Josef Ruederer Die Fahnenweihe Eine Komödie in drei Akten Verzeichnis der handelnden Personen:         Pfarrer Schaitzach Fräulein Schaitzach, seine Schwester Amtsrichter Striebeck Maurermeister Foitenleitner, Bürgermeister Kaufmann Nusser, Vorstand des Gemeindekollegiums Posthalter Schlegel Frau Posthalter Schlegel Mohrenwirt Moosreiner Premierleutnant a. D. Bernhuber Assessor a. D. Knackberger Aus München: Frau Rentbeamte Wanninger Fräulein Wally, ihre Tochter Frau Spezialkassier Specht Großhändler Rettinger Herr von Beck, sein Freund Aktuar Götzensperger Choristinnen des Viktoriatheaters: Fräulein Hulda Fräulein Flora Fräulein Minna Der Seehansele, ehemaliger Bauer am Ferchsee Burgl, seine Tochter Marie, deren vierjähriges Kind Seppl, Söldner Die Wehrmüllerin Lorenz, ihr Sohn Hans Buchwieser, genannt der Kederbauer Alois, sein Bruder, genannt der Mutzenbauer Rosl, Kellnerin in der Post Hies, Hausknecht in der Post Ein Gendarm Gäste, Bauern, Burschen und Mädchen. Die gesamte Handlung spielt sich ab in einem größeren Hochgebirgsmarkte und zwar im Festsaal des Gasthofs zur Post, in der Zeit vom 30. September nachmittags bis 1. Oktober abends. Beschreibung der handelnden Personen: Pfarrer Schaitzach Hoher Vierziger. Ziemlich dick. Rundes Gesicht mit freundlichem, jovialem Ausdruck. Dünne, braune Haare. Langsame, behäbige Art. Sieht aus, als ob er gerne ein Glas tränke. Fräulein Schaitzach Alte Jungfer. Großer Mund mit scharf geschnittenen Lippen. Bleicher Teint. Längliches Gesicht. Figur mager und groß. Geht dunkel gekleidet mit schwarzem Seidenüberwurf und altmodischem Strohhut. Amtsrichter Striebeck Kräftig gebaut, etwas untersetzt. Runder Schädel, blaue Augen. Kneifer. Dicke Backen, deren rechte einen starken Schmiß trägt. Dichter blonder Schnurrbart. Bürgermeister Foitenleitner Große, hagere Figur. Glattrasiertes Gesicht. Pfiffige Augen, die aber auch recht demütig blicken können. Weißgraue Haare. Immer bemüht sehr freundlich zu scheinen. Kleidung halb städtisch, halb ländlich. Kaufmann Nusser Schwerer, großer Mann mit rotem Vollbart und Kopfhaar. Redeweise pathetisch, im tiefsten Brustton, fast predigerhaft. Posthalter Schlegel Mittelgroß, stark. Derber Stiernacken. Leichter, etwas nach französischer Art zugespitzter Vollbart umrahmt das Gesicht. Der Bart ist dunkel, wie das Haupthaar, das, zur Bürste gekämmt, in die niedere Stirn dreieckig hineinwächst. Rohe, braune Augen. Ringe. Schwere Uhrkette. Elegante Kleidung. Frau Posthalter Schlegel Stattliche Brünette von ansehnlicher Üppigkeit. Dunkle, forschende Augen. Im gleichen Alter, wie ihr Mann, zirka fünfunddreißig Jahre. Das Haar fein frisiert, hinauf gebunden. Toiletten verraten das dafür bezahlte Geld, haben aber die Grenze tadelloser Noblesse beträchtlich überschritten. Mohrenwirt Moosreiner Klein und dick. Roter, großer Schädel. Gemeiner Blick in den grauen Augen. Schwarzes Haar. Leichtes Schnurrbärtchen. Kleidung einfach. Grüne Weste. Uhrkette aus Silber mit riesigem Charivari. Premierleutnant Bernhuber und Assessor Knackberger sind alle beide Herren in den sechziger Jahren. Ersterer ist sehr lang und trägt weiße Schnurre, letzterer knirpsig und unscheinbar, trägt kurzen, grauen Backenbart. Beide haben verschlissene, aber sehr sauber geputzte Salonröcke und blitzblanke Stiefel an, Bernhuber braune, Knackberger dunkelblaue Hose. Frau Rentbeamte Wanninger und Frau Spezialkassier Specht sind auf ähnliche Weise gekleidet wie Fräulein Schaitzach, einfach und unmodern. Frau Wanninger, die etwas dickere, hat weichen, sentimentalen Gesichtsausdruck im Gegensatz zu dem scharfen Blicke der mageren Frau Specht, die manchmal einen schiefen Mund macht. Fräulein Wally Toilette: hellrosa Cachemirekleid mit hohen Ärmeln. Weißer Strohhut. Große, schlanke Figur, die vor Verlegenheit und Unbeholfenheit nie weiß, wo die Arme und Füße hingehören. Tiefbraune, nichtssagende Augen. Hübsches, rotbackiges Gesicht. Sprechweise gedehnt und langweilig. Großhändler Rettinger Mittelgroß. Blondes Haar, das in Simpelfransen in die kurze Stirne gekämmt ist. Wässerige, kleine Augen, die aber leicht gereizt blicken. In solchen Momenten hebt er den Kopf immer heftig nach oben und reißt die Augen weit auf. Kleiner Schnurrbart. Kneifer. Etwa siebenundzwanzig Jahre. Läßt sich beim Sprechen im allgemeinen gehen, verkehrt er aber mit dem Amtsrichter oder den älteren Damen, so schraubt er seine Sprache jedesmal zu einem gezierten Hochdeutsch. Herr von Beck Tadellose Erscheinung in Figur, Haltung und Kleidung. Das braune Haar hat einen Anflug von Glatze. Ausgezogener Schnurrbart. Auftreten sicher. Aktuar Götzensperger Stattlicher Vierziger. Zugespitzter Vollbart um das runde, volle Gesicht. Trägt goldene Brille, grünen Hut, weißes Hemd mit übergeworfener Joppe, bunte Hosenträger, kurze Wichs. Richtiger Zechkumpan. Die Choristinnen Lockere Zeisige, alle hübsch und flott. Vorlaut und zudringlich bis zur Frechheit. Flora und Hulda brünett, Minna mit blondgefärbtem Haar. Kleidung auffallend und unsolid. Alle sprechen laut und kreischend. Der Seehansele Angehender Fünfziger. In dem höhnischen Gesicht liegt noch immer etwas vom Trotz des reich gewesenen Bauern. Verwahrlost. Schmutziges Hemd, um dessen Kragen ein rotes Halstuch, wie ein Strick gewunden ist. Lange Beinkleider. Dunkelgrauer Wollkittel, an dem drei Knöpfe fehlen. In der gelben Gesichtshaut da und dort rote Flecken, die den Säufer verraten. Dürftiger Backen- und Schnurrbart. Kinn unrasiert. Burgl , seine Tochter. Plumpe Bauerndirne. Seppl Söldner. Robuster Bauernbursche gewöhnlichen Schlages. Starke Backenknochen. Erscheint, wie Burgl, in stark geputzter Gebirgstracht. Die Wehrmüllerin Altes Bauernweib, gebückt und unansehnlich in der Erscheinung. Aber aus dem wetterharten, runzligen Gesichte sprechen zwei ausdrucksvolle Augen. Energische Bewegungen. Rauhe Stimme. Ärmlich gekleidet. Lorenz , ihr Sohn. Fester, kräftiger Bursche. Hübscher Gebirgsschädel, aber roher Ausdruck. Trotzig und sicher im Auftreten. Gesamteindruck hat etwas städtisch Strizzihaftes. Leichter Schnurrbart. Dunkles Haupthaar, das stark pomadisiert in der Mitte gescheitelt ist. Graue, städtische Hose und Weste. Gebirgsjoppe. Die Brüder Buchwieser stehen beide etwa Ende der Fünfzig. Alois, der Blödsinnige, schaut stupid und geistesabwesend drein, lacht bei jeder Gelegenheit und hält immer den Hut vor die Brust. Lang gewachsen. Graue Koteletten, keinen Schnurrbart. Hans, der untersetztere, hat dichten, braunen Vollbart, energische Züge und mißmutig dreinschauende Augen. Kleines, gebräuntes Gesicht. Beide Brüder tragen keine kurze Wichs, sondern derbe Landkleider mit langen Hosen, schwarze Filzhüte und große Lederstiefel. Rosl Kellnerin in der Post. Schnippische, dralle Person. Hies Hausknecht in der Post. Gewöhnlicher Bauernbursche. Ein Gendarm Uniform der Landgendarmen. Gewehr und Säbel. Mütze. Helle leinene Hose. Breites Gesicht mit Schnurrbart.   Rechts und links vom Zuschauer aus. Erster Akt Zweiter Akt Dritter Akt Erster Akt Festsaal des Gasthofs zur Post. Großer, sehr tiefer Raum, der vorne an jeder Seitenwand ein breites Fenster hat. In ziemlicher Entfernung von den Fenstern nach rückwärts befindet sich je eine große Flügeltüre mit Milchglas, von denen die rechte auf eine Veranda, die linke durch einen Hausgang in das Innere des Gasthofs führt. Je zwei bronzene, leere Lampenträger sind an den hellgrün gestrichenen Wandflächen zwischen Türe und Fenster befestigt. Runde Tische und Rohrstühle stehen an den Seitenwänden ungeordnet durcheinander, doch lassen sie den Mittelraum völlig frei. Im Hintergrund des Saales ist ein Podium errichtet. Darauf befindet sich eine kleine Bühne. Ihr hochgezogener Vorhang öffnet den Blick auf rohgemalte Kulissen und Versatzstücke, die eine Gebirgslandschaft darstellen. Auf das Podium führt eine kleine, verschiebbare Holztreppe. Die Bühnenumrahmung besteht aus Leinwand, die mit barocker Architektur weißgrau bemalt ist. Auf der linken Seite hat sie ein Tapetentürchen als Zugang zu den Ankleideräumen. Über der Bühne selbst sind zwei gleichmäßig verteilte, weiß bestrichene, längliche Ornamente angebracht, die in weithin leserlichen, schwarzen Buchstaben folgende Inschrift tragen: Nicht viele Worte machen wir, Wir heißen Euch willkommen hier, Und geben schlicht, ohn' Falsch und Spott, Nur unser biederes: Grüß Gott! Es geht gegen Abend. Sattes, goldenes Licht flutet von der rechten Seite durch Fenster und Verandatüre in den Saal, wo Seppl und Lorenz eben eine Leiter vor dem Podium aufrichten. Burgl trägt einen Korb mit Tannengirlanden herein. Ihr Kind läuft bald auf der Bühne, bald hinter den Kulissen herum, ohne daß jemand sich darum kümmert. Vorn, am Tisch links, auf dem ein offener Maßkrug steht, sitzt der Seehansele und stiert, die Hände in der Tasche, gedankenlos vor sich hin. Er ist etwas angetrunken. Auf der rechten Seite, am vordersten Tische, stehen Pfarrer und Posthalter. Beide betrachten beim Aufgehen des Vorhangs sehr aufmerksam eine auf der Tischplatte ausgebreitete Fahne, deren schwarzlackierte Stange auf die Lehnen von zwei Stühlen gelegt ist. Die Spitze der Fahne krönt ein goldbronzener Engel. Posthalter hat das blau-weiße Tuch in die Höhe gehoben, damit es der Pfarrer um so besser betrachten kann. Pfarrer nach einer Pause: Schön... sehr schön, wirklich sehr schön, Herr Posthalter! Posthalter Also g'fallt's 'm Herrn Pfarrer? Pfarrer Alle Hochachtung! Der Findelhausverein, der kann lachen. Posthalter Die Hauptsache is, daß die Fahne zu Ihrer Zufriedenheit ausg'fallen is, Hochwürden. Pfarrer Da dürfen Sie ganz beruhigt sein, ich habe selten so was Schönes gesehen, die prachtvollen Goldfransen, der schwere Atlas – einfach wunderbar. Posthalter Das is mir aber sehr lieb, daß wir so Glück haben damit. Es freut ein' halt doch, wenn man eine Anerkennung kriegt... Pfarrer Natürlich! Posthalter lachend: Denn... am End, man hat sich ja die Sach' doch auch was kosten lassen. Pfarrer nickend: Arbeit und Geld. Posthalter selbstgefällig: Nun, vom Geld, da wär' ja weiter kei' Red, aber zu der Stickerei hat mei Frau doch mehrere Wochen braucht. Pfarrer Um so schöner der Lohn für die gütige Spenderin! Sie hat für einen guten Zweck gearbeitet, und der Findelhausverein wird's ihr danken, ihr und Ihnen, Herr Posthalter. Posthalter verneigt sich lächelnd: Oh, kei Red davon. Pfarrer Nein, nein, in allem Ernst! Das ganze Dorf kann Ihnen dankbar sein. Sie sind kaum ein paar Jahr hier in unserm Nest und stiften da die kostbare Fahne, bauen in die Gregoriwiese ganz auf Ihre Kosten ein Findelhaus hinein – so eine Opferfreudigkeit verdient schon Anerkennung. Posthalter lächelnd abwehrend: Oh... Hochwürden! Pfarrer Nun, die muß Ihnen auch bei der Einweihung zuteil werden. Da wird's zugehen! Posthalter Ja, es kann 'n g'hörigen Sturm geben, die nächsten zwei Tag. Pfarrer Ich glaub's! Morgen abend die Fahnenweihe – Posthalter Mit Prolog, Theater und Tanz. Pfarrer Und übermorgen die Grundsteinlegung vom Findelhaus – Posthalter Auch sonst bringen wir noch alle möglichen Knalleffekt! Pfarrer Vielleicht ein Feuerwerk? Posthalter Nein, aber nur im Vertrauen g'sagt, Hochwürden: fünf Hektoliter Hofbräuhausbier. Pfarrer Was? Posthalter Das hat mein Freund, der Rettinger, eigens aus München g'schickt, weil er weiß, daß 's Hochwürden so gern trinken. Pfarrer Zu aufmerksam vom Herrn Rettinger! Er kommt doch hoffentlich selber zu unserem Fest? Posthalter Freilich, heut' abend schon, zu der Theaterprob' mit 'm Götzensperger. Pfarrer Mit dem Herrn Aktuar? Posthalter Der hat uns ja eigens das Festspiel zu der Fahnenweih' geschrieben. Pfarrer Ja der Herr Götzensperger ist ein famoser Dichter! Und der kommt also mit? Das ist fein. Vielleicht schau ich da doch noch auf einen Sprung zu der Prob' her, wenn's mir meine Zeit erlaubt. Posthalter Oh, das war schön. Pfarrer Aber jetzt muß ich fort. Empfehlen Sie mich der Frau Gemahlin und leben Sie wohl, Herr Posthalter! Er gibt ihm die Hand, die der Posthalter, nachdem er sie geschüttelt hat, noch einen Augenblick festhält. Posthalter sieht sich um und spricht leiser: Ich... ich hätt' zwar gern noch ein Wort mit'm Herrn Pfarrer gesprochen. Pfarrer Was gibt's denn? Posthalter Es is' eigentlich hier net der Ort... Laut und scharf: Du, geh a hinter zu de' andern, Seehansele, und arbeit' was! Seehansele schaut ihn verbissen an und schleicht zu den Burschen. Posthalter Es betrifft nämlich 's Findelhaus, Hochwürden. Pfarrer Das Findelhaus? Posthalter Oder vielmehr die Gregoriwiesen, auf die das Findelhaus baut wird. Pfarrer So? was ist denn damit? Posthalter Der ganze Platz soll mir ja doch von der Gemeinde verkauft werden, net? Pfarrer Versteht sich von selber. Wie können Sie denn sonst das Findelhaus hinbauen? Posthalter Ganz schön. Mich macht bloß das eine stutzig, daß ich von der Gemeinde noch keinen offiziellen Bescheid hab'. Pfarrer lachend: Das ist es? Oh, darüber machen Sie sich keine Sorgen! Posthalter Meinen Hochwürden net, daß vielleicht so a Neidhammel kommen könnt und... Pfarrer Wär' nicht übel! Wenn Sie da nunter eigens so ein teures Findelhaus stiften, nachher wird man wohl auch ein Entgegenkommen zeigen und Ihnen den Platz um entsprechendes Geld überlassen. Posthalter Ja, wenn das Hochwürden selber sagen! Pfarrer Versteht sich! Ich hab das alles dem Gemeindekollegium schon entsprechend vorgestellt, Sie kriegen den ganzen Komplex. Posthalter Ja, nachher! Pfarrer Sie und kein anderer! Meinen Sie vielleicht gar, ich möcht' einen Menschen, wie den Mohrenwirt, auf dem Grundstück? Posthalter G'rad den hab ich eben im Verdacht, daß er auf die Wiesen spekuliert hätt'. Pfarrer Kann schon sein, aber da gibt's nichts, ich und der Bürgermeister sind ganz einig, die Gregoriwiesen bekommen Sie. Posthalter schnell: Also is' schon fest beschlossen? Pfarrer im Gehen: Ich plaudere da zwar a bissel aus der Schul und – lächelnd – mindere eine Überraschung – Posthalter ebenfalls lächelnd: Oh! oh! Pfarrer Aber weil Sie mich gefragt haben, sollen Sie 's wenigstens andeutungsweise erfahren. Posthalter Ich weiß wirklich gar net, wie ich 'm Herrn Pfarrer für die vielen Bemühungen danken soll. Pfarrer Keine Ursach! Wer so viel tut, der soll auch den Lohn haben, – unter der rechten Türe – die Bauern können nur froh sein, wenn ein Mann, wie der Herr Posthalter, sich für immer hier festsetzt. Das ist ja klar, da... Die letzten Worte spricht er bereits im Verschwinden zu dem ihn begleitenden Posthalter. Größere Pause. Seppl steht auf der Leiter und legt, nachdem er das linke Ornament während der vorigen Szene geschmückt hat, auf der inzwischen nach rechts verschobenen Leiter eine Girlande um den anderen Spruch. Seehansele der hin und her getorkelt, kommt nun nach vorne und betrachtet neugierig die Fahne: Hi hi... glaub's, glaub's, daß der Fahna 'm Pfarrer g'fallt, hi hi... er is scho schön. Burgl wirft die Girlanden in den Korb: Wie, Vater? Laß mi aber sehen... Ah, der is schön, der muß viel Geld kost't haben. Lorenz der Seppl die Leiter hält: Mehr schon, als ihr euch denken könnt's. Seehansele höhnisch: Der Herr Posthalter hat's halt. Seppl Und wenn 's der net hat, nacher hat's der Herr Rettinger. Lorenz ärgerlich: Schlag deine Nägel ein, daß der Spruch net 'runterfallt. Seehansele wieder am Tische links vor dem leeren Maßkrug: Vom Herrn Rettinger mag der Lorenz halt nix wissen. Seppl lachend: Scheint net. Lorenz Lach net so dumm, schau g'scheiter nach, ob 's fest halt da droben. Seppl Es werd scho halten, mein i. Seehansele Wenn 's net halt, fallt 's eh wieder runter! Lorenz Ja, war mir scho recht! Seehansele Liegt was d'ran, wenn 's 'm Stadtfrack auf 'nicht Kopf haut? Lorenz Geh, damischer... Seppl, mach, daß d' runterkummst, i mag nimmer länger dastehen. Burgl Na, is der Fahnen schön! Lorenz zu Seppl, der herabgestiegen ist: So, und jetzt trink aber Bier. Er hält ihm den Krug hin. Seehansele Ja, bal ans da war! Lorenz Habt's keins mehr? No, nacher b'stelln wir halt a neu's, beim Posthalter kommt 's auf a Maß mehr oder weniger net an. Seppl Du mußt 's ja wissen, bist ja fast selber der Herr im Haus. Lorenz geschmeichelt: No, des bin i grad net. Seehansele Wir glauben dir 's scho'! Lorenz Aber a Maß derf i scho no b'stelln... Seehansele O mei, 'n Banzen, du darfst ja all's. Lorenz lacht: Geh' nein, Burgl, bring eine her, oder na, bring glei zwei, bring glei drei Maß, brauchst bloß z' sagen der Lorenz hat 's b'stellt. Seehansele Der Frau Posthalterin ihr Allerliabster. Lorenz lachend die Hand erhebend: Ah, halt dei...! Burgl rechts ab. Größere Pause. Seehansele Ja, ja, die Frau Posthalterin – Seppl Und der Herr Posthalter – Seehansele Dös san Herrschaften. Lorenz Sell braucht's aber gar net so höhnisch z'sagen, was haben s' enk denn tan? Seehansele Nix haben s' mir tan. Lorenz No ja, nacher seid's a net so griesgrami, jetz kommen lustige Tag. Seppl I mach'n Schädel, wie i mag. Lorenz Aber spötteln sollst net alleweil über die Leut, die uns was z' verdienen geben. Seppl A schöner Verdienst, des Theaterspielen! I pfeif dir drauf, auf die ganz Komödi pfeif i. Lorenz Brauchst ja net mitspieln, zwingt di ja kei Mensch. Seppl Bal i a rechtschaffene Arbeit hätt', kriaget mi a keiner da nauf auf den Pamperlkasten. Seehansele Mi a net. Lorenz Aber tragen tut die G'schicht halt do was, ha? Seppl Der Mensch muaß leben, des is der Fluch. Seehansele gewichtig: Ja, ja! Lorenz Ah, was! Leben und leben lassen, sagt der Posthalter. Seehansele Ha, der Posthalter, der sagt gar viel, der tuat si' leicht, der hat jetz' 's Komödispieln eing'führt im Dorf und stellt uns als ang'malte Tropfen da 'nauf, und er selber, er sauft Schampanija mit seine Stadtfreundeln. Lorenz Und du ärgerst di, weil er di net eing'laden hat dazu! Seehansele Mei Liaba, i hab selber Schampanija trunken und hab' n a selber zahlt. I war der größte Bauer weit und breit, i bin sogar scho amal vierspänni g'fahrn auf München eini. Lorenz Aber verkracht bist a dabei, samt die vier Roß und samt 'n Schampanija. Seehansele Weil mi die Menschheit, die miserablige, elend hat sitzenlassen. Lorenz So, deswegen? Seehansele Ja, deswegen! Zu mir is kei Herr Rettinger kommen, der mir meine Schulden zahlt hätt, wie zum Posthalter. Lorenz schnell: Stad bist d'! Seehansele So ein', wenn i g'habt hätt, nacher hätt mei Burgl no' woaß Gott wen heiraten können, und brauchet jetz net mit 'm Seppl 'rumzieh'n. Seppl I bin enk wohl net guat g'nug, ha? Seehansele A was, i hab nix g'sagt, aber, wenn i dran denk an die Zeit, wie s' mir mitg'spielt hab'n, alle die schuftigen Kerl, nacher könnt i, nacher wollt i... Er ist zusammengefahren, weil er Kederbauer, Mutzenbauer und den Mohrenwirt unter der Verandatür gewahrt ... nacher... Lorenz No, nacher? Seehansele hat sich erhoben, immer den wütenden Blick auf Kederbauer geheftet, der mit seinem Bruder nach vorn kommt: Z'sammhaun könnt i an jeden, der beitragen hat zu mei'm Unglück. Kederbauer sehr ruhig zu den anderen: Ist der Posthalter net da? Lorenz Na, aber er werd bald wiederkommen. Mohrenwirt setzt sich an den Tisch rechts, auf dem die Fahne ausgebreitet liegt: Also warten wir. Kederbauer und Mutzenbauer setzen sich zu ihm. Seehansele immer mehr erregt, kommt zwei Schritte Kederbauer näher: Was i g'sagt hab, z'sammenhaun könnt i so an, da sollt 's mir auf a paar Jahr Zuchthaus net ankommen. Mohrenwirt Was hat denn der Kerl? Mutzenbauer Hi, hi, hi, der Seehansele! Lorenz Was willst denn? Es tuat dir ja neamd was an! Seehansele Hab a gar koa Angst, aber andre müssen Angst habn vor mir, andre, die kei so guats Gewissen habn. Mohrenwirt Jetz, der is gut troffen. Seppl Geh, Vater, oes habt's ja an Rausch! Seehansele Von dene paar Maß? I kann no guat gehn und kann dem da fest in d' Augen glotzen. Kederbauer barsch und ohne sich zu rühren: Was willst du? Seehansele Anschaug'n möcht i di amal beim Tag, denn damals in der Nacht, woaßt scho, wann i moan, da hab i di net recht g'sehn, weilst a Larven ang'habt hast und n' falschen, langen Bart. Kederbauer Wann? Seehansele In dera Nacht, wo du mir – laut schreiend – 's Haberfeld trieben hast! Kederbauer fest: Wer sagt des? Seehansele I sag dös, du bist der Habermeister von der ganzen Gegend. Kederbauer Des muaßt d' mir beweisen. Seehansele Oh, bal i's nur könnt, bal i's nur könnt! Kederbauer Ja, des is 's eben. Seehansele Aber du bist 's... du bist 's do g'wesn, und seit dera Zeit verfolgt mich 's Unglück. Kederbauer Hab i dei Geld verputzt? Seehansele Haberfeld hast mir trieben! Kederbauer Des hat a jeder und koaner tan. Seehansele Aber du warst der Anführer, und i möcht di zum Dank in's Zuchthaus bringen, i möcht di... Burgls Kind ist von der Bühne herabgefallen und schreit mörderlich, alle blicken zurück. Seehansele wütend zu Seppl: Geh, hau dem Malefizbankert a paar runter! Seppl zerrt das weinende Kind nach vorne: Bist net stad, meinst net – daß d' stad bist, wart i komm dir! Burgl erscheint hastig an der rechten Tür mit drei Krügen: No, was gibt's denn scho wieder? Seehansele Paß auf dein Pamsen auf und laß 'n net so rumschiab'n! Er setzt sich auf seinen alten Platz und blickt unausgesetzt zum anderen Tische hinüber. Dabei trinkt er viel und hastig. Burgl Bal i a Bier hol, des machst scho guat, Vater. Seppl Hättst 'n halt mitg'nommen! Des verfluchte Geschrei! 'n ganzen Tag muß ma' 's hören, von in der Fruah bis auf d' Nacht, bal ma drei so Pamsen hat und bal der ein' mehr schreit, wie der ander! Lorenz spöttisch: Ja, Seppl, warum hast aber a soviel g'arbeit im Weinberg des Herrn! Seppl A was, laß mir mei Ruh, der verdammte Spektakel! Burgl führt das Kind weg und schiebt es zur Bühnentür hinein, dann kehrt sie zum Tische links zurück. Mohrenwirt bissig: No, des wird jetzt alles anders und besser, wenn erst einmal das schöne Findelhaus vom Herrn Posthalter auf der Gregoriwiesen steht. Lorenz lachend: Natürli, da kann er alle seine drei Sprößling unterbringen, nacher hört und sieht er nix mehr davon. Mutzenbauer lacht stumpfsinnig: Hi, hi, hi, hi. Da... da werd's Kinder geben im Dorf. Mohrenwirt Die Buabn und Mädeln waren ja dumm, wenn's net alle Jahr Zwilling' b'stellen tat'n. Seppl Ah, hörts auf, i will nix mehr wissen. Lorenz Recht hast, Seppl, der Mohrenwirt muaß a net gar so anzüglich auf des Findelhaus werden, er hat kei Geld dafür hergeben, der Posthalter is so splendid g'wesen. Kederbauer Oder noch a anderer. Mohrenwirt höhnisch: Aus München. Mutzenbauer lacht wieder stumpfsinnig. Mohrenwirt Des müaßt ma net spannen! Lorenz Der Posthalter tuat's amal stiften, und damit is ferti. Kederbauer Na, ferti is no net, denn andre Leut haben da aber no mitz'reden. Lorenz Wer hat mitz'reden? Kederbauer Vor allem amal die G'meinde. Lorenz De gibt 'm Posthalter d' Wiesen. Kederbauer Wir Bauern, wir reden aber da no a Wort drei, vor allem i. Lorenz Du? Kederbauer Ja, i! I red für die halbete G'meind und a für mein' Bruader, denn der werd z'erst ruiniert durch den Schwindel mit der Gregoriwiesen. Lorenz Wie leid't denn der an Schaden, wenn der Posthalter da nunter a Findelhaus baut? Kederbauer Des sogenannte Findelhaus schädigt 'n net, aber was der Posthalter sonst no anbaut, wenn er amal die Platz hat, des ruiniert mein Bruader. Mutzenbauer Ja, ja, ja... des... des... ruiniert mi, ha, ha, ha! Lorenz Was soll denn der Posthalter no viel hinbauen? Mohrenwirt Des wird er wohl wissen. Kederbauer D' Gregoriwiesen is gar groß, da geht viel 'nauf. Mohrenwirt Und wegen 'm Findelhaus allein wird er die Gregoriwiesen net kaufen. Kederbauer Des macht er kei'm Kuckuck weis. Mutzenbauer Hi, hi. Kei'm toten Hund. Mohrenwirt Wir wollen uns amal nach 'm Jahr sprechen, da wer'n wir a Mordshotel da drunten sehn. Kederbauer Und dann is mei'm Bruader sei Anwesen, des an die Gregoriwiesen angrenzt, einfach kaputt und verbaut. Seehansele Da freu i mi nacher, bald a amal oaner von enk zwoa drinsitzt, Kederbauer. Mohrenwirt De wehren si schon, du alter Süffling du, es gibt scho no Bauern im Dorf, die's no net ganz geduldi mit anschaugen, daß Hochwürden Herr Pfarrer und der ganze Magistrat die Gemeindeplätz einfach loshauen wollen für a Schandgeld. Kederbauer Und daß 's Findelhaus 'n Namen für die feine G'schicht hergeben muß. Lorenz Ja, was wollt's denn eigentlich nacher? Kederbauer Wir wolln 'n Posthalter fragn, ob de Rederei wahr is, de im Dorf geht. Lorenz Was für a Rederei? Kederbauer Daß ihm die Gemeinde d' Gregoriwiese, de unser wertvollster Gemeindeplatz in der besten Lag' is, um 'n Spottpreis verkaufen will. Mohrenwirt Und weil mi des a interessiert, hab i die zwei begleit't. Lorenz Da soll der Kederbauer zum Pfarrer oder zum Bürgermeister gehn, da kriagt er Auskunft. Kederbauer Die wollen nix wissen, da war i schon lang. Seehansele mit etwas schwerer Zunge: Und bist abg'fahren, dös freut mi, Kederbauer, sixt, dös freut mi. Lorenz Und beim Posthalter fahrt er a ab! Dafür steh' i. Seehansele Freili fahrt er ab. Kederbauer Des wolln wir sehn. Lorenz Ich garantier' dir dafür und ganz recht g'schieht's dir, wenn d' abfahrst. Der Posthalter tut alles mögliche für uns, er laßt a Geld aufgeh'n, er laßt Theater spiel'n, jetzt hat die Frau Posthalterin wieder de großartige Fahnen g'stift. Mohrenwirt Die Fahnen, das is erst 's rechte. Kederbauer Die Frau Posthalterin als Fahnenpatin is eh scho gut. Mutzenbauer Und der Herr... der Herr Rettinger daneben... ha... ha... Lorenz Ah, du alter Troddel, mit dir is net z' reden, du verstehst ja net, was uns Geld eingeht durch die Leut! Kederbauer Haben wir ebba was davon? Lorenz Wohl haben wir was! Fremde kommen zu uns rein, die Anwesen steigen im Preis. Ja, und was i no' g'hört hab'! Unser Theater macht a Reis' um die Welt, nach Chicago, nach Paris und überall hin, bal 's amal besser bei'nander is. Kederbauer Solche Spassetteln gehn uns hiesige nix an. Lorenz Bin i am End net von hier? Kederbauer verächtlich: Du bist koa Bauer mehr, du bist a halbeter Stadtfrack. Lorenz eher geschmeichelt: Kannst am End recht haben, will so nix mehr wissen von dem Nest. I will lusti sein und will leben, i kümmer' mi nix um euern ganzen Krempel, und, gelt, – zum linken Tische – oes macht's es grad so? Seehansele Grad so mach ich's. Lorenz Jetzt g'fallst mir wieder, Seehansele. Halt nur fest zum Posthalter und laß di net irrmachen. Durch den Mann kannst dei ganz' Geld wiederkriegen. Wart, i laß a neu's Bier bringen, der Seppl hat so leer, Burgl a, wir trinken und trinken und werden alle miteinander no' große Künstler. Hurra, ha, ha, ha. Eilt zur Verandatür. Rosl, Rosl, a Bier her, a Bier her! Wieder zu den andern. Köpf in d' Höh, hat unser Oberst beim Militär g'sagt und lusti und lusti und alleweil fidel, – lachend – des hat er freili net g'sagt, ha, ha, ha, ha. No', wo bleibt denn die Bedienung, he, Rosl, Rosl, he, was is denn? Rosl kommt eilig von rechts angerannt: Was meinst denn du, daß d' so schreist, b'soffener Kerl? Lorenz theatralisch, aber immer mit Anflug von Dialekt: Rosl, umarme mich, ich liieebe dich! Rosl Geh, spinnender Tropf, sei stad! Drunten vor der Veranda stehen Fremde bei der Posthalterin. Lorenz So, laß sie hereinkommen und an meinem Busen ruhen! Rosl stößt ihn weg und geht zum Tisch links: Wieviel Maß kriegst's ös? Seehansele Soviel 's halt 'm Posthalter leid't. Lorenz sehr geschäftig: Vier Maß bringst und schaugst bald wieder nach, ob's net leer sind. Wieder theatralisch, indem er sie zur rechten Türe geleitet: Gelt, Rosl, geliebtes Wesen? Er zwickt sie in die Hüften, daß sie laut quiekst und eilends hinausstürmt. Er schaut ihr nach, lacht unbändig und haut mit der Hand auf den Schenkel. So was! des gibt a Hetz, na, des gibt a Hetz! Wie vom Schlage getroffen taumelt er zurück und verändert seine Stellung, da ihm plötzlich die Wehrmüllerin, ein schwarzes Kopftuch übergeworfen, entgegen tritt. Was is! Was suchst du da? Wehrmüllerin Di suach i. Lorenz Zu was? Wehrmüllerin Zu der Arbeit will i di hab'n. Lorenz I hab jetzt koa Zeit. Wehrmüllerin Du hast koa Zeit? und draußen steht d' Mühl scho' drei Tag, die Bretter sollen längst abg'liefert sein und du... Lorenz Hol 'n Hannes vom Jochmüller rüber, der hilft dir. Wehrmüllerin 'n fremden Menschen? Und wie soll i 'n denn zahl'n? I hab ja koa Geld mehr im Haus, i woaß ja net, was i anfangen soll. Lorenz Ach mach, was d' willst! Wehrmüllerin Des is aber do a Schand und a Spott! 'n Hanswursten kannst machen da herin, aber arbeiten willst nix, du nixnutziger Mensch, du! Seehansele Au weh, Lorenz, jetzt hat's di, ha? Alle lachen mit Ausnahme Kederbauers und Mutzenbauers. Letzterer glotzt stumpfsinnig vor sich hin. Rosl die während der letzten Worte eingetreten ist und das Bier gebracht hat: Jetzt hockt er eahm. Mohrenwirt Das großartige Reden von vorhin hat er a bissel verlernt. Lorenz Was? 'n Finger ließ i mir abhacken, eh, daß i nachgeben tat. Wehrmüllerin Und bal wir betteln müssen? Lorenz I brauch' net betteln gehn, da derfst kei Angst net habn. Seehansele Für was war denn d' Frau Posthalterin da? Wehrmüllerin Hast 's g'hört, was der g'sagt hat? So red't scho 's ganze Dorf von dir. Lorenz Jetz wird 's mir aber z' dumm. Wehrmüllerin Mit die Finger deuten's scho auf di! Lorenz Hör' auf, sag i. Wehrmüllerin Des bal dei' seliger Vater derlebt hätt, – mit geballter Faust – der hätt di derschlagen. Lorenz Mei Ruh will i habn. Wehrmüllerin Heim gehst, sag i, zum letztenmal. Lorenz sehr roh: Bal i amal net mag, na mag i net. Wehrmüllerin fallt auf einen Stuhl: Oh, des is entsetzlich, jetzt, jetzt kommt – sie geht zum Weinen über – der Gerichtsvollzieher ins Haus und versteigert des ganze Anwesen... Lorenz gereizt auf und ab gehend: Fang 's Flennen a no an. Wehrmüllerin Und mi schmeißen 's auf d' Straßen 'naus. Lorenz Weißt was? So verdirbst mir höchstens mein' Humor, hast mi verstanden? Pause. Mein' Humor verdirbst mir! Er geht noch erregter herum, sein Blick fällt auf Kederbauer, der die ganze Szene sehr aufmerksam verfolgt. Brauchst mi gar net so dumm anz'schaugn, Kederbauer, di geht 's nix an. Willst was sagn? Kederbauer sehr ruhig: I sag gar nix. Lorenz Des is a dei Glück, es geht neamd'n was an, kein Menschen geht 's was an und überhaupts, des paßt mir net, daß du – zur Wehrmüllerin – mi da so stellst, denn i laß mir nix g'falln, i bin majorenn. Wehrmüllerin steht auf: I will nix mehr von dir, i geh scho. Lorenz Is a 's beste. Posthalterin, Fr. Wanninger mit Tochter, Fr. Specht und Frl. Schaitzach erscheinen langsam an der Verandatüre. Posthalterin trägt dunkles Hauskleid mit cremefarbener, gestickter Schürze und Schlüsselbund. Die anderen Damen in Straßentoilette mit Hut und Sonnenschirm. Wehrmüllerin I geh, aber büßen muaßt's noch, was du mir antan hast, auf der Welt und in der Ewigkeit. Sie eilt durch den Ring der Eintretenden hastig nach rechts hinaus, alle sehen ihr erstaunt nach. Fr. Wanninger Ach, die Alte ist gut! Fr. Specht Wer war denn das? Posthalterin ist zu Lorenz geeilt: Was is denn da los g'wesen? Schämt 's euch denn gar net? Lorenz macht eine ärgerliche Bewegung. Seehansele Net viel war los, der Lenz hätt bald sei Mutter g'haut. Posthalterin sehr schnell: Natürlich der Lorenz wieder! Und die verrückte Müllerin hat gar nix getan, kann mir's schon denken. Heftig zur gaffenden Rosl: Mach, daß d' in d' Schenk kommst! Rosl rechts ab. Fr. Specht tritt etwas vor: Wir stören wohl noch in der Prob'? Posthalterin dreht sich verlegen um. In ganz verändertem Tone: Oh, nein, die hat ja noch gar net ang'fangt. Fr. Wanninger gleichfalls mehr nach vorne: Hat no gar net ang'fangt? Was? Plötzlich in lautes Lachen ausbrechend: Ah, dann is sehr gut, sehr gut. Fr. Specht Warum lachen S' denn so, Frau Rentbeamte? Fr. Wanninger I muß so lachen, denn denken S' Ihnen, ich hab', – neues Lachen – ich hab' in meiner Dummheit des alte Weiberl, was da grad 'naus is, für eine, – sie lacht wieder – für eine von den Schauspielerinnen g'halten, so natürli hat sie 's g'macht. Ha, ha, ha, ha. Fr. Specht Ja gelten S', Frau Rentbeamte, mir is fast grad so 'gangen, i hab g'meint, es war vielleicht die – die Heldenmutter, weil's gar so von der »Ewigkeit« g'redt hat. Beide lachen fürchterlich. Posthalterin der diese Unterhaltung sichtlich fatal ist, zieht die Eingetretenen mehr nach vorne: Es ist mir sehr ungenehm, daß die Damen grad so was haben sehen müssen, aber... Fr. Wanninger Oh, bitte! Posthalterin Aber die Müllerin ist eine ganz ordinäre Person, die keinen Anstand und kein Benehmen hat. Fr. Specht Was Sie sagen? Posthalterin Sie hat kein' Funken von Dankbarkeit für das viele, was wir ihrem Sohn tun. Fr. Wanninger Es gibt halt scho recht garstige Leut auf der Welt, net wahr, Frau Spezialkassier? Fr. Specht Na, und ob. Posthalterin B'sonders hier... aber, bitte, wollen die Damen denn nicht die Fahne betrachten? Sie kommt mit den Damen ganz nahe heran und bemerkt den Mohrenwirt, der grüßt. Ah, der Herr Moosreiner! Was verschafft uns denn die sonderbare Ehr? Mohrenwirt erhebt sich: I will Sie net stören, i hab' 'nicht Posthalter g'sucht. Posthalterin spitzig: Den finden 's entweder im Keller oder auf 'm Speicher, oder im Dorf! Man hat so viel zu tun in so 'm großen Hauswesen, b'sonders, wenn ma' aber Fest arrangiern muß. Mohrenwirt bissig: Kann mir 's denken, Frau Posthalterin. Werd' 'n Herrn Gemahl scho' finden. Habe die Ehre! Zu Kederbauer und Mutzenbauer: Macht's weiter! Mutzenbauer der sich nicht erheben will: Aber i muß 'nicht Posthalter no'... Kederbauer Steh auf, wir kriag'n 'n scho'. Alle drei gehen langsam dem Hintergrund zu und dann durch die Verandatür ins Freie. Die Damen, mit Ausnahme der Posthalterin, sind während der Szene an die Fahne getreten und haben ihr Entzücken durch lebhafte Gebärden ausgedrückt. Posthalterin wendet sich zum linken Tisch: Und was wollt's ihr da? Ihr habt's g'nug z' tun auf'm Theater oder habt's euere Rollen z' lernen. Seid's so freundli und richt's euch her, der Herr Aktuar wird heut' abend a strenge Prob' halten. Die Angeredeten und Lorenz verziehen sich während der folgenden Szene mit ihren Krügen nach rückwärts und verteilen sich auf der Bühne, wo sie sich zu schaffen machen. Seehansele und Lorenz nehmen erst langsam die Leiter ab und tragen sie zur linken Türe hinaus. Dann kommen sie wieder und schlendern auf der Bühne herum, wo sie in die rechte, vordere Ecke ein Tischchen und dahinter einen Stuhl stellen. Seppl und Burgl ergreifen kurz vor dem Auftreten des Posthalters den Korb mit den Tannengewinden und entfernen sich damit durch die Bühnentüre. Lorenz folgt ihnen später durch die gleiche Türe. Fr. Wanninger ganz begeistert: Nein, nein, nein, so was! Ach, Frau Posthalterin, die Fahne is zu schön! Fr. Specht Wunderbar! Fr. Wanninger zu Fräulein Schaitzach, die immer die Betrachtende und Kühle spielt: D' Fräul'n Marie wird's natürli eh' scho' g'sehn hab'n. Frl. Schaitzach sehr ruhig: Bis jetzt noch net. Fr. Wanninger Ja, schaun's nur! Die Stickerei! Wally, paß auf! Den heiligen Vincentius hat ja d' Frau Posthalterin selber g'macht. Wally Was? Fr. Specht Gelt, da schauen's, Fräulein Wally? Nehmen's Ihnen d' Frau Posthalterin nur zum Muster. Fr. Wanninger Jetzt muß i aber scho' recht unb'scheiden fragen. Frau Posthalterin! Was mag die Fahne wohl kost' haben? Posthalterin geschmeichelt: Davon soll ma' ja eigentlich net reden, weil's doch für so 'n hohen Zweck is. Fr. Wanninger Nein, Sie haben ganz recht, man soll eigentlich net davon reden, aber natürlich, 's interessiert ein' halt doch! net wahr, Frau Spezialkassier? Fr. Specht Oh, freilich, interessiert 's ein'. Posthalterin Im strengsten Vertrauen kann ich's ja sagen, die Fahne kommt uns auf rund zwölfhundert Mark. Das Sonnenlicht vor der Verandatür läßt etwas nach. Es beginnt sehr allmählich zu dämmern, doch bleibt die Szene bis zum Auftragen der Lampen immer noch hell und genügend erleuchtet. Fr. Wanninger Ja, gelt, Frau Spezialkassier? Fr. Specht Des is a schön's Geld, des will verdient sein, nun, ich mein aber auch die Leut hier müßten der Frau Posthalterin doch auch so dankbar sein, daß sie's ordentlich auf die Händ' tragen. Alle setzen sich, Wally stellt sich hinter den Stuhl ihrer Mutter und zwar bald auf den rechten, bald auf den linken Fuß. Posthalterin O mein, die Leut sind hier gar net so dankbar, gelten's, Fräul'n Marie? Wenn man net beständig den frommen Zweck im Aug hätt! Fr. Wanninger Die Leut sind halt zu roh. Posthalterin Das is 's ja! Von 'm G'fühl is da gar keine Red'. Fr. Specht Freilich, wenn man so was sieht, wie da vorhin. Posthalterin Gelten's? Und was da außerdem noch für Sachen passieren! Fr. Wanninger Was denn noch für Sachen? Posthalterin neigt sich näher heran: Es sind erst zwei Jahr her, daß wir von München da herausgezogen sind, aber was wir all's mit ang'sehn haben, da machen Sie sich gar keinen Begriff. Fr. Specht sehr laut: Ah! Posthalterin Sehen S' zum Beispiel nur das Mädel dort an, – sie deutet verstohlen auf Burgl – die is dem Burschen, der mit ihr red't, sei Geliebte. Fr. Wanninger Brauchst net zuz'hören, Wally! Wally schlenkert zum anderen Tisch hinüber. Posthalterin I bitt um Entschuldigung, i hab ganz vergessen, aber sehen Sie, – noch mehr in den Kreis gerückt – die Person hat von dem Menschen drei Kinder. Fr. Wanninger Ja, ich bitt Ihnen! Fr. Specht Hören S' auf! Posthalterin Und so sind s' alle hier. Fr. Specht Ja, was haben denn dann die Leut hier für Grundsatz'? Posthalterin Gar keine! Fr. Wanninger Jetzt so was! Posthalterin Drum sind wir eben auf die Idee gekommen, das Findelhaus zu bauen, um wenigstens etwas zu tun. Fr. Wanninger sehr weich: Oh, das ist sehr edel von Ihnen. Fr. Specht Wenn 's aber so zugeht, dann darf man sich freilich net wundern, wenn die Leut hierzuland kei G'fühl haben und gar kei Dankbarkeit kennen. Posthalter ist mit Rettinger und Beck während der letzten Worte rechts eingetreten. Er bleibt einen Augenblick stehen und gestikuliert heftig mit dem ihm nachfolgenden Mohrenwirt. Ganz im Hintergrunde erscheinen noch Kederbauer und Mutzenbauer. Rettinger und Beck tragen elegante Touristenkostüme. Posthalterin hat die Eintretenden noch nicht bemerkt: Man verlangt ja schließlich kei Dankbarkeit, aber man sagt ja nur... Fr. Wanninger und Fr. Specht zugleich: Natürlich, man sagt ja nur! Posthalter kommt heftig nach vorne: Bedaure, Herr Moosreiner, bedaure! Posthalterin steht sehr schnell auf: Ach, unsere Herren! Sie rollt die Fahne mit Hilfe der Damen schnell zusammen und legt sie auf den hinteren Tisch. Mohrenwirt Aber Sie können doch net... Posthalter Ich hab' Ihnen dreimal mindestens g'sagt, daß ich mich um Ihren Einspruch gar nix kümmere. So! jetzt können Sie tun, was Sie wollen. Mohrenwirt Dann muß ich mir eben anders zu helfen suchen. Posthalter Bitte! Ich möcht gern seh'n, ob Sie mir ein' Stein in Weg werfen können. Mohrenwirt Aber, i will ja nur wissen, was Sie mit dem Platz anfangen. Posthalter So eine Zudringlichkeit! Mohrenwirt Oho! Posthalter Ich sag Ihnen einfach gar nix und tu, was i will. Mohrenwirt Gut, Posthalter, 's weitere werden wir sehen. Er dreht sich wütend um und begibt sich zu Kederbauer und Mutzenbauer, mit denen er sich noch einen Augenblick leise unterhält, um dann durch die Verandatüre schnell abzugehen. Posthalter noch ziemlich erregt: I bitt um Entschuldigung, meine Damen, aber... Fr. Specht So kleine Aufregungen! Posthalter Der Mensch muß sich immer ärgern. Fr. Wanninger Wie das halt so geht... Posthalter Natürlich! Aber jetzt darf ich die Herrschaften endlich bekannt machen: mein Freund, Herr Großhändler Rettinger, Herr von Beck, beide eben aus München zu Fuß angekommen, Frau Rentbeamte Wanninger, Fräulein Tochter, Frau Spezialkassier Specht, unsere werten Sommergäste. Die Fräul'n Marie kennt die Herren ja ohnehin schon von früher. Frl. Schaitzach nicht ohne Bedeutung: O ja! Fr. Wanninger nach einer Pause, während der man sich setzt: G'hört hab ich schon sehr viel vom Herrn Rettinger. Rettinger Hoffentlich nur Gutes. Fr. Wanninger Ja, was denn sonst? d' Frau Posthalterin kann ja net g'nug erzählen von Ihnen. Rettinger So? Kleine Pause. Die Damen sind schon lange hier? Fr. Wanninger Scho bald drei Wochen. Rosl trägt auf einem Servierbrett drei Flaschen Weißwein mit mehreren Gläsern zur rechten Türe herein und entfernt sich wieder durch dieselbe. Posthalter beginnt einzuschütten. Fr. Specht Müssen jetzt leider bald wieder 'nein in d' Stadt. Hr. v. Beck Aber das Fest verschönern Sie doch noch durch Ihre Gegenwart. Fr. Specht Ja, ja. Fr. Wanninger Das dürfen wir grad noch mitmachen. Rettinger zu Wally: Das hübsche Fräulein doch auch? Fr. Wanninger sehr angenehm berührt: Meine Tochter? Freilich, die bleibt immer bei mir. Hr. v. Beck Aber sicher nicht fürs Leben, dazu ist das Fräulein viel zu reizend. Rettinger Ja, entschieden. Wally lacht dumm. Fr. Wanninger lächelt glückselig: Oh! oh! oh! Posthalterin die etwas unruhig zugehört hat: Aber jetzt trinken wir einmal, meine Herrschaften. Rettinger Jawohl. Trinken wir, uns schmeckt ein guter Schluck. Hr. v. Beck erhebt sein Glas: Unsere Huldigung zu Füßen der Damen, sie leben hoch, hoch, hoch! Posthalter und Rettinger Hoch, hoch, hoch! Fr. Wanninger anstoßend: Zu gütig, zu gütig von dem Herrn. Posthalter Ja, der Herr von Beck! Rettinger Der ist unbezahlbar. Posthalter No, du könnt'st ihn am End scho noch einlösen! Mein Freund nämlich, der arme Mann, nimmt außerdem, daß er Großhändler und Reserveleutnant ist, auch noch die beneidenswerte Stell' von 'm Millionär ein. Fr. Specht Von 'm Millionär? Rettinger erhebt sich ein bißchen vom Stuhle, wichtig: Ich muß bemerken, daß ich selbst nie mit so was renommieren würde. Fr. Wanninger So jung und schon Millionär? Nun, da darf man sich freuen, daß das Geld amal in würdige Hand' gekommen ist. Rettinger geschmeichelt: Bitte, bitte. Fr. Wanninger Die Frau Posthalterin hat mir schon oft erzählt, welch guten Gebrauch der Herr Rettinger von sei'm Geld macht. Rettinger Die Frau Posthalter? So? Fr. Specht Ja, bei der gelten der Herr Rettinger schon alles, soviel ich merk. Fr. Wanninger Und ob! Fr. Specht Wenn man kommt, immer is halt die Red' von dem liebenswürdigen Herrn Rettinger. Wally platzt heraus: Das kann sogar ich versichern. Rettinger Wirklich, mein Fräulein? Nun, wenn es so schöne Lippen sagen... Fr. Wanninger Zu aufmerksam! Posthalterin sehr unruhig: Aber wo haben Sie denn 'nicht Herrn Aktuar lassen? Fr. Wanninger 'n Herrn Götzensperger? Rettinger Er kommt mit dem Abendzuge an. Hr. v. Beck sieht auf seine Uhr: Das kann nicht mehr lange dauern. Fr. Wanninger Net wahr, des is der bekannte Dichter, der immer die netten Gebirgsstück' schreibt? Posthalterin Freilich, derselbe! Posthalter laut und wichtig: Ja, der hat's Gebirgsvolk erfaßt, wie noch nie einer! Fr. Wanninger I hab scho amal von ihm im Viktoriatheater a Stück g'sehen, aber wie's g'heißen hat, weiß i nimmer. Rettinger Vielleicht weiß es das Fräulein? Fr. Wanninger Meine Tochter? Nein, die darf no net ins Theater, b'sonders net ins Viktoriatheater. Posthalterin Vom Viktoriatheater bringt uns der Herr Aktuar heut auch drei Künstlerinnen mit, die morgen – auf die Bühne deutend – da beim Prolog auftreten. Fr. Specht auf die Bühne deutend: Da droben? Posthalter Jawohl, unsere Mädeln sind ja dazu viel z'dumm. Posthalterin Der is so freundlich, der Herr Aktuar, der b'sorgt uns alles, sehen S', der Spruch da is auch von ihm. Fr. Wanninger Was? Liest laut und langsam das Gedicht ab. Fast gerührt: Des is so schön, so einfach, so innig, des paßt so da herein, auf die Berg' und auf die ganze schöne Gegend. Kederbauer hat sich mit seinem Bruder während dieser ganzen Szene am Eingang rechts gehalten. Während Frau Wanninger den Spruch liest, kommt er langsam nach vorne und knüpft sehr barsch an Frau Wanningers letztes Wort an: No, Posthalter, was is? Sollen wir no lang warten? Posthalter halblaut, sehr ärgerlich über die Störung: Wer hat euch denn 's Warten g'schafft? Habt's ihr net g'hört, was i 'm Mohrenwirt g'sagt hab? Kederbauer Der Mohrenwirt geht uns nix an, wir wollen wissen, was mit der Gregoriwiesen wird. Posthalter wie zuvor: 's ganze Dorf weiß scho', 's Findelhaus kommt hin. Kederbauer Sonst nix mehr? Posthalter steht auf: Da is die Tür, jetzt hast höchste Zeit. Kederbauer I geh' no net fort. Mutzenbauer Na... na... wir... wir bleib'n no' da... wir wollen unser Recht. Posthalter Was Recht? Wer red't da vom Recht? Mutzenbauer Wir... wir bleiben halt da. Posthalter So? Nacher laß i enk einfach naus... Posthalterin fällt ihm ins Wort: Geh', Mann, i bitt' dich, die Herrschaften! Posthalter Pardon, meine Damen, aber eine solche Unverschämtheit is mir noch net passiert! Er läuft herum, Kederbauer und Mutzenbauer folgen ihm nach rückwärts. Fr. Wanninger Was gibt 's denn? Posthalterin Denken S' Ihnen nur, die Leut wollen net, daß wir a Findelhaus auf die wertlose Wiesen bauen. Fr. Wanninger Jetzt, so was! Fr. Specht Des is nachher d' Dankbarkeit! Posthalterin Die Gemeinde soll das Grundstück dazu abgeben und des wollen die Bauern im Dorf absolut net leiden. Fr. Wanninger Ah, ah, ah! Posthalterin Seit vierzehn Tag laufen jetzt fortwährend solche Kerl in unserm Haus 'rum und schikanieren mein' Mann. Fr. Wanninger Nein? Posthalter kommt wieder nach vorne: Ich hab's euch zum letztenmal g'sagt, daß i mir nix einreden lass' und jetzt will i nimmer belästigt sein. So! Pause. Seehansele ist inzwischen nach vorne links getorkelt und lacht höhnisch den trotzig dastehenden Kederbauer an: Ha, ha, Freundl, bist schnell ferti wor'n? Kederbauer I bin no net ferti, und wenn i no alle Tag kommen müßt. Er geht wieder etwas zurück, Mutzenbauer folgt ihm. Seehansele ruft ihm nach: Bis wir di 'nauswerfen, daß d' n Mond für a Karussell anschaugst, ha? Alle lachen, ausgenommen Fräulein Schaitzach, die auch in den folgenden Szenen immer unbeweglich bleibt. Fr. Wanninger Jetzt, so was! Wer is denn nur der lustige, alte Kerl? Rettinger Ein famoser Tropf! Steht auf. Grüaß di Gott, Seehansele! Wie geht 's? Seehansele Guat geht 's, bal i den da – er deutet auf den im Hintergrund stehenden Kederbauer, der sich eben anschickt, mit seinem Bruder, in den er heftig hineinredet, durch die Verandatüre abzugehen – derblecken darf! Alle lachen. Rettinger Kannst ihn net leiden? Seehansele grimmig: Na, den möcht i amal umbringen. Gleichzeitig: Fr. Wanninger Um's Himmels willen! Fr. Specht Oh, mein Gott! Rettinger lachend: Oh, bitte, keine Gefahr! Posthalter Bewahre! Posthalterin Wär net übel! Posthalter So blutige Absichten hat der Seehansele net. Rettinger gönnerhaft: Da geh her, Seehansele, trink ein Glas. Er gibt es ihm. Seehansele trinkt schnell aus: 'gelt's Gott! Fr. Wanninger Segen 's Gott! Na, is der alte Mann nett! Posthalter reicht ihm ein neues Glas hin: Da, trink bei mir a. Seehansele I trink, wo ich 's find, – trinkt aus – denn – singt: Trinka und singa und raufa und saufa, Dös is ja mei' Freud, de ganz liabe Zeit. Fr. Wanninger Jetzt wird er aber lusti! Posthalter O mei, der hat ja 'n Rausch, wenn er an Braumeister nur husten hört. Posthalterin D'rum leisten wir uns manchmal den Spaß und machen 'n ganz betrunken, weil er da gar so nett is. Rettinger gibt ihm wieder ein Glas: Da hast noch 'n Wein. Fr. Specht Zu originell is des! Seehansele trinkt und singt: Bal mer hat a Geld Feit si nix auf der Welt, Und bal sie nix feit, Hat ma alleweil a Freud! Alle lachen laut. Fr. Wanninger ganz entzückt: Na so was! Posthalter Aber ganz recht hat er. Hr. v. Beck Meine Herrschaften, der Mann ist ein Philosoph, – unbändiges Gelächter – er soll leben hoch, hoch, hoch! Rettinger ruft mit und hält Seehansele ein neues Glas hin: Trink, trink! Fr. Wanninger Na, is des lustig! Fr. Specht Wundernett, ganz wundernett! Seehansele nachdem er wieder getrunken hat: Und dös sell woaß i g'wiß, Daß dös schönste ja is, A recht a stramms Madel Mit sakrische Wadel! Vereinzeltes Lachen. Hr. v. Beck Pssssst! Posthalterin No aber! Posthalter So a Lied paßt si net für an alten Kerl, der scho Großvater is. Fr. Specht Was? Großvater schon? Posthalterin Freili, er is ja der Vater von dem Mädel. Fr. Wanninger Nein? Seehansele wankt näher: Was geht enk der Großvater an? Ha? Posthalter barsch: Führ di anständig auf, sing was, was man anhören darf. Seehansele glotzt ihn wie blödsinnig an, taumelt, das volle Glas in der Linken, hin und her und lacht höhnisch. Posthalterin No, fang an! Rettinger Aber was Fein's bitten wir uns aus. Seehansele singt: Und bin i a scho alt, I woaß, was ma g'fallt, Im Bett bei der Nacht... Posthalterin außer sich: Jetzt hörst auf! Herr Rettinger! i bitt Sie, geben S' ihm doch kein' Wein mehr! Fräulein Schaitzach steht auf. Allgemeine Verlegenheit. Posthalter Meinst am End, du bist bei deine Bauern, unverschämter Mensch? Seehansele nickt stumpfsinnig nach allen Seiten und bleibt noch eine Weile so stehen. Endlich läßt er sich auf einen Stuhl am linken Vordertische fallen. Die anderen Damen erheben sich ebenfalls und blicken unschlüssig, was sie jetzt tun sollen, herum. Peinliche Pause. Posthalterin Nein, wie mir des z'wider is... Frl. Schaitzach spitzig: Ich hätt so grad gehen wollen. Posthalterin Ach nein, Fräul'n Marie... Frl. Schaitzach Ich muß zum Herrn Bruder heim. Posthalterin Aber Frau Spezialkassier! Frau Rentbeamte! Fr. Wanninger immer noch unsicher: Ja, wenn d' Fräul'n Marie geht... Frl. Schaitzach sehr maliziös: Oh, bitte, wenn Sie noch gern hier bleiben – Fr. Specht Warum net gar! Fr. Wanninger Wir gehen mit Ihnen. Rettinger Aber wollen denn die Damen wirklich fort wegen dem betrunkenen Kerl? Posthalter Wegen dem Seehansele! Ganz in der Ferne hört man eine juchzende Volksmenge, die langsam näher kommt. Hr. v. Beck Das wäre doch zu schade! Posthalterin Gehen's, Fräul'n Marie! Rettinger Frau Rentbeamte! Posthalter Jetzt g'rad, wo die Prob' gleich ang'fangt hätt. Rosl und Hies tragen eilig von rechts brennende Petroleumlampen herein. Rosl geschäftig: Herr Posthalter, Herr Posthalter! Die Leut' kommen zu der Prob' und bringen 'n Herrn Aktuar von der Bahn. Hr. v. Beck Nun dürfen die Damen unter keiner Bedingung mehr weg. Rettinger Nur über unsere Leichen! Frl. Schaitzach Bedauere, ich muß zum Herrn Bruder heim. Rosl die eben neben ihr die Lampe befestigt: Fräul'n Marie, der Herr Pfarrer kommt ja selber mit 'm Herrn Amtsrichter grad 'n Weg rauf! Entfernt sich durch die Tapetentüre. Rettinger Hurra, meine Damen! Was sagen Sie jetzt? Posthalter Jetzt wird nimmer fortgangen. Alles eilt mit lautem »Guten Abend, Hochwürden!« zum Eingang rechts, wo eben der Pfarrer und der Amtsrichter erscheinen. Der stürmende Ring hält die Eingetretenen an der Türe fest. Man hört noch einige Begrüßungsrufe und Gelächter. Posthalterin hat Rettinger einen stummen Wink gegeben, mit ihr nach links zu kommen, wo Seehansele immer noch am Tische kauert und blödsinnig dreinstiert. Sie stellen sich hinter dem Stuhl auf, auf dem Seehansele sitzt. Sehr schnell: Posthalterin Des hält' bald a schöne G'schicht geb'n mit deiner Dummheit. Rettinger Da bin doch ich net dran schuld. Posthalterin Wer denn sonst? Rettinger Dein Mann hat ang'fangt. Posthalterin Der is halt grad so läppisch, wie du. Schallendes Gelächter am Eingang. Rettinger Du, gelt? Posthalterin Sei still! Du hast auch an der Rentbeamtenstochter ganz unnötig rumpoussiert. Posthalter hat beide beobachtet und geht unauffällig an ihnen vorbei: Pssst! Net so laut! Nehmt's euch in acht. Posthalterin Nun, lassen wir's gut sein für heut, aber, gelt? Rettinger schiebt lachend seine Schulter kaum merklich an sie: Mußt net so eifersüchti sein! Damit wenden sich die beiden, denen Seehansele mit gläsernen Augen nachstiert, wieder zur Hauptgruppe, die sich eben unter lebhafter Bewegung auflöst. Die immer mehr angewachsene Volksmenge ist jetzt sehr nahe. Posthalter schreit wie besessen: Der Herr Aktuar kommt! Unter Juchzen und Brüllen eilen Burschen und Mädchen durch die rechte Türe in den Saal. Hr. v. Beck Famos! Rettinger Hurra, der Götzensperger! Alle Hurra, hoch, hoch! Hurra! Götzensperger eilt rechts herein und betritt auf der Holztreppe das Podium, wo er lebhaft den Hut schwenkt: Ju, hu, hu, ju, ju, juhui! Alle antworten mit Juchzen, Schreien und Tücherschwenken. Götzensperger singt: Grüaß enk Gott, alle miteinander! Alle Grüaß Gott, Grüaß Gott! Hurra! Götzensperger Danke meine Herrschaften, danke für die freundliche Begrüßung! Posthalter lachend: Bitte! Götzensperger Nun gestatten Sie mir, daß ich Ihnen gleich von diesen weltbedeutenden Brettern aus unsere drei großen Künstlerinnen vorstelle, die sich unter meiner väterlichen Leitung... Posthalter Alter Pascha! Allgemeines Gelächter. Götzensperger In allen Ehren in das Gebirge begeben haben. Bitte, meine Damen, hierher. Er winkt den drei Choristinnen, die mit ihm den Saal betreten hatten, heraufzukommen. Fr. Wanninger So, die sind's? Fr. Specht mit Lorgnon: Die Schauspielerinnen! Fr. Wanninger Jetzt gehen s' ja nauf, da sehen wir's no besser. Götzensperger Erlaube mir vorzustellen, Fräulein Minna, Fräulein Hulda, Fräulein Flora, sämtlich vom Viktoriatheater in München. Die Zuhörer schreien durcheinander: Bravo, bravo, famos! Götzensperger So, jetzt wollen die Herren galant sein und die Damen einstweilen hinabgeleiten, denn wir fangen sofort mit der Probe an. Posthalter, Amtsrichter und Herr v. Beck geleiten die Choristinnen herab. Götzensperger Aber a Bier möcht i haben zu meiner Arbeit! Er richtet sich auf der Bühne ein und nimmt von Hies einen Maßkrug entgegen. Hies rechts ab. Fr. Wanninger kommt mit Wally, der Posthalterin und Frau Specht wieder nach vorne: Nein, der Herr Aktuar, des is aber Mann! Fr. Specht Des Temperament! Fr. Wanninger Glei fangt er z' proben an. Posthalterin Gelt, jetzt reut Sie 's net, daß S' dablieben sind? Spricht mit den Damen eifrig weiter. Amtsrichter kommt mit Hulda, die fortwährend lacht, nach vorne links: Aber wirklich, mein Fräulein, ich besinne mich nicht mehr! Hulda Ausgezeichnet! Du, Flora, er kennt mi nimmer. Flora Is wahr? Hulda Und i hab Ihnen glei kennt! Wissen S' nix mehr von der Kathi im Eberlbräu im ersten Stock, Rückgebäud? Amtsrichter Die Kellnerin? Das sind Sie? Hulda Freilich! Amtsrichter Famos! Hulda Erst war ich im Monachia Sängerin. Amtsrichter Und jetzt sind Sie beim Viktoriatheater? Flora Da hat uns der Herr Aktuar entdeckt. Hulda Natürlich, wie wären wir denn sonst hieher kommen? Amtsrichter In das trostlose Nest! Pfarrer tritt gutmütig lächelnd näher: So, so? Die Herrschaften kennen sich schon? Hulda knicksend: Freilich, Hochwürden. Frl. Schaitzach ist nur mit schlecht verhaltenem Ärger geblieben. Jetzt rückt sie von rechts ihrem Bruder näher: Der Herr Bruder wird verzeihen. – Pfarrer Was gibt 's? Frl. Schaitzach Soll ich noch länger bleiben? Pfarrer freundlich: Ja, ganz nach Belieben! Fr. Wanninger kommt ebenfalls näher: D' Fräul'n Marie hat eben g'meint wegen dene Mädeln... Pfarrer Welche Mädeln? Fr. Wanninger Nun, wegen – sie deutet auf die Choristinnen, die sich kichernd mit dem Amtsrichter unterhalten – dene da, weil 's halt doch... Fr. Specht Schauspielerinnen sind. Lautes Gelächter um den Amtsrichter, weil er Hulda in die Wangen kneifen wollte. Posthalterin Aber net wahr, Hochwürden, des macht doch nix? Pfarrer Ach, bei so einem Fest, da geht's nicht so genau zusammen. Fr. Specht Ja, wenn Hoch würden meinen... Neues Gelächter links. Götzensperger der inzwischen mit eifrigen Gebärden Anordnungen bald auf der Bühne, bald unten gegeben und in die Menge fortwährend lebhafte Bewegung gebracht hat, schreit mit Stentorstimme von der Bühne hinab in den Saal: Silentium! die Prob' fangt an! Er postiert sich auf einem Stuhl, unter den er seinen Maßkrug stellt, auf der linken Seite des Podiums. Unten im Saal sucht sich alles Plätze und ordnet sich in möglichster Eile. Rettinger will Frau Wanninger Platz machen und rüttelt fest an der Lehne des Stuhles, auf dem Seehansele sitzt: Steh auf, du! Seehansele kommt zu sich: Oho, oho! Rettinger B'soffener Kerl! Posthalter Der g'hört ja aufs Theater! Götzensperger Jawohl! da 'rauf mit 'm Seehansele! Der muß sofort auftreten. Fr. Wanninger Wird sich recht hart tun mit 'm Auftreten. Amtsrichter Der fängt ja gut an. Pfarrer Ein schrecklicher Kerl. Posthalter hat ihn wütend hinaufgezerrt: Da stellst di her und wartst, bis d' drankommst. Götzensperger Nur kalt, den krieg i schon – klatscht in die Hände. Also, los! Erste Szene! Lorenz führt die als altes Weib gekleidete Rosl von links aus der Kulisse der kleinen Bühne auf das Podium. Neben ihr geht Burgl, die ein Wickelkind trägt. Die nun folgende Szene wird mit möglichster Sentimentalität gespielt. Rosl So is denn wahr? Muaßt wirkli fort in Kriag, mei liaba Bua? Lorenz Oh, mei liab's Muatterl, da hilft nix, mi ruaft mei Kini, mi ruaft 's Vaterland, jetzt kann i nix mehr arbeiten für di, aber der Himmel wird sorgen für di, mei liab's Muatterl, – er deutet auf Seehansele – für di, mei liab's Vaterl – zu Burgl – und für di, mei treu's Maderl. Fr. Wanninger laut weinend: Oh, is des schön! Ein Zitherspieler, der an dem rechten Tischchen auf der kleinen Bühne Platz nahm, beginnt ein Melodram. Burgl I kann dir nur mei Herz mitgebn, Hansl, aber des schlagt dir treu unterm Brustlatz bis übers Grab 'naus. Lorenz I dank dir, Stasi! Jetzt gehst und trägst unser Kind, zu dem wir kommen san, wir wissen selbst net wie, zu dene braven, edlen Leut nunter, die des Findelhaus baut hab'n. Da is g'sorgt dafür. Zu Seehansele, vor dem er niederkniet: Und oes Vater, oes gebt's mir jetzt, eh i weg geh in Kriag, Euern väterlichen Segen! Seehansele glotzt ihn blödsinnig an. Posthalter der oben rechts steht: Hast net g'hört? 'n Segen sollst eahm geben, dummer Kerl! Zitherspieler bricht ab. Götzensperger halblaut soufflierend: »Halt di heldenhaft«, sollst sagen, »fürs Kind is ja g'sorgt im Findelhaus«. Seehansele stutzt: Was? 's Findelhaus? Auf der Gregoriwiesen? Wo der Posthalter 's Hotel hinbaut? Bewegung unter den Zuschauern. Götzensperger halb zum Publikum: Der Kerl ruiniert mir 's ganze Stück. Posthalter wütend: Jetzt sagst dei' Roll' auf, oder i helf dir! Du verkommener Bauer! Seehansele fährt furchtbar zusammen: Was? Verkommener Bauer? Posthalter Jawohl! Seehansele wie aus dem Rausche aufgeweckt: I steck dir den verkommenen Bauern. Mir warn meine Schulden a zahlt worn... wenn mei' Frau a so an' reichen Liebhaber g'habt hätt'... als wie – laut brüllend – 'n Herrn Rettinger? Tumult im Saale. Alles rennt kreischend durcheinander. Schlag auf Schlag: Posthalter fährt auf Seehansele los: Was? Posthalterin läuft händeringend herum: O mein Gott, o mein Gott! Fr. Wanninger Wally! Wally! Geh her zu mir. Fr. Specht Hilf Himmel! was is das? Ich bitt Sie, ich bitt Sie! Rettinger Der elende Kerl! Hr. v. Beck Hinaus damit! Amtsrichter Unerhörter Skandal! Götzensperger von der Bühne laut schreiend: Ruhe, meine Herrschaften! Fr. Wanninger Des is was, des is was! Götzensperger Ruhe ist des Bürgers erste Pflicht. Posthalter reißt Seehansele die Treppe herab: Wart du! Amtsrichter tritt zu ihm und will ihm wehren: Herr Posthalter! Posthalter Herr Amtsrichter, ich bitt Sie, lassen S' 'n Gendarm kommen! Posthalterin stürzt weinend herbei: Jawohl, 'n Gendarm! Rettinger Der infame Lügner gehört ins Loch. Götzensperger ist von der Bühne herabgesprungen: Das ist ja ein elender Tropf. Posthalter Ein erbärmlicher Verleumder! Posthalterin Sperren S' 'n ein, Herr Amtsrichter, sperren S' 'n ein! Amtsrichter Bedaure, dazu hab ich vorerst kein Recht. Wieder sehr schnell: Posthalter Was? Sie werden aber doch... Rettinger So einen Lumpen strafen! Posthalterin Und 'm G'fängnis übergeben! Götzensperger Dem g'hört nix anders! Amtsrichter Lassen Sie mich los! Posthalterin Herr Amtsrichter! Posthalter Ich bitt Sie! Hies drängt sich gewaltsam von rechts durch den tobenden Ring mit einem großen Zettel in der Hand herein. Sehr erregt: Herr Posthalter, Herr Posthalter, der Zettel, der Zettel, hat da... da draußen an der Tür g'steckt! Posthalter Was willst denn du jetzt mit dem Zettel? Laß mi aus! Hies Ja, aber der Zettel... schauen S' 'n näher an, 's is ja a Habererzettel! Ein furchtbarer Schrei geht durch die Menge. Posthalter A Habererzettel, was? Amtsrichter Wo ist dein Habererzettel? Her damit! Hr. v. Beck hat Hies den Zettel entrissen und liest unter allgemeiner Spannung: Dem Posthalter Schlegel, seiner Frau und seinen edlen, getreuen Freunden, die so tapfer zu ihm halten... Zugleich: Rettinger Was! Amtsrichter Oho? Pfarrer Wie? Hr. v. Beck ... kurz der ganzen Sippschaft... Amtsrichter und Pfarrer schreien: Hören Sie auf! Hr. v. Beck ... wird hiermit für die nächsten Tage... das Haberfeldtreiben angekündigt. Alle schreien durcheinander: 's Haberfeldtreiben, 's Haberfeldtreiben! habt's g'hört? 's Haberfeldtreiben! Wally nach verrauschtem Tumult, so laut, daß ihre Frage um so drolliger klingt: Mama, was ist denn des, 's Haberfeldtreiben? Fr. Wanninger gibt ihr mit einem wütenden Blicke zu verstehen, sie solle still sein. Seehansele von dem todbleichen Posthalter wieder losgelassen, taumelt nach vorne: Was dös is?... hi, hi, hi... Was dös is?... dös werd' jetzt der Posthalter mit seiner Frau scho' sehgn! Unter allgemeiner Bewegung fallt der Vorhang sehr schnell. Ende des ersten Aktes Zweiter Akt Die gleiche Szenerie wie im ersten Akte. Der Vorhang der Bühne ist herabgelassen. Vor dem Podium, auf dem Saalboden liegen junge Tannen, ungeordnet durcheinander geworfen. Weitere Stämme lehnen links neben der Verandatür. Tische und Stühle sind besser geordnet. Die Fahne ist entfernt. Vorne rechts sitzen die Stammgäste, Assessor a. D. Knackberger und Premierleutnant a. D. Bernhuber. Sie rauchen in Holzspitzen bedächtig ihre Frühschoppenzigarren. Der Mohrenwirt sitzt bei ihnen. Jeder hat eine halbe Flasche Weißwein und ein volles Glas vor sich stehen. Nachdem der Vorhang sich erhoben hat, noch kleine Pause. Knackberger gewichtig: Ja, ja. Bernhuber in ganz anderem Tone wie Knackberger: Ja, ja! Knackberger So geht's! Bernhuber So geht's! Knackberger Ich hab's übrigens immer g'sagt, daß wir da noch einmal 'was erleben. Mohrenwirt immer eifrig und voll sichtlicher Freude über den Vorfall: Ja, ja! Bernhuber s' war vorauszusehen, Herr Assessor, 's war vorauszusehen. Mohrenwirt Es muß a schöner Skandal gewesen sein, was i so g'hört hab, a schöner Skandal! Bernhuber Dank mei'm Schöpfer, daß ich nicht dabei war. Mohrenwirt Ich auch, Herr Premierleutnant. Bernhuber Das heißt, ich hätt's ganz gern mit ang'schaut, aber man hätt mich net sehen dürfen dabei. Knackberger So was war noch nicht da die siebzehn Jahr, die wir hier in Pension leben. Bernhuber Beim frühern Posthalter war so was einfach unmöglich g'wesen. Knackberger Des war a ruhiger, alter Mann. Bernhuber Witwer seit dreißig Jahr. Knackberger Aber unter dem jetzigen Regiment da geht alles drüber und drunter. Bernhuber Die alten Stammgast werden nimmer estimiert, wie war's denn sonst möglich, daß man uns schon seit zwei Tag da 'reing'steckt hätt in den kalten Raum? Knackberger Wo's nach Tannen stinkt. Bernhuber Elf und dreiviertel Jahr verkehren wir hier schon, aber das hat's noch nie geb'n, daß man unser alte Gaststub'n g'weißt und neu ausg'malt hat, wegen so'm Fest. Mohrenwirt Es is eine Rücksichtslosigkeit ohnegleichen. Bernhuber Ach was! Knackberger Man kommt ja ganz aus seiner gewohnten Ruh und Ordnung. Mohrenwirt Wenn die Herren amal mir die Ehr' geben woll'n, i hab no so a gemütlich's, altdeutsch's Eckzimmer in mei'm Gasthaus, den besten Wein – i tat ja alles, um Sie zufriedenzustellen. Bernhuber Ja, Herr Moosreiner, wir werden zu Ihnen kommen, denn hier... Knackberger Tut's nimmer länger gut. Die linke Flügeltüre wird nach beiden Seiten heftig aufgestoßen. Minna, Flora und Hulda stürzen unter lautem Gelächter herein. Sie haben Hüte auf und Schirme in den Händen. Als sie die Stammgäste erblicken, kichern sie und stoßen sich gegenseitig an. Die alten Herren blicken ärgerlich um. Hulda knicksend: Habe die Ehre, recht guten Tag zu wünschen, meine Herren! Bernhuber Sie! Sind S' so freundlich und machen S' die Tür wieder zu, wenn S' da 'rein kommen, gelt? Flora Können die Herren kein'n Zug vertragen? Minna So schöne, stattliche Herren! Alle drei lachen. Knackberger sehr ärgerlich: Haben die Damen nicht g'hört, was der Herr Premierleutnant g'sagt hat? Hulda Der Herr Premierleutnant! Wo is der Herr Premierleutnant? Des is der Herr Premierleutnant? Ha, ha, ha, ha! Minna! Gelt? Da schaut unser Premierleutnant scho anders aus? Bernhuber pustet wütend Rauch von sich. Minna Jawohl, wenn er a bloß bei'm Infanterieregiment in München steht. Hulda Aber dafür beim Garde-Infanterieregiment! Minna Der is schon lustiger, wie die Herrn. Hulda Und etwas höflicher. Bernhuber aufspringend: Machen Sie jetzt die Tür zu oder nicht? Flora Oh, wir machen s' gleich von außen zu, Herr... Herr Premierleutnant. Alle drei eilen lachend zur Verandatüre. Hulda Na, das is a netts Dorf, Flora, ha? Sie begegnen im Hinausgehen Frau Wanninger und Frau Specht, die ihnen mit Zeichen des Absehens hastig ausweichen. Die Eintretenden tragen Hut und Straßentoilette. Mohrenwirt erhebt sich und schließt die linke Türe. Bernhuber ganz außer sich: Ja, was sind denn das für Weibsbilder? Fr. Specht eilig: Choristinnen sind's, ganz gemeine Choristinnen aus München. Guten Morgen übrigens, Herr Premierleutnant! Bernhuber Guten Morgen. So eine Gemeinheit war ja noch gar nicht da! Fr. Specht Net wahr? Ist es net haarsträubend, was man seit gestern abend in dem Haus erlebt hat? Fr. Wanninger Sie wissen doch hoffentlich schon alles? Fr. Specht Jetzt kann man ja reden drüber. Fr. Wanninger sieht sich um: Freilich, 's is ja kei' jungs Mädel da. Knackberger Uns hat der Herr Moosreiner die ganze Geschichte aufs genaueste hinterbracht. Mohrenwirt I bin eben eigens herkommen, um's den Herrn zu erzählen, denn sonst hätt' mi kei Mensch mehr da rein 'bracht in das Haus. Fr. Specht Ja, gelt? Sie hat ja der Posthalter gestern so unverschämt behandelt? Mohrenwirt Des kriegt er scho no! Fr. Specht Der hat alle Ursach, still zu sein auf den Skandal hin. Fr. Wanninger Nein, was war des! Und ich hab' mei Kind dabei g'habt. Fr. Specht Man muß sich ja vor alle Leut' schämen. Fr. Wanninger Am besten ist's, wir schauen, daß wir bald 'nauskommen. Bernhuber Das ist das wahre. Genau so machen wir's auch, denn mit solchen Existenzen, wie mit dem Herrn Posthalter und seinen saubern Stadtfreunden kann ein alter Soldat nicht mehr verkehren. Fr. Specht Freilich net, man muß der G'sellschaft zeigen, was anständige Leute von ihr halten. I bitt Sie, so ein Mensch, wie der Rettinger! Knackberger Der Millionenprotz! Bernhuber Das ist so ein echtes Münchener Früchtel. Fr. Specht Ja, was der sich aber einbilden soll darauf, daß er Millionär und Reserveleutnant ist? Bernhuber Auf den Reserveleutnant braucht er sich gar nichts einzubilden, denn seine Wahl zeigt nur, was heutzutage beim Militär für Verhältnisse eingerissen sind. Knackberger Ja, ja! Bernhuber Unser Militär ist schlaff und hat keine Disziplin mehr, wie zu meiner Zeit. Knackberger 's is mit der Justiz ganz genau so, alles geht zurück. Fr. Wanninger Es wird überhaupt vieles so ganz anders gegen früher, man müßt oft an der Welt rein verzweifeln. Fr. Specht Wenn man so was erlebt, wie gestern abend, da möcht man schon sagen, es gibt kei Moral mehr. Bernhuber Und dabei diese Heuchelei, diese angebliche Wohlanständigkeit von der Posthalterin. Fr. Specht Gelten S', das auch noch? Nein, aber gestern war's damit schon aus, mit der Wohlanständigkeit, denn wir hab'n die Leut gründlich durchschaut. Der Herr Pfarrer und der Herr Amtsrichter sind gleich nachher auf und davon gegangen. Mohrenwirt Des is recht, des is recht. Fr. Wanninger die Hände verkrampfend und nach oben blickend: Wenn man nur g'rad eine Ahnung g'habt hätt, eine Ahnung, wenn man nur g'habt hätt, mit wem man da umgeht. Fr. Specht Die Schwester vom Herrn Pfarrer hat zwar einmal so eine dunkle Andeutung fallen lassen. Fr. Wanninger O mein Gott, des war auch net warm und net kalt, darauf hin hätt man doch kein' Verkehr abbrechen können. Knackberger kopfschüttelnd: Nein, wir hab'n schon nicht die leiseste Ahnung g'habt. Fr. Specht Nicht die leiseste. Fr. Wanninger Wie hätt ich's denn sonst erlauben können, daß meine Tochter den Rettinger kennenlernt. Fr. Specht Und wie ihr der glei 'n Hof g'macht hat! Knackberger Der möcht' sie am End' gar heiraten? Fr. Wanninger Oh, was glauben S' denn, Herr Assessor? So einem Menschen tat ich doch meine Tochter net anvertrauen, des war ja eine Sünd'. Fr. Specht Wenn ma sei Kind in solche Verhältnis brächt', in solche Verhältnis! Ja, man darf sich nur wundern, wie wir eigentlich selber als ehrbare Menschen da 'neinkommen sind. Fr. Wanninger No, um so schneller machen wir, daß wir wieder 'nauskommen. Fr. Specht Ich glaub's. Ja, ich versichere Sie, wenn ich net bis übermorgen mein Zimmer behalten müßt, weil ich so lang eing'mietet hab', ich tät' auf der Stell' reisen. Fr. Wanninger Denken S', ich muß deswegen sogar noch vier Tag bleiben. Man kann das Geld doch net verschenken! Bernhuber Solchen Leuten darf man überhaupt nie was schenken. Foitenleitner und Nusser kommen durch die Verandatür. Knackberger Ah, da kommt ja der Herr Bürgermeister! Foitenleitner und Nusser treten grüßend an den Tisch. Rosl folgt ihnen mit zwei halben Flaschen Weißwein und zwei Gläsern, die sie auf den Tisch setzt. Bernhuber No, Sie kommen doch noch, wie alle Tag, zum Frühschoppen daher? Foitenleitner sehr freundlich: Warum denn net? die Herren sind ja auch da? Knackberger Wir haben noch nichts gewußt, als wir 'reingegangen sind. Bernhuber Nein, uns hat der Herr Moosreiner erst hier von dem Skandal erzählt. Fr. Specht Was sagen S' denn dazu, Herr Bürgermeister? Rosl durch die Verandatür wieder ab. Foitenleitner Zu was denn? Knackberger No, zu der G'schicht von gestern abend? Fr. Wanninger Sie werden 's doch wissen! Bernhuber Zu dem Skandal mit dem Seehansele. Foitenleitner lächelnd: Oh, mei, der Seehansele! Nusser Wenn man auf den hören wollt'. Allgemeines Erstaunen. Knackberger Wa–s? Wissen Sie denn, was er g'sagt hat? Nusser Verehrtester Herr Assessor! dieser Mensch schwatzt so viel zusammen in seiner Verbissenheit. Foitenleitner Und in seiner B'soffenheit. Nusser Daß er nicht ernst zu nehmen ist. Kleine Pause. Fr. Specht stößt Fr. Wanninger an. Bernhuber räuspert sich laut. Knackberger So? So? Bernhuber Da hört man halt auch einmal eine andere Ansicht. Fr. Specht Allerdings! Nusser Aber ich begreife die Herrschaften nicht. Ein Mensch, wie der Seehansele! Mohrenwirt gereizt: Der tut eigentlich gar nix zur Sach. Nusser Ja, um was handelt es sich denn dann? Bernhuber Um das, was jetzt die allgemeine Moral spricht. Foitenleitner halb pfiffig: Die Moral? Bernhuber Jawohl, die Moral. Fr. Specht zu Nusser: Wären Sie nur gestern abend dabei g'wesen, Herr... Herr..., ich weiß net, wie muß man sagen? Herr Hoflieferant. Nusser Dabei war ich nicht. Knackberger Dann dürfen Sie auch gar nicht urteilen! Nusser Waren denn Sie dabei, Herr Assessor? Knackberger ärgerlich: Nein, aber ich richt' mich stets danach, was die öffentliche Meinung sagt. Nusser Was sagt denn die? Fr. Specht Fragen Sie den Herrn Pfarrer und den Herrn Amtsrichter! Knackberger Merken Sie was? Die sind heut schon nicht mehr zum Frühschoppen 'kommen. Foitenleitner immer vorsichtig und freundlich: Aber die zwei Herrn sind ja mit'm Herrn Posthalter aufs beste befreundet gewesen bis jetzt. Bernhuber Eben, bis jetzt. Fr. Wanninger Wo man halt noch nix g'wußt hat. Foitenleitner Was hat man denn bis jetzt noch net gewußt? Alle mit Ausnahme von Nusser im Tone größten Erstaunens: Aber, Herr Bürgermeister! Herr Bürgermeister! Foitenleitner wieder lächelnd: 's tut mir leid, aber ich hab net mehr und net weniger g'wußt, wie die Herrschaften auch. Alle machen abwehrende Bewegungen. Fr. Specht Bitte, wir haben gar nix g'wußt. Fr. Wanninger Gar nix. Knackberger Absolut nix. Foitenleitner schlau: Schauen S', mehr hab i eben auch net g'wußt. Allgemeine Bewegung. Nusser Also bleibt alles beim alten. Mohrenwirt giftig: Und 's Gemeindekollegium verkauft ganz kalt die Gregoriwiesen an 'n Herrn Posthalter? Gelt? Bernhuber Imstand wär's dazu, das Kollegium. Mohrenwirt Und ob! Gelt i hab recht, Herr Hoflieferant, jetzt gestehen Sie 's selber ein? Nusser Wenn Sie sich nur noch etwas gedulden, Herr Moosreiner, werden Sie es genau erfahren. Knackberger Aber Sie können doch nicht im Ernst glauben, daß sich der Posthalter noch hier ankaufen will? Foitenleitner lächelnd: Vielleicht ebba gar weg'm Seehansele? Knackberger Ja, redet man denn hier rein in den Wind? Mohrenwirt sehr bissig: Der Herr Foitenleitner is halt net nur Bürgermeister, sondern auch Maurermeister. Foitenleitner ganz ruhig: Was moant's damit? Mohrenwirt grimmig lachend: Nix weiter als wie: es gibt aber ganz einträgliche Akkordarbeit auf der Gregoriwiesen! Mehr sag i net. Fr. Specht Hm! Bernhuber Hm, hm! Mohrenwirt Und der Herr Hoflieferant der steht sich auch besser, wenn amal in der Näh wo a Schweizerhotel auf' r gewissen Wies'n steht, da werd hernach viel mehr Wein und Kaffee bezogen. Nusser der nie seine Ruhe verliert: Herr Moosreiner, Ihre Worte treffen uns nicht, wir wissen, warum Sie so reden. Foitenleitner Die bewußten, sauern Trauben! Mohrenwirt wütend: I red so, weil i no a Ehrg'fühl im Leib hab und weil i mi schäm für die ganze Gemeinde. Nusser Oho! Mohrenwirt Jawohl, oho! Is das vielleicht net a Schand, wenn Sie unter solche Umständ die Gregoriwiesen wegschmeißen, und wenn der Findelhausverein den Posthalter und sei Frau heut abend bei der Fahnenweih' zu Ehrenmitgliedern ernennen will? Bernhuber Zu Ehrenmitgliedern? Fr. Specht und Fr. Wanninger Ah, ah, ah, ah, ah! Knackberger Nicht übel! Nusser Ich fürchte, die Herrschaften regen sich wirklich unnötig auf. Fr. Specht Finden Sie? Bernhuber Nun, jedenfalls danken wir für so ein Fest! Fr. Specht Wir halten uns hübsch fern. Nusser Aber, ich verstehe Sie ebensowenig, wie der Herr Bürgermeister. Gestern noch hätten Sie das Fest ganz vergnügt mitgefeiert. Fr. Wanninger Ja, gestern! Fr. Specht Aber heut! Knackberger Das is ein großer Unterschied. Nusser Ja, was is denn seit gestern geschehen? Fr. Specht Öffentlich is alles! Nusser Wenn Sie aber sagen, daß Sie nur die Öffentlichkeit geniert, dann haben Sie doch alle schon von der Sache gewußt! Alle Bürgermeister ausgenommen, schreien ganz entsetzt: Ah, ah, ah, ah,! Fr. Wanninger Herr Hoflieferant, wir müssen 's uns fein verbitten, daß wir vorher schon was g'wußt haben soll'n, wir haben... Fr. Specht stößt sie an: Pst! Frau Rentbeamte, schauen S' Ihnen um. Da is ja der Mensch mit Ihrer Tochter! Wally ist von links in den Saal getreten. Rettinger geht neben ihr, eifrig in sie hineinredend. Wally lacht dumm. Fr. Wanninger rückt unruhig auf ihrem Stuhle hin und her und macht ein Gesicht, aus dem man nicht sehen kann, ob sie sich wirklich ärgert. Rettinger Den ersten Walzer müssen sie ja noch frei haben, Fräulein Wally. Wally lacht wieder unbeholfen. Fr. Specht Der nennt sie schon Wally! Knackberger Sehr gut! Rettinger Und auf die erste Franchise da reflektiere ich auch. Wally Aber ich weiß ja gar net... Rettinger Oh, Sie müssen mir die Tänze geben! Fr. Specht mit starker Betonung: Es scheint, d' Frau Rentbeamte sieht den Verkehr gar net ungern. Fr. Wanninger die immer unentschlossen dasaß: Wally! Komm' her zu mir! Rettinger kommt mit Wally nach vorn: Die Damen verzeihen, aber wir hatten wichtige Verabredungen für heut abend. Fr. Specht Möchten vielleicht aber doch umsonst sein, diese Verabredungen, denn das Fräulein darf das Fest nicht besuchen, soviel ich wenigstens bis jetzt weiß, net wahr, Frau Rentbeamte? Rettinger beißt sich auf die Lippen. Fr. Wanninger Nein, meine Tochter kann leider nicht kommen. Bernhuber Leider? Fr. Wanninger ärgerlich: Nun ja, sie kann halt net kommen. Fr. Specht aufsehend: Es halt uns hier so nix mehr, also können wir gehen, net wahr, Frau Rentbeamte? Fr. Wanninger erhebt sich gleichfalls. Bernhuber Wir schließen uns den Damen gleich an. Knackberger Wüßt net, was wir noch hier zu suchen hätten. Mohrenwirt Da bin ich so frei und geh a mit. Ich such'n Herrn Pfarrer auf und will schauen, ob er auf gestern hin noch grad so denkt, wie die Herrn da. Er deutet auf Nusser und Foitenleitner. Nusser Tun Sie das, Herr Moosreiner! Bernhuber Zahlen können wir draußen. Also viel Vergnügen für heut abend, Herr Bürgermeister! Knackberger Recht gute Unterhaltung, Herr Hoflieferant! Nusser sehr fest: Danke bestens! Fr. Specht zu Foitenleitner und Nusser: Habe die Ehre! Wally Mama! Warum müssen wir denn schon wieder fort? Fr. Wanninger unwillig: Weil wir halt wieder fort müssen! Fr. Specht So a jungs Mädl braucht net immer alles z' wissen. Alle ab nach rechts, bis auf Rettinger, Nusser und Foitenleitner. Rettinger hat dieser ganzen Szene mit schlecht verhaltener Wut und Verlegenheit beigewohnt, jetzt platzt er im gewöhnlichsten Tone los: Da soll aber do' scho' glei'... Möcht' nur wissen, was der Bagage einfallt? Nusser Regen Sie sich weiter nicht auf, Herr Rettinger! Rettinger Ums Geld ist einem die ganze, hungrige Gesellschaft neidig. Foitenleitner Das is 's, und die G'schicht mit 'm Seehansele fahrt ihna halt a a bissel in die Köpf 'rum. Rettinger So? Sonst nichts mehr? Also, wenn ein gemeiner Lump sich in einer anständigen G'sellschaft so vollsauft, daß er nimmer stehen kann, und wenn mir derselbe Kerl die erbärmlichen Verleumdungen ins G'sicht sagt, nachher glaubt man dem ohne weiters und schaut mich über die Achsel an? Nusser Nicht alle Leut tun das, Herr Rettinger. Foitenleitner Wir zum Beispiel glei net! Rettinger setzt sich zu den beiden: Von Ihnen bin ich ja überzeugt, aber – er deutet zur rechten Türe – die da und der Pfarrer, der Amtsrichter? Nusser deutet gleichfalls auf die Türe: Was die betrifft, so müssen Sie nichts auf solche Leute geben, die haben ja hier nichts mitzureden, und der Herr Pfarrer... Foitenleitner Der steht zu uns. Rettinger Meinen Sie? Nusser Gewiß! Sie hätten nur hören sollen, wie warm er uns den Verkauf der Gregoriwiese an den Posthalter empfohlen hat. Foitenleitner Na, na, es is schon alles in bester Ordnung. Geheimnisvoll lächelnd: I trag da herin – er deutet auf die Brust – außerdem was 'rum, was i no net sehen laß, aber 's is was Erfreulich's, Herr Rettinger! Nusser Pst! Herr Bürgermeister! Rettinger schnell: Wohl die Zuschlagsurkunde? Foitenleitner Derf s no net sagen, aber... Rettinger lachend: Nun, dann bin i schon beruhigt. Leiser: 's is ja auch Ihr Vorteil, Herr Bürgermeister, wenn alles glückt, denn Sie bekommen die Bauten da unten. Foitenleitner Oh, deswegen! Nusser Uns ist es d'rum zu tun, daß Sie immer hier bleiben. Rettinger wichtig: Allerdings, gestern abend da hab' ich mir schon überlegt, ob's net vielleicht besser wär', ich tät hier alles liegen und stehen lassen. Nusser Oh, das wäre ja furchtbar für uns. Foitenleitner Na, na, Herr Rettinger, schenken S' uns auch ferner das Vertrauen, wir wissen ja doch, daß Sie allein alles zu bestimmen haben. Nusser Und daß Sie sozusagen die Seele des ganzen Unternehmens sind. Rettinger geschmeichelt: Noja. Aber, wenn so was passiert und alles laßt einen gleich im Stich, wenn gar von 'm Haberfeldtreiben gesprochen wird? Foitenleitner O mei, das Haberfeldtreiben! Rettinger Glauben Sie nicht, daß man da einen Exzeß befürchten muß? Nusser Warum nicht gar! Foitenleitner lachend: 'n Exzeß! Nusser Skandal möchten die Kerle eben wieder einmal vor den Häusern friedliebender Menschen veranstalten. Foitenleitner Und dabei a Sündenregister ablesen! Nusser höhnisch: Weil sie selbst so moralisch sind! Rettinger Solche Halunken! Foitenleitner Aber da paßt ja kei' Mensch d'rauf auf. Nusser Keine Seele! Rettinger Sie haben gar keine Idee, wer das gewesen sein kann, der gestern abend den Habererzettel an die Tür g'nagelt hat? Foitenleitner Wer wird 's g'wesen sein? A verkommener Lump jedenfalls. Nusser Eines von jenen Subjekten, denen nichts heilig ist auf der Welt. Foitenleitner Und des san unsere Haberfeldtreiber! Nusser Die Herren Sittenrichter! Götzensperger steckt den Kopf durch die Verandatür: Nur hereinspaziert, meine Damen, die Luft ist jetzt sauber! Hulda, Flora, Minna eilen herein, Herr v. Beck folgt ihnen langsam nach. Hulda So lassen wir 's uns eingehen! Der Herr Rettinger, des is wenigstens a galanter Herr. Flora Der wirft ein'n doch net naus, wie die z'widern Grantlhauer. Götzensperger sehr laut zu Rettinger: Laß dir sagen: Die alten Knackstiefeln, die z'erst da war'n, die haben unsere Damen aufs tödlichste beleidigt. Rettinger Das auch noch? Oh, das sind liebe Kerln. Hulda Ja, des is 's richtige Wort! Herr Rettinger, Sie g'fall'n mir! Flora , Minna Mir auch, mir auch, mir auch! Rettinger hebt Flora bei den Hüften in die Höhe, daß sie schreit: La, la, la, la, la. Er dreht Flora, einen Walzer singend, dreimal um sich herum, und wirft sie ziemlich unsanft auf einen Stuhl links. Götzensperger der dazu laut juchzte: A Mordskerl is halt der Rettinger; am Gang draußen poussiert er d' Fräulein Wally, da herin d' Flora, und ganz im geheimen – er nähert sich Rettinger vertraulich – d' Frau Posthalterin! Die drei Choristinnen lachen laut. Rettinger lachend: Pssst! Götzensperger Is scho recht! Rettinger zu den Choristinnen: Warum lacht's denn so? Hulda pfiffig: Weil wir g'hört haben, was er g'sagt hat? Rettinger lachend: Gar nix habt ihr g'hört! Flora Etsch! Soll ich 's sagen, was er g'sagt hat? Rettinger Ja! Flora Des hat er g'sagt, warum Ihnen Haberfeld trieben wird! Ha, ha! Alle lachen, auch die Leute am rechten Tisch. Rettinger ganz wütend: Hört auf mit der verfluchten Dummheit! Hulda Aber, Herr Rettinger! Hr. v. Beck der sich zu Foitenleitner und Nusser gesetzt hat: Geh, alter Freund! Foitenleitner Lachen S' doch mit, Herr Rettinger! Nusser Über die Haberfeldtreiber! Rettinger Ich will amal nix wissen davon! Hr. v. Beck Ach was! Götzensperger Das war ja net so g'meint, glaubst am End, wir halten was von die Haberfeldtreiber? Hr. v. Beck Heut abend lachen wir sie alle aus, bei Hofbräuhausbier und Champagner. Götzensperger Und wer net kommt, der bleibt weg. Nusser Das is das Wahre. Götzensperger zu Rettinger: Jetzt bist wieder vernünfti und denkst an was anders. Mir fallt so grad was ein! I hab mei' Portemonnaie in München drin liegenlassen. Alle lachen. Hulda Au weh, Herr Rettinger! Flora Jetzt heißt's wieder zahlen. Hr. v. Beck kopfschüttelnd, leise und ärgerlich zu Nusser: Das ist unfein von dem Herrn Götzensperger. Rettinger die Börse ziehend: Wieviel brauchst denn desmal? Götzensperger Gib mir halt dreißig Mark, des is a runder Betrag. Rettinger sehr gnädig und wegwerfend: Da! Weil ich wieder gut aufg'legt bin. Flora , Minna und Hulda umringen ihn lachend und hüpfend, schreien durcheinander: Mir auch was, mir auch was! Mir auch was, Herr Rettinger! Rettinger Jawohl! Ihr wärt's die reinsten Raubvögel. Hr. v. Beck ist aufgestanden: Pfui, Kinder! das paßt sich nicht. Hulda Was? Herr von Beck? Minna Gehen S', Sie Wüster! Sie! Hr. v. Beck Ich finde so etwas unpassend, hier im öffentlichen Lokal! Flora Unpassend? Wie? Hr. v. Beck scharf: Unpassend, durchaus unpassend! Götzensperger höhnisch: Jeee, der Herr von Beck! Hulda Der gestrenge Herr! Götzensperger mit Bezug: Sie finden 's Pumpen an 'm anderen Ort wohl feiner? Rettinger lacht laut. Hr. v. Beck gereizt: Pardon! Götzensperger No, tun's nur net so, der Rettinger wird scho' wissen, wo 's Ihnen besser paßt. Die Choristinnen lachen. Rettinger lacht ebenfalls. Hr. v. Beck Herr Aktuar! Rettinger lachend: Laßt 's jetzt gut sein! Flora Jawohl! Reden wir von was anderm. Hulda Der Herr Rettinger soll wenigstens a Flaschen Sekt zahlen, wenn er kein Geld hergeben mag. Flora und Minna Ja, a Flaschen Sekt. Hulda So was wird sogar der Herr von Beck fein finden! Allgemeines Gelächter. Rettinger Nix zahl i. Hulda Ach, warten S'. Sie sind schofel. Pfarrer und Amtsrichter erscheinen unter der Verandatür, gleich hinter ihnen kommt mit glückstrahlendem Gesicht der Mohrenwirt . Hulda erblickt sie: Halt! I krieg schon'n Sekt! Da kommt ja mein Amtsrichter, der zahlt ein'. Minna Jawohl! Flora Des is a nobler Mann! Alle drei eilen lachend zum Eingang: Guten Morgen, Herr Amtsrichter, guten Morgen, Hochwürden! Hulda Herr Amtsrichter, retten Sie die Ehre Ihres Geschlechtes! Flora Und zahlen S' a Flaschen Champagner! Amtsrichter s ehr steif und etwas verlegen: Verschonen Sie mich mit solchen Scherzen! Pfarrer Lassen Sie uns gehen! Hulda Aber pfui! Gestern da waren S' noch so g'schmach. Flora Und heut will er nix mehr davon wissen. Minna mit drohender Geste: Warten S', wir sind Ihnen alle recht beees! Amtsrichter blickt wütend um sich und kommt mit dem Pfarrer nach vorne. Foitenleitner und Nusser erheben sich. Mohrenwirt kommt mit triumphierendem Gesichte nach vorne und mißt die beiden, weil er nicht beachtet wird. Rettinger nicht ohne Bezug: Guten Tag, Herr Amtsrichter, guten Tag, Hochwürden. Pfarrer nickt leicht. Amtsrichter sehr kühl: Guten Tag! Unsicher fortfahrend und umherblickend, als spräche er eigentlich nur für sich: Der Herr Pfarrer und ich suchen den Posthalter. Ist er zu Haus? Rettinger sehr erregt ob der Art des Amtsrichters, den er immer fixiert: Bedaure. Ich weiß nicht, aber ich werde nachsehen. Wenn ich ihn finde, schicke ich ihn her. Amtsrichter Bitte! Er schiebt sich einen Stuhl am rechten Tische zurecht. Rettinger halb zur linken Türe gewandt, wieder mit starker Betonung: Guten Tag, Herr Amtsrichter! Amtsrichter sieht sich nicht mehr um. Rettinger Guten Tag, Herr Amtsrichter! Amtsrichter alles überhörend zum Pfarrer: Dann warten wir also hier? Pfarrer Ja! Es ist mir ohnehin lieb – er wendet sich zum Tische rechts – den Herrn Bürgermeister und 'n Nusser noch sprechen zu können. Rettinger, der sich ganz unbeachtet merkt, zerrt Beck am Arm heftig zu sich und spricht beim Abgehen durch die linke Türe zu ihm, während er noch einmal sehr gereizt nach dem Amtsrichter blickt. Die Choristinnen haben sich während des Vorganges nach rückwärts zur Verandatür verzogen und sammeln sich um Götzensperger, der ihnen bedeutet, still zu sein und ihm zu folgen. Noch unter der Türe platzen sie, die nur mühsam an sich gehalten haben, heraus und stürmen lachend davon. Götzensperger folgt ihnen. Amtsrichter der mit dem Pfarrer am rechten Tische Platz genommen hat, dreht sich halb nach der Verandatür um: Unverschämtes Volk! Mohrenwirt setzt sich in sehr bescheidener Stellung auch an den Tisch. Seine Freude bei der nachfolgenden Szene kann er schwer verbergen. Pfarrer Müssen sich nicht weiter ärgern, Herr Amtsrichter. Lassen S' die Gesellschaft laufen! Amtsrichter Nun, sie war die längste Zeit hier. Pfarrer Hoffen wir's! Er wendet sich mit festem Entschluß an die beiden anderen: Also, meine Herren; was ich Ihnen sagen wollt... Foitenleitner sehr aufmerksam: ja, Herr Pfarrer? Pfarrer Ich will gleich direkt aufs Ziel losgehen. Nusser Wir sind ganz Ohr. Pfarrer Ist es Tatsache, daß der Verkauf der Gregoriwiese bereits festbeschlossene Sache ist? Foitenleitner und Nusser sehen sich überrascht an. Mohrenwirt lächelt sie boshaft an. Foitenleitner streift den Mohrenwirt mit einem flüchtigen Blick: Ja, Herr Pfarrer, kann man darüber hier reden? Pfarrer Ganz offen! Es ist mir sogar lieb, daß der Herr Moosreiner dabei ist, dann sieht er um so eher, daß es zwischen Ihnen und mir absolut keine Heimlichkeiten gibt. Foitenleitner Ja, dann muß ich aber schon 'n hochwürdigen Herrn Pfarrer daran erinnern, daß er uns doch selber gerat'n hat, die Gregoriwiesen an 'n Posthalter zu vergeben. Pfarrer Ich hab' Ihnen nichts geraten, Herr Bürgermeister, ich habe nur... Nusser erstaunt: Aber Hochwürden! Kleine Verlegenheitspause. Amtsrichter Der Herr Pfarrer hat nur eine Meinung geäußert. Pfarrer Ganz richtig! In Anbetracht der beabsichtigt gewesenen Findelhausstiftung habe ich Ihnen, ich weiß nicht, wie soll ich sagen? Nusser Nahegelegt. Pfarrer Nein, das ist nicht das treffende Wort, ich hab' Ihnen nur, – sehr ungeduldig – no ja, es ist ja übrigens ganz gleichgültig, was da zuerst besprochen worden is. Ich möcht Ihnen heut nur sagen, Sie sollen sich den Verkauf von den Gregoriwiesen noch einmal reichlich überlegen. Foitenleitner ganz perplex: Ja, is des 'm Herrn Pfarrer wirkli Ernst? Pfarrer Glauben Sie, mir is besonders g'spaßig zumute? Mir ist es sogar voller Ernst. Nusser der sich gleichfalls kaum fassen kann: Aber so ein Wort in letzter Stunde, es ist ja unmöglich, noch was zu ändern. Foitenleitner I trag bei mir in der Taschen schon die Zuschlagsurkunden. Nusser Die dem Posthalter heut abend feierlich überreicht werden soll. Pfarrer Tut mir leid, ich muß Ihnen trotzdem sagen, daß ich den Verkauf nicht für passend erachte. Nusser Aber warum denn nur das? Pfarrer Weil Sie sich damit eine schwere Verantwortung aufladen. Amtsrichter Sogar eine sehr schwere. Mohrenwirt nickt lebhaft. Nusser Wieso nur, Hochwürden? Amtsrichter etwas leise, leichthin, in vorwurfsvollem Tone: Wie können Sie denn nur so fragen nach den gestrigen Vorkommnissen? Nusser Aber die Herren müssen gütigst bedenken, daß ich diese plötzliche Sinnesänderung... Pfarrer Herr Nusser! Nusser Oder was es ist! Es wirft mit einem Schlage ja alles über den Haufen. Amtsrichter Wenn Sie selbst nicht fühlen, was hier das rechte ist... Pfarrer Dann tun Sie uns leid. Nusser Aber... ich verstehe halt noch gar nicht... Pfarrer Es scheint mir eben, daß hier Sonderinteressen im Spiele sind. Amtsrichter Die werden Sie aber doch nicht über das Wohl der Gemeinde stellen? Pfarrer Das will ich nicht hoffen. Mohrenwirt reibt sich heimlich die Hände und blinzelt zu den Gemaßregelten hinüber. Pause. Nusser gekränkt: Von Sonderinteressen ist hier keine Rede, ich bitte zu glauben, daß auch uns das Wohl der Gemeinde am Herzen liegt. Pfarrer So geben Sie jetzt den Beweis dafür! Amtsrichter Dann wird man Ihnen glauben. Peinliche Pause. Mohrenwirt blickt schadenfroh auf die beiden. Nusser und Foitenleitner sehen sich an. Nusser Ich muß noch einmal fragen, warum darf denn die Wiese absolut nicht verkauft werden, es soll ja doch das stattliche Findelhaus... Pfarrer Oh, von dem wollen wir nicht mehr reden. Im übrigen können Sie die Wiese meinetwegen verkaufen, an wen Sie wollen, falls Ihnen was Besonderes dran liegt, nur muß ich Ihnen vom Posthalter noch einmal und zwar ganz entschieden abraten. Foitenleitner kratzt sich am Kopfe: Was tuat ma jetzt? Pfarrer Einfach den Gemeindebeschluß ändern! Nusser Wenn das nur so leicht geht! Pfarrer Es geht alles, wenn man will. Nusser Ich fasse es noch nicht. Pfarrer steht auf: Wir haben Ihnen jetzt unsere Ansicht gesagt und Sie können tun, was Ihnen paßt. Aber darauf mach ich Sie aufmerksam: Für alle Folgen sind Sie allein haftbar und zwar in erster Linie für den Frieden und die Moral unserer Gemeinde. In kurz bemessenem Raum umhergehend. Jetzt will ich Sie nicht mehr aufhalten, denn wenn Sie mir folgen wollen, werden Sie handeln müssen. Und fürchten Sie wirklich so für Ihre Interessen und wollen durchaus den Platz verkaufen, dann reden Sie doch mit dem Mohrenwirt! Soviel ich durch den erfahren habe, gibt's auch noch andere Leute, die auf die Gregoriwiesen reflektieren. Er bemerkt den Posthalter und die Posthalterin, die von links eintreten, und wendet sich nochmals zu Foitenleitner und Nusser, die ganz verdutzt dasitzen. Also, guten Tag, meine Herren, ich hab' jetzt noch was zu erledigen! Guten Tag, Herr Posthalter. Foitenleitner und Nusser erheben sich langsam. Mohrenwirt drängt sich an ihre Seite und geleitet sie heftig gestikulierend zur Verandatür hinaus. Posthalter zu Pfarrer und Amtsrichter: Habe die Ehre, meine Herren! Pfarrer nachdem er kurz, aber nicht verletzend zur Posthalterin hinübergenickt hat: Können wir Sie vielleicht einen Augenblick allein sprechen, Herr Posthalter? Posthalter sehr zuvorkommend: Wie Sie wünschen, Herr Pfarrer. Zu seiner Frau: Geh' nur derweil. Posthalterin entfernt sich wieder mit ängstlichem Blick auf das Trio durch die linke Türe. Posthalter Darf ich den Herren einen Stuhl anbieten? Pfarrer Nein, nein, bemühen Sie sich nicht! Es handelt sich ja nur um ein paar Worte. Posthalter Wegen heut abend vielleicht? Pfarrer mit Betonung: Nein, wegen gestern abend. Posthalter Oh, Sie können sich denken, wie furchtbar unangenehm... Pfarrer schnell einfallend: Das kann ich mir sogar sehr gut denken, und eben deswegen möcht ich Ihnen einen Rat geben, der Ihnen jedenfalls einleuchten wird. Posthalter Sehr dankbar, Hochwürden! Pfarrer etwas reserviert, aber immer mit dem Anflug von Jovialität und Behäbigkeit, der ihn nie ganz verläßt: Überlegen Sie sich das mit der Fahnenweihe und dem Findelhaus doch noch einmal! Posthalter schaut ihn an, als hätte er einen Schlag bekommen. Pfarrer Sehen Sie, ich würd' an Ihrer Stelle die Feier, ich will nicht sagen, ganz aufgeben, – aber vorerst mal lang, recht lang verschieben. Sie verstehen mich, was ich meine? Posthalter Nein, Hochwürden, ich versteh' Sie net. Pfarrer etwas gereizt: Dann tut's mir recht leid. Posthalter Aber wie soll ich denn die Feier verschieben? Ich stift' doch das Findelhaus! Morgen soll die Grundsteinlegung stattfinden, heut' abend die Fahnenweih' – Pfarrer Versteifen Sie sich unter den obwaltenden Umständen nicht so auf das Fest, Herr Posthalter! Amtsrichter Glauben Sie uns, es ist besser. Posthalter Aber, ich kann ja nimmer z'rück, ich hab ja das Findelhaus fest versprochen, die Gemeinde verkauft mir den Platz... Pfarrer Bitte, lassen wir einmal den Verkauf! Hören Sie nochmals meinen Rat an und verschieben Sie das Fest. Posthalter Aber, Sie können mir so was ja net im Ernst zumuten, ich werd doch wegen 'm Seehansele... Pfarrer Der kommt ja gar nicht in Betracht. Posthalter Oder das, was er g'logen hat, der elende Kerl, der... Pfarrer Herr Posthalter, über die peinliche Affäre, die Ihre Familie betrifft, wollen wir lieber nicht reden! Ich bin, wie gesagt, nur gekommen, Ihnen zu sagen, Sie sollen das Fest fallen lassen, wenigstens vorerst. Amtsrichter Und ich habe den Herrn Pfarrer begleitet, um Sie dringend zu bitten, daß ein ähnlicher Vorfall künftig im Interesse der öffentlichen Ordnung bei uns vermieden werde. Posthalter Ja, was kann ich dafür? Ich bin an der G'schicht doch so unschuldig, wie... Amtsrichter Der ganze Ton, mit dem dieses Fest überhaupt eingeleitet wurde, läßt noch auf weitere Unannehmlichkeiten schließen. Es schickt sich nicht, daß Sie zum Beispiel die Choristinnen kommen ließen. Die Frauenzimmer benehmen sich derartig... Pfarrer Ich stimme dem Herrn Amtsrichter bei. So was paßt sich nicht für ein Dorf. Amtsrichter Wollen Sie also dafür sorgen, daß diese – Damen möglichst bald unseren Ort verlassen? Posthalter Ich weiß nimmer, was ich sagen soll! Gestern hat sich der Herr Amtsrichter noch famos mit der Fräulein Hulda amüsiert, und heut – Amtsrichter gereizt: Bitte, lassen Sie diese unpassenden Reminiszenzen! Posthalter Und heut ist alles anders, es is rein, als hält die ganze Welt vor die elenden Haberfeldtreiber Angst. Pfarrer Angst? Amtsrichter Wer hat denn Angst? Posthalter jetzt sehr ärgerlich: Ich weiß net. Amtsrichter sehr überlegen: Herr Posthalter! die Angst vor Haberern überlassen wir andern Leuten. Posthalter Ich glaub 's, ich mein ja nur. Amtsrichter Immerhin müssen wir streng darauf sehen, einen solchen Exzeß zu unterdrücken, und zwar schon deshalb, weil er gegen die Gesetze verstößt. Pfarrer Und weil sonst leicht auch Unschuldige von dieser Haberergesellschaft belästigt werden könnten. Posthalter Unschuldige? Pfarrer zögernd: Nun, ich habe damit eben... Leute im Auge, die gar nichts mit dem Skandal zu tun haben. Amtsrichter Deshalb müssen wir vorgehen, nicht etwa, wie Sie zu bemerken für nötig erachten, aus Angst vor dieser verrotteten Bauernsitte. Pfarrer So ist es. Amtsrichter Im übrigen dürfen sie doch nicht ganz vergessen, daß dieser Habererunfug eben nur die Ausgeburt trauriger Vorbilder ist. Pfarrer Sehr richtig bemerkt! Amtsrichter sehr von oben: Sollten sie vielleicht heute zufällig ausgehen, Herr Posthalter, dann werden Sie bereits die amtlichen Plakate angeschlagen finden, worin bei Androhung höchster Strafe dieser Unfug ein für allemal verboten wird. Pfarrer sehr entschieden: Sie sehen also, für uns gibt es keine Haberfeldtreiber. Amtsrichter Das wäre auch noch besser. Posthalter hat sehr ungeduldig zugehört: Is mir ja recht, is mir ja recht, will ja alles glauben, der Mut der beiden Herren imponiert mir, aber das Fest kann ich nicht verschieben. Pfarrer Es muß gehen. Posthalter Nein, nein, nein, nein! Der Schaden wär' zu groß, die Bauten für die Wiesen hab' ich schon vergeben. Amtsrichter Aha! Pfarrer So? so? Das war dann sehr voreilig. Posthalter zum Pfarrer: Aber Sie haben mir doch selbst... Pfarrer bestimmt: Bitte, ich mische mich niemals in Gemeindeangelegenheiten, Herr Posthalter. Posthalter Also, mit andern Worten, ich soll die Platz' net kriegen? Pfarrer Das weiß ich nicht, das geht den Magistrat an, ich wollte Ihnen nur einen Rat geben. Ob Sie ihn befolgen wollen, das ist eine Sache, die ich Ihrer Vernunft anheimgeben muß. Jedenfalls war er gut gemeint, Sie haben ihn gehört und damit – er grüßt leicht – empfehle ich mich, Herr Posthalter! Amtsrichter Ebenfalls! Kaum haben die beiden die Verandatür erreicht, als die Posthalterin von der linken Türe sehr erregt auf ihren Mann zustürzt, der noch ganz fassungslos dasteht. Hinter ihr kommt Rettinger, gleichfalls in heftiger Bewegung. Posthalterin Was is? Was is? Rettinger Hat der Amtsrichter vielleicht was über mich g'sagt? Posthalterin Red, red, was haben s' denn g'wollt? Posthalter wütend: Net viel! D' Fahnenweih' und das ganze Fest soll i verschieben. Rettinger und Posthalterin Was? Was? Posthalter Gregoriwiesen soll i net kriegen. Posthalterin ganz entsetzt: Na? Posthalter Und abfahr'n soll i, so g'schwind wie mögli. Posthalterin Ja, aber warum denn? Posthalter schaut sie erst einen Augenblick an, dann nach einer Pause sehr wütend: Frag mi net so dumm! Er geht auf und ab. Nach einer neuen Pause: I mein, wir zwei wissen doch, warum! Sein Blick fällt auf Rettinger. Und der, glaub i, weiß 's a. Posthalterin zögernd: No, mein! Posthalter sehr laut und roh: Also, nachher muaßt mi net so dumm fragen! Kleine Pause. Posthalterin verlegen: I frag ja nimmer. Posthalter nach einer kleinen Pause: G'spannt haben sie's halt und jetzt möchten s' uns nimmer kennen. Rettinger Haben s' nix von mir g'sagt? Posthalter wegwerfend: I hab net aufpaßt. Posthalterin ganz zerknirscht: Was fangen wir jetzt an? Posthalter Was weiß i? Der Magistrat is imstand und schmeißt noch in letzter Stund sein'n Beschluß um, wenn er hört, daß der Pfarrer gegen uns is. I kenn die Kerln. Posthalterin Steh uns bei! Der Pfarrer hat so vorhin mit 'm Bürgermeister da g'redt. Rettinger Und mit 'm Nusser. Posthalter No ja, da habt ihr's. Rettinger Aber der Bürgermeister tragt ja die Zuschlagsurkunden schon in der Taschen, er hat mir's ja selber verraten. Posthalter Die gibt er uns halt einfach net! Rettinger Ah, das ist ja scheußlich! Posthalterin die Hände zusammenschlagend, sehr ausdrucksvoll: Und das alles wegen dem Seehansele! Posthalter Wer is nur auf die verrückte Idee kommen, den Kerl b'soffen z' machen? Rettinger Ja, des möcht' ich auch wissen. Posthalter Du warst 's halt! Rettinger Du hast ang'fangt! Posthalter Was? I hab ang'fangt? Du hast ihm 'n Wein geben. Rettinger Nein! Posthalter Doch! Rettinger Ah, warum net gar. Posthalter Wer denn sonst? Posthalterin I bitt euch gebt's 'n Frieden! Es kommt ja jetzt alles darauf an, daß wir die Wiesen no kriegen. Rettinger Ah, die dumme Wiesen! Posthalterin ihn erstaunt ansehend: Ja, no freili! Rettinger Mich freut die ganz G'schicht fast nimmer. Posthalterin So? Es hängt ja all's davon ab! Wo bauen wir denn 's Hotel hin? Wie verdienen wir denn sonst so viel Geld, daß wir scho' bald privatisieren können? Rettinger immer gereizt: Privatisieren! Posthalterin No ja, der Mensch möcht a amal ausruhen. Sie faßt ihren Mann beim Arm. Geh, i bitt di, geh weiter, g'schwind such 'n Bürgermeister auf und red damit. Posthalter I derf s halt wieder auslöffeln. Gelt? Rettinger hält ihn zurück: Du, weißt was? Laß des lieber sein! Geh net zum Bürgermeister. Posthalter Warum denn? Rettinger Weil des grad so aussieht, als wollten wir was provozieren. Posthalter Is ja gleich! Jetzt handelt sich's drum, daß wir no' amal den Versuch machen. Rettinger heftig: Nein, nein, nein! Es handelt sich drum, daß es keinen Skandal gibt. Der Amtsrichter, der hat mich vorhin so impertinent ang'schaut. Posthalter A was geht denn mich des an? Rettinger wütend: So? Net ohne! I sag dir so viel, wenn du darauf kei' Rücksicht nimmst, geh ich keinen Pfennig Geld mehr her, dann kannst schauen, wie's d' Gregoriwiesen kriegst. Posthalter und Posthalterin schauen sich groß an. Posthalter nachdem er zu sich gekommen, sehr eindringlich: Was? Du willst kei' Geld mehr hergeb'n? Du, des bist so gut und überlegst dir no' amal! Ha, Freundl? Rettinger Du, dieser Ton... Posthalterin höhnisch lachend: Er macht ja bloß Spaß, der Herr Reserveleutnant! Posthalter Des will i a hoffen! Rettinger Jede Anspielung auf meinen Offizier... Posthalter sehr fest: Du bist einfach so gut und zahlst, verstehst mi? Posthalterin Du derfst ganz still sein, mei Lieber. Du hast heut ohnehin der dummen Person, der Rentbeamtenstochter, wieder 'n Hof g'macht und dabei schaut uns die Alte nachher über die Achsel an. Rettinger Ich werd wohl noch reden dürfen mit wem ich will. Lorenz und Hies erscheinen von rechts und tragen einen Banzen Bier herein, den sie rechts von der Bühne auf einem kleinen Schemel postieren. Posthalterin Nein, das erlaub i net. Rettinger No, des wär aber... Posthalterin Du brauchst dich nicht mit fremde Mädeln abz'geben. Rettinger wütend: Jetzt, gelt? Posthalterin I leid's amal net. Posthalter Wißt's was, alle zwei? des könnt's mitananda ausmachen, des schlagt net in mein Ressort. Er faßt Rettinger beim Arm und spricht mit gedämpfter Stimme aber mit starkem Nachdruck. Aber des sag i dir, Freundl: Wenn du amal kei Geld mehr hergibst, da kannst was erleben! So – nach rückwärts blickend – die richten schon für heut abend her, da hab' i höchste Zeit. Adje derweil. Eilt rechts ab. Kleine Pause. Hies links ab. Posthalterin Merk' dir's nur, was er g'sagt hat. Rettinger geht langsam an den Tisch, faßt ein Weinglas und schleudert es wütend zu Boden, daß die Scherben herumklirren. Posthalterin Oho! Oho! so was is net glei notwendig. Rettinger ausbrechend: Zum Teufel! Posthalterin Lorenz, geh her und kehr die Scherben z'samm. Lorenz hat diese Szene aufmerksam beobachtet. Kommt nach vorne. Höhnisch: Der Herr Rettinger is heut net gut aufg'legt, scheint's. Posthalterin Scheint so! Rettinger ganz rasend: Du bist still, du unverschämter Tropf! Lorenz fährt zusammen: Ha? Rettinger am Frühschoppentisch: Die Weinflaschen hau' ich dir um 'n Schädel, wenn d' noch an Muckser tust, du Lump, du! Lorenz macht eine wütende Bewegung: Eh, mei Lieber! Posthalterin Gebt's kei Ruh alle zwei? Rettinger Sag's... Sagen Sie das dem da, net mir, der weiß nicht, wie er sich zu benehmen hat! Posthalterin Aber der Lorenz hat ja gar nix getan. Rettinger Was? Sie nehmen den Kerl noch in Schutz? Lorenz sehr höhnisch: Ja, ja, es gilt a no a anderer was bei der Frau Posthalterin. Rettinger steht wie versteinert. Pause. Lorenz Bal er a net soviel Geld hat. Posthalterin sehr erschreckt: Hör auf, Lorenz! Lorenz Und kei Großhändler is. Rettinger zu sich kommend: Ha, ha, ha, ha, ha! So? so? Posthalterin Was schrein S' denn so? Was is denn los? Rettinger umherlaufend: Ha, ha, ha, ha! Herrgott, ich möcht... Posthalterin Sind S' so gut und benehmen S' Ihnen besser, Herr Rettinger! Rettinger taumelt wie ein Trunkener herum: Oh, oh, oh, oh, ich Esel, ha, ha, ha! Er fällt mehr, als er geht zur linken Türe hinaus. Posthalterin Bist a dummer Kerl, daß d' so 'n Skandal anfängst, er wird uns no ganz scheu. Lorenz in größtem Übermut: Posthalterin, laß di auslachen. Geh her! Er will sie fassen. Posthalterin entwindet sich ihm: A dummer Kerl bist. Laß mi aus, sag i! I muß ihm nachgehen, sonst fangt er aber Dummheit an. Kederbauer und Mutzenbauer erscheinen rechts. Lorenz hat sie wieder gefaßt: Ah, laß 'n laufen, den Kerl. Posthalterin lachend: Hand' weg, sag i. Lorenz in dem sich zärtliche Gefühle regen: Warum denn? Posthalterin fährt mit einem lauten Schrei zusammen, weil sie die Bauern erblickt. Pause. Kederbauer Laßt's enk net aufhalten. Es zwoa. Posthalterin allmählich zu sich kommend: Was wollt's ihr da herin? Kederbauer Wir suchen 'n Mohrenwirt. Posthalterin 'n Mohrenwirt bei uns? Spionieren wollt's an alle Ecken und Enden, i weiß scho'. Kederbauer Solang des Haus a Wirtshaus is, derf ma a reingehen, moan i. Posthalterin in großer Erregung: Wir dulden nur anständige Gäst'. Kederbauer Müaßt's enk net so ärgern, daß wir a bissel zug'schaut haben, Posthalterin! Posthalterin außer sich: Du Ehrabschneider, du elender! Kederbauer sehr fest: Halb soviel, Posthalterin! Lorenz Soll i ihn nausschmeißen, den unverschämten Kerl? Posthalterin Jawohl! Kederbauer Wer schmeißt mi naus? Du am End, du Strizzi, du willst an alten Bauern anpacken, ha? Lorenz nähert sich ihm: I hätt so grad bald ein'n verhaut, es kommt mir auf di a net an, du Bauernlakel! Will ihn anfassen. Kederbauer Geh weg, sag i. Er packt mit einem unterdrückten Schrei den Burschen bei der Gurgel und schleudert ihn auf die Erde. Posthalterin eilt wie eine Besessene herum und schreit: Z' Hülf, z' Hülf, z' Hülf! Kederbauer den ganz zerzausten Lorenz loslassend: Da hast dein' Bauernlakel! Posthalterin Is denn niemand da? Eilt zur Verandatür, wo eben der Mohrenwirt mit Foitenleitner und Nusser erscheint: O Gott, o Gott, Herr Moosreiner, Herr Bürgermeister, i bitt Ihnen... i hab' so 'n Schrecken... Helfen S' mir doch! Mohrenwirt höhnisch: Was gibt 's denn, Frau Posthalterin? Foitenleitner Fehlt Ihna was? Posthalterin die Hand am Herzen: O mein Gott und Herr!... – zu Lorenz, der wütend in der rechten Ecke steht – Lorenz, mach', daß d' 'nauskommst... I kann nimmer – Lorenz drückt sich nach einem giftigen Blicke auf Kederbauer rechts hinaus. Nusser Fassen Sie sich doch, Frau Posthalterin! Foitenleitner Und sagen S' uns, wo der Herr Gemahl is. Nusser Wir müssen ihn dringend sprechen. Posthalterin Mein Mann? Mein Mann?... I weiß net... i glaub, er sucht Sie... er wird glei' wiederkommen... i weiß aber net – eilt laut weinend nach links hinaus. Mohrenwirt Was war denn des? Kederbauer streicht sich gelassen sein Gewand zurecht: Aufg'muckt hab i a bissel, 'm zwoaten Liebhaber von der Posthalterin. Zugleich: Nusser Was? Foitenleitner Ha? Mohrenwirt nach rechts deutend: Der Lorenz? Kederbauer A alte G'schicht! Und de Person soll heut die Patin von der Findelhausfahna machen, und der Herr Pfarrer schmunzelt dazua. Mohrenwirt heftig winkend: Nix, nix, nix, alles hat sich g'ändert seit gestern. Kederbauer Was? Mutzenbauer G'ändert... ha, ha?... G'ändert? Mohrenwirt Der Herr Pfarrer hat den ganzen Schwindel g'merkt, gelt, Herr Bürgermeister? Foitenleitner schweigt mißmutig. Kederbauer Lang gnua hat er braucht dazu. Mohrenwirt eifrig: Na, müaßt nix sag'n auf 'n Herrn Pfarrer, er is a ausgezeichneter Mann. Kederbauer Auf amal? Mohrenwirt mit triumphierendem Gesichte: Frag nur die Herren da! Der Posthalter kriegt die Wiesen net. Foitenleitner und Nusser setzen sich mit mißmutigen Gesichtern an den rechten Tisch. Kederbauer Also werd's überhaupt net verkauft? Mohrenwirt Des is grad no net g'sagt, d' Hauptsach is amal, daß s' der Posthalter net kriegt. Kederbauer sehr fest: D' Hauptsach' is, daß die Wies'n Gemeindeeigentum bleibt. Mohrenwirt Dummheit! Kederbauer Nix Dummheit! Wir Bauern wollen unser Sach b'halten. Mohrenwirt Das heißt, du willst dei'm tappeten Bruder... Kederbauer schnell einfallend: Sei' Recht wahr'n, aber der G'meinde g'rad so. Nusser Überlassen Sie uns gütigst die Sorge für die Gemeinde. Foitenleitner Die geht di nix an. Kederbauer grimmig: Ja, ihr seid's die rechten! Nusser Sie werden sich... Kederbauer grob: I werd gar nix! Versteht's mi? Für uns alle is g'hupft wie g'sprungen, wenn am End statt 'm Posthalter nix anders da nunter kommt, als a anderer Wirtsprotz. Mohrenwirt gereizt: Gelt, red di net so leicht über d' Wirtsprotzen! Kederbauer Wir protestier'n gegen 'n jeden, ob's der Posthalter is oder der Mohrenwirt. Mohrenwirt Wer sagt dir denn, daß i... Kederbauer Seid's nur kalt, wir werden scho' sehen. Mohrenwirt höhnisch lachend: Des is euer ganze moralische Entrüstung über 'n Posthalter, ha? Foitenleitner bitter lachend: Ja, moralische Entrüstung! Nusser Das kennt man bei den Bauern. Mohrenwirt Ha, ha, ha, ha! Ja, ja, ja! Kederbauer fest: Mohrenwirt, wir haben nix mehr miteinander z' tun. Nach kleiner Pause bedeutungsvoll: Du, der ganze Magistrat, der Posthalter und der Pfarrer – da dreh i die Hand net um. Nusser Drücken Sie sich anständiger aus! Kederbauer derb: I red daher, wie mir der Schnabel g'wachsen is, dafür bin i a Bauer. Mohrenwirt Und was für einer! Kederbauer wütend: Oh, es seid's alle... Mohrenwirt Was samma? Ha? Sag's! Posthalter mit Hut, tritt auf durch die Verandatür und stürzt nach vorn zu Foitenleitner und Nusser: Herr Bürgermeister! Herr Hoflieferant! Überall in der Welt lauf i 'rum und kann Sie net finden. Grüß Gott, grüß Gott! Die Angeredeten erwidern aufstehend sehr verlegen seinen Händedruck. Foitenleitner Und wir... wir... Nusser Haben Sie auch gesucht. Posthalter Ach, das trifft sich ja famos! Er blickt nach links und spricht dann zu Foitenleitner: Ein'n Augenblick! Zu den andern mit erhobener Stimme: Wer hat denn da herin so g'schrien, daß man 's bis auf de Straßn 'naus g'hört hat? So was kann bei de Drei Mohren passieren, bei mir aber net, mei Haus is a anständig's Haus. Mohrenwirt Und ob! Posthalter Herr Moosreiner, Sie kriechen 'n ganzen Tag in mei'm Hotel 'rum. San S' so gut und kehren S' vor Ihrer Tür! Und ihr zwoa, euch mach i glei' Flügel, was habt ihr alleweil bei mir z' suchen? Kederbauer nach kleiner Pause: I geh' jetzt so scho', i hab' nix mehr bei dir z' suachen. Posthalter deutet auf die Verandatür: Also! Kederbauer höhnisch: I hab 'm Mohrenwirt bloß zu der Gregoriwiesen gratuliert, und jetzt b'hüt enk alle Gott! Er zerrt seinen widerstrebenden Bruder zur Verandatür hinaus. Posthalter ist einen Schritt zurückgetreten und blickt auf die verlegen dastehenden Foitenleitner und Nusser, die seinen Augen ausweichen: Zu der Gregoriwiesen? Mohrenwirt wirft sich in Positur: Wenn S' es wissen wollt's... der Kederbauer hat net g'logen, ja, ich will mir's überlegen und werd' wahrscheinlich die Gregoriwiesen kaufen. Posthalter noch ganz fassungslos: Ihr kauft's die... die Gregoriwiesen? Mohrenwirt höhnisch: Wo man's do' so billig haben kann! Teurer laß i mir's freili a net aufhängen, als wie 's 'm Herrn Posthalter offeriert wor'n is. Posthalter nahe vor dem Ausbruch: I hab Eahna net recht verstanden, Mohrenwirt. Es wollt's die Gregoriwiesen kaufen? Is des wahr? Mohrenwirt Ja, i will 's und i krieg 's a! I hab 's sogar scho' soviel wie sicher. Posthalter Und des riskieren Sie mir in mein'm Haus so unverschämt in's G'sicht z' sagen? Mohrenwirt trotzig: Deswegen bin i sogar eigens herkommen. Posthalter So? Mohrenwirt Damit Sie a was abkriegen für Ihre gestrige Roheit. Posthalter rasend: Naus! naus! naus! Auf der Stell naus! Mohrenwirt Was?... Wer? Posthalter Naus, sag i, oder i hol 'n Hausknecht. Mohrenwirt Herr Bürgermeister... Sie werden doch... Posthalter Naus, zum letztenmal! Mohrenwirt geht endlich: Posthalter! Des kriegen S' no' heimzahlt! Posthalter Dort ist die Tür! Mohrenwirt noch unter der rechten Türe: Sie treiben mi aus 'm Haus 'naus, i treib Ihna dafür aus 'm Ort 'naus! Ab. Posthalter kommt hastig wieder nach vorn: So, meine Herren! Jetzt sagen Sie mir, is des wahr, was der Kerl g'sagt hat, fall'n Sie so mir nix dir nix von 'm alten Freund ab? Foitenleitner verlegen: Herr Posthalter! Nusser Hören Sie uns freundlich an, wir sind gekommen, um mit Ihnen in aller Ruhe... Posthalter immer rasch und heftig: I will a Antwort hab'n, kriegt der Mohrenwirt faktisch die Gregoriwiesen? Foitenleitner Aber hören S'... Posthalter Lassen Sie mi wirkli fallen? Foitenleitner voll Verzweiflung: Wir täten 's ja net, aber Sie wiss'n ja, der Pfarrer, der Amtsrichter, der Assessor... Nusser Alle fallen ab! Foitenleitner Was sollen wir da anfangen? Posthalter Was gehen denn die mi an? Foitenleitner Ja, aber uns! Posthalter A ba! Nusser Wir sind in einer schrecklichen Situation. Foitenleitner Sie können 's uns glauben! Nusser Wir müssen mit den Leuten leben. Foitenleitner Unsere Weiber zünden uns ja die Häuser über die Köpf an! Posthalter heftig: Laßt 's mi aus mit die Weiber! Nusser Wir dürfen Ihnen die Wiesen nicht geben. Posthalter etwas ruhiger, aber sehr eindringlich: Hab i vielleicht z'wenig 'boten? Es kommt mir auf kei Geld an. Nusser Ach, nein! Posthalter I gib der Gemeinde ja so viel s' nur will, i zahl viel mehr. Foitenleitner Auf's Zahlen kommt 's ja net an. Nusser Passen Sie doch auf! Posthalter Um zweitausend Mark hätt ich 's kriegen soll'n, da gib i einfach dreitausend! Foitenleitner Ach, des is' ja net. Posthalter Viertausend! Nusser Herr Posthalter! Posthalter Es kommt mir net d'rauf an! Fünftausend! Foitenleitner No, no. Nusser Hören Sie doch! Posthalter sehr laut: Siebentausend, meinetwegen! Es ist mir alles gleich, aber die Wiesen muß i haben, die Wiesen muß i haben, jetzt erst recht! Foitenleitner Es ist ja umsonst. Nusser Es geht nicht. Posthalter Und wenn i zehntausend Mark auf 'n Tisch leg'n sollt! Nusser Zehntausend Mark? Foitenleitner Zehntausend Mark? So was! so was! Nusser Herr Posthalter, Sie sind ja nicht bei Trost. Posthalter Das zahl i, mei Ehrenwort drauf, aber die Wiesen muß i haben. Nusser Ach, es ist ja nicht möglich. Posthalter Was is net möglich? Foitenleitner Der Pfarrer, der Amtsrichter – Nusser Unsere Stellungen – Foitenleitner Die Neuwahlen stehen vor der Tür. Posthalter Schlagt's zu für den Preis, oder net? Zehntausend Mark hab i g'sagt? Nusser Herr Posthalter! Wir sind ja nicht da, um die Wiesen zu versteigern. Foitenleitner Wir san kommen, um Ihna zu sagen, daß es... Posthalter schreit: Mein letztes Wort: Zwölftausend Mark! Kleine Pause. Foitenleitner dem ordentlich schwindlig wird: Zwölftausend... Nusser Mark? Foitenleitner Heiland der Welt! Nusser Zehntausend Mark mehr als der ursprüngliche Preis! Foitenleitner ganz betäubt: Zwölftausend Mark? Posthalter Übermorgen liegen s' am Tisch, wenn mir der Bürgermeister jetzt die Zuschlagsurkunden 'rausgibt. Foitenleitner schnell: Ja, woher wissen Sie denn... Posthalter Genug, ich weiß 's. Zwölftausend Mark und ihr zwei habt's alle Lieferungen für mi zeitlebens. Der Bürgermeister baut 's Hotel, er darf verlangen, was er mag, all's werd zahlt! Foitenleitner O deswegen! Aber bei ein'm solchen Betrag, Herr Nusser, da muß man sich halt doch fragen, ob 's net 's Wohl der Gemeinde erfordert, daß man... Nusser Ich hab mir eben das gleiche gesagt. Foitenleitner Ob wir net doch... Nusser Selbst gegen den Willen vom Herrn Pfarrer... Foitenleitner Zuschlagen! Posthalter triumphierend: Des glaub ich a! Nusser Wir schädigen die Gemeinde, wenn wir 's nicht tun. Foitenleitner Und 'm Pfarrer können wir 's schließlich scho' sagen... Nusser stark betonend: Bei Zwölftausend, baren Mark. Foitenleitner Da kann er nix mehr einwenden. Nusser Freilich nicht. Das hat man ja nicht gewußt. Posthalter Also! Foitenleitner Des is a außerordentlicher Fall. Nusser Und für die Gemeinde müssen wir in erster Linie sorgen. Posthalter drängender: Also! Foitenleitner Des hat der Pfarrer ja selber g'sagt. Nusser Natürlich! Foitenleitner Jetzt hab'n wir 'n Rücken frei. Nusser Und darum hat sich 's gehandelt. Posthalter in höchster Ungeduld: Also was is? Foitenleitner langt entschlossen in seine Brusttasche und gibt dem Posthalter ein versiegeltes Kuvert: Da, Herr Posthalter! Da is die Urkund! Nusser Wir wollten sie erst heut abend überreichen. Foitenleitner Da haben Sie 's jetzt schon! Posthalter ergreift hastig das Papier: Hurra, hurra, hurra! Er will nach der linken Türe stürzen. Nusser gibt ihm noch eilig die Hand: Wir empfehlen uns nun und setzen sofort das Kollegium in Kenntnis. Foitenleitner Adje, Herr Posthalter. Beide rechts ab. Posthalter Adje, meine Herren, heut' abend mit 'm ganzen Findelhausverein auf Wiedersehen! Er eilt wie verrückt zur linken Türe. Frau, Frau, Frau! Da geh' her! Da geh' her! Posthalterin erscheint stark verweint mit einem weißen Zettel in der Hand: Was is denn? Posthalter Lustig mußt d'rein schaug'n, wir hab'n die Gregoriwiesen! Wir hab'n die Gregoriwiesen! Posthalterin Lüagst mi' an? Posthalter Nix da! 's Hotel werd baut, in a paar Jahr samma Millionär! Posthalterin Was? Posthalter die Urkunde entfaltend: Jetzt woll'n wir amal seh'n, ob der Herr Pfarrer heut' abend zu der Fahnenweih' kommt oder net! Da schaug den Zettel an! Posthalterin hält ihm ihren Zettel hin: Schau du den da an, den hat wieder so a unverschämter Kerl, so a Haberer, an 's Stallfenster pappt. Posthalter zieht ihr in übermütigster Laune lachend den Zettel aus den Händen und zerreißt ihn in tausend Fetzen: Ah, was, Haberer! Jetzt gibt 's keine Haberer mehr! Die können tun, was sie wollen. Bedeutungsvoll und laut: Mit 'm Geld da schlagt man a jed's Haberfeldtreiben tot. Er zerrt sie ausgelassen am Arme hinaus, der Vorhang fällt sehr schnell. Ende des zweiten Aktes Dritter Akt Die gleiche Szenerie, wie in den vorhergehenden Akten. An der Decke ist ein Lüster befestigt, dessen Petroleumlampen angezündet sind. Auch die Wandlichter brennen. An den Wänden, zwischen den weißgedeckten Tischen, sowie rechts und links vom Podium sind Tannenbäume aufgestellt, aber so, daß die kleine, linke Bühnentüre sowohl, als auch der mit Tannenreisern umwundene Bierbanzen, rechts, völlig freibleiben. Auf den Tischen stehen Maßkrüge, Gedecke, Weinflaschen und Gläser, alles wohlgeordnet. Mit Buntpapier umwundene Girlanden sind von den Wänden zur Decke gezogen. Dicht vor dem Podium auf zwei geschmückten Schrägen ruht parallel mit dem Vorhang die zusammengerollte Findelhaus-Vereinsfahne. Die ganze Stimmung ist festlich und erwartungsvoll. Beim Aufgehen des Vorhanges stehen Hulda, Flora und Minna, alle mit gebrannten, lang herabhängenden Locken, aber noch in Straßentoilette, vor der Fahne. Hulda, die in der Mitte befindliche, macht einen tiefen Knicks gegen Götzensperger. Götzensperger der rechts, in die Hände klatschend, von einem Stuhle springt: Bravo, bravo, ganz brillant, Fräulein Hulda! Hulda Hab ich mei Gedicht schön aufg'sagt? Götzensperger Feit si nix, feit si nix! Und dann gehen Sie alle drei von der Bühne herunter und schwingen die Palmen über die ganze Gesellschaft. Sehen Sie, so! Er winkt mit beiden Armen feierlich in der Luft herum. Die Choristinnen machen es lachend nach. Götzensperger Famos, famos! Ach, es geht ja alles großartig. Hr. v. Beck der links in seinem Smokingkostüm sitzt: Großartig! Götzensperger Net wahr, Herr von Beck? Ja, mit Künstlerinnen! Des is a bisserl was anders als mit dene Bauernrammel. Hulda lachend: Des war a Wirtschaft heut nachmittag mit dem Vertreter vorn Seehansele! Flora No! Minna Wie sich der dumm ang'stellt hat! Hr. v. Beck Der Seehansele ist wohl auf ewig verbannt vom Theater? Die Choristinnen lachen. Götzensperger Wir werd'n do' den nimmer mitspiel'n lassen! Hr. v. Beck lässig: Ich dächte auch. Götzensperger Nix! Fort mit Schaden! Es geht ohne den Kerl a. Minna Oh, brillant geht's. Götzensperger Ein feiner Abend wird's. Hulda Oh, wir freuen uns. Flora Wir freuen uns. Minna Auf die Fahnenweih! Hr. v. Beck Wenn es nur mit dem Besuch nicht hapert. Hulda Sie meinen, daß am End nicht viel Leut kommen? Minna Ah, das wär aber... Götzensperger Wie denn? Hr. v. Beck Sind Sie wirklich fest überzeugt, Herr Aktuar, daß die Honoratioren ohne Ausnahme erscheinen werden? Götzensperger Der Pfarrer muß ja jetzt kommen. Hr. v. Beck So? Götzensperger Wo der Posthalter doch die Wiesen definitiv im Besitz hat und die große Schenkung macht! Da kann er nimmer z'rück. Hr. v. Beck Mir soll's ja recht sein. Götzensperger Des war a feiner Streich vom Schlegel, des hat er gut ang'fangt, alle hat er s' ins Netz zogen, die Gimpel. Hulda Da sieht ma' halt wieder, was man mit 'm Geld machen kann. Flora Das heißt, mit 'm Rettinger sei'm Geld. Die Choristinnen lachen. Seppl , Burgl , eine Bauerndirne und zwei Burschen treten rechts auf und begeben sich zur Bühnentüre. Götzensperger schmunzelnd: Des derf ma' net so laut sagen, wenn 's a wahr is. Er dreht sich um. Wollt's ihr euch scho' ferti machen? Seppl Freili, 's is ja lang scho' siebene vorbei. Götzensperger Also, nacher geht's 'nein in euern Kasten, wir wollen die Damen jetzt auch nimmer aufhalten, Herr von Beck, sie müssen sich ja umziehen als weißgewaschene – hüstelnd – Jungfrauen, respektive Fahnenschutzengel. Er geht mit Herrn v. Beck zur Verandatür, die Choristinnen begleiten ihn. Hulda Warten's, Herr Aktuar, Sie sind a Schlimmer! Flora Ja, a ganz a Schlimmer! Götzensperger lachend: Adje, adje! Hr. v. Beck Meine Damen! Minna Also, adje, meine Herren! Flora Auf Wiedersehen! Götzensperger und Beck ab. Hulda mit Pathos: Auf dem Schlachtfeld! Stürmt lachend nach vorne. Ha, ha, ha, ha! Des kann lusti wer'n! Paßt's auf, wie i heut abend dem hochnäsigen Amtsrichter 'n Kopf verdreh, bal er kommt. Minna Da hast recht, i hilf dir dabei. Flora Ja, und i schaug 'n Hochwürden recht schmachtend an. Siehst, – sie macht eine kokette Bewegung – a so! Hulda Ha, ha, ha, ha! Und die Minna, die soll 'n Rettinger abfangen. Minna Nacher ärgert si' d' Posthalterin recht. Flora Da hilft 's ihm nix, da muß er 'n Champagner zahlen! Hulda faßt beide an den Armen: No, du! Unser Premierleutnant in München, der tat lachen, wenn er die versimpelte G'sellschaft hier sehen könnt! Flora I, hi! Der leget si' auf'n Boden! Hulda Wenn er d' Frau – Rentbeamte sehet, ha, ha, ha! Flora Und d' Frau – Spezialkassier, ha, ha! Minna Und 'n Herrn Assessor erst. Alle drei lachen unbändig. Hulda Ha, ha, der lachet si' schief. Wallys Kopf erscheint, von Flora bemerkt, an der linken Türe und verschwindet sofort wieder. Flora Psst! Da war eine von der G'sellschaft. Hulda Wer denn? Minna Wer denn? Flora Die Rentbeamtenstochter. Hulda Du, die holen wir 'rein. Des gibt a Viecherei. Minna Aber wir sollen uns eigentlich anziehn. Flora Das hat scho' no' Zeit. Hulda Freilich. Man kann auf uns warten. Sie eilt mit Flora zur linken Türe und öffnet. Oh, bitte, gnädiges Fräulein, kommen S' doch ungeniert herein! Flora Wir tun Ihnen ja nix. Wally in Haustoilette, tritt verlegen ein und blickt erstaunt herum, kleine Pause. Minna mehr neckend als höhnisch: Sie hätten sich fast nicht 'reingetraut? Flora mit Betonung: Zu »Choristinnen«, wie man uns hier zu nennen beliebt. Wally sehr verlegen: Ich hab nur den Saal anschauen wollen! Hulda Den sehen Sie aber heut abend ja noch lang genug! Wally sehr nahe dem Weinen: Ich?... Ich darf ja net kommen. Flora leise zu Minna: Hörst du's? Hulda Is mögli, erlaubt's die Frau Mama net? Wally nickt: Und d' Frau Spezialkassier? Minna Weshalb denn? Wally Ja, wenn i des wüßt! Minna nach einer kleinen Pause, halblaut: So unschuldig noch! Flora leise: Ja oder was! Hulda Sie wissen wohl auf der Welt überhaupt noch gar nix? Wally blickt sie groß an: Was soll ich denn wissen? Hulda Ich mein' ja nur, weil Sie noch so ganz naiv sind. Flora So jung! Minna Und so schön. Alle drei lachen. Wally fängt zu weinen an. Hulda Aber was haben S' denn? Wally schluchzend: Lassen S' mich wieder 'naus! Rettinger erscheint links, er trägt schwarzen Salonanzug. Flora Aber Sie können ja gehen. Minna Es halt Sie ja niemand. Hulda Höchstens vielleicht der Herr Rettinger! Wally fährt zusammen und bewegt sich hin und her, immer das Tuch vor den Augen. Rettinger eilt, als er Wally erblickt, hastig nach vorne: Ja., was seh' ich denn? Fräulein Wally, Sie weinen ja! Wer hat denn Ihnen was getan? Wally weint fort. Rettinger Wer denn? Die drei da vielleicht? Flora laut und entrüstet: Die drei da! Minna Jee! Hulda frech: Die drei da haben dem Fräulein gar nix getan, Herr Rettinger. Rettinger Bitte, lassen Sie Ihre Bemerkungen und schauen Sie, daß Sie sich empfehlen. Flora Schau, schau! Kleine Pause. Hulda Immer galant, halt. Minna Galant wie ein Ritter. Flora Gegen eine verfolgte Unschuld! Rettinger Gehen Sie jetzt oder nicht? Hulda Wir wollen nicht mehr stören! Flora Müssen uns sowieso umkleiden. Minna Ins Gewand der Unschuld! Alle drei lachen übermütig und stürmen durch die Bühnentüre ab, die sie offen lassen. Rettinger eilt ihnen nach, haut die Türe krachend zu: Bagage, verdammte! Wally Was haben S' g'sagt, Herr Rettinger? Rettinger kommt nach vorne: Ach, nix... Ärgern Sie sich nicht mehr über diese nichtsnutzigen Frauenzimmer, Fräulein Wally, geh, schauen Sie mich an. Sie sind ja so ein reizendes Mädchen! Wally geniert, ein bißchen läppisch: Gehen S', Herr Rettinger, so was darf man net anhören. Rettinger auf dem immer der Druck der Ereignisse lastet: Fräulein Wally... Fräulein Wally... Sie täten mir einen großen Gefallen, wenn Sie sich weiter keine Gedanken machten über mich, weil ich hier mit solchen Leuten verkehre. Wally mit blödem Ausdruck: Ach, ich mach mir überhaupt nie 'n Gedanken. Rettinger Wirklich nicht? Das ist sehr lieb von Ihnen. Wally Die Mama sagt immer, die jungen Mädeln sollen net soviel denken. Rettinger Da hat Ihre Frau Mama aber sehr recht, das imponiert mir. Wally schaut ihn groß an: So? Rettinger Is wahr! Das zeigt, daß Ihre Frau Mama eine sehr gescheite Frau ist, die nichts auf das Geschwätz der Leute gibt. Wally lacht dumm. Rettinger forschend: Und so darf ich wohl hoffen, daß sie heute abend die Fahnenweihe besuchen wird? Nicht? Wally sofort wieder mit Tränen kämpfend: Nein, eben net. Rettinger einen Schritt zurücktretend: Faktisch nicht? Wally D' Frau Spezialkassier und d' Fräul'n Marie erlauben 's ja net. Rettinger D' Fräulein Marie? Wer ist das? Wally D' Schwester vom Herrn Pfarrer! Rettinger ärgerlich: A die! Forschend: Also kommt der Herr Pfarrer wohl auch nicht? Wally Des weiß i net, aber auf d' Fräul'n Marie dürfen Sie sicher net rechnen! Rettinger wütend: Ach, ich pfeif auf das alte... ah, pardon, ich bin eben ganz außer mir, weil... weil... weil Sie nicht kommen, Fräulein Wally, ich hatte mich schon so gefreut. Wally Ich auch. Rettinger Sehen Sie: Ich habe gewollt, Sie sollen was recht Gutes von mir denken, denn... wenn Sie auch sonst nichts denken... über mich haben Sie sich doch vielleicht schon ein paar Gedanken gemacht. Nicht? Wally lacht dumm: Herr Rettinger! Rettinger Ohne Übertreibung! Ich bin besser, als es Ihnen und Ihrer Frau Mama vielleicht vorkommt, ich bin gar kein solcher... wie soll ich denn sagen? Nun, Sie verstehen mich schon, denn ich kann Sie versichern, ich habe Ehre im Leib, ich... ich muß schon eine haben, ich bin ja Reserveoffizier! Wally gedehnt: Ja. Rettinger leichthin, als wollte er nicht damit protzen: Bei der Kavallerie! Nun können Sie sich doch denken, daß mir alles d'ran liegen muß, tadellos dazustehen und deshalb möchte ich... Fr. Wanninger kommt mit Frau Specht von links, beide in Haustoilette: So, Wally, da bist endlich, wir suchen dich ja wie a Stecknadel im ganzen Haus. Fr. Specht Allerdings, da herin hätten wir d' Fräulein Wally nicht vermutet. Fr. Wanninger mit fragendem Blick auf Rettinger: Geh' Wally, komm 'rauf ins Zimmer! Wally fängt laut zu heulen an und rührt sich nicht vom Platze. Fr. Specht Hat Ihnen vielleicht jemand was Unschickliches gesagt? Rettinger Bitte, Frau Spezialkassier, das Fräulein war in meiner Gesellschaft. Fr. Specht Ja eben, das scheint sie immer zu sein. Rettinger Ob sie das darf, das hat soviel ich glaube, – er deutet auf Frau Wanninger – die gnädige Frau zu entscheiden. Fr. Specht Im Punkte der Moral haben alle anständigen Leute ein Wort mitzureden. Rettinger Moral? Fr. Specht Jawohl, Moral. Fr. Wanninger Ich bitt' Sie, Frau Spezialkassier, werden S' net so heftig. Fr. Specht Oh, Frau Rentbeamte, wenn Ihnen das paßt, daß Ihre Tochter hier so ungeniert und unbewacht aus und ein geht, dann brauch ich nix mehr zu reden. Fr. Wanninger Es war' mir schon lieber, Sie täten nix mehr sagen, was meine Tochter angeht. Fr. Specht Gut, gut, ich misch' mich nicht mehr hinein, aber i bin so frei und denk' mir mein' Teil. An der linken Türe kurz vor dem Hinausgehen: Wünsch' Ihnen vergnügten Abend, Frau Rentbeamte. Ab. Pause. Rettinger Gnädige Frau! Es ist mir sehr peinlich, daß die Dame so fortgeht, aber ich bin unschuldig daran, ich habe mich Ihrer Tochter in aller Ehrerbietung genähert. Fr. Wanninger spricht erst eigentlich mehr für sich selbst: Die Frau Spezialkassier ist halt gleich so hitzig, aber... aber sie hat recht, wir dürfen hier net bleiben. Rettinger nach einer Pause: Schade!... Sehr schade... Beklage es... Beklage es ungemein! Jedenfalls wollen Sie überzeugt sein, daß ich nur die besten Absichten hatte. Wally weinend: Mama! Fr. Wanninger mit erlöschender Stimme: Oh, Herr Rettinger... mir is ja selbst der größte Kummer, aber... meine Bekannten... ich darf net reden, wie i will... ich bin eine Witwe... Rettinger teilnehmend: Hm, hm. Fr. Wanninger Schauen S' Herr Rettinger, Sie sind hier in Verhältniss' drin... Rettinger Wenn Sie mir Zutrauen schenken möchten... Fr. Wanninger fast weinend: In schreckliche Verhältniss'. Und wie froh... wie froh war oft a jungs Mädel, wenn s' so a gute Partie machen könnt! Rettinger Beurteilen Sie mich nicht nach dem, was Sie hier sehen. Mit einem Anstrich von Wichtigtuerei: Ich bin eben ein Lebemann, der die Welt bereist hat, ich war ein halbes Jahr in Wien, zwei Monat in Berlin, und auf der Durchreise nach London auch acht Tage in Paris... natürlich war ich leichtsinnig, ich mach kein Geheimnis draus, ich hab gelebt... aber zu meiner, und auch zu... zu Ihrer Beruhigung muß ich doch sagen, daß solche Leute in der Regel noch die besten Ehemänner werden. Fr. Wanninger fast gerührt: Wenn ich Sie so schön reden hör, nacher können Sie mir fast leid tun. Rettinger stutzig: Was? Leid tun? Fr. Wanninger Ja, leid tun! So a hoffnungsvoller, junger Mann! Rettinger Ah, jetzt versteh ich! Fassen Sie es nicht zu schroff auf, gnädige Frau. Er ergreift ihre Hand. Vertrauen Sie mir und der Zukunft. Kommen Sie heute abend. Posthalterin erscheint an der linken Türe. Sie trägt ein schweres Festkleid aus rotem Plüsch mit weißem Atlaseinsatz im Rock. Hohe Ärmel. Elegante Frisur. Fächer. Brillantenkollier: Entschuldigen Sie, daß ich hier eine zärtliche Szene unterbreche. Fr. Wanninger in gänzlich verändertem Tone und in diesem Augenblick doppelt gereizt auf die Eintretende: Nein, Frau Posthalter. Wir müssen uns entschuldigen, daß wir Sie stören. Posthalterin Wieso? Fr. Wanninger Weil wir durch 'n Zufall in ein Lokal geraten sind, wo wir nicht hingehören. Rettinger begütigend: Gnädige Frau! Fr. Wanninger Wally, wir gehen jetzt. Posthalterin bissig: Das wird der Herr Rettinger am meisten bedauern, der wird Sie mehr vermissen, als alle anderen Leut'. Rettinger geht wütend im Hintergrunde auf und ab. Fr. Wanninger Frau Posthalterin! Solche Anzüglichkeiten stehen Ihnen lang net so gut, wie das auffallende Kleid, was Sie tragen! Posthalterin Hab' ich Ihnen eine Bemerkung gemacht über Ihren Verzug? Fr. Wanninger Verzug?... Freilich, so kostbar ist er nicht, aber er hat den Vorteil, daß ich ihn selbst bezahlt hab'. Posthalterin Nun, wenn Sie amal 'n recht reichen Schwiegersohn bekommen – Fr. Wanninger Dann laß ich mir kein'n Anzug schenken. Mit Wally nach links zur Türe gehend. Übrigens hab' ich noch kein'n Schwiegersohn. Posthalterin Wird schon kommen. Schwere Mühen finden immer ihren Lohn, ha, ha, ha, ha! Fr. Wanninger Aus Ihnen spricht nur die roheste Eifersucht. Posthalterin lachend: Möcht' wissen auf wen? Fr. Wanninger Nichts weiter! Und damit Adieu! Komm Wally! Beide ab. Posthalterin Guten Abend, Frau Rentbeamte! Guten Abend! Geht erhitzt vorne auf und ab und fächelt sich. Rettinger kommt wütend nach vorne: So! Jetzt hast du's glücklich erreicht, daß die letzten, anständigen Menschen, die vielleicht noch gekommen wären, auch nimmer 'reingehen. Posthalterin Die »anständigen Menschen«! Des is sehr gut! Ha, ha, ha! Rettinger Du hast Grund zum Lachen nach deiner heutigen Aufführung mit dem Lorenz da! Posthalterin ganz leichthin: Geh', verschon' mi mit einer Predigt. Rettinger Du! Weißt! Bring mich net zum Äußersten, du kennst mich noch net. Posthalterin lachend: Dich kenn ich! Rettinger Lach net! Ich sag dir, wenn ich einmal an die Grenze komm, da bin ich zu allem fähig. Posthalterin Da muaßt di guat ausnehmen. Rettinger Du! Posthalterin I mag mi jetzt net ärgern, weil alle Augenblick die Gast kommen können, also laß mir mei Ruh! Rettinger Gut! Aber morgen früh, da stell' ich dich zur Red' für alles! Mei' Geduld is erschöpft. Posthalterin Schön. Morgen! Hab jetzt schon a schreckliche Angst davor, ha, ha, ha! Rettinger geht in furchtbarer Erbitterung im Saal herum und pfeift eine Melodie. Posthalter von links. Er tragt schwarzen Gehrock, den er offen läßt und hellgraue Beinkleider: So! 's letzte is besorgt! Jetzt kann's losgehen! Geht zweimal auf und ab, betrachtet die Dekorationen und schiebt ein wenig an der Fahne herum. Endlich fällt ihm die Stille der anderen auf. Er fixiert sie: Was habt's denn! Posthalterin setzt sich vorne rechts: Ach, der war wieder amal narrisch! Rettinger Was war ich? Posthalter Tut's mir den G'fallen und vertragt's euch jetzt, es ist scho' halb achte, der Findelhausverein muß alle Augenblick aufziehen und die anderen Gäst' werd'n auch gleich kommen. Rettinger immer herumgehend, sehr gereizt: Wenn s' kommen! Posthalter Brauchst kei' Sorg net haben. Heut woll'n wir amal sehn, wer den andern nunterzieht. Der Pfarrer mi, oder i 'n Pfarrer. Rettinger Das woll'n wir seh'n. Posthalter Ich weiß scho, ich zieh' 'n nunter, denn so 'm Geld kann er net standhalten. Rettinger immer auf und abgehend: Dem Geld, ha, ha, ha! zweitausend Mark für die Wiesen, die fast 's Vierfache wert is. Posthalter will etwas sagen. Posthalterin winkt ihm heftig ab, leise: Jetzt net! Rettinger Wollen 's abwarten, was geschieht! Posthalter Wollen 's abwarten! Nach einer Pause zu seiner Frau: Du, deine Brillanten sitzen schlecht. Wart', i richt' dir's. Jetzt stimmt's... Zieht die Uhr. Fünf Minuten nach halb acht. Jetzt kann 's losgehen. Horch, da kommen die ersten schon! Götzensperger und Hr. v. Beck treten rechts ein. Posthalter Ihr seid's es! Götzensperger Gut'n Abend, Frau Posthalterin! Hr. v. Beck Guten Abend. Götzensperger Is no' kei' Mensch da? Rettinger geht immer parallel der Bühne spazieren: Keine Seele. Posthalter Wer'n scho' kommen, läßt's euch nur Zeit. Pause. Posthalterin Is alles in Ordnung drin im Theater, Herr Aktuar? Götzensperger setzt sich vorn links mit Herrn von Beck: Alles, die Damen warten bloß auf die Gäst. Posthalter Brauchen nimmer lang z' warten, müssen ja alle Augenblick eintreffen. Ah, jetzt hör i die ersten auf der Veranda. Lorenz, Rosl und Hies treten festlich gekleidet von rechts auf. Hies trägt einen Holzhammer und Bierwechsel. Posthalter etwas ärgerlich: Was wollt's denn? Lorenz 'n Banzen anstechen, 's ja scho' höchste Zeit. Posthalter Wann 's Zeit is, des sag' i, da braucht 's euch net z' kümmern, jetzt gibt 's no kei' Bier. Götzensperger Ah, ja, Posthalter! Laß anstechen! I hab' Durst. Posthalter Bringt's 'm Herrn Aktuar a Maß von der Bauernstuben, wenn er gar so Durst hat. Hies , Lorenz , Rosl rechts ab. Posthalter muckt ihnen nach: Dumme G'sellschaft. Ziemliche Pause. Hr. v. Beck Es dauert aber sehr lang, bis die Leute kommen. Götzensperger Auffallend lang. Posthalter No ja, no ja, seid's nur net so ungeduldig. Posthalterin Die Leut' sind hier immer so unpünktlich. Götzensperger Auch nacher, wenn 's a Freibier gibt? Da san s' in München scho' a Stund' zuvor am Platz. Posthalter mit zunehmender Ungeduld: Pressiert's euch denn gar so? Hr. v. Beck lässig: Uns durchaus nicht. Götzensperger lachend: Absolut net. Posthalter Horch! Jetzt hör' i wieder was! Rosl bringt die Maß von rechts. Götzensperger Ha, ha! Des is ja mei Rosl. Da geh her, Mädel, trink an, laß dir 's schmecken! Rosl G'sundheit, Herr Aktuar! Trinkt. Götzensperger Sollst scho' leben a! Rosl Dank schön, Herr Aktuar! Posthalter der während dieser Szene lebhafte Zeichen der Ungeduld von sich gab: Ja, ja, wir glauben 's dir scho'! Rosl rechts ab. Schwatzt dir die Person was z'samm. Posthalterin Sie hat halt »G'sundheit« g'sagt. Götzensperger Und »Dank schön«, des werd s' wohl no' sagen dürfen. Posthalter I kann das Frauenzimmer net leid'n. Götzensperger Warum denn? Posthalter Weil ich's halt net leiden kann. Götzensperger Du bist aber schlecht aufg'legt. Hr. v. Beck Für eine Fahnenweihe sehr schlecht. Posthalter Ah, das Warten is so z'wider. Pause. Hulda hat langsam die Bühnentüre geöffnet. Sie ist ganz weiß gekleidet: Herr Aktuar! Götzensperger Ha, der erste Engel! Hulda Wann geht's denn los? Götzensperger geht zu ihr: Es ist ja noch niemand da. Kommen S' nur 'raus, meine Damen! Hulda und Flora diese ebenfalls in Weiß, wollen in den Saal treten. Posthalter eilt ihnen entgegen: Gehen die Damen doch wieder 'nein, bitte! Götzensperger Warum denn? 's pressiert ja net. Posthalter So? Alle Augenblick wer'n die Gäst' kommen! Hr. v. Beck vorne den Krug hebend: Wollen die Damen kein Bier? Hulda Oh, ja! Posthalter Bitte, bitte, gehen Sie hinein! Er schiebt sie zurück. Flora Aber da herinnen is gar net schön. Posthalter haut die Türe zu: Is mir gleich! Götzensperger Aber i begreif di net. Posthalter sehr gereizt: Wo jetzt die Leut glei' kommen! Götzensperger Es kommt ja kei' Mensch! Posthalter wütend: Wer sagt denn dir das? Posthalterin erregt: Glauben S' wirklich net, Herr Aktuar? Posthalter Ah, was weiß denn der? Die Leut sind eing'laden. Abg'sagt hat keiner. Sie müssen ja kommen! Posthalterin Daß aber der Bürgermeister no' net amal da is! Götzensperger Und der Nusser! Hr. v. Beck Unfaßlich! Rettinger kommt mit wütendem Gesichte nach vorne: Unfaßlich? Ha, ha, ha! Ich weiß es besser, kein Mensch kommt! Posthalterin Hat dir das vielleicht dei geliebte Frau Rentbeamte g'sagt, ha? Posthalter D' Rentbeamte? Posthalterin Mit der ihrer Tochter hat er vorhin 'rumcharmiert, und jetzt sitzt die Person auf ihrem Zimmer und find't 's net der Müh' wert, 'runter z' kommen. Posthalter So? Du steckst mit derer G'sellschaft unter einer Decken? Rettinger auffahrend: Ich... Posthalter plötzlich heftig winkend: Pst... Pst... Pst... Jetzt kommt jemand! Fährt wütend auf die rechts eintretende Rosl. Was willst denn du scho' wieder? Rosl I hab' bloß nach 'm Bier vom Herrn Aktuar schaug'n woll'n. Posthalter Fahr ab! Rosl durch die Verandatüre ab. 'n Maßkrug könnt' ich der Person nachschmeißen. Götzensperger No, no, no, no! Posthalter sehr böse: Und dir möcht' ich 's grad so machen. Götzensperger ergreift seinen Krug ganz ruhig: Mein Lieber! Du wirst mir z' ungemütli', da mach' i, daß i 'naus komm' und mei' Bier in Frieden trink'. In der Bauernstub' is 's mir lieber, da san d' Leut' net so grob. Gehen S' mit, Herr von Beck? Hr. v. Beck Ich begleite Sie. Götzensperger Is recht. Wir warten da draußen bis 's losgeht. Adje derweil, Posthalter, du holst mi' scho' wieder. Beide rechts ab. Posthalter schreit ihnen nach: Kannst lang warten! Pause. Posthalterin Nun sind die letzten no' draußen, die no' da war'n. Rettinger Die allerletzten, das is recht! Posthalter der durch den ganzen Saal wanderte, kommt nach vorne. Grimmig: Und wir drei san allein beieinander, ganz gemütlich und lustig, und wir bleiben beieinander bis in alle Ewigkeit. Rettinger zum Äußersten bereit: So? Bild'st du dir das ein? Posthalter Ja, des is mei' Glauben und mei' feste Überzeugung. Rettinger Dann sag' ich dir jetzt: Ich mach' mich los, ich geh' fort und lass' euch elend sitzen. Posthalterin Du gehst fort? Wohin denn? Posthalter Nach München? Da können wir di scho' no' derfragen. Rettinger Du wirst dich wundern! Ich bleib kein'n Tag länger, sonst riskier' ich mit euch noch mei Stellung. Posthalter Dei Stellung? Was bist denn du? Rettinger Was ich bin? Posthalter Du hast a Masse Geld von dei'm Vater g'erbt, so was kann der dümmste Esel a. Rettinger So? Posthalter mit Nachdruck: Jawohl, das hätt' i a ferti bracht! Rettinger Aber des Geld war dir gut genug zum Nausschmeißen? net? Posthalter zuckt die Achseln. Rettinger wütend: Fünf Hypotheken hab ich auf die elende Baracken da, dreimal hab ich euch vom Gerichtsvollzieher loskauft, Brillanten hab ich deiner Frau schenken müssen, blamieren hab ich mich lassen für euch und was hab ich dafür bekommen? Nix, nix, nix, gar nix! Posthalter gereizt: Geh, geh, geh, geh! Sei so freundli und b'sinn di a bissel. Posthalterin sehr geniert: Geh, Mann, hör auf! Posthalter No ja, weil der redt, als ob man gar nix tan hätt! Wart nur, mei Lieber, wenn i amal d' Augen aufmachen wollt! Rettinger schlägt eine gellende Lache an. Posthalterin immer unruhiger: So ein Diskurs! Seid's jetzt net glei still? Posthalter Geh, tu net so g'schami, du bist den wert, und wenn du net ang'fangt hätt'st, war's nie so weit kommen. Posthalterin ganz überwältigt: Ja... ja... i find ja keine Worte mehr, schämst di net, mir so was ins G'sicht z' sagen? Posthalter Mir is jetzt alles wurscht: Halten wir amal Abrechnung mitanander, alle drei, wie wir da sind. Rettinger Da fang nur bei dir selber an! Posthalter Bei mir? Na, Freunderl! Bei dir fang i an. Du bist jeden Tag in München drin in unser Café kommen, du hast meiner Frau 'n Hof g'macht, du hast net g'ruht, bis wir in das Nest 'zogen sind... Rettinger Ich will nix mehr hören. Posthalter Glaub's, glaub's. Aber i sag's trotzdem: Du hast in mei häusliche Ruh eingriffen, du hast mich kompromittiert... Rettinger Wa – Was? Was? Kompromittiert? Schau du, daß dich andere net mehr kompromittieren, wie ich. Posthalter Was soll das heißen? Posthalterin in größter Angst: 'n Fried gebt's alle zwei. Posthalter Nein, i will wissen, was er damit will. In der Ferne hört man einen immer mehr anschwellenden Spektakel. Rettinger in sehr provozierender Haltung: Frag'n Wehrmüller Lorenz, der gibt dir Antwort. Posthalter Was? Posthalterin Oh, des is g'logen, niederträchtig g'logen! Posthalter ganz rasend zu seiner Frau: Wenn's wahr is und du hast mein' guten Namen befleckt, nachher is dei' End! Posthalterin 's is net wahr! Rettinger So? Posthalter Mei Haus is a anständig's Haus und wer mir da... Posthalterin Mit aufgehobene Händ bitt' ich dich, sei still. Posthalter Nein, nein, nein! ich will... Götzensperger und Hr. v. Beck stürzen zur Verandatür herein. Götzensperger freudig eregt: Sie kommen, sie kommen! Hr. v. Beck Sie kommen! Götzensperger Hurra, hurra! Posthalter hat sich wütend umgedreht: Wer kommt? Götzensperger No, wer denn? Der Findelhausverein rückt an. Hörst 'n net? Alle horchen in den zunehmenden Lärm. Pause. Posthalterin halblaut: Herr meines Lebens, i dank dir, was i ausg'standen hab'! Posthalter noch ganz betäubt, ob des jähen Umschlags: Sie... Sie... Sie kommen? Rettinger ungläubig: Kommen s' wirklich? Götzensperger an der halboffenen Verandatüre: Freili, de Kerl schrei'n ja wie b'sessen. Die haben Durst. Hr. v. Beck neben Götzensperger: Durst für tausend! Posthalterin Ach, des Glück! Posthalter zu seiner Frau noch immer ganz verwirrt: No, nachher tu di a bissel abkühl'n, du schaust ja schreckli aus. Posthalterin vorwurfsvoll: Wenn du mi so b'handelst! Götzensperger stürzt zur Bühnentüre: Meine Damen! Bereit halten. Posthalter hat sich jetzt wieder gefunden und schreit zu Götzensperger: D' Flügeltür weit aufg'rissen, daß s' alle reinkönnen. Eilt selbst mit zur Verandatüre und öffnet. G'schwind, g'schwind! Hr. v. Beck Da kommen schon die ersten. Posthalter So? Wer is 's denn? Götzensperger Der Herr Bürgermeister und der Herr Hoflieferant! Posthalter Hurra! Foitenleitner und Nusser erscheinen auf der Schwelle rechts, hastig und aufgeregt, Foitenleitner hat den Hut schief auf, Nusser, ohne Hut, hat einen braunen Lodenmantel übergeworfen. Beim Anblick der beiden, todbleichen Ankömmlinge fahren die Versammelten zusammen. So schnell, wie möglich: Posthalter der eben noch einmal Hurra rufen wollte, tritt zurück: Herr Bürgermeister! Ja was is denn? Götzensperger Wie schauen S' denn aus? Posthalterin Und der Herr Hoflieferant! Hr. v. Beck Was hat 's denn gegeben? Posthalter Warum sind S' denn so g'laufen? Foitenleitner läßt sich rechts, Nusser links auf einen Stuhl fallen. Foitenleitner Aus is, aus is! Nusser Alles is aus. Posthalter Was denn? Götzensperger Was is aus? Hr. v. Beck Die zwei sind verrückt. Posthalterin So reden S' doch! Foitenleitner La... Lassen S' uns ein' Augenblick aus... ausschnaufen. Nusser Wir sind noch ganz dumm. Posthalter Warum denn? Foitenleitner Weil... weil wir selber bald 'nein kommen wär'n in die G'sellschaft. Posthalter In was für a G'sellschaft denn? Foitenleitner laut schreiend: In d' Haberer! Alle mit Ausnahme von Nusser: In d' Haberer, in d' Haberer? Posthalter Wo sind denn nur Haberer? Nusser Hier! Da, dort! Überall! Foitenleitner Wie d' Ratzen. Nusser Fünfhundert Mann stark. Posthalter Ja, is denn des net der Findelhausverein, den ma da hört? Foitenleitner O na, des san d' Haberer. Posthalter Des... sind... d' Haberer? Nusser sehr eindringlich: Ja., ja., das sind die Haberer. Foitenleitner Z'erst da waren s' drunten im Dorf, uns zwoa haben s' a scheußliche Katzenmusi' bracht, und jetzt ziehen s' alle da 'nüber zu der Gregoriwiesen. Posthalter Zu der Gregoriwiesen? Posthalterin in größter Angst: Was wollen s' denn dort? Foitenleitner Treiben wollen s' Ihnen. Nusser zu Posthalter und Posthalterin: Ja, jetzt kommen Sie an die Reihe. Posthalterin schreit entsetzt: Wer? Das Geschrei draußen wird stärker. Nusser Hören Sie 's? Posthalterin fällt vorn rechts auf einen Stuhl: Gott, o Gott! Rettinger mit stierem Blick am Tisch links: Die Haberer sind da? Die Haberer? Hr. v. Beck Jetzt haben wir die Bescherung! Götzensperger Recht sauber! Größere Pause. Der Lärm dringt fortwährend herein, einmal stärker, dann wieder schwächer, aber immer so, daß man die Konversation im Saale gut verstehen kann. Die Entfernung der Gregoriwiese ist etwa auf zweihundert Meter gedacht. Posthalter geht auf und ab. Endlich beginnt er in heftiger Bewegung: Und der Pfarrer? Der Amtsrichter? Die zwei hochmögenden Herrn! Is dene net a trieben wor'n? Ang'sagt hat man 's ihna doch a so halb und halb? Ha? Foitenleitner ganz vernichtet: Bloß zu uns is die Bande kommen. Posthalter Natürli'! Weil die Herren no' zur rechten Zeit von mir abg'fallen san. Des is nacher die Moral von de verkommenen Bauernkerl. Nusser Furchtbar! Furchtbar! Posthalter Also kommt niemand? Foitenleitner Kei' Mensch kommt! Der Pfarrer hat 's 'm Findelhausverein heut' nachmittag ausdrückli' verbieten lassen, und wir zwei, i und der Nusser, san auf morgen um neune ins Pfarrhaus vorg'laden. Die Hände verkrampfend: Da kann's was geben! Posthalter Warum? warum? Nusser Weil wir Ihnen die Wiesen doch verkauft haben. Foitenleitner Der Pfarrer hat 's gleich erfahr'n. Nusser Und soll ganz rasend gewesen sein. Foitenleitner Jetz' samma unmögli' im Dorf. Nusser steht auf: Herr Posthalter, seien Sie vernünftig und redressieren Sie den Kauf, wir geben Ihnen Ihr Wort zurück. Foitenleitner So is vielleicht noch eine Rettung für uns. Nusser Der Preis war ja sowieso ein Wahnsinn. Rettinger wird aufmerksam. Foitenleitner Zwölftausend Mark! Rettinger hüpft in die Höhe: Was? Wer hat Zwölftausend Mark boten? Nusser Der Posthalter. Rettinger Du? Du? So hast du über mei' Geld verfügt? Posthalter Ach, lass' mir meine Ruh! Rettinger Herr Bürgermeister, ich erkläre hiemit, daß ich kein' Pfennig bezahl', also ist der Kauf hinfällig. Foitenleitner Lassen Sie 's sein, Herr Posthalter. Nusser Treten Sie zurück! Posthalter Wer hat 's Geld boten, der oder i? I hab 's boten und übermorgen liegt 's am Tisch, dafür steh i ein. Rettinger Dann pump 's von 'm andern, ich geb kein Pfennig her! Er läuft in höchster Erregung hin und her und zupft an seinem Bärtchen. Posthalter Übermorgen, sag i, liegt das Geld am Tisch! Jetzt will i die Wiesen erst recht haben! Wart! Wart! Wart! Geschrei draußen sehr stark. Foitenleitner der ängstlich hinaushorchte: Wenn Sie kei' Vernunft annehmen wolln, nacher haben wir nix mehr z' sagen. Nusser Sie haben uns ruiniert. Foitenleitner Sie haben 's dahin bracht, daß uns trieben wor'n is. Nusser Daß wir nimmer gewählt werden. Foitenleitner Daß uns der Pfarrer wie Schulbuben behandeln wird! Das Geschrei ist jetzt am stärksten. Posthalterin Um Gottes willen! Foitenleitner verrät eine furchtbare Angst in seinen Bewegungen: Die Kerl werd'n am End noch da 'rein kommen. Nusser Sie werden doch nicht? Posthalter Wenn Sie Angst haben, dann verstecken S' Ihnen, i bleib da, i hab 's mit 'm Pfarrer aufg'nommen, i nimm 's mit die Haberer auf, i nimm 's mit der ganzen Welt auf. Hulda und Flora erscheinen wieder an der Bühnentüre. Hulda Wir warten und warten noch immer. Flora Wann geht denn das Theater an? Götzensperger Des hat scho ang'fangt, die Haberer sind da! Draußen starkes Geschrei. Foitenleitner zitternd: Oh, oh! Hulda Wie? die möchten wir a sehn! Posthalter wütend: Fort, fort, fort, mit der ganzen Komödibagage! Flora Was? Nusser in furchtbarer Erregung: Herr... Herr Posthalter. Posthalter Und weil Sie so Angst haben, Herr Hoflieferant, gehen S' mit dort 'nein, Sie und der tapfere Bürgermeister! Er faßt beide beim Arme, zerrt sie nach rückwärts und schiebt sie mit den kreischenden Choristinnen durch die kleine Türe fort. Jetzt können wir der Musi da draußen ungeniert zuhören. Er nimmt seine Wanderung wieder auf und horcht ab und zu hinaus. Sehr große Pause. Der Lärm dringt ununterbrochen herein. Die Posthalterin hat ihr Gesicht verhüllt und weint so laut, daß man es stoßweise hört. Rettinger, links, hat den Kopf auf die rechte Faust gestützt. Neben ihm sitzen Götzensperger und Herr von Beck. Letzterer, elegant, mit überschlagenen Beinen, verliert nie seine Haltung und blickt sicher herum. Wahrend der folgenden Worte des Posthalters nimmt er eine Zigarette aus einem eleganten Etui und zündet sie bedächtig an. Posthalter beginnt endlich laut zu lachen: Ha, ha, ha! Es is famos! Alles is ausg'rissen, 's ganze Dorf, vom Pfarrer bis zum Wegmacher vor der b'soffnen Sippschaft da drüben. Das Geschrei dauert immerfort. Götzensperger Und wie die Kerl schrei'n! Posthalter stets auf der Wanderung, die Hände in den Hosentaschen: Möcht' nur wissen, warum die Bande g'rad mir treibt, was hab' i denn tan? I laß' a Geld springen, i tritt auf wie a Kavalier, i halt neun Roß, i gib die Bauern z' verdienen, i leb und lass' leben, was gehen denn die Kerl nacher meine privaten Familiensachen an? Posthalterin schluchzt laut. Posthalter Warum treiben s' denn also g'rad mir? Warum denn net de andern, die nix verzehren im Ort, als alle Tag 'n Fetzen Rindfleisch? Warum net 'm Amtsrichter, der jedem Madel nachlauft, warum net 'm Apotheker, der a gemeiner Geizkragen is, warum net 'm Postoffizianten, der mit seiner Haushälterin lebt, warum denn net 'm Pfarrer, der... Es kracht eine Gewehrsalve, alles fährt zusammen. Götzensperger stürzt an die Türe. Posthalterin O du meine Welt! Posthalter Waren des die Gendarm'? Götzensperger Na, na, des war'n die Kerl scho' selber. Posthalter Natürli, wenn mir trieben wird, da kommt kei' Gendarm. Götzensperger horcht hinaus: Kei' Wort kann man von da drüben versteh'n. Posthalterin schluchzend: Des is ja no' 's einzige Glück bei der G'schicht. Posthalter ballt die Fäuste: Oh, oh, wenn ich 's nur g'rad wüßt, wer die Kerl san, was wollt i zahln dafür! Götzensperger tritt von der Türe weg: Man kennt kein' 'raus! Posthalter Heißt des, i weiß ja ganz gut, wer des is, aber antun kann i ihnen nix. Posthalterin weinend: Wer is denn? Posthalter Des hat alles der schuftige Mohrenwirt anzettelt, der hat 'n Kederbauer zahlt, daß er die andern aufhetzt, der Kederbauer, der Hauptlump, der hat 'n Mutzenbauer aufg'hetzt, der Mutzenbauer... Mutzenbauer erscheint an der Verandatür, lachend und torkelnd: Hi, hi, hi, hi, Posthalter... red'st von mir? Hi, hi, hi. Posthalter erschrickt heftig: Du... Du bist... Mutzenbauer I bin no amal kommen, weil i di fragen möcht wegen der... der Gregoriwiesen. Posthalter schreiend: Du bist a Haberfeldtreiber. Mutzenbauer Na, na, des bin i net, i möcht di bloß fragen... Posthalter Aber du g'hörst dazu, du und der Kederbauer – Mutzenbauer Schaug nunter auf d' Gregoriwiesen, hi, hi, hi, auf dei' Gregoriwiesen! Posthalter Ihr zwei habt's mein' Erzfeind, den alten Seehansele, aufg'hetzt, ihr habt's... Seehansele taumelt rechts schwer betrunken herein. Posthalter erschrickt furchtbar: Du – Du – Du – Seehansele Grü... Grüß Gott, Posthalter! Posthalter ganz rasend: Was? Du kommst a zu mir 'rein? Seehansele I hab, ha, ha, ha, i hab di fragn wollen, Posthalter, wie dir 's Haberfeld g'fallt? Mutzenbauer Hi, hi, hi! Posthalter packt Mutzenbauer, schiebt ihn links hinaus. Naus mit dir a mal! Dann eilt er zu Seehansele und packt ihn. Du treibst mir 's Haberfeld und kommst noch zu mir? Seehansele I treib dir's net, aber ha, ha, ha, i woaß, wer dir da drüben einheizt. Zugleich: Götzensperger Wer? Hr. v. Beck Wer? Posthalterin Wer? Posthalter Wer is? Seehansele Ja, balst drei Mark zahlst, nacher sag' i dir 's. Götzensperger Der schwindelt di' bloß an! Posthalter zieht die Börse: Da hast d' deine drei Mark. Jetzt 'raus damit! Wer is? Seehansele Der Kederbauer is! Posthalter triumphierend: Was hab' i g'sagt? Seehansele Der is der Habermeister von der ganzen Gegend. Posthalterin Der is 's? Seehansele Ja, der und kei' anderer. Posthalter sehr schnell: Wart, Kederbauer! Des zahl' i dir heim. Jetzt lauf i g'schwind auf d' Gendarmeriestation und alamier die Kerl. Die müssen in 'n Kederbauer sei Haus laufen, und wenn der Schuft net in sei'm Bett liegt, nacher is er 's, nacher bring' i ihn aufs Schwurg'richt! Wart', du Tropf, du elender! Als er zur Türe stürzt, tritt ihm Kederbauer entgegen. Alle schreien auf mit Ausnahme von Rettinger, der immer teilnahmslos bleibt. Seehansele wankt nach links an den zweiten Tisch und bricht ganz haltlos zusammen. Posthalter ist wie vor einem Gespenst zurückgefahren: Ah... ah... der... der Gauner da, der kommt jetzt daher? Kederbauer Wo is mei' Bruder? Posthalter Was? Du, Habermeister? Kederbauer Wer is der Habermeister, du! Posthalter Du, du, du, bist's, einer muß's sein. Kederbauer Der Habermeister steht auf deiner Gregoriwiesen, i bin 's net. Posthalter Der Seehansele hat 's g'sagt. Kederbauer lachend: Nacher muß 's ja wahr sein. Posthalter Du bist vom Mohrenwirt zahlt worn und hast alle Leut z'samm trieben. Kederbauer Vom Mohrenwirt? Ha ha! Der Moosreiner war a guter Haberfeldtreiber. Posthalter Wenn 's der net war, nacher war 's a anderer. Kederbauer Posthalter! 's Haberfeldtreiben kann ma net kaufen wie d' Gregoriwiesen. Posthalter So, net? Kederbauer fest: Na. Posthalter Wenn i morgen tausend, i mein hundert Mark, na, zehn Mark bloß herleg, nacher treibt 's ihr 's 'n jeden andern grad so. Kederbauer höhnisch: Is wahr? Posthalter immer ganz wütend und heftig: I kann 's euch beweisen. Warum habt's heut 'm Pfarrer net trieben? Weil er abg'falln is von mir. Kederbauer I treib ja net, Posthalter, i steh da und net da drüben. Posthalter wie wahnsinnig: Was willst du nacher hier? Der Lärm läßt nach. Kederbauer Mein'n narrischen Bruder such i, der is in seiner Dummheit zu dir g'schoben! Posthalter Such du dir dein' Bruder beim Teufel und seiner Großmutter! Götzensperger, tu mir den Kerl naus! Sonst vergreif i mi no! Götzensperger winkt Kederbauer zur linken Türe und geht mit ihm hinaus. Posthalter wie ein gereizter Stier herumtaumelnd: Ha, ha, ha, ha! Nix und wieder nix! Keiner is 's g'wesen, a jeder kommt daher wie a unschuldigs Lamperl und du – er stürzt zu Seehansele – hast mi ang'logen, du hast mir drei Mark aus der Taschen g'stohlen und bist doch a Haberer. Seehansele lallt: Na, na... Posthalter Und doch bist's! Seehansele Ha, ha! Mir is selber scho trieben wor'n, da darf ma kei Haberer mehr sein. Der Lärm außen wird noch schwächer und verliert sich nach und nach ganz in der Ferne. Posthalter hebt die Hand: Du! Seehansele fällt im Ausweichen unter den Tisch und bleibt regungslos liegen. Posthalterin Laß doch den Kerl liegen! Hr. v. Beck Kommen Sie doch zu sich! Posthalter beide Fäuste schwingend: Oh, oh, oh, wenn i nur ein'n derwischen könnt, wenn i nur ein'n derwischen könnt... Posthalterin die Hände ringend: Oh, was is das für eine Prüfung! Posthalter Wenn mir nur einer in die Hand laufet! In höchster Raserei: Packen wollt' ich ihn, daß ihm Hören und Sehen verging. Lorenz eilig von rechts. Posthalter Halt! Da kommt einer, der paßt mir grad. Posthalterin fährt in die Höhe: Alle Heiligen! Lorenz Herr Posthalter, Herr Posthalter! Lassen S' Ihnen sagen, die Haberer, die... Posthalter geht auf ihn zu wie ein zum Sprung bereites Raubtier: Was... Was soll i mir sagen lassen von dir? Du, du... Lorenz Was habt's denn? Ärgert's Enk nimmer! Sie zieh'n ja fort und... denken S' Ihna... Posthalter noch näher: Ha? ha? Was tun die Haberer? Lorenz mit beiden Händen winkend: Laßt S' mi nur ausreden, sie zieh'n fort und... Posthalter So? Sie zieh'n ab? Und du, du, Lump, du bist no' da? Du bist so frech und kommst mir no' amal unter die Augen? Ha? Du? Posthalterin Mann! Um alles in der Welt! Posthalter Laß mi aus, du hast Angst für den Kerl, weil er dei Liebhaber is. Hr. v. Beck Was? Lorenz sehr frech: Geht's da naus, Posthalter? Da pack'n Rettinger an, der is scho' vor mir da g'wesen. Posthalterin Lorenz! Posthalter ergreift die Fahne: I schlag dich tot. Lorenz Geh', Posthalter, des glaubst ja selber net. Posthalter schwingt die Fahne: So? Lorenz weicht aus: Z'erst mußt mi haben. Ab durch die Verandatüre. Posthalter haut mit der Fahne daneben, die mit der Spitze scharf auf den Boden schlägt. Der Fahnenengel zerbricht krachend in Stücke. Posthalterin Oh, der schöne Engel is kaputt! Posthalter die Fahne loslassend, auf einen Stuhl fallend, halbtot und seiner kaum mehr mächtig, mit gurgelnder Stimme: Alles soll kaputt sein, alles, alles! Posthalterin O Gott, o Gott, warum sind wir net in der Stadt blieben, da war'n wir so ungeniert. Warum sind wir in die Berg zogen zu dem Volk? Posthalter noch ganz dumpf, in der gleichen Stellung: Jawohl, zu dem Volk, zu diesem verkommenen Auswurf der Menschheit, zu dem miserablen Volk, des muß ma' kennen des Volk. Er deutet auf den durch die linke Türe wieder eintretenden Götzensperger. Aber net so, wie der da muß ma' 's kennen, der weiß nix vom Gebirgsvolk, der Kerl da! Götzensperger Meinst du mi'. Ha? Posthalter springt auf. Wieder lebhaft und schnell: Ja, dich mein' i, du Schnadahüpflhanswurst! Götzensperger Du, sei so gut! Gelt? Posthalter Du kennst ja kein' Bauern, du hast ja noch gar kein'n g'seh'n in dei'm Leben. Posthalterin Mann! Mann! Götzensperger Du, erlaub mir! Posthalter Sonst tatst kein solchen Mist schreiben. Götzensperger Schlegel! Posthalter liest vom Proszenium in meckerndem Tone ab: Und geben schlicht ohn' Falsch und Spott, nur unser biederes Grüß Gott! Jawohl! Mit geballter Faust und rollenden Augen gegen Götzensperger: Du mit dei'm schlichten Gebirgsvolk balst mir net gehst! Im tollsten Ausbruch: A Lumpeng'sindel is de ganze G'sellschaft! Götzensperger I verbitt mir jedes weitere Wort über meine dichterische Tätigkeit. Posthalter Der Dichter! Ha, ha! So schaut a Dichter aus! Götzensperger Immer besser no', wie a Mensch, der de Leut 's Geld aus der Taschen zieht. Rettinger der allmählich aus seiner Betäubung erwacht ist: Bravo, sehr gut! Posthalter zu Götzensperger: Du unterstehst dich, mir so etwas z' sagen? Gib mir erst amal des Geld wieder, was i dir schon pumpt hab, nacher kannst reden. Götzensperger De paar Markln, herrje, da sitzt du anders in der Kreiden bei – auf Rettinger weisend – dem da! Rettinger Jawohl! Posthalter auf Götzensperger losfahrend: Kerl! Posthalterin Jessas, Mann! Herr Aktuar! Götzensperger Wer meine poetischen Werk angreift, Frau Posthalterin, den greif i wieder an, b'sonders, wenn 's einer is, der selber net sauber is. Rettinger Ganz meine Ansicht. Posthalter I werd' dir zeigen, ob i sauber bin oder net, dir, und dem elenden Nest. Ins G'sicht spring ich der ganzen Welt und wenn i des verdammte Findelhaus aus Marmor bauen müßt'. Posthalterin ganz gebrochen: Geh, sag' do' so was net! Posthalter A Tingel-Tangel mach' i d'raus, und alle Sonntag lass' i halbnackte Chansonetten d'rin 'rumhupfen. Rettinger grimmig: Des wirst dir jetzt überlegen. Posthalter Nix überleg i mir. Rettinger So? Aber moralisch zugrund richten hast du mich können, mei' Reputation hast du in 'n Schmutz treten. Posthalter Jetzt fangt der a no' an. Götzensperger Dem wird's halt z' dumm. Posthalter zu Götzensperger: Dich wirf i 'naus. Götzensperger auf Rettinger weisend: Der is der wahre Hausherr, du hast nix z'sagen. Rettinger Jawohl, du hast, oder vielmehr Sie, Sie haben, Sie haben zu schweigen. Posthalter Du sagst Sie zu mir? Net schlecht! Nimm mir's net in Übel, wenn i di auslach. Rettinger schreiend: Sie haben mich Sie zu titulieren! Posthalter Fallt mir ein! Wenn du zu mir Sie sagen willst, so sag Sie, i sag du zu dir! Rettinger steht fassungslos. Posthalter sieht ihn erst einen Augenblick an: Ha, ha, ha! Mit solchen Witzeln kommst bei mir net durch. Rettinger Aber meine Rehabilitierung vor der Welt, die will ich haben. Posthalter Laß mi' aus mit deine Fremdwörter! Hr. v. Beck Herr Posthalter! Rettinger ganz verzweifelt: Das Haberfeldtreiben hat den Skandal noch vollständig gemacht, alle Leut' wissen davon. Was fang ich an? Was fang ich an? Posthalter Mach, was d' willst! Rettinger in heller Verzweiflung: Ich bin verloren, zugrund g'richt, wenn morgen alles besprochen wird. Drum muß was g'schehen, ich kann des net auf mir sitzen lassen, daß ich mit dem Herrn da – er deutet auf den Posthalter – überhaupt verkehrt hab. Posthalter Mit dem Herrn? Ich gib dir glei' den Herrn! Götzensperger Rettinger, da bist reing'fallen. Rettinger Elend, elend bin ich reing'fallen, aber ich will, ich weiß net, was ich will... Götzensperger Da is nix mehr z machen. Rettinger Schrecklich! Schrecklich! Er läuft vorne herum. Wenn ich nur einen Ausweg wüßt, wenn mir nur jemand helfen könnt! Sein Blick fällt auf Herrn von Beck, der noch immer sehr ruhig auf dem gleichen Platze sitzt. Beck, Beck, weißt du gar nix, ich bitt' dich, sag mir was! Du bist doch sonst in solchen Sachen bewandert. Red, red, warum red'st denn nix? Hr. v. Beck ganz ruhig: Wer kann denn reden bei einem solchen Geschrei? Rettinger hastig: Weißt du vielleicht was? Kannst mir was raten? Hr. v. Beck wirft die Zigarette weg. Fest und klar: O ja! Rettinger Warum sagst denn nacher nix? Hr. v. Beck Weil die Herren bis jetzt endlose Reden gehalten haben, die alle nichts nützen. Posthalter I sag ja nix mehr, der red't die ganze Zeit. Rettinger heftig: Ich hab' meine Stellung verteidigt. Posthalter Und ich hab' dir... Hr. v. Beck Erlauben Sie mir! Wenn Sie so fortfahren, finden wir keinen Ausweg. Posthalter I brauch kein' Ausweg. Rettinger Weil du eben ein ganz... Posthalter Was bin i? Hr. v. Beck Bitte, bitte, Ruhe vor allen Dingen! Er horcht einen Augenblick. Die munteren Herren da draußen scheinen sich ja ohnehin verzogen zu haben. Götzensperger an der Verandatüre: Sie sind wieder ins Dorf 'nunter. Hr. v. Beck Ins Dorf? Posthalter mit geballten Fäusten: O wenn 's nur grad 'm Pfarrer und 'm Amtsrichter no' d' Fensterscheibn... Hr. v. Beck scharf: So fromme Wünsche helfen jetzt nichts. Besser, wir überlegen uns, was zu tun ist, dann kann manches wieder ins Gleiche kommen. Rettinger ungeduldig: So fang doch endlich an! Posthalterin Ach, Herr von Beck, Sie sind der Engel in der Not! Hr. v. Beck Danke! Ich habe mir ja in der Zwischenzeit so manches überlegen können. Dabei bin ich zu einem sehr guten Resultat gelangt. Posthalter No, ich bin neugierig. Rettinger Los! los! Hr. v. Beck Betrachten wir uns einmal die Situation! Zu Rettinger, Posthalter und Posthalterin: Ihnen allen ist Haberfeld getrieben worden. Das ist gleichgültig diesen Bauerntropfen gegenüber, nicht aber vor der Welt. Da geben Sie mir doch recht? Rettinger rasch: Freilich, freilich! Posthalter Die Welt, was geht mi die Welt an? Hr. v. Beck Bleiben Sie nur noch einige Zeit hier, dann werden Sie es schon sehen. Posthalter O mein! Posthalterin O ja, o ja, er hat recht, der Herr von Beck. Hr. v. Beck zum Posthalter: Sie schädigt die Sache materiell, meinen Freund moralisch, weil er eine exponierte Stellung einnimmt. Posthalter Die Stellung! die Stellung! die Wirtschaft mit derer Stellung! Rettinger Wenn dir des am End nix is, dann... Hr. v. Beck Rettinger fest am Arme packend und sehr laut fortfahrend: Deshalb mache ich Ihnen einen Vorschlag, der Ihnen im Anfang vielleicht etwas sonderbar klingen mag, der aber einmal für Freund Rettinger den Ausweg eröffnet. Posthalter Und für mi? Hr. v. Beck Sie kommen gleich nachher. Rettinger Raus damit! Hr. v. Beck sehr laut: Sie müssen sich fordern. Posthalter Fordern? So 'n Unsinn! Posthalterin A Duell? Götzensperger Auf zogene Hypothekenwechsel vielleicht? Rettinger Ach, was fallt dir denn ein? Der kann mir doch kei Satisfaktion geben. Posthalter sehr schnell: Wenn 's da drauf ankam, mein Lieber! I hab a d' Realschul absolviert. Rettinger Ha, ha, ha! Posthalter Und wenn i net militärfrei word'n war, war i grad soviel wie du. Rettinger Ich tat mich bedanken für die Kameradschaft! Posthalter So? Hr. v. Beck Bitte, bitte meine Herren. Nach einer kleinen Pause: Es braucht ja gar nicht zum Duell zu kommen. Posthalter Könnt mir a passen. Rettinger Was hilft denn dann die ganze Verabredung? Hr. v. Beck Verstehst du denn nicht? Der Welt gegenüber muß was geschehen, das ist das erste. Rettinger Weiter! Weiter! Hr. v. Beck Zweitens werd' ich zum Amtsrichter gehen, der meinen Freund heute an dieser Stelle beleidigt hat. Da gibt's ebenfalls eine Forderung, aber eine richtige. Rettinger Und drittens werd' ich mich noch heut abend zur Frau Rentbeamte begeben und offiziell um ihre Tochter anhalten. Posthalter Wie? Posthalterin Was? Götzensperger Aha! Posthalterin Sei so gut. Hr. v. Beck Pardon! Das ist jedenfalls weitaus das beste Beruhigungsmittel für alle Welt. Posthalterin No, und was soll denn aus uns wer'n, wenn wir hier unmöglich sind, wie Sie immer sagen? Posthalter Von dene Forderungen und von der Heirat, da seh i no' kein' Vorteil für mi. Hr. v. Beck Ganz richtig, ich zweifle nicht, daß mein Freund Rettinger, wie immer, so auch diesmal der noble Mann sein wird und Ihnen anderweitig, wo Sie ungestört von Haberern sind, ein neues Heim gründet. Zu Rettinger: Nicht wahr? Rettinger zugeknöpft und sehr formell: Ich... ich wäre dazu eventuell bereit, aber unter der Voraussetzung, daß man mich mit meiner künftigen Frau in Ruhe läßt. Hr. v. Beck Nun, sehen Sie, es geht ja famos, wenn man sich nur richtig versteht. Posthalterin Mir tat alles passen, bis auf die Heirat. Rettinger wieder heftig: So? Dann ist 's aus, dann tu ich nichts mehr für euch... Hr. v. Beck faßt ihn beim Arm und schiebt ihn zur linken Türe hinaus: Du regst dich am besten nicht mehr auf, sondern tust sofort, was du nicht lassen kannst. Schnell, schnell! Rettinger links ab. Hr. v. Beck kommt schnell nach vorne: Ängstigen Sie sich nicht so sehr, schöne Frau, ich bin überzeugt..., wenn Sie Herrn Rettinger – lächelnd – richtig zu behandeln verstehen..., wird er mit Ihnen auch fernerhin befreundet bleiben. Ganz in der Ferne hört man wieder eine Menschenmenge. Posthalterin Meinen Sie? Hr. v. Beck Er ist ein guter – mit Betonung des »u« – Mensch, wirklich ein sehr guter Mensch. Posthalter Dafür laß nur mi sorgen, ganz verlieren wir 'n Rettinger no' net. Götzensperger lächelnd: Glaub 's a! Hr. v. Beck Also ist alles in Ordnung, und Sie sind ein für allemal befreit von diesen Haberern. Lärm etwas näher. Posthalterin horcht auf: Was is denn des? Posthalter Der Spektakel? Götzensperger Kommen vielleicht gar de Kerl wieder? Posthalterin De Haberer? Hr. v. Beck Was? Posthalterin Oh, des war' entsetzlich! Götzensperger an der Verandatür: Wahrhaftig sie sind 's! Posthalterin Is wahr? Posthalter herumlaufend: No' amal der Schwindel? Aber jetzt hab' i g'nug. Posthalterin Des is furchtbar. Posthalter Desmal soll 's ihnen aber schlecht geh'n. Posthalterin Nun hat man g'meint, es war' 'rum. Posthalter rasend: Mein' Revolver hol' i und mitten in die Bande schieß' i 'nein. Er will nach links. Hr. v. Beck stellt sich ihm entgegen: Herr Posthalter! Keine Unbesonnenheit! Posthalter fährt ihn an: Sie mit Ihre verruckten Duellforderungen! Hr. v. Beck Sie sind besessen! Posthalter deutet auf die Verandatür: Da haben Sie 's, was Ihr G'schwatz wert is, i hol mein' Revolver. Hr. v. Beck Dann wird Ihnen das ganze Haus demoliert. Götzensperger Die Kerl kommen näher. Posthalter Mein'twegen zünden s' es mir über 'm Kopf an, aber schießen will i. Eilig links ab. Hr. v. Beck ruft ihm nach: Das ist ja heller Wahnsinn. Stärkeres Geschrei draußen. Götzensperger Es scheint, die Bande kommt wirklich 'rauf zu uns. Hr. v. Beck Nicht möglich? Posthalterin wankend: Des is mei End. Hr. v. Beck der zur Verandatür geeilt ist: Donnerwetter! Posthalterin mit ausgebreiteten Armen herumlaufend: Helft's mir! Helfen S' mir! Götzensperger Da is nix z'machen. Posthalterin Wenn s' uns derwischen! Posthalter kommt wieder von links mit einem Revolver: So, da bin i. Hr. v. Beck will ihn fassen: Weg mit dem Revolver! Posthalter Lassen S' mi' aus! Hr. v. Beck Hören Sie! Götzensperger springt von der Türe fort: Jetzt kommen die ersten. Hr. v. Beck Was? Posthalterin flieht mit wahnsinnigem Schrei links hinaus, draußen hört man sie noch laut »Hilfe, Hilfe, Hilfe!« rufen. Posthalter spannt den Hahn und legt an: An jeden brenn' i nieder. Er fährt zusammen und läßt jäh den Revolver sinken, als er den Pfarrer und den Amtsrichter erblickt, die atemlos herein- und direkt auf den Posthalter losstürzen. Amtsrichter voran, dann Pfarrer, gleich darauf ein Gendarm, der in strammer Haltung an der Türe stehen bleibt. So schnell wie möglich: Amtsrichter Herr Posthalter! Pfarrer Herr Posthalter! Amtsrichter Guten Abend. Pfarrer Guten Abend. Amtsrichter Hat sich niemand zu Ihnen geflüchtet? Pfarrer Von dem Gesindel? Amtsrichter Von den Haberern? Pfarrer Ist der Bürgermeister nicht da? Amtsrichter Und der Hoflieferant? Pfarrer Der Nusser? Amtsrichter Wir suchen sie überall. Pfarrer Denen ist auch getrieben worden. Amtsrichter Dem Mohrenwirt ebenfalls. Pfarrer Denken Sie sich! Amtsrichter Dem ganzen Dorf ist getrieben worden. Pfarrer Vor nichts ist dieses Gesindel zurückgeschreckt. Amtsrichter Unerhört! Pfarrer Sie hat man auch belästigt? Amtsrichter Deshalb halten Sie wohl den Revolver? Pfarrer Hat man Ihnen etwas getan? Amtsrichter Reden Sie! Pfarrer Reden Sie! Amtsrichter Daß wir die Bande erwischen. Pfarrer Schnell, schnell! Amtsrichter Reden Sie doch! Posthalter der beide mit offenem Munde anstarrte und immer wie vor einer plötzlichen Erscheinung stand, kommt zu sich: Meine Herren... ich begreif net. Amtsrichter Was begreifen Sie nicht? Pfarrer Die Unverschämtheit dieser Bande? Posthalter läßt wie im Traum den Revolver fallen: Nein... nein, des net, ich begreif net, daß Sie jetzt so plötzlich daher kommen? Amtsrichter Wir müssen doch die Haberer suchen! Pfarrer Versteht sich! Posthalter Ja?... ja? hetzen denn die Haberer net hinter Ihnen daher? Amtsrichter Die Haberer? Posthalter Man hat sie doch fürchterlich schreien hören? Amtsrichter Ach was, Haberer! Pfarrer Die sind auf und davon. Amtsrichter Wir suchen sie ja eben. Posthalter Ja, was is denn das nacher? Pfarrer sehr laut: Das is der Findelhausverein. Amtsrichter Der will zu seiner Fahne kommen. Posthalter merkt alles und kann seine Freude kaum verbergen: Der Findelhausverein ist des? In der Ferne setzt ein flotter Marsch ein. Pause. Posthalter blickt triumphierend herum, mit starker Betonung: Der kommt aber spät. Hr. v. Beck der sich inzwischen lebhaft mit Götzensperger unterhalten hat: Allerdings! Götzensperger geht links ab. Amtsrichter Dieses Haberervolk hat ja alles verzögert und aufgehalten. Pfarrer Sonst wären wir ja schon viel früher gekommen. Amtsrichter Natürlich! Der Verein hat sich ja auf der Straße nicht sammeln können. Pfarrer Daher der Spektakel. Posthalter Was Sie sagen! Hr. v. Beck winkt ihm verstohlen, klug zu sein. Amtsrichter Schnell, schnell, Herr Posthalter, ehe die Leute eintreffen! Haben Sie Verdacht auf jemand? Posthalter Verdacht? Pfarrer Sagen Sie 's offen! Posthalter Verdacht? Er bemerkt Seehansele. Halt, Herr Amtsrichter! Der da is vorhin 'reinkommen und hat anzügliche Redensarten g'führt, ich bin überzeugt... Amtsrichter Ohne Zweifel. Pfarrer Des is ja derselbe, der gestern abend... Posthalterin kommt mit Götzensperger von links mit strahlendem Gesichte wieder: Jawohl, Hochwürden, der is! Pfarrer Ah, guten Abend, Frau Posthalterin. Er spricht mit ihr weiter. Amtsrichter zum Gendarm auf Seehansele deutend: Packen Sie dieses Subjekt und fort damit! Gendarm packt Seehansele. Götzensperger geht inzwischen zur Bühnentüre und läßt Foitenleitner und Nusser heraustreten, die sich erst noch scheu im Hintergrunde halten. Seehansele Hi, hi, hi! Amtsrichter Wir haben den Rechten, der ist ein Haberer. Seehansele A Haberer, hi, hi, hi. Vom Gendarm nach rechts gezogen, ab. Musik etwas näher, aber immer so, daß die Unterhaltung nicht im mindesten gestört wird. Pfarrer der sich inzwischen mit der Posthalterin unterhalten hat: Aber da liegt ja die schöne Fahne am Boden. Posthalterin Ja, sie ist vorhin a bissel... Posthalter Nunterg'fallen! Posthalterin Wir lassen 's aber glei wieder machen. Amtsrichter und Posthalter heben die Fahne auf. Götzensperger auf Foitenleitner und Nusser weisend: Herr Pfarrer! Da sind jetzt die beiden Vielbegehrten. Pfarrer dreht sich lebhaft um: Ah, meine Herren! Überall haben wir Sie gesucht. Amtsrichter Ihnen darf man ja gratulieren. Foitenleitner Gra... Nusser Gratulieren? Die linke Türe öffnet sich. Es erscheinen Frau Wanninger und Rettinger mit Wally. Letztere Arm in Arm. Beim Anblick des Pfarrers bleiben sie betroffen stehen. Pfarrer der sie nicht bemerkt: Weil Sie die Gregoriwiesen so famos verkauft haben. Foitenleitner und Nusser starren sich an. Pfarrer No freilich, das is doch ein Glück für die Gemeinde. Durch die Verandatüre erscheinen nach und nach Gäste und Bauern, die sich im Hintergrunde des Saales verteilen. Foitenleitner stotternd: Ja... Ja... Nusser der jetzt auch versteht: Ein großes Glück! Pfarrer Also gratulier' ich! Hr. v. Beck Und dort müssen Sie auch gratulieren, Hochwürden, dort kommt ein Brautpaar. Pfarrer Ist nicht möglich? Amtsrichter Was? Pfarrer geht den Eintretenden entgegen: Das laß ich mir g'fallen. Jetzt wird's dem Herrn Assessor und dem Herrn Premierleutnant doppelt leid tun, daß sie nicht kommen können. Fr. Wanninger ganz in Wonne: Zu gütig, zu gütig. Posthalter Die Herren kommen nicht? Pfarrer Beide lassen sich entschuldigen, sie gehen eben stets punkt dreiviertel neun Uhr zu Bett. Alle Ja, ja, ja! Die Musik bricht ab. Juchzend strömen Burschen und Mädchen herein. Dorfhonoratioren und Bauern folgen. An der Türe drängen sich fortwährend die Ankommenden nach. Foitenleitner macht sich wieder an den Pfarrer und flüstert: Herr Pfarrer! Der Findelhausverein wär da! Nusser Dürfen wir jetzt die Ehrenmitgliedsernennung verkünden? Pfarrer Wüßte nicht, was ich dagegen haben sollte. Nusser laut und mit Pathos: Meine Herrschaften! Zum Beginn des heutigen Festes erklärt der Findelhausverein Herrn und Frau Posthalter Schlegel, sowie Herrn Großhändler Rettinger zu Ehrenmitgliedern. Allgemeines Bravo. Nusser Stimmen Sie alle mit mir ein in den Ruf: Die neuernannten, verdienstvollen Ehrenmitglieder, sie leben hoch! hoch! hoch! Alle rufen mit. Götzensperger Setzen! setzen! setzen! Die Vorstellung beginnt! Posthalter 'n Banzen anstechen! Während sich alles Stühle sucht, zieht Rettinger, der immer wie im Traum herumblickte, Herrn von Beck und Posthalter nach vorne. Lorenz erscheint rechts und beobachtet den Posthalter. Rettinger Sagt's mir nur, was soll denn das alles heißen? Was gibt 's denn nur? Hr. v. Beck Kein Duell! Fr. Specht und Frl. Schaitzach treten rechts ein und begrüßen Fr. Wanninger und Wally herzlich. Posthalter Kei Forderung! Götzensperger Alles in Ordnung! Hr. v. Beck Ganz famos! Götzensperger Jetzt könnt's tun, was nur grad wollt's im Dorf und wenn's es no so dick auftragt's. Rettinger Wieso denn? Götzensperger Merkst no nix? Posthalter mit kaum verhaltener Freude: 'm Amtsrichter und 'm Pfarrer haben s' a trieben, die dummen Esel. Rettinger Trieben? Posthalter Freili', die Prachtmenschen. Lorenz der mit dem Bierwechsel nach vorne kam, hat etwas zugehört und spricht zum Posthalter: Des hab i enk ja vorhin sagen wollen! Posthalter Des war 's? Lorenz Freili! Haben 's d' Haberer net guat g'macht? Posthalter aufs höchste befriedigt: Flott haben sie 's hertrieben, die ganze Gesellschaft. I lob mir die Haberer! Der Bühnenvorhang geht unter den sanften Klängen der auf der Veranda gebliebenen Musikkapelle in die Höhe. Flora, Hulda und Minna stehen als Engel mit langen Flügeln und Palmenwedeln auf dem Podium. Der Vorhang fällt.   Ende der Komödie