannte charmante Leute beschreibe. 172 Herr von N*** bat mich jüngst zum Mittagmahle. »Ich vereinige bey mir künftigen Dinstag (so schrieb er mir) eine Gesellschaft von charmanten Leuten, welche mir gut sind; wollen Sie ihre Zahl vermehren, so werden Sie ein Vergnügen machen Ihrem N***«         Ich nahm die Einladung an, und war am bestimmten Tage schon früher dort, als alle übrigen Gäste. Herr v. N*** ist selbst ein sehr charmanter Mann, Alle, welche ihn kennen, nennen ihn so. Zu einer Zeit, wo seine Handlungsgeschäfte schlecht gingen, fallirte er zwar, allein dieses schadete seinem guten Rufe gar nichts; denn treu dem neuen Übereinkommen mit seinen Gläubigern, bezahlte er diesen die Hälfte von dem, was sie ihm ganz anvertraut hatten. Da sie aber befürchteten, gar nichts zu bekommen, so sahen sie diese Art Wiedererstattung wie ein gefundenes Geld an, und erhoben die Rechtlichkeit des Herrn N*** bis zum Himmel. Dieser war in seinen spätern Geschäften sehr glücklich. Man schätzt sein Vermögen jetzt schon auf 200,000 Gulden, und da er versprochen hat, er werde seinen einstmahligen Gläubigern ungezwungen auch noch die andere Hälfte seiner Schuld bezahlen, wenn es ihm gelingen würde, sein Vermögen zu verdoppeln, so beeifert sich 173 Jeder derselben, ihm die Mittel dazu an die Hand zu geben. Dieses gibt nun seinem Credit einen neuen Schwung und seinem guten Nahmen einen neuen Nimbus. Die ganze Welt sagt, er sey ein charmanter Mann . Der charmante Hausherr war noch im Comptoir, ich fand daher Niemanden im Speisezimmer, als ein kleines, gepudertes Männchen mit einem so jovialen Gesichte, daß ich mich auf der Stelle zu ihm hingezogen fühlte. Auf den Couverts lagen Karten, worauf die Nahmen der Gäste geschrieben waren. Ich durchsah sie. Das Männchen fragte mich lächelnd, ob ich die Herren und Damen wohl alle kenne, mit denen ich speisen werde? »Ihre Nahmen« – antwortete ich – »hab' ich wohl schon öfters nennen gehört, aber persönlich sie zu kennen, hab' ich nicht das Vergnügen; ich weiß nur, daß es durchaus charmante Leute seyen.« »Nun, das will ich meinen!« entgegnete der Gepuderte lächelnd, nahm eine Karte nach der andern, las die Nahmen, und setzte Folgendes hinzu: » Herr von Sackel . O das ist ein sehr charmanter Mann. So gefällig, so zuvorkommend, so hilfreich. Daß er etwas davon haben muß, das versteht sich wohl von selbst, denn umsonst ist der Tod. Der gute Mann beschäftigt sich meistens damit, die Leute zu rangiren, wenn sie in Verlegenheit gekommen sind, und hat sich durch lauter solche Rangements am Ende auch selbst bestens 174 rangirt. Der Baron X*** z. B. Sie wissen, wie der Mann herabgekommen war. Seine Schuldenlast soll bey 40,000 fl. betragen haben, und er ging nicht mehr unangefochten auf der Straße Da nahm er seine Zuflucht zu dem charmanten Herrn von Sackel, der rangirte die Sache so. daß er jetzt ganz ruhig auf seinem Landgute sitzt, wo er eigentlich Verwalterdienste thut und die Einkünfte an Herrn von Sackel abführt. Hingegen lebt er aber auch in Ruhe und Frieden. Der Herr von Sackel hat sich mit allen seinen Gläubigern in seinem Nahmen ausgeglichen. und der Freyherr X*** ist nur diesem allein mehr 100,000 fl. schuldig, welche Summe er sammt Procenten nach und nach abbezahlen kann. Das nenn' ich doch glücklich wegkommen. Ist der Herr von Sackel nicht ein charmanter Mann?« » Frau von Fichtel . Nun die Frau von Fichtel werden Sie doch kennen?« Ich . Leider nicht. Der Gepuderte . Nicht? Ey leben sie denn unter der Erde, daß Sie auf derselben die charmanteste aller Frauen nicht kennen? Freundchen! was soll ich Ihnen von ihr sagen? Die Stadt spricht, die Welt spricht: Unterm Monde existiren nicht zwey solche Frauen wie sie. Sie kann Alles, sie will Alles, sie versteht Alles, sie thut Alles mit einer Art und Liebenswürdigkeit, die ihres 175 Gleichen nicht hat. Wünschen sie ein Ämtchen? wenden Sie sich nur an sie, sie weiß den rechten Mann bey der rechten Seite zu packen. Verlangt es Sie nach Bekanntschaften? thun sie ihr nur ein Bißchen schön, binnen vierzehn Tagen sind Sie von ihr in eben so viele Häuser eingeführt, wo Sie stets ein anderes Vergnügen erwartet. Brauchen Sie Geld? sie verschafft Ihnen dasselbe auf Pfänder und auch bloß auf Ihr gutes Gesicht, im letzteren Falle müssen Sie freylich dafür etwas mehr bezahlen. Wollen Sie eine Neuigkeit unter die Leute bringen? nur sie davon unterrichtet, und in ein Paar Stunden spricht die Stadt davon. Haben Sie Pränumerations-Scheine auf Bücher, oder Lose auf ausgespielte Prätiosen? legen Sie selbe in ihre Hände, und die charmante Frau bringt Alles in wenigen Stunden an Mann. Haben Sie ein verliebtes Abenteuer, und wissen nicht wohin damit? nur zu ihr lieber Freund! – Ja selbst bis zu den kleinsten Kleinigkeiten läßt sich die charmante Frau herab. – Sie empfiehlt Ihnen einen Lehrer für Ihre Kinder, ein Stubenmädchen für Ihre Frau, einen Copisten für Ihre Schreibereyen, sie procurirt Ihnen eine vacante Loge für die heutige Opernvorstellung, sie weiß eine schöne Sommerwohnung für Sie, sie verschafft Ihnen unter der Hand einen echten Shawl für Ihre Frau. Brauchen Sie Lose zu einer Güter-Lotterie? von ihr erhalten 176 Sie selbe um wohlfeilern Preis. Sie spielt besser Whist und l'Hombre als jeder Mann, sie spielt in einer Gesellschaft auf dem Pianoforte die schönsten Walzer, sie singt vom Blatte, sie weiß Räthsel und Anecdoten in Menge, sie kennt jede Equipage, die auf der Gasse fährt, sie macht die Honneurs in dem Hause eines reichen Junggesellen und bey allen diesen Dingen benimmt sie sich mit einer Offenheit, Freymüthigkeit und Liebenswürdigkeit, die gar nicht zu beschreiben sind. Nun die wird doch mit vollem Rechte eine charmante Frau genannt werden? Ich . Allerdings. Auf der nächsten Karte, die mein Gepuderter mir zeigte, stand: Baron von Reidlingen . »O!« rief mein Erklärer, »auch ein sehr charmanter Mann. Jung, mit einem feurigen Augenpaar, und immer im neuesten Pariser Schnitte gekleidet. Ich kannte ihn freylich noch zu jener Zeit, als er einen ziemlich abgeschabenen, schwarzen Frack trug, an welchem die Nähte schon in's Graue fielen und die Knöpfe abgestoßene Ränder hatten; aber das hat sich alles zu seinem Vortheile geändert. Er heirathete die Tochter eines Gutsbesitzers, nach dessen Tode ihm durch seine Frau eine reiche Erbschaft zufiel. Das gute Weibchen liebt ihren Gemahl, der im Gegentheil Alles vergessen zu haben scheint, was er ihr 177 dankt. Er hat mehr verliebte Abenteuer, als Tage im Jahre sind, er sieht jeden Mittag zehn bis zwölf gute Freunde bey sich, und im Sommer ist ihm auf seinem Gute Jeder willkommen, der ihn besuchen will. Von allen wohlthätigen Instituten ist er Mitglied, er unterstützt Künstler und Gelehrte, und neulich hat der Compositeur Y*** von ihm für die Dedication einer Clavier-Sonate einen prächtigen Brillantring erhalten. Bey jeder Benefice-Vorstellung nimmt er eine Loge und spricht dabey ganz naiv: »Ich bin reich, ich kann's thun.« Seine Frau beweint freylich zwischen ihren vier Pfählen ihr trauriges Schicksal, und muß zwey Kinder erziehen, die er von Andern – – angenommen hat, allein er mißhandelt sie nicht, er nennt sie sogar »mein Kind! und mein Schatz!« wenn er des Monaths einmahl mit ihr spricht, und so macht ihm kein Mensch den Titel eines charmanten Mannes streitig.« »Diese Karte trägt den Nahmen eines charmanten Fräuleins: Rosina von Vollenstein . Sie ist zwar schon im vorigen Monathe großjährig geworden, aber das benimmt ihrer Liebenswürdigkeit nichts. Sie ist weder schüchtern noch blöde, und schlägt nicht gleich bey jedem gewagten Worte die Augen nieder, sondern taugt ganz in eine lustige Gesellschaft. – Wenn's beym Pfänderspiele zum Küssen kommt und die jungen Gänschen 178 sich gewaltig zieren, so löst sie ihr Pfand mit einer naiven Hingebung ein, der nichts gleich kommt. Sie soll, wie man sagt, schon mit drey jungen Herren bis zum Traualtar gekommen, aber dann von ihnen verlassen worden seyn; aber das erzählt sie Ihnen alles gleich in der ersten Stunde selbst mit liebenswürdiger Offenheit, und setzt nur schelmisch hinzu: »Es hat nicht seyn wollen, es ist so besser!« Sie tanzt ganz charmant und spricht ferm Französisch. Man kann sich nicht charmanter benehmen als sie.« »Herr Dolst , welchem der Platz neben ihr angewiesen ist, macht ihr die Cour. Noch vor einigen Jahren war er ein armer Advocat. – Ein reicher Wucherer starb kurze Zeit nachher, als er eine große Summe bey ihm hinterlegt hatte. Die Familie wußte nichts davon, aber Dolst , der glaubte, sein darüber ausgestellter Empfangsschein würde sich vorfinden, unterrichtete sie auf der Stelle hievon. Diese schöne That wurde zum Gespräche in der ganzen Stadt und kam auch zu den Ohren der verwitibten Frau von Zähring . Sie ward davon gerührt, suchte am andern Tage den Advocaten Dolst auf, um sich über die fruchtbringende Benützung ihres Vermögens bey dem rechtschaffenen Manne Rathes zu erhohlen. Seine schöne Gestalt rührte sie noch mehr als seine Rechtschaffenheit, und in einem Monathe reichte der glückliche Dolst der 179 76jährigen, eine halbe Million reichen Frau, seine Hand am Altare. Sogleich ließ er bey seinem Schneider unter Einem das Hochzeit- und das Trauerkleid verfertigen; doch der Mensch denkt, der Himmel lenkt; die Frau schien der Zeit Hohn sprechen zu wollen, jeder Tag gab ihr neue Kräfte, und ihr Gatte streute ihr beym Untergange ihrer Lebenssonne einige von jenen Blümchen auf den Weg, welche ihm die Jugend reichte. Diese Vereinigung, welche früher die Zielscheibe des Spottes und eine unversiegbare Quelle aller Epigrammalisten war, fand jetzt überall Bewunderer. Dolst allein fand, daß der Spaß doch etwas zu lange daure. Er wußte, daß seine alte Frau früher außerordentlich kokett war; die Sorgfalt, welche sie noch immer auf ihre Toilette verwandte, zeigte ihm, daß sie noch jetzt diese Schwachheit besitze. Anstatt sie daran zu hindern, suchte er ihr vielmehr alle Mittel dazu an die Hand zu geben, er überredete sie, daß die Zeit noch kaum mit den äußersten Enden ihrer Flügel ihre Reitze berührt habe, er schaffte ihr die neuesten Moden an, pries die Schönheit ihrer Formen, wenn sie recht leicht gekleidet erschien, und führte sie zu allen öffentlichen Vergnügungen. Man fand gar nicht Worte genug, um das Benehmen dieses jungen Mannes gegen seine alte Frau zu preisen. Ganze Nächte brachte er mit ihr auf Bällen zu, und tanzte alle Walzer mit ihr, und alle Galoppen 180 nur mit ihr, bis sie kaum mehr auf den Füßen stehen konnte. Alle Frauen blickten sehnsuchtsvoll auf den galanten, zuvorkommenden, schönen Ehemann, und neidisch auf seine glückliche Frau. Man kann wohl denken, daß die bejahrte Frau dieses wüste Leben nicht lange ertragen konnte. Sie tanzte der Grube immer näher, und ruhte schon binnen drey Monathen in derselben auf ewig aus. Ein Anderer hätte nun die Maske abgelegt. Nicht so Dolst . Er schien untröstlich. »Sie war meine Wohlthäterinn« – rief er, schloß sich mehrere Wochen in sein Gemach ein, um die Erbschaft in Ordnung zu bringen, und als er wieder an's Licht der Welt trat, beeiferte sich jeder Vater, diesem charmanten Ehemann seine Tochter in die Arme zu werfen.« »Gleich hier nebenan sitzt der Schauspieler Rosenhauch , gar ein lieber charmanter Mann , der die schönsten Gedichte declamirt, und sich nicht schont, bis er heiser wird; auch weiß er immer die neuesten Spässe und Liebesabenteuer und Feindschaften, die sich zwischen den Coulissen zugetragen, zu erzählen; gegen Damen ist er vorzüglich artig, und führt den Titel des Charmantesten von allen Theaterpersonen mit vollem Rechte.« »Zu seiner Rechten hier wird die Frau von Kurz sitzen, eine gar liebe charmante Frau . Sie bricht nichts und macht nichts, lacht zu Allem, was man spricht, 181 daß ihr das Kinn wackelt, präsentirt Jedem, mit dem sie spricht, Münzen-Bonbons aus ihrem kleinen Döschen, ist ein volles rundes Dämchen, mit einem zarten, weichen Patschchen und zwey Grübchen in den Wangen, und man darf sich im Gespräche mit ihr nicht den mindesten Zwang anlegen.« »Der Herr Rath von Müller , dessen Nahme hier sammt dem Prädicate auf dieser Karte steht, ist ein gar charmanter Herr. Vom Amte ist er zwar in den Pensionsstand versetzt worden, weil er, wie die Leute sagen, meist in den Tag hinein gerathen hat; aber das muß doch nicht der Fall gewesen seyn, denn er hat sich während seiner Dienstleistung ein schönes Sümmchen erspart, von dessen jährlichen Zinsen er jetzt ganz bequem lebt. – Er kennt alle Weine bey dem ersten Tropfen, den er kostet, und sagt sogar richtig die Jahre, in welchen sie gewachsen sind. Sie werden ihn nie widersprechen hören. »So? – Ja! Hm! Ey ey! der Tausend! Schau schau! Ey, wer sollte das meinen? – Da sehe man! – Jetzt gehen Sie weg!« – sind so die Redensarten, die er stets im Munde führt, woraus erhellt, daß der charmante Mann wohl nur durch Cabale gestürzt wurde. Außer dem ist er ein Tausendkünstler, er macht Barometer-Figürchen, überträgt Kupferstiche auf Glas und Holz, weiß vermittelst des Storchenschnabels zu 182 silhouettiren, reparirt Uhren, schneidet den Stephansthurm aus Papier, verfertigt Cartönchen aus Pappe u. s. w.– Ein gar lieber charmanter Mann!« »Der Ritter von Säblingen hier neben ihm, würde sich nicht die kleinste tadelnswerthe Handlung erlauben. Er treibt die Delicatesse auf's äußerste. Allein dieser Ehrenmann ist der ganzen Welt schuldig und bezahlt keinen Menschen. Er gibt einem Armen, der ihn um Almosen anspricht, einen Zweyguldenzettel, verweigert aber dem Arbeitsmann, der ihm Dienste geleistet hat, seinen Lohn. Er hat neulich einen herrenlosen Pudel, der ihm auf der Straße nachlief, zu einer alten Frau in die Kost gegeben, und bezahlt monathlich fünf Gulden Atzungskosten für ihn. Das ist einer von Jenen, denen man neben dem Prädicate eines charmanten Mannes auch noch jenes eines guten Jungen beylegt.« »Diese Karte trägt den Nahmen eines ausgezeichneten Rechtsgelehrten. Er gilt in der ganzen Stadt für einen der Unbestechlichsten. Er führt die Prozesse der Armen unentgeltlich, verliert aber auch richtig jene davon, die er gegen angesehene Familien führt; dafür kann der charmante Mann natürlicher Weise nicht.« »Der junge Herr von Riesen , dessen Nahme auf dieser Karte so zierlich geschrieben ist, besitzt einen hellen Verstand, eine ausgezeichnete Bravour, und opfert 183 sich immer für Andere. Er ist ein außerordentlich charmanter Mann. Stellen Sie sich vor: neulich hat er sich sogar für einen Mann geschlagen, dessen Frau er den Hof macht.« »Hier ganz zu unterst sitzt der Lehrer der Kinder. Sie bemerken, daß sein Nahme auf der Karte ganz nackt, ohne Herr und ohne von geschrieben steht. Ist auch ein charmanter Mann, die Kinder lieben ihn mehr, als den Vater, weil er sie zu nichts zwingt, sondern sie immer thun läßt, was sie selbst gerne mögen. Das ist nun so sein pädagogischer Grundsatz, man müsse die Kinder ihre Selbstständigkeit fühlen lassen, und ihnen nie Zwang anlegen. Die Buben sind daher auch wild wie der Teufel und die ganze Welt nennt sie ein Paar charmante Jungen .« Mein gepudertes, wie man sieht, ebenfalls sehr charmantes Männchen, wollte mir noch weiter erzählen, da öffnete sich die Nebenthür, und der Hausherr trat mit der beschriebenen charmanten Gesellschaft ein. 184 XIV. Spaziergang über den Graben.                     » E ine Wand'rung durch Wien?« – Schon hör' ich die Frage Aus allen Mündchen und Mäulern ergeh'n, – »Solch Wanderung mach' ich ja alle Tage Und hab' in den Straßen schon Alles geseh'n, Denn Gott sey Dank, man hat auch seine Augen Und läßt sie rollen, so gut man nur kann, Wozu also soll die Beschreibung taugen?« – Meine Damen und Herren, man höre mich an: Um die Augen ist es ein sonderbar Wesen, Und eben auch so um das Sehen und Lesen. Kein Mensch kann schau'n mit des Andern Blicken; Es kann sich also gar leichtlich schicken, Daß jeder – nachdem sein Aug' ist gebaut, – Denselben Gegenstand anders schaut. Wer steht mir dafür, daß, wenn ich dann meine, Dieß Kleid sey grün , das die Dame trägt, Meinem Nachbar es nicht roth erscheine Und er's nur mit diesem Nahmen belegt? 185 Unzählige Beyspiele Ihnen zu sagen, Zu beweisen den Satz, das fiele nicht schwer, Daß die Menschen sich zanken und streiten und schlagen, Kommt nur von verschiedenen Ansichten her. Zwey junge Herrn gehen auf der Gasse, Ein Mädchen trippelt an ihnen vorbey; Der Eine ruft: Ach wie schön ist die Blasse! Der Andre meint, daß sie häßlich sey. – Wenn sich Fräulein A. in dem Spiegel beschauet, Glaubt sie, ein schöneres Näschen gäb's nicht; Doch spricht Fräulein B., daß davor ihr grauet, Die Nase ginge zu sehr ins Gewicht. Les't einmahl zwey verschiedene Blätter, Die urtheilen über Wissen und Kunst, Der Eine erhebt etwas bis zu dem Äther, Der Andere nennt es nur leeren Dunst. – Seht, gute Herren und liebliche Frauen, Wie Alles für meine Axioma spricht, Das Alles kommt vom verschied'nen Beschauen , Denn mit Willen zanken die Herren sich nicht. – Nun seht, so will denn auch ich Euch beschreiben, Wie ich an verschiednen Orten in Wien Die Dinge gesehn und das bunte Treiben, Vielleicht, daß mir manches ganz anders erschien 186 Als Euch – drum wollet geduldig mich hören, Mein' Ansicht soll Euch in Eurer nicht stören. ———     Straße? – Platz? – Wie soll ich dich,     Graben aller Gräben nennen?     Den die Wiener eigentlich     Als ihr höchstes Kleinod kennen. –     Nennen kann man in der That     Eine Stadt dich in der Stadt . ——— Wir halten bey dem Nahmen uns nicht auf, Er heißt so – damit Punctum; Streusand drauf. Ich fange dorten meine Wanderung an, Wo die Komödienzettel alle kleben; Zur rechten Seite geh' ich hinan, Und werde links mich dann zurück begeben. O Eckhaus zur Krone! Du bist zu beneiden, Bist alt, und die Krone gebühret dir; Die Götter des Abends, die Kinder der Freuden, Die Circenseszettel, sie kleben an dir. Es stehen schüchtern auch Ankündigungen, Von Riesen, Zwergen und Seiltänzerey, Von Büchern und englischer Wichse dabey; Doch weiß man, was heut wird getanzt und gesungen, Wer kümmert sich noch um den übrigen Brey. 187 Da sieht man von dem frühesten Morgen Der Leser genug, bis das Licht entflieht, Man merkt, es ist eine der größten Sorgen, Zu wissen, was mit dem Abend geschieht. Die Wagen verscheuchen sie nicht einmahl, Die oft schon Manchem die Kleider zerrissen; Und auch nicht die Ratten, die an dem Canal Geh'n, laufen und spielen zu ihren Füßen. Zwey sentimentale Fräuleins stehen Und lesen: Das Taschenbuch mühsam herab. Ach – ruft die Eine – das müssen wir sehen, Und wischt schon im voraus die Thränen sich ab. Ein Modeherrlein liest durch die Brillen Daneben den Tancred am Kärnthnerthor; Das » palpiti « sumst er sogleich wider Willen, Das ist was für seinen Verstand und sein Ohr. Da stehen zwey Herren mit gierigen Blicken, Beym Zettel von der Leopoldstadt, Der Eine den Andern sucht wegzudrücken, Weil Raimund heut dort seine Einnahme hat. Vor dem Wiener-Theaterzettel dort stehen Zwey Frau'n, buchstabiren mit großem Geschrey: Der Wolfsbrunn . »Den muß die Frau G'vatterin sehen,« Ruft Eine – »da tanzt meine Kathi dabey.« 188 Doch lassen wir all' die Neugierigen stehen, Wir haben heute noch mehr zu besehen. Hart an eine Kunsthandlung ist zu erblicken, Wo haufenweis man um die Bilder sich drängt, Denn von Lanzedelli 's Meisterstücken Hat viele man weise zur Schau hier gehängt. Auch anderes Spielzeug ist hier nicht minder Zu sehen für kleine und große Kinder. Daneben geht ein Gäßchen hinein, Das Schlossergäßchen mit Nahmen, Man glaubte, da müßten nur Schlosser seyn, Sind aber dort Schuster beysammen. Das Gäßchen sieht aus so dunkel und klein, Als ginge man in eine Höhle hinein, Soll auch eine dort seyn zu dieser Zeit, Der nordischen Hexe: Frau Ludlam geweiht. – Mit einmahl bleibt staunend der Wanderer stehn, Es rührt sich in ihm etwas vom Neide; Ein ungeheures Haus wird er seh'n, Ein wahres Siebenmeilenstiefelgebäude. Fünf Stockwerke heben zum Himmel sich kühn, Das trägt wohl einige Münzen, Und wahrlich, mehr Menschen wohnen darin, Als in mancher Stadt in den Provinzen. Ein Fremder, als er das Haus hat beschaut, 189 Fragt' einstens mit staunendem Angesicht: » Ist dieses Haus wirklich denn hier erbaut? « (Vielleicht ist's erlogen, ich selbst hört' es nicht) O, wie mußten die Leute noch gerne lesen Zu jener Zeit, als dieß Haus erstand! Der's baute, ist ein Buchdrucker gewesen; – Jetzt bauen die Buchdrucker meistens auf Sand. Auch glaubte man damahls gedruckten Büchern Noch so, als ob's Evangelium wär; Noch jetzt, will man etwas begläub'gen, versichern, Spricht man: Das käme vom Trattner her . Ein winziges Büchergewölblein ist nur Jetzt dort, wo ein großes einst war; – man kann sehen, Wie in's Kleine sich zog die Literatur. Wir wollen da rasch vorübergehen, Hutmacher, Kürschner und Stahlarbeiter Trifft man, wenn man hinabgeht weiter; Die Letzten besonders machen so fein, So nett und gut ihre stählernen Dinge, Daß Mancher leicht im Glauben kann seyn, Als ob er in London spazieren ginge: Und dreht er sich um und es boxen sich hier 190 Zwey Fiacker eben auf britt'sche Manier, So bestärket dieß noch in der Meinung ihn. Weil wir eben von diesen Fiackern was sagen, So wisset: hier stehen die schönsten Wagen, Doch sind sie die theuersten auch in Wien. Wer also etwa sich fahren will lassen, Geh lieber zunächst in die Breunerstraßen; Sie ist gegenüber, zehn Schritte hin, Dort fährt man gewiß für die Hälfte ihn. Rechts weiter wird man ein Gäßchen sehen, Das ist ganz kurz und führt nach dem Peter , (So nennt sich ein Platz, davon sprechen wir später, Und bleiben für jetzt bey dem Glasgewölb stehen.) Der Handel ward niemahls so glänzend betrieben, Als jetzt in unserm glänzenden Wien: Man wird jetzt wahrlich Meister darin, Den Leuten die Waaren vor's Auge zu schieben. Beschaut dieß Gewölbe, besonders beym Scheine Der Kerzen, wenn man's erleuchtet bey Nacht; Und Ihr werdet glauben, Ihr seyd an der Seine , Wo man sinnreich ist in äußerer Pracht. Ein rother Tempel, mit Gold gezieret, So stellt des Gewölbes Inn'res sich dar; Da schimmert und funkelt es wunderbar Von Gläsern, geschliffen und brillantiret; 191 Und Spiegel von oben bis unten geben Die Strahlen tausendfach wieder zurück, Man erblindet fast auf den ersten Blick, Senkt die Augen und kann sie kaum wieder heben. Dieß ist der schönste Tempel zur Zeit, Der errichtet ward der Gebrechlichkeit . Wer musikalisch ist, findet daneben Beym Paternostergäßchen hinein Eine Musikhandlung, die wird wohl auch eben Die erste der hier bestehenden seyn. Altes und Neues, Großes und Kleines, Gutes und Schlechtes, Erhabnes, Gemeines, Beethovens tiefgedachte Symphonien, Rossini's zuckersüße Melodien. Weber's Freyschütz und Euryanthe, Alinewalzer und God save the king , Stehn hier beysammen, wie Blutsverwandte; – Es ist um den Handel ein wunderlich Ding! Quartetten, Sonaten für zwey und vier Hände, Lieder und Märsche für alle Instrumente, Kurz alle musikalische Gaben Sind in jener Universalhandlung zu haben. Die Matadore der Musik kommen Zusammen in jenem Gewölbe dort, Das Neue wird da in die Mache genommen, 192 Da hört man manch vielbedeutendes Wort. Mit Lächeln kann man es freylich nur sehen, Wenn die Richter beysammen im Kreise stehen, Und mit Eifer für Recht und für wahre Kunst Laut schreyen gegen den fremden Dunst; Und in dem nähmlichen Augenblicke Tritt ein eine Dame, die dran sich nicht kehrt, Die all die neuen beliebtesten Stücke Aus Zelmira und Corradino begehrt. So ist es leider, und so wird's bleiben, So lange nicht Alle, die Musik versteh'n, Zusammen sich rotten und schreyen und schreiben Um dem fremden Götzen zu Leibe zu geh'n. In diesem Gewölbe sind auch zu beziehen Billette zu all' unsern Akademien. Nur eines ist etwas sonderbar: Im Auslagkasten wird man gewahr Gar eine heterogene Sach', Für Pferdeliebhaber 'nen Almanach. Der kommt zu der Musik, man darf es wohl sagen, Wie der Esel kommt zu dem Lautenschlagen. Daneben links zwey Häuser erscheinen, Wer Schönheitssinn hat, muß drüber laut weinen Sie lehnen sich mitten im Graben hinein, Und machen den Ausgang unförmlich und klein. 193 Wenn ich der Herr dieser Häuser wär', Ich gäb' sie spottwohlfeil dem Staate her, Damit er niederreißen sie lasse; Ein Schandfleck sind sie der schönsten Gasse. Wir drehen uns nun auf die andere Seite, Die eigentlich die elegante man nennt; Wo den ganzen Tag eine Menge Leute Steht, geht, spaziert, speculirt und rennt, Viele Wiener sehen im ganzen Leben Keine grüne Wiese und keinen Baum; Ihr ganzes Wünschen, Handeln und Streben Beschränkt sich auf diesen winzigen Raum. Hier schlinget sich ihrer Vergnügungen Kette, Hier hat die Agiotage ihr Feld; Von hier aus beurtheilen sie Cabinete, Und entscheiden über das Schicksal der Welt. Sie suchen ihr Wissen hier, ihre Erfahrung In Tagesgeschichten und Modewaar', Auch sind zu Leibes- und Geistes-Nahrung Hier Bücher und Restaurationen nicht rar. Kurz, so ein echter Wiener von heute, Den brächte bald die Schwermuth in's Grab, Ging er den Graben auf dieser Seite Nicht wenigstens Ein Mahl des Tags auf und ab. 194 ——— Hinauf gingen wir auf der ungalanten Seite, Auf der galanten geh'n wir mit einander hinab, Hier gibt's auch viel Schönes, Ihr lieben Leute, Was ich Euch noch zu beschreiben hab', Wem der Anfang gefiel, mag den Schluß auch lesen, Überschlag' ihn der, dem es langweilig gewesen. ——— An der Ecke, die führet vom Kohlmarkt her, Da verweilen wir nicht, spuden schnell uns weiter; Die Wagen rollen schon neben uns her, Und auszuweichen ist hier etwas schwer, Es schadete nicht, wär' es hier etwas breiter. Drum wollen wir unsere Blicke auch nicht Nach den Schönen, die hier uns begegnen, kehren, Und wenn sie auch lauter Venusse wären; Und auch den Kasten des Schneiders, der dicht Daneben vor's Auge uns schiebt seine Waaren, Wir seh'n ihn nicht an, denn wir halten's für Pflicht, Zu hüthen uns fein vor dem Überfahren. Zwar ist es wahr, selbst bey'm stärksten Gedränge Fährt ein Wiener Fiacker so äußerst geschickt, Daß er, sey die Straße auch noch so enge, Wohl Niemand beschädigt und auch nichts verrückt; Es heißt auch mit größtem Rechte darum: Ein Fiacker kehrt auf einem Zinnteller um . 195 Daneben ist ein Laden voll Kleinigkeiten, » Nürnbergerhandlung « genannt von den Leuten; Man sieht keinen Nürnberger im Laden steh'n, Und die Waare hat auch schwerlich Nürnberg geseh'n. Woher dann der Nahm'? Ich behaupte sogar: 'S ist undeutscher Handel und undeutsche Waar; Das wird durch das Aushängschild proclamirt, Das einen ganz undeutschen Nahmen führt, » Zur silbernen Bethe « ist nähmlich zu seh'n, Sollt' aber: zum silbernen Rosenkranz , steh'n. Nun kommt eine Tuchhandlung, die nicht gefehlt, Indem sie den Schild: » Zu dem Schaf ,« sich gewählt. Eine Putzwaarenhandlung folgt jetzt nebenbey; Es sagen die Frau'n, daß sie vortrefflich sey. Man findet dort Alles, was schön und was neu; Um den Preis wollen wir uns gar nicht bekümmern, Die Theurung kann ja den Werth nicht verschlimmern. Wenn wir uns jetzt wieder weiter begeben, Zeigt Weigl 's Musikhandlung gleich sich daneben, Die artigsten Karten zum neuen Jahr, Man wird sie hier gleich in der Auslag' gewahr, Gemahlt, geflochten, gepreßt und getrieben, Aus Tafft, aus Papier transparent und zum schieben, Mit passenden Verslein so wunderschön, Daß sie in jeden Almanach könnten steh'n; 196 Wie weit wir's in den Spielereyen gebracht, Das ist, was man sagt, eine helle Pracht. Daß sie hier mit der Musik zusammen kommen, Ist auch ganz im rechten Sinne genommen; Auch wahre Musik wird jetzt wenig geachtet, Und meistentheils nur als Spielwerk betrachtet. Nun kommt ein Schneider gerad' in der Reih, Und auch eine Buchhandlung gleich nebenbey. Buchhändler und Schneider in unser'n Zeiten, Sie haben fast einerley zu bedeuten, Mit Tüchern haben zu thun alle Beyde, Der Eine mit Tüchern von Woll' oder Seide Die modernen Satins-Cloth sind nichts anders als Seidentücher. Der Andere aber, der Händler mit Büchern, Hat zu thun mit Autoren, mit liederlichen Tüchern . Das Schneiden nach Ellen ist bey'm Schneider im Brauch, Und der Buchhändler thut es so ziemlich auch; Was inwendig ist, das weiß er wohl nicht, Verkauft meistens die Waare nur nach dem Gewicht. Der Schneider muß die Mode gut kennen; Der Buchhändler kann auch von ihr sich nicht trennen. Was bey dem Einen gilt ein englischer Capot, Das ist dem Ander'n der Walter Scott . Französische Moden in Kleidern 197 Sind eben das bey den Schneidern, Was französische Romane bey'm Buchhändler sind, Sie dauern nicht lange, vergeh'n wie der Wind. Recht schöne blaue und schwarze Tücher, Und Dictionnäre und Schulbücher, Ein guter Sammt voll Glanz und Stärke, Und Goethe'sche und Schiller'sche Werke, Das sind die solidesten Waaren bey Beyden, Die bleiben und keine Veränderung leiden.     Am Eck', von der ober'n Breunerstraße heraus, Zeigt sich ein sehr besuchtes Kaffehhaus, Vor demselben sieht man eine Menge Herren sitzen, Von denen man nicht weiß, worauf sie eigentlich spitzen. Dieses Eck pflegen Jene, die es kennen, Den Anhaltspunct zum Nichtsthun zu nennen. Auch von Innen ist dieß Kaffehhaus immer voll, Weil man dort gutes Getränk bekommen soll . Die blinden Gäste , welche wir im ersten Hefte dieser Schrift So genau beschrieben, man hier in Menge trifft; Besonders im Winter, Abends bey'm Kerzenschimmer, Sind so gedrängt voll alle zwey Zimmer Meistens von Leuten, die gaffen und nichts zehren, Daß sich die Spieler mit Macht müssen wehren, Um nur zum Billard durchzudringen, 198 Und einen Stoß ohne Stoß zu Stande zu bringen. Dieses Kaffehhaus ist eben so mitten in Wien, Daher gescheh'n auch die meisten Bestellungen dahin. Wollen zwey mit einander ins Theater gehen, So heißt's: »Um sechs Uhr werden wir uns bey Taron sehen!« Du Mensch, der das Leben in allen Nuançen genießt, Und der du also auch ein Tabakraucher bist, Bleib' stehen, und sperr' deine Augen auf, Hier hängen Tabaks-Requisiten zum Kauf. Köpfe von jeder Größe und Schnitt, Gute Köpfe und Köpfe ohne Credit: Ulmer, Debrecziner, mit Gemählden verzierte, Lang- und kurzhalsige und extra patentirte, Harte Köpfe und weiche, leichte und schwere – Aber lauter leere. Wie es bey leeren Köpfen meistens der Brauch, So haben eben diese viel Silber auch. Auch Röhre gibt's von allen Sorten hier, So ein Auslagkasten ist eine wahre Zier. Die Perlmutter und der Bernstein daneben, Einen außerordentlichen Glanz von sich geben, Es ist unglaublich, durch welche Pracht Man so eine stinkende Geschichte anziehend macht. Man behauptet, diese Handelsleute seyen zu beneiden, 199 Weil sie im Rohr sitzen und Pfeifen schneiden . Eine Tuch- und eine Current-Handlung sind daneben, Die Letztere hat sich einen ominösen Titel gegeben, Bey dem Herzog von Friedland Ist sie genannt. Der Wallenstein soll vermuthlich auch zu dem Gewölbe hin, So wie zum Theater, sehr viele Leute zieh'n. Recht schöne Sachen stellt die Nürnbergerhandlung aus, Zu den Zigeunern genannt, in demselben Haus. Auch die Galanteriehandlung, zur Reiseuhr genannt, Zeigt Gold- und Silberarbeiten ganz charmant. Ja, ja, es nicht genug, daß man kochen kann, Der Koch hier richtet seine Speisen auch zierlich an. Hollah! da ist schon das dritte Gewölb auf dem Graben, Wo sie Musik zu verkaufen haben. Der Musikhändler gibt es fast mehr Bey uns in Wien als Compositeur. Es ist auch recht, denn was die Inländer schreiben, Das würde ohnedieß auf dem Lager liegen bleiben. Die Ausländer versorgen uns genug, Und das Wäll'sche ist so recht im Zug. Von diesem allein und von Ländlern Leben die meisten von unser'n Musikhändlern. Der hier sein Gewölb hat, ist ein thätiger Mann, 200 Der nicht nur verkaufen , sondern auch selber machen kann. Er weiß der Kunst auch den äußern Glanz zu geben, Den sie in unserer Zeit nothwendig hat eben. Die Titel sind alle so nett und rein, Gar golden gedruckt, sehr glänzend und fein; Und die Buchstaben eben so reich verziert, Wie die Noten, die der Sänger dann noch frisirt. Auch Personen mit berühmten musikalischen Nahmen Sieht man hier im Abbild in einem Rahmen. Ein Satyriker würde vielleicht hier sagen: Dieß sey der einzige Ort, wo sich die Künstler vertragen.     Wir gehen nun weiter und sprechen nur im Allgemeinen Von den herrlichen Auslagen, die jetzt erscheinen; Von den Seidenhändlern, die Männer und Frauen Locken durch neue Moden, die hier zu schauen; Die Westen und die Halstücher schon ganz allein Nähmen, wollte man sie beschreiben, zehn Bogen ein; Dann erst die Bänder und die andern Sachen, Da muß man die Augen zu- oder den Beutel aufmachen. Auch von den Galanterie-Händlern will ich schweigen, Die so viel Prächtiges und nett Gearbeitetes zeigen, Daß ich Jedem rathe, schnell vorüber zu geh'n; Denn bleibt er – besonders mit einer Geliebten – hier steh'n, 201 So muß er in den Sack fahren, Denn es gibt hier herrliche Waaren. Besonders in Silber und Gold (Diesen edlen Metallen ist ohnedieß Jedermann hold) Arbeitet man so geschmackvoll jetzt, Daß es gewiß jedes Auge ergetzt. Die Dorotheergasse berühr' ich auch nur obenhin, Da ist ohnedieß ein Beobachter d'rin, Der Alles beobachtet, hört und sieht, Was in der ganzen Welt geschieht; Und ein Wanderer , der überall herum spaziert, Und den Leuten erzählt, was arrivirt, Und ein Sammler , der sammelt schwarz auf weiß. Wir sind also gleich fertig mit unserer Grabenreis', Und wollen nur noch zur Säule in der Mitte schreiten, Und zu den Brunnen an beyden Seiten, Und von diesen ein Bißchen was reden, Ob er's lesen will, steht frey einem Jeden. Die Säule entstand zu Leopold's des Ersten Zeit, Und ist gewidmet der heiligen Dreyfaltigkeit; Auf des Kaisers Befehl wurde sie aufgeführt, Weil öffentlich damahls die Pest hat grassirt. Der geheimen Pest, welche vielleicht noch jetzt Hier herum zu treffen, werden Pranger gesetzt. Die Säule nimmt 66 Fuß in der Höhe ein, 202 Und ist gemacht aus Salzburger Marmorstein. Der fromme Kaiser kniet selber darauf, Und bethet für sein Volk zum Himmel hinauf. Der Bildhauer, wie bekannt, War Strudel genannt. Die Brunnen sind nicht sehr zierlich, das ist wahr, Aber das Wasser, das sie geben, ist rein und klar, Die Statuen sind auch recht hübsch, die darauf steh'n, Doch die Meisten geh'n vorüber, ohne sie anzuseh'n; Was geht sie das an, wer da die Durstigen tränkt, Es wird ja nur Wasser und kein Wein geschänkt. Somit wär' ich mit dem Graben denn fertig; Ich bin allerseits der kritischen Pfeile gewärtig. Du mein Gott, eine Recension ist ja keine Bibel; Und sagen Einige, die es gelesen, das Ding ist nicht übel, So hab' ich für meine Mühe des Lohnes schon überley, Denn – sub rosa – ich hab' keine gehabt dabey.